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        <title>Kaufmanns Herrschgewalt</title>
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            <forname>Andrew</forname>
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        ﻿ANDREW CARNEGIE

Kaufmanns Herrschgewalt

(EMPIRE OF BUSINESS)

Autorisierte Übersetzung
von Dr. E. E. Lehmann

Mit einem Bildnis

Fünfte Auflage
14.— 18. Tausen d

1914

Verlag von G. A. Gloeckner in Leipzig
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        ﻿
        <pb n="6" />
        ﻿INHALT

Seite

Einleitung..............................................................

I.	Der Weg zum geschäftlichen	Erfolg............................ 1

Ansprache an junge Kaufleute.

II.	Des Geldes ABC............................................... 13

Tauschhandel — Direkter Warenaustausch. — Geldmangel
und Geldgebrauch.

III.	Silberwährung................................................25

Vergleich zwischen Silber- und Goldwährung. — Silber-
einkäufe in den Vereinigten Staaten. — Silberwährung
und Nationalkredit. — Vergleich der beiden Währungen.

IV.	Das gemeinschaftliche Interesse von Arbeit und Kapital . .	49

Ansprache an Arbeiter.

V.	Sparen eine Pflicht ...................................... .	64

Pflichten reicher Leute.

VI.	Wie kann man ein Vermögen erwerben?......................68

VII.	Reichtum und sein Gebrauch.................................81

VIII.	Das Schreckgespenst der Trusts ...........................101

IX.	Englisch-amerikanische Handelsbeziehungen..................114

X.	Geschäft.................................................. 125

XI.	Die Stahlfabrikation des neunzehnten Jahrhunderts in den

Vereinigten Staaten........................................ 143

XII.	Lebensunterhalt in Großbritannien und in den Vereinigten

Staaten........................................................

XIII.	Die natürlichen Öl- und Gasquellen im westlichen Penn-
sylvania ....................................................... 166

XIV.	Der dreibeinige Stuhl' ...................................181

Schema über der Welt Arbeit.

XV.	Eisenbahnen einst und jetzt.............................184

XVI.	Eisen und Stahl daheim und in der Fremde...............192

XVII.	Die Manchester-Schule und die Gegenwart................195

XVIII. Was für Tarife würde ich aufstellen, wenn ich Zar wäre? . 207

V V
V
        <pb n="7" />
        ﻿EINLEITUNG1).

Die beispiellose volkswirtschaftliche Entwicklung der Vereinigten
Amerikanischen Freistaaten hat eine in der Geschichte der neueren
Zeit bis dahin unbekannte Klasse von Männern hervorgebracht: die
Billionäre. Gegenüber den Reichtümern dieser Klasse erscheinen
selbst die Reichtümer der altrömischen Kaiserzeit von nur mäßigem
Umfange, und das um so mehr, als viele der nach Billionen zählenden
ungeheuren amerikanischen Vermögen nicht im Laufe und durch die
Arbeit mehrerer Generationen, sondern durch den Fleiß, die In-
telligenz und die Sparsamkeit eines einzigen Mannes erworben
wurden. Ein geradezu klassisches Beispiel für das, was ein mit
den nötigen Eigenschaften ausgerüsteter Geschäftsmann in einer
verhältnismäßig kurzen Zeitspanne unter amerikanischen Verhält-
nissen zu leisten vermag, ist der Schotte Andrew Carnegie. Er ist
am 25. November 1837 zu Dunfernline, einer der ältesten und ge-
schichtlich merkwürdigsten Städte Schottlands, als der Sohn eines
armen Webers geboren. Sein Vater und dessen Bruder — Andrews
Oheim — waren beredte Anhänger der Chartisten-Bewegung; sie
hatten keine große Achtung vor königlichem Blut; „noch heute“ — so
bekannte nicht unlängst der Billionär Carnegie — „steigt mir das
Blut zu Kopf, wenn ich von einem König oder irgendeinem anderen
erblichen Vorrecht reden höre.“ Die Familie Carnegie war eine
Familie von Republikanern. Vierzig Jahre später gab Andrew
seinen Anschauungen in seinem Buche „Der Triumph der Demo-
kratie“ beredten Ausdruck. Dennoch lernte er mit der Zeit auch
die Vorteile weise geübter königlicher Gewalt, soweit dieselbe ihm
ein Ausdruck des Volkswillens schien, schätzen. Bei den Jubiläums-
festlichkeiten für die Königin Victoria hielt der teilweise Bekehrte
auf die Gefeierte eine glänzende Lobrede. Nach Andrew Carnegies
Meinung, welche allerdings mit den politischen Tatsachen im schärf-
sten Widerspruche steht, sind auch die vereinigten britischen König-
reiche, geradeso wie die vereinigten amerikanischen Freistaaten
eine Republik, nur mit dem Unterschiede, daß die britische Repu-
blik von einem gekrönten, die amerikanische von einem ungekrönten

l) Vgl. Andrew Carnegie, From Telegraph Boy to Millonaire by
Bernard Alderson, London, Artur Pearson Limit.
        <pb n="8" />
        ﻿Einleitung.

V

Staatsoberhaupte repräsentiert werde. Andrew Carnegies politische
Überzeugungen erhielten Wesen und Farbe durch den Bruder seines
Vaters; sie waren, da die Familie schon in Andrews Knabenjahren
nach Amerika auswanderte, seinem Fortkommen eher förderlich
als hinderlich.

Die Umwälzung im Webergewerbe durch die Einführung der
Maschinenarbeit zwang den Vater Andrews dazu, die Fieimat zu
verlassen. Eines Tages kam er mit dem niederdrückenden Be-
kenntnis nach Hause, er könne keine Arbeit mehr finden. Andrew
war damals erst zehn Jahre alt; aber sein klarer Verstand und
noch mehr sein feinfühlendes Herz begriff nur allzu gut, was das
bedeute. Nach reiflicher Erwägung faßte die Familie den Ent-
schluß, nach Pittsburg in Pennsylvanien auszuwandern; dort hatten
bereits Verwandte der Carnegies einige Jahre vorher eine behag-
liche Existenz gefunden. Dem jungen Andrew wurde das Scheiden
von der alten Heimat besonders schwer, und noch in späteren
Jahren erklärte der Besitzer einer der schönsten Paläste in ganz
Neuyork: „Was Benares für den Hindu, Mekka für den Moham-
medaner, und Jerusalem für den Christen ist, all das und mehr
als das ist Dunfernline für mich.“

Es gelang dem Vater Andrews gleich nach seiner Ankunft in
einer Baumwollenfabrik Arbeit zu finden; Andrew selbst trat mit
zwölf Jahren als Klöppeljunge ins Geschäft; er begann mit fünf
Shilling Wochenlohn. Der Junge war nicht wenig stolz darauf,
etwas zum Unterhalt der Familie beitragen zu können. Er mußte
schwer genug für seine fünf Shillinge arbeiten — von früh morgens
bis spät abends, nur unterbrochen durch eine Mittagspause von
vierzig Minuten. Seine nächste Stellung war die eines Dampf-
kesselheizers; hier hatte er eine Lokomotive, welche die Maschinen
einer kleineren Fabrik trieb, zu bedienen und zu beobachten. Gewiß
ein recht schwieriger Posten für einen dreizehnjährigen Knaben.
Die damit verbundene Verantwortlichkeit machte den jungen Andrew
zeitweise nervös; selbst im Schlafe schreckte ihn die Möglichkeit
eines gefährlichen Versehens bei der ihm übertragenen Arbeit auf.
„Icli war jung und hatte meine ehrgeizigen Träume,“ so erzählte
er viel später, „ein Etwas in mir sagte mir, daß das nicht an-
dauern und ich bald in eine bessere Lage kommen würde.“ Was
zweifellos den schnell zum Jüngling heranreifenden Knaben all
        <pb n="9" />
        ﻿VI

Einleitung.

und jede Last leichter ertragen ließ, war das glückliche Familien-
leben im Eltemhause. Jedes — die Mutter, der Vater und selbst
Andrews jüngerer Bruder — tat seine volle Pflicht und Schuldig-
keit; jedes war bestrebt, dem anderen die Sorge zu erleichtern und
ein glückliches Gesicht zu zeigen. Vor allem war es die Mutter
Andrews, eine resolute, dabei eine herzensgute und sparsame schot-
tische Hausfrau, welche Glück und vorsorgende Liebe über die
ganze Familie ausbreitete.

In seinem vierzehnten Jahre gelang es dem jungen Weber-
sohn endlich, der Heizerstelle ledig zu werden. Ein Landsmann,
gleichfalls aus Dunfernline, der sich im Telegraphenamt zu Pitts-
burg Ansehen und Amt errungen, verschaffte dem jungen Carnegie
eine Stellung als Telegraphenjunge. Er hatte die Depeschen aus-
zutragen und das brachte ihn zuerst mit Männern der Presse in
persönliche Berührung; er hoffte, eines Tages selbst Artikel, ja
sogar Bücher schreiben zu können. Andrew hatte nun einen Wochen-
lohn von zwölf Shillingen; allein ihn quälte immer die Furcht, daß
er die Stellung wieder verlieren möchte, da er mit dem Geschäfts-
viertel der Stadt Pittsburg zu wenig vertraut und seine Gesund-
heit infolge der Überanstrengung bei Bedienung der Dampfmaschine
nicht gerade fest war. Bald hätte er jedoch beide Hindernisse
überwunden.

Fleißig und immer bestrebt, so viel wie möglich zu lernen,
benutzte Jung-Carnegie jeden Morgen, in aller Frühe, bevor noch
die Telegraphisten im Telegraphenamte Waren, die ihm gebotene
Möglichkeit zur Erlernung des Telegraphierens. Bei seinem be-
wunderungswürdigen Gehör vermochte er sehr bald, allein durch
das Ohr die eingehenden Telegramme zu entziffern. Sein Lehrer
J. D. Reed berichtet in seiner „Geschichte des Telegraphen“ mit
Rücksicht auf Andrew Carnegie: „Mir gefiel der Junge, und ich
sah sehr bald, daß er, obgleich klein, voller Geist war. Er war
kaum einen Monat lang in meinen Diensten, als er mich frug, ob
ich ihn das Telegraphieren lehren wolle. Ich begann ihn zu unter-
richten und fand einen fähigen Schüler in ihm. Bald telegraphierte
er so gut wie ich selbst.“ Sehr bald bot sich Andrew eine besondere
Gelegenheit, seine Fähigkeit zu zeigen. Eines Morgens traf, wäh-
rend er sich im Telegraphieren übte, eine Todesbotschaft aus Phila-
delphia ein. Jung-Carnegie machte sich sofort an das Übertragen
        <pb n="10" />
        ﻿Einleitung.

VI!

der Nachricht, so daß der angestellte Telegraphist bei seinem Ein-
tritt bereits alles getan fand. Dieser Erfolg lenkte die Aufmerk-
samkeit auf den Jungen; kurz darauf erhielt er eine Stelle als
Telegraphist mit 1200 M. Jahreseinkommen.

Er war erst sechzehn Jahre alt. Da sein Vater eben gestorben,
und so der junge Andrew die Seinigen zu ernähren hatte, kam seine
Beförderung gerade zur rechten Zeit. Daneben fand sich sehr bald
ein Extradollar (4 M.), den die Pittsburger Blätter ihm wöchent-
lich' für Ablassung und Übertragung der einlaufenden Depeschen
anboten. Diese 4 Sh. behielt er für sich; es war sein erstes
Spargeld. Seine Stellung als Telegraphist brachte den jungen Mann
ganz natürlicherweise mit vielerlei Leuten in Verkehr. Unter an-
derem zog Andrew schnell die Aufmerksamkeit eines Herrn Scott
auf sich, der zur Zeit Direktor der Pennsylvanien-Eisenbahn in
Pittsburg war. Scott bot Jung-Carnegie eine Telegraphistenstelle
im Dienste seiner Gesellschaft mit einem Mehrgehalt von 40 M.
monatlich an. Andrew schlug ein und gewann in kurzer Zeit Ver-
trauen und Freundschaft seines Chefs.

Eines Tages teilte ihm Scott im Vertrauen mit, daß ein sehr
gutes Geschäft durch Ankauf von 500 Dollars (2000 M.) Aktien der
„Adam Expreß-Gesellschaft“ zu machen sei. Die Aktien hatten
einen Wert von je 240 M., und Scott erbot sich freiwillig, dem
jungen Carnegie 400 M. vorzustrecken, wenn Andrew die nötige
übrige Summe sich verschaffen könne. Andrew antwortete mit
einem „Ja“, obgleich er noch keine Ahnung hatte, woher er die
nötigen übrigen 1600 M. nehmen sollte. Jedoch er wußte jemanden,
der stets Rat zu schaffen verstand: seine Mutter; ihr Finanzgenie
hätte schon ganz andere Schwierigkeiten zu überwinden vermocht.
Noch am selben Abend wurde Familienrat gehalten, und nachdem
Andrew auseinandergesetzt, um was es sich handelte, erklärte seine
Mutter: „Es muß durchgesetzt werden. Wir müssen eine Grund-
schuld auf unser Haus aufnehmen. Ich gehe morgen in aller
Frühe nach Ohio, um Onkel Carnegie zu bitten, alles zu arrangieren.“
So geschah es; das Geld war zu Stelle; die Aktien wurden gekauft
und das Haus verpfändet. Damit war der erste Eckstein zu Andrews
zukünftigem Reichtum gelegt. Noch heute ist Carnegie nie endenden
Preises voll für den Mut seiner von ihm vergötterten Mutter bei
dieser Gelegenheit. „Sie traf stets das Rechte, wo und wann irrte
        <pb n="11" />
        ﻿VIII

Einleitung.

sie je?“ rief er noch in späteren Jahren aus. Die Adam Expreß-
Gesellsdhäft zahlte eine monatliche Dividende von einem vollen
Prozent, und sein erster Scheck machte selbstverständlich dem jungen
Mann unermeßliche Freude. Bald boten sich auch in seiner Stel-
lung andere Gelegenheiten zur Auszeichnung. Früh erkannte Scott
die großen Fähigkeiten seines Gehilfen, und als er während des
großen Bürgerkrieges mit den Südstaaten zum Beistand des Kriegs-
ministers ernannt wurde, nahm er den damals in seinem vierund-
zwanzigsten Jahre stehenden Carnegie mit in seinen neuen Wir-
kungskreis hinüber. Andrews Verantwortlichkeit wurde jetzt sehr
groß. Er hatte den Transport von Truppen und Lebensmitteln zu
überwachen; und zu gleicher Zeit auf das Netzwerk der Bahnen
und Telegraphen Obacht zu geben.

Obgleich nicht in der Gefechtslinie stehend, war er merkwürdiger-
weise der dritte Mann, der verwundet wurde. Ein Telegraphen-
draht, der sich los gemacht, sprang ihm ins Gesicht und ver-
ursachte ihm einen tiefen Schnitt; doch das ließ ihn nicht von
seiner Pflicht weichen. Er war bei verschiedenen Schlachten gegen-
wärtig und bei Bull-Run verließ er als einer der letzten das Schlacht-
feld. Viel wichtiger jedoch für seine Zukunft wurden seine Er-
fahrungen im Telegraphenamt zu Washington; hier regte er ein
Chiffresystem für das Telegraphieren an, welches außerordentliche
Dienste leistete.

Kurz nach seiner Rückkehr aus dem Kriege lernte er auf einer
Eisenbahnfahrt einen fremden Herrn kennen, der ihn fragte, ob
er zu den Leitern der Pennsylvania-Bahn irgendwelche Beziehungen
hätte. Als Jung-Carnegie das bejahte, zeigte ihm der Fremde das
Modell zu einem Eisenbahnschlafwagen. Carnegie erkannte sofort
den Wert der Erfindung und sprach davon voller Enthusiasmus mit
seinem Chef und Freund Scott. Dieser nahm mit dem Erfinder
Rücksprache, und man beschloß, zwei Versuchswagen bei der Penn-
sylvanien-Eisenbahn einzustellen. Der Versuch fiel so erfolgreich
aus, daß man zur Bildung einer Schlafwagen-Gesellschaft schritt.
Man bot Carnegie eine Teilhaberschaft; er nahm sie an. Die zu
dem neuen Unternehmen nötigen 480 M. schoß ihm bereitwilligst
die Bank vor, mit welcher er unterdessen in Verbindung getreten
war. Der geschäftliche Erfolg fiel so glänzend aus, daß er die
späteren Aktieneinzahlungen aus den auf seinen Kapitalanteil fallen-
        <pb n="12" />
        ﻿Einleitung.

IX

den Dividenden zu leisten imstande war. Und nicht allein das;
er sah sich, nachdem er auch alle anderen von seiner Mutter und
seiner Bank erhaltenen Darlehen zurückgezahlt, in dem Besitze
eines recht hübschen Kapitals. Immer auf der Lauer nach Gewinn
versprechenden Unternehmungen begann Carnegie nunmehr, Öl zu
graben. Die Bedeutung des damals eben entdeckten Steinöls wurde
nur von sehr wenigen richtig eingeschätzt. Der junge Carnegie
jedoch gehörte zu den Wenigen, welche in der neuen Entdeckung
die Quelle unermeßlicher Reichtümer ahnten. Er kaufte daher
zusammen mit einigen Freunden das durch seine Ölquellen jetzt
berühmte Landgut Storey für S000 Pfd. Sterl. (1600C0 M.). Carnegie
erzählt selbst auf den folgenden Seiten dieses Buches die Ge-
schichte dieser Anlage. Hier genüge die Bemerkung, daß das neue
Unternehmen Carnegie mit einem Schlage aus einem wohlhabenden
zu einem reichen Manne machte. Dennoch verkaufte er seinen
Anteil an Storey Farm sehr bald seinem Freunde Rockefeller, um
seine ganze Kraft der Stahlfabrikation zu widmen. Mit welchem
ungeheuren Erfolge — darüber berichtet er in dem hier vorliegenden
Buche teilweise selbst. Als Abteilungsdirektor der Pennsylvanien-
Eisenbahn führten ihn seine Erfahrungen auf den Ersatz der höl-
zernen Eisenbahnbrücken durch eiserne Brücken. Damit eröffnete
sich der von Carnegie gebildeten Keystone-Aktiengesellschaft ein
ganz neues Feld. Bald wurden eiserne Eisenbahnbrücken ganz
allgemein. Das gerade zu jener Zeit neu entdeckte Verfahren
Bessemers für die Umwandlung des Eisens in Stahl, welches in
Carnegie seinen mächtigsten Förderer und praktischsten Vertreter
fand, führte schnell zur Gründung noch anderer Gesellschaften;
unter ihnen sind die Homestead- und die Edgar Thompson-Stahl-
werke die bedeutendsten. Sie alle sind Schöpfungen Andrew Car-
negies, des einstmaligen armen Webersohnes und Telegraphen-
Laufburschen; sie machten ihn zum „Stahlkönig“ der ganzen Welt,
denn niemals vorher war eine so staunenswerte Zusammenfassung
industrieller Macht in ein und derselben Persönlichkeit erlebt worden.
Carnegie wurde der große Stein des Anstoßes im Wege der
Rockefeiler und Morgan bei dem von letzterem geplanten Stahl-
trust. Der Trust hatte bereits alle v/ichtigen Bahnen und acht der.
ersten Stahlfirmen der Vereinigten Staaten mit einem Kapital von
118 Millionen Pfd. Sterl. (2360 Millionen M.) in Händen; jetzt machte
        <pb n="13" />
        ﻿X

Einleitung.

er Anstalten, Carnegie zur Unterwerfung zu zwingen. Rockefeller
und Morgan übersandten dem „Stahlkönig“ ein Ultimatum; es
lautete dahin: er solle wählen zwischen einem Preis für seine Werke
von 10 Millionen Pfd. Sterl. (200 Millionen M.) oder Zerschmette-
rung. Das war unverschämt, denn der jährliche Nutzen der
Carnegieschen Werke betrug beinahe soviel wie das Angebot. Car-
negie antwortete mit der Drohung, für 3 Millionen Pfd. neue Werke
zu errichten, groß genug, um den Kampf gegen den Trust auf-
zunehmen. Außerdem drohte er mit dem Bau eigener Bahnen, um
dem Trust als Eigentümer der von ihm erworbenen Bahnlinien die
Spitze zu bieten. Das brachte Morgan und Rockefeiler zur Be-
sinnung. Carnegie erhielt von dem Trust fünfzig Millionen Aktien
mit einer Zinsgarantie von mindestens 5 Prozent; er bezieht also
allein aus diesen Werken eine jährliche Einnahme von 100 Millionen M.

Carnegie, welcher längst die Bildung der Trusts vorausgesehen, zog
sich jetzt gänzlich vom Geschäft zurück, um seinen Studien, seinen
philanthropischen Plänen und vor allem seiner Familie zu leben.
Er hätte das große Glück, seine Mutter, die im eigentlichsten Sinne
des Wortes der Schutzengel seines Lebens gewesen, bis in seirt
bestes Mannesalter hinein zu behalten. So lange sie lebte, blieb
er Junggeselle. Nach seinem Tode heiratete er eine Amerikanerin,
deren liebenswürdige Bescheidenheit und Gastfreundschaft von allen
hochgepriesen wird. Er besitzt nur ein einziges Kind; eine Tochter
von jetzt etwa 21 Jahren. Seinen Gewohnheiten nach ist der
Schloßherr von Skibo — dies der Name des von Carnegie in seiner
alten schottischen Heimat erworbenen Landsitzes — außerordentlich
einfach. Er raucht nicht und trinkt wenig. Wie er selbst gelegent-,
lieh' erzählt, verdankt er seine auch noch heute eiserne Gesundheit
seinem glücklichen Temperament; Sorgen hat er sich nach Behaup-
tung seiner Geschäftsfreunde und Partner von jeher abgeschüttelt,
wie die Ente das Wasser. Carnegie ist auch' ohne nobilitiert zu
sein ein Edelmensch. Neben seiner wunderbaren körperlichen und
geistigen Zähigkeit verdankt er seine Erfolge vor allem seiner un-
erschütterlichen Rechtschaffenheit, Ehrenhaftigkeit und — seiner aus-
gezeichneten Mutter. Carnegie preist die Armut als Glück und
Erfolg bringend; aber wer gesund ist wie er, und ein so glück-
liches, wenn auch armes Familienleben wie er von seiner allerersten
Kindheit an genossen, der ist nicht arm; nein, der ist geradezu
        <pb n="14" />
        ﻿Einleitung.

Xi

reich zu nennen; viel reicher als mancher Millionärssohn. Schon
eine Mutter, wie die, welche Andrew Carnegie sein Eigen nennen
durfte, ist nicht mit Millionen von Dollars aufzuwiegen, und dann:
welch’ ein geradezu seltenes Glück, solch’ eine Mutter bis ins hohe
Mannesalter hinein an seiner Seite zu haben!

Carnegie macht bekanntlich von seinem Reichtum den denkbar
schönsten und zweckmäßigsten Gebrauch. Er hat schon heute
Hunderte Millionen von Dollars für Volksbibliotheken, öffentliche
Konzerthallen und anderes mehr gespendet. Seine Heimat Schott-
land hat er mit einer neuen Universität bedacht, zu der jeder, auch
der Ärmste, wenn er nur Fähigkeiten zeigt, sich Zutritt verschaffen
kann; sie ist so reichlich — mit fünfzig Millionen Mark — aus-
gestattet, daß aus den Zinsen des Stiftungskapitals arme tüchtige
Studenten nicht nur freien Unterricht, sondern auch alle ihre Unter-
haltungskosten während ihrer Studienzeit beziehen können. Carnegies
praktischer Sinn hat jedoch dieser wahrhaft fürstlichen Stiftung die
Bedingung hinzugefügt, daß die jungen Leute, nachdem sie im
Leben vorwärts gekommen, die für ihre Studien und ihren Lebens-
unterhalt aus den Carnegie-Fonds gemachten Auslagen später an
die Fonds wieder zurückzahlen sollen.

Trotz dieser wahrhaft königlichen Geschenke hat Carnegie un-
längst einem Freunde erklärt, daß er noch 55 Millionen Pfd. (110 Mil-
lionen M.) für öffentliche Zwecke fortzugeben gedenke. Herr
T. W. Stead, der Herausgeber der „Review of Review“ hat aus-
gerechnet, daß Carnegies tägliches Einkommen sich auf mehr als
160 000 M. belaufe!

Wie ich bereits früher angedeutet, hatte schon der junge Andrew
eine gewisse Schwäche für Druckerschwärze. Man muß es dem
früheren Depeschenjungen zu seinem Lobe nachsagen, daß er weder
sein zweifelloses, schriftstellerisches Talent noch seine großen Reich-
tümer zu wertlosen literarischen Publikationen gemißbraucht hat.
Seine Bücher sind meistenteils interessant und stets eigenartig.
Dennoch gibt es auf dem von Carnegie gepflegten Felde der Reise-
literatur hervorragendere Schriftsteller als den Amerikanisch-Schotti-
schen Billionär; dagegen dürfte Carnegie dort, wo er über volks-
wirtschaftliche und finanzielle Fragen handelt, kaum so schnell
Seinesgleichen finden. Kein Wunder! Spricht er doch in diesem
Falle nicht als ein von grauen Theorien ausgehender Literat oder Pro-
        <pb n="15" />
        ﻿XII

Einleitung.

fessor, sondern gestützt auf die überreichen Erfahrungen einer an
Erfolgen staunenswerten, wahrhaftig großartigen Kaufmanns- und
Unternehmerlaufbahn! Schon allein deshalb sind Carnegies Aus-
führungen in hohem Grade beachtenswert, selbst dann, wenn er irrt
oder fehlgeht.

Der hier vorliegende Band enthält nicht nur interessante Be-
sprechungen aller der volkswirtschaftlichen Fragen, welche gegen-
wärtig die Welt bewegen und in ihrer Lösung vielleicht die wirt-
schaftliche Zukunft aller Kulturvölker bestimmen dürften, sondern
auch eine Reihe ganz neuer Aufschlüsse über amerikanische Unter-
nehmungen, welche in ihrer Großartigkeit alles in der europäischen
Welt Bekannte weit hinter sich lassen. Besonders dem jungen
deutschen Kaufmann möchte ich das Buch zu eindringendem Studium
empfehlen; sollte es junge Deutsche veranlassen, statt nach England,
nach den Vereinigten Staaten zur Vervollkommnung ihrer kauf-
männischen Ausbildung zu gehen, so wäre das im Interesse unseres
eigenen, vaterländischen Handels und Gewerbefleißes nur mit Freu-
den zu begrüßen. In Neuyork und in den großen Unternehmungs-
zentren des amerikanischen Westens gibt es für einen jungen deut-
schen Kaufmann heute viel mehr zu lernen, als in dem teilweise sehr
veralteten London.

Es ist nur natürlich, daß Carnegie bei seinen volkswirtschaftlichen
Anschauungen zunächst Amerika und England im Auge hat. Die
großartigen amerikanischen Verhältnisse lassen ihn manchesmal den
Umstand übersehen, daß nicht alles was für Amerika, ja selbst für
England zutrifft, für andere Länder und Staaten nur beschränkte oder
auch gar keine Geltung in Anspruch nehmen kann. Beispielsweise
sind Carnegies Ausführungen über landwirtschaftliche Verhältnisse
wohl im Prinzipe richtig. Es ist vollkommen wahr, daß die Ten-
denz landwirtschaftlich gesunder Entwicklung nach Ausbildung des
kleinen Landbesitzes und Zerstörung der großen Latifundien hin-
zielt (etwas, was sich die Verteidiger des neuesten deutschen Zoll-
tarifs wohl merken sollten), allein Carnegie vergißt in seinen Aus-
führungen auf die sehr wichtige Verschiedenheit des Bodenwertes das
nötige Gewicht zu legen. Der leichte Sandboden der Lüneburger
Heide braucht beispielsweise zu seiner Urbarmachung selbstverständ-
lich einen viel größeren Kapitalaufwand als etwa die schwere west-
fälische Erde, und auch der Umfang eines Landgutes bei leichtem
        <pb n="16" />
        ﻿Einleitung.

XIII

oder gar schlechtem Boden muß für den notwendigen Unterhalt einer
Familie größer sein als der, welchen eine solche Familie mit eigenen
Händen zu bestellen oder zu bebauen vermag.

Noch weiter als in der Agrarfrage geht Carnegie in der Frage
der Trusts fehl. Das hängt vielleicht mit seiner besonderen Indi-
vidualität und mit der idealen Auffassung zusammen, welche er als
Unternehmer und Kaufmann zeitlebens vertreten und durch die Tat
bewiesen hat. Dennoch ändert dieser Umstand nichts daran, daß,
wie schon in den ersten Auflagen dieses Buches nachgewiesen
wurde, Carnegie sehr geneigt erscheint, amerikanische Zustände und
Verhältnisse zur Grundlage der Verhältnisse der ganzen Welt zu
machen, etwas was nicht immer den Tatsachen entspricht. So irrt
Carnegie zweifellos, wenn er in der vielleicht volkswirtschaftlich
wichtigsten Erscheinung der Trusts weiter nichts sieht, als ein schnell
vorübergehendes Symptom der volkswirtschaftlichen Entwicklung und
Trusts ebenso wie Kartelle großer Unternehmer als eine Art volks-
wirtschaftliches Schlagwort und Spielzeug, in der Meinung, daß
beide, sowohl Kartelle wie Trusts, auf die Länge der Zeit nicht
bestehen können weil sie, nach seiner Ansicht wenigstens, den
dauernden volkswirtschaftlichen Gesetzen widersprechen. Carnegie
selbst hat auf den nachfolgenden Seiten den dauernden Erfolg der
amerikanischen Ölkompagnie festgestellt und den in ihr zur Er-
scheinung kommenden Trust als eine Ausnahme gekennzeichnet, die
nur durch die wundervolle Organisation und die besonders glück-
liche Auswahl der Führer dieses Trusts zu erklären sei. Tatsächlich
hat die Bildung von Trusts in den letzten Jahren große Fort-
schritte gemacht, was sehr erklärlich ist bei der ja auch1 von Carnegie
zugegebenen dadurch entstehenden Verbilligung der Produktions- und
Betriebskosten. Trotzdem steht die Schädlichkeit dieser vollkommen
neuen geschäftlichen Verbindungen außer Zweifel. Einen Beweis
könnte man darin finden, daß der jetzt vielgenannte Präsident der Ver-
einigten Staaten Taft mit aller Energie und all seinen Einfluß dahin
vor Jahr und Tag strebte, eine Auflösung der Trusts herbeizuführen,
bis jetzt, so viel ich weiß, ohne tatsächlichen Erfolg, nachdem vor
Jahr und Tag die an den amerikanischen Trusts beteiligten Groß-
kapitalisten einen Abgesandten nach Europa geschickt, um nach
Anlagewerten ihrer durch eine etwaige Auflösung der Trusts frei-
werdenden Kapitalien zu suchen. Sie verlangten eine dauernde
        <pb n="17" />
        ﻿XIV

Einleitung.

Verzinsung ihres Geldes von mindestens 5Va bis 6 Prozent und das
in vollkommen sicheren Werten von Staatsanleihen, Bergwerken,
Eisenbahnen usw. Auch bei dieser Gelegenheit trat der inter-
nationale Charakter des anlagesuchenden Kapitals mit Deutlich-
keit hervor. Derselbe internationale Charakter, welcher den Trusts
ein für die moderne Welt so eigenartiges und gefährliches volks-
wirtschaftliches Gepräge gibt; zumal sehr bald große Banken sich
geneigt zeigten, in eine Fusion mit den Trusts einzugehen, um
ihre freiliegenden Kapitalien zu einem höheren Zinsfuß als zu
den durch das Bankwesen üblichen unterzubringen. So haben
sich beispielsweise große deutsche Banken mit vielen Millionen
an großen industriellen Unternehmungen und Trusts beteiligt; ja
wir haben das Prinzip der Trusts im wesentlichen auf ihr eigen-
stes Gebiet angewandt; durch Fusion mit kleineren Banken. Bei-
spielsweise hat die Deutsche Bank, heute das größte Bankinstitut
Deutschlands, sich durch Aktienbesitz die Kontrolle über eine Reihe
kleinerer Banken gesichert; ich nenne hier nur die Bergisch-Märkisch'e
Bank in Elberfeld mit 60 Millionen Kapital, den Schlesischen Bank-
verein in Breslau mit 30 Millionen Kapital, die Hannoversche Bank
in Hannover mit 22 Millionen Kapital und andere mehr. Diese un-
geheure Kapitalskraft macht es den Banken zur Pflicht, Anlagewerte
auch1 außerhalb der Landesgrenzen zu suchen, wenn ihre Leiter als
kluge Geschäftsleute eine höhere Rente damit erzielen wollen, als
die, welche ihnen im glücklichsten Falle auf dem einheimischen
Kapitalsmarkte erwachsen könnte. Was liegt deshalb näher, als
daß sie sich gleichfalls mit den ihnen zu Gebote stehenden Mitteln
an die internationalen Trust-Unternehmen anschließen?

Damit ist in die moderne Volks- und Finanzwirtschäft ein Zug
gekommen, von welchem die vorhergehenden Jahrhunderte keine
Ahnung gehabt haben.

In früheren Zeiten war Volkswirtschaft und Handel im innersten
Wesen national. Das hatte gewiß vielfache Nachteile, aber auch
eine große Anzahl von heute längst verschwundenen Vorzügen. In
früheren Zeiten entwickelte sich Handel, Industrie und Schiffahrt auf
der Grundlage nationaler Volkswirtschaft. Näher angesehen, blieb
die heimische Landwirtschaft immer mehr oder weniger die sichere
und nie wankende Grundlage für alle anderen kaufmännischen Be-
rufe. Schon der alte Bismarck hat mit Recht gesagt, wenn der Land-
        <pb n="18" />
        ﻿Einleitung.

XV

Wirt etwas hat, haben die Vertreter der übrigen volkswirtschaft-
lichen Berufe gleichfalls etwas. Dieser Zusammenhang von Land-
wirtschaft, Industrie, Fabrikwesen und Bankwesen ist mehr oder
weniger seit längerer Zeit zerrissen. Ja, in einzelnen Ländern, wie
beispielsweise in Deutschland, stehen sich zeitweise Landwirtschaft
und Industrie gleich zwei feindlichen Brüdern entgegen. Immer-
hin verlor Industrie sowohl wie Bankwesen trotz aller internationalen
Entwicklung niemals voll und ganz den vaterländischen Boden,
auf welchen sie erwachsen waren. Erst mit der Entwicklung der
großen Weltbörsen in London, Paris, Berlin usw. kam ein aller-
dings kaum zu vermeidender internationaler Zug in das Geschäfts-
wesen der europäischen Völker. Dieser internationale Zug ist jetzt,
man möchte fast sagen, zur volkswirtschaftlichen Dominante ge-
worden in der Weltwirtschaft durch Schaffung der internationalen
Trustsysteme; denn die Trusts, ob amerikanisch, deutsch oder englisch
in ihrem Ursprung, haben kein anderes Interesse und kein anderes
Verlangen, als die von ihnen produzierte Ware auf dem Weltmarkt
abzusetzen. Sie sind bloße Kapitalsinstitute, darauf bedacht, das
ihnen zu Gebote stehende Kapital entweder als solches oder in Form
von Waren in Umsatz zu halten. Bei ihnen zählt die Individualität
des Einzelnen nur soweit, als er ihnen behilflich ist, durch Geist,
Talent und Organisationsgabe diese Aufgabe möglichst gewinn-
bringend für die Trusts zu erfüllen. Von einer Rücksicht auf Nationa-
lität oder gar von einem idealen menschlichen Zuge, wie er früher
so vielen einzelnen Großkaufleuten eigen gewesen, ist bei ihnen
nicht die Rede. Sie suchen mit möglichst großem Nutzen, und wenn
es nicht mit Nutzen geht sogar mit Schaden ihre Produkte an den
Mann zu bringen, gleichviel ob der Industriezweig, den sie ver-
treten oder der Arbeiter, der bei ihnen beschäftigt ist, darunter leidet
oder nicht.

Wenn irgend jemand, so haben die Trusts mit ihren Begleit-
erscheinungen zum Wachsen der internationalen sozialistischen und
anarchistischen Bewegung beigetragen.

Darin aber liegt eine kaum zu überschätzende Gefahr für die
Entwicklung der Menschheit. Denn es kann nicht fehlen, daß die
gegen diese übermächtige täglich wachsende Massenansammlung
von Kapital in wenigen Händen und gegenüber der in diesen Massen-
ansammlungen von Kapital zur Erscheinung kommenden Organi-
        <pb n="19" />
        ﻿XVI

Einleitung.

sationen vor allem der Arbeiterstand sich zur Wehr setzt, soweit et
als solcher am meisten durch diese ungeheure Macht in seiner
menschenwürdigen Existenz sich bedroht sieht.

Es ist ja richtig, daß trotz der Ausdehnung des Maschinen-
wesens und der damit eng verbundenen Einschränkung des Ge-
brauches menschlicher Arbeitskräfte im allgemeinen die Lebens-
haltung des Arbeiterstandes sich während der letzten 50 Jahre außer-
ordentlich gehoben hat, aber man darf nicht vergessen, daß auch
die vollkommen berechtigten Ansprüche der Arbeiter für eine mensch-
liche Lebenshaltung, die ihnen in früheren Zeiten nur in sehr ge-
ringem Maße zuteil wurde, gestiegen, d. h. aus Sklaven und halb-
tierischen Wesen Menschen geworden sind. Viele mögen diese
Entwicklung bedauern, dennoch ist sie Tatsache und muß bei dem
Verhältnis von Kapital und Arbeit, Unternehmertum und Arbeiter-
schaft voll berücksichtigt werden, wenn die Menschheit nicht in
absehbarer Zeit ungeheuren und gewalttätigen Umwälzungen ent-
gegensehen soll.

Dies sind im wesentlichen die Gründe, welche mir Andrew
Carnegies in den nachfolgenden Seiten entwickelten Ansichten über
die Zukunft und die Bedeutung der Trusts als außerordentlich ge-
fährlich erscheinen lassen.

Ich möchte daher den Leser des Buches bitten, die darauf bezüg-
lichen Ausführungen mit möglichst kritischem Blicke zu lesen und
sich stets vor Augen zu halten, daß auch ein so großes volkswirt-
schaftliches und kaufmännisches Talent, wie Carnegie, in einzelnen
Punkten zu irren imstande ist. Der volkswirtschaftliche Forscher
tut gut, Carnegies Behauptungen trotz seiner ungeheuren wunder-
vollen kaufmännischen und organisatorischen Erfolge bedachtsam
nachzuprüfen.

In fast allen anderen großen volkswirtschaftlichen Fragen da-
gegen zeugen Carnegies Ausführungen nicht nur von großem prak-
tischen Wissen, sondern auch von weitumfassenden, alles durch-
dringenden volkswirtschaftlichen Ideen. Vor allem verweise ich auf
des Verfassers scharfsinnige Ausführungen über den Schutzzoll.
Auch sie müssen für uns Deutsche von ganz besonderem Inter-
esse sein.

München, im November 1913.

Dr. E. E. Lehmann.
        <pb n="20" />
        ﻿WWk

I.	Der Weg zum geschäftlichen Erfolg.

Ansprache an junge Kaufleute.

Es ist für junge Leute am vorteilhaftesten, von Grund auf zu
beginnen und beim Eintritt in ihre Laufbahn die denkbar unter-
geordnetste Stellung einzunehmen. Viele der heute in leitender
Stellung befindlichen Geschäftsleute mußten an der Schwelle ihrer
Laufbahn als erste ernste Pflicht eigenhändig mit dem Besen das
Geschäftslokal auskehren. Heutzutage haben wir Hausdiener und
Scheuerfrauen in unseren Geschäftsräumen, und unsere jungen Leute
lernen leider diesen heilsamen Zweig geschäftlicher Erziehung nicht
mehr kennen. Aber wenn der angestellte Aufräumer ausbleibt,
wird der Lehrling, weicher das Zeug zum zukünftigen Geschäfts-
teilhaber in sich hat, sicher selbst den Besen zur Hand nehmen.
Einst hörte ich eine standesbewußte Mutter einen jungen Mann;
fragen, ob er jemals eine andere junge Dame mit solcher Würde
ins Zimmer hineinfegen gesehen hätte, wie ihre Tochter. Der junge
Mann antwortete zur stolzen Genugtuung der Mutter der jungen
Dame: „Nein niemals,“ fügte jedoch nach einer kleinen Pause
hinzu: „Aber ich möchte noch lieber sehen, wie sie das Zimmer
ausfegt.“ Es schadet dem Neuling durchaus nichts, wenn er nötigen-
falls das Geschäftslokal ausfegt. Ich selbst habe das oft genug
getan, und wer, glauben Sie, waren meine Kameraden dabei?
David McCargo, jetzt Oberaufseher der Alleghany-Taleisenbahn,
Robert Pittcairn, Oberaufseher der Pennsylvania-Eisenbahn, und
Herr Morland, jetzt Anwalt der Stadt Pittsburg. Wir alle wechselten
beim Ausfegen einander ab.

Haben Sie erst eine Stellung erlangt, dann, rate ich Ihnen
allen, streben Sie nach dem Höchsten. Ich würde keinen Heller
für einen jungen Kaufmann geben, der sich nicht gleich von Anfang

Carnegie, Kaufmanns Herrschgewalt.	1
        <pb n="21" />
        ﻿2	I. Der Weg zum geschäftlichen Erfolg.

an als Teilnehmer einer großen Firma sähe. Lassen Sie sich in
Ihren Träumen auch nicht für einen Augenblick mit der Stellung
eines ersten Gehilfen, Vormanns oder Abteilungsvorstehers genü-
gen, möge das Geschäft auch noch so groß sein. Sagen Sie stets
zu sich selbst: Meine Stellung ist an der obersten Spitze! Seien
Sie König in Ihren Träumen. Geloben Sie sich selbst, diese Stellung
mit makellosem Rufe zu erreichen, und kümmern Sie sich weiter
um nichts, was Ihre Aufmerksamkeit von der Erlangung dieses
Zieles ablenken könnte, — abgesehen davon, daß Sie, sobald sie
Teilhaber der Firma geworden, oder zumindest zwei oder drei
Stufen höher geklommen sind, eine andere Teilhaberschaft ein-
gehen, mit der Liebenswürdigsten ihres Geschlechts, eine Teil-
haberschaft, auf welche die neuen Staatsgesetze über Teilhaber-
schaft keine Anwendung finden und deren Verbindlichkeit un-
begrenzt ist.

Lassen Sie mich zwei oder drei Hauptpunkte, die zum Geschäfts-
erfolg unerläßlich sind, erwähnen. Seien Sie unbesorgt, ich will
Ihnen keine Moralpredigt halten; ich spreche lediglich' als Ge-
schäfts- und Weltmann, der Ihnen zum geschäftlichen Erfolg zu
verhelfen wünscht. Sie alle wissen, wie jeder echte und preis-
würdige Erfolg von Ehrenhaftigkeit, Treue und Billigkeit abhängt;
ich nehme daher an, daß Sie alle entschlossen sind, sich' diese Eigen-
schaften zu erhalten und ein reines achtungswertes Leben zu
führen, fern von verderblicher Verbindung, weder mit dem einen,
noch mit dem anderen Geschlecht. Ohne dies gibt es keine hoff-
nungsreiche Zukunft, ja alle Ihre Kenntnisse würden im entgegen-
gesetzten Falle nur zu Ihrem Scheitern und Ihrer Schande beitragen.
So werden Sie es mir denn, hoffe ich, nicht übel nehmen, wenn
ich Sie vor drei hauptsächlichen Gefahren warne.

Die erste Gefahr ist verführerischer, als alle anderen und
meist der Ruin der jungen Leute; ich meine: spirituose Getränke.
Ich bin kein Mäßigkeitsapostel, sondern nur ein Mann, welcher
Ihnen seine Erfahrungen mitteilt, und muß dennoch sagen, daß die
Gefahr, durch Trunk Ihre Zukunft zu untergraben, größer ist,
als alle anderen Versuchungen zusammengenommen. Sie können!
allen anderen Versuchungen zeitweise unterliegen und doch wieder
hochkommen; in diesem Falle werden Sie, wenn auch das ver-
        <pb n="22" />
        ﻿Ansprache an junge Kaufleute.

3

lorene Terrain nicht leicht wieder erobern, so doch wenigstens mit
dem Strome schwimmen und sich eine angesehene Stellung sichern
und erhalten.

Von der einmal angewöhnten Trunksucht jedoch gibt es keine
Heilung, und es finden sich nur ganz wenige Ausnahmen von
dieser Regel. Also vor allem: trinken Sie keinerlei Sprituosen über
den Durst. Am besten ist es, überhaupt keine Spirituosen anzu-
rühren. Wenn Ihnen dies jedoch als zu hartes Gesetz erscheint,
dann nehmen Sie sich mindestens vor, nur zu den Mahlzeiten zu
trinken. Ein Glas zu Tisch wird weder Ihr Vorwärtskommen hin-
dern, noch Ihrer Lebenshaltung schaden, aber ich warne Sie drin-
gend, halten Sie es unter Ihrer Würde und Selbstachtung als
Gentleman, halten Sie es Ihrer Pflicht gegen sich selbst zuwider,
zuwider allen ihren Zukunftsplänen, Spirituosen am Schanktisch
eines öffentlichen Ausschankes zu trinken. Sie können Ihre Lauf-
bahn nicht für gesichert halten, wenn Sie von diesem Grundsatz
abweichen. Bleiben Sie diesem Grundsätze treu, und Sie sind der
Gefahr Ihres größten Todfeindes entronnen.

Die zweite nächstliegende Gefahr für einen jungen Kaufmann
besteht meines Erachtens im Spekulieren. Zur Zeit, da ich Tele-
graphist in Pittsburg war, hatten wir noch keine Börse in dieser
Stadt, dennoch waren die Männer, welche an auswärtigen Börsen
spekulierten, uns Telegraphisten wohl bekannt. Wir konnten sie
an den fünf Fingern unserer Hand herzählen. Diese Männer
standen als Bürger keineswegs im besten Ansehen. Man betrachtete
sie mit Mißtrauen. Sie endeten alle mit unaufhaltsamem Ruin,
als Bankerotteure in Geld und Charakter. Ich wüßte kaum einen
einzigen Mann, welcher durch Spekulieren ein Vermögen erworben
und behalten hätte. Spieler sterben gewöhnlich arm. Ich wüßte
keinen, auch nicht einen einzigen Spieler zu neben, der ein Leben
voller Selbstachtung oder vorteilhaft für die Gesamtheit geführt
hätte. Wer begierig nach den Morgenzeitungen greift, um nach-
zusehen, wie es mit seinen Spekulationen steht, macht sich selbst
zur ruhigen Überlegung und sachlichen Lösung der im Laufe
des Tages an ihn herantretenden geschäftlichen Probleme un-
fähig. Er untergräbt dadurch die Quellen jener ausdauernden und
zusammengefaßten Willenskraft, von der jeder dauernde Erfolg
        <pb n="23" />
        ﻿4	I. Der Weg zum geschäftlichen Erfolg.

und oft genug die dauernde Sicherheit seines hauptsächlichsten
Geschäftes abhängt. Der Spekulant und der Geschäftsmann be-
wegen sich auf zwei ganz verschiedenen Pfaden; jener hängt von
einer ganz plötzlichen Drehung des Glücksrades ab und ist heute
Millionär, morgen Bankerotteur. Dagegen weiß der reele Geschäfts-
mann, daß er nur durch jahrelange, geduldige und ununterbrochene
Geschäfstätigkeit seinen Lohn ernten kann. Dieser Lohn ist nicht
das Ergebnis des Spiels, sondern jahrelang richtig angewandter Ge-
schäftsmittel zur Erreichung seiner Zwecke. Niemals verläßt ihn
der Gedanke, daß er unmöglich sich selbst nützen kann, ohne zu-
gleich auch anderen zu nützen; dagegen hätte der Spekulant, so-
weit das Wohlergehen anderer in Betracht kommt, am besten gar
nicht existiert. Hunderte von jungen Leuten haben während der
letzten Jahre in Öl spekuliert; viele wurden dadurch völlig ruiniert;
alle ohne Ausnahme aber litten Schaden, ob sie gewannen oder
verloren. Wahrscheinlich, ja gewiß, wird die Versuchung an Sie
in ähnlicher Weise herantreten; alsdann, so hoffe ich1, werden Sie
sich jedoch der hier von mir gegebenen Lehre erinnern. Sagen
Sie dem Versucher, der Ihnen zumutet, Ihre kleinen Ersparnisse
auf solche Weise zu riskieren, Sie würden, wenn Sie spekulieren
wollten, zu einer richtigen, gut gehaltenen Spielbank gehen, wo
die Leute geradezu und ganz offen betrügen. Am Roulettetisch
haben Sie wenigstens die ehrliche Chance von schwarz und rot;
nicht so an der Börse. Noch etwas Anderes, Wesentliches wird
durch Spekulation gefährdet: Nichts ist wichtiger für einen jungen
Geschäftsmann, als ein unbeschädigter Kredit, gegründet auf seine
Klugheit, seine Grundsätze und seine Charakterfestigkeit. Glauben
Sie mir, nichts tötet den Kredit schneller als die Gewißheit, daß
Firmen oder Männer in Spekulationen verwickelt sind, ganz gleich-
gültig, ob diese Spekulationen Gewinn oder Verlust nach sich
ziehen. Von dem Augenblicke an, da man von einem Geschäfts-
mann weiß, daß er spekuliert, ist sein Kredit erschüttert und
sehr bald ganz und gar verloren. Wie kann man einem Manne
vertrauen, dessen Mittel in einer einzigen Stunde durch eine Panik
unter Spielern dahinschwinden können! Wer vermag zu sagen,
welche Beziehungen er zu den übrigen Spielern hat! Ist doch nur
eines gewiß: er steht in offener Gefahr, alles zu verlieren; daher
        <pb n="24" />
        ﻿Ansprache an junge Kaufleute.

5

haben die, welche ihm vertrauten, nur sich selbst Vorwürfe zu
machen. Seien Sie entschlossen, Geschäftsleute, niemals aber Spe-
kulanten zu werden!

Die dritte und letzte Gefahr, vor welcher ich Sie warnen möchte,
hat gar mache vielversprechende Kraft nach glücklich begonnener
Laufbahn Schiffbruch leiden lassen: Indossieren und Gefälligkeits-
akzepte. Diese Gefahr ist um so größer, als sie gewöhnlich in
Freundesgestalt erscheint. Sie wendet sich an Ihre edelmütigen
Instinkte, und Sie selbst sagen sich dann: „wie darf ich meinen
Namen zum Beistände eines Freundes verweigern?“ Gerade weil
so viel Empfehlenswertes in dieser Ansicht liegt, ist ihre tatsäch-
liche Befolgung sehr gefährlich. Lassen Sie mich Ihnen sichere
und ehrenhafte Verhaltungsmaßregeln für solchen Fall geben. Ich!
würde Ihnen an erster Stelle raten: indossieren Sie überhaupt nie-
mals, doch das ist zu viel gefordert, gleich dem Gebote, niemals
Wein anzurühren, niemals zu rauchen, oder gleich einem der vielen
anderen „Niemals“. Alle solche Gebote haben ihre Ausnahmen.
Als Geschäftsleute werden Sie zweifellos hin und wieder für Freunde
Bürgschaft leisten; dennoch gibt es eine Linie, bei der die Rück-
sicht auf den Erfolg eines Freundes aufhört, und die Rücksicht
auf die eigene Ehre beginnt. Wenn Sie selbst anderen schulden,
dann ist Ihr ganzes Kapital und übriges Vermögen ein feierlich
Anvertrautes, welches für die Sicherheit derer, die Ihnen vertraut
haben, unbelastet bleiben muß; Sie können, ohne Ihre Ehre preis-
zugeben, nichts tun, wodurch diese Ansprüche an Sie gefährdet
werden. Wenn ein Mann, der anderen schuldet, für andere Bürg-
schaft leistet, riskiert er nicht sowohl seinen eigenen Kredit und
sein eigenes Kapital, sondern das seiner Gläubiger. Er verletzt
ein Pfand. Merken Sie sich daher: bürgen Sie niemals, solange Sie
nicht Mittel besitzen, deren Sie für die Begleichung eigener Verbind-
lichkeiten nicht bedürfen, und bürgen Sie niemals über diese Mittel
hinaus.

Betrachten Sie überhaupt Bürgschaften als Geschenke. Fragen
Sie sich immer, ob Sie Ihrem Freunde ein Geschenk zu machen
wünschen, und ob das Geld wirklich Ihr eigen ist und nicht ein
Pfand für Ihre Gläubiger. Sie gehen selbst nie sicher, ohne an
diesem Grundsatz als ehrenhafte Geschäftsleute festzuhalten. Ich'
        <pb n="25" />
        ﻿6	I. Der Weg zum geschäftlichen Erfolg.

beschwöre Sie: vermeiden Sie Spirituosen, Spekulationen und Bürg-
schaften. Trunk und Spekulation sind die Scylla und Charibdis,
Bürgschaften die sichtbaren Klippen im geschäftlichen Meere für
einen jungen Mann.

Nachdem Sie gegen diese bedenklichsten drei Gefahren gefeit,
entsteht die Frage, wie Sie sich aus der von uns vorausgesetzten
untergeordneten Stellung nach und nach zu der Stellung empor-
arbeiten, für die Sie meiner und, wie ich hoffe, auch Ihrer Über-
zeugung nach geschaffen sind.

Ich kann Ihnen das Geheimnis in wenigen Worten verraten:
Anstatt zu fragen, was muß ich für meinen Prinzipal tun, fragen
Sie sich, was kann ich für ihn tun? Treue und gewissenhafte Er-
füllung der Ihnen obliegenden Pflichten ist ja gewiß recht gut, allein
dabei kommen Sie gewöhnlich zu dem Schlüsse, daß Sie diese so
wohl erfüllten Pflichten auch so weiter fort erfüllen sollen. Doch,
meine jungen Freunde, das reicht nicht aus, zumindest nicht für
den zukünftigen Geschäftsinhaber. Sie müssen mehr als das leisten.
Aus der eben bezeichneten Klasse kommen Gehilfen, Buchhalter,
Kassierer und Zähler für die Bank, doch sie bleiben in dieser
Stellung bis an ihr Lebensende. Der kommende Mann muß etwas
Besonderes leisten, über den Kreis seines Sonderdepartements hin-
aus. Er muß Aufmerksamkeit erregen. Ein Verladungsgehilfe mag
einen Fehler in einer Faktura entdecken, welcher der Aufmerksam-
keit des davon Betroffenen entgangen ist. Wenn er an der Wage
angestellt ist, mag er durch Zweifel an der Richtigkeit der Wage
und durch deren Verbesserung — obwohl dergleichen in der
Pflicht des Mechanikers liegt — seiner Firma Ersparungen machen.
Ja, sogar ein Botenjunge kann Veranlassung zu seinem Vorwärts-
kommen dadurch geben, daß er über seinen buchstäblichen Auf-
trag hinaus die gewünschte Antwort sichert. Jede Dienststellung,
sie sei noch so niedrig oder noch so hoch, ist für einen geschickten
und willigen jungen Mann geeignet, beinahe täglich zu zeigen,
daß er größeren Vertrauens und größerer Leistungen fähig ist, und
daß er, was von gleicher Wichtigkeit, den unbezwinglichen Willen
hat, höher zu steigen. Den einen oder anderen Tag werden Sie
sich verpflichtet fühlen, in Ihrem besonderen Kreise etwas zu
sagen oder zu tun, was — dessen sind Sie sich dabei selbst bewußt
        <pb n="26" />
        ﻿Ansprache an junge Kaufleute.

7

— dem Interesse der Firma scheinbar nachteilig ist. Dann ist
der rechte Augenblick gekommen: Sei fest, wie ein Mann und sag’
es, sag’ es dreist; gib Deine Gründe an und beweise Deinem Prin-
zipal, daß Du selbst, während seine eigenen Gedanken nach einer
anderen Richtung beschäftigt waren und er Dich vielleicht schlafend
glaubte, stundenlang über die Förderung seiner Interessen nach-
gedacht hast.

Du magst recht oder unrecht haben, in jedem Falle hast Du
die erste Bedingung größeren Erfolges erfüllt: Du hast Aufmerk-
samkeit erregt. Dadurch mußte sich Dein Prinzipal in jedem Falle
davon überzeugen, daß er Besseres als einen bezahlten Angestell-
ten, daß er einen Mann in Dir besitzt; nicht bloß jemanden, der
für so und so viel Lohn so und so viel Stunden Arbeit leistet,
sondern jemanden, der seine Mußestunden und seine Gedanken
beständig dem Geschäft widmet. Solch ein Angestellter bleibt dem
Prinzipal in Erinnerung und zwar in guter und freundlicher Er-
innerung. Es wird nicht lange dauern, so fragt man den jungen
Mann um seine Ansicht in dem ihm besonders zugeteilten Depar-
tement und ist diese Ansicht eine gesunde, dann wird man ihn gar
bald bei Dingen von umfassender Bedeutung zu Rate ziehen.

Dergleichen bedeutet bereits Teilhaberschaft, wenn nicht mit
seinem gegewärtigen Geschäftsherrn, doch sicher mit anderen. In
solchem Falle sind Sie bereits mit dem Fuße im Steigbügel. ,Wie
hoch Sie dann weiter steigen, das hängt ganz von Ihnen ab.

Oftmals hören Sie den falschen Grundsatz, gegen welchen ich
Ihnen rate, auf der Hut zu sein: Erfülle die Dir gegebene Order,
selbst auf Kosten Deines Geschäftsherrn. Folgen Sie dieser Regel
niemals, im Gegenteil erfüllen Sie die gegebene Order nicht, wenn
deren Nichterfüllung im Interesse des Prinzipals ist. Jeder
große Charakter hat bisher die hergebrachten Regeln über den
Haufen geworfen und neue Regeln für sich aufgestellt. Die bloße
Routine ist nur für Leute ohne Ehrgeiz, und Sie selbst haben ja
wohl nicht vergessen, daß Sie entschlossen sind, selbst Geschäfts-
herr zu werden; das will eben sagen, Regeln zu brechen und
neue Regeln aufzustellen. Zögern Sie niemals, das zu tun, was Sie
im Interesse Ihres Geschäfts für richtig halten, und wenn Sie
des Ergebnisses vollkommen sicher sind, die Verantwortung dafür
        <pb n="27" />
        ﻿8	I. Der Weg zum geschäftlichen Erfolg.

zu übernehmen. Niemals werden Sie Teilhaber werden, es sei
denn, daß Sie das Geschäft in der Ihnen zugewiesenen Abteilung
besser verstehen, als Ihr Prinzipal es möglicherweise verstehen kann.
Werden Sie für Ihr selbständiges Handeln zur Rechenschaft gezogen,
so zeigen Sie dem Prinzipal den Erfolg Ihrer Ansicht und sagen
ihm, daß Sie diesen Erfolg vorausgesehen. Beweisen Sie ihm, wie
falsch die Ihnen gegebene Order war, meistern Sie Ihren Meister,
sobald Sie es nur immer können; versuchen Sie es so früh wie nur
immer möglich. Nichts wird ihm lieber sein, wenn er der rechte
Meister. Ist er es nicht, dann ist er auch nicht der rechte Mann für
Sie. In diesem Falle verlassen Sie ihn sobald wie möglich, selbst
wenn Sie ein augenblickliches Opfer bringen müßten. Suchen Sie
sich einen anderen, der Begabung zu schätzen weiß. Unsere jün-
geren Teilhaber in der Firma Carnegie haben sich ihre Sporen da-
durch verdient, daß sie uns zeigten, wie wir nicht halb so gut
wüßten, was not tat, wie sie. Einige unter ihnen sind gelegentlich
so mit mir umgesprungen, als wäre nicht ich, sondern als wären
sie Eigentümer der Firma und ich selbst nur so ein luftiger Neu-
yorker, der sich anmaßte, über Dinge zu bestimmen, von denen
er nur sehr wenig versteht. Nun, sie haben jetzt nur selten
Einspruch zu fürchten, denn sie waren die rechten Männer; gerade
die Männer, die wir begehrten. Ein sicheres Merkzeichen für den
kommenden Teilhaber, den zukünftigen Millionär zeigt sich darin,
daß seine Einnahmen stets seine Ausgaben übersteigen. Er beginnt
mit Sparen fast an dem gleichen Tage, da er zu verdienen anfängt.
Ganz gleichgültig, wie wenig Sie sparen, in jedem Falle sparen
Sie dies Wenige. Legen Sie es sicher an, durchaus nicht immer in
Staatspapieren, wohl aber in irgend etwas, was nach Ihrer Ansicht
gewinnbringend ist; doch spielen Sie niemals mit Ihren Erspar-
nissen. Bald wird sich eine seltene Gelegenheit zur Anlage bieten.
Selbst geringe Ersparnisse werden die Grundlagen für einen Kredit
werden, dessen Höhe Sie überraschen dürfte. Kapitalisten haben
zu einem jungen Mann, der spart, Zutrauen. Für jedes Hundert
sauer ersparten Geldes wird Midas, immer auf der Suche nach
tüchtigen Compagnons, Ihnen Tausende leihen. Für jedes Tau-
send, fünfzig Tausend. Nicht Kapital, sondern der Mann, welcher
den Beweis erbracht hat, daß er Kapital erzeugende Fähigkeiten
        <pb n="28" />
        ﻿Ansprache an junge Kaufleute.

9

besitzt, wird von älteren Kapitalisten gesucht; der Mann der
soweit Selbstdisziplin in Frage kommt, Kapital auf dem besten
aller möglichen Wege, dem des Sparens, zu erwerben versteht.
Das zuerst ersparte Hundert zeigt den rechten Mann; deshalb be-
ginnen Sie sofort damit, etwas beiseite zu legen. Bienengleiches
Einheimsen verrät den zukünftigen Millionär. Selbstverständlich
gibt es höhere Ziele denn Geldsparen. Als Endzweck betrachtet
ist das Ansammeln von Reichtümern ganz und gar unedel. Ich
setze aber voraus, daß Sie sparen und nach Reichtümern trachten,
um sich besser in den Stand zu setzen, während Ihres Lebens für
Ihre Mitmenschen Gutes tun zu können. Vor allem machen Sie es
sich zur Regel, Ausgaben stets innerhalb der Einnahmen zu halten.
Sie mögen manchmal ungeduldig werden oder sich entmutigt fühlen,
wenn Sie sich selbst Jahr für Jahr in untergeordneter Stellung
sehen. Ohne Zweifel: für einen jungen Mann ohne Kapital wird
es täglich schwieriger, vorwärts zu kommen, da das Geschäft
sich mehr und mehr dem Großbetriebe zuwendet; zumal hier in
Pittsburg, wo großes Kapital eine Hauptrolle spielt, ist es außer-
gewöhnlich schwierig. Dennoch kann ich zu Ihrer Ermutigung
sagen, daß in keinem anderen Lande energische, junge Männer
schneller in die Höhe kommen als in Amerika. Beispielsweise
ist es hier in Pittsburg unmöglich, eine genügende Anzahl erst-
klassiger Buchhalter zu finden, und die Nachfrage nach solchen
überstieg bisher immer das Angebot.

Junge Leute suchen allerhand Gründe herbei, die in ihrem
besonderen Falle jeden Erfolg unmöglich gemacht haben sollen.
Einzelne hatten, wenn man ihnen glauben dürfte, niemals Glück.
Das ist einfach Unsinn. Es gibt keinen jungen Mann, der niemals
eine Chance und dazu eine außerordentlich gute Chance gehabt
hätte, sobald er nur erst in Stellung war. Hier wird er von dem
läge an, da er seine Arbeit beginnt, auf die Probe gestellt. Der
Tüchtige wird nach einiger Zeit in dem Beratungszimmer der
Firma erprobt, seine Geschicklichkeit, Ehrenhaftigkeit, seine Ge-
wohnheiten und Verwendung, sein Temperament und sein Cha-
rakter, all das fällt ins Gewicht und wird analysiert. Der junge
Mann ohne Chance ist identisch mit dem jungen Mann, der — von
seinen Vorgesetzten geprüft — notwendiger Eigenschaften immer
        <pb n="29" />
        ﻿10	I. Der Weg zum geschäftlichen Erfolg.

bar oder intimerer Beziehungen zur Firma unwürdig befunden
wurde, infolge tadelhafter Handlungen, Gewohnheiten oder Ver-
bindungen von denen er voraussetzte, sie seien seinem Prinzipal
unbekannt. Eine andere Klasse junger Leute schreibt ihren Miß-
erfolg dem Umstand zu, daß ihr Prinzipal Verwandte oder Günst-
linge habe, welche er ungerechtfertigterweise bevorzugt. Neben-
bei machen sie geltend, daß ihre Arbeitgeber höhere Intelligenzen
als ihre eigene nicht leiden mögen und alles tun, um junge Talente
zu entmutigen und junge Männer niederzuhalten. All das ist leeres
Gerede. Gerade das Gegenteil ist der Fall. Niemand leidet so
sehr durch den Mangel an rechten Männern am rechten Platze
und niemand gibt sich so große Mühe, solche Männer zu finden,
wie der Geschäftsherr. Beispielsweise findet man in ganz Pitts-
burg keine einzige Firma, die nicht fortwährend auf der Suche
nach geschäftlicher Tüchtigkeit wäre. Jede Firma wird Ihnen er-
klären, daß kein anderer Artikel so gesucht ist, wie dieser. Gehirn-
kraft steht immer hoch im Preise. Kultivieren §ie dieselbe; hier
ist der beste Markt dafür, Sie können nicht genug davon
erzeugen. Mit der Masse verkäuflicher Gehirnkraft wächst auch
ihr Preis. Gehirnkraft ist selbstverständlich ihrer Ernte nicht so
sicher wie wilder Hafer, der stets eine wundervolle Ernte zeitigt,
dagegen ist sie stets sicher, einen offenen Markt für sich zu finden.
Zögern Sie nicht in irgendein ordentliches Geschäft einzutreten.
Bei uns in Amerika gibt es kein anständiges Geschäft, welches bei
ununterbrochener ausschließlicher Aufmerksamkeit nicht einen guten
Gewinn neben dem Kapital für die Fähigen und Fleißigen ab-
werfen würde. Jedes Geschäft hat seinen Höhepunkt und seine
stille Zeit. Immer wieder kommen Jahre, in denen Kaufleute
und Fabrikanten arg bedrängt sind. Jahre, in denen der Betrieb
im Gange gehalten werden muß, nicht nur ohne Gewinn, sondern
sogar mit Verlust, damit Organisation und Angestellte beisammen
bleiben, und der Betrieb seine Erzeugnisse auf dem Markte erhalte.
Andrerseits muß jedes ehrliche Geschäft, welches gesuchte Artikel
erzeugt oder damit handelt, einen guten Vorteil abwerfen, sobald
es richtig gehandhabt wird.

Und hier liegt die erste Bedingung zum Erfolg, das große Ge-
heimnis: Konzentrieren Sie alle Ihre Kraft, all Ihre Gedanken
        <pb n="30" />
        ﻿Ansprache an junge Kaufleute.

11

und all Ihre Kapitalien ausschließlich auf das Geschäft, dem Sie
sich gewidmet haben. Sind Sie einmal auf einem bestimmten Felde
tätig, so halten Sie an Ihrem Entschluß, den Kampf auf diesem
Felde aufzunehmen, bis Sie zu den Ersten darin gehören, fest.
Greifen Sie jede Verbesserung auf, führen Sie die besten Maschinen
ein, und verschaffen Sie sich darin soviel Kenntnisse wie nur immer
möglich. Die Betriebe bleiben gewöhnlich erfolglos, welche ihre
Kapitalskraft zersplittern und damit auch ihre leitende Geisteskraft.
Man macht Anlagen in diesem und jenem, hier und dort, kurz
überall. Der Grundsatz: wage nicht alles auf eine Karte, ist ganz
und gar falsch. Ich sage Ihnen: tun Sie alles in ein und denselben
Topf und wachen Sie über diesen Topf. Blicken Sie um sich?
Männer, die so handeln, sind selten erfolglos. Es ist leicht, über
einen Topf zu wachen und diesen einen zu tragen, aber es ist
schwer über mehrere Töpfe zu gleicher Zeit zu wachen und sie zu
gleicher Zeit zu tragen. Wer drei Töpfe zu gleicher Zeit tragen will,
muß notwendigerweise einen Topf auf seinem Kopfe balancieren.
Die Gefahr, daß der Topf fällt, ist daher sehr groß. Ein Hauptfehler
amerikanischer Geschäftsleute ist Mangel an Konzentration.

Also, um das Gesagte kurz noch einmal zusammenzufassen:
Strebe nach dem Höchsten; betritt niemals einen öffentlichen Aus-
schank; trinke keine Spirituosen oder höchstens bloß zu den Mahl-
zeiten; spekuliere niemals und übernimm Bürgschaften niemals
höher, als Deine freie Kasse; mache die Interessen Deiner Firma
zu Deinen eigenen; kehre Dich nicht an die hergebrachte Routine,
sobald es im Interesse Deines Prinzipals liegt; konzentriere Deine
Kräfte, tu alles was Du hast, in einen einzigen Topf und wache
über den Topf; Ausgaben stets geringer als Einnahmen und end-
lich, verliere die Geduld nicht, denn wie Emerson sagt: „Niemand
kann Dich um Deinen endgültigen Erfolg betrügen, wenn nicht Du
selbst.“ Ich beglückünsche diejenigen Leute, die arm geboren sind,
weil Armut sie zwingt, hart zu arbeiten. Ein Korb voller Staats-
papiere ist der schwerste Korb für einen jungen Mann. Gewöhn-
lich wird er unter solcher Last wanken. Wir finden zwar in Pitts-
burg Beispiele reicher junger Leute, die sich zu den ersten Stellen
emporgearbeitet haben und unter die nützlichsten unserer Mitbürger
zählen. Sie verdienen dafür jedes Lob; dennoch', die überwiegende
        <pb n="31" />
        ﻿12	I. Der Weg zum geschäftlichen Erfolg.

Mehrzahl reicher Leute hat nicht die Kraft, den Versuchungen
des Reichtums zu widerstehen; sie sinken daher zu einem un-
würdigen Leben herab. Ich würde lieber einem jungen Mann
meinen Fluch hinterlassen, als ihn mit dem allmächtigen Mammon
beladen. Nicht aus dieser Klasse werden Ihnen Ihre Nebenbuhler
erwachsen; der Sohn des Geschäftsinhabers dürfte Ihnen selten
viel zu raten aufgeben; haben Sie dagegen wohl acht, daß nicht
ein paar arme, ganz arme Jungen, viel ärmer als Sie selbst, denen
ihre Eltern keine Erziehung geben konnten, Sie von vornherein
durch ihre Leistungen herausfordern, und zuletzt am Ziel über-
holen. Geben Sie acht auf den Jungen, welcher direkt von der
Elementarschule ins Geschäft tritt und damit beginnt, das Comptoir
auszufegen: Er ist höchstwahrscheinlich der Renner, mit dem Sie
am härtesten um den Vorrang zu kämpfen haben.

V V V
V V
V
        <pb n="32" />
        ﻿II.	Des Geldes ABC.')

Jeder, glaube ich, der sich durch Wort oder Schrift an die
Öffentlichkeit wendet, hat zeitweise den Wunsch, sein Publikum
möge alles andere beiseite lassen und ihm allein für wenige,
Minuten seine Aufmerksamkeit schenken. Auch ich habe augen-
blicklich diesen Wunsch, denn ich fürchte, unser Volk und unser
Land Amerika wird von einem großen Unglück bedroht, weil die
Mehrheit der Landwirte und der Lohnempfänger die Frage des
Geldes durchaus nicht versteht. Ich will deshalb für das, was Geld
eigentlich ist, eine einfache Erklärung geben, damit jedermann
imstande sei, es zu verstehen.

Vielleicht wird der eine oder der andere, den ich unter meinem
Einfluß zu halten wünsche, ausrufen: „Wer bist du? eine Gold-
wanze, ein Millionär, ein Eisenbaron, ein Wohltatenempfänger des
McKinleygesetzes?“ Man gestatte mir deshalb die Antwort, daß
ich seit vielen Jahren auch nicht nur 1000 Dollars in Gold gesehen
habe. Was das McKinleygesetz angeht — nun, ich bin vielleicht
der einzige Mann in den Vereinigten Staaten, der sich mit vollem
Rechte über dieses Gesetz beklagen könnte; hat es doch die Zölle
auf Eisen und Stahl um 20, 25, ja 30% herabgesetzt. Trotzdem
aber mißbillige ich — die Wahrheit zu sagen — diese Verminderung
der Eingangszölle nicht allzusehr, denn als amerikanischer Industri-
eller beabsichtige ich, auch jetzt noch, nachdem die genannte Bill
die Eingangszölle nicht, allzusehr auf unser Produkt herabgesetzt
hat, auf dem einheimischen Markt gegen das ausländische Fabri-
kat anzukämpfen; ich bin überhaupt nicht für den Schutzzoll, so-
lange wir Amerikaner imstande bleiben, unseren eigenen Markt
im ehrlichen Wettstreit mit den Ausländern uns zu erhalten.

1) Veröffentlicht zuerst 1891.
        <pb n="33" />
        ﻿^KsaSSäHSSSlllS

BOHMI

14

II. Des Geldes ABC.

Ganz gleichgültig, was wir sind — Bergwerkarbeiter, Fabrik-
arbeiter, Feldarbeiter, Landwirte, Handarbeiter, Kaufleute, Fabri-
kanten oder Millionäre — jeder von uns hat das größte Interesse, die
Frage des Geldes, sowie deren kluge Behandlung zu verstehen.
Ich bitte deshalb Sie alle, mir Ihre Aufmerksamkeit zu schenken,
denn was für den einen Arbeiter gut ist, ist auch gut für den
anderen; und was den einen schädigt, muß auch den anderem
schädigen, mag er arm oder reich sein.

Um der Sache auf den Grund zu gehen, müssen wir zunächst
wissen, warum Geld eigentlich existiert; und dann, was Geld
eigentlich ist. Ich1 will mit Rücksicht auf einen neu erschlossenen
Teil unseres modernen Amerika auseinander zu setzen versuchen,
wie „Geld“ entsteht. In vergangenen Zeiten, da die Menschen nur
als Bodenbebauer lebten, und Handel und Gewerbe noch nicht ent-
wickelt waren, hatten sie auch nur wenige Bedürfnisse; damals
wurde alles ohne Geld, durch bloßen Austausch der Güter bewerk-
stelligt. Der Landwirt, der ein Paar Schuhe brauchte, gab so und so
viel Korn für die Schuhe, und seine Frau kaufte ihren gegen die
Sonne schützenden Hut für so und so viele Kartoffeln; auf diese
Weise kam aller Kauf und Verkauf zustande — also durch Tausch-
handel. Mit dem Wachsen der Bevölkerung und der Verviel-
fältigung der Bedürfnisse wurde bloßer Tauschhandel immer un-
bequemer. Daher legte der eine oder andere in dem betreffen-
den Bezirke ein Warenlager an, in welchem die meistnötigen
Artikel zu haben waren, und nahm dafür Waren in Austausch, die
der Landwirt abgeben konnte. Darin zeigte sich bereits ein großer
Fortschritt; denn der Landwirt, der, wenn er ins Dorf kam, Dutzend
verschiedenartige Dinge verlangte, brauchte nicht mehr länger nach1
einem halben Dutzend verschiedener Leute auszuschauen, die einen
oder mehrere der Artikel gegen solche, die er selbst besaß, einzu-
tauschen bereit waren. Er konnte jetzt alles bei ein und demselben
Mann, dem Ladeninhaber, bekommen; bei diesem tauschte er jetzt
für seine landwirtschaftlichen Erzeugnisse das meiste von dem,
was er selbst brauchte, ein. Dabei war es für den Ladeninhaber
ganz gleichgültig, ob er dem Ackerbauer Tee oder Kaffee, Bett-
decken oder einen Hausrechen gab; ebenso machte es nicht den
geringsten Unterschied, welche Artikel er von dem Ackerbauer
        <pb n="34" />
        ﻿Tauschhandel.

15

nahm: ob Weizen, Roggen oder Kartoffeln, da er alle diese Ar-
tikel in die Stadt sandte und seine eigenen Bedürfnisse damit
decken konnte. Der Landwirt vermochte sogar die Löhne seiner
Arbeiter in Anweisungen für Artikel bei dem Ladeninhaber zu
zahlen. Wie man sieht, erscheint bis dahin noch kein Geld. Aus-
tausch von Artikeln ist alles. Das ganze System ist sehr unge-
schickt und kostspielig, da die in Tausch gegebenen landwirt-
schaftlichen Artikel hin und her geschleppt wurden und ihren
Wert stets wechselten.

Heute ist der Ladeninhaber bereit, sagen wir, einen Scheffel
Weizen für so und so viele Pfund Zucker einzutauschen, morgen
oder bei einem folgenden Besuch des Landwirts ist es ihm viel-
leicht nicht mehr möglich, ein Gleiches zu tun; er fordert vielleicht
eine größere Quantität Weizen für dieselbe Quantität Zucker.
Andrerseits wird der Ladeninhaber, wenn der Weizenmarkt steigt,
nicht weniger Weizen verlangen als zur Zeit, da der Weizen billiger
war. Und ganz dasselbe zeigt sich bei allen Artikeln, die der
Ackerbauer anbieten kann. Sie alle steigen im Wert, geradeso
wie Tee und Kaffee, Zucker und Kleidungsstücke, Stiefel und
Schuhe, was alles der Ladeninhaber zum Tausche bereit hält.

Es braucht nicht besonders hervorgehoben zu werden, daß;
bei all solchem Tauschhandel der Ladeninhaber einen Vorteil über
den Ackerbauer besitzt. Er kennt die Marktpreise sowie deren
Steigen und Fallen lange vor dem Ackerbauer, und er versteht
sich auf die Zeichen der Zeit besser als irgendeiner seiner Kunden.
Der gerissene Ladeninhaber hat immer die beste Geschäftskenntnis.
Ich möchte gerade hier darauf besonders aufmerksam machen, daß
der Ladeninhaber selbstverständlich einen landwirtschaftlichen Ar-
tikel dem anderen vorzieht. Dieser Artikel wird stets der sein, für
welchen der Ladeninhaber die besten Abnehmer hat, also das
Meistverlangte. In den einzelnen Teilen des Landes wurden ver-
schiedene Artikel als „Geld' besonders geeignet gefunden. Weizen
war, um als Geld benutzt zu werden, ebenso gut wie Weizen über-
haupt, unabhängig von jeder gesetzlichen Vorschrift. Das Volk
hatte sich für Weizen entschieden und erhob Weizen zu Geld.
Weil Tabak die hauptsächlichste Frucht in Virginien war, hielt
es das Volk für das beste, dem Tabak den Charakter des Geldes
        <pb n="35" />
        ﻿16

II. Des Geldes ABC.

für das Land Virginien zu verleihen. Man beachte wohl, daß in
all diesen Fällen die menschliche Gesellschaft dasjenige Geld
nennt, was den wenigsten Preisveränderungen ausgesetzt ist, also
den am meisten gebrauchten und gewünschten Artikel. Was
dauernd und allgemein verlangt wird, trägt seinen Wert in sich
selbst. Geld ist nur ein Name für den Artikel, der dem Austausch
mit allen anderen Artikeln zugrunde gelegt wird. Ein Artikel wird
nicht erst durch Gesetz wertvoll und daraufhin als Geld gewählt,
vielmehr zeigt sich der Artikel zunächst an sich wertvoll und am
besten zu solchem Zwecke geeignet und wird so durch sich selbst
der überall zugrunde gelegte Artikel — Geld. Er erwählt sozu-
sagen sich selbst dazu. Weizen und Tabak waren als allem anderen
zugrunde gelegte Artikel gerade so gut Geld, wie heute Gold und
Silber Geld sind.

Gehen wir einen Schritt weiter. — Das Land wird mehr und
mehr bevölkert; die Bedürfnisse des Volkes werden immer zahl-
reicher und zahlreicher. Der Gebrauch von Weizen und Tabak
als Geld wechselt im Wert, weil beide Artikel der Zerstörung aus-
gesetzt und dabei von verschiedener Güte sind; sie werden des-
halb für das wechselnde Tauschgeschäft bald zu beschwerlich be-
funden und eignen sich dann nicht mehr dazu, als Geld gebraucht
zu werden. Jedermann sieht ohne weiteres ein, daß wir nicht mehr
Getreide anstatt des Geldes verwenden könnten. Die Metalle zeigten
ihre Vorzüge; sie sind nicht so leicht zerstörbar, ändern nicht so
schnell ihren Wert und teilen mit Weizen und Tabak die wesent-
liche Eigenschaft, daß sie auch an sich, für andere Zwecke als
den bloßen Tauschhandel, Wert besitzen. Die Menschen begehren
ihrer zu persönlichem Schmuck, in Fabriken oder in den Künsten,
kurz zu tausend Zwecken; gerade das macht Metalle für uns als
Geld empfehlenswert. Man vergegenwärtige sich nur einmal, für
wieviel verschiedene Zwecke Gold gebraucht wird, weil es eben
für sie am besten geeignet ist. Wir begegnen Gold überall. Nicht
einmal heiraten können wir ohne den Ring von Gold.

Da die Metalle noch zu anderen Zwecken denn als Geld be-
nutzt werden und weil ihre Zufuhr beschränkt ist und nicht so
leicht vermehrt werden kann, wie die Zufuhr von Weizen oder
Tabak: so haben sie stets einen Wert auf offenen Märkten und
        <pb n="36" />
        ﻿Direkter Warenaustausch.

17

sind auch viel weniger dem Wertwechsel ausgesetzt, denn irgendein
anderer als Geld gebrauchter Artikel. Das ist von entscheidenster
Wichtigkeit, da die erste und hauptsächlichste Eigenschaft des
Artikels, welchen wir als Tauschwert für alle anderen Artikel
brauchen, sein feststehender Wert ist. Die menschliche Rasse war
von jeher instinktiv auf der Suche nach einem Artikel, der am
meisten dem Nordstern unter den Himmelsgestirnen gleicht, um
als Geld benutzt zu werden — auf der Suche nach jenem Artikel,
der in seinem Werte am beständigsten bleibt und geradeso wie
der Nordstern unter den Himmelsgestirnen am wenigsten seine
Wertstellung ändert. Was der Nordstern am weiten Himmels-
gewölbe bedeutet, das ist der vom Volke als Geld erwählte Artikel
im weiten Bereiche aller übrigen Artikel. Wir sind jetzt soweit
vorgeschritten, daß wir die zerstörbaren Artikel fallen gelassen und
die Metalle als unser Geld erwählt haben, oder, genauer gesprochen:
Metalle haben sich zum Gebrauch als Geld vorteilhafter ausge-
wiesen, denn irgend etwas anderes. Als ich in China war, erhielt
ich als Austauschmittel Abfälle und Schnitzel aus einem Silber-
barren herausgeschnitten, die vor meinen Augen auf der Wage
des Kaufmanns abgewogen wurden; denn die Chinesen haben kein
geprägtes Geld. In Siam zahlt man mit einer hübschen Art kleiner
Muscheln, die die Eingeborenen als Schmucksache benutzten. Ein
Dutzend hat den Wert von einem Cent (= 4 d.). Man wird nun
leicht begreifen, wie unmöglich es mir war, den chinesischen
Händler daran zu hindern, daß er mir weniger Silber gab, als ich
zu fordern hatte, oder auch den siamesischen Händler, mir wertlose
Muscheln zu geben, da ich davon nichts verstand. Zivilisierte Na-
tionen überzeugten sich sehr bald, wie notwendig es war, daß ihre
Regierungen auf eine bestimmte Masse von Metall ihren Stempel
drückten, als Garantie für richtiges Gewicht, Reinheit und vollen
Wert. So entstand die Prägung der Metalle und Geld — ein
großer Fortschritt. Jeder erkannte nun durch bloßes Sehen den
wirklichen Wert jedes Münzstückes; er konnte also nicht länger
betrogen werden, da wägen und prüfen überflüssig geworden.
Wohlverstanden, die Prägung der Münze erhöhte keineswegs ihren
Wert an sich. Die Regierungen haben auch nicht die Absicht, aus
nichts Geld zu machen; sie lassen durch ihren Stempel nur jeder-
Carnegie, Kaufmanns Herrschgewalt.	2
        <pb n="37" />
        ﻿18

II. Des Geldes ABC.

mann wissen, wie hoch' der Marktwert des Metalles in jedem
Münzstücke also der Marktwert des Rohmaterials — nicht etwa
der Wert des Metalles als Geldstück — ist.

Doch selbst jetzt wurde vielerlei Schwindel getrieben; Ha-
lunken beschnitten die Ecken der Geldstücke und boten sie dann,
nachdem die Münzen auf diese Weise sehr leicht geworden, aus.
Ein begabter Franzose erfand die Rundung der Münzecken; da-
durch wurde diese Räuberei unmöglich gemacht, und zivilisierte
Völker hatten endlich die Münzung, welche bis auf den heutigen
Tag im Gebrauch ist. Es ist die beste bisher bekannt gewordene
Münzung, weil sie, in sich selbst von hohem Wert, sich am we-
nigsten verändert. Zum Gebrauch als Geld ist eben der Artikel
von idealer Vollendung, welcher durchaus unverändert bleibt.
Darin liegt der sicherste Schutz für alle Arbeiter, Landwirte, Me-
chaniker usw., denn nichts trägt so sehr dazu bei, jeden Austausch
von Artikeln zu einer bloßen Spekulation zu machen, als Geld,
dessen Wert der Veränderung unterliegt. Im Spekulationsspiel
darf die große Menge sicher sein, immer von denen übervorteilt
zu werden, die mit Geld handeln und das meiste von Geld ver-
stehen. Nichts ist für den Ackerbauer, den Lohnarbeiter und für
alle die, welche mit Finanzsachen nicht vollkommen vertraut sind,
bei Abgabe ihrer Erzeugnisse unangenehmer als wertwechselndes
Geld. Sie alle befinden sich in derselben Lage, wie ich sie vorhin
zwischen Ackerbauer und Ladeninhaber geschildert. Wir alle
wissen, daß Fische nicht bei stillem Wasser ihrer Beute nachsteigen;
nur bei Wind und aufgeregtem Wasser hält das arme Opfer den
Köder für wirkliche Beute. Geradeso geht es in der Welt mit
geschäftlichen Dingen. In stürmischen Zeiten, wenn die Preise
auf und nieder steigen, und wenn der als Geld gebrauchte Artikel
auf und nieder tanzt — heute hoch und morgen niedrig steht —
fängt der gewiegte Spekulant den Fisch und füllt seinen Korb mit
seinen Opfern. Daher sind Ackerbauer und Mechaniker, kurz alle
— mögen sie eigene Erzeugnisse zu verkaufen haben oder Gehälter
und Löhne beziehen — am meisten an der Sicherheit oder Un-
veränderlichkeit des Wertes, den sie als Geld annehmen, beteiligt
Sehr bald fand man bei dem Gebrauch der Metalle als Geld, zur
Deckung aller Nachfrage, mehr als zwei Sorten von Metallen not-
        <pb n="38" />
        ﻿Geldmangel und Geldgebrauch.

19

wendig. Es wäre nicht weise, eine Goldmünze kleiner als im Werte
eines Dollars zu prägen, denn solche Münzen müßten zu winzig
ausfallen; ebenso wäre Silber in höherem Betrag als dem eines
Dollars unbequem, weil das Münzstück zu groß ausfallen würde.
Wir hatten daher weniger wertvolles Metall für kleine Summen zu
gebrauchen und nahmen also zunächst Silber; doch bald stellte
sich’s heraus, daß wir auch Silber für kleinere als 10 Centstücke
nicht verwenden konnten, denn der Dime1) ist die in Silber kleinst-
mögliche Münze. Daher sahen wir uns gezwungen, für noch
kleinere Werte ein anderes Metall zu benutzen, ein Metall von
noch geringerem Werte als Silber. So bedienten wir uns, um
Fünfcentstücke zu schlagen, eines Gemisches von Nickel und
Kupfer; wieder zeigte sich's bald, daß sogar Nickel für Ein- oder
Zweicentstücke zu wertvoll, und so blieb uns für die Prägung
dieser kleinsten Stücke nur Kupfer übrig — alles in dem Bemühen,
jeder Münzsorte den Metallwert möglichst dem von der Regierung
ihr zugeschriebenen Werte entsprechend zu geben. Wir bestrebten
uns daher, in ein Centstück ein Stück Kupfer im Werte eines Cent
und in ein Nickelstück soviel Nickel und Kupfer, als einem 5 Cent-
stück entspricht, hineinzutun; da jedoch Nickel und Kupfer einem
täglichen Wertwechsel noch mehr als Silber unterworfen sind, so
ist es unmöglich, jeder Münze den vollen Metallwert zu geben.
Wenn wir hineintun, was an einem bestimmten Tage dem vollen
Metallwert gleichkommt, und Nickel, Kupfer und Silber dann auf
dem Metallmarkt im Preise steigen, so würden die, welche mit
solchen Metallen handeln, die Münzen einschmelzen und dabei
ihren Gewinn machen; folgerichtig ständen wir in solchen Fällen
sehr bald ganz ohne solche Münzen da. Deshalb müssen wir stets
etwas weniger Metall für diese Art Münzen verwenden, damit sie
nicht für den vollen Metallwert, den sie vorstellen, verkauft werden
können. Aus diesem Grunde werden alle solche kleinen Münzen
in der Geschichte des Geldes „Zeichen- oder Scheidemünzen“ ge-
nannt. Sie gelten als ein Zeichen, welches besagt, daß man dafür
so und so viel Gold erhalten kann. Jeder Besitzer von zwanzig
Nickeln muß zum Empfange von einem Golddollar berechtigt sein,

J) Dime (10 Cents = 40 Pf.).
        <pb n="39" />
        ﻿20

II. Des Geldes ABC.

damit diese „Zeichen- oder Scheidemünzen“ ihren Zweck als Geld
zu erfüllen vermögen. Im allgemeinen setzen die Völker eine be-
stimmte Grenze für Benutzung der Scheidemünzen fest und rechnen
sie für geringere Beträge zu gesetzlichen Zahlungsmitteln um.
Beispielsweise ist in Großbritannien niemand verpflichtet, für mehr
als zehn Dollar — 40 sh oder £ 2 — Scheidemünzen zu nehmen.
Alle Silbermünzen werden in England als Scheidemünzen angesehen.

Damit ist die Entwicklung dessen, was Geld ist, abgeschlossen,
denn die gemünzten und geprägten Metallstücke kennzeichnen
seine höchste Vollendung. Indessen habe ich noch' einige Bemer-
kungen über diesen Punkt hinzuzufügen.

Obgleich man denken könnte, daß wir in den geprägten Münz-
stücken eine absolute Vollendung erreicht haben, und daß die
Massen nunmehr in dem, was für ihr Wohlergehen so wesentlich
ist — nämlich: vollgültiges Geld — nicht weiter betrogen werden
können, so wurde doch selbst trotz des geprägten Goldes ein Weg
ausfindig gemacht, das Publikum zu betrügen. Die Scheidemünzen
wurden häufig von bedürftigen Regierungen nach erschöpfenden
Kriegen oder Pestilenz herabgesetzt, wenn Völker entweder zu
schwach oder zu arm waren, um sich von ihren Mißgeschicken
gleich wieder zu erholen. Eine Münze wird dann eine „herab-
gesetzte Münze“ genannt, wenn sie auf dem Markt nicht genug
Metallwert hat, um die darauf durch Prägung angegebene Summe
einzubringen. Dieses Verfahren, das einfach die Leute betrügt,
ist nicht neu, sondern schon sehr alt. 574 Jahre vor Christi Geburt
haben die Griechen ihre Münzen herabgesetzt. Das gleiche taten
die römischen Kaiser, sobald sie sich in einer finanziellen Klemme
befanden. England setzte im Jahre 1300 gleichfalls seine Münzen
herab. Das schottische Geld war einstmals so wertlos, daß ein
Dollar (4 M.) nur 12 Cent (48 Pfennige) Metallwert besaß. Irlän-
dische, spanische, französische, deutsche Regierungen haben es
alle mit herabgesetzten Münzen versucht, wenn sie keine höheren
Steuern mehr auf anderem Wege herauspressen konnten. In sol-
chen Fällen wollten sie eben von ihrem Volke auf indirektem
Wege mehr Geld haben. Ihr letztes Hilfsmittel blieb immer
schlechte Münze. Alles das sind alte Geschichten. Heutzutage
sinken erstklassige Völker nicht mehr so weit herab. Dennoch
        <pb n="40" />
        ﻿Geldmangel und Geldgebrauch.

21

muß ich hier eine Ausnahme von dieser Regel erwähnen. Mein
Haupt beugt sich voller Scham, indem ich diese Ausnahme nenne:
— Die Vereinigten Staaten von Amerika. — Jeder einzige ameri-
kanische Silberdollar ist schlechte Münze. Wenn eine Regierung
schlechte Münzen macht, schlägt sie jeder mit Bezug auf Geld
gemachten Erfahrung ins Gesicht. Eine gesunde Finanzpolitik ge-
bietet jeder Regierung, nur den vollen Wert auf ihren Münzen
durch Prägungsstempel zu bescheinigen, damit das Volk nicht be-
trogen werde. Jedesmal, wenn die Regierung einen Dollar =
371,14 Gramm Silber stampft, stampft sie eine Lüge; schmachvoll
und doch, ach, nur zu wahr! denn das darin enthaltene Silber ist
nicht einen Dollar, sondern bloß 78 Cent wert!

Eine andere Täuschung über das Wesen des Geldes hat oft
ganze Völker ins Unglück gebracht: Die Idee, eine Regierung
vermöge einfach dadurch Geld zu machen, daß sie bestimmte
Werte auf ein Stück Papier drückt. Das ist geradeso, als wenn
der erste beste Geld machen könnte, sobald er nur eine Note
ausstellt, die verspricht, 100 Dollar dafür zu zahlen. Nun, jeder-
mann weiß, daß er durch solches Tun nicht Geld, sondern Schulden
macht. Dasselbe tut jede Regierung, welche dergleichen Verspre-
chungen für Zahlungen gibt. Und noch eine andere recht große
Ähnlichkeit besteht zwischen Privatpersonen und Regierungen, die
derartige Noten in großer Anzahl ausstellen: sie lösen nur selten
ihre Noten durch Barzahlungen ein. Die Franzosen handelten so
während der Revolution; in neuerer Zeit machten die amerikani-
schen Südstaaten Geld in großen Massen und gaben Bons aus,
welche heute kaum das Papier wert sind, auf dem sie gedruckt
wurden. Jedes Experiment dieser Art hat immer aufs neue be-
wiesen, daß man nicht Geld machen kann, wo kein wirklicher
Wert dahinter steckt. Auch die Vereinigten Staaten hatten Bons
ausgegeben, und die Angehörigen anderer Nationen kauften sie
mit 40 Cent für jeden Dollar, obgleich sie 6°/o. Zinsen in Gold
zahlten. So groß war die Angst, daß selbst die Bons der Ver-
einigten Staaten keine Ausnahme von der Regel der Bons machen
würden, die in Zeiten öffentlicher Krisis ausgegeben werden. Nur
weil unsere Regierung strengstens ihr Wort hielt und Zinsen so-
wohl wie Kapital zahlte, beides in Gold, niemals aber in Silber,
        <pb n="41" />
        ﻿

22	II. Des Geldes ABC.

oder in einer anderen minderwertigen Münze, hat der Wert dieser
Bons sich gehoben. Der Kredit der Vereinigten Staaten wurde
der beste in der ganzen Welt; besser sogar als der Kredit Groß-
britanniens. Niemals ist ein vollgültigerer Beweis dafür erbracht
worden, daß, Ehrlichkeit in Geldgeschäften die beste Politik ist.
Auch Noten hat die amerikanische Regierung ausgegeben, die
sogenannten Greenbacks. Allein die Männer, welche das taten,
waren weise genug, einen Fond von hundert Millionen Dollar in
Gold zu deren Einlösung festzulegen, so daß jeder Besitzer eines
„Greenback“ zum Schatzamt gehen konnte und dort einen Dollar
Gold dafür erhielt.

Doch noch eine andere Eigenschaft — von der ich jetzt
sprechen will — besitzt dieses grundlegende Metall, eine Eigen-
schaft, die Ihnen kaum glaublich erscheinen wird. Die ganze Welt
setzt solch ein Vertrauen in seinen feststehenden Wert, daß darauf
sozusagen ein ganzer Turm von Kredit gebaut wird, so hoch, daß
er alles Gold und Silber der Vereinigten Staaten überragt. Alle
von der amerikanischen Regierung ausgegebenen Noten und
Greenbacks machen infolge dieses Kredits nur 8 °/o des gesamten
Weltverkehrs der Vereinigten Staaten aus.

Gehen Sie zu irgendeiner Bank oder Kreditgesellschaft, irgend-
einer Mühle, einer Fabrik oder zu irgendeinem anderen Geschäft
oder Laden, und Sie werden finden, daß für jedes Geschäft von
100000 Dollar nur ungefähr 8000 Dollar in wirklichem Gelde ver-
wendet werden, und zwar nur für geringe Geschäfte oder Zahlun-
gen. 92 o/o aller geschäftlichen Transaktionen bewerkstelligt man
durch kleine Papierstücke: Schecks und Tratten. Auf derselben
Grundlage beruht der Wert aller Staatsschuldscheine sowie aller
von den einzelnen Landschaften und Städten ausgegebenen Schuld-
scheine. Diese Tausende Millionen von Schuldscheinen sind es,
die unsere großen Eisenbahnsysteme überhaupt möglich machen;
ebenso die Sicherheit der Tausende von Millionen ersparten Geldes,
welches die große Masse in den Sparbanken niederlegt. Die Spar-
banken leihen dann das Geld an verschiedene Parteien aus, die
wiederum alles in gutem Gelde zurückzahlen müssen, wenn die
Ersparnisse der armen Einzahler nicht teilweise oder ganz ver-
loren gehen sollen.
        <pb n="42" />
        ﻿Geldmangel und Geldgebrauch.

23

Geschäft und Ausgleich werden also jetzt nicht durch Geld —
will sagen durch den eigentlichen Artikel Geld — bewerkstelligt.
Wie in vergangenen Zeiten die Artikel nicht mehr ausgetauscht
wurden, sobald ein Metall, genannt Geld, für den Austausch der
verschiedenen Werte benützt werden konnte, geradeso wird jetzt
das Metall nicht mehr zu diesem Zwecke benutzt. Der Scheck
oder die Tratte des Käufers, ein Stück Papier, das seinen Wert
erst durch das in der Bank niedergelegte Gold erhält, ist alles,
was zwischen Käufer und Verkäufer hin- und herwandert. Warum
nimmt der Verkäufer oder der, welcher die Schuld einkassiert,
dieses Stückchen Papier? Weil er darauf rechnet, das darauf hin
versprochene Gold im Bedarfsfälle jederzeit dafür bekommen zu
können. Zugleich weiß er, daß er das Gold selbst nicht brauchen
wird, weil er alles, was er zu kaufen wünscht, für dieses selbe
Stückchen Papier erhalten kann, und weil jeder, dem er etwas
schuldet, gerade wie jeder Verkäufer, seinen eigenen Scheck —
ein gleiches Stück Papier — dafür nehmen wird, und zwar anstatt
Gold. Vor allem hat, und das ist das allerwichtigste, jedermann
das Vertrauen, daß die Grundlage — nämlich das Gold, — seinen
.Wert nicht verändern wird. Denn, um es nicht zu vergessen: ein
mögliches Steigen in diesem Artikel würde geradeso schlimm wir-
ken, wie ein mögliches Fallen im Werte, da Wertunveränderlich-
keit für die Massen des Volkes die wichtigste Eigenschaft des
Geldes ist.

Wenn die Leute also mehr Geld für den Wertumlauf verlangen
— das will sagen: eine größere Menge des Artikels, den sie für
den Austausch aller anderen Artikel nötig haben — so ist leicht
zu ersehen, daß nicht Geld im eigentlichsten Sinne des Wortes
verlangt wird, sondern Kredit. Niemand, der Weizen oder Tabak
verkaufen will, hat irgend welche Umstände, Geld dafür zu er-
halten. Vor kurzer Zeit war bei uns in Amerika eine sehr schwere
finanzielle Krisis. Es hieß, man könne kein Geld zu Geschäften
erhalten; aber nicht das Geld mangelte, sondern der Kredit und
das Vertrauen, also gerade das, worauf, wie wir früher gesehen,
jede geschäftliche Transaktion — abgesehen von kleinen Einkäufen
und Zahlungen, die kaum Geschäft genannt werden können —
beruht. Heute wieder geht kein Geschäftsmann über die Straße,
        <pb n="43" />
        ﻿24

II. Des Geldes ABC.

ohne daß Leute förmlich' darum betteln, er möge Kredit zu sehr
niedrigem Zinsfuß annehmen. Für 2 % Jahreszins kann man heute
Kredit (Geld) täglich und von Tag zu Tag haben. Dennoch dif-
ferierte die Summe des erlangbaren Geldes während der letzten
Monate nur ganz wenig von der jetzt flüssigen Geldmenge. Vor
drei Monaten war gerade so wenig oder viel Geld im Lande wie
jetzt. Also nicht in Mangel an Geld bestand die Ursache der
Störung. Die Grundlage, auf der die Transaktion der Zweiund-
neunzigtausend von jedem Hunderttausend Dollar basieren,
schwankte. Das Metall selbst und die Banknoten — das eigent-
liche Geld — sind, wie wir gesehen haben, nur für 8000 Dollar
unter je 100000 Dollar von Wert. Hier zeigt es sich, daß die
größte aller Gefahren — das Schwanken der Wertbasis — Kredit
ist. Dadurch wurde die Grundlage für die vollen 92 °/o alles ge-
schäftlichen Austausches im Lande — und damit indirekt auch für
die übrigen 8 o/o — welche durch Zahlung von Metall und Re-
gierungsbanknoten bewerkstelligt werden, erschüttert; denn die
Normalwährung ist die Grundlage für jeden Austausch, sowohl
für die 92 o/o Papieranweisungen als auch für die 8 o/o der Dollars
auf jedes Hunderttausend. Daraus erhellt, daß durch Untergrabung
der Basis der ganze ungeheure Bau, auf welchem all und jedes
Geschäft beruht, ins Schwanken geraten muß.

V V V
V V
V
        <pb n="44" />
        ﻿III.	Silberwährung,

Über „Geld“ im allgemeinen habe ich alles Nötige an anderer
Stelle gesagt. Wir wollen nur das früher Hier Ausgeführte auf
die Gegenwart anwenden. Dabei stoßen wir sofort auf das Silber-
problem. Ich bin bei Erörterung desselben Ihrer aller Aufmerk-
samkeit sicher; enthält es doch die allerwichtigste volkswirtschaft-
liche Frage der Gegenwart. Wir haben gesehen, wie die Mensch-
heit im Verlauf der Entwicklung verschiedenartige Artikel als
„Geld“ benutzte und sie dann hat fallen lassen, sobald zu diesem
Zweck geeignetere Artikel gefunden wurden; ebenso, daß die
Völker zu allerletzt gemünzte Stücke wertvollen Metalls als den
für diesen Zweck geeignetsten und vollkommensten Artikel er-
kannten. Nur zwei Arten von Metallen sind unter zivilisierten
Völkern für die Normalwährung im Gebrauch: — Gold in den einen,
Silber in den anderen Ländern. Kein Land kann beide Wäh-
rungen zugleich haben. Vor Jahrhunderten wurde Silber als Nor-
malwert in China, Indien und Japan, und während neuerer Zeit
in den südamerikanischen Republiken anerkannt; es ist auch heute
noch in diesen Ländern die Normalwährung. Zur Zeit seiner
Einführung war es eine weise Wahl; Silber hatte damals fast den
doppelten Wert wie heutzutage; es war damals seinem Werte
nach unveränderlich und entsprach allen Anforderungen einer länd-
lichen Bevölkerung.

Die führenden Nationen Europas sowohl wie unser eigenes
Land (Vereinigte Staaten) sahen sich, da sie weiter vorgeschritten
und viel größere geschäftliche Transaktionen einzugehen hatten,
in die Notwendigkeit versetzt, als Normalwert ein wertvolleres
Metall denn Silber zu gebrauchen. Es wurde das Gold erwählt;
doch da Silber in vielen Teilen der Welt nach wie vor als Geld
        <pb n="45" />
        ﻿26

III. Silberwährung.

und in den Goldwährungsländern als „Scheidemünze“ benutzt
wurde, so war es für diese Nationen angezeigt, über den relativen
Wert des Silbers zum Golde übereinzukommen; dieser Wert wurde
dahin festgesetzt, daß 15ya Unzen Silber einer Unze reinen Goldes
gleichkamen. Man beachte wohl, daß dieser Annahme der zeitige
Marktpreis des Silbers als Metall für Einkauf mit Gold als Metall
nach Möglichkeit zugrunde gelegt wurde. Die beteiligten Na-
tionen beabsichtigten keineswegs, dem Silber einen bloßen fik-
tiven, sondern vielmehr den ihm wirklich innewohnenden Wert
zu geben. Und mehr als das: Jede der beteiligten Nationen ver-
pflichtete sich nach Ablauf der getroffenen Vereinbarung, all das
von ihr ausgegebene Silbergeld zu dem in dem Abkommen fest-
gesetzten Auswechslungssatze mit Gold einzulösen. Alles ließ sich
unter diesem Abkommen auf lange Zeit hin ganz vortrefflich an.
Die mehr fortgeschrittenen Länder blieben bei ihrer Goldwährung,
die weniger fortgeschrittenen bei ihrer Silberwährung, und beiden
Gruppen war geholfen.

Was also hat die Silberfrage, die heutzutage jeder erörtert,
wieder aufs Tapet gebracht? Einfach der folgende Umstand:
Während die Goldzufuhr und damit auch der Goldwert im ganzen
stets derselbe blieb, wurden große Silberbergwerke neu entdeckt,
wundervolle Verbesserungen in den Bergwerksmaschinen gemacht
und noch wundervollere Methoden für die Bearbeitung der Silber-
erze gefunden. Da nun auf diese Weise immer mehr und mehr
Silber mit weniger Kosten produziert wurde, so fiel auch sein
Wert mehr und mehr; 1872 kostete eine Unze Silber 1 Doll.
33 Cent; heute kostet dieselbe Quantität nur noch 1 Doll. 04 Cent.
Zeitweise ist das Silber auf 93 &lt;y0 seines früher angenommenen
Wertes gefallen und daherum auf- und abgetanzt; es hat also
seinen stabilen Wert vollkommen verloren. Infolgedessen sind
all die Länder, welche Silberwährung haben, in Wirrwarr und
ins Unglück geraten. Für Indien mit seinen 285 Millionen Men-
schen ist die Silberwährungsfrage außerordentlich ernst; wie sehr
die südamerikanischen Republiken infolge ihrer Silberwährung und
dem Wertfall des Silbers als Normal-Artikel, nach welchem alle
anderen Artikel sich richten, finanziell erschüttert sind, wissen wir
alle. Sogar die europäischen Nationen, welche Goldwährung be-
        <pb n="46" />
        ﻿27

Vergleich zwischen Silber- und Goldwährung;

sitzen, werden durch die Silberfrage in Mitleidenschaft gezogen;
denn infolge des früher erwähnten Übereinkommens, demzufolge
15Vs Unzen Silber gegen eine Unze Gold ausgetauscht werden
müssen, haben alle diese Nationen ungeheure Massen von Silber
auf sich liegen. Viele von ihnen sahen lange Zeit voraus, wie es
kommen würde und stellten infolgedessen ihre Silberkäufe ein;
andere stießen einen großen Teil ihres Silberbesitzes ab und
nahmen die reine Goldwährung an; dennoch besitzen die euro-
päischen Länder immerhin noch 11 Hundert Millionen Dollar ge-
setzlich geprägte Silbermünzen — neben den für den Kleinver-
kehr bestimmten Silber-Scheidemünzen. Man würde irren, wollte
man den gegenwärtigen Marktpreis des Silbers höher als 25 Unzen
für eine Unze Gold einschätzen, anstatt der 15V2 Unzen, welche
die verschiedenen Vertragsländer für eine Unze Gold gezahlt
haben.

Alle europäischen Länder sind während der letzten Jahre und
noch heute bemüht, ihr Silber los zu werden. Im Jahre 1878
schlossen die Länder, welche den Silberpreis zurzeit festgesetzt
und die Lateinische Union bilden — Frankreich, Belgien, Italien,
die Schweiz und Griechenland — ihre Münzstätten für immer der
legalen Silberprägung. Norwegen, Schweden und Dänemark flüch-
teten sich 1873 und 1875 vor der Silberlawine zur reinen Gold-
währung hinüber, bei der sie auch heute noch stehen geblieben
sind. Ebenso hat Österreich-Ungarn 1879, abgesehen von einer
kleinen Summe Levante-Silbertaler für ein begrenztes Handels-
gebiet, Silber nicht mehr geschlagen. Sogar das halbzivilisierte
Rußland sah sich alarmiert und entrang sich der Silbergefahr so
schnell wie möglich. Im Jahre 1876 schloß es seine Münzstätten
für das gefährliche Metall; nur ein bestimmtes, geringes Quantum
von Silbermünzen, dessen Abgabe an China Rußland sicher war,
wurde dort geschlagen. Man sieht, alle Länder, welche es mit
dem Silber versuchten und dadurch zur Erkenntnis der damit
verbundenen Nachteile und Gefahren kamen, boten und bieten
alle nur möglichen Mittel auf, um sich seiner zu entledigen. Seit
mehr als dreizehn Jahren haben sie es von ihren Münzstätten voll-
kommen ausgeschlossen; denn während dieser ganzen Periode
sind vollgültige Silbermünzen in Europa nicht weiter ausgegeben
        <pb n="47" />
        ﻿28

III. Silberwährung.

worden. Nur die Republik der Vereinigten Staaten versinkt immer
tiefer und tiefer in die Gefahren der Silberwährung. Sobald wir
Amerikaner erst dieselben Erfahrungen gemacht, wie die älteren
Völker, werden wir, wie ich denke, ganz gewiß den Wunsch'
hegen, gerade wie sie unser System zu wechseln — doch dann
dürfte es vielleicht zu spät sein. Sie sehen, die Silberwährung
bringt überall Verlegenheiten. Die Unterbringung dieses so tief
im Werte gefallenen Metalls macht in allen Ländern die größten
Schwierigkeiten. Das Problem hängt gleich einer dunklen Wolke
über ihrer Zukunft.

So sehr ist das Silber während der letzten Jahre gefallen und
so sehr hat es alles in Verwirrung gebracht, daß in letzter Zeit
verschiedene Konferenzen von den Völkern zusammenberufen wur-
den, zu denen auch die Vereinigten Staaten ihre Delegierten ge-
schickt haben. Der Zweck aller dieser Besprechungen bestand in
der Auffindung eines festen Wertverhältnisses zwischen Gold und
Silber im Interesse der bedeutendsten Handelsvölker. Doch immer
wieder kam man zu dem Schluß, daß die Feststellung eines solchen
neuen Wertverhältnisses jetzt noch zu gefährlich sei, da man
Zufluß und Wert des Silbers selbst für die nächste Zukunft noch
nicht vorhersehen könne; scheint es doch beispielsweise gar nicht
unmöglich, daß sein weiteres Fallen einer einzigen Unze Gold
den Wert von fünfundzwanzig, ja dreißig Unzen Silber geben]
mag. Niemand kann darüber etwas Voraussagen. Da unser eigenes
Land sich bereits so tief in Gefahr begeben hat, daß es nicht
weniger denn 482 Millionen Dollar in unterwertigem Silber be-
sitzt, so müßten wir Amerikaner uns mit unseren gleich unglück-
lichen Nachbarn einigen und tun, wie Gläubiger, die zusammen-
treten, um das schlechte Geschäft eines faulen Schuldners weiter
im Gange zu halten.

Man wird vielleicht fragen, weshalb ich die Silbermasse, welche
Amerikas hauptsächlichster Nebenbuhler unter den europäischen1
Staaten, nämlich Großbritannien, besitzt, unerwähnt lasse. Hören
Sie wohl zu und denken Sie über die Antwort nach: Groß-
britannien besitzt auch nicht nur einen einzigen Dollar Silber.
Während die Bank von Frankreich nicht weniger als 650 Millionerf
Dollar in Silber liegen hat, ist jeder einzelne Dollar der Geldreserve
        <pb n="48" />
        ﻿29

Vergleich zwischen Silber- und Goldwährung.

Großbritanniens — Gold. Welch ein weiser alter Vogel unser
teures Mutterland doch ist! Auf seinen goldenen Eiern sitzend
kann es über alle mit dem Silberwirrwarr verbundenen Gefahren
gar ruhig lächeln. London wurde dadurch der finanzielle Mittel-
punkt der ganzen Welt. Für alles, was in fremden Ländern ge-
kauft oder verkauft wird, werden Wechsel auf London gezogen
nur weil jedermann weiß, daß unter allen Umständen dort in der-
jenigen Münze gezahlt wird, die niemals fällt — Gold. Vorsich-
tige Leute nehmen keine Wechsel auf Paris, Wien oder Neuyork.
Weshalb? Weil die durch diese Städte repräsentierten Völker
infolge ihres Überflusses an Silber in große Verluste hineingeraten
sind; ein Umstand, welcher den dortigen Gesetzgeber in Ver-
suchung führen mag, Wechsel in diesem Metall, dessen Wert
außerordentlich veränderlich, gesetzlich zahlbar zu machen.

Ich wünschte, daß das Volk der Vereinigten Staaten Groß-
britannien sorgsam beobachtete. Dieses behält sich seine eigene
Stellung vor und behandelt die mit Silber überladenen Nationen
voll kühler Höflichkeit in den Konferenzen, die Großbritannien
so gnädig ist, zu beschicken, und das nur, weil Indien, welches
unter britischem Zepter lebt, unglücklicherweise noch die Silber-
währung besitzt; wäre es nicht Indiens wegen, dann würde Eng-
land die Beschickung von Silberkonferenzen wahrscheinlich über-
haupt ablehnen. Wenn die anderen davon sprechen, dem Silber
einen bestimmten Goldwert zu geben, dann erklärt England, daß
es wirklich nicht sagen kann, wie es sich über die Sache entscheiden
werde. Sein hauptsächlichster Wunsch ist es, daß die Vereinigten
Staaten sich tiefer und tiefer in die Silbergefahr verstricken mögen
bis sie keinen Ausweg mehr daraus finden; England selber hält
an seinen altbewährten Grundsätzen fest, welche Großbritannien
die Herrschaft auf dem Gebiete der Finanz sicherten. Sind doch
sein einziger Nebenbuhler die Vereinigten Staaten! Welch ein
ungeheurer Erfolg wäre es nicht für Großbritannien, wenn Amerika
zur Annahme der Silberwährung hinunterstiege und sich so ge-
zwungen sähe, die Währung aufzugeben, die allein einem Volke
eine erste Stellung in der Finanzwelt zu sichern vermag! Silber
für die Republik, Gold für die Monarchie, das ist es, was Groß-
britannien für die Zukunft erhofft, und was zu vermeiden, Amerika
        <pb n="49" />
        ﻿30

111. Silberwährung.

alles aufbieten sollte. Mögen die Regierungen immerhin allerlei
Gesetze in bezug auf Silber machen, die Welt kehrt sich nicht
daran. Jede geschäftliche Transaktion zwischen den Völkern be-
ruht ausschließlich auf Gold — auf nichts als Gold — und so
wird es für alle Zukunft bleiben. Großbritannien weiß das und
handelt demgemäß.

Ich höre die unwillige Frage: „Wie kommt es, daß unser
Amerika 312 Millionen Silberdollars, gerade wie Frankreich, in
seinen Gewölben vorrätig hat, anstatt wie unser Nebenbuhler,
Großbritannien, diese ganze Reserve in Gold zu besitzen, da wir
ja doch, ebenso wie Großbritannien, Goldwährung haben?“

Auf diese Frage sollte jeder Landwirt und jeder Arbeiter von
seinem Abgeordneten im Kongreß eine Antwort fordern. Die
Ursache ist einfach genug, und hier ist ihre Geschichte: Wie wir
sahen, war Silber im Werte gefallen und sichtlich im Begriff, noch
weiter zu fallen. Die Völker Europas trugen schwer an ihren
vielen Hundert Millionen Silberdollars; sie eilten alle, sich' des
Silbers zu entledigen. Die Besitzer von Silber und Silberberg-
werken wurden besorgt; was mußte geschehen, dem weiteren
Falle des weißen Metalls Einhält zu tun? Augenscheinlich konnte
hier einzig und allein die Regierung helfen; so wurden denn nach
dieser Seite hin aller Einfluß und alle Hilfsquellen der Silber-
Männer aufgewendet — und das ach! mit nur allzu großem Er-
folge; denn man erklärte, die große Masse unseres Volkes sei für
das Silber. Wenn das richtig war, dann gingen die Massen Arm
in Arm mit den Spekulanten, und zwar geradewegs gegen ihr
eigenstes Interesse.

Der erste Gesetzesakt für Wiederherstellung des Silberwertes
wurde im Jahre 1878 angenommen. Kraft dieses Aktes war unsere
Regierung verpflichtet, jeden Monat mindestens zwei Millionen
Silber anzukaufen, während alle anderen Regierungen ihre Silber-
prägungen wegen der gefährlichen Wertschwankung des weißen
Metalls einstellten. Die Silberleute behaupteten steif und fest,
daß die Regierungsankäufe den Wert des Silbers heben würden;
hatten sie darin Recht? Nein.

Der Silberpreis hob sich trotzdem nicht. Was also war zu
tun? „Ah!“ — so sagten die Silberspekulanten — „der Fehler
        <pb n="50" />
        ﻿Vergleich zwischen Silber- und Goldwährung.

31

liegt darin, daß die Regierung nicht weit genug gegangen; man
muß die Silbereinkäufe noch vermehren; laß die Regierung 41/2 Mil-
lionen statt 2 Millionen Unzen Silber monatlich kaufen, und die
ganze Silberernte Amerikas, ja, mehr als diese Ernte, wird da-
durch aufgebraucht werden; auf diese Weise muß das Silber dann
wieder steigen.“ Allerdings hatten diese Leute darin recht, daß
41/2 Millionen Silber pro Monat mehr sind, als alle Silberbergr
werke der Vereinigten Staaten zusammengenommen monatlich her-
geben; außerdem werden 8—10 Millionen Silber jährlich für an-
dere Zwecke als zur Geldprägung gebraucht; so daß alles in allem
ungefähr nur 4 Millionen pro Monat für die Münzung übrig
bleiben. Viele Leute waren daher der Meinung, das Silber müsse
nach den vermehrten Silbereinkäufen der Regierung im Werte
steigen. Und wirklich stieg der Silberpreis auch, einfach weil,
bevor noch der neue Vorschlag Gesetzeskraft erhalten hatte, viele
Leute Silber auf Spekulation kauften. Silber stieg von 96 auf 121
— das will sagen, fast auf seinen alten Wert im Vergleich zum
Golde.

Doch was war das Ergebnis des neuen Gesetzes? Die beste
Antwort dafür bietet der Kurs des Silbers; er sieht heute wieder
auf 97. Mit anderen Worten: statt daß wir Amerikaner, gerade wie
die Engländer, heute von jedem Silbertrubel hätten frei sein sollen,
sind wir schon jetzt durch die Silberagitation mit 390 Millionen
Dollar Silber belastet; in kurzem werden wir zweifellos gerade
so schlecht daran sein, wie Frankreich; nur mit dem Unterschiede,
daß Frankreich und andere Völker schon vor dreizehn Jahren
dem Silberzufluß Einhalt geboten, während unsere Regierung Monat
für Monat 4Vs Millionen Dollar Silber mehr einkauft, zu einem
etwas höheren Preise als die eben genannte Summe. Die Ver-
einigten Staaten wollen durchaus, ohne jede weitere Beachtung der
veränderten Stellung des Silbers, dieses dem Golde an Wert gleich'
stellen, im direkten Gegensatz zu allen anderen führenden Völ-
kern. Um das zu erreichen, werden wir nicht nur das Silber
von unseren eigenen Bergwerken, sondern vielmehr das in der
ganzen Welt gewonnene aufkaufen müssen; d. h. eine Masse von
Silber, die groß genug ist, daraus 68 Millionen Silberdollar jähr-
lich zu schlagen; außerdem müssen wir uns darauf vorbereiten,
        <pb n="51" />
        ﻿32

III. Silberwährung.

die 1100 Millionen Silberdollar zu kaufen, mit denen die euro-
päischen Regierungen gegenwärtig überladen und die zu verkaufen
sie nur allzu bereit sind.

So sehr sind die Silbereinkäufe unserer Regierung bis jetzt
davon entfernt, den Wert des Silbers zu erhöhen, daß die Regie-
rung die in ihren Gewölben liegenden 313 Millionen Dollar Silber-
wert nicht ohne beträchtlichen Preisverlust losschlagen könnte.
Es scheint schwer ersichtlich, wie nach dem Ausweis unseres
Schatzamtes unsere Regierung bis jetzt 67 Millionen an ihren
Silbereinkäufen verdient haben kann. Der Verdienst liegt darin,
daß in jedem Silberdollar nur für 80 Cents Silber steckt. So ist
all dieser Nutzen nur „eingebildet“. Tatsächlich werden jeden
Monat 41/2 Millionen dessen, was unser Volk erarbeitet, nicht für
allgemeinnützige Staatszwecke, sondern dazu verwandt, den Wert
eines Metalls aufzublähen, indem man Preise, weit über seinen
wirklichen Marktwert dafür bezahlt. — Unsere Regierung läßt
sich als Werkzeug für die Bereicherung von Silbereigentümern
und Silberbergwerkseigentümern mißbrauchen. Das ist gewiß schon
schlimm genug; dennoch erscheint es kaum erwähnenswert im
Vergleich zu der Gefahr, der Panik und dem Unglück, welche
eine solche Politik durch Erschütterung der feststehenden Gold-
basis und durch gleichzeitige Einführung der höchst unsicheren
Silberbasis mit sich führen muß.

Unsere Republik hat früher die Schmach des Sklavenhandels
von sich geworfen. Bis vor nicht allzu langer Zeit stand sie in
den Augen der Welt verachtet, weil das literarische Eigentums-
recht anderer als amerikanischer Bürger gesetzlich ungeschützt war.
Auch diese Schmach ist jetzt beseitigt. Dafür tragen wir noch
heute die Schmach minderwertiger Prägung. Die große Repu-
plik der Vereinigten Staaten gibt schlechte Münzen aus; sie steht,
wenn man von Mexiko absieht, welches noch immer etwas Silber
schlägt, in dieser Beziehung allein da unter allen Völkern der
zivilisierten Welt. Die Folgen dieser Schmach werden sich erst
noch später zeigen. Denn da die amerikanische Regierung diese
unterwertigen Münzen für die Zahlung von Taxen und Steuern
annimmt und sie so zu gesetzlichen Zahlungsmitteln macht, gehen
diese Münzen vorläufig noch als vollwertige Dollarstücke von
        <pb n="52" />
        ﻿Silbereinkäufe in den Vereinigten Staaten.

33

Hand zu Hand. Auf diese Weise hat die amerikanische Regie-
rung ihre Entwertung bis jetzt noch verhindern können. Wie lange
sie jedoch die 4V* Millionen Dollar in Silbermünze oder Silber-
noten monatlich auszugeben und dabei einen dem Qolde gleichen
Wert für sie aufrecht zu erhalten vermag, kann niemand Vor-
hersagen. Unter allen Umständen ist das eine sicher: zuguter-
letzt muß die Silberlast zu schwer werden. Wenn nicht etwa
das Silber wieder im Werte steigt oder genug Silber in jeden
Dollar gesteckt wird, um den Dollar einem Golddollar gleich-
wertig zu machen, oder wenn die Regierung nicht endlich die
Silbereinkäufe einstellt, müssen die Vereinigten Staaten früher oder
später die Goldwährung aufgeben; sie werden dann in eine ähn-
liche finanzielle Lage geraten, in der Argentinien und die süd-
amerikanischen Republiken sich befinden.

Mit den unterwertigen Silberdollars wird es — sobald die
Welt daran zweifelt, daß die Regierung, welche sie ausgegeben
hat, mit Gold dafür zu zahlen imstande ist — ebenso gehen, wie
etwa mit einer Zahl von Leuten, die sich dazu entschlossen haben,
eine große Last Holz zusammen aus einem Walde zu tragen.
Zuerst beugen alle ihren Nacken und laden die Last auf ihre
Schultern; bald jedoch bezweifeln die Zuschauer, ob die Leute
die Last wirklich lange zu tragen vermögen; infolgedessen glauben
zwei oder drei voller Zaghaftigkeit, es sei besser für sie, sich
der Last zu entledigen: was würde das Ergebnis in diesem Falle
sein? Der Mangel an Vertrauen in ihre Kräfte würde wahr-
scheinlich auch die töten, welche närrisch genug wären, die Last
weiter zu tragen. Ähnlich geht es mit den Werten. Ein paar
Spekulanten oder „Goldwanzen“ werden sich über kurz oder
lang für alle Fälle selbst sichern wollen und die Silberlast von sich
werfen.

Selbst die Sorglosesten dürften doch einige Zweifel darüber
hegen, ob die Vereinigten Staaten allein die Last der ganzen
Welt auf sich nehmen und auf die Länge der Zeit werden tragen
können, während alle anderen Völker zusammengenommen sich
vor solcher Last fürchten. Kein einziges Volk hat, solange es
eine Weltgeschichte gibt, jemals mit Erfolg einem Metall als
Geld einen Wert zu verleihen vermocht, den dieses Metall nicht

Carnegie, Kaufmanns Herrschgewalt.	3
        <pb n="53" />
        ﻿34

III. Silberwährung.

in sich selbst voll besaß. Man beachte wohl: die Regierang der
Vereinigten Staaten konnte bis jetzt deshalb solchen Erfolg mit
ihren Silberdollars haben, weil sie eine immerhin nur begrenzte
Anzahl davon ausgab und fähig war, diese mit Gold einzulösen.
— Es ist gerade so, als wenn eine Privatperson ein Stück Papier
nimmt und darauf schreibt: „Das ist gut für einen Dollar, und
ich verspreche, soviel dafür zu zahlen.“ Solches würde man „ge-
machtes“ Geld nennen. Fraglich bleibt es nur: wie lange werden
die Leute solche Papierstückchen nehmen? Würde nicht irgendein
Argwöhnischer sehr bald der Meinung Ausdruck geben, daß die
betreffende Person zu viele solcher Papierstückchen ausgibt? In
solchem Falle verlören diese Papierstückchen jedes Vertrauen;
die Leute kämen in Zweifel, ob die betreffende Person wirklich
mit Dollars dafür zahlen könne, und von diesem Augenblicke
dürfte sie keine weiteren Stücke mehr ausgeben. Ganz dasselbe
ist es mit den Regierungen; alle sind imstande, ihre kleinen
Münzen im Vollwert zu erhalten, selbst dann, wenn ihr reiner
Metallwert dem darauf aufgeprägten Wert nicht entspricht; das
müßte eine armselige Regierung sein, welche die Welt nicht dazu
brächte, einen Artikel als Geld von ihr zu nehmen, auch wenn
dieser Artikel nur Halbgeld ist. Allein, wohl gemerkt, solche
Regierung wird schnell ihren Kredit erschöpfen, sobald sie etwas
anderes für „Geld“ ausgibt, als das, was seinem eigentlichen
Gehalte nach in der ganzen Welt für „Vollgeld“ gilt. Jedwedes
Volk steht vor der Notwendigkeit, entweder sein minderwertiges
Geld umzuprägen oder seine Verpflichtungen nicht zu erfüllen
und so dauernden Gefahren und einem entehrenden Verlust seines
Kredits und seiner Stellung ins Auge zu blicken. — In vielen
Fällen wurde das „unterwertige“ Geld niemals eingelöst. Die
armen Leute hätten dann den Verlust zu tragen.

Immerhin zeigt das gegenwärtige Silbergesetz eine gute Eigen-
schaft, welche, wenn man sie nicht etwa noch nachträglich be-
seitigt, der Ausgabe von mehr unterwertigen Silberdollars Halt
gebieten dürfte. Es bestimmt, daß von den 41/2 Millionen Unzen
Silber, die jeden Monat eingekaüft Werden müssen, nur 2 Millionen;
das ganze Jahr über für die Prägungszwecke verwendet werden
dürfen. Darüber hinaus soll nur die für die Einlösung der Silber-
        <pb n="54" />
        ﻿Vergleich der beiden Währungen.

35

noten nötige Münzenmasse daraus geprägt werden. Da die Be-
völkerung Papiergeld im allgemeinen dem Silbergeld vorzieht ge-
nügen schon kleine Summen in Silberdollars. Dafür werden Silber-
noten ausgegeben. Sobald die Regierung der Vereinigten Staaten
aufhört, Silberdollars zu schlagen, wird sie sich der Welt in ihrem
wahren Charakter zeigen: in dem Charakter eines maßlosen Silber-
spekulanten, da sie 4J/2 Millionen Unzen Silber, nicht in „Geld“
sondern in „Barren“ jeden Monat aufstapelt. Gewiß, diese Tatsache
muß dem Volke die Augen über die wahre Lage der Dinge zu-
guterletzt öffnen und es zu der Forderung zwingen, so leicht-
sinnigen Spekulationen ein Ende zu machen.

Immerhin ist es in jeder Hinsicht viel weniger gefährlich,
das eingekaufte Silber in Barren zu behalten, als es in minder-
wertige Dollars zu schlagen, da es so leichter sein wird, in Zu-
kunft die Prägung von vollgültigen Silberdollars wieder aufzu-
nehmen — das will sagen, die Prägung von Münzen, welche den
vollen Metallwert eines Dollars haben; anstatt 371 Gran sollten
etwa 450 oder 560 Gran Silber dafür verwendet werden. Soviel
ungefähr enthält die Regierung selbst für jeden Dollar. Kein an-
derer Gesetzesakt dürfte unserem Land und Volk gleich großen
und gleich dauernden Nutzen bringen. Doch etwas weit höheres,
als materieller Nutzen steht auf dem Spiele! — Die Ehre der
Republik der Vereinigten Staaten. Der Regierungstempel sollte
einzig und allein den wirklichen Wert der Münze angeben.

Ich glaube nicht, daß — abgesehen von Silbereigentümern
— viele Leute in den Vereinigten Staaten für die Einführung der
Silberwährung an Stelle der Goldwährung stimmen würden. So
augenscheinlich ist der Vorrang des Goldes, daß, sobald die Be-
völkerung die Frage: Silber oder Gold? ganz verstanden haben
wird, die Entscheidung fast einstimmig zugunsten des Goldes
ausfallen dürfte. Diese Frage aber ist es, welche wirklich der Ent-
scheidung wartet, obgleich die Verteidiger des Silbers jede Absicht
leugnen, die Goldwährung zu gefährden, indem sie erklären, sie
"wünschen dem Silber nur denselben Wert zu geben, welchen das
Gold als Geld hat. Aber man könnte ebensogut den Versuch
machen, zwei Pferde zugleich als „erste“ am Ziele zu sehen oder
zwei „Allerbestes“ von irgend etwas anderem1 zu besitzen. Man
        <pb n="55" />
        ﻿36

III. Siiberwährung.

mag vergleichsweise zwei Nationalflaggen für ein und dasselbe
Land fordern. Gerade so gewiß, wie jeder Bürger gezwungen
ist, nur ein Banner zu wählen, bei welchem er steht oder fällt,
gerade so gewiß muß er sich für nur eine Währung entscheiden:
Silber oder Gold. Die Normalwährung kann ihren Thron ebenso-
wenig mit einer anderen Währung teilen, als das Dreistem-
banner sein souveränes Recht mit einer anderen Flagge in unserem
eigenen Lande: auch für das „Geld“ besteht das Gesetz: das
Schlechteste treibt das Beste aus dem Felde. Die Ursache davon
liegt klar auf der Hand.

Angenommen man hät ein Fünfdollarstück in Gold und ein
Fünfdollarstück in Silber, und es bestünde ein Zweifel darüber,
ob ein bloßes Kongreßgesetz Silber im gleichen Werte wie Gold
erhalten könnte: dann mögen vielleicht 99 unter 100 Leuten glau-
ben, das Gesetz sei imstande dem; Silber den Wert zu geben,
welchen es an und für sich1 nicht besitzt; aber einer unter den
Hundert mag vielleicht doch daran zweifeln. Ich denke, je mehr
man über „Geld“ weiß, desto mehr Zweifel wird man haben;
ferner, wenn die anderen auch keinen Verdacht hegen, so wird die
Tatsache, daß ich selbst Verdacht habe, sie auf den Gedanken
führen: Vielleicht hat er doch recht, und ich habe unrecht. Ich
denke, ich zahle Smith besser morgen mit Silber für sein Grün-
zeug und gebe meiner Frau das schöne Goldstück zum Sparen; dann
bedarf es keines Kongreßaktes — alle Kongreßakte der Welt ver-
mögen seinen Wert nicht zu verringern; dieses Stück Goldmetall
ist überall durch die ganze Welt fünf Dollar wert, ganz abgesehen
von dem Regierungsstempel; dagegen haben diese fünf Stücke
Silber hier nur drei Dollar und 75 Cent wirklichen Metalhvert.
Ja, ja, ich will Smith das Silber geben — mir taugt das Gold besser!“
Smith — man darf dessen sicher sein — entledigt sich des Silbers,
sobald er kann, an Jones. Und wie er, werden es viele Leute halten.
Als Folge davon wird das Gold im Lande ganz aus dem Geschäft
verschwinden und Silber allein im Umlauf bleiben; denn jed-
weder, der Silber erhält, sucht es so schnell wie möglich wieder
los zu werden, und so zirkuliert es immerfort; dagegen hält der,
welcher Gold kriegen kann, es zurück, so daß Gold bald nicht
mehr im Umlaufe sein würde. Die weitere Folge davon muß nun
        <pb n="56" />
        ﻿Vergleich der beiden Währungen.

37

die sein, daß; wir, anstatt mehr Geld im Umlauf zu haben, sehr
bald weniger Geld in Umlauf haben werden, sobald wir durch
Gesetz dem Silber einen künstlichen Wert zum Zweck seiner Be-
nutzung als Geld aufzwingen. Die siebenhundert Millionen Gold
die jetzt im Umlauf sind und die Grundlage von allem bilden, müß-
ten sehr bald verschwinden; der darauf aufgeführte ungeheure Bau
des Kredits wird wankend, und die großen Massen des Volkes
werden sich gezwungen sehen, Silberdollars im wirklichen Wert von
nur 78 Cent zu nehmen, während diese Dollars jetzt — wo sie jeder-
zeit in Gold umsetzbar — überall 100 Cent Wert haben. Denn,
nicht Zu vergessen, was ich' früher bereits gesagt: 92% aller
finanziellen Operationen hängen einzig und allein von dem un-
beschränkten Vertrauen des Volkes in dem unveränderlichen, sta-
bilen Werte des benutzten Geldes ab. Nur 100 Dollar mehr in
minderwertigerer Münze ausgegeben, als nach der Überzeugung
aller gegen unveränderliches Gold eingewechselt werden können
— und Panik und finanzielle Revolution sind unvermeidlich. Wie
man sieht, kann mehr „Geld“, obgleich es nur für 8o/0 der kleinsten
finanziellen Transaktion gebraucht wird, leicht so ausgegeben
werden, daß es die überwiegende Masse aller Geschäfte im Lande
schwer beeinflußt, indem es das allgemeine Vertrauen, auf das
die übrigen 92% beruhen, ins Wanken bringt. Um sich vor
jeder solchen Gefahr zu sichern, darf nur solches „Geld“ aus-
gegeben werden, das in sich selbst den Wert trägt, welchen
der darauf geprägte Stempel zeigt. So streng wacht Unsere große
Nebenbuhlerin Großbritannien über diesen Punkt, daß sie eben
jetzt zwei Millionen Dollars für Erneuerung solcher Goldmünzen
ausgesetzt hat, die infolge des Gebrauches einige Cents verloren
haben. Ihr Regieruugsstempel sagt stets die Wahrheit aus. Un-
sere Republik sollte auf ihre Ehre nicht weniger eifersüch-
tig sein.

Wie Sie bereits sehen, fanden sich die Silberleute enttäuscht,
da die Akte des Kongresses den Wert ihres Silbers nicht ge-
hoben hatten. Zweimal hat die Regierung die Wünsche der Silber-
leute erfüllt, da man die Versicherung gab, daß solche Erfüllung
unser Land aus der gefährlichen Lage, in die es als Silbereigen-
tümer geraten, befreien werde; zweimal hat man sich enttäuscht
        <pb n="57" />
        ﻿38

III. Silberwährung.

gefunden. Man sollte nun denken, daß die Silbedeute jetzt ihren
Irrtum zugeben und der Regierung helfen würden, mit so wenig
Verlust wie möglich, wieder festen Boden zu gewinnen. Aber
weit entfernt davon! Ganz im Gegenteil, haben sie jetzt den
kühnsten Schritt getan, indem sie an den Kongreß mit der For-
derung herantraten „freie Silberprägung“ einzuführen; etwas, wor-
über jetzt viel gesprochen wird. Was heißt das? Es heißt nichts
anderes, als unsere Regierung soll gesetzlich verpflichtet werden,
ihre Münzstätten nicht nur für all das Silber zu öffnen, mit dem
die europäischen Regierungen überbürdet sind, sondern auch für
einen guten Teil des in der ganzen übrigen Welt gewonnenen
Silbers, um für jede 78 Cents reellen Silberwert eine der Münzen
auszugeben, welche wir alle zum Werte eines vollen Dollars
für unsere Arbeit und unsere Erzeugnisse zu nehmen verpflichtet
sein würden. Damit ist nichts andejres gemeint, als daß der
europäische Kaufmann sein Silber zu uns herübersenden, hier
münzen oder auch Silbernoten dafür erhalten könnte und dann
imstande wäre, für einen vollen Dollar Wert unseren Weizen
oder Korn oder irgend etwas anderes, dessen er bedarf, zu kaufen,
obgleich er für dasselbe Quantum Silber in Europa und in jedem
anderen Teile der Welt nur 78 Cents Wert erhalten würde,
Europa tut jetzt gerade dasselbe mit Indien, mit der Argen-
tinischen Republik und mit anderen Ländern, welche Silberwährung
besitzen. Der britische Kaufmann kauft in Indien für unterwer-
tiges Geld Weizen, bringt es nach Europa und verkauft es dort
für Gold. Auf diese Art hat er für indischen Weizen so außer-
ordentlich wenig zu zahlen, daß indischer Weizen in Europa ein
gefährlicher Konkurrent unseres eigenen Weizens geworden ist:
ein Zustand, der nur dadurch möglich wurde, daß infolge des
Silbersturzes der indische Weizenbauer für seine Erzeugnisse außer-
ordentlich wenig erhält. Es ist kaum Monate her, seit das neue
Silbergesetz durchging, welches die Regierung dazu verpflichtete,
ihre Silbereinkäufe mehr als zu verdoppeln, und doch sind schon
jetzt 8 Millionen Dollar mehr eingeführt worden, als wir aus-
geführt haben — etwas seit fünfzehn Jahren Unerhörtes, denn
früher wurde stets mehr Silber ausgeführt, als eingeführt. Jetzt
kaufen wir alles von unseren eigenen Silberbergwerken produ-
        <pb n="58" />
        ﻿Vergleich der beiden Währungen.

39

ziertes Silber und werden außerdem noch mit Silber von Europa
her überschüttet, statt dessen wir eigentlich Oold empfangen sollten.
Innerhalb achtzehn Tagen haben wir 9 Millionen Dollar in Gold
verschickt. Man sieht, gedeckt durch das gegenwärtige amerika-
nische Siibergesetz, hat Europa bereits damit begonnen, uns sein
unterwertiges Silber zu senden; zu gleicher Zeit beraubt es uns
unseres reinen Goldes — wahrhaftig ein für unser Land gefähr-
licher Austausch, welcher unsere Gesetzgeber mit Scham er-
füllen sollte. Man muß wohl verstehen, bisher konnte die Regierung
trotz der beiden Gesetze, die sie zum Ankauf von Silber zwingen,
so schlecht auch diese Gesetze immerhin sind — dennoch das
Metall zum Marktpreise, also ungefähr 371,1—4 Gran Silber für
78 Cent einkaufen; nur so viel Silber hat die Regierung in jeden
sogenannten Dollar hineingetan. Unter „freier Münzung“ wird
sich all das ändern. Die Silbereigentümer w'erden dann auch
ihrerseits den Dollar für 78 Cent Metall erhalten. Ich glaube,
das übertrifft an kühlem Raffinement alles bisher Dagewesene;
und doch ist das, was die Verbindung der Landwirte durch ihren
Schrei nach freier Prägung unterstützt, nichts anderes, als das
Unternehmen, 12% aus den Taschen eines jeden einzelnen aus
dem Volke in die Taschen der Silbereigentümer hineinzuprakti-
zieren. Sicher stimmen alle darin überein, daß, wenn ein Dollar
nur mit 78 Cent wirklichen Silberwertes geprägt wird, die Regie-
rung und nicht die Silbereigentümer den Extragewinn
von 22 Cent einstecken sollte. Die Regierung bedarf dieses gan-
zen Extraüberschusses um so mehr, als das von ihr gekaufte Silber,
wie ich bereits früher bemerkt, zum Marktwert gekauft, nur mit
Verlust von Millionen heute wieder losgeschlagen werden könnte.

Sollte die freie Silberprägung Gesetz werden, dann dürften
sich unsere eigenen amerikanischen Landwirte sehr bald mit dem in-
dischen Landwirt in (gleicher Lage befinden; und doch sagt man uns,
unsere Landwirte wären für Freisilberschlagung! Sollte das wahr
sein, dann gibt es nur eine Erklärung dafür —: sie verstehen
ihre eigenen Interessen nicht. Keine andere Volksklasse hat ein
so großes Interesse an der Aufrechterhältung der Goldwährung
und an dem gänzlichen Aufgeben der Silbereinkäufe, so wie an
der Beseitigung der unterwertigen Münzen, wie der Landwirt:
        <pb n="59" />
        ﻿40

111. Silberwährung.

denn viele seiner Erzeugnisse werden nach Goldwährungsländem
verkauft. Wenn der amerikanische Landwirt sich mit Silber an-
statt Gold zufrieden gibt, setzt er den Liverpooler Kaufmann in
den Stand, für die niedrigere Silberwährung zu kaufen, also für
78 Cent anstatt für einen vollgültigen Dollar; dagegen muß der
amerikanische Landwirt für alles, was er selbst in fremden Län-
dern einkauft, mit Gold zahlen. Das heißt: er ist gezwungen,
billig zu verkaufen und teuer einzukaufen. Eben das beunruhigt
zurzeit Indien und die südamerikanischen Republiken. Die dies-
jährigen Getreidepreise versprechen höher zu werden, denn seit
Jahren. Sehen Sie zu, Ihre Preise in Gold zu erhalten. Wenn
wir unsere Münzstätten der freien Silberprägung für jedweden
in der ganzen Welt öffnen, der Silber genug für einen mit un-
serem Regierungsstempel zu prägenden Dollar besitzt, so daß
er für jeden zu prägenden Silberdollar nur 371,1—2 Silber, im
Werte von 78 Cent einzuliefern hat, dann wird jedwedes Silben
bergwerk in der ganzen Welt Tag und Nacht arbeiten, nur um
so schnell wie möglich uns jedes neue Pfund Silber ins Land
zu werfen. Die Völker Europas, welche bereits 11 Millionen
unterwertiges Silber in Händen haben, werden uns pünktlich da-
mit beglücken, dabei aber für alles, was sie von uns kaufen,
Gold von uns verlangen. So berauben sie uns unseres eigenen
Goldes, während wir ihr Silber zu nehmen haben. Mit der „Frei-
silberprägung“ in Sicht werden wir, noch ehe das Gesetz be-
schlossen ist, von der Goldwährung zur Silberwährung überge-
gangen sein. Die letzten Worte des verstorbenen und tief be-
trauerten Staatssekretärs Windom bewahrheiteten sich dann:

„Wahrscheinlich wäre, bevor das geschwindeste Schiff sein
Silberkargo nach Neuyork zu bringen imstande wäre, der letzte
Golddollar in Privatschatullen und bei sicheren Depositengesell-
schaften verborgen, um nur bei hohem Agio für die Ausfuhr wieder
ans Licht zu kommen.“

Wir schwimmen in einem gefährlichen Fahrwasser. Legen
Sie sich selbst die Frage vor, warum Sie die Goldwährung zu-
gunsten des Silbers gefährden sollten. Kann irgend jemand glau-
ben, daß die Silberwährung vorteilhafter sei? Unmöglich! Nie-
mand wagt in seinen Behauptungen so weit zu gehen. Selbst
        <pb n="60" />
        ﻿,st









Vergleich der beiden Währungen.

41

der wildeste Anwalt solcher Veränderungen behauptet höchstens
versichern zu dürfen, daß Silber geradeso wertvoll wie Gold
gemacht werden könne. Jeder weiß, daß nichts besseres existiert
als Gold. Fragen wir einmal, weshalb jemand, der kein Silber-
besitzer ist, wünschen sollte, dem Silber einen höheren Wert als
den diesem Metall innewohnenden zu verleihen? Welchen Nutzen
könnte es den Leuten bringen — wenn wir einmal den Silber-
besitzer beiseite lassen — daß das Silbermetall einen anderen
als seinen natürlichen Platz einnimmt, geradeso wie Kupfer und
Nickel? Weshalb sollte dem Silber ein besonderer, mit seinen*
natürlichen Werte nicht verbundener, höherer Gehalt zugeschrieben
werden? Niemand hatte ein Vorurteil gegen dieses weiße Metall
Es stand jederzeit im gleichen und freien Wettbewerbe mit den*
Golde; das Feld bleibt ihm, gerade so wie jedem anderen Metalle
stets offen, zu zeigen, daß es sich besser zum grundlegenden Wert
eignet. Wenn Silber auf dem Weltmärkte im Preise stiege und
sich dem Werte nach beständiger erwiese als Gold, würde es
das Gold bald verdrängen. Warum nicht die leitende Stellung
dem Metalle geben, welches im ehrlichen Wettstreit den Preis
gewann? Gold bedarf keiner Wertaufblähung durch die Gesetz-
gebung; es spricht für sich' selbst. Jedes Goldstück ist durch die
ganze Welt gerade so viel wert, als es wert zu sejn bean-
sprucht; darüber besteht kein Zweifel. Verluste sind dabei nicht
möglich, und, was beinahe ebenso wichtig, auch keinerlei Speku-
lation; sein Wert kann weder in die Höhe getrieben noch herab-
gedrückt werden. Der Spekulant, der keine Spielchance darin
findet, sieht es mit scheelen Augen an; doch gerade das ist
der Grund, dem Golde unsere Gunst zu schenken; gerade das ist
es, was dem gelben Metalle die uneingeschränkte Sicherheit seines
Wertes für alle Zeiten gibt. Ihre eigenen Interessen und die eines
Spekulanten decken sich keineswegs. Aus Ihren Verlusten zieht
er gerade seine Gewinne. Der Hauptgrund, der für Ankauf von
Silber und dessen Prägung in den Vereinigten Staaten geltend
gemacht wird, ist der, daß wir nicht „Geld“ genug im Lande
haben. Freie Silberprägung soll diesem Übelstand abhelfen. Allein
wenn wir wirklich mehr „Geld“ nötig hätten, dann wäre die
einzig weise Maßregel der Einkauf von Gold. Weshalb Silber-
        <pb n="61" />
        ﻿42

III. Silberwährung.

noten mit all den daranhängenden unbekannten Gefahren aus-
geben, wenn wir für die gleichen Noten gutes, reines Gold —
wahres und wertvollstes Geld — erhalten können, bei welchem
unser Land vor jedwedem Verluste geschützt bleibt? Ist es denn
aber wirklich wahr, daß wir nicht genug „Geld“ haben — das
will sagen genug von dem gemünzten Artikel, der als Austausch-
artikel gegen alle anderen Artikel benutzt wird. Wenn dem
wirklich so wäre — diese Entdeckung wäre wahrhaftig neu!
Wir hatten in früheren Zeiten schon keinen Mangel an „Geld“;
jetzt jedoch sind auf jeden Mann, jede Frau und jedes Kind
fünf Dollar mehr im Umlaufe, als jemals vorher. Wir haben
einen größeren Umlauf des allgemeinen Austauschartikels — das
ist eben „Geld“ — auf den Kopf, als irgendein Land in ganz
Europa, mit der einzigen Ausnahme von Frankreich, wo die Be-
völkerung weder so viel Schecks noch Tratten, wie in anderen
Ländern benutzt — ein Umstand, welcher viel mehr geprägtes
Geld nötig macht, als bei uns. Gewiß ist dagegen, daß so viel
Geld, wie nur irgend gewünscht wird, geschlagen werde, nur
wenig einzuwenden; aber dieses Geld sollte dann vollwertig, nicht
unterwertig sein. Der einzige sichere Weg dazu ist der Einkauf
von Gold und dessen Umprägung in „Geld“ — nicht jedoch
Einkauf von Silber, dessen Zukunft außerordentlich zweifelhaft
und dessen Erwerbung bis jetzt nur immer eine Verlustspekulation
war. — Man frage den Anwalt für Vermehrung des Geldes,
warum die Regierung nicht das für sie beste Metall „Gold“ ein-
kauft und es zum Nutzen des Volkes prägt, und höre, wes er
vorzubringen hat. Gold ist gerade so gut ein amerikanisches
Produkt wie Silber, und unsere Bergwerke fördern jeden Monat
mehr als zwei Millionen Dollar davon ans Licht. Er könnte nichts
weiter dagegen einwenden, als daß eine solche Maßregel nicht
dazu beitragen würde, den Preis seines eigenen Produktes, des
Silbers, auf seiner gegenwärtigen Höhe zu erhalten. Er könnte
nicht leugnen, daß Gold dem Werte nach das sichere Geld ist. —
Noch etwas anderes !wird für das Silber geltend gemacht.
Viele Leute sagen uns, daß die „Silberwährung“ in der Luft
liege, daß das Volk dieselbe verlangt, weil sie „Geld“ billig
macht und daß, da Silber weniger wertvoll als Gold, die Leute
        <pb n="62" />
        ﻿Vergleich der beiden Währungen.

43

ihre Schulden leichter bezahlen könnten. Man erlaube mir '
bezug darauf nur einen einzigen Punkt zu erwähnen F ’
nisse und Eigentum könnten im Werte durch Fallenlassen der
Goldwährung nur reduziert werden. So lange alle Regierungs-
noten so hoch im Werte stehen wie Gold, ist es ganz gleich
gültig, wie viel Silber die Regierung kauft oder münzt. Nur wenn
eine finanzielle Krisis hereinbricht, die Goldwährung in die Brüche
geht und jeder Dollar in Gold aus dem Verkehr gezogen und
mit hoher Prämie bezahlt wird, könnte die Gelegenheit für Be-
günstigung der einen oder anderen Klasse eintreten. Sollte irgend
jemand die vage Vorstellung haben, durch Schwierigkeiten, in
welche die Regierung infolge ihrer entwerteten Silbermünze und
Silbereinkäufe gerät, selbst irgendwie Geld zu sparen oder zu
machen, dann möge er wohl bedenken: Zur Verwirklichung seiner
Erwartungen müßte seine Regierung zunächst außerstande sein, den
Silberdollar mit Gold im gleichen Werte zu erhalten; in diesem
Falle würde alles Gold sofort aus dem Verkehr verschwinden
und mit Aufgeld bezahlt werden. Ein weiser Schatzsekretär hat
das Resultat ganz richtig, wie folgt, vorhergesagt:

„Das plötzliche Verschwinden von 600 Millionen Dollar Gold
mit der Panik, die es notwendigerweise begleiten müßte, würde
eine Geschäftsenthaltung und Handelskrisis hervorrufen, wie sie
bisher die Welt noch nicht gesehen; Amerika würde sofort auf
den Silberstand zurückfallen, wenn kein ferner Antrieb zur Prä-
gung bestünde, und Silberdollars würden zu ihrem bloßen Barren-
werte herabsinken.“

Wer auf solch eine Panik hinarbeitet, in der Hoffnung, per-
sönlich davon Nutzen zu ziehen, steht auf derselben Linie mit
demjenigen, der den Expreßzug in Gefahr bringt, um sich seines
Inhalts zu bemächtigen, oder auch mit dem, welcher das Staats-
schiff gegen eine Klippe zerschellen läßt, um für sich selbst einen
Teil der Ladung zu sichern. Ei- ist ein Stranddieb und Spekulant.
Seine Interessen sind denen der wirklich arbeitenden Klassen
ganz und gar entgegengesetzt.

Ferner versichert man uns beständig, die große Masse des
Volkes Wünsche „freie Silberprägung“ oder zum mindesten die
Aufrechterhaltung der bestehenden Silbergesetze, weil sie in der
        <pb n="63" />
        ﻿44

III. Silberwährung.

einen oder anderen Art unter dem Eindruck steht, daß sie desto
mehr Geld haben würde, je mehr Silber geprägt wird. Wir wollen
einmal etwas näher darauf eingehen. Wenn die Regierung Silber
kauft, so zahlt sie dafür entweder mit eigenen Noten oder Silber-
dollars. Wer bekommt beides? Die Besitzer der Silberbarren.
Wie kann also beides den Besitzern genommen werden und in die
Taschen des Volkes wandern? Soweit wir die Silberleute kennen,
dürfen wir kaum erwarten, daß sie viele ihrer Silberdollars an-
deren Leuten zum Geschenk machen. Nur wenn sie Arbeit und
Erzeugnisse des Volkes einkaufen, werden sie dieselben Dollars
zu dem Kurse von 100 Cent hergeben, die ihnen selbst nur
78 Cent gekostet haben. Würden sie eine größere Anzahl von
78 Cent-Dollars für dieselbe Arbeit und dieselben Erzeugnisse
hergeben, als sie in 100 Cent-Dollars herzugeben hätten? Gewiß
nicht; es sei denn, daß die Bemühungen der Regierung, dem Silber
einen künstlichen Wert zu verleihen, erfolglos werden, bis unser
Geld so weit an Wert verloren hat, daß ein Dollar vielleicht nicht
mehr die Kaufkraft auch nur eines halben Dollars besitzt; nach
dem Goldwerte berechnet, würden die Siiberleute unter allen Um-
ständen einen noch geringeren Wert, als früher hergeben, die ihnen
selbst nur 78 Cent gekostet haben. Würden ziehen? Nicht sie,
sondern die Silberbesitzer, welche für Rohsilber im Werte von
78 Cent von der Regierung einen vollen Dollar erhalten, haben
den Nutzen davon. Das ist so klar, wie nur möglich. Bis zu diesem
Augenblick ist der Dollar, den der Arbeiter und der Landwirt er-
hält, wirklich auch einen vollen Dollar wert, weil die Regierung
infolge ihrer außerordentlichen Bemühungen bis jetzt imstande
gewesen ist, ihm seinen vollen Wert zu erhalten; aber sobald wir
eine „Freisilberprägung“ haben werden, muß der Silberdollar auf
seinen eigentlichen Wert herabsinken — nämlich auf 78 Cent —-
und der Landwirt und der Arbeitsmann wird sich dann betrogen
finden; man sieht, die Interessen des Landwirts, des Mechanikers
und des Arbeiters, kurz aller derer, welche für Lohn arbeiten,
fordern, daß sie mit dem besten und nicht mit billigem Geld — also
in Gold und nicht in Silber bezahlt werden.

Bis auf diese Stunde haben wir Amerikaner an der Gold-
währung festgehalten. All und jedes in den Vereinigten Staaten
        <pb n="64" />
        ﻿Vergleich der beiden Währungen.

45

ist heutzutage auf Goldwährung aufgebaut, da unsere Silbernoten
und Silbermünzen in gleichem Werte mit erhalten werden. War
das eine weise oder unweise Politik? Wäre es nicht das beste,
die Goldwährung an welche sich die vorgeschrittenen Nationen,
und ganz besonders Großbritannien klammern, fahren zu lassen,
und die Silberwährung unserer südamerikanischen Nachbarn an-
zunehmen? Mit dem soliden Golde als unseren Grundwert sind
wir das reichste Land in der ganzen Welt geworden; der größte
Agrikultur-, Industrie-, Bergwerks- und Handelsstaaat, der jemals
existiert hat. Wir blühten auf wie kein anderes Volk, über das je
die Sonne geschienen. In keinem andern Lande sind die Löhne
so hoch und die Massen des Volkes so wohlauf. Und trotzdem
sollten wir die Goldwährung aufgeben oder auch nur sie gefährden?
Das ist die Frage, welche heute für das Volk der Vereinigten
Staaten zur Entscheidung steht.

Die Neuyorker Abendpost ist ein Freihandelsorgan; dennoch
erklärte dieses Blatt: lieber wolle es zehn McKinley-Gesetzen seine
Zustimmung geben, als einem einzigen Silbergesetz, wie dem jetzt
geforderten. Ich selbst, ein Republikaner, der an die Wahrheit
des Schutzzollsystems glaubt, erkläre, daß ich viel lieber auf das
ganze McKinley-Gesetz verzichten und dem Gesetz Mills meine
Zustimmung geben wollte, wenn ich dafür das gegenwärtige Silber-
gesetz verwerfen und das Silber geradeso wie alle anderen Metalle
behandelt sehen könnte. Stände ich bei der nächsten Präsidenten-
wahl vor der Entscheidung, entweder für einen Mann zu stimmen,
welcher Silber- und Schutzzoll, oder für einen Mann, der Gold
und Freihandel begünstigt, dann würde ich ohne weiteres für den
letzteren stimmen und arbeiten, weil mein Verstand mir sagt,
daß selbst ein Tarifgesetz nicht halb so wichtig für das Wohl des
Landes ist, wie die Aufrechterhaltung der vorzüglichsten Währung
für das Geld des Volkes.

Wäre es für Sie nicht angebracht, auf die Männer zu hören,
die Ihr Vertrauen besitzen und infolge ihrer amtlichen Stellung
sich veranlaßt sehen, die Silberfrage gründlich zu erforschen und
zu studieren? Präsident Harrison ist allbekannt durch seine Ge-
wissenhaftigkeit. Er ist nicht reich, er ist arm. Nichts liegt ihm
am Herzen, wie das Wohl unserer Arbeiterklassen. Er war in die
        <pb n="65" />
        ﻿46

III. Silberwährung.

Notwendigkeit versetzt, die Frage zu studieren, und er erklärt
Ihnen, daß die erste Folge, welche der unterwertige Silberdollar
haben würde, seine Verwendung für ein Beschwindeln des armen.
Mannes sein würde, der solches Geld für seine Erzeugnisse oder
Arbeit zu nehmen hätte. Auch Expräsident Cleveland ist gleich
Präsident Harrison ein armer Mann; seine Sympathien gehören dem
einfachen Arbeiter — den Massen. Er hatte die Frage zu studieren
und danach seine Maßregeln zu ergreifen; allein, obgleich viele
Mitglieder seiner Partei sich bei dem Kreuzzuge für das Silber
beteiligt hatten — hoffentlich nur vorübergehend, da die demo-
kratische Partei bisher stets voll und ganz für das möglichst
beste Geld im Interesse der großen Volksmassen einstand — fühlte
sich Herr Cleveland doch zum Bekennen der Wahrheit verpflichtet
und erklärte die Idee der freien Silberwährung offen als schäd-
lich, nur weil er fand, daß sie die Arbeiter des Volkes schädigen
würde. Sein letzt veröffentlichter Brief beweist wieder, daß er
der geborene Volksführer — ein tapferer Mann und kein Feig-
ling. Seine persönlichen Aussichten fallen bei ihm dort nicht in
die Wagschale, wo es sich um das wahre Wohl der Bebürdeten
handelt, welche ihn einstmals zum Präsidenten machten. Neben
diesen Männern steht Herr Manning; niemals verwaltete ein fähi-
gerer, größerer und reinerer Demokrat die Finanzen unseres Lan-
des; niemals ein fähigerer, reinerer und erhabenerer republikanischer
Finanzminister als Herr Windom. Wenn je unser Volk Freunde
hatte, waren diese Männer Freunde des Volkes. Beide Männer
hätten das Silberproblem zu studieren; sie forschten nach dem
Besten, um es dann für die dauernde Wohlfahrt des Volkes zu
verwirklichen.

Beide wurden schwer besorgt wegen der drohenden Gefahr,
die „minderwertiges Geld“ mit sich bringt; sie taten alles, was
in ihrer Macht stand, die Kongreßabgeordneten davon abzuhalten,
unserer Regierung eine Gefährdung der Interessen unserer arbeiten-
den Klassen aufzuzwingen; müssen diese doch, wenn sie nicht
den Spekulanten zur Beute fallen sollen, für ihre Arbeit oder
ihre Erzeugnisse das denkbar beste Geld erhalten. All diesen
großen Männern, von denen zwei durch ihre eigenen Stimmen
zum höchsten politischen Amte erhoben wurden, lag und liegt
        <pb n="66" />
        ﻿Vergleich der beiden Währungen.

47

einzig und allein das Wohl aller anstatt der Bereicherung einzelner,
weniger, am Herzen. Obgleich politische Gegner, stimmten sie
doch in dieser Frage überein; das sollte jedem Landbauer, jedem
Mechaniker und jedem Arbeitsmann in den Vereinigten Staaten
der beste Beweis dafür sein, daß diese Männer, nicht aber die
Silberanwälte, seine weisesten Ratgeber sind. Ich schließe mit
einem Wort des Rates an die kleinen Leute. Solange unsere
Regierung fortfährt, sich Monat für Monat mit immer mehr Silber
zu belasten, vermeide man das Silber, und mehr noch halte man
sich vom Silber fern, wenn etwa gar die freie Silberprägung ernstlich
ins Auge gefaßt werden sollte. Wenn Sie etwas beiseite legen,
legen Sie es in Gold beiseite; wenn Sie etwas den Sparbanken an-
vertrauen, lassen Sie es in Gold sein — fordern Sie von der Bank
ein Goldzertifikat dafür ein. Arme Leute sollten sich keinerlei
Risiko aussetzen. Wenn Sie nicht nach diesem Rate handeln,
dürften Sie sehr bald finden, daß kein Gold für Sie übrig ist. Die
Spekulanten und die, welche sich aufs Geschäft verstehen, werden
schon vor Ihnen alles Gold weggefischt haben. Es ist Gefahr im
Verzüge. Was sich immer ereignen mag: mit Gold können Sie
ruhig schlafen. Silber wird weisen Leuten böse Träume bereiten.
Unsere Regierung kann viel tun, sie ist sehr stark; dennoch vermag
sie zwei Dinge nicht zu tun, wenigstens nicht allein und im
Gegensatz zur ganzen Welt: sie kann dem Silber auf die Länge
der Zeit keinen höheren Wert als den geben, welchen es als bloßes
Metall in der ganzen Welt besitzt, obgleich sie dergleichen zu tun
sich anmaßt; und sie kann des Goldes wirklichen Wert nicht
herabsetzen. Vielleicht werden Sie, obgleich ich das nicht hoffen
will, eines schönen Tages mir für meinen Rat Dank wissen.

Glauben Sie jedoch nicht, daß ich deshalb an unserer Republik
verzweifle — nimmermehr! Selbst wenn wir noch tiefer in die
vom Silber unzertrennbaren Schwierigkeiten hineingezerrt werden,
und die Dinge bei uns gerade so schlimm stehen sollten, wie sie
jetzt in Argentinien sind, wo ein Golddollar zwei und einhalb der
im Umlauf befindlichen Silberdollars wert ist, brauchen wir doch
für das Endergebnis nichts zu fürchten. Der gesunde Sinn unseres
Volkes wird nach einiger Zeit die Goldwährung wieder voll in
ihre Rechte einsetzen und unsere Republik dann weiter den Vorrang
        <pb n="67" />
        ﻿48

III. Silberwährung.

unter den Völkern einnehmen. Dennoch, das Silberexperiment
wird uns teuer zu stehen kommen; es ist deshalb besser, daß die
wenigen Geldleute den Verlust so viel wie möglich zu tragen be-
kommen und nicht die Massen des Volkes. Selbst im besten
Falle müssen die letzteren das meiste dulden; denn Geldmenschen
verstehen sich besser zu schützen, als alle anderen Leute. Dessen
bin ich sicher: Unser Volk würde all den ihm drohenden Verlust
zu vermeiden wissen, wenn man es nur dahin bringen könnte,
diese Frage wirklich zu verstehen; seine Interessen sind viel mehr
noch als die der reichen Leute an gutes, ehrliches Geld gebunden;
das Volk hat seine Wünsche seinen Abgeordneten nur deutlich zu
erklären, um die drohende Krisis zu verhindern.

Silber ist infolge seines etwaigen Wertwechsels ein Werkzeug
in den Händen der Spekulanten geworden. Feststehendes reines
und unveränderliches Gold ist niemals so sehr ein Mittel für den
Schutz der Volksmassen gewesen, wie gerade jetzt.

Ich würde mich vergeblich bemüht haben, wenn die hier
gegebene Auseinandersetzung nicht etwas zum Verständnis der
Ursachen der gegenwärtigen Lage beigetragen hätte und das Volk
nicht dazu anstacheln würde, seine Abgeordneten im Kongreß
klar und unzweideutig wissen zu lassen, daß, komme, was mag,
die Prägung der Republik ehrlich gemacht werden und das Geld
des amerikanischen Volkes den besten und sichersten Wert unter
dem Gelde der ganzen Welt erhalten müsse; seine Währung sollte
in der Zukunft wie in der Vergangenheit über jeden Zweifel und
Verdacht erhaben sein; nicht auf- und absteigendes Silber, sondern
seinem Werte nach unerschütterliches Gold.

V V V
V V
V
        <pb n="68" />
        ﻿IV.	Das gemeinschaftliche Interesse von
Arbeit und Kapital.

Ansprache an Arbeiter.

Ein großer Philosoph hat uns gezeigt, daß der größte und
hauptsächlichste Lohn, den wir in diesem Leben erwarten können,
darin besteht, sich selbst genug zu tun. Solch eine Befriedigung
— eine der größten, die ich jemals gehabt, empfinde auch ich: Es
war mir vergönnt, einer Anzahl meiner Mitarbeiter darin beizu-
stehen, sich selbst zu helfen. Diese Bücherei wird Ihnen die
Gelegenheit geben, Ihr eigenes Selbst für, Ihre Arbeitgeber wert-
voller zu machen und für Sie ein geistiges Kapital schaffen, welches
weder verschlechtert noch vermindert werden kann.

Es ist sehr zu beklagen, daß die unwiderstehliche Richtung
unseres Zeitalters, welche das Fabrikwesen in ungeheure Betriebe
zusammenfaßt, die das Werk Tausender von Menschen erfordern,
es den Arbeitgebern, selbst wenn sie in der Nähe ihrer Werke
wohnen, unmöglich macht, eine gleich intime Bekanntschaft mit
ihren Angestellten einzugehen, wie zur Zeit des alten Systems
mit seinen sehr kleinen Betrieben. Die Beziehungen zwischen
Arbeitgeber und Arbeitnehmer waren früher zweifellos für beide
um vieles angenehmer. Solange die Artikel in kleinen Läden von
den Inhabern selbst unter Beistand von wenigen Gehilfen und
Lehrjungen hergestellt werden konnten, hatte der Arbeitgeber volle
Gelegenheit, jeden einzelnen — seine Vorzüge als Mensch und
Arbeiter — gründlich kennen zu lernen; andrerseits wußte auch der
Arbeiter — wie es sich ganz von selbst versteht — mehr über das
Geschäft seines Arbeitgebers, sowie über dessen Sorgen und
Kummer und seine Bemühungen, darüber hinwegzukommen; was

Carnegie, Kaufmanns Herrschgewalt.	4
        <pb n="69" />
        ﻿50 IV. Das gemeinschaftliche Interesse von Arbeit und Kapital.

aber wichtiger als all das war: die Arbeiter wußten etwas über
die Charaktereigenschaften ihres Meisters.

Das hat sich alles geändert; die Arbeiter wurden für ihre
Meister mehr zu menschlichen Maschinen und der Arbeitgeber für
seine Arbeiter mehr und mehr eine Mythe. Obgleich dieser Zustand,
von welcher Seite man ihn auch immer betrachten mag, außer-
ordentlich bedauernswert ist, sehe ich doch keine Abhilfe dafür.
Das freie Spiel wirtschaftlicher Gegensätze zwingt die Fabrikation
allgemeiner Gebrauchsartikel immer weiter in die Gewalt weniger
ungeheurer Betriebe, damit die Kosten für die Abnehmer geringer
werden. Nicht mehr länger können solche Artikel in kleinen
Massen erzeugt werden; ausgedehnte Werke und Maschinen, welche
Millionen kosten, werden erforderlich und nötig. Die Höhe der
Kosten, die man stehende Ausgaben nennt, sind deshalb ein so
bedeutender Faktor des Ausgabenetats, weil der erfolgreiche Be-
trieb in vielen Fällen davon abhängt, ob diese stehenden Ausgaben,
die tatsächlich in großen und kleinen Betrieben fast dieselben
sind, auf tausend Tonnen oder fünfhundert Tonnen Tagesproduk-
tion sich verteilen. Darin besteht die eigentliche Ursache für die
dauernd wachsende Zunahme der Großbetriebe; diese Zunahme
liegt keineswegs in den Wünschen des Fabrikanten, allein die
Anstrengungen der Konkurrenz zwingen ihn zur Ausdehnung
seines Betriebes, um so die stehenden Ausgaben per Tonne oder
Meter dauernd zu verringern; hängt doch davon die Sicherheit
seines Kapitals ab! So ist nun für den Arbeitgeber jede nähere
persönliche Beziehung mit seinen Arbeitern unmöglich geworden;
deshalb muß, wenn Arbeitgeber und Arbeitnehmer nicht jede
Fühlung miteinander verlieren sollen, jener seinem Interesse eine
andere Form geben und seine Fürsorge für das Wohlergehen seiner
Angestellten, auf deren Arbeit sein eigener Erfolg beruht, dadurch
zeigen, daß er einen Teil seines Verdienstes auf Wohlfahrts-
einrichtungen für seine Angestellten verwendet. Solche Einrich-
tungen sind nun diese neue Bücherei und die Genossenschafts-
läden, welche den unteren Stock unseres Gebäudes füllen, zur
Versorgung unserer Arbeitergenossenschaften. Ich hoffe, unsere
Arbeitnehmer werden durch den Gebrauch, welchen sie von unseren
Wohlfahrtseinrichtungen machen, den Beweis liefern, daß sie die
        <pb n="70" />
        ﻿Ansprache an Arbeiter.

51

Füi-sorge ihrer Arbeitgeber hier wie in jedem Falle zu schätzen
wissen. Durch solche Mittel dürfen wir vielleicht hoffen, bis zu
einem gewissen Grade das alte freundschaftliche Verhältnis, sowie
das gegenseitige Vertrauen und die gegenseitige Wertschätzung
wieder herzustellen, wie sie früher zwischen dem Arbeitgeber und
seinen Leuten bestanden hat. Wir sind jünger als Europa, und
haben in dieser Hinsicht noch manches von dem alten Weltteil
zu lernen; immerhin freut es mich, zu bemerken, daß in vielen
Arbeitgebern das Pflichtgefühl gegen ihre Arbeiter zu erwachen
beginnt; ja — was nach meinem Dafürhalten noch viel wichtiger
ist — es sind augenscheinliche Anzeichen vorhanden, daß unsere
Arbeiter den Wunsch haben, zu Genossenschaften zusammen-
zutreten; etwas, was nur zu ihrem Wohlsein beitragen kann.
Es ist ja recht schön, wenn einer dem anderen hilft; dennoch,
das Höchste wird erst dann erreicht, wenn die Menschen fähig
werden, sich selbst zu helfen.

Eine andere wichtige Tatsache ist der gute Arbeitslohn in
Pittsburg. Im allgemeinen ist der Arbeiter hier so gut bezahlt,
daß er, wenn er nur den Willen dazu hat, jeden Monat etwas bei-
seite legen kann. Nichts kommt an Wichtigkeit den Ersparnissen
aus seinen Verdiensten gleich. Der Arbeiter, der seine Häuslich-
keit besitzt, hat zugleich auch die erste Grundlage zu einer ge-
eigneten Rente, sich auf seine alten Tage Komfort und Unabhängig-
keit zu verschaffen. — Ich habe davon gesprochen, wie wünschens-
wert es wäre, ein Gefühl von Gegenseitigkeit und Gefährtschaft
zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer hervorzurufen. Glauben
Sie mir, die Interessen von Kapital und Arbeit sind durchaus die
gleichen. Der ist ein Feind des Arbeiters, wer den Arbeiter gegen
das Kapital aufzuhetzen sucht.

Ich habe das Verhältnis zwischen Kapital und Arbeit jahrelang
studiert und will einige Sätze aus einem von mir vor einiger Zeit
veröffentlichten Artikel anführen; der Artikel ist überschrieben:
„Die Hauptursachen der Reibungen zwischen Kapital und Arbeit.“
Dort heißt es: „Der Verdruß hat darin seine Ursache, daß die
Arbeiter zu keiner Zeit der Konjunktur entsprechend bezahlt werden.
Alle Großbetriebe sind mit Arbeit versorgt, sagen wir für sechs
Monate im voraus; diese Aufträge werden ganz natürlich zu den
        <pb n="71" />
        ﻿IV. Das gemeinschaftliche Interesse von Arbeit und Kapital.

zur Zeit vorherrschenden Preisen abgeschlossen. Gerade die Vor-
gänge des letzten Jahres1) bieten vielleicht den besten Beweis für
die hier in Betracht kommende Schwierigkeit. Eisenschienen waren
am Ende des vorigen Jahres bei Lieferungsverpflichtung für dieses
Jahr 29 Dollar (112 Mark) per Tonne loco Werke. Die Fabriken
übernahmen ohne weiteres Aufträge zu diesen Preisen und fuhren
fort, sie zu übernehmen, bis die unerwartet eintretende Nachfrage
den Preis auf 35 Dollar (140 Mark) per Tonne in die Höhe
trieb. Infolgedessen sind die meisten Betriebe Amerikas gezwungen,
für sechs Monate und auch länger zu einem niedrigeren Durch-
schnittspreise als 31 Dollar (124 Mark) die Tonne, an der Seeküste
sowohl, wie um Pittsburg herum und — sagen wir, zum Preise
von 34 Dollar (136 Mark) um Chicago herum zu liefern. Fracht
und Eisensteine sind inzwischen merklich in die Höhe gegangen;
die Werke müssen daher für den Hauptteil des Jahres mit sehr
geringem Verdienst arbeiten. Die Arbeiter dagegen, welche durch
die Zeitungen von der Preissteigerung erfahren, verlangen ganz
natürlich ihren Anteil an der Steigerung der Preise und erhalten
ihn auch bei den bestehenden ungesunden Beziehungen zwischen
Kapital und Arbeit. Die Arbeitgeber hatten widerwillig nach-
zugeben, obgleich ihnen durchaus klar war, daß sie unter gesunden
Verhältnissen gar nicht hätten darum angegangen werden können;
so entstand eine Reibung zwischen beiden Teilen und eine noch
jetzt bestehende Unzufriedenheit bei den Arbeitgebern. Und nun
die Kehrseite des Bildes: Der Eisenschienenmarkt fällt wieder,
und die Werke haben noch für sechs Monate Arbeit zu höheren
als den üblichen Preisen; sie können ihren Leuten auch höhere
Löhne zahlen, als der übliche Satz ist; doch da sie ihnen kurz
vorher außerordentlich hohe Löhne zahlen mußten, die sie eigent-
lich nicht hätten zahlen dürfen, so versuchen sie jetzt, die Löhne
im Verhältnis zu den niedrigen Preisen des Schienenmarktes herab-
zudrücken. Die Folge davon ist: Unzufriedenheit unter den Arbei-
tern, Unterhandlungen und endlich Arbeitseinstellung, welche den
Jahresanfang kennzeichneten. Mit anderen Worten: wenn der
Arbeitgeber heruntergeht, besteht der Arbeitnehmer darauf, in die

0 1888.
        <pb n="72" />
        ﻿Ansprache an Arbeiter.

53

Höhe zu gehen und so vice versa. Wir müssen daher nach einem
Plan ausschauen, der es ermöglicht, den Arbeitern stets dann hohe
Löhne zu bewilligen, wenn ihre Arbeitgeber hohe Preise für ihre
Erzeugnisse und damit auch größeren Nutzen ernten; andrerseits,
wenn die Arbeitgeber nur niedere Preise für ihre Erzeugnisse und
damit auch nur einen kleinen oder gar keinen Gewinn ernten,
werden die Arbeiter auch mit niedrigen Löhnen zufrieden sein
müssen. Sobald diese Idee verwirklicht werden kann, haben Arbeit-
geber und Arbeiter absolut das gleiche Interesse; sie erfreuen sich
gemeinschaftlich guter Zeiten und halten tapfer zusammen aus in
schlechten Zeiten. Wird das durchgeführt, dann fällt jeder Grund
zu Streitigkeiten fort. Anstatt des Gefühls einer Gegnerschaft wird
das der Teilhaberschaft zwischen Arbeitnehmer und Arbeitgeber
entstehen. Zur Erzielung dieses Zustandes gibt es ein einfaches
Mittel, welches allgemein einzuführen, Arbeitgeber und Arbeit-
nehmer mit all ihrer Energie sich bestreben sollten. Die Löhne
müßten Monat für Monat nach einer gleitenden Skala festgestellt
werden, im Verhältnis zu den für das Produkt erzielten Netto-
preisen. Die Arbeiter zu betrügen, ist unter der gleitenden Skala
für den Kapitalisten nicht möglich.

Ein Vorteil dieser Bücherei (Carnegie-Bibliothek zu Braddok,
Pennsylvanien) ist, daß sie alle Tageszeitungen und Handelsblätter
darin finden; ich bitte Sie, alle diese Blätter aufmerksam zu lesen.
Sie werden viele falsche Angaben und Irrtümer darin finden. Der-
gleichen ist vom Zeitungswesen unzertrennlich, da es in Hast zu
arbeiten und bloße Gerüchte zu verzeichnen gezwungen ist.
Dennoch kann aus dem Studium der vorzüglichsten Zeitungen ganz
wohl die Richtung erkannt werden, welche die Geschäfte nehmen.
Die Zeitungen werden Ihnen keinen durchaus richtigen Bericht
über die Materialpreise geben. Fabrikanten sind immer geneigt,
die Situation in blühenden Farben zu malen, sowie die höchsten
Preise bekannt zu geben mit der Absicht, Leute zum Kauf zu ver-
anlassen und dadurch neue Kunden heranzuziehen. Höchstwahr-
scheinlich werden sie nie darüber berichten, zu wie niedrigen
Preisen sie zu verkaufen gezwungen waren, um der Konkurrent
zu begegnen und ihre Werke im Gange zu erhalten. Trotzdem
wird ein sorgsames Studium der Zeitungen und Handelsblätter
        <pb n="73" />
        ﻿54 IV. Das gemeinschaftliche Interesse von Arbeit und Kapital.

Sie instand setzen, eine Vorstellung über die Richtung der Vor-
gänge in der Handelswelt zu gewinnen. Sie werden durch Zeitung-
lesen erfahren, daß von den 13 mit der Fabrikation von Eisen-
schienen beschäftigten amerikanischen Werken nur drei mit voller
Kraft arbeiten. Nicht mehr als eine Fabrik im ganzen Westen
macht Nägel (Nord Chicago), und ich fürchte sehr, daß auch
diese eine Fabrik zu dauernder Arbeit nicht mehr lange imstande
sein wird. —

Am befrübendsten in allen Streitigkeiten zwischen Kapital und
Arbeit ist der Umstand, daß nur außerordentlich selten der Kapi-
talist die Arbeitspreise niederdrückt, sondern, daß es die Arbeit
selbst ist, welche die Arbeit niederdrückt. Blicken Sie um sich:
In einigen Betrieben arbeiten die Arbeiter um 10, 20, selbst um
30 Prozent billiger und in Johnstown und Harnsbury sogar für
weniger als die Hälfte des hier in diesem Bezirk gezahlten Lohnes.
Angesichts dieser Tatsachen können Sie das Kapital nicht anklagen,
sondern müssen die Arbeitgeber, die selbst diesen Rückschlag
bedauern und jahrelang für höhere Preise kämpfen, nur als die
besten Freunde des Arbeiters ansehen, um so mehr, wenn Sie sich
ehrlich und offen eingestehen, daß Ihre Arbeitgeber, nur um ihre
Werke zu retten und ihren Leuten dauernde Beschäftigung zu
geben, dazu gezwungen sind, diese aufzufordern, für denselben
Lohn wie die im Wettbewerbe stehenden Arbeiter zu arbeiten.
Derjenige Arbeitgeber, der zuerst die Arbeit einschränkt, ist der
Arbeiter Feind, dagegen der Arbeitgeber, der die Arbeit zuletzt
beschränkt, der Arbeiter bester Freund. Der Todfeind der Arbeiter
ist also nicht der Kapitalist, sondern der Arbeiter selbst. Der größte
Charakter im öffentlichen Leben Englands und der festeste Freund
der Vereinigten Staaten in der Stunde der Not, John Bright, der
Radikale, antwortete auf die einst an ihn gestellte Frage, was seine
wertvollste Eigenschaft sei: „Der Geschmack am Lesen.“ Ich kann
offen und aus eigener Erfahrung sagen, daß ich mit diesem großen
Mann übereinstimme. Möglichst bestrebt, Ihnen den in meiner
Macht stehenden besten Rat zu geben, rate ich Ihnen, pflegen Sie
den Geschmack am Lesen. Als halbwüchsiger Knabe hatte ich
Zutritt zu der Bücherei eines Oberst Anderson, dessen Andenken
mir immer verehrungswürdig bleiben wird. Er besaß einige hundert
        <pb n="74" />
        ﻿Ansprache an Arbeiter.

55

Bücher und machte öffentlich bekannt, daß er diese Bücher jeden
Sonnabend an Knaben und junge Leute ausleihen würde. Sie
können sich gar nicht vorstellen, mit welcher Spannung einige
unter uns, die sich diese Gelegenheit, Kenntnisse zu erwerben,
zunutze machten, jedem Sonnabend Nachmittag entgegensahen,
an dem wir unser Buch gegen ein anderes Umtauschen konnten.
Der hauptsächlichste Teilhaber in unseren Betrieben, Herr Phipps,
hatte geradeso wie ich selbst Zugang zu den Schätzen des Wissens
gefunden. Aus eigenster Erfahrung weiß ich, daß nichts so sehr
zum Guten beiträgt, nichts so auf eine Gemeinschaft wirkt, als
Einrichtungen, welche die in Büchern aufgestapelten Schätze in den
Bereich aller bringen. Gelegentlich finden wir auch in unseren
Tagen Spuren des alten Vorurteils, das sich früher allgemein gegen
die Erziehung der Massen des Volkes wandte. Ich wundere
mich nicht, daß desgleichen existiert, wenn ich bedenke, was
bis jetzt als Erziehung galt. In dem Bestreben, Wissen zu er-
langen durch das Studium einer unwissenden Vergangenheit, deren
nützlichstes Ergebnis uns hauptsächlich lehrt, nicht, was des An-
eignens wert, sondern was zu vermeiden ist, verloren die Menschen
ihre besten Jahre. Männer ließen ihre Söhne Schulen besuchen,
in denen die Kräfte mit dem Erlernen von Sprachen, wie Griechisch
und Lateinisch, vergeudet werden, also mit Dingen, die für junge
Leute nicht mehr Nutzen haben, als Choctaw. Ich habe nur
wenige akademisch gebildete Leute gefunden, die Shakespeare
oder Milton näher gekannt hätten. Sie wußten ihnen alles mög-
liche über Ulysses oder Agamemnon zu erzählen; doch was ist
all das im Vergleich zu unseren eigenen Klassikern? Rüssel
Lowell hat uns einen großen Dienst erwiesen, für den wir ihm
zu höchstem Dank verpflichtet sind. Er erklärte nämlich ganz
offen, daß in Shakespeare allein mehr Schätze zu finden seien,
als in allen Klassikern des Altertums zusammengenommen. Junge
Leute werden vollgestopft mit allen Einzelheiten unbedeutender
und erbärmlicher Kämpfe zwischen Wilden; man hat sie gelehrt,
eine Bande von Räubern als Helden zu verehren, und darauf-
hin nannte man diese jungen Leute gebildet. Sie sind erzogen,
als sollten sie auf irgendeinen anderen Planeten und nicht auf
unserer Erde leben! Irgendwelche Belehrung im eigentlichen Sinne
        <pb n="75" />
        ﻿56 IV. Das gemeinschaftliche Interesse von Arbeit und Kapital.

des Wortes ist ihnen nicht erteilt worden. Vielmehr hat gerade
das, was man sie gelehrt hat, nur dazu beigetragen, ihnen falsche
Anschauungen zu geben und Widerwillen gegen das praktische
Leben zu erwecken. Ich wundere mich keineswegs, daß gegen
eine solche Art von Bildung ein Vorurteil bestand und noch
besteht. Nach meiner eigenen Erfahrung gibt es wenige junge
Leute, die, für das Geschäft bestimmt, von ihrer akademischen
Bildung keinen Schaden erfahren hätten. Würden sie die Jahre,
die sie auf der Schule zubrachten, zu tüchtiger Arbeit angewandt
haben, sie wären im eigentlichen Sinne des Wortes Leute von
besserer Erziehung geworden. Feuer und Tatkraft ist in ihnen
ausgestampft, und es wurde für sie zur Hauptfrage, wie man
ein Leben voller Müßiggang, nicht aber voller Nützlichkeit lebe.
Doch eine neue Art von Bildung bemächtigt sich jetzt unser!

Wir beginnen einzusehen, daß die Kenntnis z. B. der Chemie
mehr wert ist als die Kenntnis aller toten Sprachen zusammen-
genommen, welche jemals auf der Erde gesprochen wurden; und
daß die Kenntnis der Mechanik nützlicher ist als alle klassische
Bildung, die sich in einen jungen Mann hineinpropfen läßt. Was
kann der junge Mann, der griechisch gelernt hat, leisten, beispiels-
weise einem anderen gegenüber, der Stenographie, Telegraphie,
Buchhaltung, Chemie oder die Gesetze der Mechanik in unseren
Tagen versteht? Nicht, daß irgendeine Kenntnis hier unterschätzt
werden soll; jede Kenntnis ist in gewissem Sinne nützlich. Nur
möchte ich betonen: Die heutigen Tages in unseren höheren
Schulen gegebene Bildung ist — wenn wir von den wenigen
Leuten absehen, welche Altertumsforscher werden wollen und in
der Entzifferung einer staubigen Vergangenheit ihr Lebenswerk
suchen, sowie von den wenigen, welche die Beamtenlaufbahn
betreten — durchaus und direkt von Nachteil.

Der Mangel an richtiger Bildung hat mehr als alles andere
dazu beigetragen, die allgemeine Anerkennung der Arbeit als
solche zu verhindern. Ich erinnere mich, daß der große Präsident
Edgar Thomson, der größte aller Eisenbahndirektoren, nach wel-
chem diese Werke alle benannt sind, mir einmal den Antrag
stellte, von Pittsburg fort zu gehen und Maschinenmeister der
Pennsylvania-Eisenbahn zu werden. Gewiß, Sie mögen darüber
        <pb n="76" />
        ﻿Ansprache an Arbeiter.

57

lächeln; ich selbst sagte zu Thomson: „Sie setzen mich' in Er-
staunen, Herr Thomson. Ich verstehe ja nichts vom Maschinen-
wesen.“ Eben deshalb will ich — so lautete seine Antwort ___________

daß sie die Oberaufsicht übernehmen, denn ich habe noch niemals
einen Mechaniker mit richtigem Urteil und gesundem Menschen-
verstand gefunden. Das war noch vor Hauptmann Jones Zeit.
Er konnte also damit den Hauptmann nicht meinen. Die Ursache
dieses Mangels an richtigem Urteil ist der Mangel an allgemeiner
Bildung bei den Mechanikern. Ich meine die Kenntnis von Sachen
und Dingen, von denen wir umgeben sind und mit denen wir
tagtäglich zu tun haben. Der beispiellose Aufschwung, den die
Entwicklung der Bessemer Werke in diesem Lande genommen,
hat darin seine vorzüglichste Ursache, daß — ungleich der übrigen
Eisenindustrie — diese Werke in die Hände von Männern von
großer wissenschaftlicher Bildung kamen. Die von diesen Männern
geleisteten Dienste sind von der ganzen Welt anerkannt worden;
ihnen wurde dafür ein Lohn zuteil, der vor wenigen Jahren noch
als ungeheuerlich erschienen wäre; sie haben die mechanische
Arbeit wieder gehoben und so dazu beigetragen, daß diese in
den Augen der Welt wieder gewürdigt wurde. „Mechaniker,
mechanische Ingenieure, Leiter von Stahlwerken“, diese Worte
gelten jetzt als Ehrentitel. Wenn Sie Arbeit zu dem machen wollen,
was sie sein sollte, dann bilden Sie sich weiter fort durch Er-
werbung nützlicher Kenntnisse. Das ist die Lehre, die ich nach-
drücklichst betonen möchte. Streben Sie nach Kenntnissen, damit
Sie erfahren, was die Welt getan hat und tut, und was der Gang
der Dinge ist.

Der Wert der Bildung, die junge Leute heute erlangen, darf
nicht überschätzt werden; ganz besonders möchte ich auf die in
den technischen Schulen erlangte Bildung hinweisen. Es gab eine
Zeit, in der die menschliche Wissenschaft so gering war, daß es
einem jungen Manne leicht wurde, alles zu umfassen. Die Lehr-
kurse unserer akademischen Schulen geben einen gründlichen Be-
weis für diese Tatsache. Heutzutage ist die Wissenschaft so
verzweigt, so ausgedehnt und so genau, daß es für den einzelnen
unmöglich geworden, mehr als ein kleines Gebiet zu kennen.
Unser Zeitalter ist das Zeitalter der Spezialisten; deshalb sollten
        <pb n="77" />
        ﻿IV. Das gemeinschaftliche Interesse von Arbeit und Kapital.

Sie, die in dieser Welt Ihren Lebensunterhalt erwerben müssen,
zunächst das Fach oder die Kunst gründlich kennen lernen, welche
Sie ernährt; Sie sollten danach streben, Ihr eigenes Geschäft so
gut zu kennen, daß Sie in Ihrer Spezialität zum Sachverständigen
werden. Wenn Sie Mechaniker sind, dann studieren Sie alle
Werke, die über Mechanik handeln; als Chemiker jedes Werk,
welches auf Chemie Bezug hat; sind Sie an den Schmelzöfen
beschäftigt, jedes Werk über Schmelzöfen; in den Bergwerken,
jedes Werk über Bergwerke. Gestatten Sie niemandem, über
Ihre eigene Spezialität mehr zu wissen, als Sie selbst wissen.
Das sollte Ihr Ideal sein. Ferner ist es notwendig — wenn auch
weniger wichtig — eine gewisse Frische in Ihr Leben zu bringen:
alles durcheinander und etwas über alles zu lesen, soweit es
Ihre Zeit erlaubt. Gerade wie der Ackerbauer zuerst nach seinem
Korn, seinem Weizen und seinen Kartoffeln sieht, von denen
er seine Einnahmen zieht, seine Mußestunden aber zur Pflege
von Blumen rings um sein Haus verwendet, gerade so sei für
Sie das eine ein Feld der Arbeit, und das andere ein Feld der
Erholung.

In diesen Zeiten des Überganges, des Kampfes zwischen Arbeit
und Kapital dürften Sie einige Ihrer Mußestunden kaum besser
anwenden, als zum Studium volkswirtschaftlicher Fragen. Es gibt
gewisse unumgänglich große Gesetze: Das Gesetz von Angebot
und Nachfrage; das Gesetz der Wettbewerbe, sowie das Gesetz
der Löhne und des Gewinnes; all das werden Sie in den Büchern
finden; und halten Sie es fest im Gedächtnis. Es ist ebenso
unmöglich, die Wirkung dieser Gesetze zunichte zu machen, wie
die Gesetze der Natur einzuschränken, welche die Feuchtigkeit
der Luft oder die Drehung der Erde um ihre Achse bestimmen.
Das ernste Studium der wissenschaftlichen Werke sollte das gleich
wichtige Studium der Werke der Literatur nicht ausschließen,
und vor allem nicht die Lektüre von Dichtungen. Nach meiner
Ansicht ist die Meinung, welche an vielen Stellen gegen die
schöne Literatur besteht, ein Vorurteil. Ich weiß, daß einige, ja,
sogar die meisten hervorragenden Männer, in einer guten Dich-
tung das beste Mittel für Genuß und Rast fanden. An Geist
Und Körper — und vor allem durch geistige Arbeit — erschöpft,
        <pb n="78" />
        ﻿Ansprache an Arbeiter.

59

ist nichts so erfrischend als die Lektüre eines guten Romans.
Es zeugt durchaus von keinem Mißbrauch der öffentlichen Bibüor
theken, wenn die Werke der schönen Literatur am meisten ge-
lesen werden. Gerade im Gegenteil, es fragt sich, ob überhaupt
eine andere Literaturgattung so gut dem wichtigen Zwecke dienen
würde, hart Arbeitende aus dem prosaischen und trockenen
Pflichtenkreise des Alltagslebens emporzuheben. Die Werke Walter
Scotts, George Eliot’s, Thackeray’s, Dickens und anderer von
gleicher Bedeutung haben für Arbeiter ebensoviel Wert, wie die
jedes anderen Literaturzweiges.

Sie alle wissen, wieviel das industrielle Wissen jenen Ver-
besserungen und Erfindungen schuldet, die ihre erste Veranlassung
den Arbeitern selbst verdanken. Merken Sie nur vor allem: die
Verbesserungen und Erfindungen kommen stets von dem gebil-
deten — „gebildet“ im wahrsten Sinne des Wortes — und niemals
von dem unwissenden Arbeiter. Sie müssen von Männern stam-
men und stammen auch wirklich von Männern, die auf ihrem
besonderen Gebiete mehr Wissen besitzen als ihre Kameraden.
Wenn sie auch nichts gelesen haben, dann haben sie eben beob-
achtet, und das ist die beste Art, sich zu bilden. Die Hauptsache
besteht eben darin, daß sie überhaupt Wissen besitzen; wie sie
zu ihrem Wissen gekommen sind, bleibt gleichgültig, ihre Fähig-
keit, über ein Problem mehr zu wissen als ihre Kameraden, eine
Abhilfe oder eine Verbesserung vorzuschlagen, ist allein für sie
selbst und für ihre Arbeitgeber von Wert. Nichts bringt dem
Arbeiter so sicher eine Vormannschaft, Direktorenstellung, Teil-
haberschaft ein, als das Wissen alles dessen, was geleistet worden
ist und was heutzutage geleistet wird auf dem besonderen Ge-
biete, auf dem er arbeitet. Vom Niedrigsten bis zum Höchsten
hinauf vermag der intelligente Mann besseres zu leisten als der
Unwissende. Seine Kenntnisse sind ihm immer förderlich, und
ob er sie in der Stellung eines leitenden Direktors oder bloß als
ein Mann, der nur die Schaufel handhabt, besitzt — er wird in
jedem Falle ein wertvollerer Arbeiter sein, vorausgesetzt, daß
alles andere gleichwertig ist. Aus meiner Praxis als Fabrikant
weiß ich, daß unsere Firma mancherlei Mißgriffe gemacht hat,
einzig durch Vernachlässigung der Regel, niemals etwas Neues
        <pb n="79" />
        ﻿60 IV. Das gemeinschaftliche Interesse von Arbeit und Kapital.

zu beginnen, bevor der Betriebsleiter Gelegenheit gehabt, alles zu
prüfen, was in dem betreffenden Gebiete geleistet worden ist.

Die Vernachlässigung dieser Regel kostete uns Tausende von
Dollars, und das hat uns vorsichtig gemacht. Demjenigen nun,
der Ehrgeiz besitzt und vielleicht denkt, er habe eine Verbesse-
rung im Kopfe, sage ich: Hier in den Räumen dieser Bücherei)
ist, oder wird, wie ich hoffe, bald die Erfahrung der ganzen
Welt über eben diesen Gegenstand bis auf die jüngste Zeit hin-
unter sein. Für jede Frage der Chemie, für jede Frage der
Schmelzöfenpraxis finden Sie die Aufzeichnungen der ganzen Welt
zu Ihrer Verfügung; wenn Sie auf dem falschen Wege sind, werden
die Bücher es Ihnen sagen; befinden Sie sich auf dem rechten
Wege, so werden die Bücher Ihnen Mut machen. Sie können in
dem Patentamt zu Washington von einem Saale in den andern
gehen: dort sehen Sie Tausende von Modellen für alle Gebiete
menschlicher Tätigkeit. Aber 99 von jedem Hundert wären dort
nicht aufgestellt worden, hätte der unwissende Erfinder die Ge-
legenheit gehabt, welche Ihnen diese Bücherei bietet. Ich hörte
Arbeitgeber sagen, in der Bildung der Massen liege eine große
Gefahr; der einfache Mann würde dann mit seinen nützlichen
und notwendigen Beschäftigungen nicht mehr zufrieden sein. Ich
habe mich wirklich selbst bezwingen müssen, solche Grundsätze
mit Ruhe anzuhören. Sie sind ganz und gar falsch, und ich wider-
spreche ihnen auf das entschiedenste. Das Mißverständnis zwi-
schen Kapital und Arbeit steht geradezu im direkten Verhältnis
zur Unwissenheit der Arbeitgeber und zur Unwissenheit der Ar-
beitnehmer. Je intelligenter der Arbeitgeber, desto besser; je
intelligenter der Arbeitnehmer, desto besser. Niemals hat Bil-
dung, niemals haben Kenntnisse Zusammenstöße herbeigeführt;
immer war Unwissenheit des einen oder beider Teile daran schuld.

Auf Grund einer nicht unbeträchtlichen Erfahrung stelle ich
hier fest: der Kapitalist kennt die Rechte und Ansprüche des
Arbeiters nicht, und der Arbeiter kennt die Nöte und Gefahren
der Kapitalisten nicht. Darin liegt die wahre Ursache aller zwischen
beiden aufkommenden Reibungen.

Eine intime Kenntnis der Kapitalisten von den guten Eigen-
schaften derer, die ihnen dienen, und einige Kenntnis von seiten
        <pb n="80" />
        ﻿Ansprache an Arbeiter.

61

der Arbeiter über die volkswirtschaftlichen Gesetze, welche die
Kapitalisten in unbarmherzigem Zwang halten, würde vielen Miß-
helligkeiten zwischen den beiden Teilen da jeder dem andern
unumgänglich nötig ist — Vorbeugen. Ich hoffe, diejenigen, welche
den unschätzbaren Vorzug der Neigung zum Lesen besitzen, werden
einige der Grundgesetze, von denen es weder für das Kapital
noch für die Arbeit ein Entrinnen gibt, sorgfältig studieren. Wenn
diese Bücherei zu diesem Zwecke auch nur das leiseste beiträgt,
wird sie schon dadurch ihre Existenz gerechtfertigt haben.

Auch, denke ich, dürften Sie bei all dem nicht vergessen,
sich zu amüsieren. Man soll das Leben nicht allzu ernst nehmen.
Der Glaube, daß der Mann, der nichts tut als arbeiten, den Preis
gewinnt, enthält einen großen Irrtum. Haben Sie ruhig Ihr Ver-
gnügen. Lernen Sie gut Whist, gut Dame oder auch gut Billard
spielen, nehmen Sie Interesse an Fußball, Crikett, oder auch an
Pferden; kurz an irgend etwas, das Ihnen eine unschuldige Freude
macht und Sie von des Tages Mühen befreit. Nichts besseres
als ein herzliches Lachen! Ich schreibe den größten Teil meiner
Erfolge der Tatsache zu, daß — wie meine Partner oft sagen —
Sorgen an meinem Rücken herunterfließen, wie Wasser an einer
Ente. Shakespeare sagt, an einer hier wohlangebrachten Stelle:
„Trage deine Sorgen, wie das, was du äußerlich an dir hast,
gerade wie deine Kleider: unbekümmert.“

Man begegnet vielen im Leben, die, ihrer eigenen Über-
zeugung zufolge, groß und erfolgreich gewesen wären, hätte die
Welt ihnen den Wert zugestanden, welchen sie selbst für sich
in Anspruch nehmen. Solche Leute sind das Opfer ihrer Einbil-
dung. Niemand in der Welt wünscht wahre Fähigkeiten nieder-
zuhalten. Jedermann streckt ihnen freudig die Hand entgegen.
Jeder Arbeitgeber prüft die jungen Leute in seinem Wirkungs-
kreise, stets außerordentlich begierig, um ausnehmende Fähig-
keiten ausfindig zu machen. Nichts in der Welt ist so wünschens-
wert für ihn und nichts so gewinnbringend, wie Begabung. Jeder
Abteilungsdirektor ist bereit, den Mann festzuhalten und zu ver-
werten, welcher etwas besonders Wertvolles zu leisten vermag.
Jeder Vormann hat den Wunsch, Leute unter sich zu haben, auf
die er sich verlassen kann und deren Verdienste zu seinem eignen
        <pb n="81" />
        ﻿

*■&lt;¥■' ' *









62 IV. Das gemeinschaftliche Interesse von Arbeit und Kapital.

Besten sprechen; denn den größten Beweis für seine Geschicklich-
keit bringt er nicht so sehr durch seine eignen Leistungen, als
durch die Leistungen derer, mit denen er sich zu umgeben ver-
steht. Die Bücher in diesen Regalen werden Ihnen viele Ge-
schichten erzählen von denen, die sich aus unserm Arbeiterstande
emporgearbeitet haben. Nicht der Gebildete oder der sogenannte
Gebildete oder der klassisch Gebildete, nicht der Adel und nicht
die Fürsten sind es, welche die Geschichte der Welt bestimmt
haben, weder im Feld noch im Rat, weder im Laboratorium noch
in der Werkstatt. Die großen Erfindungen, die Verbesserungen
in der Wissenschaft, die großen Werke der Literatur: sie alle sind
das Werk solcher, die dem Stande der Armut entsprangen! Sie
können kaum eine große Entdeckung, kaum den Namen eines
großen Bildwerkes, kaum ein großes Lied oder eine große Er-
zählung, noch irgend etwas anderes Großes nennen, das nicht
von Männern geschaffen wäre, die damit begannen, ihren Lebens-
unterhalt durch ehrliche Arbeit zu verdienen. Und glauben Sie
mir, der Arbeiter, den sein Vormann nicht anerkennt, und der
Vormann, den sein Direktor nicht anerkennt, und der Direktor,
den seine Firma nicht anerkennt, sollte die Ursache dafür nicht
in der Firma, nicht in dem Direktor, nicht in seinem Vormann,
sondern einzig und allein in sich selbst suchen. Er ist einfach
nicht imstande, das zu leisten, was so außerordentlich bewertet
und so eifrig gesucht wird. Es gibt niemanden, der nicht zur
höchsten Stellung emporsteigen, niemanden, der nicht infolge des
Mangels an den rechten Eigenschaften oder infolge ihres Unrechten
Gebrauches zur tiefsten Stufe herabsinken könnte. Angestellte
haben jede Möglichkeit zu einer höheren Tätigkeit emporzukommen;
sie können Oberaufseher, Partner und sogar Verwaltungsräte in
unsern Diensten werden, sobald sie die nötigen Eigenschaften
besitzen. Niemals sollen sie glauben, entbehrlich zu sein; gerade
wir sind es, die fürchten, die Fähigkeiten solcher Männer könnten
uns verloren gehen. Es ist eine große Genugtuung für uns, daß
die tägliche Arbeitszeit in ganz Amerika herabgesetzt wurde.
8 Stunden Arbeit, 8 Stunden Muße und 8 Stunden Schlaf er-
scheint als die ideale Teilung. Ein gesetzlicher Zwang für alle
Betriebe, welche Tag und Nacht arbeiten, wäre sehr wünschens-
        <pb n="82" />
        ﻿Ansprache an Arbeiter.

63

wert. Sie wissen, daß wir das mit einer Aufopferung von einigen
hunderttausend Dollars versucht, allein wir sahen uns zuguter-
letzt durch unsere Konkurrenten gezwungen, den Kampf aufzugeben;
das beste dürfte sein, diese Tagesteilung nach und nach durch staat-
liche Gesetzgebung zu erreichen. Eine einzelne Firma kann wenig
dafür tun; alle Konkurrenten müssen zu gleicher Zeit dazu ge^
zwungen werden, denn in unsern Tagen sind die Verdienste dem
Prozentsatz nach so gering, daß keine Firma ihre Werke in Tätig-
keit halten kann, wenn nicht unter Bedingungen, die denen ähn-
lich, welche die Konkurrenz beherrschen. Daher ist es notwendig,
daß alle gesetzlich gezwungen werden. Wir wären glücklich, solch
ein Gesetz für die 8-Stundenarbeit unterstützen zu dürfen, aber
selbst jetzt können Arbeiter, wenn sie die ihnen verfügbare freie
Zeit gut benutzen, bald zu höheren Stellungen aufsteigen. Nicht
auf lange hin brauchen sie 12 Stunden zu arbeiten; viele unter
uns haben in ihrer Jugend länger als 12 Stunden gearbeitet.

Der Arbeiter hat heutzutage gar viele Vorteile gegen früher.
Die gleitende Lohnskala stellt ihn als Mann und Bürger höher
als den Arbeiter vergangener Tage. Der Teil des aus Arbeit
und Kapital zusammengeernteten Gewinnes, welcher heute den
Arbeitern zugute kommt, war niemals so groß und niemals so
im Steigen begriffen; der aus dem Kapital gezogene Nutzen nie-
mals so gering als gegenwärtig. Auch die Kosten für den Lebens-
unterhalt waren niemals geringer als zu unserer Zeit.

Ich hoffe, daß die Zukunft noch viele große Vorteile bringen
wird, und daß der mühsame Marsch, welchen der Arbeiter auf
dem Wege von der Sklaverei, in die unsere Vorväter zugleich
mit Bergwerken und Fabriken gekauft und verkauft wurden,
hinauf zu seiner gegenwärtigen Stellung machte, noch keineswegs
sein Ende erreicht hat; sondern, daß dieser Marsch noch immer
weiter fortgesetzt werden und zu anderen wichtigen Ergebnissen
für das Wohlergehen und die Würde der Arbeit führen wird.

V V V
V V
V
        <pb n="83" />
        ﻿V.	Sparen eine Pflicht.

Pflichten reicher Leute.

Die Wichtigkeit dieses Themas ergibt sich aus der Tatsache,
daß die Gewohnheit des Sparens einen der Hauptunterschiede
zwischen wilden und zivilisierten Menschen ausmacht. Zu den
Grundverschiedenheiten zwischen kultiviertem und unkultiviertem
Leben gehört eben das Fehlen von Sparsamkeit in dem einen,
und ihr Vorhandensein in dem anderen Falle. Wenn Millionen
Menschen auch nur eine Kleinigkeit ihres täglichen Einkommens
sparen, so machen diese winzigen Summen doch eine ungeheure
Summe aus. Diese Summe nennt man das Kapital, über welches
so viel geschrieben wird. Wenn jeder all das, was er täglich
verdient, gerade wie die Wilden, verzehren oder vertun würde,
dann gäbe es überhaupt kein Kapital, das heißt, keine Ersparnisse
für zukünftigen Gebrauch.

Lassen Sie uns nun einmal sehen, wozu Kapital in der Welt
nützlich ist. Wir wollen erwägen, was die Schiffbauer tun, wenn
sie ein großes Schiff zu bauen haben. Die großen Gesellschaften
erbieten sich zum Bau eines solchen Seeungeheuers — sagen
wir einmal, zu einem Preise von 10 Millionen Mark; dieser
Preis nun ist erst dann zu zahlen, wenn das Schiff nach erfolg-
reichen Versuchen abgeliefert wird. Wie und woher nehmen nun
die Schiffbauer das Geld zur Zahlung ihrer Arbeitsleute, des
Holzhändlers, des Stahlfabrikanten und all der anderen Leute, die
das Material zum Bau des Schiffes liefern? Von nirgends anders
als aus den Ersparnissen zivilisierter Menschen. Es ist ein Teil
des von Millionen fleißiger Menschen zu Kapitalsanlagen ersparten
Geldes. Jeder einzelne spart ein bißchen, tut das Ersparte in
einen Beutel und leiht es den Schiffbauern, welche für Benutzung
        <pb n="84" />
        ﻿Pflichten reicher Leute.

65

des Geldes Interessen zahlen. Ganz dasselbe ist es mit dem
Bau von Fabriken, Eisenbahnen, Kanälen und allem anderen, das
viel Geld kostet. Wir könnten heute nicht viel weiter fortgeschritten
sein als die Wilden, hätten wir nicht über Erspartes zu verfügen.

Sparen ist deshalb die erste, vorzüglichste Pflicht.
Sparsamkeit ist die unumgänglichste Voraussetzung jedes Fort-
schrittes. Ohne Ersparnisse keine Eisenbahnen, keine Kanäle, keine
Schiffe, keine Telegraphen, keine Kirchen, keine Universitäten,
keine Schulen, keine Zeitungen, kurz nichts, was immer groß
und kostspielig ist. Der Mensch muß Sparsamkeit üben und
Geld beiseite legen, ehe er etwas Substantielles von großem
Werte hervorzubringen vermag. Nichts konnte gebaut und nichts
gemacht werden, solange der Mensch als sparloser Wilder lebte.
Des zivilisierten Menschen erste Pflicht erfordert es daher, schon
von jungen Jahren an die Notwendigkeit im Auge zu behalten,
für seine eigene Zukunft und die Zukunft derer, die von ihm
abhängen, Vorsorge zu treffen. Wenige Regeln sind so wichtig
und heilsam, wie das von den meisten weisen und guten Men-
schen befolgte Gesetz: daß die Ausgaben stets geringer sein
müssen, als die Einnahmen. Mit anderen Worten: Man zeige
sich als zivilisierter Mensch, indem man etwas beiseite legt und
nicht als Wilder, der immer wieder das ganz verzehrt, was er
einnimmt. Der große Dichter Burns sagt in seinem Rat an einen
jungen Mann:

To catch Dame Fortune’s golden
smile,

Assiduous wait upon her:

And gather gear by every wile
That justified by honour.

Not for to hide it in a hedge,
Not for a train attendant;

But for the glorious privilege
Of being indepedent.

Fortunas flüchtig goldne Gunst
Auf jede Art begehre,

Erhasche sie mit jeder Kunst,
Erlaubt bei deiner Ehre.

Nicht als der Göttin schnöder Knecht,
Nicht als ihr Schleppenhalter.

Nein für das stolze große Recht,
Selbst Herr zu sein und Walter.

Das ist ein gesunder Rat, welchen, wie ich hoffe, der Leser
sich zu Herzen nehmen und auch befolgen wird. Kein stolzer,
sich selbst achtender Mann kann jemals glücklich oder auch nur
zufrieden sein, wenn er für seine notdürftigen Bedürfnisse von

Carnegie, Kaufmanns Herrschgewalt.	5
        <pb n="85" />
        ﻿66

V. Sparen eine Pflicht.

anderen abhängt. Derjenige, der abhängig ist, hat nicht die volle
Höhe der Männlichkeit erreicht und kann kaum unter die wür-
digen Staatsbürger gezählt werden. Sicherheit und Fortschritt eines
Landes hängt weder von den Hochgebildeten, noch von den
Millionären, noch von der größeren Zahl der Armen ab', sondern
von der Zahl der nüchternen, intelligenten, fleißigen und spar-
samen Arbeiter, die weder sehr arm, noch sehr reich sind.

Die Pflicht des Sparens hat aber auch ihre Grenzen.

Gewöhnlich ist der sparsame Mann auch ein guter Gatte, ein
trefflicher Vater und ein friedlicher, den Gesetzen gehorsamer
Bürger. Die Ersparnisse brauchen auch nicht gerade groß zu
sein. Es ist überraschend, mit wie wenig Geld man die nötigen
Lebensbedürfnisse zu bestreiten vermag. Eine kleine schulden-
lose Häuslichkeit und wenige hundert Pfund, ganz wenige —
das ist alles, was dazu nötig ist. Beides ist von sparsamen
Leuten schneller erworben, als man denkt. Großer Reichtum ist
etwas ganz anderes und viel weniger wünschenswert. Weder
der Zweck des Sparens noch die Pflicht des Menschen besteht
darin, Millionen zu erwerben. Es ist ganz und gar keine Tugend,
dergleichen als Endzweck aufzustellen, vielmehr endet die Pflicht
des Sparens, sobald wir die, welche von uns abhängen, anständig
versorgt haben. Millionen zusammenzuscharren ist nicht Spar-
samkeit, sondern Geiz. Allerdings bleibt es unter den bestehen-
den industriellen Verhältnissen unvermeidlich, daß wenige, sehr
wenige weit über ihre Verhältnisse hinaus Geld machen. Die
Anhäufung von Millionen ist gewöhnlich das Ergebnis von Unter-
nehmungsgeist, richtigem Urteil und außerordentlicher Organisa-
tionsfähigkeit. Es ist kein Ergebnis gewöhnlichen Sparens. Leute,
welche im Alter nur darauf ausgehen, ihr schon großes Vermögen
noch zu vermehren, sind gewöhnlich Sklaven ihres schon in jungen
Jahren hervortretenden Geizes. Zu allererst sind sie die Herren
des Geldes, welches sie erworben und erspart haben, später wird
das Geld ihr Herr; sie können nicht mehr anders; so über-
mächtig ist die Macht der Gewohnheit, im Guten wie im Bösen.
Mißbrauch, nicht rechter Gebrauch' des Spartriebes, bringt diese
Klasse von Leuten hervor.

Nie wird jemand solchem Sparmißbrauch zum Opfer fallen,
        <pb n="86" />
        ﻿Pflichten reicher Leute.

67

der es sich immer gegenwärtig hält, daß Reichtum etwas heilig
Anvertrautes ist, welches er zum Wohle seiner Mitmenschen zu
gebrauchen, verpflichtet ist. Ein rechter Mann muß stets sich
selbst zu meistern wissen. Er soll Geld wie einen nützlichen
Diener benutzen. Geld darf niemals sein Herr, und er selbst
niemals zum Geizhals werden.

Dem Manne erwächst wohl die erste Pflicht, sich ein aus-
reichendes Vermögen zu erwerben und sich selbständig zu machen.
Allein damit endet seine Pflicht keineswegs. Es ist seine weitere
Pflicht, etwas für seine bedürftigen Nachbarn zu tun, die vom
Glücke weniger begünstigt sind als er selbst; seine Schuldigkeit,
zum allgemeinen Besten der Gemeinschaft beizutragen, in welcher
er lebt. Genießt er doch den Schutz ihrer Gesetze; dieser Schutz
setzt ihn erst instand, durch seine Unternehmungen für sich selbst
und seine Familie ausreichend zu sorgen.

Alles, was er mehr erwirbt, gehört nach Recht und Ge-
rechtigkeit der schützenden Macht, die ihn gepflegt und instand
gesetzt hat, finanziellen Erfolg zu erringen. Der Versuch, die
Welt besser zu machen, als man sie vorgefunden, heißt einen
edlen Lebenszweck verfolgen. Dein Überfluß soll zur Verbesse-
rung Deines eigenen Wesens beitragen und Dich unter diejenigen
einreihen, welche Edelleute sind auf Grund ihres Charakters. Es
ist Pflicht für Dich, zu verstehen, daß es Pflicht ist, sich die
Gewohnheit des Sparens anzueignen. Beginne Deine Ersparnisse
mit Deinem ersten Verdienst; zeige Dich dadurch als zivilisierter
Mensch und gib nicht alles aus wie ein armer Wilder.

V V V
V V
V
        <pb n="87" />
        ﻿VI.	Wie kann man ein Vermögen erwerben?

Alle wirtschaftliche Arbeit teilt sich in zwei große Lager:
Ackerbau und Industrie. In beiden sind verschiedene Kräfte tätig.
In dem einen Lager geht alles auf weitere Verteilung von Land
unter die vielen aus; in dem anderen Lager zielt alles auf Kon-
zentration des Geschäftes in den Händen von wenigen hin. Einer
der großen Irrtümer, auf welche Georges bekanntes Buch „Fort-
schritt und Armut“ aufgebaut ist, besteht in der Voraussetzung,
daß Grund und Boden immer mehr in die Hände von wenigen
komme. Die einzige Quelle aus der Henry George seine Kennt-
nis über diesen Funkt schöpfen konnte, ist der Census; der
Census aber sagt aus, daß im Jahre 1850 die durchschnittliche
Größe der Landgüter in den Vereinigten Staaten 203 Acres, im
Jahre 1860 199 Acres, im Jahre 1870 153 Acres und im Jahre
1880 134 Acres betrug. Die Ursache für diese äußerst schnelle
Landaufteilung erklärt sich leicht. Der Landwirt, welcher ein klei-
nes Gut mit eigener Hand kultiviert, vermag leicht den ehr-
geizigen Kapitalisten aus dem Felde zu schlagen, der versucht, Land
in weiten Flächen mit der Arbeit anderer zu kultivieren. Es
ist bemerkenswert, daß in Großbritannien der kleine Landwirt
die Zeiten landwirtschaftlicher Not bei weitem besser überstanden
hat als der Großgrundbesitzer. Wir haben für Amerika sowohl
wie für England den besten Beweis, daß unter gleichen gesetz-
lichen Voraussetzungen Landbesitz sich immer mehr und mehr
unter die Massen der Bevölkerung verteilt. In der ganzen Masse
sozialer Erscheinungen gibt es keine wichtigere Tatsache, als die
eben erwähnte, und nichts, was dem denkenden Forscher grö-
ßere Befriedigung verursacht. Der Triumph des kleinen Landr
eigners über den Großgrundbesitzer sichert Wachstum und Be-
        <pb n="88" />
        ﻿VI. Wie kann man ein Vermögen erwerben?	69

stand desjenigen gesellschaftlichen Elements, auf welches die Zivi-
lisation am sichersten Zählen kann; denn es gibt keine andere Volks-
kraft, die das Gute so erhält und die zugleich so ehrlich denkend
und tugendhaft ist, wie der Stand, welcher seinen Acker mit eigener
Hand bebaut. Zum Glück für die Menschheit lehrt die Erfahrung,
daß kein Mann mit Nutzen für sich selbst mehr Boden bebauen
kann, als er selbst mit Hilfe seiner Familie zu bestellen vermag.

Wenden wir uns nun dem anderen Lager, dem der indu-
striellen Arbeit, zu. Es wird, wie wir eingestehen müssen, gerade
von dem entgegengesetzten Gesetze beherrscht, welches Gewerbe
und Geschäft im allgemeinen zur Konzentration in wenige groß-
artige Betriebe zwingt. Beispielsweise sehen wir 1700 Uhren
täglich von einer einzigen Gesellschaft angefertigt. Daher sind
Uhren zu einem sehr mäßigen Preise käuflich. Wir haben Werke,
die jeden Tag tausend Meter Kattun erzeugen, und dieser viel-
begehrte Artikel kann für wenige Pfennige pro Elle erstanden
werden. Stahlwarenfabrikanten erzeugen täglich 2500 Tonnen Stahl;
infolgedessen werden vier Pfund feiner Stahl für 5 Cents (20 Pfen-
nige) verkauft. Und so geht es fort durch das ganze Gebiet der
Industrie. Man zerteile die großen Fabriken in kleine Anlagen,
alsdann wird man finden: die Herstellung einzelner Artikel ist
überhaupt nicht möglich! denn der Erfolg der Arbeit hängt davon
ab, daß die Waren in großen Massen hergestellt werden; die
Herstellungskosten ein und desselben Artikels würden in kleinen
Fabrikanlagen den gegenwärtigen Preis zwei- oder dreimal über-
treffen. Es gibt für dieses Gesetz der Konzentration in der in-
dustriellen Welt durchaus kein gegenwirkendes Gesetz. Ganz im
Gegenteil, die bei der Arbeit beteiligten Kräfte scheinen wachsende
Produktion von jedem Großbetriebe zu fordern, damit das Mini-
mum an Unkosten erreicht werde. Daher schreibt sich nun der
rapide und fortwährende Kapitalzufluß Zu den Fabriken und Han-
delsanlagen; fünf, fünfzehn, ja zwanzig Millionen werden häufig
von ein und derselben Gesellschaft verwendet. All das hat zu
einer oft gehörten Klage Anlaß gegeben, deren Grundlosigkeit
ich zu beweisen hoffe. Der praktische junge Geschäftsmann weist
auf diese Verhältnisse hin und meint: Es ist nicht mehr möglich,
ohne Kapital über die Stellung eines bezahlten Angestellten hin-
        <pb n="89" />
        ﻿70	VI. Wie kann man ein Vermögen erwerben?

auszukommen! Ein Ungeheuer stellt sich jedem ohne eigene
Mittel in den Weg: Dieses Ungeheuer deutet auf unabhängige
Macht oder Teilhaberschaft; es ist repräsentiert in den bestehen-
den ungeheuren Etablissements, welche dem Emporkommen junger
Leute ein unübersteigliches Hindernis entgegenstellen. Dagegen; hat
der junge Landwirt, wie Wir gesehen haben, von dem Kapitalisten
nichts zu fürchten. Mit geringem Kapital, das er leicht ersparen
oder leihen kann, vermag er sein landwirtschaftliches Gewerbe
zu beginnen, und seine einzigen Wettbewerber, mit denen er zu
rechnen hat, sind mit ihm in der gleichen Lage. Zweifellos ist
es für einen Mechaniker oder praktischen Geschäftsmann heut-
zutage viel schwerer, ein neues Geschäft zu etablieren oder einen
Teilhaber für ein schon bestehendes Geschäft zu erhalten, als es
einem jungen Ackerbauer wird, mit nichts anzufangen. Trotz-
dem, die Schwierigkeiten sind weder unüberwindlich noch größer
als früher. Allerdings eignen sie sich nicht dazu, den Ehrgeizigen
anzustacheln; aber es muß in Rechnung gezogen werden, daß,
wenn das Rennen in der Industrie- und Geschäftswelt auch schwerer
zu gewinnen, dafür auch der Preis beträchtlich größer ist.

Bevor ich die Aussichten des Mechanikers in der industriellen
und die des Gehilfen in der kaufmännischen und in der Finanz-
welt näher betrachte, möge es mir erlaubt sein, zu zeigen, daß
gerade die letzten beiden Klassen bei der Etablierung derjenigen
großen Fabriken, Geschäftshäuser und großen Finanzinstitute, die
heute in den Vereinigten Staaten am besten bekannt sind, beteiligt
waren. Sprechen wir zunächst von den gelernten Mechanikern.
Alle unsere großen Werke Wurden begründet und geleitet von
Mechanikern; also von Männern, die ihre Lehrlingszeit durch-
gemacht haben. Ja, die Anzahl der hier in Betracht kommenden
Anlagen würde sich uns noch weit größer darstellen, wenn wir
diejenigen Betriebe mit einschließen wollten, deren Gründer ihre
Laufbahn als Comptoirburschen oder Gehilfen begonnen haben.
In diesem Falle müßten wir beinahe alle großen Betriebe ein-
schließen; beispielsweise war Edison Telegraphist.

In den kaufmännischen und finanziellen Zweigen der Ge-
schäftswelt, die alle unter dem Konzentrationsgesetz stehen und
deshalb geschäftlich den Großbetrieben zudrängen, nimmt der Ge-
        <pb n="90" />
        ﻿VI. Wie kann man ein Vermögen erwerben?

71

hilfe dieselbe Stellung ein, wie der geschickte Mechaniker in der
industriellen Welt. Alle großen Geschäftshäuser zeigen, soweit
ich ihre Geschichte zu verfolgen vermag, denselben Ursprung.
Wanamaker in Philadelphia, Claflins in Boston, Field in Chicago
und Barr in St. Louis haben als arme Ladenjungen angefangen;
andere wie Phelps &amp; Dodgs — gleichfalls in Boston — waren
arme Gehilfen. In der Bank- und Finanzwelt stammen, wie all-
bekannt, die Stanfords, Rockefellers, Goulds, Sages, Fields, Dil-
lons, Seligmans, Wilsons und Huntingtons alle aus der großen
Masse der Unvermögenden. Die Millionäre, welche heute alles
beherrschen, begannen als arme Jungen und gingen durch die
härteste aller Schulen — Armut.

Ich bat einen Bankier in der City, mir ein paar Namen von
Präsidenten, Vizepräsidenten und Kassierern zu geben, die als
Laufjungen oder Gehilfen begonnen hatten. Er sandte mir 36
solcher Namen und schrieb mir, er würde den folgenden Tag
mehr senden. Dagegen fand sich keiner mit höherer Schulbildung
unter ihnen. Ich habe nachgeforscht und nach allen Richtungen
hin gesucht, konnte aber den höher Gebildeten nur sehr selten in
leitenden geschäftlichen Stellungen ausfindig machen; oft jedoch
bekleidete er Vertrauensstellungen bei Finanzinstituten. — Das
alles ist nicht gerade überraschend. Die Preisgewinner in den
höheren Schulen brauchen viel zu viel Zeit. Sie fangen ihren
Kursus in den besten Knaben- und Jünglingsjahren an, d. h. in der
zum Lernen wertvollsten Zeit vom 14. bis zum 20. Jahre. Während
der Student etwas über die entlegene Vergangenheit, die noch
dazu ganz wertlos ist, lernt, oder sich mit toten Sprachen abmüht
— alles Dinge, deren Kenntnis für einen anderen Planeten als
den unsrigen berechnet scheint, wenigstens soweit geschäftliche
Dinge in Frage kommen — ist der zukünftige Befehlshaber auf
dem Felde der Industrie eitrigst mit Studien des praktischen Lebens
beschäftigt, ganz dazu geeignet, die für zukünftige Triumphe nötigen
Kenntnisse zu sammeln. Ich spreche nicht über die Kenntnisse
und die Ergebnisse höherer Schulbildung bei denjenigen jungen
Leuten, welche für gelehrte Berufe vorbereitet werden sollen; für
diese ist solch eine Erziehung bis zu einem gewissen Grade un-
entbehrlich; allein das gänzliche Fehlen der Studierten in jeder
        <pb n="91" />
        ﻿72

VI. Wie kann man ein Vermögen erwerben?

leitenden Stellung der Geschäftswelt scheint den Schluß zu recht-
fertigen, daß höhere Bildung für jeden größeren Geschäftserfolg
geradezu verhängnisvoll ist. Es verdient in Erinnerung gebracht
zu werden, daß mit festem Gehalt Angestellte doch nicht so eigent-
lich im Geschäft stehen. Ein Hauptmann im Gebiete der Industrie
erwirbt alles selbst in seinem Geschäft; er ist von seinem persön-
lichen Arbeitsertrag, vom Erfolge seines Geschäftes durchaus ab-
hängig. Gerade im praktischen Leben hat der Hochgebildete, der
mit zwanzig Jahren ins Geschäft tritt, nur wenig Aussicht auf
Erfolg im Vergleich zu dem Jungen, der mit 14 Jahren das
Comptoir ausfegt, oder als Verladungsgehilfe beginnt. Die Tat-
sachen beweisen das. Man hat zwar Beispiele dafür, daß mit
höherer Bildung ausgestattete Söhne von Geschäftsleuten, welche
sich dem Geschäftsleben widmeten, mit Erfolg ein schon be-
stehendes Geschäft leiten; dennoch ist die Zahl solcher verhältnis-
mäßig gering, verglichen mit denen, welchen es nicht gelingt, das
überkommene Vermögen zu erhalten. Immerhin sind während der
letzten Jahre polytechnische und wissenschaftliche Schulen oder
auch Studienkurse für junge Leute eröffnet worden, die bereits
höchst wertvolle Früchte für industrielle Betriebe gezeitigt haben.
Der gelernte Mechaniker, der, wie wir bereits gesehen haben, bis
jetzt die meisten Ehren in unseren Industrie werken einheimste,
findet nun seinen Nebenbuhler in dem wissenschaftlich gebildeten
Jüngling, der ihn in Zukunft hart, ja sehr hart bedrängen dürfte.
Drei der größten Stahlwerke stehen bereits unter der Leitung von
drei technisch vorgebildeten jungen Männern: Studenten, welche
die Schultheorien mit der Praxis vertauschten, obgleich sie noch
in den ersten Jünglingsjahren standen. Walker von der Illinois
Stahlkompagnie, Schwab von den Edgar Thomson-Werken, Potter
von den Homestead Stahlwerken in Pittsburg sind Typen dieser
neuen Schule, und keiner von ihnen ist auch nur 30 Jahre alt.
Die meisten diesen jungen Leitern unterstehenden Abteilungsvor-
steher gehören derselben Klasse an. So vorbereitete junge Leute
haben einen bedeutenden Vorteil über den gelernten Mechaniker;
sie besitzen seinen offenen Blick und sind ohne Vorurteil. Die
wissenschaftliche Schulung des Geistes und der Trieb nach Wahr-
heit macht sie für neue Ideen empfänglich. Groß und unschätzbar
        <pb n="92" />
        ﻿VI. Wie kann man ein Vermögen erwerben?

73

wie der arbeitende Mechaniker war, wie er ist und wie er bleiben
wird, war er doch stets zu engen Geschäftsanschauungen geneigt,
denn im allgemeinen kommt er erst in vorgeschrittenen Jahren
zur Macht. Ganz anders ist es mit dem wissenschaftlich gebildeten
Jüngling; er hat keinerlei Vorurteile und versucht jede neue Er-
findung und jede neue Methode, ganz gleichgültig, wer ihr Er-
finder sein mag. Er eignet sich all das an, was bisher Geleistetes
übertrifft und verwirft seine eigenen Einfälle und Ideen; dazu
entschließt sich ein Oberwerkführer nur schwer. Deshalb darf
auch der Vorteil der Bildung nicht unterschätzt werden; nur muß
es eine zweckentsprechende Bildung sein mit Kenntnissen, die
der Laufbahn des Interessenten angepaßt sind, wenn er seinen
Weg zum Glück finden soll.

Alles in allem haben wir nicht zu untersuchen, welchen Platz
der gelernte Mechaniker und der Praktiker in den verschiedenen
Zweigen der Geschäftswelt — den finanziellen, handeis- und kauf-
männischen, sowie in den Fabrikzweigen — einnehmen, sondern
was diese beiden Klassen in der gesamten Geschäftswelt für
andere übrig gelassen haben.

Auf industriellem Gebiete wird der gelernte Mechaniker der
Gründer und Leiter berühmter Betriebe. Auf handeis-, kaufmänni-
schem und finanziellem Gebiete sehen wir den armen Kontor-
jungen, der, ein kaufmännischer Fürst, sicher ist, seine Herrschaft
anzutreten. Sie vergegenwärtigen zwei verschiedene Klassen. Der
arme Gehilfe und der geübte Mechaniker sind es, die zuguterletzt
in jeder Art von Geschäft die Herrschaft erlangen, ohne Kapital,
ohne Familieneinfluß und ohne höhere Bildung. Sie sind es auch,
welche zu allerersten Stellen aufsteigen und später herrschen; sie,
die bezahlte Stellungen aufgeben, um alles für die Gründung
neuer Geschäfte aufs Spiel zu setzen. Akademisch Gebildete be-
gnügen sich meistenteils mit ihren Gehältern und bleiben in den
von ihnen innegehaltenen Vertrauensstellungen. Weder Kapital,
noch Einfluß, noch höhere Schulbildung, noch all das zusammen-
genommen, haben bisher erfolgreich zu wetteifern vermocht mit
der Tatkraft und der unbezähmbaren Energie: beides Eigenschaften
der alles erobernden Armut. Damit es nicht scheine, es solle hier
etwas zur Unehre der akademischen Bildung gesagt werden, will
        <pb n="93" />
        ﻿74

VI. Wie kann man ein Vermögen erwerben?

ich ausdrücklich bemerken, daß ich hier nur die glücklichen jungen
Leute im Auge habe, die sich ihren Lebensunterhalt verdienen
müssen; dagegen ist der Verfasser dieser Zeilen der Allerletzte,
denjenigen, welche genügende Mittel besitzen, gegen eine aka-
demische Bildung zu raten: ist doch mit ihr verglichen aller Geld-
gewinn, selbst des vielfachen Millionärs wertlos. Für den Armen
aber ist es erste Pflicht, ein hinreichendes Vermögen zu erwerben,
und Pflichterfüllung ist mehr wert, als alle Universitätsbildung
wert sein mag. Höhere Bildung gibt dem, der sie wirklich voll
in sich aufnimmt, einen vornehmen Geschmack und höhere Ziele,
als der Erwerb von Reichtümern; sie öffnet ihm eine Welt voll
Entzücken, zu welcher dem, der nichts anderes als ein Millionär
ist, der Schlüssel fehlt; daher liegt in dem Beweis, daß höhere
Bildung nicht die beste geschäftliche Erziehung ist, zugleich die
Anerkennung ihres Anrechtes für eine höhere Welt. Wahre Er-
ziehung kann auch1 außerhalb der Schulen erlangt werden; das
Genie pflegt für gewöhnlich nicht in Akademien einheimisch zu
sein; es gleicht einer wilden im Walde aufwachsenden Blume, die
keiner Pflege von seiten der Gesellschaft bedarf — die Durch-
schnittsbegabung dagegen bedarf der Universitäten.

Der junge Praktiker, welcher an der Wechselbank oder am
Zahltisch steht und dem sich die holde Göttin Fortuna bis dahin
noch nicht geneigt erwiesen, mag zu dem Schlüsse kommen, daß!
es für ihn unmöglich ist, in unserer Zeit ein eigenes Geschäft zu
gründen. Darin liegt etwas Wahres. Zweifellos wird es heutzu-
tage unendlich schwieriger, ein neues Geschäft anzufangen, als
früher; dennoch besteht die Schwierigkeit mehr in der veränderten
Art und Weise als in der Möglichkeit der Sache selbst. Denn es
ist heutzutage auch um ein Bedeutendes leichter für einen ge-
schickten jungen Mann, eine Teilhaberschaft in bereits bestehenden
Firmen zu erwerben, als es jemals vorher war. Die Fähigen finden
die Türen keineswegs verschlossen; im Gegenteil, die Pforten
öffnen sich ihnen jetzt viel leichter. Kapital ist dabei heute nicht
nötig und selbst Familieneinfluß zählt nicht mehr, wie in alten
Zeiten. Wahre Geschicklichkeit und wirkliche Leistungsfähigkeit
waren niemals gesuchter als eben jetzt, und haben niemals vorher
einen so hohen Lohn gefunden.
        <pb n="94" />
        ﻿VI. Wie kann man ein Vermögen erwerben?

75

Das Gesetz, demzufolge die leitenden Gewerbe, so wie han-
dels-, kaufmännische und finanzielle Geschäfte wenige Fabriken
und Firmen umfassen, enthält zugleich ein anderes nicht weniger
mächtiges Gesetz. Große Betriebe können nicht erfolgreich von
bezahlten Angestellten geleitet werden. Kein Geschäft kann einen
glänzenden und dauernden Erfolg haben, es sei denn, daß seine
Leitung in den Händen praktischer Männer liegt, die bei seinen
Ergebnissen finanziell beteiligt sind. In der industriellen Welt
scheinen die Tage der Korporationen (Gesellschaften) gezählt zu
sein. Ich sah mich während meines Lebens oft veranlaßt, die
Operationen großer Etablissements, welche hunderten im Geschäfte
nicht tätiger Kapitalisten gehörten und von bezahlten Beamten
geleitet wurden, zu beobachten. Verglichen mit solchen Betrieben,
zahlen diejenigen, welche von tatsächlich interessierten Eigentümern
geleitet werden, zufriedenstellende Dividenden, selbst in Fällen,
in denen Aktiengesellschaften sich in Schwierigkeiten befanden
und kaum wußten, wie die Jahresbilanz ausfallen würde. Die
großen Schnittwarenhäuser, die ihre Angestellten an den Ge-
winnsten jedes Departements beteiligen, arbeiten mit Erfolg, wäh-
rend die, welche nur mit bezahlten Angestellten arbeiten, fehl-
schlagen. Sogar bei der Verwaltung unserer großen Hotels hat
sich eine Gewinnbeteiligung der Hauptarbeiter zweckmäßig er-
wiesen. In jedem Geschäftszweig offenbart sich dasselbe Gesetz;
im großen und ganzen sind jene Betriebe die blühendsten, welche
eine immer steigende Zahl ihrer tüchtigsten Arbeiter am Gewinn
beteiligen. Das Fabrikgeschäft, welches keine für den Betrieb
praktisch vorgebildeten Techniker besitzt, sollte diesem Mangel
so schnell wie möglich abhelfen; höchstwahrscheinlich wird es
die rechten Leute unter den jungen, frischen Mechanikern finden,
die bis jetzt für geringen Tagelohn arbeiteten, oder unter den
jungen Leuten, die eben vom Polytechnikum kommen. Täglich
bieten sich Beispiele, daß Gesellschaften einem versprechenden
jungen Mann durch Gewinnanteil an ihrem Geschäft interessieren,
nur um seine Dienste nicht zu verlieren. Irgend ein fähiger Fabri-
kant oder eine kaufmännische Firma bietet dann dem Betreffenden
das, was er verlangt. Denn jeder tüchtige Geschäftsmann ist auf
der Suche nach dem unentbehrlichen Artikel — persönliche Fähig-
        <pb n="95" />
        ﻿76

VI. Wie kann man ein Vermögen erwerben?

keit. Bis jetzt war es bei den Aktiengesellschaften nicht Brauch,
den im Werden begriffenen Geschäftsleiter zu belohnen; dennoch
muß es über kurz oder lang dazu kommen, wenn sie dem Wett-
bewerb derjenigen Betriebe nicht erliegen wollen, die am Gewinn
beteiligte Männer leiten. Auf der anderen Seite bieten, wie ich
für junge Leute bemerken möchte, Gesellschaften auch einen Vor-
teil. Ihre Anteilscheine stehen freihändig zum Verkauf. Wenn ein
Arbeiter heutzutage in Amerika einen Anteil in einem Fabrik-
betriebe wünscht, so kann er das leicht genug haben und schon
mit 50 (200 Mark) oder 100 Dollar (400 Mark) Aktienbesitzer
werden. Es wird unter Arbeitern täglich immer mehr Brauch, ihre
Ersparnisse in dieser Weise anzulegen. Gar viele gut geleitete
Gesellschaften zahlen den Einlegern eine recht zufriedenstellende
Dividende, und der Arbeiter kann seinem Arbeitgeber keinen
besseren Beweis seiner Fähigkeit und seines richtigen Urteils geben,
als den, welchen die Eintragung seines Namens unter den Aktien-
inhabern in den Büchern der Gesellschaft liefert.

Arbeitsleute haben ein gewisses Vorurteil gegen die Ent-
deckung ihrer Ersparnisse durch die Arbeitgeber; doch das ist
verkehrt. Der sparende Arbeiter ist zugleich der tüchtige Arbeiter,
und ein weiser Arbeitgeber sieht in den Ersparnissen seiner Leute
den deutlichsten und besten Beweis dafür, daß sie für ihn einen
ganz besonderen Wert besitzen. Es sollte das Bestreben einer
jeden Gesellschaft sein, ihre vorzüglichsten Angestellten zur
Anlage ihrer Ersparnisse in Gesellschaftsaktien zu veranlassen.
Nur so können Aktiengesellschaften hoffen, mit solchen Einzel-
fabrikanten zu konkurrieren, welche das wertvolle Geheimnis
außergewöhnlicher Erfolge — nämlich die Gewinne mit denert
zu teilen, die am meisten zu deren Erzeugung beitragen —,
schon längst entdeckt haben. Die Zeiten, in denen der bloße
Aktieninhaber seine Dividende einheimste und kein weiteres Inter-
esse an der Arbeit und den Werken der Gesellschaft nahm, dürften
bald vorüber sein. Der Tag für den wertvollen Arbeiter ist in der
industriellen Welt seinem Anbruch nahe. Junge, praktische Ar-
beiter sollten daher nicht den Mut verlieren; ganz im Gegenteil,
sie mögen voller Hoffnung sein. Von Tag zu Tag wird es dem:
Mechaniker und dem wirklich fähigen praktischen Manne leichter,
        <pb n="96" />
        ﻿VI. Wie kann man ein Vermögen erwerben?

77

seinem Arbeitgeber seine Bedingungen zu diktieren. Wo früher
nur ein einziger Weg zum Aufstieg war, bieten sich heute ganze
Dutzende solcher Wege dar. Die ungeheuren Betriebe werden in
der Zukunft ihren Gewinn nicht unter hunderten von müßigen Ka-
pitalisten, sondern unter die hundert ihrer fähigsten Angestellten
verteilen, von deren Geschicklichkeit und Anstrengungen jeder
Erfolg in hohem Grade abhängt. Der kapitalistische, dem Geschäft
fernstehende Aktienbesitzer muß durch den fähigen, im Geschäft
tätigen Arbeiter ersetzt werden.

Die zum Vorwärtskommen praktischer junger Leute nötigen
Eigenschaften hat niemand besser gekennzeichnet als George Elliot,
welche das Nötige sehr markig wie folgt hervorhebt: „Ich will
Ihnen sagen, wie ich vorwärts kam. Ich hielt Ohren und Augen
offen und machte meines Herrn Interesse zu meinem eigenen.“

Die erste Bedingung zum Vorwärtskommen ist die Erregung
von Aufmerksamkeit für sich. Der Betreffende muß etwas Außer-
gewöhnliches tun, und vor allem etwas, was über den Kreis seiner
eigentlichen Pflichten hinausgeht. Er muß etwas anempfehlen oder
etwas sparen oder einen Dienst für seinen Arbeitgeber leisten, zu
dessen Leistung er nicht verpflichtet war. Wenn er dadurch die
Aufmerksamkeit seines unmittelbaren Vorgesetzten erreicht hat,
mag der letztere auch nur aus der Vormännerabteilung sein, dann
ist der erste große Schritt zum Vorwärtskommen für ihn getan.
Denn von seinem unmittelbaren Vorgesetzten hängt seine Be-
förderung ab. Wie hoch er heraufzuklimmen vermag, das ist
dann ganz und gar seine eigene Sache.

Wir hören oft Leute darüber klagen, daß sie keine Gelegenheit
haben, ihre Geschicklichkeit zu zeigen und daß, wenn sie sie
zeigen, es nicht anerkannt wird. Daran ist sehr wenig Wahres.
Sein eigenstes Interesse treibt den Vorgesetzten dazu, dem Manne
die erste Stelle einzuräumen, der sie am besten auszufüllen ver-
mag, denn der Beamte ist für die ihm unterstehende Abteilung
und ihre Arbeit als Ganzes verantwortlich. Kein Mann vermag
einen anderen niederzuhalten. Man wird immer finden, daß die
meisten praktischen Männer, welche ein Vermögen erwarben, dieses
dadurch erwarben, daß sie von ihnen gemachte Verbesserungen
selbst in der Hand behielten. Verbesserungen werden leicht von
        <pb n="97" />
        ﻿78

VI. Wie kann man ein Vermögen erwerben?

solchen Leuten gefunden, welche immer ein und dasselbe Feld
bearbeiten, denn sie haben die genaueste Kenntnis der darin zu
lösenden Probleme. Gerade auf diesem Wege wurden die wert-
vollsten Verbesserungen gemacht. Wer eine Verbesserung ein-
führt, der tut viel besser, einen Anteil am Geschäft zu erstreben
anstatt einer Gehaltserhöhung. Selbst wenn bis dahin das Ge-
schäft nicht sehr gewinnbringend war, wird er doch, wenn er das
rechte Zeug in sich fühlt, denken, er könne es gewinnbringend
machen, und das kann er auch. Alle Geschäfte haben gute und
schlechte Zeiten. Tagen der Depression folgen Tage des Auf-
schwunges. Das eine Jahr bringt große Überschüsse, andere wieder
geringen oder gar keinen Ertrag. Das ist in der Geschäftswelt
nun mal Gesetz und ich brauche hier seine Ursachen nicht weiter
zu entwickeln. Deshalb sollte der praktische Geschäftsmann sich
nicht gerade auf diesen oder jenen Geschäftszweig versteifen;
jedes gut geführte Geschäft wird während einer bestimmten Zeit
einen hübschen Gewinn abwerfen.

Drei große Hindernisse stellen sich jedem jungen Mann, der
seinen Fuß im Steigbügel hat und im Aufsteigen begriffen ist,
entgegen. Zunächst Trunksucht; sie wird geradezu zum Ver-
hängnis. Hopfen und Malz sind an jedem jungen Mann verloren,
der sich dem Trünke von Spirituosen ergibt, mögen seine Talente
auch noch so groß sein. In Wahrheit, je größer seine Talente,
um so größer auch die Enttäuschung. Das zweite Hindernis be-
steht im Spekulieren. Die geschäftliche Tätigkeit eines Spekulanten
und die eines Fabrikanten oder wirklichen Geschäftsmannes sind
nicht nur verschieden, sondern geradezu unvereinbar. Um in der
Geschäftswelt Erfolg zu haben, sollten nur des Fabrikanten und
Kaufmanns Verdienste in Rechnung gezogen werden. Der Fa-
brikant sollte unentwegt vorwärtsschreiten mit Berücksichtigung
des Marktpreises. Wenn Du Waren zu verkaufen hast, verkaufe
sie, wenn Du Waren brauchst, kaufe sie, und zwar in beiden
Fällen ohne Rücksicht auf den Marktpreis. Niemals in meinem;
Leben habe ich einen spekulativen Fabrikanten oder spekulativem
Geschäftsmann gekannt, dem der Erfolg treu geblieben wäre.
Heute ist er reich, morgen bankerott. Außerdem ist es die Auf-
gabe des Fabrikanten, Artikel zu erzeugen und Arbeit zu geben.
        <pb n="98" />
        ﻿VI. Wie kann man ein Vermögen erwerben?

79

Beides maciht seine Laufbahn erst lobenswert. Ein Mann mit sol-
chem Berufe ist der Menschheit nützlich. Der Kaufmann nützt
durch Verteilung von Waren, der Bankier durch Besorgung von
Kapital. Das dritte Hindernis bei jedem Vorwärtskommen, das
fast so schlimm ist wie das Spekulieren, sind Bürgschaften
jeder Art.

Geschäftsleute bedürfen unregelmäßiger Geldzuschüsse; zu
manchen Zeiten geringe, zu anderen Zeiten wieder ungeheure
Summen. Da andere sich in derselben Lage befinden, so entsteht
eine große Versuchung zu gegenseitigen Gefälligkeitswechseln.
Diese Klippe müßte vermieden werden. Zweifellos gibt es Fälle,
in denen man einem Freunde helfen soll; dennoch gilt auch für
diesen Fall eine Regel, die uns sichert: Niemand sollte Zahlungs-
verpflichtungen für einen anderen übernehmen, wenn er nicht
genügend Kasse zur Einlösung einer solchen Verpflichtung hat,
ohne daß sein eigenes Geschäft dadurch Schaden leidet. Der-
gleichen zu tun, ist nicht ehrenhaft. Jedermann hat sich als Ver-
walter derjenigen anzusehen, die ihm selbst vertraut haben, und
sein Gläubiger besitzt ein volles Recht auf all sein Kapital und
all seinen Kredit. Für Deine eigene Firma Deinen Namen, Dein
Vermögen und Deiner Ehre Heiligtum — alles; in jedem anderen
Falle jedoch, ganz gleichgültig, wie immer die Verhältnisse liegen
mögen, leiste nur die Hilfe, welche Du ohne Gefahr für Deine
eigenen Verpflichtungen leisten kannst. Das beste ist deshalb,
lieber bares Dir selbst entbehrliches Geld herzugeben, als Dein
Akzept oder Deine Bürgschaft. Ein anderer wichtiger Grund für
den geschäftlichen Mißerfolg junger Leute ist der Mangel an
Konzentration. Sie sind zu Kapitalsanlagen außerhalb ihrer eigent-
lichen Tätigkeit geneigt. Das ist die Ursache vieles überraschen-
den Mißlingens. Jedes bißchen Kapital, jeder geschäftliche Ge-
danke, jedes bißchen Kredit sollte auf das eine Geschäft verwandt
werden, dem man sich gewidmet hat. Zersplittere niemals Deine
Mittel. Das muß ein armseliges Geschäft sein, welches bei ver-
mehrter Kapitalsanlage nicht bessere Erträge liefert, als jede andere
dem Geschäfte fremde Anlage. Kein Mensch, keine Mehrheit von
Männern, und keine Gesellschaft vermag eines Geschäftsmannes
Geld so richtig anzuwenden, wie er selbst. Die Regel: „Tu nicht
        <pb n="99" />
        ﻿80

VI. Wie kann man ein Vermögen erwerben?

alles in einen Topf“, findet auf die menschliche Lebensarbeit keine
Anwendung. Gerade das Gegenteil ist richtig. „Tu alles in
ein und denselben Topf.“ Das allein ist die richtige Regel. Ob-
gleich Geschäfte jeder Art sich in ungeheure Großbetriebe ver-
wandelt haben und täglich noch verwandeln, so zeigt sich doch
jeden Tag, daß wirkliche Tüchtigkeit mit einem Anteil am Gewinn
nicht nur für die erfolgreichen Operationen solcher Geschäfte wert-
voll, sondern geradezu unentbehrlich ist. Durch Gesellschaften,
deren Aktien jeden Tag am Markt zu haben sind, durch Partner,
welche sich in die Lage versetzt fühlen, ihre fähigsten Arbeiter
zu beteiligen, durch Kaufleute, welche ihre ungeheuren Betriebe
nur bei Benutzung außerordentlicher Fähigkeit erfolgreich im Gange
halten können; kurz in jedem Teile der Geschäftswelt sind die
Wege größer an Anzahl, breiter der Ausdehnung nach und leichter
zugänglich denn jemals zuvor für den nüchternen, sparsamen,
energischen Mechaniker, für den wissenschaftlich gebildeten Jüng-
ling, sowie für den Comptoirbursdhen und den Gehilfen: sie alle
können deshalb größere Erfolge erringen, denn jemals zuvor für
diese Klassen in der Geschichte der Welt zu ernten möglich;
gewesen.

Deshalb kann man dem jungen Mann, in welcher Stellung
oder in welchem Geschäfte er auch tätig sein mag, wenn er er-
klärt und sich darüber beklagt, daß er keine Gelegenheit habe,
seine Fähigkeiten zu zeigen, und zur selbständigen Teilhaberschaft
aufzusteigen, nur die alte Antwort geben:

„Der Fehler, teurer Brutus, liegt nicht bei den Sternen,

Nein bei uns selbst allein, daß wir nur Knechte.“

V V V
V V

V
        <pb n="100" />
        ﻿VII.	Reichtum und sein Gebrauch.

„Reiühwerden ist,“ wie Gladstone einmal sagte, „das Geschäft
der Welt.“ Daß Gelderwerb das Geschäft der Welt ist, erhellt
aus der Tatsache, daß alle jungen Leute, mit wenigen unglück-
lichen Ausnahmen arm geboren werden und deshalb unter dem
heilsamen Einflüsse des weisen Gesetzes stehen: „Im Schweiße
deines Angesichts sollst du dein Brot verdienen“; aus dieser Tat-
sache geht hervor, daß der Geldmarkt das Geschäft der Welt ist.
Man sieht allgemein heutzutage Armut als ein Übel an und be-
mitleidet den jungen Mann, der nicht mit einem silbernen Löffel
im Munde geboren ist; ich aber unterschreibe von ganzem Herzen
Präsident Garfields Ausspruch, daß das reichste Erbteil, das man
einem jungen Mann von Hause aus mitzugeben vermag, die Armut
ist. Ich mache mich keiner Torheit schuldig, wenn ich behaupte:
gerade der Klasse der Armut entstammen die guten und großen
Menschen. Nicht die Söhne der Millionäre und des Adels geben
der Welt ihre Lehrer, ihre Märtyrer, ihre Erfinder, ihre Staats-
männer, ihre Dichter und selbst ihre großen Geschäftsleute. Kaum
einer jener unsterblichen Namen, welche dem Menschengeschlecht
außerordentliche Dienste geleistet, der nicht gewiegt, genährt und
aufgebracht worden wäre in der alle Kräfte anspornenden Schule
der Armut. Nichts ist so entnervend, nichts so tödlich in seinen
Einwirkungen auf die Eigenschaften, die zur höchsten Vollendung,
sittlich sowohl wie geistig führen, als ererbter Reichtum. Für
jedweden jungen Mann, der sich nicht dazu gezwungen sieht,
sein Brot selbst zu verdienen, fühle ich nur tiefes Mitleid. Sollte
solch ein junger Mann dadurch, daß er ein für sich selbst und
den Staat nützliches Leben führt, den Beweis liefern, eine Aus-
nahme von der allgemeinen Regel zu bilden, dann beuge ich mich

Carnegie, Kaufmanns Herrschgewalt.	6
        <pb n="101" />
        ﻿82

VII. Reichtum und sein Gebrauch.

vor ihm in vollster Hochachtung; denn derjenige, der den Ver-
suchungen ererbten Reichtums widersteht, gehört wahrlich zum
„Salz der Erde“ und verdient doppelte Ehrung.

Man findet in der „New York Sun“ recht viel Gutes und ich
bitte Sie, mir zu erlauben, einen der vielen Licht verbreitenden
Artikel des Blattes hier mitzuteilen.

„Unsere Jungen“.

Jeder Moralist, der um ein Thema verlegen, fragt immer
wieder von Zeit zu Zeit: was geht mit den Söhnen unserer mäch-
tigen und reichen Männer vor? Die Frage wird dann weiter aus-
geführt durch statistische Zahlen über die Untauglichkeit und das
schlechte Ende, das solche Söhne nehmen.

Der Fehler dieser Moralisten besteht darin, daß sie von Anfang
an die Frage falsch stellen. Diese unklugen Söhne sind nicht ge-
rade schlecht, sie sind nur unglücklich, dagegen stimmt etwas
nicht mit ihren Vätern. Nehmen wir einmal an, ein besonders
feiner Jagdhund allerfeinster Dressur treibe eine große Menge von
Hirschen in einem Park zusammen, mache dieselben fett und
sage dann zu seinen Jungen: „Hier, Jungens, ich hab’ mir’s
sauer werden lassen, all diese Hirsche zusammen zu treiben, und
ich wünsche, daß ihr selbst ein möglichst vergnügtes Leben führt.
Idh bin so daran gewöhnt im Walde zu jagen, daß ich nicht davon
zu lassen vermag. Ihr aber, Jungens, geht just in den Park und
nehmt, was ihr immer mögt.“ Solch ein Jagdhund würde von
jedem Menschenvater ausgescholten werden. Der Menschenvater
würde zu einem solchen Hunde sagen: „Mein werter Herr Hund,
du richtest deine Brut einfach zugrunde. Bei zuviel Fleischkost
ohne jede Bewegung werden sie die Räude und hundert andere
Übel bekommen; und wenn ihre Unpäßlichkeit sie nicht töten
sollte, werden sie eine lässige, wasseräugige Schande für dich
werden. Um des Himmels willen gib ihnen nichts als Hunde-
biskuit und lasse sie hart dabei arbeiten.“

„Nun, derselbe Menschenvater tut mit großem Stolz, wo es
sich um seinen eignen Nachwuchs handelt, gerade dasselbe, was
er bei jedem Hund oder jeder Katze verdammen würde. Er
richtet seine Kinder geradeswegs zugrunde und erklärt dann später,
        <pb n="102" />
        ﻿VII. Reichtum und sein Gebrauch.

83

wenn er alt wird, bis zum Überfluß und voller Kummer, daß er
alles für sie getan und daß sie ihm doch nur Enttäuschungen
gebracht haben. Wer seinem Sohne eine von ihm selbst nicht
verdiente Stellung gibt und ihn dadurch instand setzt, seinem
Vater und seinen Freunden Schande zu machen, verdient in Wahr-
heit nicht mehr Teilnahme, als irgend ein Herr Fagin, der ganz
offen einen Knaben zur Ehrlosigkeit erzieht.“

„Die fetten, durchaus nutzlosen Schoßhündchen, welche junge
Damen mit sich an der Leine herumschleppen, sind selbst gewiß
nicht für ihre Lässigkeit zu tadeln; ganz dasselbe trifft auch die
Söhne reicher Leute zu. Die jungen Damen, die ihre Hunde über-
füttern und die Väter, die ihre Söhne zugrunde richten, haben
solche Folgen nur sich selbst zuzuschreiben.“

„Niemand wird vielleicht dergleichen in Vorschlag bringen:
dennoch, wer kann daran zweifeln, daß ein Gesetz, welches eine
andere Art von Erbe als eine gute Erziehung und eine gute Ge-
sundheit unmöglich machen würde, in kurzer Zeit bessere Männer
hervorbringen würde?“

Das sind gesunde Ansichten. Wir pflegen zu sagen: „Wenn’s
in der „Sun“ steht, dann ist’s auch richtig.“ Wenigstens ist das
in diesem Falle so.

Nicht den armen jungen Mann, welcher von morgens früh
bis abends spät arbeitet, brauchen wir zu bemitleiden, sondern
den Sohn des reichen Mannes, welchem die Vorsehung eine ehren-
volle Tätigkeit versagt hat. Nicht dem Fleißigen, vielmehr dem
Lässigen sollte unsere Teilnahme gelten; er allein erregt unsere
Besorgnis. „Glücklich ist der Mann,“ sagt Carlyle, „der eine ihn
beglückende Arbeit gefunden“. Ich möchte sagen: Glücklich der
Mann, welcher zu arbeiten und zwar lange und schwer zu arbeiten
hat. Ein großer Dichter hat gesagt: „Der betet am besten, der
am besten liebt“. Man könnte diesen Ausspruch dahin parodieren:
„Wer am besten arbeitet, betet am besten“. Ein Tag ehrlicher,
tüchtiger Arbeit ist noch nicht die schlechteste Art von Gebet.

Von allen Seiten ertönt heutzutage der Ruf: „Schafft die
Armut aus der Welt!“ Glücklicherweise ist das unmöglich; wir
werden immer Arme neben uns haben. Was sollte aus der mensch-
lichen Rasse werden, wenn es keine Armut mehr gäbe! Jeder
        <pb n="103" />
        ﻿84

VII. Reichtum und sein Gebrauch.

Fortschritt, jede Entwicklung würde aufhören. Was für eine Zu-
kunft wäre der Menschheit beschieden, wenn sie von den Reichen
allein abhängen würde! Alles Gute und alles Große würde auf-
hören, und die menschliche Gesellschaft würde in Barbarei zurück-
fallen. Man schaffe den Luxus ab, nicht aber den Boden, auf
dem alle Tugend und all das, was kostbar im menschlichen Wesen
ist, gedeiht: Armut — ehrliche Armut!

Lassen Sie mich, meine verehrten Zuhörer, für einen Augen-
blick annehmen, daß Sie alle so glücklich sind, arm geboren zu
sein: In diesem Falle muß es Ihre erste Sorge sein: was habe
ich zu lernen im Interesse der Allgemeinheit, das mir genug Mittel
einbringen würde, mich zu ernähren, zu kleiden; mir - Obdach zu
geben und mich von jeder Wohltätigkeitshilfe anderer unabhängig
zu machen? Was habe ich zu tun, meinen Lebensunterhalt zu
gewinnen? Nun, ein junger Mann mag sich dem einen oder dem,
anderen zuwenden; er mag die eine Sache lieber ergreifen als
die andere; er mag ein Geschäftsmann oder Handwerker irgend
welcher Art, oder ein Geistlicher, Arzt, Elektriker, Baumeister,
Zeitungsredakteur oder Jurist werden — ich habe keine Zweifel,
daß einzelne unter Ihnen im wildesten Flug ihrer Einbildung sich
als Journalisten sehen; alles das ist ganz einerlei, solange der
junge Mann den Gesichtspunkt im Auge behält: Kann ich in dem
von mir erwählten Beruf eine solche Fertigkeit erlangen, daß ich
durch dessen Ausübung mir meinen Lebensunterhalt zu verdienen
vermag?

Der junge Mann, welcher entschlossen ist, sein Leben für
andere nützlich zu machen und deshalb den gerechten Anspruch
erhebt, von einer dankbaren Umgebung als Entgelt die zu seinem
Unterhalt nötigen Lebensmittel zu erlangen, begreift voll und ganz
die höchsten Pflichten eines jungen Mannes. Er begegnet der
zur Entscheidung drängendsten Lebensfrage und entscheidet diese
Frage in durchaus rechtem Sinne. Soweit besteht mit Bezug auf
die Erlangung reichlicher Mittel keinerlei Meinungsunterschied.
All und jeder gibt ohne weiteres zu, daß eines jeden erste Pflicht
die Erlangung solcher Fertigkeiten ist, die ihn instand setzen, sich
selbst zu erhalten. Auch bezüglich des nächsten Schrittes waltet
keinerlei Schwierigkeit ob; kein junger Mann hat seine Pflicht voll
        <pb n="104" />
        ﻿VII. Reichtum und sein Gebrauch.

85

und ganz erfüllt, so lange er die Wechselfälle des Lebens, die
Möglichkeit von Unglücksfällen, Krankheit und schlechten Geschäfts-
zeiten außer acht läßt. Weisheit gebietet ihm, für solche Dinge
Vorsorge zu treffen; und ein Teil seiner Pflicht und Schuldigkeit
besteht geradezu darin, einen Teil seines Einkommens zu sparen
und sicher anzulegen, nicht in Spekulationsobjekten, sondern in
guten Sicherheiten oder Grundbesitz, oder in einem ordentlichen
Geschäft und zwar so, daß daraus langsam aber sicher ein Re-
servefonds entsteht, auf welchen er, im Falle der Not oder auch
in seinen alten Tagen zurückgreifen kann, so daß er von seinen
Ersparnissen zu leben vermag. Ich denke, wir alle stimmen darin
überein, daß es gut, ja geradezu Pflicht ist, eine kleine Rente
für sich zu schaffen und dadurch unsere Selbstachtung zu be-
wahren.

Außerdem halte ich es beinahe für ausgemacht, daß der eine
oder andere meiner Zuhörer sobald wie möglich „eine gewisse
junge Dame“ fragen wird, ob sie sein Besitztum oder vielleicht
auch seine Besitztümer mit ihm zu teilen, willens sei. Eine Heirat
ist eine sehr, sehr ernste Sache und muß daher zu allerlei wich-
tigen Überlegungen Veranlassung geben. „Vor allem heirate eine
Frau mit gesundem Menschenverstände,“ so riet mir mein eigener
Mentor. Ich lege Ihnen das gleiche ans Herz. — Gesunder Men-
schenverstand ist die ungewöhnlichste und schätzenswerteste Eigen-
schaft bei Weib und Mann. Doch ehe Sie die Gelegenheit wahr-
nehmen, sich eine Gefährtin zu schaffen, kommt gerade ganz
besonders das in Betracht, wovon ich Ihnen jetzt sprechen will:
Reichtum. Nicht Reichtum' in die Millionen hinein, sondern nur
ein Einkommen, das groß genug ist, um' bescheiden und unab-
hängig dabei zu leben. Damit kommen wir zur Behandlung des
Themas über Reichtum in jedem eigenen und weiteren Sinne.

Was also ist Reichtum? Wie entsteht er und wie verteilt er
sich? Nicht weit von hier entfernt gibt es ungeheure Kohlen-
lager; sie lagen Millionen von Jahren ungenutzt da. Durch irgend
einen Versuch1 oder Zufall wurde die Entdeckung gemacht, daß;
diese schwarzen Steine brannten und Hitze erzeugten. Man bohrte,
richtete Maschinen auf, grub und brachte Kohle zutage, die man
dann an die Leute verkaufte. Sie ersetzte das Holz als Feuerung
        <pb n="105" />
        ﻿83	VH. Reichtum und sein Gebrauch.

für ungefähr die Hälfte der Feuerungskosten. Gleich darauf war
jedwedes Kohlenlager wertvoll, weil nutzbringend, oder es wurde
zum mindesten möglich', es nutzbringend zu machen, und so wurde
durch einen neuen Artikel, welcher Hunderte, ja Tausende von
Millionen wert ist, der Reichtum; der Gesamtheit bereichert. Ein
schottischer Mechaniker, bemerkte, wie die Geschichte erzählt,
eines Tages, während er in ein Feuer stierte, über welchem ein
Kessel mit Wasser kochte, daß der Dampf den Deckel des Kessels
in die Höhe hob; was Hunderttausende vor ihm schon bemerkt
hätten; aber keiner von allen sah in diesem Vorgänge, was der
Schotte darin sah: die Dampfmaschine, welche heute die Arbeit
der ganzen Welt mit einem Kostenaufwande besorgt, der im
Verhältnis zu allem früher Bekannten so gering ist, daß der Reich-
tum der Welt dadurch in einem geradezu unschätzbaren Grade
vermehrt worden ist. Ersparnisse bilden überall und immer in
jeder materiellen Entwicklung die Wurzeln des Reichtums.

Der durch die Arbeit oder den Dienst eines jungen Mannes
eingebrachte Reichtum steht stets im Verhältnis zu der Nützlich-
keit der von ihm der Allgemeinheit geleisteten Dienste, mag diesen
nun die bloße Anwendung oder eine neue Verbesserung be-
stehender Arbeitsmethoden zugrunde liegen. Commodore Vander-
bilt sah, wenn ich mich recht erinnere, dreizehn verschiedene kurze
Eisenbahnlinien zwischen Neuyork und Buffalo vor sich; sie hatten
dreizehn verschiedene Verwaltungen. Der Betrieb jeder einzelnen
Linie bestand für sich und war sehr langweilig. Albany, Schenec-
tady, Utica, Syracuse, Auburn, Rochester usw. waren die Haupt-
stellen für einige dieser Bahngesellschaften. Vanderbilt faßte sie
alle zusammen und schuf eine einzige direkte Linie, auf welcher
der Reichsexpreßzug jetzt 57 (englische) Meilen die Stunde läuft,
was die schnellste Fahrgeschwindigkeit in der ganzen Welt ist;
infolgedessen fahren für je einen Reisenden früherer Zeiten heute
hundert Reisende täglich auf dieser Linie. Vanderbilt leistete so
der Allgemeinheit einen besonderen Dienst, der, in Verbindung
mit anderen, ähnlichen von ihm geleisteten Diensten, die Trans-
portkosten für die in den Prärien des amerikanischen Westens
geernteten Nahrungsmittel bis zu unserer Tür auf ein außerordent-
liches herabsetzte. Er brachte und bringt dadurch noch täglich
        <pb n="106" />
        ﻿VII. Reichtum und sein Gebrauch.

87

der Allgemeinheit unermeßliche Reichtümer ein; der Reichtum,
den er für sich selbst dabei einheimste, war nur ein Tropfen im
Eimer, verglichen mit den Wohltaten, die er dadurch auf un-
seren Staat und unser Volk ausschü?tete.

In früheren Zeiten, als weder Dampfkraft noch Elektrizität
noch irgendeine andere jener modernen Erfindungen bekannt
waren, welche das Antlitz der Welt vollkommen verwandelten,
wurde alles in kleinem Maßstabe angefangen. In jenen Zeiten
war kein Raum für die Ausführung großer Ideen in großem Maß-
stabe, was doch allein dem Erfinder, Entdecker, Erzeuger oder
Organisator große Reichtümer verheißt. Die neuen Erfindungen
schufen erst eine solche Möglichkeit, und viele große Vermögen
wurden dadurch von einzelnen Leuten erworben. Gegenwärtig
jedoch überschreiten wir außerordentlich schnell, ja haben viel-
leicht dieses Stadium der Entwicklung schon überschritten; nur
selten noch können unter ganz besonderen Verhältnissen große
Vermögen erworben werden, wenn wir von den mit der Steige-
rung des Grundbesitzes verbundenen Möglichkeiten absehen; Fa-
brikwesen, Verkehrsanstalten, sowohl zu Land wie zur See, Bank-
und Versicherungsgeschäfte — alles das liegt in den Händen
von Gesellschaften, die aus Hunderten, ja Tausenden von Aktien-
inhabern bestehen. Die Neuyork-Zentralbahn gehört mehr als zehn-
tausend Aktienbesitzern, die Pennsylvania-Eisenbahn gehört mehr
Leuten, als Angestellte bei dieser Bahn vorhanden sind, und fast
ein volles Viertel ihres Besitzers gehört davon Frauen und Kindern.
Geradeso verhält es sich mit den großen Industriegesellschaften,
mit den großen Dampfschifflinien; ebenso, wie jedermann weiß,
mit Banken, Versicherungsgesellschaften und mehr oder weniger
mit allen Geschäftszweigen. Trotzdem ist es ein großer Irrtum,
wenn junge Leute behaupten: „Oh, wir können jetzt überhaupt
in kein Geschäft hineinkommen!“ Jeder der auch nur 50 oder
100 Dollar gespart, kann bei jedweder Art von Geschäft sofort
eine Beteiligung finden: Er kann sein Aktienzertifikat erhalten und
den Generalversammlungen der Aktionäre beiwohnen, kann Reden
halten und Ratschläge geben, mit dem Präsidenten streiten, die
Verwaltung der Gesellschaft bemäkeln und hat alle Rechte und
jeden Einfluß eines Eigentümers; er kann allerlei Arten von Aktien:
        <pb n="107" />
        ﻿88

VII. Reichtum und sein Gebrauch.

kaufen, von Zeitungsaktien angefangen bis zu Pachtgrundstücken.
Dennoch: Kapital wirft heutzutage so wenige Zinsen ab, daß ich
jedermann raten möchte, sich gar wohl vorzusehen, bevor er sein
Geld anlegt. Ich habe schon früher Arbeitsleuten und Geistlichen,
gelehrten Professoren, Künstlern, Musikern und Ärzten, sowie allen
ähnlichen Berufsklassen den Rat gegeben: Legt Euer Geld nicht
in Geschäften an; Geschäfte sind nicht für Euresgleichen. Kauft
Euch zunächst ein eigenes Heim, habt Ihr dann noch überflü-
siges Kapital, so legt dasselbe in weiterem Hausbesitz an; oder
erwerbt eine Grundschuld auf Hausbesitz oder auf eine Eisenbahn;
aber nehmt nur erste Hypothek und begnügt Euch mit einem
kleinen Zinsfuß. Man sollte bedenken, daß unter je hundert Leu-
ten, die auf eigene Hand Geschäfte betreiben, immer fünfundneunzig
früher oder später zugrunde gehen. Ich weiß das aus eigener
Erfahrung. Ich könnte hier Hudibras' Verse zitieren und Sie
versichern, soweit Fabrikation in Betracht kommt, ist, was er als
Wahrheit erkannt, auch heute noch zum großen Teil volle Wahrheit:
(Ay me! What perils do environ
The man, that meedles with cold iron.)

„Oh, welch’ Gefahren doch umkreisen
Den, der sich einläßt mit kaltem Eisen.“

Die Besitzer unserer bestehenden Eisen- und Stahlgeschäfte
können bezeugen, daß dem so ist, mag es sich nun um kaltes
oder warmes Eisen oder Stahl handeln; ganz das gleiche trifft
auf andere Geschäfte zu.

Die hauptsächlichste Klage gegen unsere gegenwärtigen in-
dustriellen Verhältnisse besteht darin, daß sie große Reichtümer
in die Hände weniger fließen lassen. Ja, in die Hände sehr
weniger, das ist wahr. So verhielt es sich, wie ich bereits ausein-
andergesetzt, allerdings früher, unmittelbar nachdem die neuen
Erfindungen die Weltverhältnisse umgestaltet hatten; doch heut-
zutage trifft das nicht mehr zu. Reichtum verteilt sich jetzt immer
mehr und mehr unter vielen. Der Teil des durch Arbeit und
Kapital gemeinschaftlich erworbenen Nutzens, welcher jetzt der
Arbeit zufällt, war niemals so groß, und der dem Kapital zu-
fallende Gewinnanteil niemals so gering wie heutzutage. Während
der Gewinn aus Kapitalvermögen um mehr als die Hälfte ge-
        <pb n="108" />
        ﻿VÜI. Reichtum und sein Gebrauch.

89

fallen, ja teilweise ganz verschwunden ist, waren, wie die Stati-
stik nachweist, die Arbeitslöhne niemals so hoch, wie sie bis zu
der letzten GesChäftskrise waren; zu gleicher Zeit sind die Kosten
für die notwendigen Lebensmittel fast um die Hälfte gefallen. Groß-
britannien hat dauernd eine Einkommensteuer, und unser Amerika
ist zeitweise derselben Steuer unterworfen gewesen. Aus den Auf-
stellungen für diese Steuer ergibt sich, daß während der letzten elf
Jahre — von 1876—1887 — die Zahl der Personen mit einem jähr-
lichen Einkommen von 3150 bis 10500 M. um mehr als 21 Prozent
gestiegen, während die Zahl derjenigen, die 21000 bis 105000 M.
Einkommen haben, tatsächlich um 2,1 bis 2 Prozent gefallen ist.

Man darf dessen sicher sein: Die Verteilung des Reichtums
unter den gegenwärtigen Verhältnissen greift geradezu reißend um
sich und geht ganz von selbst in wohltuender Richtung vor sich'.
Die wenigen Reichen werden täglich ärmer und die arbeitenden
Klassen täglich reicher. Nichtsdestoweniger werden einzelne Leute
noch immer große Reichtümer erwerben; doch nicht mehr so viel
und so oft wie früher. Vielleicht ist das für die große Menge nicht
gerade so vorteilhaft wie viele glauben, da große Mittel in den
Händen eines unternehmenden Mannes, der immer noch weiter
fortarbeitet, manches Mal die produktivste Form alles Reichtums
darstellen. Betrachten Sie den reichsten, den jemals die Welt
gesehen, und der vor einigen Jahren in Neuyork starb; was
stellte sich dabei heraus? Daß, von einer geringfügigen Summe
für seine eigenen täglichen Bedürfnisse abgesehen, sein ganzes
Vermögen und all sein Überfluß an Gewinn in Unternehmungen
gesteckt war, welche das Eisenbahnsystem unseres Landes (Ame-
rika) vervollkommneten, was unserem Volke die billigsten Ver-
kehrsmittel in der ganzen Welt sicherte. Ob der Millionär will
oder nicht, unter den nun einmal bestehenden Verhältnissen kann
er das Gesetz nicht umgehen, das ihn zwingt, seine Millionen!
zum Besten der Gesamtheit zu verwenden. Alles, was er selbst
von seinen Reichtümern hat, besteht darin, daß er während seiner
kurzen Lebensspanne in einem feineren Hause leben und sich
mit feinen Möbeln umgeben kann, denen er Werke der Kunst
hinzugesellt; er könnte selbst eine größere Bibliothek und damit
mehr des Göttlichen um sich haben; allein, soweit ich Millionäre
        <pb n="109" />
        ﻿90

VII. Reichtum und sein Gebrauch.

kennen gelernt habe, ist eine Bibliothek das letzte, was sie in
ihrem Hause für notwendig halten. Er kann besser essen und
schwere Weine trinken; doch das würde ihm nur schaden. Tat-
sächlich lebt der moderne Millionär im allgemeinen sehr einfach;
er ist oft sogar knauserig in seinen Gewohnheiten. Er gibt für
sich selbst recht wenig aus und ist die Arbeitsbiene, die in dem;
Bienenkorb der Industrie ihren Honig aufsammelt, dessen alle
Einwohner des Bienenkorbes — die ganze Allgemeinheit, sich
zu erfreuen die Gewißheit haben. Herr Karper hat vor dem
für den Streitfall über die Behringstraße zu Paris eingesetzten
Gerichtshof in einer bemerkenswerten Rede den Millionär voll-
kommen richtig und zutreffend, wie folgt, beschrieben:

„Diejenigen, die in Erwerbung von Eigentum am erfolgreichsten
sind und ReiChtümer in ungeheuren Massen erwarben, verstehen
Reichtum auch am besten zu kontrollieren und anzulegen. Sie
handhaben das Geld in einer Weise, welche der Gesellschaft
den meisten Nutzen bringt. Nur weil sie die hier aufgeführten
Eigenschaften besitzen, sind sie fähig, Reichtümer in großen Massen
zu erwerben. Tatsächlich besitzen sie doch eigentlich nur das,
was sie selbst verbrauchen. Was darüber hinausgeht, wird von
ihnen zum allgemeinen Besten verwendet. Sie sind nichts an-
deres als die Hüter ihrer Reichtümer. Sie legen diese Reichtümer
an und sehen danach, daß das Geld auf verschiedenen Wegen
nutzbringend wird. Allerlei Arbeitskräfte erhalten dabei Beschäf-
tigung, und zwar Beschäftigung auf die beste Art; sie werden
erst dadurch produktiv gemacht. Die Leute, welche Hunderte
von Millionen besitzen, stöhnen tatsächlich unter ihrer im Interesse
der ganzen übrigen menschlichen Gesellschaft übernommenen
Knechtschaft; denn nichts anderes als Knechtschaft ist es. Die
Gesellschaft aber läßt sich das sehr wohl gefallen, weil es so,
wie es ist, am besten für die Allgemeinheit ist.“

Und hier eine andere Schätzung von einem nicht weniger be-
kannten Mann. Unser Freund, Herr Dana, sagte unlängst zu
Cornell: „Die eine Klasse von Leuten, über die ich sprechen will,
sind die Denker, die Männer der Wissenschaft, die Erfinder; die
andere Klasse besteht aus denen, welche die Vorsehung mit derrt
Genie des Sparens, des Reichwerdens und des Geldansammelns
        <pb n="110" />
        ﻿VII. Reichtum und sein Gebrauch.

91

und Schätzeansammelns bedacht hat; Männer, gegen welche öffent-
lich aufzutreten, jetzt zur Mode geworden, und gegen welche
sogar die Gesetzgebung zeitweise gerichtet ist. Und doch, gibt
es wirklich einen Wohltäter der Menschheit, welcher in dem,
was er vollbracht, und in dem Andenken und den Monumenten,
die er hinterlassen, mehr zu beneiden wäre, als Ezra Cornell?
Oder, um ein anderes Beispiel zu wählen, mehr als Henry W.
Sage? Solche Männer verstanden es, reich zu werden, eben weil
sie mit den dazu nötigen Gaben ausgerüstet waren und sie ver-
standen, sobald sie reich geworden, ihr Geld für große öffent-
liche Unternehmungen anzuwenden zu Zwecken, die unsterblich
sind und deshelb dauern werden, solange Menschen auf Erden
leben. Die Männer des Genies und die Männer des Reichtums
— die einen durch Eröffnung neuer Lebensbahnen, die anderen
durch Anhäufung und Ersparung großer Mittel für große Unter-
nehmungen und große öffentliche Zwecke — sind jetzt, da sich
das zwanzigste Jahrhundert uns öffnet, die eigentlichen und un-
schätzbaren Führer der Welt.“ Die Bienen im Bienenkörbe töten
nicht die honigmachenden Bienen, sondern nur die Drohnen. Eine
Beseitigung der Millionäre wäre für die Allgemeinheit ein großes
Unglück; denn die Millionäre sind die Bienen, welche den Honig
produzieren und das meiste davon im Bienenkörbe aufspeichern,
selbst wenn sie sich selbst dabei vollsaugen. Es ist gewiß eine
bemerkenswerte Tatsache, daß die Volksmassen eines jeden Lan-
des sich wohl und gedeihlich befinden im Verhältnis zu der Zahl
der in dem betreffenden Lande lebenden Millionäre. Man nehme
Rußland mit seiner fast im Zustand der Sklaverei lebenden Be-
völkerung, halb hungernd, und dazu bei einer Kost, die niemand
in ganz Amerika essen könnte oder essen würde! Kaum einen
einzigen Millionär findet man in ganz Rußland — wenn man
den Zar und eine Anzahl Adeliger ausnimmt — welche, dank
dem dort herrschenden politischen System, den ganzen Grund
und Boden besitzen1). In einem großen Maße ist dasselbe in
Deutschland der Fall. Soviel ich weiß, gibt es im ganzen deutschen

*) Diese Behauptung Carnegies trifft heute keineswegs mehr voll zu;
es gibt neben den Großgrundbesitzern auch noch andere sehr reiche Leute
in Rußland.
        <pb n="111" />
        ﻿92

VII. Reichtum und sein Gebrauch.

Reiche nur zwei Millionäre1). In Frankreich, wo das Volk in
besseren Verhältnissen als in Deutschland lebt, zählt man kaum'
durch das ganze Land ein halbes Dutzend Millionäre. In der
alten Heimat unserer Rasse, in Großbritannien, dem reichsten!
Lande Europas, ja dem reichsten Lande der ganzen Welt — wenn
wir einmal von Amerika absehen — gibt es mehr Millionäre als in
dem ganzen übrigen Europa zusammengenommen, und das Volk
lebt dort besser als in irgendeinem anderen Lande* 2). Blicken
wir auf unser Amerika: wir haben mehr Millionäre als die ganze
übrige Welt zusammengonmmen obgleich tatsächlich kaum einer
unter zehn, die dafür gelten, wirklich ein Millionär ist. Ich habe
eine Liste vermeintlicher Millionäre gesehen, die ein Jurist in
Brooklyn aufgestellt hatte; sie machte mich selbst sowie viele
andere geradezu lachen. Ich sah darin Leute als Millionäre auf-
geführt, die nicht einmal imstande sind, ihre Schulden zu bezahlen.
Bei vielen konnte man von ihrer Million ganz ruhig eine Null
fortstreichen. Vor einiger Zeit saß ich bei einem Diner an der
Seite eines Herrn, dessen Unterhaltung die Idee anregte, daß;
reiche Leute ihre Reichtümer während ihres Lebens zu öffent-
lichen Zwecken verteilen sollten. Ein anderer Herr hielt die Idee
für durchaus gesund und gab dabei ganz selbstverständlich unter
seinen Gründen dafür auch den an: Niemand könne bei seinem
Tode seine Reichtümer mit sich nehmen.

„Ja,“ sagte der erste Herr, ein bekannter Anwalt, „ich weiß
nichts Näheres darüber. Aber meine Erfahrung als hjeuyorker
Rechtsanwalt spricht dafür, daß die Millionäre in der einen odep
anderen Art zum mindesten volle vier Fünftel ihrer Reichtümer
mit sich nehmen müssen.“ Bei dem Tode der Betreffenden fand
sich nämlich nichts von dem vielbesprochenen Reichtume vor.
Was ideale Verhältnisse uns immer in Zukunft bringen mögen:

*) Auch das ist unrichtig; es gibt heute eine ganze A.nzahl von Deut-
schen, welche, selbst nach engl. Pfd. Sterl. gerechnet, mehrfache Millio-
näre sind. Außerdem lebt der kleine Bürgerstand in keinem anderen
Lande der Welt so billig und angenehm, wie in Deutschland.

2) Auch das ist nicht ganz zutreffend. In keiner anderen Stadt
Europas, ja vielleicht der Welt, gibt es ein solches Elend, wie in Lon-
don! (Siehe Charles Booth: Life and Labors of the London People.)
        <pb n="112" />
        ﻿VII. Reichtum und sein Gebrauch.

93

für die bestehenden Lebensbedingungen behalten meiner Ansicht
nach die Herren Carter und Dana recht, denn wie die Dinge
nun einmal liegen, ist der Millionär, welcher fortarbeitet, der
billigste Artikel, den die Allgemeinheit für den Preis, den sie dafür
bezahlt — nämlich: Obdach, Kleidung und Nahrung — zu pro-
duzieren vermag.

Die Erfindungen der Gegenwart haben eine Konzentration
aller industriellen und geschäftlichen Unternehmungen in ungeheure
Betriebe zur Folge. Man kann beispielsweise das Verfahren Bes-
semers nicht erfolgreich anwenden, ohne Tausende von Menschen
an einem Punkte zu beschäftigen. Es wäre unmöglich, die Armie-
rung für Schiffe auszuführen, ohne vorher, wie die Bethlehem-
Gesellschaft sieben Million Dollar auszugeben. Niemand vermöchte
auch nur ein einziges Meter Baumwolle angesichts der großen
Weltkonkurrenz zu fabrizieren, ohne eine ungeheure Fabrik und
ohne Tausende von Arbeitern und Arbeiterinnen. Die große elek-
trische Anlage hier in dieser Stadt1) konnte nur erfolgreich sein,
weil Millionen hineingesteckt wurden, um die elektrischen Werke
in großem Stile zu betreiben. Unter solchen Bedingungen muß
das Geld notwendigerweise bei guten Zeiten in die Hände we-
niger fließen, weit über deren persönliche Bedürfnisse hinaus.
Dennoch fand sich unter fünfzig Leuten, die ein großes Ver-
mögen erworben, nur ein einziger, der durch Fabrikation reich
geworden war. Große Vermögen werden durch Besitz von Grund
und Boden allein mehr gewonnen, denn durch alle anderen
Geschäftszweige zusammengenommen. Unmittelbar nach dem
Grundbesitz kommt in dieser Beziehung das Verkehrs- und Bank-
wesen. Die ganze Fabrikwelt hatte nur einen einzigen Millionär
aufzuweisen.

Doch angenommen, aller übergroßer Reichtum flösse in die
Hände weniger zusammen, was würde die Pflicht dieser wenigen
sein? Wie kann der Kampf um den Dollar aus der schmutzigen
Atmosphäre, die jedes Geschäft umgibt, zu einer reineren Sphäre
erhoben werden?

ß Stadt Chenectady im Staate Neuyork, wo der Verfasser diese
Vorlesung zuerst hielt (1895).
        <pb n="113" />
        ﻿Reichtum wurde bisher auf drei verschiedene Arten verteilt:
die erste und hauptsächlichste ist seine Hinterlassenschaft an die
eigene Familie im Todesfälle. Ist nun die Vererbung von mehr als
einer Rente, die unsern Angehörigen ein bescheidenes und un-
abhängiges Dasein gewährleistet, weise oder auch nur recht zu
nennen? Ich bitte Sie, überdenken Sie die gewöhnliche Folge
davon, wenn jemand jungen Männern und Frauen, Söhnen und
Töchtern Millionen hinterläßt. Im allgemeinen bringt dergleichen
den Millionärstöchtern kein Glück, wie am besten aus dem Cha-
rakter der Männer erhellt, die sie heiraten. Was die Millionärs-
söhne anbetrifft — nun der von mir vorher mitgeteilte Artikel
aus der „Sun“ schildert durchaus wahrheitsgetreu die Folgen.
Nichts ist so wahr, als daß der „allmächtige Dollar“, in Millionen
an Töchter und Söhne vererbt, zum allmächtigen Fluche wird.
Der Millionär, der seinen Kindern ungeheure Vermögen vermacht,
hat nicht das Beste seines Kindes, sondern nur seine eigene
Eitelkeit im Auge. Nicht die Liebe zu seinem Kinde, sondern seine
Selbstglorifizierung liegt einer so verderblichen Verteilung des
Reichtums zugrunde. Nur das eine läßt sich zugunsten solchen
Verhaltens sagen: es bildet eines der bisher bekannten wirksamsten
Mittel für eine überschnelle Wiederzerstreuung des Reichtums.

Ein anderer, weiterer Gebrauch des Reichtums, weniger all-
gemein, als der soeben erwähnte, schädigt die Allgemeinheit nicht
in so hohem Maße, macht aber doch dem Erblasser wenig Ehre.
Viele Millionäre vermachen ihr Geld öffentlichen Anstalten, und
das auch erst dann, wenn sie von ihren Reichtümern lassen müssen.
Darin liegt weder Edelmut noch Segen: etwas fortzugeben, was
man selber nicht länger zu behalten vermag! Die schlechte Ver-
waltung solcher Vermächtnisse, die damit gewöhnlich verbundenen
Beschränkungen und die Art und Weise, in der sie zerstückelt
werden, alles das scheint dafür zu sprechen, daß die Schicksals-
göttinnen sie nicht mit besonders günstigen Augen ansehen. Immer
und immer finden wir Beweise für die Lehre: der einzige Weg
für den Millionär, durch große Schenkungen dauernd Gutes zu
stiften, ist der, schön während seines Lebens die Verteilung seiner
Reichtümer mit derselben Sorgfalt zu behandeln, die er bei ihrem!
Erwerbe zeigte. Eben jetzt haben wir dafür ein geradezu klas-
        <pb n="114" />
        ﻿VII. Reichtum und sein Gebrauch.

95

sisches Beispiel: ein großer Jurist hat fünf oder sechs Millionen
Dollar einer öffentlichen Bücherei in Neuyork hinterlassen — einer
Einrichtung, die so außerordentlich notwendig ist, daß die Nicht-
realisierung dieser Stiftung direkt als ein Unglück erscheint. Er
ist nun seit Jahren tot; das Testament aber wurde infolge eines
Formfehlers für ungültig erklärt, obgleich an den Absichten des
Erblassers nicht der geringste Zweifel sein kann. Das Ganze
ist eine traurige Travestie auf die Torheit derjenigen, die Millionen
besitzen, welche ihnen selbst von keinerlei Nutzen und von denen
sie sich doch nicht bis zu ihrem Ende zu trennen vermögen.
Peter Cooper, Pratt aus Baltimore und Pratt aus Brooklyn, sowie
andere zeigen die rechte Art von Männern, welche man sich zum
Beispiel nehmen sollte: sie verteilten ihren Überfluß schon wäh-
rend ihres Lebens.

Die dritte und einzig edle Art für den Gebrauch von Reich-
tum ist die folgende: Man sehe Reichtum als ein geheiligt an-
vertrautes Pfand an, das von demjenigen, in dessen Hände es
floß, für die höchsten Güter des Volkes zu verwenden ist. Der
Mensch lebt nicht vom Brot allein, und fünf oder zehn Prozent
mehr Einkommen, über Tausende zersplittert, würde wenig oder
gar nichts Gutes zur Folge haben. Zu einem großen Fond gehäuft
und dann ähnlich verwendet, wie Cooper sein Geld für das Cooper-
Institut verwendete, begründet es etwas, das ganze Geschlechter
überdauert. Es dient zur Erziehung des Geistes, zur höheren
Bildung der Menschen. Es versieht den Armen, sobald er es nur
wünscht, mit einer Leiter, vermittelst der er emporzuklimmen ver-
mag; 'dagegen ist es unnütz, Leuten helfen zu wollen, die sich selbst
nicht helfen wollen oder können. Man kann niemanden eine
Leiter hinaufstoßen; es sei denn, daß er den Willen besitzt, auch
aus eigenen Kräften ein wenig zu klettern. Sonst fällt er, wenn
man ihn losläßt, wieder herunter und nur zu seinem eigenen
Schaden. Deshalb wiederhole ich hier, was ich schon öfter gesagt:
der Tag ist nahe — ja wir erkennen bereits seinen Anbruch
— an welchem der Besitzer von Millionen brach1 liegenden, ihm
frei zur Verfügung stehenden Reichtums, in Unehren sterben wird.
Selbstverständlich spreche ich nicht von dem Geschäftsmanne, der
sein Kapital nicht aus seinem Geschäfte nehmen darf; denn dieses
        <pb n="115" />
        ﻿96

VII. Reichtum und sein Gebrauch.

Kapital ist sein Werkzeug, mit dem er Wunder wirkt und noch'
weiteren Reichtum erzeugt. Ich spreche von denjenigen, die Mil-
lionen in zinstragenden sichern Anlagen besitzen und bei sich
halten, nur, um noch weitere elende Dollars hinzuzufügen. Da-
durch erst, daß man seinen überflüssigen Reichtum schon während
seines Lebens richtig anwendet, wird großer Reichtum für die
Allgemeinheit zum Segen; auch wird auf diese Weise der Ge-
schäftsmann, welcher Reichtum aufhäuft, so hoch erhoben, wie die
Vertreter der allervornehmsten Berufe. Er mag alsdann seinen
Stand selbst neben dem des Arztes, einem der vornehmsten aller
Berufe einnehmen, denn auch er wird dabei eine Art Arzt, welcher,
wenn auch menschliche Übel nicht zu heilen, so doch sehr wohl
ihnen vorzubeugen vermag. Denen, die eine geschäftliche Lauf-
bahn einzuschlagen und Reichtümer anzuhäufen willens sind, emp-
fehle ich diese Anschauung. Die Grabschrift, welche jeder reiche
Mann für sich selbst wünschen sollte, prangt auf dem Denkmal
Pitts: „Er lebte ohne jede Schaustellung seiner selbst und starb
arm.“ So sollte der Mann beschaffen sein, welchen zukünftige
Zeiten ehren werden; dagegen wird der, welcher, nachdem er
sich vom Geschäft zurückgezogen, im Besitze von Millionen un-
genutzten Reichtums stirbt, unbeweint, ungeehrt und unbesungen
sterben.

Ich möchte alle jungen Leute in vier Klassen teilen: Zu-
nächst diejenigen, welche für ihren Lebensunterhalt arbeiten müssen
und deshalb den Vorsatz haben, eine bescheidene Rente zu erwer-
ben — selbstverständlich mit einem bescheidenen und malersich
gelegenen Landhäuschen, sich zur Seite eine Gefährtin, die Sonne
bringt in dunklen Platz und der gute Engel seines Lebens ist.
Das Motto dieser ersten Klasse dürfte sein: „Gib mir weder
Armut noch Reichtum. Halte fern von uns, o Herr, die Ängste
der Armut und die Verantwortlichkeit des Reichtums.“

Zweite Klasse: Diejenigen, die alles daran setzen, reich zu
werden, um später zu der viel besprochenen und ungeheuerlich
geschmähten Klasse der Millionäre zu gehören; also solche, welche
darauf ausgehen, das höchste Gut in höchster Nummer zu er-
reichen; diese größte Nummer ist zugleich Nummer eins und das
Motto dieser Klasse ist kurz und klar: „Tue Geld in Deinen Beutel.“
        <pb n="116" />
        ﻿VII. Reichtum und sein Gebrauch.

97

Endlich1 kommen wir zur dritten Klasse. Die Gottheit, welche
sie anbeten, ist weder Reichtum, noch' Glück. Sie sind entflammt
von „edlem Ehrgeiz“. Sucht nach Ruhm beherrscht ihr ganzes
Dasein. Vor dem Schreine des Ruhmes knien gar viele Anbeter.
Eitelkeit macht sich am deutlichsten erkennbar unter denen, die
vor die Öffentlichkeit treten. Es ist allbekannt, daß beispiels-
weise Musiker, Schauspieler und selbst Maler — also alle Künstler,
von einer außergewöhnlichen, persönlichen Eitelkeit besessen sind.
Vielen erscheint das wunderbar; die Ursache dafür liegt vielleicht
darin, daß Musiker, wie Schauspieler und sogar Maler in ihrer
Art Vorzügliches leisten können, ohne eine höhere Bildung und
ohne einen umfassenden Geist. Besonderheiten seines Wesens,
gewisse Eigenheiten seines Charakters mögen ihm hervorragende
Bedeutung oder auch' Ruhm sichern, so daß seine Liebe zur Kunst
oder ihre Betätigung durch die Kunst vollkommen durch eine
beschränkte oder selbstische persönliche Eitelkeit erstickt wird.
Ja, wir finden diese Schwäche mehr oder weniger bei allen öffent-
lichen Berufen: beim Politiker, beim Juristen und sogar oft, mit
aller Ehrfurcht sei es ausgesprochen, auch beim Geistlichen; weni-
ger, wie ich glaube, bei Ärzten, weil der Zwang ihres Berufes
sie den traurigen Wirklichkeiten des Lebens unmittelbar gegen-
überstellt. Dem Arzte vor allen anderen kommt die Eitelkeit aller
Eitelkeiten zum Bewußtsein. Eine treffliche Beschreibung dieser
Klasse findet sich in Hotspurs Worten:

By heavens, methinks it were an easy leap,

To bluck bright honour from the pale-faced moon;

Or dive into the bottom of the deep,

Where fathom — line could never touch the ground,

An pluck up drowned honour by the locks,

So he, that doth redeem her thence mlght wear
Without corrival all her dignities.

(Henr IV th L. A. I. Sc. 3.)

Merken Sie wohl darauf, meine jungen Freunde, er schert
sich nicht um Nutzen; nicht um den Staat; er hat nur sich1 selbst
im Auge, er schreitet über die Bühne wie ein aufgeblasener Pfau.

Alles in allem genommen, möchte ich beinahe behaupten,
daß die Liebe zum Reichtum nicht so viele gefangen hält, wie die
Liebe zum Ruhm, etwas, wofür wir uns beglückwünschen können,
Carnegie, Kaufmanns Herrschgewalt.	7
        <pb n="117" />
        ﻿98

VII. Reichtum und sein Gebrauch.

denn es beweist, daß unter den unwiderstehlichen Gesetzen der
Entwicklung die menschliche Rasse sich langsam, dafür aber
dauernd in aufsteigender Linie entwickelt. Nehmen Sie die ganze
Welt der Künstler, welche dem Leben Süßigkeit und Licht ver-
leihen und unser Dasein verfeinern und schmücken: ganz sicher,
der große Tonsetzer, Maler, Pianist, Jurist, Richter und Staats-
mann, mit einem Worte alle die, welche im öffentlichen Leben
stehen, machen sich weniger aus millionenhaftem Reichtum, als
aus dem Rufe, den sie auf ihren besonderen Arbeitsgebieten
genießen. Was machten sich Washington, Franklin, Lincoln oder
Grant und Sherman aus Reichtümern? Was die Richter unseres
obersten Gerichtshofes und selbst die großen Advokaten, die vor
ihnen plädieren, daraus? Die großen Prediger, Ärzte und Lehrer
sehen nicht nach Erwerbung von Reichtum. Der Schatz, nach
welchem sie streben, besteht in dem Rufe, den sie sich durch die
Dienste im Interesse ihrer Mitmenschen erwerben; darin liegt
zweifellos ein Schritt aufwärts über den Millionär hinaus, der bis
ins hohe Alter hinein kämpft, seine alten Tage hindurch, selbst
bis zum Rande des Grabes, augenscheinlich von keinem anderen
Ehrgeiz beseelt, als zu seiner Masse elender Dollars noch andere
hinzuzufügen.

Doch es gibt noch eine vierte Klasse; sie steht höher als alle
vorher genannten; sie gehört weder zu den Anbetern des Reich-
tums noch des Ruhmes; dafür kniet sie vor dem Schreine des
öffentlichen Dienstes — des Dienstes für die menschliche Rasse.
Selbstlosigkeit ist ihre Parole. Die Mitglieder dieses engen und
höheren Kreises erstreben nicht Beifall; sie dürsten nicht nach’
Popularität, sondern einzig und allein danach', recht zu tun. Sie
sagen wie Confucius: „Ich frage nichts nach hohen Ämtern, aber
ich sorge dafür, mich jedes hohen Amtes wert zu machen.“ Diese
Klasse wird weder von Armut bedrückt, noch' über die Maßen
von Reichtum erhoben. Derjenige, welcher ihr angehört, strebt
einfach nach Erfüllung seiner täglichen Pflicht in einer Art und
Weise, die ihm selbst zur Ehre gereicht; nichts fürchtet er so sehr,
wie seine Selbstvorwürfe. Ich habe Männer und Frauen gekannt,
von denen die Welt nie etwas erfahren hat, denn diese Klasse
von Leuten erstrebt keine besondere Bedeutung, und doch hatten
        <pb n="118" />
        ﻿VII. Reichtum und sein Gebrauch.

99

sie durch ihr Leben diesen idealen Zustand erreicht. Auf diese
Klasse finden die Worte eines leider allzu jung verstorbenen
schottischen Dichters Anwendung:

„I will go forth’ mong men, not mailed in scorn,

But in the armour of a pure intent.

Great duties are betöre me, and great songs;

And whether crowned or crownless, when I fall,

It matters not, so as God’s work is done.

I've learned to prize the quiet ligthning deed,

Not the applauding thunder at its heels —

Which men call tarne.“

„Ich schreit’ zum Volk hinaus, nicht mit Verachtung
Gepanzert, nein; im Kleide edlen Wollens!

Sind hehr doch meine Pflichten, meine Lieder:

Und fall ich dann — mit oder ohne Lorbeer —

Mir gilt es gleich, tat ich nur Gottes Werk!

Ich preis’ die lautlos hellen Geistesblitze,

Die nicht gefolgt von jenem Beifallsdonner,

Den Ruhm die Menschen nennen.“

Sie haben hier, meine jungen Freunde, die Sie noch im An-
fang Ihrer Lebenslaufbahn stehen, die drei verschiedenen Arten
von Menschen vergegenwärtigt: die guten, die besseren und die
allerbesten — die drei Stadien menschlicher Entwicklung! Die
natürliche, die mehr geistige und endlich die himmlische Ent-
wicklung, wie man sie wohl nennen könnte. Die eine strebt
nach Erfolg in materiellen Dingen — nicht ohne wohltätige Folgen
für die menschliche Rasse als Ganzes, da es den einzelnen aus
dem Tierischen erhebt, und die Ausübung mannigfacher wertvoller
Eigenschaften voraussetzt: Nüchternheit, Fleiß und Selbstdisziplin.
Die zweite Klasse erhebt sich noch höher: sie sucht ihren Lohn
in mehr geistigen Dingen — diese Belohnung ist nicht massig
und materiell, sondern mehr unsichtbar; sie ist nicht fleischlich,
sondern geistig, sie bringt unzählige Tugenden zutage, welche
gute und nützliche Menschen machen.

Die dritte oder himmlische Klasse steht von den zwei an-
deren ganz abgetrennt da; in ihr sind alle selbstischen Rücksichten
der auserwählten Brüderschaft der Besten untergeordnet, und ihre
ersten Gedanken gelten stets dem Dienste anderer. Sie denken
        <pb n="119" />
        ﻿100

VII. Reichtum und sein Gebrauch.

nicht an eine Belohnung durch Reichtum oder Ruhm, denn sie
haben gelernt und wissen vollauf, daß die Tugend ihre beste und
sicherste Belohnung in sich selbst trägt, und daß für den, der
sich dieses Lohnes erfreut, kein anderer Lohn mehr erstrebenswert
erscheint. So finden sich sogar Reichtum und Ruhm entthront;
an ihrer Statt herrscht das Höchste von allem — Zufriedenheit
mit Dir selbst, entspringend aus treuer Erfüllung der Pflicht, wie
Du sie erkannt, ohne Furcht für die Folgen, unbekümmert um
Belohnung.

Ganz gleich1, welchem Zweige menschlicher Tätigkeit Geschmack
und Urteil sich' zuwendet: die Hauptsache bleibt, sich überhaupt
einem Berufe zuzuwenden. Erfüllen Sie dann darin Ihre Schuldig-
keit und — was besonders wichtig ist — noch ein bißchen mehr.
Wir haben das Zeugnis eines großen Dichters dafür, daß der
Mann, welcher das in seinen Kräften stehende Beste tut, zeitweise
auch noch mehr zu leisten vermag. Vor allem erhalten Sie sich'
Ihre Selbstachtung; sie ist das kostbarste Juwel und der einzig
wahre Weg, die Achtung anderer zu erwerben; und erinnern Sie
sich dabei der für immer wahren Worte Emersons: „Kein junger
Mann kann um eine ehrenhafte Laufbahn im Leben betrogen
werden, der sich' nicht selbst darum betrügt.“

V V V
V V
V
        <pb n="120" />
        ﻿VIII.	Das Schreckgespenst der Trusts.

Wir alle können nicht ohne ein Spielzeug sein. Das Kind
hat seine Knarre, der Erwachsene sein Steckenpferd, der Ver-
gnügungssüchtige die Mode, der Mann der Kunst seinen Lieb-
lingsmeister; auch das Menschengeschlecht in seinen verschiedenen
Abstufungen verlangt von Zeit zu Zeit ein neues Spielzeug. Ganz
die gleiche Regel gilt für die Geschäftswelt. Zurückhalten und
Verschleißen der Güter — beides hat seine Zeit. Es ist noch nicht
allzu lange her, als alles Syndikat war. Dieses Wort ist jetzt
schon altmodisch und die neueste Mode heißt nun „Trust“. Auch
sie wird im Laufe der Jahre einem anderen Allheilmittel Platz
machen. Und dieses neue Heilmittel wird nach geraumer Zeit
wieder von einem andern verdrängt werden und so fort ohne
Ende. Die großen volkswirtschaftlichen Gesetze allein bleiben,
wie alle die Gesellschaft betreffenden Gesetze — tief in der
menschlichen Natur begründet — durch alle Veränderungen immer
die gleichen. Von jenen Allheilmitteln bleibt, sobald Konsoli-
dierung oder Ausbreitung der Güter, Syndikate oder Trusts da-
gegen zu verstoßen anfangen, nichts übrig, während die großen
volkswirtschaftlichen Gesetze nach wie vor ihre unerschütterliche
Wirkung ausüben. Immerhin ist es lohnend, Erscheinen und
Wachstum der Trusts zu untersuchen und zu verstehen, welche
Umstände die Trusts erzeugen.

Ihr Ursprung ist folgender: In einem bestimmten Artikel ent-
steht eine gewisse Nachfrage, welche die Leistungsfähigkeit der
damit beschäftigten Betriebe übersteigt. Die Preise sind hoch,
und der Gewinn ist verlockend. Jeder Fabrikant dieses Artikels
beginnt sofort seine Anlagen zu erweitern und ihre Betriebskraft
        <pb n="121" />
        ﻿102

VIII. Das Schreckgespenst der Trusts.

zu erhöhen. Dazu ziehen die ungewöhnlichen Verdienste die Auf-
merksamkeit seiner Geschäftsleiter oder derer, die mehr oder we-
niger bei der Fabrik interessiert sind, auf sich und machen wieder
anderen von der Ertragsfähigkeit der Werke Mitteilung. Neue
Teilhaberschaften bilden sich, neue Werke werden eingerichtet;
nicht lange darauf sind die Bedürfnisse für den Artikel voll gedeckt,
und die Preise bleiben die alten. Bald wird das Angebot größer
als die Nachfrage; infolgedessen bleibt etwas Ware unverkauft,
und die Preise beginnen wieder zu fallen. Sie fallen so lange,
bis der betreffende Artikel auf Kosten der weniger günstig si-
tuierten und weniger fähig geleiteten Fabriken verkauft wird;
ja sogar bis die best situierte und best ausgestattete Fabrik den
Artikel nicht mehr zu den Preisen erzeugen kann, zu denen er
überhaupt noch verkäuflich ist. Selbst die Nationalökonomen er-
klären, daß dann die Schwierigkeit beginne: Güter werden nicht
unter dem Kostenpreis erzeugt. Das traf voll in dem Zeitalter
Adam Smiths zu, aber es trifft nicht mehr heutzutage zu. So-
lange ein Artikel von kleinen Fabrikanten gewöhnlich im eigenen
Hause mit Hilfe von ein paar Tagesarbeitern und ein paar Lehr-
jungen erzeugt wird, ist es leicht, die Produktion einzuschränken
oder gar einzustellen. Wie heutzutage Fabrikation betrieben wird
— in ungeheuren Betrieben mit 5 bis 10 Millionen voller Kapital-
anlage und mit Tausenden von Arbeitern — ist es für den
Fabrikherrn viel weniger kostspielig, mit einem bestimmten Ver-
lust per Tonne zu arbeiten, als seiner Gütererzeugung Einhalt
zu tun. Arbeitseinstellung würde eine äußerst ernste Sache sein.
Die Voraussetzung für billigere Fabrikation ist Vollbetrieb. Zwanzig
verschiedene Ausgaben sind dauernde, feste Ausgaben. Viele davon
würden durch Betriebseinstellung nur noch viel größer werden.
Daher wird der Artikel oft Monate, ja, wie ich aus eigener Er-
fahrung weiß, sogar Jahre hindurch weiter forterzeugt, nicht nur
ohne jeden Gewinn und ohne jede Verzinsung des Kapitals, sondern
sogar zum Schaden des darin angelegten Kapitals. Die Fabrikanten
sehen sich Jahr für Jahr bei ihrem Bücherabschluß Kapitalsver-
lusten gegenübergestellt. Einerseits bedeutet Fortsetzung des Be-
triebes unter diesen Umständen fortgesetzten Verlust, anderer-
seits Einstellung desselben sicheren Ruin. Ihre Konkurrenten be-
        <pb n="122" />
        ﻿VIII. Das Schreckgespenst der Trusts.	103

finden sich selbstverständlich in derselben Lage. Sie sehen wie
ihre Ersparnisse, wie ihr Kapital, welches sie vielleicht gar von
anderen geliehen haben, immer kleiner wird, ohne jede Hoff-
nung auf bessere Zeiten. Unter solchen Umständen wird all und
jedwedes Mittel, das Abhilfe verspricht, dankbar aufgenommen.
Die Fabrikanten befinden sich in der Lage von Kranken, die, nach-
dem sie eine Reihe von Jahren erste Ärzte konsultiert, das Opfer
von Quacksalbern werden. „Bündnisse, Syndikate, Trusts“ —
man ist bereit, alles zu versuchen. Eine Versammlung wird ein-
berufen und angesichts der dringenden Gefahr entscheidet man
sich zum Handeln. Man bildet einen Trust. Jede Fabrik wird
zu einem bestimmten Werte eingeschätzt; Beamte werden gewählt
und durch sie wird das gesamte Produkt des Artikels zu lohnen-
den Preisen an das Publikum verkauft.

Dieses ist der Ursprung des „Trust“ in Fabrikartikeln. Bei
Verkehrsmitteln unterscheidet sich die Sache, obgleich sie tat-
sächlich auf dasselbe herauskommt, in einigen Einzelheiten. Viele
kleinere Eisenbahnen sind unter besonderem Konzessionstitel er-
baut. Ein Geschäftsgenie bemerkt, daß die acht oder zehn Orga-
nisationen, mit ebenso verschiedenartigen Leitungen, Ausstattungen
usw. gerade so nutzlos sind, wie 250 Zaunkönige in Deutschland,
und — gleich Bismarck — macht er ihnen ein Ende, schafft eine
einzige große Hauptlinie, verdoppelt die Sicherheit, zahlt die Inter-
essen aus den durch die Vereinigung der Bahnen erzielten Er-
sparnissen, und alles ist hochbefriedigt, wie unter anderem im
Fall der Neuyorker Zentralbahn. Oder eine Linie ist beispiels-
weise so gebaut und mit solcher Sparsamkeit verwaltet, wie die
Pennsylvania-Eisenbahn; es gelingt ihr, staatliche Hilfsquellen in
solchem Grade zu entwickeln, daß auf einer Entfernung von
250 engl. Meilen (Pittsburg-Philadelphia) ein Reingewinn von
13 Millionen jährlich erzielt wird. 12 Millionen Dollar Gewinn
kann sie durch ihre Bücher nachweisen. Zwischen 1 bis 2 Millionen
werden jährlich verwendet, um eine der besten Bahnen der Welt
herzustellen auf einem Wege, der ursprünglich für eine Pferde-
eisenbahn bestimmt war. Wir nennen unsere Eisenbahnvereini-
gungen nicht Trusts, dennoch sind sie es, weil sie darauf aus-
gehen, die Verkehrskosten in gewissen Distrikten auf ihrer alten
        <pb n="123" />
        ﻿104

VIII. Das Schreckgespenst der Trusts.

Höhe zu erhalten, ja, sogar sie zu erhöhen. Sie sind Vereinigungen,
die ein Monopol innerhalb gewisser Distrikte anstreben.

Während der letzten Präsidentenwahlen schien es den Zwecken
einer der Parteien zu entsprechen, Trusts mit der Theorie des
Schutzzolles in Beziehung zu bringen.

Allein Trusts sind auf kein einzelnes Land beschränkt; sie
hängen in keiner Weise von fiskalischen Gesetzen ab. Der größte
Trust der Gegenwart ist der Kupfertrust; er ist ein französischer
Trust und hat sein Hauptquartier in Paris. Der Salztrust — ein
englischer Trust — hat sein Hauptquartier in London. Der Draht-
stabtrust ist ein deutscher Trust. Der einzige Eisenbahntrust,
der je existierte, umfaßte alle einschlägigen Werke Europas. Trusts,
mögen sie nun immer Verkehrsmittel oder Fabrikationen betreffen,
sind stets Produkte menschlicher Schwäche, und diese Schwäche
breitet sich gleichzeitig mit dem Wettbewerbe aus.

Es existiert eine ungeheure Vereinigung — sie wird unter
die Trusts gezählt — so außergewöhnlich in ihrem Ursprünge
und ihrer Geschichte, daß sie eine besondere Betrachtung ver-
dient: ich meine die Standard Oil Company! Vielleicht hat es
niemals eine so günstige Gelegenheit gegeben, ein Erzeugnis
zu beherrschen, wie in dem Falle des Petroleums. Einige der
fähigsten Geschäftsleute, welche die Welt je gesehen, begriffen
früh die Wichtigkeit der Entdeckung und legten große Kapital-
summen in dem mit der Entdeckung des Petroleums verbundenen
Grundeigentume an. Der Erfolg des Petroleumgeschäftes war
ungeheuer, und daher auch ungeheuer der Erfolg dieser Leute.
Die gemachten Gewinne und alles Kapital, das irgend auftreiben
konnten, wurde furchtlos von ihnen in die Anlage gesteckt, und
so wurden sie bald die hauptsächlichsten und einzigen Eigen-
tümer des ganzen Landstriches, welcher diese Quelle des Reich-
tums enthielt.

Die Standard Oil Comp, läge längst in Trümmern, wäre
sie nicht alles in allem in Übereinstimmung mit den Gesetzen
geleitet worden, welche die geschäftliche Welt beherrschen. Im
allgemeinen wird behauptet, daß die Ölpreise ebenso niedrig —
viele behaupten sogar, viel niedriger — stehen, als sie hätten
sein können, wenn das Geschäft nicht als ein ungeheurer Betrieb
        <pb n="124" />
        ﻿VIII. Das Schreckgespenst der Trusts.	105

und mit dem freien Blick geleitet wäre, durch den die Stand.
Oil Comp, berühmt ist. Die Stand. Oil Comp, ist in ähnlicher
Lage wie Colmans in Pennsylvania, der die hauptsächlichsten
Erzlager im amerikanischen Osten besitzen soll. Da nun die
Stand. Oil Comp, fortwährend damit beschäftigt ist, Öl an anderen
Orten zu finden, so hängen ihr Fortbestehen und ihre Erfolge
von der Fortdauer der außerordentlichen Geschicklichkeit ihrer
Berater und von der Verwaltungsorganisation ihrer Gründer ab.
Hin und wider erhebt sich eine gefährliche Gegnerschaft, und
die Aussichten sprechen sehr dafür, daß die Stand. Oil Comp,
tatsächlich ihr Monopol verlieren und den Weg aller solcher
ungeheuren Vereinigungen gehen wird. Man könnte hundert gegen
eins wetten, daß sie die Abdankung ihrer gegenwärtigen Leiter
nicht überleben würde. Oder vielleicht, so sollte ich sagen, findet
sich nach dem Abtreten dieser Männer ein oberster Befehlshaber
(denn solche wundervollen Organisationen bringen oft Genies
hervor) mit einem Korps besonders fähiger Stabsoffiziere, etwa
ein neuer Grant, an der Spitze. Denen, welche die Stand. Oil
Comp, als ein Beispiel dafür anführen, daß Trusts und mächtige
Vereinigungen selbst auf die Länge der Zeit erfolgreich bleiben
können, sage ich: Wartet ab und seht zu! Ich habe mich hier
ganz frei über diese Gesellschaft geäußert, weil ich keinerlei Kennt-
nisse über ihre Leitung, ihre Gewinne und Transaktionen habe.

Ich überschaue sie von außen her, einzig und allein als
volkswirtschaftlicher Forscher; als solcher habe ich auf die Com-
panie die Grundsätze angewendet, die, wie ich weiß, zur Er-
scheinung kommen müssen, ganz gleichgültig, wie gewaltig
der Versuch auch sein mag, die Wirkungen dieser Gesetze zu
hintertreiben.

Wir haben hier die Entstehung von Trusts und großer ge-
schäftlicher Vereinigungen verschiedener Art zu erklären unter-
nommen. Die Frage bleibt: Bedrohen sie dauernde Interessen
einer Nation? Sind sie eine Quelle ernster Gefahren? Oder
sind sie, gleich verschiedenen Bildungen der Vergangenheit, nur
vorübergehende Phasen der Unrast und eines Übergangsstudiums?
Um das zu beantworten, wollen wir den Operationen des von
uns vorausgesetzten Fabrikantentrustes folgen: Salz oder Zucker,
        <pb n="125" />
        ﻿106	VIII. Das Schreckgespenst der Trusts.

Nagel oder Bohnen, Blei oder Kupfer, es ist immer dasselbe.
Nehmen wir einmal an, die Zuckerraffinerien hätten einen Trust
gebildet, nachdem sie sich gegenseitig viele schlechte Geschäfts-
jahre hindurch Konkurrenz gemacht; der ganze in den Fabriken
erzeugte Zucker soll durch einen Kanal zu erhöhten Preisen
an das Publikum gebracht werden. Gewinne zeigen Zuwachs,
Dividenden werden bezahlt, und die, welche früher ihre Mittel
dahinschwinden sahen, sind jetzt glücklich. Die Dividenden des
im Zuckergeschäft angelegten Kapitals bringen dem Anleger einen
viel höheren Gewinn als das in anderen Dingen angelegte Ka-
pital. Die Preise für Zucker sind so hoch, daß Kapital, in einer
neuen Zuckerfabrik angelegt, ungeheuren Gewinn abwerfen würde.
Vielleicht hat sich der Trustteilnehmer verpflichtet, seinen Be-
trieb nicht weiter zu vergrößern, oder sich nicht an einer gleichen
Anlage zu beteiligen: aber seine Bekannten und Verwandten ent-
deckten bald die neue Möglichkeit des Gewinnstes. Er kann
ihnen raten, die Vollendung einer kleinen Fabrik zu beschleu-
nigen, die dann natürlich Glied des Trustes werden muß, oder
wenn er selbst seinen Freunden einen solchen Wink nicht geben
will, so liegt doch immer Kapital auf der Lauer für solche Ge-
legenheiten, besonders wenn es ruchbar würde, daß ein Trust
in der Bildung begriffen, wie eben in diesem Falle Zucker. Sofort
schießen wie durch einen Zauber neue Zuckerfabriken in die
Höhe. Je erfolgreicher der Trust ist, desto sicherer werden diese
Schlingpflanzen aufschießen. Recht angesehen, ist jeder Sieg eine
Niederlage. Für jede Fabrik, die der Trust aufkauft, wird eine
andere gegründet. Und so weiter, bis die Blase platzt.

Die Zuckerraffinerien haben im besonderen Falle mehr aus
dem Kapital herauszuschlagen versucht, als Kapital im allgemeinen
abwirft. Sie versuchten einen Teil des Kapitalozeans über das
Niveau der ihn umgebenden Wasser zu heben. Über den von
ihnen aufgeführten Bollwerken sind die Fluten hereingebrochen,
und das Kapital hat gerade wie Wasser, wieder sein natürliches
Niveau gefunden. Es ist wahr, daß eine kürzere oder längere
Periode nötig sein mag, um das verlorene Niveau wieder zu
erlangen; während dieser Periode mag auch der betreffende Artikel
in kleinen Mengen zu einem etwas höheren Preise als früher
        <pb n="126" />
        ﻿verkauft werden. Doch dafür wird der Abnehmer während der
Jahre voll entschädigt, in denen der Kampf der abweichenden
Konkurrenzbetriebe heftiger wird, als er je vorher gewesen; und
das dauert so lange, bis das große Gesetz vom Überleben des
Stärkeren seine Erfüllung findet. Diejenigen Betriebsleiter, die
sich am besten auf ihren Vorteil verstehen, zwingen die weniger
Leistungsfähigen, und das weise verwaltete Kapital erhält seinen
legitimen Nutzen. Nach kurzer Zeit setzt die wachsende Nach-
frage das Kapital wiederum instand, einen ungewöhnlichen Nutzen
einzuheimsen. Das bringt dem Gewerbe selbstverständlich von
neuem Kapital zu: so finden wir eine Wiederkehr des alten
Kampfes, bei welchem der Käufer des Fabrikates den Vorteil hat.
So ist das Gesetz, so war das Gesetz, und so dürfte das Gesetz
auch für alle Zukunft bleiben; denn bis jetzt vermochte noch kein
Kunstgriff dasselbe dauernd zu hintertreiben. Vollkommene Frei-
heit der Konkurrenz vorausgesetzt, haben bis jetzt noch alle Ver-
einigungen und Trusts, die von den Konsumenten einen höheren
als den volkswirtschaftlich gesetzmäßigen Gewinn für Kapital und
Arbeit herauszuschlagen suchten, sich dadurch die Urkunde ihrer
eigenen Niederlage ausgestellt. Es gibt vielfache und ausreichende
Beweise dafür, daß dieses große Gesetz nie schläft und nie unter-
drückt werden kann. Vor einiger Zeit habe ich darauf hingewiesen,
daß die Stahlschienenfabrikanten Europas einen Trust bildeten
und den Preis der Schienen so verteuerten, daß amerikanische
Fabrikanten zum ersten und vielleicht auch zum letztenmal solche
Schienen nach Kanada in Konkurrenz zu den europäischen aus-
führen konnten. Aber Mißverständnisse und Streitigkeiten, welche
von solchen versuchten Vereinigungen früherer Konkurrenten un-
zertrennbar sind, zerbrachen bald diesen Trust. Mit Rachegefühlen,
die sich der bis dahin bloß geschäftlichen Nebenbuhlerschaft hin-
zugesellten, wurde der Kampf beendet, und die Stahlschienen-
industrie Europas hat sich von diesem Schlage niemals wieder
erholt. Sehr bald zeigte sich das Aufwärtsdrängen in den Preisen
solcher Betriebe; es verlieh den letzteren, die besser Schienen
überhaupt niemals fabriziert haben würden, für kurze Zeit ein
nur galvanisiertes Dasein; und so starb der Trust eines natür-
lichen Todes.
        <pb n="127" />
        ﻿108

VIII. Das Schreckgespenst der Trusts.

Während der großen Depression, die jahrelang im amerikani-
schen Eisenbahnschienenhändel herrschte, wurden verschiedene Ver-
sammlungen voll von Besorgnissen abgehalten, die ganz der oben
beschriebenen Entstehung der Trusts entsprachen; man beschloß,
es mit einer Einschränkung der Produktion zu versuchen. Glück-
licherweise erfolgte sehr bald eine Reaktion. Eine Nachfrage nach'
Schienen setzte ein, bevor der Plan wirklich zur Ausführung kam;
infolgedessen wurde tatsächlich keine Eisenproduktionseinschrän-
kung versucht, und dadurch blieb die Eisenschienenindustrie vor
einem großen Irrtum bewahrt. Wir sahen unlängst die amerika-
nische Bleiindustrie in Stücke gehen und deren Besitzer bankrott
werden. Erst vor kurzem waren die Zeitungen voll davon, daß
eine Vereinigung der Viehzüchter von St. Louis entschlossen sei,
die Vereinigung der Schlächter und Verschiffer von Chicago und
der Stadt Kansas zu beseitigen.

Viele Jahre hindurch gab es in Amerika infolge von Über-
produktion kein schlechteres Geschäft als die Nagelfabrikation.
Diesem Übelstande abzuhelfen, bildeten die Fabrikanten nicht etwa
einen Trust, um die Produkte zu verkaufen, sondern schränkten
die Produktion ein. Ein Teil ihrer Maschinen stand still. Dieser
Teil wurde von Zeit zu Zeit vergrößert und man fabrizierte nur
so viel, wie der Markt zu einem bestimmten Preise aufzunehmen
vermochte. Allein die Folge davon war, daß bald mehr Maschinen
zur Fabrikation von Eisennägeln hinzugefügt wurden, als die Nach-
frage nach Nägeln in Amerika für viele Jahre nötig machte; so
ging denn diese Vereinigung zu guter Letzt den Weg aller Trusts,
und ließ das Geschäft in einem schlimmeren Zustande zurück
als je zuvor.

Dem Zuckertrust ist bereits ein bekannter Konkurrent ent-
standen. Auch der Kupfertrust befindet sich in Gefahr. All’ und
jeder nimmt seine Maßregeln zur Bekämpfung der Trusts und
Vereinigungen, sobald nur der Angriff lohnt; mit anderen Worten:
Sowie Trusts oder Vereinigungen mit Erfolg den reinen Nutzen
über das im ganzen Lande herrschende Gewinnniveau erhoben
haben, sind sie der Konkurrenz aus allen Richtungen ausgesetzt;
die notwendige Folge ist dann ihr Zusammenbruch. Es erscheint
ganz und gar überflüssig, bei den zahlreichen Trusts für geringe
        <pb n="128" />
        ﻿VIII. Das Schreckgespenst der Trusts.	109

Artikel, über die man beinahe täglich liest, länger zu verweilen,
denn sie sind alle demselben großen Gesetze unterworfen. Die
Zeitungen erklären: Trusts beständen für Tapeten, Schuhbänder,
Bauholz, Kohle, Koks, Ziegel, Schrauben, Taue, Glas, Versiche-
rungswesen, Eisenwaren, und noch zwanzig andere Artikel; doch
die Grabschrift all dieser Schöpfungen ist:

„„Warum habt ihr mich geschaffen,

Da ihr habt so schnell mich fallen lassen?““

.Wir könnten mit Macbeth, wenn er die Schattenbilder von
Banquos Nachkommenschaft anstarrt, ausrufen: „Wie? soll das
fortgehen bis zum jüngsten Tag?“ Aber wie mit Banquos Reihen,
so geht es auch mit Trusts. Es liegt eine gewisse Beruhigung darin,
daß, sobald ein neuer naht, ein früherer verschwindet. Sie kommen
und verschwinden gleich Schattenwesen.

Soviel über Trusts auf industriellem Gebiete. Wir wollen nun
die Eisenbahnen prüfen, deren „Einsätze“, „Bündnisse“, „Differen-
tialtarife“ vielen Leuten schlaflose Nächte bereiten, ln all ihren
verschiedenen Formen sind diese Dinge nichts anderes, als Be-
mühungen des Kapitals, vor dem Spiel der wirtschaftlichen Kräfte,
welche im freien Wettbewerb konzentriert sind, sich selbst zu
sichern.

ln Großbritannien sowie in Europa überhaupt wird im all-
gemeinen eine andere Art Eisenbahnpolitik als unsere unbeschränkt
freie Eisenbahnpolitik befolgt. Eisenbahnen und andere Verkehrs-
wege Großbritanniens haben, weil sie vorher eine Bauerlaubnis
vom Parlament nachsuchen müssen, beinahe so viel auf jede
einzelne Meile gekostet, wie der Gesamtbau unserer billigsten
westlichen Bahnen ganz und gar. Beispielsweise hat Manchester
sich Unlängst dahin entschieden, einen 30 Meilen langen Kanal nach
Liverpool zu bauen. Die Auslagen allein für die Erlangung der
Erlaubnis vom Parlament betrugen bis jetzt schon fast eine halbe
Million Dollar. Die Regierung entscheidet vermittels eines Parla-
mentsausschusses darüber, ob die geplante Linie wirklich nötig
ist; um über diesen Punkt ins klare zu kommen, wird nun
jedermann, der mit den Verkehrsverhältnissen vertraut ist, vor
den Ausschuß geladen, um zu beweisen, daß die geplante Linie
        <pb n="129" />
        ﻿HO	VIII. Das Schreckgespenst der Trusts.

nicht notwendig sei; dagegen müssen die Vertreter des Unter-
nehmens den mit ungeheuren Kosten verbundenen Beweis, daß
die betreffende Linie notwendig ist, durch Hunderte von Sach-
verständigen erbringen. Trotzdem läßt sich die auf diese Weise
herbeigeführte Entscheidung des Parlamentsausschusses in keiner
Weise mit der untrüglichen Entscheidung der Kapitalisten ver-
gleichen. Diese wissen zweifellos viel besser als irgendein anderer,
ob das geplante Werk einen guten Vorteil abwerfen kann, und
darin liegt der beste Beweis seiner Notwendigkeit. Das Ergebnis
der amerikanischen Verkehrspolitik zeigt sich am besten darin, daß
trotz aller Versuche der Eisenbahnen, die volkswirtschaftlichen
Gesetze zu unterdrücken, das amerikanische Volk sich des billigsten
Verkehrswesens in der ganzen Welt erfreut. In den meisten Fällen
hat man den Wert der Aktien „verwässert“ (herabgesetzt). Nach
dem wirklich angelegten Kapital sind die Dividenden der Eisen-
bahnlinien ungewöhnlich gewesen und viel höher als der Gewinn,
welcher Kapital aus änderen Anlagen ziehen könnte. Das ganze
Aktienkapital im Westen Amerikas hat gewöhnlich wenig oder
nichts gekostet, da die Erträge der Obligationen für den Bahnbau
genügten. Die Bemühungen der Eisenbahndirektoren gehen deshalb
dahin, ein größeres Kapital, als es für die Verdoppelung des
betreffenden Besitzes notwendig wäre, zu verzinsen. Ihre Ver-
bindungen und Abmachungen verschiedener Art, die schon in
wenigen Monaten, nachdem durch sie Verpflichtungen feierlich
übernommen, für jedermann wertlos sind, bieten gleichfalls volle
Beweise für diese Versuche. Dennoch, gerade wie die ungeheuren
Verdienste, die bei der Fabrikation eines Artikels erzielt werden,
neue Kapitalien heranziehen, ebenso zieht der ungeheure Erfolg
dieser Eisenbahnen neues Kapital in ihren Bereich. Die Neuyorker
Zentralbahn, welche 80«/o Dividende zahlt, steht an der amerikani-
schen Westküste allen voran. Die Domäne der Pennsylvania-Eisen-
bahn, welche, wie ich bereits erwähnt, 13 Millionen Dollar ab-
wirft, ist Süd-Pennsylvania. Eine andere, außerordentlich gewinn-
bringende Linie zwischen Chicago und Milwaukee hat eine Parallel-
bahn zur Folge gehabt. Da beide gewinnbringend waren, so
wurde bald eine dritte Bahn gebaut. Früher gab es zwischen den
genannten Städten bloß eine Linie, jetzt gibt es deren sechs;
        <pb n="130" />
        ﻿VIII. Das Schreckgespenst der Trusts.	m

sollten diese Linien sich morgen vereinigen, um vom Publikum
auch nur ein Prozent mehr Ertrag für das angelegte Kapital zu
erhalten als den Durchschnittsertrag, dann würde sehr bald eine
siebente Linie erbaut werden und zwar mit vollem Rechte. Dieses
beweist ebenfalls, daß das große wirtschaftliche Gesetz nicht um-
gangen werden kann, solange die Möglichkeit besteht, Kapital in
Konkurrenzlinien anzulegen.

Die Eisenbahnfrachten in Europa, verglichen mit denen Amerikas,
zeigen einen geradezu schreienden Gegensatz. Die Frachtkosten
auf englischen Linien sind durchschnittlich mehr als doppelt so
hoch, wie die amerikanischen Frachten; ja, in vielen von mir
genannten und geprüften Fällen betragen sie selbst das Dreifache,
und in nicht wenigen Fällen sogar mehr als das Dreifache.

Einer meiner Freunde kaufte eine Ladung Getreide in Leith;
die Fracht von Neuyork betrug einen Dollar per Tonne; dagegen
kostete die Beförderung für 35 Meilen innerhalb Englands volle
96 Cent. Ein anderer kaufte 600 Tonnen Kohle am Obersee (Lake
Superior). Die Fracht per Tonne nach Liverpool kostete 4 Dollar,
dagegen betrug der Weitertransport für 8 englische Meilen per
Tonne 2 Dollar 87 Cent (nach seinen englischen Mühlen). Für
diesen Preis befördern unsere Bahnen 560, die englischen Bahnen
nur 80 Meilen weit. Wenn Europa sich des unbeschränkten Wett-
bewerbes in seinem Verkehrssystem erfreuen dürfte, würde die Ent-
wicklung seiner Hilfsquellen selbst jetzt noch, in geschichtlich
relativ später Zeit, die Welt in Erstaunen setzen. Nach meiner
Überzeugung haben wir Amerikaner alle Ursache, uns zu unserer
Verkehrspolitik Glück zu wünschen. Ihre Vorteile sind gegen ihre
Fehler, im Vergleich zu allen anderen Systemen geradezu ungeheuer.

Die Amerikaner können ruhig lachen über die Anstrengungen
ihrer Eisenbahnmagnaten und all ihrer Fabrikanten, die volkswirt-
schaftlichen Gesetze durch Trusts, Vereinigungen, Spieleinsätze,
Differentialtarife oder irgend dergleichen zu umgehen, solange
sie an dem Grundsatz unbeschränkt freien Wettbewerbes festhalten.
Haltet das Feld frei und offen. Freiheit vor allem für jeden
Eisenbahnbau — wann und wo immer Kapital ihn zu unternehmen
wünscht — und zwar unter gleichen Bedingungen für alle. Nie-
mand kann auf die Länge der Zeit mehr als den durchschnittlichen
        <pb n="131" />
        ﻿112

VIII. Das Schreckgespenst der Trusts.

Gewinn für Anlagekapital herauspressen; weder ein Monopol noch
ein Verkehrsmittel, noch eine Fabrik. Jeder darauf zielende Ver-
such muß mit einem Fehlschlage, der mit dem vorübergehenden
Erfolge eines so törichten Beginnens im Verhältnisse steht, endigen.
Es ist einfach lächerlich, wenn Leute glauben, sie könnten dadurch,
daß sie in einem und demselben Zimmer beraten und Resolutionen
fassen, die großen Gesetze ändern, welche die menschlichen An-
gelegenheiten in der Geschäftswelt regieren, ganz gleichgültig,
ob solche Leute Eisenbahnpräsidenten, Bankiers oder Fabri-
kanten sind.

Die Trustmode hat nur noch eine kurze Lebensspanne vor
sich; zweifellos wird ihr nach der nächsten Periode geschäftlicher
Depression eine neue gleich törichte Mode folgen; aber darin liegt
keine, auch picht die geringste Gefahr; gesunden Geschäftsprinzipien
kann kein ernstlicher Schaden aus all diesen Bewegungen er-
wachsen. Die einzigen, welche die Trusts zu fürchten haben, sind
diejenigen, die Narren genug sind, sich daran zu beteiligen. Der
Konsument und der Versender, nicht der Fabrikant und der Eisen-
bahnbesitzer, werden stets dabei das Fett abschöpfen.

Seitdem ich das vorhergehende niedergeschrieben, ist auf der
Bildfläche eine neue Art erschienen in der Form des präsidialen
Abkommens; eines Abkommens unter Gentlemen, in welchem
die Beteiligten sich verpflichten, die zukünftige Entwicklung des
prächtigen, unter den Gesetzen natürlichen Wachstums arbeitenden
amerikanischen Eisenbahnwesens zu kontrollieren, einzuschnüren
und festzuhalten; alles das in einer Zeit, da das Land dessen Weiterer
Entwicklung mehr denn jemals bedarf.

Diese Gentlemen wollen nicht etwa neue Bahnen bauen, welche
dem Publikum die Vorteile einer gesunden Konkurrenz verschaffen,
noch wollen sie den Bau solcher Bahnen späterhin erlauben. Man
darf sicher sein, auch dieses Spielzeug wird, gerade wie seine
Vorgänger, bald zugunsten eines anderen verworfen; und dann
werden dieselben Leute, die jetzt von dieser neuen Knarre so sehr
entzückt scheinen, diese selbe Knarre mit der größten Verachtung
ansehen; die gleichen Gentlemen werden dann auch an dem guten
Werke der weiteren Entwicklung des bestehenden Bahnsystems
teilnehmen, wo und wann sie irgend an die Möglichkeit glauben,
        <pb n="132" />
        ﻿VIII. Das Schreckgespenst der Trusts.

113

einen guten Gewinn dabei zu machen. .Wo immer bestehende
Bahnen mehr als einen gerechtfertigten Gewinn für das tatsächlich
angelegte Kapital oder von dem Kapital, welches für Verdoppelung
der bestehenden Bahnen erforderlich ist, Herauspressen, dort werden
stets neue Konkurrenzbahnen gebaut werden, und zwar zum Glück
für die Interessen des Landes; denn diesem ist bei weitem mehr
durch billige Verkehrsmittel als durch Dividendenversicherung für
Kapitalisten gedient. Ferner, sobald es durch' Begebung von Eisen-
bahnsicherheiten etwas zu verdienen gibt, werden sich stets Finanz-
leute finden — gleichfalls glücklicherweise zum Besten wichtiger
Landesinteressen — die froh sein müssen, einen Markt dafür zu
bekommen, ohne sich weiter darum zu kümmern, ob durch die
neuen Linien bestehende Monopole beseitigt werden.

Es steht nicht in menschlicher Macht, für länger als kurze,
sehr kurze Zeit außergewöhnlichen Vorteil aus wirklichem Kapital
zu ziehen, das in Verkehrsanstalten oder Fabrikation angelegt
wurde, solange all und jeder das Recht freien Wettbewerbes besitzt;
diese Freiheit aber, das darf man ruhig versichern, wird sich das
amerikanische Volk nicht leicht beschneiden lassen.

V V V
V V
V

Carnegie, Kaufmanns Herrschgewalt.

8
        <pb n="133" />
        ﻿IX.	Englisch-amerikanische Handels-
beziehungen.

An der Schwelle dieser großen Frage begegnen wir dem
immer noch nicht veralteten Diskussionsstoff: Freihandel wider
Schutzzoll. Zunächst: Es gibt nur eine Art von Freihandel, doch
zwei Arten von Schutzzoll: der britische Schutzoll und seine
amerikanische Spielart; beide voneinander außerordentlich ver-
schieden in der Theorie sowohl, wie in der Praxis. In Britannien
versteht man unter Schutzzoll einfach eine Verteuerung der Volks-
nahrung und als Folge davon eine dauernde und künstliche Steige-
rung im Werte von Grund und Boden. Dagegen ist die amerika-
nische Idee des Schutzzolls die von Stuart Mill vorausgesehene.
Sie hält sich an Adam Smiths großer Lehre, deren Kernpunkt
darin besteht, jeden Artikel bei vollkommen freiem Güteraustausch
zu dem möglichst niedrigen Preise zu verkaufen. Haben wir Grund,
daran zu glauben, daß die natürlichen Quellen eines Landes zu
besserer und billigerer Herstellung eines Artikels, als es in irgend-
einem anderen Lande möglich ist, nur der Entwicklung bedürfen,
dann müssen wir Adam Smith zustimmen, welcher es für ersprießlich
hält, eine Zeitlang den betreffenden Artikel teurer zu bezahlen,
wenn zu guter Letzt dadurch ein größerer Markt für das ein-
heimische Produkt gewonnen wird. Adam Smith war also keines-
wegs ein wilder Dogmatiker in Verteidigung des Freihandels; er
faßte vielmehr seine Meinung dahin zusammen, daß man ebensogut
in dieser Welt auf ein Utopien, wie auf Durchsetzung vollkommenen
Freihandels, selbst in Großbritannien, hoffen dürfe; wo es sich um
Änderung der fiskalischen Gesetze handelt, spricht er sich über
diesen Punkt ganz klar dahin aus, daß solche Änderungen nur
allmählich und ohne jeden ernsten Schäden für den bestehenden
        <pb n="134" />
        ﻿

IX. Englisch-amerikanische Handelsbeziehungen.	115

Handel unternommen werden sollten. Die folgenden beiden Bei-
spiele werden den Unterschied zwischen dem Schutzzoll in England
und Amerika am besten veranschaulichen. Während des Union-
krieges wurde das amerikanische Volk aufgeregt und verletzt durch
die Feindschaft, nicht des englischen Volkes, wohl aber der engli-
schen Regierung. Wir Amerikaner waren entschlossen, den Ge-
brauch britischer Erzeugnisse so viel wie möglich' einzuschränken
und ganz besonders, uns von der britischen Stahl- und Eiseneinfuhr,
diesem vorzüglichsten Material für Kriegszwecke, unabhängig zu
machen; zumal bei Englands kriegerischer Haltung in der Alabama-
angelegenheit Krieg zwischen den beiden Ländern seinerzeit keines-
wegs so unmöglich war, wie es heute — den Götten sei Dank — ist.

Solches sind die Folgen von allem den Völkern angetanen
Unrecht; dieses bringt Wiedervergeltung; und jeder auf solche
Art erworbene Feind bildet eine dauernde Explosionsgefahr. Die
Alabamafrage gab uns einen dreißig Jahre lang ununterbrochenen
Schutz; sie setzte uns instand, nunmehr Großbritannien erfolgreich
mit unserem Stahl innerhalb seiner eigenen Grenzen zu bekämpfen.
Bis dahin war unsere Stahlfabrikation erfolglos. 30 Prozent Ab-
gaben wurden dafür gefordert und gezahlt. Alle kennen das
Resultat: wir Amerikaner können jetzt nicht nur billigeren Stahl
machen als irgendein anderes Volk der Welt, Großbritannien mit
eingeschlossen; es ist auch gewiß, daß heutzutage ein großer Teil
der ganzen Welt von Amerika aus mit Stahl versorgt wird. In
Amerika wird gegenwärtig zweifellos der beste Stahl auf der ganzen
Erde erzeugt. Nun, wir denken, daß in diesem Falle der gewährte
Schutzzoll, welcher übrigens bereits auf ein viertel des ursprüng-
lichen Zolles reduziert ist, durchaus gerechtfertigt war. Nehmen wir
einen anderen Fall: Immer werden die Fähigsten ihre Anstrengun-
gen darauf richten, den materiellen Fortschritt ihres Volkes durch
Einführung neuer Industriezweige zu fördern. Beispielsweise lebte
man bei uns in der Hoffnung, daß bei zeitweisem, ausreichendem
Schutzzoll eine einheimische Zuckerindustie billigere Erzeugnisse
liefern würde als die ausländische. Der damit gemachte Versuch
ergab jedoch ein schlechtes Resultat. Wir waren im Irrtum. Der
auf Zucker gelegte Zoll wurde deshalb wieder aufgehoben, und der
Zucker durfte wieder frei eingeführt werden. In dem einen Falle
        <pb n="135" />
        ﻿116

IX. Englisch-amerikanische Handelsbeziehungen.

bedeutete der Schutzzoll einen Sieg, im anderen Falle eine Nieder-
lage. Ich möchte glauben, auch bei anderen Völkern würden sich'
im Laufe der Entwicklung die in den Vereinigten Staaten gemachten
Erfahrungen wiederholen. Jede Nation wird den Versuch machen,
innerhalb ihrer eigenen Grenzen Waren zu erzeugen, wenn die
Wahrscheinlichkeit besteht, diese Waren besser und billiger selbst
zu produzieren, als sie vom Auslande her bezogen werden können;
in solchen Fällen muß man das Ergebnis dieser Versuche geduldig
abwarten. Gerade so wie die Vereinigten Staaten den Schutzzoll
für Zucker aufgaben, werden, wie ich glaube, andere Nationen von
der Torheit eines ewigen Schutzzolls zurückkommen und die
amerikanische Art eines nur zeitweiligen Schutzzolls sich zu eigen
machen; denn der Versuch eines Volkes, aus dem dauernden, einem
bestimmten Artikel auferlegten Zoll für sich selbst Nutzen zu ziehen,
ist dem Versuche eines Mannes zu vergleichen, der durch ein
Hinaufschieben seiner Hosenträger seine ganze Person zu heben
versucht. Obgleich ich ganz und gar der Theorie zustimme, daß
es zeitweise einer jungen Nation gar wohl ansteht, Kapital und
Hirnkraft für Versuche in einem neuen Industriezweige einzusetzen,
selbst wenn damit ein gewisses Risiko verbunden ist, so bin ich
doch andrerseits ein durchaus gläubiger Anhänger der Lehre Adam
Smiths, daß das letzte Ziel vollkommen freier Austausch aller Artikel
unter allen Völkern der Welt sein müsse, wenn man von der Not-
wendigkeit der daraus zu erzielenden, im übrigen aber unwichtigen
fiskalischen Einnahme einmal absieht.

Sie werden sich erinnern, daß der Minister Chamberlain eine
Zeitlang für einen Großbritischen Zollverein schwärmte; innerhalb
dieses Vereins sollte vollkommener Freihandel herrschen, gerade
so wie innerhalb der 45 Staaten der amerikanischen Union. Auf
den ersten Blick erscheint das eine wahrhaft brillante Idee! Allein
nach Konferenzen mit den Kolonialministern zur Zeit des 60 jährigen
Regierungsjubiläums der Königin Viktoria erklärte Chamberlain,
niemand würde ihn dazu bringen, den Gegenstand selbst auch nur
mit Zangen wieder anzurühren1). Es steht einem Staatsmann

’) Carnegie erlaube mir die Bemerkung, daß er die Chamberlainsche
Äußerung nur halbrichtig wiedergibt. Chamberlain sagte: wenn er sich
die Überzeugung erwerben müßte, daß die britischen Kolonien nur ge-
        <pb n="136" />
        ﻿IX. Englisch-amerikanische Handelsbeziehungen.	117

wohl an, seine Ansichten zu ändern, wenn er findet, daß er im
Irrtum war. Die britischen Kolonien wissen, daß sie einen großen
Teil ihres öffentlichen Einkommens aus den Eingangssteuern, ziehen;
ein britischer Zollverein ist deshalb nicht durchführbar, ganz ab-
gesehen von anderweitigen Bedenken. Beispielsweise zahlten die
Vereinigten Staaten neben den Abgaben auf Zucker eine ebenso
große Summe wie die von anderen Völkern gezahlte Prämie
für Zuckerbau, und das ist nur ein Akt der Gerechtigkeit gegen-
über unsern eigenen Zuckererzeugern.

Es ist deshalb durchaus wahrscheinlich, daß vorläufig, und
zwar sehr bald die britischen Kolonien durch die Notwendigkeit
ivon Einnahmen, verbunden mit der Unbequemlichkeit bei der
Einsammlung von anderen Steuern, dahin geführt werden, hohe
Abgaben auf jede Art von Einfuhr zu legen; besonders auf die
Einfuhr von Luxusgegenständen, d. h. auf die feinsten Erzeug-
nisse jeder Art; also auf all solche Dinge, welche nicht von den
Massen der Armen des Volkes, sondern von den wenigen Reichen
gebraucht werden. Eine solche Politik wäre volkstümlich, und
es ist hinlänglich bekannt, wie wichtig die Unterstützung der
Massen für den Politiker ist. Dieselben Einflüsse werden, wie
ich glaube, in den Vereinigten Staaten sich geltend machen. Ich
kenne keine andere Art der Steuererhebung, die gleich leicht und
für die .Wähler gleich angenehm wäre. Es erscheint vielleicht
überraschend und ist dennoch wahr, daß bei der gegenwärtigen
Steuerpolitik die große Masse des amerikanischen Volkes tat-
sächlich jeder Besteuerung entgeht. Sie gebrauchen hauptsächlich
— ja, ich möchte sagen ganz und gar — nur einheimische Er-
zeugnisse: einheimischen Tabak, einheimischen Wein, einheimische
Spirituosen und einheimisches Bier, einheimische Baumwollen- und
Wollenstoffe und einheimische Seidenstoffe, alles vollkommen
seinen Zweck erfüllend, wenn auch nicht so fein wie ausländische

zwungen einem großbritischen Verein beitreten würden, dann würde er
die Sache nicht einmal mit Zangen anfassen. Tatsächlich hat Chamber-
lain die Idee eines großbritischen Zollvereins in der einen oder anderen
Form keineswegs aufgegeben, wie die während des vergangenen Jahres
(1902) stattgehabten Konferenzen mit den Ministern der verschiedenen
Kolonien am besten beweisen.
        <pb n="137" />
        ﻿118

IX. Englisch-amerikanische Handelsbeziehungen.

Ware, und dabei alles überraschend billig. Ich hatte unlängst einen
Beweis dafür. Eine, wenn auch nicht reiche, doch immerhin wohl-
habende Familie ging jedes Jahr zum Besuche ihrer Eltern mit ihren
fünf Kindern nach England hinüber. Die Kosten der Überfahrt
wurden im voraus gedeckt durch den Einkauf von Kleidern und
anderen Artikeln hier in Amerika. Die betreffende Dame erklärte
uns, daß sie jetzt nichts mehr in Europa kaufe, da sie ihre Kinder
in Neuyork billiger kleiden könne. Viele andere Tatsachen beweisen
dasselbe. Unsere Dienerschaft, die mit uns über den Ozean hin-
und zurückgeht, kauft viele Artikel in Neuyork; allerdings keine
feinen Luxusartikel, an denen sich reiche Leute erfreuen.

Auf solche Artikel, die einen großen Teil unseres Staats-
einkommens decken, dürfen wir immerhin eine beträchtliche Steuer
legen, ohne zu fürchten, daß die reichen Leute sich von ihrem Ge-
brauch abhalten lassen oder selbst auch nur ihren Bedarf darin
bedeutend einschränken werden. Die reichen Klassen unserer
Republik kehren sich nicht viel an die Höhe des Preises beim
Einkauf von Luxusartikeln. Feine Seidenstoffe, feine Linnen, feine
Spitzen, feine Wollenfabrikate, feine Weine oder schottischer Whisky
und englisches Bier gehören zu diesen Luxusartikeln. Merken Sie
wohl: diese Politik wird aufrecht erhalten nicht des Schutzzolls,
sondern nur rein fiskalischer Zwecke wegen. Selbst wenn der
Schutzzoll offen verworfen würde, müßten solche Artikel dennoch
weiter besteuert werden — die Klasse des Volkes würde das einfach
fordern. Die Annahme, daß die Wenigen und nicht die Vielen,
die Besteuerung der von den Reichen gebrauchten Luxusartikel
begünstigen, ist durchaus irrig. Meiner Überzeugung nach können
diese Art Steuern auf absehbare Zeit nicht abgeschafft werden.
Bilden sie doch die populärste Art der Steuererhebung! Neuerdings
gibt sich eine neue, nicht zu übersehende Beziehung in dem
Handelsverkehr der verschiedenen Völker untereinander kund. Man
darf es jetzt für ausgemacht halten, daß Rohmaterial in begünstigter
physikalisch-geographischer Lage nunmehr Macht genug besitzt,
um Kapital und Geschicklichkeit anzuziehen, so daß es gemeiniglich'
in allernächster Nähe verarbeitet werden kann. Die einzelnen Völker
zeigen dabei eine früher ungeahnte Fähigkeit für Fabrikation: die
armen Männer und Frauen Indiens, die Peonen Mexikos, die
        <pb n="138" />
        ﻿IX. Englisch-amerikanische Handelsbeziehungen.	119

Neger Amerikas, alle beweisen sie, daß sie gute Fabrikarbeiter sind.
Auch die Chinesen und Japaner zeigen ähnliche Fähigkeiten. Groß-
britannien und die Vereinigten Staaten stellen nur die wenigen
Abteilungsdirigenten; denn die automatischen Maschinen bedürfen
kaum noch gelernter Arbeiter. Große Veränderungen werden sehr
bald die Folge dieses letzten Umstandes sein. Es geziemt Groß-
britannien, welches lange Zeit hindurch das erste und vorzeiten bei-
nahe sogar das einzige Industrieland von Bedeutung war, und
ebenso den Vereinigten Staaten, ihre Leistungsfähigkeit in jedem
einzelnen Felde auf voller Höhe zu erhalten. Vollkommene Um-
wälzungen werden sich vielleicht infolge dieses einen Umstandes
einstellen. Sir Sutherland, der bei einer der großen amerikanischen
Dampferlinien beteiligt ist, sprach unlängst den Aktieninhabern
von der Wahrscheinlichkeit des Bezuges von Dampfschiffen aus
dem fernen Osten. Immerhin hoffe ich, er wird diese Schiffe
besser von England und Amerika herbeziehen — der Ruf nach
dem fernen Osten braucht denn doch einen allzu langen Weg.

Obgleich, wie ich glaube, irgend ein größerer Zuwachs an
auswärtigem Handel nicht zu erwarten ist, jedenfalls kein solcher,
der irgendwie mit der Ausdehnung des inländischen Handels zu
vergleichen sein dürfte, da die wirtschaftliche Bewegung auf Selbst-
versorgung mit den vornehmsten Bedürfnissen ausgeht, so glaube
ich doch, daß der Bevölkerungszuwachs und die Vermehrung des
Reichtums neue Bedürfnisse schaffen, das Feld der bisherigen Be-
dürfnisse erweitern und so den gegenseitigen Güteraustausch, wenn
auch vielleicht nur in geringem Maße, noch immer weiter ver-
mehren wird. Wie gering ist nicht der ausländische Handel selbst
in seiner höchsten Blüte, verglichen mit dem inländischen! Ob-
gleich beispielsweise die Vereinigten Staaten während des letzten
Jahres (1899) für 80 Millionen Pfd. Sterl. (1600 Millionen Mark)
eigene Erzeugnisse ausführten, so macht das doch nur ärmliche
fünf Prozent ihrer Gesamtproduktion aus, welche sich auf über
1800 Millionen Pfd. Sterl. (36000 Millionen Mark) belief. Die Be-
dürfnisse der Außenwelt bekümmern uns Amerikaner nicht gar
zu sehr; es ist Großbritanniens hauptsächlichster Beruf, das Land
zu bleiben und zu werden, welches diese Bedürfnisse am besten zu
befriedigen vermag.
        <pb n="139" />
        ﻿120

IX. Englisch-amerikanische Handelsbeziehungen.

Soviel über englisch - amerikanische Handelsbeziehungen. In
dieser Zeit bitterer Parteiungen und Sektierertums ist in jedwedem
Mittelpunkte die Bildung einer Vereinigung von einsichtigen Män-
nern, welche als Glieder dieser Körperschaft weder auf Rang, noch
Reichtum, noch Partei, noch Glauben in ihren Entscheidungen
Rücksicht nehmen und dem Frieden und Gedeihen ihres Landes
alles andere unterordnen, von ganz besonderer Wichtigkeit; von
Männern, welche ihre Blicke überallhin zu allen Völkern und nach
allen Ländern wenden, in der richtigen Erkenntnis, daß alle
Menschen Brüder sind, und deshalb mehr oder weniger in ihrem
Gedeihen voneinander abhängen; von Männern, welche im Ge-
deihen anderer Nationen nicht allein einen Gegensatz, sondern auch
eine glückliche Ergänzung des Gedeihens ihres eigenen Volkes
finden. Solche Männer verachten die kleinlichen Anschauungen des
Durchschnitts-Politikers, welcher im Kriege gegen andere eine Wohl-
tat für sein eigenes Volk und, wie ich fürchte, mehr noch eine Quelle
für seine eigene Volkstümlichkeit sieht. Es liegt eine tiefe Wahrheit
— besonders für große Handelsvölker, wie Großbritannien Und
unsere eigene Republik, die bereits den geschäftlichen Thron der
Welt mit dem Mutterlande teilt — in dem Ausspruch, daß wir an
all und jedem Gedeihen in jedwedem Teile der ganzen Welt
unseren Anteil haben. Die gesamte Welt zahlt ihren Tribut den
Nationen, welche in der einen oder anderen Weise einen hervor-
ragenden Anteil an der Befriedigung ihrer Bedürfnisse besitzen.
Daher haben Großbritannien sowohl wie Amerika das größte Inter-
esse an Erhaltung des Friedens, und deshalb ist Friedenspolitik
die beste Politik; Friedensstörung dagegen ein schwerer, politischer
Fehler, denn wir können das Gedeihen keiner einzigen Nation zer-
stören, ohne uns selbst zu schädigen. Alles, was zeitweiliger Ge-
winn für uns selbst scheint, muß, sobald er auf Kosten anderer
erreicht wird, zu guter Letzt uns selbst Schaden bringen. Man
wird diese Anschauungen vielleicht „Zukunftsmusik“ nennen;
dennoch sind schon jetzt vorbereitende Schritte für deren Ver-
wirklichung getan. Der erste Schritt dahin spricht sich in der An-
schauung aus, daß der Handel der Flagge folgt; in der Tat wittert
echter Kaufmannsgeist immer den besten Vorteil. Der Handel
bindet sich an keinerlei Flagge. Das loyale Kanada kauft seine
        <pb n="140" />
        ﻿IX. Englisch-amerikanische Handelsbeziehungen.	12!

Flaggen in Neuyork. Sein Handel mit der Republik der Vereinigten
Staaten ist dreimal so groß wie sein Handel mit Großbritannien
und mit allen anderen Völkern zusammengenommen. Keine Nation
vermag staatliche oder auch nur nominelle Kontrolle über ein
fremdes Territorium mit Aussicht auf dauernden geschäftlichen
Vorteil unter dem Freihandelsystem und bei gleichem Recht für alle
zu erlangen. Sie sichert und erhält sich einzig und allein die Märkte,
die sie selbst am besten zu versorgen vermag. Millionen an Gold
und Tausende von Menschenleben für die politische Oberherrschaft
über neue Landstrecken zu wagen, mag manches Mal aus politischen
Gründen notwendig sein; niemals jedoch für die Bedürfnisse des
Handels. .Wir würden einen großen Schritt vorwärts tun mit der
Erkenntnis, daß politische Besitznahme nicht notwendig ist 2ur
Ausdehnung des Handels über neue Landstrecken. Sogar Amerika
sollte diese Wahrheit sich wieder vergegenwärtigen; es ist doch
bestrebt, die politische Herrschaft über die Philippinen zu ge-
winnen! Britische und amerikanische Interessen werden voll ge-
wahrt durch gleiches Recht für alle. Beispielsweise sind jetzt die
ausländischen Handelsinteressen beider Länder identisch und sollten
deshalb zu einer gemeinschaftlichen Politik führen — zu einer Politik
der offenen Türe und des Friedens, die allen Völkern das Recht
gibt, sich ihrem eigenen Wesen gemäß mit voller Freiheit zu ent-
wickeln. Wir haben neuerdings vielfache Beweise für das bekannte
Sprichwort gesehen, daß Blut dicker ist als Wasser; viel dicker,
meine ich, zwischen den Abkommen derselben Rasse. In dem
augenscheinlichen Zusammenschluß aller englisch sprechender
Völker sehen wir das erste Dämmern eines neuen Gefühls — des
Patriotismus der Rasse; eine Empfindung des Stolzes und der
Hingebung kündigt sich in der Rasse an, deren eine Hälfte unter
britischer Flagge und deren andere Hälfte unter dem Sternenbanner
lebt — eine dritte Flagge schwebt über beide, die Flagge der eng-
lischen Sprache, denn auf der ganzen weiten Erde gibt es keine
englisch sprechende Gemeinschaft, die nicht dem einen oder dem
anderen der beiden Fahnensymbole Treue bewahrte. Das leichte
Kriegsgewölk, das über den beiden Zweigen unserer Rasse eine
Zeitlang schwebte, hat nur dazu beigetragen, beide Teile noch
enger zu verbinden, als sie jemals seit der Zeit ihrer politischen
        <pb n="141" />
        ﻿122

IX. Englisch-amerikanische Handelsbeziehungen.

Trennung verbunden gewesen sind. Wir mögen sehr wohl, ja
mit vollster Sicherheit annehmen, daß in Zukunft zwischen den
beiden Nationen, welche ja doch im Grunde genommen ein Volk
sind, jedwede Frage auf freundschaftlichem Wege erledigt werden
wird, und daß keine Regierung, weder in dem einen noch in dem
anderen Lande, jemals wieder imstande sein wird — kraftvoll oder
verderblich genug — der Forderung der Besten unter beiden
Völkern zu widerstehen; diese Forderung geht aber dahin, daß die
Begleichung von Zwistigkeiten zwischen ihnen niemals wieder des
Schwertes blutiger Entscheidung anheim gestellt werden soll. Die
Zeiten sind ein für allemal vorüber, in denen englisch sprechende
Männer zum Kampfe auf Leben und Tod gegeneinander aufgerufen
werden können. Niemals mehr wird die Sonne ein solches Schau-
spiel sehen. Wir sind darüber hinaus und haben die Seiten dieser
Geschichte des Schreckens für immer geschlossen.

Was also dürfte uns die Zukunft bei diesem neuen macht-
vollen Gefühl des Rassenpatriotismus, welches für uns herauf-
zudämmern scheint, in den Schoß tragen? Unsere eigene Rasse
neigt sehr zu der Krankheit des Landhungers. Großbritannien hat
die roten Punkte seiner Oberherrschaft über alle Ecken und Enden
der Welt ausgestreut; wir selbst haben uns von den Küsten des
atlantischen Ozeans dreitausend Meilen weit bis zu denen des
stillen Ozeans ausgedehnt, von der St. Lawrence-Bai zum Golfe von
Mexiko; ja noch nicht damit zufrieden, gehen wir, so fürchte ich,
darauf aus, fremde Länder uns anzueignen. Es ist wahr, wir haben
uns die Heilige Schrift gar zu sehr zu Herzen genommen, die sagt,
daß die Sanftmütigen diese Erde besitzen sollen; hieraus jedoch,
so meint wenigstens unser Humorist Mark Twain, erklärt sich
alles: unsere Rasse ist gar so sanftmütig; unter allen Umständen
scheinen wir recht bald entdeckt zu haben, daß das entscheidende
und einzig zuverlässige Merkmal für die wahren Erben der Gebrauch
des Englischen als ihrer Muttersprache ist.

Diese Epoche nie rastender Ausdehnung muß bald zu Ende
gehen. Nach dem Gesetze der Entwicklung sollte jedes Land sich
selbst regieren. Kanada tut es; Australien steht eben im Begriff,
seine eigene Souveränität zu erlangen; beide haben ihre eigenen
fiskalischen Tarife sogar gegen die Einfuhr von England her. Die
        <pb n="142" />
        ﻿IX. Englisch-amerikanische Handelsbeziehungen.	123

siebzehn Republiken Süd-Amerikas, welche bis vor ganz kurzem
von Spanien regiert wurden, sind nun alle unabhängig und regieren
sich selbst. Nur während der Entwicklungsperiode vermögen macht-
volle Nationen entlegnere Völker zu regieren und über dieselben
zu herrschen; doch selbst während dieser Periode kann solch eine
entfernte Regierung so günstigen Einfluß ausüben, daß selbst nach
Übernahme der tatsächlichen Leitung durch die neue Gemeinschaft
die Beziehungen zwischen Mutter und Kind ununterbrochen bleiben,
ja sogar noch inniger werden als vorher. Kanada und Australien
bieten die besten Beispiele dafür. Infolge der weisen, gütigen,
friedlichen und versöhnlichen Politik ist innerhalb des großen
britischen Reiches ein Rassenpatriotismus entstanden, der auf sitt-
lichen und deshalb auf den dauerndsten aller Kräfte beruht: nicht
auf Gesetz, sondern auf Liebe. Der Erfolg von Großbritanniens
Kolonialgebiet in neueren Zeiten gehört zu den größten Triumphen,
welche je eine Nation errungen; ja, er bildet vielleicht geradezu
den absolut größten Triumph. Er wurde nur durch Mittel des
Friedens, nicht des Krieges möglich'; solch ein Sieg ist viel ruhm-
bringender als jede Eroberung durch Waffengewalt und dazu viel
dauerhafter, wie die Zukunft zeigen dürfte.

Die Fahne Großbritanniens flattert über Kanada und Australien,
auf Wunsch ihres Volkes bilden sie Teile desselben großen, ge-
einten Ganzen. Die Frage ist nun, ob sich die Rasse innerhalb
des großbritannischen Reiches bescheiden oder zu guter Letzt zu
einem großen Ratbündnis für die gesamte Rasse entwickeln v/ird:
dazu berufen, die internationalen Beziehungen, von denen der
Weltfrieden abhängt, zu ordnen, und zwar bei voller Aufrecht-
erhaltung der Selbstregierung für die besonderen Interessen eines
jeden einzelnen Landes; eine gekrönte oder ungekrönte Republik.
Ich darf für mich den Anspruch erheben, daß ich schon vor Jahr
und Tag als erster die Wiedervereinigung aller englisch sprechenden
Nationen vorausgesagt habe. Hier bietet sich unseren Handels-
kammern ein dankbares Feld, dessen Kultivierung nur des Friedens
und guten Willens bedarf. Schon jetzt können sie ihren guten
Einfluß dadurch betätigen, daß sie freundschaftliches Empfinden
stärken und die beiden Zweige unserer Rasse noch inniger einander
zu nähern suchen. Ich habe beinahe vergessen, eine der besten,
        <pb n="143" />
        ﻿

124	IX. Englisch-amerikanische Handelsbeziehungen

ja vielleicht überhaupt die beste Folge unseres Schutzzollsystems
zu erwähnen. Dieses hat die Etablierung vieler britischer In-
dustrieller in unserer Mitte nach sich gezogen und trägt so zur
Entwicklung unserer Hilfsquellen bei; die Clarks und die Coats
von Paisley, die Dolans von Yorkshire, die Sandersons von Shef-
field und zuletzt — wenn auch gewiß keineswegs an letzter
Stelle — ein großer Preis aus Halifax: denn wie sollten wir unser
Schutzzollsystem nicht preisen, da es die Firths zu uns herüberzog?
Nicht einmal für ein königliches Lösegeld dürfen wir sie wieder
hergeben; wir bedürfen so vieler von dieser Halifax-Qualität, als
wir nur irgend bekommen können. Wem immer unser Tarif
zusagt, der möge seine ausbündigste Rache dadurch nehmen, daß
er zu uns herüberkommt, sich des vollsten Freihandels durch alle
fünfundvierzig Staaten unserer amerikanischen Union erfreut und
dabei glücklich wird. Unsere Republik ruft sie: sie mögen kommen,
mögen alle, alle kommen! Sie besteuert am höchsten Edelsteine
und andere kostbare Einfuhrartikel; doch diese Juwelen, welche
über jeden Preis erhaben sind, läßt sie abgabenfrei ein. Nicht nur
für den Wert, welchen sie unserer Industrie zuführen, sollten sie
geschätzt werden, sondern als Bindeglieder zwischen den alten
und neuen Ländern; zwischen Mutter und Kind. Einige jüngere
Mitglieder dieser Firmen lassen sich unter uns dauernd nieder;
ihre Kinder heiraten Amerikaner oder schließen, wenn sie die alte
Heimat besuchen, dort Verbindungen fürs Leben, und der echte
und rechte Anglo-Amerikaner ist dann das Ergebnis; er ist höchst-
wahrscheinlich der kommende Mann, ausgestattet mit den Tugenden
und der Kraft beider Rassen, ohne ihre Laster und Schwächen zu
teilen; der kommende Mann, welcher, wir mögen dessen sicher
sein, der fortschreitende Vertreter jenes Rassenpatriotismus und
jener Arbeit sein wird, die den Tag gemeinschaftlichen Bürgertums
innerhalb der weiten und sich stetig mehr ausbreitenden Grenzen
unserer Rasse heraufführen wird.

V V V
V V
V
        <pb n="144" />
        ﻿X.	Geschäft.

Geschäft ist ein viel umfassendes Wort, und seine ursprüng-
liche Bedeutung deckt den ganzen Umkreis des menschlichen Tuns.

Es ist das Geschäft des Predigers, zu predigen, des Arztes, zu
heilen, des Dichters, zu schreiben, des Universitäts-Professors, zu
lehren, und des Studenten — so möchte man nach dem Maße der
Aufmerksamkeit, welche dieser Beschäftigung zugewendet wird,
beinahe denken — Fußball zu spielen.

Ich will nicht über „Geschäft“ in diesem allumfassenden Sinne
sprechen, sondern mehr über „Geschäft“, soweit das Wort im
„Century Dictionary“ erklärt wird:

„Geschäftliche und industrielle Zwecke im allgemeinen ge-
nommen, Tätigkeit, welche Kenntnis von Rechnungsablegung
und finanziellen Methoden erfordert, Tätigkeit des Geschäfts-
betriebes, oder irgend welche anderen Geld-Transaktionen“.
Die weitere Erklärung ist bemerkenswert und macht diese An-
schauung von „Geschäft“ noch deutlicher. Sie lautet:

„Es kommt selten vor, daß studierte Leute den Ruf großer
Geschäftskenntnis erlangen“.

Doch wir müssen noch einen Schritt weiter gehen und „Ge-
schäft“, wie ich es betrachten will, noch näher definieren. Ist ein
Eisenbahn-Präsident, der ein festes Gehalt empfängt, oder ein
Bank-Präsident, oder irgend ein anderer mit Gehalt angestellter
Beamter ein Geschäftsmann zu nennen? Streng genommen, nein;
denn ein Mann muß, um als Geschäftsmann zu gelten, mindestens
ein Teilhaber des betreffenden Unternehmens sein, das er leitet
und dem er seine Aufmerksamkeit widmet; seine Einnahmen müssen
nicht vom Gehalt, sondern vom Gewinn des Geschäftes abhängig
sein. Diese Anschauung schließt die mit Gehalt angestellte Klasse
        <pb n="145" />
        ﻿126

X. Geschäft.

einfach aus. All diese Leute sind keine wirklichen Geschäftsleute,
aber viele unter ihnen waren es früher und zwar mit großem Er-
folge. Der wirkliche Geschäftsmann wirft sich mit voller Kraft und
vollen Mitteln in das Meer des Geschäfts, ohne den Schwimmgürtel
eines Gehalts; er riskiert alles. Mit Gehältern kann man kein
großes Vermögen erwerben, mögen sie auch noch so groß sein.
Der Geschäftsmann aber strebt nach Vermögen. Ist er weise, so
tut er alle seine Eier in ein und denselben Topf und wacht über
den Topf. Wenn er ein Kaffee-Kaufmann ist, dann widmet er
sich ganz dem Kaffee, als Zuckerhändler, ganz dem Zucker und
läßt den Kaffee unberücksichtigt; nur wenn er seinen Kaffee
trinkt, mag er Zucker hineinmischen. Gräbt und verkauft er Kohlen,
dann habe er nur auf die schwarzen Diamanten acht; sobald er
Schiffe besitzt und segeln läßt, dann widme er sich ganz dem
Schiffsverkehr. Er versichere seine eigenen Schiffe nicht weiter,
sowie er Kapital genug besitzt und den Verlust eines Schiffes
überstehen kann, ohne seine Zahlungsfähigkeit zu gefährden. Wenn
er Stahl fabriziert, soll er beim Stahl — dem Kupfer aber fern
— bleiben. Gräbt er Eisenstein, möge er einzig und allein dabei
bleiben und jede andere Art des Bergwerksbetriebes vermeiden,
besonders Silber- und Goldbergwerke; das alles ist ratsam, weil
ein Mann nur in einem Geschäft vollkommen Meister sein kann;
und selbst das vermag nur ein fähiger Mensch.

Ich habe niemals gefunden, daß jemand auch nur zwei ver-
schiedene Arten von Geschäften gleich gut verstanden hätte; solch
ein Mann ist ebenso schwer zu finden wie jemand, der mit gleicher
Vollkommenheit in zwei Sprachen denkt.

Teilung und Spezialisierung der Arbeit ist heutzutage die Parole.

Ich habe hier alle Arten von Studierenden vor mir. Ein Ein-
blick in Ihre Herzen, meine jungen Freunde, würde mich ver-
schiedenerlei Ehrgeiz bei Ihnen erkennen lassen. Einige erstreben
eine ausgezeichnete Stellung in einem bestimmten Berufe; manche
unter Ihnen wollen Juristen, andere Geistliche, andere wieder
Lehrer, Ärzte, Baumeister Elektriker und Ingenieure werden. Jeder
hat wohl ein Ideal vor sich: einen der Männer, der die höchste
Stellung in dem betreffenden Berufe erlangt hat. Mit der Er-
reichung des Höchsten in seinem Lieblingsberufe würde sein Ehr-
        <pb n="146" />
        ﻿X. Geschäft.

127

geiz voll erfüllt sein. Wenigstens glaubt er das jetzt selbst. Mit
diesen Klassen von Berufsenthusiasten will ich mich nun hier
nicht weiter befassen. Trotzdem bleiben die Eigenschaften für
einen vollen Erfolg in den soeben genannten Berufen eigentlich
ganz dieselben, wie die, welche für eine erfolgreiche geschäft-
liche Laufbahn nötig sind. Deshalb findet auch das, was ich
zu sagen habe, mehr oder weniger auf alle Anwendung.

Neben den bereits genannten Berufen ist der Beruf des Ge-
schäftsmannes besonders der Betrachtung wert: des Mannes, der
dem wandelbaren Meere des geschäftlichen Lebens sich anver-
traut und all seine Kräfte dem Gelderwerb widmet, damit er
ein großes Vermögen gewinne und, wenn möglich, Millionär werde.
Ich bin fest davon überzeugt, daß dieses Ihr erster und haupt-
sächlichster Gedanke; dennoch ist das nicht alles, was Sie mit
einer geschäftlichen Laufbahn erstreben; Sie alle fühlen, daß dabei
die Gelegenheit geboten wird, große Fähigkeiten zu zeigen:
Unternehmungsgeist, Tatkraft, Urteil und all die besten Wesen-
heiten der menschlichen Natur; ebenso darf ich annehmen, daß
Ihrer Auffassung nach Geschäftsleute einen der Gesellschaft nütz-
lichen Dienst erweisen.

Ich will nun versuchen, einiges Licht über den Weg zum
geschäftlichen Erfolg zu verbreiten und auf einige der gefähr-
lichsten Klippen und Felsen in dem verräterischen Meere hin-
weisen, indem ich Ihnen zugleich einige Winke dafür gebe, wie
Sie Ihr Schiff zu lenken oder Ihr Boot zu rudern haben; ob bei-
spielsweise schneller oder langsamer Ruderschlag Ihnen den Preis
in dem langen Rennen zu sichern vermag.

Lassen Sie uns denn mit dem Anfang beginnen. Wird sich
irgendein junger Geschäftsmann mit dem Gedanken zufrieden
geben, sein ganzes Leben lang nur für festes Gehalt zu arbeiten?
Ich bin sicher, nicht einer. Darin zeigt sich die Linie1, welche
den wirklichen Geschäftsmann von dem Nichtgeschäftsmann trennt.
Der eine ist sein eigener Herr und hängt in seinem Fortkommen
von selbstgemachtem Gewinn ab. Der andere ein Diener, der
einzig und allein von seinem Gehalt abhängt. Selbstverständlich
haben Sie alle als bloße Angestellte zu beginnen; allein Sie sollten
nicht alle damit enden.
        <pb n="147" />
        ﻿





128

X. Geschäft.

Gewöhnlich werden Sie viele Schwierigkeiten haben, über-
haupt nur einen Anfang zu machen, ausgenommen der außerordent-
lich Vorgebildete. Für ihn bestehen dergleichen Schwierigkeiten
nicht; er hat die Aufmerksamkeit seiner Lehrer auf sich' gezogen;
diese kennen viele Geschäftsleute. Er erhielt Preise, ist der Erste
in seiner Klasse und hat ungewöhnliche Fähigkeiten sowie Eigen-
schaften des Charakters gezeigt, die im allgemeinen Wettbewerbe
von allergrößtem Werte sein müssen; er hat sich als ein Mann
von großer Selbstachtung, von untadelhaften Gewohnheiten, ge-
sundem Menschenverstand, richtiger Methode und unermüdlichem
Fleiße gezeigt; seine Mußestunden wendet er zur Erweiterung
seiner Kenntnisse an, zu einer Arbeit, die seine besondere Freude
ist. Und noch etwas anderes, sehr Wichtiges kommt hinzu: seine
Geldverhältnisse sind jederzeit geordnet; gewissenhaft weiß er
sich nach der Decke zu strecken und endlich hat er, was keines-
wegs das unwichtigste ist, dargetan, daß er mit ganzer Seele
in seiner Arbeit lebt. Zu all dem besitzt er das, was in den'
meisten Fällen eine starke Gewähr für Fleiß und nützlichen Ehr-
geiz bedeutet: Mangel an Reichtum; er wird deshalb gezwungen,
sich selbst seinen Weg in die Welt zu bahnen. Auch ist er
[noch kein Millionär, sondern will erst einer werden. Er hat
keinen reichen Vater, oder was beinahe noch besser, keine reiche
Mutter, die ihn im Müßiggang unterstützen würde, sollte er sich
als untüchtig erweisen; er besitzt keinen Schwimmgürtel und muß
daher ganz aus eigenen Kräften entweder schwimmen oder unter-
gehen. Ehe dieser junge Mann noch die Hochschule verläßt,
ist er schon ein Auserwählter. Mehr als ein weiter Weg liegt
vor ihm offen. Alle Türen tun sich ihm auf, bevor er noch’
angeklopft hat; der kluge Arbeitgeber wartet geradezu auf ihn.
Nicht das schriftliche Zeugnis seines Professors — denn Zeug-
nisse müssen immer oft gelesen werden und werden bis zu
einem bestimmten Grade ja auch gelesen — sondern ein oder
zwei Worte, die jener mit dem Geschäftsinhaber wechselt, wel-
cher immer nach dem außerordentlich fähigen und gebildeten
jungen Mann auf der Lauer liegt, sichern ihm alles, was ein
junger Mann einzig und allein bedarf — nämlich ein Beginnen.
Die wertvollste Erwerbung für einen Geschäftsmann bleibt der
        <pb n="148" />
        ﻿X. Geschäft.

129

außerordentlich fähige junge Mann; kein anderes Geschäft zeigt
sich für den Arbeitgeber so gewinnbringend, wie dieses. Selbst-
verständlich hat der Durchschnittsstudent große Schwierigkeiten;
doch zu guter Letzt findet auch er eine Stellung. Gerade die
Laufbahn des besonders befähigten Studenten illustriert am besten
den Weg zum Erfolge. Wir brauchen seinetwegen nicht besorgt
zu sein; er macht seinen Weg. Er fängt mit sehr kleinem Ge-
halt und mit Arbeiten an, welche er vielleicht seiner nicht für ganz
würdig hält, dennoch tut er alles, was er tut, gründlich.

Eines Tages lenkt eine von dem jungen Mann gemachte
Bemerkung oder eine seiner Handlungen die besondere Aufmerk-
samkeit seiner unmittelbaren Vorgesetzten auf ihn.

Angenommen, er sei ein Elektriker oder Ingenieur und komme
von Sibley, einer nach jeder Richtung empfehlenswerten Schule.
In den großen Fabrikwerken, welche so glücklich sind, sich seine
Dienste zu sichern, wird er zunächst mit niedrigen Handhabungen
beschäftigt; allein er entdeckt sehr bald, daß ein paar Dampf-
kessel nicht ganz heil und daß die Dampfmaschinen oder Motoren,
nach falschen Prinzipien konstruiert, übermäßig viel Feuerung
verbrauchen; auch wie eine der Dampfmaschinen über kurz oder
lang allerlei Ungelegenheiten bereiten muß; er hat gewisse Gründe
anzunehmen, daß der Maschinenbauer keine ehrliche Arbeit ge-
liefert. Daher hält er es für seine Pflicht, sofort einzuschreiten,
um das Geschäft vor gefährlichen Zufällen zu behüten. Er ent-
wirft ein paar Zeichnungen, unterbreitet dieselben: seinen Arbeit-
gebern mit Vorschlägen, wie die von ihm bemerkten Schäden
abzustellen sind und benutzt dabei die neuesten wissenschaft-
lichen Grundsätze, welche er in Sibley erlernte. Der Eigentümer
des Geschäfts ist zunächst, wie ganz selbstverständlich, durch-
aus nicht dazu geneigt, Geld auszugeben; ja, er ärgert sich dar-
über, daß seine Maschinen ganz und gar nicht das sind, was
sie sein sollen. Allein, obgleich er seinem Mißbehagen offenen
Ausdruck gibt und den jungen Mann für einen Augenblick stutzig
macht, fährt er ihn doch nicht hart an; sobald erst seine üble
Laune vorübergeht, lernt er von ihm, wieviel ein paar Tausend
Dollar, sofort richtig verwendet, in Zukunft sparen dürften und
zum Schluß stimmt er zu und sagt dem jungen Sibley-Studenten,
Carnegie’, Kaufmanns Herrschgewalt.	9
        <pb n="149" />
        ﻿130

X. Geschäft.

er solle die Sache in die Hand nehmen und sie, ganz seinen
Vorschlägen gemäß, in Ordnung bringen.

Jetzt ist das Glück dieses jungen Mannes schon so gut wie
gemacht. Selbstverständlich' bleibt ihm immer noch ein gutes Teii
zu tun übrig. Der junge Mann hat Eifer und Geschicklichkeit
bewiesen, er zeigte, daß er die erste unerläßliche Eigenschaft
für jedes Geschäft: richtiges Urteil — und eine zweite nicht
weniger wertvolle Eigenschaft besitzt: volle Hingabe an seine
Arbeit, welche ihn jede andere Tätigkeit und jede Versuchung
beiseite schieben läßt. Alle anderen Beschäftigungen, Studien und
Vergnügungen ordnet er dem Geschäfte unter; das Geschäft ist
ihm eben alles. Schnell steigert sich infolgedessen sein Gehalt.
Weiß sein gegenwärtiger Arbeitgeber seine Verdienste nicht ge-
nügend zu schätzen, so tut das nichts, der junge Mann findet
sehr bald einen besseren. Im allgemeinen trifft dieser Fall nur
selten zu; denn jeder intelligente Geschäftsmann fühlt sich glück-
lich, wenn er sich einen besonders tüchtigen jungen Mann zu
sichern vermag. Immerhin ist Vertrauen eine nur langsam auf-
blühende Pflanze, und der Weg von einem bloßen Mietling mit
hohem Gehalt zum wirklichen Teilhaber des Geschäftes ist noch
sehr weit. Folgen wir ein wenig diesem Wege!

Bei verschiedenen Gelegenheiten muß der junge Mann dem
Privathause seines Prinzipals einen Besuch abstatten. Er wird dort
seinen Verdiensten gemäß aufgenommen, und sein Prinzipal be-
ginnt jetzt, bei sich selbst zu überlegen, ob er ihn zu seinem
Partner machen soll. Und dabei kommt ihm die Frage aller
Fragen: Ist der junge Mann ehrlich und treu? Denn
jeder ehrenhafte Geschäftsmann sucht in seinem Partner zunächst
„der Ehre Seele“, und selbst der, welcher auch nur, um ihm
selbst zu dienen, den schmalen Pfad der Ehre verlassen hätte,
würde nur sein Vertrauen verwirken. Ja, meine jungen Freunde:
es kommt wohl bisweilen vor, daß nicht nur junge, sondern
auch alte Leute in der Übereilung heiraten, und das ist immer
eine große Torheit; allein glücklicherweise wird Teilnehmerschäft
am Geschäft nur sehr selten in Übereilung angeboten. Nicht
eine oder zwei Eigenschaften allein sichern eine Teilnehmerschaft,
sondern die ganze volle Persönlichkeit, mit in vieler Hinsicht
        <pb n="150" />
        ﻿X. Geschäft.

131

wünschenswerten und in keiner Hinsicht unangenehmen Eigen-
schaften sowie mit hervorragenden Fähigkeiten nach einer oder
zwei Richtungen hin. Wir hören die Behauptung oft aufstellen,
es sei heutzutage unmöglich für junge Leute, Geschäftsherrn zu
werden, weil das Geschäft gegenwärtig in so großem, ja un-
geheurem Stile betrieben wird, und das dazu nötige Kapital sich
auf Millionen beläuft; der junge Kaufmann sei deshalb für
immer an das Leben eines bloß Angestellten gefesselt. Zweifel-
los liegt darin etwas Wahres, soweit die großen Gesellschaften
in Frage kommen, weil wirklich hier ein Interesse nur durch
Kapital zu erhalten ist; man kann für so und so viel Geld so
und so viel Aktien kaufen. Da nun die jungen Leute, an welche
ich gegenwärtig meine Worte richte, wie ich hoffe, nicht ihr
ganzes Leben lang nur Angestellte bleiben wollen, sondern ent-
schlossen sind, eher oder später Geschäftsleute, d. h. Geschäfts-
herren zu werden, so glaube ich, daß eine Anstellung bei großen
Gesellschaften für sie weniger günstig sein müßte, als in einem
Privatgeschäfte. Denn alles, was sie bei großen Gesellschaften
erwarten können, ist ein hohes Gehalt. Sogar die Präsidenten
dieser Gesellschaften sind im eigentlichsten Sinne des Wortes
keine Geschäftsleute, da sie bloße mit Gehalt Angestellte sind.
Wie also könnte ein unter ihnen arbeitender junger Mann sein
ganzes Leben lang etwas Höheres erreichen? Viele Geschäfte,
die bis dahin Privateigentum gewesen, werden zu einer Aktien-
gesellschaft umgewandelt; die Aktien gelangen dann auf den Markt,
und viele Nichtkaufleute, die, geschäftlich genommen, wahre Un-
schuldslämmer sind — unter ihnen auch spekulationssüchtige Frauen,
und ich bedaure, das sagen zu müssen, oftmals Geistliche und
Künstler — lassen sich zum Ankauf solcher Aktien verführen.
Das Publikum kauft das Geschäft; besser hätte es den Mann
oder die Männer gekauft, welche bis dahin das Geschäft leiteten.
Kennen Sie die berühmte Geschichte vom Hundekauf? Ein Mann
bat seinen Freund, einen Kenner von Hunden, sich einen Hund
anzusehen, den er für Vertilgung der Ratten in seinem Garten-
glashause kaufen wollte. Während der Hundezüchter den beiden
zeigte, wie der Hund die Ratten vertilgte, erschien plötzlich eine
mächtige alte Ratte, vor welcher der Hund davonlief. Der Glas-
        <pb n="151" />
        ﻿132

X. Geschäft.

Hauseigentümer fragte seinen Freund: „Nun, was würdest Du
tun?*

Der Freund erwiderte: „Ich würde die Ratte kaufen.“

Das Publikum kauft oftmals die Ratte, ich meine das un-
echte Ding. Als ein ausgezeichnetes Studium empfehle ich Ihnen
die Aktienlisten kleinerer Aktiengesellschaften. Einige Zeitungen
geben diese Listen regelmäßig. Beachten Sie darin genau den
Pari-Wert der verschiedenen Aktien und den Preis, zu welchem
sie Zu kaufen sind. Man könnte vielleicht sagen: dieser Pari-
Wert beruht auf nur imaginärem Kapital. Doch das trifft nur
in einzelnen Fällen zu; bei Fabrik-Aktiengesellschaften ist viel
eher das Umgekehrte der Fall. Das Kapital repräsentiert dabei
häufig nicht einmal die vollen Kosten des gesamten Eigentums.

Außerdem gibt es viele Gesellschaften, welche im eigentlichen
Sinne des Wortes keine Aktiengesellschaften sind, da das Ge-
schäft tatsächlich Eigentum einzelner Teilhaber ist; verglichen mit
den Aktiengesellschaften, deren Teilhaber nach allen Richtungen
hin zerstreut sind, zeigt sich zwischen diesen beiden Arten von
Gesellschaften eine sehr bemerkenswerte Verschiedenheit. Nehmen
wir beispielsweise die großen Dampfschiffahrtsgesellschaften der
Welt. Die meisten zahlen, wie bekannt, ihren Aktieninhabern
überhaupt keine Dividende. Die Aktien einiger der größten Dampf-
schiffsgesellschaften sind zeitweise für die Hälfte, ja für ein Drittel
ihres ursprünglichen Preises käuflich. Diese Gesellschaften bilden
Aktiengesellschaften im eigentlichsten Sinne des Wortes; doch
wenn wir auf andere Dampfschiffslinien blicken, die ganz die-
selben Meere befahren, jedoch von ihren wirklichen Eigentümern,
unter denen sich gewöhnlich eine erste Kapazität befindet, ge-
leitet werden, so finden wir, daß diese letztgenannten Linien ge-
wöhnlich große Dividenden abwerfen und außerdem Jahr für
Jahr noch große Summen ihrem Reservefonds zuzuschreiben ver-
mögen. Darin zeigt sich, angewendet auf das Geschäftsleben,
der Unterschied von Individualismus und Kommunismus; der Unter-
schied zwischen einem Geschäft, das von fachkundigen Eigen-
tümern, und einer Aktiengesellschaft, die von Tausenden kleiner
geschäftsunkundiger Eigentümer geleitet wird.

Derselbe Gegensatz läßt sich in jedem anderen Geschäfts-
        <pb n="152" />
        ﻿X. Geschäft.

133

zweige feststellen. Im kaufmännischen Geschäft-, im Fabrikwesen,
im Finanzwesen, sowie beim Verkehrswesen, zu Lande sowohl
wie zu Wasser. Es ist ganz dasselbe mit dem Bankgeschäft. Viele
Banken sind in Wirklichkeit das Eigentum nur weniger Geschäfts-
leute. Diese Banken erobern sich sehr bald eine führende Stellung;
ihre Anteilscheine werden mit den höchsten Prämien gehandelt,
besonders wenn der Präsident der Bank der hauptsächlichste Eigen-
tümer ist, wie das tatsächlich bei den erfolgreichsten Banken
auch zutrifft. Bei solchen Gesellschaften steht für den kommen-
den Geschäftsmann immer die Türe zur Teilhaberschaft offen, da die
Eigentümer derartiger Geschäfte ihre Angelegenheiten selbst besor-
gen und deshalb beständig auf der Suche nach fähigen Leuten sind.

Sei nicht gar zu wählerisch, nimm was die Götter Dir bieten!
Fange, wenn nötig, bei einer Gesellschaft an; doch halte stets
Deine Augen für jede Möglichkeit offen, in einem Geschäft als
Miteigentümer oder als Teilnehmer einzutreten. Vergiß nie: jedes
Geschäft kann gewinnbringend gemacht werden, solange es drin-
gende Bedürfnisse der Allgemeinheit befriedigt. Es füllt eine
notwendige Stelle aus, möge es nun selbst fabrizieren oder be-
stimmte Artikel kaufmännisch sammeln und dann wieder verteilen,
oder möge es endlich ein Bankgeschäft sein, dazu bestimmt, an-
gelegte Kapitalien zu verwalten.

Es gibt kein Geschäft, in welchem ein Erfolg unmöglich
wäre. Immer werden an der höchsten Spitze des Geschäftes nur
wenige stehen; die Zahl derer, die dem Boden nahe, wird immer
um vieles größer sein. Wenn Sie der Spitze nicht nahe kommen,
dann liegt das nicht etwa an den Sternen, sondern an Ihnen
selbst. Diejenigen, die erfolglos bleiben, mögen sagen, daß dieser
oder jener große Vorteile hatte; daß die Schicksalsgöttinnen ihm
wohl wollten und ihm die Verhältnisse besonders günstig waren
— das alles ist kaum mehr als wertloses Gerede. Der eine
kommt mitten in dem Strom nieder, den er zu überspringen
sucht und wird dann von den Wassern weiter fortgetrieben, ein
anderer versucht dasselbe und landet wirklich auf dem gegen-
überliegenden Ufer.

Prüfen Sie die beiden; Sie werden dann finden, daß dem
ersten das richtige Urteil mangelte. Er hatte seine Mittel nicht
        <pb n="153" />
        ﻿134

X. Geschäft.

richtig abgeschätzt; handelte also wie ein Narr, er hatte sich
vorher nicht genügend trainiert; daher konnte er nicht genügend
springen; dennoch versuchte er es. Er gleicht der jungen Dame,
die, als sie gefragt wurde, ob sie die Violine spielen könnte,,
antwortete, sie wüßte es nicht, da sie es niemals versucht hätte.
Dagegen hatte sich der andere, der den Fluß wirklich über-
sprang, sorgfältig vorbereitet und voll und ganz vorher trainiert;
er wußte, wie weit er ungefähr springen könnte, außerdem war
er in dem einen „totsicher“ und wußte ganz genau, daß er zum
mindesten bis zu einem Punkte springen konnte, von welchem
er ans Land zu waten vermochte, um noch einen zweiten Ver-
such zu machen. Er zeigte also gesundes Urteil.

Ansehen gilt viel, meine jungen Freunde. Ein junger Manu,
der in dem Rufe steht, das durchzuführen, was er sich einmal
vorgenommen, wird mit jedem Jahre das Feld seiner Tätigkeit
erweitert finden; und auch die ihm anvertrauten Aufgaben müssen
mit jedem Jahre größer und größer werden. Dagegen ist der-
jenige, welcher einmal erfolglos gewesen und dann zum zweiten
Male seine Freunde um Beistand bittet, unter allen Verhältnissen
in einer recht unangenehmen Lage.

Jede gute Münze hat ihr Gegenstück; das Gegenstück ehr-
lichen Geschäftes heißt Spekulation. Der Geschäftsmann zahlt
für sein Einkommen stets mit guten Werten; er nützt daher der
Allgemeinheit. Seine Dienste sind notwendig; dazu ist er stets
bemüht, die Hilfsquellen seines Landes zu entwickeln und trägt
so auch zum Fortschritte der Menschheit bei. Das ist echte
Münze. Spekulation dagegen ist nichts besseres als ein Parasit,
welcher an der Arbeit des Geschäftsmannes sich anklammert. Spe-
kulation schafft weder etwas Neues, noch erfüllt sie bestehende
Bedürfnisse. Wenn der Spekulant Gewinn einheimst, nimmt er
Geld ein ohne Gegendienste dafür zu leisten; wenn er verliert,
verliert er sein Geld an einen anderen Spekulanten. Das Ganze
ist ein Spielen, das beide erniedrigt. Man kann niemals ein
ehrlicher Geschäftsmann und zu gleicher Zeit ein Spekulant sein.
Wege und Ziele des einen sind dem andern schädlich. Kein
Geschäftsmann darf, wenn er ehrlich bleiben will, spekulieren,
denn die, deren Vertrauen er genießt, sind berechtigt, von ihm
        <pb n="154" />
        ﻿X. Geschäft.

135

zu verlangen, daß er sich ganz strikt an die Methoden des ehr-
lichen Geschäfts hält. Seine Gläubiger gehen wohl das übliche
mit jedem Geschäft verbundene, aber nicht das von jeder Speku-
lation untrennbare Risiko mit dem ihm eröffneten Kredite ein.
Die echte und die falsche Prägung des Geschäftes haben durchaus
nichts miteinander gemeinsam.

Daß 95 Prozent aller derjenigen, die auf eigene Hand Ge-
schäfte machen, fehlgehen, scheint unglaublich und doch ist es
so, wenn man der Statistik glauben darf. Obgleich nun behauptet
ward, daß man mit Zahlen alles nur mögliche beweisen kann,
so ist doch tatsächlich die Zahl der Schiffbrüchigen verhältnis-
mäßig sehr groß. Denken Sie nicht, ich wolle Sie davon ab-
bringen, Ihr eigener Herr zu werden; ich bin weit davon entfernt.
Auch läßt sich der werdende Geschäftsmann durch nichts und
durch niemanden in der weiten Welt von seinem Ziele abbringen.
Er gleicht dem echten Ritter, der mit Fitzjames sagt:

lf the path be dangerous known,

The danger seif is Iure alone.

„Mag sein, der Pfad ist voll Gefahren,

Grad’ darin liegt der Reiz, Gefahr zu wagen.“

Der junge Mann, der einmal entschlossen ist, ein Geschäfts-
mann zu werden, läßt sich seinen Weg weder versperren, noch
läßt er sich auf andere Pfade lenken; er fängt sein Geschäft
mit der festen Absicht, einen Versuch zu machen, an; er will
versuchen, sich selbst seine Suppe zu kochen, sollte er sich auch
etwas Unangenehmes dabei einbrocken. Er will sich versuchen
und abwarten, was dabei herauskommt. Um sein ganzes Leben
lang ein bezahlter Angestellter zu bleiben, dazu behält man noch
immer Zeit genug, nachdem man eine geschäftliche Tätigkeit auf
eigene Hand versucht und sich darüber Gewißheit verschafft,
ob man zu den Bevorzugten gehört, welche all die dazu not-
wendigen Eigenschaften besitzen. Rh darf mir, ohne einer allzu
großen Abschweifung beschuldigt zu werden, vielleicht noch einige
Bemerkungen über den Einfluß der geschäftlichen Laufbahn, auf
den menschlichen Charakter, verglichen mit dem anderer Berufe,
erlauben.

Da muß ich denn zu allererst erklären, daß meiner Erfahrung
        <pb n="155" />
        ﻿136

X. Geschäft.

gemäß die Künstlerlaufbahn engherzig macht und so viele klein-
liche Eifersüchteleien, so viel maßlose Eitelkeit und so vielerlei
Gehässigkeit mit sich bringt, daß sie den größten Gegensatz
zu den Eigenschaften darstellt, die ich bei Männern des prak-
tischen Lebens gefunden habe. Man sollte meinen, daß die Ton-
kunst, die Malerei und die Kunst des Bildhauers auf diejenigen,
deren täglicher Beruf sie sind, den allerwohltätigsten Einfluß aus-
üben. Die Erfahrung zeigt jedoch das gerade Gegenteil. Viel-
leicht liegt es daran, daß jedes künstlerische Werk im hohen
Grade persönlich ist und dabei so voll sichtbar und so unmittel-
bar vor die Öffentlichkeit gebracht wird, daß es zu kleinlicher
Leidenschaft anreizt; wie dem aber auch immer sein mag, so
glaube ich, wird es sich doch nicht bestreiten lassen, daß der
Geist des Künstlers eng begrenzt und voller Vorurteile ist. Wohl
gemerkt: ich spreche hier nur von ganzen Berufsklassen und der
durchschnittlichen Wirkung des Berufes. Ausnahmen gibt es selbst-
verständlich überall; doch lassen diese Ausnahmen die Regel nur
noch schlimmer erscheinen. In den gelehrten Berufen wiederum
finden wir besonders die Vorliebe für Spezialitäten ausgebildet.

In der Beamtenklasse ist die letztere Richtung heute nicht
mehr so besonders hervortretend. Hohe Beamte und Minister
ziehen jetzt einen weiteren Kreis von Gegenständen in Betracht;
sie haben jetzt weniger bloße Glaubenssätze und Formalitäten
und mehr die tatsächlichen Übel und Mißstände menschlicher
Existenz in ihren verschiedenen Phasen im Auge. Dergleichen
erweitert notwendigerweise den Gesichtskreis. Man behauptet, daß
die juristische Laufbahn zwar klare, aber beschränkte Geister er-
zieht und weist darauf hin, daß große Rechtsgelehrte selten eine
herrschende Stellung und Macht über ihre Mitbürger erlangen.
Damit soll jedoch keineswegs gesagt sein, daß Leute, welche
die Rechte studieren, als Gesetzgeber oder Staatsmänner oder
auch als Staatsleiter den mit solchen Stellungen verbundenen An-
forderungen nicht gewachsen seien. In diesem Falle wäre unser
Amerika wahrlich übel daran, da wir geradezu von Juristen
regiert werden. Trotzdem waren die berühmtesten Amerikaner
keine großen Rechtsgelehrten; das will sagen, sie haben nur
sehr selten in ihrem eigenen Berufe eine große Stellung ge-
        <pb n="156" />
        ﻿X. Geschäft.

137

wonnen, dagegen zeigten sie als Staatsmänner, welch’ unschätz-
baren Vorteil ihnen das Studium der Gesetze eingebracht; sie
sind eben weit über die Grenzen ihres eigentlichen Berufes hinaus-
gewachsen. Der Jurist folgt Präzedenzfällen, der Herrscher da-
gegen schafft Präzedenzfälle.

Aus all dem erhellt, daß die bis jetzt erwähnten Berufsarten
den Geist nur schärfen, zugleich aber auch beschränken. Da-
gegen führt den Geschäftsmann sein Beruf dazu, sich mit einer
stets wechselnden Verschiedenheit von Fragen zu befassen. Er
muß ein allumfassendes Urteil besitzen, das sich auf Kenntnis
mannigfaltiger Gegenstände gründet. Für den Geschäftsmann und
Großkaufmann reicht es heutzutage nicht mehr aus, sein eigenes
Land gut zu kennen, sowie dessen physikalische Bedingungen,
Hilfsquellen, Statistik, Ernten, Wasserweg und Finanzlage; er
braucht alles, was nicht nur die Gegenwart bestimmt, sondern
ihm auch Anhaltspunkte genug liefert, bis zu einem bestimmten
Grade die Zukunft Voraussagen zu können. Der Kaufmann, welcher
seine Tätigkeit auf verschiedene Länder ausdehnt, muß notwendiger-
weise auch diese Länder und das Hauptsächlichste über ihren
Zustand wissen. Seine Anschauung muß weltweit sein. Denn
nichts kann in der ganzen Welt geschehen, was auf sein eigenes
Handeln ohne Einfluß wäre! — Politische Verwicklungen in Kon-
stantinopel; die Erscheinung der Cholera im Orient; das Auf-
treten der Koloradokäfer oder der Fall eines Ministeriums; Kriegs-
gefahr; die Wahrscheinlichkeit eines Schiedsgerichtes, welche zu
einer neuen Niederlassung zwingt: Nichts gibt es auf der weiten
Welt, was er nicht in Erwägung zu ziehen hätte. Er bedarf einer
der seltensten Eigenschaften — wahrer Menschenkenntnis, da er
Tausende von Leuten beschäftigt und dabei das Beste aus den
verschiedenen Charakteren ans Licht zu ziehen wissen muß; er
muß Organisationstalent — eine andere seltene Eigenschaft —
haben, dazu Geschicklichkeit für das Durchführen der geplanten
Dinge und muß endlich weise und schnelle Entscheidungen zu
treffen verstehen.

Keine dieser seltenen Eigenschaften sind für besondere, in
sich eingegrenzte Berufe von gleich großer Wichtigkeit. Der Ge-
schäftsmann allein verfolgt eine Laufbahn, die sich nicht nur dazu
        <pb n="157" />
        ﻿138

X. Geschäft.

eignet, seine Einsicht zu schärfen, sondern auch seine Kräfte zu
erhöhen; sein Beruf unterscheidet sich auch' dadurch von allen an-
deren Berufen, daß er ihn nicht auf ein absehbares Gebiet be-
schränkt und den Geist in engen Grenzen hält, sondern einen
Mann dahin führt, sein Urteil auf große und vveitumfassende An-
schauungen zu gründen. Kein anderer Lebensberuf umfaßt so viele
Probleme, kein anderer fordert eine so weitumfassende Anschauung
der Dinge. Ich glaube deshalb, man darf ruhig behaupten, daß
die geschäftliche Laufbahn die geistigen Kräfte erweitern und er-
höhen muß.

Andrerseits erscheinen andere Berufsarten insofern um ein
Unermeßliches edler, als ihr Hauptendzweck nicht in Geldsachen
besteht; sie bleiben daher von der schlimmsten, mit jeder ge-
schäftlichen Laufbahn verbundenen Gefahr frei; denn die Lauf-
bahn des Kaufmanns ist, wenn im Unrechten Geiste unternom-
men, die schmutzigste von allen Berufsarten. Zweifellos ist Geld-
machen das erst, was junge Leute, die sich dem Kaufmanns-
stande widmen, im Auge haben. Doch, obgleich zunächst das
wichtigste, darf es doch nicht der letzte Endzweck des Geschäfts-
mannes sein.

Der Geschäftsmann kann durch Entwicklung der Hilfsquellen
seines Landes, durch Arbeitsschaffung für Tausende und durch
Unterstützung von Erfindungen, die für die Menschheit eine Wohl-
tat sind, der Welt von allergrößtem Nutzen werden. Der er-
folgreiche Geschäftsmann erhebt sich gar bald über den Stand-
punkt des bloßen Geldverdienens. Er sucht vielmehr seinen größten
Stolz in der Ausdehnung seiner internationalen geschäftlichen Be-
ziehungen und in seinen Schiffen, die jedwedes Meer befahren.
Der Fabrikant wieder findet in seinen Angestellten, in seinen
Werken, in seinen Maschinen und deren Verbesserungen, sowie
in der Vervollkommnung seiner' Werkstätten und seiner Metho-
den sein Hauptinteresse und seine hauptsächlichste Belohnung. Und
der Gewinn, den er einheimst, ist ihm nicht nur als Geldgewinn,
sondern fast mehr noch als Zeichen seines geschäftlichen Er-
folges willkommen. Neben der rein prosaischen hat jedes Ge-
schäft auch seine romantische Seite. Der junge Mann, der bei
einer Finanzfirma beginnt und mit hunderterlei verschiedenartigen
        <pb n="158" />
        ﻿X. Geschäft.

139

Anlagen von Kapital zu tun hat, mit Eisenbahnsicherheiten, mit
Vorschüssen an Kaufleute und Fabrikanten, welche die letzteren
in den Stand setzen, ihre Wunder zu wirken, findet sehr bald,
daß sich auch im Geschäft Romantik und unbegrenzter Raum
für seine Phantasie findet. Er ist in der Lage, einen in seiner Art
weltweiten Kredit zu gewähren. Ein einfacher Brief von ihm
wird einen Reisenden zu dem fernsten Teil der Erde bringen.
Ja, er kann sogar, während einer Krisis, seinem Lande große
Dienste leisten, wie beispielsweise Richard Morris, der große Kauf-
mann in Philadelphia, dem General Washington in den Zeiten
unserer Revolution, oder wie unsere großen Bankiers der Gegen-
wart, die unserer Regierung erhebliche Goldvorschüsse in Zeiten
der Krisis machten und dadurch Unglück verhüteten.

Wenn ein junger Mann im Geschäft keine Romantik findet,
dann liegt die Schuld nicht am Geschäft, sondern an ihm. Ver-
gegenwärtigen Sie sich nur die Wunder und Mysterien, die mit
der neueren Entwicklung der unkörperlichsten aller physikalischen
Kräfte — der Elektrizität — einer bis jetzt kaum gekannten und
vielleicht noch weniger begriffenen Naturgevvalt, verbunden sind.
Der junge Mann muß doch wahrhaftig stumpf und durch und
durch prosaisch veranlagt sein, welcher bei einer Beschäftigung
mit Elektrizität, gleichviel in welcher Gestalt, vom schwerfällig
rein materiellen Geschäft nicht zur Sphäre des Geheimnisvollen
erhoben wird. Geschäft ist nicht bloß Kasse allein; die Dollars
sind nur die Schalen, der Kern der Sache liegt tiefer und bringt
jedem Genüsse mit der Entwicklung höherer Fähigkeiten des
Geschäftsmannes, welche beständig aufgerufen, entwickelt und zur
Reife gebracht werden. Solange Militarismus und barbarische Ge-
walt die Welt regierten, war die Verachtung für alles, was Ge-
schäftsmann hieß, allgemein. Doch wie ganz und gar hat das
alles sich heutzutage geändert! Allerdings darf man nicht ver-
gessen, daß diese Verachtung verhältnismäßig neueren Datums
war, denn wenn wir in die Geschichte weiter rückwärts blicken,
finden wir, daß die alten Familien auf nichts so stolz waren, wie
auf die Rolle, welche sie in der Geschäftswelt spielten. Wollsack
und Kombüse prangen noch heute in den Wappen einzelner. Eine
der einflußreichsten, ja vielleicht geradezu der einflußreichste Staats-
        <pb n="159" />
        ﻿140

X. Geschäft.

mann in England ist jetzt der Herzog von Devonshire, da er das
Vertrauen der beiden großen politischen Parteien Englands be-
sitzt. Er ist Präsident der Barrow Stahl Aktiengesellschaft. Die
Mitglieder des gegenwärtigen Ministeriums in England haben
64 Direktorstellen in verschiedenen Handels-, Fabrik- und Berg-
werksgesellschaften inne. In dem heutigen Großbritannien frägt
man sich nicht, wie man dem Geschäft aus dem Wege gehen,
sondern wie man in dasselbe hineinkommen könne. Jules Faure,
der Präsident der französichen Republik, ein Mann mit einer
bewunderungswürdigen Laufbahn hinter sich, war durch sein gan-
zes Leben ein Geschäftsmann. Die frühere Abneigung gegen das
Geschäft ist vollkommen verschwunden.

Sie werden sich vielleicht entsinnen, daß der verstorbene Kaiser
von Deutschland (Friedrich III.) seinen Freund, den Stahlfabrikanten
Krupp zum Fürsten des Reiches zu machen wünschte; doch dieser
Geschäftsmann war auf seine Werke zu stolz; er war eben der
Sohn seines Vaters und bat den Kaiser, ihn des Ranges nicht
zu berauben, welchen er, ein König im Stahlbereich, inne hatte.
Ich zweifle nicht, daß sein Sohn, der ihm in der Herrschaft ge-
folgt, dieselbe Antwort geben würde. Gegenwärtig ist er ein
Monarch, gerade so wie der Kaiser, und soviel ich über den jungen
König Krupp weiß, gerade so stolz auf seine Stellung1).

Sogar in den alten Festen Europas ist das Vorurteil gegen
den Kaufmann verschwunden. Dieser Wandel entstand dadurch,
daß das Wesen des Geschäftes selbst sich verändert hat. In alten
Zeiten wurde jedes Geschäft in kleinem Maßstabe betrieben, klein-
liches Handeln in kleinlichen Dingen bringt aber auch kleinliche
Menschen hervor. Jeder mußte sich eben um jede kleinliche Einzel-
heit kümmern, da jeder für sich selbst fabrizierte und handelte.
Die höheren Fähigkeiten für Organisation und Unternehmungen,
sowie weite und große Anschauungen und ausführende Geschick-
lichkeit fanden damals keinerlei Verwendung. Heutzutage werden

Diese Darstellung ist nur teilweise zutreffend. Zunächst wollte
Kaiser Friedrich Krupp nicht zum „Fürsten“ machen, sondern er trug
dem alten Krupp nur die Nobilitierung an. Sein unlängst verstorbener
Sohn hatte, wie allbekannt, entgegen der von Carnegie ausgesprochenen
Erwartung den Adel angenommen.
        <pb n="160" />
        ﻿X. Geschäft.

141

die Geschäfte aller Branchen in so gigantischem Maßstabe be-
trieben, daß die Besitzer großer Betriebe über ganze Reiche
herrschen. Der große Arbeitgeber hat oft in seinem industriellen
Heere mehr Leute, als die kleinen germanischen Könige unter
ihrem Banner versammelten.

Früher hielt man es für ausgemacht, daß zwei Geschäftsleute
niemals übereinstimmen könnten; heute dagegen besteht die
wärmste Freundschaft in jedem Bereiche menschlicher Tätigkeit
zwischen den Angehörigen desselben Geschäftszweiges; sie be-
suchen sich gegenseitig in ihren Klassenämtern, ihren: Werk-
stätten, ihren Warenhäusern; sie zeigen einander ihre verschieden-
artigen Methoden, ihre Verbesserungen, ihre neuen Erfindungen
und wenden sie offen jeder in seiner Werkstatt an.

Die Dinge haben heutzutage einen viel zu großen Maßstab
angenommen, als daß sie kleinliche Eifersüchteleien mit sich brin-
gen könnten. Mit dem Wunsch', Gewinn zu machen, verbindet
sich jetzt das Verlangen nach Fortschritt, Erfindung, Verbesserung
der Methoden, wissenschaftlichem Fortschritt; man ist stolz auf
jeden wichtigen Erfolg in diesen Dingen. Deshalb ist die Divi-
dende, welche der Geschäftsmann heutzutage erhält, nicht allein
eine Dividende in Dollars. Zugleich mit dem Dollar erhält er
noch eine Dividende höherer Art in Gestalt der Genugtuung, die
er empfindet, das Geschäft, welchem er sein Leben gewidmet,
höher entwickelt zu haben!

Ich darf Ihnen die kaufmännische Laufbahn getrost als eine
solche bezeichnen, in der Raum genug für Entfaltung höchsten
menschlichen Könnens und aller in der Menschennatur liegenden
guten Eigenschaften bleibt. Nach meiner Überzeugung ist die
Lebensaufgabe eines großen Kaufmanns, eines Bankiers oder eines
Führers auf industriellem Gebiete besonders günstig zur Entfaltung
geistiger Kräfte und zur Betätigung eines gereiften Urteils über
eine große Zahl bedeutender Dinge, sowie zur Befreiung von
Vorurteilen und zur Aufrechterhaltung freier Anschauungen. Ebenso
weiß ich, daß dauernder Erfolg nur durch offenes und ehrenhaftes
Handeln, verbunden mit tadellosen Lebensgewohnheiten, mit ge-
sundem Menschenverstand und seltener Urteilskraft über alle
menschlichen Lebensbeziehungen zu erreichen ist; denn der Ge-
        <pb n="161" />
        ﻿142

X. Geschäft.

schäftsmann, der sich in Wort und Handeln unzuverlässig in seinen
Gewohnheiten zeigt oder gar unehrlicher Kniffe verdächtig wird,
verliert sehr bald Kredit und Vertrauen. In anderen Berufen mag
selbst für einen Narren mitunter Raum sein — ich' meine damit,
für jemanden, der außerhalb seiner Berufsklassen närrisch wie
ein Kind ist und doch in seinem Berufe selbst erfolgreich — nie-
mals aber kann ein Geschäftsmann, der ein Narr ist, Erfolg haben.
Ohne gesundes, allumfassendes Urteil muß ein solcher Geschäfts-
mann zu guter Letzt Schiffbruch leiden.

Die geschäftliche Laufbahn ist eine strenge Schule aller Tu-
genden; daneben verheißt sie oftmals als höchsten Lohn etwas,
was keine andere Laufbahn besitzt: ich ziele auf die edlen Wohl-
taten, die sie ermöglicht. Es gibt Geschäftsleute, denen wir im
Verlauf ihrer geschäftlichen Laufbahn vor allem unsere Universi-
täten, höhere Schulen, Büchereien und Erziehungsanstalten ver-
danken; Zeugnis dafür liefern die Girard, Lchigh’, Chicago, Har-
vard, Yale, Cornell und viele andere.

Welches Andenken könnte der Mensch hinterlassen, das so
produktiv und so viel Gutes wirkte und seinen Namen so sicher
zukünftigen Geschlechtern, gesegnet von Tausenden in jedem Jahr-
zehnt, zu überliefern imstande wäre, wie das köstliche, Unzähligen
zugängliche Besitztum einer gesunden und freisinnigen Erziehung?
Und doch, gerade das sind die Werke der Männer, die ihren
Überreichtum als ein ihnen anvertrautes heiliges Pfand betrach-
teten, dem noch1 während Lebzeiten seines Besitzers zum Segen
seiner Mitmenschen die bestmöglichste Verwendung zu geben, sie
bestrebt sind. Deshalb können wir, wenn einige Geschäftsleute
den Vorwurf des Geldgrapsens verdienen, zu ihrer Rechtfertigung
als ganze Klasse geltend machen, was der ehrliche Thomas Crom-
well zur Verteidigung des großen Kardinals (Wolsey) sagte:
„Wenn sie auch geldgierig sind, so sind sie doch auch wahrhaft
fürstlich im Geben; die von ihnen geschaffenen Sitze der Gelehr-
samkeit legen Zeugnis dafür ab.“

V V V
V V
V
        <pb n="162" />
        ﻿XI.	Die Stahlfabrikation des neunzehnten
Jahrhunderts in denVereinigten Staaten.

Über die Stahlfabrikation der Vereinigten Staaten im letzten
Jahrhundert schreiben, heißt wirklich mit dem Anfang beginnen.
Aus Swanks Musterbuch: „Eisen in allen Zeitaltern“ lernen wir,
daß die Gesetzgebung Pennsylvanias nicht früher als 1786 einem
Herrn Humphreys £ 300 (6000 M.) auf fünf Jahre lieh, um Ver-
suche für Verwandlung von Eisenstangen in Stahl zu machen „so
gut, wie in England“. Noch 1810 wurden in ganz Amerika nur
917 Tonnen Stahl produziert. Pennsylvaniens Anteil daran belief
sich auf 531 Tonnen oder auf mehr als die volle Hälfte. Es er-
scheint bemerkenswert, daß das gute alte Keystone auch heute
noch nicht über diesen Prozentsatz hinaus produziert. Noch im
Jahre 1831 betrug die Stahlproduktion nur 1600 Tonnen, eine
Masse, welche der gesamten Stahleinfuhr gleich geschätzt wurde,
so daß der Stahlmarkt vor etwa 70 Jahren zwischen Ausländischen
und Einheimischen gleich verteilt war. Doch dieser Stahl wurde
hauptsächlich vermittelst Zementation gemacht; Sch'melztiegel-Stahl
kam erst später auf. Von 1831—1860 waren die Fortschritte der
amerikanischen Stahlproduktion außerordentlich gering; die Ge-
samtproduktion Pennsylvanias im Jahre 1850 betrug nur 6000
Tonnen, und davon war noch1 der größte Teil Blasenstahl. 1840
begannen Isaac Jones und William Coleman ihre Stahlfabrikation
in Pittsburg, und zwar mit Erfolg. 1853 stellten Singer, Nimick
&amp; Co. gleichfalls mit Erfolg die gewöhnliche Art von Gußstahl
für Sägen, Maschinen usw. her; ebenso machten zu ähnlichen
Zwecken Hussey, Wells &amp; Co. 1860 aus amerikanischem Eisen
laufend erstklassigen Gußstahl; 1862 traten Park Brother &amp; Co.
        <pb n="163" />
        ﻿144

XI. Die Stahlfabrikation des neunzehnten Jahrhunderts

mit den größten Bruchstahlwerken auf, für deren erfolgreichen
Betrieb hundert englische Arbeiter nach Amerika herüberkamen.

Von jetzt ab wurde der Kampf mit fremdem Stahl recht hart-
näckig, bis endlich der fremde Eindringling ganz aus dem Felde
geschlagen war. Zuerst vermochten die europäischen Fabrikanten
ihre Überproduktion auf den amerikanischen Markt zu werfen und
die amerikanischen Fabrikanten zu zwingen, für ihre gesamten Er-
zeugnisse die außerordentlich niedrigen Raten zu nehmen, welche
der fremde Eindringling nur für einen Teil seiner Produkte sich
gefallen ließ; denn wer den einheimischen Markt beherrscht, ver-
mag mit vollkommenem Erfolge in fremde Märkte einzudringen.
Während der letzten Jahre war es der Amerikaner, welcher seine
Überproduktion in fremde Länder hineinwarf. Erobere dir zuerst
den einheimischen Markt und du wirst dich höchstwahrscheinlich
sehr bald auch im Besitz des ausländischen Marktes sehen — so
lautet die Regel für die Fabrikation im internationalen Handel.

Indem ich Coleman, Jones, Nimick, Singer, Hussey und Park
erwähne, werde ich an meine Knabenzeit erinnert; ich war da-
mals ein Telegraphenbote in Pittsburg, überbrachte ihnen viele
Telegramme und erhielt manche willkommene Anerkennung von
diesen großen Vorbildern meiner Jugendzeit. Jeder von ihnen
steht, während ich seinen Namen schreibe, noch so lebhaft vor
meinen Augen, als stünde ich noch heute in persönlicher Be-
ziehung zu ihm. Wären sie im nächsten Zimmer und sprächen,
ich würde jeden an seiner Stimme erkennen, ehe er seine Rede
noch ganz vollendet. Alle, mit Ausnahme des jungen Herrn Singer,
der noch heute mein Partner und Freund, sind tot. Sie waren
die Väter der Stahlfabrikation in den Vereinigten Staaten und
haben „dem Gemeinwesen treffliche Dienste geleistet." Friede
ihrer Asche!

Nicht vor 1864, also erst nachdem zwei Drittel des neun-
zehnten Jahrhunderts vorüber waren, trat bei uns die Umwälzung
in der Stahlfabrikation ein. Das eiserne Zeitalter übertrug seine!
Herrschaft an den neuen König Stahl, denn unser erster Bessemer-
stahl wurde in dem genannten Jahre gemacht. Gewöhnlicher Stahl,
welcher bis dahin sechs bis sieben Cent kostete, wurde von da an
für weniger als ein Cent das Pfund verkauft, während Stahlklötze
        <pb n="164" />
        ﻿in den Vereinigten Staaten. &lt;

145

in Hunderttausende von Tonnen mit einer Rate „von zwei Cent
für drei Pfund Stahl“ abgegeben wurden. In jedem Pfund Stahl
sind zwei Pfund Eisenerz enthalten, zu dessen Abgrabung und
Transport zu Land oder Wasser auf jede 100 Meilen ein Pfund
Koks gebraucht wird; letzteres erfordert ein und ein Drittel Pfund
Kohle, die gleichfalls gegraben, gekoxt und 50 Meilen weit trans-
portiert werden muß; ebenso ein Drittel Pfund Kalkstein, der ge-
schlagen und 140 Meilen weit befördert werden muß, so daß drei
und ein Drittel Pfund Rohmaterial in einem Pfund Stahl stecken,
welches der Konsument für zwei Drittel eines Pence kauft, da
drei Pfund Stahl 2 Cent und die Bruttotonne im Gewicht von
2240 Pfund 15 Dollar oder 63 M. kostet.

Würde man den Verfasser fragen, wie solch ein Wunder mög-
lich ist, er müßte die Antwort schuldig bleiben, denn er kann
niemals, so oft er darüber nachdenkt, über die Mutmaßung hin-
wegkommen, daß irgend ein Irrtum dabei obwalten, und daß das
Unternehmen, welches ein so kostbares Metall an eine undankbare
Menge geradezu halb für nichts fortgibt, bald zugrunde gehen
müsse. Dieses würde auch’ unbedingt eintreten, wenn der vorher,
genannte außerordentlich geringe Preis für alle Folgezeit und für
jede Art von Stahl dieselbe bleiben sollte. Bei dem Preise von
zwei Cent für drei Pfund Stahl ist der Nutzen so außerordentlich
gering, daß nicht einmal das durchschnittliche geschäftliche Risiko
damit gedeckt werden kann. Immerhin mag eine Reihe der aller-
größten Betriebe in den Vereinigten Staaten, welche ihr eigenes
Rohmaterial, ihre eigenen Schiffe und Eisenbahnen — alles gut
und in genügender Ausrüstung — besitzen, das Risiko in ihrem
Selbstkostenpreise miteinbeziehen; dann bliebe jedoch nichts für
Dividenden oder für Verzinsung des eingeschossenen Kapitals
übrig. Die Zinsen belaufen sich nahezu auf 8 Shilling per Tonne;
ja, in den meisten Fällen machen sie sogar noch' mehr aus. Da-
neben muß das Risiko des Fabrikbetriebes — wie Unfälle und
Neuerungen — und das Verkaufsrisiko auf mindestens acht Mark
für die Tonnne angesetzt werden.

Die niedrigen Herstellungskosten wurden erst durch die Er-
findung Sir Henry Bessemers möglich gemacht. Bessemer-Stahl
wurde als Stahl-König inthronisiert; kein Monarch scheint eines

Carnegie, Kaufmanns Herrschgewalt.	10
        <pb n="165" />
        ﻿146

XI. Die Stahlfabrikation des neunzehnten Jahrhunderts

langen und unbestrittenen Reiches so sicher, nachdem der Bes-
semer-Prozeß durch die Erfindung eines jungen Genies, meines
Freundes Sidney Gilchrist Thomas, vervollkommnet wurde. Er
brachte den basischen Prozeß zur Anwendung, vermittelst dessen
unreine Erze für die Fabrikation von Bessemer-Stahl verwendet
werden können.

Verschiedene besondere Ursachen haben Stahlklötze zu 60 M.
die Tonne ermöglicht. Unter ihnen müssen die automatischen
Maschinen obenan genannt werden. Die Amerikaner zeichnen
sich ganz besonders in ihnen aus; dann kommt die ununter-
brochene Fortdauer des Verfahrens in Betracht. Werkstätten, 1 bis
2000 Fuß lang, in welche das Rohmaterial an einem Ende hinein
und am anderen Ende wieder fertig herauskommt — und das ohne
jede Handhabung und oft ohne jeden anderen Aufenthalt, als
den für eine Wiedererhitzung notwendigen — werden mehr und
mehr ganz allgemein gebräuchlich. Der Schreiber dieser Zeilen
hörte ganz unlängst von Plänen für neue Werke in solchem Maß-
stabe, daß 5/4 Meilen Land dazu notwendig sein würden; eine
einzige Werkstatt ist 3000 Fuß lang geplant. Eine der Haupt-
bedingungen für billige Produktion ist Größe. Betriebe, die tausend
Tonnen Stahl täglich liefern, haben wenig Chancen gegenüber
solchen, die 10000 Tonnen täglich liefern. Dieses Gesetz gilt für
jedwede Art von Industrie. Es bringt das Dampfschiff mit 20000
Tonnen und den Eisenbahnwagen mit 50 Tonnen hervor. Ver-
besserte Dampfmaschinen und der Gebrauch der Elektrizität als
bewegende Kraft, und endlich die neuen Einlade- und Ablade-
maschinen: Alles das hat zur Verbilligung des Stahles beigetragen.

Nur in einem Kostenpunkte — und das zu hören, wird den
soziologischen Forscher erfreuen — ist keine Verbilligung ein-
getreten: in der menschlichen Arbeit! Sie ist sogar im Preise ge-
stiegen und hat die Tendenz, noch weiter zu steigen. In einem
der größten Stahlwerke überstieg der tägliche Arbeitslohn — bei
Mitberechnung der für den Tag angestellten Arbeiter, Jungen und
Mechaniker für 311 Tage — acht Mark. Je weniger Leute be-
schäftigt werden, desto weniger kostet die Arbeit pro Tonne, und
im Gegensatz zu der oft gehörten Ansicht, sind gerade diese Leute
als Arbeiter brauchbarer denn je. Die Annahme daß die Arbeiter
        <pb n="166" />
        ﻿in den Vereinigten Staaten.	147

selbst jetzt immer mehr zur bloßen Maschine herabsinken, ist
durchaus falsch; der Arbeiter vergangener Tage wäre durchaus
unfähig gewesen, mit den komplizierten Maschinen unserer Zeit
zu arbeiten; auch hätte er die an Verstand und Behändigkeit ge-
machten Ansprüche unserer jetzigen Arbeitsmethoden nicht zu
erfüllen vermocht.

Wären vor fünf Jahren die Stahlfabrikanten Amerikas gefragt
worden, ob es möglich sei, dem Bessemer-Verfahren einen Neben-
buhler zu schaffen, dann würde nicht einer unter Tausenden anders,
als mit einem emphatischen „Niemals!“ geantwortet haben. Den-
noch hätte selbst dieser Eine, bekannt gemacht mit den neuesten
Versuchen, sich nicht nur weniger emphatisch ausgesprochen, son-
dern sogar zugestanden, daß selbst das Bessemer-Verfahren nicht
ohne Nebenbuhler bleiben dürfte.

Die Vorzüge des offenen Herd-Schmelzofens von Siemens-
Martin wurden sofort wenigstens von einer Firma anerkannt, deren
Vertreter diesen Ofen im Auslande in Tätigkeit gesehen hätte.
Cooper, Hewitt &amp; Co. gebührt das Verdienst, den Siemens-Martin-
Ofen zuerst in den Vereinigten Staaten versucht zu haben. Das
war im Jahre 1868. Die Kosten des offenen Herd-Stahles waren
selbstverständlich größer, als die des Bessemer-Stahls; jener wurde
deshalb zunächst nur für begrenzte Zwecke verwendet; es war
daher eine Anlage im großen Maßstabe nötig, um dem neuen
Prozeß die Nebenbuhlerschaft mit dem Bessemer-Verfahren und
den Nutzen aus den zahlreichen Verbesserungen zu ermöglichen,
welche gescheite Leute in der Folge zu seiner Entwicklung machen
könnten. Den ersten basischen offenen Herd-Stahl verfertigte in
Amerika die Firma Carnegie, Philipps &amp; Co. im Jahre 1888 zu
Homestead. Nun wurden zweierlei Stahlarten mit dem offenen
Herd hergestellt, die säurische und die basische; die basische stellt
sich um vieles billiger als die säurische, obgleich sie viel reiner ist,
da der basische Prozeß jede Unreinheit beseitigt. Basisch offener
Herd-Stahl wird jetzt in vielen Fällen anstatt schwedisches Eisen
benutzt; sogar für Hufeisen. Auch Waffenstücke werden daraus
gemacht. Die Ost-Fluß-Brücke soll aus saurem Eisen gebaut wer-
den, obgleich dieses teurer ist. Doch das geschieht nur deshalb,
weil der betreffende Ingenieur jeder Belehrung unzugänglich ist.
        <pb n="167" />
        ﻿148

XL Die Stahlfabrikation des neunzehnten Jahrhunderts

Der große Vorteil des Siemens-Martin-Verfahrens für die Ver-
einigten Staaten besteht darin, daß mit dem basisch offenen Herd-
Prozeß unsere ungeheuren Lagen von hoch phosph'orhaltigem
Eisenerz für die Stahlfabrikation benutzt werden können, während
das nach amerikanischer Art angewandte Bessemer-Verfahren Erze
erfordert, die verhältnismäßig schwefelfrei sind; solche Erze finden
sich jedoch nur in mäßiger Anzahl. Alles in allem ist die Pro-
duktion des offenen Herd-Stahls in rapidem Steigen begriffen.

So folgte dem eisernen Zeitalter, welches während des letzten
Jahrhunderts für immer dahinging, das Zeitalter des Bessemer-
stahls, doch nur um seiner Herrschaft sich nicht länger als sechs-
unddreißig Jahre zu erfreuen; das Bessemer Zeitalter begann im
Jahre 1864; es entschwindet nun gleichfalls, um dem Zeitalter
des offenen Herd-Stahls von Siemens und Martin Platz zu machen.
Schon nimmt das Produkt des offenen Herd-Verfahrens eine höhere
Stellung in England ein, als das Bessemer; das gleiche — so
möchte ich Voraussagen — wird bald in den Vereinigten Staaten
der Fall sein.

Der Ablauf des Bessemer Zeitalters hat den amerikanischen
Süden als Stahlverfertiger möglich gemacht, während er vorher
dafür nicht in Betracht kam, da seine Erze für das Bessemer-Ver-
fahren nicht verwendbar sind; dagegen werden sie wahrscheinlich
bald genug dem offenen Herd-Verfahren angepaßt werden können.
Solange die neuen Stahlwerke der Tennessee-Gesellschaft sich nicht
im vollen Betriebe befinden und erst eine Zeitlang gearbeitet haben,
fehlt der Beweis noch, ob Stahl dort billig genug hergestellt werden
kann, um den Süden zu einem großen Zentrum der Stahlfabri-
kation zu machen. Das experimentelle Stadium dafür ist noch nicht
voll durchlaufen, da sich bis jetzt nur ein Teil der Anlagen im
Betriebe befindet; dennoch scheint wenig Grund verhanden, daran
zu zweifeln, daß etwa noch auftauchende Schwierigkeiten zu guter
Letzt beseitigt Und daß der amerikanische Süden sehr bald ein
gewichtiger Faktor in der Stahlfabrikation werden wird.

Das gegenwärtige Stahlzentrum liegt in dem Viereck, das
begrenzt wird durch Linien, welche von Pittsburg nach Wheeling,
von Wheeling nordwärts nach Lorain und von Lorain ostwärts
nach Cleveland und südwärts wieder nach Pittsburg gezogen wer-
        <pb n="168" />
        ﻿in den Vereinigten Staaten.

149

den können. In diesem Landstriche wird der meiste Stahl gemacht.
Die Alleghany-Landschaft allein, Pittsburg mit inbegriffen, pro-
duzierte 1899 fast ein volles Viertel von allem in den Vereinigten
Staaten gemachten Brucheisen, darunter ungefähr die volle Hälfte
alles offenen Herd-Eisens und ungefähr 39 Prozent der Gesamt-
produktion aller verschiedenen Arten von Stahl. Soweit der Ver-
fasser zu urteilen vermag, dürfte dieses Stahlland kaum durch ein
anderes zu ersetzen sein. Zweifellos wird Colorado bei einer
weiteren Entwicklung der Westküste als Stahlland weiteren Ein-
fluß gewinnen. Chicagos Stellung als Stahlfabrikant ist bereits
gesichert. Dagegen weist nichts darauf hin, daß jemals der Süd-
westen Amerikas Stahl in irgendeinem beträchtlichen Maße machen
wird. Erst seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts bildeten die
östlichen, am atlantischen Ozean gelegenen Staaten die Heimat der
Stahlfabrikation. Sogar ungefähr die Hälfte alles pennsylvanischen
Stahls wurde östlich von den Alleghani-Gebirgen hergestellt. Seit-
dem ging der Zug ebenso beständig wie schnell nach dem als
Zentralwesten bekannten Landstriche, dessen Hauptplatz Pittsburg
ist. Die Übersiedelung der großen Lackawanna Eisen- und Stahl-
werke von Scranton in Pennsylvania nach Buffalo und die glän-
zenden Triumphe der Bethlehem-Stahlgesellschaft in Pennsylvania
durch Waffenrüstungen, Gewehre und Schmiedearbeiten als Spe-
zialitäten, welche der genannten Firma eine einzige, alles beherr-
schende Stellung gaben, bilden den besten Beweis, daß für die
Fabrikation gewöhnlichen Stahls der amerikanische Osten kein
günstiger Platz ist. Die Geschichte der Stahlwerke zu Troy liefert
einen ferneren Beweis dafür. Nur eine Ausnahme gibt es von
dem Zug nach dem Westen: Harrisburg im östlichen Pennsylvania,
welches bis jetzt ein blühender und wichtiger Mittelpunkt der Stahl-
fabrikation blieb. Die Maryland-Stahlgesellschaft hat bei Flutwasser
Vorteile für die Ausfuhr; viel wichtiger jedoch für die Zukunft
dieser Gesellschaft ist ihre Entwicklung im Schiffsbau, für den
ihre Anlagen besonders günstig liegen. Soweit der Verfasser sehen
kann, sind keine Anzeichen bemerkbar für eine Verlegung des
Mittelpunktes der Stahlindustrie aus ihrem bisher innegehabten
Landstriche nach einem anderen, neuen Landstrich; dieser Mittel-
punkt liegt, wie bereits früher ausgeführt, im zentralen Westen
        <pb n="169" />
        ﻿150 XI. Die Stahlfabrikation des neunzehnten Jahrhunderts

und dürfte auch dort verbleiben. Gewisse Ursachen mögen in
diesem Zentrum zu einigen wichtigen Veränderungen führen. Das
wunderbare Wachstum der Seestädte an der nördlichen Grenze,
der zentralen Westregion erhellt aus dem letzten Zensus. Diese
Städte besitzen den Vorteil eines ausnehmend niedrigen Trans-
ports, zumal durch den Welland-Kanal Schiffe von beträchtlichem,
Tonnengehalt in Conneaut und anderen Seehäfen direkt nach
Europa verladen werden können — und zwar zu den niedrigen
Frachtsätzen, welche den Fabrikaten für mehr als die Hälfte des
Jahres der Erie-Kanal als Transportstraße sichert. Alles das ver-
dient die größte Aufmerksamkeit, besonders seit der Versuch ge-
macht ist, die Hauptbahnlinien unter ein und dieselbe Verwaltung
zu bringen, um höhere Frachtsätze zu erzielen, während doch]
niedrige Preise für Verkehr und Artikel das vorherrschende Gesetz
zu bilden scheinen. Die Wahl Buffalos von seiten der Lackawanna
Eisen- und Stahl-Gesellschaft für ihre neuen Werke zeugt für die
Bewegung nach den Seen zu. Die Politik einer kombinierten Bahn
muß ganz unvermeidlich zugunsten der südlichen Häfen und zum
Vorteil Neuyorks ausfallen. Der Unterschied von 3 Cent per Hun-
dert zugunsten Baltimores und von 2 Cent zugunsten Philadelphias
gegenüber Neuyork sagt am besten, daß der Verkehr auch ferner-
hin die Seehäfen aufsuchen, und daß Neuyorks Prozentsatz am
Schiffsverkehr weiter dauernd fallen wird, gerade wie bisher. Des-
halb darf man jedoch keineswegs annehmen, daß Stadt und Staat
Neuyork den Schutz ihrer Stellung vernachlässigen werden; sie
werden die Waffe, welche unter allen amerikanischen Freistaaten
nur der Staat Neuyork in seinem Wasserwege von den Seen nach
dem Hafen von Neuyork hat, jedenfalls zu gebrauchen wissen.
Der Verfasser hält das für vollkommen sicher und sagt infolgedessen
der Stahlfabrikation in jenem Teile des zentralen Westens, welcher
längs des südlichen Ufers des Erie-Sees liegt, eine große Ent-
wicklung voraus; dieser wird zugunsten Neuyorks in Aufnahme
kommen, da er den Hafen bildet, welcher vom Zentral-Westen
am billigsten zu Wasser erreicht werden kann.

Ein besonderes Charakteristikum des neuen Jahrhunderts wird
die Wiederaufnahme der Wassertransporte für schweres Material
sein. Schon jetzt gibt es Binnenseeschiffe von 7000 Tonnengehalt.
        <pb n="170" />
        ﻿in den Vereinigten Staaten.

151

Flott gemachte Barken werden bald auf dem Ohioflusse und in
dem erweiterten Erie-Kanal schwimmen; ebenso in dem Kanal
von Chicago nach dem Mississippi; noch viele andere Wasser-
wege werden sich öffnen, auf denen die Rohmaterialien für Stahl
und der fertige Stahl selbst für Fabriken zu gleichen Sätzen, wie
die bereits für die Seen bestehenden, befördert werden können: das
heißt, für ein Drittel und oft für ein Viertel der Eisenbahnfrachten.

Es liegt kaum in den Grenzen der Möglichkeit, daß ein noch
besseres oder gar billigeres Verfahren für die Fabrikation von
Stahl in Zukunft entdeckt werden könnte, oder daß eine Ver-
besserung der Methoden möglicherweise die Kosten noch viel
weiter herabzusetzen und uns dahin zu bringen vermöchte, Stahl
ohne Verlust zu noch geringerem Preise, als drei Pfund für zwei
Cent zu liefern. Das zwanzigste Jahrhundert wird mit allen Wun-
dern, die es noch zu unserer Überraschung bergen mag, wahr-
scheinlich im wesentlichen mit der Stahlfabrikation, wie sie jetzt
besteht, endigen; jedoch mit dem offenen Herd (Siemens-Martin-
Verfahren). Scheint doch kaum noch viel Raum für Verbesse-
rungen.

Schon die letzten Jahre sahen die Ausfuhr von Stahl aus
Amerika nach anderen Ländern. Die Republik der Vereinigten
Staaten hat nicht nur ihre eigenen Bedürfnisse gedeckt, sondern
trägt jetzt auch zur Deckung der Bedürfnisse der ganzen Welt
bei, nicht allein in Stahl, sondern auch in tausend anderen Artikeln,
deren Hauptbestandteil der Stahl ist. Die Billigkeit in der Ver-
fertigung des Stahls verallgemeinerte dessen Benützung so außer-
ordentlich, daß die für seinen zukünftigen Gebrauch unternom-
menen Schätzungen kaum mehr als bloße Mutmaßungen vorstellen
können. Hier ein Beispiel für viele: Es ist erst wenige Jahre her,
daß nicht eine einzige Tonne Stahl für Eisenbahnfrachten in Amerika
benutzt wurde; heute verbraucht man allein zu diesem Zweck
täglich tausend Tonnen. In der Tat, so reißend greift die Ver-
wendung des Stahls um sich, daß kaum abzusehen ist, wie die
Bedürfnisse des Weltmarktes in Zukunft zu befriedigen sein werden.
Gegenwärtig arbeiten die Eisenstein- und Kokskohlenwerke in
England mit angespanntester Kraft, und doch zeigt sich die Aus-
beute nicht wesentlich erhöht. Dasselbe ist in Deutschland der
        <pb n="171" />
        ﻿XI. Die Stahlfabrikation des neunzehnten Jahrhunderts

Fall, abgesehen davon, daß hier noch minder wertvolle Kohlen-
felder der Ausnützung warten — sollten, was wahrscheinlich ist,
die Kohlenpreise steigen. Rußland war bis jetzt für die Stahl-
fabrikation von nur geringer Bedeutung: wenn es bis gegen die
Mitte des laufenden Jahrhunderts seine eigenen Bedürfnisse an
Stahl zu decken vermag, darf es zufrieden sein. Abgesehen von
den Vereinigten Staaten, sowie von Großbritannien und Deutsch-
land, wird wenig Stahl in der Welt gemacht; auch ist es nicht
sehr wahrscheinlich, daß künftig noch ein anderes Land viel da-
von produzieren wird. Die Erwartung von Japan und China, einst
Stahl zu fabrizieren, hält der Verfasser für irrig. Großbritannien
und Deutschland dürften später nicht viel mehr Stahl machen, als
jetzt, so daß dann die Vereinigten Staaten allein den täglich sich
mehrenden Weltbedarf decken können. Der heute bekannte Vorrat
an für die Stahlfabrikation geeignetem Eisenstein genügt, um alle
nur möglichen Bedürfnisse der ganzen Welt für die erste Hälfte
des gegenwärtigen Jahrhunderts zu befriedigen; und so weit der
Koks in Betracht kommt, sogar für das ganze Jahrhundert. Dabei
ist die Entdeckung weiterer Naturvorräte, ehe noch die bekannten
Vorräte erschöpft sind, keineswegs ausgeschlossen.

In wenigen Jahren dürfte die Ausfuhr von Eisen und Stahl,
sowie die von Eisen- und Stahlfabrikaten von den Vereinigten
Staaten nach verschiedenen Teilen der Welt groß genug sein, um
ein anderes Kapitel beispielloser Entwicklung in der Geschichte
des Stahls zu bilden; sie beträgt jetzt schon 129 Millionen Dollar
(516 Millionen Mark).

Desgleichen muß die Ausgiebigkeit unserer amerikanischen
Stahlfabrikation auf die einheimische Entwicklung von wunder-
barer Wirkung sein. Die Nation, welche den billigsten Stahl zu
machen imstande ist, wird, soweit die Fabrikation in den meisten
einschlägigen Gebieten in Betracht kommt, notwendigerweise die
anderen Nationen beherrschen. Der billigste Stahl vermittelt die
billigsten Schiffe, die billigsten Maschinen und mehr als tausend
andere Artikel, welche teilweise oder ganz aus Stahl gemacht
werden, am billigsten. Wir stehen an dem Vorabend einer Ent-
wicklung der Industriemächte unserer amerikanischen Republik,
dergleichen die Welt niemals vorher gesehen hat.
        <pb n="172" />
        ﻿in den Vereinigten Staaten.

153

Der Fortschritt und die beherrschende Stellung der Vereinigten
Staaten als Stahlerzeuger lassen sich in wenigen Sätzen zusammen-
fassen: Im Jahre 1873, also nur siebenundzwanzig Jahre früher,
produzierten die Vereinigten Staaten 198 796 Tonnen Stahl; Groß-
britannien, ihr hauptsächlichster Konkurrent, dagegen 653500 Ton-
nen, also mehr als dreimal soviel. Sechsundzwanzig Jahre später,
also 1899, machte die amerikanische Republik mehr als doppelt
soviel wie die britische Monarchie, nämlich 10639857 im Vergleich
zu 5 Millionen Tonnen (England), was eine achtmalige Steigerung
für Großbritannien und eine dreiundfünfzigmalige Steigerung für
die Vereinigten Staaten bedeutet; letztere fabrizierten bereits ein
volles Viertel alles in der ganzen Welt gemachten Stahls: 27 Mil-
lionen Tonnen. Die Geschichte der Industrie kennt nichts, was
dieser Entwicklung vergleichbar wäre.

Soviel über die Vergangenheit; in Zukunft dürften, bevor das
gegenwärtige Jahrhundert auch nur den dritten, ja selbst nur den
vierten Teil seines Laufes vollendet hat, die Vereinigten Staaten
mehr Stahl produzieren als die ganze übrige Welt zusammen-
genommen und daher auch die meisten Bedürfnisse vieler anderer
Länder, neben denen des eigenen Landes, decken.

Fahr wohl denn, du Zeitalter des Eisens! Heil dir, König
Stahl, und Heil der amerikanischen Republik, dem zukünftigen
Sitz und Mittelpunkte deines Reiches, wo du, auf den Thron
gesetzt, deine wundervollen Werke auf Erden vollbringen wirst!

V V V
V V
V
        <pb n="173" />
        ﻿XII.	Lebensunterhalt in Großbritannien und
in den Vereinigten Staaten.’)

Wenn man gefragt würde, über welchen Gegenstand der Brite
in bezug auf die Vereinigten Staaten mit am schlechtesten unter-
richtet ist, dann müßte man zweifellos antworten: über die ver-
gleichsweisen Kosten des Lebensunterhaltes in der alten und
neuen Welt.

Höchstwahrscheinlich dürfte es eine lange Zeit erfordern und
einige Schwierigkeiten verursachen, die allgemeine Anschauung
zu beseitigen, welche unlängst durch die Worte einer hochstehen-
den englischen Autorität Ausdruck fand, daß nämlich die Ver-
einigten Staaten ein vollkommenes Eldorado für die arbeitenden
Klassen sein würden, wenn der Lebensunterhalt dort nicht so
teuer wäre. Man kann den Ursprung solcher Ansicht leicht nach-
weisen. Der Brite kommt nach Neuyork und nimmt einen Wagen,
der schon seit einigen Stunden auf die Ankunft des Dampfers
gewartet hat; natürlich muß er einen außerordentlich hohen Fuhr-
lohn zahlen; er bestellt eine Flasche importierten Wein und findet
dieselbe weit teurer, als in seiner englischen Heimat; ferner macht
er die Erfahrung, daß auch Kleider, aus importierten Stoffen ge-
fertigt, viel teurer sind; all dieses übt den allerersten, und daher
auch dauernden Eindruck auf ihn aus. Wenn er nach seiner
Rückkehr in seine englische Heimat gefragt wird, worin ihm der
Lebensunterhalt in den Vereinigten Staaten teurer als in Groß-
britannien erscheine, gibt er immer wieder diese drei Erfahrungen
an. Dennoch vergegenwärtigen sie nicht einmal die Hauptausgabe-
quellen für den Fremden, geschweige denn für den Einheimischen.
Nach den Hotelkosten in England befragt, erklärt er, dieselben
seien geringer als in der Republik der Vereinigten Staaten, wo
die Preise in den besten Hotels von 14 zu 18 Sh. täglich betragen.

l) Zuerst veröffentlicht: September 1894.
        <pb n="174" />
        ﻿XII. Lebensunterhalt in Großbritannien und in den Vereinigten Staaten. 155

Nun ist der Satz von 18 Sh. der höchste in ganz Neuyork. Da-
für hat er ein sehr gutes Zimmer und alle Mahlzeiten, Frühstück,
Lunch, Mittag- und Abendessen. Er erinnert sich dann vielleicht,
daß er im Londoner Metropol-Hotel kaum auch nur ein gleiches
Diner haben könnte für dasselbe Geld, mit dem in einem guten
Neuyorker Hotel volle Pension — alles inbegriffen — bezahlt wird.
Über die Eisenbahnkosten befragt, muß er nach kurzem Nach-
rechnen eingestehen, daßi sie in Amerika für erste Klasse, mit
Einschluß des Schlafwagens, kaum die Hälfte der englischen Eisen-
bahnpreise ausmachen. Die bei Bahnfahrten und Hotelkosten ge-
machten Ersparnisse dürften noch nicht zur Hälfte von den Extra-
preisen für Droschken und ausländische Weine verschlungen wer-
den. Der ausländische Besucher kaufe keine aus nichtamerikani-
schem Tuch gemachten Kleidungsstücke, auch wird er, klug genug
dem Beispiele der Amerikaner folgend, stets Hotelomnibusse oder
elektrische Bahnen, sehr selten aber, wenn überhaupt, Droschken
benutzen; diese sind keine amerikanische Einrichtung. Wünscht
jedoch der fremde Besucher Wagen und Pferde tag-, wochen-
und monatweise oder auch zum Theater und für Empfangsabende,
dann kann er dergleichen zu Preisen haben, die hier nicht höher
sind, als die in London dafür verlangten: 40—50 £ monatlich, je
nach den Umständen und 12 Sh. für einen Brougham auf den
Abend; ja für eine Nachmittagsfahrt in den Park sind Wagen und
Pferde in Neuyork sogar noch billiger zu haben. Es steht ganz
außer Zweifel, daß die Reisekosten mit allen damit verbundenen
Nebenausgaben pro Tag bei gleichen Entfernungen in England
höher sind als in Amerika. Doch das geht nur die verhältnis-
mäßig kleine Zahl von Reisenden an, welche doch gewöhnlich be-
mittelte Leute sind, und ist daher von nur geringer Bedeutung.
Viel wichtiger und bedeutsamer sind die vergleichsweisen Kosten
für den Lebensunterhalt der großen Volksmassen, der auf Lohn
angewiesenen Klassen, in beiden Ländern.

Überlegen wir einmal ruhig folgendes: Das Einkommen der
Arbeitermassen — gelernter und ungelernter Arbeiter — beträgt
zwischen £ 60 und £ 120 (1200 bis 2400 M.) jährlich. Zunächst
wollen wir nun die aus solchem Einkommen zu bestreitenden not-
wendigen Ausgaben näher untersuchen. Nach der Arbeiterstatistik
        <pb n="175" />
        ﻿156	XII. Lebensunterhalt in Großbritannien

von Massachusetts, der für diese Dinge zuverlässigsten Autorität,
sind diese Kosten für England und Amerika, wie folgt, anzusetzen:

Einkommen von 300— jährlich:		450 Doll.1)			Einkommen von 450— jährlich:		600 Doll.1) ‘		
Items	Amerik.		Englisch		Items	Amerik.		Englisch	
	M.	Pf	M.	Pf.		M.	Pf.	M.	Pf.
Unterhalt		256	80	340	20	Unterhalt ....	264	60	330	75
Kleidung		28	80	29	40	Kleidung .	44	10	44	10
Miete		80	80	54	60	Miete . .	63	10	43	59
Heizung		25	20	29	40	Heizung		25	20	25	20
Allerlei Neben-					Allerlei Neben-				
ausgaben ....	12	60	12	60	ausgaben ....	21	—	21	—
Summa	404	20	466	20	Summa	| 418	—	464	47

Diese Tabelle zeigt, daß sich die notwendigen Lebensbedürfnisse
in Großbritannien um 10,1—2 pro Hundert teurer stellen. Allein
seitdem diese Tabelle aufgestellt, sind die Preise in den Ver-
einigten Staaten viel mehr gefallen als in England. Charles Booth
berechnet in seinem wertvollen Werke über Arbeit und Leben
der Londoner die Ausgaben allein für Nahrungsmittel mit 60 bis
50 Prozent des Familieneinkommens. Dabei wird hier das Wort
„Unterhalt“ im weiteren Sinne verstanden; also nicht nur für
Nahrung, sondern für alles, was in den menschlichen Mund Ein-
gang findet. In diesem Sinne ist der „Unterhalt“ die bei weitem
größte Ausgabe in dem Familienhaushalte der arbeitenden Klassen.
Die Kosten dafür belaufen sich von 64 Prozent an in Amerika,
zu 81 Prozent hinauf in England. Der Grund dafür ist klar. Vor
allem sind alle Nahrungsmittel in den Vereinigten Staaten billiger
als in Großbritannien. Jene führen Lebensmittel nach dem letzt-
genannten Lande aus. Tabak ist um sehr vieles billiger. Amerika
baut Tabak und besteuert ihn nur mit 3 d (30 Pf.) das Pfund;
dagegen beträgt die gleiche Abgabe in der englischen Monarchie
3 Sh. 6 d (3 M. 50 Pf.), also vierzehnmal so viel; die Abgabe auf
Whisky in Amerika beträgt 20 d (1 M. 80 Pf.), in Großbritannien
dagegen 11 Sh. (11 M.), also volle sechsmal so viel; dabei wird
Whisky in Kentucky billiger produziert als in Irland oder Schott-

*) Dollars sind in dieserTabelle in Mark umgerechnet 1 Dollar = M.4,20.
        <pb n="176" />
        ﻿und in den Vereinigten Staaten.

157

land. Auf Bier liegt in Amerika eine Abgabe von 4, in England
dagegen von 7 Sh. für die Tonne. Tee und Kaffee zahlen in
Amerika überhaupt keine Steuern; wohl aber in England. Roher
Zucker ist in beiden Ländern frei von Abgaben; dagegen liegt in
den Vereinigten Staaten auf fein raffiniertem Zucker eine leichte
Steuer. Sobald die große Masse in England zu der Erkenntnis
kommen wird, wie schwer sie im Vergleich zu den Arbeitern der
Vereinigten Staaten besteuert ist, wird sie sicher eine Steuerver-
minderung für all das fordern, was zum Lebensunterhalt gehört;
vor allem wird sie einen von jedweder Abgabe freien Frühstücks-
tisch verlangen.

Die geringen Preise für jederlei Mundvorrat in allen Ver-
einigten Staaten dürfte jeden britischen Forscher, welcher ein
Studium in diesen Dingen macht, in Erstaunen setzen; dabei sind
diese Preise für den Lebensunterhalt in den 44 Staaten der ameri-
kanischen Republik, die einen ganzen Kontinent einnehmen, nicht
etwa auf die Stadt Neuyork, sowie auf die Städte und Plätze der
atlantischen Seeküste beschränkt, zu denen die Erzeugnisse des
großen und fernen Westens erst transportiert werden müssen;
sondern die gleichen Preise finden auch Anwendung auf die dich-
teste Bevölkerung, welche jetzt in der Nähe von Indianapolis
(Indiana mitten auf dem Wege zwischen Chicago und St. Louis), 800
englische Meilen landeinwärts von Neuyork entfernt, zu suchen ist.

Nachdem wir, man kann sagen, drei Viertel der Gesamtaus-
gaben für eine Arbeiterfamilie — nämlich den Posten „Unterhalts-
mittel“ — eingehender betrachtet haben, sind wir zu der Er-
kenntnis gelangt, daß die dabei verbrauchten Artikel notwendiger-
weise in Indianapolis billiger sein müßten als in Manchester —
zum mindesten um die Transportkosten zu Wasser und zu Lande
und um den vom Kaufmann geforderten Nutzen. Kommen wir
nunmehr zu dem zweiten Hauptposten: Miete, welche 20 Prozent
des Familieneinkommens in Amerika und 13 Prozent desselben
Einkommens in England erfordert. Der britische Arbeiter lebt in
einem kleinen Hause. Die bessere Klasse der Amerikaner hat
gewöhnlich drei oder vier Zimmer; der Engländer dagegen nur
zwei. Miete ist zweifellos in der neuen Welt um vieles teurer.

Der nächst wichtigste Posten sind „Kleidungsstücke“; sie
        <pb n="177" />
        ﻿158	XII. Lebensunterhalt in Großbritannien

machen 7 Prozent aller Ausgaben in den Vereinigten Staaten aus
und ganz den gleichen Prozentsatz in England. Das wird zweifel-
los viele meiner Leser überraschen, bis ich die Ursache dafür
angegeben; sie ist leicht aus dem Umstande ersichtlich, daß —
während alle aus eingeführten, feinen Stoffen gefertigte Ware in
Amerika viel teurer als in Großbritannien ist, wo solches TucH
fabriziert wird — Kleidungsstücke aus amerikanischem Tuche da-
gegen außerordentlich billig und sehr haltbar sind. Allerdings
ist amerikanisches Tuch grob und barsch und trägt sich deshalb
viel weniger angenehm'; barscher sogar als schottischer Cheviot.
Aber die große Masse in Amerika trägt es gerade so gut wie Unter-
kleider aus demselben Stoff. Daher kommt es, daß die Masse
unseres Volkes von der auf feine, nur für die wenigen reichen
Leute eingeführten Wollstoffe gelegten Steuer nicht betroffen wird.
Ich' habe, während ich dieses schreibe, eine Annonce aus ame-
rikanischen Blättern vor mir, welche vollständige Anzüge zum1
Preise von £ 3 (60 M.) anbietet, gerade so wie in England.

Folgende wahre Geschichte beleuchtet die Verhältnisse am
besten. Ein wohlbekanntes Mitglied des englischen Parlaments
sagte seinen Wählern vor einiger Zeit, daß der Lebensunterhalt
für den Arbeitsmann in. Amerika viel höher sei, als in Großbritan-
nien; er behauptete, die Kosten für Kleidung seien in den Ver-
einigten Staaten dreimal so groß. Er sandte ein Exemplar seiner
Rede einem Freunde, einem der bestbekannten Männer in den Ver-
einigten Staaten, welchen das betreffende englische Parlaments-
mitglied hin und wieder zu besuchen pflegte. Kurze Zeit dar-
auf besuchte der englische Politiker, begleitet von seiner Frau,
seinen Freund in den Vereinigten Staaten. Eines Morgens erschien
der Gastfreund beim Frühstück in einem Anzuge, der allgemeine
Bewunderung erregte; die englische Dame meinte, der Anzug sei
viel nobler, als der von ihrem Mann getragene. Der Gastfreund
fragte seinen Besuch1, wie hoch er den Anzug taxiere; sein un-
bedachtsamer englischer Freund antwortete: „Nun, mein Anzug
kostet mich £ 7 (140 M.), und ich (möchte denken, der Ihre
müßte in diesem mit so schrecklichen Schutzzöllen belegten Landei
etwa 12 £ (240 M.) kosten.“ Das war seine Meinung, nachdem!
er den Stoff geprüft. „Nun denn,“ erklärte sein Gastfreund,
        <pb n="178" />
        ﻿und in den Vereinigten Staaten.

159

„ich habe gerade 18 Sh. für den Anzug bezahlt und ichl wünschte,
Sie nähmen ihn mit sich und zeigten ihn Ihren Wählern.“ Unter
allgemeinem Gelächter wurde das selbstverständlich abgelehnt. Sein
Gastfreund hatte im Dorfe einen fliegenden Händler aus Boston
getroffen, der fertig gemachte Kleider zum Verkauf ausbot; er
fragte den Verkäufer, ob er einen für ihn passenden Anzug hätte;
der Händler antwortete: „Ja, und wenn Sie einen Anzug von mir
kaufen, Herr, können Sie ihn sogar zum Engrospreis haben; der
Detailpreis ist 24 Sh.“ „Einverstanden, senden Sie ihn in mein
Haus.“ Das geschah und zwar mit dem mitgeteilten Resultat.
Natürlich war der Anzug aus amerikanischem Stoff und nicht so
fein und weich, wie der von dem verehrlichen Parlamentsmitglied
getragene; trotzdem aber war es ein guter, nobler Anzug. Den-
noch möchte ich bei dem außerordentlich niedrigen Preis die
Dauerhaftigkeit des Anzuges bezweifeln. Immerhin kann man für
£ 3 einen durchaus dauerhaften Anzug haben. Ein Blick auf die
extrafeinen, nach den Vereinigten Staaten eingeführten Wollen-
stoffe zeigt, wie außerordentlich gering ihre Menge, verglichen
mit dem Gesamtverbrauch' von Wolle, ist. 1890 betrug der Wert
der einheimisch fabrizierten Wollenstoffe 338 Millionen Dollar oder
68 Millionen £ (1360 Millionen Mark); die Einfuhr von feiner
ausländischer Wolle dagegen nur 35,5 Millionen Dollar oder
7,1 Millionen £ (142 Millionen Mark). Man geht nicht fehl in
der Annahme, daß der Wert der ausländischen Waren per Meter
doppelt so hoch' war, wie der des inländischen Tuches. Daraus
folgt: alle ausländische Wolle macht im Gebrauch nicht viel über
5 Prozent des gesamten Wollverbraudis bei uns aus; das alles
wird' dazu von den wenigen reichen Leuten aufgenommen; sie
allein kaufen die teuren, fremden Stoffe.

Dieselben Verhältnisse zeigen sich bei der Baumwollindustrie.
Der Wert der einheimischen amerikanischen Baumwolle beträgt
268 Millionen Dollar oder 54 Millionen £; dagegen repräsentiert
die eingeführte Wolle einen Wert von nur 28 Millionen Dollar
oder noch nicht ganz 6 Millionen £ (120 Millionen M.), also noch
nicht ganz 5 Prozent des Gesamtverbrauches, wenn wir die aus-
ländische Ware per Meter mit dem doppelten Preise ansetzen.
Der Bedarf an Baumwolle in Arbeiterfamilien ist sehr beträchtlich.
        <pb n="179" />
        ﻿160

XII. Lebensunterhalt in Großbritannien

Für Seidenstoffe lagen im Jahre 1890 folgende Zahlen vor:
Erzeugnisse amerikanischer Fabriken 69 Millionen Dollar oder
13,8 Millionen £ (276 Millionen M.); die eingeführte Seide ergab
31 Millionen Dollar oder 6,2 Millionen £ (124 Millionen M.).
Man darf ruhig annehmen, daß ausländische Seide per Meter
doppelt so viel kostete, wie inländische Seide, so daß immer auf
vier Meter amerikanischer Seide erst ein Meter ausländischer Seide
konsumiert wurde.

Da ich gerade über Kleidung spreche, darf ich vielleicht zwei
eigene Erfahrungen mit Rücksicht auf diesen Gegenstand mitteilen.
Eine amerikanische Familie, welche viel Dienerschaft hält, wohnt
einen Teil jedes Jahres in England. Die Diener reisen mit ihrer
Herrschaft hin und her und haben so Gelegenheit, Kleider, Stiefel,
Schuhe usw. in dem einen oder anderen Lande zu kaufen. Die
männliche Dienerschaft kauft ihre Kleider in der alten Welt; die
Frauen dagegen finden, daß sie ihre Einkäufe mit mehr Vorteil
in Neuyork machen können. Stiefel und Schuhe werden von
allen in Neuyork gekauft.

Ein zweites Beispiel: Eine schottisch-amerikanische Familie
mit fünf Kindern bringt fast jedes Jahr eine Zeitlang in Schott-
land zu. Die sehr geschickte und sparsame Hausfrau kaufte früher
alle ihre eigenen und ihrer Kinder Kleider in Glasgow. Allein
bei ihren letzten Besuchen kaufte sie nichts mehr dort, und ich
hörte sie als Grund dafür angeben, daß sie Kleidung für sich' selbst
und besonders für ihre Kinder jetzt in Neuyork besser und bil-
liger einkaufen könne, als in Glasgow.

Der wohlbekannte, volkswirtschaftliche Schriftsteller, Herr
Sehönhof, wurde von der amerikanischen Regierung beauftragt,
über die Kosten in den Vereinigten Staaten und Großbritannien
einen vergleichenden Bericht auszuarbeiten; er berichtete vor eini-
gen Jahren Jahren wie folgt:

„In bezug auf Baumwolle und derbe Ware fand ich, daß
Baumwollenstoffe in den Vereinigten Staaten gerade so billig sind
wie hier in England. Shirting- und Leinwandstoffe sind minde-
stens, soweit idi nach den in den Verkaufsläden ausgestellten
Waren zu urteilen vermag, bei gleichen Preisen bei uns (in Ame-
rika) von besserer Qualität. Frauenkleider, aus Muslin gemacht,
        <pb n="180" />
        ﻿und in den Vereinigten Staaten.

161

sind in den Vereinigten Staaten von viel feinerer Arbeit und dabei
billiger. Ebenso finde ich nicht, daß Männerhemden, hauptsäch-
lich aus Baumwolle, hier in England billiger sind. Das gleiche
darf von Stiefeln und Schuhen, soweit sie Fabrikware, gesagt
werden. Alles in allem genommen, sah ich, daß Manufakturwaren
nach Arbeit und Ausführung in den Vereinigten Staaten besser
sind. Das trifft nicht nur auf Kleidungsstücke, sondern auch auf
Manschetten, Kragen und ähnliche Artikel zu.“

In anderen als landwirtschaftlichen Artikeln fielen, seit dem
Berichte des Herrn Schönhof, die Preise in Amerika noch viel
mehr als in England. Der Preisfall war so bedeutend, daß die
Preise für Bessemerstahl, Stückeisen und Stahlklötze zu Pittsburg
niedriger stehen als in Middlesborough. Jetzt werden aus dem-
selben Grunde amerikanische Teppiche in England verkauft; große
amerikanische Schiffsbauer haben sich daher versucht gefühlt, Er-
laubnis für die Bewerbung um den Bau einiger neuer englischer
Kriegsschiffe nachzusuchen; die Clyde-Verwalter kaufen ihre neuen
und mächtigen Baggermaschinen in Neuyork. Ebenso hat der
vorher erwähnte' Umstand den amerikanischen Fabrikanten land-
wirtschaftlicher Maschinen in die Lage gebracht, die von ihm
verfertigten Werkzeuge auf den englischen Markt zu bringen,
und den Steinbruchsbesitzer, Granit von Maine nach Aberdeen
zu schicken.	: i 1 *j i’|; jj!

Den nächst wichtigsten Posten in dem Haushalt einer Arbeiter-
familie bildet die Feuerung. Im allgemeinen ist Feuerung in
den Vereinigten Staaten viel billiger als in Großbritannien. Bei
einem Vergleiche Neuyorks mit London zeigt es sich, daß Neuyork
gerade so billig Anthrazit-Kohle kauft, wie London Erdkohle.
Die erstere hat mindestens doppelten Feuerungswert, ja soll drei-
mal so viel wert sein wie Erdkohle. In bevölkerten Teilen der
Vereinigten Staaten übersteigt der Preis einer Tonne Kohlen nicht
8 Sh. In den großen Ländern des Westens, also in den Distrikten
Pennsylvanias und Ohios kostet die Kohle nicht mehr als 6 Sh1.
Der Amerikaner bedarf infolge der größeren Kälte im Winter
mehr Kohle; auCh hat er in seinem durchschnittlich größeren
Hause mehr Feuer brennen als der Engländer. Dennoch haben
Sachverständige sich die Überzeugung erworben, daß der Ameri-
ca r n e g i e, Kaufmanns Herrschgewalt.	11
        <pb n="181" />
        ﻿162	XII. Lebensunterhalt in Großbritannien

kaner gerade so wie der Brite nur sechs Prozent seines Einkom-
mens für Feuerung ausgibt.

Man hat in England die vermeintlich höheren Kosten für
den Lebensunterhalt in den Vereinigten Staaten den Wirkungen
des Tarifes zugeschoben. Etwas Überlegung wird jedem sagen,
daß diese Auffassung keineswegs begründet ist. Hauptsächlich
wurden die folgenden fünf Artikel unter dem McKinley-Gesetz
hart betroffen: Erstens extrafeine französische Seide, zweitens feine
Wollen und Linnenstoffe aus Großbritannien; drittens extrafeines
Linnen aus Deutschland und Frankreich; viertens die teuren fran-
zösischen Weine und fünftens Havannatabak und Havanna-Zigarren.
Die auf diesen fünf Artikeln liegenden Steuern sind allerdings sehr
hoch. Wollenstoffe erfordern 60 Prozent ihres Wertes, Seiden-
stoffe noch mehr; Champagner 32 Sh. für jedes Dutzend Flaschen
usw. Das bildet unser „demokratisches“ Budget. Nicht ein ein-
ziger Arbeitsmann in ganz Amerika kauft auch1 nur einen dieser
fünf Artikel. Es wird eben als die richtige Politik angesehen, die
Luxusgegenstände der Reichen hoch zu besteuern; Tee, Kaffee
und Zucker dagegen, welche von all und jedem gebraucht werden,
von jeder Abgabe frei zu halten. Es ist nicht wahrscheinlich, daß
diese Steuerpolitik ganz aufgegeben oder selbst nur im hohen
Grade eingeschränkt wird, wieviel Leute auch immer über eine
Tarifreform reden mögen. In der Tat, die jetzt in England durch-
brechende gesunde Tendenz, die Hauptsteuerlast auf die Schultern
der Reichen zu legen, die sie ja auch am besten zu tragen vermögen,
macht sich nicht weniger kraftvoll in unserer Republik geltend.
Die notwendigen, von den arbeitenden Klassen gebrauchten Lebens-
mittel werden wahrscheinlich in unserer Republik abgabenfrei blei-
ben; sie müssen sehr bald auch in der britischen Monarchie
ganz und gar frei sein; dagegen wird der Luxus der Reichen von
Jahr zu Jahr in beiden Ländern immer höher besteuert werden.

Früher wurde die vermeintlich unglückliche Lage des ameri-
kanischen Landwirts aus den Steuern, die auf den Maschinen
liegen, erklärt; man behauptete, er hätte infolge dieser Steuern
für seine landwirtschaftlichen Werkzeuge mehr zu zahlen, als es
anderweitig notwendig wäre; allein da der Amerikaner jetzt mit
seinen landwirtschaftlichen Maschinen den Weltmarkt beherrscht,
        <pb n="182" />
        ﻿und in den Vereinigten Staaten.

163

so sieht er sich nicht weiter durch die auf ausländischen Maschinen-
werkzeugen liegenden Steuern beeinträchtigt.

Das Auftreten der Vereinigten Staaten als Ausfuhrland von
Manufakturwaren, infolge der Verringerung der Herstellungskosten,
ist eines der bemerkenswertesten Ereignisse der letzten Jahre.
Hier sind einige einschlägige Daten. 1893 wurden landwirtschaft-
liche Werkzeuge nach vielen Teilen der Welt bis für £ 1 Million
(20 Millionen M.) ausgeführt, Kupferwaren bis zu £ 900000
(18 Millionen M.); Baumwollenwaren für £ 2,4 Millionen (48 Mil-
lionen M.); Eisen und Stahl, sowie daraus angefertigte Waren
für £ 6 Millionen (120 Millionen M.); Equipagen, Wagen usw. für
mehr als £ 500000 (10 Millionen M.); Holz und Holzwaren für über
£ 5 Millionen (100 Millionen M.). Auch amerikanische Möbel
bilden jetzt einen großen Ausfuhrartikel.

Im Jahre 1892 führten die Vereinigten Staaten so viel Eisen und
Stahl und daraus gemachte Waren aus, als sie einführten —
je 28 Millionen Dollar (112 Millionen M.).

Besonders bemerkenswert erscheint die Ausfuhr musikalischer
Instrumente im Betrage von £ 360000 (7,2 Millionen M.); Glas und
Glaswaren wurden für £ 1,6 Millionen (32 Millionen M.); Papier
und Papierwaren für über £ 300000 (6 Millionen M.) (einzelne eng-
lische Zeitungen werden jetzt auf amerikanischem Papier gedruckt),
Instrumente für wissenschaftliche Zwecke werden im Betrage von
£ 260000 (5,2 Millionen M.) und Wand- und Taschenuhren für
über £ 200000 (4 Millionen M.) ausgeführt.

Die Ausfuhr von Fabrikartikeln wächst zwar von Jahr zu Jahr,
muß aber im Gegensatz zu Großbritannien stets unbedeutend blei-
ben im Vergleich zur gesamten einheimischen Fabrikation; letz-
tere betrug 1890 nicht weniger als £ 1J5 Milliarde (35 Milliarden
Mark, in Worten fünfunddreißigtausend Millionen M.!). Der Wert
englischer Fabrikation war 1888 kaum halb so groß; sie betrug
nämlich £ 820 Millionen (16,3 Milliarden M., in Worten sechzehn-
tausend dreihundert Millionen M.).

Das Gedeihen eines noch jungen Reiches, wie es die Ver-
einigten Staaten sind, darf nicht nach seinem ausländischen, son-
dern nach seinem einheimischen Handel beurteilt werden. Je
mehr ein neues Land seine eigenen Bedürfnisse selbst zu befrie-
        <pb n="183" />
        ﻿164

XU. Lebensunterhalt in Großbritannien

digen vermag, desto mehr muß sein ausländischer Handel rela-
tiv abnehmen; beispielsweise wird ein größerer Teil der im Lande
geernteten Baumwolle auch im Lande selbst verarbeitet, infolge-
dessen geht dann weniger davon ins Ausland; und so verhält
es sich mit allen Naturerzeugnissen und auch mit einigen Artikeln,
die bis jetzt importiert wurden, bald aber in Amerika selbst
gemacht werden dürften.

Angesichts der hier mitgeteilten Verhältnisse und der augen-
scheinlichen Tatsache, daß der Lebensunterhalt in Amerika zweifel-
los viel billiger ist als in England, und daß damit dreiviertel der Ge-
samtkosten für die notwendigen Lebensbedürfnisse einer Arbeiter-
familie gedeckt sind, muß man sich die Frage vorlegen, wie die
noch heute in England weit verbreitete Anschauung, das Leben
in den Vereinigten Staaten sei teurer, entstehen konnte? Der
Grund dafür ist einfach folgender: Obgleich es wahr ist, daß man
in den Vereinigten Staaten jetzt mit 20 M. mehr notwendige Lebens-
bedürfnisse als in England einzukaufen vermag, und daß daher
der amerikanische Arbeiter sich großer Vorteile über den britischen
Arbeiter erfreut, so folgt bei Leibe noch1 nicht daraus, daß der
amerikanische Arbeiter ebenso billig lebt wie der britische Ar-
beiter — weit davon entfernt! Er erhält höhere Löhne. Der
vom Ausschuß des amerikanischen Senats unlängst erstattete Be-
richt zeigt, wie der englische Arbeiter durchschnittlich nur 65,
1—2 Prozent — also nicht viel mehr als die Hälfte — des ameri
kanisch'en Arbeitslohnes erntet; dabei wurden die hauptsächlichsten
Handwerke zur Grundlage genommen. Bei seinen höheren Ein-
nahmen hat der amerikanische Arbeiter Bedürfnisse, die überall in
der alten Welt als Luxus bezeichnet werden würden. Er nimmt
mehr ein, gibt aber auch mehr aus. Deshalb bleibt es in gewissem
Sinne wahr: dem amerikanischen Arbeiter kostet sein Lebensunter-
halt mehr als dem englischen. Doch nicht weniger wahr bleibt
es, daß der Unterschied im Lebensstil liegt. Für die unumgäng-
lich notwendigen Bedürfnisse sind die Preise in der neuen Welt
viel geringer.

In Amerika vermag der Arbeiter, wenn er dazu willens ist,
mit seiner Familie in der Tat außerordentlich billig zu leben;
unordentliche Leute aber können in Amerika gerade so leicht
        <pb n="184" />
        ﻿und in den Vereinigten Staaten.

165

ihr Geld ausgeben, wie in jedem anderen Lande. Einen vollen
Beweis dafür bieten fremde Arbeiter und unter ihnen ganz beson-
ders Ungarn und Italiener, die während der letzten Jahre in gro-
ßen Massen nach den Vereinigten Staaten ausgewandert sind.
Der von diesen ausländischen Arbeitern an die Hälter von Logier-
häusern gezahlte Preis für Essen beträgt 5 d (45 Pf.) täglich.
Gewöhnlich schlafen sie in hölzernen Schuppen, welche für sie
von ihren Arbeitgebern errichtet werden. In besonders schlechten
Geschäftszeiten, wie es beispielsweise die gegenwärtigen sind, ist
die den großen Massen des Volkes in Amerika offenstehende
Möglichkeit, billig und doch dabei gemächlich zu leben, von aller-
größter Bedeutung; hierdurch wurde das Volk vor vielem Leid
geschützt, das sonst die Folge der Arbeitslosigkeit gewesen wäre;
Arbeitslosigkeit aber ist eine der lebenden Generation in Amerika
vollkommen neue Erfahrung; sie dürfte wahrscheinlich bald wieder
vorübergehen, es sei denn, daß das Vertrauen des Kapitals in
die Beständigkeit unserer Goldwährung nochmals erschüttert werde.
Eine dahingehende Bemerkung des Schatzsekretärs im Mai ver-
gangenen Jahres hatte eine zeitweise geschäftliche Paralyse zur
Folge — und die Wiederherstellung davon ist nicht gerade be-
schleunigt worden durch die geplante neue Gesetzgebung für eine
Veränderung der Einfuhrsteuer.

Ob Amerika das Eldorado des Arbeiters sein kann oder nicht,
das hängt einzig und allein von dem Arbeiter selbst ab. Er
kann mit seiner Familie hier billiger leben als in England, wenn
er ebenso einfach leben will. Er befindet sich in der gleichen
Lage, wie eine alte mir bekannte Schottin, die gefragt, ob sie mit
einem bestimmten Jahreseinkommen existieren könnte, antwortete:
„Ah, ich könnte halt mit der Hälfte auskommen, aber könnte auch
das Doppelte ausgeben.“ Alles in allem darf man wiederholen:
ein Pfd. Sterl. (20 M.) vom Arbeiter und dessen Familie richtig
für die notwendigen Bedürfnisse in der neuen Welt ausgegeben,
wird heute dort mehr kaufen, als in der alten Heimat unserer Rasse
— eine Tatsache, welche vielleicht in nicht allzuferner Zukunft
auf beiden Seiten des atlantischen Ozeans weitreichende Folgen
nach sich ziehen dürfte.
        <pb n="185" />
        ﻿XIII.	Die natürlichen 01- und Gasquellen
im westlichen Pennsylvania1).

Daß das neue Feuerungsmaterial, welches die Erde uns vor
nicht allzulanger Zeit geschenkt, allgemeine Aufmerksamkeit er-
regt, ist nicht gerade zu verwundern, denn zweifellos war nie-
mals vorher etwas ähnliches bekannt gewesen. Höchstwahrschein-
lich bildet das westliche Pennsylvania den an unterirdischen
Schätzen reichsten Distrikt auf der ganzen Erdoberfläche. Seine
Hauptstadt ist das verräucherte Pittsburg. Südöstlich von dieser
Stadt finden sich die berühmten Kokskohlenlager, bekannt und
benutzt über ganz Amerika, von den Gestaden des atlantischen
Ozeans bis zu den Silberbergwerken Colorados hin. Ihre Ader
läuft sieben bis neun Fuß tief und umfaßt einen Bezirk von zwei-
hundert (englischen) Quadratmeilen. Sie liegen für den Bergbau
so außerordentlich günstig, daß Tausende von Tonnen Koks für
3 Sh. 6 d. (3,60 M.) die Tonne, Verladung mit inbegriffen, ab-
gegeben werden. Das Wachstum dieses Handels ist ungeheuer
gewesen, sogar für die Verhältnisse Amerikas; es leben noch
Männer, welche die ersten Koksöfen bauten, während heute
4—10000 solcher Öfen im Lande existieren. Seit zwanzig Jahren
erst fand Koks für Windöfen Verwendung. Und doch wurden
schon im Jahre 1882 138001840 Busheis (ein Bushel gleich einem
alten Scheffel) geerntet. Unmittelbar östlich von Pittsburg liegt
das Westmore- und Gaskoksgebiet, woher die östlichen Städte
sich mit Gas versehen. Diese Kohlenader ist 5—6 Fuß tief und
so leicht zu fördern, daß die Pennsylvanische Eisenbahn-Gesell-

J) Zuerst veröffentlicht Januar 1885.
        <pb n="186" />
        ﻿XIII. Die natürlichen öl- und Gasquellen im westlichen Pennsylvania. 167

schaft ihre Lokomotiven für etwa 3 Sh. die Bruttotonne, alle
Unkosten mit inbegriffen, zu versorgen vermag. Das Kohlenfeld
dehnt sich östlich und südöstlich von der Stadt aus, entlang
den Ufern des Monongahela- und Youghioghenyflusses. Von den
an diesen Ufern gelegenen Bergwerken werden Städte, so weit
entfernt wie Neuorleans, mit Oaskohle versorgt. Die jährliche
Ernte übersteigt 7000000 Tonnen.

.Wenden wir uns nun von diesen Koks- und Gaskohlbehältern
etwa hundert Meilen weiter von Pittsburg dem Norden zu, dann
gelangen wir in die Region des Öls. War schon die Entwicklung
der Koks- und Gaskohlenindustrie ungeheuer, so wird diese doch
noch um bis dahin nie Gekanntes durch die Petroleumindustrie
übertroffen. Vor kaum zweiundzwanzig Jahren besuchte ich in
Gesellschaft einiger Freunde die berühmte Ölquelle von Storey-
Farm, über Öl-Creek (Ölbach). Das Öl lief damals von der
Quelle in den Bach, auf welchem ein paar flache, mit dem Öl
angefüllte Böte lagen, die darauf warteten, den Alleghanyfluß
an einem bestimmten Tage jeder Woche hinuntergetrieben zu
werden; der Bach wurde damals mit Hilfe eines Dammes be-
flutet. Das war der Anfang der Industrie in natürlichem Öl.
.Wir kauften die Farm für £ 8000 (160000 M.). So gering war
unser Glaube an die Fähigkeit des Bodens, auf längere Zeit die
hundert Fässer Öl, welche die Quelle damals täglich hergab,
hervorzubringen, daß wir uns zur Herstellung eines ausreichend
großen Teiches entschlossen, um 100000 Tonnen Öl zu halten;
nach unserer Rechnung war dieses Quantum, im Falle eines Ver-
sagens der Quelle, £ 200000 (4 Millionen Mark) wert. Unglück-
licherweise leckte der Teich ganz furchtbar; daneben verursachte
die Verdampfung großen Verlust; allein wir ließen das Öl ruhig
weiter in den Teich hineinlaufen, um die täglichen Verluste wieder
auszugleichen, bis auf diese Art verschiedene hunderttausend Ton-
nen des kostbaren Stoffes verschwunden waren. Unsere bei dieser
Farm gemachte Erfahrung verdient allgemein bekannt zu werden.
Ihr Wert stieg auf £ 1000000 (20 Mill. Mark); das will sagen,
so hoch v/ar die Grundwertschätzung für den Marktverkauf der
Aktien; in einem einzigen Jahre zahlten letztere £ 200 000 Divi-
dende in reiner Kasse, gewiß ein außerordentlich guter Gewinn
        <pb n="187" />
        ﻿168

XHI. Die natürlichen Öl- und Gasquellen

für eine Kapitalanlage von nur £ 8000 (160000 M.). Selbstver-
ständlich ist das ein außergewöhnlicher Fall; gar viele Hundert-
tausende von Pfd. Sterl. sind bei der Anlage von Ölländereien
von anderen verloren worden. Noch vor wenigen Jahren wurde
dasselbe Öl als ein Heilmittel für alle nur möglichen bekannten
Und unbekannten Krankheiten für 8 Sh. die Flasche verkauft.
Es war damals als „Senecaöl“, „das große Indianerheilmittel“,
bekannt, weil die Indianerhorden, welche zur Zeit den Bezirk
bewohnten und das Öl von der Oberfläche des Teiches ab-
schöpften, „Senecaindianer“ hießen. Das „allmächtige Heilmittel“
wird jetzt für weniger als 3 Sh. die Tonne verkauft. Doch so
befremdend es scheinen mag, dieselben Leute, welche früher jede
einzelne Flasche mit 8 Sh. bezahlten und die großen Heileigen-
schaften des Öls öffentlich bescheinigten, finden nun, da die
Flasche für ya d. (5 Pf.) gekauft werden kann, daß alle guten
Eigenschaften des Öls dahin sind. So viel hängt von den Myste-
rien in der materia medici ab!

Wir begannen vor etwa zwanzig Jahren mit nichts; heute
(1885) produziert derselbe Bezirk 70000 Fässer Öl täglich. Am
ersten November 1884 wurden nicht weniger als 38034337 Fässer
in großen Behältern aufgespeichert; eine Masse von Öl, die für
den Bedarf der ganzen Welt auf mehrere Jahre hinreicht. Bis
zum Januar 1884 hatte dieser Bezirk 250 Millionen Fässer Öl ans
Licht gebracht, und doch strömt es noch immer in täglich wachsen-
den Massen hervor. Zur Fortschaffung dieser ungeheuren Mengen
wurden 6200 englische Meilen lange eiserne Röhren gelegt. Ver-
mittelst dieser Röhren wird das Öl von den Teichen, welche
sich jetzt auf 21000 Stück belaufen, nach der Seeküste — einer
Entfernung von ungefähr 300 englischen Meilen — gepumpt.
Der Wert des Petroleums und der daraus gezogenen Produkte
belief sich im Jahre 1877 auf £ 12 Millionen (2,4 Milliarden Mark).
Im Jahre 1883 betrug seine Ausfuhr nur £ 9 Millionen (180 Millionen
Mark), obgleich die ausgeführte Menge, 656363 869 Gallonen (un-
gefähr 11505465 Hektoliter), doppelt so groß war, wie die im
Jahre 1877 ausgeführte. Die Gesamtausfuhr bis zum 1. Januar
1884 beträgt etwas mehr als £ 125 Millionen (250 Millionen Mark).
Man kann ruhig sagen, daß der Ertrag aus den Ölquellen des
        <pb n="188" />
        ﻿im westlichen Pennsylvania.

169

westlichen Pennsylvania imstande sein würde, bevor diese Quellen
irgendwie erschöpft sind, die gesamten amerikanischen Staats-
schulden zu zahlen.

Wir kommen nun zu der allerletzten Entdeckung unserer
unterirdischen Schätze: der Gasquellen, welche Pittsburg so ge-
schwind umgaben. Geradeso wie das natürliche Öl auf der Ober-
fläche von Öl-Creek (Ölbach) — daher der Name — zu allererst
bemerkt worden, geradeso wurde im nordöstlichen Bezirke von
Pittsburg — in einer Entfernung von etwa fünfzehn englischen
Meilen — zuerst ein Emportseigen kleiner Gasblasen auf den
Wässern der Bäche bemerkt. Ebenso hatte man im Morast viele
Jahre lang ein Gas, in einer Tiefe von zwanzig Fuß bemerkt,
welches die Landbewohner oftmals für Einkochen des Saftes vom
Ahornbaum benutzten, um daraus Zucker zu gewinnen. Der Mittel-
punkt dieses natürlichen Gasbezirks ist das Dorf Murraysville
in der Landschaft Westmoreland. In der Strömung einer dortigen
kleinen Mehlmühle wurde eine größere, als die gewöhnliche Menge
Gas wahrgenommen; infolgedessen ließ vor etwa fünfzehn Jahren
eine Gesellschaft von Spekulanten an dem genannten Ort Bohr-
versuche bis zu einer Tiefe von 900 Fuß vornehmen, doch ohne
jedes Resultat. Sieben Jahre später wiederholte eine andere Ge-
sellschaft diese Versuche; sie entschied sich dahin, mit dem Bohren
nicht aufzuhören, bevor eine viel größere Tiefe erreicht sein
würde. Natürlich hofften sie auf Ölquellen zu stoßen. Sobald
sie jedoch 1320 Fuß tief gebohrt hatten, fand eine so ungeheure
Explosion statt, daß die Drillbohrer aus den Bohrlöchern in die
Luft geschleudert wurden und alles in Stücke brach. Das Brausen
des ausströmenden Gases hörte man bis nach dem fünf englische
Meilen entfernten Monroeville. Die bis dahin abgesperrte Kraft
hatte endlich einen Ausweg gefunden. Damit entstand eine neue
Reichtumsquelle für das, wie meine Leser vielleicht sagen mögen,
von der Natur schon vorher allzu günstig bedachte westliche
Pennsylvania. Nachdem vier Röhren, jede zwei Zoll im Durch-
messer, von der Mündung der Quelle aus gelegt und der Gas-
strom durch dieselbe hindurch geleitet war, wurde das Gas an-
gezündet und der ganze Distrikt erschien auf Meilen weit rund-
herum in Flammen. Man ließ diesen kostbaren Feuerungsstoff
        <pb n="189" />
        ﻿170

XIII. Die natürlichen 01- und Gasquellen

stoff volle fünf Jahre lang brennen, da kein Kapitalist auch nur
die £ 40000 (800000 M.) für die Legung von Gasröhren in die
Faktoreien und Mühlen, wo das Gas benutzt werden konnte,
herzugeben willens schien.

Ich besuchte den Bezirk vor kurzem und fand dort neue Gas-
quellen. Das Gas von den drei mächtigsten Quellen strömte
immer noch in die Luft aus. In der Tat, ein wunderbarer An-
blick. Das Gas strömt mit solcher Gewalt durch die sechs Zoll
breite Röhre, welche zwanzig Fuß hoch über die Erdoberfläche
aufsteigt, daß es sich erst sechs Fuß hoch über der Rohraus-
mündung entzündet. In den klaren blauen Himmel blickend, sieht
man ohne jede sichtbare Verbindung mit der Erde, einen tan-
zenden goldenen Geist, welchen der Wind in phantastische For-
men wandelt und nach allen Richtungen hin umherwirbelt. Da
das Gas aus der Quelle mitten in die Flamme hineinschlägt und
teilweise durch die Flamme hindurchströmt, so kräuselt sich der
untere Teil der Flamme nach einwärts, bringt dabei die schönsten
Lichtwirkungen hervor und sammelt sich in reizenden Falten am
Grunde, gleich einer wahren Feuersäule. Und dabei ist nicht
auch nur ein einziges Atom Rauch zu bemerken. Jetzt bringen
bereits vier verschiedene Röhrenlinien, von denen zwei acht Zoll
im Durchmesser haben, das Gas von dem eben beschriebenen
Bezirke nach den Fabriketablissements in Pittsburg, und eine fünfte
Röhre versorgt unsere Bessemer Stahlwerke damit, in einer Ent-
fernung von neun bis zehn Meilen. Eine andere Röhre, zehn
Zoll im Durchmesser, wird eben gelegt.

Die Kosten für die Röhrenlegung werden, das Wegrecht mit
eingeschlossen, jetzt auf £ 1500 (30000 M.) die Meile berechnet, so
daß die Linie nach Pittsburg ungefähr £ 27000 (540000 M.) die
Meile kostet. Die Bohrungskosten belaufen sich ungefähr auf £ 1000
(20000 M.). Die dabei befolgte Art des Vorgehens ist folgende:
Zuerst wird ein Kran aufgerichtet; eine sechs Zoll breite, schmiede-
eiserne Röhre wird dann unter dem Kran in die weiche Erde ge-
trieben, etwa 75—100 Fuß tief, bis man auf Gestein stößt. Darauf
werden große Drillbohrer im Gewicht von drei bis zu viertausend
Pfund (1500—2000 Kilo) in Tätigkeit gesetzt; sie steigen und
fallen bei jeder Bewegung vier bis fünf Fuß. Die zur Bewegung
        <pb n="190" />
        ﻿im westlichen Pennsylvania.

171

dieser Bohrer nötige Gasfeuerung wird durch schmälere Röhren
von den beiden Gasquellen herbeigeschafft. Nachdem ein acht Zoll
großes Loch bis zu einer Tiefe von etwa 500 Fuß gebohrt ist,
wird eine schmiedeeiserne Röhre so angelegt, daß sie das Wasser
ausschließt. Das Loch wird dann in einem Durchmesser von
sechs Zoll so lange weitergebohrt, bis man auf Gas trifft; sobald
man soweit gelangt, wird eine weitere Röhre von vier Zoll Durch-
messer angelegt. Man braucht vierzig bis sechzig Tage zum Ab-
täufen der Quelle und zur Gewinnung des Gases. Die bis jetzt
größte Gasquelle ergibt 30 Millionen Quadratfuß Gas in vierund-
zwanzig Stunden; man schätzt, daß etwa die Hälfte davon auch
jede andere gute Quelle ergeben muß. Der Druck des Gases, bei
seinem Ausfluß aus der Mündung der Quelle ist beinahe oder
ganz gleich 200 Pfund auf jeden Quadratzoll. Eine der von mir
untersuchten Spurweiten zeigte einen Druck von 187 Pfund. Sogar
bei unseren Werken, die neun Meilen von der Quelle entfernt
liegen, beträgt der Druck noch immer 75 Pfund auf den Quadrat-
zoll. Bei einer der Gasquellen wurde eine Zufuhr von reinem
Wasser wünschenswert; ich errichtete eine kleine Dampfmaschine,
getrieben ohne jede Hilfe durch den Druck des von der Gasquelle
einsteigenden Gases; auf diese Weise wurde voller Wasserzufluß
von einer Quelle im Tal erlangt. Selbstverständlich hat man ver-
schiedene Theorien über die Ursprungsart und Ausdehnung dieses
Gasgürtels aufgestellt. Die Zahl der im Murraysvillebezirk ge-
bohrten Quellen läßt diesen Gasgürtel auf eine halbe Meile Um-
fang schätzen, ja südöstlich von Murraysville sogar in einer Aus-
dehnung von fünf bis sechs Meilen. Die darüber hinausgebohrten
Quellen ergaben solch ungeheuren Strom von salzigem Wasser,
daß dieser das Gas nahezu ertränkte; wenn auch hier etwas Gas
zutage kam, waren doch die gewonnenen Gasmengen für irgend-
welche Ausnützung nicht bedeutend genug; sie bewiesen eben
nur, daß überhaupt Gas vorhanden war. Sachverständige nehmen
daher an, daß unter den Gasquellen große Salzwasserflächen
existieren müssen. Verschiedene Quellen sind in der Stadt Pittsburg
und deren Umgebung gebohrt worden; doch auch hier hat das
Salzwasser gleichen Schaden für das Gas angerichtet. Ein mir
befreundeter Geologe belehrte mich, daß die Bodenlage ungefähr
        <pb n="191" />
        ﻿172

XIII. Die natürlichen öl- und Gasquellen

6000 Fuß tief nahe Pittsburg einsinkt; seiner Annahme nach ist
diese ganze tiefere Niederung einst mit Salzwasser angefüllt ge-
wesen; deshalb haben sich alle Gasbohrversuche in diesen Be-
zirken erfolglos gezeigt. Ob noch tiefere Bohrung oder ein Ver-
fahren für Absperrung des Wassers diese Schwierigkeit über-
wältigen wird, bleibt abzuwarten. Nordwestlich von Murraysville
ist nur wenig für Feststellung einer Ausdehnung des Gasgürtels
getan. Soviel über den Murraysvillebezirk, der den größeren Teil
alles in Pittsburg verbrauchten Gases liefert.

Wenn meine Leser eine Karte vom westlichen Pennsylvania
zur Hand nehmen und dem Alleghanyflusse einige zwanzig Meilen
von Pittsburg aus folgen, dann werden sie die Stadt Tarentum,
den Mittelpunkt des zweiten gasreichen Bezirks, bemerken. Dort
sind verschiedene reiche Gasquellen entdeckt, und es ist gar leicht
möglich, daß die Zukunft dort ähnliche Naturreichtümer wie die
im Murraysvillebezirk aufdecken wird. Eine kürzlich dort auf-
gefundene Quelle kann sehr wohl mit den Quellen im letzt-
genannten Bezirke verglichen werden. Unlängst hat sich eine
Kapitalistengruppe gebildet, um das Gas in Röhren, die in den
Alleghanyfluß eingebettet werden sollen, bis nach Pittsburg zu
bringen; ich zweifle nicht daran, daß bis Ende 1885 diese Gas-
kanäle bereits in Gebrauch sein werden, und daß Tarentum uns
eine große Menge von Gas liefern wird.— Ich komme nun zu dem
dritten Bezirk; sein Mittelpunkt ist das Landstädtchen Washington
in Pennsylvania; es ist ungefähr fünfundzwanzig Meilen von Pitts-
burg entfernt. Ich fuhr nach diesem Bezirk hinaus und blieb
eine Nacht über im Hause eines Freundes, zwölf Meilen von den
Quellen entfernt. Sie waren in Feuer gesetzt, und der ganze
Himmel war glänzend von ihnen beleuchtet. Obgleich so weit
entfernt, hatten wir doch den Eindruck, als rase ein großes Feuer.
Am nächsten Morgen fuhren wir zu den Quellen. Eine lange
Röhre war bereits gelegt; sie trägt das Produkt einer dieser Quellen
zu den Eisenwerken, dem Ufer des Ohio entlang bis Pittsburg;
zwei andere Röhren sind gleichfalls in Angriff genommen. Was
wir hier sahen, war ganz ähnlich dem im Murraysvillebezirk Be-
kannten, nur mit dem Unterschiede, daß hier das Gas von dem
Ausfluß der Gasquellen in auf dem Boden liegenden Röhren
        <pb n="192" />
        ﻿im westlichen Pennsylvania.

173

geleitet wird, während es im Murraysvillebezirk gerade aufrecht
und hoch in die Luft schießt. Wenn man von dem Rande über
die erste Quelle ins Tal hinunterblickt, scheint das Ganze ein
ungeheurer runder Ring, dessen Grün verbrannt ist und dessen
Grund unter der Flamme erglüht. Der Ring war ganz kreisrund,
da der Wind die Flamme von einer Richtung zur anderen im
Kreise herumtrieb; der Anblick der großen goldenen, abschüssig
am Boden lagernden Flamme, die mit dem Winde spielte und
nach jeder Richtung hin umherwirbelte, überwältigte geradezu.
Die große Bestie Apollyon schien, jedoch ohne jeden Rauch,
von ihrem Lager wieder auferstanden.

Im allgemeinen gilt Amerika als das Land der Auswanderung;
allein die Wanderungen der Menschen über die ganze Erde werden
von Tag zu Tag allgemeiner. Die angelsächsische Rasse wächst
rastlos überallhin empor. Da ich einen Augenblick anhielt, um
über den Zaun zu klettern und herunterzugehen zu dem feurigen
Ungetüm, erblickte ich folgende Ankündigung:

Öffentlicher Verkauf.

Der Unterzeichnete, im Begriff nach Australien überzusiedeln,
will am Donnerstag, den 25. September, zum Verkauf aus-
bieten auf seinem Wohnsitz, der als Frau Andrew Carlisle’s Farm,
U/2 Meilen östlich von Hickory an der Hickory- und Washington-
Straße, wohlbekannt ist, die ganzen Haushaltungs- und Küchen-
möbel, bestehend aus Pulten, Bettstellen, Betten, Stühlen Tischen,
Anrichtetischen, Kochofen; also alles, was er besitzt. Beginn des
Verkaufs pünktlich 1 Uhr; die Bedingungen werden zu dieser
Stunde bekannt gegeben.	William Tiplady.

A. W. Cummins, Auktionator.

Was in aller Welt mochte wohl Herrn Tiplady aus dieser
schönen Gegend, einem der besten Ackerlands-Bezirke in ganz
Amerika, vertrieben haben, gerade im Augenblicke, da unerwartete
Schätze in der Erde, unmittelbar unter seinen Füßen entdeckt
wurden? Schätze, welche eine unbegrenzte Tätigkeit in dem Bezirk
verhießen und jedermann die leichte Möglichkeit gaben, mehr als
sein Auskommen zu finden? Verschiedene Mutmaßungen wurden
        <pb n="193" />
        ﻿174	XIII. Die natürlichen öl- und Gasquellen

aufgestellt; am wahrscheinlichsten schien, daß er Verwandte in
Australien besaß, in deren Mitte er seine Tage zu beschließen
wünschte. Der Name war uns allen vollkommen unbekannt; allein
er ist sehr ähnlich den vielerlei zusammengesetzten Namen, die
während unserer letzten Wagentour durch das südwestliche Eng-
land in so hohem Grade unsere Aufmerksamkeit erregten; wir
meinten deshalb, er müsse von dem englischen Mutterlande her-
übergekommen sein. Wahrscheinlich war der eine der Brüder
nach den Antipoden ausgewandert, während ein anderer den Schutz
der Republik suchte. Wirklich, unsere Rasse ist eine wahre No-
madenrasse, weithin und rastlos über die Erde wandernd.

Als wir unsere Hände auf die zitternde Röhre an der Quelle
legten — es braucht starke Nerven, sich dem tobenden Gebrüll
und der wirbelnden Flamme zu nähern — und dort standen,
waren wir von der eisigen Kälte überrascht. An einer der Quellen,
bei der eine Holzdecke über die Ventilklappe gelegt worden, be-
deckte eine schöne Eisschicht von etwa einer achtel Elle Dicke,
durch die Verdichtung hervorgerufen, die Röhre. Neue Brunnen
wurden gerade jetzt aufgedeckt; augenscheinlich ist die Landschaft
Washington dazu bestimmt, wesentlich zu den in Pittsburg ver-
brauchten Gasmengen beizusteuern. So wurde die Existenz von
Gas bereits für drei Viertel eines die Stadt Pittsburg voll um-
gebenden Kreises, für eine Entfernung von fünfzehn bis zwanzig
Meilen, in großen Mengen nachgewiesen. Das Gas wartet hinter
seinem Sandfelsen nur noch auf Befreiung.

Kommen wir nun zur praktischen Ausnützung des natürlichen
Gases. Die erste Frage ist selbstverständlich: Wie lange wird es
andauern ?

Freunde von mir, die mit Ölländereien, mit denen Gasland
vieles gemeinschaftlich hat, wohl vertraut sind, versichern mir, daß
selbst nach zwanzig Jahren das gegenwärtig bekannte Gasland
nicht erschöpft sein wird. Auch scheint es kaum möglich, daß wir
schon alles Gasland entdeckt haben. Der Bruch im Gasgürtel nahe
Pittsburg ist vermutlich ein mehr örtlicher Fehler, so daß süd-
westlich von Pittsburg der Gasgürtel sich höchstwahrscheinlich'
noch viele Meilen lang ausbreitet. Voraussichtlich werden wir hier
ähnliches wie mit der Ölregion erleben. Monat auf Monat ertönte
        <pb n="194" />
        ﻿~~-r-

im westlichen Pennsylvania.

175

der Schrei, die Erde könne solche Verschwendung nicht aushalten!
Nicht nur Ölflüsse, sogar ganze Seen von Öl müßten sich zuletzt
erschöpfen, wenn 70000 Fässer täglich herausgeschöpft würden.
Spekulanten mischen sich zeitweise ein und kaufen Millionen von
Fässern auf, in der bestimmten Erwartung, daß der Vorrat an Öl
sich erschöpfen müsse, und doch lähmt oder ruiniert jede darauf
bauende Spekulation ihre Urheber. Früher galt der Petroleumpreis
von £ 2 (40 Mark) das Faß für billig; dann fiel der Preis auf
£1 (20 Mark), und dann ging es sogar auf 4 Sh. herunter; jetzt
aber (1885) kostet das Faß Petroleum nur noch 2 Sh. 10 d., und
dabei ist der Vorrat größer als je zuvor. Es verspricht mit Gas
gerade so zu werden.

Wie man mir mitteilt, ist für die Bereitung von Glas, das in
ungeheuren Massen zu Pittsburg fabriziert wird, Gas in jeder
Beziehung wertvoller und auch handlicher als Kohle, da es die
Qualität des Produktes erhöht. Eine Firma in Pittsburg macht
jetzt Glasplatten von ungeheurer Größe, weiche an Güte dem ein-
geführten französischen Glase vollkommen ebenbürtig sind; sie
ist dazu imstande durch Gebrauch von Gasfeuer. Auch in der
Eisen- und ganz besonders in der Stahlfabrikation wird die Qualität
durch den neuen Feuerungsstoff bedeutend verbessert. In unseren
Stahlschienenwerken haben wir während der letzten Zeit auch
nicht ein einziges Pfund Kohle mehr verwendet; desgleichen in
unseren Eisenwerken. Die Veränderung ist geradezu staunen-
erregend. In einem Dampfkesselhause, in dem wir früher neunzig
Heizer beschäftigten und 400 Tonnen Kohle täglich brauchten,
kann der Besucher eine lange Reihe von Dampfkesseln entlang
gehen und sieht all diese Kessel von einem einzigen Manne bedient.
Nachdem das Haus einmal gründlich gereinigt, ist der frühere
Feuerungsschmutz für immer verschwunden; auch die Essen rauchen
nicht mehr. In den Union-Eisenwerken haben unsere Puddel-
arbeiter die zu ihren Schmelzöfen gehörigen Kohlen-Bunker weiß
gewaschen. Die meisten und vorzüglichsten Eisen- und Glaswerke
in Pittsburg benutzen entweder schon das Gas als Feuerungsmaterial
oder machen Vorbereitungen für seine Benutzung. Nicht nur
werden die Kosten für die Kohlen, sondern auch die großen Kosten
für Handhabe und Anfeuerung der Kohlen erspart; zugleich sind
        <pb n="195" />
        ﻿176

XIH. Die natürlichen öl- und Gasquellen

die Reparaturkosten für die Kessel und Roststangen bedeutend
geringer. Der folgende Auszug aus einem an die amerikanische
Gesellschaft mechanischer Ingenieure erstatteten Bericht gibt eine
Idee von dem Werte des neuen Feuerungsstoffes.

„Natürliches Gas ist nach dem Wasserstoffgas die machtvollste
aller Gasfeuerungen, und, richtig verwendet, eine der sparsamsten,
weil fast die ganze ihm eigene Heizungskraft in verdampfendem
Wasser benutzt werden kann. Frei, wie es ist, von allen schäd-
lichen Bestandteilen, besonders von Schwefel, bringt es besseres
Eisen, Stahl und Glas, als Kohlenfeuer zustande. Es macht den
Dampf regelmäßiger, da es kein Öffnen der Kesseltüren und keine
leeren Räume an den Rostbarren für Einlaß kalter Luft frei läßt;
richtig gehandhabt, reguliert es den Dampfdruck, so daß der mit
der Beaufsichtigung der Kessel betraute Arbeiter nur nach dem
Wasser zu sehen hat; und selbst das könnte unterbleiben, wenn
man einem so flüchtigen Wassertender voll vertrauen wollte. Die
Kessel werden länger halten, auch können weniger Explosionen
infolge Ausdehnung und Zusammenziehung — dadurch hervor-
gerufen, daß kalte Luftmassen an heiße Platten kommen — ent-
stehen.“

* *

*

„Ein Versuch wurde gemacht, den Wert des Gases als Brenn-
stoff im Vergleiche zur Kohle als dampferzeugender Kraft fest-
zustellen; man benutzte dabei eine Retorte oder Sieder von zwei-
undzwanzig Zoll im Durchmesser, zehn Fuß lang mit vierzölligen
Röhren. Der Sieder wurde mit aüserwählter Youghioghenykohle,
in Stücken von etwa 4 KubikzoII, geheizt; der Ofen mußte so
gefüllt werden, um vermittels der dem Sieder verbundenen Esse
die besten Erfolge zu erzielen. Mit jedem Pfund verbrauchter
Kohle wurden neun Pfund Wasser in Dampf verwandelt. Das
Wasser wurde mit zwei Messern — das eine Mal bei der Auf-
saugung und das zweite Mal bei der Entladung — gemessen.
Man ließ das Wasser in einen Wärmer zu einer Temperatur
von 60—62° ein; dann wurde der Wärmer, der von dem Sieder
nach der Esse ging, in den Strom gestellt, sowohl für den Versuch
        <pb n="196" />
        ﻿im westlichen Pennsylvania.

1

mit dem Gase, wie für den mit der Kohle. Bei den entsprechenden:
Berechnungen wurde der im Pittsburger Bezirk allgemein ge-
brauchte 76 Pfund Schelf el verwendet. Auf jeden Scheffel wurden
684 Pfund Wasser in Dampf verwandelt, was 60,9 Prozent des
theoretisch berechneten Wertes der Kohle entsprach. Wo Gas mit
demselben Sieder brannte, aber mit einem anderen Schmelzofen,
fand man, daß bei einem Pfunde Gas auf 23,5 Kubikfuß das in
Dampf verwandelte Wasser im Werte von 20,31 Pfund oder 83,4 Pro-
zent der berechneten (theoretischen) Wärmeeinheiten nutzbar ge-
macht wurde. Der Dampf selbst stand unter atmosphärischem
Druck, und eine Öffnung war angebracht, groß genug, jeden Druck
von hintenher zu vermeiden; dabei war der Verbrennungsprozeß
sowohl des Gases wie der Kohle durchaus nicht besonders schnell.
Man fand, daß die untere Röhrenreihe verstopft und dann dieselbe
Wassermasse mit Kohle in Dampf verwandelt werden konnte. Da-
gegen ergab es sich, daß mit Gas, selbst wenn man alle Röhren
an dem der Esse nächsten Ende schloß und nur soviel offen ließ,
um der Verbrennungsstoffe ledig zu werden, fast ganz dieselben
Resultate erzielt werden konnten, sobald der gegen die Wände des
Schmelzofens geübte Druck gleich drei Unzen, also möglichst
kräftig war. Daraus durfte man schließen, daß der größte Teil
der Arbeitsleistung am Schlote des Sieders geschieht.“

Die einzigen bisher gemachten Analysen dieses natürlichen
Feuerungsmaterials, soweit solche veröffentlicht wurden, stammen
von unserem ersten Chemiker, Herrn Ford. Die dazu benutzten
Gasproben sind von der Mündung der Röhre in unsere Stahl-
schienenwerke genommen, nachdem das Gas neun Meilen weit von
den Quellen herkam.

Herr Ford schreibt mir, wie folgt: „Ich übersende vier meiner
letzten Analysen, welche an demselben Tage, da ich die Gasproben
erhielt, gemacht wurden. Vorläufig sind diese Untersuchungen
noch in ihren Anfängen. Ich möchte, sobald meine Arbeit im
Laboratorium für die Stahlwerke mir dazu die nötige Zeit läßt,
Gasproben von verschiedenen Quellen nehmen und eine Samm-
lung ihrer vorzüglichen Bestandteile anlegen. Ich glaube, ich habe
bezüglich dieser Bestandteile einige sehr interessante Tatsachen
entdeckt; allein es wäre töricht, schon jetzt meine Meinung darüber

Carnegie, Kaufmanns Herrschgewalt.	12
        <pb n="197" />
        ﻿178

XIII. Die natürlichen Öl- und Gasquellen

näher zu äußern, da ich bis jetzt weder Zeit noch Gelegenheit
gehabt habe, die verschiedenen Quellen zu besuchen und eine
Sammlung aller ihrer Bestandteile anzulegen, um so meine ersten
Eindrücke bestätigt zu finden.

Die von mir gemachte Entdeckung, daß natürliches Gas im
Laufe der Zeit seine Bestandteile ändert, dürfte viele in Erstaunen
setzen und neue Anregungen zum Nachdenken geben. Ich wünschte
wohl Gewisses darüber, ob das natürliche Gas aus anderen Quellen
ebenso sehr sich verändert, wie das von Murraysville; wenn das
Gas einiger Quellen sich verändern, das von anderen dagegen stets
dasselbe bleiben sollte, so erstände natürlicherweise die Frage,
welche Quellen die mehr ausdauernden sind? Die Tatsache der
Verschiedenheit des Gases von denselben Quellen wird sicher ein
neues Licht über die Entstehung des Gases werfen und, wie ich
glaube, möglicherweise auch neues Licht auf das Petroleum-
Problem. Mit Rücksicht darauf, daß ich die verschiedenen Seiten
des Problems im Auge hatte, möchte ich meine Ansichten erst durch
zahlreiche Analysen bestätigt und wieder bestätigt sehen, bevor
ich1 meine Resultate veröffentliche. Indem ich hoffe, daß die bei-
folgenden Analysen Ihren Zwecken entsprechen, verbleibe ich usw.

S. A. Ford.“

Analysen des natürlichen Gases.

°/o	°lo	°/o	•/0	°/o

Kohlensäure ....	—	0,61	0,81	—	0,67

Sauerstoff........... 2,60	0,40	0,61	0,61	0,90

Olefiantgas.......	0,80	0,61	0,81	0,61	2,45

Kohlenoxyd ....	0,40	0,61	0,81	0,40	3,12

Wasserstoffgas. . .	3,51	29,75	2,94	19,67	31,52

Sumpfgas.......... 88,40	68,01	94,02	78,72	39,97

Stickstoffgas ....	4,29	—	—	—	19,35

Herrn Fords Untersuchungen stehen, soviel ich weiß, bis jetzt
einzig da, und meine Leser finden darin alles, was bisher über
das natürliche Gas wissenschaftlich feststeht.

Wie, wo und in welchem Maßstabe Gas in den unteren,
bisher noch nicht bekannten Regionen erzeugt wird, sind wir nur
zu vermuten imstande. Klar bewiesen dagegen ist, daß sich Gas in
        <pb n="198" />
        ﻿im westlichen Pennsylvania.

179

jeder Richtung rund um Pittsburg herum, vom Nordwesten ab-
gesehen, findet, und daß der Gasgürtel in der Nähe von Murrays-
ville ungefähr eine halbe Meile lang ist; dennoch sind damit die
wirklichen Grenzen der Gasvorräte noch nicht erreicht, denn sogar,
während ich diese Zeilen schreibe, kommt die Nachricht von einer
mächtigen Quelle, auf die man zu Canonsburgh gestoßen: einem
Orte, der etwa acht Meilen von den Quellen, die ich in der Land-
schaft Washington besuchte, entfernt liegt; daneben ist eine neue
Region westlich von Canonsburgh unlängst in Angriff genommen,
deren Gas in den Fabrik-Anlagen zu Beaver Falls (Pennsylvania),
fünf Meilen westlich von Pittsburg, verwendet wird.

Wir mögen daher sehr wohl zu dem Schlüsse kommen, daß
Pittsburg den Mittelpunkt bildet für eine Gaserzeugung, welche
mehrere Quadratmeilen bedeckt, und daher wohl hinreicht, all das
Gas zu erzeugen, welches innerhalb seines Bezirkes der gegen-
wärtigen Generation nötig ist, sowohl für Fabrik- als für häuslichen
Bedarf. Am Ende des laufenden Jahres (1885) werden acht Röhren-
linien das Gas nach Pittsburg bringen, und doch wird die Menge
des schon empfangenen Gases und dessen, was jetzt ungenützt
draufgeht, die Leistungsfähigkeit dieser Linien noch übertreffen.
Zwei dieser Röhren sind 5—5,8 Zoll im Durchmesser, vier betragen
acht Zoll, eine erreicht zehn Zoll und eine andere zwölf Zoll im
Durchmesser.

Verschiedene Theorien wurden für die Erklärung des Daseins
dieses Brennstoffes aufgestellt. Am vernünftigsten scheint mir die,
welche mir Professor Dewar in Cambridge gab, der uns unlängst
besuchte und von der neuen Reichtumsquelle einen tiefen Eindruck
gewann. Er glaubt, daß das Gas unaufhörlich sich selbst aus dem
Naturöl destilliert, oder von ungeheuren Lagern von Materie, welche
langsam in Öl sich verwandelt, kommt, und daß wir deshalb noch
lange, nachdem die Ölregion aufgehört haben wird, Öl in be-
trächtlichen Mengen zu liefern, trotzdem weiter eine genügende
Zufuhr von Gas haben werden; denn je seichter das Öllager
werde, desto günstiger würden die Bedingungen für seine schnelle
Destillation. Es ist daher wohl wahrscheinlich, daß Pittsburg,
welches heute den Ruf genießt, die bei weitem schmutzigste Stadt
der ganzen Welt zu sein, später einmal das andere Extrem erreichen
        <pb n="199" />
        ﻿180 XIII. Die natürlichen öl- und Gasquellen im westlichen Pennsylvania.

und aus der schmutzigsten und rauchigsten die reinste Stadt der
Welt werden wird. Wie dem aber auch immer sein mag, eines,
denke ich, dürften nur wenige bestreiten: daß, umgeben von
solchen Hilfsquellen, wie ich sie hier zu beschreiben versucht habe,
Pittsburg, soweit unterirdische Schätze in Frage kommen, heute die
Metropolis des reichsten Bezirkes der Welt ist.

Anmerkung: So wenig sparsam ist man mit dem hier be-
sprochenen natürlichen Feuerungsstoff umgegangen, und so groß
war die mit ihm getriebene Verschwendung, daß sogar das schein-
bar Unerschöpfliche infolge seiner neueren Spärlichkeit kostbar
geworden; das Qas, welches früher durch die weiten Röhren
flatterte und die Straßen selbst die kleinsten Städte mit fünf Fuß
hohen Flammen erleuchtete, wird jetzt meterweise vermessen und
nach Tausenden von Kubikfuß verteilt.

V V V
V V
V
        <pb n="200" />
        ﻿XIV.	Der dreibeinige Stuhl.

Schema über der Welt Arbeit.

Für jedes industrielle Unternehmen sind drei Teilhaber nötig.
Der erste — zwar nicht seiner Bedeutung, wohl aber der Zeit
nach — heißt: Kapital. Ohne diesen Teilnehmer kann nichts
unternommen werden. Vom Kapital erhält jede Unternehmung
ihren ersten Lebensodem.

Nachdem die Grundlagen aufgerichtet, das Unternehmen mit
den nötigen Mitteln ausgestattet und alles für industrielle Tätigkeit
fertig ist, beginnt der zweite Teilhaber seine Arbeit: Dieser Teil-
haber heißt „geschäftliche Tüchtigkeit“. Der Teilnehmer „Kapital“
tat das seinige bereits. Er hat alle Mittel und Werkzeuge für die
Gütererzeugung beschafft; allein solange Kapital nicht über Männer
verfügt, welche das Geschäft zu leiten verstehen, ist all sein Auf-
wand umsonst.

Und nun erscheint der dritte Teilnehmer, zwar zuletzt, aber
deshalb keineswegs der unwichtigste unter den dreien: Sobald
„Arbeit“ nicht ihre Pflicht tut, ist alle Mühe und aller Aufwand
vergeblich. Kapital und geschäftliche Tüchtigkeit ohne Arbeit sind
gleich totgeborenen Kindern. Das Triebwerk rührt sich nicht,
wenn Arbeit es nicht bewegt.

Man könnte Bände darüber schreiben, ob der erste, zweite
oder dritte Teilnehmer größere Bedeutung besitzt; im großen und
ganzen kommt jedoch nichts dabei heraus. Volkswirte und spekula-
tive Philosophen haben sich Jahrhunderte lang den Kopf über dieses
Thema zerbrochen; dennoch wurde bis auf den heutigen Tag auf
diese Frage keine endgültige Antwort gefunden, noch wird in Zu-
kunft jemals eine solche Antwort gefunden werden, weil eben
        <pb n="201" />
        ﻿182

XIV. Der dreibeinige Stuhl.

jeder der drei Teilnehmer gleich wichtig, und jeder unter ihnen
gleich notwendig ist. Es gibt eben in diesem Falle kein erstes,
zweites und drittes — keinen Vorzug! Sie sind alle drei voll- und
gleichberechtigte Glieder des Dreibundes, welcher die industrielle
•Welt beherrscht. Geschichtlich genommen, bestand Arbeit lange
vor Kapital und geschäftlicher Tüchtigkeit in der Welt. Denn
Adam und Eva hatten kein Kapital, und nach den Ergebnissen
ihrer Arbeit zu schließen, war keiner von beiden mit besonderem
Geschäftssinn begabt, doch all das ereignete sich, bevor das Reich
des Industrialismus begann und großer Kapitalaufwand nötig ward.

In unserer Zeit sind Kapital, Geschäftstüchtigkeit und Hand-
arbeit die Beine eines dreibeinigen Stuhls.. Solange die drei Beine
gesund und fest stehen, steht auch' der Stuhl fest. Sobald aber
eines dieser drei Beine schwach und gebrechlich wird, zusammen-
stürzt oder gar verschwindet, bricht auch der Stuhl zusammen. Und
solange das fehlende Bein nicht wieder hergestellt ist, bleibt der
Stuhl ebenfalls unbrauchbar. Aus diesem Grunde befindet sich
auch der Kapitalist, welchem Kapital wichtiger dünkt als eines
der anderen Beine, ganz und gar im Irrtum. Die Unterstützung der
beiden anderen Beine, genannt Geschäftstüchtigkeit und Arbeit,
bleibt für ihn unumgänglich. Ohne diese beiden, ja selbst ohne
eines der beiden, fällt der Stuhl um.

„Geschäftliche Tüchtigkeit“ irrt, wenn sie glaubt, ihr Bein sei
das wichtigste. Ohne die beiden anderen, Kapital und Arbeit, ist
das Bein „Geschäftstüchtigkeit“ nutzlos.

Zu guter Letzt wollen wir nicht vergessen, daß auch Arbeit
irrt, und zwar sehr stark, wenn sie größere Wichtigkeit für sich
beansprucht, als jedes der beiden anderen Beine. Eine solche
Anschauung ist oft genug die Quelle betrübender Mißverständnisse
gewesen.	' j j

Alle drei sind voll- und gleichberechtigte Glieder desselben
großen Ganzen. Vereinzelt schaffen sie wenig, vereint aber können
sie Wunder wirken. Daher haben sie auch, trotzdem unglückliche
Differenzen zeitweise zwischen ihnen auftauchten, das neue Jahr-
hundert zum wohltätigsten für die Menschheit gemacht.

Die Menschheit bietet heute überall, sowohl materiell wie
sittlich genommen, «in besseres Bild denn jemals in früheren
        <pb n="202" />
        ﻿Schema über der'jWelt Arbeit.

183

Zeiten, und ich lebe der Überzeugung, daß sie noch größere und
erhabenere Höhen beschreiten wird, erhabenere als selbst der größte
Idealist unserer Zeit in seinen Träumen sich vorzustellen vermag.
Kapital, Geschäftstüchtigkeit und Arbeit müssen vereint sein.
Der ist ein Feind aller drei, welcher versucht, Zwietracht
zwischen ihnen zu säen.

V V V
V V
V
        <pb n="203" />
        ﻿XV.	Eisenbahnen einst und jetzt.

Es gewährt mir eine große Genugtuung und macht mich
einigermaßen stolz, daß ich im Eisenbahndienst als Telegraphist
begann und zur Stellung eines Oberinspektors der Pennsylvania-
Eisenbahn im Pennsylvania-Bezirke aufrückte. Den Kontrast in
wenigen Einzelheiten zu schildern, wie er zwischen damals und
jetzt in der Eisenbahnwelt bestand, ist vielleicht nicht uninteressant.
.Wir werden im Eisenbahnwesen immer aufgefordert, auf das
Vollkommenste zu blicken; gewiß eine vorzügliche Regel, doch ist
es auch angebracht, einmal rückwärts zu blicken, um die gemachten
Fortschritte zu erkennen.

Zu der Zeit, als ich die Ehre hatte, ein Eisenbahnmann zu
werden, war die Pennsylvania-Eisenbahn noch nicht ganz bis
Pittsburg fertig; dennoch sah sich — durch Übersteigen von Ge-
rüsten zwischen zwei einige Meilen voneinander weit entfernten
Punkten und durch Überklettern der Berge mit Hilfe von zehn
abschüssig gelegten Holzbohlen — der Reisende in die Möglichkeit
versetzt, Philadelphia auf dem Schienenwege zu erreichen. Die
Schienen auf den Bergen waren von Eisen, 14 Fuß lang und aus
England eingeführt. Sie lagen auf großen Steinblöcken, obgleich
die Linie durch Gehölz führte, und Holzverbindungen wenig ge-
kostet haben würden. Die Gesellschaft hatte keine eigene Tele-
graphenlinie und war deshalb gezwungen, auf den Drähten der
West-Union-Gesellschaft zu telegraphieren. Herr Skott, der Ober-
aufseher, der berühmte Thoms A. Skott, welcher später Präsident
der Gesellschaft wurde, kam oft in das Telegraphenamt nach Pitts-
burg, um mit seinem Vorgesetzten, dem Generaloberinspektor in
Altoona, zu sprechen. Ich war damals ein junger Telegraphist und
        <pb n="204" />
        ﻿XV. Eisenbahnen einst und jetzt.	185

machte seine Bekanntschaft dadurch, daß ich für ihn telegra-
phierte.

Zu jener Zeit bezog ich das ungeheure Gehalt von 25 Dollar
den Monat, und er bot mir 35 Dollar, wenn ich sein Sekretär und
Telegraphist werden wollte, was für mich ein Vermögen bedeutete.
Lassen Sie mich Sie beglückwünschen zu der großen Vermehrung
Ihrer eigenen Löhne und Gehälter seit jenen Tagen. Herr Skott
hatte damals 125 Dollar monatlich, d. h. 1500 Dollar jährlich,
und ich wunderte mich im stillen, was ein Mann mit so vielem
Gelde anzufangen vermochte. Ich hatte damals nicht an einen
Gebrauch des Geldes gedacht, nämlich daß Herr Skott einen Teil
des Geldes weggeben könne. Oftmals sprach ich darüber, welche
Vorteile einem Manne sein Reichtum biete. Der größte Vorteil
des Reichtums ist nicht der, welchen er seinem Eigentümer per-
sönlich bringt, sondern zeigt sich darin, daß er es seinem Eigentümer
ermöglicht, etwas für andere zu tun. Ich mußte erst eine ganze
Zeitlang Dienst tun, bevor ich zu dem monatlichen Gehalt von
10 Dollar aufstieg. Das war für mich ein ungeheures Einkommen,
verglichen mit dem Lohn von einem Dollar 20 Cent für die Woche,
mit dem ich bei der Baumwollenfabrikation begonnen hatte. Daß
die Arbeitslöhne die Tendenz haben zu steigen, und der Preis der
notwendigen Lebensmittel die Tendenz hat zu fallen, ist eine der
erfreulichsten Tatsachen unserer Zeit. Niemals war eine Nation
so glänzend in bezug auf die Arbeiterfrage gestellt, wie augenblick-
lich wir Amerikaner. Jeder nüchterne, willige und fähige Mann
findet Anstellung zu einem Lohn, der — mit Sparsamkeit und
einer guten Frau zur Seite — ihn in die Lage setzt, für ein Ein-
kommen auf seine alten Tage genügende Mittel beiseite zu legen.
Diejenigen unter Ihnen, welche das Glück haben, verheiratet zu
sein, werden wohl wissen, wie viel von einer Frau abhängt, die
einen Hausstand instand zu halten weiß, und diejenigen, die noch
nicht verheiratet sind, werden das später erfahren. Von nichts
hängt der Erfolg eines arbeitenden Mannes nächst seiner eigenen
guten Führung so sehr ab, als von einer guten Hausfrau. Lassen
Sie sich bei dieser Gelegenheit von jemandem, der fast ohne eigene
Absicht oder eigenen Wunsch selbst mit mehr Besitztum beladen
als. nötig ist, offen sagen, daß das, was man mehr hat, wirklich
        <pb n="205" />
        ﻿XV. Eisenbahnen einst und jetzt.

wenig einbringt und manches Mal auch nichts Wünschenswertes
mit sich führt. Alles, wofür man arbeiten sollte, ist ein bestimmtes
sicheres Einkommen, ohne das, wie Junius weise sagt, kein Mensch
glücklich sein kann. Aber kein Mensch sollte sich auch ohne
dieses, wenn es innerhalb des ihm Erreichbaren liegt, glücklich
fühlen. Ich möchte jedermann dazu drängen, einen Teil seines
Einkommens in diesen glücklichen Zeiten zu sparen und ihn in
eine Sparbank zu geben, oder besser sein eigenes Heim damit
zu gründen.

Doch um zum Eisenbahnwesen zurückzukehren! Präsident
Thomson setzte die Bürgerschaft von Pittsburg eines Tages dadurch
in Erstaunen, daß er erklärte, in kurzer Zeit werde die Pennsyl-
vaniabahn täglich 100 Wagen laufen lassen. Jeder Wagen führte
damals 8 Tonnen mit sich. Wir hatten nur kleine Lokomotiven
und der Eisenbahnweg konnte jeden einigermaßen abschrecken.
Er war nur mit leichten Schienen belegt und Stückeisen hatte man
für die Verbindungen benutzt. Ich habe an einem einzigen Winter-
morgen in meinem besonderen Bezirk 47 Verbindungen zerbrochen
vorgefunden, und das war die Linie, über die unsere Züge rannen.
Dabei durfte niemand erstaunen, daß sehr häufig Störungen vor-
kamen. Wir hatten keinerlei Gelasse für Güterzüge. Unsere Leute
mußten in jeder Art von Wetter im Freien arbeiten. Es gab nur
ein einziges Geleise, und da wir keinen Telegraphen besaßen, so
mußten die Züge im Falle der Verzögerung Krümmungen machen:
das heißt, ein Mann mit einer Fahne ging voraus, und der Zug
folgte ihm und traf, wenn möglich, den anderen Zug. Manchmal
trafen sie sich mit ziemlicher Kraft an einer scharfen Krümmung.
Augenscheinlich ist nichts so schwer für den Durchschnittsbahn-
beamten zu lernen, als daß zwei Züge nicht zu gleicher Zeit ein
und dieselbe Linie gefahrlos passieren können. Wir lernten das
niemals ganz, nicht einmal im Bezirk Pittsburg.

Da ich Telegraphist war, so hatte ich die Aufsicht über die
Ausführungen unserer eigenen Telegraphenlinie. Ich glaube bei-
nahe, daß ich es war, der zuerst ein junges Mädchen in das Studium
der Telegraphie bei einer Eisenbahn einführte; so wenigstens finde
ich es festgestellt. In jenen Tagen mußte der Aufseher alles
mögliche tun. Eine Teilung der Verantwortlichkeit gab es nicht.
        <pb n="206" />
        ﻿XV. Eisenbahnen einst und jetzt.

187

Man setzte voraus, daß kein Untergebener mit dem Telegraphen-
dienst für den Lauf der Züge oder mit den nötigen Maßregeln
bei einem etwaigen Zwischenfall betraut werden könnte.

Herr Skott und ich, sein Nachfolger, waren in dieser Beziehung
zwei der größten Narren, die ich in meinem Leben gekannt habe.
Wir selbst überwachten jeden Zufall und arbeiteten selbst die ganze
Nacht durch. Oft kam ich eine ganze Woche lang nicht nach Hause.
Kaum schlief ich inzwischen, es sei denn, daß ich mich für kurze
Zeit in einem Frachtwaggon niederlegte. Wenn ich jetzt auf diese
Periode zurückblicke, erkenne ich, wie schlechte Oberaufseher wir
waren. Doch ich hatte in Herrn Skott ein großes Beispiel. Ich
brauchte einige Zeit dazu, um zu lernen, aber ich lernte es schließ-
lich doch, daß die großen Eisenbahnleiter, solche wie wir sie jetzt
haben, niemals selbst irgend etwas Nennenswertes tun. Ihr Haupt-
augenmerk richten sie darauf, andere arbeiten zu lassen, während
sie selbst über die Arbeiten nachdenken. Ich nahm mir das für
mein späteres Leben zur Lehre, so daß tatsächlich kein Geschäft
mir in Zukunft irgend welchen Kummer machte. Meine jungen
Teilnehmer arbeiteten, und ich lachte derweile. Allen empfehle ich
ein Gleiches zur Beachtung, da mit wenig Lachen nur wenig Erfolg
zu ernten ist. Der Arbeiter, der sich seiner Arbeit freut und sich
seine Unannehmlichkeiten weglacht, ist des Emporkommens sicher,
denn was wir mit Lachen und gern tun, das tun wir auch gut.
Wenn Sie einen Präsidenten, einen Oberaufseher oder einen Schatz-
meister sehen, der von seinen Pflichten niedergedrückt, mit Kummer
beladen und siCh immer so ernst gebärdet wie ein Richter, der ein
Todesurteil auszusprechen hat, dann dürfen Sie sicher sein, daß
er mehr Verantwortung zu tragen hat, als er zu tragen imstande
ist, dann bedarf er der Erleichterung.

Vergleichen Sie beispielsweise die Schnelligkeit der Züge. Bei
der großen Pennsylvania-Eisenbahn glaubten wir, das Maß äußerster
Vollkommenheit erreicht zu haben, wenn der Passagierzug Pitts-
burg—Philadelphia 13 Stunden brauchte, d. h. etwa 27 Meilen die
Stunde. Wir tauften diesen Zug Blitzzug: Nicht, weil der Zug so
langsam war, sondern weil wir glaubten, daß der Zug so furchtbar
schnell sei. Heute läuft der Reichsstaatsexpreß mit doppelter Ge-
schwindigkeit. Er hält deji Rekord der ganzen .Welt. Doch lassen
        <pb n="207" />
        ﻿188

XV. Eisenbahnen einst und jetzt.

Sie uns nicht wieder denselben Fehler machen und glauben, daß
wir die allerhöchste Vollendung erreicht haben. Eine folgende
Generation wird Züge 100 Meilen die Stunde rennen sehen, das
will sagen, mit einer doppelten Geschwindigkeit, gerade so wie
heute unsere Züge mit der doppelten Geschwindigkeit der Züge
vor 30 Jahren laufen. Die Linien werden ganz gerade sein; um
in der Sprache der heiligen Schrift zu reden — die krummen Plätze,
das heißt Kurven, werden gerade gemacht werden.

Bei den jetzt an verchiedenen Linien gemachten Verbesse-
rungen scheinen mir viele Direktoren nicht weit genug in die Zu-
kunft zu sehen. Sie geben an einzelnen Teilen etwa 1 bis 2 Millionen
Dollar aus, während sie das Doppelte ausgeben müßten. Anstatt
daß sie die Kurven zu verbessern suchen, sollten sie bestrebt sein,
sie ganz und gar abzuschaffen. Ein zukünftiger Präsident wird
deshalb sagen dürfen, daß sie ein ganz Teil Geld unnütz ausgegeben
haben. Um das Jahr 1950, ja vielleicht schon früher, wird nichts
anderes, denn eine gerade Linie den gestellten Anforderungen
entsprechen.

Doch noch nach einer anderen, als in der eben besprochenen
Richtung, ist ein gleich großer, vielleicht ein noch größerer Fort-
schritt gemacht worden. Ich meine die Fürsorge für die Angestellten
der Bahn, ihre Stellung, die ihnen gewährten Vorteile, ihre Lohn-
sätze und das Pensionssystem, welches die leitenden amerikanischen
Gesellschaften zu schaffen sich verpflichtet fühlen. Damit können
die, welche Jahr für Jahr für ein bestimmtes Gehalt arbeiten und
keine Aussicht haben, größeren Gewinn zu machen, wenigstens
die befriedigende Aussicht haben, in ihren alten Tagen in gemäch-
licher Unabhängigkeit zu leben; nicht etwa auf Grund von Wohl-
tätigkeit, sondern infolge ihrer eigenen Anstrengungen. Dazu
haben sie alles Recht — als Entgelt für von ihnen geleistete treue
Dienste und dürfen durchaus stolz darauf sein.

Ich kenne nichts, was den Dienst einer großen Eisenbahn-
linie so sehr hebt und verbessert und so sehr zu ihrer Sicherheit
beiträgt, als ein Beamtenheer, welches in dem Bewußtsein arbeitet,
daß es in seinen alten Tagen infolge des Pensionssystems ein sorg-
loses Leben zu führen in den Stand gesetzt ist. Es kann nicht
mehr lange dauern, so wird die Eisenbahnlinie nicht unter die
        <pb n="208" />
        ﻿XV. Eisenbahnen einst und jetzt.

189

führenden zählen, welche dieses unschätzbare, und Ich möchte bei-
nahe sagen, notwendige Element in der Sicherung eines Korps von
intelligenten, vertrauensvollen Leuten nicht besitzt. In den Ge-
bäuden, die man jetzt an den Übergangsstationen aufgeführt findet,
sind Lesezimmer, Büchereien und in einzelnen Fällen — besonders
auf der Route Santa-Fe — sind, wie ich höre, auch Billardtische
und andere Anstalten zu einem billigen Vergnügen hergerichtet.
In solchen Gebäuden und Gemeinschaften, welche die Arbeiter zu
ihrem Besten in sich schließen, haben wir den letzten, zugleich
aber auch besten Beweis dafür, daß die Arbeitgeber es für ihre
Pflicht halten, für die Verbesserungen nach jeder Richtung hin zu
sorgen, und zwar jetzt viel mehr als jemals zuvor.

Man darf den Eisenbahnmenschen dazu beglückwünschen, daß,
wo immer Verbesserungen in seinem Interesse gemacht worden
sind, er alles Mögliche getan hat, seine Erkenntlichkeit dafür zu
zeigen, und daß er all das am besten zu benutzen wußte. Eisen-
bahngesellschaften können von ihrem Gelde keinen besseren Ge-
brauch machen, als mehr solche Institutionen zu schaffen, und die
schon bestehenden zu verbessern. Die Gesellschaft, welche für
ihre Leute in der angezeigten Richtung wirkt, handelt zugleich am
vorteilhaftesten für ihre Aktienbesitzer, außerdem wird gerade durch
solche Fürsorge der Arbeiter sich zu Hause am wohlsten fühlen
und selbst darauf am stolzesten sein. Er wird für solche Gesell-
schaften am willigsten die erschöpfende Arbeit leisten, die Vorsorge
für die mit seinem Berufe verbundenen Gefahren auf sich nehmen
und so den weiteren Beweis dafür liefern, daß des Arbeitenden
Interesse und das Interesse derjenigen, deren Geld in dem Unter-
nehmen steckt, nicht ein entgegengesetztes, sondern ein gemein-
schaftliches ist.

Die Behauptung, daß Arbeit und Kapital Feinde sind, ist eine
große Täuschung, sie müssen Verbündete sein, oder keiner von
beiden wird Erfolg haben. Ich habe früher den Vergleich gebraucht,
daß Arbeit und Kapital die Beine eines dreibeinigen Stuhles seien:
Der Stuhl kann nicht stehen ohne die Unterstützung aller dieser
drei Beine. Darüber zu streiten, welches von diesen drei Beinen
das wichtigste ist, wäre höchst nutzlos; auch würde die Ent-
scheidung darüber von sehr wenig Bedeutung sein, da die große
        <pb n="209" />
        ﻿190

XV. Eisenbahnen einst und jetzt.

Tatsache bestehen bleibt, daß alle drei gleich wichtig für solche
Erfolge sind, wie wir sie bei den großen Verkehrslinien unseres
Landes beobachten.

Die Männer der Eisenbahnwelt können sich beglückwünschen
zu der stolzen Stellung, die sie dadurch einnehmen, daß sie, wie
ich glaube, die allermäßigsten unter den Arbeitern sind. Da-
durch geben sie den anderen Arbeitern an dem weit in die Ferne
reichenden Baume der Arbeit ein leuchtendes Beispiel. Infolge-
dessen kann ihr Einfluß nur von unschätzbarem Segen sein. Für
einen Mann, der trinkt, ist kein Platz im Eisenbahndienstsystem;
eigentlich sollte nirgends Platz für ihn sein.

Die zufriedenstellenden Beziehungen, welche im großen und
ganzen zwischen den Eisenbahnangestellten und den Gesellschaften
bestehen, sollten beiden Teilen Genugtuung gewähren. Dergleichen
dürfte sicher überall zu erreichen sein, wo die höheren Beamten
intelligent und sympathisch sind und sich als einen Teil der
Organisation betrachten, welche die Linien in Verwaltung hat,
alle Angestellten inbegriffen von dem Waggonschieber zum Zug-
führer und so durch alle Grade bis zum Präsidenten hinauf.

Im Eisenbahndienst ist kein Raum für einen Gegensatz zwi-
schen Arbeitgeber und Arbeitnehmer, denn der Präsident und der
Oberaufseher besitzen die Bahn ebensowenig wie irgendein anderer
Angestellter. Daher kann man wohl sagen, sie sind Mitglieder
ein und derselben Körperschaft und alle möglichen Grade Diener
der Eisenbahngesellschaft. Der Präsident erkennt daher in dem
Waggonschieber, dem Wegmann, dem Ingenieur Angestellte, ge-
rade wie er selbst einer ist. Er empfindet ihnen gegenüber die
Bande der Kameradschaft, während die niederen Beamten in dem
höheren nur einen Genossen sehen und wissen sollten, daß in
allen Dingen der Kompensation, der Disziplin Vorschriften von
diesem Genossen nicht zu seiner eigenen Selbstvergrößerung ge-
geben werden, sondern für eine erfolgreiche Instandhaltung der
Linie.

Noch eine andere erfreuliche Ansicht tut sich auf. Der Weg
zur Beförderung steht jedermann offen: das muß jedweder be-
zeugen. Ich zweifle, ob viele von denen, welche in autoritativer
Stellung sind, in anderer als niederer Stellung begonnen haben;
        <pb n="210" />
        ﻿XV. Eisenbahnen einst und jetzt.

191

sie machten ihren Weg nicht durch Gunst, sondern durch eigenes
Verdienst. Jeder einzelne in der Armee der Eisenbahnindustriellen
führt, wie Napoleon von seiner eigenen Armee sagte, den Mar-
schallstab im Tornister. Auf Eisenbahnmenschen liegt eine schwere
Verantwortung. Sie haben über das Leben des Publikums zu
wachen; ich brauche nicht hinzuzufügen: des reisenden Publi-
kums, denn wir alle reisen heutzutage. Absolute Nüchternheit,
andauernde Wachsamkeit, voller Mut und Pflichttreue werden von
ihnen gefordert, und daß sie diese charakteristischen Eigenschaften
besitzen, ist am besten bezeugt durch die Stellung, welche sie
sich erworben und die sie in der Schätzung ihrer dankbaren Mit-
menschen einnehmen.

V V V
V V
V

: *
        <pb n="211" />
        ﻿XVI.	Eisen und Stahl daheim und in der
Fremde.

Großbritannien war bis jetzt in der Lage, Stahl billiger zu
fabrizieren und auf den Markt zu bringen, als Deutschland; jetzt
ist Deutschland Großbritannien überlegen. Großbritannien pro-
duziert 5 000 000, Deutschland 6000 000 Tonnen. Dennoch hält
England in Europa die führende Stellung. Es hatte früher die
Führerschaft in der ganzen Welt. Aber seine Stellung ist heute
nur noch künstlich, da es Koks nicht unter 10 M. die Tonne zu
produzieren vermag. Bis zu den Stahlwerken kostet sein Koks
ungefähr 12 M. die Tonne. Auch seinen gegenwärtigen Vorrat
an Erzen kann es sich nicht voll erhalten. Diese werden täglich
seltener und deshalb kostbarer. Es ist zu einem großen Teil von
den Bilbao-Bergwerken in Spanien abhängig; die Besitzer dieser
Bergwerke wollen jedoch nicht länger eine Garantie für die Güte
ihres Produktes übernehmen, daher sind die englischen Fabri-
kanten gezwungen, zu nehmen, was immer sie kriegen können,
und Jahr für Jahr wird der Vorrat spärlicher. Unter solchen Ver-
hältnissen vermag Großbritannien keineswegs so billig Stahl zu
machen, wie wir in Pittsburg Stahl fabrizieren und nach England
senden können. Nebenbei bemerkt, sind Großbritannien und
aridere fremde Länder die Ablagerungsstätte für unsere Über-
produktion geworden, und das bedeutet mehr, als der Unein-
geweihte vermuten dürfte. Die Carnegie-Stahlgesellschaft macht
über 200 000 Tonnen Stahl monatlich, und Präsident Schwab sagte
mir unlängst, daß nach seiner Ansicht in kurzem ein volles Drittel
davon ins Ausland gehen werde.

Auch die Stellung Deutschlands ist im hohen Grade künstlich.
Allerdings haben sie dort einen hohen Schutzzoll; die Fabrikanten
        <pb n="212" />
        ﻿XVI. Eisen und Stahl daheim und in der Fremde.	193

sind daher in der Lage, miteinander verbunden, auf ihrem ein-
heimischen Markte einen hohen Preis zu erzielen. Das setzt sie
in den Stand, ins Ausland zu verladen und dort billig zu verkaufen.

Auch sie streben danach', den Weltmarkt zu ihrem Schalter zu
machen. Es waltet jedoch dabei der Unterschied ob, daß die in
Deutschland von den Konsumenten geforderten Preise die Kon-
sumption beschränken. Unsere eigenen außerordentlich niedrigen
Preise — 3 Pfund Stahl für 2 Cent — vergrößern dagegen die
Kauflust. Deutschlands Stellung ist auf Sand gebaut. Ich bin zwar
für alle diejenigen Fälle ein strammer Schutzzöllner, in denen eine
Aussicht besteht, durch zeitweiligen Schutzzoll den Käufer eines
bestimmten Artikels besser und billiger mit einheimischem Fabrikat,
denn mit fremdem zu versorgen. Wo das nicht möglich ist, glaube
ich' auch nicht an den Schutzzoll; Deutschland aber hat seine ge-
sunde Wirtschaftspolitik verlassen und ist jetzt SchutzzollneriscK
geworden nur des Zolles wegen; der deutsche Käufer hat keinen
Vorteil davon. Darin zeigt sich eine falsche Wirtschaftspolitik.

Um unseren Außenhandel in Eisen und Stahl noch weiter
auszudehnen, bedarf es nur noch eines: regelmäßige Dampfer-
linien nach' allen Teilen der Welt. Wir dürfen ja niemals auf solche
Verkehrsleichtigkeit rechnen, wie sie Großbritannien besitzt, da
dieses eine ungeheure Masse solcher Güter aus verschiedenen
Teilen der Welt erhält, die wir Amerikaner glücklicherweise zu
Hause, in unserem eigenen Lande, erzeugen1. Infolgedessen finden,
englische Schiffe leicht Cargos für den Heimweg; die Frachten
sind daher billiger; doch selbst dieses zu unserem Nachteil ob-
waltende Verhältnis vermögen wir durch kleinere Preise für unsere
Erzeugnisse wieder auszugleichen. Wenn wir unseren Vereinigten
Staaten die ihnen zukommende Stellung als die Schiffsbauer der
ganzen Welt wieder verschaffen könnten, würde unsere Aufmerk-
samkeit sich' sehr bald der Errichtung regulärer Dampfschifflinien
zuwenden, und das eben besprochene Hindernis müßte dann
schwinden. Schön jetzt nimmt unser Ausfuhrhandel solchen Um-
fang an, daß er, wie leicht ersichtlich, verschiedene neue Dampfer-
linien durchaus rechtfertigt; nach und nach werden wir auch in
dieser Richtung weitere Fortschritte machen. Ich habe die Wich-
tigkeit einer Schiffswerft in Neuyork nachdrücklichst betont; sie

Carnegie, Kaufmanns Herrschgewalt.	13



WPS

mmm
        <pb n="213" />
        ﻿194	XVI. Eisen und Stahl daheim und in der Fremde.

muß kommen. Kapitalisten werden sehr bald einseh'en, daß darin
eine Chance für sie liegt, da der Stahl- und Eisenmarkt in Neu-
york viel billiger ist, als in Belfast und am Clyde. Es wird nicht
mehr lange dauern, bis sich das nötige Kapital dazu findet.

Unsere gegenwärtigen Werften gedeihen und werden sich
noch' weiter ausdehnen; dennoch ist Raum genug für eine gute
Schiffswerft in Neuyork. Die Tatsache, daß Schiffe, wie St. Pauli
und die St. Louis, die Neuyork und Paris nach Southampton fahren
müssen, um dort gedockt zu werden, nur weil der große Hafen
von Neuyork selbst keine Docks hat, auch nur groß genug für
diese kleineren Schiffe, wirkt geradezu niederdrückend. Ich kam
mit dem in Deutschland gebauten Kaiser Friedrich1 herüber. Wer
einmal mit einem! solchen Schiff fuhr, dem will nichts anderes
mehr gefallen. Wir hätten eine schlechte Oberfahrt, die schlech-
teste, die ich1 je erlebt, und doch befanden wir uns außerordent-
lich wohl.

Die Konsolidierung der Eisen- und Stahlinteressen ist die Folge
natürlicher Entwicklung. Wenn wir 3 Pfund Stahl für 2 Cent ver-
kaufen sollen, muß Stahl in Millionen von Tonnen gemacht wer-
den. Es äst ein geschlossenes Rennen für alle besten Betriebe.
Man muß die von den großen Stahl-Aktien-Fabriken während der
letztvergangenen Jahre erreichten Resultate überschauen, deren
Geschäftslage durch ihre jährlichen Berichte öffentlich bekannt
ist, oder deren Eigentum in den Händen des Steuererhebers war:
dann wird man wahrnehmen, daß ein Preis von 2 Cent für 3 Pfund
Stahl selbst die bestsituierten Betriebe beunruhigt. Die Betriebe,
welche bei diesen Preisen Geld zusetzen, müssen irgendwie Trost
suchen, und da bietet sich dann eine Vereinigung aller Inter-
essenten, wie ein zweites Mesopotamien als etwas Vielverspre-
chendes dar. Man möge mich keineswegs dahin verstehen, als
wollte ich irgendeinen Schatten auf die Verwaltung dieser Betriebe
werfen. Weit davon entfernt. Nicht die Verwaltung — die Ver-
hältnisse tragen die Schuld. Stahl kann nun einmal so billig, wie
bisher, nicht ohne Verlust für alle dabei in Betracht kommenden
Werke verkauft werden.

Vereinigung der Interessenten ist weise und notwendig. Sie
stellt einen Schritt nach' der rechten Richtung hin dar. Der Stahl-
        <pb n="214" />
        ﻿XVI. Eisen und Stahl daheim und in der Fremde.	195

fabrikant muß sich eben mit einem sehr bescheidenen Nutzen
pro Tonne begnügen. Sobald ein Betrieb 2500000 Tonnen jähr-
lich liefert, braucht es nur wenig, um Verlegenheiten und Not
fernzuhalten, besonders wenn auf dem Betriebe keine Schuld-
verpflichtungen liegen.

Obgleich der Verbrauch von Eisen und Stahl ungeheuer groß
ist, steigen doch die Preise nicht. Ich glaube nicht, daß sich die
Stahlkonsumption noch steigern wird; deshalb halte ich dafür,
daß unsere Fabrikation unsere wirklichen Bedürfnisse übertrifft.
Wäre dem nicht so, dann hätten wir ein starkes Anziehen der
Preise erleben müssen; das ist aber durchaus nicht der Fall. Ganz
im Gegenteil, die Preise sind viel zu niedrig, um selbst nur einen
mäßigen Nutzen abzuwerfen. Eisenbahnen zeigen sich außerordent-
lich ertragreich, besonders im Westen. Man darf hoffen, daß alle
Schienen, deren Fabrikation möglich ist, einen Markt finden wer-
den. Auch der Gebrauch von Eisenschwellen wird bei uns wachsen,
wenn der Preis niedrig bleibt, wie bisher. Gegenwärtig verwendet
ein verhältnismäßig kleines Land, wie Deutschland, dreimal so
viel Eisenbahnschwellen, wie die Vereinigten Staaten. In Deutsch-
land denkt niemand an den Bau eines anderen als feuersicheren
Hauses. Bei uns bauen nur die Millionäre ihre Häuser feuersicher;
ich kenne sogar einige Millionäre, die erst unlängst nur feuerfeste
Türen eingeführt haben. In kurzem wird auch bei uns, wie in
Deutschland, jedes gewöhnliche Haus feuerfest gebaut werden.
Gegenwärtig aber könnte alles in den Vereinigten Staaten für den
Hausbau verwendete feuerfeste Material von der Carnegie-Stahl-
Gesellsch'aft allein fabriziert werden. Es ist an und für sich ein
sehr kleines Feld, aber es zeigt die Möglichkeiten für eine größere
Ausnutzung und einen vermehrten Verbrauch des Stahls und
Eisens.

V V V
V V
V
        <pb n="215" />
        ﻿XVII.	Die Manchester-Schule und die
Gegenwart.

Während unlängst der Exprernier Rosbery in Manchester
über die Triumphe des Freihandels in volles Lob ausbrach, be-
schwor der Minister des Auswärtigen in Wien, Graf Goluchowsky,
die Nationen Europas, sich gegen den zerstörenden Wettbewerb
der transeuropäisdhen Länder zu verbinden.

„Wir müssen Schulter an Schulter kämpfen gegen die gemein-
schaftliche Gefahr,“ ruft er aus, „und mit allen zu Gebote stehen-
den Mitteln uns für den Kampf vorbereiten. Die europäischen
Völker müssen in geschlossener Linie fechten, wenn sie ihre Exi-
stenz mit Erfolg verteidigen wollen.“

So treffen sich hier wieder die Extreme, und wir sehen, wie-
viel von dem Gesichtspunkt abhängt, von dem aus man die Dinge
betrachtet. Hätten sich die Vorhersagungen der Manchesterschule
erfüllt, dann würden heute die billigen Waren von jenseits des
Weltmeeres als ein volkswirtschaftlicher Gewinn gepriesen und als
ein Segen — anstatt einer Drohung — für die Empfänger an-
gesehen werden. Jeder Hafen würde sich dann dem Einströmen
dieser Güter öffnen und die neuen Länder, die dieselben Güter
liefern, würden als Wohltäter gepriesen werden, denn freier Güter-
austausch war früher die Parole, und man ließ es sich nicht träumen,
daß die Güter, welche die alte Welt nach der neuen liefert, Kon-
kurrenzartikel für die alte Welt werden sollten; und doch liegt
darin der ganze Unterschied.

Vor sechzig Jahren begann zu Land und zur See die Dampf-
kraft und Eisenbahn ihr alles umwälzendes Werk. Ihr eigentlicher
Schöpfer Großbritannien, auf Kohlenbergwerken und Eisenstein ge-
        <pb n="216" />
        ﻿lagert, wurde ganz natürlich das Land ihrer weiteren Entwick-
lung. Die Welt verhielt sich mehr als Zuschauer, während in
England mit der Entwicklung der Dampfkraft eine vollkommene
Umwälzung begann. Jedes andere Land, welches sich der Vor-
teile der neuen Erfindung bemächtigen wollte, war gezwungen,
sich zu diesem Zwecke nach Großbritannien zu wenden. Groß-
britannien erfüllte sein Geschick: es wurde sehr bald die Werk-
statt der ganzen Welt.

Damals erschien auf der volkswirtschaftlichen Bühne die Man-
ch'esterschule — Cobden, Villiers, Bright und ihre Anhänger. Sie
forderten im Interesse der großen Massen die Aufhebung aller
auf Nahrungsmitteln liegenden Steuern und Abgaben. Die Auf-
hebung all dieser Abgaben, welche unter dem Freihandelsystem in
Großbritannien im Gegensatz zum Schutzzollsystem vor sich ging,
hat nur wenig mit der modernen Schutzzolldoktrin zu tun, wie sie
jetzt in anderen Ländern bekannt ist. Solche Abgaben auf Nahrungs-
mittel konnten nimmer von den Schutzzöllnern der Gegenwart
verteidigt werden, da es unmöglich sein würde, durch eine solche
Maßregel die Masse der Nahrungsstoffe irgendwie beträchtlich
zu vermehren. Der einzig gesunde Verteidigungsgrund für den
Schutzzoll ist nach Ansicht des kosmopolitischen Schützzöllners
eine Hebung der einheimischen Produktion in dem betreffenden
Artikel, groß genug, um der Nation einen sicheren und besseren
Vorrat darin zu verschaffen, als welchen sie jemals vom Auslande
her erhielt. Eine unter soldien Bedingungen erhobene Abgabe wird
von John Stuart Mill in einer berühmten Stelle seiner Schriften
befürwortet. John Bright sagte einst in bezug darauf zum Verfasser
dieser Zeilen, solche Abgaben würden viel mehr Unglück über
die Welt bringen, als der Schriftsteller John Stuart Mill jemals
Gutes gewirkt hätte. Die gleichen Abgaben werden auch von
Marschall für zweckmäßig oder unzweckmäßig, je nach den Um-
ständen, angesehen. Sie bilden gerade das, was heutzutage außer-
halb Großbritanniens unter Prohibitiv oder Schutzzoll verstanden
wird. Die mit dieser Abgabe verbundenen Verhältnisse haben sich
ganz und gar nicht verändert, und darauf steht das Werk der

Großbritannien in die Lage zu setzen, soviel Nahrungsmittel zu
        <pb n="217" />
        ﻿198	XVII. Die Manchester-Schule und die Gegenwart.

erzeugen, wie die Einwohner des Landes bedürfen, würde eine
zeitweise Abgabe auf Nahrungsstoffe insofern rechtfertigen, als sie
Kapital für die Entwicklung des neuen Verfahrens heranzuziehen
geeignet wäre. Aus dem hier erklärten Grunde verurteilt der
moderne Verteidiger des Schutzzolles geradeso streng wie nur
irgendein Enthusiast für die Aufhebung der Korngesetze die Ab-
gaben auf Nahrungsstoffe für Großbritannien. Der wunderbare
Erfolg der britischen Erfindungen — des Dampfschiffes und der
Eisenbahn — und die Erträgnisse, welche die Folge der Ober-
herrschaft über jede Industrie der Welt, die diese Erfindungen
England gaben, waren, verbunden mit den zweifellosen Vorteilen
der freien Einfuhr aller und jeder Nahrungserzeugnisse, führten
natürlicherweise zu außerordentlich sanguinen Aussichten für die
zukünftige Stellung und das zukünftige Gedeihen der Vereinigten
Königreiche. Die erfolgreichen Apostel der Manchesterschule waren
unter allen anderen Leuten selbstverständlich die hoffnungsreichsten.
Die Lehren, welche sie aus den damals bestehenden Bedingun-
gen ableiteten, waren folgende: Die Natur hat beschlossen —
und das gar weise — daß alle Nationen der Erde untereinander und
voneinander abhängig sein sollen; sie gab daher der einen frucht-
bares Erdreich, der anderen reiche Bergwerke, der dritten große
Wälder; der einen Sonnenschein und Hitze, der anderen eine
gemäßigte Zone und wieder einer anderen ein kaltes Klima. Die
eine Nation hat diese, die andere jene Bestimmung; eine dritte
wiederum eine andere Bestimmung. Alle Nationen zusammen
machen, während jede ihr natürliches Produkt hervorbringt, ein
großes harmonisches Ganzes aus. Welch ein schönes Bild. Und
ihm folgt der zweite Grundsatz.

Es ist klar zu erkennen, daß Großbritannien die höhe Sendung
erhalten hat, für alle anderen Nationen zu fabrizieren. Unsere
Rassenverwandten von jenseits des Meeres sollen auf unseren
Schiffen ihre Baumwolle von den Tälern des Mississippi, Indien
soll uns seine Jute, Rußland seinen Hanf und Flachs, Austra-
lien seine feineren Wollen senden, und wir werden mit unseren
natürlichen Hilfsmitteln, wie Reichtum an Kohle und Eisenstein,
mit unseren Fabriken und Werkstätten, mit unseren gelernten
Mechanikern und unserem ungeheuren Kapital die nötigen Maschi-
        <pb n="218" />
        ﻿XVII. Die Manchester-Schule und die Gegenwart.	199

nen erfinden und konstruieren. Wir wollen das Material lür die
anderen Völker in feines Tuch weben, und alles soll bei uns in
die rechte Form gebracht und für den Gebrauch der übrigen
Menschheit genügend zugerichtet werden. Unsere Schiffe, die
zu uns mit dem Rohmaterial kommen, sollen zu allen Teilen der
Erde zurückkehren, beladen mit den aus Rohmaterial fabrizierten
Erzeugnissen. Dieser Austausch von Roherzeugnissen mit voll-
endet ausgestatteten Erzeugnissen macht, entsprechend den Natur-
gesetzen, jede Nation zum Diener der anderen und verkündet
die Brüderschaft der Menschen. Friede und Hilfsbereitschaft soll
auf Erden herrschen. Eine Nation nach der anderen muß unse-
rem Beispiel folgen, und freier Güteraustausch wird überall vor-
herrschen. Die Häfen der anderen Völker sollen sich der Auf-
nahme unserer vollendeten Erzeugnisse weit öffnen; unsere Häfen
aber stets offen bleiben für ihr Rohmaterial.

Das war der Glaube, das die Hoffnung und, von den zugrunde
liegenden Voraussetzungen aus beurteilt, die nicht unvernünftige
Erwartung der Manchesterschule. Denn, um diesen guten und
großen Männern gerecht zu werden: das Gemälde, welches sie
zeichnten, verwirklichte sich in der Tat. Großbritannien wurde
die Werkstatt der Welt, und jede der großen Nationen spielte
wirklich die Rolle und tat wirklich Dienste, welche in dem Pro-
gramm der Manchesterschule für jeden vorgesehen waren. Kein
anderes Volk machte jemals solche Fortschritte und häufte solche
Reichtümer an — auf Grund seiner Fabrikationserzeugnisse —
wie Großbritannien in jener geschichtlichen Epoche.

Der Prospekt der Barrow Stahl Companie stellt fest, daß
der Reingewinn 30—40 per Hundert jährlich betrug, ja in einem
Jahre hatte der Gewinn die unglaubliche Höhe von 60 Proz. des
eingelegten Kapitals erreicht. Und das ist nur ein Beispiel unter
den vielen unerreicht gebliebenen Gewinnen, die von britischen
Fabrikanten in jener Zeit gemacht wurden, da die Welt ihnen
zu Füßen lag, d. h. in der Zeit, ehe eine kräftige Konkurrenz die
Gewinne wesentlich reduzierte und in vielen Fällen ganz und gar
verschwinden machte. Gewiß war diese Belohnung, so groß sie
auch gewesen, verdient von der Nation, welche der Welt die Dampf-
kraft gegeben, ein neues Zeitalter der Maschinen begonnen und
        <pb n="219" />
        ﻿200	XVII. Die Manchester-Schule und die Gegenwart.

dadurch die Menschheit für alle Zeit zu ihrem Schuldner gemacht
hatte.

Das Naturgesetz, wie es von der Manchesterschule verstanden
wurde, gründete sich auf die Voraussetzung, daß die Hilfsquellen
der verschiedenen Länder der Erde ganz und gar voneinander ver-
schieden seien; ebenso die Fähigkeit von Männern und Frauen, und
daß bloß in Großbritannien fabriziert werden könnte. Daß Werk-
zeugstahl oder gar Maschinen auch anderswo gemacht, die feinsten
Woll-, Linnen- und Baumwollstoffe mit Erfolg auch in anderen
Ländern erzeugt werden könnten, das alles waren Voraussetzungen,
welche zu jener Zeit nicht einmal in Betracht gezogen wurden und
die, wenn jemand dergleichen gewagt haben würde, mit Spott be-
grüßt worden wären.

Es wäre unvernünftig vorauszusetzen, daß die fähigen Führer
der Manchesterschule jemals gedacht hätten, die ersten Völker
der Erde — oder solche, die danach trachteten, erste Völker zu
werden — würden sich damit für immer begnügen, eine so unter-
geordnete Rolle wie die ihnen zugeschriebene zu spielen, hätte
das weite Feld der Fabrikation diesen Völkern zurzeit offen ge-
standen.

Die eigentliche Grundstruktur des Gebäudes, welches die Man-
chesterschule aufführte, bestand eben in der Voraussetzung, daß
die verschiedenen Nationen von der Natur selbst einzig und allein
zu Rohmaterialerzeugern und zu nichts anderem bestimmt wären.
Gerade im Gegensatz zu dieser Anschauung haben jetzt, nach
einem gewaltsamen Aufraffen, die übrigen Völker ohne Ausnahme
den Ehrgeiz, das bei ihnen erzeugte Rohmaterial selbst zu ver-
arbeiten. Um sich diesen Erfolg zu sichern, bedurften sie weder
britischen Kapitals noch britischer Geschicklichkeit. In der Tat
ist es diesem Umstande allein zu verdanken, daß die Kolonien des
äußersten Ostens mit dem Mutterlande konkurrieren können; ob-
gleich die Hilfsquellen dieser östlichen Völker sehr gering und
für Fabrikationszwecke unzureichend, dazu die Bevölkerungen un-
fähig waren — ganz wie die Manchesterschule es angenommen
hatte — so zeigte sich doch der Erfolg ihrer Fabrikationsbestre-
bungen im großen und ganzen geradezu überraschend.

Deutschland wurde eines der größten Industrieländer; Frank-
        <pb n="220" />
        ﻿XVII. Die Manchester-Schule und die Gegenwart.	201

reich und die Schweiz haben die Seidenindustrie in Europa beinahe
monopolisiert; Rußland schickt sich an, Stahl und Ingenieurwerke
unter der Aufsicht der allergeschicktesten Konstrukteure zu er-
bauen. Zwei von diesen Werken sind jetzt so weit vorgeschritten,
daß sie Nebenbuhler ihrer Urbilder, der größten Werke Amerikas,
geworden. Japan und China bauen Fabriken ganz nach neuestem
vorzüglichstem Muster immer mit britischen Maschinen und ge-
wöhnlich unter der Leitung von Engländern; Mexiko webt Baum-
wollstoffe, erzeugt Papier, und zwei Fahrradfabriken sind dort
im Bau begriffen. Die Jute- und Baumwollfabriken Indiens sind
schon jetzt zahlreich und werden noch jeden Tag zahlreicher.
In Bombay führt man augenblicklich große Maschinenwerke auf.
Es ist festgestellt worden, daß ein großes britisches Werk jede
Woche den vollen Maschinenbedarf für eine neue Fabrik versendet.
Noch besonders hier von Amerika zu sprechen, erscheint ganz
unnötig. So hat jede einzelne Nation ersten Ranges oder wenig-
stens jede, die die Elemente zukünftiger Bedeutung in sich trägt,
die Rolle, welche die Manchesterschule ihr zuschrieb, abgelehnt
mit dem Ehrgeiz, für sich selbst zu fabrizieren. Die National-
ökonomie beweist jetzt, daß es der Menschheit zum Wohl ge-
reicht, wenn die Transportkosten zwischen Stofferzeuger und Fabri-
kanten, wie sie durch die weite Entfernung der beiden voneinander
bis dahin zu leisten waren, beseitigt werden können. Zweifel-
los werden Fabrikationsversuche von kleinen Gemeinwesen unter-
nommen, fehlschlagen und wieder aufgegeben werden, im großen
und ganzen jedoch erscheint der Erfolg sicher.

Einzelne Länder, besonders Deutschland und Amerika, geben
sich nicht damit zufrieden, ihre eigenen Bedürfnisse zu decken,
sondern treten jetzt sogar als Ausfuhrländer vieler Artikel im
Wettbewerb zu anderen Ländern auf. Verschiedene solcher Artikel
kommen auch nach den Vereinigten Königreichen, und wenn früher
andere Völker die Erfahrung machten, daß unzählige ihrer Ge-
brauchsartikel in Großbritannien fabriziert wurden, so kommt jetzt
ein ähnliches den Briten zum Bewußtsein. Sie müssen sich selbst
eingestehen, daß sie ein gut Teil menschlicher Schwäche in sich
tragen, nicht gar sehr verschieden von der Schwäche anderer
Völker. Ganze Massen von Artikeln, fabriziert in Deutschland

»
        <pb n="221" />
        ﻿202	XVII. Die Manchester-Schule und die Gegenwart.

„made in Germany“, verursachen dem Engländer Nervosität. Ab-
schlüsse für Lokomotiven, die in London, Dublin und Edinburgh
mit amerikanischen Fabrikanten gemacht werden, billigt der Brite
nicht. Glasgow verwirft ein amerikanisches Angebot für Wässer-
röhren und gibt es Glasgower Fabrikanten zu höheren Preisen.
Wenn eine große Fahrradausstellung in London stattfindet, ver-
mag man keinen Platz für amerikanische Fahrräder zu finden.
Regierungsaufträge sogar für Schreibmaterialien sollen durch Ein-
heimische gedeckt werden. Obgleich ausländischen Produkten freier
Eintritt nicht verweigert wird, soll doch im Falle von Kaufaufträgen
der Fremde sich nicht bemühen. Die Posten müssen mit langsamen
Schiffen gehen, welche im Lande gemacht sind, selbst wenn die
Post dadurch Verzögerung erleidet. Man konnte dergleichen
nur erwarten und mag es sogar entschuldigen. Der ist ein schlech-
ter Bürger, welcher sein eigenes Land nicht vorzieht und be-
günstigt, gegenüber fremden Ländern. Aber der Engländer dürfte
dann auch erwarten, daß der Amerikaner und der Deutsche gerade
so patriotisch verfahren, wie er selbst. Mit denselben Gefühlen,
mit denen er in Deutschland und Amerika angefertigte Kon-
kurrenzartikel sieht, betrachten auch naturgemäß der patriotische
Deutsche und Amerikaner in England fabrizierte Konkurrenzartikel,
die in ihr Land kommen.

Es ist heutzutage klar, daß die Natur mit viel volleren Hän-
den die unumgänglich nötigen Minerale, wie Kohle, Kalk und
Eisenstein, ausgestreut und die Frauen und Männer der meisten
Länder mit einer nur schlummernden Geschicklichkeit ausgestattet
hat, die ausreicht, unter den gegebenen Bedingungen das Roh-
material des eigenen Landes zu verarbeiten; in vielen Fällen viel-
leicht nicht ganz so gut, in dem einen oder anderen Falle eben-
sogut wie England und Amerika. Infolgedessen existieren jetzt
nicht nur eins oder zwei, sondern viele hervorragende Industrie-
länder.

Die wundervollen Maschinen meist englischer Erfindung be-
sonders in Eisen-, Stahl- und Textilgewerben, befähigen den Hindu
Indiens, den Paeon Mexikos, den Neger Amerikas, sowie den
Chinesen und Japaner mit dem besser erzogenen Arbeiter Groß-
britanniens und Amerikas in Wettbewerb zu treten. Die früher
        <pb n="222" />
        ﻿XVII. Die Manchester-Schule und die Gegenwart.	203

so notwendige Geschicklichkeit ist heute nicht mehr so sehr er-
forderlich; dort wo sie in einzelnen Stellungen größerer Werke
noch unentbehrlich, kann sie leicht aus den älteren Industrie-
ländern beschafft werden. Automatische Maschinen sind heutzutage
ein bedeutender Faktor für die Fabrikation von Massenartikeln;
letztere können deshalb ohne die technisch erzogenen Arbeiter
Britanniens und Amerikas mit Erfolg fabrizert werden. So wurde
es möglich, daß Industriemittelpunkte in Ländern sich bildeten,
deren Schicksal es bis in die letzten Jahre zu sein schien, auf das
Erzeugnis von Rohmaterial beschränkt zu bleiben. Überall sehen
wir jetzt den großen Einfluß dieses neuen Maschinenwesens. Man
darf es heute als ein Axiom hinstellen, daß Rohmaterial gegen-
wärtig die Macht der Kapitalanziehung sowie auch die weitere
Macht besitzt, Arbeit für seine Fabrikation in nächster Nachbar-
schaft anzuziehen und zu entwickeln; ebenso daß gelernte Arbeit
seine frühere Macht, Rohmaterialien aus der Ferne an sich zu ziehen,
zu verlieren anfängt; darin spricht sich nicht nur eine Verän-
derung, sondern eine vollständige Umwälzung aus.

Die Tätigsten und Besten jedes Landes sind bereit, alles
für die Entwicklung seiner Hilfsquellen zu tun; sie halten es für
ein Unrecht, die ihnen gegebenen Talente zu verbergen, und sehen
jetzt deutlich' und klar, wie das wahre Naturgesetz darin besteht, daßi
der Segen der verschiedenartigsten Industrien vielen Völkern zu-
gute kommt, und daß dadurch die verschiedenartigsten Talente
freien Spielraum finden.

Das alles konnte die Manchesterschüle unmöglich voraussehen.
Es ist ein Vergnügen, die Bewegungen der verschiedenartigsten
Nationen auf dem Vormarsche für industriellen Fortschritt unter
den neuen Bedingungen zu übersehen. Wären nur ein oder zwei
Völker die Hauptindustriellen für alle Völker geworden, dann
wäre eben nur der Genius dieser Völker bei dem Werke der
Vervollkommnung und Erfindungen in Betracht gekommen. Heut-
zutage ist jedoch der Genius vieler Völker an der Arbeit und noch
mehrere werden nachfolgen. Gleich erfreulich ist die Tatsache,
daß der Genius eines jeden Volkes sich gewöhnlich nach einer
besonderen Richtung hin vorzüglich auszeichnet. So hat beispiels-
weise Frankreich das Allerfeinste im Textilgewerbe beinahe mono-
        <pb n="223" />
        ﻿



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204

XVII. Die Manchester-Schule und die Gegenwart.

polisiert, geradeso wie es sich schon lange der ersten Stelle in der
Fabrikation von Frauenschmuck erfreut. Britannien nimmt die
erste Stelle in der Maschinenfabrikation für Textilgewerbe ein.
Sie, die Erfinderin der Eisen- und Stahlindustrie, ist zugleich,
die Führerin der Welt in der erfolgreichen Fortbildung eines
Seitenzweiges der Fabrikation von Koksöfen; etwas, worin bis
jetzt wir Amerikaner sogar ohne jeden Erfolg gewesen sind.
Amerika hält das Feld in der Anwendung von Elektrizität und
Maschinenwerkzeugen, Deutschland ist allen überlegen in chemi-
schen Farben und liat ganz kürzlich einen Dampfkondensator er-
funden, der außergewöhnliche Resultate zeigt; ebenso einen sehr
bemerkenswerten Prozeß für Waffenfabrikation. So wird der Fort-
schritt nach allen Richtungen hin durch die Arbeiten mannigfacher
Geister von verschiedener Nationalität gefördert.

Die aufstachelnde Konkurrenz, welche zwischen den Nationen
begonnen hat und die, wie wir erwarten mögen, sich in Zukunft
noch steigern wird, ist das rechte Mittel für Gewinnung der denk-
bar besten Ergebnisse; sie kann deshalb nur willkommen gehei-
ßen und ermutigt werden von denen, die sich selbst über die
enge Anschauung dessen erheben, was nur für ein oder zwei
geographische Breiten der Welt das beste zu sein scheint, und
die dasjenige in Betracht ziehen, was das beste für das ganze
menschliche Geschlecht ist.

Die tatsächliche industrielle Entwicklung der Welt nimmt aller-
dings eine von der vorhergesagten Entwicklung weit verschie-
dene Richtung. Dennoch soll das große, von der Manchester-
schule geleistete Werk weder bemängelt noch vergessen werden.
Villiers, Cobden, Bright und ihre Streiter haben mit der Bekämp-
fung der Abgaben auf Lebensmitteleinfuhr ihrem Lande einen
Dienst erwiesen, für welchen es ihnen nie genug dankbar sein
kann. Ihre Hingabe an die Sache des Friedens und an alles,
was ihrer Idee nach dazu beitragen konnte, eine Brüderschaft der
Nationen zu schaffen, gibt den Führern einen sichern Platz in der
Geschichte der Wohltäter der Menschheit und als Verteidiger edler
Endzwecke. Daß einige ihrer Vorhersagungen zu schänden ge-
macht oder geradezu ins Umgekehrte durch Kräfte verwandelt
wurden, welche seit jener Zeit ihr Spiel erst begannen, stellt
        <pb n="224" />
        ﻿XVII. Die Manchester-Schule und die Gegenwart.	205

weder ihren Scharfsinn in Schatten, noch vermindert es ihre Ver-
dienste.

Der Freihandel, den Manchester sah und dessen allgemeine
Annahme es vorhersagte, betraf den Austausch verschiedener unter
sich nicht konkurrierender Artikel und den Austausch von Roh-
material gegen Industrieerzeugnisse: denn die Völker hatten zu
jener Zeit noch nicht begonnen, untereinander in denselben In-
dustrieerzeugnissen ernstlich zu wetteifern. Wenn das heutzutage
nicht verwirklicht wurde, weil die hauptsächlichsten Nationen Ver-
arbeiter ihrer eigenen Rohmaterialien wurden, ihre Bedürfnisse
selbst deckten und dabei auf dem Weltmärkte mit ähnlichen Er-
zeugnissen konkurrierten, so können wir uns doch' andererseits
dazu beglückwünschen, daß sich sogar etwas Besseres für den
Fortschritt der Welt mit reißender Eile vollzogen hat als die
Manchesterideale.

Es ist nutzlos, darüber Betrachtungen anzustellen, wie die
Stellung der verschiedenen Nationen untereinander sich in Zukunft
gestalten wird, da die bestehenden Bedingungen sich jeden Tag
verändern können. Eine chemische Entdeckung, eine elektrische
Erfindung, bis dahin unbekannte Eigenschaften benutzten Materials,
kurz, irgend dergleichen, oder irgendeine andere nicht unwahr-
scheinliche Überraschung, an deren Schwelle wir zeitweise zu
stehen scheinen, kann eine volle Umwandlung hervorrufen. Der
Ersatz des Zuckerrohres durch die Zuckerrübe hat vor nicht allzu
langer Zeit Westindien vernichtet, obgleich es als Zuckerland fast
ein Monopol zu bestizen schien; die Entwicklung der Mesaba-
Eisenminen, verbesserte Verkehrsmittel und andere geringere Ur-
sachen haben Amerika gerade jetzt zum billigsten Erzeuger von
Stahl gemacht, während es bis dahin sein teuerster Erzeuger war;
der basische Prozeß hat Deutschland in der Stahlproduktion zu
einer führenden Stellung verholten, während es vorher von diesem
Gebiete gänzlich ausgeschlossen schien; derselbe Prozeß verspricht
kaum weniger bedeutende Wirkungen für Großbritannien. Die
Entdeckung von Bergwerken und die Ausdehnung seines Eisen-
bahnsystems dürften Rußland bald zu einem wichtigen Industrie-
land machen, während es bisher als solches nur wenig zählte.
Die Ausnützung der Wasserfälle für Elektrizität, die Verschiebung
        <pb n="225" />
        ﻿V V V
V V
V
        <pb n="226" />
        ﻿XVIII. Was für Tarife würde ich aufstellen,
wenn ich Zar wäre1)?

Fast möchte ich sagen, die Frage gefällt mir, und ich schicke
mich deshalb an, sie zu beantworten. Die Ausgaben der Regierung
der Vereinigten Staaten belaufen sich der Schätzung des Sekre-
tärs Carlisle zufolge, für das Rechnungsjahr 1892 auf 424 Millionen,
die Einnahmen auf 404 Millionen Dollar, so daß ein Fehlbetrag
von 20 Millionen Dollar bleibt. Carlisle schätzt für das nächste
Jahr den Überschuß auf 30 Millionen, bei Ansatz der Ausgaben
zur gleichen Höhe. Die Verminderung der Kosten für Pensionen im
selben Rechnungsjahr belaufen sich auf nicht weniger als 18 Milli-
onen Dollar, und jedes folgende Jahr muß den Prozentsatz dieser
Abnahme vergrößern. Die Flotte wird in kommenden Jahren
weniger Ausgaben erfordern, die Besitzzunahme und die Zunahme
des Reichtums größere Einnahmen zur Folge haben, so daß durch-
aus nicht die geringste Ursache besteht, sich über die Ausgaben
und Einnahmen der Regierung nach dem nächsten Jahre (1896)
zu beunruhigen, obgleich der Staatssekretär die Einnahmen bei
den gegenwärtig bestehenden Gesetzen überschätzt. Unter den
Einnahmen der Regierung ist der Tarif mit 160 Millionen für dieses
und mit 190 Millionen Dollar für das nächste Jahr geschätzt.
Es fragt sich' nun, was würde ich mit dem1 Tarif tun, wenn ich die
höchste Gewalt in Händen hätte?

Zunächst würde ich1 alle notwendigen Lebensbedürfnisse von
allen Abgaben frei zu halten suchen, dagegen die Luxusgegen-
stände der wenigen Reichen hoch besteuern. Die Volksmassen,

J Veröffentlicht zuerst 1895 (März).
        <pb n="227" />
        ﻿_i;_ Vj£;':

W:s

208

XVIII. Was für Tarife würde ich aufstellen,

welche heimatliche Erzeugnisse benutzen und konsumieren, würde
ich überhaupt nicht besteuern; aber die Damen und Herren der
vornehmen Welt, welche, was immer es kosten mag, feine Woll-
stoffe, außerordentlich feine Seide, und besonders fein gewobenes
europäisches Linnen tragen — diese sollten die Tarifabgaben zahlen.
Die beschränkte Zahl der Reichen würde sich unter einem solchen
Tarif — dadurch, daß sie die vielleicht doppelten Abgaben zahlen
— selbst noch1 vornehmer als jetzt fühlen. Die große Masse
aber, welche amerikanischen Tabak raucht, sollte keine höheren
Steuern zahlen als gegenwärtig. Der reiche und luxuriöse Herr
dagegen, dessen feiner Geruchsinn das Aroma einer echten Havanna
verlangt, müßte für den Staat mehr einbringen, indem er eine
doppelt so hohe Abgabe wie die gegenwärtige zahlt. Die Leute,
welche Champagner und alte seltene Weine trinken, sowie die,
welche ausgesucht altes und feines Glas und Porzellan kaufen,
sollten in die Lage gebracht werden, mit vollem Recht mit deren
erhöhtem Wert zu prahlen.

Man darf niemals vergessen, daß Importartikel nur von den
wenigen Reichen, einheimische Artikel dagegen von den großen
Massen gebraucht werden. Die erhöhten Abgaben auf fremde
Luxusartikel würden nicht mit der Absicht eines Schutzzolles, son-
dern einzig mit der Rücksicht auf die dadurch erzielten höheren
Einnahmen erhoben werden. Daß nebenbei diese Zollpolitik einiger-
maßen den einheimischen Fabrikanten zugute kommen dürfte, ist
gewiß kein Einwurf gegen dieselbe; dennoch könnte ein solcher
Nutzen, wenn er überhaupt vorhanden wäre, nur gering sein, da
die feine Seide, sowie feinste Wolle und Linnen nicht bei uns
im Lande produziert werden, ebensowenig wie teuere Weine,
Zigarren und andere Luxusartikel. Unsere einheimischen Indu-
striellen haben dagegen ganz den Markt für Güter gewöhnlicher
Art in ihrer Gewalt, die von den Massen Verwendung finden.
Die bisher befolgte Politik ist gerade das Gegenteil von alledem.
Eine ganze Seite könnte man mit Anführung aller jener Luxus-
artikel füllen, für welche die Abgaben im neuen Tarif herab-
gesetzt sind. Ich gebe hier einige solcher Reduktionen:

Die Abgabe für Porzellan.....................ist auf 50 Proz.

„	„	„ Glasplatten und gefärbtes Glas . „ „ 40	„
        <pb n="228" />
        ﻿wenn ich Zar wäre?

209

Die Abgabe für			Goldfedern	ist	auf 16 Proz.	
„	„	ff	Hüte			ff	72
ft	ff		Stickwarenfabrikate			ff	72
ff	ff	ff	seidene Regenschirme .	„	ff	18 „
ff	ff	ff	Kognak und Magenlikör . , . „	ff	28 „
ff	ff	ff	Seide	„	ff	40	„
ff	ft	ff	Handschuhe	B		30	„
ff	ff	ff	Spitzen, Posamentierarbeitu. dgl.		16 „
ff	ff	n	Wollen und Seiden ....  . . . „	ff	10-20 „

herabgesetzt und zwar ad valorem, anstatt mit Rücksicht auf
die besonderen Abgaben. Bei dem gegenwärtigen Tarif erfreut
sich der reiche Mann der Mode des hochfeinen fremden Tuches,
seines feinen Linnen, seines seidenen Hutes, seines feinen sei-
denen Regenschirmes, seiner hochfeinen Glacehandschuhe und sei-
nes kostbaren, mit seltenem feinem Wein angefüllten Glases um
20—70 Prozent billiger, als bei den früheren Abgaben für Luxus-
artikel. Seine Dame spielt mit dem Fächer, läßt ihr gesticktes
Taschentuch sehen, zeigt ihre außerordentlichen Spitzen und putzt
sich mit herrlicher Seide zu ähnlichen Preisreduktionen und dankt
mit einem Lächeln ihrem neuen Freunde aus dem Volke, dem char-
manten jungen Mann aus West-Virginien, der sich bei ihr ent-
schuldigt: es sei ihm nicht gelungen, die Abgaben auf den Cham-
pagner, welchen sie ihm vorsetzt, herabzudrücken; er erklärt ihr,
daß er daran keine Schuld trägt, da der von ihm ursprünglich
eingebrachte Gesetzesvorschlag auch für diesen Artikel eine Re-
duktion vorsah. Hunderte von Modeartikeln aus Wolle, Seide
und Linnen zahlen jetzt geringere Abgaben. Diese Herabsetzungen
der Abgaben auf Luxusartikel machen, wie wir gleich sehen wer-
den, zwei Drittel der gesamten aus dem Tarife gezogenen Ein-
nahmen aus. Nicht ein einziger Arbeitsmann braucht diese Luxus-
artikel, und doch nennt man das eine zeitgemäße Tarifreform!
Das also ist die Erleichterung für die Massen des Volkes von der
Schwere der Abgaben! Welch wunderliche Täuschung! Tatsäch-
lich werden die Abgaben dadurch nur für die Reichen erleichtert!

Es handelt sich hier nicht etwa um eine Parteifrage, denn
jede Partei wünscht in erster Stelle — und zwar ohne Rücksicht
auf Freihandel oder Schutzzoll — durch den Tarif Einnahmen aus
dem Luxus der Reichen zu gewinnen. Eine richtige Tarifgesetz-

Carnegie, Kaufmanns Herrschgewalt.	14
        <pb n="229" />
        ﻿210	XVIII. Was für Tarife würde ich aufstellen,

gebung würde die Bürde auf die Schultern jener Leute legen,
die sie am ehesten zu tragen imstande sind; deshalb müßte auf
alle Luxusartikel eine größere Abgabe gelegt werden, als jemals
bisher darauf gelegt war. Die Annahme, daß der Gebrauch der
Luxusartikel durch höhere Abgaben ernstlich vermindert wird, ist
falsch. Gerade das Gegenteil trifft zu: einen Hauptbestand-
teil des fashionablen Bedürfnisses bilden eben die
großen Kosten. Die Einfuhr verringerte sich, wenn die Ab-
gaben auf Artikel gelegt würden, die allgemein bei den großen
Massen Verwendung finden, wo die Kosten stets sorgsam erwogen
werden. Doch das alles fällt nicht so bei Luxusgegenständen ins
Gewicht, die hauptsächlich Sachen des Geschmackes und der Mode
sind und die einzig und allein reiche Leute kaufen, bei denen,
der Preis keine Rolle spielt. Beispielsweise könnte eine doppelte
Abgabe auf Champagner, Spitzen, Wolle und Seide die Reichen
vor deren Kauf nicht abschrecken. Die dadurch für die Staats-
einnahmen hervorgebrachte Verminderung dürfte durch die Ver-
mehrung der Bevölkerung und deren Reichtum aufgewogen wer-
den. Die Höhe der auf diese Weise erreichten Mehreinnahmen
würde die Sache sehr bald ausgleichen. Selbst wenn diese höheren
Abgaben den Verbrauch solcher importierten Artikel um ein Viertel
für eine Zeitlang reduzierten, würden die dadurch1 gewonnenen
Einnahmen bei Verdoppelung der darauf gelegten Steuer
immer noch ein volles Viertel mehr ausmachen als bisher. Sollte
eine derartige Steuerpolitik eine beträchtliche Verminderung des
Gebrauches herbeiführen, dann wäre das um so besser.

Die damit verbundene Schattenseite hat, sozusagen, einen
Silberrand, denn es würde dadurch so viel Reichtum mehr für den
Einkauf heimatlicher Produkte verwendet und zumindest nicht so
viel für luxuriöses Leben ausgegeben werden.

Man darf vielleicht sagen, daß der einheimische Produzent zu
guter Letzt die allerfeinste Qualität im Textilgewerbe fabrizierte,
wenn man die ausländischen Produkte hoch einschätzte. Das mag
so sein und wäre so nur zum Nutzen des Landes; dennoch be-
dürfte es Jahre und Jahre, um dahin zu kommen. Lange vorher
würde der natürliche Zuwachs der Einnahmen durch die natürliche
Vermehrung der Bevölkerung und Vermehrung des Reichtums
        <pb n="230" />
        ﻿wenn ich Zar wäre?

211

jede Reduktion der Einfuhr ausgleiclien. In wenigen Jahren müßte
die Abnahme der Pensionen — diese große finanzielle Last der
Gegenwart — die Regierung von der Notwendigkeit befreien,
so viel Einkommensteuer wie jetzt zu fordern. Im Jahre 1892
wiesen die Tarifabgaben für die von Reichen gebrauchten Luxus-
gegenstände folgende Beträge auf:

Wollzeuge......... 32293609	Dollar

Seidenstoffe................ 16965637	„

Baumwollstoffe.............. 16436733

Flachsfabrikate... 10066636

Glas und Porzellan	....	10339000	„

Wein, Liköre usw........... 8 935 000	„

Tabak und Zigarren	.	.	.	.	11 882 557	„

Wir haben also hier 106 Millionen Einnahmen für sieben
Klassen von Luxusgegenständen; einige andere, welche weitere
Millionen einbringen, füge ich hier hinzu: Juweliersachen, Schmuck-
sachen, Equipagen, künstliche Blumen, Bürsten, Parfümerien,
musikalische Instrumente, Papier. Alles zusammen ergibt 114 Mil-
lionen Dollar bei einer Gesamteinfuhr von — alles in allem —
117 Millionen Dollar. Die Reduktion der Abgaben für nur von
Reichen gebrauchte Luxusgegenstände auf zwei Drittel der früher
daraus gezogenen Erträgnisse ist das Hauptergebnis des Gesetzes
Wilson.

Es kann dem nicht widersprochen werden, daß keiner dieser
Artikel zum Gebrauch breiter Volksmassen eingeführt wird. Mit
Wollen- und Seidenfabrikaten werden alle die Volksmassen aus-
schließlich von den einheimischen Produzenten versorgt. Die ein-
zige Klasse, welche importierte Kleidungsstoffe, sowie importierte
Glaswaren, Porzellan, Wein und Tabak benutzen, bilden die Rei-
chen. Dem Vorwurfe, daß die von den großen Massen gebrauchten
Artikel durch erhöhte Steuern teurer werden, sollte das Gesetz da-
durch’ begegnen, daß Wolle, Seide und Linnenstoffe gewöhnlicher
Beschaffenheit von den höheren Steuersätzen frei bleiben. Im
Grunde genommen wird nur hochfeine Ware importiert; dennoch
würde eine solche Klausel jeden Kritiker entwaffnen. Selbst wenn
der Abgabesatz vom Jahre 1892 auf Luxusgegenstände aufrecht
erhalten worden wäre, hätte das Defizit den Staatsschatz viel
        <pb n="231" />
        ﻿212	XVIII. Was für Tarife würde ich aufstellen,

weniger angegriffen. Wir haben hier in der Tat eine reiche
Goldmine, welche bei der nächsten Tarifgesetzgebung ausgenutzt
werden sollte. Wenn wir die Abgaben auf Luxusartikel ver-
doppeln und auf diese Weise andere 114 Millionen Dollar ein-
sammeln könnten, so wäre die Regierung imstande — selbst bei
einer Verminderung des Gebrauches dieser Gegenstände um ein
volles Viertel infolge der erhöhten Taxen — 57 Millionen von den
Schultern der arbeitenden Klassen zu nehmen und auf die der
vergnügungssüchtigen und extravagant luxuriösen Klassen der Ge-
sellschaft abzuwälzen. Diese vermögen sehr wohl für ihre Extra-
vaganzen zu zahlen — nicht nur zum Nutzen für sie selbst, son-
dern auch für die Gesamtnation. Wollte man es mit einer Zusatz-
gabe versuchen, dann deckten die Einnahmen sehr bald die ganze
Summe der außerordentlichen Ausgaben; freilich müßte der Zu-
schlag volle 50 Proz. betragen. Das ist weder Schutzzoll noch
Freihandel und hat mit keinem von beiden etwas zu tun: sondern
bildet einfach eine Frage des Staatseinkommens; auf keinem
anderen Wege, so darf man ruhig sagen, sind die notwendigen
Staatsbedürfnisse so weise: zu decken, als durch Steuern auf aus-
ländische Luxusgegenstände1, welche von den Reichen und der
extravaganten Klasse konsumiert werden. Mein Tarif würde die
Abgaben auf alle diese Luxusgegenstände verdoppeln.

Angesichts der Tatsache, daß die hauptsächlichste Veränderung,
welche das Wilsongesetz hervorbrachte — eine Reduktion der Ab-
gaben auf zwei Drittel der gesamten Tarifeinnahmen — einzig
und allein zum Nutzen der die importierten Artikel benutzenden
Reichen ist, muß man sich die Frage vorlegen, weshalb ein so
ehrenhafter, eifriger und sittlich reiner Mann, wie Herr Wilson,
die Schultern des Volkes nicht von dieser schweren Last er-
leichterte? Die Antwort darauf ist leicht genug: Er besaß keine
Erfahrung, hätte die Frage nicht studiert, und ich zweifle sehr,
ob er heute eine Maßregel vorschlagen würde, die seinen eigenen
von ihm bekundeten Absichten so vollkommen fremd ist. Die
Wichtigkeit der Tatsache, daß solch ein Mann, wie er, auf ein
bloßes Privatleben beschränkt blieb, nur weil ein Distrikt für den
anderen Stimmen abgab, zeigt sich' hier deutlich. Unsere Gewohn-
heit, nur Repräsentanten zu wählen, die in demselben Distrikt
        <pb n="232" />
        ﻿wenn ich Zar wäre?

213

wohnen, bringt uns um viele unschätzbare Kräfte. Herr Wilson
ist heutzutage fähig, einen der größten Dienste zu leisten, weil
er jetzt die Eigenschaft besitzt, die ihm bis dahin einzig und allein
dazu fehlte: Kenntnis der Geschäfte. Wir bedürfen gerade solcher
Leute, wie er, im öffentlichen Leben, und ich hoffe, er wird sehr
bald in die Öffentlichkeit zurückkehren. Dann wird er, wie ich
glaube, eines Tages im Parlament einem Tarife das Wort reden,
der die Luxusgegenstände der Reichen höher einschätzt, nicht
aber die darauf liegenden Steuern reduziert, zu ihrem eigenen
Wohl. Vielleicht verstehen nur wenige, bis zu welcher Ausdehnung
.Textilartikel !nur für die Reichen da sind. Nehmen wir z. B. Woll-
waren. Im Jahre 1890 betrug der Wert der einheimischen Woll-
produktion 338 Millionen Dollar, teure ausländische Wollen wur-
den eingeführt im Werte von 35000000 Dollar. Der Wert der
letzteren per Meter ist immer viel größer als der der gewöhn-
lichen einheimischen Fabrikate, so daß die Zahl der Meter nicht
mehr als 6—7 Prozent des gesamten Verbrauchs betrug. Wir
haben ähnliche Verhältnisse im Baumwollengewerbe. Der Wert
dieser einheimischen Industrie im Jahre 1890 belief sich auf
268 Millionen Dollar, dagegen wurde die Gesamteinfuhr in diesem
Artikel nur auf 28 Millionen Dollar geschätzt. Sogar mit Bezug
auf Seideneinfuhr wurde die in amerikanischen Betrieben erzeugte
Masse auf 69 Millionen Dollar veranschlagt. Der gesamte Wert
der eingeführten Seide belief sich dagegen nur auf 31 Millionen
Dollar. Selbstverständlich ist auch in diesem Falle der Wert per
Meter viel höher, als der des einheimischen Produkts. Seit dem,
Jahre 1890 hat sich die Seidenindustrie Amerikas sehr gehoben
und deckt mehr und mehr dauernd den einheimischen Markt.

Wenn die ausländischen Wollen, Linnen und Seiden in bezug
auf ihre Feinheit nach Klassen fixiert werden sollten, so würde
man sehr bald entdecken, daß Güter geringerer Qualität, wie sie
das Volk im allgemeinen braucht, überhaupt nicht mehr eingeführt
werden, selbst unter dem gegenwärtigen Tarif. Soweit hat der
amerikanische Produzent sich den einheimischen Markt erobert.
Noch ein anderer Punkt kommt dabei in Betracht. Ein sehr großer
Prozentsatz der eingeführten Textilartikel besteht nicht aus Zeug,
sondern aus Litzen, Spitzen, Putzmacherwaren, Posamentierwaren
        <pb n="233" />
        ﻿214	XVIII. Was für Tarife würde ich aufstellen,

usvv. Das alles wird bei uns nicht fabriziert. Für Kohle und Eisen
sollte der neue Tarif keinerlei Reduktionen bringen, weil eine Re-
duktion auf nahezu die Hälfte zu heftig wirkt. Es bedarf der
Zeit, bis eine Industrie sich einer so bedeutenden Veränderung an-
bequemt. Nebenbei bemerkt, ist eine Abgabe von 40 Prozent per
Tonne auf Erz und 30 Prozent per Tonne für Kohle sehr gering.
Das findet im allgemeinen auch auf Eisen und Stahl Anwendung.
Beide haben neuerdings durch Verminderung der Eingangszölle
gelitten. Das Mac Kinley-Gesetz hat diese Abgaben um
ebensoviel reduziert als das Wilsongesetz: nämlich um 30 Prozent.
Die Baumwollenbänder von allen Abgaben zu befreien, und alle
anderen Formen von Stahl abgabepflichtig zu lassen, das war der
größte Fehler des neuen Tarifs: ein Stück von reinem Partiku-
larismus, dem Gifte des Bundessystems. Die Hälfte der früheren
Abgaben sollte der Baumwolle wieder auferlegt werden.

Werke der Kunst müßten von Abgabe frei bleiben; ebenso
Bilderrahmen, die jetzt abgabepflichtig sind; da die dadurch ge-
wonnenen Summen kaum in Betracht kommen, während die Um-
stände und der Aufenthalt, der durch die Schätzung jedes einzelnen
Rahmens verursacht wird, die Einfuhr entmutigt. Solche Sachen
finden zuletzt doch in öffentlichen Galerien ihren Platz und werden
damit kostbare Besitztümer des Volkes. Ein anderer sehr wich-
tiger Punkt in dem Tarif hat keineswegs die für ihn wünschens-
werte Beachtung gefunden; ich meine die Bestimmung, welche die
Einfuhr von Material erlaubt, welches für Herstellung von Aus-
fuhrartikeln bestimmt ist. In einem solchen Falle werden 99 Pro-
zent der Abgaben erlassen. Darin zeigt sich ein wirklich staats-
männisches Verständnis, von gleicher Wichtigkeit wie das Gegen-
seitigkeitsverhältnis; etwas was für die Förderung der Ausdehnung
unserer Handelsbeziehungen sehr wesentlich ist. Auch das würde
ich in meinen Tarif aufnehmen, hur mit dem Unterschied, daß ich
auch den Rest von 1 Prozent erlassen würde, so daß der ameri-
kanische Produzent die Möglichkeit besäße, in allem, was er für
die Ausfuhr einkauft, von allen Märkten der Welt Nutzen zu,
ziehen. Auf diese Weise könnte er auf den verschiedenen Märkten
der Welt unter gleichen Konkurrenzbedingungen mit den Industri-
ellen Europas auch als Verkäufer auftreten. Schriftsteller und
        <pb n="234" />
        ﻿wenn ich Zar wäre?

215

Redner, welche sich über den Ausschluß des amerikanischen In-
dustriellen infolge der amerikanischen Schutzzölle von den Märkten
Europas ereifern, wissen augenscheinlich nicht, daß der Ameri-
kaner für das von ihm eingeführte Material sich voll und ganz
der Vorzüge des Freihandelssystems erfreut — wenn man von
dem einen Prozent Abgaben absieht, die die Regierung für Deckung
der Berechnungsgebühren zurückhält. Der neue Tarif würde auch
in bezug auf diesen Punkt jeden Kritiker durch Erlaß selbst dieses
einen Prozentes entwaffnen. Amerikanische Produzenten müßten
dann für ihren Kampf auf dem Weltmarkt jeden Vorteil genießen.
Auch die Gattung fremder Wolle, welche bei uns aus klimatischen
Gründen nicht erzeugt werden kann und trotzdem für die Mischung
mit den einheimischen Produkten wertvoll ist, sollte von Abgaben
frei sein.	I

Mein Tarif verlangte keine Einkommensteuer. Ich kenne keinen
Staatsmann von Ansehen, der die Einkommensteuer nicht als die
verderblichste von allen gebrandmarkt hätte. Gladstone appellierte
einst nur wegen dieser Steuer an das Land, indem er sie als
eine solche bezeichnete, welche dazu geeignet sei, eine Nation
zu Lügnern zu erziehen. Obgleich der Theorie nach eine berech-
tigte Abgabe, ist sie doch tatsächlich eine solche Quelle der De-
moralisation, daß man sie als die verderblichste Abgabenform:
bezeichnen kann, die jemals aufgefunden wurde, seitdem die
menschliche Gesellschaft sich friedlicher staatlicher Verhältnisse
erfreut.

In Kriegszeiten erscheint jede Maßregel gerechtfertigt: dennoch
ist für die Einkommensteuer nur die dringendste Notwendigkeit
eine Entschuldigung. Gegenwärtig existiert bei uns diese Not-
wendigkeit nicht; die Regierungseinnahmen müssen bald ein Mehr
über die Ausgaben ergeben, wenn durch nichts anderes, dann
durch die Vermehrung der Bevölkerung und des Reichtums. Das
kann auch jetzt schon erreicht werden, einzig und allein durch
höhere Besteuerung der Reichen und Extravaganten.

Auch die Zuckerfrage ist wichtig. Rohzucker und Melasse
sollten Abgaben zahlen und nur das Zuckermaterial frei von allen
Abgaben aus all den Ländern zugelassen werden, die uns gleiche
Vorteile als Gegenleistung gewähren: das käme, tatsächlich ge-
        <pb n="235" />
        ﻿216	XVIII. Was für Tarife würde ich aufstellen,

nommen, auf Abgabenfreiheit heraus. Die Vereinigten Staaten
haben eine große Macht dadurch in der Hand, daß sie für über
120 Millionen Dollar Zucker jährlich verbrauchen; dieser Zucker
wird hauptsächlich von unseren südamerikanischen Schwesterrepu-
bliken eingeführt, teilweise aber auch aus Cuba. Diese Tatsache
sollte weise benutzt werden, um uns zu den Märkten dieser Länder
einen leichteren Zutritt zu verschaffen als anderen Nationen. Eine
Prämie auf heimisch gewonnenen Zucker würde für kurze Zeit in
dem neuen Tarif in Ansatz gebracht werden, mit der Hoffnung,
daß unser Land es zu guter Letzt dahin bringen möge, seinen
eigenen Zuckerbedarf zu erzeugen. Die Versuche mit der Zucker-
rübe und Sorghum sollten nicht eingestellt werden.

Die Politik der Gegenseitigkeit müßte in weitestem Umfange
aufgenommen werden. Die Zunahme der Ausfuhr in diesen Ar-
tikeln zu den Ländern mit Gegenseitigkeitsverträgen beweist, daßi
Herr Blaine recht hatte, mit der Behauptung, wir würden bei
diesem System, richtig gehandhabt, die beste Gelegenheit haben,
unserem Lande ausländischen Handel zuzuführen, welcher uns
durch nichts anderes gesichert werden kann. Ich vertraue einer
Maßregel, welche von Ländern, denen wir unsere Märkte für
Zuckermelasse und Tabak öffnen, Gegendienste verlangt. Obgleich
ich im allgemeinen ein Gegner aller Abgaben auf Nahrungsstoffe
bin, sowie auf alles, was dem Volke notwendig ist, würde ich doch
mit Rücksicht auf die Produkte Kanadas eine Ausnahme machen
und zwar ohne jede Rücksicht auf die Doktrinen des Freihandels
und des Schutzzolles, einzig und allein von großen staatsmänni-
schen Gesichtspunkten aus. Ich glaube, wir zeigen zu wenig
patriotische Einsicht, wenn wir einem Lande, welches einer frem-
den, auf monarchischen Institutionen aufgebauten Macht unter-
worfen ist — einer Macht, die im Innersten ihres Herzens für
alle Zeit, die republikanische Idee verabscheuen wird — besondere
handelspolitische Vorteile gewähren. Wenn Kanada ein freies un-
abhängiges Land wäre und sein Geschick mit dem Geschick unseres
Kontinents in die Wagschäle werfen würde, dann wäre es etwas
anderes. Solange es aber als ein möglicher Feind an unserer
Flanke bleibt — nicht durch seinen eigenen Willen, sondern weil
es den Befehlen einer europäischen Macht unterworfen ist, solange
        <pb n="236" />
        ﻿wenn ich Zar wäre?

217

es sich bereit halten muß, durch diese Macht dazu aufgerufen
zu werden, seine Kräfte gegen uns zu wenden für Dinge, die
Kanada selbst nicht betreffen — würde ich Kanada ganz deutlich
zu verstehen geben, daß wir in ihm eine Bedrohung des Friedens
und der Sicherheit unseres eigenen Landes sehen: ich würde es
also demgemäß behandeln. Kanada sollte nicht zu gleicher Zeit
in und außerhalb der Union stehen, und wenn ich es durchsetzen
könnte, dann belegte ich alle seine Produkte, die nach den Ver-
einigten Staaten kommen, hoch mit Steuern; ich würde das tun,
nicht etwa weil ich Kanada nicht leiden kann, sondern gerade
weil ich es liebe; damit es daraus ersehen möge, daß die Völker
dieses Erdteiles amerikanische Völker sind und, wie ich hoffe,
eines Tages eine einzige Nation bilden werden, soweit ihr englisch
sprechender Teil in Betracht kommt. Ich würde diesen Weg
beschreiten, nicht aus Ärger, sondern aus Liebe; entweder sollte
Kanada Mitglied der Republik sein, oder allein stehen; in diesem,
Falle müßte es für sein Betragen in Krieg und Frieden verant-
wortlich sein, gerade so wie jede andere Nation. Es dürfte sich
nicht dadurch schützen wollen, daß; es eine fremde Macht zu Hilfe
ruft. Das ist, wie ich schon ausführte, weder Freihandel noch'
Schutzzoll, dennoch hängt es eng mit der Tariffrage zusammen.
Ich würde kanadische Artikel so lange besteuern, als Kanada sich
einer europäischen Macht unterordnet. Das neue Tarifgesetz sollte
die Bestimmung enthalten, daß beide Parteien einwilligen1, keine
weitere Tarifgesetzgebung für die folgenden zehn Jahre zu unter-
nehmen. Gerade wie alle zehn Jahre ein Zensus aufgenommen
wird, so müßte auch1 alle zehn Jahre der Tarif revidiert werden,
da wir dann mit vollem Einverständnis der beiden Parteien handeln
könnten. Wenn wir z. B. die Einfuhr derjenigen Artikel, die
nicht nur von den Reichen verwendet, sondern allgemein benutzt
werden, betrachteten, sie mit der einheimischen Produktion des-
selben Artikels verglichen und dann den1 Beweis daraus erhalten
würden, daß der einheimische Industrielle den ausländischen Pro-
duzenten vom eigenen Markte vertrieben hat, dann könnte die
Abgabe auf solchen Artikeln reduziert werden.

Es wäre für den einheimischen Produzenten unmöglich — und
ebenso auch für den ausländischen Importeur — eine solche Ent-



WKKM ■
        <pb n="237" />
        ﻿218

XVIII. Was für Tarife würde ich aufstellen,

Scheidung zu beeinflussen, weil wir die Zahlen, die die wirkliche
Lage der Dinge beweisen, zur Verfügung haben. Niemand könnte
dem widersprechen. Die eigentliche Frage würde sich dahin zu-
spitzen, ob der einheimische Fabrikant endlich den Beweis dafür
geliefert hat, daß er den betreffenden Artikel selbst erzeugen
könne, so daß die Produktionsbedingungen im Vergleich zu denen,
unter welchen er von ausländischen Quellen zu beziehen ist, günstig
erscheinen. Wenn der für die Tarifrevision eingesetzte Ausschuß
zu der Überzeugung gekommen wäre, daß die Herstellung des
fraglichen Artikels für diesen Teil der Welt (Amerika) nicht ge-
eignet ist, dann wäre damit erwiesen, daß man diesen Artikel
nicht länger zu schützen brauche und ihn entweder ganz von
Abgaben frei zu halten oder nur mit Rücksicht auf das Staats-
einkommen einzuschätzen habe.

Die Haltung, in der sich' ein solcher Ausschuß * der Tarif-
revision nähert, sollte der eines Liebhabers des Landlebens ent-
sprechen, welcher sich fragt, ob ein Baum zu fällen sei. Der Aus-
schuß müßte es sich immer vor Augen halten, gleich dem Lieb-
haber des Landlebens, wie schnell ein von ihm geschätzter Baum
niedergeschlagen und wie unmöglich es ist, ihn wieder aufzu-
richten. Es bleibt ganz unwichtig für das Land, ob 5 oder 10 Pro-
zent mehr Steuern auf einen ausländischen Artikel gelegt werden
müssen, als wirklich nötig sind, besonders wenn dergleichen nur
für wenige Jahre geschieht. Allein es macht einen großen Unter-
schied, ob 5 oder 10 Prozent zu wenig auf erlegt werden, so daß
der einheimische Produzent nicht mehr zu Bemühungen fähig ist,
die vielleicht zu guter Letzt in einen Sieg für ihn endigten. Bei
der Tarifgesetzgebung sollte es Regel sein, in allen zweifelhaften
Fällen das Schlimmste in Rechnung zu ziehen. In einem solchen
Ausschuß für Festsetzung der Abgaben wäre wenig Spielraum!
für Parteilichkeit, da seine Funktionen einen richterlichen Charakter
annehmen würden. Der letzte Endzweck bestände darin, eine
heimische Produktion solcher Artikel für allgemeinen Gebrauch
zu erhalten, die schließlich unter unserer eigenen Flagge pro-
duziert werden können; vielleicht bei zeitweiligem Schutzzoll, doch
so, daß das Angebot die Nachfrage unter geradeso günstigen Be-
dingungen decken könnte, wie die, welche mit einer Einfuhr von
        <pb n="238" />
        ﻿wenn ich Zar wäre?

219

anderen Teilen der Welt verbunden sind. Nur dann, wenn der
Beweis erbracht ist, daß die Vereinigten Staaten ein solches Er-
gebnis nicht hervorzubringen vermögen, sollte der Schutzzoll auf-
gegeben, und einzig und allein die Staatseinnahmen in Betracht
gezogen werden. Dagegen bin ich der Überzeugung, daß Ar-
tikel, die nur zum Luxusgebrauch für wenige da sind — Artikel,
für welche das Gesetz Wilson die Abgaben bedeutend reduziert
hat — weder mit Freihandel noch mit Schutzzoll überhaupt etwas
zu tun haben. Auf solche Artikel sollte ein außerordentlich hoher
Schutzzoll gelegt werden, einzig und allein mit Rücksicht auf die
fiskalische Einnahme; keine andere Rücksicht dürfte bei Erhebung
von Zöllen ins Gewicht fallen, da ihr Endzweck Staatseinkommen
ist. Ich bin sicher, daß der entscheidende Punkt nicht erreicht
werden wird, bevor die gegenwärtigen Tarifsätze für alle die
Sachen, welche als Luxusgegenstände gelten, nicht verdoppelt wor-
den sind; ein solcher Tarifsatz würde volle 2/3 des ganzen Tarif-
einkommens decken. Ebenso bin ich der festen Überzeugung,
daß die Meinung des Staatssekretärs Carlisle, der zufolge durch
die Reduktionen des Wilsongesetzes, sich der Gebrauch dieser
Artikel wesentlich steigern werde, irrtümlich ist. Der Gebrauch
von Luxusartikeln kann sich durch Änderung des Zolles weder
erhöhen noch vermindern; es sei denn in so geringem Grade,
daß nur Theoretiker dadurch überrascht werden können — weil
für die Reichen die Kosten nicht in Betracht kommen.

Um alles hier noch einmal kurz zusammenzufassen:

1.	Zölle sollten nur auf solche ausländischen Gegenstände gelegt
werden, die eine sehr reiche Klasse benutzt, ohne jede Rück-
sicht auf Freihandel oder Schutzzoll, nur mit Rücksicht auf fis-
kalische Einnahmen. (Die Luxusgegenstände bringen 2/3 des
ganzen Tarifeinkommens ein.)

2.	In Friedenszeiten sollten keinerlei Einkommensteuern erhoben
werden.

3.	Schon bestehende Industriezweige sollten nicht häufig schwer-
wiegenden Änderungen unterworfen werden, sondern man
müßte ihnen Zeit lassen, sich neuen Bedingungen anzupassen.
        <pb n="239" />
        ﻿220	XVIII. Was für Tarife würde ich aufstellen,

Eine plötzliche Reduktion von mehr als die Hälfte des auf-
erlegten Zolles ist nicht allein nicht zulässig, sondern geradezu
gefährlich.

4.	Gegenseitigkeit ist, nach vorliegenden Tatsachen zu urteilen, das
beste, um unseren ausländischen Handel auszudehnen; diese
Politik sollte deshalb wieder aufgenommen werden.

5.	Die Prämie auf einheimisch erzeugten Zucker sollte bis auf
weiteres nicht fallen gelassen werden, denn es ist noch keines-
wegs erwiesen, ob die Zuckerrübe und der Sorghumzucker
uns doch am Ende nicht in die Lage bringen werden, unseren
einheimischen Bedarf unter günstigen Bedingungen selbst zu
decken.

6.	Wolle, die wir nicht zu Hause erzeugen können und die doch
für Mischungen notwendig ist, sollte von jeder Abgabe frei sein.

7.	Kunstgegenstände aller Art sollten frei sein, weil sie ja doch
früher oder später den öffentlichen Institutionen zugute kommen.

8.	Nachdem der Tarif festgesetzt, sollte jede weitere Tarifgesetz-
gebung bis zu jedem zweiten Jahre nach vorgenommenem Zen-
sus ruhen, es sei denn, daß, wie gerade jetzt, ein Fehlbetrag im
Staatshaushalt und eine gesunde Politik besondere Einnahmen
von solchen Einfuhrartikeln notwendig machen, wie es die von
außerordentlich reichen Leuten gebrauchten Luxusartikel sind;
dagegen sollten unter keinen Umständen die notwendigen Le-
bensmittel der armen Leute besteuert werden.

So würde mein Tarif zugunsten der bedrückten Volksmassen
aussehen, so zum Nutzen derer, die ein einfaches und unbemer-
kenswertes Leben führen. Weder Schutzzöllner noch Freihändler
als solche, könnten etwas dagegen einwenden, da ein solcher
.Tarif bestimmt ist — nicht durch das Interesse einer der be-
stehenden Parteien, sondern einzig und allein durch die Rück-
sicht auf die fiskalischen Einnahmen und nach dem Grundsatz,
daß es im großen und ganzen zum Besten des Volkes geschieht
— Abgaben von ausländischen Luxusgegenständen der besonders
Reichen zu erheben.

So gehandhabt, würde der Tarif tatsächlich von unserem Partei-
        <pb n="240" />
        ﻿leben ausgeschieden und als reine Geschäftsfrage behandelt wer-
den. Wenn außerdem für jede Tarifgesetzgebung eine zehnjährige
Rast zugestanden wird, dann würde, wie ich glaube, unser Land
sich bald wieder erholen und den Vormarsch zum Gedeihen,
soweit Tarifpolitik einen solchen Marsch beschleunigen kann,
wieder aufnehmen, wie er das Jahrzehnt von 1880—1890 kenn-
zeichnet: eine Periode, in der sich eine geradezu staunenswerte
Entwicklung zeigte; ein Jahrzehnt, das, soweit materieller Fort-
schritt in Frage kommt, als das goldene Zeitalter unserer Republik
bezeichnet werden darf.

V V V
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1 CO /	Abteilung	\ S» \  1 *-+■&gt; i
['Sei	Bibliothek	1 M •1 :■
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        <pb n="241" />
        ﻿0 Verlag für Handelsliteratur G. Ä. Gloeckner in Leipzig S

Handelshodisdiul - Bibliothek

Sammlung von Leitfäden aus dem Gebiete des Handels, der Industrie
und Technik zum Selbstunterricht sowie zum Gebrauche an Handels-
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TVe Handelshochschul-Bibliothek bietet aus der Feder unserer besten Praktiker
und Theoretiker Leitfäden für die einzelnen Wissensgebiete des Handels, der
Industrie und Technik, welche, auf der Höhe der Wissenschaft stehend, gemein-
verständlich abgefaßt sind. Einmal sollen sie zur Unterstützung des Unterrichts
dienen, sodann zum Selbstunterricht. Die Darstellung ist stets präzise, aber nicht
zu knapp; für die weitere Vertiefung und das Selbststudium enthalten die Bände
ausführliche Literaturangaben. Insbesondere werden in jeder Ärbeit möglichst
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Die Fabrikbudihaltung von Dr.

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u. Wirtschaftsgenossenschaften. 134S.

In Originalleinenband M. 3.40

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Geheimer Regierungsrat, Dozent an
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GORDÄN, Magistr.-Ässessor in Berlin.
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Das Eisenbahnrecht im Deut-
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gierungsrat, Dozent an der Handels-
hochschule in Berlin. 260 Seiten.

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maire par GABRIEL PUY-FOURCÄT,
Lektor an der Kgl. Militärakademie
und der Handelshochschule in Berlin.
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In Originalleincnband M. 4.50

Grundriß des gewerblichen
Rechtsschutzes vonDr.PHILIPP
ÄLLFELD, Professor der Rechte an
der Universität Erlangen. 228 Seiten.
In Originalleinenband M. 4.60

Einführung in die Sozial-
politik von Dr. LEOPOLD VON
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Werner Grull.

13: Einfache Buchführung von Oberlehrer Ed. Glück.

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Das Schriftwerk des Kaufmanns
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Der Kaufmann im Verkehr mit den
deutschen Zollbehörden von Reg.-
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Das Mahnverfahren von Rechtsanwalt
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Das Konkursrecfat von Rechtsanwalt

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Geschichte des Handels v. Oberlehrer
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Die doppelte Buchführung v. Ober-
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haltungspraxis v. Dr. Paul Gerstner.

Geschäftskunde f. d. Kleinhandels-
stand. Zweites Buch; von Kammer-
assistent H. Krüer.

Geschäftskunde f. d. Kleinhandels-
stand. Drittes Buch; von Kammer-
assistent H. Krüer.

Die deutsche Zoll- und Handels-
politik von Prof. Dr. W. Gerloff.

Die äußere Handelspolitik von Prof.
Dr. W. Gerloff.

Die innere Handelspolitik von Prof.
Dr. W. Gerloff.

Das deutscheHandelsrechtvon Justiz-
rat Prof. Gammersbach.

Schiffahrtsrecht von Justizrat Prof.
Gammersbach.

Die Sammlung wird fortgesetzt.

Ausführlicher Sonderprospekt auf Wunsch kostenfrei
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        ﻿0 Verlag für Handelsliteratur G. A. Gloeckner in Leipzig 0

L. Rothschilds
Taschenbuch für Kaufleute

Ein Lehr- und Nachsdilagebuch der gesamten Handels-
wissenschaften in allgemeinverständlicher Darstellung

In Verbindung mit hervorragenden Fachmännern herausgegeben von

Professor Dr. Christian Eckert

Studiendirektor der Handelshodisdiule Cöln

Mit einer großen Änzahl CC vollständig neubearb.Äufl.

Übersichten und Tabellen. UcJ. XVIII u. 1126 Seiten Lex.-8°.

In Leinenband M. 10.—, in Halblederband M. 11.—

Bisheriger Absatz über 430000 Exemplare!

„Rothschilds Taschenbuch ist eines jener Universalwerke, die sich dauernd behaupten. Das nun
1 n 55. Auflage vor uns liegende Buch ist gegenüber seinen Vorgängern wieder wesentlich erweitert
und verbessert. Der Verlag hat — in seiner bekannten Weise — sowohl auf den Inhalt wie auf die
Ausstattung des Werkes wieder die größte Sorgfalt verwendet. Welcher Kaufmannslehrling möchte
nicht dieses Lehr-, Lern- und Nachsdilagebuch besitzen! Wir empfehlen namentlich den Lehrlings-
und Unterrichtsabteilungen der Ortsgruppen des Verbandes Rothschilds Taschenbuch als Prämie zu
vergeben.“	Deutsche Handelswacht.

„Unter der Leitung des bewährten Studiendirektors der ersten deutschen Handelshochschule,
des Professors Eckert, haben sich mehrere Männer der Volkswirtschaftslehre, der Handelstechnik,
der Versicherungswissenschaft und dergleichen vereinigt und ein Handbuch des gesamten kommer-
ziellen Wissens zusammengestellt, wie wir es in dieser Vollkommenheit in Deutschland bisher noch
nicht besaßen.“	Berliner Tageblatt.

Kretzsdimars

Fremdwörterbuch für Handel
und Industrie

Alphabetisches Verzeichnis der in Sprache und
Schrift vorkommenden nichtdeutschen Wörter,
deren Abstammung, Betonung und Verdeutschung

Bearbeitet von Dr. phil. Fr. Purliiz

4. Auflage. IV und 414 Seiten. Gebunden M. 3.20

„Das Buch will ein Nachsdilagebuch sein, das dem Bedürfnisse des handel- und gewerbetreibenden
Publikums genügt. Es kann nicht den Anspruch auf Vollständigkeit machen; doch genügt es völlig
den Ansprüchen, des geschäfllichen Lebens. Es vereinigt in sich ein Fremdwörterbuch, eine kauf-
männische Terminologie und ein technisches Lexikon. Im Gebrauch wird sich das Buch recht praktisch
erweisen.	Deutsche Handelsschul-Lehrerzeitung.

„Bei dem billigen Preis und fast 25000 Stichwörtern können wir das Fremdwörterbuch bestens
empfehlen. Es enthält eigentlich mehr als der Titel besagt, da eine große Anzahl Wörter fremder
Sprachen Aufnahme gefunden hat. Aber dies erhöht nur den Wert des Buches als eines zuverläs-
sigen kaufmännisch-technischen Nachschlagewerks.“	Berliner Lokal-Anzeiger
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        ﻿II. Lebensunterhalt in Großbritannien und in den Vereinigten Staaten. 155

un ist der Satz von 18 Sh. der höchste in ganz Neuyork. Da-
ir hat er ein sehr gutes Zimmer und alle Mahlzeiten, Frühstück,
*unch, Mittag- und Abendessen. Er erinnert sich dann vielleicht,
iß er im Londoner Metropol-Hotel kaum auch nur ein gleiches
iner haben könnte für dasselbe Geld, mit dem in einem guten
euyorker Hotel volle Pension — alles inbegriffen — bezahlt wird,
ber die Eisenbahnkosten befragt, muß er nach kurzem Nach-
chnen eingestehen, daß sie in Amerika für erste Klasse, mit
Anschluß des Schlafwagens, kaum die Hälfte der englischen Eisen-
ihnprCise ausmachen. Die bei Bahnfahrten und Hotelkosten ge-
achten Ersparnisse dürften noch nicht zur Hälfte von den Extra-
•eisen für Droschken und ausländische Weine verschlungen wer-
|n. Der ausländische Besucher kaufe keine aus nichtamerikani-
s| hem Tuch gemachten Kleidungsstücke, auch wird er, klug genug
Tm Beispiele der Amerikaner folgend, stets Hotelomnibusse oder
ektrische Bahnen, sehr selten aber, wenn überhaupt, Droschken
mutzen; diese sind keine amerikanische Einrichtung. Wünscht
doch der fremde Besucher Wagen und Pferde tag-, wochen-
id monatweise oder auch zum Theater und für Empfangsabende,
_inn kann er dergleichen zu Preisen haben, die hier nicht höher
nd, als die in London dafür verlangten: 40—50 £ monatlich, je
ich den Umständen und 12 Sh. für einen Brougham auf den
bend; ja für eine Nachmittagsfahrt in den Park sind Wagen und
ferde in Neuyork sogar noch billiger zu haben. Es steht ganz
ißer Zweifel, daß die Reisekosten mit allen damit verbundenen
r~ebenausgaben pro Tag bei gleichen Entfernungen in England
iher sind als in Amerika. Doch das geht nur die verhältnis-
äßig kleine Zahl von Reisenden an, welche doch gewöhnlich be-
ittelte Leute sind, und ist daher von nur geringer Bedeutung.

: iel wichtiger und bedeutsamer sind die vergleichsweisen Kosten
r den Lebensunterhalt der großen Volksmassen, der auf Lohn
]■ igewiesenen Klassen, in beiden Ländern.

j:	Überlegen wir einmal ruhig folgendes: Das Einkommen der

s: rbeitermassen — gelernter und ungelernter Arbeiter — beträgt
1: vischen £ 60 und £ 120 (1200 bis 2400 M.) jährlich. Zunächst
*j; ollen wir nun die aus solchem Einkommen zu bestreitenden not-
wendigen Ausgaben näher untersuchen. Nach der Arbeiterstatistik
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