6.  Die  Verfügbarkeit  an  Ware  in  der  Volkswirtschaft.  109
Bauer  nicht  die  Vorbildung  und  Intelligenz  besitzt,  um  eine  richtige ­
  Schätzung  seiner  eigenen  Ernte  vornehmen  zu  können,  sind  die
Fehler  noch  viel  größer.  Dadurch  wird  die  Basis  der  Schätzungen
der  Ernte  noch  schwankender.  Von  Rußland  hat  man  sogar  behauptet, ­
  daß  es  seine  Ernteschätzungen  nach  dem  Anleihebedürfnis  einrichtet. ­
  Aber  auch  privatwirtschaftliche  Interessen  der  verschiedensten
Art  können  sich  bemerkbar  machen,  zumal  die  Spekulation  im
Gegensatze  zur  Produktion,  die  zu  stabilen  Preisen  neigt,  stark
schwankende  Preise  bevorzugt.
Vierter  Erfahrungssatz:  Das  Angebot  hängt  auch
von  der  Elastizität  der  Produktion  ab,  denn  die
Schwierigkeiten  der  Reproduktion  und  Reduktion  entscheiden ­
  über  die  Möglichkeit  einerVerMehrung  oder
Verringerung  desselben.
Elastisch  im  Sinne  der  Erweiterung  ist  die  Produktion  vor
allem  nach  den  Kosten  der  Reproduktion.  Bei  sinkenden  Kosten
kann  sie  einer  gesteigerten  Nachfrage  leicht  entsprechen,  bei  steigenden ­
  Kosten  dagegen  wird  sie  Widerstand  leisten  und  daher  auf  die
Wert-  und  Preisbildung  einen  stärkeren  Einfluß  nehmen.  Die
sinkenden  Kosten  bilden  nun  im  allgemeinen  die  Regel,  und  zwar
nicht  bloß  in  der  Industrie,  sondern  auch  in  der  Landwirtschaft.
Die  abstrakte  Behauptung  Thünens,  daß  mit  zunehmender  Entfernung ­
  der  Produktionsstätte  vom  Konsumorte  die  Preise  steigen
müssen,  erweist  sich  als  unrichtig,  weil  gerade  das  Moment,  das
in  der  Abstraktion  isoliert  wurde,  im  praktischen  Wirtschaftsleben
ausgeschaltet  wird.  Für  die  Kosten  ist  nämlich  nicht  die  geographische, ­
  sondern  die  verkehrstechnische  Entfernung  entscheidend,  für
die  eben  auch  die  Regel  der  sinkenden  Kosten  gilt.  Wenn  nun  gar
auf  einer  entfernteren  Produktionsstätte  die  sonstigen  Vorbedingungen
günstiger  sind,  so  kann  der  Nachteil  der  größeren  Entfernung  mehr
als  ausgeglichen  werden.  Auf  dem  heutigen  Weltmärkte  für  Weizen,
nämlich  in  London,  bestimmen  den  Weizenpreis  sicher  nicht  die
höchsten  Kosten,  wie  dies  nach  Thünen  zu  erwarten  wäre,  sondern
eher  die  niedrigsten  Kosten.  Der  Fall  ist  sogar  nicht  selten,  daß
industrielle  und  landwirtschaftliche  Produktionszweige  entferntere
Wohnsitze  geradezu  aussuchen.  Aus  einem  vom  Washingtoner
Ackerbauamte  veröffentlichten  Berichte  (Bulletin  113:  Supply  and
distribution  of  cotton)  geht  z.  B.  deutlich  hervor,  daß  die  Gewinnung ­
  der  Textilfasern  aus  Ländern  mit  höheren  Löhnen  und
ertragreicherer  Landwirtschaft  in  entferntere  Gebiete  mit  niedrigen