18 Weigert. Lohnstand im Allgemeinen kaum die Selbstkosten der Arbeit deckt, bedarf eines Beweises, der noch nicht geführt ist und allerdings schwer zu führen sein dürfte. Aps diesem Grunde dürfen wir aber der gegnerischen Ansicht die unsrige, daß in den Gewerben eine außerordentliche Lohnsteigerung eingetreten ist und stetig mehr Platz greift, daß der heutige Lohn im Allgemeinen ein der dafür geforderten Leistung entsprechender und ohne den wirthschaftlichen Fortschritt zu gefährden, nicht wesentlich zu erhöhender ist, entgegenstellen. Das Verhältniß zwischen Arbeiter und Unternehmer ist in der Praxis ein von dem theoretisch so häufig aufgestellten weitaus verschiedenes. Während diese Theorie von der Voraussetzung ausgeht, daß der sogenannte freie Arbeits vertrag eigentlich kein solcher ist, sondern die Erwerbung der nothwendigsten Lebensbedürfnisse den Arbeiter zwingt, sich mit gebundenen Händen den Unter nehmern zu überliefern; die Freiheiten, deren er sich erfreut, also in den meisten Fällen illusorische sind, da ihm die Macht fehlt, sie geltend zu machen, hat sich in Wahrheit in unserm Gewerbeleben das Verhältniß vollständig umgekehrt gestaltet. Es ist vielmehr -der Unternehmer, welcher in überwiegen dem Maße und mit nicht geringerer Intensität, wie die Arbeiter der Leistungen derselben bedarf und den ihm gestellten Bedingungen sich unterwerfen muß. Während beim Arbeiter die Existenz des Lebens auf dem Spiele steht, ist es, da wir den Unternehmer vom Capitalisten trennen müssen, bei ihm nicht minder Existenz, Ehre und Leben, welche eine Fortführung seines Geschäfts dringend erheischen. Wenn beim Arbeiter, um die äußersten Consequenzen zu ziehen, Darben und Roth die Folgen der Arbeitslosigkeit sein können, führt die Unmöglichkeit, seine Fabrik in Thätigkeit zu erhalten, für den Unternehmer den Ruin der selben und häufig gleichfalls Mangel herbei. Während aber der Arbeiter mit Leichtigkeit Beschäftigung finden und seine Lage verbessern kann, ist ein ruinirter Unternehmer weit schwieriger befähigt, eine neue Existenz zu gründen. Bei der heutigen Lage der Industrie muß ich jedoch die Unmöglichkeit, in der sich der Arbeiter befinden könnte, Beschäftigung zu finden, als eine äußerst hypothetische hinstellen. Unsere industrielle Thätigkeit ist in regem Aufschwung begriffen, die Vergrößerung des Capitals wird sie immer weiter ausdehnen. Es hat sich gezeigt, daß aller Orten und in allen Gewerben fühlbarer Arbeiter-Mangel herrscht, vergeblich Hände gesucht werden. Selbst in der schweren industriellen und merkantilischen Krisis, in der wir uns be finden, hat sich das Verhältniß wenig geändert, weil der Unternehmer nicht ohne empfindlichen Schaden eine wesentliche Einschränkung seiner Production vornehmen kann. In solchen Zeiten wälzt sich der Druck nicht auf den Arbeitslohn, sondern auf den Unternehmer-Gewinn. Es ist nicht der Arbeiter, der zu Grunde geht, sondern der Unternehmer und das Capital; unter hundert Fällen werden neunzig Mal die Unternehmer zuerst von solchen Verhängnissen heimgesucht. Es herrscht überhaupt meistens eine durchaus irrige Meinung von der Höhe des Unternehmer-Gewinns. Die Theoretiker sehn nur Schlotbarone, die Spitzen der Industrie und übersehen ganz, daß sich das Gros der