92  II.  Die  Bestimmung  des  Wertes  nach  den  bisherigen  Theorien.

durch  Heranziehung  billigerer  Rohmaterialien,  durch  technische  Verbesserungen ­
  in  der  Erzeugung,  durch  Ersparungen  im  Betrieb  und
Absatz  usw.  die  Produktionskosten  vermindern.
Die  Kosten  bilden  aber  keine  untere  Grenze  sür  die  Herabsetzung ­
  des  Wertes.  Die  Fälle  sind  in  der  modernen  Großindustrie
alltäglich,  daß  eine  Überproduktion  die  Preise  so  herabdrückt,  daß
sie  keinen  vollen  Ersatz  der  Produktionskosten  mehr  bilden.  Der
Zwang  zur  Forterhaltung  des  Betriebes  wächst  dabei  mit  der  Größe
des  Anlagekapitals,  weil  dieses  durch  eine  Einstellung  des  Betriebes
plötzlich  entwertet  würde.  Ein  solcher  Zwang  besteht  übrigens  auch
in  manchen  Zweigen  der  Landwirtschaft.  So  wird  seitens  der
Saazer  Hopfenproduzenten  behauptet,  daß  auch  bei  unlohnendem
Preise  eine  Aufgabe  der  Produktion  untunlich  ist,  weil  der  zur
Kultur  bestimmte  Boden,  besonders  der  rote  Boden,  mühevoller  Bearbeitung ­
  bedarf  und  daher  sehr  kostspielig  ist,  weil  ferner  Stangen
oder  Gerüstanlagen  zum  Aufziehen  der  Pflanzen  notwendig  sind,
mit  einem  Wort,  weil  ebenfalls  eine  große  Kapitalsinvestition  das
Band  bildet,  das  den  Produzenten  an  seinen  Produktionszweig  fesselt.
4.  Die  Nutzentheorien.
Im  Gegensatz  zu  den  Kostentheorien,  welche  den  Wert  als
eine  dem  Gut  selbst  anhaftende  Eigenschaft  ansehen,  behaupten  die
Nutzentheorien,  daß  ein  Gut  seinen  Wert  nicht  fertig  mitbringt,
sondern  ihn  erst  durch  den  Nutzen  erhält,  den  es  für  das  Wirtschaftssubjekt ­
  stiftet.  Nach  ihnen  stellt  die  Produktion  nur  den  stofflichen
Träger  des  Wertes  her,  der  Wert  selbst  wachse  erst  durch  den  Eintritt ­
  in  die  Wirtschaftswelt  hinzu.  „Der  Wert/'  sagt  Böhm-Bawerk
  (Kapital  und  Kapitalzins,  Bd.  I,  S.  159),  „stammt  nicht
aus  der  Vergangenheit  der  Güter,  sondern  aus  ihrer  Zukunft;
er  kommt  nicht  aus  den  Werkstätten,  in  denen  die  Güter  entstanden
sind,  sondern  von  den  Bedürfnissen,  denen  sie  noch  dienen  werden."
Die  Nutzentheorien  sind  den  Kostentheorien  eigentlich  vorangegangen, ­
  denn  ihr  Vater  ist  Aristoteles,  der  das  Bedürfnis
als  bestimmend  für  das  Tauschverhültnis  der  Waren  hinstellt.
Seine  Anschauung  klingt  auch  bei  manchen  Merkantilisten  und
Phpsiokraten  durch;  Galiani  beispielsweise  stellt  bereits  wie  die
modernen  Grenznutzentheoretiker  die  Behauptung  auf,  daß  der  Wert
abhängt  von  der  Nützlichkeit  (utilita)  und  Seltenheit  (raritä).
Auch  später  ist  die  Bedeutung  des  Nutzens  der  Güter  sür  die  Be ­