5.  Kritik  der  Nutzentheorien.  111
kommt  aber  mit  elementarer  Gewalt  die  Tatsache  zum  Ausdruck,
daß  die  Vergrößerung  der  Produktion  verbilligend  wirkt.  In  dem
von  manchen  Grenznutzentheoretikern  konstruierten  Koordinatensystem
verläuft  also  die  Kostenkurve  gar  nicht  konvex  ansteigend,  sondern
gewöhnlich  unregelmäßig  abfallend,  so  daß  von  einem  Schnittpunkt
mit  der  Nützlichkeitskurve  keine  Rede  sein  kann.  Wahrscheinlich  hat
das  von  den  Klassikerir  mit  Vorliebe  behandelte  Gesetz  von  den  zunehmenden ­
  Kosten  in  der  landwirtschaftlichen  Produktion  die  Anregung ­
  zu  einem  Gesetz  von  der  abnehmenden  Nützlichkeit  in  der
Grenznutzentheorie  gegebene  das  seinerseits  wieder  zu  einer  Verallgemeinerung ­
  des  Gesetzes  von  den  zunehmenden  Kosten  auf  die
gesamte  Produktion  führte,  wodurch  ein  mathematisch  darstellbarer
Parallelismus  erzielt  wurde.
3.  Die  Bedürfnisskalen  lassen  sich  nur  in  beschränktem ­
  Maße  aufstellen  und  sind  nicht  bloß  subjektiver ­
  Natur.
Die  Aufstellung  von  Skalen  für  die  einzelnen  Bedürfnisgattungen ­
  und  die  konkreten  Bedürfnisse  ist  eine  rein  gedankenmäßige ­
  und  läßt  sich  durch  die  Wirklichkeit  nicht  rechtfertigen.  Die
Grenznutzentheoretiker  selbst  nehmen  inimer  nur  einen  Anlauf  zur
Konstruktion  derartiger  Skalen  durch  Aufzählung  der  Anfangsglieder, ­
  führen  sie  aber  niemals  durch.  Böhm-Bawerk  sagt:
„Stellt  man  die  Bedürfnisgattungen,  als  Ganzes  betrachtet,  nach
ihrer  Bedeutung  für  die  menschliche  Wohlfahrt  in  Parallele,  so  ist
gar  kein  Zweifel,  daß  dem  Nahrungsbedürsnis  der  Rang  im  ersten
Glied,  dem  Wohnungs-  und  Kleidungsbedürfnis  ein  nahezu  ebenso
hoher,  dem  Bedürfnis  nach  Tabak,  nach  geistigen  Getränken,  nach
musikalischen  Genüssen  schon  ein  bedeutend  geringerer,  dem  Bedürfnis ­
  nach  Schmuck  u.  dergk.  ein  abermals  geringerer  Rang  angewiesen ­
  werden  wird."  Jevons  denkt  sich  die  Skala  auch  nur
ungefähr  und  bezeichnenderweife  fchon  abweichend  „somewhat  in
this  Order:  air,  food,  clothing,  lodging,  literature,  articles  of
adornment  and  amusement“.  Daran  ist  nur  so  viel  richtig,  daß
Nahrung,  Kleidung  und  Wohnung  verhältnismäßig  dringlichen  Bedürfnissen ­
  entsprechen,  aber  ihre  Bedeutung  wird  sich  auch  mit  der
geographischen  Lage  ändern,  denn  das  Kleidungs-  und  Wohnungsbedürfnis ­
  ist  beispielsweise  gewiß  stärker  in  Norddeutschland  als  in
Süditalien.  Ganz  unsicher  wird  aber  die  Rangordnung  unter  den
übrigen  Bedürfnissen,  und  zwar  sowohl  vom  volkswirtschaftlichen
als  auch  namentlich  vom  privatwirtschaftlichen  Standpunkt,  der  von