Kapitel II. Adam Smith. 71 Lehre an und'kommt nicht dazu, sich von dem Unterschiede zwischen produktiver und unproduktiver Arbeit frei zu machen. Er definiert sie nur anders. Er nennt unproduktiv alle die Arbeiten, „die ge wöhnlich im Augenblick ihrer Leistung zugrunde gehen und selten eine Spur oder einen Wert zurücklassen, wofür ein gleiches Maß von Diensten später beschafft werden könnte“*). Dies sind alle die Dienste, denen J.-B. Say den Namen „immaterielle Produkte“ geben sollte, und die nach Smith die Arbeit des Dienstboten, die der Ver walter, des Richters, Soldaten und Priesters, der Advokaten, Ärzte, Schriftsteller, Musiker usw. umfassen.' Indem er in dieser Weise den Sinn des Wortes „produire“, auf die materiellen Gegenstände be schränkte, hat er einen ziemlich unnützen'Streit über die produktiven und unproduktiven Arbeiten geschaffen, einen Streit, den Say begann und Stuaet Milo wieder aufgriff und der heute zuungunsten Smith’s entschieden scheint, und zwar durch eine genauere Anslegung seiner eigenen Lehrsätze/ Es ist in der Tat klar, daß alle Dienste einen Teilbetrag des jährlichen Einkommens der Nationen ausmachen, und daß die Gesamtproduktion vermindert würde, wenn nicht besondere Personen sich ausschließlich damit beschäftigten, sie zu liefern. Aber noch besser. Nachdem Smith den physiokratischen Unter schied zwischen den besoldeten und produktiven Klassen kritisiert hat, gibt er trotzdem zu, daß die Arbeit der Handwerker und der Kauf leute weniger produktiv ist, als die der Pächter und landwirtschaft- üchen Arbeiter, denn diese, sagt er, stellen nicht nur das auf gewendete Kapital mit einem Profit wieder her, sondern bringen es s °gar zu Wege, dem Besitzer eine Rente zu zahlen 2 ). Woher diese Unsicherheit in den Gedanken Smith’s? Woher kommt diese Idee einer besonderen und höheren Produktivität der Landwirt schaft? Es ist interessant, ihren Gründen nachzugehen, denn sie ge statten, den Platz, den A. Smith in der Geschichte der National ökonomie einnimmt, noch genauer zu bestimmen. Einerseits, und was man auch immer sagen möge, hat sich Smith öicht vollständig dem Einfluß der Physiokraten entzogen. Er sagt v cn ihrem System, daß es unter allen bis dahin erschienenen der Wahrheit am nächsten komme 3 ). Er spricht von ihnen nur mit Ehr- ’) Völkerreichtum I, S. 194, B. II, Kap. III- . *3 „Pächter und Bauern bringen freilich außer dem Vorrat, womit sie unter halten und beschäftigt werden, jährlich noch einen Reinertrag, eine freie Rente für tle u Gutsherrn hervor; und wie eine Ehe, welche drei Kinder bringt, ohne Zweifel Produktiver ist als eine Ehe, die deren mir zwei hat, so ist allerdings auch die Arbeit der Pächter und Bauern produktiver als die der Kaufleute und Gewerbetreibenden. ■Allein das stärkere Produkt der einen Klasse macht doch die andere nicht unfruchtbar oder unproduktiv“ (II, S. 152, B. IV, Kap. IX). 3 ) II, S. 154, B. IV, Kap. IX.