Kapitel IV. Die auf dem Christentum beruhenden Lehren, 583 Diese unnatürliche Ordnung muß in ihr Gegenteil verkehrt werden. Ist aber nicht zu befürchten, daß an dem Tage, an dem jedermann arbeitet, es nicht mehr für alle genügend Arbeit geben würde? Nein, denn das Ergebnis wird nicht eine Vermehrung der Arbeitslosigkeit, sondern eine Vermehrung der Mußezeit sein: welcher Unterschied! 3. Arbeit, die nicht mehr nach dem Gesetz des Angebotes und der Nachfrage, auf Grund der Gleichstellung der menschlichen Arbeit mit einer Ware, entlohnt wird — sondern nach der Gerechtigkeit, die übrigens kein geschriebenes Gesetz zu sein braucht: die Gewohn heit würde genügen, gerade wie sie heute genügt, um die Honorare des Arztes, des Advokaten, des Professors festzusetzen. Sicherlich gibt es auch in diesen Professionen individuelle Ungleichheiten, doch existiert eine Norm, und es ist gegen die professionelle Würde, oft ist es sogar durch die Standesvorschriften verboten, weniger anzu nehmen — und sogar, würde Ruskin gern anfügen, mehr anzunehmen. Welchen Beruf auch immer ein Mensch ausübe, sei er Arbeiter, Soldat oder Kaufmann, er soll nicht für seinen Gewinn arbeiten, sondern im Dienste der Gesamtheit. Zweifellos muß er entsprechend entlohnt werden, damit die Würde des Arbeiters gesichert, und die Arbeit selbst in gebührender Weise ausgeführt wird, aber es ist eine Umkehrung des wahren Verhältnisses, den Gewinn zum Zweck und die Arbeit zum Mittel zu machen, 4. Die Nationalisierung aller natürlichen Hilfsquellen (Boden, Bergwerke, Wasserfälle) ebenso wie die der Verkehrswege. 5. Eine soziale Hierarchie, die in Übereinstimmung mit den ge leisteten Diensten sich aufbaut, freiwillig anerkannt und ohne niedrigen Neid geachtet wird, — die Wiedererrichtung einer neuen Ritterlich keit, ohne die „keine industrielle Gesellschaft, ebensowenig, wie eine militärische Gesellschaft, leben kann“, und ein offener Kreuzzug gegen den elenden Mammondienst 1 ). 6. Und vor allem die Erziehung, aber nicht nur der Unterricht; denn das, was vor allem gelehrt werden muß, ist die Reinlichkeit, die Schönheit, der Gehorsam, die Bereitwilligkeit, anderen zu dienen und das, dessen Erwerb vor allem anderen Not tut: „die Fähigkeiten der Bewunderung, der Hoffnung und der Liebe“ 1 2 ). Von dem ganzen Programm Ruskin’s ist bis jetzt nur der letzte 1 ) In Übereinstimmung mit diesem Ideal organisierte Ruskin. die Gesellschaft „Guild of Saint-George“. Vgl. den vor kurzem erschienen Aufsatz des Professor Marshall, obgleich in v demselben Ruskin nicht erwähnt wird; The social possibilities of economic Chivalry (Economic Journal, März 1907). 2 ) Als die Christian Socialists im Jahre 1864 in London Arbeiterkurse eröffneten, wollte Ruskin Unterricht geben, aber nicht in Volkswirtschaft oder Ge schichte, sondern im Zeichnen.