128

IV.  Kartell  und  Lohnverhältnisse.

Die  Saarbrücker  Sozialpolitik  ist  kostspielig,  aber  erfolgreich. ­
  Sie  wird  deshalb,  wie  Herbig  am  Schlüsse  bemerkt,
verschiedene  Beurteilung  finden,  je  nachdem  man  dem  Staatsbergbau ­
  mehr  eine  staatssozialistische  Auffassung  entgegenbringt ­
  oder  mehr  die  Erfüllung  allgemein  wirtschaftlicher
und  privatwirtschaftlich-fiskalischer  Anforderungen  von  ihm
verlangt.  Jedenfalls  aber  darf  man  bei  der  Kritik  nach  der
einen  Richtung  nicht  die  andere  Seite  der  Sache  übersehen.
Wer  in  einem  Atemzug  verlangt,  daß  der  Staatsbergbau  seine
Arbeiter  im  Lohne  besser  stelle  als  der  Privatbergbau  und
ihnen  Überschichten  und  Feierschichten  nicht  zumute,  daß  der
Staatsbergbau  im  Falle  der  Kohlenknappheit  durch  eine
starke  Produktionssteigerung  bei  mäßigen  Preisen  den  Markt
befriedige,  daß  der  Staatsbergbau  schließlich  auch  eine  gleichmäßige, ­
  hinter  der  des  Privatbergbaus  nicht  zurückstehende
Rente  abwerfe;  wer  alles  dies  von  einem  Unternehmen  verlangt, ­
  das  wie  jedes  andere  wirtschaftlichen  Gesetzen  unterliegt, ­
  der  verkennt  die  Zusammenhänge.  Wer  die  Betonung
der  Sozialpolitik  wünscht,  darf  nicht  über  die  wirtschaftlichen ­
  Rückwirkungen  klagen;  wer  die  wirtschaftlichen  Forderungen ­
  in  den  Vordergrund  stellt,  muß  sich  mit  einem  langsamem ­
  Tempo  der  Sozialpolitik  abfinden;  wer  einen  Ausgleich ­
  sucht,  muß  sich  klar  machen,  daß  jede  auf  der  einen
Seite  ausgeübte  Einwirkung  eine  entsprechende  Rückwirkung ­
  auf  der  andern  Seite  auslöst 1 ).
J )  Auch  wer  sich  mit  der  Rentabilität  des  Staatsbergbaues  beschäftigt, ­
  wird  an  diesen  Überlegungen  nicht  Vorbeigehen  können.  In  den
Etatsberatungen  zu  Beginn  des  Jahres  1910  ist  mancherlei  über  die
Gründe  gesprochen  worden,  aus  denen  der  Staatsbergbau  an  wirtschaftlichen ­
  Erfolgen  so  weit  hinter  dem  Privatbergbau  zurückbleibt.  Eine
besondere  Kommission  soll  prüfen,  weshalb  die  Überschüsse  zurückgegangen ­
  sind  und  mit  welchen  Mitteln  sie  wieder  in  die  Höhe  gebracht
werden  können.  Man  kann  gespannt  sein,  zu  welchem  Ergebnis  diese
Kommission  kommen  wird.  Sie  wird  feststellen,  daß  die  Bergverwaltung
bei  dem  Ankauf  der  westfälischen  Zechen  Pech  gehabt  hat  und  wird  an
"iner  solchen  falschen  Spekulation,  wie  sie  jedem  Bergwerksunternehmen ­
  passieren  kann,  nichts  ändern  können.  Sie  wird  sich  mit  der
Preispolitik  beschäftigen  und  wird  mit  Rücksicht  auf  die  in  den  Parlamenten ­
  herrschende  Stimmung  sicherlich  nicht  zu  Vorschlägen  kommen,
die  eine  Erhöhung  der  Überschüsse  in  einer  rücksichtsloseren  Preispolitik ­
  suchen.  Schaltet  man  diese  beiden  Punkte,  die  für  die  Rentabilität ­
  von  nicht  geringer  Bedeutung  sind,  von  vornherein  aus,  so  darf
man  nach  den  Landtagsverhandlungen  vermuten,  daß  die  Kommission
in  erster  Linie  ihr  Augenmerk  auf  Organisationsfragen  richten  wird.