Kapitel I. Die Physiokraten. 11 anderen Stellen aber scheint diese unmittelbare Erkenntnis nicht zu genügen, um die natürliche Ordnung aufzudecken, was schon daraus hervorgeht, daß Quesnay erklärt, die Gesetze der natürlichen Ordnung müssen „gelehrt“ werden, daß dies sogar der Hauptzweck des Unter richts, und wie wir weiter unten sehen werden, eine der wesentlichen Aufgaben des Staates, ist. Zusammenfassend kann man sagen, daß die natürliche Ordnung jene Ordnung ist, die „selbstverständlich“ als die beste allen, wenn auch nicht gerade jedem Beliebigen, so doch jedem vernünftigen, ge bildeten, entwicklungsbereiten Wesen, wie es die Physiokraten waren, erscheint. Diese natürliche Ordnung war durchaus nicht die, welche die Beobachtung der Tatsachen ihnen enthüllt haben könnte, sondern die, die sie selbst in sich trugen. Und daher kommt es auch, daß unter anderen Gesetzen die Achtung vor dem Eigentum und der Autorität ihnen als Basis der natürlichen Ordnung erschien. Und gerade weil diese natürliche Ordnung auf diese Weise zu einer übernatürlichen wurde, nämlich sich weit über die Zufällig keiten der Wirklichkeit erhob, erschien sie ihnen mit all der ehernen Größe der geometrischen Ordnung und mit ihrer Doppeleigenschaft der Allgemeingültigkeit und Unveränderlichkeit. Sie ist die gleiche für alle Menschen und für alle Zeiten. Sie ist die „einzige, ewige, unveränderliche und allgemeine Gesetzesvorschrift“; sie ist tatsächlich göttlich und grundwesentlich. J ) Man glaubt die Litanei des „Ave Maria“ zu vernehmen! Man höre nur Tuegot ihre Allgemeingültigkeit betonen: „Wer nicht vergessen kann, daß es voneinander getrennte und verschieden regierte Staaten gibt, kann niemals eine Frage der politischen Ökonomie richtig erfassen“ 2 ), und der gleiche Tuegot schreibt in bezug auf ihre UnVeränderlichkeit: „Es handelt sich nicht um das Wissen von dem, was ist, oder dem, was war, sondern von dem, was sein soll. Die Rechte des Menschen gründen sich nicht auf seine Geschichte, sondern auf seine Natur.“ — Diese dogmatische und optimistische Auffassung sollte die ganze klassische und besonders die französische Schule beherrschen, sogar als die Vorsehung zugunsten der „Naturgesetze“ abgedankt hatte. , Heute ist sie stark in Mißkredit geraten, aber als sie sich am Horizont erhob, blendete sie aller Augen. Daher auch all die preisenden Epitheta, die uns heute überschwänglich und fast lächerlich 3 ) er scheinen; aber gering zu achten ist es nicht, einer neuen Wissenschaft Zweck, Ideal und Rahmen gewiesen zu haben. b Baüdeatj, Bd. I. S. 820. 2 ) Brief an Mh® Lespinassb (1770). 3 ) Vgl. weiter unten in betreff des „Tableau economiqne“.