253  VIII.  Allgemeine  sozial  politische  Maßnahmen  der  Kartelle.

Obgleich  nun  die  Kartelle  soziale  Bestrebungen  heute
noch  nicht  oder  kaum  in  ihr  Programm  aufgenommen  haben,
so  wirken  sie  doch  in  ihren  Folgen  mittelbar  in  dieser  Hinsicht ­
  schon  heute  eher  günstig  als  ungünstig.  Wohl  kann
man  den  Kartellen  und  Syndikaten  der  Kohlen-  und  Eisenindustrie ­
  keine  antisoziale  Bestrebungen  nachsagen 1 ).  Zwar
sind  die  Zechenstillegungen  im  Ruhrrevier  als  eine  antisoziale,
ja  sogar  antinationale  Tat  des  Rh.  W.  Kohlensyndikates  hingestellt
  worden *  2 ).  Die  Zechenstillegungen,  ohne  Zweifel  eine
mittelbare  Folge  der  Syndikatspolitik,  erfolgten  aber  doch
nur,  um  bei  Produktionseinschränkungen  oder  auch  überhaupt ­
  die  Beteiligungsziffern  einer  Zeche  auf  eine  andere
zu  übertragen,  um  wenigstens  dieser  eine  volle  Ausnutzung
der  Betriebsanlagen  zu  ermöglichen  und  dadurch  die  Selbstkosten ­
  zu  vermindern.  Die  Arbeiter  wurden  also  nicht
Arbeitslos,  —  wenigstens  nicht  dauernd  —  sondern
brauchten  nur  ihren  Wohnsitz  zu  verlegen,  und  das  noch
nicht  immer.  Einzelne  Gemeinden  wurden  allerdings  durch
den  Fortzug  zahlreicher  Arbeiter  nicht  unerheblich  geschädigt ­
 3 ).  Anderwärts  sind  es  die  großen  Syndikate,  die  den
Werken  durch  die  von  ihnen  herbeigeführte  finanzielle  Kräftigung ­
  die  Möglichkeit  gegeben  haben,  sich  noch  mehr  als
bisher  auch  in  sozialer  Hinsicht  ihrer  Arbeiter  anzunehmen*).
J )  Dies  tut  Schacht  in  seinem  Aufsatz:  Trust  oder  Kartell:  „Kartell ­
  .  .  .  bedeutet  Stärkung  antisozialer  Bestrebungen“.
2 )  Linsen-Ernst,  Konjunktur  und  Sozialismus,  p.  6.
s )  Vgl.  hierüber  die  Eingabe  der  Gemeinde  Kirchhörde  an  den
Handelsminister,  zum  Teil  abgedruckt  u.  a.  bei  Lihzen-Ernst,  a.  a.  O.,  p,  10.
*)  Die  amerikanischen  Trusts  dagegen  kennen  soziale  Bestrebungen ­
  nicht  nur  überhaupt  nicht,  sondern  sie  sind  ihnen  sogar  unsymT
pathisch.  So  läßt  ihre  Geschäftspolitik  z.  B.  die  Errichtung  von  Arbeiterkolonien
  sogar  als  unratsam  erscheinen,  denn  wenn  sie  sich  genötigt ­
  sehen,  ein  Werk  zum  Zwecke  der  Produktionseinschränkung  zu
schließen,  so  würde  damit  auch  eine  etwa  bestehende  Kolonie  wertlos ­
  geworden  sein.  Deshalb  sind  auch  in  der  Nähe  von  Kohlengruben
kaum  Kolonien  angelegt  worden.  In  dem  Augenblicke,  wo  der  Arbeiter
die  Werkstore  hinter  sich  hat,  hat  der  Trust  kein  Interesse  mehr  an
ihm.  (Vgl.  Pilz,  „Glückauf“,  1909,  Nr.  51,  p.  1875.)  Einzelne  Trusts
haben  sogar  mit  Absicht  Ausstände  hervorgerufen,  um  die  Marktlage
zu  beeinflussen  und  künstliche  Preissteigerungen  herbeizuführen.  (Vgl.
Kontradiktorische  Verhandlungen,  Bd.  1,  p,  250.)  Ebenso  zwingen  die
Trusts  die  Regierung  geradezu  zu  einer  ihnen  günstigen  Schutzzollpolitik ­
  dadurch,  daß  sie  bei  Aufhebung  der  Zölle  mit  Arbeitercntlassungen
  und  starker  Kürzung  der  Arbeitslöhne  drohen,  (Vgl.  Pilz,  „Glückauf“ ­
  ,1909,  Nr.  50,  p.  139.)
Diese  antisozialen  Bestrebungen  (vor  allem  der  auf  die  Ar-