5.  Kritik  der  Nuhentheorien.

113

und  eben  deshalb  verschieden  hoch  stellen.  Der  Mensch  kommt  nicht
als  Einzelwesen  in  Betracht,  sondern  als  Mitglied  einer  Gemeinschaft, ­
  so  daß  die  meisten  Bedürfnisse,  insbesondere  aber  die  der
Kleidung,  Wohnung  und  auch  der  Nahrung,  beeinflußt  werden
durch  historische  Überlieferung  und  gesellschaftliche  Umgebung.  Die
subjektiven  Wertschätzungen  sind,  wie  Lifschitz*)  sagt,  nicht  das
Produkt  des  Jndividualbewußtseins,  sondern  des  Kollektivbewußtseins.
Sie  ergeben  sich  auch  in  der  Regel  nicht  aus  den  momentanen
Bedürfnisregungen,  denn  die  wirtschaftliche  Tätigkeit  ist  eine  planmäßige ­
  Fürsorge.  Niemand  wird  ein  Stück  Brot  nach  einem  zufällig ­
  sehr  hohen  Hungergefühle  schätzen,  sondern  nach  der  Rangordnung, ­
  welche  dem  Brot  bei  der  regelmäßigen  Deckung  des  gesamten ­
  Bedarfes  zufällt.
4.  Die  Grenznutzentheorie  verkennt  das  Verhältnis ­
  von  Nützlichkeit,  Wert  und  Menge.
Nach  Böhm-Bawerk  ist  die  Nützlichkeit  die  Fähigkeit  eines
Gutes,  der  menschlichen  Wohlfahrt  zu  dienen.  Sie  sei  aber  bloß
die  Ursache  eines  Wohlfahrtserfolges,  zu  seiner  Bedingung  werde
sie  erst,  wenn  die  vorhandene  Menge  nicht  ausreicht,  alle  Bedürfnisse ­
  zu  befriedigen.  Zur  Nützlichkeit  müsse  also  die  Seltenheit  hinzutreten, ­
  damit  ein  Wert  entsteht.  Der  Nutzen,  nämlich  der  auf
Grund  der  Nützlichkeit  geleistete  Befriedigungsakt,  soll  aber  für  die
Größe  des  Wertes  entscheidend  sein,  der  daher  seinem  Wesen  nach
als  rein  subjektiv  erklärt  wird.  Man  stellt  sich  also  vor,  daß  auf
Grund  der  Nützlichkeit,  die  als  eine  Summe  von  dem  Gute  innewohnenden ­
  natürlichen  Eigenschaften  objektiv  gegeben  ist,  eine  subjektive ­
  Differenzierung  des  Nutzens  dadurch  entsteht,  daß  die  verschiedenen ­

  Wirtschaftssubjekte  mit  ungleichen  Begehrungen  an  das

Gut  herantreten.  Tatsächlich  liegt  aber  schon  in  der  Nützlichkeit
nicht  eine  natürliche  Voraussetzung,  sondern  ein  subjektives  Moment,
ein  Urteil,  das  auf  Grund  der  Kenntnis  der  Brauchbarkeiten  der
Güter  und  der  ihnen  gegenüberstehenden  Bedürfnisse  gefällt  wird.
Ein  Gut,  das  jemand  nicht  kennt,  kann  ihm  auch  bei  den  besten
Eigenschaften  nicht  nützlich  sein,  und  kann  es  ihm  auch  dann  nur
und  in  dem  Maße  sein,  in  welchem  er  die  solchen  Eigenschaften
entsprechenden  Bedürfnisse  besitzt.  Infolgedessen  ist  nicht  bloß  der
Nutzen,  sondern  schon  die  Nützlichkeit  subjektiv  differenziert,  die  ja
nichts  anderes  ist  als  eine  abstrakte  Zusammenfassung  der  tatsächtzI.

  Lisschitz,  Zur  Kritik  der  Böhm-Bawerkschen  Werttheorie.  Leipzig  1908.
Gruntzel,  Wert  und  Preis.  8