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IV.  Kartell  und  Lohnverhältnisse,

Die  Frage,  pb  die  Lohnsteigerung  auch  wirklich  zu  einer
Besserung  der  Lebenshaltung  z.  B.  der  Bergleute  im  Bezirke
des  Rh.  W.  Kohlensyndikates  geführt  hat,  oder  ob  sie  nur
ein  Ausgleich  für  den  im  gleichen  Maß  gestiegenen  Aufwand
für  Mieten,  Lebensmittel,  Kleidung,  Steuern  usw.  ist,  wird
von  Pieper 1 )  in  letzterem  Sinne  bejaht,  während  nach  Jüngst 2 )
diese  Behauptung  nicht  zutrifft.  Nach  den  Untersuchungen
von  Jüngst  ist  der  Aufwand  für  Lebensmittel  von  1886—1905
nur  um  15,9  o/o  gestiegen,  dagegen  hat  der  Jahreslohn  in  der
gleichen  Zeit  um  61,56o/ 0  zugenommen.  Die  Mieten  haben  in
den  letzten  20  Jahren  eine  durchschnittliche  Zunahme  von
29&lt;&gt;/o  erfahren,  wobei  zu  berücksichtigen  ist,  daß  von  den
Mietssteigerungen  auch  nicht  alle  Bergleute  getroffen  werden, ­
  da  ungefähr  IO0/0  der  Belegschaft  in  eigenen  Häusern
und  ein  noch  höherer  Prozentsatz  in  Zechenhäusern  wohnt.
Die  Miete  dieser  letzteren  Belegschaftsmitglieder  ist  aber,
sofern  überhaupt,  nur  unbedeutend  gestiegen.  Auch  die
Preise  für  Beleuchtung,  Heizung,  Steuern  usw.  haben  meist
keine  oder  nur  eine  geringfügige  Steigerung  erfahren.  Angesichts ­
  dieser  Feststellungen,  die  allerdings  schon  einige
kommen  und  Berücksichtigung  der  Industrie  kennt,  hat  er  es  erreicht,
daß  die  Preise  für  die  notwendigsten  Lebensmittel  eine  solche  Höhe
erreicht  haben,  die  man  für  die  weitesten  Schichten  des  Volkes  als
unerschwinglich  bezeichnen  darf.  Das  ist  leider  keine  Redensart,  sondern ­
  ein  ganz  trauriges  Faktum,  und  die  Industrie,  die  heute  die  eigentliche ­
  Nährmutter  des  Volkes  ist,  kann  trotz  aller  Anstrengungen  und
bei  den  größten  Opfern  nicht  so  ergiebig  werden,  daß  sie  die  Löhne
und  Gehälter  auf  eine  Stufe  brächte,  die  einen  Ausgleich  gegen  die
Preise  der  Lebensmittel  bedeutete.“  In  gleichem  Sinne  äußerte  sich
wenige  Wochen  später  die  „Rheinisch-Westfäl.  Zeitung“  am  10.  Oktober ­
  1906:  „In  der  Tat  sind  die  Lebensmittelpreise  so  stark  gestiegen,
daß  die  Löhne  dieser  Steigerung  nicht  folgen  konnten.  Das  ganze
Lohnmehr  wird  absorbiert  durch  die  Teuerung,  und  der  Tribut,  den
unsere  Industrie  der  Landwirtschaft  zahlt,  beträgt  jährlich  40  bis  50
Millionen.  Daß  hierdurch  Unzufriedenheit  entsteht,  ist  begreiflich,  und
der  Regierung,  welche  der  Industrie  diese  Last  aufgebürdet  hat,  werden
unsere  Bevölkerungskreise  wenig  Dank  wissen,  dabei  ist  noch  keine
Aussicht  vorhanden,  daß  die  Ära  „Pod“  sobald  ihrem  Ende  entgegensieht. ­
  Wären  die  Lohnerhöhungen  den  Arbeitern  wirklich  zugute  gekommen, ­
  im  Ruhrgebiet  schwirrten  keine  Streikgerüchte.  So  dagegen
kommt  der  Arbeiter  trotz  der  guten  Konjunktur  nicht  weiter,  ja  noch
nicht  so  weit  wie  früher,  und  aus  diesem  Grunde  mag  die  Forderung
der  Arbeiter  als  nicht  unverständlich  erscheinen.“
l )  Pieper,  Die  Lage  der  Bergarbeiter  im  Ruhrrevier.
8 )  Jüngst,  Arbeitslohn  und  Unternehmergewinn  im  rheinisch-westfälischen ­
  Steinkohlenbergbau.  „Glückauf“,  1906.  Nr.  37—40.