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        <title>Die Handelspolitik und Handelsbilanz Österreich-Ungarns</title>
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            <forname>Richard</forname>
            <surname>Schüller</surname>
          </persName>
        </author>
      </titleStmt>
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          <msIdentifier>
            <idno>1010817671</idno>
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        INHALTSVERZHICHNIS

Arditti,  H.A.:  Vorschläge  zur  Hebung  und
Förderung  des  österreichischen
Exports.  3  918.
Hertz,  Friedrich:  Die  Schwierigkeiten  der
industriellen  Produktion  in  Österreich. ­
  1  910.
Kauder,  SU:  Die  industriellen  Cartelle.
1893.
Lazarus,  Joseph:  Mittel  Standsindustrie
und  Rohstoffkartelle.  1916.
Licht,  Stefan:  Aufgaben  der  Industriepolitik ­
  in  Österreich  ..1908.
Heumann,  Franz:  Oesterreich  und  der  Zollverein ­
  in  den  letzten  fünfundzwanzig ­
  Jahren.  1864.
Oesterreichs  künftige  Handelspolitik..
1899.
Schüller,  Richard:  Die  Handelspolitik
und  Handelsbilanz  Österreich-Ungarns.
  o.J.
        <pb n="2" />
        Sonderabdruck

Zeitschrift  für  Volkswirtschaft,

I  (

und  Verwaltung

Wien
Manzsclie  k.  n.  k.  Hof-Verlags-  imd  Universitäts-Buchhandlung
I.)  Kohlmarkt  20.
        <pb n="3" />
        Die  Handelspolitik  und  Handelsbilanz
Österreich-Ungarns.
Von  Richard  Schüller.
Vierzig  Jahre  lang  bewegte  sich  die  Handelspolitik  fast  aller
Staaten  —  eine  wichtige  Ausnahme  bildete  nur  Großbritannien  —
in  der  gleichen  Richtung.  Bei  der  Schaffung  neuer,  wie  bei  der
Revision  bestehender  Zolltarife  stand  es  voraus  und  mit  Bestimmtheit ­
  fest,  daß  der  Zollschutz  immer  wieder  erhöht  werden  müsse.
Gegenwärtig  ist,  zum  ersten  Mal  seit  den  Siebzigerjahren  des
vorigen  Jahrhunderts,  der  Kurs  der  Handelspolitik  unsicher  geworden. ­
  In  den  Vereinigten  Staaten  von  Amerika  wurde  eine
Kongreßmehrheit  gewählt,  deren  wichtigsten  Programmpunkt  die
Ermäßigung  der  Zölle  bildet.  Auf  dem  europäischen  Kontinente
beginnt  sich  eine  heftige  Opposition  gegen  die  prohibitiven  Tendenzen ­
  geltend  zu  machen  und  im  Zusammenhänge  damit  ändert
sich  die  Gruppierung  der  politischen  Parteien  und  wirtschaftlichen
Korporationen.  Im  Deutschen  Reiche  ist  allerdings  vor  kurzem
von  maßgebendster  Stelle  die  Überzeugung  ausgesprochen  worden,
daß  Deutschland  an  seiner  Zollpolitik  festhalten  werde,  weil
Handel  und  Industrie  einen  Aufschwung  genommen  haben,  der
den  Neid  des  Auslandes  erwecke,  und  weil  auch  die  landwirtschaftliche ­
  Produktion  stark  zunehme.  Wollten  wir  die  gleiche
Logik  anwenden,  so  müßten  wir  aus  unserer  weniger  befriedigenden
wirtschaftlichen  Entwicklung  schließen,  daßi  wir  unser  handelspolitisches ­
  System  ändern  sollen.  Beide  Folgerungen  wären  nur
beweiskräftig,  wenn  die  allgemeine  ökonomische  Lage  eines
Staates  von  seinem  Zollwesen  allein  abhängen  würde.  Um  zu
einem  Urteil  über  die  Handelspolitik  zu  gelangen,  müssen
wir  ihre  Wirkungen  untersuchen.  Für  das  seit  dem  Jahre  1906
geltende  handelspolitische  Regime  Österreich-Ungarns  kann  ich
Zeitschrift  für  Volkswirtschaft,  Sozialpolitik  und  Verwaltung.  XXI.  Band.  1
V
        <pb n="4" />
        2

Richard  Schüller.

dies  nur  mit  Vorbehalt  unternehmen;  denn  es  wird  eben  erst
mit  der  Sammlung  der  Beobachtungen  und  Materialien  begonnen.
1.
Eine  Reihe  unserer  Produktionszweige  hat  sich  unter  dem
ihnen  gewährten  höheren  Zollschutz  vergrößert.  Die  Ölindustrie
hat  im  Jahre  1900  755.000  Meterzentner,  im  Jahre  1910  1,994.000
Meterzentner  ausländische  Ölsämereien  verarbeitet.  Der  Import
von  Kakaobohnen  zur  Erzeugung  von  Kakao  und  Schokolade  ist
von  15.000  auf  50.000  Meterzentner  gestiegen.  Die  Baumwollspinnereien ­
  und  -Webereien  haben  im  Jahre  1900  U2  Millionen,
im  Jahre  1910  l - 86  Millionen  Meterzentner  Baumwolle  verarbeitet.
Die  Entwicklung  dieser  Industrie  ist  dem  Bedarf  vorausgeeilt,
so  daß  sich  Betriebsreduktionen  als  notwendig  erwiesen;  dessenungeachtet ­
  ist  eine  sehr  bedeutende  Zunahme  der  Produktion
eingetreten,  die  durch  den  Zollschutz  gefördert  wurde.  Es  sind
ferner  zahlreiche  neue  Spitzenfabriken  entstanden;  einer  der  Betriebe ­
  zählt  zu  den  größten  des  Kontinentes.  Zugenommen  hat
auch  die  inländische  Erzeugung  mehrerer  Papiersorten  und  Papierwaren, ­
  der  graphischen  Gewerbe,  die  Produktion  von  Pinseln,
Tafelglas,  manchen  chemischen  Produkten,  Lokomobilen,  elektrischen ­
  und  anderen  Maschinen,  Messerschmiedwaren,  Feuerwaffen, ­
  Automobilen.  Unter  den  landwirtschaftlichen  Produktionszweigen ­
  hat  sich  der  Weinbau,  die  Schweine-  und  Geflügelzucht
günstig  entwickelt.  Durch  die  neuen  Handelsverträge  sind  ferner
wichtige  Ausfuhrmöglichkeiten,  die  von  den  ausländischen  Zolltarifen ­
  bedroht  waren,  gewahrt  worden;  so  für  Rohholz  und
Sägeware,  Obst  und  Gemüse;  dann  für  Kleidungen  und  Wäsche,
Glaswaren,  Gablonzer  Artikel,  Bugholzmöbel,  Emailgeschirr,  Sensen ­
  usf.  Die  hervorragenden  Staatsmänner,  die  diese  schwierigen
Arbeiten  vollbrachten,  haben  sich  um  zahlreiche  Produktionszweige
große  Verdienste  erworben.
In  vielen  wichtigen  Beziehungen  aber,  bei  deren  handelspolitischer ­
  Regelung  das  Beispiel  des  Auslandes  und  politische  Verhältnisse ­
  Österreichs  und  Ungarns  maßgebend  waren,  machen  sich
ungünstige  Wirkungen  immer  empfindlicher  geltend.  Das  politische
Programm  der  letzten  handelspolitischen  Kampagne  war  in  großen
Zügen  bekanntlich  folgendes:  Erhöhung  des  Agrarschutzes,  mög-
        <pb n="5" />
        1

^  ;v  ..  •  A'  --.uv'":..  v  v  ,  •„.  •  ■
^  ■  I

Die  Handelspolitik  und  Handelsbilanz  Österreich-Ungams.  3
iichste  Sicherung  der  Ausfuhrmöglichkeiten  für  Agrarprodukte  und
Einschränkung  ihres  Importes;  Aufrechterhaltung  des  industriellen
Zollschutzes,  der  insbesondere  durch  größere  Spezialisierung  des
Tarifes  für  eine  Reihe  von  Waren  auch  erhöht  wurde.  Welche
Wirkungen  hat.  die  Durchführung  dieses  Programmes  auf  unsere
Produktion  geübt?
Die  Getreideanbaufläche  Österreichs  konnte  nicht  wesentlich ­
  vergrößert  werden,  da  größere,  dazu  geeignete  unangebaute
Bodenflächen  nicht  vorhanden  sind;  sie  betrug  im  Durchschnitte
der  Jahre  1890  bis  1899  nahezu  64  Millionen  Hektar;  in  den
Jahren  1900  bis  1909  gleichfalls  64,  im  Jahre  1910  6 - 5  Millionen
Hektar.  Die  Anbaufläche  Ungarns  ist  von  9‘8  Millionen  Hektar,
die  sie  in  den  Jahren  1890  bis  1899  umfaßte,  nur  auf  10  3  Millionen ­
  Hektar  im  Jahre  1910  gewachsen.  Es  kommt  also  hauptsächlich ­
  darauf  an,  ob  und  in  welchem  Maße  die  Intensität  des
Anbaues  zugenommen  hat.  Leider  fehlt  es  hierüber  an  Erhebungen,
so  daß  wir  über  die  Entwicklung  unseres  wichtigsten  Produktionszweiges ­
  durchaus  nicht  genügend  unterrichtet  sind.  Es  wäre  insbesondere ­
  notwendig,  Daten  über  den  Verbrauch  künstlichen
Düngers,  die  Verwendung  von  Maschinen,  die  Vergrößerung  der
Investitionen,  die  Durchführung  von  Meliorationen  und  die  Änderung ­
  der  Anbausysteme  zu  beschaffen.  Wir  sind  auf  die  Emteziffern
  angewiesen,  aus  denen,  wegen  ihrer  Abhängigkeit  von
den  Witterungsverhältnissen,  die  Intensität  des  Getreidebaues  nur
im  Durchschnitt  längerer  Zeiträume  entnommen  werden  kann.
Die  Getreidernte  Österreich-Ungarns  —  Weizen,  Roggen,  Gerste,
Hafer  und  Mais  —  betrug:
Österreich  Ungarn 1 )  Zusammen
Millionen  Meterzentner

1870—1879

55

52

107

1880—1889

63

84

147

1890—1899

66

100

166

1900—1910

77

118

195

Der  Preis  des  Weizens  in  Wien  war  durchschnittlich  in  den
Siebzigerjahren  26  Kronen,  in  den  Achtziger-  und  Neunzigerjahren
unter  20  Kronen  per  Meterzentner.  Trotz  dieser  niedrigen  Ge-*)
  Ohne  Kroatien  und  Slawonien,  über  dessen  Ernten  vor  1885  keine  Daten
vorhanden  sind.  Im  Jahre  1911  betrug  die  Fechsung  Kroatiens  und  Slawoniens
rund  12  Millionen  Meterzentner.
        <pb n="6" />
        4

Richard  Schüller.

treidepreise  und  der  steigenden  Tendenz  der  Löhne  hat  die  Getreideproduktion ­
  bei  uns  wie  in  Deutschland  und  anderen  Staaten
nicht  abgenommen,  sondern  sie  ist  gewachsen.  Um  dies  zu  erklären, ­
  muß  in  Betracht  gezogen  werden,  daß  die  Gestehungskosten ­
  —  Produktions-  und  Frachtkosten  —  des  Getreides  innerhalb ­
  Österreich-Ungams  ganz  verschieden  sind.  Die  Frachtkosten
sind  in  den  letzten  Jahrzehnten  durch  den  Ausbau  der  Eisenbahnen ­
  und  die  Ermäßigung  der  Frachtsätze  sehr  gefallen.  Während
früher  das  Getreide  vieler  Gegenden  nur  nach  langen  Transporten
durch  Fuhrwerke  zu  den  Konsumplätzen  gebracht  werden  konnte,
hat  der  sich  rasch  ausdehnende  Bahnverkehr  die  Frachtkosten
für  immer  weitere  Gebiete  verringert,  so  daß  die  „größten  Kosten“,
mit  denen  das  Getreide  'auf  die  Märkte  kommt,  wesentlich  gesunken ­
  sind.  Hiedurch  wurde  der  intensivere  Getreidebau,  ungeachtet ­
  der  niedrigeren  Preise,  in  Gebieten  rentabel,  in  denen
er  vorher  infolge  der  Transportverhältnisse  auch  bei  höheren
Preisen  nicht  möglich  war.  In  der  gleichen  Richtung  wirkte  die
Ausbreitung  der  technischen  Fortschritte  der  Landwirtschaft,  die
Verwendung  künstlichen  Düngers  und  landwirtschaftlicher  Maschinen ­
  und  Apparate.  Für  einen  großen  Teil  der  Getreideproduktion ­
  sind  die  Gestehungskosten  aus  den  angeführten  Gründen ­
  viel  geringer  geworden;  nur  so  ist  es  zu  verstehen,  daß  die
Intensität  des  Getreidebaues  in  der  Periode  1870/1900  beträchtlich ­
  zunehmen  konnte.
Diese  Entwicklung  hat  auch  seit  1900  angedauert.  Die  Getreideproduktion ­
  Österreich-Ungarns  stieg  seit  den  Siebziegerjahren
von  Jahrzehnt  zu  Jahrzehnt  um  40,  dann  um  19,  im  letzten  Dezennium ­
  um  29  Millionen  Meterzentner,  wobei  der  Umstand  zu  berücksichtigen ­
  ist,  daß  die  Ernten  auch  im  Durchschnitt  eines  Jahrzehnts ­
  nicht  gleichmäßig  ausfallen.  Doch  selbst  wenn  unsere  Getreideproduktion ­
  in  den  letzten  Jahren  in  rascherem  Tempo  als
früher  zugenommen  hätte,  wäre  hiefür  eine  genügende  Veranlassung
dadurch  gegeben,  daß  der  Weltmarktpreis  des  Getreides  seit  dem
Beginn  des  neuen  Jahrhunderts  gestiegen  ist.  Der  Preis  eines  Meterzentners ­
  Weizen  in  Chicago  war  durchschnittlich  in  den  Achtzigerjahren ­
  16 - 80  Kronen,  in  den  Neuzigerjahren  14,  von  1900  bis  1904
15'20,  von  1905  bis  1910  17  80  Kronen.  Der  inländische  Preis  würde
jetzt,  auch  wenn  wir  die  früheren  niedrigeren  Getreidezölle  hätten,
        <pb n="7" />
        Die  Handelspolitik  und  Handelsbilanz  Österreich-Ungarns.

5

in  der  Regel  um  mehr  als  3  Kronen  über  dem  Marktpreis  stehen.  Daß
die  weitere  Erhöhung  der  Zölle  um  3  Kronen  fürWeizen,  2 1 / g  Kronen ­
  für  Roggen  usw.  erforderlich  gewesen  sei,  um  die  ungefähr
in  dem  Tempo  der  früheren  Jahrzehnte  fortschreitende  Entwicklung ­
  unserer  Getreideproduktion  zu  ermöglichen,  könnte  nicht
begründet,  geschweige  denn  bewiesen  werden.
Die  Viehzählung  des  Jahres  1910  hat  ergeben,  daß  sich
die  Zahl  der  Rinder  seit  dem  Jahre  1900  um  351.000  Stück  verringert, ­
  die  Zahl  der  Schweine  um  1'7  Millionen  Stück  vergrößert ­
  hat.  Neben  der  Zahl  ist  auch  die  Qualität  der  Tiere  zu
berücksichtigen;  im  Parlamente  wurde  dargelegt,  daß  insbesondere ­
  die  Ochsen  östlicher  Provenienz  im  Gewicht  eine  Zunahme
zeigen.  Es  ist  auch  darauf  hingewiesen  worden,  daß  die  Viehzählung ­
  in  einem  ungeeigneten  Momente  stattgefunden  habe,
Futternot  und  Seuchen  gerade  in  den  letzten  Jahren  die  Viehzucht
schädigten,  und  daß  ferner  schon  im  Jahre  1902  eine  Verminderung ­
  der  Rinderzahl  um  500.000  Stück  festgestellt  wurde,  so  daß
der  Viehstand  inzwischen  wieder  etwas  gestiegen  sei.  Der  Viehstand ­
  Österreichs  betrug:

1880

1890

1900

1910

Millionen

Stuck

Hornvieh

86

8’6

9-5

916

Schweine

27

3-5

4-7

6-4

Schafe

38

3-1

26

2-4

Ziegen

10

10

10

1*2

Pferde

1-5

1-5

1'7

1-8

Unser  Rindviehstand  weist  seit  30  Jahren  eine  nur  geringe
Zunahme  auf;  das  Ergebnis  der  letzten  Zählung  kann  daher  in
der  Hauptsache  nicht  auf  Zufälle  zurückgeführt  werden.  Die  ungleiche ­
  Entwicklung  der  einzelnen  Viehgattungen  ist  in  den  landwirtschaftlichen ­
  Verhältnissen  begründet.  Die  Zahl  der  Schafe
geht  konstant  zurück,  weil  es  an  Schaf  weiden  fehlt;  die  Zahl
der  Schweine  dagegen  wächst  rasch,  weil  sie,  im  Gegensatz  zur
Rindviehhaltung,  nicht  auf  den  Ankauf  von  Einstellvieh  angewiesen ­
  ist  und,  dank  der  weitgehenden  Verwendung  von  Abfallprodukten ­
  zur  Schweinefütterung,  viel  weniger  als  die  Rindviehzucht ­
  vom  Anbau  und  der  Ernte  der  Futtermittel  abhängt.  Die
Verteuerung  des  Futtergetreides  durch  die  erhöhten  Zölle  mußte
der  Entwicklung  unserer  Viehzucht  entgegen  wirken.  Wir  sind  da
        <pb n="8" />
        6

Richard  Schüller.

noch  über  das  deutsche  Beispiel  hinausgegangen;  Futtergerste
wird  in  Deutschland  mit  1'30  Mark,  in  Österreich-Ungarn  mit
2’80  Kronen  verzollt.  Für  Ungarn  sind  seit  dem  Jahre  1895  keine
Daten  über  den  Viehstand  veröffentlicht  worden;  doch  kann  aus
seinem  geringeren  Viehexport  geschlossen  werden,  daß  die  Rindviehzucht ­
  sich  nicht  sehr  vergrößert  hat.  Zuerst  hat  die  Ausfuhr
Ungarns  nach  Deutschland  abgenommen;  jetzt  sinken  auch  die
Viehsendungen  nach  Österreich,  die  heuer  bis  zum  1.  November
um  fast  150.000  Stück  geringer  waren  als  zur  gleichen  Zeit  des
Vorjahres. 2 )
Unsere  Handelsverträge  wurden  sehr  wesentlich  dadurch
beeinflußt,  daß  wir  die  Einfuhr  von  Agrarprodukten  erschwerten
und  ihre  Ausfuhr  zu  sichern  suchten.  Die  im  italienischen  Vertrag ­
  durchgeführte  Erhöhung  des  Weinzolles  von  7'62  Kronen
auf  60  Kronen  —  Beseitigung  der  Weinzollklausel  —  hatte  zur
Folge,  daß  im  übrigen  die  alten  Vertragssätze  für  industrielle  Produkte ­
  wieder  an  Italien  gewährt  werden  mußten.  In  den  Verträgen ­
  mit  den  Balkanstaaten  war  die  Frage  der  Vieheinfuhr
am  meisten  umstritten.  Aus  Serbien  wurden  in  den  Jahren  1896
bis  1905  durchschnittlich  56.000  Rinder  jährlich  importiert.  Im
Vertrage  vom  Jahre  1908  wurde  ein  Kontingent  von  35.000  geschlachteten ­
  Rindern  und  70.000  Schweinen,  im  Vertrage  vom
Jahre  1910  ein  solches  von  15.000  Rindern  und  50.000  Schweinen
festgestellt,  nachdem  inzwischen  Rumänien  gleichfalls  Kontingente
eingeräumt  worden  waren.  In  letzter  Zeit  ist  die  Bewilligung  zur
Einfuhr  von  50.000  Rindern  und  einer  größeren  Zahl  von  Schweinen
aus  Serbien  gewährt  worden,  allerdings  zu  dem  autonomen  Zolle.
Dieses  Zugeständnis  hätte  in  einem  früheren  Zeitpunkt  zur  Erlangung ­
  von  Kompensationen  im  Handelsvertrag  verwendet  werden
können.  Unsere  Ausfuhr  von  Rindvieh  spielte  im  Vertrage  mit  dem
Deutschen  Reiche  eine  sehr  große  Rolle.  Die  Erhaltung  dieser
Exportmöglichkeit  durch  die  Viehseuchenkonvention  und  durch
die  im  Vertrage  enthaltenen  Bestimmungen  über  den  Vieh  verkehr
bildete  eines  der  wichtigsten  Zugeständnisse,  das  wir  von  Deutschland ­
  erhielten.  Vor  dem  Jahre  1906  exportierten  wir  durchschnitt-2
 )  Im  deutschen  Reiche  wurden  im  Jahre  1907  gezählt,  im  Vergleiche  mit
dem  Jahre  1895:  19'98  (+  2-94)  Millionen  Rinder,  18’87  (+  530)  Millionen
Schweine,  3’65  (+  0'5)  Millionen  Ziegen,  892  (—  3  67)  Millionen  Schafe.
        <pb n="9" />
        s&amp;gt;'  *  *
Die  Handelspolitik  und  Handelsbilanz  Österreich-Ungarns.  7
lieh  jährlich  200.000  Rinder  nach  Deutschland.  Seit  dem  J^lye.
1907  ist  dieser  Export  auf  weniger  als  100.000  Stück  gesunken,
im  Jahre  1911  sind  bis  zum  1.  November  nur  11.700  Stück  ausgeführt ­
  worden.  Wir  haben  uns  in  diesem  Handelsverträge  ferner
das  Recht  gewahrt,  jährlich  80.000  Schweine  unter  günstigeren
Bedingungen  nach  Deutschland  zu  bringen.  Tatsächlich  aber
führen  wir  zwischen  45  und  1446  Schweine  aus.  Wir  haben
Zugeständnisse  teuer  erkauft,  die  für  uns  keinen  oder  keinen  entsprechenden ­
  Gegenwert  hatten,  und  auf  wertvolle  Zugeständnisse
verzichtet,  die  wir  billig  hätten  erhalten  können.  Durch  diese
Politik  ist  auch  unser  Außenhandel  in  Industrieprodukten  und
unsere  Handelsbilanz  stark  beeinflußt  worden.

2.
Der  Export  Österreich-Ungarns  war  im  Durchschnitt  der
Jahre  1881  bis  1890  um  257  Millionen  Kronen,  im  Durchschnitt
der  Jahre  1891  bis  1900  um  172  Millionen  größer  als  der  Import.
Seither  hat  sich  die  Handelsbilanz  in  folgender  Weise  gestaltet:

Jahr

Aktivum  Passivum
Millionen  Kronen

Jahr

Aktivum  Passivum
Millionen  Kronen

1901

233

—

1906

39

—

1902

193

—

1907

—

44

1903

253

—

1908

—

143

1904

41

—

1909

—

428

1905

98

—

1910

—

434

Im

Jahre  1911

betrug  das

Passivum  bis

zum  1.

November

610  Millionen.  Von  dem  Passivum  ist  zunächst  das  Aktivum  des
VeredlungsVerkehres  in  Abrechnung  zu  bringen,  das  im  Jahre
1901  45  Millionen,  im  Jahre  1906  148,  1907  116,  1908  60,  1909
81,  1910  99  Millionen  betrug.
Von  vielen  Seiten  ist  die  Frage  aufgeworfen  worden,  ob  und
inwiefern  die  Wertziffern  der  Handelsstatistik  richtig  sind.  Die
wichtigsten  Fehlerquellen  sind  folgende:  Die  Einfuhr  soll  zwar
nach  den  geltenden  Bestimmungen  auf  Grund  der  Einkaufspreise
plus  Fracht  bis  zur  Grenze  bewertet  werden,  tatsächlich  jedoch
werden  die  Werte  in  der  Regel  nach  den  Preisen  der  Waren  im
lnlande,  minus  Zoll  und  Fracht  ab  Grenze,  bestimmt.  Da  sich
nun  die  Waren  von  den  Orten,  an  denen  sie  billiger  sind,  nach
        <pb n="10" />
        8

Richard  Schüller.

den  Gegenden  bewegen,  in  denen  sie  mehr  kosten,  sind  die  Fälle
nicht  selten,  in  denen  die  Einfuhr  zu  hoch  bewertet  wird,  weil
der  Ankauf  im  Ausland  zu  niedrigeren,  als  den  der  inländischen
Parität  entsprechenden  Preisen  erfolgt.  Ferner  werden  sowohl
Einfuhr  als  Ausfuhr  nach  den  Preisen  geschätzt,  die  zur  Zeit
des  Grenzübertrittes  der  Waren  gelten  und  von  den  beim  Geschäftsabschlüsse ­
  bewilligten  Preisen  oft  ab  weichen;  dies  gilt
insbesondere  bei  Produkten,  die  im  Laufe  eines  Jahres  großen
Preisschwankungen  unterliegen,  wie  Getreide,  Baumwolle,  Zucker.
So  haben  heuer  die  meisten  Zuckerfabriken  einen  großen  Teil
ihrer  Erzeugung  bereits  im  Sommer  zu  niedrigeren  Preisen  vorausverkauft; ­
  der  erst  in  den  Wintermonaten  stattfindende  Export
des  Zuckers  wird  aber  in  die  Ausfuhrstatistik  mit  den  zur  Zeit
der  Ausfuhr  geltenden  Preisen  eingesetzt  werden.  Endlich  kommt
in  Betracht,  daß  in  einer  statistischen  Position  oft  verschiedenartige ­
  Waren  und  noch  häufiger  verschiedene  Qualitäten  der
gleichen  Ware  zusammengefaßt  sind  und  daß  der  Anteil  der
einzelnen  Artikel  und  Qualitäten  nur  erfahrungsmäßig  und  in
vielen  Fällen  nicht  verläßlich  festgestellt  werden  kann.  Im
Deutschen  Reiche  ist  deshalb  für  einen  Teil  des  Außenhandels  mit
der  Schätzung  der  Werte  durch  Fachleute  die  Wertanmeldung
durch  den  Versender  kombiniert  worden.  In  letzter  Zeit  veranstaltet ­
  der  deutsche  Handelstag  eine  Umfrage  darüber,  ob  die
Wertanmeldung  nicht  verallgemeinert  werden  soll.  Die  überwiegende ­
  Anzahl  der  deutschen  Handelskammern  und  wirtschaftlichen ­
  Korporationen  spricht  sich  hiefür  aus,  um  —  trotz  der
damit,  insbesondere  für  die  Spediteure,  verbundenen  Mehrarbeit  —
die  für  die  handelspolitischen  Zwecke  erforderliche  größere  Genauigkeit ­
  der  statistischen  Anschreibungen  zu  erreichen.  Auch
bei  uns  wäre  es  sehr  wünschenswert,  die  handelsstatistischen
Werte  durch  Änderung  der  Erhebungsmethode  besser  als  bisher
zu  erfassen.
Obgleich  durch  die  angeführten  Fehler  die  Richtigkeit  der  absoluten ­
  Wertziffern  unser  Handelsstatistik  wesentlich  beeinträchtigt
wird,  gelingt  es  bei  der  großen  Sorgfalt  und  Sachkunde,  mit
der  die  gegenwärtige  Methode  gehandhabt  wird,  doch,  ein  im
ganzen  wahrheitsgetreues  Bild  zu  erzielen.  Innerhalb  welcher
Grenzen  sich  die  Fehler  bewegen,  zeigt  z.  B.  folgender  Vergleich:
        <pb n="11" />
        W98S

9SBhH

Die  Handelspolitik  und  Handelsbilanz  Österreich-Ungarns.  9
Im  Jahre  1910  ist  unsere  Einfuhr  aus  Deutschland  in  der  österreichischen ­
  Statistik  mit  1168  Millionen  Kronen,  in  der  deutschen
—  Mark  auf  Kronen  umgerechnet  —  mit  986  Millionen  Kronen
ausgewiesen;  unsere  Ausfuhr  nach  Deutschland  in  der  österreichischen ­
  Statistik  mit  992,  in  der  deutschen  mit  911  Millionen.
Die  Bilanz  zu  Gunsten  Deutschlands  beträgt  nach  unserer  Rechnung ­
  176,  nach  der  deutschen  75  Millionen.  Im  Jahre  1900  war
unsere  Bilanz  im  Verkehr  mit  Deutschland  nach  unserer  Statistik
mit  306,  nach  der  deutschen  mit  330  Millionen  aktiv.  Die  Verschiebung ­
  zu  unseren  Ungunsten  beträgt  daher  nach  der  einen
Rechnung  482,  nach  der  anderen  405  Millionen.  Es  ergibt  sich
hieraus,  daß  die  absoluten  Ziffern  der  realen  Bilanz  aus  den
statistischen  Daten  nicht  mit  Sicherheit  entnommen  werden  können,
dagegen  die  Verhältnisse  im  großen  und,  was  die  Hauptsache  ist,
ihre  Entwicklung  ungefähr  richtig  erfaßt  werden.  Zu  dem  gleichen
Resultate  wie  die  Wertziffern  unserer  Statistik  führen  die  in  der
Einfuhr  genau  und  in  der  Ausfuhr  genauer  als  die  Werte  verzeichneten
  Mengen  des  Außenhandels  und  die  alltägliche  Beobachtung ­
  der  Veränderungen,  die  in  unserem  Außenhandel  eingetreten ­
  sind.  Es  unterliegt  keinem  Zweifel,  daß  unsere  Handelsbilanz ­
  sich  um  Hunderte  Millionen  nach  der  Passivseite  hin  verschoben ­
  hat.
3.
Daß  unsere  Handelsbilanz  passiv  geworden  ist,  wäre  an  sich
nicht  bedenklich.  Es  ist  vielmehr  selbstverständlich,  daß  Österreich-Ungarn, ­
  wie  schon  seit  langem  die  westeuropäischen  Staaten
-—  das  Passivum  Deutschlands  hat  2  Milliarden  Mark  überschritten ­
  —,  im  Handelsverkehr  passiv  werden  muß,  weil  die
Bevölkerung  wächst,  zahlreiche  Nahrungsmittel  und  Rohstoffe  im
Inlande  überhaupt  nicht  erzeugt  werden  können  und  die  Produktion ­
  anderer  mit  dem  Konsum  und  der  industriellen  Entwicklung ­
  nicht  Schritt  hält.  Wir  dürfen  uns  jedoch  nicht  mit
dieser  allgemeinen  Betrachtung  begnügen,  sondern  müssen,  um
die  Verschiebung  unseres  Außenhandels  volkswirtschaftlich  beurteilen ­
  zu  können,  ihre  einzelne  Ursachen  untersuchen.  Die  Gestaltung ­
  unserer  Ein-  und  Ausfuhr  von  Rohstoffen  zeigt  folgende ­
  Tabelle:  ;  i-  ;
        <pb n="12" />
        10  Richard  Schüller.

Rohstoffe.

Einfuhr

Ausfuhr

Passivum

Mi

llionen  Kronen

1900

997

819

178

1901

973

819

154

1902

1003

859

144

1903

1103

937

166

1904

1250

861

389

1905

1299

912

387

1906

1291

860

431

1907

1395

893

502

1908

1292

857

435

1909

1604

875

729

1910

1582

870

712

Die  Einfuhr  von

Rohstoffen

ist  im

letzten  Dezennium  um

585  Millionen  Kronen,  die  Ausfuhr  nur  um  51  Millionen  größer
geworden.  An  der  Mehreinfuhr  sind  einige  Artikel  beteiligt,  deren
steigender  Import  durch  das  Wachsen  der  Bevölkerung  und  des
Konsums  verursacht  wird;  so  Kaffee  +  24,  Südfrüchte  +  23,
Reis  +  10  Millionen  Kronen.  Die  wachsende  Einfuhr  von  Rohstoffen ­
  ist  ein  Zeichen  unserer  fortschreitenden  industriellen  Entwicklung; ­
  die  Einfuhr  des  Jahres  1910  gegenüber  der  des  Jahres
1900  betrug:  Häute  -f-  44,  Wolle  +  72,  Baumwolle  +  152,  Ölsämereien ­
  +  58,  Kautschuk  +  31,  Kupfer  +  11,  andere  unedle
Metalle  +  23,  chemische  Rohstoffe  +  13  Millionen  Kronen.  Die
Mengen  des  Importes  mancher  Rohstoffe  sind  allerdings  nicht
im  gleichen  Maße  gestiegen  wie  die  Werte,  weil  sich  ihre  Preise
inzwischen  erhöht  haben.  Die  größte  Differenz  ergibt  sich  bei
Baumwolle;  von  den  152  Millionen,  um  welche  der  Wert  der
Einfuhr  größer  geworden  ist,  entfällt  ungefähr  die  Hälfte  auf  die
Preissteigerung.
Anders  als  bei  den  genannten  Waren  ist  die  Verschlechterung
der  Bilanz  derjenigen  Rohprodukte  zu  beurteilen,  in  denen  der
Bedarf  hauptsächlich  durch  die  inländische  Produktion  gedeckt
wird.  Während  wir  früher  nur  in  Jahren  der  Mißernte  und  auch
dann  keine  bedeutenden  Getreidemengen  aus  dem  Ausland  bezogen ­
  haben,  beginnen  wir  in  den  letzten  Jahren  auch  bei  günstigem ­
  Ernteausfall  Getreide  zu  importieren;  in  Jahren  schlechterer
Ernten  ist  die  Einfuhr  sehr  bedeutend;  im  Jahre  1909  erforderte
sie  187,  im  Jahre  1910  75  Millionen  Kronen.  Hierin  kommt  die
        <pb n="13" />
        Die  Handelspolitik  und  Handelsbilanz  Österreich-Ungarns.  H

Tatsache  zum  Ausdruck,  daß  sich  die  Getreideproduktion  Österreich-Ungarns ­
  trotz  der  hohen  Preise  nur  langsam,  und  zwar
langsamer  als  die  Bevölkerung  und  der  Konsum,  entwickelt.
Unsere  Viehausfuhr  war  im  Jahre  1910  um  40  Millionen  Kronen
geringer  als  im  Jahre  1900  und  ist  im  Jahre  1911  bis  zum
1.  November  gegenüber  dem  Vorjahre  um  weitere  47  Millionen
gesunken.  Der  Import  von  Kohlen  war  im  Jahre  1910  um  60,
die  Ausfuhr  nur  um  5  Millionen  Kronen  größer  als  im  Jahre
1900.  Dies  ist,  da  unsere  Kohlenlager  noch  lange  nicht  voll  ausgenützt ­
  werden  und  Feierschichten  nicht  selten  sind,  kein  Zeichen
günstiger  Verhältnisse  unseres  Bergbaues.
Unser  Außenhandel  in  Fabrikaten  hat  sich  in  folgender
Weise  gestaltet:

Halbfabrikate

Ganzfabrikate

Zusammen

Aktivum

Einfuhr

Ausfuhr

Einfuhr

Ausfuhr

Einfuhr

Ausfuhr

Millionen  Kronen

1900

231

303

468

820

699

1123

424

1901

231

269

449

797

680

1066

386

1902

249

268

468

786

717

1054

337

1903

256

299

517

894

773

1193

420

1904

257

314

540

914

796

1228

431

1905

255

333

593

999

848

1332

484

1906

423

420

628

1090

1051

1510

459

1907

464

439

643

1125

1107

1564

457

1908

434

389

672

1009

1106

1398

292

1909

435

406

707

1037

1142

1443

301

1910

476

435

795

1113

1271

1548

277

Der  Export  von  Industrieartikeln  zeigt  eine  an  und  für  sich
beträchtliche  Steigerung  um  425  Millionen  Kronen,  d.  i.  fast
38o/ 0 .  Gleichzeitig  ist  jedoch  der  Import  um  572  Millionen  Kronen,
d.  i.  um  mehr  als  80%,  gestiegen.  Die  industrielle  Bilanz  war
vor  10  Jahren  mit  424,  im  letzten  Jahre  aber  nur  mit  277  Millionen ­
  aktiv.
Von  größter  Bedeutung  für  unsere  Industriebilanz  ist  der
Zuckerexport,  der  zwar  der  Menge  nach  nicht  wesentlich  größer
geworden  ist,  infolge  der  Wertsteigerung  aber  im  Jahre  1910
241  Millionen,  d.  i.  um  54  Millionen  mehr  als  im  Jahre  1900,
einbrachte. 3 )  Der  Verkehr  in  Textilwaren  umfaßte  im  Jahre  1910

*)  Die  Zuckerausfuhr  betrug  in  den  Jahren  1900  bis  1910  —  mit  Ausnahme
des  hier  und  in  den  folgenden  Anmerkungen  ausgeschiedenen  Jahres  1906,  in  dem
        <pb n="14" />
        12

Richard  Schüller.

630  Millionen,  von  denen  320  auf  die  Einfuhr,  310  auf  die  Ausfuhr ­
  entfielen.  Während  aber  in  der  Einfuhr  die  Garne  überwiegen, ­
  besteht  die  Ausfuhr  zu  vier  Fünfteln  aus  Geweben  und
Konfektionsartikeln.  Die  Leinenindustrie  behauptet  ihre  Stellung
im  Auslande,  vermag  aber  nicht  an  Boden  zu  gewinnen.  Der
Export  von  Geweben  aus  Baumwolle  hat  bedeutende  Fortschritte
gemacht  und  betrug  im  Jahre  1910  49  Millionen  gegen  11  des
Jahres  1900,  während  die  Einfuhr  nur  von  5 x / 2  auf  12  Millionen
gewachsen  ist.  Die  Bilanz  der  Jutewaren  hat  sich  um  4  Millionen
gebessert.  Die  Schafwollwarenfabriken  haben  ihren  Export  von
30  auf  59  Millionen  erhöht;  doch  ist  auch  die  Einfuhr  wollener
Gewebe  von  20  auf  33  Millionen  gestiegen.  Am  ungünstigsten
liegen  die  Verhältnisse  in  der  Seidenindustrie,  deren  kaum  10  Millionen ­
  betragende  Ausfuhr  stagnierte,  während  die  Einfuhr  vtm
26  auf  34  Millionen  anwuchs. 4 )  Im  Außenhandel  der  Woll-  und
Seiden  waren  treten  die  Folgen  der  Nichterhöhung  der  seit  Jahrzehnten ­
  nicht  veränderten  Zöllen  zu  Tage.  Der  Export  von  Konfektionsartikeln ­
  ist  um  50,  die  Einfuhr  um  nur  10  Millionen
größer  geworden. 5 )
Roheisen,  Stabeisen,  Blech  und  Draht  haben  eine  Verschlechterung ­
  ihrer  Bilanz  erfahren.  Die  Einfuhr  von  Eisen  waren  und  Maschinen ­
  hat  sich  mehr  als  verdoppelt.  Unser  Verkehr  mit  Eisen  waren
war,  vom  Veredlungsverkehre  abgesehen,  im  Jahre  1900  mit  7  Millionen ­
  aktiv,  im  Jahre  1910  aber  mit  15  Millionen  passiv.  Im  Gegender
  neue  Tarif  am  1.  April  in  Kraft  trat  —:  6‘6.  7,  6  8,  7*1,  51,  5  7,  7  3,  8,
7  9,  6  7  Millionen  Meterzentner  im  Werte  von  186,  177,  139,  167,  152,  189,  199,
227,  240,  241  Millionen  Kronen.
4 )  1900  1901  1902  1903  1904  1905  1907  1908  1909  1910
Millionen  Kronen
Baumwoll-  (Einfuhr  5'5  5  8  6  2  6‘2  6'3  6  0  9’2  8'6  8'9  11-8
gewebe  \  Ausfuhr  1T3  10'4  13  0  16‘5  24-2  29A  562  32'9  34  8  48  7
Wollen-  (  Einfuhr  20‘5  18  5  21  9  22'2  216  24‘2  26-6  27  8  29  8  33  0
gewebe  \  Ausfuhr  30  5  301  32'3  353  42-6  47‘0  67-1  56  6  55-7  58  8
Seiden-  f  Einfuhr  25  8  23‘1  23  9  25'5  28'1  27'9  24-5  22  0  26'2  34'1
gewebe  (Ausfuhr  99  105  112  10‘9  10’6  127  78  10-7  8'2  8'4
s )  Von  der  85  Millionen  Kronen  betragenden  Ausfuhr  der  Konfektions  waren
entfallen  25  Millionen  auf  Damenkleidungen  und  Putzwaren,  10  Millionen  Herrenkleider, ­
  9  Millionen  Wäsche,  fast  13  Millionen  Hüte,  7-5  Millionen  künstliche
Blumen,  6-5  Millionen  zugerichtete  Federn,  7  6  Millionen  Haarnetze.
        <pb n="15" />
        Die  Handelspolitik  und  Handelsbilanz  Österreich-Ungams.

13

satz  hiezu  zeigt  der  Export  von  Waren  aus  unedlen  Metallen  —
hauptsächlich  Gablonzer  und  Berndorfer  Metallwaren  —  eine  Steigerung, ­
  die  unser  Aktivum  um  ungefähr  16  Millionen  vergrößert  hat.
Die  Maschinenausfuhr  ist  nur  um  8  Millionen,  die  Einfuhr  dagegen
um  65  Millionen  größer  geworden. 6 )  Ist  nun  an  und  für  sich
der  steigende  Bedarf  an  Maschinen  ein  günstiges  Symptom,  so
beweist  doch  die  Tatsache,  daß  viele  Zweige  der  inländischen
Maschinenindustrie  an  der  Deckung  des  größeren  Bedarfes  zu
wenig  beteiligt  sind,  die  nicht  entsprechende  Entwicklung  der
inländischen  Maschinenindustrie.  Unsere  Zölle  auf  Eisenwaren
und  Maschinen  stehen  nicht  im  richtigen  Verhältnis  zu  den  Zöllen
auf  die  Halbfabrikate  aus  Eisen.  Das  Passivum  unseres  Verkehres ­
  in  Instrumenten  ist  um  23  Millionen  größer  geworden. 7 )
In  chemischen  Produkten  hat  sich  die  Einfuhr  von  25  auf  34,
die  Ausfuhr  von  18  nur  auf  20  Millionen  erhöht.  Dagegen  ist
die  Petroleumraffinerie  im  letzten  Dezennium  eine  unserer  wichtigsten ­
  Exportindustrien  geworden;  sie  führte  im  Jahre  1900  um  7,
im  Jahre  1910  um  55  Millionen  Kronen  Waren  aus,  wobei  sie
aber  von  der  schwankenden  Rohölgewinnung  abhängig  und  durch
den  Kampf  mit  dem  Standard  Oil  Trust  behindert  ist. 8 )
Der  Absatz  unserer  Glaswaren  im  Auslande  ist  in  kräftigem
Aufschwung,  der  der  Porzellanwaren  in  langsamer  Entwicklung.
Die  Holzwarenindustrie  (Bugholzmöbel)  verzeichnet  Fortschritte.
Das  Aktivum  der  Lederwaren  ist  gesunken,  was  auf  die  verringerte ­
  Konkurrenzfähigkeit  unserer  Schuhwarenindustrie  —  Über-•)

  Die  Einfuhr  von  Maschinen,  inklusive  der  elektrischen  Maschinen,  aber
mit  Ausschluß  der  elektrischen  Bedarfsgegenstände,  betrug  in  den  Jahren  1900
bis  1910:  52'6,  431,  44  8,  49’2,  531,  63  9,  103  6,  1118,  99  7,  117'6  Millionen
Kronen;  die  Ausfuhr  32  8,  29'4,  207,  24  2,  271,  32  5,  40'4,  36.3,  441  405  Millionen ­
  Kronen.  Dazu  kommt  die  12  bis  20  Millionen  betragende  Ausfuhr  im
Veredlungsverkehr.
*)  Die  (exklusive  Uhren)  40  Millionen  betragende  Einfuhr  des  Jahres  1910
enthält  u.  a.:  Chirurgische  Instrumente  2,  wissenschaftliche  Instrumente  4,
optische  Instrumente  4,  Sprechmaschinen  9,  Schreibmaschinen  6,  Klaviere  und
Mechaniken  3  Millionen  Kronen.
8 )  Ausfuhr  im  Jahre  1910:  Petroleum  14  4,  Benzin  6  2,  Schmieröle  9  4,
andere  Mineralöle  3'8,  Paraffin  21  Millionen  Kronen.
        <pb n="16" />
        HH

gang  zur  mechanischen  Erzeugung  —  zurückzuführen  ist.  Die
Papierindustrie  konnte  ihre  Bilanz  kaum  aufrecht  erhalten. 9 )
Der  Export  von  beschlagenem  und  gesägtem  Holz  spielt  in
unserer  Bilanz  eine  große  Rolle;  er  belief  sich  im  Jahre  1910
auf  163  Millionen.  Doch  handelt  es  sich  hier  um  ein  wenig  bearbeitetes ­
  Rohprodukt;  auch  regt  sich  das  Bedenken,  daß  unsere
Holzausfuhr  —  zur  Sägeware  kommen  noch  72’5  Millionen  Rohholz ­
  —  eine  Verminderung  unseres  Naturkapitals  darstellt,  das
sich  nicht  mit  gleicher  Schnelligkeit  wiederherstellen  läßt.  Die
auch  für  die  Landwirtschaft  wichtige  Malzausfuhr  behauptet  sich
mit  Mühe  auf  der  Höhe  von  50  Millionen.  Die  ehemals  bedeutende
Mehlausfuhr  ist  auf  ein  Minimum  gesunken.
Überblickt  man  unseren  Außenhandel  in  Industrieprodukten,
so  zeigen  sich  neben  manchen  günstigen  viel  mehr  ungünstige
Momente;  das  Gesamtresultat  ist  nicht  befriedigend.  Dies  ist,
neben  den  oft  besprochenen  Ursachen  des  zögernden  Tempos
unserer  industriellen  Entwicklung,  zum  nicht  geringen  Teile  auf
die  Handelspolitik  zurückzuführen.  Nur  unter  den  größten
Schwierigkeiten  gelang  es,  für  unsere  Industrie  im  autonomen
Tarif  und  in  den  Verträgen,  wie  oben  dargelegt  wurde,  Manches
zu  erringen  und  das  Notwendigste  zu  erhalten.  Unser  Zolltarif
ist  bekanntlich  zwischen  Österreich  und  Ungarn  vereinbart;  im
geltenden  Tarif  sind  die  Agrarzölle  sehr  erhöht  worden,  weil  die
hierauf  gerichteten  ungarischen  Bestrebungen  durch  die  österreichische ­
  Agrarbewegung  unterstützt  wurden;  viele  Industriezölle ­
  aber  konnten  nur  in  praktisch  unwirksamem  Maß  oder  gar
nicht  hinaufgesetzt  werden,  weil  man  ungarischerseits  die  Interessen ­
  des  Konsumes  industrieller  Artikel  in  den  Vordergrund
stellte.  In  einzelnen  Warengruppen,  in  denen  sich  auch  starke

°)

1900

1901

1902  1903  1904
Millionen

1905
Krön

1907
e  n

1908

1909

1910

Glaswaren

Ausfuhr

52-7

49-1

465

54-1

56.9

59-7

71'2

62-9

69-5

72-5

Porzellan

Ausfuhr

11-8

12-9

12-7

14-8

17-1

21T

16-6

15'5

131

154

Bugholz-  1
möbel  I

Ausfuhr

13-8

126

12.6

138

150

160

186

17  T

16-7

19-0

Schuhwaren

f  Einfuhr

1-0

10

09

11

1-3

V5

2-5

32

4-3

69

)  Ausfuhr

21-2

205

21-6

22-0

203

22-5

214

19-7

19-3

18-6

Papier  J

Einfuhr

7-1

8-0

8-3

9T

8'9

10-5

98

io-o

10-8

11-9

Ausfuhr

288

24-8

26-1

276

27-6

28-0

29-4

33'5

29-9

304
        <pb n="17" />
        Die  Handelspolitik  und  Handelsbilanz  Österreich-Ungarns.  15

ungarische  Produktionsinteressen  geltend  machten,  wurden  allerdings ­
  beträchtliche  Erhöhungen  vorgenommen  oder  hohe  Zölle
aufrecht  erhalten.  Das  Niveau  der  Industriezölle  mußte  dann  in
den  Handelsverträgen  mehr,  als  dies  sonst  notwendig  gewesen
wäre,  ermäßigt  werden,  um  unsere  agrarischen  Forderungen  durchzusetzen. ­
  Andrerseits  hatten  wir  Erhöhungen  der  ausländischen
Industriezölle  hinzunehmen,  da  wir  auf  landwirtschaftlichem  Gebiete ­
  nur  geringe  Zugeständnisse  machen  konnten.  So  wurde  die
Einfuhr  von  Industrieartikeln,  deren  inländische  Produzenten  mit
der  erhöhten  Konkurrenzfähigkeit  vieler  ausländischer  Industrien
zu  rechnen  haben,  nicht  erschwert,  unsere  Ausfuhr  dagegen  behindert. ­
  Die  Folgen  zeigen  sich  z.  B.  in  dem  Verkehr  mit  Deutschland, ­
  dessen  Bilanz  sich  um  mehr  als  400  Millionen  zu  unseren
Ungunsten  verschoben  hat;  ebenso  charakteristisch  ist  der  Rückgang ­
  unseres  Exportes  nach  Serbien,  der  im  Jahre  1905  33  Millionen ­
  Kronen,  d.  i.  60&amp;lt;&amp;gt;/o  der  serbischen  Gesamteinfuhr  betrug,
während  wir  im  Jahre  1910  nur  18  Millionen  Kronen,  d.  i.  nicht
viel  über  20o/ 0  der  serbischen  Gesamteinfuhr,  erreichten.  Im
ganzen  ist  unsere  industrielle  Handelsbilanz  im  letzten  Dezennium
weniger  aktiv  geworden.  Dies  ist  um  so  bedenklicher,  als  wir
steigende  Summen  für  Rohstoffe  und  Nahrungsmittel  an  das  Ausland ­
  zu  zahlen  haben.  Alle  anderen  Staaten,  deren  Handelsbilanz
passiv  ist,  weisen  ein  steigendes  Aktivum  im  Verkehr  mit  Industrieartikeln ­
  auf.  Die  passive  Bilanz  ist  das  Anzeichen  der
Entwicklung  zum  Industriestaat.  Bei  uns  aber  tritt  das  Passivum
der  ganzen  Bilanz  gleichzeitig  mit  der  Verringerung  des  Aktivums
der  Industriebilanz  auf.  Dies  ist  neben  den  bei  den  Rohstoffen
schon  erwähnten  Momenten  die  wichtigste  Ursache  des  so  plötzlichen ­
  und  starken  Anwachsens  unseres  Passivums.
4.
Schwierig  ist  die  Beantwortung  der  Frage,  welchen  Einfluß
die  Veränderungen  unserer  Handelsbilanz  auf  unsere  Zahlungsbilanz ­
  üben.  Nach  den  Berechnungen  des  Finanzministeriums 10 )
gestaltete  sich  die  Zahlungsbilanz  Österreich-Ungarns  im  Durchschnitt ­
  der  Jahre  1892  bis  1901  in  folgender  Weise:  Saldo  der
durch  die  Effektenbesitzverhältnisse  bedingten  internationalen

10 )  Tabellen  zur  Währungs-Statistik,  verfaßt  im  k.  k.  Finanzministerium,
zweite  Ausgabe,  zweiter  Teil,  drittes  Heft  „Daten  zur  Zahlungsbilanz“,  Wien  1904.
        <pb n="18" />
        Zahlungen  für  Zinsen,  Dividenden  und  Tilgungsquoten  —  335
Millionen,  Gewinne  der  für  den  Geschäftsbetrieb  im  Inlande  zugelassenen ­
  ausländischen  Gesellschaften  —  8,  Auslandszahlungen
der  österreichisch-ungarischen  Kriegsmarine  —  10  Millionen;
Saldo  des  internationalen  Effekten  Verkehres  -f-  77,  durch  die
Niederlassung  ausländischer  Gesellschaften  im  Inlande  verursachter
Zahlungsverkehr  -f-  16,  Saldo  der  Handelsbilanz  -f  201,  Saldo
der  aus  dem  internationalen  Eisenbahn-  und  Schiffahrtsverkehr
entspringenden  finanziellen  Beziehungen  -f-  38,  Saldo  der  durch
die  Wanderbewegung  hervorgerufenen  internationalen  Zahlungen
+  21,  Ertrag  des  Fremdenverkehres  -f  47  Millionen.  Hieraus
ergab  sich,  daß  die  Zahlungsbilanz  mit  46  Millionen  aktiv  war.
Seit  dem  Jahre  1901  werden  die  Daten  zur  Zahlungsbilanz  vom
Finanzministerium  leider  nicht  mehr  zusammengestellt.  Nur  der
Einfluß  der  Wanderbewegung  und  des  Fremdenverkehres  auf  die
Zahlungsbilanz  hat  den  Gegenstand  eingehender  Studien  gebildet. 11 )
Es  hat  sich  hiebei  gezeigt,  daß  die  Geldsendungen  unserer  Auswanderer ­
  ungleich  größer  sind,  als  angenommen  wurde,  und  daß
sie  im  letzten  Jahrzehnt  eine  bedeutende  Steigerung  erfahren
haben.  Der  Aktivsaldo  dieses  Verkehres  schwankt  nach  den  angestellten
  Berechnungen  zwischen  200  und  mehr  als  300  Millionen ­
  Kronen.  Außer  dieser  Post  sind  für  unsere  Zahlungsbilanz
hauptsächlich  die  Zinszahlungen  an  das  Ausland  und  die  Handelsbilanz ­
  von  Bedeutung.  Der  Saldo  unserer  Verschuldung  im  Auslande ­
  kann  gegenwärtig  nicht  festgestellt  werden;  er  betrug,  wie
schon  erwähnt,  im  Durchschnitt  der  Jahre  1892  bis  1901  —  335

Millionen.  Professor  Dr.  Julius  Landesberger  hat  darauf  hingewiesen ­
 12 ),  daß  in  den  letzten  Jahren  Schuldverschreibungen
aus  dem  Auslande  zurückströmten  und  daß  z.  B.  von  dem  großen
Schuldverschreibungskoeffizienten,  den  die  Südbahn  mit  ihren
rund  2  Milliarden  Prioritäten  darstellt,  namhafte  Beträge  nach
Österreich  zurückflossen.  Er  hat  ferner  darauf  aufmerksam  gemacht, ­
  daß  auch  österreichische  und  ungarische  Banken  in
den  letzten  Jahren  in  den  Balkanstaaten  Banken  gegründet
u )  Mitteilungen  des  Finanzministeriums,  erstes  Heft  1911,  „Einfluß  der
Wanderbewegung  und  des  Fremdenverkehres  auf  die  Zahlungsbilanz  Österreich-Ungarns“
  von  Dr.  Franz  Bartsch.
Li )  „Die  Industrie“  vom  12.  November  1911,  Seite  4.
        <pb n="19" />
        und  ihnen  Kredite  erteilt  haben.  Endlich  ist  es  eine  bekannte
Tatsache,  daß  die  inländischen  Anlagen  in  deutschen  und
amerikanischen  Industrieaktien  zugenommen  haben.  Andrerseits
haben  wir  beträchtliche  neue  Schulden  —  im  letzten  Jahre  mehr
als  200  Millionen  —  im  Auslande  kontrahiert.  Keinesfalls  aber
kann  die  Zunahme  der  Geldsendungen  der  Auswanderer  und  die
etwaige  Verringerung  unserer  Schuldzinsen  auch  nur  annähernd
die  Verschlechterung  ausgleichen,  welche  die  Handelsbilanz  erfahren ­
  hat.  An  Stelle  des  früheren  Aktivums  von  200  Millionen
Kronen  haben  wir  jetzt  mit  einem  Passivum  zu  rechnen,  das
heuer  mehr  als  600  Millionen  Kronen  betragen  wird.  Also  eine
800  Millionen  überschreitende  Verschiebung  zu  unseren  Ungunsten.
Es  ist  bemerkenswert,  daß  hieraus  bisher  keine  wesentlichen
Störungen  unseres  Geld-  und  Kreditwesens  entsprungen  sind.
Dies  würde  zu  einer  optimistischen  Auffassung  berechtigen;  wir
müssen  aber  das  bedeutende  Passivum  der  Handelsbilanz  doch
durch  Verkauf  unserer  Papiere  ins  Ausland  oder  durch  Prolongierung ­
  und  Vergrößerung  unserer  ausländischen  Kredite  regulieren, ­
  was  nur  dann  möglich  ist,  wenn  der  Zinsfuß  bei  uns
höher  als  in  den  anderen  Staaten  gehalten  wird.  Dazu  kommt
die  Gefahr  plötzlicher  Rücksendungen  unserer  Wertpapiere  und
Krediteinschränkungen,  die  gerade  dann  leicht  eintreten,  wenn
dies  wirtschaftlich  am  nachteiligsten  ist.
5.
Dem  Einflüsse  der  Zollpolitik  auf  die  Produktion  sind  ihre
Wirkungen  auf  den  Konsum  gegenüberzustellen,  die  sich  deshalb ­
  so  stark  fühlbar  machen,  weil  sie  mit  der  aus  verschiedenen
Ursachen  entspringenden  allgemeinen  Teuerung  Zusammentreffen.
Zu  dieser  wirken  mit:  Das  Wachstum  der  Bevölkerung  und  des
Kapitals;  durch  die  Vergrößerung  der  Nachfrage  wird  in  den
Industriestaaten  ein  wachsender  Importbedarf  an  Nahrungsmitteln
und  Rohstoffen  hervorgerufen,  zugleich  aber  die  Exportfähigkeit
der  Agrarstaaten  verringert.  Andrerseits  setzen  sich  die  großen
produktions-  und  verkehrstechnischen  Umwälzungen  nicht  dauernd
in  dem  Tempo  des  19.  Jahrhunderts  fort;  da  z.  B.  die  Frachtkosten ­
  von  New  York  nach  Liverpool  für  1  Bushel  Weizen  von
16  Cents  des  Jahres  1875  auf  5  Cents  im  Jahre  1895  gesunken
sind,  können  sie  nicht  oder  doch  nicht  in  gleichem  Maß
Zeitschrift  für  Volkswirtschaft,  Sozialpolitik  und  Verwaltung.  XXI.  Band.  2
        <pb n="20" />
        18

Richard  Schüller.

weiter  herabgesetzt  werden..  Dazu  kommt,  als  preissteigernde
Ursache  von  größter  Bedeutung,  die  wachsende  Organisation  der
Produzenten  und  des  Handels.  Während  früher  die  ungeregelte
Konkurrenz  nach  Zeiten  steigender  Preise  immer  wieder  Preisstürze ­
  herbeiführte,  werden  durch  die  wirtschaftlichen  Organisationen, ­
  die  sich  so  rasch  ausgebreitet  haben,  Erhöhungen  der
Preise  energischer  als  früher  durchgeführt,  Ermäßigungen  aber
verhindert  oder  abgeschwächt.
Die  durch  die  angeführten  Momente  verursachte  Teuerung
ist  durch  die  Verstärkung  des  Zollschutzes  verschärft  worden.
Die  Getreidezölle  wurden  zu  einer  Zeit  erhöht,  in  der  die  Weltmarktpreise ­
  des  Getreides  gestiegen  sind,  die  inländische  Produktion ­
  dem  Bedarf  nicht  mehr  genügt  und  die  Landwirte  durch
kaufmännisch  richtigeres  Vorgehen  beim  Verkauf  ihrer  Produkte
die  vorhandenen  Absatzmöglichkeiten  besser  als  vordem  ausnützen. ­
  Über  das  so  gegebene  Niveau  hinaus  werden  die  Preise
durch  die  höheren  Zölle  hinaufgesetzt.  Die  durch  die  Einfuhrbeschränkungen ­
  verursachte  Verteuerung  der  Fleischpreise  kann
nicht  zahlenmäßig  ausgedrückt  werden,  weil  weniger  die  Zollsätze
als  die  Einfuhrverbote  in  Betracht  kommen,  die  auch  schon  vor  dem
Jahre  1906  bestanden.  Die  Entwicklung  der  Vieh-  und  Fleischpreise ­
  gestaltete  sich  seit  dem  Jahre  1906  in  folgender  Weise:
Ende  Juni  1906  betrug  der  Durchschnittspreis  der  Mastrinder
79  Kronen  für  100  Kilogramm  Lebendgewicht,  der  allgemeine
Rinderpreis  75  Kronen.  Der  Fleischpreis  war  damals  schon  seit
längerer  Zeit  160  Heller  per  Kilogramm.  In  der  zweiten  Hälfte
des  Jahres  1906  stieg  der  Mastrinderpreis  und  hielt  sich  von
Ende  Juli  an  über  90  Kronen.  Auch  der  allgemeine  Rinderpreis
bewegte  sich  nach  aufwärts  und  überschritt  an  mehr  als  der
Hälfte  aller  Markttage  des  zweiten  Semesters  80  Kronen;  der
Fleischpreis  erhöhte  sich  von  160  auf  170  Heller.  In  den  Jahren
1907  bis  1909  und  im  ersten  Halbjahr  1910  zeigte  der  Rinderpreis ­
  eine  rückläufige  Tendenz,  während  der  Fleischpreis  ziemlich ­
  stationär  blieb  und  Mitte  Juli  1910  166  Heller  betrug.  Im
zweiten  Halbjahr  1910  und  zu  Beginn  des  Jahres  1911  erfuhr
zunächst  der  Preis  für  Mastrinder  eine  über  90  Kronen  hinausgehende ­
  Steigerung  und  erreichte  im  Jahre  1910  fünfmal  eine
Höhe  von  über  100  Kronen.  Der  allgemeine  Rinderpreis  stieg
        <pb n="21" />
        Die  Handelspolitik  und  Handelsbilanz  Österreich-Ungarns.  19
über  90  Kronen,  der  Fleischpreis  auf  185  Heller.  Vom  Juni
bis  September  1911  stieg  der  Mastrinderpreis  außerordentlich
und  erreichte  109  Kronen;  auch  der  allgemeine  Rinderpreis  erhöhte ­
  sich  auf  101  Kronen,  der  Fleischpreis  auf  fast  200  Heller.
Seit  dem  September  sank  der  Rinderpreis,  so  daß  anfangs  Dezember ­
  Mastrinder  101  Kronen,  andere  Rinder  85  Kronen  per
100  Kilogramm  Lebendgewicht  kosteten;  der  Fleischpreis  dagegen
war  um  diese  Zeit  noch  kaum  zurückgegangen.  Während  der
ganzen  Periode  zeigen  die  Vieh-  und  Fleischpreise  eine  zwar
schwankende,  aber  doch  sich  immer  erneuernde  Erhöhung,  die
bis  35o/o  —  Vergleich  der  Viehpreise  um  die  Mitte  der  Jahre
1906  und  1911  —  betrug.
6.
Die  Relastung  des  Konsums  und  die  übrigen  Nachteile  höherer
Zölle  können  nur  durch  eine  entsprechende  Vergrößerung  der
Produktion  aufgewogen  werden.  Wenn  diese  durch  die  Zölle
nicht  bewirkt  wird,  ist  das  Ergebnis  nur  eine  Einkommenverschiebung. ­
  Es  wird  Einkommen  von  einer  ländlichen  oder  städtischen ­
  Bevölkerungsgruppe  auf  andere  übertragen,  ohne  daß  das
Gesamteinkommen  der  Bevölkerung  wächst.  Der  Zweck  und  die
Rechtfertigung  der  Schutzzollpolitik  besteht  aber  gerade  darin,
daß  sie  durch  Vergrößerung  der  Produktion  die  Erwerbgelegenheiten ­
  vermehren,  die  Nachfrage  nach  Arbeit  und  Kapital  steigern
und  dadurch  das  Gesamteinkommen  heben  soll.  Geschieht  dies
nicht,  so  ist  der  betreffende  Zoll  oder  die  Erhöhung  des  Zolles
volkswirtschaftlich  nicht  rationell.  In  diesem  Sinne  hat  der
deutsche  Reichskanzler  einen  Appell  an  die  Landwirtschaft  gerichtet ­
  und  darauf  hingewiesen,  daß  „eine  Verringerung  des  Viehstandes ­
  sich  an  der  Stellung  der  Landwirtschaft  im  ganzen  bitter
rächen“  würde.  Von  dem  gleichen  Standpunkt  ist  aber  auch
jeder  Industriezoll  zu  beurteilen,  und  es  fehlt  nicht  an  Beispielen
dafür,  daß  die  industrielle  Produktion  durch  bestimmte  Zölle
gleichfalls  nicht  oder  nicht  entsprechend  erweitert  wird.  Dies
gilt  z.  B.  von  manchen  Kartellzöllen,  die  nicht  zur  Vergrößerung,
sondern  zur  Einschränkung  der  Erzeugung  behufs  möglichst  voller
Ausnützung  des  Zollschutzes  dienen.  Auch  in  anderen  Fällen
versagen  einzelne  Zölle;  so  hat  der  Teerfarbenzoll  bisher  keine
zur  Belastung  der  Textilindustrie  im  Verhältnis  stehende  in-2*
        <pb n="22" />
        ländische  Fabrikation  von  Teerfarben  hervorgerufen.  Ob  es  sich
um  Zollerhöhungen  auf  landwirtschaftliche  oder  industrielle  Produkte ­
  handelt,  immer  muß  über  ihre  Berechtigung  danach  entschieden ­
  werden,  welche  Bedeutung  der  höhere  Zollschutz  für
die  Entwicklung  der  heimischen  Produktion  hat.
Es  ist  versucht  worden,  Zölle,  die  bloß  Verschiebungen  des
Einkommens  verursachen,  durch  den  Hinweis  darauf  zu  rechtfertigen,
  daß  die  Konsumfähigkeit  der  geschützten  Interessengruppen ­
  erhöht  werde,  was  den  anderen  Produktionszweigen
zum  Vorteil  gereiche.  Dies  ist  aber  offenbar  ein  Fehlschluß.  Wenn
durch  einen  Zoll  nur  Einkommen  von  einem  Teil  der  Bevölkerung
auf  einen  anderen  übertragen  wird,  nimmt  die  Konsumfähigkeit
des  dadurch  belasteten  Teiles  um  ebensoviel  ab,  als  die  des  begünstigten ­
  zunimmt.  So  kommt  es,  daß  zu  einer  Zeit,  in  der
das  Einkommen  bestimmter  Gruppen  der  landwirtschaftlichen  Bevölkerung ­
  infolge  der  erhöhten  Preise  ihrer  Produkte  größer  geworden ­
  ist,  der  Absatz  der  industriellen  Waren  stagniert,  weil
die  Kaufkraft  der  übrigen  Bevölkerung  für  diese  Waren  wegen
der  höheren  Kosten  der  Nahrungsmittel  gesunken  ist.
Wenn  der  Standpunkt,  daß  für  die  Lösung  der  Zollfragen
die  Rücksicht  auf  die  Entwicklung  der  heimischen  Produktion
maßgebend  sein  muß,  verlassen  wird,  steht  man  uferlosen  Forderungen ­
  der  Interessenten  nach  Zollerhöhungen  gegenüber.  Allerdings ­
  sind,  wie  in  der  Politik  überhaupt,  auch  in  der  Handelspolitik ­
  Kompromisse  notwendig  und  die  Machtverhältnisse  ausschlaggebend, ­
  aber  es  handelt  sich  ja  gerade  darum,  den  überwiegenden ­
  Interessen  der  Gesamtheit  Rechnung  zu  tragen,  wobei
man  sich  auf  diese  Interessen  stützen  kann.  Nur  kommt
es  oft  vor,  daß  sich  auch  wichtige  Interessen  nicht  rechtzeitig
geltend  machen,  wie  bis  vor  wenigen  Jahren  in  den  kontinentalen
Staaten  die  der  Konsumenten,  die  dann  nachträglich  allenthalben
in  bedenklicher  Weise  und  unter  den  traurigsten  Nebenerscheinungen ­
  in  Bewegung  gerieten.  Gerade  um  heftige  Rückschläge
gegen  den  rationellen  Schutz  der  heimischen  Produktion  zu  vermeiden, ­
  muß  daran  festgehalten  werden,  daß  die  Zoll-  und  Handelspolitik ­
  sich  nicht  in  der  Linie  des  jeweils  geringsten  Widerstandes,
sondern  in  der  Linie  der  überwiegenden  Interessen  der  Gesamtheit, ­
  der  öffentlichen  und  staatlichen  Interessen,  bewegen  soll.
        <pb n="23" />
        o

17

Die  Handelspolitik  und  Handelsbilanz  Österreich-Ungarns.
n  Kredite  erteilt  haben.  Endlich  ist  es  eine  bekannte
daß  die  inländischen  Anlagen  in  deutschen  und
ischen  Industrieaktien  zugenommen  haben.  Andrerseits
r  beträchtliche  neue  Schulden  —  im  letzten  Jahre  mehr
Millionen  —  im  Auslande  kontrahiert.  Keinesfalls  aber
Zunahme  der  Geldsendungen  der  Auswanderer  und  die
/erringerung  unserer  Schuldzinsen  auch  nur  annähernd
ihlechterung  ausgleichen,  welche  die  Handelsbilanz  erit.
  An  Stelle  des  früheren  Aktivums  von  200  Millionen
iahen  wir  jetzt  mit  einem  Passivum  zu  rechnen,  das
Kr  als  600  Millionen  Kronen  betragen  wird.  Also  eine
nen  überschreitende  Verschiebung  zu  unseren  Ungunsten,
^merkenswert,  daß  hieraus  bisher  keine  wesentlichen
1  unseres  Geld-  und  Kreditwesens  entsprungen  sind.
Je  zu  einer  optimistischen  Auffassung  berechtigen;  wir
•her  das  bedeutende  Passivum  der  Handelsbilanz  doch
rkauf  unserer  Papiere  ins  Ausland  oder  durch  Prolonind
  Vergrößerung  unserer  ausländischen  Kredite  reguas
  nur  dann  möglich  ist,  wenn  der  Zinsfuß  bei  uns
in  den  anderen  Staaten  gehalten  wird.  Dazu  kommt
ir  plötzlicher  Rücksendungen  unserer  Wertpapiere  und
ichränkungen,  die  gerade  dann  leicht  eintreten,  wenn
ächaftlich  am  nachteiligsten  ist.
-  5.
Einflüsse  der  Zollpolitik  auf  die  Produktion  sind  ihre
n  auf  den  Konsum  gegenüberzustellen,  die  sich  desark
  fühlbar  machen,  weil  sie  mit  der  aus  verschiedenen
entspringenden  allgemeinen  Teuerung  Zusammentreffen,
wirken  mit:  Das  Wachstum  der  Bevölkerung  und  des
=•  durch  die  Vergrößerung  der  Nachfrage  wird  in  den
taaten  ein  wachsender  Importbedarf  an  Nahrungsmitteln
toffen  hervorgerufen,  zugleich  aber  die  Exportfähigkeit
Staaten  verringert.  Andrerseits  setzen  sich  die  großen
is-  und  verkehrstechnischen  Umwälzungen  nicht  dauernd
empo  des  19.  Jahrhunderts  fort;  da  z.  B.  die  Frachtn
  New  York  nach  Liverpool  für  1  Bushel  Weizen  von
des  Jahres  1875  auf  5  Cents  im  Jahre  1895  gesunken
nen  sie  nicht  oder  doch  nicht  in  gleichem  Maß

8  ir  Volkswirtschaft,  Sozialpolitik  und  Verwaltung.  XXI.  Band.  2
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        ﻿
        <pb n="25" />
        ﻿
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
