668 Fünftes Buch. Die Lehren der neuesten Zeit. Selbstverständlich ist der Gedanke, den das Wort „solidarite“ — Solidarität — ausdrückt, nämlich daß alle Menschen ein Ganzes bilden, wie die Glieder eines selben Körpers, nichts neues. Im Alter tum haben schon der Apostel Paulus und Markus Aurelius, ohne von der bekannten Parabel des Menenius Agrippa zu sprechen, den Ge danken in ungefähr der gleichen Weise ausgedrückt 1 ). Eine andere Art von Solidarität, die sich nicht im Kaum, sondern in der Zeit erkennen läßt, die die Toten mit den Lebendigen durch die Erblichkeit der Tugend oder der Laster verbindet, war ebenfalls von den Alten nicht unbemerkt geblieben. Ohne vom Dogma der Erbsünde zu sprechen, dem furchtbarsten Beispiel der Solidarität, das die Geschichte der Ideen jemals aufzuzeichnen gehabt hat, ge nügt es den Vers des Horaz anzuführen: Delicta majorum immeritus lues. Nicht nur als philosophische Idee oder als Dogma hat sich die Solidarität in der Vergangenheit behauptet; sie ist auch in Taten ver wirklicht, durch Gesetz, Religion und Sitte geheiligt worden und zwar nachdrücklicher als es heute geschieht: es genügt auf die kollektive Verantwortlichkeit aller Mitglieder der Familie im Kriminalrecht hinzuweisen, die noch heute in der korsischen Vendetta lebt. Schließlich gibt es noch eine andere Form der Solidarität, auf die bereits lange vor Smith’s prachtvoller Darstellung griechische Denker hingewiesen haben — die Arbeitsteilung, die Abhängigkeit aller von allen in der Befriedigung ihrer Bedürfnisse (siehe oben SS. 65—66). So war also die Solidarität, obgleich sie noch keinen Namen trug, schon in ihren hauptsächlichsten Ausdrucksformen bekannt: biologisch, soziologisch, moralisch, religiös, juristisch und wirtschaft lich, — aber jede dieser Formen erschien vereinzelt und ohne not wendige Verbindung mit den anderen. Erst in der Mitte des 19. Jahrhunderts hat man unter dieser Vielfältigkeit die Einheit eines materiellen und moralischen Größe der Gesellschaften, — das in einem Wort be schlossen liegt: Solidarität“. Dehbbme, der Begründer der Bewegung für Volks-Universitäten schreibt: „Wir müssen die Torheit der Solidarität ergreifen, wie die Märtyrer die Torheit Christi ergriffen. Es handelt sich darum, die Demokratie zu organisieren . . .“ (La Cooperation des Idees, vom 16. Juni 1900). *) „Denn gleicher Weise, als wir in einem Leibe viele Glieder haben, aber alle Glieder nicht einerlei Geschäfte haben, — also sind wir viele ein Leib in Christo, aber untereinander ist einer des anderen Glied“ (Römer 12, 4—5). „Das gleiche Einheitsverhältnis, das die Glieder des Körpers untereinander haben, haben auch die vernünftigen Wesen untereinander, weil sie, obgleich von einander getrennt, dazu geschaffen sind, an einem gemeinsamen Werk zu arbeiten“ (Mahoüs Aurelius, VII, 13).