Univi Kapitel I. Die Physiokraten. ~ *iel aif Diese rein negative Definition genügt aber nicht, deV stattet noch verschiedene andere Auslegungen. Zunächst wu: die natürliche Ordnung im Sinn des Naturzustandes nehmen können, um sie dem Zustand der Zivilisation, der dann ein künst licher wäre, gegenüber zu stellen. In diesem Sinne würde der Mensch nm die natürliche Ordnung zu finden, zu seinem Anfangszustande zurückkehren müssen. Diese Auslegung würde sich nicht nur auf gewisse Stellen in den physiokratischen Werken 1 ) stützen können, sondern auch auf scheint die soziale Ordnung die Lösung einer mathematischen Aufgabe zu sein: Br stellt sie nämlich hin, als ob sie gewissen komplizierten Voraussetzungen genügen müsse, die er wie folgt formuliert: „Eine Assoziationsform finden, die die Person und das Besitztum eines jeden Gesellschafters schützt und auf Grund derer ein jeder, mit allen vereint, doch nur sich selbst gehorcht und ebenso frei, wie vorher, bleibt.“ Nichts liegt der Auffassung der Physiokraten ferner; für sie gibt es nichts, das zu schaffen oder zu finden wäre. Die natürliche Ordnung ist „selbstverständlich“. Allerdings glaubte Rousseau trotzdem an eine natürliche Ordnung, an die Stimme der Natur, an die angeborene Güte des Menschen usw. „Die ewigen Gesetze der Natur und der Ordnung bestehen. Dem Weisen dienen sie an Stelle positiver Gesetzesvorschrifteu; das Gewissen und die Vernunft haben sie ihm ins Herz ge schrieben“ (Emile, V.). Genau die gleiche Sprache führen die Physiokraten. Es besteht aber der große Unterschied, daß nach Rousseau der natürliche Zustand durch die gesellschaftlichen Einrichtungen (besonders die der Politik, zu denen er auch das Eigentum rechnet, unmöglich geworden ist, und daß es sich darum handelt, dem Volke den Gegenwert dessen, was es verloren hat, zurüekzugeben. — Dies ist der Zweckgedanke des Contrat social: —• Für die Physiokraten dagegen sind die gesell schaftlichen Einrichtungen, darunter ganz besonders das Eigentum, nur eine spontane Entfaltung der natürlichen Ordnung, die allerdings durch die gewalttätige Handlungs weise der Regierungen zur Unnatur geworden ist. Sobald aber diese Einmischung aufhört, würde auch die natürliche Ordnung wieder ihren normalen Entwicklungs gang gehen, wie ein Baum, von den Hemmungen, die ihn gebeugt, befreit, sich wieder aufriohtet. ' Ein Hauptuntersohied ist sodann, daß für die Physiokraten die Begriffe Eigen nutz und Pflicht sich decken, da das Individuum heim Verfolgen seines eigenen Nutzens das Wohl aller verwirklicht, während für Rousseau Eigennutz und Pflicht antagonistisch sind, die Pflicht den Eigennutz unterdrücken muß; „Das persönliche Interesse steht stets im umgekehrten Verhältnisse zur Pflicht und steigert sich im gleichen Maße wie die Vergesellschaftung enger, und die Verpflichtungen weniger heilig werden“ (Contrat social II, Kap. 3). Er will damit sagen, daß der Eigennutz in der Familie oder der Korporation stärker als im Vaterlandsverbande ist, ’) „Es gibt eine natürliche Gesellschaft, die jeder Übereinkunft zwischen den Menschen voransgegangen ist . . . Diese selbstverständlichen Grundsätze der voll kommensten Gesellschaftsbildung drängen sich von selbst dem Menschen auf; ich meine dabei nicht nur den gebildeten und wissensdurstigen Menschen, sondern auch den einfachen wilden Menschen, so wie er aus den Händen der Natur kommt“ (Dupont I, S. 341, 24). Ebenso scheinen einige Physiokraten nicht weit von dem Glauben entfernt ge wesen zu sein, daß diese natürliche Ordnung wirklich in der Vergangenheit bestanden habe, und daß die Menschen sie durch ihre Schuld verloren haben. Dupont de Nemours