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        <title>Kaufmanns Herrschgewalt</title>
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            <forname>Andrew</forname>
            <surname>Carnegie</surname>
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        ANDREW  CARNEGIE

Kaufmanns  Herrschgewalt
(EMPIRE  OF  BUSINESS)
Autorisierte  Übersetzung
von  Dr.  E.  E.  Lehmann
Mit  einem  Bildnis

Fünfte  Auflage
14.—  18.  Tausen  d

1914
Verlag  von  G.  A.  Gloeckner  in  Leipzig
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        V  V
V

INHALT

Seite
Einleitung
I.  Der  Weg  zum  geschäftlichen  Erfolg  1
Ansprache  an  junge  Kaufleute.
II.  Des  Geldes  ABC  13
Tauschhandel  —  Direkter  Warenaustausch.  —  Geldmangel
und  Geldgebrauch.
III.  Silberwährung  25
Vergleich  zwischen  Silber-  und  Goldwährung.  —  Silbereinkäufe ­
  in  den  Vereinigten  Staaten.  —  Silberwährung
und  Nationalkredit.  —  Vergleich  der  beiden  Währungen.
IV.  Das  gemeinschaftliche  Interesse  von  Arbeit  und  Kapital  .  .  49
Ansprache  an  Arbeiter.
V.  Sparen  eine  Pflicht  .  64
Pflichten  reicher  Leute.

VI.  Wie  kann  man  ein  Vermögen  erwerben?  68
VII.  Reichtum  und  sein  Gebrauch  81
VIII.  Das  Schreckgespenst  der  Trusts  101
IX.  Englisch-amerikanische  Handelsbeziehungen  114
X.  Geschäft  125
XI.  Die  Stahlfabrikation  des  neunzehnten  Jahrhunderts  in  den
Vereinigten  Staaten  143
XII.  Lebensunterhalt  in  Großbritannien  und  in  den  Vereinigten
Staaten
XIII.  Die  natürlichen  Öl-  und  Gasquellen  im  westlichen  Pennsylvania ­
  166
XIV.  Der  dreibeinige  Stuhl'  181
Schema  über  der  Welt  Arbeit.
XV.  Eisenbahnen  einst  und  jetzt  184
XVI.  Eisen  und  Stahl  daheim  und  in  der  Fremde  192
XVII.  Die  Manchester-Schule  und  die  Gegenwart  195

XVIII.  Was  für  Tarife  würde  ich  aufstellen,  wenn  ich  Zar  wäre?  .  207
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        EINLEITUNG 1 ).
Die  beispiellose  volkswirtschaftliche  Entwicklung  der  Vereinigten
Amerikanischen  Freistaaten  hat  eine  in  der  Geschichte  der  neueren
Zeit  bis  dahin  unbekannte  Klasse  von  Männern  hervorgebracht:  die
Billionäre.  Gegenüber  den  Reichtümern  dieser  Klasse  erscheinen
selbst  die  Reichtümer  der  altrömischen  Kaiserzeit  von  nur  mäßigem
Umfange,  und  das  um  so  mehr,  als  viele  der  nach  Billionen  zählenden
ungeheuren  amerikanischen  Vermögen  nicht  im  Laufe  und  durch  die
Arbeit  mehrerer  Generationen,  sondern  durch  den  Fleiß,  die  Intelligenz ­
  und  die  Sparsamkeit  eines  einzigen  Mannes  erworben
wurden.  Ein  geradezu  klassisches  Beispiel  für  das,  was  ein  mit
den  nötigen  Eigenschaften  ausgerüsteter  Geschäftsmann  in  einer
verhältnismäßig  kurzen  Zeitspanne  unter  amerikanischen  Verhältnissen ­
  zu  leisten  vermag,  ist  der  Schotte  Andrew  Carnegie.  Er  ist
am  25.  November  1837  zu  Dunfernline,  einer  der  ältesten  und  geschichtlich ­
  merkwürdigsten  Städte  Schottlands,  als  der  Sohn  eines
armen  Webers  geboren.  Sein  Vater  und  dessen  Bruder  —  Andrews
Oheim  —  waren  beredte  Anhänger  der  Chartisten-Bewegung;  sie
hatten  keine  große  Achtung  vor  königlichem  Blut;  „noch  heute“  —  so
bekannte  nicht  unlängst  der  Billionär  Carnegie  —  „steigt  mir  das
Blut  zu  Kopf,  wenn  ich  von  einem  König  oder  irgendeinem  anderen
erblichen  Vorrecht  reden  höre.“  Die  Familie  Carnegie  war  eine
Familie  von  Republikanern.  Vierzig  Jahre  später  gab  Andrew
seinen  Anschauungen  in  seinem  Buche  „Der  Triumph  der  Demokratie“ ­
  beredten  Ausdruck.  Dennoch  lernte  er  mit  der  Zeit  auch
die  Vorteile  weise  geübter  königlicher  Gewalt,  soweit  dieselbe  ihm
ein  Ausdruck  des  Volkswillens  schien,  schätzen.  Bei  den  Jubiläumsfestlichkeiten ­
  für  die  Königin  Victoria  hielt  der  teilweise  Bekehrte
auf  die  Gefeierte  eine  glänzende  Lobrede.  Nach  Andrew  Carnegies
Meinung,  welche  allerdings  mit  den  politischen  Tatsachen  im  schärfsten ­
  Widerspruche  steht,  sind  auch  die  vereinigten  britischen  Königreiche, ­
  geradeso  wie  die  vereinigten  amerikanischen  Freistaaten
eine  Republik,  nur  mit  dem  Unterschiede,  daß  die  britische  Republik ­
  von  einem  gekrönten,  die  amerikanische  von  einem  ungekrönten
l )  Vgl.  Andrew  Carnegie,  From  Telegraph  Boy  to  Millonaire  by
Bernard  Alderson,  London,  Artur  Pearson  Limit.
        <pb n="4" />
        Einleitung.

V

Staatsoberhaupte  repräsentiert  werde.  Andrew  Carnegies  politische
Überzeugungen  erhielten  Wesen  und  Farbe  durch  den  Bruder  seines
Vaters;  sie  waren,  da  die  Familie  schon  in  Andrews  Knabenjahren
nach  Amerika  auswanderte,  seinem  Fortkommen  eher  förderlich
als  hinderlich.
Die  Umwälzung  im  Webergewerbe  durch  die  Einführung  der
Maschinenarbeit  zwang  den  Vater  Andrews  dazu,  die  Fieimat  zu
verlassen.  Eines  Tages  kam  er  mit  dem  niederdrückenden  Bekenntnis ­
  nach  Hause,  er  könne  keine  Arbeit  mehr  finden.  Andrew
war  damals  erst  zehn  Jahre  alt;  aber  sein  klarer  Verstand  und
noch  mehr  sein  feinfühlendes  Herz  begriff  nur  allzu  gut,  was  das
bedeute.  Nach  reiflicher  Erwägung  faßte  die  Familie  den  Entschluß, ­
  nach  Pittsburg  in  Pennsylvanien  auszuwandern;  dort  hatten
bereits  Verwandte  der  Carnegies  einige  Jahre  vorher  eine  behagliche ­
  Existenz  gefunden.  Dem  jungen  Andrew  wurde  das  Scheiden
von  der  alten  Heimat  besonders  schwer,  und  noch  in  späteren
Jahren  erklärte  der  Besitzer  einer  der  schönsten  Paläste  in  ganz
Neuyork:  „Was  Benares  für  den  Hindu,  Mekka  für  den  Mohammedaner, ­
  und  Jerusalem  für  den  Christen  ist,  all  das  und  mehr
als  das  ist  Dunfernline  für  mich.“
Es  gelang  dem  Vater  Andrews  gleich  nach  seiner  Ankunft  in
einer  Baumwollenfabrik  Arbeit  zu  finden;  Andrew  selbst  trat  mit
zwölf  Jahren  als  Klöppeljunge  ins  Geschäft;  er  begann  mit  fünf
Shilling  Wochenlohn.  Der  Junge  war  nicht  wenig  stolz  darauf,
etwas  zum  Unterhalt  der  Familie  beitragen  zu  können.  Er  mußte
schwer  genug  für  seine  fünf  Shillinge  arbeiten  —  von  früh  morgens
bis  spät  abends,  nur  unterbrochen  durch  eine  Mittagspause  von
vierzig  Minuten.  Seine  nächste  Stellung  war  die  eines  Dampfkesselheizers; ­
  hier  hatte  er  eine  Lokomotive,  welche  die  Maschinen
einer  kleineren  Fabrik  trieb,  zu  bedienen  und  zu  beobachten.  Gewiß
ein  recht  schwieriger  Posten  für  einen  dreizehnjährigen  Knaben.
Die  damit  verbundene  Verantwortlichkeit  machte  den  jungen  Andrew
zeitweise  nervös;  selbst  im  Schlafe  schreckte  ihn  die  Möglichkeit
eines  gefährlichen  Versehens  bei  der  ihm  übertragenen  Arbeit  auf.
„Icli  war  jung  und  hatte  meine  ehrgeizigen  Träume,“  so  erzählte
er  viel  später,  „ein  Etwas  in  mir  sagte  mir,  daß  das  nicht  andauern ­
  und  ich  bald  in  eine  bessere  Lage  kommen  würde.“  Was
zweifellos  den  schnell  zum  Jüngling  heranreifenden  Knaben  all
        <pb n="5" />
        VI

Einleitung.

und  jede  Last  leichter  ertragen  ließ,  war  das  glückliche  Familienleben ­
  im  Eltemhause.  Jedes  —  die  Mutter,  der  Vater  und  selbst
Andrews  jüngerer  Bruder  —  tat  seine  volle  Pflicht  und  Schuldigkeit; ­
  jedes  war  bestrebt,  dem  anderen  die  Sorge  zu  erleichtern  und
ein  glückliches  Gesicht  zu  zeigen.  Vor  allem  war  es  die  Mutter
Andrews,  eine  resolute,  dabei  eine  herzensgute  und  sparsame  schottische ­
  Hausfrau,  welche  Glück  und  vorsorgende  Liebe  über  die
ganze  Familie  ausbreitete.
In  seinem  vierzehnten  Jahre  gelang  es  dem  jungen  Webersohn ­
  endlich,  der  Heizerstelle  ledig  zu  werden.  Ein  Landsmann,
gleichfalls  aus  Dunfernline,  der  sich  im  Telegraphenamt  zu  Pittsburg ­
  Ansehen  und  Amt  errungen,  verschaffte  dem  jungen  Carnegie
eine  Stellung  als  Telegraphenjunge.  Er  hatte  die  Depeschen  auszutragen ­
  und  das  brachte  ihn  zuerst  mit  Männern  der  Presse  in
persönliche  Berührung;  er  hoffte,  eines  Tages  selbst  Artikel,  ja
sogar  Bücher  schreiben  zu  können.  Andrew  hatte  nun  einen  Wochenlohn ­
  von  zwölf  Shillingen;  allein  ihn  quälte  immer  die  Furcht,  daß
er  die  Stellung  wieder  verlieren  möchte,  da  er  mit  dem  Geschäftsviertel ­
  der  Stadt  Pittsburg  zu  wenig  vertraut  und  seine  Gesundheit ­
  infolge  der  Überanstrengung  bei  Bedienung  der  Dampfmaschine
nicht  gerade  fest  war.  Bald  hätte  er  jedoch  beide  Hindernisse
überwunden.
Fleißig  und  immer  bestrebt,  so  viel  wie  möglich  zu  lernen,
benutzte  Jung-Carnegie  jeden  Morgen,  in  aller  Frühe,  bevor  noch
die  Telegraphisten  im  Telegraphenamte  Waren,  die  ihm  gebotene
Möglichkeit  zur  Erlernung  des  Telegraphierens.  Bei  seinem  bewunderungswürdigen ­
  Gehör  vermochte  er  sehr  bald,  allein  durch
das  Ohr  die  eingehenden  Telegramme  zu  entziffern.  Sein  Lehrer
J.  D.  Reed  berichtet  in  seiner  „Geschichte  des  Telegraphen“  mit
Rücksicht  auf  Andrew  Carnegie:  „Mir  gefiel  der  Junge,  und  ich
sah  sehr  bald,  daß  er,  obgleich  klein,  voller  Geist  war.  Er  war
kaum  einen  Monat  lang  in  meinen  Diensten,  als  er  mich  frug,  ob
ich  ihn  das  Telegraphieren  lehren  wolle.  Ich  begann  ihn  zu  unterrichten ­
  und  fand  einen  fähigen  Schüler  in  ihm.  Bald  telegraphierte
er  so  gut  wie  ich  selbst.“  Sehr  bald  bot  sich  Andrew  eine  besondere
Gelegenheit,  seine  Fähigkeit  zu  zeigen.  Eines  Morgens  traf,  während ­
  er  sich  im  Telegraphieren  übte,  eine  Todesbotschaft  aus  Philadelphia ­
  ein.  Jung-Carnegie  machte  sich  sofort  an  das  Übertragen
        <pb n="6" />
        Einleitung.

VI!

der  Nachricht,  so  daß  der  angestellte  Telegraphist  bei  seinem  Eintritt ­
  bereits  alles  getan  fand.  Dieser  Erfolg  lenkte  die  Aufmerksamkeit ­
  auf  den  Jungen;  kurz  darauf  erhielt  er  eine  Stelle  als
Telegraphist  mit  1200  M.  Jahreseinkommen.
Er  war  erst  sechzehn  Jahre  alt.  Da  sein  Vater  eben  gestorben,
und  so  der  junge  Andrew  die  Seinigen  zu  ernähren  hatte,  kam  seine
Beförderung  gerade  zur  rechten  Zeit.  Daneben  fand  sich  sehr  bald
ein  Extradollar  (4  M.),  den  die  Pittsburger  Blätter  ihm  wöchentlich' ­
  für  Ablassung  und  Übertragung  der  einlaufenden  Depeschen
anboten.  Diese  4  Sh.  behielt  er  für  sich;  es  war  sein  erstes
Spargeld.  Seine  Stellung  als  Telegraphist  brachte  den  jungen  Mann
ganz  natürlicherweise  mit  vielerlei  Leuten  in  Verkehr.  Unter  anderem ­
  zog  Andrew  schnell  die  Aufmerksamkeit  eines  Herrn  Scott
auf  sich,  der  zur  Zeit  Direktor  der  Pennsylvanien-Eisenbahn  in
Pittsburg  war.  Scott  bot  Jung-Carnegie  eine  Telegraphistenstelle
im  Dienste  seiner  Gesellschaft  mit  einem  Mehrgehalt  von  40  M.
monatlich  an.  Andrew  schlug  ein  und  gewann  in  kurzer  Zeit  Vertrauen ­
  und  Freundschaft  seines  Chefs.
Eines  Tages  teilte  ihm  Scott  im  Vertrauen  mit,  daß  ein  sehr
gutes  Geschäft  durch  Ankauf  von  500  Dollars  (2000  M.)  Aktien  der
„Adam  Expreß-Gesellschaft“  zu  machen  sei.  Die  Aktien  hatten
einen  Wert  von  je  240  M.,  und  Scott  erbot  sich  freiwillig,  dem
jungen  Carnegie  400  M.  vorzustrecken,  wenn  Andrew  die  nötige
übrige  Summe  sich  verschaffen  könne.  Andrew  antwortete  mit
einem  „Ja“,  obgleich  er  noch  keine  Ahnung  hatte,  woher  er  die
nötigen  übrigen  1600  M.  nehmen  sollte.  Jedoch  er  wußte  jemanden,
der  stets  Rat  zu  schaffen  verstand:  seine  Mutter;  ihr  Finanzgenie
hätte  schon  ganz  andere  Schwierigkeiten  zu  überwinden  vermocht.
Noch  am  selben  Abend  wurde  Familienrat  gehalten,  und  nachdem
Andrew  auseinandergesetzt,  um  was  es  sich  handelte,  erklärte  seine
Mutter:  „Es  muß  durchgesetzt  werden.  Wir  müssen  eine  Grundschuld ­
  auf  unser  Haus  aufnehmen.  Ich  gehe  morgen  in  aller
Frühe  nach  Ohio,  um  Onkel  Carnegie  zu  bitten,  alles  zu  arrangieren.“
So  geschah  es;  das  Geld  war  zu  Stelle;  die  Aktien  wurden  gekauft
und  das  Haus  verpfändet.  Damit  war  der  erste  Eckstein  zu  Andrews
zukünftigem  Reichtum  gelegt.  Noch  heute  ist  Carnegie  nie  endenden
Preises  voll  für  den  Mut  seiner  von  ihm  vergötterten  Mutter  bei
dieser  Gelegenheit.  „Sie  traf  stets  das  Rechte,  wo  und  wann  irrte
        <pb n="7" />
        VIII

Einleitung.

sie  je?“  rief  er  noch  in  späteren  Jahren  aus.  Die  Adam  Expreß-Gesellsdhäft
  zahlte  eine  monatliche  Dividende  von  einem  vollen
Prozent,  und  sein  erster  Scheck  machte  selbstverständlich  dem  jungen
Mann  unermeßliche  Freude.  Bald  boten  sich  auch  in  seiner  Stellung ­
  andere  Gelegenheiten  zur  Auszeichnung.  Früh  erkannte  Scott
die  großen  Fähigkeiten  seines  Gehilfen,  und  als  er  während  des
großen  Bürgerkrieges  mit  den  Südstaaten  zum  Beistand  des  Kriegsministers ­
  ernannt  wurde,  nahm  er  den  damals  in  seinem  vierundzwanzigsten ­
  Jahre  stehenden  Carnegie  mit  in  seinen  neuen  Wirkungskreis ­
  hinüber.  Andrews  Verantwortlichkeit  wurde  jetzt  sehr
groß.  Er  hatte  den  Transport  von  Truppen  und  Lebensmitteln  zu
überwachen;  und  zu  gleicher  Zeit  auf  das  Netzwerk  der  Bahnen
und  Telegraphen  Obacht  zu  geben.
Obgleich  nicht  in  der  Gefechtslinie  stehend,  war  er  merkwürdigerweise ­
  der  dritte  Mann,  der  verwundet  wurde.  Ein  Telegraphendraht, ­
  der  sich  los  gemacht,  sprang  ihm  ins  Gesicht  und  verursachte ­
  ihm  einen  tiefen  Schnitt;  doch  das  ließ  ihn  nicht  von
seiner  Pflicht  weichen.  Er  war  bei  verschiedenen  Schlachten  gegenwärtig ­
  und  bei  Bull-Run  verließ  er  als  einer  der  letzten  das  Schlachtfeld. ­
  Viel  wichtiger  jedoch  für  seine  Zukunft  wurden  seine  Erfahrungen ­
  im  Telegraphenamt  zu  Washington;  hier  regte  er  ein
Chiffresystem  für  das  Telegraphieren  an,  welches  außerordentliche
Dienste  leistete.
Kurz  nach  seiner  Rückkehr  aus  dem  Kriege  lernte  er  auf  einer
Eisenbahnfahrt  einen  fremden  Herrn  kennen,  der  ihn  fragte,  ob
er  zu  den  Leitern  der  Pennsylvania-Bahn  irgendwelche  Beziehungen
hätte.  Als  Jung-Carnegie  das  bejahte,  zeigte  ihm  der  Fremde  das
Modell  zu  einem  Eisenbahnschlafwagen.  Carnegie  erkannte  sofort
den  Wert  der  Erfindung  und  sprach  davon  voller  Enthusiasmus  mit
seinem  Chef  und  Freund  Scott.  Dieser  nahm  mit  dem  Erfinder
Rücksprache,  und  man  beschloß,  zwei  Versuchswagen  bei  der  Pennsylvanien-Eisenbahn
  einzustellen.  Der  Versuch  fiel  so  erfolgreich
aus,  daß  man  zur  Bildung  einer  Schlafwagen-Gesellschaft  schritt.
Man  bot  Carnegie  eine  Teilhaberschaft;  er  nahm  sie  an.  Die  zu
dem  neuen  Unternehmen  nötigen  480  M.  schoß  ihm  bereitwilligst
die  Bank  vor,  mit  welcher  er  unterdessen  in  Verbindung  getreten
war.  Der  geschäftliche  Erfolg  fiel  so  glänzend  aus,  daß  er  die
späteren  Aktieneinzahlungen  aus  den  auf  seinen  Kapitalanteil  fallen ­
        <pb n="8" />
        Einleitung.

IX

den  Dividenden  zu  leisten  imstande  war.  Und  nicht  allein  das;
er  sah  sich,  nachdem  er  auch  alle  anderen  von  seiner  Mutter  und
seiner  Bank  erhaltenen  Darlehen  zurückgezahlt,  in  dem  Besitze
eines  recht  hübschen  Kapitals.  Immer  auf  der  Lauer  nach  Gewinn
versprechenden  Unternehmungen  begann  Carnegie  nunmehr,  Öl  zu
graben.  Die  Bedeutung  des  damals  eben  entdeckten  Steinöls  wurde
nur  von  sehr  wenigen  richtig  eingeschätzt.  Der  junge  Carnegie
jedoch  gehörte  zu  den  Wenigen,  welche  in  der  neuen  Entdeckung
die  Quelle  unermeßlicher  Reichtümer  ahnten.  Er  kaufte  daher
zusammen  mit  einigen  Freunden  das  durch  seine  Ölquellen  jetzt
berühmte  Landgut  Storey  für  S000  Pfd.  Sterl.  (1600C0  M.).  Carnegie
erzählt  selbst  auf  den  folgenden  Seiten  dieses  Buches  die  Geschichte ­
  dieser  Anlage.  Hier  genüge  die  Bemerkung,  daß  das  neue
Unternehmen  Carnegie  mit  einem  Schlage  aus  einem  wohlhabenden
zu  einem  reichen  Manne  machte.  Dennoch  verkaufte  er  seinen
Anteil  an  Storey  Farm  sehr  bald  seinem  Freunde  Rockefeller,  um
seine  ganze  Kraft  der  Stahlfabrikation  zu  widmen.  Mit  welchem
ungeheuren  Erfolge  —  darüber  berichtet  er  in  dem  hier  vorliegenden
Buche  teilweise  selbst.  Als  Abteilungsdirektor  der  Pennsylvanien-Eisenbahn
  führten  ihn  seine  Erfahrungen  auf  den  Ersatz  der  hölzernen ­
  Eisenbahnbrücken  durch  eiserne  Brücken.  Damit  eröffnete
sich  der  von  Carnegie  gebildeten  Keystone-Aktiengesellschaft  ein
ganz  neues  Feld.  Bald  wurden  eiserne  Eisenbahnbrücken  ganz
allgemein.  Das  gerade  zu  jener  Zeit  neu  entdeckte  Verfahren
Bessemers  für  die  Umwandlung  des  Eisens  in  Stahl,  welches  in
Carnegie  seinen  mächtigsten  Förderer  und  praktischsten  Vertreter
fand,  führte  schnell  zur  Gründung  noch  anderer  Gesellschaften;
unter  ihnen  sind  die  Homestead-  und  die  Edgar  Thompson-Stahlwerke
  die  bedeutendsten.  Sie  alle  sind  Schöpfungen  Andrew  Carnegies, ­
  des  einstmaligen  armen  Webersohnes  und  Telegraphen-Laufburschen;
  sie  machten  ihn  zum  „Stahlkönig“  der  ganzen  Welt,
denn  niemals  vorher  war  eine  so  staunenswerte  Zusammenfassung
industrieller  Macht  in  ein  und  derselben  Persönlichkeit  erlebt  worden.
Carnegie  wurde  der  große  Stein  des  Anstoßes  im  Wege  der
Rockefeiler  und  Morgan  bei  dem  von  letzterem  geplanten  Stahltrust. ­
  Der  Trust  hatte  bereits  alle  v/ichtigen  Bahnen  und  acht  der.
ersten  Stahlfirmen  der  Vereinigten  Staaten  mit  einem  Kapital  von
118  Millionen  Pfd.  Sterl.  (2360  Millionen  M.)  in  Händen;  jetzt  machte
        <pb n="9" />
        X

Einleitung.

er  Anstalten,  Carnegie  zur  Unterwerfung  zu  zwingen.  Rockefeller
und  Morgan  übersandten  dem  „Stahlkönig“  ein  Ultimatum;  es
lautete  dahin:  er  solle  wählen  zwischen  einem  Preis  für  seine  Werke
von  10  Millionen  Pfd.  Sterl.  (200  Millionen  M.)  oder  Zerschmetterung. ­
  Das  war  unverschämt,  denn  der  jährliche  Nutzen  der
Carnegieschen  Werke  betrug  beinahe  soviel  wie  das  Angebot.  Carnegie ­
  antwortete  mit  der  Drohung,  für  3  Millionen  Pfd.  neue  Werke
zu  errichten,  groß  genug,  um  den  Kampf  gegen  den  Trust  aufzunehmen. ­
  Außerdem  drohte  er  mit  dem  Bau  eigener  Bahnen,  um
dem  Trust  als  Eigentümer  der  von  ihm  erworbenen  Bahnlinien  die
Spitze  zu  bieten.  Das  brachte  Morgan  und  Rockefeiler  zur  Besinnung. ­
  Carnegie  erhielt  von  dem  Trust  fünfzig  Millionen  Aktien
mit  einer  Zinsgarantie  von  mindestens  5  Prozent;  er  bezieht  also
allein  aus  diesen  Werken  eine  jährliche  Einnahme  von  100  Millionen  M.
Carnegie,  welcher  längst  die  Bildung  der  Trusts  vorausgesehen,  zog
sich  jetzt  gänzlich  vom  Geschäft  zurück,  um  seinen  Studien,  seinen
philanthropischen  Plänen  und  vor  allem  seiner  Familie  zu  leben.
Er  hätte  das  große  Glück,  seine  Mutter,  die  im  eigentlichsten  Sinne
des  Wortes  der  Schutzengel  seines  Lebens  gewesen,  bis  in  seirt
bestes  Mannesalter  hinein  zu  behalten.  So  lange  sie  lebte,  blieb
er  Junggeselle.  Nach  seinem  Tode  heiratete  er  eine  Amerikanerin,
deren  liebenswürdige  Bescheidenheit  und  Gastfreundschaft  von  allen
hochgepriesen  wird.  Er  besitzt  nur  ein  einziges  Kind;  eine  Tochter
von  jetzt  etwa  21  Jahren.  Seinen  Gewohnheiten  nach  ist  der
Schloßherr  von  Skibo  —  dies  der  Name  des  von  Carnegie  in  seiner
alten  schottischen  Heimat  erworbenen  Landsitzes  —  außerordentlich
einfach.  Er  raucht  nicht  und  trinkt  wenig.  Wie  er  selbst  gelegent-,
lieh'  erzählt,  verdankt  er  seine  auch  noch  heute  eiserne  Gesundheit
seinem  glücklichen  Temperament;  Sorgen  hat  er  sich  nach  Behauptung ­
  seiner  Geschäftsfreunde  und  Partner  von  jeher  abgeschüttelt,
wie  die  Ente  das  Wasser.  Carnegie  ist  auch'  ohne  nobilitiert  zu
sein  ein  Edelmensch.  Neben  seiner  wunderbaren  körperlichen  und
geistigen  Zähigkeit  verdankt  er  seine  Erfolge  vor  allem  seiner  unerschütterlichen ­
  Rechtschaffenheit,  Ehrenhaftigkeit  und  —  seiner  ausgezeichneten ­
  Mutter.  Carnegie  preist  die  Armut  als  Glück  und
Erfolg  bringend;  aber  wer  gesund  ist  wie  er,  und  ein  so  glückliches, ­
  wenn  auch  armes  Familienleben  wie  er  von  seiner  allerersten
Kindheit  an  genossen,  der  ist  nicht  arm;  nein,  der  ist  geradezu
        <pb n="10" />
        Einleitung.

Xi

reich  zu  nennen;  viel  reicher  als  mancher  Millionärssohn.  Schon
eine  Mutter,  wie  die,  welche  Andrew  Carnegie  sein  Eigen  nennen
durfte,  ist  nicht  mit  Millionen  von  Dollars  aufzuwiegen,  und  dann:
welch’  ein  geradezu  seltenes  Glück,  solch’  eine  Mutter  bis  ins  hohe
Mannesalter  hinein  an  seiner  Seite  zu  haben!
Carnegie  macht  bekanntlich  von  seinem  Reichtum  den  denkbar
schönsten  und  zweckmäßigsten  Gebrauch.  Er  hat  schon  heute
Hunderte  Millionen  von  Dollars  für  Volksbibliotheken,  öffentliche
Konzerthallen  und  anderes  mehr  gespendet.  Seine  Heimat  Schottland ­
  hat  er  mit  einer  neuen  Universität  bedacht,  zu  der  jeder,  auch
der  Ärmste,  wenn  er  nur  Fähigkeiten  zeigt,  sich  Zutritt  verschaffen
kann;  sie  ist  so  reichlich  —  mit  fünfzig  Millionen  Mark  —  ausgestattet, ­
  daß  aus  den  Zinsen  des  Stiftungskapitals  arme  tüchtige
Studenten  nicht  nur  freien  Unterricht,  sondern  auch  alle  ihre  Unterhaltungskosten ­
  während  ihrer  Studienzeit  beziehen  können.  Carnegies
praktischer  Sinn  hat  jedoch  dieser  wahrhaft  fürstlichen  Stiftung  die
Bedingung  hinzugefügt,  daß  die  jungen  Leute,  nachdem  sie  im
Leben  vorwärts  gekommen,  die  für  ihre  Studien  und  ihren  Lebensunterhalt ­
  aus  den  Carnegie-Fonds  gemachten  Auslagen  später  an
die  Fonds  wieder  zurückzahlen  sollen.
Trotz  dieser  wahrhaft  königlichen  Geschenke  hat  Carnegie  unlängst ­
  einem  Freunde  erklärt,  daß  er  noch  55  Millionen  Pfd.  (110  Millionen ­
  M.)  für  öffentliche  Zwecke  fortzugeben  gedenke.  Herr
T.  W.  Stead,  der  Herausgeber  der  „Review  of  Review“  hat  ausgerechnet, ­
  daß  Carnegies  tägliches  Einkommen  sich  auf  mehr  als
160  000  M.  belaufe!
Wie  ich  bereits  früher  angedeutet,  hatte  schon  der  junge  Andrew
eine  gewisse  Schwäche  für  Druckerschwärze.  Man  muß  es  dem
früheren  Depeschenjungen  zu  seinem  Lobe  nachsagen,  daß  er  weder
sein  zweifelloses,  schriftstellerisches  Talent  noch  seine  großen  Reichtümer
  zu  wertlosen  literarischen  Publikationen  gemißbraucht  hat.
Seine  Bücher  sind  meistenteils  interessant  und  stets  eigenartig.
Dennoch  gibt  es  auf  dem  von  Carnegie  gepflegten  Felde  der  Reiseliteratur ­
  hervorragendere  Schriftsteller  als  den  Amerikanisch-Schottischen ­
  Billionär;  dagegen  dürfte  Carnegie  dort,  wo  er  über  volkswirtschaftliche ­
  und  finanzielle  Fragen  handelt,  kaum  so  schnell
Seinesgleichen  finden.  Kein  Wunder!  Spricht  er  doch  in  diesem
Falle  nicht  als  ein  von  grauen  Theorien  ausgehender  Literat  oder  Pro ­
        <pb n="11" />
        XII

Einleitung.

fessor,  sondern  gestützt  auf  die  überreichen  Erfahrungen  einer  an
Erfolgen  staunenswerten,  wahrhaftig  großartigen  Kaufmanns-  und
Unternehmerlaufbahn!  Schon  allein  deshalb  sind  Carnegies  Ausführungen ­
  in  hohem  Grade  beachtenswert,  selbst  dann,  wenn  er  irrt
oder  fehlgeht.
Der  hier  vorliegende  Band  enthält  nicht  nur  interessante  Besprechungen ­
  aller  der  volkswirtschaftlichen  Fragen,  welche  gegenwärtig ­
  die  Welt  bewegen  und  in  ihrer  Lösung  vielleicht  die  wirtschaftliche ­
  Zukunft  aller  Kulturvölker  bestimmen  dürften,  sondern
auch  eine  Reihe  ganz  neuer  Aufschlüsse  über  amerikanische  Unternehmungen, ­
  welche  in  ihrer  Großartigkeit  alles  in  der  europäischen
Welt  Bekannte  weit  hinter  sich  lassen.  Besonders  dem  jungen
deutschen  Kaufmann  möchte  ich  das  Buch  zu  eindringendem  Studium
empfehlen;  sollte  es  junge  Deutsche  veranlassen,  statt  nach  England,
nach  den  Vereinigten  Staaten  zur  Vervollkommnung  ihrer  kaufmännischen ­
  Ausbildung  zu  gehen,  so  wäre  das  im  Interesse  unseres
eigenen,  vaterländischen  Handels  und  Gewerbefleißes  nur  mit  Freuden ­
  zu  begrüßen.  In  Neuyork  und  in  den  großen  Unternehmungszentren ­
  des  amerikanischen  Westens  gibt  es  für  einen  jungen  deutschen ­
  Kaufmann  heute  viel  mehr  zu  lernen,  als  in  dem  teilweise  sehr
veralteten  London.
Es  ist  nur  natürlich,  daß  Carnegie  bei  seinen  volkswirtschaftlichen
Anschauungen  zunächst  Amerika  und  England  im  Auge  hat.  Die
großartigen  amerikanischen  Verhältnisse  lassen  ihn  manchesmal  den
Umstand  übersehen,  daß  nicht  alles  was  für  Amerika,  ja  selbst  für
England  zutrifft,  für  andere  Länder  und  Staaten  nur  beschränkte  oder
auch  gar  keine  Geltung  in  Anspruch  nehmen  kann.  Beispielsweise
sind  Carnegies  Ausführungen  über  landwirtschaftliche  Verhältnisse
wohl  im  Prinzipe  richtig.  Es  ist  vollkommen  wahr,  daß  die  Tendenz ­
  landwirtschaftlich  gesunder  Entwicklung  nach  Ausbildung  des
kleinen  Landbesitzes  und  Zerstörung  der  großen  Latifundien  hinzielt ­
  (etwas,  was  sich  die  Verteidiger  des  neuesten  deutschen  Zolltarifs ­
  wohl  merken  sollten),  allein  Carnegie  vergißt  in  seinen  Ausführungen ­
  auf  die  sehr  wichtige  Verschiedenheit  des  Bodenwertes  das
nötige  Gewicht  zu  legen.  Der  leichte  Sandboden  der  Lüneburger
Heide  braucht  beispielsweise  zu  seiner  Urbarmachung  selbstverständlich ­
  einen  viel  größeren  Kapitalaufwand  als  etwa  die  schwere  westfälische ­
  Erde,  und  auch  der  Umfang  eines  Landgutes  bei  leichtem
        <pb n="12" />
        Einleitung.

XIII

oder  gar  schlechtem  Boden  muß  für  den  notwendigen  Unterhalt  einer
Familie  größer  sein  als  der,  welchen  eine  solche  Familie  mit  eigenen
Händen  zu  bestellen  oder  zu  bebauen  vermag.
Noch  weiter  als  in  der  Agrarfrage  geht  Carnegie  in  der  Frage
der  Trusts  fehl.  Das  hängt  vielleicht  mit  seiner  besonderen  Individualität ­
  und  mit  der  idealen  Auffassung  zusammen,  welche  er  als
Unternehmer  und  Kaufmann  zeitlebens  vertreten  und  durch  die  Tat
bewiesen  hat.  Dennoch  ändert  dieser  Umstand  nichts  daran,  daß,
wie  schon  in  den  ersten  Auflagen  dieses  Buches  nachgewiesen
wurde,  Carnegie  sehr  geneigt  erscheint,  amerikanische  Zustände  und
Verhältnisse  zur  Grundlage  der  Verhältnisse  der  ganzen  Welt  zu
machen,  etwas  was  nicht  immer  den  Tatsachen  entspricht.  So  irrt
Carnegie  zweifellos,  wenn  er  in  der  vielleicht  volkswirtschaftlich
wichtigsten  Erscheinung  der  Trusts  weiter  nichts  sieht,  als  ein  schnell
vorübergehendes  Symptom  der  volkswirtschaftlichen  Entwicklung  und
Trusts  ebenso  wie  Kartelle  großer  Unternehmer  als  eine  Art  volkswirtschaftliches ­
  Schlagwort  und  Spielzeug,  in  der  Meinung,  daß
beide,  sowohl  Kartelle  wie  Trusts,  auf  die  Länge  der  Zeit  nicht
bestehen  können  weil  sie,  nach  seiner  Ansicht  wenigstens,  den
dauernden  volkswirtschaftlichen  Gesetzen  widersprechen.  Carnegie
selbst  hat  auf  den  nachfolgenden  Seiten  den  dauernden  Erfolg  der
amerikanischen  Ölkompagnie  festgestellt  und  den  in  ihr  zur  Erscheinung ­
  kommenden  Trust  als  eine  Ausnahme  gekennzeichnet,  die
nur  durch  die  wundervolle  Organisation  und  die  besonders  glückliche ­
  Auswahl  der  Führer  dieses  Trusts  zu  erklären  sei.  Tatsächlich
hat  die  Bildung  von  Trusts  in  den  letzten  Jahren  große  Fortschritte ­
  gemacht,  was  sehr  erklärlich  ist  bei  der  ja  auch 1  von  Carnegie
zugegebenen  dadurch  entstehenden  Verbilligung  der  Produktions-  und
Betriebskosten.  Trotzdem  steht  die  Schädlichkeit  dieser  vollkommen
neuen  geschäftlichen  Verbindungen  außer  Zweifel.  Einen  Beweis
könnte  man  darin  finden,  daß  der  jetzt  vielgenannte  Präsident  der  Vereinigten ­
  Staaten  Taft  mit  aller  Energie  und  all  seinen  Einfluß  dahin
vor  Jahr  und  Tag  strebte,  eine  Auflösung  der  Trusts  herbeizuführen,
bis  jetzt,  so  viel  ich  weiß,  ohne  tatsächlichen  Erfolg,  nachdem  vor
Jahr  und  Tag  die  an  den  amerikanischen  Trusts  beteiligten  Großkapitalisten ­
  einen  Abgesandten  nach  Europa  geschickt,  um  nach
Anlagewerten  ihrer  durch  eine  etwaige  Auflösung  der  Trusts  freiwerdenden ­
  Kapitalien  zu  suchen.  Sie  verlangten  eine  dauernde
        <pb n="13" />
        XIV

Einleitung.

Verzinsung  ihres  Geldes  von  mindestens  5Va  bis  6  Prozent  und  das
in  vollkommen  sicheren  Werten  von  Staatsanleihen,  Bergwerken,
Eisenbahnen  usw.  Auch  bei  dieser  Gelegenheit  trat  der  internationale ­
  Charakter  des  anlagesuchenden  Kapitals  mit  Deutlichkeit ­
  hervor.  Derselbe  internationale  Charakter,  welcher  den  Trusts
ein  für  die  moderne  Welt  so  eigenartiges  und  gefährliches  volkswirtschaftliches ­
  Gepräge  gibt;  zumal  sehr  bald  große  Banken  sich
geneigt  zeigten,  in  eine  Fusion  mit  den  Trusts  einzugehen,  um
ihre  freiliegenden  Kapitalien  zu  einem  höheren  Zinsfuß  als  zu
den  durch  das  Bankwesen  üblichen  unterzubringen.  So  haben
sich  beispielsweise  große  deutsche  Banken  mit  vielen  Millionen
an  großen  industriellen  Unternehmungen  und  Trusts  beteiligt;  ja
wir  haben  das  Prinzip  der  Trusts  im  wesentlichen  auf  ihr  eigenstes ­
  Gebiet  angewandt;  durch  Fusion  mit  kleineren  Banken.  Beispielsweise ­
  hat  die  Deutsche  Bank,  heute  das  größte  Bankinstitut
Deutschlands,  sich  durch  Aktienbesitz  die  Kontrolle  über  eine  Reihe
kleinerer  Banken  gesichert;  ich  nenne  hier  nur  die  Bergisch-Märkisch'e
Bank  in  Elberfeld  mit  60  Millionen  Kapital,  den  Schlesischen  Bankverein ­
  in  Breslau  mit  30  Millionen  Kapital,  die  Hannoversche  Bank
in  Hannover  mit  22  Millionen  Kapital  und  andere  mehr.  Diese  ungeheure ­
  Kapitalskraft  macht  es  den  Banken  zur  Pflicht,  Anlagewerte
auch 1  außerhalb  der  Landesgrenzen  zu  suchen,  wenn  ihre  Leiter  als
kluge  Geschäftsleute  eine  höhere  Rente  damit  erzielen  wollen,  als
die,  welche  ihnen  im  glücklichsten  Falle  auf  dem  einheimischen
Kapitalsmarkte  erwachsen  könnte.  Was  liegt  deshalb  näher,  als
daß  sie  sich  gleichfalls  mit  den  ihnen  zu  Gebote  stehenden  Mitteln
an  die  internationalen  Trust-Unternehmen  anschließen?
Damit  ist  in  die  moderne  Volks-  und  Finanzwirtschäft  ein  Zug
gekommen,  von  welchem  die  vorhergehenden  Jahrhunderte  keine
Ahnung  gehabt  haben.
In  früheren  Zeiten  war  Volkswirtschaft  und  Handel  im  innersten
Wesen  national.  Das  hatte  gewiß  vielfache  Nachteile,  aber  auch
eine  große  Anzahl  von  heute  längst  verschwundenen  Vorzügen.  In
früheren  Zeiten  entwickelte  sich  Handel,  Industrie  und  Schiffahrt  auf
der  Grundlage  nationaler  Volkswirtschaft.  Näher  angesehen,  blieb
die  heimische  Landwirtschaft  immer  mehr  oder  weniger  die  sichere
und  nie  wankende  Grundlage  für  alle  anderen  kaufmännischen  Berufe. ­
  Schon  der  alte  Bismarck  hat  mit  Recht  gesagt,  wenn  der  Land-
        <pb n="14" />
        Einleitung.

XV

Wirt  etwas  hat,  haben  die  Vertreter  der  übrigen  volkswirtschaftlichen ­
  Berufe  gleichfalls  etwas.  Dieser  Zusammenhang  von  Landwirtschaft, ­
  Industrie,  Fabrikwesen  und  Bankwesen  ist  mehr  oder
weniger  seit  längerer  Zeit  zerrissen.  Ja,  in  einzelnen  Ländern,  wie
beispielsweise  in  Deutschland,  stehen  sich  zeitweise  Landwirtschaft
und  Industrie  gleich  zwei  feindlichen  Brüdern  entgegen.  Immerhin ­
  verlor  Industrie  sowohl  wie  Bankwesen  trotz  aller  internationalen
Entwicklung  niemals  voll  und  ganz  den  vaterländischen  Boden,
auf  welchen  sie  erwachsen  waren.  Erst  mit  der  Entwicklung  der
großen  Weltbörsen  in  London,  Paris,  Berlin  usw.  kam  ein  allerdings ­
  kaum  zu  vermeidender  internationaler  Zug  in  das  Geschäftswesen ­
  der  europäischen  Völker.  Dieser  internationale  Zug  ist  jetzt,
man  möchte  fast  sagen,  zur  volkswirtschaftlichen  Dominante  geworden ­
  in  der  Weltwirtschaft  durch  Schaffung  der  internationalen
Trustsysteme;  denn  die  Trusts,  ob  amerikanisch,  deutsch  oder  englisch
in  ihrem  Ursprung,  haben  kein  anderes  Interesse  und  kein  anderes
Verlangen,  als  die  von  ihnen  produzierte  Ware  auf  dem  Weltmarkt
abzusetzen.  Sie  sind  bloße  Kapitalsinstitute,  darauf  bedacht,  das
ihnen  zu  Gebote  stehende  Kapital  entweder  als  solches  oder  in  Form
von  Waren  in  Umsatz  zu  halten.  Bei  ihnen  zählt  die  Individualität
des  Einzelnen  nur  soweit,  als  er  ihnen  behilflich  ist,  durch  Geist,
Talent  und  Organisationsgabe  diese  Aufgabe  möglichst  gewinnbringend ­
  für  die  Trusts  zu  erfüllen.  Von  einer  Rücksicht  auf  Nationalität ­
  oder  gar  von  einem  idealen  menschlichen  Zuge,  wie  er  früher
so  vielen  einzelnen  Großkaufleuten  eigen  gewesen,  ist  bei  ihnen
nicht  die  Rede.  Sie  suchen  mit  möglichst  großem  Nutzen,  und  wenn
es  nicht  mit  Nutzen  geht  sogar  mit  Schaden  ihre  Produkte  an  den
Mann  zu  bringen,  gleichviel  ob  der  Industriezweig,  den  sie  vertreten ­
  oder  der  Arbeiter,  der  bei  ihnen  beschäftigt  ist,  darunter  leidet
oder  nicht.
Wenn  irgend  jemand,  so  haben  die  Trusts  mit  ihren  Begleiterscheinungen ­
  zum  Wachsen  der  internationalen  sozialistischen  und
anarchistischen  Bewegung  beigetragen.
Darin  aber  liegt  eine  kaum  zu  überschätzende  Gefahr  für  die
Entwicklung  der  Menschheit.  Denn  es  kann  nicht  fehlen,  daß  die
gegen  diese  übermächtige  täglich  wachsende  Massenansammlung
von  Kapital  in  wenigen  Händen  und  gegenüber  der  in  diesen  Massenansammlungen ­
  von  Kapital  zur  Erscheinung  kommenden  Organi ­
        <pb n="15" />
        XVI

Einleitung.

sationen  vor  allem  der  Arbeiterstand  sich  zur  Wehr  setzt,  soweit  et
als  solcher  am  meisten  durch  diese  ungeheure  Macht  in  seiner
menschenwürdigen  Existenz  sich  bedroht  sieht.
Es  ist  ja  richtig,  daß  trotz  der  Ausdehnung  des  Maschinenwesens ­
  und  der  damit  eng  verbundenen  Einschränkung  des  Gebrauches ­
  menschlicher  Arbeitskräfte  im  allgemeinen  die  Lebenshaltung ­
  des  Arbeiterstandes  sich  während  der  letzten  50  Jahre  außerordentlich ­
  gehoben  hat,  aber  man  darf  nicht  vergessen,  daß  auch
die  vollkommen  berechtigten  Ansprüche  der  Arbeiter  für  eine  menschliche ­
  Lebenshaltung,  die  ihnen  in  früheren  Zeiten  nur  in  sehr  geringem ­
  Maße  zuteil  wurde,  gestiegen,  d.  h.  aus  Sklaven  und  halbtierischen ­
  Wesen  Menschen  geworden  sind.  Viele  mögen  diese
Entwicklung  bedauern,  dennoch  ist  sie  Tatsache  und  muß  bei  dem
Verhältnis  von  Kapital  und  Arbeit,  Unternehmertum  und  Arbeiterschaft ­
  voll  berücksichtigt  werden,  wenn  die  Menschheit  nicht  in
absehbarer  Zeit  ungeheuren  und  gewalttätigen  Umwälzungen  entgegensehen ­
  soll.
Dies  sind  im  wesentlichen  die  Gründe,  welche  mir  Andrew
Carnegies  in  den  nachfolgenden  Seiten  entwickelten  Ansichten  über
die  Zukunft  und  die  Bedeutung  der  Trusts  als  außerordentlich  gefährlich ­
  erscheinen  lassen.
Ich  möchte  daher  den  Leser  des  Buches  bitten,  die  darauf  bezüglichen ­
  Ausführungen  mit  möglichst  kritischem  Blicke  zu  lesen  und
sich  stets  vor  Augen  zu  halten,  daß  auch  ein  so  großes  volkswirtschaftliches ­
  und  kaufmännisches  Talent,  wie  Carnegie,  in  einzelnen
Punkten  zu  irren  imstande  ist.  Der  volkswirtschaftliche  Forscher
tut  gut,  Carnegies  Behauptungen  trotz  seiner  ungeheuren  wundervollen ­
  kaufmännischen  und  organisatorischen  Erfolge  bedachtsam
nachzuprüfen.
In  fast  allen  anderen  großen  volkswirtschaftlichen  Fragen  dagegen ­
  zeugen  Carnegies  Ausführungen  nicht  nur  von  großem  praktischen ­
  Wissen,  sondern  auch  von  weitumfassenden,  alles  durchdringenden ­
  volkswirtschaftlichen  Ideen.  Vor  allem  verweise  ich  auf
des  Verfassers  scharfsinnige  Ausführungen  über  den  Schutzzoll.
Auch  sie  müssen  für  uns  Deutsche  von  ganz  besonderem  Interesse ­
  sein.
München,  im  November  1913.

Dr.  E.  E.  Lehmann.
        <pb n="16" />
        WWk

I.  Der  Weg  zum  geschäftlichen  Erfolg.
Ansprache  an  junge  Kaufleute.
Es  ist  für  junge  Leute  am  vorteilhaftesten,  von  Grund  auf  zu
beginnen  und  beim  Eintritt  in  ihre  Laufbahn  die  denkbar  untergeordnetste ­
  Stellung  einzunehmen.  Viele  der  heute  in  leitender
Stellung  befindlichen  Geschäftsleute  mußten  an  der  Schwelle  ihrer
Laufbahn  als  erste  ernste  Pflicht  eigenhändig  mit  dem  Besen  das
Geschäftslokal  auskehren.  Heutzutage  haben  wir  Hausdiener  und
Scheuerfrauen  in  unseren  Geschäftsräumen,  und  unsere  jungen  Leute
lernen  leider  diesen  heilsamen  Zweig  geschäftlicher  Erziehung  nicht
mehr  kennen.  Aber  wenn  der  angestellte  Aufräumer  ausbleibt,
wird  der  Lehrling,  weicher  das  Zeug  zum  zukünftigen  Geschäftsteilhaber ­
  in  sich  hat,  sicher  selbst  den  Besen  zur  Hand  nehmen.
Einst  hörte  ich  eine  standesbewußte  Mutter  einen  jungen  Mann;
fragen,  ob  er  jemals  eine  andere  junge  Dame  mit  solcher  Würde
ins  Zimmer  hineinfegen  gesehen  hätte,  wie  ihre  Tochter.  Der  junge
Mann  antwortete  zur  stolzen  Genugtuung  der  Mutter  der  jungen
Dame:  „Nein  niemals,“  fügte  jedoch  nach  einer  kleinen  Pause
hinzu:  „Aber  ich  möchte  noch  lieber  sehen,  wie  sie  das  Zimmer
ausfegt.“  Es  schadet  dem  Neuling  durchaus  nichts,  wenn  er  nötigenfalls ­
  das  Geschäftslokal  ausfegt.  Ich  selbst  habe  das  oft  genug
getan,  und  wer,  glauben  Sie,  waren  meine  Kameraden  dabei?
David  McCargo,  jetzt  Oberaufseher  der  Alleghany-Taleisenbahn,
Robert  Pittcairn,  Oberaufseher  der  Pennsylvania-Eisenbahn,  und
Herr  Morland,  jetzt  Anwalt  der  Stadt  Pittsburg.  Wir  alle  wechselten
beim  Ausfegen  einander  ab.
Haben  Sie  erst  eine  Stellung  erlangt,  dann,  rate  ich  Ihnen
allen,  streben  Sie  nach  dem  Höchsten.  Ich  würde  keinen  Heller
für  einen  jungen  Kaufmann  geben,  der  sich  nicht  gleich  von  Anfang
Carnegie,  Kaufmanns  Herrschgewalt.  1
        <pb n="17" />
        2  I.  Der  Weg  zum  geschäftlichen  Erfolg.
an  als  Teilnehmer  einer  großen  Firma  sähe.  Lassen  Sie  sich  in
Ihren  Träumen  auch  nicht  für  einen  Augenblick  mit  der  Stellung
eines  ersten  Gehilfen,  Vormanns  oder  Abteilungsvorstehers  genügen, ­
  möge  das  Geschäft  auch  noch  so  groß  sein.  Sagen  Sie  stets
zu  sich  selbst:  Meine  Stellung  ist  an  der  obersten  Spitze!  Seien
Sie  König  in  Ihren  Träumen.  Geloben  Sie  sich  selbst,  diese  Stellung
mit  makellosem  Rufe  zu  erreichen,  und  kümmern  Sie  sich  weiter
um  nichts,  was  Ihre  Aufmerksamkeit  von  der  Erlangung  dieses
Zieles  ablenken  könnte,  —  abgesehen  davon,  daß  Sie,  sobald  sie
Teilhaber  der  Firma  geworden,  oder  zumindest  zwei  oder  drei
Stufen  höher  geklommen  sind,  eine  andere  Teilhaberschaft  eingehen,
  mit  der  Liebenswürdigsten  ihres  Geschlechts,  eine  Teilhaberschaft, ­
  auf  welche  die  neuen  Staatsgesetze  über  Teilhaberschaft ­
  keine  Anwendung  finden  und  deren  Verbindlichkeit  unbegrenzt ­
  ist.
Lassen  Sie  mich  zwei  oder  drei  Hauptpunkte,  die  zum  Geschäftserfolg ­
  unerläßlich  sind,  erwähnen.  Seien  Sie  unbesorgt,  ich  will
Ihnen  keine  Moralpredigt  halten;  ich  spreche  lediglich'  als  Geschäfts- ­
  und  Weltmann,  der  Ihnen  zum  geschäftlichen  Erfolg  zu
verhelfen  wünscht.  Sie  alle  wissen,  wie  jeder  echte  und  preiswürdige ­
  Erfolg  von  Ehrenhaftigkeit,  Treue  und  Billigkeit  abhängt;
ich  nehme  daher  an,  daß  Sie  alle  entschlossen  sind,  sich'  diese  Eigenschaften ­
  zu  erhalten  und  ein  reines  achtungswertes  Leben  zu
führen,  fern  von  verderblicher  Verbindung,  weder  mit  dem  einen,
noch  mit  dem  anderen  Geschlecht.  Ohne  dies  gibt  es  keine  hoffnungsreiche ­
  Zukunft,  ja  alle  Ihre  Kenntnisse  würden  im  entgegengesetzten ­
  Falle  nur  zu  Ihrem  Scheitern  und  Ihrer  Schande  beitragen.
So  werden  Sie  es  mir  denn,  hoffe  ich,  nicht  übel  nehmen,  wenn
ich  Sie  vor  drei  hauptsächlichen  Gefahren  warne.
Die  erste  Gefahr  ist  verführerischer,  als  alle  anderen  und
meist  der  Ruin  der  jungen  Leute;  ich  meine:  spirituose  Getränke.
Ich  bin  kein  Mäßigkeitsapostel,  sondern  nur  ein  Mann,  welcher
Ihnen  seine  Erfahrungen  mitteilt,  und  muß  dennoch  sagen,  daß  die
Gefahr,  durch  Trunk  Ihre  Zukunft  zu  untergraben,  größer  ist,
als  alle  anderen  Versuchungen  zusammengenommen.  Sie  können!
allen  anderen  Versuchungen  zeitweise  unterliegen  und  doch  wieder
hochkommen;  in  diesem  Falle  werden  Sie,  wenn  auch  das  ver ­
        <pb n="18" />
        Ansprache  an  junge  Kaufleute.

3

lorene  Terrain  nicht  leicht  wieder  erobern,  so  doch  wenigstens  mit
dem  Strome  schwimmen  und  sich  eine  angesehene  Stellung  sichern
und  erhalten.
Von  der  einmal  angewöhnten  Trunksucht  jedoch  gibt  es  keine
Heilung,  und  es  finden  sich  nur  ganz  wenige  Ausnahmen  von
dieser  Regel.  Also  vor  allem:  trinken  Sie  keinerlei  Sprituosen  über
den  Durst.  Am  besten  ist  es,  überhaupt  keine  Spirituosen  anzurühren. ­
  Wenn  Ihnen  dies  jedoch  als  zu  hartes  Gesetz  erscheint,
dann  nehmen  Sie  sich  mindestens  vor,  nur  zu  den  Mahlzeiten  zu
trinken.  Ein  Glas  zu  Tisch  wird  weder  Ihr  Vorwärtskommen  hindern, ­
  noch  Ihrer  Lebenshaltung  schaden,  aber  ich  warne  Sie  dringend, ­
  halten  Sie  es  unter  Ihrer  Würde  und  Selbstachtung  als
Gentleman,  halten  Sie  es  Ihrer  Pflicht  gegen  sich  selbst  zuwider,
zuwider  allen  ihren  Zukunftsplänen,  Spirituosen  am  Schanktisch
eines  öffentlichen  Ausschankes  zu  trinken.  Sie  können  Ihre  Laufbahn ­
  nicht  für  gesichert  halten,  wenn  Sie  von  diesem  Grundsatz
abweichen.  Bleiben  Sie  diesem  Grundsätze  treu,  und  Sie  sind  der
Gefahr  Ihres  größten  Todfeindes  entronnen.
Die  zweite  nächstliegende  Gefahr  für  einen  jungen  Kaufmann
besteht  meines  Erachtens  im  Spekulieren.  Zur  Zeit,  da  ich  Telegraphist ­
  in  Pittsburg  war,  hatten  wir  noch  keine  Börse  in  dieser
Stadt,  dennoch  waren  die  Männer,  welche  an  auswärtigen  Börsen
spekulierten,  uns  Telegraphisten  wohl  bekannt.  Wir  konnten  sie
an  den  fünf  Fingern  unserer  Hand  herzählen.  Diese  Männer
standen  als  Bürger  keineswegs  im  besten  Ansehen.  Man  betrachtete
sie  mit  Mißtrauen.  Sie  endeten  alle  mit  unaufhaltsamem  Ruin,
als  Bankerotteure  in  Geld  und  Charakter.  Ich  wüßte  kaum  einen
einzigen  Mann,  welcher  durch  Spekulieren  ein  Vermögen  erworben
und  behalten  hätte.  Spieler  sterben  gewöhnlich  arm.  Ich  wüßte
keinen,  auch  nicht  einen  einzigen  Spieler  zu  neben,  der  ein  Leben
voller  Selbstachtung  oder  vorteilhaft  für  die  Gesamtheit  geführt
hätte.  Wer  begierig  nach  den  Morgenzeitungen  greift,  um  nachzusehen, ­
  wie  es  mit  seinen  Spekulationen  steht,  macht  sich  selbst
zur  ruhigen  Überlegung  und  sachlichen  Lösung  der  im  Laufe
des  Tages  an  ihn  herantretenden  geschäftlichen  Probleme  unfähig. ­
  Er  untergräbt  dadurch  die  Quellen  jener  ausdauernden  und
zusammengefaßten  Willenskraft,  von  der  jeder  dauernde  Erfolg
        <pb n="19" />
        4  I.  Der  Weg  zum  geschäftlichen  Erfolg.

und  oft  genug  die  dauernde  Sicherheit  seines  hauptsächlichsten
Geschäftes  abhängt.  Der  Spekulant  und  der  Geschäftsmann  bewegen ­
  sich  auf  zwei  ganz  verschiedenen  Pfaden;  jener  hängt  von
einer  ganz  plötzlichen  Drehung  des  Glücksrades  ab  und  ist  heute
Millionär,  morgen  Bankerotteur.  Dagegen  weiß  der  reele  Geschäftsmann, ­
  daß  er  nur  durch  jahrelange,  geduldige  und  ununterbrochene
Geschäfstätigkeit  seinen  Lohn  ernten  kann.  Dieser  Lohn  ist  nicht
das  Ergebnis  des  Spiels,  sondern  jahrelang  richtig  angewandter  Geschäftsmittel ­
  zur  Erreichung  seiner  Zwecke.  Niemals  verläßt  ihn
der  Gedanke,  daß  er  unmöglich  sich  selbst  nützen  kann,  ohne  zugleich ­
  auch  anderen  zu  nützen;  dagegen  hätte  der  Spekulant,  soweit ­
  das  Wohlergehen  anderer  in  Betracht  kommt,  am  besten  gar
nicht  existiert.  Hunderte  von  jungen  Leuten  haben  während  der
letzten  Jahre  in  Öl  spekuliert;  viele  wurden  dadurch  völlig  ruiniert;
alle  ohne  Ausnahme  aber  litten  Schaden,  ob  sie  gewannen  oder
verloren.  Wahrscheinlich,  ja  gewiß,  wird  die  Versuchung  an  Sie
in  ähnlicher  Weise  herantreten;  alsdann,  so  hoffe  ich 1 ,  werden  Sie
sich  jedoch  der  hier  von  mir  gegebenen  Lehre  erinnern.  Sagen
Sie  dem  Versucher,  der  Ihnen  zumutet,  Ihre  kleinen  Ersparnisse
auf  solche  Weise  zu  riskieren,  Sie  würden,  wenn  Sie  spekulieren
wollten,  zu  einer  richtigen,  gut  gehaltenen  Spielbank  gehen,  wo
die  Leute  geradezu  und  ganz  offen  betrügen.  Am  Roulettetisch
haben  Sie  wenigstens  die  ehrliche  Chance  von  schwarz  und  rot;
nicht  so  an  der  Börse.  Noch  etwas  Anderes,  Wesentliches  wird
durch  Spekulation  gefährdet:  Nichts  ist  wichtiger  für  einen  jungen
Geschäftsmann,  als  ein  unbeschädigter  Kredit,  gegründet  auf  seine
Klugheit,  seine  Grundsätze  und  seine  Charakterfestigkeit.  Glauben
Sie  mir,  nichts  tötet  den  Kredit  schneller  als  die  Gewißheit,  daß
Firmen  oder  Männer  in  Spekulationen  verwickelt  sind,  ganz  gleichgültig, ­
  ob  diese  Spekulationen  Gewinn  oder  Verlust  nach  sich
ziehen.  Von  dem  Augenblicke  an,  da  man  von  einem  Geschäftsmann ­
  weiß,  daß  er  spekuliert,  ist  sein  Kredit  erschüttert  und
sehr  bald  ganz  und  gar  verloren.  Wie  kann  man  einem  Manne
vertrauen,  dessen  Mittel  in  einer  einzigen  Stunde  durch  eine  Panik
unter  Spielern  dahinschwinden  können!  Wer  vermag  zu  sagen,
welche  Beziehungen  er  zu  den  übrigen  Spielern  hat!  Ist  doch  nur
eines  gewiß:  er  steht  in  offener  Gefahr,  alles  zu  verlieren;  daher
        <pb n="20" />
        Ansprache  an  junge  Kaufleute.

5

haben  die,  welche  ihm  vertrauten,  nur  sich  selbst  Vorwürfe  zu
machen.  Seien  Sie  entschlossen,  Geschäftsleute,  niemals  aber  Spekulanten ­
  zu  werden!
Die  dritte  und  letzte  Gefahr,  vor  welcher  ich  Sie  warnen  möchte,
hat  gar  mache  vielversprechende  Kraft  nach  glücklich  begonnener
Laufbahn  Schiffbruch  leiden  lassen:  Indossieren  und  Gefälligkeitsakzepte. ­
  Diese  Gefahr  ist  um  so  größer,  als  sie  gewöhnlich  in
Freundesgestalt  erscheint.  Sie  wendet  sich  an  Ihre  edelmütigen
Instinkte,  und  Sie  selbst  sagen  sich  dann:  „wie  darf  ich  meinen
Namen  zum  Beistände  eines  Freundes  verweigern?“  Gerade  weil
so  viel  Empfehlenswertes  in  dieser  Ansicht  liegt,  ist  ihre  tatsächliche ­
  Befolgung  sehr  gefährlich.  Lassen  Sie  mich  Ihnen  sichere
und  ehrenhafte  Verhaltungsmaßregeln  für  solchen  Fall  geben.  Ich!
würde  Ihnen  an  erster  Stelle  raten:  indossieren  Sie  überhaupt  niemals, ­
  doch  das  ist  zu  viel  gefordert,  gleich  dem  Gebote,  niemals
Wein  anzurühren,  niemals  zu  rauchen,  oder  gleich  einem  der  vielen
anderen  „Niemals“.  Alle  solche  Gebote  haben  ihre  Ausnahmen.
Als  Geschäftsleute  werden  Sie  zweifellos  hin  und  wieder  für  Freunde
Bürgschaft  leisten;  dennoch  gibt  es  eine  Linie,  bei  der  die  Rücksicht ­
  auf  den  Erfolg  eines  Freundes  aufhört,  und  die  Rücksicht
auf  die  eigene  Ehre  beginnt.  Wenn  Sie  selbst  anderen  schulden,
dann  ist  Ihr  ganzes  Kapital  und  übriges  Vermögen  ein  feierlich
Anvertrautes,  welches  für  die  Sicherheit  derer,  die  Ihnen  vertraut
haben,  unbelastet  bleiben  muß;  Sie  können,  ohne  Ihre  Ehre  preiszugeben, ­
  nichts  tun,  wodurch  diese  Ansprüche  an  Sie  gefährdet
werden.  Wenn  ein  Mann,  der  anderen  schuldet,  für  andere  Bürgschaft ­
  leistet,  riskiert  er  nicht  sowohl  seinen  eigenen  Kredit  und
sein  eigenes  Kapital,  sondern  das  seiner  Gläubiger.  Er  verletzt
ein  Pfand.  Merken  Sie  sich  daher:  bürgen  Sie  niemals,  solange  Sie
nicht  Mittel  besitzen,  deren  Sie  für  die  Begleichung  eigener  Verbindlichkeiten ­
  nicht  bedürfen,  und  bürgen  Sie  niemals  über  diese  Mittel
hinaus.
Betrachten  Sie  überhaupt  Bürgschaften  als  Geschenke.  Fragen
Sie  sich  immer,  ob  Sie  Ihrem  Freunde  ein  Geschenk  zu  machen
wünschen,  und  ob  das  Geld  wirklich  Ihr  eigen  ist  und  nicht  ein
Pfand  für  Ihre  Gläubiger.  Sie  gehen  selbst  nie  sicher,  ohne  an
diesem  Grundsatz  als  ehrenhafte  Geschäftsleute  festzuhalten.  Ich'
        <pb n="21" />
        6  I.  Der  Weg  zum  geschäftlichen  Erfolg.
beschwöre  Sie:  vermeiden  Sie  Spirituosen,  Spekulationen  und  Bürgschaften. ­
  Trunk  und  Spekulation  sind  die  Scylla  und  Charibdis,
Bürgschaften  die  sichtbaren  Klippen  im  geschäftlichen  Meere  für
einen  jungen  Mann.
Nachdem  Sie  gegen  diese  bedenklichsten  drei  Gefahren  gefeit,
entsteht  die  Frage,  wie  Sie  sich  aus  der  von  uns  vorausgesetzten
untergeordneten  Stellung  nach  und  nach  zu  der  Stellung  emporarbeiten, ­
  für  die  Sie  meiner  und,  wie  ich  hoffe,  auch  Ihrer  Überzeugung ­
  nach  geschaffen  sind.
Ich  kann  Ihnen  das  Geheimnis  in  wenigen  Worten  verraten:
Anstatt  zu  fragen,  was  muß  ich  für  meinen  Prinzipal  tun,  fragen
Sie  sich,  was  kann  ich  für  ihn  tun?  Treue  und  gewissenhafte  Erfüllung ­
  der  Ihnen  obliegenden  Pflichten  ist  ja  gewiß  recht  gut,  allein
dabei  kommen  Sie  gewöhnlich  zu  dem  Schlüsse,  daß  Sie  diese  so
wohl  erfüllten  Pflichten  auch  so  weiter  fort  erfüllen  sollen.  Doch,
meine  jungen  Freunde,  das  reicht  nicht  aus,  zumindest  nicht  für
den  zukünftigen  Geschäftsinhaber.  Sie  müssen  mehr  als  das  leisten.
Aus  der  eben  bezeichneten  Klasse  kommen  Gehilfen,  Buchhalter,
Kassierer  und  Zähler  für  die  Bank,  doch  sie  bleiben  in  dieser
Stellung  bis  an  ihr  Lebensende.  Der  kommende  Mann  muß  etwas
Besonderes  leisten,  über  den  Kreis  seines  Sonderdepartements  hinaus. ­
  Er  muß  Aufmerksamkeit  erregen.  Ein  Verladungsgehilfe  mag
einen  Fehler  in  einer  Faktura  entdecken,  welcher  der  Aufmerksamkeit ­
  des  davon  Betroffenen  entgangen  ist.  Wenn  er  an  der  Wage
angestellt  ist,  mag  er  durch  Zweifel  an  der  Richtigkeit  der  Wage
und  durch  deren  Verbesserung  —  obwohl  dergleichen  in  der
Pflicht  des  Mechanikers  liegt  —  seiner  Firma  Ersparungen  machen.
Ja,  sogar  ein  Botenjunge  kann  Veranlassung  zu  seinem  Vorwärtskommen ­
  dadurch  geben,  daß  er  über  seinen  buchstäblichen  Auftrag ­
  hinaus  die  gewünschte  Antwort  sichert.  Jede  Dienststellung,
sie  sei  noch  so  niedrig  oder  noch  so  hoch,  ist  für  einen  geschickten
und  willigen  jungen  Mann  geeignet,  beinahe  täglich  zu  zeigen,
daß  er  größeren  Vertrauens  und  größerer  Leistungen  fähig  ist,  und
daß  er,  was  von  gleicher  Wichtigkeit,  den  unbezwinglichen  Willen
hat,  höher  zu  steigen.  Den  einen  oder  anderen  Tag  werden  Sie
sich  verpflichtet  fühlen,  in  Ihrem  besonderen  Kreise  etwas  zu
sagen  oder  zu  tun,  was  —  dessen  sind  Sie  sich  dabei  selbst  bewußt
        <pb n="22" />
        Ansprache  an  junge  Kaufleute.

7

—  dem  Interesse  der  Firma  scheinbar  nachteilig  ist.  Dann  ist
der  rechte  Augenblick  gekommen:  Sei  fest,  wie  ein  Mann  und  sag’
es,  sag’  es  dreist;  gib  Deine  Gründe  an  und  beweise  Deinem  Prinzipal, ­
  daß  Du  selbst,  während  seine  eigenen  Gedanken  nach  einer
anderen  Richtung  beschäftigt  waren  und  er  Dich  vielleicht  schlafend
glaubte,  stundenlang  über  die  Förderung  seiner  Interessen  nachgedacht ­
  hast.
Du  magst  recht  oder  unrecht  haben,  in  jedem  Falle  hast  Du
die  erste  Bedingung  größeren  Erfolges  erfüllt:  Du  hast  Aufmerksamkeit ­
  erregt.  Dadurch  mußte  sich  Dein  Prinzipal  in  jedem  Falle
davon  überzeugen,  daß  er  Besseres  als  einen  bezahlten  Angestellten, ­
  daß  er  einen  Mann  in  Dir  besitzt;  nicht  bloß  jemanden,  der
für  so  und  so  viel  Lohn  so  und  so  viel  Stunden  Arbeit  leistet,
sondern  jemanden,  der  seine  Mußestunden  und  seine  Gedanken
beständig  dem  Geschäft  widmet.  Solch  ein  Angestellter  bleibt  dem
Prinzipal  in  Erinnerung  und  zwar  in  guter  und  freundlicher  Erinnerung. ­
  Es  wird  nicht  lange  dauern,  so  fragt  man  den  jungen
Mann  um  seine  Ansicht  in  dem  ihm  besonders  zugeteilten  Departement ­
  und  ist  diese  Ansicht  eine  gesunde,  dann  wird  man  ihn  gar
bald  bei  Dingen  von  umfassender  Bedeutung  zu  Rate  ziehen.
Dergleichen  bedeutet  bereits  Teilhaberschaft,  wenn  nicht  mit
seinem  gegewärtigen  Geschäftsherrn,  doch  sicher  mit  anderen.  In
solchem  Falle  sind  Sie  bereits  mit  dem  Fuße  im  Steigbügel.  ,Wie
hoch  Sie  dann  weiter  steigen,  das  hängt  ganz  von  Ihnen  ab.
Oftmals  hören  Sie  den  falschen  Grundsatz,  gegen  welchen  ich
Ihnen  rate,  auf  der  Hut  zu  sein:  Erfülle  die  Dir  gegebene  Order,
selbst  auf  Kosten  Deines  Geschäftsherrn.  Folgen  Sie  dieser  Regel
niemals,  im  Gegenteil  erfüllen  Sie  die  gegebene  Order  nicht,  wenn
deren  Nichterfüllung  im  Interesse  des  Prinzipals  ist.  Jeder
große  Charakter  hat  bisher  die  hergebrachten  Regeln  über  den
Haufen  geworfen  und  neue  Regeln  für  sich  aufgestellt.  Die  bloße
Routine  ist  nur  für  Leute  ohne  Ehrgeiz,  und  Sie  selbst  haben  ja
wohl  nicht  vergessen,  daß  Sie  entschlossen  sind,  selbst  Geschäftsherr ­
  zu  werden;  das  will  eben  sagen,  Regeln  zu  brechen  und
neue  Regeln  aufzustellen.  Zögern  Sie  niemals,  das  zu  tun,  was  Sie
im  Interesse  Ihres  Geschäfts  für  richtig  halten,  und  wenn  Sie
des  Ergebnisses  vollkommen  sicher  sind,  die  Verantwortung  dafür
        <pb n="23" />
        8  I.  Der  Weg  zum  geschäftlichen  Erfolg.

zu  übernehmen.  Niemals  werden  Sie  Teilhaber  werden,  es  sei
denn,  daß  Sie  das  Geschäft  in  der  Ihnen  zugewiesenen  Abteilung
besser  verstehen,  als  Ihr  Prinzipal  es  möglicherweise  verstehen  kann.
Werden  Sie  für  Ihr  selbständiges  Handeln  zur  Rechenschaft  gezogen,
so  zeigen  Sie  dem  Prinzipal  den  Erfolg  Ihrer  Ansicht  und  sagen
ihm,  daß  Sie  diesen  Erfolg  vorausgesehen.  Beweisen  Sie  ihm,  wie
falsch  die  Ihnen  gegebene  Order  war,  meistern  Sie  Ihren  Meister,
sobald  Sie  es  nur  immer  können;  versuchen  Sie  es  so  früh  wie  nur
immer  möglich.  Nichts  wird  ihm  lieber  sein,  wenn  er  der  rechte
Meister.  Ist  er  es  nicht,  dann  ist  er  auch  nicht  der  rechte  Mann  für
Sie.  In  diesem  Falle  verlassen  Sie  ihn  sobald  wie  möglich,  selbst
wenn  Sie  ein  augenblickliches  Opfer  bringen  müßten.  Suchen  Sie
sich  einen  anderen,  der  Begabung  zu  schätzen  weiß.  Unsere  jüngeren ­
  Teilhaber  in  der  Firma  Carnegie  haben  sich  ihre  Sporen  dadurch ­
  verdient,  daß  sie  uns  zeigten,  wie  wir  nicht  halb  so  gut
wüßten,  was  not  tat,  wie  sie.  Einige  unter  ihnen  sind  gelegentlich
so  mit  mir  umgesprungen,  als  wäre  nicht  ich,  sondern  als  wären
sie  Eigentümer  der  Firma  und  ich  selbst  nur  so  ein  luftiger  Neuyorker, ­
  der  sich  anmaßte,  über  Dinge  zu  bestimmen,  von  denen
er  nur  sehr  wenig  versteht.  Nun,  sie  haben  jetzt  nur  selten
Einspruch  zu  fürchten,  denn  sie  waren  die  rechten  Männer;  gerade
die  Männer,  die  wir  begehrten.  Ein  sicheres  Merkzeichen  für  den
kommenden  Teilhaber,  den  zukünftigen  Millionär  zeigt  sich  darin,
daß  seine  Einnahmen  stets  seine  Ausgaben  übersteigen.  Er  beginnt
mit  Sparen  fast  an  dem  gleichen  Tage,  da  er  zu  verdienen  anfängt.
Ganz  gleichgültig,  wie  wenig  Sie  sparen,  in  jedem  Falle  sparen
Sie  dies  Wenige.  Legen  Sie  es  sicher  an,  durchaus  nicht  immer  in
Staatspapieren,  wohl  aber  in  irgend  etwas,  was  nach  Ihrer  Ansicht
gewinnbringend  ist;  doch  spielen  Sie  niemals  mit  Ihren  Ersparnissen. ­
  Bald  wird  sich  eine  seltene  Gelegenheit  zur  Anlage  bieten.
Selbst  geringe  Ersparnisse  werden  die  Grundlagen  für  einen  Kredit
werden,  dessen  Höhe  Sie  überraschen  dürfte.  Kapitalisten  haben
zu  einem  jungen  Mann,  der  spart,  Zutrauen.  Für  jedes  Hundert
sauer  ersparten  Geldes  wird  Midas,  immer  auf  der  Suche  nach
tüchtigen  Compagnons,  Ihnen  Tausende  leihen.  Für  jedes  Tausend, ­
  fünfzig  Tausend.  Nicht  Kapital,  sondern  der  Mann,  welcher
den  Beweis  erbracht  hat,  daß  er  Kapital  erzeugende  Fähigkeiten
        <pb n="24" />
        Ansprache  an  junge  Kaufleute.

9

besitzt,  wird  von  älteren  Kapitalisten  gesucht;  der  Mann  der
soweit  Selbstdisziplin  in  Frage  kommt,  Kapital  auf  dem  besten
aller  möglichen  Wege,  dem  des  Sparens,  zu  erwerben  versteht.
Das  zuerst  ersparte  Hundert  zeigt  den  rechten  Mann;  deshalb  beginnen ­
  Sie  sofort  damit,  etwas  beiseite  zu  legen.  Bienengleiches
Einheimsen  verrät  den  zukünftigen  Millionär.  Selbstverständlich
gibt  es  höhere  Ziele  denn  Geldsparen.  Als  Endzweck  betrachtet
ist  das  Ansammeln  von  Reichtümern  ganz  und  gar  unedel.  Ich
setze  aber  voraus,  daß  Sie  sparen  und  nach  Reichtümern  trachten,
um  sich  besser  in  den  Stand  zu  setzen,  während  Ihres  Lebens  für
Ihre  Mitmenschen  Gutes  tun  zu  können.  Vor  allem  machen  Sie  es
sich  zur  Regel,  Ausgaben  stets  innerhalb  der  Einnahmen  zu  halten.
Sie  mögen  manchmal  ungeduldig  werden  oder  sich  entmutigt  fühlen,
wenn  Sie  sich  selbst  Jahr  für  Jahr  in  untergeordneter  Stellung
sehen.  Ohne  Zweifel:  für  einen  jungen  Mann  ohne  Kapital  wird
es  täglich  schwieriger,  vorwärts  zu  kommen,  da  das  Geschäft
sich  mehr  und  mehr  dem  Großbetriebe  zuwendet;  zumal  hier  in
Pittsburg,  wo  großes  Kapital  eine  Hauptrolle  spielt,  ist  es  außergewöhnlich ­
  schwierig.  Dennoch  kann  ich  zu  Ihrer  Ermutigung
sagen,  daß  in  keinem  anderen  Lande  energische,  junge  Männer
schneller  in  die  Höhe  kommen  als  in  Amerika.  Beispielsweise
ist  es  hier  in  Pittsburg  unmöglich,  eine  genügende  Anzahl  erstklassiger ­
  Buchhalter  zu  finden,  und  die  Nachfrage  nach  solchen
überstieg  bisher  immer  das  Angebot.
Junge  Leute  suchen  allerhand  Gründe  herbei,  die  in  ihrem
besonderen  Falle  jeden  Erfolg  unmöglich  gemacht  haben  sollen.
Einzelne  hatten,  wenn  man  ihnen  glauben  dürfte,  niemals  Glück.
Das  ist  einfach  Unsinn.  Es  gibt  keinen  jungen  Mann,  der  niemals
eine  Chance  und  dazu  eine  außerordentlich  gute  Chance  gehabt
hätte,  sobald  er  nur  erst  in  Stellung  war.  Hier  wird  er  von  dem
läge  an,  da  er  seine  Arbeit  beginnt,  auf  die  Probe  gestellt.  Der
Tüchtige  wird  nach  einiger  Zeit  in  dem  Beratungszimmer  der
Firma  erprobt,  seine  Geschicklichkeit,  Ehrenhaftigkeit,  seine  Gewohnheiten ­
  und  Verwendung,  sein  Temperament  und  sein  Charakter, ­
  all  das  fällt  ins  Gewicht  und  wird  analysiert.  Der  junge
Mann  ohne  Chance  ist  identisch  mit  dem  jungen  Mann,  der  —  von
seinen  Vorgesetzten  geprüft  —  notwendiger  Eigenschaften  immer
        <pb n="25" />
        10  I.  Der  Weg  zum  geschäftlichen  Erfolg.

bar  oder  intimerer  Beziehungen  zur  Firma  unwürdig  befunden
wurde,  infolge  tadelhafter  Handlungen,  Gewohnheiten  oder  Verbindungen ­
  von  denen  er  voraussetzte,  sie  seien  seinem  Prinzipal
unbekannt.  Eine  andere  Klasse  junger  Leute  schreibt  ihren  Mißerfolg ­
  dem  Umstand  zu,  daß  ihr  Prinzipal  Verwandte  oder  Günstlinge ­
  habe,  welche  er  ungerechtfertigterweise  bevorzugt.  Nebenbei ­
  machen  sie  geltend,  daß  ihre  Arbeitgeber  höhere  Intelligenzen
als  ihre  eigene  nicht  leiden  mögen  und  alles  tun,  um  junge  Talente
zu  entmutigen  und  junge  Männer  niederzuhalten.  All  das  ist  leeres
Gerede.  Gerade  das  Gegenteil  ist  der  Fall.  Niemand  leidet  so
sehr  durch  den  Mangel  an  rechten  Männern  am  rechten  Platze
und  niemand  gibt  sich  so  große  Mühe,  solche  Männer  zu  finden,
wie  der  Geschäftsherr.  Beispielsweise  findet  man  in  ganz  Pittsburg ­
  keine  einzige  Firma,  die  nicht  fortwährend  auf  der  Suche
nach  geschäftlicher  Tüchtigkeit  wäre.  Jede  Firma  wird  Ihnen  erklären, ­
  daß  kein  anderer  Artikel  so  gesucht  ist,  wie  dieser.  Gehirnkraft ­
  steht  immer  hoch  im  Preise.  Kultivieren  §ie  dieselbe;  hier
ist  der  beste  Markt  dafür,  Sie  können  nicht  genug  davon
erzeugen.  Mit  der  Masse  verkäuflicher  Gehirnkraft  wächst  auch
ihr  Preis.  Gehirnkraft  ist  selbstverständlich  ihrer  Ernte  nicht  so
sicher  wie  wilder  Hafer,  der  stets  eine  wundervolle  Ernte  zeitigt,
dagegen  ist  sie  stets  sicher,  einen  offenen  Markt  für  sich  zu  finden.
Zögern  Sie  nicht  in  irgendein  ordentliches  Geschäft  einzutreten.
Bei  uns  in  Amerika  gibt  es  kein  anständiges  Geschäft,  welches  bei
ununterbrochener  ausschließlicher  Aufmerksamkeit  nicht  einen  guten
Gewinn  neben  dem  Kapital  für  die  Fähigen  und  Fleißigen  abwerfen ­
  würde.  Jedes  Geschäft  hat  seinen  Höhepunkt  und  seine
stille  Zeit.  Immer  wieder  kommen  Jahre,  in  denen  Kaufleute
und  Fabrikanten  arg  bedrängt  sind.  Jahre,  in  denen  der  Betrieb
im  Gange  gehalten  werden  muß,  nicht  nur  ohne  Gewinn,  sondern
sogar  mit  Verlust,  damit  Organisation  und  Angestellte  beisammen
bleiben,  und  der  Betrieb  seine  Erzeugnisse  auf  dem  Markte  erhalte.
Andrerseits  muß  jedes  ehrliche  Geschäft,  welches  gesuchte  Artikel
erzeugt  oder  damit  handelt,  einen  guten  Vorteil  abwerfen,  sobald
es  richtig  gehandhabt  wird.
Und  hier  liegt  die  erste  Bedingung  zum  Erfolg,  das  große  Geheimnis: ­
  Konzentrieren  Sie  alle  Ihre  Kraft,  all  Ihre  Gedanken
        <pb n="26" />
        Ansprache  an  junge  Kaufleute.

11

und  all  Ihre  Kapitalien  ausschließlich  auf  das  Geschäft,  dem  Sie
sich  gewidmet  haben.  Sind  Sie  einmal  auf  einem  bestimmten  Felde
tätig,  so  halten  Sie  an  Ihrem  Entschluß,  den  Kampf  auf  diesem
Felde  aufzunehmen,  bis  Sie  zu  den  Ersten  darin  gehören,  fest.
Greifen  Sie  jede  Verbesserung  auf,  führen  Sie  die  besten  Maschinen
ein,  und  verschaffen  Sie  sich  darin  soviel  Kenntnisse  wie  nur  immer
möglich.  Die  Betriebe  bleiben  gewöhnlich  erfolglos,  welche  ihre
Kapitalskraft  zersplittern  und  damit  auch  ihre  leitende  Geisteskraft.
Man  macht  Anlagen  in  diesem  und  jenem,  hier  und  dort,  kurz
überall.  Der  Grundsatz:  wage  nicht  alles  auf  eine  Karte,  ist  ganz
und  gar  falsch.  Ich  sage  Ihnen:  tun  Sie  alles  in  ein  und  denselben
Topf  und  wachen  Sie  über  diesen  Topf.  Blicken  Sie  um  sich?
Männer,  die  so  handeln,  sind  selten  erfolglos.  Es  ist  leicht,  über
einen  Topf  zu  wachen  und  diesen  einen  zu  tragen,  aber  es  ist
schwer  über  mehrere  Töpfe  zu  gleicher  Zeit  zu  wachen  und  sie  zu
gleicher  Zeit  zu  tragen.  Wer  drei  Töpfe  zu  gleicher  Zeit  tragen  will,
muß  notwendigerweise  einen  Topf  auf  seinem  Kopfe  balancieren.
Die  Gefahr,  daß  der  Topf  fällt,  ist  daher  sehr  groß.  Ein  Hauptfehler
amerikanischer  Geschäftsleute  ist  Mangel  an  Konzentration.
Also,  um  das  Gesagte  kurz  noch  einmal  zusammenzufassen:
Strebe  nach  dem  Höchsten;  betritt  niemals  einen  öffentlichen  Ausschank; ­
  trinke  keine  Spirituosen  oder  höchstens  bloß  zu  den  Mahlzeiten; ­
  spekuliere  niemals  und  übernimm  Bürgschaften  niemals
höher,  als  Deine  freie  Kasse;  mache  die  Interessen  Deiner  Firma
zu  Deinen  eigenen;  kehre  Dich  nicht  an  die  hergebrachte  Routine,
sobald  es  im  Interesse  Deines  Prinzipals  liegt;  konzentriere  Deine
Kräfte,  tu  alles  was  Du  hast,  in  einen  einzigen  Topf  und  wache
über  den  Topf;  Ausgaben  stets  geringer  als  Einnahmen  und  endlich, ­
  verliere  die  Geduld  nicht,  denn  wie  Emerson  sagt:  „Niemand
kann  Dich  um  Deinen  endgültigen  Erfolg  betrügen,  wenn  nicht  Du
selbst.“  Ich  beglückünsche  diejenigen  Leute,  die  arm  geboren  sind,
weil  Armut  sie  zwingt,  hart  zu  arbeiten.  Ein  Korb  voller  Staatspapiere ­
  ist  der  schwerste  Korb  für  einen  jungen  Mann.  Gewöhnlich ­
  wird  er  unter  solcher  Last  wanken.  Wir  finden  zwar  in  Pittsburg ­
  Beispiele  reicher  junger  Leute,  die  sich  zu  den  ersten  Stellen
emporgearbeitet  haben  und  unter  die  nützlichsten  unserer  Mitbürger
zählen.  Sie  verdienen  dafür  jedes  Lob;  dennoch',  die  überwiegende
        <pb n="27" />
        12  I.  Der  Weg  zum  geschäftlichen  Erfolg.
Mehrzahl  reicher  Leute  hat  nicht  die  Kraft,  den  Versuchungen
des  Reichtums  zu  widerstehen;  sie  sinken  daher  zu  einem  unwürdigen ­
  Leben  herab.  Ich  würde  lieber  einem  jungen  Mann
meinen  Fluch  hinterlassen,  als  ihn  mit  dem  allmächtigen  Mammon
beladen.  Nicht  aus  dieser  Klasse  werden  Ihnen  Ihre  Nebenbuhler
erwachsen;  der  Sohn  des  Geschäftsinhabers  dürfte  Ihnen  selten
viel  zu  raten  aufgeben;  haben  Sie  dagegen  wohl  acht,  daß  nicht
ein  paar  arme,  ganz  arme  Jungen,  viel  ärmer  als  Sie  selbst,  denen
ihre  Eltern  keine  Erziehung  geben  konnten,  Sie  von  vornherein
durch  ihre  Leistungen  herausfordern,  und  zuletzt  am  Ziel  überholen. ­
  Geben  Sie  acht  auf  den  Jungen,  welcher  direkt  von  der
Elementarschule  ins  Geschäft  tritt  und  damit  beginnt,  das  Comptoir
auszufegen:  Er  ist  höchstwahrscheinlich  der  Renner,  mit  dem  Sie
am  härtesten  um  den  Vorrang  zu  kämpfen  haben.

V  V  V
V  V
V
        <pb n="28" />
        II.  Des  Geldes  ABC.')

Jeder,  glaube  ich,  der  sich  durch  Wort  oder  Schrift  an  die
Öffentlichkeit  wendet,  hat  zeitweise  den  Wunsch,  sein  Publikum
möge  alles  andere  beiseite  lassen  und  ihm  allein  für  wenige,
Minuten  seine  Aufmerksamkeit  schenken.  Auch  ich  habe  augenblicklich ­
  diesen  Wunsch,  denn  ich  fürchte,  unser  Volk  und  unser
Land  Amerika  wird  von  einem  großen  Unglück  bedroht,  weil  die
Mehrheit  der  Landwirte  und  der  Lohnempfänger  die  Frage  des
Geldes  durchaus  nicht  versteht.  Ich  will  deshalb  für  das,  was  Geld
eigentlich  ist,  eine  einfache  Erklärung  geben,  damit  jedermann
imstande  sei,  es  zu  verstehen.
Vielleicht  wird  der  eine  oder  der  andere,  den  ich  unter  meinem
Einfluß  zu  halten  wünsche,  ausrufen:  „Wer  bist  du?  eine  Goldwanze, ­
  ein  Millionär,  ein  Eisenbaron,  ein  Wohltatenempfänger  des
McKinleygesetzes?“  Man  gestatte  mir  deshalb  die  Antwort,  daß
ich  seit  vielen  Jahren  auch  nicht  nur  1000  Dollars  in  Gold  gesehen
habe.  Was  das  McKinleygesetz  angeht  —  nun,  ich  bin  vielleicht
der  einzige  Mann  in  den  Vereinigten  Staaten,  der  sich  mit  vollem
Rechte  über  dieses  Gesetz  beklagen  könnte;  hat  es  doch  die  Zölle
auf  Eisen  und  Stahl  um  20,  25,  ja  30%  herabgesetzt.  Trotzdem
aber  mißbillige  ich  —  die  Wahrheit  zu  sagen  —  diese  Verminderung
der  Eingangszölle  nicht  allzusehr,  denn  als  amerikanischer  Industrieller ­
  beabsichtige  ich,  auch  jetzt  noch,  nachdem  die  genannte  Bill
die  Eingangszölle  nicht,  allzusehr  auf  unser  Produkt  herabgesetzt
hat,  auf  dem  einheimischen  Markt  gegen  das  ausländische  Fabrikat ­
  anzukämpfen;  ich  bin  überhaupt  nicht  für  den  Schutzzoll,  solange ­
  wir  Amerikaner  imstande  bleiben,  unseren  eigenen  Markt
im  ehrlichen  Wettstreit  mit  den  Ausländern  uns  zu  erhalten.

1 )  Veröffentlicht  zuerst  1891.
        <pb n="29" />
        ^KsaSSäHSSSlllS

BOHMI

14

II.  Des  Geldes  ABC.

Ganz  gleichgültig,  was  wir  sind  —  Bergwerkarbeiter,  Fabrikarbeiter, ­
  Feldarbeiter,  Landwirte,  Handarbeiter,  Kaufleute,  Fabrikanten ­
  oder  Millionäre  —  jeder  von  uns  hat  das  größte  Interesse,  die
Frage  des  Geldes,  sowie  deren  kluge  Behandlung  zu  verstehen.
Ich  bitte  deshalb  Sie  alle,  mir  Ihre  Aufmerksamkeit  zu  schenken,
denn  was  für  den  einen  Arbeiter  gut  ist,  ist  auch  gut  für  den
anderen;  und  was  den  einen  schädigt,  muß  auch  den  anderem
schädigen,  mag  er  arm  oder  reich  sein.
Um  der  Sache  auf  den  Grund  zu  gehen,  müssen  wir  zunächst
wissen,  warum  Geld  eigentlich  existiert;  und  dann,  was  Geld
eigentlich  ist.  Ich 1  will  mit  Rücksicht  auf  einen  neu  erschlossenen
Teil  unseres  modernen  Amerika  auseinander  zu  setzen  versuchen,
wie  „Geld“  entsteht.  In  vergangenen  Zeiten,  da  die  Menschen  nur
als  Bodenbebauer  lebten,  und  Handel  und  Gewerbe  noch  nicht  entwickelt ­
  waren,  hatten  sie  auch  nur  wenige  Bedürfnisse;  damals
wurde  alles  ohne  Geld,  durch  bloßen  Austausch  der  Güter  bewerkstelligt. ­
  Der  Landwirt,  der  ein  Paar  Schuhe  brauchte,  gab  so  und  so
viel  Korn  für  die  Schuhe,  und  seine  Frau  kaufte  ihren  gegen  die
Sonne  schützenden  Hut  für  so  und  so  viele  Kartoffeln;  auf  diese
Weise  kam  aller  Kauf  und  Verkauf  zustande  —  also  durch  Tauschhandel. ­
  Mit  dem  Wachsen  der  Bevölkerung  und  der  Vervielfältigung ­
  der  Bedürfnisse  wurde  bloßer  Tauschhandel  immer  unbequemer. ­
  Daher  legte  der  eine  oder  andere  in  dem  betreffenden ­
  Bezirke  ein  Warenlager  an,  in  welchem  die  meistnötigen
Artikel  zu  haben  waren,  und  nahm  dafür  Waren  in  Austausch,  die
der  Landwirt  abgeben  konnte.  Darin  zeigte  sich  bereits  ein  großer
Fortschritt;  denn  der  Landwirt,  der,  wenn  er  ins  Dorf  kam,  Dutzend
verschiedenartige  Dinge  verlangte,  brauchte  nicht  mehr  länger  nach 1
einem  halben  Dutzend  verschiedener  Leute  auszuschauen,  die  einen
oder  mehrere  der  Artikel  gegen  solche,  die  er  selbst  besaß,  einzutauschen ­
  bereit  waren.  Er  konnte  jetzt  alles  bei  ein  und  demselben
Mann,  dem  Ladeninhaber,  bekommen;  bei  diesem  tauschte  er  jetzt
für  seine  landwirtschaftlichen  Erzeugnisse  das  meiste  von  dem,
was  er  selbst  brauchte,  ein.  Dabei  war  es  für  den  Ladeninhaber
ganz  gleichgültig,  ob  er  dem  Ackerbauer  Tee  oder  Kaffee,  Bettdecken ­
  oder  einen  Hausrechen  gab;  ebenso  machte  es  nicht  den
geringsten  Unterschied,  welche  Artikel  er  von  dem  Ackerbauer
        <pb n="30" />
        Tauschhandel.

15

nahm:  ob  Weizen,  Roggen  oder  Kartoffeln,  da  er  alle  diese  Artikel ­
  in  die  Stadt  sandte  und  seine  eigenen  Bedürfnisse  damit
decken  konnte.  Der  Landwirt  vermochte  sogar  die  Löhne  seiner
Arbeiter  in  Anweisungen  für  Artikel  bei  dem  Ladeninhaber  zu
zahlen.  Wie  man  sieht,  erscheint  bis  dahin  noch  kein  Geld.  Austausch ­
  von  Artikeln  ist  alles.  Das  ganze  System  ist  sehr  ungeschickt ­
  und  kostspielig,  da  die  in  Tausch  gegebenen  landwirtschaftlichen ­
  Artikel  hin  und  her  geschleppt  wurden  und  ihren
Wert  stets  wechselten.
Heute  ist  der  Ladeninhaber  bereit,  sagen  wir,  einen  Scheffel
Weizen  für  so  und  so  viele  Pfund  Zucker  einzutauschen,  morgen
oder  bei  einem  folgenden  Besuch  des  Landwirts  ist  es  ihm  vielleicht ­
  nicht  mehr  möglich,  ein  Gleiches  zu  tun;  er  fordert  vielleicht
eine  größere  Quantität  Weizen  für  dieselbe  Quantität  Zucker.
Andrerseits  wird  der  Ladeninhaber,  wenn  der  Weizenmarkt  steigt,
nicht  weniger  Weizen  verlangen  als  zur  Zeit,  da  der  Weizen  billiger
war.  Und  ganz  dasselbe  zeigt  sich  bei  allen  Artikeln,  die  der
Ackerbauer  anbieten  kann.  Sie  alle  steigen  im  Wert,  geradeso
wie  Tee  und  Kaffee,  Zucker  und  Kleidungsstücke,  Stiefel  und
Schuhe,  was  alles  der  Ladeninhaber  zum  Tausche  bereit  hält.
Es  braucht  nicht  besonders  hervorgehoben  zu  werden,  daß;
bei  all  solchem  Tauschhandel  der  Ladeninhaber  einen  Vorteil  über
den  Ackerbauer  besitzt.  Er  kennt  die  Marktpreise  sowie  deren
Steigen  und  Fallen  lange  vor  dem  Ackerbauer,  und  er  versteht
sich  auf  die  Zeichen  der  Zeit  besser  als  irgendeiner  seiner  Kunden.
Der  gerissene  Ladeninhaber  hat  immer  die  beste  Geschäftskenntnis.
Ich  möchte  gerade  hier  darauf  besonders  aufmerksam  machen,  daß
der  Ladeninhaber  selbstverständlich  einen  landwirtschaftlichen  Artikel ­
  dem  anderen  vorzieht.  Dieser  Artikel  wird  stets  der  sein,  für
welchen  der  Ladeninhaber  die  besten  Abnehmer  hat,  also  das
Meistverlangte.  In  den  einzelnen  Teilen  des  Landes  wurden  verschiedene ­
  Artikel  als  „Geld'  besonders  geeignet  gefunden.  Weizen
war,  um  als  Geld  benutzt  zu  werden,  ebenso  gut  wie  Weizen  überhaupt, ­
  unabhängig  von  jeder  gesetzlichen  Vorschrift.  Das  Volk
hatte  sich  für  Weizen  entschieden  und  erhob  Weizen  zu  Geld.
Weil  Tabak  die  hauptsächlichste  Frucht  in  Virginien  war,  hielt
es  das  Volk  für  das  beste,  dem  Tabak  den  Charakter  des  Geldes
        <pb n="31" />
        16

II.  Des  Geldes  ABC.

für  das  Land  Virginien  zu  verleihen.  Man  beachte  wohl,  daß  in
all  diesen  Fällen  die  menschliche  Gesellschaft  dasjenige  Geld
nennt,  was  den  wenigsten  Preisveränderungen  ausgesetzt  ist,  also
den  am  meisten  gebrauchten  und  gewünschten  Artikel.  Was
dauernd  und  allgemein  verlangt  wird,  trägt  seinen  Wert  in  sich
selbst.  Geld  ist  nur  ein  Name  für  den  Artikel,  der  dem  Austausch
mit  allen  anderen  Artikeln  zugrunde  gelegt  wird.  Ein  Artikel  wird
nicht  erst  durch  Gesetz  wertvoll  und  daraufhin  als  Geld  gewählt,
vielmehr  zeigt  sich  der  Artikel  zunächst  an  sich  wertvoll  und  am
besten  zu  solchem  Zwecke  geeignet  und  wird  so  durch  sich  selbst
der  überall  zugrunde  gelegte  Artikel  —  Geld.  Er  erwählt  sozusagen ­
  sich  selbst  dazu.  Weizen  und  Tabak  waren  als  allem  anderen
zugrunde  gelegte  Artikel  gerade  so  gut  Geld,  wie  heute  Gold  und
Silber  Geld  sind.
Gehen  wir  einen  Schritt  weiter.  —  Das  Land  wird  mehr  und
mehr  bevölkert;  die  Bedürfnisse  des  Volkes  werden  immer  zahlreicher ­
  und  zahlreicher.  Der  Gebrauch  von  Weizen  und  Tabak
als  Geld  wechselt  im  Wert,  weil  beide  Artikel  der  Zerstörung  ausgesetzt ­
  und  dabei  von  verschiedener  Güte  sind;  sie  werden  deshalb ­
  für  das  wechselnde  Tauschgeschäft  bald  zu  beschwerlich  befunden ­
  und  eignen  sich  dann  nicht  mehr  dazu,  als  Geld  gebraucht
zu  werden.  Jedermann  sieht  ohne  weiteres  ein,  daß  wir  nicht  mehr
Getreide  anstatt  des  Geldes  verwenden  könnten.  Die  Metalle  zeigten
ihre  Vorzüge;  sie  sind  nicht  so  leicht  zerstörbar,  ändern  nicht  so
schnell  ihren  Wert  und  teilen  mit  Weizen  und  Tabak  die  wesentliche ­
  Eigenschaft,  daß  sie  auch  an  sich,  für  andere  Zwecke  als
den  bloßen  Tauschhandel,  Wert  besitzen.  Die  Menschen  begehren
ihrer  zu  persönlichem  Schmuck,  in  Fabriken  oder  in  den  Künsten,
kurz  zu  tausend  Zwecken;  gerade  das  macht  Metalle  für  uns  als
Geld  empfehlenswert.  Man  vergegenwärtige  sich  nur  einmal,  für
wieviel  verschiedene  Zwecke  Gold  gebraucht  wird,  weil  es  eben
für  sie  am  besten  geeignet  ist.  Wir  begegnen  Gold  überall.  Nicht
einmal  heiraten  können  wir  ohne  den  Ring  von  Gold.
Da  die  Metalle  noch  zu  anderen  Zwecken  denn  als  Geld  benutzt ­
  werden  und  weil  ihre  Zufuhr  beschränkt  ist  und  nicht  so
leicht  vermehrt  werden  kann,  wie  die  Zufuhr  von  Weizen  oder
Tabak:  so  haben  sie  stets  einen  Wert  auf  offenen  Märkten  und
        <pb n="32" />
        Direkter  Warenaustausch.

17

sind  auch  viel  weniger  dem  Wertwechsel  ausgesetzt,  denn  irgendein
anderer  als  Geld  gebrauchter  Artikel.  Das  ist  von  entscheidenster
Wichtigkeit,  da  die  erste  und  hauptsächlichste  Eigenschaft  des
Artikels,  welchen  wir  als  Tauschwert  für  alle  anderen  Artikel
brauchen,  sein  feststehender  Wert  ist.  Die  menschliche  Rasse  war
von  jeher  instinktiv  auf  der  Suche  nach  einem  Artikel,  der  am
meisten  dem  Nordstern  unter  den  Himmelsgestirnen  gleicht,  um
als  Geld  benutzt  zu  werden  —  auf  der  Suche  nach  jenem  Artikel,
der  in  seinem  Werte  am  beständigsten  bleibt  und  geradeso  wie
der  Nordstern  unter  den  Himmelsgestirnen  am  wenigsten  seine
Wertstellung  ändert.  Was  der  Nordstern  am  weiten  Himmelsgewölbe ­
  bedeutet,  das  ist  der  vom  Volke  als  Geld  erwählte  Artikel
im  weiten  Bereiche  aller  übrigen  Artikel.  Wir  sind  jetzt  soweit
vorgeschritten,  daß  wir  die  zerstörbaren  Artikel  fallen  gelassen  und
die  Metalle  als  unser  Geld  erwählt  haben,  oder,  genauer  gesprochen:
Metalle  haben  sich  zum  Gebrauch  als  Geld  vorteilhafter  ausgewiesen, ­
  denn  irgend  etwas  anderes.  Als  ich  in  China  war,  erhielt
ich  als  Austauschmittel  Abfälle  und  Schnitzel  aus  einem  Silberbarren ­
  herausgeschnitten,  die  vor  meinen  Augen  auf  der  Wage
des  Kaufmanns  abgewogen  wurden;  denn  die  Chinesen  haben  kein
geprägtes  Geld.  In  Siam  zahlt  man  mit  einer  hübschen  Art  kleiner
Muscheln,  die  die  Eingeborenen  als  Schmucksache  benutzten.  Ein
Dutzend  hat  den  Wert  von  einem  Cent  (=  4  d.).  Man  wird  nun
leicht  begreifen,  wie  unmöglich  es  mir  war,  den  chinesischen
Händler  daran  zu  hindern,  daß  er  mir  weniger  Silber  gab,  als  ich
zu  fordern  hatte,  oder  auch  den  siamesischen  Händler,  mir  wertlose
Muscheln  zu  geben,  da  ich  davon  nichts  verstand.  Zivilisierte  Nationen ­
  überzeugten  sich  sehr  bald,  wie  notwendig  es  war,  daß  ihre
Regierungen  auf  eine  bestimmte  Masse  von  Metall  ihren  Stempel
drückten,  als  Garantie  für  richtiges  Gewicht,  Reinheit  und  vollen
Wert.  So  entstand  die  Prägung  der  Metalle  und  Geld  —  ein
großer  Fortschritt.  Jeder  erkannte  nun  durch  bloßes  Sehen  den
wirklichen  Wert  jedes  Münzstückes;  er  konnte  also  nicht  länger
betrogen  werden,  da  wägen  und  prüfen  überflüssig  geworden.
Wohlverstanden,  die  Prägung  der  Münze  erhöhte  keineswegs  ihren
Wert  an  sich.  Die  Regierungen  haben  auch  nicht  die  Absicht,  aus
nichts  Geld  zu  machen;  sie  lassen  durch  ihren  Stempel  nur  jeder-Carnegie,
  Kaufmanns  Herrschgewalt.  2
        <pb n="33" />
        18

II.  Des  Geldes  ABC.

mann  wissen,  wie  hoch'  der  Marktwert  des  Metalles  in  jedem
Münzstücke  also  der  Marktwert  des  Rohmaterials  —  nicht  etwa
der  Wert  des  Metalles  als  Geldstück  —  ist.
Doch  selbst  jetzt  wurde  vielerlei  Schwindel  getrieben;  Halunken ­
  beschnitten  die  Ecken  der  Geldstücke  und  boten  sie  dann,
nachdem  die  Münzen  auf  diese  Weise  sehr  leicht  geworden,  aus.
Ein  begabter  Franzose  erfand  die  Rundung  der  Münzecken;  dadurch ­
  wurde  diese  Räuberei  unmöglich  gemacht,  und  zivilisierte
Völker  hatten  endlich  die  Münzung,  welche  bis  auf  den  heutigen
Tag  im  Gebrauch  ist.  Es  ist  die  beste  bisher  bekannt  gewordene
Münzung,  weil  sie,  in  sich  selbst  von  hohem  Wert,  sich  am  wenigsten ­
  verändert.  Zum  Gebrauch  als  Geld  ist  eben  der  Artikel
von  idealer  Vollendung,  welcher  durchaus  unverändert  bleibt.
Darin  liegt  der  sicherste  Schutz  für  alle  Arbeiter,  Landwirte,  Mechaniker ­
  usw.,  denn  nichts  trägt  so  sehr  dazu  bei,  jeden  Austausch
von  Artikeln  zu  einer  bloßen  Spekulation  zu  machen,  als  Geld,
dessen  Wert  der  Veränderung  unterliegt.  Im  Spekulationsspiel
darf  die  große  Menge  sicher  sein,  immer  von  denen  übervorteilt
zu  werden,  die  mit  Geld  handeln  und  das  meiste  von  Geld  verstehen. ­
  Nichts  ist  für  den  Ackerbauer,  den  Lohnarbeiter  und  für
alle  die,  welche  mit  Finanzsachen  nicht  vollkommen  vertraut  sind,
bei  Abgabe  ihrer  Erzeugnisse  unangenehmer  als  wertwechselndes
Geld.  Sie  alle  befinden  sich  in  derselben  Lage,  wie  ich  sie  vorhin
zwischen  Ackerbauer  und  Ladeninhaber  geschildert.  Wir  alle
wissen,  daß  Fische  nicht  bei  stillem  Wasser  ihrer  Beute  nachsteigen;
nur  bei  Wind  und  aufgeregtem  Wasser  hält  das  arme  Opfer  den
Köder  für  wirkliche  Beute.  Geradeso  geht  es  in  der  Welt  mit
geschäftlichen  Dingen.  In  stürmischen  Zeiten,  wenn  die  Preise
auf  und  nieder  steigen,  und  wenn  der  als  Geld  gebrauchte  Artikel
auf  und  nieder  tanzt  —  heute  hoch  und  morgen  niedrig  steht  —
fängt  der  gewiegte  Spekulant  den  Fisch  und  füllt  seinen  Korb  mit
seinen  Opfern.  Daher  sind  Ackerbauer  und  Mechaniker,  kurz  alle
—  mögen  sie  eigene  Erzeugnisse  zu  verkaufen  haben  oder  Gehälter
und  Löhne  beziehen  —  am  meisten  an  der  Sicherheit  oder  Unveränderlichkeit ­
  des  Wertes,  den  sie  als  Geld  annehmen,  beteiligt
Sehr  bald  fand  man  bei  dem  Gebrauch  der  Metalle  als  Geld,  zur
Deckung  aller  Nachfrage,  mehr  als  zwei  Sorten  von  Metallen  not ­
        <pb n="34" />
        Geldmangel  und  Geldgebrauch.

19

wendig.  Es  wäre  nicht  weise,  eine  Goldmünze  kleiner  als  im  Werte
eines  Dollars  zu  prägen,  denn  solche  Münzen  müßten  zu  winzig
ausfallen;  ebenso  wäre  Silber  in  höherem  Betrag  als  dem  eines
Dollars  unbequem,  weil  das  Münzstück  zu  groß  ausfallen  würde.
Wir  hatten  daher  weniger  wertvolles  Metall  für  kleine  Summen  zu
gebrauchen  und  nahmen  also  zunächst  Silber;  doch  bald  stellte
sich’s  heraus,  daß  wir  auch  Silber  für  kleinere  als  10  Centstücke
nicht  verwenden  konnten,  denn  der  Dime 1 )  ist  die  in  Silber  kleinstmögliche
  Münze.  Daher  sahen  wir  uns  gezwungen,  für  noch
kleinere  Werte  ein  anderes  Metall  zu  benutzen,  ein  Metall  von
noch  geringerem  Werte  als  Silber.  So  bedienten  wir  uns,  um
Fünfcentstücke  zu  schlagen,  eines  Gemisches  von  Nickel  und
Kupfer;  wieder  zeigte  sich's  bald,  daß  sogar  Nickel  für  Ein-  oder
Zweicentstücke  zu  wertvoll,  und  so  blieb  uns  für  die  Prägung
dieser  kleinsten  Stücke  nur  Kupfer  übrig  —  alles  in  dem  Bemühen,
jeder  Münzsorte  den  Metallwert  möglichst  dem  von  der  Regierung
ihr  zugeschriebenen  Werte  entsprechend  zu  geben.  Wir  bestrebten
uns  daher,  in  ein  Centstück  ein  Stück  Kupfer  im  Werte  eines  Cent
und  in  ein  Nickelstück  soviel  Nickel  und  Kupfer,  als  einem  5  Centstück ­
  entspricht,  hineinzutun;  da  jedoch  Nickel  und  Kupfer  einem
täglichen  Wertwechsel  noch  mehr  als  Silber  unterworfen  sind,  so
ist  es  unmöglich,  jeder  Münze  den  vollen  Metallwert  zu  geben.
Wenn  wir  hineintun,  was  an  einem  bestimmten  Tage  dem  vollen
Metallwert  gleichkommt,  und  Nickel,  Kupfer  und  Silber  dann  auf
dem  Metallmarkt  im  Preise  steigen,  so  würden  die,  welche  mit
solchen  Metallen  handeln,  die  Münzen  einschmelzen  und  dabei
ihren  Gewinn  machen;  folgerichtig  ständen  wir  in  solchen  Fällen
sehr  bald  ganz  ohne  solche  Münzen  da.  Deshalb  müssen  wir  stets
etwas  weniger  Metall  für  diese  Art  Münzen  verwenden,  damit  sie
nicht  für  den  vollen  Metallwert,  den  sie  vorstellen,  verkauft  werden
können.  Aus  diesem  Grunde  werden  alle  solche  kleinen  Münzen
in  der  Geschichte  des  Geldes  „Zeichen-  oder  Scheidemünzen“  genannt. ­
  Sie  gelten  als  ein  Zeichen,  welches  besagt,  daß  man  dafür
so  und  so  viel  Gold  erhalten  kann.  Jeder  Besitzer  von  zwanzig
Nickeln  muß  zum  Empfange  von  einem  Golddollar  berechtigt  sein,

J )  Dime  (10  Cents  =  40  Pf.).
        <pb n="35" />
        20

II.  Des  Geldes  ABC.

damit  diese  „Zeichen-  oder  Scheidemünzen“  ihren  Zweck  als  Geld
zu  erfüllen  vermögen.  Im  allgemeinen  setzen  die  Völker  eine  bestimmte ­
  Grenze  für  Benutzung  der  Scheidemünzen  fest  und  rechnen
sie  für  geringere  Beträge  zu  gesetzlichen  Zahlungsmitteln  um.
Beispielsweise  ist  in  Großbritannien  niemand  verpflichtet,  für  mehr
als  zehn  Dollar  —  40  sh  oder  £  2  —  Scheidemünzen  zu  nehmen.
Alle  Silbermünzen  werden  in  England  als  Scheidemünzen  angesehen.
Damit  ist  die  Entwicklung  dessen,  was  Geld  ist,  abgeschlossen,
denn  die  gemünzten  und  geprägten  Metallstücke  kennzeichnen
seine  höchste  Vollendung.  Indessen  habe  ich  noch'  einige  Bemerkungen ­
  über  diesen  Punkt  hinzuzufügen.
Obgleich  man  denken  könnte,  daß  wir  in  den  geprägten  Münzstücken ­
  eine  absolute  Vollendung  erreicht  haben,  und  daß  die
Massen  nunmehr  in  dem,  was  für  ihr  Wohlergehen  so  wesentlich
ist  —  nämlich:  vollgültiges  Geld  —  nicht  weiter  betrogen  werden
können,  so  wurde  doch  selbst  trotz  des  geprägten  Goldes  ein  Weg
ausfindig  gemacht,  das  Publikum  zu  betrügen.  Die  Scheidemünzen
wurden  häufig  von  bedürftigen  Regierungen  nach  erschöpfenden
Kriegen  oder  Pestilenz  herabgesetzt,  wenn  Völker  entweder  zu
schwach  oder  zu  arm  waren,  um  sich  von  ihren  Mißgeschicken
gleich  wieder  zu  erholen.  Eine  Münze  wird  dann  eine  „herabgesetzte ­
  Münze“  genannt,  wenn  sie  auf  dem  Markt  nicht  genug
Metallwert  hat,  um  die  darauf  durch  Prägung  angegebene  Summe
einzubringen.  Dieses  Verfahren,  das  einfach  die  Leute  betrügt,
ist  nicht  neu,  sondern  schon  sehr  alt.  574  Jahre  vor  Christi  Geburt
haben  die  Griechen  ihre  Münzen  herabgesetzt.  Das  gleiche  taten
die  römischen  Kaiser,  sobald  sie  sich  in  einer  finanziellen  Klemme
befanden.  England  setzte  im  Jahre  1300  gleichfalls  seine  Münzen
herab.  Das  schottische  Geld  war  einstmals  so  wertlos,  daß  ein
Dollar  (4  M.)  nur  12  Cent  (48  Pfennige)  Metallwert  besaß.  Irländische, ­
  spanische,  französische,  deutsche  Regierungen  haben  es
alle  mit  herabgesetzten  Münzen  versucht,  wenn  sie  keine  höheren
Steuern  mehr  auf  anderem  Wege  herauspressen  konnten.  In  solchen ­
  Fällen  wollten  sie  eben  von  ihrem  Volke  auf  indirektem
Wege  mehr  Geld  haben.  Ihr  letztes  Hilfsmittel  blieb  immer
schlechte  Münze.  Alles  das  sind  alte  Geschichten.  Heutzutage
sinken  erstklassige  Völker  nicht  mehr  so  weit  herab.  Dennoch
        <pb n="36" />
        Geldmangel  und  Geldgebrauch.

21

muß  ich  hier  eine  Ausnahme  von  dieser  Regel  erwähnen.  Mein
Haupt  beugt  sich  voller  Scham,  indem  ich  diese  Ausnahme  nenne:
—  Die  Vereinigten  Staaten  von  Amerika.  —  Jeder  einzige  amerikanische ­
  Silberdollar  ist  schlechte  Münze.  Wenn  eine  Regierung
schlechte  Münzen  macht,  schlägt  sie  jeder  mit  Bezug  auf  Geld
gemachten  Erfahrung  ins  Gesicht.  Eine  gesunde  Finanzpolitik  gebietet ­
  jeder  Regierung,  nur  den  vollen  Wert  auf  ihren  Münzen
durch  Prägungsstempel  zu  bescheinigen,  damit  das  Volk  nicht  betrogen ­
  werde.  Jedesmal,  wenn  die  Regierung  einen  Dollar  =
371,14  Gramm  Silber  stampft,  stampft  sie  eine  Lüge;  schmachvoll
und  doch,  ach,  nur  zu  wahr!  denn  das  darin  enthaltene  Silber  ist
nicht  einen  Dollar,  sondern  bloß  78  Cent  wert!
Eine  andere  Täuschung  über  das  Wesen  des  Geldes  hat  oft
ganze  Völker  ins  Unglück  gebracht:  Die  Idee,  eine  Regierung
vermöge  einfach  dadurch  Geld  zu  machen,  daß  sie  bestimmte
Werte  auf  ein  Stück  Papier  drückt.  Das  ist  geradeso,  als  wenn
der  erste  beste  Geld  machen  könnte,  sobald  er  nur  eine  Note
ausstellt,  die  verspricht,  100  Dollar  dafür  zu  zahlen.  Nun,  jedermann ­
  weiß,  daß  er  durch  solches  Tun  nicht  Geld,  sondern  Schulden
macht.  Dasselbe  tut  jede  Regierung,  welche  dergleichen  Versprechungen ­
  für  Zahlungen  gibt.  Und  noch  eine  andere  recht  große
Ähnlichkeit  besteht  zwischen  Privatpersonen  und  Regierungen,  die
derartige  Noten  in  großer  Anzahl  ausstellen:  sie  lösen  nur  selten
ihre  Noten  durch  Barzahlungen  ein.  Die  Franzosen  handelten  so
während  der  Revolution;  in  neuerer  Zeit  machten  die  amerikanischen ­
  Südstaaten  Geld  in  großen  Massen  und  gaben  Bons  aus,
welche  heute  kaum  das  Papier  wert  sind,  auf  dem  sie  gedruckt
wurden.  Jedes  Experiment  dieser  Art  hat  immer  aufs  neue  bewiesen, ­
  daß  man  nicht  Geld  machen  kann,  wo  kein  wirklicher
Wert  dahinter  steckt.  Auch  die  Vereinigten  Staaten  hatten  Bons
ausgegeben,  und  die  Angehörigen  anderer  Nationen  kauften  sie
mit  40  Cent  für  jeden  Dollar,  obgleich  sie  6°/o.  Zinsen  in  Gold
zahlten.  So  groß  war  die  Angst,  daß  selbst  die  Bons  der  Vereinigten ­
  Staaten  keine  Ausnahme  von  der  Regel  der  Bons  machen
würden,  die  in  Zeiten  öffentlicher  Krisis  ausgegeben  werden.  Nur
weil  unsere  Regierung  strengstens  ihr  Wort  hielt  und  Zinsen  sowohl ­
  wie  Kapital  zahlte,  beides  in  Gold,  niemals  aber  in  Silber,
        <pb n="37" />
        22  II.  Des  Geldes  ABC.
oder  in  einer  anderen  minderwertigen  Münze,  hat  der  Wert  dieser
Bons  sich  gehoben.  Der  Kredit  der  Vereinigten  Staaten  wurde
der  beste  in  der  ganzen  Welt;  besser  sogar  als  der  Kredit  Großbritanniens. ­
  Niemals  ist  ein  vollgültigerer  Beweis  dafür  erbracht
worden,  daß,  Ehrlichkeit  in  Geldgeschäften  die  beste  Politik  ist.
Auch  Noten  hat  die  amerikanische  Regierung  ausgegeben,  die
sogenannten  Greenbacks.  Allein  die  Männer,  welche  das  taten,
waren  weise  genug,  einen  Fond  von  hundert  Millionen  Dollar  in
Gold  zu  deren  Einlösung  festzulegen,  so  daß  jeder  Besitzer  eines
„Greenback“  zum  Schatzamt  gehen  konnte  und  dort  einen  Dollar
Gold  dafür  erhielt.
Doch  noch  eine  andere  Eigenschaft  —  von  der  ich  jetzt
sprechen  will  —  besitzt  dieses  grundlegende  Metall,  eine  Eigenschaft, ­
  die  Ihnen  kaum  glaublich  erscheinen  wird.  Die  ganze  Welt
setzt  solch  ein  Vertrauen  in  seinen  feststehenden  Wert,  daß  darauf
sozusagen  ein  ganzer  Turm  von  Kredit  gebaut  wird,  so  hoch,  daß
er  alles  Gold  und  Silber  der  Vereinigten  Staaten  überragt.  Alle
von  der  amerikanischen  Regierung  ausgegebenen  Noten  und
Greenbacks  machen  infolge  dieses  Kredits  nur  8  °/o  des  gesamten
Weltverkehrs  der  Vereinigten  Staaten  aus.
Gehen  Sie  zu  irgendeiner  Bank  oder  Kreditgesellschaft,  irgendeiner ­
  Mühle,  einer  Fabrik  oder  zu  irgendeinem  anderen  Geschäft
oder  Laden,  und  Sie  werden  finden,  daß  für  jedes  Geschäft  von
100000  Dollar  nur  ungefähr  8000  Dollar  in  wirklichem  Gelde  verwendet ­
  werden,  und  zwar  nur  für  geringe  Geschäfte  oder  Zahlungen. ­
  92  o/o  aller  geschäftlichen  Transaktionen  bewerkstelligt  man
durch  kleine  Papierstücke:  Schecks  und  Tratten.  Auf  derselben
Grundlage  beruht  der  Wert  aller  Staatsschuldscheine  sowie  aller
von  den  einzelnen  Landschaften  und  Städten  ausgegebenen  Schuldscheine. ­
  Diese  Tausende  Millionen  von  Schuldscheinen  sind  es,
die  unsere  großen  Eisenbahnsysteme  überhaupt  möglich  machen;
ebenso  die  Sicherheit  der  Tausende  von  Millionen  ersparten  Geldes,
welches  die  große  Masse  in  den  Sparbanken  niederlegt.  Die  Sparbanken ­
  leihen  dann  das  Geld  an  verschiedene  Parteien  aus,  die
wiederum  alles  in  gutem  Gelde  zurückzahlen  müssen,  wenn  die
Ersparnisse  der  armen  Einzahler  nicht  teilweise  oder  ganz  verloren ­
  gehen  sollen.
        <pb n="38" />
        Geldmangel  und  Geldgebrauch.

23

Geschäft  und  Ausgleich  werden  also  jetzt  nicht  durch  Geld  —
will  sagen  durch  den  eigentlichen  Artikel  Geld  —  bewerkstelligt.
Wie  in  vergangenen  Zeiten  die  Artikel  nicht  mehr  ausgetauscht
wurden,  sobald  ein  Metall,  genannt  Geld,  für  den  Austausch  der
verschiedenen  Werte  benützt  werden  konnte,  geradeso  wird  jetzt
das  Metall  nicht  mehr  zu  diesem  Zwecke  benutzt.  Der  Scheck
oder  die  Tratte  des  Käufers,  ein  Stück  Papier,  das  seinen  Wert
erst  durch  das  in  der  Bank  niedergelegte  Gold  erhält,  ist  alles,
was  zwischen  Käufer  und  Verkäufer  hin-  und  herwandert.  Warum
nimmt  der  Verkäufer  oder  der,  welcher  die  Schuld  einkassiert,
dieses  Stückchen  Papier?  Weil  er  darauf  rechnet,  das  darauf  hin
versprochene  Gold  im  Bedarfsfälle  jederzeit  dafür  bekommen  zu
können.  Zugleich  weiß  er,  daß  er  das  Gold  selbst  nicht  brauchen
wird,  weil  er  alles,  was  er  zu  kaufen  wünscht,  für  dieses  selbe
Stückchen  Papier  erhalten  kann,  und  weil  jeder,  dem  er  etwas
schuldet,  gerade  wie  jeder  Verkäufer,  seinen  eigenen  Scheck  —
ein  gleiches  Stück  Papier  —  dafür  nehmen  wird,  und  zwar  anstatt
Gold.  Vor  allem  hat,  und  das  ist  das  allerwichtigste,  jedermann
das  Vertrauen,  daß  die  Grundlage  —  nämlich  das  Gold,  —  seinen
.Wert  nicht  verändern  wird.  Denn,  um  es  nicht  zu  vergessen:  ein
mögliches  Steigen  in  diesem  Artikel  würde  geradeso  schlimm  wirken, ­
  wie  ein  mögliches  Fallen  im  Werte,  da  Wertunveränderlichkeit ­
  für  die  Massen  des  Volkes  die  wichtigste  Eigenschaft  des
Geldes  ist.
Wenn  die  Leute  also  mehr  Geld  für  den  Wertumlauf  verlangen
—  das  will  sagen:  eine  größere  Menge  des  Artikels,  den  sie  für
den  Austausch  aller  anderen  Artikel  nötig  haben  —  so  ist  leicht
zu  ersehen,  daß  nicht  Geld  im  eigentlichsten  Sinne  des  Wortes
verlangt  wird,  sondern  Kredit.  Niemand,  der  Weizen  oder  Tabak
verkaufen  will,  hat  irgend  welche  Umstände,  Geld  dafür  zu  erhalten. ­
  Vor  kurzer  Zeit  war  bei  uns  in  Amerika  eine  sehr  schwere
finanzielle  Krisis.  Es  hieß,  man  könne  kein  Geld  zu  Geschäften
erhalten;  aber  nicht  das  Geld  mangelte,  sondern  der  Kredit  und
das  Vertrauen,  also  gerade  das,  worauf,  wie  wir  früher  gesehen,
jede  geschäftliche  Transaktion  —  abgesehen  von  kleinen  Einkäufen
und  Zahlungen,  die  kaum  Geschäft  genannt  werden  können  —
beruht.  Heute  wieder  geht  kein  Geschäftsmann  über  die  Straße,
        <pb n="39" />
        24

II.  Des  Geldes  ABC.

V  V  V
V  V
V

ohne  daß  Leute  förmlich'  darum  betteln,  er  möge  Kredit  zu  sehr
niedrigem  Zinsfuß  annehmen.  Für  2  %  Jahreszins  kann  man  heute
Kredit  (Geld)  täglich  und  von  Tag  zu  Tag  haben.  Dennoch  differierte ­
  die  Summe  des  erlangbaren  Geldes  während  der  letzten
Monate  nur  ganz  wenig  von  der  jetzt  flüssigen  Geldmenge.  Vor
drei  Monaten  war  gerade  so  wenig  oder  viel  Geld  im  Lande  wie
jetzt.  Also  nicht  in  Mangel  an  Geld  bestand  die  Ursache  der
Störung.  Die  Grundlage,  auf  der  die  Transaktion  der  Zweiundneunzigtausend
  von  jedem  Hunderttausend  Dollar  basieren,
schwankte.  Das  Metall  selbst  und  die  Banknoten  —  das  eigentliche ­
  Geld  —  sind,  wie  wir  gesehen  haben,  nur  für  8000  Dollar
unter  je  100000  Dollar  von  Wert.  Hier  zeigt  es  sich,  daß  die
größte  aller  Gefahren  —  das  Schwanken  der  Wertbasis  —  Kredit
ist.  Dadurch  wurde  die  Grundlage  für  die  vollen  92  °/o  alles  geschäftlichen ­
  Austausches  im  Lande  —  und  damit  indirekt  auch  für
die  übrigen  8  o/o  —  welche  durch  Zahlung  von  Metall  und  Regierungsbanknoten ­
  bewerkstelligt  werden,  erschüttert;  denn  die
Normalwährung  ist  die  Grundlage  für  jeden  Austausch,  sowohl
für  die  92  o/o  Papieranweisungen  als  auch  für  die  8  o/o  der  Dollars
auf  jedes  Hunderttausend.  Daraus  erhellt,  daß  durch  Untergrabung
der  Basis  der  ganze  ungeheure  Bau,  auf  welchem  all  und  jedes
Geschäft  beruht,  ins  Schwanken  geraten  muß.
        <pb n="40" />
        III.  Silberwährung,

Über  „Geld“  im  allgemeinen  habe  ich  alles  Nötige  an  anderer
Stelle  gesagt.  Wir  wollen  nur  das  früher  Hier  Ausgeführte  auf
die  Gegenwart  anwenden.  Dabei  stoßen  wir  sofort  auf  das  Silberproblem. ­
  Ich  bin  bei  Erörterung  desselben  Ihrer  aller  Aufmerksamkeit ­
  sicher;  enthält  es  doch  die  allerwichtigste  volkswirtschaftliche ­
  Frage  der  Gegenwart.  Wir  haben  gesehen,  wie  die  Menschheit ­
  im  Verlauf  der  Entwicklung  verschiedenartige  Artikel  als
„Geld“  benutzte  und  sie  dann  hat  fallen  lassen,  sobald  zu  diesem
Zweck  geeignetere  Artikel  gefunden  wurden;  ebenso,  daß  die
Völker  zu  allerletzt  gemünzte  Stücke  wertvollen  Metalls  als  den
für  diesen  Zweck  geeignetsten  und  vollkommensten  Artikel  erkannten. ­
  Nur  zwei  Arten  von  Metallen  sind  unter  zivilisierten
Völkern  für  die  Normalwährung  im  Gebrauch:  —  Gold  in  den  einen,
Silber  in  den  anderen  Ländern.  Kein  Land  kann  beide  Währungen ­
  zugleich  haben.  Vor  Jahrhunderten  wurde  Silber  als  Normalwert ­
  in  China,  Indien  und  Japan,  und  während  neuerer  Zeit
in  den  südamerikanischen  Republiken  anerkannt;  es  ist  auch  heute
noch  in  diesen  Ländern  die  Normalwährung.  Zur  Zeit  seiner
Einführung  war  es  eine  weise  Wahl;  Silber  hatte  damals  fast  den
doppelten  Wert  wie  heutzutage;  es  war  damals  seinem  Werte
nach  unveränderlich  und  entsprach  allen  Anforderungen  einer  ländlichen ­
  Bevölkerung.
Die  führenden  Nationen  Europas  sowohl  wie  unser  eigenes
Land  (Vereinigte  Staaten)  sahen  sich,  da  sie  weiter  vorgeschritten
und  viel  größere  geschäftliche  Transaktionen  einzugehen  hatten,
in  die  Notwendigkeit  versetzt,  als  Normalwert  ein  wertvolleres
Metall  denn  Silber  zu  gebrauchen.  Es  wurde  das  Gold  erwählt;
doch  da  Silber  in  vielen  Teilen  der  Welt  nach  wie  vor  als  Geld
        <pb n="41" />
        26

III.  Silberwährung.

und  in  den  Goldwährungsländern  als  „Scheidemünze“  benutzt
wurde,  so  war  es  für  diese  Nationen  angezeigt,  über  den  relativen
Wert  des  Silbers  zum  Golde  übereinzukommen;  dieser  Wert  wurde
dahin  festgesetzt,  daß  15y a  Unzen  Silber  einer  Unze  reinen  Goldes
gleichkamen.  Man  beachte  wohl,  daß  dieser  Annahme  der  zeitige
Marktpreis  des  Silbers  als  Metall  für  Einkauf  mit  Gold  als  Metall
nach  Möglichkeit  zugrunde  gelegt  wurde.  Die  beteiligten  Nationen ­
  beabsichtigten  keineswegs,  dem  Silber  einen  bloßen  fiktiven, ­
  sondern  vielmehr  den  ihm  wirklich  innewohnenden  Wert
zu  geben.  Und  mehr  als  das:  Jede  der  beteiligten  Nationen  verpflichtete ­
  sich  nach  Ablauf  der  getroffenen  Vereinbarung,  all  das
von  ihr  ausgegebene  Silbergeld  zu  dem  in  dem  Abkommen  festgesetzten ­
  Auswechslungssatze  mit  Gold  einzulösen.  Alles  ließ  sich
unter  diesem  Abkommen  auf  lange  Zeit  hin  ganz  vortrefflich  an.
Die  mehr  fortgeschrittenen  Länder  blieben  bei  ihrer  Goldwährung,
die  weniger  fortgeschrittenen  bei  ihrer  Silberwährung,  und  beiden
Gruppen  war  geholfen.
Was  also  hat  die  Silberfrage,  die  heutzutage  jeder  erörtert,
wieder  aufs  Tapet  gebracht?  Einfach  der  folgende  Umstand:
Während  die  Goldzufuhr  und  damit  auch  der  Goldwert  im  ganzen
stets  derselbe  blieb,  wurden  große  Silberbergwerke  neu  entdeckt,
wundervolle  Verbesserungen  in  den  Bergwerksmaschinen  gemacht
und  noch  wundervollere  Methoden  für  die  Bearbeitung  der  Silbererze ­
  gefunden.  Da  nun  auf  diese  Weise  immer  mehr  und  mehr
Silber  mit  weniger  Kosten  produziert  wurde,  so  fiel  auch  sein
Wert  mehr  und  mehr;  1872  kostete  eine  Unze  Silber  1  Doll.
33  Cent;  heute  kostet  dieselbe  Quantität  nur  noch  1  Doll.  04  Cent.
Zeitweise  ist  das  Silber  auf  93  &amp;lt;y 0  seines  früher  angenommenen
Wertes  gefallen  und  daherum  auf-  und  abgetanzt;  es  hat  also
seinen  stabilen  Wert  vollkommen  verloren.  Infolgedessen  sind
all  die  Länder,  welche  Silberwährung  haben,  in  Wirrwarr  und
ins  Unglück  geraten.  Für  Indien  mit  seinen  285  Millionen  Menschen ­
  ist  die  Silberwährungsfrage  außerordentlich  ernst;  wie  sehr
die  südamerikanischen  Republiken  infolge  ihrer  Silberwährung  und
dem  Wertfall  des  Silbers  als  Normal-Artikel,  nach  welchem  alle
anderen  Artikel  sich  richten,  finanziell  erschüttert  sind,  wissen  wir
alle.  Sogar  die  europäischen  Nationen,  welche  Goldwährung  be-
        <pb n="42" />
        27

Vergleich  zwischen  Silber-  und  Goldwährung;
sitzen,  werden  durch  die  Silberfrage  in  Mitleidenschaft  gezogen;
denn  infolge  des  früher  erwähnten  Übereinkommens,  demzufolge
15Vs  Unzen  Silber  gegen  eine  Unze  Gold  ausgetauscht  werden
müssen,  haben  alle  diese  Nationen  ungeheure  Massen  von  Silber
auf  sich  liegen.  Viele  von  ihnen  sahen  lange  Zeit  voraus,  wie  es
kommen  würde  und  stellten  infolgedessen  ihre  Silberkäufe  ein;
andere  stießen  einen  großen  Teil  ihres  Silberbesitzes  ab  und
nahmen  die  reine  Goldwährung  an;  dennoch  besitzen  die  europäischen ­
  Länder  immerhin  noch  11  Hundert  Millionen  Dollar  gesetzlich ­
  geprägte  Silbermünzen  —  neben  den  für  den  Kleinverkehr ­
  bestimmten  Silber-Scheidemünzen.  Man  würde  irren,  wollte
man  den  gegenwärtigen  Marktpreis  des  Silbers  höher  als  25  Unzen
für  eine  Unze  Gold  einschätzen,  anstatt  der  15V2  Unzen,  welche
die  verschiedenen  Vertragsländer  für  eine  Unze  Gold  gezahlt
haben.
Alle  europäischen  Länder  sind  während  der  letzten  Jahre  und
noch  heute  bemüht,  ihr  Silber  los  zu  werden.  Im  Jahre  1878
schlossen  die  Länder,  welche  den  Silberpreis  zurzeit  festgesetzt
und  die  Lateinische  Union  bilden  —  Frankreich,  Belgien,  Italien,
die  Schweiz  und  Griechenland  —  ihre  Münzstätten  für  immer  der
legalen  Silberprägung.  Norwegen,  Schweden  und  Dänemark  flüchteten ­
  sich  1873  und  1875  vor  der  Silberlawine  zur  reinen  Goldwährung ­
  hinüber,  bei  der  sie  auch  heute  noch  stehen  geblieben
sind.  Ebenso  hat  Österreich-Ungarn  1879,  abgesehen  von  einer
kleinen  Summe  Levante-Silbertaler  für  ein  begrenztes  Handelsgebiet, ­
  Silber  nicht  mehr  geschlagen.  Sogar  das  halbzivilisierte
Rußland  sah  sich  alarmiert  und  entrang  sich  der  Silbergefahr  so
schnell  wie  möglich.  Im  Jahre  1876  schloß  es  seine  Münzstätten
für  das  gefährliche  Metall;  nur  ein  bestimmtes,  geringes  Quantum
von  Silbermünzen,  dessen  Abgabe  an  China  Rußland  sicher  war,
wurde  dort  geschlagen.  Man  sieht,  alle  Länder,  welche  es  mit
dem  Silber  versuchten  und  dadurch  zur  Erkenntnis  der  damit
verbundenen  Nachteile  und  Gefahren  kamen,  boten  und  bieten
alle  nur  möglichen  Mittel  auf,  um  sich  seiner  zu  entledigen.  Seit
mehr  als  dreizehn  Jahren  haben  sie  es  von  ihren  Münzstätten  vollkommen ­
  ausgeschlossen;  denn  während  dieser  ganzen  Periode
sind  vollgültige  Silbermünzen  in  Europa  nicht  weiter  ausgegeben
        <pb n="43" />
        28

III.  Silberwährung.

worden.  Nur  die  Republik  der  Vereinigten  Staaten  versinkt  immer
tiefer  und  tiefer  in  die  Gefahren  der  Silberwährung.  Sobald  wir
Amerikaner  erst  dieselben  Erfahrungen  gemacht,  wie  die  älteren
Völker,  werden  wir,  wie  ich  denke,  ganz  gewiß  den  Wunsch'
hegen,  gerade  wie  sie  unser  System  zu  wechseln  —  doch  dann
dürfte  es  vielleicht  zu  spät  sein.  Sie  sehen,  die  Silberwährung
bringt  überall  Verlegenheiten.  Die  Unterbringung  dieses  so  tief
im  Werte  gefallenen  Metalls  macht  in  allen  Ländern  die  größten
Schwierigkeiten.  Das  Problem  hängt  gleich  einer  dunklen  Wolke
über  ihrer  Zukunft.
So  sehr  ist  das  Silber  während  der  letzten  Jahre  gefallen  und
so  sehr  hat  es  alles  in  Verwirrung  gebracht,  daß  in  letzter  Zeit
verschiedene  Konferenzen  von  den  Völkern  zusammenberufen  wurden, ­
  zu  denen  auch  die  Vereinigten  Staaten  ihre  Delegierten  geschickt ­
  haben.  Der  Zweck  aller  dieser  Besprechungen  bestand  in
der  Auffindung  eines  festen  Wertverhältnisses  zwischen  Gold  und
Silber  im  Interesse  der  bedeutendsten  Handelsvölker.  Doch  immer
wieder  kam  man  zu  dem  Schluß,  daß  die  Feststellung  eines  solchen
neuen  Wertverhältnisses  jetzt  noch  zu  gefährlich  sei,  da  man
Zufluß  und  Wert  des  Silbers  selbst  für  die  nächste  Zukunft  noch
nicht  vorhersehen  könne;  scheint  es  doch  beispielsweise  gar  nicht
unmöglich,  daß  sein  weiteres  Fallen  einer  einzigen  Unze  Gold
den  Wert  von  fünfundzwanzig,  ja  dreißig  Unzen  Silber  geben]
mag.  Niemand  kann  darüber  etwas  Voraussagen.  Da  unser  eigenes
Land  sich  bereits  so  tief  in  Gefahr  begeben  hat,  daß  es  nicht
weniger  denn  482  Millionen  Dollar  in  unterwertigem  Silber  besitzt, ­
  so  müßten  wir  Amerikaner  uns  mit  unseren  gleich  unglücklichen ­
  Nachbarn  einigen  und  tun,  wie  Gläubiger,  die  zusammentreten, ­
  um  das  schlechte  Geschäft  eines  faulen  Schuldners  weiter
im  Gange  zu  halten.
Man  wird  vielleicht  fragen,  weshalb  ich  die  Silbermasse,  welche
Amerikas  hauptsächlichster  Nebenbuhler  unter  den  europäischen 1
Staaten,  nämlich  Großbritannien,  besitzt,  unerwähnt  lasse.  Hören
Sie  wohl  zu  und  denken  Sie  über  die  Antwort  nach:  Großbritannien ­
  besitzt  auch  nicht  nur  einen  einzigen  Dollar  Silber.
Während  die  Bank  von  Frankreich  nicht  weniger  als  650  Millionerf
Dollar  in  Silber  liegen  hat,  ist  jeder  einzelne  Dollar  der  Geldreserve
        <pb n="44" />
        29

Vergleich  zwischen  Silber-  und  Goldwährung.

Großbritanniens  —  Gold.  Welch  ein  weiser  alter  Vogel  unser
teures  Mutterland  doch  ist!  Auf  seinen  goldenen  Eiern  sitzend
kann  es  über  alle  mit  dem  Silberwirrwarr  verbundenen  Gefahren
gar  ruhig  lächeln.  London  wurde  dadurch  der  finanzielle  Mittelpunkt ­
  der  ganzen  Welt.  Für  alles,  was  in  fremden  Ländern  gekauft ­
  oder  verkauft  wird,  werden  Wechsel  auf  London  gezogen
nur  weil  jedermann  weiß,  daß  unter  allen  Umständen  dort  in  derjenigen ­
  Münze  gezahlt  wird,  die  niemals  fällt  —  Gold.  Vorsichtige ­
  Leute  nehmen  keine  Wechsel  auf  Paris,  Wien  oder  Neuyork.
Weshalb?  Weil  die  durch  diese  Städte  repräsentierten  Völker
infolge  ihres  Überflusses  an  Silber  in  große  Verluste  hineingeraten
sind;  ein  Umstand,  welcher  den  dortigen  Gesetzgeber  in  Versuchung ­
  führen  mag,  Wechsel  in  diesem  Metall,  dessen  Wert
außerordentlich  veränderlich,  gesetzlich  zahlbar  zu  machen.
Ich  wünschte,  daß  das  Volk  der  Vereinigten  Staaten  Großbritannien ­
  sorgsam  beobachtete.  Dieses  behält  sich  seine  eigene
Stellung  vor  und  behandelt  die  mit  Silber  überladenen  Nationen
voll  kühler  Höflichkeit  in  den  Konferenzen,  die  Großbritannien
so  gnädig  ist,  zu  beschicken,  und  das  nur,  weil  Indien,  welches
unter  britischem  Zepter  lebt,  unglücklicherweise  noch  die  Silberwährung ­
  besitzt;  wäre  es  nicht  Indiens  wegen,  dann  würde  England ­
  die  Beschickung  von  Silberkonferenzen  wahrscheinlich  überhaupt ­
  ablehnen.  Wenn  die  anderen  davon  sprechen,  dem  Silber
einen  bestimmten  Goldwert  zu  geben,  dann  erklärt  England,  daß
es  wirklich  nicht  sagen  kann,  wie  es  sich  über  die  Sache  entscheiden
werde.  Sein  hauptsächlichster  Wunsch  ist  es,  daß  die  Vereinigten
Staaten  sich  tiefer  und  tiefer  in  die  Silbergefahr  verstricken  mögen
bis  sie  keinen  Ausweg  mehr  daraus  finden;  England  selber  hält
an  seinen  altbewährten  Grundsätzen  fest,  welche  Großbritannien
die  Herrschaft  auf  dem  Gebiete  der  Finanz  sicherten.  Sind  doch
sein  einziger  Nebenbuhler  die  Vereinigten  Staaten!  Welch  ein
ungeheurer  Erfolg  wäre  es  nicht  für  Großbritannien,  wenn  Amerika
zur  Annahme  der  Silberwährung  hinunterstiege  und  sich  so  gezwungen ­
  sähe,  die  Währung  aufzugeben,  die  allein  einem  Volke
eine  erste  Stellung  in  der  Finanzwelt  zu  sichern  vermag!  Silber
für  die  Republik,  Gold  für  die  Monarchie,  das  ist  es,  was  Großbritannien ­
  für  die  Zukunft  erhofft,  und  was  zu  vermeiden,  Amerika
        <pb n="45" />
        30

111.  Silberwährung.

alles  aufbieten  sollte.  Mögen  die  Regierungen  immerhin  allerlei
Gesetze  in  bezug  auf  Silber  machen,  die  Welt  kehrt  sich  nicht
daran.  Jede  geschäftliche  Transaktion  zwischen  den  Völkern  beruht ­
  ausschließlich  auf  Gold  —  auf  nichts  als  Gold  —  und  so
wird  es  für  alle  Zukunft  bleiben.  Großbritannien  weiß  das  und
handelt  demgemäß.
Ich  höre  die  unwillige  Frage:  „Wie  kommt  es,  daß  unser
Amerika  312  Millionen  Silberdollars,  gerade  wie  Frankreich,  in
seinen  Gewölben  vorrätig  hat,  anstatt  wie  unser  Nebenbuhler,
Großbritannien,  diese  ganze  Reserve  in  Gold  zu  besitzen,  da  wir
ja  doch,  ebenso  wie  Großbritannien,  Goldwährung  haben?“
Auf  diese  Frage  sollte  jeder  Landwirt  und  jeder  Arbeiter  von
seinem  Abgeordneten  im  Kongreß  eine  Antwort  fordern.  Die
Ursache  ist  einfach  genug,  und  hier  ist  ihre  Geschichte:  Wie  wir
sahen,  war  Silber  im  Werte  gefallen  und  sichtlich  im  Begriff,  noch
weiter  zu  fallen.  Die  Völker  Europas  trugen  schwer  an  ihren
vielen  Hundert  Millionen  Silberdollars;  sie  eilten  alle,  sich'  des
Silbers  zu  entledigen.  Die  Besitzer  von  Silber  und  Silberbergwerken ­
  wurden  besorgt;  was  mußte  geschehen,  dem  weiteren
Falle  des  weißen  Metalls  Einhält  zu  tun?  Augenscheinlich  konnte
hier  einzig  und  allein  die  Regierung  helfen;  so  wurden  denn  nach
dieser  Seite  hin  aller  Einfluß  und  alle  Hilfsquellen  der  Silber-Männer
  aufgewendet  —  und  das  ach!  mit  nur  allzu  großem  Erfolge; ­
  denn  man  erklärte,  die  große  Masse  unseres  Volkes  sei  für
das  Silber.  Wenn  das  richtig  war,  dann  gingen  die  Massen  Arm
in  Arm  mit  den  Spekulanten,  und  zwar  geradewegs  gegen  ihr
eigenstes  Interesse.
Der  erste  Gesetzesakt  für  Wiederherstellung  des  Silberwertes
wurde  im  Jahre  1878  angenommen.  Kraft  dieses  Aktes  war  unsere
Regierung  verpflichtet,  jeden  Monat  mindestens  zwei  Millionen
Silber  anzukaufen,  während  alle  anderen  Regierungen  ihre  Silberprägungen ­
  wegen  der  gefährlichen  Wertschwankung  des  weißen
Metalls  einstellten.  Die  Silberleute  behaupteten  steif  und  fest,
daß  die  Regierungsankäufe  den  Wert  des  Silbers  heben  würden;
hatten  sie  darin  Recht?  Nein.
Der  Silberpreis  hob  sich  trotzdem  nicht.  Was  also  war  zu
tun?  „Ah!“  —  so  sagten  die  Silberspekulanten  —  „der  Fehler
        <pb n="46" />
        Vergleich  zwischen  Silber-  und  Goldwährung.

31

liegt  darin,  daß  die  Regierung  nicht  weit  genug  gegangen;  man
muß  die  Silbereinkäufe  noch  vermehren;  laß  die  Regierung  41/2  Millionen ­
  statt  2  Millionen  Unzen  Silber  monatlich  kaufen,  und  die
ganze  Silberernte  Amerikas,  ja,  mehr  als  diese  Ernte,  wird  dadurch ­
  aufgebraucht  werden;  auf  diese  Weise  muß  das  Silber  dann
wieder  steigen.“  Allerdings  hatten  diese  Leute  darin  recht,  daß
41/2  Millionen  Silber  pro  Monat  mehr  sind,  als  alle  Silberberg r
werke  der  Vereinigten  Staaten  zusammengenommen  monatlich  hergeben; ­
  außerdem  werden  8—10  Millionen  Silber  jährlich  für  andere ­
  Zwecke  als  zur  Geldprägung  gebraucht;  so  daß  alles  in  allem
ungefähr  nur  4  Millionen  pro  Monat  für  die  Münzung  übrig
bleiben.  Viele  Leute  waren  daher  der  Meinung,  das  Silber  müsse
nach  den  vermehrten  Silbereinkäufen  der  Regierung  im  Werte
steigen.  Und  wirklich  stieg  der  Silberpreis  auch,  einfach  weil,
bevor  noch  der  neue  Vorschlag  Gesetzeskraft  erhalten  hatte,  viele
Leute  Silber  auf  Spekulation  kauften.  Silber  stieg  von  96  auf  121
—  das  will  sagen,  fast  auf  seinen  alten  Wert  im  Vergleich  zum
Golde.
Doch  was  war  das  Ergebnis  des  neuen  Gesetzes?  Die  beste
Antwort  dafür  bietet  der  Kurs  des  Silbers;  er  sieht  heute  wieder
auf  97.  Mit  anderen  Worten:  statt  daß  wir  Amerikaner,  gerade  wie
die  Engländer,  heute  von  jedem  Silbertrubel  hätten  frei  sein  sollen,
sind  wir  schon  jetzt  durch  die  Silberagitation  mit  390  Millionen
Dollar  Silber  belastet;  in  kurzem  werden  wir  zweifellos  gerade
so  schlecht  daran  sein,  wie  Frankreich;  nur  mit  dem  Unterschiede,
daß  Frankreich  und  andere  Völker  schon  vor  dreizehn  Jahren
dem  Silberzufluß  Einhalt  geboten,  während  unsere  Regierung  Monat
für  Monat  4Vs  Millionen  Dollar  Silber  mehr  einkauft,  zu  einem
etwas  höheren  Preise  als  die  eben  genannte  Summe.  Die  Vereinigten ­
  Staaten  wollen  durchaus,  ohne  jede  weitere  Beachtung  der
veränderten  Stellung  des  Silbers,  dieses  dem  Golde  an  Wert  gleich'
stellen,  im  direkten  Gegensatz  zu  allen  anderen  führenden  Völkern. ­
  Um  das  zu  erreichen,  werden  wir  nicht  nur  das  Silber
von  unseren  eigenen  Bergwerken,  sondern  vielmehr  das  in  der
ganzen  Welt  gewonnene  aufkaufen  müssen;  d.  h.  eine  Masse  von
Silber,  die  groß  genug  ist,  daraus  68  Millionen  Silberdollar  jährlich ­
  zu  schlagen;  außerdem  müssen  wir  uns  darauf  vorbereiten,
        <pb n="47" />
        32

III.  Silberwährung.

die  1100  Millionen  Silberdollar  zu  kaufen,  mit  denen  die  europäischen ­
  Regierungen  gegenwärtig  überladen  und  die  zu  verkaufen
sie  nur  allzu  bereit  sind.
So  sehr  sind  die  Silbereinkäufe  unserer  Regierung  bis  jetzt
davon  entfernt,  den  Wert  des  Silbers  zu  erhöhen,  daß  die  Regierung ­
  die  in  ihren  Gewölben  liegenden  313  Millionen  Dollar  Silberwert ­
  nicht  ohne  beträchtlichen  Preisverlust  losschlagen  könnte.
Es  scheint  schwer  ersichtlich,  wie  nach  dem  Ausweis  unseres
Schatzamtes  unsere  Regierung  bis  jetzt  67  Millionen  an  ihren
Silbereinkäufen  verdient  haben  kann.  Der  Verdienst  liegt  darin,
daß  in  jedem  Silberdollar  nur  für  80  Cents  Silber  steckt.  So  ist
all  dieser  Nutzen  nur  „eingebildet“.  Tatsächlich  werden  jeden
Monat  41/2  Millionen  dessen,  was  unser  Volk  erarbeitet,  nicht  für
allgemeinnützige  Staatszwecke,  sondern  dazu  verwandt,  den  Wert
eines  Metalls  aufzublähen,  indem  man  Preise,  weit  über  seinen
wirklichen  Marktwert  dafür  bezahlt.  —  Unsere  Regierung  läßt
sich  als  Werkzeug  für  die  Bereicherung  von  Silbereigentümern
und  Silberbergwerkseigentümern  mißbrauchen.  Das  ist  gewiß  schon
schlimm  genug;  dennoch  erscheint  es  kaum  erwähnenswert  im
Vergleich  zu  der  Gefahr,  der  Panik  und  dem  Unglück,  welche
eine  solche  Politik  durch  Erschütterung  der  feststehenden  Goldbasis ­
  und  durch  gleichzeitige  Einführung  der  höchst  unsicheren
Silberbasis  mit  sich  führen  muß.
Unsere  Republik  hat  früher  die  Schmach  des  Sklavenhandels
von  sich  geworfen.  Bis  vor  nicht  allzu  langer  Zeit  stand  sie  in
den  Augen  der  Welt  verachtet,  weil  das  literarische  Eigentumsrecht ­
  anderer  als  amerikanischer  Bürger  gesetzlich  ungeschützt  war.
Auch  diese  Schmach  ist  jetzt  beseitigt.  Dafür  tragen  wir  noch
heute  die  Schmach  minderwertiger  Prägung.  Die  große  Repuplik
  der  Vereinigten  Staaten  gibt  schlechte  Münzen  aus;  sie  steht,
wenn  man  von  Mexiko  absieht,  welches  noch  immer  etwas  Silber
schlägt,  in  dieser  Beziehung  allein  da  unter  allen  Völkern  der
zivilisierten  Welt.  Die  Folgen  dieser  Schmach  werden  sich  erst
noch  später  zeigen.  Denn  da  die  amerikanische  Regierung  diese
unterwertigen  Münzen  für  die  Zahlung  von  Taxen  und  Steuern
annimmt  und  sie  so  zu  gesetzlichen  Zahlungsmitteln  macht,  gehen
diese  Münzen  vorläufig  noch  als  vollwertige  Dollarstücke  von
        <pb n="48" />
        Silbereinkäufe  in  den  Vereinigten  Staaten.

33

Hand  zu  Hand.  Auf  diese  Weise  hat  die  amerikanische  Regierung ­
  ihre  Entwertung  bis  jetzt  noch  verhindern  können.  Wie  lange
sie  jedoch  die  4V*  Millionen  Dollar  in  Silbermünze  oder  Silbernoten ­
  monatlich  auszugeben  und  dabei  einen  dem  Qolde  gleichen
Wert  für  sie  aufrecht  zu  erhalten  vermag,  kann  niemand  Vorhersagen. ­
  Unter  allen  Umständen  ist  das  eine  sicher:  zuguterletzt ­
  muß  die  Silberlast  zu  schwer  werden.  Wenn  nicht  etwa
das  Silber  wieder  im  Werte  steigt  oder  genug  Silber  in  jeden
Dollar  gesteckt  wird,  um  den  Dollar  einem  Golddollar  gleichwertig ­
  zu  machen,  oder  wenn  die  Regierung  nicht  endlich  die
Silbereinkäufe  einstellt,  müssen  die  Vereinigten  Staaten  früher  oder
später  die  Goldwährung  aufgeben;  sie  werden  dann  in  eine  ähnliche ­
  finanzielle  Lage  geraten,  in  der  Argentinien  und  die  südamerikanischen
  Republiken  sich  befinden.
Mit  den  unterwertigen  Silberdollars  wird  es  —  sobald  die
Welt  daran  zweifelt,  daß  die  Regierung,  welche  sie  ausgegeben
hat,  mit  Gold  dafür  zu  zahlen  imstande  ist  —  ebenso  gehen,  wie
etwa  mit  einer  Zahl  von  Leuten,  die  sich  dazu  entschlossen  haben,
eine  große  Last  Holz  zusammen  aus  einem  Walde  zu  tragen.
Zuerst  beugen  alle  ihren  Nacken  und  laden  die  Last  auf  ihre
Schultern;  bald  jedoch  bezweifeln  die  Zuschauer,  ob  die  Leute
die  Last  wirklich  lange  zu  tragen  vermögen;  infolgedessen  glauben
zwei  oder  drei  voller  Zaghaftigkeit,  es  sei  besser  für  sie,  sich
der  Last  zu  entledigen:  was  würde  das  Ergebnis  in  diesem  Falle
sein?  Der  Mangel  an  Vertrauen  in  ihre  Kräfte  würde  wahrscheinlich ­
  auch  die  töten,  welche  närrisch  genug  wären,  die  Last
weiter  zu  tragen.  Ähnlich  geht  es  mit  den  Werten.  Ein  paar
Spekulanten  oder  „Goldwanzen“  werden  sich  über  kurz  oder
lang  für  alle  Fälle  selbst  sichern  wollen  und  die  Silberlast  von  sich
werfen.
Selbst  die  Sorglosesten  dürften  doch  einige  Zweifel  darüber
hegen,  ob  die  Vereinigten  Staaten  allein  die  Last  der  ganzen
Welt  auf  sich  nehmen  und  auf  die  Länge  der  Zeit  werden  tragen
können,  während  alle  anderen  Völker  zusammengenommen  sich
vor  solcher  Last  fürchten.  Kein  einziges  Volk  hat,  solange  es
eine  Weltgeschichte  gibt,  jemals  mit  Erfolg  einem  Metall  als
Geld  einen  Wert  zu  verleihen  vermocht,  den  dieses  Metall  nicht
Carnegie,  Kaufmanns  Herrschgewalt.  3
        <pb n="49" />
        34

III.  Silberwährung.

in  sich  selbst  voll  besaß.  Man  beachte  wohl:  die  Regierang  der
Vereinigten  Staaten  konnte  bis  jetzt  deshalb  solchen  Erfolg  mit
ihren  Silberdollars  haben,  weil  sie  eine  immerhin  nur  begrenzte
Anzahl  davon  ausgab  und  fähig  war,  diese  mit  Gold  einzulösen.
—  Es  ist  gerade  so,  als  wenn  eine  Privatperson  ein  Stück  Papier
nimmt  und  darauf  schreibt:  „Das  ist  gut  für  einen  Dollar,  und
ich  verspreche,  soviel  dafür  zu  zahlen.“  Solches  würde  man  „gemachtes“ ­
  Geld  nennen.  Fraglich  bleibt  es  nur:  wie  lange  werden
die  Leute  solche  Papierstückchen  nehmen?  Würde  nicht  irgendein
Argwöhnischer  sehr  bald  der  Meinung  Ausdruck  geben,  daß  die
betreffende  Person  zu  viele  solcher  Papierstückchen  ausgibt?  In
solchem  Falle  verlören  diese  Papierstückchen  jedes  Vertrauen;
die  Leute  kämen  in  Zweifel,  ob  die  betreffende  Person  wirklich
mit  Dollars  dafür  zahlen  könne,  und  von  diesem  Augenblicke
dürfte  sie  keine  weiteren  Stücke  mehr  ausgeben.  Ganz  dasselbe
ist  es  mit  den  Regierungen;  alle  sind  imstande,  ihre  kleinen
Münzen  im  Vollwert  zu  erhalten,  selbst  dann,  wenn  ihr  reiner
Metallwert  dem  darauf  aufgeprägten  Wert  nicht  entspricht;  das
müßte  eine  armselige  Regierung  sein,  welche  die  Welt  nicht  dazu
brächte,  einen  Artikel  als  Geld  von  ihr  zu  nehmen,  auch  wenn
dieser  Artikel  nur  Halbgeld  ist.  Allein,  wohl  gemerkt,  solche
Regierung  wird  schnell  ihren  Kredit  erschöpfen,  sobald  sie  etwas
anderes  für  „Geld“  ausgibt,  als  das,  was  seinem  eigentlichen
Gehalte  nach  in  der  ganzen  Welt  für  „Vollgeld“  gilt.  Jedwedes
Volk  steht  vor  der  Notwendigkeit,  entweder  sein  minderwertiges
Geld  umzuprägen  oder  seine  Verpflichtungen  nicht  zu  erfüllen
und  so  dauernden  Gefahren  und  einem  entehrenden  Verlust  seines
Kredits  und  seiner  Stellung  ins  Auge  zu  blicken.  —  In  vielen
Fällen  wurde  das  „unterwertige“  Geld  niemals  eingelöst.  Die
armen  Leute  hätten  dann  den  Verlust  zu  tragen.
Immerhin  zeigt  das  gegenwärtige  Silbergesetz  eine  gute  Eigenschaft, ­
  welche,  wenn  man  sie  nicht  etwa  noch  nachträglich  beseitigt, ­
  der  Ausgabe  von  mehr  unterwertigen  Silberdollars  Halt
gebieten  dürfte.  Es  bestimmt,  daß  von  den  41/2  Millionen  Unzen
Silber,  die  jeden  Monat  eingekaüft  Werden  müssen,  nur  2  Millionen;
das  ganze  Jahr  über  für  die  Prägungszwecke  verwendet  werden
dürfen.  Darüber  hinaus  soll  nur  die  für  die  Einlösung  der  Silber ­
        <pb n="50" />
        Vergleich  der  beiden  Währungen.

35

noten  nötige  Münzenmasse  daraus  geprägt  werden.  Da  die  Bevölkerung ­
  Papiergeld  im  allgemeinen  dem  Silbergeld  vorzieht  genügen ­
  schon  kleine  Summen  in  Silberdollars.  Dafür  werden  Silbernoten ­
  ausgegeben.  Sobald  die  Regierung  der  Vereinigten  Staaten
aufhört,  Silberdollars  zu  schlagen,  wird  sie  sich  der  Welt  in  ihrem
wahren  Charakter  zeigen:  in  dem  Charakter  eines  maßlosen  Silberspekulanten, ­
  da  sie  4 J /2  Millionen  Unzen  Silber,  nicht  in  „Geld“
sondern  in  „Barren“  jeden  Monat  aufstapelt.  Gewiß,  diese  Tatsache
muß  dem  Volke  die  Augen  über  die  wahre  Lage  der  Dinge  zuguterletzt ­
  öffnen  und  es  zu  der  Forderung  zwingen,  so  leichtsinnigen ­
  Spekulationen  ein  Ende  zu  machen.
Immerhin  ist  es  in  jeder  Hinsicht  viel  weniger  gefährlich,
das  eingekaufte  Silber  in  Barren  zu  behalten,  als  es  in  minderwertige ­
  Dollars  zu  schlagen,  da  es  so  leichter  sein  wird,  in  Zukunft ­
  die  Prägung  von  vollgültigen  Silberdollars  wieder  aufzunehmen ­
  —  das  will  sagen,  die  Prägung  von  Münzen,  welche  den
vollen  Metallwert  eines  Dollars  haben;  anstatt  371  Gran  sollten
etwa  450  oder  560  Gran  Silber  dafür  verwendet  werden.  Soviel
ungefähr  enthält  die  Regierung  selbst  für  jeden  Dollar.  Kein  anderer ­
  Gesetzesakt  dürfte  unserem  Land  und  Volk  gleich  großen
und  gleich  dauernden  Nutzen  bringen.  Doch  etwas  weit  höheres,
als  materieller  Nutzen  steht  auf  dem  Spiele!  —  Die  Ehre  der
Republik  der  Vereinigten  Staaten.  Der  Regierungstempel  sollte
einzig  und  allein  den  wirklichen  Wert  der  Münze  angeben.
Ich  glaube  nicht,  daß  —  abgesehen  von  Silbereigentümern
—  viele  Leute  in  den  Vereinigten  Staaten  für  die  Einführung  der
Silberwährung  an  Stelle  der  Goldwährung  stimmen  würden.  So
augenscheinlich  ist  der  Vorrang  des  Goldes,  daß,  sobald  die  Bevölkerung ­
  die  Frage:  Silber  oder  Gold?  ganz  verstanden  haben
wird,  die  Entscheidung  fast  einstimmig  zugunsten  des  Goldes
ausfallen  dürfte.  Diese  Frage  aber  ist  es,  welche  wirklich  der  Entscheidung ­
  wartet,  obgleich  die  Verteidiger  des  Silbers  jede  Absicht
leugnen,  die  Goldwährung  zu  gefährden,  indem  sie  erklären,  sie
"wünschen  dem  Silber  nur  denselben  Wert  zu  geben,  welchen  das
Gold  als  Geld  hat.  Aber  man  könnte  ebensogut  den  Versuch
machen,  zwei  Pferde  zugleich  als  „erste“  am  Ziele  zu  sehen  oder
zwei  „Allerbestes“  von  irgend  etwas  anderem 1  zu  besitzen.  Man
        <pb n="51" />
        36

III.  Siiberwährung.

mag  vergleichsweise  zwei  Nationalflaggen  für  ein  und  dasselbe
Land  fordern.  Gerade  so  gewiß,  wie  jeder  Bürger  gezwungen
ist,  nur  ein  Banner  zu  wählen,  bei  welchem  er  steht  oder  fällt,
gerade  so  gewiß  muß  er  sich  für  nur  eine  Währung  entscheiden:
Silber  oder  Gold.  Die  Normalwährung  kann  ihren  Thron  ebensowenig ­
  mit  einer  anderen  Währung  teilen,  als  das  Dreistembanner
  sein  souveränes  Recht  mit  einer  anderen  Flagge  in  unserem
eigenen  Lande:  auch  für  das  „Geld“  besteht  das  Gesetz:  das
Schlechteste  treibt  das  Beste  aus  dem  Felde.  Die  Ursache  davon
liegt  klar  auf  der  Hand.
Angenommen  man  hät  ein  Fünfdollarstück  in  Gold  und  ein
Fünfdollarstück  in  Silber,  und  es  bestünde  ein  Zweifel  darüber,
ob  ein  bloßes  Kongreßgesetz  Silber  im  gleichen  Werte  wie  Gold
erhalten  könnte:  dann  mögen  vielleicht  99  unter  100  Leuten  glauben, ­
  das  Gesetz  sei  imstande  dem;  Silber  den  Wert  zu  geben,
welchen  es  an  und  für  sich 1  nicht  besitzt;  aber  einer  unter  den
Hundert  mag  vielleicht  doch  daran  zweifeln.  Ich  denke,  je  mehr
man  über  „Geld“  weiß,  desto  mehr  Zweifel  wird  man  haben;
ferner,  wenn  die  anderen  auch  keinen  Verdacht  hegen,  so  wird  die
Tatsache,  daß  ich  selbst  Verdacht  habe,  sie  auf  den  Gedanken
führen:  Vielleicht  hat  er  doch  recht,  und  ich  habe  unrecht.  Ich
denke,  ich  zahle  Smith  besser  morgen  mit  Silber  für  sein  Grünzeug ­
  und  gebe  meiner  Frau  das  schöne  Goldstück  zum  Sparen;  dann
bedarf  es  keines  Kongreßaktes  —  alle  Kongreßakte  der  Welt  vermögen ­
  seinen  Wert  nicht  zu  verringern;  dieses  Stück  Goldmetall
ist  überall  durch  die  ganze  Welt  fünf  Dollar  wert,  ganz  abgesehen
von  dem  Regierungsstempel;  dagegen  haben  diese  fünf  Stücke
Silber  hier  nur  drei  Dollar  und  75  Cent  wirklichen  Metalhvert.
Ja,  ja,  ich  will  Smith  das  Silber  geben  —  mir  taugt  das  Gold  besser!“
Smith  —  man  darf  dessen  sicher  sein  —  entledigt  sich  des  Silbers,
sobald  er  kann,  an  Jones.  Und  wie  er,  werden  es  viele  Leute  halten.
Als  Folge  davon  wird  das  Gold  im  Lande  ganz  aus  dem  Geschäft
verschwinden  und  Silber  allein  im  Umlauf  bleiben;  denn  jedweder, ­
  der  Silber  erhält,  sucht  es  so  schnell  wie  möglich  wieder
los  zu  werden,  und  so  zirkuliert  es  immerfort;  dagegen  hält  der,
welcher  Gold  kriegen  kann,  es  zurück,  so  daß  Gold  bald  nicht
mehr  im  Umlaufe  sein  würde.  Die  weitere  Folge  davon  muß  nun
        <pb n="52" />
        Vergleich  der  beiden  Währungen.

37

die  sein,  daß;  wir,  anstatt  mehr  Geld  im  Umlauf  zu  haben,  sehr
bald  weniger  Geld  in  Umlauf  haben  werden,  sobald  wir  durch
Gesetz  dem  Silber  einen  künstlichen  Wert  zum  Zweck  seiner  Benutzung ­
  als  Geld  aufzwingen.  Die  siebenhundert  Millionen  Gold
die  jetzt  im  Umlauf  sind  und  die  Grundlage  von  allem  bilden,  müßten ­
  sehr  bald  verschwinden;  der  darauf  aufgeführte  ungeheure  Bau
des  Kredits  wird  wankend,  und  die  großen  Massen  des  Volkes
werden  sich  gezwungen  sehen,  Silberdollars  im  wirklichen  Wert  von
nur  78  Cent  zu  nehmen,  während  diese  Dollars  jetzt  —  wo  sie  jederzeit ­
  in  Gold  umsetzbar  —  überall  100  Cent  Wert  haben.  Denn,
nicht  Zu  vergessen,  was  ich'  früher  bereits  gesagt:  92%  aller
finanziellen  Operationen  hängen  einzig  und  allein  von  dem  unbeschränkten ­
  Vertrauen  des  Volkes  in  dem  unveränderlichen,  stabilen ­
  Werte  des  benutzten  Geldes  ab.  Nur  100  Dollar  mehr  in
minderwertigerer  Münze  ausgegeben,  als  nach  der  Überzeugung
aller  gegen  unveränderliches  Gold  eingewechselt  werden  können
—  und  Panik  und  finanzielle  Revolution  sind  unvermeidlich.  Wie
man  sieht,  kann  mehr  „Geld“,  obgleich  es  nur  für  8o/ 0  der  kleinsten
finanziellen  Transaktion  gebraucht  wird,  leicht  so  ausgegeben
werden,  daß  es  die  überwiegende  Masse  aller  Geschäfte  im  Lande
schwer  beeinflußt,  indem  es  das  allgemeine  Vertrauen,  auf  das
die  übrigen  92%  beruhen,  ins  Wanken  bringt.  Um  sich  vor
jeder  solchen  Gefahr  zu  sichern,  darf  nur  solches  „Geld“  ausgegeben ­
  werden,  das  in  sich  selbst  den  Wert  trägt,  welchen
der  darauf  geprägte  Stempel  zeigt.  So  streng  wacht  Unsere  große
Nebenbuhlerin  Großbritannien  über  diesen  Punkt,  daß  sie  eben
jetzt  zwei  Millionen  Dollars  für  Erneuerung  solcher  Goldmünzen
ausgesetzt  hat,  die  infolge  des  Gebrauches  einige  Cents  verloren
haben.  Ihr  Regieruugsstempel  sagt  stets  die  Wahrheit  aus.  Unsere ­
  Republik  sollte  auf  ihre  Ehre  nicht  weniger  eifersüchtig ­
  sein.
Wie  Sie  bereits  sehen,  fanden  sich  die  Silberleute  enttäuscht,
da  die  Akte  des  Kongresses  den  Wert  ihres  Silbers  nicht  gehoben ­
  hatten.  Zweimal  hat  die  Regierung  die  Wünsche  der  Silberleute ­
  erfüllt,  da  man  die  Versicherung  gab,  daß  solche  Erfüllung
unser  Land  aus  der  gefährlichen  Lage,  in  die  es  als  Silbereigentümer ­
  geraten,  befreien  werde;  zweimal  hat  man  sich  enttäuscht
        <pb n="53" />
        38

III.  Silberwährung.

gefunden.  Man  sollte  nun  denken,  daß  die  Silbedeute  jetzt  ihren
Irrtum  zugeben  und  der  Regierung  helfen  würden,  mit  so  wenig
Verlust  wie  möglich,  wieder  festen  Boden  zu  gewinnen.  Aber
weit  entfernt  davon!  Ganz  im  Gegenteil,  haben  sie  jetzt  den
kühnsten  Schritt  getan,  indem  sie  an  den  Kongreß  mit  der  Forderung ­
  herantraten  „freie  Silberprägung“  einzuführen;  etwas,  worüber ­
  jetzt  viel  gesprochen  wird.  Was  heißt  das?  Es  heißt  nichts
anderes,  als  unsere  Regierung  soll  gesetzlich  verpflichtet  werden,
ihre  Münzstätten  nicht  nur  für  all  das  Silber  zu  öffnen,  mit  dem
die  europäischen  Regierungen  überbürdet  sind,  sondern  auch  für
einen  guten  Teil  des  in  der  ganzen  übrigen  Welt  gewonnenen
Silbers,  um  für  jede  78  Cents  reellen  Silberwert  eine  der  Münzen
auszugeben,  welche  wir  alle  zum  Werte  eines  vollen  Dollars
für  unsere  Arbeit  und  unsere  Erzeugnisse  zu  nehmen  verpflichtet
sein  würden.  Damit  ist  nichts  andejres  gemeint,  als  daß  der
europäische  Kaufmann  sein  Silber  zu  uns  herübersenden,  hier
münzen  oder  auch  Silbernoten  dafür  erhalten  könnte  und  dann
imstande  wäre,  für  einen  vollen  Dollar  Wert  unseren  Weizen
oder  Korn  oder  irgend  etwas  anderes,  dessen  er  bedarf,  zu  kaufen,
obgleich  er  für  dasselbe  Quantum  Silber  in  Europa  und  in  jedem
anderen  Teile  der  Welt  nur  78  Cents  Wert  erhalten  würde,
Europa  tut  jetzt  gerade  dasselbe  mit  Indien,  mit  der  Argentinischen ­
  Republik  und  mit  anderen  Ländern,  welche  Silberwährung
besitzen.  Der  britische  Kaufmann  kauft  in  Indien  für  unterwertiges
  Geld  Weizen,  bringt  es  nach  Europa  und  verkauft  es  dort
für  Gold.  Auf  diese  Art  hat  er  für  indischen  Weizen  so  außerordentlich ­
  wenig  zu  zahlen,  daß  indischer  Weizen  in  Europa  ein
gefährlicher  Konkurrent  unseres  eigenen  Weizens  geworden  ist:
ein  Zustand,  der  nur  dadurch  möglich  wurde,  daß  infolge  des
Silbersturzes  der  indische  Weizenbauer  für  seine  Erzeugnisse  außerordentlich ­
  wenig  erhält.  Es  ist  kaum  Monate  her,  seit  das  neue
Silbergesetz  durchging,  welches  die  Regierung  dazu  verpflichtete,
ihre  Silbereinkäufe  mehr  als  zu  verdoppeln,  und  doch  sind  schon
jetzt  8  Millionen  Dollar  mehr  eingeführt  worden,  als  wir  ausgeführt ­
  haben  —  etwas  seit  fünfzehn  Jahren  Unerhörtes,  denn
früher  wurde  stets  mehr  Silber  ausgeführt,  als  eingeführt.  Jetzt
kaufen  wir  alles  von  unseren  eigenen  Silberbergwerken  produ-
        <pb n="54" />
        Vergleich  der  beiden  Währungen.

39

ziertes  Silber  und  werden  außerdem  noch  mit  Silber  von  Europa
her  überschüttet,  statt  dessen  wir  eigentlich  Oold  empfangen  sollten.
Innerhalb  achtzehn  Tagen  haben  wir  9  Millionen  Dollar  in  Gold
verschickt.  Man  sieht,  gedeckt  durch  das  gegenwärtige  amerikanische ­
  Siibergesetz,  hat  Europa  bereits  damit  begonnen,  uns  sein
unterwertiges  Silber  zu  senden;  zu  gleicher  Zeit  beraubt  es  uns
unseres  reinen  Goldes  —  wahrhaftig  ein  für  unser  Land  gefährlicher ­
  Austausch,  welcher  unsere  Gesetzgeber  mit  Scham  erfüllen ­
  sollte.  Man  muß  wohl  verstehen,  bisher  konnte  die  Regierung
trotz  der  beiden  Gesetze,  die  sie  zum  Ankauf  von  Silber  zwingen,
so  schlecht  auch  diese  Gesetze  immerhin  sind  —  dennoch  das
Metall  zum  Marktpreise,  also  ungefähr  371,1—4  Gran  Silber  für
78  Cent  einkaufen;  nur  so  viel  Silber  hat  die  Regierung  in  jeden
sogenannten  Dollar  hineingetan.  Unter  „freier  Münzung“  wird
sich  all  das  ändern.  Die  Silbereigentümer  w'erden  dann  auch
ihrerseits  den  Dollar  für  78  Cent  Metall  erhalten.  Ich  glaube,
das  übertrifft  an  kühlem  Raffinement  alles  bisher  Dagewesene;
und  doch  ist  das,  was  die  Verbindung  der  Landwirte  durch  ihren
Schrei  nach  freier  Prägung  unterstützt,  nichts  anderes,  als  das
Unternehmen,  12%  aus  den  Taschen  eines  jeden  einzelnen  aus
dem  Volke  in  die  Taschen  der  Silbereigentümer  hineinzupraktizieren. ­
  Sicher  stimmen  alle  darin  überein,  daß,  wenn  ein  Dollar
nur  mit  78  Cent  wirklichen  Silberwertes  geprägt  wird,  die  Regierung ­
  und  nicht  die  Silbereigentümer  den  Extragewinn
von  22  Cent  einstecken  sollte.  Die  Regierung  bedarf  dieses  ganzen ­
  Extraüberschusses  um  so  mehr,  als  das  von  ihr  gekaufte  Silber,
wie  ich  bereits  früher  bemerkt,  zum  Marktwert  gekauft,  nur  mit
Verlust  von  Millionen  heute  wieder  losgeschlagen  werden  könnte.
Sollte  die  freie  Silberprägung  Gesetz  werden,  dann  dürften
sich  unsere  eigenen  amerikanischen  Landwirte  sehr  bald  mit  dem  indischen ­
  Landwirt  in  (gleicher  Lage  befinden;  und  doch  sagt  man  uns,
unsere  Landwirte  wären  für  Freisilberschlagung!  Sollte  das  wahr
sein,  dann  gibt  es  nur  eine  Erklärung  dafür  —:  sie  verstehen
ihre  eigenen  Interessen  nicht.  Keine  andere  Volksklasse  hat  ein
so  großes  Interesse  an  der  Aufrechterhältung  der  Goldwährung
und  an  dem  gänzlichen  Aufgeben  der  Silbereinkäufe,  so  wie  an
der  Beseitigung  der  unterwertigen  Münzen,  wie  der  Landwirt:
        <pb n="55" />
        40

111.  Silberwährung.

denn  viele  seiner  Erzeugnisse  werden  nach  Goldwährungsländem
verkauft.  Wenn  der  amerikanische  Landwirt  sich  mit  Silber  anstatt ­
  Gold  zufrieden  gibt,  setzt  er  den  Liverpooler  Kaufmann  in
den  Stand,  für  die  niedrigere  Silberwährung  zu  kaufen,  also  für
78  Cent  anstatt  für  einen  vollgültigen  Dollar;  dagegen  muß  der
amerikanische  Landwirt  für  alles,  was  er  selbst  in  fremden  Ländern ­
  einkauft,  mit  Gold  zahlen.  Das  heißt:  er  ist  gezwungen,
billig  zu  verkaufen  und  teuer  einzukaufen.  Eben  das  beunruhigt
zurzeit  Indien  und  die  südamerikanischen  Republiken.  Die  diesjährigen ­
  Getreidepreise  versprechen  höher  zu  werden,  denn  seit
Jahren.  Sehen  Sie  zu,  Ihre  Preise  in  Gold  zu  erhalten.  Wenn
wir  unsere  Münzstätten  der  freien  Silberprägung  für  jedweden
in  der  ganzen  Welt  öffnen,  der  Silber  genug  für  einen  mit  unserem ­
  Regierungsstempel  zu  prägenden  Dollar  besitzt,  so  daß
er  für  jeden  zu  prägenden  Silberdollar  nur  371,1—2  Silber,  im
Werte  von  78  Cent  einzuliefern  hat,  dann  wird  jedwedes  Silben
bergwerk  in  der  ganzen  Welt  Tag  und  Nacht  arbeiten,  nur  um
so  schnell  wie  möglich  uns  jedes  neue  Pfund  Silber  ins  Land
zu  werfen.  Die  Völker  Europas,  welche  bereits  11  Millionen
unterwertiges  Silber  in  Händen  haben,  werden  uns  pünktlich  damit ­
  beglücken,  dabei  aber  für  alles,  was  sie  von  uns  kaufen,
Gold  von  uns  verlangen.  So  berauben  sie  uns  unseres  eigenen
Goldes,  während  wir  ihr  Silber  zu  nehmen  haben.  Mit  der  „Freisilberprägung“ ­
  in  Sicht  werden  wir,  noch  ehe  das  Gesetz  beschlossen ­
  ist,  von  der  Goldwährung  zur  Silberwährung  übergegangen ­
  sein.  Die  letzten  Worte  des  verstorbenen  und  tief  betrauerten ­
  Staatssekretärs  Windom  bewahrheiteten  sich  dann:
„Wahrscheinlich  wäre,  bevor  das  geschwindeste  Schiff  sein
Silberkargo  nach  Neuyork  zu  bringen  imstande  wäre,  der  letzte
Golddollar  in  Privatschatullen  und  bei  sicheren  Depositengesellschaften ­
  verborgen,  um  nur  bei  hohem  Agio  für  die  Ausfuhr  wieder
ans  Licht  zu  kommen.“
Wir  schwimmen  in  einem  gefährlichen  Fahrwasser.  Legen
Sie  sich  selbst  die  Frage  vor,  warum  Sie  die  Goldwährung  zugunsten ­
  des  Silbers  gefährden  sollten.  Kann  irgend  jemand  glauben, ­
  daß  die  Silberwährung  vorteilhafter  sei?  Unmöglich!  Niemand ­
  wagt  in  seinen  Behauptungen  so  weit  zu  gehen.  Selbst
        <pb n="56" />
        ,st

Vergleich  der  beiden  Währungen.

41

der  wildeste  Anwalt  solcher  Veränderungen  behauptet  höchstens
versichern  zu  dürfen,  daß  Silber  geradeso  wertvoll  wie  Gold
gemacht  werden  könne.  Jeder  weiß,  daß  nichts  besseres  existiert
als  Gold.  Fragen  wir  einmal,  weshalb  jemand,  der  kein  Silberbesitzer ­
  ist,  wünschen  sollte,  dem  Silber  einen  höheren  Wert  als
den  diesem  Metall  innewohnenden  zu  verleihen?  Welchen  Nutzen
könnte  es  den  Leuten  bringen  —  wenn  wir  einmal  den  Silberbesitzer ­
  beiseite  lassen  —  daß  das  Silbermetall  einen  anderen
als  seinen  natürlichen  Platz  einnimmt,  geradeso  wie  Kupfer  und
Nickel?  Weshalb  sollte  dem  Silber  ein  besonderer,  mit  seinen*
natürlichen  Werte  nicht  verbundener,  höherer  Gehalt  zugeschrieben
werden?  Niemand  hatte  ein  Vorurteil  gegen  dieses  weiße  Metall
Es  stand  jederzeit  im  gleichen  und  freien  Wettbewerbe  mit  den*
Golde;  das  Feld  bleibt  ihm,  gerade  so  wie  jedem  anderen  Metalle
stets  offen,  zu  zeigen,  daß  es  sich  besser  zum  grundlegenden  Wert
eignet.  Wenn  Silber  auf  dem  Weltmärkte  im  Preise  stiege  und
sich  dem  Werte  nach  beständiger  erwiese  als  Gold,  würde  es
das  Gold  bald  verdrängen.  Warum  nicht  die  leitende  Stellung
dem  Metalle  geben,  welches  im  ehrlichen  Wettstreit  den  Preis
gewann?  Gold  bedarf  keiner  Wertaufblähung  durch  die  Gesetzgebung; ­
  es  spricht  für  sich'  selbst.  Jedes  Goldstück  ist  durch  die
ganze  Welt  gerade  so  viel  wert,  als  es  wert  zu  se j n  beansprucht; ­
  darüber  besteht  kein  Zweifel.  Verluste  sind  dabei  nicht
möglich,  und,  was  beinahe  ebenso  wichtig,  auch  keinerlei  Spekulation; ­
  sein  Wert  kann  weder  in  die  Höhe  getrieben  noch  herabgedrückt ­
  werden.  Der  Spekulant,  der  keine  Spielchance  darin
findet,  sieht  es  mit  scheelen  Augen  an;  doch  gerade  das  ist
der  Grund,  dem  Golde  unsere  Gunst  zu  schenken;  gerade  das  ist
es,  was  dem  gelben  Metalle  die  uneingeschränkte  Sicherheit  seines
Wertes  für  alle  Zeiten  gibt.  Ihre  eigenen  Interessen  und  die  eines
Spekulanten  decken  sich  keineswegs.  Aus  Ihren  Verlusten  zieht
er  gerade  seine  Gewinne.  Der  Hauptgrund,  der  für  Ankauf  von
Silber  und  dessen  Prägung  in  den  Vereinigten  Staaten  geltend
gemacht  wird,  ist  der,  daß  wir  nicht  „Geld“  genug  i m  Lande
haben.  Freie  Silberprägung  soll  diesem  Übelstand  abhelfen.  Allein
wenn  wir  wirklich  mehr  „Geld“  nötig  hätten,  dann  wäre  die
einzig  weise  Maßregel  der  Einkauf  von  Gold.  Weshalb  Silber-
        <pb n="57" />
        42

III.  Silberwährung.

noten  mit  all  den  daranhängenden  unbekannten  Gefahren  ausgeben, ­
  wenn  wir  für  die  gleichen  Noten  gutes,  reines  Gold  —
wahres  und  wertvollstes  Geld  —  erhalten  können,  bei  welchem
unser  Land  vor  jedwedem  Verluste  geschützt  bleibt?  Ist  es  denn
aber  wirklich  wahr,  daß  wir  nicht  genug  „Geld“  haben  —  das
will  sagen  genug  von  dem  gemünzten  Artikel,  der  als  Austauschartikel ­
  gegen  alle  anderen  Artikel  benutzt  wird.  Wenn  dem
wirklich  so  wäre  —  diese  Entdeckung  wäre  wahrhaftig  neu!
Wir  hatten  in  früheren  Zeiten  schon  keinen  Mangel  an  „Geld“;
jetzt  jedoch  sind  auf  jeden  Mann,  jede  Frau  und  jedes  Kind
fünf  Dollar  mehr  im  Umlaufe,  als  jemals  vorher.  Wir  haben
einen  größeren  Umlauf  des  allgemeinen  Austauschartikels  —  das
ist  eben  „Geld“  —  auf  den  Kopf,  als  irgendein  Land  in  ganz
Europa,  mit  der  einzigen  Ausnahme  von  Frankreich,  wo  die  Bevölkerung ­
  weder  so  viel  Schecks  noch  Tratten,  wie  in  anderen
Ländern  benutzt  —  ein  Umstand,  welcher  viel  mehr  geprägtes
Geld  nötig  macht,  als  bei  uns.  Gewiß  ist  dagegen,  daß  so  viel
Geld,  wie  nur  irgend  gewünscht  wird,  geschlagen  werde,  nur
wenig  einzuwenden;  aber  dieses  Geld  sollte  dann  vollwertig,  nicht
unterwertig  sein.  Der  einzige  sichere  Weg  dazu  ist  der  Einkauf
von  Gold  und  dessen  Umprägung  in  „Geld“  —  nicht  jedoch
Einkauf  von  Silber,  dessen  Zukunft  außerordentlich  zweifelhaft
und  dessen  Erwerbung  bis  jetzt  nur  immer  eine  Verlustspekulation
war.  —  Man  frage  den  Anwalt  für  Vermehrung  des  Geldes,
warum  die  Regierung  nicht  das  für  sie  beste  Metall  „Gold“  einkauft ­
  und  es  zum  Nutzen  des  Volkes  prägt,  und  höre,  wes  er
vorzubringen  hat.  Gold  ist  gerade  so  gut  ein  amerikanisches
Produkt  wie  Silber,  und  unsere  Bergwerke  fördern  jeden  Monat
mehr  als  zwei  Millionen  Dollar  davon  ans  Licht.  Er  könnte  nichts
weiter  dagegen  einwenden,  als  daß  eine  solche  Maßregel  nicht
dazu  beitragen  würde,  den  Preis  seines  eigenen  Produktes,  des
Silbers,  auf  seiner  gegenwärtigen  Höhe  zu  erhalten.  Er  könnte
nicht  leugnen,  daß  Gold  dem  Werte  nach  das  sichere  Geld  ist.  —
Noch  etwas  anderes  !wird  für  das  Silber  geltend  gemacht.
Viele  Leute  sagen  uns,  daß  die  „Silberwährung“  in  der  Luft
liege,  daß  das  Volk  dieselbe  verlangt,  weil  sie  „Geld“  billig
macht  und  daß,  da  Silber  weniger  wertvoll  als  Gold,  die  Leute
        <pb n="58" />
        Vergleich  der  beiden  Währungen.

43

ihre  Schulden  leichter  bezahlen  könnten.  Man  erlaube  mir  '
bezug  darauf  nur  einen  einzigen  Punkt  zu  erwähnen  F  ’
nisse  und  Eigentum  könnten  im  Werte  durch  Fallenlassen  der
Goldwährung  nur  reduziert  werden.  So  lange  alle  Regierungsnoten ­
  so  hoch  im  Werte  stehen  wie  Gold,  ist  es  ganz  gleich
gültig,  wie  viel  Silber  die  Regierung  kauft  oder  münzt.  Nur  wenn
eine  finanzielle  Krisis  hereinbricht,  die  Goldwährung  in  die  Brüche
geht  und  jeder  Dollar  in  Gold  aus  dem  Verkehr  gezogen  und
mit  hoher  Prämie  bezahlt  wird,  könnte  die  Gelegenheit  für  Begünstigung ­
  der  einen  oder  anderen  Klasse  eintreten.  Sollte  irgend
jemand  die  vage  Vorstellung  haben,  durch  Schwierigkeiten,  in
welche  die  Regierung  infolge  ihrer  entwerteten  Silbermünze  und
Silbereinkäufe  gerät,  selbst  irgendwie  Geld  zu  sparen  oder  zu
machen,  dann  möge  er  wohl  bedenken:  Zur  Verwirklichung  seiner
Erwartungen  müßte  seine  Regierung  zunächst  außerstande  sein,  den
Silberdollar  mit  Gold  im  gleichen  Werte  zu  erhalten;  in  diesem
Falle  würde  alles  Gold  sofort  aus  dem  Verkehr  verschwinden
und  mit  Aufgeld  bezahlt  werden.  Ein  weiser  Schatzsekretär  hat
das  Resultat  ganz  richtig,  wie  folgt,  vorhergesagt:
„Das  plötzliche  Verschwinden  von  600  Millionen  Dollar  Gold
mit  der  Panik,  die  es  notwendigerweise  begleiten  müßte,  würde
eine  Geschäftsenthaltung  und  Handelskrisis  hervorruf en ,  wie  sie
bisher  die  Welt  noch  nicht  gesehen;  Amerika  würde  sofort  auf
den  Silberstand  zurückfallen,  wenn  kein  ferner  Antrieb  zur  Prägung ­
  bestünde,  und  Silberdollars  würden  zu  ihrem  bloßen  Barrenwerte ­
  herabsinken.“
Wer  auf  solch  eine  Panik  hinarbeitet,  in  der  Hoffnung,  persönlich ­
  davon  Nutzen  zu  ziehen,  steht  auf  derselben  Linie  mit
demjenigen,  der  den  Expreßzug  in  Gefahr  bringt,  um  sich  seines
Inhalts  zu  bemächtigen,  oder  auch  mit  dem,  welcher  das  Staatsschiff ­
  gegen  eine  Klippe  zerschellen  läßt,  um  für  sich  selbst  einen
Teil  der  Ladung  zu  sichern.  Ei-  ist  ein  Stranddieb  und  Spekulant.
Seine  Interessen  sind  denen  der  wirklich  arbeitenden  Klassen
ganz  und  gar  entgegengesetzt.
Ferner  versichert  man  uns  beständig,  die  große  Masse  des
Volkes  Wünsche  „freie  Silberprägung“  oder  zum  mindesten  die
Aufrechterhaltung  der  bestehenden  Silbergesetze,  weil  sie  in  der
        <pb n="59" />
        44

III.  Silberwährung.

einen  oder  anderen  Art  unter  dem  Eindruck  steht,  daß  sie  desto
mehr  Geld  haben  würde,  je  mehr  Silber  geprägt  wird.  Wir  wollen
einmal  etwas  näher  darauf  eingehen.  Wenn  die  Regierung  Silber
kauft,  so  zahlt  sie  dafür  entweder  mit  eigenen  Noten  oder  Silberdollars. ­
  Wer  bekommt  beides?  Die  Besitzer  der  Silberbarren.
Wie  kann  also  beides  den  Besitzern  genommen  werden  und  in  die
Taschen  des  Volkes  wandern?  Soweit  wir  die  Silberleute  kennen,
dürfen  wir  kaum  erwarten,  daß  sie  viele  ihrer  Silberdollars  anderen ­
  Leuten  zum  Geschenk  machen.  Nur  wenn  sie  Arbeit  und
Erzeugnisse  des  Volkes  einkaufen,  werden  sie  dieselben  Dollars
zu  dem  Kurse  von  100  Cent  hergeben,  die  ihnen  selbst  nur
78  Cent  gekostet  haben.  Würden  sie  eine  größere  Anzahl  von
78  Cent-Dollars  für  dieselbe  Arbeit  und  dieselben  Erzeugnisse
hergeben,  als  sie  in  100  Cent-Dollars  herzugeben  hätten?  Gewiß
nicht;  es  sei  denn,  daß  die  Bemühungen  der  Regierung,  dem  Silber
einen  künstlichen  Wert  zu  verleihen,  erfolglos  werden,  bis  unser
Geld  so  weit  an  Wert  verloren  hat,  daß  ein  Dollar  vielleicht  nicht
mehr  die  Kaufkraft  auch  nur  eines  halben  Dollars  besitzt;  nach
dem  Goldwerte  berechnet,  würden  die  Siiberleute  unter  allen  Umständen ­
  einen  noch  geringeren  Wert,  als  früher  hergeben,  die  ihnen
selbst  nur  78  Cent  gekostet  haben.  Würden  ziehen?  Nicht  sie,
sondern  die  Silberbesitzer,  welche  für  Rohsilber  im  Werte  von
78  Cent  von  der  Regierung  einen  vollen  Dollar  erhalten,  haben
den  Nutzen  davon.  Das  ist  so  klar,  wie  nur  möglich.  Bis  zu  diesem
Augenblick  ist  der  Dollar,  den  der  Arbeiter  und  der  Landwirt  erhält, ­
  wirklich  auch  einen  vollen  Dollar  wert,  weil  die  Regierung
infolge  ihrer  außerordentlichen  Bemühungen  bis  jetzt  imstande
gewesen  ist,  ihm  seinen  vollen  Wert  zu  erhalten;  aber  sobald  wir
eine  „Freisilberprägung“  haben  werden,  muß  der  Silberdollar  auf
seinen  eigentlichen  Wert  herabsinken  —  nämlich  auf  78  Cent  —-und
  der  Landwirt  und  der  Arbeitsmann  wird  sich  dann  betrogen
finden;  man  sieht,  die  Interessen  des  Landwirts,  des  Mechanikers
und  des  Arbeiters,  kurz  aller  derer,  welche  für  Lohn  arbeiten,
fordern,  daß  sie  mit  dem  besten  und  nicht  mit  billigem  Geld  —  also
in  Gold  und  nicht  in  Silber  bezahlt  werden.
Bis  auf  diese  Stunde  haben  wir  Amerikaner  an  der  Goldwährung ­
  festgehalten.  All  und  jedes  in  den  Vereinigten  Staaten
        <pb n="60" />
        Vergleich  der  beiden  Währungen.

45

ist  heutzutage  auf  Goldwährung  aufgebaut,  da  unsere  Silbernoten
und  Silbermünzen  in  gleichem  Werte  mit  erhalten  werden.  War
das  eine  weise  oder  unweise  Politik?  Wäre  es  nicht  das  beste,
die  Goldwährung  an  welche  sich  die  vorgeschrittenen  Nationen,
und  ganz  besonders  Großbritannien  klammern,  fahren  zu  lassen,
und  die  Silberwährung  unserer  südamerikanischen  Nachbarn  anzunehmen? ­
  Mit  dem  soliden  Golde  als  unseren  Grundwert  sind
wir  das  reichste  Land  in  der  ganzen  Welt  geworden;  der  größte
Agrikultur-,  Industrie-,  Bergwerks-  und  Handelsstaaat,  der  jemals
existiert  hat.  Wir  blühten  auf  wie  kein  anderes  Volk,  über  das  je
die  Sonne  geschienen.  In  keinem  andern  Lande  sind  die  Löhne
so  hoch  und  die  Massen  des  Volkes  so  wohlauf.  Und  trotzdem
sollten  wir  die  Goldwährung  aufgeben  oder  auch  nur  sie  gefährden?
Das  ist  die  Frage,  welche  heute  für  das  Volk  der  Vereinigten
Staaten  zur  Entscheidung  steht.
Die  Neuyorker  Abendpost  ist  ein  Freihandelsorgan;  dennoch
erklärte  dieses  Blatt:  lieber  wolle  es  zehn  McKinley-Gesetzen  seine
Zustimmung  geben,  als  einem  einzigen  Silbergesetz,  wie  dem  jetzt
geforderten.  Ich  selbst,  ein  Republikaner,  der  an  die  Wahrheit
des  Schutzzollsystems  glaubt,  erkläre,  daß  ich  viel  lieber  auf  das
ganze  McKinley-Gesetz  verzichten  und  dem  Gesetz  Mills  meine
Zustimmung  geben  wollte,  wenn  ich  dafür  das  gegenwärtige  Silbergesetz ­
  verwerfen  und  das  Silber  geradeso  wie  alle  anderen  Metalle
behandelt  sehen  könnte.  Stände  ich  bei  der  nächsten  Präsidentenwahl ­
  vor  der  Entscheidung,  entweder  für  einen  Mann  zu  stimmen,
welcher  Silber-  und  Schutzzoll,  oder  für  einen  Mann,  der  Gold
und  Freihandel  begünstigt,  dann  würde  ich  ohne  weiteres  für  den
letzteren  stimmen  und  arbeiten,  weil  mein  Verstand  mir  sagt,
daß  selbst  ein  Tarifgesetz  nicht  halb  so  wichtig  für  das  Wohl  des
Landes  ist,  wie  die  Aufrechterhaltung  der  vorzüglichsten  Währung
für  das  Geld  des  Volkes.
Wäre  es  für  Sie  nicht  angebracht,  auf  die  Männer  zu  hören,
die  Ihr  Vertrauen  besitzen  und  infolge  ihrer  amtlichen  Stellung
sich  veranlaßt  sehen,  die  Silberfrage  gründlich  zu  erforschen  und
zu  studieren?  Präsident  Harrison  ist  allbekannt  durch  seine  Gewissenhaftigkeit. ­
  Er  ist  nicht  reich,  er  ist  arm.  Nichts  liegt  ihm
am  Herzen,  wie  das  Wohl  unserer  Arbeiterklassen.  Er  war  in  die
        <pb n="61" />
        46

III.  Silberwährung.

Notwendigkeit  versetzt,  die  Frage  zu  studieren,  und  er  erklärt
Ihnen,  daß  die  erste  Folge,  welche  der  unterwertige  Silberdollar
haben  würde,  seine  Verwendung  für  ein  Beschwindeln  des  armen.
Mannes  sein  würde,  der  solches  Geld  für  seine  Erzeugnisse  oder
Arbeit  zu  nehmen  hätte.  Auch  Expräsident  Cleveland  ist  gleich
Präsident  Harrison  ein  armer  Mann;  seine  Sympathien  gehören  dem
einfachen  Arbeiter  —  den  Massen.  Er  hatte  die  Frage  zu  studieren
und  danach  seine  Maßregeln  zu  ergreifen;  allein,  obgleich  viele
Mitglieder  seiner  Partei  sich  bei  dem  Kreuzzuge  für  das  Silber
beteiligt  hatten  —  hoffentlich  nur  vorübergehend,  da  die  demokratische ­
  Partei  bisher  stets  voll  und  ganz  für  das  möglichst
beste  Geld  im  Interesse  der  großen  Volksmassen  einstand  —  fühlte
sich  Herr  Cleveland  doch  zum  Bekennen  der  Wahrheit  verpflichtet
und  erklärte  die  Idee  der  freien  Silberwährung  offen  als  schädlich, ­
  nur  weil  er  fand,  daß  sie  die  Arbeiter  des  Volkes  schädigen
würde.  Sein  letzt  veröffentlichter  Brief  beweist  wieder,  daß  er
der  geborene  Volksführer  —  ein  tapferer  Mann  und  kein  Feigling. ­
  Seine  persönlichen  Aussichten  fallen  bei  ihm  dort  nicht  in
die  Wagschale,  wo  es  sich  um  das  wahre  Wohl  der  Bebürdeten
handelt,  welche  ihn  einstmals  zum  Präsidenten  machten.  Neben
diesen  Männern  steht  Herr  Manning;  niemals  verwaltete  ein  fähigerer, ­
  größerer  und  reinerer  Demokrat  die  Finanzen  unseres  Landes; ­
  niemals  ein  fähigerer,  reinerer  und  erhabenerer  republikanischer
Finanzminister  als  Herr  Windom.  Wenn  je  unser  Volk  Freunde
hatte,  waren  diese  Männer  Freunde  des  Volkes.  Beide  Männer
hätten  das  Silberproblem  zu  studieren;  sie  forschten  nach  dem
Besten,  um  es  dann  für  die  dauernde  Wohlfahrt  des  Volkes  zu
verwirklichen.
Beide  wurden  schwer  besorgt  wegen  der  drohenden  Gefahr,
die  „minderwertiges  Geld“  mit  sich  bringt;  sie  taten  alles,  was
in  ihrer  Macht  stand,  die  Kongreßabgeordneten  davon  abzuhalten,
unserer  Regierung  eine  Gefährdung  der  Interessen  unserer  arbeitenden ­
  Klassen  aufzuzwingen;  müssen  diese  doch,  wenn  sie  nicht
den  Spekulanten  zur  Beute  fallen  sollen,  für  ihre  Arbeit  oder
ihre  Erzeugnisse  das  denkbar  beste  Geld  erhalten.  All  diesen
großen  Männern,  von  denen  zwei  durch  ihre  eigenen  Stimmen
zum  höchsten  politischen  Amte  erhoben  wurden,  lag  und  liegt
        <pb n="62" />
        Vergleich  der  beiden  Währungen.

47

einzig  und  allein  das  Wohl  aller  anstatt  der  Bereicherung  einzelner,
weniger,  am  Herzen.  Obgleich  politische  Gegner,  stimmten  sie
doch  in  dieser  Frage  überein;  das  sollte  jedem  Landbauer,  jedem
Mechaniker  und  jedem  Arbeitsmann  in  den  Vereinigten  Staaten
der  beste  Beweis  dafür  sein,  daß  diese  Männer,  nicht  aber  die
Silberanwälte,  seine  weisesten  Ratgeber  sind.  Ich  schließe  mit
einem  Wort  des  Rates  an  die  kleinen  Leute.  Solange  unsere
Regierung  fortfährt,  sich  Monat  für  Monat  mit  immer  mehr  Silber
zu  belasten,  vermeide  man  das  Silber,  und  mehr  noch  halte  man
sich  vom  Silber  fern,  wenn  etwa  gar  die  freie  Silberprägung  ernstlich
ins  Auge  gefaßt  werden  sollte.  Wenn  Sie  etwas  beiseite  legen,
legen  Sie  es  in  Gold  beiseite;  wenn  Sie  etwas  den  Sparbanken  anvertrauen, ­
  lassen  Sie  es  in  Gold  sein  —  fordern  Sie  von  der  Bank
ein  Goldzertifikat  dafür  ein.  Arme  Leute  sollten  sich  keinerlei
Risiko  aussetzen.  Wenn  Sie  nicht  nach  diesem  Rate  handeln,
dürften  Sie  sehr  bald  finden,  daß  kein  Gold  für  Sie  übrig  ist.  Die
Spekulanten  und  die,  welche  sich  aufs  Geschäft  verstehen,  werden
schon  vor  Ihnen  alles  Gold  weggefischt  haben.  Es  ist  Gefahr  im
Verzüge.  Was  sich  immer  ereignen  mag:  mit  Gold  können  Sie
ruhig  schlafen.  Silber  wird  weisen  Leuten  böse  Träume  bereiten.
Unsere  Regierung  kann  viel  tun,  sie  ist  sehr  stark;  dennoch  vermag
sie  zwei  Dinge  nicht  zu  tun,  wenigstens  nicht  allein  und  im
Gegensatz  zur  ganzen  Welt:  sie  kann  dem  Silber  auf  die  Länge
der  Zeit  keinen  höheren  Wert  als  den  geben,  welchen  es  als  bloßes
Metall  in  der  ganzen  Welt  besitzt,  obgleich  sie  dergleichen  zu  tun
sich  anmaßt;  und  sie  kann  des  Goldes  wirklichen  Wert  nicht
herabsetzen.  Vielleicht  werden  Sie,  obgleich  ich  das  nicht  hoffen
will,  eines  schönen  Tages  mir  für  meinen  Rat  Dank  wissen.
Glauben  Sie  jedoch  nicht,  daß  ich  deshalb  an  unserer  Republik
verzweifle  —  nimmermehr!  Selbst  wenn  wir  noch  tiefer  in  die
vom  Silber  unzertrennbaren  Schwierigkeiten  hineingezerrt  werden,
und  die  Dinge  bei  uns  gerade  so  schlimm  stehen  sollten,  wie  sie
jetzt  in  Argentinien  sind,  wo  ein  Golddollar  zwei  und  einhalb  der
im  Umlauf  befindlichen  Silberdollars  wert  ist,  brauchen  wir  doch
für  das  Endergebnis  nichts  zu  fürchten.  Der  gesunde  Sinn  unseres
Volkes  wird  nach  einiger  Zeit  die  Goldwährung  wieder  voll  in
ihre  Rechte  einsetzen  und  unsere  Republik  dann  weiter  den  Vorrang
        <pb n="63" />
        48

III.  Silberwährung.

V  V  V
V  V
V

unter  den  Völkern  einnehmen.  Dennoch,  das  Silberexperiment
wird  uns  teuer  zu  stehen  kommen;  es  ist  deshalb  besser,  daß  die
wenigen  Geldleute  den  Verlust  so  viel  wie  möglich  zu  tragen  bekommen ­
  und  nicht  die  Massen  des  Volkes.  Selbst  im  besten
Falle  müssen  die  letzteren  das  meiste  dulden;  denn  Geldmenschen
verstehen  sich  besser  zu  schützen,  als  alle  anderen  Leute.  Dessen
bin  ich  sicher:  Unser  Volk  würde  all  den  ihm  drohenden  Verlust
zu  vermeiden  wissen,  wenn  man  es  nur  dahin  bringen  könnte,
diese  Frage  wirklich  zu  verstehen;  seine  Interessen  sind  viel  mehr
noch  als  die  der  reichen  Leute  an  gutes,  ehrliches  Geld  gebunden;
das  Volk  hat  seine  Wünsche  seinen  Abgeordneten  nur  deutlich  zu
erklären,  um  die  drohende  Krisis  zu  verhindern.
Silber  ist  infolge  seines  etwaigen  Wertwechsels  ein  Werkzeug
in  den  Händen  der  Spekulanten  geworden.  Feststehendes  reines
und  unveränderliches  Gold  ist  niemals  so  sehr  ein  Mittel  für  den
Schutz  der  Volksmassen  gewesen,  wie  gerade  jetzt.
Ich  würde  mich  vergeblich  bemüht  haben,  wenn  die  hier
gegebene  Auseinandersetzung  nicht  etwas  zum  Verständnis  der
Ursachen  der  gegenwärtigen  Lage  beigetragen  hätte  und  das  Volk
nicht  dazu  anstacheln  würde,  seine  Abgeordneten  im  Kongreß
klar  und  unzweideutig  wissen  zu  lassen,  daß,  komme,  was  mag,
die  Prägung  der  Republik  ehrlich  gemacht  werden  und  das  Geld
des  amerikanischen  Volkes  den  besten  und  sichersten  Wert  unter
dem  Gelde  der  ganzen  Welt  erhalten  müsse;  seine  Währung  sollte
in  der  Zukunft  wie  in  der  Vergangenheit  über  jeden  Zweifel  und
Verdacht  erhaben  sein;  nicht  auf-  und  absteigendes  Silber,  sondern
seinem  Werte  nach  unerschütterliches  Gold.
        <pb n="64" />
        IV.  Das  gemeinschaftliche  Interesse  von
Arbeit  und  Kapital.
Ansprache  an  Arbeiter.
Ein  großer  Philosoph  hat  uns  gezeigt,  daß  der  größte  und
hauptsächlichste  Lohn,  den  wir  in  diesem  Leben  erwarten  können,
darin  besteht,  sich  selbst  genug  zu  tun.  Solch  eine  Befriedigung
—  eine  der  größten,  die  ich  jemals  gehabt,  empfinde  auch  ich:  Es
war  mir  vergönnt,  einer  Anzahl  meiner  Mitarbeiter  darin  beizustehen, ­
  sich  selbst  zu  helfen.  Diese  Bücherei  wird  Ihnen  die
Gelegenheit  geben,  Ihr  eigenes  Selbst  für,  Ihre  Arbeitgeber  wertvoller ­
  zu  machen  und  für  Sie  ein  geistiges  Kapital  schaffen,  welches
weder  verschlechtert  noch  vermindert  werden  kann.
Es  ist  sehr  zu  beklagen,  daß  die  unwiderstehliche  Richtung
unseres  Zeitalters,  welche  das  Fabrikwesen  in  ungeheure  Betriebe
zusammenfaßt,  die  das  Werk  Tausender  von  Menschen  erfordern,
es  den  Arbeitgebern,  selbst  wenn  sie  in  der  Nähe  ihrer  Werke
wohnen,  unmöglich  macht,  eine  gleich  intime  Bekanntschaft  mit
ihren  Angestellten  einzugehen,  wie  zur  Zeit  des  alten  Systems
mit  seinen  sehr  kleinen  Betrieben.  Die  Beziehungen  zwischen
Arbeitgeber  und  Arbeitnehmer  waren  früher  zweifellos  für  beide
um  vieles  angenehmer.  Solange  die  Artikel  in  kleinen  Läden  von
den  Inhabern  selbst  unter  Beistand  von  wenigen  Gehilfen  und
Lehrjungen  hergestellt  werden  konnten,  hatte  der  Arbeitgeber  volle
Gelegenheit,  jeden  einzelnen  —  seine  Vorzüge  als  Mensch  und
Arbeiter  —  gründlich  kennen  zu  lernen;  andrerseits  wußte  auch  der
Arbeiter  —  wie  es  sich  ganz  von  selbst  versteht  —  mehr  über  das
Geschäft  seines  Arbeitgebers,  sowie  über  dessen  Sorgen  und
Kummer  und  seine  Bemühungen,  darüber  hinwegzukommen;  was
Carnegie,  Kaufmanns  Herrschgewalt.  4
        <pb n="65" />
        50  IV.  Das  gemeinschaftliche  Interesse  von  Arbeit  und  Kapital.
aber  wichtiger  als  all  das  war:  die  Arbeiter  wußten  etwas  über
die  Charaktereigenschaften  ihres  Meisters.
Das  hat  sich  alles  geändert;  die  Arbeiter  wurden  für  ihre
Meister  mehr  zu  menschlichen  Maschinen  und  der  Arbeitgeber  für
seine  Arbeiter  mehr  und  mehr  eine  Mythe.  Obgleich  dieser  Zustand,
von  welcher  Seite  man  ihn  auch  immer  betrachten  mag,  außerordentlich ­
  bedauernswert  ist,  sehe  ich  doch  keine  Abhilfe  dafür.
Das  freie  Spiel  wirtschaftlicher  Gegensätze  zwingt  die  Fabrikation
allgemeiner  Gebrauchsartikel  immer  weiter  in  die  Gewalt  weniger
ungeheurer  Betriebe,  damit  die  Kosten  für  die  Abnehmer  geringer
werden.  Nicht  mehr  länger  können  solche  Artikel  in  kleinen
Massen  erzeugt  werden;  ausgedehnte  Werke  und  Maschinen,  welche
Millionen  kosten,  werden  erforderlich  und  nötig.  Die  Höhe  der
Kosten,  die  man  stehende  Ausgaben  nennt,  sind  deshalb  ein  so
bedeutender  Faktor  des  Ausgabenetats,  weil  der  erfolgreiche  Betrieb ­
  in  vielen  Fällen  davon  abhängt,  ob  diese  stehenden  Ausgaben,
die  tatsächlich  in  großen  und  kleinen  Betrieben  fast  dieselben
sind,  auf  tausend  Tonnen  oder  fünfhundert  Tonnen  Tagesproduktion ­
  sich  verteilen.  Darin  besteht  die  eigentliche  Ursache  für  die
dauernd  wachsende  Zunahme  der  Großbetriebe;  diese  Zunahme
liegt  keineswegs  in  den  Wünschen  des  Fabrikanten,  allein  die
Anstrengungen  der  Konkurrenz  zwingen  ihn  zur  Ausdehnung
seines  Betriebes,  um  so  die  stehenden  Ausgaben  per  Tonne  oder
Meter  dauernd  zu  verringern;  hängt  doch  davon  die  Sicherheit
seines  Kapitals  ab!  So  ist  nun  für  den  Arbeitgeber  jede  nähere
persönliche  Beziehung  mit  seinen  Arbeitern  unmöglich  geworden;
deshalb  muß,  wenn  Arbeitgeber  und  Arbeitnehmer  nicht  jede
Fühlung  miteinander  verlieren  sollen,  jener  seinem  Interesse  eine
andere  Form  geben  und  seine  Fürsorge  für  das  Wohlergehen  seiner
Angestellten,  auf  deren  Arbeit  sein  eigener  Erfolg  beruht,  dadurch
zeigen,  daß  er  einen  Teil  seines  Verdienstes  auf  Wohlfahrtseinrichtungen ­
  für  seine  Angestellten  verwendet.  Solche  Einrichtungen ­
  sind  nun  diese  neue  Bücherei  und  die  Genossenschaftsläden, ­
  welche  den  unteren  Stock  unseres  Gebäudes  füllen,  zur
Versorgung  unserer  Arbeitergenossenschaften.  Ich  hoffe,  unsere
Arbeitnehmer  werden  durch  den  Gebrauch,  welchen  sie  von  unseren
Wohlfahrtseinrichtungen  machen,  den  Beweis  liefern,  daß  sie  die
        <pb n="66" />
        Ansprache  an  Arbeiter.

51

Füi-sorge  ihrer  Arbeitgeber  hier  wie  in  jedem  Falle  zu  schätzen
wissen.  Durch  solche  Mittel  dürfen  wir  vielleicht  hoffen,  bis  zu
einem  gewissen  Grade  das  alte  freundschaftliche  Verhältnis,  sowie
das  gegenseitige  Vertrauen  und  die  gegenseitige  Wertschätzung
wieder  herzustellen,  wie  sie  früher  zwischen  dem  Arbeitgeber  und
seinen  Leuten  bestanden  hat.  Wir  sind  jünger  als  Europa,  und
haben  in  dieser  Hinsicht  noch  manches  von  dem  alten  Weltteil
zu  lernen;  immerhin  freut  es  mich,  zu  bemerken,  daß  in  vielen
Arbeitgebern  das  Pflichtgefühl  gegen  ihre  Arbeiter  zu  erwachen
beginnt;  ja  —  was  nach  meinem  Dafürhalten  noch  viel  wichtiger
ist  —  es  sind  augenscheinliche  Anzeichen  vorhanden,  daß  unsere
Arbeiter  den  Wunsch  haben,  zu  Genossenschaften  zusammenzutreten; ­
  etwas,  was  nur  zu  ihrem  Wohlsein  beitragen  kann.
Es  ist  ja  recht  schön,  wenn  einer  dem  anderen  hilft;  dennoch,
das  Höchste  wird  erst  dann  erreicht,  wenn  die  Menschen  fähig
werden,  sich  selbst  zu  helfen.
Eine  andere  wichtige  Tatsache  ist  der  gute  Arbeitslohn  in
Pittsburg.  Im  allgemeinen  ist  der  Arbeiter  hier  so  gut  bezahlt,
daß  er,  wenn  er  nur  den  Willen  dazu  hat,  jeden  Monat  etwas  beiseite ­
  legen  kann.  Nichts  kommt  an  Wichtigkeit  den  Ersparnissen
aus  seinen  Verdiensten  gleich.  Der  Arbeiter,  der  seine  Häuslichkeit ­
  besitzt,  hat  zugleich  auch  die  erste  Grundlage  zu  einer  geeigneten ­
  Rente,  sich  auf  seine  alten  Tage  Komfort  und  Unabhängigkeit ­
  zu  verschaffen.  —  Ich  habe  davon  gesprochen,  wie  wünschenswert ­
  es  wäre,  ein  Gefühl  von  Gegenseitigkeit  und  Gefährtschaft
zwischen  Arbeitgeber  und  Arbeitnehmer  hervorzurufen.  Glauben
Sie  mir,  die  Interessen  von  Kapital  und  Arbeit  sind  durchaus  die
gleichen.  Der  ist  ein  Feind  des  Arbeiters,  wer  den  Arbeiter  gegen
das  Kapital  aufzuhetzen  sucht.
Ich  habe  das  Verhältnis  zwischen  Kapital  und  Arbeit  jahrelang
studiert  und  will  einige  Sätze  aus  einem  von  mir  vor  einiger  Zeit
veröffentlichten  Artikel  anführen;  der  Artikel  ist  überschrieben:
„Die  Hauptursachen  der  Reibungen  zwischen  Kapital  und  Arbeit.“
Dort  heißt  es:  „Der  Verdruß  hat  darin  seine  Ursache,  daß  die
Arbeiter  zu  keiner  Zeit  der  Konjunktur  entsprechend  bezahlt  werden.
Alle  Großbetriebe  sind  mit  Arbeit  versorgt,  sagen  wir  für  sechs
Monate  im  voraus;  diese  Aufträge  werden  ganz  natürlich  zu  den
        <pb n="67" />
        IV.  Das  gemeinschaftliche  Interesse  von  Arbeit  und  Kapital.

zur  Zeit  vorherrschenden  Preisen  abgeschlossen.  Gerade  die  Vorgänge ­
  des  letzten  Jahres 1 )  bieten  vielleicht  den  besten  Beweis  für
die  hier  in  Betracht  kommende  Schwierigkeit.  Eisenschienen  waren
am  Ende  des  vorigen  Jahres  bei  Lieferungsverpflichtung  für  dieses
Jahr  29  Dollar  (112  Mark)  per  Tonne  loco  Werke.  Die  Fabriken
übernahmen  ohne  weiteres  Aufträge  zu  diesen  Preisen  und  fuhren
fort,  sie  zu  übernehmen,  bis  die  unerwartet  eintretende  Nachfrage
den  Preis  auf  35  Dollar  (140  Mark)  per  Tonne  in  die  Höhe
trieb.  Infolgedessen  sind  die  meisten  Betriebe  Amerikas  gezwungen,
für  sechs  Monate  und  auch  länger  zu  einem  niedrigeren  Durchschnittspreise ­
  als  31  Dollar  (124  Mark)  die  Tonne,  an  der  Seeküste
sowohl,  wie  um  Pittsburg  herum  und  —  sagen  wir,  zum  Preise
von  34  Dollar  (136  Mark)  um  Chicago  herum  zu  liefern.  Fracht
und  Eisensteine  sind  inzwischen  merklich  in  die  Höhe  gegangen;
die  Werke  müssen  daher  für  den  Hauptteil  des  Jahres  mit  sehr
geringem  Verdienst  arbeiten.  Die  Arbeiter  dagegen,  welche  durch
die  Zeitungen  von  der  Preissteigerung  erfahren,  verlangen  ganz
natürlich  ihren  Anteil  an  der  Steigerung  der  Preise  und  erhalten
ihn  auch  bei  den  bestehenden  ungesunden  Beziehungen  zwischen
Kapital  und  Arbeit.  Die  Arbeitgeber  hatten  widerwillig  nachzugeben, ­
  obgleich  ihnen  durchaus  klar  war,  daß  sie  unter  gesunden
Verhältnissen  gar  nicht  hätten  darum  angegangen  werden  können;
so  entstand  eine  Reibung  zwischen  beiden  Teilen  und  eine  noch
jetzt  bestehende  Unzufriedenheit  bei  den  Arbeitgebern.  Und  nun
die  Kehrseite  des  Bildes:  Der  Eisenschienenmarkt  fällt  wieder,
und  die  Werke  haben  noch  für  sechs  Monate  Arbeit  zu  höheren
als  den  üblichen  Preisen;  sie  können  ihren  Leuten  auch  höhere
Löhne  zahlen,  als  der  übliche  Satz  ist;  doch  da  sie  ihnen  kurz
vorher  außerordentlich  hohe  Löhne  zahlen  mußten,  die  sie  eigentlich ­
  nicht  hätten  zahlen  dürfen,  so  versuchen  sie  jetzt,  die  Löhne
im  Verhältnis  zu  den  niedrigen  Preisen  des  Schienenmarktes  herabzudrücken. ­
  Die  Folge  davon  ist:  Unzufriedenheit  unter  den  Arbeitern, ­
  Unterhandlungen  und  endlich  Arbeitseinstellung,  welche  den
Jahresanfang  kennzeichneten.  Mit  anderen  Worten:  wenn  der
Arbeitgeber  heruntergeht,  besteht  der  Arbeitnehmer  darauf,  in  die

0  1888.
        <pb n="68" />
        Ansprache  an  Arbeiter.

53

Höhe  zu  gehen  und  so  vice  versa.  Wir  müssen  daher  nach  einem
Plan  ausschauen,  der  es  ermöglicht,  den  Arbeitern  stets  dann  hohe
Löhne  zu  bewilligen,  wenn  ihre  Arbeitgeber  hohe  Preise  für  ihre
Erzeugnisse  und  damit  auch  größeren  Nutzen  ernten;  andrerseits,
wenn  die  Arbeitgeber  nur  niedere  Preise  für  ihre  Erzeugnisse  und
damit  auch  nur  einen  kleinen  oder  gar  keinen  Gewinn  ernten,
werden  die  Arbeiter  auch  mit  niedrigen  Löhnen  zufrieden  sein
müssen.  Sobald  diese  Idee  verwirklicht  werden  kann,  haben  Arbeitgeber ­
  und  Arbeiter  absolut  das  gleiche  Interesse;  sie  erfreuen  sich
gemeinschaftlich  guter  Zeiten  und  halten  tapfer  zusammen  aus  in
schlechten  Zeiten.  Wird  das  durchgeführt,  dann  fällt  jeder  Grund
zu  Streitigkeiten  fort.  Anstatt  des  Gefühls  einer  Gegnerschaft  wird
das  der  Teilhaberschaft  zwischen  Arbeitnehmer  und  Arbeitgeber
entstehen.  Zur  Erzielung  dieses  Zustandes  gibt  es  ein  einfaches
Mittel,  welches  allgemein  einzuführen,  Arbeitgeber  und  Arbeitnehmer ­
  mit  all  ihrer  Energie  sich  bestreben  sollten.  Die  Löhne
müßten  Monat  für  Monat  nach  einer  gleitenden  Skala  festgestellt
werden,  im  Verhältnis  zu  den  für  das  Produkt  erzielten  Nettopreisen. ­
  Die  Arbeiter  zu  betrügen,  ist  unter  der  gleitenden  Skala
für  den  Kapitalisten  nicht  möglich.
Ein  Vorteil  dieser  Bücherei  (Carnegie-Bibliothek  zu  Braddok,
Pennsylvanien)  ist,  daß  sie  alle  Tageszeitungen  und  Handelsblätter
darin  finden;  ich  bitte  Sie,  alle  diese  Blätter  aufmerksam  zu  lesen.
Sie  werden  viele  falsche  Angaben  und  Irrtümer  darin  finden.  Dergleichen ­
  ist  vom  Zeitungswesen  unzertrennlich,  da  es  in  Hast  zu
arbeiten  und  bloße  Gerüchte  zu  verzeichnen  gezwungen  ist.
Dennoch  kann  aus  dem  Studium  der  vorzüglichsten  Zeitungen  ganz
wohl  die  Richtung  erkannt  werden,  welche  die  Geschäfte  nehmen.
Die  Zeitungen  werden  Ihnen  keinen  durchaus  richtigen  Bericht
über  die  Materialpreise  geben.  Fabrikanten  sind  immer  geneigt,
die  Situation  in  blühenden  Farben  zu  malen,  sowie  die  höchsten
Preise  bekannt  zu  geben  mit  der  Absicht,  Leute  zum  Kauf  zu  veranlassen ­
  und  dadurch  neue  Kunden  heranzuziehen.  Höchstwahrscheinlich ­
  werden  sie  nie  darüber  berichten,  zu  wie  niedrigen
Preisen  sie  zu  verkaufen  gezwungen  waren,  um  der  Konkurrent
zu  begegnen  und  ihre  Werke  im  Gange  zu  erhalten.  Trotzdem
wird  ein  sorgsames  Studium  der  Zeitungen  und  Handelsblätter
        <pb n="69" />
        54  IV.  Das  gemeinschaftliche  Interesse  von  Arbeit  und  Kapital.
Sie  instand  setzen,  eine  Vorstellung  über  die  Richtung  der  Vorgänge ­
  in  der  Handelswelt  zu  gewinnen.  Sie  werden  durch  Zeitunglesen ­
  erfahren,  daß  von  den  13  mit  der  Fabrikation  von  Eisenschienen ­
  beschäftigten  amerikanischen  Werken  nur  drei  mit  voller
Kraft  arbeiten.  Nicht  mehr  als  eine  Fabrik  im  ganzen  Westen
macht  Nägel  (Nord  Chicago),  und  ich  fürchte  sehr,  daß  auch
diese  eine  Fabrik  zu  dauernder  Arbeit  nicht  mehr  lange  imstande
sein  wird.  —
Am  befrübendsten  in  allen  Streitigkeiten  zwischen  Kapital  und
Arbeit  ist  der  Umstand,  daß  nur  außerordentlich  selten  der  Kapitalist ­
  die  Arbeitspreise  niederdrückt,  sondern,  daß  es  die  Arbeit
selbst  ist,  welche  die  Arbeit  niederdrückt.  Blicken  Sie  um  sich:
In  einigen  Betrieben  arbeiten  die  Arbeiter  um  10,  20,  selbst  um
30  Prozent  billiger  und  in  Johnstown  und  Harnsbury  sogar  für
weniger  als  die  Hälfte  des  hier  in  diesem  Bezirk  gezahlten  Lohnes.
Angesichts  dieser  Tatsachen  können  Sie  das  Kapital  nicht  anklagen,
sondern  müssen  die  Arbeitgeber,  die  selbst  diesen  Rückschlag
bedauern  und  jahrelang  für  höhere  Preise  kämpfen,  nur  als  die
besten  Freunde  des  Arbeiters  ansehen,  um  so  mehr,  wenn  Sie  sich
ehrlich  und  offen  eingestehen,  daß  Ihre  Arbeitgeber,  nur  um  ihre
Werke  zu  retten  und  ihren  Leuten  dauernde  Beschäftigung  zu
geben,  dazu  gezwungen  sind,  diese  aufzufordern,  für  denselben
Lohn  wie  die  im  Wettbewerbe  stehenden  Arbeiter  zu  arbeiten.
Derjenige  Arbeitgeber,  der  zuerst  die  Arbeit  einschränkt,  ist  der
Arbeiter  Feind,  dagegen  der  Arbeitgeber,  der  die  Arbeit  zuletzt
beschränkt,  der  Arbeiter  bester  Freund.  Der  Todfeind  der  Arbeiter
ist  also  nicht  der  Kapitalist,  sondern  der  Arbeiter  selbst.  Der  größte
Charakter  im  öffentlichen  Leben  Englands  und  der  festeste  Freund
der  Vereinigten  Staaten  in  der  Stunde  der  Not,  John  Bright,  der
Radikale,  antwortete  auf  die  einst  an  ihn  gestellte  Frage,  was  seine
wertvollste  Eigenschaft  sei:  „Der  Geschmack  am  Lesen.“  Ich  kann
offen  und  aus  eigener  Erfahrung  sagen,  daß  ich  mit  diesem  großen
Mann  übereinstimme.  Möglichst  bestrebt,  Ihnen  den  in  meiner
Macht  stehenden  besten  Rat  zu  geben,  rate  ich  Ihnen,  pflegen  Sie
den  Geschmack  am  Lesen.  Als  halbwüchsiger  Knabe  hatte  ich
Zutritt  zu  der  Bücherei  eines  Oberst  Anderson,  dessen  Andenken
mir  immer  verehrungswürdig  bleiben  wird.  Er  besaß  einige  hundert
        <pb n="70" />
        Ansprache  an  Arbeiter.

55

Bücher  und  machte  öffentlich  bekannt,  daß  er  diese  Bücher  jeden
Sonnabend  an  Knaben  und  junge  Leute  ausleihen  würde.  Sie
können  sich  gar  nicht  vorstellen,  mit  welcher  Spannung  einige
unter  uns,  die  sich  diese  Gelegenheit,  Kenntnisse  zu  erwerben,
zunutze  machten,  jedem  Sonnabend  Nachmittag  entgegensahen,
an  dem  wir  unser  Buch  gegen  ein  anderes  Umtauschen  konnten.
Der  hauptsächlichste  Teilhaber  in  unseren  Betrieben,  Herr  Phipps,
hatte  geradeso  wie  ich  selbst  Zugang  zu  den  Schätzen  des  Wissens
gefunden.  Aus  eigenster  Erfahrung  weiß  ich,  daß  nichts  so  sehr
zum  Guten  beiträgt,  nichts  so  auf  eine  Gemeinschaft  wirkt,  als
Einrichtungen,  welche  die  in  Büchern  aufgestapelten  Schätze  in  den
Bereich  aller  bringen.  Gelegentlich  finden  wir  auch  in  unseren
Tagen  Spuren  des  alten  Vorurteils,  das  sich  früher  allgemein  gegen
die  Erziehung  der  Massen  des  Volkes  wandte.  Ich  wundere
mich  nicht,  daß  desgleichen  existiert,  wenn  ich  bedenke,  was
bis  jetzt  als  Erziehung  galt.  In  dem  Bestreben,  Wissen  zu  erlangen ­
  durch  das  Studium  einer  unwissenden  Vergangenheit,  deren
nützlichstes  Ergebnis  uns  hauptsächlich  lehrt,  nicht,  was  des  Aneignens
  wert,  sondern  was  zu  vermeiden  ist,  verloren  die  Menschen
ihre  besten  Jahre.  Männer  ließen  ihre  Söhne  Schulen  besuchen,
in  denen  die  Kräfte  mit  dem  Erlernen  von  Sprachen,  wie  Griechisch
und  Lateinisch,  vergeudet  werden,  also  mit  Dingen,  die  für  junge
Leute  nicht  mehr  Nutzen  haben,  als  Choctaw.  Ich  habe  nur
wenige  akademisch  gebildete  Leute  gefunden,  die  Shakespeare
oder  Milton  näher  gekannt  hätten.  Sie  wußten  ihnen  alles  mögliche ­
  über  Ulysses  oder  Agamemnon  zu  erzählen;  doch  was  ist
all  das  im  Vergleich  zu  unseren  eigenen  Klassikern?  Rüssel
Lowell  hat  uns  einen  großen  Dienst  erwiesen,  für  den  wir  ihm
zu  höchstem  Dank  verpflichtet  sind.  Er  erklärte  nämlich  ganz
offen,  daß  in  Shakespeare  allein  mehr  Schätze  zu  finden  seien,
als  in  allen  Klassikern  des  Altertums  zusammengenommen.  Junge
Leute  werden  vollgestopft  mit  allen  Einzelheiten  unbedeutender
und  erbärmlicher  Kämpfe  zwischen  Wilden;  man  hat  sie  gelehrt,
eine  Bande  von  Räubern  als  Helden  zu  verehren,  und  daraufhin ­
  nannte  man  diese  jungen  Leute  gebildet.  Sie  sind  erzogen,
als  sollten  sie  auf  irgendeinen  anderen  Planeten  und  nicht  auf
unserer  Erde  leben!  Irgendwelche  Belehrung  im  eigentlichen  Sinne
        <pb n="71" />
        56  IV.  Das  gemeinschaftliche  Interesse  von  Arbeit  und  Kapital.
des  Wortes  ist  ihnen  nicht  erteilt  worden.  Vielmehr  hat  gerade
das,  was  man  sie  gelehrt  hat,  nur  dazu  beigetragen,  ihnen  falsche
Anschauungen  zu  geben  und  Widerwillen  gegen  das  praktische
Leben  zu  erwecken.  Ich  wundere  mich  keineswegs,  daß  gegen
eine  solche  Art  von  Bildung  ein  Vorurteil  bestand  und  noch
besteht.  Nach  meiner  eigenen  Erfahrung  gibt  es  wenige  junge
Leute,  die,  für  das  Geschäft  bestimmt,  von  ihrer  akademischen
Bildung  keinen  Schaden  erfahren  hätten.  Würden  sie  die  Jahre,
die  sie  auf  der  Schule  zubrachten,  zu  tüchtiger  Arbeit  angewandt
haben,  sie  wären  im  eigentlichen  Sinne  des  Wortes  Leute  von
besserer  Erziehung  geworden.  Feuer  und  Tatkraft  ist  in  ihnen
ausgestampft,  und  es  wurde  für  sie  zur  Hauptfrage,  wie  man
ein  Leben  voller  Müßiggang,  nicht  aber  voller  Nützlichkeit  lebe.
Doch  eine  neue  Art  von  Bildung  bemächtigt  sich  jetzt  unser!
Wir  beginnen  einzusehen,  daß  die  Kenntnis  z.  B.  der  Chemie
mehr  wert  ist  als  die  Kenntnis  aller  toten  Sprachen  zusammengenommen, ­
  welche  jemals  auf  der  Erde  gesprochen  wurden;  und
daß  die  Kenntnis  der  Mechanik  nützlicher  ist  als  alle  klassische
Bildung,  die  sich  in  einen  jungen  Mann  hineinpropfen  läßt.  Was
kann  der  junge  Mann,  der  griechisch  gelernt  hat,  leisten,  beispielsweise ­
  einem  anderen  gegenüber,  der  Stenographie,  Telegraphie,
Buchhaltung,  Chemie  oder  die  Gesetze  der  Mechanik  in  unseren
Tagen  versteht?  Nicht,  daß  irgendeine  Kenntnis  hier  unterschätzt
werden  soll;  jede  Kenntnis  ist  in  gewissem  Sinne  nützlich.  Nur
möchte  ich  betonen:  Die  heutigen  Tages  in  unseren  höheren
Schulen  gegebene  Bildung  ist  —  wenn  wir  von  den  wenigen
Leuten  absehen,  welche  Altertumsforscher  werden  wollen  und  in
der  Entzifferung  einer  staubigen  Vergangenheit  ihr  Lebenswerk
suchen,  sowie  von  den  wenigen,  welche  die  Beamtenlaufbahn
betreten  —  durchaus  und  direkt  von  Nachteil.
Der  Mangel  an  richtiger  Bildung  hat  mehr  als  alles  andere
dazu  beigetragen,  die  allgemeine  Anerkennung  der  Arbeit  als
solche  zu  verhindern.  Ich  erinnere  mich,  daß  der  große  Präsident
Edgar  Thomson,  der  größte  aller  Eisenbahndirektoren,  nach  welchem ­
  diese  Werke  alle  benannt  sind,  mir  einmal  den  Antrag
stellte,  von  Pittsburg  fort  zu  gehen  und  Maschinenmeister  der
Pennsylvania-Eisenbahn  zu  werden.  Gewiß,  Sie  mögen  darüber
        <pb n="72" />
        Ansprache  an  Arbeiter.

57

lächeln;  ich  selbst  sagte  zu  Thomson:  „Sie  setzen  mich'  in  Erstaunen, ­
  Herr  Thomson.  Ich  verstehe  ja  nichts  vom  Maschinenwesen.“ ­
  Eben  deshalb  will  ich  —  so  lautete  seine  Antwort
daß  sie  die  Oberaufsicht  übernehmen,  denn  ich  habe  noch  niemals
einen  Mechaniker  mit  richtigem  Urteil  und  gesundem  Menschenverstand ­
  gefunden.  Das  war  noch  vor  Hauptmann  Jones  Zeit.
Er  konnte  also  damit  den  Hauptmann  nicht  meinen.  Die  Ursache
dieses  Mangels  an  richtigem  Urteil  ist  der  Mangel  an  allgemeiner
Bildung  bei  den  Mechanikern.  Ich  meine  die  Kenntnis  von  Sachen
und  Dingen,  von  denen  wir  umgeben  sind  und  mit  denen  wir
tagtäglich  zu  tun  haben.  Der  beispiellose  Aufschwung,  den  die
Entwicklung  der  Bessemer  Werke  in  diesem  Lande  genommen,
hat  darin  seine  vorzüglichste  Ursache,  daß  —  ungleich  der  übrigen
Eisenindustrie  —  diese  Werke  in  die  Hände  von  Männern  von
großer  wissenschaftlicher  Bildung  kamen.  Die  von  diesen  Männern
geleisteten  Dienste  sind  von  der  ganzen  Welt  anerkannt  worden;
ihnen  wurde  dafür  ein  Lohn  zuteil,  der  vor  wenigen  Jahren  noch
als  ungeheuerlich  erschienen  wäre;  sie  haben  die  mechanische
Arbeit  wieder  gehoben  und  so  dazu  beigetragen,  daß  diese  in
den  Augen  der  Welt  wieder  gewürdigt  wurde.  „Mechaniker,
mechanische  Ingenieure,  Leiter  von  Stahlwerken“,  diese  Worte
gelten  jetzt  als  Ehrentitel.  Wenn  Sie  Arbeit  zu  dem  machen  wollen,
was  sie  sein  sollte,  dann  bilden  Sie  sich  weiter  fort  durch  Erwerbung ­
  nützlicher  Kenntnisse.  Das  ist  die  Lehre,  die  ich  nachdrücklichst
  betonen  möchte.  Streben  Sie  nach  Kenntnissen,  damit
Sie  erfahren,  was  die  Welt  getan  hat  und  tut,  und  was  der  Gang
der  Dinge  ist.
Der  Wert  der  Bildung,  die  junge  Leute  heute  erlangen,  darf
nicht  überschätzt  werden;  ganz  besonders  möchte  ich  auf  die  in
den  technischen  Schulen  erlangte  Bildung  hinweisen.  Es  gab  eine
Zeit,  in  der  die  menschliche  Wissenschaft  so  gering  war,  daß  es
einem  jungen  Manne  leicht  wurde,  alles  zu  umfassen.  Die  Lehrkurse ­
  unserer  akademischen  Schulen  geben  einen  gründlichen  Beweis ­
  für  diese  Tatsache.  Heutzutage  ist  die  Wissenschaft  so
verzweigt,  so  ausgedehnt  und  so  genau,  daß  es  für  den  einzelnen
unmöglich  geworden,  mehr  als  ein  kleines  Gebiet  zu  kennen.
Unser  Zeitalter  ist  das  Zeitalter  der  Spezialisten;  deshalb  sollten
        <pb n="73" />
        IV.  Das  gemeinschaftliche  Interesse  von  Arbeit  und  Kapital.

Sie,  die  in  dieser  Welt  Ihren  Lebensunterhalt  erwerben  müssen,
zunächst  das  Fach  oder  die  Kunst  gründlich  kennen  lernen,  welche
Sie  ernährt;  Sie  sollten  danach  streben,  Ihr  eigenes  Geschäft  so
gut  zu  kennen,  daß  Sie  in  Ihrer  Spezialität  zum  Sachverständigen
werden.  Wenn  Sie  Mechaniker  sind,  dann  studieren  Sie  alle
Werke,  die  über  Mechanik  handeln;  als  Chemiker  jedes  Werk,
welches  auf  Chemie  Bezug  hat;  sind  Sie  an  den  Schmelzöfen
beschäftigt,  jedes  Werk  über  Schmelzöfen;  in  den  Bergwerken,
jedes  Werk  über  Bergwerke.  Gestatten  Sie  niemandem,  über
Ihre  eigene  Spezialität  mehr  zu  wissen,  als  Sie  selbst  wissen.
Das  sollte  Ihr  Ideal  sein.  Ferner  ist  es  notwendig  —  wenn  auch
weniger  wichtig  —  eine  gewisse  Frische  in  Ihr  Leben  zu  bringen:
alles  durcheinander  und  etwas  über  alles  zu  lesen,  soweit  es
Ihre  Zeit  erlaubt.  Gerade  wie  der  Ackerbauer  zuerst  nach  seinem
Korn,  seinem  Weizen  und  seinen  Kartoffeln  sieht,  von  denen
er  seine  Einnahmen  zieht,  seine  Mußestunden  aber  zur  Pflege
von  Blumen  rings  um  sein  Haus  verwendet,  gerade  so  sei  für
Sie  das  eine  ein  Feld  der  Arbeit,  und  das  andere  ein  Feld  der
Erholung.
In  diesen  Zeiten  des  Überganges,  des  Kampfes  zwischen  Arbeit
und  Kapital  dürften  Sie  einige  Ihrer  Mußestunden  kaum  besser
anwenden,  als  zum  Studium  volkswirtschaftlicher  Fragen.  Es  gibt
gewisse  unumgänglich  große  Gesetze:  Das  Gesetz  von  Angebot
und  Nachfrage;  das  Gesetz  der  Wettbewerbe,  sowie  das  Gesetz
der  Löhne  und  des  Gewinnes;  all  das  werden  Sie  in  den  Büchern
finden;  und  halten  Sie  es  fest  im  Gedächtnis.  Es  ist  ebenso
unmöglich,  die  Wirkung  dieser  Gesetze  zunichte  zu  machen,  wie
die  Gesetze  der  Natur  einzuschränken,  welche  die  Feuchtigkeit
der  Luft  oder  die  Drehung  der  Erde  um  ihre  Achse  bestimmen.
Das  ernste  Studium  der  wissenschaftlichen  Werke  sollte  das  gleich
wichtige  Studium  der  Werke  der  Literatur  nicht  ausschließen,
und  vor  allem  nicht  die  Lektüre  von  Dichtungen.  Nach  meiner
Ansicht  ist  die  Meinung,  welche  an  vielen  Stellen  gegen  die
schöne  Literatur  besteht,  ein  Vorurteil.  Ich  weiß,  daß  einige,  ja,
sogar  die  meisten  hervorragenden  Männer,  in  einer  guten  Dichtung ­
  das  beste  Mittel  für  Genuß  und  Rast  fanden.  An  Geist
Und  Körper  —  und  vor  allem  durch  geistige  Arbeit  —  erschöpft,
        <pb n="74" />
        Ansprache  an  Arbeiter.

59

ist  nichts  so  erfrischend  als  die  Lektüre  eines  guten  Romans.
Es  zeugt  durchaus  von  keinem  Mißbrauch  der  öffentlichen  Bibüor
theken,  wenn  die  Werke  der  schönen  Literatur  am  meisten  gelesen ­
  werden.  Gerade  im  Gegenteil,  es  fragt  sich,  ob  überhaupt
eine  andere  Literaturgattung  so  gut  dem  wichtigen  Zwecke  dienen
würde,  hart  Arbeitende  aus  dem  prosaischen  und  trockenen
Pflichtenkreise  des  Alltagslebens  emporzuheben.  Die  Werke  Walter
Scotts,  George  Eliot’s,  Thackeray’s,  Dickens  und  anderer  von
gleicher  Bedeutung  haben  für  Arbeiter  ebensoviel  Wert,  wie  die
jedes  anderen  Literaturzweiges.
Sie  alle  wissen,  wieviel  das  industrielle  Wissen  jenen  Verbesserungen ­
  und  Erfindungen  schuldet,  die  ihre  erste  Veranlassung
den  Arbeitern  selbst  verdanken.  Merken  Sie  nur  vor  allem:  die
Verbesserungen  und  Erfindungen  kommen  stets  von  dem  gebildeten ­
  —  „gebildet“  im  wahrsten  Sinne  des  Wortes  —  und  niemals
von  dem  unwissenden  Arbeiter.  Sie  müssen  von  Männern  stammen ­
  und  stammen  auch  wirklich  von  Männern,  die  auf  ihrem
besonderen  Gebiete  mehr  Wissen  besitzen  als  ihre  Kameraden.
Wenn  sie  auch  nichts  gelesen  haben,  dann  haben  sie  eben  beobachtet, ­
  und  das  ist  die  beste  Art,  sich  zu  bilden.  Die  Hauptsache
besteht  eben  darin,  daß  sie  überhaupt  Wissen  besitzen;  wie  sie
zu  ihrem  Wissen  gekommen  sind,  bleibt  gleichgültig,  ihre  Fähigkeit, ­
  über  ein  Problem  mehr  zu  wissen  als  ihre  Kameraden,  eine
Abhilfe  oder  eine  Verbesserung  vorzuschlagen,  ist  allein  für  sie
selbst  und  für  ihre  Arbeitgeber  von  Wert.  Nichts  bringt  dem
Arbeiter  so  sicher  eine  Vormannschaft,  Direktorenstellung,  Teilhaberschaft ­
  ein,  als  das  Wissen  alles  dessen,  was  geleistet  worden
ist  und  was  heutzutage  geleistet  wird  auf  dem  besonderen  Gebiete, ­
  auf  dem  er  arbeitet.  Vom  Niedrigsten  bis  zum  Höchsten
hinauf  vermag  der  intelligente  Mann  besseres  zu  leisten  als  der
Unwissende.  Seine  Kenntnisse  sind  ihm  immer  förderlich,  und
ob  er  sie  in  der  Stellung  eines  leitenden  Direktors  oder  bloß  als
ein  Mann,  der  nur  die  Schaufel  handhabt,  besitzt  —  er  wird  in
jedem  Falle  ein  wertvollerer  Arbeiter  sein,  vorausgesetzt,  daß
alles  andere  gleichwertig  ist.  Aus  meiner  Praxis  als  Fabrikant
weiß  ich,  daß  unsere  Firma  mancherlei  Mißgriffe  gemacht  hat,
einzig  durch  Vernachlässigung  der  Regel,  niemals  etwas  Neues
        <pb n="75" />
        60  IV.  Das  gemeinschaftliche  Interesse  von  Arbeit  und  Kapital.
zu  beginnen,  bevor  der  Betriebsleiter  Gelegenheit  gehabt,  alles  zu
prüfen,  was  in  dem  betreffenden  Gebiete  geleistet  worden  ist.
Die  Vernachlässigung  dieser  Regel  kostete  uns  Tausende  von
Dollars,  und  das  hat  uns  vorsichtig  gemacht.  Demjenigen  nun,
der  Ehrgeiz  besitzt  und  vielleicht  denkt,  er  habe  eine  Verbesserung ­
  im  Kopfe,  sage  ich:  Hier  in  den  Räumen  dieser  Bücherei)
ist,  oder  wird,  wie  ich  hoffe,  bald  die  Erfahrung  der  ganzen
Welt  über  eben  diesen  Gegenstand  bis  auf  die  jüngste  Zeit  hinunter ­
  sein.  Für  jede  Frage  der  Chemie,  für  jede  Frage  der
Schmelzöfenpraxis  finden  Sie  die  Aufzeichnungen  der  ganzen  Welt
zu  Ihrer  Verfügung;  wenn  Sie  auf  dem  falschen  Wege  sind,  werden
die  Bücher  es  Ihnen  sagen;  befinden  Sie  sich  auf  dem  rechten
Wege,  so  werden  die  Bücher  Ihnen  Mut  machen.  Sie  können  in
dem  Patentamt  zu  Washington  von  einem  Saale  in  den  andern
gehen:  dort  sehen  Sie  Tausende  von  Modellen  für  alle  Gebiete
menschlicher  Tätigkeit.  Aber  99  von  jedem  Hundert  wären  dort
nicht  aufgestellt  worden,  hätte  der  unwissende  Erfinder  die  Gelegenheit ­
  gehabt,  welche  Ihnen  diese  Bücherei  bietet.  Ich  hörte
Arbeitgeber  sagen,  in  der  Bildung  der  Massen  liege  eine  große
Gefahr;  der  einfache  Mann  würde  dann  mit  seinen  nützlichen
und  notwendigen  Beschäftigungen  nicht  mehr  zufrieden  sein.  Ich
habe  mich  wirklich  selbst  bezwingen  müssen,  solche  Grundsätze
mit  Ruhe  anzuhören.  Sie  sind  ganz  und  gar  falsch,  und  ich  widerspreche ­
  ihnen  auf  das  entschiedenste.  Das  Mißverständnis  zwischen ­
  Kapital  und  Arbeit  steht  geradezu  im  direkten  Verhältnis
zur  Unwissenheit  der  Arbeitgeber  und  zur  Unwissenheit  der  Arbeitnehmer. ­
  Je  intelligenter  der  Arbeitgeber,  desto  besser;  je
intelligenter  der  Arbeitnehmer,  desto  besser.  Niemals  hat  Bildung, ­
  niemals  haben  Kenntnisse  Zusammenstöße  herbeigeführt;
immer  war  Unwissenheit  des  einen  oder  beider  Teile  daran  schuld.
Auf  Grund  einer  nicht  unbeträchtlichen  Erfahrung  stelle  ich
hier  fest:  der  Kapitalist  kennt  die  Rechte  und  Ansprüche  des
Arbeiters  nicht,  und  der  Arbeiter  kennt  die  Nöte  und  Gefahren
der  Kapitalisten  nicht.  Darin  liegt  die  wahre  Ursache  aller  zwischen
beiden  aufkommenden  Reibungen.
Eine  intime  Kenntnis  der  Kapitalisten  von  den  guten  Eigenschaften ­
  derer,  die  ihnen  dienen,  und  einige  Kenntnis  von  seiten
        <pb n="76" />
        Ansprache  an  Arbeiter.

61

der  Arbeiter  über  die  volkswirtschaftlichen  Gesetze,  welche  die
Kapitalisten  in  unbarmherzigem  Zwang  halten,  würde  vielen  Mißhelligkeiten ­
  zwischen  den  beiden  Teilen  da  jeder  dem  andern
unumgänglich  nötig  ist  —  Vorbeugen.  Ich  hoffe,  diejenigen,  welche
den  unschätzbaren  Vorzug  der  Neigung  zum  Lesen  besitzen,  werden
einige  der  Grundgesetze,  von  denen  es  weder  für  das  Kapital
noch  für  die  Arbeit  ein  Entrinnen  gibt,  sorgfältig  studieren.  Wenn
diese  Bücherei  zu  diesem  Zwecke  auch  nur  das  leiseste  beiträgt,
wird  sie  schon  dadurch  ihre  Existenz  gerechtfertigt  haben.
Auch,  denke  ich,  dürften  Sie  bei  all  dem  nicht  vergessen,
sich  zu  amüsieren.  Man  soll  das  Leben  nicht  allzu  ernst  nehmen.
Der  Glaube,  daß  der  Mann,  der  nichts  tut  als  arbeiten,  den  Preis
gewinnt,  enthält  einen  großen  Irrtum.  Haben  Sie  ruhig  Ihr  Vergnügen. ­
  Lernen  Sie  gut  Whist,  gut  Dame  oder  auch  gut  Billard
spielen,  nehmen  Sie  Interesse  an  Fußball,  Crikett,  oder  auch  an
Pferden;  kurz  an  irgend  etwas,  das  Ihnen  eine  unschuldige  Freude
macht  und  Sie  von  des  Tages  Mühen  befreit.  Nichts  besseres
als  ein  herzliches  Lachen!  Ich  schreibe  den  größten  Teil  meiner
Erfolge  der  Tatsache  zu,  daß  —  wie  meine  Partner  oft  sagen  —
Sorgen  an  meinem  Rücken  herunterfließen,  wie  Wasser  an  einer
Ente.  Shakespeare  sagt,  an  einer  hier  wohlangebrachten  Stelle:
„Trage  deine  Sorgen,  wie  das,  was  du  äußerlich  an  dir  hast,
gerade  wie  deine  Kleider:  unbekümmert.“
Man  begegnet  vielen  im  Leben,  die,  ihrer  eigenen  Überzeugung ­
  zufolge,  groß  und  erfolgreich  gewesen  wären,  hätte  die
Welt  ihnen  den  Wert  zugestanden,  welchen  sie  selbst  für  sich
in  Anspruch  nehmen.  Solche  Leute  sind  das  Opfer  ihrer  Einbildung. ­
  Niemand  in  der  Welt  wünscht  wahre  Fähigkeiten  niederzuhalten. ­
  Jedermann  streckt  ihnen  freudig  die  Hand  entgegen.
Jeder  Arbeitgeber  prüft  die  jungen  Leute  in  seinem  Wirkungskreise, ­
  stets  außerordentlich  begierig,  um  ausnehmende  Fähigkeiten ­
  ausfindig  zu  machen.  Nichts  in  der  Welt  ist  so  wünschenswert ­
  für  ihn  und  nichts  so  gewinnbringend,  wie  Begabung.  Jeder
Abteilungsdirektor  ist  bereit,  den  Mann  festzuhalten  und  zu  verwerten, ­
  welcher  etwas  besonders  Wertvolles  zu  leisten  vermag.
Jeder  Vormann  hat  den  Wunsch,  Leute  unter  sich  zu  haben,  auf
die  er  sich  verlassen  kann  und  deren  Verdienste  zu  seinem  eignen
        <pb n="77" />
        *■&amp;lt;¥■'  '  *

62  IV.  Das  gemeinschaftliche  Interesse  von  Arbeit  und  Kapital.
Besten  sprechen;  denn  den  größten  Beweis  für  seine  Geschicklichkeit ­
  bringt  er  nicht  so  sehr  durch  seine  eignen  Leistungen,  als
durch  die  Leistungen  derer,  mit  denen  er  sich  zu  umgeben  versteht. ­
  Die  Bücher  in  diesen  Regalen  werden  Ihnen  viele  Geschichten ­
  erzählen  von  denen,  die  sich  aus  unserm  Arbeiterstande
emporgearbeitet  haben.  Nicht  der  Gebildete  oder  der  sogenannte
Gebildete  oder  der  klassisch  Gebildete,  nicht  der  Adel  und  nicht
die  Fürsten  sind  es,  welche  die  Geschichte  der  Welt  bestimmt
haben,  weder  im  Feld  noch  im  Rat,  weder  im  Laboratorium  noch
in  der  Werkstatt.  Die  großen  Erfindungen,  die  Verbesserungen
in  der  Wissenschaft,  die  großen  Werke  der  Literatur:  sie  alle  sind
das  Werk  solcher,  die  dem  Stande  der  Armut  entsprangen!  Sie
können  kaum  eine  große  Entdeckung,  kaum  den  Namen  eines
großen  Bildwerkes,  kaum  ein  großes  Lied  oder  eine  große  Erzählung, ­
  noch  irgend  etwas  anderes  Großes  nennen,  das  nicht
von  Männern  geschaffen  wäre,  die  damit  begannen,  ihren  Lebensunterhalt ­
  durch  ehrliche  Arbeit  zu  verdienen.  Und  glauben  Sie
mir,  der  Arbeiter,  den  sein  Vormann  nicht  anerkennt,  und  der
Vormann,  den  sein  Direktor  nicht  anerkennt,  und  der  Direktor,
den  seine  Firma  nicht  anerkennt,  sollte  die  Ursache  dafür  nicht
in  der  Firma,  nicht  in  dem  Direktor,  nicht  in  seinem  Vormann,
sondern  einzig  und  allein  in  sich  selbst  suchen.  Er  ist  einfach
nicht  imstande,  das  zu  leisten,  was  so  außerordentlich  bewertet
und  so  eifrig  gesucht  wird.  Es  gibt  niemanden,  der  nicht  zur
höchsten  Stellung  emporsteigen,  niemanden,  der  nicht  infolge  des
Mangels  an  den  rechten  Eigenschaften  oder  infolge  ihres  Unrechten
Gebrauches  zur  tiefsten  Stufe  herabsinken  könnte.  Angestellte
haben  jede  Möglichkeit  zu  einer  höheren  Tätigkeit  emporzukommen;
sie  können  Oberaufseher,  Partner  und  sogar  Verwaltungsräte  in
unsern  Diensten  werden,  sobald  sie  die  nötigen  Eigenschaften
besitzen.  Niemals  sollen  sie  glauben,  entbehrlich  zu  sein;  gerade
wir  sind  es,  die  fürchten,  die  Fähigkeiten  solcher  Männer  könnten
uns  verloren  gehen.  Es  ist  eine  große  Genugtuung  für  uns,  daß
die  tägliche  Arbeitszeit  in  ganz  Amerika  herabgesetzt  wurde.
8  Stunden  Arbeit,  8  Stunden  Muße  und  8  Stunden  Schlaf  erscheint ­
  als  die  ideale  Teilung.  Ein  gesetzlicher  Zwang  für  alle
Betriebe,  welche  Tag  und  Nacht  arbeiten,  wäre  sehr  wünschens-
        <pb n="78" />
        Ansprache  an  Arbeiter.

63

wert.  Sie  wissen,  daß  wir  das  mit  einer  Aufopferung  von  einigen
hunderttausend  Dollars  versucht,  allein  wir  sahen  uns  zuguterletzt ­
  durch  unsere  Konkurrenten  gezwungen,  den  Kampf  aufzugeben;
das  beste  dürfte  sein,  diese  Tagesteilung  nach  und  nach  durch  staatliche ­
  Gesetzgebung  zu  erreichen.  Eine  einzelne  Firma  kann  wenig
dafür  tun;  alle  Konkurrenten  müssen  zu  gleicher  Zeit  dazu  ge^
zwungen  werden,  denn  in  unsern  Tagen  sind  die  Verdienste  dem
Prozentsatz  nach  so  gering,  daß  keine  Firma  ihre  Werke  in  Tätigkeit ­
  halten  kann,  wenn  nicht  unter  Bedingungen,  die  denen  ähnlich, ­
  welche  die  Konkurrenz  beherrschen.  Daher  ist  es  notwendig,
daß  alle  gesetzlich  gezwungen  werden.  Wir  wären  glücklich,  solch
ein  Gesetz  für  die  8-Stundenarbeit  unterstützen  zu  dürfen,  aber
selbst  jetzt  können  Arbeiter,  wenn  sie  die  ihnen  verfügbare  freie
Zeit  gut  benutzen,  bald  zu  höheren  Stellungen  aufsteigen.  Nicht
auf  lange  hin  brauchen  sie  12  Stunden  zu  arbeiten;  viele  unter
uns  haben  in  ihrer  Jugend  länger  als  12  Stunden  gearbeitet.
Der  Arbeiter  hat  heutzutage  gar  viele  Vorteile  gegen  früher.
Die  gleitende  Lohnskala  stellt  ihn  als  Mann  und  Bürger  höher
als  den  Arbeiter  vergangener  Tage.  Der  Teil  des  aus  Arbeit
und  Kapital  zusammengeernteten  Gewinnes,  welcher  heute  den
Arbeitern  zugute  kommt,  war  niemals  so  groß  und  niemals  so
im  Steigen  begriffen;  der  aus  dem  Kapital  gezogene  Nutzen  niemals ­
  so  gering  als  gegenwärtig.  Auch  die  Kosten  für  den  Lebensunterhalt ­
  waren  niemals  geringer  als  zu  unserer  Zeit.
Ich  hoffe,  daß  die  Zukunft  noch  viele  große  Vorteile  bringen
wird,  und  daß  der  mühsame  Marsch,  welchen  der  Arbeiter  auf
dem  Wege  von  der  Sklaverei,  in  die  unsere  Vorväter  zugleich
mit  Bergwerken  und  Fabriken  gekauft  und  verkauft  wurden,
hinauf  zu  seiner  gegenwärtigen  Stellung  machte,  noch  keineswegs
sein  Ende  erreicht  hat;  sondern,  daß  dieser  Marsch  noch  immer
weiter  fortgesetzt  werden  und  zu  anderen  wichtigen  Ergebnissen
für  das  Wohlergehen  und  die  Würde  der  Arbeit  führen  wird.

V  V  V
V  V
V
        <pb n="79" />
        V.  Sparen  eine  Pflicht.
Pflichten  reicher  Leute.
Die  Wichtigkeit  dieses  Themas  ergibt  sich  aus  der  Tatsache,
daß  die  Gewohnheit  des  Sparens  einen  der  Hauptunterschiede
zwischen  wilden  und  zivilisierten  Menschen  ausmacht.  Zu  den
Grundverschiedenheiten  zwischen  kultiviertem  und  unkultiviertem
Leben  gehört  eben  das  Fehlen  von  Sparsamkeit  in  dem  einen,
und  ihr  Vorhandensein  in  dem  anderen  Falle.  Wenn  Millionen
Menschen  auch  nur  eine  Kleinigkeit  ihres  täglichen  Einkommens
sparen,  so  machen  diese  winzigen  Summen  doch  eine  ungeheure
Summe  aus.  Diese  Summe  nennt  man  das  Kapital,  über  welches
so  viel  geschrieben  wird.  Wenn  jeder  all  das,  was  er  täglich
verdient,  gerade  wie  die  Wilden,  verzehren  oder  vertun  würde,
dann  gäbe  es  überhaupt  kein  Kapital,  das  heißt,  keine  Ersparnisse
für  zukünftigen  Gebrauch.
Lassen  Sie  uns  nun  einmal  sehen,  wozu  Kapital  in  der  Welt
nützlich  ist.  Wir  wollen  erwägen,  was  die  Schiffbauer  tun,  wenn
sie  ein  großes  Schiff  zu  bauen  haben.  Die  großen  Gesellschaften
erbieten  sich  zum  Bau  eines  solchen  Seeungeheuers  —  sagen
wir  einmal,  zu  einem  Preise  von  10  Millionen  Mark;  dieser
Preis  nun  ist  erst  dann  zu  zahlen,  wenn  das  Schiff  nach  erfolgreichen ­
  Versuchen  abgeliefert  wird.  Wie  und  woher  nehmen  nun
die  Schiffbauer  das  Geld  zur  Zahlung  ihrer  Arbeitsleute,  des
Holzhändlers,  des  Stahlfabrikanten  und  all  der  anderen  Leute,  die
das  Material  zum  Bau  des  Schiffes  liefern?  Von  nirgends  anders
als  aus  den  Ersparnissen  zivilisierter  Menschen.  Es  ist  ein  Teil
des  von  Millionen  fleißiger  Menschen  zu  Kapitalsanlagen  ersparten
Geldes.  Jeder  einzelne  spart  ein  bißchen,  tut  das  Ersparte  in
einen  Beutel  und  leiht  es  den  Schiffbauern,  welche  für  Benutzung
        <pb n="80" />
        Pflichten  reicher  Leute.

65

des  Geldes  Interessen  zahlen.  Ganz  dasselbe  ist  es  mit  dem
Bau  von  Fabriken,  Eisenbahnen,  Kanälen  und  allem  anderen,  das
viel  Geld  kostet.  Wir  könnten  heute  nicht  viel  weiter  fortgeschritten
sein  als  die  Wilden,  hätten  wir  nicht  über  Erspartes  zu  verfügen.
Sparen  ist  deshalb  die  erste,  vorzüglichste  Pflicht.
Sparsamkeit  ist  die  unumgänglichste  Voraussetzung  jedes  Fortschrittes. ­
  Ohne  Ersparnisse  keine  Eisenbahnen,  keine  Kanäle,  keine
Schiffe,  keine  Telegraphen,  keine  Kirchen,  keine  Universitäten,
keine  Schulen,  keine  Zeitungen,  kurz  nichts,  was  immer  groß
und  kostspielig  ist.  Der  Mensch  muß  Sparsamkeit  üben  und
Geld  beiseite  legen,  ehe  er  etwas  Substantielles  von  großem
Werte  hervorzubringen  vermag.  Nichts  konnte  gebaut  und  nichts
gemacht  werden,  solange  der  Mensch  als  sparloser  Wilder  lebte.
Des  zivilisierten  Menschen  erste  Pflicht  erfordert  es  daher,  schon
von  jungen  Jahren  an  die  Notwendigkeit  im  Auge  zu  behalten,
für  seine  eigene  Zukunft  und  die  Zukunft  derer,  die  von  ihm
abhängen,  Vorsorge  zu  treffen.  Wenige  Regeln  sind  so  wichtig
und  heilsam,  wie  das  von  den  meisten  weisen  und  guten  Menschen ­
  befolgte  Gesetz:  daß  die  Ausgaben  stets  geringer  sein
müssen,  als  die  Einnahmen.  Mit  anderen  Worten:  Man  zeige
sich  als  zivilisierter  Mensch,  indem  man  etwas  beiseite  legt  und
nicht  als  Wilder,  der  immer  wieder  das  ganz  verzehrt,  was  er
einnimmt.  Der  große  Dichter  Burns  sagt  in  seinem  Rat  an  einen
jungen  Mann:

To  catch  Dame  Fortune’s  golden
smile,
Assiduous  wait  upon  her:
And  gather  gear  by  every  wile
That  justified  by  honour.
Not  for  to  hide  it  in  a  hedge,
Not  for  a  train  attendant;
But  for  the  glorious  privilege
Of  being  indepedent.

Fortunas  flüchtig  goldne  Gunst
Auf  jede  Art  begehre,
Erhasche  sie  mit  jeder  Kunst,
Erlaubt  bei  deiner  Ehre.

Nicht  als  der  Göttin  schnöder  Knecht,
Nicht  als  ihr  Schleppenhalter.
Nein  für  das  stolze  große  Recht,
Selbst  Herr  zu  sein  und  Walter.

Das  ist  ein  gesunder  Rat,  welchen,  wie  ich  hoffe,  der  Leser
sich  zu  Herzen  nehmen  und  auch  befolgen  wird.  Kein  stolzer,
sich  selbst  achtender  Mann  kann  jemals  glücklich  oder  auch  nur
zufrieden  sein,  wenn  er  für  seine  notdürftigen  Bedürfnisse  von
Carnegie,  Kaufmanns  Herrschgewalt.  5
        <pb n="81" />
        66

V.  Sparen  eine  Pflicht.

anderen  abhängt.  Derjenige,  der  abhängig  ist,  hat  nicht  die  volle
Höhe  der  Männlichkeit  erreicht  und  kann  kaum  unter  die  würdigen ­
  Staatsbürger  gezählt  werden.  Sicherheit  und  Fortschritt  eines
Landes  hängt  weder  von  den  Hochgebildeten,  noch  von  den
Millionären,  noch  von  der  größeren  Zahl  der  Armen  ab',  sondern
von  der  Zahl  der  nüchternen,  intelligenten,  fleißigen  und  sparsamen ­
  Arbeiter,  die  weder  sehr  arm,  noch  sehr  reich  sind.
Die  Pflicht  des  Sparens  hat  aber  auch  ihre  Grenzen.
Gewöhnlich  ist  der  sparsame  Mann  auch  ein  guter  Gatte,  ein
trefflicher  Vater  und  ein  friedlicher,  den  Gesetzen  gehorsamer
Bürger.  Die  Ersparnisse  brauchen  auch  nicht  gerade  groß  zu
sein.  Es  ist  überraschend,  mit  wie  wenig  Geld  man  die  nötigen
Lebensbedürfnisse  zu  bestreiten  vermag.  Eine  kleine  schuldenlose ­
  Häuslichkeit  und  wenige  hundert  Pfund,  ganz  wenige  —
das  ist  alles,  was  dazu  nötig  ist.  Beides  ist  von  sparsamen
Leuten  schneller  erworben,  als  man  denkt.  Großer  Reichtum  ist
etwas  ganz  anderes  und  viel  weniger  wünschenswert.  Weder
der  Zweck  des  Sparens  noch  die  Pflicht  des  Menschen  besteht
darin,  Millionen  zu  erwerben.  Es  ist  ganz  und  gar  keine  Tugend,
dergleichen  als  Endzweck  aufzustellen,  vielmehr  endet  die  Pflicht
des  Sparens,  sobald  wir  die,  welche  von  uns  abhängen,  anständig
versorgt  haben.  Millionen  zusammenzuscharren  ist  nicht  Sparsamkeit, ­
  sondern  Geiz.  Allerdings  bleibt  es  unter  den  bestehenden ­
  industriellen  Verhältnissen  unvermeidlich,  daß  wenige,  sehr
wenige  weit  über  ihre  Verhältnisse  hinaus  Geld  machen.  Die
Anhäufung  von  Millionen  ist  gewöhnlich  das  Ergebnis  von  Unternehmungsgeist, ­
  richtigem  Urteil  und  außerordentlicher  Organisationsfähigkeit. ­
  Es  ist  kein  Ergebnis  gewöhnlichen  Sparens.  Leute,
welche  im  Alter  nur  darauf  ausgehen,  ihr  schon  großes  Vermögen
noch  zu  vermehren,  sind  gewöhnlich  Sklaven  ihres  schon  in  jungen
Jahren  hervortretenden  Geizes.  Zu  allererst  sind  sie  die  Herren
des  Geldes,  welches  sie  erworben  und  erspart  haben,  später  wird
das  Geld  ihr  Herr;  sie  können  nicht  mehr  anders;  so  übermächtig ­
  ist  die  Macht  der  Gewohnheit,  im  Guten  wie  im  Bösen.
Mißbrauch,  nicht  rechter  Gebrauch'  des  Spartriebes,  bringt  diese
Klasse  von  Leuten  hervor.
Nie  wird  jemand  solchem  Sparmißbrauch  zum  Opfer  fallen,
        <pb n="82" />
        Pflichten  reicher  Leute.

67

V  V  V
V  V
V

der  es  sich  immer  gegenwärtig  hält,  daß  Reichtum  etwas  heilig
Anvertrautes  ist,  welches  er  zum  Wohle  seiner  Mitmenschen  zu
gebrauchen,  verpflichtet  ist.  Ein  rechter  Mann  muß  stets  sich
selbst  zu  meistern  wissen.  Er  soll  Geld  wie  einen  nützlichen
Diener  benutzen.  Geld  darf  niemals  sein  Herr,  und  er  selbst
niemals  zum  Geizhals  werden.
Dem  Manne  erwächst  wohl  die  erste  Pflicht,  sich  ein  ausreichendes ­
  Vermögen  zu  erwerben  und  sich  selbständig  zu  machen.
Allein  damit  endet  seine  Pflicht  keineswegs.  Es  ist  seine  weitere
Pflicht,  etwas  für  seine  bedürftigen  Nachbarn  zu  tun,  die  vom
Glücke  weniger  begünstigt  sind  als  er  selbst;  seine  Schuldigkeit,
zum  allgemeinen  Besten  der  Gemeinschaft  beizutragen,  in  welcher
er  lebt.  Genießt  er  doch  den  Schutz  ihrer  Gesetze;  dieser  Schutz
setzt  ihn  erst  instand,  durch  seine  Unternehmungen  für  sich  selbst
und  seine  Familie  ausreichend  zu  sorgen.
Alles,  was  er  mehr  erwirbt,  gehört  nach  Recht  und  Gerechtigkeit ­
  der  schützenden  Macht,  die  ihn  gepflegt  und  instand
gesetzt  hat,  finanziellen  Erfolg  zu  erringen.  Der  Versuch,  die
Welt  besser  zu  machen,  als  man  sie  vorgefunden,  heißt  einen
edlen  Lebenszweck  verfolgen.  Dein  Überfluß  soll  zur  Verbesserung ­
  Deines  eigenen  Wesens  beitragen  und  Dich  unter  diejenigen
einreihen,  welche  Edelleute  sind  auf  Grund  ihres  Charakters.  Es
ist  Pflicht  für  Dich,  zu  verstehen,  daß  es  Pflicht  ist,  sich  die
Gewohnheit  des  Sparens  anzueignen.  Beginne  Deine  Ersparnisse
mit  Deinem  ersten  Verdienst;  zeige  Dich  dadurch  als  zivilisierter
Mensch  und  gib  nicht  alles  aus  wie  ein  armer  Wilder.
        <pb n="83" />
        VI.  Wie  kann  man  ein  Vermögen  erwerben?
Alle  wirtschaftliche  Arbeit  teilt  sich  in  zwei  große  Lager:
Ackerbau  und  Industrie.  In  beiden  sind  verschiedene  Kräfte  tätig.
In  dem  einen  Lager  geht  alles  auf  weitere  Verteilung  von  Land
unter  die  vielen  aus;  in  dem  anderen  Lager  zielt  alles  auf  Konzentration ­
  des  Geschäftes  in  den  Händen  von  wenigen  hin.  Einer
der  großen  Irrtümer,  auf  welche  Georges  bekanntes  Buch  „Fortschritt ­
  und  Armut“  aufgebaut  ist,  besteht  in  der  Voraussetzung,
daß  Grund  und  Boden  immer  mehr  in  die  Hände  von  wenigen
komme.  Die  einzige  Quelle  aus  der  Henry  George  seine  Kenntnis ­
  über  diesen  Funkt  schöpfen  konnte,  ist  der  Census;  der
Census  aber  sagt  aus,  daß  im  Jahre  1850  die  durchschnittliche
Größe  der  Landgüter  in  den  Vereinigten  Staaten  203  Acres,  im
Jahre  1860  199  Acres,  im  Jahre  1870  153  Acres  und  im  Jahre
1880  134  Acres  betrug.  Die  Ursache  für  diese  äußerst  schnelle
Landaufteilung  erklärt  sich  leicht.  Der  Landwirt,  welcher  ein  kleines ­
  Gut  mit  eigener  Hand  kultiviert,  vermag  leicht  den  ehrgeizigen ­
  Kapitalisten  aus  dem  Felde  zu  schlagen,  der  versucht,  Land
in  weiten  Flächen  mit  der  Arbeit  anderer  zu  kultivieren.  Es
ist  bemerkenswert,  daß  in  Großbritannien  der  kleine  Landwirt
die  Zeiten  landwirtschaftlicher  Not  bei  weitem  besser  überstanden
hat  als  der  Großgrundbesitzer.  Wir  haben  für  Amerika  sowohl
wie  für  England  den  besten  Beweis,  daß  unter  gleichen  gesetzlichen ­
  Voraussetzungen  Landbesitz  sich  immer  mehr  und  mehr
unter  die  Massen  der  Bevölkerung  verteilt.  In  der  ganzen  Masse
sozialer  Erscheinungen  gibt  es  keine  wichtigere  Tatsache,  als  die
eben  erwähnte,  und  nichts,  was  dem  denkenden  Forscher  größere ­
  Befriedigung  verursacht.  Der  Triumph  des  kleinen  Landr
eigners  über  den  Großgrundbesitzer  sichert  Wachstum  und  Be ­
        <pb n="84" />
        VI.  Wie  kann  man  ein  Vermögen  erwerben?  69

stand  desjenigen  gesellschaftlichen  Elements,  auf  welches  die  Zivilisation ­
  am  sichersten  Zählen  kann;  denn  es  gibt  keine  andere  Volkskraft, ­
  die  das  Gute  so  erhält  und  die  zugleich  so  ehrlich  denkend
und  tugendhaft  ist,  wie  der  Stand,  welcher  seinen  Acker  mit  eigener
Hand  bebaut.  Zum  Glück  für  die  Menschheit  lehrt  die  Erfahrung,
daß  kein  Mann  mit  Nutzen  für  sich  selbst  mehr  Boden  bebauen
kann,  als  er  selbst  mit  Hilfe  seiner  Familie  zu  bestellen  vermag.
Wenden  wir  uns  nun  dem  anderen  Lager,  dem  der  industriellen ­
  Arbeit,  zu.  Es  wird,  wie  wir  eingestehen  müssen,  gerade
von  dem  entgegengesetzten  Gesetze  beherrscht,  welches  Gewerbe
und  Geschäft  im  allgemeinen  zur  Konzentration  in  wenige  großartige ­
  Betriebe  zwingt.  Beispielsweise  sehen  wir  1700  Uhren
täglich  von  einer  einzigen  Gesellschaft  angefertigt.  Daher  sind
Uhren  zu  einem  sehr  mäßigen  Preise  käuflich.  Wir  haben  Werke,
die  jeden  Tag  tausend  Meter  Kattun  erzeugen,  und  dieser  vielbegehrte ­
  Artikel  kann  für  wenige  Pfennige  pro  Elle  erstanden
werden.  Stahlwarenfabrikanten  erzeugen  täglich  2500  Tonnen  Stahl;
infolgedessen  werden  vier  Pfund  feiner  Stahl  für  5  Cents  (20  Pfennige) ­
  verkauft.  Und  so  geht  es  fort  durch  das  ganze  Gebiet  der
Industrie.  Man  zerteile  die  großen  Fabriken  in  kleine  Anlagen,
alsdann  wird  man  finden:  die  Herstellung  einzelner  Artikel  ist
überhaupt  nicht  möglich!  denn  der  Erfolg  der  Arbeit  hängt  davon
ab,  daß  die  Waren  in  großen  Massen  hergestellt  werden;  die
Herstellungskosten  ein  und  desselben  Artikels  würden  in  kleinen
Fabrikanlagen  den  gegenwärtigen  Preis  zwei-  oder  dreimal  übertreffen. ­
  Es  gibt  für  dieses  Gesetz  der  Konzentration  in  der  industriellen ­
  Welt  durchaus  kein  gegenwirkendes  Gesetz.  Ganz  im
Gegenteil,  die  bei  der  Arbeit  beteiligten  Kräfte  scheinen  wachsende
Produktion  von  jedem  Großbetriebe  zu  fordern,  damit  das  Minimum ­
  an  Unkosten  erreicht  werde.  Daher  schreibt  sich  nun  der
rapide  und  fortwährende  Kapitalzufluß  Z u  den  Fabriken  und  Handelsanlagen; ­
  fünf,  fünfzehn,  ja  zwanzig  Millionen  werden  häufig
von  ein  und  derselben  Gesellschaft  verwendet.  All  das  hat  zu
einer  oft  gehörten  Klage  Anlaß  gegeben,  deren  Grundlosigkeit
ich  zu  beweisen  hoffe.  Der  praktische  junge  Geschäftsmann  weist
auf  diese  Verhältnisse  hin  und  meint:  Es  ist  nicht  mehr  möglich,
ohne  Kapital  über  die  Stellung  eines  bezahlten  Angestellten  hin ­
        <pb n="85" />
        70  VI.  Wie  kann  man  ein  Vermögen  erwerben?

auszukommen!  Ein  Ungeheuer  stellt  sich  jedem  ohne  eigene
Mittel  in  den  Weg:  Dieses  Ungeheuer  deutet  auf  unabhängige
Macht  oder  Teilhaberschaft;  es  ist  repräsentiert  in  den  bestehenden ­
  ungeheuren  Etablissements,  welche  dem  Emporkommen  junger
Leute  ein  unübersteigliches  Hindernis  entgegenstellen.  Dagegen;  hat
der  junge  Landwirt,  wie  Wir  gesehen  haben,  von  dem  Kapitalisten
nichts  zu  fürchten.  Mit  geringem  Kapital,  das  er  leicht  ersparen
oder  leihen  kann,  vermag  er  sein  landwirtschaftliches  Gewerbe
zu  beginnen,  und  seine  einzigen  Wettbewerber,  mit  denen  er  zu
rechnen  hat,  sind  mit  ihm  in  der  gleichen  Lage.  Zweifellos  ist
es  für  einen  Mechaniker  oder  praktischen  Geschäftsmann  heutzutage ­
  viel  schwerer,  ein  neues  Geschäft  zu  etablieren  oder  einen
Teilhaber  für  ein  schon  bestehendes  Geschäft  zu  erhalten,  als  es
einem  jungen  Ackerbauer  wird,  mit  nichts  anzufangen.  Trotzdem, ­
  die  Schwierigkeiten  sind  weder  unüberwindlich  noch  größer
als  früher.  Allerdings  eignen  sie  sich  nicht  dazu,  den  Ehrgeizigen
anzustacheln;  aber  es  muß  in  Rechnung  gezogen  werden,  daß,
wenn  das  Rennen  in  der  Industrie-  und  Geschäftswelt  auch  schwerer
zu  gewinnen,  dafür  auch  der  Preis  beträchtlich  größer  ist.
Bevor  ich  die  Aussichten  des  Mechanikers  in  der  industriellen
und  die  des  Gehilfen  in  der  kaufmännischen  und  in  der  Finanzwelt ­
  näher  betrachte,  möge  es  mir  erlaubt  sein,  zu  zeigen,  daß
gerade  die  letzten  beiden  Klassen  bei  der  Etablierung  derjenigen
großen  Fabriken,  Geschäftshäuser  und  großen  Finanzinstitute,  die
heute  in  den  Vereinigten  Staaten  am  besten  bekannt  sind,  beteiligt
waren.  Sprechen  wir  zunächst  von  den  gelernten  Mechanikern.
Alle  unsere  großen  Werke  Wurden  begründet  und  geleitet  von
Mechanikern;  also  von  Männern,  die  ihre  Lehrlingszeit  durchgemacht ­
  haben.  Ja,  die  Anzahl  der  hier  in  Betracht  kommenden
Anlagen  würde  sich  uns  noch  weit  größer  darstellen,  wenn  wir
diejenigen  Betriebe  mit  einschließen  wollten,  deren  Gründer  ihre
Laufbahn  als  Comptoirburschen  oder  Gehilfen  begonnen  haben.
In  diesem  Falle  müßten  wir  beinahe  alle  großen  Betriebe  einschließen; ­
  beispielsweise  war  Edison  Telegraphist.
In  den  kaufmännischen  und  finanziellen  Zweigen  der  Geschäftswelt, ­
  die  alle  unter  dem  Konzentrationsgesetz  stehen  und
deshalb  geschäftlich  den  Großbetrieben  zudrängen,  nimmt  der  Ge ­
        <pb n="86" />
        VI.  Wie  kann  man  ein  Vermögen  erwerben?

71

hilfe  dieselbe  Stellung  ein,  wie  der  geschickte  Mechaniker  in  der
industriellen  Welt.  Alle  großen  Geschäftshäuser  zeigen,  soweit
ich  ihre  Geschichte  zu  verfolgen  vermag,  denselben  Ursprung.
Wanamaker  in  Philadelphia,  Claflins  in  Boston,  Field  in  Chicago
und  Barr  in  St.  Louis  haben  als  arme  Ladenjungen  angefangen;
andere  wie  Phelps  &amp;amp;  Dodgs  —  gleichfalls  in  Boston  —  waren
arme  Gehilfen.  In  der  Bank-  und  Finanzwelt  stammen,  wie  allbekannt, ­
  die  Stanfords,  Rockefellers,  Goulds,  Sages,  Fields,  Dillons,
  Seligmans,  Wilsons  und  Huntingtons  alle  aus  der  großen
Masse  der  Unvermögenden.  Die  Millionäre,  welche  heute  alles
beherrschen,  begannen  als  arme  Jungen  und  gingen  durch  die
härteste  aller  Schulen  —  Armut.
Ich  bat  einen  Bankier  in  der  City,  mir  ein  paar  Namen  von
Präsidenten,  Vizepräsidenten  und  Kassierern  zu  geben,  die  als
Laufjungen  oder  Gehilfen  begonnen  hatten.  Er  sandte  mir  36
solcher  Namen  und  schrieb  mir,  er  würde  den  folgenden  Tag
mehr  senden.  Dagegen  fand  sich  keiner  mit  höherer  Schulbildung
unter  ihnen.  Ich  habe  nachgeforscht  und  nach  allen  Richtungen
hin  gesucht,  konnte  aber  den  höher  Gebildeten  nur  sehr  selten  in
leitenden  geschäftlichen  Stellungen  ausfindig  machen;  oft  jedoch
bekleidete  er  Vertrauensstellungen  bei  Finanzinstituten.  —  Das
alles  ist  nicht  gerade  überraschend.  Die  Preisgewinner  in  den
höheren  Schulen  brauchen  viel  zu  viel  Zeit.  Sie  fangen  ihren
Kursus  in  den  besten  Knaben-  und  Jünglingsjahren  an,  d.  h.  in  der
zum  Lernen  wertvollsten  Zeit  vom  14.  bis  zum  20.  Jahre.  Während
der  Student  etwas  über  die  entlegene  Vergangenheit,  die  noch
dazu  ganz  wertlos  ist,  lernt,  oder  sich  mit  toten  Sprachen  abmüht
—  alles  Dinge,  deren  Kenntnis  für  einen  anderen  Planeten  als
den  unsrigen  berechnet  scheint,  wenigstens  soweit  geschäftliche
Dinge  in  Frage  kommen  —  ist  der  zukünftige  Befehlshaber  auf
dem  Felde  der  Industrie  eitrigst  mit  Studien  des  praktischen  Lebens
beschäftigt,  ganz  dazu  geeignet,  die  für  zukünftige  Triumphe  nötigen
Kenntnisse  zu  sammeln.  Ich  spreche  nicht  über  die  Kenntnisse
und  die  Ergebnisse  höherer  Schulbildung  bei  denjenigen  jungen
Leuten,  welche  für  gelehrte  Berufe  vorbereitet  werden  sollen;  für
diese  ist  solch  eine  Erziehung  bis  zu  einem  gewissen  Grade  unentbehrlich; ­
  allein  das  gänzliche  Fehlen  der  Studierten  in  jeder
        <pb n="87" />
        72

VI.  Wie  kann  man  ein  Vermögen  erwerben?

leitenden  Stellung  der  Geschäftswelt  scheint  den  Schluß  zu  rechtfertigen,
  daß  höhere  Bildung  für  jeden  größeren  Geschäftserfolg
geradezu  verhängnisvoll  ist.  Es  verdient  in  Erinnerung  gebracht
zu  werden,  daß  mit  festem  Gehalt  Angestellte  doch  nicht  so  eigentlich ­
  im  Geschäft  stehen.  Ein  Hauptmann  im  Gebiete  der  Industrie
erwirbt  alles  selbst  in  seinem  Geschäft;  er  ist  von  seinem  persönlichen ­
  Arbeitsertrag,  vom  Erfolge  seines  Geschäftes  durchaus  abhängig. ­
  Gerade  im  praktischen  Leben  hat  der  Hochgebildete,  der
mit  zwanzig  Jahren  ins  Geschäft  tritt,  nur  wenig  Aussicht  auf
Erfolg  im  Vergleich  zu  dem  Jungen,  der  mit  14  Jahren  das
Comptoir  ausfegt,  oder  als  Verladungsgehilfe  beginnt.  Die  Tatsachen ­
  beweisen  das.  Man  hat  zwar  Beispiele  dafür,  daß  mit
höherer  Bildung  ausgestattete  Söhne  von  Geschäftsleuten,  welche
sich  dem  Geschäftsleben  widmeten,  mit  Erfolg  ein  schon  bestehendes ­
  Geschäft  leiten;  dennoch  ist  die  Zahl  solcher  verhältnismäßig ­
  gering,  verglichen  mit  denen,  welchen  es  nicht  gelingt,  das
überkommene  Vermögen  zu  erhalten.  Immerhin  sind  während  der
letzten  Jahre  polytechnische  und  wissenschaftliche  Schulen  oder
auch  Studienkurse  für  junge  Leute  eröffnet  worden,  die  bereits
höchst  wertvolle  Früchte  für  industrielle  Betriebe  gezeitigt  haben.
Der  gelernte  Mechaniker,  der,  wie  wir  bereits  gesehen  haben,  bis
jetzt  die  meisten  Ehren  in  unseren  Industrie  werken  einheimste,
findet  nun  seinen  Nebenbuhler  in  dem  wissenschaftlich  gebildeten
Jüngling,  der  ihn  in  Zukunft  hart,  ja  sehr  hart  bedrängen  dürfte.
Drei  der  größten  Stahlwerke  stehen  bereits  unter  der  Leitung  von
drei  technisch  vorgebildeten  jungen  Männern:  Studenten,  welche
die  Schultheorien  mit  der  Praxis  vertauschten,  obgleich  sie  noch
in  den  ersten  Jünglingsjahren  standen.  Walker  von  der  Illinois
Stahlkompagnie,  Schwab  von  den  Edgar  Thomson-Werken,  Potter
von  den  Homestead  Stahlwerken  in  Pittsburg  sind  Typen  dieser
neuen  Schule,  und  keiner  von  ihnen  ist  auch  nur  30  Jahre  alt.
Die  meisten  diesen  jungen  Leitern  unterstehenden  Abteilungsvorsteher ­
  gehören  derselben  Klasse  an.  So  vorbereitete  junge  Leute
haben  einen  bedeutenden  Vorteil  über  den  gelernten  Mechaniker;
sie  besitzen  seinen  offenen  Blick  und  sind  ohne  Vorurteil.  Die
wissenschaftliche  Schulung  des  Geistes  und  der  Trieb  nach  Wahrheit ­
  macht  sie  für  neue  Ideen  empfänglich.  Groß  und  unschätzbar
        <pb n="88" />
        VI.  Wie  kann  man  ein  Vermögen  erwerben?

73

wie  der  arbeitende  Mechaniker  war,  wie  er  ist  und  wie  er  bleiben
wird,  war  er  doch  stets  zu  engen  Geschäftsanschauungen  geneigt,
denn  im  allgemeinen  kommt  er  erst  in  vorgeschrittenen  Jahren
zur  Macht.  Ganz  anders  ist  es  mit  dem  wissenschaftlich  gebildeten
Jüngling;  er  hat  keinerlei  Vorurteile  und  versucht  jede  neue  Erfindung ­
  und  jede  neue  Methode,  ganz  gleichgültig,  wer  ihr  Erfinder ­
  sein  mag.  Er  eignet  sich  all  das  an,  was  bisher  Geleistetes
übertrifft  und  verwirft  seine  eigenen  Einfälle  und  Ideen;  dazu
entschließt  sich  ein  Oberwerkführer  nur  schwer.  Deshalb  darf
auch  der  Vorteil  der  Bildung  nicht  unterschätzt  werden;  nur  muß
es  eine  zweckentsprechende  Bildung  sein  mit  Kenntnissen,  die
der  Laufbahn  des  Interessenten  angepaßt  sind,  wenn  er  seinen
Weg  zum  Glück  finden  soll.
Alles  in  allem  haben  wir  nicht  zu  untersuchen,  welchen  Platz
der  gelernte  Mechaniker  und  der  Praktiker  in  den  verschiedenen
Zweigen  der  Geschäftswelt  —  den  finanziellen,  handeis-  und  kaufmännischen, ­
  sowie  in  den  Fabrikzweigen  —  einnehmen,  sondern
was  diese  beiden  Klassen  in  der  gesamten  Geschäftswelt  für
andere  übrig  gelassen  haben.
Auf  industriellem  Gebiete  wird  der  gelernte  Mechaniker  der
Gründer  und  Leiter  berühmter  Betriebe.  Auf  handeis-,  kaufmännischem ­
  und  finanziellem  Gebiete  sehen  wir  den  armen  Kontorjungen, ­
  der,  ein  kaufmännischer  Fürst,  sicher  ist,  seine  Herrschaft
anzutreten.  Sie  vergegenwärtigen  zwei  verschiedene  Klassen.  Der
arme  Gehilfe  und  der  geübte  Mechaniker  sind  es,  die  zuguterletzt
in  jeder  Art  von  Geschäft  die  Herrschaft  erlangen,  ohne  Kapital,
ohne  Familieneinfluß  und  ohne  höhere  Bildung.  Sie  sind  es  auch,
welche  zu  allerersten  Stellen  aufsteigen  und  später  herrschen;  sie,
die  bezahlte  Stellungen  aufgeben,  um  alles  für  die  Gründung
neuer  Geschäfte  aufs  Spiel  zu  setzen.  Akademisch  Gebildete  begnügen ­
  sich  meistenteils  mit  ihren  Gehältern  und  bleiben  in  den
von  ihnen  innegehaltenen  Vertrauensstellungen.  Weder  Kapital,
noch  Einfluß,  noch  höhere  Schulbildung,  noch  all  das  zusammengenommen, ­
  haben  bisher  erfolgreich  zu  wetteifern  vermocht  mit
der  Tatkraft  und  der  unbezähmbaren  Energie:  beides  Eigenschaften
der  alles  erobernden  Armut.  Damit  es  nicht  scheine,  es  solle  hier
etwas  zur  Unehre  der  akademischen  Bildung  gesagt  werden,  will
        <pb n="89" />
        74

VI.  Wie  kann  man  ein  Vermögen  erwerben?

ich  ausdrücklich  bemerken,  daß  ich  hier  nur  die  glücklichen  jungen
Leute  im  Auge  habe,  die  sich  ihren  Lebensunterhalt  verdienen
müssen;  dagegen  ist  der  Verfasser  dieser  Zeilen  der  Allerletzte,
denjenigen,  welche  genügende  Mittel  besitzen,  gegen  eine  akademische ­
  Bildung  zu  raten:  ist  doch  mit  ihr  verglichen  aller  Geldgewinn, ­
  selbst  des  vielfachen  Millionärs  wertlos.  Für  den  Armen
aber  ist  es  erste  Pflicht,  ein  hinreichendes  Vermögen  zu  erwerben,
und  Pflichterfüllung  ist  mehr  wert,  als  alle  Universitätsbildung
wert  sein  mag.  Höhere  Bildung  gibt  dem,  der  sie  wirklich  voll
in  sich  aufnimmt,  einen  vornehmen  Geschmack  und  höhere  Ziele,
als  der  Erwerb  von  Reichtümern;  sie  öffnet  ihm  eine  Welt  voll
Entzücken,  zu  welcher  dem,  der  nichts  anderes  als  ein  Millionär
ist,  der  Schlüssel  fehlt;  daher  liegt  in  dem  Beweis,  daß  höhere
Bildung  nicht  die  beste  geschäftliche  Erziehung  ist,  zugleich  die
Anerkennung  ihres  Anrechtes  für  eine  höhere  Welt.  Wahre  Erziehung ­
  kann  auch 1  außerhalb  der  Schulen  erlangt  werden;  das
Genie  pflegt  für  gewöhnlich  nicht  in  Akademien  einheimisch  zu
sein;  es  gleicht  einer  wilden  im  Walde  aufwachsenden  Blume,  die
keiner  Pflege  von  seiten  der  Gesellschaft  bedarf  —  die  Durchschnittsbegabung ­
  dagegen  bedarf  der  Universitäten.
Der  junge  Praktiker,  welcher  an  der  Wechselbank  oder  am
Zahltisch  steht  und  dem  sich  die  holde  Göttin  Fortuna  bis  dahin
noch  nicht  geneigt  erwiesen,  mag  zu  dem  Schlüsse  kommen,  daß!
es  für  ihn  unmöglich  ist,  in  unserer  Zeit  ein  eigenes  Geschäft  zu
gründen.  Darin  liegt  etwas  Wahres.  Zweifellos  wird  es  heutzutage ­
  unendlich  schwieriger,  ein  neues  Geschäft  anzufangen,  als
früher;  dennoch  besteht  die  Schwierigkeit  mehr  in  der  veränderten
Art  und  Weise  als  in  der  Möglichkeit  der  Sache  selbst.  Denn  es
ist  heutzutage  auch  um  ein  Bedeutendes  leichter  für  einen  geschickten ­
  jungen  Mann,  eine  Teilhaberschaft  in  bereits  bestehenden
Firmen  zu  erwerben,  als  es  jemals  vorher  war.  Die  Fähigen  finden
die  Türen  keineswegs  verschlossen;  im  Gegenteil,  die  Pforten
öffnen  sich  ihnen  jetzt  viel  leichter.  Kapital  ist  dabei  heute  nicht
nötig  und  selbst  Familieneinfluß  zählt  nicht  mehr,  wie  in  alten
Zeiten.  Wahre  Geschicklichkeit  und  wirkliche  Leistungsfähigkeit
waren  niemals  gesuchter  als  eben  jetzt,  und  haben  niemals  vorher
einen  so  hohen  Lohn  gefunden.
        <pb n="90" />
        VI.  Wie  kann  man  ein  Vermögen  erwerben?

75

Das  Gesetz,  demzufolge  die  leitenden  Gewerbe,  so  wie  handels-,
  kaufmännische  und  finanzielle  Geschäfte  wenige  Fabriken
und  Firmen  umfassen,  enthält  zugleich  ein  anderes  nicht  weniger
mächtiges  Gesetz.  Große  Betriebe  können  nicht  erfolgreich  von
bezahlten  Angestellten  geleitet  werden.  Kein  Geschäft  kann  einen
glänzenden  und  dauernden  Erfolg  haben,  es  sei  denn,  daß  seine
Leitung  in  den  Händen  praktischer  Männer  liegt,  die  bei  seinen
Ergebnissen  finanziell  beteiligt  sind.  In  der  industriellen  Welt
scheinen  die  Tage  der  Korporationen  (Gesellschaften)  gezählt  zu
sein.  Ich  sah  mich  während  meines  Lebens  oft  veranlaßt,  die
Operationen  großer  Etablissements,  welche  hunderten  im  Geschäfte
nicht  tätiger  Kapitalisten  gehörten  und  von  bezahlten  Beamten
geleitet  wurden,  zu  beobachten.  Verglichen  mit  solchen  Betrieben,
zahlen  diejenigen,  welche  von  tatsächlich  interessierten  Eigentümern
geleitet  werden,  zufriedenstellende  Dividenden,  selbst  in  Fällen,
in  denen  Aktiengesellschaften  sich  in  Schwierigkeiten  befanden
und  kaum  wußten,  wie  die  Jahresbilanz  ausfallen  würde.  Die
großen  Schnittwarenhäuser,  die  ihre  Angestellten  an  den  Gewinnsten
  jedes  Departements  beteiligen,  arbeiten  mit  Erfolg,  während ­
  die,  welche  nur  mit  bezahlten  Angestellten  arbeiten,  fehlschlagen. ­
  Sogar  bei  der  Verwaltung  unserer  großen  Hotels  hat
sich  eine  Gewinnbeteiligung  der  Hauptarbeiter  zweckmäßig  erwiesen. ­
  In  jedem  Geschäftszweig  offenbart  sich  dasselbe  Gesetz;
im  großen  und  ganzen  sind  jene  Betriebe  die  blühendsten,  welche
eine  immer  steigende  Zahl  ihrer  tüchtigsten  Arbeiter  am  Gewinn
beteiligen.  Das  Fabrikgeschäft,  welches  keine  für  den  Betrieb
praktisch  vorgebildeten  Techniker  besitzt,  sollte  diesem  Mangel
so  schnell  wie  möglich  abhelfen;  höchstwahrscheinlich  wird  es
die  rechten  Leute  unter  den  jungen,  frischen  Mechanikern  finden,
die  bis  jetzt  für  geringen  Tagelohn  arbeiteten,  oder  unter  den
jungen  Leuten,  die  eben  vom  Polytechnikum  kommen.  Täglich
bieten  sich  Beispiele,  daß  Gesellschaften  einem  versprechenden
jungen  Mann  durch  Gewinnanteil  an  ihrem  Geschäft  interessieren,
nur  um  seine  Dienste  nicht  zu  verlieren.  Irgend  ein  fähiger  Fabrikant ­
  oder  eine  kaufmännische  Firma  bietet  dann  dem  Betreffenden
das,  was  er  verlangt.  Denn  jeder  tüchtige  Geschäftsmann  ist  auf
der  Suche  nach  dem  unentbehrlichen  Artikel  —  persönliche  Fähig ­
        <pb n="91" />
        76

VI.  Wie  kann  man  ein  Vermögen  erwerben?

keit.  Bis  jetzt  war  es  bei  den  Aktiengesellschaften  nicht  Brauch,
den  im  Werden  begriffenen  Geschäftsleiter  zu  belohnen;  dennoch
muß  es  über  kurz  oder  lang  dazu  kommen,  wenn  sie  dem  Wettbewerb ­
  derjenigen  Betriebe  nicht  erliegen  wollen,  die  am  Gewinn
beteiligte  Männer  leiten.  Auf  der  anderen  Seite  bieten,  wie  ich
für  junge  Leute  bemerken  möchte,  Gesellschaften  auch  einen  Vorteil. ­
  Ihre  Anteilscheine  stehen  freihändig  zum  Verkauf.  Wenn  ein
Arbeiter  heutzutage  in  Amerika  einen  Anteil  in  einem  Fabrikbetriebe ­
  wünscht,  so  kann  er  das  leicht  genug  haben  und  schon
mit  50  (200  Mark)  oder  100  Dollar  (400  Mark)  Aktienbesitzer
werden.  Es  wird  unter  Arbeitern  täglich  immer  mehr  Brauch,  ihre
Ersparnisse  in  dieser  Weise  anzulegen.  Gar  viele  gut  geleitete
Gesellschaften  zahlen  den  Einlegern  eine  recht  zufriedenstellende
Dividende,  und  der  Arbeiter  kann  seinem  Arbeitgeber  keinen
besseren  Beweis  seiner  Fähigkeit  und  seines  richtigen  Urteils  geben,
als  den,  welchen  die  Eintragung  seines  Namens  unter  den  Aktieninhabern ­
  in  den  Büchern  der  Gesellschaft  liefert.
Arbeitsleute  haben  ein  gewisses  Vorurteil  gegen  die  Entdeckung ­
  ihrer  Ersparnisse  durch  die  Arbeitgeber;  doch  das  ist
verkehrt.  Der  sparende  Arbeiter  ist  zugleich  der  tüchtige  Arbeiter,
und  ein  weiser  Arbeitgeber  sieht  in  den  Ersparnissen  seiner  Leute
den  deutlichsten  und  besten  Beweis  dafür,  daß  sie  für  ihn  einen
ganz  besonderen  Wert  besitzen.  Es  sollte  das  Bestreben  einer
jeden  Gesellschaft  sein,  ihre  vorzüglichsten  Angestellten  zur
Anlage  ihrer  Ersparnisse  in  Gesellschaftsaktien  zu  veranlassen.
Nur  so  können  Aktiengesellschaften  hoffen,  mit  solchen  Einzelfabrikanten ­
  zu  konkurrieren,  welche  das  wertvolle  Geheimnis
außergewöhnlicher  Erfolge  —  nämlich  die  Gewinne  mit  denert
zu  teilen,  die  am  meisten  zu  deren  Erzeugung  beitragen  —,
schon  längst  entdeckt  haben.  Die  Zeiten,  in  denen  der  bloße
Aktieninhaber  seine  Dividende  einheimste  und  kein  weiteres  Interesse ­
  an  der  Arbeit  und  den  Werken  der  Gesellschaft  nahm,  dürften
bald  vorüber  sein.  Der  Tag  für  den  wertvollen  Arbeiter  ist  in  der
industriellen  Welt  seinem  Anbruch  nahe.  Junge,  praktische  Arbeiter ­
  sollten  daher  nicht  den  Mut  verlieren;  ganz  im  Gegenteil,
sie  mögen  voller  Hoffnung  sein.  Von  Tag  zu  Tag  wird  es  dem:
Mechaniker  und  dem  wirklich  fähigen  praktischen  Manne  leichter,
        <pb n="92" />
        VI.  Wie  kann  man  ein  Vermögen  erwerben?

77

seinem  Arbeitgeber  seine  Bedingungen  zu  diktieren.  Wo  früher
nur  ein  einziger  Weg  zum  Aufstieg  war,  bieten  sich  heute  ganze
Dutzende  solcher  Wege  dar.  Die  ungeheuren  Betriebe  werden  in
der  Zukunft  ihren  Gewinn  nicht  unter  hunderten  von  müßigen  Kapitalisten, ­
  sondern  unter  die  hundert  ihrer  fähigsten  Angestellten
verteilen,  von  deren  Geschicklichkeit  und  Anstrengungen  jeder
Erfolg  in  hohem  Grade  abhängt.  Der  kapitalistische,  dem  Geschäft
fernstehende  Aktienbesitzer  muß  durch  den  fähigen,  im  Geschäft
tätigen  Arbeiter  ersetzt  werden.
Die  zum  Vorwärtskommen  praktischer  junger  Leute  nötigen
Eigenschaften  hat  niemand  besser  gekennzeichnet  als  George  Elliot,
welche  das  Nötige  sehr  markig  wie  folgt  hervorhebt:  „Ich  will
Ihnen  sagen,  wie  ich  vorwärts  kam.  Ich  hielt  Ohren  und  Augen
offen  und  machte  meines  Herrn  Interesse  zu  meinem  eigenen.“
Die  erste  Bedingung  zum  Vorwärtskommen  ist  die  Erregung
von  Aufmerksamkeit  für  sich.  Der  Betreffende  muß  etwas  Außergewöhnliches ­
  tun,  und  vor  allem  etwas,  was  über  den  Kreis  seiner
eigentlichen  Pflichten  hinausgeht.  Er  muß  etwas  anempfehlen  oder
etwas  sparen  oder  einen  Dienst  für  seinen  Arbeitgeber  leisten,  zu
dessen  Leistung  er  nicht  verpflichtet  war.  Wenn  er  dadurch  die
Aufmerksamkeit  seines  unmittelbaren  Vorgesetzten  erreicht  hat,
mag  der  letztere  auch  nur  aus  der  Vormännerabteilung  sein,  dann
ist  der  erste  große  Schritt  zum  Vorwärtskommen  für  ihn  getan.
Denn  von  seinem  unmittelbaren  Vorgesetzten  hängt  seine  Beförderung ­
  ab.  Wie  hoch  er  heraufzuklimmen  vermag,  das  ist
dann  ganz  und  gar  seine  eigene  Sache.
Wir  hören  oft  Leute  darüber  klagen,  daß  sie  keine  Gelegenheit
haben,  ihre  Geschicklichkeit  zu  zeigen  und  daß,  wenn  sie  sie
zeigen,  es  nicht  anerkannt  wird.  Daran  ist  sehr  wenig  Wahres.
Sein  eigenstes  Interesse  treibt  den  Vorgesetzten  dazu,  dem  Manne
die  erste  Stelle  einzuräumen,  der  sie  am  besten  auszufüllen  vermag, ­
  denn  der  Beamte  ist  für  die  ihm  unterstehende  Abteilung
und  ihre  Arbeit  als  Ganzes  verantwortlich.  Kein  Mann  vermag
einen  anderen  niederzuhalten.  Man  wird  immer  finden,  daß  die
meisten  praktischen  Männer,  welche  ein  Vermögen  erwarben,  dieses
dadurch  erwarben,  daß  sie  von  ihnen  gemachte  Verbesserungen
selbst  in  der  Hand  behielten.  Verbesserungen  werden  leicht  von
        <pb n="93" />
        78

VI.  Wie  kann  man  ein  Vermögen  erwerben?

solchen  Leuten  gefunden,  welche  immer  ein  und  dasselbe  Feld
bearbeiten,  denn  sie  haben  die  genaueste  Kenntnis  der  darin  zu
lösenden  Probleme.  Gerade  auf  diesem  Wege  wurden  die  wertvollsten ­
  Verbesserungen  gemacht.  Wer  eine  Verbesserung  einführt, ­
  der  tut  viel  besser,  einen  Anteil  am  Geschäft  zu  erstreben
anstatt  einer  Gehaltserhöhung.  Selbst  wenn  bis  dahin  das  Geschäft ­
  nicht  sehr  gewinnbringend  war,  wird  er  doch,  wenn  er  das
rechte  Zeug  in  sich  fühlt,  denken,  er  könne  es  gewinnbringend
machen,  und  das  kann  er  auch.  Alle  Geschäfte  haben  gute  und
schlechte  Zeiten.  Tagen  der  Depression  folgen  Tage  des  Aufschwunges. ­
  Das  eine  Jahr  bringt  große  Überschüsse,  andere  wieder
geringen  oder  gar  keinen  Ertrag.  Das  ist  in  der  Geschäftswelt
nun  mal  Gesetz  und  ich  brauche  hier  seine  Ursachen  nicht  weiter
zu  entwickeln.  Deshalb  sollte  der  praktische  Geschäftsmann  sich
nicht  gerade  auf  diesen  oder  jenen  Geschäftszweig  versteifen;
jedes  gut  geführte  Geschäft  wird  während  einer  bestimmten  Zeit
einen  hübschen  Gewinn  abwerfen.
Drei  große  Hindernisse  stellen  sich  jedem  jungen  Mann,  der
seinen  Fuß  im  Steigbügel  hat  und  im  Aufsteigen  begriffen  ist,
entgegen.  Zunächst  Trunksucht;  sie  wird  geradezu  zum  Verhängnis. ­
  Hopfen  und  Malz  sind  an  jedem  jungen  Mann  verloren,
der  sich  dem  Trünke  von  Spirituosen  ergibt,  mögen  seine  Talente
auch  noch  so  groß  sein.  In  Wahrheit,  je  größer  seine  Talente,
um  so  größer  auch  die  Enttäuschung.  Das  zweite  Hindernis  besteht ­
  im  Spekulieren.  Die  geschäftliche  Tätigkeit  eines  Spekulanten
und  die  eines  Fabrikanten  oder  wirklichen  Geschäftsmannes  sind
nicht  nur  verschieden,  sondern  geradezu  unvereinbar.  Um  in  der
Geschäftswelt  Erfolg  zu  haben,  sollten  nur  des  Fabrikanten  und
Kaufmanns  Verdienste  in  Rechnung  gezogen  werden.  Der  Fabrikant ­
  sollte  unentwegt  vorwärtsschreiten  mit  Berücksichtigung
des  Marktpreises.  Wenn  Du  Waren  zu  verkaufen  hast,  verkaufe
sie,  wenn  Du  Waren  brauchst,  kaufe  sie,  und  zwar  in  beiden
Fällen  ohne  Rücksicht  auf  den  Marktpreis.  Niemals  in  meinem;
Leben  habe  ich  einen  spekulativen  Fabrikanten  oder  spekulativem
Geschäftsmann  gekannt,  dem  der  Erfolg  treu  geblieben  wäre.
Heute  ist  er  reich,  morgen  bankerott.  Außerdem  ist  es  die  Aufgabe ­
  des  Fabrikanten,  Artikel  zu  erzeugen  und  Arbeit  zu  geben.
        <pb n="94" />
        VI.  Wie  kann  man  ein  Vermögen  erwerben?

79

Beides  maciht  seine  Laufbahn  erst  lobenswert.  Ein  Mann  mit  solchem ­
  Berufe  ist  der  Menschheit  nützlich.  Der  Kaufmann  nützt
durch  Verteilung  von  Waren,  der  Bankier  durch  Besorgung  von
Kapital.  Das  dritte  Hindernis  bei  jedem  Vorwärtskommen,  das
fast  so  schlimm  ist  wie  das  Spekulieren,  sind  Bürgschaften
jeder  Art.
Geschäftsleute  bedürfen  unregelmäßiger  Geldzuschüsse;  zu
manchen  Zeiten  geringe,  zu  anderen  Zeiten  wieder  ungeheure
Summen.  Da  andere  sich  in  derselben  Lage  befinden,  so  entsteht
eine  große  Versuchung  zu  gegenseitigen  Gefälligkeitswechseln.
Diese  Klippe  müßte  vermieden  werden.  Zweifellos  gibt  es  Fälle,
in  denen  man  einem  Freunde  helfen  soll;  dennoch  gilt  auch  für
diesen  Fall  eine  Regel,  die  uns  sichert:  Niemand  sollte  Zahlungsverpflichtungen ­
  für  einen  anderen  übernehmen,  wenn  er  nicht
genügend  Kasse  zur  Einlösung  einer  solchen  Verpflichtung  hat,
ohne  daß  sein  eigenes  Geschäft  dadurch  Schaden  leidet.  Dergleichen ­
  zu  tun,  ist  nicht  ehrenhaft.  Jedermann  hat  sich  als  Verwalter ­
  derjenigen  anzusehen,  die  ihm  selbst  vertraut  haben,  und
sein  Gläubiger  besitzt  ein  volles  Recht  auf  all  sein  Kapital  und
all  seinen  Kredit.  Für  Deine  eigene  Firma  Deinen  Namen,  Dein
Vermögen  und  Deiner  Ehre  Heiligtum  —  alles;  in  jedem  anderen
Falle  jedoch,  ganz  gleichgültig,  wie  immer  die  Verhältnisse  liegen
mögen,  leiste  nur  die  Hilfe,  welche  Du  ohne  Gefahr  für  Deine
eigenen  Verpflichtungen  leisten  kannst.  Das  beste  ist  deshalb,
lieber  bares  Dir  selbst  entbehrliches  Geld  herzugeben,  als  Dein
Akzept  oder  Deine  Bürgschaft.  Ein  anderer  wichtiger  Grund  für
den  geschäftlichen  Mißerfolg  junger  Leute  ist  der  Mangel  an
Konzentration.  Sie  sind  zu  Kapitalsanlagen  außerhalb  ihrer  eigentlichen ­
  Tätigkeit  geneigt.  Das  ist  die  Ursache  vieles  überraschenden ­
  Mißlingens.  Jedes  bißchen  Kapital,  jeder  geschäftliche  Gedanke, ­
  jedes  bißchen  Kredit  sollte  auf  das  eine  Geschäft  verwandt
werden,  dem  man  sich  gewidmet  hat.  Zersplittere  niemals  Deine
Mittel.  Das  muß  ein  armseliges  Geschäft  sein,  welches  bei  vermehrter ­
  Kapitalsanlage  nicht  bessere  Erträge  liefert,  als  jede  andere
dem  Geschäfte  fremde  Anlage.  Kein  Mensch,  keine  Mehrheit  von
Männern,  und  keine  Gesellschaft  vermag  eines  Geschäftsmannes
Geld  so  richtig  anzuwenden,  wie  er  selbst.  Die  Regel:  „Tu  nicht
        <pb n="95" />
        80

VI.  Wie  kann  man  ein  Vermögen  erwerben?

V  V  V
V  V
V

alles  in  einen  Topf“,  findet  auf  die  menschliche  Lebensarbeit  keine
Anwendung.  Gerade  das  Gegenteil  ist  richtig.  „Tu  alles  in
ein  und  denselben  Topf.“  Das  allein  ist  die  richtige  Regel.  Obgleich ­
  Geschäfte  jeder  Art  sich  in  ungeheure  Großbetriebe  verwandelt ­
  haben  und  täglich  noch  verwandeln,  so  zeigt  sich  doch
jeden  Tag,  daß  wirkliche  Tüchtigkeit  mit  einem  Anteil  am  Gewinn
nicht  nur  für  die  erfolgreichen  Operationen  solcher  Geschäfte  wertvoll, ­
  sondern  geradezu  unentbehrlich  ist.  Durch  Gesellschaften,
deren  Aktien  jeden  Tag  am  Markt  zu  haben  sind,  durch  Partner,
welche  sich  in  die  Lage  versetzt  fühlen,  ihre  fähigsten  Arbeiter
zu  beteiligen,  durch  Kaufleute,  welche  ihre  ungeheuren  Betriebe
nur  bei  Benutzung  außerordentlicher  Fähigkeit  erfolgreich  im  Gange
halten  können;  kurz  in  jedem  Teile  der  Geschäftswelt  sind  die
Wege  größer  an  Anzahl,  breiter  der  Ausdehnung  nach  und  leichter
zugänglich  denn  jemals  zuvor  für  den  nüchternen,  sparsamen,
energischen  Mechaniker,  für  den  wissenschaftlich  gebildeten  Jüngling, ­
  sowie  für  den  Comptoirbursdhen  und  den  Gehilfen:  sie  alle
können  deshalb  größere  Erfolge  erringen,  denn  jemals  zuvor  für
diese  Klassen  in  der  Geschichte  der  Welt  zu  ernten  möglich;
gewesen.
Deshalb  kann  man  dem  jungen  Mann,  in  welcher  Stellung
oder  in  welchem  Geschäfte  er  auch  tätig  sein  mag,  wenn  er  erklärt ­
  und  sich  darüber  beklagt,  daß  er  keine  Gelegenheit  habe,
seine  Fähigkeiten  zu  zeigen,  und  zur  selbständigen  Teilhaberschaft
aufzusteigen,  nur  die  alte  Antwort  geben:
„Der  Fehler,  teurer  Brutus,  liegt  nicht  bei  den  Sternen,
Nein  bei  uns  selbst  allein,  daß  wir  nur  Knechte.“
        <pb n="96" />
        VII.  Reichtum  und  sein  Gebrauch.

„Reiühwerden  ist,“  wie  Gladstone  einmal  sagte,  „das  Geschäft
der  Welt.“  Daß  Gelderwerb  das  Geschäft  der  Welt  ist,  erhellt
aus  der  Tatsache,  daß  alle  jungen  Leute,  mit  wenigen  unglücklichen ­
  Ausnahmen  arm  geboren  werden  und  deshalb  unter  dem
heilsamen  Einflüsse  des  weisen  Gesetzes  stehen:  „Im  Schweiße
deines  Angesichts  sollst  du  dein  Brot  verdienen“;  aus  dieser  Tatsache ­
  geht  hervor,  daß  der  Geldmarkt  das  Geschäft  der  Welt  ist.
Man  sieht  allgemein  heutzutage  Armut  als  ein  Übel  an  und  bemitleidet ­
  den  jungen  Mann,  der  nicht  mit  einem  silbernen  Löffel
im  Munde  geboren  ist;  ich  aber  unterschreibe  von  ganzem  Herzen
Präsident  Garfields  Ausspruch,  daß  das  reichste  Erbteil,  das  man
einem  jungen  Mann  von  Hause  aus  mitzugeben  vermag,  die  Armut
ist.  Ich  mache  mich  keiner  Torheit  schuldig,  wenn  ich  behaupte:
gerade  der  Klasse  der  Armut  entstammen  die  guten  und  großen
Menschen.  Nicht  die  Söhne  der  Millionäre  und  des  Adels  geben
der  Welt  ihre  Lehrer,  ihre  Märtyrer,  ihre  Erfinder,  ihre  Staatsmänner, ­
  ihre  Dichter  und  selbst  ihre  großen  Geschäftsleute.  Kaum
einer  jener  unsterblichen  Namen,  welche  dem  Menschengeschlecht
außerordentliche  Dienste  geleistet,  der  nicht  gewiegt,  genährt  und
aufgebracht  worden  wäre  in  der  alle  Kräfte  anspornenden  Schule
der  Armut.  Nichts  ist  so  entnervend,  nichts  so  tödlich  in  seinen
Einwirkungen  auf  die  Eigenschaften,  die  zur  höchsten  Vollendung,
sittlich  sowohl  wie  geistig  führen,  als  ererbter  Reichtum.  Für
jedweden  jungen  Mann,  der  sich  nicht  dazu  gezwungen  sieht,
sein  Brot  selbst  zu  verdienen,  fühle  ich  nur  tiefes  Mitleid.  Sollte
solch  ein  junger  Mann  dadurch,  daß  er  ein  für  sich  selbst  und
den  Staat  nützliches  Leben  führt,  den  Beweis  liefern,  eine  Ausnahme ­
  von  der  allgemeinen  Regel  zu  bilden,  dann  beuge  ich  mich
Carnegie,  Kaufmanns  Herrschgewalt.  6
        <pb n="97" />
        82

VII.  Reichtum  und  sein  Gebrauch.

vor  ihm  in  vollster  Hochachtung;  denn  derjenige,  der  den  Versuchungen ­
  ererbten  Reichtums  widersteht,  gehört  wahrlich  zum
„Salz  der  Erde“  und  verdient  doppelte  Ehrung.
Man  findet  in  der  „New  York  Sun“  recht  viel  Gutes  und  ich
bitte  Sie,  mir  zu  erlauben,  einen  der  vielen  Licht  verbreitenden
Artikel  des  Blattes  hier  mitzuteilen.
„Unsere  Jungen“.
Jeder  Moralist,  der  um  ein  Thema  verlegen,  fragt  immer
wieder  von  Zeit  zu  Zeit:  was  geht  mit  den  Söhnen  unserer  mächtigen ­
  und  reichen  Männer  vor?  Die  Frage  wird  dann  weiter  ausgeführt ­
  durch  statistische  Zahlen  über  die  Untauglichkeit  und  das
schlechte  Ende,  das  solche  Söhne  nehmen.
Der  Fehler  dieser  Moralisten  besteht  darin,  daß  sie  von  Anfang
an  die  Frage  falsch  stellen.  Diese  unklugen  Söhne  sind  nicht  gerade ­
  schlecht,  sie  sind  nur  unglücklich,  dagegen  stimmt  etwas
nicht  mit  ihren  Vätern.  Nehmen  wir  einmal  an,  ein  besonders
feiner  Jagdhund  allerfeinster  Dressur  treibe  eine  große  Menge  von
Hirschen  in  einem  Park  zusammen,  mache  dieselben  fett  und
sage  dann  zu  seinen  Jungen:  „Hier,  Jungens,  ich  hab’  mir’s
sauer  werden  lassen,  all  diese  Hirsche  zusammen  zu  treiben,  und
ich  wünsche,  daß  ihr  selbst  ein  möglichst  vergnügtes  Leben  führt.
Idh  bin  so  daran  gewöhnt  im  Walde  zu  jagen,  daß  ich  nicht  davon
zu  lassen  vermag.  Ihr  aber,  Jungens,  geht  just  in  den  Park  und
nehmt,  was  ihr  immer  mögt.“  Solch  ein  Jagdhund  würde  von
jedem  Menschenvater  ausgescholten  werden.  Der  Menschenvater
würde  zu  einem  solchen  Hunde  sagen:  „Mein  werter  Herr  Hund,
du  richtest  deine  Brut  einfach  zugrunde.  Bei  zuviel  Fleischkost
ohne  jede  Bewegung  werden  sie  die  Räude  und  hundert  andere
Übel  bekommen;  und  wenn  ihre  Unpäßlichkeit  sie  nicht  töten
sollte,  werden  sie  eine  lässige,  wasseräugige  Schande  für  dich
werden.  Um  des  Himmels  willen  gib  ihnen  nichts  als  Hundebiskuit ­
  und  lasse  sie  hart  dabei  arbeiten.“
„Nun,  derselbe  Menschenvater  tut  mit  großem  Stolz,  wo  es
sich  um  seinen  eignen  Nachwuchs  handelt,  gerade  dasselbe,  was
er  bei  jedem  Hund  oder  jeder  Katze  verdammen  würde.  Er
richtet  seine  Kinder  geradeswegs  zugrunde  und  erklärt  dann  später,
        <pb n="98" />
        VII.  Reichtum  und  sein  Gebrauch.

83

wenn  er  alt  wird,  bis  zum  Überfluß  und  voller  Kummer,  daß  er
alles  für  sie  getan  und  daß  sie  ihm  doch  nur  Enttäuschungen
gebracht  haben.  Wer  seinem  Sohne  eine  von  ihm  selbst  nicht
verdiente  Stellung  gibt  und  ihn  dadurch  instand  setzt,  seinem
Vater  und  seinen  Freunden  Schande  zu  machen,  verdient  in  Wahrheit ­
  nicht  mehr  Teilnahme,  als  irgend  ein  Herr  Fagin,  der  ganz
offen  einen  Knaben  zur  Ehrlosigkeit  erzieht.“
„Die  fetten,  durchaus  nutzlosen  Schoßhündchen,  welche  junge
Damen  mit  sich  an  der  Leine  herumschleppen,  sind  selbst  gewiß
nicht  für  ihre  Lässigkeit  zu  tadeln;  ganz  dasselbe  trifft  auch  die
Söhne  reicher  Leute  zu.  Die  jungen  Damen,  die  ihre  Hunde  überfüttern ­
  und  die  Väter,  die  ihre  Söhne  zugrunde  richten,  haben
solche  Folgen  nur  sich  selbst  zuzuschreiben.“
„Niemand  wird  vielleicht  dergleichen  in  Vorschlag  bringen:
dennoch,  wer  kann  daran  zweifeln,  daß  ein  Gesetz,  welches  eine
andere  Art  von  Erbe  als  eine  gute  Erziehung  und  eine  gute  Gesundheit ­
  unmöglich  machen  würde,  in  kurzer  Zeit  bessere  Männer
hervorbringen  würde?“
Das  sind  gesunde  Ansichten.  Wir  pflegen  zu  sagen:  „Wenn’s
in  der  „Sun“  steht,  dann  ist’s  auch  richtig.“  Wenigstens  ist  das
in  diesem  Falle  so.
Nicht  den  armen  jungen  Mann,  welcher  von  morgens  früh
bis  abends  spät  arbeitet,  brauchen  wir  zu  bemitleiden,  sondern
den  Sohn  des  reichen  Mannes,  welchem  die  Vorsehung  eine  ehrenvolle ­
  Tätigkeit  versagt  hat.  Nicht  dem  Fleißigen,  vielmehr  dem
Lässigen  sollte  unsere  Teilnahme  gelten;  er  allein  erregt  unsere
Besorgnis.  „Glücklich  ist  der  Mann,“  sagt  Carlyle,  „der  eine  ihn
beglückende  Arbeit  gefunden“.  Ich  möchte  sagen:  Glücklich  der
Mann,  welcher  zu  arbeiten  und  zwar  lange  und  schwer  zu  arbeiten
hat.  Ein  großer  Dichter  hat  gesagt:  „Der  betet  am  besten,  der
am  besten  liebt“.  Man  könnte  diesen  Ausspruch  dahin  parodieren:
„Wer  am  besten  arbeitet,  betet  am  besten“.  Ein  Tag  ehrlicher,
tüchtiger  Arbeit  ist  noch  nicht  die  schlechteste  Art  von  Gebet.
Von  allen  Seiten  ertönt  heutzutage  der  Ruf:  „Schafft  die
Armut  aus  der  Welt!“  Glücklicherweise  ist  das  unmöglich;  wir
werden  immer  Arme  neben  uns  haben.  Was  sollte  aus  der  menschlichen ­
  Rasse  werden,  wenn  es  keine  Armut  mehr  gäbe!  Jeder
        <pb n="99" />
        84

VII.  Reichtum  und  sein  Gebrauch.

Fortschritt,  jede  Entwicklung  würde  aufhören.  Was  für  eine  Zukunft ­
  wäre  der  Menschheit  beschieden,  wenn  sie  von  den  Reichen
allein  abhängen  würde!  Alles  Gute  und  alles  Große  würde  aufhören, ­
  und  die  menschliche  Gesellschaft  würde  in  Barbarei  zurückfallen. ­
  Man  schaffe  den  Luxus  ab,  nicht  aber  den  Boden,  auf
dem  alle  Tugend  und  all  das,  was  kostbar  im  menschlichen  Wesen
ist,  gedeiht:  Armut  —  ehrliche  Armut!
Lassen  Sie  mich,  meine  verehrten  Zuhörer,  für  einen  Augenblick ­
  annehmen,  daß  Sie  alle  so  glücklich  sind,  arm  geboren  zu
sein:  In  diesem  Falle  muß  es  Ihre  erste  Sorge  sein:  was  habe
ich  zu  lernen  im  Interesse  der  Allgemeinheit,  das  mir  genug  Mittel
einbringen  würde,  mich  zu  ernähren,  zu  kleiden;  mir  -  Obdach  zu
geben  und  mich  von  jeder  Wohltätigkeitshilfe  anderer  unabhängig
zu  machen?  Was  habe  ich  zu  tun,  meinen  Lebensunterhalt  zu
gewinnen?  Nun,  ein  junger  Mann  mag  sich  dem  einen  oder  dem,
anderen  zuwenden;  er  mag  die  eine  Sache  lieber  ergreifen  als
die  andere;  er  mag  ein  Geschäftsmann  oder  Handwerker  irgend
welcher  Art,  oder  ein  Geistlicher,  Arzt,  Elektriker,  Baumeister,
Zeitungsredakteur  oder  Jurist  werden  —  ich  habe  keine  Zweifel,
daß  einzelne  unter  Ihnen  im  wildesten  Flug  ihrer  Einbildung  sich
als  Journalisten  sehen;  alles  das  ist  ganz  einerlei,  solange  der
junge  Mann  den  Gesichtspunkt  im  Auge  behält:  Kann  ich  in  dem
von  mir  erwählten  Beruf  eine  solche  Fertigkeit  erlangen,  daß  ich
durch  dessen  Ausübung  mir  meinen  Lebensunterhalt  zu  verdienen
vermag?
Der  junge  Mann,  welcher  entschlossen  ist,  sein  Leben  für
andere  nützlich  zu  machen  und  deshalb  den  gerechten  Anspruch
erhebt,  von  einer  dankbaren  Umgebung  als  Entgelt  die  zu  seinem
Unterhalt  nötigen  Lebensmittel  zu  erlangen,  begreift  voll  und  ganz
die  höchsten  Pflichten  eines  jungen  Mannes.  Er  begegnet  der
zur  Entscheidung  drängendsten  Lebensfrage  und  entscheidet  diese
Frage  in  durchaus  rechtem  Sinne.  Soweit  besteht  mit  Bezug  auf
die  Erlangung  reichlicher  Mittel  keinerlei  Meinungsunterschied.
All  und  jeder  gibt  ohne  weiteres  zu,  daß  eines  jeden  erste  Pflicht
die  Erlangung  solcher  Fertigkeiten  ist,  die  ihn  instand  setzen,  sich
selbst  zu  erhalten.  Auch  bezüglich  des  nächsten  Schrittes  waltet
keinerlei  Schwierigkeit  ob;  kein  junger  Mann  hat  seine  Pflicht  voll
        <pb n="100" />
        VII.  Reichtum  und  sein  Gebrauch.

85

und  ganz  erfüllt,  so  lange  er  die  Wechselfälle  des  Lebens,  die
Möglichkeit  von  Unglücksfällen,  Krankheit  und  schlechten  Geschäftszeiten ­
  außer  acht  läßt.  Weisheit  gebietet  ihm,  für  solche  Dinge
Vorsorge  zu  treffen;  und  ein  Teil  seiner  Pflicht  und  Schuldigkeit
besteht  geradezu  darin,  einen  Teil  seines  Einkommens  zu  sparen
und  sicher  anzulegen,  nicht  in  Spekulationsobjekten,  sondern  in
guten  Sicherheiten  oder  Grundbesitz,  oder  in  einem  ordentlichen
Geschäft  und  zwar  so,  daß  daraus  langsam  aber  sicher  ein  Reservefonds ­
  entsteht,  auf  welchen  er,  im  Falle  der  Not  oder  auch
in  seinen  alten  Tagen  zurückgreifen  kann,  so  daß  er  von  seinen
Ersparnissen  zu  leben  vermag.  Ich  denke,  wir  alle  stimmen  darin
überein,  daß  es  gut,  ja  geradezu  Pflicht  ist,  eine  kleine  Rente
für  sich  zu  schaffen  und  dadurch  unsere  Selbstachtung  zu  bewahren. ­

Außerdem  halte  ich  es  beinahe  für  ausgemacht,  daß  der  eine
oder  andere  meiner  Zuhörer  sobald  wie  möglich  „eine  gewisse
junge  Dame“  fragen  wird,  ob  sie  sein  Besitztum  oder  vielleicht
auch  seine  Besitztümer  mit  ihm  zu  teilen,  willens  sei.  Eine  Heirat
ist  eine  sehr,  sehr  ernste  Sache  und  muß  daher  zu  allerlei  wichtigen ­
  Überlegungen  Veranlassung  geben.  „Vor  allem  heirate  eine
Frau  mit  gesundem  Menschenverstände,“  so  riet  mir  mein  eigener
Mentor.  Ich  lege  Ihnen  das  gleiche  ans  Herz.  —  Gesunder  Menschenverstand ­
  ist  die  ungewöhnlichste  und  schätzenswerteste  Eigenschaft ­
  bei  Weib  und  Mann.  Doch  ehe  Sie  die  Gelegenheit  wahrnehmen, ­
  sich  eine  Gefährtin  zu  schaffen,  kommt  gerade  ganz
besonders  das  in  Betracht,  wovon  ich  Ihnen  jetzt  sprechen  will:
Reichtum.  Nicht  Reichtum'  in  die  Millionen  hinein,  sondern  nur
ein  Einkommen,  das  groß  genug  ist,  um'  bescheiden  und  unabhängig ­
  dabei  zu  leben.  Damit  kommen  wir  zur  Behandlung  des
Themas  über  Reichtum  in  jedem  eigenen  und  weiteren  Sinne.
Was  also  ist  Reichtum?  Wie  entsteht  er  und  wie  verteilt  er
sich?  Nicht  weit  von  hier  entfernt  gibt  es  ungeheure  Kohlenlager; ­
  sie  lagen  Millionen  von  Jahren  ungenutzt  da.  Durch  irgend
einen  Versuch 1  oder  Zufall  wurde  die  Entdeckung  gemacht,  daß;
diese  schwarzen  Steine  brannten  und  Hitze  erzeugten.  Man  bohrte,
richtete  Maschinen  auf,  grub  und  brachte  Kohle  zutage,  die  man
dann  an  die  Leute  verkaufte.  Sie  ersetzte  das  Holz  als  Feuerung
        <pb n="101" />
        83  VH.  Reichtum  und  sein  Gebrauch.
für  ungefähr  die  Hälfte  der  Feuerungskosten.  Gleich  darauf  war
jedwedes  Kohlenlager  wertvoll,  weil  nutzbringend,  oder  es  wurde
zum  mindesten  möglich',  es  nutzbringend  zu  machen,  und  so  wurde
durch  einen  neuen  Artikel,  welcher  Hunderte,  ja  Tausende  von
Millionen  wert  ist,  der  Reichtum;  der  Gesamtheit  bereichert.  Ein
schottischer  Mechaniker,  bemerkte,  wie  die  Geschichte  erzählt,
eines  Tages,  während  er  in  ein  Feuer  stierte,  über  welchem  ein
Kessel  mit  Wasser  kochte,  daß  der  Dampf  den  Deckel  des  Kessels
in  die  Höhe  hob;  was  Hunderttausende  vor  ihm  schon  bemerkt
hätten;  aber  keiner  von  allen  sah  in  diesem  Vorgänge,  was  der
Schotte  darin  sah:  die  Dampfmaschine,  welche  heute  die  Arbeit
der  ganzen  Welt  mit  einem  Kostenaufwande  besorgt,  der  im
Verhältnis  zu  allem  früher  Bekannten  so  gering  ist,  daß  der  Reichtum ­
  der  Welt  dadurch  in  einem  geradezu  unschätzbaren  Grade
vermehrt  worden  ist.  Ersparnisse  bilden  überall  und  immer  in
jeder  materiellen  Entwicklung  die  Wurzeln  des  Reichtums.
Der  durch  die  Arbeit  oder  den  Dienst  eines  jungen  Mannes
eingebrachte  Reichtum  steht  stets  im  Verhältnis  zu  der  Nützlichkeit ­
  der  von  ihm  der  Allgemeinheit  geleisteten  Dienste,  mag  diesen
nun  die  bloße  Anwendung  oder  eine  neue  Verbesserung  bestehender ­
  Arbeitsmethoden  zugrunde  liegen.  Commodore  Vanderbilt
  sah,  wenn  ich  mich  recht  erinnere,  dreizehn  verschiedene  kurze
Eisenbahnlinien  zwischen  Neuyork  und  Buffalo  vor  sich;  sie  hatten
dreizehn  verschiedene  Verwaltungen.  Der  Betrieb  jeder  einzelnen
Linie  bestand  für  sich  und  war  sehr  langweilig.  Albany,  Schenectady,
  Utica,  Syracuse,  Auburn,  Rochester  usw.  waren  die  Hauptstellen ­
  für  einige  dieser  Bahngesellschaften.  Vanderbilt  faßte  sie
alle  zusammen  und  schuf  eine  einzige  direkte  Linie,  auf  welcher
der  Reichsexpreßzug  jetzt  57  (englische)  Meilen  die  Stunde  läuft,
was  die  schnellste  Fahrgeschwindigkeit  in  der  ganzen  Welt  ist;
infolgedessen  fahren  für  je  einen  Reisenden  früherer  Zeiten  heute
hundert  Reisende  täglich  auf  dieser  Linie.  Vanderbilt  leistete  so
der  Allgemeinheit  einen  besonderen  Dienst,  der,  in  Verbindung
mit  anderen,  ähnlichen  von  ihm  geleisteten  Diensten,  die  Transportkosten ­
  für  die  in  den  Prärien  des  amerikanischen  Westens
geernteten  Nahrungsmittel  bis  zu  unserer  Tür  auf  ein  außerordentliches ­
  herabsetzte.  Er  brachte  und  bringt  dadurch  noch  täglich
        <pb n="102" />
        VII.  Reichtum  und  sein  Gebrauch.

87

der  Allgemeinheit  unermeßliche  Reichtümer  ein;  der  Reichtum,
den  er  für  sich  selbst  dabei  einheimste,  war  nur  ein  Tropfen  im
Eimer,  verglichen  mit  den  Wohltaten,  die  er  dadurch  auf  unseren ­
  Staat  und  unser  Volk  ausschü?tete.
In  früheren  Zeiten,  als  weder  Dampfkraft  noch  Elektrizität
noch  irgendeine  andere  jener  modernen  Erfindungen  bekannt
waren,  welche  das  Antlitz  der  Welt  vollkommen  verwandelten,
wurde  alles  in  kleinem  Maßstabe  angefangen.  In  jenen  Zeiten
war  kein  Raum  für  die  Ausführung  großer  Ideen  in  großem  Maßstabe, ­
  was  doch  allein  dem  Erfinder,  Entdecker,  Erzeuger  oder
Organisator  große  Reichtümer  verheißt.  Die  neuen  Erfindungen
schufen  erst  eine  solche  Möglichkeit,  und  viele  große  Vermögen
wurden  dadurch  von  einzelnen  Leuten  erworben.  Gegenwärtig
jedoch  überschreiten  wir  außerordentlich  schnell,  ja  haben  vielleicht ­
  dieses  Stadium  der  Entwicklung  schon  überschritten;  nur
selten  noch  können  unter  ganz  besonderen  Verhältnissen  große
Vermögen  erworben  werden,  wenn  wir  von  den  mit  der  Steigerung ­
  des  Grundbesitzes  verbundenen  Möglichkeiten  absehen;  Fabrikwesen, ­
  Verkehrsanstalten,  sowohl  zu  Land  wie  zur  See,  Bankund
  Versicherungsgeschäfte  —  alles  das  liegt  in  den  Händen
von  Gesellschaften,  die  aus  Hunderten,  ja  Tausenden  von  Aktieninhabern ­
  bestehen.  Die  Neuyork-Zentralbahn  gehört  mehr  als  zehntausend ­
  Aktienbesitzern,  die  Pennsylvania-Eisenbahn  gehört  mehr
Leuten,  als  Angestellte  bei  dieser  Bahn  vorhanden  sind,  und  fast
ein  volles  Viertel  ihres  Besitzers  gehört  davon  Frauen  und  Kindern.
Geradeso  verhält  es  sich  mit  den  großen  Industriegesellschaften,
mit  den  großen  Dampfschifflinien;  ebenso,  wie  jedermann  weiß,
mit  Banken,  Versicherungsgesellschaften  und  mehr  oder  weniger
mit  allen  Geschäftszweigen.  Trotzdem  ist  es  ein  großer  Irrtum,
wenn  junge  Leute  behaupten:  „Oh,  wir  können  jetzt  überhaupt
in  kein  Geschäft  hineinkommen!“  Jeder  der  auch  nur  50  oder
100  Dollar  gespart,  kann  bei  jedweder  Art  von  Geschäft  sofort
eine  Beteiligung  finden:  Er  kann  sein  Aktienzertifikat  erhalten  und
den  Generalversammlungen  der  Aktionäre  beiwohnen,  kann  Reden
halten  und  Ratschläge  geben,  mit  dem  Präsidenten  streiten,  die
Verwaltung  der  Gesellschaft  bemäkeln  und  hat  alle  Rechte  und
jeden  Einfluß  eines  Eigentümers;  er  kann  allerlei  Arten  von  Aktien:
        <pb n="103" />
        88

VII.  Reichtum  und  sein  Gebrauch.

kaufen,  von  Zeitungsaktien  angefangen  bis  zu  Pachtgrundstücken.
Dennoch:  Kapital  wirft  heutzutage  so  wenige  Zinsen  ab,  daß  ich
jedermann  raten  möchte,  sich  gar  wohl  vorzusehen,  bevor  er  sein
Geld  anlegt.  Ich  habe  schon  früher  Arbeitsleuten  und  Geistlichen,
gelehrten  Professoren,  Künstlern,  Musikern  und  Ärzten,  sowie  allen
ähnlichen  Berufsklassen  den  Rat  gegeben:  Legt  Euer  Geld  nicht
in  Geschäften  an;  Geschäfte  sind  nicht  für  Euresgleichen.  Kauft
Euch  zunächst  ein  eigenes  Heim,  habt  Ihr  dann  noch  überflüsiges
  Kapital,  so  legt  dasselbe  in  weiterem  Hausbesitz  an;  oder
erwerbt  eine  Grundschuld  auf  Hausbesitz  oder  auf  eine  Eisenbahn;
aber  nehmt  nur  erste  Hypothek  und  begnügt  Euch  mit  einem
kleinen  Zinsfuß.  Man  sollte  bedenken,  daß  unter  je  hundert  Leuten, ­
  die  auf  eigene  Hand  Geschäfte  betreiben,  immer  fünfundneunzig
früher  oder  später  zugrunde  gehen.  Ich  weiß  das  aus  eigener
Erfahrung.  Ich  könnte  hier  Hudibras'  Verse  zitieren  und  Sie
versichern,  soweit  Fabrikation  in  Betracht  kommt,  ist,  was  er  als
Wahrheit  erkannt,  auch  heute  noch  zum  großen  Teil  volle  Wahrheit:
(Ay  me!  What  perils  do  environ
The  man,  that  meedles  with  cold  iron.)
„Oh,  welch’  Gefahren  doch  umkreisen
Den,  der  sich  einläßt  mit  kaltem  Eisen.“
Die  Besitzer  unserer  bestehenden  Eisen-  und  Stahlgeschäfte
können  bezeugen,  daß  dem  so  ist,  mag  es  sich  nun  um  kaltes
oder  warmes  Eisen  oder  Stahl  handeln;  ganz  das  gleiche  trifft
auf  andere  Geschäfte  zu.
Die  hauptsächlichste  Klage  gegen  unsere  gegenwärtigen  industriellen ­
  Verhältnisse  besteht  darin,  daß  sie  große  Reichtümer
in  die  Hände  weniger  fließen  lassen.  Ja,  in  die  Hände  sehr
weniger,  das  ist  wahr.  So  verhielt  es  sich,  wie  ich  bereits  auseinandergesetzt, ­
  allerdings  früher,  unmittelbar  nachdem  die  neuen
Erfindungen  die  Weltverhältnisse  umgestaltet  hatten;  doch  heutzutage ­
  trifft  das  nicht  mehr  zu.  Reichtum  verteilt  sich  jetzt  immer
mehr  und  mehr  unter  vielen.  Der  Teil  des  durch  Arbeit  und
Kapital  gemeinschaftlich  erworbenen  Nutzens,  welcher  jetzt  der
Arbeit  zufällt,  war  niemals  so  groß,  und  der  dem  Kapital  zufallende ­
  Gewinnanteil  niemals  so  gering  wie  heutzutage.  Während
der  Gewinn  aus  Kapitalvermögen  um  mehr  als  die  Hälfte  ge ­
        <pb n="104" />
        VÜI.  Reichtum  und  sein  Gebrauch.

89

fallen,  ja  teilweise  ganz  verschwunden  ist,  waren,  wie  die  Statistik ­
  nachweist,  die  Arbeitslöhne  niemals  so  hoch,  wie  sie  bis  zu
der  letzten  GesChäftskrise  waren;  zu  gleicher  Zeit  sind  die  Kosten
für  die  notwendigen  Lebensmittel  fast  um  die  Hälfte  gefallen.  Großbritannien ­
  hat  dauernd  eine  Einkommensteuer,  und  unser  Amerika
ist  zeitweise  derselben  Steuer  unterworfen  gewesen.  Aus  den  Aufstellungen ­
  für  diese  Steuer  ergibt  sich,  daß  während  der  letzten  elf
Jahre  —  von  1876—1887  —  die  Zahl  der  Personen  mit  einem  jährlichen ­
  Einkommen  von  3150  bis  10500  M.  um  mehr  als  21  Prozent
gestiegen,  während  die  Zahl  derjenigen,  die  21000  bis  105000  M.
Einkommen  haben,  tatsächlich  um  2,1  bis  2  Prozent  gefallen  ist.
Man  darf  dessen  sicher  sein:  Die  Verteilung  des  Reichtums
unter  den  gegenwärtigen  Verhältnissen  greift  geradezu  reißend  um
sich  und  geht  ganz  von  selbst  in  wohltuender  Richtung  vor  sich'.
Die  wenigen  Reichen  werden  täglich  ärmer  und  die  arbeitenden
Klassen  täglich  reicher.  Nichtsdestoweniger  werden  einzelne  Leute
noch  immer  große  Reichtümer  erwerben;  doch  nicht  mehr  so  viel
und  so  oft  wie  früher.  Vielleicht  ist  das  für  die  große  Menge  nicht
gerade  so  vorteilhaft  wie  viele  glauben,  da  große  Mittel  in  den
Händen  eines  unternehmenden  Mannes,  der  immer  noch  weiter
fortarbeitet,  manches  Mal  die  produktivste  Form  alles  Reichtums
darstellen.  Betrachten  Sie  den  reichsten,  den  jemals  die  Welt
gesehen,  und  der  vor  einigen  Jahren  in  Neuyork  starb;  was
stellte  sich  dabei  heraus?  Daß,  von  einer  geringfügigen  Summe
für  seine  eigenen  täglichen  Bedürfnisse  abgesehen,  sein  ganzes
Vermögen  und  all  sein  Überfluß  an  Gewinn  in  Unternehmungen
gesteckt  war,  welche  das  Eisenbahnsystem  unseres  Landes  (Amerika) ­
  vervollkommneten,  was  unserem  Volke  die  billigsten  Verkehrsmittel ­
  in  der  ganzen  Welt  sicherte.  Ob  der  Millionär  will
oder  nicht,  unter  den  nun  einmal  bestehenden  Verhältnissen  kann
er  das  Gesetz  nicht  umgehen,  das  ihn  zwingt,  seine  Millionen!
zum  Besten  der  Gesamtheit  zu  verwenden.  Alles,  was  er  selbst
von  seinen  Reichtümern  hat,  besteht  darin,  daß  er  während  seiner
kurzen  Lebensspanne  in  einem  feineren  Hause  leben  und  sich
mit  feinen  Möbeln  umgeben  kann,  denen  er  Werke  der  Kunst
hinzugesellt;  er  könnte  selbst  eine  größere  Bibliothek  und  damit
mehr  des  Göttlichen  um  sich  haben;  allein,  soweit  ich  Millionäre
        <pb n="105" />
        90

VII.  Reichtum  und  sein  Gebrauch.

kennen  gelernt  habe,  ist  eine  Bibliothek  das  letzte,  was  sie  in
ihrem  Hause  für  notwendig  halten.  Er  kann  besser  essen  und
schwere  Weine  trinken;  doch  das  würde  ihm  nur  schaden.  Tatsächlich ­
  lebt  der  moderne  Millionär  im  allgemeinen  sehr  einfach;
er  ist  oft  sogar  knauserig  in  seinen  Gewohnheiten.  Er  gibt  für
sich  selbst  recht  wenig  aus  und  ist  die  Arbeitsbiene,  die  in  dem;
Bienenkorb  der  Industrie  ihren  Honig  aufsammelt,  dessen  alle
Einwohner  des  Bienenkorbes  —  die  ganze  Allgemeinheit,  sich
zu  erfreuen  die  Gewißheit  haben.  Herr  Karper  hat  vor  dem
für  den  Streitfall  über  die  Behringstraße  zu  Paris  eingesetzten
Gerichtshof  in  einer  bemerkenswerten  Rede  den  Millionär  vollkommen ­
  richtig  und  zutreffend,  wie  folgt,  beschrieben:
„Diejenigen,  die  in  Erwerbung  von  Eigentum  am  erfolgreichsten
sind  und  ReiChtümer  in  ungeheuren  Massen  erwarben,  verstehen
Reichtum  auch  am  besten  zu  kontrollieren  und  anzulegen.  Sie
handhaben  das  Geld  in  einer  Weise,  welche  der  Gesellschaft
den  meisten  Nutzen  bringt.  Nur  weil  sie  die  hier  aufgeführten
Eigenschaften  besitzen,  sind  sie  fähig,  Reichtümer  in  großen  Massen
zu  erwerben.  Tatsächlich  besitzen  sie  doch  eigentlich  nur  das,
was  sie  selbst  verbrauchen.  Was  darüber  hinausgeht,  wird  von
ihnen  zum  allgemeinen  Besten  verwendet.  Sie  sind  nichts  anderes ­
  als  die  Hüter  ihrer  Reichtümer.  Sie  legen  diese  Reichtümer
an  und  sehen  danach,  daß  das  Geld  auf  verschiedenen  Wegen
nutzbringend  wird.  Allerlei  Arbeitskräfte  erhalten  dabei  Beschäftigung, ­
  und  zwar  Beschäftigung  auf  die  beste  Art;  sie  werden
erst  dadurch  produktiv  gemacht.  Die  Leute,  welche  Hunderte
von  Millionen  besitzen,  stöhnen  tatsächlich  unter  ihrer  im  Interesse
der  ganzen  übrigen  menschlichen  Gesellschaft  übernommenen
Knechtschaft;  denn  nichts  anderes  als  Knechtschaft  ist  es.  Die
Gesellschaft  aber  läßt  sich  das  sehr  wohl  gefallen,  weil  es  so,
wie  es  ist,  am  besten  für  die  Allgemeinheit  ist.“
Und  hier  eine  andere  Schätzung  von  einem  nicht  weniger  bekannten ­
  Mann.  Unser  Freund,  Herr  Dana,  sagte  unlängst  zu
Cornell:  „Die  eine  Klasse  von  Leuten,  über  die  ich  sprechen  will,
sind  die  Denker,  die  Männer  der  Wissenschaft,  die  Erfinder;  die
andere  Klasse  besteht  aus  denen,  welche  die  Vorsehung  mit  derrt
Genie  des  Sparens,  des  Reichwerdens  und  des  Geldansammelns
        <pb n="106" />
        VII.  Reichtum  und  sein  Gebrauch.

91

und  Schätzeansammelns  bedacht  hat;  Männer,  gegen  welche  öffentlich ­
  aufzutreten,  jetzt  zur  Mode  geworden,  und  gegen  welche
sogar  die  Gesetzgebung  zeitweise  gerichtet  ist.  Und  doch,  gibt
es  wirklich  einen  Wohltäter  der  Menschheit,  welcher  in  dem,
was  er  vollbracht,  und  in  dem  Andenken  und  den  Monumenten,
die  er  hinterlassen,  mehr  zu  beneiden  wäre,  als  Ezra  Cornell?
Oder,  um  ein  anderes  Beispiel  zu  wählen,  mehr  als  Henry  W.
Sage?  Solche  Männer  verstanden  es,  reich  zu  werden,  eben  weil
sie  mit  den  dazu  nötigen  Gaben  ausgerüstet  waren  und  sie  verstanden, ­
  sobald  sie  reich  geworden,  ihr  Geld  für  große  öffentliche ­
  Unternehmungen  anzuwenden  zu  Zwecken,  die  unsterblich
sind  und  deshelb  dauern  werden,  solange  Menschen  auf  Erden
leben.  Die  Männer  des  Genies  und  die  Männer  des  Reichtums
—  die  einen  durch  Eröffnung  neuer  Lebensbahnen,  die  anderen
durch  Anhäufung  und  Ersparung  großer  Mittel  für  große  Unternehmungen ­
  und  große  öffentliche  Zwecke  —  sind  jetzt,  da  sich
das  zwanzigste  Jahrhundert  uns  öffnet,  die  eigentlichen  und  unschätzbaren ­
  Führer  der  Welt.“  Die  Bienen  im  Bienenkörbe  töten
nicht  die  honigmachenden  Bienen,  sondern  nur  die  Drohnen.  Eine
Beseitigung  der  Millionäre  wäre  für  die  Allgemeinheit  ein  großes
Unglück;  denn  die  Millionäre  sind  die  Bienen,  welche  den  Honig
produzieren  und  das  meiste  davon  im  Bienenkörbe  aufspeichern,
selbst  wenn  sie  sich  selbst  dabei  vollsaugen.  Es  ist  gewiß  eine
bemerkenswerte  Tatsache,  daß  die  Volksmassen  eines  jeden  Landes ­
  sich  wohl  und  gedeihlich  befinden  im  Verhältnis  zu  der  Zahl
der  in  dem  betreffenden  Lande  lebenden  Millionäre.  Man  nehme
Rußland  mit  seiner  fast  im  Zustand  der  Sklaverei  lebenden  Bevölkerung, ­
  halb  hungernd,  und  dazu  bei  einer  Kost,  die  niemand
in  ganz  Amerika  essen  könnte  oder  essen  würde!  Kaum  einen
einzigen  Millionär  findet  man  in  ganz  Rußland  —  wenn  man
den  Zar  und  eine  Anzahl  Adeliger  ausnimmt  —  welche,  dank
dem  dort  herrschenden  politischen  System,  den  ganzen  Grund
und  Boden  besitzen 1 ).  In  einem  großen  Maße  ist  dasselbe  in
Deutschland  der  Fall.  Soviel  ich  weiß,  gibt  es  im  ganzen  deutschen
*)  Diese  Behauptung  Carnegies  trifft  heute  keineswegs  mehr  voll  zu;
es  gibt  neben  den  Großgrundbesitzern  auch  noch  andere  sehr  reiche  Leute
in  Rußland.
        <pb n="107" />
        92

VII.  Reichtum  und  sein  Gebrauch.

Reiche  nur  zwei  Millionäre 1 ).  In  Frankreich,  wo  das  Volk  in
besseren  Verhältnissen  als  in  Deutschland  lebt,  zählt  man  kaum'
durch  das  ganze  Land  ein  halbes  Dutzend  Millionäre.  In  der
alten  Heimat  unserer  Rasse,  in  Großbritannien,  dem  reichsten!
Lande  Europas,  ja  dem  reichsten  Lande  der  ganzen  Welt  —  wenn
wir  einmal  von  Amerika  absehen  —  gibt  es  mehr  Millionäre  als  in
dem  ganzen  übrigen  Europa  zusammengenommen,  und  das  Volk
lebt  dort  besser  als  in  irgendeinem  anderen  Lande *  2 ).  Blicken
wir  auf  unser  Amerika:  wir  haben  mehr  Millionäre  als  die  ganze
übrige  Welt  zusammengonmmen  obgleich  tatsächlich  kaum  einer
unter  zehn,  die  dafür  gelten,  wirklich  ein  Millionär  ist.  Ich  habe
eine  Liste  vermeintlicher  Millionäre  gesehen,  die  ein  Jurist  in
Brooklyn  aufgestellt  hatte;  sie  machte  mich  selbst  sowie  viele
andere  geradezu  lachen.  Ich  sah  darin  Leute  als  Millionäre  aufgeführt, ­
  die  nicht  einmal  imstande  sind,  ihre  Schulden  zu  bezahlen.
Bei  vielen  konnte  man  von  ihrer  Million  ganz  ruhig  eine  Null
fortstreichen.  Vor  einiger  Zeit  saß  ich  bei  einem  Diner  an  der
Seite  eines  Herrn,  dessen  Unterhaltung  die  Idee  anregte,  daß;
reiche  Leute  ihre  Reichtümer  während  ihres  Lebens  zu  öffentlichen ­
  Zwecken  verteilen  sollten.  Ein  anderer  Herr  hielt  die  Idee
für  durchaus  gesund  und  gab  dabei  ganz  selbstverständlich  unter
seinen  Gründen  dafür  auch  den  an:  Niemand  könne  bei  seinem
Tode  seine  Reichtümer  mit  sich  nehmen.
„Ja,“  sagte  der  erste  Herr,  ein  bekannter  Anwalt,  „ich  weiß
nichts  Näheres  darüber.  Aber  meine  Erfahrung  als  hjeuyorker
Rechtsanwalt  spricht  dafür,  daß  die  Millionäre  in  der  einen  odep
anderen  Art  zum  mindesten  volle  vier  Fünftel  ihrer  Reichtümer
mit  sich  nehmen  müssen.“  Bei  dem  Tode  der  Betreffenden  fand
sich  nämlich  nichts  von  dem  vielbesprochenen  Reichtume  vor.
Was  ideale  Verhältnisse  uns  immer  in  Zukunft  bringen  mögen:

*)  Auch  das  ist  unrichtig;  es  gibt  heute  eine  ganze  A.nzahl  von  Deutschen, ­
  welche,  selbst  nach  engl.  Pfd.  Sterl.  gerechnet,  mehrfache  Millionäre ­
  sind.  Außerdem  lebt  der  kleine  Bürgerstand  in  keinem  anderen
Lande  der  Welt  so  billig  und  angenehm,  wie  in  Deutschland.
2 )  Auch  das  ist  nicht  ganz  zutreffend.  In  keiner  anderen  Stadt
Europas,  ja  vielleicht  der  Welt,  gibt  es  ein  solches  Elend,  wie  in  London! ­
  (Siehe  Charles  Booth:  Life  and  Labors  of  the  London  People.)
        <pb n="108" />
        VII.  Reichtum  und  sein  Gebrauch.

93

für  die  bestehenden  Lebensbedingungen  behalten  meiner  Ansicht
nach  die  Herren  Carter  und  Dana  recht,  denn  wie  die  Dinge
nun  einmal  liegen,  ist  der  Millionär,  welcher  fortarbeitet,  der
billigste  Artikel,  den  die  Allgemeinheit  für  den  Preis,  den  sie  dafür
bezahlt  —  nämlich:  Obdach,  Kleidung  und  Nahrung  —  zu  produzieren ­
  vermag.
Die  Erfindungen  der  Gegenwart  haben  eine  Konzentration
aller  industriellen  und  geschäftlichen  Unternehmungen  in  ungeheure
Betriebe  zur  Folge.  Man  kann  beispielsweise  das  Verfahren  Bessemers
  nicht  erfolgreich  anwenden,  ohne  Tausende  von  Menschen
an  einem  Punkte  zu  beschäftigen.  Es  wäre  unmöglich,  die  Armierung ­
  für  Schiffe  auszuführen,  ohne  vorher,  wie  die  Bethlehem-Gesellschaft
  sieben  Million  Dollar  auszugeben.  Niemand  vermöchte
auch  nur  ein  einziges  Meter  Baumwolle  angesichts  der  großen
Weltkonkurrenz  zu  fabrizieren,  ohne  eine  ungeheure  Fabrik  und
ohne  Tausende  von  Arbeitern  und  Arbeiterinnen.  Die  große  elektrische ­
  Anlage  hier  in  dieser  Stadt 1 )  konnte  nur  erfolgreich  sein,
weil  Millionen  hineingesteckt  wurden,  um  die  elektrischen  Werke
in  großem  Stile  zu  betreiben.  Unter  solchen  Bedingungen  muß
das  Geld  notwendigerweise  bei  guten  Zeiten  in  die  Hände  weniger ­
  fließen,  weit  über  deren  persönliche  Bedürfnisse  hinaus.
Dennoch  fand  sich  unter  fünfzig  Leuten,  die  ein  großes  Vermögen ­
  erworben,  nur  ein  einziger,  der  durch  Fabrikation  reich
geworden  war.  Große  Vermögen  werden  durch  Besitz  von  Grund
und  Boden  allein  mehr  gewonnen,  denn  durch  alle  anderen
Geschäftszweige  zusammengenommen.  Unmittelbar  nach  dem
Grundbesitz  kommt  in  dieser  Beziehung  das  Verkehrs-  und  Bankwesen. ­
  Die  ganze  Fabrikwelt  hatte  nur  einen  einzigen  Millionär
aufzuweisen.
Doch  angenommen,  aller  übergroßer  Reichtum  flösse  in  die
Hände  weniger  zusammen,  was  würde  die  Pflicht  dieser  wenigen
sein?  Wie  kann  der  Kampf  um  den  Dollar  aus  der  schmutzigen
Atmosphäre,  die  jedes  Geschäft  umgibt,  zu  einer  reineren  Sphäre
erhoben  werden?

ß  Stadt  Chenectady  im  Staate  Neuyork,  wo  der  Verfasser  diese
Vorlesung  zuerst  hielt  (1895).
        <pb n="109" />
        Reichtum  wurde  bisher  auf  drei  verschiedene  Arten  verteilt:
die  erste  und  hauptsächlichste  ist  seine  Hinterlassenschaft  an  die
eigene  Familie  im  Todesfälle.  Ist  nun  die  Vererbung  von  mehr  als
einer  Rente,  die  unsern  Angehörigen  ein  bescheidenes  und  unabhängiges ­
  Dasein  gewährleistet,  weise  oder  auch  nur  recht  zu
nennen?  Ich  bitte  Sie,  überdenken  Sie  die  gewöhnliche  Folge
davon,  wenn  jemand  jungen  Männern  und  Frauen,  Söhnen  und
Töchtern  Millionen  hinterläßt.  Im  allgemeinen  bringt  dergleichen
den  Millionärstöchtern  kein  Glück,  wie  am  besten  aus  dem  Charakter ­
  der  Männer  erhellt,  die  sie  heiraten.  Was  die  Millionärssöhne ­
  anbetrifft  —  nun  der  von  mir  vorher  mitgeteilte  Artikel
aus  der  „Sun“  schildert  durchaus  wahrheitsgetreu  die  Folgen.
Nichts  ist  so  wahr,  als  daß  der  „allmächtige  Dollar“,  in  Millionen
an  Töchter  und  Söhne  vererbt,  zum  allmächtigen  Fluche  wird.
Der  Millionär,  der  seinen  Kindern  ungeheure  Vermögen  vermacht,
hat  nicht  das  Beste  seines  Kindes,  sondern  nur  seine  eigene
Eitelkeit  im  Auge.  Nicht  die  Liebe  zu  seinem  Kinde,  sondern  seine
Selbstglorifizierung  liegt  einer  so  verderblichen  Verteilung  des
Reichtums  zugrunde.  Nur  das  eine  läßt  sich  zugunsten  solchen
Verhaltens  sagen:  es  bildet  eines  der  bisher  bekannten  wirksamsten
Mittel  für  eine  überschnelle  Wiederzerstreuung  des  Reichtums.
Ein  anderer,  weiterer  Gebrauch  des  Reichtums,  weniger  allgemein, ­
  als  der  soeben  erwähnte,  schädigt  die  Allgemeinheit  nicht
in  so  hohem  Maße,  macht  aber  doch  dem  Erblasser  wenig  Ehre.
Viele  Millionäre  vermachen  ihr  Geld  öffentlichen  Anstalten,  und
das  auch  erst  dann,  wenn  sie  von  ihren  Reichtümern  lassen  müssen.
Darin  liegt  weder  Edelmut  noch  Segen:  etwas  fortzugeben,  was
man  selber  nicht  länger  zu  behalten  vermag!  Die  schlechte  Verwaltung ­
  solcher  Vermächtnisse,  die  damit  gewöhnlich  verbundenen
Beschränkungen  und  die  Art  und  Weise,  in  der  sie  zerstückelt
werden,  alles  das  scheint  dafür  zu  sprechen,  daß  die  Schicksalsgöttinnen ­
  sie  nicht  mit  besonders  günstigen  Augen  ansehen.  Immer
und  immer  finden  wir  Beweise  für  die  Lehre:  der  einzige  Weg
für  den  Millionär,  durch  große  Schenkungen  dauernd  Gutes  zu
stiften,  ist  der,  schön  während  seines  Lebens  die  Verteilung  seiner
Reichtümer  mit  derselben  Sorgfalt  zu  behandeln,  die  er  bei  ihrem!
Erwerbe  zeigte.  Eben  jetzt  haben  wir  dafür  ein  geradezu  klas ­
        <pb n="110" />
        VII.  Reichtum  und  sein  Gebrauch.

95

sisches  Beispiel:  ein  großer  Jurist  hat  fünf  oder  sechs  Millionen
Dollar  einer  öffentlichen  Bücherei  in  Neuyork  hinterlassen  —  einer
Einrichtung,  die  so  außerordentlich  notwendig  ist,  daß  die  Nichtrealisierung ­
  dieser  Stiftung  direkt  als  ein  Unglück  erscheint.  Er
ist  nun  seit  Jahren  tot;  das  Testament  aber  wurde  infolge  eines
Formfehlers  für  ungültig  erklärt,  obgleich  an  den  Absichten  des
Erblassers  nicht  der  geringste  Zweifel  sein  kann.  Das  Ganze
ist  eine  traurige  Travestie  auf  die  Torheit  derjenigen,  die  Millionen
besitzen,  welche  ihnen  selbst  von  keinerlei  Nutzen  und  von  denen
sie  sich  doch  nicht  bis  zu  ihrem  Ende  zu  trennen  vermögen.
Peter  Cooper,  Pratt  aus  Baltimore  und  Pratt  aus  Brooklyn,  sowie
andere  zeigen  die  rechte  Art  von  Männern,  welche  man  sich  zum
Beispiel  nehmen  sollte:  sie  verteilten  ihren  Überfluß  schon  während ­
  ihres  Lebens.
Die  dritte  und  einzig  edle  Art  für  den  Gebrauch  von  Reichtum ­
  ist  die  folgende:  Man  sehe  Reichtum  als  ein  geheiligt  anvertrautes ­
  Pfand  an,  das  von  demjenigen,  in  dessen  Hände  es
floß,  für  die  höchsten  Güter  des  Volkes  zu  verwenden  ist.  Der
Mensch  lebt  nicht  vom  Brot  allein,  und  fünf  oder  zehn  Prozent
mehr  Einkommen,  über  Tausende  zersplittert,  würde  wenig  oder
gar  nichts  Gutes  zur  Folge  haben.  Zu  einem  großen  Fond  gehäuft
und  dann  ähnlich  verwendet,  wie  Cooper  sein  Geld  für  das  Cooper-Institut
  verwendete,  begründet  es  etwas,  das  ganze  Geschlechter
überdauert.  Es  dient  zur  Erziehung  des  Geistes,  zur  höheren
Bildung  der  Menschen.  Es  versieht  den  Armen,  sobald  er  es  nur
wünscht,  mit  einer  Leiter,  vermittelst  der  er  emporzuklimmen  vermag; ­
  'dagegen  ist  es  unnütz,  Leuten  helfen  zu  wollen,  die  sich  selbst
nicht  helfen  wollen  oder  können.  Man  kann  niemanden  eine
Leiter  hinaufstoßen;  es  sei  denn,  daß  er  den  Willen  besitzt,  auch
aus  eigenen  Kräften  ein  wenig  zu  klettern.  Sonst  fällt  er,  wenn
man  ihn  losläßt,  wieder  herunter  und  nur  zu  seinem  eigenen
Schaden.  Deshalb  wiederhole  ich  hier,  was  ich  schon  öfter  gesagt:
der  Tag  ist  nahe  —  ja  wir  erkennen  bereits  seinen  Anbruch
—  an  welchem  der  Besitzer  von  Millionen  brach 1  liegenden,  ihm
frei  zur  Verfügung  stehenden  Reichtums,  in  Unehren  sterben  wird.
Selbstverständlich  spreche  ich  nicht  von  dem  Geschäftsmanne,  der
sein  Kapital  nicht  aus  seinem  Geschäfte  nehmen  darf;  denn  dieses
        <pb n="111" />
        96

VII.  Reichtum  und  sein  Gebrauch.

Kapital  ist  sein  Werkzeug,  mit  dem  er  Wunder  wirkt  und  noch'
weiteren  Reichtum  erzeugt.  Ich  spreche  von  denjenigen,  die  Millionen ­
  in  zinstragenden  sichern  Anlagen  besitzen  und  bei  sich
halten,  nur,  um  noch  weitere  elende  Dollars  hinzuzufügen.  Dadurch ­
  erst,  daß  man  seinen  überflüssigen  Reichtum  schon  während
seines  Lebens  richtig  anwendet,  wird  großer  Reichtum  für  die
Allgemeinheit  zum  Segen;  auch  wird  auf  diese  Weise  der  Geschäftsmann, ­
  welcher  Reichtum  aufhäuft,  so  hoch  erhoben,  wie  die
Vertreter  der  allervornehmsten  Berufe.  Er  mag  alsdann  seinen
Stand  selbst  neben  dem  des  Arztes,  einem  der  vornehmsten  aller
Berufe  einnehmen,  denn  auch  er  wird  dabei  eine  Art  Arzt,  welcher,
wenn  auch  menschliche  Übel  nicht  zu  heilen,  so  doch  sehr  wohl
ihnen  vorzubeugen  vermag.  Denen,  die  eine  geschäftliche  Laufbahn ­
  einzuschlagen  und  Reichtümer  anzuhäufen  willens  sind,  empfehle ­
  ich  diese  Anschauung.  Die  Grabschrift,  welche  jeder  reiche
Mann  für  sich  selbst  wünschen  sollte,  prangt  auf  dem  Denkmal
Pitts:  „Er  lebte  ohne  jede  Schaustellung  seiner  selbst  und  starb
arm.“  So  sollte  der  Mann  beschaffen  sein,  welchen  zukünftige
Zeiten  ehren  werden;  dagegen  wird  der,  welcher,  nachdem  er
sich  vom  Geschäft  zurückgezogen,  im  Besitze  von  Millionen  ungenutzten ­
  Reichtums  stirbt,  unbeweint,  ungeehrt  und  unbesungen
sterben.
Ich  möchte  alle  jungen  Leute  in  vier  Klassen  teilen:  Zunächst ­
  diejenigen,  welche  für  ihren  Lebensunterhalt  arbeiten  müssen
und  deshalb  den  Vorsatz  haben,  eine  bescheidene  Rente  zu  erwerben ­
  —  selbstverständlich  mit  einem  bescheidenen  und  malersich
gelegenen  Landhäuschen,  sich  zur  Seite  eine  Gefährtin,  die  Sonne
bringt  in  dunklen  Platz  und  der  gute  Engel  seines  Lebens  ist.
Das  Motto  dieser  ersten  Klasse  dürfte  sein:  „Gib  mir  weder
Armut  noch  Reichtum.  Halte  fern  von  uns,  o  Herr,  die  Ängste
der  Armut  und  die  Verantwortlichkeit  des  Reichtums.“
Zweite  Klasse:  Diejenigen,  die  alles  daran  setzen,  reich  zu
werden,  um  später  zu  der  viel  besprochenen  und  ungeheuerlich
geschmähten  Klasse  der  Millionäre  zu  gehören;  also  solche,  welche
darauf  ausgehen,  das  höchste  Gut  in  höchster  Nummer  zu  erreichen; ­
  diese  größte  Nummer  ist  zugleich  Nummer  eins  und  das
Motto  dieser  Klasse  ist  kurz  und  klar:  „Tue  Geld  in  Deinen  Beutel.“
        <pb n="112" />
        VII.  Reichtum  und  sein  Gebrauch.

97

Endlich 1  kommen  wir  zur  dritten  Klasse.  Die  Gottheit,  welche
sie  anbeten,  ist  weder  Reichtum,  noch'  Glück.  Sie  sind  entflammt
von  „edlem  Ehrgeiz“.  Sucht  nach  Ruhm  beherrscht  ihr  ganzes
Dasein.  Vor  dem  Schreine  des  Ruhmes  knien  gar  viele  Anbeter.
Eitelkeit  macht  sich  am  deutlichsten  erkennbar  unter  denen,  die
vor  die  Öffentlichkeit  treten.  Es  ist  allbekannt,  daß  beispielsweise ­
  Musiker,  Schauspieler  und  selbst  Maler  —  also  alle  Künstler,
von  einer  außergewöhnlichen,  persönlichen  Eitelkeit  besessen  sind.
Vielen  erscheint  das  wunderbar;  die  Ursache  dafür  liegt  vielleicht
darin,  daß  Musiker,  wie  Schauspieler  und  sogar  Maler  in  ihrer
Art  Vorzügliches  leisten  können,  ohne  eine  höhere  Bildung  und
ohne  einen  umfassenden  Geist.  Besonderheiten  seines  Wesens,
gewisse  Eigenheiten  seines  Charakters  mögen  ihm  hervorragende
Bedeutung  oder  auch'  Ruhm  sichern,  so  daß  seine  Liebe  zur  Kunst
oder  ihre  Betätigung  durch  die  Kunst  vollkommen  durch  eine
beschränkte  oder  selbstische  persönliche  Eitelkeit  erstickt  wird.
Ja,  wir  finden  diese  Schwäche  mehr  oder  weniger  bei  allen  öffentlichen ­
  Berufen:  beim  Politiker,  beim  Juristen  und  sogar  oft,  mit
aller  Ehrfurcht  sei  es  ausgesprochen,  auch  beim  Geistlichen;  weniger, ­
  wie  ich  glaube,  bei  Ärzten,  weil  der  Zwang  ihres  Berufes
sie  den  traurigen  Wirklichkeiten  des  Lebens  unmittelbar  gegenüberstellt. ­
  Dem  Arzte  vor  allen  anderen  kommt  die  Eitelkeit  aller
Eitelkeiten  zum  Bewußtsein.  Eine  treffliche  Beschreibung  dieser
Klasse  findet  sich  in  Hotspurs  Worten:
By  heavens,  methinks  it  were  an  easy  leap,
To  bluck  bright  honour  from  the  pale-faced  moon;
Or  dive  into  the  bottom  of  the  deep,
Where  fathom  —  line  could  never  touch  the  ground,
An  pluck  up  drowned  honour  by  the  locks,
So  he,  that  doth  redeem  her  thence  mlght  wear
Without  corrival  all  her  dignities.
(Henr  IV  th  L.  A.  I.  Sc.  3.)
Merken  Sie  wohl  darauf,  meine  jungen  Freunde,  er  schert
sich  nicht  um  Nutzen;  nicht  um  den  Staat;  er  hat  nur  sich 1  selbst
im  Auge,  er  schreitet  über  die  Bühne  wie  ein  aufgeblasener  Pfau.
Alles  in  allem  genommen,  möchte  ich  beinahe  behaupten,
daß  die  Liebe  zum  Reichtum  nicht  so  viele  gefangen  hält,  wie  die
Liebe  zum  Ruhm,  etwas,  wofür  wir  uns  beglückwünschen  können,
Carnegie,  Kaufmanns  Herrschgewalt.  7
        <pb n="113" />
        98

VII.  Reichtum  und  sein  Gebrauch.

denn  es  beweist,  daß  unter  den  unwiderstehlichen  Gesetzen  der
Entwicklung  die  menschliche  Rasse  sich  langsam,  dafür  aber
dauernd  in  aufsteigender  Linie  entwickelt.  Nehmen  Sie  die  ganze
Welt  der  Künstler,  welche  dem  Leben  Süßigkeit  und  Licht  verleihen ­
  und  unser  Dasein  verfeinern  und  schmücken:  ganz  sicher,
der  große  Tonsetzer,  Maler,  Pianist,  Jurist,  Richter  und  Staatsmann, ­
  mit  einem  Worte  alle  die,  welche  im  öffentlichen  Leben
stehen,  machen  sich  weniger  aus  millionenhaftem  Reichtum,  als
aus  dem  Rufe,  den  sie  auf  ihren  besonderen  Arbeitsgebieten
genießen.  Was  machten  sich  Washington,  Franklin,  Lincoln  oder
Grant  und  Sherman  aus  Reichtümern?  Was  die  Richter  unseres
obersten  Gerichtshofes  und  selbst  die  großen  Advokaten,  die  vor
ihnen  plädieren,  daraus?  Die  großen  Prediger,  Ärzte  und  Lehrer
sehen  nicht  nach  Erwerbung  von  Reichtum.  Der  Schatz,  nach
welchem  sie  streben,  besteht  in  dem  Rufe,  den  sie  sich  durch  die
Dienste  im  Interesse  ihrer  Mitmenschen  erwerben;  darin  liegt
zweifellos  ein  Schritt  aufwärts  über  den  Millionär  hinaus,  der  bis
ins  hohe  Alter  hinein  kämpft,  seine  alten  Tage  hindurch,  selbst
bis  zum  Rande  des  Grabes,  augenscheinlich  von  keinem  anderen
Ehrgeiz  beseelt,  als  zu  seiner  Masse  elender  Dollars  noch  andere
hinzuzufügen.
Doch  es  gibt  noch  eine  vierte  Klasse;  sie  steht  höher  als  alle
vorher  genannten;  sie  gehört  weder  zu  den  Anbetern  des  Reichtums ­
  noch  des  Ruhmes;  dafür  kniet  sie  vor  dem  Schreine  des
öffentlichen  Dienstes  —  des  Dienstes  für  die  menschliche  Rasse.
Selbstlosigkeit  ist  ihre  Parole.  Die  Mitglieder  dieses  engen  und
höheren  Kreises  erstreben  nicht  Beifall;  sie  dürsten  nicht  nach’
Popularität,  sondern  einzig  und  allein  danach',  recht  zu  tun.  Sie
sagen  wie  Confucius:  „Ich  frage  nichts  nach  hohen  Ämtern,  aber
ich  sorge  dafür,  mich  jedes  hohen  Amtes  wert  zu  machen.“  Diese
Klasse  wird  weder  von  Armut  bedrückt,  noch'  über  die  Maßen
von  Reichtum  erhoben.  Derjenige,  welcher  ihr  angehört,  strebt
einfach  nach  Erfüllung  seiner  täglichen  Pflicht  in  einer  Art  und
Weise,  die  ihm  selbst  zur  Ehre  gereicht;  nichts  fürchtet  er  so  sehr,
wie  seine  Selbstvorwürfe.  Ich  habe  Männer  und  Frauen  gekannt,
von  denen  die  Welt  nie  etwas  erfahren  hat,  denn  diese  Klasse
von  Leuten  erstrebt  keine  besondere  Bedeutung,  und  doch  hatten
        <pb n="114" />
        VII.  Reichtum  und  sein  Gebrauch.

99

sie  durch  ihr  Leben  diesen  idealen  Zustand  erreicht.  Auf  diese
Klasse  finden  die  Worte  eines  leider  allzu  jung  verstorbenen
schottischen  Dichters  Anwendung:
„I  will  go  forth’  mong  men,  not  mailed  in  scorn,
But  in  the  armour  of  a  pure  intent.
Great  duties  are  betöre  me,  and  great  songs;
And  whether  crowned  or  crownless,  when  I  fall,
It  matters  not,  so  as  God’s  work  is  done.
I've  learned  to  prize  the  quiet  ligthning  deed,
Not  the  applauding  thunder  at  its  heels  —
Which  men  call  tarne.“
„Ich  schreit’  zum  Volk  hinaus,  nicht  mit  Verachtung
Gepanzert,  nein;  im  Kleide  edlen  Wollens!
Sind  hehr  doch  meine  Pflichten,  meine  Lieder:
Und  fall  ich  dann  —  mit  oder  ohne  Lorbeer  —
Mir  gilt  es  gleich,  tat  ich  nur  Gottes  Werk!
Ich  preis’  die  lautlos  hellen  Geistesblitze,
Die  nicht  gefolgt  von  jenem  Beifallsdonner,
Den  Ruhm  die  Menschen  nennen.“
Sie  haben  hier,  meine  jungen  Freunde,  die  Sie  noch  im  Anfang ­
  Ihrer  Lebenslaufbahn  stehen,  die  drei  verschiedenen  Arten
von  Menschen  vergegenwärtigt:  die  guten,  die  besseren  und  die
allerbesten  —  die  drei  Stadien  menschlicher  Entwicklung!  Die
natürliche,  die  mehr  geistige  und  endlich  die  himmlische  Entwicklung, ­
  wie  man  sie  wohl  nennen  könnte.  Die  eine  strebt
nach  Erfolg  in  materiellen  Dingen  —  nicht  ohne  wohltätige  Folgen
für  die  menschliche  Rasse  als  Ganzes,  da  es  den  einzelnen  aus
dem  Tierischen  erhebt,  und  die  Ausübung  mannigfacher  wertvoller
Eigenschaften  voraussetzt:  Nüchternheit,  Fleiß  und  Selbstdisziplin.
Die  zweite  Klasse  erhebt  sich  noch  höher:  sie  sucht  ihren  Lohn
in  mehr  geistigen  Dingen  —  diese  Belohnung  ist  nicht  massig
und  materiell,  sondern  mehr  unsichtbar;  sie  ist  nicht  fleischlich,
sondern  geistig,  sie  bringt  unzählige  Tugenden  zutage,  welche
gute  und  nützliche  Menschen  machen.
Die  dritte  oder  himmlische  Klasse  steht  von  den  zwei  anderen ­
  ganz  abgetrennt  da;  in  ihr  sind  alle  selbstischen  Rücksichten
der  auserwählten  Brüderschaft  der  Besten  untergeordnet,  und  ihre
ersten  Gedanken  gelten  stets  dem  Dienste  anderer.  Sie  denken
        <pb n="115" />
        100

VII.  Reichtum  und  sein  Gebrauch.

V  V  V
V  V
V

nicht  an  eine  Belohnung  durch  Reichtum  oder  Ruhm,  denn  sie
haben  gelernt  und  wissen  vollauf,  daß  die  Tugend  ihre  beste  und
sicherste  Belohnung  in  sich  selbst  trägt,  und  daß  für  den,  der
sich  dieses  Lohnes  erfreut,  kein  anderer  Lohn  mehr  erstrebenswert
erscheint.  So  finden  sich  sogar  Reichtum  und  Ruhm  entthront;
an  ihrer  Statt  herrscht  das  Höchste  von  allem  —  Zufriedenheit
mit  Dir  selbst,  entspringend  aus  treuer  Erfüllung  der  Pflicht,  wie
Du  sie  erkannt,  ohne  Furcht  für  die  Folgen,  unbekümmert  um
Belohnung.
Ganz  gleich 1 ,  welchem  Zweige  menschlicher  Tätigkeit  Geschmack
und  Urteil  sich'  zuwendet:  die  Hauptsache  bleibt,  sich  überhaupt
einem  Berufe  zuzuwenden.  Erfüllen  Sie  dann  darin  Ihre  Schuldigkeit ­
  und  —  was  besonders  wichtig  ist  —  noch  ein  bißchen  mehr.
Wir  haben  das  Zeugnis  eines  großen  Dichters  dafür,  daß  der
Mann,  welcher  das  in  seinen  Kräften  stehende  Beste  tut,  zeitweise
auch  noch  mehr  zu  leisten  vermag.  Vor  allem  erhalten  Sie  sich'
Ihre  Selbstachtung;  sie  ist  das  kostbarste  Juwel  und  der  einzig
wahre  Weg,  die  Achtung  anderer  zu  erwerben;  und  erinnern  Sie
sich  dabei  der  für  immer  wahren  Worte  Emersons:  „Kein  junger
Mann  kann  um  eine  ehrenhafte  Laufbahn  im  Leben  betrogen
werden,  der  sich'  nicht  selbst  darum  betrügt.“
        <pb n="116" />
        VIII.  Das  Schreckgespenst  der  Trusts.

Wir  alle  können  nicht  ohne  ein  Spielzeug  sein.  Das  Kind
hat  seine  Knarre,  der  Erwachsene  sein  Steckenpferd,  der  Vergnügungssüchtige ­
  die  Mode,  der  Mann  der  Kunst  seinen  Lieblingsmeister; ­
  auch  das  Menschengeschlecht  in  seinen  verschiedenen
Abstufungen  verlangt  von  Zeit  zu  Zeit  ein  neues  Spielzeug.  Ganz
die  gleiche  Regel  gilt  für  die  Geschäftswelt.  Zurückhalten  und
Verschleißen  der  Güter  —  beides  hat  seine  Zeit.  Es  ist  noch  nicht
allzu  lange  her,  als  alles  Syndikat  war.  Dieses  Wort  ist  jetzt
schon  altmodisch  und  die  neueste  Mode  heißt  nun  „Trust“.  Auch
sie  wird  im  Laufe  der  Jahre  einem  anderen  Allheilmittel  Platz
machen.  Und  dieses  neue  Heilmittel  wird  nach  geraumer  Zeit
wieder  von  einem  andern  verdrängt  werden  und  so  fort  ohne
Ende.  Die  großen  volkswirtschaftlichen  Gesetze  allein  bleiben,
wie  alle  die  Gesellschaft  betreffenden  Gesetze  —  tief  in  der
menschlichen  Natur  begründet  —  durch  alle  Veränderungen  immer
die  gleichen.  Von  jenen  Allheilmitteln  bleibt,  sobald  Konsolidierung ­
  oder  Ausbreitung  der  Güter,  Syndikate  oder  Trusts  dagegen ­
  zu  verstoßen  anfangen,  nichts  übrig,  während  die  großen
volkswirtschaftlichen  Gesetze  nach  wie  vor  ihre  unerschütterliche
Wirkung  ausüben.  Immerhin  ist  es  lohnend,  Erscheinen  und
Wachstum  der  Trusts  zu  untersuchen  und  zu  verstehen,  welche
Umstände  die  Trusts  erzeugen.
Ihr  Ursprung  ist  folgender:  In  einem  bestimmten  Artikel  entsteht ­
  eine  gewisse  Nachfrage,  welche  die  Leistungsfähigkeit  der
damit  beschäftigten  Betriebe  übersteigt.  Die  Preise  sind  hoch,
und  der  Gewinn  ist  verlockend.  Jeder  Fabrikant  dieses  Artikels
beginnt  sofort  seine  Anlagen  zu  erweitern  und  ihre  Betriebskraft
        <pb n="117" />
        102

VIII.  Das  Schreckgespenst  der  Trusts.

zu  erhöhen.  Dazu  ziehen  die  ungewöhnlichen  Verdienste  die  Aufmerksamkeit ­
  seiner  Geschäftsleiter  oder  derer,  die  mehr  oder  weniger ­
  bei  der  Fabrik  interessiert  sind,  auf  sich  und  machen  wieder
anderen  von  der  Ertragsfähigkeit  der  Werke  Mitteilung.  Neue
Teilhaberschaften  bilden  sich,  neue  Werke  werden  eingerichtet;
nicht  lange  darauf  sind  die  Bedürfnisse  für  den  Artikel  voll  gedeckt,
und  die  Preise  bleiben  die  alten.  Bald  wird  das  Angebot  größer
als  die  Nachfrage;  infolgedessen  bleibt  etwas  Ware  unverkauft,
und  die  Preise  beginnen  wieder  zu  fallen.  Sie  fallen  so  lange,
bis  der  betreffende  Artikel  auf  Kosten  der  weniger  günstig  situierten ­
  und  weniger  fähig  geleiteten  Fabriken  verkauft  wird;
ja  sogar  bis  die  best  situierte  und  best  ausgestattete  Fabrik  den
Artikel  nicht  mehr  zu  den  Preisen  erzeugen  kann,  zu  denen  er
überhaupt  noch  verkäuflich  ist.  Selbst  die  Nationalökonomen  erklären, ­
  daß  dann  die  Schwierigkeit  beginne:  Güter  werden  nicht
unter  dem  Kostenpreis  erzeugt.  Das  traf  voll  in  dem  Zeitalter
Adam  Smiths  zu,  aber  es  trifft  nicht  mehr  heutzutage  zu.  Solange ­
  ein  Artikel  von  kleinen  Fabrikanten  gewöhnlich  im  eigenen
Hause  mit  Hilfe  von  ein  paar  Tagesarbeitern  und  ein  paar  Lehrjungen ­
  erzeugt  wird,  ist  es  leicht,  die  Produktion  einzuschränken
oder  gar  einzustellen.  Wie  heutzutage  Fabrikation  betrieben  wird
—  in  ungeheuren  Betrieben  mit  5  bis  10  Millionen  voller  Kapitalanlage ­
  und  mit  Tausenden  von  Arbeitern  —  ist  es  für  den
Fabrikherrn  viel  weniger  kostspielig,  mit  einem  bestimmten  Verlust ­
  per  Tonne  zu  arbeiten,  als  seiner  Gütererzeugung  Einhalt
zu  tun.  Arbeitseinstellung  würde  eine  äußerst  ernste  Sache  sein.
Die  Voraussetzung  für  billigere  Fabrikation  ist  Vollbetrieb.  Zwanzig
verschiedene  Ausgaben  sind  dauernde,  feste  Ausgaben.  Viele  davon
würden  durch  Betriebseinstellung  nur  noch  viel  größer  werden.
Daher  wird  der  Artikel  oft  Monate,  ja,  wie  ich  aus  eigener  Erfahrung ­
  weiß,  sogar  Jahre  hindurch  weiter  forterzeugt,  nicht  nur
ohne  jeden  Gewinn  und  ohne  jede  Verzinsung  des  Kapitals,  sondern
sogar  zum  Schaden  des  darin  angelegten  Kapitals.  Die  Fabrikanten
sehen  sich  Jahr  für  Jahr  bei  ihrem  Bücherabschluß  Kapitalsverlusten ­
  gegenübergestellt.  Einerseits  bedeutet  Fortsetzung  des  Betriebes ­
  unter  diesen  Umständen  fortgesetzten  Verlust,  andererseits ­
  Einstellung  desselben  sicheren  Ruin.  Ihre  Konkurrenten  be ­
        <pb n="118" />
        VIII.  Das  Schreckgespenst  der  Trusts.  103
finden  sich  selbstverständlich  in  derselben  Lage.  Sie  sehen  wie
ihre  Ersparnisse,  wie  ihr  Kapital,  welches  sie  vielleicht  gar  von
anderen  geliehen  haben,  immer  kleiner  wird,  ohne  jede  Hoffnung ­
  auf  bessere  Zeiten.  Unter  solchen  Umständen  wird  all  und
jedwedes  Mittel,  das  Abhilfe  verspricht,  dankbar  aufgenommen.
Die  Fabrikanten  befinden  sich  in  der  Lage  von  Kranken,  die,  nachdem ­
  sie  eine  Reihe  von  Jahren  erste  Ärzte  konsultiert,  das  Opfer
von  Quacksalbern  werden.  „Bündnisse,  Syndikate,  Trusts“  —
man  ist  bereit,  alles  zu  versuchen.  Eine  Versammlung  wird  einberufen ­
  und  angesichts  der  dringenden  Gefahr  entscheidet  man
sich  zum  Handeln.  Man  bildet  einen  Trust.  Jede  Fabrik  wird
zu  einem  bestimmten  Werte  eingeschätzt;  Beamte  werden  gewählt
und  durch  sie  wird  das  gesamte  Produkt  des  Artikels  zu  lohnenden ­
  Preisen  an  das  Publikum  verkauft.
Dieses  ist  der  Ursprung  des  „Trust“  in  Fabrikartikeln.  Bei
Verkehrsmitteln  unterscheidet  sich  die  Sache,  obgleich  sie  tatsächlich ­
  auf  dasselbe  herauskommt,  in  einigen  Einzelheiten.  Viele
kleinere  Eisenbahnen  sind  unter  besonderem  Konzessionstitel  erbaut. ­
  Ein  Geschäftsgenie  bemerkt,  daß  die  acht  oder  zehn  Organisationen, ­
  mit  ebenso  verschiedenartigen  Leitungen,  Ausstattungen
usw.  gerade  so  nutzlos  sind,  wie  250  Zaunkönige  in  Deutschland,
und  —  gleich  Bismarck  —  macht  er  ihnen  ein  Ende,  schafft  eine
einzige  große  Hauptlinie,  verdoppelt  die  Sicherheit,  zahlt  die  Interessen ­
  aus  den  durch  die  Vereinigung  der  Bahnen  erzielten  Ersparnissen, ­
  und  alles  ist  hochbefriedigt,  wie  unter  anderem  im
Fall  der  Neuyorker  Zentralbahn.  Oder  eine  Linie  ist  beispielsweise ­
  so  gebaut  und  mit  solcher  Sparsamkeit  verwaltet,  wie  die
Pennsylvania-Eisenbahn;  es  gelingt  ihr,  staatliche  Hilfsquellen  in
solchem  Grade  zu  entwickeln,  daß  auf  einer  Entfernung  von
250  engl.  Meilen  (Pittsburg-Philadelphia)  ein  Reingewinn  von
13  Millionen  jährlich  erzielt  wird.  12  Millionen  Dollar  Gewinn
kann  sie  durch  ihre  Bücher  nachweisen.  Zwischen  1  bis  2  Millionen
werden  jährlich  verwendet,  um  eine  der  besten  Bahnen  der  Welt
herzustellen  auf  einem  Wege,  der  ursprünglich  für  eine  Pferdeeisenbahn ­
  bestimmt  war.  Wir  nennen  unsere  Eisenbahnvereinigungen ­
  nicht  Trusts,  dennoch  sind  sie  es,  weil  sie  darauf  ausgehen, ­
  die  Verkehrskosten  in  gewissen  Distrikten  auf  ihrer  alten
        <pb n="119" />
        104

VIII.  Das  Schreckgespenst  der  Trusts.

Höhe  zu  erhalten,  ja,  sogar  sie  zu  erhöhen.  Sie  sind  Vereinigungen,
die  ein  Monopol  innerhalb  gewisser  Distrikte  anstreben.
Während  der  letzten  Präsidentenwahlen  schien  es  den  Zwecken
einer  der  Parteien  zu  entsprechen,  Trusts  mit  der  Theorie  des
Schutzzolles  in  Beziehung  zu  bringen.
Allein  Trusts  sind  auf  kein  einzelnes  Land  beschränkt;  sie
hängen  in  keiner  Weise  von  fiskalischen  Gesetzen  ab.  Der  größte
Trust  der  Gegenwart  ist  der  Kupfertrust;  er  ist  ein  französischer
Trust  und  hat  sein  Hauptquartier  in  Paris.  Der  Salztrust  —  ein
englischer  Trust  —  hat  sein  Hauptquartier  in  London.  Der  Drahtstabtrust ­
  ist  ein  deutscher  Trust.  Der  einzige  Eisenbahntrust,
der  je  existierte,  umfaßte  alle  einschlägigen  Werke  Europas.  Trusts,
mögen  sie  nun  immer  Verkehrsmittel  oder  Fabrikationen  betreffen,
sind  stets  Produkte  menschlicher  Schwäche,  und  diese  Schwäche
breitet  sich  gleichzeitig  mit  dem  Wettbewerbe  aus.
Es  existiert  eine  ungeheure  Vereinigung  —  sie  wird  unter
die  Trusts  gezählt  —  so  außergewöhnlich  in  ihrem  Ursprünge
und  ihrer  Geschichte,  daß  sie  eine  besondere  Betrachtung  verdient: ­
  ich  meine  die  Standard  Oil  Company!  Vielleicht  hat  es
niemals  eine  so  günstige  Gelegenheit  gegeben,  ein  Erzeugnis
zu  beherrschen,  wie  in  dem  Falle  des  Petroleums.  Einige  der
fähigsten  Geschäftsleute,  welche  die  Welt  je  gesehen,  begriffen
früh  die  Wichtigkeit  der  Entdeckung  und  legten  große  Kapitalsummen ­
  in  dem  mit  der  Entdeckung  des  Petroleums  verbundenen
Grundeigentume  an.  Der  Erfolg  des  Petroleumgeschäftes  war
ungeheuer,  und  daher  auch  ungeheuer  der  Erfolg  dieser  Leute.
Die  gemachten  Gewinne  und  alles  Kapital,  das  irgend  auftreiben
konnten,  wurde  furchtlos  von  ihnen  in  die  Anlage  gesteckt,  und
so  wurden  sie  bald  die  hauptsächlichsten  und  einzigen  Eigentümer ­
  des  ganzen  Landstriches,  welcher  diese  Quelle  des  Reichtums ­
  enthielt.
Die  Standard  Oil  Comp,  läge  längst  in  Trümmern,  wäre
sie  nicht  alles  in  allem  in  Übereinstimmung  mit  den  Gesetzen
geleitet  worden,  welche  die  geschäftliche  Welt  beherrschen.  Im
allgemeinen  wird  behauptet,  daß  die  Ölpreise  ebenso  niedrig  —
viele  behaupten  sogar,  viel  niedriger  —  stehen,  als  sie  hätten
sein  können,  wenn  das  Geschäft  nicht  als  ein  ungeheurer  Betrieb
        <pb n="120" />
        VIII.  Das  Schreckgespenst  der  Trusts.  105

und  mit  dem  freien  Blick  geleitet  wäre,  durch  den  die  Stand.
Oil  Comp,  berühmt  ist.  Die  Stand.  Oil  Comp,  ist  in  ähnlicher
Lage  wie  Colmans  in  Pennsylvania,  der  die  hauptsächlichsten
Erzlager  im  amerikanischen  Osten  besitzen  soll.  Da  nun  die
Stand.  Oil  Comp,  fortwährend  damit  beschäftigt  ist,  Öl  an  anderen
Orten  zu  finden,  so  hängen  ihr  Fortbestehen  und  ihre  Erfolge
von  der  Fortdauer  der  außerordentlichen  Geschicklichkeit  ihrer
Berater  und  von  der  Verwaltungsorganisation  ihrer  Gründer  ab.
Hin  und  wider  erhebt  sich  eine  gefährliche  Gegnerschaft,  und
die  Aussichten  sprechen  sehr  dafür,  daß  die  Stand.  Oil  Comp,
tatsächlich  ihr  Monopol  verlieren  und  den  Weg  aller  solcher
ungeheuren  Vereinigungen  gehen  wird.  Man  könnte  hundert  gegen
eins  wetten,  daß  sie  die  Abdankung  ihrer  gegenwärtigen  Leiter
nicht  überleben  würde.  Oder  vielleicht,  so  sollte  ich  sagen,  findet
sich  nach  dem  Abtreten  dieser  Männer  ein  oberster  Befehlshaber
(denn  solche  wundervollen  Organisationen  bringen  oft  Genies
hervor)  mit  einem  Korps  besonders  fähiger  Stabsoffiziere,  etwa
ein  neuer  Grant,  an  der  Spitze.  Denen,  welche  die  Stand.  Oil
Comp,  als  ein  Beispiel  dafür  anführen,  daß  Trusts  und  mächtige
Vereinigungen  selbst  auf  die  Länge  der  Zeit  erfolgreich  bleiben
können,  sage  ich:  Wartet  ab  und  seht  zu!  Ich  habe  mich  hier
ganz  frei  über  diese  Gesellschaft  geäußert,  weil  ich  keinerlei  Kenntnisse ­
  über  ihre  Leitung,  ihre  Gewinne  und  Transaktionen  habe.
Ich  überschaue  sie  von  außen  her,  einzig  und  allein  als
volkswirtschaftlicher  Forscher;  als  solcher  habe  ich  auf  die  Companie ­
  die  Grundsätze  angewendet,  die,  wie  ich  weiß,  zur  Erscheinung ­
  kommen  müssen,  ganz  gleichgültig,  wie  gewaltig
der  Versuch  auch  sein  mag,  die  Wirkungen  dieser  Gesetze  zu
hintertreiben.
Wir  haben  hier  die  Entstehung  von  Trusts  und  großer  geschäftlicher ­
  Vereinigungen  verschiedener  Art  zu  erklären  unternommen. ­
  Die  Frage  bleibt:  Bedrohen  sie  dauernde  Interessen
einer  Nation?  Sind  sie  eine  Quelle  ernster  Gefahren?  Oder
sind  sie,  gleich  verschiedenen  Bildungen  der  Vergangenheit,  nur
vorübergehende  Phasen  der  Unrast  und  eines  Übergangsstudiums?
Um  das  zu  beantworten,  wollen  wir  den  Operationen  des  von
uns  vorausgesetzten  Fabrikantentrustes  folgen:  Salz  oder  Zucker,
        <pb n="121" />
        106  VIII.  Das  Schreckgespenst  der  Trusts.
Nagel  oder  Bohnen,  Blei  oder  Kupfer,  es  ist  immer  dasselbe.
Nehmen  wir  einmal  an,  die  Zuckerraffinerien  hätten  einen  Trust
gebildet,  nachdem  sie  sich  gegenseitig  viele  schlechte  Geschäftsjahre ­
  hindurch  Konkurrenz  gemacht;  der  ganze  in  den  Fabriken
erzeugte  Zucker  soll  durch  einen  Kanal  zu  erhöhten  Preisen
an  das  Publikum  gebracht  werden.  Gewinne  zeigen  Zuwachs,
Dividenden  werden  bezahlt,  und  die,  welche  früher  ihre  Mittel
dahinschwinden  sahen,  sind  jetzt  glücklich.  Die  Dividenden  des
im  Zuckergeschäft  angelegten  Kapitals  bringen  dem  Anleger  einen
viel  höheren  Gewinn  als  das  in  anderen  Dingen  angelegte  Kapital. ­
  Die  Preise  für  Zucker  sind  so  hoch,  daß  Kapital,  in  einer
neuen  Zuckerfabrik  angelegt,  ungeheuren  Gewinn  abwerfen  würde.
Vielleicht  hat  sich  der  Trustteilnehmer  verpflichtet,  seinen  Betrieb ­
  nicht  weiter  zu  vergrößern,  oder  sich  nicht  an  einer  gleichen
Anlage  zu  beteiligen:  aber  seine  Bekannten  und  Verwandten  entdeckten ­
  bald  die  neue  Möglichkeit  des  Gewinnstes.  Er  kann
ihnen  raten,  die  Vollendung  einer  kleinen  Fabrik  zu  beschleunigen, ­
  die  dann  natürlich  Glied  des  Trustes  werden  muß,  oder
wenn  er  selbst  seinen  Freunden  einen  solchen  Wink  nicht  geben
will,  so  liegt  doch  immer  Kapital  auf  der  Lauer  für  solche  Gelegenheiten, ­
  besonders  wenn  es  ruchbar  würde,  daß  ein  Trust
in  der  Bildung  begriffen,  wie  eben  in  diesem  Falle  Zucker.  Sofort
schießen  wie  durch  einen  Zauber  neue  Zuckerfabriken  in  die
Höhe.  Je  erfolgreicher  der  Trust  ist,  desto  sicherer  werden  diese
Schlingpflanzen  aufschießen.  Recht  angesehen,  ist  jeder  Sieg  eine
Niederlage.  Für  jede  Fabrik,  die  der  Trust  aufkauft,  wird  eine
andere  gegründet.  Und  so  weiter,  bis  die  Blase  platzt.
Die  Zuckerraffinerien  haben  im  besonderen  Falle  mehr  aus
dem  Kapital  herauszuschlagen  versucht,  als  Kapital  im  allgemeinen
abwirft.  Sie  versuchten  einen  Teil  des  Kapitalozeans  über  das
Niveau  der  ihn  umgebenden  Wasser  zu  heben.  Über  den  von
ihnen  aufgeführten  Bollwerken  sind  die  Fluten  hereingebrochen,
und  das  Kapital  hat  gerade  wie  Wasser,  wieder  sein  natürliches
Niveau  gefunden.  Es  ist  wahr,  daß  eine  kürzere  oder  längere
Periode  nötig  sein  mag,  um  das  verlorene  Niveau  wieder  zu
erlangen;  während  dieser  Periode  mag  auch  der  betreffende  Artikel
in  kleinen  Mengen  zu  einem  etwas  höheren  Preise  als  früher
        <pb n="122" />
        verkauft  werden.  Doch  dafür  wird  der  Abnehmer  während  der
Jahre  voll  entschädigt,  in  denen  der  Kampf  der  abweichenden
Konkurrenzbetriebe  heftiger  wird,  als  er  je  vorher  gewesen;  und
das  dauert  so  lange,  bis  das  große  Gesetz  vom  Überleben  des
Stärkeren  seine  Erfüllung  findet.  Diejenigen  Betriebsleiter,  die
sich  am  besten  auf  ihren  Vorteil  verstehen,  zwingen  die  weniger
Leistungsfähigen,  und  das  weise  verwaltete  Kapital  erhält  seinen
legitimen  Nutzen.  Nach  kurzer  Zeit  setzt  die  wachsende  Nachfrage ­
  das  Kapital  wiederum  instand,  einen  ungewöhnlichen  Nutzen
einzuheimsen.  Das  bringt  dem  Gewerbe  selbstverständlich  von
neuem  Kapital  zu:  so  finden  wir  eine  Wiederkehr  des  alten
Kampfes,  bei  welchem  der  Käufer  des  Fabrikates  den  Vorteil  hat.
So  ist  das  Gesetz,  so  war  das  Gesetz,  und  so  dürfte  das  Gesetz
auch  für  alle  Zukunft  bleiben;  denn  bis  jetzt  vermochte  noch  kein
Kunstgriff  dasselbe  dauernd  zu  hintertreiben.  Vollkommene  Freiheit ­
  der  Konkurrenz  vorausgesetzt,  haben  bis  jetzt  noch  alle  Vereinigungen ­
  und  Trusts,  die  von  den  Konsumenten  einen  höheren
als  den  volkswirtschaftlich  gesetzmäßigen  Gewinn  für  Kapital  und
Arbeit  herauszuschlagen  suchten,  sich  dadurch  die  Urkunde  ihrer
eigenen  Niederlage  ausgestellt.  Es  gibt  vielfache  und  ausreichende
Beweise  dafür,  daß  dieses  große  Gesetz  nie  schläft  und  nie  unterdrückt ­
  werden  kann.  Vor  einiger  Zeit  habe  ich  darauf  hingewiesen,
daß  die  Stahlschienenfabrikanten  Europas  einen  Trust  bildeten
und  den  Preis  der  Schienen  so  verteuerten,  daß  amerikanische
Fabrikanten  zum  ersten  und  vielleicht  auch  zum  letztenmal  solche
Schienen  nach  Kanada  in  Konkurrenz  zu  den  europäischen  ausführen ­
  konnten.  Aber  Mißverständnisse  und  Streitigkeiten,  welche
von  solchen  versuchten  Vereinigungen  früherer  Konkurrenten  unzertrennbar ­
  sind,  zerbrachen  bald  diesen  Trust.  Mit  Rachegefühlen,
die  sich  der  bis  dahin  bloß  geschäftlichen  Nebenbuhlerschaft  hinzugesellten, ­
  wurde  der  Kampf  beendet,  und  die  Stahlschienenindustrie ­
  Europas  hat  sich  von  diesem  Schlage  niemals  wieder
erholt.  Sehr  bald  zeigte  sich  das  Aufwärtsdrängen  in  den  Preisen
solcher  Betriebe;  es  verlieh  den  letzteren,  die  besser  Schienen
überhaupt  niemals  fabriziert  haben  würden,  für  kurze  Zeit  ein
nur  galvanisiertes  Dasein;  und  so  starb  der  Trust  eines  natürlichen ­
  Todes.
        <pb n="123" />
        108

VIII.  Das  Schreckgespenst  der  Trusts.

Während  der  großen  Depression,  die  jahrelang  im  amerikanischen ­
  Eisenbahnschienenhändel  herrschte,  wurden  verschiedene  Versammlungen ­
  voll  von  Besorgnissen  abgehalten,  die  ganz  der  oben
beschriebenen  Entstehung  der  Trusts  entsprachen;  man  beschloß,
es  mit  einer  Einschränkung  der  Produktion  zu  versuchen.  Glücklicherweise ­
  erfolgte  sehr  bald  eine  Reaktion.  Eine  Nachfrage  nach'
Schienen  setzte  ein,  bevor  der  Plan  wirklich  zur  Ausführung  kam;
infolgedessen  wurde  tatsächlich  keine  Eisenproduktionseinschränkung ­
  versucht,  und  dadurch  blieb  die  Eisenschienenindustrie  vor
einem  großen  Irrtum  bewahrt.  Wir  sahen  unlängst  die  amerikanische ­
  Bleiindustrie  in  Stücke  gehen  und  deren  Besitzer  bankrott
werden.  Erst  vor  kurzem  waren  die  Zeitungen  voll  davon,  daß
eine  Vereinigung  der  Viehzüchter  von  St.  Louis  entschlossen  sei,
die  Vereinigung  der  Schlächter  und  Verschiffer  von  Chicago  und
der  Stadt  Kansas  zu  beseitigen.
Viele  Jahre  hindurch  gab  es  in  Amerika  infolge  von  Überproduktion ­
  kein  schlechteres  Geschäft  als  die  Nagelfabrikation.
Diesem  Übelstande  abzuhelfen,  bildeten  die  Fabrikanten  nicht  etwa
einen  Trust,  um  die  Produkte  zu  verkaufen,  sondern  schränkten
die  Produktion  ein.  Ein  Teil  ihrer  Maschinen  stand  still.  Dieser
Teil  wurde  von  Zeit  zu  Zeit  vergrößert  und  man  fabrizierte  nur
so  viel,  wie  der  Markt  zu  einem  bestimmten  Preise  aufzunehmen
vermochte.  Allein  die  Folge  davon  war,  daß  bald  mehr  Maschinen
zur  Fabrikation  von  Eisennägeln  hinzugefügt  wurden,  als  die  Nachfrage ­
  nach  Nägeln  in  Amerika  für  viele  Jahre  nötig  machte;  so
ging  denn  diese  Vereinigung  zu  guter  Letzt  den  Weg  aller  Trusts,
und  ließ  das  Geschäft  in  einem  schlimmeren  Zustande  zurück
als  je  zuvor.
Dem  Zuckertrust  ist  bereits  ein  bekannter  Konkurrent  entstanden. ­
  Auch  der  Kupfertrust  befindet  sich  in  Gefahr.  All’  und
jeder  nimmt  seine  Maßregeln  zur  Bekämpfung  der  Trusts  und
Vereinigungen,  sobald  nur  der  Angriff  lohnt;  mit  anderen  Worten:
Sowie  Trusts  oder  Vereinigungen  mit  Erfolg  den  reinen  Nutzen
über  das  im  ganzen  Lande  herrschende  Gewinnniveau  erhoben
haben,  sind  sie  der  Konkurrenz  aus  allen  Richtungen  ausgesetzt;
die  notwendige  Folge  ist  dann  ihr  Zusammenbruch.  Es  erscheint
ganz  und  gar  überflüssig,  bei  den  zahlreichen  Trusts  für  geringe
        <pb n="124" />
        VIII.  Das  Schreckgespenst  der  Trusts.  109

Artikel,  über  die  man  beinahe  täglich  liest,  länger  zu  verweilen,
denn  sie  sind  alle  demselben  großen  Gesetze  unterworfen.  Die
Zeitungen  erklären:  Trusts  beständen  für  Tapeten,  Schuhbänder,
Bauholz,  Kohle,  Koks,  Ziegel,  Schrauben,  Taue,  Glas,  Versicherungswesen, ­
  Eisenwaren,  und  noch  zwanzig  andere  Artikel;  doch
die  Grabschrift  all  dieser  Schöpfungen  ist:
„„Warum  habt  ihr  mich  geschaffen,
Da  ihr  habt  so  schnell  mich  fallen  lassen?““
.Wir  könnten  mit  Macbeth,  wenn  er  die  Schattenbilder  von
Banquos  Nachkommenschaft  anstarrt,  ausrufen:  „Wie?  soll  das
fortgehen  bis  zum  jüngsten  Tag?“  Aber  wie  mit  Banquos  Reihen,
so  geht  es  auch  mit  Trusts.  Es  liegt  eine  gewisse  Beruhigung  darin,
daß,  sobald  ein  neuer  naht,  ein  früherer  verschwindet.  Sie  kommen
und  verschwinden  gleich  Schattenwesen.
Soviel  über  Trusts  auf  industriellem  Gebiete.  Wir  wollen  nun
die  Eisenbahnen  prüfen,  deren  „Einsätze“,  „Bündnisse“,  „Differentialtarife“ ­
  vielen  Leuten  schlaflose  Nächte  bereiten,  ln  all  ihren
verschiedenen  Formen  sind  diese  Dinge  nichts  anderes,  als  Bemühungen ­
  des  Kapitals,  vor  dem  Spiel  der  wirtschaftlichen  Kräfte,
welche  im  freien  Wettbewerb  konzentriert  sind,  sich  selbst  zu
sichern.
ln  Großbritannien  sowie  in  Europa  überhaupt  wird  im  allgemeinen ­
  eine  andere  Art  Eisenbahnpolitik  als  unsere  unbeschränkt
freie  Eisenbahnpolitik  befolgt.  Eisenbahnen  und  andere  Verkehrswege ­
  Großbritanniens  haben,  weil  sie  vorher  eine  Bauerlaubnis
vom  Parlament  nachsuchen  müssen,  beinahe  so  viel  auf  jede
einzelne  Meile  gekostet,  wie  der  Gesamtbau  unserer  billigsten
westlichen  Bahnen  ganz  und  gar.  Beispielsweise  hat  Manchester
sich  Unlängst  dahin  entschieden,  einen  30  Meilen  langen  Kanal  nach
Liverpool  zu  bauen.  Die  Auslagen  allein  für  die  Erlangung  der
Erlaubnis  vom  Parlament  betrugen  bis  jetzt  schon  fast  eine  halbe
Million  Dollar.  Die  Regierung  entscheidet  vermittels  eines  Parlamentsausschusses ­
  darüber,  ob  die  geplante  Linie  wirklich  nötig
ist;  um  über  diesen  Punkt  ins  klare  zu  kommen,  wird  nun
jedermann,  der  mit  den  Verkehrsverhältnissen  vertraut  ist,  vor
den  Ausschuß  geladen,  um  zu  beweisen,  daß  die  geplante  Linie
        <pb n="125" />
        HO  VIII.  Das  Schreckgespenst  der  Trusts.
nicht  notwendig  sei;  dagegen  müssen  die  Vertreter  des  Unternehmens ­
  den  mit  ungeheuren  Kosten  verbundenen  Beweis,  daß
die  betreffende  Linie  notwendig  ist,  durch  Hunderte  von  Sachverständigen ­
  erbringen.  Trotzdem  läßt  sich  die  auf  diese  Weise
herbeigeführte  Entscheidung  des  Parlamentsausschusses  in  keiner
Weise  mit  der  untrüglichen  Entscheidung  der  Kapitalisten  vergleichen. ­
  Diese  wissen  zweifellos  viel  besser  als  irgendein  anderer,
ob  das  geplante  Werk  einen  guten  Vorteil  abwerfen  kann,  und
darin  liegt  der  beste  Beweis  seiner  Notwendigkeit.  Das  Ergebnis
der  amerikanischen  Verkehrspolitik  zeigt  sich  am  besten  darin,  daß
trotz  aller  Versuche  der  Eisenbahnen,  die  volkswirtschaftlichen
Gesetze  zu  unterdrücken,  das  amerikanische  Volk  sich  des  billigsten
Verkehrswesens  in  der  ganzen  Welt  erfreut.  In  den  meisten  Fällen
hat  man  den  Wert  der  Aktien  „verwässert“  (herabgesetzt).  Nach
dem  wirklich  angelegten  Kapital  sind  die  Dividenden  der  Eisenbahnlinien ­
  ungewöhnlich  gewesen  und  viel  höher  als  der  Gewinn,
welcher  Kapital  aus  änderen  Anlagen  ziehen  könnte.  Das  ganze
Aktienkapital  im  Westen  Amerikas  hat  gewöhnlich  wenig  oder
nichts  gekostet,  da  die  Erträge  der  Obligationen  für  den  Bahnbau
genügten.  Die  Bemühungen  der  Eisenbahndirektoren  gehen  deshalb
dahin,  ein  größeres  Kapital,  als  es  für  die  Verdoppelung  des
betreffenden  Besitzes  notwendig  wäre,  zu  verzinsen.  Ihre  Verbindungen ­
  und  Abmachungen  verschiedener  Art,  die  schon  in
wenigen  Monaten,  nachdem  durch  sie  Verpflichtungen  feierlich
übernommen,  für  jedermann  wertlos  sind,  bieten  gleichfalls  volle
Beweise  für  diese  Versuche.  Dennoch,  gerade  wie  die  ungeheuren
Verdienste,  die  bei  der  Fabrikation  eines  Artikels  erzielt  werden,
neue  Kapitalien  heranziehen,  ebenso  zieht  der  ungeheure  Erfolg
dieser  Eisenbahnen  neues  Kapital  in  ihren  Bereich.  Die  Neuyorker
Zentralbahn,  welche  80«/o  Dividende  zahlt,  steht  an  der  amerikanischen ­
  Westküste  allen  voran.  Die  Domäne  der  Pennsylvania-Eisenbahn, ­
  welche,  wie  ich  bereits  erwähnt,  13  Millionen  Dollar  abwirft, ­
  ist  Süd-Pennsylvania.  Eine  andere,  außerordentlich  gewinnbringende ­
  Linie  zwischen  Chicago  und  Milwaukee  hat  eine  Parallelbahn ­
  zur  Folge  gehabt.  Da  beide  gewinnbringend  waren,  so
wurde  bald  eine  dritte  Bahn  gebaut.  Früher  gab  es  zwischen  den
genannten  Städten  bloß  eine  Linie,  jetzt  gibt  es  deren  sechs;
        <pb n="126" />
        VIII.  Das  Schreckgespenst  der  Trusts.  m
sollten  diese  Linien  sich  morgen  vereinigen,  um  vom  Publikum
auch  nur  ein  Prozent  mehr  Ertrag  für  das  angelegte  Kapital  zu
erhalten  als  den  Durchschnittsertrag,  dann  würde  sehr  bald  eine
siebente  Linie  erbaut  werden  und  zwar  mit  vollem  Rechte.  Dieses
beweist  ebenfalls,  daß  das  große  wirtschaftliche  Gesetz  nicht  umgangen ­
  werden  kann,  solange  die  Möglichkeit  besteht,  Kapital  in
Konkurrenzlinien  anzulegen.
Die  Eisenbahnfrachten  in  Europa,  verglichen  mit  denen  Amerikas,
zeigen  einen  geradezu  schreienden  Gegensatz.  Die  Frachtkosten
auf  englischen  Linien  sind  durchschnittlich  mehr  als  doppelt  so
hoch,  wie  die  amerikanischen  Frachten;  ja,  in  vielen  von  mir
genannten  und  geprüften  Fällen  betragen  sie  selbst  das  Dreifache,
und  in  nicht  wenigen  Fällen  sogar  mehr  als  das  Dreifache.
Einer  meiner  Freunde  kaufte  eine  Ladung  Getreide  in  Leith;
die  Fracht  von  Neuyork  betrug  einen  Dollar  per  Tonne;  dagegen
kostete  die  Beförderung  für  35  Meilen  innerhalb  Englands  volle
96  Cent.  Ein  anderer  kaufte  600  Tonnen  Kohle  am  Obersee  (Lake
Superior).  Die  Fracht  per  Tonne  nach  Liverpool  kostete  4  Dollar,
dagegen  betrug  der  Weitertransport  für  8  englische  Meilen  per
Tonne  2  Dollar  87  Cent  (nach  seinen  englischen  Mühlen).  Für
diesen  Preis  befördern  unsere  Bahnen  560,  die  englischen  Bahnen
nur  80  Meilen  weit.  Wenn  Europa  sich  des  unbeschränkten  Wettbewerbes ­
  in  seinem  Verkehrssystem  erfreuen  dürfte,  würde  die  Entwicklung ­
  seiner  Hilfsquellen  selbst  jetzt  noch,  in  geschichtlich
relativ  später  Zeit,  die  Welt  in  Erstaunen  setzen.  Nach  meiner
Überzeugung  haben  wir  Amerikaner  alle  Ursache,  uns  zu  unserer
Verkehrspolitik  Glück  zu  wünschen.  Ihre  Vorteile  sind  gegen  ihre
Fehler,  im  Vergleich  zu  allen  anderen  Systemen  geradezu  ungeheuer.
Die  Amerikaner  können  ruhig  lachen  über  die  Anstrengungen
ihrer  Eisenbahnmagnaten  und  all  ihrer  Fabrikanten,  die  volkswirtschaftlichen ­
  Gesetze  durch  Trusts,  Vereinigungen,  Spieleinsätze,
Differentialtarife  oder  irgend  dergleichen  zu  umgehen,  solange
sie  an  dem  Grundsatz  unbeschränkt  freien  Wettbewerbes  festhalten.
Haltet  das  Feld  frei  und  offen.  Freiheit  vor  allem  für  jeden
Eisenbahnbau  —  wann  und  wo  immer  Kapital  ihn  zu  unternehmen
wünscht  —  und  zwar  unter  gleichen  Bedingungen  für  alle.  Niemand ­
  kann  auf  die  Länge  der  Zeit  mehr  als  den  durchschnittlichen
        <pb n="127" />
        112

VIII.  Das  Schreckgespenst  der  Trusts.

Gewinn  für  Anlagekapital  herauspressen;  weder  ein  Monopol  noch
ein  Verkehrsmittel,  noch  eine  Fabrik.  Jeder  darauf  zielende  Versuch ­
  muß  mit  einem  Fehlschlage,  der  mit  dem  vorübergehenden
Erfolge  eines  so  törichten  Beginnens  im  Verhältnisse  steht,  endigen.
Es  ist  einfach  lächerlich,  wenn  Leute  glauben,  sie  könnten  dadurch,
daß  sie  in  einem  und  demselben  Zimmer  beraten  und  Resolutionen
fassen,  die  großen  Gesetze  ändern,  welche  die  menschlichen  Angelegenheiten ­
  in  der  Geschäftswelt  regieren,  ganz  gleichgültig,
ob  solche  Leute  Eisenbahnpräsidenten,  Bankiers  oder  Fabrikanten ­
  sind.
Die  Trustmode  hat  nur  noch  eine  kurze  Lebensspanne  vor
sich;  zweifellos  wird  ihr  nach  der  nächsten  Periode  geschäftlicher
Depression  eine  neue  gleich  törichte  Mode  folgen;  aber  darin  liegt
keine,  auch  picht  die  geringste  Gefahr;  gesunden  Geschäftsprinzipien
kann  kein  ernstlicher  Schaden  aus  all  diesen  Bewegungen  erwachsen. ­
  Die  einzigen,  welche  die  Trusts  zu  fürchten  haben,  sind
diejenigen,  die  Narren  genug  sind,  sich  daran  zu  beteiligen.  Der
Konsument  und  der  Versender,  nicht  der  Fabrikant  und  der  Eisenbahnbesitzer, ­
  werden  stets  dabei  das  Fett  abschöpfen.
Seitdem  ich  das  vorhergehende  niedergeschrieben,  ist  auf  der
Bildfläche  eine  neue  Art  erschienen  in  der  Form  des  präsidialen
Abkommens;  eines  Abkommens  unter  Gentlemen,  in  welchem
die  Beteiligten  sich  verpflichten,  die  zukünftige  Entwicklung  des
prächtigen,  unter  den  Gesetzen  natürlichen  Wachstums  arbeitenden
amerikanischen  Eisenbahnwesens  zu  kontrollieren,  einzuschnüren
und  festzuhalten;  alles  das  in  einer  Zeit,  da  das  Land  dessen  Weiterer
Entwicklung  mehr  denn  jemals  bedarf.
Diese  Gentlemen  wollen  nicht  etwa  neue  Bahnen  bauen,  welche
dem  Publikum  die  Vorteile  einer  gesunden  Konkurrenz  verschaffen,
noch  wollen  sie  den  Bau  solcher  Bahnen  späterhin  erlauben.  Man
darf  sicher  sein,  auch  dieses  Spielzeug  wird,  gerade  wie  seine
Vorgänger,  bald  zugunsten  eines  anderen  verworfen;  und  dann
werden  dieselben  Leute,  die  jetzt  von  dieser  neuen  Knarre  so  sehr
entzückt  scheinen,  diese  selbe  Knarre  mit  der  größten  Verachtung
ansehen;  die  gleichen  Gentlemen  werden  dann  auch  an  dem  guten
Werke  der  weiteren  Entwicklung  des  bestehenden  Bahnsystems
teilnehmen,  wo  und  wann  sie  irgend  an  die  Möglichkeit  glauben,
        <pb n="128" />
        VIII.  Das  Schreckgespenst  der  Trusts.

113

einen  guten  Gewinn  dabei  zu  machen.  .Wo  immer  bestehende
Bahnen  mehr  als  einen  gerechtfertigten  Gewinn  für  das  tatsächlich
angelegte  Kapital  oder  von  dem  Kapital,  welches  für  Verdoppelung
der  bestehenden  Bahnen  erforderlich  ist,  Herauspressen,  dort  werden
stets  neue  Konkurrenzbahnen  gebaut  werden,  und  zwar  zum  Glück
für  die  Interessen  des  Landes;  denn  diesem  ist  bei  weitem  mehr
durch  billige  Verkehrsmittel  als  durch  Dividendenversicherung  für
Kapitalisten  gedient.  Ferner,  sobald  es  durch'  Begebung  von  Eisenbahnsicherheiten ­
  etwas  zu  verdienen  gibt,  werden  sich  stets  Finanzleute ­
  finden  —  gleichfalls  glücklicherweise  zum  Besten  wichtiger
Landesinteressen  —  die  froh  sein  müssen,  einen  Markt  dafür  zu
bekommen,  ohne  sich  weiter  darum  zu  kümmern,  ob  durch  die
neuen  Linien  bestehende  Monopole  beseitigt  werden.
Es  steht  nicht  in  menschlicher  Macht,  für  länger  als  kurze,
sehr  kurze  Zeit  außergewöhnlichen  Vorteil  aus  wirklichem  Kapital
zu  ziehen,  das  in  Verkehrsanstalten  oder  Fabrikation  angelegt
wurde,  solange  all  und  jeder  das  Recht  freien  Wettbewerbes  besitzt;
diese  Freiheit  aber,  das  darf  man  ruhig  versichern,  wird  sich  das
amerikanische  Volk  nicht  leicht  beschneiden  lassen.

V  V  V
V  V
V

Carnegie,  Kaufmanns  Herrschgewalt.

8
        <pb n="129" />
        IX.  Englisch-amerikanische  Handelsbeziehungen. ­

An  der  Schwelle  dieser  großen  Frage  begegnen  wir  dem
immer  noch  nicht  veralteten  Diskussionsstoff:  Freihandel  wider
Schutzzoll.  Zunächst:  Es  gibt  nur  eine  Art  von  Freihandel,  doch
zwei  Arten  von  Schutzzoll:  der  britische  Schutzoll  und  seine
amerikanische  Spielart;  beide  voneinander  außerordentlich  verschieden ­
  in  der  Theorie  sowohl,  wie  in  der  Praxis.  In  Britannien
versteht  man  unter  Schutzzoll  einfach  eine  Verteuerung  der  Volksnahrung ­
  und  als  Folge  davon  eine  dauernde  und  künstliche  Steigerung ­
  im  Werte  von  Grund  und  Boden.  Dagegen  ist  die  amerikanische ­
  Idee  des  Schutzzolls  die  von  Stuart  Mill  vorausgesehene.
Sie  hält  sich  an  Adam  Smiths  großer  Lehre,  deren  Kernpunkt
darin  besteht,  jeden  Artikel  bei  vollkommen  freiem  Güteraustausch
zu  dem  möglichst  niedrigen  Preise  zu  verkaufen.  Haben  wir  Grund,
daran  zu  glauben,  daß  die  natürlichen  Quellen  eines  Landes  zu
besserer  und  billigerer  Herstellung  eines  Artikels,  als  es  in  irgendeinem ­
  anderen  Lande  möglich  ist,  nur  der  Entwicklung  bedürfen,
dann  müssen  wir  Adam  Smith  zustimmen,  welcher  es  für  ersprießlich
hält,  eine  Zeitlang  den  betreffenden  Artikel  teurer  zu  bezahlen,
wenn  zu  guter  Letzt  dadurch  ein  größerer  Markt  für  das  einheimische ­
  Produkt  gewonnen  wird.  Adam  Smith  war  also  keineswegs ­
  ein  wilder  Dogmatiker  in  Verteidigung  des  Freihandels;  er
faßte  vielmehr  seine  Meinung  dahin  zusammen,  daß  man  ebensogut
in  dieser  Welt  auf  ein  Utopien,  wie  auf  Durchsetzung  vollkommenen
Freihandels,  selbst  in  Großbritannien,  hoffen  dürfe;  wo  es  sich  um
Änderung  der  fiskalischen  Gesetze  handelt,  spricht  er  sich  über
diesen  Punkt  ganz  klar  dahin  aus,  daß  solche  Änderungen  nur
allmählich  und  ohne  jeden  ernsten  Schäden  für  den  bestehenden
        <pb n="130" />
        IX.  Englisch-amerikanische  Handelsbeziehungen.  115
Handel  unternommen  werden  sollten.  Die  folgenden  beiden  Beispiele ­
  werden  den  Unterschied  zwischen  dem  Schutzzoll  in  England
und  Amerika  am  besten  veranschaulichen.  Während  des  Unionkrieges ­
  wurde  das  amerikanische  Volk  aufgeregt  und  verletzt  durch
die  Feindschaft,  nicht  des  englischen  Volkes,  wohl  aber  der  englischen ­
  Regierung.  Wir  Amerikaner  waren  entschlossen,  den  Gebrauch ­
  britischer  Erzeugnisse  so  viel  wie  möglich'  einzuschränken
und  ganz  besonders,  uns  von  der  britischen  Stahl-  und  Eiseneinfuhr,
diesem  vorzüglichsten  Material  für  Kriegszwecke,  unabhängig  zu
machen;  zumal  bei  Englands  kriegerischer  Haltung  in  der  Alabamaangelegenheit ­
  Krieg  zwischen  den  beiden  Ländern  seinerzeit  keineswegs ­
  so  unmöglich  war,  wie  es  heute  —  den  Götten  sei  Dank  —  ist.
Solches  sind  die  Folgen  von  allem  den  Völkern  angetanen
Unrecht;  dieses  bringt  Wiedervergeltung;  und  jeder  auf  solche
Art  erworbene  Feind  bildet  eine  dauernde  Explosionsgefahr.  Die
Alabamafrage  gab  uns  einen  dreißig  Jahre  lang  ununterbrochenen
Schutz;  sie  setzte  uns  instand,  nunmehr  Großbritannien  erfolgreich
mit  unserem  Stahl  innerhalb  seiner  eigenen  Grenzen  zu  bekämpfen.
Bis  dahin  war  unsere  Stahlfabrikation  erfolglos.  30  Prozent  Abgaben ­
  wurden  dafür  gefordert  und  gezahlt.  Alle  kennen  das
Resultat:  wir  Amerikaner  können  jetzt  nicht  nur  billigeren  Stahl
machen  als  irgendein  anderes  Volk  der  Welt,  Großbritannien  mit
eingeschlossen;  es  ist  auch  gewiß,  daß  heutzutage  ein  großer  Teil
der  ganzen  Welt  von  Amerika  aus  mit  Stahl  versorgt  wird.  In
Amerika  wird  gegenwärtig  zweifellos  der  beste  Stahl  auf  der  ganzen
Erde  erzeugt.  Nun,  wir  denken,  daß  in  diesem  Falle  der  gewährte
Schutzzoll,  welcher  übrigens  bereits  auf  ein  viertel  des  ursprünglichen ­
  Zolles  reduziert  ist,  durchaus  gerechtfertigt  war.  Nehmen  wir
einen  anderen  Fall:  Immer  werden  die  Fähigsten  ihre  Anstrengungen ­
  darauf  richten,  den  materiellen  Fortschritt  ihres  Volkes  durch
Einführung  neuer  Industriezweige  zu  fördern.  Beispielsweise  lebte
man  bei  uns  in  der  Hoffnung,  daß  bei  zeitweisem,  ausreichendem
Schutzzoll  eine  einheimische  Zuckerindustie  billigere  Erzeugnisse
liefern  würde  als  die  ausländische.  Der  damit  gemachte  Versuch
ergab  jedoch  ein  schlechtes  Resultat.  Wir  waren  im  Irrtum.  Der
auf  Zucker  gelegte  Zoll  wurde  deshalb  wieder  aufgehoben,  und  der
Zucker  durfte  wieder  frei  eingeführt  werden.  In  dem  einen  Falle
        <pb n="131" />
        116

IX.  Englisch-amerikanische  Handelsbeziehungen.

bedeutete  der  Schutzzoll  einen  Sieg,  im  anderen  Falle  eine  Niederlage. ­
  Ich  möchte  glauben,  auch  bei  anderen  Völkern  würden  sich'
im  Laufe  der  Entwicklung  die  in  den  Vereinigten  Staaten  gemachten
Erfahrungen  wiederholen.  Jede  Nation  wird  den  Versuch  machen,
innerhalb  ihrer  eigenen  Grenzen  Waren  zu  erzeugen,  wenn  die
Wahrscheinlichkeit  besteht,  diese  Waren  besser  und  billiger  selbst
zu  produzieren,  als  sie  vom  Auslande  her  bezogen  werden  können;
in  solchen  Fällen  muß  man  das  Ergebnis  dieser  Versuche  geduldig
abwarten.  Gerade  so  wie  die  Vereinigten  Staaten  den  Schutzzoll
für  Zucker  aufgaben,  werden,  wie  ich  glaube,  andere  Nationen  von
der  Torheit  eines  ewigen  Schutzzolls  zurückkommen  und  die
amerikanische  Art  eines  nur  zeitweiligen  Schutzzolls  sich  zu  eigen
machen;  denn  der  Versuch  eines  Volkes,  aus  dem  dauernden,  einem
bestimmten  Artikel  auferlegten  Zoll  für  sich  selbst  Nutzen  zu  ziehen,
ist  dem  Versuche  eines  Mannes  zu  vergleichen,  der  durch  ein
Hinaufschieben  seiner  Hosenträger  seine  ganze  Person  zu  heben
versucht.  Obgleich  ich  ganz  und  gar  der  Theorie  zustimme,  daß
es  zeitweise  einer  jungen  Nation  gar  wohl  ansteht,  Kapital  und
Hirnkraft  für  Versuche  in  einem  neuen  Industriezweige  einzusetzen,
selbst  wenn  damit  ein  gewisses  Risiko  verbunden  ist,  so  bin  ich
doch  andrerseits  ein  durchaus  gläubiger  Anhänger  der  Lehre  Adam
Smiths,  daß  das  letzte  Ziel  vollkommen  freier  Austausch  aller  Artikel
unter  allen  Völkern  der  Welt  sein  müsse,  wenn  man  von  der  Notwendigkeit ­
  der  daraus  zu  erzielenden,  im  übrigen  aber  unwichtigen
fiskalischen  Einnahme  einmal  absieht.
Sie  werden  sich  erinnern,  daß  der  Minister  Chamberlain  eine
Zeitlang  für  einen  Großbritischen  Zollverein  schwärmte;  innerhalb
dieses  Vereins  sollte  vollkommener  Freihandel  herrschen,  gerade
so  wie  innerhalb  der  45  Staaten  der  amerikanischen  Union.  Auf
den  ersten  Blick  erscheint  das  eine  wahrhaft  brillante  Idee!  Allein
nach  Konferenzen  mit  den  Kolonialministern  zur  Zeit  des  60  jährigen
Regierungsjubiläums  der  Königin  Viktoria  erklärte  Chamberlain,
niemand  würde  ihn  dazu  bringen,  den  Gegenstand  selbst  auch  nur
mit  Zangen  wieder  anzurühren 1 ).  Es  steht  einem  Staatsmann
’)  Carnegie  erlaube  mir  die  Bemerkung,  daß  er  die  Chamberlainsche
Äußerung  nur  halbrichtig  wiedergibt.  Chamberlain  sagte:  wenn  er  sich
die  Überzeugung  erwerben  müßte,  daß  die  britischen  Kolonien  nur  ge-
        <pb n="132" />
        IX.  Englisch-amerikanische  Handelsbeziehungen.  117

wohl  an,  seine  Ansichten  zu  ändern,  wenn  er  findet,  daß  er  im
Irrtum  war.  Die  britischen  Kolonien  wissen,  daß  sie  einen  großen
Teil  ihres  öffentlichen  Einkommens  aus  den  Eingangssteuern,  ziehen;
ein  britischer  Zollverein  ist  deshalb  nicht  durchführbar,  ganz  abgesehen ­
  von  anderweitigen  Bedenken.  Beispielsweise  zahlten  die
Vereinigten  Staaten  neben  den  Abgaben  auf  Zucker  eine  ebenso
große  Summe  wie  die  von  anderen  Völkern  gezahlte  Prämie
für  Zuckerbau,  und  das  ist  nur  ein  Akt  der  Gerechtigkeit  gegenüber ­
  unsern  eigenen  Zuckererzeugern.
Es  ist  deshalb  durchaus  wahrscheinlich,  daß  vorläufig,  und
zwar  sehr  bald  die  britischen  Kolonien  durch  die  Notwendigkeit
ivon  Einnahmen,  verbunden  mit  der  Unbequemlichkeit  bei  der
Einsammlung  von  anderen  Steuern,  dahin  geführt  werden,  hohe
Abgaben  auf  jede  Art  von  Einfuhr  zu  legen;  besonders  auf  die
Einfuhr  von  Luxusgegenständen,  d.  h.  auf  die  feinsten  Erzeugnisse ­
  jeder  Art;  also  auf  all  solche  Dinge,  welche  nicht  von  den
Massen  der  Armen  des  Volkes,  sondern  von  den  wenigen  Reichen
gebraucht  werden.  Eine  solche  Politik  wäre  volkstümlich,  und
es  ist  hinlänglich  bekannt,  wie  wichtig  die  Unterstützung  der
Massen  für  den  Politiker  ist.  Dieselben  Einflüsse  werden,  wie
ich  glaube,  in  den  Vereinigten  Staaten  sich  geltend  machen.  Ich
kenne  keine  andere  Art  der  Steuererhebung,  die  gleich  leicht  und
für  die  .Wähler  gleich  angenehm  wäre.  Es  erscheint  vielleicht
überraschend  und  ist  dennoch  wahr,  daß  bei  der  gegenwärtigen
Steuerpolitik  die  große  Masse  des  amerikanischen  Volkes  tatsächlich ­
  jeder  Besteuerung  entgeht.  Sie  gebrauchen  hauptsächlich
—  ja,  ich  möchte  sagen  ganz  und  gar  —  nur  einheimische  Erzeugnisse: ­
  einheimischen  Tabak,  einheimischen  Wein,  einheimische
Spirituosen  und  einheimisches  Bier,  einheimische  Baumwollen-  und
Wollenstoffe  und  einheimische  Seidenstoffe,  alles  vollkommen
seinen  Zweck  erfüllend,  wenn  auch  nicht  so  fein  wie  ausländische

zwungen  einem  großbritischen  Verein  beitreten  würden,  dann  würde  er
die  Sache  nicht  einmal  mit  Zangen  anfassen.  Tatsächlich  hat  Chamberlain
  die  Idee  eines  großbritischen  Zollvereins  in  der  einen  oder  anderen
Form  keineswegs  aufgegeben,  wie  die  während  des  vergangenen  Jahres
(1902)  stattgehabten  Konferenzen  mit  den  Ministern  der  verschiedenen
Kolonien  am  besten  beweisen.
        <pb n="133" />
        118

IX.  Englisch-amerikanische  Handelsbeziehungen.

Ware,  und  dabei  alles  überraschend  billig.  Ich  hatte  unlängst  einen
Beweis  dafür.  Eine,  wenn  auch  nicht  reiche,  doch  immerhin  wohlhabende ­
  Familie  ging  jedes  Jahr  zum  Besuche  ihrer  Eltern  mit  ihren
fünf  Kindern  nach  England  hinüber.  Die  Kosten  der  Überfahrt
wurden  im  voraus  gedeckt  durch  den  Einkauf  von  Kleidern  und
anderen  Artikeln  hier  in  Amerika.  Die  betreffende  Dame  erklärte
uns,  daß  sie  jetzt  nichts  mehr  in  Europa  kaufe,  da  sie  ihre  Kinder
in  Neuyork  billiger  kleiden  könne.  Viele  andere  Tatsachen  beweisen
dasselbe.  Unsere  Dienerschaft,  die  mit  uns  über  den  Ozean  hinund
  zurückgeht,  kauft  viele  Artikel  in  Neuyork;  allerdings  keine
feinen  Luxusartikel,  an  denen  sich  reiche  Leute  erfreuen.
Auf  solche  Artikel,  die  einen  großen  Teil  unseres  Staatseinkommens ­
  decken,  dürfen  wir  immerhin  eine  beträchtliche  Steuer
legen,  ohne  zu  fürchten,  daß  die  reichen  Leute  sich  von  ihrem  Gebrauch ­
  abhalten  lassen  oder  selbst  auch  nur  ihren  Bedarf  darin
bedeutend  einschränken  werden.  Die  reichen  Klassen  unserer
Republik  kehren  sich  nicht  viel  an  die  Höhe  des  Preises  beim
Einkauf  von  Luxusartikeln.  Feine  Seidenstoffe,  feine  Linnen,  feine
Spitzen,  feine  Wollenfabrikate,  feine  Weine  oder  schottischer  Whisky
und  englisches  Bier  gehören  zu  diesen  Luxusartikeln.  Merken  Sie
wohl:  diese  Politik  wird  aufrecht  erhalten  nicht  des  Schutzzolls,
sondern  nur  rein  fiskalischer  Zwecke  wegen.  Selbst  wenn  der
Schutzzoll  offen  verworfen  würde,  müßten  solche  Artikel  dennoch
weiter  besteuert  werden  —  die  Klasse  des  Volkes  würde  das  einfach
fordern.  Die  Annahme,  daß  die  Wenigen  und  nicht  die  Vielen,
die  Besteuerung  der  von  den  Reichen  gebrauchten  Luxusartikel
begünstigen,  ist  durchaus  irrig.  Meiner  Überzeugung  nach  können
diese  Art  Steuern  auf  absehbare  Zeit  nicht  abgeschafft  werden.
Bilden  sie  doch  die  populärste  Art  der  Steuererhebung!  Neuerdings
gibt  sich  eine  neue,  nicht  zu  übersehende  Beziehung  in  dem
Handelsverkehr  der  verschiedenen  Völker  untereinander  kund.  Man
darf  es  jetzt  für  ausgemacht  halten,  daß  Rohmaterial  in  begünstigter
physikalisch-geographischer  Lage  nunmehr  Macht  genug  besitzt,
um  Kapital  und  Geschicklichkeit  anzuziehen,  so  daß  es  gemeiniglich'
in  allernächster  Nähe  verarbeitet  werden  kann.  Die  einzelnen  Völker
zeigen  dabei  eine  früher  ungeahnte  Fähigkeit  für  Fabrikation:  die
armen  Männer  und  Frauen  Indiens,  die  Peonen  Mexikos,  die
        <pb n="134" />
        IX.  Englisch-amerikanische  Handelsbeziehungen.  119

Neger  Amerikas,  alle  beweisen  sie,  daß  sie  gute  Fabrikarbeiter  sind.
Auch  die  Chinesen  und  Japaner  zeigen  ähnliche  Fähigkeiten.  Großbritannien ­
  und  die  Vereinigten  Staaten  stellen  nur  die  wenigen
Abteilungsdirigenten;  denn  die  automatischen  Maschinen  bedürfen
kaum  noch  gelernter  Arbeiter.  Große  Veränderungen  werden  sehr
bald  die  Folge  dieses  letzten  Umstandes  sein.  Es  geziemt  Großbritannien, ­
  welches  lange  Zeit  hindurch  das  erste  und  vorzeiten  beinahe ­
  sogar  das  einzige  Industrieland  von  Bedeutung  war,  und
ebenso  den  Vereinigten  Staaten,  ihre  Leistungsfähigkeit  in  jedem
einzelnen  Felde  auf  voller  Höhe  zu  erhalten.  Vollkommene  Umwälzungen ­
  werden  sich  vielleicht  infolge  dieses  einen  Umstandes
einstellen.  Sir  Sutherland,  der  bei  einer  der  großen  amerikanischen
Dampferlinien  beteiligt  ist,  sprach  unlängst  den  Aktieninhabern
von  der  Wahrscheinlichkeit  des  Bezuges  von  Dampfschiffen  aus
dem  fernen  Osten.  Immerhin  hoffe  ich,  er  wird  diese  Schiffe
besser  von  England  und  Amerika  herbeziehen  —  der  Ruf  nach
dem  fernen  Osten  braucht  denn  doch  einen  allzu  langen  Weg.
Obgleich,  wie  ich  glaube,  irgend  ein  größerer  Zuwachs  an
auswärtigem  Handel  nicht  zu  erwarten  ist,  jedenfalls  kein  solcher,
der  irgendwie  mit  der  Ausdehnung  des  inländischen  Handels  zu
vergleichen  sein  dürfte,  da  die  wirtschaftliche  Bewegung  auf  Selbstversorgung ­
  mit  den  vornehmsten  Bedürfnissen  ausgeht,  so  glaube
ich  doch,  daß  der  Bevölkerungszuwachs  und  die  Vermehrung  des
Reichtums  neue  Bedürfnisse  schaffen,  das  Feld  der  bisherigen  Bedürfnisse ­
  erweitern  und  so  den  gegenseitigen  Güteraustausch,  wenn
auch  vielleicht  nur  in  geringem  Maße,  noch  immer  weiter  vermehren ­
  wird.  Wie  gering  ist  nicht  der  ausländische  Handel  selbst
in  seiner  höchsten  Blüte,  verglichen  mit  dem  inländischen!  Obgleich ­
  beispielsweise  die  Vereinigten  Staaten  während  des  letzten
Jahres  (1899)  für  80  Millionen  Pfd.  Sterl.  (1600  Millionen  Mark)
eigene  Erzeugnisse  ausführten,  so  macht  das  doch  nur  ärmliche
fünf  Prozent  ihrer  Gesamtproduktion  aus,  welche  sich  auf  über
1800  Millionen  Pfd.  Sterl.  (36000  Millionen  Mark)  belief.  Die  Bedürfnisse ­
  der  Außenwelt  bekümmern  uns  Amerikaner  nicht  gar
zu  sehr;  es  ist  Großbritanniens  hauptsächlichster  Beruf,  das  Land
zu  bleiben  und  zu  werden,  welches  diese  Bedürfnisse  am  besten  zu
befriedigen  vermag.
        <pb n="135" />
        120

IX.  Englisch-amerikanische  Handelsbeziehungen.

Soviel  über  englisch  -  amerikanische  Handelsbeziehungen.  In
dieser  Zeit  bitterer  Parteiungen  und  Sektierertums  ist  in  jedwedem
Mittelpunkte  die  Bildung  einer  Vereinigung  von  einsichtigen  Männern, ­
  welche  als  Glieder  dieser  Körperschaft  weder  auf  Rang,  noch
Reichtum,  noch  Partei,  noch  Glauben  in  ihren  Entscheidungen
Rücksicht  nehmen  und  dem  Frieden  und  Gedeihen  ihres  Landes
alles  andere  unterordnen,  von  ganz  besonderer  Wichtigkeit;  von
Männern,  welche  ihre  Blicke  überallhin  zu  allen  Völkern  und  nach
allen  Ländern  wenden,  in  der  richtigen  Erkenntnis,  daß  alle
Menschen  Brüder  sind,  und  deshalb  mehr  oder  weniger  in  ihrem
Gedeihen  voneinander  abhängen;  von  Männern,  welche  im  Gedeihen ­
  anderer  Nationen  nicht  allein  einen  Gegensatz,  sondern  auch
eine  glückliche  Ergänzung  des  Gedeihens  ihres  eigenen  Volkes
finden.  Solche  Männer  verachten  die  kleinlichen  Anschauungen  des
Durchschnitts-Politikers,  welcher  im  Kriege  gegen  andere  eine  Wohltat ­
  für  sein  eigenes  Volk  und,  wie  ich  fürchte,  mehr  noch  eine  Quelle
für  seine  eigene  Volkstümlichkeit  sieht.  Es  liegt  eine  tiefe  Wahrheit
—  besonders  für  große  Handelsvölker,  wie  Großbritannien  Und
unsere  eigene  Republik,  die  bereits  den  geschäftlichen  Thron  der
Welt  mit  dem  Mutterlande  teilt  —  in  dem  Ausspruch,  daß  wir  an
all  und  jedem  Gedeihen  in  jedwedem  Teile  der  ganzen  Welt
unseren  Anteil  haben.  Die  gesamte  Welt  zahlt  ihren  Tribut  den
Nationen,  welche  in  der  einen  oder  anderen  Weise  einen  hervorragenden ­
  Anteil  an  der  Befriedigung  ihrer  Bedürfnisse  besitzen.
Daher  haben  Großbritannien  sowohl  wie  Amerika  das  größte  Interesse ­
  an  Erhaltung  des  Friedens,  und  deshalb  ist  Friedenspolitik
die  beste  Politik;  Friedensstörung  dagegen  ein  schwerer,  politischer
Fehler,  denn  wir  können  das  Gedeihen  keiner  einzigen  Nation  zerstören, ­
  ohne  uns  selbst  zu  schädigen.  Alles,  was  zeitweiliger  Gewinn ­
  für  uns  selbst  scheint,  muß,  sobald  er  auf  Kosten  anderer
erreicht  wird,  zu  guter  Letzt  uns  selbst  Schaden  bringen.  Man
wird  diese  Anschauungen  vielleicht  „Zukunftsmusik“  nennen;
dennoch  sind  schon  jetzt  vorbereitende  Schritte  für  deren  Verwirklichung ­
  getan.  Der  erste  Schritt  dahin  spricht  sich  in  der  Anschauung ­
  aus,  daß  der  Handel  der  Flagge  folgt;  in  der  Tat  wittert
echter  Kaufmannsgeist  immer  den  besten  Vorteil.  Der  Handel
bindet  sich  an  keinerlei  Flagge.  Das  loyale  Kanada  kauft  seine
        <pb n="136" />
        IX.  Englisch-amerikanische  Handelsbeziehungen.  12!
Flaggen  in  Neuyork.  Sein  Handel  mit  der  Republik  der  Vereinigten
Staaten  ist  dreimal  so  groß  wie  sein  Handel  mit  Großbritannien
und  mit  allen  anderen  Völkern  zusammengenommen.  Keine  Nation
vermag  staatliche  oder  auch  nur  nominelle  Kontrolle  über  ein
fremdes  Territorium  mit  Aussicht  auf  dauernden  geschäftlichen
Vorteil  unter  dem  Freihandelsystem  und  bei  gleichem  Recht  für  alle
zu  erlangen.  Sie  sichert  und  erhält  sich  einzig  und  allein  die  Märkte,
die  sie  selbst  am  besten  zu  versorgen  vermag.  Millionen  an  Gold
und  Tausende  von  Menschenleben  für  die  politische  Oberherrschaft
über  neue  Landstrecken  zu  wagen,  mag  manches  Mal  aus  politischen
Gründen  notwendig  sein;  niemals  jedoch  für  die  Bedürfnisse  des
Handels.  .Wir  würden  einen  großen  Schritt  vorwärts  tun  mit  der
Erkenntnis,  daß  politische  Besitznahme  nicht  notwendig  ist  2ur
Ausdehnung  des  Handels  über  neue  Landstrecken.  Sogar  Amerika
sollte  diese  Wahrheit  sich  wieder  vergegenwärtigen;  es  ist  doch
bestrebt,  die  politische  Herrschaft  über  die  Philippinen  zu  gewinnen! ­
  Britische  und  amerikanische  Interessen  werden  voll  gewahrt ­
  durch  gleiches  Recht  für  alle.  Beispielsweise  sind  jetzt  die
ausländischen  Handelsinteressen  beider  Länder  identisch  und  sollten
deshalb  zu  einer  gemeinschaftlichen  Politik  führen  —  zu  einer  Politik
der  offenen  Türe  und  des  Friedens,  die  allen  Völkern  das  Recht
gibt,  sich  ihrem  eigenen  Wesen  gemäß  mit  voller  Freiheit  zu  entwickeln. ­
  Wir  haben  neuerdings  vielfache  Beweise  für  das  bekannte
Sprichwort  gesehen,  daß  Blut  dicker  ist  als  Wasser;  viel  dicker,
meine  ich,  zwischen  den  Abkommen  derselben  Rasse.  In  dem
augenscheinlichen  Zusammenschluß  aller  englisch  sprechender
Völker  sehen  wir  das  erste  Dämmern  eines  neuen  Gefühls  —  des
Patriotismus  der  Rasse;  eine  Empfindung  des  Stolzes  und  der
Hingebung  kündigt  sich  in  der  Rasse  an,  deren  eine  Hälfte  unter
britischer  Flagge  und  deren  andere  Hälfte  unter  dem  Sternenbanner
lebt  —  eine  dritte  Flagge  schwebt  über  beide,  die  Flagge  der  englischen ­
  Sprache,  denn  auf  der  ganzen  weiten  Erde  gibt  es  keine
englisch  sprechende  Gemeinschaft,  die  nicht  dem  einen  oder  dem
anderen  der  beiden  Fahnensymbole  Treue  bewahrte.  Das  leichte
Kriegsgewölk,  das  über  den  beiden  Zweigen  unserer  Rasse  eine
Zeitlang  schwebte,  hat  nur  dazu  beigetragen,  beide  Teile  noch
enger  zu  verbinden,  als  sie  jemals  seit  der  Zeit  ihrer  politischen
        <pb n="137" />
        122

IX.  Englisch-amerikanische  Handelsbeziehungen.

Trennung  verbunden  gewesen  sind.  Wir  mögen  sehr  wohl,  ja
mit  vollster  Sicherheit  annehmen,  daß  in  Zukunft  zwischen  den
beiden  Nationen,  welche  ja  doch  im  Grunde  genommen  ein  Volk
sind,  jedwede  Frage  auf  freundschaftlichem  Wege  erledigt  werden
wird,  und  daß  keine  Regierung,  weder  in  dem  einen  noch  in  dem
anderen  Lande,  jemals  wieder  imstande  sein  wird  —  kraftvoll  oder
verderblich  genug  —  der  Forderung  der  Besten  unter  beiden
Völkern  zu  widerstehen;  diese  Forderung  geht  aber  dahin,  daß  die
Begleichung  von  Zwistigkeiten  zwischen  ihnen  niemals  wieder  des
Schwertes  blutiger  Entscheidung  anheim  gestellt  werden  soll.  Die
Zeiten  sind  ein  für  allemal  vorüber,  in  denen  englisch  sprechende
Männer  zum  Kampfe  auf  Leben  und  Tod  gegeneinander  aufgerufen
werden  können.  Niemals  mehr  wird  die  Sonne  ein  solches  Schauspiel ­
  sehen.  Wir  sind  darüber  hinaus  und  haben  die  Seiten  dieser
Geschichte  des  Schreckens  für  immer  geschlossen.
Was  also  dürfte  uns  die  Zukunft  bei  diesem  neuen  machtvollen ­
  Gefühl  des  Rassenpatriotismus,  welches  für  uns  heraufzudämmern ­
  scheint,  in  den  Schoß  tragen?  Unsere  eigene  Rasse
neigt  sehr  zu  der  Krankheit  des  Landhungers.  Großbritannien  hat
die  roten  Punkte  seiner  Oberherrschaft  über  alle  Ecken  und  Enden
der  Welt  ausgestreut;  wir  selbst  haben  uns  von  den  Küsten  des
atlantischen  Ozeans  dreitausend  Meilen  weit  bis  zu  denen  des
stillen  Ozeans  ausgedehnt,  von  der  St.  Lawrence-Bai  zum  Golfe  von
Mexiko;  ja  noch  nicht  damit  zufrieden,  gehen  wir,  so  fürchte  ich,
darauf  aus,  fremde  Länder  uns  anzueignen.  Es  ist  wahr,  wir  haben
uns  die  Heilige  Schrift  gar  zu  sehr  zu  Herzen  genommen,  die  sagt,
daß  die  Sanftmütigen  diese  Erde  besitzen  sollen;  hieraus  jedoch,
so  meint  wenigstens  unser  Humorist  Mark  Twain,  erklärt  sich
alles:  unsere  Rasse  ist  gar  so  sanftmütig;  unter  allen  Umständen
scheinen  wir  recht  bald  entdeckt  zu  haben,  daß  das  entscheidende
und  einzig  zuverlässige  Merkmal  für  die  wahren  Erben  der  Gebrauch
des  Englischen  als  ihrer  Muttersprache  ist.
Diese  Epoche  nie  rastender  Ausdehnung  muß  bald  zu  Ende
gehen.  Nach  dem  Gesetze  der  Entwicklung  sollte  jedes  Land  sich
selbst  regieren.  Kanada  tut  es;  Australien  steht  eben  im  Begriff,
seine  eigene  Souveränität  zu  erlangen;  beide  haben  ihre  eigenen
fiskalischen  Tarife  sogar  gegen  die  Einfuhr  von  England  her.  Die
        <pb n="138" />
        IX.  Englisch-amerikanische  Handelsbeziehungen.  123

siebzehn  Republiken  Süd-Amerikas,  welche  bis  vor  ganz  kurzem
von  Spanien  regiert  wurden,  sind  nun  alle  unabhängig  und  regieren
sich  selbst.  Nur  während  der  Entwicklungsperiode  vermögen  machtvolle ­
  Nationen  entlegnere  Völker  zu  regieren  und  über  dieselben
zu  herrschen;  doch  selbst  während  dieser  Periode  kann  solch  eine
entfernte  Regierung  so  günstigen  Einfluß  ausüben,  daß  selbst  nach
Übernahme  der  tatsächlichen  Leitung  durch  die  neue  Gemeinschaft
die  Beziehungen  zwischen  Mutter  und  Kind  ununterbrochen  bleiben,
ja  sogar  noch  inniger  werden  als  vorher.  Kanada  und  Australien
bieten  die  besten  Beispiele  dafür.  Infolge  der  weisen,  gütigen,
friedlichen  und  versöhnlichen  Politik  ist  innerhalb  des  großen
britischen  Reiches  ein  Rassenpatriotismus  entstanden,  der  auf  sittlichen ­
  und  deshalb  auf  den  dauerndsten  aller  Kräfte  beruht:  nicht
auf  Gesetz,  sondern  auf  Liebe.  Der  Erfolg  von  Großbritanniens
Kolonialgebiet  in  neueren  Zeiten  gehört  zu  den  größten  Triumphen,
welche  je  eine  Nation  errungen;  ja,  er  bildet  vielleicht  geradezu
den  absolut  größten  Triumph.  Er  wurde  nur  durch  Mittel  des
Friedens,  nicht  des  Krieges  möglich';  solch  ein  Sieg  ist  viel  ruhmbringender ­
  als  jede  Eroberung  durch  Waffengewalt  und  dazu  viel
dauerhafter,  wie  die  Zukunft  zeigen  dürfte.
Die  Fahne  Großbritanniens  flattert  über  Kanada  und  Australien,
auf  Wunsch  ihres  Volkes  bilden  sie  Teile  desselben  großen,  geeinten ­
  Ganzen.  Die  Frage  ist  nun,  ob  sich  die  Rasse  innerhalb
des  großbritannischen  Reiches  bescheiden  oder  zu  guter  Letzt  zu
einem  großen  Ratbündnis  für  die  gesamte  Rasse  entwickeln  v/ird:
dazu  berufen,  die  internationalen  Beziehungen,  von  denen  der
Weltfrieden  abhängt,  zu  ordnen,  und  zwar  bei  voller  Aufrechterhaltung ­
  der  Selbstregierung  für  die  besonderen  Interessen  eines
jeden  einzelnen  Landes;  eine  gekrönte  oder  ungekrönte  Republik.
Ich  darf  für  mich  den  Anspruch  erheben,  daß  ich  schon  vor  Jahr
und  Tag  als  erster  die  Wiedervereinigung  aller  englisch  sprechenden
Nationen  vorausgesagt  habe.  Hier  bietet  sich  unseren  Handelskammern ­
  ein  dankbares  Feld,  dessen  Kultivierung  nur  des  Friedens
und  guten  Willens  bedarf.  Schon  jetzt  können  sie  ihren  guten
Einfluß  dadurch  betätigen,  daß  sie  freundschaftliches  Empfinden
stärken  und  die  beiden  Zweige  unserer  Rasse  noch  inniger  einander
zu  nähern  suchen.  Ich  habe  beinahe  vergessen,  eine  der  besten,
        <pb n="139" />
        V  V  V
V  V
V

124  IX.  Englisch-amerikanische  Handelsbeziehungen
ja  vielleicht  überhaupt  die  beste  Folge  unseres  Schutzzollsystems
zu  erwähnen.  Dieses  hat  die  Etablierung  vieler  britischer  Industrieller ­
  in  unserer  Mitte  nach  sich  gezogen  und  trägt  so  zur
Entwicklung  unserer  Hilfsquellen  bei;  die  Clarks  und  die  Coats
von  Paisley,  die  Dolans  von  Yorkshire,  die  Sandersons  von  Sheffield ­
  und  zuletzt  —  wenn  auch  gewiß  keineswegs  an  letzter
Stelle  —  ein  großer  Preis  aus  Halifax:  denn  wie  sollten  wir  unser
Schutzzollsystem  nicht  preisen,  da  es  die  Firths  zu  uns  herüberzog?
Nicht  einmal  für  ein  königliches  Lösegeld  dürfen  wir  sie  wieder
hergeben;  wir  bedürfen  so  vieler  von  dieser  Halifax-Qualität,  als
wir  nur  irgend  bekommen  können.  Wem  immer  unser  Tarif
zusagt,  der  möge  seine  ausbündigste  Rache  dadurch  nehmen,  daß
er  zu  uns  herüberkommt,  sich  des  vollsten  Freihandels  durch  alle
fünfundvierzig  Staaten  unserer  amerikanischen  Union  erfreut  und
dabei  glücklich  wird.  Unsere  Republik  ruft  sie:  sie  mögen  kommen,
mögen  alle,  alle  kommen!  Sie  besteuert  am  höchsten  Edelsteine
und  andere  kostbare  Einfuhrartikel;  doch  diese  Juwelen,  welche
über  jeden  Preis  erhaben  sind,  läßt  sie  abgabenfrei  ein.  Nicht  nur
für  den  Wert,  welchen  sie  unserer  Industrie  zuführen,  sollten  sie
geschätzt  werden,  sondern  als  Bindeglieder  zwischen  den  alten
und  neuen  Ländern;  zwischen  Mutter  und  Kind.  Einige  jüngere
Mitglieder  dieser  Firmen  lassen  sich  unter  uns  dauernd  nieder;
ihre  Kinder  heiraten  Amerikaner  oder  schließen,  wenn  sie  die  alte
Heimat  besuchen,  dort  Verbindungen  fürs  Leben,  und  der  echte
und  rechte  Anglo-Amerikaner  ist  dann  das  Ergebnis;  er  ist  höchstwahrscheinlich ­
  der  kommende  Mann,  ausgestattet  mit  den  Tugenden
und  der  Kraft  beider  Rassen,  ohne  ihre  Laster  und  Schwächen  zu
teilen;  der  kommende  Mann,  welcher,  wir  mögen  dessen  sicher
sein,  der  fortschreitende  Vertreter  jenes  Rassenpatriotismus  und
jener  Arbeit  sein  wird,  die  den  Tag  gemeinschaftlichen  Bürgertums
innerhalb  der  weiten  und  sich  stetig  mehr  ausbreitenden  Grenzen
unserer  Rasse  heraufführen  wird.
        <pb n="140" />
        X.  Geschäft.

Geschäft  ist  ein  viel  umfassendes  Wort,  und  seine  ursprüngliche ­
  Bedeutung  deckt  den  ganzen  Umkreis  des  menschlichen  Tuns.
Es  ist  das  Geschäft  des  Predigers,  zu  predigen,  des  Arztes,  zu
heilen,  des  Dichters,  zu  schreiben,  des  Universitäts-Professors,  zu
lehren,  und  des  Studenten  —  so  möchte  man  nach  dem  Maße  der
Aufmerksamkeit,  welche  dieser  Beschäftigung  zugewendet  wird,
beinahe  denken  —  Fußball  zu  spielen.
Ich  will  nicht  über  „Geschäft“  in  diesem  allumfassenden  Sinne
sprechen,  sondern  mehr  über  „Geschäft“,  soweit  das  Wort  im
„Century  Dictionary“  erklärt  wird:
„Geschäftliche  und  industrielle  Zwecke  im  allgemeinen  genommen, ­
  Tätigkeit,  welche  Kenntnis  von  Rechnungsablegung
und  finanziellen  Methoden  erfordert,  Tätigkeit  des  Geschäftsbetriebes, ­
  oder  irgend  welche  anderen  Geld-Transaktionen“.
Die  weitere  Erklärung  ist  bemerkenswert  und  macht  diese  Anschauung ­
  von  „Geschäft“  noch  deutlicher.  Sie  lautet:
„Es  kommt  selten  vor,  daß  studierte  Leute  den  Ruf  großer
Geschäftskenntnis  erlangen“.
Doch  wir  müssen  noch  einen  Schritt  weiter  gehen  und  „Geschäft“, ­
  wie  ich  es  betrachten  will,  noch  näher  definieren.  Ist  ein
Eisenbahn-Präsident,  der  ein  festes  Gehalt  empfängt,  oder  ein
Bank-Präsident,  oder  irgend  ein  anderer  mit  Gehalt  angestellter
Beamter  ein  Geschäftsmann  zu  nennen?  Streng  genommen,  nein;
denn  ein  Mann  muß,  um  als  Geschäftsmann  zu  gelten,  mindestens
ein  Teilhaber  des  betreffenden  Unternehmens  sein,  das  er  leitet
und  dem  er  seine  Aufmerksamkeit  widmet;  seine  Einnahmen  müssen
nicht  vom  Gehalt,  sondern  vom  Gewinn  des  Geschäftes  abhängig
sein.  Diese  Anschauung  schließt  die  mit  Gehalt  angestellte  Klasse
        <pb n="141" />
        126

X.  Geschäft.

einfach  aus.  All  diese  Leute  sind  keine  wirklichen  Geschäftsleute,
aber  viele  unter  ihnen  waren  es  früher  und  zwar  mit  großem  Erfolge. ­
  Der  wirkliche  Geschäftsmann  wirft  sich  mit  voller  Kraft  und
vollen  Mitteln  in  das  Meer  des  Geschäfts,  ohne  den  Schwimmgürtel
eines  Gehalts;  er  riskiert  alles.  Mit  Gehältern  kann  man  kein
großes  Vermögen  erwerben,  mögen  sie  auch  noch  so  groß  sein.
Der  Geschäftsmann  aber  strebt  nach  Vermögen.  Ist  er  weise,  so
tut  er  alle  seine  Eier  in  ein  und  denselben  Topf  und  wacht  über
den  Topf.  Wenn  er  ein  Kaffee-Kaufmann  ist,  dann  widmet  er
sich  ganz  dem  Kaffee,  als  Zuckerhändler,  ganz  dem  Zucker  und
läßt  den  Kaffee  unberücksichtigt;  nur  wenn  er  seinen  Kaffee
trinkt,  mag  er  Zucker  hineinmischen.  Gräbt  und  verkauft  er  Kohlen,
dann  habe  er  nur  auf  die  schwarzen  Diamanten  acht;  sobald  er
Schiffe  besitzt  und  segeln  läßt,  dann  widme  er  sich  ganz  dem
Schiffsverkehr.  Er  versichere  seine  eigenen  Schiffe  nicht  weiter,
sowie  er  Kapital  genug  besitzt  und  den  Verlust  eines  Schiffes
überstehen  kann,  ohne  seine  Zahlungsfähigkeit  zu  gefährden.  Wenn
er  Stahl  fabriziert,  soll  er  beim  Stahl  —  dem  Kupfer  aber  fern
—  bleiben.  Gräbt  er  Eisenstein,  möge  er  einzig  und  allein  dabei
bleiben  und  jede  andere  Art  des  Bergwerksbetriebes  vermeiden,
besonders  Silber-  und  Goldbergwerke;  das  alles  ist  ratsam,  weil
ein  Mann  nur  in  einem  Geschäft  vollkommen  Meister  sein  kann;
und  selbst  das  vermag  nur  ein  fähiger  Mensch.
Ich  habe  niemals  gefunden,  daß  jemand  auch  nur  zwei  verschiedene ­
  Arten  von  Geschäften  gleich  gut  verstanden  hätte;  solch
ein  Mann  ist  ebenso  schwer  zu  finden  wie  jemand,  der  mit  gleicher
Vollkommenheit  in  zwei  Sprachen  denkt.
Teilung  und  Spezialisierung  der  Arbeit  ist  heutzutage  die  Parole.
Ich  habe  hier  alle  Arten  von  Studierenden  vor  mir.  Ein  Einblick ­
  in  Ihre  Herzen,  meine  jungen  Freunde,  würde  mich  verschiedenerlei ­
  Ehrgeiz  bei  Ihnen  erkennen  lassen.  Einige  erstreben
eine  ausgezeichnete  Stellung  in  einem  bestimmten  Berufe;  manche
unter  Ihnen  wollen  Juristen,  andere  Geistliche,  andere  wieder
Lehrer,  Ärzte,  Baumeister  Elektriker  und  Ingenieure  werden.  Jeder
hat  wohl  ein  Ideal  vor  sich:  einen  der  Männer,  der  die  höchste
Stellung  in  dem  betreffenden  Berufe  erlangt  hat.  Mit  der  Erreichung ­
  des  Höchsten  in  seinem  Lieblingsberufe  würde  sein  Ehr ­
        <pb n="142" />
        X.  Geschäft.

127

geiz  voll  erfüllt  sein.  Wenigstens  glaubt  er  das  jetzt  selbst.  Mit
diesen  Klassen  von  Berufsenthusiasten  will  ich  mich  nun  hier
nicht  weiter  befassen.  Trotzdem  bleiben  die  Eigenschaften  für
einen  vollen  Erfolg  in  den  soeben  genannten  Berufen  eigentlich
ganz  dieselben,  wie  die,  welche  für  eine  erfolgreiche  geschäftliche ­
  Laufbahn  nötig  sind.  Deshalb  findet  auch  das,  was  ich
zu  sagen  habe,  mehr  oder  weniger  auf  alle  Anwendung.
Neben  den  bereits  genannten  Berufen  ist  der  Beruf  des  Geschäftsmannes ­
  besonders  der  Betrachtung  wert:  des  Mannes,  der
dem  wandelbaren  Meere  des  geschäftlichen  Lebens  sich  anvertraut ­
  und  all  seine  Kräfte  dem  Gelderwerb  widmet,  damit  er
ein  großes  Vermögen  gewinne  und,  wenn  möglich,  Millionär  werde.
Ich  bin  fest  davon  überzeugt,  daß  dieses  Ihr  erster  und  hauptsächlichster ­
  Gedanke;  dennoch  ist  das  nicht  alles,  was  Sie  mit
einer  geschäftlichen  Laufbahn  erstreben;  Sie  alle  fühlen,  daß  dabei
die  Gelegenheit  geboten  wird,  große  Fähigkeiten  zu  zeigen:
Unternehmungsgeist,  Tatkraft,  Urteil  und  all  die  besten  Wesenheiten ­
  der  menschlichen  Natur;  ebenso  darf  ich  annehmen,  daß
Ihrer  Auffassung  nach  Geschäftsleute  einen  der  Gesellschaft  nützlichen ­
  Dienst  erweisen.
Ich  will  nun  versuchen,  einiges  Licht  über  den  Weg  zum
geschäftlichen  Erfolg  zu  verbreiten  und  auf  einige  der  gefährlichsten ­
  Klippen  und  Felsen  in  dem  verräterischen  Meere  hinweisen,
  indem  ich  Ihnen  zugleich  einige  Winke  dafür  gebe,  wie
Sie  Ihr  Schiff  zu  lenken  oder  Ihr  Boot  zu  rudern  haben;  ob  beispielsweise ­
  schneller  oder  langsamer  Ruderschlag  Ihnen  den  Preis
in  dem  langen  Rennen  zu  sichern  vermag.
Lassen  Sie  uns  denn  mit  dem  Anfang  beginnen.  Wird  sich
irgendein  junger  Geschäftsmann  mit  dem  Gedanken  zufrieden
geben,  sein  ganzes  Leben  lang  nur  für  festes  Gehalt  zu  arbeiten?
Ich  bin  sicher,  nicht  einer.  Darin  zeigt  sich  die  Linie 1 ,  welche
den  wirklichen  Geschäftsmann  von  dem  Nichtgeschäftsmann  trennt.
Der  eine  ist  sein  eigener  Herr  und  hängt  in  seinem  Fortkommen
von  selbstgemachtem  Gewinn  ab.  Der  andere  ein  Diener,  der
einzig  und  allein  von  seinem  Gehalt  abhängt.  Selbstverständlich
haben  Sie  alle  als  bloße  Angestellte  zu  beginnen;  allein  Sie  sollten
nicht  alle  damit  enden.
        <pb n="143" />
        128

X.  Geschäft.

Gewöhnlich  werden  Sie  viele  Schwierigkeiten  haben,  überhaupt ­
  nur  einen  Anfang  zu  machen,  ausgenommen  der  außerordentlich ­
  Vorgebildete.  Für  ihn  bestehen  dergleichen  Schwierigkeiten
nicht;  er  hat  die  Aufmerksamkeit  seiner  Lehrer  auf  sich'  gezogen;
diese  kennen  viele  Geschäftsleute.  Er  erhielt  Preise,  ist  der  Erste
in  seiner  Klasse  und  hat  ungewöhnliche  Fähigkeiten  sowie  Eigenschaften ­
  des  Charakters  gezeigt,  die  im  allgemeinen  Wettbewerbe
von  allergrößtem  Werte  sein  müssen;  er  hat  sich  als  ein  Mann
von  großer  Selbstachtung,  von  untadelhaften  Gewohnheiten,  gesundem ­
  Menschenverstand,  richtiger  Methode  und  unermüdlichem
Fleiße  gezeigt;  seine  Mußestunden  wendet  er  zur  Erweiterung
seiner  Kenntnisse  an,  zu  einer  Arbeit,  die  seine  besondere  Freude
ist.  Und  noch  etwas  anderes,  sehr  Wichtiges  kommt  hinzu:  seine
Geldverhältnisse  sind  jederzeit  geordnet;  gewissenhaft  weiß  er
sich  nach  der  Decke  zu  strecken  und  endlich  hat  er,  was  keineswegs ­
  das  unwichtigste  ist,  dargetan,  daß  er  mit  ganzer  Seele
in  seiner  Arbeit  lebt.  Zu  all  dem  besitzt  er  das,  was  in  den'
meisten  Fällen  eine  starke  Gewähr  für  Fleiß  und  nützlichen  Ehrgeiz ­
  bedeutet:  Mangel  an  Reichtum;  er  wird  deshalb  gezwungen,
sich  selbst  seinen  Weg  in  die  Welt  zu  bahnen.  Auch  ist  er
[noch  kein  Millionär,  sondern  will  erst  einer  werden.  Er  hat
keinen  reichen  Vater,  oder  was  beinahe  noch  besser,  keine  reiche
Mutter,  die  ihn  im  Müßiggang  unterstützen  würde,  sollte  er  sich
als  untüchtig  erweisen;  er  besitzt  keinen  Schwimmgürtel  und  muß
daher  ganz  aus  eigenen  Kräften  entweder  schwimmen  oder  untergehen. ­
  Ehe  dieser  junge  Mann  noch  die  Hochschule  verläßt,
ist  er  schon  ein  Auserwählter.  Mehr  als  ein  weiter  Weg  liegt
vor  ihm  offen.  Alle  Türen  tun  sich  ihm  auf,  bevor  er  noch’
angeklopft  hat;  der  kluge  Arbeitgeber  wartet  geradezu  auf  ihn.
Nicht  das  schriftliche  Zeugnis  seines  Professors  —  denn  Zeugnisse ­
  müssen  immer  oft  gelesen  werden  und  werden  bis  zu
einem  bestimmten  Grade  ja  auch  gelesen  —  sondern  ein  oder
zwei  Worte,  die  jener  mit  dem  Geschäftsinhaber  wechselt,  welcher ­
  immer  nach  dem  außerordentlich  fähigen  und  gebildeten
jungen  Mann  auf  der  Lauer  liegt,  sichern  ihm  alles,  was  ein
junger  Mann  einzig  und  allein  bedarf  —  nämlich  ein  Beginnen.
Die  wertvollste  Erwerbung  für  einen  Geschäftsmann  bleibt  der
        <pb n="144" />
        X.  Geschäft.

129

außerordentlich  fähige  junge  Mann;  kein  anderes  Geschäft  zeigt
sich  für  den  Arbeitgeber  so  gewinnbringend,  wie  dieses.  Selbstverständlich ­
  hat  der  Durchschnittsstudent  große  Schwierigkeiten;
doch  zu  guter  Letzt  findet  auch  er  eine  Stellung.  Gerade  die
Laufbahn  des  besonders  befähigten  Studenten  illustriert  am  besten
den  Weg  zum  Erfolge.  Wir  brauchen  seinetwegen  nicht  besorgt
zu  sein;  er  macht  seinen  Weg.  Er  fängt  mit  sehr  kleinem  Gehalt ­
  und  mit  Arbeiten  an,  welche  er  vielleicht  seiner  nicht  für  ganz
würdig  hält,  dennoch  tut  er  alles,  was  er  tut,  gründlich.
Eines  Tages  lenkt  eine  von  dem  jungen  Mann  gemachte
Bemerkung  oder  eine  seiner  Handlungen  die  besondere  Aufmerksamkeit ­
  seiner  unmittelbaren  Vorgesetzten  auf  ihn.
Angenommen,  er  sei  ein  Elektriker  oder  Ingenieur  und  komme
von  Sibley,  einer  nach  jeder  Richtung  empfehlenswerten  Schule.
In  den  großen  Fabrikwerken,  welche  so  glücklich  sind,  sich  seine
Dienste  zu  sichern,  wird  er  zunächst  mit  niedrigen  Handhabungen
beschäftigt;  allein  er  entdeckt  sehr  bald,  daß  ein  paar  Dampfkessel ­
  nicht  ganz  heil  und  daß  die  Dampfmaschinen  oder  Motoren,
nach  falschen  Prinzipien  konstruiert,  übermäßig  viel  Feuerung
verbrauchen;  auch  wie  eine  der  Dampfmaschinen  über  kurz  oder
lang  allerlei  Ungelegenheiten  bereiten  muß;  er  hat  gewisse  Gründe
anzunehmen,  daß  der  Maschinenbauer  keine  ehrliche  Arbeit  geliefert. ­
  Daher  hält  er  es  für  seine  Pflicht,  sofort  einzuschreiten,
um  das  Geschäft  vor  gefährlichen  Zufällen  zu  behüten.  Er  entwirft ­
  ein  paar  Zeichnungen,  unterbreitet  dieselben:  seinen  Arbeitgebern ­
  mit  Vorschlägen,  wie  die  von  ihm  bemerkten  Schäden
abzustellen  sind  und  benutzt  dabei  die  neuesten  wissenschaftlichen ­
  Grundsätze,  welche  er  in  Sibley  erlernte.  Der  Eigentümer
des  Geschäfts  ist  zunächst,  wie  ganz  selbstverständlich,  durchaus ­
  nicht  dazu  geneigt,  Geld  auszugeben;  ja,  er  ärgert  sich  darüber, ­
  daß  seine  Maschinen  ganz  und  gar  nicht  das  sind,  was
sie  sein  sollen.  Allein,  obgleich  er  seinem  Mißbehagen  offenen
Ausdruck  gibt  und  den  jungen  Mann  für  einen  Augenblick  stutzig
macht,  fährt  er  ihn  doch  nicht  hart  an;  sobald  erst  seine  üble
Laune  vorübergeht,  lernt  er  von  ihm,  wieviel  ein  paar  Tausend
Dollar,  sofort  richtig  verwendet,  in  Zukunft  sparen  dürften  und
zum  Schluß  stimmt  er  zu  und  sagt  dem  jungen  Sibley-Studenten,
Carnegie’,  Kaufmanns  Herrschgewalt.  9
        <pb n="145" />
        130

X.  Geschäft.

er  solle  die  Sache  in  die  Hand  nehmen  und  sie,  ganz  seinen
Vorschlägen  gemäß,  in  Ordnung  bringen.
Jetzt  ist  das  Glück  dieses  jungen  Mannes  schon  so  gut  wie
gemacht.  Selbstverständlich'  bleibt  ihm  immer  noch  ein  gutes  Teii
zu  tun  übrig.  Der  junge  Mann  hat  Eifer  und  Geschicklichkeit
bewiesen,  er  zeigte,  daß  er  die  erste  unerläßliche  Eigenschaft
für  jedes  Geschäft:  richtiges  Urteil  —  und  eine  zweite  nicht
weniger  wertvolle  Eigenschaft  besitzt:  volle  Hingabe  an  seine
Arbeit,  welche  ihn  jede  andere  Tätigkeit  und  jede  Versuchung
beiseite  schieben  läßt.  Alle  anderen  Beschäftigungen,  Studien  und
Vergnügungen  ordnet  er  dem  Geschäfte  unter;  das  Geschäft  ist
ihm  eben  alles.  Schnell  steigert  sich  infolgedessen  sein  Gehalt.
Weiß  sein  gegenwärtiger  Arbeitgeber  seine  Verdienste  nicht  genügend ­
  zu  schätzen,  so  tut  das  nichts,  der  junge  Mann  findet
sehr  bald  einen  besseren.  Im  allgemeinen  trifft  dieser  Fall  nur
selten  zu;  denn  jeder  intelligente  Geschäftsmann  fühlt  sich  glücklich, ­
  wenn  er  sich  einen  besonders  tüchtigen  jungen  Mann  zu
sichern  vermag.  Immerhin  ist  Vertrauen  eine  nur  langsam  aufblühende ­
  Pflanze,  und  der  Weg  von  einem  bloßen  Mietling  mit
hohem  Gehalt  zum  wirklichen  Teilhaber  des  Geschäftes  ist  noch
sehr  weit.  Folgen  wir  ein  wenig  diesem  Wege!
Bei  verschiedenen  Gelegenheiten  muß  der  junge  Mann  dem
Privathause  seines  Prinzipals  einen  Besuch  abstatten.  Er  wird  dort
seinen  Verdiensten  gemäß  aufgenommen,  und  sein  Prinzipal  beginnt ­
  jetzt,  bei  sich  selbst  zu  überlegen,  ob  er  ihn  zu  seinem
Partner  machen  soll.  Und  dabei  kommt  ihm  die  Frage  aller
Fragen:  Ist  der  junge  Mann  ehrlich  und  treu?  Denn
jeder  ehrenhafte  Geschäftsmann  sucht  in  seinem  Partner  zunächst
„der  Ehre  Seele“,  und  selbst  der,  welcher  auch  nur,  um  ihm
selbst  zu  dienen,  den  schmalen  Pfad  der  Ehre  verlassen  hätte,
würde  nur  sein  Vertrauen  verwirken.  Ja,  meine  jungen  Freunde:
es  kommt  wohl  bisweilen  vor,  daß  nicht  nur  junge,  sondern
auch  alte  Leute  in  der  Übereilung  heiraten,  und  das  ist  immer
eine  große  Torheit;  allein  glücklicherweise  wird  Teilnehmerschäft
am  Geschäft  nur  sehr  selten  in  Übereilung  angeboten.  Nicht
eine  oder  zwei  Eigenschaften  allein  sichern  eine  Teilnehmerschaft,
sondern  die  ganze  volle  Persönlichkeit,  mit  in  vieler  Hinsicht
        <pb n="146" />
        X.  Geschäft.

131

wünschenswerten  und  in  keiner  Hinsicht  unangenehmen  Eigenschaften ­
  sowie  mit  hervorragenden  Fähigkeiten  nach  einer  oder
zwei  Richtungen  hin.  Wir  hören  die  Behauptung  oft  aufstellen,
es  sei  heutzutage  unmöglich  für  junge  Leute,  Geschäftsherrn  zu
werden,  weil  das  Geschäft  gegenwärtig  in  so  großem,  ja  ungeheurem ­
  Stile  betrieben  wird,  und  das  dazu  nötige  Kapital  sich
auf  Millionen  beläuft;  der  junge  Kaufmann  sei  deshalb  für
immer  an  das  Leben  eines  bloß  Angestellten  gefesselt.  Zweifellos ­
  liegt  darin  etwas  Wahres,  soweit  die  großen  Gesellschaften
in  Frage  kommen,  weil  wirklich  hier  ein  Interesse  nur  durch
Kapital  zu  erhalten  ist;  man  kann  für  so  und  so  viel  Geld  so
und  so  viel  Aktien  kaufen.  Da  nun  die  jungen  Leute,  an  welche
ich  gegenwärtig  meine  Worte  richte,  wie  ich  hoffe,  nicht  ihr
ganzes  Leben  lang  nur  Angestellte  bleiben  wollen,  sondern  entschlossen ­
  sind,  eher  oder  später  Geschäftsleute,  d.  h.  Geschäftsherren ­
  zu  werden,  so  glaube  ich,  daß  eine  Anstellung  bei  großen
Gesellschaften  für  sie  weniger  günstig  sein  müßte,  als  in  einem
Privatgeschäfte.  Denn  alles,  was  sie  bei  großen  Gesellschaften
erwarten  können,  ist  ein  hohes  Gehalt.  Sogar  die  Präsidenten
dieser  Gesellschaften  sind  im  eigentlichsten  Sinne  des  Wortes
keine  Geschäftsleute,  da  sie  bloße  mit  Gehalt  Angestellte  sind.
Wie  also  könnte  ein  unter  ihnen  arbeitender  junger  Mann  sein
ganzes  Leben  lang  etwas  Höheres  erreichen?  Viele  Geschäfte,
die  bis  dahin  Privateigentum  gewesen,  werden  zu  einer  Aktiengesellschaft ­
  umgewandelt;  die  Aktien  gelangen  dann  auf  den  Markt,
und  viele  Nichtkaufleute,  die,  geschäftlich  genommen,  wahre  Unschuldslämmer ­
  sind  —  unter  ihnen  auch  spekulationssüchtige  Frauen,
und  ich  bedaure,  das  sagen  zu  müssen,  oftmals  Geistliche  und
Künstler  —  lassen  sich  zum  Ankauf  solcher  Aktien  verführen.
Das  Publikum  kauft  das  Geschäft;  besser  hätte  es  den  Mann
oder  die  Männer  gekauft,  welche  bis  dahin  das  Geschäft  leiteten.
Kennen  Sie  die  berühmte  Geschichte  vom  Hundekauf?  Ein  Mann
bat  seinen  Freund,  einen  Kenner  von  Hunden,  sich  einen  Hund
anzusehen,  den  er  für  Vertilgung  der  Ratten  in  seinem  Gartenglashause ­
  kaufen  wollte.  Während  der  Hundezüchter  den  beiden
zeigte,  wie  der  Hund  die  Ratten  vertilgte,  erschien  plötzlich  eine
mächtige  alte  Ratte,  vor  welcher  der  Hund  davonlief.  Der  Glas-
        <pb n="147" />
        132

X.  Geschäft.

Hauseigentümer  fragte  seinen  Freund:  „Nun,  was  würdest  Du
tun?*
Der  Freund  erwiderte:  „Ich  würde  die  Ratte  kaufen.“
Das  Publikum  kauft  oftmals  die  Ratte,  ich  meine  das  unechte ­
  Ding.  Als  ein  ausgezeichnetes  Studium  empfehle  ich  Ihnen
die  Aktienlisten  kleinerer  Aktiengesellschaften.  Einige  Zeitungen
geben  diese  Listen  regelmäßig.  Beachten  Sie  darin  genau  den
Pari-Wert  der  verschiedenen  Aktien  und  den  Preis,  zu  welchem
sie  Zu  kaufen  sind.  Man  könnte  vielleicht  sagen:  dieser  Pari-Wert
  beruht  auf  nur  imaginärem  Kapital.  Doch  das  trifft  nur
in  einzelnen  Fällen  zu;  bei  Fabrik-Aktiengesellschaften  ist  viel
eher  das  Umgekehrte  der  Fall.  Das  Kapital  repräsentiert  dabei
häufig  nicht  einmal  die  vollen  Kosten  des  gesamten  Eigentums.
Außerdem  gibt  es  viele  Gesellschaften,  welche  im  eigentlichen
Sinne  des  Wortes  keine  Aktiengesellschaften  sind,  da  das  Geschäft ­
  tatsächlich  Eigentum  einzelner  Teilhaber  ist;  verglichen  mit
den  Aktiengesellschaften,  deren  Teilhaber  nach  allen  Richtungen
hin  zerstreut  sind,  zeigt  sich  zwischen  diesen  beiden  Arten  von
Gesellschaften  eine  sehr  bemerkenswerte  Verschiedenheit.  Nehmen
wir  beispielsweise  die  großen  Dampfschiffahrtsgesellschaften  der
Welt.  Die  meisten  zahlen,  wie  bekannt,  ihren  Aktieninhabern
überhaupt  keine  Dividende.  Die  Aktien  einiger  der  größten  Dampfschiffsgesellschaften ­
  sind  zeitweise  für  die  Hälfte,  ja  für  ein  Drittel
ihres  ursprünglichen  Preises  käuflich.  Diese  Gesellschaften  bilden
Aktiengesellschaften  im  eigentlichsten  Sinne  des  Wortes;  doch
wenn  wir  auf  andere  Dampfschiffslinien  blicken,  die  ganz  dieselben ­
  Meere  befahren,  jedoch  von  ihren  wirklichen  Eigentümern,
unter  denen  sich  gewöhnlich  eine  erste  Kapazität  befindet,  geleitet ­
  werden,  so  finden  wir,  daß  diese  letztgenannten  Linien  gewöhnlich ­
  große  Dividenden  abwerfen  und  außerdem  Jahr  für
Jahr  noch  große  Summen  ihrem  Reservefonds  zuzuschreiben  vermögen. ­
  Darin  zeigt  sich,  angewendet  auf  das  Geschäftsleben,
der  Unterschied  von  Individualismus  und  Kommunismus;  der  Unterschied ­
  zwischen  einem  Geschäft,  das  von  fachkundigen  Eigentümern, ­
  und  einer  Aktiengesellschaft,  die  von  Tausenden  kleiner
geschäftsunkundiger  Eigentümer  geleitet  wird.
Derselbe  Gegensatz  läßt  sich  in  jedem  anderen  Geschäfts ­
        <pb n="148" />
        X.  Geschäft.

133

zweige  feststellen.  Im  kaufmännischen  Geschäft-,  im  Fabrikwesen,
im  Finanzwesen,  sowie  beim  Verkehrswesen,  zu  Lande  sowohl
wie  zu  Wasser.  Es  ist  ganz  dasselbe  mit  dem  Bankgeschäft.  Viele
Banken  sind  in  Wirklichkeit  das  Eigentum  nur  weniger  Geschäftsleute. ­
  Diese  Banken  erobern  sich  sehr  bald  eine  führende  Stellung;
ihre  Anteilscheine  werden  mit  den  höchsten  Prämien  gehandelt,
besonders  wenn  der  Präsident  der  Bank  der  hauptsächlichste  Eigentümer ­
  ist,  wie  das  tatsächlich  bei  den  erfolgreichsten  Banken
auch  zutrifft.  Bei  solchen  Gesellschaften  steht  für  den  kommenden ­
  Geschäftsmann  immer  die  Türe  zur  Teilhaberschaft  offen,  da  die
Eigentümer  derartiger  Geschäfte  ihre  Angelegenheiten  selbst  besorgen ­
  und  deshalb  beständig  auf  der  Suche  nach  fähigen  Leuten  sind.
Sei  nicht  gar  zu  wählerisch,  nimm  was  die  Götter  Dir  bieten!
Fange,  wenn  nötig,  bei  einer  Gesellschaft  an;  doch  halte  stets
Deine  Augen  für  jede  Möglichkeit  offen,  in  einem  Geschäft  als
Miteigentümer  oder  als  Teilnehmer  einzutreten.  Vergiß  nie:  jedes
Geschäft  kann  gewinnbringend  gemacht  werden,  solange  es  dringende ­
  Bedürfnisse  der  Allgemeinheit  befriedigt.  Es  füllt  eine
notwendige  Stelle  aus,  möge  es  nun  selbst  fabrizieren  oder  bestimmte ­
  Artikel  kaufmännisch  sammeln  und  dann  wieder  verteilen,
oder  möge  es  endlich  ein  Bankgeschäft  sein,  dazu  bestimmt,  angelegte ­
  Kapitalien  zu  verwalten.
Es  gibt  kein  Geschäft,  in  welchem  ein  Erfolg  unmöglich
wäre.  Immer  werden  an  der  höchsten  Spitze  des  Geschäftes  nur
wenige  stehen;  die  Zahl  derer,  die  dem  Boden  nahe,  wird  immer
um  vieles  größer  sein.  Wenn  Sie  der  Spitze  nicht  nahe  kommen,
dann  liegt  das  nicht  etwa  an  den  Sternen,  sondern  an  Ihnen
selbst.  Diejenigen,  die  erfolglos  bleiben,  mögen  sagen,  daß  dieser
oder  jener  große  Vorteile  hatte;  daß  die  Schicksalsgöttinnen  ihm
wohl  wollten  und  ihm  die  Verhältnisse  besonders  günstig  waren
—  das  alles  ist  kaum  mehr  als  wertloses  Gerede.  Der  eine
kommt  mitten  in  dem  Strom  nieder,  den  er  zu  überspringen
sucht  und  wird  dann  von  den  Wassern  weiter  fortgetrieben,  ein
anderer  versucht  dasselbe  und  landet  wirklich  auf  dem  gegenüberliegenden ­
  Ufer.
Prüfen  Sie  die  beiden;  Sie  werden  dann  finden,  daß  dem
ersten  das  richtige  Urteil  mangelte.  Er  hatte  seine  Mittel  nicht
        <pb n="149" />
        134

X.  Geschäft.

richtig  abgeschätzt;  handelte  also  wie  ein  Narr,  er  hatte  sich
vorher  nicht  genügend  trainiert;  daher  konnte  er  nicht  genügend
springen;  dennoch  versuchte  er  es.  Er  gleicht  der  jungen  Dame,
die,  als  sie  gefragt  wurde,  ob  sie  die  Violine  spielen  könnte,,
antwortete,  sie  wüßte  es  nicht,  da  sie  es  niemals  versucht  hätte.
Dagegen  hatte  sich  der  andere,  der  den  Fluß  wirklich  übersprang, ­
  sorgfältig  vorbereitet  und  voll  und  ganz  vorher  trainiert;
er  wußte,  wie  weit  er  ungefähr  springen  könnte,  außerdem  war
er  in  dem  einen  „totsicher“  und  wußte  ganz  genau,  daß  er  zum
mindesten  bis  zu  einem  Punkte  springen  konnte,  von  welchem
er  ans  Land  zu  waten  vermochte,  um  noch  einen  zweiten  Versuch ­
  zu  machen.  Er  zeigte  also  gesundes  Urteil.
Ansehen  gilt  viel,  meine  jungen  Freunde.  Ein  junger  Manu,
der  in  dem  Rufe  steht,  das  durchzuführen,  was  er  sich  einmal
vorgenommen,  wird  mit  jedem  Jahre  das  Feld  seiner  Tätigkeit
erweitert  finden;  und  auch  die  ihm  anvertrauten  Aufgaben  müssen
mit  jedem  Jahre  größer  und  größer  werden.  Dagegen  ist  derjenige, ­
  welcher  einmal  erfolglos  gewesen  und  dann  zum  zweiten
Male  seine  Freunde  um  Beistand  bittet,  unter  allen  Verhältnissen
in  einer  recht  unangenehmen  Lage.
Jede  gute  Münze  hat  ihr  Gegenstück;  das  Gegenstück  ehrlichen ­
  Geschäftes  heißt  Spekulation.  Der  Geschäftsmann  zahlt
für  sein  Einkommen  stets  mit  guten  Werten;  er  nützt  daher  der
Allgemeinheit.  Seine  Dienste  sind  notwendig;  dazu  ist  er  stets
bemüht,  die  Hilfsquellen  seines  Landes  zu  entwickeln  und  trägt
so  auch  zum  Fortschritte  der  Menschheit  bei.  Das  ist  echte
Münze.  Spekulation  dagegen  ist  nichts  besseres  als  ein  Parasit,
welcher  an  der  Arbeit  des  Geschäftsmannes  sich  anklammert.  Spekulation ­
  schafft  weder  etwas  Neues,  noch  erfüllt  sie  bestehende
Bedürfnisse.  Wenn  der  Spekulant  Gewinn  einheimst,  nimmt  er
Geld  ein  ohne  Gegendienste  dafür  zu  leisten;  wenn  er  verliert,
verliert  er  sein  Geld  an  einen  anderen  Spekulanten.  Das  Ganze
ist  ein  Spielen,  das  beide  erniedrigt.  Man  kann  niemals  ein
ehrlicher  Geschäftsmann  und  zu  gleicher  Zeit  ein  Spekulant  sein.
Wege  und  Ziele  des  einen  sind  dem  andern  schädlich.  Kein
Geschäftsmann  darf,  wenn  er  ehrlich  bleiben  will,  spekulieren,
denn  die,  deren  Vertrauen  er  genießt,  sind  berechtigt,  von  ihm
        <pb n="150" />
        X.  Geschäft.

135

zu  verlangen,  daß  er  sich  ganz  strikt  an  die  Methoden  des  ehrlichen ­
  Geschäfts  hält.  Seine  Gläubiger  gehen  wohl  das  übliche
mit  jedem  Geschäft  verbundene,  aber  nicht  das  von  jeder  Spekulation ­
  untrennbare  Risiko  mit  dem  ihm  eröffneten  Kredite  ein.
Die  echte  und  die  falsche  Prägung  des  Geschäftes  haben  durchaus
nichts  miteinander  gemeinsam.
Daß  95  Prozent  aller  derjenigen,  die  auf  eigene  Hand  Geschäfte ­
  machen,  fehlgehen,  scheint  unglaublich  und  doch  ist  es
so,  wenn  man  der  Statistik  glauben  darf.  Obgleich  nun  behauptet
ward,  daß  man  mit  Zahlen  alles  nur  mögliche  beweisen  kann,
so  ist  doch  tatsächlich  die  Zahl  der  Schiffbrüchigen  verhältnismäßig ­
  sehr  groß.  Denken  Sie  nicht,  ich  wolle  Sie  davon  abbringen, ­
  Ihr  eigener  Herr  zu  werden;  ich  bin  weit  davon  entfernt.
Auch  läßt  sich  der  werdende  Geschäftsmann  durch  nichts  und
durch  niemanden  in  der  weiten  Welt  von  seinem  Ziele  abbringen.
Er  gleicht  dem  echten  Ritter,  der  mit  Fitzjames  sagt:
lf  the  path  be  dangerous  known,
The  danger  seif  is  Iure  alone.
„Mag  sein,  der  Pfad  ist  voll  Gefahren,
Grad’  darin  liegt  der  Reiz,  Gefahr  zu  wagen.“
Der  junge  Mann,  der  einmal  entschlossen  ist,  ein  Geschäftsmann ­
  zu  werden,  läßt  sich  seinen  Weg  weder  versperren,  noch
läßt  er  sich  auf  andere  Pfade  lenken;  er  fängt  sein  Geschäft
mit  der  festen  Absicht,  einen  Versuch  zu  machen,  an;  er  will
versuchen,  sich  selbst  seine  Suppe  zu  kochen,  sollte  er  sich  auch
etwas  Unangenehmes  dabei  einbrocken.  Er  will  sich  versuchen
und  abwarten,  was  dabei  herauskommt.  Um  sein  ganzes  Leben
lang  ein  bezahlter  Angestellter  zu  bleiben,  dazu  behält  man  noch
immer  Zeit  genug,  nachdem  man  eine  geschäftliche  Tätigkeit  auf
eigene  Hand  versucht  und  sich  darüber  Gewißheit  verschafft,
ob  man  zu  den  Bevorzugten  gehört,  welche  all  die  dazu  notwendigen ­
  Eigenschaften  besitzen.  Rh  darf  mir,  ohne  einer  allzu
großen  Abschweifung  beschuldigt  zu  werden,  vielleicht  noch  einige
Bemerkungen  über  den  Einfluß  der  geschäftlichen  Laufbahn,  auf
den  menschlichen  Charakter,  verglichen  mit  dem  anderer  Berufe,
erlauben.
Da  muß  ich  denn  zu  allererst  erklären,  daß  meiner  Erfahrung
        <pb n="151" />
        136

X.  Geschäft.

gemäß  die  Künstlerlaufbahn  engherzig  macht  und  so  viele  kleinliche ­
  Eifersüchteleien,  so  viel  maßlose  Eitelkeit  und  so  vielerlei
Gehässigkeit  mit  sich  bringt,  daß  sie  den  größten  Gegensatz
zu  den  Eigenschaften  darstellt,  die  ich  bei  Männern  des  praktischen ­
  Lebens  gefunden  habe.  Man  sollte  meinen,  daß  die  Tonkunst, ­
  die  Malerei  und  die  Kunst  des  Bildhauers  auf  diejenigen,
deren  täglicher  Beruf  sie  sind,  den  allerwohltätigsten  Einfluß  ausüben. ­
  Die  Erfahrung  zeigt  jedoch  das  gerade  Gegenteil.  Vielleicht ­
  liegt  es  daran,  daß  jedes  künstlerische  Werk  im  hohen
Grade  persönlich  ist  und  dabei  so  voll  sichtbar  und  so  unmittelbar ­
  vor  die  Öffentlichkeit  gebracht  wird,  daß  es  zu  kleinlicher
Leidenschaft  anreizt;  wie  dem  aber  auch  immer  sein  mag,  so
glaube  ich,  wird  es  sich  doch  nicht  bestreiten  lassen,  daß  der
Geist  des  Künstlers  eng  begrenzt  und  voller  Vorurteile  ist.  Wohl
gemerkt:  ich  spreche  hier  nur  von  ganzen  Berufsklassen  und  der
durchschnittlichen  Wirkung  des  Berufes.  Ausnahmen  gibt  es  selbstverständlich ­
  überall;  doch  lassen  diese  Ausnahmen  die  Regel  nur
noch  schlimmer  erscheinen.  In  den  gelehrten  Berufen  wiederum
finden  wir  besonders  die  Vorliebe  für  Spezialitäten  ausgebildet.
In  der  Beamtenklasse  ist  die  letztere  Richtung  heute  nicht
mehr  so  besonders  hervortretend.  Hohe  Beamte  und  Minister
ziehen  jetzt  einen  weiteren  Kreis  von  Gegenständen  in  Betracht;
sie  haben  jetzt  weniger  bloße  Glaubenssätze  und  Formalitäten
und  mehr  die  tatsächlichen  Übel  und  Mißstände  menschlicher
Existenz  in  ihren  verschiedenen  Phasen  im  Auge.  Dergleichen
erweitert  notwendigerweise  den  Gesichtskreis.  Man  behauptet,  daß
die  juristische  Laufbahn  zwar  klare,  aber  beschränkte  Geister  erzieht ­
  und  weist  darauf  hin,  daß  große  Rechtsgelehrte  selten  eine
herrschende  Stellung  und  Macht  über  ihre  Mitbürger  erlangen.
Damit  soll  jedoch  keineswegs  gesagt  sein,  daß  Leute,  welche
die  Rechte  studieren,  als  Gesetzgeber  oder  Staatsmänner  oder
auch  als  Staatsleiter  den  mit  solchen  Stellungen  verbundenen  Anforderungen ­
  nicht  gewachsen  seien.  In  diesem  Falle  wäre  unser
Amerika  wahrlich  übel  daran,  da  wir  geradezu  von  Juristen
regiert  werden.  Trotzdem  waren  die  berühmtesten  Amerikaner
keine  großen  Rechtsgelehrten;  das  will  sagen,  sie  haben  nur
sehr  selten  in  ihrem  eigenen  Berufe  eine  große  Stellung  ge ­
        <pb n="152" />
        X.  Geschäft.

137

wonnen,  dagegen  zeigten  sie  als  Staatsmänner,  welch’  unschätzbaren ­
  Vorteil  ihnen  das  Studium  der  Gesetze  eingebracht;  sie
sind  eben  weit  über  die  Grenzen  ihres  eigentlichen  Berufes  hinausgewachsen. ­
  Der  Jurist  folgt  Präzedenzfällen,  der  Herrscher  dagegen ­
  schafft  Präzedenzfälle.
Aus  all  dem  erhellt,  daß  die  bis  jetzt  erwähnten  Berufsarten
den  Geist  nur  schärfen,  zugleich  aber  auch  beschränken.  Dagegen ­
  führt  den  Geschäftsmann  sein  Beruf  dazu,  sich  mit  einer
stets  wechselnden  Verschiedenheit  von  Fragen  zu  befassen.  Er
muß  ein  allumfassendes  Urteil  besitzen,  das  sich  auf  Kenntnis
mannigfaltiger  Gegenstände  gründet.  Für  den  Geschäftsmann  und
Großkaufmann  reicht  es  heutzutage  nicht  mehr  aus,  sein  eigenes
Land  gut  zu  kennen,  sowie  dessen  physikalische  Bedingungen,
Hilfsquellen,  Statistik,  Ernten,  Wasserweg  und  Finanzlage;  er
braucht  alles,  was  nicht  nur  die  Gegenwart  bestimmt,  sondern
ihm  auch  Anhaltspunkte  genug  liefert,  bis  zu  einem  bestimmten
Grade  die  Zukunft  Voraussagen  zu  können.  Der  Kaufmann,  welcher
seine  Tätigkeit  auf  verschiedene  Länder  ausdehnt,  muß  notwendigerweise ­
  auch  diese  Länder  und  das  Hauptsächlichste  über  ihren
Zustand  wissen.  Seine  Anschauung  muß  weltweit  sein.  Denn
nichts  kann  in  der  ganzen  Welt  geschehen,  was  auf  sein  eigenes
Handeln  ohne  Einfluß  wäre!  —  Politische  Verwicklungen  in  Konstantinopel; ­
  die  Erscheinung  der  Cholera  im  Orient;  das  Auftreten ­
  der  Koloradokäfer  oder  der  Fall  eines  Ministeriums;  Kriegsgefahr; ­
  die  Wahrscheinlichkeit  eines  Schiedsgerichtes,  welche  zu
einer  neuen  Niederlassung  zwingt:  Nichts  gibt  es  auf  der  weiten
Welt,  was  er  nicht  in  Erwägung  zu  ziehen  hätte.  Er  bedarf  einer
der  seltensten  Eigenschaften  —  wahrer  Menschenkenntnis,  da  er
Tausende  von  Leuten  beschäftigt  und  dabei  das  Beste  aus  den
verschiedenen  Charakteren  ans  Licht  zu  ziehen  wissen  muß;  er
muß  Organisationstalent  —  eine  andere  seltene  Eigenschaft  —
haben,  dazu  Geschicklichkeit  für  das  Durchführen  der  geplanten
Dinge  und  muß  endlich  weise  und  schnelle  Entscheidungen  zu
treffen  verstehen.
Keine  dieser  seltenen  Eigenschaften  sind  für  besondere,  in
sich  eingegrenzte  Berufe  von  gleich  großer  Wichtigkeit.  Der  Geschäftsmann ­
  allein  verfolgt  eine  Laufbahn,  die  sich  nicht  nur  dazu
        <pb n="153" />
        138

X.  Geschäft.

eignet,  seine  Einsicht  zu  schärfen,  sondern  auch  seine  Kräfte  zu
erhöhen;  sein  Beruf  unterscheidet  sich  auch'  dadurch  von  allen  anderen ­
  Berufen,  daß  er  ihn  nicht  auf  ein  absehbares  Gebiet  beschränkt ­
  und  den  Geist  in  engen  Grenzen  hält,  sondern  einen
Mann  dahin  führt,  sein  Urteil  auf  große  und  vveitumfassende  Anschauungen ­
  zu  gründen.  Kein  anderer  Lebensberuf  umfaßt  so  viele
Probleme,  kein  anderer  fordert  eine  so  weitumfassende  Anschauung
der  Dinge.  Ich  glaube  deshalb,  man  darf  ruhig  behaupten,  daß
die  geschäftliche  Laufbahn  die  geistigen  Kräfte  erweitern  und  erhöhen ­
  muß.
Andrerseits  erscheinen  andere  Berufsarten  insofern  um  ein
Unermeßliches  edler,  als  ihr  Hauptendzweck  nicht  in  Geldsachen
besteht;  sie  bleiben  daher  von  der  schlimmsten,  mit  jeder  geschäftlichen ­
  Laufbahn  verbundenen  Gefahr  frei;  denn  die  Laufbahn ­
  des  Kaufmanns  ist,  wenn  im  Unrechten  Geiste  unternommen, ­
  die  schmutzigste  von  allen  Berufsarten.  Zweifellos  ist  Geldmachen ­
  das  erst,  was  junge  Leute,  die  sich  dem  Kaufmannsstande ­
  widmen,  im  Auge  haben.  Doch,  obgleich  zunächst  das
wichtigste,  darf  es  doch  nicht  der  letzte  Endzweck  des  Geschäftsmannes ­
  sein.
Der  Geschäftsmann  kann  durch  Entwicklung  der  Hilfsquellen
seines  Landes,  durch  Arbeitsschaffung  für  Tausende  und  durch
Unterstützung  von  Erfindungen,  die  für  die  Menschheit  eine  Wohltat ­
  sind,  der  Welt  von  allergrößtem  Nutzen  werden.  Der  erfolgreiche ­
  Geschäftsmann  erhebt  sich  gar  bald  über  den  Standpunkt ­
  des  bloßen  Geldverdienens.  Er  sucht  vielmehr  seinen  größten
Stolz  in  der  Ausdehnung  seiner  internationalen  geschäftlichen  Beziehungen ­
  und  in  seinen  Schiffen,  die  jedwedes  Meer  befahren.
Der  Fabrikant  wieder  findet  in  seinen  Angestellten,  in  seinen
Werken,  in  seinen  Maschinen  und  deren  Verbesserungen,  sowie
in  der  Vervollkommnung  seiner'  Werkstätten  und  seiner  Methoden ­
  sein  Hauptinteresse  und  seine  hauptsächlichste  Belohnung.  Und
der  Gewinn,  den  er  einheimst,  ist  ihm  nicht  nur  als  Geldgewinn,
sondern  fast  mehr  noch  als  Zeichen  seines  geschäftlichen  Erfolges ­
  willkommen.  Neben  der  rein  prosaischen  hat  jedes  Geschäft ­
  auch  seine  romantische  Seite.  Der  junge  Mann,  der  bei
einer  Finanzfirma  beginnt  und  mit  hunderterlei  verschiedenartigen
        <pb n="154" />
        X.  Geschäft.

139

Anlagen  von  Kapital  zu  tun  hat,  mit  Eisenbahnsicherheiten,  mit
Vorschüssen  an  Kaufleute  und  Fabrikanten,  welche  die  letzteren
in  den  Stand  setzen,  ihre  Wunder  zu  wirken,  findet  sehr  bald,
daß  sich  auch  im  Geschäft  Romantik  und  unbegrenzter  Raum
für  seine  Phantasie  findet.  Er  ist  in  der  Lage,  einen  in  seiner  Art
weltweiten  Kredit  zu  gewähren.  Ein  einfacher  Brief  von  ihm
wird  einen  Reisenden  zu  dem  fernsten  Teil  der  Erde  bringen.
Ja,  er  kann  sogar,  während  einer  Krisis,  seinem  Lande  große
Dienste  leisten,  wie  beispielsweise  Richard  Morris,  der  große  Kaufmann ­
  in  Philadelphia,  dem  General  Washington  in  den  Zeiten
unserer  Revolution,  oder  wie  unsere  großen  Bankiers  der  Gegenwart, ­
  die  unserer  Regierung  erhebliche  Goldvorschüsse  in  Zeiten
der  Krisis  machten  und  dadurch  Unglück  verhüteten.
Wenn  ein  junger  Mann  im  Geschäft  keine  Romantik  findet,
dann  liegt  die  Schuld  nicht  am  Geschäft,  sondern  an  ihm.  Vergegenwärtigen ­
  Sie  sich  nur  die  Wunder  und  Mysterien,  die  mit
der  neueren  Entwicklung  der  unkörperlichsten  aller  physikalischen
Kräfte  —  der  Elektrizität  —  einer  bis  jetzt  kaum  gekannten  und
vielleicht  noch  weniger  begriffenen  Naturgevvalt,  verbunden  sind.
Der  junge  Mann  muß  doch  wahrhaftig  stumpf  und  durch  und
durch  prosaisch  veranlagt  sein,  welcher  bei  einer  Beschäftigung
mit  Elektrizität,  gleichviel  in  welcher  Gestalt,  vom  schwerfällig
rein  materiellen  Geschäft  nicht  zur  Sphäre  des  Geheimnisvollen
erhoben  wird.  Geschäft  ist  nicht  bloß  Kasse  allein;  die  Dollars
sind  nur  die  Schalen,  der  Kern  der  Sache  liegt  tiefer  und  bringt
jedem  Genüsse  mit  der  Entwicklung  höherer  Fähigkeiten  des
Geschäftsmannes,  welche  beständig  aufgerufen,  entwickelt  und  zur
Reife  gebracht  werden.  Solange  Militarismus  und  barbarische  Gewalt ­
  die  Welt  regierten,  war  die  Verachtung  für  alles,  was  Geschäftsmann ­
  hieß,  allgemein.  Doch  wie  ganz  und  gar  hat  das
alles  sich  heutzutage  geändert!  Allerdings  darf  man  nicht  vergessen, ­
  daß  diese  Verachtung  verhältnismäßig  neueren  Datums
war,  denn  wenn  wir  in  die  Geschichte  weiter  rückwärts  blicken,
finden  wir,  daß  die  alten  Familien  auf  nichts  so  stolz  waren,  wie
auf  die  Rolle,  welche  sie  in  der  Geschäftswelt  spielten.  Wollsack
und  Kombüse  prangen  noch  heute  in  den  Wappen  einzelner.  Eine
der  einflußreichsten,  ja  vielleicht  geradezu  der  einflußreichste  Staats ­
        <pb n="155" />
        140

X.  Geschäft.

mann  in  England  ist  jetzt  der  Herzog  von  Devonshire,  da  er  das
Vertrauen  der  beiden  großen  politischen  Parteien  Englands  besitzt. ­
  Er  ist  Präsident  der  Barrow  Stahl  Aktiengesellschaft.  Die
Mitglieder  des  gegenwärtigen  Ministeriums  in  England  haben
64  Direktorstellen  in  verschiedenen  Handels-,  Fabrik-  und  Bergwerksgesellschaften ­
  inne.  In  dem  heutigen  Großbritannien  frägt
man  sich  nicht,  wie  man  dem  Geschäft  aus  dem  Wege  gehen,
sondern  wie  man  in  dasselbe  hineinkommen  könne.  Jules  Faure,
der  Präsident  der  französichen  Republik,  ein  Mann  mit  einer
bewunderungswürdigen  Laufbahn  hinter  sich,  war  durch  sein  ganzes ­
  Leben  ein  Geschäftsmann.  Die  frühere  Abneigung  gegen  das
Geschäft  ist  vollkommen  verschwunden.
Sie  werden  sich  vielleicht  entsinnen,  daß  der  verstorbene  Kaiser
von  Deutschland  (Friedrich  III.)  seinen  Freund,  den  Stahlfabrikanten
Krupp  zum  Fürsten  des  Reiches  zu  machen  wünschte;  doch  dieser
Geschäftsmann  war  auf  seine  Werke  zu  stolz;  er  war  eben  der
Sohn  seines  Vaters  und  bat  den  Kaiser,  ihn  des  Ranges  nicht
zu  berauben,  welchen  er,  ein  König  im  Stahlbereich,  inne  hatte.
Ich  zweifle  nicht,  daß  sein  Sohn,  der  ihm  in  der  Herrschaft  gefolgt, ­
  dieselbe  Antwort  geben  würde.  Gegenwärtig  ist  er  ein
Monarch,  gerade  so  wie  der  Kaiser,  und  soviel  ich  über  den  jungen
König  Krupp  weiß,  gerade  so  stolz  auf  seine  Stellung 1 ).
Sogar  in  den  alten  Festen  Europas  ist  das  Vorurteil  gegen
den  Kaufmann  verschwunden.  Dieser  Wandel  entstand  dadurch,
daß  das  Wesen  des  Geschäftes  selbst  sich  verändert  hat.  In  alten
Zeiten  wurde  jedes  Geschäft  in  kleinem  Maßstabe  betrieben,  kleinliches ­
  Handeln  in  kleinlichen  Dingen  bringt  aber  auch  kleinliche
Menschen  hervor.  Jeder  mußte  sich  eben  um  jede  kleinliche  Einzelheit ­
  kümmern,  da  jeder  für  sich  selbst  fabrizierte  und  handelte.
Die  höheren  Fähigkeiten  für  Organisation  und  Unternehmungen,
sowie  weite  und  große  Anschauungen  und  ausführende  Geschicklichkeit ­
  fanden  damals  keinerlei  Verwendung.  Heutzutage  werden
Diese  Darstellung  ist  nur  teilweise  zutreffend.  Zunächst  wollte
Kaiser  Friedrich  Krupp  nicht  zum  „Fürsten“  machen,  sondern  er  trug
dem  alten  Krupp  nur  die  Nobilitierung  an.  Sein  unlängst  verstorbener
Sohn  hatte,  wie  allbekannt,  entgegen  der  von  Carnegie  ausgesprochenen
Erwartung  den  Adel  angenommen.
        <pb n="156" />
        X.  Geschäft.

141

die  Geschäfte  aller  Branchen  in  so  gigantischem  Maßstabe  betrieben, ­
  daß  die  Besitzer  großer  Betriebe  über  ganze  Reiche
herrschen.  Der  große  Arbeitgeber  hat  oft  in  seinem  industriellen
Heere  mehr  Leute,  als  die  kleinen  germanischen  Könige  unter
ihrem  Banner  versammelten.
Früher  hielt  man  es  für  ausgemacht,  daß  zwei  Geschäftsleute
niemals  übereinstimmen  könnten;  heute  dagegen  besteht  die
wärmste  Freundschaft  in  jedem  Bereiche  menschlicher  Tätigkeit
zwischen  den  Angehörigen  desselben  Geschäftszweiges;  sie  besuchen ­
  sich  gegenseitig  in  ihren  Klassenämtern,  ihren:  Werkstätten, ­
  ihren  Warenhäusern;  sie  zeigen  einander  ihre  verschiedenartigen ­
  Methoden,  ihre  Verbesserungen,  ihre  neuen  Erfindungen
und  wenden  sie  offen  jeder  in  seiner  Werkstatt  an.
Die  Dinge  haben  heutzutage  einen  viel  zu  großen  Maßstab
angenommen,  als  daß  sie  kleinliche  Eifersüchteleien  mit  sich  bringen ­
  könnten.  Mit  dem  Wunsch',  Gewinn  zu  machen,  verbindet
sich  jetzt  das  Verlangen  nach  Fortschritt,  Erfindung,  Verbesserung
der  Methoden,  wissenschaftlichem  Fortschritt;  man  ist  stolz  auf
jeden  wichtigen  Erfolg  in  diesen  Dingen.  Deshalb  ist  die  Dividende, ­
  welche  der  Geschäftsmann  heutzutage  erhält,  nicht  allein
eine  Dividende  in  Dollars.  Zugleich  mit  dem  Dollar  erhält  er
noch  eine  Dividende  höherer  Art  in  Gestalt  der  Genugtuung,  die
er  empfindet,  das  Geschäft,  welchem  er  sein  Leben  gewidmet,
höher  entwickelt  zu  haben!
Ich  darf  Ihnen  die  kaufmännische  Laufbahn  getrost  als  eine
solche  bezeichnen,  in  der  Raum  genug  für  Entfaltung  höchsten
menschlichen  Könnens  und  aller  in  der  Menschennatur  liegenden
guten  Eigenschaften  bleibt.  Nach  meiner  Überzeugung  ist  die
Lebensaufgabe  eines  großen  Kaufmanns,  eines  Bankiers  oder  eines
Führers  auf  industriellem  Gebiete  besonders  günstig  zur  Entfaltung
geistiger  Kräfte  und  zur  Betätigung  eines  gereiften  Urteils  über
eine  große  Zahl  bedeutender  Dinge,  sowie  zur  Befreiung  von
Vorurteilen  und  zur  Aufrechterhaltung  freier  Anschauungen.  Ebenso
weiß  ich,  daß  dauernder  Erfolg  nur  durch  offenes  und  ehrenhaftes
Handeln,  verbunden  mit  tadellosen  Lebensgewohnheiten,  mit  gesundem ­
  Menschenverstand  und  seltener  Urteilskraft  über  alle
menschlichen  Lebensbeziehungen  zu  erreichen  ist;  denn  der  Ge ­
        <pb n="157" />
        142

X.  Geschäft.

V  V  V
V  V
V

schäftsmann,  der  sich  in  Wort  und  Handeln  unzuverlässig  in  seinen
Gewohnheiten  zeigt  oder  gar  unehrlicher  Kniffe  verdächtig  wird,
verliert  sehr  bald  Kredit  und  Vertrauen.  In  anderen  Berufen  mag
selbst  für  einen  Narren  mitunter  Raum  sein  —  ich'  meine  damit,
für  jemanden,  der  außerhalb  seiner  Berufsklassen  närrisch  wie
ein  Kind  ist  und  doch  in  seinem  Berufe  selbst  erfolgreich  —  niemals ­
  aber  kann  ein  Geschäftsmann,  der  ein  Narr  ist,  Erfolg  haben.
Ohne  gesundes,  allumfassendes  Urteil  muß  ein  solcher  Geschäftsmann ­
  zu  guter  Letzt  Schiffbruch  leiden.
Die  geschäftliche  Laufbahn  ist  eine  strenge  Schule  aller  Tugenden; ­
  daneben  verheißt  sie  oftmals  als  höchsten  Lohn  etwas,
was  keine  andere  Laufbahn  besitzt:  ich  ziele  auf  die  edlen  Wohltaten, ­
  die  sie  ermöglicht.  Es  gibt  Geschäftsleute,  denen  wir  im
Verlauf  ihrer  geschäftlichen  Laufbahn  vor  allem  unsere  Universitäten, ­
  höhere  Schulen,  Büchereien  und  Erziehungsanstalten  verdanken; ­
  Zeugnis  dafür  liefern  die  Girard,  Lchigh’,  Chicago,  Harvard, ­
  Yale,  Cornell  und  viele  andere.
Welches  Andenken  könnte  der  Mensch  hinterlassen,  das  so
produktiv  und  so  viel  Gutes  wirkte  und  seinen  Namen  so  sicher
zukünftigen  Geschlechtern,  gesegnet  von  Tausenden  in  jedem  Jahrzehnt, ­
  zu  überliefern  imstande  wäre,  wie  das  köstliche,  Unzähligen
zugängliche  Besitztum  einer  gesunden  und  freisinnigen  Erziehung?
Und  doch,  gerade  das  sind  die  Werke  der  Männer,  die  ihren
Überreichtum  als  ein  ihnen  anvertrautes  heiliges  Pfand  betrachteten, ­
  dem  noch 1  während  Lebzeiten  seines  Besitzers  zum  Segen
seiner  Mitmenschen  die  bestmöglichste  Verwendung  zu  geben,  sie
bestrebt  sind.  Deshalb  können  wir,  wenn  einige  Geschäftsleute
den  Vorwurf  des  Geldgrapsens  verdienen,  zu  ihrer  Rechtfertigung
als  ganze  Klasse  geltend  machen,  was  der  ehrliche  Thomas  Cromwell
  zur  Verteidigung  des  großen  Kardinals  (Wolsey)  sagte:
„Wenn  sie  auch  geldgierig  sind,  so  sind  sie  doch  auch  wahrhaft
fürstlich  im  Geben;  die  von  ihnen  geschaffenen  Sitze  der  Gelehrsamkeit ­
  legen  Zeugnis  dafür  ab.“
        <pb n="158" />
        XI.  Die  Stahlfabrikation  des  neunzehnten
Jahrhunderts  in  denVereinigten  Staaten.

Über  die  Stahlfabrikation  der  Vereinigten  Staaten  im  letzten
Jahrhundert  schreiben,  heißt  wirklich  mit  dem  Anfang  beginnen.
Aus  Swanks  Musterbuch:  „Eisen  in  allen  Zeitaltern“  lernen  wir,
daß  die  Gesetzgebung  Pennsylvanias  nicht  früher  als  1786  einem
Herrn  Humphreys  £  300  (6000  M.)  auf  fünf  Jahre  lieh,  um  Versuche ­
  für  Verwandlung  von  Eisenstangen  in  Stahl  zu  machen  „so
gut,  wie  in  England“.  Noch  1810  wurden  in  ganz  Amerika  nur
917  Tonnen  Stahl  produziert.  Pennsylvaniens  Anteil  daran  belief
sich  auf  531  Tonnen  oder  auf  mehr  als  die  volle  Hälfte.  Es  erscheint ­
  bemerkenswert,  daß  das  gute  alte  Keystone  auch  heute
noch  nicht  über  diesen  Prozentsatz  hinaus  produziert.  Noch  im
Jahre  1831  betrug  die  Stahlproduktion  nur  1600  Tonnen,  eine
Masse,  welche  der  gesamten  Stahleinfuhr  gleich  geschätzt  wurde,
so  daß  der  Stahlmarkt  vor  etwa  70  Jahren  zwischen  Ausländischen
und  Einheimischen  gleich  verteilt  war.  Doch  dieser  Stahl  wurde
hauptsächlich  vermittelst  Zementation  gemacht;  Sch'melztiegel-Stahl
kam  erst  später  auf.  Von  1831—1860  waren  die  Fortschritte  der
amerikanischen  Stahlproduktion  außerordentlich  gering;  die  Gesamtproduktion ­
  Pennsylvanias  im  Jahre  1850  betrug  nur  6000
Tonnen,  und  davon  war  noch 1  der  größte  Teil  Blasenstahl.  1840
begannen  Isaac  Jones  und  William  Coleman  ihre  Stahlfabrikation
in  Pittsburg,  und  zwar  mit  Erfolg.  1853  stellten  Singer,  Nimick
&amp;amp;  Co.  gleichfalls  mit  Erfolg  die  gewöhnliche  Art  von  Gußstahl
für  Sägen,  Maschinen  usw.  her;  ebenso  machten  zu  ähnlichen
Zwecken  Hussey,  Wells  &amp;amp;  Co.  1860  aus  amerikanischem  Eisen
laufend  erstklassigen  Gußstahl;  1862  traten  Park  Brother  &amp;amp;  Co.
        <pb n="159" />
        144

XI.  Die  Stahlfabrikation  des  neunzehnten  Jahrhunderts

mit  den  größten  Bruchstahlwerken  auf,  für  deren  erfolgreichen
Betrieb  hundert  englische  Arbeiter  nach  Amerika  herüberkamen.
Von  jetzt  ab  wurde  der  Kampf  mit  fremdem  Stahl  recht  hartnäckig, ­
  bis  endlich  der  fremde  Eindringling  ganz  aus  dem  Felde
geschlagen  war.  Zuerst  vermochten  die  europäischen  Fabrikanten
ihre  Überproduktion  auf  den  amerikanischen  Markt  zu  werfen  und
die  amerikanischen  Fabrikanten  zu  zwingen,  für  ihre  gesamten  Erzeugnisse ­
  die  außerordentlich  niedrigen  Raten  zu  nehmen,  welche
der  fremde  Eindringling  nur  für  einen  Teil  seiner  Produkte  sich
gefallen  ließ;  denn  wer  den  einheimischen  Markt  beherrscht,  vermag ­
  mit  vollkommenem  Erfolge  in  fremde  Märkte  einzudringen.
Während  der  letzten  Jahre  war  es  der  Amerikaner,  welcher  seine
Überproduktion  in  fremde  Länder  hineinwarf.  Erobere  dir  zuerst
den  einheimischen  Markt  und  du  wirst  dich  höchstwahrscheinlich
sehr  bald  auch  im  Besitz  des  ausländischen  Marktes  sehen  —  so
lautet  die  Regel  für  die  Fabrikation  im  internationalen  Handel.
Indem  ich  Coleman,  Jones,  Nimick,  Singer,  Hussey  und  Park
erwähne,  werde  ich  an  meine  Knabenzeit  erinnert;  ich  war  damals ­
  ein  Telegraphenbote  in  Pittsburg,  überbrachte  ihnen  viele
Telegramme  und  erhielt  manche  willkommene  Anerkennung  von
diesen  großen  Vorbildern  meiner  Jugendzeit.  Jeder  von  ihnen
steht,  während  ich  seinen  Namen  schreibe,  noch  so  lebhaft  vor
meinen  Augen,  als  stünde  ich  noch  heute  in  persönlicher  Beziehung ­
  zu  ihm.  Wären  sie  im  nächsten  Zimmer  und  sprächen,
ich  würde  jeden  an  seiner  Stimme  erkennen,  ehe  er  seine  Rede
noch  ganz  vollendet.  Alle,  mit  Ausnahme  des  jungen  Herrn  Singer,
der  noch  heute  mein  Partner  und  Freund,  sind  tot.  Sie  waren
die  Väter  der  Stahlfabrikation  in  den  Vereinigten  Staaten  und
haben  „dem  Gemeinwesen  treffliche  Dienste  geleistet."  Friede
ihrer  Asche!
Nicht  vor  1864,  also  erst  nachdem  zwei  Drittel  des  neunzehnten ­
  Jahrhunderts  vorüber  waren,  trat  bei  uns  die  Umwälzung
in  der  Stahlfabrikation  ein.  Das  eiserne  Zeitalter  übertrug  seine!
Herrschaft  an  den  neuen  König  Stahl,  denn  unser  erster  Bessemerstahl ­
  wurde  in  dem  genannten  Jahre  gemacht.  Gewöhnlicher  Stahl,
welcher  bis  dahin  sechs  bis  sieben  Cent  kostete,  wurde  von  da  an
für  weniger  als  ein  Cent  das  Pfund  verkauft,  während  Stahlklötze
        <pb n="160" />
        in  den  Vereinigten  Staaten.  &amp;lt;

145

in  Hunderttausende  von  Tonnen  mit  einer  Rate  „von  zwei  Cent
für  drei  Pfund  Stahl“  abgegeben  wurden.  In  jedem  Pfund  Stahl
sind  zwei  Pfund  Eisenerz  enthalten,  zu  dessen  Abgrabung  und
Transport  zu  Land  oder  Wasser  auf  jede  100  Meilen  ein  Pfund
Koks  gebraucht  wird;  letzteres  erfordert  ein  und  ein  Drittel  Pfund
Kohle,  die  gleichfalls  gegraben,  gekoxt  und  50  Meilen  weit  transportiert ­
  werden  muß;  ebenso  ein  Drittel  Pfund  Kalkstein,  der  geschlagen ­
  und  140  Meilen  weit  befördert  werden  muß,  so  daß  drei
und  ein  Drittel  Pfund  Rohmaterial  in  einem  Pfund  Stahl  stecken,
welches  der  Konsument  für  zwei  Drittel  eines  Pence  kauft,  da
drei  Pfund  Stahl  2  Cent  und  die  Bruttotonne  im  Gewicht  von
2240  Pfund  15  Dollar  oder  63  M.  kostet.
Würde  man  den  Verfasser  fragen,  wie  solch  ein  Wunder  möglich ­
  ist,  er  müßte  die  Antwort  schuldig  bleiben,  denn  er  kann
niemals,  so  oft  er  darüber  nachdenkt,  über  die  Mutmaßung  hinwegkommen, ­
  daß  irgend  ein  Irrtum  dabei  obwalten,  und  daß  das
Unternehmen,  welches  ein  so  kostbares  Metall  an  eine  undankbare
Menge  geradezu  halb  für  nichts  fortgibt,  bald  zugrunde  gehen
müsse.  Dieses  würde  auch’  unbedingt  eintreten,  wenn  der  vorher,
genannte  außerordentlich  geringe  Preis  für  alle  Folgezeit  und  für
jede  Art  von  Stahl  dieselbe  bleiben  sollte.  Bei  dem  Preise  von
zwei  Cent  für  drei  Pfund  Stahl  ist  der  Nutzen  so  außerordentlich
gering,  daß  nicht  einmal  das  durchschnittliche  geschäftliche  Risiko
damit  gedeckt  werden  kann.  Immerhin  mag  eine  Reihe  der  allergrößten ­
  Betriebe  in  den  Vereinigten  Staaten,  welche  ihr  eigenes
Rohmaterial,  ihre  eigenen  Schiffe  und  Eisenbahnen  —  alles  gut
und  in  genügender  Ausrüstung  —  besitzen,  das  Risiko  in  ihrem
Selbstkostenpreise  miteinbeziehen;  dann  bliebe  jedoch  nichts  für
Dividenden  oder  für  Verzinsung  des  eingeschossenen  Kapitals
übrig.  Die  Zinsen  belaufen  sich  nahezu  auf  8  Shilling  per  Tonne;
ja,  in  den  meisten  Fällen  machen  sie  sogar  noch'  mehr  aus.  Daneben ­
  muß  das  Risiko  des  Fabrikbetriebes  —  wie  Unfälle  und
Neuerungen  —  und  das  Verkaufsrisiko  auf  mindestens  acht  Mark
für  die  Tonnne  angesetzt  werden.
Die  niedrigen  Herstellungskosten  wurden  erst  durch  die  Erfindung ­
  Sir  Henry  Bessemers  möglich  gemacht.  Bessemer-Stahl
wurde  als  Stahl-König  inthronisiert;  kein  Monarch  scheint  eines
Carnegie,  Kaufmanns  Herrschgewalt.  10
        <pb n="161" />
        146

XI.  Die  Stahlfabrikation  des  neunzehnten  Jahrhunderts

langen  und  unbestrittenen  Reiches  so  sicher,  nachdem  der  Bessemer-Prozeß
  durch  die  Erfindung  eines  jungen  Genies,  meines
Freundes  Sidney  Gilchrist  Thomas,  vervollkommnet  wurde.  Er
brachte  den  basischen  Prozeß  zur  Anwendung,  vermittelst  dessen
unreine  Erze  für  die  Fabrikation  von  Bessemer-Stahl  verwendet
werden  können.
Verschiedene  besondere  Ursachen  haben  Stahlklötze  zu  60  M.
die  Tonne  ermöglicht.  Unter  ihnen  müssen  die  automatischen
Maschinen  obenan  genannt  werden.  Die  Amerikaner  zeichnen
sich  ganz  besonders  in  ihnen  aus;  dann  kommt  die  ununterbrochene ­
  Fortdauer  des  Verfahrens  in  Betracht.  Werkstätten,  1  bis
2000  Fuß  lang,  in  welche  das  Rohmaterial  an  einem  Ende  hinein
und  am  anderen  Ende  wieder  fertig  herauskommt  —  und  das  ohne
jede  Handhabung  und  oft  ohne  jeden  anderen  Aufenthalt,  als
den  für  eine  Wiedererhitzung  notwendigen  —  werden  mehr  und
mehr  ganz  allgemein  gebräuchlich.  Der  Schreiber  dieser  Zeilen
hörte  ganz  unlängst  von  Plänen  für  neue  Werke  in  solchem  Maßstabe, ­
  daß  5 / 4  Meilen  Land  dazu  notwendig  sein  würden;  eine
einzige  Werkstatt  ist  3000  Fuß  lang  geplant.  Eine  der  Hauptbedingungen ­
  für  billige  Produktion  ist  Größe.  Betriebe,  die  tausend
Tonnen  Stahl  täglich  liefern,  haben  wenig  Chancen  gegenüber
solchen,  die  10000  Tonnen  täglich  liefern.  Dieses  Gesetz  gilt  für
jedwede  Art  von  Industrie.  Es  bringt  das  Dampfschiff  mit  20000
Tonnen  und  den  Eisenbahnwagen  mit  50  Tonnen  hervor.  Verbesserte ­
  Dampfmaschinen  und  der  Gebrauch  der  Elektrizität  als
bewegende  Kraft,  und  endlich  die  neuen  Einlade-  und  Ablademaschinen: ­
  Alles  das  hat  zur  Verbilligung  des  Stahles  beigetragen.
Nur  in  einem  Kostenpunkte  —  und  das  zu  hören,  wird  den
soziologischen  Forscher  erfreuen  —  ist  keine  Verbilligung  eingetreten: ­
  in  der  menschlichen  Arbeit!  Sie  ist  sogar  im  Preise  gestiegen ­
  und  hat  die  Tendenz,  noch  weiter  zu  steigen.  In  einem
der  größten  Stahlwerke  überstieg  der  tägliche  Arbeitslohn  —  bei
Mitberechnung  der  für  den  Tag  angestellten  Arbeiter,  Jungen  und
Mechaniker  für  311  Tage  —  acht  Mark.  Je  weniger  Leute  beschäftigt ­
  werden,  desto  weniger  kostet  die  Arbeit  pro  Tonne,  und
im  Gegensatz  zu  der  oft  gehörten  Ansicht,  sind  gerade  diese  Leute
als  Arbeiter  brauchbarer  denn  je.  Die  Annahme  daß  die  Arbeiter
        <pb n="162" />
        in  den  Vereinigten  Staaten.  147
selbst  jetzt  immer  mehr  zur  bloßen  Maschine  herabsinken,  ist
durchaus  falsch;  der  Arbeiter  vergangener  Tage  wäre  durchaus
unfähig  gewesen,  mit  den  komplizierten  Maschinen  unserer  Zeit
zu  arbeiten;  auch  hätte  er  die  an  Verstand  und  Behändigkeit  gemachten ­
  Ansprüche  unserer  jetzigen  Arbeitsmethoden  nicht  zu
erfüllen  vermocht.
Wären  vor  fünf  Jahren  die  Stahlfabrikanten  Amerikas  gefragt
worden,  ob  es  möglich  sei,  dem  Bessemer-Verfahren  einen  Nebenbuhler ­
  zu  schaffen,  dann  würde  nicht  einer  unter  Tausenden  anders,
als  mit  einem  emphatischen  „Niemals!“  geantwortet  haben.  Dennoch ­
  hätte  selbst  dieser  Eine,  bekannt  gemacht  mit  den  neuesten
Versuchen,  sich  nicht  nur  weniger  emphatisch  ausgesprochen,  sondern ­
  sogar  zugestanden,  daß  selbst  das  Bessemer-Verfahren  nicht
ohne  Nebenbuhler  bleiben  dürfte.
Die  Vorzüge  des  offenen  Herd-Schmelzofens  von  Siemens-Martin
  wurden  sofort  wenigstens  von  einer  Firma  anerkannt,  deren
Vertreter  diesen  Ofen  im  Auslande  in  Tätigkeit  gesehen  hätte.
Cooper,  Hewitt  &amp;amp;  Co.  gebührt  das  Verdienst,  den  Siemens-Martin-Ofen
  zuerst  in  den  Vereinigten  Staaten  versucht  zu  haben.  Das
war  im  Jahre  1868.  Die  Kosten  des  offenen  Herd-Stahles  waren
selbstverständlich  größer,  als  die  des  Bessemer-Stahls;  jener  wurde
deshalb  zunächst  nur  für  begrenzte  Zwecke  verwendet;  es  war
daher  eine  Anlage  im  großen  Maßstabe  nötig,  um  dem  neuen
Prozeß  die  Nebenbuhlerschaft  mit  dem  Bessemer-Verfahren  und
den  Nutzen  aus  den  zahlreichen  Verbesserungen  zu  ermöglichen,
welche  gescheite  Leute  in  der  Folge  zu  seiner  Entwicklung  machen
könnten.  Den  ersten  basischen  offenen  Herd-Stahl  verfertigte  in
Amerika  die  Firma  Carnegie,  Philipps  &amp;amp;  Co.  im  Jahre  1888  zu
Homestead.  Nun  wurden  zweierlei  Stahlarten  mit  dem  offenen
Herd  hergestellt,  die  säurische  und  die  basische;  die  basische  stellt
sich  um  vieles  billiger  als  die  säurische,  obgleich  sie  viel  reiner  ist,
da  der  basische  Prozeß  jede  Unreinheit  beseitigt.  Basisch  offener
Herd-Stahl  wird  jetzt  in  vielen  Fällen  anstatt  schwedisches  Eisen
benutzt;  sogar  für  Hufeisen.  Auch  Waffenstücke  werden  daraus
gemacht.  Die  Ost-Fluß-Brücke  soll  aus  saurem  Eisen  gebaut  werden, ­
  obgleich  dieses  teurer  ist.  Doch  das  geschieht  nur  deshalb,
weil  der  betreffende  Ingenieur  jeder  Belehrung  unzugänglich  ist.
        <pb n="163" />
        148

XL  Die  Stahlfabrikation  des  neunzehnten  Jahrhunderts

Der  große  Vorteil  des  Siemens-Martin-Verfahrens  für  die  Vereinigten ­
  Staaten  besteht  darin,  daß  mit  dem  basisch  offenen  Herd-Prozeß
  unsere  ungeheuren  Lagen  von  hoch  phosph'orhaltigem
Eisenerz  für  die  Stahlfabrikation  benutzt  werden  können,  während
das  nach  amerikanischer  Art  angewandte  Bessemer-Verfahren  Erze
erfordert,  die  verhältnismäßig  schwefelfrei  sind;  solche  Erze  finden
sich  jedoch  nur  in  mäßiger  Anzahl.  Alles  in  allem  ist  die  Produktion ­
  des  offenen  Herd-Stahls  in  rapidem  Steigen  begriffen.
So  folgte  dem  eisernen  Zeitalter,  welches  während  des  letzten
Jahrhunderts  für  immer  dahinging,  das  Zeitalter  des  Bessemerstahls, ­
  doch  nur  um  seiner  Herrschaft  sich  nicht  länger  als  sechsunddreißig ­
  Jahre  zu  erfreuen;  das  Bessemer  Zeitalter  begann  im
Jahre  1864;  es  entschwindet  nun  gleichfalls,  um  dem  Zeitalter
des  offenen  Herd-Stahls  von  Siemens  und  Martin  Platz  zu  machen.
Schon  nimmt  das  Produkt  des  offenen  Herd-Verfahrens  eine  höhere
Stellung  in  England  ein,  als  das  Bessemer;  das  gleiche  —  so
möchte  ich  Voraussagen  —  wird  bald  in  den  Vereinigten  Staaten
der  Fall  sein.
Der  Ablauf  des  Bessemer  Zeitalters  hat  den  amerikanischen
Süden  als  Stahlverfertiger  möglich  gemacht,  während  er  vorher
dafür  nicht  in  Betracht  kam,  da  seine  Erze  für  das  Bessemer-Verfahren ­
  nicht  verwendbar  sind;  dagegen  werden  sie  wahrscheinlich
bald  genug  dem  offenen  Herd-Verfahren  angepaßt  werden  können.
Solange  die  neuen  Stahlwerke  der  Tennessee-Gesellschaft  sich  nicht
im  vollen  Betriebe  befinden  und  erst  eine  Zeitlang  gearbeitet  haben,
fehlt  der  Beweis  noch,  ob  Stahl  dort  billig  genug  hergestellt  werden
kann,  um  den  Süden  zu  einem  großen  Zentrum  der  Stahlfabrikation ­
  zu  machen.  Das  experimentelle  Stadium  dafür  ist  noch  nicht
voll  durchlaufen,  da  sich  bis  jetzt  nur  ein  Teil  der  Anlagen  im
Betriebe  befindet;  dennoch  scheint  wenig  Grund  verhanden,  daran
zu  zweifeln,  daß  etwa  noch  auftauchende  Schwierigkeiten  zu  guter
Letzt  beseitigt  Und  daß  der  amerikanische  Süden  sehr  bald  ein
gewichtiger  Faktor  in  der  Stahlfabrikation  werden  wird.
Das  gegenwärtige  Stahlzentrum  liegt  in  dem  Viereck,  das
begrenzt  wird  durch  Linien,  welche  von  Pittsburg  nach  Wheeling,
von  Wheeling  nordwärts  nach  Lorain  und  von  Lorain  ostwärts
nach  Cleveland  und  südwärts  wieder  nach  Pittsburg  gezogen  wer ­
        <pb n="164" />
        in  den  Vereinigten  Staaten.

149

den  können.  In  diesem  Landstriche  wird  der  meiste  Stahl  gemacht.
Die  Alleghany-Landschaft  allein,  Pittsburg  mit  inbegriffen,  produzierte ­
  1899  fast  ein  volles  Viertel  von  allem  in  den  Vereinigten
Staaten  gemachten  Brucheisen,  darunter  ungefähr  die  volle  Hälfte
alles  offenen  Herd-Eisens  und  ungefähr  39  Prozent  der  Gesamtproduktion ­
  aller  verschiedenen  Arten  von  Stahl.  Soweit  der  Verfasser ­
  zu  urteilen  vermag,  dürfte  dieses  Stahlland  kaum  durch  ein
anderes  zu  ersetzen  sein.  Zweifellos  wird  Colorado  bei  einer
weiteren  Entwicklung  der  Westküste  als  Stahlland  weiteren  Einfluß ­
  gewinnen.  Chicagos  Stellung  als  Stahlfabrikant  ist  bereits
gesichert.  Dagegen  weist  nichts  darauf  hin,  daß  jemals  der  Südwesten ­
  Amerikas  Stahl  in  irgendeinem  beträchtlichen  Maße  machen
wird.  Erst  seit  der  Mitte  des  vorigen  Jahrhunderts  bildeten  die
östlichen,  am  atlantischen  Ozean  gelegenen  Staaten  die  Heimat  der
Stahlfabrikation.  Sogar  ungefähr  die  Hälfte  alles  pennsylvanischen
Stahls  wurde  östlich  von  den  Alleghani-Gebirgen  hergestellt.  Seitdem ­
  ging  der  Zug  ebenso  beständig  wie  schnell  nach  dem  als
Zentralwesten  bekannten  Landstriche,  dessen  Hauptplatz  Pittsburg
ist.  Die  Übersiedelung  der  großen  Lackawanna  Eisen-  und  Stahlwerke ­
  von  Scranton  in  Pennsylvania  nach  Buffalo  und  die  glänzenden ­
  Triumphe  der  Bethlehem-Stahlgesellschaft  in  Pennsylvania
durch  Waffenrüstungen,  Gewehre  und  Schmiedearbeiten  als  Spezialitäten, ­
  welche  der  genannten  Firma  eine  einzige,  alles  beherrschende ­
  Stellung  gaben,  bilden  den  besten  Beweis,  daß  für  die
Fabrikation  gewöhnlichen  Stahls  der  amerikanische  Osten  kein
günstiger  Platz  ist.  Die  Geschichte  der  Stahlwerke  zu  Troy  liefert
einen  ferneren  Beweis  dafür.  Nur  eine  Ausnahme  gibt  es  von
dem  Zug  nach  dem  Westen:  Harrisburg  im  östlichen  Pennsylvania,
welches  bis  jetzt  ein  blühender  und  wichtiger  Mittelpunkt  der  Stahlfabrikation ­
  blieb.  Die  Maryland-Stahlgesellschaft  hat  bei  Flutwasser
Vorteile  für  die  Ausfuhr;  viel  wichtiger  jedoch  für  die  Zukunft
dieser  Gesellschaft  ist  ihre  Entwicklung  im  Schiffsbau,  für  den
ihre  Anlagen  besonders  günstig  liegen.  Soweit  der  Verfasser  sehen
kann,  sind  keine  Anzeichen  bemerkbar  für  eine  Verlegung  des
Mittelpunktes  der  Stahlindustrie  aus  ihrem  bisher  innegehabten
Landstriche  nach  einem  anderen,  neuen  Landstrich;  dieser  Mittelpunkt ­
  liegt,  wie  bereits  früher  ausgeführt,  im  zentralen  Westen
        <pb n="165" />
        150  XI.  Die  Stahlfabrikation  des  neunzehnten  Jahrhunderts

und  dürfte  auch  dort  verbleiben.  Gewisse  Ursachen  mögen  in
diesem  Zentrum  zu  einigen  wichtigen  Veränderungen  führen.  Das
wunderbare  Wachstum  der  Seestädte  an  der  nördlichen  Grenze,
der  zentralen  Westregion  erhellt  aus  dem  letzten  Zensus.  Diese
Städte  besitzen  den  Vorteil  eines  ausnehmend  niedrigen  Transports, ­
  zumal  durch  den  Welland-Kanal  Schiffe  von  beträchtlichem,
Tonnengehalt  in  Conneaut  und  anderen  Seehäfen  direkt  nach
Europa  verladen  werden  können  —  und  zwar  zu  den  niedrigen
Frachtsätzen,  welche  den  Fabrikaten  für  mehr  als  die  Hälfte  des
Jahres  der  Erie-Kanal  als  Transportstraße  sichert.  Alles  das  verdient ­
  die  größte  Aufmerksamkeit,  besonders  seit  der  Versuch  gemacht ­
  ist,  die  Hauptbahnlinien  unter  ein  und  dieselbe  Verwaltung
zu  bringen,  um  höhere  Frachtsätze  zu  erzielen,  während  doch]
niedrige  Preise  für  Verkehr  und  Artikel  das  vorherrschende  Gesetz
zu  bilden  scheinen.  Die  Wahl  Buffalos  von  seiten  der  Lackawanna
Eisen-  und  Stahl-Gesellschaft  für  ihre  neuen  Werke  zeugt  für  die
Bewegung  nach  den  Seen  zu.  Die  Politik  einer  kombinierten  Bahn
muß  ganz  unvermeidlich  zugunsten  der  südlichen  Häfen  und  zum
Vorteil  Neuyorks  ausfallen.  Der  Unterschied  von  3  Cent  per  Hundert ­
  zugunsten  Baltimores  und  von  2  Cent  zugunsten  Philadelphias
gegenüber  Neuyork  sagt  am  besten,  daß  der  Verkehr  auch  fernerhin ­
  die  Seehäfen  aufsuchen,  und  daß  Neuyorks  Prozentsatz  am
Schiffsverkehr  weiter  dauernd  fallen  wird,  gerade  wie  bisher.  Deshalb ­
  darf  man  jedoch  keineswegs  annehmen,  daß  Stadt  und  Staat
Neuyork  den  Schutz  ihrer  Stellung  vernachlässigen  werden;  sie
werden  die  Waffe,  welche  unter  allen  amerikanischen  Freistaaten
nur  der  Staat  Neuyork  in  seinem  Wasserwege  von  den  Seen  nach
dem  Hafen  von  Neuyork  hat,  jedenfalls  zu  gebrauchen  wissen.
Der  Verfasser  hält  das  für  vollkommen  sicher  und  sagt  infolgedessen
der  Stahlfabrikation  in  jenem  Teile  des  zentralen  Westens,  welcher
längs  des  südlichen  Ufers  des  Erie-Sees  liegt,  eine  große  Entwicklung ­
  voraus;  dieser  wird  zugunsten  Neuyorks  in  Aufnahme
kommen,  da  er  den  Hafen  bildet,  welcher  vom  Zentral-Westen
am  billigsten  zu  Wasser  erreicht  werden  kann.
Ein  besonderes  Charakteristikum  des  neuen  Jahrhunderts  wird
die  Wiederaufnahme  der  Wassertransporte  für  schweres  Material
sein.  Schon  jetzt  gibt  es  Binnenseeschiffe  von  7000  Tonnengehalt.
        <pb n="166" />
        in  den  Vereinigten  Staaten.

151

Flott  gemachte  Barken  werden  bald  auf  dem  Ohioflusse  und  in
dem  erweiterten  Erie-Kanal  schwimmen;  ebenso  in  dem  Kanal
von  Chicago  nach  dem  Mississippi;  noch  viele  andere  Wasserwege ­
  werden  sich  öffnen,  auf  denen  die  Rohmaterialien  für  Stahl
und  der  fertige  Stahl  selbst  für  Fabriken  zu  gleichen  Sätzen,  wie
die  bereits  für  die  Seen  bestehenden,  befördert  werden  können:  das
heißt,  für  ein  Drittel  und  oft  für  ein  Viertel  der  Eisenbahnfrachten.
Es  liegt  kaum  in  den  Grenzen  der  Möglichkeit,  daß  ein  noch
besseres  oder  gar  billigeres  Verfahren  für  die  Fabrikation  von
Stahl  in  Zukunft  entdeckt  werden  könnte,  oder  daß  eine  Verbesserung ­
  der  Methoden  möglicherweise  die  Kosten  noch  viel
weiter  herabzusetzen  und  uns  dahin  zu  bringen  vermöchte,  Stahl
ohne  Verlust  zu  noch  geringerem  Preise,  als  drei  Pfund  für  zwei
Cent  zu  liefern.  Das  zwanzigste  Jahrhundert  wird  mit  allen  Wundern, ­
  die  es  noch  zu  unserer  Überraschung  bergen  mag,  wahrscheinlich ­
  im  wesentlichen  mit  der  Stahlfabrikation,  wie  sie  jetzt
besteht,  endigen;  jedoch  mit  dem  offenen  Herd  (Siemens-Martin-Verfahren).
  Scheint  doch  kaum  noch  viel  Raum  für  Verbesserungen. ­

Schon  die  letzten  Jahre  sahen  die  Ausfuhr  von  Stahl  aus
Amerika  nach  anderen  Ländern.  Die  Republik  der  Vereinigten
Staaten  hat  nicht  nur  ihre  eigenen  Bedürfnisse  gedeckt,  sondern
trägt  jetzt  auch  zur  Deckung  der  Bedürfnisse  der  ganzen  Welt
bei,  nicht  allein  in  Stahl,  sondern  auch  in  tausend  anderen  Artikeln,
deren  Hauptbestandteil  der  Stahl  ist.  Die  Billigkeit  in  der  Verfertigung ­
  des  Stahls  verallgemeinerte  dessen  Benützung  so  außerordentlich, ­
  daß  die  für  seinen  zukünftigen  Gebrauch  unternommenen ­
  Schätzungen  kaum  mehr  als  bloße  Mutmaßungen  vorstellen
können.  Hier  ein  Beispiel  für  viele:  Es  ist  erst  wenige  Jahre  her,
daß  nicht  eine  einzige  Tonne  Stahl  für  Eisenbahnfrachten  in  Amerika
benutzt  wurde;  heute  verbraucht  man  allein  zu  diesem  Zweck
täglich  tausend  Tonnen.  In  der  Tat,  so  reißend  greift  die  Verwendung ­
  des  Stahls  um  sich,  daß  kaum  abzusehen  ist,  wie  die
Bedürfnisse  des  Weltmarktes  in  Zukunft  zu  befriedigen  sein  werden.
Gegenwärtig  arbeiten  die  Eisenstein-  und  Kokskohlenwerke  in
England  mit  angespanntester  Kraft,  und  doch  zeigt  sich  die  Ausbeute ­
  nicht  wesentlich  erhöht.  Dasselbe  ist  in  Deutschland  der
        <pb n="167" />
        XI.  Die  Stahlfabrikation  des  neunzehnten  Jahrhunderts

Fall,  abgesehen  davon,  daß  hier  noch  minder  wertvolle  Kohlenfelder ­
  der  Ausnützung  warten  —  sollten,  was  wahrscheinlich  ist,
die  Kohlenpreise  steigen.  Rußland  war  bis  jetzt  für  die  Stahlfabrikation ­
  von  nur  geringer  Bedeutung:  wenn  es  bis  gegen  die
Mitte  des  laufenden  Jahrhunderts  seine  eigenen  Bedürfnisse  an
Stahl  zu  decken  vermag,  darf  es  zufrieden  sein.  Abgesehen  von
den  Vereinigten  Staaten,  sowie  von  Großbritannien  und  Deutschland, ­
  wird  wenig  Stahl  in  der  Welt  gemacht;  auch  ist  es  nicht
sehr  wahrscheinlich,  daß  künftig  noch  ein  anderes  Land  viel  davon ­
  produzieren  wird.  Die  Erwartung  von  Japan  und  China,  einst
Stahl  zu  fabrizieren,  hält  der  Verfasser  für  irrig.  Großbritannien
und  Deutschland  dürften  später  nicht  viel  mehr  Stahl  machen,  als
jetzt,  so  daß  dann  die  Vereinigten  Staaten  allein  den  täglich  sich
mehrenden  Weltbedarf  decken  können.  Der  heute  bekannte  Vorrat
an  für  die  Stahlfabrikation  geeignetem  Eisenstein  genügt,  um  alle
nur  möglichen  Bedürfnisse  der  ganzen  Welt  für  die  erste  Hälfte
des  gegenwärtigen  Jahrhunderts  zu  befriedigen;  und  so  weit  der
Koks  in  Betracht  kommt,  sogar  für  das  ganze  Jahrhundert.  Dabei
ist  die  Entdeckung  weiterer  Naturvorräte,  ehe  noch  die  bekannten
Vorräte  erschöpft  sind,  keineswegs  ausgeschlossen.
In  wenigen  Jahren  dürfte  die  Ausfuhr  von  Eisen  und  Stahl,
sowie  die  von  Eisen-  und  Stahlfabrikaten  von  den  Vereinigten
Staaten  nach  verschiedenen  Teilen  der  Welt  groß  genug  sein,  um
ein  anderes  Kapitel  beispielloser  Entwicklung  in  der  Geschichte
des  Stahls  zu  bilden;  sie  beträgt  jetzt  schon  129  Millionen  Dollar
(516  Millionen  Mark).
Desgleichen  muß  die  Ausgiebigkeit  unserer  amerikanischen
Stahlfabrikation  auf  die  einheimische  Entwicklung  von  wunderbarer ­
  Wirkung  sein.  Die  Nation,  welche  den  billigsten  Stahl  zu
machen  imstande  ist,  wird,  soweit  die  Fabrikation  in  den  meisten
einschlägigen  Gebieten  in  Betracht  kommt,  notwendigerweise  die
anderen  Nationen  beherrschen.  Der  billigste  Stahl  vermittelt  die
billigsten  Schiffe,  die  billigsten  Maschinen  und  mehr  als  tausend
andere  Artikel,  welche  teilweise  oder  ganz  aus  Stahl  gemacht
werden,  am  billigsten.  Wir  stehen  an  dem  Vorabend  einer  Entwicklung ­
  der  Industriemächte  unserer  amerikanischen  Republik,
dergleichen  die  Welt  niemals  vorher  gesehen  hat.
        <pb n="168" />
        in  den  Vereinigten  Staaten.

153

V  V  V
V  V
V

Der  Fortschritt  und  die  beherrschende  Stellung  der  Vereinigten
Staaten  als  Stahlerzeuger  lassen  sich  in  wenigen  Sätzen  zusammenfassen: ­
  Im  Jahre  1873,  also  nur  siebenundzwanzig  Jahre  früher,
produzierten  die  Vereinigten  Staaten  198  796  Tonnen  Stahl;  Großbritannien, ­
  ihr  hauptsächlichster  Konkurrent,  dagegen  653500  Tonnen, ­
  also  mehr  als  dreimal  soviel.  Sechsundzwanzig  Jahre  später,
also  1899,  machte  die  amerikanische  Republik  mehr  als  doppelt
soviel  wie  die  britische  Monarchie,  nämlich  10639857  im  Vergleich
zu  5  Millionen  Tonnen  (England),  was  eine  achtmalige  Steigerung
für  Großbritannien  und  eine  dreiundfünfzigmalige  Steigerung  für
die  Vereinigten  Staaten  bedeutet;  letztere  fabrizierten  bereits  ein
volles  Viertel  alles  in  der  ganzen  Welt  gemachten  Stahls:  27  Millionen ­
  Tonnen.  Die  Geschichte  der  Industrie  kennt  nichts,  was
dieser  Entwicklung  vergleichbar  wäre.
Soviel  über  die  Vergangenheit;  in  Zukunft  dürften,  bevor  das
gegenwärtige  Jahrhundert  auch  nur  den  dritten,  ja  selbst  nur  den
vierten  Teil  seines  Laufes  vollendet  hat,  die  Vereinigten  Staaten
mehr  Stahl  produzieren  als  die  ganze  übrige  Welt  zusammengenommen ­
  und  daher  auch  die  meisten  Bedürfnisse  vieler  anderer
Länder,  neben  denen  des  eigenen  Landes,  decken.
Fahr  wohl  denn,  du  Zeitalter  des  Eisens!  Heil  dir,  König
Stahl,  und  Heil  der  amerikanischen  Republik,  dem  zukünftigen
Sitz  und  Mittelpunkte  deines  Reiches,  wo  du,  auf  den  Thron
gesetzt,  deine  wundervollen  Werke  auf  Erden  vollbringen  wirst!
        <pb n="169" />
        XII.  Lebensunterhalt  in  Großbritannien  und
in  den  Vereinigten  Staaten.’)
Wenn  man  gefragt  würde,  über  welchen  Gegenstand  der  Brite
in  bezug  auf  die  Vereinigten  Staaten  mit  am  schlechtesten  unterrichtet ­
  ist,  dann  müßte  man  zweifellos  antworten:  über  die  vergleichsweisen ­
  Kosten  des  Lebensunterhaltes  in  der  alten  und
neuen  Welt.
Höchstwahrscheinlich  dürfte  es  eine  lange  Zeit  erfordern  und
einige  Schwierigkeiten  verursachen,  die  allgemeine  Anschauung
zu  beseitigen,  welche  unlängst  durch  die  Worte  einer  hochstehenden ­
  englischen  Autorität  Ausdruck  fand,  daß  nämlich  die  Vereinigten ­
  Staaten  ein  vollkommenes  Eldorado  für  die  arbeitenden
Klassen  sein  würden,  wenn  der  Lebensunterhalt  dort  nicht  so
teuer  wäre.  Man  kann  den  Ursprung  solcher  Ansicht  leicht  nachweisen.
  Der  Brite  kommt  nach  Neuyork  und  nimmt  einen  Wagen,
der  schon  seit  einigen  Stunden  auf  die  Ankunft  des  Dampfers
gewartet  hat;  natürlich  muß  er  einen  außerordentlich  hohen  Fuhrlohn
  zahlen;  er  bestellt  eine  Flasche  importierten  Wein  und  findet
dieselbe  weit  teurer,  als  in  seiner  englischen  Heimat;  ferner  macht
er  die  Erfahrung,  daß  auch  Kleider,  aus  importierten  Stoffen  gefertigt, ­
  viel  teurer  sind;  all  dieses  übt  den  allerersten,  und  daher
auch  dauernden  Eindruck  auf  ihn  aus.  Wenn  er  nach  seiner
Rückkehr  in  seine  englische  Heimat  gefragt  wird,  worin  ihm  der
Lebensunterhalt  in  den  Vereinigten  Staaten  teurer  als  in  Großbritannien ­
  erscheine,  gibt  er  immer  wieder  diese  drei  Erfahrungen
an.  Dennoch  vergegenwärtigen  sie  nicht  einmal  die  Hauptausgabequellen ­
  für  den  Fremden,  geschweige  denn  für  den  Einheimischen.
Nach  den  Hotelkosten  in  England  befragt,  erklärt  er,  dieselben
seien  geringer  als  in  der  Republik  der  Vereinigten  Staaten,  wo
die  Preise  in  den  besten  Hotels  von  14  zu  18  Sh.  täglich  betragen.

l )  Zuerst  veröffentlicht:  September  1894.
        <pb n="170" />
        XII.  Lebensunterhalt  in  Großbritannien  und  in  den  Vereinigten  Staaten.  155
Nun  ist  der  Satz  von  18  Sh.  der  höchste  in  ganz  Neuyork.  Dafür ­
  hat  er  ein  sehr  gutes  Zimmer  und  alle  Mahlzeiten,  Frühstück,
Lunch,  Mittag-  und  Abendessen.  Er  erinnert  sich  dann  vielleicht,
daß  er  im  Londoner  Metropol-Hotel  kaum  auch  nur  ein  gleiches
Diner  haben  könnte  für  dasselbe  Geld,  mit  dem  in  einem  guten
Neuyorker  Hotel  volle  Pension  —  alles  inbegriffen  —  bezahlt  wird.
Über  die  Eisenbahnkosten  befragt,  muß  er  nach  kurzem  Nachrechnen ­
  eingestehen,  daßi  sie  in  Amerika  für  erste  Klasse,  mit
Einschluß  des  Schlafwagens,  kaum  die  Hälfte  der  englischen  Eisenbahnpreise ­
  ausmachen.  Die  bei  Bahnfahrten  und  Hotelkosten  gemachten ­
  Ersparnisse  dürften  noch  nicht  zur  Hälfte  von  den  Extrapreisen ­
  für  Droschken  und  ausländische  Weine  verschlungen  werden. ­
  Der  ausländische  Besucher  kaufe  keine  aus  nichtamerikanischem ­
  Tuch  gemachten  Kleidungsstücke,  auch  wird  er,  klug  genug
dem  Beispiele  der  Amerikaner  folgend,  stets  Hotelomnibusse  oder
elektrische  Bahnen,  sehr  selten  aber,  wenn  überhaupt,  Droschken
benutzen;  diese  sind  keine  amerikanische  Einrichtung.  Wünscht
jedoch  der  fremde  Besucher  Wagen  und  Pferde  tag-,  wochenund
  monatweise  oder  auch  zum  Theater  und  für  Empfangsabende,
dann  kann  er  dergleichen  zu  Preisen  haben,  die  hier  nicht  höher
sind,  als  die  in  London  dafür  verlangten:  40—50  £  monatlich,  je
nach  den  Umständen  und  12  Sh.  für  einen  Brougham  auf  den
Abend;  ja  für  eine  Nachmittagsfahrt  in  den  Park  sind  Wagen  und
Pferde  in  Neuyork  sogar  noch  billiger  zu  haben.  Es  steht  ganz
außer  Zweifel,  daß  die  Reisekosten  mit  allen  damit  verbundenen
Nebenausgaben  pro  Tag  bei  gleichen  Entfernungen  in  England
höher  sind  als  in  Amerika.  Doch  das  geht  nur  die  verhältnismäßig ­
  kleine  Zahl  von  Reisenden  an,  welche  doch  gewöhnlich  bemittelte ­
  Leute  sind,  und  ist  daher  von  nur  geringer  Bedeutung.
Viel  wichtiger  und  bedeutsamer  sind  die  vergleichsweisen  Kosten
für  den  Lebensunterhalt  der  großen  Volksmassen,  der  auf  Lohn
angewiesenen  Klassen,  in  beiden  Ländern.
Überlegen  wir  einmal  ruhig  folgendes:  Das  Einkommen  der
Arbeitermassen  —  gelernter  und  ungelernter  Arbeiter  —  beträgt
zwischen  £  60  und  £  120  (1200  bis  2400  M.)  jährlich.  Zunächst
wollen  wir  nun  die  aus  solchem  Einkommen  zu  bestreitenden  notwendigen ­
  Ausgaben  näher  untersuchen.  Nach  der  Arbeiterstatistik
        <pb n="171" />
        156  XII.  Lebensunterhalt  in  Großbritannien

von  Massachusetts,  der  für  diese  Dinge  zuverlässigsten  Autorität,
sind  diese  Kosten  für  England  und  Amerika,  wie  folgt,  anzusetzen:

Einkommen  von  300—
jährlich:

450  Doll. 1 )

Einkommen  von  450—
jährlich:

600  Doll. 1 )  ‘

Items

Amerik.

Englisch

Items

Amerik.

Englisch

M.

Pf

M.

Pf.

M.

Pf.

M.

Pf.

Unterhalt

256

80

340

20

Unterhalt  ....

264

60

330

75

Kleidung

28

80

29

40

Kleidung  .

44

10

44

10

Miete

80

80

54

60

Miete  .  .

63

10

43

59

Heizung

25

20

29

40

Heizung

25

20

25

20

Allerlei  Neben-Allerlei

  Nebenausgaben

  ....

12

60

12

60

ausgaben  ....

21

—

21

—

Summa

404

20

466

20

Summa

|  418

—

464

47

Diese  Tabelle  zeigt,  daß  sich  die  notwendigen  Lebensbedürfnisse
in  Großbritannien  um  10,1—2  pro  Hundert  teurer  stellen.  Allein
seitdem  diese  Tabelle  aufgestellt,  sind  die  Preise  in  den  Vereinigten ­
  Staaten  viel  mehr  gefallen  als  in  England.  Charles  Booth
berechnet  in  seinem  wertvollen  Werke  über  Arbeit  und  Leben
der  Londoner  die  Ausgaben  allein  für  Nahrungsmittel  mit  60  bis
50  Prozent  des  Familieneinkommens.  Dabei  wird  hier  das  Wort
„Unterhalt“  im  weiteren  Sinne  verstanden;  also  nicht  nur  für
Nahrung,  sondern  für  alles,  was  in  den  menschlichen  Mund  Eingang ­
  findet.  In  diesem  Sinne  ist  der  „Unterhalt“  die  bei  weitem
größte  Ausgabe  in  dem  Familienhaushalte  der  arbeitenden  Klassen.
Die  Kosten  dafür  belaufen  sich  von  64  Prozent  an  in  Amerika,
zu  81  Prozent  hinauf  in  England.  Der  Grund  dafür  ist  klar.  Vor
allem  sind  alle  Nahrungsmittel  in  den  Vereinigten  Staaten  billiger
als  in  Großbritannien.  Jene  führen  Lebensmittel  nach  dem  letztgenannten ­
  Lande  aus.  Tabak  ist  um  sehr  vieles  billiger.  Amerika
baut  Tabak  und  besteuert  ihn  nur  mit  3  d  (30  Pf.)  das  Pfund;
dagegen  beträgt  die  gleiche  Abgabe  in  der  englischen  Monarchie
3  Sh.  6  d  (3  M.  50  Pf.),  also  vierzehnmal  so  viel;  die  Abgabe  auf
Whisky  in  Amerika  beträgt  20  d  (1  M.  80  Pf.),  in  Großbritannien
dagegen  11  Sh.  (11  M.),  also  volle  sechsmal  so  viel;  dabei  wird
Whisky  in  Kentucky  billiger  produziert  als  in  Irland  oder  Schott-*)
  Dollars  sind  in  dieserTabelle  in  Mark  umgerechnet  1  Dollar  =  M.4,20.
        <pb n="172" />
        und  in  den  Vereinigten  Staaten.

157

land.  Auf  Bier  liegt  in  Amerika  eine  Abgabe  von  4,  in  England
dagegen  von  7  Sh.  für  die  Tonne.  Tee  und  Kaffee  zahlen  in
Amerika  überhaupt  keine  Steuern;  wohl  aber  in  England.  Roher
Zucker  ist  in  beiden  Ländern  frei  von  Abgaben;  dagegen  liegt  in
den  Vereinigten  Staaten  auf  fein  raffiniertem  Zucker  eine  leichte
Steuer.  Sobald  die  große  Masse  in  England  zu  der  Erkenntnis
kommen  wird,  wie  schwer  sie  im  Vergleich  zu  den  Arbeitern  der
Vereinigten  Staaten  besteuert  ist,  wird  sie  sicher  eine  Steuerverminderung ­
  für  all  das  fordern,  was  zum  Lebensunterhalt  gehört;
vor  allem  wird  sie  einen  von  jedweder  Abgabe  freien  Frühstückstisch ­
  verlangen.
Die  geringen  Preise  für  jederlei  Mundvorrat  in  allen  Vereinigten ­
  Staaten  dürfte  jeden  britischen  Forscher,  welcher  ein
Studium  in  diesen  Dingen  macht,  in  Erstaunen  setzen;  dabei  sind
diese  Preise  für  den  Lebensunterhalt  in  den  44  Staaten  der  amerikanischen ­
  Republik,  die  einen  ganzen  Kontinent  einnehmen,  nicht
etwa  auf  die  Stadt  Neuyork,  sowie  auf  die  Städte  und  Plätze  der
atlantischen  Seeküste  beschränkt,  zu  denen  die  Erzeugnisse  des
großen  und  fernen  Westens  erst  transportiert  werden  müssen;
sondern  die  gleichen  Preise  finden  auch  Anwendung  auf  die  dichteste ­
  Bevölkerung,  welche  jetzt  in  der  Nähe  von  Indianapolis
(Indiana  mitten  auf  dem  Wege  zwischen  Chicago  und  St.  Louis),  800
englische  Meilen  landeinwärts  von  Neuyork  entfernt,  zu  suchen  ist.
Nachdem  wir,  man  kann  sagen,  drei  Viertel  der  Gesamtausgaben ­
  für  eine  Arbeiterfamilie  —  nämlich  den  Posten  „Unterhaltsmittel“ ­
  —  eingehender  betrachtet  haben,  sind  wir  zu  der  Erkenntnis ­
  gelangt,  daß  die  dabei  verbrauchten  Artikel  notwendigerweise ­
  in  Indianapolis  billiger  sein  müßten  als  in  Manchester  —
zum  mindesten  um  die  Transportkosten  zu  Wasser  und  zu  Lande
und  um  den  vom  Kaufmann  geforderten  Nutzen.  Kommen  wir
nunmehr  zu  dem  zweiten  Hauptposten:  Miete,  welche  20  Prozent
des  Familieneinkommens  in  Amerika  und  13  Prozent  desselben
Einkommens  in  England  erfordert.  Der  britische  Arbeiter  lebt  in
einem  kleinen  Hause.  Die  bessere  Klasse  der  Amerikaner  hat
gewöhnlich  drei  oder  vier  Zimmer;  der  Engländer  dagegen  nur
zwei.  Miete  ist  zweifellos  in  der  neuen  Welt  um  vieles  teurer.
Der  nächst  wichtigste  Posten  sind  „Kleidungsstücke“;  sie
        <pb n="173" />
        158  XII.  Lebensunterhalt  in  Großbritannien

machen  7  Prozent  aller  Ausgaben  in  den  Vereinigten  Staaten  aus
und  ganz  den  gleichen  Prozentsatz  in  England.  Das  wird  zweifellos ­
  viele  meiner  Leser  überraschen,  bis  ich  die  Ursache  dafür
angegeben;  sie  ist  leicht  aus  dem  Umstande  ersichtlich,  daß  —
während  alle  aus  eingeführten,  feinen  Stoffen  gefertigte  Ware  in
Amerika  viel  teurer  als  in  Großbritannien  ist,  wo  solches  TucH
fabriziert  wird  —  Kleidungsstücke  aus  amerikanischem  Tuche  dagegen ­
  außerordentlich  billig  und  sehr  haltbar  sind.  Allerdings
ist  amerikanisches  Tuch  grob  und  barsch  und  trägt  sich  deshalb
viel  weniger  angenehm';  barscher  sogar  als  schottischer  Cheviot.
Aber  die  große  Masse  in  Amerika  trägt  es  gerade  so  gut  wie  Unterkleider ­
  aus  demselben  Stoff.  Daher  kommt  es,  daß  die  Masse
unseres  Volkes  von  der  auf  feine,  nur  für  die  wenigen  reichen
Leute  eingeführten  Wollstoffe  gelegten  Steuer  nicht  betroffen  wird.
Ich'  habe,  während  ich  dieses  schreibe,  eine  Annonce  aus  amerikanischen ­
  Blättern  vor  mir,  welche  vollständige  Anzüge  zum 1
Preise  von  £  3  (60  M.)  anbietet,  gerade  so  wie  in  England.
Folgende  wahre  Geschichte  beleuchtet  die  Verhältnisse  am
besten.  Ein  wohlbekanntes  Mitglied  des  englischen  Parlaments
sagte  seinen  Wählern  vor  einiger  Zeit,  daß  der  Lebensunterhalt
für  den  Arbeitsmann  in.  Amerika  viel  höher  sei,  als  in  Großbritannien; ­
  er  behauptete,  die  Kosten  für  Kleidung  seien  in  den  Vereinigten ­
  Staaten  dreimal  so  groß.  Er  sandte  ein  Exemplar  seiner
Rede  einem  Freunde,  einem  der  bestbekannten  Männer  in  den  Vereinigten ­
  Staaten,  welchen  das  betreffende  englische  Parlamentsmitglied ­
  hin  und  wieder  zu  besuchen  pflegte.  Kurze  Zeit  darauf ­
  besuchte  der  englische  Politiker,  begleitet  von  seiner  Frau,
seinen  Freund  in  den  Vereinigten  Staaten.  Eines  Morgens  erschien
der  Gastfreund  beim  Frühstück  in  einem  Anzuge,  der  allgemeine
Bewunderung  erregte;  die  englische  Dame  meinte,  der  Anzug  sei
viel  nobler,  als  der  von  ihrem  Mann  getragene.  Der  Gastfreund
fragte  seinen  Besuch 1 ,  wie  hoch  er  den  Anzug  taxiere;  sein  unbedachtsamer ­
  englischer  Freund  antwortete:  „Nun,  mein  Anzug
kostet  mich  £  7  (140  M.),  und  ich  (möchte  denken,  der  Ihre
müßte  in  diesem  mit  so  schrecklichen  Schutzzöllen  belegten  Landei
etwa  12  £  (240  M.)  kosten.“  Das  war  seine  Meinung,  nachdem!
er  den  Stoff  geprüft.  „Nun  denn,“  erklärte  sein  Gastfreund,
        <pb n="174" />
        und  in  den  Vereinigten  Staaten.

159

„ich  habe  gerade  18  Sh.  für  den  Anzug  bezahlt  und  ichl  wünschte,
Sie  nähmen  ihn  mit  sich  und  zeigten  ihn  Ihren  Wählern.“  Unter
allgemeinem  Gelächter  wurde  das  selbstverständlich  abgelehnt.  Sein
Gastfreund  hatte  im  Dorfe  einen  fliegenden  Händler  aus  Boston
getroffen,  der  fertig  gemachte  Kleider  zum  Verkauf  ausbot;  er
fragte  den  Verkäufer,  ob  er  einen  für  ihn  passenden  Anzug  hätte;
der  Händler  antwortete:  „Ja,  und  wenn  Sie  einen  Anzug  von  mir
kaufen,  Herr,  können  Sie  ihn  sogar  zum  Engrospreis  haben;  der
Detailpreis  ist  24  Sh.“  „Einverstanden,  senden  Sie  ihn  in  mein
Haus.“  Das  geschah  und  zwar  mit  dem  mitgeteilten  Resultat.
Natürlich  war  der  Anzug  aus  amerikanischem  Stoff  und  nicht  so
fein  und  weich,  wie  der  von  dem  verehrlichen  Parlamentsmitglied
getragene;  trotzdem  aber  war  es  ein  guter,  nobler  Anzug.  Dennoch ­
  möchte  ich  bei  dem  außerordentlich  niedrigen  Preis  die
Dauerhaftigkeit  des  Anzuges  bezweifeln.  Immerhin  kann  man  für
£  3  einen  durchaus  dauerhaften  Anzug  haben.  Ein  Blick  auf  die
extrafeinen,  nach  den  Vereinigten  Staaten  eingeführten  Wollenstoffe ­
  zeigt,  wie  außerordentlich  gering  ihre  Menge,  verglichen
mit  dem  Gesamtverbrauch'  von  Wolle,  ist.  1890  betrug  der  Wert
der  einheimisch  fabrizierten  Wollenstoffe  338  Millionen  Dollar  oder
68  Millionen  £  (1360  Millionen  Mark);  die  Einfuhr  von  feiner
ausländischer  Wolle  dagegen  nur  35,5  Millionen  Dollar  oder
7,1  Millionen  £  (142  Millionen  Mark).  Man  geht  nicht  fehl  in
der  Annahme,  daß  der  Wert  der  ausländischen  Waren  per  Meter
doppelt  so  hoch'  war,  wie  der  des  inländischen  Tuches.  Daraus
folgt:  alle  ausländische  Wolle  macht  im  Gebrauch  nicht  viel  über
5  Prozent  des  gesamten  Wollverbraudis  bei  uns  aus;  das  alles
wird'  dazu  von  den  wenigen  reichen  Leuten  aufgenommen;  sie
allein  kaufen  die  teuren,  fremden  Stoffe.
Dieselben  Verhältnisse  zeigen  sich  bei  der  Baumwollindustrie.
Der  Wert  der  einheimischen  amerikanischen  Baumwolle  beträgt
268  Millionen  Dollar  oder  54  Millionen  £;  dagegen  repräsentiert
die  eingeführte  Wolle  einen  Wert  von  nur  28  Millionen  Dollar
oder  noch  nicht  ganz  6  Millionen  £  (120  Millionen  M.),  also  noch
nicht  ganz  5  Prozent  des  Gesamtverbrauches,  wenn  wir  die  ausländische ­
  Ware  per  Meter  mit  dem  doppelten  Preise  ansetzen.
Der  Bedarf  an  Baumwolle  in  Arbeiterfamilien  ist  sehr  beträchtlich.
        <pb n="175" />
        160

XII.  Lebensunterhalt  in  Großbritannien

Für  Seidenstoffe  lagen  im  Jahre  1890  folgende  Zahlen  vor:
Erzeugnisse  amerikanischer  Fabriken  69  Millionen  Dollar  oder
13,8  Millionen  £  (276  Millionen  M.);  die  eingeführte  Seide  ergab
31  Millionen  Dollar  oder  6,2  Millionen  £  (124  Millionen  M.).
Man  darf  ruhig  annehmen,  daß  ausländische  Seide  per  Meter
doppelt  so  viel  kostete,  wie  inländische  Seide,  so  daß  immer  auf
vier  Meter  amerikanischer  Seide  erst  ein  Meter  ausländischer  Seide
konsumiert  wurde.
Da  ich  gerade  über  Kleidung  spreche,  darf  ich  vielleicht  zwei
eigene  Erfahrungen  mit  Rücksicht  auf  diesen  Gegenstand  mitteilen.
Eine  amerikanische  Familie,  welche  viel  Dienerschaft  hält,  wohnt
einen  Teil  jedes  Jahres  in  England.  Die  Diener  reisen  mit  ihrer
Herrschaft  hin  und  her  und  haben  so  Gelegenheit,  Kleider,  Stiefel,
Schuhe  usw.  in  dem  einen  oder  anderen  Lande  zu  kaufen.  Die
männliche  Dienerschaft  kauft  ihre  Kleider  in  der  alten  Welt;  die
Frauen  dagegen  finden,  daß  sie  ihre  Einkäufe  mit  mehr  Vorteil
in  Neuyork  machen  können.  Stiefel  und  Schuhe  werden  von
allen  in  Neuyork  gekauft.
Ein  zweites  Beispiel:  Eine  schottisch-amerikanische  Familie
mit  fünf  Kindern  bringt  fast  jedes  Jahr  eine  Zeitlang  in  Schottland ­
  zu.  Die  sehr  geschickte  und  sparsame  Hausfrau  kaufte  früher
alle  ihre  eigenen  und  ihrer  Kinder  Kleider  in  Glasgow.  Allein
bei  ihren  letzten  Besuchen  kaufte  sie  nichts  mehr  dort,  und  ich
hörte  sie  als  Grund  dafür  angeben,  daß  sie  Kleidung  für  sich'  selbst
und  besonders  für  ihre  Kinder  jetzt  in  Neuyork  besser  und  billiger ­
  einkaufen  könne,  als  in  Glasgow.
Der  wohlbekannte,  volkswirtschaftliche  Schriftsteller,  Herr
Sehönhof,  wurde  von  der  amerikanischen  Regierung  beauftragt,
über  die  Kosten  in  den  Vereinigten  Staaten  und  Großbritannien
einen  vergleichenden  Bericht  auszuarbeiten;  er  berichtete  vor  einigen ­
  Jahren  Jahren  wie  folgt:
„In  bezug  auf  Baumwolle  und  derbe  Ware  fand  ich,  daß
Baumwollenstoffe  in  den  Vereinigten  Staaten  gerade  so  billig  sind
wie  hier  in  England.  Shirting-  und  Leinwandstoffe  sind  mindestens, ­
  soweit  idi  nach  den  in  den  Verkaufsläden  ausgestellten
Waren  zu  urteilen  vermag,  bei  gleichen  Preisen  bei  uns  (in  Amerika) ­
  von  besserer  Qualität.  Frauenkleider,  aus  Muslin  gemacht,
        <pb n="176" />
        und  in  den  Vereinigten  Staaten.

161

sind  in  den  Vereinigten  Staaten  von  viel  feinerer  Arbeit  und  dabei
billiger.  Ebenso  finde  ich  nicht,  daß  Männerhemden,  hauptsächlich ­
  aus  Baumwolle,  hier  in  England  billiger  sind.  Das  gleiche
darf  von  Stiefeln  und  Schuhen,  soweit  sie  Fabrikware,  gesagt
werden.  Alles  in  allem  genommen,  sah  ich,  daß  Manufakturwaren
nach  Arbeit  und  Ausführung  in  den  Vereinigten  Staaten  besser
sind.  Das  trifft  nicht  nur  auf  Kleidungsstücke,  sondern  auch  auf
Manschetten,  Kragen  und  ähnliche  Artikel  zu.“
In  anderen  als  landwirtschaftlichen  Artikeln  fielen,  seit  dem
Berichte  des  Herrn  Schönhof,  die  Preise  in  Amerika  noch  viel
mehr  als  in  England.  Der  Preisfall  war  so  bedeutend,  daß  die
Preise  für  Bessemerstahl,  Stückeisen  und  Stahlklötze  zu  Pittsburg
niedriger  stehen  als  in  Middlesborough.  Jetzt  werden  aus  demselben ­
  Grunde  amerikanische  Teppiche  in  England  verkauft;  große
amerikanische  Schiffsbauer  haben  sich  daher  versucht  gefühlt,  Erlaubnis ­
  für  die  Bewerbung  um  den  Bau  einiger  neuer  englischer
Kriegsschiffe  nachzusuchen;  die  Clyde-Verwalter  kaufen  ihre  neuen
und  mächtigen  Baggermaschinen  in  Neuyork.  Ebenso  hat  der
vorher  erwähnte'  Umstand  den  amerikanischen  Fabrikanten  landwirtschaftlicher ­
  Maschinen  in  die  Lage  gebracht,  die  von  ihm
verfertigten  Werkzeuge  auf  den  englischen  Markt  zu  bringen,
und  den  Steinbruchsbesitzer,  Granit  von  Maine  nach  Aberdeen
zu  schicken.  :  i  1  *j  i’| ;  jj!
Den  nächst  wichtigsten  Posten  in  dem  Haushalt  einer  Arbeiterfamilie ­
  bildet  die  Feuerung.  Im  allgemeinen  ist  Feuerung  in
den  Vereinigten  Staaten  viel  billiger  als  in  Großbritannien.  Bei
einem  Vergleiche  Neuyorks  mit  London  zeigt  es  sich,  daß  Neuyork
gerade  so  billig  Anthrazit-Kohle  kauft,  wie  London  Erdkohle.
Die  erstere  hat  mindestens  doppelten  Feuerungswert,  ja  soll  dreimal ­
  so  viel  wert  sein  wie  Erdkohle.  In  bevölkerten  Teilen  der
Vereinigten  Staaten  übersteigt  der  Preis  einer  Tonne  Kohlen  nicht
8  Sh.  In  den  großen  Ländern  des  Westens,  also  in  den  Distrikten
Pennsylvanias  und  Ohios  kostet  die  Kohle  nicht  mehr  als  6  Sh 1 .
Der  Amerikaner  bedarf  infolge  der  größeren  Kälte  im  Winter
mehr  Kohle;  auCh  hat  er  in  seinem  durchschnittlich  größeren
Hause  mehr  Feuer  brennen  als  der  Engländer.  Dennoch  haben
Sachverständige  sich  die  Überzeugung  erworben,  daß  der  America ­
  r  n  e  g  i  e,  Kaufmanns  Herrschgewalt.  11
        <pb n="177" />
        162  XII.  Lebensunterhalt  in  Großbritannien

kaner  gerade  so  wie  der  Brite  nur  sechs  Prozent  seines  Einkommens ­
  für  Feuerung  ausgibt.
Man  hat  in  England  die  vermeintlich  höheren  Kosten  für
den  Lebensunterhalt  in  den  Vereinigten  Staaten  den  Wirkungen
des  Tarifes  zugeschoben.  Etwas  Überlegung  wird  jedem  sagen,
daß  diese  Auffassung  keineswegs  begründet  ist.  Hauptsächlich
wurden  die  folgenden  fünf  Artikel  unter  dem  McKinley-Gesetz
hart  betroffen:  Erstens  extrafeine  französische  Seide,  zweitens  feine
Wollen  und  Linnenstoffe  aus  Großbritannien;  drittens  extrafeines
Linnen  aus  Deutschland  und  Frankreich;  viertens  die  teuren  französischen ­
  Weine  und  fünftens  Havannatabak  und  Havanna-Zigarren.
Die  auf  diesen  fünf  Artikeln  liegenden  Steuern  sind  allerdings  sehr
hoch.  Wollenstoffe  erfordern  60  Prozent  ihres  Wertes,  Seidenstoffe ­
  noch  mehr;  Champagner  32  Sh.  für  jedes  Dutzend  Flaschen
usw.  Das  bildet  unser  „demokratisches“  Budget.  Nicht  ein  einziger ­
  Arbeitsmann  in  ganz  Amerika  kauft  auch 1  nur  einen  dieser
fünf  Artikel.  Es  wird  eben  als  die  richtige  Politik  angesehen,  die
Luxusgegenstände  der  Reichen  hoch  zu  besteuern;  Tee,  Kaffee
und  Zucker  dagegen,  welche  von  all  und  jedem  gebraucht  werden,
von  jeder  Abgabe  frei  zu  halten.  Es  ist  nicht  wahrscheinlich,  daß
diese  Steuerpolitik  ganz  aufgegeben  oder  selbst  nur  im  hohen
Grade  eingeschränkt  wird,  wieviel  Leute  auch  immer  über  eine
Tarifreform  reden  mögen.  In  der  Tat,  die  jetzt  in  England  durchbrechende ­
  gesunde  Tendenz,  die  Hauptsteuerlast  auf  die  Schultern
der  Reichen  zu  legen,  die  sie  ja  auch  am  besten  zu  tragen  vermögen,
macht  sich  nicht  weniger  kraftvoll  in  unserer  Republik  geltend.
Die  notwendigen,  von  den  arbeitenden  Klassen  gebrauchten  Lebensmittel ­
  werden  wahrscheinlich  in  unserer  Republik  abgabenfrei  bleiben; ­
  sie  müssen  sehr  bald  auch  in  der  britischen  Monarchie
ganz  und  gar  frei  sein;  dagegen  wird  der  Luxus  der  Reichen  von
Jahr  zu  Jahr  in  beiden  Ländern  immer  höher  besteuert  werden.
Früher  wurde  die  vermeintlich  unglückliche  Lage  des  amerikanischen ­
  Landwirts  aus  den  Steuern,  die  auf  den  Maschinen
liegen,  erklärt;  man  behauptete,  er  hätte  infolge  dieser  Steuern
für  seine  landwirtschaftlichen  Werkzeuge  mehr  zu  zahlen,  als  es
anderweitig  notwendig  wäre;  allein  da  der  Amerikaner  jetzt  mit
seinen  landwirtschaftlichen  Maschinen  den  Weltmarkt  beherrscht,
        <pb n="178" />
        und  in  den  Vereinigten  Staaten.

163

so  sieht  er  sich  nicht  weiter  durch  die  auf  ausländischen  Maschinenwerkzeugen ­
  liegenden  Steuern  beeinträchtigt.
Das  Auftreten  der  Vereinigten  Staaten  als  Ausfuhrland  von
Manufakturwaren,  infolge  der  Verringerung  der  Herstellungskosten,
ist  eines  der  bemerkenswertesten  Ereignisse  der  letzten  Jahre.
Hier  sind  einige  einschlägige  Daten.  1893  wurden  landwirtschaftliche ­
  Werkzeuge  nach  vielen  Teilen  der  Welt  bis  für  £  1  Million
(20  Millionen  M.)  ausgeführt,  Kupferwaren  bis  zu  £  900000
(18  Millionen  M.);  Baumwollenwaren  für  £  2,4  Millionen  (48  Millionen ­
  M.);  Eisen  und  Stahl,  sowie  daraus  angefertigte  Waren
für  £  6  Millionen  (120  Millionen  M.);  Equipagen,  Wagen  usw.  für
mehr  als  £  500000  (10  Millionen  M.);  Holz  und  Holzwaren  für  über
£  5  Millionen  (100  Millionen  M.).  Auch  amerikanische  Möbel
bilden  jetzt  einen  großen  Ausfuhrartikel.
Im  Jahre  1892  führten  die  Vereinigten  Staaten  so  viel  Eisen  und
Stahl  und  daraus  gemachte  Waren  aus,  als  sie  einführten  —
je  28  Millionen  Dollar  (112  Millionen  M.).
Besonders  bemerkenswert  erscheint  die  Ausfuhr  musikalischer
Instrumente  im  Betrage  von  £  360000  (7,2  Millionen  M.);  Glas  und
Glaswaren  wurden  für  £  1,6  Millionen  (32  Millionen  M.);  Papier
und  Papierwaren  für  über  £  300000  (6  Millionen  M.)  (einzelne  englische ­
  Zeitungen  werden  jetzt  auf  amerikanischem  Papier  gedruckt),
Instrumente  für  wissenschaftliche  Zwecke  werden  im  Betrage  von
£  260000  (5,2  Millionen  M.)  und  Wand-  und  Taschenuhren  für
über  £  200000  (4  Millionen  M.)  ausgeführt.
Die  Ausfuhr  von  Fabrikartikeln  wächst  zwar  von  Jahr  zu  Jahr,
muß  aber  im  Gegensatz  zu  Großbritannien  stets  unbedeutend  bleiben ­
  im  Vergleich  zur  gesamten  einheimischen  Fabrikation;  letztere ­
  betrug  1890  nicht  weniger  als  £  1J5  Milliarde  (35  Milliarden
Mark,  in  Worten  fünfunddreißigtausend  Millionen  M.!).  Der  Wert
englischer  Fabrikation  war  1888  kaum  halb  so  groß;  sie  betrug
nämlich  £  820  Millionen  (16,3  Milliarden  M.,  in  Worten  sechzehntausend ­
  dreihundert  Millionen  M.).
Das  Gedeihen  eines  noch  jungen  Reiches,  wie  es  die  Vereinigten ­
  Staaten  sind,  darf  nicht  nach  seinem  ausländischen,  sondern ­
  nach  seinem  einheimischen  Handel  beurteilt  werden.  Je
mehr  ein  neues  Land  seine  eigenen  Bedürfnisse  selbst  zu  befrie ­
        <pb n="179" />
        164

XU.  Lebensunterhalt  in  Großbritannien

digen  vermag,  desto  mehr  muß  sein  ausländischer  Handel  relativ ­
  abnehmen;  beispielsweise  wird  ein  größerer  Teil  der  im  Lande
geernteten  Baumwolle  auch  im  Lande  selbst  verarbeitet,  infolgedessen ­
  geht  dann  weniger  davon  ins  Ausland;  und  so  verhält
es  sich  mit  allen  Naturerzeugnissen  und  auch  mit  einigen  Artikeln,
die  bis  jetzt  importiert  wurden,  bald  aber  in  Amerika  selbst
gemacht  werden  dürften.
Angesichts  der  hier  mitgeteilten  Verhältnisse  und  der  augenscheinlichen ­
  Tatsache,  daß  der  Lebensunterhalt  in  Amerika  zweifellos ­
  viel  billiger  ist  als  in  England,  und  daß  damit  dreiviertel  der  Gesamtkosten ­
  für  die  notwendigen  Lebensbedürfnisse  einer  Arbeiterfamilie ­
  gedeckt  sind,  muß  man  sich  die  Frage  vorlegen,  wie  die
noch  heute  in  England  weit  verbreitete  Anschauung,  das  Leben
in  den  Vereinigten  Staaten  sei  teurer,  entstehen  konnte?  Der
Grund  dafür  ist  einfach  folgender:  Obgleich  es  wahr  ist,  daß  man
in  den  Vereinigten  Staaten  jetzt  mit  20  M.  mehr  notwendige  Lebensbedürfnisse ­
  als  in  England  einzukaufen  vermag,  und  daß  daher
der  amerikanische  Arbeiter  sich  großer  Vorteile  über  den  britischen
Arbeiter  erfreut,  so  folgt  bei  Leibe  noch 1  nicht  daraus,  daß  der
amerikanische  Arbeiter  ebenso  billig  lebt  wie  der  britische  Arbeiter ­
  —  weit  davon  entfernt!  Er  erhält  höhere  Löhne.  Der
vom  Ausschuß  des  amerikanischen  Senats  unlängst  erstattete  Bericht ­
  zeigt,  wie  der  englische  Arbeiter  durchschnittlich  nur  65,
1—2  Prozent  —  also  nicht  viel  mehr  als  die  Hälfte  —  des  ameri
kanisch'en  Arbeitslohnes  erntet;  dabei  wurden  die  hauptsächlichsten
Handwerke  zur  Grundlage  genommen.  Bei  seinen  höheren  Einnahmen ­
  hat  der  amerikanische  Arbeiter  Bedürfnisse,  die  überall  in
der  alten  Welt  als  Luxus  bezeichnet  werden  würden.  Er  nimmt
mehr  ein,  gibt  aber  auch  mehr  aus.  Deshalb  bleibt  es  in  gewissem
Sinne  wahr:  dem  amerikanischen  Arbeiter  kostet  sein  Lebensunterhalt ­
  mehr  als  dem  englischen.  Doch  nicht  weniger  wahr  bleibt
es,  daß  der  Unterschied  im  Lebensstil  liegt.  Für  die  unumgänglich ­
  notwendigen  Bedürfnisse  sind  die  Preise  in  der  neuen  Welt
viel  geringer.
In  Amerika  vermag  der  Arbeiter,  wenn  er  dazu  willens  ist,
mit  seiner  Familie  in  der  Tat  außerordentlich  billig  zu  leben;
unordentliche  Leute  aber  können  in  Amerika  gerade  so  leicht
        <pb n="180" />
        und  in  den  Vereinigten  Staaten.

165

ihr  Geld  ausgeben,  wie  in  jedem  anderen  Lande.  Einen  vollen
Beweis  dafür  bieten  fremde  Arbeiter  und  unter  ihnen  ganz  besonders ­
  Ungarn  und  Italiener,  die  während  der  letzten  Jahre  in  großen ­
  Massen  nach  den  Vereinigten  Staaten  ausgewandert  sind.
Der  von  diesen  ausländischen  Arbeitern  an  die  Hälter  von  Logierhäusern ­
  gezahlte  Preis  für  Essen  beträgt  5  d  (45  Pf.)  täglich.
Gewöhnlich  schlafen  sie  in  hölzernen  Schuppen,  welche  für  sie
von  ihren  Arbeitgebern  errichtet  werden.  In  besonders  schlechten
Geschäftszeiten,  wie  es  beispielsweise  die  gegenwärtigen  sind,  ist
die  den  großen  Massen  des  Volkes  in  Amerika  offenstehende
Möglichkeit,  billig  und  doch  dabei  gemächlich  zu  leben,  von  allergrößter ­
  Bedeutung;  hierdurch  wurde  das  Volk  vor  vielem  Leid
geschützt,  das  sonst  die  Folge  der  Arbeitslosigkeit  gewesen  wäre;
Arbeitslosigkeit  aber  ist  eine  der  lebenden  Generation  in  Amerika
vollkommen  neue  Erfahrung;  sie  dürfte  wahrscheinlich  bald  wieder
vorübergehen,  es  sei  denn,  daß  das  Vertrauen  des  Kapitals  in
die  Beständigkeit  unserer  Goldwährung  nochmals  erschüttert  werde.
Eine  dahingehende  Bemerkung  des  Schatzsekretärs  im  Mai  vergangenen ­
  Jahres  hatte  eine  zeitweise  geschäftliche  Paralyse  zur
Folge  —  und  die  Wiederherstellung  davon  ist  nicht  gerade  beschleunigt ­
  worden  durch  die  geplante  neue  Gesetzgebung  für  eine
Veränderung  der  Einfuhrsteuer.
Ob  Amerika  das  Eldorado  des  Arbeiters  sein  kann  oder  nicht,
das  hängt  einzig  und  allein  von  dem  Arbeiter  selbst  ab.  Er
kann  mit  seiner  Familie  hier  billiger  leben  als  in  England,  wenn
er  ebenso  einfach  leben  will.  Er  befindet  sich  in  der  gleichen
Lage,  wie  eine  alte  mir  bekannte  Schottin,  die  gefragt,  ob  sie  mit
einem  bestimmten  Jahreseinkommen  existieren  könnte,  antwortete:
„Ah,  ich  könnte  halt  mit  der  Hälfte  auskommen,  aber  könnte  auch
das  Doppelte  ausgeben.“  Alles  in  allem  darf  man  wiederholen:
ein  Pfd.  Sterl.  (20  M.)  vom  Arbeiter  und  dessen  Familie  richtig
für  die  notwendigen  Bedürfnisse  in  der  neuen  Welt  ausgegeben,
wird  heute  dort  mehr  kaufen,  als  in  der  alten  Heimat  unserer  Rasse
—  eine  Tatsache,  welche  vielleicht  in  nicht  allzuferner  Zukunft
auf  beiden  Seiten  des  atlantischen  Ozeans  weitreichende  Folgen
nach  sich  ziehen  dürfte.
        <pb n="181" />
        XIII.  Die  natürlichen  01-  und  Gasquellen
im  westlichen  Pennsylvania 1 ).
Daß  das  neue  Feuerungsmaterial,  welches  die  Erde  uns  vor
nicht  allzulanger  Zeit  geschenkt,  allgemeine  Aufmerksamkeit  erregt, ­
  ist  nicht  gerade  zu  verwundern,  denn  zweifellos  war  niemals ­
  vorher  etwas  ähnliches  bekannt  gewesen.  Höchstwahrscheinlich ­
  bildet  das  westliche  Pennsylvania  den  an  unterirdischen
Schätzen  reichsten  Distrikt  auf  der  ganzen  Erdoberfläche.  Seine
Hauptstadt  ist  das  verräucherte  Pittsburg.  Südöstlich  von  dieser
Stadt  finden  sich  die  berühmten  Kokskohlenlager,  bekannt  und
benutzt  über  ganz  Amerika,  von  den  Gestaden  des  atlantischen
Ozeans  bis  zu  den  Silberbergwerken  Colorados  hin.  Ihre  Ader
läuft  sieben  bis  neun  Fuß  tief  und  umfaßt  einen  Bezirk  von  zweihundert ­
  (englischen)  Quadratmeilen.  Sie  liegen  für  den  Bergbau
so  außerordentlich  günstig,  daß  Tausende  von  Tonnen  Koks  für
3  Sh.  6  d.  (3,60  M.)  die  Tonne,  Verladung  mit  inbegriffen,  abgegeben ­
  werden.  Das  Wachstum  dieses  Handels  ist  ungeheuer
gewesen,  sogar  für  die  Verhältnisse  Amerikas;  es  leben  noch
Männer,  welche  die  ersten  Koksöfen  bauten,  während  heute
4—10000  solcher  Öfen  im  Lande  existieren.  Seit  zwanzig  Jahren
erst  fand  Koks  für  Windöfen  Verwendung.  Und  doch  wurden
schon  im  Jahre  1882  138001840  Busheis  (ein  Bushel  gleich  einem
alten  Scheffel)  geerntet.  Unmittelbar  östlich  von  Pittsburg  liegt
das  Westmore-  und  Gaskoksgebiet,  woher  die  östlichen  Städte
sich  mit  Gas  versehen.  Diese  Kohlenader  ist  5—6  Fuß  tief  und
so  leicht  zu  fördern,  daß  die  Pennsylvanische  Eisenbahn-Gesell-J

 )  Zuerst  veröffentlicht  Januar  1885.
        <pb n="182" />
        XIII.  Die  natürlichen  öl-  und  Gasquellen  im  westlichen  Pennsylvania.  167
schaft  ihre  Lokomotiven  für  etwa  3  Sh.  die  Bruttotonne,  alle
Unkosten  mit  inbegriffen,  zu  versorgen  vermag.  Das  Kohlenfeld
dehnt  sich  östlich  und  südöstlich  von  der  Stadt  aus,  entlang
den  Ufern  des  Monongahela-  und  Youghioghenyflusses.  Von  den
an  diesen  Ufern  gelegenen  Bergwerken  werden  Städte,  so  weit
entfernt  wie  Neuorleans,  mit  Oaskohle  versorgt.  Die  jährliche
Ernte  übersteigt  7000000  Tonnen.
.Wenden  wir  uns  nun  von  diesen  Koks-  und  Gaskohlbehältern
etwa  hundert  Meilen  weiter  von  Pittsburg  dem  Norden  zu,  dann
gelangen  wir  in  die  Region  des  Öls.  War  schon  die  Entwicklung
der  Koks-  und  Gaskohlenindustrie  ungeheuer,  so  wird  diese  doch
noch  um  bis  dahin  nie  Gekanntes  durch  die  Petroleumindustrie
übertroffen.  Vor  kaum  zweiundzwanzig  Jahren  besuchte  ich  in
Gesellschaft  einiger  Freunde  die  berühmte  Ölquelle  von  Storey-Farm,
  über  Öl-Creek  (Ölbach).  Das  Öl  lief  damals  von  der
Quelle  in  den  Bach,  auf  welchem  ein  paar  flache,  mit  dem  Öl
angefüllte  Böte  lagen,  die  darauf  warteten,  den  Alleghanyfluß
an  einem  bestimmten  Tage  jeder  Woche  hinuntergetrieben  zu
werden;  der  Bach  wurde  damals  mit  Hilfe  eines  Dammes  beflutet.
  Das  war  der  Anfang  der  Industrie  in  natürlichem  Öl.
.Wir  kauften  die  Farm  für  £  8000  (160000  M.).  So  gering  war
unser  Glaube  an  die  Fähigkeit  des  Bodens,  auf  längere  Zeit  die
hundert  Fässer  Öl,  welche  die  Quelle  damals  täglich  hergab,
hervorzubringen,  daß  wir  uns  zur  Herstellung  eines  ausreichend
großen  Teiches  entschlossen,  um  100000  Tonnen  Öl  zu  halten;
nach  unserer  Rechnung  war  dieses  Quantum,  im  Falle  eines  Versagens ­
  der  Quelle,  £  200000  (4  Millionen  Mark)  wert.  Unglücklicherweise ­
  leckte  der  Teich  ganz  furchtbar;  daneben  verursachte
die  Verdampfung  großen  Verlust;  allein  wir  ließen  das  Öl  ruhig
weiter  in  den  Teich  hineinlaufen,  um  die  täglichen  Verluste  wieder
auszugleichen,  bis  auf  diese  Art  verschiedene  hunderttausend  Tonnen ­
  des  kostbaren  Stoffes  verschwunden  waren.  Unsere  bei  dieser
Farm  gemachte  Erfahrung  verdient  allgemein  bekannt  zu  werden.
Ihr  Wert  stieg  auf  £  1000000  (20  Mill.  Mark);  das  will  sagen,
so  hoch  v/ar  die  Grundwertschätzung  für  den  Marktverkauf  der
Aktien;  in  einem  einzigen  Jahre  zahlten  letztere  £  200  000  Dividende ­
  in  reiner  Kasse,  gewiß  ein  außerordentlich  guter  Gewinn
        <pb n="183" />
        168

XHI.  Die  natürlichen  Öl-  und  Gasquellen

für  eine  Kapitalanlage  von  nur  £  8000  (160000  M.).  Selbstverständlich ­
  ist  das  ein  außergewöhnlicher  Fall;  gar  viele  Hunderttausende ­
  von  Pfd.  Sterl.  sind  bei  der  Anlage  von  Ölländereien
von  anderen  verloren  worden.  Noch  vor  wenigen  Jahren  wurde
dasselbe  Öl  als  ein  Heilmittel  für  alle  nur  möglichen  bekannten
Und  unbekannten  Krankheiten  für  8  Sh.  die  Flasche  verkauft.
Es  war  damals  als  „Senecaöl“,  „das  große  Indianerheilmittel“,
bekannt,  weil  die  Indianerhorden,  welche  zur  Zeit  den  Bezirk
bewohnten  und  das  Öl  von  der  Oberfläche  des  Teiches  abschöpften, ­
  „Senecaindianer“  hießen.  Das  „allmächtige  Heilmittel“
wird  jetzt  für  weniger  als  3  Sh.  die  Tonne  verkauft.  Doch  so
befremdend  es  scheinen  mag,  dieselben  Leute,  welche  früher  jede
einzelne  Flasche  mit  8  Sh.  bezahlten  und  die  großen  Heileigenschaften ­
  des  Öls  öffentlich  bescheinigten,  finden  nun,  da  die
Flasche  für  y a  d.  (5  Pf.)  gekauft  werden  kann,  daß  alle  guten
Eigenschaften  des  Öls  dahin  sind.  So  viel  hängt  von  den  Mysterien ­
  in  der  materia  medici  ab!
Wir  begannen  vor  etwa  zwanzig  Jahren  mit  nichts;  heute
(1885)  produziert  derselbe  Bezirk  70000  Fässer  Öl  täglich.  Am
ersten  November  1884  wurden  nicht  weniger  als  38034337  Fässer
in  großen  Behältern  aufgespeichert;  eine  Masse  von  Öl,  die  für
den  Bedarf  der  ganzen  Welt  auf  mehrere  Jahre  hinreicht.  Bis
zum  Januar  1884  hatte  dieser  Bezirk  250  Millionen  Fässer  Öl  ans
Licht  gebracht,  und  doch  strömt  es  noch  immer  in  täglich  wachsenden ­
  Massen  hervor.  Zur  Fortschaffung  dieser  ungeheuren  Mengen
wurden  6200  englische  Meilen  lange  eiserne  Röhren  gelegt.  Vermittelst ­
  dieser  Röhren  wird  das  Öl  von  den  Teichen,  welche
sich  jetzt  auf  21000  Stück  belaufen,  nach  der  Seeküste  —  einer
Entfernung  von  ungefähr  300  englischen  Meilen  —  gepumpt.
Der  Wert  des  Petroleums  und  der  daraus  gezogenen  Produkte
belief  sich  im  Jahre  1877  auf  £  12  Millionen  (2,4  Milliarden  Mark).
Im  Jahre  1883  betrug  seine  Ausfuhr  nur  £  9  Millionen  (180  Millionen
Mark),  obgleich  die  ausgeführte  Menge,  656363  869  Gallonen  (ungefähr ­
  11505465  Hektoliter),  doppelt  so  groß  war,  wie  die  im
Jahre  1877  ausgeführte.  Die  Gesamtausfuhr  bis  zum  1.  Januar
1884  beträgt  etwas  mehr  als  £  125  Millionen  (250  Millionen  Mark).
Man  kann  ruhig  sagen,  daß  der  Ertrag  aus  den  Ölquellen  des
        <pb n="184" />
        im  westlichen  Pennsylvania.

169

westlichen  Pennsylvania  imstande  sein  würde,  bevor  diese  Quellen
irgendwie  erschöpft  sind,  die  gesamten  amerikanischen  Staatsschulden ­
  zu  zahlen.
Wir  kommen  nun  zu  der  allerletzten  Entdeckung  unserer
unterirdischen  Schätze:  der  Gasquellen,  welche  Pittsburg  so  geschwind ­
  umgaben.  Geradeso  wie  das  natürliche  Öl  auf  der  Oberfläche ­
  von  Öl-Creek  (Ölbach)  —  daher  der  Name  —  zu  allererst
bemerkt  worden,  geradeso  wurde  im  nordöstlichen  Bezirke  von
Pittsburg  —  in  einer  Entfernung  von  etwa  fünfzehn  englischen
Meilen  —  zuerst  ein  Emportseigen  kleiner  Gasblasen  auf  den
Wässern  der  Bäche  bemerkt.  Ebenso  hatte  man  im  Morast  viele
Jahre  lang  ein  Gas,  in  einer  Tiefe  von  zwanzig  Fuß  bemerkt,
welches  die  Landbewohner  oftmals  für  Einkochen  des  Saftes  vom
Ahornbaum  benutzten,  um  daraus  Zucker  zu  gewinnen.  Der  Mittelpunkt ­
  dieses  natürlichen  Gasbezirks  ist  das  Dorf  Murraysville
in  der  Landschaft  Westmoreland.  In  der  Strömung  einer  dortigen
kleinen  Mehlmühle  wurde  eine  größere,  als  die  gewöhnliche  Menge
Gas  wahrgenommen;  infolgedessen  ließ  vor  etwa  fünfzehn  Jahren
eine  Gesellschaft  von  Spekulanten  an  dem  genannten  Ort  Bohrversuche ­
  bis  zu  einer  Tiefe  von  900  Fuß  vornehmen,  doch  ohne
jedes  Resultat.  Sieben  Jahre  später  wiederholte  eine  andere  Gesellschaft ­
  diese  Versuche;  sie  entschied  sich  dahin,  mit  dem  Bohren
nicht  aufzuhören,  bevor  eine  viel  größere  Tiefe  erreicht  sein
würde.  Natürlich  hofften  sie  auf  Ölquellen  zu  stoßen.  Sobald
sie  jedoch  1320  Fuß  tief  gebohrt  hatten,  fand  eine  so  ungeheure
Explosion  statt,  daß  die  Drillbohrer  aus  den  Bohrlöchern  in  die
Luft  geschleudert  wurden  und  alles  in  Stücke  brach.  Das  Brausen
des  ausströmenden  Gases  hörte  man  bis  nach  dem  fünf  englische
Meilen  entfernten  Monroeville.  Die  bis  dahin  abgesperrte  Kraft
hatte  endlich  einen  Ausweg  gefunden.  Damit  entstand  eine  neue
Reichtumsquelle  für  das,  wie  meine  Leser  vielleicht  sagen  mögen,
von  der  Natur  schon  vorher  allzu  günstig  bedachte  westliche
Pennsylvania.  Nachdem  vier  Röhren,  jede  zwei  Zoll  im  Durchmesser, ­
  von  der  Mündung  der  Quelle  aus  gelegt  und  der  Gasstrom ­
  durch  dieselbe  hindurch  geleitet  war,  wurde  das  Gas  angezündet ­
  und  der  ganze  Distrikt  erschien  auf  Meilen  weit  rundherum ­
  in  Flammen.  Man  ließ  diesen  kostbaren  Feuerungsstoff
        <pb n="185" />
        170

XIII.  Die  natürlichen  01-  und  Gasquellen

stoff  volle  fünf  Jahre  lang  brennen,  da  kein  Kapitalist  auch  nur
die  £  40000  (800000  M.)  für  die  Legung  von  Gasröhren  in  die
Faktoreien  und  Mühlen,  wo  das  Gas  benutzt  werden  konnte,
herzugeben  willens  schien.
Ich  besuchte  den  Bezirk  vor  kurzem  und  fand  dort  neue  Gasquellen. ­
  Das  Gas  von  den  drei  mächtigsten  Quellen  strömte
immer  noch  in  die  Luft  aus.  In  der  Tat,  ein  wunderbarer  Anblick. ­
  Das  Gas  strömt  mit  solcher  Gewalt  durch  die  sechs  Zoll
breite  Röhre,  welche  zwanzig  Fuß  hoch  über  die  Erdoberfläche
aufsteigt,  daß  es  sich  erst  sechs  Fuß  hoch  über  der  Rohrausmündung
  entzündet.  In  den  klaren  blauen  Himmel  blickend,  sieht
man  ohne  jede  sichtbare  Verbindung  mit  der  Erde,  einen  tanzenden ­
  goldenen  Geist,  welchen  der  Wind  in  phantastische  Formen ­
  wandelt  und  nach  allen  Richtungen  hin  umherwirbelt.  Da
das  Gas  aus  der  Quelle  mitten  in  die  Flamme  hineinschlägt  und
teilweise  durch  die  Flamme  hindurchströmt,  so  kräuselt  sich  der
untere  Teil  der  Flamme  nach  einwärts,  bringt  dabei  die  schönsten
Lichtwirkungen  hervor  und  sammelt  sich  in  reizenden  Falten  am
Grunde,  gleich  einer  wahren  Feuersäule.  Und  dabei  ist  nicht
auch  nur  ein  einziges  Atom  Rauch  zu  bemerken.  Jetzt  bringen
bereits  vier  verschiedene  Röhrenlinien,  von  denen  zwei  acht  Zoll
im  Durchmesser  haben,  das  Gas  von  dem  eben  beschriebenen
Bezirke  nach  den  Fabriketablissements  in  Pittsburg,  und  eine  fünfte
Röhre  versorgt  unsere  Bessemer  Stahlwerke  damit,  in  einer  Entfernung ­
  von  neun  bis  zehn  Meilen.  Eine  andere  Röhre,  zehn
Zoll  im  Durchmesser,  wird  eben  gelegt.
Die  Kosten  für  die  Röhrenlegung  werden,  das  Wegrecht  mit
eingeschlossen,  jetzt  auf  £  1500  (30000  M.)  die  Meile  berechnet,  so
daß  die  Linie  nach  Pittsburg  ungefähr  £  27000  (540000  M.)  die
Meile  kostet.  Die  Bohrungskosten  belaufen  sich  ungefähr  auf  £  1000
(20000  M.).  Die  dabei  befolgte  Art  des  Vorgehens  ist  folgende:
Zuerst  wird  ein  Kran  aufgerichtet;  eine  sechs  Zoll  breite,  schmiedeeiserne ­
  Röhre  wird  dann  unter  dem  Kran  in  die  weiche  Erde  getrieben, ­
  etwa  75—100  Fuß  tief,  bis  man  auf  Gestein  stößt.  Darauf
werden  große  Drillbohrer  im  Gewicht  von  drei  bis  zu  viertausend
Pfund  (1500—2000  Kilo)  in  Tätigkeit  gesetzt;  sie  steigen  und
fallen  bei  jeder  Bewegung  vier  bis  fünf  Fuß.  Die  zur  Bewegung
        <pb n="186" />
        im  westlichen  Pennsylvania.

171

dieser  Bohrer  nötige  Gasfeuerung  wird  durch  schmälere  Röhren
von  den  beiden  Gasquellen  herbeigeschafft.  Nachdem  ein  acht  Zoll
großes  Loch  bis  zu  einer  Tiefe  von  etwa  500  Fuß  gebohrt  ist,
wird  eine  schmiedeeiserne  Röhre  so  angelegt,  daß  sie  das  Wasser
ausschließt.  Das  Loch  wird  dann  in  einem  Durchmesser  von
sechs  Zoll  so  lange  weitergebohrt,  bis  man  auf  Gas  trifft;  sobald
man  soweit  gelangt,  wird  eine  weitere  Röhre  von  vier  Zoll  Durchmesser ­
  angelegt.  Man  braucht  vierzig  bis  sechzig  Tage  zum  Abtäufen
  der  Quelle  und  zur  Gewinnung  des  Gases.  Die  bis  jetzt
größte  Gasquelle  ergibt  30  Millionen  Quadratfuß  Gas  in  vierundzwanzig ­
  Stunden;  man  schätzt,  daß  etwa  die  Hälfte  davon  auch
jede  andere  gute  Quelle  ergeben  muß.  Der  Druck  des  Gases,  bei
seinem  Ausfluß  aus  der  Mündung  der  Quelle  ist  beinahe  oder
ganz  gleich  200  Pfund  auf  jeden  Quadratzoll.  Eine  der  von  mir
untersuchten  Spurweiten  zeigte  einen  Druck  von  187  Pfund.  Sogar
bei  unseren  Werken,  die  neun  Meilen  von  der  Quelle  entfernt
liegen,  beträgt  der  Druck  noch  immer  75  Pfund  auf  den  Quadratzoll. ­
  Bei  einer  der  Gasquellen  wurde  eine  Zufuhr  von  reinem
Wasser  wünschenswert;  ich  errichtete  eine  kleine  Dampfmaschine,
getrieben  ohne  jede  Hilfe  durch  den  Druck  des  von  der  Gasquelle
einsteigenden  Gases;  auf  diese  Weise  wurde  voller  Wasserzufluß
von  einer  Quelle  im  Tal  erlangt.  Selbstverständlich  hat  man  verschiedene ­
  Theorien  über  die  Ursprungsart  und  Ausdehnung  dieses
Gasgürtels  aufgestellt.  Die  Zahl  der  im  Murraysvillebezirk  gebohrten ­
  Quellen  läßt  diesen  Gasgürtel  auf  eine  halbe  Meile  Umfang ­
  schätzen,  ja  südöstlich  von  Murraysville  sogar  in  einer  Ausdehnung ­
  von  fünf  bis  sechs  Meilen.  Die  darüber  hinausgebohrten
Quellen  ergaben  solch  ungeheuren  Strom  von  salzigem  Wasser,
daß  dieser  das  Gas  nahezu  ertränkte;  wenn  auch  hier  etwas  Gas
zutage  kam,  waren  doch  die  gewonnenen  Gasmengen  für  irgendwelche ­
  Ausnützung  nicht  bedeutend  genug;  sie  bewiesen  eben
nur,  daß  überhaupt  Gas  vorhanden  war.  Sachverständige  nehmen
daher  an,  daß  unter  den  Gasquellen  große  Salzwasserflächen
existieren  müssen.  Verschiedene  Quellen  sind  in  der  Stadt  Pittsburg
und  deren  Umgebung  gebohrt  worden;  doch  auch  hier  hat  das
Salzwasser  gleichen  Schaden  für  das  Gas  angerichtet.  Ein  mir
befreundeter  Geologe  belehrte  mich,  daß  die  Bodenlage  ungefähr
        <pb n="187" />
        172

XIII.  Die  natürlichen  öl-  und  Gasquellen

6000  Fuß  tief  nahe  Pittsburg  einsinkt;  seiner  Annahme  nach  ist
diese  ganze  tiefere  Niederung  einst  mit  Salzwasser  angefüllt  gewesen; ­
  deshalb  haben  sich  alle  Gasbohrversuche  in  diesen  Bezirken ­
  erfolglos  gezeigt.  Ob  noch  tiefere  Bohrung  oder  ein  Verfahren ­
  für  Absperrung  des  Wassers  diese  Schwierigkeit  überwältigen ­
  wird,  bleibt  abzuwarten.  Nordwestlich  von  Murraysville
ist  nur  wenig  für  Feststellung  einer  Ausdehnung  des  Gasgürtels
getan.  Soviel  über  den  Murraysvillebezirk,  der  den  größeren  Teil
alles  in  Pittsburg  verbrauchten  Gases  liefert.
Wenn  meine  Leser  eine  Karte  vom  westlichen  Pennsylvania
zur  Hand  nehmen  und  dem  Alleghanyflusse  einige  zwanzig  Meilen
von  Pittsburg  aus  folgen,  dann  werden  sie  die  Stadt  Tarentum,
den  Mittelpunkt  des  zweiten  gasreichen  Bezirks,  bemerken.  Dort
sind  verschiedene  reiche  Gasquellen  entdeckt,  und  es  ist  gar  leicht
möglich,  daß  die  Zukunft  dort  ähnliche  Naturreichtümer  wie  die
im  Murraysvillebezirk  aufdecken  wird.  Eine  kürzlich  dort  aufgefundene ­
  Quelle  kann  sehr  wohl  mit  den  Quellen  im  letztgenannten ­
  Bezirke  verglichen  werden.  Unlängst  hat  sich  eine
Kapitalistengruppe  gebildet,  um  das  Gas  in  Röhren,  die  in  den
Alleghanyfluß  eingebettet  werden  sollen,  bis  nach  Pittsburg  zu
bringen;  ich  zweifle  nicht  daran,  daß  bis  Ende  1885  diese  Gaskanäle ­
  bereits  in  Gebrauch  sein  werden,  und  daß  Tarentum  uns
eine  große  Menge  von  Gas  liefern  wird.—  Ich  komme  nun  zu  dem
dritten  Bezirk;  sein  Mittelpunkt  ist  das  Landstädtchen  Washington
in  Pennsylvania;  es  ist  ungefähr  fünfundzwanzig  Meilen  von  Pittsburg ­
  entfernt.  Ich  fuhr  nach  diesem  Bezirk  hinaus  und  blieb
eine  Nacht  über  im  Hause  eines  Freundes,  zwölf  Meilen  von  den
Quellen  entfernt.  Sie  waren  in  Feuer  gesetzt,  und  der  ganze
Himmel  war  glänzend  von  ihnen  beleuchtet.  Obgleich  so  weit
entfernt,  hatten  wir  doch  den  Eindruck,  als  rase  ein  großes  Feuer.
Am  nächsten  Morgen  fuhren  wir  zu  den  Quellen.  Eine  lange
Röhre  war  bereits  gelegt;  sie  trägt  das  Produkt  einer  dieser  Quellen
zu  den  Eisenwerken,  dem  Ufer  des  Ohio  entlang  bis  Pittsburg;
zwei  andere  Röhren  sind  gleichfalls  in  Angriff  genommen.  Was
wir  hier  sahen,  war  ganz  ähnlich  dem  im  Murraysvillebezirk  Bekannten, ­
  nur  mit  dem  Unterschiede,  daß  hier  das  Gas  von  dem
Ausfluß  der  Gasquellen  in  auf  dem  Boden  liegenden  Röhren
        <pb n="188" />
        im  westlichen  Pennsylvania.

173

geleitet  wird,  während  es  im  Murraysvillebezirk  gerade  aufrecht
und  hoch  in  die  Luft  schießt.  Wenn  man  von  dem  Rande  über
die  erste  Quelle  ins  Tal  hinunterblickt,  scheint  das  Ganze  ein
ungeheurer  runder  Ring,  dessen  Grün  verbrannt  ist  und  dessen
Grund  unter  der  Flamme  erglüht.  Der  Ring  war  ganz  kreisrund,
da  der  Wind  die  Flamme  von  einer  Richtung  zur  anderen  im
Kreise  herumtrieb;  der  Anblick  der  großen  goldenen,  abschüssig
am  Boden  lagernden  Flamme,  die  mit  dem  Winde  spielte  und
nach  jeder  Richtung  hin  umherwirbelte,  überwältigte  geradezu.
Die  große  Bestie  Apollyon  schien,  jedoch  ohne  jeden  Rauch,
von  ihrem  Lager  wieder  auferstanden.
Im  allgemeinen  gilt  Amerika  als  das  Land  der  Auswanderung;
allein  die  Wanderungen  der  Menschen  über  die  ganze  Erde  werden
von  Tag  zu  Tag  allgemeiner.  Die  angelsächsische  Rasse  wächst
rastlos  überallhin  empor.  Da  ich  einen  Augenblick  anhielt,  um
über  den  Zaun  zu  klettern  und  herunterzugehen  zu  dem  feurigen
Ungetüm,  erblickte  ich  folgende  Ankündigung:
Öffentlicher  Verkauf.
Der  Unterzeichnete,  im  Begriff  nach  Australien  überzusiedeln,
will  am  Donnerstag,  den  25.  September,  zum  Verkauf  ausbieten ­
  auf  seinem  Wohnsitz,  der  als  Frau  Andrew  Carlisle’s  Farm,
U/2  Meilen  östlich  von  Hickory  an  der  Hickory-  und  Washington-Straße,
  wohlbekannt  ist,  die  ganzen  Haushaltungs-  und  Küchenmöbel, ­
  bestehend  aus  Pulten,  Bettstellen,  Betten,  Stühlen  Tischen,
Anrichtetischen,  Kochofen;  also  alles,  was  er  besitzt.  Beginn  des
Verkaufs  pünktlich  1  Uhr;  die  Bedingungen  werden  zu  dieser
Stunde  bekannt  gegeben.  William  Tiplady.
A.  W.  Cummins,  Auktionator.
Was  in  aller  Welt  mochte  wohl  Herrn  Tiplady  aus  dieser
schönen  Gegend,  einem  der  besten  Ackerlands-Bezirke  in  ganz
Amerika,  vertrieben  haben,  gerade  im  Augenblicke,  da  unerwartete
Schätze  in  der  Erde,  unmittelbar  unter  seinen  Füßen  entdeckt
wurden?  Schätze,  welche  eine  unbegrenzte  Tätigkeit  in  dem  Bezirk
verhießen  und  jedermann  die  leichte  Möglichkeit  gaben,  mehr  als
sein  Auskommen  zu  finden?  Verschiedene  Mutmaßungen  wurden
        <pb n="189" />
        174  XIII.  Die  natürlichen  öl-  und  Gasquellen

aufgestellt;  am  wahrscheinlichsten  schien,  daß  er  Verwandte  in
Australien  besaß,  in  deren  Mitte  er  seine  Tage  zu  beschließen
wünschte.  Der  Name  war  uns  allen  vollkommen  unbekannt;  allein
er  ist  sehr  ähnlich  den  vielerlei  zusammengesetzten  Namen,  die
während  unserer  letzten  Wagentour  durch  das  südwestliche  England ­
  in  so  hohem  Grade  unsere  Aufmerksamkeit  erregten;  wir
meinten  deshalb,  er  müsse  von  dem  englischen  Mutterlande  herübergekommen ­
  sein.  Wahrscheinlich  war  der  eine  der  Brüder
nach  den  Antipoden  ausgewandert,  während  ein  anderer  den  Schutz
der  Republik  suchte.  Wirklich,  unsere  Rasse  ist  eine  wahre  Nomadenrasse, ­
  weithin  und  rastlos  über  die  Erde  wandernd.
Als  wir  unsere  Hände  auf  die  zitternde  Röhre  an  der  Quelle
legten  —  es  braucht  starke  Nerven,  sich  dem  tobenden  Gebrüll
und  der  wirbelnden  Flamme  zu  nähern  —  und  dort  standen,
waren  wir  von  der  eisigen  Kälte  überrascht.  An  einer  der  Quellen,
bei  der  eine  Holzdecke  über  die  Ventilklappe  gelegt  worden,  bedeckte ­
  eine  schöne  Eisschicht  von  etwa  einer  achtel  Elle  Dicke,
durch  die  Verdichtung  hervorgerufen,  die  Röhre.  Neue  Brunnen
wurden  gerade  jetzt  aufgedeckt;  augenscheinlich  ist  die  Landschaft
Washington  dazu  bestimmt,  wesentlich  zu  den  in  Pittsburg  verbrauchten ­
  Gasmengen  beizusteuern.  So  wurde  die  Existenz  von
Gas  bereits  für  drei  Viertel  eines  die  Stadt  Pittsburg  voll  umgebenden ­
  Kreises,  für  eine  Entfernung  von  fünfzehn  bis  zwanzig
Meilen,  in  großen  Mengen  nachgewiesen.  Das  Gas  wartet  hinter
seinem  Sandfelsen  nur  noch  auf  Befreiung.
Kommen  wir  nun  zur  praktischen  Ausnützung  des  natürlichen
Gases.  Die  erste  Frage  ist  selbstverständlich:  Wie  lange  wird  es
andauern  ?
Freunde  von  mir,  die  mit  Ölländereien,  mit  denen  Gasland
vieles  gemeinschaftlich  hat,  wohl  vertraut  sind,  versichern  mir,  daß
selbst  nach  zwanzig  Jahren  das  gegenwärtig  bekannte  Gasland
nicht  erschöpft  sein  wird.  Auch  scheint  es  kaum  möglich,  daß  wir
schon  alles  Gasland  entdeckt  haben.  Der  Bruch  im  Gasgürtel  nahe
Pittsburg  ist  vermutlich  ein  mehr  örtlicher  Fehler,  so  daß  südwestlich ­
  von  Pittsburg  der  Gasgürtel  sich  höchstwahrscheinlich'
noch  viele  Meilen  lang  ausbreitet.  Voraussichtlich  werden  wir  hier
ähnliches  wie  mit  der  Ölregion  erleben.  Monat  auf  Monat  ertönte
        <pb n="190" />
        im  westlichen  Pennsylvania.

175

~~-rder

  Schrei,  die  Erde  könne  solche  Verschwendung  nicht  aushalten!
Nicht  nur  Ölflüsse,  sogar  ganze  Seen  von  Öl  müßten  sich  zuletzt
erschöpfen,  wenn  70000  Fässer  täglich  herausgeschöpft  würden.
Spekulanten  mischen  sich  zeitweise  ein  und  kaufen  Millionen  von
Fässern  auf,  in  der  bestimmten  Erwartung,  daß  der  Vorrat  an  Öl
sich  erschöpfen  müsse,  und  doch  lähmt  oder  ruiniert  jede  darauf
bauende  Spekulation  ihre  Urheber.  Früher  galt  der  Petroleumpreis
von  £  2  (40  Mark)  das  Faß  für  billig;  dann  fiel  der  Preis  auf
£1  (20  Mark),  und  dann  ging  es  sogar  auf  4  Sh.  herunter;  jetzt
aber  (1885)  kostet  das  Faß  Petroleum  nur  noch  2  Sh.  10  d.,  und
dabei  ist  der  Vorrat  größer  als  je  zuvor.  Es  verspricht  mit  Gas
gerade  so  zu  werden.
Wie  man  mir  mitteilt,  ist  für  die  Bereitung  von  Glas,  das  in
ungeheuren  Massen  zu  Pittsburg  fabriziert  wird,  Gas  in  jeder
Beziehung  wertvoller  und  auch  handlicher  als  Kohle,  da  es  die
Qualität  des  Produktes  erhöht.  Eine  Firma  in  Pittsburg  macht
jetzt  Glasplatten  von  ungeheurer  Größe,  weiche  an  Güte  dem  eingeführten ­
  französischen  Glase  vollkommen  ebenbürtig  sind;  sie
ist  dazu  imstande  durch  Gebrauch  von  Gasfeuer.  Auch  in  der
Eisen-  und  ganz  besonders  in  der  Stahlfabrikation  wird  die  Qualität
durch  den  neuen  Feuerungsstoff  bedeutend  verbessert.  In  unseren
Stahlschienenwerken  haben  wir  während  der  letzten  Zeit  auch
nicht  ein  einziges  Pfund  Kohle  mehr  verwendet;  desgleichen  in
unseren  Eisenwerken.  Die  Veränderung  ist  geradezu  staunenerregend. ­
  In  einem  Dampfkesselhause,  in  dem  wir  früher  neunzig
Heizer  beschäftigten  und  400  Tonnen  Kohle  täglich  brauchten,
kann  der  Besucher  eine  lange  Reihe  von  Dampfkesseln  entlang
gehen  und  sieht  all  diese  Kessel  von  einem  einzigen  Manne  bedient.
Nachdem  das  Haus  einmal  gründlich  gereinigt,  ist  der  frühere
Feuerungsschmutz  für  immer  verschwunden;  auch  die  Essen  rauchen
nicht  mehr.  In  den  Union-Eisenwerken  haben  unsere  Puddelarbeiter
  die  zu  ihren  Schmelzöfen  gehörigen  Kohlen-Bunker  weiß
gewaschen.  Die  meisten  und  vorzüglichsten  Eisen-  und  Glaswerke
in  Pittsburg  benutzen  entweder  schon  das  Gas  als  Feuerungsmaterial
oder  machen  Vorbereitungen  für  seine  Benutzung.  Nicht  nur
werden  die  Kosten  für  die  Kohlen,  sondern  auch  die  großen  Kosten
für  Handhabe  und  Anfeuerung  der  Kohlen  erspart;  zugleich  sind
        <pb n="191" />
        176

XIH.  Die  natürlichen  öl-  und  Gasquellen

die  Reparaturkosten  für  die  Kessel  und  Roststangen  bedeutend
geringer.  Der  folgende  Auszug  aus  einem  an  die  amerikanische
Gesellschaft  mechanischer  Ingenieure  erstatteten  Bericht  gibt  eine
Idee  von  dem  Werte  des  neuen  Feuerungsstoffes.
„Natürliches  Gas  ist  nach  dem  Wasserstoffgas  die  machtvollste
aller  Gasfeuerungen,  und,  richtig  verwendet,  eine  der  sparsamsten,
weil  fast  die  ganze  ihm  eigene  Heizungskraft  in  verdampfendem
Wasser  benutzt  werden  kann.  Frei,  wie  es  ist,  von  allen  schädlichen ­
  Bestandteilen,  besonders  von  Schwefel,  bringt  es  besseres
Eisen,  Stahl  und  Glas,  als  Kohlenfeuer  zustande.  Es  macht  den
Dampf  regelmäßiger,  da  es  kein  Öffnen  der  Kesseltüren  und  keine
leeren  Räume  an  den  Rostbarren  für  Einlaß  kalter  Luft  frei  läßt;
richtig  gehandhabt,  reguliert  es  den  Dampfdruck,  so  daß  der  mit
der  Beaufsichtigung  der  Kessel  betraute  Arbeiter  nur  nach  dem
Wasser  zu  sehen  hat;  und  selbst  das  könnte  unterbleiben,  wenn
man  einem  so  flüchtigen  Wassertender  voll  vertrauen  wollte.  Die
Kessel  werden  länger  halten,  auch  können  weniger  Explosionen
infolge  Ausdehnung  und  Zusammenziehung  —  dadurch  hervorgerufen, ­
  daß  kalte  Luftmassen  an  heiße  Platten  kommen  —  entstehen.“ ­


*  *
*
„Ein  Versuch  wurde  gemacht,  den  Wert  des  Gases  als  Brennstoff ­
  im  Vergleiche  zur  Kohle  als  dampferzeugender  Kraft  festzustellen; ­
  man  benutzte  dabei  eine  Retorte  oder  Sieder  von  zweiundzwanzig ­
  Zoll  im  Durchmesser,  zehn  Fuß  lang  mit  vierzölligen
Röhren.  Der  Sieder  wurde  mit  aüserwählter  Youghioghenykohle,
in  Stücken  von  etwa  4  KubikzoII,  geheizt;  der  Ofen  mußte  so
gefüllt  werden,  um  vermittels  der  dem  Sieder  verbundenen  Esse
die  besten  Erfolge  zu  erzielen.  Mit  jedem  Pfund  verbrauchter
Kohle  wurden  neun  Pfund  Wasser  in  Dampf  verwandelt.  Das
Wasser  wurde  mit  zwei  Messern  —  das  eine  Mal  bei  der  Aufsaugung ­
  und  das  zweite  Mal  bei  der  Entladung  —  gemessen.
Man  ließ  das  Wasser  in  einen  Wärmer  zu  einer  Temperatur
von  60—62°  ein;  dann  wurde  der  Wärmer,  der  von  dem  Sieder
nach  der  Esse  ging,  in  den  Strom  gestellt,  sowohl  für  den  Versuch
        <pb n="192" />
        im  westlichen  Pennsylvania.

1

mit  dem  Gase,  wie  für  den  mit  der  Kohle.  Bei  den  entsprechenden:
Berechnungen  wurde  der  im  Pittsburger  Bezirk  allgemein  gebrauchte ­
  76  Pfund  Schelf  el  verwendet.  Auf  jeden  Scheffel  wurden
684  Pfund  Wasser  in  Dampf  verwandelt,  was  60,9  Prozent  des
theoretisch  berechneten  Wertes  der  Kohle  entsprach.  Wo  Gas  mit
demselben  Sieder  brannte,  aber  mit  einem  anderen  Schmelzofen,
fand  man,  daß  bei  einem  Pfunde  Gas  auf  23,5  Kubikfuß  das  in
Dampf  verwandelte  Wasser  im  Werte  von  20,31  Pfund  oder  83,4  Prozent ­
  der  berechneten  (theoretischen)  Wärmeeinheiten  nutzbar  gemacht ­
  wurde.  Der  Dampf  selbst  stand  unter  atmosphärischem
Druck,  und  eine  Öffnung  war  angebracht,  groß  genug,  jeden  Druck
von  hintenher  zu  vermeiden;  dabei  war  der  Verbrennungsprozeß
sowohl  des  Gases  wie  der  Kohle  durchaus  nicht  besonders  schnell.
Man  fand,  daß  die  untere  Röhrenreihe  verstopft  und  dann  dieselbe
Wassermasse  mit  Kohle  in  Dampf  verwandelt  werden  konnte.  Dagegen ­
  ergab  es  sich,  daß  mit  Gas,  selbst  wenn  man  alle  Röhren
an  dem  der  Esse  nächsten  Ende  schloß  und  nur  soviel  offen  ließ,
um  der  Verbrennungsstoffe  ledig  zu  werden,  fast  ganz  dieselben
Resultate  erzielt  werden  konnten,  sobald  der  gegen  die  Wände  des
Schmelzofens  geübte  Druck  gleich  drei  Unzen,  also  möglichst
kräftig  war.  Daraus  durfte  man  schließen,  daß  der  größte  Teil
der  Arbeitsleistung  am  Schlote  des  Sieders  geschieht.“
Die  einzigen  bisher  gemachten  Analysen  dieses  natürlichen
Feuerungsmaterials,  soweit  solche  veröffentlicht  wurden,  stammen
von  unserem  ersten  Chemiker,  Herrn  Ford.  Die  dazu  benutzten
Gasproben  sind  von  der  Mündung  der  Röhre  in  unsere  Stahlschienenwerke ­
  genommen,  nachdem  das  Gas  neun  Meilen  weit  von
den  Quellen  herkam.
Herr  Ford  schreibt  mir,  wie  folgt:  „Ich  übersende  vier  meiner
letzten  Analysen,  welche  an  demselben  Tage,  da  ich  die  Gasproben
erhielt,  gemacht  wurden.  Vorläufig  sind  diese  Untersuchungen
noch  in  ihren  Anfängen.  Ich  möchte,  sobald  meine  Arbeit  im
Laboratorium  für  die  Stahlwerke  mir  dazu  die  nötige  Zeit  läßt,
Gasproben  von  verschiedenen  Quellen  nehmen  und  eine  Sammlung ­
  ihrer  vorzüglichen  Bestandteile  anlegen.  Ich  glaube,  ich  habe
bezüglich  dieser  Bestandteile  einige  sehr  interessante  Tatsachen
entdeckt;  allein  es  wäre  töricht,  schon  jetzt  meine  Meinung  darüber
Carnegie,  Kaufmanns  Herrschgewalt.  12
        <pb n="193" />
        178

XIII.  Die  natürlichen  Öl-  und  Gasquellen

näher  zu  äußern,  da  ich  bis  jetzt  weder  Zeit  noch  Gelegenheit
gehabt  habe,  die  verschiedenen  Quellen  zu  besuchen  und  eine
Sammlung  aller  ihrer  Bestandteile  anzulegen,  um  so  meine  ersten
Eindrücke  bestätigt  zu  finden.
Die  von  mir  gemachte  Entdeckung,  daß  natürliches  Gas  im
Laufe  der  Zeit  seine  Bestandteile  ändert,  dürfte  viele  in  Erstaunen
setzen  und  neue  Anregungen  zum  Nachdenken  geben.  Ich  wünschte
wohl  Gewisses  darüber,  ob  das  natürliche  Gas  aus  anderen  Quellen
ebenso  sehr  sich  verändert,  wie  das  von  Murraysville;  wenn  das
Gas  einiger  Quellen  sich  verändern,  das  von  anderen  dagegen  stets
dasselbe  bleiben  sollte,  so  erstände  natürlicherweise  die  Frage,
welche  Quellen  die  mehr  ausdauernden  sind?  Die  Tatsache  der
Verschiedenheit  des  Gases  von  denselben  Quellen  wird  sicher  ein
neues  Licht  über  die  Entstehung  des  Gases  werfen  und,  wie  ich
glaube,  möglicherweise  auch  neues  Licht  auf  das  Petroleum-Problem.
  Mit  Rücksicht  darauf,  daß  ich  die  verschiedenen  Seiten
des  Problems  im  Auge  hatte,  möchte  ich  meine  Ansichten  erst  durch
zahlreiche  Analysen  bestätigt  und  wieder  bestätigt  sehen,  bevor
ich 1  meine  Resultate  veröffentliche.  Indem  ich  hoffe,  daß  die  beifolgenden ­
  Analysen  Ihren  Zwecken  entsprechen,  verbleibe  ich  usw.
S.  A.  Ford.“

Analysen  des  natürlichen  Gases.

°/o  °lo  °/o  •/0  °/o
Kohlensäure  ....  —  0,61  0,81  —  0,67
Sauerstoff  2,60  0,40  0,61  0,61  0,90
Olefiantgas  0,80  0,61  0,81  0,61  2,45
Kohlenoxyd  ....  0,40  0,61  0,81  0,40  3,12
Wasserstoffgas.  .  .  3,51  29,75  2,94  19,67  31,52
Sumpfgas  88,40  68,01  94,02  78,72  39,97
Stickstoffgas  ....  4,29  —  —  —  19,35

Herrn  Fords  Untersuchungen  stehen,  soviel  ich  weiß,  bis  jetzt
einzig  da,  und  meine  Leser  finden  darin  alles,  was  bisher  über
das  natürliche  Gas  wissenschaftlich  feststeht.
Wie,  wo  und  in  welchem  Maßstabe  Gas  in  den  unteren,
bisher  noch  nicht  bekannten  Regionen  erzeugt  wird,  sind  wir  nur
zu  vermuten  imstande.  Klar  bewiesen  dagegen  ist,  daß  sich  Gas  in
        <pb n="194" />
        im  westlichen  Pennsylvania.

179

jeder  Richtung  rund  um  Pittsburg  herum,  vom  Nordwesten  abgesehen, ­
  findet,  und  daß  der  Gasgürtel  in  der  Nähe  von  Murraysville
  ungefähr  eine  halbe  Meile  lang  ist;  dennoch  sind  damit  die
wirklichen  Grenzen  der  Gasvorräte  noch  nicht  erreicht,  denn  sogar,
während  ich  diese  Zeilen  schreibe,  kommt  die  Nachricht  von  einer
mächtigen  Quelle,  auf  die  man  zu  Canonsburgh  gestoßen:  einem
Orte,  der  etwa  acht  Meilen  von  den  Quellen,  die  ich  in  der  Landschaft ­
  Washington  besuchte,  entfernt  liegt;  daneben  ist  eine  neue
Region  westlich  von  Canonsburgh  unlängst  in  Angriff  genommen,
deren  Gas  in  den  Fabrik-Anlagen  zu  Beaver  Falls  (Pennsylvania),
fünf  Meilen  westlich  von  Pittsburg,  verwendet  wird.
Wir  mögen  daher  sehr  wohl  zu  dem  Schlüsse  kommen,  daß
Pittsburg  den  Mittelpunkt  bildet  für  eine  Gaserzeugung,  welche
mehrere  Quadratmeilen  bedeckt,  und  daher  wohl  hinreicht,  all  das
Gas  zu  erzeugen,  welches  innerhalb  seines  Bezirkes  der  gegenwärtigen ­
  Generation  nötig  ist,  sowohl  für  Fabrik-  als  für  häuslichen
Bedarf.  Am  Ende  des  laufenden  Jahres  (1885)  werden  acht  Röhrenlinien ­
  das  Gas  nach  Pittsburg  bringen,  und  doch  wird  die  Menge
des  schon  empfangenen  Gases  und  dessen,  was  jetzt  ungenützt
draufgeht,  die  Leistungsfähigkeit  dieser  Linien  noch  übertreffen.
Zwei  dieser  Röhren  sind  5—5,8  Zoll  im  Durchmesser,  vier  betragen
acht  Zoll,  eine  erreicht  zehn  Zoll  und  eine  andere  zwölf  Zoll  im
Durchmesser.
Verschiedene  Theorien  wurden  für  die  Erklärung  des  Daseins
dieses  Brennstoffes  aufgestellt.  Am  vernünftigsten  scheint  mir  die,
welche  mir  Professor  Dewar  in  Cambridge  gab,  der  uns  unlängst
besuchte  und  von  der  neuen  Reichtumsquelle  einen  tiefen  Eindruck
gewann.  Er  glaubt,  daß  das  Gas  unaufhörlich  sich  selbst  aus  dem
Naturöl  destilliert,  oder  von  ungeheuren  Lagern  von  Materie,  welche
langsam  in  Öl  sich  verwandelt,  kommt,  und  daß  wir  deshalb  noch
lange,  nachdem  die  Ölregion  aufgehört  haben  wird,  Öl  in  beträchtlichen ­
  Mengen  zu  liefern,  trotzdem  weiter  eine  genügende
Zufuhr  von  Gas  haben  werden;  denn  je  seichter  das  Öllager
werde,  desto  günstiger  würden  die  Bedingungen  für  seine  schnelle
Destillation.  Es  ist  daher  wohl  wahrscheinlich,  daß  Pittsburg,
welches  heute  den  Ruf  genießt,  die  bei  weitem  schmutzigste  Stadt
der  ganzen  Welt  zu  sein,  später  einmal  das  andere  Extrem  erreichen
        <pb n="195" />
        180  XIII.  Die  natürlichen  öl-  und  Gasquellen  im  westlichen  Pennsylvania.

V  V  V
V  V
V

und  aus  der  schmutzigsten  und  rauchigsten  die  reinste  Stadt  der
Welt  werden  wird.  Wie  dem  aber  auch  immer  sein  mag,  eines,
denke  ich,  dürften  nur  wenige  bestreiten:  daß,  umgeben  von
solchen  Hilfsquellen,  wie  ich  sie  hier  zu  beschreiben  versucht  habe,
Pittsburg,  soweit  unterirdische  Schätze  in  Frage  kommen,  heute  die
Metropolis  des  reichsten  Bezirkes  der  Welt  ist.
Anmerkung:  So  wenig  sparsam  ist  man  mit  dem  hier  besprochenen ­
  natürlichen  Feuerungsstoff  umgegangen,  und  so  groß
war  die  mit  ihm  getriebene  Verschwendung,  daß  sogar  das  scheinbar ­
  Unerschöpfliche  infolge  seiner  neueren  Spärlichkeit  kostbar
geworden;  das  Qas,  welches  früher  durch  die  weiten  Röhren
flatterte  und  die  Straßen  selbst  die  kleinsten  Städte  mit  fünf  Fuß
hohen  Flammen  erleuchtete,  wird  jetzt  meterweise  vermessen  und
nach  Tausenden  von  Kubikfuß  verteilt.
        <pb n="196" />
        XIV.  Der  dreibeinige  Stuhl.

Schema  über  der  Welt  Arbeit.
Für  jedes  industrielle  Unternehmen  sind  drei  Teilhaber  nötig.
Der  erste  —  zwar  nicht  seiner  Bedeutung,  wohl  aber  der  Zeit
nach  —  heißt:  Kapital.  Ohne  diesen  Teilnehmer  kann  nichts
unternommen  werden.  Vom  Kapital  erhält  jede  Unternehmung
ihren  ersten  Lebensodem.
Nachdem  die  Grundlagen  aufgerichtet,  das  Unternehmen  mit
den  nötigen  Mitteln  ausgestattet  und  alles  für  industrielle  Tätigkeit
fertig  ist,  beginnt  der  zweite  Teilhaber  seine  Arbeit:  Dieser  Teilhaber ­
  heißt  „geschäftliche  Tüchtigkeit“.  Der  Teilnehmer  „Kapital“
tat  das  seinige  bereits.  Er  hat  alle  Mittel  und  Werkzeuge  für  die
Gütererzeugung  beschafft;  allein  solange  Kapital  nicht  über  Männer
verfügt,  welche  das  Geschäft  zu  leiten  verstehen,  ist  all  sein  Aufwand ­
  umsonst.
Und  nun  erscheint  der  dritte  Teilnehmer,  zwar  zuletzt,  aber
deshalb  keineswegs  der  unwichtigste  unter  den  dreien:  Sobald
„Arbeit“  nicht  ihre  Pflicht  tut,  ist  alle  Mühe  und  aller  Aufwand
vergeblich.  Kapital  und  geschäftliche  Tüchtigkeit  ohne  Arbeit  sind
gleich  totgeborenen  Kindern.  Das  Triebwerk  rührt  sich  nicht,
wenn  Arbeit  es  nicht  bewegt.
Man  könnte  Bände  darüber  schreiben,  ob  der  erste,  zweite
oder  dritte  Teilnehmer  größere  Bedeutung  besitzt;  im  großen  und
ganzen  kommt  jedoch  nichts  dabei  heraus.  Volkswirte  und  spekulative ­
  Philosophen  haben  sich  Jahrhunderte  lang  den  Kopf  über  dieses
Thema  zerbrochen;  dennoch  wurde  bis  auf  den  heutigen  Tag  auf
diese  Frage  keine  endgültige  Antwort  gefunden,  noch  wird  in  Zukunft ­
  jemals  eine  solche  Antwort  gefunden  werden,  weil  eben
        <pb n="197" />
        182

XIV.  Der  dreibeinige  Stuhl.

jeder  der  drei  Teilnehmer  gleich  wichtig,  und  jeder  unter  ihnen
gleich  notwendig  ist.  Es  gibt  eben  in  diesem  Falle  kein  erstes,
zweites  und  drittes  —  keinen  Vorzug!  Sie  sind  alle  drei  voll-  und
gleichberechtigte  Glieder  des  Dreibundes,  welcher  die  industrielle
•Welt  beherrscht.  Geschichtlich  genommen,  bestand  Arbeit  lange
vor  Kapital  und  geschäftlicher  Tüchtigkeit  in  der  Welt.  Denn
Adam  und  Eva  hatten  kein  Kapital,  und  nach  den  Ergebnissen
ihrer  Arbeit  zu  schließen,  war  keiner  von  beiden  mit  besonderem
Geschäftssinn  begabt,  doch  all  das  ereignete  sich,  bevor  das  Reich
des  Industrialismus  begann  und  großer  Kapitalaufwand  nötig  ward.
In  unserer  Zeit  sind  Kapital,  Geschäftstüchtigkeit  und  Handarbeit ­
  die  Beine  eines  dreibeinigen  Stuhls..  Solange  die  drei  Beine
gesund  und  fest  stehen,  steht  auch'  der  Stuhl  fest.  Sobald  aber
eines  dieser  drei  Beine  schwach  und  gebrechlich  wird,  zusammenstürzt ­
  oder  gar  verschwindet,  bricht  auch  der  Stuhl  zusammen.  Und
solange  das  fehlende  Bein  nicht  wieder  hergestellt  ist,  bleibt  der
Stuhl  ebenfalls  unbrauchbar.  Aus  diesem  Grunde  befindet  sich
auch  der  Kapitalist,  welchem  Kapital  wichtiger  dünkt  als  eines
der  anderen  Beine,  ganz  und  gar  im  Irrtum.  Die  Unterstützung  der
beiden  anderen  Beine,  genannt  Geschäftstüchtigkeit  und  Arbeit,
bleibt  für  ihn  unumgänglich.  Ohne  diese  beiden,  ja  selbst  ohne
eines  der  beiden,  fällt  der  Stuhl  um.
„Geschäftliche  Tüchtigkeit“  irrt,  wenn  sie  glaubt,  ihr  Bein  sei
das  wichtigste.  Ohne  die  beiden  anderen,  Kapital  und  Arbeit,  ist
das  Bein  „Geschäftstüchtigkeit“  nutzlos.
Zu  guter  Letzt  wollen  wir  nicht  vergessen,  daß  auch  Arbeit
irrt,  und  zwar  sehr  stark,  wenn  sie  größere  Wichtigkeit  für  sich
beansprucht,  als  jedes  der  beiden  anderen  Beine.  Eine  solche
Anschauung  ist  oft  genug  die  Quelle  betrübender  Mißverständnisse
gewesen.  '  j  j
Alle  drei  sind  voll-  und  gleichberechtigte  Glieder  desselben
großen  Ganzen.  Vereinzelt  schaffen  sie  wenig,  vereint  aber  können
sie  Wunder  wirken.  Daher  haben  sie  auch,  trotzdem  unglückliche
Differenzen  zeitweise  zwischen  ihnen  auftauchten,  das  neue  Jahrhundert ­
  zum  wohltätigsten  für  die  Menschheit  gemacht.
Die  Menschheit  bietet  heute  überall,  sowohl  materiell  wie
sittlich  genommen,  «in  besseres  Bild  denn  jemals  in  früheren
        <pb n="198" />
        Schema  über  der'jWelt  Arbeit.

183

Zeiten,  und  ich  lebe  der  Überzeugung,  daß  sie  noch  größere  und
erhabenere  Höhen  beschreiten  wird,  erhabenere  als  selbst  der  größte
Idealist  unserer  Zeit  in  seinen  Träumen  sich  vorzustellen  vermag.
Kapital,  Geschäftstüchtigkeit  und  Arbeit  müssen  vereint  sein.
Der  ist  ein  Feind  aller  drei,  welcher  versucht,  Zwietracht
zwischen  ihnen  zu  säen.

V  V  V
V  V
V
        <pb n="199" />
        XV.  Eisenbahnen  einst  und  jetzt.

Es  gewährt  mir  eine  große  Genugtuung  und  macht  mich
einigermaßen  stolz,  daß  ich  im  Eisenbahndienst  als  Telegraphist
begann  und  zur  Stellung  eines  Oberinspektors  der  Pennsylvania-Eisenbahn
  im  Pennsylvania-Bezirke  aufrückte.  Den  Kontrast  in
wenigen  Einzelheiten  zu  schildern,  wie  er  zwischen  damals  und
jetzt  in  der  Eisenbahnwelt  bestand,  ist  vielleicht  nicht  uninteressant.
.Wir  werden  im  Eisenbahnwesen  immer  aufgefordert,  auf  das
Vollkommenste  zu  blicken;  gewiß  eine  vorzügliche  Regel,  doch  ist
es  auch  angebracht,  einmal  rückwärts  zu  blicken,  um  die  gemachten
Fortschritte  zu  erkennen.
Zu  der  Zeit,  als  ich  die  Ehre  hatte,  ein  Eisenbahnmann  zu
werden,  war  die  Pennsylvania-Eisenbahn  noch  nicht  ganz  bis
Pittsburg  fertig;  dennoch  sah  sich  —  durch  Übersteigen  von  Gerüsten ­
  zwischen  zwei  einige  Meilen  voneinander  weit  entfernten
Punkten  und  durch  Überklettern  der  Berge  mit  Hilfe  von  zehn
abschüssig  gelegten  Holzbohlen  —  der  Reisende  in  die  Möglichkeit
versetzt,  Philadelphia  auf  dem  Schienenwege  zu  erreichen.  Die
Schienen  auf  den  Bergen  waren  von  Eisen,  14  Fuß  lang  und  aus
England  eingeführt.  Sie  lagen  auf  großen  Steinblöcken,  obgleich
die  Linie  durch  Gehölz  führte,  und  Holzverbindungen  wenig  gekostet ­
  haben  würden.  Die  Gesellschaft  hatte  keine  eigene  Telegraphenlinie ­
  und  war  deshalb  gezwungen,  auf  den  Drähten  der
West-Union-Gesellschaft  zu  telegraphieren.  Herr  Skott,  der  Oberaufseher, ­
  der  berühmte  Thoms  A.  Skott,  welcher  später  Präsident
der  Gesellschaft  wurde,  kam  oft  in  das  Telegraphenamt  nach  Pittsburg, ­
  um  mit  seinem  Vorgesetzten,  dem  Generaloberinspektor  in
Altoona,  zu  sprechen.  Ich  war  damals  ein  junger  Telegraphist  und
        <pb n="200" />
        XV.  Eisenbahnen  einst  und  jetzt.  185

machte  seine  Bekanntschaft  dadurch,  daß  ich  für  ihn  telegraphierte. ­

Zu  jener  Zeit  bezog  ich  das  ungeheure  Gehalt  von  25  Dollar
den  Monat,  und  er  bot  mir  35  Dollar,  wenn  ich  sein  Sekretär  und
Telegraphist  werden  wollte,  was  für  mich  ein  Vermögen  bedeutete.
Lassen  Sie  mich  Sie  beglückwünschen  zu  der  großen  Vermehrung
Ihrer  eigenen  Löhne  und  Gehälter  seit  jenen  Tagen.  Herr  Skott
hatte  damals  125  Dollar  monatlich,  d.  h.  1500  Dollar  jährlich,
und  ich  wunderte  mich  im  stillen,  was  ein  Mann  mit  so  vielem
Gelde  anzufangen  vermochte.  Ich  hatte  damals  nicht  an  einen
Gebrauch  des  Geldes  gedacht,  nämlich  daß  Herr  Skott  einen  Teil
des  Geldes  weggeben  könne.  Oftmals  sprach  ich  darüber,  welche
Vorteile  einem  Manne  sein  Reichtum  biete.  Der  größte  Vorteil
des  Reichtums  ist  nicht  der,  welchen  er  seinem  Eigentümer  persönlich ­
  bringt,  sondern  zeigt  sich  darin,  daß  er  es  seinem  Eigentümer
ermöglicht,  etwas  für  andere  zu  tun.  Ich  mußte  erst  eine  ganze
Zeitlang  Dienst  tun,  bevor  ich  zu  dem  monatlichen  Gehalt  von
10  Dollar  aufstieg.  Das  war  für  mich  ein  ungeheures  Einkommen,
verglichen  mit  dem  Lohn  von  einem  Dollar  20  Cent  für  die  Woche,
mit  dem  ich  bei  der  Baumwollenfabrikation  begonnen  hatte.  Daß
die  Arbeitslöhne  die  Tendenz  haben  zu  steigen,  und  der  Preis  der
notwendigen  Lebensmittel  die  Tendenz  hat  zu  fallen,  ist  eine  der
erfreulichsten  Tatsachen  unserer  Zeit.  Niemals  war  eine  Nation
so  glänzend  in  bezug  auf  die  Arbeiterfrage  gestellt,  wie  augenblicklich ­
  wir  Amerikaner.  Jeder  nüchterne,  willige  und  fähige  Mann
findet  Anstellung  zu  einem  Lohn,  der  —  mit  Sparsamkeit  und
einer  guten  Frau  zur  Seite  —  ihn  in  die  Lage  setzt,  für  ein  Einkommen ­
  auf  seine  alten  Tage  genügende  Mittel  beiseite  zu  legen.
Diejenigen  unter  Ihnen,  welche  das  Glück  haben,  verheiratet  zu
sein,  werden  wohl  wissen,  wie  viel  von  einer  Frau  abhängt,  die
einen  Hausstand  instand  zu  halten  weiß,  und  diejenigen,  die  noch
nicht  verheiratet  sind,  werden  das  später  erfahren.  Von  nichts
hängt  der  Erfolg  eines  arbeitenden  Mannes  nächst  seiner  eigenen
guten  Führung  so  sehr  ab,  als  von  einer  guten  Hausfrau.  Lassen
Sie  sich  bei  dieser  Gelegenheit  von  jemandem,  der  fast  ohne  eigene
Absicht  oder  eigenen  Wunsch  selbst  mit  mehr  Besitztum  beladen
als.  nötig  ist,  offen  sagen,  daß  das,  was  man  mehr  hat,  wirklich
        <pb n="201" />
        XV.  Eisenbahnen  einst  und  jetzt.
wenig  einbringt  und  manches  Mal  auch  nichts  Wünschenswertes
mit  sich  führt.  Alles,  wofür  man  arbeiten  sollte,  ist  ein  bestimmtes
sicheres  Einkommen,  ohne  das,  wie  Junius  weise  sagt,  kein  Mensch
glücklich  sein  kann.  Aber  kein  Mensch  sollte  sich  auch  ohne
dieses,  wenn  es  innerhalb  des  ihm  Erreichbaren  liegt,  glücklich
fühlen.  Ich  möchte  jedermann  dazu  drängen,  einen  Teil  seines
Einkommens  in  diesen  glücklichen  Zeiten  zu  sparen  und  ihn  in
eine  Sparbank  zu  geben,  oder  besser  sein  eigenes  Heim  damit
zu  gründen.
Doch  um  zum  Eisenbahnwesen  zurückzukehren!  Präsident
Thomson  setzte  die  Bürgerschaft  von  Pittsburg  eines  Tages  dadurch
in  Erstaunen,  daß  er  erklärte,  in  kurzer  Zeit  werde  die  Pennsylvaniabahn ­
  täglich  100  Wagen  laufen  lassen.  Jeder  Wagen  führte
damals  8  Tonnen  mit  sich.  Wir  hatten  nur  kleine  Lokomotiven
und  der  Eisenbahnweg  konnte  jeden  einigermaßen  abschrecken.
Er  war  nur  mit  leichten  Schienen  belegt  und  Stückeisen  hatte  man
für  die  Verbindungen  benutzt.  Ich  habe  an  einem  einzigen  Wintermorgen ­
  in  meinem  besonderen  Bezirk  47  Verbindungen  zerbrochen
vorgefunden,  und  das  war  die  Linie,  über  die  unsere  Züge  rannen.
Dabei  durfte  niemand  erstaunen,  daß  sehr  häufig  Störungen  vorkamen. ­
  Wir  hatten  keinerlei  Gelasse  für  Güterzüge.  Unsere  Leute
mußten  in  jeder  Art  von  Wetter  im  Freien  arbeiten.  Es  gab  nur
ein  einziges  Geleise,  und  da  wir  keinen  Telegraphen  besaßen,  so
mußten  die  Züge  im  Falle  der  Verzögerung  Krümmungen  machen:
das  heißt,  ein  Mann  mit  einer  Fahne  ging  voraus,  und  der  Zug
folgte  ihm  und  traf,  wenn  möglich,  den  anderen  Zug.  Manchmal
trafen  sie  sich  mit  ziemlicher  Kraft  an  einer  scharfen  Krümmung.
Augenscheinlich  ist  nichts  so  schwer  für  den  Durchschnittsbahnbeamten ­
  zu  lernen,  als  daß  zwei  Züge  nicht  zu  gleicher  Zeit  ein
und  dieselbe  Linie  gefahrlos  passieren  können.  Wir  lernten  das
niemals  ganz,  nicht  einmal  im  Bezirk  Pittsburg.
Da  ich  Telegraphist  war,  so  hatte  ich  die  Aufsicht  über  die
Ausführungen  unserer  eigenen  Telegraphenlinie.  Ich  glaube  beinahe, ­
  daß  ich  es  war,  der  zuerst  ein  junges  Mädchen  in  das  Studium
der  Telegraphie  bei  einer  Eisenbahn  einführte;  so  wenigstens  finde
ich  es  festgestellt.  In  jenen  Tagen  mußte  der  Aufseher  alles
mögliche  tun.  Eine  Teilung  der  Verantwortlichkeit  gab  es  nicht.
        <pb n="202" />
        XV.  Eisenbahnen  einst  und  jetzt.

187

Man  setzte  voraus,  daß  kein  Untergebener  mit  dem  Telegraphendienst ­
  für  den  Lauf  der  Züge  oder  mit  den  nötigen  Maßregeln
bei  einem  etwaigen  Zwischenfall  betraut  werden  könnte.
Herr  Skott  und  ich,  sein  Nachfolger,  waren  in  dieser  Beziehung
zwei  der  größten  Narren,  die  ich  in  meinem  Leben  gekannt  habe.
Wir  selbst  überwachten  jeden  Zufall  und  arbeiteten  selbst  die  ganze
Nacht  durch.  Oft  kam  ich  eine  ganze  Woche  lang  nicht  nach  Hause.
Kaum  schlief  ich  inzwischen,  es  sei  denn,  daß  ich  mich  für  kurze
Zeit  in  einem  Frachtwaggon  niederlegte.  Wenn  ich  jetzt  auf  diese
Periode  zurückblicke,  erkenne  ich,  wie  schlechte  Oberaufseher  wir
waren.  Doch  ich  hatte  in  Herrn  Skott  ein  großes  Beispiel.  Ich
brauchte  einige  Zeit  dazu,  um  zu  lernen,  aber  ich  lernte  es  schließlich ­
  doch,  daß  die  großen  Eisenbahnleiter,  solche  wie  wir  sie  jetzt
haben,  niemals  selbst  irgend  etwas  Nennenswertes  tun.  Ihr  Hauptaugenmerk ­
  richten  sie  darauf,  andere  arbeiten  zu  lassen,  während
sie  selbst  über  die  Arbeiten  nachdenken.  Ich  nahm  mir  das  für
mein  späteres  Leben  zur  Lehre,  so  daß  tatsächlich  kein  Geschäft
mir  in  Zukunft  irgend  welchen  Kummer  machte.  Meine  jungen
Teilnehmer  arbeiteten,  und  ich  lachte  derweile.  Allen  empfehle  ich
ein  Gleiches  zur  Beachtung,  da  mit  wenig  Lachen  nur  wenig  Erfolg
zu  ernten  ist.  Der  Arbeiter,  der  sich  seiner  Arbeit  freut  und  sich
seine  Unannehmlichkeiten  weglacht,  ist  des  Emporkommens  sicher,
denn  was  wir  mit  Lachen  und  gern  tun,  das  tun  wir  auch  gut.
Wenn  Sie  einen  Präsidenten,  einen  Oberaufseher  oder  einen  Schatzmeister ­
  sehen,  der  von  seinen  Pflichten  niedergedrückt,  mit  Kummer
beladen  und  siCh  immer  so  ernst  gebärdet  wie  ein  Richter,  der  ein
Todesurteil  auszusprechen  hat,  dann  dürfen  Sie  sicher  sein,  daß
er  mehr  Verantwortung  zu  tragen  hat,  als  er  zu  tragen  imstande
ist,  dann  bedarf  er  der  Erleichterung.
Vergleichen  Sie  beispielsweise  die  Schnelligkeit  der  Züge.  Bei
der  großen  Pennsylvania-Eisenbahn  glaubten  wir,  das  Maß  äußerster
Vollkommenheit  erreicht  zu  haben,  wenn  der  Passagierzug  Pittsburg—Philadelphia ­
  13  Stunden  brauchte,  d.  h.  etwa  27  Meilen  die
Stunde.  Wir  tauften  diesen  Zug  Blitzzug:  Nicht,  weil  der  Zug  so
langsam  war,  sondern  weil  wir  glaubten,  daß  der  Zug  so  furchtbar
schnell  sei.  Heute  läuft  der  Reichsstaatsexpreß  mit  doppelter  Geschwindigkeit. ­
  Er  hält  deji  Rekord  der  ganzen  .Welt.  Doch  lassen
        <pb n="203" />
        188

XV.  Eisenbahnen  einst  und  jetzt.

Sie  uns  nicht  wieder  denselben  Fehler  machen  und  glauben,  daß
wir  die  allerhöchste  Vollendung  erreicht  haben.  Eine  folgende
Generation  wird  Züge  100  Meilen  die  Stunde  rennen  sehen,  das
will  sagen,  mit  einer  doppelten  Geschwindigkeit,  gerade  so  wie
heute  unsere  Züge  mit  der  doppelten  Geschwindigkeit  der  Züge
vor  30  Jahren  laufen.  Die  Linien  werden  ganz  gerade  sein;  um
in  der  Sprache  der  heiligen  Schrift  zu  reden  —  die  krummen  Plätze,
das  heißt  Kurven,  werden  gerade  gemacht  werden.
Bei  den  jetzt  an  verchiedenen  Linien  gemachten  Verbesserungen ­
  scheinen  mir  viele  Direktoren  nicht  weit  genug  in  die  Zukunft ­
  zu  sehen.  Sie  geben  an  einzelnen  Teilen  etwa  1  bis  2  Millionen
Dollar  aus,  während  sie  das  Doppelte  ausgeben  müßten.  Anstatt
daß  sie  die  Kurven  zu  verbessern  suchen,  sollten  sie  bestrebt  sein,
sie  ganz  und  gar  abzuschaffen.  Ein  zukünftiger  Präsident  wird
deshalb  sagen  dürfen,  daß  sie  ein  ganz  Teil  Geld  unnütz  ausgegeben
haben.  Um  das  Jahr  1950,  ja  vielleicht  schon  früher,  wird  nichts
anderes,  denn  eine  gerade  Linie  den  gestellten  Anforderungen
entsprechen.
Doch  noch  nach  einer  anderen,  als  in  der  eben  besprochenen
Richtung,  ist  ein  gleich  großer,  vielleicht  ein  noch  größerer  Fortschritt ­
  gemacht  worden.  Ich  meine  die  Fürsorge  für  die  Angestellten
der  Bahn,  ihre  Stellung,  die  ihnen  gewährten  Vorteile,  ihre  Lohnsätze ­
  und  das  Pensionssystem,  welches  die  leitenden  amerikanischen
Gesellschaften  zu  schaffen  sich  verpflichtet  fühlen.  Damit  können
die,  welche  Jahr  für  Jahr  für  ein  bestimmtes  Gehalt  arbeiten  und
keine  Aussicht  haben,  größeren  Gewinn  zu  machen,  wenigstens
die  befriedigende  Aussicht  haben,  in  ihren  alten  Tagen  in  gemächlicher ­
  Unabhängigkeit  zu  leben;  nicht  etwa  auf  Grund  von  Wohltätigkeit, ­
  sondern  infolge  ihrer  eigenen  Anstrengungen.  Dazu
haben  sie  alles  Recht  —  als  Entgelt  für  von  ihnen  geleistete  treue
Dienste  und  dürfen  durchaus  stolz  darauf  sein.
Ich  kenne  nichts,  was  den  Dienst  einer  großen  Eisenbahnlinie ­
  so  sehr  hebt  und  verbessert  und  so  sehr  zu  ihrer  Sicherheit
beiträgt,  als  ein  Beamtenheer,  welches  in  dem  Bewußtsein  arbeitet,
daß  es  in  seinen  alten  Tagen  infolge  des  Pensionssystems  ein  sorgloses ­
  Leben  zu  führen  in  den  Stand  gesetzt  ist.  Es  kann  nicht
mehr  lange  dauern,  so  wird  die  Eisenbahnlinie  nicht  unter  die
        <pb n="204" />
        XV.  Eisenbahnen  einst  und  jetzt.

189

führenden  zählen,  welche  dieses  unschätzbare,  und  Ich  möchte  beinahe ­
  sagen,  notwendige  Element  in  der  Sicherung  eines  Korps  von
intelligenten,  vertrauensvollen  Leuten  nicht  besitzt.  In  den  Gebäuden, ­
  die  man  jetzt  an  den  Übergangsstationen  aufgeführt  findet,
sind  Lesezimmer,  Büchereien  und  in  einzelnen  Fällen  —  besonders
auf  der  Route  Santa-Fe  —  sind,  wie  ich  höre,  auch  Billardtische
und  andere  Anstalten  zu  einem  billigen  Vergnügen  hergerichtet.
In  solchen  Gebäuden  und  Gemeinschaften,  welche  die  Arbeiter  zu
ihrem  Besten  in  sich  schließen,  haben  wir  den  letzten,  zugleich
aber  auch  besten  Beweis  dafür,  daß  die  Arbeitgeber  es  für  ihre
Pflicht  halten,  für  die  Verbesserungen  nach  jeder  Richtung  hin  zu
sorgen,  und  zwar  jetzt  viel  mehr  als  jemals  zuvor.
Man  darf  den  Eisenbahnmenschen  dazu  beglückwünschen,  daß,
wo  immer  Verbesserungen  in  seinem  Interesse  gemacht  worden
sind,  er  alles  Mögliche  getan  hat,  seine  Erkenntlichkeit  dafür  zu
zeigen,  und  daß  er  all  das  am  besten  zu  benutzen  wußte.  Eisenbahngesellschaften ­
  können  von  ihrem  Gelde  keinen  besseren  Gebrauch ­
  machen,  als  mehr  solche  Institutionen  zu  schaffen,  und  die
schon  bestehenden  zu  verbessern.  Die  Gesellschaft,  welche  für
ihre  Leute  in  der  angezeigten  Richtung  wirkt,  handelt  zugleich  am
vorteilhaftesten  für  ihre  Aktienbesitzer,  außerdem  wird  gerade  durch
solche  Fürsorge  der  Arbeiter  sich  zu  Hause  am  wohlsten  fühlen
und  selbst  darauf  am  stolzesten  sein.  Er  wird  für  solche  Gesellschaften ­
  am  willigsten  die  erschöpfende  Arbeit  leisten,  die  Vorsorge
für  die  mit  seinem  Berufe  verbundenen  Gefahren  auf  sich  nehmen
und  so  den  weiteren  Beweis  dafür  liefern,  daß  des  Arbeitenden
Interesse  und  das  Interesse  derjenigen,  deren  Geld  in  dem  Unternehmen ­
  steckt,  nicht  ein  entgegengesetztes,  sondern  ein  gemeinschaftliches ­
  ist.
Die  Behauptung,  daß  Arbeit  und  Kapital  Feinde  sind,  ist  eine
große  Täuschung,  sie  müssen  Verbündete  sein,  oder  keiner  von
beiden  wird  Erfolg  haben.  Ich  habe  früher  den  Vergleich  gebraucht,
daß  Arbeit  und  Kapital  die  Beine  eines  dreibeinigen  Stuhles  seien:
Der  Stuhl  kann  nicht  stehen  ohne  die  Unterstützung  aller  dieser
drei  Beine.  Darüber  zu  streiten,  welches  von  diesen  drei  Beinen
das  wichtigste  ist,  wäre  höchst  nutzlos;  auch  würde  die  Entscheidung ­
  darüber  von  sehr  wenig  Bedeutung  sein,  da  die  große
        <pb n="205" />
        190

XV.  Eisenbahnen  einst  und  jetzt.

Tatsache  bestehen  bleibt,  daß  alle  drei  gleich  wichtig  für  solche
Erfolge  sind,  wie  wir  sie  bei  den  großen  Verkehrslinien  unseres
Landes  beobachten.
Die  Männer  der  Eisenbahnwelt  können  sich  beglückwünschen
zu  der  stolzen  Stellung,  die  sie  dadurch  einnehmen,  daß  sie,  wie
ich  glaube,  die  allermäßigsten  unter  den  Arbeitern  sind.  Dadurch ­
  geben  sie  den  anderen  Arbeitern  an  dem  weit  in  die  Ferne
reichenden  Baume  der  Arbeit  ein  leuchtendes  Beispiel.  Infolgedessen ­
  kann  ihr  Einfluß  nur  von  unschätzbarem  Segen  sein.  Für
einen  Mann,  der  trinkt,  ist  kein  Platz  im  Eisenbahndienstsystem;
eigentlich  sollte  nirgends  Platz  für  ihn  sein.
Die  zufriedenstellenden  Beziehungen,  welche  im  großen  und
ganzen  zwischen  den  Eisenbahnangestellten  und  den  Gesellschaften
bestehen,  sollten  beiden  Teilen  Genugtuung  gewähren.  Dergleichen
dürfte  sicher  überall  zu  erreichen  sein,  wo  die  höheren  Beamten
intelligent  und  sympathisch  sind  und  sich  als  einen  Teil  der
Organisation  betrachten,  welche  die  Linien  in  Verwaltung  hat,
alle  Angestellten  inbegriffen  von  dem  Waggonschieber  zum  Zugführer ­
  und  so  durch  alle  Grade  bis  zum  Präsidenten  hinauf.
Im  Eisenbahndienst  ist  kein  Raum  für  einen  Gegensatz  zwischen ­
  Arbeitgeber  und  Arbeitnehmer,  denn  der  Präsident  und  der
Oberaufseher  besitzen  die  Bahn  ebensowenig  wie  irgendein  anderer
Angestellter.  Daher  kann  man  wohl  sagen,  sie  sind  Mitglieder
ein  und  derselben  Körperschaft  und  alle  möglichen  Grade  Diener
der  Eisenbahngesellschaft.  Der  Präsident  erkennt  daher  in  dem
Waggonschieber,  dem  Wegmann,  dem  Ingenieur  Angestellte,  gerade ­
  wie  er  selbst  einer  ist.  Er  empfindet  ihnen  gegenüber  die
Bande  der  Kameradschaft,  während  die  niederen  Beamten  in  dem
höheren  nur  einen  Genossen  sehen  und  wissen  sollten,  daß  in
allen  Dingen  der  Kompensation,  der  Disziplin  Vorschriften  von
diesem  Genossen  nicht  zu  seiner  eigenen  Selbstvergrößerung  gegeben ­
  werden,  sondern  für  eine  erfolgreiche  Instandhaltung  der
Linie.
Noch  eine  andere  erfreuliche  Ansicht  tut  sich  auf.  Der  Weg
zur  Beförderung  steht  jedermann  offen:  das  muß  jedweder  bezeugen. ­
  Ich  zweifle,  ob  viele  von  denen,  welche  in  autoritativer
Stellung  sind,  in  anderer  als  niederer  Stellung  begonnen  haben;
        <pb n="206" />
        XV.  Eisenbahnen  einst  und  jetzt.

191

:  *

sie  machten  ihren  Weg  nicht  durch  Gunst,  sondern  durch  eigenes
Verdienst.  Jeder  einzelne  in  der  Armee  der  Eisenbahnindustriellen
führt,  wie  Napoleon  von  seiner  eigenen  Armee  sagte,  den  Marschallstab ­
  im  Tornister.  Auf  Eisenbahnmenschen  liegt  eine  schwere
Verantwortung.  Sie  haben  über  das  Leben  des  Publikums  zu
wachen;  ich  brauche  nicht  hinzuzufügen:  des  reisenden  Publikums, ­
  denn  wir  alle  reisen  heutzutage.  Absolute  Nüchternheit,
andauernde  Wachsamkeit,  voller  Mut  und  Pflichttreue  werden  von
ihnen  gefordert,  und  daß  sie  diese  charakteristischen  Eigenschaften
besitzen,  ist  am  besten  bezeugt  durch  die  Stellung,  welche  sie
sich  erworben  und  die  sie  in  der  Schätzung  ihrer  dankbaren  Mitmenschen ­
  einnehmen.

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        <pb n="207" />
        XVI.  Eisen  und  Stahl  daheim  und  in  der
Fremde.

Großbritannien  war  bis  jetzt  in  der  Lage,  Stahl  billiger  zu
fabrizieren  und  auf  den  Markt  zu  bringen,  als  Deutschland;  jetzt
ist  Deutschland  Großbritannien  überlegen.  Großbritannien  produziert ­
  5  000  000,  Deutschland  6000  000  Tonnen.  Dennoch  hält
England  in  Europa  die  führende  Stellung.  Es  hatte  früher  die
Führerschaft  in  der  ganzen  Welt.  Aber  seine  Stellung  ist  heute
nur  noch  künstlich,  da  es  Koks  nicht  unter  10  M.  die  Tonne  zu
produzieren  vermag.  Bis  zu  den  Stahlwerken  kostet  sein  Koks
ungefähr  12  M.  die  Tonne.  Auch  seinen  gegenwärtigen  Vorrat
an  Erzen  kann  es  sich  nicht  voll  erhalten.  Diese  werden  täglich
seltener  und  deshalb  kostbarer.  Es  ist  zu  einem  großen  Teil  von
den  Bilbao-Bergwerken  in  Spanien  abhängig;  die  Besitzer  dieser
Bergwerke  wollen  jedoch  nicht  länger  eine  Garantie  für  die  Güte
ihres  Produktes  übernehmen,  daher  sind  die  englischen  Fabrikanten ­
  gezwungen,  zu  nehmen,  was  immer  sie  kriegen  können,
und  Jahr  für  Jahr  wird  der  Vorrat  spärlicher.  Unter  solchen  Verhältnissen ­
  vermag  Großbritannien  keineswegs  so  billig  Stahl  zu
machen,  wie  wir  in  Pittsburg  Stahl  fabrizieren  und  nach  England
senden  können.  Nebenbei  bemerkt,  sind  Großbritannien  und
aridere  fremde  Länder  die  Ablagerungsstätte  für  unsere  Überproduktion ­
  geworden,  und  das  bedeutet  mehr,  als  der  Uneingeweihte ­
  vermuten  dürfte.  Die  Carnegie-Stahlgesellschaft  macht
über  200  000  Tonnen  Stahl  monatlich,  und  Präsident  Schwab  sagte
mir  unlängst,  daß  nach  seiner  Ansicht  in  kurzem  ein  volles  Drittel
davon  ins  Ausland  gehen  werde.
Auch  die  Stellung  Deutschlands  ist  im  hohen  Grade  künstlich.
Allerdings  haben  sie  dort  einen  hohen  Schutzzoll;  die  Fabrikanten
        <pb n="208" />
        XVI.  Eisen  und  Stahl  daheim  und  in  der  Fremde.  193
sind  daher  in  der  Lage,  miteinander  verbunden,  auf  ihrem  einheimischen ­
  Markte  einen  hohen  Preis  zu  erzielen.  Das  setzt  sie
in  den  Stand,  ins  Ausland  zu  verladen  und  dort  billig  zu  verkaufen.
Auch  sie  streben  danach',  den  Weltmarkt  zu  ihrem  Schalter  zu
machen.  Es  waltet  jedoch  dabei  der  Unterschied  ob,  daß  die  in
Deutschland  von  den  Konsumenten  geforderten  Preise  die  Konsumption
  beschränken.  Unsere  eigenen  außerordentlich  niedrigen
Preise  —  3  Pfund  Stahl  für  2  Cent  —  vergrößern  dagegen  die
Kauflust.  Deutschlands  Stellung  ist  auf  Sand  gebaut.  Ich  bin  zwar
für  alle  diejenigen  Fälle  ein  strammer  Schutzzöllner,  in  denen  eine
Aussicht  besteht,  durch  zeitweiligen  Schutzzoll  den  Käufer  eines
bestimmten  Artikels  besser  und  billiger  mit  einheimischem  Fabrikat,
denn  mit  fremdem  zu  versorgen.  Wo  das  nicht  möglich  ist,  glaube
ich'  auch  nicht  an  den  Schutzzoll;  Deutschland  aber  hat  seine  gesunde ­
  Wirtschaftspolitik  verlassen  und  ist  jetzt  SchutzzollneriscK
geworden  nur  des  Zolles  wegen;  der  deutsche  Käufer  hat  keinen
Vorteil  davon.  Darin  zeigt  sich  eine  falsche  Wirtschaftspolitik.
Um  unseren  Außenhandel  in  Eisen  und  Stahl  noch  weiter
auszudehnen,  bedarf  es  nur  noch  eines:  regelmäßige  Dampferlinien ­
  nach'  allen  Teilen  der  Welt.  Wir  dürfen  ja  niemals  auf  solche
Verkehrsleichtigkeit  rechnen,  wie  sie  Großbritannien  besitzt,  da
dieses  eine  ungeheure  Masse  solcher  Güter  aus  verschiedenen
Teilen  der  Welt  erhält,  die  wir  Amerikaner  glücklicherweise  zu
Hause,  in  unserem  eigenen  Lande,  erzeugen 1 .  Infolgedessen  finden,
englische  Schiffe  leicht  Cargos  für  den  Heimweg;  die  Frachten
sind  daher  billiger;  doch  selbst  dieses  zu  unserem  Nachteil  obwaltende ­
  Verhältnis  vermögen  wir  durch  kleinere  Preise  für  unsere
Erzeugnisse  wieder  auszugleichen.  Wenn  wir  unseren  Vereinigten
Staaten  die  ihnen  zukommende  Stellung  als  die  Schiffsbauer  der
ganzen  Welt  wieder  verschaffen  könnten,  würde  unsere  Aufmerksamkeit ­
  sich'  sehr  bald  der  Errichtung  regulärer  Dampfschifflinien
zuwenden,  und  das  eben  besprochene  Hindernis  müßte  dann
schwinden.  Schön  jetzt  nimmt  unser  Ausfuhrhandel  solchen  Umfang ­
  an,  daß  er,  wie  leicht  ersichtlich,  verschiedene  neue  Dampferlinien ­
  durchaus  rechtfertigt;  nach  und  nach  werden  wir  auch  in
dieser  Richtung  weitere  Fortschritte  machen.  Ich  habe  die  Wichtigkeit ­
  einer  Schiffswerft  in  Neuyork  nachdrücklichst  betont;  sie
Carnegie,  Kaufmanns  Herrschgewalt.  13

WPS

mmm
        <pb n="209" />
        194  XVI.  Eisen  und  Stahl  daheim  und  in  der  Fremde.
muß  kommen.  Kapitalisten  werden  sehr  bald  einseh'en,  daß  darin
eine  Chance  für  sie  liegt,  da  der  Stahl-  und  Eisenmarkt  in  Neuyork
  viel  billiger  ist,  als  in  Belfast  und  am  Clyde.  Es  wird  nicht
mehr  lange  dauern,  bis  sich  das  nötige  Kapital  dazu  findet.
Unsere  gegenwärtigen  Werften  gedeihen  und  werden  sich
noch'  weiter  ausdehnen;  dennoch  ist  Raum  genug  für  eine  gute
Schiffswerft  in  Neuyork.  Die  Tatsache,  daß  Schiffe,  wie  St.  Pauli
und  die  St.  Louis,  die  Neuyork  und  Paris  nach  Southampton  fahren
müssen,  um  dort  gedockt  zu  werden,  nur  weil  der  große  Hafen
von  Neuyork  selbst  keine  Docks  hat,  auch  nur  groß  genug  für
diese  kleineren  Schiffe,  wirkt  geradezu  niederdrückend.  Ich  kam
mit  dem  in  Deutschland  gebauten  Kaiser  Friedrich 1  herüber.  Wer
einmal  mit  einem!  solchen  Schiff  fuhr,  dem  will  nichts  anderes
mehr  gefallen.  Wir  hätten  eine  schlechte  Oberfahrt,  die  schlechteste, ­
  die  ich 1  je  erlebt,  und  doch  befanden  wir  uns  außerordentlich ­
  wohl.
Die  Konsolidierung  der  Eisen-  und  Stahlinteressen  ist  die  Folge
natürlicher  Entwicklung.  Wenn  wir  3  Pfund  Stahl  für  2  Cent  verkaufen ­
  sollen,  muß  Stahl  in  Millionen  von  Tonnen  gemacht  werden. ­
  Es  äst  ein  geschlossenes  Rennen  für  alle  besten  Betriebe.
Man  muß  die  von  den  großen  Stahl-Aktien-Fabriken  während  der
letztvergangenen  Jahre  erreichten  Resultate  überschauen,  deren
Geschäftslage  durch  ihre  jährlichen  Berichte  öffentlich  bekannt
ist,  oder  deren  Eigentum  in  den  Händen  des  Steuererhebers  war:
dann  wird  man  wahrnehmen,  daß  ein  Preis  von  2  Cent  für  3  Pfund
Stahl  selbst  die  bestsituierten  Betriebe  beunruhigt.  Die  Betriebe,
welche  bei  diesen  Preisen  Geld  zusetzen,  müssen  irgendwie  Trost
suchen,  und  da  bietet  sich  dann  eine  Vereinigung  aller  Interessenten, ­
  wie  ein  zweites  Mesopotamien  als  etwas  Vielversprechendes ­
  dar.  Man  möge  mich  keineswegs  dahin  verstehen,  als
wollte  ich  irgendeinen  Schatten  auf  die  Verwaltung  dieser  Betriebe
werfen.  Weit  davon  entfernt.  Nicht  die  Verwaltung  —  die  Verhältnisse ­
  tragen  die  Schuld.  Stahl  kann  nun  einmal  so  billig,  wie
bisher,  nicht  ohne  Verlust  für  alle  dabei  in  Betracht  kommenden
Werke  verkauft  werden.
Vereinigung  der  Interessenten  ist  weise  und  notwendig.  Sie
stellt  einen  Schritt  nach'  der  rechten  Richtung  hin  dar.  Der  Stahl ­
        <pb n="210" />
        XVI.  Eisen  und  Stahl  daheim  und  in  der  Fremde.  195

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fabrikant  muß  sich  eben  mit  einem  sehr  bescheidenen  Nutzen
pro  Tonne  begnügen.  Sobald  ein  Betrieb  2500000  Tonnen  jährlich ­
  liefert,  braucht  es  nur  wenig,  um  Verlegenheiten  und  Not
fernzuhalten,  besonders  wenn  auf  dem  Betriebe  keine  Schuldverpflichtungen ­
  liegen.
Obgleich  der  Verbrauch  von  Eisen  und  Stahl  ungeheuer  groß
ist,  steigen  doch  die  Preise  nicht.  Ich  glaube  nicht,  daß  sich  die
Stahlkonsumption  noch  steigern  wird;  deshalb  halte  ich  dafür,
daß  unsere  Fabrikation  unsere  wirklichen  Bedürfnisse  übertrifft.
Wäre  dem  nicht  so,  dann  hätten  wir  ein  starkes  Anziehen  der
Preise  erleben  müssen;  das  ist  aber  durchaus  nicht  der  Fall.  Ganz
im  Gegenteil,  die  Preise  sind  viel  zu  niedrig,  um  selbst  nur  einen
mäßigen  Nutzen  abzuwerfen.  Eisenbahnen  zeigen  sich  außerordentlich ­
  ertragreich,  besonders  im  Westen.  Man  darf  hoffen,  daß  alle
Schienen,  deren  Fabrikation  möglich  ist,  einen  Markt  finden  werden. ­
  Auch  der  Gebrauch  von  Eisenschwellen  wird  bei  uns  wachsen,
wenn  der  Preis  niedrig  bleibt,  wie  bisher.  Gegenwärtig  verwendet
ein  verhältnismäßig  kleines  Land,  wie  Deutschland,  dreimal  so
viel  Eisenbahnschwellen,  wie  die  Vereinigten  Staaten.  In  Deutschland ­
  denkt  niemand  an  den  Bau  eines  anderen  als  feuersicheren
Hauses.  Bei  uns  bauen  nur  die  Millionäre  ihre  Häuser  feuersicher;
ich  kenne  sogar  einige  Millionäre,  die  erst  unlängst  nur  feuerfeste
Türen  eingeführt  haben.  In  kurzem  wird  auch  bei  uns,  wie  in
Deutschland,  jedes  gewöhnliche  Haus  feuerfest  gebaut  werden.
Gegenwärtig  aber  könnte  alles  in  den  Vereinigten  Staaten  für  den
Hausbau  verwendete  feuerfeste  Material  von  der  Carnegie-Stahl-Gesellsch'aft
  allein  fabriziert  werden.  Es  ist  an  und  für  sich  ein
sehr  kleines  Feld,  aber  es  zeigt  die  Möglichkeiten  für  eine  größere
Ausnutzung  und  einen  vermehrten  Verbrauch  des  Stahls  und
Eisens.
        <pb n="211" />
        XVII.  Die  Manchester-Schule  und  die
Gegenwart.
Während  unlängst  der  Exprernier  Rosbery  in  Manchester
über  die  Triumphe  des  Freihandels  in  volles  Lob  ausbrach,  beschwor ­
  der  Minister  des  Auswärtigen  in  Wien,  Graf  Goluchowsky,
die  Nationen  Europas,  sich  gegen  den  zerstörenden  Wettbewerb
der  transeuropäisdhen  Länder  zu  verbinden.
„Wir  müssen  Schulter  an  Schulter  kämpfen  gegen  die  gemeinschaftliche ­
  Gefahr,“  ruft  er  aus,  „und  mit  allen  zu  Gebote  stehenden ­
  Mitteln  uns  für  den  Kampf  vorbereiten.  Die  europäischen
Völker  müssen  in  geschlossener  Linie  fechten,  wenn  sie  ihre  Existenz ­
  mit  Erfolg  verteidigen  wollen.“
So  treffen  sich  hier  wieder  die  Extreme,  und  wir  sehen,  wieviel ­
  von  dem  Gesichtspunkt  abhängt,  von  dem  aus  man  die  Dinge
betrachtet.  Hätten  sich  die  Vorhersagungen  der  Manchesterschule
erfüllt,  dann  würden  heute  die  billigen  Waren  von  jenseits  des
Weltmeeres  als  ein  volkswirtschaftlicher  Gewinn  gepriesen  und  als
ein  Segen  —  anstatt  einer  Drohung  —  für  die  Empfänger  angesehen ­
  werden.  Jeder  Hafen  würde  sich  dann  dem  Einströmen
dieser  Güter  öffnen  und  die  neuen  Länder,  die  dieselben  Güter
liefern,  würden  als  Wohltäter  gepriesen  werden,  denn  freier  Güteraustausch ­
  war  früher  die  Parole,  und  man  ließ  es  sich  nicht  träumen,
daß  die  Güter,  welche  die  alte  Welt  nach  der  neuen  liefert,  Konkurrenzartikel ­
  für  die  alte  Welt  werden  sollten;  und  doch  liegt
darin  der  ganze  Unterschied.
Vor  sechzig  Jahren  begann  zu  Land  und  zur  See  die  Dampfkraft ­
  und  Eisenbahn  ihr  alles  umwälzendes  Werk.  Ihr  eigentlicher
Schöpfer  Großbritannien,  auf  Kohlenbergwerken  und  Eisenstein  ge ­
        <pb n="212" />
        lagert,  wurde  ganz  natürlich  das  Land  ihrer  weiteren  Entwicklung. ­
  Die  Welt  verhielt  sich  mehr  als  Zuschauer,  während  in
England  mit  der  Entwicklung  der  Dampfkraft  eine  vollkommene
Umwälzung  begann.  Jedes  andere  Land,  welches  sich  der  Vorteile ­
  der  neuen  Erfindung  bemächtigen  wollte,  war  gezwungen,
sich  zu  diesem  Zwecke  nach  Großbritannien  zu  wenden.  Großbritannien ­
  erfüllte  sein  Geschick:  es  wurde  sehr  bald  die  Werkstatt ­
  der  ganzen  Welt.
Damals  erschien  auf  der  volkswirtschaftlichen  Bühne  die  Manch'esterschule
  —  Cobden,  Villiers,  Bright  und  ihre  Anhänger.  Sie
forderten  im  Interesse  der  großen  Massen  die  Aufhebung  aller
auf  Nahrungsmitteln  liegenden  Steuern  und  Abgaben.  Die  Aufhebung ­
  all  dieser  Abgaben,  welche  unter  dem  Freihandelsystem  in
Großbritannien  im  Gegensatz  zum  Schutzzollsystem  vor  sich  ging,
hat  nur  wenig  mit  der  modernen  Schutzzolldoktrin  zu  tun,  wie  sie
jetzt  in  anderen  Ländern  bekannt  ist.  Solche  Abgaben  auf  Nahrungsmittel ­
  konnten  nimmer  von  den  Schutzzöllnern  der  Gegenwart
verteidigt  werden,  da  es  unmöglich  sein  würde,  durch  eine  solche
Maßregel  die  Masse  der  Nahrungsstoffe  irgendwie  beträchtlich
zu  vermehren.  Der  einzig  gesunde  Verteidigungsgrund  für  den
Schutzzoll  ist  nach  Ansicht  des  kosmopolitischen  Schützzöllners
eine  Hebung  der  einheimischen  Produktion  in  dem  betreffenden
Artikel,  groß  genug,  um  der  Nation  einen  sicheren  und  besseren
Vorrat  darin  zu  verschaffen,  als  welchen  sie  jemals  vom  Auslande
her  erhielt.  Eine  unter  soldien  Bedingungen  erhobene  Abgabe  wird
von  John  Stuart  Mill  in  einer  berühmten  Stelle  seiner  Schriften
befürwortet.  John  Bright  sagte  einst  in  bezug  darauf  zum  Verfasser
dieser  Zeilen,  solche  Abgaben  würden  viel  mehr  Unglück  über
die  Welt  bringen,  als  der  Schriftsteller  John  Stuart  Mill  jemals
Gutes  gewirkt  hätte.  Die  gleichen  Abgaben  werden  auch  von
Marschall  für  zweckmäßig  oder  unzweckmäßig,  je  nach  den  Umständen, ­
  angesehen.  Sie  bilden  gerade  das,  was  heutzutage  außerhalb ­
  Großbritanniens  unter  Prohibitiv  oder  Schutzzoll  verstanden
wird.  Die  mit  dieser  Abgabe  verbundenen  Verhältnisse  haben  sich
ganz  und  gar  nicht  verändert,  und  darauf  steht  das  Werk  der
Großbritannien  in  die  Lage  zu  setzen,  soviel  Nahrungsmittel  zu
        <pb n="213" />
        198  XVII.  Die  Manchester-Schule  und  die  Gegenwart.
erzeugen,  wie  die  Einwohner  des  Landes  bedürfen,  würde  eine
zeitweise  Abgabe  auf  Nahrungsstoffe  insofern  rechtfertigen,  als  sie
Kapital  für  die  Entwicklung  des  neuen  Verfahrens  heranzuziehen
geeignet  wäre.  Aus  dem  hier  erklärten  Grunde  verurteilt  der
moderne  Verteidiger  des  Schutzzolles  geradeso  streng  wie  nur
irgendein  Enthusiast  für  die  Aufhebung  der  Korngesetze  die  Abgaben ­
  auf  Nahrungsstoffe  für  Großbritannien.  Der  wunderbare
Erfolg  der  britischen  Erfindungen  —  des  Dampfschiffes  und  der
Eisenbahn  —  und  die  Erträgnisse,  welche  die  Folge  der  Oberherrschaft ­
  über  jede  Industrie  der  Welt,  die  diese  Erfindungen
England  gaben,  waren,  verbunden  mit  den  zweifellosen  Vorteilen
der  freien  Einfuhr  aller  und  jeder  Nahrungserzeugnisse,  führten
natürlicherweise  zu  außerordentlich  sanguinen  Aussichten  für  die
zukünftige  Stellung  und  das  zukünftige  Gedeihen  der  Vereinigten
Königreiche.  Die  erfolgreichen  Apostel  der  Manchesterschule  waren
unter  allen  anderen  Leuten  selbstverständlich  die  hoffnungsreichsten.
Die  Lehren,  welche  sie  aus  den  damals  bestehenden  Bedingungen ­
  ableiteten,  waren  folgende:  Die  Natur  hat  beschlossen  —
und  das  gar  weise  —  daß  alle  Nationen  der  Erde  untereinander  und
voneinander  abhängig  sein  sollen;  sie  gab  daher  der  einen  fruchtbares ­
  Erdreich,  der  anderen  reiche  Bergwerke,  der  dritten  große
Wälder;  der  einen  Sonnenschein  und  Hitze,  der  anderen  eine
gemäßigte  Zone  und  wieder  einer  anderen  ein  kaltes  Klima.  Die
eine  Nation  hat  diese,  die  andere  jene  Bestimmung;  eine  dritte
wiederum  eine  andere  Bestimmung.  Alle  Nationen  zusammen
machen,  während  jede  ihr  natürliches  Produkt  hervorbringt,  ein
großes  harmonisches  Ganzes  aus.  Welch  ein  schönes  Bild.  Und
ihm  folgt  der  zweite  Grundsatz.
Es  ist  klar  zu  erkennen,  daß  Großbritannien  die  höhe  Sendung
erhalten  hat,  für  alle  anderen  Nationen  zu  fabrizieren.  Unsere
Rassenverwandten  von  jenseits  des  Meeres  sollen  auf  unseren
Schiffen  ihre  Baumwolle  von  den  Tälern  des  Mississippi,  Indien
soll  uns  seine  Jute,  Rußland  seinen  Hanf  und  Flachs,  Australien ­
  seine  feineren  Wollen  senden,  und  wir  werden  mit  unseren
natürlichen  Hilfsmitteln,  wie  Reichtum  an  Kohle  und  Eisenstein,
mit  unseren  Fabriken  und  Werkstätten,  mit  unseren  gelernten
Mechanikern  und  unserem  ungeheuren  Kapital  die  nötigen  Maschi ­
        <pb n="214" />
        XVII.  Die  Manchester-Schule  und  die  Gegenwart.  199

nen  erfinden  und  konstruieren.  Wir  wollen  das  Material  lür  die
anderen  Völker  in  feines  Tuch  weben,  und  alles  soll  bei  uns  in
die  rechte  Form  gebracht  und  für  den  Gebrauch  der  übrigen
Menschheit  genügend  zugerichtet  werden.  Unsere  Schiffe,  die
zu  uns  mit  dem  Rohmaterial  kommen,  sollen  zu  allen  Teilen  der
Erde  zurückkehren,  beladen  mit  den  aus  Rohmaterial  fabrizierten
Erzeugnissen.  Dieser  Austausch  von  Roherzeugnissen  mit  vollendet ­
  ausgestatteten  Erzeugnissen  macht,  entsprechend  den  Naturgesetzen, ­
  jede  Nation  zum  Diener  der  anderen  und  verkündet
die  Brüderschaft  der  Menschen.  Friede  und  Hilfsbereitschaft  soll
auf  Erden  herrschen.  Eine  Nation  nach  der  anderen  muß  unserem ­
  Beispiel  folgen,  und  freier  Güteraustausch  wird  überall  vorherrschen. ­
  Die  Häfen  der  anderen  Völker  sollen  sich  der  Aufnahme ­
  unserer  vollendeten  Erzeugnisse  weit  öffnen;  unsere  Häfen
aber  stets  offen  bleiben  für  ihr  Rohmaterial.
Das  war  der  Glaube,  das  die  Hoffnung  und,  von  den  zugrunde
liegenden  Voraussetzungen  aus  beurteilt,  die  nicht  unvernünftige
Erwartung  der  Manchesterschule.  Denn,  um  diesen  guten  und
großen  Männern  gerecht  zu  werden:  das  Gemälde,  welches  sie
zeichnten,  verwirklichte  sich  in  der  Tat.  Großbritannien  wurde
die  Werkstatt  der  Welt,  und  jede  der  großen  Nationen  spielte
wirklich  die  Rolle  und  tat  wirklich  Dienste,  welche  in  dem  Programm ­
  der  Manchesterschule  für  jeden  vorgesehen  waren.  Kein
anderes  Volk  machte  jemals  solche  Fortschritte  und  häufte  solche
Reichtümer  an  —  auf  Grund  seiner  Fabrikationserzeugnisse  —
wie  Großbritannien  in  jener  geschichtlichen  Epoche.
Der  Prospekt  der  Barrow  Stahl  Companie  stellt  fest,  daß
der  Reingewinn  30—40  per  Hundert  jährlich  betrug,  ja  in  einem
Jahre  hatte  der  Gewinn  die  unglaubliche  Höhe  von  60  Proz.  des
eingelegten  Kapitals  erreicht.  Und  das  ist  nur  ein  Beispiel  unter
den  vielen  unerreicht  gebliebenen  Gewinnen,  die  von  britischen
Fabrikanten  in  jener  Zeit  gemacht  wurden,  da  die  Welt  ihnen
zu  Füßen  lag,  d.  h.  in  der  Zeit,  ehe  eine  kräftige  Konkurrenz  die
Gewinne  wesentlich  reduzierte  und  in  vielen  Fällen  ganz  und  gar
verschwinden  machte.  Gewiß  war  diese  Belohnung,  so  groß  sie
auch  gewesen,  verdient  von  der  Nation,  welche  der  Welt  die  Dampfkraft ­
  gegeben,  ein  neues  Zeitalter  der  Maschinen  begonnen  und
        <pb n="215" />
        200  XVII.  Die  Manchester-Schule  und  die  Gegenwart.
dadurch  die  Menschheit  für  alle  Zeit  zu  ihrem  Schuldner  gemacht
hatte.
Das  Naturgesetz,  wie  es  von  der  Manchesterschule  verstanden
wurde,  gründete  sich  auf  die  Voraussetzung,  daß  die  Hilfsquellen
der  verschiedenen  Länder  der  Erde  ganz  und  gar  voneinander  verschieden ­
  seien;  ebenso  die  Fähigkeit  von  Männern  und  Frauen,  und
daß  bloß  in  Großbritannien  fabriziert  werden  könnte.  Daß  Werkzeugstahl ­
  oder  gar  Maschinen  auch  anderswo  gemacht,  die  feinsten
Woll-,  Linnen-  und  Baumwollstoffe  mit  Erfolg  auch  in  anderen
Ländern  erzeugt  werden  könnten,  das  alles  waren  Voraussetzungen,
welche  zu  jener  Zeit  nicht  einmal  in  Betracht  gezogen  wurden  und
die,  wenn  jemand  dergleichen  gewagt  haben  würde,  mit  Spott  begrüßt ­
  worden  wären.
Es  wäre  unvernünftig  vorauszusetzen,  daß  die  fähigen  Führer
der  Manchesterschule  jemals  gedacht  hätten,  die  ersten  Völker
der  Erde  —  oder  solche,  die  danach  trachteten,  erste  Völker  zu
werden  —  würden  sich  damit  für  immer  begnügen,  eine  so  untergeordnete ­
  Rolle  wie  die  ihnen  zugeschriebene  zu  spielen,  hätte
das  weite  Feld  der  Fabrikation  diesen  Völkern  zurzeit  offen  gestanden. ­

Die  eigentliche  Grundstruktur  des  Gebäudes,  welches  die  Manchesterschule ­
  aufführte,  bestand  eben  in  der  Voraussetzung,  daß
die  verschiedenen  Nationen  von  der  Natur  selbst  einzig  und  allein
zu  Rohmaterialerzeugern  und  zu  nichts  anderem  bestimmt  wären.
Gerade  im  Gegensatz  zu  dieser  Anschauung  haben  jetzt,  nach
einem  gewaltsamen  Aufraffen,  die  übrigen  Völker  ohne  Ausnahme
den  Ehrgeiz,  das  bei  ihnen  erzeugte  Rohmaterial  selbst  zu  verarbeiten. ­
  Um  sich  diesen  Erfolg  zu  sichern,  bedurften  sie  weder
britischen  Kapitals  noch  britischer  Geschicklichkeit.  In  der  Tat
ist  es  diesem  Umstande  allein  zu  verdanken,  daß  die  Kolonien  des
äußersten  Ostens  mit  dem  Mutterlande  konkurrieren  können;  obgleich ­
  die  Hilfsquellen  dieser  östlichen  Völker  sehr  gering  und
für  Fabrikationszwecke  unzureichend,  dazu  die  Bevölkerungen  unfähig ­
  waren  —  ganz  wie  die  Manchesterschule  es  angenommen
hatte  —  so  zeigte  sich  doch  der  Erfolg  ihrer  Fabrikationsbestrebungen ­
  im  großen  und  ganzen  geradezu  überraschend.
Deutschland  wurde  eines  der  größten  Industrieländer;  Frank ­
        <pb n="216" />
        XVII.  Die  Manchester-Schule  und  die  Gegenwart.  201

reich  und  die  Schweiz  haben  die  Seidenindustrie  in  Europa  beinahe
monopolisiert;  Rußland  schickt  sich  an,  Stahl  und  Ingenieurwerke
unter  der  Aufsicht  der  allergeschicktesten  Konstrukteure  zu  erbauen. ­
  Zwei  von  diesen  Werken  sind  jetzt  so  weit  vorgeschritten,
daß  sie  Nebenbuhler  ihrer  Urbilder,  der  größten  Werke  Amerikas,
geworden.  Japan  und  China  bauen  Fabriken  ganz  nach  neuestem
vorzüglichstem  Muster  immer  mit  britischen  Maschinen  und  gewöhnlich ­
  unter  der  Leitung  von  Engländern;  Mexiko  webt  Baumwollstoffe, ­
  erzeugt  Papier,  und  zwei  Fahrradfabriken  sind  dort
im  Bau  begriffen.  Die  Jute-  und  Baumwollfabriken  Indiens  sind
schon  jetzt  zahlreich  und  werden  noch  jeden  Tag  zahlreicher.
In  Bombay  führt  man  augenblicklich  große  Maschinenwerke  auf.
Es  ist  festgestellt  worden,  daß  ein  großes  britisches  Werk  jede
Woche  den  vollen  Maschinenbedarf  für  eine  neue  Fabrik  versendet.
Noch  besonders  hier  von  Amerika  zu  sprechen,  erscheint  ganz
unnötig.  So  hat  jede  einzelne  Nation  ersten  Ranges  oder  wenigstens ­
  jede,  die  die  Elemente  zukünftiger  Bedeutung  in  sich  trägt,
die  Rolle,  welche  die  Manchesterschule  ihr  zuschrieb,  abgelehnt
mit  dem  Ehrgeiz,  für  sich  selbst  zu  fabrizieren.  Die  Nationalökonomie ­
  beweist  jetzt,  daß  es  der  Menschheit  zum  Wohl  gereicht, ­
  wenn  die  Transportkosten  zwischen  Stofferzeuger  und  Fabrikanten, ­
  wie  sie  durch  die  weite  Entfernung  der  beiden  voneinander
bis  dahin  zu  leisten  waren,  beseitigt  werden  können.  Zweifellos ­
  werden  Fabrikationsversuche  von  kleinen  Gemeinwesen  unternommen, ­
  fehlschlagen  und  wieder  aufgegeben  werden,  im  großen
und  ganzen  jedoch  erscheint  der  Erfolg  sicher.
Einzelne  Länder,  besonders  Deutschland  und  Amerika,  geben
sich  nicht  damit  zufrieden,  ihre  eigenen  Bedürfnisse  zu  decken,
sondern  treten  jetzt  sogar  als  Ausfuhrländer  vieler  Artikel  im
Wettbewerb  zu  anderen  Ländern  auf.  Verschiedene  solcher  Artikel
kommen  auch  nach  den  Vereinigten  Königreichen,  und  wenn  früher
andere  Völker  die  Erfahrung  machten,  daß  unzählige  ihrer  Gebrauchsartikel ­
  in  Großbritannien  fabriziert  wurden,  so  kommt  jetzt
ein  ähnliches  den  Briten  zum  Bewußtsein.  Sie  müssen  sich  selbst
eingestehen,  daß  sie  ein  gut  Teil  menschlicher  Schwäche  in  sich
tragen,  nicht  gar  sehr  verschieden  von  der  Schwäche  anderer
Völker.  Ganze  Massen  von  Artikeln,  fabriziert  in  Deutschland

»
        <pb n="217" />
        202  XVII.  Die  Manchester-Schule  und  die  Gegenwart.
„made  in  Germany“,  verursachen  dem  Engländer  Nervosität.  Abschlüsse ­
  für  Lokomotiven,  die  in  London,  Dublin  und  Edinburgh
mit  amerikanischen  Fabrikanten  gemacht  werden,  billigt  der  Brite
nicht.  Glasgow  verwirft  ein  amerikanisches  Angebot  für  Wässerröhren ­
  und  gibt  es  Glasgower  Fabrikanten  zu  höheren  Preisen.
Wenn  eine  große  Fahrradausstellung  in  London  stattfindet,  vermag ­
  man  keinen  Platz  für  amerikanische  Fahrräder  zu  finden.
Regierungsaufträge  sogar  für  Schreibmaterialien  sollen  durch  Einheimische ­
  gedeckt  werden.  Obgleich  ausländischen  Produkten  freier
Eintritt  nicht  verweigert  wird,  soll  doch  im  Falle  von  Kaufaufträgen
der  Fremde  sich  nicht  bemühen.  Die  Posten  müssen  mit  langsamen
Schiffen  gehen,  welche  im  Lande  gemacht  sind,  selbst  wenn  die
Post  dadurch  Verzögerung  erleidet.  Man  konnte  dergleichen
nur  erwarten  und  mag  es  sogar  entschuldigen.  Der  ist  ein  schlechter ­
  Bürger,  welcher  sein  eigenes  Land  nicht  vorzieht  und  begünstigt, ­
  gegenüber  fremden  Ländern.  Aber  der  Engländer  dürfte
dann  auch  erwarten,  daß  der  Amerikaner  und  der  Deutsche  gerade
so  patriotisch  verfahren,  wie  er  selbst.  Mit  denselben  Gefühlen,
mit  denen  er  in  Deutschland  und  Amerika  angefertigte  Konkurrenzartikel ­
  sieht,  betrachten  auch  naturgemäß  der  patriotische
Deutsche  und  Amerikaner  in  England  fabrizierte  Konkurrenzartikel,
die  in  ihr  Land  kommen.
Es  ist  heutzutage  klar,  daß  die  Natur  mit  viel  volleren  Händen ­
  die  unumgänglich  nötigen  Minerale,  wie  Kohle,  Kalk  und
Eisenstein,  ausgestreut  und  die  Frauen  und  Männer  der  meisten
Länder  mit  einer  nur  schlummernden  Geschicklichkeit  ausgestattet
hat,  die  ausreicht,  unter  den  gegebenen  Bedingungen  das  Rohmaterial ­
  des  eigenen  Landes  zu  verarbeiten;  in  vielen  Fällen  vielleicht ­
  nicht  ganz  so  gut,  in  dem  einen  oder  anderen  Falle  ebensogut ­
  wie  England  und  Amerika.  Infolgedessen  existieren  jetzt
nicht  nur  eins  oder  zwei,  sondern  viele  hervorragende  Industrieländer. ­

Die  wundervollen  Maschinen  meist  englischer  Erfindung  besonders ­
  in  Eisen-,  Stahl-  und  Textilgewerben,  befähigen  den  Hindu
Indiens,  den  Paeon  Mexikos,  den  Neger  Amerikas,  sowie  den
Chinesen  und  Japaner  mit  dem  besser  erzogenen  Arbeiter  Großbritanniens ­
  und  Amerikas  in  Wettbewerb  zu  treten.  Die  früher
        <pb n="218" />
        XVII.  Die  Manchester-Schule  und  die  Gegenwart.  203

so  notwendige  Geschicklichkeit  ist  heute  nicht  mehr  so  sehr  erforderlich; ­
  dort  wo  sie  in  einzelnen  Stellungen  größerer  Werke
noch  unentbehrlich,  kann  sie  leicht  aus  den  älteren  Industrieländern ­
  beschafft  werden.  Automatische  Maschinen  sind  heutzutage
ein  bedeutender  Faktor  für  die  Fabrikation  von  Massenartikeln;
letztere  können  deshalb  ohne  die  technisch  erzogenen  Arbeiter
Britanniens  und  Amerikas  mit  Erfolg  fabrizert  werden.  So  wurde
es  möglich,  daß  Industriemittelpunkte  in  Ländern  sich  bildeten,
deren  Schicksal  es  bis  in  die  letzten  Jahre  zu  sein  schien,  auf  das
Erzeugnis  von  Rohmaterial  beschränkt  zu  bleiben.  Überall  sehen
wir  jetzt  den  großen  Einfluß  dieses  neuen  Maschinenwesens.  Man
darf  es  heute  als  ein  Axiom  hinstellen,  daß  Rohmaterial  gegenwärtig ­
  die  Macht  der  Kapitalanziehung  sowie  auch  die  weitere
Macht  besitzt,  Arbeit  für  seine  Fabrikation  in  nächster  Nachbarschaft ­
  anzuziehen  und  zu  entwickeln;  ebenso  daß  gelernte  Arbeit
seine  frühere  Macht,  Rohmaterialien  aus  der  Ferne  an  sich  zu  ziehen,
zu  verlieren  anfängt;  darin  spricht  sich  nicht  nur  eine  Veränderung, ­
  sondern  eine  vollständige  Umwälzung  aus.
Die  Tätigsten  und  Besten  jedes  Landes  sind  bereit,  alles
für  die  Entwicklung  seiner  Hilfsquellen  zu  tun;  sie  halten  es  für
ein  Unrecht,  die  ihnen  gegebenen  Talente  zu  verbergen,  und  sehen
jetzt  deutlich'  und  klar,  wie  das  wahre  Naturgesetz  darin  besteht,  daßi
der  Segen  der  verschiedenartigsten  Industrien  vielen  Völkern  zugute ­
  kommt,  und  daß  dadurch  die  verschiedenartigsten  Talente
freien  Spielraum  finden.
Das  alles  konnte  die  Manchesterschüle  unmöglich  voraussehen.
Es  ist  ein  Vergnügen,  die  Bewegungen  der  verschiedenartigsten
Nationen  auf  dem  Vormarsche  für  industriellen  Fortschritt  unter
den  neuen  Bedingungen  zu  übersehen.  Wären  nur  ein  oder  zwei
Völker  die  Hauptindustriellen  für  alle  Völker  geworden,  dann
wäre  eben  nur  der  Genius  dieser  Völker  bei  dem  Werke  der
Vervollkommnung  und  Erfindungen  in  Betracht  gekommen.  Heutzutage ­
  ist  jedoch  der  Genius  vieler  Völker  an  der  Arbeit  und  noch
mehrere  werden  nachfolgen.  Gleich  erfreulich  ist  die  Tatsache,
daß  der  Genius  eines  jeden  Volkes  sich  gewöhnlich  nach  einer
besonderen  Richtung  hin  vorzüglich  auszeichnet.  So  hat  beispielsweise ­
  Frankreich  das  Allerfeinste  im  Textilgewerbe  beinahe  mono-
        <pb n="219" />
        ■  -  ,,  ,,  „  y  :

3

204

XVII.  Die  Manchester-Schule  und  die  Gegenwart.

polisiert,  geradeso  wie  es  sich  schon  lange  der  ersten  Stelle  in  der
Fabrikation  von  Frauenschmuck  erfreut.  Britannien  nimmt  die
erste  Stelle  in  der  Maschinenfabrikation  für  Textilgewerbe  ein.
Sie,  die  Erfinderin  der  Eisen-  und  Stahlindustrie,  ist  zugleich,
die  Führerin  der  Welt  in  der  erfolgreichen  Fortbildung  eines
Seitenzweiges  der  Fabrikation  von  Koksöfen;  etwas,  worin  bis
jetzt  wir  Amerikaner  sogar  ohne  jeden  Erfolg  gewesen  sind.
Amerika  hält  das  Feld  in  der  Anwendung  von  Elektrizität  und
Maschinenwerkzeugen,  Deutschland  ist  allen  überlegen  in  chemischen ­
  Farben  und  liat  ganz  kürzlich  einen  Dampfkondensator  erfunden, ­
  der  außergewöhnliche  Resultate  zeigt;  ebenso  einen  sehr
bemerkenswerten  Prozeß  für  Waffenfabrikation.  So  wird  der  Fortschritt ­
  nach  allen  Richtungen  hin  durch  die  Arbeiten  mannigfacher
Geister  von  verschiedener  Nationalität  gefördert.
Die  aufstachelnde  Konkurrenz,  welche  zwischen  den  Nationen
begonnen  hat  und  die,  wie  wir  erwarten  mögen,  sich  in  Zukunft
noch  steigern  wird,  ist  das  rechte  Mittel  für  Gewinnung  der  denkbar ­
  besten  Ergebnisse;  sie  kann  deshalb  nur  willkommen  geheißen ­
  und  ermutigt  werden  von  denen,  die  sich  selbst  über  die
enge  Anschauung  dessen  erheben,  was  nur  für  ein  oder  zwei
geographische  Breiten  der  Welt  das  beste  zu  sein  scheint,  und
die  dasjenige  in  Betracht  ziehen,  was  das  beste  für  das  ganze
menschliche  Geschlecht  ist.
Die  tatsächliche  industrielle  Entwicklung  der  Welt  nimmt  allerdings ­
  eine  von  der  vorhergesagten  Entwicklung  weit  verschiedene ­
  Richtung.  Dennoch  soll  das  große,  von  der  Manchesterschule ­
  geleistete  Werk  weder  bemängelt  noch  vergessen  werden.
Villiers,  Cobden,  Bright  und  ihre  Streiter  haben  mit  der  Bekämpfung ­
  der  Abgaben  auf  Lebensmitteleinfuhr  ihrem  Lande  einen
Dienst  erwiesen,  für  welchen  es  ihnen  nie  genug  dankbar  sein
kann.  Ihre  Hingabe  an  die  Sache  des  Friedens  und  an  alles,
was  ihrer  Idee  nach  dazu  beitragen  konnte,  eine  Brüderschaft  der
Nationen  zu  schaffen,  gibt  den  Führern  einen  sichern  Platz  in  der
Geschichte  der  Wohltäter  der  Menschheit  und  als  Verteidiger  edler
Endzwecke.  Daß  einige  ihrer  Vorhersagungen  zu  schänden  gemacht ­
  oder  geradezu  ins  Umgekehrte  durch  Kräfte  verwandelt
wurden,  welche  seit  jener  Zeit  ihr  Spiel  erst  begannen,  stellt
        <pb n="220" />
        XVII.  Die  Manchester-Schule  und  die  Gegenwart.  205

weder  ihren  Scharfsinn  in  Schatten,  noch  vermindert  es  ihre  Verdienste. ­

Der  Freihandel,  den  Manchester  sah  und  dessen  allgemeine
Annahme  es  vorhersagte,  betraf  den  Austausch  verschiedener  unter
sich  nicht  konkurrierender  Artikel  und  den  Austausch  von  Rohmaterial ­
  gegen  Industrieerzeugnisse:  denn  die  Völker  hatten  zu
jener  Zeit  noch  nicht  begonnen,  untereinander  in  denselben  Industrieerzeugnissen ­
  ernstlich  zu  wetteifern.  Wenn  das  heutzutage
nicht  verwirklicht  wurde,  weil  die  hauptsächlichsten  Nationen  Verarbeiter ­
  ihrer  eigenen  Rohmaterialien  wurden,  ihre  Bedürfnisse
selbst  deckten  und  dabei  auf  dem  Weltmärkte  mit  ähnlichen  Erzeugnissen ­
  konkurrierten,  so  können  wir  uns  doch'  andererseits
dazu  beglückwünschen,  daß  sich  sogar  etwas  Besseres  für  den
Fortschritt  der  Welt  mit  reißender  Eile  vollzogen  hat  als  die
Manchesterideale.
Es  ist  nutzlos,  darüber  Betrachtungen  anzustellen,  wie  die
Stellung  der  verschiedenen  Nationen  untereinander  sich  in  Zukunft
gestalten  wird,  da  die  bestehenden  Bedingungen  sich  jeden  Tag
verändern  können.  Eine  chemische  Entdeckung,  eine  elektrische
Erfindung,  bis  dahin  unbekannte  Eigenschaften  benutzten  Materials,
kurz,  irgend  dergleichen,  oder  irgendeine  andere  nicht  unwahrscheinliche ­
  Überraschung,  an  deren  Schwelle  wir  zeitweise  zu
stehen  scheinen,  kann  eine  volle  Umwandlung  hervorrufen.  Der
Ersatz  des  Zuckerrohres  durch  die  Zuckerrübe  hat  vor  nicht  allzu
langer  Zeit  Westindien  vernichtet,  obgleich  es  als  Zuckerland  fast
ein  Monopol  zu  bestizen  schien;  die  Entwicklung  der  Mesaba-Eisenminen,
  verbesserte  Verkehrsmittel  und  andere  geringere  Ursachen ­
  haben  Amerika  gerade  jetzt  zum  billigsten  Erzeuger  von
Stahl  gemacht,  während  es  bis  dahin  sein  teuerster  Erzeuger  war;
der  basische  Prozeß  hat  Deutschland  in  der  Stahlproduktion  zu
einer  führenden  Stellung  verholten,  während  es  vorher  von  diesem
Gebiete  gänzlich  ausgeschlossen  schien;  derselbe  Prozeß  verspricht
kaum  weniger  bedeutende  Wirkungen  für  Großbritannien.  Die
Entdeckung  von  Bergwerken  und  die  Ausdehnung  seines  Eisenbahnsystems ­
  dürften  Rußland  bald  zu  einem  wichtigen  Industrieland ­
  machen,  während  es  bisher  als  solches  nur  wenig  zählte.
Die  Ausnützung  der  Wasserfälle  für  Elektrizität,  die  Verschiebung
        <pb n="221" />
        XVIII.  Was  für  Tarife  würde  ich  aufstellen,
wenn  ich  Zar  wäre 1 )?
Fast  möchte  ich  sagen,  die  Frage  gefällt  mir,  und  ich  schicke
mich  deshalb  an,  sie  zu  beantworten.  Die  Ausgaben  der  Regierung
der  Vereinigten  Staaten  belaufen  sich  der  Schätzung  des  Sekretärs ­
  Carlisle  zufolge,  für  das  Rechnungsjahr  1892  auf  424  Millionen,
die  Einnahmen  auf  404  Millionen  Dollar,  so  daß  ein  Fehlbetrag
von  20  Millionen  Dollar  bleibt.  Carlisle  schätzt  für  das  nächste
Jahr  den  Überschuß  auf  30  Millionen,  bei  Ansatz  der  Ausgaben
zur  gleichen  Höhe.  Die  Verminderung  der  Kosten  für  Pensionen  im
selben  Rechnungsjahr  belaufen  sich  auf  nicht  weniger  als  18  Millionen ­
  Dollar,  und  jedes  folgende  Jahr  muß  den  Prozentsatz  dieser
Abnahme  vergrößern.  Die  Flotte  wird  in  kommenden  Jahren
weniger  Ausgaben  erfordern,  die  Besitzzunahme  und  die  Zunahme
des  Reichtums  größere  Einnahmen  zur  Folge  haben,  so  daß  durchaus ­
  nicht  die  geringste  Ursache  besteht,  sich  über  die  Ausgaben
und  Einnahmen  der  Regierung  nach  dem  nächsten  Jahre  (1896)
zu  beunruhigen,  obgleich  der  Staatssekretär  die  Einnahmen  bei
den  gegenwärtig  bestehenden  Gesetzen  überschätzt.  Unter  den
Einnahmen  der  Regierung  ist  der  Tarif  mit  160  Millionen  für  dieses
und  mit  190  Millionen  Dollar  für  das  nächste  Jahr  geschätzt.
Es  fragt  sich'  nun,  was  würde  ich  mit  dem 1  Tarif  tun,  wenn  ich  die
höchste  Gewalt  in  Händen  hätte?
Zunächst  würde  ich 1  alle  notwendigen  Lebensbedürfnisse  von
allen  Abgaben  frei  zu  halten  suchen,  dagegen  die  Luxusgegenstände ­
  der  wenigen  Reichen  hoch  besteuern.  Die  Volksmassen,

J  Veröffentlicht  zuerst  1895  (März).
        <pb n="222" />
        _i;_  Vj£;':

W : s

208

XVIII.  Was  für  Tarife  würde  ich  aufstellen,

welche  heimatliche  Erzeugnisse  benutzen  und  konsumieren,  würde
ich  überhaupt  nicht  besteuern;  aber  die  Damen  und  Herren  der
vornehmen  Welt,  welche,  was  immer  es  kosten  mag,  feine  Wollstoffe, ­
  außerordentlich  feine  Seide,  und  besonders  fein  gewobenes
europäisches  Linnen  tragen  —  diese  sollten  die  Tarifabgaben  zahlen.
Die  beschränkte  Zahl  der  Reichen  würde  sich  unter  einem  solchen
Tarif  —  dadurch,  daß  sie  die  vielleicht  doppelten  Abgaben  zahlen
—  selbst  noch 1  vornehmer  als  jetzt  fühlen.  Die  große  Masse
aber,  welche  amerikanischen  Tabak  raucht,  sollte  keine  höheren
Steuern  zahlen  als  gegenwärtig.  Der  reiche  und  luxuriöse  Herr
dagegen,  dessen  feiner  Geruchsinn  das  Aroma  einer  echten  Havanna
verlangt,  müßte  für  den  Staat  mehr  einbringen,  indem  er  eine
doppelt  so  hohe  Abgabe  wie  die  gegenwärtige  zahlt.  Die  Leute,
welche  Champagner  und  alte  seltene  Weine  trinken,  sowie  die,
welche  ausgesucht  altes  und  feines  Glas  und  Porzellan  kaufen,
sollten  in  die  Lage  gebracht  werden,  mit  vollem  Recht  mit  deren
erhöhtem  Wert  zu  prahlen.
Man  darf  niemals  vergessen,  daß  Importartikel  nur  von  den
wenigen  Reichen,  einheimische  Artikel  dagegen  von  den  großen
Massen  gebraucht  werden.  Die  erhöhten  Abgaben  auf  fremde
Luxusartikel  würden  nicht  mit  der  Absicht  eines  Schutzzolles,  sondern ­
  einzig  mit  der  Rücksicht  auf  die  dadurch  erzielten  höheren
Einnahmen  erhoben  werden.  Daß  nebenbei  diese  Zollpolitik  einigermaßen ­
  den  einheimischen  Fabrikanten  zugute  kommen  dürfte,  ist
gewiß  kein  Einwurf  gegen  dieselbe;  dennoch  könnte  ein  solcher
Nutzen,  wenn  er  überhaupt  vorhanden  wäre,  nur  gering  sein,  da
die  feine  Seide,  sowie  feinste  Wolle  und  Linnen  nicht  bei  uns
im  Lande  produziert  werden,  ebensowenig  wie  teuere  Weine,
Zigarren  und  andere  Luxusartikel.  Unsere  einheimischen  Industriellen ­
  haben  dagegen  ganz  den  Markt  für  Güter  gewöhnlicher
Art  in  ihrer  Gewalt,  die  von  den  Massen  Verwendung  finden.
Die  bisher  befolgte  Politik  ist  gerade  das  Gegenteil  von  alledem.
Eine  ganze  Seite  könnte  man  mit  Anführung  aller  jener  Luxusartikel ­
  füllen,  für  welche  die  Abgaben  im  neuen  Tarif  herabgesetzt ­
  sind.  Ich  gebe  hier  einige  solcher  Reduktionen:
Die  Abgabe  für  Porzellan  ist  auf  50  Proz.
„  „  „  Glasplatten  und  gefärbtes  Glas  .  „  „  40  „
        <pb n="223" />
        wenn  ich  Zar  wäre?

209

Die  Abgabe  für

Goldfedern  ist

auf  16  Proz.

„

„

ff

Hüte

ff

72

ft

ff

Stickwarenfabrikate

ff

72

ff

ff

ff

seidene  Regenschirme  .  „

ff

18  „

ff

ff

ff

Kognak  und  Magenlikör  .  ,  .  „

ff

28  „

ff

ff

ff

Seide  „

ff

40  „

ff

ft

ff

Handschuhe  B

30  „

ff

ff

ff

Spitzen,  Posamentierarbeitu.  dgl.

16  „

ff

ff

n

Wollen  und  Seiden  ....
.  .  .  „

ff

10-20  „

herabgesetzt  und  zwar  ad  valorem,  anstatt  mit  Rücksicht  auf
die  besonderen  Abgaben.  Bei  dem  gegenwärtigen  Tarif  erfreut
sich  der  reiche  Mann  der  Mode  des  hochfeinen  fremden  Tuches,
seines  feinen  Linnen,  seines  seidenen  Hutes,  seines  feinen  seidenen ­
  Regenschirmes,  seiner  hochfeinen  Glacehandschuhe  und  seines ­
  kostbaren,  mit  seltenem  feinem  Wein  angefüllten  Glases  um
20—70  Prozent  billiger,  als  bei  den  früheren  Abgaben  für  Luxusartikel. ­
  Seine  Dame  spielt  mit  dem  Fächer,  läßt  ihr  gesticktes
Taschentuch  sehen,  zeigt  ihre  außerordentlichen  Spitzen  und  putzt
sich  mit  herrlicher  Seide  zu  ähnlichen  Preisreduktionen  und  dankt
mit  einem  Lächeln  ihrem  neuen  Freunde  aus  dem  Volke,  dem  charmanten ­
  jungen  Mann  aus  West-Virginien,  der  sich  bei  ihr  entschuldigt: ­
  es  sei  ihm  nicht  gelungen,  die  Abgaben  auf  den  Champagner, ­
  welchen  sie  ihm  vorsetzt,  herabzudrücken;  er  erklärt  ihr,
daß  er  daran  keine  Schuld  trägt,  da  der  von  ihm  ursprünglich
eingebrachte  Gesetzesvorschlag  auch  für  diesen  Artikel  eine  Reduktion ­
  vorsah.  Hunderte  von  Modeartikeln  aus  Wolle,  Seide
und  Linnen  zahlen  jetzt  geringere  Abgaben.  Diese  Herabsetzungen
der  Abgaben  auf  Luxusartikel  machen,  wie  wir  gleich  sehen  werden, ­
  zwei  Drittel  der  gesamten  aus  dem  Tarife  gezogenen  Einnahmen ­
  aus.  Nicht  ein  einziger  Arbeitsmann  braucht  diese  Luxusartikel, ­
  und  doch  nennt  man  das  eine  zeitgemäße  Tarifreform!
Das  also  ist  die  Erleichterung  für  die  Massen  des  Volkes  von  der
Schwere  der  Abgaben!  Welch  wunderliche  Täuschung!  Tatsächlich ­
  werden  die  Abgaben  dadurch  nur  für  die  Reichen  erleichtert!
Es  handelt  sich  hier  nicht  etwa  um  eine  Parteifrage,  denn
jede  Partei  wünscht  in  erster  Stelle  —  und  zwar  ohne  Rücksicht
auf  Freihandel  oder  Schutzzoll  —  durch  den  Tarif  Einnahmen  aus
dem  Luxus  der  Reichen  zu  gewinnen.  Eine  richtige  Tarifgesetz-Carnegie,
  Kaufmanns  Herrschgewalt.  14
        <pb n="224" />
        210  XVIII.  Was  für  Tarife  würde  ich  aufstellen,

gebung  würde  die  Bürde  auf  die  Schultern  jener  Leute  legen,
die  sie  am  ehesten  zu  tragen  imstande  sind;  deshalb  müßte  auf
alle  Luxusartikel  eine  größere  Abgabe  gelegt  werden,  als  jemals
bisher  darauf  gelegt  war.  Die  Annahme,  daß  der  Gebrauch  der
Luxusartikel  durch  höhere  Abgaben  ernstlich  vermindert  wird,  ist
falsch.  Gerade  das  Gegenteil  trifft  zu:  einen  Hauptbestandteil ­
  des  fashionablen  Bedürfnisses  bilden  eben  die
großen  Kosten.  Die  Einfuhr  verringerte  sich,  wenn  die  Abgaben ­
  auf  Artikel  gelegt  würden,  die  allgemein  bei  den  großen
Massen  Verwendung  finden,  wo  die  Kosten  stets  sorgsam  erwogen
werden.  Doch  das  alles  fällt  nicht  so  bei  Luxusgegenständen  ins
Gewicht,  die  hauptsächlich  Sachen  des  Geschmackes  und  der  Mode
sind  und  die  einzig  und  allein  reiche  Leute  kaufen,  bei  denen,
der  Preis  keine  Rolle  spielt.  Beispielsweise  könnte  eine  doppelte
Abgabe  auf  Champagner,  Spitzen,  Wolle  und  Seide  die  Reichen
vor  deren  Kauf  nicht  abschrecken.  Die  dadurch  für  die  Staatseinnahmen ­
  hervorgebrachte  Verminderung  dürfte  durch  die  Vermehrung ­
  der  Bevölkerung  und  deren  Reichtum  aufgewogen  werden. ­
  Die  Höhe  der  auf  diese  Weise  erreichten  Mehreinnahmen
würde  die  Sache  sehr  bald  ausgleichen.  Selbst  wenn  diese  höheren
Abgaben  den  Verbrauch  solcher  importierten  Artikel  um  ein  Viertel
für  eine  Zeitlang  reduzierten,  würden  die  dadurch 1  gewonnenen
Einnahmen  bei  Verdoppelung  der  darauf  gelegten  Steuer
immer  noch  ein  volles  Viertel  mehr  ausmachen  als  bisher.  Sollte
eine  derartige  Steuerpolitik  eine  beträchtliche  Verminderung  des
Gebrauches  herbeiführen,  dann  wäre  das  um  so  besser.
Die  damit  verbundene  Schattenseite  hat,  sozusagen,  einen
Silberrand,  denn  es  würde  dadurch  so  viel  Reichtum  mehr  für  den
Einkauf  heimatlicher  Produkte  verwendet  und  zumindest  nicht  so
viel  für  luxuriöses  Leben  ausgegeben  werden.
Man  darf  vielleicht  sagen,  daß  der  einheimische  Produzent  zu
guter  Letzt  die  allerfeinste  Qualität  im  Textilgewerbe  fabrizierte,
wenn  man  die  ausländischen  Produkte  hoch  einschätzte.  Das  mag
so  sein  und  wäre  so  nur  zum  Nutzen  des  Landes;  dennoch  bedürfte ­
  es  Jahre  und  Jahre,  um  dahin  zu  kommen.  Lange  vorher
würde  der  natürliche  Zuwachs  der  Einnahmen  durch  die  natürliche
Vermehrung  der  Bevölkerung  und  Vermehrung  des  Reichtums
        <pb n="225" />
        wenn  ich  Zar  wäre?

211

jede  Reduktion  der  Einfuhr  ausgleiclien.  In  wenigen  Jahren  müßte
die  Abnahme  der  Pensionen  —  diese  große  finanzielle  Last  der
Gegenwart  —  die  Regierung  von  der  Notwendigkeit  befreien,
so  viel  Einkommensteuer  wie  jetzt  zu  fordern.  Im  Jahre  1892
wiesen  die  Tarifabgaben  für  die  von  Reichen  gebrauchten  Luxusgegenstände ­
  folgende  Beträge  auf:
Wollzeuge  32293609  Dollar
Seidenstoffe  16965637  „
Baumwollstoffe  16436733
Flachsfabrikate  10066636
Glas  und  Porzellan  ....  10339000  „
Wein,  Liköre  usw  8  935  000  „
Tabak  und  Zigarren  .  .  .  .  11  882  557  „
Wir  haben  also  hier  106  Millionen  Einnahmen  für  sieben
Klassen  von  Luxusgegenständen;  einige  andere,  welche  weitere
Millionen  einbringen,  füge  ich  hier  hinzu:  Juweliersachen,  Schmucksachen, ­
  Equipagen,  künstliche  Blumen,  Bürsten,  Parfümerien,
musikalische  Instrumente,  Papier.  Alles  zusammen  ergibt  114  Millionen ­
  Dollar  bei  einer  Gesamteinfuhr  von  —  alles  in  allem  —
117  Millionen  Dollar.  Die  Reduktion  der  Abgaben  für  nur  von
Reichen  gebrauchte  Luxusgegenstände  auf  zwei  Drittel  der  früher
daraus  gezogenen  Erträgnisse  ist  das  Hauptergebnis  des  Gesetzes
Wilson.
Es  kann  dem  nicht  widersprochen  werden,  daß  keiner  dieser
Artikel  zum  Gebrauch  breiter  Volksmassen  eingeführt  wird.  Mit
Wollen-  und  Seidenfabrikaten  werden  alle  die  Volksmassen  ausschließlich ­
  von  den  einheimischen  Produzenten  versorgt.  Die  einzige ­
  Klasse,  welche  importierte  Kleidungsstoffe,  sowie  importierte
Glaswaren,  Porzellan,  Wein  und  Tabak  benutzen,  bilden  die  Reichen. ­
  Dem  Vorwurfe,  daß  die  von  den  großen  Massen  gebrauchten
Artikel  durch  erhöhte  Steuern  teurer  werden,  sollte  das  Gesetz  dadurch’ ­
  begegnen,  daß  Wolle,  Seide  und  Linnenstoffe  gewöhnlicher
Beschaffenheit  von  den  höheren  Steuersätzen  frei  bleiben.  Im
Grunde  genommen  wird  nur  hochfeine  Ware  importiert;  dennoch
würde  eine  solche  Klausel  jeden  Kritiker  entwaffnen.  Selbst  wenn
der  Abgabesatz  vom  Jahre  1892  auf  Luxusgegenstände  aufrecht
erhalten  worden  wäre,  hätte  das  Defizit  den  Staatsschatz  viel
        <pb n="226" />
        212  XVIII.  Was  für  Tarife  würde  ich  aufstellen,

weniger  angegriffen.  Wir  haben  hier  in  der  Tat  eine  reiche
Goldmine,  welche  bei  der  nächsten  Tarifgesetzgebung  ausgenutzt
werden  sollte.  Wenn  wir  die  Abgaben  auf  Luxusartikel  verdoppeln ­
  und  auf  diese  Weise  andere  114  Millionen  Dollar  einsammeln ­
  könnten,  so  wäre  die  Regierung  imstande  —  selbst  bei
einer  Verminderung  des  Gebrauches  dieser  Gegenstände  um  ein
volles  Viertel  infolge  der  erhöhten  Taxen  —  57  Millionen  von  den
Schultern  der  arbeitenden  Klassen  zu  nehmen  und  auf  die  der
vergnügungssüchtigen  und  extravagant  luxuriösen  Klassen  der  Gesellschaft ­
  abzuwälzen.  Diese  vermögen  sehr  wohl  für  ihre  Extravaganzen ­
  zu  zahlen  —  nicht  nur  zum  Nutzen  für  sie  selbst,  sondern ­
  auch  für  die  Gesamtnation.  Wollte  man  es  mit  einer  Zusatzgabe ­
  versuchen,  dann  deckten  die  Einnahmen  sehr  bald  die  ganze
Summe  der  außerordentlichen  Ausgaben;  freilich  müßte  der  Zuschlag ­
  volle  50  Proz.  betragen.  Das  ist  weder  Schutzzoll  noch
Freihandel  und  hat  mit  keinem  von  beiden  etwas  zu  tun:  sondern
bildet  einfach  eine  Frage  des  Staatseinkommens;  auf  keinem
anderen  Wege,  so  darf  man  ruhig  sagen,  sind  die  notwendigen
Staatsbedürfnisse  so  weise:  zu  decken,  als  durch  Steuern  auf  ausländische ­
  Luxusgegenstände 1 ,  welche  von  den  Reichen  und  der
extravaganten  Klasse  konsumiert  werden.  Mein  Tarif  würde  die
Abgaben  auf  alle  diese  Luxusgegenstände  verdoppeln.
Angesichts  der  Tatsache,  daß  die  hauptsächlichste  Veränderung,
welche  das  Wilsongesetz  hervorbrachte  —  eine  Reduktion  der  Abgaben ­
  auf  zwei  Drittel  der  gesamten  Tarifeinnahmen  —  einzig
und  allein  zum  Nutzen  der  die  importierten  Artikel  benutzenden
Reichen  ist,  muß  man  sich  die  Frage  vorlegen,  weshalb  ein  so
ehrenhafter,  eifriger  und  sittlich  reiner  Mann,  wie  Herr  Wilson,
die  Schultern  des  Volkes  nicht  von  dieser  schweren  Last  erleichterte? ­
  Die  Antwort  darauf  ist  leicht  genug:  Er  besaß  keine
Erfahrung,  hätte  die  Frage  nicht  studiert,  und  ich  zweifle  sehr,
ob  er  heute  eine  Maßregel  vorschlagen  würde,  die  seinen  eigenen
von  ihm  bekundeten  Absichten  so  vollkommen  fremd  ist.  Die
Wichtigkeit  der  Tatsache,  daß  solch  ein  Mann,  wie  er,  auf  ein
bloßes  Privatleben  beschränkt  blieb,  nur  weil  ein  Distrikt  für  den
anderen  Stimmen  abgab,  zeigt  sich'  hier  deutlich.  Unsere  Gewohnheit, ­
  nur  Repräsentanten  zu  wählen,  die  in  demselben  Distrikt
        <pb n="227" />
        wenn  ich  Zar  wäre?

213

wohnen,  bringt  uns  um  viele  unschätzbare  Kräfte.  Herr  Wilson
ist  heutzutage  fähig,  einen  der  größten  Dienste  zu  leisten,  weil
er  jetzt  die  Eigenschaft  besitzt,  die  ihm  bis  dahin  einzig  und  allein
dazu  fehlte:  Kenntnis  der  Geschäfte.  Wir  bedürfen  gerade  solcher
Leute,  wie  er,  im  öffentlichen  Leben,  und  ich  hoffe,  er  wird  sehr
bald  in  die  Öffentlichkeit  zurückkehren.  Dann  wird  er,  wie  ich
glaube,  eines  Tages  im  Parlament  einem  Tarife  das  Wort  reden,
der  die  Luxusgegenstände  der  Reichen  höher  einschätzt,  nicht
aber  die  darauf  liegenden  Steuern  reduziert,  zu  ihrem  eigenen
Wohl.  Vielleicht  verstehen  nur  wenige,  bis  zu  welcher  Ausdehnung
.Textilartikel  !nur  für  die  Reichen  da  sind.  Nehmen  wir  z.  B.  Wollwaren.
  Im  Jahre  1890  betrug  der  Wert  der  einheimischen  Wollproduktion
  338  Millionen  Dollar,  teure  ausländische  Wollen  wurden ­
  eingeführt  im  Werte  von  35000000  Dollar.  Der  Wert  der
letzteren  per  Meter  ist  immer  viel  größer  als  der  der  gewöhnlichen ­
  einheimischen  Fabrikate,  so  daß  die  Zahl  der  Meter  nicht
mehr  als  6—7  Prozent  des  gesamten  Verbrauchs  betrug.  Wir
haben  ähnliche  Verhältnisse  im  Baumwollengewerbe.  Der  Wert
dieser  einheimischen  Industrie  im  Jahre  1890  belief  sich  auf
268  Millionen  Dollar,  dagegen  wurde  die  Gesamteinfuhr  in  diesem
Artikel  nur  auf  28  Millionen  Dollar  geschätzt.  Sogar  mit  Bezug
auf  Seideneinfuhr  wurde  die  in  amerikanischen  Betrieben  erzeugte
Masse  auf  69  Millionen  Dollar  veranschlagt.  Der  gesamte  Wert
der  eingeführten  Seide  belief  sich  dagegen  nur  auf  31  Millionen
Dollar.  Selbstverständlich  ist  auch  in  diesem  Falle  der  Wert  per
Meter  viel  höher,  als  der  des  einheimischen  Produkts.  Seit  dem,
Jahre  1890  hat  sich  die  Seidenindustrie  Amerikas  sehr  gehoben
und  deckt  mehr  und  mehr  dauernd  den  einheimischen  Markt.
Wenn  die  ausländischen  Wollen,  Linnen  und  Seiden  in  bezug
auf  ihre  Feinheit  nach  Klassen  fixiert  werden  sollten,  so  würde
man  sehr  bald  entdecken,  daß  Güter  geringerer  Qualität,  wie  sie
das  Volk  im  allgemeinen  braucht,  überhaupt  nicht  mehr  eingeführt
werden,  selbst  unter  dem  gegenwärtigen  Tarif.  Soweit  hat  der
amerikanische  Produzent  sich  den  einheimischen  Markt  erobert.
Noch  ein  anderer  Punkt  kommt  dabei  in  Betracht.  Ein  sehr  großer
Prozentsatz  der  eingeführten  Textilartikel  besteht  nicht  aus  Zeug,
sondern  aus  Litzen,  Spitzen,  Putzmacherwaren,  Posamentierwaren
        <pb n="228" />
        214  XVIII.  Was  für  Tarife  würde  ich  aufstellen,

usvv.  Das  alles  wird  bei  uns  nicht  fabriziert.  Für  Kohle  und  Eisen
sollte  der  neue  Tarif  keinerlei  Reduktionen  bringen,  weil  eine  Reduktion ­
  auf  nahezu  die  Hälfte  zu  heftig  wirkt.  Es  bedarf  der
Zeit,  bis  eine  Industrie  sich  einer  so  bedeutenden  Veränderung  anbequemt.
  Nebenbei  bemerkt,  ist  eine  Abgabe  von  40  Prozent  per
Tonne  auf  Erz  und  30  Prozent  per  Tonne  für  Kohle  sehr  gering.
Das  findet  im  allgemeinen  auch  auf  Eisen  und  Stahl  Anwendung.
Beide  haben  neuerdings  durch  Verminderung  der  Eingangszölle
gelitten.  Das  Mac  Kinley-Gesetz  hat  diese  Abgaben  um
ebensoviel  reduziert  als  das  Wilsongesetz:  nämlich  um  30  Prozent.
Die  Baumwollenbänder  von  allen  Abgaben  zu  befreien,  und  alle
anderen  Formen  von  Stahl  abgabepflichtig  zu  lassen,  das  war  der
größte  Fehler  des  neuen  Tarifs:  ein  Stück  von  reinem  Partikularismus, ­
  dem  Gifte  des  Bundessystems.  Die  Hälfte  der  früheren
Abgaben  sollte  der  Baumwolle  wieder  auferlegt  werden.
Werke  der  Kunst  müßten  von  Abgabe  frei  bleiben;  ebenso
Bilderrahmen,  die  jetzt  abgabepflichtig  sind;  da  die  dadurch  gewonnenen ­
  Summen  kaum  in  Betracht  kommen,  während  die  Umstände ­
  und  der  Aufenthalt,  der  durch  die  Schätzung  jedes  einzelnen
Rahmens  verursacht  wird,  die  Einfuhr  entmutigt.  Solche  Sachen
finden  zuletzt  doch  in  öffentlichen  Galerien  ihren  Platz  und  werden
damit  kostbare  Besitztümer  des  Volkes.  Ein  anderer  sehr  wichtiger ­
  Punkt  in  dem  Tarif  hat  keineswegs  die  für  ihn  wünschenswerte ­
  Beachtung  gefunden;  ich  meine  die  Bestimmung,  welche  die
Einfuhr  von  Material  erlaubt,  welches  für  Herstellung  von  Ausfuhrartikeln ­
  bestimmt  ist.  In  einem  solchen  Falle  werden  99  Prozent ­
  der  Abgaben  erlassen.  Darin  zeigt  sich  ein  wirklich  staatsmännisches
  Verständnis,  von  gleicher  Wichtigkeit  wie  das  Gegenseitigkeitsverhältnis; ­
  etwas  was  für  die  Förderung  der  Ausdehnung
unserer  Handelsbeziehungen  sehr  wesentlich  ist.  Auch  das  würde
ich  in  meinen  Tarif  aufnehmen,  hur  mit  dem  Unterschied,  daß  ich
auch  den  Rest  von  1  Prozent  erlassen  würde,  so  daß  der  amerikanische ­
  Produzent  die  Möglichkeit  besäße,  in  allem,  was  er  für
die  Ausfuhr  einkauft,  von  allen  Märkten  der  Welt  Nutzen  zu,
ziehen.  Auf  diese  Weise  könnte  er  auf  den  verschiedenen  Märkten
der  Welt  unter  gleichen  Konkurrenzbedingungen  mit  den  Industriellen ­
  Europas  auch  als  Verkäufer  auftreten.  Schriftsteller  und
        <pb n="229" />
        wenn  ich  Zar  wäre?

215

Redner,  welche  sich  über  den  Ausschluß  des  amerikanischen  Industriellen ­
  infolge  der  amerikanischen  Schutzzölle  von  den  Märkten
Europas  ereifern,  wissen  augenscheinlich  nicht,  daß  der  Amerikaner ­
  für  das  von  ihm  eingeführte  Material  sich  voll  und  ganz
der  Vorzüge  des  Freihandelssystems  erfreut  —  wenn  man  von
dem  einen  Prozent  Abgaben  absieht,  die  die  Regierung  für  Deckung
der  Berechnungsgebühren  zurückhält.  Der  neue  Tarif  würde  auch
in  bezug  auf  diesen  Punkt  jeden  Kritiker  durch  Erlaß  selbst  dieses
einen  Prozentes  entwaffnen.  Amerikanische  Produzenten  müßten
dann  für  ihren  Kampf  auf  dem  Weltmarkt  jeden  Vorteil  genießen.
Auch  die  Gattung  fremder  Wolle,  welche  bei  uns  aus  klimatischen
Gründen  nicht  erzeugt  werden  kann  und  trotzdem  für  die  Mischung
mit  den  einheimischen  Produkten  wertvoll  ist,  sollte  von  Abgaben
frei  sein.  I
Mein  Tarif  verlangte  keine  Einkommensteuer.  Ich  kenne  keinen
Staatsmann  von  Ansehen,  der  die  Einkommensteuer  nicht  als  die
verderblichste  von  allen  gebrandmarkt  hätte.  Gladstone  appellierte
einst  nur  wegen  dieser  Steuer  an  das  Land,  indem  er  sie  als
eine  solche  bezeichnete,  welche  dazu  geeignet  sei,  eine  Nation
zu  Lügnern  zu  erziehen.  Obgleich  der  Theorie  nach  eine  berechtigte ­
  Abgabe,  ist  sie  doch  tatsächlich  eine  solche  Quelle  der  Demoralisation, ­
  daß  man  sie  als  die  verderblichste  Abgabenform:
bezeichnen  kann,  die  jemals  aufgefunden  wurde,  seitdem  die
menschliche  Gesellschaft  sich  friedlicher  staatlicher  Verhältnisse
erfreut.
In  Kriegszeiten  erscheint  jede  Maßregel  gerechtfertigt:  dennoch
ist  für  die  Einkommensteuer  nur  die  dringendste  Notwendigkeit
eine  Entschuldigung.  Gegenwärtig  existiert  bei  uns  diese  Notwendigkeit ­
  nicht;  die  Regierungseinnahmen  müssen  bald  ein  Mehr
über  die  Ausgaben  ergeben,  wenn  durch  nichts  anderes,  dann
durch  die  Vermehrung  der  Bevölkerung  und  des  Reichtums.  Das
kann  auch  jetzt  schon  erreicht  werden,  einzig  und  allein  durch
höhere  Besteuerung  der  Reichen  und  Extravaganten.
Auch  die  Zuckerfrage  ist  wichtig.  Rohzucker  und  Melasse
sollten  Abgaben  zahlen  und  nur  das  Zuckermaterial  frei  von  allen
Abgaben  aus  all  den  Ländern  zugelassen  werden,  die  uns  gleiche
Vorteile  als  Gegenleistung  gewähren:  das  käme,  tatsächlich  ge ­
        <pb n="230" />
        216  XVIII.  Was  für  Tarife  würde  ich  aufstellen,

nommen,  auf  Abgabenfreiheit  heraus.  Die  Vereinigten  Staaten
haben  eine  große  Macht  dadurch  in  der  Hand,  daß  sie  für  über
120  Millionen  Dollar  Zucker  jährlich  verbrauchen;  dieser  Zucker
wird  hauptsächlich  von  unseren  südamerikanischen  Schwesterrepubliken ­
  eingeführt,  teilweise  aber  auch  aus  Cuba.  Diese  Tatsache
sollte  weise  benutzt  werden,  um  uns  zu  den  Märkten  dieser  Länder
einen  leichteren  Zutritt  zu  verschaffen  als  anderen  Nationen.  Eine
Prämie  auf  heimisch  gewonnenen  Zucker  würde  für  kurze  Zeit  in
dem  neuen  Tarif  in  Ansatz  gebracht  werden,  mit  der  Hoffnung,
daß  unser  Land  es  zu  guter  Letzt  dahin  bringen  möge,  seinen
eigenen  Zuckerbedarf  zu  erzeugen.  Die  Versuche  mit  der  Zuckerrübe ­
  und  Sorghum  sollten  nicht  eingestellt  werden.
Die  Politik  der  Gegenseitigkeit  müßte  in  weitestem  Umfange
aufgenommen  werden.  Die  Zunahme  der  Ausfuhr  in  diesen  Artikeln ­
  zu  den  Ländern  mit  Gegenseitigkeitsverträgen  beweist,  daßi
Herr  Blaine  recht  hatte,  mit  der  Behauptung,  wir  würden  bei
diesem  System,  richtig  gehandhabt,  die  beste  Gelegenheit  haben,
unserem  Lande  ausländischen  Handel  zuzuführen,  welcher  uns
durch  nichts  anderes  gesichert  werden  kann.  Ich  vertraue  einer
Maßregel,  welche  von  Ländern,  denen  wir  unsere  Märkte  für
Zuckermelasse  und  Tabak  öffnen,  Gegendienste  verlangt.  Obgleich
ich  im  allgemeinen  ein  Gegner  aller  Abgaben  auf  Nahrungsstoffe
bin,  sowie  auf  alles,  was  dem  Volke  notwendig  ist,  würde  ich  doch
mit  Rücksicht  auf  die  Produkte  Kanadas  eine  Ausnahme  machen
und  zwar  ohne  jede  Rücksicht  auf  die  Doktrinen  des  Freihandels
und  des  Schutzzolles,  einzig  und  allein  von  großen  staatsmännischen
  Gesichtspunkten  aus.  Ich  glaube,  wir  zeigen  zu  wenig
patriotische  Einsicht,  wenn  wir  einem  Lande,  welches  einer  fremden, ­
  auf  monarchischen  Institutionen  aufgebauten  Macht  unterworfen ­
  ist  —  einer  Macht,  die  im  Innersten  ihres  Herzens  für
alle  Zeit,  die  republikanische  Idee  verabscheuen  wird  —  besondere
handelspolitische  Vorteile  gewähren.  Wenn  Kanada  ein  freies  unabhängiges ­
  Land  wäre  und  sein  Geschick  mit  dem  Geschick  unseres
Kontinents  in  die  Wagschäle  werfen  würde,  dann  wäre  es  etwas
anderes.  Solange  es  aber  als  ein  möglicher  Feind  an  unserer
Flanke  bleibt  —  nicht  durch  seinen  eigenen  Willen,  sondern  weil
es  den  Befehlen  einer  europäischen  Macht  unterworfen  ist,  solange
        <pb n="231" />
        wenn  ich  Zar  wäre?

217

es  sich  bereit  halten  muß,  durch  diese  Macht  dazu  aufgerufen
zu  werden,  seine  Kräfte  gegen  uns  zu  wenden  für  Dinge,  die
Kanada  selbst  nicht  betreffen  —  würde  ich  Kanada  ganz  deutlich
zu  verstehen  geben,  daß  wir  in  ihm  eine  Bedrohung  des  Friedens
und  der  Sicherheit  unseres  eigenen  Landes  sehen:  ich  würde  es
also  demgemäß  behandeln.  Kanada  sollte  nicht  zu  gleicher  Zeit
in  und  außerhalb  der  Union  stehen,  und  wenn  ich  es  durchsetzen
könnte,  dann  belegte  ich  alle  seine  Produkte,  die  nach  den  Vereinigten ­
  Staaten  kommen,  hoch  mit  Steuern;  ich  würde  das  tun,
nicht  etwa  weil  ich  Kanada  nicht  leiden  kann,  sondern  gerade
weil  ich  es  liebe;  damit  es  daraus  ersehen  möge,  daß  die  Völker
dieses  Erdteiles  amerikanische  Völker  sind  und,  wie  ich  hoffe,
eines  Tages  eine  einzige  Nation  bilden  werden,  soweit  ihr  englisch
sprechender  Teil  in  Betracht  kommt.  Ich  würde  diesen  Weg
beschreiten,  nicht  aus  Ärger,  sondern  aus  Liebe;  entweder  sollte
Kanada  Mitglied  der  Republik  sein,  oder  allein  stehen;  in  diesem,
Falle  müßte  es  für  sein  Betragen  in  Krieg  und  Frieden  verantwortlich ­
  sein,  gerade  so  wie  jede  andere  Nation.  Es  dürfte  sich
nicht  dadurch  schützen  wollen,  daß;  es  eine  fremde  Macht  zu  Hilfe
ruft.  Das  ist,  wie  ich  schon  ausführte,  weder  Freihandel  noch'
Schutzzoll,  dennoch  hängt  es  eng  mit  der  Tariffrage  zusammen.
Ich  würde  kanadische  Artikel  so  lange  besteuern,  als  Kanada  sich
einer  europäischen  Macht  unterordnet.  Das  neue  Tarifgesetz  sollte
die  Bestimmung  enthalten,  daß  beide  Parteien  einwilligen 1 ,  keine
weitere  Tarifgesetzgebung  für  die  folgenden  zehn  Jahre  zu  unternehmen. ­
  Gerade  wie  alle  zehn  Jahre  ein  Zensus  aufgenommen
wird,  so  müßte  auch 1  alle  zehn  Jahre  der  Tarif  revidiert  werden,
da  wir  dann  mit  vollem  Einverständnis  der  beiden  Parteien  handeln
könnten.  Wenn  wir  z.  B.  die  Einfuhr  derjenigen  Artikel,  die
nicht  nur  von  den  Reichen  verwendet,  sondern  allgemein  benutzt
werden,  betrachteten,  sie  mit  der  einheimischen  Produktion  desselben ­
  Artikels  verglichen  und  dann  den 1  Beweis  daraus  erhalten
würden,  daß  der  einheimische  Industrielle  den  ausländischen  Produzenten ­
  vom  eigenen  Markte  vertrieben  hat,  dann  könnte  die
Abgabe  auf  solchen  Artikeln  reduziert  werden.
Es  wäre  für  den  einheimischen  Produzenten  unmöglich  —  und
ebenso  auch  für  den  ausländischen  Importeur  —  eine  solche  Ent-WKKM

  ■
        <pb n="232" />
        218

XVIII.  Was  für  Tarife  würde  ich  aufstellen,

Scheidung  zu  beeinflussen,  weil  wir  die  Zahlen,  die  die  wirkliche
Lage  der  Dinge  beweisen,  zur  Verfügung  haben.  Niemand  könnte
dem  widersprechen.  Die  eigentliche  Frage  würde  sich  dahin  zuspitzen, ­
  ob  der  einheimische  Fabrikant  endlich  den  Beweis  dafür
geliefert  hat,  daß  er  den  betreffenden  Artikel  selbst  erzeugen
könne,  so  daß  die  Produktionsbedingungen  im  Vergleich  zu  denen,
unter  welchen  er  von  ausländischen  Quellen  zu  beziehen  ist,  günstig
erscheinen.  Wenn  der  für  die  Tarifrevision  eingesetzte  Ausschuß
zu  der  Überzeugung  gekommen  wäre,  daß  die  Herstellung  des
fraglichen  Artikels  für  diesen  Teil  der  Welt  (Amerika)  nicht  geeignet ­
  ist,  dann  wäre  damit  erwiesen,  daß  man  diesen  Artikel
nicht  länger  zu  schützen  brauche  und  ihn  entweder  ganz  von
Abgaben  frei  zu  halten  oder  nur  mit  Rücksicht  auf  das  Staatseinkommen ­
  einzuschätzen  habe.
Die  Haltung,  in  der  sich'  ein  solcher  Ausschuß  *  der  Tarifrevision ­
  nähert,  sollte  der  eines  Liebhabers  des  Landlebens  entsprechen, ­
  welcher  sich  fragt,  ob  ein  Baum  zu  fällen  sei.  Der  Ausschuß ­
  müßte  es  sich  immer  vor  Augen  halten,  gleich  dem  Liebhaber ­
  des  Landlebens,  wie  schnell  ein  von  ihm  geschätzter  Baum
niedergeschlagen  und  wie  unmöglich  es  ist,  ihn  wieder  aufzurichten. ­
  Es  bleibt  ganz  unwichtig  für  das  Land,  ob  5  oder  10  Prozent ­
  mehr  Steuern  auf  einen  ausländischen  Artikel  gelegt  werden
müssen,  als  wirklich  nötig  sind,  besonders  wenn  dergleichen  nur
für  wenige  Jahre  geschieht.  Allein  es  macht  einen  großen  Unterschied, ­
  ob  5  oder  10  Prozent  zu  wenig  auf  erlegt  werden,  so  daß
der  einheimische  Produzent  nicht  mehr  zu  Bemühungen  fähig  ist,
die  vielleicht  zu  guter  Letzt  in  einen  Sieg  für  ihn  endigten.  Bei
der  Tarifgesetzgebung  sollte  es  Regel  sein,  in  allen  zweifelhaften
Fällen  das  Schlimmste  in  Rechnung  zu  ziehen.  In  einem  solchen
Ausschuß  für  Festsetzung  der  Abgaben  wäre  wenig  Spielraum!
für  Parteilichkeit,  da  seine  Funktionen  einen  richterlichen  Charakter
annehmen  würden.  Der  letzte  Endzweck  bestände  darin,  eine
heimische  Produktion  solcher  Artikel  für  allgemeinen  Gebrauch
zu  erhalten,  die  schließlich  unter  unserer  eigenen  Flagge  produziert ­
  werden  können;  vielleicht  bei  zeitweiligem  Schutzzoll,  doch
so,  daß  das  Angebot  die  Nachfrage  unter  geradeso  günstigen  Bedingungen ­
  decken  könnte,  wie  die,  welche  mit  einer  Einfuhr  von
        <pb n="233" />
        wenn  ich  Zar  wäre?

219

anderen  Teilen  der  Welt  verbunden  sind.  Nur  dann,  wenn  der
Beweis  erbracht  ist,  daß  die  Vereinigten  Staaten  ein  solches  Ergebnis ­
  nicht  hervorzubringen  vermögen,  sollte  der  Schutzzoll  aufgegeben, ­
  und  einzig  und  allein  die  Staatseinnahmen  in  Betracht
gezogen  werden.  Dagegen  bin  ich  der  Überzeugung,  daß  Artikel, ­
  die  nur  zum  Luxusgebrauch  für  wenige  da  sind  —  Artikel,
für  welche  das  Gesetz  Wilson  die  Abgaben  bedeutend  reduziert
hat  —  weder  mit  Freihandel  noch  mit  Schutzzoll  überhaupt  etwas
zu  tun  haben.  Auf  solche  Artikel  sollte  ein  außerordentlich  hoher
Schutzzoll  gelegt  werden,  einzig  und  allein  mit  Rücksicht  auf  die
fiskalische  Einnahme;  keine  andere  Rücksicht  dürfte  bei  Erhebung
von  Zöllen  ins  Gewicht  fallen,  da  ihr  Endzweck  Staatseinkommen
ist.  Ich  bin  sicher,  daß  der  entscheidende  Punkt  nicht  erreicht
werden  wird,  bevor  die  gegenwärtigen  Tarifsätze  für  alle  die
Sachen,  welche  als  Luxusgegenstände  gelten,  nicht  verdoppelt  worden ­
  sind;  ein  solcher  Tarifsatz  würde  volle  2 / 3  des  ganzen  Tarifeinkommens ­
  decken.  Ebenso  bin  ich  der  festen  Überzeugung,
daß  die  Meinung  des  Staatssekretärs  Carlisle,  der  zufolge  durch
die  Reduktionen  des  Wilsongesetzes,  sich  der  Gebrauch  dieser
Artikel  wesentlich  steigern  werde,  irrtümlich  ist.  Der  Gebrauch
von  Luxusartikeln  kann  sich  durch  Änderung  des  Zolles  weder
erhöhen  noch  vermindern;  es  sei  denn  in  so  geringem  Grade,
daß  nur  Theoretiker  dadurch  überrascht  werden  können  —  weil
für  die  Reichen  die  Kosten  nicht  in  Betracht  kommen.
Um  alles  hier  noch  einmal  kurz  zusammenzufassen:
1.  Zölle  sollten  nur  auf  solche  ausländischen  Gegenstände  gelegt
werden,  die  eine  sehr  reiche  Klasse  benutzt,  ohne  jede  Rücksicht ­
  auf  Freihandel  oder  Schutzzoll,  nur  mit  Rücksicht  auf  fiskalische ­
  Einnahmen.  (Die  Luxusgegenstände  bringen  2 / 3  des
ganzen  Tarifeinkommens  ein.)
2.  In  Friedenszeiten  sollten  keinerlei  Einkommensteuern  erhoben
werden.
3.  Schon  bestehende  Industriezweige  sollten  nicht  häufig  schwerwiegenden ­
  Änderungen  unterworfen  werden,  sondern  man
müßte  ihnen  Zeit  lassen,  sich  neuen  Bedingungen  anzupassen.
        <pb n="234" />
        220  XVIII.  Was  für  Tarife  würde  ich  aufstellen,

Eine  plötzliche  Reduktion  von  mehr  als  die  Hälfte  des  auferlegten ­
  Zolles  ist  nicht  allein  nicht  zulässig,  sondern  geradezu
gefährlich.
4.  Gegenseitigkeit  ist,  nach  vorliegenden  Tatsachen  zu  urteilen,  das
beste,  um  unseren  ausländischen  Handel  auszudehnen;  diese
Politik  sollte  deshalb  wieder  aufgenommen  werden.
5.  Die  Prämie  auf  einheimisch  erzeugten  Zucker  sollte  bis  auf
weiteres  nicht  fallen  gelassen  werden,  denn  es  ist  noch  keineswegs ­
  erwiesen,  ob  die  Zuckerrübe  und  der  Sorghumzucker
uns  doch  am  Ende  nicht  in  die  Lage  bringen  werden,  unseren
einheimischen  Bedarf  unter  günstigen  Bedingungen  selbst  zu
decken.
6.  Wolle,  die  wir  nicht  zu  Hause  erzeugen  können  und  die  doch
für  Mischungen  notwendig  ist,  sollte  von  jeder  Abgabe  frei  sein.
7.  Kunstgegenstände  aller  Art  sollten  frei  sein,  weil  sie  ja  doch
früher  oder  später  den  öffentlichen  Institutionen  zugute  kommen.
8.  Nachdem  der  Tarif  festgesetzt,  sollte  jede  weitere  Tarifgesetzgebung ­
  bis  zu  jedem  zweiten  Jahre  nach  vorgenommenem  Zensus ­
  ruhen,  es  sei  denn,  daß,  wie  gerade  jetzt,  ein  Fehlbetrag  im
Staatshaushalt  und  eine  gesunde  Politik  besondere  Einnahmen
von  solchen  Einfuhrartikeln  notwendig  machen,  wie  es  die  von
außerordentlich  reichen  Leuten  gebrauchten  Luxusartikel  sind;
dagegen  sollten  unter  keinen  Umständen  die  notwendigen  Lebensmittel ­
  der  armen  Leute  besteuert  werden.
So  würde  mein  Tarif  zugunsten  der  bedrückten  Volksmassen
aussehen,  so  zum  Nutzen  derer,  die  ein  einfaches  und  unbemerkenswertes ­
  Leben  führen.  Weder  Schutzzöllner  noch  Freihändler
als  solche,  könnten  etwas  dagegen  einwenden,  da  ein  solcher
.Tarif  bestimmt  ist  —  nicht  durch  das  Interesse  einer  der  bestehenden ­
  Parteien,  sondern  einzig  und  allein  durch  die  Rücksicht ­
  auf  die  fiskalischen  Einnahmen  und  nach  dem  Grundsatz,
daß  es  im  großen  und  ganzen  zum  Besten  des  Volkes  geschieht
—  Abgaben  von  ausländischen  Luxusgegenständen  der  besonders
Reichen  zu  erheben.
So  gehandhabt,  würde  der  Tarif  tatsächlich  von  unserem  Partei-
        <pb n="235" />
        leben  ausgeschieden  und  als  reine  Geschäftsfrage  behandelt  werden. ­
  Wenn  außerdem  für  jede  Tarifgesetzgebung  eine  zehnjährige
Rast  zugestanden  wird,  dann  würde,  wie  ich  glaube,  unser  Land
sich  bald  wieder  erholen  und  den  Vormarsch  zum  Gedeihen,
soweit  Tarifpolitik  einen  solchen  Marsch  beschleunigen  kann,
wieder  aufnehmen,  wie  er  das  Jahrzehnt  von  1880—1890  kennzeichnet: ­
  eine  Periode,  in  der  sich  eine  geradezu  staunenswerte
Entwicklung  zeigte;  ein  Jahrzehnt,  das,  soweit  materieller  Fortschritt ­
  in  Frage  kommt,  als  das  goldene  Zeitalter  unserer  Republik
bezeichnet  werden  darf.

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        0  Verlag  für  Handelsliteratur  G.  Ä.  Gloeckner  in  Leipzig  S

Handelshodisdiul  -  Bibliothek
Sammlung  von  Leitfäden  aus  dem  Gebiete  des  Handels,  der  Industrie
und  Technik  zum  Selbstunterricht  sowie  zum  Gebrauche  an  Handelshochschulen. ­
  Herausgegeben  von  Professor  Dr.  MAX  APT  in  Berlin
TVe  Handelshochschul-Bibliothek  bietet  aus  der  Feder  unserer  besten  Praktiker
und  Theoretiker  Leitfäden  für  die  einzelnen  Wissensgebiete  des  Handels,  der
Industrie  und  Technik,  welche,  auf  der  Höhe  der  Wissenschaft  stehend,  gemeinverständlich ­
  abgefaßt  sind.  Einmal  sollen  sie  zur  Unterstützung  des  Unterrichts
dienen,  sodann  zum  Selbstunterricht.  Die  Darstellung  ist  stets  präzise,  aber  nicht
zu  knapp;  für  die  weitere  Vertiefung  und  das  Selbststudium  enthalten  die  Bände
ausführliche  Literaturangaben.  Insbesondere  werden  in  jeder  Ärbeit  möglichst
viele  Beispiele  aus  der  Praxis  des  Kaufmanns  beigebracht,  um  die  Darstellung
recht  anschaulich  zu  gestalten.

Die  Fabrikbudihaltung  von  Dr.
Ä.  CHLMES,  Prof.  a.  d.  Akademie  für
Sozial-  und  Handelswissenschaften,
Frankfurt  a.M.  206  Seiten.
In  Originalleinenband  M.  4.50
Die  Bankim  Dienste  des  Kaufmanns ­
  von  Dr.  JOH.  FR.  SCHAR,
Prof.  a.  d.  Handelshochschule  Berlin.
2.Äufl.  237  S.  in  Orig.-Leinenbd.  M.  5.
Grundriß  des  deutschen  Genossenschaftswesens ­
  von  Justizrat ­
  Dr.  HANS  CROGER,  Anwalt  des
ÄllgemeinenVerbandes  der  auf  Selbsthilfe ­
  beruhenden  deutschen  Handelsu.
  Wirtschaftsgenossenschaften.  134S.
In  Originalleinenband  M.  3.40
Post-,  Telegraphen-  u.  Telephonrecht ­
  von  Dr.  GEORG  EGER,
Geheimer  Regierungsrat,  Dozent  an
der  Handelshochschule  und  Dr.  KURT
GORDÄN,  Magistr.-Ässessor  in  Berlin.
254  S.  In  Originalleinenband  M.  5.20
Das  Eisenbahnrecht  im  Deutschen ­
  Reiche  und  Preußen
von  Dr.  GEORG  EGER,  Geheimer  Regierungsrat, ­
  Dozent  an  der  Handelshochschule ­
  in  Berlin.  260  Seiten.
In  Originalleinenband  M.  5.20
Le  Fran^ais  Courant  Lectures
pratiques  et  graduees  permettant  une
revue  facile  et  piaisante  de  la  grammaire
  par  GABRIEL  PUY-FOURCÄT,
Lektor  an  der  Kgl.  Militärakademie
und  der  Handelshochschule  in  Berlin.
134  S.  In  Originalleinenband  M.  3.20

Die  Berichterstattung  über
Welthandelsartikel  (Getreide,
Zucker,  Kaffee,  Baumwolle,  Wolle)
von  ARTHUR  NORDEN.  210  Seiten.
In  Originalleincnband  M.  4.50
Grundriß  des  gewerblichen
Rechtsschutzes  vonDr.PHILIPP
ÄLLFELD,  Professor  der  Rechte  an
der  Universität  Erlangen.  228  Seiten.
In  Originalleinenband  M.  4.60
Einführung  in  die  Sozialpolitik ­
  von  Dr.  LEOPOLD  VON
WIESE,  Professor  der  Volkswirtschaftslehre ­
  an  der  Kgl.  technischen
Hochschule  Hannover.  212  Seiten.
In  Originalleinenband  M.  4.50
DeutsdieBürgerkundevonReg.-Ässess.
  Dr.  KLEEFELD,  Berlin.  2.  Auflage. ­
  296  Seiten.
In  Originalleinenband  M.  3.60
Allgemeine  Handelsbetriebslehre ­
  I.  Band  von  Dr.  JOH.  FR1EDR.
SCHÄR,  Prof,  an  der  Handelshochschule ­
  Berlin.  2.  Auflage.  444  Seiten.
In  Originalleinenband  M.  8.40
Der  II.  Band  ist  in  Vorbereitung.
Das  deutsche  Kolonialwesen
von  Dr.  PAUL  ROHRBACH,  Dozent
an  der  Handelshochschule  Berlin.
160  S.  In  Originalleinenband  M.  3.20
Die  deutsche  Eisenindustrie
von  Dr.  E.  HÜBENER,  Sekretär  der
Ältesten  der  Kaufmannschaft  in  Berlin.
228  S.  In  Originalleinenband  M.  5.20

Ausführliche  Sonderprospekte  auf  Wunsch  kostenfrei.
        <pb n="237" />
        0  Verlag  für  Handelsliteratur  G.  R.  Gloeckner  in  Leipzig  0

Gloeckners  Handelsbfidierei
Herausgegeben  von  Oberlehrer  Ädolf  Ziegler
Jeder  Band  in  Ganzleinen  M.  1.50
Die  Sammlung  stellt  sich  in  den  Dienst  einer  Berufsbildung  auf  allgemeiner,  breiter
Grundlage.  Sie  vermittelt  dem  jungen  Kaufmann  die  Grundlagen  sicheren  Wissens
und  Könnens;  sie  führt  ihn  aber  auch  in  die  tieferen  Zusammenhänge  seiner  Berufsarbeit ­
  ein.  Der  ältere  in  der  Praxis  erfahrene  Kaufmann  findet  hier  eingehend  Aufschluß ­
  über  dieverwick  eiteren  Vorgänge  seiner  kaufmännischen  Tätigkeit.  Bei  der  Vielgestaltigkeit ­
  kaufmännischer  Arbeit  wird  ihm  die  mit  Sorgfalt  zusammengestellte  und
einheitlich  aufgebaute  Büchersammlung  ein  willkommener  Führer  sein,  zumal  der  billige
Preis  jedem,  auch  dem  wenig  begüterten  jungen  Kaufmann  dieÄnschaffung  ermöglicht.
B  d  Bis  jetzt  erschienen:
1:  Wege  zu  kaufmännischer  Bildung  von  Johannes  Buschmann.
3:  Der  Kaufmann  im  Verkehr  mit  den  Postbehörden  von  Dr.
jur.  et  phil.  R.  Köhler.
6:  Das  Waren-  und  Kaufhaus  von  Syndikus  Dr.  J.  Wernicke.
10:  Äbriß  der  Export-  und  Importkunde  von  Dr.  F.  Strothbaum.
11/12;  Die  Organisation  von  Fabrikbetrieben  von  Ingenieur
Werner  Grull.
13:  Einfache  Buchführung  von  Oberlehrer  Ed.  Glück.
15:  Geheimbuchführung  von  Diplom-Bücherrevisor  O.  Ziegler.
19:  Geschäftskunde  für  den  Kleinhandelsstand.  Erstes  Buch
von  Kammerassistent  H.  Krüer.

In  Vorbereitung:

Das  Schriftwerk  des  Kaufmanns
von  E.StoltefuB.
Der  Kaufmann  im  Verkehr  mit  der
Eisenbahn  von  Dr.  O.  Heider.
Der  Kaufmann  im  Verkehr  mit  den
deutschen  Zollbehörden  von  Reg.-Rat
  Dr.  Seidel.
Das  Mahnverfahren  von  Rechtsanwalt
Dr.  B.  Stern.
Das  Konkursrecfat  von  Rechtsanwalt
Dr.  B.  Stern.
Geschichte  des  Handels  v.  Oberlehrer
Dr.  H.  Dietze.
Die  doppelte  Buchführung  v.  Oberlehrer ­
  Ed.  Glück.
Die  Fabrikbuchhaltung  von  Direktor
J.  Oberbach.
Die  Bankbuchhaltung  v.  Dr.  H.  Salzmann. ­


Interessante  Fälle  aus  der  Buchhaltungspraxis ­
  v.  Dr.  Paul  Gerstner.
Geschäftskunde  f.  d.  Kleinhandelsstand. ­
  Zweites  Buch;  von  Kammerassistent ­
  H.  Krüer.
Geschäftskunde  f.  d.  Kleinhandelsstand.
  Drittes  Buch;  von  Kammerassistent ­
  H.  Krüer.
Die  deutsche  Zoll-  und  Handelspolitik ­
  von  Prof.  Dr.  W.  Gerloff.
Die  äußere  Handelspolitik  von  Prof.
Dr.  W.  Gerloff.
Die  innere  Handelspolitik  von  Prof.
Dr.  W.  Gerloff.
Das  deutscheHandelsrechtvon  Justizrat ­
  Prof.  Gammersbach.
Schiffahrtsrecht  von  Justizrat  Prof.
Gammersbach.

Die  Sammlung  wird  fortgesetzt.

Ausführlicher  Sonderprospekt  auf  Wunsch  kostenfrei
        <pb n="238" />
        0  Verlag  für  Handelsliteratur  G.  A.  Gloeckner  in  Leipzig  0

L.  Rothschilds
Taschenbuch  für  Kaufleute
Ein  Lehr-  und  Nachsdilagebuch  der  gesamten  Handelswissenschaften ­
  in  allgemeinverständlicher  Darstellung
In  Verbindung  mit  hervorragenden  Fachmännern  herausgegeben  von
Professor  Dr.  Christian  Eckert
Studiendirektor  der  Handelshodisdiule  Cöln
Mit  einer  großen  Änzahl  CC  vollständig  neubearb.Äufl.
Übersichten  und  Tabellen.  UcJ.  XVIII  u.  1126  Seiten  Lex.-8°.
In  Leinenband  M.  10.—,  in  Halblederband  M.  11.—
Bisheriger  Absatz  über  430000  Exemplare!
„Rothschilds  Taschenbuch  ist  eines  jener  Universalwerke,  die  sich  dauernd  behaupten.  Das  nun
1  n  55.  Auflage  vor  uns  liegende  Buch  ist  gegenüber  seinen  Vorgängern  wieder  wesentlich  erweitert
und  verbessert.  Der  Verlag  hat  —  in  seiner  bekannten  Weise  —  sowohl  auf  den  Inhalt  wie  auf  die
Ausstattung  des  Werkes  wieder  die  größte  Sorgfalt  verwendet.  Welcher  Kaufmannslehrling  möchte
nicht  dieses  Lehr-,  Lern-  und  Nachsdilagebuch  besitzen!  Wir  empfehlen  namentlich  den  Lehrlingsund ­
  Unterrichtsabteilungen  der  Ortsgruppen  des  Verbandes  Rothschilds  Taschenbuch  als  Prämie  zu
vergeben.“  Deutsche  Handelswacht.
„Unter  der  Leitung  des  bewährten  Studiendirektors  der  ersten  deutschen  Handelshochschule,
des  Professors  Eckert,  haben  sich  mehrere  Männer  der  Volkswirtschaftslehre,  der  Handelstechnik,
der  Versicherungswissenschaft  und  dergleichen  vereinigt  und  ein  Handbuch  des  gesamten  kommerziellen ­
  Wissens  zusammengestellt,  wie  wir  es  in  dieser  Vollkommenheit  in  Deutschland  bisher  noch
nicht  besaßen.“  Berliner  Tageblatt.

Kretzsdimars
Fremdwörterbuch  für  Handel
und  Industrie
Alphabetisches  Verzeichnis  der  in  Sprache  und
Schrift  vorkommenden  nichtdeutschen  Wörter,
deren  Abstammung,  Betonung  und  Verdeutschung
Bearbeitet  von  Dr.  phil.  Fr.  Purliiz
4.  Auflage.  IV  und  414  Seiten.  Gebunden  M.  3.20
„Das  Buch  will  ein  Nachsdilagebuch  sein,  das  dem  Bedürfnisse  des  handel-  und  gewerbetreibenden
Publikums  genügt.  Es  kann  nicht  den  Anspruch  auf  Vollständigkeit  machen;  doch  genügt  es  völlig
den  Ansprüchen,  des  geschäfllichen  Lebens.  Es  vereinigt  in  sich  ein  Fremdwörterbuch,  eine  kaufmännische ­
  Terminologie  und  ein  technisches  Lexikon.  Im  Gebrauch  wird  sich  das  Buch  recht  praktisch
erweisen.  Deutsche  Handelsschul-Lehrerzeitung.
„Bei  dem  billigen  Preis  und  fast  25000  Stichwörtern  können  wir  das  Fremdwörterbuch  bestens
empfehlen.  Es  enthält  eigentlich  mehr  als  der  Titel  besagt,  da  eine  große  Anzahl  Wörter  fremder
Sprachen  Aufnahme  gefunden  hat.  Aber  dies  erhöht  nur  den  Wert  des  Buches  als  eines  zuverlässigen ­
  kaufmännisch-technischen  Nachschlagewerks.“  Berliner  Lokal-Anzeiger
        <pb n="239" />
        II.  Lebensunterhalt  in  Großbritannien  und  in  den  Vereinigten  Staaten.  155
un  ist  der  Satz  von  18  Sh.  der  höchste  in  ganz  Neuyork.  Dair
  hat  er  ein  sehr  gutes  Zimmer  und  alle  Mahlzeiten,  Frühstück,
*unch,  Mittag-  und  Abendessen.  Er  erinnert  sich  dann  vielleicht,
iß  er  im  Londoner  Metropol-Hotel  kaum  auch  nur  ein  gleiches
iner  haben  könnte  für  dasselbe  Geld,  mit  dem  in  einem  guten
euyorker  Hotel  volle  Pension  —  alles  inbegriffen  —  bezahlt  wird,
ber  die  Eisenbahnkosten  befragt,  muß  er  nach  kurzem  Nachchnen
  eingestehen,  daß  sie  in  Amerika  für  erste  Klasse,  mit
Anschluß  des  Schlafwagens,  kaum  die  Hälfte  der  englischen  EisenihnprCise
  ausmachen.  Die  bei  Bahnfahrten  und  Hotelkosten  geachten
  Ersparnisse  dürften  noch  nicht  zur  Hälfte  von  den  Extra-•eisen
  für  Droschken  und  ausländische  Weine  verschlungen  wer-|n.
  Der  ausländische  Besucher  kaufe  keine  aus  nichtamerikanis
 |  hem  Tuch  gemachten  Kleidungsstücke,  auch  wird  er,  klug  genug
Tm  Beispiele  der  Amerikaner  folgend,  stets  Hotelomnibusse  oder
ektrische  Bahnen,  sehr  selten  aber,  wenn  überhaupt,  Droschken
mutzen;  diese  sind  keine  amerikanische  Einrichtung.  Wünscht
doch  der  fremde  Besucher  Wagen  und  Pferde  tag-,  wochenid
  monatweise  oder  auch  zum  Theater  und  für  Empfangsabende,
_inn  kann  er  dergleichen  zu  Preisen  haben,  die  hier  nicht  höher
nd,  als  die  in  London  dafür  verlangten:  40—50  £  monatlich,  je
ich  den  Umständen  und  12  Sh.  für  einen  Brougham  auf  den
bend;  ja  für  eine  Nachmittagsfahrt  in  den  Park  sind  Wagen  und
ferde  in  Neuyork  sogar  noch  billiger  zu  haben.  Es  steht  ganz
ißer  Zweifel,  daß  die  Reisekosten  mit  allen  damit  verbundenen
r~ebenausgaben  pro  Tag  bei  gleichen  Entfernungen  in  England
iher  sind  als  in  Amerika.  Doch  das  geht  nur  die  verhältnisäßig
  kleine  Zahl  von  Reisenden  an,  welche  doch  gewöhnlich  beittelte
  Leute  sind,  und  ist  daher  von  nur  geringer  Bedeutung.
:  iel  wichtiger  und  bedeutsamer  sind  die  vergleichsweisen  Kosten
r  den  Lebensunterhalt  der  großen  Volksmassen,  der  auf  Lohn
]■  igewiesenen  Klassen,  in  beiden  Ländern.
j:  Überlegen  wir  einmal  ruhig  folgendes:  Das  Einkommen  der
s :  rbeitermassen  —  gelernter  und  ungelernter  Arbeiter  —  beträgt
1:  vischen  £  60  und  £  120  (1200  bis  2400  M.)  jährlich.  Zunächst
*j;  ollen  wir  nun  die  aus  solchem  Einkommen  zu  bestreitenden  notwendigen ­
  Ausgaben  näher  untersuchen.  Nach  der  Arbeiterstatistik
        <pb n="240" />
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        <pb n="243" />
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        <pb n="244" />
        ﻿V V V
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