I.  Geschichte  und  Entwicklung'  des  Kartellwesens.

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einen  zum  Vorteil,  konnte  in  demselben  Industriezweige  dem
anderen  zum  Nachteil  gereichen.  Vor  allem  fiel  die  Lage
der  einzelnen  Werke  inbezug  auf  Rohmaterialien,  Weiterverarbeitung ­
  und  Frachten  —  welche  bei  der  schweren  Industrie ­
  mehr  wie  bei  jeder  anderen  eine  entscheidende  Rolle
spielen  —  sehr  ins  Gewicht.  Während  der  eine  Teil  in  der
Beschränkung  der  Produktion,  aber  an  höheren  Preisen  ein
Interesse  hatte,  wünschte  der  unter  besseren  Verhältnissen
produzierende  Teil  volle  Ausnutzung  der  Anlagen.  Auch  die
Selbstverarbeitung  eines  Teiles  der  Rohmaterialien  und  Angliederung ­
  weiterer  Industriezweige  gab  dem  einen  Teil
einen  Vorsprung  gegenüber  dem  anderen,  welcher  dazu  nicht
in  der  Lage  war.  Dieses  alles  sind  Gründe,  die  Jahrzehnte
hindurch  kein  festes  Gefüge  aufkommen  ließen  und  auch
heute  noch  verhängnisvoll  einwirken.  Die  ersten  losen  Anfänge ­
  bildeten  sich  in  den  achtziger  Jahren.  Es  entstanden
die  Roheisensyndikate,  das  Schienenkartei!,  die  Walzwerkverbände, ­
  die  Halbzeugverbände,  Träger-  und  Blechkartelle,
das  Walzdrahtsyndikat,  die  Grob-  und  Feinblechverbände,
Röhrenverbände  usw.  Diese  Verbände  aber  umfaßten  nicht
einheitlich  ganz  Deutschland,  sondern  zerfielen  in  viele  einzelne ­
  Bezirkskartelle  und  bezweckten  an  erster  Stelle  Preiskonventionen ­
  herbeizuführen.  Viele  Kartelle  aber  scheiterten
an  dem  Egoismus  der  beteiligten  Faktoren,  viele  haben  das
Ziel  nicht  erreicht  und  verfielen  nach  und  nach  wieder  der
Auflösung.  In  den  Jahren  1893—96  waren  fast  alle  Kartelle
durch  innere  Reibung  verschwunden  und  erst  vom  Jahre  1902
ab  setzte  eine  Periode  ein,  in  der  vielfach  früher  bestandene
Kartelle  wieder  erneuert  und  neue  ins  Leben  gerufen  wurden ­
 1 ).  Die  Kartelle  sind  eben,  entsprechend  den  wechselnden
Bedürfnissen  und  Aufgaben,  fortgesetzt  in  Wandlungen  begriffen. ­
  In  ihrer  Entwicklung  zeigen  sie  die  Tendenz,  sich
von  einfachen,  niedrigen  Formen  zu  immer  höheren  und
in  sich  gefestigteren  zu  entwickeln,  wofür  das  beste  Beispiel
der  Stahlwerksverband  bietet.

*)  Es  ist  niederen  Formen  der  Kartellbildung  charakteristisch,  daß
sie  bei  Differenzen  unter  den  Mitgliedern,  bei  dem  Aufkommen  einer
scharfen  Außenkonkurrenz  oder  bei  ungünstiger  Konjunktur  leicht  der
Auflösung  verfallen,  ln  Industrien,  welche  nur  der  niederen  Kartellierung ­
  zugänglich  sind,  zeigt  die  Kartellbewegung  daher  ein  periodisches ­
  Auf-  und  Niederschwanken,  indem  eine  karteilose  Zeit  abwechselt ­
  mit  einer  Zeit,  in  der  ein  Kartell  vorherrschend  ist.