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I.  Geschichte  und  Entwicklung  des  Kartellwesens.

darf.  Da  aber  der  Verbrauch  nicht  unbegrenzt  ist,  so  standen
die  Fabrikanten  auf  einmal  vor  der  Tatsache,  daß  mehr
Waren  vorhanden  waren,  als  gebraucht  werden  konnten,  und
nun  erst  setzte  die  freie  Konkurrenz  mit  voller  Wucht  ein.
Um  die  Waren  loszuschlagen,  wurden  die  Preise  heruntergesetzt, ­
  die  Qualität  verschlechtert,  die  Ziele  ins  Ungemessene ­
  verlängert,  die  Verkaufsbedingungen  ungünstiger  und
ungünstigere.  Die  Gewinne  sanken  auf  ein  Minimum,  oft  verwandelten ­
  sie  sich  in  Verluste,  und  über  die  Schwächeren
schlugen  die  Wogen  des  Verderbens  zusammen;  er  war  gewesen, ­
  während  der  Stärkere  ächzte  unter  den  tiefen  Wunden, ­
  die  ihm  der  freie  Wettbewerb  geschlagen  hatte.  Der
Arbeiterschaft  aber  brachte  die  planlose  Produktion  ungeregelte, ­
  schwankende  Beschäftigung  und  gedrückte  Löhne.
Die  freie  Konkurrenz,  der  schrankenlose  Wettbewerb,
einst  die  Pioniere  des  Fortschritts,  brachte  nunmehr  Verderben ­
  und  Vernichtung,  den  Unternehmern  sowohl  als  auch
den  Arbeitern.  Da  erstand  ein  Retter,  das  Kartell 1 ).
Das  Jahr  1873  leitete  die  große  Wende  in  den  wirtschaftlichen ­
  Ideen  und  Organisationen  der  neuen  Zeit  ein.  Die  Lehre
von  der  schrankenlosen  Konkurrenz,  dem  laissez  faire  et  laissez
passer,  erhielt  einen  Stoß,  von  dem  sie  sich  nie  wieder  völlig  erholen ­
  sollte.  Als  nämlich  bei  diesem  Kampf  um  den  Absatzmarkt, ­
  der  Mitte  der  siebziger  Jahre  seinen  Höhepunkt  er-J
 )  Der  Fortfall  der  Zunft  und  die  an  ihre  Stelle  tretende  Oewerbefreiheit,
  das  neue  Prinzip  der  freien  Konkurrenz,  war  also  zunächst  für
die  um  die  Wende  des  18.  Jahrhunderts  aufkommende  Fabrikindustrie
'von  Vorteil  gewesen,  um  dann  bei  zunehmender  Entwicklung  der
Großindustrie  in  das  Gegenteil  umzuschlagen.  Aber  auch  für  den  Arbeiter, ­
  so  meinte  man  damals  (und  heute  hören  wir  bisweilen  noch  dieselbe
Beweisführung)  sei  die  inviduelle  Freiheit  aut  jeden  Fall  nützlich.  Denn
Adam  Smith  sagte:  „Das  Erbteil  eines  armen  Mannes  liegt  in  der  Kraft
und  Geschicklichkeit  seiner  Hände  und  ihn  zu  hindern,  diese  Kraft
und  Geschicklichkeit  so  anzuwenden,  wie  er  es  für  passend  findet,  ohne
dadurch  seinen  Nächsten  zu  schädigen,  ist  eine  klare  Verletzung  dieses
heiligsten  Eigentums.“  (Smith,  Volkswohlstand,  deutsch  von  Stöpel,
p.  170.)  Die  Arbeiterschaft  aber  hat  in  der  Praxis  diese  Lehren  nicht
verfolgt  und  am  Koalitionsprinzip  festgehalten,  damals  in  den  zünftigen ­
  Gesellenbrüderschaften,  heute  in  den  Oewerkvereinen.  Ebenso
nähern  sich  die  Unternehmer,  indem  sie  sich  kartellieren,  wiederum
der  alten  Zunft,  denn  beide  Organisationen  haben  keinen  andern  Zweck,
als  Angebot  und  Nachfrage  zu  regeln  und  so  zugestalten,  wie  es  dem
Produzenten  am  vorteilhaftesten  ist.