HO  II.  Die  Bestimmung  des  Wertes  nach  den  bisherigen  Theorien.

solche  Disposition  nicht  nötig,  denn  er  kann  ruhig  mit  dem  einzigen
Sack  Korn,  den  er  besitzt,  Papageien  füttern,  weil  er  weiß,  daß  er
jederzeit  Korn  haben  kann,  wenn  er  es  zur  Nahrung  braucht.  Er
wird  die  fünf  Säcke  nicht  verschieden,  sondern  gleich  hoch  einschätzen,
und  zwar  nach  dem  Verhältnis,  in  welchem  der  Preis  eines  Sackes
zu  seinem  Nutzungsvermögen  steht.  Bei  beliebig  vermehrbaren
Gütern  sollen  übrigens  nach  Böhm-Bawerks  eigener  Anschauung
die  Kosten  als  wertbestimmend  angesehen  werden,  denn  in  seiner
letzten  Darstellung  der  Werttheorie  (im  Handwörterbuch  der  Staatswissenschaften, ­
  Bd.  VIII,  Artikel  „Wert")  sagt  er,  daß  in  solchen
Fällen  eine  Schätzung  nach  Kosten  „in  dem  Sinne  von  persönlichen
Opfern  an  Leid,  Plage  usw."  stattfinde.  Wenn  aber  diese  beliebig
vermehrbaren  Güter  tatsächlich  nicht  die  Ausnahme,  wie  er  meint,
sondern  die  Regel  bilden,  so  mündet  die  Grenznutzentheorie  wieder
in  die  klassische  Kostentheorie.
Aus  eine  Begrenzung  des  Gütervorrates  wurde  auch  durch  die
Verallgemeinerung  des  klassischen  Gesetzes  vom  abnehmenden  Bodenerträge ­
  zum  Gesetze  vom  abnehmenden  Produktionsertrage  hingearbeitet. ­
  Nicht  bloß  in  der  Landwirtschaft  sinke  der  Ertrag  mit
fortschreitenden  Aufwendungen,  auch  in  der  Industrie  verursache
ein  Mehrquantum  um  so  größere  Mehrkosten,  je  größer  die  Jahresproduktion ­
  sei,  zu  der  dieses  Mehrquantum  hinzutrete.  Dabei  wird
vorausgesetzt,  daß  eine  bestimmte  Betriebsweise  festgehalten  wird.
Das  ist  natürlich  nicht  zu  bestreiten,  daß  man  mit  denselben
Maschinen  und  denselben  Arbeitern  meist  nur  mit  erhöhten  Kosten
wird  mehr  produzieren  können,.aber  die  Feststellung  des  Ausbeuteverhältnisses ­
  von  Rohmaterialien,  Produktivmitteln  und  Arbeitskräften ­
  ist  lediglich  eine  Frage  der  Technik  und  nicht  der  Volkswirtschaft. ­
  Die  Bedingung  der  Konstanz  der  Betriebsweise  muß
wegfallen,  da  es  doch  nicht  darauf  ankommt,  mit  welchen  Maschinen
und  Arbeitern  eine  größere  Menge  von  Produkten  hergestellt  wurde,
sondern  mit  welchen  Kosten.  Wenn  mehr  produziert  werden  kann,
ist  eben  eine  bessere  Betriebsweise  und  damit  eine  Herabsetzung  der
Kosten  möglich.  Die  technischen  Erfindungen  sind  nicht  die  Ursache
der  Produktionsvermehrung,  sondern  umgekehrt:  der  größere  Absatz
schafft  erst  die  Möglichkeit  technischer  Erfindungen.  Auch  für  die
Landwirtschaft  gilt  dieses  „Gesetz"  nicht,  wie  bereits  bei  Widerlegung ­
  der  Kostentheorien  nachgewiesen  wurde.  Die  einmal  vorhandene ­
  Betriebsweise  enthält  wohl  ein  Trägheitsmoment,  das  zeitweise ­
  retardierend  wirken  kann,  im  Laufe  der  gesamten  Entwicklung