10 Erstes Buch. Die Begründer. nicht, daß die natürliche Ordnung in den menschlichen Gemeinwesen tatsächlich so verwirklicht sei, wie sie es im Bienenstöcke oder im Ameisenhaufen ist: diese stellen geordnete Gemeinwesen vor, während die menschlichen Gesellschaften in ihrem gegenwärtigen Zustande ungeordnet sind, weil die Menschen, im Gegensatz zu den unfreien Tieren, freie Wesen sind. Was ist aber zuletzt die natürliche Ordnung? Sie ist die von Gott für das Glück der Menschen gewollte Ordnung, die Ordnung / der Vorsehung 1 ). Um sie zu erkennen, muß man sie zuerst lernen, und nachdem man sie erkannt hat, muß man lernen, sie zu befolgen. Wie aber lernen? Wie sie erkennen? Das Zeichen, an dem man die natürliche Ordnung erkennt, ist der „Augenschein“, die „Evidenz“. Die Physiokraten gefallen sich geradezu darin, dieses Wort in ihren Schriften beständig zu wiederholen 2 ). Diese augen scheinlichen Tatsachen müssen aber doch immerhin erst bemerkt werden, — auch das schärfste Licht braucht ein Auge, um gesehen zu werden, — welches Organ kommt nun hier in Frage ? Der Instinkt? Das Gewissen? Die Vernunft? Wird uns die Stimme Gottes, wie durch eine übernatürliche Offenbarung, sagen, wo die Wahrheit ist? Oder wird uns die Stimme der Natur den rechten Weg weisen? Die Physiokraten haben sicli anscheinend nicht um diese Frage gekümmert (obschon diese Stimmen sich doch widersprechen können), denn sie geben uns unterschiedslos alle diese Antworten. Mbbcibe de la Eivieee erinnert an die Worte St. Johanni über das Licht „das da scheinet an einem dunklen Ort und um jeden in die Welt geborenen Helligkeit verbreitet“, was ein von Gott im Herzen jedes Menschen angezündetes Licht vermuten ließe, das ihm gestattet, seinen Weg zu finden. Nach Düpont hat Qüesnay erkannt, daß: „der Mensch nur Einkehr bei sich zu halten braucht, um hier das köstliche Verständnis dieser Gesetze zu finden“, oder daß „ohne sie zu kennen, die Menschen doch von einer unbewußten Kenntnis der Physiokratie auf natürliche Weise geleitet werden“ 3 ). Nach vielen ' l ) „Die Gesetze sind unabänderlich, sie gehören zum Urwesen der Menschen und der Dinge, sie sind der Willensausdruck Gottes.“ „Alle unsere Interessen, all unser Wollen vereinen sich, . . . und bilden für unser gemeinsames Glück eine Harmonie, die man als das Werk einer gütigen Gottheit, die die Erde von glücklichen Menschen bewohnt sehen will, anspreohen kann“ (Meboier db la Eiviiüeb I, S. 390; II, 8. 638). 2 ) „Es gibt einen natürlichen Eichter letzter Instanz für alle Anordnungen, selbst für die des Herrschers, und dieser Eichter ist die Tatsache (die Evidenz) ihrer Übereinstimmung mit, oder ihrer Gegensätzlichkeit zu den natürlichen Gesetzen“ (Düpont I, 8. 746). 3 ) Düpont, Introduction aux ceuvres de Qüesnay I, S. 19 und 26.