V.  Kartell  und  Arbeiterorganisation.

175

nutze  seine  Überschüsse  und  seine  Macht  nicht  dazu,  die  Lage
der  Arbeiter  zu  verbessern“,  keinesfalls  gerechtfertigt.
Die  Arbeiterkoalitionen  befinden  sich  keineswegs  „den
Kartellen  gegenüber  in  einer  höchst  ungünstigen  Lage“,  wie
das  Pohle 1 )  meint  und  dies  damit  begründet,  die  Kartelle
hätten  „den  Arbeitern  gerade  die  günstigste  Chance,  die  für
ihren  Sieg  im  Kampfe  um  die  Arbeitsbedingungen  bisher  noch
bestand,  genommen,  so  daß  man  ihnen  zurufen  könnte:  lasciate
  ogni  speranza!“  Ebenso  wird  die  Macht  der  Gewerkvereine ­
  nach  ihrem  eigenen  Urteil  durch  die  der  Unternehmer
nach  den  vorhin  angeführten  Wirkungen  der  Kartelle  keineswegs ­
  gebrochen,  wie  dies  die  Ansicht  von  Pohle  ist,  sondern
eher  gekräftigt *  2 ).  Es  ist  eben  charakteristisch,  meint  Grunzei ­
 3 ),  daß  diese  Wirkung  der  Kartelle  auf  die  Arbeiterverhältnisse ­
  „von  der  organisierten  Arbeiterschaft  besonders
in  den  vereinigten  Staaten  von  Amerika,  in  England  und
Deutschland  viel  günstiger  beurteilt  wird  als  von  den  Vertretern ­
  der  Theorie“.  Pohle  erklärt  dies  damit,  daß,  wenn
auch  die  Kartelle  den  Arbeitern  bisher  noch  keinen  erheblichen ­
  Nutzen  gebracht  hätten,  die  Arbeiterpresse 4 )  und  die
politische  Vertretung  der  Arbeiterschaft 5 )  den  Kartellen  geJ ­
 )  Pohle,  Die  Kartelle,  p.  114  ff.
2 )  Wohl  haben  die  amerikanischen  Trusts  den  Qewerkvereinen
gelegentlich  ihre  Macht  fühlen  lassen.  So  schloß  die  American  Smelting
  und  Refining  Company  1899  bei  dem  Ausstand  in  Colorado  ihre
dortigen  Werke  und  erzeugte  in  den  in  anderen  Staaten  gelegenen
Werken  umsomehr.  (Baumgarten-Metzleny,  Kartelle  und  Trusts,  p.  204.)
Diesem  Vorgehen  der  Trusts  suchen  die  Qewerkvereine  dadurch  entgegenzutreten, ­
  daß  sie  ihre  Organisationen  auf  mehrere  Staaten  ausdehnen ­
  oder  mit  den  Trade  unions  der  Kohlen-  und  Eisenindustrie  anderer ­
  Staaten  gemeinsam  Vorgehen.  Sie  haben  auch  mehrfach  ihre  Forderungen ­
  durchgesetzt  und  Ausstände  siegreich  durchgeführt,  so  den
Anthrazit-Kohlenstreik  von  1902.  Meist  waren  dann  aber  nicht  die  Trusts
die  Geschädigten,  sondern  wie  Jenks  angibt,  die  Verbraucher.
Der  Stahltrust  wird  bei  seiner  großen  Macht  wohl  so  leicht
nicht  im  Arbeitskampf  unterliegen.  So  ist  er  auch  siegreich  aus  dem
Lohnkampf  mit  den  Vereinigten  Eisen-,  Stahl-  und  Blecharbeitern,  der
Amalgamated  Association  of  Iron  Steel  and  Pin  Workers,  im  Juni
1901  hervorgegangen.  Gleichwohl  gestattete  er  aber  weiterhin  die
Zugehörigkeit  seiner  Arbeiter  zu  diesem  Oewerkverein.
3 )  Grunzei,  Über  Kartelle,  p.  137.
4 )  Pohle  verweist  hier  auf  das  Archiv  für  soziale  Gesetzgebung
usw.,  Bd.  3,  p.  529,  Anm.  2.
5 )  Pohle  bezieht  sich  hier  auf  die  Verhandlungen  des  Frankfurter
Parteitages  der  deutschen  Sozialdemokratie  über  die  Kartellfrage.
Wie  auch  von  Rottenburg,  Die  Kartetlfrage,  p.  4,  ausführt,  *