112  II.  Die  Bestimmung  des  Wertes  nach  den  bisherigen  Theorien.

der  Grenznutzentheorie  als  maßgebend  erachtet  wird.  Die  Skala
für  Schnaps,  Literatur,  Sport,  Kinotheater,  Schmuck  usw.  wird
bei  jedem  einzelnen  Menschen  verschieden  sein  und  rasch  wechseln.
Mancher  wird  das  Bedürfnis  nach  Gesundung  allen  anderen  voransetzen, ­
  mancher  wird  ein  als  minder  dringlich  empfundenes  Bedürfnis
früher  befriedigen,  weil  sich  zufällig  die  Gelegenheit  dazu  bietet,
mancher  darbt  sich  an  Nahrung  und  .Kleidung  ab,  um  an  einem  vornehmen ­
  Sport  teilzunehmen  oder  eine  Opernloge  zu  abonnieren  usw.
Noch  weniger  zutreffend  ist  die  Annahme  einer  bestimmten  Stufenfolge ­
  unter  den  konkreten  Teilbedürfniffen,  in  die  sich  unsere  Bedürfnisregungen ­
  zerfallen  lassen  sollen.  Es  ist  wohl  richtig,  daß
das  Nahrungsbedürfnis  eines  Menschen,  der  dem  Verhungern  nahe
ist,  schwerer  wiegt  als  eines  Menschen,  der  schon  halb  gesättigt  bei
gedeckter  Tafel  sitzt.  Aus  dieser  in  die  Augen  springenden  Differenz
läßt  sich  aber  nicht  eine  stufenweise  Abnahme  der  sukzessiven  Teilbefriedigungen ­
  bis  zum  Nullpunkt  herleiten.  Vor  allein  darf  man
beim  Nahrungsbedürfnis  nicht  einfach  von  „Gerichten"  sprechen,  da
das  Nahrungsbedürfnis  mit  verschiedenen  Speisen  und  Getränken,
mit  Fleisch  verschiedener  Art,  Brot,  Gemüse  usw.  befriedigt  werden
kann.  Dafür  gibt  es  bei  jedem  Individuum  ein  gewisses  Maß;  was
dazu  gehört,  ist  alles  in  gleicher  Weise  notwendig,  was  darüber
hinausgeht,  ist  überflüssig.  Wenn  jemand  eine  Portion  Fleisch  mit
Gemüse  zu  essen  gewohnt  ist,  so  ist  ihm  der  letzte  Bissen  von  beiden
ebenso  notwendig  wie  der  erste.  Wer  jeden  Abend  zwei  Glas  Bier
zu  trinken  pflegt,  wird  das  zweite  als  ebenso  notwendig  ansehen
wie  das  erste.  Bei  den  übrigen  Bedürfnissen  kann  von  einer  Skala
überhaupt  nicht  die  Rede  sein;  wer  einen  Strohhut  oder  einen
Winterrock  hat,  braucht  gewöhnlich  keinen  zweiten;  wer  eine
Wohnung  besitzt,  würde  eine  zweite  überhaupt  nicht  nehmen  usw.
Ausgeschlossen  ist  auch  eine  Skala  bei  Gegenständen  der  technischen
Konsuintion,  die  im  Handel  die  Gegenstände  der  persönlichen  Konsumtion ­
  weitaus  überragen;  denn  für  eine  Baumwollspinnerei  ist
das  letzte  Kilogramm  Baumwolle,  das  sie  zu  ihrer  fortlaufenden
Beschäftigung  braucht,  ebenso  notwendig  wie  das  erste  Kilogramm;
der  letzte  Ziegel  beim  Bau  eines  Hauses  ist  vielleicht  noch  wichtiger
als  der  erste,  weil  von  seinem  Vorhandensein  der  Wert  des  Ganzen
abhängt  usw.  Bei  der  Erklärung  des  Geldwertes  versagt  die
Theorie  völlig.
Ein  Irrtum  ist  es  ferner,  die  Wertschätzungen  als  rein  subjektive ­
  zu  betrachten,  die  sich  bei  jedem  Individuum  von  selbst  bilden