7 Kapitel I. Die Physiokraten. 17 Dieser Grundunterschied, den die Physiokraten zwischen der landwirtschaftlichen und der industriellen Erzeugung aufstellten, stammt aus der Theologie. Die Erzeugnisse des Bodens sind das Werk Gottes, und allein Gott ist Schöpfer, während die Erzeugnisse der Kunstfertigkeiten Menschenwerk sind und dem Menschen keine Schöpferkraft innewohnt 1 ). Es ist leicht, ihnen zu antworten, daß Gott, wenn er allein Schöpfer ist, ebenso Schöpfer bleibt, wenn er nns unsere Kleidung, als wenn er uns unser tägliches Brot gibt, daß der Mensch, wenn er nur umformen, nicht erschaffen kann, diese Tätigkeit ebenso in der Bearbeitung des Bodens, wie in der des Eisens oder des Holzes ausübt. Selbstverständlich kann die Land wirtschaft, ebenso wie alle anderen Industrien die Materie nur um formen. Ein zweites kann es nicht geben. Die Physiokraten haben nicht fassen können — vielleicht w r eil Lavoisiee es noch nicht ge lehrt hatte — daß in der Natur nichts sich erzeugt und nichts ver loren geht, daß das in die Erde gesäte Getreidekorn seine Ähren ebenso aus Stoffen des Bodens und der Luft, Gramm für Gramm, zu sammensetzt, wie der Bäcker aus demselben Korn, Wasser, Salz und Hefe Brot macht. So blind jedoch waren die Physiokraten nicht, zu übersehen, daß die Naturgüter und das Getreide selbst, genau wie die Industrie erzeugnisse Preisschwankungen auf dem Markte unterworfen sind, nnd daß sich der Reinertrag, bei einem zu großen Tiefstand des Preises in Nichts auflöst. Wie erzeugt in diesem Falle die Erde noch einen Wert? Und was macht den Wertunterschied zwischen landwirtschaftlichen und industriellen Erzeugnissen aus? Man ver steht dies nicht mehr. Wahrscheinlich war in der Vorstellung der Physiokraten der \ „gute Preis“, d. h. der Preis, der einen Mehrwert über die Produk tionskosten einschloß, das normale Ergebnis der natürlichen Ordnung. Wenn der Preis unter das Niveau der Produktionskosten sank, war die natürliche Ordnung zerstört, und es war nicht erstaunlich, daß in diesem Falle der natürliche Wert verschwand. Dies soll ohne daß auch die Landwirtschaft nur eine Förderindustrie und der Landwirt eine Art Bergarbeiter ist der, um die Rohstoffe des Bodens zu gewinnen, sich der Pflanze als Zwischenglied bedient, so daß die Erde sich ebenso wie eine Grube er schöpfen muß. , . ... , , .. *) „Die Arbeit, ausgenommen die Bearbeitung des Bodens, ist überall unproduktiv (steril), denn der Mensch ist nicht Schöpfer“ (Le Trosse, S. 942). „Der Boden besitzt diese Fähigkeit (die Fruchtbarkeit) kraft der Allmacht des Schöpfers und des Segens, den er am Anbeginn über ihn aussprach; eine uneischöpf- liche Quelle der Fruchtbarkeit der Natur, Der Mensch findet diese Fähigkeit vor; er tut weiter nichts, als sich ihrer zu bedienen“ (id. Interet social, Kap. I, § 2). Gide und Rist, Gosch, d. Volkswirtschaft!. Lehrmeinungen.