3.  Die  Verteilung  des  Bedarfes  an  Ware  auf  die  Einzelwirtschaften.  145

Im  Laufe  unserer  Voraussetzungen  wurde  aber  wiederholt  nachgewiesen, ­
  daß  Angebot  und  Nachfrage  kein  bloßes  Mengenverhältnis
darstellen,  daß  also  schon  die  fundamentale  Voraussetzung  dieser
Theorie  hinfällig  ist.  Selbst  wenn  sie  aber  zuträfe,  so  könnte  doch
von  keiner  regelmäßigen  Zunahme  des  Bedarfes  die  Rede  sein,
zumal  bei  manchen  Waren  der  Bedarf  überhaupt  nicht  und  bei
manchen  nur  bis  zu  einer  geivissen  Grenze  erweiterungsfähig  ist.
Auf  der  Tatsache  der  verschiedenen  Schichtung  der  Gebrauchswerte ­
  beruht  noch  eine  andere  wichtige  Erscheinung.  Bei  freier  Konkurrenz ­
  wird  sich  in  der  Regel  nur  ein  einziger  Preis  für  alle  kaufkräftigen ­
  Verbraucher  ohne  Rücksicht  auf  die  Verschiedenheit  ihrer
Gebrauchswerte  bilden,  weil  der  ungünstiger  behandelte  Verbraucher
eine  andere  Einkaufsquelle  aussuchen  würde.  Eine  Preisdifferenzierung
bei  freier  Konkurrenz  wird  nur  eintreten,  wenn  sich  der  Käufer  in
seinen  Beziehungen  zum  Verkäufer  verschieden  qualifiziert,  also  beispielsweise ­
  durch  Inanspruchnahme  von  Kredit  den  Zuschlag  einer
Risikoprämie  zum  Verkaufspreise  verschuldet  oder  durch  Bewerkstelligung
  größerer  Warenumsätze  Anspruch  auf  besondere  Rücksichtnahme ­
  erheben  kann.  Ist  aber  die  freie  Konkurrenz  durch  ein
Monopol  des  Verkäufers  ausgeschlossen  oder  doch  durch  eine  kartellartige ­
  Vereinbarung  der  Verkäufer  untereinander  geregelt,  so  kann
eine  Preisdifferenzierung  nach  der  Verschiedenheit  des  Gebrauchswertes ­
  herbeigeführt  werden,  indem  die  höhere  Bedarfsintensität
durch  Auferlegung  eines  höheren  Preises  besser  ausgenutzt  werden
kann.  Die  Eisenbahnen  bieten  dieselbe  Transportleistung  zu  verschiedenen ­
  Preisen,  ohne  daß  die  Verschiedenheit  der  Einrichtung
in  der  I.,  II.  und  III.  Klaffe  die  Höhe  der  Differenz  allein  rechtfertigen ­
  konnte.  Die  Unterschiede  im  Komfort  bei  den  Plätzen  in
Theatern,  Konzerthallen,  Vergnügungslokalen  usw.  sind  nicht  so
groß  wie  die  der  Preise.  Hotels  und  Restaurants  verkaufen  dieselben ­
  Speisen  und  Getränke  zu  höheren  Preisen  in  einem  „besseren"
und  zu  niedrigeren  Preisen  in  einem  „einfachen"  Lokal.  Von  den
Umständen,  welche  die  Verbraucher  zwingen,  sich  dieser  Differenzierung ­
  zu  unterwerfen,  wird  im  nachfolgenden  Abschnitt  die  Rede
sein.  Die  Ärzte  stufen  ihr  Honorar  nach  den  Einkommensverhältnissen ­
  der  Patienten  ab;  die  Hebammen  in  Wien  beschlossen,  die
Wohnungszinse  als  Grundlage  ihrer  Honorarberechnung  zu  wählen.
Das  Gas  wird  in  manchen  Städten  zu  verschiedenen  Preisen  als
Leuchtgas  und  als  Nutzgas  verkauft;  der  elektrische  Strom  wird
für  Kraftzwecke  billiger  abgegeben  als  für  Beleuchtungszwecke,  weil