50

II.  Allgemeine  sozialpolitische  Bedeutung  der  Kartelle.

stellt,  als  ob  in  diesem  Fall  der  Arbeiter  der  Kriegswillige
wäre,  und  die  anderen,  die  die  große  Munition  aufgefahren
haben,  um  jeden  Streik  zu  beseitigen,  diejenigen  sind,  die
nichts  Böses  im  Schilde  führen  .  .
Mit  dieser  ganz  kleinen  Blütenlese  aus  unserer  umfangreichen ­
  Kartell-Literatur  habe  ich  meine  Ansicht  stützen  wollen,
wie  sehr  das  Kartell  einen  geeigneten  organisatorischen  Rahmen ­
  bildet,  auch  Arbeiterfragen  zu  behandeln.  Allerdings
möchte  ich  nicht  so  weit  gehen  wie  Tschierschky 1 ),  der  sogar
der  Meinung  ist,  „daß  die  Kartelle  in  nicht  allzuferner  Zeit
die  übrigen  industriellen  Organisationen  (mit  Ausnahme  der
heute  schon  vorwiegend  lokalpolitischen  Handelskammern)  in
sich  als  die  festgefügtesten  aufsaugen  werden  .  .  .“  Es
scheint  mir  aber  nicht  unbedingt  erforderlich  zu  sein,  daß
neben  dem  Kartell  noch  ein  Arbeitgeberverband  besteht,  mit
fast  genau  denselben  Mitgliedern  oder,  was  noch  schlimmer
ist,  noch  mit  Mitgliedern,  die  ganz  andere  Produktionszweige
vertreten.  Warum  eine  solche  Scheidung  zwischen  „wirtschaftlichen“ ­
  und  „sozialpolitischen“  Zwecken,  deren  Trennung ­
  auf  die  Dauer  doch  nicht  aufrecht  zu  erhalten  ist,  die
auch  heute  nur  rein  äußerlich  besteht  ?  Es  scheint  mir  aber
hier  ein  bereits  angedeutetes  psychologisches  Moment  von
Interesse  zu  sein.  Es  ist  eine  ziemlich  verbreitete  Ansicht,
daß  Kartellbildung  und  Preissteigerung  Hand  in  Hand  gehen.
Diese  Meinung  ist  den  Kartellen  manchmal  recht  unangenehm
und  diese  zu  bekämpfen  macht  manchen  von  ihnen,  man
denke  nur  an  das  Rh.  W.  Kohlensyndikat,  genug  zu  schaffen.
Würden  sie  sich  nun  noch  öffentlich  mit  Arbeiterangelegenheiten
  beschäftigen,  so  fürchten  sie,  noch  mehr  als  bisher  in
den  Ruf  eines  Bedrückers  der  Arbeiter  zu  gelangen.  Es  ist
eigentümlich,  wie  die  Kartelle  der  Öffentlichkeit  gegenüber
konsequent  bemüht  sind,  zu  zeigen,  daß  sie  sich  ein  für  allemal
nicht  mit  Arbeiterinteressen  abgeben.  Und  doch  brauchte
es  sich,  wenn  sich  Kartelle  mit  diesen  Fragen  beschäftigen,
nicht  um  einem  Ausfluß  der  Macht  der  Kartelle  zu  ungunsten
der  Arbeiterschaft  zu  handeln,  sondern  die  Kartellpolitik
könnte  hier  eine  neue  soziale  Richtung  erhalten.  Kartelle,
in  denen  Unternehmer  eines  ganz  gleichartigen  Industriezweiges ­
  mit  genau  gleicher  Interessensphäre  fest  organi*) ­

  Tschierschky  in  der  „Kartell-Rundschau“,  1908,  p.  6.