94  II.  Die  Bestimmung  des  Wertes  nach  den  bisherigen  Theorien.

schiedener  konkreter  Bedürfnisse  verwendet  werden,  die  auch  eine
verschiedene  Wichtigkeit  besitzen;  ferner  sind  häufig  von  demselben
Gut  mehrere  Exemplare  vorhanden,  wobei  es  ganz  im  Belieben
des  Besitzers  steht,  welches  Exemplar  zur  Befriedigung  des
wichtigeren  und  welches  zur  Befriedigung  des  unwichtigeren  Bedürfnisses ­
  herangezogen  wird.  Wenn  von  zwei  gleichen  Broten
eines  zur  eigenen  Sättigung  und  eines  zur  Fütterung  des  Hundes
bestimmt  sei,  so  liege  es  in  der  Willkür  des  Besitzers,  welches
Brot  dem  wichtigeren  Bedürfnis  der  eigenen  Ernährung  und
welches  dem  minder  wichtigen  Bedürfnis  der  Tierfütterung  dienen
werde.  Nun  haben  doch  beide  Brote  denselben  Wert.  Welches
Bedürfnis  fei  nun  maßgebend?  Die  Antwort  finde  man  dadurch,
daß  man  zusieht,  welches  Bedürfnis  um  feine  Befriedigung  käme,
wenn  man  das  zu  schätzende  Gut  nicht  hätte:  dieses  Bedürfnis  sei
offenbar  das  abhängige.  Der  vernünftige  Mensch  werde  in  der
Befriedigung  feiner  Bedürfnisse  eine  gewisse  feste  Rangordnung
einhalten,  das  wichtigere  Bedürfnis  also  eher  befriedigen  als  das
minder  wichtige.  Entfalle  nun  ein  Exemplar  eines  Gutes,  so
werde  das  am  wenigsten  wichtige  Bedürfnis  nicht  mehr  gedeckt
werden.  Dieses  fei  das  gesuchte  abhängige  Bedürfnis.  Die  Größe
des  Wertes  eines  Gutes  bemeffe  sich  nach  der  Wichtigkeit  desjenigen
konkreten  Bedürfnisses  oder  Teilbedürfnisses,  welches  unter  den
durch  den  verfügbaren  Gefamtvorrat  an  Gütern  solcher  Art  bedeckten ­
  Bedürfnissen  das  mindest  wichtige  ist.  Nicht  der  größte
Nutzen  also,  den  das  Gut  stiften  könnte,  fei  für  den  Wert  maßgebend, ­
  auch  nicht  der  Durchschnittsnutzen,  den  ein  Gut  feiner  Art
stiften  kann,  sondern  „der  kleinste  Nutzen,  zu  dessen  Herbeiführung
es  oder  seinesgleichen  in  der  konkreten  wirtschaftlichen  Sachlage
rationeller  Weife  noch  verwendet  werden  dürfte".  Für  ihn  wurde
durch  Wies  er  die  Bezeichnung  „Grenznutzen"  eingeführt.
Nun  entfällt  ein  immer  größerer  Teil  der  Güterwelt  auf
Produktionsmittel,  bei  denen  ein  persönlicher  Verbrauch  tatsächlich
nicht  stattfindet,  wie  bei  Kartoffeln  zur  Branntweinerzeugung,  und
meistens  auch  gar  nicht  stattfinden  kann,  wie  bei  Maschinen  und
Werkzeugen.  Vom  Standpunkt  der  Kostentheorien  ist  die  Erklärung ­
  ihres  Wertes  einfach,  denn  da  hat  jedes  Gut  den  Wert,
den  ihm  der  darin  verkörperte  Aufwand  von  Arbeit  und  Kapital
verliehen  hat.  Die  Nutzentheorien  stoßen  aber  hierbei  auf  eine  gewisse ­
  Schwierigkeit,  weil  sie  von  dem  persönlichen  Verbrauche  ausgehen, ­
  der  in  solchen  Fällen  erst  auf  einem  mehr  oder  minder