706 Fünftes Buch, Die Lehren der neuesten Zeit. Uns interessiert hier allein die Fassung der anarchistischen Ideen bei diesen kompetentesten Vertretern der Lehre. Wir über- gehen die oft sehr zugespitzten, aber auch weniger durchdachten Darstellungen,, die sie bei unbekannteren Schriftstellern gefunden haben 1 ). Als Grundlage, der Lehre finden wir zunächst die gleiche Über treibung der Rechte des Individuums und die gleiche leidenschaftliche Hingabe an die freie und vollständige Entwicklung der Persönlichkeit, auf die wir schon bei Stiknek. hingewiesen haben. „Jeder Gehorsam ist eine Abdankung“, erklärt Elxsbe Rechts * 2 3 ). „Das Menschengeschlecht will regiert werden: man wird es regieren. Ich schäme mich meines Geschlechts“, schrieb Pboudhon 1850 in seinem Gefängnis zu Doullens 8 ). „Meine Freiheit,“ sagt Bakunin, „oder was: auf dasselbe hinausläuft, . . . meine Menschenwürde . . . besteht darin, keinem anderen Menschen zu gehorchen und meine Handlungen nach nichts als nach meinen eigenen Überzeugungen zu bestimmen 4 ).“ Nach Jean Gkavb kann die Gesellschaft dem Individuum „keine Be schränkung auferlegen, . . . außer denen, die schon auf Grund der natürlichen Existenzbedingungen bestehen, inmitten deren es lebt“ 5 * * ), Jedoch beruht diese Anbetung des Ichs, die man überall in den anarchistischen Werken wiederfindet, auf einer Auffassung, die der Stiknee’s diametral entgegengesetzt ist. Für ihn ist jeder Mensch ein „Einziger“ der kein anderes Gesetz als seinen Egoismus kennt. Für die Anarchisten PxtoxjDHON’scher Färbung ist jeder Mensch im Gegenteil etwas dem Individuum überlegenes, ein Teil der Menschheit. „Das, was ich an meinem Nächsten achte,“ sagt Proxjehon, „. . . ist seine Würde als Mensch 9 ).“ Gerade diese Menschenwürde ist es, die der Anarchist zur Geltung bringen will, indem er die Achtung seiner Freiheit durchsetzt, denn „die Freiheit“, 0 Über den heutigen Zustand der anarchistischen Ideen in Frankreich ygl. R. db Maemandb: Les Forces revolutionnaires en France, in der Grande Revue vom 10. August 1911. 2 ) L’Bvolution, la Revolution usw., S. 88, und er fügt hinzu: „Unser Ideal umfaßt ... für einen jeden Menschen die volle und absolute Freiheit, seinen Gedanken über jeden Gegenstand Ausdruck zu geben, . . ,, es umfaßt ebenfalls für einen Jeden das Recht, zu handeln, wie es ihm beliebt, und zu tun, was er will“ (S. 143). Nur unter dieser Bedingung kann sich der Mensch „zu einem moralischen Wesen entwickeln“ {S. 141). 3 ) Auszug aus den Carnets, am 16. Januar 1909 im Figaro erschienen. 4 ) (Buvres, Bd. I, S. 281. 5 ) Jean Grave, La Societe future, S. 157. Vgl. auch S. 199: „Nein, das. Individuum darf keine Beschränkungen seiner Entwicklung dulden, darf sich dem Joch keiner Autorität beugen, was auch immer der Vorwand sei, auf die sife sich stütze.“ “) Justice dans la Revolution, ßd. I, S. 185.