4.  Die  Nutzentheorien.  93

stimmung  des  Wertes  hervorgehoben  worden,  so  namentlich  von
Knies.
Eine  tiefere  Begründung  gab  Gossen,  der  in  seinem  zunächst
lange  Zeit  unbeachtet  gebliebenem  Werke  (Entwicklung  der  Gesetze
des  menschlichen  Verkehrs  und  der  daraus  fließenden  Regeln  für
menschliches  Handeln,  Braunschweig  1854)  erklärte,  daß  der  Wert
durch  die  Größe  des  Lebensgenusses  gegeben  sei,  den  uns  ein  Gut
verschafft,  weiter  aber  die  Bedingungen  dieses  Genusses  untersuchte
und  feststellte,  daß  jeder  Genuß  bis  zur  Erreichung  des  Sättigungspunktes ­
  abnimmt  Schließlich  haben  Karl  Menger,  Jevons
und  Walras  ziemlich  gleichzeitig  die  Grenznutzentheorie  begründet,
die  dann  ihre  vollste  Ausbildung  durch  Böhm-Bawerk  erfahren
hat.  Sie  weisen  auf  die  Verschiedenheit  in  der  Wichtigkeit  der  Bedürfnisse ­
  hin  und  unterscheiden  eine  doppelte  Rangordnung  derselben,
die  der  Bedürfnisgattungen  und  die  der  konkreten  Bedürfnisse.
Die  Rangordnung  der  Bedürfnisgattungen  ergibt  sich  daraus,  daß
dem  Nahrungsbedürfnis  die  größte  Bedeutung  für  die  menschliche
Wohlfahrt  zukommt,  daß  das  Wohnungs-  und  Kleidungsbedürfnis
fast  ebenso  hoch,  das  Bedürfnis  nach  Tabak,  nach  geistigen  Getränken, ­
  nach  musikalischen  Genüssen  bedeutend  niedriger,  das  Bedürfnis ­
  nach  Schmuck  noch  niedriger  steht  usw.  Die  Rangordnung
der  konkreten  Bedürfnisse  entsteht  dadurch,  daß  innerhalb  jeder
Bedürsnisgattung  von  der  stärksten  Anspannung  des  Bedürfnisses
bis  zur  völligen  Sättigung  eine  mehr  oder  minder  reiche  Abstufung
möglich  ist.  Einem  Verhungernden  ist  ein  Stück  Brot  wichtiger
als  jemandem,  der  sich  teilweise  gesättigt  hat  usw.  Da  kann  es
nun  vorkommen,  daß  ein  konkretes  Bedürfnis  einer  minderen
Gattung  sich  tatsächlich  höher  stellt  als  ein  konkretes  Bedürfnis
einer  höheren  Gattung;  wer  z.  B.  gut  gegessen  hat,  kann
ein  lebhafteres  Verlangen  nach  Tabak  und  geistigen  Getränken
empfinden  als  nach  Brot.  Ein  Vergleich  mit  den  Gebirgszügen ­
  soll  dies  veranschaulichen.  Die  Alpen  sind  höher  als  die
Pyrenäen,  aber  mancher  Gipfel  der  Alpen  ist  niedriger  als  einzelne
Gipfel  der  Pyrenäen.  Entscheidend  für  die  Wertschätzung  sei  nun
nicht  die  Skala  der  Bedürfnisgattungen,  wie  die  ältere  Theorie
irrtümlich  meinte,  sondern  die  der  konkreten  Bedürfnisse,  nicht  die
Gebirgszüge,  sondern  die  Gipfel  sind  ihrer  Höhe  nach  zu  rangieren.
Eine  weitere  Verwicklung  ergibt  sich  dadurch,  daß  Bedürfnisse  und
Güter  im  praktischen  Leben  fast  nie  in  der  Einzahl  gegenüberstehen.
Ein  und  dasselbe  Gut  kann  gewöhnlich  zur  Befriedigung  ver ­