144

IV.  Kartell  und  Lohnverhältnisse.

Wenn  den  Kartellen  und  insbesondere  dem  Kohlensyndikat ­
  der  Vorwurf  gemacht  wird,  die  Preise  auf  einem  zu
hohen  Preisniveau  zu  halten,  so  erscheint  dieser  Vorwurf  in
etwas  milderem  Lichte,  wenn  die  Syndikate,  wie  das  Kohlensyndikat, ­
  zur  Begründung  ihrer  Preispolitik  die  Tatsache
anführen  können,  daß  die  steigenden  sozialen  Lasten  und
Löhne  erhebliche  Mehrausgaben  verursachten,  weshalb  im
Laufe  der  Jahre  allmählich  Preiserhöhungen  vorgenommen
werden  mußten,  um  einer  allzu  starken  Verminderung  des
Unternehmergewinnes  vorzubeugen.  Im  Interesse  unserer  Industrie ­
  und  der  Allgemeinheit  und  besonders  der  Arbeiter
ist  es  aber  erwünscht,  daß  die  industriellen  Unternehmungen
genügende  und  gute  Gewinne  abwerfen,  damit  einerseits
eine  entsprechende  Verzinsung  des  eingelegten  Kapitals  und
andererseits  dauernd  die  Zahlung  ausreichender  Löhne  und
Gehälter  ermöglicht  wird.
Allerdings  muß,  wenn  unsere  Industrie  durchschnittlich
mit  guten  Gewinnen  arbeitet,  auch  eine  richtige,  den  Interessen ­
  der  Allgemeinheit  entsprechende  Verteilung  der  Gewinne ­
  angestrebt  werden 1 ).  Die  Anhäufung  großer  Kapitalien ­
  in  den  Händen  Weniger  und  das  Verharren  weiter
Kreise  des  Volkes  in  Not  und  Elend  oder  immerhin  in  ganz
dürftigen  Verhältnissen  ist  für  die  Volkswirtschaft  eines
Staates  schädlich,  weshalb  eine  zweckmäßige  Verteilung  erforderlich ­
  ist,  damit  die  große  Masse  des  Volkes  die  Mittel
zu  einer  mindestens  auskömmlichen  Lebenshaltung  erhält.
Unternehmer  und  Arbeiter  haben  beide  ein  gemeinsames
Interesse  an  dem  guten  Gang  der  Industrie  und  einer  lohnenden ­
  Produktion.  Diesen  gemeinsamen  Interessen  stehen  aber
auch  gegensätzliche  Interessen  gegenüber.  Der  Unternehmer
wünscht  möglichst  niedrige  Selbstkosten  und  damit  auch  i)
i)  Dieses  Bestreben  vermißt  man  vor  allem  bei  den  amerikanischen
Trusts.  Bei  ihrer  Gründung  ist  vielfach  nur  die  Absicht  einiger  Geldleute ­
  maßgebend,  in  möglichst  kurzer  Zeit  große  Gewinne  zu  erzielen.
Das  hat  zur  Folge,  daß  meist  ein  übermäßiger  Teil  des  durch  die
Produktion  erzielten  Gewinns  zur  Dividendenzahlung  verwendet  wird;
zur  Verbesserung  der  Betriebseinrichtungen  oder  für  Fonds  zum  allmählichen ­
  Ankauf  eines  Teils  der  Aktien  stehen  daher  in  der  Regel  nur
geringe  Beträge  zur  Verfügung.  Vor  allem  kommt  auch  die  durch  die
Vervollkommnung  der  Produktion  erreichte  Ermäßigung  der  Selbstkosten ­
  in  den  meisten  Fällen  nicht  der  Allgemeinheit  in  Form  von
niedrigeren  Preisen  zugute.  (Vgl.  Levy,  Die  Stahlindustrie  in  den  Vereinigten ­
  Staaten  von  Amerika.)