84

III.  Kartell  und  Konjunktur.

Konjunktur  vermögen  die  Kartelle  vor  allem,  durch  ihre
Preispolitik  auszuüben.  Die  Kartelle,  insbesondere  die  höher
entwickelten,  die  Syndikate,  haben  nach  ihren  Verträgen  gewöhnlich ­
  drei  Arten  von  Preisen:  Rieht-,  Verrechnungs-  und
Verkaufspreise.  Die  allgemeinen  Richtpreise  werden  von  den
Beiräten  festgestellt.  Auf  Grund  dieser  werden  von  den
Vorständen  der  Kartelle  (Syndikate)  die  Verrechnungspreise,
zu  denen  die  Syndikate  von  den  Mitgliedern  die  einzelnen  Erzeugnisse ­
  kaufen,  festgesetzt.  Um  Schwankungen  in  den
Verrechnungspreisen  in  kürzeren  Zeiträumen  möglichst  zu
vermeiden,  haben  einzelne  Syndikate  die  Bestimmung  aufgenommen, ­
  daß  eine  Abänderung  der  einmal  aufgesteilten  Verrechnungspreise, ­
  solange  der  Beirat  seine  Preisvorschriften
unverändert  aufrecht  erhält,  nur  bei  Beginn  eines  Verrechnungs-
  oder  Kalenderjahrs  erfolgen  kann 1 ).  Die  Vorstände
oder  Geschäftsführer  der  Syndikate  bestimmen  sodann  die
Verkaufspreise  und  Verkaufsbedingungen  unter  möglichster
Beachtung  der  vom  Beirat  aufgestellten  Preis-  und  Sortenbestimmung. ­
  Für  die  Beurteilung  der  Preispolitik  der  SynJ ­
 )  Daß  die  Richtpreise  und  die  daraus  sich  ergebenden  Verkaufspreise ­
  auf  längere  Zeit  festgesetzt  und  nicht  beim  ersten  Anzeichen ­
  eines  wirtschaftlichen  Niederganges  oder  Aufschwungs  geändert
werden,  kann  nur  als  Vorteil  gelten.  Hierdurch  wird  im  Gegensatz
zu  den  amerikanischen  Trusts,  deren  ein  fortwährendes  Schwanken
der  Preise  bedingte  Politik  durchaus  nicht  zur  Beruhigung  des  Marktes
beiträgt,  eine  gewisse  Stetigkeit  erreicht.  Vgl.  Pilz,  „Glückauf“,
1909,  Nr.  52,  p.  1914.)
ln  dem  Bestreben  stabile  Preise  zu  halten,  unterscheiden  sich
die  deutschen  Kartelle  lobenswert  gegenüber  den  amerikanischen  Trusts.
Das  Streben  der  Trusts  geht  dahin,  eine  Monopolstellung  zu  erringen,
um  in  der  Preisbildung  unabhängig  zu  sein.  Die  Trusts  benutzen  aber
nicht  diese  Monopolstellung  und  die  durch  die  Vervollkommnung  der
Werke  erreichte  Verminderung  der  Herstellungskosten  zu  einer  Ermäßigung ­
  des  Verkaufspreises,  sondern  suchen  vielfach  durch  unvernünftige ­
  Preissteigerung  in  kurzen  Zwischenräumen  erhebliche  Gewinne
zu  erzielen.  Dabei  ist  die  wesentlichste  Ursache  der  Preiserhöhungen
keinesfalls  die  Erhöhung  der  Löhne,  sondern  die  Überkapitalisierung
der  Trusts.  (Vgl.  Beispiele  hierüber  bei  Katzenstein,  Die  Trusts  in
den  Vereinigten  Staaten,  p.  26.  Vortrag,  gehalten  in  der  Volkswirtschaftlichen ­
  Gesellschaft  in  Berlin  am  9.  Januar  1901.  Levy,  Die  Stahlindustrie
der  Vereinigten  Staaten  von  Amerika  in  ihren  heutigen  Produktionsund ­
  Absatzverhältnissen,  p.  244.)
Die  kurze  Dauer  der  ersten  amerikanischen  Pools  wird  zum  Teil
ihrer  vielfach  schwankenden  Preispolitik  zugeschrieben.  (Vgl.  ein  Beispiel ­
  hierzu,  der  Wire  Nail-Pool  (Drahtnägelpool),  bei  Jenks,  The
Trust  Problem,  p.  61  ff.)