V.  Kartell  und  Arbeiterorganisation.

187

niemand  behaupten.  Was  an  sozialistischen  Forderungen  und
Zielen  richtig  und  durchführbar  ist,  wird  nach  und  nach  von
der  bürgerlichen  Wirtschaftsordnung  selbst  verwirklicht.  Um
so  weniger  braucht  uns  vor  dem  Zukunftsstaate  bange  zu
sein.  Zudem  vertragen  wir  Deutsche  eine  bedeudend  stärkere
Dosis  Sozialismus  auch  in  unseren  inneren  Einrichtungen
als  Andere,  so  lange  wir  zugleich  daneben  eine  kräftige
Staatsautorität  und  intelligentes  Unternehmertum  bewahren.
Da  mag  ruhig  Genosse  Calwer,  um  die  Sozialdemokratie  mit
den  Kartellen  zu  versöhnen,  sie  ermahnen,  sie  müsse  den
sozialistischen  Kern  in  der  kapitalistischen  Schale  erkennen
lernen.
Tatsächlich  steht  nun  auch  die  moderne  organisierte  Arbeiterschaft, ­
  soweit  sie  durch  ihre  Gewerkschaften  und  Qewerkvereine
  über  die  wirtschaftliche  Entwicklung  sachgemäß
auf  dem  Laufenden  erhalten  wird,  der  Kartellbewegung
wenigstens  nicht  feindlich  oder  ablehnend  gegenüber 1 ),  sie
trachtet  vielmehr  nur  darnach,  aus  der  wohlgefüllten  Schüssel
mit  zu  löffeln.  Aus  diesen  Gründen  ist  auch  die  seltsame  Erfür
  das  Kartellwesen  Partei  ergreifen,  „eine  Gestaltung  unseres  wirtschaftlichen ­
  Lebens  gerade  im  Sinne  der  sozialdemokratischen  Geschichtsauffassung ­
  begünstigen,  und  doch  fühlen  sie  sich  sicher  von  jeder
sozialdemokratischen  Anwandlung  frei“,  (von  Rottenburg,  Die  Kartellfrage, ­
  p.  2.)  ;
Ferner  sagt  Ooldschmidt,  daß  nach  von  Reiswitz,  in  dessen  Broschüre: ­
  „Ca'  canny,  ein  Kapitel  aus  der  modernen  Oewerkschaftspolitik“,
  ein  jeder  Fabrikant,  der  sich  durch  das  Kartell  verpflichtet,
seine  Produktion  zu  kontingentieren,  sozialistischen  Ideen  huldigen
müßte.  Denn  er  beschränke  seine  Produktion  genau  so  wie  der  Arbeiter, ­
  damit  nicht  durch  Überproduktion  seine  Preise  verdorben  werden. ­
  Beide,  die  Arbeiter  sowohl  wie  die  Unternehmer,  predigten  heute
weise  Zurückhaltung  und  verurteilten  die  von  den  Individualisten  als
so  kulturfördernd  gepriesene  Gewinnsucht  (beim  Arbeiter  nenne  man
sie  Lohngier),  allerdings  ohne  sich  darüber  klar  zu  werden,  daß  sie  damit ­
  zwar  nicht  Sozialisten  würden,  wohl  aber  Gefahr  liefen,  im  Fahrwasser ­
  einer  engherzigen  Zunftpolitik  zu  steuern.  (Goldschmidt,  Oewerkvereine
  und  Kartelle,  p.  37.)
-)  von  Rottenburg,  Die  Kartellfrage,  p.  4:  „Die  Sozialdemokraten
sind  mit  nichten  entschiedene  Gegner  des  Kartellwesens“.  Liefmann,
Kartelle  und  Trusts,  p.  33:  „Die  Arbeiterklasse  steht  den  Kartellen
noch  ziemlich  abwartend  gegenüber  und  das  zeigt  sich  auch  in  der
Haltung  der  Sozialdemokratie.“
Dagegen  behauptet  Kuhlo,  Die  Kartellfrage,  p.  21,  daß  die  Kartelle ­
  am  schärfsten  von  der  Sozialdemokratie  bekämpft  würden.  Dieses
dürfte  wohl  nach  den  gemachten  Ausführungen  und  Zitaten  nicht
zutreffen.