4.  Die  internationalen  Wertübertragungen.
Die  Ansicht  der  klassischen  Nationalökonomie,  daß  nur  die
Produkte,  aber  nicht  die  Produktionsfaktoren  Arbeit  und  Kapital
international  getauscht  werden  können,  hat  sich,  wie  bereits  erwähnt,
als  unrichtig  herausgestellt,  denn  die  Kapitalsgüter  verkehren  fast
unbehindert,  und  auch  die  Arbeitskräfte  haben  sich  als  beweglicher
erwiesen  als  man  ahnte.  Kapital  kann  aber  jede  Ware  sein,  auch
ein  Genußgut,  denn  die  für  die  Nahrung  der  Arbeiter  bestimmten
Mengen  von  Getreide,  Fleisch  usw.  dienen  auch  produktiven  Zwecken.
Die  Kapitalseigenschaft  ist  der  Ware  nicht  inhärent,  sondern  ergibt
sich  aus  der  Zweckbestimmung  des  Warenbesitzers.  Daraus  folgt
aber,  daß  man  aus  der  Beschaffenheit  der  Wareneinsuhr  und
Warenausfuhr  die  Kapitalsübertragungen  nicht  mit  Sicherheit  berechnen ­
  kann.  Erwähnt  wurde  bereits,  daß  es  im  internationalen
Verkehre  kein  Geld  gibt,  weil  ein  solches  dem  Auslande  nicht  aufgezwungen ­
  werden  kann,  alle  Zahlungen  daher  in  erster  Linie  in
Waren  geleistet  werden  müssen.  Goldmünzen  werden  nur  als  Gold
genommen.  So  erklärt  sich  die  Goldprämienpolitik  der  Notenbank
Frankreichs,  welche  für  die  Versendung  ins  Ausland  abgenützte
Goldmünzen  gibt,  weil  auf  diese  Weise  ihr  Auslandswert  gegenüber ­
  dem  Jnlandswert  verringert  wird.  Banknoten  werden  nur
als  Anweisungen  auf  Gold  behandelt  und  daher  zurückgewiesen,
wenn  die  Goldeinlösung  durch  die  ausgebende  Notenbank  nicht
außer  Zweifel  steht.
Das  Kapital  in  Waren  läßt  sich  aber  nicht  so  leicht  umformen
wie  das  Kapital  in  Geld.  Ein  Land  kann  z.  B.  Kapital  in  Schafwolle ­
  abgeben,  das  bedürftige  kann  es  nur  in  Eisenbahnmaterial
brauchen.  Die  Schwierigkeiten  der  Umformung  des  Warenkapitals
werden  nun  durch  den  Wechsel  überwunden,  der  den  Naturaltausch
ähnlich  wie  das  Geld  in  zwei  Akte  zerlegt:  in  einen  Verkauf  der
einen  Ware  gegen  Wechsel  und  einen  Kauf  der  anderen  Ware  mit
diesen  Wechseln.  Bezeichnenderweise  hat  der  Wechsel  im  Außenverkehr ­
  aller  Länder  eine  vorherrschende  Stellung  errungen,  auch
jener,  die  im  Jnnenverkehr  als  geldsparende  Mittel  den  Scheck
bevorzugen,  wie  England  und  die  Vereinigten  Staaten  von  Amerika.
Der  Auslandsmechsel,  die  Devise,  ist  also  privatwirtschaftlich  die
nächste  und  wichtigste  Form  der  internationalen  Kapitalsübertragung,
volkswirtschaftlich  aber  muß  sich  der  Ausgleich  in  den  Waren  vollziehen, ­
  deren  Repräsentant  der  Wechsel  ist,  wobei  sich  der  Waren-