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I.  Geschichte  und  Entwicklung  des  Kartellwesens.

In  ihrer  gesamten  Entwicklung  aber  haben  die  Kartelle
wegen  ihrer  vielfach  günstigen  Einwirkungen  auf  die  wirtschaftliche ­
  Lage  der  Industrie  gewiß  ein  gutes  Teil  mit  dazu
beigetragen,  daß  Deutschland  infolge  eines  fast  beispiellosen ­
  Aufblühens  der  vorhandenen  und  der  Entstehung  neuer
industrieller  Unternehmungen  aus  einem  fast  reinen  Agrarstaate ­
  einer  der  ersten  Industriestaaten  der  Welt  und  einer
der  gefürchtesten  Konkurrenten  auf  dem  Weltmärkte  wurde.
Damit  stieg  von  Jahr  zu  Jahr  die  Zahl  der  in  der  deutschen
Industrie  beschäftigten  Arbeiter;  der  Prozentsatz  des  von  der
Industrie  lebenden  Teiles  der  Bevölkerung  nahm  fortwährend
zu.  Dadurch  wurde  es  ermöglicht,  für  das  stark  anwachsende
deutsche  Volk  fortlaufend  auf  heimischen  Boden  Arbeit  und
Brot  zu  finden.  Was  das  bedeutet,  beweist  die  steigende
Bevölkerungsziffer  des  deutschen  Reiches:

im  Jahre  1816
„  1830
„  1850
„  1870
„  1890
„  1905

24.8  Mill.  Einwohner
29,5  „  „
35.4  „  „
40.8  „
49.4  „
56,3  „  „

Die  Bevölkerung  hat  somit  im  vergangenen  Jahrhundert
•eine  Zunahme  um  mehr  als  das  doppelte  erfahren.  Der  jährliche ­
  Bevölkerungszuwachs  beläuft  sich  auf  900  000  Köpfe.
Pieser  Bevölkerungszuwachs  wird  zuweilen  als  eine  ungesunde ­
  Erscheinung  betrachtet,  die  nur  zu  einer  Steigerung
der  sozialen  Not  beitrage.  Richard  Calwer 1 )  bezeichnet  dies
als  einen  verkehrten  Standpunkt.  Denn  die  Existenzmöglichkeiten, ­
  die  wir  dem  Bevölkerungszuwachs  bieten,  können
sehr  verschieden  sein.  Das  Nationaleinkommen  kann  durch
eine  geeignete  Wirtschaftspolitik  —  vielleicht  tragen  die  Kartelle ­
  dazu  bei  —  noch  beträchtlich  stärker  anwachsen,  als
Calwer  für  den  Bevölkerungszuwachs  mit  200  Millionen  Mark
jährlich  angenommen  hat.  In  diesem  Ausblick  ist  der  Bevölkerungszuwachs ­
  dem  deutschen  Volke  keine  Last,  keine
Gefahr,  sondern  eine  Stärkung  seiner  Kraft,  eine  Mehrung
seines  Reichtums  und  ein  harter,  aber  heilsamer  Zwang  zur
Arbeit  und  zum  Vorwärtsstreben.

*)  Richard  Calwer  in  seiner  Arbeitsmarkt-Korrespondenz.