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IV.  Kartell  und  Lohnverhältnisse.

Daß  die  Kartelle  auf  die  Löhne  der  Arbeiter  eine  günstige
Wirkung  ausgeübt  haben,  ist  hiernach  zwar  nicht  in  allen
Teilen  bestimmt  zu  erweisen,  jedoch  spricht  vieles  für  diese
Meinung 1 ).  Während  in  früheren  Depressionsperioden  die
Löhne  stark  herabgingen,  war  dies  in  den  Jahren  1908  und
1909,  wo  Arbeitslosigkeit  in  hohem  —  wenn  auch  vielleicht
nicht  ebenso  hohem  —  Maße  bestand,  nur  in  ganz  geringem
Umfange  der  Fall 2 ).  Gewiß  wirken  hier  auch  andere  Faktoren, ­
  insbesondere  die  Organisierung  der  Arbeiter,  mit;
aber  die  organisierten  Arbeiter  konnten  die  durchschnittliche ­
  Aufrechterhaltung  des  Lohnniveaus  doch  nur  deshalb
durchsetzen,  weil  auch  die  Rente  der  Unternehmer  nicht  so
gesunken  war  wie  in  früheren  Perioden,  worauf  ich  noch
zurückkomme.

Während  des  Bestehens  der  Kartelle  haben  also  nach
vorstehenden  Ausführungen  die  Löhne  weit  mäßigere
Schwankungen  zu  verzeichnen  gehabt  als  früher,  ebenso  ist
eine  ganz  bedeutende  Erhöhung  des  Nominallohnes  zu  verzeichnen. ­
  Die  Steigerung  des  Nominallohnes  ist  aber  kein
Beweis,  daß  sich  auch  die  Lebenshaltung  der  Arbeiter  entsprechend ­
  gebessert  hat.  Die  Höhe  der  Löhne  für  sich  allein
ist  für  eine  wirtschaftliche  Hebung  der  industriellen  Arbeiterschaft ­
  nicht  beweiskräftig.  Hier  muß  der  Reallohn,
die  Kaufkraft  des  Lohnes  in  den  verschiedenen  Jahren  in
Betracht  gezogen  werden.  Den  Löhnen  müssen  Warenpreise,
1 )  Es  ist  eine  günstige  Wirkung  der  Kartelle  auf  die  Löhne  als
unverkennbar  konstatiert  worden  u.  a.  auch  im  Berliner  Jahrbuch  für
Handel  und  Industrie,  1009,  I.  Teil,  p.  149.
2 )  Die  deutschen  Kartelle  stellen  sich  somit  in  löblichen  Gegensatz
zu  den  amerikanischen  Trusts,  die  beim  Sinken  der  Konjunktur  meist
wieder  eine  Lohnkürzung  Vornahmen,  die  vielfach  über  den  Preisfall
hinausging.  So  hat  der  Stahltrust  während  des  letzten  wirtschaftlichen
Niedergangs  sofort  eine  Kürzung  der  Löhne  vorgenommen  und  sie
wieder  auf  den  Stand  von  1904  und  1905  gebracht.  Eine  stetige  Lohnentwicklung ­
  scheint  daher  nicht  das  Ziel  der  Trusts  zu  sein.  Eine  solche
Lohnpolitik  würde  aber  auch  nicht  den  Anschauungen  des  amerikanischen ­
  Arbeiters  entsprechen,  der  gewohnt  ist,  in  günstigen  Zeiten
viel  zu  verdienen,  und  sich  bei  rückläufiger  Konjunktur  eine  angemessene ­
  Kürzung  gefallen  läßt.  Auch  faßt  er  es  nicht  zu  tragisch  auf,
wenn  er  bei  Schließung  leistungsunfähiger  oder  ungünstig  gelegener  Werke
entlassen  wird.  (Vgl.  Pilz,  Ein  Vergleich  des  amerikanischen  Trustsystems ­
  usw.,  „Glückauf“,  1909,  Nr.  51,  p.  1874.)