252

VII.  Kartell  und  soziales  Emporsteigen  der  Arbeiter.

Diese  Entwicklung  zum  gemischten  Werke  hatte  schwere
Folgen.  Sie  hat  der  Eisenindustrie  ein  ganz  anderes  Gepräge
gegen  früher  gegeben.  Anstatt  der  zahlreichen  kleinen  und
mittleren  Betriebe  der  früheren  Periode,  sind  eine  beschränkte ­
  Zahl  moderner  Großbetriebe  von  bisher  nicht  gekanntem ­
  Umfange  getreten.  An  die  Stelle  der  individuellen
Einzelfirma  ist  die  Aktiengesellschaft  getreten  und  mit  ihr
das  unpersönliche  Kapital.
Von  diesem  Entwicklungsprozeß  wurden  hauptsächlich
betroffen  die  reinen  Walzwerke,  die  Puddelwerke  vornehm-Werksverschmelzungen
  vornehmen,  um  die  Verschiebungen,  wie  sie
von  Oelsenkirchen  ausgingen,  wieder  auszugleichen.  Am  letzten  Ende
ergibt  sich  daraus  eine  fortschreitende  Zusammenfassung  der  Großeisen-Industrie ­
  in  einige  wenige  große  Werke,  die  sich  dann  untereinander ­
  darüber  unterhalten  können,  ob  sie  Organisationen  wie  den
Stahlwerksverband  überhaupt  nöch  nötig  haben  und  nach  amerikanischem
Muster  besser  und  wirtschaftlicher  arbeiten  können.  Die  Entwicklung
zum  Trust!  (Vgl.  hierüber  Kölnische  Zeitung  Nr.  295  vom  20.  März
1909.)
Allerdings  vertritt  Liefmann  die  Ansicht,  (in  Conrads  Jahrbüchern,
in  seinem  Aufsatz  „Die  heutige  amerikanische  Trustform  usw.“,  p.  342ff.)
daß  es  nicht  richtig  sei,  wenn  bei  jeder  größeren  Fusion,  wie  z.  B.  bei
der  Oelsenkirchener  Bergwerksgesellschaft  mit  dem  Schalker  Orubenund
  Hüttenverein  und  dem  Aachener  Hüttenverein  Rote  Erde,  oder  wie
bei  der  Verschmelzung  der  Bergwerksgesellschaft  Nordstern  mit
Phönix-Hoerde,  die  Presse  davon  spricht,  daß  die  Entwicklung  „vom
Kartell  zum  Trust“  gehe,  die  Trusts  die  Kartelle  immer  mehr  verdrängen. ­
  .  .  .  Jedenfalls  sei  nicht  anzunehmen,  daß  die  so  entstehenden
wenigen  großen  Unternehmungskomplexe  wie  die  Oelsenkirchener,  die
Phönixgruppe,  der  Thysen-,  Haniel-,  Krupp  „Konzern“,  sowie  die  einstweilen ­
  noch  isolierten  großen  Werke  sich  schließlich  alle  zu  einem  einzigen ­
  wirklichen  Trust  verschmelzen  werden,  und  ebensowenig  ist  daran
zu  denken,  daß  sie  sich  einmal  längere  Zeit  bekämpfen  könnten.  Daher ­
  werden  die  Kartelle  nach  wie  vor  ihre  Bedeutung  behalten.  Sie  haben
die  Entwicklung  zu  großen  kombinierten  Unternehmungen  gefördert
und  verändern  sich  mit  ihnen,  aber  ihr  Prinzip  bleibt  bestehen  und
ebenso  ihre  volkswirtschaftliche  Bedeutung  .  .  .  Nach  Liefmann  (p.  348)
scheint  die  bisherige  Entwicklung  des  „modernen  Kapitalismus“  in
Deutschland,  die  vielfach  auftretenden  pessimistischen  Zukunftserwartungen ­
  nicht  zu  rechtfertigen.  Es  liegen  nach  ihm  keine  Anzeichen  vor,
daß  wir  amerikanischen  Trustmißständen  auch  bei  uns  entgegengehen,
noch  weniger,  daß  wir  damit  und  danach  direkt  dem  Sozialismus ­
  zusteuern  .  .  .  Dann  meint  Liefmann  (p.  349),  daß  bei  einer
solchen  event.  Entwicklung  zum  Trust  die  Gefahr,  daß  die  immer  zahlreicher ­
  werdende  Schar  der  Arbeiter  und  Angestellten  geschädigt  werde,
nicht  unvermeidlich  sein  dürfte,  wenn  gleichzeitig  in  den  weitesten
Schichten  das  soziale  Empfinden  gestärkt  werde  und  in  der  Gesetzgebung
und  in  der  Verwaltung  der  großen  Unternehmungen  entsprechenden
Ausdruck  fände  .  .  .