32

II.  Allgemeine  sozialpolitische  Bedeutung  der  Kartelle.

Als  sich  nun  diese  Denkschrift  noch  im  Anfangsstadium
ihres  Entstehens  befand,  hatte  man  auch  die  Frage  beobachtet, ­
  ob  nicht  die  Kartelle  einen  Einfluß  auf  die  Lage
der  Arbeiterschaft  ausgeübt  hätten.  Schon  seit  Beginn  dieses
Jahrhunderts  war  die  Regierung  bemüht,  das  schon  längst
in  der  Sammlung  begrirfene  Material  über  Zahl,  Umfang  und
Tätigkeit  der  deutschen  Kartelle  zu  vervollständigen.  Im
März  1902  erließ  dann  der  preußische  Handelsminister  eine
Rundfrage  an  die  Regierungspräsidenten,  deren  einleitendes ­
  Schreiben  auf  die  zunehmende  Bedeutung  des  Kartellwesens ­
  hinwies,  wodurch  es  erwünscht  erscheine,  über  die
Bildung  und  Entwicklung  wirtschaftlicher  Kartelle  sowie  über
desen  Wirkungen  tunlichst  genau  unterrichtet  zu  werden.
Dem  Schreiben  war  ein  Fragebogen 1 )  beigefügt,  der  auch
die  Arbeiterverhältnisse  in  kartellierten  Betrieben  berücksichtigte, ­
  und  zwar  durch
Frage  2:  Wie  groß  ist  die  Zahl  der  von  den  syndizierten
Unternehmern  beschäftigten  Arbeiter  ?  und
Frage  25:  Welche  Erfahrungen  sind  hinsichtlich  der  Einwirkung ­
  auf  die  Lohn-  und  Arbeitsverhältnisse  der  in  kartellierten ­
  Betrieben  beschäftigten  Personen  bisher  gemacht,
welche  Erfolge  damit  erzielt  worden  ?

zu  machen,  wie  Angaben  über  Zahl,  Größe  und  Ausdehnung  des  Betriebes ­
  werden  oft  nur  mit  Widerwillen,  oft  gar  nicht  gegeben.  Würden
sich  jene  Unternehmer  aber  vor  Augen  halten,  daß  je  mehr  (weite
Kreise,  Aufklärung  erhalten,  aller  Wahrscheinlichkeit  nach  auch  der
Unternehmer  hieraus  einen  Vorteil  zieht.  Insbesondere  ist  das  zum  Teil
recht  kartellfeindliche  große  Publikum  oft  nur  von  falschen  und  unklaren
Vorstellungen  über  das  Wesen  der  Kartelle  umfangen.  Es  ist  daher  als
das  größte  Verdienst  der  Enquete  anzusehen,  daß  die  Verhandlungen
auch  auf  das  große  Publikum  nicht  ohne  Eindruck  geblieben  sind  und
daß  die  anfänglich  ausgesprochene  Antipathie  der  öffentlichen  Meinung
gegen  die  Verbände  allmählich  einer  vorurteilsfreieren  Auffassung  Platz
gemacht  hat.
Im  kontradiktorischen  Verfahren  sind  beide  Parteien  zu  rückhaltloser, ­
  ausgiebiger  Aussprache  gelangt,  wenn  auch  nicht  zu  verhehlen
ist,  daß  die  „allgemeine  Ansicht  über  die  Enquete  dahin  geht,  daß  man
die  Vertreter  der  verschiedenen  Interessengruppen  zu  viel  sich  selbst
und  damit  zu  sehr  dem  Zufall  überlassen  hat,  was  zur  Sprache  gebracht ­
  wird,  und  daß  es  an  den  Bemühungen  der  Regierungsvertreter
und  sonstigen  unparteiischen  Sachverständigen  fehlte,  um  auch  wirklich ­
  alles  Wichtige  zur  Sprache  zu  bringen.“  (Liefmann,  Kartelle  und
Trusts,  p.  127.)
*)  Abgedruckt  u.  a.  bei  Calwer,  Das  Wirtschaftsjahr  1902,  I.  Teil,
p.  27  ff.