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            <surname>Gide</surname>
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            <forname>Charles</forname>
            <surname>Rist</surname>
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        ﻿Geschichte

der

volkswirtschaftlichen
Lehrmeinungen

Von

Charles Gide

Professeur d’Economie Sociale
ä la Faculte de Droit
de l’Universite de Paris

und Charles Rist

Professeur d’Economie Politique
ä la Faculte de Droit
de l’Universite de Montpellier

Preisgekrönt von der

Academie des Sciences Morales et Politiques

Nach der zweiten durchgesehenen und verbesserten Ausgabe

herausgegeben von

Franz Oppenheimer

Dr. phil. et med., Privatdozent an der Universität Berlin

Deutsch von R. W. Horn

Jena

Verlag von Gustav Fischer

1913

Weltwirtschaftliches Archiv
        <pb n="3" />
        ﻿Terlag von Gustav Fischer in Jena.

F. Th. v. Bernhardi.

Ein Beitrag zur Geschichte der Nationalökonomie im XIX. Jahr-
hundert. Von Dr. Fritz üemuth. 1900. Preis: 1 Mark 80Pf.

Johann Joachim Becher.

Ein Beitrag zur Geschichte der Nationalökonomie Von
Dr. K. t. Erdberg-Krczenciewski, Berlin. 1896.

Preis: 3 Mark.

Bismarcks nationalökonomische Anschauungen. Vßeo^ i“odni&amp;hiL

Priv.-Dozent in Halle a. S. (Samml. nat.-ökon, Abhandl. Bd. 31.) 1902. Preis: 3 Mark.

Henry C. Carey als Nationalökonom. Von Dr- J&gt; w&gt; Jenp8;eisf|5jIark
Die volkswirtschaftlichen Anschauungen David Humes. zuEr''Geschichte

der Volkswirtschaftslehre. Von Dr. phil. Max Klemme. 1900. Preis: 2 Mark 50 Pf.

Ferdinand Lassalle und seine Bedeutung für die deutsche Sozial-

Hoirmlrealio Von Dr. Bernhard Harms, o. Prof, der Staatswissenschaften
UCIIIUKI alle. an der Universität Kiel. 1909. Preis: 1 Mark 60 Pf., geh. 2 Mark.

Literarisches Zentralblatt für Deutschland (Leipzig):

Diese kleine Schrift, die in meisterhafter Darstellung aus dem Leben und Wirken
Ferdinand Lassalles seine Bedeutung für die politische Weiterentwicklung der deutschen
Sozialdemokratie herausarheitet, gehört in die Reihen jener wenigen, glänzenden
Werke, welche die für die politische Fortentwicklung des deutschen Volkes entscheiden-
den Fragen vom Standpunkt der Wissenschaft aus in unbefangener WTeise zu, erörtern
und zu erklären suchen. In die Schilderung des Lebens und der politischen Tätigkeit
des geistvollen Agitators hat der Verfasser in knappen Strichen die Entwicklung
der deutschen Sozialdemokratie hineingezeichnet, und indem er das Fazit dieser
Entwicklung zieht, stellt er es überaus wirkungsvoll dem politischen Vermächtnis
Lassalles gegenüber. Auch wer die Anschauung des Verf. nicht immer teilt, wird
sich dem Eindruck seiner Argumentation nicht ganz entziehen können und gerade
darum ist diesen anregenden Betrachtungen die allergrößte Verbreitung zu wünschen.

Ferdinand Lassalle. Studien über historischen und systematischen Zusammenhang
seiner Lehre. Von Eduard Bosenbaum. 1911.	Preis: 5 Mark 50 Pf.

Inhalt: Einleitung: lieber Methode und Absicht. — Erste Abteilung: Lassalle in
geistesgeschichtlichen Zusammenhang. 1. Das allgemeine Wahlrecht. 2. Eicardo.

3.	Rodbertus. 4. Marx. 5, Blanc. — Zweite Abteilung: Lassalles Lehre in systematischer
Darstellung. Prinzipielle Vorbemerkungen. — Erster Teil: Theorie der gegebenen
Wirklichkeit. 1. Der Ursprung der bürgerlichen Gesellschaft. 2. Die ökonomische
Struktur der bürgerlichen Gesellschaft. 3. Die bürgerliche Gesellschaft und der Staat.

4.	Das allgemeine Bewußtsein in der bürgerlichen Gesellschaft. — Zweiter Teil:
Theorie der Umgestaltung. 1. Die sittliche Idee des Arbeiterstandes. 2. Die
ökonomischen Forderungen. 8. Die politischen Mittel. 4. Die Stellung des allge-
meinen Bewußtseins.

Vorlesungen über Nationalökonomie

Nationalökonomie an der Universität Lund. Theoretischer Teil. Erster
Band. Mit 18 Abbildungen. Vom Verfasser durchgesehene Uebersetzung von
Margarethe Langfeldt. 1913. (XI, 290 S. gr. 8°.)	Preis: 6 Mark.

Inhalt: Einleitung. Der Begriff der Nationalökonomie. Die Einteilung des Stoffes. —
1. Die Lehre der Bevölkerung, ihrer Zusammensetzung und Veränderung. 1. Die Verteilung nach
Lebensaltern. 2. Die Verteilung nach Geschlechtern und nach dem Zivilstande. 3. Die Verände-
rungen der Bevölkerung. Die Sterblichkeit. 4. Die Fruchtbarkeit. 5. Die natürliche Volks-
vermehrung. 6. Ein- und Auswanderung. 7. Die Malthussche Bevölkernngslehre. 8, Die zwei
Bevölkerungsfragen. — II. Die Wertlehre. 1. Der Tauschwert und seine Ursachen. Aeltere Er-
klärungsversuche. 2. Der Begriff Grenznutzen, 3. Der freie Tausch und der Marktwert. 4. Ein-
wendungen gegen die Grenznutzentheorie und Ausnahmen dieser Theorie. 5. Der Gewinn bei
freiem Tausche. 6, Die Preisbildung bei eingeschränkter Konkurrenz. 7. Die Preisbildung unter
dem Einflüsse der Produktion. Uebergang zur nächsten Hauptabteilung. — III. Die Produktions-
und Verteilnngslehre. 1 Kapitallose Produktion (Die Grundbesitzer als Unternehmer. Die Arbeiter
(oder eine dritte Person) als Unternehmer. Die Einwirkung der technischen Erfindungen auf
Grundrente und Arbeitslohn). 2. Die kapitalistische Produktion (Der Begriff Kapital. Die Grenz-
produktivität des Kapitals. Einjährige Kapitalinvestierung. Mehrjährige Kapitalinvestierung.
Alternative Konstruktion des Kapitalzinses und der Lösung des Verteilungsprohlems. Wissen-
schaftliche Streitfragen hinsichtlich des Kapitals). 3. Produktion und Austausch in ihrem Zu-
sammenhänge miteinander. Definitive Theorie des Tauschwertes. — IV. Die Kapitalbildnng.
        <pb n="4" />
        ﻿Geschichte

der

volkswirtschaftlichen

Lehrmeinungen

Von

Charles Gide

Professeur d’Econdfifie Sociale
ä la Faculte de Droit
de l’Universite de Paris

und Charles Rist

Professeur d’Economie Poiitique
ä la Faculte de Droit
de l’Universite de Montpellier

Preisgekrönt von der

Academie des Sciences Morales et Politiques

Nach der zweiten dürchgesehenen und verbesserten Ausgabe
herausgegeben von

Franz Oppenheimer

Dr. phil. et med., Privatdozent an der Universität Berlin

Deutsch von R. W. Horn

Jena

Verlag von Gustav Fischer

1913
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        ﻿
        <pb n="6" />
        ﻿Vorwort zur ersten Ausgabe.

Die Geschichte der Doktrinen nimmt in dem französischen staats-
wissenschaftlichen Unterricht einen bedeutend größeren Platz ein,
als in irgendeinem anderen Lande. In jeder Rechtsfakultät steht
ihr ein eigener Lehrstuhl zur Verfügung; im Doktorexamen für
Nationalökonomie ist eine besondere Prüfung für sie vorgesehen, und
ebenso muß bei der Zulassung zum staatswissensehaftlichen Agrege
eine schriftliche Arbeit über sie geliefert werden. An der Sorbonne
ist die einzige bestehende nationalökonomische Professur der Ge-
schichte der Doktrinen Vorbehalten, und das gleiche gilt für die, die
vor kurzem an der „Ecole des Hautes Etudes“ geschaffen wurde.

Diese der Geschichte der Doktrinen eingeräumte Bedeutung mag
übertrieben erscheinen, besonders, wenn man darauf hinweist, daß
für die eigentliche Wirtschaftsgeschichte, womit wir die Geschichte
der Einrichtungen und der Tatsachen bezeichnen wollen, in unseren
französischen Universitäten nicht eine einzige Professur besteht!
Diejenigen, die den Franzosen eine angeborene Neigung zur Ideologie
zusprechen, werden nicht verfehlen, hierin eine nicht gerade günstige
Bekundung dieser Veranlagung zu sehen.

In anderen Ländern ist es anders. Dort steht die Geschichte
der Tatsachen, nicht die der Ideen, an erster Stelle. Für alle, die
sich zu der historischen Schule, und noch mehr für die, die sich zu
dem historischen Materialismus bekennen, erscheinen die Doktrinen
und die Systeme nur als die Widerspiegelung der wirtschaftlichen
Umstände; daher komme es hauptsächlich darauf an, diese letzteren
zu studieren. Nicht mit Unrecht glaubt man, daß die Geschichte
der Entwicklung des Eigentums oder die des Arbeitslohnes bedeutend
belehrender ist, als die Geschichte der Streitigkeiten über das Wesen
des Eigentumsrechts oder über die Lohntheorie.

i*
        <pb n="7" />
        ﻿IV

Vorwort zur ersten Ausgabe.

Doch scheint es uns, als ob hierin gleichfalls eine gewisse Über-
treibung läge, wenn auch ira entgegengesetzten Sinne. Sicherlich ist
der Einfluß, den das wirtschaftliche Milieu auch auf den abstrak-
testen Volkswirtschaftler ausübt, unbestreitbar, da es ihm die Grund-
lage für seine Untersuchungen und die Bausteine seiner logischen
Konstruktionen liefert. Sind es doch die Tatsachen, die in einem
gegebenen Augenblick die Probleme auftauchen lassen, die der Theo-
retiker zu lösen hat, und sie in einem anderen Augenblick wieder
zum Verschwinden bringen; sicherlich wechseln diese Probleme je
nach den Epochen und Ländern. Es kann kein Zweifel darüber be-
stehen, daß die ganz besondere wirtschaftliche Lage Englands am
Anfang des 19. Jahrhunderts die Gedanken Ricaedo’s auf die Boden-
rente und die Notenemission gerichtet hat. Ohne das Auftreten der
Maschinen, ohne die parallel verlaufende Entwicklung der Groß-
industrie und des Proletariats, ohne die Häufung der Krisen wären
die Lehren eines Sismondi und eines Karl Marx sicherlich nicht
entstanden. Wenn heute die Theorie des Monopols immer mehr die
Aufmerksamkeit der Volkswirtschaftler auf sich zieht, so darf man
annehmen, daß die Entwicklung der Trusts und der Kapitalsyndikate,
die uns immer mächtigere und zahlreichere Monopole vorführen,
hieran nicht unbeteiligt ist.

Aber wenn man das auch alles zugibt, so muß man doch auf der
anderen Seite anerkennen, daß die Tatsachen nicht genügen würden,
um das Entstehen der Theorien zu erklären, und zwar nicht einmal
die der Sozialpolitik, und noch weniger die der rein wissenschaft-
lichen Auslegung. Wenn jedoch die Ideen durch Zeit und Milieu
bestimmt werden, wie soll man es dann erklären, daß das gleiche
Milieu und die gleiche Epoche gleichzeitig nicht nur heterogene,
sondern sogar antagonistische Lehren hervorgebracht haben, wie die
eines J.-B. Say und eines Sismondi, eines Bastiat und eines
Peoudhon, eines Schulze-Delitzsch und eines Maex, eines Feancis
Walker und eines Henry George! Und mit welchen historischen
Umständen kann man in Frankreich die Entstehung der mathe-
matischen Schule mit Cournot oder die in drei oder vier verschie-
denen Ländern gleichzeitig erfolgte Entdeckung der Theorie des
Grenznutzens in Verbindung bringen?

Aus diesem Grunde, ohne für die Geschichte der Doktrinen eine
irgendwie geartete Überlegenheit zu fordern, — und indem wir, wie
wir wiederholen, es bedauern, daß die Geschichte der Tatsachen in
Frankreich allzusehr vernachlässigt wird, — beanspruchen wir für
sie das Recht, sich als eine Sonderdisziplin darzustellen 1). Deshalb

’) Über den Nutzen des Unterrichts in der Geschichte der Doktrinen siehe einen
Aufsatz von Deschamps in der Keforme Sociale vom 1. Oktober 1902.
        <pb n="8" />
        ﻿Vorwort zur ersten Ausgabe.

v

wird in diesem Buch von der Geschichte der Tatsachen nur insoweit
gesprochen werden, wie sie uns zum Verständnis des Auftretens
oder Verschwindens dieser oder jener Lehre oder zur Erklärung des
außerordentlichen Glanzes dient, in dem die eine oder die andere
Lehre in einem gegebenen Augenblick erstrahlte, und der uns heute
in der Entfernung manchmal merkwürdig erscheint, — und dann
werden wir die Geschichte der Tatsachen auch dort heranziehen, wo
die Tatsachen mit den Lehren nicht als Ursachen, sondern als Folgen
verbunden erscheinen. Denn trotz des Skeptizismus Couenot’s, der
versichert, daß der Einfluß der Volkswirtschaftler auf den Lauf der
Begebenheiten von keiner größeren Wirkung ist, als der der
^Grammatiker auf die Entwicklung der Sprache, erscheint es uns
doch schwierig, z. B. den Einfluß der Manchesterschule auf die
Handelsverträge von 1860 oder des Staatssozialismus auf die heutige
Arbeitergesetzgebung zu leugnen.

Es ist eine unmögliche Aufgabe, in einem einzigen Bande die
Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen zusammenzufassen,
und die Verfasser dieses Buches erheben auch nicht den Anspruch,
dies geleistet zu haben. Um eine auch nur summarische Darlegung
des unbedingt Wissenswerten zu geben, haben sie sich zu vielen
Opfern entschließen müssen.

Indem wir als Ausgangspunkt das Ende des 18. Jahrhunderts
wählten, haben wir zunächst alle Vorläufer weggelassen. Sicherlich
reichen die Wurzeln der volkswirtschaftlichen Wissenschaft weiter
in die Vergangenheit zurück; aber der Strom der großen volkswirt-
schaftlichen Gedanken, der sich in den großen Schulen ausdrückt,
darunter vor allem die beiden typischen Doktrinen des Individualismus
und des Sozialismus, hat in Wirklichkeit erst im Laufe des 19. Jahr-
hunderts Gestalt angenommenJ). Sollte übrigens der Leser diese Lücke
zu sehr bedauern, so ist es ihm leicht, sie auszufüllen. Gerade dieser
Teil der Geschichte der Doktrinen ist in schon erschienenen Büchern
sehr eingehend behandelt worden; — für die Zeit des Altertums in
denen von Espinas * 2) und Souchon; — für das Mittelalter und bis

*) In einem Aufsatz über den Unterricht in der Geschichte der wirtschaftlichen
Doktrinen (Eevue de l’Enseignement vom 15. März 1900; erklärt Deschamps
es zwar für unverzeihlich, daß man es nicht besser verstanden habe, aus dem Alter-
tum und dem Mittelalter die „wunderbaren wirtschaftlichen Lehren zu ziehen, die
dort zu finden sind“, fügt aber hinzu, daß „wir in der Geschichte der Wissenschaft
nicht weiter als bis zu den Physiokraten zurückzugehen brauchen“.

2) Die neue Ausgabe des Buches von Espinas, die sich im Druck befindet, ent-
hält einen ganzen Band über die wirtschaftlichen Doktrinen im Altertum und im
Mittelalter.
        <pb n="9" />
        ﻿VI

Vorwort zur ersten Ausgabe.

zum 18. Jahrhundert in denen Dübois’, Rambaitd’s, und, im Ausland,
Ashlby’s, Ingram’s, Hectob Denis’, Beants’, Cossa’s (um nur die an-
zuführen, die in französischer Sprache geschrieben oder in sie über-
setzt worden sind), — während im Gegenteil die heutigen Lehren
nur einen relativ geringen Platz darin einnehmen.

Aber nicht nur mit Hinsicht auf die Zeitalter, auch mit Hinsicht
auf die Länder haben wir uns Beschränkungen auferlegen müssen.
Man wird uns entschuldigen, wenn wir einen verhältnismäßig großen
Teil des Buches den französischen Doktrinen gewidmet haben, da
wir in erster Linie für französische Studierende schrieben. Übrigens
tut das ein jeder Schriftsteller für das Land, dem er angehört, was
auch richtig ist, da die Leser zunächst über das unterrichtet werden*
sollen, was sie am wenigsten kennen. Doch haben wir uns bemüht,
England und Deutschland den großen Platz vorzubehalten, der ihnen
gebührt, obgleich wir in bezug auf das letztere Land uns schon zu
manchem Verzicht haben entschließen müssen. Was die Volkswirt-
schaftler anderer Länder betrifft, die wir leider nur zu oft mit Still-
schweigen übergehen mußten, oder die wir nur gelegentlich in Ver-
bindung mit dieser oder jener Theorie, der sie ihren Namen gegeben
haben, erwähnen konnten, so bitten wir sie, in diesen Lücken nicht
eine Verkennung der bedeutenden Dienste zu sehen, die ihre Länder,
besonders Italien und die Vereinigten Staaten, der ökonomischen
Wissenschaft in der Vergangenheit wie in der Gegenwart geleistet
haben.

Aber auch trotz dieser Beschränkung war unser Arbeitsgebiet
doch noch zu reichhaltig, um alles aufnehmen zu können, so daß eine
Auswahl erforderlich wurde. Wir haben uns bemüht, unsere Dar-
legungen auf eine möglichst kleine Zahl von Namen und Ideen zu
beschränken, um diese desto besser darstellen zu können. Es war
nicht unser Ehrgeiz, eine vollständige und erschöpfende Geschichte
zu schreiben, sondern eher, eine Reihe von Bildern zu entwerfen,
die den bedeutendsten Epochen der Geschichte der Doktrinen ent-
sprechen.

Eine derartige Auswahl bedingt aber stets eine gewisse Will-
kür. Wie soll der qualifizierteste Vertreter einer jeden Lehre aus-
gewählt werden? In einer Wissenschaft, wie der Nationalökonomie,
in der die Schriftsteller einander oft nicht gekannt haben, ist es
häufig, daß sie sich wiederholen, und es ist nicht leicht, festzustellen,
wer den Anspruch auf die Priorität hat. Wenn es aber schwierig
ist, den Zeitpunkt zu entdecken, in dem eine Idee zum ersten Male
erscheint, so ist es relativ leicht, denjenigen mit Sicherheit zu be-
zeichnen, in dem sie sich der Aufmerksamkeit aufzwingt und sich dem
Kreise der vorgetragenen oder wenigstens diskutierten Wahrheiten
        <pb n="10" />
        ﻿Vorwort zur ersten Ausgabe.

VII

einreiht. Das haben wir als Richtschnur genommen. Die Autoren,
die wir hier nicht haben aufnehmen können, auch wenn sie vielleicht
ebenso würdig sind, an erster Stelle zu glänzen, werden trotz dieser
Ungerechtigkeit nicht zu kurz kommen, denn die Mode beschäftigt sich
heute mit den Vorläufern: zahlreich sind die Bücher, die der Ent-
deckung der Poetae minores der volkswirtschaftlichen Wissen-
schaft gewidmet sind und es sich zur Aufgabe machen, die Urteile
der parteiischen Geschichte zu ihren Gunsten zu berichtigen.

Es war aber nicht nur eine Auswahl zwischen den Schriftstellern
nötig, sondern auch eine Auswahl unter den Doktrinen. Diese Aus-
wahl hat selbstverständlich keinen irgendwie normativ gearteten
Charakter; wir hatten keineswegs die Absicht, die einen zu empfehlen
und die anderen herabzusetzen auf Grund eines Kriteriums der
Moralität oder der sozialen Nützlichkeit oder der Wahrheit. Wir
gehören nicht zu denen, die wie J.-B. Say glauben, daß die Ge-
schichte der Irrtümer nutzlos ist1). Eher neigen wir dazu, uns der
tiefsinnigen Bemerkung Condillac’s anzuschließen: „Es ist für jeden,
der selbst Fortschritte im Suchen nach Wahrheit machen will, von
wesentlicher Bedeutung, die Irrtümer derjenigen zu kennen, die
geglaubt haben, ihm den Weg zu bahnen.“ Wir wissen, daß das
Studium der Irrtümer fruchtbar ist, auch wenn man daraus nichts
als die heilsame Warnung entnehmen kann, sie in Zukunft zu ver-
meiden, und zwar um so mehr, wenn es zutrifft, — wie Herbert
Spencer in Umwandlung eines Satzes Shakespeaee’s sagt, — daß
es keinen Irrtum gibt, der nicht ein kleines Körnchen Wahrheit
enthielte. Auch kann man eine Lehre nur dann kennen, beherrschen
und lieben, wenn man über ihre Geschichte Bescheid weiß, und
wenn man ebenfalls, auf abgekürztem Wege, durch die gleichen
Irrtümer geschritten ist, wie die, die diese Lehre entdeckt und uns
überliefert haben. Eine Wahrheit, die man wie vom Himmel ge-
fallen empfängt, ohne zu wissen, mit welchen Anstrengungen sie er-
worben worden ist, ist wie ein mühelos gewonnenes Goldstück: sie
trägt keinen Nutzen.

Wir durften jedoch nicht vergessen, daß dieses Buch hauptsäch-
lich für Studierende bestimmt ist, und daß es nützlich ist, ihnen zu

*) „Was würden wir dabei gewinnen, absurde Meinungen, überwundene, und
mit Recht überwundene Doktrinen zu sammeln? Es wäre ebenso unnütz wie lang-
weilig, sie auszugraben. Daher wird auch die Geschichte einer Wissenschaft um so
kürzer, je mehr die Wissenschaft sich vervollkommnet; denn, wie d’Alembert sehr
richtig bemerkt, je größere Klarheit man über einen Gegenstand gewinnt, um so
weniger gibt man sich mit den falschen oder zweifelhaften Ansichten ab, die er
hervorgerufen hat. ... Es kommt nicht darauf an, die Irrtümer zu lernen, sondern
sie zu vergessen“ (Traite pratique, Bd. II, S. 540).
        <pb n="11" />
        ﻿VIII

Vorwort zur ersten Ausgabe.

zeigen, wodurch diese oder jene Lehre die wissenschaftliche Kritik
herausfordert, sei es durch einen Fehler in der Beweisführung,
oder durch ungenaue Beobachtung der Tatsachen. Wir haben aber
unsere Kommentare auf ein Minimum beschränkt, und zwar nicht
nur, um das vorliegende Buch nicht zu sehr anwachsen zu lassen,
sondern auch deshalb, weil das, worauf es dem Leser ankommt, nicht
unsere Meinungen, sondern die der Meister selbst sind, die wir
hier darstellen. So viel wie möglich haben wir sie selbst sprechen
lassen und haben uns aus diesem Grunde nicht gescheut, die Zitate
zu häufen.

Wir haben uns bemüht, hauptsächlich die Lehren klarzustellen,
die, Wahrheiten oder Irrtümer, zur Bildung der heutigen Ideen bei-
getragen haben und mit ihnen in unmittelbarer Beziehung stehen.
Der Plan dieses Buches ist daher: wie, wo und durch wen sind die
Grundsätze aufgestellt worden, die das provisorische oder endgültige
Gerüst der volkswirtschaftlichen Wissenschaft bilden, so wie sie
heute gelehrt wird? Wir haben es sogar für nützlich gehalten, ge-
wissen Doktrinen einen Platz einzuräumen, die, auch wenn sie etwas
am Außenrande der eigentlichen Nationalökonomie stehen, einen
großen Einfluß auf den Unterricht, die Gesetzgebung und die Ideen-
bewegung ausgeübt haben, wie der christliche Sozialismus, der Soli-
darismus und der Anarchismus. Wenn wir es auch für vorteilhafter
gehalten haben, den offiziell für diesen Unterrichtszweig an-
erkannten Titel beizubehalten, so würde doch der Titel dieses Buches
besser lauten; „Geschichte des Ursprungs und der Entwicklung der
heutigen volkswirtschaftlichen Doktrinen.“

Der Plan einer Geschichte der Doktrinen bietet rechte Schwierig-
keiten. Da es sich um geschichtliche Darlegungen handelt, muß man
selbstverständlich ungefähr der chronologischen Ordnung folgen; man
kann aber entweder alle Doktrinen der gleichen Epochen zusammen-
gefaßt darstellen oder sie in ebenso viele Einzelgeschichten trennen,
wie es Schulen gibt. Der erste Weg macht es nötig, in jedem Kapitel
gleichzeitig alle Doktrinen zu behandeln und von neuem aufzuführen,
wodurch man Gefahr läuft, dem Leser von jeder nur ein unbestimmtes
Bild zu hinterlassen. Der zweite Weg hat den Nachteil, die Ge-
samtgeschichte in Monographien zu zerstückeln, und gestattet nicht,
die notwendigen Beziehungen, die in jeder Epoche die verwandten
und sogar die gegnerischen Lehren verbinden, genügend hervorzu-
heben. Wir haben versucht, diese Nachteile zu vermeiden und die
Vorteile der beiden Methoden zu vereinigen, indem wir die Lehren
        <pb n="12" />
        ﻿Vorwort zur ersten Ausgabe.

ix

nach Familien auf Grund des Grades ihrer inneren Verwandtschaft
geordnet haben, und indem wir sie gemäß der historischen Folge
ihres Auftretens zusammenfaßten. Doch haben wir sie nicht immer
nach ihrem Entstehungsdatum klassifiziert, sondern nach dem ihrer
Reife. In der Entwicklung einer Doktrin gibt es stets einen Höhe-
punkt: diese Höhepunkte haben wir uns festzulegen bemüht, indem
wir jedem von ihnen ein Sonderkapitel widmeten. Übrigens haben
wir uns nicht gescheut, der chronologischen Ordnung überall dort
vorzugreifen, wo die Klarheit der Darstellung das zu fordern schien.

1.	Epoche: Ende des 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts. Die
Begründer der klassischen Volkswirtschaft; zunächst die Physio-
kraten, Adam Smith und J.-B. Say, und dann die Autoren, die durch
beunruhigende Prophezeiungen das grandiose Bild der natürlichen
Ordnung verdüsterten: Malthus und Ricardo.

2.	Epoche; die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts. Die Gegner:
alle diejenigen, die die von ihren Vorgängern aufgestellten Prinzipien
angegriffen und erschüttert haben, und die wir in fünf Kapiteln um
Sismondi, Saint-Simon, die Assozialisten, Puoudhon und List
gruppiert haben.

3.	Epoche: die Mitte des 19. Jahrhunderts. Der Höhepunkt
der liberalen Schule, die bis dahin den Angriffen siegreich
widerstanden hat, auch wenn sie sich zu einigen Konzessionen ver-
stehen mußte, und deren große Gesetze ihre endgültige Fassung zur
gleichen Zeit, wenn auch in zwei recht verschiedenen Gestalten,
fanden; in England in den Principles Stuart Mill’s, in Frank-
reich in den Harmonies Bastiat’s.

4.	Epoche: die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts. Die Ab-
trünnigen des Liberalismus, die nach vier verschiedenen Richtungen
hin Schismen hervorrufen: — in der Methode, durch die historische
Schule; — in der Sozialpolitik, durch den Staatssozialismus; — in
der wissenschaftlichen Auffassung, durch den Marxismus; — in der
ethischen Grundlegung, durch den christlichen Sozialismus.

5.	Epoche: Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts. Die
neuzeitlichen Lehren, in denen wir schon bekannte Doktrinen,
in neuen Formen, fortgebildet oder entstellt, wie man will, wieder-
finden werden: — die hedonistischen Doktrinen und die Theorien
über die Bodenrente, die nur eine Art von Revision der klassischen
Lehren sind; — der Solidarismus, der eine Brücke zwischen dem
Individualismus und dem Sozialismus schlägt; — und endlich der
Anarchismus, der nur eine Art von zur Verzweiflung getriebener
Liberalismus ist.

Diese Aufeinanderfolge bedeutet keineswegs, daß jede vorher-
gehende Doktrin von der auf sie folgenden beseitigt oder verdeckt
        <pb n="13" />
        ﻿X

Vorwort zur ersten Ausgabe.

worden wäre. Das Aufkommen der historischen Schule in der Mitte
des 19. Jahrhunderts z. B. fällt mit dem Wiederaufleben der libe-
ralen Schule und des Optimismus zusammen. Der Neo-Liberalismus
der österreichischen Schule entwickelt sich gleichzeitig mit dem
Staatsinterventionismus und dem Kollektivismus.

Trotzdem wird man in dieser Entwicklung einen gewissen Rhyth-
mus der Bewegung bemerken: die Doktrin, die man die klassische
nennen kann, tritt zuerst auf, wird dann unter dem Druck von mehr
oder weniger sozialistischen Lehren zurückgedrängt, um später unter
neuen Formen wieder aufzntauchen. Doch darf man sich hierdurch
nicht verführen lassen, hierin nur eine einfache Ebbe- und Flut-
bewegung zu sehen, ein Auf- und Abschwanken, das dem ähnlich ist,
das im Parlamentarismus die Vertreter der beiden großen Parteien
abwechselnd zur Macht gelangen läßt. Wenn sich in der Geschichte
der volkswirtschaftlichen Doktrinen Schwankungen der gleichen Art
kund tun, so muß man ihre Ursachen weniger in den Lehren selbst,
als in der Gunst der öffentlichen Meinung suchen, die in Wirklich-
keit jedesmal kommt und geht, wie der Wind sich dreht.

Aber die Doktrinen und die Systeme haben ihr eigenes Leben,
das keineswegs nur von der Mode abhängig ist. Es würde genauer
sein, in ihrer Geschichte, wie übrigens in der Geschichte aller Ideen,
einen Kampf ums Dasein zu sehen. Bald folgen sie nebeneinander-
laufenden Wegen und teilen sich friedlich in die Herrschaft über die
Geister; bald branden sie in stürmischen Wogen gegeneinander. Es
kann geschehen, daß in diesem Zusammenstöße die eine der Doktrinen
unterliegt und verschwindet. Öfter aber söhnen sie sich aus und
verschmelzen in der Einheit einer höheren Synthese. Auch kommt
es vor, daß diese oder jene Lehre, die man tot glaubte, lebendiger
als jemals wieder aufersteht.

Die Literatur zur Geschichte der Doktrinen ist außerordentlich
groß. Außer schon höchst zahlreichen Allgemeingeschichten, außer
Kapiteln, die sich in allen volkswirtschaftlichen Abhandlungen mit
ihr beschäftigen, und zahllosen Aufsätzen in Zeitschriften gibt es
kaum einen Schriftsteller, auch unter den unbekannteren, über den
nicht eine oder mehrere Monographien vorlägen. Wenn wir alle
diese Arbeiten hätten anführen wollen, würden wir diesen Band ins
Maßlose haben anwachsen lassen, ohne doch dazu zu gelangen, voll-
ständig zu sein. Daher haben wir uns darauf beschränkt, zunächst
selbstverständlich die Werke derer anzuführen, die die Helden dieser
Geschichte sind. Ihre Kommentatoren und Kritiker zitieren wir nur
        <pb n="14" />
        ﻿Vorwort zur ersten Ausgabe.

XI

dann, wenn wir ihnen unmittelbar einen Ausdruck oder einen Ge-
danken entlehnen, oder wenn es notwendig ist, um dem Leser zu
ermöglichen, die Lücken unserer Darlegung auszufüllen; schon das
ergibt eine sehr große Anzahl Namen, wie man aus den Anmerkungen
ersehen wird. Aber die gewollte Unvollständigkeit unserer Quellen-
angaben überhebt uns nicht der Verpflichtung, am Eingang dieses
Buches unsere Dankesschuld gegenüber allen denen, und sie sind
zahlreich, abzutragen, die vor uns denselben Weg gegangen sind,
uns dadurch unsere Aufgabe erleichtert haben und so ihren Teil
an der Mitarbeit an diesem Buche beanspruchen dürfen. Sicher
werden sie bemerken, daß wir sie weder vergessen noch mißachtet
haben.

Wenn dieses Buch auch mit Hinsicht auf die Arbeit der all-
gemeinen Vorbereitung und Revision das gemeinsame Werk der
beiden Schriftsteller ist, deren Namen es trägt, so haben sie doch
die Arbeit der Darstellung im einzelnen unter sich verteilt. Auf
den folgenden Seiten (XXI u. XXII) wird man in der Zusammen-
fassung der Inhaltsangabe den Namen eines jeden der beiden Ver-
fasser neben dem Kapitel, das er geschrieben hat, finden.

Die Verfasser haben nicht geglaubt, daß eine wissenschaftliche
Kollaboration an einer Geschichte der Ideen die vollständige Über-
einstimmung über alle Fragen bedingt, mit denen sie sich zu be-
schäftigen hatten. Sie haben, besonders in Hinsicht auf die Doktrinen
der wirtschaftlichen und sozialen Politik, die in diesem Buch dar-
gelegt sind, ihre volle Unabhängigkeit gewahrt. Die Vorbehalte
oder Sympathien, die- sie hinsichtlich dieser oder jener Lehre aus-
sprechen, müssen daher als der Ausdruck der persönlichen Meinung
des Verfassers des betreffenden Kapitels angesehen werden.

Charles Gide. Charles Rist.
        <pb n="15" />
        ﻿Vorbemerkung zur zweiten Ausgabe

Diese zweite Ausgabe unterscheidet sich nur wenig von der
ersten. Einige Kapitel jedoch, besonders die über Malthüs, List,
den christlichen Sozialismus und die Hedonisten, sind eingehend über-
arbeitet worden. Wir haben übrigens den Kritiken, die uns zuteil
geworden sind, sowie den seit 1909 erschienenen Veröffentlichungen
soviel wie möglich Rechnung getragen.

Die Verfasser werden ihren Lesern dankbar sein, wenn sie ihnen
von Ungenauigkeiten und Lücken Kenntnis geben, um das Werk auf
der Höhe des Fortschrittes zu halten, den die Geschichte der Dok-
trinen macht.
        <pb n="16" />
        ﻿Vorwort des Herausgebers

Das vorliegende Buch, das ich mir zur hohen Ehre schätze, bei
den deutschen Lesern einführen zu dürfen, soll eine Lücke füllen,
die der Fachmann und namentlich der akademische Lehrer seit langer
Zeit schmerzlich empfindet. Wir besitzen keine zureichende moderne
Geschichte der natioualökonomi sehen Doktrinen in deutscher Sprache,
und doch brauchen wir sie dringend. Wir befinden uns in einer Ära
des ständig steigenden Interesses für die ökonomische Theorie, der
sich unsere jungen Kräfte immer leidenschaftlicher zu wenden, ge-
drängt von der Notwendigkeit, das heute schon fast unübersehbare
Material erst einmal gedanklich zu bewältigen, das die Historiker
und ihre Anhänger in Darstellungen zur Wirtschaftsgeschichte und
in statistischen und anderen Untersuchungen unserer Gegenwart
niedergelegt haben. Da nun, nach Goethe, „die Geschichte einer
Wissenschaft die Wissenschaft selbst ist“, tut uns eine Geschichte
der Doktrinen bitter not.

Was wir besitzen, ist entweder völlig veraltet oder allzu sum-
marisch oder allzu einseitig — oder das alles zusammen. Das ver-
dienstvolle Buch von Julius Kautz1), das man immernoch in einigen
Kapiteln, z. B. in denen über die mittelalterlich-kanonische Wirtschafts-
theorie, mit Vorteil studieren kann, ist 1860 (!) erschienen, drei Jahre
vor dem „Kapital“, eine Ewigkeit vor Karl Menger’s ersten Arbeiten.
Nicht ganz so hoffnungslos veraltet ist H. Eisenhart’s „Geschichte
der Nationalökonomie“ 2), aber auch sie ist alt genug und hatte auch
auf der Höhe ihrer Aktualität kaum mehr gegeben, als eine kraft-
volle Skizze der Hauptrichtungen. Das dritte bekannte Lehrbuch
deutschen Ursprungs ist Eugen Dueheing’s „Geschichte der National-

1)	Die geschichtliche Entwicklung der Nationalökonomie und ihrer Literatur.
Wien 1860.

2)	Jena 1882, 2. Auflage 1891, Neudruck 1901.
        <pb n="17" />
        ﻿XIV

Vorwort des Herausgebers.

Ökonomie und des Sozialismus“, deren letzte (vierte) Auflage von
1900 der greise Gelehrte noch selbst besorgt hat. Das Buch ist also
verhältnismäßig modern und könnte von diesem Gesichtspunkt aus
genügen: es ist aber leider zum Teil von so verrannter Einseitigkeit
des Gesichtspunktes und so offenbarer Ungerechtigkeit des Urteils,
daß man es dem Anfänger kaum ohne Schaden in die Hand geben
darf; daß der Vorgeschrittene unendlich viel daraus lernen kann, wie
auch aus den anderen Schriften des unglücklichen Genius, bedarf
keiner ausdrücklichen Feststellung.

Die zuerst 1905 (bei Gustav Fischer, Jena) erschienene und seit-
dem öfters aufgelegte „Geschichte der Nationalökonomie“ von Adolf
Damaschke bezeichnet sich selbst bescheiden als „erste Einführung“.
Das Buch ist nur für Anfänger und Laien bestimmt und könnte daher
den Zweck, eigentlichen Fachmännern und älteren Studierenden des
Faches zu dienen, selbst dann nicht erfüllen, wenn es die Absicht
rein objektiver Belehrung und Kritik hätte. Aber es hat diese Ab-
sicht nicht. Es ist ein Buch der Propaganda für die Ideen der
Bodenreform, namentlich in der Hexet GEOEGB’schen Prägung, und
als solches bewußt einseitig.

Ganz neu ist allerdings die Arbeit von Eugen Feidexchowitz
„Grundriß einer Geschichte der Volkswirtschaftslehre“ r) — aber nach
der, soweit ich sehen kann, einstimmigen Verwerfung des Buches
durch die wissenschaftliche Kritik ist es wohl nicht fähig, die Lücke
zn schließen, die wir beklagen.

Zwei andere sehr bedeutsame Werke deutscher Autoren ans
neuester Zeit sind leider unvollendet geblieben, August Onckbn’s
„Geschichte der Nationalökonomie“ * 2) und Geoeg Adlee’s „Geschichte
des Sozialismus und Kommunismus“3), die beiden Arbeiten, die be-
stimmt waren, im „Hand- und Lehrbuch der Staatswissenschaften“ 4 5)
sich zu einer vollen Geschichte der Ökonomik zu ergänzen. Beide
Werke brechen ungefähr zur gleichen Zeit ab, Oncken vor Adam
Smith, Adlee vor der französischen Revolution. Was bereits vor-
liegt, ist wohl allgemein als meisterhaft anerkannt — aber es ist
zum Unglück doch gerade nur das Vorspiel zu dem eigentlichen
Thema gewesen.

Außer diesen Werken deutscher VerfasserB) sind in Deutschland

*) München und Leipzig 1912.

2) Leipzig 1902.

s) Leipzig 1899.

4)	Begründet von Kuno Feankenstein, fortgesetzt von Max y. Heckel.

5)	Hier können nur die allgemeinen Darstellungen von größerer Ausführlichkeit
in Frage kommen. Dogmenhistorische Abhandlungen, wie z. B. die von MoHL’schen,
die nur einzelne Gebiete behandeln, oder kurze Darstellungen in Lehrbüchern, selbst
        <pb n="18" />
        ﻿Vorwort des Herausgebers.

XV

in Übersetzungen eingeführt John Kells Ingram’s „History of Poli-
tical Economy“ x) und das alte, wohl bekannte Buch von Lüigi Gossa
„Einleitung in das Studium der Wirtschaftslehre“ * 2 3). Dieses letztere
ist veraltet, ein volles Menschenalter stärkster Entwicklung der
Wissenschaft liegt zwischen heute und seinem Erscheinungsjahr —
und das englische Werk, so lesenswert es noch heute ist, ist in zwie-
facher Hinsicht allzu einseitig, um dem Bedürfnis der jungen Gene-
ration zu entsprechen.

Erstens nämlich beschränkt es sich ex professo auf die „bürger-
liche“ Wissenschaft. In der mir vorliegenden englischen Ausgabe
von 1888 fehlen die Namen St. Simon, Fourier, Owen, Eodbertus,
Proudhon, Marx, um von geringeren Autoren nicht zu sprechen, im
Index und werden, so weit ich sehen kann, nur ein einziges Mal
(p. 209) erwähnt, um die etwas allgemeine Mitteilung zu machen,
daß die sozialistische Theorie auf den deutschen Staatssozialismus
starken Einfluß gehabt hat“). Das ist heute nicht mehr zulässig. Man
kann die bürgerliche Theorie in ihrer Entwicklung nicht verstehen,
ohne die sozialistische genau zu kennen, und vice versa. Sie bilden
eine lebendige historische Einheit, die man nicht auseinander reißen
kann, ohne ihr Verständnis unmöglich zu machen; ihre Wirkung und
Gegenwirkung, der Kampf ihrer Ziele, Wertungen und Gedanken ist
recht eigentlich die Geschichte der Ökonomik, wenigstens von dem
Augenblick an, wo der moderne Kapitalismus entstand — und diese
Zeit ist es gerade, die uns vor allem anderen interessiert.

Wenn Ingram das nicht beherzigt, so liegt das an der zweiten
Einseitigkeit, auf die wir vorwiesen. Da es sich hier um eine Fest-
stellung handelt, die auch für die meisten anderen angeführten Autoren
mehr oder weniger zutrifft, sei es gestattet, ein wenig ausführlicher
darauf einzugehen.

Es gibt zwei grundsätzlich verschiedene Weisen, die Geschichte
der nationalökouomischen Doktrinen darzustellen. Die eine legt den
Ton auf das Wort „Geschichte“, die andere auf das Wort „Doktrinen“.
Jene ist vorwiegend historisch, diese dogmenkritisch orientiert
nnd interessiert. Jene bemüht sich vor allem, die Entstehung der
verschiedenen Doktrinen aus ihrem sozialen und ökonomischen Milieu
oder auch aus dem Charakter und Bildungsgang ihrer Schöpfer zu
verstehen (legt, nebenbei bemerkt, aus diesem Grunde sehr großen

so treffliche wie die von H. von Scheel in „Schönbergs Handbuch der pol. Ökonomie“,
reichen für den hier in Betracht kommenden Lehrzweck nicht aus.

') Zweite deutsche Auflage, Tübingen 1905.

2)	Deutsch von En. Moormeister, Freiburg i. B. 1880.

3)	In der deutschen Auflage von 1905 stehen sie zwar im Index, werden aber
auch nur ein einziges Mal an der korrespondierenden Stelle (p. 267) erwähnt.
        <pb n="19" />
        ﻿XVI

Vorwort des Herausgebers

Wert auf die Feststellung von Prioritäten, auf „Ausgrabungen“ und
„Rettungen“), und begnügt sieb im wesentlichen mit möglichst ge-
nauer Darstellung, Schilderung und Beschreibung der einzelnen
Theorien, ihres Auf- und Abstiegs, ihres gedanklichen Inhalts.

Die zweite Auffassung interessiert sich vor allem für die Dogmen
als solche, für ihre dialektische Selbstentfaltung, für ihre Kämpfe;
sie hat vorwiegend logische Interessen, bemüht sich um die Beweise
und Gegenbeweise ihrer logischen Form nach, kurz ist mehr kritisch
als historisch. Ihr ist es im Grunde gleichgültig, auf welchen Autor
ein Theorem zurückzuführen ist, weil ihr das Theorem an sich be-
deutsam ist.

Eine solche dogmenkritische Auffassung mußte Ingram — und
das gilt, wie gesagt, auch für die Mehrzahl der übrigen — aus dem
Grunde fernliegen, weil er selbst überzeugter Anhänger der historischen
Schule war. Von dem Standpunkt dieser Auffassung aus, die der
Möglichkeit einer1 gedanklichen Bewältigung der Tatsachen, und nun
gar auf dem Wege der deduktiven Betrachtung, skeptisch gegenüber-
steht, ist eine wirklich eindringende dogmenkritische Betrachtung
des Stoffes gar nicht denkbar. Einer solchen Auffassung müssen
die miteinander kämpfenden Theoreme als ungefähr gleichwertig und
gleichberechtigt erscheinen, und so fehlt der Drang zu eindringlicher
Kritik, zu erschöpfender Diskussion von vorn herein.

Das Ideal einer Geschichte der nationalökonomischen Doktrinen
liegt in einer Kombination der beiden Verfahren. Dem historischen,
wie dem kritischen Interesse muß in gleichem Maße entgegen-
gekoramen werden. Nun, und ich glaube, daß die Geschichte der
nationalökönomischen Doktrinen von Gide und Rist diesem Ideale
näher kommt, als irgendeines der mir bekannten deutschen und aus-
ländischen Bücher über den Gegenstand.

Das Buch setzt gerade dort ein, wo Oncken und Adler die Feder
haben niederlegen müssen, so daß der deutsche Nationalökonom mit
diesen drei einander ergänzenden Werken eine volle Darstellung der
Geschichte seiner Wissenschaft besitzt. Es zeichnet die Entwicklung
unserer Wissenschaft von der Physiokratie an bis auf die allerletzte
Gegenwart in allen ihren Richtungen, die Geschichte der bürgerlichen
so gut wie die der sozialistischen Theorien, die mit vollem Recht als
wissenschaftlicher Betrachtung gleich würdig betrachtet werden.

Dem Herausgeber steht nicht zu, der wissenschaftlichen Kritik
ihr Urteil vorwegzunehmen. Nur eine prinzipielle Bemerkung wird
gestattet sein:

Offenbar kann man Dogmenkritik nur dann treiben, wenn man
selbst einen festen, einheitlichen theoretischen Standpunkt hat. Und
ebenso offenbar muß solche Kritik jedem als einseitig erscheinen, der
        <pb n="20" />
        ﻿Vorwort des Herausgebers'.

XVII

auf einem anderen theoretischen Standpunkt steht. Das ist bei dem
Zustande unserer Wissenschaft unvermeidlich, deren Vertreter in
keinem einzigen Punkte untereinander einig sind. Unter solchen Um-
ständen hat der Kritiker einer solchen Dogmenkritik soweit wie
möglich von seinem eigenen Parteistandpunkt abzusehen und nur zu
fragen, ob der Verfasser den lauteren Willen zu so viel Objektivität
der Auffassung, Darstellung und Kritik gehabt und betätigt hat, wie
erwartet werden durfte. Und der Antwort auf diese Frage in dieser
Form dürfen die Verfasser mit Ruhe entgegensehen, wenn ich von
meinem Standpunkt aus urteilen darf, der ich selbst in wichtigen
Punkten der theoretischen Auffassung von ihnen abweiche. Um das
bedeutsamste herauszuheben, so glaube icli z. B., daß sie der Grenz-
nutzenschule mehr zngebilligt haben, als ihr zukommt. Wäre ich
nicht der Herausgeber, sondern der kritische Richter, so würde ich
meinen abweichenden Standpunkt hier im allgemeinen und in manchen
Einzelheiten begründen. Aber diese Divergenzen könnten mich doch
nicht verhindern, zu erkennen, daß die Verfasser sich bemüht haben,
Licht und Schatten gleichmäßig zu verteilen, jedes System aus seiner
Wurzel heraus zu verstehen, und, wo es sich um Gegner handelt,
mit den ehrlichsten Mitteln, ohne Nörgelei und Gehässigkeit, zu wider-
legen. Hier haben, so scheint es mir, zwei vortreffliche Fachleute
die reife Frucht einer niemals unterbrochenen ruhmvollen theore-
tischen Tradition geerntet. Und darum erscheint mir dieses Buch
als ganz besonders geeignet, um bei der Renaissance unserer eigenen,
leider völlig abgerissenen, seit Jahrzehnten fast ausgerotteten theore-
tischen Studien mitzuwirken. Es kann und wird hoffentlich kräftig
dazu beitragen, jenen Zustand unserer Wissenschaft herzustellen, in
dem eine dogmenkritische Geschichte der nationalökonomischen Dok-
trinen nicht mehr sicher ist, fast so viele grundsätzliche Gegner zu
finden wie Kritiker, jenen Zustand, den wir alle erstreben, wo wenigstens
über die Grundlagen und Hauptelemente der Theorie einigermaßen
Einigkeit erzielt sein wird, anstatt des heutigen von allen beklagten
Zustandes.

* *

*

Die Übersetzung dieses Werkes hat Herr Hoen vorgenommen,
ein deutscher Neuphilologe, der viele Jahre in Frankreich gelebt hat
und der französischen Sprache in seltenem Maße mächtig ist. Seine
Gattin, eine geborene Französin, die ihrerseits vortrefflich deutsch
spricht, eine nationalökonomisch sehr interessierte und in der Fach-
literatur wohl bewanderte Dame hat ihn bei der Übersetzung
unterstützt. Für die äußere Form der Übersetzung ist Herr Hoen
allein verantwortlich; ich habe mich als Herausgeber darauf beschränkt,

H
        <pb n="21" />
        ﻿XVIII

Vorwort des Herausgebers.

Urtext und Übersetzung Wort für Wort miteinander zu vergleichen,
um Mißverständnisse, die untergelaufen sein konnten, auszumerzen,
und vor allen Dingen die fachwissenschaftliche Terminologie einzu-
stellen, die der Übersetzer selbstverständlich nicht vollkommen be-
herrschen konnte. Ich habe dann noch einmal die ßevisionsfahnen
durchgesehen und glaube nun allerdings versichern zu können, nicht
etwa daß die Übersetzung absolut fehlerfrei ist — das ist wohl nicht
zu erreichen —, wohl aber, daß sie dem Ziel der sinngetreuen Über-
tragung so nahe gekommen ist, wie das erwartet werden darf.

Steglitz im Juli 1913.

Franz Oppenheimer.
        <pb n="22" />
        ﻿• •

Bemerkung des Übersetzers.

Die Übersetzung der im Text und in den Anmerkungen ange-
führten Zitate ist auf Grund des Wortlautes des französischen Originals
geschehen. Eine Prüfung der Richtigkeit der auf die Originalstellen
dieser Zitate verweisenden Angaben hat sich nur für Adam Smith,
Wealth of Kations, und für die meisten deutschen Schriftsteller
durchführen lassen. In diesen Fällen ist der deutsche Wortlaut nach
den betreffenden Originalen angeführt worden. Wo dies auch für
deutsche Verfasser nicht möglich war, liegt die französische Fassung
der fraglichen Stellen der Übersetzung zugrunde.

Der Übersetzer kann daher keine Verantwortung für die Genauig-
keit der Verweise auf andere Schriftsteller übernehmen.

Um die Benutzung des Werkes so viel wie möglich zu erleichtern,
ist der analytischen Inhaltsübersicht und dem Namenregister der
französischen Ausgabe ein Sachregister angefügt worden.

Der Übersetzer.

n
        <pb n="23" />
        ﻿
        <pb n="24" />
        ﻿Allgemeine Inhaltsangabe

Seite

Vorwort (Gide und Rist).............................................III

Vorwort des Herausgebers...........................................XIII

Bemerkung des Übersetzers...........................................XIX

Buch I.

Die Gründer.

Kapitel I. Die Physiokraten (Gide) . -............................... 1

Kapitel	II.	Adam Smith (Rist)..................................58

Kapitel III.	Die Pessimisten [Madthüs und Ricardo] (Gide)	,	•	,	.	.	132

Buch II.

Die Gegner.

Kapitel	I.	Sismondi und die Ursprünge der kritischen	Schule

(Rist)..........................................192

Kapitel II. S aint-Simon, die Saint-Simonisten und der Ursprung

des Kollektivismus (Rist) ...........................225

Kapitel III.	Die Assozialisten.................................261

Owen und Fourier (Gide).

Louis Blanc (Rist).

Kapitel IV. Friedrich List und die nationale Volkswirtschafts-
lehre (Rist)................................................297

Kapitel	V.	Proudhon und der Sozialismus von 1848	(Rist)	....	326'

Buch III.

Der Liberalismus.

Kapitel	I.	Die Optimisten [Bastiat und Gaeey] (Gide)	.............364

Kapitel II. Höhepunkt und Niedergang der klassischen Schule

[Stuart- Miel] (Gide).......................... 395”
        <pb n="25" />
        ﻿xxn

Allgemeine Inhaltsangabe.

Buch IV.

Kapitel I.

Kapitel II.
Kapitel III.
Kapitel IV.

Die Abtrünnigen.

Die historische Schule und der Streit 'der Methoden

(Eist)........................................

Der Staatssozialismus (Eist)......................

Der Marxismus (Gide)..............................

Die auf dem Christentum beruhenden Lehren (Gide) .

Seite

431 ^

.

513

Buch V.

Die neuzeitlichen Lehren.

Kapitel I.	Die Hedonisten (Gide) ............................687

Kapitel II. Die Theorie der Bodenrente und ihre Anwendungen

(Eist) ........................................620

Kapitel III.	Die Soiidaristen	(Gide).........................667

Kapitel IV.	Die Anarchisten	(Eist).........................  697

Schlußwort. (Gide und Eist)..................................729

Analytische Inhaltsübersicht ...............................736

Alphabetisches Namenverzeichnis ............................750

Sachregister .............................................. 768

Errata.

Seite 9 Anm. Zeile 6 v. u.: anstatt Henri Denis lies Hector Denis.
„	366 Zejle 21 v. o.: anstatt Emile Olivier lies Emile Ollivier.
        <pb n="26" />
        ﻿Erstes Buch.

Die Begründer.

Kapitel I.

Die Physiokraten.

Das Wort „politische Ökonomie“, wie wir es heute verstehen,
würde um die Mitte des 18. Jahrhunderts nur ganz ungefähr dem
entsprochen haben, was Antoine de Montcheetien 150 Jahre früher
so benannt hatte. Damals stellte es noch keine Spezialwissenschaft
vor. Als Beweis mag der in der „Grande Encyclopedie“ 1755 unter
dieser Überschrift (Economie politique) erschienene Aufsatz genügen,
dessen Verfasser kein geringerer als Jean Jacques Eousseau war.
In diesem Aufsatz findet man nicht annähernd das, was die Über-
schrift erwarten läßt. Die politische Ökonomie wurde nicht von der
Politik unterschieden und nicht umsonst hatte man sie mit diesem
Beiwort versehen, das sich heute eher als so lästig erweist, daß man
bemüht ist, es zum Verschwinden zu bringen, indem man von National-
ökonomie und Sozialökonomik spricht. Wenn aber die „Politische
Ökonomie“ ein Teil der Eegierungskunst war, so stellte sie doch
auch damals schon jene Abteilung der Verwaltung des Staates vor,
die sich mit dem Wirtschaftsleben beschäftigte, die dem Volk materielle
Wohlfahrt, „das Huhn im Topf“ Heinrich’s IV. zu verschaffen trachtete.

In gleicher Weise hat auch, wie wir sehen werden, Adam Smith
seine Wissenschaft definiert: „Ihr Zweck ist, das Volk und den
Herrscher zu bereichern.“

Nur waren die Ratschläge und Rezepte zur Erreichung dieses
Zieles ebenso verschieden, wie unbestimmt. Die einen hatten ge-

Gide und Rist, Gesch. d. Volkswirtschaft!. Lehrmeinnngen.	1
        <pb n="27" />
        ﻿2

Erstes Buch. Die Begründer.

fordert, dem Land so viel Gold und Silber wie möglich zu verschaffen:
sie werden Bullionisten genannt. Ändere, die Merkantilisten, stellten
den Satz auf, daß man so viel wie möglich an fremde Völker ver-
kaufen müsse, um recht viel zu gewinnen. Andere wieder behaupteten,
daß es zuerst darauf ankäme: „Eine Gesellschaftsform zu finden, in
der jeder mit allen vereint sei, jedoch nur sich selbst gehorche und
ebenso frei bleibe, wie vorher“, und dies war der „Contrat social“.
Noch andere machten die Verwirklichung des Volksglückes von der
Gründung von Wolkenkuckucksheimen abhängig.

Zu dieser Zeit nun trat ein Mann, ein Arzt auf, der, schon auf
der Schwelle des Greisenalters stehend, sich dem Studium dessen,
was wir heute Agrarökonomie nennen, zugewandt hatte, der Erde
und den Gütern, die den Lebensunterhalt der Menschen bedeutenJ).
Er erklärte; wir brauchen weder etwas zu suchen, noch etwas zu er-
finden, denn alle menschlichen Verhältnisse werden von bewunderungs-
würdigen Gesetzen regiert, deren Wahrheit sich jedem aufzwingt,
der einmal die Augen öffnet, und deren Autorität ein mit Vernunft
begabter Mensch ebensowenig, wie die Gesetze der Geometrie be-
streiten kann. Diese Gesetze zu verstehen, bedeutet, ihnen zu ge-
horchen. Und Dupont de Nemoues sagte sicherlich nicht zuviel, als
er schrieb, daß dies „sehr neue Grundsätze“ seien (une doctriue tres
nouvelle)* 2).

Dies ist auch noch zu wenig gesagt. In Wahrheit war es die
Schöpfung einer neuen Wissenschaft, die der Wissenschaft von der
Volkswirtschaft. Die Zeit der Vorläufer war vorüber; mit Qüesnay
und seinen Schülern beginnt das Zeitalter der Begründer. Dieser
Ehrenname, den die Undankbarkeit der französischen „Ekonomisten“,.
die doch auf Qüesnay’s und seiner Schüler Schulter standen, ihnen
vorenthalten hatte, um ihn Adam Smith beizulegen, ist ihnen von
den fremden Nationalökonomen wieder zugesprochen worden und wird
ihnen ohne Zweifel endgültig bleiben. Kann man doch sagen, daß
in der Geschichte der Wissenschaften es wenige gibt, deren Geburts-
datum und Herkunft sicherer bestimmt wäre. Die Physiokraten
waren die ersten, die im vollen Sinn des Wortes eine umfassende
Anschauung der sozialen Wissenschaft gehabt haben, mit anderen
Worten, die behaupteten, daß zwischen den sozialen Tatsachen not-
wendige Zusammenhänge beständen, und daß Einzelpersonen, wie

') Die ersten nationalökonomischen Aufsätze Quesnay’s, in derselben Großen
Enzyklopädie, deren Mitarbeiter Rousseau war, behandelten die Körnerfrüchte
(les grains) und die Pächter (les fermiers).

2) Professor Hectok Denis sagt über die physiokratische Grundformel: „Leicht
war es, ihre Unvollkommenheit zu sehen, aber fast niemals wird man ihrer unver-
gleichlichen Großzügigkeit gerecht.“
        <pb n="28" />
        ﻿Kapitel 1. Die Physiokraten.

3

Regierungen nur diese Zusammenhänge kennen zu lernen brauchten,
um ihr Verhalten danach zu richten. Wenn man sagt, daß ihre Auf-
fassung der wirtschaftlichen Gesetze in Form einer Vorsehung nichts
mit der der Positivisten und Deterministen gemein hatte, daß sie zu
oft Zusammenhänge in der Natur gesehen haben, die nur in ihrer
Einbildung bestanden, daß ihnen Adam Smith, sowohl in der Kunst,
die Erscheinungen zu beobachten, wie in der Gabe, sie darzustellen,
und besonders in seinen definitiven Beiträgen zur Wissenschaft der
Nationalökonomie weit überlegen war, so ändert dies nichts au der
Tatsache, daß sie den Weg eröffnet haben, auf dem A. Smith und
ein ganzes folgendes Jahrhundert weitergeschritten sind. Es ist
übrigens bekannt, daß A. Smith gesagt hat, er würde sein Werk
Dr. Qüesnay gewidmet haben, wenn dieser nicht 3 Jahre vor der
Herausgabe gestorben wäre.

Die Physiokraten haben auch die erste nationalökonomische
„Schule“ im engsten Sinne des Wortes gebildet. Aus der voll-
ständigen Übereinstimmung ihren Lehren ') ergab sich die fast einzig-
artige und ergreifende Tatsache, daß diese kleine Gruppe von Männern
in der Geschichte unter diesem anonymen Sammelnamen verzeichnet
steht, in dem ihre Namen und Persönlichkeiten wie verloren sind.

Ihre Bücher folgten sich in kurzen Abständen innerhalb eines
Zeitraumes von etwa 20 Jahren (1756—1778)2).

b „Die wahren Ekonomisten sind leicht zu charakterisieren ... Sie erkennen
einen Meister an, Dr. Qüesnay; eine Lehre, die der Agrar-Philosophie (la
Philosophie rurale) und der ökonomischen Analyse (Fanalyse economique);
klassische Werke: die Physiokratie; eine Formel; le Tableau economique;
eine Terminologie, genau wie die alten chinesischen Gelehrten.“ — Diese Definition
der Physiokraten, die uns einer von ihnen, der Abbe Baüdeau (Ephemerides,
April 1776) ohne jeden Hintergedanken — im Gegenteil! — gibt, zeigt doch, daß
es wirklich etwas dogmatisches und ein wenig chinesisches in der physiokratischen
Schule gah.

2) Der erste, nicht mir chronologisch, sondern als der von allen anderen an-
erkannte Führer, war Dr. Qüesnay (1694-1774), Leibarzt des Königs Ludwig XV.
und der Ime de Pompadour. Er hatte eine beträchtliche Anzahl von medizinischen
Büchern herausgegeben, besonders im Jahre 1736: Essai physiquesurl’economie
animale (Physikalische Abhandlung über tierische Ökonomie), als er sich mit ökono-
mischen und speziell mit agrar-ökonomischen Fragen zu befassen anflng: zuerst in
der Form von Beiträgen zu der Großen Enzyklopädie über die Pächter und über
die Körnerfrüchte (1766—1757), dann in seinem berühmten „Tableau econo-
mique“ (Volkswirtschaftliches Schaubild) — (1758 als er 64 Jahre alt war) und
1760 in seinen „Maximes generales du gouvernement economique d’un
royaume agricole“ (Allgemeine volkswirtschaftliche Kegierungsgrnndsätze eines
Agrar-Königreiohes), die nur die Erweiterung des vorhergehenden Buches sind.

Im ganzen hat er wenig geschrieben; wie bei Sokrates liegt sein hauptsäch-
liches Wirken in seinem Einflüsse auf seine Schüler.

Die beste Ausgabe der Werke Quesnay’s ist von dem Berner Professor Oncken
herausgegeben: Oeuvres economiqnes et philosophiques de F. Qüesnay,

1*
        <pb n="29" />
        ﻿4

Erstes Buch. Die Begründer.

Keiner der Physiokraten, mit Ausnahme von Tdegot, hat ein
wirkliches schriftstellerisches Talent besessen, und keiner von ihnen,

Paris u. Frankfurt, 1888. — Jedoch sind die von uns angeführten Zitate, wie alle,
die auf die Begründer Bezug nehmen, der von Daire herausgegebenen „Collection
des Principaux Eoonomistes“ entnommen.

Der Marquis Mxeabbatj, der Vater des großen Eedners der Eevolution, und von
nicht geringerer leidenschaftlicher Kühnheit als sein Sohn, hatte gleichzeitig (1756)
I’Ami des hommes (der Freund des Menschengeschlechtes) herausgegeben. Dieses
Buch, das großes Aufsehen hervorrief, steht aber, genauer betrachtet, außerhalb des
physiokratischen Kreises, denn sein Urheber kennt diese Anschauungen noch nicht.
Dagegen sind die Steuertheorie (la theorie de l’impot, 1760) und die Agrar-
philosophie (La Philosophie Eurale, 1763) von dieser Anschauung diktiert.

Merceer be la Eiviüre, Parlamentsrat, veröffentlichte im Jahre 1767 „die
natürliche und grundlegende Ordnung der politischen Gemeinschaften“, (1’Ordre
naturel et essentiel des sooietes politiques), ein Werk, das Dupont de
Nemours „un ouvrage sublime“ — eine einzigdastehende Leistung — nennt, und
das, wenn es auch nicht ganz diese Bezeichnung verdient, doch nichts weniger als
die Zusammenfassung der Grundsätze der physiokratischen Anschauung ist.

Dupont, nach seiner Vaterstadt „de Nemours“ genannt, ließ ungefähr zur
gleichen Zeit (1761, — er war damals erst 29 Jahre alt) ein Buch erscheinen: Phy sio-
kratie ou Constitution essentielle du gouvernement le plus avanta-
ge.ux au genre humain (Physiokratie oder Grundbedingungen der dem Menschen-
geschlechte zuträglichsten Regierung). Wie man sieht, ist ihm die Benennung der
Richtung „Physiokratie“ zuzuschreiben, die bekanntlich Naturregiernng bedeutet.
Diese Benennung fand jedoch keinen Anklang und wurde durch den Namen
„Ekonomisten“ ersetzt. Quesnay und seine Schüler waren daher die ersten
Ekonomisten. Viel später erst, als der Name „Ekonomist“ eine allgemeine Be-
deutung erworben hatte und daher zur Bezeichnung einer bestimmten Richtung
ungeeignet geworden war, kam man auf den Namen Physiokraten zurück.

Als begeisterter Anhänger Quesnay’s befaßt sich Dupont hauptsächlich mit der
Verbreitung der physiokratischen Anschauungen, ohne selbst zu ihrem Ausbau bei-
zutragen. Übrigens wurde er frühzeitig von seinen wissenschaftlichen Arbeiten durch
die großen politischen Ereignisse abgelenkt, an denen er lebhaften Anteil nahm.
Er überlebte die ganze physiokratische Schule und hat als einziger die Eevolution
gesehen, in der er eine hervorragende Bolle spielte. Er wurde bald Abgeordneter
des „Tiers-Etats“, Vorsitzender der Constituante und später, unter dem Directoire,
Vorsitzender des Conseil des Anciens. Er erlebte sogar das Kaiserreich, und in seiner
Person erhielt die politische Ökonomie zum ersten Male einen Platz „im Institut“.

Le Trosnb, Staatsanwalt am Oberlandesgericht in Orleans, übergab im Jahre
1777 der Öffentlichkeit ein Buch: De l’interet social, par rapport ä la valeur,
ä la circulation, ä l’industrie et au commerce (Überdas volkswirtschaftliche
Interesse in bezug auf den Wert, den Umlauf, die Industrie und den Handel). Dieses
Werk ist vielleicht das beste oder wenigstens das im größten Maße wissenschaftliche,
ökonomische Buch der ganzen Schule.

Weiterhin sind noch zu nennen: der Abbe Baudeau, der 80 Bände verfaßt hat!
Hauptsächlich über den Getreidehandel. Sein bedeutendstes Werk jedoch ist: l’Intro-
duction ä la Philosophie economique (Einführung in die ökonomische
Philosophie) vom Jahre 1771. Sodann ein anderer Abbe, der Abbe Eoubaud, sowie
der Markgraf von Baden (Abrege des principes de la Science economique,
1771), welch letzterer den Vorzug besaß, nicht nur Schriftsteller, sondern unabhängiger
        <pb n="30" />
        ﻿Kapitel I. Die Physiokraten.

5

auch Tukgot nicht, verfügte über jene geistreiche und witzige Ver-
standesschärfe, die doch gerade jener Epoche ihren besonderen Stempel
aufgedrückt hat. Sie waren ernsthafte, fast würdevolle Sektierer,
etwas langweilig und ermüdend in ihrer Art, stets von den „Tat-
sachen“ zu sprechen, gerade als ob sie die Alleininhaber der gött-
lichen Weisheit wären; daher wurden sie viel verspottet, auch von
Voltaire1). Trotzdem aber genossen sie große Achtung bei allen
Zeitgenossen von Bedeutung, bei Staatsmännern und Gesandten. Sie
hatten sogar eine ganze Hörerschaft von Fürsten: den Markgrafen
(Karl Friedrich) von Baden, der ihr System in seinen Staaten zur
Anwendung zu bringen suchte, den Großherzog Leopold von Toskana,
den Kaiser Joseph II. von Österreich, Katharina die Große von Ruß-
land, den König Stanislaus von Polen, König Gustav III. von Schweden,
und was mehr überrascht, sogar die schönen Damen am Hof von
Versailles liehen ihnen ein aufmerksames Ohr. Sie waren mit einem

Fürst zu sein, und sich mit physiokratischen Versuchen in einigen Dörfern seines
kleinen Landes die Zeit vertrieb.

Noch haben wir den sowohl durch sein Talent wie durch seine hohe Stellung
berühmtesten Schüler der Schule, Tuegot (1726—1781), nicht erwähnt. Denn wenn
er auch gewöhnlich der physiokratischen Schule zugezählt wird, und hierzu ist in
der Übereinstimmung der wesentlichsten Gedanken eine genügende Berechtigung
"vorhanden, so nimmt er doch, wie wir sehen werden, in vielen Hinsichten einen be-
sonderen Platz ein, der ihn mehr Adam Smith nähert. Auch begann er noch vor
den Physiokraten über politische Ökonomie zu schreiben.

Seine Abhandlung über das Papiergeld datiert von L48, als er erst 22 Jahre
alt war, aber sein bedeutendstes Werk: „Reflexions sur la formation et la
distrihution des richesses“ (Betrachtungen über die Bildung und Verteilung
des Reichtums) erschien im Jahre 1766. Als Intendant von Limoges, wo er 13 Jahre
hindurch diese Stellung bekleidete, und später als Minister unter Ludwig XVI. hatte
er die notige Macht in den Händen, um seine Ideen von der ökonomischen Freiheit
zu verwirklichen, was er auch durch seine berühmten Erlasse über die Aufhebung
der Getreidezölle zwischen den Provinzen und die Abschaffung der Meisterschaften
und Zünfte tat.

Im Unterschied zu den anderen Physiokraten, die nur auf Dr. Quesnay schwören,
■verdankt Tuegot viel einem Großkaufmann, späterhin Handelsminister (Intendant
du commerce), Vincent de Goubnay. Von ihm, der im Jahre 1759, erst 47 Jahre
uit, starb, wissen wir beinahe nichts außer dem, was Tuegot in seinem ihm ge-
widmeten Nachrufe sagt (vgl. Schelle: Vincent de Gournay, 1897).

Werke über die Lehre der Physiokraten sind in beträchtlicher Anzahl vorhanden
und zwar sowohl in französischer, wie in anderen Sprachen. In dem großen, zwei
Bände umfassenden Buch von Weulbesse: „Le mouvement physiocratique
ea France de 1756 ä 1770“ findet man sie eingehend behandelt. Dieses Buch
erschien 1910 und ist sowohl die neueste, wie auch die ausführlichste Darlegung
dieser Lehre. Wir verweisen auserdem noch auf eine gedrängte, aber gehaltvolle
Zusammenfassung dieser Lehre in englischer Sprache, die Higgs 1897 unter dem
Titel: Six lectures on the Physiocrats“ herausgegeben hat.

*) Besonders in seinem berühmten Pamphlet: Der Mann mit den vierzig
Talern (L’homme aux quarante ecus).

»'■
        <pb n="31" />
        ﻿6

Erstes Buch. Die Begründer.

Wort „Mode“, weit mehr, als es unsere heutigen Nationalökonomen
sind. Das erscheint uns fast befremdlich, jedoch kann man dafür
eine ganze Reihe von Gründen linden.

Sei es, daß die raffinierte und sittenlose Gesellschaft jener Zeit
in der Agrarökonomie der Physiokraten ähnliche Anregungen fand,
wie in den Schäferidyllen von Trianon und den Watteau’schen Land-
schaften; sei es, daß ihr inmitten des unheimlichen Krachens aller
Fugen des politischen und sozialen Gesellschaftsgebäudes jener Zeit
der Gedanke an eine unwandelbare Naturordnung einigen Trost ge-
währte. Sei es, daß sich im Gegenteil ihr Interesse regte, weil sie
in einer solchen Behauptung dieser sog. „Sektierer“, — z. B. in dem
von Quesnay als Überschrift über sein „Tableau“ gesetzten Motto;
Arme Bauern, armes Königreich; Armes Königreich, armer König!
— den ersten Windhauch spürte einer neuen Zeit, noch nicht so sehr
bedrohlich, aber doch ein Auftakt zu dem Sturm, der im Anzug war.

Betrachten wir zunächst die Lehre, d. h. die nach ihrer Auf-
fassung wesentlichen Grundprinzipien, nachher das System,
d. h. die Anwendung dieser Grundprinzipien.

I.

§ 1. Die natürliche Ordnung.

Der Grundbegriff des Systems der Physiokraten ist die natürliche
Ordnung. Die- „natürliche und wesentliche Ordnung der
politischen Gesellschaften“ (Ordre naturel et essentiel des
Societes politiques) nennt Meeciee de la Eivieeb sein Buch, und
Dueont de Nem.oues definiert die Physiokratie als „die Wissenschaft
von der natürlichen Ordnung“.

Was ist aber unter diesen Worten zu verstehen?

Zunächst ist es selbstverständlich, daß sie als gegensätzlich zur
Auffassung einer künstlichen, einer vom menschlichen Willen ge-
schaffenen Ordnnng, eines „Contrat social“ verstanden werden müssen1).

l)	Jean-Jacques Rousseau war ein Zeitgenosse der Physiokraten, denn er starb
erst im Jahre 1778, und sein Buch, der „Contrat social“ erschien 1762. Doch war
er kein Anhänger ihrer Schule und der Marquis Mieabeau versuchte vergeblich, ihn
zu der physiokratischen Lehre zu bekehren.

Wohl scheint zwischen der Lehre der natürlichen Ordnung und der des
Contrat social ein absoluter Gegensatz zu bestehen, denn das, was natürlich und
spontan ist, kann nicht auf kontraktlicher Übereinkunft beruhen. Man könnte sogar
zu dem Glauben neigen, daß die berühmte Theorie Rousseau’s als Gegensatz zu der
physiokratischen Lehre erfunden worden sei, wenn man nicht wüßte, daß die Grund-
gedanken des Contrat social schon lange vor Rousseau, in vielen, hauptsächlich auf
calvinistischer Anschauung fußenden Schriften niedergelegt sind. Für Rousseau
        <pb n="32" />
        ﻿

Univi



Kapitel I. Die Physiokraten.

~ *iel



aif

Diese rein negative Definition genügt aber nicht, deV

stattet noch verschiedene andere Auslegungen. Zunächst wu: _________

die natürliche Ordnung im Sinn des Naturzustandes nehmen
können, um sie dem Zustand der Zivilisation, der dann ein künst-
licher wäre, gegenüber zu stellen. In diesem Sinne würde der Mensch
nm die natürliche Ordnung zu finden, zu seinem Anfangszustande
zurückkehren müssen.

Diese Auslegung würde sich nicht nur auf gewisse Stellen in
den physiokratischen Werken1) stützen können, sondern auch auf



scheint die soziale Ordnung die Lösung einer mathematischen Aufgabe zu sein: Br
stellt sie nämlich hin, als ob sie gewissen komplizierten Voraussetzungen genügen
müsse, die er wie folgt formuliert: „Eine Assoziationsform finden, die die Person und
das Besitztum eines jeden Gesellschafters schützt und auf Grund derer ein jeder, mit
allen vereint, doch nur sich selbst gehorcht und ebenso frei, wie vorher, bleibt.“
Nichts liegt der Auffassung der Physiokraten ferner; für sie gibt es nichts, das zu
schaffen oder zu finden wäre. Die natürliche Ordnung ist „selbstverständlich“.

Allerdings glaubte Rousseau trotzdem an eine natürliche Ordnung, an die
Stimme der Natur, an die angeborene Güte des Menschen usw. „Die ewigen Gesetze
der Natur und der Ordnung bestehen. Dem Weisen dienen sie an Stelle positiver
Gesetzesvorschrifteu; das Gewissen und die Vernunft haben sie ihm ins Herz ge-
schrieben“ (Emile, V.). Genau die gleiche Sprache führen die Physiokraten. Es
besteht aber der große Unterschied, daß nach Rousseau der natürliche Zustand durch
die gesellschaftlichen Einrichtungen (besonders die der Politik, zu denen er auch das
Eigentum rechnet, unmöglich geworden ist, und daß es sich darum handelt, dem
Volke den Gegenwert dessen, was es verloren hat, zurüekzugeben. — Dies ist der
Zweckgedanke des Contrat social: —• Für die Physiokraten dagegen sind die gesell-
schaftlichen Einrichtungen, darunter ganz besonders das Eigentum, nur eine spontane
Entfaltung der natürlichen Ordnung, die allerdings durch die gewalttätige Handlungs-
weise der Regierungen zur Unnatur geworden ist. Sobald aber diese Einmischung
aufhört, würde auch die natürliche Ordnung wieder ihren normalen Entwicklungs-
gang gehen, wie ein Baum, von den Hemmungen, die ihn gebeugt, befreit, sich
wieder aufriohtet.

' Ein Hauptuntersohied ist sodann, daß für die Physiokraten die Begriffe Eigen-
nutz und Pflicht sich decken, da das Individuum heim Verfolgen seines eigenen
Nutzens das Wohl aller verwirklicht, während für Rousseau Eigennutz und Pflicht
antagonistisch sind, die Pflicht den Eigennutz unterdrücken muß; „Das persönliche
Interesse steht stets im umgekehrten Verhältnisse zur Pflicht und steigert sich im
gleichen Maße wie die Vergesellschaftung enger, und die Verpflichtungen weniger
heilig werden“ (Contrat social II, Kap. 3). Er will damit sagen, daß der
Eigennutz in der Familie oder der Korporation stärker als im Vaterlandsverbande ist,

’) „Es gibt eine natürliche Gesellschaft, die jeder Übereinkunft zwischen den
Menschen voransgegangen ist . . . Diese selbstverständlichen Grundsätze der voll-
kommensten Gesellschaftsbildung drängen sich von selbst dem Menschen auf; ich
meine dabei nicht nur den gebildeten und wissensdurstigen Menschen, sondern auch
den einfachen wilden Menschen, so wie er aus den Händen der Natur kommt“
(Dupont I, S. 341, 24).

Ebenso scheinen einige Physiokraten nicht weit von dem Glauben entfernt ge-
wesen zu sein, daß diese natürliche Ordnung wirklich in der Vergangenheit bestanden
habe, und daß die Menschen sie durch ihre Schuld verloren haben. Dupont de Nemours
        <pb n="33" />
        ﻿8

Erstes Buch. Die Begründer.

jene, am Ende des 18. Jahrhunderts sehr starke, geistige Strömung,
die den „guten Wilden“ in den Himmel erhob, die die Literatur der
Zeit, z. B. in den Erzählungen Voltaiee’s, Diderot’s und Maemontbl’s
erfüllte, und die wir in der anarchistischen Literatur unserer Tage
wiederkehren sehen. Trotzdem aber ist sie zu verwerfen. 'Nichts
erinnert weniger an einen Wilden, als ein Physiokrat. Sie waren
alle sehr „veramtet“; Juristen, Intendanten (was heute bei uns einem
Regierungspräsidenten entsprechen würde, Anm. d. Übers.), Abbes,
königliche Leibärzte usw., ganz erfüllt von den Begriffen Zivilisation,
Ordnung, Autorität, Souveränität und besonders Eigentum, das kaum
mit dem primitiven Zustande des Wilden vereinbar ist. „Eigentum,
Sicherheit, Freiheit fassen die ganze soziale Ordnung zusammen“ 1).
Sie neigen daher durchaus nicht zu dem Glauben, daß die Menschen
irgend etwas verloren hätten, als sie vom wilden zum zivilisierten
Zustand übergingen, oder sogar, wie Rousseau behauptete, daß sie
im Naturzustände freier wären und durch Annahme des Gesellschafts-
vertrages (contrat social) ein Opfer gebracht hätten, noch daß sie,
im Falle der Vertrag, was meistenteils ein trat, leoninisch ausfiel, in
Gefahr gewesen wären, nicht den Gegenwert der aufgegebenen Vor-
teile wiederzufinden. Hirngespinnste!, antworten die Physiokraten.
- Wenn die Menschen vom Naturzustände zum Zustande der Zivilisation
übergehen, so geben sie nicht nur nichts auf, sondern gewinnen im
Gegenteil alles2). J

Bedeutet „natürliche Ordnung“ nun, daß die menschlichen Ge-
meinschaften von natürlichen Gesetzen regiert werden, von
Gesetzen, wie sie die physische Welt, oder besser, wie sie die tierischen

sagt wörtlich: „Wie aber haben die Völker diesen glückseligen Zustand, dessen sie
sich in einem so frühen und so glücklichen Altertume erfreuten, verlassen können?
Wie sind sie dazu gekommen, die natürliche Ordnung zu verkennen?“ (I, S. 25). —
Nichtsdestoweniger würde selbst in dieser Auffassung die frühere natürliche Ordnung
keine Beziehung zum Zustande des Wilden haben, sondern mehr das vorstellen, was
die Alten mit dem „goldenen Zeitalter“, die Christen mit dem „Garten Eden“ be-
zeichneten. In diesem Sinne würde die natürliche Ordnung das verlorene, nun
wiederzufindende, Paradies bedeuten.

Übrigens erscheint dieser Gesichtspunkt nur ausnahmsweise bei den Physio-
kraten; immerhin verdient er festgestellt zu werden, um zu zeigen, wie fremd die
moderne Entwicklungs- und Portschrittslehre den Physiokraten war.

') Mbhoibb de la RiviAbe II, S. 615.

„Das Naturreoht ist in der Ordnung der Natur unbestimmt (welche
Antithese!); „es wird es erst in der Ordnung des Rechtswesens durch die Arbeit“
(Qüesnay, S. 43).

2)	„Wenn sie einen Gesellschaftsvertrag eingehen und Übereinkommen zu ihrem
gegenseitigen Vorteile absohließen werden, so werden sie den Gebrauch ihrer freien
Naturrechte vermehren und ihrer Freiheit keinen Abbruch tun, denn es ist ja gerade
der Zustand, den ihr aufgeklärter Freiheitsbegriff in voller Unabhängigkeit erwählt
haben würde“ (Qdbsnay, S. 43, 44).
        <pb n="34" />
        ﻿Kapitel I. Die Physiokraten.

9

Gemeinwesen oder das innere Leben jedes Organismus beherrschen?
-In diesem Falle müßten die Physiokraten als Vorläufer der organi-
zistischen Soziologen angesehen werden. Man muß anerkennen, daß
diese Auslegung um so annehmbarer erscheint, als Dr. Quesnay durch
seine medizinischen Studien über die „tierische Ökonomie“ („L’economie
animale“ ist der Titel eines seiner Bücher) und über den Blutumlauf
sich wohl auf dem Wege dieser Richtung befunden haben mag; die
soziale Ökonomik, ebenso wie die tierische Ökonomie, hat ihm wie
eine Art Physiologie erscheinen können. Von „Physiologie“ bis
„Physiokratie“ ist es übrigens nicht weit. Sicherlich haben sie mit
großem Nachdruck die Abhängigkeit der Klassen untereinander, und
die Abhängigkeit aller von der Erde betont, und sicherlich heißt das,
aus der sozialen Wissenschaft eine Naturwissenschaft machenr).

Jedoch erscheint uns auch diese Auslegung ungenügend. Es ist
bemerkenswert, daß in der von uns angeführten Anmerkung Dupont
dort, wo er von den Gesetzen der Ameisen und Bienen spricht, an-
nimmt, daß diese Tiere „sich denselben auf Grund gemeinsamer
Zustimmung und zu ihrem eigenen Nutzen unterwerfen“. Er scheint
daher anzunehmen, daß auch die tierischen Gemeinwesen auf einer
Art „Gesellschaftsvertrag“ beruhen! Auf jeden Fall sind wir hier
weit von einer Auffassung der Gesetzmäßigkeit entfernt, wie .sie den
Naturalisten, den Physikern und Biologen geläufig ist. Die Physio-
kraten sind keineswegs Deterministen. Nicht nur glauben sie nicht,
daß die natürliche Ordnung sich wie das Gesetz der gegenseitigen
Anziehung von selbst durchsetzt, sondern sie glauben überhaupt

*) Dupont de Nemours sagt: „Die natürliche Ordnung ist die physische Ver-
fassung, die Gott selbst dem Weltganzen gegeben hat“ (Einführung in die Werke
Qüesnay’s, S. 21). Und an einer anderen Stelle schreibt er, indem er den gleichen
Gedanken entwickelt: „Vor 13 Jahren kam ein äußerst genial begabter Mann, geschult
iu wissenschaftlichem Denken und durch seine Erfolge in einer Kunst, die als erste
Bedingung die Beobachtung und Achtung der Natur verlangt, schon bekannt, zu
dem Schlüsse, daß die Natur ihre physischen Gesetze nicht auf die bisher unter-
suchten beschränkt, und daß, wenn sie den Ameisen, Bienen und Bibern die Fähig-
keit gibt, sich auf Grund gemeinsamer Zustimmung und zu ihrem eigenen Nutzen
einer guten, gleichmäßigen und gleichförmigen Eegierungsform zu unterwerfen, sie
dem Menschen nicht die Gabe verweigern wird, sich zu dem Genuß gleicher Vorteile
aufzuschwingen. Begeistert von der Bedeutung dieser Anschauung und von den
folgenschweren Aussichten, die sie eröffnet, widmete er die ganze Schärfe seines
Verstandes der Untersuchung der physischen Gesetze im Zusammenhang mit
der Gesellschaft“ (I, S. 338).

Grade diese naturalistische Auffassung stellt Henri Denis in seiner Histoire
desDoctrines als besonders charakteristisch für das physiokratisohe System hin
und illustriert sie durch eine Keihe von Diagrammen, die die Übereinstimmung
zwischen dem Güterumlauf im physiokratischen Systeme und dem Blutumlauf be-
weisen sollen.
        <pb n="35" />
        ﻿10

Erstes Buch. Die Begründer.

nicht, daß die natürliche Ordnung in den menschlichen Gemeinwesen
tatsächlich so verwirklicht sei, wie sie es im Bienenstöcke oder im
Ameisenhaufen ist: diese stellen geordnete Gemeinwesen vor, während
die menschlichen Gesellschaften in ihrem gegenwärtigen Zustande
ungeordnet sind, weil die Menschen, im Gegensatz zu den unfreien
Tieren, freie Wesen sind.

Was ist aber zuletzt die natürliche Ordnung? Sie ist die von
Gott für das Glück der Menschen gewollte Ordnung, die Ordnung
/ der Vorsehung1). Um sie zu erkennen, muß man sie zuerst
lernen, und nachdem man sie erkannt hat, muß man lernen, sie zu
befolgen.

Wie aber lernen? Wie sie erkennen? Das Zeichen, an dem
man die natürliche Ordnung erkennt, ist der „Augenschein“, die
„Evidenz“. Die Physiokraten gefallen sich geradezu darin, dieses
Wort in ihren Schriften beständig zu wiederholen2). Diese augen-
scheinlichen Tatsachen müssen aber doch immerhin erst bemerkt
werden, — auch das schärfste Licht braucht ein Auge, um gesehen
zu werden, — welches Organ kommt nun hier in Frage ? Der
Instinkt? Das Gewissen? Die Vernunft? Wird uns die Stimme
Gottes, wie durch eine übernatürliche Offenbarung, sagen, wo die
Wahrheit ist? Oder wird uns die Stimme der Natur den rechten
Weg weisen? Die Physiokraten haben sicli anscheinend nicht um
diese Frage gekümmert (obschon diese Stimmen sich doch widersprechen
können), denn sie geben uns unterschiedslos alle diese Antworten.
Mbbcibe de la Eivieee erinnert an die Worte St. Johanni über das
Licht „das da scheinet an einem dunklen Ort und um jeden in die
Welt geborenen Helligkeit verbreitet“, was ein von Gott im Herzen
jedes Menschen angezündetes Licht vermuten ließe, das ihm gestattet,
seinen Weg zu finden. Nach Düpont hat Qüesnay erkannt, daß:
„der Mensch nur Einkehr bei sich zu halten braucht, um hier das
köstliche Verständnis dieser Gesetze zu finden“, oder daß „ohne sie
zu kennen, die Menschen doch von einer unbewußten Kenntnis der
Physiokratie auf natürliche Weise geleitet werden“ 3). Nach vielen

' l) „Die Gesetze sind unabänderlich, sie gehören zum Urwesen der Menschen
und der Dinge, sie sind der Willensausdruck Gottes.“

„Alle unsere Interessen, all unser Wollen vereinen sich, . . . und bilden für
unser gemeinsames Glück eine Harmonie, die man als das Werk einer gütigen
Gottheit, die die Erde von glücklichen Menschen bewohnt sehen
will, anspreohen kann“ (Meboier db la Eiviiüeb I, S. 390; II, 8. 638).

2)	„Es gibt einen natürlichen Eichter letzter Instanz für alle Anordnungen,
selbst für die des Herrschers, und dieser Eichter ist die Tatsache (die Evidenz)
ihrer Übereinstimmung mit, oder ihrer Gegensätzlichkeit zu den natürlichen Gesetzen“
(Düpont I, 8. 746).

3)	Düpont, Introduction aux ceuvres de Qüesnay I, S. 19 und 26.
        <pb n="36" />
        ﻿Kapitel I. Die Physiokraten.

11

anderen Stellen aber scheint diese unmittelbare Erkenntnis nicht zu
genügen, um die natürliche Ordnung aufzudecken, was schon daraus
hervorgeht, daß Quesnay erklärt, die Gesetze der natürlichen Ordnung
müssen „gelehrt“ werden, daß dies sogar der Hauptzweck des Unter-
richts, und wie wir weiter unten sehen werden, eine der wesentlichen
Aufgaben des Staates, ist.

Zusammenfassend kann man sagen, daß die natürliche Ordnung
jene Ordnung ist, die „selbstverständlich“ als die beste allen, wenn
auch nicht gerade jedem Beliebigen, so doch jedem vernünftigen, ge-
bildeten, entwicklungsbereiten Wesen, wie es die Physiokraten waren,
erscheint. Diese natürliche Ordnung war durchaus nicht die, welche
die Beobachtung der Tatsachen ihnen enthüllt haben könnte, sondern
die, die sie selbst in sich trugen. Und daher kommt es auch, daß unter
anderen Gesetzen die Achtung vor dem Eigentum und der Autorität
ihnen als Basis der natürlichen Ordnung erschien.

Und gerade weil diese natürliche Ordnung auf diese Weise zu
einer übernatürlichen wurde, nämlich sich weit über die Zufällig-
keiten der Wirklichkeit erhob, erschien sie ihnen mit all der ehernen
Größe der geometrischen Ordnung und mit ihrer Doppeleigenschaft
der Allgemeingültigkeit und Unveränderlichkeit. Sie ist die gleiche
für alle Menschen und für alle Zeiten. Sie ist die „einzige, ewige,
unveränderliche und allgemeine Gesetzesvorschrift“; sie ist tatsächlich
göttlich und grundwesentlich.J) Man glaubt die Litanei des „Ave
Maria“ zu vernehmen! Man höre nur Tuegot ihre Allgemeingültigkeit
betonen: „Wer nicht vergessen kann, daß es voneinander getrennte
und verschieden regierte Staaten gibt, kann niemals eine Frage der
politischen Ökonomie richtig erfassen“2), und der gleiche Tuegot
schreibt in bezug auf ihre UnVeränderlichkeit: „Es handelt sich
nicht um das Wissen von dem, was ist, oder dem, was war, sondern
von dem, was sein soll. Die Rechte des Menschen gründen sich
nicht auf seine Geschichte, sondern auf seine Natur.“ —

Diese dogmatische und optimistische Auffassung sollte die ganze
klassische und besonders die französische Schule beherrschen, sogar
als die Vorsehung zugunsten der „Naturgesetze“ abgedankt hatte. ,
Heute ist sie stark in Mißkredit geraten, aber als sie sich am
Horizont erhob, blendete sie aller Augen. Daher auch all die preisenden
Epitheta, die uns heute überschwänglich und fast lächerlich3) er-
scheinen; aber gering zu achten ist es nicht, einer neuen Wissenschaft
Zweck, Ideal und Rahmen gewiesen zu haben.

b Baüdeatj, Bd. I. S. 820.

2)	Brief an Mh® Lespinassb (1770).

3)	Vgl. weiter unten in betreff des „Tableau economiqne“.
        <pb n="37" />
        ﻿12

Erstes Buch. Die Begründer.

Am bedeutsamsten ist jedoch die Auffassung von der natürlichen
Ordnung in ihren praktischen Folgeerscheinungen hervorgetreten.
Das ganze Gebäude der Verordnungen — das „ancien regime“ als J
ökonomische Gesellschaftsordnung —, ist durch sie zusammengebrochen. I
Und das auf folgende Weise:

Es genügt nicht, diese natürliche Ordnung zu kennen: man muß
sich auch danach richten. Wie soll das geschehen? Nichts einfacher,
da ja diese natürliche Ordnung „tatsächlich die dem menschlichen
Geschlechte vorteilhafteste ist“1). Nun aber wird jeder Einzelmensch
„ganz natürlich“ dem Weg zu folgen wissen, der für ihn der 1
vorteilhafteste ist. Er wird ihn in aller Freiheit2 3) finden, ohne daß
irgendein Zwang, irgendein Polizeisäbel nötig ist, der ihn vorwärts
treibt.

Die psychologische Wage, die jeder Mensch in sich trägt — und
die man viel später das hedonistische Prinzip nannte — das die
Grundlage der neo-klassischen Schule ist, wird schon von Quesnay
prachtvoll ausgeführt8). ‘„Den größtmöglichen Genußzuwachs bei
größtmöglicher Ausgabeverminderung erreichen, stellt Vollkommenheit
des Wirtschaftens vor.“ Das ist also auch die natürliche Ordnung.

o i

Und wenn ihr jeder folgt, so wird diese Ordnung, anstatt gestört zu I
werden, nur dadurch gestärkt. „Es beruht auf dem Wesensgrundsatz
der Ordnung, daß der Vorteil eines einzelnen niemals vom Vorteil
aller getrennt werden kann, und dies tritt unter der Herrschaft der
Freiheit ein. Die Welt läuft dann von selbst. Das Trachten
nach Wohlleben übt auf die Gesellschaft einen Bewegungsantrieb
aus, der zu einem beständigen Streben nach dem bestmöglichen Zu-
stande wird.4).“ Das heißt alles in allem: es gibt nur eins; die
Dinge gehen lassen (laisser faire)5 * *).

1)	Baudeau, Ephemerides du Citoyen et passim.

2)	„Die Gesetze (der natürlichen Ordnung) hindern in nichts die Freiheit des
Menschen . . . denn die Vorteile dieser höchsten Gesetze sind ganz offenbar das Ziel
der besten Wahl, die die Freiheit treffen kann.“ (Quesnay, Natürliches Recht,
— droit naturel — S. 55.) Und Mercier de la Riviere sagt (Bd. II, S. 617): „die
Aufrechterhaltung des Eigentums und der Freiheit läßt ohne Zuhilfenahme irgend-
eines anderen Gesetzes die vollkommenste Ordnung herrschen.“

3)	Dialogues sur les artisans (Gespräche über die Handwerker).

*■) Mercier de la Riviere, Bd. II, 8. 617.

6) Der Ursprung dieses berühmten Ausspruches ist sehr unsicher. Mehrere
Physiokraten, besonders Mirabeau und Mercier de la Riviere sprechen ihn Vincent

de Gournay (s. weiter unten) zu, aber Turgot, der doch ein Freund Vincent

de Gournay’s war, und eine- Lobrede auf ihn verfaßt hat, schreibt ihn (in etwas

anderer Form — laßt uns nur machen — laissez-nous faire —) einem Kaufmann der
Zeit Colbert’s, Legendre, zu. Nach Ohcken stammt das Wort vom Marquis d’Argenson,
der es in seinen Memoiren schon 1736 gebraucht. Da das Wort an sich recht banal
ist und nur deshalb einigen Wert hat, weil es die Devise einer großen Schule ge-
        <pb n="38" />
        ﻿Kapitel I. Die Physiokraten.	13

Diese berühmten Worte sind seit 150 Jahren so oft wiederholt
oder kritisiert worden, daß sie banal erscheinen; damals aber waren
sie es sicherlich nicht. Es ist leicht, heute diese Sozialpolitik als zu
einfach und kindlich zu verspotten und nachzuweisen, daß weder
dieses Übereinstimmen der Einzelinteressen unter sich und mit der
Allgemeinheit noch namentlich diese allgemeine Kenntnis des eigenen
Vorteils durch die Tatsachen bestätigt wird. Ganz gleichgültig; es
war vielleicht notwendig, daß dieser Optimismus an der Wiege der
neuen Wissenschaft stand. Man kann eine Wissenschaft nicht auf-
bauen, wenn man nicht an eine gewisse vorbestimmte Ordnung
glaubt.

Dies „gehen lassen“ bedeutet übrigens nicht, daß nichts zu
tun wäre; es war weder eine Lehre der Untätigkeit noch des
Fatalismus. Im Gegenteil, das Einzelwesen hat alles zu tun, da es
sich ja gerade darum handelt, jedem das Feld frei zu lassen, —
„fair play“, wie man heute sagt —, ohne zu befürchten, daß die Einzel-
interessen miteinander Zusammenstößen oder dem Allgemeininteresse
schaden. Die Eegierung wird allerdings weniger zu tun haben; doch
wird die Aufgabe, die ihr die Physiokraten übertragen, immerhin
keine Sinekure sein, da sie, wie wir sehen werden, die künstlich ge-
schaffenen Hemmungen zu beseitigen, das Eigentum, die Freiheit zu
schützen, die, die hiergegen verstoßen, zu bestrafen und vor allem
die Gesetze der natürlichen Ordnung zu lehren hat.

§2. Der Reinertrag.

Die natürliche Ordnung der Physiokraten umfaßt alle sozialen
Tatsachen; wenn sie sich auf dieses Allgemeine beschränkt hätten,
würden sie eher den Titel der Begründer der Soziologie, als den der
Begründer der Ökonomik verdient haben. Aber in dieser natürlichen
Ordnung gab es ein rein wirtschaftliches Phänomen, das ihre Auf-
merksamkeit ganz in Anspruch nahm und sie so sehr hypnotisierte,
daß es sie in eine falsche Richtung drängte: dies war die Rolle des
Bodens in der Gütererzeugung. Hier finden wir die falscheste, aber
auch die bezeichnendste, Auffassung der physiokratischen Lehre.

'Jede Handlung zum Zweck der Gütererzeugung bedingt not-
wendigerweise gewisse Ausgaben, gewisse Kosten. Mit anderen
Worten: einen gewissen Güterverbrauch, der selbstverständlich von
den im Laufe der Gütererzeugung geschaffenen Gütern abzuziehen

worden ist, haben diese Forschungen wenig Interesse. Siehe auch über die Frage
dieses kleinen Problems das Buch Schellb’s, Vincent de Gournay (1897) und
besonders Onckbn, Die Maxime Laisser-faire et laissez-passer (Bern, 1886).
        <pb n="39" />
        ﻿14

Erstes Buch. Die Begründer.

ist. Und selbstverständlich stellt nur der Unterschied, der Überschuß
dieser über jene, den wirklichen Güterzuwachs vor. Dies nannten
sie, und alle nach ihnen, den „Reinertrag“ (Le produit net).

' Jedoch glaubten die Physiokraten, daß dieser Reinertrag nur in
einer einzigen Kategorie der Gütererzeugung, in der Landwirtschaft,
existiere. Nur dort, sagten sie, übersteigen die erzeugten Güter die
verbrauchten: der Landarbeiter erzeugt, abgesehen von Unglücks-
fällen, mehr Getreide als er verbraucht, einschließlich nicht nur des
zur Aussaat gebrauchten Saatgutes, sondern auch des von ihm als
Nahrung während des Jahres verbrauchten Getreides. Und weil die
landwirtschaftliche Gütererzeugung diese einzige und wunderbare
Fähigkeit des Reinertrages hat, konnte die Spartätigkeit einsetzen,
und die Zivilisation entstehen1).

In allen übrigen Zweigen der Gütererzeugung ist es anders;
weder im Handel noch im Transport erzeugt die Arbeit des Menschen
irgend etwas, da ja die schon erzeugten Güter nur ausgetauscht
werden oder Ortsverändernngen unterliegen. Auch die Tätigkeit des
Handwerkers beschränkt sich auf die Veränderung, Mischung oder
Zusammenfügung der Rohstoffe'2). Man wird einweffen, daß er den
Wert vermehrt? Wohl richtig, aber nur im Maßstabe der Werte, die
er selbst verbraucht, denn der Preis der Handarbeit stellt nichts
weiter dar, als den Preis der zum Unterhalt des Handwerkers nötigen
Verbrauchsgüter. In Frage kommt nur eine Addition von verschie-
denen aufeinanderfolgenden Werten, ebenso wie es sich nur um
ein Zusammenfügen verschiedener Rohstoffe handelt. „Und“, sagt
La Rxvieee, „Addieren ist nicht Multiplizieren“ 3).

Q „Das Glück der ganzen Menschheit ist eng mit dem größtmöglichen Rein-
ertrag verbunden“ (Dupont de N., Origine d’une Science nouvelle — Ur-
sprung einer neuen Wissenschaft, S. 346).

2)	„Die Arbeit, die sich nicht mit dem Boden beschäftigt, ist vollständig un-
produktiv, denn der Mensch ist nicht Schöpfer“ (Lb Teosne, S. 942).

„Die natürliche Tatsache, daß die Erde die Quelle aller Güter ist, ist an sich schon
so selbstverständlich, daß niemand sie bezweifeln kann“ (Derselbe, Interet social).

„Die Erzeugnisse des Bodens zerfallen in zwei Teile,......das was übrig

bleibt, ist jener unabhängige und verwendungsbereite Teil, den die Erde als reines
Geschenk über die Vorschüsse und über den Arbeitslohn hinaus dem gibt, der sie
bearbeitet“. (Tukgot, Reflexions sur la formation, usw).

„Die von den Handwerkern den Rohstoffen gegebenen Formen sind gut und
schön, aber vor ihrer Arbeit müssen andere schon Güter erzeugt haben; erstens
alle Rohstoffe, zweitens alle Nahrungsmittel. Nach ihrer Arbeit müssen andere das
erzeugen, womit sie entschädigt oder bezahlt werden. Im Gegensatz hierzu erzeugen
die Landwirte als erste und einzige, alles, was sie verwenden, alles, was sie und
Andere verbrauchen. Hierin liegt der Unterschied zwischen produktiv und
unproduktiv.“ (Baudbaü, Briefwechsel mit Gkaslin.)

3)	Ein Weher kauft für 150 Fr. Nahrungsmittel und Kleidung und für 50 Fr.
Flachs, den er als Leinewand für 200 Fr. verkauft, welche Summe dem Aufwand
        <pb n="40" />
        ﻿Kapitel I. Die Physiokraten.

Infolgedessen nennen sie die Fabrikanten eine unproduktive
— sterile — Klasse. Mit dieser Bezeichnung haben sie aber durch-
aus keine Mißachtung der Fabrikanten oder Kaufleute ausdrücken
wollen. „Weit entfernt, unnütz zu sein, sind diese Beschäftigungen
der Eeiz und die Stütze des Lebens, die Erhaltung und das Glück
des Menschengeschlechtes“ 1). —

Sie sind nur unproduktiv in dem Sinne, daß sie keine neuen
„Eeichtümer“ erzeugen.

Hält man ihnen entgegen, daß die Fabrikanten und Kaufleute
viel und sogar viel mehr als die Landwirte verdienen, so erwidern
die Physiokraten: Das hat nichts zu sagen! Diesen Gewinn „er-
zeugen“ die Arbeiter nicht, sie „gewinnen“ 2) ihn; es handelt sich
dabei lediglich um Eeichtümer, die von anderen auf sie übertragen
werden. Von wem nun? Ausgerechnet von den Landwirten! Sie
liefern ihnen nicht nur alle Eohstotfe für ihre Erzeugnisse, sondern
auch selbstverständlich alles, was sie in irgendeiner Form verbrauchen.
Die Arbeiter sind die Bedienten oder, wie Tuegot sie nennt, die
Stipendienempfänger der landwirtschaftlichen Klasse3). Die Land-
wirte können zur Not sich selbst genügen und so den ganzen Eein-
ertrag für sich behalten. Da sie aber ihren Vorteil dabei finden,

gleich ist.“ (Merciek de la KivShe II, S. 698). „Die Industrie überdeckt, Schicht
um Schicht, einen Wert mit weiteren Werten, aber sie schafft keinen, der nicht
schon vorher bestanden hätte“ (Derselbe).

1)	Baddeau, Ephem., 1770, IX. Man kann sogar finden, daß die Kaufleute
etwas weit gehen, wenn sie sagen: „Warum achtet man nicht, gleiche Verhältnisse
vorausgesetzt, den, der verkauft, ebenso wie den, der gibt? Der Bedarf gibt
dem Handel, wie der Wohltätigkeit ihre Bedeutung“ (Du marchand de grains,
— über den Getreidehändler, — Journal de l’Agriculture, du Commerce et des
Tinanoes, Dezember, 1773, von Curmond, 1900 in einer Dissertation über den Getreide-
kandel angeführt). Man muß betonen, daß, „unproduktiv“ oder „steril“ in der
Sprache der Physiokraten keineswegs „unnütz“ bedeutet. Sie waren genügend
intelligent, um zu verstehen, daß die Arbeit des Webers, der aus dem Flachs, Leine-
wand, aus der Wolle, Tuch macht, ebenso nützlich wie die des Landwirts ist, der
diesen Plachs und diese Wolle produziert, oder vielmehr, daß seine Arbeit ohne die
Arbeit jenes ganz unnütz wäre. Und sie wußten ebenso gut, daß, wenn man sagen
kann die Arbeit des Landwirtes sei nützlicher, als die Arbeit des Webers oder
des Maurers, wenn der Boden zur Erzeugung von Brot benutzt wird, man das doch
Eicht mit gleichem Nachdruck behaupten kann, wenn er dazu benutzt wird, Rosen
oder Maulbeerblätter für die Seidenfabrikation zu erzeugen.

2)	Le Trosne, S. 946.

3)	Eine unter der Feder Turgot’s um so bemerkenswertere Bezeichnung, da er,
wie wir weiter unten sehen werden, weniger ausschließlich für die Landwirtschaft
eingenommen und der Industrie günstiger gesinnt war, als die Physiokraten.

„Es erschien notwendig, einfach und natürlich, die zahlenden Menschen, die
ihre Güter unmittelbar der Natur verdanken, von den bezahlten Menschen zu unter-
scheiden, die Güter nur als Entlohnung für nützliche oder angenehme Dienste, die
Sle den ersteren leisten, erhalten können“ (Dupont I, S. 142).
        <pb n="41" />
        ﻿16

Erstes Buch. Die Begründer.

lassen sie sich von dem Handwerker ihre Kleider machen, ihre Häuser
bauen, ihre Werkzeuge herstellen und entlohnen ihn natürlich dafür
mit einem mehr oder weniger großen Teil des Reinertragesx). Es
ist allerdings leicht möglich, daß die Handwerker, wie es viele Be-
diente vornehmer Häuser tun, große Profite auf Kosten ihrer Herr-
schaft einstecken.

„Sterile“, unproduktive Klassen sind also in der physiokratischen
Terminologie einfach solche, ’ die ihren Unterhalt aus zweiter Hand
empfangen. So sehr sie jedoch versucht haben, dieses unglückliche
Wort zu erklären, es erschien doch so ungerecht gegenüber einer
ganzen Arbeitsgattung, die vielleicht mehr als jede andere die Völker
bereichert hat, daß das physiokratische System dadurch unheilbar
diskreditiert wurde.

Es ist eine umstrittene Frage, ob die Physiokraten die Erzeugung
eines Reinertrages nur der Landwirtschaft zusprachen oder das gleiche
von den Förderindustrien, den Bergwerken und dem Fischfang gelten
ließen. Man behauptet gewöhnlich, daß dies für die Bergwerke zu-
treffe, wenn auch infolge der wenigen und sich widersprechenden
Stellen ihrer Schriften kein vollgültiger Beweis geführt werden kann.
Man kann hierüber im Zweifel sein, denn w^enn einerseits die Berg-
werke unbestritten dem Menschen neue Güter zubringen, Rohstoffe,
genau wie der Boden und das Meer, so sind doch andererseits Boden
und Meer sich beständig erneuernde Quellen des Lebens, wms für die
Bergwerke keineswegs zutrifft. Wie Tuegot sehr richtig sagt: „Ein
Feld erzeugt Frucht Jahr für Jahr . .. Für eine Erzgrube gilt nicht
dasselbe; sie erzeugt keine Früchte, sondern ist selbst die zu
pflückende Frucht“. — Daraus schließt er, daß Bergunterneh-
mungeu ebensowenig einen Reinertrag liefern, wie die Fabriken.
„Wenn jemand aus der Grube einen Reinertrag zieht, so ist das der
Eigentümer des Grund und Bodens“, aber, fügt er hinzu, dieser Rein-
ertrag ist unbedeutend -).

*) „Ich brauche Leute, die mir den Dienst einer Stoffbereituug für meine
Kleidung leisten, wie ich jemanden brauche, der mir Eatschläge über meine Gesund-
heit und meine Geschäfte gibt oder einen Diener, der mir dient“ (Le Trosnb, S. 949).

2) Vgl. hierüber eine interessante These von Pebyinquiükb, Contribution ä
l’etude de la productivite dans la physiocratie (Beiträge zum Studium
der Produktivität in der Physiokratie).

Die Gleichgültigkeit der Physiokraten in der Frage der Bergwerke zeigt eine
gewisse Lücke des wissenschaftlichen Geistes, denn diese Frage hätte, auch von ihrem
Gesichtspunkte aus, eine ganz besondere Bedeutung haben sollen. Die Eohstoffe galten
ihnen, ebenso wie die Nahrungsmittel, als Grundform des Keichtums. Die Rohstoffe
werden aber ebenso sehr, und mehr noch als vom Boden, von Bergwerken geliefert,
was schon zu ihrer Zeit der Fall war. In der Geschichte der Menschheit hat das
Eisen keine geringere Rolle, als das Korn gespielt. Vielleicht hätten sie bemerkt,
        <pb n="42" />
        ﻿Kapitel I. Die Physiokraten.

17

Dieser Grundunterschied, den die Physiokraten zwischen der
landwirtschaftlichen und der industriellen Erzeugung aufstellten,
stammt aus der Theologie. Die Erzeugnisse des Bodens sind das
Werk Gottes, und allein Gott ist Schöpfer, während die Erzeugnisse
der Kunstfertigkeiten Menschenwerk sind und dem Menschen keine
Schöpferkraft innewohnt1). Es ist leicht, ihnen zu antworten, daß
Gott, wenn er allein Schöpfer ist, ebenso Schöpfer bleibt, wenn er
nns unsere Kleidung, als wenn er uns unser tägliches Brot gibt, daß
der Mensch, wenn er nur umformen, nicht erschaffen kann, diese
Tätigkeit ebenso in der Bearbeitung des Bodens, wie in der des
Eisens oder des Holzes ausübt. Selbstverständlich kann die Land-
wirtschaft, ebenso wie alle anderen Industrien die Materie nur um-
formen. Ein zweites kann es nicht geben. Die Physiokraten haben
nicht fassen können — vielleicht wreil Lavoisiee es noch nicht ge-
lehrt hatte — daß in der Natur nichts sich erzeugt und nichts ver-
loren geht, daß das in die Erde gesäte Getreidekorn seine Ähren
ebenso aus Stoffen des Bodens und der Luft, Gramm für Gramm, zu-
sammensetzt, wie der Bäcker aus demselben Korn, Wasser, Salz und
Hefe Brot macht.

So blind jedoch waren die Physiokraten nicht, zu übersehen, daß
die Naturgüter und das Getreide selbst, genau wie die Industrie-
erzeugnisse Preisschwankungen auf dem Markte unterworfen sind,
nnd daß sich der Reinertrag, bei einem zu großen Tiefstand des
Preises in Nichts auflöst. Wie erzeugt in diesem Falle die Erde
noch einen Wert? Und was macht den Wertunterschied zwischen
landwirtschaftlichen und industriellen Erzeugnissen aus? Man ver-
steht dies nicht mehr.

Wahrscheinlich war in der Vorstellung der Physiokraten der \
„gute Preis“, d. h. der Preis, der einen Mehrwert über die Produk-
tionskosten einschloß, das normale Ergebnis der natürlichen Ordnung.
Wenn der Preis unter das Niveau der Produktionskosten sank, war
die natürliche Ordnung zerstört, und es war nicht erstaunlich, daß
in diesem Falle der natürliche Wert verschwand. Dies soll ohne

daß auch die Landwirtschaft nur eine Förderindustrie und der Landwirt eine Art
Bergarbeiter ist der, um die Rohstoffe des Bodens zu gewinnen, sich der Pflanze als
Zwischenglied bedient, so daß die Erde sich ebenso wie eine Grube er-
schöpfen muß.	,	.	...	, , ..

*) „Die Arbeit, ausgenommen die Bearbeitung des Bodens, ist überall unproduktiv
(steril), denn der Mensch ist nicht Schöpfer“ (Le Trosse, S. 942).

„Der Boden besitzt diese Fähigkeit (die Fruchtbarkeit) kraft der Allmacht des
Schöpfers und des Segens, den er am Anbeginn über ihn aussprach; eine uneischöpf-
liche Quelle der Fruchtbarkeit der Natur, Der Mensch findet diese Fähigkeit vor;
er tut weiter nichts, als sich ihrer zu bedienen“ (id. Interet social, Kap. I, § 2).

Gide und Rist, Gosch, d. Volkswirtschaft!. Lehrmeinungen.

7
        <pb n="43" />
        ﻿18

Erstes Buch. Die Begründer.

Zweifel in dem ziemlich rätselhaften Satze Quesnay’s ausgesprochen
werden, wo er sagt: „Fülle und Billigkeit ist nicht Reichtum. Knapp-
heit und hohe Preise ist Armut. Fülle und hohe Preise ist
Wohlleben“ *).

Wenn aber der „gute Preis“ nur der Wertüberschuß des Erzeug-
nisses über die Produktionskosten ist, so wird dieser Mehrwert nicht
öfter und nicht seltner in der landwirtschaftlichen als in der in-
dustriellen Produktion in Erscheinung treten. Er wird sich in der
einen nicht mehr als in der anderen überall dort bemerkbar machen,
wo beide dem Gesetz der Konkurrenz unterworfen sind; im Gegen-
teil wird er überall dort, wo Seltenheit besteht, in der einen wie der
anderen auftreten. Es bleibt daher nur die Frage, ob Monopolwerte
in der landwirtschaftlichen Produktion öfter als in der industriellen
Produktion Vorkommen. Ganz allgemein kann man diese Frage be-
jahen, da die Menge des Bodens der Natur der Sache nach begrenzt
ist, und infolgedessen bleibt ein gewisser Teil Wahrheit in der physio-
kratischen Theorie bestehen, — obgleich die Aufstellung von Schutz-
zöllen in jedem Lande und die landwirtschaftlichen Krisen bezeich-
j nend genug für den starken Einfluß der Konkurrenz auf den Boden
V sind. Jedenfalls ist dies aber nur eine Frage der Praxis.

Der Reinertrag im physiokratischen Sinne ist also nur eine
Illusion; er kann weder in der Schöpfung eines Stoffes, noch in der
eines Wertes gesucht werden. Diese Illusion läßt sich aber aus
dem' geschichtlichen Milieu, in dem die Physiokraten lebten, erklären.
Was sahen sie damals? - Eine ganze Klasse von Menschen, der Adel
und die Geistlichkeit, lebten von den Pachterträgnissen ihrer
Ländereien; wie aber hätten sie leben können, wenn die Erde nicht
die Kraft gehabt hätte, außer den von den Bauern verbrauchten
Erzeugnissen noch den nötigen Überschuß hervorzubringen, um den
Besitzern die Möglichkeit einer vornehmen Lebensführung zu ge-
währen? Es wirkt ganz eigentümlich, wenn man bedenkt, daß sie
wohl in den Handwerkern Stipendienempfänger im Dienste der Land-
wirte sahen, aber nicht auf den Gedanken kamen, daß die müßigen
Landbesitzer ebensogut als Stipendienempfänger der Pächter ange-
sprochen werden könnten. Wenn es zu ihrer Zeit eine zahlreiche
Klasse von Aktionären gegeben hätte, denen ihre Renten gestatteten,
ein ebenso „vornehmes“ Leben zu führen, würden die Physiokraten
wahrscheinlich auf das Bestehen eines industriellen Reinertrages ge-
schlossen haben.

Der Gedanke, daß die Natur oder Gott mittels der Erde Werte
schafft, war übrigens ziemlich eingewurzelt, da ja A. Smith, wie wir

*) Qübsnay, S. 325.
        <pb n="44" />
        ﻿Kapitel I. Die Physiokraten.

19

sehen werden, ihn noch bis zu einem gewissen Grade gelten läßt.
Erst bei	erscheint das Einkommen aus Grundbesitz, in voll-

ständiger Umkehrung der Rollen, nicht mehr als ein Segen der Natur
und des Bodens, als alma parens, mit der Bestimmung, zugleich
mit dem Wachstum der natürlichen Ordnung größer zu werden,
sondern als eine Folge der Beschränktheit und wachsenden Un-
fruchtbarkeit des Bodens; nicht mehr als ein Gratisgeschenk Gottes
an die Menschen, sondern als eine von dem Grundbesitzer dem Ver-
braucher auferlegte Steuer. Es nennt sich dann auch nicht mehr
Reinertrag, sondern Rente.

Was die Bezeichnung „unproduktiv“ anlangt, die aller Arbeit
außer der landwirtschaftlichen gegeben wurde, so werden wir sehen,
wie sie sich verwischte, und wie die Bezeichnung produktiv nach und
nach jeder Arbeitsgattung, erst der Industrie, dann dem Handel, zu-
letzt den freien Berufen zugesprochen wurde. Um nur bei der
Industriearbeit zu bleiben, so genügt die Bemerkung, daß auch, wenn sie
weiter nichts, als den Gegenwert des verbrauchten Wertes produzierte,
dies allein schon die Bezeichnung „unproduktiv“ verbieten würde;
sonst würde, wie A. Smith witzig bemerkt, jede Ehe unproduktiv —
steril — sein, die nicht mehr als zwei Kinder erzeugt. Die Behauptung,
daß addieren nicht multiplizieren sei, ist Unsinn, denn wir haben
schon nachgewiesen, daß auch die Landwirtschaft nur zusammen-
zählen kann. Übrigens lehrt schon die Arithmetik, daß Multiplizieren
nur eine abgekürzte Form der Addition ist.

Es ist eine merkwürdige Tatsache, daß unter allen Einkommens-
arten gerade die für die berechtigtste und höchststehende gehalten
wurde, die nicht das Ergebnis der Arbeit war, und die
späterhin unter dem Namen Bodenrente am schwierigsten zu recht-
fertigen sein sollte.

Muß man nun folgern, daß die physiokratische Agrartheorie des
Reinertrages vollständig unproduktiv — steril — gewesen sei ? Nein.

Vom geschichtlichen Standpunkt aus hat sie zunächst das glück-
liche Ergebnis gehabt, den damals herrschenden volkswirtschaftlichen
Lehren entgegenzuwirken, dem Merkantilismus, der behauptet, neuer
Reichtum könne nur durch den Handel, und ein Reinertrag nur durch
die Ausbeutung fremder Völker oder der Kolonien entstehen.

Die Physiokraten haben über die Merkantilisten und die Colbertisten
hinweg Stillt die Hand gereicht, der die Quelle des Nationalreichtums
„in den beiden Brüsten Getreidebau und Viehzucht“, sah. Es ist tat-
sächlich bemerkenswert, daß, trotz ihres Irrtums die Landwirtschaft
seitdem den Rang, den die Physiokraten ihr gegeben haben, nicht
wieder verloren hat; diese starke Betonung der Landwirtschaft, eine
recht unerwartete Folgeerscheinung, ist ein Hauptfaktor in dem

2*
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        ﻿.

'■ -r;	.

;

20

Erstes Buch. Die Begründer.

Wieder erwachen der Schutzzollidee gewesen, so daß die freihänd-
lerischen Physiokraten von dem Erfolg ihrer eigenen Lehre verraten
wurden .... Es ist jedoch keineswegs sicher, daß sie nicht heute
für einen landwirtschaftlichen Schutzzoll eintreten würden! Dies ist
auch die Meinung des Nationalökonomen Oncken, der sie am ein-
gehendsten studiert hat1). —

Und wenn auch der Unterschied, den die Physiokraten zwischen
Landwirtschaft und Industrie zu sehen meinten, größtenteils nur in
ihrer Einbildung vorhanden ist, so bleibt es doch wahr, daß die Land-
wirtschaft durch ihre zweckvolle Auslösung der pflanzlichen und
tierischen Kräfte des Lebens einzigartig dasteht. Und diese ge-
heimnisvolle Lebenskraft — vielleicht dieselbe, die die Physiokraten
unter dem Namen Natur undeutlich zu erkennen glaubten — besitzt,
selbst wenn man sie rein physisch-chemischen Kräften gleichsetzen
will, besondere Eigenschaften, die die landwirtschaftliche Produktion
von der industriellen unterscheiden; in mancher Hinsicht ist sie ihr
unterlegen, weil ihr Ergebnis von Zeit und Raum abhängig ist, in
anderer wieder ist sie ihr überlegen, weil sie allein jene, nur ihr
innewohnende Eigenschaft besitzt: nämlich die zur Nahrung des
Menschen nötigen Dinge hervorzubringen. Sie stellt daher gewaltige
Probleme auf, die schon Malthus ankündigen.

§ 3. Der Umlauf der Güte r.

Die Physiokraten waren die ersten, die die Verteilung der Ein-
künfte in eine synthetische Theorie faßten. Sie haben zeigen wollen,
— was sicherlich eine geniale Idee war — daß die Güter von selbst
aus einer Klasse der Gesellschaft in die andere zirkulieren, daß sie
kommen und gehen, indem sie stets den gleichen Kanälen folgen,
deren Windungen die Physiokraten mit Erfolg nachgegangen sind.
„Dieser Umlauf ist es“, sagt Tuegot, „dessen Beständigkeit das Leben
des politischen Körpers ausmacht, gerade wie das Leben des tierischen
Körpers vom Blutumlauf abhängt.“ — x

Ein Gelehrter, wie Dr. Quesnay, der ein Buch über die tierische
Ökonomie geschrieben hatte 2) und die damals noch ganz neue Ent-
deckung Haevey’s kannte, war gerade der richtige Mann, um diese
biologische Idee auf die Soziologie anzuwenden. Er übertrug sie in
sein Tableau economique, das nichts anderes als eine Veranschau-

b Geschichte der National-Ökonomie, I. Teil: Die Zeit vor Adam
Smith. Das Buch ist, wie das Müline’s: Die Rückkehr zum Boden (Le retour ä
la Terre), obgleich schutzzöllnerisch, ganz mit dem Geiste der Physiokraten getränkt.

2) Essai phyaique snr l’Economie animale, 1747.
        <pb n="46" />
        ﻿Kapitel I. Die Physiokraten.

21

Hebung der Art und Weise ist, wie sich der Umlauf der Einkommen
vollzieht, und dessen Erscheinen bei seinen Zeitgenossen eine un-
glaubliche Bewunderung auslöste, die uns heute zum lächeln bringt1).
Jedoch Professor Hectoe Denis erklärt, daß er nicht weit davon
entfernt sei, die Bewunderung Mirabeau’s zu teilen2).

Obgleich man seitdem erkannt hat, daß dieser Umlauf weit ver-
wickelter ist, als ihn die Physiokraten sich vorstellten, ist es doch
der Mühe wert, diese primitive Zeichnung hier zu beschreiben3).

b „Seit dem Anfang der Welt“, schreibt der Marquis Mirabbau, „sind drei Ent-
deckungen gemacht worden, die den politischen Gesellschaften ihre Hauptstärke ge-
geben haben. -Die erste ist die Erfindung der Schreibkunst, die zweite die Erfindung
des Geldes' Die dritte, das Resultat der beiden anderen, das sie aber erst ergänzt,
indem es das Objekt der beiden anderen zur Vollkommenheit bringt, ist das „Tableau
economique“, — die graphische Darstellung der volkswirtschaftlichen Verhältnisse,
die unter allen anderen hervorragende Erfindung, die den Ruhm unseres Jahrhunderts
bildet, und deren Früchte die Nachwelt pflücken wird.“ Der Abbe Baudeau sagt
nicht weniger lyrisch; „Ich habe mir gestattet, diese Figuren mit dem Einverständnis
des großen Meisters gesondert anzuführen, dessen schöpferischer Genius die wunder-
bare Idee dieses Sohaubildes erfand, das allen Augen das Ergebnis der höchsten
Wissenschaft vorführt und das diese Wissenschaft in ganz Europa zum ewigen Ruhm
seiner Erfindung und zum Wohl des Menschengeschlechts dauernd lebendig baten
wird“ (S. 867).

Die erste Ausgabe dieses Tableaus, die nur in einigen wenigen Exemplaren
gedruckt worden war, ist verloren, aber ein Korrekturbogen ist in der Pariser
Nationalbibliothek von einem deutschen Nationalökonom, Professor Stephan Bauer
an der Universität Basel gefunden und ira Facsimile von einer ausländischen Gese
schaft, der British Economic Association, 1894, veröffentlicht worden.

2) „Die Entdeckung des Umlaufs der Güter in den wirtschaftlichen Gesell-
schaften nimmt in der Geschichte der Wissenschaft denselben Platz ein, wie die es
Hlutumlaufs in der Geschichte der Biologie.“	_	.

r 3) Das Schaubild Quesnay’s zeigt gegenübergestellte Säulen, und ist mit Zick-
zacklinien, die sich von einer Säule zur anderen kreuzen, bedeckt. Wenn Quesnay
bfQte lebte, würde er sicherlich von dem System der graphischen Darstellung, die
J)®1 klarer ist, Gebrauch gemacht haben. Es nimmt Wunder, daß niemand auf den
Gedanken gekommen ist, ihm diesen posthumen Dienst zu erweisen. Hectoe Denis
bat das „Tableau“ in anatomische Schaubilder übertragen, die er der Darstellung
er Venen und Arterien im menschlichen Körper gegenüberstellt.	_

Die Tatsache, daß Quesnay zur Erklärung seines Schaubildes arithmetische Be-
rechnungen angewendet hat, gibt ihm den Anspruch darauf, bis zu einem gewissen Grade,
^ls Vorläufer der mathematischen volkswirtschaftlichen Schule angesehen zu werden,
lim ^ man dnoh nicht unterlassen. Vgl. im Journal of Quarterly Economics,
0? einen Aufsatz von Prof. Stephan Bauer und im Economic Journa , uni
18»6, einen Aufsatz von Oncken: „Die Physiokraten als Begründer der mathematischen
schule.« Übrigens ist Le Trosne noch viel kategorischer: „Da die ökonomische
Wissenschaft sich mit meßbaren Dingen befaßt, kann sie eine exakte, der Berechnung
^Sangliche Wissenschaft genannt werden. Sie brauchte eine besondere Formel, die
hren Zwecken angepaßt war und die als Stütze der Vernunftschlüsse diente. Diese
0r.mel ist jm |iTableaa economique“ gegeben“ (De 1’ordre social - Uber die
Zla e Ordnung —, eine Abhandlung, VIII, S.

218).
        <pb n="47" />
        ﻿22

Erstes Buch. Die Begründer.

' Qüesnay unterschied drei große soziale Klassen:

1.	die produktive Klasse, in die nur die Landwirte (und viel-
leicht die Fischer und Bergleute) gehören;

2.	die besitzende Klasse, die nicht nur die Grundbesitzer um-
faßt, sondern auch alle, die auf Grund eines Eechtstitels Hoheits-
rechte ausüben: man sieht hier die Nachwirkung jener feudalen Idee,
nach der die Hoheitsrechte mit dem Eigentum verbunden sind;

3.	die sterile Klasse, die Industrie, Handel, Bedientenschaft
und freie Berufe umfaßt.

Wo ist nun die Quelle der Güter, deren Strom wir verfolgen
wollen? Selbstverständlich in der ersten Klasse, da sie ja die einzige
produktive ist. itngenommen (und Quesnay scheint dabei der da-
maligen Wirklichkeit ziemlich nahe gekommen zu sein), daß sie
für 5 Milliarden Franken Werte erzeugt. Davon behält sie zunächst
2 Milliarden, die für ihren Unterhalt an Naturprodukten, sowie für den
ihres Viehbestandes, für Aussaat und Dünger nötig sind; dieses Ein-
kommen kommt nicht in Umlauf; es verbleibt dort, wo es entsteht.

Den Best ihrer Erzeugnisse,- 3 Milliarden, verkauft die landwirt-
schaftliche Klasse. Da aber die landwirtschaftlichen Erzeugnisse
nicht alle ihre Unterhaltsbedürfnisse decken, und sie gewerbliche
Güter wie Kleider, Werkzeuge usw. braucht, so bezieht sie diese von
der Industrie, der sie dafür 1 Milliarde bezahlt.

Es bleiben ihr also nur noch 2 Milliarden Geld übrig, die sie
der besitzenden und beherrschenden Klasse als Pacht und Abgaben
aushändigt. Wir werden weiter unten sehen, wie die Physiokraten
diesen anscheinenden Parasitismus rechtfertigen.

Wenden wir uns zur besitzenden Klasse. Die 2 Milliarden, die
sie als Pacht erhält, werden von ihr selbstverständlich zum Leben und
zwar zum Gut-leben verwendet. Hierfür braucht sie einmal Lebens-
mittel, die sie der landwirtschaftlichen Klasse abkauft (soweit sie
dieselbe nicht in natura erhalten hat), und gibt ihr sagen wir
1 Milliarde zurück; dann kauft sie von der unproduktiven Klasse
für 1 Milliarde gewerbliche Güter. — Ihr Konto ist damit ausgeglichen.

Die sterile Klasse nun, die selbst nichts erzeugt, kann, wie die
vorhergehende, das, was sie braucht, nur aus zweiter Hand erhalten
und zwar aus den Händen der produktiven Klasse, aber sie erhält
es auf zwei verschiedene Arten; 1) 1 Milliarde von der landwirt-
schaftlichen Klasse als Bezahlung einer gleichwertigen Menge ge-
werblicher Güter und 2) 1 Milliarde von der besitzenden Klasse, eben-
falls als Bezahlung einer gleichwertigen Menge gewerblicher Güter.
Diese letzte Milliarde ist eine der beiden, die der besitzenden Klasse
von der landwirtschaftlichen Klasse überwiesen wurde, und die daher
einen vollen Kreislauf hinter sich hat.
        <pb n="48" />
        ﻿Kapitel I. Die Physiokraten.

23

Diese beiden Milliarden, die die sterile Klasse als Lohn erhalten
hat, werden von ihr natürlich für Lebensmittel und Rohstoffe für die
Industrie ausgegeben. Und da einzig und allein die produktive Klasse
ihr diese Lebensmittel und Rohstoffe liefern kann, zahlt sie ihr, der
landwirtschaftlichen Klasse, diese 2 Milliarden als Gegenwert zurück,
so daß diese beiden Milliarden zu ihrer Quelle zurückkehren. Mit
der Milliarde, die die besitzende Klasse schon gezahlt hat, und mit
den 2 Milliarden der nicht verkauften ürprodukte besitzt die pro-
duktive Klasse wieder die Gesamtsumme der 5 Milliarden, und der
Kreislauf kann ewig so fort gehenx).

Diese Zusammenfassung gibt nur eine unvollständige Idee der
Kreuz- und Quergänge der Einkünfte, deren Sprünge die Physiokraten
mit kindlicher Freude verfolgten. Und dabei ist ihnen all dies
Wirklichkeitl 2)! Die Tatsache, stets ihre Milliarden wieder vollzählig
beisammen zu haben, begeistert die Physiokraten, und gleich wie viele
unserer heutigen Mathematiker unter den Nationalökouomen bemerken
sie gar nicht, daß sie am Ende ihrer Rechnungen doch eben nur das
yiederfinden, was sie selbst erst eingestellt haben. Selbstverständlich
mt es klar, daß dieses Tableau nichts in bezug auf den Grund-
gedanken ihres Systems beweist, nämlich, daß es eine produktive
nnd eine sterile Klasse gibt3).

Das Interessante an dem Verteilungssystem der Physiokraten ist
daher nicht die besondere Art, wie sie sich diese Verteilung vor-
stellen, sondern der Grundgedanke, daß der Güterumlauf gewissen
besetzen unterworfen sei, und daß folglich das Einkommen eines
jeden von diesem Umlauf abhänge.

In dieser Dreiteilung der Gesellschaftsklassen fällt der besondere

l) Türgot, der zwar nicht vom Tableau economique spricht, faßt es doch in dem
folgenden Satz sehr gut zusammen: „Das, was der Landarbeiter über seine persön-
lichen Bedürfnisse hinaus den Boden erzeugen läßt, ist der einzige Lohnfonds —
Fonds des salaires (man beachte diesen Ausdruck, der berühmt werden sollte)
", den alle anderen Glieder der Gesellschaft als Tauschwert ihrer Arbeit erhalten,
tndem sie sich des Preises dieses Tauschwertes zum Ankauf der Lebensmittel des
Landarbeiters bedienen, geben sie ihm nur genau das wieder, was. sie von ihm er-
balten haben“ (Tuhgoi, I, 10. Weitere Einzelheiten finden sich bei Abbe Baudeau,
Fxplication du Tableau economique).

a) „Der Vorgang dieses Handels zwischen den verschiedenen Klassen und seine
Grundbedingungen sind durchaus nicht hypothetisch. Wer sich die Mühe nimmt,
darüber nachzudenken, wird erkennen, daß sie getreu nach der Natur gebildet sind“

Quesnay, s. 60).

3) Sie bilden es sich jedoch ein: „Man sieht wie die unproduktive Klasse
11111 von der sukzessiven Zahlung, von dem Lohn für ihre Arbeit, der untrennbar
Von den zum Lebensunterhalt verwendeten Ausgaben ist, abhängt ... M ansieht,
daß es sich nur um Verbrauch und Gütervernichtung, nicht um neue Gütererzeugung,

bandelt“ (QÜBSNAYj id.)
        <pb n="49" />
        ﻿24

Erstes Buch. Die Begründer.

Platz auf, den die besitzende Klasse einnimmt. Hierin liegt ein
ganz eigentümlicher Zug der physiokratischen Lehre.

Jeden, der das eben beschriebene Tableau nicht mit physio-
kratischen Augen, sondern von unserem modernen Standpunkt aus
betrachtet, wird das Dasein dieser Klasse befremden und empören,
dieser Klasse, die ohne irgendwelche Gegenleistung zwei Fünftel des
Volkseinkommens für sich erhebt; und jeder würde annehmen, daß
Quesnay und seine Nachfolger, indem sie das Parasitentum dieser
Klasse so scharf hervorheben, wenn nicht offensichtlich, so doch in
der Tendenz ihrer Werke dem Sozialismus vorarbeiteten. Doch wie-
weit waren sie von jedem derartigen Gedanken entfernt! Sie haben
keine Ahnung gehabt, in welche schiefe Lage sie die Grundbesitzer
brachten. Im Gegenteil, sie sind ihnen gegenüber voller Ehrerbietung.
Nicht sie, sondern die Industrie und die Industriearbeiter werden
von ihnen mit dem Ausdruck steril, unproduktiv bedacht! Aus diesen
Großgrundbesitzern machen sie die Grundlage der ganzen natürlichen
Ordnung. Sie umkleiden sie mit einer Art wirtschaftlichen Hohen-
priestergewandes ; der Besitzer hat das Amt, den Menschen das Brot
auszuteilen, das Brot des Lebens; nur durch seine Hand werden alle
der Kommunion teilhaftig. Er ist eine göttliche Einrichtung: so
schreiben sie selbst1). Eine derartige anbetende Verehrung bedarf
einer Erklärung.

Anscheinend hätten die Physiokraten doch die von ihnen selbst
ausdrücklich als produktiv bezeichnete Klasse, nämlich die Leiter
der Landwirtschaft, die damals alle Pächter oder Halbscheidpächter
waren, an die erste Stelle setzen müssen! Pächter und Halbscheid-
pächter haben aber die Erde nicht gemacht; sie haben sie erst von
dem Besitzer erhalten. Ihm gebührt der Vorrang noch vor der pro-
duktiven Klasse, denn er ist, nach Gott, der erste Verteiler allen
Reichtums2).

Es ist überflüssig, besonders auf diese merkwürdige Verirrung
hinzuweisen, auf Grund derer sie den wirklichen Schöpfer der Erde
und ihrer Produkte nicht in dem, der sie bearbeitet, sondern in dem
Müßiggänger sahen. Doch läßt sich dies zunächst gerade aus der

‘) „Es ist unmöglich, das Besitzrecht nicht als eine göttliche Einrichtung an-
zuerkennen, die das Mittel ist, auf Grund dessen wir bestimmt sind, als zweite Ur-
sache, das große Werk der Schöpfung fortznsetzen und die Absichten seiner Urheber
zu fördern“ (La EiVikRB, S. 618),

„Die Gesellschaftsordnung setzt unbedingt diese dritte Klasse von Bürgern
voraus, die die ersten Vorbereiter und Hüter der Bodenkultur und die verwaltenden
Besitzer des Reinertrags sind“ (Quesnay, S. 186).

2) „Unmittelbar unter den Grundbesitzern ist die produktive Klasse, deren
Arbeit die Grundvorschüsse bedingt und von denen sie selbstverständlich abhängt“
(Baudbau, 8. 691).
        <pb n="50" />
        ﻿Kapitel I. Die Physiokraten.

25

Logik ihrer Doktrinen erklären. Es ist nämlich zuerst darauf hin-
zuweisen, daß die Physiokraten der Arbeit nicht die hohe Stellung
zusprechen konnten, die wir ihr heute beilegen, da für sie die Arbeit
keineswegs Güter schuf, — und, was wohl zu beachten ist, die Arbeit
des Landarbeiters ebensowenig, wie die des Industriearbeiters; wenn
sie die erste produktiv nannten, so lag das daran, weil die Natur
mitarbeitete, denn nur diese, aber nicht der Arbeiter, schafft Güter*).

Weiterhin kann man diese Auffassung aus dem Milieu heraus,
in dem sie lebten, erklären. Da sie seit den Feudalzeiten nur Ge-
meinwesen kannten, die von müßigen Großgrundbesitzern regiert und
sowohl wirtschaftlich, wie politisch geleitet wurden, erlagen sie in
bezug auf die Notwendigkeit des Großgrundbesitzes derselben Illusion,
in der Aristoteles hinsichtlich der Notwendigkeit der Sklaverei be-
fangen war2).

Wenn jedoch die Physiokraten die Angriffe nicht voraussahen,
He später auf das Grundeigentum niederhageln sollten, so haben sie,
besonders der Abbe Baudeau, doch nicht unterlassen, es zu erklären
Und zu rechtfertigen. Die von ihnen vorgebrachten Begründungen
müssen um so eher erwähnt werden, als die konservativen National-
bkonomen während hundert Jahren nicht müde geworden sind, sich
ihrer zu bedienen.

Die ihnen am stärksten erscheinende Begründung, wenigstens
führen sie sie am öftersten an, besteht darin, daß der Besitzer oder seine
bevollmächtigten das Land urbar gemacht haben. Folglich verdankt
selbst die produktive Klasse nur ihnen, daß sie das Produktionsmittel
i11 Händen hat. Sie sind es, die stets und noch immer das, was die
Physiokraten die grundlegenden Vorschüsse (avances foncieres)
Jümnen, leisten, d. h. die Ausgaben für Rodung, Einfriedigung, Ge-
bäude usw.8). Der Großgrundbesitzer erscheint ihnen daher keines-

. } Es muß darauf hingewiesen werden, daß die Physiokraten niemals von land-
keinScnahlichen Arbeitern sprechen: Man könnte fast meinen, daß es zu ihrer Zeit
gegeben habe! Ihre Fürsorge für die Landwirte erstreckt sich nicht tiefer,

als

Wenn

auf die Kategorie der Pächter und Halbscheidpächter.

Sv«t	aicht ohne Übertreibung, ihre Lehre als

bezeichnen können.

ein

Deshalb hat Weulbessb,
„durchaus kapitalistisches

u 2) nEbensogut, wie man sie die Klasse der Besitzenden nennt, kann man s,e
p'ch Eiasse der Adligen nennen, denn in diesem Sinn ist der Adel anstatt eine
Chimäre zu sein, wie man manchmal sagt, eine den zivilisierten Reichen sehr nutz
lc e Wirklichkeit“ (Baudeau, S. 670).	...	.

k S) »An dritter Stelle (auch wenn sie meistens an die erste gesteht werden)
kommen die Großgrundbesitzer, die- den Boden rodeten, Gebäude e™ch,f“-
«anzungen anlegten und Einfriedigungen auf ihre.Kosten machten, oder aber die
Ausgaben zurttckerstatteten, indem sie schon fertig ausgerüstete Erbliegenschaften
^kauften . . . Diese Rente gehört uns, werden sie sagen, aus Gründen der Ge-
®ohtigkeit und Weisheit,

gehört uns, werden sie sagen,
da wir für den Boden Ausgaben

für Unterhaltsmittel
        <pb n="51" />
        ﻿26

Erstes Buch. Die Begründer.

wegs als Parasit, nicht einmal als ein sein Einkommen aus zweiter
Hand erhaltender Stipendiat, wie der Fabrikant. Sein Anteil gebührt
ihm optimo jure, kraft eines Rechtes, das älter und höher ist als das
des Landwirtes. Denn wenn der Landwirt das Erzeugnis macht, so
hat er, der Besitzer, den Boden gemacht. Man könnte die drei Ge-
sellschaftsklassen der Physiokraten mit drei Personen vergleichen,
die sich in das Wasser eines Brunnens teilen: Die produktive Klasse

vorgestreckt haben, die wir zu unterhalten und zu bewahren beauftragt sind (Baudeau,
Philosophie economique, S. 757). „Die erste Kraft, deren Reproduktion nötig
ist, ist der der Gesellschaft unentbehrlichste Mensch. Diese erste Kraft ist der
Grundbesitzer: Daher beruht die Rechtfertigung seiner Vorrechte auf der physischen
Notwendigkeit der Reproduktion“ (La Rivöke, S. 466—467).

„Durch Ausgaben erwirbt sich der wahre, gerechte und nützliche Grundbesitz.
Bis zum Augenblick, wo diese ersten Grund-Vorschüsse eintreten, ist das Eigentum
nur das exklusive Recht, den Boden eines Tages produktiv zu machen“ (Baüeeau,
S. 851), d. h., solange als der Boden nicht instand gesetzt ist, beschränkt sich das
Eigentum auf die einfache Okkupation.

Die Physiokraten unterschieden drei Arten von Vorschüssen:

1.	Die jährlichen Vorschüsse (avances annuelles), die die Kosten der Be-
stellung in jedem Jahr vorstellen, — wie Saat, Dünger,, Arbeitsleistungen und,
natürlich, die Unterhaltungskosten der Arbeiter. Diese Vorschüsse müssen jährlich
vollständig durch die Jahresproduktion ersetzt werden. Wir nennen das heute
Betriebskapital.

2.	Die primären Vorschüsse (avances primitives), wie Ankauf von Vieh und
Geräten, die eine mehr oder weniger lange Reihe von Erzeugungsarbeiten aushalten
und daher in einem Jahr nur zu einem Bruchteil wieder eingebracht werden müssen.
Man sieht hier sehr gut die seit dem klassisch gewordene Unterscheidung zwischen
fixem Kapital und Betriebskapital, die Amortisation des ersteren gegenüber der
völligen Rückerstattung des zweiten. Es war ihnen auch nicht entgangen, daß eine
verständige Erhöhung der primären Vorschüsse, eine Verminderung der jährlichen
Vorschüsse gestattet.

Diese Gedanken waren damals sehr neu und sind der Wissenschaft vollständig
einverleiht worden, nur mit dem Unterschied, daß sie, anstatt allein auf die land-
wirtschaftliche Produktion beschränkt zu sein, auf alle Produktion überhaupt ausge-
dehnt wurden.

3.	Die grundlegenden Vorschüsse (avances foncieres) sind die, deren Zweck
die Vorbereitung des Bodens für die Bearbeitung ist (offenbar hätten sie besser
primäre Vorschüsse — avances primitives — genannt werden sollen).

Die beiden ersten Arten von Vorschüsse sind die, die dem Landwirt zufallen
und ihm ein Anrecht auf einen Lohn schaffen, der wenigstens genügen muß, um sie
zurückzuerstatten.

Die dritte Art fällt dem Besitzer zu und sie ist es, die ihm ein Recht auf den
Grundbesitz gibt.“ Ehe man einen Pächter einsetzen und, eine jährliche, regel-
mäßige und fortlaufende Feldbestellung vornehmen kann, sind Gebäude, Scheunen und
Ställe, Wege, Pflanzungen, Bodenbearbeitung, Entfernung von Steinen, Stämmen und
Wurzeln, Wasserlaufregnlierungen und Schutzstätten nötig. — Das sind, werter Herr,
die grundlegenden Vorschüsse, die wahren Arbeiten des Besitzers, die wahre Be-
gründung seines Besitzrechtes“ (Baudeau, Ephemerides, Mai 1776, Antwort a»
Condillac).
        <pb n="52" />
        ﻿Kapitel I. Die Physiokraten.

27

zieht das Wasser in Eimern aus dem Brunnen. Die besitzende Klasse
erhält es aus ihren Händen, ohne etwas dafür zu geben, da sie es
War, die den Brunnen gegraben hat. Die sterile Klasse hält sich in
respektvoller Entfernung und muß das Wasser des Brunnens mit ihrer
Arbeit bezahlen.

Nur liegt hierin ein Widerspruch, den die Physiokraten nicht
bemerkt zu haben scheinen. Wenn das Einkommen des Besitzers
nur ein Entgelt für seine Vorausgabe, seine Kosten vorstellt, dann
ist es kein Geschenk der Natur! und der Reinertrag löst sich in
nichts auf, da er ja, auf Grund der Definition selbst, nur das ist,
Was von dem Bruttoertrag nach Rückzahlung der Kosten übrig bleibt,
nämlich der Überschuß über die Produktionskosten. Bei dieser Er-
klärung aber bleibt kein Überschuß. Folglich beziehen die Grund-
besitzer ihr Einkommen nur als Kapitalisten und nicht als Vertreter
Lottes!

Wenn die Grundvorschüsse den Rechtsgrund des Besitzes bilden,
S°H man da glauben, daß sie nicht auch sein Maß und seine Grenze
bestimmen und daß das Einkommen aus Grundbesitz keinen not-
wendigen Zusammenhang mit ihnen hat?

Oder soll man das Einkommen der besitzenden Klasse in zwei
j-Gle zerlegen: einen nicht verfügbaren, der für sie in der Tat nur
die Wiedererstattung ihrer Vorschüsse ist, ebenso wie das Einkommen
der Pächter, und einen anderen, der als Überschuß nun den Rein-
ertrag ausmacht? Wie können sie aber dann die Aneignung dieses
Reinertrages rechtfertigen ?

Sehr einfach! Schon bringen sie ein anderes Argument; das der
0zia 1 en Nützlichkeit: die landwirtschaftliche Erschließung des
odens würde aufhören, behaupten sie, und die einzige Quelle aller
ater versiegen, wenn man demjenigen, der den Boden urbar gemacht
lat, das Recht absprechen wollte, die Früchte seines Fleißes zu ernten r).

Es ist kaum nötig, auf den Widerspruch zwischen diesem und
em vorigen Beweisgrund hinzuweisen. Soeben sagten sie, der Boden
muß Eigentum sein, weil er urbar gemacht worden ist. Jetzt
Sagen gie; der Boden muß Eigentum sein, weil er sonst nicht
rt bär gemacht würde. Dort wird die Arbeit als grundlegende
1 Sache der Produktion, hier als ihr Endzweck angenommen.

, W eiterhin sagen die Physiokraten, daß das Eigentum an Grund-
esitz sich ganz einfach aus dem, was sie persönliches Eigentum
rtnen, als notwendige Folge ergibt, d. h. aus dem Rechte eines jeden

j[a . ^ »Ohne die Sicherheit des Besitzes würde das Land öde liegen“ {Qüesnay,
^icht”'6) ”Ahes wäre verloren, wenn das Eigentumsrecht auf die Erzeugnisse
jede rf. uso s'eher gestellt wäre, wie das auf den Grund und Boden, wie das, das

mzelperson auf sich selbst hat“ (Düpont I, S. 26).
        <pb n="53" />
        ﻿28

Erstes Buch. Die Begründer.

Menschen, für seine Erhaltung- zu sorgen; denn das Eecht, für seine
Erhaltung zu sorgen, schließt das Eecht auf bewegliches Eigentum
ein und dieses wieder das Eecht auf Eigentum an Grundbesitz: „die
drei Arten Eigentum sind folglich so eng verbunden, daß man sie als
ein einziges Eecht ansprechen muß, von dem keiner der drei Bestand-
teile losgelöst werden kann, ohne daß die beiden anderen mit zerstört
werden“ J). Und in der Tat zeigen die Physiokraten nicht nur für
das Eigentum an Grundbesitz so große Achtung, sondern überhaupt
für alles Eigentum. „Die Sicherheit des Eigentums ist die Grund-
bedingung der ökonomischen Gesellschaftsordnung“ schreibt Qdesnay* 2),
und Mekcxee de la Ei viere sagt: „Man kann das Eigentumsrecht
wie einen Baum betrachten, an dem die verschiedenen sozialen Ein-
richtungen wde die Äste von selbst gewachsen sind“3). Bis in die
stürmischsten Zeiten der französischen Eevolution und der Schreckens-
herrschaft findet man diesen Kultus des Eigentums; als jede Achtung
vor dem menschlichen Leben geschwunden war, blieb doch die Achtung
vor dem Eigentum bestehen.

Man sieht, daß die Eüstkammer, ans der die Verteidiger des Groß-
grundbesitzes ihre Waffen holen sollten, schon so ziemlich gefüllt war4 *).

Wenn die Physiokraten auf der einen Seite das Grundeigen-
tum kräftig verteidigten, so haben sie ihm auf der anderen Seite
zahlreiche und strenge Pflichten auferlegt, die das Gegenstück seiner
hohen Würde bilden. Nicht die Autorität soll diese Pflichten in
Paragraphen fassen, dafür aber der Verstand und die guten Sitten“ 6 *).
Diese Pflichten sind:

1.	Ohne Unterlaß ihr Werk betreiben, nicht das der Bearbeitung,
die sie nichts angeht, sondern die Instandsetzung weiteren Bodens:
die Grundvorschüsse sind fortzusetzen8).

*) La EivifcBE I, 8. 242.

2) Maxime IV.

s) SS. 615, 617.

4) Hier ist einer der zahlreichen Unterschiede zwischen Tuegot und den Physio-
kraten zu beachten: Tuhgot ist weit weniger von dem sozialen Nutzen des Grund-
besitzes und der Kechtmäßigkeit des Besitzrechtes der Grundbesitzer überzeugt. Br
erklärt ihren Ursprung ganz einfach als eine historische Tatsache, die der Besitz-
ergreifung, und schwächt dadurch ganz bedeutend die Beweisführung der Physio-
kraten. „Die Erde bevölkerte sich; man machte sie mehr und mehr urbar. Vom
besten Boden war zum Schluß übeiall Besitz ergriffen worden; für die zuletzt ge-
kommenen blieb nur sandiger, öder, unfruchtbarer Boden, den die Ersten liegen

gelassen hatten. Zum Schluß aber fand jedes Stück Land seinen Herrn und die, die
keinen Boden haben konnten, hatten keinen anderen Ausweg, als die Arbeit ihrer
Arme gegen den Überfluß der Nahrungsmittel der Grundbesitzer einzutauschen“
(I, S. 12). Damit sind wir nicht weit von der Theorie Eicabdo’s entfernt.

6) Baudeau S. 378.	•

6) „Ein Grundbesitzer, der stets die Grund-Vorschüsse seines Erbgutes auf
        <pb n="54" />
        ﻿Kapitel I. Die Physiokraten.

29

2.	die Austeiler der von der Natur erzeugten Güter im Interesse
der Allgemeinheit, die Verwalter der Gesellschaft zu sein1);

3.	die Muße ihres Lebens dazu zu verwenden, der Gesellschaft
unentgeltlich all jene Dienste zu leisten, deren sie nicht ent-
behren kann;

4.	die Gesamtheit der Steuern, wie wir sehen werden, zu
zahlen, und

5.	vor allem die Landwirte, ihre Pächter, zu schützen und sie nicht
zu bedrücken, indem sie ihnen mehr als den Reinertrag abnehmen.
Allerdings gehen die Physiokraten nicht so weit, von dem Besitzer zu
verlangen, ihnen einen Teil dieses Reinertrages zu überlassen, aber
S1e beschwören ihn, ihnen wenigstens den Betrag ihrer reichlich be-
sessenen jährlichen und primären Vorschüsse (avances annuelles
et primitives), zu lassen. Dies ist zwar nicht viel, aber für die da-
malige Zeit doch immer etwas. „Ruft nur: Wehe den Besitzern,
''ehe den Herrschern! Wehe allen Ländern, wenn den Landwirten

lese Rückzahlungen genommen werden, wenn die Erde, von deren
Sichtbarkeit alles abhängt, bestohlen wird! — . . Überzeugt Euch
"°hl, daß das Los dieser kostbaren Menschen, die ihren Besitz oder
en Anderer bearbeiten, Niemandem gleichgültig sein kann . . ., daß
a jes&gt; was sie bedrückt, erniedrigt, beeinträchtigt, beraubt, der Ge-
sellschaft die tiefsten Wunden schlägt, daß alles, was sie erheben,
a es, was zu ihrem Wohlsein, ihrer Befriedigung, ihrem Reichtum
eitragen würde, eine Quelle des Glücks für sämtliche Klassen ist“ 2).

?,er Hübe hält, tut das nützlichste, was ein Privatmann überhaupt auf Erden tun
kai* (Baudbau).

e ) &gt;,Bie Reichen sind die Verwalter der Ausgaben, mit denen sie die Arbeiter
nnen; sie würden die Letzteren sehr schädigen, wenn sie, um diese Ausgaben
ersparen, arbeiteten“ (Quesnay I, S. 193).

str Baudeau, S. 835, 839. Auch Mekciee de la RivijSee schreibt nicht weniger
den ”®s lst bei Strafe der Vernichtung der Erzeugnisse und der Gesellschaft
Zum Großgrundbesitzer und Jeder menschlichen Macht verboten, etwas von dem Teil
nehmen, der von den Produkten beiseite zu setzen ist. um diese Vorschüsse
kiin U ZU maclien“ (S. 467). Wenn sie die Geschichte Irlands hätten voraussehen
?en&gt; so würden sie dort eine bemerkenswerte Bestätigung ihrer Ansichten ge-
men haben.

hahen^r'r erillnern Jedoch hierbei, worauf wir schon oben (S. 25, Anm. 1) hiugewiesen
der i? die Physiokraten, wenn sie von dem Recht des Landwirtes auf einen Teil
empj^1 '%nisse sprechen, nur die Pächter und Halbscheidpächter, aber nicht die lohn-
gnjj ,n^en.^ei1 landwirtschaftlichen Arbeiter im Auge hatten; für die letzteren be-
Man w Si.e S1CE die Forderung aufzustellen, daß sie reichlich zu leben haben sollten,
zu rei a Sle s°gar im Verdacht gehabt, als ob sie befürchteten, die Arbeiter möchten
op. 0jt T lcl1 zu leben haben, da sie daun mit arbeiten aufüören würden (vgl. Wkolersse,
führt	et passim). Diese Beschuldigung erscheint aber ungerecht. Wbulbbssb

Presser6; S* ^°rte Quesnay’s an, mit denen er gegen die „Behauptung der Br-

’ a“ die Bauern arm sein müssen, um sie am faulenzen zu hindern,“ protestierte.
        <pb n="55" />
        ﻿30

Erstes Buch. Die Begründer.

Diese warmherzigen Worte, die damals keineswegs banal waren,
wiegen ein wenig die Begünstigung auf, die die Physiokraten der
Klasse der Grundbesitzer erzeigten, von der sie weiter nichts als
einige soziale Dienste forderten, die noch dazu jeder offiziellen Be-
stätigung ermangelten.

II.

Bisher sind wir, wie die Physiokraten, in dem Bereich der Theorie
geblieben. Ihr Einfluß hat sich aber am stärksten im Gebiet der
angewandten Nationalökonomie, der Handelsgesetzgebung, der Be-
tätigung des Staates und der Steuerverteilung fühlbar gemacht1).

§ 1. Der Han del.

Der Tausch, auf die einzige und wesentliche Handlung des:
„do, ut des“ zurückgeführt, erzeugt nach der Meinung der Physio-
kraten überhaupt nichts: denn auf Grund seiner Definition bedingt,
er die Gleichwertigkeit der getauschten Gegenstände. Wenn daher
jede der beiden Parteien genau den Gegenwert dessen, was sie her-
gegeben hat, erhält, wo bleiben dann die neugeschaffenen Werte?
Zwar kann der Tausch „leoninisch“ sein und eine der beiden Par-
teien auf Kosten der anderen bereichern, aber auch in diesem Falle
gibt es keine Schaffung neuer Werte, da der eine gewinnt, was der
andere verliert2). Wenn ich meine Flasche Wein gegen dein Brot

*) Man mag wohl erstaunt sein, in dieser Aufzählung nichts über die Freiheit
der Arbeit, nämlich die Abschaffung der Zünfte, zu finden, eine Tat, die man den
Physiokraten zur Ehre angerechnet hat. Es ist aber zu bemerken, daß sie sich
selten in ihren Schriften damit beschäftigt haben, zweifellos weil bei ihrer Auffassung
der industriellen Arbeit als unproduktiv Reformen in der Organisation dieser Arbeit
sie nur wenig berührten. Sie haben jedoch gegen die Vorschrift, die die Aus-
übung eines Gewerbes an eine königliche Genehmigung knüpfte, protestiert: „Für
aufrichtige Menschen der elendeste Grundsatz, den der Geist der Herrschsucht und
des Raubes jemals erfunden hat“, schreibt Baudeau in den Ephemeriden (1768, IV)-
Mit Recht spricht man daher der physiokratischen Lehre das Verdienst Jenes be-
rühmten Edikts Tdrgot’s vom Januar 1776 zu, durch das die Meisterschaften (Zünfte)
aufgehoben und die Freiheit der Arbeit für alle proklamiert wurde.

2) „Der Tausch ist ein Gleichheitsvertrag, der zwischen gleichen Werten statt-
findet. Er ist daher kein Bereicherungsmittel, da man eben so viel gibt, wie man
erhält, sondern ein Mittel, die nötigen Bedarfsgegenstände zu erwerben und in di®
Annehmlichkeiten Abwechslung zu bringen (Le Tbosne, S. 903—904). Was bedeutet
aber „Bedarfsgegenstände zu erwerben und in die Annehmlichkeiten Abwechslung
zu bringen“, wenn nicht seinen Reichtum vergrößern!
        <pb n="56" />
        ﻿Kapitel I. Die Physiokraten.

31

Austausche, so findet eine doppelte Ortsveränderung an Gütern
statt, die sicherlich die Bedürfnisse eines jeden von uns beiden besser
befriedigt. Eine Schöpfung von Werten ist jedoch nicht erfolgt, da
auf Grund der Definition die ausgetauschten Gegenstände gleichwertig
sind. Heute folgern wir ganz anders. Die Yolkswirtschaftler haben
darauf hingewiesen, daß, wenn ich meinen Wein gegen dein Brot
vertausche,, dies ohne Zweifel darauf beruht, weil ich mehr Hunger
als Durst spüre, während umgekehrt du mehr Durst als Hunger hast;
folglich hat die Flasche Wein, dadurch, daß sie von mir auf dich
'ibergeht, an Nützlichkeit gewonnen, wie gleicherweise das Brot, das
von dir auf mich übergegangen ist. In dieser doppelten Nützlich-
koitsvermelirung sehen wir eine wirkliche Vermehrung an Wert.
Dieser Gedankengang würde aber den Physiokraten absurd erschienen
sein» da sie unter Werten (richesses) nur materielle Güter verstanden
Ulld nicht eingesehen hätten, daß man die Schaffung von weiter nichts
als subjektivem Nutzen produktiv nennen kann.

' Was den Handel anbelangt, so wissen wir schon, daß sie den
Kaufmann zusammen mit dem Fabrikanten in die sterile Klasse ver-
lesen. Das ist an sich schon bezeichnend genug. Es ergab sich
araus, daß alle seit 2 Jahrhunderten vom Merkantilismus gelehrten
beorien, die im Außenhandel das wahre Bereicherungsmittel eines
a"des sahen, zusammenbrachen. Die Merkantilisten stellten sich den
1 .at unter dem Bilde eines reichen holländischen Kaufherrn vor;
16 Physiokraten aber unter dem eines Landedelmannes, der auf und
v°a seinen Landgütern lebt.

Der Außenhandel bringt ebensowenig wie der Innenhandel irgend-
. eben wirklichen Reichtum hervor; alles, was er hervorbringt, ist
11 Gewinn, was etwas ganz anderes ist; denn das, was. der
eiae gewinnt, büßt der andere ein.' „Alle handeltreibenden Völker
ben in (jem Glauben, daß sie sich durch den Handel bereichern;
er&gt; wie eigentümlich, alle glauben sich zu bereichern, indem sie an
en anderen verdienen. Man muß zugeben, daß dieser vorgebliche
_ ewinn, so wie sie ihn auffassen, etwas ganz wunderbares ist, denn
acb dieser Meinung gewinnt jeder und verliert keiner“1).' Es unter-
st keinem Zweifel, daß ein Land gezwungen sein kann, Güter aus
un? ^Uslan(i kommen zu lassen, die es sejbst nicht erzeugen kann,

^ ihm solche abzulassen, die es selbst nicht verbrauchen kann.
stlalb ist der Außenhandel unentbehrlich, aber er ist, sagt Mbeciee

tvi	DivifeEE nnd er unterstreicht das Wort: ein notwendiges

u Del

) Mbeciee de LA ßlVlfeRB, S. 545.
) s. 548.
        <pb n="57" />
        ﻿32

Erstes Buch. Die Begründer.

( Qüesnat begnügt sich, ihn einen Notbehelf zu nennen:). ' Der
einzig wirklich nützliche Tausch ist der, welcher die Erzeugnisse
direkt aus der Hand des Landwirtes in die des Verbrauchers bringt,
denn sonst nützen diese Erzeugnisse nichts und verderben in der
Hand des Erzeugers. Der Tausch aber, der im Ankauf dieser Er-
zeugnisse zum Zweck des Weiterverkaufes besteht, und den sie
Handel — trafic — nennen (er allein bedeutet heute im juristischem
Sinne des Wortes Handelstätigkeit), ist weiter nichts als eine Güter-
verschwendung; ein Teil davon wird sogar von dem Händler auf-
gezehrt * 2 * * * * *). Den gleichen Gedanken finden wir viel später bei Caeey.
Geistreich vergleicht Meecier de la Ri viere die Kaufleute mit
Spiegeln, die so aufgestellt sind, daß sie zu gleicher Zeit und nach
verschiedenen Richtungen das Bild desselben Gegenstandes wieder-
geben. Wie diese Spiegel scheinen sie die Gegenstände zu vermehren
und täuschen so das Auge, das sie nur oberflächlich sieht8).

Nun gut! Lassen wir diese Verachtung des Handels einmal
gelten; zu welchem Schlüsse führt dies? Daß man ihn verbieten?
oder gesetzlich regeln? oder freigeben muß? Keine dieser Schluß-
folgerungen ergibt sich zwingend aus den Voraussetzungen; wenn der
Handel nutzlos ist, scheint die erste Lösung die richtigste. Die
Physiokraten waren aber für die dritte; aus welchem Grunde?

Man versteht ganz gut, daß die Physiokraten den Merkantilismus
und Colbertismus verwarfen, die beide dem Lande eine günstfge
Handelsbilanz verschaffen wollten; denn dieser Zweck erschien ihnen
fantastisch und sogar unmoralisch. Schwerer ist die Erklärung, warum
sie die Freiheit des Handels befürworteten, der doch ihrer Ansicht
nach zu nichts nütze war. Heute folgen die Freihändler unter
den Nationalökonomen ihrem Beispiele, aber mit dem Gedanken, daß
der Freihandel eine große Wohltat für alle Länder ist, und daß die
daran teilnehmenden Länder um so reicher werden, je mehr er sich
entwickelt. Das war aber durchaus nicht die Meinung der Physio-
kraten. 'Wenn sie die Begründer des Freihandels waren, so waren

‘) „Geldbilanz ist im Außenhandel nur ein Notbehelf für die Völker, die für
den gleichen Zweck keine Produkte zuröckerhalten können . . . Auch ist der Außen-
handel selbst nur ein Notbehelf für die Völker, deren Innenhandel nicht genügt, uff
die Erzeugnisse ihres Landes vorteilhaft abzusetzen ... Es ist höchst sonderbar,
daß man dieser Geldbilanz so große Bedeutung beimißt, die doch nur ein Notbehelf
für den Handel ist“ (Quesnay, Dialogues, S. 175).

2) „Die Kaufleute, wie man sie nennt, sind nur Händler. Denn derjenige)

der Handel treibt, ist nur eine Art Angestellter, dem es durch seine fleißige Tüchtig-

keit gelingt, sich einen Teil der Güter der anderen anzueignen“ (Mbrcieb de

BivihRE, S. 551). „Der Verdienst der Kaufleute ist kein Gewinn für den Herrn“

(Qüesnay, S. 151).

’) Ordre naturel, S. 688.
        <pb n="58" />
        ﻿Kapitel I. Die Physiokraten.

33

sie dies nicht, was wohl zu bemerken ist, weil sie den Handel be-
günstigen wollten, sondern weil sie ihn mit einem verächtlichen
»laisser faire“ abtaten. Vielleicht waren sie nicht weit von dem
Glauben entfernt, daß er durch dies „laisser faire“ von selbst ver-
schwinden würde! Wenn sie Freihändler waren, so lag dies in erster
Linie daran, daß sie hauptsächlich an Handelsfreiheit im Innern
dachten, und man muß sich vergegenwärtigen, was für außerordent-
liche Schranken in damaliger Zeit den Handel im Inneren hemmtenJ).
Und weiter ergab sich aus der natürlichen Ordnung, daß jeder
kaufen und verkaufen kann, wie es ihm gefällt, ohne Unterschied
zwischen Inland und Ausland, da ja diese natürliche Ordnung Grenz-
unterschiede nicht kennt2).^ Auch sichert die Freiheit den „richtigen
Preis“ (le hon prix). — Was soll man aber unter diesem Wort
verstehen? — Einen niedrigen Preis? —- Ganz und gar nicht!
»Nur die freie Konkurrenz der ausländischen Kaufleute kann den
bestmöglichen Preis sichern, und nur der hohe Preis kann durch die
Mühen des Landwirtes den Wohlstand wie die Bevölkerung eines
Königreiches schaffen und unterhalten“3). Dies sind mehr die Ge-
danken eines Landwirtes als die eines Freihändlers; der Grund liegt
eben darin, daß die Physiokraten sich tatsächlich stets nur mit den

l)	Verpflichtung, nur auf dem Markt und nur beschränkte Mengen zu verkaufen,
aas Getreide nicht länger als zwei Jahre zurückzuhalten — und auf dem Markt
Selbst zuerst an die Verbraucher, dann au die Bäcker und dann erst an die Händler
Zü verkaufen! usw.

“) „Man muß die vollständige Handelsfreiheit aufrecht erhalten, denn die für
as Volk und den Staat sicherste, genaueste und vorteilhafteste Regelung des Innen-
Außenhandels besteht in absolut freier Konkurrenz“ (Qübsnay, Maxim es XXV).
»Man muß ihnen entgegnen: Die Freiheit des Handels ist in Übereinstimmung mit
er Ordnung und der Gerechtigkeit und alles, was mit der Ordnung übereinstimmt,
räkt seinen Lohn in sich“ (Le Tkosnb, S. 686).

3) Dialogues, S. 153. „Hohe Preise erzeugen Überfluß, sagte man, d. h.
^egen zur Produktion an“, und umgekehrt hatte Boisgüillebert gesagt: „Niedrige
reise gehen der Not voraus.“ An einer anderen Stelle wiederum (Maximes S. 98)
egnügt sich Qüesnay damit, zu sagen, daß die Freiheit des Getreidehandels „die
reise gleichmäßiger“ gestalten würde; und daß „es erwiesen ist: ganz unabhängig
Torn Absätze im Ausland und von einem höheren Preise, vermehrt schon die be-
endige Gleichmäßigkeit der Preise den Bodenertrag um mehr als ein Zehntel, da
!e Mittel für die Vorschüsse steigert und sichert und die Teurungspreise, die
en Bevölkerungsrückgang bewirken, verhindert“.

Ebenso schreibt Mehciee de la EivikHB: „Ein üblicher und beständiger, richtiger
,r^13 (üon prix) bringt mit Sicherheit Überfluß — und ohne Freiheit gibt es keinen
chhgen Preis, keinen Überfluß“ (S. 570).

g Auch Tubgot (in seinen Briefen über den Getreidehandel) führt diesen
„1 eis ües längeren aus und versucht sogar, ihm eine arithmetische Gestalt zu
ein611 ^*as *st unn8tig. Es ist eine, allerdings mehr psychologische Wahrheit, daß
her r6^e^m3,üiger Preis von 20 Fr. besser ist, als ein zwischen 35 und 5 Fr. hin und
°hwankender Preis, obgleich der arithmetische Durchschnitt der gleiche ist. -

ri&lt;*e und Rist, Gesoh. d. Volkswirtschaft!. Lehrmeinungen.

3
        <pb n="59" />
        ﻿34

Erstes Bach. Die Begründer.

landwirtschaftlichen Erzeugnissen und besonders mit dem Getreide
befaßten; und da damals der Handel fremder Völker, soweit die Ein-
fuhr in Betracht kam, kaum zu fürchten war, dachten sie bei dem
Freihandel nur an die freie Ausfuhr. Nach Oncken war die yon
Qübsnay gewünschte Handelspolitik diejenige, die England damals
befolgte; Begünstigung der Getreideausfuhr, um den Kurs zu stützen,
und um bei Gelegenheit einer reichen Ernte den richtigen Preis zu
halten, — sowie die Erlaubnis der Einfuhr nur im Falle einer
Hungersnot, um zu große Teuerung zu verhüten 1).

Mit einem Wort:'die Handelsfreiheit bestand für die Physiokraten
hauptsächlich in der Abschaffung der unter der alten Eegierungsform
bis in den Himmel gehobenen Maßnahmen, die darauf abzielten, die
Getreideausfuhr ins Ausland zu verhindern und den freien Güter-
austausch im Inland einzuschränken2). Diese physiokratische Auf-
fassung hat aber nicht lange gebraucht, um die Umstände, denen sie
ihr Entstehen verdankte, zu überflügeln, und zur These von der ab-
soluten freien Konkurrenz zu werden, die Waleas später wie folgt
zusammenfaßte: „die freie Konkurrenz im Tausch verkehr sichert jedem
Teile das Maximum des Grenznutzens oder, was dasselbe ist, die
Maximalbefriedigung der Bedürfnisse.“' Fast alle Gründe, die während
eines Jahrhunderts im Kampfe um den Freihandel ins Treffen geführt
wurden, sind schon von den Physiokraten formuliert worden! Die
hauptsächlichsten sind:

1.« Die Widerlegung des Beweises von der Handelsbilanz wird
schon von Mekcier de la ßi viere mit vollkommener Genauigkeit
geführt: „Also du blinde und stumpfsinnige Politik, ich werde alle

*) Ebenda, S. 376. — Es ist der Mühe wert, darauf hinzuweisen, daß die
amerikanische Konkurrenz ausdrücklich von Quesnay vorausgesehen wurde, was
sicherlich eins der bemerkenswertesten Beispiele wissenschaftlicher Vorhersage ist,
das angeführt werden kann. „Man könnte“* sagt er in seinem Aufsatz über die
Körnerfrüchte in der Enzyklopädie, „die Ernchtbarkeit der amerikanischen Kolonien
fürchten, und das Anwachsen der Landwirtschaft in der Neuen Welt“, aber er geht,
wenigstens provisorisch, über diese Befürchtung mit dem Hinweis hinweg, daß „das
amerikanische Getreide weniger gut, als das französische sei und auf der Heise ver-
derbe“.

Wir verweisen auch noch auf das, was wir schon im vorhergehenden über die
Physiokraten als Schutzzöllner unter heutigen Verhältnissen gesagt haben.

2)	Man muß glauben, daß das damalige Schutzzollsystem eine Entwicklung der
Industrie auf Kosten der Landwirtschaft begünstigte, indem es die Ausfuhr von
gewerblichen Produkten und Hohstoffen einsehränkte, um den Fabrikanten billige
und ausreichende Arbeitskräfte und Rohstoffe zu sichern. Man kümmerte sich durch-
aus nicht um die Getreideeinfuhr: im Gegenteil, der Merkantilismus und der /
Colbertismus gaben den Landwirt doppelt preis, indem man die Getreideausfuhr er-
schwerte und die Getreideeinfuhr gestattete, während man gerade das Gegenteil für
die gewerblichen Erzeugnisse tat.
        <pb n="60" />
        ﻿

Kapitel I. Die Physiokraten.

35

deine Wünsche erfüllen! Ich gehe dir das ganze Geld, das unter
den Völkern, mit denen du Handel treibst, im Umlauf ist; jetzt hast
du es; was willst du damit machen?“ Und er zeigt zuerst, wie kein
anderes Land dann noch etwas kaufen kann, und wie damit alle
Ausfuhr aufhört, und zweitens, wie die ungeheuere Teuerung zum
Kaufe im Auslande zwingen würde, und so das Geld wieder zur Aus-
wanderung kommt, „was übrigens das einzige Heilmittel sein würde“ ').

Widerlegung der These, daß die Zölle vom Ausland ge-
tragen werden. „Der Fremde wird dir nichts verkaufen, wenn
du ihm nicht denselben Preis zahlst, den ihm die anderen Völker
geben wollen. Wenn du einen Eingangszoll auf seine Waren legst,
So wird derselbe eine Erhöhung des wirklichen Preises sein, den der
Fremde erhält; dieser Eingangszoll wird daher nur von deinen eigenen
Volksgenossen bezahlt“ 1 2 * *).

3. \ Widerlegung der sogenannten Keziprozitätspolitik.
»Ein von einem benachbarten Volke erhobener Eingangszoll schadet
dem Volke, das verkauft, insoweit, als er den möglichen Verbrauch
feiner Erzeugnisse vermindert. Diese indirekte Wirkung ist unaus-
Kiblich. Kann ihr aber durch Vergeltungsmaßregeln nicht begegnet
Werden? England hat auf französische Weine einen ungeheueren
mll gelegt, der denVerbrauch bedeutend einschränkt; wird England
,er eher imstande sein, euren Wein zu kaufen, wenn ihr eurerseits
soine Produkte mit Zoll belegt? Wird der Nachteil, den ihr erleidet,
geringer durch den, den ihr England zufügt ?“;

Wir haben hier viel zitiert, denn seit 100 Jahren ist in dieser
rage nichts überzeugenderes gesagt worden?

Deshalb wurde diesen Theorien auch sofort eine gesetzliche Be-
stätigung durch die Edikte von 1763 und 1766 gegeben, in denen
l Freiheit des Getreidehandels erst im Inlande, dann mit dem Aus-
aude gewährt wurde, allerdings noch mit einigen schwerwiegenden
Schränkungen. Unglücklicherweise zeigte sich die Natur ihren
^treuen Bewunderern, den Physiokraten, gegenüber sehr undankbar.
’e suchte das Land sogleich mit 4 oder 5 aufeinander folgenden
Mißernten

das Land sogle:
heim, an denen

;h mit
das Volk

selbstverständlich den neuen

1)	S. 576. „Wenn man der Sache anf den Grund geht was haben Sie denn
gewonnen, stets ins Ausland verkaufen zu wollen, ohne dessen Waren aufzunehmen. ...
^ das Sie nicht zu halten vermögen und das Ihren Händen entgleitet ohne daß
*S Änen von Nutzen gewesen wäre! ... Je mehr sich das Geld vermehrt um so
^ verliert es an Kaufkraft, während die anderen Waren, mit ihm verglichen, an

ert zunehmen“ (Mercier de da ßivikRE, S. 580, o83)

2)	Töhgot, (Buvres I, S. 189. - „Wenn ihr die fremden Kaufleute durch

eure Steuer

sie

&lt;ue e . ern vertreibt, so werden sie euch die nötigen Waren nur bringen, indem
Dia, selbst die Abgaben auferlegeu, mit denen ihr sie belasten wolltet“ (Qübsnay,
l0gues).

3*
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        ﻿36

Erstes Buch. Die Begründer.

Gesetzen und den Physiokraten, die sie inspiriert hatten, die Schuld /
gab. Trotz ihrer Proteste wurde das liberale Gesetz 1770 wieder
aufgehoben, um 1774 von Tuegot wieder eingeführt und 1777 von
Neckee von neuem aufgehoben zu werden, ein Hin und Her, das die
Unschlttssigkeit der öffentlichen Meinung gut wiederspiegelt.

Diese neue Gesetzgebung und das physiokratische System im
allgemeinen hatten übrigens einen lebhaften, energischen Widersacher
gefunden, den Abbe Galiani, einen neapolitanischen Monsignore am
französischen Hof, der, 21 Jahre alt, in italienischer Sprache ein be-
merkenswertes Buch über das Geld, und 1770, in ausgezeichnetem
Französisch die Zwiegespräche über den Getreidehandel
(dialogues sur le commerce des bles) geschrieben hat, die einen großen
Erfolg hatten und besonders von Voltaire über alle Maßen gerühmt
wurden. Ihre Form ist jedoch bei weitem wertvoller als ihr Inhalt.
Galiani war dem „laisser faire“ gegenüber nicht gerade feindlich;
„Soweit wie möglich soll man nichts verbieten“ sagte er, „so oft
wie möglich soll man sich auf die Seite der Freiheit stellen1).“ Er
erklärte sich aber gegen jedes allgemeine System und besonders gegen
jede Unterwerfung unter den Willen der „Dame Natur“: „Sie ist“,
sagte er, „eine viel zu große Dame, um sich mit unseren Kleinig-
keiten zu befassen2).“ " Wie die realistische oder historische Schule
unserer Tage schrieb er, daß man: „die Prinzipien dem Orte, der Zeit
und den Umständen anpassen müsse. Von welchem Reiche will man
sprechen? Wie ist seine Lage usw.“?3)Jl'

An die Seite Galiam’s kann man den großen Finanzmann Neckee
stellen, der 1775 in einem dicken Buche: die Gesetzgebung und
der Getreidehandel (la legislation et le commerce des grains)
ungefähr die gleichen opportunistischen Gedanken entwickelte, und als
Minister (1776—1781 und 1788 — 1790) den freien Getreidehandel unter-
sagte.

Nicht zu übersehen ist aber, daß die Physiokraten für einen
Zweig des Handels, einen einzigen! und nicht den unbedeutendsten
gesetzliche Vorschriften beibehielten. Dies ist der Handel mit Geld,
das Geldleihgeschäft. Der Marquis Mieabeau erkannte nur die Be-
rechtigung der landwirtschaftlichen Darlehne an, weil nur dort die
Zinsen einem wirklichen Güterzuwachs, einem vermehrten Reinertrag,
entsprächen, aber im Handel wollte er jedes Darleihen verbieten oder
doch beschränken. Er ließ es sogar an recht beleidigenden Aus-

0 Dialogues, S. 264, 274.

2)	Ebenda, S. 237.

3)	Ebenda, S. 22. Übrigens schlug er selbst ein ziemlich kompliziertes System
vor, das sehr mäßige Getreideausfuhr- und Einfuhrzölle Torsah, und zwar etwa 10 °/0
im ersten und 5°/0 im zweiten Falle.
        <pb n="62" />
        ﻿Kapitel I. Die Physiokraten.

37

drücken nicht fehlen nnd nannte den Handel mit Geld eine Abgabe,
die die „Nagetiere“ yon Rentiers erhöben. Wie Mieabeau gründete
. Dr. Quesnay das Recht auf Zinsen nur auf den Reinertrag des
ßodens — denn, sagt er, jedes Kapital kann zur Erwerbung von
Grund und Boden verwendet werden. Er war aber weniger streng
Und verlangte nur eine gesetzliche Beschränkung. Hierin sind die
uysiokraten ganz logisch, denn wenn das, was nach ihnen ein recht-
mäßiges Anrecht auf Zinsen begründet, nicht eintritt, d. h. wenn das
-kapital nicht in Grund und Boden, sondern in der Industrie oder
(e® Handel, die sie als unproduktiv definieren, angelegt wird, so ist
®s, klar, daß die Zinsen nur aus der Tasche des Schuldners kommen
°nnen; und dann müssen die Physiokraten diese Zinsen ebenso ab-
ehnen, wie sie die Steuerleistung der industriellen und der Handels-
]asse ablehnen, was weiter unten ausgeführt werden wird.

Turgot ist der einzige, der offen die Freiheit des Geldleih-
Scschäftes zuläßt1) und der Grund, den er anfflhrt, ist nicht allein
as physiokratische Argument von der Möglichkeit, daß der Kapital-
usitzer sein Geld in Grund und Boden anlegen kann, sondern vor
1 enh daß er sich irgendwelcher Produktion zuwenden kann, da
upital die „unumgänglich notwendige Grundlage jedes Unternehmens“
k. )■ Daher wird er sein Kapital niemals jemandem geben, der ihm

wenigstens den Gegenwert dessen bietet, was er erhalten

nicht

kannte, wenn er es selbst in Industrie oder Handel verwendete,
dieser ]
als ob

Beweisführung scheint aber der Gedanke zugrunde zu liegen,
rn v jedes Unternehmen an und für sich produktiv sei. Und in der
Sc] ’ ^ÜRG0T unterschied sich auch darin von der physiokratischen
' nie, daß er die Industrie und den Handel nicht als steril be-
achtete.*

§ 2. Die Rolle des Staates.

. Ba die Physiokraten glauben, daß es in den menschlichen Ge-
daßDSC^a^en e*ne natürliche Ordnung gibt, die von selbst wirkt, und
sch f8 fol*lich deines geschriebenen Gesetzes bedarf, um die Herr-
üer&amp; v ^^eser Ordnung festzulegen, da sie glauben, daß die Stimme
ein ■t'atur üem Menschen „das, was ihm am vorteilhaftesten ist“
gibt und daß daher jeder Zwang unnötig ist, der jemanden be-
men soll, seinen Vorteil zu suchen, — so würde es scheinen, als

Alenj1 ^ ^ äer Verfasser einer berühmten Schrift Uber diesen Gegenstand:

2)°'r,e sur les prets d’argent“ (Ausführungen über Gelddarlehen) 1769.
üüdnno' ,eOexi0us sur la formation des richesses (Betrachtungen über die
e “es Reichtums) §§ LIX, LXI, LXXIV.
        <pb n="63" />
        ﻿38

Erstes Buch. Die Begründer.

ob die Physiokraten zur Verneinung aller Gesetzgebung, aller Autorität, j
mit einem Wort: zur Abschaffung des Staates gelangen müßten.

Es ist sicherlich wahr, daß die Physiokraten dafür waren, die
Gesetzgebungsmaschine auf ein Minimum zu reduzieren, und sie haben
sogar erklärt, was nach ihnen die Anti-Interventionisten so oft wieder-
holen sollten, daß das nützlichste Werk der Gesetzgebung darin be-
stehe, die unnützen Gesetze abzuschaffen1). Fest steht, daß nach
ihnen, wenn man einmal neue Gesetze zu Hilfe nehmen muß, sie
nichts weiter als die Niederschrift der ungeschriebenen Naturgesetze
sein sollten. „Weder die Menschen noch die Regierung machen die ,
Gesetze und sie können sie auch nicht machen.“ Sie erkennen ;
sie als in Übereinstimmung mit der höchsten Vernunft, die die Welt
regiert und übergeben sie der Gesellschaft . . . Deshalb sagt man: |
Gesetzesträger „legislateurs“ und man hat noch niemals gewagt,
von: Gesetzesmachern „legisfacteurs“ 2 3 * *) zu sprechen. Hier würde eine
Menge mehr oder weniger authentischer Anekdoten ihren Platz finden.

So erzählt man z. B. oft von Meeceee de la. Revieee, daß er, von der
großen Katharina nach Petersburg berufen, um die Grundlage
einer Verfassung zu entwerfen, ihr geantwortet habe: er würde sich
wohl hüten, dies zu tun, da man „nur der Natur der Dinge ihren
Lauf lassen brauche“, worauf ihm die Kaiserin glückliche Reise wünschte.

Nichtsdestoweniger würde es ein großer Fehler sein, etwa in den
Physiokraten die Vorläufer der Anarchisten zu sehen. Sie wollten
so wrenig wie möglich Gesetzgebung, aber sie wollten so viel wie
möglich Autorität, — was nicht dasselbe ist. Sie wollten sie aber
nicht, wie unsere heutigen Liberalen, beschränkt und unter genauer
Kontrolle;‘ihr Regierungsideal ist nicht die sich selbst regierende
Demokratie wie die griechischen Republiken, ja nicht einmal die parla-
mentarische Regierungsform wie in England; im Gegenteil alles dies 1
verabscheuten sie8).-*

’) „Schafft die unnützen, ungerechten, widerspruchsvollen und absurden Gesetze
ab, und ihr werdet sehen, ob viel davon übrig bleibt“ (Baudeau, S. 817). BoisguillbbbbI
hatte 60 Jahre vorher geschrieben: „Zur Schaffung eines recht großen Wohlstandes
handelt es sich nicht darum, etwas zu tun, sondern mit dem Tun aufzuhören, |
was nur einen Augenblick beansprucht.“

3)	Quesnay, Maxim es I, S. 390. Auch Mbkcier de la Eiviüre schreibt im
gleichen Sinn: „Die positiven Gesetze sind alle gegeben; sie können nichts anderes,
als Feststellungen zur Erklärung der natürlichen Rechte sein“ (II, S. 61). Das liest
sich wie ein Vorwort zur „Declaration des Droits de l’homme“.

3)	„Der politischen Freiheit brachten die Physiokraten die größte Verachtung

entgegen.“ — Esmein, La Science politique des Physiocrates (Die Wissen-

schaft von der Politik bei den Physiokraten: Eröffnungsrede des Kongresses der ge-

lehrten Gesellschaften, Paris 1906).

„Die griechischen Republiken haben niemals die Gesetze der Ordnung g'e"

kannt. . . . Diese unruhigen, zur Vergewaltigung geneigten, tyrannischen Stämi»6 *
        <pb n="64" />
        ﻿Kapitel I. Die Physiokraten.

39

Aller gesellschaftlichen Hierarchie, bis zu ihrem Oberhaupt,
bringen sie die größte Ehrerbietung entgegen. Sie weisen jede Idee,
den Adel oder die Monarchie angreifen zu wollen, weit von sich.
Was sie wollen, ist eine Regierung unter der Form einer einzigen,
zentralisierten, erblichen Monarchie, ohne Gegengewicht und all-
mächtig. Was sie wollen, und sie fürchten sich nicht, es bei seinem
Namen zu nennen, ist: Der Despotismus1).

‘„Möge die souveräne Autorität allen Einzelpersonen der Ge-
sellschaft und allen ungerechten Unternehmungen der individuellen
Interessen einzigartig und erhaben gegenüber stehen, denn das Objekt
der Herrschaft und des Gehorsams ist die Sicherheit und das be-
rechtigte Interesse aller. Die Theorie des Gleichgewichts der Kräfte
111 einer Regierung ist eine verderbliche Meinung (Quesnay,
Maximes) *)/

Wieweit sind wir jetzt von der Trennung der Regierungs-
gewalten Montesqtjieu’s ? und ebenso von der Dezentralisation und
v°m Kantonalismus! Bemerkenswert ist, daß die Frage der Steuer-
bewilligung durch die Steuerzahler überhaupt nicht angeschnitten wird.
Ulan darf aber nicht vergessen, daß diese Garantie, die der Ausgangs-

börti

Welt

en nicht auf, den fruchtbarsten (!) und bestgelegenen Boden der bekannten

mit menschlichem Blut zu röten und in eine Einöde zu verwandeln“ (Baüdbau,

s- 800).

„Selbstverständlich kann ein demokratischer Herrscher (das Volk) seine Autoriät
Y 11 selbst ausüben und kann nichts anderes tun, als Vertreter za bestellen. Die
Hieter sind Einzelpersonen, deren Ämter notwendig nur vorübergehende Dauer
w en- Diese „Vorübergehenden“ können daher nie in beständiger Interessen-
j^^mschaft mit der Nation sein. Deshalb ist eine solche Verwaltungsform nicht
die ,k'ailS mit der natürlichen Ordnung. — Das gleiche gilt von einem, sich auf

üblich,

Aristokratie stützenden Herrscher und ebenso von einem Wahlkönig. Nur die

„ 5n Monarchen, deren persönliche und Sonderinteressen jetzt und in Zukunft
s mit denen ihres Volkes durch den Anteil, den sie an allen Keinerträgen ihres
°hes haben, verknüpft sind, können in Frage kommen“ (Düpont I, S. 359, 360).
71 i, ®an könnte beinahe glauben Wilhelm II. über die Hohenzollern sprechen
11 hören!

Die Kritiken der parlamentarischen Kegierungsform von Düpont de Nemours
’jber „die allgemeine Korruption als notwendige Folge“ und „sein fressendes Gift,
las die Vereinigten Staaten noch nicht ergriffen hat“ (Brief an J.-B. Say, S. 41 )
Slud äußerst merkwürdig, liegen aber außerhalb einer Geschichte der Doktrinen.

. l) Nur in dieser einfachen und natürlichen Eegierungsform sind die Herrscher
^rkliche Despoten und können alles, was sie für ihr Wohl beabsichtigen, ausfuhren
iDüpont, S. 364).	.	.

,	2) Die Physiokraten verlangten aber eine zu wählende Nationalversammlung,

ihr jedoch irgendwelche gesetzgeberischen Befugnisse einzuräumen; es sollte
aas einfach ein Staatsrat sein, der sich hauptsächlich mit den öffentlichen Arbeiten
*nd der Stenerverteilung zu befassen hätte. Vgl. die Betrachtungen Esmein s über

(d6 . v0n den Physiokraten vorgeschlagene Nationalversammlung

e*ichte der „Academie des Sciences Morales et Politiqnes , 1904).
        <pb n="65" />
        ﻿40	Erstes Buch. Die Begründer.

punkt der parlamentarischen Regierungsform war, für die Physio-
kraten keinen Sinn hatte, da wie wir sehen werden, Steuern für sie
nur das Recht eines Miteigentums des Herrschers, ein Domänen-
einkommen ist, das nichts mit dem Willen des Volkes zu tun hat.

Man kann sich zuerst vor Staunen nicht fassen, wenn man dies
liest, und wenn man bedenkt, daß es aus der Feder eines zukünftigen
Präsidenten der „Constituante“ kommt! Wie soll man diesen wenigstens
scheinbaren Widerspruch erklären? diese Despotismusanbetung bei
diesen Aposteln des „laisser faire“?

Der Grund liegt darin, daß die Physiokraten darunter etwas
ganz anderes verstanden als die landläufige Bedeutung des Wortes.
Für sie ist es nicht gleichbedeutend mit Tyrannei, sondern mit dem
Gegenteil. Für sie war es nicht einmal das, was man später die
Regierung des „aufgeklärten Despoten“ genannt hat, der durch die
Größe seines Genies die Menschen gegen ihren Willen glücklich
macht. Der Despotismus der Physiokraten ist kein anderer, als der
der natürlichen Ordnung, der gegenüber kein vernünftiger Mensch
etwas anderes tun kann, als sich ihr zu unterwerfen. Ihr Despotismus
gleicht in allen Stücken dem der Wahrheit, die sich selbst durchsetzt*).

Dieser Despotismus ist daher weit von dem Grundsatz der
absoluten Macht der alten Juristen entfernt; sicut Principi placuit,
legis habet vigorem * 2). Sie leugnen durchaus den Gedanken, daß der
Wille des Fürsten Gesetz sei, aber es ist zu bemerken, daß sie nicht
weniger energisch leugnen, daß der Wille des Volkes Gesetz sei3)
und hierin sind sie ebenso weit von dem modernen Demokratismus
entfernt, wie vom monarchischen Absolutismus.

Selbstverständlich verkörpert sich dieser Despotismus der natür-
lichen Ordnung in einer Person, derjenigen des Herrschers, des Königs,

') „Der persönliche Despotismus ist mir der gesetzliche Despotismus gemäß den
Tatsachen einer natürlichen Ordnung, — In dem gesetzlichen Despotismus schreiben
die Befehle der Tatsachen die Anordnungen des Herrschers vor. Euklides ist ein
wirklicher Despot, und die geometrischen Wahrheiten, die er uns überliefert hat, sind
wahrhaft despotische Gesetze; ihr gesetzlicher Despotismus und der persönliche
Despotismus dieses Gesetzgebers ist eins, ein Despotismus der unwiderstehlichen
Kraft der Tatsachen“ (Mercibr de la EmikRB, S. 460, 471).

Zum Schluß ist dieser Despotismus derselbe, den Auguste Comte späterhin
meinte, als er sagte: „Es gibt keine Gewissensfreiheit in der Geometrie.“

2) Quesnay schreibt in einem Brief an Mihabeaü: Dieser Despotismus ist im
Gegenteil der „Anker des Heils gegenüber dem Mißbrauch der Gewalt“.

a) „Es ist ein nichtswürdiger Unsinn,“ sagt Baudeaü, „denn damit kann ein
Majoritätsbeschluß den Vatermord gesetzlich rechtfertigen.“

Es ist kaum nötig, darauf hinzuweisen, wie sehr diese Auffassung vom Staat
sich von der unterscheidet und sogar der widerspricht, die späterhin die Inter-
ventionisten und Sozialisten aufstellten, nach der es die Pflicht des Staates ist, die
Ungerechtigkeiten der Naturgesetze nach Kräften zu beseitigen.
        <pb n="66" />
        ﻿Kapitel I. Die Physiokraten.

41

aber er hat keine andere Rolle, als diesen höheren Gesetzen, die er
nicht gemacht hat, als Ausführungsorgan zu dienen. Man muß ihn,
in dem Gedankengang der Physiokraten, mit einem Kapellmeister
vergleichen, der sich seines Zepters nur wie eines Taktstockes be-
dient. Allerdings ist der Despotismus eines Kapellmeisters viel wirk-
samer als der des Zaren, denn jeder der Musiker muß, auf die Sekunde
genau, jeder Bewegung seiner Hand gehorchen. Seine Gewalt ähnelt
aber in nichts einer Tyrannei, da jeder der Ausführenden ihr frei-
willig gehorcht, und da jeder, dem es einfallen sollte, aus Opposition
e|ne falsche Note zu spielen, nicht als ein Widerspenstiger, sondern
einfach als ein musikalischer Dummkopf angesehen werden würde.

Den Physiokraten erschien diese Herrschaft unter der Form
einer erblichen Monarchie, weil nach ihrer Ansicht, worauf wir schon
an anderer Stelle hingewiesen haben, die Herrschaft, wie unter dem
Feudalismus, mit dem Eigentum verbunden war; und ebenso wie die
Erblichkeit zum Grundbesitz gehört, gehört sie auch zum Amt des
Königs, n Der Herrscher, der für die Physiokraten den von ihnen ge-
bäumten Idealtypus eines Despoten vorstellt, ist der Kaiser von
China; er besitzt alle von ihnen aufgestellten Charakterzüge1).*-
Als Sohn des Himmels verkörpert er die natürliche Ordnung, die
gleichen Zeit die göttliche ist. Auch ist er landwirschaftlicher
Herrscher, der feierlich einmal im Jahre die Hand an den Pflug legt.
Er läßt sein Volk sich selbst regieren, oder wenigstens von Sitte
Gebrauch regiert werden2).

Wird aber in der Praxis der Despot nichts zu tun haben? Sicher-
Jph nicht viel; „Ihr werdet sehen, Könige und Herrscher, wie leicht
le Ausübung eurer geheiligten Ämter ist, die wesentlich darin be-
^eht, das Gute, das von selbst wird, nicht zu hindern, und die kleine
^üzahl von Menschen, die sich am Privateigentum vergreifen, zu
Strafen3).“

kein "dieser höchste Alleinwille, der die letzte Instanz ist, ist im Grunde genommen
(jes lnensehlicher Wille mehr: er ist die verkörperte Stimme der Natur, die Ordnung
Urw	Pie Chinesen sind das einzige bekannte Volk, deren Philosophen diese

zu haben scheinen. In diesem Sinn nennen sie auch ihren
1 M ^es Himmels“ (Baüdbau, S. 798).

Wthuji Tan kat i®doch gesagt (Pantaueoni in seiner Einführung zu dem Buche
s°baftl^ 1~'abrioi'a’8 „Be dottrine economiche di Quesnay — Quesnay’s wirt-
Rolle 10 eÄ°ktrin—), daß die Physiokraten dem Feudalismus gegenüber die gleiche
Scbaft	hätten, wie die Sozialisten späterhin gegenüber der bürgerlichen Gesell-

stehen(le\^0m Fetischen Gesichtspunkt aus ist das richtig, da sie eine allein-
Pünijt lonarchie ohne Gegengewicht erstrebten, vom ökonomischen Gesichts-
mit fPl1 !1S, aker nicht, da ihre Auffassung der Souveränität und der Abgaben ganz
b'rf611 ®e^anken getränkt ist.

uuont, Vorrede zu den Werken Qubsnay’s I, S. 35.
        <pb n="67" />
        ﻿42

Erstes Buch. Die Begründer.

Und in der Tat, der Schutz dieser natürlichenOrdnung
gegen alle tempelschänderischen und unwissenden Hände, die ihr
irgendwie Schaden zufügen wollen, und im besonderen der Schutz
dessen, was ihre Grundlage ist, des Eigentums in allen seinen Formen,
das ist die erste und bedeutendste Funktion des Herrschers. „Die
gesetzliche Ordnung besteht in dem Besitzrecht, das von der Kraft
einer schützenden und herrschenden Autorität den in der Gesellschaft
vereinigten Menschen sichergestellt und garantiert wird1).“

Der Unterricht ist die zweite dieser Funktionen, und die
Physiokraten legen auf diesen Punkt ganz besonderes Gewicht. „Der
allgemeine Unterricht ist das erste und das wahre gesellschaftliche
Band“ sagt Baudeaxi. Und Qxjesnay empfiehlt besonders den Unter-
richt, der sich mit der Existenz der natürlichen Ordnung und den
Mitteln ihrer Erkenntnis befaßt. Hierfür geben sie übrigens als
Grund an, daß der Unterricht aller Bürger, eine aufgeklärte öftent-
liche Meinung, das einzige Mittel sei, um zu verhindern, daß der
physiokratische Despotismus in persönlichen Despotismus entarte.
Wie Quesnay sagt, ist es die öffentliche Meinung; die das Schwert
führt. Daher muß sie urteilsfähig sein.

Auch die öffentlichen Arbeiten werden von den Physio-
kraten als eine Teilaufgabe des Staates bezeichnet; — muß ein guter
Besitzer nicht zuerst für gute Wege auf seinen Besitzungen sorgen?
— denn gute Wege und Kanäle sind ganz besonders wichtig, um
den Grund für die Ertragsfähigkeit eines Besitztumes zu legen-
Sie sind eine Art Grundvorschüsse, ähnlich denen der Grundbesitzer.

Das ist ungefähr alles2). Diese Aufzählung der Funktionen des
Staates bleibt dieselbe, ohne viel verbessernde Pinselstriche, für die
ganze liberalökonomische Schule bis auf Bastiat und Molinari. Wh’
können als letztes noch erwähnen, daß, ebenso wie späterhin die
Nationalökonomen der liberalen Schule, die Physiokraten sich voll'
ständig als Internationalisten gebärdeten. Hierin unterscheiden sie
sich von ihren Freunden, den fremdenhassenden Chinesen. Nicht nxxi’
erklären sie vom wirtschaftlichen Gesichtspunkte aus, „daß man all6
Unterschiede zwischen den Völkern beiseite schieben muß“, sondern
sie fürchten auch vom politischen Gesichtspunkt aus gerade den
Patriotismus3 * *). Es ist eigentümlich, daß die heutigen Friedens-

1)	Dupont I, S. 22.

2)	„Tukgot jedoch, der viel weniger landwirtschaftlich gesinnt war, als

Physiokraten, billigt ebenfalls gewisse königliche Privilegien, um die Errichtung vo*1

Fabriken zu begünstigen“ (CE uv res I, S. 360).

s) „Man hat die Völker als in einem beständigen Kriegszustand untereinander
hingestellt; dieses unglückliche Vorurteil hat man sozusagen geheiligt und darallä
eine Tugend gemacht, die Patriotismus genannt wird“ (Baudbau, S. 808).

Er bezeichnet als die drei Kardinalfehler der Staaten besonders die, die de®
        <pb n="68" />
        ﻿Kapitel I. Die Physiokraten.

43

apostei nicht daran denken, sich auf diese erlauchten Vorläufer zu
berufen.

§3. Über die Steuern.

Wie bekannt, ist die Steuertheorie der Physiokraten eine der
charakteristischsten Seiten ihres Systems. Sie gehört dazu; sie ist
^trennbar mit ihrer Auffassung des Reinertrages und des Grund-
besitzes verbunden, und trotzdem hat sie, eine eigentümliche Tat-
sche, den Zusammensturz ihres Systems überdauert und neuerdings
Jbre Auferstehung erlebt.

Bei dem Tableau der Einkommenverteilung haben wir nur von
Parteien gesprochen: den Grundbesitzern, den Pächtern und den
Randwerkern. Es gibt aber eine vierte, die zu jeder Zeit ihren
eü erhoben hat, und die ihn auch im physiokratischen System ver-
angt: der Herrscher, der Staat. Zweifelsohne ist der physiokratische
1 taat, der gute Despot, dessen Bild wir eben in großen Umrissen
gezeichnet haben, nicht anspruchsvoll: da er nur wenig zu tun hat,
hird er nicht viel brauchen. Wir haben jedoch gesehen, daß er außer
seiner doppelten Aufgabe für die Sicherheit und den Unterricht zu
®0r§vn, noch wirkliche Grund Vorschüsse für die Inwertsetzung von
andereien durch öffentliche Arbeiten, besonders für Straßen1) zu
Risten hat. Hierfür braucht er Mittel, und die Physiokraten glauben,
häs •Dlan S*6 ^im reicblich bemessen muß2), und nicht etwa lange ge-
f0r ^ ihm handeln darf, wie es die parlamentarische Regierungs-
111 tut. Wo wird er sie aber hernehmen?
o he Antwort ergibt sich von selbst, wenn man das physiokratische
; tern kennt. Er kann sie nur vom „produit net“ nehmen, da dieser
t 1 einzigen wirklich neuen, wirklich verwendungsbereiten Wert dar-
___denn der Rest wird notwendigerweise von der Rückzahlung

dra &gt;^er ^rieehischen Städte verschuldet haben; Willkür in der Gesetzgebung, Steuer-
c » gehässiger Patriotismus (S. 800).

es n • ..”®s Senügt nicht, wenn man Ernten erzielen will, daß die Landwirte, sei
Qr 1,™äre&gt; sei es Jährliche Vorschüsse für die Bewirtschaftung leisten, und daß die
eshzer die grundlegenden Vorschüsse hergeben; es gehören noch die aus der
S. 7gg.jUI1®saulorität fließenden Vorschüsse des Herrschers dazu“ (Baudbau,

W0j,ie^ die Regierung weniger mit Sparen beschäftigt sei, als mit den für das
'Grch r^e^ei1 d®3 Landes nötigen Operationen, denn auch sehr große Ausgaben können
Jl a v • 16 Vermehrung der Güter, die sie hervorrufen, sich rechtfertigen“ (Qdbsnay,
xiffies XXVII).

die mauSiSt eine kleinliche und gehässige Idee der Engländer, Jedes Jahr die Summen,
das ße iVer ®-eg&gt;erung freundlichst zur Verfügung stellen will, festzulegen und sich
b'emokr f ^6r ®leuerverweigerung vorzubehalten. Es ist das eine augenscheinliche
tle“ (Dupont, Brief an J.-B. Say, S. 413).
        <pb n="69" />
        ﻿der Vorschüsse und von dem Unterhalt der industriellen und land-
wirtschaftlichen Klassen aufgezehrt. Wenn nun die Steuern einen
Teil dieser Einkünfte, deren Verwendung unantastbar ist, aufbrauchen,
so würde nach und nach die Quelle des Reichtums versiegen. Wenn
aber im Gegenteil nur der Überfluß, den der Reinertrag vorstellt,
genommen wird, und mit noch größerer Berechtigung, wenn nur ein
Teil dieses Überflusses genommen wird, so kann die zukünftige
Gütererzeugung in keiner Weise benachteiligt werden.

Das ist durchaus klar. Wo aber wird der Staat diesen Rein-
ertrag fassen? — Bei denen, die ihn erhalten, also bei den besitzenden
Klassen, so daß wir zu dem bemerkenswerten Schlüsse kommen, daß
die ganze Steuer von den Grundbesitzern gezahlt werden muß. Einige
Seiten vorher hat uns das Privilegium, das die Physiokraten ihnen
ohne weiteres zusprachen, etwTas befremdet; dies ist das Lösegeld,
und es ist nicht gering! Wie und nach welchem Satze soll nun der
Betrag festgelegt werden?

Die Physiokraten wollen keineswegs die Grundbesitzer ihres Ein-
kommens berauben, da, wie wir gesehen haben, sie sich große Mühe
gaben, es mit vielen Gründen zu rechtfertigen. Nicht nur wollen sie
ihnen alles das lassen, was für die Rückzahlung ihrer Grundvor-
schüsse und ihrer ünterhaltungkosten notwendig ist, sondern auch
alles das, was gebraucht wird, um den Stand des Besitzers „möglichst
zu heben“1). Diese Sorge, die uns ganz eigentümlich erscheint, wird
den Physiokraten von dem Gefühl der Bedeutung der sozialen Rolle
der besitzenden Klasse diktiert. „Wenn irgendein anderer Stand“,
sagt Düpont de Nemours, „dem der Grundbesitzer vorzuziehen wäre,
würden sich alle Menschen diesem anderen Stande zuwenden. Sie
würden es unterlassen, ihre beweglichen Güter zur Schaffung, Ver-
besserung und Unterhaltung von Landgütern zu verwenden.“ Muß
man aber nicht in diesem Falle fürchten, daß alle Menschen sich
dem Stande des Grundbesitzers zuwenden und alle anderen Beschäf-
tigungen vernachlässigen werden?- Nein! die Physiokraten haben
diese Furcht nicht, sei es, weil sie denken, daß es in einem Lande
nicht zuviele Grundbesitzer geben kann, sei es, weil sie denken, daß,
wie das Land selbst, so auch die Anzahl der Grundbesitzer von Natur
begrenzt ist.

Und zum Schlüsse kommen die Physiokraten zu einem Steuer-
satz von einem Drittel, nach Baudeau sogar nur von 6/20 des Rein-
ertrages (also 30%)- Wenn man für den Reinertrag 2 Milliarden

*) „Das Verhältnis der Stenern zum Reinertrag muß so sein, daß die Lage der
Grundbesitzer die bestmögliche ist, und daß ihr Stand jedem anderen in der Gesell-
schaft yorgezogen wird“ (Dopont, S, 356).
        <pb n="70" />
        ﻿Kapitel I. Die Physiokraten.

45

einsetzt, wie die Erklärung zum Tableau economique angibt, so
würde dies genau 600 Millionen Fr. an Grundsteuern ergeben1).

Man versteht, daß die damaligen Grundeigentümer, die als Adlige
meistenteils von allen Lasten befi elt waren, diese Steuer etwas hoch
gefunden haben und den Eindruck hatten, daß die Physiokraten sie
den hohen Rang, den sie ihnen zuwiesen, ziemlich hoch bezahlen
üeßen. Auch unsere heutigen Grundbesitzer würden, das ist klar,
bei einer Steuertaxe von 30 °/0 auf das Bruttoeinkommen nicht schlecht
schreien. Die Physiokraten antworten im voraus auf diese Klagen
mit einer heute banal gewordenen Beweisführung, die aber bei ihnen
mne ganz außerordentlich scharfe ökonomische Intelligenz anzeigt:
Die Steuer würde nämlich niemand fühlen, weil in Wirklichkeit sie
Jemand zahlen würde. Nach ihnen würde jedes Grundstück unter
Abzug des Steuerbetruges, d. h. also 30 °/0 unter seinem Werte, ver-
kauft werden, und folglich würde der Eigentümer, obgleich er nominell
die Steuer trägt, sie in Wirklichkeit nicht zahlen2). Angenommen
em Gut bringt 10000 Fr. Pacht, und sein Wert sei daher bei einer
Verzinsung von 5% gleich 200 000 Fr.; es trägt aber 3000 Fr.
Steuern, folglich bringt es in Wirklichkeit nur 7000 Fr., so daß sein
'Veit nur 140000 Fr. ist. Der Käufer, der diesen Preis gezahlt hat,
genießt daher, trotz der Steuer von 3000 Fr., die Gesamtsumme des
Einkommens, zu der er berechtigt ist, da er doch nur Anspruch auf
das haben kann, was er bezahlt hat, und da er in Wirklichkeit nur
den Wert des steuerfreien Teiles des Einkommens erworben hat. Es
!st gerade so, als ob er nur 7/l0 des Gutes gekauft habe und die
nbrigen 8/I0 Staatseigentum blieben. Wenn dann der Staat später-

das ^enn man diese Zahl mit dem damaligen Gesamteinkommen Frankreichs,
bet .ai1^ ü Milliarden geschätzt wurde, vergleicht, so ergibt sich, daß sie 12% davon
Was e*nen Staat, der nach der physiokratischen Lehre sich nur auf der
miser * . 11 Ordnung aufbaut, immerhin eine ganz nette Summe ist. Das Verhältnis
Iß0/, Dtzigen enormen Nationalbudgets, das fast 5 Milliarden ausmacht, wird kaum
o es Gesamteinkommens Frankreichs vorstellen.

Vfie , as französische Budget, das Nbcker 1781 präsentierte, war fast das gleiche,
kirchr^i *ier Physiokratischen Hypothese; 610 Millionen. Allerdings kamen dazu die
Art (j- 611 Ahnten, die Abgaben an die Grundherren und die Dienstleistungen aller

unter dem physiokratischen System verschwinden sollten.

Gr

rege Weise ist das Staatseinkommen niemandem lästig, kostet meman em e w ,
niemandem ^bezahlt^rnd beschränkt in keiner Weise Irgendwelches Ergen-
(Dupont du Nemours I, S. 357/358).
        <pb n="71" />
        ﻿46

Erstes Buch. Die Begründer.

hin die Steuer abschafft, so würde er ihm ein ganz ungerechtfertigtes
Geschenk yon 3000 Fr. Jahreseinkommen oder 60000 Fr. Kapital
machen 1).

Wenn nun auch dieser Gedankengang (der übrigens eine viel größere
Tragweite hat, als die Physiokraten dachten, da er sich nicht nur
auf die Steuer auf Grundbesitz, sondern auf jede Vermögens- und
Kapitalbesteuerung bezieht) für die Eigentümer, die den Grund und
Boden nach der Einführung dieser Steuer erwerben, ausgezeichnet
ist, so ist er wenig reizvoll für die Grundbesitzer, die die Ehre haben
würden, das physiokratische Heidi einzuweihen, und es ist klar, daß
sie die ersten sind, die bekehrt werden müßten.

Wie ersichtlich, beschränkt sich der Anteil des Herrschers auf
ein wahres Miteigentum am gesamten Grundbesitz2 * * * * *). Dies stimmt
auch durchaus mit der Vorstellung, die sich die Physiokraten vom
Herrscher machen, überein. In Wirklichkeit bilden die Grundbesitzer
und der Herrscher nur eine den Boden des Landes zusammen be-
sitzende Klasse, mit gleichen Hechten, gleichen Pflichten und gleichem
Einkommen. Dadurch wird erreicht, daß der Vorteil des Herrschers
vollständig mit dem des Landes verschmilzt8 * *).

Ihrem fiskalischen System maßen die Physiokraten eine sehr
große Bedeutung bei, in der Überzeugung, daß die Verteilung der
Steuern die Grundursache der Not des Volks zu ihrer Zeit war, die
eigentliche Verkörperung der Ungerechtigkeit, mit einem Wort: die
damalige „soziale Frage!“ Wenn wir auch heute das Elend mehr
der schlechten Güterverteilung als irgendeinem fiskalischen System
zur Last legen, und diese Anschauung der Physiokraten uns über-

1)	Um den Grundbesitzern größtmögliche Sicherheit zu geben, wollten die
Physiokraten, daß das Verhältnis, einmal festgelegt, so unveränderlich wie möglich
sei. Baudbau jedoch gibt die Möglichkeit periodischer Schätzungen zu, „damit die
Krone am Gewinn und Verlust der produktiven landwirtschaftlichen Klasse in stetiger
und wirklicher Weise beteiligt sei“. Und er richtet folgende, weittragende Mahnung
an die Grundbesitzer: „Redet euch nicht ein, daß ihr allein die Ursache des Steigen»
eurer Einkünfte seid, denn das würde eine höchst ungerechtfertigte Undankbarkeit
der Autorität gegenüber sein, die in stetigem Fortschritt ihre Hoheitsfuuktionen
erfüllt“ (S. 708).

2)	„Ich bemerke nebenbei, daß ich nur mit Bedauern dem öffentlichen Einkomme11

den Namen Steuern beilege. Dieses Wort wird stets von der schlechten Seite aufgefaßt-

Es bedeutet so eine schwere Last, von der jeder befreit sein möchte. — Das öffent'

liehe Einkommen ist aber im Gegenteil für den Herrscher nur der Ertrag aus Grund'

besitz, der nichts mit allem anderen Grundeigentum seiner Untertanen zu tun bat

(Mercier de la RiviSbe, S. 451).

s) „Wenn der Herrscher . . ., der ständig als jährliches Einkommen einen b®'

stimmten Prozentsatz des Reinertrages bezieht, der mit dem Reinertrag steigt unl

mit ihm sinkt, so liegt hierin eine augenscheinliche und notwendige Übereinstimmung

der Ziele und Interessen“ (Baudbaü, S. 769).
        <pb n="72" />
        ﻿Kapitel I. Die Physiokraten,

47

trieben erscheinen mag, so läßt sie sich doch aus der schrecklichen
Finanzwirtschaft unter dem ancien regirae rechtfertigen.

Die Einwürfe, welche diese nur auf die Grundbesitzer beschränkte
Steuer nicht hervorzurufen verfehlten, sind von den Physiokraten
vorgesehen worden und sie haben sich mit ihrer Widerlegung ein-
gehend beschäftigt.

Erstens: die Ungerechtigkeit, die Steuer einer einzigen Klasse

Volkes aufzubürden, anstatt sie gleichmäßig auf alle zu ver-
teilen !).

Dem halten die Physiokraten entgegen, daß das Ziel, das sich
rin Staatsmann setzen muß, nicht darin besteht, alle gleichmäßig zu
besteuern, sondern wenn irgendmöglich niemanden zur Steuerleistung

her;

^nzuziehen, und daß gerade dies der Erfolg einer Besteuerung des
Reinertrages sei.

Sogar wenn man diese Besteuerung des Reinertrages als eine
1 teuer ansehen sollte, würde es zu nichts führen, sie anderen Gesell-
Schaftsklassen aufzubürden, denn welche sollte man heranziehen?

Sollte man die landwirtschaftliche Klasse die Steuer tragen lassen?
lr haben doch gesehen, daß der Teil, der dem in der Landwirt-
. "alt Beschäftigten verbleibt, nachdem der Reinertrag abgezogen
■ &gt; nur genau die Rückzahlung der jährlichen und primären Vor-
Clhsse ausmacht. Wenn man ihnen daher 600 Millionen Steuern
Von wegnimmt, so würde dem Boden um so viel weniger zurück-
o Seben werden, was den Bruttoertrag des folgenden Jahres ent-
1 rechend vermindern würde2). Ausgenommen es gelingt den Land-
Jrien, ihre Pacht

&lt;Uei

um

600 Millionen vermindert zu erhalten.

In

Sem Palle würden das Endresultat für die Großgrundbesitzer das-
e sein, als wenn sie die Steuern selbst bezahlt hätten, wozu aber
&lt;'1 die Schäden und Reibungen kommen würden, die mit jedem

rierz' ^ r^eser Einwurf wird jn der geistreichen Satire Voltaiee’s: „Der Mann mit
artDZl£ Talern“ behandelt. Sie stellt einen reichen, steuerfreien Finanzherrn einem
fijr en bandwirt, der nur 40 Taler Einkommen hat, gegenüber, aus dem er die Steuern
selbst nud den Finanzherrn, der sich über ihn lustig macht, zahlen muß.
erier p derartige Beschneidung der produktiven Ausgaben würde unweigerlich zu
sind . 10&lt;rihtionsverminderung führen, denn die für die Bestellung nötigen Ausgaben
Heben*116 conc^° s^ne 2ua non der Ernte. Man kann diese Ausgaben nicht auf-
ebne ’i °^ne gleichzeitig die Ernten aufzugeben: auch kann man sie nicht vermindern,
■Volke 16 Rrnten ebenfalls im gleichen Verhältnis zu verringern. Diese für die Be-
anf	80 gefährliche Verschlechterung würde letzten Endes notwendigerweise

«Die v ^rrUll(iheäitzer und den Herrscher zurückfallen“ (Düpont de Nemours, S. 353).
Wirken erm'n^erUng ^er Vorschüsse wird in gleicher Weise auf den Ertrag zurück-
a’lsuben'lnn-dieS wird wieder von neuem den gleichen Einfluß auf die Vorschüsse
die o-gfl’ 1)1686 Schraube ohne Ende ist wohl geeignet, jeden, der hierauf auch nur

de 1» T» ®ste Aufmerksamkeit verwenden will, mit Schrecken zu erfüllen“ (Mehcier
U ßmkHE, s. 499)_
        <pb n="73" />
        ﻿48

Erstes Buch. Die Begründer.

falschen Vorgänge, der von der natürlichen Ordnung abweicht, ver-
bunden sind. Soll man diese Steuern der sterilen Klasse auferlegeu?
Da sie aber so wie so schon, laut ihrer Definition, unproduktiv ist,
d. h., da sie nur den Gegenwert dessen, was sie verzehrt, erzeugt,
so heißt, ihr 600 Millionen nehmen, sie dazu zu zwingen, ihren Ver-
brauch oder ihre Rohstoffkäufe um die gleiche Summe zu verringern,
und infolgedessen die landwirtschaftliche Produktion in der Zukunft
zu vermindern, — ausgenommen es gelingt den Industriellen, den
Preis ihrer Erzeugnisse um 600 Millionen zu steigern. In diesem
Falle ist es ebenfalls die Klasse der Grundbesitzer, die die Folgen
trägt, sei es unmittelbar für das, was sie verbraucht, oder mittelbar
für das, was ihre Pächter verbrauchen r).

Diesem Gedankengange scheint die Idee zugrunde zu liegen, daß
die Einkünfte der landwirtschaftlichen und industriellen Klassen nicht
eingeschränkt werden können, weil sie nur das unumgängliche not-
wendige Minimum der Produktionskosten vorstellen. Folglich scheint
auch schon jenes Gesetz des Lohnes, das man später das eherne
Lohngesetz genannt hat, in ihm enthalten zu sein. Sicherlich kennt
jeder die erbarmungslose Formel, in welche Tuegot dieses Gesetz
gefaßt hat, ohne übrigens damit zuzugeben, es rechtfertigen zu
wollen* 2). Aber vor ihm hat schon Quesnay, in nicht weniger klaren,
wenn auch weniger bekannten Worten gesagt: „Man wird vergeblich
dem entgegenhalten, daß die Lohnempfänger, indem sie ihren Ver-
brauch einschränken und sich Genüsse versagen, die Steuern zahlen
könnten, die man von ihnen verlangt, ohne daß diese Steuer zuletzt
auf die ersten Austeiler der Ausgaben zurückfallen würde . . . aber
die Höhe des Lohnes, und folglich auch die Genüsse,
die die Lohnempfänger sich verschaffen können, sind
durch die scharfe Konkurrenz, die sie sich unterein-
ander machen, genau bestimmt und auf das geringste

„Es ist dies eia Vorschuß, den der Grundbesitzer wohl oder übel ihnen i®
Lohn oder Almosen zurückerstatten muß; doch ist es ein Vorschuß, den der Arm®
dem Reichen macht, und dessen verzögerte Zurückzahlung den ersteren allen Schrecke"
des Elendes aussetzt. Der Staat fordert von dem, der nichts hat, und sofort werde"
gegen den, der nichts hat, alle Mittel der Rechtsordnung, alle Strafbestimmungen i"
Anwendung gebracht“ (Turgot, (Euvres I, 413).

„Es liegt auf der Hand, daß es in diesem Pall den Grundbesitzern viel teurer
zu stehen kommt, als wenn sie direkt ohne Erhebungskosten dem Fiskus den be-
treffenden Teil ihres Einkommens überweisen“ (Düpont de Nemours, S. 352).

2) „Bei jeder Arbeit muß es zutreffen und trifft es auch tatsächlich zu, daß der
Lohn des Arbeiters sich auf das beschränkt, was zum Erwerb seiner Unterhaltsmitt®1
ausreicht“ (Reflexions sur la formation des richesses, § VI). Es ist aber immerhi®
möglich, daß ebenso, wie Christus, als er sagte: „Denn Arme habt ihr allezeit b®1
euch“, auch Turgot nicht ein allgemeingültiges Gesetz, sondern nur den gerade b®'
stehenden Zustand im Auge hatte.
        <pb n="74" />
        ﻿Kapitel I. Die Physiokraten.

49

beschränkt1). Es ist ganz charakteristisch, daß der Erfinder der
natürlichen Ordnung ohne Erstaunen und als etwas Natürliches, d. h.
übereinstimmendes mit dieser natürlichen Ordnung zugibt, daß die
Arbeiter nur gerade das zum Leben Notwendigste haben!

Auch ist es bemerkenswert, daß die Physiokraten, wenn sie die
industrielle Klasse in Bausch und Bogen betrachten, nur die Lohn-
empfänger im Auge haben und die Unternehmer ganz außer acht
lassen, deren Profit doch schon zu ihrer Zeit groß und wohl ein-
schränkbar war. Hier hätte sie der reiche Finanzier Voltaire’s in
Verlegenheit bringen können, denn es würde ihnen Mühe gekostet
haben, darzulegen, daß dieser seinen Verbrauch nicht ohne Schädi-
§Ung der Produktion hätte einschränken können. Wahrscheinlich
Würden sie aber geantwortet haben, daß, da dieser Finanzier es ver-
standen habe, vom Staat und von seinen Mitbürgern 400 000 Fr. zu
^•schwindeln, es ihm ein Kinderspiel gewesen wäre, sich den Betrag
hßr Steuer, — wenn man sie ihm hätte auferlegen wollen — auf
Reiche Weise zu verschaffen.

Zweitens; Ein weiterer Einwurf ist, daß die einzige Steuer für
üm Bedürfnisse des Staates nicht ausreichen würde. „In mehreren
Staaten, sagt man, würde das Drittel, die Hälfte und sogar drei Viertel
reinen Nettoeinkommens aller produktiven Anlagen nicht für
16 jährlichen Ausgaben des öffentlichen Schatzes genügen .. .., wo-
Urch die anderen Steuerformen nötig werden2).“

Hierauf antworten die Physiokraten, daß die Anwendung ihres
. ^Mischen Systems eine bedeutende Steigerung des Reinertrags, und
holgedessen eine progressive Steigerung auch des Steuerertrages
s Erfolg haben würde; daß man ebenso die Ersparnis, aus der
einah vollständigen Abschaffung der Erhebungskosten auf Grund
er Einfachheit dieser Steuer in Rechnung setzen müßte; und endlich,
das Interessanteste ist, daß es keineswegs Aufgabe der Steuer
q ’ Slcb den Bedürfnissen des Staates anzupassen, sondern daß im
genteil der Staat seine Bedürfnisse der Leistungsfähigkeit des
J udes anpassen müßte. Der Vorzug der physiokratischen Steuer
yteht gerade darin, daß er den Steuerertrag nach einer von der

0 Zweites wirtschaftliches Problem, S. 134. Qobskay fahrt m seinem
Jsdankengang in merkwürdiger Weise fort. Er nimmt nicht an daß die Lohn-
^"ünderung unter das Existenzminimum den Tod einer großen Anzahl von Menschen
^führen werde, sondern nur „ihre Auswanderung zu anderen Völkern - eine
AU semer Zeit, sollte man denken, recht optimistische Auffassung — und daß diese
Auswanderung durch Verminderung der verfügbaren Arbeitskräfte, als Folge eine
0 uerhöhung herbeiführen würde.	,	.... Tlm

, 2) Baudeau, S. 770. „Dieser Einwurf beruht auf dem Irrtum, das Netto-Jahres-
. "^nmen mit einem fiktiven Reinertrag, der durch andere Abgaben und dadurch
'ugte Lasten verringert wird, zu verwechseln (ebenda, .S, 774).

*'1 ae und Rist, Gesell, d. Volkswirtschaft!. Lehrmeinungen.
        <pb n="75" />
        ﻿50

Erstes Buch. Die Begründer.

If11

Natur selbst gegebenen Norm, nämlich dem Reinertrag bemißt, ohne
die der Willkür Tor und Tür geöffnet ist1). Im Grunde genommen,
ist dies eine viel wirksamere Schranke gegen die Allmacht des Herr-
schers, als jene, die auf der phantastischen Abstimmung eines Parla-
ments beruht.

Wie man weiß, ist das System der Physiokraten und im be-
sonderen ihr fiskalisches System von einem ihrer Schüler in die Tat
umgesetzt worden, der den Vorzug hatte, als Fürst Experimente an
seinen Untertanen anstellen zu können, und zwar vom Markgrafen
Karl Friedrich von Baden in drei Gemeinden seines Landes. Wie
alle Experimente mit sozialen Systemen schlug auch dieses fehl. In
2 Gemeinden mußte man es nach Ablauf von 4 Jahren (1772—1776)
aufgeben; in einer dritten hielt es sich, mit Not und Mühe, bis zum
Jahre 4£0ör Die Steigerung der Grundsteuer verursachte einen wahren
Krach im Werte der Güter, während zu gleicher Zeit die Abschaffung
der Verbrauchssteuer Kneipen wie Pilze aus dem Boden schießen
ließ2). Selbstverständlich wurde der Glaube des Markgrafen, wieder
seiner Meister, der Physiokraten, von diesem Mißerfolg nicht erschüttert;
sie erklärten, daß sie einen Versuch in so kleinem Maßstab nicht als
entscheidend anerkennen könnten. Das sagen alle Erfinder von
Systemen, wenn die angestellten Versuche fehlschlagen, und man
kann nicht umhin, zuzugeben, daß sie nicht ganz Unrecht haben.

Aber nicht in diesem kleinen fürstlichen Zeitvertreib muß man
die Anwendungen des fiskalischen Systems der Physiokraten suchen:
es hatte eine viel größere Tragweite.

Die französische Revolution geht zunächst in ihrem fiskalischen
System unmittelbar von den physiokratischen Ideen aus, da die Assemblee
Constituante von einem Budget, das nicht 500 Millionen überschritt,
fast die Hälfte, 240 Millionen, von der Grundsteuer verlangte, was in
unserem heutigen Budget fast 2 400000000 Fr. vorstellen würde (!),
ohne Einschluß der Zusatzsteuer (!), und dabei wurde noch der größere
Teil des Restes durch direkte Steuern erhoben.

0 „Sollte es unglücklicherweise wahr sein, daß drei Zehntel des Gesamtboden-
Reinertrages nicht genügen würden, um die laufenden Ausgaben zu decken, so bliebe
nur eine gerechte und vernünftige Lösung, die sich aas dieser Tatsache ergeben kann
übrig, nämlich die Notwendigkeit, die Ausgaben verursachenden Posten zu ver-
ringern“ (Dupont de Nemoubs, S. 775).

„Es kommt den Menschen nicht zu, die Steuern nach ihrem Gutdünken zu ver-
teilen; es besteht hierfür eine genau von der natürlichen Ordnung vorgeschriebene
Form“ (Dupont, Sur l’origine d’une Science nouvelle). Sie bestreiten eben-
falls, daß der Staat die natürliche Grenze durch Anleihen überschreiten darf, da das
doch nur eine Erhöhung aufgeschobener Steuern darstellt.

2) Vgl. die lehrreiche Broschüre vonG-ABgou: Unprince allemand physio-
crate, die nach zwei Bänden von Briefen zusammengestellt ist.
        <pb n="76" />
        ﻿51

Kapitel I. Die Physiokraten.

Der Mißkredit, in den die indirekten Steuern, die Verbrauchs-
steuern, heute geraten sind, und der in den demokratischen Gemein-
wesen immer weiter um sich greift, ist auch eine Folge des physio-
kratischen Systems. Die meisten der Gründe, die man gegen diese
Art Steuern anführt, finden sich schon bei den Physiokraten. Der
Einwurf aber, den man heute als den hauptsächlichsten ins Treffen
führt, daß nämlich die indirekten Steuern nicht proportional zum
Einkommen wirken, oder wie man sagt, sogar eine nach unten pro-
gressive Wirkung haben, findet sich fast nirgends in ihren Schriften.
Eiese Sorge um die steuerliche Gerechtigkeit, die nur ein Ausdruck
für Gleichheit ist, lag ihnen fern J).

Später werden wir das System einer einzigen Steuer mit großem
Nachdruck in dem Werke eines amerikanischen Nationalökonomen
Wieder aufgenommen finden, der übrigens von den Physiokraten mit
üer größten Begeisterung gesprochen hat, — wenn er auch in bezug
aüf die Grundbesitzer gerade den entgegengesetzten Gefühlen
huldigte —2). Heute noch hat dies System in den Vereinigten
Staaten unter dem alten Namen der „einzigen Steuer“ (single tax
system) eine begeisterte Anhängerschaft.

A Zusammenfassung der physiokratischeu Doktrin.
Die Kritiker und die Abtrünnigen.

Wenn wir jetzt'die Beiträge der Physiokraten zur ökonomischen
issenschaft'zusammenfassen, so sehen wir, daß sie von nicht ge-
ringer Bedeutung sind:

' Vom theoretischen Gesichtspunkte aus;

1-	Der Gedanke, daß alle Sozialphänomene gesetzmäßig sind
d folglich Beziehungen untereinander haben, die es zu ent-
decken gilt;

2-	der Gedanke, daß das sich selbst überlassene persönliche Inter-
,Se das ihm nützlichste finden wird und damit auch das, was der
esamtheit am nützlichsten ist, — eine liberale Lehre, die übrigens
rschiedene Vorläufer noch vor den Physiokraten gehabt hat;

3. der Gedanke, daß die freie Konkurrenz den richtigen Preis
de°n Verstellt, nämlich den für beide Teile vorteilhaftesten Preis,
1 den Wucherprofit ausschließt;

(8, 4jp, JIan ®n(let sie aber in einem der Briefe Dopont de Nemours an J.-B. Say
’a*so ziemlich viel später.

Tradol ENs^ George hat ihnen eins seiner Bücher: „Protection or Pree
selbst dnReWidmet’ da er in ihnen Vorläufer zu sehen glaubte; er gesteht aber
Werte a er sie nicht gelesen habe, und so verliert dies Lob etwas von seinem

4*
        <pb n="77" />
        ﻿4.	eine zwar ungenaue, aber sehr durchdachte Analyse der Pro-
duktion und der verschiedenen Kapitalkategorien; eine erstmalige
Klassifizierung der Einkünfte und des Gesetzes ihrer Verteilung;

5.	die klassisch gewordenen Gründe zugunsten des Grund-
eigentums.

Vom praktischen Standpunkte aus:

1.	Arbeitsfreiheit;

2.	die Freiheit des Binnenhandels und die klassisch gewordenen
Gründe in bezug auf die Freiheit des Außenhandels;

3.	die Begrenzung der Funktionen des Staates;

4.	der erste Nachweis des Vorzugs der direkten Steuern gegen-
über den indirekten Steuern/

Es würde daher nicht gerecht sein, ihnen, wie es verschiedentlich
geschehen ist, vorzuwerfen, weiter nichts als soziale Metaphysik ge-
trieben zu haben. In den ersten Anfängen einer Wissenschaft ist
übrigens auch eine übertriebene Systematisierung nie von Schaden;
denn auch Irrtümer haben da ihren Nutzen. Das einzige, was man
sagen kann, ist, — wenn ihre Auffassung der natürlichen Ordnung
der ganzen politischen Ökonomie als Grundlage, oder wenigstens als
Gerüst gedient hat, — daß sie an einem Optimismus krankte, der die
liberale Schule, besonders in Frankreich, hypnotisieren und zur Un-
fruchtbarkeit verurteilen sollte1).

• Die große Unterlassungssünde der Physiokraten ist ihr völliger
Mangel an Einsicht in bezug auf den Wert, der auf ihrer grob-
materiellen und rein bäuerlichen Auffassung der Produktion beruht. Sie
sprechen nur selten und flüchtig davon, und was sie darüber sagen,
ist mittelmäßig und verworren. Hierauf beruht der große Irrtum, in
dem sie in bezug auf die Unproduktivität des Güteraustausches und der
Industrie befangen waren. Das ist um so unverständlicher, da diese
Frage des Wertes von verschiedenen ihrer Zeitgenossen in sehr be-

l) Man höre Mercieb de la EiviEre: „Bewundert, wie ein jeder Mensch das
Mittel zum Glück der anderen Menschen ist, und das Glück des einzelnen scheint
wie die Bewegung fortzuwirken. Nehmt dies in seiner wörtlichen Bedeutung! Ich
weiß nicht, ob wir dann Unglückliche haben werden; wenn es aber solche geben
sollte, werden es nur wenige sein, und die Glücklichen werden so zahlreich sein, daß
wir uns nicht wegen des Beistandes zu sorgen brauchen, dessen die Armen bedürfen
werden. Alle unsere Interessen, all unser Streben wird sieh im Interesse und
Streben des Herrschers vereinigen und so zu unserem gemeinsamen Glück eine Har-
monie schaffen, die man als das Werk einer wohltätigen Gottheit betrachten kann,
die da will, daß die Erde mit glücklichen Geschöpfen bevölkert sei (II, 8. 638).

Es ist aber zu bemerken, daß diese bezaubernde Beschreibung sich nicht aui
die bestehende Gesellschaft bezieht, sondern auf die zukünftige Gesellschaftsordnung,
in der die natürliche Ordnung herrschen wird. Dieser Optimismus gleicht dem der
Anarchisten.
        <pb n="78" />
        ﻿Kapitel I. Die Physiokraten.

53

achtenswerter Weise untersucht worden ist. Wir verweisen hierbe
besonders auf Richard Cantillon, den sie in gewisser Hinsicht als
einen der Ihren betrachteten, und auf sein Essai surlecommerce,
bas 1755 erschien1), auf den Abbe Galiani in seinem Buche über das
Geld (Deila Moneta), 1750, und auf den Abbe Morellet, Prospectus
b’un nouveau Dictionaire de commerce, 1769. Hauptsäch-
lich kommt aber Condillac in Betracht, dessen Buch „Du commerce
et du Gouvernement“ allerdings erst 1776 veröffentlicht wurde,
za einer Zeit also, als ihr System schon bekannt war und sich seinen
Platz erobert hatte.

' Turgot jedoch, der nur zur Hälfte Physiokrat war, hatte über
den Wert weit wissenschaftlichere Gedanken geäußert2). Er definiert
den Wert als: „den Ausdruck des Schätzungsgrades, den der Mensch

den

verschiedenen Gegenständen seiner Wünsche entgegenbringt.“

Piese Definition drückt die Subjektivität des Wertes ganz richtig
ausvund enthält zwei Worte: „Schätzungsgrad“ und „Wunsch“ die
Hm noch schärfer begrenzen3). Allerdings sagt er an einer anderen

Stell

Hchi

e: daß trotz seiner Relativität, der Wert doch stets eine wirk-

e innere Qualität des Objekts „zur Voraussetzung hat“. Er will

er wit diesen, ihm oft vorgeworfenen Worten nach unserer Ansicht
mir s	5	6

jekts

daß

TüRl

sagen, daß unser Wunsch eine bestimmte Eigenschaft des Ob-
voraussetzt, was unbestreitbar ist, — jedoch in der Annahme,
diese Eigenschaft in der Einbildung

jRgot nicht gedacht zu haben scheint.

bestehen kann, woran

jj ) Dieser Richahd Cantillon, von dem seit mehr als einem Jahrhundert kein
a]le .3 gesprochen hat, ist seit einigen Jahren wieder stark Mode geworden, wie
trj , 01'liufer, die von neuem entdeckt werden. Man schreibt ihm einen, wohl über-
Einfluß auf die Physiokraten zu. Auf jeden Fall ist es sicher, daß das erste
“Deabbao’s, l’Ami des hommes, das ein Jahr nach dem Tode Cantillon’s,
tyejj ®rsckien, direkt von ihm beeinflußt ist. Wir erwähnen ihn nicht weiter,
Zeit« 3 ®renzeni die wir uns gesteckt haben, überschreiten würde. In allen
JE? C rdten finden sich aber Aufsätze über ihn. Der erste war der von Stanley
in der Contemporary Review, 1881.

ScMe ^a*eurs et Monnaies (Wert und Geld), wahrscheinlich um 1769 er-
den We^er noch in seinen Reflexions. Die Grundgedanken Qobsnay’s über
„Ron,61*' ^*nclen sich in einem lange unveröffentlicht gebliebenen Aufsatz, betitelt
eC0J1 ^es“, der erst kürzlich in der Revue d’histoire des doetrines
“&gt;9*68 et sociales, erster Jahrgang, Nr. 1 erschienen ist.

Valeur ^r unterscheidet ziemlich ausführlich zwischen dem Schätzungswert,
duelloi esGmative (den wir individuellen Wert nennen würden, valeur indivi-

W,

•■ert	dem angenommenen Wert (Valeur appreciative, den wir sozialen

die wird '-r socialei nennen können). Der erstere wird von der Zeit oder Mühe,

Wp k ~ »«'■«uwenueu uereil smu, ümuiuiui, au uaw mci ucr JDegnii lies -ft.r-
Unters n- (VaIeur-travail) erscheint. Was den angenommenen Wert anlangt, so
Schütt 61&lt;let er sic!l von dem anderen nur dadurch, daß er ein durchschnittlicher
gswert — valeur estimative moyenne — ist“.
        <pb n="79" />
        ﻿54

Erstes Buch. Die Begründer.

Möglich, daß Tuegot Condillac inspiriert hat, möglich aber
anch, daß er selbst von Galiani inspiriert worden ist, dessen 20 Jahre
früher erschienenes Buch, das er übrigens zitiert, schon eine sehr
feine psychologische Analyse des Wertes enthält, die ihm Nützlich-
keit und Seltenheit als Grundlage gibt. 'Diese Ansichten über den
Wert sind nicht die einzigen, die Tuegot von den Physiokraten
trennen: es gibt noch viele andere, so daß es gerechter und genauer
wäre, Tuegot ein besonderes Kapitel zu widmen1). Allgemein ge-
sprochen, sind sie moderner und nähern sich denen, die Adam Smith
aufgestellt hat.1 Aus Raummangel müssen wir uns damit begnügen,
die hauptsächlichsten Lehren, in denen Tuegot sich von den Physio-
kraten unterscheidet, anzuführen:

*1. der grundlegende Gegensatz zwischen der Produktivität der
Landwirtschaft und der Sterilität der Industrie wird, wenn nicht
ganz aufgegeben, so doch wenigstens in seiner Bedeutung sehr ver-
ringert ;

2.	das Großgrundeigentum verliert seinen Rang als eine Ein-
richtung göttlichen Rechtes. Er verzichtet sogar darauf, sich auf
die sog. Grundvorschüsse zu berufen: es stützt sich nur noch auf eine
Tatsache, die Besitzergreifung — Okkupation — und auf die öffent-
liche Nützlichkeit;

3.	dagegen nimmt das bewegliche Eigentum, wie alle Erzeug-
nisse der Arbeit, einen hervorragenden Platz ein. Die Rolle des
Kapitals ist sorgfältiger analysiert und die Rechtfertigung der Zinsen
endgültig durchgeführt.'

* Die Ergänzung der Lücken und die Verbesserung der Irrtümer
der Physiokraten findet sich aber hauptsächlich in dem Buche, das der
Abbe Condillac, über 60 Jahre alt und als Philosoph schon be-
rühmt, 1776 veröffentlichte. Das Werk: Le Commerce et le
Gouvernement consideres relativement Dun ä Fautre
(Handel und Regierung in ihrem gegenseitigen Verhältnis zueinander)
ist ein wundervolles Buch, das im Keime schon die modernsten Idee»
enthält und das vielleicht teilweise die unverdiente Vergessenheit, in
die es gefallen war, dem ungeschickten Titel verdankt, der in keiner
Weise dem Inhalt gerecht wird.

‘ Es ist eine wirkliche national-ökonomische Abhandlung, und nicht
mehr, wie das Buch der Physiokraten, ein Werk über soziale Wissen'
Schaft, in dem volkswirtschaftliche Betrachtungen wahllos mit poli-
tischen, juristischen und moralischen Ausführungen zusaramengeworfeß

‘) Obschon sich Türgot einen Schüler Qdbskay’s nannte, hat er sich doch stets
abseits der physiokratischen Schule gehalten, die er etwas wegwerfend als Sekte be-
zeichnete.
        <pb n="80" />
        ﻿Kapitel I. Die Physiokraten.

55

sind. Von Anfang an stellt der Verfasser den Wert als die Grund-
lage der Nationalökonomie hin und überragt dadurch sofort bei weitem
die Physiokraten ’). Er bezieht den Wert auf den „Nutzen“, um
dieses Wort aber sofort von seiner landläufigen Bedeutung zu trennen,
und ihm jenen wissenschaftlichen Inhalt zu geben, den es nicht mehr
verlieren sollte: der Nutzen ist nicht mehr der Ausdruck einer
Physischen, den Sachen innewohnenden Eigenschaft, sondern der einer
bestimmten Beziehung zwischen einer Sache und einem Bedürfnisse
des Menschen: „Der Wert liegt weniger in der Sache selbst als in
der Schätzung, die wir ihr entgegenbringen, und diese Schätzung
hängt von unserem Bedürfnis ab; er steigt und fällt wie unser Be-
dürfnis größer oder geringer wird.“ — Hiermit ist die Grundlage der
Psychologischen Theorie des Wertes gefunden2).*

Schon das ist viel und doch noch nicht alles. 4 Condillac er-
kennt sofort, daß der Nutzen nicht der einzige Bestandteil ist, der
den Wert bestimmt, und daß die Quantität, d. h. der Überfluß oder
die Seltenheit, ebenfalls einen entscheidenden Einfluß ausübt. In aus-
gezeichneter Weise weist er dann die Verbindung nach, die zwischen
diesen beiden Bestandteilen besteht, und zeigt, wie sie in Wahrheit
uuis sind, da die Qualität nur deshalb den Wert beeinflußt, weil sie
den Nutzen beeinflußt, d h. weil sie den Stachel des Bedürfnisses
•Wirker oder geringer fühlbar macht. „Da der Wert der Sachen sich
das Bedürfnis gründet, so ergibt sich, daß ein stärker gefühltes
edürfnis den Sachen einen größeren, und ein geringer gefühltes Be-
hrfnis ihnen einen geringeren Wert gibt. Der Wert der Dinge
Rächst daher mit ihrer Seltenheit und fällt mit ihrem Überflüsse.
111 Überfluß kann er sogar vollständig schwinden. Ein überreichlich
Wrhandenes Gut z. B. wird stets wertlos sein, wenn man keinen Ge-
such davon machen kann, da es dann völlig nutzlos geworden sein
ird3).“ Besseres kann man auch heute nicht sagen. Die ganze
erttheorie Jevon’s, wie die der österreichischen Schule war hier
111 Keime gegeben, entfaltete sich aber erst viel später.

Diese Auffassung des Wertes mußte Condillac auch zu einer
ei höheren Auffassung des Tausches führen als die Physiokraten sie
jl ten- Da der Wert nur in der Befriedigung eines Bedürfnisses
fri^r S° sc*laKt der Austausch, der gleichzeitig zwei Bedürfnisse be-
„ 6 zwei Werte. Das bezeichnende des Austausches besteht ja
hat 6 ^aian’ daß jede der beiden Parteien das, woran sie Überfluß
! £e8'en das, was ihr fehlt, eintauscht; das aber, was sie im Über-

dieses ^	dies nur deshalb so eingehend behandelt, weil es als Grundlage

ganzen Werkes dienen soll“ (Kap. I).

J. 6 Commerce et le Gouvernement, S. 15.

Ebenda, I. Teil, Kap. 1.
        <pb n="81" />
        ﻿56

Erstes Buch, Die Begründer.

fluß hat, ist für sie ohne Nutzen, und daher ohne Wert, während das,
was ihr fehlt, für sie einen großen Nutzen und folglich einen großen
Wert vorstellt. Jeder erscheint daher am Markt mit einer ihm nutz-
losen Sache und verläßt ihn mit einer nützlichen1). Folglich ist die
Behauptung der Physiokraten, daß der Tausch niemanden Nutzen
bringt, oder zum mindesten, daß der Gewinn des einen den Verlust
des anderen bedeutet, vollkommen falsch. Wohl versuchen die Physio-
kraten und besonders Le Teosne eine Erwiderung, aber infolge der
Gründe, die wir oben gegeben haben (S. 52), konnten sie nicht zu
einem Verständnis dieses subjektiven Charakters des Wertes ge-
langen.

&lt; Diese Theorie sollte noch einen anderen Grundirrtum der Physio-
kraten berichtigen und die Wissenschaft einen weiteren großen Schritt
vorwärts bringen, indem sie eine Erklärung der Produktion gab.
Wenn der Wert nur im Nutzen, und der Nutzen selbst nur in einer
bestimmten Beziehung zwischen den Dingen und unseren Bedürfnissen
besteht: was heißt erzeugen dann anderes, als diese Beziehung
zwischen den Dingen und unseren Bedürfnissen schaffen? Stellt nun
aber die Natur, der Boden diese Beziehung her? — Sehr selten.
„Sie bringt hauptsächlich Dinge hervor, die für uns nutzlos sind und
von denen wir keinen Gebrauch machen können. (Eine gedankenvolle
Bemerkung, die den Enthusiasmus der Physiokraten für die Alma
parens stark hätte abkühlen müssen!) Durch die menschliche Arbeit
erhalten die Dinge erst Formen, die sie nützlich machen. — Erzeugen
bedeutet: Stoff umformen2 3 * *).“ Welcher Unterschied besteht dann aber
zwischen der landwirtschaftlichen und industriellen Produktion?
Keiner. Die eine wie die andere formt nur das, was besteht, um8).

'Weiterhin führt Condtllac sehr gut aus, daß, gerade so wie die
Industriearbeiter und die Grundeigentümer von den Landwirten ab-
hängig erscheinen und es auch wirklich sind, auch diese nicht weniger
auf die Industriellen angewiesen sind.' „Die Frage, ob die Land-
wirtschaft der Industrie oder die Industrie der Landwirtschaft vor-

*) „Die Annahme, daß man stets Wert gegen Wert tauscht, ist falsch. Im
Gegenteil, jeder der Tauschenden gibt stets etwas geringeres für etwas mehrwertiges.
— Der Vorteil ist gegenseitig, woher es wohl kommt, daß man von einem Tausch
„Wert gegen Wert“ spricht. Man ist aber wenig folgerichtig vorgegangen, denn
gerade deshalb, weil der Vorteil gegenseitig ist, hätte man schließen müssen, daß
jeder weniger für mehr gibt (Op. cit. S. 55/66). Man vergleiche dieses Zitat
mit dem von Le Teosne (S. 30, Anm. 2), und man wird die psychologische Über-
legenheit bemerken.

,	2) Op. cit. I. Teil, Kap. IX.

3) „Wenn die Erde mit Erzeugnissen bedeckt sein wird, so wird es doch nicht

mehr Substanz als vorher geben; sie hat nur neue Formen, und in diesen Formen

besteht eben der ganze Reichtum der Natur“ (Op. cit., ibid.).
        <pb n="82" />
        ﻿Kapitel I. Die Physiokraten.

57

zuziehen sei, ist daher ohne jede Bedeutung. Man darf keine bevor-
zugen, sondern muß sich mit beiden befassen

“Was den Lohn anlangt, so ist seine Definition, so kurz sie
uuch ist, von einer unglaublichen Tragweite: „Der Lohn entspricht
dem Teil, den sie (die Arbeiter) am Erzeugnis als Mitbesitzer haben2).“ '
Ler Ausdruck „entspricht“ will sagen, daß der Arbeiter, der sein
^aturrecht auf sein Arbeitserzeugnis nicht ausüben kann oder will,
es zu einem Geldpreis veräußert; und dieser Preis ist es, der seinen
Lohn darstellt, der wie alle Verkaufspreise „durch die Konkurrenz
der Käufer und Verkäufer bestimmt wird.“ Condillac stellt es daher
nicht als ein Naturgesetz hin, daß dieser Lohn stets auf das Existenz-
Minimum beschränkt ist. Er wird von dem Angebot und der Nach-
frage abhängen. Im Gegenteil wird die Klasse der Lohnempfänger
hier als eine Art latente Assoziation zwischen Kapital und Arbeit

hingestellt3).

Sogar vom Gesichtspunkt der praktischen Anwendung und be-
sonders der Arbeitsfreiheit und der Verurteilung der Zünfte ist
Condillac viel kategorischer als die Physiokraten gewesen. „Ihre
''^'rechte sind schreiendes Unrecht, das uns nur deshalb als ordnungs-
gemäß erscheint, weil wir es als bestehend vorfinden4).“ Die Freiheit
hes Darlehnsgeschäftes und des Zinsfußes verlangt er ebenso kate-
gorisch wie Tüegot, indem er gleich ihm eine formvollendete Beweis-
hhrung der Gleichheit zwischen Zinsen und Wechslergebühren führt;
enn! sagt er, Wechslergebühren sind der Ausgleich der Entfernung;

„räumliche Entfernung“ und „zeitliche Entfernung“ laufen auf
asselbe hinaus5). Mit anderen Worten: das eine ist in der Zeit
J*S’ was das andere im Raum ist, und dies stimmt mit der modernen
oorie über den Zins durchaus überein.

°P- cit., I. Teil, Kap. XXIX.

3 °P- cit, Kap. XII.

!&gt;h	»69;	'■ ganz neuen Untersuchungen über den Lohnkontrakt

Thea 'Batelak — ohne anscheinend Condillac zu kennen — genau die gleiche
Clse aus.

2 °p' cit„ XV. Kap. 8.

Schäft^	.' ■PüHG0T: Memoire sur les prdts d ’ argen t, S. 122. „In den Ge-

eint en.m^ verzinslichen Darlehn gibt man zu einer Zeit weniger Geld, um zu
ßchen t, eren mehr zu erhalten, weil der Zeit-, wie der Ortsunterschied einen wirk-
„Man y nter®chied im Wert des Geldes hervorrufen.“ Und etwas weiter auf Seite 127:
^’ischei/ • *lei1 Pnterschiecl des Nutzens, der zur Zeit des Darlehnempfanges
die ,nan einer im wirklichen Besitz befindlichen Summe und einer gleichen Summe,
°®eabar1 a*&gt;er ers* sPdter erhalten wird, besteht! Ist dieser Unterschied nicht
&gt; Pud was ist das triviale Sprichwort: „ein Sperling in der Hand ist besser,

als

ZWei Taub

en auf dem Dach“, anders als der naive Ausdruck dieser Wahrheit?
        <pb n="83" />
        ﻿58

Erstes Buch. Die Begründer,

Kapitel II.

Adam Smith.

Trotz der Originalität und der Wucht ihrer Gedanken waren
die Physiokraten doch kaum mehr als Vorläufer. Der wirkliche
■Schöpfer der modernen Nationalökonomie ist, wie allseitig anerkannt
wird, Adam Smith1). Sobald als 1776 sein großes Werk,/Enquiry

') Das Leben Adam Smith’s enthält nichts besonderes. Es läßt sich in der
Geschichte seiner Arbeiten, seiner Tätigkeit als Professor, und in der seiner Freund-
schaften Zusammenflüssen. Seine Vertrautheit mit dem Philosophen Hume ist be-
rühmt. Smith wurde in Kirkcaidy in Schottland am 5. Juni .1223 geboren. Er
studierte an der Universität Glasgow von 1737 bis 1740, wo sein Lieblingslehrer der
Philosoph Francis Hutcheson war. Von 1740 bis 1746 lebte er in Oxford, um seine
Studien zu beenden, und arbeitete dort für sieh. Das intellektuelle Niveau dieser
Universität war zu dieser Zeit das denkbar niedrigste, und die meisten der Professoren
hielten nicht einmal Vorlesungen. Nach Schottland zurückgekehrt, las er in Edinburgh
zwei freie Kollegien, eins über englische Literatur und das andere über National-
ökonomie; in diesem letzteren verteidigte er schon die Prinzipien der Handelsfrei-
heit. Im Jahr 1751 wurde er zum Professor für Logik in Glasgow ernannt, das
damals eine der berühmtesten europäischen Bildungsstätten war. Aber schon
am Ende des gleichen Jahres übernahm er die Professur für moralische Philosophie,
die die vier Fächer der natürlichen Theologie, der Ethik, der Jurisprudenz und der
Politik umfaßte. Er blieb bis 1764 als Professor in Glasgow. 1759 veröffentlichte
er seine Theorie der moralischen Gefühle, die ihm schnell große Beachtung
erzwang. 1764, 40 Jahre alt, gab er die Professur auf und begleitete den jungen
Herzog von Buccleugh, Stiefsohn des berühmten Staatsmannes Charles Townshend,
auf einer Auslandsreise. Diese Keisen nahmen für die jungen Adligen oft die Stelle
eines Universitätsstudiums ein, das in England auf ein recht niedriges Niveau ge-
sunken war. Für A. Smith war der Vorteil dieser Stellung (800 Pfund Sterling i®
Jahr bis an sein Lebensende) bei weitem größer, als sein Einkommen als Professor-
Die Reise dauerte von 1764 bis 1766 und führte ihn unter anderem auf anderthalb Jahre
nach Toulouse, zwei Monate nach Genf, wo er mit Voltaire zusammentraf, und zehn
Monate nach Paris. Hier fand er Anschluß an die Physiokraten (besonders an Tuhgot)
und an die Enzyklopädisten. — In Toulouse begann er seine Untersuchungen über
den Völkerreichtum. Nach Schottland zurückgekehrt, ließ er sich 1767 ®
Kirkcaldy bei seiner Mutter nieder, um sich einzig dieser Arbeit zu widmen. 1778 w81
das Werk ungefähr beendet. Aber Smith ging nach London, und das Buch, das dl®
schon große Berühmtheit des Verfassers krönte, erschien erst drei Jahre später. ^
Januar 1778 wurde Smith zum Zollkommissar, einem sehr hohen Posten, in Edinburgh
ernannt, wo er bis zu seinem Ende, 1790, blieb.

Alles was wir vom Charakter Smith’s wissen, zeigt ihn als einen äußerst fei®'
fühligeu Menschen. Die legendäre Professorenzerstreutheit -war ihm durchaus nick*
fremd. Seine politische Meinung brachte ihn in Berührung mit den Whigs In religiös
Hinsicht huldigte er dem deistischen Rationalismus, der im 18. Jahrhundert so häufig
war, und dessen bekanntester Vertreter Voltaire (den A. Smith sehr bewunderte) W®,r'

Lange war die einzige Lebensbeschreibung A. Smith’s, die wir besaßen, ^
Abhandlung Dugald Stewaet’s: Accounts of the Life und WritingS 0
        <pb n="84" />
        ﻿, Ä/' - ? K

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6

in/fli

Kapitel II. Adam Smith.	59

£ ^

in/ühe Nature and ^’-FgTme of the wealth o f Nations
(Untersuchung über die Natur und die Ursachen des Yolksreichtums)
erschien, wurden die älteren Schriften fast sofort vergessen. Während
die Gedanken seiner Vorgänger kaum mehr als ein historisches
Interesse erregen, diente von da an sein Buch den folgenden Gene-
rationen von Nationalökonomen als Leitfaden und lieferte ihnen allen
den Ausgangspunkt ihrer Untersuchungen. Trotz aller Änderungen,
die die Grundprinzipien der Wissenschaft erlitten haben, könnte auch
heute noch kein National Ökonom den alten schottischen Schriftsteller
vernachlässigen, ohne dadurch seinen wissenschaftlichen Horizont ganz
bedeutend zu verengern.

Woher kommt nun diese einzigartige Bedeutung, die seitdem
hein anderes ökonomisches Werk erreicht hat? Verschiedene Gründe
erklären dies:

a)	Erstens sein großer literarischer Wert. Das Buch Smith’s ist
voller Interesse, lebendig und reich an Tatsachen. Beständig schneidet
er die für seine Zeitgenossen aktuellsten Fragen an: Kolonial-

l7qam	die 1793 vor der Royal Society of Edinburgh gelesen wurde und

in den Transactions der Gesellschaft erschien, um 1811 mit einigen anderen

g ensbeschreibungen unter dem Titel: Bibliographien! Memoirs of Adam

®Uh, Robertson, etc. von Dugald Stewart veröffentlicht zu werden. Heute
wir glücklicher. John Rae hat in seinem Werk: Life of Adam Smith
„ |,Ildou 1896, 449 Seiten) alles, was wir über ihn, seine Freunde und seine Um-
ung wissen können, zusammengestellt — die hier gegebenen Einzelheiten sind
0j,es®m huch entnommen. James Bonar hat 1894 den „Catalogue of thelibrary
85 '^fflith“ herausgegeben, der 2300 Bände, etwa zwei Drittel der Bibliothek
ui'H s enthält. Noch neuzeitlicher ist ein bedeutender Beitrag zum Studium der
Smith’s. 1896 hat nämlich Edwin Cannan die: „Lectures on Justice,
^ l°e, Revenue and Arms delivered in the University of Glasgow, by
Es'reported by a student in 1763“, herausgegeben (Oxford, 1896, 293 Seiten).
l,a,,Sln^ das die Vorlesungen, die Smith über Nationalökonomie in Glasgow ge-
bat. Aus Zufall fand ein Londoner Rechtsanwalt (1876) die handschrift-
les en Aufzeichnungen, die ein Student, wahrscheinlich 1763, während der Vor-
1895 ^etl ^^geschrieben hatte. Er übergab das Manuskript Herrn E. Cannan
sie ZUf Veröffentlichung. Diese Entdeckung ist deshalb so besonders wichtig, weil
SeinemS Ses*a^eb die Ideen A. Smith’s vor seinem Aufenthalt in Frankreich und vor
IVeaHn^^entreffen mit den Physiokraten kennen zu lernen. — Von seinem
Büch^	^ations gibt es zahlreiche Ausgaben, deren hauptsächlichste die von

Aüsoul)AI^’ blAC Cülloch, Tuorold Rogers und Nicholson sind. Die letzte kritische
Werten 1St von Cannan, die 1904 in London bei Mbthuen in zwei Bänden mit
bräncjji-6*1 Anmerkungen, erschien. Ihr sind unsere Zitate entnommen. Die ge-
Ecot *C ,sf;e französische Übersetzung ist die in der Collection des principaux
[De*18^68’ erschienene.

M, gTIReri deutsche Text der angeführten Zitate stammt aus der Ausgabe der
Dr. jj scben Übersetzung, auf die aucli die Seitenzahlen verweisen, und die
bcraus„ °nRIDT Uena) nach der oben erwähnten englischen Ausgabe von Cannan
”e en hat (Verlag Alfred Kröner, Leipzig 1910). (D. Übers.)]
        <pb n="85" />
        ﻿60

Erstes Buch. Die Begründer.

■Verwaltung, Verwaltung der großen Handelsgesellschaften, Merkantil-
system, Geldorganisation, Steuern. Er tut dies, indem er überall in
vollständiger Beherrschung des wissenschaftlichen Materials ein so
sicheres, gleichmäßig abwägendes Urteil anwendet, daß er ohne Mühe
überzeugend wirkt. Die Tatsachen fügen sich den Gedankengängen,
die Beispiele den Beweisführungen zwingend ein, und er belehrt,
indem er überzeugt. All dies ohne Schwerfälligkeit, ohne gewichtigen
logischen Apparat, ohne durch eintöniges Wiederholen Eindruck
erzielen zu wollen, mit einer sicheren Einfachheit, die jeden Skeptizis-
mus ausschließt. Denn über allen seinen Schriften liegt ein Hauch
wärmster Menschenliebe, die seine Worte oft zu einer glänzenden
Beredsamkeit steigert. Diese seltenen Eigenschaften haben dem
alten Buche einen großen Teil seiner Frische bewahrt.

b)	Andererseits hat Smith seinen Vorgängern alle ihre bedeutenden
Ideen entnommen, um sie in ein allgemeineres System zu fassen. Indem
er über sie hinausging, machte er sie überflüssig, weil er an Stelle
ihrer fragmentarischen Ansichten eine wirkliche soziale und öko-
nomische Philosophie setzte. So erhalten diese Ansichten in seinem
Buche einen ganz neuen Wert. Anstatt isoliert zu bleiben, dienen
sie jetzt dazu, eine allgemeine Auffassung zu stützen, und sie selbst
werden dadurch in schärfere Beleuchtung gerückt. Smith, wie fast
alle großen Schriftsteller, hat sich viel von seinen Vorgängern und
Zeitgenossen aneignen können, ohne daß seine Ursprünglichkeit ge-
litten hätte. Sein Werk zitiert und verarbeitet, nicht immer unter
Namensnennung, mehr als 100 Schriftsteller. Die Namen einiger
von ihnen, die den meisten Einfluß auf ihn gehabt zu haben
scheinen, oder deren Wegen er gefolgt ist, verdienen hervorgehoben
zu werden.

Unter ihnen nimmt vielleicht Hutcheson, Professor der Moral-
philosophie auf demselben Lehrstuhl, den Smith späterhin an der
Universität zu Glasgow einnehmen sollte, die erste Stelle ein. Smith
folgt ihm soweit, daß er ihm teilweise sogar die Einteilung seiner
eigenen Vorlesungen entnimmt. Das ist aber nicht alles. Viele der
bekanntesten Theorien Smith’s finden sich in ihren Anfängen bei
seinen Vorgängern. Hutcheson legt in seinem „System of moral
p h i 1 o s o p h y“ (1755 veröffentlicht, aber viel früher verfaßt) der Arbeits-
teilung bereits eine ganz außerordentliche Bedeutung bei; in bezug
auf Wertschwankungen und Ursprung des Geldes, in bezug auf das
Getreide und die Arbeit, als konstantere Wertmasse angesehen, bringt
er Betrachtungen, die denen, die man über diese Gegenstände in der
Wealth of Nations findet, sehr ähnlich sind.

Neben Hutcheson muß man David Home erwähnen. Smith nennt
ihn an einer Stelle den „unvergleichlich berühmtesten Philosophen und
        <pb n="86" />
        ﻿Kapitel II. Adam Smith.

61

Geschichtsschreiber unserer Zeit“ '), und seit 1772 stand er mit ihm in
einem engen und intimen Verhältnis. Hume hat nur einige ökonomische
Aufsätze veröffentlicht: die bedeutendsten beziehen sich auf das Geld,
auf den Außenhandel und den Zinsfuß. Sie sind mit mehreren
anderen in seinen Political discourses2) (1752) vereinigt. Hume
hat die Untersuchungen dieser Gegenstände mit der Schärfe, Ur-
sprünglichkeit, Einsicht und Klarheit, die seine anderen Werke aus-
zeichnen, geführt. Die Unsinnigkeit der merkantilistischen Politik,
^ie natürliche Anpassung der Geldmenge an die Bedürfnisse eines
jeden Landes, die merkantilistischen Sophismen über die „Handels-
bilanz“, die verderblichen Folgen der Handelseifersucht zwischen den
Völkern werden von ihm mit bewunderungswürdigem Nachdruck dar-
gestellt. Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß diese Aufsätze,
die Smith in seinen Vorlesungen in Glasgow zitiert und für deren zweite
Ausgabe Hume seinen Kat eingeholt hatte, einen großen Eindruck
aut ihn gemacht haben. Allerdings ist er späterhin über den
Liberalismus Hume’s hinausgegangen; dieser gab in seinem Aufsatz
hber die Handelsbilanz noch die Berechtigung gewisser Schutzzölle
Zu&gt; die Smith später völlig verwarf. Aber Hume hat nichtsdesto-
weniger die Anregung gegeben.

Übrigens erhoben sich in betreff der Handelsfreiheit schon am
Lnde des 17. Jahrhunderts und während der ersten Hälfte des 18.
^mer zahlreichere Schriftsteller unter den Merkantilisten selbst
&amp;egen die Engherzigkeit der Zollvorschriften. Diese Schriftsteller
eben noch unter dem Einflüsse gewisser merkantilistischer Vor-
Uiteile, aber man hat sie mit Recht „liberale Merkantilisten“ genannt.
JPenso wie in Frankreich Boisguillebert den Physiokraten voraus-
p t, so bereiten in England Child, Petty, Tucker, Dudley North,
u*egory King einer liberalen Politik im Außenhandel die Wege vor3).

Neben Hutcheson und Hume muß hier noch ein anderer Schrift-
Gier genannt werden: Bernard de Mandeville. Er war kein
e!,a ionalökonom, sondern Philosoph und Arzt. 1704 veröffentlichte
Um'1 lcle*ues Gedicht, das 1714 mit zahlreichen Zusätzen unter dem
öff : ”^ie Fabel von den Bienen, oder private Laster,
des 6d *^cbe W oh 11 at en“, als Neudruck erschien. Die Grundidee
der Asches (das öffentliches Ärgernis erregte und auf Anordnung
dei. Gerung beschlagnahmt wurde) ist, daß die Zivilisation, unter

er den Reichtum, die Künste und die Wissenschaften ver-

:) Volk
') Dies

erreichtum, II, S. 220, B. V, Kap. I, 3. Teil, § 3.

Und e' plese volkswirtschaftlichen Aufsätze sind ins französische übersetzt worden
schienen in der Collection des principaux economistes.

hierüber im besonderen das Werk von Schatz : L’in di vidu alism e

3-1	ouuctuoo ues

^c°donr^' ^erüber im besonderen da
lque et social, Paris, 1908.
        <pb n="87" />
        ﻿62

Erstes Buch. Die Begründer.

steht, nicht aus unseren Tugenden entsteht, sondern aus dem, was
Mändeville unsere Laster nennt. Mit anderen Worten, aus den
zahllosen natürlichen Bedürfnissen, die uns nach Wohlstand, Be-
quemlichkeit, Luxus und allen Vergnügungen des Lebens streben
lassen. Eine Apologie des natürlichen und eine Kritik des tugend-
samen Menschen.

Smith hat Mändeville in seiner „Theorie der moralischen
Gefühle“ kritisiert1). Er wirft ihm im besonderen vor: Wünsche
und Neigungen, die an und für sich nichts verwerfliches haben,
Laster zu nennen. Aber trotz dieser Einschränkung hat die Idee
Mandevjlle’s im Geiste Smith’s ihre Früchte getragen: unermüdlich
wiederholt er, daß es das persönliche Interesse ist (das in seinen
Augen kein Laster vorstellt, wenn es auch nur den Namen einer
„untergeordneten Tugend“ verdient), das unbewußt und auf natür-
lichem Wege die Menschheit zum Glück und zum Wohlstände leitet.
So ist der Reichtum einer Nation für Smith, wie für Mändeville
die Wirkung, wenn auch nicht eines „Lasters“, so doch wenigstens
eines natürlichen Instinktes, der an und für sich nichts tugendhaftes
hat, und dessen die Vorsehung sich ohne unser Wissen bedient, um
Zwecke zu erreichen, die weit über den Bereich unserer Absichten
hinausgehen.

Das sind die hauptsächlichsten Schriftsteller, bei denen wir schon
einige der bedeutendsten Ideen ausgedrückt finden, die Smith späterhin
in ein wirkliches System zu verschmelzen wußte.

Die Lösung dieser Aufgabe jedoch würde nicht genügt haben,
um seinem „Wealth of Nations“ ihren einzigartigen Platz zu sichern.
Schon vor Smith hatte Qüesnay und die Pbysiokraten die volks-
wirtschaftlichen Erscheinungen in ihrer Gesamtheit betrachtet und
sie mit einigen einfachen Grundsätzen in Zusammenhang gebracht.
Er ist daher nicht der erste, der hierin ein wirklich wissenschaft-
liches Werk geleistet hat. Jedoch tritt gerade hierin die Über-
legenheit Smith’s ganz besonders hervor und gibt uns einen dritten
Grund für seinen Erfolg.

c)	Smith verdankt den Pbysiokraten viel. Er stand zwar, außer
während seines Aufenthaltes in Paris, 1765, mit ihnen nur in geringem
Maße in persönlicher Beziehung. Trotz der kurzen Dauer dieser Be-
ziehungen ist ihr Einfluß auf ihn ein tiefgehender gewesen. Wahr-
scheinlich hat er nicht alle ihre Werke gelesen; so sind die Re-
flexions Tuegot’s, die, 1766 geschrieben, erst 1769 oder 1770 in
den Ephemerides du citoyen erschienen, ohne Zweifel nicht zü

*) Kap. IV, Teil 2, des 7. Abschnittes der „moral Sentiments“, betitelt:
Von den lasterhaften Systemen.
        <pb n="88" />
        ﻿Kapitel II. Adam Smith.

63

seiner Kenntnis gekommen. Aber persönlich hat Smith viel mit
Tusgot und Quesnay verkehrt. In seinen Unterhaltungen mit ihnen
hat er unmittelbar eine eingehende Kenntnis ihrer Ideen erlangt,
und man kann sich ziemlich genau vorstellen, welche auf ihn den
größten Eindruck gemacht haben werden.

In einer Hinsicht wenigstens hatte Smith nicht nötig, sich von
ihnen belehren zu lassen, nämlich in der Hinsicht auf den ökono-
mischen Liberalismus, dessen überzeugter Verteidiger er seit langer
Zeit war. Immerhin hat die Übereinstimmung seiner Überzeugungen
mit dem glühenden Glauben der Physiokraten ihn nur in seinen An-
sichten bestärken können.

Dagegen scheint er ihnen ihre so bedeutsame Idee von der Ver-
teilung des Jahreseinkommens zwischen den verschiedenen Klassen
des Volkes entlehnt zu haben. Seine Vorlesungen in Glasgow be-
handeln vorherrschend die Frage der Gütererzeugung. In dem
Health of Nations ist der Verteilung ein beträchtlicher Kaum
eingeränmt. Dieser Unterschied läßt sich kaum anders erklären, als
durch die genaue Bekanntschaft, die Smith in der Zwischenzeit mit
aem Tableau economique und der Theorie des Eeinertrages
gemacht hat.

Wenn er ihnen aber eine ihrer charakteristischen und folge-
reichsten Ideen entlehnt hat, so überragt er sie weit in seiner Ge-
Sdmtanschauung und aus eben diesem Grunde hat er sie so schnell
Verdrängt.'Da die Physiokraten von ihrer Auffassung derEolle der Land-
wirtschaft vollständig beherrscht wurden, trübte und verengte sich
r Gesichtskreis. Sie haben, wmnn man so sagen darf, durch ein zu
uges Fenster gesehen/ ■ A. Smith hat sich von Anfang an in das
^eutrum der Erscheinungen gestellt, auf den höchsten Punkt, von
°^die Aussicht am weitesten und klarsten istJ

Die ökonomische Welt, im Bilde einer großen, von der Arbeits-
. ^g geschaffenen Werkstatt; — die Eeichtumserscheinungen, auf
ue höhere Einheit zurückgeführt, durch die Betonung eines wesent-
^ Psychologischen Beweggrundes: des Wunsches der Menschen
'ny. lch, ihre wirtschaftliche Lage zu verbessern; — endlich die
o^^uftspolitik zum ersten Male nicht auf das Interesse dieser
auf Jener Klasse (des Fabrikanten oder des Landwirts), sondern
q, ,le Berücksichtigung des allgemeinsten Interesses des ganzen
einwesens gegründet: dies sind die Hauptgesichtspunkte, die das
Werk beherrschen.

die weSe .Gesichtspunkte dienen von nun an als Leitfaden durch
fühlt lrrWisse ^er volkswirtschaftlichen Erscheinungen. Instinktiv
keine Ip*He ^eit£enossen, daß die neue Wissenschaft auf diesem Wege
emhr lief, in einer Sackgasse zu endigen. Zum ersten Male
        <pb n="89" />
        ﻿Erstes Buch. Die Begründer.

bot man ihnen einen festen Stützpunkt, von dem ans die verwickelten
Interessen der Landwirtschaft, der Industrie und des Handels ohne
Vorurteil betrachtet werden konnten. ' Mit Smith verließ man die
„Systeme“ und betrat den Boden der „Wissenschaft“. --

‘ Um diese drei Punkte werden wir unsere Betrachtung seiner
Ideen gruppieren, um sie, wie folgt, zu untersuchen:

1.	Die Arbeitsteilung;

2.	Die spontane Organisation der ökonomischen Welt unter dem
Einfluß des persönlichen Nutzens;

3.	Die liberale Politik. K

1 Quesnay hatte geschrieben; „Die Landwirtschaft ist die Quelle
aller Güter des Staates und aller seiner Bürger“ * 1). Mit dem ersten
Satze seines Buches erhebt Smith gegen diese Gedanken Widerspruch
und führt die Güter auf ihren wirklichen Ursprung zurück. „Die
jährliche Arbeit eines Volkes“, schreibt er, „ist der Fonds, welcher
dasselbe mit allen Bedürfnissen und allen Annehmlichkeiten des
Lebens versorgt,^die es jährlich verbraucht, und die immer entweder
in dem unmittelbaren Erzeugnis dieser Arbeit oder darin bestehen,
was für dieses Erzeugnis von anderen Völkern erhandelt wird“.

Die Arbeit ist also die wirkliche Quelle des Reichtums. Mit
diesem berühmten Satze, der zu so vielen Mißverständnissen Anlaß
gegeben hat, wollte Smith sicherlich weder den Einfluß der Natur-
kräfte, noch den des Kapitals in der Produktion bestreiten2).
Niemand hat stärker als er — vielleicht J.-B. Say ausgenommen —
die Bedeutung des Kapitals betont, und wir werden weiterhin sehen,
daß er dem Boden eine besondere Produktivität beimißt. Smith hat
aber von Anfang an den Gegensatz seiner Lehre zu der der Physio-
kraten hervorheben wollen. Er behauptet, daß in summa die Tätig-
keit des Menschen jedes Jahr die Menge der von ihm verbrauchten
Güter erzeugt, und nicht die Kräfte der Natur, die ohne die
Leitung des Menschen unfruchtbar und unnütz bleiben würden.

l) Ausg. Ducken, S. 331.

l) Die Theorie der drei Produktionsfaktoren — die in der Nationalökonomie
klassisch geworden ist, — findet sich nicht bei An. Smith. Doch ist er es gewesen,
der indirekt diese Theorie ins Leben gerufen hat. indem er in der Güterverteilung
drei Einkommenquellen unterschied; die Arbeit, das Kapital und den Boden. Auf
Grund dieser Unterscheidung mußte es ganz natürlich erscheinen, jede Einkommen-

quelle als einen Produktionsfaktor zu betrachten, was J.-B. Say in seinem Trait®
(2. Ausg., Kap. IY u. V) tat. Vgl. hierüber Cannan: A history of the theories
oi production and distribution (1894, S. 40).
        <pb n="90" />
        ﻿Kapitel II. Adam Smith.

65

' Er zieht zugleich die Folgerungen aus diesem Gedanken. Da es
im allgemeinen die Arbeit, und nicht allein der Boden ist, der den
Reichtum erzeugt, so ist es auch nicht die Arbeit einer einzigen
Klasse, die der Landleute, sondern die Arbeit aller Klassen, die
Arbeit des ganzen Volkes, die produktiv ist. Die in einem Lande
jährlich erzeugten Güter sind das Ergebnis der gemeinsamen Arbeit
aller, die dort arbeiten. Sie entstehen aus^ ihrem Zusammenarbeiten,
ihrer „Kooperation“, wie er selbst schreibt. So gibt es keinen Unter-
schied mehr zwischen sterilen — nur die Müßiggänger sind steril —
und produktiven Klassen, sondern eine große W erkstatt, wo alle
verschiedenen Tätigkeiten zusammen an dem Reichtum der Gesamt-
heit arbeiten. Die Stelle, in der A. Smith diesen Gedanken ausführt,
ist wohlbekannt und verdient hier ausführlich angeführt zu werden:

‘ „Welch mannigfaltige Arbeit ist ferner nötig, um die Werkzeuge
des geringsten unter diesen Arbeitern hervorzubringen! Von so
komplizierten Maschinen, wie es ein Schiff, eine Walkmühle, oder
selbst ein Webstuhl ist, gar nicht zu reden, wollen wir nur betrachten,
welch mannigfaltige Arbeit dazu erforderlich ist, jene höchst einfache
Maschine, die Schafschere, mit welcher der Schäfer die V olle ab-
schert, zu verfertigen. Der Bergmann, der Erbauer des Hochofens,
der Holzfäller, der Köhler, welcher Kohlen für die Schmelzhüttte be-
lltet, der Ziegelstreicher, der Maurer, die Arbeiter, welche den Ofen
zu besorgen haben, der Mühlenbauer, der Grobschmied, der Schmied:
sie alle müssen ihre verschiedenen Arbeiten vereinigen, um sie zu
erzeugen. ' Wollten wir auf dieselbe Weise alle verschiedenen Teile
seines Anzuges und Hausrates untersuchen, das grobe, leinene Hemd,
welches er auf dem Leibe trägt, die Schuhe, die seine Füße bedecken,
daß Bett, worauf er liegt, und all die verschiedenen Teile, woraus es
besteht, den Rost in der Küche, auf dem er sein Speisen zubereitet,
die Kohlen, die er dazu braucht und die dem Erdinnere entgraben
Und ihm vielleicht durch eine lange Land- und Seefahrt zugeführt
Worden sind, alle anderen Gerätschaften seiner Küche, alles iisch-
geschirr, die Messer und Gabeln, die irdenen oder zinnernen Teller,
denen er seine Gerichte aufträgt und schneidet, die verschiedenen
ände, die mit Bereitung seines Brotes und Bieres beschäftigt sind,
dle Glasfenster, die Wärme und Licht hereinlassen, Wind und Regen
abhalten, samt aller Kenntnis und Kunst, welche erforderlich war,
dlese schöne, glückliche Erfindung vorzubereiten, ohne welche diese
n°rdlichen Teile der Erde kaum eine sonderlich behagliche Wohnung
^halten konnten, dazu endlich die Werkzeuge all der verschiedenen
Arbeiter, die mit Hervorbringung der verschiedenen Genußmittel be-
schäftigt sind — wenn wir, sage ich, alle diese Dinge betrachten und

erwägen,

Oid

welche Mannigfaltigkeit der Arbeit an jedes derselben ver-

e Eist, Gesch. d. Volkswirtschaft!. Lehrmeinungen.
        <pb n="91" />
        ﻿



wendet wird, so werden wir inne werden, daß ohne den Beistand
lind die Mitwirkung (Kooperation) vieler Tausende nicht der aller-
geringste Mensch in einem zivilisierten Lande auch nur in der, wie
wir sie uns fälschlich vorstellen, leichten und einfachen Art versorgt
werden kann, in der er gewöhnlich ausgestattet ist1).“

* Diese Kooperation hat sich in den menschlichen Gemeinwesen
von selbst unter einer besonderen Form, der der Arbeitsteilung, ver-
wirklicht. Das Hauptverdienst A. Smith’s besteht gerade darin,
diese ökonomische und soziale Grundtatsache, die seit ihm so oft
angeführt worden ist, daß sie uns heute als Behauptung banal er-
scheint, klar hingestellt (hiermit beginnt nämlich sein Buch) und sie
zum grundlegenden Gedanken beim Aufbau seines ganzen Werkes
gemacht zu haben.

Die Arbeitsteilung 'ist die Einrichtung, durch welche die Koo-
peration der Menschen zur Erzeugung des Nationalproduktes sich
mühelos und natürlich vollzieht. Während die Tiere sich mit einer
unmittelbaren Befriedigung ihrer einzelnen Bedürfnisse begnügen2),
beschränkt sich jeder Mensch, anstatt für die Gesamtheit seiner Be-
dürfnisse Vorsorge zu treffen, auf ein einziges Erzeugnis, das er dann
gegen die, die ihm fehlen, umtauscht. Hieraus ergibt sich für die
Gesamtheit ein enormer Güterzuwachs. Die Arbeitsteilung, die das
Zusammenwirken aller zur Befriedigung der Bedürfnisse jedes ein-
zelnen erzeugt, ist die wirkliche Quelle des Fortschrittes und des
Wohlstandes.

^Um diese durch die Arbeitsteilung verursachte Gesamt-
produktionssteigerung besser verständlich zu machen, nimmt Smith
als Beispiel die Wirkungen der technischen Arbeitsteilung in einer
besonderen Industrie:*),Die Wirkungen der Arbeitsteilung in der all-
gemeinen Gewerbstätigkeit der Gesellschaft lassen sich leichter ver-
stehen“, sagt er, „wenn man beachtet, in welcher Weise jene Teilung
in einzelnen Gewerben wirkt.“ Mit diesen Worten beginnt er‘seine
berühmte Beschreibung der Stecknadelfabrikation:' „Ein Arbeiter,
der für diese Tätigkeit (woraus die Teilung der Arbeit ein eigenes
Gewerbe gemacht hat) nicht angelernt wäre, der mit dem Gebrauch
der dazu verwendeten Maschinen (zu deren Erfindung wahrscheinlich
eben dieselbe Teilung der Arbeit Gelegenheit gegeben hat) nicht
vertraut wäre, könnte vielleicht mit dem äußersten Fleiß täglich
kaum eine, gewiß aber keine zwanzig Nadeln hersteilen. In der Tat
aber, wie diese Tätigkeit jetzt betrieben wird, ist sie nicht nur ein

’J Völkerreichtum I, S. 7, B. I, Kap. I.

2) „In fast jedem anderen Tiergeschlecht ist jedes Individuum, wenn es zur
Reife gelangt ist, ganz unabhängig und hat in seinem Naturzustand den Beistand
keines anderen lebenden Wesens nötig“ (I, S. 8, B. I, Kap. II).
        <pb n="92" />
        ﻿Kapitel II. Adam Smith.

67

besonderes Gewerbe, sondern sie teilt sich in eine Anzahl von Zweigen,
von denen die meisten wiederum besondere Gewerbe sind. Der eine
zieht den Draht, ein anderer streckt ihn, ein dritter schneidet ihn
ab, ein vierter spitzt ihn za, ein fünfter schleift ihn am oberen Ende,
wo der Kopf angesetzt wird; die Herstellung des Kopfes erfordert
zwei oder drei verschiedene Tätigkeiten; das Ansetzen desselben ist
eine besondere Tätigkeit, das Weißglühen der Nadel eine andere; ja
sogar das Einlegen der Nadeln in Papier bildet ein Gewerbe für sich.
So ist das wichtige Geschäft der Stecknadelfabrikation in ungefähr
18 verschiedene Verrichtungen geteilt, die in manchen Fabriken alle von
verschiedenen Händen vollbracht werden, während in anderen zuweilen
zwei oder drei derselben von einem einzigen Manne besorgt werden.
Ich habe eine kleine Fabrik dieser Art gesehen, wo nur 10 Menschen
beschäftigt waren, und manche daher zwei oder drei verschiedene
Verrichtungen zu erfüllen hatten. Obgleich nun diese Menschen sehr
am und darum nur leidlich mit den nötigen Maschinen versehen
waren, so konnten sie doch, wenn sie sich tüchtig daran hielten, in
einem Tage zusammen etwa 12 Pfund Stecknadeln liefern. 1 Ptund
enthält über 4000 Nadeln von mittlerer Größe. Diese zehn Personen
konnten demnach täglich über 48000 Nadeln hersteilen1).“

Diese Beschreibung gibt sehr gut wieder, wie in der Gesell-
schaft der auf sich allein angewiesene Mensch kaum die aller-
nötigsten seiner Bedürfnisse befriedigen könnte, während er durch
die Arbeitsteilung und den Gütertausch seine Produktion und seinen
V' ohlstand verhundertfacht.

Daraufhin untersucht Smith die Gründe dieser Macht der
Arbeitsteilung und führt sie auf drei Hauptursachen zurück; Die
große Fertigkeit, die jeder Arbeiter, der sich nur stets mit derselben
Tätigkeit befaßt, erlangt; — die Zeitersparnis, die dadurch gewonnen
wird, daß man nicht ständig von einer Beschäftigung zur anderen
übergeht, — endlich die Erfindungen und Vervollkommnungen, welche

stete Beschäftigung mit derselben Arbeit denen, die sie alle Tage
ansüben, ganz natürlich nahe legt.

Man hat Smith vorgeworfen, den Vorteilen der Arbeitsteilung
nicht ihre Nachteile gegenübergestellt zu haben. Dies lag in seinem
Plan und ist ohne wirkliches Interesse. Die Hauptsache ist, daß er
Sle nicht übersah, denn niemand hat sie klarer als er ins Licht
gesetzt. Im 5. Buche führt er in bezug auf die öffentliche Erziehung
^US: „Je weiter die Teilung der Arbeit fortschreitet, um so mehr
kommt es endlich dahin, daß die Beschäftigung des größten Teiles
derer&gt; die von ihrer Arbeit leben, d. h. der Masse, auf einige wenige

0 Völkerreichtum I, Ö. 3—4, B. I, Kap. I.

ö*
        <pb n="93" />
        ﻿68

Erstes Buch. Die Begründer.

sehr einfache Verrichtungen, oft nur auf ein oder zwei, beschränkt
wird“. Nämlich: „Ein Mensch, der sein ganzes Leben damit hinbringt,
ein paar einfache Operationen zu vollziehen, deren Erfolg vielleicht
immer derselbe oder wenigstens ein ziemlich ähnlicher ist, hat keine
Gelegenheit, seinen Verstand zu üben oder seine Erfindungskraft an-
zustrengen, um Hilfsmittel gegen Schwierigkeiten aufzusuchen, die
ihm niemals begegnen. Er verliert also natürlich die Fähigkeit zu
solchen Übungen und wird am Ende so unwissend und dumm, als es
nur immer ein menschliches Wesen werden kann1).“

Zwischen diesen Ausführungen und den oben ausgeführten Ge-
danken scheint ein Widerspruch zu bestehen. Weiter oben stellt
Smith die Beschäftigung mit ein und derselben Arbeit als eine Quelle
der Erfindungen hin; — hier ist sie die Ursache der Verblödung des
Arbeiters. Der Widerspruch ist mehr scheinbar als wirklich, denn
dieselbe Beschäftigung, die die Einbildung zuerst anspornen mag,
kann später durch ihre Eintönigkeit eine Erschlaffung der Intelligenz
nach sich ziehen. Auf jeden Fall ist der Schluß, den A. Smith aus
seiner Bemerkung zieht, sehr interessant. Um den Nachteilen dieses
Übermaßes von Spezialisierung zu begegnen, legt er besonderen Wert
auf die Notwendigkeit, den Elementarunterricht (der in Lesen, Schreiben
und Rechnen besteht)2) dem Volke durch die Errichtung von teil-
weise auf Staatskosten unterhaltenen Elementarschulen zu erleichtern
und „sogar aufzuzwingen“. Man bemerke hier diesen Verstoß gegen
sein eigenes Prinzip der Nichteinmischung des Staates! Wir werden
weiterhin sehen, daß er nicht der einzige geblieben ist.

Um seine Ausführungen betreffs der Arbeitsteilung zu vervoll-
ständigen, bezeichnet Smith endlich die Grenzen, an denen sie Halt
machen muß. Er erwähnt zwei; Erstens die Ausdehnung des Marktes:
„Wenn der Markt sehr beschränkt ist, so kann niemand sich ermutigt
finden, sich einer einzigen Beschäftigung ganz hinzugeben, weil es
an der Möglichkeit fehlt, jenen ganzen Produktenüberschuß seiner
Arbeit, der weit über seinen eigenen Verbrauch hinausgeht, für solche
Produkte der Arbeit anderer, die er gerade braucht, auszutauschen3).“
Deshalb begünstigt der Handel mit den Kolonien und mit dem Aus-
lande, der den Markt der Nationalindustrie vergrößert, die Arbeits-
teilung und vermehrt den Reichtum. — Der andere Umstand, der
nach Smith die Arbeitsteilung begrenzt, ist die vorherige Kapital-

') Ebenda II, S. 215, B. V, Kap. I, Teil 3, § 2.

2)	„Mit einem sehr geringen Aufwands kann der Staat beinahe dieser ganzen
groben Yolksklasse die Erlernung dieser wesentlichsten Unterriohtsgegenstände er-
leichtern, kann sie dazu ermuntern und kann sie ihr sogar zur unerläßlichen Be-
dingung machen“ (Lesen, Schreiben und Rechnen), II, 8. 217, B. V, Kap. I, Teil 3, § 2.

s) I, S. 10, B. I, Kap. III.
        <pb n="94" />
        ﻿Kapitel II, Adam Smith.

69

Ansammlung1). Diese Bemerkung ist aber viel Aveniger genau als die
vorhergehende. Smith scheint hier von einer einzelnen Unternehmung
auf die Gesamtheit der Gesellschaft geschlossen zu haben. Wenn es
wahr ist, daß ein Fabrikant in seiner Fabrik die technische Arbeits-
teilung um so höher vervollkommnen kann, je größer seine Kapital-
kraft ist, so ist es umgekehrt klar, daß in der Gesamtheit der
Gesellschaft gerade die Arbeitsteilung jeder einzelnen Person eine
vorhergehende Ansammlung von Kapitalien erspart, die sie haben
müßte, um, wenn sie allein lebte, die gleiche Arbeit auszuführen2).

Dies ist in ihren Hauptzügen die Theorie der Arbeitsteilung von
A. Smith, eine Theorie, die heute jedem so bekannt ist, daß wir oft
Mühe haben, ihre Bedeutung und Originalität zu erfassen, obgleich
sie von gewissen Soziologen (Dürkheim) zu dem Bang einer Grund-
lage der Moral erhoben worden ist. Es genügt jedoch, sie der physio-
kratischen Auffassung der Gesellschaft gegenüberzustellen, um ihre
Überlegenheit ersichtlich zu machen.

“Die Physiokraten stellten sich die Volkswirtschaft unter einer
Reihe von überein andergelagerten Klassenschichten vor. Die
Landleute trugen gewissermaßen auf ihren Schultern den ganzen Rest
Ger Gesellschaft, dem sie einen Teil des von ihnen dem Boden selbst
abgeAvonneneu Nahrungssaftes abgaben. Daher kam die überwiegende
Bedeutung der landwirtschaftlichen Klasse, und die Notwendigkeit,
Ihren Interessen das ganze volkswirtschaftliche System unterzuordnen.
‘Smith betrachtet im Gegenteil die soziale Gütererzeugung in ihrer
Gesamtheit als das Ergebnis einer Reihe von nebeneinander be-
stehenden und aufeinander angewiesenen Unternehmungen, zwischen
heuen der Güteraustausch die Verbindung herstellt. Der Fortschritt
eines jeden Tätigkeitszweiges ist daher eng mit dem Fortschritt aller
anderen verbunden. Keine der jedem Tätigkeitsziveige entsprechenden
Klassen hat die alleinige Aufgabe, für den Lebensunterhalt der anderen
zu sorgen. Sie sind alle gleicherweise unentbehrlich* Der Handwerker,
her dem Landarbeiter die Mühe des Baues seines Hauses oder der An-
fertigung seiner Kleider erspart, trägt unter dieser Form zur Vermeh-
rung des landwirtschaftlichen Produktes bei, ebenso wie der Land-
weiter, indem er es dem Handwerker erspart, Furchen zu ziehen

') „Wie die Aufhäufung des Vorrates naturgemäß der Arbeitsteilung vorhergehen
Wußi so kann auch die Arbeit nur in dem Maße mehr und mehr geteilt werden, als
^orher Vorrat aufgesammelt worden ist“ (I, S. 160, B. II, Ein!.). An einer anderen
^ 11® bemerkt er allerdings, daß die Menge des Kapitals, die in einer Industrie zur
Verwendung gelangen kann „sehr von der Menge der Arbeit abhängt, welche darin
antgewendet wird“ (I, S. 79, B. I, Kap. X, Teil 2), aber diese Bemerkung bleibt
vereinzelt, während die erstere mit seinen wirklichen Gedanken übereinstimmt.

.	2) Vgl. die eingehende Kritik dieses Gedankens Smith’s von Cannan, op.

Clt- S. 80-83.
        <pb n="95" />
        ﻿70

Erstes Buch. Die Begründer.

und die Saat auszusäen, seinerseits zur Vergrößerung der industriellen
Produktion beiträgt. Das Wachstum des nationalen Reichtums be-
steht daher nicht in einer Erhöhung des „Produit net“ allein, sondern
in der Vermehrung aller der dem Verbraucher zur Verfügung stehen-
den Gegenstände.

. Als klare, praktische Folge dieser Auffassung ergibt sich, daß
die Steuer nicht, wie es die Physiokraten wollten, von einer einzigen
Klasse getragen werden soll. Sie muß alle gleichmäßig treffen. Der
einzigen Steuer setzt Smith eine vielfache Steuer gegenüber, die
gleichzeitig alle Einkommensquellen, die Arbeit und das Kapital,
ebenso wie den Boden in Anspruch nimmt, — und er faßt sie in dem
folgenden Grundsatz zusammen: „Die Untertanen jedes Staates müssen
zur Unterstützung der Staatsgewalt so genau als möglich nach Ver-
hältnis ihres Vermögens beitragen, d. h. nach Verhältnis der Ein-
künfte, die ein jeder unter dem Schutz des Staates genießt1).“ Dies
ist der berühmte Grundsatz von der Proportionalität der Lasten zu
der Leistungsfähigkeit eines jeden, auf den man sich seitdem so oft
in Finanzfragen berufen hat2)/

Es ist sehr merkwürdig, daß A. Smith nicht imstande war, alle
sich aus seiner Theorie ergebenden Folgerungen zu ziehen. Er scheint
ihre ganze Tragweite nicht sofort begriffen zu haben. Die Theorie
der Arbeitsteilung allein genügt schon, um das ganze physiokratische
System hinfällig zu machen.

Nichtsdestoweniger bemüht sich Smith im letzten Kapitel seines
vierten Buches in langen Ausführungen und mit Gründen, die nicht
immer überzeugend sind, die Physiokraten zu widerlegen. Mehr noch,
er vergißt das Prinzip der Arbeitsteilung, eignet sich einen Teil ihrer

') Dies ist die erste der vier berühmten Grundsätze, die Smith an den Anfang
seiner Stenertheorie stellt. Die drei anderen lauten: II. Die Steuer, die jeder einzelne
Bürger zu zahlen verbunden ist, muß genau bestimmt und nicht willkürlich sein.
Die Zeit der Zahlung, die Art und Weise derselben, die Summe, welche gezahlt
werden soll: alles das muß dem Steuerpflichtigen, sowie jeder anderen Person klar und
deutlich sein . . . III. Jede Steuer muß zu der Zeit und auf die Weise erhoben
werden, zu welcher und auf welche es dem Steuerpflichtigen am leichtesten fällt,
sie zu bezahlen ... IV. Jede Steuer muß so eingerichtet sein, daß sie so w'enig als
möglich über die Summe, die sie dem Staatsschätze einbringt, aus der Tasche des
Bürgers herausnimmt . . . (II, S. 243/244, ß. V, Kap. II, Teil 2).

2) Dieser Grundsatz der Proportionalität hat Smith nicht gehindert, an einer
übrigens alleinstehenden Stelle sich zugunsten einer progressiven Steuer anszusprechen.
Derartige unlogische Gedanken finden sich oft bei ihm. Wo er von der Mietssteuer
spricht, bemerkt er, daß die Eeichen dadurch härter, als die Armen getroffen werden,
weil der erstere im Verhältnis mehr als der zweite für seine Wohnung ausgibt.
„Es ist eben“, sagt er, „nicht unbillig, daß der Reiche nicht nur nach Verhältnis
seiner Einkünfte, sondern noch etwas über dieser Verhältnisse hinaus zu den Staats-
ausgaben beitrage“ (II, S. 254, B. V, Kap. II, Teil 1).
        <pb n="96" />
        ﻿Kapitel II. Adam Smith.

71

Lehre an und'kommt nicht dazu, sich von dem Unterschiede zwischen
produktiver und unproduktiver Arbeit frei zu machen. Er definiert
sie nur anders. Er nennt unproduktiv alle die Arbeiten, „die ge-
wöhnlich im Augenblick ihrer Leistung zugrunde gehen und selten
eine Spur oder einen Wert zurücklassen, wofür ein gleiches Maß von
Diensten später beschafft werden könnte“*). Dies sind alle die Dienste,
denen J.-B. Say den Namen „immaterielle Produkte“ geben
sollte, und die nach Smith die Arbeit des Dienstboten, die der Ver-
walter, des Richters, Soldaten und Priesters, der Advokaten, Ärzte,
Schriftsteller, Musiker usw. umfassen.' Indem er in dieser Weise den
Sinn des Wortes „produire“, auf die materiellen Gegenstände be-
schränkte, hat er einen ziemlich unnützen'Streit über die produktiven
und unproduktiven Arbeiten geschaffen, einen Streit, den Say begann
und Stuaet Milo wieder aufgriff und der heute zuungunsten Smith’s
entschieden scheint, und zwar durch eine genauere Anslegung seiner
eigenen Lehrsätze/ Es ist in der Tat klar, daß alle Dienste einen
Teilbetrag des jährlichen Einkommens der Nationen ausmachen, und
daß die Gesamtproduktion vermindert würde, wenn nicht besondere
Personen sich ausschließlich damit beschäftigten, sie zu liefern.

Aber noch besser. Nachdem Smith den physiokratischen Unter-
schied zwischen den besoldeten und produktiven Klassen kritisiert hat,
gibt er trotzdem zu, daß die Arbeit der Handwerker und der Kauf-
leute weniger produktiv ist, als die der Pächter und landwirtschaft-
üchen Arbeiter, denn diese, sagt er, stellen nicht nur das auf-
gewendete Kapital mit einem Profit wieder her, sondern bringen es
s°gar zu Wege, dem Besitzer eine Rente zu zahlen2).

Woher diese Unsicherheit in den Gedanken Smith’s? Woher kommt
diese Idee einer besonderen und höheren Produktivität der Landwirt-
schaft? Es ist interessant, ihren Gründen nachzugehen, denn sie ge-
statten, den Platz, den A. Smith in der Geschichte der National-
ökonomie einnimmt, noch genauer zu bestimmen.

Einerseits, und was man auch immer sagen möge, hat sich Smith
öicht vollständig dem Einfluß der Physiokraten entzogen. Er sagt
vcn ihrem System, daß es unter allen bis dahin erschienenen der
Wahrheit am nächsten komme3). Er spricht von ihnen nur mit Ehr-

’) Völkerreichtum I, S. 194, B. II, Kap. III-	.

*3 „Pächter und Bauern bringen freilich außer dem Vorrat, womit sie unter-
halten und beschäftigt werden, jährlich noch einen Reinertrag, eine freie Rente für
tleu Gutsherrn hervor; und wie eine Ehe, welche drei Kinder bringt, ohne Zweifel
Produktiver ist als eine Ehe, die deren mir zwei hat, so ist allerdings auch die Arbeit
der Pächter und Bauern produktiver als die der Kaufleute und Gewerbetreibenden.
■Allein das stärkere Produkt der einen Klasse macht doch die andere nicht unfruchtbar
oder unproduktiv“ (II, S. 152, B. IV, Kap. IX).

3)	II, S. 154, B. IV, Kap. IX.
        <pb n="97" />
        ﻿72

Erstes Buch. Die Begründer.

furcht; der Eindruck, den sie auf ihn ansgeübt hatten, ist so stark
gewesen, daß er sich nicht yon einigen ihrer Ideen hat freimachen
können, auch wenn sie im Grunde genommen seiner eigenen Lehre
widersprachen; dazu gehören die folgenden; daß es zwischen der
Landwirtschaft und den anderen Industrien einen wesentlichen
Unterschied gäbe, der darin besteht, daß in der Industrie und dem
Handel keine Naturkräfte auftreten, während sie in der Landwirt-
schaft mit den Menschen zusammen arbeiten. „Niemals kann eine
gleiche Quantität produktiver Arbeit in den Manufakturen ein ebenso
großes Erzeugnis hervorbringen (wie in der Landwirtschaft). In
ihnen (den Manufakturen) tut die N a t u r nichts, und der Mensch
alles, und die Reproduktion richtet sich ja immer nach der Stärke
der wirkenden Ursachen, welche dabei tätig gewesen sind1).“ Man
glaubt zu träumen, wenn man eine derartige Behauptung bei einem
so bedeutenden Nationalökonomen liest. Sind denn das Wasser und
der Wind, die Elektrizität und der Dampf keine Naturkräfte, die mit
dem Menschen in der Industrie zusammen arbeiten?

Aber Smith beachtet das nicht, und er wird um so mehr in
seinem Irrtum bestärkt, da dieser ihm die Erklärung einer anscheinend
höchst seltsamen Tatsache liefert, die später allen englichen National-
ökonomen Kopfzerbrechen machen wird: die Tatsache der Boden-
rente. Woher kommt es denn, während alle anderen Produktions-
zweige im allgemeinen einen Ertrag liefern, der gerade ausreicht,
um die normale Entlohnung des Kapitals und der Arbeit, zu bestreiten,
daß die Landwirtschaft außer diesen beiden Einkommen ein weiteres
Einkommen liefert, nämlich die an den Grundbesitzer zu zahlende
Pacht oder wie die Engländer sagen: seine „Rente“? Aus keinem
anderen Grunde, antwortet Smith, weil „in der Landwirtschaft die
Natur selbst mit dem Menschen arbeitet, und ihre Produkte haben,
obgleich ihre Arbeit nichts kostet, doch ebensogut ihren Wert als die
der kostspieligsten Arbeiter . . . Die Rente kann als das Produkt
derjenigen Naturkräfte angesehen werden, deren Nutzung der Grund-
eigentümer dem Pächter leiht“2). Wenn A. Smith eine genaue

') I, S. 213/214, B. II, Kap. V.

2) Ebenda. Wir sehen, wie hierüber und über andere Punkte Smith gleich-
zeitig mehrere Meinungen hat. An anderen Stellen seines Buches betrachtet er die
Rente als einen Monopolpreis und weist darauf hin, daß sie „auf andere Weise zur
Bildung des Warenpreises beiträgt als der Arbeitslohn und der Kapitalgewinn. Hoher
oder niedriger Lohn und Gewinn sind die Ursachen eines hohen oder niedrigen
Preises; hohe oder niedrige Rente ist die Wirkung desselben. Gerade aus dem Grunde,
weil hoher oder niedriger Lohn und Gewinn gezahlt werden muß, damit eine be-
stimmte Ware zu Markte komme, ist auch ihr Preis hoch oder niedrig; umgekehrt
gewährt sie aber gerade aus dem Grunde, weil ihr Preis hoch oder niedrig ist, d. h.
weil er viel mehr oder wenig mehr, oder gar nicht mehr beträgt, als zur Bezahlung
        <pb n="98" />
        ﻿Kapitel II. Adam Smith.

73

Theorie der ßente gehabt hätte, würde er nicht auf die „Naturkräfte“
des Bodens zurückzugreifen gebraucht haben, um das Einkommen des
Grundbesitzers zu erklären, und würde wahrscheinlich nicht so leicht
den Gedanken einer besonderen Produktivität des Bodens ange-
nommen haben. In volkswirtschaftlichen Theorien aber beruht eines
auf dem anderen. Doch Smith fand im Gegenteil in einer falschen
Auffassung der Eente einen Grund mehr, um an dem Irrtum, den
seine Anhänglichkeit an die Physiokraten verschuldet hatte, festzu-
halten 1).

Auf der anderen Seite hatte Smith selbst auch außerhalb seines
Verhältnisses zu den Physiokraten eine besondere Vorliebe für die
Landwirtschaft.

Nichts ist falscher, als in Smith, wie man es manchmal tut, einen
Vorläufer oder Ankündiger des Industrialismus zu sehen und ihn in.

des Lohnes und Gewinnes nötig ist, eine hohe, eine niedrige, oder gar keine Eente“
(1, S. 85, B. I, Kap. XI, Einl.). Es scheint nicht möglich, diese sich wider-
sprechenden Auffassungen Smith’s in Übereinstimmung zu bringen. Nach der einen
s°h die Eente ein Bestandteil des Preises sein, und nach der anderen ist sie einfach
eine Eolge dieses Preises.

In der ersten Ausgabe seines Buches ist dieser Widerspruch noch augenschein-
licher. Smith führt da aus, daß die Eente mit dem Profit und der Arbeit eine
dritte Wertquelle sei (vgl. Ausgabe Cannan, I, S. 51, Anm. 7). Die Stelle ist
aber in der zweiten Ausgabe ausgemerzt und die Eente wird nur mehr als ein
»integrierender Teil“ des Preises hingestellt. Vielleicht geschah diese Änderung
anf Grund des Briefes, den Hume am 1. April 1776 nach dem ersten Durchlesen
des Völkerreichtums an Smith richtete. Er sagt darin: „Ich kann nicht glauben,
daß die von den Pächtern gezahlte Eente einen Teil des Preises für das Produkt
ausmacht, der mir als aus Angebot und Nachfrage bestimmt scheint“: (Angeführt
v°n J. Eae; Life o£ A. Smith, S. 286). Man sieht, wie die berühmte Streitfrage,
°b die Eente einen Teil des Preises ausmacht oder nicht, nicht von gestern stammt.
Sin ist gleichzeitig mit der Wissenschaft der Nationalökonomie geboren. Wird sie
v°r ihrem Ende aufhören?

Unt

Sein Irrtum kommt teilweise daher, daß er nicht scharf genug zwischen dem

enternehmergewinn und den Kapitalzinsen unterscheidet. Das Wort Profit bezeichnet
bei Smith und bei fast allen seinen Nachfolgern gleichzeitig diese beiden Bmkommens-
arten, sobald der Unternehmer zugleich Kapitalgeber ist. Das Wort Zinsen wird nur
auf das Einkommen einer Person angewendet, die ihr Kapital darleiht, ohne selbst
seiner Verwertung beizutragen. „Das Einkommen, welches jemand aus
der Verwaltung oder Verwendung von Kapital bezieht, heißt Gewinn (Profit). Das-
jenige Einkommen aber, welches jemand aus dem Kapital zieht, das er nicht se s
^»wendet, sondern einem anderen leiht, heißt Geldzins oder Interessen (I, S. -9,
B- I, Kap. VI) 3 -B Say war der erste, der den Begriff Unternehmer klar hervor-
hob- Wenn Smith die Punktionen des Unternehmers besser unterschieden hatte,
würde er wahrscheinlich bemerkt haben: 1. daß der industrielle Unternehmer oft,
außer dem Kapitalzins, noch Miete für den Grund und Boden zahlt; 2. daß der
«‘gentliche Profit einen Bestandteil enthält, der der Grundrente analog ist. Smith
betrachtet aber den Profit nur als Entschädigung für das übernommene Eisiko oder
a s Lohn für die Arbeit der Leitung.
        <pb n="99" />
        ﻿74

Erstes Buch. Die Begründer.

dieser Hinsicht den Physiokraten, den Verteidigern der Landwirt-
schaft, gegenüberzustellen. Als 1776 die Wealth of Kations er-
schien, hatte die ökonomische Umgestaltung, die in der Geschichte
unter dem Namen der „industriellen Umwälzung“ bekannt ist, und
die in der rapiden Ersetzung der kleinen Hausindustrie in Eng-
land durch die große maschinelle Industrie bestand, kaum be-
gonnen. Zwar hatte Haegreayes schon 1765 seine Spinnmaschine
und Arkweight 1767 seine Wassermaschine (waterframe) erfunden,
die der Baumwollenindustrie ihren großen Aufschwung gestatteten.
Zwar hatte James Watt, den Smith gut kannte1), 1769 ein Patent
auf seine Dampfmaschine genommen; aber diese Erfindungen sind
noch ganz neu, haben noch keine Zeit gehabt, die industrielle Ord-
nung zu verändern, und viele der bedeutenderen Maschinen wie die
Mulemaschine Ceompton’s 2) (1779), die Spinnmaschine Caeteight’s
(1785) waren noch nicht erfunden. Diese Daten sind beredt. Die
industrielle Umwälzung hatte gerade damals begonnen, als Smith
sein Buch veröffentlichte. Da andererseits verschiedene seiner Haupt-
ideen sich schon in Glasgower Vorlesungen finden, wie er sie dort
etwa 1759 hielt, ist es unmöglich, einen wirklichen Zusammenhang
zwischen der industriellen Entwicklung, die sich eben vorbereitete,
und der Auffassung des Völkerreichtum s herzustellen. Man kann
nicht einmal sagen, daß Smith bei dem Fehlen der mechanischen In-
dustrie von der Herrschaft der Manufaktur, wie Marx angenommen
hat3 4) einen besonders starken Eindruck erhalten habe, denn das Cha-
rakteristikum der damaligen englischen Volkswirtschaft war gerade
(trotz offensichtlicher Fortschritte in der Industrie), weniger die
Manufaktur als der Großhandel *). Glasgow im besonderen, wo Smith
die meisten seiner Beobachtungen gesammelt haben muß, war noch
fast ausschließlich eine Handelsstadt, deren Hauptfunktion darin be-

‘) James Watt eröffnete seine Werkstatt 1756 in dem Gebäude der Universität
Glasgow, für die er Präzisionsinstrumente herstellte. Die Zünfte hatten ihm das
Eecht verweigert, einen Laden in der Stadt zu eröffnen. Smith fand hierin ein Schul-
beispiel für die Engherzigkeit und den Formelkram des Verordnungswesens.

2)	Eine Verbindung der beiden Spinnmaschinen von Hargreaves und Arkwright.

3)	Marx nennt Smith „den zusammenfassenden politischen Ökonomen der Manu-
fakturperiode“. Das Kapital I, 4. Äusg., S. 313, Anm.

4)	Siehe auch das Werk Mantoux’s: „La Revolution industrielle au
XVIII. sGcle, Paris 1906, S. 71.“ „Man würde sich irren,“ schreibt er, „wenn
man glaubt, daß die Manufaktur eine charakteristische und vorherrschende Erscheinung
der Periode ist, die der der großen Industrien vorangeht. Wenn sie, logischerweise,
die Vorstufe des Pabriksystems ist, so ist es doch, geschichtlich, nicht richtig,
daß sie so allgemein auftrat, um der Industrie ihr Merkmal aufzudrücken. So sehr
ihr Aufkommen zur Zeit der Renaissance ein bedeutendes und bezeichnendes Ereignis
war, so sehr bleibt ihre Rolle — wenigstens in England — für die folgenden Jahr-
hunderte eine untergeordnete.“
        <pb n="100" />
        ﻿Kapitel II. Adam Smith.

75

stand, als Niederlage für die Einfuhr des amerikanischen Tabaks zu
dienen1).

Das Werk Smith’s ist weit davon entfernt, eine prophetische
Ankündigung der neuen industriellen Gesellschaft, die sich vor-
bereitete, zu sein. Man bemerkt in ihm im Gegenteil, auch bei ober-
flächlichem Durchlesen, daß ihm die „Kaufleute und Fabrikanten“
ungemein antipathisch waren. Gegen sie wenden sich seine Sarkasmen
und seine Kritik. Während die Interessen der Großgrundbesitzer
und der Arbeiter ihm fast immer als in Übereinstimmung mit dem
allgemeinen Interesse des Landes erscheinen, fallen die der Kauf-
leute und der Fabrikanten, sagt er „niemals ganz mit dem öffent-
lichen Interesse zusammen“; „sie haben gewöhnlich ein Interesse
daran, das Publikum zu täuschen und sogar zu drücken“; auch „haben
sie es wirklich bei vielen Gelegenheiten getäuscht und gedrückt“ 2).

v Zwischen den Kapitalisten und den Arbeitern schwankt Adam
Smith nicht. Aus mehr als einer Stelle wird leicht ersichtlich, daß
alle seine Sympathien den Arbeitern gehören. Man könnte zahlreiche
Stellen hierfür anführen. Es möge genügen, die verschiedene Art
und Weise zu erwähnen, in der er von den hohen Löhnen der Ar-
beiter und dem großen Gewinn der Kapitalisten spricht. Sind die
hohen Löhne der Gesellschaft vorteilhaft oder nicht? fragt er. „Die
Antwort scheint beim ersten Anblick außerordentlich einfach. Dienst-
boten, Tagelöhner und Arbeiter aller Art machen den bei weitem
größten Teil jeder Staatsgesellschaft aus. Was nun aber die Um-
stände des größten Teiles verbessert, kann nicht als ein Nachteil des
Ganzen angesehen werden. Es kann sicherlich eine Gesellschaft
nicht blühend und glücklich sein, deren meiste Glieder arm und elend
sind. Überdies ist es nicht mehr als billig, daß diejenigen, die den
ganzen Körper des Volkes mit Nahrung, Kleidung und Wohnung
versorgen, an dem Erzeugnis ihrer eigenen Arbeit so viel Anteil
haben, um selbst erträglich wohnen, sich kleiden und nähren zu
könnens).

Handelt es sich dagegen um große Gewinne, dann ändert Smith
hen Ton. Er ist der Meinung, daß sie den Preis der Lebensmitttel
v|el mehr als hohe Löhne in die Höhe treiben, und er apostrophiert
hie Kapitalisten in folgender ironischer Auslassung: „Unsere Kauf-
Jeute und Fabrikherren klagen sehr über die schlechten Wir-
kungen des hohen Lohnes, der den Preis ihrer Güter hinauftreibt
u.nd dadurch den Verkauf derselben im In- und Auslande verringert;
Sle sagen aber nichts von den schlechten Wirkungen des hohen Ge-

1)	-Rae, Life of Ä. Smith, S. 89,

2)	Völkerreichtum I, 8. 150, B. I, Kap. XI am Ende.

3)	Völkerreichtum I, S. 44—45, B, I, Kap. VIII.
        <pb n="101" />
        ﻿76

Erstes Buch. Die Begründer.

winnes; indem sie von den verderblichen Folgen des Vorteils, den
sie selbst ziehen, schweigen, klagen sie desto lauter über die Vor-
teile anderer Leute1). Der Unterschied ist bezeichnend, vielleicht ist
er noch stärker in dem Satze, den man eigentümlicherweise nur
selten von den Urhebern der Arbeitsgesetzgebung angeführt sieht:
„So oft die Gesetzgebung sich dazu herläßt, die Differenzen zwischen den
Meistern und ihren Arbeitern auszugleichen, sind immer die Meister
ihre Eatgeber. Fällt die Bestimmung zugunsten der Arbeiter aus,
so ist sie immer gerecht und billig; wird sie aber zugunsten der
Meister gegeben, so ist sie das manchmal nicht2).

Dies war durchaus nicht der Ton der Mehrzahl der Schrift-
steller seiner Zeit;*es war durchaus nicht der Ton, den 50 Jahre
später die patentierten Verteidiger des Industriesystems, die
MacCulloch, Ube, Bakbagb anschlugen. Man fühlt bei ihm eher
den Hauch jenes warmherzigen Mitleids, das später einen Lord
Shaftesbuey oder einen Macaulay beseelte, die die Urheber der

y*

Fabrikgesetzgebung in England waren.

Smith ist daher nicht ein Vorläufer des entstehenden In-
dustrialismus. Mit allen Fibern seines Wesens hängt er im Gegen-
teil an der Landwirtschaft und versäumt keine Gelegenheit seine Vor-
liebe zu zeigen. Die Landwirtschaft ist eine viel schwierigere Be-
schäftigung als irgendein industrielles Unternehmen: „und doch gibt
es nächst den schönen Künsten und freien Berufsarten vielleicht kein
Gewerbe, das eine solche Mannigfaltigkeit von Kenntnissen und Er-
fahrungen voraussetzt“ 3) — sie ist nicht nur schwieriger sondern sie
ist auch nützlicher. Er zieht zwischen der Landwirtschaft, den
Manufakturunternehmungen und dem Handel einen langen Vergleich
(auf den wir zurückkommen werden), und aus dem sich ergibt,
daß für die Kapitalien eines Landes die Landwirtschaft unter allen
Verwendungsarten die vorteilhafteste ist, die am meisten mit den
allgemeinen Interessen übereinstimmt.

Der „natürliche Lauf der Dinge“ würde für die aufwärtsstrebenden
Völker darin bestehen, ihr Kapital erst in der Landwirtschaft, dann
in der Industrie und erst zum Schluß im Außenhandel anzulegen.
Das ganze dritte Buch seines Werkes füllt Smith mit Beweisen an,
um zu zeigen, wie die Politik der europäischen Völker seit langen
Jahrhunderten zu ihrem eigenen Schaden „diesen natürlichen Lauf“
durch der Landwirtschaft feindliche Maßnahmen gehemmt hat, die
mehr dem Interesse der Händler und der Handwerker dienten. So

*) Völkerreichtum I, S. 66, B. I, Kap. IX am Ende.

2)	Völkerreichtum I, S. 83, B. I, Kap. X, Teil 2.

3)	Völkerreichtum I, S. 74, B. I, Kap. X, Teil 2. Die ganze Stelle ist in
ihrem Lob der Grundbesitzer und Pächter merkwürdig.
        <pb n="102" />
        ﻿Kapitel II. Adam Smith,

77

erscheint ihm die Landwirtschaft als ein rechtes Stiefkind. In
seiner Steuertheorie führt er weiter aus, wie ein Teil der auf dem
Gewinn und dem Lohn liegenden Steuern zum Schluß auf die Grund-
besitzer zurückfällt. Wenn er endlich von den Einfuhrzöllen auf
Getreide spricht, — diese Zölle, die die Entrüstung eines Ricaedo
gegen die „landlords“ aufstachelten, — läßt Smith seiner ganzen
Voreingenommenheit freien Lauf. Er geht in seiner Nachgiebigkeit
soweit, daß er den Satz aufstellt, nicht nur in ihrem persönlichen
Interesse, sondern hauptächlich nur in einer schlecht verstandenen
Nachahmung der Fabrikanten und Händler hätten „der Landadel
und die Pächter Großbritanniens so sehr den ihrem Stande natürlichen
Edelmut vergessen, daß sie um das ausschließliche Vorrecht nach-
suchten, ihre Landsleute mit Getreide und Fleisch zu versorgen“ 1).

Man sieht auch ohne weitere Ausführungen genügend klar, wie
stark A. Smith auf die Seite der Landwirtschaft und der landwirt-
schaftlichen Arbeiter hinneigte; daher hat Smith auch in dieser
Hinsicht wenigstens einen Teil der physiokratischen Vorurteile so
bereitwillig übernommen. Trotz seiner eigenen Theorie der Arbeits-
teilung hat er sich nicht entschließen können, die Landwirtschaft
auf den Fuß vollständiger Gleichheit mit den anderen Formen wirt-
schaftlicher Tätigkeit zu stellen. Es liegt ihm daran, ihre alt-
hergebrachte Vorzugstellung aufrecht zu erhalten.

§ 2. Der Naturalismus und Optimismus Ä. Smith’s.

Außer der Auffassung der ökonomischen Welt als einer großen
natürlichen Gemeinschaft, die die Arbeitsteilung geschaffen hat, unter-
scheiden wir in dem Werke A. Smith’s zwei andere Grundgedanken,
nm die sich seine Theorien gruppieren lassen:

* 1. die Idee der Spontaneität der wirtschaftlichen Einrichtungen, und

2. die Idee des wohltätigen Charakters dieser Einrichtungen,
was man den „Naturalismus“ und den „Optimismus“ A. Smith’s nennen
kann. ■**

Obgleich diese beiden Gedanken im Geiste A. Smith’s bis zur
: Verschmelzung zusammen lebten, so müssen sie doch von dem Ge-
schichtsschreiber der ökonomischen Lehren sorgfältig auseinander ge-
halten werden.

Lie Spontaneität der wirtschaftlichen Einrichtungen und ihr
wohltätiger Charakter standen bei A. Smith in enger Wechsel-
beziehung. Im 18. Jahrhundert hielt man gern alles für gut, was
natürlich und ursprünglich war. Natürlich, gerecht, vorteilhaft sind

) Völkerreichtum II, S. 21, B. IV, Kap. II.
        <pb n="103" />
        ﻿78

Erstes Buch. Die Begründer.

Ausdrücke, die man damals als Synonyme anwendete. Auch Smith
hat sich dieser Gedankenverbindung nicht entziehen können. Indem
er den „natürlichen“ Ursprung der wirtschaftlichen Einrichtungen
dartat, glaubte er zugleich ihren nützlichen und wohltätigen Cha-
rakter zu beweisenv). Heute ist diese Verwirrung nicht mehr ge-
stattet: den Ursprung der wirtschaftlichen Einrichtungen wissen-
schaftlich festzustellen, und ihren Wert vom Gesichtspunkt der All-
gemeinheit aus zu beurteilen, sind zw'ei gleich berechtigte,, aber sehr
verschiedene Ziele geistiger Tätigkeit. Man kann mit Smith an-
nehmen, daß unsere wirtschaftliche Gesellschaft in ihrem Ursprung
und ihrer Funktion etwas von der Spontaneität der großen natür-
lichen Entwicklungen hat, — ohne deshalb zuzugeben, daß sie die
beste aller möglichen sei. Der Pessimismus kann ebensogut wie der
Optimismus sich aus dem Anblick des spontanen wirtschaftlichen
Lebens ergeben. So sehr uns auch der Gedanke von der Selbst-
entstehung der grundlegenden wirtschaftlichen Einrichtungen richtig
und fruchtbar zu sein scheint, so sehr scheint uns die von Smith
gegebene Darlegung ihres wohltätigen Charakters ungenügend.
Die erste ist von den größten Nationalökonomen angenommen worden.
Die zweite wird heute von fast allen verworfen. Wir werden daher
diese beiden Ideen, die eine bedeutende Kolle in der Geschichte der
ökonomischen Lehren gespielt haben, gesondert betrachten.

Der Gedanke der Selbstentstehung der wirtschaftlichen Ein-
richtungen ist einer von jenen, auf die Smith am häufigsten zurück-
kommt. „II mondo va da se“, die Welt geht von selbst, könnte
er mit den Physiokraten gesagt haben. Sie brauchte, um sich zu
organisieren, keines Dazwischentretens eines vorsorgenden und ver-
nünftigen Kollektivwillens, keines vorhergehenden Einverständnisses
zwischen den Menschen.

Diesen Gedanken ruft das Studium der ökonomischen Welt in
A. Smith stets von neuem wach. Die spontanen Handlungen von
tausenden und abertausenden Einzelpersonen, die eine jede für sich
ihre eigenen Wege gingen, ohne sicli um die anderen zu kümmern,
und die keine Ahnung davon hatten, welche sozialen Ergebnisse ihre
Taten zeitigen sollten, haben genügt, um dem wirtschaftlichen Leben
sein heutiges Aussehen zu geben. In seinen großen Zügen ist das
bestehende ökonomische Weltbild nicht nach einem bestimmten Ge-
samtplan eines organisatorischen Gehirnes entworfen und von einer
intelligenten Gesellschaft mit voller Überlegung ausgeführt worden,

*) Vgl. über den Zusammenhang des Systems von A. Smith mit der Philosophie
seiner Zeit W. Hasbach: Die allgemeinen philosophischen Grundlagen
der von F. Qoesnav und A. Smith begründeten politischen Ökonomie,
Leipzig 1890.
        <pb n="104" />
        ﻿Kapitel II. Adam Smith.



• . . sondern es hat sich aus der Anhäufung zahlloser Einzellinien
gebildet, die eine Unmenge von Einzelpersonen, auf Grund eines
instinktiven Triebes, und ohne jede Kenntnis von dem zu erreichenden
Zweck, gezogen hat.

Dieser Gedanke eines selbsttätigen Aufbaus der ökonomischen
Welt kann dem des „ökonomischen Gesetzes“, der sich später heraus-
arbeitete, analog erscheinen. Die beiden Gedanken weisen einer wie
der andere in der Tat auf die Idee von etwas über dem mensch-
lichen Willen stehenden hin, das sich trotz ihnen und trotz ihres
Widerstandes durchsetzt. Sie sind aber voneinander verschieden und
der erste geht über den zweiten hinaus. Das Wort „Naturgesetz“
ruft zunächst die Vorstellung einer Regelmäßigkeit, einer Wieder-
holung, einer „Wiederkehr des gleichen“, gewisser Vorgänge wach,
wenn gewisse Bedingungen gegeben sind. Das ist es aber nicht,
was auf Smith Eindruck macht. Er legt weniger Wert auf das-
jenige, was an den ökonomischen Vorgängen beständig, als auf das,
Was an ihnen spontan, instinktiv und natürlich ist. Erst J.-B. Say
wird seine Freude daran haben, die ökonomische Welt mit der
Physischen zu vergleichen. Smith sieht sie vielmehr als ein lebendiges
Wesen, das sich selbst die unentbehrlichen Organe schafft. An keiner
Stelle gebraucht er den Ausdruck: „ökonomisches Gesetz“. Wenn
wir mit ihm die hauptsächlichen ökonomischen Einrichtungen und
Funktionen durchgehen, sehen wir, wie er immer zu dem gleichen
Schluß kommt.

Zunächst die erste von allen, die wir eben studiert haben und
die mehr als irgendeine andere zum Wachstum des nationalen Reich-
tums beiträgt: die'Arbeitsteilung/

'Ist diese wunderbare Einrichtung „ursprünglich nicht das Werk
menschlicher Weisheit, welche die allgemeine Wohlhabenheit, zu der es^
tührt, vorhergesehen und beabsichtigt hatte“? Nicht im geringsteni
»Es ist“, sagt Smith, „die notwendige, wenn auch sehr langsame und
stufenweise Folge einer gewissen Neigung der menschlichen Natur,
die keinen so ausgedehnten Nutzen vor Augen hat: der Neigung zum
Tausch, zum Tauschhandel und zum Umtausch einer Sache gegen
e|ne andere1).“ Dieses Streben selbst ist nicht primär. Es ergibt
sich ans dem persönlichen Interesse. „Der Mensch braucht fort-
WährencT die Hilfe seineFWitmensdien. und er würde diese vergeblich
yon ihrem Wohlwollen allein erwarten. Er wird viel eher zum
Ziele kommen, wenn er ihren Egoismus zu seinen Gunsten inter-
essieren und ihnen zeigen kann, daß sie ihren eigenen Nutzen davon
haben, wenn sie für ihn tun, was er von ihnen haben will. Wer

‘) Völkerreichtum I, S, 8—9, B. I, Kap. II. am Auf.
        <pb n="105" />
        ﻿80

Erstes Buch. Die Begründer.

•einem anderen irgendeinen Handel anträgt, macht ihm einen Vor-
schlag. Gib mir. was ich will, und du sollst haben, was du willst,
ist der Sinn eines jeden solchen Anerbietens; und auf diese Weise
erhalten wir voneinander den weitaus größten Teil der guten Dienste,
deren wir benötigen. Nicht von dem Wohlwollen des Fleischers,
Brauers oder Bäckers erwarten wir unsere Mahlzeit, sondern von ihrer
Bedachtnahme auf ihr eigenes Interesse. Wir wenden uns nicht an
ihre Humanität sondern an ihren Egoismus, und sprechen ihnen nie
von unseren Bedürfnissen, sondern von ihren Vorteilen1).“

So entwickelt sich der Güteraustausch,- und mit dem Austausch
die Arbeitsteilung. Denn „die Gewißheit, alle überschüssige Erzeug-
nisse seiner Arbeit, die über seinen eigenen Verbrauch hinausgehen,
für solche Erzeugnisse anderer, wie er sie gerade braucht, aus-
tauschen zu können, spornt einen jeden an, sich einer besonderen
Beschäftigung zu widmen, und seine eigentümliche Befähigung für
diese oder jene Art von Tätigkeit auszubilden und zur Vollkommenheit
zu bringen“ 2).‘ Die Arbeitsteilung ist das Ergebnis eines allen Menschen
gemeinsamen Triebes, des Tauschtriebes, und dieser hat sich unter
den gleichzeitigen und zusammen wirkenden Einfluß des persönlichen
Interesses aller und eines jeden spontan entwickelt.

Nach der Arbeitsteilung kommt das'Geld. Vielleicht hat keine
Einrichtung den Güteraustausch so sehr erleichtert und infolge-
dessen den Reichtum vermehrt, wie das Geld. Alle nationalökono-
mischen Abhandlungen nach Smith haben, fast in den gleichen Aus-
drücken wie er, seine Vorteile gegenüber dem primitiven Tausch
ausgeführt. Wie ist nun dieses Geld entstanden? Aus einem Akt
der öffentlichen Gewalt oder aus dem bewußten Willen des Volkes?
Keineswegs. Ein kollektiver Instinkt hat es erschaffen. Die Menschen
haben schnell genug die Nachteile des primitiven Tausches gemerkt;
um sie zu vermeiden: „wird jeder kluge Mensch zu allen Zeiten der
Gesellschaft nach der ersten Einführung der Arbeitsteilung natürlich
bemüht gewesen sein, seine Einrichtungen so zu treffen, daß er außer
dem besonderen Produkte seines eigenen Fleißes jederzeit noch eine
gewisse Menge von dieser oder jener Ware in Bereitschaft hatte,
von der er voraussehen konnte, daß wahrscheinlich wenig Menschen
ihren Eintausch gegen das Produkt ihres eigenen Fleißes zurück-
weisen würden3). Und so ist auch das Geld seinerseits aus der
gleichzeitigen, wenn auch nicht bewußt vereinbarten Handlungsweise

*) Volke rr eicht um I, S. 8—9, B. I, Kap. II. Diese ganze Stelle findet sich
beinahe wörtlich in den Vorlesungen A. Smith’s und stammt aus Mandevillb’s
Kabel von den Bienen.

2)	Ebenda, S. 9.

3)	Völkerreichtum I, S. 13, B. I, Kap. IV.
        <pb n="106" />
        ﻿Kapitel II. Adam Smith,

81

einer großen Anzahl von Personen entstanden, die ihren persönlichen
Antrieben gehorchten. Die öffentliche Gewalt hat sich erst viel später
eingemischt — als das Metallgeld schon überall verbreitet war, um
durch einen Stempel Schrot und Korn eines jeden Stückes zu ge-
währleisten.

Eine andere Grundtatsache ist das'W ach st um des Kapitals1)!
Für A. Smith gibt es nach der Arbeitsteilung und nach der Erfindung
des Geldes keine wichtigere volkswirtschaftliche Tatsache, keine größere
Quelle der Bereicherung für das Volk als diese. Je größer sein Kapital
ist, um so mehr produktive Arbeiter können unterhalten werden, um
so größer kann die Herstellung von Instrumenten und Maschinen
sein, die die Produktivität der Arbeiter vermehren, um so mehr kann
sich die nationale Arbeitsteilung entwickeln. Sein Kapital vermehren,
heißt daher, seine Industrie und seinen Wohlstand ausdehnen2). Das

*) Lange Zeit hindurch haben sieh die Ökonomisten mit Adam Smith’b Theorie
vom Kapital begnügt. Wie viele andere Teile seines Werkes ist auch dieser als
klassisch anerkannt worden, und die Schriften über volkswirtschaftliche Fragen haben
sich oft auf seine Wiederholung beschränkt. Dieser Erfolg erscheint uns heute ganz
ungerechtfertigt. „Man kann nicht leugnen,“ sagt ein neuzeitlicher englischer
Nationalökonom, Canhan, „daß A. Smith die Frage des Kapitals durchaus unbefriedigend
beantwortet hat“ (A History of the theories of production and distri-
bution, 1894. S. 89). Wenn diese Beurteilung einer Rechtfertigung bedürfte,
würde der Hinweis auf die vielen, auch jetzt noch nicht abgeschlossenen Be-
sprechungen, die seit 50 Jahren sich mit der Theorie des Kapitals beschäftigen,
genügen. Einige der bedeutendsten Werke der letzten Jahre, wie die Positive
Theorie des Kapitales von Böhm-Bawbbk sind ihr gewidmet. In England,
Amerika, Italien haben die bekanntesten Nationalökonomen, wie Cannan, Fishek,
Paketo dazu beigetragen, die alten Begriffe in dieser Frage ganz umzuändern, und
Jas Anwachsen dieser Untersuchungen zeigt klar genug, daß Smith diese Frage
hoch lange nicht erschöpft hatte. Aus diesem Grund glauben wir es unterlassen zu
sollen, seine Gedanken hierüber auseinander zu setzen. 'Wenn man das zweite Buch
seines Völkerreichtnms, das ausschließlich diesen Gegenstand behandelt, auf-
merksam liest, so findet man: eine dem praktischen Gesohäftsleben entlehnte Unter-
scheidung zwischen dem fest angelegten und dem umlaufenden Kapital, — eine sehr
anfechtbare Identifikation des Nationalvermögens mit der Summe der Einzelvermögen,
•— eine sehr ungenügende Scheidung der Begriffe Kapital und Einkommen, — die
seitdem bis auf Stuabt Mill zum Überdruß wiederholte paradoxe Behauptung, daß
„sparen, verbrauchen sei“ —; die, diesmal banale, Behauptung, daß das Kapital durch
Sparen wächst, und endlich den Satz, daß das Kapital die Industrie begrenzt. '

2)	Völkerreichtum I, S. 202, B. II, Kap. III. „Das Jährliche Produkt des
Bodens und der Arbeit einer Nation kann in seinem Werte nicht anders vermehrt
werden, als wenn entweder die Zahl ihrer produktiven Arbeiter oder die Produktiv-
kräfte der bis dahin beschäftigten Arbeiter zunehmen. Die Zahl der produktiven
Arbeiter kann, wie von selbst einleuohtet, nur dann ansehnlich zunehmen, wenn eine
Kapitalzunahme zustande kommt, d. h. wenn die zu ihrem Unterhalt bestimmten
Konds wachsen. Die Produktivkräfte der nämlichen Zahl von Arbeitern können nur
dann zunehmen, wenn entweder die zur Erleichterung und Abkürzung der Arbeit
dienenden Maschinen und Werkzeuge vermehrt und verbessert werden, oder wenn
Gide und Rist, Gesch. d. Volkswirtschaft!. Lehrmeinungen.	6
        <pb n="107" />
        ﻿82

Erstes Buch. Die Begründer.

Wachstum des Kapitals ist nicht nur das hauptsächlichste
Mittel, sondern an verschiedenen Stellen seines Werkes erscheint es
als das einzige Mittel, das eine Nation besitzt, um ihren Reichtum
zu vergrößern. „Die Industrie der Nation kann sich nur in dem Maße
vermehren, als ihr Kapital zunimmt“ sagt Smith, und „ihr Kapital
kann nur in dem Maße zunehmen, als nach und nach etwas von
ihrem Einkommen erspart wird1)“, mit anderen Worten: Das Kapital
begrenzt die Industrie -), ein Satz, der klassisch werden sollte, und
den die Ökonomen, bis auf Mill, Smith nachsprechen. So ist das
Kapital der wirkliche Herrscher des volkswirtschaftlichen Lebens. Gemäß
seines Steigens oder seines Sinkens bahnt es der Arbeit alle Wege oder
legt sein Veto gegen jede Verbesserung ein. Selbstherrlich befruchtet
es die Erde und die Arbeit des Menschen, oder läßt sie wüste liegen.

Man kann die überwiegende Rolle, die Smith dem Kapital zu-
spricht, bestreiten, und das ist geschehen. Auf jeden Fall ist es recht
merkwürdig, daß er am Anfang die Arbeit als die Grundursache des
Reichtums zeigt, um sie nachher dem Kapital unterzuordnen. Hier
ist aber nicht der Ort, erledigte Streitfragen wieder aufzurollen3).
Hier kommt es uns darauf an, festzustellen, daß A. Smith in der An-
sammlung von Kapitalien einen neuen Beweis für die Spontaneität
der wirtschaftlichen Erscheinungen findet. Wenn sich das Kapital
ansammelt, so geschieht das tatsächlich nicht infolge der kollektiven
Voraussicht der Gesellschaft, sondern infolge der gleichzeitigen und
zusammenwirkenden Tätigkeit von Tausenden von Individuen, die,
beseelt von dem elementaren Wunsche, ihre Lage zu verbessern,
selbständig zum sparen und zur produktiven Verwendung ihres Er-
sparten angehalten werden4).

eine geeignetere Teilung der Arbeit zustande kommt. In beiden Fällen ist fast
immer neues Kapital erforderlich“.

1)	Völkerreiohtum II, S. 18, B. IV, Kap. II.

2)	„Der allgemeine Gewerbefleiß der Nation kann niemals weiter gehen, als das
Kapital der Nation reicht“, II, S. 15, B. IV, Kap. II, wofür Stuart Mill die kurze
Formel: „das Kapital begrenzt die Industrie“ geprägt hat.

s) Wir schreiben „erledigte“ — denn die heutigen Nationalökonomen sind sich
ungefähr darüber einig, daß bei einer Anerkennung des notwendigen Zusammen-
wirkens von Kapital, Arbeit und Naturkräften in der Gütererzeugung, diese Güter-
erzeugung von der vorhandenen Menge aller dieser Faktoren, nicht eines einzigen,
abhängt.

4) A. Smith hat den Sozialisten (Eodbbrtus, Lassalle) im voraus geantwortet,
die nicht im Sparen, sondern in der Arbeit die Quelle des Kapitals sehen, indem er
schreibt: „Sparsamkeit, nicht Fleiß, ist die unmittelbare Ursache der Kapitalver-
mehrung. Der Fleiß schafft zwar die Sachen herbei, welche die Sparsamkeit auf-
häuft; aber so viel der Fleiß auch erwürbe, so würde doch, wenn die Sparsamkeit
es nicht zurücklegte und sammelte, das Kapital niemals größer werden.“ Völker-
reiohtum I, S. 198, B. II, Kap. III.
        <pb n="108" />
        ﻿Kapitel II. Adam Smith.

83

„Der Grund, welcher znm Sparen treibt, ist das Verlangen, seine
Lage zu verbessern, ein Verlangen, welches zwar gewöhnlich ruhig
und leidenschaftslos ist, aber uns auch von der Wiege an begleitet
und bis zum Tode nicht wieder verläßt .... Das Mittel, durch das
die meisten Menschen ihre Lage zu verbessern streben, ist die Ver-
größerung ihres Vermögens. Es ist dies das gewöhnlichste und
natürlichste Mittel; und die sicherste Art, wie man sein Vermögen
vergrößern kann, ist die, daß man einen Teil dessen, was man erwirbt,
spart und aufhäuft.“ Dieser Wunsch ist so mächtig, daß es sogar den
Torheiten der verschwenderischsten Regierungen nicht gelungen ist,
ihre wohltätigen Wirkungen aufzuheben. „Die gleichmäßige, be-
ständige und ununterbrochene Anstrengung jedes Menschen, seine
Lage zu verbessern, diese. Quelle des Nationalreichtums und des
Privatwohlstandes, ist oft mächtig genug, um trotz der Ausschweifung
der Regierung und der größten Irrtümer in der Verwaltung den
natürlichen Fortschritt zum Bessern frisch zu erhalten. So stellt auch
das unbekannte Prinzip des animalischen Lebens oft trotz der
albernen Vorschriften des Arztes Gesundheit und Kräfte des Körpers
wieder her“ *).

Aber die Idee der Spontaneität der wirtschaftlichen Ein-
richtungen findet ihre interessanteste Anwendung in deETheprie der
Anpassung des Angebotes an die Nachfrage. Hiermit
müssen wir uns etwas ausführlicher beschäftigen.

ln einer auf die Arbeitsteilung gegründeten Gesellschaft, wo
ein jeder ohne vorhergehende Übereinkunft mit seinem Konkurrenten
und ohne gemeinsame Direktion für den Markt produziert, besteht
die große Schwierigkeit darin, das Angebot der Waren der Nachfrage
anzupassen. In der Tat, wie sollen die Produzenten in jedem Augen-
blick wissen, was und in welchem Verhältnisse sie zu produzieren
haben, da niemand da ist, um sie darüber zu unterrichten? Aller-
dings legt Smith Wert darauf, auszuführen, daß es sich für sie nicht
darum handelt, irgendwelche Bedürfnisse oder, wie er sagt, die
„ abs olute Nachfrage“ zu befriedigen, sondern einzig die „effektive
Nachfrage“ : hierunter ist die Nachfrage derjenigen zu verstehen, die
imstande sind, etwas als Austausch gegen die Erzeugnisse, die sie
begehren, anzubieten, und wenigstens so viel anzubieten, um die
Produktionskosten dieser Erzeugnisse zu bezahlen2). Die auf die

J) Yölkerreichtum I, S. 201—202, B. II, Kap. III.

2) Yölkerreichtum I, S. 31, B. I, Kap. VII. „Der Marktpreis einer Ware
ist bestimmt durch das Verhältnis zwischen der Quantität, welche wirklich zu Markte
gebracht wird, und der Nachfrage derer, welche ihren natürlichen Preis, d. h. den
ganzen Wert der Kente, des Gewinnes und der Arbeit, die bis zu ihrer Peilbietung
erforderlich waren, zu bezahlen geneigt sind. Solche Leute kann man wirksame

6*
        <pb n="109" />
        ﻿84

Erstes Buch. Die Begründer.

Arbeitsteilung und den Güteraustausch gegründete Gesellschaft setzt
natürlich voraus, daß nichts umsonst gegeben wird, und daß niemand
mit Verlust arbeitet, denn sonst würden die Einen die Opfer der
Anderen sein* 1). Wenn aber jeder auf gut Glück produziert, wie kann
man dann vermeiden, daß in jedem Augenblick die Produktion ent-
weder größer oder kleiner als die effektive Nachfrage sei?

Um dies zu verstehen, muß man sich dieTPreistheorie A. Smixh’s^
ins Gedächtnis rufen.

Im vorhergehenden Kapitel haben wir gesehen, daß schon 1776
Condillac eine Theorie des Wertes aufgestellt hatte, die der der
Physiokraten bedeutend überlegen war. Im selben Jahre (1776) er-
schien aber gerade das Werk Smith’s. Er hat wahrscheinlich
niemals Kenntnis von den Ideen Condillac’s gehabt und konnte sie
daher nicht diskutieren. Auf der anderen Seite aber stellte der
durchschlagende Erfolg des „Wealth of Nations“ das Werk des
französischen Philosophen für lange Zeit in den Schatten. Während
langer Zeit sollte daher die Theorie A. Smith’s triumphieren. Ob-
gleich sie der Condillac’s gegenüber minderwertig ist, hat sie in der
Folgezeit den Untersuchungen der Nationalökonomen, besonders denen
der englischen Ökonomisten, deren Einfluß während der ersten Hälfte
des 19. Jahrhunderts vorherrschend war, zugrunde gelegen. Erst
nach der Veröffentlichung der Werke von Walbas, Jevons und
Menger ist sie verworfen worden; sie besitzt daher ein wirkliches
geschichtliches Interesse, das um so größer ist, weil sie das eigen-
tümliche Schicksal hatte, zur gleichen Zeit den Lehren der Sozialisten
und denen der liberalen Nationalökonomen als Stützpunkt zu dienen.
Es ist das Los von Schriftstellern wie A. Smith, die sich mehr durch
Reichtum als durch logische Zusammenfassung der Ideen auszeichnen,
in dieser Weise die Meinungen in verschiedene und sogar entgegen-

Nachfrager oder Kauflustige und ihre Nachfrage die wirksame Nachfrage nennen . . .
Sie ist verschieden von der allgemeinen (absoluten) Nachfrage. Von einem ganz
armen Manne läßt sich in diesem Sinne sagen, er habe ein Verlangen nach einem
Sechsspänner: er möchte ihn gern haben; aber sein Begehren ist keine wirksame
Nachfrage, weil die Ware niemals zur Befriedigung desselben zu Markte gebracht
werden kann.“

l) Smith nimmt in diesem Falle an, daß entweder der Verbraucher, oder der
Produzent bedrückt wird. Wenn irgendwo der Gewinn den normalen Zinsfuß
übersteigt, so ist das, sagt er: „ein Zeichen, daß etwas entweder wohlfeiler gekauft
oder teurer verkauft wird, als es gekauft oder verkauft werden sollte, und daß die
eine oder die andere Klasse von Bürgern mehr oder weniger gedrückt wird, indem
sie entweder mehr bezahlt oder weniger gewinnt, als sich mit der Gleichheit, die
unter allen Klassen stattfinden sollte, verträgt“ (II, S. 124, B. IV, Kap. VII, Teil 3).
So erscheint A. Smith die Gleichheit des Preises mit den Produktionskosten nicht
nur als eine Tatsache, sondern auch in Übereinstimmung mit der Gerechtigkeit. Man
kann sagen, daß in seinen Augen diese Gleichheit den „gerechten Preis“ darstellt.
        <pb n="110" />
        ﻿Kapitel II. Adam Smith.

85

gesetzte Geleise zu lenken. Die Theorie des Wertes ist übrigens
nicht die einzige, die bei ihm diese Unbestimmtheit aulweist. Wir be-
gnügen uns hier, ohne zu genau auf Einzelheiten einzugehen, die
Hauptpunkte der Theorie zu erwähnen, und zwar die, welche zu
gleicher Zeit ein Verständnis ihrer wissenschaftlichen Mängel und
ihres doppelten Einflusses auf die folgenden Lehren gestatten.

• Smith beginnt damit, zwei Begriffe als unvereinbar hinzustellen :
die des „Gebrauchswertes“ und die des „Tauschwertes“ 1).)( Unter
Gebrauchswert versteht er ungefähr2) das, was wir heute unter
„Nützlichkeit“ (utilite) verstehen oder das, was andere Verfasser als
„subjektiven Wert“, Wunschwert (desirabilite), Ophelimität be-
zeichnen.

Wie man weiß, stützen sich heute die Nationalökonomen, um den
Preis, den Tauschwert der Gegenstände zu erklären, gerade auf den
Begriff des Gebrauchswertes. Die Erklärung des Tanschfußes der
Waren gründet sich auf eine vorhergehende Analyse ihrer Nützlich-
keit für die Tauschenden. Smith geht auf andere Weise vor. Er
gebraucht „Gebrauchswert“ nur, um ihn in radikalen Gegensatz zu
„Tauschwert“ zu setzen, und um sich nachher nicht mehr damit ab-
zngeben. In seinen Augen haben, die beiden Begriffe keinen Zu-
sammenhang. Nur der Tauschwert hat Interesse; noch weniger gibt
er zu, daß der eine sich aus dem anderen ergibt3).

b Völkerreichtum I, S. 16, B. I, Kap. IV. Die Stelle ist berühmt: „Das
Wort Wert hat — was wohl zu beachten ist — zweierlei verschiedene Bedeutung
und drückt bald die Brauchbarkeit einer Sache, bald die durch den Besitz dieser
Sache gegebene Möglichkeit aus, andere Güter dafür zu kaufen. Das eine kann
Gebrauchswert (yalue in use), das andere Tauschwert (value in exchauge)
genannt werden. Dinge, die den grüßten Gebrauchswert haben, haben oft wenig oder
keinen Tauschwert, und umgekehrt haben andere oft den größten Tauschwert, aber
wenig oder keinen Gebrauchswert. Nichts ist brauchbarer als Wasser, aber es läßt
sich dafür kaum etwas kaufen: kaum etwas dafür in Tausch erhalten. Ein Diamant
dagegen hat beinahe gar keinen Gebrauchswert, und doch ist oft eine Menge anderer
Güter dafür im Tausch zu haben.“

2)	Wir sagen „ungefähr“, denn in der Stelle, wo er den Gebrauchswert definiert,
scheint Smith seine Definition dem landläufigen Sinn anzupasseu (in dem „nützlich“
als Gegensatz zu „angenehm“ erscheint). Bucabdo hat diese Ungenauigkeit, die Minn
mit Hecht hervorgehoben hatte, richtig gestellt. Sie erklärt sich vielleicht aus der
folgenden Stelle der „Vorlesungen über die Gerechtigkeit“ (Lectures on Justiee)
8. 176: „Für eine wenig nützliche Sache gibt es nur wenig Nachfrage, weil siekein
rationeller Gegenstand des Begehrens ist.“ Smith scheint nicht für möglich gehalten
zu haben — was selbstverständlich ein schwerer Fehler ist, — daß eine vernunft-
gemäß unnütze Sache doch gewünscht oder begehrt werden könne.

3)	Diese radikale Trennung der beiden Begriffe liegt vielleicht mehr an der
Ausdrucksweise Adam Smith’s als in seinen Gedanken, denn in seinen Vorlesungen
über Gerechtigkeit, S. 176 wird der Gebrauchswert (zusammen mit dem Eeichtum
der Nachfrager) als eins der Elemente hingestellt, die die Nachfrage bestimmen und
        <pb n="111" />
        ﻿86

Erstes Buch. Die Begründer.

Von Anfang an hat sich daher Smith den einzigen Weg ver-
schlossen, der ihn zu einer zufriedenstellenden Lösung des Preis-
prohlems hätte führen können. Es ist daher vorauszusehen, daß er
in einer Sackgasse endigen wird. In Wirklichkeit hat er sich nach-
einander in zwei Sackgassen]) verirrt. Er hat zwei verschiedene
und gleich irrtümliche Lösungen eine nach der anderen aufgenommen,
ohne sich jemals klar und deutlich für eine von ihnen zu entscheiden.
Nach ihm beschreiten Sozialisten und Nationalökonomen die gleichen
Wege und unterscheiden sich nur durch die verschiedene Wahl, die
sie zwischen beiden treffen.

Bei seiner Untersuchung der Warenpreise fällt A. Smith be-
sonders ihre unablässige Beweglichkeit auf. Der „gewöhnliche“ oder
„Marktpreis“ wird von einem unsicheren Umstande beherrscht* l 2 3), dem
„Verhältnis zwischen Angebot und Nachfrage“, oder wie er an einer
anderen Stelle sagt: „nicht von einem genauen Maßstabe, sondern
von dem Dingen und Feilschen im Handel, jener rohen Ausgleichung
gemäß, welche zwar nicht exakt ist, jedoch für die Geschäfte des
gemeinen Lebens hinreicht“ 8). Es scheint ihm unmöglich, daß diese
beständigen Veränderungen den wahren Wert der Waren ausdrücken.
Dieser Wert könnte nicht von einem Augenblick zum anderen oder
von einem Orte zum anderen verschieden sein. Es handelt sich daher
darum, unter der Beweglichkeit des Marktpreises einen anderen Preis
zu finden, den Smith bald „wirklichen“, bald „natürlichen“ Preis
nennt. Das Problem, unter den Preisschwankungen etwas Sichereres
und Beständigereres zu entdecken, ist auch heute noch die große
Aufgabe deren Lösung der reinen Ökonomie obliegt4 * * *).

Die erste Hypothese, die Smith ins Auge faßt, ist die, 'daß der
wahre Wert einer Ware von der Arbeit bestimmt sei, von der An-
strengung, die ihre Herstellung gekostet hat. „Der wahre oder Real-
preis eines Dinges, dasjenige nämlich, was ein Ding dem, der es sich
verschaffen will, wirklich kostet, ist die zu seiner Beschaffung er-

die so den Marktpreis festlegen. —■ In Wirklichkeit ist alles, was in dem „Volker-
reich tum“ über die Werttheorie gesagt wird, so unbestimmt, daß man darin nicht
mehr Genauigkeit suchen darf, als Smith hineingelegt hat.

l) Vielleicht sollte man von drei sprechen, denn in den „Vorlesungen über
Gerechtigkeit“ findet man auf Seite 176 noch eine andere Definition des natür-
lichen Preises, als in dem „Völkerreichtum“.

a) Völkerreichtum I, S. 31, B. I, Kap. VII.

3)	Völkerreichtum I, S. 17, B. I, Kap. V.

4)	Pareto schreibt in einem in der Rivista di Scienza 1907, No. 2, er-

schienenen Aufsatz: L’economie et la Sooiologie au point de vue scienti-

fique; „Unterliegt den wirklichen Preisen der wirklich vollzogenen Tauschhandlnngen,

die zeitlich und räumlich einer unendlichen Menge von Zufälligkeiten ausgesetzt und

daher veränderlich sind, etwas beständigeres, weniger veränderliches? Das ist das
Problem, daß die Nationalökonomie zu lösen hat!“
        <pb n="112" />
        ﻿Kapitel II. Adam Smith.

87

forderliche Mühe und Beschwerde ... die Arbeit ist also der wahre
Maßstab des Tauschwertes aller Waren1).“ So ist‘die Arbeit, d. h.
die Mühe, die auf die Herstellung eines Gegenstandes verwendet
wird, gleichzeitig der Ursprung und der Maßstab ihres Tauschwertes. ^
Hier haben wir vom „Vater der Nationalökonomie“ formuliert, ‘ die
Theorie, die in der Arbeit, in der menschlichen Anstrengung, die
Ursache des Wertes sieht (als ob man von einer „Ursache des
Wertes“ sprechen könnte!), und die Kabl Marx seine schärfsten
Argumente gegen den Kapitalismus liefert. '

Kaum hat er aber diesen ersten Versuch gemacht, für den Tausch-
wert eine festere Basis als den schwankenden Boden des Angebotes
und der Nachfrage zu finden, als er sogleich Schwierigkeiten auf-
tauchen sieht. Zunächst, * wie soll die auf einen Gegenstand ver-
wendete Arbeit und der Wert, der davon abhängt, gemessen werden ?*■
„Es kann in der schweren Anstrengung einer Stunde mehr Arbeit
stecken als in der leichten Beschäftigung zweier Stunden und in der
einstündigen Ausübung einer Kunst, zu deren Erlernung man 30 Jahre
brauchte, mehr als in dem Fleiß eines ganzen Monats bei einer ge-
wöhnlichen und leicht erlernbaren Arbeit. Allein es ist nicht leicht,
einen genauen Maßstab für die Mühsal oder die Geisteskraft zu
finden“ 2). Außerdem, und hierin liegt ein zweiter Einwurf, in den
zivilisierten Gesellschaften genügt die Arbeit allein nicht zur Her-
stellung der Gegenstände; der Grund und Boden und das Kapital
wirken ebenfalls mit;- ihr Gebrauch ist aber nicht unentgeltlich; dem,
der sie benützt, kosten sie etwas. Die primitiven Gesellschaften sind
daher in Wirklichkeit die einzigen, sagt Smith, wo gewöhnlich „die
zur Beschaffung oder Hervorbringung einer Ware aufgewendete Quan-
tität von Arbeit das einzige ist“ 8), das ihren Wert bestimmt. Heutigen
Tages müssen aber noch das Kapital und der Grund und Boden in
Betracht gezogen werden. Die Arbeit kann weder die einzige Quelle,
noch der einzige Maßstab des Wertes sein.

So sucht denn Smith eine neue Hypothese, und sieht in den

‘) Yölkerreichtum I, S. 17, B. I, Kap. Y. In Wirklichkeit drückt sich
Smith hier so ans, als ob nach seiner Ansicht der Wert eines Gegenstandes nicht
von der Arbeit, die seine Herstellung gekostet hat, sondern von der, die damit zu
kaufen ist, bestimmt wird. Im Grunde genommen laufen aber beide Gedanken auf
dasselbe hinaus, da die Gegenstände sich als gleicher Wert gegen gleichen Wert
tauschen. Die Arbeit, die man mit einem Gegenstand kaufen kann, ist genau gleich
der Arbeit, die dieser Gegenstand gekostet hat. Smith sagt: „Sie (die Dinge) ent-
halten den Wert einer bestimmten Quantität Arbeit, welche man gegen etwas ver-
tauscht, wovon man zurzeit glaubt, daß es den Wert einer gleichen Quantität ent-
halte.“ (Ebenda.)

*) Völkerreichtum I, S. 17, B. I, Kap. V.

3) Völkerreichtum I, S. 27, B. I, Kap. VI.
        <pb n="113" />
        ﻿88

Erstes Buch. Die Begründer.

‘Produktionskosten-1 den Faktor, der den Tauschwert wirklich regu-
liert. Soeben nannte er den Preis, der sich auf die Arbeit gründet,
den „wirklichen“ Preis; jetzt nennt er den Preis der nach ihren
Produktionskosten gewerteten Gegenstände den „natürlichen“ Preis.
Der Name hat wenig Bedeutung. Das, was Smith verfolgt, ist stets
der wahre Wert, der sich uns unter der Beweglichkeit des Markt-
preises verbirgt. Es ist dasselbe Problem, dem er eine neue Lösung
gibt. Soeben sagte er uns: Wenn eine Ware sich gemäß der Arbeit,
die sie gekostet hat, verkaufen ließe, würde sie für d a s, was sie
wirklich kostet, verkauft werden. Jetzt versichert er uns mit
nicht geringerer Bestimmtheit, daß eine Ware, die gemäß der Pro-
duktionskosten verkauft wird „genau für das, was sie wert ist, oder
für das, was sie demjenigen, der sie feilbietet, wirklich kostet, ver-
kauft wird1). Der „wahre“ Wert der Waren ist daher der, der mit
ihren Produktionskosten übereinstimmt. Darunter ist zu verstehen
die Summe, die genügt, um zum normalen Preis den Lohn der
Arbeit, den Zins des Kapitals und die Rente des Bodens zu zahlen,
die zu ihrer Erzeugung beigetragen haben.

Außer der Arbeit findet Smith so einen neuen „Bestimmungs-
grund“ für den Wert, und wenn sich die Sozialisten um seine erste
Hypothese geschart haben, so hat die große Mehrzahl der National-
ökonomen bis auf Jevons die zweite aufgenommen. Er selbst hat
niemals den Mut gehabt, sich offen für eine zu erklären; in seiner
Darstellung bestehen sie nebeneinander, und er kann sich nicht ent-
schließen, eine davon preis zu geben. Es ergeben sich daraus in
seinem Werke zahlreiche Widersprüche, und jedes Bemühen, sie in
Übereinstimmung zu bringen, würde vergeblich sein. Bald z. B.
werden das Kapital und der Grund und Boden als Quellen neuer
W erte angegeben, die sich denen, die die Arbeit schafft, anreihen,
und die in normaler Weise einen Profit und eine Rente hervor-
bringen, die mit dem Lohne zur Bestimmung der Produktionskosten
dienen, — bald werden der Profit und die Rente von ihm als Ab-
züge angesehen, um die die Kapitalisten und die Grundbesitzer die
von der Arbeit allein geschaffenen Werte vermindern2). Man glaubt

b Yölkerreichtum I, S. 31, B. I, Kap. VII.

2) Völker r ei oh tum I, S. 28, B. I, Kap. VI. Im folgenden finden wir
z. B. eine Stelle, die, wie v. Böhm-Bawbbk sehr richtig hervorhebt (Kapital und
Kapitalzins, 2. Ausg., 1900, S. 84), beide Begriffe in Gegenüberstellung ohne jeden
Versuch, sie in Übereinstimmung zu bringen, enthält: „Unter diesen Umständen
(wenn nämlich die Aneignung des Kapitals und des Bodens eine vollzogene Tatsache
geworden ist) gehört nicht immer das ganze Produkt der Arbeit dem Arbeiter. Br
muß es in den meisten Bällen mit dem Kapitalisten teilen, der ihn beschäftigt. Auch
ist es die zur Erwerbung oder Hervorbringung einer Ware gewöhnlich erforderliche
Arbeitsquantität nicht mehr allein, wodurch die Quantität, welche dafür gewöhnlich
        <pb n="114" />
        ﻿Kapitel II. Adam Smith.

89

liier einen Sozialisten zu lesen; zum Schluß jedoch scheint die Theorie
der Produktionskosten die Überhand gewonnen zu haben. * Er nennt
dann den Preis der Gegenstände, der mit den Produktionskosten
übereinstimmt, den natürlichen Preis. Was den Marktpreis
anlangt, so bemerkt er, daß er bald höher, bald niedriger als dieser
natürliche Preis ist, je nachdem die angebotene Menge mit Bezug
auf die nachgefragte steigt oder fällt und umgekehrt.

Das ist die'Preistheorie von Smith/ Die wahre Beobachtung,
die sie enthält, — nämlich, daß die Preise vieler Waren mit den
Produktionskosten derselben übereinzustimmen streben (eine Beobach-
tung, die übrigens nicht von ihm stammt) — darf uns ihre Fehler
nicht übersehen lassen. Unter anderen unterliegt sie'zwei einschnei-
denden Einwänden.'

‘ Ist es zunächst nicht ein offenbarer Widerspruch, den Preis der
Güter durch den Preis der Dienste (Lohn, Zins und Pacht) zu er-
klären, die zusammen die Produktionskosten ausmachen, um dann

zu haben sein sollte, bestimmt wird; denn es ist klar, daß noch eine besondere
Quantität als Gewinn für das ausgegebene Kapital hinzukommen muß, das zur Be-
zahlung des Arbeitslohnes und zur Beschaffung der Materialien.“ — Am Anfang der
angezogenen Stelle muß der Arbeiter den Arbeitsertrag teilen; der Profit wird
daher von dem durch die Arbeit geschaffenen Wert genommen. Am Ende des Satzes
beruht der Profit aber auf einem Zusatzwert, der über den von der Arbeit ge-
schaffenen hinausgeht. Böhm-Bawehk zitiert noch andere Stellen, in denen die beiden
Begriffe sich unvereinbar gegenüberstehen. Hin und wieder kann man Smith daher
die Auffassung zuschieben, das er unter Zins und Bodenrente das Ergebnis einer
Beraubung des Arbeiters sehe; damit wäre er der wirkliche Vorfahr des Sozialis-
mus. Mehr als eine Stelle seines Buches kann übrigens zu diesem Schluß führen.
So sagt er: „In anderen Ländern (als in den Kolonien) zehren die Rente und der
Kapitalgewinn den Arbeitslohn auf, und die beiden höheren Stände des Volkes unter-
drücken den niederen“ (II, S. 86, B. IV, Kap. VII, Teil 2). Und hinsichtlich des
Eigentums: „Die bürgerliche Regierung ist, insofern sie zur Sicherung des Eigentums
eingeführt ward, in der Tat zur Verteidigung des Reichen gegen den Armen, oder
dessen, der ein Eigentum hat, gegen den, der keins hat, eingeführt worden“ (II,
S, 175, B. V, Kap. I, Teil 2).

Bekannt ist auch die oft erwähnte Stelle des VI. Kap. „Sobald aller Grund
und Boden eines Landes Privateigentum geworden ist, begehren die Grundbesitzer,
gleich allen anderen Menschen, „zu ernten, wo sie nicht gesät haben“, und verlangen
sogar für ihre natürlichen Produkte eine Rente“ . . . „Er (der Arbeiter) muß nun
für die Erlaubnis, sie zu sammeln, bezahlen und an den Grundbesitzer einen Teil
desjenigen abgeben, was seine Arbeit zusammenbringt oder erzeugt. Dieser Teil,
oder — was auf dasselbe hinauskommt — der Preis dieses Teiles, bildet die Grund-
rente und macht in dem Preise der meisten Waren einen dritten Bestandteil aus“
(Bd. I, S. 28, B. I, Kap. VI). Cannan (History of the theories of production
etc. S. 202) glaubt sogar, daß die Beraubungstheorie die einzige ist, die sich bei
Smith findet. Der von den Sozialisten, besonders bei Pkoudhon so oft ausgedrückte
Gedanke, daß es in der gegenwärtigen Gesellschaft dem Arbeiter unmöglich gemacht
ist, sich in den Besitz des Ertrages seiner Arbeit zu setzen, würde daher auf Smith
zurückgehen.
        <pb n="115" />
        ﻿90

Erstes Buch. Die Begründer.

den Preis der Dienste ans dem Preise der Waren abzuleiten, der
auf einmal als bekannt vorausgesetzt wird? (Smith läßt z. B. die
Höhe des Lohnes teilweise von dem Preise der Lebensmittel ab-
hängen.) Wir haben hier einen circulus vitiosus, dem man nur durch
die ganz neuzeitliche Theorie vom wirtschaftlichen Gleichgewichte
entrinnen kann. Diese Theorie führt aus, daß alle diese Preise, die
Preise der Dienste, wie die der Güter voneinander abhängig sind
und sich zur gleichen Zeit, gerade wie die Unbekannten in einem
System algebraischer Gleichung, in Übereinstimmung mit der aus-
getauschten Menge gegenseitig bestimmen. Aber diese Theorie vom
wirtschaftlichen Gleichgewichte ist Smith fremd.x

Der andere Vorwurf betrifft die Entwicklung, die Smith selbst
seiner Theorie gegeben hat.

Da nach ihm die Produktionskosten den Preis regulieren, so ist
die Analyse der Produktionskosten, die Untersuchung der Ursachen,
die die Höhe des Lohnes, des Profits und der Rente bestimmen,
von der allergrößten Wichtigkeit. Man sollte daher erwarten, daß
Smith in seinem Werke alles, wms betreff der Preistheorie noch dunkel
blieb, durch eine derartige Untersuchung klar gestellt hätte. Aber
diese Analyse ist einer der schwächsten Teile seines Buches. Im
vorhergehenden haben wir schon die Mängel seiner Theorie der Rente
ausgeführt. Die des Profits — den Smith nicht vom Zins unter-
scheiden kann ]) — ist gleichfalls hinfällig geworden. Seine Lohn-
theorie ist ebenfalls durchaus ohne Zusammenhang. Ohne sich für
eine bestimmte Lösung entscheiden zu können, schwankt Smith
zwischen dem Gedanken des auf das Existenzminimum beschränkten
Lohnes und des durch Angebot und Nachfrage bestimmten Lohnes
hin und her.

Man hat bald bemerkt, daß Smith’s Theorie von der Güter-
verteilung seiner Theorie von der Gütererzeugnng nachsteht, und
J.-B. Say hielt es für einen seiner Ruhmestitel, sie vervollkommnet
zu haben. Ricaedo macht das Problem der Güterverteilung zum Haupt-
gegenstand seiner Untersuchungen. Doch weiß man, daß diese Theorie
der Güterverteilung das am wenigsten originelle im Werke Smith’s
ist; sie ist sozusagen seinem ersten Plane aufgepfropft worden, in dem
die Untersuchung der Produktion fast den ganzen Platz einnimmt.
Das läßt sich leicht aus einer Vergleichung des Völkerreichtums mit
den Vorlesungen Smith’s in Glasgow gegen 1763, die sich nur mit
der Produktion befassen, erkennen. Dem Einflüsse der Physiokraten,
deren Bekanntschaft er in der Zwischenzeit gemacht hat, muß man
die Einfügung der Theorie der Güterverteilung in Smith’s ersten
        <pb n="116" />
        ﻿Kapitel II. Adam Smith.

91

Plan, der sich wahrscheinlich nicht damit beschäftigte, zuschreiben.
Die Schwankungen und Unsicherheiten, die dieser Teil des Werkes
aufweist, lassen sich aus der Tatsache erklären, daß sie Smith nicht
so eingehend durchdacht hatte, wie die anderen Abschnitte.

Wir brauchen daher hier nicht weiter darauf einzugehen. Von
unserem Ausgangspunkte aus bleibt nur noch übrig, die Schluß-
folgerungen anzuführen, die Smith ans seiner Werttheorie gezogen
hat, um die spontane Anpassung der Erzeugung der Güter an ihre
Nachfrage zu beweisen.

Man kann schon jetzt yoraussehen, wie sich die Sachen dank
den Preisschwankungen abspielen werden. Lassen wir unserem
Schriftsteller das Wort: „Wenn die feilgebotene Quantität die wirk-
same Nachfrage übersteigt, so kann sie nicht ganz an diejenigen
verkauft werden, welche den ganzen Wert der Rente, des Gewinnes
und der Arbeit, welche bis zur Feilbietung ausgelegt werden mußten,
zu bezahlen geneigt sind. Ein Teil der Waren muß dann an die-
jenigen abgelassen werden, welche weniger zahlen wollen, und der
niedrige Preis, den diese erlegen, muß den Preis des Ganzen herunter-
drücken. Der Marktpreis wird nun mehr oder weniger unter den
natürlichen Preis sinken, und zwar in dem Maße, als die Größe des
Überflusses den Wettbewerb der Verkäufer mehr oder weniger leb-
haft macht, oder als es für sie mehr oder minder wichtig ist, ihre
Waren auf der Stelle los zu werden“. Das Gegenteil tritt ein, wenn
die Nachfrage das Angebot übersteigt. „Reicht die feilgebotene
Quantität gerade hin, die wirksame Nachfrage zu decken, und nicht
mehr, so wird der Marktpreis natürlich entweder ganz oder doch
möglichst genau dem natürlichen Preise gleichkommen. Die ganze
vorhandene Quantität kann dann zu diesem Preise abgesetzt, — aber
sie kann auch zu keinem höherem Preise abgesetzt werden. Die
Konkurrenz der Verkäufer zwingt sie alle, diesen Preis anzunehmen,
und zwingt sie zugleich doch nicht, auf einen geringeren einzugehen.
Die Quantität des Feilgebotenen richtet sich natürlich von selbst
nach der wirksamen Nachfrage1).“

Und dieses bemerkenswerte Resultat wird allein durch den Ein-
fluß des persönlichen Selbstinteresses erreicht. „Wenn die Quantität
zn irgend einer Zeit die wirksame Nachfrage übersteigt, so müssen
manche Bestandteile ihres Preises unter dem natürlichen Satze be-
zahlt werden. Betrifft dies die Rente, so wird sogleich ihr eigenes
Interesse die Grundbesitzer veranlassen, einen Teil ihres Bodens
anders zu verwenden; und betrifft es den Arbeitslohn oder den Profit,
so wird das Interesse sowohl der Arbeiter als der Arbeitgeber sie

*) Y ölker reich tum I, S. 32, B. I, Kap. VII.
        <pb n="117" />
        ﻿92

Erstes Buch. Die Begründer.

dazu bringen, einen Teil ihrer Arbeit oder ihres Kapitals dieser
Yerwendungsart zu entziehen. Dann wird die auf den Markt ge-
brachte Quantität bald nur noch hinreichen, die wirksame Nachfrage
zu befriedigen. Alle Teile ihres Preises werden wieder auf ihren
natürlichen Satz und der ganze Preis auf den natürlichen Preis
hinaufgehen“ (wie vorh. Anm.).

So paßt ein natürlicher und selbsttätiger Mechanismus die Güter-
erzeugung beständig der wirksamen Nachfrage an, wenigstens in
der groß en Mehr zahl der Fälle, denn die Umstände, wo diese
Anpassung nicht eintritt (Smith leugnet nicht, daß es solche gebe),
sind in seinen Augen seltene Ausnahmen. Wenn der Marktpreis
lange Zeit hindurch über dem natürlichen Preis stehen soll, so müssen
die Kapitalisten entweder imstande sein, ihre großen Gewinne zu
verheimlichen, oder sie müssen gewisse Fabrikationsgeheimnisse be-
sitzen, oder es muß sich um ein natürliches Monopol, wie das einer
berühmten Weinmarke, oder endlich um ein künstliches Monopol
handeln ]). Das sind aber alles Ausnahmen, deren Seltenheit nur die
allgemeine Grundregel der selbsttätigen Anpassung der angebotenen
an die nachgefragte Menge dank den Schwankungen des Markt-
preises um den natürlichen Preis bestätigt.

Diese Anpassungstheorie ist, wie man weiß, eine der wichtigsten
der ganzen Nationalökonomie. Seit Smith wiederholen sie alle National-
ökonomen fast ohne Änderung, und sie ist heute noch die Basis der
Produktionstheorie. Die Anwendungen, die Smith davon macht, sind
sehr interessant, denn sie dienen ihm dazu, seine Lieblingsthese noch-
mals zu illustrieren. Wir führen nur zwei davon aus, und zwar
wegen ihrer Bedeutung, und weil sie für die These von der Spon-
taneität der wirtschaftlichen Funktionen eine ausgezeichnete Stütze
abgeben.

Die erste betrifft die Bevölkerung. Wie die Waren kann
auch die Bevölkerung überreichlich oder ungenügend sein. Wie
regulieren sich nun ihre Bewegungen ? Durch die Nachfrage der Ge-
sellschaft, antwortet Smith, und zwar auf folgende Weise: In den
unteren Klassen, führt er aus, hat man gewöhnlich viele Kinder.
Wenn die Löhne aber niedrig sind, verschwinden infolge der Armut
und des Elendes eine große Anzahl, während hohe Löhne die Kinder-
sterblichkeit verringern. „Es verdient auch bemerkt zu werden“,
fährt Smith fort, „daß sie dies möglichst genau nach dem Verhält-
nisse tut, welches sich aus der Nachfrage nach den Arbeitern er-

*) Smith tut den Monopolpreis mit sieben oder acht Zeilen ab. Er begnügt
sich zu sagen: „Der Monopolpreis ist jederzeit der höchste, der zu erreichen ist“
(I, 8. 35, B. 1, Kap. VII). Die Theorie des Monopolpreises ist heute eins der Haupt-
probleme der Nationalökonomie.
        <pb n="118" />
        ﻿Kapitel II. Adam Smith.

93

gibt. Wenn diese Nachfrage in stetem Wachsen ist, so muß die
Belohnung der Arbeit notwendig so weit zu Heiraten und Vermehrung
der Arbeiter ermuntern, daß diese zahlreich genug werden, um der
stets wachsenden Nachfrage durch eine stets wachsende Volksmenge
zu entsprechen. Wäre die Belohnung einmal geringer, als es für
diesen Zweck nötig ist, so würde der Mangel an Händen sie bald in
die Höhe treiben, und wäre sie zu einer anderen Zeit größer, so
würde die unmäßige Vermehrung der letzteren sie bald wieder auf
ihren notwendigen Satz herunterbringen. Der Markt würde in dem
einen Falle so schlecht mit Arbeit versorgt und in dem anderen so
sehr damit überfüllt sein, daß ihr Preis bald auf den richtigen Satz
zurückkäme, den die Gesellschaftsverhältnisse fordern.4 So geschieht
es, daß die Nachfrage nach Menschen, gerade wie die
nach jeder anderen Ware, notwendig auch die Er-
zeugung der Menschen reguliert: sie beschleunigt sie,
wenn sie zu langsam vor sich geht, und verzögert sie,
wenn sie zu rasch fortschreitet1).“ *

"Die zweite Anwendung, die Smith von seiner Theorie der An-
passung des Angebots an die Nachfrage macht, betrifft das Geld.'
Weiter oben haben wir gesehen, wie er die Frage seines Ursprunges
löste. Neben diesem ersten Problem entsteht jetzt ein zweites, näm-
lich, wie sich die Geldmenge dem Tauschbedarf anpaßt. Wie wird
unser Schriftsteller es lösen?

Smith bemüht sich zuerst, das landläufige Vorurteil2) z^i be-
kämpfen, nach dem das Geld den Reichtum an sich vorstellt. * Es
liegt ihm um so mehr daran, es zu widerlegen, da dieses Vorurteil
die Grundlage der merkantilistischen Theorie von der Handels-
bilanz ist, und da der Kampf gegen den Merkantilismus der un-
mittelbare Zweck seines Buches ist/ Wie bekannt, behaupten die
Merkantilisten, daß ein Land mehr aus- als einführen müsse, um stets
einen Geldüberschuß, einen baren Saldo zu erhalten. Wenn man nun
nachweist, daß dieser Saldo unnütz ist, weil ja das Geld auch nur
eine Ware ist, weder mehr noch weniger nützlich als die anderen,
so hat man durch diesen Nachweis die Grundlage der merkan-
tilistischen Politik zerstört. Smith sieht im Geld sogar eine Ware,
die entbehrlicher ist als die anderen. Eine lästige Ware, deren Ge-
brauch so oft wie möglich zu umgehen ist. Diese Art Mißkredit, den

') Völkerreichtum I, S. 46—46, B. 1, Kap. VIII.

2)	„Die gewöhnliche Meinung ist die, daß das Vermögen in Geld oder in
Gold und Silber bestehe, und diese Meinung entspringt ganz von selbst aus dem
doppelten Dienste des Geldes, aus seinem Dienste als Tauschmittel einerseits und als
Wertmesser andererseits“ (Völkerreichtum II, S. 1, B. IV, Kap. I). Das ganze
Kapitel ist der Bekämpfung dieses Vorurteils gewidmet.
        <pb n="119" />
        ﻿94

Erstes Buch. Die Begründer.

Smith aus Reaktion gegen den Merkantilismus dem Gelde anhängt,
verführte einige seiner Nachfolger dazu, seinen Gedanken zu über-
treiben und die Besonderheiten der Gelderscheinungen zu .verkennen.

Der wirkliche Reichtum eines Landes, führt Smith aus, besteht
nicht in Geld, sondern in „Ländereien, Häusern und verbrauchbaren
Gütern aller Art“1). Er ist „der jährliche Ertrag des Bodens und der
Arbeit“2 3). Daher muß man auch’bei einer Schätzung desNettoeinkommens
eines Landes das Geld ausschließenf ‘Das Geld wird nicht verzehrt. Es
dient einzig und allein als Zirkulationsmittel und Wertmaß der Güter. Es
ist „das große Rad des Umlaufs“ 8),* Deshalb, und obgleich Smith das
Geld in das umlaufende Kapital einreiht, bemerkt er, daß man es
dem fixen Kapital aller Industrie, den Maschinen und Gebäuden,
gleichstellen kann. Je mehr man, ohne die Produktion zu verringern,
an dem fixen Kapital sparen kann, um so besser ist es. Der Rein-
ertrag ist dann um so größer. Das gleiche gilt für das Geld, ein
notwendiges aber kostspieliges Instrument der gesellschaftlichen Pro-
duktion: „jede Ersparnis in den Ausgaben für Ansammlung und Er-
haltung jenes Teils des umlaufenden Kapitals, der im Gelde besteht,
ist eine Vergrößerung von ganz derselben Art4 5)“, wie die, die das
festgelegte Kapital der Industrie verringert6 *).

Aus diesem Grunde sind die Banknoten — deren Verwendung
die des Bargeldes im gleichen Maßstabe vermindert — eine so wert-
volle Erfindung, denn sie setzen eine gewisse Menge Gold und Silber

’) Yölkerreichtum II, S. 14, B. IV, Kap. I. An anderer Stelle (I, S. 169,
B. II, Kap. II) schreibt er: „Obgleich das wöchentliche oder jährliche Einkommen
aller einzelnen Einwohner eines Landes gleichfalls in Geld ihnen ausgezahlt werden
kann und wirklich auch ausgezahlt wird, so muh doch ihr wirklicher Reichtum, das
wirkliche wöchentliche oder jährliche Einkommen aller zusammengenommeu, stets in
dem Maße groß oder klein sein, als es die Quantität der konsumierbaren Güter ist,
die sie mit jenem Geld kaufen können. Das ganze Einkommen aller einzelnen, als
einer Gesamtmasse, ist offenbar nicht sowohl dem Gelde als auch den konsumierbaren
Gütern gleich, sondern nur dem einen oder dem anderen dieser beiden Werte, und
zwar den letzteren eigentlicher, als dem ersteren.“

2)	Dieser Ausdruck findet sich zwei Mal: Am Ende der Einleitung (I, S. 2) und
II, S. 153, B. IV, Kap. IX.

3)	Ausdruck, der dreimal im Laufe des II. Kap. des II. Buches verkommt (I,
S. 168, 170 u. 173).

4)	Völkerreichtum I, S. 170, B. II, Kap. II.

5)	Alle diese bei Smith so verworrenen Untersuchungen über das, was als Kapital,
und das, was als Einkommen anzusehen ist, sind in dem ausgezeichneten Werk von
Ieving Fishek: The Nature of Capital and Income, New-York 1807, klar

herausgearbeitet. Das Einkommen wird hier vollständig des materiellen Charakters,

den es bei Smith noch hat, entkleidet, um einfach als ein beständiger Strom von

Diensten zu erscheinen, während die Gesamtheit des Kapitals mit der im Augen-
blick der Dauer bestehenden Gesamtmenge der Güter, aus der diese Dienste
fließen, verschmilzt.
        <pb n="120" />
        ﻿Kapitel II. Adam Smith.

95

frei, die ausgeführt werden kann, und gestatten so die Erwerbung
von Arbeitsinstrumenten, die ihrerseits wieder ein Anwachsen des
wirklichen. Nettoeinkommens eines Landes ermöglichen. Der Ver-
gleich, durch den Smith diesen Vorteil erklärt, ist berühmt. „Das
Gold- und Silbergeld, welches in einem Lande umläuft, kann sehr
wohl mit einer Landstraße verglichen werden, die, während sie alles
Korn und alle Futterkräuter des Landes im Umlauf und auf den
Markt bringt, selbst doch gar keinen solchen Stoff produziert. Indem
nun kluge Bankoperationen eine Art von Fuhrweg durch die Luft
schaffen, wenn ich eine so kühne Metapher gebrauchen darf, setzen
sie das Land in den Stand, gleichsam einen großen Teil seiner Land-
straßen in gute Weide- und Kornfelder zu verwandeln und dadurch
das jährliche Produkt des Bodens und der Arbeit beträchtlich zu
vermehren“ 1).

Hieraus ergibt sich, daß jede Politik, die sich (wie es der Mer-
kantilismus tat) vernimmt, mittelbar oder unmittelbar die Geldmenge
eines Landes zu vergrößern, verkehrt ist, da das Geld nicht nur nicht
unentbehrlich, sondern im Gegenteil lästig ist.

Und zwar ist diese Politik nicht nur verkehrt, sondern auch
nutzlos. Denn: haben wir nicht gesehen, daß das Geld eine Ware
vorstellt, die bestimmt ist, den Umlauf zu erleichtern, und für die
natürlich für diesen Zweck eine bestimmte Nachfrage vorhanden ist?
Das Angebot einer Ware paßt sich nun von selbst ihrer Nachfrage
an. Niemand gibt sich damit ab, die Versorgung eines Volkes mit
Wein oder Ton waren sicher zu stellen2 3). Warum sollte man sich
um das Geld mehr Sorgen machen? Wenn die Menge der Güter ab-
nimmt, so verlangsamt sich der Güteraustausch, und ein Teil des
Geldes wird überflüssig. Aber „das Interesse jedes Geldbesitzers fordert,
daß er es anlege2)“. Daher wird es ausgeführt, um im Auslande
Verbrauchsgegenstände oder Arbeitsinstrumente zu erwerben. Um-
gekehrt zieht der wachsende Wohlstand eines Landes mit Notwendig-
keit die Edelmetalle an, weil der sich vergrößernde Güteraustausch
größere Barmittel verlangt. Dieser Export und Import von Bargeld
geschieht auf Grund des Steigens und Fallens des Geldwertes, wie
Hume schon nachgewiesen hatte4).

Das, was vom Metallgeld gilt, gilt auch für jene besondere Art
des Geldes, die Banknoten. Smith hat eine klassische Beschreibung

‘) V ö 1 k e r e i c h t u m I, S. 188, B. II, Kap. II.

2)	Yölkerreichtum II, 8. 4 und 6, B. IV, Kap. I.

3)	Yölkerreiehtum I, 8. 200, B. II, Kap. III.

4)	Die Darlegung der „quantitativen Theorie“ des Geldes, wie sie Hume in seinen
beiden Aufsätzen über „das Geld“ und in der „Handelsbilanz“ gibt, ist sogar viel
einfacher und klarer als die von Smith.
        <pb n="121" />
        ﻿96

Erstes Buch. Die Begründer.

des Bankbetriebes und im besonderen der damals berühmtesten Bank,
der Bank von Amsterdam, gegeben. Auch dort konstatiert er eine
selbsttätige Anpassung der Notenmenge an die Nachfrage. Denn
wenn die Banken mehr ausgeben, als der Umlauf verlangt, so steigen
die Preise. Man kauft im Ausland und bringt den Banken die Noten
bald zurück, um sie in Gold und Silber, das einzige internationale
Geld, umzuwechseln. So haben die Banken keinen Vorteil davon, zu-
viel Noten auszugeben, weil sie dann gezwungen sind, eine ent-
sprechend größere Metallreserve zu halten. Zweifellos verstand sich
in der Wirklichkeit „eben nicht jede Bankgesellschaft immer auf
ihren eigenen Vorteil, und der Umlauf wurde oft mit Papiergeld über-
füllt1)“. Aber das Prinzip wird dadurch nicht berührt. Das stellt
nach ihm einen weiteren Beweis für das selbsttätige Arbeiten des
wirtschaftlichen Mechanismus dar.

Wir haben so die hauptsächlichsten Theorien A. Smith’s durch-
mustert und haben gesehen, wie jede bedeutende Tatsache bei ihm
den gleichen Gedanken auslöst. Wenn der Platz es erlaubte, könnten
wir noch weitere Beispiele anführen, aus denen der gleiche Schluß
sich ergeben würde2). * Der Gedanke der Selbstentstehung der wirt-
schaftlichen Einrichtungen und Funktionen wird von Smith nicht a priori
wie ein abstrakter, theoretischer Grundsatz, dessen genaueste Beweis-
führung er nachher liefern wird, aufgestellt. Er entwickelt sich nach
und nach (und dies ist für seine ganze Art und Weise' charakte-
ristisch) in dem Maße, wie er den Bereich der Volkswirtschaft durch-
mißt; er tritt uns sozusagen bei jeder Biegung des Weges entgegen.
Stets deutet Smith von neuem darauf hin; langsam zwingt sich dem
Geist des Lesers dieser Gedanke als der natürliche Schluß aus allem,
was vorhergeht, auf. Die gesammte wirtschaftliche Ordnung erscheint
ihm zuletzt wie eine organische Schöpfung tausender menschlicher
Willen, die, unbewußt des zu erreichenden Zieles, alle dem Triebe
einer gleichen, instinktiven, mächtigen Kraft gehorchen.

•Was ist nun diese Kraft, die alle wirtschaftlichen Handlungen
hervorruft, deren Beständigkeit und Gleichheit über alle künstliche
Hindernisse triumphieren, und die folglich die Einheit des ganzen
Systems ausmacht ?'

‘) Völkerreichtum I, S. 176, B. II, Kap. II.

2) Der hohe Wechselkurs zielt zum Beispiel darauf hin, selbsttätig das Gleich-
gewicht im Handel wieder herzustellen (Volk erreich tum II, 8. 4, B. IV, Kap. I).
An anderer Stelle führt er aus, daß die großen Vorteile, die Europa aus seinen Kolonien
gezogen habe, nicht zweckbewußt und beabsichtigt waren; das Suchen nach Kolonien,
ihre Entdeckung, ihre In-Wertsetzung sind ohne jeden vorgefaßten Plan und trotz
der verderblichen Verordnungen, die die europäischen Eegierungen erließen, geschehen
(II, S. 99—100, B. IV, Kap. VII, Teil 2).
        <pb n="122" />
        ﻿Kapitel II. Adam Smith.

97

Wir sind ihr schon mehr als einmal begegnet;'es ist das Selbst-
interesse oder, wie Smith es lieber ausdrückt: „das natürliche
Streben jedes Menschen, seine Lage zu verbessern1).“ Z Hierin liegt
die wirkliche, jedem Einzelwesen innewohnende Triebkraft, die das
Leben und den Fortschritt der Gesellschaft sichert.

Zweifellos ist sie nicht die einzige. Smith ist niemals einseitig.
Er weiß, daß es neben dem Eigennutz noch andere menschliche
Leidenschaften gibt2). Er erwähnt sie an verschiedenen Stellen —
wie dort, wo er der „kindischen Eitelkeit“ 3) der Grundbesitzer eine
so bedeutende und wohltuende wirtschaftliche Umwälzung wie die
der Emanzipation der Landarbeiterschaft zuschreibt. — Ohne Zweifel
ist Smith ferner nicht darüber in Unkenntnis, daß der Eigennutz
nicht bei allen Menschen gleichmäßig ausgebildet ist, und daß die
persönlichen Beweggründe die größte Mannigfaltigkeit zeigen. Man
hat ihm vorgeworfen, dies übersehen zu haben; man hat ihn an-
geklagt, einen homo oeconomicus in allen Stücken konstruiert
zu haben, eine böse Karikatur der Wirklichkeit, der sich wie ein
Automat ausschließlich durch die Sorge um sein materielles Interesse
leiten läßt. Die nationale Eitelkeit hat sich eingemischt und hat
behauptet, daß das, was er sage, vielleicht von den Engländern und
den Schotten wahr sei; wenn er aber die Deutschen und die Franzosen
gekannt hätte, die weniger gewinnsüchtig seien, würde sein Urteil
ganz anders ausgefallen sein. Dies alles beruht aber auf einem Miß-
verständnis. Smith selbst ist der erste gewesen, der darauf hin-
gewiesen hat, daß sich seine Bemerkungen nicht auf alle Menschen,
sondern auf die Allgemeinheit der Menschen beziehen. In
jedem Augenblicke erinnert er daran, daß er von einem mit „ge-
sundem Menschenverstand“ 4 *) oder mit „gewöhnlichem Verstände“6)
begabten Menschen spricht. Er weiß sehr wohl, daß „wenn auch nicht
das Betragen jedes Einzelnen immer von den Regeln gewöhnlicher
Klugheit geleitet wird, so herrschen diese doch stets in den Hand-
lungen der großen Mehrzahl0)“. Seine Beweisführung soll sich daher

‘) Vgl. im besonderen: I, S. 202, B. II, Kap. III; II, S. 69, B. IV, Kap. V; und
vor allem; II, S. 152, B. IV, Kap. IX.

2)	„Ohne alle Einmischung des Gesetzes bewegen also schon Privatinteresse und
Leidenschaften die Menschen, das Kapital der Gesellschaft unter die verschiedenen
Unternehmungen möglichst in dem Verhältnisse zu verteilen, welches dem Interesse
der ganzen Gesellschaft am angemessensten ist“ (II, S. 125, B. IV, Kap. VII, Teil 3).
Daß die Anwendung des Wortes „Leidenschaften“ (oder Neigungen) keine zufällige ist,
geht schon daraus hervor, daß es sich dreimal auf der Seite des zitierten Textes findet.

3)	Völkerreichtum	I,	S.	243,	B.	III, Kap. IV.

4)	Völkerreichtum	I,	S.	165,	B.	II,	Kap.	I am	Ende.

8)	Völkerreichtum	I,	S.	206,	B.	II,	Kap.	IV am	Anfang.

9)	Völkerrecht um	I,	S.	172,	B.	II,	Kap.	II.

Gide und Rist, Gesoh. d. Volkswirtschaft!. Lehrmeinungen.	7
        <pb n="123" />
        ﻿98

Erstes Buch. Die Begründer.

auf die Menschen als Masse und nicht auf dieses oder jenes,' bt- ders
herausgegriffene Individuum beziehen. — Sicherlich leugne* th
nicht, daß der Mensch sein wirkliches Interesse verkennen 'in
Unkenntnis darüber sein kann. Soeben führten wir eine &lt; v' e-
ristische Stelle an, wo er dies buchstäblich in Hinsicht tMe
Bankiers versichert, die manchmal zuviel Noten ausgeben, V
ihren eigenen Vorteil mißverstehen,	'&lt;'0

Unter diesen Vorbehalten aber, und auch, wenn man all i die
Abschwächungen, die Smith selbst seinem Prinzip zugesteh tu
Betracht zieht, bleibt es wahr, daß er als allgemeine These1
natürliche Streben eines jeden Menschen, seine Lage zu verbessl . ,
das „Selbstinteresse“ — wir sagen nicht Egoismus! — als den grund-
legenden psychologischen Faktor in der Volkswirtschaft hinstePt.
Und sobald man ihm von Geschäftsleuten spricht, die als Richtschnur
ihres Verhaltens das Allgemeininteresse nehmen wollen, antworte'?
er mit einem Skeptizismus, dem man sich kaum entziehen karift.
„Ich habe niemals gesehen, daß diejenigen viel Gutes bewirkt hätten,
welche die Miene annahraen, für das allgemeine Beste Handel zu
treiben. Es ist indes diese Affektion unter Kaufleuten auch nicht
sehr häufig, und es bedarf nur weniger Worte, sie davon abzu-
bringen 1).“ Damit soll nicht gesagt sein, daß das Gefühl nicht eine
Rolle, sogar eine bedeutende Rolle in der Philosophie Smith’s spielt,
aber das Gefühl, oder wie er sagt, die Sympathie hat ihr eigenes
Reich, die Welt der Moral, während in der wirtschaftlichen Welt
der Nutzen herrscht.

1 Wir können daher den letzten Grundgedanken Smith’s dahin
zusammenfassen, daß eine selbsttätige wirtschaftliche Ordnung be-
steht, die durch das,. Selbstinteresse des Einzelwesens begründet ist
und erhalten wird. *

Es ist interessant, diese Auffassung mit der der natürlichen und
wesentlichen Gesellschaftsordnung, wie sie die Physiokraten auf-
stellten, zu vergleichen. Für diese ist die natürliche Ordnung ein
ideales System, eine ideale Ordnung; nur ein Genie hat sie ent-
decken können, ein aufgeklärter Despotismus muß sie ausführen. Für
Smith ist die selbsttätige Ordnung eine Tatsache. Sie ist
nicht erst zu schaffen, sie besteht schon heute. Sie wird allerdings
durch „hundert arge Hindernisse“, die sich aus der „Torheit der
menschlichen Gesetze2)“ ergeben, gehemmt; trotzdem aber setzt sie
sich durch. Unter all dem gekünstelten der Gesellschaftsverfassung

*) Völkerreichtum II, 8. 17, B. IV, Kap. II. Nachdem er soeben gesagt
hat: „Verfolgt er sein eigenes Interesse, so befördert er das der Nation weit wirk-
samer, als wenn er dieses wirklich zu befördern die Absicht hätte.“

2) Völkerreichtum II, S. 69, B. IV, Kap. V.
        <pb n="124" />
        ﻿Kapitel II. Adam Smith.

99

gibt ^g. dclion heute eine natürliche Verfassung, die jene beherrscht.
D; "atürliche Verfassung ist für die Physiokraten noch ein zu-
kf s Ideal; Smith jedoch entdeckt ihren Mechanismus und be-
schfes ihr Räderwerk/ Die Nationalökonomie, die bei Qüesnay noch in
d/ . uptsache ein Rechtssystem war, nimmt bei ihm den Charakter
Naturwissenschaft an, die sich auf die Beobachtung und die
i e der Wirklichkeit gründetX— In einem berühmten Satze
fü] Smith selbst mit seiner gewöhnlichen Einfachheit aus, wie sehr
r i Auffassung der der Physiokraten überlegen ist: „Gewisse
1 Visierende Ärzte scheinen sich eingebildet zu haben, daß die
, undheit des menschlichen Körpers nur durch eine genau bestimmte
Djat und Bewegung erhalten werden könne, und daß jede, auch die
kleinste Abweichung davon notwendig einen Grad von Krankheit
&lt; der Unpäßlichkeit verursachen müsse, der dem Grade der Abweichung
d igemessen sei ... . Quesnay, der selbst Arzt, und zwar ein theo-
vVfcisch sehr interessierter Arzt war, scheint von dem Staatskörper
einen ähnlichen Begriff gehabt und sich eingebildet zu haben, daß
derselbe nur bei einer gewissen, genau bestimmten Diät, bei der
strengen Diät vollkommener Freiheit und vollkommener Gerechtigkeit,
blühen und gedeihen könne. Es scheint, daß er nicht in Erwägung
zog, wie in dem Staatskörper das natürliche Bestreben jedes Menschen,
seine Lage zu verbessern, ein Prinzip der Selbsterhaltung ist, wodurch
die schlimmen Folgen einer parteiischen und drückenden Staats-
wirtschaft mannigfach abgewendet und erleichtert werden können.
Eine solche politische Ökonomie hält zwar den natürlichen Fortschritt
einer Nation zu Reichtum und Wohlstand mehr oder weniger auf, aber
sie ist doch nicht immer imstande, ihn gänzlich zu hemmen oder wohl
gar rückgängig zu machen. Wenn eine Nation ohne den Genuß voll-
kommener Freiheit und vollkommener Gerechtigkeit nicht gedeihen
könnte, so gäbe es in der ganzen Welt keine Nation, die es hätte
zum Wohlstand bringen können. Die Weisheit der Natur hat aber
in den Staatskörper glücklicherweise reichliche Mittel gelegt, so
manche schlimme Folgen menschlicher Torheit und Ungerechtigkeit
zu heilen, gerade wie sie auch dem menschlichen Körper die Mittel
verliehen hat, die üblen Folgen der Trägheit und Unmäßigkeit ab-
zuwenden *)•“ y

Diese Ausführungen bringen uns dazu, jetzt den 'Zweiten Grund-
gedanken Smith’s^u besprechen:’die Vortrefflichkeit der spontan ent-
standenen wirtschaftlichen Einrichtung. Die Idee von der Selbstent-
stehung und die von der Vortrefflichkeit der wirtschaftlichen Ein-
richtungen muß, wie wir gesagt haben, der Geschichtsschreiber der

l) Völkerreichtum II. S. 151—152, B, IV, Kap. IX.

7*
        <pb n="125" />
        ﻿100

Erstes Buch. Die Begründer.

Doktrinen von einander unterscheiden. Bei Smith gehen sie ineinander
über. Sein Naturalismus ist eins mit seinem Optimismus, und in dem-
selben Satze spricht er ohne Einschränkung von beiden zugleich. Die
Stelle, die wir eben angeführt haben, beweist dies. Der persönliche
Nutzen, der jeden wirtschaftlichen Organismus schafft und erhält,
sichert gleichzeitig „den Fortschritt einer Nation im Reichtum und
Wohlstand“. So sind die Einrichtungen, die er hervorruft, nicht nur
natürlich, sondern auch heilsam. Sie interessieren Smith nicht nur
als Gegenstand seiner wissenschaftlichen Beobachtung, sondern auch
als Mittel des öffentlichen Wohlstandes, und hierauf konzentriert sich
sogar sein Hauptinteresse, denn die Nationalökonomie ist ihm mehr
eine Kunst der Praxis als eine Wissenschaft1).

Dies genügt jedoch noch nicht. Die natürlichen wirtschaftlichen
Einrichtungen sind mehr als nur gut: für Smith sind sie von der
göttlichen Vorsehung gegeben, die in das Herz des Menschen
jenen Wunsch, seine Lage zu verbessern, gepflanzt hat, aus dem die
natürliche Gesellschaftsordnung entstanden ist, so daß der Mensch,
der diesem Wunsche nachgibt, in Wirklichkeit nur die wohlwollenden
Absichten Gottes erfüllt. In der Verfolgung seines Nutzens „wird
er in diesen wie in vielen anderen Fällen“ (sagt er, indem er von
der Verwendung von Kapitalien spricht) „von einer unsichtbaren
Hand geleitet, daß er einen Zweck befördern muß, den er sich in
keiner Weise vorgesetzt hatte2)“. Die Physiokraten drückten sich
kaum anders aus.

Der Optimismus Smith’s wird heute kaum noch geteilt. In der
Geschichte der Ideen aber hat er eine zu große Rolle gespielt, als
daß wir uns nicht einen Augenblick mit ihm beschäftigen müßten.
Untersuchen wir die Gründe, auf die er ihn stützt, und ihre wirk-
liche Tragweite!

Es ist zunächst zu bemerken, daß jedes der bisher gegebenen
Beispiele von der Selbstentstehung der wirtschaftlichen Einrichtungen
zu gleicher Zeit einen Bewmis für die wohltätigen Wirkungen des Selbst-
interesses liefert. Mit einer Gleichmäßigkeit, die nichts Zufälliges
hat, sind alle von Smith der allgemeinen Wirksamkeit dieses Beweg-
grundes zugeschriebenen Einrichtungen für den wirtschaftlichen Fort-
schritt vorteilhaft. Die Arbeitsteilung, die Erfindung des Geldes, die
Kapitalansammlung sind ebensoviele natürliche, gesellschaftliche Tat-

b „Der große Zweck der politischen Ökonomie jedes Landes ist aber,
den Reichtum und die Macht dieses Landes zu vermehren“ (I, S. 219, B. II, Kap. Y).
Dieser Ausdruck: „politische Ökonomie jedes Landes“, den Smith oft anwendet, läßt
sich gegen die anwenden, die, wie Knies, den Universalismus oder den Internationalis-
mus Smiih’s angreifen.

*) Völkerreichtum II, S. 17, B. IV. Kap. II.
        <pb n="126" />
        ﻿Kapitel II. Adam Smith.

101

Sachen, die den Reichtum vermehren. Die Anpassung- des Waren-
angebotes an die Nachfrage, die Verteilung des Geldes gemäß der
Bedürfnisse des Umlaufs, das von der gesellschaftlichen Nachfrage
geregelte Wachstum der Bevölkerung, sind alles ebenfalls ursprüng-
liche Erscheinungen, die das gute Funktionieren der wirtschaftlichen
Gesellschaft sicherstellen. So ergibt sich für den Leser aus der Dar-
stellung Smxth’s selbst der immer wiederkehrende Eindruck, als ob die
selbstentstandenen Einrichtungen zur gleichen Zeit die besten wären.

Außer dieser allgemeinen Beweisführung, die sich in gewisser
Weise über das ganze Werk erstreckt, hat Smith in einem beson-
derem Punkte die Übereinstimmung des Privat- mit dem Allgemein-
Nutzen direkt beweisen wollen, nämlich mit Hinsicht auf die Anlage
von Kapitalien. Nach seiner Ansicht suchen und finden die Kapitalien
von selbst die dem Gesellschaftsinteresse günstigsten Anlagen. Seine
Beweisführung scheint sich nur auf einen bestimmten Fall zu er-
strecken. Sie hat aber in Wirklichkeit eine viel allgemeinere Be-
deutung. Die überwiegende Rolle, die Smith dem Kapital zuspricht,
ist bekannt: von der Ausdehnung des Kapitals hängt die Arbeits-
teilung ab und folglich auch die Fülle der Produktion; das Kapital
lenkt die Arbeit und setzt der Bevölkerung ihre Grenzen. Wenn
man daher beweisen kann, daß die Anlage der Kapitalien in völliger
Übereinstimmung mit dem allgemeinen Interesse geschieht, so wird
hierdurch auch bewiesen, daß die ganze Produktion in der Weise
organisiert ist, die den nationalen Wohlstand am meisten begünstigt.

Wie geht Smith nun hier zu Werke?

Er unterscheidet vier Hauptanlageformen, die für die Kapitalien
in Betracht kommen: Landwirtschaft, Industrie, Groß- und Klein-
handel. Er unterscheidet weiter im Großhandel drei Unterabteilungen:
den Innenhandel, den Import-Außenhandel, der der Nation
fremde Waren liefert, und den Transporthandel (carrying trade),
der die Waren eines fremden Landes in ein anderes fremdes Land
führt. Die Reihenfolge, in der wir diese verschiedenen Tätigkeits-
formen aufzählen, ist der Rang selbst, den Smith ihnen nach ihrer
mehr oder weniger großen Nützlichkeit für ein Land einräumt. Die
Landwirtschaft ist die vorteilhafteste, dann kommt die Industrie, dann
der Innenhandel und so fort.

Diese Stufenleiter stellt Smith auf Grund zweier Kriteria auf.
Erstens, die Menge der produktiven Arbeit, die das Kapital in Be-
wegung setzt; zweitens, die Menge der tauschbaren Werte, die jede
dieser Tätigkeiten jährlich zum Nationaleinkommen beiträgt. In dem
Maße, wie man von der Landwirtschaft zu den anderen Zweigen
übergeht, wird die Menge der in Bewegung gesetzten produktiven
Arbeit und der erhaltenen tauschbaren Werte stetig geringer, und
        <pb n="127" />
        ﻿102

Erstes Buch. Die Begründer.

damit ebenfalls ihr Nutzen für das Land. Es liegt daher im Interesse
eines Volkes, seine Kapitalien in diesen verschiedenen Formen, und
zwar in derselben Reihenfolge, wie Smith sie anführt, angelegt
zu sehen. Die Landwirtschaft ist vorzuziehen, und dann erst kommen
die anderen Formen in Betracht, je nachdem die wachsende An-
sammlung von Kapitalien es gestattet.

Das ist nun gerade, was die sich selbst überlassenen
Kapitalisten aus eigenem Antriebe tun. Es liegt nämlich
im Interesse eines jeden, seine Kapitalien in möglichster Nähe seines
Wohnortes anzulegen, um sie besser überwachen zu können. Er wird
sie daher erst zu allerletzt im Außenhandel aufs Spiel setzen. Außer-
dem wird jeder Kapitalist unter den, wie dargelegt, vorzuziehenden
heimischen Industrien zuerst die wählen, ans der der größte Tausch-
wert sich ergibt, da die Größe seines Vorteils von der Größe dieses
Wertes bestimmt wird. Er wird daher seine Anlage in der soeben
angeführten Reihenfolge wählen, die mit den mehr oder weniger
großen Werten, die jede Industrie schafft, übereinstimmt. Und end-
lich wird er, wenn er sich auf den Außenhandel einläßt, aus dem
gleichen Grunde die weiter oben erwähnte Folge einhalten, d. h. die,
die am meisten mit dem allgemeinen Nutzen übereinstimmt. So wird
also das doppelte Bestreben, seine Kapitalien unter Augen zu haben,
und aus ihnen den größten Gewinn zu ziehen, jeden Kapitalisten
dazu bringen, sein Kapital in der für das Volk vorteilhaftesten Weise
anzulegen.

Dies ist die Beweisführung. Was ist sie wert?

Auch wenn man die Kriteria Smith’s annimmt, ist es doch klar,
daß seine Stufenleiter der verschiedenen Industrien durchaus will-
kürlich gewählt ist. Wie kann man z. B. behaupten, daß ein indu-
strielles Unternehmen oder ein Reeder, der fremde Waren trans-
portiert, weniger Leute beschäftigt als eine landwirtschaftliche Gnts-
verwaltung? Das Gegenteil würde der Wahrheit näher kommen und
die Landwirtschaft müßte logisch einen bescheideneren Platz ein-
nehmen. Auch läßt sich die Idee, eine solche Stufenleiter aufzustellen,
nicht gut mit der Theorie der Arbeitsteilung, die die Gleichwertig-
keit der verschiedenen Formen der menschlichen Tätigkeit rühmt,
in Einklang bringen.

In Wirklichkeit aber sind die Kriteria Smith’s unannehmbar. Er
betrachtet das Steigen der tauschharen Werte, die eine Industrie
liefert, als Beweis, daß sie für die Gesellschaft vorteilhafter ist. Was
aber beweist dieses Steigen? Einfach, daß die Nachfrage nach einer
solchen Ware größer ist als die Nachfrage nach einer anderen. Wenn
die Kapitalien von selbst diesen Industrien zustreben, so wird damit
nur bewiesen, daß die gesellschaftliche Nachfrage von selbst
        <pb n="128" />
        ﻿Kapitel II, Adam Smith.

103

auf Befriedigung drängt. Die gesellschaftliche Nachfrage braucht
aber nicht notwendigerweise mit dem gesellschaftlichen
Nutzen überein zustimmen. Die Nachfrage ergibt sich aus dem Be-
gehren der Menschen und der vorhergehenden Verteilung der Ein-
künfte unter sie. Weder dieses Begehren, noch diese Verteilung
stehen notwendigerweise in Übereinstimmung mit dem größten gesell-
schaftlichen Nutzen, und die Produktion, die davon abhängt, hat mit
ihm ebenfalls keinen engeren Zusammenhang. Smith scheint das
auch gefühlt zu haben und stellt deshalb noch ein anderes Kriterium
auf: die vom Kapital in Bewegung gesetzte produktive Arbeit. Wenn
das richtig wäre, so würden die Industrien, die die wenigsten Ma-
schinen und die meisten Hände beschäftigen, dem Volk am nütz-
lichsten sein, was unhaltbar ist.

Die modernen Hedonisten haben ebenfalls den Beweis versucht,
daß die freie Konkurrenz danach strebt, die Produktion so zu leiten,
daß das Maximum der Ophelimität verwirklicht wird, d. h. daß die
jeweiligen Bedürfnisse des Marktes bestmöglich befriedigt werden.
Sie unterlassen aber nicht, darauf hinzuweisen, daß gesellschaft-
licher Nutzen und Ophelimität zwei Ausdrücke sind, die nicht
zusammengeworfen werden dürfen; auch geben sie zu, daß sie nicht
imstande sind, ein wissenschaftliches Kriterium für den gesellschaft-
lichen Nutzen zu finden.

Die Beweisführung Smith’s kann daher nicht als endgültig an-
genommen werden; sie steht auf zu schwachen Füßen. Vergessen
wir aber nicht, daß der Optimismus Smith’s viel weniger auf dieser
besonderen Beweisführung ruht als auf der Gesamtheit der Beobach-
tungen, die er in seinem Buche, vorträgt. Der Gedanke einer Har-
monie des Privat- und des Allgemein-Interesses erscheint bei ihm
nicht mit der Straffheit eines a priori bewiesenen Lehrsatzes, der
keine Ausnahme zuläßt, sondern vielmehr als ein allgemeiner Ge-
sichtspunkt, als ein Schluß aus wiederholten Beobachtungen, als eine
Zusammenfassung seiner eingehenden Untersuchungen im ganzen Be-
reich der wirtschaftlichen Einrichtungen. Eine Wahrheit, die durch
die Beweisführung in einem besonderen Fall wohl bestätigt werden
kann, die sich aber, viel mehr noch als auf diese Beweisführung, auf
die Erfahrung gründet, die Erfahrung der ganzen Geschichte, -auf
Grund derer Smith im Körper der Gesellschaft, ebenso wie im Körper
der Menschen, ein lebendiges Prinzip der Heilung und des Fortschrittes
findet. Smith wäre der erste gewesen, der sich geweigert hätte,
dieser Annahme eine absolute Form zu geben. Er begnügt sich
damit, zu sagen: „Sehr oft“, „in den meisten Fällen“ wird das all-
gemeine Interesse durch diQ selbsttätige Handlung des persönlichen
Interesses befriedigt. Auch ist er der erste, hervorzuheben (wie z. B
        <pb n="129" />
        ﻿104

Erstes Buch. Die Begründer.

bei den Kanflenten und den Fabrikanten), daß in gewissen Fällen
das Privatinteresse nicht mit dem allgemeinen Interesse überein-
stimmt. Hierfür ließen sich noch viele, ebenso charakteristische
Stellen anführen. So hat sein Optimismus nichts absolutes an sich.

Ebensowenig ist sein* Optimismus unbeschränkt. * Man kann leicht
sehen, daß er sich nur auf die Produktion der Güter erstreckt.'
'Niemals hat Smith behauptet, und das unterscheidet den großen
schottischen Nationalökonomen von den Optimisten der Schule Bastiat’s,
daß die Güterverteilung sich dem Ideal der Gerechtigkeit nähere;
Hier macht sein Optimismus Halt.'' "Im Gegenteil, Smith konstatiert,
daß die Grundbesitzer, wie die Kapitalisten „gern dort ernten, wo
sie nicht gesät haben“, — er weist auf die Ungleichheit der sozialen
Lage hin, die dem Arbeitgeber bei der Festsetzung des Lohnes den
Vorteil über den Arbeitnehmer gibt1). — Zins und Rente sind, wie
wir gesehen haben, an mehr als einer Stelle als Abzüge von dem
Arbeitserträge dargestellt2 *), so daß Smith wohl als der wahre Vor-
läufer des Sozialismus angesehen werden könnte/»Er sträubt sich
durchaus nicht, anzuerkennen, daß (ausgenommen in den Kolonien),
Rente und Kapitalgewinn den Arbeitslohn aufzehren, und daß die
beiden höheren Stände des Volkes den niederen unterdrücken8).

Es ist um so wichtiger, diese Urteile zu verzeichnen, weil man
oft annimmt, daß der Optimismus Smith’s sich ebenso auf die Ver-
teilung als auf die Produktion erstrecke. Smith hat dazu einen viel zu
gesunden Menschenverstand. J.-B. Sav selbst drückt bis in die letzten
Ausgaben seines „Traite“ Zweifel an der Gerechtigkeit der Güter-
verteilung aus4 * * *). In Wirklichkeit hat sich Smith mit dieser Frage
nicht befaßt; erst später, als die Sozialisten auf die Bedeutung dieser
Frage hingewiesen hatten, hat man als Reaktion dagegen die Auf-
fassung von der Vortreftlichkeit der selbstentstandenen wirtschaftlichen
Einrichtungen auch auf die Güterverteilung ausgedehnt.

v So darf daher der Optimismus Smith’s nicht mit dem der modernen
Hedonisten, noch mit dem, den Bastiat späterhin zur Bekämpfung
des Sozialismus konstruierte, verwechselt werden. Er hat weder die

*) Volke rr eich tum I, S. 37, B. I, Kap. VIII. Die Meister haben die Ober-
hand in diesen Streitigkeiten: 1. „da sie sich leichter verbinden können“; 2. da sie
es „viel länger aushalten können“ dank ihrer Hilfsmittel; „viele Arbeiter dagegen
können nicht eine Woche, wenige nnr einen Monat nnd katnn einer ein Jahr ohne
Beschäftigung' bestehen“.

2)	Vgl. oben S. 86.

s) Völkerreichtum II, S. 86, B. IV, Kap. VII, Teil 2, am Anfang.

4) Say wirft betreff der Arbeiterklasse die Frage auf: „Ist es wirklich so

sicher, daß ihr Anteil am Erzeugnis ganz genau im Verhältnis zu

dem Anteil, den sie an der Erzeugung nimmt, steht?“ (Traite, Ausg. 6,

S. 116.)
        <pb n="130" />
        ﻿Kapitel II. Adam Smith.	105

wissenschaftliche Schärfe des ersteren noch die apologetische Ten-
denz des zweiten. Er ist kaum mehr als der Wied erschein jener ein
wenig kindlichen Vertrauensseligkeit, die das ganze 18. Jahrhundert
der Güte der Natur entgegenbrachte, und ist mehr der Ausdruck
eines tiefen Gefühls als der Schluß aus einer scharfgefaßten Beweis-
führung. K

§ 3. Die wirtschaftliche Freiheit und die Theorie vom
internationalen Handel.

‘ Das praktische Ergebnis des Naturalismus und des Optimismus
Smith’s ist selbstverständlich die wirtschaftliche Freiheit. ‘ Sie ergibt
sich mit solcher Notwendigkeit aus allem, was wir soeben gesagt
haben, daß der Leser ganz darauf vorbereitet ist, wenn er am Ende
des vierten Buches, nachdem Smith das merkantilistische System
und das der Physiokraten untersucht hat, den folgenden berühmten
Satz findet;

„Räumt man also alle Begünstigungs- oder Beschränkungssysteme
völlig aus dem Wege, so stellt sich das klare und einfache System
der natürlichen Freiheit von selbst her. Jeder Mensch hat, solange
er nicht die Gesetze der Gerechtigkeit Übertritt, vollkommene Frei-
heit, sein Interesse auf seine eigene Weise zu verfolgen und seine
Industrie sowohl als sein Kapital mit der Industrie und den Kapi-
talien anderer Menschen oder anderer Klassen von Leuten in Kon-
kurrenz zu bringen.“ Was die Regierung, oder wie Smith sagt, das
„Staatsoberhaupt“ anlangt, „so wird es dadurch gänzlich einer Pflicht
entbunden, bei deren Ausübung es immer unzähligen Täuschungen
ausgesetzt sein muß, und zu deren richtiger Erfüllung keine mensch-
liche Weisheit und Kenntnis hinreicht, der Pflicht nämlich, die In-
dustrie der Privatleute zu überwachen und sie auf die dem Interesse
der Gesellschaft zuträglichsten Gewerbe hinzuleiten“ 1).

Die Nichteinmischung des Staates in das Wirtsschaftleben: das
ist daher der Grundsatz, zu dem Smith, nach den Physiokraten, aber
auf einem umfassenderen und wissenschaftlicheren Wege gelangt.

Aber hier wie in seinem ganzen Buche, wird Smith von dem
Bewußtsein des Positiven und des Konkreten, das bei ihm so aus-
geprägt ist, daran gehindert, sich mit einer allgemeinen Beweisführung
zu begnügen. Es genügt ihm nicht, das Nutzlose der Einmischung
des Staates gegenüber den von der Gesellschaft spontan geschaffenen
Einrichtungen zu beweisen. Es liegt ihm vielmehr daran, nach-
zuweisen, daß der Staat infolge seiner ganzen Natur ungeeignet ist,

b Völkerreichtum II, S. 160, B. IV, Kap. IX, am Ende.
        <pb n="131" />
        ﻿106

Erstes Buch. Die Begründer.

sich wirtschaftlich zu betätigen. Seine Gründe füllen die Eilst-
kammer, der seit ihm alle* Gegner des Staatssozialismus (etatisme)
ihre Waifen entnommen haben. Wir führen sie kurz an.

„Es gibt,“ sagt er, „keine zwei Charaktere, die sich weniger
miteinander zu vertragen scheinen (die so „inkonsistent“ sind), als
der Charakter eines Kaufmanns und der eines Fürsten“ 1). Die Regie-
rungen „sind selbst immer und ohne alle Ausnahme die größten Ver-
schwender in der Gesellschaft“ 2). Die Gründe hierfür sind zahlreich.
Erstens verwenden sie das Geld der anderen, und man geht stets
mit dem Geld anderer verschwenderischer um, als mit seinem eigenen.
Und weiter steht die Regierung den einzelnen Unternehmungen
viel zu fern, um ihnen jene genaue Aufmerksamkeit widmen zu
können, die für ihr Gedeihen notwendig ist. „Die Fürsorge des
Staates kann im besten Falle doch nur eine ganz allgemeine und
unbestimmte Aufmerksamkeit auf das sein, was zum besseren Anbau
des größten Teiles seines Gebietes etwa dienen dürfte. Die Fürsorge
des Grundherrn hingegen ist eine ganz bestimmte, bis ins kleinste
gehende Aufmerksamkeit darauf, wie er jeden Fußbreit Landes aufs
vorteilhafteste nutzen könne 3).“

Diese zu einer guten Bewirtschaftung des Bodens und der Kapi-
talien notwendige, eingehende und unmittelbare Überwachung ist ein
Gedanke, zu dem er oft zurückkehrt. Daher bedauert er unter anderen
auch das Anwachsen der öffentlichen Schuld, denn sie läßt einen Teil
des Bodens und des Nationalvermögens in die Hände von Rentiers
übergehen, die zweifelsohne zwar ein Interesse an der guten Ver-
waltung des Landes haben, jedoch „der gute Anbau irgend eines be-
stimmten Stückes der Ländereien oder die gute Verwendung irgend
eines bestimmten Kapitals“4) liegt außerhalb ihrer Interessen.
* Alles in allem ist der Staat ein schlechter Verwalter, weil seine Be-
amten nachlässig und verschwenderisch sind, weil sie kein direktes
Interesse an der Verwaltung haben,* sondern aus den öffentlichen
Kassen bezahlt werden. Bei dem Gedanken, die ganze Verwaltung
des Bodens in die Hände des Staates zu legen, ruft er aus: „mit
der nachlässigen, kostspieligen und drückenden Verwaltung seiner
Faktoren und Agenten“ würde nicht der vierte Teil der jetzigen
Produktion erzeugt werden 5). Er schlägt im Gegenteil vor, daß

0 Yölkerreichtum II, S. 239, B. Y, Kap. II, Teil 1. Er nimmt nnr die
Post ans — „vielleicht das einzige kaufmännische Unternehmen, welches, glaube
ich, von jeder Regierung mit gutem Erfolge betrieben worden ist“.

2)	Yölkerreichtum I, S. 204, B. II, Kap. III.

3)	Völkerreichtum II,	S.	248,	B.	V, Kap.	II, Teil	2,	Abs. 1.

4)	Völkerreichtum II,	S.	311,	B.	V, Kap.	III.

5)	Völkerreichtum II,	S.	242,	B.	V, Kap.	II, Teil	1.
        <pb n="132" />
        ﻿Kapitel II. Adam Smith.

der Rest der Domänen unter Privatpersonen verteilt wen
Hinsicht haben die europäischen Regierungen seine Rat?)
zu gut befolgt1). Aus demselben Grund (das persönliche
anzustacheln), befürwortet er immer, daß überall dort, wo es möglich
ist, die Besoldungen der Beamten, (anstatt aus einem festen Einkommen
zu bestehen), zum Teil von denen, die ihrer Dienste bedürfen, gezahlt
werden, und vor allem sollen sie im Verhältnis zu ihrem Eifer und
zu ihrem Fleiß stehen (z. B. für die Richter und Professoren/)2).

So ist die Verwaltung durch den Staat stets nur ein Notbehelf.
Das ‘Eingreifen des Staates muß streng auf die Fälle beschränkt
werden, wo die Tätigkeit des einzelnen unmöglich ist. ' Smith ge-
steht ihm bloß drei Funktionen zu: die Justizverwaltung, die Landes-
verteidigung und endlich „die Pflicht, gewisse öffentliche Werke und
Anstalten zu- errichten und zu unterhalten, deren Errichtung und
Unterhaltung niemals in dem Interesse eines Privatmannes oder einer
kleinen Zahl von Privatleuten liegen kann, weil der Gewinn daran
niemals einem Privatmanne oder einer kleinen Zahl von Privatleuten
Entschädigung gewähren würde, obgleich er eine große Nation oft
mehr als schadlos hält“ 8)5

Hüten wir uns aber, seinen Gedanken zu übertreiben. Wenn
Smith in der großen Mehrzahl der Fälle die individuelle Betätigung
vorzieht, so dürfen wir deshalb nicht auf ein unbegrenztes Vertrauen
seinerseits in das Individuum schließen. Der Individualismus Smith’s
ist von einer ganz besonderen Art : er besteht nicht in einer blinden
Vorliebe für jedes Privatunternehmen. Er weiß, daß die Industrie ganz
natürlich zum Monopol neigt. „Leute von demselben Gewerbe kommen
selten auch nur zum Vergnügen zusammen, ohne daß ihre Unter-
haltung mit einer Verschwörung gegen das Publikum oder einem
Plane zur Erhöhung der Preise endigt4).“ 'Damit ein Privatunter-
nehmen der Allgemeinheit nützlich sei, müssen zwei Bedingungen
gegeben sein: der Unternehmer muß erstens vom persönlichen Nutzen
getrieben werden, und zweitens muß ihn die Konkurrenz in gerechten
Grenzen halten. Wenn diese beiden Bedingungen fehlen, so läuft

das Publikum Gefahr, unter einem Privatunternehmen ebenso wie
1 £
unter einem staatlichen Unternehmen zu leiden.

*So ist Smith auch ein ausgesprochener Gegner gewisser privater
Kollektivunternehmungen wie z. B. der Aktiengesellschaften5), weil

b Vgl. im besonderen Bouhgin, Les Communaux et la ßevolution
franqaise in der Nouvelle revue liistorique de droit, November-
Dezember 1908.

2)	Völkerreichtum II, S. 203ff., B. V, Kap. I, Teil 3, Abs. 2.

3)	Yölkerreiohtum II, S. 160, B. IV, Kap. IX am Ende.

J) Völkerreiobtura I, S. 75, B. I, Kap. X, Teil 2.

6)	Völkerreichtum II, S. 191, B. V, Kap. I, Teil 3, Abs. 1, § 2.
        <pb n="133" />
        ﻿108

Erstes Buch. Die Begründer.

das persönliche Interesse dabei verschwindet. Nur die Banken, die
Versicherungsgesellschaften, die Gesellschaften zum Bau und zur
Unterhaltung von Kanälen und die Wasserversorgungsgesellschaften
größerer Städte entgehen seiner Mißbilligung; denn die Leitung dieser
Unternehmen kann ganz mechanisch geführt werden, „oder läßt sich
auf ein so einförmiges Verfahren zurückbringen, daß dabei wenig
oder gar keine Veränderung vorkommt“1). Um so mehr ist er gegen
jedes Monopol, das einer Privatperson oder einer Gesellschaft ge-
währt wird. Er widmet ein ganzes Kapitel der Bekämpfung jener
großen im 17. und 18. Jahrhundert entstandenen privilegierten Ge-
sellschaften, die sich mit der Ausbeutung des Kolonialhandels be-y
schäftigten, und deren berühmteste die Ostindische Kompagnie war.

Noch eine weitere Bemerkung drängt sich auf. Für Smith ist
die Nichteinmischung des Staates ein allgemeiner Grundsatz, aber
keine absolute Kegel. Er ist nichts weniger als ein Doktrinär. Nie-
mals vergießt er, daß zu jeder Kegel Ausnahmen gehören. Man
könnte eine interessante Liste aller Umstände aufstellen, unter denen
Smith die Intervention der öffentlichen Gewalt für gerechtfertigt er-
klärt: die gesetzliche Festlegung des Zinsfußes2), die Verwaltung
der Post durch den Staat, der obligatorische Volksschulunterricht,
die für die Zulassung zu jedem freiem Berufe oder jedem Vertrauens-
posten notwendigen Staatsprüfungen, die Festsetzung des Minimal-
nennbetrages der Banknoten auf fünl Pfund3) usw., usw. In einem
charakteristischen Satze hat er ganz allgemein seine Meinung mit
Hinsicht gerade auf diese Beschränkung der Freiheit der Banken
ausgedrückt: „Allerdings können solche Maßregeln einigermaßen für
eine Verletzung der natürlichen Freiheit gelten; allein Ausübungen
der natürlichen Freiheit weniger Individuen, die die Sicherheit der
ganzen Gesellschaft gefährden, werden durch die Gesetze aller Staaten
eingeschränkt, und müssen eingeschränkt werden; das gilt ebensosehr
von den freiesten wie von den despotischsten Staaten4).“

’) Völkerreichtum II, S. 201, B. V, Kap. I, Teil 3, Ahs. 1, § 2.

3)	Völkerreichtum I, S. 211, B. II, Kap. IV, am Ende. Wahrscheinlich
wurde er später durch Bentham’s Buch; Defense of usury, das 1787 zugunsten
der Darlehnsfreiheit veröffentlicht wurde, zum Gedanken der vollständigen Freiheit
bekehrt, wenn man einem Gespräch, das 1789 ein Freund Bbntham's mit Smith
hatte, Glauben schenken will, und das in einem Briefe an Bbntham von einem
anderen seiner Freunde, George Wilson, wiedergegeben ist. Vgl. J. Bae, Life of
Adam Smith, S. 423.

3)	Völkerreichtum I, S. 190, B. II, Kap. II.

4)	Völkerreichtum I, S. 190, B. II, Kap. II. Er fährt wie folgt fort:
„Brandmauern, die dem Weitergreifen des Feuers Vorbeugen, sind eine ganz ähnliche
Verletzung der natürlichen Freiheit, wie die hier angeführten Bankmaßregeln.“
Diese Stelle beweist, daß Smith öffentliche Verordnungen zugunsten der materiellen
Sicherheit der Bürger zugibt. An einer anderen Stelle zeigt er sich als Anhänger
        <pb n="134" />
        ﻿Kapitel II. Adam Smith.

109

Bei all diesen Einschränkungen bleibt doch die Tatsache nicht
weniger klar bestehen, daß das ganze Werk Smxth’s eine Ver-
teidigungsrede zugunsten der wirtschaftlichen Entfesselung des Indi-
viduums ist. Es stellt eine Anklageschrift gegen die merkantilistische
Politik und gegen jedes darauf beruhende wirtschaftliche System dar.

In dieser Hinsicht besteht eine völlige Übereinstimmung zwischen
der Rolle, die Smith in England spielt, und der, die zur gleichen Zeit
die Physiokraten in Frankreich spielten. Innen wie außen war
damals die Freiheit der Produzenten, der Kaufleute und der Arbeiter
durch ein Netz von Vorschriften eingeschränkt, von denen die einen
in den Überlieferungen des Mittelalters, die anderen in mächtigen,
von falschen wirtschaftlichen Theorien getragenen Privatinteressen
wurzelten. In den Städten bestand noch die Zunftordnung, obgleich
sie nicht mehr auf diejenigen Industrien anwendbar war, die nach
dem Erlaß des berühmten Lehrlingsgesetzes der Königin Elisabeth
entstanden waren. Das Eeglementierungssystem mit seiner Schar von
Beamten, die die Fabrikationsvorgänge, das Gewicht, die Länge, die
Beschaffenheit der Stoffe überwachen sollten, trieb unter anderen sein
Unwesen in der Wollindustrie1). Die Festsetzung der Lehrzeit auf
sieben Jahre, die Beschränkung der Anzahl der Lehrlinge in den
Hauptindustrien, die Hindernisse, die der Freizügigkeit der Arbeiter
in Folge des „Armengesetzes“ und einer Reihe von Vorschriften, die
seit der Regierung Elisabeth’s vervollständigt waren, entgegenstanden,
erschwerten die Arbeitsmöglichkeit und jede gute Kapitalanlage. Smith
wendet sich energisch gegen alle diese Maßnahmen. Zwar waren in
England die Hindernisse, die dem Güterumlauf im Innern Frankreichs
entgegenstanden, unbekannt; jedoch gab es große Handelsschranken
im Verkehr mit Irland. Die Hindernisse, unter denen Englands Außen-
handel litt, waren nicht geringer als in anderen europäischen Staaten:
Einfuhrverbote oder hohe Zölle auf Manufakturerzeugnisse und ge-
wisse Naturprodukte (wie französische Weine), Ausfuhrverbote auf
gewisse der Nationalindustrie notwendige Erzeugnisse, wie Wolle
oder Maschinen, engherzige oder drückende Politik gegen die Kolonien,
die als natürliche Lieferanten von Roherzeugnissen für die Heimat
und als gezwungene Abnehmer ihrer Manufakturprodukte angesehen
wurden usw. Gegen alle diese Maßnahmen, die vorgeblich die Vor-
herrschaft Englands über die anderen handeltreibenden Völker

hygienischer Maßnahmen zum Schutz gegen ansteckende Krankheiten (II, S. 218,
B. V, Kap. I, Teil 3, § 2).

Ü Vgl. Mantoux, op, cit. S. 65—66. In diesem Buch finden wir über alle
diese Punkte, die wir hier nur erwähnen können, sehr interessante Einzelheiten.
Die neuen restriktiven Verordnungen werden von Smith im 2. Teil des X. Kapitels
des 1. Buches kritisiert.
        <pb n="135" />
        ﻿110

Erstes Buch. Die Begründer.

sichern sollten, hat Smith sein schwerstes Geschütz aufgefahren. Das
vierte Buch der VYealth of nations ist eine flammende, leiden-
schaftliche Anklageschrift gegen den Merkantilismus, bewunderungs-
würdig in ihrer genauen Dokumentierung. Es ist der Teil des Buches,
der seine Zeitgenossen am meisten interessieren mußte, und der uns
heute als der veraltetste erscheinen würde, wenn Smith hier nicht
eine ganze Theorie des internationalen Handels und eine
Kritik des Schutzzolles eingefügt hätte, die für die Geschichte der
nationalökonomischen Lehren besonderes Interesse hat. Wir müssen
hierüber einige Worte sagen.

Im Kampfe für die internationale Handelsfreiheit sind Smith,
wie in so vielen anderen Punkten, die Physiokraten vorausgeeilt.
Aber auch hier ist er ihnen durch die Weite seines Blickes über-
legen. Der Liberalismus der Physiokraten wurzelt im Interesse der
Landwirtschaft; der auswärtige Handel bleibt ihnen „Notbehelf“.
Smith sieht im Gegenteil den äußeren Handel als an und für sich
vorteilhaft an, vorausgesetzt, daß er zur rechten Zeit einsetzt und
sich selbsttätig entwickelt1). Wenn aber Smith immerhin über den
physiokratischen Gesichtspunkt hinausgeht, so ist er doch noch nicht
zu einer befriedigenden Theorie gelangt. Kicaedo und seinen Nach-
folgern, im besonderen Stuart Mill, war es Vorbehalten, der Theorie
des internationalen Plandels eine feste Grundlage zu geben. Die
Lehre des schottischen Nationalökonomen war noch unsicher; aber
sogar die Unsicherheiten eines großen Gelehrten sind manchmal
interessant. Sie verdienen hier aufgezählt zu werden.

Schon bei der Darlegung seiner Geldtheorie haben wir die Gründe
betrachtet, die Smith aus ihr gegen die Theorie der Handelsbilanz
ableitet. Aber die Theorie der Handelsbilanz ist nicht das ganze
Schutzzollsystem, und man findet bei Smith noch etwas anderes als
eine Widerlegung: zunächst eine Kritik des Schutzzollsystems im
allgemeinen, die dessen spezifisch merkantüistische Form außer acht
läßt, und weiter eine Untersuchung, um die positiven Vorteile des
internationalen Handels auseinander zu setzen.

Seine Kritik des Schutzzollsystems stützt sich in erster Linie
auf die bekannte Behauptung, daß das Kapital die Industrie begrenzt.
„Der allgemeine Gewerbefleiß der Nation kann niemals weiter gehen,
als das Kapital der Nation reicht, durch welches er in Gang gesetzt
wird.“ Was tut aber der Schutzzoll? Kann er das Kapital des Landes
vermehren ? Keinesfalls! „Er kann nur einen Teil des Gewerbfleißes

b „Jeder von diesen verschiedenen Handelszweigen ist jedoch nicht nur vorteil-
haft, sondern auch notwendig und unausbleiblich, wenn der natürliche Lauf der
Dinge ohne Zwang oder Gewaltsamkeit dazu führt“ (Volk erreich tum I, S. 219,
B. II, Kap. V).
        <pb n="136" />
        ﻿Kapitel II. Adam Smith.

111

in eine Richtung hineinleiten, die er sonst nicht genommen haben
würde.“ Aber ist die Richtung, die die Privatpersonen von selbst
ihren Kapitalien geben, nicht auch die, die für den Gewerbfleiß eines
Landes am vorteilhaftesten ist ? Hat Smith das nicht schon bewiesen ?
Das Schutzzollsystem ist daher nutzlos und sogar schädlich1).

Die Beweisführung erscheint nicht durchschlagend, wenn man
sich die oben ausgeführte Kritik des Optimismus Smiths vor Äugen
hält. Um den Ausdruck Paeeto’s auzuwenden, ist es das Maximum
an Ophelimität, nicht das Maximum an Nützlichkeit (utilite),
das die Kapitalisten unter dem Einfluß des Selbstinteresses ver-
wirklichen.

Der Widersinn, daß ein Land mit großen Kosten die Gegen-
stände bei sich fabriziert, die das Ausland ihm billiger liefern kann,
dient Smith zu einem weiteren, noch stärkeren Beweise. „Bei jedem
klugen Hausvater ist es eine Regel, niemals etwas im Hause machen
zu lassen, was ihm weniger kosten würde, wenn er es kaufte . . .
Was aber in der Plandlungsweise einer Familie Klugheit ist, das
kann in der eines großen Reiches wohl schwerlich Torheit sein2).“
Welcher Wahnsinn ist es, in Schottland mit großem Aufwande an
Treibhäusern Wein fabrizieren zu wollen, den man billiger aus
Frankreich oder Portugal kommen lassen kann! Das wird jeder zu-
geben. Und doch besteht dieser Unsinn überall dort, wo man uns
durch Zolltarife daran hindert, an den natürlichen Vorzügen, die
fremde Nationen vor uns voraus haben, teilzunehmen. Die ganze
„niedrige Habsucht und der Monopolgeist der Kaufleute und
Gewerbetreibenden“3) ist dazu nötig gewesen, um die Nation
über ihre wirklichen Interessen so sehr zu täuschen. Nach Smith
besteht daher eine natürliche Verteilung der Produktion zwischen
den verschiedenen Ländern, die mit dem Vorteile jedes Landes überein-
stimmt. Das Schutzzollsystem hindert uns, daran Teil zu haben;
ihm steht die Anwendung des Prinzips der Arbeitsteilung auf die
internationale Interessengemeinschaft gegenüber.

Immerhin ist dieser Beweis nicht schlüssig, denn das Kapital
und die Arbeit zirkulieren nicht zwischen Volk und Volk wie im
Innern desselben Landes. Die Verteilung der Industrie auf die ver-
schiedenen Völker regelt sich nicht auf Grund der absoluten Pro-
duktionskosten, sondern auf Grund der relativen Produktionskosten.
Das Verdienst, dies nachgewiesen zu haben, gebührt Ricaedo.

Smith ist daher in seinem Nachweis der Nachteile des Schutz-
zollsystems unvollständig, und dies tritt vielleicht noch mehr in

') Völkerreichtum II, S. 15, B. IV, Kap. II.

2)	Volke i;r eicht um II, S. 17, B. IV, Kap. II.

3)	Völkerreiehtum II, S. 40, B. IV, Kap. III, Teil 2.
        <pb n="137" />
        ﻿112	Erstes Buch. Die Begründer.

seinem Beweise für die Vorteile des internationalen Handels
zutage.

Der entscheidende Grund zugunsten der Handelsfreiheit ergibt
sich aus dem Nutzen, den der Verbraucher davon hat. Die Ver-
mehrung der ihm zu Gebote stehenden Gebrauchsgüter macht die
Überlegenheit des Freihandels aus. Wie Stuaet Mill sagt: „Alle
direkten Vorteile des Außenhandels beruhen auf der Einfuhr1).“
Dieser Gesichtspunkt wird aber bei Smith am wenigsten untersucht.
Er schreibt freilich: „Die Konsumtion ist der einzige Zweck aller
Produktion . . ., allein im Merkantilsysteme wird das Interesse des
Konsumenten fast beständig dem des Produzenten aufgeopfert.“ Diese
Stelle findet sich jedoch erst am Ende der Kritik des Merkantilismus
im 8. Kapitel des 4. Buches (Bd. II, 8. 143) und steht noch nicht
in der ersten Ausgabe des Werkes. Sie ist erst in der dritten
Ausgabe eingefügt worden'2 *).

Im Gegenteil, Smith stellt sich fast stets auf den Standpunkt
des Produzenten, um die Vorteile des internationalen Handels dar-
zulegen s).

Bald sieht er darin ein Mittel, das einem Lande gestattet, den
Überschuß seiner Produktion auszuführen: indem die fremden Völker
ein erweitertes Absatzgebiet darbieten, bewirken sie eine größere
Arbeitsteilung in dem Ausfuhrlande und infolgedessen eine verstärkte
Produktionsfähigkeit4). — Man kann aber fragen, weshalb, anstatt
überflüssige Gegenstände herzustellen, die ausgeführt werden müssen,
das Land nicht eher selbst die Gegenstände herstellt, die es ein-
führen muß ?

Bald stützt sich Smith, um zu beweisen, daß beide austauschenden
Völker notwendigerweise am internationalen Handel ihren Vorteil
finden müssen, auf die Tatsache, daß die Kaufleute beider Länder
einen Profit erzielen, und der Profit, der einen tauschbaren Wert vor-
stellt, erhöht die Summen der tauschbaren Werte. Hierauf antwortet

1)	Principles of Political Economy, B. III, Kap. XVII.

2)	Allerdings hat er schon im IV. Buch, Kap. III, Teil 2 (II, 8. 41) gesagt:
„In jedem Lande ist es und muß es stets der Vorteil der großen Masse des Volkes
sein, ihren Bedarf von denen zu kaufen, die ihn am wohlfeilsten verkaufen. Dieser
Satz ist so durchaus einleuchtend, daß es lächerlich wäre, ihn noch
besonders beweisen zu wollen.“

s) Betreff der Getreidezölle schreibt er; „Die Einführung fremden Getreides
und Viehes fortdauernd zu verhüten, heißt in der Tat nichts anderes als festsetzen,
daß die Bevölkerung und Industrie des Landes zu keiner Zeit höher steigen soll,
als das Rohprodukt des eigenen Bodens sie erhalten kann“ (II, S. 21, B. IV, Kap. II).
— Er stellt sich daher stets auf diesen Standpunkt des Bevölkerungs- und Arbeits-
waohstums und nicht auf den des Verbrauches.	&lt;

4)	Völkerreichtum I, S. 219, B. II, Kap. V. — Vgl. II, 8.12, B. IV, Kap. I
        <pb n="138" />
        ﻿Kapitel II. Adam Smith.

113

Ricardo mit Recht, daß der Profit eines Kaufmannes nicht notwendiger-
weise die Menge der Gehrauchsgüter in einem Lande vermehrt.

Wiederum ist Smith hier, wie schon den Physiokraten gegen-
über, unbewußt dem Einfluß seiner eigenen Gegner unterlegen. Er
hat den Merkantilismus noch nicht genügend abgestreift, um sich
nicht vor allen Dingen mit dem Interesse der Produzenten zu be-
fassen. Daher fimhj^mau bei dem großen Gelehrten ausgezeichnete
Beweisführungen neben bestreitbaren Gesichtspunkten. Der Wider-
spruch scheint ihm selbst nicht klar geworden zu sein. Alles drängte
mit unwiderstehlicher Gewalt nach einer freieren Politik. Diese
Strömung war viel zu mächtig, als daß ihre Zeitgenossen in der Lage
gewesen wären, Satz für Satz jeden Teil der These Smith’s zu unter-
suchen. Es genügte ihnen, bei ihm eine glühende Verteidigung zu-
gunsten eines verführerischen Zieles zu finden.

Mehr als einmal haben wir schon auf die genau abwägende Be-
dachtsamkeit Smith’s in der Anwendung seiner Grundsätze hingewiesen.
Auch hier müssen wir sie nochmals hervorheben.

Theoretisch Anhänger des absoluten Freihandels, unterläßt er es
nicht, bei der praktischen Anwendung dieser Politik Einschränkungen
zu machen, die sein gesunder Menschenverstand ihm aufdrängt. „Die
Hoffnung zu hegen“, sagt er, „daß die Handelsfreiheit in Groß-
britannien jemals vollkommen hergestellt wmrde, ist freilich ebenso
töricht, als wenn man erwarten wollte, daß hier einmal eine Oceana
oder ein Utopien zustande kommen werde. Dem stehen nicht nur
die Vorurteile des Publikums, sondern, was noch weit unbezwing-
licher ist, die Privatiuteressen vieler einzelner geradezu im Wege“.1)
Diese Voraussage ist, wie so viele andere, durch die Tatsachen
widerlegt worden. England hat im 19. Jahrhundert fast vollständig
die „Utopie“ des absoluten Freihandels verwirklicht.

Ohne Illusionen über die Zukunft, verurteilt er ebensowenig
alle Maßnahmen der Vergangenheit. Er rechtfertigt sogar selbst
gewisse Akte der merkantilistischen Politik. So schreibt er, daß die
Navigationsakte2 3 *) dem Handel nicht günstig gewesen sind; sie
waren aber vielleicht die weiseste handelspolitische Verordnung
Englands, denn „die nationale Verteidigung ist weit wichtiger als
Reichtum“ 8). In einem anderen Falle tritt er für die Berechtigung

‘) Völkerreichtum II, S. 26, B. IV, Kap. II am Ende.

2)	Man nennt „Navigationsakte (Acts of navigation) eine Reihe von Gesetzen,
deren wichtigste ans der Zeit Cromwell’s stammen. Ihr Zweck war, den englischen
Handel zu zwingen, sich fast ausschließlich englischer Schiffe zu bedienen, um so
eine starke englische Flotte zu schaffen und die Vorherrschaft der holländischen
Schiffe zu vernichten. Diese Gesetze scheinen auch wirklich außerordentlich zu der
enormen Entwicklung der englischen Flotte beigetragen zu haben.

3)	Völkerreiohtum II, S. 22, B. IV, Kap. II.

Gide und Rist, Gesell, d. Volkswirtschaft!. Lehrmeinungen.	8
        <pb n="139" />
        ﻿114

Erstes Buch. Die Begründer.

der Einfuhrzölle ein, wenn nämlich die im Lande hergestellten
gleichen Waren einer Binnenstener unterliegen; in diesem Falle stellt
der Zoll nur die durch die Steuer gestörten normalen Konkurrenz-
bedingungen wieder her. Auch verwirft er Vergeltungszölle nicht
absolut, wenn sie auf Abschaffung fremder Zölle hinzielen1). Und
endlich gibt er zu, daß für Industrien, die seit langem durch Zölle
besonders geschützt waren, und die eine große Anzahl Arbeiter be-
schäftigen, die Zollfreiheit nur allmählich eingeführt werden könne2 3).

Smith kommt zu folgenden praktischen Schlußfolgerungen; an
Stelle der zahllosen Zölle, die die Einfuhr und die Produktion er-
schweren, sollte England sich mit einer gewissen Anzahl rein fiskalischer
Zölle auf solche ausländische Waren begnügen, deren Verbrauch
sehr allgemein ist; wie Wein, Alkohol, Zucker, Tabak, Kakao. Dieses
mit einer weitgehenden Handelsfreiheit völlig vereinbare System
würde der Staatskasse sehr bedeutende Einnahmen sichern und die
Verluste, die sich für sie aus der Einführung des Freihandels er-
geben, reichlich ersetzen 8).

England ist diesem Vorschläge gefolgt, und sein heutiges Zoll-
system beruht auf dieser Basis. Wenige Nationalökonomen können
sich einer so vollständigen Verwirklichung ihrer Ideen rühmen.

§ 4. Einfluß und Verbreitung der Gedanken Ä. Smith’s.

J.-B. Say.

Das Losungswort des 18. Jahrhunderts war Vereinfachung. Die
Auffassung, die Smith uns vom Wirtschaftsleben gibt, ist ein be-
wunderungswürdiges Beispiel davon. Hierin liegt ihr Eeiz und
die Gewalt, die sie auf die Zeitgenossen ausübte. Das System der
natürlichen Freiheit, das das philosophisch-politische Streben jener
Zeit erfüllte, schien sich hier mit so starker Beweiskraft aus der
menschlichen Natur zu ergeben, und wurde mit einer solchen Fülle
übereinstimmender Tatsachen vorgetragen, daß kein Zweifel au seiner
ßichtigkeit mehr möglich war. Noch heute sind wir nicht imstande,
uns seinem Zauber zu entziehen. Sollte, was wir nicht glauben, ein
Tag kommen, an dem von den Gedanken A. Smith’s nichts mehr

*) Aber „wenn keine Wahrscheinlichkeit dafür vorhanden ist, daß man solchen
Widerruf durchsetzen könne“, so verwirft er Vergeltungsmaßregeln, „denn es scheint
eine schlechte Methode zu sein, den Schaden, der gewissen Klassen unseres Volkes
zugefügt wird, dadurch wieder gutmachen zu wollen, daß wir selbst nicht nur diesen
Klassen, sondern auch fast allen übrigen Schaden zufügen“ (II, S. 24, B. IV, Kap. II).

2)	Die Besprechung dieser verschiedenen Fälle findet sich am Ende des
II. Kapitels des IV. Buches.

3)	Dies System wird im V. Buch, Kap. II, 2. Teil, § 5 erörtert.
        <pb n="140" />
        ﻿Kapitel II. Adam Smith.

115

übrig bliebe, so würde doch sein Werk als das gewaltigste Monument
einer der bedeutendsten Epochen der volkswirtschaftlichen Forschung
bestehen bleiben. Stellt es doch den prächtigsten Versuch dar, in
einem einzigen harmonischen Überblicke die unendliche Mannigfaltig-
keit des wirtschaftlichen Lebens zu erfassen.

Aber in dieser Vereinfachung liegt gleichzeitig seine Schwäche.
Um sie zu erreichen, hat Smith mehr als eine Tatsache übergehen
müssen, die sich seinem Systeme nicht einfügen ließ. Auch war er
gezwungen, unvollständige und ungenügende Mittel zu verwenden.
Was besteht heute noch von vielen der Einzeltheorien, die sein Werk
anfüllen, wie Preistheorie, Lohntheorie, Theorie des Profites und der
Kente, Theorie über den internationalen Handel oder über das Kapital?
Jede ist verbessert, überflügelt oder bestritten worden. Und im Maß,
wie Teile des Gebäudes verfielen, erschien das Ganze immer weniger
standfest. Gleichzeitig ergaben sich neue Gesichtspunkte, die Smith
anscheinend zu wenig beachtet hatte. An Stelle des wohltuenden
Eindruckes der Einfachheit und Sicherheit, den die Nationalökonoinen
am Anfang des 19. Jahrhunderts aus dem Werk Smith’s empfingen,
drängte sich ihren Nachfolgern langsam das Bild der stetig steigenden
Verwicklung der Tatsachen auf.

Wenn wir hier eine Kritik Adam Smith’s einfügen wollten, so
würde das auf eine Darstellung der Geschichte der volkswirtschaft-
lichen Lehren des 19. Jahrhunderts hinauslaufen, und damit den
übrigen Inhalt dieses Buches vorwegnehmen. Ein schöneres Lob
seines Werkes läßt sich kaum denken. Die Geschichte der national-
ökonomischen Ideen hat sich ein ganzes Jahrhundert hindurch
nicht von seinem Werke lösen können. Anhänger und Feinde haben
es gleichmäßig zum Ausgangspunkt ihrer Untersuchungen gemacht.
Die einen haben es weiterentwickelt, fortgeführt und verbessert,
die anderen haben hartnäckig und verbissen seine Grund-
gedanken bekämpft. Alle haben aber in stillschweigender Über-
einstimmung anerkannt, daß die Wissenschaft der Nationalökonomie
mit ihm begonnen hat, und daß es nutzlos sei, hinter ihn zurückzugehen.
Wie sein französischer Übersetzer, Gaeniee, sagt, bedeutet sein Buch
„eine vollständige Umwälzung der Wissenschaft“x). Noch heute,
obgleich uns der „Völkerreichtum“ nicht mehr als eine er-
schöpfende wissenschaftliche Abhandlung über Nationalökonomie gilt,
bleiben gewisse seiner Grundgedanken unbestreitbar: seine Theorie
des Geldes, die Bedeutung der Arbeitsteilung, die grundsätzliche
Holle der spontanen wirtschaftlichen Tatsachen, der beständige Ein-
fluß d^s persönlichen Interesses auf das wirtschaftliche Leben,

h Vorwort zu der franz. Übersetzung; Ausg. 1821, S. 69.

8*
        <pb n="141" />
        ﻿116

Erstes Buch. Die Begründer.

Freiheit als Basis einer rationellen Wirtschaftspolitik, alle diese
Gedanken erscheinen uns als dauernder Erwerb.

Die Unvollkommenheiten des Werkes Smith’s werden sich ganz
natürlich aus den folgenden Kapiteln ergehen. Wir brauchen, um
die Darstellung seiner Lehre zu vervollständigen, nur noch auf ihre
Verbreitung in der Welt einzugehen.

Die rapide Ausbreitung und der unbestrittene Sieg der Gedanken
Smith’s in Europa ist eine der merkwürdigsten Tatsachen in der
Geschichte der Ideen. Einer seiner Zeitgenossen hat von ihm ge-
sagt: „Smith wird die jetzige Generation überzeugen und die folgenden
beherrschen1).“ Die Geschichte hat ihm recht gegeben. Es würde
aber übertrieben sein, den Triumph seiner Ideen allein dem Einflüsse
seines Buches zuzuschreiben. Die Ereignisse haben zum großen Teile
dabei mitgewirkt.

Mit Recht stellt Mantoux fest, daß der Krieg in Amerika weit
mehr als die Schriften Smith’s die Hinfälligkeit der alten Wirt-
schaftspolitik bewies und ihren Verfall beschleunigte2). Aus dem
Abfall der amerikanischen Kolonien ergaben sich zwei Tatsachen;
erstens die Gefahren eines Kolonialsystems, das die blühendsten
Kolonien zum Aufstand trieb, und zweitens das Nutzlose des Schutz-
zollsystems; denn der Güteraustausch zwischen England und den
Vereinigten Staaten war sogleich nach dem Unabhängigkeitskrieg
bedeutender als je zuvor. „Der Schaden, den England durch den
Verlnst seiner nordamerikanischen Kolonien erlitten hat,“ schreibt
J.-B. Say im Jahre 1803, „ist ein Gewinn für das Mutterland ge-
wesen. Einen Zweifel an dieser Tatsache habe ich nirgends ge-
funden3).“ Dem amerikanischen Kriege schlossen sich kurz darauf
andere Umstände an: die zwingende Notwendigkeit, Absatzwege zu
finden, in der sich nach Beendigung der napoleonischen Kriege die
englischen Fabrikanten mit ihren vervollkommneteren maschinellen
Einrichtungen befanden; und weiterhin ihre Überzeugung, daß die
infolge der landwirtschaftlichen Schutzzölle hohen Getreidepreise die
Lohnkosten erhöhten. Diese beiden Gründe genügten, um in ihnen
den Wunsch nach einer allgemeinen Erniedrigung der Zollschranken
lebendig zu machen.

Die Gedanken Smith’s über den auswärtigen Handel, wie die
über den Binnenhandel sind stets von den Ereignissen getragen
worden.

') J. Bab: Life.of A. Smith, S. 103. Übrigens kennt man den Urheber
dieses berühmten Satzes nicht.

2)	Mantoux, La revolution industrielle, S. 83. Halüvy führt den gleichen
Gedanken in seinem Buch: „La Jeunesse de Bentham“ S. 193 (Paris 1801), aus.

3)	J.-B. Say, Traite, 1. Ausg., 8. 240.
        <pb n="142" />
        ﻿Kapitel II. Adam Smith.

117

Die französische Revolution, die in ihren wirtschaftlichen Maß-
nahmen hauptsächlich von den Grundsätzen der Physiokraten ans-
ging, hatte allen freiheitlichen Prinzipien einen mächtigen Auf-
schwung gegeben. Überall auf dem Kontinent ist ihr Einfluß ersicht-
lich. Sogar in England, wo dieser Einfluß geringer war, drängte
alles dem laisser-faire zu. Pitt wollte Irland von veralteten Ein-
schränkungen befreien, wTas er durch das Einverleibnngsgesetz (act
of union) vom Jahre 1800 erreichte. Die Verordnungen der Königin
Elisabeth über die Lehrlinge, die Arbeitszeit, die Festsetzung des
Lohnes durch die Friedensrichter, erschienen täglich mehr veraltet,
je mehr sich die Großindustrie entwickelte. Alle Geschichtsschreiber
der industriellen Umwälzung haben den Kampf, der sich auf diesem
Gebiete zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer abspielte, beschrieben.
Die Arbeiter klammerten sich verzweifelt an die alte Gesetzgebung,
in der sie ihren einzigen Schutz gegen zu schnelle Veränderungen er-
blickten. Die Arbeitgeber lehnten es ab, in der Anwerbung ihrer
Arbeiter oder in dem inneren Betriebe ihrer Fabriken irgendwie be-
schränkt zu werden. Sie wollten ihre Maschinen möglichst lange
laufen lassen und Löhne zahlen, wie sie ihnen paßten. Unter ihren
beständigen Angriffen zerbröckelte nach und nach das alte Lehrlings-
gesetz. Eine Bestimmung nach der anderen wird vom Parlament
abgeschafft. 1814 sind seine letzten Spuren auf immer verschwunden.

Diese Umstände hatte Smith nicht voransgesehen. Es war ihm
nicht eingefallen, den „Kaufleuten und Fabrikanten“ zu Liebe zu
schreiben. Im Gegenteil, er hatte nicht aufgehört, ihre Monopolsucht
anzugreifen. Und plötzlich werden die Fabrikanten und Kaufleute
infolge des Laufes der Dinge seine besten Verbündeten. In ihrem
Kampf liefert sein Werk ihnen die Waffen, und seine Autorität ist
ihre Stütze.

Diese Autorität war übrigens im steten Wachsen. Sogleich nach
dem Erscheinen des Volkerreichtums hatten Männer wie Hume
und der Historiker Gibbon Smith und seinen Freunden ihre Be-
wunderung über das neue Werk ausgesprochen. Ein Jahr darauf
entlieh ihm der Premierminister Lord Nouth den Gedanken neuer
Steuern, die er brauchte: die Steuer auf Wohnhäuser und die Steuer
auf Malz. Smith sollte eine noch bedeutendere Bekehrung zustande
bringen: die Pitt’s, der bei Erscheinen des Völkerreichtums noch
Student war und später sich stets als Anhänger Smith’s bezeichnete.
Kaum Minister geworden, bemühte er sich, Smith’s Ideen zu verwirk-
lichen. Er war es, der den ersten liberalen Handelsvertrag mit
Frankreich Unterzeichnete: den Eden-Vertrag 1), von 1786. Als Smith

0 Nach dem Namen seines englischen Hauptunterhändlers, Lord Eden.
        <pb n="143" />
        ﻿118

Erstes Buch. Die Begründer.

1787 nach London kam, traf Pitt mehrfach mit ihm zusammen und
besprach mit ihm seine Finanzprojekte. Man erzählt sogar, daß
Smith einmal gesagt habe, als er von einer dieser Besprechungen
zurückkam: „Was für ein außerordentlicher Mensch doch dieser Pitt
ist; er versteht meine Ideen besser als ich selber.“

Während Smith so die bedeutendsten Männer seiner Zeit für
sich gewann, drang sein Buch mehr und mehr in das große Publikum.
Nach seiner ersten Ansgabe erschienen, noch zu Lebzeiten des Ver-
fassers, vier weitere Ausgaben seines Werkes1 2). Die dritte, die 1784
herauskam, unterscheidet sich von der ersten durch wichtige Erwei-
terungen und Verbesserungen. Vom Tode des Verfassers im Jahre
1790 bis zum Ende des Jahrhunderts wurden noch drei weitere Auf-
lagen veröffentlicht -).

Zur selben Zeit verbreitete sich sein Werk mit dem gleichen Erfolge
über Europa. In Frankreich war Smith schon durch seine Theorie der
Moralgefühle bekannt. Der erste Hinweis, der in Frankreich auf
den Völker reich tum gemacht worden ist, erschien im Februar
*1777 in einer Notiz des Journal des Savants. In dieser Notiz findet
sich, nach einigen Zeilen über die Vorzüge des Werkes, folgende merk-
würdige Meinung ausgedrückt: „Einige unserer Schriftsteller, die es
gelesen haben, sind nicht der Ansicht, daß es ein Buch sei, dessen
Übersetzung in unsere Sprache lohne. Unter anderen Gründen be-
haupten sie, daß kein Privatmann bereit sein würde, gegenüber der
Unsicherheit über die Aufnahme, die eine solche Übersetzung finden
würde, die Kosten der Drucklegung zu tragen, und daß die Verleger
dieses Risiko noch weniger übernehmen würden. Sie geben aber zu,
daß das Buch an merkwürdigen und mehr noch an nützlichen Gesichts-
punkten und Belehrungen reich ist, von denen sogar Staatsmänner
profitieren könnten.“ — Trotz der Meinung „unserer Schriftsteller“
folgten sich jedoch zahlreiche Übersetzungen, in Frankreich sowohl wie
auch in anderen europäischen Ländern. In etwa 20 Jahren, zwischen
1779 und 1802, fand Smith in Frankreich vier verschiedene Übersetzer.
Dies zeigt zur Genüge das Interesse, das sein Buch erregte3).

1)	In 1778, 1784, 1786 und 1789.

2)	In 1791, 1793 und 1796.

s) 1796 schrieb Prof. Kraus, daß nach dem Neuen Testament kein Buch einen
wohltätigeren Einfluß auszuüben bestimmt sei, sobald es besser bekannt sein würde
(J. Rae, 8. 860). Am Anfang des XIX. Jahrhunderts wurde sein Einfluß tatsächlich
überwiegend. Alle preußischen Staatsmänner, die mit Stein die einschneidenden
Reformen, aus denen das moderne Preußen entstehen sollte, vorbereiteten und ver-
wirklichten, waren von den Gedanken Adam Smith’s erfüllt, und der preußische Zoll-
tarif von 1821 war der erste europäische Tarif, in dem sie mit voller Absicht an-
gewendet wurden (vgl. Roscher, Geschichte der Nationalökonomik in
Deutschland).
        <pb n="144" />
        ﻿Kapitel II. Adam Smith.

119

Wenige Werke haben einen so vollständigen, so allgemeinen Er-
folg verzeichnen können. Trotzdem verbreiteten sich nach der An-
sicht der Bewunderer Smith’s seine Ideen noch nicht schnell genug.
Sie machten hierfür die Fehler der Einteilung des Buches verant-
wortlich, über die man sich seit dem Erscheinen des Völker-
reichtums beklagt hatte. Wenn auch die Einheitlichkeit des inneren
Aufbaüs gut durchgeführt ist, so scheint sich Smith doch nicht darum
gekümmert zu haben, ihr auch äußerlich eine systematische Form zu
geben. Um diese Einheit zu finden, muß man eine wirkliche An-
strengung machen. Vielleicht hat Smith ein gewisses Gefallen daran
gehabt, das Buch wie eine ungezwungene Rede abzufassen, und man
meint manchmal, ein einfaches Gespräch mit anzuhören. Die allge-
meinen Formeln, in denen er seine Gedanken zusammenfaßt, erscheinen
oft in der Mitte oder am Ende eines Kapitels, als ob sie ihm ganz
plötzlich erst im selben Augenblick gekommen wären, als der soeben
auftauchende kurze Ausdruck für alles, was vorhergeht, Auf der
anderen Seite ist die Untersuchung gewisser Fragen, wie z. B. die
des Geldes, über das ganze Buch verstreut: sie wird an mehr als
zehn Stellen behandelt. Hume drückte Smith schon am 1. April 1776
seine Zweifel an der Volkstümlichkeit des Buches aus, „weil seine
Lektüre notwendig gespannteste Aufmerksamkeit verlangt“. Sartorius
schob 1794 den langsamen Erfolg der Ideen Smith’s in Deutschland
der Schwierigkeit dieser Lektüre zu. Germain Garnier schickte
seiner französischen Übersetzung einen methodischen Plan voraus, um
seinen Lesern das Studium des Buches zu erleichtern. Jedermann
gab zu, daß das Werk außerordentlich bedeutend, aber schlecht ange-
ordnet, schwer zu verstehen und stellenweise verworren und ungenau
sei. Say, der das Buch „ein riesiges Chaos von richtigen Ideen, in
wirrer Mischung mit positiven Kenntnissen“ r) nannte, drückte damit
die Meinung aller Leser desselben aus.

Um völlig durchzudringen, bedurfte Smith — wenigstens'auf dem
Kontinent — eines Dolmetschers, dem es gelingen sollte, die Ideen
Smith’s „in eine methodisch festurarissene Lehre zu fassen“1 2) und
von unnötigen Abschweifungen freizuhalten. Diese Aufgabe über-
nahm J.-B. Say. Unter anderen Verdiensten (denn es ist nicht sein
einziges), ist " Ihm das der Verbreitung der Gedanken des großen
Schotten auf dem Kontinent zuzuschreiben, indem er dem Werke
Smith’s eine sozusagen klassische Form gab. Merkwürdigerweise fiel

1)	Vorrede zum Traite d’economie politique, 1. Ansg., 8. VI (dieser
Satz ist in der 6. Ansg. gestrichen).

2)	J.-B. Say, Traite, 1. Ausg., Vorrede, S. XXXIII.
        <pb n="145" />
        ﻿120

Erstes Buch. Die Begründer,

also einem Franzosen die Aufgabe zu, die erste französische Schule
von Nationalökonomen zu diskreditieren und der englischen National-
ökonomie ihre schnelle Ausdehnung zu erleichtern.

J.-B. Say1) war im Jahre 1789 23 Jahre alt und Sekretär
Clavieebs’, der 1792 Finanzminister wurde, und damals den Posten
eines Direktors einer Versicherungsgesellschaft bekleidete. Say fand
bei ihm ein Exemplar des SMiTn’schen Buches, das Clavieres oft
studierte. Er las einige Seiten darin und ließ sich sogleich den
„Völkerre ich tum“ kommen2). Das Buch machte einen tiefen
Eindruck auf ihn. „Wenn man dieses Werk liest, so drängt sich
einem die Überzeugung auf, daß es vor Smith keine Nationalökonomie
gab“, schreibt er Vierzehn Jahre später, im Jahre 1803, erschien
der „Traite d’Economie Politique“ (Abhandlung über politische
Ökonomie). Das Buch erzielte schnell einen großen Erfolg, und die
zweite Ausgabe wäre bald darauf erschienen, wenn der erste Konsul
den Druck nicht untersagt hätte. Der Freimut Say’s, der sich
weigerte, seinen Finanzplänen als Anwalt zu dienen, war Bonapaete
unbequem. Zur gleichen Zeit erwirkte er den Ausschluß des
Verfassers aus dem Tribunat. Say hat daher mit der Herausgabe
der zweiten Auflage bis 1814 gewartet. Von da an folgten schnell
weitere Ausgaben (1817, 1819 und 1826). Das Buch wurde in eine
ganze Anzahl von Sprachen übersetzt. Das Ansehen Say’s wuchs
beständig. Er gelangte zu europäischer Berühmtheit, und mit ihm
eroberten nach und nach die Gedanken Smith’s, die er in logischem
Aufbau klargestellt und auf einige allgemeine Grundprinzipien zurück-

0 Am 5. Januar 1767 in Lyon geboren, tritt er nach einer Reise nach Eng-
land in eine Versicherungsgesellschaft ein, nimmt als Freiwilliger am Feldzug des
Jahres 1792 teil, redigiert von 1794—1799 eine Revue, „De ca de philosophique,
litteraire et politique par une sooiete de republioains“. 1799 wird er
zum Mitglied des Tribunals ernannt. Nach der Veröffentlichung seines Traite,
und da der erste Konsul ihn nicht dazu bewegen konnte, in der 2. Ausgabe auf
seine Finanzpolitik einzugehen, wurde er von ihm aus dem Tribunat ausgeschlossen
und ihm als Entschädigung der Posten eines Direktors der „Droits reunis“ (der
alte Name für die Verwaltung der indirekten Steuern, Anm. d. Übers.) angeboten.
Say, mit der neuen Regierung nicht einverstanden, schlug diesen Posten aus und
errichtete eine Baumwoll-Spinnerei in Auchy-les-Hedins, Dep. Pas-de-Calais. 1813
realisierte er sein Kapital, kehrte nach Paris zurück und veröffentlichte 1814 die

2. Ausgabe seines Traite. 1816 eröflnete er die national-ökonomischen Vorlesungen
im Athenee, wahrscheinlich die ersten in Frankreich, und 1817 gab er seinen
Catechisme d’economie politique heraus. 1819 schuf die Regierung der
Restauration für ihn einen Lehrstuhl für „industrielle Ökonomie“ (das Wort „economie
politique“ schien zu gefährlich) und 1830 wurde er endlich zum Professor der
Economie politique am College de France ernannt. Er starb 1832, nachdem er
von 1828—1829 seinen Cours complet d’economie politique in 6 Bänden
herausgegeben hatte.

2) Vgl. Brief an Louis Say, in 1827, (Euvres diverses, 8. 545.
        <pb n="146" />
        ﻿Kapitel II. Adam Smith.

121

geführt hatte, aus denen sich die Folgerungen von selbst ergaben,
die ganze aufgeklärte öffentliche Meinung.

Man würde aber J.-B. Say Unrecht tun, wenn man in ihm nur
einen Vulgarisator der SMm-i’schen Ideen sehen wollte. Zwar hat er
selbst mit mutiger Bescheidenheit niemals das, was er dem Meister
verdankte, verheimlicht. Überall nennt er seinen Namen. Aber er
begnügt sich nicht damit, seine Gedanken zu wiederholen. Er denkt
sie von neuem durch, sichtet sie, und entwickelt sie weiter, indem
er sie schärfer faßt. Unter den verschiedenen Wegen, denen Smith
in seinen Gedankengängen abwechselnd, und oft ohne feste Ent-
scheidung folgt, gelingt es dem französischen Nationalökonomen,
diejenigen zu vermeiden, die blind enden, und den einen einzuschlagen,
der zum Ziele führt. Diesen Weg zeichnet er dann mit solcher Ge-
nauigkeit vor, daß seine Nachfolger sich nicht mehr verirren können.
Er filtriert sozusagen die Ideen seines Meisters; und zu gleicher
Zeit gibt er ihnen jene besondere Färbung, die für so lange Zeit
der französischen Nationalökonomie ihr eigenes Gepräge gab, gegen-
über der englischen volkswirtschaftlichen Wissenschaft, der damals
Malthüs und Ricardo eine neue Richtung wiesen. Im Werke Say’s
interessiert uns weniger das, was er Smith entlehnt hat, als seine
eigenen Beiträge. Im folgenden versuchen wir sie darzustellen.

1. Vor allem vollendet Say die Niederlage der physiokratischen Ideen.

Das war nicht unwesentlich. Die Anhänger der sogenannten
„Sekte“ waren in Frankreich noch zahlreich vorhanden. Selbst Geemain
Gaeniee, der Übersetzer des Buches Smith’s, hielt die Lehre der
Physiokraten theoretisch für unwiderlegbar. In seinen Augen be-
stand die Überlegenheit des schottischen Nationalökonomen nur in
ihrer Anwendung auf die Praxis. „Wohl kann man,“ sagt er, „die
Theorie der Ekonomisten als weniger nützlich, aber sicherlich nicht
als falsch verwerfen *).“ Smith selbst hat, wie wir wissen, sich nicht
von ihrem Einfluß frei machen können. Er gab noch eine besondere
Produktivität des Bodens auf Grund der Mitarbeit der Natur zu. Er
nannte die Arbeit des Arztes, des Richters, des Rechtsanwaltes oder
des Künstlers unproduktiv. Say löst auch diese letzten Verbindungen.
„Nicht nur in der Landwirtschaft, sondern überall wird die Natur
gezwungen, zusammen mit dem Menschen zu arbeiten“2), und er
will, daß man unter „Grundbesitz“ alle Beihilfe verstehe, die ein
Folk aus der Kraft der Natur ziehen kann, worunter auch die Kraft
des Windes und der Wasserströmungen fallen3).“ Was die Ärzte,

*) Franz. Übers. A. Smith’s von Garsibe, 1802, Bd. Y, S. 283.

2) Tr alte, Ausg. v. 1803, S. 39.

s) Ebenda, S. 21. Später gebraucht er den umfassenderen Ausdruck „agents
uaturels“.
        <pb n="147" />
        ﻿122

Erstes Buch. Die Begründer.

.Rechtsanwälte, Künstler usw. anlangt, so kann man gar nicht leugnen,
daß sie ebenfalls an der Gütererzeugung beteiligt sind. Schon Geemain
Gaeniee hatte gegen ihre Ausschließung protestiert. Zwar sind ihre
Dienste immaterielle Erzeugnisse, aber trotzdem doch ebenso-
gut Erzeugnisse, die, wie die anderen, einen tauschbaren Wert haben,
und die sich aus dem Zusammenwirken von Industrie und Kapital
ergeben 1). Sie sind genau dasselbe wie die Annehmlichkeit und der
Nutzen, den uns materielle Gegenstände, wie z. B. ein Wohnhaus, ein
Garten oder Silbergerät gewähren. In dieser Hinsicht stieß die Lehre
Sat’s zuerst auf einigen Widerstand, da die englischen Ökonomisten
sich nur schwer entschließen konnten, eine einfache Dienstleistung,
die nichts dauerhaftes an sich hat und daher nie dem Kapital Zu-
wachsen kann, als ein wirtschaftliches Gut und folglich als ein Er-
zeugnis anzusprechen. Trotzdem gelang es Say ziemlich schnell, die
Mehrheit der in Betracht kommenden Schriftsteller zu bekehren2 3 * * * *). —
Weiterhin findet er (nach Condillac) einen einschneidenden Beweis
gegen die Physiokraten: „produzieren“ bedeutet keineswegs: materielle
Gegenstände schaffen. (Schafft der Mensch überhaupt etwas, und
tut er je etwas anderes, als die Materie umformen?) Produzieren
bedeutet einfach: Nützlichkeiten schaffen, die Eigenschaften der Sachen,
unserem Bedürfnisse zu dienen und unseren Wünschen entgegen-
zukommen, zu erhöhen. Daher sind alle Arbeiten, die zu diesem
Kesultate beitragen, die Industrie und der Handel, ebenso wie die
Landwirtschaft produktiv8). Auf diese Weise fallen die physio-
kratischen Unterscheidungen in sich zusammen. Damit vollendet
Say eine Widerlegung, die Smith, der noch nicht genug Abstand von
seinen Gegnern hatte, nicht hatte zu Ende führen können.

2.» Auch in einer anderen Hinsicht führt Say das Werk Smith’s
fort und über ihn hinaus. Es handelt sich um die Auffassung von
der Nationalökonomie und der Rolle der Nationalökonomen.

*) Ebenda, Ausg. v. 1803, B. I, Kap. 42 nnd 43. Unter „Industrie“ versteht
Say alle Formen der Arbeit. Vgl. 6. Ausg., S. 70 ff.

2)	Malthüs scheint noch der Lehre von den immateriellen Erzeugnissen ab-
lehnend gegenüber zu stehen, aber Laitdebdalb, Tooke, Mao Culloch und Senior
nehmen sie an, und sie schien endgültig gesichert, als Stuart Mill von neuem den
Sinn des Wortes Produkt allein auf die materiellen Erzeugnisse beschränkte. Was
Tooke anlangt, vgl. seine Briefe an J.-B. Say in den „(Buvres diverses“ des
letzteren.

3)	Traite, B, I, Kap. II. Ist es nicht eigentümlich, daß Say selbst nicht da-

zu gelangt, diesen Gedanken richtig auf den Handel anzuwenden? Er nennt ihn

produktiv, weil er tauschbare Werte schafft, kritisiert aber trotzdem Condillac,

gerade weil er gezeigt hat, daß die Tatsache des Austausches allein den Reichtum

vermehrt, da sie die Nützlichkeit der Gegenstände erhöht! Für Say gehen nämlich

Nützlichkeit und tauschbarer Wert beständig ineinander über, und diese Verwirrung
läßt ihn in schwere Irrtümer verfallen.
        <pb n="148" />
        ﻿Kapitel II. Adam Smith.

123

• Wir haben gesehen, wie sich der Begriff der natürlichen Ordnung
seit den Physiokraten bis auf Smith geändert hat. Für die Physio-
kraten war sie eine zu verwirklichende Ordnung; — ihrem
Wesen nach ist die volkswirtschaftliche Wissenschaft normativ. —
Für A. Smith ist sie eine sich fortwährend verwirklichende
Ordnung; es besteht nach seiner Ansicht eine selbsttätige, wirtschaft-
liche Verfassung, die, wie die Lebenskraft des Körpers, künstliche
Hindernisse, die die Regierungen ihr entgegenstellen, überwindet.
Die praktische Nationalökonomie stützt sich auf die Kenntnis dieser
selbsttätigen Verfassung, um die Staatsmänner zu beraten.* 'Nach Say’s
Ansicht ist dies immer noch ein zu großes Entgegenkommen gegen-
über den Bedürfnissen der Praxis. Die Nationalökonomie ist einzig
die Wissenschaft von der selbsttätigen wirtschaftlichen Verfassung
oder, wie er mit einem Smith noch unbekannten Wort sagt; „von
den Gesetzen, die den Reichtum beherrschen1).“ Sie ist, wie
der Titel seines Werkes hervorhebt, eine „einfache Darlegung, wie
die Reichtümer gebildet, verteilt und verbraucht werden“. Von der
Politik, mit der sie zu oft verwirrt wird, ist sie klar zu unterscheiden,
und ebenso von der Statistik, die nur eine einfache Beschreibung^
der Tatsachen, aber keine Wissenschaft ist, die Prinzipien koordiniert.

'Die Nationalökonomie wird so durch Say zu einer rein theo-
retischen und beschreibenden Wissenschaft^ die Rolle des National-
ökonomen zu der eines Gelehrten. Er ist nicht mehr Ratgeber,
sondern einfach Beobachter, Analytiker, Schilderer. Er muß „un-
gerührter Zuschauer bleiben“, schreibt er an Malthus im Jahre 1820.
„Unsere Aufgabe der Öffentlichkeit gegenüber besteht darin, ihr zu
sagen, wie und warum eine bestimmte Tatsache die Folge einer be-
stimmten anderen ist. Ob ihr diese Folgen Zusagen, ob sie ihr
Schrecken erregen, ist für den Nationalökonomeu ohne Bedeutung.
Sie weiß nun, was sie zu tun hat. Niemals aber sind Ermahnungen
am Platze2).“

Damit bricht Say mit der langen Überlieferung, die, von den
Kanonikern und Kameralisten angefangen, über die Merkantilisten
bis zu den Physiokraten, die Nationalökonomie vor allem zur prak-
tischen Wissenschaft gemacht hatte, zum Führer für den Staats-
mann und den Verwaltungsbeamten. Smith hatte die wirtschaftlichen
Tatsachen schon wie ein Naturforscher betrachtet,„aber wie ein
Naturforscher, der vor allem Arzt bleibt. Say will weiter nichts als
Naturforscher sein. Die Medizin interessiert ihn nicht. Auf diese
Weise führt er die wahre wissenschaftliche Methode ein. Übrigens

0 Traite, 6. Ausg. S. 6.

2) Briefwechsel mit Malthus in den (Buyres diverses, S. 466.
        <pb n="149" />
        ﻿124

Erstes Buch. Die Begründer.

vergleicht er die neue Wissenschaft mehr der Physik als der Natur-
geschichte. Auch hierin weicht er von Smith ab, für den der Wirt-
schaftskörper wesentlich ein lebendes Wesen ist. Ohne noch das
Wort soziale Physik anzuwenden, erinnert Say durch seine wieder-
holten Vergleiche mit der Physik Newtoh’s beständig an diesen Ge-
danken. Wie die Gesetze der Physik „sind ihre Grundsätze keines-
wegs Menschenwerk . . . Sie stammen aus dem Urgründe der Dinge;
man stellt sie nicht auf; man findet sie. Sie beherrschen die Gesetz-
geber und die Fürsten, und niemals verletzt man sie ungestraft1).“
Wie die Gesetze der Schwere sind sie nicht auf die Grenzen eines
Landes beschränkt: „Die Grenzen der Staatsverwaltung, die vom
Gesichtspunkt der Politik aus alles sind, sind für den National-
ökonomen nur Zufälligkeiten2).“ — So baut er die Nationalökonomie
nach dem Bilde einer exakten Wissenschaft auf, deren Gesetze all-
gemein gültig sind. Wie in der Physik, ist es von geringerer Be-
deutung, viele einzelne Tatsachen zu sammeln, als eine kleine An-
zahl allgemeiner Grundsätze zu gewinnen, aus denen man dann je nach
den Umständen eine mehr oder weniger lange Kette von Schluß-
folgerungen zieht.

Leidenschaftlosigkeit8), ein auf das Ganze gerichteter Blick und
Mißtrauen gegenüber jeder Verallgemeinerung einzelner Tatsachen,
sind zweifellos Eigenschaften des echten Gelehrten, aber Eigenschaften,
die bei weniger umfassender Begabung als der J.-B. Say’s, sich
leicht verändern, sich zu Fehlern ausbilden können, und dann zu
Gleichgültigkeit, Dogmatismus und Tatsachenverachtung werden. Ist
nicht gerade das eingetreten? Hat Say, indem er diese Grundsätze
aufstellte, die Nationalökonomie nicht auf den Weg gebracht, wo sie
sehr bald auf die oft sehr berechtigte Feindschaft eines Sismondi,
eines List, der historischen Schule und der Christlich-Sozialen treffen
mußte? Indem er die Politik radikal von der Volkswirtschaftslehre
trennte, indem er die Sorge um die Praxis, die Smith noch so
stark beschäftigt hatte, aus dieser Wissenschaft ausschied, gibt
er ihr wohl eine größere Harmonie, aber auch eine gewisse Nüch-

*) Traite, Vorrede, 1. Ausg., S. IX, und 6. Ausg., S. 13.

2) Traite, 1, Ausg., I, S. 404,

s) Man darf nicht übertreiben und Say als gleichgültig gegen das Leiden des
Elendes ansehen. Er stellt z. B. fest, daß „für viele Haushaltungen, in den Städten,
wie auf dem Lande, das ganze Leben aus Entbehrungen besteht“, und daß die
Sparsamkeit „im allgemeinen nicht mit Hinsicht auf unnötigen Verbrauch, wie
es die Politik und die Humanität haben möchten, geübt wird, sondern daß wirkliche
Bedürfnisse darunter zu leiden haben, wodurch das volkswirtschaftliche
System vieler Eegierungen verurteilt wird“. — Traite, 1. Ausg.,
Bd. I, 8. 97/98 und 6. Ausg., S. 116. •— Vgl, auch, was wir oben, S. 104, Anm. 4
sagen.
        <pb n="150" />
        ﻿Kapitel II. Adam Smith.

125

ternheit, die bei seinen weniger hochstehenden Nachfolgern der
Langenweile oder der Banalität zum verwechseln ähnlich sieht.
Mit Recht oder Unrecht hat man die Verantwortung hierfür Say
zugeschoben.

3. Wir haben den Einfluß des Fortschrittes der physikalischen
Wissenschaften auf die Auffassung, die Say sich von der Wissen-
schaft der/Volkswirtschaft machte, gesehen. Der ' wirtschaftliche
Fortschritt ist von nicht geringerem Einfluß auf den französischen
Nationalökonomen gewesen. ‘Zwischen die Jahre 1776, in dem der
Völkerreichtum erschien, und 1803, in dem der Traite er-
scheint, fällt die industrielle Umwälzung. Für die Geschichte der
Ideen ist sie ein Ereignis von großer Bedeutung/

Als Say, kurz vor 1789, England besuchte, fand er dort die
Herrschaft der Maschine in vollem Aufschwung. Zu dieser Zeit
war die große Industrie Frankreichs noch in ihren ersten Anfängen.
Unter dem Kaiserreiche entwickelte sie sich schnell, und seit 1815
wurde ihre Ausdehnung ungeheuer. Chaptal zählt in seinem Werk:
„De l’industrie franpaise“ im Jahre 1819; 220 Spinnereien mit 922200
Spindeln, die über 13 Mül. kg Rohbaumwolle verarbeiteten. Dies ist
nur der fünfte Teil der englischen Produktion, — aber 20 Jahre
später hatte sich die Textilindustrie vervierfacht. Die anderen
Industrien folgten im gleichen Geschwindschritt. Jeder fühlte, daß
da die Zukunft liege, eine unbestimmte Zukunft, anscheinend voller
Reichtum, xkrbeit und Wohlstand. Die neue Generation war davon
wie berauscht; dieser industrielle Rausch fand seinen blendendsten
Ausdruck in der Lehre St. Simon’s.

Auch Say hat sich ihm nicht entziehen können. Während Smith’s
Hauptsorge noch der Landwirtschaft gilt, drängt bei Say die Industrie
darauf hin, die erste Rolle zu spielen. Von da an beherrschen, während
langer Jahre, industrielle Probleme die Nationalökonomie. Die ersten
offiziellen Vorlesungen über Nationalökonomie, die Say selbst am
„Conservatoire des Arts et Metiers“ hält, nennen sich Vorlesungen
über industrielle Ökonomie.

Auf der Stufenleiter der für das Volk nützlichen Beschäftigungen
hatte Smith die Landwirtschaft an die erste Stelle gesetzt. Say be-
hält diese Ordnung bei, aber er stellt auf die gleiche Stufe mit der
Landwirtschaft „die Kapitalien, die aufgewendet werden, um die
produktiven Kräfte der Natur zu verwerten. . . . Eine wohldurch-
dachte Maschine erzeugt mehr als die Zinsen dessen, was sie ge-
kostet hat, oder auch, sie läßt die Gesamtheit an der Verbilligung, die
die Maschinenarbeit ermöglicht, teilnehmen“ J)- Diese Stelle findet

l) Tratte, 6. Ausg., S. 403.
        <pb n="151" />
        ﻿126

Erstes Buch. Die Begründer.

sich noch nicht in der Ausgabe von 1803. Sie erschien erst in der
zweiten Ausgabe. In der Zwischenzeit hatte Say seine Spinnerei in
Auchy-les-Hedins geleitet und hatte von seinen Erfahrungen pro-
fitiert. Diese Frage der Maschinen, die Smith nur in einem kurzen
Satze berührt, nimmt in dem Werke Say’s mit den sich folgenden
Auflagen einen immer größeren Kaum ein. Die Einführung der
maschinellen Erfindungen, die sich zu dieser Zeit in Frankreich wie
in England überstürzten, rief oft Arbeiterunruhen hervor. Daher
wird Say auch nicht müde, ihre Wohltaten aufzuzählen. Anfangs
gab er noch zu, daß die Regierung, um vorübergehende Nachteile
abzuschwächen: „den Gebrauch einer neuen Maschine fürs erste auf
gewisse Bezirke, wo Arbeiter spärlich und von anderen Zweigen der
Industrie begehrt sind, beschränken solle“1). Seit der fünften Aus-
gabe aber ändert er seine Meinung und findet, daß eine solche Be-
schränkung „eine Verletzung der Eigentumsrechte des Erfinders“2)
sein würde, und läßt nur öffentliche Notstandsarbeiten zur Be-
schäftigung der durch die Maschinen ihrer Arbeitsgelegenheit be-
raubten Leute zu.

Dem Einflüsse der gleichen Umstände kann man die überwiegende
Bedeutung beimessen, die J.-B. Say einer Klasse von Personen zu-
schreibt, die Smith nicht näher definiert hatte, die aber von jetzt
an nicht mehr aus der Theorie der Wirtschaft verschwunden sollte:
die der Unternehmer. War am Anfang des 19. Jahrhunderts der
hauptsächlichste Träger des Fortschrittes nicht der fleißige, eifrige,
unterrichtete Mann, der Industrielle, der kluge Ingenieur, der mit
seiner Zeit fortschreitende Landwirt, der kühne Geschäftsmann, dessen
Typus sich in allen Ländern gleichzeitig mit den wissenschaftlichen
Entdeckungen und der Ausdehnung der Absatzgebiete vervielfachte ?
Er, viel mehr als der Kapitalist im engeren Sinne, der Großgrund-
besitzer oder der „fast stets passive“ Arbeiter, leitete die Produktion
und beherrschte die Verteilung der Güter. *„Das, was den bemerkens-
wertesten Einfluß auf die Verteilung der Güter ausübt,“ sagt Say,
„ist die Tüchtigkeit des industriellen Unternehmers.’ Im gleichen
Industriezweig sammelt der eine Unternehmer, der Urteilskraft, Tatkraft,
Ordnungsliebe und Kenntnisse hat, ein Vermögen, während ein anderer,
der diese Eigenschaften nicht besitzt oder allzu schwierige Umstände
antriff't, zugrunde geht3).“ * Spricht hier nicht ebenfalls der Spinnerei-
besitzer von Auchy-les-Hedins?' Man kann sich leicht davon über-
zeugen, wenn man die beiden Ausgaben seines Buches, die von 1803

1)	Tratte, 1. Ausg., I, S. 48.

2)	Traite, 5. Ausg., I, S. 67.

3)	Kritische Untersuchung der Ausführungen Mac Cülloch’s (1825), CE uv res
diverses, S. 274—275.
        <pb n="152" />
        ﻿Kapitel II. Adam Smith.

127

und die von 1814, vergleicht. Man sieht da, wie von einer zur anderen
das Verständnis dieses Problems sich klärt und befestigt.

Diesem sehr richtigen Gefühle verdanken wir 'die von Say aus-
geftihrte Auffassung des Mechanismus der Güterverteilung, die in
ihrer klassisch gewordenen Form der Smith’s und der der Physio-
kraten weit überlegen ist. Der Unternehmer wird der Mittelpunkt
der ganzen Verteilung* Man kann diesen Gedanken wie folgt zu-
sammenfassen :

Der Mensch, das Kapital und der Boden liefern das, was Say
produktive Dienste (Services productifs) nennt. Diese auf den
Markt gebrachten Dienste werden gegen Lohn, Zinsen oder Pacht
getauscht. Sie werden von den industriellen Unternehmern (Kauf-
leuten, Landwirten, Fabrikanten) nachgefragt und zwar zweckmäßig in
der Art, daß die Nachfrage nach Produkten, die von dem Verbraucher
ausgeht, befriedigt werden kann. „Die industriellen Unternehmer sind
sozusagen nur die Vermittler, die zu den für irgendein Produkt not-
wendigen produktiven Diensten auffordern, und zwar im Verhältnis
der Nachfrage nach diesem Produkt.“ So entsteht die Nachfrage nach
produktiven Diensten, die „eine der Grundlagen des Wertes dieser
Dienste“ ist. — „Andererseits bieten sich die Produktionskräfte,
Menschen und Dinge, Grundstücke, Kapitalien oder fleißige Leute in
mehr oder weniger großer Menge auf Grund verschiedener Beweg-
gründe an . . . und bilden so die andere Basis des Wertes, der sich
für diese selben Dienste ergibt1).“ Daher beherrscht das Gesetz des
Angebotes und der Nachfrage den Preis der Dienste, d. h. die Höhe
der Pacht, der Zinsen und des Lohnes, genau so, wie es den Preis der
erzeugten Güter beherrscht. Dank dem Unternehmer verteilt sich
der Wert der Produkte zwischen den „verschiedenen produktiven
Diensten“, und die verschiedenen Dienste verteilen sich je nach dem
Bedarf zwischen den Industrien. Die Theorie der Verteilung fügt
sich harmonisch der Theorie des Austausches und der Produktion an.

Dieses so einfache Schema der Güterverteilung stellte einen
■wirklichen Fortschritt dar. Zunächst ist es viel genauer als das der
Physiokraten, wo die materiellen Produkte sich zwischen den Klassen
und nicht zwischen den Individuen austauschten. — ‘ Es gestattet
weiterhin, die Entlohnung des Kapitalisten von der des Unternehmers,
den A. Smith mit jenem zusammenwirft, zu trennen." Unter dem Vor-
wände, daß der Unternehmer meistenteils ein Kapitalist ist, betrachtet
der schottische Nationalökonom, dem hierin fast alle englischen Schrift-
steller folgen, beide als einen Begriff und bezeichnet mit dem Worte
»Profit“ den Gesamtgewinn, ohne scharf zwischen den Zinsen der

b Tratte, 6. Ausg., S. 349.
        <pb n="153" />
        ﻿128

Erstes Buch. Die Begründer.

Kapitalien und dem wirklichen Gewinne zu unterscheiden. Eine
höchst bedauerliche Verwirrung, die noch lange auf der englischen
Nationalökonomie lastete! — Dann hatte die Theorie Say’s noch einen
weiteren Vorzug: sie lieferte seinen französischen Nachfolgern ein
klares Schema der Güterverteilung, das bei Smith fehlte, und zwar
gerade in dem Augenblick, in dem Eigaedo seinerseits diese Lücke durch
seine neue Verteilungstheorie auszufüllen suchte, nach der die Rente
auf Grund ihrer Natur und ihrer Gesetze zu den anderen Einkommen
in Gegensatz trat, und nach der der Lohn sich immer umgekehrt
wie der Profit verändert, derart, daß der eine nicht steigen kann,
ohne daß der andere sinkt. Eine verführerische, wenn auch irrige
Theorie, die die englischen Nationalökonomen in endlose Diskussionen
verwackeln sollte, und die zuletzt aufgegeben werden mußte. Indem
Say die Abhängigkeit nachwies, in der Lohn und Profit gleich-
zeitig von der Güternachfrage stehen, und durch seine Zurück-
führung der Höhe der Pacht auf die gleichen allgemeinen Ursachen
(Angebot und Nachfrage), die die Höhe der anderen produktiven
Dienste erklären, hat er der französischen Nationalökonomie solche
Verirrungen erspart. Damit hat er auch Waleas die ersten Richt-
linien seiner prächtigen Auffassung des Preises der Dienste und
des wirtschaftlichen Gleichgewichts geliefert. So erklärt sich, daß er
der Rententheorie nicht die gleiche außerordentliche Bedeutung zu-
schrieb, die ihr die englischen Nationalökonomen gaben, worin ihm
die große Mehrzahl der französischen Ökonomisten folgte. Hingegen
ist er aus dem gleichen Grunde niemals auf die Meinung verfallen,
die die Grundrente einfach fortleugnet, und sie als ein Einkommen
betrachtet, das einzig aus den im Boden angelegten Kapitalien
entsteht. Er hat sogar diesen Irrtum im voraus widerlegt, den Carey
und Bastiat später aufrecht zu erhalten suchten r).

4. Bisher erscheint uns Say besonders durch seine Begabung zu
logischer Zusammenordnung der Gedanken bemerkenswert. Hat er
aber die volkswirtschaftliche Wissenschaft um keine durchaus neue
Wahrheit bereichert?

Lange hat man seine Theorie der Absatzwege als eine
Entdeckung ersten Ranges angesehen: „Erzeugnisse kaufen sich mit
Erzeugnissen.“ Dies ist zwar eine glückliche Formel, aber keine

r) Die Pacht ist, sagt er, ohne Zweifel teilweise der Zins des in den Boden ge-
steckten Kapitals, „denn es gibt wenige Güter, die aus den ausgeführten Meliorationen
nicht einigen Wert zögen, aber die Gesamtheit ihres Pachtwertes würde nur dann
allein hierauf zurückzuführen sein, wenn der ertragfähigere Boden ohne jede Meli-
oration sich überhaupt nicht verpachten ließe, was in keinem zivilisierten Lande
verkommt.“ Kritische Untersuchung der Ausführungen Mac Cülloch’s (1825) in den
(Buvres diverses, S. 277.
        <pb n="154" />
        ﻿Kapitel II. Adam Smith.

129

tiefsinnige Wahrheit. Sie drückt weiter nichts ans, als die Smith
wie den Physiokraten geläufige Idee, daß das Geld nur ein Mittel
ist; man erwirbt es nur, um es sogleich wieder los zu werden und
gegen ein neues Erzeugnis einzutauschen. „Nach beendigtem Tausch
findet man, daß man Erzeugnisse mit Erzeugnissen bezahlt hat1).“
So erschließen die Waren sich gegenseitig ihre Absatzwege,
und es liegt im Interesse eines Landes, das viel produziert, die
anderen Länder wenigstens ebensoviel erzeugen zu sehen. Say sieht
schon in der Ferne die Verbrüderung der Völker, die sich aus
diesem Prinzip ergibt. Er sagt; „die Theorie der Absatzwege . . .
wird die Weltpolitik umändern2).“ Auf sie glaubte er die ganze
Freihandelspolitik gründen zu können. Leider hieß das etwas viel
von einer Formel erwarten, deren Unbestimmtheit und Selbstverständ-
lichkeit sie fast unbrauchbar machten.

Interessanter ist es, wie er die Theorie der Absatzwege auf die
Überproduktionskrisen anwandte, — werden damit doch die wahren
Bestrebungen Say’s voll ins Licht gestellt. Schon Garniee hatte eine
allgemeine Stauung auf den Märkten als möglich vorausgesagt. In
dem Maße, wie die Krisen sich häuften, beschäftigte diese Sorge
immer weitere wissenschaftliche Kreise. Nichts ist weniger logisch,
sagt Say. Das Gesamtangebot an Gütern und die Gesamtnachfrage
nach Gütern halten sich notwendigerweise die Wage, denn die Ge-
samtnachfrage ist weiter nichts, als die Gesamtmenge der erzeugten
Güter. Folglich ist eine allgemeine Stauung ein Widersinn8). Sie
stellt einfach einen allgemeinen Überfluß an Gütern vor, „und Güter
können den Völkern ebensowenig lästig fallen, wie Einzelpersonen“ 4).
Das einzige, was möglich ist, ist eine schlechte Leitung der Pro-
duktionsmittel, und folglich ein Überfluß dieses oder jenes Produktes,
mit anderen Worten, eine teilweise Stauung6). Der Gedanke Say’s
besagt, daß man nie zu befürchten braucht, von allen Gütern auf
einmal zu viel zu produzieren, aber daß es sehr wohl möglich ist, von
der einen oder der anderen Art im Einzelfall zu viel zu erzeugen.

Diese richtigen Ideen hat Say auf oft paradoxe Formeln gebracht.
Beim Lesen gewisser Stellen seiner zweiten Ausgabe8) hat man

:) Tratte, 1. Ausg., S. 154.

2)	„Wie die Wärmetheorie, die des Hebels und der schiefen Ebene die ganze
Natur dem Menschen untertan gemacht haben, so wird die Theorie des Güteraus-
tausches und der Absatzwege die Weltpolitik ändern“ (Traite, 6. Ausg., S. 51).

3)	Traite, 1. Ausg,, II, S. 175.

4)	Ebenda, S. 179.

6) Ebenda, S. 178.

6) „Ein Produktionszweig würde selten die anderen übersteigen, und Erzeugnisse
würden selten verschleudert werden, wenn allen stets ihre volle Freiheit gelassen
würde“ {6. Ausg., S. 143). Man hat seinem Ausspruch: „Gewisse Erzeugnisse sind
Gide und Eist, Gesch. d. Volkswirtschaft!. Lehrmeinungen.	9
        <pb n="155" />
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Erstes Buch. Die Begründer.

glauben können, daß er Krisen überhaupt leugnet. Im Grunde konnte
er gar nicht anders, als ihr Vorhandensein zuzugeben; was ihn aber
am meisten beschäftigt, ist, jede der Ausdehnung der Industrie un-
günstige Schlußfolgerung von vornherein abzuweisen.

Er hält die Krisen für eine im wesentlichen „vorübergehende *)“
Erscheinung; er betont, daß „die Freiheit der Industrie genügen würde,
sie unmöglich zu machen“. Ihm liegt hauptsächlich daran, „die
grundlosen Befürchtungen“ derer zu zerstreuen, die fürchten, daß nicht
alle Güter verbraucht werden können, wie z. B. die eines Malthus,
der die Erhaltung der reichen Müßiggänger als Sicherheitsventil
gegen die Überproduktion2) für wünschenswert erachtet, die eines
Sismondi, der flehentlich um Verlangsamung des Fortschrittes, um
Verhinderung der Erfindungen bittet. Er entrüstet sich über solche
Worte, da bei den blühendsten Völkern „sieben Achtel der Bevölkerung
eine Unmenge von Gütern entbehren muß, die jede, ich will nicht
einmal sagen wohlhabende, sondern ganz bescheidene Haushaltung
für nötig erachtet“ 8). ‘Er wird nicht müde, zu betonen und zu wieder-
holen, daß der Fehler nicht darin liegt, daß zu viel produziert wird,
sondern darin, daß nicht das produziert wird, was gebraucht wird4 S. * *)-“
Produzieren und nochmals produzieren: darin liegt alles, und ganz
natürlich werden gerade die, die einen Augenblick unter dem Preis-

überreichlich vorhanden, weil andere zu fehlen angefangen haben“ (Ebenda,

S. 142), der sogar die Möglichkeit einer teilweisen Überproduktion zu verneinen
scheint, zu viel Bedeutung beigelegt. Er wird aber durch den Satz korrigiert, den
er selbst, um jedes Mißverständnis auszuschließen, als Anmerkung an den Fuß der
folgenden Seite gesetzt hat: „Der Sinn dieses Kapitels ist nicht, daß man von
einer bestimmten Ware im Verhältnis zum Bedarf nicht zu viel er-
zeugen könne, sondern nur, daß die Produktion einer Ware den Absatz einer
anderen begünstigt.“ Und er ist sich selbst sicherlich untreu, geworden, wenn er in
seinen Briefen an Mai.thüs, um seinen Standpunkt zu verteidigen, auf ein schlechtes
Wortspiel zurückgreift, indem er sagt, daß, produzieren bedeute: „nachgefragte
Gegenstände produzieren“ und alles, was über diese „Nachfrage“ hinausgehe, sei
nicht mehr Produktion, und folglich noch weniger „Überproduktion“ (S. 462). Vgl.
die Antwort Malthus’ (S. 508) und die Erwiderung Say’s, in der er seine Idee be-
stätigt (S. 513). Viel näher seinem wirklichen Gedanken, und auch viel wahrer, ist
seine Antwort auf einen Aufsatz Sismonm’s, die 1824 in der Eevue encyclo-
pedique unter der Überschrift: „Sur la balance des consommations avec les produo-
tions“ (Über das Gleichgewicht zwischen Verbrauch und Produktion) veröffentlicht
wurde. (Euvres diverses, 8. 250ff, — Seine Ausdrücke ändern sich übrigens
von einer Ausgabe zur anderen, und im Grunde genommen ist nichts unbestimmter,
als die Anschauung Say’s über diesen Gegenstand. Die Formel: „Erzeugnisse kaufen
sich mit Erzeugnissen“ ist so allgemein, daß sie alles, was man will, bedeuten kann
— oder überhaupt nichts, denn ist das Geld nicht auch ein Erzeugnis?

1)	Briefe an Malthus, (Euvres diverses, 8. 466.

2)	Malthus, Principles of political Economy; II, Kap. I, Abs. IX.

3)	Balance des consommations avec les productions, S. 252.

4)	Ebenda, 8. 251.
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        ﻿Kapitel II. Adam Smith.

Sturz leiden müssen, die ersten sein, die unter der Verbilligung der
Gegenstände die Wohltaten der Ausdehnung der Industrie spüren.

ln dieser eine kurze Zeit hindurch berühmten Polemik zwischen
Say, Mälthus, Sismondi und Ricaedo (der hierin der Meinung Sax’s
beitrat) darf man keine Aufklärung über die Krisen selbst suchen
— man würde keine finden, — sondern den Ausdruck eines im Grunde
richtigen Gefühls, dem Say leider eine ungenügende wissenschaftliche
Form gab.

' Die Rolle J.-ß. Say’s in der Geschichte der wirtschaftlichen
Lehren*ist durchaus nicht unbedeutend. Die fremden Nationalöko-
nomen erkennen dies nicht immer an. Besonders Düheing ist, trotz
seines gewöhnlichen Scharfsinns, höchst ungerecht, wenn er von der
'„Verwässerungsarbeit“ Say’s''spricht *). Sicherlich ist Say in seinem
Bestreben nach Klarheit hin und wieder über schwierige Probleme
hinweggeglitten, anstatt ihnen auf den Grund zu gehen.’ Die National-
ökonomie wird in seinen Händen oft allzu einfach. Gewisse Schwierig-
keiten verhüllt er in phrasenhaften Wendungen * (worin ihm z. B.
Bastiat nur zu gern nachgeahmt hat). Smith’s Dunkelheit ist oft
fruchtbar, Say’s Klarheit bietet dem Geist weniger Anregung. Dies
ist alles ganz richtig. Trotzdem hat er aber der französischen Wissen-
schaft die wesentlichen Ideen des großen Schotten getreulich überliefert.'
Mit glücklicher Hand hat er auf Grund seiner Kenntnisse Condillac’s
und Tuegot’s gewisse zweifelhafte Meinungen des Meisters ver-
bessert. So hat er seinen Nachfolgern viele Irrtümer erspart. Er
hat der französischen Nationalökonomie seinen Stempel aufgedrückt,
und wenn die englischen Volkswirtschaftler'seine Auffassung des
Unternehmersxfrüher aufgenommen hätten (anstatt damit bis auf Jbvons
zu warten), würden sie die Wissenschaft vor vielen unfruchtbaren
Diskussionen verschont haben, die besonders ein Denker hervorrief,
der wohl viel tiefer schürfte als Say, ihm aber an Schärfe des Urteils
nachstand: David Ricaedo 2). v

*) Düheing, Kritische Geschichte der Nationalökonomie und des
Sozialismus, 2. Ausg. 1875, 8. 165. Dagegen wird man mit Vorteil die sehr
interessanten Forschungen von Allix über J.-B. Say in der Eevue d’Economie
politique, Jahrg. 1910, 8. 303 und 341, und die der Bevue d’histoire des
Doctrines 1911, S. 321, lesen.

2) Stanley Jevons (Theory of political Economy, 3. Ausg. 1888) erkennt,
vielleicht in zu absoluten Ausdrücken, die ÜberlegenheiVder französischen Ökonomisten
über Eicaedo an: „Der Schluß, der sich mir immer klarer aufdrängt, ist, daß das
einzige Mittel, ein wahres nationalökonomisches System aufzustellen, darin liegt, ein
für allemal die verschwommenen und widersinnigen Hypothesen der Schule Eicahdo’s
zu verwerfen. Die Wahrheit ist bei der französischen Schule (die er auf Condillac,
Baudeau, J.-B. Say zurückführt); und je eher wir das erkennen, um so besser wird
es sein“ (Vorrede, S. XLIII).
        <pb n="157" />
        ﻿132

Erstes Buch. Die Begründer.

Kapitel III.

Die Pessimisten.

Mit den Nationalökonomen, die im vorliegenden Kapitel zur Be-
sprechung kommen, tritt eine neue Richtung auf. Bisher konnten
wir nur bewundern, wie die soeben aufgedeckte Ordnung der Tat-
sachen alles auf das Wohl des Individuums und der Völker bezog.
Jetzt aber erscheinen Lehren, die, wie eine Wolke vor dem strahlen-
den Morgenrot der jungen Wissenschaft, einen tiefen Schatten werfen,
einen Schatten, der stetig wuchs und der ihr zum Schluß jenes unheil-
volle Aussehen einer „scientia sinistra“ gab, einer „dismal Science“,
wie Caelyle später sagte.

Aus diesem Grunde nennen wir sie Pessimisten, ohne mit diesem
Beiwort einen Tadel ausdrücken zu wollen, da wir im Gegenteil zu
zeigen versuchen werden, daß ihre Theorien der Wahrheit näher
kommen, als die der Optimisten, von denen wir weiterhin sprechen
werden: — Pessimisten, weil sie uns zahllose Gründe aufdecken, um
nicht mehr an die Übereinstimmung der individuellen Interessen mit
denen der Allgemeinheit zu glauben, trotzdem sie selbst, genau wie
ihre Vorgänger, fortfahren, das Vorhandensein dieser Übereinstimmung
zu behaupten; — Pessimisten, weil sie uns überall verwirrende Gegen-
sätze zwischen den Grundbesitzern und den Kapitalisten, zwischen
den Kapitalisten und den Arbeitern zeigen; —Pessimisten, weil sie
unter den Gesetzen der Natur, und sogar der Vorsehung, die die
Ordnung auf Grund der einzigen Bedingung verwirklichen sollten,
daß die Menschen sie verstehen und ihnen gehorchen lernen, andere
zu entdecken wähnen, die, wie das'Gesetz der Bodenrente, einer
kleinen Zahl müßiger Grundeigentümer ein Einkommen sichern, das im
direkten Verhältnis zu der Not der Bevölkerung wächst; oder wde das
"Gesetz des sinkendenBodener träges, nachdem der Erzeugung
der unentbehrlichen Lebensmittel verhängnisvolle Grenzen gezogen sind,
Grenzen, deren Druck sich schon jetzt sehr fühlbar macht, und die den
Menschen keine andere Aussicht lassen, um ihr Los zu verbessern, als
freiwillig ihre Anzahl zu beschränken; oder endlich'Gesetze wie das
des konstant sinkenden Profites, das den Fleiß des Menschen
früher oder später im Sumpf des „stationären Zustandes“ endigen
lassen muß.

Pessimisten auch deshalb, weil sie nicht an die Möglichkeit
glaubten, den Lauf dieser unabänderlichen Gesetze wandeln zu können,
denen nach ihrer Ansicht gesetzgeberische Reformen ebenso wie die
organisierte Betätigung eines zielbewußten Willens ohnmächtig gegen-
        <pb n="158" />
        ﻿Kapitel III. Die Pessimisten.

133

überstellen. Ihr Vertrauen auf das, was wir Fortschritt nennen, war
alles in allem äußerst gering.

Man darf aber nicht annehmen, daß sie sich selbst als Pessi-
misten betrachtet, oder daß ihre Zeitgenossen sie dafür gehalten
hätten. Es ist das eine Bezeichnung a posteriori, die sie stark
in Erstaunen gesetzt haben würde. Sie entwickeln im Gegenteil
ihre Theorien mit einer Seelenheiterkeit, die befremdet. Keinen
Augenblick kommt ihnen der Gedanke, daß mau darin eine Anklage
gegen die bestehende Ordnung der Dinge oder gegen die Weisheit
des „großen Schöpfers der Natur“ sehen könnte. Sie glauben, das
Grundeigentum auf eine unerschütterliche Basis gestellt zu haben,
wenn sie nachweisen, daß die Bodenrente nichts mit dem Eigentum
zu tun habe. Sie zweifeln nicht daran, den Geist der Revolte ent-
waffnet zu haben, wenn sie den Armen nachweisen, daß sie selbst
für ihr Unglück verantwortlich sind1).

Die beiden Hauptvertreter dieser Lehre, Malthus und Ricardo,
waren Philanthropen, Volksfreunde, wie sie selbst erklären, und wir
haben keinen Grund, ihre Aufrichtigkeit in Zweifel zu ziehen2). Ihre
Zeitgenossen waren über diese neue Nationalökonomie keineswegs
erschrocken, sondern nahmen sie mit großer Begeisterung auf. Die
große englische Gesellschaft3) öffnete ihnen weit ihre Arme, und sogar
Damen bemühten sich, in Novellen und Erzählungen die abstrakten
Theorien eines Ricardo 4) allen verständlich zu machen.

Auch muß man anerkennen, daß sie der Wissenschaft — und
infolge einer durch sie hervorgerufenen Gegenströmung auch den
Arbeiterklassen — ganz bedeutende Dienste geleistet haben. Auch

') „Das Volk muß sich seihst als die Hauptursaohe seines Elendes betrachten“
(Malthus, S. 500).

Deshalb sagen zweifellos auch andere Schriftsteller, wie z.B.EMBHALßvYin seinem
Buch: Le Eadicalisme Philosophique, daß Eicakdo, Malthus und ihre Jünger
„als Vertreter des Optimismus und des „nicht-daran-rührens“ gelten“. Optimis-
mus also! In welchem Sinn? Ohne Zweifel, weil sie die wirtschaftliche Ordnung
für die bestmögliche und auf jeden Fall für unabänderlich hielten? Mag das sein.
Hierfür scheint uns dann aber die Bezeichnung „zufriedene Pessimisten“ besser.

2)	„Jeder unparteiische Leser muß anerkennen, daß das praktische Ziel, das dem
Verfasser vor allen vorsohwebte, die Besserung der Lage und die Erhöhung des
Lebensglücks der unteren Gesellschaftsklassen ist.“ Mit dieser Erklärung schließt
Malthus sein Buch über die Bevölkerung.

3)	In ihren Briefen erzählt uns eine Zeitgenossin Eicardo’s, Miss Edgewokth,
die Nationalökonomie wäre damals so stark Mode gewesen, daß die Damen der Ge-
sellschaft, ehe sie für ihre Töchter eine Erzieherin nahmen, sich erkundigten, ob die

streifende diese Wissenschaft lehren könne.

) Conversations on Political Economy, von Mns Mahcei (1816).
lustrations of Political Economy, von Miss Martinbau, 9 Bände mit zu-
sammen 30 Erzählungen (1832—1834).
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        ﻿134

Erstes Buch. Die Begründer.

wenn den Pessimisten, wie hier, ihr Pessimismus nicht bewußt wird,
dienen sie dem Fortschritt doch mehr, als die Optimisten. Ihnen ist
die große kritische Bearbeitung aller volkswirtschaftlichen Lehren
und Einrichtungen zu verdanken, die das 19. Jahrhundert geleistet
hat, und die noch bei weitem nicht abgeschlossen ist. Wie wir
weiterhin sehen werden, ist Ricardo der geistige Vater von Kael
Marx. Übrigens sind mehrere ihrer Theorien durchaus nicht pessi-
mistisch, — aber gerade auf diesen beruht ihr Eulim nicht.

I.

Malthus*).

Obgleich Malthus fast nur durch sein Bevölkerungsgesetz be-
kannt ist, wäre er auch ohne dies ein Nationalökonom ersten Ranges
gewesen, und zwar dank seiner großen Abhandlung über National-
ökonomie und mehreren anderen bemerkenswerten Schriften. Wir

•) Robert Malthus ist im Jahr 1766 geboren. Sein Vater war ein hochgebildeter
Landedelmann, der in Berührung mit den Philosophen seiner Zeit, besonders mit Hume
und anscheinend sogar auch mit J.-J. Rousseau, stand. Er ließ seinem Sohne eine aus-
gezeichnete Erziehung zuteil werden und bestimmte ihn, da er der Jüngere war,
wie üblich, für die Theologie. So übernahm Robert Malthus nach dem Verlassen
der Universität Cambridge eine Pfarrstelle auf dem Lande. 1807 jedoch wurde er
zum Professor an einer von der Ostindischen Kompagnie in Haileybnry (Herfordshire)
gegründeten höheren Unterrichtsanstalt ernannt, wo er bis zu seinem Tode 1836 blieb.
Er hat sich erst ziemlich spät, mit 39 Jahren verheiratet. Von seinen 4 Kindern,
3 Söhnen und 1 Tochter, hat keins einen Namen hinterlassen. Obgleich das
Privatangelegenheiten sind, so haben sie doch ein gewisses Interesse, da es sich um
Malthus handelt.

Malthus war noch junger Geistlicher in seinem kleinen Pfarrdorf — und un-
verheiratet, damals 32 Jahre alt, — als er im Jahre 1798 anonym sein berühmtes
„Essay on the principle^of population as it affeots the future ira-
provement of society“ herausgab. Es rief zahlreiche Kritiken hervor. Zum
besseren Studium seines Gegenstandes unternahm er eine dreijährige Reise (1799—
1802) auf dem europäischen Kontinent, ohne aber nach Frankreich zu kommen, das
damals kein besonders angenehmer Aufenthalt für einen Engländer war. 1803 ver-
öffentlichte er, diesmal unter seinem Namen, eine zweite, sehr verbesserte und ver-
mehrte Ausgabe seiner Arbeit mit dem etwas abgeänderten Titel: „An Essay
on the princ iple,of population, or a view of its past and present
effeots on human happiness“. Vier weitere Ausgaben erschienen zu seinen
Lebzeiten.

Über diesem Buche dürfen nicht seine weiteren sehr bemerkenswerten Werke ver-
gessen werden, auch wenn sie nicht so berühmt werden sollten; zunächst: Prinoiples
of Political Economy from the point of view of their practical
application (1820) und andere, die sich mehr mit Spezialfragen befassen, über die
Getreidegesetze (1814—1815), über die Bodenrente (1815), über die Armengesetzgebung
(1817) und endlich seine „Definitions in Political Economy“ (1827).
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        ﻿Kapitel III. Die Pessimisten.

135

verschieben aber eine Besprechung seiner anderen Theorien, besonders
der über die Bodenrente, bis die Untersuchung der Ideen Ricaedo’s
uns Gelegenheit gibt, darauf einzugehen (S. 159).

Das Bevölkerungsgesetz.

Zwanzig Jahre waren seit dem Erscheinen des unvergänglichen
Werkes A. Smxth’s verflossen, ohne daß die Nationalökonomie einen
Schritt weiter getan hätte, als ein kleines anonymes Buch ei schien,
das sogleich ziemliches Aufsehen erregte; man erfuhr bald, daß sein
Verfasser ein Landpfarrer sei. Ein Jahrhundert ist vergangen, und
seine Wirkung ist noch nicht schwächer geworden. Auf den ersten
Blick könnte man glauben, daß es nur entfernt mit der National-
ökonomie zu tun habe, da sein Inhalt sich mit der Bewegung der
Bevölkerung befaßt, mit dem, was wir heute Demographie nennen.
Aber erstens hat sich diese neue Wissenschaft, deren Schöpfer Malthus
ist, erst später vom Stamme der Nationalökonomie abgezweigt. Dann
aber werden wir finden, daß der Einfluß seines Buches auf alle volks-
wirtschaftlichen Theorien, auf die von der Erzeugung sowohl wie
auf die von der Verteilung der Güter, außerordentlich gewesen ist.
Man kann es als eine Entgegnung auf das Werk A. Smith’s an-
sprechen, dessen Titel, wie James Bonae geistreich bemerkt, mit einer
kleinen Änderung ebensogut auf das anonyme Buch Malthus’ gepaßt
hätte: „Untersuchungen über die Ursachen der Völkerarmut.“

Schon* die Tatsache, daß er zur Erklärung der volkswirtschaft-
lichen Erscheinungen einen neuen Faktor heranzog, der der Biologie
entlehnt war, und daß er einen neuen Trieb ins Treffen führte, der nicht
das Selbstinteresse oder das Streben nach Profit war, erweiterte den
Horizont der Nationalökonomie ganz bedeutend und* kündigte das
Kommen der Soziologie an.* Bekanntlich hat Daewin selbst zuge-
geben, daß der Ursprung der berühmtesten wissenschaftlichen Lehre
des 19. Jahrhunderts, der des Kampfes ums Dasein als Auswahl des
Tüchtigsten und Triebfeder des Fortschrittes, ihren ersten Anstoß
aus dem Buche Malthus’ empfing.

Man darf nicht etwa glauben, daß die dem Menschengeschlechte
aus einer unbegrenzten Vermehrung der Bevölkerung möglicherweise
erwachsenden Gefahren die Aufmerksamkeit keines Schriftstellers vor
Malthus erregt hätten. ' In Frankreich hatten sich schon Buffon
und Montesquieu damit beschäftigt.’ 'Im allgemeinen sah man aber
eine zahlreiche Bevölkerung stets als vorteilhaft für ein Land an
aud glaubte, daß die Bevölkerung auf natürliche Weise durch die
Menge der Nahrungsmittel geregelt werde, und daher Übervölkerung
        <pb n="161" />
        ﻿136

Erstes Buch. Die Begründer.

nicht zu befürchten sei1). So drückt sich z. B. der Physiokrat
Mieabeaxj in seinem Buche: „L’ami des ho mm es“ aus, das als
Untertitel die Bezeichnung: Traite de la population (1755)
trägt. Die Gläubigen der natürlichen Ordnung konnten sich
auch nicht durch eine so natürliche Erscheinung wie die Vermeh-
rung der Bevölkerung beunruhigt fühlen. Dieser Optimismus nahm
aber mit Godwin außerordentliche Proportionen an, dessen 1793 er-
schienenes Buch „Political Justice“ starken Eindruck machte.
Man hat Godwin den ersten doktrinären Anarchisten genannt. Er
scheint auch zuerst das berühmte Wort geprägt zu haben: „Jede
Regierung, auch die beste, ist ein Übel.“ Auf jeden Fall war er
mit seinem unbegrenzten Vertrauen auf die Zukunft der Gesellschaften
ein Vorläufer des Anarchismus; gleiches Vertrauen brachte er dem
Fortschritt der Wissenschaft entgegen, der die Produkte in einem
solchen Maßstab vermehren werde, daß eine halbstündige tägliche
Arbeit genügen würde, um alle Bedürfnisse zu befriedigen. Ebenso
dachte er auch hinsichtlich der Entwicklung der Vernunft, die die
Einzelinteressen und den Kampf um den Profit zügeln werde. Ist
aber nicht zu befürchten, daß an dem Tage, an dem das Leben so
leicht und angenehm sein wird, die Menschen sich so vermehren werden,
daß die Erde sie nicht mehr ernähren kann? — Als Godwin diese
Frage stellte, ahnte er sicherlich kaum, welches furchtbare Problem
er damit anschnitt. In seinem unerschütterlichen Vertrauen antwortete
er ohne weiteres, daß diese Möglichkeit sich „erst in vielen Jahr-
tausenden“ verwirklichen könne, daß sie wahrscheinlich überhaupt nicht
eintreten werde, weil die Vernunft die geschlechtlichen Triebe nicht
weniger kräftig, wie die Sucht nach Profit im Zaume halten würde; und
er erblickte sogar in der Ferne einen gesellschaftlichen Zustand, in dem
„der Geist die Sinne so sehr beherrschen wird, daß die Fortpflanzung
aufhört“, und in dem der Mensch unsterblich sein wird 2 3).

Zur gleichen Zeit erschien in Frankreich ein Buch, das mit dem
Godwin’s große Ähnlichkeit hatte: Esquissed’untableauhisto-
rique des progres de l’Esprit humain (Skizze einer ge-
schichtlichen Darstellung des Fortschrittes des Menschengeistes) von
Condoecbt (1794). Es atmet das gleiche Vertrauen in das Vorwärts-
schreiten der menschlichen Gesellschaften dem Glücke entgegen, in
die Allmacht der Wissenschaft, — die, wenn sie den Tod nicht aus
der Welt schaffen kann, ihn wenigstens in weite, weite Ferne zu
rücken vermaga); — und diese Zuversicht ist nicht ohne eine ge-

b Siehe hierüberStangbland, Pre-Malthusian Doctrines, New-York, 1904.

2)	Godwin; Political Justice, B. YIII, Kap. VII; Neudruck, London, 1890.

3)	„Allerdings wird der Mensch nie unsterblich werden, aber ist es nicht möglich,
        <pb n="162" />
        ﻿Kapitel III. Die Pessimisten.

137

wisse Tragik bei einem Manne, der seinem Leben durch Gift ein
Ende machte, um der Guillotine zu entgehen. Wenn aber der Tod
abgeschaift werden soll, so stellt sich Condoecet die gleiche Frage
wie Godwin: wie wird die Erde dann die Menschen ernähren
können? Er gibt etwa die gleiche Antwort: nämlich, entweder wird
die Wissenschaft dazu gelangen, die Nahrungsmittel über jede denk-
bare Grenze hinaus zu vermehren, oder aber die Vernunft wird
ein unbedachtes Überhandnehmen der Bevölkerung zu verhindern
wissen.

Unausbleiblich mußte ein so stürmischer Optimismus eine Reaktion
hervorrufen, auf Grund des ewigen Rhythmus, der die Geschichte
der Ideen, wie die der Tatsachen beherrscht. Diese Reaktion ließ
auch nicht auf sich warten und erschien in der malthusischen Ab-
handlung. .

Den Behauptungen, daß dem Fortschritte des Menschengeschlechtes
zu Reichtum und Glück keine Grenzen gezogen seien, und daß die
Befürchtung, es werde eines Tages zuviel Menschen auf der Erde
geben, grundlos sei oder auf jeden Fall sich auf so weit vor uns
liegende Zeiten beziehe, daß es nicht der Mühe lohne, sich damit zu
beschäftigen, hielt Malthus als Antwort entgegen, daß gerade hierin
das fast unüberwindliche Hindernis bestehe, ein Hindernis, das sich
nicht erst in ferner Zukunft einstellen werde, sondern das seit An-
beginn in seiner ganzen drängenden Notwendigkeit bestanden habe
und auch heute vorhanden sei1). Von Anfang aller Zeiten an habe
das Zuviel an Menschen den Fortschritt des Menschengeschlechtes
schwer gehemmt, ein Fels des Sisyphus, den es je und je gewälzt
habe, und unter dessen Last es zusammenbreche. Die Natur habe in
den Menschen einen Instinkt gelegt, der, sich selbst überlassen, ihn
dem Hunger, dem Tode und dem Laster überantworte. Hierin liegt
die Tatsache, die alle Leiden der Menschen bedingt, ohne daß sie
die Ursache kennen; die Tatsache, die den Schlüssel zur Geschichte
der menschlichen Gesellschaften und ihres Elendes liefert.

Jeder, auch der, der soziologischen Studien fernsteht, kennt die
einfachen Formeln, durch die Maltkus einerseits die unheimliche
Schnelligkeit der sich selbst überlassenen Bevölkerungsvermehrung,

dali der Zeitraum zwischen dem Augenblick, in dem er zu leben anfängt, und dem,
ln dem er zu leben aufhört, endlos ausgedehnt werden kann?“

l) Kap. VIII trägt die Überschrift: „Über den Irrtum, anzunehmen, daß die
aus der Bevölkerung erwachsende Gefahr noch weit entfernt sei“ . . . „Es gibt
sehr wenig Länder, in denen man nicht ein beständiges Streben der Bevölkerung,
über ihre Unterhaltsmittel hinaus zu wachsen, wahrnimmt. Dieses in seiner Aktion
beständige Streben wirkt nicht weniger beständig darauf hin, die unteren Klassen
der Gesellschaft ins Elend zu stürzen und widersetzt sich jeder Verbesserung ihrer
Kage“ (S. 16).

*
        <pb n="163" />
        ﻿138

Erstes Buch. Die Begründer.

und auf der anderen Seite das verhältnismäßig langsame Wachstum
der Lebensraittelmenge vor Augen führt. Er benützt zur' Darstellung
der Bevölkerungsvermehrung die geometrische Reihe, die von
Zahl zu Zahl durch Multiplikation fortschreitet, und er nimmt die
einfachste Form, in der jede Zahl das Doppelte der vorhergehenden
ist; zur Darstellung des Wachstums der Lebensmittelmenge bedient er
sich der arithmetischen Reihe, die von Zahl zu Zahl durch
Addition wächst. Auch hier nimmt er die einfachste, die Reihe der
ganzen Zahlen: Das Ergebnis ist folgendes:

1	2	4	8	16	32	64	128	256

123456	7	8	9

Er nimmt weiter an, daß jede Zahl eine Periode von 25 Jahren
umfaßt. Man sieht daher sofort, daß, wenn die Bevölkerung sich alle
25 Jahre verdoppelt, und die Lebensmittel während dieses Zeitraumes
nur um eine stets gleichbleibende Menge wachsen, der Unterschied
zwischen den beiden in einem unheimlichen Verhältnis steigt. In
unserer Zahlenreihe, die nur 9 Perioden oder die verhältnismäßig
kurze Zeit von 200 Jahren umfaßt, ist die Zahl für die Bevölkerung-
schön 28 mal größer als die Zahl für die Lebensmittel. Wenn man
die Reihe auf die hundertste Stelle fortsetzt, würde ein numerischer
Ausdruck nicht mehr möglich sein.

Die erste dieser Reihen kann als richtig anerkannt werden,
soweit sie das biologische Fortpflanzungsgesetz vorstellt. Allerdings
setzt die Verdoppelung vier zum zeugungsfähigen Alter gelangende
Kinder voraus und folglich etwa 5 bis 6 Geburten, um den infolge
der unvermeidlichen Kindersterblichkeit eintretenden Ausfall gut
zu machen. Diese Ziffer mag uns hoch erscheinen, die wir in Ge-
meinwesen leben, wo die Beschränkung der Geburten üblich ist.
Jedoch beweisen die Tatsachen, daß bei allen lebenden Wesen, sogar
beim Menschen, der am wenigsten fruchtbar ist, die Zahl der Ge-
burten im natürlichen Lauf der Dinge beträchtlich höher sein würde.
Die Zahl der sich folgenden Schwangerschaften des im Alter der
Reproduktionsfähigkeit stehenden Weibes kann etwa zwanzig erreichen
und hat sie in gewissen Fällen tatsächlich überstiegen. Dank dieser
Vermehrung hat sich die Erde bis heute bevölkert, und nichts weist
darauf hin, daß diese Reproduktionsfähigkeit heute bei beiden Ge-
schlechtern geringer sei als früher. Wenn Malthus daher nur die
Zahl 2 als Rate seiner Vermehrungsreihe annimmt, hat er nichts
übertriebenes behauptet1).

l) Bei nur zwei Kindern auf das Paar würde die Bevölkerung natürlich zurück-
geheu, da nicht alle Kinder das zeugungsfähige Alter erreichen und auch von denen,
die es erreichen, nicht alle Kinder erzeugen. Die Erfahrung zeigt, daß hei weniger
als drei Kindern auf das Paar, die Bevölkerung nicht steigt oder sich nur ganz
        <pb n="164" />
        ﻿Kapitel III. Die Pessimisten.

139

Eher kann noch die 25jährige Dauer der Zwischenzeit zwischen
je zwei Zahlen zur Kritik Anlaß geben1). Der Zeitraum zwischen
dem Durchschnittsalter der Eltern und dem durchschnittlichen Alter,
in dem die Kinder dieses Paares ihrerseits Kinder erzeugen, kann
kaum geringer als 33 Jahre sein. Man nennt diesen Zeitraum ein
Menschenalter und hat stets etwa drei auf ein Jahrhundert gerechnet.

Das sind aber alles unbedeutende Bemängelungen. Denn wenn
man den Zwischenraum zweier Zahlen auch von 25 auf 33 erhöht
und, wenn man will, die Progression der Reihe von 2 auf 1,5, sogar
auf 1,25 oder 1,10 erniedrigt, so hat dies wenig Bedeutung. Die
Progression wird etwas langsamer, aber sobald die Progression, so
klein sie auch am Anfang sein möge, überhaupt besteht, so kann
nichts verhindern, daß sie bald in immer größer und größeren Sprüngen
vorwärts eilt und alle Grenzen überschreitet. Diese Korrekturen ver-
ringern daher in nichts die Kraft der Schlußfolgerungen Malthus’ als
physiologisches Gesetz.

Die zweite Reihe, die des Wachstums der Lebensmittel, scheint
der Kritik mehr Angriffspunkte zu bieten, denn sie ist sichtlich will-
kürlich, und man weiß nicht recht, ob sie, wie die erste, ein natür-
liches Streben vorstellt, oder ob sie beobachtete Tatsachen wieder-
spiegeln will! Sie ist ohne Übereinstimmung mit einem bekannten
und sicheren Gesetz, wie es das biologische Reproduktionsgesetz ist.
Sie steht mit ihm sogar allem Anschein nach in Widerspruch. Was
■sind denn die „Lebensmittel“ anders, als tierische und pflanzliche
Arten, die sich nach denselben Gesetzen, wie die Menschen, ver-
mehren und noch dazu in einer viel schnelleren „geometrischen Reihe“ 1
Die Vermehrungskraft des Korns oder der Kartoffel, der Hühner oder
des Herings, sogar der Rinder oder des Schafes ist doch der des
Menschen unendlich überlegen. — Auf diesen Einwurf würde Malthus

unbedeutend vermehrt. Das ist der Fall in Frankreich, wo auf jede Ehe iin Durch-
schnitt 2,70 Geburten fallen.

Zur Rechtfertigung seiner Multiplikation mit 2 zog Malthus eine normale
Familie mit 6 Kindern in Betracht. Bei der Annahme, daß von den sechs zwei sterben,
bevor sie eine Ehe eingehen können, oder kinderlos bleiben, sind noch vier übrig, die
ihrerseits sich fortpflanzen, und so haben wir ganz richtig die Reihe 2 — 4 — 8 usf.

l) Malthus hat jedoch nicht ganz willkürliche Zahlen eingesetzt. Was die
25jährige Verdoppelungsperiode anlangt, stützte er sich auf die Bevölkerungs-
bewegung in den Vereinigten Staaten. Es ist merkwürdig, daß man im Laufe des
XIX. Jahrhunderts in den Vereinigten Staaten eine Bevölkerungsbewegung fest-
stellen kann, die ziemlich genau mit dem, was Malthus voraussah, übereinstimmt.
1800 betrug die Bevölkerung 5 Millionen. Wenn man sie viermal verdoppelt
(4 Perioden von je 25 Jahren = 100 Jahre), hat man für 1900 die Zahl von
80 Millionen. Diese Ziffer wurde 1905 erreicht, also mit einer Verspätung von nur
5 Jahren gegenüber der Vorraussage. Nur ist das reiner Zufall, da sie auf der
Einwanderung, nicht auf der Natalität beruht.
        <pb n="165" />
        ﻿140

Erstes Buch. Die Begründer.

zweifellos folgendes erwidert haben: Dieser virtuellen Vermehrungs-
kraft der zur menschlichen Nahrung dienenden Arten sind faktisch
sehr enge Grenzen gezogen: Beschränkung der bewohnbaren Zone,
Beschränkung der der betreffenden Art unentbehrlichen Nahrungs-
mittel, Kampf ums Dasein usw. Zugegeben! Wenn man aber diese
Hindernisse in der zweiten Reihe gelten läßt, warum nicht auch in
der ersten? Hier liegt sicherlich eine gewisse Inkonsequenz. Eins
von beiden kann nur gelten: entweder handelt es sich darum, Ten-
denzen festzulegen, und in diesem Fall ist das Vermehrungs-
bestreben der Lebensmittel dem der Menschen nicht nur gleich,
sondern ihm bedeutend überlegen; — oder es handelt sich darum, Tat-
sachen festzulegen, und in diesem Falle sind die Hindernisse, die
einer unbeschränkten Vermehrung des Menschen im Wege stehen,
nicht geringer als die, die eine unbeschränkte Vermehrung der Tiere
und Pflanzen zu überwinden hat; oder besser ausgedrückt; die Glieder
beider Gleichungen unterstehen derselben Einwirkung.

Um die Bedeutung der zweiten Formel zu finden, muß man
sie aus dem Bereiche der Biologie in das der Ökonomik übertragen.
Es handelt sich selbstverständlich in den Gedanken Malthus’ um den
Ertrag eines bestimmten Stück Landes, etwa an Getreide, da die
englischen Nationalökonomen niemals etwas anderes im Sinne haben.
Er will sagen, daß, wenn von einem Stück Land eine gleichmäßige
Ertragssteigerung von etwa 2 hl am Ende jeder gegebenen Periode,
alle 25 Jahre, erzielt wird, das alles ist, was man erhoffen kann.
Diese Hypothese scheint noch über die Wirklichkeit hinauszugehen.
Lavoisiek schätzte 1789 den Getreideertrag in Frankreich auf 7.75 hl
auf den Hektar. In den letzten Jahren erreichte er im Mittel ein
wenig mehr als 17 hl. In der Annahme, daß die Steigerung in den
120 Jahren der Zwischenzeit regelmäßig gewesen ist, erhalten wir
einen Mehrertrag von 2 hl für jede Periode von 25 Jahren. Das
hat angesichts des schwachen Wachstums der französischen Be-
völkerung genügt, um die Durchschnittsmenge pro Kopf von 2 auf
3 hl zu bringen. Würde sie aber für eine so schnell anwachsende
Bevölkerung, wie die Englands oder Deutschlands genügt haben?
Sicherlich nicht, da diese beiden Länder, trotz eines höheren Er-
trages, gezwungen sind, vom Ausland einen großen Teil des Brot-
kornes, von dem sie leben, einzuführen. Kann wenigstens in Frank-
reich diese Steigerung endlos während dieses und der folgenden Jahr-
hunderte fortgesetzt werden? Das ist sehr unwahrscheinlich; die
Ertragsfähigkeit eines jeden Bodens muß eine physische Grenze
haben, die durch die Menge der in ihm enthaltenen Bestandteile
bestimmt wird, — und noch viel eher muß eine wirtschaftliche
Grenze erreicht werden. Diese Grenze ergibt sich aus den wachsenden
        <pb n="166" />
        ﻿Kapitel III. Die Pessimisten.

141

Kosten, die jede bis zu ihren äußersten Schranken getriebene Nutzbar-
machung bedingt. So erscheint das Gesetz vom „sinkenden Boden-
ertrag“, auf das wir znrückkommen werden, schon als die wirkliche
Grundlage der MALTnus’schen Gesetze, obgleich er nicht ausdrücklich
darauf hinweist.

Es liegt auf der Hand, daß in der Tat an einem gegebenen
Ort sich nicht mehr lebende Wesen befinden können, als dort ihren
Lebensunterhalt finden: das ist ein Truismus. Denn wenn mehr vor-
handen sind, müssen selbstverständlich die Zuvielen Hungers sterben 1).
Dies tritt in der Tier- und Pflanzenwelt stets ein: die ungeheuerliche
Vermehrung der Keime der Lebewesen wird durch den Tod un-
erbittlich auf das zulässige Verhältnis zurückgeführt, und das von
der Notwendigkeit bestimmte Niveau steigt und fällt ebensowenig,
wie der Wasserstand in einem gut regulierten Behälter schwankt.
Denn die furchtbaren Verheerungen des Todes werden ständig durch
unerschöpflichen Lebensdrang wieder ersetzt. Bei den wilden Völkern
stirbt nun ebenso wie bei wilden Tieren ein großer Bevölkerungsteil
buchstäblich Hungers. Malthus weist eingehend auf den Zustand
dieser primitiven Gemeinschaften hin. Hierin war er ein Vorläufer
jener prähistorischen Soziologie, die seit ihm bedeutende Fortschritte
gemacht hat.

Er zeigt sehr klar, wie dieser Mangel an Nahrungsmitteln
hundert Übel nach sich zieht, nämlich nicht nur die große Sterblich-
keit und die Epidemien, sondern auch die Menschenfresserei, den Kinder-
nnd Greisenmord und besonders den Krieg, der, auch wenn sein Ziel
nicht mehr darin besteht, die Besiegten aufzufressen, doch wenigstens
den Zweck hat, ihnen ihr Land und die Lebensmittel, die es hervor-
bringen kann, zu nehmen. Das nennt er p o s i t i v e oder repressive
Hemmungen.

Könnte man aber hierauf nicht erwidern, daß dieser Mangel an
Nahrungsmitteln, bei den Wilden, wie bei den Tieren mehr auf einer
Produktionsunfähigkeit, als auf einer Übervölkerung beruhe?

Malthus erwidert jedoch sofort mit dem Hinweis auf die Bei-
behaltung vieler dieser Gewohnheiten selbst bei so zivilisierten
Völkern wie den Griechen. Sogar bei modernen Völkern bestehen,
‘wenn auch abgeschwächt, diese Formen brutaler Unterdrückung.

*) Mit Bezug hierauf schrieb Malthus den bekannten, stets wiederholten Satz,
den man ihm beständig zum Yorwurf gemacht hat, obgleich er von ihm schon in
der 2. Ausg. gestrichen wurde: „der in die . . . schon mit Beschlag belegte Welt
Geborene . . . findet an der großen Tafel der Natur keinen für ihn gedeckten Platz.
Die Natur befiehlt ihm, wieder zu verschwinden und zögert nicht, ihrem Befehl
nachzuhelfen.“ Hierbei darf aber nicht vergessen werden, daß Malthus an der
Reorganisation der öffentlichen Wohlfahrtsbehörde, wie sie vor lb32 in England be-
stand, mitgewirkt hat.
        <pb n="167" />
        ﻿142

Erstes Buch. Die Begründer.

Wenn wirkliche Hungersnot sich auch nur noch in Rußland und
Indien findet, so herrscht sie doch mitten unter den zivilisiertesten
Gemeinschaften als physisches Elend, das sich am verheerendsten
in der Tuberkulose äußert. Sie zieht eine erschreckliche Kinder-
sterblichkeit und für die erwachsene Arbeiterbevölkerung frühzeitigen
Tod nach sich. Der Krieg fährt fort, die Menschen in Massen nieder-
zumähen. Malthüs lebte ja zur Zeit jener Kriege der Eevolution
und des ersten Kaiserreichs, in denen von 1791—1815 in Europa
zehn Millionen blühender, kräftiger Männer umkamen.

Bei zivilisierten Völkern aber läßt sich das Gleichgewicht zwischen
Bevölkerung und Lebensmittelmenge durch menschlichere Mittel her-
stellen, indem nämlich die repressive Hemmung, die in der
Steigerung der Sterblichkeit besteht, durch die prä-
ventive Hemmung, die in der Verringerung der Ge-
burten besteht, ersetzt wird. Dieser Ausweg steht unter allen
nur dem Wesen offen, das mit Vernunft und Voraussicht begabt ist:
dem Menschen. Wenn er weiß, daß seine Kinder dem Tode geweiht
sind, kann er sich ihrer Zeugung enthalten. Man kann sogar sagen,
daß hierin das einzige, wirklich wirksame Mittel liegt, denn das
repressive Mittel spornt nur die Vermehrung an, wie auch der
gemähte Rasen nur um so dichter wächst. Der Krieg liefert hierfür
einen schlagenden Beweis. In Frankreich steht das Jahr, das dem
entsetzlichen Kriege von 1870/71 folgte, in demographischer Hinsicht
durch die plötzliche Aufwärtsbewegung einzig da, die die schon
fallende Kurve seiner Geburtsziffer zeigte.

Malthüs hat, besonders in der zweiten Ausgabe seines Buches,
die präventiven Mittel eingehender dargestellt und dadurch die
drohenden Aussichten, die die erste eröffnete, abgeschwächt. Es
kommt nun darauf an, zu wissen, was er darunter versteht. In einer
so bedeutsamen Frage, in der die Gedanken des hochwürdigen Pfarrers
von Haileybury so eigentümlich entstellt worden sind, dürfen wir
uns nicht scheuen, die Zitate etwas zu häufen.

Die präventive Hemmung ist für Malthüs die moralische Ent-
haltsamkeit — moral restraint. — Was soll man hierunter ver-
stehen ? Bedeutet es die Enthaltsamkeit vom geschlechtlichen
Verkehr in der Ehe, sobald die Zahl der Kinder genügend groß ist,
um die Bevölkerung auf gleicher Höhe oder in gemäßigtem Wachstum
zu halten, sobald also etwa drei Kinder erzeugt sind? Nein. Niemals
hat Malthüs die geschlechtliche Enthaltsamkeit in der Ehe be-
fürwortet. Wir haben schon gesagt, daß er sechs Kinder (was
wenigstens die Verdoppelung jeder Generation bedeutet) als den
Typus einer normalen Familie bezeichnet. Und dabei stellt er diese
Zahl keineswegs als ein Maximum hin, denn er fügt hinzu: „Vielleicht
        <pb n="168" />
        ﻿Kapitel III. Die Pessimisten.

143

wird man mir entgegenhalten, daß Niemand, der sich verheiratet, die
Zahl seiner Kinder Voraussagen kann, und ob er nicht mehr als sechs
haben wird. Das ist unbestreitbar“ (8. 570).

Worin soll nun diese moralische Enthaltsamkeit bestehen?
Hierauf antwortet er: „Enthaltung von der Ehe, zusammen mit
keuschem Lebenswandel, nenne ich moralische Enthaltsamkeit“ (8.14).
ln einer Anmerkung bemerkt er noch, um jedes Mißverständnis aus-
zuschließen: „Ich verstehe unter moralischer Enthaltsamkeit die,
welche jemand hinsichtlich der Heirat aus einem Klugheitsgrunde
übt, solange sein Lebenswandel während dieser Zeit durchaus
moralisch ist. Ich habe mich in diesem Werke bemüht, nie von
dieser Auslegung abzuweichen.“ Es ist also klar; es handelt sich um
völlige Enthaltsamkeit von jedem geschlechtlichen Verkehr außer der
Ehe, um das Hinausschieben der Ehe selbst bis zu einem Zeitpunkt,
wo der Mann imstande ist, die Verantwortlichkeit für eine Familie auf
sich zu nehmen, oder sogar um vollständigen Verzicht auf die Ehe,
wenn dieser Zeitpunkt nie eintritt.

Man sieht hieraus, daß Malthus durchaus die Mittel verwirft,
deren Verbreitung heute von denen angestrebt wird, die sich auf ihn
berufen: er verurteilt die, welche die freie Ausübung des geschlecht-
lichen Verkehrs, sei es außer, sei es in der Ehe befürworten, indem
sie ihn absichtlich steril gestalten. Die Anwendung jedes Präventiv-
mittels bezeichnet er als Laster, im Gegensatz zur moralischen Ent-
haltsamkeit. Malthus ist in diesem Punkte sehr kategorisch: „Ich
weise jedes künstliche und den Naturgesetzen zuwiderlaufende Mittel
zurück, durch das man die Bevölkerung beschränken möchte. Die
Hemmungen, die ich befürworte, sind mit der Vernunft in Über-
einstimmung und vor der Religion gerechtfertigt“ (8. 616). Und er fügt
die für Frankreich wahrhaft prophetischen Worte hinzu: „Es wäre zu
leicht und zu einfach, das Wachstum der Bevölkerung sogar völlig
aufzuhalten, und damit würde man in den entgegengesetzten Fehler
verfallen.“

Es ist kaum nötig darauf hinzuweisen, daß, wenn Malthus den
ehelichen Präventivverkehr verwirft, er mit noch größerem Nachdruck
gegen jenes andere Präventivmittel auftritt, das in der Einrichtung
einer besonderen Klasse weiblicher, der Prostitution verfallener Wesen
besteht1). Mehr noch hätte er jene Mittel verworfen, von denen zu

b „Die Prostitution, die allerdings der Bevölkerungsverroehrung Abbruch tut,
zieht gleichfalls eine Schwächung der edelsten Herzenseigenschaften und eine Er-
niedrigung des Charakters nach sich. Jeder andere ungesetzliche Geschlechtsverkehr
wirkt ebensosehr wie die Ehe auf ein Wachstum der Bevölkerung hin (wenn man
nicht Mittel anwendet, die die Moral verwirft), läßt es jedoch viel wahrscheinlicher
eischeinen, daß die Kinder der Fürsorge der Gesellschaft zur Last fallen“ (S. 476).
        <pb n="169" />
        ﻿144

Erstes Buch. Die Begründer.

seiner Zeit kaum die Rede war, wie die Abtreibung — ein Ver-
brechen, das in unseren modernen Gesellschaften in viel umfassenderem
Maße an die Stelle des Kindermordes und der Kinderaussetzung des
Altertums zu treten strebt, — denen aber das Strafgesetzbuch ohn-
mächtig gegenübersteht, und die eine neue Moral sogar zu recht-
fertigen anfängt.

Da nun so alle der Moral widersprechenden Mittel ausgeschaltet
sind, wie hat da Malthus glauben können, daß die moralische Ent-
haltsamkeit, wie er sie auffaßte, jemals zu einem ausreichenden
und wirksamen Zaum gegen die Übervölkerung werden könnte?

Ohne Zweifel möchte er es gern: er bemüht sich, die Menschen
für diesen heiligen Kreuzzug zu rüsten: „Die Christen weise ich
darauf hin, daß uns die heilige Schrift klar und unzweideutig
als positive Pflicht die Beherrschung unserer Leidenschaften in ver-
nünftigen Grenzen vorschreibt . . . Ein Christ kann die Schwierig-
keit der moralischen Enthaltsamkeit nicht als Entschuldigung, die
ihn von dieser Pflicht entbinde, anführen“ (S. 479). Und denen gegen-
über, die nur der Vernunft gehorchen wollen, führt er aus: „daß
diese Tugend (die Keuschheit) auf Grund genauer Untersuchung zur
Vermeidung der Übel notwendig erscheint, die ohne sie eine unaus-
bleibliche Folge der Naturgesetze sind1).“

Im Grunde seines Herzens glaubt er aber kaum an eine Aus-
breitung der moralischen Enthaltsamkeit, um den menschlichen Liebes-
drang zu beherrschen und zu regeln. Deshalb fühlt er sich auch
wenig sicher, und trotz des Schildes aus reinem und zerbrechlichem
Kristall, den er der Hydra entgegehhielt, erschien sie ihm noch immer
bedrohlich 2). Auch hatte er sehr gut begriffen, daß sein Heilmittel,

1)	„Diese Betrachtungen beweisen, daß die Keuschheit nicht, wie einige ver-
muten, eine erzwungene Tugend ist, die ein künstlicher sozialer Zustand hervorbringt,
sondern daß sie ihre wirkliche und feste [Grundlage in der Natur und in der
Vernunft hat: diese Tugend ist auch das einzige richtige Mittel, die Laster und
Leiden, die das Prinzip der Bevölkerung nach sich zieht, zu vermeiden.“

Malthus weist darauf hin, daß diese Tugend seit jeher von den Frauen gefordert
worden ist, und daß es „daher keinen Grund gibt, weshalb die Verletzung der Gesetze
der Keuschheit nicht in gleicher Weise für beide Geschlechter entehrend sein solle“
(S. 471). Hierin liegt schon die kühne Forderung gleicher Moral für beide Ge-
schlechter.

Wenn man daher dem hochwürdigen Herrn den Vorwurf macht, Gott zu
lästern, der den Menschen befohlen hat: Seid fruchtbar und mehret euch, ein Vorwurf,
gegen den er besonders empfindlich sein müßte — wäre es Malthus leicht gewesen,
hierauf mit dem Hinweis zu antworten, daß, wenn die Vorsehung die Zeugung des
Lebens gewollt hat, doch auch die Keuschheit eine christliche Tugend ist, und daß
vielleicht ihr Zweck gerade die vorsorgende Funktion sei, die Zeugung in einem
richtigen Gleichgewicht zu halten.

2)	»Die präventive Hemmung hat zweifellos ihre Wirkung ausgeüht, und die
Behauptung, daß sie keinen Teil an der allgemein verwirklichten Einschränkung
        <pb n="170" />
        ﻿Kapitel III. Die Pessimisten.

145

das Zölibat, sich nicht nur als unwirksam erweisen könne, sondern
daß es große Gefahren in sich berge, da es gerade zu den Lastern,
die er fürchtete, führen konnte. Ein langes, oder noch schlimmer
ein immerdauerndes Zölibat ist allerdings kein den guten Sitten be-
sonders förderlicher Zustand.

Malthus war daher von tiefer Sorge erfüllt, und er, den man
soeben noch für einen starrköpfigen Asketen hätte halten können,
zeigt sich jetzt als ein utilitarischer Moralist, ähnlich Bbntham.
Da er die Handlungen, die eine Befriedigung des Geschlechtstriebes
unter Umgehung der Empfängnis bezwecken, nicht verhindern kann,
bescheidet er sich, ihr Bestehen gelten zu lassen, wenn er sie auch
als Laster verurteilt. Bei der Wahl zwischen zwei Übeln erscheint
ihm dieses geringer, als das, das sich aus der Übervölkerung er-
gibt * *), — um so mehr, sagt er, als die Übervölkerung an sich schon
eine sehr große Ursache der Unmoralität ist, denn sie hat notwendiger-
weise Elend im Gefolge, erzeugt eine erzwungene Promiscuität der
Geschlechter und ruft so die hierauf beruhenden Ausschweifungen
hervor; ein Gedankengang, der übrigens durchaus richtig ist2). Und

des Beyölkenmgszuwaohses gehabt habe, würde voreilig sein; zuzugeben ist aber,
daß sie im Verhältnis zu den anderen Hemmungen von nur geringer Bedeutung
gewesen zu sein scheint“ (S. 150).

„Ich habe gesagt, und ich halte es für absolut wahr, daß es unsere Pflicht ist,
uns nicht eher zu verheiraten, als bis wir unsere Kinder ernähren können, und daß es
gleicherweise unsere Pflicht ist, uns keinen lasterhaften Leidenschaften hinzugeben.
Nirgends aber habe ich gesagt, daß ich nun erwartete, eine oder die andere dieser
Pflichten, und noch weniger beide, genau erfüllt zu sehen. In diesem Palle wie in
vielen anderen, ist es möglich, daß die Verletzung der einen die Einhaltung der
anderen erleichtert . . . Aber der Moralist kann unter keinem Vorwand sich davon
befreien, die Ausübung der einen und der anderen anzuraten. Das Übrige muß
jedem einzelnen selbst überlassen werden“ (S. 600).

*) „Ich würde untröstlich sein, irgend etwas, direkt oder indirekt, zu sagen,
das in einem der Tugend entgegengesetzten Sinne ausgelegt werden kann. Ich
glaube aber nicht, daß die Fehler, um die es sich handelt (welche? sie müßten ge-
nannt werden: Präventivverkehr? Onanismus? Prostitution? Malthus unterläßt es
stets, sie genauer zu bezeichnen), in Fragen der Moral für sich allein angesehen werden
dürfen, noch auch, daß sie die schwersten sind, die man sich vorstellen kann“ (S. 489).

„Ich zögere keinen Augenblick zu behaupten, daß die Klugheit (es ist zu be-
merken, daß es sich hier nicht mehr um moral restraint, sondern um prudential
restraint handelt), die von einer unbedachten Heirat abrät, ein einem vorzeitigen
Tod vorzuziehendes Hindernis ist“ (S. 600).

Damit sind wir weit von der 1. Ausgabe entfernt, in der er, strenger, als Prä-
ventivmittel keinen abwägenden Mittelweg zwischen „Keuschheit und Laster“ zugab.

2) „Die schmutzige Armut ist unter allen Zuständen am wenigsten für die
Keuschheit günstig ... Es gibt so tiefe Armut, daß ein in ihr geborenes Mädchen
unrettbar der Prostitution verfällt, daß nur ein Wunder es davor bewahren kann“
(S. 493). Und an anderer Stelle; „Ich sage, daß die Verringerung der auf der Armut
beruhenden Laster eine genügende Entschädigung für das Unheil, das man mit Recht
voraussieht, sein wird“ (S. 5751.

Gide und Rist, Gesell, d. Volkswirtschaft!. Lehrmeinungen.

10
        <pb n="171" />
        ﻿146	Erstes Buch. Die Begründer.

so ist die Lösung, die Mälthxjs zum Schluß annimmt, nicht mehr
ausschließlich die der vollkommenen Reinheit: wie er selbst sagt, ist
sie nur die „große Regel der Nützlichkeit; es handelt sich darum,
ganz unbewußt die Gewohnheit anzunehmen, unsere Leidenschaften,
ohne jemandem zu schaden, zu befriedigen“ (S. 530). Mit diesen
Konzessionen waren dem Neomalthusianismus alle Wege bereitet.

Zusammenfassend zeigt uns Malthus den Menschen an einem
dreifachen Scheidewege, einem Trivium: Auf dem mittleren Arm
des Wegweisers lesen wir: „Ins Elend“, auf dem zur Rechten: „Zur
Tugend“ und auf dem zur Linken: „Ins Laster“. Er sieht, wie die
Kraft eines blinden Instinktes den Menschen auf den mittleren Weg,
den Weg „Ins Elend“ treibt. Er beschwört ihn, stark zu bleiben
und einen der beiden seitlichen Wege, wenn irgend möglich, den zur
Rechten einzuschlagen. Aber er fürchtet, daß die Zahl derer, die
seinem Rate folgen, derer, die, wie das Neue Testament sagt, den
schmalen Weg des Heils wählen, nur klein sein wird. Und anderer-
seits will er in seiner, ein wenig kindlichen Seele nicht zulassen,
daß alle Menschen den Weg des Lasters gehen, so daß zuletzt die
Furcht, die Menge der Menschen werde der natürlichen abschüssigen
Straße folgen, und so dem Abgrund zueilen, ihn ergreift. Weder das
eine, noch das andere Präventivmittel bietet ihm genügende Sicher-
heit, der Zukunft des Menschengeschlechts ruhig entgegen sehen zu
können.

Keine Lehre ist mehr geschmäht worden, als die des Malthus.
Die Verwünschungen, die man gegen ihn schleuderte, fanden kein
Ende, und schon sein Zeitgenosse Godwin nannte ihn „jenes schwarze
und schreckliche Genie, das bereit ist, jede Hoffnung des mensch-
lichen Geschlechtes auszulöschen“.

Vom wirtschaftlichen Gesichtspunkte aus hat man gesagt, daß
alle seine Voraussagungen von den Tatsachen widerlegt worden sind;
vom moralischen Gesichtspunkt aus, daß seine Lehren die widerlichsten
Gewohnheiten erzeugt hätten, und viele Franzosen schreiben ihm die
Verantwortung für den demographischen Niedergang ihres Landes
zu. Was soll man von diesen Kritiken halten?

Sicherlich hat die Geschichte die Befürchtungen Malthus’s nicht
bestätigt; im Gegenteil, sie hat uns auch nicht ein Land gezeigt,
das an Übervölkerung zu leiden gehabt habe. In einigen, wie in
Frankreich, hat die Bevölkerung nur ganz unbedeutend zugenoramen;
in den anderen ist sie stark gestiegen, ohne jedoch das Wachstum
an Reichtum überholen zu können.

Wenn wir das Land in Betracht ziehen, dem Malthus die Daten
seiner Berechnungen entnommen hat, die Vereinigten Staaten, so finden
        <pb n="172" />
        ﻿Kapitel III. Die Pessimisten.

147

wir nach dem alle 10 Jahre veröffentlichten Zensus folgenden Durch-
schnitt des Vermögens auf den Kopf der Bevölkerung:

1850	308 Dollar	1890	1036 Dollar
1860	514 , „	1900	1227	„
1870	780	„	1910	1370	„
1880	870	.,		

Wie man sieht, hat in einem halben Jahrhundert der Anteil am
Reichtum sich für jeden Einwohner der Vereinigten Staaten mehr
als vervierfacht, obwohl sich die Bevölkerung im gleichen Zeiträume
ebenfalls vervierfacht hat (von 23 auf 92 Millionen)1).

Zur Zeit Malthus’ zählte Großbritannien (England und Schott-
land) 10,5 Millionen Einwohner (1800—1805); heute ist die Bevölke-
rung aut 40 Millionen angewachsen. Wenn er eine derartige Zahl
hätte voraussehen können, würde er entsetzt gewesen sein. Und doch
haben aller Wahrscheinlichkeit nach der Reichtum und der Wohl-
stand Großbritanniens sich ebenfalls vervierfacht.

Soll dies nun bedeuten, wie man stets beständig wiederholt, daß
die malthusischen Gesetze von den Tatsachen widerlegt seien? —
Seine Gesetze auf keinen Fall; sie bleiben bestehen. Aber die Voraus-
sagungen, die er an sie knüpfte. Meiner Ansicht nach unterliegt es
keinem Zweifel, daß die Vermehrung aller Lebewesen, einschließlich
der Menschen, das Streben hat (in Wirklichkeit ist dies eine Tauto-
logie), sich durch Multiplikation zu vollziehen, und daß sie, sich
selbst ohne Hindernis überlassen, alle Grenzen übersteigen würde, —
und ebenso, daß im Gegenteil das Wachstum der Industrieerzeugnisse
notwendigerweise durch die zahlreichen, von jeder Industrie zu über-
windenden Bedingungen (Lage, Rohstoffe, Kapital, Arbeitskräfte usw.)
beschränkt sei. Wenn trotzdem das Wachstum der Bevölkerung das
Wachstum an Gütern nicht überholt hat, und, wie sich aus den
obigen Ziffern ergibt, sogar hinter ihm zurückgeblieben ist, so beruht
dies darauf, daß es durch den menschlichen Willen eingeschränkt
worden ist. Dies vollzieht sich nicht nur in Frankreich, wo die
präventive Hemmung in Blüte steht, sondern mehr oder weniger in
allen Ländern, in denen die -wirkliche Fruchtbarkeit stark hinter der
möglichen Fruchtbarkeit zurückbleibt. Die freiwillige Beschränkung,
die Malthus solche Sorge verursachte, hat sich auf ganz natürliche
Weise verbreitet.

Die Befürchtungen Malthus’ beruhen auf einer gewissen bio-

*) Man muß in Betracht ziehen, daß diese Zahlen nur Werte verstellen, die
in Geld ausgedrückt und zum laufenden Zinsfuß kapitalisiert sind, was eine Häufung
von Fiktionen vorstellt. Es wird nicht gesagt, daß der Durchschnittsverbraueh eines
Amerikaners in natura, besonders wenn es sich um Lebensmittel handelt, heute
größer als früher sei.

10
        <pb n="173" />
        ﻿148

Erstes Buch. Die Begründer.

logischen Verwechslung. Der Geschlechtstrieh ist nicht mit dem der
Fortpflanzung identisch und folgt ganz verschiedenen Beweggründen1).
Nur dem ersteren kann jener Charakter unwiderstehlicher Kraft zu-
gesprochen werden, den Malthus zu Unrecht bei dem zweiten vor-
aussetzt. Der erste ist ein auf tierischen Ursprung zurückgehender
Instinkt, der zur Gewalt einer überwältigenden Leidenschaft an-
wachsen kann, und dem alle Menschen gleichmäßig unterliegen. Der
zweite hat in der Hauptsache gesellschaftlichen und religiösen Ur-
sprung und nimmt je nach Ort und Zeit verschiedene Formen an.

Bei den religiösen Völkern, die die Gesetze Moses’, Manu’s oder
Confucius’ befolgen, ist die Fortpflanzung der Weg der Erlösung, die
Verwirklichung der Unsterblichkeit2). Keinen Sohn zu haben ist fin-
den Brahmanen, den Chinesen, den Juden mehr als ein Unglück: ein
Verbrechen gegen Gott. Bei den griechischen und lateinischen Völkern
war die Fortpflanzung eine heilige Pflicht gegenüber der Stadt und
dem Vaterlande. In einer aristokratischen Kaste läßt es der Stolz
auf das Geschlecht nicht zu, daß der Name aussterbe. Für die elenden
und vielleicht aus öffentlichen Kassen unterstützten Arbeiter bedeuten
viele Kinder viele Verdiener, und jedes Kind ist ein weiterer Grund,
das öffentliche Mitleid in Anspruch nehmen zu können. Ein neues
Land braucht Arbeitskraft, um Neuland zu roden, und Menschen, um
ein neues Volk zu schaffen. Umgekehrt wirken eine ganze Anzahl
Kräfte dem Fortptianzungsinstinkt entgegen; der Egoismus der Eltern,
die keine Verantwortlichkeit übernehmen wollen; der der Mütter, die
die Schmerzen und die Gefahren der Schwangerschaft scheuen; der
Geiz der Elternliebe, die von keinem Nachgeborenen etwas wissen
will, um den Erstgeborenen um so besser ausstatten zu können; der
Feminismus, der die Unabhängigkeit außer der Ehe sucht; die vor-
zeitige Emanzipation der Kinder, die den Eltern nur die Sorgen der

*) Weder das eine noch das andere sind dasselbe wie der Wunsch, sich zu ver-
heiraten, der ganz anderen Beweggründen entspringt. Der Franzose verheiratet sich
meistens, „um ein Heim zu haben“, aber er unterscheidet diesen Wunsch wohl von
dem nach Liebe und noch mehr von dem, Kinder zu haben.

2)	„In einem Sohn erwirbt der Mensch den Sieg über alles. In einem Sohn ge-
winnt er die Unsterblichkeit, und von Sohn zu Sohn gelangt er in die Wohnung der
Sonne. Der Sohn erlöst seinen Vater aus der Hölle. Der Sohn eines Brahmanen,
wenn er tugendhaft handelt, löscht die Sünden von zehn seiner Vorfahren aus,“

So sagt das Gesetz Manu’s. Malthus selbst zieht es als Beweisgrund an, Er
müßte aber bemerkt haben, daß mit dem Tage, an dem man nicht mehr an die
Gesetze Manu’s glaubt, das Argument seine Spitze gegen ihn kehrt.

Einer der Gründe, weshalb die Jüdinnen sich durch die Sterilität entehrt glaubten,
war, daß Jede von ihnen die Mutter des erwarteten Messias werden konnte. Sobald
aber die Juden nicht mehr auf den Messias warten, verschwindet natürlich dieser
Grund, Kinder zu haben.
        <pb n="174" />
        ﻿Kapitel III. Die Pessimisten.

149

Elternschaft, aber weder ihre Freuden, noch ihren Gewinn läßt; un-
zureichende Wohnungen, die Last der Steuern und hundert andere.

Daher sind die Gründe der Fortpflanzung unendlich mannigfaltig,
aber gerade weil sie sozialer und nicht physiologischer Natur sind,
haben sie keinen notwendigen, bleibenden, allgemeingültigen Charakter
und können sehr wohl durch entgegengesetzte, soziale Beweggründe
überwunden werden. Gerade das ist eingetreten. Man kann sich
wohl vorstellen, daß dort, wo der religiöse Glaube verdorrt, und die
Vaterlandsliebe tot ist, wo die Familie nur eine Generation dauert,
wo alles Land in fester Hand, und die Fabrikarbeit der Kinder unter-
sagt ist, wo die Seßhaftigkeit des Lebens fast aufgehört hat, wo der
Gedanke an physische Schmerzen unerträglich, und die Ehe durch
leichte Ehescheidung mehr und mehr einer freien Geschlechtsverbin-
dung ähnlich geworden ist, daß dort, wo alle Beweggründe für die
Fortpflanzung, die ich aufgezählt habe, keinen Einfluß mehr haben,
und wo alle gegenwirkenden Kräfte in freiem Spiele sind, daß dort
die Fortpflanzung dann völlig aufhört. Wenn bisher kein Volk diesen
Zustand erreicht hat, so muß doch zugegeben werden, daß alle aut
dem Wege dazu sind. Allerdings mögen in neuen sozialen Verhält-
nissen sich neue Beweggründe für die Fortpflanzung einstellen: ich
glaube das wohl, aber sie sind uns noch nicht bekannt.

Mag auch die Behauptung noch so paradox erscheinen, der Ge-
schlechtstrieb spielt in der Fortpflanzung des Menschengeschlechts —
wohlgemerkt nur in diesem, — eine sehr untergeordnete Eolle. Die
Natur hat zwar beide Instinkte in den gleichen Organen vereinigt,
und wer an letzte Ursachen glaubt, kann hier die List bewundern,
die sie angewendet hat, um die Erhaltung der Arten durch die Bin-
dung der Zeugung an das kräftigste Lockmittel zu sichern. Der
Mensch hat sich aber als noch listiger erwiesen und hat mühelos
beide Funktionen voneinander getrennt. Zwar fährt er fort, blind
dem Gesetze der Geschlechtsbefriedigung und der Wollust zu ge-
horchen, und kann dies um so freimütiger tun, je weniger er sich
um die Folgen zu kümmern braucht, aber er hat es verstanden, sich
last durchaus dem Gesetze der Fortpflanzung zu entziehen. Daher
lösen sich die Befürchtungen Malthus’ in nichts auf, und die ent-
gegengesetzte Besorgnis, die eines langsamen Selbstmordes der Völker,
erscheint am Horizont.

Diese Trennung der beiden Funktionen vollzieht sich um so
leichter, weil auch das schwache moralische Hemmnis, das der ehrliche
Pfarrer ihr entgegen gestellt zu haben glaubte, als er diese Über-
listung des Fortpflanzungstriebes mit dem Namen Laster bezeichnete,
jede Bedeutung verloren hat. Nachsichtigere Moralprediger sind auf-
gestanden und haben nachgewiesen, daß nur diese Praktiken beiden
        <pb n="175" />
        ﻿150

Erstes Buch. Die Begründer.

Pflichten gerecht werden können: nämlich der Pflicht, die dem
Geschlechtstriebe und dem Bedürfnis nach Liebe die uneingeschränkte
Freiheit verbürgen muß, wie sie die physiologischen und psychologischen
Gesetze des Menschen fordern; und der anderen, die vorschreibt, daß
eine so grundwichtige Handlung, wie die der Fortpflanzung, nicht
dem Zufall überlassen werden soll, und daß keinem Weibe eine so
aufreibende Last, wie die der Mutterschaft, ohne ihr freiwilliges und
vorüberlegtes Wollen auferlegt werden darf. Im Gegensatz zu der
Lehre des Meisters erklären die Neomalthusianer die „moralische
Enthaltsamkeit“ für durchaus unmoralisch; weil sie antiphysiologisch,
durch christlichen Asketismus verseucht und schlimmer sei, als das
Übel, das sie heilen soll. Denn, sagen sie, die Entziehung der Be-
friedigung des Geschlechtstriebes ist eine größere Qual, als die Ent-
ziehung der Nahrung. Weiterhin wirkt sie durch die Vorschrift eines
obligatorischen Zölibats oder einer späten Heirat aut die Ausbreitung
der Prostitution, der Unzuchtsverbrechen, der unnatürlichen Laster
und der illegitimen Geburten hin. Die Neomalthusianer geben sich
jedoch als die Schüler Malthus’ aus und behalten seinen Namen beiJ),
weil sie ihm dafür dankbar sind, nachgewiesen zu haben, daß der
blinde Fortpflanzungstrieb notwendigerweise eine Menschheit erzeugt,
die der Krankheit, dem Elend, einem frühen Tode und sogar dem
Laster verfallen ist, und daß infolgedessen das einzige Mittel, diesen
beklagenswerten Ausgang zu verhindern, in der Regelung dieses In-
stinktes liegt.

Die Annahme ist aber berechtigt, daß Malthus, wenn er heute
auferstände, nicht Neomalthusianer sein würde. Am wenigsten
würde er seinen Schülern verzeihen, den Präventivverkehr weniger
zur Bekämpfung der Gefahren einer Überbevölkerung anzuwenden,
als um Ausschweifungen zu begünstigen und den Geschlechtstrieb
von Verpflichtungen zu befreien, die die Natur mit ihm so eng ver-
bunden hat. Man muß aber trotzdem zugeben, daß er ihnen durch
die Zugeständnisse, von denen wir schon gesprochen haben, den Weg-
geebnet hat.

Ebensowenig scheint Malthus einen der leidigsten Punkte seiner
Lehre gefühlt zu haben, einen Punkt, der am stärksten dazu bei-
getragen hat, sie zu diskreditieren: die Pflicht der Ehelosigkeit
nämlich, die nicht von der der Keuschheit zu trennen ist, die Ent-

’) Das Datum des Entstehens des Neomalthusianismus kann man auf das Buch
des kürzlich verstorbenen (1E09) Dr. Deysdale (Elements of social Science,
1854) zurtiokführen. Aber erst im Jahre 1877 wurde in England die Malthusian
League gegründet. In den letzten Jahren hat die Bewegung so ziemlich überall
— besonders aber in Frankreich, wo sie wirklich überflüssig ist — eine unerwartete
Verbreitung gefunden.
        <pb n="176" />
        ﻿Kapitel III. Die Pessimisten.

151

behrung der Freuden des Familienlebens legt er nur dem Armen auf,

—	nicht dem Reichen 1), denn dieser befindet sich stets in der von
Malthus vorgeschriebenen Lage, die laut seiner Definition allein die
Zeugung von Kindern rechtfertigt. Ich weiß wohl, daß Malthus
jenes harte Gesetz, „keine Kinder in die Welt zu setzen, die man
nicht ernähren kann“, gerade im Interesse der Armen selbst auf-
stellt. Dies hindert aber nicht, daß hierdurch die Ungleichheit ihrer
Lage in der grausamsten Weise, die man sich denken kann, hervor-
gehoben und unterstrichen wird. Er stellt sie vor die Wahl, ent-
weder Hunger zu leiden, oder auf die Befriedigung des natürlichen
Liebesbedürfnisses zu verzichten. Malthus räumt mit dem alten
Lied: „Kaum ist in der kleinsten Hütte“ .. . gründlich auf! Hervor-
zuheben ist aber, daß er jede gesetzliche Heiratsbeschränkung für
Arme, wie sie in einigen Ländern besteht, verwirft. Hier bleibt der
liberale Volkswirtschaftler sich selbst treu. Er sieht wohl, daß, auch
unter Außerachtlassung aller humanitären Rücksichten, dieses Verbot

—	ein Heilmittel, schlimmer als das zu bekämpfende Übel — nur
erreicht, daß an Stelle der ehelichen Kinder die unehelichen zu-
nehmen 2).

Wenn er den Armen zuruft, daß sie ihr Elend nur sich selbst
verdanken3), weil sie keine Voraussicht geübt hätten, weil sie zu
früh geheiratet und zu viele Kinder haben, und wenn er noch dazu
ausführt, daß kein geschriebenes Gesetz, keine Vorkehrung und keine
Einrichtung der Wohltätigkeit irgendwelche Hilfe bringen kann, so
scheint ihm nicht bewußt geworden zu sein, welchen bequemen Vor-
wand zur vollständigen Gleichgültigkeit gegenüber dem Schicksal der
Arbeiter er damit den Besitzenden lieferte4). Während des ganzen

1)	Er sagt das ganz kategorisch: „Bei dem Armen muß man Gewohnheiten
der Klugheit yoraussetzen, die ihn davon abhalten, sich eher zu verheiraten, als bis
der Lohn seiner Arbeit genügt, ihn selbst, eine Frau und sechs Kinder ohne Unter-
stützung zu ernähren.“ Damit ist die Ehe jedem Arbeiter untersagt, dessen Lohn
nicht ausreicht, eine Familie von acht Köpfen zu erhalten! In Anbetracht der er-
bärmlichen Löhne, die die Arbeiter zur Zeit Malthus erhielten, verurteilte er damit
die ganze Arbeiterklasse entweder zur Ehelosigkeit oder zur Keuschheit!

2)	„Man hat mir vorgeworfen, ein Gesetz anregen zu wollen, daß dem Armen
die Ehe verbietet. Das ist nicht wahr . . . Tatsächlich bin ich in der entschiedensten
Weise der Meinung, daß jedes positive Gesetz, durch das das Heiratsalter begrenzt
wird, nngereoht und unmoralisch ist.“

3)	Wir wiederholen die Stelle, die wir schon angeführt haben, denn sie verdient
ganz besonders hervorgehoben zu ■werden; „Das Volk muß sich selbst als die Haupt-
ursache seines Elendes betrachten“ (S. 500).

4)	Die Thesen Malthus’ über die Wohltätigkeit sind sehr interessant und stehen
zu seiner Bevölkerungstheorie in direkter Beziehung. Er hat sich hauptsächlich
mit der praktischen Seite der Frage befaßt, auf die er großen Einfluß ausgeübt
hat. Das damals in England seit den Zeiten der Königin Elisabeth bestehende Gesetz
        <pb n="177" />
        ﻿152

Erstes Buch. Die Begründer.

19. Jahrhunderts versperrte seine Lehre jedem sozialistischen oder
kommunistischen Organisationsplan den Weg und verhinderte sogar
jede Reform, die darauf abzielte, die Lage der Armen zu verbessern,
weil man sagte, daß sie doch keine andere Wirkung haben könnte,
als die Anteile der Anteilhaber zur gleichen Zeit mit der zu ver-
teilenden Menge zu vermehren, und folglich zu nichts fuhren würde.

Trotzdem haben die Lehren Malthus’, obgleich sie so viele Er-
bitterung hervorgerufen haben, dem wirtschaftlichen Unterrichte als
Grundlage gedient; manchmal, um, wie schon gesagt, berechtigte
Forderungen zurückzuweisen, und dann auch, um große klassische,
volkswirtschaftliche Gesetze aufzubauen, wie z. ß. die der Grund-
rente oder des Lohnfonds. Auf der anderen Seite haben sie dazu
gedient, die Familie und das Eigentum zu rechtfertigen, weil man
beides als mächtige Hemmnisse gegen eine unbedachte Kinder-

über obligatorische Unterstützung hat er auf das heftigste angegriffen: „Besitzt es
die Macht, überall dort zwei Ähren hervorzubringen, wo der Boden nur eine trägt?
Nein. Also gut! Als vor Zeiten Kanut der Große den Wogen befahl, vor seinen
königlichen Füßen Halt zu machen, maßte er sieh keine größere Macht über die Natur-
gesetze an“ (S. 868). Da die Unterstützung kein einziges Gut erzeugt, kann sie
keinen einzigen Armen erhalten. „Es mag unwahrscheinlich klingen, daß man mit
Geld die Lage des Armen nicht verbessern kann, ohne die der Gesellschaft zu ver-
schlechtern. Aber so unwahrscheinlich das auch klingt, so glaube ich doch, daß es
die Wahrheit ist“ (S. 355). Hiergegen kann man einwenden, daß auch, wenn das
Almosen keine Güter erzeugt, was selbstverständlich ist, es doch aus den Händen
des Eeichen in die Hände des Armen eine gewisse Verbrauchskraft überträgt. Die
Verbrauchskraft des letzteren wird daher in dem Maße gesteigert, wie die Verbrauchs-
kraft des ersteren beschränkt wird.

Malthus verurteilt nicht nur das Geldalmosen, sondern auch das Sach- und
sogar das Arbeitsalmosen; er erkennt es nur in der Form von Unterricht an,
weil dieses eines der Güter ist, die jedermann hingeben kann, ohne den anderen
etwas zu nehmen (8. 568).

Eine so kategorische Ansicht scheint das Verbot jeder gesetzlichen oder privaten
Unterstützung zu bedingen. Er verlangt auch: „die allmähliche Abschaffung der
Armengesetze (poor laws) und jeder systematischen Unterstützung, die den Armen
Hilfe bietet, auf die er rechnen kann; aber er erkennt „die glücklichen Erfolge der
bei Gelegenheit mit Vorsicht gegebenen Hilfe“ an. Wenn es ihm auch nicht gelungen
ist, die „poor laws“ zur Abschaffung zu bringen, so haben seine Ideen doch auf ihre
Reorganisation 1832 Einfluß ausgeübt.

Hervorgehoben muß werden, daß diese malthusische Lehre gerade das Gegenteil
von dem ist, was heute in Frankreich gelehrt wird, wonach die Solidarität die
christliche Mildtätigkeit ersetzen soll; die Unterstützung soll nicht eine Wohltat für
die Unbemittelten, sondern ihr gutes Hecht sein und dem Individuum wie den privaten
Einrichtungen entzogen werden, um in die Hände des Staates überzugehen. Aller-
dings werden in Frankreich die Ratschläge Malthus’ in Hinsicht auf die Präventiv-
Mittel sogar von den Armen so genau befolgt, daß die von ihm befürchteten Ge-
fahren, soweit das gesetzliche Unterstützungsreoht in Betracht kommt, nämlich das
Anschwellen der Zahl armer Kinder, kaum zu fürchten sind.
        <pb n="178" />
        ﻿Kapitel III. Die Pessimisten.	153

erzeugung auf Grund der Verantwortlichkeit, die sie schaffen, dar-
stellte 1).

Auch heute hat das große Problem der Bevölkerung nichts von
seiner Bedeutung verloren, doch ist es in gewisser Weise umgekehrt
worden. Das, was Malthus die präventive Hemmung nannte, hat
in allen Ländern eine solche Ausdehnung erlangt, daß das, was die
Soziologen und die Volkswirtschaftler beschäftigt, nicht mehr die
Gefahr einer unbegrenzten menschlichen Fruchtbarkeit, sondern die
einer regelmäßig und allgemein sinkenden Geburtsziffer ist. Es handelt
sich darum, die Gründe dafür zu finden. Man ist übrigens völlig-
einig, anzuerkennen, daß diese Ursachen sozialer Natur sind.

Es genügt nicht, den ausgesprochenen Wunsch der Eltern, keine
Kinder zu haben, oder deren Anzahl zu beschränken, als Grund an-
zuführen, eine Erklärung, die natürlich nichts erklärt, da es sich ja
gerade darum handelt, woher dieser Wille stammt, keine Kinder
mehr zu haben? Warum z. B. für Frankreich dieser Enthaltsamkeits-
wille, — der in anderen Ländern zum mindesten nicht in gleichem
Grade besteht, und der auch früher, nur zwei oder drei Generationen
zurück, bei den Franzosen nicht bestanden hat, — sich heute mit
solchem Nachdruck fühlbar macht. Zur Erklärung muß man die
Ursachen aufdecken, Ursachen, die Frankreich und unserer Gesell-

l)	Es ist aber nicht nachweisbar, daß dies die Gedanken Mai.thus’ über diese
Fragen gewesen seien.

Was den Grundbesitz, oder wenigstens den kleinen Grundbesitz anlangt, sah
er darin im Gegenteil einen Ansporn für die Yennehrung der Bevölkerung. Das
merkwürdigste aber ist, daß er sein Beispiel hierfür Frankreich entlehnt, wo heute
gerade die Zerstückelung des Grundbesitzes als eine der Hauptürsachen des Rückganges
der Natalität betrachtet wird. Er schrieb hierüber:

„Von jeher hat es in Frankreich eine Menge kleiner Pacht- und Bauergüter
gegeben. Dieser Zustand ist dem Wachstum des Reinertrags nicht sehr günstig, aber
er vergrößert manchmal den Bruttoertrag, und stets trägt er zu einer starken Ver-
mehrung der Bevölkerung bei“ (S. 216).

Weiterhin schrieb er; „Was auch die Vorteile seiner Lage und seines Klimas
sein mögen, so ist doch in Frankreich das Streben nach Vermehrung der Bevölkerung
so groß, der Mangel an Voraussicht der unteren Klassen so bedeutend, daß ...“ (S. 521).
Das gleiche bezeugt Godwin, und ebenso Young (den Malthus anführt — S. 560):
„Das Hauptunglück dieses Landes liegt darin, daß es eine so große Bevölkerung hat,
die es weder beschäftigen, noch ernähren kann“!

Was die Ehe anlangt, so schreibt ihr Malthus allerdings eine präventive Eigen-
schaft zu: er gibt zu, daß: „die einfachste und natürlichste Hemmung die wäre, jedem
Vater den Unterhalt seiner Kinder als Verpflichtung aufzuerlegen“ (S. 336). Auch

er zu, daß die Verachtung, die das uneheliche Kind oder die uneheliche Mutter
trifft, sich aus der Notwendigkeit rechtfertigt, das Gesetz der Verantwortlichkeit auf-
recht zu erhalten. Das Forschen nach der Vaterschaft (la recherehe de la patemite)
lehnt er zwar ab, aber er erklärt, daß die Verführung „streng bestraft werden muß“,
eine Unterscheidung, die heute allgemein anerkannt ist, die aber zu seiner Zeit
ganz neu war.
        <pb n="179" />
        ﻿154

Erstes Buch. Die Begründer.

Schaft eigentümlich sind, und die sich folglich in anderen Ländern
nicht im gleichen Maßstab fühlbar machen können: — sei es, daß
man mit Paul Leeoy-Beaulieü annimmt, die Geburten nehmen im
Verhältnisse des Zivilisationsfortschrittes ab, da er Bedürfnisse, Wünsche
und Ausgaben schalfe, die mit den Pflichten und Lasten der Vater-
schaft unvereinbar sind; — sei es, daß man mit Dumont zugibt, die
Geburten würden im Verhältnis des Fortschrittes der Demokratie
geringer, die den Wunsch, vorwärts zu kommen, immer schneller
und immer höher zu steigen, anspornt (was er geistreich das Gesetz
der Kapillarität nennt); — sei es, daß man schärfer umrissene Ur-
sachen anzieht, die dann für jede Schule andere sind; wie das gleiche
Erbrecht, auf das die Le PnAv’sche Schule verweist, die Abschwächung
der moralischen und religiösen Vorstellungen, wie Paul Bubeau aus-
fährt, oder die ünmäßigkeit in allen ihren Formen: Völlerei, Alkoho-
lismus usw. Leider kann man nicht sagen, daß irgendeine der bisher
gegebenen Erklärungen vollständig befriedige, und ein neuer Malthus
würde sehr gelegen kommen, um der demographischen Wissenschaft
eine neue Zukunft zu eröffnen 1). ,

II.

Ricardo.

t

Ricardo ist der größte Name der Nationalökonomie und kommt
gleich nach Adam Smith. Er ist sogar bekannter. Adam Smith hat
gerade infolge der weisen Mäßigung in seinen Ansichten keine Schule
gemacht und nur wenig zum Widerspruch herausgefordert; National-

') Es gibt jedoch eine Anzahl Soziologen, die, wie Malthus, nach den biologischen
Gründen suchen; wie er solche für die Erklärung der Übervölkerung gefunden hat,
haben sie andere zur Erklärung der Entvölkerung aufgedeckt.

Pouriek und der englische Schriftsteller Doublbday, der 40 Jahre nach Malthus
schrieb, glauben z. B., daß die Fruchtbarkeit im umgekehrten Verhältnis zur Er-
nährung stehe. Es w'ürde das eine automatische natürliche Hemmung gegen jede
Gefahr einer Übervölkerung darstellen. Andere glauben, daß die Zeugungskraft
im umgekehrten Verhältnis zur geistigen Tätigkeit stehe. Als Grundlage beider
Erklärungen würde danach ein recht bedeutsamer Unterschied in der Entwicklung des
Individuums und der der Gattung in Frage kommen. Sie haben jedoch wenig An-
hänger gefunden. Sollten ihre Annahmen der Wahrheit entsprechen, so würden sie
den Ausblick in die Zukunft nicht zuversichtlicher, sondern im Gegenteil noch dunkler
gestalten, da dann die Völker und die Klassen, die sich zuerst zu höherem Wohl-
stand und höherer Kultur emporgearbeitet haben, zum Untergang verurteilt sind,
während die noch armen und rohen Massen ihren elenden Zustand beibehalten und
sich weiter in unendlicher Zahl vermehren würden.
        <pb n="180" />
        ﻿Kapitel III. Die Pessimisten.

155

Ökonomen aller Schattierungen sitzen zu Füßen des Meisters und
hören ehrfurchtsvoll:

aus seinem Mund die Weisheitsworte fließen
(de sa houche abonder les paroles divines).

Aber nicht in diesen erhabenen Regionen muß man Eicabdo
suchen; er steht im dichtesten Getümmel. Um seinetwillen wogt der
Kampf, und gegen ihn richten sich alle Angriffe. Handelt es sich
um die Methode, so stürzt sich die realistische und die historische
Schule auf ihn, der die Wissenschaft in die Sackgassen der Abstrak-
tionen geführt hafü Handelt es sich um die “Rechtfertigung des
Grundbesitzes, so wird zuerst seine Rententheorie angegriffen; der
ganze Marxismus und folglich der ganze heutige Sozialismus baut
sich unmittelbar auf seiner Werttheorie auf.' Wenn diese Nachkommen-
schaft ihm auch sicherlich wenig Zusagen dürfte, so kann er sie doch
nicht verleugnen. In den Streitfragen über die Rolle der Notenbanken
und über den internationalen Handel findet man ihn, und zwar stets
an erster Stelle, wieder.

Er verdankt es daher ebensosehr seinen Fehlern, wie seinen
Verdiensten, das geistige Leben so nachhaltig in Erregung gesetzt
zu haben. Von den meisten seiner Lehren, wenigstens von den für
ihn bezeichnendsten, ist nicht mehr viel übrig geblieben, wenn man
davon absieht, daß er stark zur Kritik und zu Gegenbehauptungen
herausforderte, was aber vielleicht nicht weniger'von Bedeutung ist.
Übrigens war dieser Citybankier nur ein recht mittelmäßiger Schrift-
steller. In seinen Werken findet sich keine jener prachtvollen Seiten,
wie sie Adam Smith oder später Sxuaet Mild verfaßt .haben, ja nicht
einmal Formeln von jener treffenden Schärfe, die nie vergehen können.
Sein Hauptwerk ist völlig planlos: Wie zufällig stehen die Kapitel
nebeneinander. Seine hypothetische Methode mit ihrem ewig wieder-
holten: „Angenommen, daß . ..“, sozusagen seine Fabrikmarke, wirkt
sehr ermüdend. Jedoch hat diese abstrakte Methode der Wissen-
schaft einen langdauernden Anstoß gegeben, und sie lebt heute in
der mathematischen Schule wieder auf. Er war ein gewaltiger, wenn
auch dunkler Geist, der, wie er selbst gesteht, sich nicht immer
selbst verstand. Eine dunkle Ausdrucksweise tut aber dem Ruhme
keinen Abbruch; sie hat dem Ansehen Ricaedo’s wie später dem von
Makx viel genützt. Wenn es sich um einen großen Mann handelt,
gibt man nicht gern zu, daß er schwer verständlich sei, vielleicht
aus Furcht, dann selbst für nicht mit rechtem Verstände begabt zu
erscheinen. Man bemüht sich vielmehr, in den dunkelsten Stellen
einen tiefen Sinn zu finden. Allerdings ist man hierin, soweit Ricaedo
ln Betracht kommt, nicht immer erfolgreich gewesen.
        <pb n="181" />
        ﻿156

Erstes Buch. Die Begründer.

Es ist nicht daran zu denken, an dieser Stelle sein so monu-
mentales Werk erschöpfend darzustellen, und wir begnügen uns
daher damit, seine Hauptzüge heryorzuheben ’).

Im allgemeinen können wir sagen, daß sich Eicaedo hauptsächlich
mit der* V er teilung der Güter ^beschäftigt hat. Hierin hat er in
Wahrheit ein neues Feld eröffnet, denn seine Vorgänger haben sich
fast nur mit der Produktion befaßt. „Die Gesetze, denen diese
Verteilung untersteht, lestzulegen, ist die Hauptaufgabe der National-
ökonomie.“ — Man kannte allerdings schon die Dreiteilung des Ein-
kommens, in Übereinstimmung mit der Dreiteilung der Produktions-
faktoren, — die Kente für den Boden, den Profit für das Kapital,
den Lohn für die Arbeit —; Eicaedo will aber"feststellen, in welcher
Weise diese Verteilung vor sich geht, und welche Gesetze den Anteil

&gt;) David Eicaedo entstammte einer ursprünglich holländischen, jüdischen Familie.
Er wurde im Jahr 1772 in London geboren, wo sein Vater als Warenmakler lebte.
Frühzeitig wurde er von ihm in die Geschäfte, in die Geheimnisse der Wechselstuben
eingeführt. Anläßlich seiner Heirat schwor er seine Eeligion ab und brach mit seiner
Familie. Er gründete ein eigenes Geschäft als Börsenmakler und sammelte rasch
ein großes Vermögen, das man sogar auf 40 Millionen Fr. geschätzt hat, was aber,
besonders für seine Zeit, enorm gewesen wäre und wahrscheinlich übertrieben ist.
Ganz natürlich waren es Fragen des Bankwesens, die ihn zuerst sich mit der
volkswirtschaftlichen Wissenschaft beschäftigen ließen. Zu jener Zeit hatte der Krieg
mit Frankreich eine solche Entwertung der Banknoten in England herbeigeführt, daß
nicht nur Spezialisten,^sondern auch Privatleute sich viel mit dieser Frage befaßten.
Damals, 1810, veröffentlichte er seinen ersten Aufsatz: Heber den hohen Geld-
preis als Beweis für die Entwertung der Banknoten. Er war zu dieser
Zeit 38 Jahre alt und ließ dieser ersten Arbeit bald weitere über Kredit und Bank-
wesen folgen. Diese kleineren Streitschriften jedoch ließen kaum ahnen, mit welchen
tiefeingreifenden Untersuchungen über die Grundsätze der Wissenschaft er sich be-
schäftigte — anscheinend zu seiner persönlichen Unterhaltung, denn sie scheinen
nicht für die Öffentlichkeit bestimmt gewesen zu sein, — die endlich 1817 unter dem
Titel: Principles of political Economy herausgegeben wurden.

Als er sie veröffentlichte, ahnte dieser „businessman“ sicherlich nicht, daß er
dadurch die Grundpfeiler des kapitalistischen Wirtschaftsgebäudes erschüttern würde.

1819 wurde er Mitglied des Unterhauses, doch scheint er als Eedner nicht
glänzender, denn als Schriftsteller gewesen zu sein, obschon er übrigens vom Haus
mit größter Achtung angehört wurde. „Ich habe zweimal angefangen zu sprechen,
war aber so befangen, daß ich alle Hoffnung aufgebe, der Furcht Herr zu werden,
die mich jedesmal überfällt, wenn ich meine eigene Stimme höre.“

Im Jahre 1821 gründete er den Klub „Political Economy“, der wahrscheinlich
die erste der zahlreichen Gesellschaften für ökonomische Studien war, die seitdem in
allen Ländern gebildet worden sind. 1822 gab er eine Abhandlung über den Schutz
der Landwirtschaft heraus. Er starb im Jahre 1823, 51 Jahre alt.

Seit seinem Tode hat man pietätvoll seine Schriften gesammelt und besonders
seine Briefe veröffentlicht. Er stand in regem Briefwechsel mit den bedeutendsten
Nationalökonomen seiner Zeit, wie Malthos, Mac Cullooh, J.-B. Say und anderen.
Diese Briefe und ihre Beantwortungen sind für das Verständnis seiner Lehren äußerst
wertvoll.
        <pb n="182" />
        ﻿Kapitel III. Die Pessimisten.

157

eines jeden bestimmen. Wenn Excaedo diese Untersuchung auch
ohne jede teleologische Gerechtigkeitsvoraussetzung führt, so läßt
sich leicht voraussehen, daß er die Ära der Polemik und sogar des
Sozialismus eröffnen wird. Auf der einen Seite nämlich treten in der
Verteilung der Güter die Naturgesetze gegenüber geschriebenen
Gesetzen und" menschlichen Einrichtungen zurück, und auf der
anderen sind dieselben individuellen Interessen, die in der Produktion
Zusammenwirken, in der Verteilung antagonistisch.

Wir werden daher untersuchen, welche Gesetze Excaedo für die
Bodenrente, den Profit und den Lohn aufstellte und werden besonders
auf das erste eingehen, das, ihm zufolge, die anderen bestimmt.

Man könnte meinen, daß es zunächst unumgänglich nötig sei, die
"Werttheorie Eicaedo’s zu besprechen, um so mehr, als'die Theorie des
Arbeitswertes in der Wertlehre einen großen Platz einnimmt und der
marxistischen Theorie vom Mehrwert, auf der der ganze zeitgenössische
Sozialismus beruht, den Weg öffnet.’ Trotzdem werden wir uns aber
damit begnügen,-nur gelegentlich von seiner Werttheorie zu sprechen,
und zwar dort, wo sie mit den Gesetzen der Verteilung in Verbindung
steht. Hierfür können wir uns auf Excaedo selbst berufen, denn er
sagt; „Zum Schluß muß die große Frage der Bodenrente, des Lohnes
und des Profites klargestellt werden und zwar durch das Verhältnis,
in dem der Gesamtertrag unter Grundbesitzer, Kapitalisten und
Arbeiter verteilt wird, welches Verhältnis nicht notwendiger-
weise mit der Lehre vom Wert in Verbindung steht 1).“

Excaedo hat keineswegs mit der Ausarbeitung einer Lehre über
den Wert begonnen, um aus ihr die Gesetze der Verteilung abzu-
leiten; sondern erst, als er diese Gesetze entdeckt hatte, oder entdeckt
zu haben glaubte, hat er versucht, sie in eine Werttheorie zusammen-
zufassen. Der Gedanke, der ihn sein ganzes Leben hindurch verfolgt
hat, daß nämlich der Boden eine immer wachsende Arbeit verlange,
hat ihn ohne Zweifel zu der Auffassung verführt, daß die Arbeit
«die Grundlage“ oder „die Ursache“ oder „der Maßstab“ — er schwankt
beständig zwischen diesen keineswegs übereinstimmenden Ausdrücken

— des Wertes sei. Man muß übrigens zugeben, daß die Werttheorie
Eicaedo’s weit davon entfernt ist, einen Begriff' von seiner Bedeutung
zu geben. Angesichts dieser höchst schwieligen Frage ist sein durch-
dringender Geist nicht glücklicher als der seiner Vorgänger gewesen.
Er hat verschiedentlich erklärt und noch kurz vor seinem Tode mit
prächtiger Offenheit zugegeben, daß seine Versuche, eine Erklärung
des Wertes zu finden, zu keinem Resultat geführt hätten2).

1)	Brief an Mao Cüllooh vom 13, Juli 1820, erwähnt von H. Denis, B. II, S. 171.

2)	tu seinem Briefwechsel mit Mac Culloch schreibt er unter dem 18. Dez. 1819:
” iit meiner Erklärung: der Grundsätze, die den Wert beherrschen, bin ich nicht zu-
        <pb n="183" />
        ﻿158

Erstes Buch. Die Begründer.

§ 1. Das Gesetz der Bodenrente.

Von allen Theorien Eicaedo’s ist die über die Bodenrente —
die Kente — die berühmteste, und sein Name ist mit ihr unlöslich
verbunden. Sie ist so bekannt, daß Stuaet Miel sie die Eselsbrücke
, der Studierenden nannte, und noch heute ist sie eine klassische
■ Examensfrage. %

Die Frage der Rente (d. h. des Einkommens aus Grundbesitz;
das englische Wort „reut“ bedeutet Pachtertrag ^'beschäftigte nicht
nur Ricaedo. Sie zog die Gedanken aller Nationalökonomen seiner
Zeit und besonders seines Landes unwiderstehlich an. Während
der ganzen ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts steht sie im Mittel-
punkt der englischen ökonomischen Wissenschaft, ’ und noch später
war sie es, die, wie wir sehen werden, sich zur Lehre von der Ver-
staatlichung des Grund und Bodens entwickelte und den Erfolg des
Buches von Henev Geoege ausmachte. In Frankreich haben wir
nur einen abgeschwächten Widerhall davon gespürt. Frankreich war
schon, nicht nur seit der Revolution, sondern sogar schon vor ihr,
ein Land der kleinen Bauerngüter. Das Pachtsystem erstreckte sich
bei weitem nicht, wie in England, auf die Gesamtfläche des Bodens,
und auch dort, wo es bestand, hatte es einen anderen Charakter.
Man sah in Frankreich nicht so ausgeprägt, wie das in England der
Fall war, jene Hierarchie in drei Stockwerken, die von der Natur
selbst erschaffen zu sein schien, und in der offenbar das ganze System
der Verteilung zutage lag; unten der Arbeiter, der seinen Lohn er-
hält, darüber der große kapitalistische Pächter, der seinen Profit
einstreicht, und an der Spitze der „Landlord“, der seine Rente
erhebt.

Die beiden ersten Einkommensarten waren leicht zu erklären;
woher kam aber die letzte, dieses Einkommen, auf dem die englische
Aristokratie und mit ihr die englische Geschichte beruhte?

Wir wissen, daß die Physiokraten in diesem Einkommen, das sie
Reinertrag (produit net) nannten, eine freie Gabe der Natur, ein Ge-
schenk Gottes sahen; und daß selbst Adam Smith, obgleich er die
Rolle des Schöpfers der Güter vom Boden auf die Arbeit übertragen
hatte, nichtsdestoweniger zugab, daß ein bedeutender Teil, wenigstens

frieden. Ich möchte, daß ein Erfahrener als ich sich damit befasse.“ Und unter seinen
Briefen an Malthus findet sich einer vom 15. Aug. 1820, wahrscheinlich einer der
letzten, die er geschrieben hat, in dem er von seiner und seines Schülers Mac Culloch
Theorie über den Wert spricht. Er sagt da mit einer gewissen Melancholie: „Es
ist keinem von uns beiden gelungen.“ Siehe Hal^vy, Le Radicalisme philo-
sophique, und H. Dbnih, op. cit„
        <pb n="184" />
        ﻿Kapitel III. Die Pessimisten.

159

ein Drittel, des Einkommens aus dem Boden der Beihilfe der Natur
zu verdanken seiJ).

Malthus hat hierüber ein besonderes Buch geschrieben 2), und
Ricardo zollt ihm die Anerkennung; „die wirkliche Lehre von der
Rente entdeckt zu haben.“ Malthus nahm, wenigstens als Ausgangs-
punkt, die von den Physiokraten und Adam Smith gegebene Er-
klärung an, d. h. er sieht in der Rente die natürliche Wirkung einer
von Gott der Erde verliehenen Eigenschaft . . ., einer Eigenschaft,
die der Erde die Kraft gibt, mehr Menschen zu erhalten, als zu
ihrer Bestellung nötig sind“. Für ihn ist aber die Bodenrente nicht
nur das Resultat eines physischen Gesetzes; sie ergibt sich
auch aus einem wirtschaftlichen Gesetze, das in dem einzig-
artigen Privilegium der Erde liegt, selbst die Nachfrage nach ihren
Produkten hervorzurufen, so daß sie ohne Ende ihr eigenes Ein-
kommen und ihren eigenen W ert aufrecht erhalten und vermehren
kann. Woher kommt das? Weil die Bevölkerung beständig dahin
strebt, mit dem Vorrat von Lebensmitteln gleichen Schritt zu halten
und sogar darüber hinaus zu wachsen, mit anderen Worten; weil
überall zum mindesten ebensoviele Menschen geboren werden, wie die
Erde ernähren kann. Diese neue Erklärung der Bodenrente ist eine
Schlußfolgerung aus dem Gesetze Malthus’, nämlich des beständigen
Fressens der Bevölkerung gegen ihren Nahrungsspielraum.

Weiter hebt Malthus einen anderen Grundzug der Bodenrente
hervor, eine so richtige und bedeutsame Beobachtung, das an ihr die
Theorie Ricaedo’s sich entzündete: da die Erde nicht gleichmäßig
fruchtbar ist, geben auch notwendigerweise die auf ihre Bestellung
verwendeten Kapitalien ungleichmäßigen Gewinn. In diesem Unter-
schiede zwischen dem normalen Gewinne aus mittelmäßigem Boden
und dem größeren Gewinne aus fruchtbareren Feldern besteht nun
gerade zugunsten der Besitzer fruchtbareren Bodens eine besondere
Rentenkategorie, die differentiale Bodenrente, wie man sie später
nennen sollte.

Diese Rente erscheint Malthus, wie früher den Physiokraten,
als völlig gerechtfertigt und durchaus im Einklang mit dem öffent-
lichen Nutzen.“ Für die Urbesitzer ist sie nur der gerechte Entgelt
»ihrer Kraft und Geschicklichkeit“ gewesen, und für diejenigen,
welche die Güter nachher erworben haben, gilt dasselbe, da sie ja
niit den Früchten ihres Fleißes und ihrer Gewandtheit erworben
worden sind. Sie besteht ohne Zweifel unabhängig von der Arbeit

T	A/vwi

) Smith hatte die Industrie einer Ehe verglichen, aus der zwei Kinder ent-
springen, der Profit und der Lohn, während die Landwirtschaft drei gibt, die beiden
erwähnten und die Rente.

2) An inqnity into the nature and progress of rent, 1815.
        <pb n="185" />
        ﻿160

Erstes Buch. Die Begründer.

des Besitzers, aber sie ist wie das große Los, das otium cum
dignitate, das die gerechte Belohnung jeder verdienstlichen An-
strengung darstellt1).

Eicaedo schlägt nun einen neuen Weg ein. Er bricht voll-
ständig mit der von den Physiokraten und A. Smith vorgetragenen
Lehre, die Malthus beibehalten hatte, indem er verächtlich jeden
Oedanken an eine von der Natur geleistete Mitarbeit verwirft. Dieser
Finanzherr hatte keinen abergläubischen Eespekt vor der Natur,
wenn er auch selbst Großgrundbesitzer war, und lächelnd würde er
das Wort: „Wer ist denn die Dame?“ das später geprägt wurde,
ausgesprochen haben. Er führt als Gegenüberstellung zu dem be-
rühmten Ausspruch Smith’s den von Buchanan an: „Die Einbildung,
daß die Landwirtschaft einen Reinertrag liefert, weil die Natur mit
dem Fleiß des Menschen zusammen an den Arbeiten der Land-
bestellung teilnimmt, und daß sich daraus eine Rente ergebe, ist ein
leerer Traum 2).“ Wie war sehen werden, weist er durch eine elegante
Umkehrung der Theorie nach, daß die Bodenrente eher auf den Geiz,
als auf die Freigebigkeit der Natur schließen läßt.

Der Beweis, daß die Fruchtbarkeit des Bodens niemals, wenigstens
nicht allein, die Ursache der Rente sein kann, ergibt sich daraus,
daß in einem neuen Lande, einer Kolonie z. B., der Boden keine Rente
abwirft, wenn mehr Land vorhanden ist, als die Bedürfnisse der Be-
völkerung erfordern; das trifft sogar in dem Falle zu, daß dieses
Land von wunderbarer Fruchtbarkeit ist. „Wer wird daran denken,
das Recht der Bearbeitung eines Grundstückes zu kaufen, wenn un-
gezählte Strecken Landes herrenlos sind und so jedem, der ihre
Kultivierung in Angriff nehmen will, offen stehen3)?“ 'Wann tritt nun
die Bodenrente auf? Erst dann, wenn „der Bevölkerungsfortschritt
zu einer Urbarmachung von geringwertigerem oder weniger gut ge-
legenem Boden zwingt“/ Dies ist der springende Punkt in der Theorie

’) S. 192; siehe auch S. 172 und 178.

2)	Man muß aber auf seiner Hut sein, denn der Einfluß der alten Theorie macht
sich hin und wieder bei Eicakdo bemerkbar. Ganz kann er sich nicht von ihr be-
freien. So definiert er die Bodenrente als: „jenen Teil des Bodenertrages, der dem
Besitzer gegen das Eecht, die produktiven und unverwüstlichen Eigenschaften des
Bodens auszubeuten, gezahlt wird“. Diese Eigenschaften, von denen er oft spricht,
nennt er auch „natürliche“, „ursprüngliche“ und „unzerstörbare“, — was doch alles
sagen will, daß sie von jeder Arbeit unabhängig sind!

3)	„Stets hört man von den Vorteilen sprechen, die den Boden vor allen anderen
Produktionsquellen auszeichnen, weil man ihm einen Mehrwert in der Gestalt einer
Bodenrente abgewinnt. Und doch wirft der Boden in der Periode seiner besten
Fruchtbarkeit, seines größten Überflusses, seines höchsten Ertrages keine Eente ab.
Erst mit dem Augenblick, in dem er geringwertiger wird, stellt sich die Eente ein!“
(S. 48).
        <pb n="186" />
        ﻿Kapitel III. Die Pessimisten.

161

Eicaedo’s. Weit entfernt, ein Zeichen der Freigebigkeit der Natur
zu sein,‘entsteht die Bodenrente vielmehr aus einer traurigen Not-
wendigkeit, nämlich aus der Seltenheit des guten Bodens und dem
Zwange, unter dem Drucke der Bevölkerung und der Bedürfnisse auf

relativ arme Felder zurückgreifen zu müssen1 2 3). ‘ „Die Bodenrente

eine Schaffung von Werten, nicht von Gütern“, sagt Ricardo. Ein
bedeutungsvolles Wort, das bestimmt war, viele dunkle Fragen der
volkswirtschaftlichen Wissenschaft zu lösen. Was meint er damit?
Er stellt hierdurch die Güter, die sich aus dem Überfluß und der
Befriedigung ergeben, und den Wert, der aus dem Hindernis und
der Anstrengung erwächst, einander gegenüber und behauptet, daß
die Bodenrente der zweiten Kategorie und nicht der ersten zu-
zurechnen sei. Nichtsdestoweniger können wir uns mit dieser Er-
klärung nicht zufrieden geben. Denn es ist nicht recht zu verstehen,
daß eine rein negative Tatsache, wie das Fehlen fruchtbaren Landes,
ein Einkommen verschaffen könnte. Es würde besser sein, zu sagen,
daß, wenn'die Seltenheit des benutzbaren Bodens die Bedingung des
Auftretens der Rente ist, sie doch noch nicht ihre Ursache ist. Die
Ursache ist die Preiserhöhung der landwirtschaftlichen Erzeugnisse,
die selbst wieder bedingt ist durch die größere Arbeit und Mühe2),
die die Bewirtschaftung weniger fruchtbaren Landes mit sich bringt.
Was daher endgültig die Rente eines Stückes Getreidebodens hervor-
bringt und der Höhe nach bestimmt, das ist die notwendige Arbeit,
die zur Erzeugung des Getreides auf demjenigen Boden schlechtester
Qualität erforderlich ist, der noch im Anbau ist (dem „Grenzboden“)*)/
Nehmen wir an, wie Eicaedo so gern schreibt, daß auf Boden
erster Klasse die Erzeugung eines Hektoliters Getreide 10 Arbeits-
stunden kostet, und daß der Preis des Hektoliters Getreide 10 Fr.
sei. Um eine Bevölkerung, die gemäß den Gesetzen Malthus’ wächst,
zu ernähren, muß man nun Ländereien zweiter Klasse zu bewirt-

*) Man zahlt der Natur für ihre Arbeit nicht auf Grund ihrer reichlichen,
sondern auf Grund ihrer spärlichen Hilfe. Je geiziger sie mit ihren Gaben
ist, einen um so höheren Preis läßt sie sich zahlen (8. 50).

Und an einer anderen Stelle: „Die verhältnismäßige Seltenheit der
■wirklich fruchtbaren Ländereien ist die Ursache der Kente“ (im Text
unterstrichen) (8. 376).

Es ist zu bemerken, daß Smith diese Erklärung schon in bezug auf die Pro-
duktion der Bergwerke gegeben hatte; es ist ihm aber nicht in den Sinn gekommen,
daß auch Felder nur eine Art Bergwerke verstellen.

2)	Heute würden wir einfach sagen: „bedingt durch die Steigerung der Nach-
frage“, was aber ganz gegen die Lehre Ricaedo’s geht, für den nicht die Nachfrage,
sondern die Arbeit den Wert schafft.

3)	„Der Wert des Getreides wird von der zu seiner Erzeugung auf den Feldern
schlechtester Qualität aufgewendeten Arbeit bestimmt.“

Gide und Rist, Gesch. d. Volkswirtschaft!. Lehrmeinungen.	11
        <pb n="187" />
        ﻿162

Erstes Buch. Die Begründer.

schäften anfangen, wo das Hektoliter Getreide 15 Arbeitsstunden
erfordert. Sogleich wird der Wert des Getreides im gleichen Ver-
hältnis steigen und sich auf 15 Fr. erhöhen, wodurch die Besitzer
des Landes erster Klasse einen Mehrwert, einen Bonus, von 5 Fr.
erhalten. Hiermit tritt die Bodenrente erstmalig in Erscheinung.
Mit der Zeit werden Felder dritter Klasse in Bewirtschaftung ge-
nommen, auf denen ein Hektoliter Getreide eine Arbeitszeit von
20 Stunden benötigt. Sofort steigt der Getreidepreis auf 20 Fr. Die
Besitzer der ersten Klasse finden nun ihren Bonus, ihre Bodenrente,
um eine Stufe erhöht, nämlich von 5 Fr. auf 10 Fr. für den Hekto-
liter und die Besitzer des Bodens zweiter Klasse erhalten ihrerseits
einen Bonus von 5 Fr. für den Hektoliter. So entsteht unterhalb der
ersten Klasse eine neue Klasse von bescheideneren Rentenbeziehern.
Mit dem Tage, an dem man gezwungen sein wird, Boden vierter
Kategorie in Bearbeitung zu nehmen, werden die Besitzer des Bodens
dritter Klasse ihrerseits zu Rentenbeziehern usw.1).

Man hat dieser Theorie vorgeworfen, daß diese Hierarchie der
Bodenklassen für die Zwecke der Beweisführung erfunden worden
sei. In diesem Punkte jedoch hat Ricardo im Gegenteil weiter nichts
getan, als in wissenschaftlicher Sprache das auszudrücken, was jeder
Bauer meint, wenn er, ohne zu zögern und auf Grund einer Über-
lieferung von Vater auf Sohn, sagt: „Das ist guter Boden, das ist
schlechter Boden!“

Ricardo, den man stets als rein abstrakten Geist hinstellt, war
ein sehr praktischer Mensch und ein sehr guter Beobachter, der
weiter nichts getan hat, als • die Tatsachen, die sich vor ihm ab-
spielten, und die die öffentliche Meinung und das Parlament be-
schäftigten, in Formeln zu fassen. Denn die Erhöhung der Boden-
rente, die auf die Erhöhung der Getreidepreise am Ende des 18.
und am Anfang des 19. Jahrhunderts folgte, war die eindrucksvollste
Tatsache in der wirtschaftlichen Geschichte Englands. Im ganzen
Verlauf des 18. Jahrhunderts, bis 1796, war der Höchstpreis des
Getreides 60 sh und einige Pence pro Quarter gewesen. 1795 aber
stand der Preis auf 92 sh, und 1801 fast auf dem dreifachen des
alten Preises, nämlich auf 177 sh! Dieser exorbitante Preis, der
allerdings keine besondere Dauer hatte, geht auf außergewöhnliche
Ursachen zurück, unter denen hauptsächlich die Kriege gegen Napoleon
und die Kontinentalsperre anzuführen sind. Trotzdem aber stand
der Durchschnitt in den Jahren 1810—1813 auf 106 sh2).

0 „Mit jedem Bevölkerungszuwachs, der eine Nation zur Inangriffnahme der
Lebensmittelerzeugung durch Bestellung geringerwertiger Felder zwingt, steigt die
Pacht der höherwertigen Felder“ (S. 47).

2) Nach Cannan’s prächtigem Buch „History of the theories of produc-
        <pb n="188" />
        ﻿Kapitel III. Die Pessimisten.

163

Die Erhöhung des Getreidepreises lag nämlich nicht-nur an zu-
fälligen Ursachen, sondern beruhte auf der unvermeidlichen Tatsache,
daß die verfügbaren Felder nicht länger ausreichten, um die Be-
völkerung zu ernähren, so daß es notwendig geworden war, neue
Felder urbar zu machen, ohne Eücksicht auf ihre Lage oder ihre
Beschaffenheit. Die Weiden, die früher große Strecken des eng- ,
lischen Bodens eingenommen hatten, wichen Tag für Tag mehr vor
dem Pfluge. Es ist die Periode, in der jene schreiende Ungerechtig- |
keit, die den Namen „Enclosure Acts“ trägt, sich vollzog, der
Gesetze, auf Grund derer die Grundbesitzer die noch freien Gemeinde-
ländereien zu ihren Domänen schlugen. Eine sehr beredte graphische
Darstellung Cannan’s zeigt die Parallelität zwischen der Anzahl der
Enclosuregesetze, die jedes Jahr bewilligt worden waren und der Er-
höhung des Getreidepreises 1).

Eine im Jahr 1813 vom Unterhaus ernannte Kommission, die eine
Untersuchung über die Getreidepreise anstellen sollte — die Grund-
besitzer fürchteten nämlich, daß mit dem Friedensschlüsse die Ge-
treidepreise infolge der dann zu erwartenden Getreideeinfuhr stark
fallen würden —, kam zu dem Schluß, daß die neuen in Kultur ge-
nommenen Felder das Getreide nicht unter 80 sh das Quarter (34 Fr.
den Hektoliter) hervorbringen könnten. Was für ein Argument zu-
gunsten der Theorie Ricaedu’s 2)!

----------- A ^ ■ /2

tion and distribution in the political Economy of England from 1778
to 1848 (S. 195), war der Durchschnittspreis jedes Jahrzehnts dieser Periode;

	sh	d.
1770—1779	45	—
1780—1789	45	9
1790—1799	55	11
1800—1809	82	2
1810—1813	106	2

Da ein Quarter etwas weniger als 3 Hektoliter (2,91) ist, kommt ein Preis von
106 sh zu etwas über 46 Fr. der Hektoliter.

*) Die „Acts of enclosure“ (Einhegungsgesetze) haben in England am Ende des
XVIII. und am Anfang des XIX. Jahrhunderts unter Zustimmung der öffentlichen
Meinung überhand genommen. Durch diese Gesetze autorisierte das Parlament die
Aneignung des Gemeindelandes. Von 1700—1845 zählt man 38o5 dieser Ver-
ordnungen, durch die 7622664 Acker „eingehegt“, d. h. von den Grundbesitzern aus
dem Gemeindeland sich ungeeignet wurden. Erst 1845 tritt ein Pmschwung in der
Gesetzgebung und in der öffentlichen Meinung ein.

2) Immerhin scheint es nicht ganz klar zu sein, ob die Inangriffnahme dieser
neuen Felder, in Übereinstimmung mit der Theorie E.icaedo’s, den Getreidepreis zum
Steigen gebracht hat, oder ob es nicht die Höhe des Getreidepreises gewesen ist,
4er auf der Seltenheit beruhte, die nachträglich die Aneignung und Inangriffnahme
dieser neuen Feldern verursacht hat. Uns erscheint diese letzte Hypothese, die die
Theorie Ricaedo’s hinfällig machen würde, als die wahrscheinlichere.

11*
        <pb n="189" />
        ﻿164

Erstes Buch. Die Begründer.

Kann ‘man jedoch der Notwendigkeit nicht entrinnen, Felder
zweiter oder dritter Klasse zu bewirtschaften? Kann man nicht zu-
nächst durch intensivere Kultur den Ertrag der alten Felder erhöhen?
Zweifellos kann man dies bis zu einem bestimmten Punkte. Es ist
aber widersinnig zu glauben, daß man auf einer begrenzten Ober-
fläche eine unbegrenzte Menge Lebensmittel hervorbringen kann.
Überall gibt es eine allerdings elastische Grenze, die der Fortschritt
in der landwirtschaftlichen Wissenschaft sicherlich weit über jede
Voraussicht hinaus zurückschieben kann; aberlange bevor der Land-
wirt diese ideale Grenze erreicht hat, stellt er die Arbeit ein, weil
ihn die Praxis gelehrt hat, daß „der Preis nicht die Mühe lohnt“,
wie das Sprichwort sagt, nämlich, daß der Mehraufwand an Arbeit
und Kosten, der zu leisten wäre, den Mehrertrag, den er erhalten
kann, bedeutend übersteigt. Das nennt man das*Gesetz des sinken-
den Bodenertrages1).

Dieses Gesetz bildet einen integrierenden Bestandteil der Ricardo-
schen Theorie, ohne dessen Berücksichtigung sie unverständlich bleibt,
wie es auch der malthusischen Theorie unausgesprochen zugrunde
lag. Übrigens ist es schon von Xjjegöt entdeckt und mit bewun-
derungswürdiger Kraft und Klarheit formuliert worden: '„Man kann
niemals annehmen, daß verdoppelte Aufwendungen das Produkt ver-
i doppeln 2).“ * Und Malthüs wiederholt nur, wahrscheinlich ohne sie

*) Gewisse Kritiker, wie Fontenay, ein Schüler Bastiat’s, stellen den Satz auf
daß ein Feld sehr wohl aus der vierten Kategorie der Ertragsfähigkeit in die erste
übergeführt werden könne, wenn ein intelligenter Landwirt, anstatt'Getreide darauf
zu bauen, es zu einem Weinberg oder vielleicht zu einer Rosenkultur benutzte. Doch
fällt das aus dem Rahmen der Frage: das Gesetz der Bodenrente setzt Erzeugnisse
gleicher Art voraus, da sie gerade auf Grund dieser Übereinstimmung zum gleichen
Preis verkauft werden. Wenn schlechtes Getreideland erstklassiges Rosenland wird,
so ist das schön und gut, aber es hat dann nichts mehr mit Getreide zu tun und
muß unter Eosenland eingeschätzt werden. Mit dem Tag, an dem man ein zur
Rosenkultur weniger günstiges Land für denselben Zweck in Angriff nimmt, wird
es eine Bodenrente abwerfen.

2J Türgot, Observations sur un Memoire de M. de Saint-Peravy,
(Buvres I, S. 420.

„Man kann niemals annehmen, daß die Verdoppelung der Vorschüsse eine Ver-
doppelung des Ertrages ergebe . . .“

„Es ist mehr als wahrscheinlich, daß jede Erhöhung der Vorschüsse, die nach
und nach, bis zu dem Punkte, wo sie nichts mehr einbringen, vorgenommen wird,
einen nach und nach geringer werdenden Ertrag bringen. In diesem Falle würde
es mit der Ertragsfähigkeit des Bodens, wie mit einer elastischen Feder stehen, die
man durch eine wachsende Belastung mit gleichen Gewichten zu spannen trachtet.
Wenn das Gewicht leicht ist, und die Feder nicht sehr elastisch, wird die Wirkung
der ersten Belastungen fast Null sein. Wenn das Gewicht genügend schwer wird,
um den ersten Widerstand zu überwinden, wird die Feder bemerkbar nachgeben und
sich biegen; wenn sie aber bis zu einem bestimmten Punkt gebogen ist, wird sie
        <pb n="190" />
        ﻿Kapitel III. Die Pessimisten.

165

zu kennen, die Stelle, wo Tuegot sagt: „es ist selbstverständlich,
daß, im Maße wie die Bewirtschaftung sich ausdehnt, der jährliche
Zuwachs des Durchschnittsertrages, ständig geringer wird“ r). Eicardo
sah dies Gesetz unter seinen Augen in Kraft. Oft spricht er, wenn
auch etwas dunkel, von der Verringerung im Ertrage der Kapitalien,
die nach und nach in den gleichen Boden gesteckt werden. Er weist
darauf hin, daß sogar in diesem Falle, d. h. ohne daß neue Land-
striche in Bearbeitung genommen werden, die Bodenrente in Erschei-
nung tritt.

In der Tat, wenn wir bei unserem Boden Nr. I bleiben, der das
Getreide zu 10 Fr. den Hektoliter erzeugt, uud wenn wir annehmer^/)
daß wir versuchen, im Falle die Bedürfnisse eine Erhöhung des Ernte-
ertrages notwendig machen, den Ertrag bei Nr. I zu erhöhen, anstatt
Boden Nr. II urbar zu machen, so werden wir hierbei nichts ge-
winnen. Denn die neuen Hektoliter, die auf dem Boden Nr. 1 er-
zeugt werden, werden 15 Fr. kosten, genau wie die vom Boden Nr. II,
und ihr Preis wird den Marktpreis bestimmen: der Preis eines jeden
Hektoliters wird daher auf 15 Fr. steigen, und der Besitzer wird ebenso
eine Bodenrente beziehen, weil seine zwei Hektoliter sich zum gleichen
erhöhten Preise verkaufen, nämlich 15 plus 15 gleich BO Fr., obgleich
sie ihm doch nur 10 plus 15 Fr. gleich 25 Fr. gekostet haben 2).

dem auf sie ausgeübten Druck größeren Widerstand entgegensetzen und ein Gewicht,
unter dem sie am Anfang um einen Zoll nachgegeben hätte, wird sie nur noch um
eine halbe Linie biegen. So wird die Wirkung beständig geringer werden.“

„Dieser Vergleich ist zwar nicht ganz genau, genügt aber, um verstehen zu
lassen, wie es kommt, daß auch eine sehr hohe Kostenanfwendung den Ertrag nur
sehr wenig steigern kann, wenn der Boden nahe an die Grenze seiner Ertragsfähig-
keit gelangt ist.“

Der durchdringende Geist Tuegoi’s hat damit eine in den Darlegungen der
klassischen Ökonomisten gewöhnlich unbeachtet gebliebene Tatsache hervorgehoben,
nämlich, daß es am Beginn der Bodenbewirtschaftung eine Periode des Optimum
gibt, während der der Ertrag mehr als proportional ist.

') Bemerkenswert ist, daß das Gesetz des sinkenden Bodenertrages (Loi du
rendement non-proportionnel) sich schon in der zweiten der beiden berühmten Pro-
gressionsreihen Malthus’ findet, denn die arithmetische Eeihe, die er als Maßstab
des Wachstums der Lebensmittel gibt —• 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, . . . 100, usw. setzt
natürlich ein um so langsameres Wachstum voraus, je höher die Keihe steigt,
d. h. die Zeit fortschreitet. Ein Peld gibt z. B. einen Ertrag 1; in 25 Jahren 2
oder 100 °/0 mehr, was nichts besonders wunderbares hat, weil es in die erste Zeit
der Bewirtschaftung fällt. Am Ende einer zweiten Periode von 25 ist der Ertrag
gleich 3; die Vermehrung ist immer gleich 1, aber die Proportion ist jetzt nur noch
60 %; so fällt das Wachstum auf 33°/0, 25 °/0, 20°/o und am Ende der 100. Periode
nach 2500 Jahren beträgt es nur noch 1 % nnd wird stetig, wenn auch immer lang-
samer, geringer.

2) Die von Ricakdo gegebene Erklärung ist in eine etwas andere Eorm ge-
kleidet. „Wenn ein Pächter aus seinem Land mit einem Kapital von 1000 Pfund
        <pb n="191" />
        ﻿166

Erstes Buch. Die Begründer.

Um zu vermeiden, Boden einer geringeren Kategorie in Angriff
zu nehmen, gibt es noch ein anderes Hilfsmittel. Es besteht darin,
in der Ferne durch Auswanderung und Kolonisation Felder zu
erwerben, die den Feldern erster Kategorie gleichwertig sind, oder-
besser, einfach die Erzeugnisse dieser überseeischen fruchtbaren Felder
zu kaufen und dafür industrielle Erzeugnisse in Tausch zu geben,
auf die das Gesetz des sinkenden Bodenertrages keine Anwendung
findet. Hierbei muß jedoch noch die Arbeit des Transportes in Be-
tracht gezogen werden, die sich der Erzeugungsarbeit anfügt, und
die das gleiche Resultat ergeben wird, nämlich eine Bodenrente für
die dem Markt näher gelegenen Grundstücke, eine Bodenrente, die sich
aus der Überlegenheit der Lage erklärt, oder, wie J.-B. Say sagt:
„Entfernung wirkt wie geringere Fruchtbarkeit.“ In Amerika gibt es
Felder, die das Getreide zu 10 Fr. den Hektoliter erzeugen; wenn
es aber notwendig wird, für den Transport 5 Fr. Fracht zu zahlen,
so ist es klar, daß das nach England gelieferte Getreide 15 Fr. wert
ist, d. h. genau ebensoviel, als -wenn man dort Felder zweiter Kate-
gorie in Angriff genommen hätte. Die Eigentümer der Felder Nr. I
in England werden daher ebenfalls eine Rente von 5 Fr. erhalten.
Dieses dritte Hilfsmittel wird jedoch von Ricaedo kaum erwähnt,
und er konnte in der Tat damals noch kaum voraussehen, welche
außerordentliche Entwicklung ein halbes Jahrhundert später hierin
eintreten würde, eine Entwicklung, die das Gesetz der Bodenrente
in unseren europäischen Ländern Umstürzen und all die Drohungen,
die es -in sich barg, Lügen strafen sollte1).

Sterling 100 Zentner Getreide gewinnt und wenn er, infolge der Aufwendung eines
weiteren Kapitals von 1000 Pfund Sterling einen Mehrertrag von 85 Zentnern er-
zielt, so würde der Besitzer berechtigt sein, von ihm 16 Zentner oder deren ent-
sprechenden Wert zu verlangen, denn für den Profit kann es nicht zwei verschiedene
Sätze geben“ (S. 43). Er will damit sagen, daß die Kente notwendigerweise in
Erscheinung tritt, wenn die Höhe des Gewinnes infolge der geringeren Ertragsfähig-
keit der neuen Kapitalien sinkt. Denn die Kente ist, wie das Wort schon sagt, der
Teil des Ernteertrags, der nach Abzug des Gewinnes und der Löhne übrig bleibt.
Diese Darstellung nähert sich (wie Eicardo zugibt) der eines anderen englischen
Schriftstellers, Edward West, in dessen 1815 veröffentlichten Buch: Application
of Capital to Land.

*). Kurze Zeit darauf gab ein Deutscher, selbst ein Großgrundbesitzer, ein Buch
heraus, das sich mit der Untersuchung gerade jener Seite der Eentenfrage, die Eicardo
vernachlässigt hatte, befaßte, d. h. mit dem Einfluß der Entfernung vom Markt auf
die Bewirtschaftung und auf den Preis der Erzeugnisse. Es war das y. Thünbn, der
in seinem Buch: „Der isolierte Staat“ (der erste Band erschien 1826) das Bild
einer Stadt aufstellte, die von einem bestimmten Landhezirk umgeben ist. Er weist
nach, auf Grund welcher Gesetze die Bewirtschaftung sich in konzentrischen
Zonen um den Mittelpunkt anordnen wird, und wie jedes der Wirtschaftssysteme
zu der Entfernung in Beziehung steht.
        <pb n="192" />
        ﻿Kapitel III. Die Pessimisten.

167

Diese große Theorie Ricaedo’s, die beim ersten Anblick selbst-
verständlich erscheint, beruht jedoch auf einer gewissen Anzahl Ppstu-
late, die näher ins Auge gefaßt werden müssen. Die einen können
als endgültige wissenschaftliche Wahrheiten anerkannt werden, die
anderen nicht.

1.	Zunächst setzt diese Theorie voraus, daß die Erzeugnisse un-
gleich fruchtbarer Felder, obschon sie ungleiche Arbeitsmengen dar-
stellen, sich stets zum gleichen Preise verkaufen, stets den gleichen
Tauschwert haben. Ist nun diese Prämisse, die wir provisorisch
ohne Untersuchung angenommen haben, wirklich unanfechtbar? Gewiß,
wenn man annimmt, daß es sich um Produkte gleicher Art und
gleicher Qualität, wie das Getreide, handelt. Wenn die auf dem-
selben Markte angebotenen Waren so gleichartig sind, daß es dem
Käufer gleichgültig sein kann, welche er erwirbt, so wird er keines-
falls die einen teurer als die anderen bezahlen. Stanley Jevons hat
dieses Gesetz später das „Gesetz der Indifferenz“ genannt1).

2.	Weiterhin wird angenommen, daß dieser für alle gleichen
Produkte gleiche Tauschwert von der maximalen Arbeits-
leistung bestimmt wird, d. h. von der Arbeit, die für die Erzeu-
gung desjenigen dieser Produkte notwendig ist, das am meisten
Arbeitskosten verursacht hat.

Dies bringt uns zur* Werttheorie Ricardo’s. Wie man weiß, er-
schien ihm‘der Wert jeder Sache von der zu ihrer Erzeugung not-
wendigen Arbeit bestimmt2).* Schon Adam Smith hatte gesagt, daß

‘) Der Euhm dieser für das Verständnis des Tauschwertes so bedeutsamen Ent-
deckung kommt aber nicht einzig Eicardo zu, denn schon 40 Jahre vor ihm hatte
ein einfacher schottischer Landwirt, Anderson — (der allerdings höchstwahrscheinlich
in völlige Vergessenheit geraten wäre, wenn man ihn nicht als Vorläufer Eicahdo’s
ausgegraben hätte) — diese Tatsache bemerkt, und in seinem Buch: Observations
on the means of exoiting a spirit of National Industry (1777) sehr gut
ausgeführt: „Der Landwirt, der die fruchtbarsten Felder bewirtschaftet, kann sein
Getreide zu einem geringeren Preis auf den Markt bringen als andere, die weniger
ertragreiche Felder bewirtschaften ... Er ist aber in der Lage sein Ge-
treide zum gleichen Preis auf dem Markt zu verkaufen, wie die, die
geringeren Boden bearbeiten. . . Folglich ist es bedeutend vorteilhafter,
fruchtbare Felder zu bewirtschaften; da aber dieser Gewinn im Maßstab, wie mau
in der Eeihenfolge der weniger ertragreichen Felder herabsteigt, immer geringer wird,
muß man endlich an einen Punkt kommen, wo die zur Bewirtschaftung eines
solchen geringwertigeren Feldes nötigen Kostenaufwendungen
dem Gesamtertrag gleich sind“ (von Stanley Jevons in seiner Theory of
Political Economy S. 229 angeführt). Ricardo scheint hiervon keine Kenntnis
gehabt zu haben; wenigstens erwähnt er ihn nicht. Nur Malthus und West erkennt
er die Priorität dieses Gedankens zu.

2), „Ich sehe die Arbeit als die Quelle allen Wertes an, und ihre relativen Mengen
als Maßstab, der fast ausschließlich den relativen Wert der Waren bestimmt.“
        <pb n="193" />
        ﻿168

Erstes Buch. Die Begründer.

der Wert im Verhältnis zur aufgewandten Arbeit stände. Aber nur
in den primitiven Gesellschaften; in den zivilisierten Gesellschaften
hat er im Gegenteil erklärt, „gäbe es nur sehr wenige Waren, deren
ganzer Tauschwert auf der Arbeit allein beruhe“. Smith nahm
daher wohl an, daß die Arbeit einer der Wertfaktoren sei, aber nicht
der einzige. Was sind nun die anderen? Offenbar der Boden und
das Kapital.

Ricardo vereinfacht das Problem, wie es abstrakte Denker gern
tun, indem er die beiden letzten Faktoren ausschaltet und nur die
Arbeit bestehen läßt. Was den Boden anbelangt, so schiebt er ihn
auf die Seite, da ja die Rente in nichts zur Schaffung des Wertes
beiträgt, ja im Gegenteil selbst von ihm geschaffen wird1). Das
Getreide wird nicht teuer verkauft, weil der Boden eine Rente ab-
[ f wirft, sondern weil das Getreide teuer ist, gibt der Boden eine Rente.
- _ Das volle Verständnis dieses Grundsatzes, sagt er, ist in der National-
ökonomie von der größten Bedeutung. Was'das Kapital anbelangt, so
ist es nichts als Arbeit/Es ist daher nicht notwendig, einen besonderen
Faktor daraus zu konstruieren. Es genügt nicht, unter Arbeit „nur
die Arbeit zu verstehen, die unmittelbar auf die Erzeugung ver-
wendet worden ist, sondern auch diejenige Arbeit, die auf Werkzeuge,
Maschinen und Gebäude, die der Schaffung des Produktes dienten,
verwendet wurde“ 2). Mit dieser Erklärung, die das Kapital auf die
Arbeit zurückführt, war jedoch Ricardo selbst nicht sehr zufrieden.
Einen Großkapitalisten, wie Ricardo, mußte eine solche These aller-
dings sehr beunruhigen. Als man ihm entgegenhielt, daß Eichen und
Wein mit dem Alter an Wert zunehmen, war er in rechter Verlegen-
heit. Und in einem Briefe an Mac Culloch sagt er: „Alles Nach-
denken, das ich auf diese Frage verwendet habe, bringt mich zu der
Annahme, daß'der relative Wert der Dinge durch zwei Ursachen be-
stimmt wird: 1. Durch die relative Arbeitsmenge, die zur Erzeugung
notwendig ist; 2. durch die relative Zeitdauer, die notwendig st
um das Resultat dieser Arbeit auf den Markt zu bringen.“ ' Er hat
also schon die Bedeutung dieses von der Arbeit durchaus verschie-
denen neuen Faktors geahnt, dem v. Böhm-Bawerk später eine so
große Bedeutung beilegen sollte.

Im allgemeinen drückt man die Theorie Ricaedo’s dadurch aus,
daß man sagt:"der Wert wird von den Produktionskosten be-

*) Schon Htjmb hatte Smith gegenüber diesen Binwurf erhöhen. Vgl. oben
S. 72 Anm. 2 (al. 2, S. 73).

2) „Wenn das Kapital ein vergängliches Gut ist, müssen Jahr für Jahr große An-
strengungen gemacht werden, um es in seiner Vollständigkeit zusammenzuhalten; diese
Wiederherstellungsarbeit kann in Wirklichkeit als für die Erzeugung von Waren
aufgewendet,angesehen werden und muß sich in ihrem Wert wiederfinden,“
        <pb n="194" />
        ﻿Kapitel III. Die Pessimisten.

169

stimmt. Hierzu ist man berechtigt, da er sich selbst so ansdrückt.
Es ist aber etwas ganz anderes, zu sagen, daß der Wert von der
Arbeit bestimmt wird, und wieder etwas anderes ist es, zu sagen,
daß er von der Summe des Lohnes und des Profits bestimmt
wird (unter Außerachtlassung der Bodenrente)1). In diesem Punkte,
wie in vielen anderen, kann nur die Dunkelheit des Ausdruckes
Eicaedo vor dem Vorwurf eines formellen Widerspruches retten.

Gehen wir einen Schritt weiter. Es genügt nicht, zu behaupten,
daß der Wert von der Arbeit bestimmt wird, um die Tatsache der
Bodenrente zu erklären. Wenn alles Getreide in Säcken auf dem
Markte ist — nehmen wir der Einfachheit halber an, daß es sich
nur um drei Sack handelt, — von denen jeder eine verschiedene
Menge von Arbeit gekostet hat, da in der Hypothese der eine auf
fruchtbaren, die andern auf weniger fruchtbaren Feldern erzeugt
worden sind, so haben sie trotzdem den gleichen Wert. Welche von
den drei Arbeitsmengen ist es nun, die den Wert des Getreides be-
stimmt? Eicaedo antwortet: „die Maximalmenge“;*der Sack Ge-
treide, der unter den ungünstigen Bedingungen erzeugt worden ist,
bestimmt den Marktpreis.

Warum aber sollte es im Gegenteil nicht der Sack Getreide sein,
der die günstigsten Erzeugungsverhältnisse gehabt hat, oder warum
nicht der mittlere?

Weil dies unmöglich sein würde. Nehmen wir an, daß die drei
Säcke Getreide, die auf dem Markt vorhanden sind, von drei ver-
schiedenen Kategorien Felder, A, B und C, kommen, auf denen die
respektiven Arbeitsmengen 10, 15 und 20 sind. Unmöglich kann der
Marktpreis geringer als 20 sein, entsprechend den Produktionskosten
des Getreides, das von den Feldern C stammt. Wäre er niedriger,
so könnte Feld C nicht mehr bewirtschaftet werden. Wir haben
jedoch angenommen, daß man seine Erzeugnisse nicht ent-
behren kann. Es ist auch unmöglich, daß der Marktpreis über
20 hinausgehe, denn in diesem Falle würden die Felder der vierten
Kategorie in Bewirtschaftung genommen werden, und ihr Getreide
würde sich dem schon auf dem Markte vorhandenen zugesellen. Da
wir jedoch schon angenommen haben, daß das Getreide für den Be-
darf genügt, so würde dieses Anwachsen des Angebots sogleich den
Preis auf das unüberschreitbare Minimum von 20 herabsinken lassen.
Man muß in dieser Beweisführung das dialektische Kunststück be-
wundern, mit dem es Eicaedo gelungen ist, ein von jeder Arbeit

l) In einer Anmerkung zum Absatz 7 des I. Kapitals sagt er: „Malihus scheint
zu denken, daß nach meiner Theorie die Kosten und der Wert einer Sache das-
selbe ist. — Das ist auch richtig unter der Voraussetzung, daß man unter Kosten
die Herstellungskosten einschließlich des Profits annimmt.“
        <pb n="195" />
        ﻿170

Erstes Buch. Die Begründer.

unabhängiges Einkommen abzuleiten, wie es die Rente vor-
stellt, und zwar gerade aus dem Gesetze, daß aller Wert aus der
Arbeit stammt. Die Erklärung ist jedoch mehr elegant als be-
weiskräftig, denn es liegt schließlich auf der Hand, daß von allen
Säcken Getreide, die sich auf dem Markt befinden, nur für einen
einzigen Wert und Arbeitsleistung in Übereinstimmung sein
können. Für alle anderen sind die Arbeitsmengen und der Tausch-
wert absolut und unendlich verschieden.

Zwar stimmen die meisten der heutigen Nationalökonomen dahin
überein, daß der Wert keineswegs ein Produkt der Arbeit ist, sondern
( ^ nur der Widerschein der menschlichen Wünsche auf die Sachen,
- ■ und dennoch ist das Gesetz Ricaedo’s nicht weniger wahr. Nur muß
es in dem Sinne verstanden werden, daß die Konkurrenz, die bestrebt
ist, den Preis der Dinge auf das Niveau der Produktionskosten
zurückzuführen, ihn nicht unter die höchsten Produktionskosten herab-
drücken kann, das heißt, unter den Preis, der notwendig ist, um die
Kosten der teuersten auf dem Markt nachgefragten Einheit wieder
zu erstatten ^ In diesem Sinne ist das Gesetz Ricaedo’s nicht nur
für die landwirtschaftlichen Erzeugnisse, sondern für alle Erzeugnisse
wahr. Seine Tragweite ist daher viel größer als die, die ihm seine
Urheber beilegten. Heute entdeckt man die Bodenrente in allen
Einkommen. Allerdings hat die Rente durch diese Verallgemeinerung
, und Verdünnung etwas von dem einzigartigen Charakter verloren,
den sie in der Theorie Ricaedo’s besaß. Sie erscheint heute nur
noch als das Resultat gewisser günstiger Umstände, die sich in
irgendeiner Lage einstellen können; und das geht soweit, daß man
heute sogar von der „Rente der Verbraucher“ sprechen hört.

3.	Die Theorie Ricaedo’s nimmt weiter an, daß es stets eine
gewisse Kategorie Felder gibt, die überhaupt keine Rente abwirft,
weil ihr Ertrag nur gerade zur Wiedererstattung der Bewirtschaftungs-
kosten genügt. Mit anderen Worten, sie gibt nur differenzielle
Bodenrenten zu und läßt von den verschiedenen Fällen, die Malthus
im Auge hatte, nur diese gelten.

Man muß zu der Meinung neigen, daß Malthus hierin richtiger
als Ricaedo gesehen hat. Denn, wenn es sehr leicht möglich ist,
daß es Felder gibt, die keine Bodenrente abwerfen, sei es fruchtbare
Felder in den Kolonien, weil sie dort im Überfluß vorhanden sind,
sei es in den alten Ländern, wenn es sich um sehr arme Felder

b Auch ist noch zu bemerken, daß Ricardo, wie später K. Marx und alle die,
die versucht haben, die Theorie des Wertes auf die Arbeit zu gründen, gezwungen
ist, stillschweigend das Gesetz des Angebotes und der Nachfrage anzunehmen, um
seine Theorien, so gut oder so schlecht als es gehen mag, mit den Tatsachen in Ein-
klang zu bringen.
        <pb n="196" />
        ﻿Kapitel III. Die Pessimisten.

171

handelt, so ist es doch offenbar, daß in einer zu einem bestimmten
Grade von Bevölkerungsdichte gelangten Gesellschaft die Tatsache
allein, daß der Boden nur in begrenzter Menge vorhanden ist, genügt,
um allen Feldern und ihren Erzeugnissen einen Seltenheitswert zu
geben, der von ihrer verschiedenen Ertragsfähigkeit unabhängig ist.
Sogar wenn alle von gleicher Fruchtbarkeit wären, würde sich
hieran nichts ändern. Es gibt kein Feld, das keinen Käufer
finden würde. Wer würde aber bereit sein, ein Grundstück zu
kaufen, wenn es ihm nur gerade den Gegenwert der Bewirtschaftungs-
kosten einbringen sollte!

Man begreift aber sehr gut, weshalb Ricaedo die Existenz dieser
nur auf der Quantitätsbegrenzung beruhenden Kentenkategorie nicht
hat zugeben wollen. Er würde sich nämlich dadurch im Widerspruch
mit seiner eigenen Theorie gesetzt haben, nach der es keinen anderen
Wert gibt, als den, der auf der Arbeit beruht. Er hat sich jedoch
dazu entschließen müssen, für einige seltene Produkte eine Ausnahme
zuzugeben. Nämlich für solche Produkte, „die keine Arbeit vermehren
kann — wie kostbare Bilder, Statuen, Bücher, Medaillen, edle
"Weine usw.“. Das war aber von seinem Gesichtspunkte aus nur eine
ganz kleine Bresche, die er eilig schloß, um nicht mehr daran zu denken.
Denn wenn hier von ihm wirklich der ganze ungeheure Reichtum
des Bodens einbegriffen worden wäre, hätte er befürchten müssen,
daß sein ganzes Gebäude in sich Zusammenfalle 1).

Hiermit haben wir unsere Darlegung der vor allen anderen
wirtschaftlichen Lehren berühmten Rententheorie vollendet, und von
ihr kann man sagen, daß es sogar mit Einschluß der Lehre Malthits’
keine andere gibt, die leidenschaftlicheren Kritiken ausgesetzt ge-
wesen wäre. Hierfür gibt es eine Menge Gründe:

1.	Zunächst warf sie den ganzen schönen „ordre naturel“, den
man unabänderlich geglaubt hatte, über den Haufen, indem sie in der
Gesellschaftsordnung eine Menge von Interessengegensätzen nachwies.
Wenn nämlich diese Lehre wahr ist, so scheint es, daß sich das
Interesse des Grundbesitzers nicht nur im Gegensatz zu dem der
anderen Klassen befindet, die das Gesellschaftseinkommen unter sich
teilen — dieser Gegensatz ist zwischen Anteilhabern unvermeidlich —,
sondern auch, daß es im Widerspruch zu dem Allgemeininteresse der

b Wie ist es aber geschehen, daß ihm nie der Gedanke gekommen ist, daß gerade
der Boden — wenigstens für jedes gegebene Land und sogar für das ganze Menschen-
geschlecht — eins jener Güter ist, „deren Menge keine Arbeit vermehren kann“?
        <pb n="197" />
        ﻿172

Erstes Buch. Die Begründer.

Gesellschaft steht. Was ist nun in Wirklichkeit das Interesse des
Grundbesitzers ?

Sein Interesse ist zunächst, daß die Bevölkerung und die Be-
dürfnisse sich so schnell wie irgendmöglich vermehren, damit die
Menschen gezwungen seien, neuen Boden urbar zu machen; es ist
weiterhin in seinem Interesse, daß diese neuen Äcker so arm wie
möglich seien, denn dadurch verlangen sie größere Arbeitsmengen, und
steigern um ebensoviel die Bodenrente. Daß der Mensch an eine
stetig härter werdende Arbeit gefesselt sei, um einen immer undank-
bareren Boden urbar zu machen, trägt am sichersten zum Yermögens-
wachstum des Kentenbeziehers bei!

Die Grundbesitzer als Klasse betrachtet haben ferner
alles Interesse daran, so paradox auch zuerst dieser Schluß scheinen
mag, daß die landwirtschaftliche Wissenschaft so wenig wie möglich
Fortschritte mache. Denn worin auch dieser Fortschritt bestehe, er
kann kein anderes Resultat haben, als zu gestatten, auf demselben Felde
eine größere Menge Produkte zu erzeugen, das Gesetz des sinkenden
Bodenertrages unwirksam zu machen, und so den Preis der Lebens-
mittel und die Bodenrente zu erniedrigen, da es nicht mehr notwendig
sein würde, schlechte Felder zu bewirtschaften. Da, mit einem Wort,
die Bodenrente sich am Hindernis mißt, wie die Höhe des Wasser-
spiegels in einer Talsperre an der Höhe der Schleuse, so wirkt alles,
was das Hindernis erniedrigt, darauf hin, die Bodenrente zu ver-
ringern. Zur Abschwächung jedoch muß angeführt werden, daß jeder
Grundbesitzer individuell Interesse daran hat, landwirtschaftliche
Meliorationen auszuführen; denn solange diese Meliorationen noch nicht
genügend verallgemeinert sind, um die Preise zum Sinken zu bringen
und die Anbaugrenze einzuschränken, hat er Zeit, von dem erhöhten
Ertrag zu profitieren. Da alle Grundbesitzer den gleichen Gedanken
verfolgen, ist es möglich, daß die individuellen Interessen auf eine
Selbsttäuschung zum Vorteil des Allgemeininteresses hinauslaufen.
Man darf sich aber nicht zu sehr hierauf verlassen.

Ricardo stellt diesen Gegensatz fest1) und unterstreicht ihn

l) „Die Geschäfte zwischen dem Großgrundbesitzer und der Gesamtheit sind
verschieden von den anderen Handelsgeschäften, da man von diesen sagen kann, daß
der Verkäufer, wie der Käufer seinen Vorteil dabei findet, während in jenen der
ganze Verlust auf der einen Seite, und der ganze Gewinn auf der
anderen Seite ist“ (S. 308). Wenn der Grundbesitzer dem Verbraucher sein
Getreide verkauft, so ist das nicht ein gewöhnlicher Tausch, bei dem beide Teile
Gewinn haben. Der Verbraucher erhält nichts für das, was er gibt.“ (Hier ist
natürlich als gedacht angenommen: für den Teil, der die Produktionskosten übersteigt.)
Aber keinen Gegenwert für das, was man gibt, zu erhalten, heißt das nicht, be-
stohlen werden?

An einer anderen Stelle sagt Kicaedo, als Antwort auf die gleichmütige Be-
        <pb n="198" />
        ﻿Kapitel III. Die Pessimisten.

173

sogar mit besonderem Nachdruck. Zweifellos beruht es auf seiner
eingehenden Untersuchung dieser Frage, daß er sich mit größerer
Überzeugung zum Freihandel bekannte, als es die Physiokraten oder
Adam Smith getan hatten. Für diese beruhte der Freihandel haupt-
sächlich auf der allgemeinen Überzeugung von der Harmonie der
Interessen, während Ricardo sich auf eine bestimmte Tatsache stützt,
nämlich auf das Steigen des Getreidepreises und der Bodenrente.
Ihm erscheint der Freihandel als die einzig wirksame Hemmung dieser
verderblichen Tendenz des Wirtschaftslebens. Nach seiner Theorie
kommt jede freie Einfuhr von Lebensmitteln aus dem Ausland der
Inangriffnahme von Feldern gleich, die ebenso reich oder reicher
sind wie die der britischen Inseln, beseitigt infolgedessen die lästige
Notwendigkeit, schlechtere Felder zur Bebauung heranzuziehen, und
tut der Preissteigerung Einhalt.

Er bemüht sich sogar, die Grundbesitzer zu überzeugen, daß es
in ihrem Interesse liegt, dem Freihandel zuzustimmen, sogar um den
Preis einer gewissen Verlangsamung in der Steigerung ihrer Ein-
künfte; wenigstens tadelt er ihren blinden Widerstand. „Sie sehen
nicht“, sagt er, „daß jeder Handel darauf hinzielt, die Produktion
zu vermehren, und daß diese Vermehrung den allgemeinen Wohlstand
hebt, obwohl ein gewisser Teilverlust damit verbunden sein kann.
Wenn sie wirklich folgerichtig Vorgehen wollten, müßten sie ver-
suchen, jede Verbesserung in der Landwirtschaft und Fabrikation
hintanzuhalten, ebenso wie jede neue Erfindung im Maschinenwesen“ x).

2.	Die ßententheorie stellte außerdem das Eigentumsrecht an
Boden in eigentümlicher Weise dadurch bloß, daß sie das Einkommen
des Grundbesitzers als nicht auf die Arbeit gegründet und folglich
als antisozial erscheinen ließ. Gerade aus diesem Grunde wurde sie
von den konservativen Nationalökonomen so lebhaft angegriffen. Es
ist aber zu bemerken, daß Ricardo sich offenbar dürchaus nicht

hauptung A. Sjiith’s, daß „das Interesse der Grundbesitzer mit dem des Restes der
Gesamtheit nicht in Widerspruch stehe“: daß „das Interesse des Großgrund-
besitzers stets in Widerspruch mit dem des Verbrauchers und dem
des Fabrikanten ist“. Es liegt im Interesse des Großgrundbesitzers, daß die
Kosten der Getreideproduktion steigen. Das ist jedoch nicht im Interesse des Ver-
brauchers; und ebenso nicht im Interesse des Fabrikanten, denn teueres Getreide
führt zu hohen Löhnen, ohne daß deshalb der Preis der Waren stiege (S. 307).

*) Der Reichtum steigt am schnellsten dort, wo der verfügbare Boden am frucht-
barsten ist, wo die Einfuhr den wenigsten Beschränkungen unterliegt, wo die land-
wirtschaftlichen Verbesserungen eine Erhöhung der Produktion ohne entsprechende
Vermehrung der Arbeitsmenge gestatten, folglich überall dort, wo das Wachstum
der Bodenrente langsam ist“ (S. 51). Der Gegensatz zwischen dem Bestand
an fruchtbarem Boden, dem Freihandel, der Entwicklung der landwirtschaftlichen
Wissenschaft auf der einen Seite — und auf der anderen, dem Steigen der Rente,
ist hier sehr klar ausgedrüokt.
        <pb n="199" />
        ﻿174

Erstes Buch. Die Begründer.

bewußt gewesen ist, welchen Schlag er gegen die Einrichtung des
Eigentums führte. Dieser Gleichmut, der uns heute überrascht, läßt
sich durch die Tatsache erklären, daß seine Theorie die Grund-
besitzer jeder Verantwortlichkeit enthob. Da die Rente nämlich im
Gegensatz zu Profit und Lohn in den Produktionskostenpreis nicht
eingeht; da sie in nichts auf die Höhe des Getreidepreises einwirkt,
sondern im Gegenteil von ihm bestimmt wird1), so erscheint der
Großgrundbesitzer als der Unschuldigste der drei Beteiligten: er
spielt eine rein passive Rolle; er erzeugt nicht seine Rente, er er-
/1 leidet sie,, wenn man so sagen darf.

Sehr schön K'V'Nun mag die Tatsache, daß der Eigentümer an der
Bildung der Bodenrente unschuldig ist, wohl genügen, um ihn persön-
lich von der Verantwortung für die bedauerlichen Folgen der Rente
zu entbinden, aber augenscheinlich genügt sie auch, um dem Rechts-
titel des Eigentümers jeden Rechtsgrund zu entziehen, wenigstens
wenn man daran festhält, daß es nur e i n e n Rechtsgrund für alles
Eigentum geben kann: die Arbeit. Gerade diese Seite der Frage
war dem Nationalökonomen James^Mill, einem Zeitgenossen Ricaedo’s,
aufgefallen; er schlug vor, die Rente zu konfiszieren (oder wie man
heute sagen würde, sie durch Steuern zu sozialisieren)2). Dadurch
war er der Vorläufer der Lehren von der Nationalisierung des Bodens,
der Vorläufer eines Colins, Gossen, Heney George und Walbas.

3.	Weiterhin hat die Rententheorie lebhafte Kritiken hervor-
gerufen, weil sie die Zukunft des Menschengeschlechts in recht trüben
Farben erscheinen ließ und eine traurige Bestätigung der Gesetze
Malthus’ zu enthalten schien. Sie zeigt uns nämlich, wie jede Ge-
sellschaft im Maßstabe ihres Wachstums und Fortschrittes dazu ge-

rj „Die Bodenrente bildet keinen Bestandteil nnd kann keinen Bestandteil des
Getreidepreises bilden“ (S. 61). Und er fügt an: „Das vollkommene Verständnis dieses
Grundsatzes scheint mir in der Nationalökonomie von der größten Wichtigkeit.“
Adam Smith hatte schon gesagt: „Die hohe Bodenrente wird vom Preis verursacht“,
nur scheint er diesem Satz keine besondere Bedeutung beigemessen zu haben.

2) Ricardo ist sehr damit einverstanden, daß die Bodenrente von einer Steuer,
getroffen werde; der Grund, weshalb er es zugibt, — daß nämlich eine solche Steuer
ganz vom Grundbesitz getragen werden müsse, der sie auf keine Verbraucherklasse
abwälzen kann —, scheint darauf hinzudeuten, daß nach seinem Dafürhalten das Ein-
kommen des Großgrundbesitzers weniger unverletzlich als das der anderen Gesellschafts-
klassen ist. Jedoch läßt er diese Steuer nur in einem beschränkten Maße zu: „denn“, sagt
er, „es würde ungerecht sein, nur das Einkommen einer besonderen Gesellschaftsklasse
zu besteuern. Oft gehört die Bodenrente Leuten, die nach Jahren harter Arbeit ihren
angesammelten Profit zum Ankauf eines Landgutes verwendet haben“ (S. 174). Die
ursprüngliche Ungerechtigkeit, wenn sie wirklich besteht, wäre also durch den Ver-
kauf gegen bar aus der Welt geschafft. Dieser Grund mag eine Entschädigung für
die Enteignung rechtfertigen, kann aber nie de plano zur Verwerfung der Enteig-
nung genügen.
        <pb n="200" />
        ﻿Kapitel III. Die Pessimisten.

176

zwangen wird, immer undankbarere Felder zn bewirtschaften und
immer drückendere Produktionsmittel anzuwenden. Sie erscheint daher
wie ein wissenschaftlicher Beweis des Fluches der Genesis: „Dornen
und Disteln soll er (der Acker) dir tragen; . . . und im Schweiße
deines Angesichts sollst du dein Brot essen.“

Allerdings war Ricardo nicht so pessimistisch, zu glauben, das
Menschengeschlecht würde durch diese unheilvolle Verschlechterung
des kostbarsten aller Produktionsmittel, das ihm das tägliche Brot
gibt, der Hungersnot ausgeliefert werden, und sich den Schädel an
einer ehernen Mauer einrennen müssen. Nein, er gab zu, daß andere
wohltätige Kräfte, die Fortschritte der landwirtschaftlichen Wissen-
schaft und die Verwendung von reichlicheren Kapitalien, dieses
Hindernis überwinden würden.

„Obgleich die Felder, die heute bewirtschaftet werden, bedeutend
schlechter sind als die, die vor Jahrhunderten angebaut wurden, und
obgleich die Produktion daher größere Schwierigkeiten zu überwinden
hat, so kann doch kein Zweifel bestehen, daß die heutige Menge der
Produkte die der Vergangenheit bei weitem übersteigt!“ (S. 190).

Die Theorie Bicardo’s leugnete also nicht den Fortschritt, aber
sie zeigte doch, daß die zn überwindenden Schwierigkeiten sich ständig
steigern und, wenn auch nicht der Hungersnot, so doch der Teuerung
zutreiben. Wer würde zu behaupten wagen, daß die Befürchtungen
Ricaedo’s nicht eingetreten wären, wenn die britischen Inseln jetzt
die Lebensmittel für ihre 45 Millionen Bewohner allein auf ihrem
Boden gewinnen sollten?

Es ist natürlich leicht, Bicaedo heute vorzuwerfen1), daß er die
erstaunliche Entwicklung der Transportmittel und die Lebensmittel-
einfuhr unserer Tage nicht vorausgesehen habe, deren Folge nicht
nur ein Stillstand, sondern ein Sinken der Bodenrente gewesen ist.
Heute scheinen die Klagen der Grundbesitzer in England und allen
alten Ländern die Theorie Ricardo’s Lügen zu strafen2). Wrer kann

‘) „Ebenso wie Malthüs, ist auch Ricakdo ein falscher Prophet und schlechter
Verkündiger gewesen . . . Das, was man hochtrabend das Gesetz Eioakdo’s nennt,
ist eine glatte Lüge.“ (Economiste Frangais, 21. März 1908, in einem Aufsatz
de Fovillb’s über „les variations de la valeur du sol en Angleterre au
XIX. siede“, die Wertschwankungen des Bodens im England des 19. Jahrhunderts.)

2) Ans einem vor der Eoyal Statistical Society von Eobekt Thomson ge-
haltenen Vortrag (17. Dez. 1907) ergibt sich, daß die Bodenrente, die 1801—1806
auf 11 sh. 2 pence für den Acker geschätzt wurde, nach und nach auf 20 sh. stieg
(1841- 1845) und trotz der Aufhebung der Schutzzölle ihre aufsteigende Bewegung
fortgesetzt hat, bis sie 1872—1877 ihr Maximum erreichte und 29 sh. 4 pence betrug,
von welchem Zeitpunkt sie allmählich auf den heutigen Stand, 20 sh. für den Acker
(M. 50 für den Hektar) gefallen ist. Die heutige Summe ist also noch mehr als das
doppelte des zur Zeit Eioardo’s bestehenden Betrages; man muß aber berücksichtigen,
        <pb n="201" />
        ﻿176

Erstes Buch. Die Begründer





aber sagen, ob dieser Zustand von Dauer sein wird? Wenn der un-
vermeidliche Tag kommen wird, an dem die neuen Länder so weit
bevölkert sein werden, daß sie das jetzt ausgeführte Getreide im
Lande behalten und selbst verzehren müssen, wer kann da sagen,
ob die in England und den anderen europäischen Ländern einen
Augenblick — einige Jahrhunderte hindurch — stationäre oder sogar
weichende Bodenrente ihren Aufstieg nicht von neuem aufnehmen

weicnt
v«* wird?

Allerdings kann man in gewissem Maße auch bei fehlender Ein-
fuhr fremder Erzeugnisse auf den Fortschritt der landwirtschaftlichen
Wissenschaft rechnen. Wir haben gesehen, daß Ricaedo diese Hilfs-
möglichkeiten des menschlichen Fleißes durchaus zugibt. Weiter
unten werden wir sehen, daß andere Nationalökonomen, Gäbet und
ein Schüler Bastiat’s, Fönten ay, der Theorie Rioaedo’s die gerade
entgegengesetzte These gegenüberstellten, nämlich daß die mensch-
liche Industrie in der Nutzbarmachung der Naturkräfte stets bei den
schwächsten anfing, — weil die schwächsten am leichtesten zu
bändigen sind, und weil der Mensch selbst am Anfang ein schwaches
Wesen war —, um nach und nach sich zur Beherrschung der
mächtigsten, aber auch widerspenstigsten Kräfte aufzuschwingen;
daß der Boden keine Ausnahme von diesem Gesetze mache, und daß
daher die Landwirtschaft nicht immer weniger, sondern im Gegenteil
immer mehr hervorbringe.

Diese These jedoch, die dem Gesetz vom sinkenden Boden-
ertrag schroff widerspricht, beruht auf einer recht diskutierbaren
Analogie. Wenn es sich um die Zukunft der Industrie handelt,
kann man verstehen, daß bisher nur wenig benutzte oder sogar un-
bekannte Energiequellen, vielleicht sogar die chemischen oder intra-

daß infolge der Meliorationsausgaben im Laufe des 19. J ahrhunderts ein starker Ab-
strich zu machen ist. Kobebt Thomson schätzt ihn auf 15 sh. 5 pence, was nur
4 sh. 7 pence reine Bodenrente übrig lassen würde. Allerdings war auch der Gesamt-
betrag von 11 sh. am Anfang des Jahrhunderts nicht reine Bodenrente, jedoch
waren die für aufgewendetes Kapital zu machenden Abzüge damals bedeutend ge-
ringer (siehe das „Journal of the Eoyal Statistical Society“, Dezember 1907).

Daher kann man zusammenfassend sagen, daß in England (und sogar in Frank-
reich und in anderen Ländern, trotz des Schutzzolles) der Boden als Einkommens-
quelle und als Wert während des letzten Vierteljahrhunderts fast all das, was er
seit der Zeit Eicahdo’s gewonnen hatte, wieder verloren hat. Genügt aber dieser
Eückgang zur Keohtfertigung der Behauptung, die Foville in dem oben erwähnten
Aufsatz aufstellt, daß das, was man hochtrabend das Gesetz Eicakdo’s genannt habe,
eine glatte Lüge sei? Wir glauben das keinesfalls. Die Tatsachen haben es 75 Jahre
hindurch bestätigt und ihm 25 Jahre hindurch widersprochen; das ist alles. Die,
die heute voraussehen, daß die Bodenrente auch weiter sinken werde, können leicht
in die Lage kommen, sich selbst als „falsche Propheten“ bezeichnet zu sehen.
        <pb n="202" />
        ﻿177

Kapitel III. Die Pessimisten.

&lt;

molekularen Kräfte, noch unendliche Hilfsmittel in Reserve halten.
Für die ^Pandwirtschaftliehe—Industrie ist das aber nicht der Fall.
Auch wenn man annimmt, daß der Boden durch Stickstoff, der aus der
Luft, oder durch Phosphate, die aus der Erde stammen, andauernd
bereichert werden kann, so wird man doch offenbar stets an die zeit-
lichen und räumlichen Grenzen gebunden bleiben, die die Entwick-
lung aller Lebewesen einschränken und die ebenfalls für die land-
wirtschaftlichen Erzeugnisse, die ja auch nichts anderes als Lebe-
wesen sind, Geltung haben. An dem Tage, an dem die industrielle
Herstellung von Eiweiß zur Tatsache geworden sein wird, wird sich
die Theorie Eicahdo’s überlebt haben. Bis dahin aber bleibt sie in
voller Kraft bestehen.

§ 2. Das Gesetz des Lohnes und Profites.

Wenn wir jetzt die beiden vorhergehenden Gesetze, das der Be-
völkerung und das der Bodenrente, in Beziehung zueinander setzen
und fragen, welchen Einfluß sie auf die Lage des Arbeitenden und
auf seinen Lohn haben, so ergeben sich wenig günstige Aussichten.
Der Arbeiter sieht sich auf der einen Seite durch zügellose Ver-
mehrung dem Druck einer wachsenden Zahl von Proletariern aus-
gesetzt, wodurch notwendigerweise eine Entwertung der Arbeitskraft
herbeigeführt wird, denn auf irgendeine Verringerung der Zahl der
Proletarier infolge des moralischen Enthaltsamkeitszwanges ist
kaum zu rechnen; — auf der andern Seite lastet auf ihm die Not-
wendigkeit, ständig weniger fruchtbare Felder in Bewirtschaftung
zu nehmen, wodurch eine stete Verteuerung der zum Leben unent-
behrlichen Nahrungsmittel eintritt. So findet sich der Arbeiter
unter dem Drucke zweier antagonistischer Kräfte, dem Sinken des
Lohnes und dem Steigen der Preise, wie zwischen Hammer und
Amboß zermalmt.

Schon Tuegot hatte jenen schrecklichen Satz aufgestellt: „In
jeder Arbeitsart muß der Fall eintreten, und tritt auch wirklich ein,
daß der Lohn des Arbeiters sich auf das, was zur Beschaffung seines
Lebensunterhaltes notwendig ist, beschränkt.“ Und sein Zeitgenosse
Neckke hatte in noch schärferen Worten gesagt: „Wenn man ein
Nahrungsmittel entdecken würde, das weniger schmackhaft ist, als
das Brot, jedoch den menschlichen Körper während 48 Stunden unter-
halten kann, so würde das Volk bald dazu gezwungen sein, von
zwei Tagen nur an einem zu essen.“ Jedoch waren das nur
einfache Behauptungen, die, auch wenn sie sich vielleicht auf Beob-
achtung von Tatsachen jener Zeit stützen konnten, doch nicht den

Gide und Eist, Gesch. d. Volkswirtschaft!. Lehrmeinungen.	12
        <pb n="203" />
        ﻿178

Erstes Buch. Die Begründer.

Anspruch erhoben, allgemeine, beständige und unvermeidliche Gesetze
zu sein, während sie bei Malthüs und Ricardo diesen Charakter an-
nehmen. Malthus sagt: „Infolge der Ursachen, die die Be-
völkerung regeln und die Vermehrung des Menschengeschlechtes
bedingen, wird der Lohn der Schwächsten sich niemals viel über dem
Niveau halten, das die Natur und die Gewohnheit zum Unterhalt des
Arbeiters als unbedingt nötig fordern“ (S. 128). Und Ricardo sagt
noch bestimmter: ‘„Der natürliche Preis der Arbeit ist der, der
den Arbeitern im allgemeinen die Mittel gibt, ihr Leben zu fristen
und sich ohne Vermehrung oder Verminderung ihrer Klasse fortzu-
pilanzen“ \S. 67). Die Worte „ohne Vermehrung oder Verminderung“
sind bemerkenswert, sind wohl zu beachten; sie bedeuten nämlich,
daß, wenn es in der Arbeiterfamilie mehr Kinder gibt, als nötig sind,
um die Zahl auf der Höhe der elterlichen Generation zu halten, der
Lohn unter den normalen Satz sinken wird, bis das Gleichgewicht
durch höhere Sterblichkeit wieder hergestellt ist.

• Damit wird aber nicht gesagt, daß der Nominal lohn, in Geld
ausgedrückt, nicht steigen könne. Er muß im Gegenteil mit Not-
wendigkeit höher werden, da der Preis der Lebensmittel beständig
aufwärts strebt. Wenn der Geldlohn derselbe bliebe, würde der Arbeiter
bald nicht genug zum Essen haben. Der Lohn wird daher im gleichen
Verhältnis wie der Getreidepreis steigen, so daß der Arbeiter sich
stets^die gleiche Menge, nicht mehr und nicht weniger, beschaffen
kann. Der Real lohn, in natura ausgedrückt, wird dagegen stationär
bleiben, aber gerade in ihm kommt offenbar der Wohlstand der
Arbeiterklasse zum Ausdruck.

Dabei ist es noch die Frage, ob er stationär bleibt? Ricardo
scheint das nicht zu glauben; „Im natürlichen Vorwärtsschreiten der
Gesellschaften zeigt der Lohn die Tendenz zu fallen, insofern
er durch Angebot und Nachfrage geregelt wird, weil die Anzahl der
Arbeiter beständig um etwas schneller als die Nachfrage wächst“
(8. 73)1).

Es ist möglich, daß die Steigerung des Nominallohnes diesen
Rückgang verschleiert: „In diesem Fall scheinen die Löhne zu steigen;
sein (des Arbeiters) Schicksal wird trotzdem weniger glücklich sein;
zwar wird er einen höheren Geldbetrag als Lohn erhalten, aber dieser
Geldbetrag wird weniger in Getreide wert sein“ (8.77). Nur in dem
Falle, daß die Arbeiterklasse genügend Voraussicht anwendet, um
die Zahl ihrer Kinder einzuschränken, kann sie hoffen, wenigstens den
Status quo aufrecht zu erhalten: „Es ist eine unbestreit-

‘) „Die Lage des Arbeiters wird sich im allgemeinen verschlechtern, während
die des Grundbesitzers sich verbessern wird“ (S. 78).
        <pb n="204" />
        ﻿Kapitel III. Die Pessimisten.

179

bare Tatsache, daß Wohlstand und Wohlsein der Armen nur dann
sicher gestellt werden können, wenn sie selbst danach streben, oder
wenn es der Gesetzgebung gelingt, die Häufigkeit frühzeitiger Ehen
zwischen jungen und leichtsinnigen Personen zu verhindern“ (8. 81).

Mit anderen Worten, die Bedürfnisse der Industrie erfordern eine
bestimmte Anzahl Arbeiter. Solange diese Ziffer nicht überschritten
wird, muß der Lohn, auch der niedrigste, wohl oder übel ausreichend
sein, um seinem Empfänger den Lebensunterhalt zu ermöglichen,
da er unentbehrlich ist. — Sobald aber die Arbeiterbevölkerung
die Bedürfnisse der Industrie überschreitet, gibt es kein Mittel,
um ein Sinken des Lolines unter das Existenzminimum aufzuhalten,
da es dann nicht mehr nötig ist, daß alle am Leben
bleiben.

Es muß darauf hingewiesen werden, daß sich Malthus hier,
ebenso wie in bezug auf die Bodenrente, weniger pessimistisch erweist
als Ricardo. Weit davon entfernt, anzunehmen, daß jede Lohn-
erhöhung notwendigerweise einen Überfluß an Arbeitskräften, und
infolgedessen ein erneutes Sinken des Lohnes nach sich zieht, sagt
er, daß sie sehr wohl in der Arbeiterklasse jenen Sinn für die Zu-
kunft schaffen könne, der gerade die wirksamste präventive Hemmung
...des blinden Instinktes vorstellt, und daß daher die einmal einge-
tretene Lohnerhöhung sehr wohl zu einer beständigen werden könne.
Gut! Enthält aber diese Beweisführung nicht einen fehlerhaften
Zirkel? Damit nämlich die wohltätige Folge eintreten könne, muß
zuerst die Lohnerhöhung stattfinden. Wie kann sie aber eintreten,
solange die Arbeiterklasse im Elend und Leichtsinn versunken
bleibt?

üm aus dieser Sackgasse zu kommen, genügt der Hinweis darauf,
daß der Marktlohn (market wage) beständig um den natür-
lichen Lohn (natural wage) gemäß den Zufälligkeiten des Ange-
bots und der Nachfrage oszilliert. Lassen wir also diese Erhöhung
etwas länger andauern, und sie kann ausreichen, um das Niveau der
Lebenshaltung (Standard of life) der Arbeiterklasse genügend zu
beeinflussen, um definitiv zu werden ’).

’) „Man kann ganz allgemein sagen, daß, bei Eintreten einer Erleichterung
im Verdienst des Lebensunterhalts, diese Erleichterung das Bestreben hat, das Ver-
hältnis der Heiraten zur Beyölkernngsziffer zu erhöhen. Es ist aber durchaus denk-
bar, daß diese Wirkung nicht eintritt ... Es ist sehr wohl möglich, daß eine
plötzliche Verbesserung der Lage des Volkes ihm einen aufrechten Stolz, ein
Gefühl für Reinlichkeit und Wohlanständigkeit gibt. In diesem Fall würde die Zahl
der Heiraten nicht zunehmen, und man würde eine größere Anzahl Kinder aufziehen;
die auf Grund der neuen Ordnung eintretende Erhöhung der Bevölkerungsziffer würde
durch das Sinken der Sterblichkeitsziffer, nicht durch die Vermehrung der Geburten
stattfinden“ (S. 189).

12*
        <pb n="205" />
        ﻿180

Erstes Buch. Die Begründer.

•	Das ist das Lohngesetz, das zu einem Axiom erhoben werden
sollte, ein Axiom, das es ermöglichte, allen Vorschlägen für eine
Besserung der Lage der Arbeiterklasse die folgende Behauptung ent-
gegenzustellen, die man allen sozialistischen Systemen oder sozialen
Reformgesetzen entgegenhielt: „Der Arbeiter hat nur ein Mittel,
seine Lage zu verbessern, und das ist, wenig Kinder zu haben; sein
Schicksal liegt daher in seinen Händen1).“ Späterhin bemächtigte
sich der Sozialismus mit Lassalle dieses Gesetzes, um es gegen die
wirtschaftliche Ordnung zu kehren, und versicherte, daß es keines-
wegs in der Natur, sondern nur in der kapitalistischen Weltordnung
begründet sei, und gerade das spreche ihr das Todesurteil.

•	Bemerkenswert ist, daß in der Theorie Eicaedo’s zwischen dem
Großgrundbesitzer und dem Lohnempfänger kein bestimmter Anta-
gonismus besteht. Dem Lohnempfänger kann es gleichgültig sein, ob
die Bodenrente steigt oder fällt, denn sein Geldlohn steigt und fällt
im gleichen Verhältnis, und sein Reallohn bleibt derselbe. Umgekehrt
ist es dem Grundbesitzer gleichgültig, ob der Lohn steigt oder fällt.
Er erhält weder mehr noch weniger. Seine Rente wird von der-
jenigen Arbeitsmenge bestimmt, die auf dem schlechtesten Boden nötig
ist, aber diese Arbeitsmenge hat mit dem Lohn nichts zu tun. Beide
sind heterogene Größen, Größen verschiedener Ordnung2).''

•	Zwischen Lohnempfänger und Kapitalist jedoch erhebt sich der
Kampf. Sobald der Getreidewert durch die Produktionskosten auf
dem ungünstigsten Boden bestimmt ist, reißt der Grundbesitzer alles

1)	„Jeder Vorschlag, der nicht auf eine Verminderung der Zahl der Arbeiter hin-
ausläuft, ist nutzlos, um keinen schärferen Ausdruck zu gebrauchen. Jede gesetzliche
Einmischung ist verderblich.“ Diese Worte Placb’s, der 1822 ein Buch über die
Bevölkerung verfallt hat, werden von Ghaham Wallach (Life of Francis Place)
zitiert.

2)	Es ist das eine grundlegende Unterscheidung in der Lehre Ejcahdo’s, auf
deren Bedeutung er öfters hinweist. Die größere oder geringere Arbeitsmenge, die
auf die Getreideproduktion verwendet wird, steht in keinem notwendigen Zusammen-
hang mit dem Lohn des Arbeiters. Das eine ist eine Produktionsfrage, das andere
eine Verteilungsfrage. Das eine ist das Hindernis, das andere die Belohnung.
Jedoch, kann man einwenden, bestimmt in der Theorie Eicahdo’s nicht die Arbeits-
menge den Wert des Produktes, und wird nicht dieser Wert später zwischen dem
Kapitalisten und dem Arbeiter geteilt? Je größer die Arbeitsmenge ist, um so
größer wird doch dann auch der Anteil des Arbeiters sein? — Für die Arbeit
trifft das zu, aber nicht für den Arbeitenden, denn man darf nicht vergessen,

• daß, wenn das Getreide von 10 auf 20 steigt, das gerade daher kommt, weil auf
den geringsten Feldern die doppelte Anzahl Arbeiter zur Erzeugung der gleichen
Menge Getreide nötig ist. Es würde übrigens recht eigentümlich sein, wenn der
Arbeiter um so mehr erhielte, je undankbarer die Arbeit ist! Alles, was man hoffen
darf, ist, daß der Lohn genügend steigen wird, um dem Arbeiter zu gestatten, unter
den neuen Bedingungen zu leben, d. h. dieselbe Menge Brot zu essen, trotzdem der
Preis des Getreides gestiegen ist.
        <pb n="206" />
        ﻿Kapitel III. Die, Pessimisten.

181

an sich, was dieses Niveau übersteigt und sagt zum Kapitalisten und
zum Arbeiter: „Macht die Sache nun untereinander aus.“ Dasselbe
sagt auch Ricardo: „Der Anteil des einen kann nur in dem Maß
größer werden, wie der des anderen kleiner wird: der Lohn kann
nur auf Kosten des Profits steigen und umgekehrt1).“ Eine er-
schreckende Voraussage, deren Richtigkeit uns die ganze Geschichte
der bisherigen Arbeiterbewegung, und heute mehr als je, vor Augen
zu führen bestimmt war.

Die Behauptung dieses unvermeidlichen Antagonismus zwischen
den Interessen des Kapitalisten und denen des Arbeiters versetzte die
Volkswirtschaftler in Empörung und Bestürzung, die sich im Gegen-
teil mit dem Nachweis abmühten, daß Kapital und Arbeit solidarisch,
fast Brüder seien. Daher sehen wir späterhin, wie Bastiat zu
beweisen sucht, daß in der Entwicklung des Wirtschaftslebens sowohl
der Anteil des Kapitals, wie der der Arbeit größer wird, und zwar
der letztere im höheren Maße, als der erste.

Was kann man aber gegen das Gesetz Ricaedo’s einwenden? Es
scheint selbstverständlich zu sein, ein unbestreitbarer Truismus. Wenn
ein Kuchen zwischen zwei Personen geteilt wird, so ist es klar, daß,
je mehr der eine nimmt, um so weniger dem anderen bleibt. — Man kann
und man muß sogar annehmen, wird gesagt, daß die zu verteilende
Menge stetig wächst, so daß auch der Anteil jedes Teilempfängers
größer wird. — Darum handelt es sich aber gar nicht2). Wenn der
Kuchen auch zehn- oder hundertmal so groß ist, die Tatsache bleibt
doch bestehen, daß, wenn der eine mehr als die Hälfte nimmt, der
andere eben weniger als die Hälfte erhält. Das ist aber alles, was
das Gesetz Ricabdo’s besagt; es handelt sich nicht um Quanti-
täten, sondern um Proportionen.

Da man daher zugeben muß, daß der Verhältnisanteil des einen
der beiden Faktoren nur dann größer werden kann, wenn der des
anderen kleiner wird, so entsteht die Frage, ob auf dieser Wage die
Arbeit oder das Kapital schwerer wiegt? Anscheinend soll es die
Arbeit sein, denn' Ricardo stellt als allgemein gültiges Gesetz die
Tendenz des Profits auf, sich zu senken/ Diese These sollte

*) „Vom Anfang bis zum Ende habe ich in diesem Werke zu beweisen versucht,y
daß der Profitsatz mir im Verhältnis zmn Fallen des Lohnes steigen kann.“

Über die Ungenauigkeit des Ausdruckes Steigerung des Profits als gleich-
bedeutend mit Erhöhung des proportionalen Anteils des Kapitals am
Produkt verweisen wir auf die Anmerkung der S. 183.

2) Übrigens bestreitet das Eicaedo nicht. Er weist besonders darauf hin, daß
sich sein Gedankengang auf die Hypothese, nach der der erzeugte Wert derselbe
bleibt, aufbaut: „In der Annahme“, sagt er, „daß das Getreide und die
Manuf akturerzeugnisse stets zum gleichen Preise verkauft
werden, steigt oder fällt der Profit mit dem Fallen oder Steigen der Löhne“ (S. 84).
        <pb n="207" />
        ﻿182

Erstes Buch. Die Begründer.

ebenfalls noch lange in der Geschichte der Doktrinen nachwirken.
Welchen Grund führt er nun hierfür an? „Die natürliche Tendenz
des Profits ist, geringer zu werden, weil mit dem Fortschritt der Ge-
sellschaft und des Wohlstandes die Vermehrung der notwendigen
Lebensmittel eine ständig wachsende Arbeitsmenge erfordert.“ Es
ist also die gleiche Ursache, die auch die Bodenrente bestimmt. Das
System ist, wie man sieht, festgefügt.

Wie beeinflußt aber diese Notwendigkeit, auf immer undank-
barere Felder zurückgreifen zu müssen, die Höhe des Profits? —
Weil, wie wir gesehen haben, der Anteil, der dem Arbeitenden zu
seiner Lebenshaltung überlassen werden muß, der notwendige Lohn,
infolge der Erhöhung der Getreidepreise stetig steigt1). Der Fabri-
kant kann aber die Lohnerhöhung nicht auf den Verbraucher ab-
wälzen, denn die Höhe des Lohnes bleibt ohne Einfluß auf den Preis
(die Arbeit wohl, aber nicht der Lohn!), und folglich wird der Anteil
des Kapitalisten um ebensoviel verringert. Erinnern wir uns daran,
daß die Lohnerhöhung in Wirklichkeit kein Gewinn für den Arbeiter
ist, da er deshalb keinen Bissen Brot mehr essen kann, was
aber nicht verhindert, daß der Verlust für den Kapitalisten groß
bleibt.

Es muß sogar der Augenblick kommen, in dem der notwendige
Lohn alles aufzehrt, und für den Profit nichts mehr übrig bleibt.
Dann wird eine neue Ära in der Geschichte beginnen; denn, wenn
alle Beweggründe zur Ansammlung von Kapitalien mit dem Ver-
schwinden des Kapitalprofits wegfallen, wird das Kapital nicht weiter
wachsen, kein neues Land wird mehr unter Kultur genommen werden,
und gleichzeitig wird die Bevölkerung die definitive und letzte Grenze
erreicht haben2). Der „stationäre Zustand“ wird eingetreten sein.
Eine trübselige Aussicht! die aber später Stuart Mill in einer so
beredten Sprache beschreiben sollte, daß man sich fast damit aus-
söhnen möchte. Doch befriedigte sie Kicardo nicht, der ein großer
Finanzmann und keineswegs ein Philosoph war. Er fand seine eigenen
Prophezeiungen höchst erschreckend, und in Wirklichkeit liegt auch
eine merkwürdige Ironie in der Tatsache, daß das Gesetz des endlos

*) Aber, wird man einwerfen, nur der nominelle Geldlobn, nicht der wirkliche
Lohn steigt. Wird der Arbeiter mehr Getreide erhalten? — Nein, aber er wird
ebensoviel erhalten, obgleich, infolge der Inangriffnahme der Bewirtschaftung
schlechteren Bodens, der Getreideertrag sinkt. Ob daher der Pächter den Arbeiter
in Getreide oder in Geld bezahlt, bleibt sieh für ihn, und den Kapitalisten im all-
gemeinen, gleich.

2) „Sobald die Löhne die Gesamtsumme der Einnahmen des Pächters erreicht
haben, kann keine Anhäufung von Kapital mehr stattflnden, da kein weiteres Kapital
Zinsen abwerfen kann* eine weitere Vermehrung der Arbeit (lies: Arbeiter) ist daher
unnötig, und die Bevölkerung hat ihr Maximum erreicht.“
        <pb n="208" />
        ﻿Kapitel III. Die Pessimisten.

183

sinkenden Gewinnes zuerst von einem großen Vertreter des Kapita-
lismus entdeckt worden ist. Wenn ihn etwas beruhigte, so war es
die Betrachtung der gegenwirkenden Kräfte, die das Sinken des
Profits zur gleichen Zeit wie das Steigen der Rente in Schranken
halten konnten: die wirksamste dieser Kräfte erblickte er in der
Freiheit des Außenhandels (siehe den folg. § 3).

Im großen und ganzen treten jetzt die allgemeinen Grundzüge
der Einkommensverteilung mit eindrucksvoller Einfachheit hervor,
viel klarer, als in dem berühmten „Tableau Economique“ QuesnaVs
und der Wirklichkeit viel näher, — wenigstens für die Zustände,
wie sie zur Zeit Ricaedo’s in England bestanden, denn heute fügen
sie sich nicht mehr den Tatsachen ein. Man könnte sie in einem
Diagramm dreier Linien veranschaulichen.

Die obere steigende Linie würde den Anteil des Bodens, die
Bodenrente, darstellen. Die Rente des Grundbesitzes wächst in zwei-
facher Weise: in natura und in Geld, denn im Maßstab, wie die Be-
völkerung oder die Bedürfnisse steigen, erhält er eine immer größere
Menge Getreide, das immer teuerer wird. Jedoch kann dieses Wachs-
tum nicht endlos sich fortsetzen, denn an einem bestimmten Punkt
angelangt, verhindert die Erhöhung des Getreidepreises den weiteren
Bevölkerungszuwachs und folglich zur gleichen Zeit auch die weitere
Steigerung der Rente, da es dann nicht mehr nötig sein würde, neuen
Boden in Bewirtschaftung zu nehmen.

In der Mitte würde eine horizontale Linie den Anteil der
Arbeit, den Lohn, darstellen. Der Reallohn des Arbeiters bleibt
stationär, denn er erhält stets nur die zu seinem Lebensunterhalt
nötige Getreidemenge, weder mehr noch weniger. Da das Getreide
ständig im Preise steigt, so wird freilich sein Nominallohn (in Geld
ausgedrückt) höher, was aber ohne wirklichen Vorteil für ihn ist.

Unten stellt eine absteigende Linie den Anteil des Kapitals,
den Profit vor. Der Anteil des Kapitalisten sinkt1) aus dem ein-

!) Um diese Verminderung des Anteils des Kapitals zu bezeichnen, wendet
Eioakdo häufig den Ausdruck „fallender Profitsatz“ an. Das ist jedoch nicht gleich-
bedeutend, denn der Profitsatz drückt nur ein gewisses Verhältnis zwischen dem Betrag
des Einkommens und dem Betrag des Kapitals aus, z. B. 5 °/0, — keineswegs aber
einen Vergleich zwischen dem wirklich vom Kapital erhaltenen Teil und dem, den
die Arbeit am Gesamtprodukt hat. Man kann natürlich zugeben, daß bei einer Ver-
ringerung des Profitsatzes, und wenn alles andere gleich bleibt, der Anteil
des Kapital im Verhältnis zur Arbeit geringer wird; es ist aber klar, daß bei einer
Verdoppelung des in einem Unternehmen angelegten Kapitals, oder bei einer Ver-
ringerung der Produktion um die Hälfte, das Kapital doch einen beträchtlicheren Teil
erhebt und deshalb der Arbeit einen geringeren läßt, auch wenn der Profitsatz von
5 °/0 auf 3 °/0 erniedrigt wird. Die gleiche Frage wird uns auch bei Bastiat entgegen-
treten, der denselben Fehler gemacht hat.
        <pb n="209" />
        ﻿184

Erstes Buch. Die Begründer,

fachen Grunde, weil er zwischen dem steigenden Anteil des Grund-
besitzers und dem stationären Anteil des Arbeitenden zusammen-
gedrückt wird. Man kann sich diesen Kapitalisten in der Gestalt
eines englischen Pächters sehr leicht vorstellen, der in dem Maße, wie
der Getreidepreis steigt, gezwungen ist, seinen Arbeitern höhere Löhne
zu zahlen, aber selbst nichts aus der Erhöhung der Getreidepreise
gewinnt, weil das Mehr an Einkommen, das sich daraus ergibt, voll-
ständig von dem Besitzer durch Erhöhung der Pacht mit Beschlag
belegt wird. Dieser Niedergang des Profites kann aber nicht endlos
fortgehen, denn an einer bestimmten Grenze angelangt, würde die
Verwendung und sogar die Bildung neuen Kapitals völlig aufhören;
damit würde auch die Inangriffnahme neuer Felder verhindert und
so dem Steigen des Getreidepreises und der Bodenrente ein Ziel
gesetzt werden.

§ 3. Das Gesetz der Handelsbilanz und die Quantitäts-
theorie des Geldes.

Im vorstehenden haben wir die charakteristischen Lehren Ricaedo’s
dargestellt, wie sie seiner Schule in der Geschichte der volkswirt-
schaftlichen Lehren ihren besonderen Stempel aufgedrückt und am
meisten Anlaß zu lebhaftem Für und Wider gegeben haben. Im
folgenden besprechen wir andere seiner Theorien, die noch wertvollere
und abgeschlossenere Beiträge zur Wissenschaft darstellen, die aber,
gerade weil sie sofort als allgemeingültige und quasi-anonyme Wahr-
heiten überall anerkannt wurden, nur wenig zu seinem Ruhme beige-
tragen haben. Es handelt sich um seine Theorien über den inter-
nationalen Handel und über die Banken. Wie man weiß, vereinigte
sich hier in ihm der Theoretiker mit dem Praktiker ersten Ranges.
Diese Theorien haben keinen irgendwie pessimistisch gearteten
Charakter und berühren keine Interessengegensätze. Im Gegenteil,
er sagt: „Dort, wo der Handel der freien Konkurrenz offen steht, sind
die Einzelinteressen beständig mit den Interessen der Allgemeinheit
in Übereinstimmung.“

Im internationalen Handel ist er noch entschiedener, als die
Physiokraten und Adam Smith, Freihändler, und wir haben schon bei
Gelegenheit der Bodenrente und des unvermeidlichen Steigens des
Getreidepreises daraufhingewiesen, wie die freie Einfuhr überseeischen
Getreides ihm als das einzig richtige Mittel erschien, diesem Übel-
stande entgegenzuwirken, da sie gleichzeitig dem Steigen des Getreide-
preises und seiner notwendigen Folge, dem Steigen der Löhne, Einhalt
        <pb n="210" />
        ﻿Kapitel III. Die Pessimisten.

185

tut, — und so auch das Sinken des Profits, das ihn nicht weniger
beschäftigte, zum Stillstand bringt1) (siehe oben S. 181—182).

Außer diesem doppelten Grunde zugunsten des Freihandels führt
er einen weiteren an, der ebenfalls heute^noch nichts von seiner
Kraft verloren hat; er ergibt sich aus dem wohltätigen Einfluß der
internationalen Arbeitsteilung: „Indem man auf diese Weise den
größtmöglichen Vorteil aus den Hilfsmitteln zieht, die die Natur
bietet, gelangt man zu einer besseren Verteilung und größerer Wirt-
schaftlichkeit der Arbeit“ (S. 105). ’

* Es verdient hervorgehoben zu werden, daß sein berühmter Zeit-
genosse Malthus mehr dem Schutzzölle zuneigte2 3 * *). ' Es mag das
eigentümlich erscheinen, denn Malthus, in seiner Furcht vor dem
Gespenst der Hungersnot, hätte doch einer ausländischen Getreide-
einfuhr die Tore weit öffnen sollen. Zweifellos glaubte Malthus,
in Übereinstimmung mit unseren heutigen Agrar-Schutzzöllnern, daß
das sicherste Mittel, ein Land vor Hungersnot zu bewahren, nicht
darin liege, die nationale Landwirtschaft der Konkurrenz des Aus-
landes auszusetzen, sondern im Gegenteil darin, sie zu stützen und
zu immer größerer Entfaltung zu bringen, indem ihr ein genügender
Preis für ihre Erzeugnisse gesichert wird. Auch muß darauf
hingewiesen werden, daß Malthus eine andere Theorie über die
Bodenrente vortrug, als Ricaeho, und besonders, daß er ein weit
weniger entschiedener Gegner des Interventionismus war8).

' Ricaedo’s größte Leistung jedoch besteht darin, die Gesetze, die
die Bewegung der Waren und die gegenläufigen Strömungen des Z
Geldes von einem Lande in das andere beherrschen, aufgedeckt zu
haben und in dem glänzenden Nachweis, wie dieses Hin- und Zurück-
fluten sich vollzieht. *

0 In einem seiner Briefe an Malthus (y. 18. Dez. 1814) schreibt er bedauernd;
„Wenn wir nnr eine Zone fruchtbaren Landes unserer Insel anfügen könnten, würden
die Profite nie fallen.“ Nun sollte gerade der Freihandel der Insel eine unbegrenzte
Zone fruchtbaren Landes anfügen, und dadurch gleichzeitig das Fallen der Profite
und das Steigen der Bodenrente verhindern.

In seiner Schrift über den „Schutz, der der Landwirtschaft zu ge-
währen ist“ (1822), führt er aus, wie der Schutzzoll, der zur Bebauung auch der
unfruchtbarsten Flächen des einem Volke gehörenden Bodens zwingt, notwendiger-
weise die Getreidepreise und die Bodenrente in die Höhe treibt. Er verlangt nicht
Aufhebung des Einfuhrzolles, sondern eine Ermäßigung des Schutzzolles auf 10 sh.
das Quarter (M. 4,32 der Doppelzentner).

2)	Siehe „An inquiry into the nature and progress of rent, 1815
(Untersuchung über die Natur und den Fortschritt der Bodenrente).

3)	Siehe auch den überraschenden Ausspruch, den H. Denis hervorgehoben hat:

„Es ist natürlich unmöglich, daß irgendeine Regierung den Dingen ihren natürlichen

Lauf lassen kann“ (Malthus, Principles, Introduction).
        <pb n="211" />
        ﻿186

Erstes Buch. Die Begründer.

v Sobald in einem Lande, z. B. in Frankreich, die Handelsbilanz
ungünstig ist, d. h. wenn die Einfuhr die Ausfuhr um, sagen wir,
eine Milliarde übersteigt, muß Geld ausgeführt werden, um diesen
Überschuß an Einfuhr zu bezahlen. Infolgedessen wird das Geld
seltener, ■ sein Wert steigt,und die Preise sinken. Diese Preis-
'	erniedrigung jedoch schreckt die fremden Kaufleute, die in Frank-

reich verkaufen, ab, und zieht, im Gegenteil dazu, die fremden Kauf-
leute, die dort einkaufen, an, wodurch die Einfuhr verringert, und
die Ausfuhr vergrößert wird. Die Geldausfuhr hört daher auf, und
dafür beginnt der Rückfluß des Geldes; diese entgegengesetzte
Strömung setzt sich fort, bis die ausgeführte Milliarde wieder im
Lande ist. Auf der anderen Seite ruft die ins Ausland geflossene
Milliarde in dem Lande, das sie erhalten hat, die umgekehrten Er-
scheinungen hervor; Überfluß und Wertverminderung des Geldes, Preis-
erhöhung, Prämien auf die Einfuhr und Verlangsamung der Ausfuhr.
Von beiden Seiten arbeiten daher die wirtschaftlichen Kräfte daran,
die Handelsbilanz in die Gleichgewichtslage zurückzuführen, nämlich
in die Lage, in der jedes Land die für seine Bedürfnisse nötige
Menge Geldes besitzt, weder mehr noch weniger. &lt;

Man könnte einwerfen, daß dieser ein wenig verwickelte Mechanis-
mus leider nur langsam seine Wirkung ausüben kann, und daß viel
Zeit vergehen wird, bevor die Warenpreise den Einfluß der Flucht
des Geldes fühlen werden. Allerdings, aber es ist nicht notwendig
zu warten, bis diese Erscheinung eintritt; eine andere geht ihr voraus
und kündigt sie an, und zwar, wie schon A. Smith erwähnt hatte:
“der Kurs der auf das Ausland gezogenen Wechsel steigt. Dieser
Kurs ist eine Wage von besonders feiner Empfindlichkeit,’ und die
Erhöhung des Wechselkurses genügt allein schon, auch wenn sie nur
einige Centimes beträgt, um die Ausfuhr zu fördern und die Einfuhr
zu verlangsamen (s. hierüber auch oben S. 95).

1 So verläßt das Geld das Land nicht oder verläßt es nur auf kurze
Zeit, was darauf hinausläuft, daß, im Gegensatz zu der so fest ein-
gewurzelten Meinung, weder Gold noch Silber irgendeine Rolle im
internationalen Handel spielen. Ihre Aufgabe beschränkt sich, wie
die des Öles, darauf, die Räder zu schmieren. Der ganze Handel
geht vor sich, als ob kostbare Metalle überhaupt nicht existierten,
und als ob der Handel zwischen Land und Land sich
darauf beschränkte, ihre gegenseitigen Erzeugnisse
naturaliter auszutauschen1).

l) „Gold und Silber werden von der Handelskonkurrenz zwischen den ver-
schiedenen Völkern der Welt in dem Verhältnis verteilt, wie es sich aus dem natür-
lichen Güterverkehr ergibt, der bestehen würde, wenn es solche Metalle nicht gäbe
        <pb n="212" />
        ﻿Kapitel III. Die Pessimisten.

187

1 Diese Erklärung ist allerdings sehr schematisch; sie läßt alle
sekundären Tatsachen des Handels außer acht, und vor allen Dingen
setzt sie die Quantitätstheorie des. Geldes voraus, die heute als gar
zu einfach scharf kritisiert wird. 'Diese Theorie der Selbststeuerung
der Handelsbilanz durch die Schwankungen des Geldwertes ist schon
von Home und Smith geahnt worden, aber deshalb ist sie nicht
weniger eine Entdeckung erster Ordnung, und von ihr lebt die Wissen-
schaft seit mehr als einem Jahrhundert1).

Übrigens steht diese Erklärung mit einer Theorie des inter-
nationalen Handels in Verbindung, die wir nur im Vorübergehen
streifen, weil wir sie bei Stuart Mill bedeutend weiter entwickelt
finden werden: die der internationalen Werte.

§ 4. Die Reglementierung der Banknotenausgabe
und das Papiergeld.

Wir verdanken Ricardo ebenfalls die wesentlichen Grundsätze,
nach denen sich seither die'Ausgabe der Banknoten regelt. In
seinem Lande besonders haben die Gesetze von 1822 und vor allem
von 1844, die die Bank von England organisierten, sich wenigstens
teilweise auf Rioaedo’s Grundsätze gestützt.

Ricardo hatte die große Panik des Tages vom 24. Februar des
Jahres 1797 gesehen, an dem die Metallreserve der Bank von Eng-
land von 200 auf 32 Mill. Fr. gesunken war, und an dem sich der
Ministerrat genötigt gesehen hatte, den Zwangskurs festzusetzen. Er
hatte erlebt, daß dieser ursprünglich nur als vorübergehende Maß-
regel gedachte Zwangskurs bis 1821 bestehen blieb! Er hatte ge-
sehen, daß die Banknote, wenigstens während der Dauer der napo-
leonischen Kriege, durchschnittlich 10°/o und vorübergehend sogar
30 % Disagio hatte. Er hatte die Störungen, die als Folge dieses
Disagios auftraten, miterlebt und gesehen, wie die Landlords die

oder wenn der Handel zwischen Land und Land sich auf einen Austausch ihrer
gegenseitigen Erzeugnisse beschränkte.“

*) Eicahdo sagt: „Auch im dringendsten Fall, wenn wir Subsidien an eine
fremde Macht zahlen müssen, würden wir doch kein Gold ausführen, so lange als
es auf dem Markte Waren gibt, die die Leistung dieser Zahlungen zu besseren Be-
dingungen gestatten“ (S. 409). Er bemerkt, daß tatsächlich die Hilfsgelder, die
England den gegen Napoleon verbündeten Mächten gezahlt hat, in Waren gezahlt
worden sind, da die Ausfuhr die Einfuhr stets um hunderte von Millionen übertroffen
hat. Die sechzig Jahre später von Frankreich an Deutschland gezahlte Kriegs-
entschädigung von 5 Milliarden Fr. ist ein weiterer Beweis für die Richtigkeit seiner
Theorie.
        <pb n="213" />
        ﻿188

Erstes Buch. Die Begründer.

Zahlung ihrer Eente in Gold verlangten oder eine Erhöhung der Pacht-
summen um das Disagio der Noten forderten.

In seiner Schrift vom Jahre 1809 „(über den hohen Preis des
Hartgeldes“ untersuchte er die Gründe dieser Entwertung und wies
nach, daß die einzige Ursache die Ausgabe einer zu großen Menge
von Banknoten war. Heute kann man meinen, daß hierin keine
große Entdeckung verborgen lag! Er hatte aber die größte Mühe,
seinen Gründen Geltung zu verschaffen, und die absurden Erklärungen,
die man ihm entgegenhielt, zurückzuweisen. Er zeigte, wie diese
Wertverminderung der Banknoten als notwendige Folge den Gold-
abfluß nach sich zog, während man im Gegenteil glaubte, daß der
Abfluß des Goldes an dem ganzen Unglück Schuld sei, und versuchte,
die Ausführung des Goldes gesetzlich zu verbieten. „Als Hilfs-
mittel würde ich Vorschlägen, daß die Bank nach und nach den Be-
trag ihrer Banknoten vermindere, bis zu dem Augenblick, in dem sie
für den übrigbleibenden Teil (nämlich den, der noch im Umlauf be-
findlich ist) den Gegenwert in gemünztem Gelde angesammelt hat“
(S. 432).

Warum nun aber nicht diesen Gedanken zu seinem logischen
Ende denken, die Banknoten abschaffen und zum ausschließlichen
Gebrauch von Metallgeld zurückkehren? „Weil,“ antwortet Eicaedo,
dem selbstverständlich die oben zitierte vortreffliche Ausführung
A. Smith’s gegenwärtig war, ‘„das Papiergeld einen solchen Ver-
kehrsfortschritt* darstellt, daß ich tief bedauern würde, uns unter
dem Einfluß von Vorurteilen zu einem weniger fortgeschrittenen
System zurückkehren zu sehen“ (S. 586). Wenn es wahr ist, daß
die Einführung der Edelmetalle als Geldform einen so großen Fort-
schritt vorstellte, „so lehrt uns die Entwicklung auf Grund der Er-
fahrung und Einsicht, daß noch ein weiterer Schritt zu tun ist, und
daß man ihnen (den Edelmetallen) die Aufgabe, die sie in weniger
erleuchteten Zeiten mit so großem Vorteil erfüllt haben, nehmen muß“
(S. 586). Auch weist er darauf hin, daß, wenn das Metallgeld allein
vorhanden wäre, der Fall eintreten könnte, „daß seine Menge sich
nicht im gleichen Verhältnis mit dem Wachstum der Bevölkerung
vermehren und infolgedessen verteuern könne, wodurch ein Preis-
sturz herbeigeführt würde. Eine vorsichtige Ausgabe von Papier-
geld, die sich nach dem Wachstum des dafür bestehenden Bedürf-
nisses regelt, würde dieser Gefahr begegnen.“ Er ist daher so
wenig geneigt, das Papiergeld aufzugeben, um auf das Metallgeld
zurückzugreifen, daß er gerade im Gegenteil das Metallgeld
abschaffen will, um an seine Stelle Papiergeld zu setzen, aller-
dings unter der Bedingung, daß es nicht in übergroßer Menge ausge-
geben werden darf.
        <pb n="214" />
        ﻿Kapitel III. Die Pessimisten.

189

Eicaedo ist so stark von der Überlegenheit des Papiergeldes
überzeugt, daß er nicht wünscht, die Bank möge die Barzahlungen
wieder anfnehxnen, denn dann würde das Publikum ohne Zweifel
Rückzahlung seiner Noten verlangen: „so daß man, um einer grund-
losen Laune entgegenzukommen, ein billiges Hilfsmittel gegen ein
sehr teueres eintauschen würde“ (S. 585).

Wenn die Banknoten aber nicht in gemünztem Gelde rückzahlbar
sind, wie soll dann der Wert der Banknote garantiert, ihre Emission
geregelt und ihre Wertverminderung verhindert werden ?* Das würde
durch ein Ansammeln von nicht gemünztem Gold in Barren ge-
schehen. Die Bank dürfte nicht mehr Noten ausgeben, als der Wert
der Barren beträgt.x Diese Vorschrift würde genügen, den Wert der
Banknote auf Pari zu halten, denn die Wechsler und die Bankiers
würden sich beeilen, ihre Banknoten gegen Barrengold einzutauschen,
sobald die Banknoten an Wert verlieren“, — und trotzdem würde
das Publikum nicht imstande sein, sich des Edelmetalls zu bedienen,
denn was könnte es für den gewöhnlichen Bedarf mit Barren Goldes
anfangen ?

Dieses System ist nicht nur an und für sich merkwürdig. Man
würde kaum erwartet haben, daß einer der Meister der liberalen
Nationalökonomie eine Art Zwangskurs in Permanenz erklärt, der
nur auf Grund des Monopols einer Staatsbank funktionieren kann.
Und doch ist das die Meinung Ricaedo’s. Er erklärt sich als
absoluter Gegner der freien Emissionstätigkeit und ihrer Fähigkeit,
sich selbst zu regulieren: „Die Behauptung, daß die Emissionen
nicht den Bedarf des Handels überschreiten, ist vollständig wertlos,
weil es nämlich unmöglich ist, die Summe festzusetzen, die für diese
Bedürfnisse nötig ist. Der Handel ist in seinen Ansprüchen uner-
sättlich“ (S. 505). Für einen liberalen Individualisten, wie es Ricardo
war, zeigt das wenig Vertrauen in die Freiheit des Individuums und
in seine Fähigkeit, die Art des Geldes, die ihm am besten paßt, zu
beurteilen.

'Auf dem Boden Eicardo’s steht eine ganze Reihe von Schülern,
recht eigentlich* fast alle Volkswirtschaft!er der ersten Hälfte des
19. Jahrhunderts. In England waren die berühmtesten, die sich
direkt an ihn anschlossen: Mac Culloch, Eicardo’s besonderer Freund
(Grundlagen der politischen Ökonomie, 1828); James Mill, der Vater
Stuart Mill’s (Elemente der politischen Ökonomie, 1821) und Nassau
Senior (Handbuch der politischen Ökonomie, 1885). y
        <pb n="215" />
        ﻿190

Erstes Buch. Die Begründer.

Die beiden ersten haben keine neuen Theorien aufgestellt, sondern
entwickelten nur mit Nachdruck die ihres Meisters. Wir haben schon
darauf hingewiesen, welchen ganz von Ricaedo verschiedenen Schluß
James Mill aus der Eententheorie zog, und wie er von ihr aus zur
Forderung der Nationalisierung des Bodens gelangte. In bezug auf
MacGulloch ist hervorzuheben, daß er einer der ersten Yolkswirt-
schaftler war, die für die Arbeiter das Streikrecht verlangten.

Was Senior anbelangt, so kann er etwas eingehendere Berück-
sichtigung verlangen, denn er war es, der der klassischen National-
ökonomie ihre strengste systematische Form gab, aber wir ziehen es
vor, ihn erst im Zusammenhang mit John Stuaet Mill zu behandeln.
        <pb n="216" />
        ﻿Zweites Buch.

Die Gegner.

Mit Say, Ricardo und Malthus scheint die Wissenschaft der
Nationalökonomie eine Zeitlang- endgültig konstituiert und abgeschlossen
zu sein.

Freilich besteht zwischen diesen Schriftstellern keine vollkommene
Übereinstimmung. Viele Punkte bleiben noch dunkel. Viele Theorien
geben noch Anlaß zur Diskussion. Ein klar voraussehendes Auge
hätte damals schon in dem schönen Gebäude, das soeben errichtet
worden war, Eisse bemerken können, die sehr bald sich zu großen
Sprüngen erweitern sollten. Aber die Übereinstimmung in den prak-
tischen Folgerungen, der allen diesen Nationalökonomen gemeinsame
Liberalismus, verschleierte diese geheimen Fehler und ließ nach
außen nur die Größe und Einfachheit der neuen Wissenschaft zutage
treten.

Kaum geboren, hatte sie aber einen mit dem größten Nachdrucke
geführten Angriff auszuhalten.

In diesem zweiten Teile werden wir jetzt die Einwürfe und die
Kritiken aller Art, denen die neue Wissenschaft der Nationalökonomie
ausgesetzt war, darlegen. Von allen Seiten stehen abtrünnige Jünger
auf, die eine Grundlage des Gebäudes nach der anderen zu unter-
graben suchen.

Zuerst ist hier Sismokdi zu nennen, ein rein kritischer Geist, der
ein unvergeßliches Bild der Leiden und des Elends entwirft, wie
sie die freie Konkurrenz geschaffen hatte. Kühnere Geister werden
versuchen, neue Prinzipien der sozialen Organisation zu finden. Die
Saint-Simonisten verlangen die Abschaffung des Privateigentums und
des Erbrechtes, sowie die zentralisierte Leitung der Industrie durch
        <pb n="217" />
        ﻿192

Zweites Buch. Die Gegner.

eine allwissende Regierung. Die Assozialisten — Owen, Foueiee,
Loms Blastc ■— wollen an Stelle der Herrschaft des persönlichen
Interesses die der freiwilligen Kooperation setzen. Peoudhon träumt
davon, Freiheit und Gerechtigkeit in einem vervollkommn eten
Tauschsystem zu versöhnen, in dem das Geld keinen Platz mehr hat.
Und dann findet der warmherzige Internationalismus der Klassiker
einen gewaltigen Gegner in Feiedeich List; und eine neue Doktrin
des Schutzzolls, die sich auf die Idee der Nationalität gründet, gibt
dem Merkantilismus, der unter den Angriffen der Physiokraten und
Adam Smith’s endgültig vernichtet schien, neuen Glanz.

In diesen so verschiedenartigen Doktrinen findet sich neben
vieler Phantastik und vielen Irrtümern eine große Menge richtiger
Gedanken und neuer eigener Grundsätze. Zwar gelingt es dieser
neuen Generation von Nationalökonomen nicht, die Lehre der Gründer
zu verdrängen. Aber sie beweisen einwandfrei, daß die anscheinend
vollendete Wissenschaft noch weit davon entfernt ist, vollkommen
zu sein. Alle diese Schriftsteller scheinen der Orthodoxie zuzurufen,
was Hamlet zu Horatio sagt: „Es gibt mehr Dinge zwischen Himmel
und Erde, als sich eure Schulweisheit träumen läßt“ Auf diese
Weise geben sie oft zu sehr fruchtbaren Auseinandersetzungen
Anlaß. In der Öffentlichkeit finden sie sympathische Hörer. Sie
drängen selbst die den klassischen Doktrinen treu gebliebenen
Nationalökonomen dazu, die Sicherheit ihrer Beweisführungen zweifelnd
nachzuprüfen, und zwingen sie, ihre Methode und ihre Schlußfolge-
rungen zu ändern.

Wir wollen versuchen, die Bedeutung ihrer Rolle klar zu stellen.

Kapitel I.

SismomU und die Ursprünge der kritischen Schule.

Während der ersten 30 Jahre des 19. Jahrhunderts traten in der
Volkswirtschaft tiefgehende Umwälzungen ein.

Überall hatte der ökonomische Liberalismus triumphiert. In Frank-
reich sind die Zünfte, und was damit zusammenhing, seit dem
Jahre 1791 vollständig verschwunden. Das Verlangen einzelner
Industrieller, sie unter dem ersten Kaiserreich wiederherstellen zu
lassen, hatte keinen Erfolg und blieb ohne Wiederhai]. In England
wurde auch der letzte Rest des Lehrlingsgesetzes im Jahre 1814 auf-
gehoben, und damit fällt dieses Denkmal aus der Zeit der Bevor-
        <pb n="218" />
        ﻿Kapitel I. Sismondi und die Ursprünge der kritischen Schule.

193

mundung, das schon lange morsch geworden war. Dem laisser-faire
stand nichts mehr entgegen. Überall herrschte die freie Konkurrenz.
Der Staat hatte auf jede Einmischung in die Organisation der Er-
zeugung und in die Beziehungen zwischen Arbeitnehmern und Arbeit—-
gebern verzichtet . . ausgenommen, um die Koalitionen zu unter-
drücken. Aber sogar diese Einschränkung hatte als Zweck, dem
Gesetz des Angebotes und der Nachfrage freie Bahn zu lassen. Das
Strafgesetzbuch des französischen Kaiserreiches sieht in diesem Punkte
ebenso schwere Strafen vor, wie die alte Regierungsform und die
Revolution. In England wird im Jahre 1825 die Freiheit des Koali-
sationsrechtes gewährt, aber noch in so engen Grenzen, daß sie beinahe
illusorisch erscheint. Die allgemeine Meinung des englischen Gesetz-
gebers ist in dem Bericht einer üntersuchungskommission des Unter-
hauses sehr gut ausgedrückt, der im Jahre 1810 aufgesetzt wurde;
wir zitieren daraus nach Herrn und Frau Webb: „Jede Einmischung
der Gesetzgebung in die Freiheit der Industrie oder in die völlige
Freiheit jedes Individuums, über seine Zeit und seine Arbeit in der
Weise und zu den Bedingungen zu verfügen, die es in seinem eigenen
Interesse für die vorteilhaftesten hält, bedeutet eine Verletzung der
allgemeinen Grundsätze, die für die Wohlfahrt und das Glück der
Gemeinschaft von höchster Bedeutung sind *).“ In beiden Ländern,
in Frankreich sowohl wie in England, tritt in der Industrie als
Regel der individuelle Kontrakt auf, der in seiner Freiheit noch von
keiner gesetzgeberischen Maßregel beeinträchtigt wird, eine Freiheit
allerdings, die nur auf Seiten der Arbeitgeber Wirklichkeit war.

Unter dieser Ordnung der Dinge hat sich die neue Manufaktur-
industrie, die sich aus den mechanischen Erfindungen ergab, in
wunderbarer Weise entwickelt. In Großbritannien wurden Manchester,
Birmingham, Glasgow, in Frankreich Lille, Sedan, Rouen, Elbeuf,
Mühlhausen zu bevorzugten Zentren der Großproduktion.

"Zugleich mit diesen glänzenden Erfolgen drängen sich der Auf-
merksamkeit des Beobachters jedoch zwei neue Tatsachen auf, die
wohl dazu geeignet sind, ernsthafte Denker mit Sorge zu erfüllen:
die Ansammlung einer neuen und elenden Klasse — die der Fabrik -
arbeiter — in diesen großen Zentren des Reichtums, uncf die Krisen
der Überproduktion.

Man hat schon tausendmal die Mißbräuche beschrieben, die in
den Fabriken während der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts gang
und gäbe waren; die Verwendung von Kindern jeden Alters unter
den ungesundesten und grausamsten Verhältnissen 2), die last endlose

‘) S. und B. Webe, History of Trade Unionism.

2)	Im Jahre 1835 zählt Andkew Uhe (Philosophy of Manufactures, S. 481)
in den englischen, mechanischen Manufakturanstalten für Baumwolle, Wolle, Flachs
Gide und Eist, Gesch. d. Volkswirtschaft!. Lehrmeinungen.	13
        <pb n="219" />
        ﻿194

Zweites Buch. Die Gegner.

Dauer des Arbeitstages für Frauen und erwachsene Arbeiter, die
erbärmlichen Löhne, die Unwissenheit, die Roheit und die Krank-
heiten und Laster, die sich aus diesen jammervollen Zuständen er-
gaben. In England riefen die Berichte der Arzte, die Untersuchungen
des Unterhauses, die Reden und die Veröffentlichungen Owbn’s die
Entrüstung der öffentlichen Meinung wach und erzwangen schon 1819
die Beschränkung der Kinderarbeit in den Baumwollspinnereien: der
erste Ansatz zu einer Arbeitergesetzgebung, die seitdem zu einer so
wunderbaren Ausdehnung gelangen sollte. J.-B. Sat, der 1815 in
diesem Lande reiste, erklärt, „daß ein Arbeiter, gemäß der Größe
seiner Familie und trotz aller Anstrengungen, die oft der größten
Achtung wert seien, in England nie mehr als drei Viertel und oft
sogar nur die Hälfte seiner Ausgaben verdienen kann“ J).

In Frankreich muß man bis zum Jahr 1840 warten, um in dem
prachtvollen Werke des Doktors Villbkme eine vollständige und
erschütternde Beschreibung der grausamen Lebensbedingungen der
Arbeiter und des Martyriums ihrer Kinder zu linden, — um dort z. B.
zu lesen: „daß in einigen Fabriken der Normandie der Ochsenziemer,
mit dem die Kinder geschlagen werden, unter den Arbeitsgeräten auf
den Spinnstühlen der Spinnereien aufgezählt wird 2).“ Früher schon,
während einer Untersuchung über die Baumwollspinnereien im
Jahre 1828, erklären die MüÜlhaiisener Fabrikherren „daß die heran-
wachsende Generation durch eine Arbeit von 13 und 15 Stunden am
Tag zugrunde gerichtet wird“8). Das „Bulletin de la Societe In-
dustrielle de Mulhouse“ von demselben Jahre bestätigt, daß im Elsaß,
wie anderswo, der Arbeitstag gewöhnlich 15 bis 16 Stunden umfaßt
und sich oft auf 17 steigert4), und alle Nachrichten stimmen überein,
um die Annahme gerechtfertigt erscheinen zu lassen, daß die Lage in
allen industriellen Städten ebenso, wenn nicht noch schlimmer war6).

und Seide 4.800 Knaben und 5,308 Mädchen unter 11 Jahren, 67.000 Burschen und
89.000 Mädchen zwischen 11 und 18 Jahren, — 88.000 Männer und 102.000 Frauen
und Mädchen über 18 Jahre, zusammen 151.000 Knaben, Burschen und Männer gegen
193.000 kleine und größere Kinder weiblichen Geschlechts, Mädchen und Frauen.

') J.-B. Say, England und die Engländer (Del’AngleterreetdesAnglais),
(Euvres IV, K 213.

2)	Bericht VillehmS’s in den „Memoires de l’Academie des Sciences
morales“, II, 8.414, Anm. Die Beobachtungen Villermi5’s sind zwischen 1835 und
1836 gesammelt worden, obgleich sein berühmtes Werk, „Tableau de l’etat phy-
sique et moral des ouvriers“ erst 1840 veröffentlicht worden ist. Das Buch ist
eine Wiedergabe seines Berichtes an die Akademie.

3)	Untersuchung über die Baumwollindustrie (Enquöte sur l’industrie du
coton), 1829, S. 87. (Aussagen der Herren Witz pils, Fabrikbesitzer.)

4)	Siehe Bulletin de la Societe etc., Jahrg. 1828, S. 326—329.

6) Vgl. Rist: Arbeitsdauer in der französischen Industrie zwischen 1820 und 1870
n der Revue d’Eeonomie Politique, 1897, 8. 371 ff.
        <pb n="220" />
        ﻿Kapitel I. Sismondi und die Ursprünge der kritischen Schule.

195

Die Krisen sind eine nicht weniger beunruhigende Tatsache als
das Arbeiterelend. 1815 erschüttert eine erste Krise den englischen
Markt, wirft zahlreiche Arbeiter auf die Straße, und ruft Revolten
hervor, die die Zerstörung von Maschinen zur Folge hatten. Sie be-
ruhte auf dem Irrtum der englischen Fabrikanten, die auf den nahen
Friedensschluß spekulierten und in ihren Fabriken weit mehr Waren
für die Ausfuhr angesammelt hatten, als der Kontinent aufnehmen
konnte. 1818 tritt eine neue, ebenfalls von Yolksunrnhen begleitete
Handelsstörung in England auf. Im Jahr 1825 endlich verursachte
eine dritte, schwerere Krisis, verschuldet wahrscheinlich von den über-
triebenen Krediten, die den neueröffneten Märkten Südamerikas ge-
währt worden waren, den Zusammenbruch von 70 Provinzbanken in
England, zog zahllose Bankerotte nach sich und hatte ihre Rück-
wirkung auf mehrere benachbarte Länder. Seitdem treten die Krisen
mit einer wenn nicht absoluten, so doch wenigstens höchst bemerkens-
werten Regelmäßigkeit in mehr oder weniger kleinen Zwischenräumen
im ganzen Verlauf des 19. Jahrhunderts auf und erstrecken sich über
immer größere Regionen, je nachdem sich die Herrschaft der großen
Industrie ausbreitet. Lag hierin kein Grund, sich zu fragen, ob das
ganze wirtschaftliche System unter seiner glänzenden Außenseite
nicht irgendeinen tiefen Fehler verbarg, und ob die Gesellschaft nicht
in alle Zukunft hinein dazu verurteilt sein sollte, für ihre Fortschritte
in der Industrie durch solche periodischen Zuckungen zu büßen?

Der Pauperismus und die wirtschaftlichen Krisen sind die beiden
Tatsachen, die sich im selben Augenblick, in dem die wirtschaft-
liche Freiheit ihre ersten Triumphe feiert, der Aufmerksamkeit auf-
drängen und die seitdem beständig die Meinungen beschäftigen.

Sie werden von nun an ohne Unterlaß von den verschiedensten
Schriftstellern gegen die neue Ordnung ins Treffen geführt und zer-
stören nach und nach in vielen die Zuversicht in die Richtigkeit der
Lehren Adam Smith’s. Bei zahlreichen philanthropischen und christlichen
Schriftstellern rufen sie nur eine sentimentale Entrüstung hervor, einen
starken Protest der Menschlichkeit gegen ein so unerbittliches System,
Quelle so vielen Elends und einer solchen Menge von Unglück. Andere
— die Sozialisten — gehen in ihrer Kritik viel weiter, greifen die
Einrichtung des Privateigentums an und verlangen den vollständigen
Umsturz der Gesellschaft. Alle aber verwerfen einstimmig die Idee
einer selbsttätigen Harmonie der Privat- und der Allgemein-Interessen,
als unvereinbar mit den Tatsachen, die wir soeben ausgeführt haben.

Unter diesen Schriftstellern nun hat keiner den Einfluß dieser
Tatsachen stärker gefühlt, als Sismondi 1). Für ihn gipfelt das ganze

*) Sismondi war nicht Franzose, sondern Gjnfer, obgleich seine ursprünglich
italienische Familie sich im 16. Jahrhundert nach Frankreich geflüchtet hatte. Nach

13*
        <pb n="221" />
        ﻿196

Zweites Buch, Die Gegner.

Interesse der Nationalökonomie/ vom theoretischen Standpunkt aus, in
einer Erklärung der Krisen; — vom praktischen Gesichtspunkt aus,
in den Mitteln ihnen entgegenzuwirken, und die Lage der Arbeiter
zu verbessern. Kein anderer, Schriftsteller hat mit größerer Auf-
richtigkeit die Erklärung und das Heilmittel gesucht. Er steht so
an der Spitze einer Reihe von Nationalökonomen, deren Einfluß im
19. Jahrhundert niemals aufgehört hat, und die sich, ohne Sozialisten
zu sein, keineswegs über die Fehler des liberalen Systems haben
täuschen lassen und einen Mittelweg suchten, der gestatte, dem Miß-
brauch der Freiheit zu steuern, ohne doch ihre Grundsätze auf-
zugeben. Als erster räumt er dem Gefühl einen großen Platz in
seinem System ein, was zur gleichen Zeit hochgehenden Enthusiasmus
und schärfsten Protest hervorrufen sollte.

§ 1. Methode und Objekt der Nationalökonomie.-

Am Anfang war Sismondi ein begeisterter Anhänger des wirt-
schaftlichen Liberalismus gewesen. 1803, in demselben Jahre, in dem
der Traite von J.-B. Say erschien, hatte auch er die Gedanken Adam
Smith’s in einem Werk unter dem Titel La Eich esse Gommer-
ciale niedergelegt, das einen gewissen Erfolg aufzuweisen hatte.
Nach der Herausgabe dieses Buches beschäftigte sich Sismondi aber
in den folgenden Jahren ausschließlich mit historischen, literarischen
und politischen Arbeiten. Erst 1818 wendet er sich von neuem der
Nationalökonomie zu. „Zu dieser Zeit,“ sagt er „war ich von der
Handelskrise, unter der Europa in den letzten Jahren gelitten hatte,
wie auch von den schweren Leiden der Arbeiter in den Fabriken,
deren Zeuge icli in Italien, in der Schweiz und in Frankreich gewesen
war, und die nach allen öffentlichen Nachrichten in England, in
Deutschland und in Belgien in nicht geringerem Maße bestanden, tief
bewegt1).“ Zu dieser Zeit ersuchte man ihn, für die Edinburgher
Enzyklopädie einen Aufsatz über Nationalökonomie zu schreiben. Als
er nun seine Ideen im Lichte der letzten Tatsachen einer neuen
Untersuchung unterzog, bemerkte er zu seinem eigenen Erstaunen,
daß seine Schlußfolgerungen vollständig von denen Smith’s abwichen.

der Aufhebung des Edikts von Nantes begab sie sich nach Genf. Dort wurde Sismondi
1773 geboren. Er wurde mehr noch als durch seine volkswirtschaftlichen Arbeiten
durch seine Histoire des Republiques italienues und seine Histoire des
Pranijais berühmt. Br gehörte zu den intimen Gästen der Frau v. Stabl auf ihrem
Schloß Coppet, wo er auch mit Robert Owen zusammentraf. Er starb 1842.

') Nouveaux Principes; 2. Ausg., S. XXII. Die von uns zitierten Stellen
sind stets der 2. Ausg., die 1827 herauskam, entnommen.
        <pb n="222" />
        ﻿Kapitel I. Sismondi und die Ursprünge der kritischen Schule.

197

1819 reist er in England, „diesem überraschenden Land, das zum
Nutzen der übrigen Welt einen großartigen Versuch anzustellen
scheint“ 1). Die Eindrücke, die er hier erhält, bestärken ihn in seinen
Ansichten. Er nimmt seinen Artikel für die Enzyklopädie wieder
auf und entwickelt ihn. Aus dieser Arbeit entsteht das Werk, das
seinen Ruhm als Nationaiökonom begründet, und das im Jahr 1819
unter dem bezeichnenden Titel: Neue Prinzipien der Nationalökonomie
(Nouveaux Principes d’Economie politique) erschien. Von
da an ist ihm sein Weg vorgezeichnet. Der Gegensatz, in dem er
sich zu den in Frankreich und England herrschenden Schulen be-
fand, wird beständig größer und in seinen Studien über Volkswirt-
schaft (Etudes sur l’Economie politique), die 1837 erschienen
sind2), bringt er als Beweis für die Richtigkeit der in den neuen
Prinzipien niedergelegten Gedanken eine große Anzahl beschreibender
und historischer Untersuchungen, besonders über die Lage der Land-
wirte in England, Schottland, Frankreich und Italien.

Die abweichende Stellung Sismondi’s erstreckt sich aber nicht
auf die theoretischen Grundgesetze der Nationalökonomie. Er erklärt
im Gegenteil, in dieser Hinsicht ein Schüler Adam Smith’s zu sein8).
Sie wendet sich gegen die Methode, den Gegenstand und die
p r a k t i s c h e n S c h 1 u ß f o 1 g e r u n g e n der klassischen Schule. Unter-
suchen wir seine Gründe in Hinsicht auf jeden dieser Punkte.

Was zunächst die Methode anlangt, so macht er eine richtige
Unterscheidung zwischen Smith und seinen Nachfolgern, Ricardo und
J.-B. Say. „Smith,“ sagt er, „bemüht sich, jede Tatsache in dem
sozialen Zusammenhang, dem sie zugehört, zu untersuchen,“ und
„sein unsterbliches Werk ist das Ergebnis einer philosophischen Unter-
suchung der Geschichte des Menschengeschlechtes“ 4). Dagegen macht
er Ricardo die abstrakte Methode, die er in die Wissenschaft ein-
geführt hat, zum Vorwurf. So sehr er Malthus bewundert, „der mit
der Kraft und der Weite des Geistes die gewissenhafte Unter-
suchung der Tatsachen verband“ 5), so sehr widerstrebt es ihm, „die
abstrakten Schlußfolgerungen, die Ricardo und seine Schüler von uns.

') Ebenda, S. IV.

2)	2 Bände, Paris 1837 und 1838.

3)	N. P.; 8. 50—51. „Die Lehre A. Smith’s ist die unsere, aber das praktische
Ergebnis seiner Lehre, das wir ihm entlehnen, scheint uns oft dem, das er daraus zieht,
diametral entgegengesetzt zu sein.“

4)	Ebenda, S. 56. „A. Smith erkannte an, daß die Kegiernngskunst auf Ver-
suchen beruhe; daß sie sich nur auf die Geschichte der verschiedenen Völker gründen
könne, und daß man nur aus einer abwägenden Beobachtung der Tatsachen Prinzipien
abzuleiten vermöge. Sein unsterbliches Werk ... ist das Ergebnis einer philosophischen
Untersuchung der Geschichte des Menschengeschlechts.“ Vgl. auch ebenda, I, S. 47, 389.

6) Ebenda II, S. 268. Vgl. auch S. 388, 389.
        <pb n="223" />
        ﻿198

Zweites Buch. Die Gegner.

fordern, zuzugeben“1). In den Augen Sismondi’s ist die National-
ökonomie eine „moralische Wissenschaft“, in der „alles einen Zu-
sammenhang“ hat, und in der man einen falschen Weg beschreitet,
wenn man sich bemüht, „ein Prinzip zu isolieren, und nichts außer
ihm zu sehn“ 2). Sie beruht vor allem auf der Erfahrung, der Ge-
schichte und der Beobachtung. „Die menschlichen Zustände“ sagt
er an einer anderen Stelle, „muß man vor allen Dingen in ihren
Einzelzügen studieren. Man muß nacheinander einen Zeitabschnitt,
ein Land oder einen Beruf besonders eingehend untersuchen, um einen
genauen Begriff zu bekommen, was der Mensch ist, und wie die Ein-
richtungen auf ihn wirken ... Ich bin überzeugt, daß man in schwer-
wiegende Irrtümer verfallen ist, weil man stets alles verallgemeinern
wollte, was mit den sozialen Wissenschaften in Verbindung steht“ 3).

Diese Kritik richtet sicli nicht allein gegen Eicaedo und Mac
Cülloch. sondern auch gegen J.-B. Say selbst, der sich bemüht hatte,
die Nationalökonomie auf die Darlegung einiger allgemeiner Grund-
sätze zurückzuführen. Sie bereitet die Auffassung vor, die die deutsche
historische Schule späterhin sich rühmte, als die erste vertreten zu
haben. Sismondi, der selbst Historiker war und sich als Schrift-
steller hauptsächlich mit dringlichen Reformen beschäftigte, konnte
nicht anders, als die Wirkung, die die sozialen Einrichtungen und
die Politik auf den wirtschaftlichen Wohlstand haben, hervorzuheben.
Er gibt z. B. eine gute Anwendung seiner Methode, wenn er in der
Untersuchung über den wahrscheinlichen Einfluß, den eine vollständige
Abschattung der „Corn-Laws“ in England haben werde, darauf hin-
weist, daß die Frage nicht durch einige theoretische Begründungen
gelöst werden könne, und daß die verschiedenen Arten und Weisen der
Bewirtschaftung des Bodens in Rechnung gezogen werden müssen.
Ein Land der Pächter wie England setzt sich der Gefahr aus, nur
schwer der Konkurrenz solcher Länder, die mit Frondiensten arbeiten,
widerstehen zu können, wie z. B. Polen oder Rußland, wo das Ge-
treide dem Besitzer nur „einige hundert unter die Bauern zu ver-
teilende Stockhiebe“ kostet4).

') Ebenda, S. 66. An verschiedenen anderen Stellen wendet er sich gegen
Ricahdo: I, S. 257, 300 und ff; S. 336, 366 und 423; II, S, 184, 190, 218 und 329.

2)	Ebenda, S. 56.

3)	Etudes sur l’Economie politique, Vorwort S. V. Schon in seinem
ersten Buch: La richesse commerciale hatte er gesagt; „Die Volkswirtschaft
gründet sieh auf das Studium des Menschen und der Menschen. Man muß die Natur
des Menschen kennen, den Zustand und das Schicksal der Gesellschaften zu verschie-
denen Zeiten und an verschiedenen Orten, man muß Historiker, Reisende usw. zu Rate
ziehen. Eine solche Untersuchung ... ist die Philosophie der Geschichte und der
Reisen“ (I, S. 14 ff.).

4)	Nouv. Princ., I, S. 257.
        <pb n="224" />
        ﻿Kapitel I. Sismondi und die Ursprünge der kritischen Schule.

199

Die Vorstellung’ Sismondi’s über die nationalökonomische Methode
ist zweifellos stets richtig, wenn es sich darum handelt, praktische
Fragen zu untersuchen, die zukünftigen Folgen einer gesetzgeberischen
Reform vorauszusehen oder die Ursachen besonderer Ereignisse klar
zu legen; wenn es sich aber darum handelt, sich den allgemeinen
Mechanismus der wirtschaftlichen Welt vorzustellen, kann der Volks-
Wirtschaftler nicht ohne Abstraktionen auskommen, und Sismondi selbst
hat darauf zurückgreifen müssen. Allerdings hat er das mit einem
eigentümlichen Ungeschick getan und sein Mangel an Erfolg in der
Konstruktion und der Diskussion abstrakter Theorien mag wohl die
Ursache seiner Vorliebe für die entgegengesetzte Methode sein. Auf
jeden Fall erklärt sie uns teilweise den lebhaften Widerspruch, den
sein Buch unter den Anhängern der „volkswirtschaftlichen Orthodoxie“
erregte, eine Bezeichnung die von ihm stammt (Neue Prinz. S. 1),
und die starken Anklang fand.

Tm besonderen kann man sich kaum etwas verworreneres vor-
stellen, als die Beweisführungen, mit denen er die Möglichkeit einer
allgemeinen Überproduktion darzutun sich bemüht1). Als Aus-
gangspunkt nimmt er eine Unterscheidung zwischen dem jährlichen
Einkommen und der jährlichen Produktion eines Landes an.
Nach ihm würde das Einkommen eines Jahres die Produktion des
folgenden Jahres bezahlen2). Wenn daher die Produktion eines Jahres
größer ist, als das Einkommen des vorhergehenden, so bleibt ein Teil

*) Das Ungeschick Sismondi’s in abstrakter Beweisführung geht noch aus einer
Menge anderer Stellen hervor, besonders aus der Ungenauigkeit seiner Definitionen:
bald betrachtet es die Arbeit als: „Die Quelle alles Einkommens“ (I, S. 85), bald als
das Einkommen des Arbeiters (I, S. 96, 101, 110, 113, 114; II, S. 267 usf.), das zu den
Zinsen und der Bodenrente im Gegensatz steht. Niemals hat er das Nationalver-
mögen vom Privatkapital unterscheiden können, und der Lohn ist ihm bald Kapital,
bald Einkommen (S. 379). Beständig gebraucht er unbestimmte Ausdrücke, wie reich
und arm, um Kapitalisten und Arbeitende zu unterscheiden {II, Kap. V). Zur Er-
klärung der Art und Weise, wie sich die Höhe der Zinsen festsetzt, schreibt er an
einer Stelle: „Die Kräfte der Geldgeber (das Kapital) und die der Geldentleiher kommen
zu einem Gleichgewicht; wie auf allen anderen Märkten einigen sie sich auf einem
proportionalen Durchschnitt“ (!) (II, S. 36). Ebenso wirft er ständig Ein-
kommen in natura mit Geldeinkommen zusammen.

2)	„Das Einkommen des vorhergehenden Jahres muß die Produktion dieses (d. h. /
des laufenden) Jahres bezahlen“ (Nouv. Princ., I, S. 120). Weiterhin schreibt er;
„Zum Schluß geschieht überhaupt nichts anderes, als die Gesamtmenge der Jahres-
produktion gegen die Gesamtmenge der Jahresproduktion des vorhergehenden Jahres
anszutauschen“ (S. 121). Sismondi legt großes Gewicht auf diesen Unterschied zwischen
dem Volkseinkommen und der Jahresproduktion; „Die Vermengung von jährlichem
Einkommen und Jahresproduktion hüllt die ganze Wissenschaft in Dunkel, aber alles
wird im Gegenteil klar und verständlich, alle Tatsachen stimmen mit der Theorie
überein, sobald man diese Unterscheidung macht“ (I, S. 366—367), Dabei ist er es
gerade, der Verwirrung schafft.
        <pb n="225" />
        ﻿200

Zweites Buch. Die Gegner.

dieser Produktion unverkauft, und die Produzenten werden ruiniert.
Sismondi schließt hier so, als bestehe das Volk aus Landwirten, die
jedes Jahr die fabrizierten Erzeugnisse, welche sie brauchen, mit den
Einkünften kaufen, die ihnen der Verkauf der vorjährigen Ernte
gebracht hat. Es ist selbstverständlich, daß bei Überfluß au fabri-
zierten Erzeugnissen das Einkommen der Landwirte nicht ausreicht,
um sie zu einem genügend hohen Preise zu bezahlen.

Aber in seiner Beweisführung liegt eine doppelte Verwechslung.
Das jährliche Einkommen eines Volkes ist im Grunde genommen
nichts anderes als seine jährliche Produktion. Die eine kann daher
nicht geringer als die andere sein, da ja beide dasselbe vorstellen.
Auf der anderen Seite sind es nicht die Produktionen zweier ver-
schiedener Jahre, die sich gegeneinander austauschen, sondern die
verschiedenen Erzeugnisse, die jedes Jahr geschaffen werden, werden
gegeneinander ausgetauscht, oder vielmehr (denn diese Einteilung
des wirtschaftlichen Lebens in jährliche Perioden hat mit der Wirk-
lichkeit nichts gemein) sind es verschiedene Produkte, die in jedem
Augenblick in der Welt erzeugt werden, die sich in jedem Augen-
blick untereinander austauschen, und die so, die einen für die anderen,
eine gegenseitige Nachfrage darstellen. Daher kann es kommen, daß
es in einem bestimmten Augenblick von den einen oder den anderen
Produkten zu viel oder zu wenig gibt, und daß infolgedessen in einer
oder mehreren Industrien Krisen herrschen. Es ist aber unmöglich,
daß es gleichzeitig zu viel von allen Erzeugnissen gibt. Das haben
Mac Cülloch, Ricardo und J.-B. Sax erfolgreich gegen Sismondi auf-
recht erhalten 1).

Nicht nur in der Methode, sondern mehr noch mit Hinsicht auf
den Gegenstand der Nationalökonomie, steht Sismondi den Klassikern
als Gegner gegenüber. In ihren Augen, sagt er, ist die Volkswirt-
schaft die Wissenschaft des Reichtums; sie ist, wie Aeistoteles sagte,
eine „chrematistische“ Wissenschaft. Der wirkliche Gegenstand der
Wissenschaft ist aber der Mensch oder genauer, das „physische Wohl-

*) Mao Cülloch kritisierte Sismondi in einem Aufsatz in der Edinburgh
Review im Oktober 1819. Was J.-B, Say anlangt, siehe oben S. 129—131.

Mit Hinsicht auf Rioabdo erzählt Sismondi (Nouv. Princ., II, 8. 410), daß er mit
ihm in Genf, im Jahr, in dem er starb, verschiedene Aussprachen über diese Frage
hatte. Sismondi scheint zum Schluß, wenn auch mit vielen Einschränkungen, Rioakdo’s
Ansicht beigepflichtet zu haben. Er sagt nämlich (ebenda, S. 424): „Wir kommen
also wie Rioabdo, dazn, daß die Produktion am Ende der Zirkulation, wenn sie nirgends
unterbrochen wird, einen Verbrauch schafft.“ „Das ist aber nur richtig,“ fügt er an,
„wenn Zeit und Raum außer acht gelassen werden . . ., wenn alle Hindernisse, die
diesen Umlauf unterbrechen können, nicht beachtet werden.“ Sismondi hat seinen
Gesichtspunkt gegen seine drei Gegner in zwei Aufsätzen verteidigt, die am Schluß
der 2. Ausg. der Nouv. Princ. abgedruckt sind.
        <pb n="226" />
        ﻿Kapitel I. Sismondi und die Ursprünge der kritischen Schule.

201

sein des Menschen.“ Nichts führt sicherer in die Irre, als wenn man
den Reichtum für sich seihst betrachtet „und den Menschen darüber
vergißt1). Daher muß neben der Gütererzeugung, die fast ausschließ-
lich von den Klassikern in Betracht gezogen wird, ein wenigstens
ebenso großer Platz der Verteilungstheorie eingeräumt werden. Aller-
dings hätten die Klassiker ihm erwidern können, daß sie der Pro-
duktion den ersten Platz einräumen, weil in ihren Augen die Ver-
mehrung der Produkte die Grundbedingung jedes Fortschrittes in ihrer
Verteilung dar stelle. Sismondi aber versteht hierunter etwas ganz
anderes. Nach ihm verdienen Reichtum oder Wohlstand diesen Namen
überhaupt nur, wenn sie in einem befriedigenden Verhältnis verteilt
sind. Wenn man von dieser Verteilung absieht, so kann man sie sich
weder vorstellen, noch irgendein Urteil darüber abgeben. Weiterhin
räumt er in der Verteilung der Güter denen einen ganz besonderen
Platz ein, die er die „Arraen“ nennt, nämlich denen, die zur Be-
schaffung ihres Lebensunterhaltes nur ihre Hände haben, und die vom
Morgen bis zum Abend in den Fabriken oder auf den Feldern sich
abmühen. Denn sind sie es nicht, die die Mehrheit der Bevölkerung
bilden, und das, was ihn vor allem interessiert, sind die Wirkungen,
die die Erfindung der Maschinen, die Freiheit der Konkurrenz und
die Herrschaft des Eigentums auf das Schicksal dieser Armen aus-
tiben. „Die Nationalökonomie,“ so sagt er an einer Stelle, „wird
letzten Grundes zu einer großen Theorie der Wohlfahrt, und
alles was nicht in seinem Endzweck zum Glück der Menschen bei-
trägt, gehört keineswegs zu dieser Wissenschaft“ 2).

Was Sismondi in Wirklichkeit beschäftigt, ist weniger . die Na-
tionalökonomie, als das, was man seitdem in Frankreich „Economie
sociale“ und in Deutschland „Sozialpolitik“ genannt hat. Seine
originelle Leistung besteht darin, ihr Studium begründet zu haben.
J.-B. Say behandelt diese Definitionen, die in so starkem Gegen-
satz zu seinen eigenen stehen, hochmütig, wie folgt: „Herr von Sis-
mondi nennt die Nationalökonomie die Wissenschaft, deren
Anfgabeesist, überdas GlüekdesMenschengeschlechts
zu wachen. Zweifellos hat er sagen wollen; Die Wissenschaft,

’) „In abstracto ist die Güteransammlung im Staat durchaus nicht der Zweck
der Regierung, sondern dieser Zweck ist vielmehr die Ermöglichung der Teilnahme aller
Bürger an den Annehmlichkeiten des physischen Lebens, die der Reichtum vorstellt...,
es ist im absoluten durchaus nicht wahr, daß der Reichtum und die Bevölkerung als
Zeichen des Wohlstandes eines Staates gelten können, sondern nur auf Grund ihres
gegenseitigen Verhältnisses“ (Nouv. Princ., I, S. 9).

2) Nouv. Princ., II, S. 250; an anderer Stelle sagt er: „Wenn die Verwaltung
sich vornehmen sollte, eine der Klassen des Volkes vor der anderen zu begünstigen,
so sollten es gerade die Tagelöhner sein, die sie bevorzugen sollte“ (Nouv. Princ., I,
S. 372).
        <pb n="227" />
        ﻿202

Zweites Buch. Die Gegner.

die DIE besitzen müssen, deren Aufgabe es ist, über das Glück des
Menschengeschlechts zu wachen; natürlich müssen die Regierenden,
wenn sie ihren Aufgaben gerecht werden wollen, die Nationalökonomie
kennen, aber das Glück des Menschengeschlechts würde auf sehr
schwachen Füßen stehen, wenn es, anstatt auf der Intelligenz und
der Arbeit der Regierten zu beruhen, von einer Regierung abhinge.“
(Cours complet, II, 551.) Und er fügt hinzu: „Es liegt an den
durch das System der Bevormundung verbreiteten falschen Begriffen,
daß die meisten deutschen Schriftsteller die Nationalökonomie als die
Wissenschaft der Verwaltung ansehen.“

§ 2. Kritik der Überproduktion und der Konkurrenz.

Die „chrematistische Schule“ hat sich über die zu verfolgende
Methode und sogar über den Gegenstand der Nationalökonomie geirrt.
Daher ist es weiter nicht erstaunlich, das sie auch zu falschen prak-
tischen Schlußfolgerungen gekommen ist. Die chrematistische Schule
hat zur unbegrenzten Produktion angeregt — sie hat die Wohltaten
der Konkurrenz ohne Einschränkung gelobt. — und als Schlußfolgerung
hat sie die Harmonie der Interessen und die Nichteinmischung der
Regierung aufgestellt. Das sind die drei wesentlichen Punkte, in
denen Sibmondi sie angreift.

Vor allem weist er zunächst auf ihren unbedachten Eifer zugunsten
der Produktion hin. Die klassischen Schriftsteller sagen, daß das
allgemeine Wachstum der Produktion keine Unzuträglichkeiten nach
sich zieht, dank des selbsttätigen Mechanismus, der sofort in Wirkung
tritt, sobald die Unternehmer an irgendeinem Punkt über die Be-
dürfnisse der Nachfrage hinausgehen; — die sinkenden Preise zeigen
ihnen an, daß sie auf dem falschen Wege sind, und daß sie ihre
Kräfte nach einem anderen Ziele lenken müssen. Ebenso zeigt eine
Preiserhöhung, daß das Angebot ungenügend ist, und daß mehr fabriziert
werden muß. Daher werden die etwa begangenen Fehler stets nur
für den Augenblick und vorübergehend sein.

Dem hält Sismondi entgegen: wenn die Nationalökonomen, an-
statt in abstrakte zu denken, die Tatsachen in ihren Einzelheiten
betrachtet hätten; wenn sie anstatt die Erzeugnisse anzusehen, die
Menschen ins Auge gefaßt hätten, würden sie sich nicht so leicht-
sinnig über die Irrtümer der Fabrikanten hinweggesetzt haben.
Wenn das Angebot unzureichend war, um einer fortschreitenden
Nachfrage zu genügen, dann freilich schadet seine Vermehrung Nie-
mandem und nützt Allen. Wenn aber umgekehrt die Bedürfnisse
nicht so schnell wachsen wie das Angebot, dann läßt sich die Ein-
        <pb n="228" />
        ﻿Kapitel I. Sismondi und die Ursprünge der kritischen Schule.

203

Schränkung des übermäßigen Angebots nicht so leicht bewerkstelligen.
Glaubt man, daß von heute auf morgen die Kapitalien und die Arbeit
eine Industrie, die im Niedergang begriffen ist, aufgeben können, um
sich einer anderen zuzuwenden? Keineswegs! Der Arbeiter kann
nicht plötzlich die Arbeit verlassen, die ihm seinen Lebensunterhalt
gibt, und die er in einer oft langen und teuren „Lehrlingszeit“ ge-
lernt hat, — in der er sich durch eine professionelle Geschicklichkeit
auszeichnet, deren Vorteile er in einer anderen Beschäftigung ver-
liert. Anstatt das zu tun, wird er lieber seinen Lohn verringern
lassen, wird er lieber die Arbeitszeit verlängern, „er wird es vor-
ziehen, 14 Stunden am Tag zu arbeiten, die Zeit opfern, die er
früher dem Vergnügen und der Ausschweifung widmete, und die
gleiche Anzahl Arbeiter wird bedeutend mehr Erzeugnisse
her vor bringen“ 1 2). — Was den Fabrikanten anlangt, so wird er
ebensowenig, wie der Arbeiter bereit sein, ohne Widerstand seine
Fabrik aufzugeben, in deren Errichtung und Anlage er die Hälfte
oder drei Viertel seines Vermögens gesteckt hat. Fixes Kapital
läßt sich nicht von einer Fabrik auf die andere übertragen. Auch
wird der Fabrikant durch die Gewohnheit festgehalten, „eine moralische
Kraft, die der Berechnung nicht unterliegt“ -), und wie der Arbeiter,
klammert er sich an die Industrie,, die ihn bis dahin ernährt und
die er geschaffen hat. So wird denn die Produktion, weit davon ent-
fernt, sich selbsttätig einzuschränken, dieselbe bleiben oder sogar
noch größer werden; . . . allerdings wird sie zum Schluß gezwungen,
nachzugeben; allerdings wird die Anpassung eintreten, aber nach
wieviel Ruin, nach wieviel Unglück!

„Die Produzenten werden sich nicht eher von der Arbeit znrück-
ziehen, und nicht eher wird ihre Zahl geringer werden, als bis eine
Anzahl der Geschäftsinhaber Bankerott gemacht hat, und bis ein Teil
der Arbeiter Hungers gestorben ist3).“ „Hüten wir uns, sagt er-
zürn Schluß, vor dieser gefährlichen Theorie des Gleichgewichts, das
sich selbst herstellt. . . Allerdings stellt sich auf die Dauer ein ge-
wisses Gleichgewicht ein, aber nur nach furchtbaren Leiden4).“ Diese
Bemerkung, die schon zur Zeit Sismondi’s richtig war, bildet heute
die Grundlage der Geschäftspolitik der Trusts und Kartelle.

Wie vermehrt sich seit dem Anfang des 19. Jahrhunderts haupt-
sächlich die Produktion? Durch die Vermehrung der Maschinen,
Daher richtet Sismondi seine hauptsächlichsten Angriffe gegen die
Maschinen. Und gerade deshalb hat er sich als Reaktionär behandeln

&gt;) N. P., I, S. 333.

2)	N. P., I, S. 336.

3)	N. P., I, S. 333—334.

4)	N. P., I, S. 220—221
        <pb n="229" />
        ﻿204

Zweites Buch. Die Gegner.

lassen müssen, ist sogar als unwissend hingestellt worden und hat
ein halbes Jahrhundert hindurch seinen Platz unter den Volkswirt-
schaftlern verloren.

Auch das ist einer der Punkte, über die die klassischen National-
ökonomen sich in vollständiger Übereinstimmung befanden1). Für
sie sind die Maschinen wohltätige Einrichtungen, weil sie die Lebens-
■ mittel billiger liefern, weil sie einen Teil des Einkommens der Ver-
braucher freisetzen, weil sie infolgedessen die Nachfrage nach anderen
Produkten vermehren, und so der Arbeit, die sie zuerst überflüssig
gemacht haben, Beschäftigung verschaffen. Sismondi leugnet nicht,
daß sich theoretisch das Gleichgewicht zum Schluß wieder her-
steilen wird; jede neue Produktion muß auf die Dauer an irgend-
einer Stelle einen neuen Verbrauch schaffen. Betrachten wir aber
die Wirklichkeit. Hören wir auf, „Zeit und Baum außer acht zu
lassen“; setzen wir die Hindernisse und die Reibungen des sozialen
Mechanismus in Rechnung. Was sehen wir da? Die unmittel-
bare Wirkung der Maschine besteht darin, Arbeiter auf die Straße
zu werfen, ihre gegenseitige Konkurrenz zu verschärfen, die Löhne
aller anderen auf dem Markte zu erniedrigen und so weiterhin ihren
^Verbrauch und infolgedessen ihre Nachfrage zu vermindern. Weit
davon entfernt, stets wohltätig zu sein, tritt die nützliche Wirkung
der Maschinen nur dann ein, wenn ihrer Einführung ein Wachstum
der Einkünfte und infolgedessen eine neue Arbeitsmöglichkeit für die
Arbeiter, deren Stelle sie eingenommen haben, vor aus gegangen
ist. „Selbstverständlich wird niemand bezweifeln, daß ein Vorteil
darin liegt, einen Menschen durch eine Maschine zu ersetzen, aber
nur, solange dieser Mensch anderweit Arbeit findet2).“

') Die Übereinstimmung ist aber nicht vollständig. Eicaedo hat allerdings der
3. Ausg. seiner Principles ein Kapitel über die Maschinen angefügt, in dem er
bekennt, sich getäuscht zu haben, als er annahm, daß die Maschinen stets, nach
einiger Zeit, den Arbeiterinteressen nützlich werden. Er erkennt an, daß die Arbeiter
immer unter den Maschinen leiden werden, wenn dieselben, sei es auch unter Er-
höhung des Nettoertrages, den Bruttoertrag der Industrie verringern. Er scheint zu
glauben, daß dieser Eall häufig genug eintreten kann. In Wirklichkeit wird er nur
selten Vorkommen.

2) Nouv. Princ., I, 8. 399. Hier muß das berühmte Argument der Kurbel an-
geführt werden; Sismondi fragt: „Wenn es England gelingen sollte, alle Arbeit auf
seinen Feldern und in seinen Städten von Dampfmaschinen ausführen zu lassen und
nur soviel Bewohner zu haben, wie die Eepublik Genf, gleichzeitig aber dieselbe
Produktionsmenge und dasselbe Einkommen, wie heute, müßte man es dann reicher
oder ärmer als heute nennen? Eicardo sagt Ja. -— Folglich ist der Eeiehtum alles,
der Mensch absolut nichts ? Dann müßte man wahrhaftig wünschen, daß der König
allein auf seiner Insel lebe und durch das beständige Drehen einer Kurbel auto-
matisch alle Arbeit in England verrichten lasse“ (II, 8. 329). Man kann auf den so
formulierten Einwurf antworten, daß die Gemeinschaft, lange ehe dieser Zustand
        <pb n="230" />
        ﻿Kapitel I. Sismondi und die Ursprünge der kritischen Schule.

205

l)as bestritten auch weder Eicardo noch Say, aber sie behaupteten,
daß es gerade die Wirkung der Maschinen sein würde, stets an irgend-
einer Stelle diese Arbeitsnachfrage liervorzurufen. Sismondi wird in
seiner Beweisführung yon der gleichen falschen Idee beherrscht, die
ihn vorher die Möglichkeit einer allgemeinen Überproduktion hat an-
nelnnen lassen: der Idee, daß einer Produktionsvermehrung, die nütz-
lich sein soll, stets eine neue Nachfrage vorausgehen muß; er will
nicht zugeben, daß indirekt die Vermehrung der Produktion an sich
diese Nachfrage schafft.

Was aber wahres an dem Gesichtspunkte Sismondi’s ist — und
man kann nie genug darauf hinweisen, — das ist sein Protest gegen
die Gleichgültigkeit der Klassiker angesichts der Leiden, die die
Übergangsperioden mit sich bringen.

Die klassischen Volkswirtschaftler haben oft das von der Groß-
industrie geschaffene Elend mit demselben Gleichmut betrachtet, mit
dem die Anhänger Marx’ die Katastrophen der Zukunft im Zu-
sammenhang mit der notwendigen Revolution ins Auge fassen.

Zusammen mit vielen anderen Ähnlichkeiten zwischen den
Marxisten und den Klassikern ist dies eine der auffälligsten. Sind
die Vollkommenheiten der neuen Gesellschaftsordnung nicht einige
Opfer wert ? Sismondi aber ist Historiker. Er interessiert sich gerade
für diese Perioden des Übergangs, die von einer Ordnung zur anderen
führen, und die so viele unverdiente Leiden mit sich bringen. Er
möchte, daß man ihre Härten lindere, daß man den Übergang von
einer Epoche in die andere erleichtere. Gibt es einen gerechteren
Wunsch? Sogar J.-B. Say hat das anerkannt1) (allerdings in einem
recht geringen Maße), und gerade hierin besteht auch die Aufgabe
der Sozialpolitik.

Eine andere Bemerkung Sismondi’s ist nicht weniger richtig.
Es erregt nicht nur seine Entrüstung, daß die Arbeiter von den
Maschinen verjagt werden, sondern auch, daß die in -ihrer Stellung
verbliebenen Arbeiter nur einen so geringen Anteil an den Vorteilen,

eintreten könne, sich aller Maschinen bemächtigt haben wird, um ihre Erzeugnisse
unter ihre Mitglieder zu verteilen. Die Annahme, daß ein Teil der Bevölkerung
ruhig Hungers sterben werde, während der andere Teil fortfährt, die gleiche Menge
Erzeugnisse, wie früher herzustellen, ist widersinnig. Im Grunde genommen aber,
wenn man die paradoxale Form außer acht läßt, ist die Frage Sismondi’s nicht zu
lösen. Was ist das bessere Gleichgewicht zwischen Produktion und Bevölkerung?
Soll man eine schnell wachsende Bevölkerung, deren Beichtum nur wenig wächst,
einer stationären oder sogar geringer werdenden Bevölkerung, deren Wohlstand sehr
groß ist, vorziehen? Jedem steht hier die Wahl frei. Die Wissenschaft hat kein
Kriterium dafür.

b Siehe weiter oben, S, 126.
        <pb n="231" />
        ﻿206

Zweites Buch. Die Gegner.

die sie mit sich bringen, erlangen1). Den Klassikern genügte es,
daß die Arbeiter als Verbraucher an der Verbilligung der Produkte
Anteil hätten. Sismondi aber verlangt mehr. Solange die Arbeit so
erdrückend wie heute ist, würde es doch nur gerecht sein, daß die
Arbeiter von der Einführung der Maschinen durch Verkürzung der
Arbeitszeit, durch Verlängerung ihrer „freien Zeit“ profitierten!
Unter der heutigen sozialen Ordnung und dank der Konkurrenz, die
sich die Arbeitenden untereinander machen, und deren Ursachen für
ihn in einer Überbevölkerung bestehen, vermehrt die Maschine die
freie Zeit des Arbeiters nicht nur nicht, sondern, indem sie die
Konkurrenz verstärkt, drückt sie seinen Lohn herab und zwingt ihn,
immer intensiver und immer länger zu arbeiten. Auch hierin scheint
uns Sismondi das richtige gesehen zu haben. Es ist nicht einzusehen,
warum der Verbraucher allein von dem ganzen Vorteil der Maschinen
profitieren sollte, während der Arbeiter leer ausgeht, wenn es sich
um Gegenstände handelt, die nicht in den Verbrauch des Arbeiters
eingehen. Es würde nichts widersinniges an sich haben, wenn die
Vorteile des Fortschrittes zum wenigsten während einer gewissen Zeit
geteilt würden, und zwar zwischen dem Verbraucher und dem Arbeiter,
so wie sie jetzt zwischen dem Erfinder, dem Unternehmer und der
Gesellschaft geteilt werden. Diese Idee liegt übrigens heute der
Taktik gewisser Arbeitergewerkschaften zugrunde, wenn sie eine
neue Maschine nur dann annehmen, wenn ihnen eine Verminderung
der Arbeitszeit und eine Erhöhung des Lohnes zugesichert wird.

Auf die Produktion und die Maschinen angewandt, führt die
Methode Sismondi’s dazu, hier ganz anders als die Klassiker zu
urteilen. Ebenso auch in bezug auf die Konkurrenz.

Adam Smith hatte geschrieben: „Im allgemeinen gewährt jeder
Geschäftszweig oder jede Arbeitsteilung, wenn sie dem Publikum
Vorteil bringt, immer einen um so größeren, je freier und allge-

*) „Wir haben schon an anderer Stelle gesagt, halten es aber für wesentlich,
nochmals darauf hinzuweisen: daß das wirkliche Unglück nicht in der Verbesserung
der Maschinen begründet ist, sondern in der ungerechten Verteilung ihrer Produkte.
Um so mehr Erzeugnisse wir mit einer gegebenen Arbeitsmenge herstellen können,
um so mehr sollten wir, sei es unsere Annehmlichkeiten, sei es unsere Erholung ver-
mehren können; der Arbeiter, der sein eigener Herr ist, würde, wenn er mit Hilfe
einer Maschine in zwei Stunden das fertiggestellt hat, wozu er sonst zwölf Stunden
braucht, nach diesen zwei Stunden mit der Arbeit aufhören, wenn er nicht irgend-
einen Grund oder einen Zweck hätte, ein größeres Erzeugnis zu verwenden. Es
liegt an unserer jetzigen Organisation, an der Versklavung des Arbeiters, daß er
gezwungen ist, wenn eine Maschine seine Arbeitskraft erhöht, nicht weniger, sondern
mehr Stunden am Tag zu arbeiten und zwar für denselben Lohn“ (Nouv. Princ., II,
S. 318, Anm.). Diese Stelle zeigt am klarsten den wahren Gedanken Sismondi’s
über die Maschinen.
        <pb n="232" />
        ﻿Kapitel I. Sismondi und die Ursprünge der kritischen S(

meiner die Konkurrenz ist1).“ Sismondi bestreitet die Rüstigkeit ’ .V'J

dieses Satzes und fuhrt hierfür zwei Gründe von
Beweiskraft an.

Der erste beruht auf der ungenauen Idee, die wir schon oTOTT
angetrotfen haben, nach der kein Fortschritt in der Produktion
von Nutzen ist, wenn ihm keine verstärkte Nachfrage vorausgeht.
Die Konkurrenz ist wohltätig, wenn sie die Unternehmer dazu an-
spornt, die Erzeugnisse zu vermehren, um einer steigenden Nachfrage
zu genügen. Im entgegengesetzten Falle ist sie vom Übel. Denn
wenn der Verbrauch stationär bleibt, so ist die einzige Wirkung der
Konkurrenz, einem geschickteren Unternehmer oder einem, dessen
Kapitalien größer sind, zu gestatten, seine Konkurrenten durch den
niederen Preis zu ruinieren und sich ihrer Kundschaft zu bemächtigen;
das Publikum hat aber keinen Vorteil davon, und nur zu oft bietet
die Wirklichkeit dieses Bild; der Industrielle richtet sich nicht nach
dem möglichen Vorteil der Allgemeinheit, sondern einzig und allein
nach den Möglichkeiten, die sich ihm bieten, seinen persönlichen
Gewinn zu vergrößern.

Auch hier unterliegt das Argument Sismondi’s der gleichen, soeben
ausgeführten Kritik: indem die Wohlfeilheit der Produkte einen Teil
des Einkommens frei setzt, schafft sie für andere Produkte eine
erhöhte Nachfrage und macht so das Übel, das sie hervorgerufen hat
wieder gut. Die Konzentration der Industrie hat für die Gesellschaft
die gleichen Vorteile wie die Maschinen, und ihre Verteidigung stützt
sich auf dieselben Gründe.

Sismondi hat aber gegen die Konkurrenz ein weiteres eindrucks-
Aolleres Argument. Die Jagd nach der Wohlfeilheit, bemerkt er
bringt die Unternehmer dazu, nicht nur an den Dingen, sondern auch
an den Menschen so viel wie möglich zu sparen. Überall hat die
Konkurrenz es dazu gebracht, daß die Fabriken Kinder und Frauen,
anstatt erwachsene Männer, beschäftigen. Um aus diesen Menschen-
kräften den größtmöglichen Ertrag zu erzielen, haben einzelne Unter-
nehmer sie zu einer übermäßig angreifenden Arbeit bei Tag und
Nacht gezwungen und zahlen ihnen als Gegenwert nur einen ganz er-
bärmlichen Lohn. Wozu aber nun die unter solchen Bedingungen
erzielte Wohlfeilheit? Der magere Vorteil, den die Öffentlichkeit
davon hat, wird durch den Verlust an Kraft und Gesundheit der
Arbeiter mehr als aufgewogen. Hier greift die Konkurrenz das
kostbarste aller Kapitalien an; die Kraft nämlich der Rasse. Er
weist nach, wie die Arbeiter in Grenoble für eine Tagesarbeit von
14 Stunden 6 bis 8 Sous* 2) verdienen, wie sechs- bis achtjährige Kinder

*) Völkerreichtum I, S. 194, B. II, Kap. II, am Ende.

2)	1 sou = 4 Pfennig (Anm. d. Übers,).
        <pb n="233" />
        ﻿208

Zweites Buch. Die Gegner.

in den Spinnereien 12 bis 14 Stunden arbeiten müssen und zwar
„in einer Atmosphäre, die mit Haaren und Staub gefüllt ist“, und wo
sie an der Schwindsucht sterben, bevor sie 20 Jahre alt geworden
sind. Er kommt zu dem Schlüsse, daß „es zu teuer wird, die Aus-
dehnung des nationalen Handels damit zu bezahlen, daß eine un-
glückliche und allen Leiden ausgesetzte Klasse geboren wird“, und
in jenem oft zitierten Satz ruft er aus: „Her Profit eines Unter-
nehmers ist manchmal nichts anderes als eine Beraubung des Arbeiters,
den er beschäftigt; er verdient nicht, weil sein Unternehmen mehr
hervorbringt, als es kostet, sondern weil er dem Arbeiter kein ge-
nügendes Entgelt für seine Arbeit gewährt. Eine solche Industrie
ist ein soziales Übel ü“

Wer kann sich der Richtigkeit dieses Gedankens SismondTs ent-
ziehen? Wenn der billige Preis der Produkte nur auf Kosten einer-
beständigen Verschlechterung der Gesundheit des Arbeiters erreicht
werden kann, so ist es offenbar, daß die Konkurrenz mehr Unheil
stiftet, als Gutes tut. Es liegt nicht weniger im öffentlichen Interesse,
diese lebendigen Gäter zu schützen, als die Erzeugung toter Güter
zu erleichtern. Indem Sismondi zeigt, daß die Konkurrenz eine zwei-
schneidige Waffe ist, hat er denen den Weg eröffnet, die in durchaus
richtiger Weise vom Staat verlangen, daß er der Konkurrenz Grenzen
setze und sie regele.

Man möchte versucht sein, noch weiter zu gehen, und in der
eben angeführten Stelle eine rückhaltlose Verurteilung des Profits
selbst zu sehen. Das würde nichts weniger bedeuten, als ein Be-
kenntnis Sismondi’s zu den sozialistischen Lehren. Man hat manch-
mal an ein solches Bekenntnis bei ihm geglaubt, aber unserer Meinung
nach zu Unrecht.

Ohne Zweifel drückt sicli Sismondi an gewissen Stellen so aus,
wie es später Owen, die Saint-Simonisten und Marx taten. So liest
man z. B. in seinen Untersuchungen über die Nationalökonomie Stellen,
wie die folgende: „Man könnte fast sagen, daß die moderne Gesellschaft
auf Kosten des Proletariats lebt, nämlich von dem Teil, den sie ihm
von dem Gegenwert seiner Arbeit vorenthält* 2);“ und an anderer
Stelle sagt er, daß „es eine Beraubung, ja ein Diebstahl ist,
den der Reiche am Armen verübt, wenn der Reiche der fruchtbaren
und gut bewirtschafteten Erde ein Einkommen abzwingt, das ihm
gestattet, im Überfluß zu schwimmen, während der Arbeiter selbst,
der dieses Einkommen überhaupt erst hervorbringt . . ., Hungers
stirbt, ohne Teil an diesem Einkommen haben zu können“ 3).

b N. P., I, S 92.

2)	Etudes sur l’Eeonomie politique. I, S. 35.

3)	Ebenda, S. 274—275.
        <pb n="234" />
        ﻿Kapitel I. Sismondi und die Ursprünge der kritischen Schule.

209

An einigen Stellen scheint Sismondi schon die MAnx’ische Theorie
des Mehrwertes anzukündigen, indem er sich des Ausdruckes „Über-
wert“ (Mieux-value) bedient1). In Wirklichkeit sind das aber nur
Wortanalogien. Wenn Sismondi vom „Überwert“ spricht, will er
damit den stetig wachsenden Wert bezeichnen, der in allen fort-
schrittlichen Ländern jährlich nicht nur von der Arbeit allein, sondern
dank dem gemeinsamen Zusammenwirken von Arbeit und Kapital
geschaffen wird2). Die Idee, die Marx aufstellte, daß die Arbeit
allein den Wert schafft, und daß infolgedessen der Gewinn und die
Zinsen einen Diebstahl darstellen, der an dem Arbeiter begangen
wird, ist ihm völlig fremd. Sismondi erkennt wohl an, daß die
Einkünfte des Großgrundbesitzers und des Kapitalisten auf einer
Arbeit beruhen, die sie nicht getan haben; mit Recht unterscheidet
er das Einkommen aus Arbeit und das aus Eigentum; aber in seinen
Augen ist das letztere nicht weniger berechtigt als das erstere, denn,
sagt er, diejenigen, die von einem Einkommen ohne Arbeit profitieren,
„haben ein andauerndes Recht darauf erworben durch eine „pri-
märe“ Arbeit, die die „gegenwärtige“ Arbeit vorteilhafter gemacht
hat“3). Wenn Sismondi schreibt, daß der Arbeiter beraubt wird,
so will er damit einfach sagen, daß manchmal der Arbeiter nicht
genügend bezahlt wird, nicht genügend erhält, um davon leben

&gt;) N. P., I, S. 103.

2) Wir stimmen in diesem Punkte nicht mit der Darlegung, die Aftalion von
dieser Stelle in seiner, übrigens ausgezeichneten Monographie: L’OEuvre eco-
nomique de Simonde de Sismondi, Paris, 1899, gibt, überein, wie auch nicht
mit der, die Denis in seiner Histoire des Systemes economiques, II, S. 306,
ausführt. Der Text Sismondi’s scheint uns keinen Raum für irgendeinen Zweifel
zu lassen; „Im Gegensatz zum Boden könnte man die beiden anderen Quellen
des Reichtums zusammenfassen: in das Leben, das die Arbeitsfähigkeit gibt, und in
das Kapital, das die Arbeit entlohnt. Wenn diese beiden Mächte vereinigt sind, so
besitzen sie zusammen eine Expansivkraft, und die Arbeit, die der Arbeiter in
einem Jahr vollbringt, wird stets mehr wert sein, als die Arbeit des vorhergehenden
Jahres, die dem Arbeiter den Lebensunterhalt geliefert hat. Infolge dieses Über-
wert es (Mieux-value), der um so größer ist, Je größer der Fortschritt, den die
Kunstfertigkeiten und die Wissenschaft in ihrer Anwendung auf das Kunstgewerbe
gemacht haben, erzeugt die Industrie ein beständiges Wachstum des Reichtums“
(N. P., I, S. 103).

3j N. P., I, S. 111—112. Ygl. auch S. 87: „Der Reichtum Jedoch nimmt an
seiner Arbeit teil, und der, der ihn besitzt, nimmt dem Arbeiter, als Gegenwert
für die Hilfe, die er ihm leistet, einen Teil dessen, was der Arbeiter über
seinen Unterhalt hinaus, erzeugt hat.“ — Dieser Teil ist allerdings groß: „Der
Unternehmer bemüht sich, dem Arbeiter nur gerade das zu lassen, was ihm zum
Leben notwendig ist, und behält für sich selbst alles das, was der Arbeiter über das
zum Leben notwendige hinaus erzeugt hat“ (ebenda, S. 103). Diese Tatsache hat
aber nichts Zwingendes an sich und ergibt sich nicht, wie bei Maex aus dem Wert-
gesetz.

Gide und Rist, Gesoh. d. Volkswirtschaft!. Lehrmeinungen.

14
        <pb n="235" />
        ﻿210

Zweites Buch. Die Gegner.

zu können, daß er vom Gesichtspunkt der Menschlichkeit ans
besser entlohnt werden müsse, aber keineswegs will er damit sagen,
daß die Aneignung eines Teiles des gesellschaftlichen Erzeugnisses
durch den Grundbesitzer oder Kapitalisten an und für sich ungerecht
sei1). Sein Standpunkt ist nicht von dem verschieden, auf den sich
späterhin die deutschen Staatssozialisten stellen werden, um ihre
soziale Politik zu rechtfertigen.

Wenn aber die Kritik Sismondi’s nicht zum Sozialismus führt,
so erschüttert sie doch in ganz besonderer Weise den Liberalismus.
Sie weist nämlich schlagend die Fehlerhaftigkeit des von den Physio-
kraten aufgestellten Theorems nach, um dessen Beweis sich auch
Smith bemüht hatte: die natürliche Übereinstimmung des persön-
lichen Interesses mit dem der Allgemeinheit. Es ist wahr, daß, als
Smith diese Behauptung aufstellte, er fast ausschließlich an die Pro-
duktion dachte, und es ist gerade das Verdienst Sismondi’s, ihre
Tragweite mit Hinsicht auf die Güterverteilung untersucht zu haben.
Sismondi wird durch die Untersuchung der Tatsachen dazu gezwungen,
gerade die Grundlage des wirtschaftlichen Liberalismus zu bestreiten.
Eigentümlicherweise ist er selbst darüber erstaunt. A priori erscheint
ihm die Theorie von der Übereinstimmung des persönlichen mit dem
allgemeinen Interesse richtig. Beruht sie doch auf dem doppelten
Gedankengang: „daß ein jeder sein persönliches Interesse besser ver-
steht, als es eine unwissende und unaufmerksame Regierung verstehen
kann, und daß das Interesse eines jeden das Interesse aller bildet.“
„Nun ist sowohl das eine wie das andere Axiom richtig2).“ Woher
kommt es dann, daß die Tatsachen dieser Schlußfolgerung entgegen
laufen ?

Hier berühren wir den Mittelpunkt der Gedanken Sismondi’s, den
Punkt, wo er den Bereich der reinen Ökonomik, in deren Grenzen
sich die Klassiker gehalten hatten, verläßt und zu etwas Neuem über-
geht: nämlich zu der Verteilung des Eigentums. Sismondi findet in
einer sozialen Ursache, nämlich in der ungleichmäßigen Verteilung des
Eigentums unter den Menschen, und in der ungleichen Macht, die
sich daraus für die Kontrahenten ergibt, die Erklärung des Wider-

*) „Der Arme erwirbt durch seine Arbeit und durch seine Achtung für das
Eigentum anderer ein Anrecht auf eine Wohnung und auf reinliche und gesunde
Kleidung, auf eine ausreichende Nahrung, die genügend mannigfaltig ist, um seine
Kräfte und seine Gesundheit zu erhalten, usw. Erst wenn all dieses dem Armen
aus der Erucht seiner Arbeit gesichert ist, beginnt das Recht des Reichen. Nur das
Überflüssige, nachdem das Leben aller sichergestellt ist, bildet das Ein-
kommen des Reichen“ (Etudes sur l’Economie politique, I, S. 273). Hier ist
klar ersichtlich, in welchem Sinne Sismondi von Beraubung spricht.

-) Nouv. Princ., I, S. 407, vgl. auch S. 200-201.
        <pb n="236" />
        ﻿Kapitel I. Sismondi und die Ursprünge der kritischen Schule.

211

Spruches zwischen den privaten und den allgemeinen Interessen, der
ihm auffällt1). J

§ 3. Die Trennung des Eigentums und der Arbeit.

Die Erklärung des Pauperismus uncf der Krisen.

Sismondi ist der erste, der die Idee formuliert hat, daß die in-
dustrielle Gesellschaft darauf hinstrebt, sich in zwei voneinander
durchaus verschiedene Klassen zu teilen, nämlich in die der Arbeiter
und die der Besitzer, oder wie er auch sagt: der Armen und der t
Reichen. Die Konkurrenz fr eiheit beschleunigt diese Trennung, indem
sie alle Zwischenglieder verschwinden läßt, um nur noch die Prole-
tarier 2) und die Kapitalisten übrig zu lassen. „Die Zwischenglieder“,
sagt er an einer Stelle, „sind verschwunden; die kleinen Grundbesitzer,
die kleinen Pächter auf dem Lande, die kleinen Besitzer von Werk-
stätten, die kleinen Fabrikanten, die kleinen Händler in den Städten
haben die Konkurrenz derer, die große Unternehmungen dirigieren,
nicht aushalten können. In der Gesellschaft ist nur noch Platz für
den Großkapitalisten und den Lohnempfänger, und in erschreckender
Weise hat man die Klasse der Menschen, die früher fast unbekannt
war, wachsen sehen, nämlich die der Menschen, die überhaupt keinen
Besitz haben3).“ „Die Gesellschaft steht daher unter ganz neuen
Existenzbedingungen, über die wir bisher noch keine Erfahrung besitzen.
Die Tendenz geht dahin, jede Art von Eigentum von jeder Art von
Arbeit zu trennen. Da liegt die Gefahr, auf die ich hinweise4).“

Dieses Gesetz der kapitalistischen Konzentration, das in dem
System von Marx eine so bedeutende Rolle spielen sollte, und das,
wenn es in Hinsicht auf die Unternehmungen wahr ist, sich deshalb
noch nicht auf das Eigentum anwenden zu lassen scheint — in dem
Sinne, daß eine Konzentration der Arbeit durchaus mit einer Zer-

&gt;) „Das vom Interesse der anderen begrenzte Interesse eines jeden würde aller-
dings das Interesse aller sein; da aber ein jeder seinen Nutzen auf Kosten der
anderen, wie auch in der Entwicklung seiner eigenen Hilfsmittel sucht und nicht
immer durch Kräfte, die seinen eigenen gleich sind, zurückgehalten wird, so findet
der Starke seinen Vorteil im Nehmen und der Schwache im Niohtwiderstehen, denn
das kleinste Übel ist, ebenso wie das höchste Gute, der Zweck der menschlichen
Politik“ (N. P., I, S. 407; vgl. auch infra, S. 213, Anm. 1).

2)	„Hie Hauptumwälzung, die in der Gesellschaft mitten in dem allgemeinen
von der Konkurrenz geschaffenen Kampf eingetreten ist, ... ist das Auftreten des
Iroletariers unter den Lebensbedingungen des Menschen, des Proletariers, dessen
den Römern entlehnter Name alt, während er selbst durchaus neuzeitlich ist
(Etudes, I, S. 34).

3)	Revue mensuelle d’Economie Politique, II, 1834, S. 124.

4' N. P.. II. ?. 434.
        <pb n="237" />
        ﻿212

Zweites Buch. Die Gegner.

Stücklung des Eigentums vereinbar ist, — dieses berühmte Gesetz
findet in Sismondi seinen ersten Anhänger. Seine Darstellung des-
selben ist wirklich ergreifend. Er zeigt, wie seine Verheerungen sich
zur gleichen Zeit in der Landwirtschaft, in der Industrie und im
Handel bemerkbar*machen: „Alle Arbeit Englands, dessen Oberfläche
auf 34250000 Acker geschätzt wird, wurde im Jahre 1831 von
1046982 Landarbeitern getan, und man hofft, diese Zahl noch zu
verringern. Nicht nur sind alle kleinen Pächter zu Tagelöhnern ge-
worden, sondern eine noch größere Zahl von Tagelöhnern sind ge-
zwungen worden, die Landarbeit überhaupt anfzugeben. Die Industrie
in den Städten hat das Prinzip der Vereinigung der Kräfte, der Ver-
einigung der Kapitalien, mit noch größerer Kraft als die Landwirt-
schaft angenommen. — Die Fabrikanten, die mit einem Grundkapital
von 1000 Pfund arbeiteten, sind in England zuerst verschwunden,
bald darauf wurden die, die mit einem Kapital von 10 000 Pfund
(200 000 Mk.) arbeiteten als zu klein angesehen; sie wurden ruiniert,
um ihren Platz größeren zu überlassen; heute werden schon die, die
mit einem Kapital von 100000 Pfund arbeiten, unter die mittleren
gerechnet, und der Augenblick ist vielleicht nicht fern, wo nur die
imstande sein werden, die Konkurrenz auszuhalten, die mit einem
Kapital von einer Million Pfund Sterling arbeiten . . . Die Groß-
mühlen in der Gironde ruinieren die Müller, die Faßfabrikanten in
der Loiregegend die Böttcher . . ., die Dampfschiff-, Diligenzen-,
Omnibus- und Eisenbahnunternehmen, die sich auf riesige Kapitalien
stützen, verdrängen die dürftigen Berufe der selbständigen Schiffer,
Wagenhalter und Kärrner . . . Reiche Detailkaufleute haben ihre ge-
■waltigen Läden in den großen Städten eröffnet und erbieten sich,
mit Hilfe der schnellen Transportmittel, die jetzt erfunden sind, die
Verbraucher bis zu den Grenzen jedes Reiches zu versorgen. Sie
sind im Begriff, auf diese Weise alle Großkaufleute und alle Klein-
händler zu unterdrücken, alle kleinen Händler, alle kleinen Krämer,
die die Provinzen bevölkerten, und sie setzen an Stelle dieser selb-
ständigen Leute Kommis, Lohnempfänger, Proletarier1).“

Betrachten wir nun die Folgen eines derartigen Zustandes der
Dinge. In dem Gegensatz zwischen diesen beiden sozialen Klassen,
in dem sich alle Unterschiede von früher aufzulösen streben, finden
wir die Erklärung des Elendes der Arbeiter, wie auch die der wirt-
schaftlichen Krisen.

Woher kommt denn das Elend der Arbeiter, wenn nicht davon,
daß sie in zu großer Anzahl für die Nachfrage nach Arbeit vorhanden
sind und sich daher gezwungen sehen, jeden Lohn anzunehmen, nur

*) Etudes sur l’Economie politique, Einleitung, S. 39fl.
        <pb n="238" />
        ﻿Kapitel I. Sismondi und die Ursprünge der kritischen Schule	213

um leben zu können, auch wenn er gegen ihr eigenes Interesse und
das ihrer ganzen Klasse verstößt1)? Wer hat nun den „Armen in
die Notwendigkeit versetzt, sich diesen drückenden und ständig
drückender werdenden Bedingungen bei Strafe des Hungertodes zu
unterwerfen?“ Was anders als die Trennung zwischen Eigentum und
Arbeit2)? Wenn der Arbeiter wie früher ein unabhängiger Hand-
werker wäre, könnte er sein Einkommen ungefähr voraussehen und
infolgedessen die Zahl seiner Kinder beschränken, denn die Bevölke-
rung regelt sich stets nach dem Einkommen *). Heutigen Tages, wo
er ohne jeden Besitz ist, kommt sein ganzes Einkommen von dem
Kapitalisten, der ihn angestellt hat. In völliger Unkenntnis über
die zukünftige Nachfrage nach Produkten und der Menge von Arbeit,
die notwendig sein wird, hat er keinen Grund mehr, seine Voraus-
sicht zu gebrauchen, und gebraucht sie auch nicht mehr. Die Be-
völkerung wächst oder vermindert sich nach dem Gutdünken des
Kapitalisten. „Jedesmal, wenn Arbeit verlangt wird und man dafür
einen genügenden Lohn anbietet, wird der Arbeiter, der ihn ge-
winnen will, geboren . . . Wenn die Nachfrage aufhört, geht der
Arbeiter zugrunde4).“

Diese Theorie über Bevölkerung und Lohn ist in Wirklichkeit
nichts anderes als die, die A. Smith aufgestellt hatte, für den die

*) „Es ist eine Wahrheit, auf die die Volkswirtsohaftler oft nachdrücklich hin-
gewiesen haben, daß nämlich jeder einzelne seinen eigenen Vorteil viel besser wahr-
nehmen kann, als das irgendeiner Regierung möglich ist. Sie haben aber vorschnell
behauptet, daß das Interesse eines jeden, ein größeres Übel zu vermeiden, mit dem
allgemeinen Interesse übereinstimmen muß. Es liegt im Interesse dessen, der von
der Beraubung seines Nächsten lebt, ihn zu bestehlen; es liegt im Interesse des Be-
raubten, das geschehen zu lassen, wenn der andere die Macht besitzt, um nicht tot-
geschlagen zu werden; es liegt aber nicht im Interesse der Gesellschaft, daß der
eine mächtig ist, und daß der andere unterliegt, ... Es liegt ohne Zweifel im
Interesse des Tagelöhners, daß der Lohn einer zehnstündigen Tagesarbeit genüge,
um seinen Lebensunterhalt zu bestreiten und seine Kinder zu erziehen. . . . Das
liegt auch im Interesse der Gesellschaft, aber das Interesse eines beschäftigungslosen
Tagesarbeiters bedingt, daß er um jeden Preis Brot schaffe; er wird 14 Stunden am
Tage arbeiten und seine Kinder mit 10 Jahren in die Fabrik schicken. Er setzt
mit seiner Gesundheit und seinem Leben die Existenz seiner ganzen Klasse aufs
Spiel, um einem bestehenden, drückenden Bedürfnis zu entgehen (Nouv. Princ., I,
S. 200—201). /

2) N. P., I, S. 201.

s) „Die Bevölkerung regelt sich daher einzig nach dem Einkommen, und wenn
sie dieses Verhältnis überschreitet, so haben sich die Väter über die Höhe ihres
Einkommens getäuscht oder vielmehr, die Gesellschaft hat sie darüber getäuscht“
(N P., II, S. 254). . . .“ Je weniger Besitz der Arme hat, um so leichter irrt er
sich über sein Einkommen, und um so leichter trägt er zum Wachstum einer Be-
völkerung bei, die nicht mit der Nachfrage nach Arbeit übereinstimmt und daher
°™e Uuterhaltsmittel'bleiben muß (ebenda, S. 264).

l)	N. P., II, 286.
        <pb n="239" />
        ﻿214

Zweites Bach. Die Gegner.

Menschen, wie jede andere Ware, nach den Bedürfnissen der Produk-
tion sich vermehren oder sich vermindern. Weit davon entfernt,
hierin einen Beweis der harmonischen Anpassung zwischen Angebot
und Nachfrage zu sehen, erblickt Sismondi hierin vielmehr die trau-
rigen Folgen der Trennung zwischen dem Vermögen und der Arbeit1).
Sismondi und Smith verfallen übrigens in den gleichen Fehler, den
Malthos und Ricardo begangen haben: sie bilden sich ein, daß die
hohen Löhne notwendigerweise zu einer Vermehrung der Bevölke-
rung führen, — während die Tatsachen heute zu zeigen scheinen,
daß die Gewohnheiten eines größeren Wohlstandes im Gegenteil unter
gewissen Bedingungen darauf hinzielen, sie zu beschränken. Was
auch immer daran sei, die nicht besitzende Klasse, d. h. die Mehr-
heit des Volkes, wird als ein einfaches Instrument in der Hand der
Besitzenden angesehen. Wie cs ihrer Laune oder ihrem Interesse
paßt, nehmen sie es auf oder werfen es weg.

Was im Hinblick auf die Industriearbeiter wahr ist, ist nicht
weniger wahr im Hinblick auf die Landarbeiter, und Sismondi führt hier
die berühmte Unterscheidung zwischen Nettoertrag und Brutto-
ertrag ein, die seit ihm so viele Nationalökonomen beschäftigt hat.
Wenn alle Landleute Besitzer ihres Bodens wären, würden sie sicher
sein, auf ihren Feldern wenigstens ihren Unterhalt und Sicherheit des
Lebens finden zu können. Sie würden niemals den Bruttoertrag
unter die Grenze sinken lassen, die genügend ist, ihren Lebens-
unterhalt zu sichern2). Aber mit dem großen Grundbesitz, mit der
Umwandlung des Bauern zum einfachen Landarbeiter verändern
sich die Dinge. Der Großgrundbesitzer hat nur den Nettoertrag im
Auge, den Unterschied zwischen den Kosten der Produktion und dem

*) Sismondi glaubt nicht, worauf wir hinweisen wollen, an die Richtigkeit der
Bevölkerungstheorie von Malthus. Er gibt nicht zu, daß die Bevölkerung von der
Menge der Lebensmittel abhänge, sondern sie unterliegt dem Willen der Grundbesitzer,
die sie durch ihre Nachfrage anspornen oder zügeln, und die ein Interesse an ihrer
Begrenzung haben, um den höchsten Reinertrag zu erzielen. „Niemals hat die Be-
völkerung die mögliche Grenze der Lebensmittel erreicht und aller Wahrscheinlich-
keit nach wird sie es auch niemals tun. Alle die, die Lebensmittel brauchen, haben
weder die Mittel, noch das Recht, sie der Erde abzuverlangen; und die, die im
Gegenteil das gesetzliche Monopolrecht am Boden haben, haben kein Interesse daran,
ihm seinen Höehstertrag an Lebensmitteln abzufordern. In allen Ländern haben
sich die Eigentümer einem Bewirtschaftungssystem widersetzt, und haben sich ihm
widersetzen müssen, das nur auf eine Vermehrung der Lebensmittel und nicht auf
eine Vermehrung der Einkünfte abzielte. Lange bevor die Bevölkerung durch die
Unmöglichkeit, in der sieh ein Land befinden kann, mehr Lebensmittel hervor-
zubringen, eingeschränkt wird, wird ihr durch die Unmöglichkeit Einhalt geboten,
in der sich diese Bevölkerung befindet, Lebensmittel zu kaufen oder an ihrer Er-
zeugung zu arbeiten“ (N. P., II, S. 269—270).

2)	N. P., I, S. 263-264.
        <pb n="240" />
        ﻿Kapitel I. Sismondi und die Ursprünge der kritischen Schule.

215

Verkaufspreise. Es kommt ihm nicht darauf an, den Nettoertrag zu
erhöhen und den Bruttoertrag zu opfern. Nehmen wir z. B. ein Gut
an, das bei guter Bewirtschaftung dem Pächter 1000 Taler Brutto-
ertrag und dem Besitzer 100 Taler Pacht bringen würde; der Be-
sitzer rechnet sich aus, daß er 110 Taler einnehmen wird, wenn er
es brach liegen läßt und es als Weideland verpachtet. „Er wird
seinen Gärtner oder seinen Winzer fortschicken und so 10 Taler
gewinnen; das Volk aber verliert dabei 890 Taler. Es läßt ohne
Verwendung und infolgedessen ohne Gewinn all die Kapitalien, die
diese so reichliche Produktion schufen: es läßt ohne Arbeit und folg-
lich ohne Einkommen all die Tagelöhner, deren Arbeit dieses Er-
zeugnis darstellte1).“ Und unter der Feder des Schriftstellers mehren
und mehren sich die Beispiele: da ist die Herzogin von Strafford
und andere große schottische Grundbesitzer, die, um die alten Felder
in große Weideländer umzuwandeln, die Pächter von ihren Wohn-
stätten verjagen, sie in die Städte treiben und sie zusammenhudeln,
um sie nach Amerika abzuschieben. In Italien ist es die Handvoll
jener Spekulanten, die mercanti di tenute genannt wurden, die
aus den gleichen Gründen die Wiederbevölkerung und die Bewirt-
schaftung der römischen Campagna verhindern, „dieses so außer-
ordentlich fruchtbaren Landes, wo früher 5 „arpents“ 2) eine Familie
ernährten und einen Soldaten großzogen!“ — und aus der heute nach
and nach „die einzelnen Häuser, die Dörfer, die ganze Bevölkerung,
die Einfriedigungen, die Weingärten, die Olivenbäume, und alle Er-
zeugnisse, die eine beständige Aufmerksamkeit, die Arbeit und be-
sonders die Liebe des Menschen verlangen“, verschwunden sind, um
Viehherden und einigen Hirten Platz zu machen3). Diese Kritik ist
an und für sich richtig, aber sie klagt die Mißbräuche des Privat-
eigentums an und nicht das Prinzip des Nettoproduktes, — denn der
bäuerliche Besitzer würde dieses Prinzip nicht weniger in Anwendung
bringen, wie es der Großgrundbesitzer tut; es ist überall dort unver-
meidlich, wo die Produktion sich in Hinsicht auf einen Markt vollzieht4).

*) N. P., I, S. 153.

2)	1 arpent (arepenna der Gallier): etwa ein deutscher Morgen (Anm. d. Übers.).

3)	N. P., I, S. 325. Dieses Problem des Netto- und Bruttoertrages bat Sismondi
von Anfang an beschäftigt. Er behandelt es schon in seinem ersten Werk: Tableau
äe 1’Agriculture toscane (Genf, 1801); und, ohne sich bestimmt für den Brutto-
ertrag auszusprechen, neigt er schon dazu, es anzunebmen: „Warum sollte man den
hohen Gewinn eines einzigen reichen Pächters als nützlicher für den Staat betrachten,
als den geringen Lohn vieler tausend Arbeiter und Bauern?“ (S. 191—192). Dieses
Werk beschäftigt sich übrigens hauptsächlich mit der landwirtschaftlichen Praxis
und enthält nur wenige volkswirtschaftliche Bemerkungen. Hier findet sich auch
die formvollendete Beschreibung seiner Meierei im Yal-Chiuso (S. 219 ff.).

4)	Es ist richtig, daß Sismondi das Getreide teilweise der Produktion für den
Markt entziehen wollte, — um die nationalen Lebensmittel nicht den Preis-
        <pb n="241" />
        ﻿216

Zweites Buch. Die Gegner.

Dieser gleiche Gegensatz zwischen Eigentum und Arbeit dient
auch zur Erklärung der wirtschaftlichen Krisen.

Nach Sismondi beruhen sie zu einem Teil auf der Schwierigkeit,
den zu groß gewordenen Markt genau zu kennen, sowie auf der Tat-
sache, daß die Produzenten sich mehr yon der Größe ihrer Kapitalien,
als von den Bedürfnissen des Marktes leiten lassen1). Vor allem
aber sind sie in der schlechten Verteilung der Einkommen begründet.
Die Trennung von Eigentum und Arbeit hat zur Folge, daß nur die
Einkünfte der Besitzenden steigen können; die der Arbeiter bleiben
stets auf das Existenzminimum beschränkt. Infolgedessen ergibt sich
daraus ein Mangel an Harmonie in der Nachfrage nach den Erzeug-
nissen. Mit einem gleichmäßig verteilten Besitzstände und einem
ungefähr gleichmäßigen Steigen der Einkommen würde auch eine
gewisse Gleichmäßigkeit in der Vermehrung der Nachfrage Hand in
Hand gehen. Die gewöhnlichen Industriezweige, die die wesentlichen
und allgemeinsten Bedürfnisse befriedigen, würden ihre Produktion
regelmäßig und ohne Sprünge steigen sehen. Aber tatsächlich wachsen
nur die Einkünfte der Eeichen. An Stelle der Nachfrage nach den
gewöhnlichen Gegenständen wird daher eine wachsende Nachfrage
nach verfeinerten Gegenständen treten, wodurch die Grundindustrien
vernachlässigt und Industrien des Luxus geschaffen werden; wenn
diese letzteren sich nicht schnell genug vermehren, so wird die Nach-
frage nach Gegenständen zur Befriedigung des höheren Geschmackes
sich an das Ausland wenden. Was ergibt sich nun aus diesem be-
ständigen Wechsel? Die verlassenen alten Industrien sind gezwungen,
ihre Arbeiter zu entlassen; andererseits können sich die neuen In-
dustrien nur langsam entwickeln; in der Zwischenzeit sind die ent-
lassenen und arbeitslosen Arbeiter darauf angewiesen, ebenfalls ihren
Verbrauch an gewöhnlichen Lebensmitteln einzuschränken; hieraus
ergibt sich ein beständiger Unterkonsum, der notwendigerweise die
entsprechenden Krisen herbeiführt. „Durch die Konzentration der
Vermögen in der Hand einer geringen Anzahl von Eigentümern ver-
engert sich der Inlandsmarkt immer mehr; die Industrie wird ständig
stärker darauf hingedrängt, ihre Absatzgebiete auf ausländischen
Märkten zu suchen, wo noch größere Umwälzungen sie bedrohen 2).“
Daher ist „der Verbrauch eines millionenreichen Fabrikherrn, unter

Schwankungen des Marktes auszusetzen (N. P., I, S. 263—264). Er stellt auch den
Bruttoertrag nicht als absolutes Ziel hin, sondern erkennt an, daß „das allmähliche
Steigen des Bruttoertrages seinerseits von einem krankhaften Zustand bedingt sein
kann“, wenn die Bevölkerung zu schnell wächst (ebenda, I, 8. 153). Wir sehen
hieraus, ein wie schwankender Charakter er war.

*) N. P., I, S. 368.

2) N. P., I, S. 361.
        <pb n="242" />
        ﻿Kapitel I. Sismondi und die Ursprünge der kritischen Schule. 217

dessen Befehl tausende Arbeiten! arbeiten, die auf das Existenzminimum
angewiesen sind, für das Volk von weniger Wert, als der von hundert
Fabrikbesitzern, von denen jeder viel weniger reich ist, und von
denen jeder nur zehn Arbeiter, die viel weniger arm sind, beschäftigt“ *)
(8. 358). Die Erklärung, die Sismondi von den Krisen gibt, — eine
Erklärung, die seitdem von einer großen Menge Schriftstellern wieder
aufgenommen worden ist, — ist nicht einwandfrei. Die Schwierigkeit,
die Produktion der Nachfrage anzupassen, würde wahrscheinlich nicht
verschwinden, auch wenn die Verteilung des Reichtums gleichmäßiger
wäre. Übrigens gilt das, was Sismondi anführt, mehr für eine
chronische Krankheit gewisser Industrien, als für scharfe, periodische
Krisen. Seine Theorie hat jedoch wenigstens das Verdienst, die Er-
klärung eines noch ziemlich dunklen Phänomens zu versuchen, das
J.-B. 8ay und Ricaedo mit Stillschweigen zu übergehen vorgezogen
hatten oder das sie, unter dem Vorwände, das Gleichgewicht würde
sich zum Schluß doch stets Avieder einstellen, als sekundär be-
handelten.

§ 4. Die Reformprojekte Sismondi’s.

Sein Einfluß in der Geschichte der Doktrinen.

Das Hauptinteresse des Buches Sismondi’s liegt nicht in seiner
wissenschaftlichen Erklärung der Tatsachen, die auf ihn besonderen
Eindruck gemacht hatten. Nur weniges darunter ist völlig be-
friedigend. Seine Analyse bleibt oft auf der Oberfläche und macht
cs sich allzuleicht. Sein Verdienst besteht vielmehr darin, die Tat-
sachen hervorgehoben zu haben, die die herrschende Richtung in der
Nationalökonomie hartnäckig vernachlässigte; im ganzen genommen
erscheint uns seine Lehre als eine pessimistische Theorie des wirt-
schaftlichen Fortschritts. Er hat mit Absicht auf die Rückseite der
Münze hingewiesen, von der andere — und sogar die, die wir unter
die Pessimisten gerechnet haben, Rioaedo und Malthüs — nur die
Schauseite sehen wollten. Von ihm ab kann nicht mehr von einer

„ ,, • v „fion+o nn fl die kleinen Manufakturisten

l) An anderer Stelle: ”Die kl®mei1 K Leerte von ihnen, die zusammen
verschwinden; ein großer Unternehmer ersetzt hun	mmen aber waren trotz.

vielleicht nicht so reich wie er gewesen	. . h Luxus gibt der Industrie

dem bessere Verbraucher als er.	verschwend J ^	hun(lert Haus.

einen vlel geringeren Ansporn als ^rehrhch ^ ^ diege Theorie mehr als

haltuugen, die er ersetzt hat (II, a- oil). UDrs .	,	,. n.„a„™tmPTiP-e

anfechtbar; es handelt sich in Wirklichkeit darum zu wiss ,	1

der Nachfrage die gleiche bleiben wird, — und me - aru ’	. K ,erbei-

Verschiebung der Nachfrage handelt, was keinesfalls eine allgemeine Krise herb
führen kann, sondern höchstens eine vorübergehende Spannung.
        <pb n="243" />
        ﻿218

Zweites Buch. Die Gegner.

spontanen Harmonie der Interessen gesprochen werden. Es ist nicht
mehr möglich, das zu vergessen, was der Fortschritt in der Pro-
duktion an Elend und Unglück verdeckt. Es ist nicht mehr möglich,
über die Krisen hinwegzngleiten als seien sie vorübergehende und
gleichgültige Tatsachen. Nicht mehr möglich ist es, die Rolle zu
vergessen, die die ungleiche Verteilung des Einkommens und des
Vermögens in dem Wirtschaftsleben spielt, — die zwischen den beiden
Kontrahenten des Lohnvertrages eine grundlegende Ungleichheit auf-
richtet, die oft jede Freiheit der Verhandlung vernichtet. Es ist
nicht mehr möglich, mit einem Wort, die sozialen Folgen zu ver-
gessen, die die wirtschaftlichen Veränderungen mit sich bringen.
Folglich ist jetzt Kaum für eine Sozialpolitik geschaffen.

Von dieser Politik werden wir nun sprechen müssen.

Von dem neuen Standpunkte aus, auf den Sismondi sich gestellt ,
hatte, daß nämlich das freie Spiel der Privatinteressen in Wider-
spruch zu dem Allgemeinwohl steht, — ist die von Adam Smith und
seiner Schule gepredigte Nichteinmischung der Regierung ohne Be-
rechtigung. Die Gesellschaft muß im Gegenteil eingreifen, den
individuellen Initiativen eine Grenze ziehen und ihre Mißbräuche
korrigieren. Sismondi ist so der erste der Interventionisten.

Nach seiner Ansicht sollte die Tätigkeit des Staates zunächst
— auf eine Eindämmung des Überflusses an Produkten hinzielen und
die zu schnelle Vermehrung neuer Erfindungen hemmen. Sismondi
träumt von einem Fortschritt, der sich in langsamen Etappen voll-
zieht, ohne jemanden zu schädigen, ohne irgendein Einkommen zu
verringern, und ohne sogar den Zinsfuß zu senken1). Seine Emp-
findsamkeit macht ihn furchtsam. Seine Gegner lächeln über seine
Philanthropie. Sogar die Saint-Simonisten, die doch gewissen Ansichten
Sismondi’s sympathisch gegenüberstanden, werfen ihm vor, „daß ihn
seine Philanthropie in die Irre führe“ 2). Dieser Charakterzug drückte
sich sogar in seinen Lebensgewohnheiten aus: „Er hatte“, so erzählt
Saxnte-Beuve 3) „einen Schlosser, der so schlecht und so ungeschickt
arbeitete, daß niemand ihn mehr beschäftigen wollte; er aber behielt

l) Sismondi wendet auf das Sinken des Zinsfußes die gleichen Grundsätze an,

wie auf das Wachstum der Produktion und auf die Maschinen: „Die Vermehrung
der Kapitalien ist nur insoweit wünschenswert als auch die Verwendung, die man
von ihnen machen kann, zur gleichen Zeit größer wird. Jedesmal nun, daß der
Zinsfuß fällt, ist das ein sicheres Zeichen, daß diese Verwendung proportional zur
Menge der Kapitalien geringer wird, und dieses Sinken des Zinses, worin stets ein
Vorteil für irgend jemanden liegt, ist auch stets mit Nachteil für einen anderen ver-
bunden, sei es unter den Landsleuten, deren Einkünfte sinken, sei es unter den Aus-
ländern, deren Arbeit es unterbricht“ (N. P., I, S. 393).

3)	Vgl. die Eevue der Saint-Simonisten; Le Producteur, IV, S. 557—558.

3) Sainte-Beuve, Nouveaux Lundis, VI, S. 81.
        <pb n="244" />
        ﻿Kapitel I. Sismondi und die Ursprünge der kritischen Schule. 219

ihn bis zum Ende, trotz allen Schadens, um ihn nicht auch seinen
letzten Kunden verlieren zu lassen.“ Er hätte gewünscht, daß die
Gesellschaft das gleiche mit Hinsicht auf die bedrohten, alten In-
dustrien tue. Er vergleicht die Gesellschaft mit Gandalin, dem
Zauberlehrling des Märchens, der, nachdem er durch das magische
Wort den automatischen Wasserträger herbeigerufen hatte, sieht, wie
ein Eimer Wasser nach dem anderen das Haus überschwemmt, ohne
doch das Wort finden zu können, mit dem er ihm Einhalt gebieten
kann. Anstatt die Produktion zu begünstigen, sollte die Regierung
dem „blinden Eifer“ Einhalt tun 1). Er fleht die Gelehrten an, mit
ihren Erfindungen langsamer vorzugehen und sich an das Wort der
Ekonomisten „laisser faire, laisser passer“ — gehen lassen, vorüber-
gehen - hinübergehen - lassen — zu erinnern, und so auch „den
überflüssig gewordenen Generationen Zeit zu lassen, — „vor über -
— hinüberzugehen!“ Für die alte Ordnung der Zünfte und
der Gilden hat er eine geheime Sympathie; wenn er sie auch als
mit den Interessen der Produktion im Gegensatz stehend verwirft,
so fragt er doch, ob man in ihnen nicht eine Lehre finden könne,
um den Mißbräuchen der Konkurrenz einen Zügel anzulegen3).

In Wirklichkeit scheint Sismondi nicht zu ahnen, daß die Hem-
mungen, die man unter dem Vorwände, sofort eintretende Leiden zu
vermeiden, der Produktion auferlegt, den Fortschritt des Wohlstandes
gerade der Klassen, die ihn interessieren, verlangsamen würden. Seine
Stellungnahme kann nur in einer Weise erklärt werden; durch die
irrige Überzeugung, daß zurzeit schon die europäische Produktion
genüge, um alle Bedürfnisse zu befriedigen 3). Niemals hat Sismondi
die relative Armut der industriellen Gemeinschaften geahnt, die auf
J--B. Say einen so lebhaften Eindruck machte. Er versteht jedoch
sehr gut, daß es nicht leicht sein wird, die Politik der Regierungen
in diesem Punkte zu beeinflussen, und seine Hoffnungen wenden sich
nach einer anderen Seite4).

Da in der Ungewißheit des Einkommens und dem Fehlen jeden
Eigentums der Arbeiterklasse die Hauptursachen der bestehenden Übel
Degen, so müssen sich die Bemühungen der Regierungen nach dieser
Richtung hin betätigen.

Das erste zu verfolgende Ziel würde daher sein, überall, wo es
Möglich ist, die Arbeit und den Besitz zu vereinigen. Daher emp-
fiehlt Sismondi in der Landwirtschaft Rückkehr zu dem, was er den
»patriarchalischen Besitz“ nennt, d. h. Vermehrung der Bauern, die

*) Etudes sur l’Economie Politique, I, S. 60—61.

2)	N- P„ I, S. 341 und II, S. 459.

3)	N. P„ II, g. 415 und 435; siehe auch Etudes, I, S. 25.

J) N. P., I, S. 363.
        <pb n="245" />
        ﻿220

Zweites Buch. Die Gegner.

auf ihrem eigenen Grund und Boden leben. In den Neuen Grund-
sätzen gibt er eine berühmte Beschreibung des Glücks ihrer Lage.
In der Industrie möchte er den unabhängigen Handwerker wieder
erstehen sehen: „Ich wünsche, daß die Industrie in den Städten wie
auf dem Lande zwischen einer großen Menge von unabhängigen
Werkstätten verteilt, und nicht unter einem einzigen Herrn, der
hunderten und tausenden von Arbeitern befiehlt, vereinigt sei; ich
wünsche, daß das Fabrikeigentum unter einer großen Menge von mitt-
leren Kapitalisten verteilt sei, und nicht einem einzigen Herrn, der
über Millionen gebietet, gehöre; ich wünsche, daß der Industriearbeiter
die Aussicht, fast die Sicherheit vor sich habe, Teilhaber seines
Herren werden zu können, damit er sich nur verheiratet, wenn er
einen Anteil an dem Geschäft besitzt, anstatt, wie er es heute tut,
ohne jede Zukunftshofinungen zu altern1).“ Das ist das Ziel.

Wo aber ist der Weg? Hier zeigt Sismondi eine außerordentliche
Zaghaftigkeit. Er ruft den Gesetzgeber zu Hilfe, aber er wagt nicht,
ihm den Weg zu zeigen. Er fragt sich sogar in einem Anfall von
Skeptizismus und Mutlosigkeit, ob dies möglich ist. Er erklärt sich
als Gegner des Kommunismus, — er weist die Utopien Owen’s,
Thomson’s und Foüeiee’s von sich, obwohl er die Übereinstimmung
ihrer Ziele mit dem, dem er nachstrebt, anerkennt. Er scheint nicht
zu verstehen, „daß diese Zerstücklung“, die er anpreist, nicht
weniger chimärisch ist, als die kommunistische Utopie, die ihn er-
schreckt. Das System Owen’s weist er zurück, weil er darin „jene
Chimäre, die das persönliche Interesse durch das der Korporation
zu ersetzen sucht“ sieht; er hatte aber nicht begriffen, daß es sich
keineswegs um Korporation handelte. Es ist wahrscheinlich,
daß, wenn Sismondi heute lebte, er die Kooperation vorgeschlagen
haben würde.

In der Zwischenzeit aber, bevor die Vereinigung zwischen Eigen-
tum und Arbeit verwirklicht werden kann, verlangt Sismondi schon
für die Gegenwart gewisse einfachere Reformen, die bestimmt sind,
den drückendsten Leiden der Arbeiterklasse abzuhelfen. Zunächst
wünscht er, daß man den Arbeitern das Koalitionsrecht zurückgebe,
oder vielmehr gewähre2). — Weiterhin, daß man die Kinderarbeit
wie die Arbeit am Sonntag verbiete, und daß man ebenfalls die
Arbeitszeit der Erwachsenen begrenze3). Dann will er, daß man
/ das, was er „professionelle. Garantien“ nennt, schaffe, nämlich die
Verpflichtung für die Arbeitgeber (landwirtschaftliche, wie Fabrik-

*) N. P., II, S. 865—366.
2) N. P., II, S. 451.
        <pb n="246" />
        ﻿Kapitel I. Sismondi und die Ursprünge der kritischen Schule.	221

arbeitgeber), auf ihre Kosten den Arbeiter während der Zeiten der	f/

Krankheit, der Arbeitslosigkeit und des Alters zu unterhalten. Wenn
diese Forderung anerkannt wäre, würden die Arbeitgeber kein Inter-
esse mehr daran haben, den Lohn ihrer Arbeiter beständig zu ver-
ringern, — oder Maschinen einzuführen, oder schließlich die Pro-
duktion ohne Notwendigkeit zu vermehren. Wenn sie für das
Schicksal ihrer Arbeiter verantwortlich wären, würden sie die
Wirkungen in Betracht ziehen, die alle Neuerungen, die sie heute
nur vom Gesichtspunkt ihres Profites aus ins Auge fassen, auf das
Wohlsein ihrer Arbeiter haben1). Man könnte versucht: sein, in
diesem Vorschlag eine Vorahnung der großen sozialen Versicherungs-
gesetze zu sehen, die die europäischen Staaten seit 30 Jahren bei
sich eingeführt haben. Das trifft jedoch nur teilweise zu/ Denn für
Sismondi ist der Arbeitgeber, und nicht die Gesellschaft, derjenige,
der diese Lasten zu übernehmen hat. — Das, was er gerade den
englischen Unterstützungsgesetzen, besonders dem berühmten Armen-
gesetz vorwirft, ist, daß es die Löhne erniedrigt und die Gleich-
gültigkeit der Arbeitgeber erhöht, indem es sich an die Stelle der
Hilfe setzt, die sie den Arbeitern leisten sollten.

Im ganzen zeigt die Haltung Sismondi’s sowohl in seinen Keform-
projekten, wie in seiner Kritik der Ökonomisten jene Zaghaftigkeit
und jene Unsicherheit, die sich aus einem beständigen Konflikt
zwischen seinem Verstände und seinem Gefühle ergaben. Zu intelli-
gent, um die Wohltaten der neuen industriellen Ordnung zu über-
sehen, zu feinfühlig, um nicht von gewissen ihrer traurigen Folgen
berührt zu werden, zu konservativ und zu weise, um eine vollständige
Umwälzung der Gesellschaft sich vorstellen zu können, — steht er
erstaunt und betrübt über die Ohnmacht des Menschen vor dem
Übel. Dazu kommt, daß er sich nicht stark genug fühlt, das Heil-
mittel zu entdecken. In bescheidenen und zugleich rührenden Worten
gesteht er dies selbst ein.

„Ich muß zugeben, daß ich, nachdem ich gezeigt habe, wo meiner
Ansicht nach das Prinzip liegt, und wo die Gerechtigkeit, nicht die
Kraft in mir fühle, die Mittel zur Abstellung der Übelstände und
zur Verwirklichung eines besseren Zustandes zu finden. Die Ver-
teilung der Arbeitsfrüchte zwischen denen, die zu ihrer Erzeugung
beitragen, erscheint mir voller Fehler; aber ich habe den Eindruck,
als ob es fast über die menschliche Kraft ginge, sich eine Ordnung
des Eigentums vorzustellen, die von der uns bekannten völlig ver-
schieden sei.“ (Neue Grundsätze, II, 364.)

’) N. p., ii, s. 661.
        <pb n="247" />
        ﻿222

Zweites Buch. Die Gegner.

Es ist auffallend, bei Sismondx schon recht entwickelte Keime
verschiedener Tendenzen zu sehen, die im Laufe des 19. Jahrhunderts
eine wachsende Bedeutung erlangen sollten. Er ist der erste Gegner,
den die klassische Schule auf ihrem Wege fand, und er faßt schon
die hauptsächlichsten „Ketzereien“ zusammen, gegen die sie später
zu kämpfen hatte, und denen sich an ihrer Stelle die Gunst der öffent-
lichen Meinung zu wenden sollte. Ist es nun das Werk Sismondi’s,
das diese neuen Tendenzen hervorgerufen hat? Es erscheint das
wenig wahrscheinlich. Sein unmittelbarer Einfluß war sehr be-
schränkt ; er hat sich, wie wir bald sehen werden, nur auf die Sozia-
listen erstreckt. Sein Buch ist ziemlich schnell vergessen worden,
bis man heute von neuem seine Bedeutung begriffen hat. Es würde
der Wahrheit näher kommen, wenn man sagte, daß im Laufe des
19. Jahrhunderts eine Renaissance und eine spontane Entwicklung der
Ideen, die sich in Sismondi verkörpert hatten, eintrat. Trotzdem
bleibt er aber der erste, der den Mut fand, seine Stimme gegen Prin-
zipien zu erheben, die auf dem besten Wege waren, Dogmen zu werden.
Als der erste weist er, entgegen der herrschenden Meinung auf Tat-
sachen hin, die nicht mit den großen und einfachen Generalisationen
seiner Vorgänger übereinstimmen. Wenn er daher nicht das Haupt
der neuen Schulen geworden ist, die entstehen sollten, so war er doch
ihr Vorläufer. Sie wie er werden von den gleichen Gefühlen gelenkt.
Beide formulieren die gleichen Gedanken.

Was zunächst die Methode anlangt, so nimmt er die Anschauungen
der historischen Schule vorweg. Seine Definition der National-
ökonomik als einer „Geschichtsphilosophie“ l) gelangte erst zur Herr-
schaft als Eoschee, Knies und Hildebeand sie wieder aufgriffen.
Sein Hinweis auf die Notwendigkeit der Beobachtung der Tatsachen,
seine Kritik der deduktiven Methode und vorschneller Verallgemeine-
rungen werden von Le Play in Frankreich, Schmollee in Deutsch-
land, Clieee Lbslie und Toynbee in England wieder aufgenommen.
Die Gründer der deutschen historischen Schule, die über ausländische
Schriftsteller ziemlich schlecht unterrichtet gewesen sind, haben ihn
als einen Sozialisten angesprochenAber die heutige historische
Schule wird seinen Gedanken gerechter und sieht in ihm einen ihren
ersten Vertreter.

Seine Betonung des Gefühls, seine Sympathie für die Arbeiter-
klassen und seine Kritik der industriellen Ordnung, des Maschinen-
wesens, der Konkurrenz und des als alleinigen wirtschaftlichen
Faktors betrachteten persönlichen Interesses läßt schon die heftige,

J) Siehe oben, S. 198, Anna. 8.

2) Eigentümlicherweise reiht ihn Knies unter die Sozialisten ein.
        <pb n="248" />
        ﻿Kapitel I. Sismondi und die Ursprünge der kritischen Schule.

223

gefühlsmäßige Reaktion ahnen, die gegen den kalten Gleichmut der
orthodoxen Nationalökonomie einsetzeu sollte. Man glaubt in ihm die
Stimme eines Euskin, eines Caeltle und aller jener Christlich-
Sozialen zu hören, die im Namen der christlichen Liebe und der
menschlichen Gemeinbürgschaft gegen die sozialen Folgen der großen
Industrie Protest erhebt. Wie Sismondi so lehnt sich auch der
christliche Sozialismus nicht gegen die Nationalökonomie selbst auf,
sondern vielmehr gegen die satten, bürgerlichen Tendenzen und
gegen die zu leicht zufriedengestellte Gleichgültigkeit jener, die ihr
auhängen. Er erhebt einen Tendenzprozeß, weniger gegen die Wissen-
schaft als gegen ihre offiziellen Vertreter und gegen die Gesellschaft,
die sich ihrer bedient, um ihren Egoismus zu rechtfertigen.

Weiterhin eröffnet Sismondi mit seinem Ruf nach der Einmischung
des Staates die Reaktion gegen den absoluten Liberalismus, eine Re-
aktion, die im Laufe des 19. Jahrhunderts beständig größer wird, und
die ihren entschiedensten Ausdruck in dem Kathedersozialismus und
dem Staatssozialismus findet. Als erster in Frankreich ver- J
langt er eine Arbeitergesetzgebung und sucht der Regierung einen
Platz in der Leitung der wirtschaftlichen Angelegenheiten des Landes
zu verschaffen. Nach ihm tritt die Unmöglichkeit einer vollständigen
Abdankung des Staates von Tag zu Tag klarer hervor. Aber Sis-
mondi drückt hier mehr eine Hoffnung, einen Wunsch aus, als daß
er einen wirklichen Aktionsplan entwirft.

In drei verschiedenen Richtungen lösen daher die Vorschläge
Sismondi’s drei starke Strömungen der öffentlichen Meinung aus, und
es ist nicht weiter erstaunlich, daß das Interesse für das Werk Sis-
mondi’s in dem Maße gewachsen ist, wie diese neuen Tendenzen, die
er voraussah, sich mit größerer Kraft entwickelt haben.

Sein unmittelbarer Einfluß auf die zeitgenössischen National-
ökonomen war dagegen ziemlich gering. Einige unter ihnen lassen
sich durch die Warmherzigkeit seiner Ausführungen gewinnen, durch
seine Güte für die Schwachen, durch sein Mitleid mit der Arbeiter-
klasse, ohne aber jemals hierin einen genügenden Grund zu sehen,
fien klassischen Liberalismus zu verwerfen. Blanqui im besonderen
gibt zu, daß die Starrheit der Grundsätze des laisser-faire gemildert
werden könneJ). Theodoee Fix und Dkoz2) scheinen für einen

') A. Blanqui erklärt in seiner Histoire de l’Economie Politique en
Europe (1837), sich der „modernen Schule“ zuzählen zu wollen, die er wie folgt
charakterisiert: „Sie will die Produktion nicht als eine Abstraktion betrachten, die
mit dem Schicksal der Arbeiter nichts zu tun hat; es genügt ihr nicht, daß Güter
geschaffen, sondern sie müssen in gerechter Gleichmäßigkeit verteilt werden.“ (Einl.,

3- Ausg., S. XXI.)

2) Dnoz (1773—1850) veröffentlichte im Jahr 1829 eine Economic politique
ou Principes de la Science des richesses, in der sieh die berühmt gewordene
        <pb n="249" />
        ﻿224

Zweites Buch. Die Gegner.

Augenblick auf seine Seite hinüber gezogen worden zu sein, und
Sismondi konnte einen Moment glauben, daß die Revue me usuelle
d’Economie Politique, die von Fix im Jahre 1833 gegründet
worden war, seine Gedanken verteidigen würde, aber die Revue
stellte sehr bald ihr Erscheinen ein und war noch vor ihrem Ende
zur „Orthodoxie“ übergegaugen. Nur ein einziger Schriftsteller,
Bubet, nennt sich in seinem Werk über „das Elend der Arbeiter-
klassen in Frankreich und England“1) geradezu einen
Schüler Sismondi’s und ist es tatsächlich gewesen. Diesen Schrift-
stellern sollte man noch Villeneuve-Baegemont anfügen, den Ver-
fasser einer christlichen Nationalökonomie (Economic poli-
tique chretienne), in drei Bänden, die 1834 herauskam, und in der er
sich stark an Sismondi anlehnt.

Dagegen ist Sismondi, obschon er nicht selbst Sozialist war, viel
von Sozialisten gelesen und beachtet worden. Bei ihnen findet man
seinen Einfluß am ausgeprägtesten. Das ist nichts Erstaunliches.
Stellt nicht der ganze kritische Teil seines Werkes die wuchtigste
aller Anklagen gegen die Konkurrenz und die Ungleichheit der Ver-
mögen vor? Louis Blanc hat ihn gelesen und entnimmt ihm mehr
als ein Argument gegen die Konkurrenz. Noch mehr als Louis Blanc
haben die beiden deutschen Sozialisten, Rodbeetus und Marx, aus
seinem Buche geschöpft. Rodbeetus entlehnt ihm seine Krisentheorie
und den Gedanken, daß der soziale Fortschritt nur den besitzenden
Klassen Gewinn bringt. Maex verdankt ihm noch mehr, und während
Rodbeetus ihn zitiert, aber ihn nicht nennt, zögert Maex nicht, ihm
im kommunistischen Manifeste (§ 60 u. 61) Gerechtigkeit widerfahren
zu lassen, indem er selbst auf alles das hinweist, was er seiner durch-
dringenden Analyse verdankt. Von allen Gedanken, die er ihm ent-
nimmt, ist der wichtigste der von der Konzentration des Reichtums
in den Händen einer kleinen Anzahl von Besitzenden und von der
wachsenden Proletarisierung der Arbeitermassen. Diese Auffassung
ist die Grundlage des kommunistischen Manifestes, und auf ihr beruht
der marxistische Kollektivismus. Wie wir gesehen haben, stammt
diese Auffassung von Sismondi. Wir glauben aber nicht, daß Maex
den Gedanken über die Ausbeutung des Arbeiters durch den Kapi-
talisten Sismondi entlehnt hat. Wenn er weiterhin ihm nicht den
Begriff des Mehrwertes verdankt, so hat er doch bei ihm zum wenigsten
den Keim der Erklärung, die er dafür gibt, gefunden. Wie bekannt,

Stelle findet: „Wenn man gewisse Volkswirtschaftler liest, so möchte man fast
glauben, daß die Produkte nicht um der Menschen willen gemacht werden, sondern
daß die Menschen um der Produkte willen da sind.“

‘) Paris, 1841, La misere des classes laborieuses en France et en
Angleterre, 2 Bände. Buhet starb 1842, 82 Jahre alt.
        <pb n="250" />
        ﻿Kapitel II. Saint-Simon, die Saint-Simonisten u. d. Ursprung des Kollektivismus. 225

erklärt Maex den Gewinn, indem er sagt, daß der Arbeiter nicht
seine Arbeit, sondern seine Arbeitskraft verkauft. Sismondi wieder-
holt an vielen Stellen, daß der Arbeiter sein „Arbeitsvermögen“,
„sein Leben“ verkauft; er sagt an einer bestimmten Stelle, daß dieses
„Arbeitsvermögen“ („puissance de travail“) es ist, das nachgefragt
wird (II, 257). Allerdings zieht Sismondi aus diesen Ausdrücken
keinen bestimmten Schluß. Sie haben jedoch vielleicht Maex zu dem
seinigen bringen können.

Mehr als ein Sozialist führt heute, ohne es zu sagen (und viel-
leicht ohne es zu wissen), die Gründe an, die Sismondi als der erste
angab, um das Mitleid seiner Zeitgenossen zu erregen.

Kapitel II.

Saint-Simon, die Saint-Simonisten und der Ursprung
des Kollektivismus.

Durch Sismondi, der die Nationalökonomie durch die Sozialpolitik
ergänzte, war der Kreis, den die Gründer der AVissenschaft gezogen
hatten, schon bedeutend erweitert worden. Wenn er auch der Güter-
verteilung den ersten Platz in seinen Untersuchungen einräumte, so
richtete sich seine Kritik doch nocli nicht gegen die Grundeinrich-
tung der modernen Gesellschaft: gegen das Privateigentum. Er sieht
es als notwendig und gerechtfertigt an. Was die englischen und
französischen Nationalökonomen anlaugt, so haben sie es stets als
einen Bereich für sich betrachtet, als eine so unbestreitbare und un-
vermeidliche Tatsache, daß sie in ihm die Grundbedingung aller ihrer
Theorien erblickten.

Jetzt treten plötzlich Schriftsteller auf, die ausdrücklich jede
Verwechslung mit den früheren Kommunisten zurückweisen, die weder
die Gleichheit der Bedürfnisse, noch die der Fähigkeiten annehmen,
die mit den „Ekonomisten“ das Maximum der Produktion als den
Zweck der wirtschaftlichen Organisation aufstellen, — und die trotz-
dem die Hände an die heilige Bundeslade legen und das Eigentum
mit der äußersten Energie angreifen, die sich auf dieses bis dahin
sorgfältig umhegte Gelände wagen, und die dies mit einer solchen
Kühnheit und einer solchen Kraft tun, daß ihr System schon fast
alle die Ideen und alle die Formeln enthält, die später in der sozia-
listischen Literatur des 19. Jahrhunderts Gemeinplätze werden sollten.

Olde und Rist, Gesch. d. Volkswirtschaft!. Lehrmeinungen.	15
        <pb n="251" />
        ﻿226

Zweites Buch. Die Gegner.

Mit einem äußerst klaren Begriff des zu verfolgenden Zieles unter-
suchen sie das Eigentum in seinen Wirkungen auf die Gütervertei-
lung und Gütererzeugung, sowie in seiner historischen Entwicklung, —
und sie kommen zu dem Schluß, daß seine Abschaffung das beste
Mittel sei, die wissenschaftliche und industrielle Organisation der
modernen Gesellschaft zu ihrer höchsten Vollkommenheit zu bringen.
Diese Bewegung ist in der Geschichte der volkswirtschaftlichen Dok-
trinen eine der bedeutendsten. Die Frage des Eigentums wird auf-
geworfen. Von nun ab hört sie nicht auf, auf der Tagesordnung der
Wissenschaft zu stehen1).

*) Es liegt außerhalb des Planes, den wir uns gesteckt haben, den Sozialismus
der Zeit vor dem 19. Jahrhundert zu besprechen. Jedoch ist die Präge, ob die
französische Kevolution von 1789 sozialistisch gewesen ist, oder ob sie nur ganz
einfach „bürgerlich“ war, wie es die Sozialisten von heute behaupten, zu oft aufge-
worfen worden, als daß wir sie vollständig mit Stillschweigen übergehen könnten.

Es unterliegt keinem Zweifel, daß auch die am weitesten fortgeschrittenen
Männer der Revolution bei jeder Gelegenheit ihre Achtung des Eigentums betont
haben. Sogar Mahat hat gegen die Unterstellung protestiert, das Land-Gesetz (la Loi
agraire) predigen zu wollen, eine Lehre, die er „verderblich und zerstörend“ nennt.
Die große Konfiskation der Kirchengüter und der Besitzungen der emigrierten
Adligen war eine politische Maßnahme und hatte durchaus nichts mit den wirt-
schaftlichen Prinzipien zu tun. Sie gleicht völlig so vielen anderen geschichtlichen
Konfiskationen, die in keiner Weise auf sozialistischen Beweggründen beruhten, wie
die der Juden, der Templer, der Hugenotten, der Irländer usw. Ganz im Gegensatz
dazu wurde die Konfiskation der Liegenschaften (biens de fondations) d. h. der Besitz
rein abstrakter Personen, als eine Maßnahme zur Verteidigung des individuellen und
wirklichen Eigentums dargestellt, die sich gegen das Überhandnehmen des Fiktiv-
Eigentums, des Eigentums der toten Hand, richtete. Bei der Abschaffung der feudalen
Rechte unterschied man mit großer Sorgfalt die Rechte, die auf der Souveränität
beruhten (Hoheitsrechte), die abgeschafft werden sollten, von denen, die auf dem
Besitz beruhten und geachtet werden mußten, oder für die man -wenigstens das Recht
auf Entschädigung zugestand. Allerdings blieb in der Ausführung nicht viel von
dieser Unterscheidung übrig; das Elend der damaligen Zeit, der Zusammenbruch der
Assignaten, der Bankerott der Rente ruinierten zahllose Existenzen, aber die Absicht,
das Eigentum zu achten, bleibt deshalb nicht weniger unbestreitbar. Anscheinend
haben in dieser Hinsicht die Männer der Revolution unter dem Einfluß der Physio-
kraten gestanden, deren Kultus des Eigentums wir kennen. Sollte man nicht glauben,
daß der 17. Artikel der „Declaration des Droits de l’Homme“ aus der Feder eines
Physiokraten stamme: „Das Eigentum ist ein unverletzliches und heiliges Recht!“
Es ist jedoch wahr, daß auch Rousseau den gleichen Gedanken in seinem Aufsatz
über Economie Politique Ausdruck gegeben hatte, als er schrieb; „Das Eigen-
tumsrecht ist das heiligste aller bürgerlichen Rechte.“

Aber nicht nur in Hinsicht auf die Präge des Eigentums hat sich die Revolution
von 1789 anti-sozialistisch gezeigt. Sie war es auch in dem Sinne, daß sie nicht
an den Klassenkampf gedacht hat, und ebensowenig an einen Interessengegensatz
zwischen Proletariern und Kapitalisten, sondern nur Bürger kennen wollte, die alle
gleich, alle gleichberechtigt, alle Brüder wären.

Diejenigen aber, die sich heute am heftigsten auf den Geist der Revolution be-
rufen, möchten nicht, daß diese Feststellungen sie in irgend etwas verkleinere. Daher
        <pb n="252" />
        ﻿Kapitel II. Saint-Simon, die Saint-Simonisten u. d. Ursprung des Kollektivismus. 227

Nicht, daß sie bisher noch nicht erörtert worden wäre. Die
kommunistischen Utopien, seit Plato und Monns bis zu den egali-
tären Schriftstellern des 18. Jahrhunderts, Mably, Moeblly, Godwin,
Babeuf, beruhen alle auf einer Kritik des Eigentums. Aber alle
diese Schriftsteller haben sich mehr auf den Gesichtspunkt der Moral,
als auf den der Volkswirtschaft gestellt:t). Der kennzeichnende Zug

bemühen sie sich auch, naohzuweisen, daß sie trotzdem nicht so konservativ, noch so
individualistisch gewesen sei, wie man sagt; so entdecken sie hier und da, allerdings
nach vielem Suchen, einige sozialistische Kundgebungen in den Dekreten über den
Höchstpreis der Lebensmittel, wie in dem über die Verpflegung (deoret de Maximum,
decret de rationnement) usw., gewöhnlich begnügen sie sich aber damit, mildernde
Umstände anzuführen. „Wie sollte man dazu gekommen sein, am Ende des 18. Jahr-
hunderts Probleme zu lösen, die erst ein halbes Jahrhundert später, infolge der Um-
formung der Industrie sich einstellten, Probleme, die sich aus den neuen Bedingungen
des Kapitals und des Lohnsystems ergaben? Würde es nicht für die Männer von 1789
und 1793 ein sinnloses Unternehmen gewesen sein, sie im Voraus regeln zu wollen?“
(Aulahd, Ansprache an die Studenten, 21. April 1893). Vgl. auch im Kapitel VIII
seiner Histoire politique de la Revolution (Paris, 1901) den Absatz über:
Sozialismus.

Wie man weiß, gab es jedoch während der Revolution eine kommunistisch-
sozialistische Lehre und sogar eine kommunistisch-sozialistische Verschwörung, die
des Francois Babeuf. Aber die Ausnahme bestätigt hier die Regel, denn Babeuf,
obgleich er sich selbst den damals sympathischen Namen Cajus Gracchus beigelegt
hatte, fand unter den Männern der Konvention, sogar unter denen des Berges, keine
Anhänger, so daß er unter dem Direotoire verurteilt und hingerichtet wurde. Diese
Verschwörung Babedf’s ist gerade deshalb interessant, weil sie wie eine Art zu früh
gekommenen Protestes des revolutionären Sozialismus gegen die bürgerliche Revolution
erscheint. Vgl. Aülahd (op. eit.) S. 627 u. ff.

J) Ohne von den berühmten Utopien Plato’s, Thomas Morus’ oder Campanella’s
zu sprechen, haben doch eine Reihe Schriftsteller, die Lichtenberoer eingehend
studiert hat, diese Kritik im 18. Jahrhundert unternommen. Mobelly, Mably, Brissot
und der Cure Mesmer in Frankreich, Godwin in England haben energisch gegen das
Eigentum Protest erhoben. Ihre Theorien sind alle von Gkacchus-Babeuf zusammen-
gefaßt worden, der 1796 das Verbrechen, die Verwirklichung der Societe des Bgaux
angestrebt zu haben, mit dem Tode sühnte. Aber nicht ihnen haben die Saint-Simonisten
ihre Gedanken entnommen. Der Sozialismus des 18. Jahrhunderts beruht im wesent-
lichen auf dem Gleichheitsgedanken; was ihn am meisten entrüstet, sind die Ungleich-
heiten der Annehmlichkeiten und des Wohlstandes und die sozialen Unterschiede, für
die er das Eigentum verantwortlich macht. „Da Alle die gleichen Bedürfnisse und
die gleichen Fähigkeiten haben, so solle es auch für Alle nur eine einzige Erziehung,
eine einzige Nahrung geben,“ sagt das Manifest der Gleichen (manifeste des
Egaux). Die Saint-Simonisten geben aber weder die Gleichheit der Bedürfnisse und
noch weniger die der Fähigkeiten zu, und sie wenden sich ganz besonders gegen
jede Verwechslung oder Vermengung mit den Anhängern des Landgesetzes (Loi
^graire), d. h. den Babouvisten. Ihr Sozialismus, der sieh auf das Recht an dem
integralen Erzeugnis der Arbeit gründet, der die Entlohnung in Übereinstimmung
mit den Fähigkeiten bringen will, ist weder gleichheitstrunken noch gieichmachend.

Was die sozialistischen Ideen ihrer Zeitgenossen anlangt, die eines Fourier in
b rankreich, eines Thompson und Owen in England, so scheinen sie sie nicht gekannt
zu bähen. Enpantin hat die Bücher Fouribr’s erst ziemlich spät gelesen, als seine

15*
        <pb n="253" />
        ﻿228

Zweites Buch. Die Gegner.

des Saint-Simonismus besteht darin, daß er von der wirtschaftlichen
und politischen Revolution unmittelbar abstammt, die Frankreich und
Europa am Ende des 18. und am Anfang des 19. Jahrhunderts er-
schütterte. Der Saint-Simonistische Sozialismus drückt keine nnbe-
, stimmte Hoffnung auf eine primitive und chimärische Gleichheit ans;
er ist im Gegenteil der Ausdruck eines jugendlichen Enthusiasmus
für die neue industrielle Ordnung, die aus den mechanischen Erfin-
dungen und den wissenschaftlichen Entdeckungen geboren ist. Er
behauptet, den modernen Geist in seinen grandiosesten Gedanken zu
vertreten. Er drückt all die großherzigen Zukunftshotfnungen der
neuen bürgerlichen Klassen aus, die durch die Revolution von der
Vormundschaft des Adels und der Geistlichkeit befreit worden waren,
und die die reaktionäre Politik der Restauration in ihrem Vormarsch
bedroht. Nur geht er über den intellektuellen Horizont des liberalen
Bürgertums hinaus. Er ahnt schon die Rolle, die in der Zukunft die
Arbeiterklassen spielen können, und bereitet sich darauf vor, sie zu
führen. Plr wendet sich jedoch hauptsächlich an die kultivierten
Klassen, an die Ingenieure, die Bankiers, die Künstler und die Ge-
lehrten. Diesen meistens aus den begüterten Klassen hervorgegangenen
Männern predigt der Saint-Simonismus den Kollektivismus und die
Abschaffung des Erbrechtes als das sicherste Mittel, eine neue Ge-
sellschaft zu gründen, die sich auf die Wissenschaft und die In-
dustrie aufbaut. Hierauf beruht das Aufsehen, das seine Ideen
erregten.

Wenn mau sich bemüht, seinen Anfängen nachzugehen, so kommt
man dazu, in dem Saint-Simonismus mehr eine unerwartete eigen-

eigene wirtschaftliche Lehre schon abgeschlossen war. Weder 'Saint-Simon, noch
Bazard kennen Foubibr’s Schriften. Wahrscheinlich war es um 1829, daß Eneantin
Kenntnis von Eoukier’s Werken erhielt, aus denen er nur das nahm, was die freie
Liebe und die Theorie der Leidenschaften betraf. Daher sagt Bouegin: „Wenn
Fourier zu etwas gedient hat, so war es dazu, die Auflösung des Saint-Simonismus
zu beschleunigen.“ (H. Bouegin: Fourier, S. 419, Paris, 1905.)

Was die englischen Sozialisten anlangt, so erwähnen die Saint-Simonisten sie
nie. Der Gedanke, daß die Arbeit allein den AVert begründe, eine Idee Eicahdo’s,
die den Theorien Thompson’s und Owen’s, wie später der von Marx als Grundlage
dient, bleibt ihnen vollständig fremd. Sie hielten die Begriffe „Wert, Preis, Pro-
duktion, die keine grundlegende Idee über die Zusammensetzung oder die Organisation
der Gesellschaft erfordern“, für „belanglose Einzelheiten“ (Producteur, Bd. IV,
8. 388). Ihre Lehre ist vor allem sozial, und nur nebenbei streifen sie die eigentliche
Nationalökonomie. Enfantin unterläßt es nie, Quesnay und seine Schule sorgfältig
von Smith und Say zu trennen. In seinen Augen hat der erste seinen Arbeiten
einen sozialen Charakter gegeben, den die Ekonomisten zu Unrecht vernachlässigt
haben. A. Comte kritisiert später die Volkswirtschaft in fast gleichen Ausdrücken
im IY. Bande seines Cours de Philosophie Positive, und hierin liegt unter
vielem anderen ein weiterer Beweis für das, was er dem Saint-Simonismus verdankt.
        <pb n="254" />
        ﻿Kapitel II. Saint-Simon, die Saint-Simonisten u. d. Ursprung des Kollektivismus. 229

tümliche Fortsetzung des wirtschaftlichen Liberalismus zu sehen, als
einen Spätling alter sozialistischer Auffassungen.

Man muß in der Tat in dem, was mit dem Namen Saint-Simonis-
mus bezeichnet wird, zwei aufeinanderfolgende Doktrinen unterschei-
den; die eine ist die Saint-Simon’s, die andere die seiner Schüler,
der Saint-Simonisten. Die erste ist ein einfacher „Industrialismus“,
dem der Sozialismus gewisse Züge entlehnen wird, der sich aber haupt-
sächlich an den ökonomischen Liberalismus anschließt, dessen etwas
übertriebene Form er ist. Nur die Lehre der Schüler verdient den
Namen Kollektivismus. Dennoch ist sie die logische Folge aus den
Grundsätzen des Meisters, die sie nur fortsetzt und erweitert. Für
die Geschichte der wirtschaftlichen Gedanken ist vielleicht die Theorie
der Schüler die wichtigere. Sie bleibt jedoch unverständlich, wenn
man keine Kenntnis von der Saint-Simon’s hat. Wir werden daher
zunächst diese darlegen, indem wir die Beziehungen nachweisen, die,
wenn auch in eigentümlicher Weise, so doch ganz bestimmt den
Sozialismus Saint-Simon’s mit dem ökonomischen Liberalismus ver-
binden.

§ 1. Saint-Simon und der Industrialismus.

Saint-Simon war ein Grand-Seigneur, dessen Leben unter vielen
Abenteuern und ohne Ordnung verlief. Mit 16 Jahren nimmt er an
dem amerikanischen Unabhängigkeitskriege teil. Unter der Revolu-
tion legt er seinen Adelstitel ab und stellt durch glückliche Speku-
lationen mit den Nationalgütern sein zerrüttetes Vermögen wieder
her. Als verdächtig in Sainte Pelagie eingekerkert, durch den
9- Thermidor wieder befreit, beschäftigt er sich von da an zur gleichen
Zeit mit geschäftlichen Unternehmungen, mit Reisen, mit Vergnügungen
und, wenn auch nur oberflächlich, mit wissenschaftlichen Studien. \ on
diesem Augenblicke an betrachtet er sich als eine Art Messias1).
Die Geburt der neuen Gesellschaft, der er beiwohnte, machte einen
tiefen Eindruck auf ihn, dieser Gesellschaft, in der die moralischen,
Politischen und materiellen Bedingungen plötzlich umgestürzt zu sein
schienen, und aus der sogar die alten Religionen verschwunden
Waren, ohne das etwas Neues an ihre Stelle trat. . Er träumt davon,
ihr ein neues Evangelium zu bringen. Am 4. Messidor des Jahres VI
nift er „die mit ihm verbundenen Kapitalisten zusammen, predigt
ihnen die Notwendigkeit, die Moral zu erneuern und regt die

') Vgl. im besonderen: Dumas, Psychologie des deux Messies positi-
vstes, Saint-Simon etA. Comte (Paris, 1905) und, soweit biographische Einzel-
heiten in Betracht kommen; Weil, Saint-Simon et son oeuvre (1894).
        <pb n="255" />
        ﻿230

Zweites Buch. Die Gegner.

Schaffung einer riesigen Bank an, deren Einkommen dazu dienen
soll, der Menschheit nützliche Arbeiten ausznführen“. So verbinden
sich bei ihm schon philosophische und industrielle Gedanken1). Eine
schnell wieder geschiedene Ehe und unmäßige Verschwendung stürzen
ihn aufs neue ins Elend. Im Jahr 1805 von einem alten Diener
aufgenommen, lebt er nach dessen Tode bald von einer bescheidenen
Pension, die ihm seine Familie zahlt, bald von der Unterstützung
einiger Industrieller. Trotzdem ist er so unglücklich, daß er sich im
Jahr 1823 das Leben zu nehmen versucht. Dieser Versuch schlägt
fehl, und er findet endlich dank dem Bankier Olinde Eodeigues
materielle Sicherheit, bis er im Jahr 1825, in seinen letzten Augen-
blicken von einigen Schülern umgeben, stirbt. Während aller dieser
Jahre von dem Drange beseelt, dem neuen Jahrhundert die Lehre
die ihm fehlt, zu geben, hörte Saint-Simon nicht auf, Broschüren,
Zusammenstellungen und Werke bald allein, bald mit anderen zu-
sammen, zu veröffentlichen. In ihnen weist er stets auf dieselben
Vorschläge hin und wiederholt unter verschiedenen Formen stets die
gleichen Gedanken -).

In seinen ersten Arbeiten sucht er hauptsächlich eine wissen-
schaftliche Synthese herzustellen, die in der Zukunft eine positive
Moral bieten und an Stelle der religiösen Dogmen treten könne. Es
würde, wie man gesagt hat, eine Art „wissenschaftliches Brevier“
gewesen sein, in dem die Gesamtheit der Tatsachen von einem ein-
zigen Gedanken abgeleitet sein sollte, von der allgemeinen Gravi-
tation. Er war sich bewußt, wie chimärisch eine so einfache Er-
klärung sein mußte, und wie ungenügend seine Kenntnisse waren, um
einen so ehrgeizigen philosophischen Versuch zu verwirklichen. Erst
Auguste Comtb, sein Schüler, sollte späterhin versuchen, den Ge-
danken in seinem „Cours de Philosophie positive“ und in
seiner „Politique positive“ zu verwirklichen. Daher ist Saint-
Simon nicht nur als der Vater des Sozialismus, sondern auch als der
des Positivismus zu betrachten.

*) Weil, Saint-Simon et son ceuvre, S. 16.

2)	1814 erschien: De la reorganisation de la Societe europeenne,
vom Grafen de Saint-Simon und A. Thibehy, seinem Schüler; — von 1817—1818, 1’In-
dustrie, in 4 Bänden (der 3. Band und das erste Heft des vierten sind von A. Comte);

— 1819, la Politique; — 1821, le Systeme industriel; — von 1823-1824,
le Catechisme des industriels, (von dem das dritte Heft von A. Comte
stammt und den Namen: Systeme de politique positive trägt); — 1825,
le Nouveau Christianisme. — Wir zitieren Saint-Simon sowohl nach den
CEuvres de Saint-Simon et d’Enf antin, die die von Ebfantin zur Ausführung
seines letzten Willens eingesetzte Kommission herausgegeben hat“, (Paris, Dentu, _
1865) — wie auch nach den CEuvres choisies von Saint-Simon, die 1859 in drei
Bänden von Lemonnier in Brüssel veröffentlicht wurden.
        <pb n="256" />
        ﻿Kapitel II. Saint-Simon, die Saint-Simonisten u. d. Ursprung des Kollektivismus. 231

Von 1814 bis zu seinem Ende verzichtet er teilweise auf seine
philosophischen Arbeiten, um sich fast ausschließlich der Darlegung
seiner sozialen und politischen Gedanken zu widmen, die uns hier
allein interessieren.

Diese Gedanken lassen sich alle in einer Verherrlichung der Rolle
der Industrie zusammenfassen, wenn dieses Wort in seinem weitesten
Sinne genommen wird, fast in dem Sinne, in dem es Adam Smith
gebraucht hatte, nämlich als synonym mit Arbeit.

Saint-Simon hat diese Gedanken selbst in einigen eindrucks-
vollen Seiten zusammengefaßt, denen man seitdem den Namen „die
Parabel Saint-Simon’s“ gegeben hat.

„Nehmen wir an,“ sagt er, „daß Frankreich plötzlich seine 50
ersten Ärzte, seine 50 ersten Chemiker, seine 50 ersten Physiologen,
seine 50 ersten Bankiers, seine 200 ersten Kaufleute, seine 600 ersten
Landwirte, seine 50 ersten Hüttenbesitzer usw., usw. (er führt so alle
hauptsächlichsten Professionen auf), verliere. Da diese Männer die
Hauptproduzenten Frankreichs sind und die bedeutendsten Produkte
hervorbringen . .., so würde die Nation mit dem Augenblick, in dem
sie sie verliert, ein Körper ohne Seele werden; sie würde sofort in
einen Zustand der Inferiorität den Nationen gegenüber versinken
deren Konkurrentin sie heute ist, und sie würde, solange sie diesen
Verlust nicht wieder eingebracht hat, solange ihr kein neues Haupt
gewachsen ist, in dieser Hinsicht in einer untergeordneten Stellung
verbleiben müssen“ . . . „Gehen wir jetzt zu einer anderen Vor-
aussetzung über. Nehmen wir an, daß Frankreich all die genialen
Menschen behält, die es in den Wissenschaften, in den schönen Künsten,
im Handel und Gewerbe besitzt, daß es aber das Unglück habe,
am gleichen Tage zu verlieren: Monsieur, den Bruder des Königs.
Mgr. den Herzog von Angouleme (Saint-Simon führt hier alle Mit-
glieder der königlichen Familie auf), und daß es zur gleichen Zeit alle
Hroß-Offiziere der Krone, alle Staatsminister mit und ohne Portefeuille,
alle Staatsräte, alle Zeremonienmeister, alle Marschälle, alle Kardinäle,
Erzbischöfe, Bischöfe, Großvikare und Pröbste, alle Präfekten und
Unterpräfekten, alle Angestellten der Ministerien, alle Richter und
darüber hinaus noch zehntausend der reichsten Grundbesitzer, die
gut leben, verliere, so würde dieser Unglücksfall sicherlich die Fran-
zosen betrüben, weil sie ein gutes Herz haben, .. . aber dieser Verlust
von dreißigtausend Individuen, von denen man annimmt, daß sie für
den Staat von der größten Bedeutung sind, würde nur von diesem
sentimentalen Gesichtspunkte aus Trauer hervorrufen, denn für den Staat
würde daraus kein politisches Übel irgendwelcher Art erwachsen1).

’) L’Organisateur, 1. Lieferung, 1819, (S. 10—20). Dieser Absatz wurde
lm Jahr 1832 von Olinde Kodkigues unter dem Namen „Parabole politique“ in einem
        <pb n="257" />
        ﻿

232	Zweites Buch. Die Gegner.

Mit anderen Worten, die offizielle Regierung ist nur eine Fassade.
Ihre Tätigkeit wirkt nur auf die Oberfläche. Die Gesellschaft kann
ohne sie existieren; sie würde deshalb nicht weniger gut leben,
während im Gegenteil der Verlust der Gelehrten, Industriellen, Bankiers
und Kaufleute die Gesellschaft in das größte Unglück stürzen würde,
da hierdurch die eigentlichen Quellen des Lebens und des Wohl-
befindens versiegen, denn die Tätigkeit dieser Männer allein ist
wirklich fruchtbar und notwendig. Sie regieren in Wahrheit und
sie besitzen die wirkliche und tatsächliche Macht. — Das ist der
Sinn des Gleichnisses.

So beruht denn für einen scharfen Beobachter die Welt, in der
wir leben, ausschließlich auf der Industrie. Sie allein ist würdig, die
Aufmerksamkeit ernsthafter Menschen auf sich zu ziehen. Ihr Auf-
stieg ist von einer langen historischen Entwicklung vorbereitet worden,
die nach Saxnt-Simon im 12. Jahrhundert mit der Befreiung der Ge-
meinden begann und mit der französischen Revolution verwirklicht
wurde 1). Sie ist die Grundtatsache der heutigen Zeit. Daher blickt
er mit der größten Verachtung auf die politischen Beschäftigungen
seiner Zeitgenossen herab, die darin bestanden, die Verfassung von 1814
zu verteidigen oder zu bekämpfen. Die Liberalen sind im Irrtum,
wenn sie beständig die alten, leeren Formeln, wie „Souveränität des
Volkes“, „Freiheit“, „Gleichheit“ wiederkäuen, sinnlose Begriffe2),
die in dem metaphysischen Gehirn von Juristen entstanden sind3),
und deren Aufgabe mit der Vernichtung des Feudalismus beendet ist.
Die Menschen der Zukunft haben besseres zu tun, als die Verfassung

Band, der verschiedene Werke Saint-Simon’s enthielt, von neuem herausgegeben. —
Infolge dieser Veröffentlichung mußte er sich vor dem Schwurgericht verantworten,
wurde aber freigesprochen.

•) Zur Zeit der Selbständigmachung der Städte (Communes) sehen wir die
industrielle Klasse, nachdem sie ihre Freiheit gewonnen hat, dazu gelangen, sich
politische Macht zu schaffen. Diese Macht besteht darin, nicht mehr ohne ihre Zu-
stimmung besteuert zu werden. Diese Klasse wächst und bereichert sich langsam,
gewinnt zur gleichen Zeit an Bedeutung, und ihre soziale Lage verbessert sich in
jeder Hinsicht, während die Klassen, die man ekklesiastische und feudale nennen
kann, beständig an Ansehen und wirklicher Macht verlieren: Ich schließe daraus, daß
das Wachstum der'industriellen Klasse fortsohreiten muß, bis sie die ganze Gesell-
schaft umfaßt, i Dahin streben die Dinge, dorthin führt unser Weg“ (CBuvres, II, 166,
Lettres ä un Americain).

a) „Die Grundlage der Freiheit ist die Industrie; ... nur mit ihr kann die
Freiheit wachsen, nur durch sie kann sie erstarken. Wenn diese Wahrheit, die auf
Grund der Tatsachen so alt, aber für das Denken so neu ist, anstatt all der lügne-
rischen Träume des Altertums in den Köpfen gelebt hätte, würden wir niemals die
blutrünstige Dummheit: „Gleichheit oder Tod“ gehört haben“ {(Buvres completes,
‘II, S. 210—211).

3)	„Juristen und Metapbysiker unterliegen der Gefahr, die Form für die Wirk-
lichkeit, Worte für Dinge anzusehen“ (Syst. Ind., 05 uv res completes, V, S. 12).
        <pb n="258" />
        ﻿Kapitel II. Saint-Simon, die Saiut-Simonisten n. d. Ursprung des Kollektivismus. 238

gegen „Ultras“ zu verteidigen. Der Parlamentarismus ist notwendig.
Er ist aber nur eine vorübergehende Etappe auf dem Wege von dem
zerstörten Feudalismus zu der Ordnung, die morgen au seine Stelle
treten wird1). Diese Ordnung, die morgen eintreten wird, ist der
Industrialismus, d. h. eine soziale Ordnung, die ganz und gar
darauf aufgebaut ist, die Industrie zu begünstigen, „die einzige
Quelle aller Güter und allen Wohlstandes“.

Worin wird diese Herrschaft bestehen?

Zunächst setzt sie das Verschwinden der Klassen voraus. Es
soll weder Adel, noch Bürgertum, noch Klerus geben. Es gibt nur
zwei Kategorien von Personen: die Arbeiter und die Müßiggänger,
oder, wie Saint-Simon sagt: „die Bienen und die Drohnen“, oder
auch; die nationale und die anti-nationale Partei. In der neuen
Gesellschaft müssen die zweiten verschwinden; in ihr gibt es nur
Platz für die ersten -). Darunter sind nicht ausschließlich die Hand-
arbeiter zu verstehen3), sondern auch die Landwirte, die Handwerker,
die Fabrikanten, die Bankiers, die Gelehrten und Künstler4). Zwischen

') Die parlamentarische Regierung muß angesehen werden „als ein unvermeidlicher
Übergang zur Industrieordnung“ (CEuvres compl., III, S. 22); sie ist: „notwendig,
um den Übergang von der Herrschaft der Willkür, die jetzt besteht, zur Herrschaft
des vollständigen Liberalismus, der später bestehen wird, durchzuführen“ (Ebenda,

S.	21),

3)	Schon 1803 schrieb er in den Briefen eines Genfers (Lettres d’un
habitant de Geneve): „Alle Menschen werden arbeiten; jedem wird die Ver-
pflichtung auferlegt werden, seine persönlichen Kräfte beständig in einer der Mensch-,
beit nützlichen Richtung zu betätigen“ ((E u v r e s compl., I, S. 55).

3) „Ich finde,“ sagt er, „daß es von wesentlicher Bedeutung ist, der Idee der
Arbeit all das Umfassende zu lassen, dessen sie fähig ist. Irgendein öffentlicher
Beamter, jede Person, die sich mit den Wissenschaften, den schönen Künsten, der
Manufaktur oder der landwirtschaftlichen Industrie beschäftigt, arbeitet in ebenso
positiver Weise, wie der Tagelöhner, der die Erde umgräbt, oder der Hafenarbeiter,
flßr seine Lasten trägt“ (Introduction au travail scientifique. CEuvres
choisies, I, S. 221).

l)	„Die National- oder Industriepartei umfaßt:

1.	Alle, die den Boden bearbeiten, einschließlich derer, die irgendeine Arbeit
fler Bodenbewirtschaftung leiten.

2.	. , . alle Handwerker, alle Fabrikanten, alle Kaufleute, alle Unternehmer
fon Land- oder Seetransporten, ebenso wie alle, deren Arbeit mittelbar oder unmittelbar
fler Erzeugung oder Verwendung der produzierten Gegenstände dient“: „die Ge-
lehrten, &lt;die sich dem Studium der positiven Wissenschaften widmgn)&gt;, die Künstler,
hie liberalen Rechtsanwälte, &lt;die kleine Anzahl von Priestern, die die heilige Moral
predigen)»“, — „und weiter alle Bürger, die ihre Gaben und Mittel offen und ehrlich
dazu verwenden, die Produzierenden von der ungerechten Vorherrschaft, die die
müßigen Verbraucher über sie ausüben, zu befreien.“

„Die anti-nationale Partei besteht aus den Adligen, die daran arbeiten, das
»ancien regime“ wieder herzustellen; aus den Priestern, für die die Moral im blinden
Glauben an die Entscheidungen des Papstes und der Geistlichkeit besteht; aus den
        <pb n="259" />
        ﻿234

Zweites ßucn. Die Gegner.

diesen Personen soll nur der Unterschied bestehen, der durch ihre
verschiedenen Fähigkeiten bedingt wird, oder wie Saint-Simon dies
ausdrückt, durch ihren „Einsatz“. „Die industrielle Gleichheit“,
schreibt er, „besteht darin, daß jeder aus der Gesellschaft genau die
Vorteile zieht, die mit seinem sozialen Einsatz im Verhältnis stehen,
d. h. mit seiner positiven Fähigkeit, mit der Verwendung, die er von
seinen Mitteln macht, zu denen wohlverstanden auch seine Kapitalien
zu rechnen sind1).“ Wie man sieht, denkt Saint-Simon nicht daran,
das Einkommen der Kapitalisten abzuschaffen. Seine Feindschaft
richtet sich nur gegen die Großgrundbesitzer.

Nicht nur die sozialen Unterschiede müssen verschwinden, soweit
sie nicht auf die Arbeit und die Fähigkeit gegründet sind, sondern
auch die ßegierung im gewöhnlichen Sinne des Wortes wird zum
großen Teil unnötig. Nach Saint-Simon muß die „nationale Gesell-
schaft“ als eine „industrielle Unternehmung“ angesehen werden.
„Frankreich wird eine große Fabrik, und das französische Volk eine
große Werkstatt“, und „die Aufgabe, Diebstähle und andere Gesetzes-
verletzungen in den Werkstätten zu verhindern, mit einem Wort,
diese Werkstätten zu regieren, wird (in einer Fabrik) nur als eine
durchaus nebensächliche Aufgabe betrachtet und untergeordneten
Angestellten übertragen“2 3). So soll auch die ßegierung in der
industriellen Gesellschaft sich darauf beschränken, „die Arbeiter vor
dem unproduktiven Einfluß der Müßiggänger zu beschützen und die
Sicherheit und Freiheit der Produktion aufrecht zu erhalten“ 8).

Bis hierher unterscheidet sich der Industrialismus -Saint-Simon’s
kaum von dem einfachen Liberalismus der Jünger Smith’s und
J.-B. Sat’s. Zur selben Zeit verfechten Charles Comtb und Dunoyer
in ihrer Bevue Le Censeur durchaus gleiche Gedanken4 * *), manchmal
sogar in denselben Ausdrücken. „Bahn frei für das Talent“, „Nicht-
einmischung der ßegierung“ sind Formeln, die alle liberalen Bourgeois
dieser Zeit wiederholen, und die auf Hoffnungen hinweisen, die mit
denen Saint-Simon’s übereinstimmen.

Hausbesitzern, die ein gutes Leben führen, d. h. ein Leben des Nichtstuns; aus den
Richtern, die die Willkür stützen, aus den Militärpersonen, die ihnen Beistand leisten,
mit einem Wort, ans allen denen, die der Errichtung der Ordnung, die der Wirtschaft
und der Freiheit am günstigsten ist, widerstreben.“ (Le parti national, in der:
Politique, (Buvres compl. III, S. 202—204.)

b Systeme Indust., CEuvres VI, S. 17, Änm.

2)	Ebenda, S. 91-92.

3)	(Euvres III, S. 35—36.

4)	Vgl. hierüber den Aufsatz Halövy’s in der Eevue du Meis (Dezember 1907)

Les idees economiques de Saint-Simon; wie auch Ainx in dem oben

S. 131, Anm. 1 angeführten Aufsatz.
        <pb n="260" />
        ﻿Kapitel II. Saint-Simon, die Saint-Simonisten u. d. Ursprung des Kollektivismus. 235

Hier aber ändert sich der Ton *).

Frankreich, haben wir gesagt, wird zu einer großen Fabrik.
„Die wichtigsten Arbeiten in einer Fabrik bestehen aber zunächst
darin, die Fabrikationsmethoden zu bestimmen, weiterhin die Interessen
der Unternehmer mit denen der Arbeiter einerseits, mit denen der
Verbraucher andererseits in Übereinstimmung zu bringen.“ So
gibt es auch in der industriellen Ordnung Platz für eine Regierung,
aber für eine Regierung von ganz besonderer Art: nämlich eine Ver-
waltung der Sachen, deren wir bedürfen, anstatt eine Regierung der
Menschen2). Die Politik soll nicht verschwinden, muß sich aber
uniformen. Sie wird zu einer „positiven Wissenschaft“, „zur Wissen-
schaft der Produktion, das heißt zu einer Wissenschaft, deren
Gegenstand die allen Produktionszweigen günstigste Ordnung der
Dinge ist“3). „Unter der alten Ordnung mußten die wesentlichen
Maßnahmen sich damit beschäftigen, die Gewalt der Regierung zu
steigern, die Macht der oberen Klassen über die unteren so fest wie

') Der Gegensatz wird in der folgenden Stelle gut hervorgehoben: „Man hat
erkannt, daß fast alle Maßnahmen, durch die sie (die Begierungen) vergaben, auf
den sozialen Wohlstand Einfluß auszuüben, kein anderes wirkliches Ergebnis gezeitigt
haben, als ihm Abbruch zu tun; aus dieser Tatsache ist der Ausdruck entstanden,
daß Regierungen nichts Besseres für das Wohl der Gesellschaft tun können, als sich
nicht damit zu befassen. Wenn auch diese Ansicht richtig ist, solange
man sie vom Standpunkt des bestehenden politischen Systems be-
trachtet, so ist sie doch selbstverständlich falsch, sobald man sie
im absoluten Sinne auffaßt; sie kann in dieser Weise nur bestehen
hleiben, solange man nicht zu der Idee eines anderen politischen
Systems gelangt ist“ (L’Organisateur, (Euvres compl. IV, S. 201).

Späterhin gehen die Saint-Simonisten von diesem Gedanken aus, um die Leitung
aller sozialen Beziehungen durch die Regierung zu fordern. „Weit davon entfernt,
zuzugeben, daß man sich vornehmen muß, den leitenden Einfluß innerhalb der Gesell-
schaften zu beschränken, glauben wir, daß er sich auf alles erstrecken
sollte, daß er stets gegenwärtig sein muß, denn für uns ist Jede wirkliche Gesell-
schaft eine Hierarchie“ (Exposition de la doctrine de Saint-Simon, 2. Jahr,
Paris 1830, S. 108).

2) Unter dem alten Regime „kommen die Menschen vor den Dingen“ (Fort-
setzung der Broschüre; Des Bourbons et des St uarts, 1822, (Euvres choisies,
S. 447). Unter der neuen Ordnung der Dinge, „muß die soziale Ordnung als
einzigen Zweck den Einfluß der Menschen auf die Dinge haben“ ((Euvres, IV, S. 81).
„Bei dem heutigen Zustand der Kenntnisse liegt das Bedürfnis der Nation nicht
darin, regiert, sondern verwaltet zu werden, und zwar, so billig wie möglich ver-
galtet zu werden“ (Systeme indust., (Euvres compl. V, S. 151). In gleicher
Weise schreibt später Engels in seinem Buch gegen Eugen Dührikg, indem er von
der sozialistischen Ordnung spricht: „An Stelle der Regierung von Personen wird
die Verwaltung von Sachen treten, wie auch die Leitung des Produktionsvorganges.
Der Staat wird nicht „abgeschafft“, er „stirbt ab“ (Philosophie, Economie
Politique, Socialisme, Franz. Übers, von Laskine, Paris, 1911. S. 361).

S)	Lettres ä un Americain ((Euvres, II, S. 189).
        <pb n="261" />
        ﻿236

Zweites Buch, Die Gegner.

möglich zu etablieren. . . . Unter der neuen Ordnung aber müssen
die' wesentlichen Maßregeln im Gegenteil darauf gerichtet sein, die
von der Gesellschaft für die physische und moralische Verbesserung
der Lebenslage aller ihrer Mitglieder zu leistende Arbeit so klar
wie möglich festzusetzen und ihre Ausführung so harmonisch wie
möglich zu gestalten1).

Hierin wird also die Aufgabe der neuen Regierung bestehen, in
der die „Fähigkeit“ die „Macht“, und die „Leitung“ das ..Befehlen“
ersetzen werden2). Sie wird sich nur beschäftigen: „mit der einzigen
Art von Interessen, in der sich alle Menschen verstehen können, und
in der Abmachungen am Platze sind, der einzigen, in der gemein-
sames Handeln notwendig ist, der einzigen daher, mit der sich die
Politik befassen kann: den Interessen des Lebens und des Wohl-
standes 3).“

Zur besseren Erklärung seines Gedankens schlägt Saint-Simon
vor, die Exekutivgewalt einer Abgeordnetenkammer anzuvertrauen,
die einzig aus den Vertretern des Handels, der Industrie und der
Landwirtschaft gebildet wird, und deren Aufgabe es sein würde, die
Gesetzesentwürfe anzunehmen oder zurückzuweisen, die ihr von zwei
anderen Kammern, die sich aus Ingenieuren, Künstlern und Gelehrten
zusammensetzen, unterbreitet werden, Gesetzesentwürfe, die sich aus-
schließlich mit der Förderung des materiellen Wohlstandes des Landes
beschäftigen4).

An Stelle der politischen Regierung tritt die wirtschaftliche
Leitung, die Autorität über Menschen macht der Verwaltung der
Dinge Platz; die soziale Ordnung wird nach dem Vorbild der Ordnung
einer Werkstatt eingerichtet, und die in Produktivassoziationen
umgebildeten Nationen haben als einziges Objekt „durch friedliche
Arbeit von positiver Nützlichkeit vorwärts zu kommen“ 5 6): das ist die
neue Auffassung Saint-Simon’s, die ihn über die Liberalen, deren

*) (Euvreschoisies,!!,S.437—438(Fts. d. Broschüre: DesBourbons usw.).

2)	L’Organisateur, (Euvres compl. IV, S. 86 u. 150—151.

3)	Lettres k in Amerioain, (Euvres, II, S. 188.

4)	Das ist nicht der einzige Plan einer Regierung, den Saint-Simon vorgesehlagen
hat. Er ist aber der charakteristischste. Er findet sich im „Organisateur“ so-

gleich nach der „Parabole“. Bemerkenswert ist, daß Saint-Simon durchaus gegen
eine Regierung von Gelehrten ist. Die Industriellen sollen die Macht haben. Die
Gelehrten dürfen nur,beratende Stimme erhalten: „Sollte sich zu unserem Unglück
eine Ordnung der Dinge bilden, in der die Verwaltung der zeitlichen Dinge in die
Hände von Gelehrten gelegt sein würde, so würde man sehr bald eine Korruption
in der wissenschaftlichen Welt eintreten und alle Laster der Geistlichkeit wieder-
kehren sehen. Die Gelehrten würden Metaphysiker, Schlauköpfe und Despoten werden“
(Syst, indust., (Euvres compl., V, S. 161).

6)	Syst. Indust., (Euvres compl. VI, S. 96.
        <pb n="262" />
        ﻿Kapitel II. Saint-Simon, die Saint-Simonisten u. d. Ursprung des Kollektivismus. 237

Grundsätzen er bisher gefolgt zu sein scheint, hinausführt, — und die
ihn dem Sozialismus nähert. Der Kollektivismus Marx’ sammelt
sorgfältig diese verschiedenen Gedanken, in denen Fhiedexch Engels
die Hauptbedeutung Saint-Simon’s sieht,). Pkoudhon nimmt sie
seinerseits auf und stellt als ideales Ziel die vollständige Aufsaugung,
das Verschwinden der Regierung in der wirtschaftlichen Organisation
hin. Heute finden wir es bei den verschiedensten Denkern wieder,
z. B. bei A. Mengeb, in der Beschreibung seines „volkstümlichen
Arbeitsstaates“ 2), wie auch bei Soeel, der in einer charakteristischen
Stelle behauptet: „daß der Sozialismus dahin strebt, die Ordnung
der Werkstatt auf die Gesellschaft zu übertragen“ s).

Daher unterscheidet sich der Industrialismus Saint-Simon’s klar 1
von dem wirtschaftlichen Liberalismus durch die ganz neue Bolle, ;
die er der Regierung zuteilt4).

Obgleich Saint-Simon dem Sozialismus eine seiner Grundideen
geliefert hat, kann man doch nicht sagen, daß er Sozialist gewesen
sei, wenn nämlich, wie wir glauben, das Wesen des Sozialismus darin
besteht, das Privateigentum abzuschaffen. Allerdings bat Saint-Simon
in einem berühmten Satz davon gesprochen, das Grundeigentum umzu-
formen s). Aber dieser Satz steht allein. Wir haben oben gesehen,

*) F, Engels, Herrn Eugen Dührings Umwälzung der Wissen-
schaft, 4. Ausg., S. 277. Dieses Kapitel des ENGBLs’schen Buches stammt vollständig
Von Marx.

*) A. Mengek, Neue Staatslehre (Jena, 1903).

3)	Der vollständige Text lautet: „Der Sozialismus strebt darnach, die Ordnung
der Werkstätte auf die der Gesellschaft zu übertragen ... In den erprobten Ge-
bräuchen der Werkstatt liegt sicherlich die Quelle, aus der das zukünftige Recht
entstehen wird; der Sozialismus wird nicht nur die Ausrüstung der Werkstatt, die
der Kapitalismus geschaffen hat, und die Wissenschaft, die sich auf die technische
Entwicklung aufbaut, erben, sondern auch die Kooperationsformen, die sich nach und
nach in den Fabriken ausgebildet haben, um den größtmöglichen Vorteil ans der Zeit,
den Kräften und der Geschicklichkeit der Menschen zu ziehen.“ . . . Etwas vorher:
„Alle Dinge müssen nach dem Vorbilde einer Werkstatt behandelt werden, die voller
Ordnung, ohne verlorene Zeit und ohne Launenhaftigkeit arbeitet“ (G. Sorbl: Le
Syndicalisme revolutiounaire;Monvement Socialiste, l.u. 16. Nov. 1906).

4)	Saint-Simon zitiert oft mit großem Lobe Say nnd Smith. Doch macht er
dem ersteren den Vorwurf, die Politik von der Volkswirtschaft getrennt zu haben,
anstatt sie darin aufgehen zu lassen und nur „ganz unbestimmt und wie trotz seiner
selbst „gefühlt zu haben“, daß die Volkswirtschaft die einzige und wirkliche Grund-
lage der Politik ist“ (Lettres ä un Americain, (Euvres, II, 8. 185).

5)	Dafür, daß Saint-Simon unter die Sozialisten zu rechnen ist, werden im allge-
meinen zwei Gründe angeführt: 1. Das Interesse, das er in gewissen Stellen seiner
Schriften für die niederen Klassen zeigt; 2. die von ihm über eine Reform des Eigen-
Uuns geäußerte Meinung. Doch hat keine der hierfür angezogenen Textstellen die
Iragweite, die man ihnen gewöhnlich zuspricht. Mit Hinsicht auf den ersten Punkt
wird häufig eine berühmt gewordene Stelle aus dem Nouveau Christianisine
angeführt; die Menschen, heißt es da, „sollen die Gesellschaft in der Weise organi-
        <pb n="263" />
        ﻿238

Zweites Buch. JDie Gegner.

daß in seinen Äugen das Kapital ebensoviel Recht auf Entlohnung
hat, wie die Arbeit. In dem einen wie in dem anderen sieht er einen

sieren, die für die größte Anzahl unter ihnen die vorteilhafteste ist; sie müssen sieh
als Ziel aller ihrer Arbeiten und Anstrengungen die möglichst schnelle und durch-
greifende Verbesserung der moralischen und physischen Lage der zahlreichsten
Klasse setzen“ {CBuvres, VII, S. 108—109). Schon früher hatte Saint-Simon
in dem Systeme industriel gesagt: „Der unmittelbare Zweck meines Unter-
nehmens ist, soviel wie möglich das Schicksal der Klasse zu verbessern, die keine
anderen Unterhaltsmittel hat, als die Arbeit ihrer Hände“ (CBuvres, VI, S. 81).
Zunächst braucht man aber in diesen Erklärungen weiter nichts als eine Eormel des
utilitaristischen Grundsatzes Bentham’s zu sehen: größtes Glück für die größte Zahl.
Und wie beabsichtigt Saint-Simon das Glück der Arbeiter zu sichern? Indem er ihnen
Anteil an der Macht gibt? Durchaus nicht! Im Organisateur (CEuvres IV,
S. 158) sagt er: „Die Frage (der sozialen Organisation) wird für das Volk gelöst
werden; es wird aber selbst außerhalb und passiv bleiben. . . . Das Volk ist
von der Frage ausgeschlossen worden.“ Das beste Mittel, ihm Gutes zu
tun, besteht darin, „den Herren der industriellen Unternehmungen die
Aufgabe anzuvertrauen ... die öffentliche Verwaltung zu leiten“, da „sie stets un-
mittelbar bestrebt sein werden, ihren Unternehmungen die größtmögliche Ausdehnung
zu geben, und aus ihren Bemühungen in dieser Hinsicht wird sich die größtmögliche
Vermehrung der Menge von Arbeiten ergeben, die von den Leuten aus- dem Volk
ausgeführt werden“ (Syst. Indust., CBuvres, VI, S. 82—83). — Auch ein liberaler
Volkswirtschaftler würde nicht anders sprechen.

Was das Eigentum anbelangt, so hat Saint-Simon sicher seine Umwandlung für
möglich gehalten. Zahlreiche Stellen seiner Bücher weisen hierauf hin. „Das Eigen-
tum muß neu gebildet und auf den Grundlagen aufgebaut werden, die es für die
Produktion am günstigsten gestalten,“ sagt er im Organisateur (CEuvres, IV,
S. 59). An anderer Stelle, in einem Brief vom Jahre 1818 an .den Redakteur des
Journal general de la France, sagt er, daß er sich mit der Entwicklung
folgender Ideen befasse: „1. Das Gesetz, das das Eigentum begründet, ist von allen
das wichtigste; es allein dient als Grundlage des sozialen Gebäudes. ... 2. Das
Eigentum muß so eingerichtet sein, daß der Eigentümer dazu angespornt wird, es
so produktiv wie möglich zu gestalten (CBuvres, III, S. 43—44). Schon in den
Lettres ä un Americain faßt er die Prinzipien, die er bei J.-B. Say findet, wie
folgt zusammen (woraus hervorgeht, wie eng er sich an die liberalen Volks Wirtschaftler
anlehnt): „Die Erzeugung nützlicher Gegenstände ist der einzige, vernünftige und
positive Zweck, den die politischen Gemeinwesen sich vornehmen können, und daher
ist der Grundsatz: Achtung vor der Produktion und den Produzenten
unendlich viel fruchtbarer als der, der besagt; Achtung vor dem Eigentum
und den Eigentümern“ (CBuvres, II, S. 186—187). — Alles dieses scheint uns
aber nichts anderes auszudrüoken als den Gedanken, daß das Eigentum sich durch
seine Nützlichkeit rechtfertigt und in Hinsicht auf den sozialen Nutzen' organisiert
werden muß. Wenn er eine bestimmte Reform des Eigentums ins Auge gefaßt hat,
so war es auf jeden Fall doch nur die des Grundbesitzes. Denn wie wir weiter
oben gesehen haben, betrachtet er das Kapital als einen sozialen „Einsatz“, der ein
Anrecht auf Entlohnung gibt. Auch findet man an anderer Stelle folgende Aus-
führung, die klar seine Sympathie für den beweglichen Besitz ausdrückt: „Der
Reichtum ist im allgemeinen ein Beweis der Fähigkeit der Fabrikanten, sogar
wenn sie das Vermögen, das sie besitzen, ererbt haben, während in
den anderen Klassen der Staatsbürger es stets wahrscheinlich ist, daß die Reicheren
        <pb n="264" />
        ﻿Kapitel II. Saint-Simon, die Saint-Simonisten u. d, Ursprung des Kollektivismus. 239

sozialen „Einsatz“. Daher würde er sich auch ohne weiteres mit
einer Reform begnügen, die lediglich die Regierung beträfe.

Wenn man als Ideal den „Industrialismus“ aufstellt, dessen
Hauptzüge er herausgearbeitet hat, ist es nicht schwierig, radikalere
Reformen zu verlangen und das ganze soziale System anzugreifen.
Das ist die Aufgabe der Saint-Simonisten. Wir werden nun ver-
suchen, diese Entwicklung vom „Industrialismus“ zum „Kollektivismus“
zu zeigen.

§ 2. Die Saint-Simonisten und die Kritik des Privat-
eigentums.

Die Bücher Saint-Simon’s sind nicht viel gelesen worden. Sein
Einfluß lag hauptsächlich in seiner Persönlichkeit. Es gelang ihm,
bedeutende Männer um sich zu sammeln, von denen viele nach seinem
Tode seine Ideen verbreiteten. Von 1814 bis 1817 war Augustin Thieeey
sein Sekretär. Er bezeichnete sich selbst als den Adoptivsohn Saint-
Simon’s. Auguste Comte nahm von 1817 bis 1824 die gleiche Stellung
bei ihm ein und war Mitarbeiter an seinen Veröffentlichungen.
Olinde Rodeigues und sein Bruder Eugene waren ebenfalls unter
seinen ersten Schülern. Zu ihnen gesellten sich unter anderen
Enfantin, ein früherer Polytechniker, und Bazaed, ein alter Karbonaro,
der der politischen Versuche überdrüssig geworden war. Gleich nach
dem Tode Saint-Simon’s gründeten sie eine Zeitung, L e P r o d u c t e u r,
um die Gedanken des Meisters zu verbreiten; die meisten der dort
erschienenen volkswirtschaftlichen Aufsätze stammen von Eneantin.
Die Zeitung bestand nur ein Jahr, aber die Anhänger der neuen
Lehre wuchsen zu einer bedeutenden Zahl an. Alle waren sie über-
zeugt, daß die Ideen Saint-Simon’s die Grundlage eines wirklich
modernen Glaubens bildeten und bestimmt seien, zu gleicher Zeit den
im Niedergang begriffenen Katholizismus und den politischen Libe-
ralismus zu ersetzen, welch letzterer in ihren Augen eine rein
negative Lehre war.

Um die geistigen Bande, die sie schon vereinten, zu stärken,
bildeten diese Enthusiasten unter sich eine Art Hierarchie. An ihrer
Spitze standen die Führer, „Väter“ genannt, die zusammen das
College bildeten. Die „Sohne“, die sich gegenseitig mit „Bruder“
anredeten, verteilten sich auf verschiedene „Grade“. Diesen

denen an Fälligkeiten unterlegen sind, die eine gleiche Erziehung genossen haben
and nur über ein mittelmäßiges Vermögen verfügen. Diese Wahrheit wird in der
positiven Politik eine bedeutende Rolle spielen“ (Syst. In du st., (Euvers, V,
S- 49, Anm.).
        <pb n="265" />
        ﻿240

Zweites Buch. Die Gegner.

Charakter einer organisierten Sekte nahm der Saint-Simonismus
im Jahr 1828 unter dem Einfluß Eugene Rodeigues’ an. Gleich-
zeitig beauftragten sie einen der ihrigen, Bazaed, die Lehre öffentlich
in Vorträgen darzulegen. Diese Vorträge, die von 1828 bis 1830 vor
einer glänzenden Hörerschaft stattfanden, — zu denen sich viele
drängten, die später eine große Rolle in der Geschichte Frankreichs
spielen sollten, wie Ferdinand von Lesseps, A. Caeeel, H. Caenot,
die Gebrüder Peeeiee, Michel Chevalxee und andere — sind in
zwei Bänden veröffentlicht worden und zwar unter dem Namen
Exposition de la Doctrine de Saint-Simon (Darlegung der
Lehren Saint-Simon’s). Der zweite Band beschäftigt sich haupt-
sächlich mit Philosophie und Moral. Der erste enthält die soziale
Lehre der Schule und stellt, wie A. Mengee sehr richtig sagt, „eins
der bedeutendsten Monumente des modernen Sozialismus dar“x).

Unglücklicherweise gewann unter dem Einflüsse Enpantin’s die
philosophische nnd mystische Seite des Saint-Simonismus die Oberhand
über die soziale Seite. Das sollte den Ruin der Schule herbeiführen.

Nach den Saint-Simonisten genügt es nicht, der modernen Mensch-
heit ihre soziale Bestimmung zu zeigen; man muß, so sagen sie, die
Menschheit dazu bringen, ihre Bestimmung zu lieben, sie herbei-
zusehnen und zwar mit der ganzen Kraft des Gefühls, und zwischen
den Menschen jene Einheitlichkeit der Gedanken und der Handlungen
schaffen, die allein durch eine gemeinsame, religiöse Überzeugung
bewirkt wird. Der Saint-Simonismus wurde zu einer Religion mit
einem Kultus, einer Moral, mit organisierten Predigten, mit Gemeinden,
die sich an verschiedenen Punkten des Landes gründeten, und mit
Aposteln, die in die Ferne gingen, um die frohe Botschaft überall
zu verkünden. Es ist eine fremdartige Tatsache, die wohl der Unter-
suchung wert ist, wie diese Menschen, deren verfeinerte, wissen-
schaftliche Kultur sehr hoch stand, die allen bestehenden Religionen
feindlich gesinnt waren, zu dieser Krisis eines religiösen Mystizismus
gelangten, sie, von denen die meisten mehr dazu vorbereitet waren,
sich geschäftlich zu betätigen, als eine neue „Kirche“ zu gründen!

Enfantin und Bazaed waren die Päpste des neuen Kultus, aber
Bazaed trat bald zurück, und Enfantin blieb der alleinige „Heilige
Vater“. Er zog sich mit 40 Schülern in ein in Menilmontant ge-

0 Der genaue Titel ist: Doctrine de Saint-Simon, Exposition, Pre-
miere annee, 1829. Wir zitieren nach der 2. Ausg. (Paris, 1830). Diesen Werken
könnte man die Aufsätze anfügen, die Enfantin im Globe veröffentlicht und unter
der Überschrift Economie politique et Politique (Volkswirtschaft und Politik)
in einem Band (2. Ausg. 1832) vereinigt hat. Doch sind diese Aufsätze viel
weniger interessant als die Doctrine und geben einfach die Gedanken wieder, die
Enpantin schon in seinen Aufsätzen im Producteur dargelegt hatte.
        <pb n="266" />
        ﻿-Kapitel II. Saint-Simon, die Saint-Simonisten n. d. Ursprung des Kollektivismus. 241

legenes Haus zurück und führte dort mit ihnen vom April bis zum
Dezember 1831 eine Art Klosterleben, während draußen die Propaganda
lebhafter als je durch die Zeitung Le Globe, die seit Juli 1831
das Eigentum der Schule war, getrieben wurde. Dieses merkwürdige
Lehen wurde durch eine gerichtliche Untersuchung unterbrochen, der
eine Verurteilung zu einem Jahr Gefängnis folgte, die das Schwur-
gericht gegen Enfantin, Duveegee und Michel Chevaliee unter
dem Vorwände einer ungesetzlichen Vereinigung verhängte. Das
war der Anstoß zur Auflösung.

Dieser letzte Abschnitt, der aufsehenerregendste in dem ganzen
Leben der Schule, machte auf die Zeitgenossen den meisten Eindruck.
Die Eeligion des Saint-Simonismus verdunkelte und kompromittierte
für einige Zeit den Saint-Simonismus als rein soziale Lehre, wie
späterhin die positivistische Eeligion in der Meinung der Öffentlich-
keit die positive Philosophie verdrängen sollte. Das, was uns hier
interessiert, ist einzig und allein die soziale Lehre des Saint-Simonismus,
•so wie sie im ersten Bande der Exposition enthalten ist.

Diese Lehre ist neu genug, um als eine originelle Weiterent-
wicklung und nicht nur als eine Zusammenfassung der Ideen Saint-
Bimon’s angesprochen werden zu können. Wahrscheinlich stammt
sie gleichzeitig von Bazaed und Enfantin. Der letztere hat fast
mit Sicherheit die wirtschaftlichen Gedanken geliefert* 1), an denen
übrigens das Werk Sismondi’s einen großen Anteil gehabt haben muß.
Dieses Buch ist ebenso bemerkenswert durch seine energische und
logische Ausdrucksweise, wie durch die darin entwickelten Ideen
selbst; die Vergessenheit, in die es gefallen ist, läßt sich kaum er-
klären, wenn man es mit so vielen anderen mittelmäßigen Erzeug-
nissen vergleicht, die bis auf unsere Tage gekommen sind. Heute
jedoch scheint es neues Interesse zu erregen, und man versucht

*) Obgleich die mündliche Darlegung der Lehre durch Bazard geschah und
für den Druck von Jüngern desselben (unter anderen von Hippolyte Carnot) bearbeitet
wurde, kann man die meisten der darin enthaltenen Gedanken Enfantin zusprechen.
Er hatte die Mehrzahl der volkswirtschaftlichen Aufsätze schon im Producteur
ausgeführt. Doch unterscheidet sich die im Producteur vertretene Lehre merklich
von der der Exposition. Zinsen und Pacht werden hier lebhaft bekämpft als ein
von den Arbeitern an die Müßiggänger gezahlter Tribut. Das Erbrecht- wird aber
nicht verworfen, obgleich es mit nur geringer Sympathie beurteilt wird (Producteur,

I. S. 566, 567). Enpantin erwartet die Befreiung der Arbeitenden von dem Sinken
des Zinsfußes und rechnet auf ein gutes Kreditsystem, um die Frage zu lösen, die
er für das größte moderne Problem hält; die Interessen der Arbeitenden und der
Müßiggänger zu vereinigen, „Interessen, die niemals mit dem Allgemeininteresse
verschmelzen werden, solange der Besitz der Früchte einer vergangenen Arbeit ein
Anrecht auf den Genuß von Produkten gegenwärtiger oder sogar zukünftiger Arbeit
gibt“ (Producteur, II, S. 124). Hierin liegt schon eine Ankündigung der Ideen,
16 in der Exposition entwickelt werden.

Gide und Eist, Gesch. d. Volkswirtschaft!. Lehrmeinungen.

16
        <pb n="267" />
        ﻿242

Zweites- Buch. Die Begründer.

ihm den hervorragenden Platz wiederzuverschaffen, auf den es in der
sozialen Literatur des neunzehnten Jahrhunderts ein unbestreitbares
Anrecht hat.

Die Doctrinede Saint-Simon gipfelt ganz und gar in einer
Kritik des Privateigentums.

Zum Zweck dieser Kritik kann sich der Volkswirtschaft!er auf
zwei verschiedene Gesichtspunkte stellen: erstens auf den der Ver-
teilung und dann auf den der Erzeugung der Güter, — auf den
Gesichtspunkt der Gerechtigkeit oder auf den der Nützlichkeit. Die
„Doctrine“ greift unser soziales System von beiden Seiten zugleich
an und faßt schon die meisten der Argumente, die im Laufe des
19. Jahrhunderts dagegen gerichtet werden, in ein Bündel zusammen.
In dieser doppelten Aufgabe lehnt sie sich übrigens gerade an di&amp;
Ideen Saint-Simon’s an.

a)	Saint-Simon hatte in der neuen Gesellschaft die Müßiggänger
den Arbeitern gegenübergestellt. Der „Industrialismus“ hat keinen
Platz für die ersteren; nur die Fähigkeit und die Arbeit geben hier
im Prinzip ein Anrecht auf eine Entlohnung. Durch einen merk-
würdigen Mangel an Folgerichtigkeit jedoch betrachtet Saint-Simon
das Kapital als einen persönlichen „Einsatz“, der eine besondere
Entlohnung rechtfertigt. Hier nun setzen die Saint-Simonisten ein.
Ist es nicht offenbar, daß das Privateigentum an Kapitalien das letzte
der Privilegien vorstellt? Die Revolution hat die Kasten vorteile
verschwinden lassen; sie hat das Recht des Ältesten, das in der
Familie die Ungleichheit heiligte, abgeschafft. Aber sie hat das
persönliche Eigentum beibehalten, — das Eigentum, das das unge-
rechteste aller Privilegien ausmacht, das Recht des Eigentums „eine
Abgabe von der Arbeit anderer zu erheben“! Denn in diesem Rechte,
ein Einkommen ohne Arbeit einzustreichen, definiert sich für die
Saint-Simonisten das EigentumJ). „Im gewöhnlichen Sinne des Wortes
bedeutet Eigentum die Güter, die nicht dazu bestimmt sind, sofort
verbraucht zu werden, und die heute ein Recht auf ein Einkommen
geben. In diesem Sinne umfaßt es Grund und Boden und Kapitalien
d. h. in der Sprache der Ökonomisten den Produktionsfonds. Für
uns sind der Grund und Boden und die Kapitalien, welcher Art sie auch
seien, ARBEITSMITTEL, die Grundbesitzer und die Kapitalisten
(zwei Klassen, die in dieser Hinsicht nicht voneinander unterschieden
werden können) die TREUHÄNDER DIESER PRODUK-
TION S MI T TEL; ihre Aufgabe besteht darin, sie unter die Arbeiter
zu VERTEILEN. Diese Verteilung geschieht auf Grund von
Handlungen, die zu Zinsen, Miete und Pacht Anlaß geben“1 2)-

1)	Doctrine de Saint-Simon, S. 182.

2)	Ebenda, S. 190 ff.
        <pb n="268" />
        ﻿Kapitel II. Saint-Simon, die Saint-Simonisten u. d. Ursprung des Kollektivismus. 243

So ist der Arbeiter durch die Beschränkung des Eigentums auf einige
Individuen dazu gezwungen, dem Eigentümer einen Teil der Früchte
seiner Arbeit zu überlassen. Eine derartige Verpflichtung ist aber
weiter nichts, als eine Ausbeutung des Menschen durch den
Menschen1). Diese Ausbeutung ist um so verwerflicher, weil sie,
wie die feudalen Privilegien selbst, sowohl für die Ausgebeuteten
wie für die Ausbeuter auf Grund des Erbrechtes zu einer ständigen
Einrichtung geworden ist.

Wenn man den Saint-Simonisten entgegenhielte, daß Eigentümer
und Kapitalisten nicht notwendigerweise Müßiggänger seien, daß in
Wirklichkeit viele davon arbeiten, um ihr Einkommen zu erhöhen,
so würden sie antworten, daß es sich hierum gar nicht handele.
Selbstverständlich mag ein Teil ihres Einkommens von ihrer persön-
lichen Arbeit herrühren, aber das, was sie in ihrer Eigenschaft
als Kapitalisten erheben, kann doch nur von der Arbeit anderer
geschaffen werden. Hierin liegt die Ausbeutung!

Nicht zum erstenmal stoßen wir in unserer Geschichte auf dieses
Wort. Wie man sich entsinnen wird, hat es schon Sismondi an-
gewandt2). Später sehen wir es unter der Feder Kael Maex’ und
anderer Schriftsteller wieder auftauchen. Aber weder Sismondi, noch
die Saint-Simonisten, noch Kael Maex gebrauchen es in demselben
Sinne. Es scheint uns daher nützlich, schon jetzt die verschiedenen
Bedeutungen, die diesem Ausdruck beigelegt werden, auseinander zu
halten, da er eine so bedeutende Eolle in der sozialistischen Literatur
spielt und zu so viel Verwirrung Anlaß gegeben hat.

Wie wir wissen, betrachtet Sismondi das Einkommen aus dem
Eigentum als gerechtfertigt. Er gibt jedoch zu, daß ein Arbeiter
ausgebeutet werden kann.

Wann geschieht dies nun?

Sobald sein Lohn kaum genügt, um ihn am Leben zu erhalten,
im Gegensatz zu dem Überfluß, in dem sein Arbeitgeber lebt, — so-
bald sein Lohn nicht die Höhe erreicht, die Sismondi als gerechten
Lohn des Arbeiters ansieht. Die Ausbeutung ist daher ein Miß-
brauch, nicht ein organischer Fehler, der in der Natur
unseres wirtschaftlichen Systems begründet wäre. Er tritt „manch-
mal“ ein; aber er ist nicht notwendig. Man kann ihn verbessern,
°hne deshalb das ganze System zu zerstören. In diesem allgemeinen
und etwas unbestimmten Sinne, — der anscheinend auf der Schwierig-
keit beruht, den „gerechten Preis“ genau zu bestimmen, — tritt die

') Ebenda, S. 93.

2) Siehe oben, S. 208—209. Sismondi hatte mehr von Beraubung (spoliation)
gesprochen.

16*
        <pb n="269" />
        ﻿244

Zweites Buch. Die Gegner.

Ausbeutung unter den verschiedensten Umständen in unserer wirt-
schaftlichen Welt auf. Auch ist sie nicht nur auf die Beziehungen
zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer beschränkt. Sie tritt jedes-
mal ein, sobald eine Person irgendeine „Ausnahmslage“ (Un-
wissenheit, Furchtsamkeit, Schwäche, Vereinsamung eines anderen)
dazu mißbraucht, um Dienste oder Waren zu einem zu niedrigen oder
zu hohen Preise zu kaufen oder zu verkaufen.

Für die Saint-Simonisten dagegen ist die Ausbeutung ein
organischer Fehler unserer sozialen Ordnung. Sie ist unlöslich
mit dem Privateigentum verbunden, deren notwendige Folge sie ist.
Sie ist nicht ein einfacher Mißbrauch, sondern das besondere Kenn-
zeichen des ganzen Systems, da ja die grundlegende Eigenschaft des
Eigentums gerade auf dem Eecht beruht, ein Erzeugnis ohne Arbeit
zu erlangen. Daher ist die Ausbeutung auch nicht nur auf die
mit ihren Händen Arbeitenden beschränkt. Sie umfaßt alle, die dem
Eigentümer Tribut zahlen müssen. Auch der Industrieunternehmer
leidet darunter durch die Zinsen, die er seinem Geldgeber zahlen muß1).

Der Profit des Unternehmers beruht aber nicht auf einer Aus-
beutung des Arbeiters; er ist einfach der Lohn der mit der Leitung
verbundenen Arbeit. Selbstverständlich kann auch der Arbeitgeber
seine Stellung mißbrauchen, um den Lohn des Arbeiters übermäßig
herabzudrücken; in diesem Sinne sagen die Saint-Simonisten in der
gleichen Weise wie Sismondi, daß der Arbeiter ausgebeutet wird.
Das ist aber durchaus keine Notwendigkeit. Im Gegenteil läßt der
Saint-Simonismus in der Industriegesellschaft der Zukunft durch-
blicken, daß für besondere Fähigkeiten große Löhne gezahlt werden2).
Und das ist ein bemerkenswerter Punkt ihrer Theorie.

Auch Marx hält die Ausbeutung für einen organischen
Fehler des Kapitalismus. Er gibt aber diesem Worte einen ganz
anderen Sinn als die Saint-Simonisten. Indem er auf den englischen
Sozialisten fußt, sieht er den Ursprung der Ausbeutung in einer Be-
Sonderheit des Tausches. Für ihn schafft einzig die Arbeit des -
Handarbeiters den Wert der Produkte; infolgedessen können sowohl

•) „Heute wird die ganze Menge der Arbeitenden von den Menschen ausgebeutet,
deren Eigentum sie benutzen; auch die Führer der Industrie unterliegen dieser Aus-
beutung in ihren Beziehungen zu den Eigentümern, wenn auch in einem unver-
gleichlich schwächeren Grade; ihrerseits wieder haben sie an den Privilegien der
Ausbeutung Teil, die mit ihrem ganzen Gewicht auf der Arbeiterklasse liegt, d. h.
auf der so ungeheuer grollen Mehrzahl der Arbeitenden“ (Doctrine de Saint-
Simon, S. 176).

2) „Wir glauben, daß die Gewinne sinken und die Löhne steigen; doch wir
schließen in das Wort Lohn den Gewinn des industriellen Unternehmers ein, da wir
diesen Gewinn als den Preis seiner Arbeit betrachten“ (Le Producteur, I, S. 245).
Der Aufsatz stammt von Enfantin.
        <pb n="270" />
        ﻿Kapitel II. Saint-Simon, die Saint-Simonisten u. d. Ursprung- des Kollektivismus. 245

Zinsen wie Profit nur ein am Arbeiter begangener Diebstahl sein.
Das Einkommen des Unternehmers ist nicht weniger ungerecht als
das des Kapitalisten oder des Großgrundbesitzers 1).

Diese letzte Theorie erscheint viel radikaler als die vorher-
gehende, da sie jedes andere Einkommen als den Lohn des Arbeiters
■verurteilt: in Wirklichkeit steht sie auf viel schwächeren Füßen.
Es genügt darzutun, daß der Wert der Erzeugnisse nicht von der
Hand geschaffen wird, um das ganze Gebäude Marx’ über den Haufen ;
zu werfen. Die Saint-Simonisten haben sich nie mit einer Wert-
theorie abgegeben. Ihre sehr einfache Lehre beruht auf der offen-
kundigen Unterscheidung zwischen dem Einkommen aus Arbeit und
dem Einkommen aus Eigentum. Diese Unterscheidung kann niemand
anfechten. Schon Sxsmondi hatte sie gemacht. Um die Folgerung,
die sie daraus ziehen, — nämlich die Unrechtmäßigkeit des Ein-
kommens ohne Arbeit — ablehnen zu können, muß man für das Ein-
kommen unbedingt eine andere Begründung als die Arbeit finden
and für die wesentliche Eigenschaft des Eigentums eine neue Recht-
fertigung entdecken.

Man versucht im allgemeinen, diese Rechtfertigung in den Not-
wendigkeiten der Produktion zu finden. Das Privateigentum mit
dem ihm eigenen Einkommen rechtfertigt sich in den Äugen einer
beständig wachsenden Zahl von Nationalökonomen durch den Ansporn,
den es zur Gtttererzeugung und Güteransammlung bietet. Das ist
der beste Kampfplatz, auf den man sich zu seiner Verteidigung stellen
kann. Ihn hatten unter anderen auch die Physiokraten gewählt2).

Die Saint-Simonisten verwerfen aber gleich von Anfang an dieses
Argument: sie greifen das Privateigentum nicht weniger heftig im
Hamen der sozialen Nützlichkeit als in dem der Gerechtigkeit an.
Nach ihrer Meinung muß es nicht nur im Interesse der Verteilung,
sondern auch in dem der Erzeugung verschwinden.

b)	Wir kommen nun zu dem zweiten Gesichtspunkte, den Saint-
Simon sich begnügt hatte, festzustellen, ohne ihn eingehender zu

') Die Verschiedenheiten des Wortes „Ausbeutung“, je nachdem man sich auf
den Standpunkt Sismondi’s, der Saint-Simonisten oder Marx stellt,, lassen sich wie
folgt ausdrücken: 1. Für Sismondi wird der Arbeitende in dem Sinne ausgebeutet,
daß man ihm keinen Lohn gibt, der zu einem menschenwürdigen Leben
genügt; das Einkommen ohne Arbeit erscheint ihm aber berechtigt; 2. lür die
Saint-Simonisten besteht die Ausbeutung darin, daß ein Teil des materiellen
Arbeitsertrages durch die sozialen Einrichtungen zum Profit des Unter-
nehmers entwendet wird; 3. Für Marx endlich existiert die Ausbeutung in dem
Sinn, daß ein Teil des durch die Arbeit geschaffenen Wertes von den
Kapitalisten infolge der sozialen Einrichtungen und der Tauschgesetze ent-
wendet wird.

*) Siehe oben, S. 27—28.
        <pb n="271" />
        ﻿246

Zweites Buch. Die Gegner.

entwickeln: die Idee, daß das Eigentum, wie die politische Ordnung,
zum Besten des Interesses der Produktion organisiert werden muß.
Gestattet das Privateigentum, dieses Ziel zu erreichen?

Wie wäre das möglich, sagen die Saint-Simonisten, solange die
heutige Art der Übertragung der Arbeitsmittel besteht?

Die Kapitalien werden durch Erbschaft übertragen. Ihre Ver-
waltung liegt in den Händen von Individuen, die der „Zufall der
Geburt“ auswählt und mit der schwierigsten aller Obliegenheiten:
der bestmöglichen Verwendung der Produktionsmittel, betraut. Das
Interesse der Gesellschaft sollte fordern, daß diese Mittel in die
Hände der fähigsten Menschen gelegt werden, und daß sie in die-
jenigen Orte und unter diejenigen Industrien verteilt werden, in
denen sich das Bedürfnis am lebhaftesten fühlbar macht, „ohne daß
es jemals in irgendeinem Zweige Mangel oder Überfluß daran geben
könne“1); und heute bezeichnet das blinde Schicksal die Menschen,
die zu dieser außerordentlich schwierigen Aufgabe bestimmt sind!
Die Kritik der Erbschaft wird daher derjenige Punkt, auf den die
Saint-Simonisten alle ihre Kräfte konzentrieren.

Die Entrüstung der Saint-Simonisten ist sehr wohl verständlich.
In der Tatsache, auf die sie hinweisen, liegt etwas durchaus Para-
doxes. Wenn man mit A. Smith annimmt, daß „die Zivilregierung
nur deshalb eingesetzt ist, um die, die Eigentum haben, gegen die,
die keins haben, zu verteidigen, fein sehr enger Gesichtspunkt)2),
so ist das Erbrecht etwas durchaus Richtiges. Wenn man sich aber
auf den Gesichtspunkt der Saint-Simonisten stellt, — in eine in-
dustrielle Gesellschaft, wo der Reichtum nicht als ein Zweck, sondern
als ein Mittel betrachtet wird, nicht als eine' Quelle individueller
Einkünfte, sondern als ein Instrument sozialer Arbeit, — so scheint
es wirklich haarsträubend, seine Verwendung dem ersten Besten
überlassen zu sehen. Man kann das Erbrecht nur dann gut heißen,
wenn man darin für die Väter einen energischen Ansporn zur An-
sammlung von Kapitalien sieht, — oder wenn man annimmt, daß
überhaupt keine rationelle Methode vorhanden ist, und daß der Zufall
der Geburt nicht mehr Anlaß zur Kritik gibt als irgendeine andere
Verteilungsmethode.

Dieser Skeptizismus ist aber durchaus nicht nach dem Ge-
schmack der Saint-Simonisten. Sie schreiben die scheinbare oder wirk-
liche Unordnung der Produktion gerade der Zersplitterung des Eigen-
tums zu, das den Zufälligkeiten des Todes und der Geburt unter-
worfen ist.

*) Doctrine, S. 191.

2) Siehe oben, S. 89, Anm. (Volkerreichtum, II, S. 175).
        <pb n="272" />
        ﻿Kapitel II. Samt-Simon, die Saint-Simonisten u. d. Ursprung des Kollektivismus. 247

„Jedes Individuum ist auf seine persönlichen Kenntnisse an-
gewiesen; keine Gesamtanschauung leitet die Produktion: sie geht
'wahllos und ohne jede Voraussicht vor sich; an einer Stelle ist sie
■zu gering, an einer anderen ist sie zu groß; diesem Fehlen einer all-
gemeinen Übersicht über die Bedürfnisse des Verbrauches und über
die Hilfsmittel der Produktion müssen jene industriellen Krisen zu-
geschrieben werden, über deren Ursprung soviel irrtümliche Er-
klärungen gegeben worden sind und noch täglich gegeben werden.
Wenn man in diesem bedeutenden Zweige der sozialen Tätigkeit so-
viele Störungen und soviel Unordnung auftreten sieht, so beruht das
■darauf, daß die Verteilung der Arbeitsmittel von Einzel-
individuen ausgeführt wird, die weder von den Bedürf-
nissen der Industrie, noch von denen der Menschen,
noch den Mitteln, durch die sie zufrieden gestellt wer den
könnten, irgend etwas wissen; hierin allein liegt die Ursache
des Übels“1).

Um dieser angeblichen „wirtschaftlichen Anarchie“ zu entgehen,
— die später so oft beschrieben wmrden ist, — sehen die Saint-Simonisten
keinen anderen Ausweg, als den Kollektivismus2). Der Staat wird
•der einzige Erbe. Im Besitz aller Arbeitsmittel verteilt er sie zum
Besten des allgemeinen Interesses. Sie stellen sich die Regierung
■wie eine große Zentralbank vor, die alle Kapitalien verwaltet und
kn Besitze zahlreicher Filialen ist. Diese „bankartige Regierung“
befruchtet auch die entferntesten Gegenden, denen sie die not-
wendigen Hilfsmittel zuführt. Sie wählt die fähigsten Leute aus, um
sie anzustellen und gemäß ihrer Arbeit zu entlohnen. So würde eine
«soziale Einrichtung“ mit den Funktionen betraut sein, die heute von
den Individuen so schlecht erfüllt werden8).

*) Doctrine de Saint-Simon, S. 191, 192.

2)	Die Saint-Simonisten gebrauchen dieses Wort noch nicht, beschreiben aber
die Sache sehr gut.

3)	„Wir werden diese Einrichtung vorläufig durch das Wort Sy steme general

de banques (allgemeines Banksystem) bezeichnen, machen aber jeden Vorbehalt
betreff der eng umschriebenen Auslegung, die man heute diesem Worte geben könnte.

Dieses System würde zunächst eine Zentralbank umfassen, die die Begierung
'erstellt, und zwar in materieller Hinsicht; diese Bank würde die Verwalterin
Mlen Keichtums, des ganzen Produktionfonds und aller Arbeitsinstrumente sein,
®üt einem Wort alles dessen, was heute die Menge des individuellen Eigentums
ausmacht. — Von dieser Zentralbank würden Banken zweiter Ordnung abhängen,
die nur ihre Fortsetzung sind, und durch die sie sich in steter Verbindung mit den
Hauptplätzen halten würde, um die Bedürfnisse und die Produktivkraft derselben
?u kennen. Diese Banken zweiter Ordnung würden wieder in dem Bezirk, der
ümen untersteht, mehr und mehr spezialisierten Banken vorstehen, die ein engeres
beld umfassen sollen, wie immer schwächere Wurzeln am Baum der Industrie.
"ei den oberen Banken würden alle Bedürfnisse zusammenlaufen; von ihnen
        <pb n="273" />
        ﻿248

Zweites Buch. Die Gegner.

Man darf aber nicht zu sehr auf dieses Projekt eingehen und
Einzelheiten verlangen, deren Darlegungen die Saint-Simonisten in
die größte Verlegenheit bringen würden.

Wer würde z. B. mit der dornigen Aufgabe betraut werden, die
Fähigkeiten zu beurteilen und die Arbeiten zu entlohnen? Die
„Universalmenschen“ (hommes generaux), antworten sie uns, besonders
hoch begabte Menschen, die „von den Fesseln der Spezialisierung
befreit“, ganz instinktiv den natürlichen Drang in sich fühlen werden,,
nur das allgemeine Interesse zu berücksichtigen.

An der Spitze steht, so schreiben sie an einer anderen Stelle,
derjenige, der „das soziale Schicksal am meisten liebt“1). Das-
ist nun nicht gerade sehr vertrauenerweckend, denn manchmal haben
selbst große Männer in recht bedauerlicher Weise ihre Privatinter-
essen mit dem öffentlichen Wohl verwechselt.

Nehmen wir aber einmal die Überlegenheit der „Universal-
menschen“ an. Aus welchem Grunde wird man ihnen gehorchen?
Werden die Untergebenen mit Gewalt dazu gezwungen, oder ge-
horchen sie freiwillig? Die Doktrine glaubt an die letztere Hypo-
these, denn ist die Religion der Saint-Simonisten nicht da, um die
Untergebenen mit beständiger Hingabe ihren Vorgesetzten gegenüber
zu erfüllen? um aus Liebe und Überzeugung den fröhlichen und be-
ständigen Gehorsam zu sichern?2) Man wird jedoch fragen, ob
denn nur die Saiut-Simonistische Religion das einzigartige Privileg
haben wird, keine Ketzer hervorzubringen?

Es würde zu nichts führen, die Einwände zu häufen; sie liegen
auf der Hand. Sie sind notwendigerweise auf jedes kollektivistische
System anwendbar und unterscheiden sich nur in ihren Einzelheiten.
Sobald man die soziale Selbstbetätigung, die freie Initiative des
Menschen durch eine wirtschaftliche Tätigkeit ersetzen will, die
in allen ihren Teilen vorausgesehen und organisiert ist, stößt man
sofort auf psychologische Unmöglichkeiten. An Stelle des Menschen-
würden alle Kräfte ausgehen....“ Doctrine, S. 206—207. Der Gedanke eineA
solchen Systems stammt wahrscheinlich von Enfantin, denn er führt ihn schon in
einem Aufsatz des Producteur (III, S. 385) aus.

*) Doctrine, 8.210, Anm. An anderer Stelle: „Wir werden aller politischen
Grundsätze müde, die nicht unmittelbar und einzig bezwecken, das Schicksal der
Völker in die Hände von Männern Toller Ergebenheit und Genie zu legen.“
(Ebenda, S. 330.)

s) „Wir werden mit Freuden zu jener hohen Tugend zurückkehren, die heute-
so mißverstanden, wir können sagen, mißachtet ist, jener Tugend, die zwischen
Wesen, die den gleichen Zweck verfolgen, so leicht, so liebenswürdig ist, daß alle
■ sie zu erreichen streben, und die so unleidlich, so aufbäumend wirkt, wenn sie dem
Egoismus gehorchen muß, — mit herzlicher Hingabe werden wir zum REJIQJß-
SAM zurückkehren“ (Doctrine, S. 330).
        <pb n="274" />
        ﻿Kapitel II. Samt-Simon, die Saint-Simonisten u. d. Ursprung des Kollektivismus. 249

herzens mit seinen gewöhnlichen Beweggründen, seinem Mißtrauen
nnd seiner Auflehnung und seinen Schwächen, an Stelle des Menschen-
geistes mit seiner Gleichgültigkeit, seiner Unwissenheit und seinen
Irrttimern muß man ein Herz und einen Geist von idealer Voll-
kommenheit setzen, die beide nur sehr entfernt mit dem Herzen
und dem Geiste verwandt sind, die wir kennen. Der Gedanke der
Saint-Simonisten, daß ein gemeinsamer, religiöser Glaube unerläßlich
sei, um eine derartige Ordnung aufrecht zu erhalten, beweist (viel-
leicht ohne ihre Absicht), daß sie einen bedeutend größeren Scharf-
sinn besaßen als viele ihrer verachtungsvollsten Kritiker.

Es ist wichtiger hier festzustellen, daß das Saint-Simonistische
System das Vorbild all der kollektivistischen Zukunftsbilder ist, die
im Laufe des 19. Jahrhunderts aufeinander folgen. Es stellt ein reifes
und vollständiges System dar. Es beruht auf einer eingehenden
Kritik des Privateigentums und unterscheidet sich in allen seinen
Zügen von den vorhergehenden Gleichheitsutopien. Die einzige Gleich-
heit, die die Saint-Simonisten verlangen, ist die, welche die Eng-
länder „equality of opportunity“ (Gleichheit der Aussichten) nennen,
Gleichheit der Chancen oder Gleichheit der Ausgangspunkte. Darüber
hinaus gibt es nur Ungleichheit, und zwar gerade im Interesse der
sozialen Produktion. Die Regel der Neuen Gesellschaft ist; Jedem
nach seinen Fähigkeiten, jeder Fähigkeit nach ihrer
Leistung1).

In einigen prägnanten Formeln haben sie selbst ihr ganzes
Programm zum Ausdruck gebracht, nämlich in einem Briefe, den sie
1830 an den Präsidenten des Abgeordnetenhauses sandten2). Dieser
Brief verdient hier zitiert zu werden;

„Die Saint-Simonisten verwerfen das System der Gütergemein-
schaft, denn diese Gemeinschaft würde eine offenbare Verletzung des
ersten aller Moralgesetze sein, die zu lehren sie beauftragt sind,
eines Gesetzes, demzufolge in Zukunft die Stellung eines jeden
sich nach seinen Fähigkeiten und sein Lohn sich nach
seinen Leistungen richten.

„Aber auf Grund dieses Gesetzes verlangen sie die Abschaffung
aller Geburtsprivilegien ohne Ausnahme und folglich auch die des

*) In der dritten Ausgabe der Doctrine findet sich eine etwas abweichende
Kormel und zwar auf der dritten Seite: „Ein Jeder,“ wird dort gesagt, „soll nach
seinen Diensten &lt;versorgt&gt; und nach seinen Werken entlohnt werden.“ Hier
sieht man besser, wie der erste Teil der Formel die Verteilung der Kapitalien,
der Arbeitsmittel, und der zweite die Verteilung der individuellen Einkommen
lm Auge hat. — An anderer Stelle findet man noch das Wort „eingereiht“ (classe)
anstatt „versorgt“ (dote), z. ß. in der 2. Ausg. S. 183.

2) Als Anhang zur 2. Ausg. der Doctrine de Saint-Simon, Exposition,
L Jahrg., 1829.
        <pb n="275" />
        ﻿250

Zweites Buch. Die Gegner.





ERBRECHTES, des größten aller dieser Privilegien, in dem heute
alle anderen beschlossen sind, und dessen Wirkung darin besteht,
dem Zufall die Verteilung der gesellschaftlichen Vorteile zu über-
lassen, und zwar unter der kleinen Anzahl derer, die einen Anspruch
darauf erheben können, während die bei weitem zahlreichere Klasse
zur Verkommenheit, zur Unwissenheit und zum Elend ver-
dammt wird.

„Sie verlangen, daß alle Arbeitsmittel, der Boden und die Kapi-
talien, die heute den zerstückelten Stamm des Privateigentums bilden,
zu einem einzigen gesellschaftlichen Vermögensstamme vereint werden,
und daß dieses Ganze durch Assoziation und zwar in der Form
einer Hierarchie bewirtschaftet werde, so daß die Aufgabe eines
jeden den Ausdruck seiner Fähigkeit vorstelle, und sein Reichtum
im Verhältnis zu seinen Leistungen stehe.

„Die Saint-Simonisteu beabsichtigen, die Einrichtung des Eigen-
tums nur insoweit anzugreifen, als es für einige das frevelhafte

Privileg des Müßigganges

einem Rechtsgrundsatz erhebt,

nämlich zum Recht wie von der Arbeit anderer zu leben.“

c)	Endlich begnügen sich die, die das Privateigentum kritisieren,
im allgemeinen nicht damit, es vom Gesichtspunkte der Verteilung
und der Erzeugung der Güter zu verurteilen. Fast stets fügen sie
den beiden Argumenten ein drittes an, das man das historische
Argument nennen könnte. Es besteht in der Darlegung, daß das
Eigentum eine bewegliche, wechselnde, in beständiger Entwicklung
befindliche Einrichtung ist, die schon heute das Bestreben zeigt, sich
in der von ihnen gewünschten Richtung zu verändern. Auch die
Saint-Simonisten haben dieses Argument gebraucht.

Diese Form der Beweisführung hat, wie wir schon hier hervor-
heben wollen, im Laufe des 19. Jahrhunderts eine sehr bedeutende
Rolle gespielt, und zwrar zunächst bei den Sozialisten, dann aber
auch bei anderen Schriftstellern. Die verschiedensten Schulen haben
sich auf die Geschichtsphilosophie berufen und berufen sich noch
heute darauf. Dies geschieht nicht nur zugunsten einer Reform des
Eigentums, sondern auch zugunsten der von allen Parteien vor-
geschlagenen Verbesserungen. Das System von Karl Marx stellt
in Summa eine großartige Geschichtsphilosophie dar, in der der
Kommunismus als das notwendige Ziel der Entwicklung der „Pro-
duktionsverhältnisse“ erscheint. Die vom Marxismus losgelösten
modernen Sozialisten berufen sich ebenfalls darauf. Vandervelde x)
stützt sich auf die Geschichtsphilosophie, ebenso wie die allerneusten
Schriftsteller des „Socialisme en action“ oder wie Herr und Frau

l)	lu seinem Meinen Werk: Le Colleetivisme, Paris 1900.
        <pb n="276" />
        ﻿Kapitel II. Saint-Simon, die Saint-Simonisten u. d. Ursprung des Kollektivismus. 251

Sydney Webb und die Fabier. Wir finden eine ähnliche Philosophie
als Grundlage des Staatssozialismus bei Dupont-White wieder, ebenso
wie bei Adolf Wagner. Friedrich List liefert uns ein Beispiel in
seiner Aufzählung der verschiedenen, aufeinanderfolgenden Wirt-
schaftsstufen. Die historische Schule dachte in ihren Anfängen daran,
die Nationalökonomie in ihrer Gesamtheit in eine Art Geschichts-
philosophie zu verwandeln, und wenn wir nach dem Bereiche der
Soziologie und der Ökonomik das Bereich der allgemeinen Philo-
sophie betrachten, so finden wir dort gleiche Bestrebungen. Die be-
rühmteste ist vielleicht die Theorie der drei Gesellschaftsstufen von
Auguste Comte (die er übrigens Saint-Simon entlehnt hat)1)-

Hier ist nicht der Ort, in eine Diskussion darüber einzutreten,
ob die Bemühungen, historische Gesetze dieser Art zu finden, be-
rechtigt ist. Diesen Punkt werden wir in einem späteren Kapitel
im Anschluß an die historische Schule behandeln. Worauf jedoch
hier schon hingewiesen werden muß, ist, daß die Saint-Simonisten
nicht darüber im unklaren waren, welche Vorteile eine derartige Be-
weisführung gewährt. Zugunsten des von ihnen empfohlenen Kollekti-
vismus berufen sie sich auf die ganze Vorgeschichte des Eigentums.
So haben sie schon damals alle die Waffen dagegen gebraucht, deren
sich die späteren Schulen bedienen sollten.

„Nach dem allgemeinen Vorurteil“ sagt die „Doctrine de
Saint-Simon“ 2), „scheint es, daß, was für Umwälzungen auch in den
Gemeinwesen auftreten mögen, das Eigentum davon stets un-
berührt bleiben muß; daß das Eigentum eine unabänderliche Tat-
sache bleibt.“ — Nichts ist aber in Wirklichkeit falscher: „Das
Eigentum ist eine soziale Tatsache, die wie alle an-
deren sozialen Tatsachen dem Gesetz des Fortschritts
unterworfen ist. Es kann daher in verschiedenen
Epochen verschieden verstanden, definiert und ge-
setzlich geordnet werden“3)- Damit ist schon im voraus der

') Auf Seite 48 seines „Auguste Comte et le positivisme“ hat Litteü
diese Entlehnung bestritten. Doch stellt Saint-Simon in der Vorrede zu dem Systeme
Industrie! fest, daß in politischen Dingen die Juristen das Zwischenglied zwischen
der feudalen Regierung und der industriellen Regierung abgehen, ebenso wie die
Metaphysiker das Zwischenglied zwischen der theologischen Herr-
schaft und der Herrschaft der Wissenschaft sind. Er fügt noch eine
genauer gefaßte Anmerkung hinzu ((Euvres compl., V, S. 9). Es ist wahr, daß das
Sy steine industriel aus dem Jahre 1821 stammt und folglich mehrere Jahre
Rach dem Anfang der Beziehungen zwischen Comte und Saint-Simon. Daher kann
auch ein noch so genauer Text die Frage nach dem Einfluß, den die beiden „Messias“
aufeinander gehabt nicht, nicht lösen. Übrigens findet sich der Gedanke schon hei
Tosgot.

2)	Doctrine, S. 179.

s) Ebenda, S. 179.
        <pb n="277" />
        ﻿252

Zweites Buch. Die Gegner.

Grundsatz, auf den sich nach ihnen alle Reformatoren stützen sollten,
formuliert worden. Der belgische Nationalökonom de Laveleye, der
von allen Volkswirtschaftlern diese Fragen am gründlichsten wissen-
schaftlich untersucht hat, drückt sich 40 Jahre später in seinem
Werk über die Urformen des Eigentums in fast den gleichen Aus-
drücken ausJ).

Und wenn wir, fügen die Saint-Simonisten hinzu, die Entwick-
lung in der Vergangenheit betrachten, so konstatieren wir gerade,
daß sie bestrebt ist, sich in dem Sinn, den wir vorschlagen, zu
organisieren. Am Anfang schließt das Eigentum sogar die Menschen
auf Grund der Sklaverei ein. Nach und nach wird das Recht des
Herren an den Sklaven Beschränkungen unterworfen. Zum Schluß
verschwindet es vollständig. Was die Sachgüter anlangt, auf die
das Eigentum nunmehr beschränkt ist, so verfügt der Besitzer zu-
nächst nach seinem Belieben darüber. Dann mischt sich die öffent-
liche Macht ein und zwingt den Vater dazu, den ältesten Sohn zu
seinem Erben zu machen. Zum Schluß verordnet die französische
Revolution eine gleichmäßige Erbschaftsteilung zwischen den Kindern
und vermehrt so diejenigen, die von den Produktionsmitteln pro-
fitieren. Heute verringert der sinkende Zinsfuß allmählich den Vor-
teil des Eigentümers an dem Produktionsmittel und sichert so dem
Arbeiter einen immer größeren Anteil am Produkt Ein letzter
Schritt bleibt noch zu tun übrig, und gerade ihn kündigen die
Saint-Simonisten an: allen Arbeitern ein gleiches Recht ani Gebrauch
der Produktionsmittel zu sichern, und dadurch jeden Menschen zum
Eigentümer zu machen, indem der Staat der einzige Erbe ist. „Das
Gesetz des Fortschrittes, das wir beobachtet haben, strebt nach einer
Ordnung der Dinge hin, in der der Staat, nicht mehr die Familie,
die angesammelten Güter erbt, insoweit sie dasjenige darstellen,
was die Nationalökonomen Produktionsmittel (Fonds de pro-
duction) nennen3}.“

*) „Ein anderer, ebenfalls recht verbreiteter Fehler ist, daß man vom Eigentum
spricht, als ob es eine Einrichtung wäre, die eine feste und stets gleich gebliebene
Form habe, während es doch in Wirklichkeit die verschiedensten Formen angenommen
hat und auch heute noch einschneidender und unvorhergesehener Veränderungen
fähig ist“ (LXvelbyb, De la propriete et de ses forraes primitives, 1. Ausg.
1874, S. 381). — In einem Brief vom 17. Nov. 1872 beglückwünscht Stüakt Mill
Laveleye gerade zu diesem Nachweis (Ebenda, Vorwort, XIII).

2) Dieses Argument ist besonders bemerkenswert, da es seitdem von den libe-
ralen Volkswirtsohaftlern sehr oft wieder aufgenommen ist. Auch werden wir es bei
Bastiat wiederfinden. Die Saint-Simonisten sitzen beständig auf beiden Stühlen,
dem Liberalismus und dem Sozialismus.

s) Doctrine, S. 182; Diese ganze geschichtliche Argumentierung, die wir in
einen kurzen Paragraphen zusammenfassen, findet sich auf den Seiten 179 bis 193 der
        <pb n="278" />
        ﻿Kapitel II. Saint-Simon, die Saint-Simonisten u. d, Ursprung des Kollektivismus. 253

Es muß jedoch darauf hingewiesen werden, daß man aus diesen
Tatsachen einen ganz entgegengesetzten Schluß ziehen und gerade
in der gleichmäßigen Verteilung, die von der Revolution eher be-
stätigt als geschaffen worden ist, den Beweis sehen könnte, daß die
modernen Gesellschaften das Bestreben haben, die individuellen
Eigentümer zu vermehren oder m. a. W. einer immer wachsenden
Zahl von Bürgern Eigentum zu sichern. Eine solche Erörterung ge-
hört aber nicht in ein Werk, wie das vorliegende. Uns genügt es,
darauf hinzuweisen, daß die Theorie der Saint-Simonisten das Vor-
spiel zu all den Theorien ist, die später in der Geschichte des Eigen-
tums Gründe suchen, um seine Umwandlung oder sogar seine Ab-
schaffung zu rechtfertigen.

Auch hier haben die Saint-Simonisten den Weg nur erweitert,
auf dem ihr Meister Saint-Simon ihnen vorangeschritten war. Er
war es, der in der Geschichte ein Mittel wissenschaftlicher Voraus-
sicht gefunden zu haben glaubte, das ebenso vollkommen wie die
genauesten Methoden wäre.

Nach Saint-Simon, der diesen Gedanken teilweise Condorcet
entlehnt, ist das menschliche Geschlecht ein wirkliches lebendiges
Wesen, das wie jedes der Individuen, aus denen es sich zusammen-
setzt, seine Kindheit, seine Jugend, sein Mannesalter und sein Greisen-
alter hat. Die Perioden der geistigen Entwicklung des Menschen-
geschlechts stimmen mit den Perioden der geistigen Entwicklung des
Individuums überein und lassen sich leicht entdecken. „Die Zu-
kunft,“ sagt Saint-Simon, „besteht aus den letzten Gliedern einer
Seihe, deren erste Glieder die Vergangenheit bildet. Wenn man
die ersten Glieder einer Reihe genau untersucht hat, ist es nicht
heiter schwer, die folgenden aufzustellen: aus einer guten Be-
obachtung der Vergangenheit kann man mit Leichtigkeit die Zukunft
ableiten“ '). Auf Grund dieser Methode entdeckte Saint-Simon den
Industrialismus als das Glied der Reihe, dem die Jahrhunderte alte
Entwicklung jetzt die Menschheit entgegenführt. Auf Grund der
gleichen Methode beweist er den fortschreitenden Aufstieg des
Menschen zu immer engerer Vergesellschaftung. Von der Familie
zur Stadt, von der Stadt zur Nation, von der Nation zur inter-
nationalen” Verständigung der Völker: das ist der ununterbrochene
Fortschritt, der als Schlußglied der Reihe vorauszuahnen gestattet;
„die allgemeine Assoziation, nämlich die Vergesellschaftung aller

boetrine des längeren ausgeführt. Sie verdiente übrigens eine eingehendere
kritische Untersuchung, da sie nicht genau mit der geschichtlichen Wahrheit über-
einstimmt.

b Saint-Simon, Memoire introductif sur la contestatiou avec M. de
Kedern (1812) (Euvres, I, S. 122.
        <pb n="279" />
        ﻿254

Zweites Buch. Die Gegner.

Menschen auf der ganzen Erde in allen ihren Wechselbeziehungen“1),
— und wieder auf Grund der gleichen Methode kündigen die
Saint-Simonisten in ihrer Deutung der Geschichte des individuellen
Eigentums sein definitives Verschwinden an, wenn seine Benutzung
durch die Einsetzung des Staates als alleinigen Erben allmählich
allen Menschen ermöglicht wird.

Man könnte die ganze Doktrin der Saint-Simonisten als eine
umfassende Geschichtsphilosophie ansehen2 3). Aus dieser Philosophie
ziehen sie das außerordentliche Vertrauen, das sie in die Verwirk-
lichung ihres Traumes setzen, in dem sie nicht eine Hoffnung, sondern
eine Gewißheit erblicken. — „Unsere Voraussage hat denselben Ur-
sprung und dieselben Grundlagen wie die, die in den wissenschaft-
lichen Entdeckungen zutage treten“ (S. 119). Die Saint-Simonisten
betrachten sich als die freiwilligen und bewußten Vertreter einer
notwendigen Entwicklung, die Saint-Simon entdeckt und beschrieben
hat.s) Das ist ein weiterer Zug, den sie mit den Marxisten gemein-
sam haben, jedoch mit zwei bedeutungsvollen Unterschieden. Die
Marxisten rechnen auf die Kevolution, um die Evolution der Dinge
zu vollenden; die Saint-Simonisten aber verlassen sich einzig und
allein auf die Überredung4 5); — auf der anderen Seite, als wahre
Kinder des 18. Jahrhunderts, glauben die Saint-Simonisten, daß die
Gedanken und die Wissenschaft die Triebfedern der sozialen Um-
wandlungen sein werden, während Maex nur in die materiellen Kräfte
der Produktion Vertrauen hat: denn in seinen Augen sind die Ideen nur
wie ein Widerschein auf dem Wasser, aber keine lebendigen Kräfte6)-

*) Doctrine de Saint-Simon, S. 144.

2)	Diese Philosophie läßt sich in dem Wechselspiel von organischen und
kritischen Perioden zusammenfassen. Die ersteren charakterisieren sich durch
Einheit des Gedankens, des Zieles, des Gefühls und des Einflusses in einer Gesell-
schaft; die zweiten durch Widerspruch in den Gedanken und Gefühlen, durch poli-
tische und soziale Unsicherheit. Die ersteren sind ausgesprochen religiös; in den
zweiten herrscht der Egoismus vor. Die Reformation und die Kevolution sind die
beiden wesentlichen Kundgebungen der kritischen Epoche, in der wir leben; der
Saint-Simonismus führt uns in die definitiv organische Epoche; er wird die Religion
der universellen Vergesellschaftung sein, zu der uns die historische Entwicklung führt.

3)	Doctrine, S. 121. „Durch die Sympathie sieht der Mensch sein Schicksal
voraus; und wenn er durch die Wissenschaft die Yoraussichten seiner Sympathien
als wahr erkannt hat, wenn er sieh der Berechtigung seiner Wünsche bewußt
ist, schreitet er mit ruhiger Zuversicht der Zukunft, die ihm bekannt ist, entgegen.

..... So stellt er sich frei und wissend in den Dienst seines Schicksals, das er

durch seine Arbeit, wenn auch nicht ändern (was er übrigens auch nicht wollen
würde), so doch schneller herbeiführen kann“.

4)	Siehe diesen Gedanken eingehend am Ende der siebenten Seance entwickelt
(Doctrine, S. 211 ff.)

5)	„Die Politik“, sagte Saiht-Simon, „beruht auf der Moral und die Einrichtungen

eines Volkes sind nur die Folgen seiner Ideen“ (Euvres, III, S. 81). „An anderer
        <pb n="280" />
        ﻿Kapitel II. Saint-Simon, die Saint-Simonisten u. d. Ursprung des Kollektivismus. 255

§ 3. Die Bedeutung des Saint-Simonismus in der
Geschichte der Doktrinen.

Bei den Saint-Simonisten vermischen sich Utopien und Realismus
in einer merkwürdigen Weise. Ihr Sozialismus, der nichts Volks-
tümliches an sich hat und sich hauptsächlich an die gebildeten
Klassen wendet, beruht nicht auf der Kenntnis des Lebens der
Arbeiter, sondern auf der Beobachtung und einem sehr richtigen
Gefühl für die großen wirtschaftlichen Strömungen ihrer Zeit.

Sobald die Schule aufgelöst war, sieht man die hervorragendsten
Saint-Simonisten einen tätigen Anteil an der wirtschaftlichen Ver-
waltung Frankreichs nehmen und sich an allen finanziellen oder
industriellen Unternehmungen beteiligen. Die Gebrüder Peeeiee
gründen 1863 den Credit Mobilier, das Vorbild der großen heutigen
Finanzgesellschaften. Enfantin nimmt an der Gründung der Linie
B. L. M. (Paris—Lyon—Mediterranee), die aus der Fusion der
Linien Paris—Lyon, Lyon—Avignon, Avignon—Marseille entstand,
tätigen Anteil; als erster bildete er eine Gesellschaft für den Durch-
stich des Isthmus von Suez. Michel Chevaliee verteidigte am
College de France die Initiative des Staates bei den großen öffent-
lichen Arbeiten und führte die Verhandlungen betreffs des Vertrages
■von 1860 mit England, der für Frankreich die Ara der Handels-
freiheit eröffnete. Man könnte noch viele andere Beispiele anführen
für die bedeutende Rolle, die sie in der wirtschaftlichen Geschichte
des 19. Jahrhunderts gespielt haben x).

Im besonderen haben sie den enormen Einfluß, den die großen
Banken und die zentralisierten Unternehmungen in unserem modernen

Stelle sagt er: „Die Philosophie hat die bedeutendsten politischen Einrichtungen
geschaffen; sie allein besitzt genügende Macht, um den Einfluß veralteter Einrich-
tungen zu brechen und neue zu bilden, die sich auf eine vervollkommnete Lehre
gründen“ (Sys. in du st., (Buvres, V, S. 167). Er legt besonderes Gewicht auf
die Kölle, die die Philanthropen in der Schaffung der neuen Gesellschaft spielen
sollen. Die Wahrheit, „die sich durch das Vorwärtsschreiten der Zivilisation ergeben
tut, ist, daß die leidenschaftliche Hingabe an das öffentliche Wohl weit wirksamer
üt, um politische Verbesserungen durchzuführen, als der Egoismus der Klassen, die
von diesen Veränderungen am meisten zu gewinnen haben. Mit einem Wort, die
Erfahrung hat erwiesen, daß die, die am höchsten an der Einführung eines neuen
Zustands der Dinge interessiert sind, nicht unter denen gesucht werden dürfen, die
um eifrigsten daran arbeiten, sie herbeizuführen“ (CEuvres, VI, S. 120). — Ein
schärferer Gegensatz zu den Ideen Marx’ ist kaum denkbar, besonders gegenüber
dfir bekannten Formel: „Die Emanzipation der Arbeiterklasse wird das Werk der
Arbeiterklasse selbst sein.“

') Vergl. hierüber: Weil, L’Bcole Saint-Simonniene (1896) und Char-
lety, Histoire du Saint-Simonisme (1896).
        <pb n="281" />
        ﻿256

Zweites Buch. Die Gegner.

Wirtschaftsleben ausüben sollten, vorausgesehen. In der Tat, und
ohne daß man an das Eigentumsrecht gerührt hätte, sind die Depo-
sitenbanken die großen Kapitalbehälter geworden, aus denen der
Kredit sich in die tausend Kanäle des Handels verteilt. Noch
heute werfen Schriftsteller, die nichts Sozialistisches an sich haben,
den Banken (hauptsächlich in Frankreich) vor, diese Aufgabe des
Eegulierens und der Anregung der Industrie nicht mit genügender
Kraft zu pflegen, Aufgaben, die die Saint-Simonisten schon für die
Banken voraussahen, und die die Natur der Dinge ihnen zuweist1).
Sie hatten viele persönliche und verwandtschaftliche Beziehungen zu
Bankiers, und die Bedeutung der internationalen Finanzherren war
während der Restauration in den europäischen Staaten außerordent-
lich gestiegen. Dies wirkte darauf hin, sie die Rolle vorausfühlen
zu lassen, die der Kredit später in unserem modernen Wirtschafts-
leben einnehmen sollte.

Nicht weniger richtig war ihr Gefühl für die Notwendigkeit
einer stärkeren Zentralisation der leitenden Faktoren des Wirtschafts-
lebens, um die Produktion dem Verbrauch besser anzupassen, als es
die Konkurrenz vermag. Der Staat kann weder, noch will er diese
Aufgabe übernehmen; wir sehen aber, wie unter unseren Augen sich
die Konventionen, Kartelle und Syndikate der Industriellen ver-
mehren, deren Zweck stets derselbe ist: nämlich durch eine in-
telligente Voraussicht und Zentralisation die Nachteile der Kon-
kurrenz zu vermeiden. Hierin liegt ebenfalls eine teilweise und
praktische Anwendung des Saint-Simonismus.

Wenn ihr persönlicher Einfluß auf unsere wirtschaftliche Ge-
schichte bedeutend gewesen ist, so muß man ebenfalls in ihrer Lehre
die Keime fast aller kritischen und konstruktiven Ideen wieder-
erkennen, die den Sozialismus im Laufe des 19. Jahrhunderts charak-
terisieren. Der Saint-Simonismus ist gleichsam das Vorwort oder das
Inhaltsverzeichnis dazu.

Zunächst ist es bezeichnend, daß sich bei ihnen eine Menge von
Formeln finden, die später in der sozialistischen Literatur klassisch
werden sollten. „Ausbeutung des Menschen durch den Menschen“ war bis
1848 eine sehr volkstümliche Formel. Das Wort vom „Klassenkampf“,
das seit Marx an seine Stelle getreten ist, bedeutet nichts anderes.

&gt;) „Der Kredit bezweckt“ sagt Enfantin, (Economie politique et Poli-
tique, S. 53) „in einer Gesellschaft, in der die einen die Industriemittel besitzen,
ohne die Fähigkeit oder den Willen, sie in Gang zu setzen, und in der andere, die
fleißig sind, keine Arbeitsmittel besitzen, diese Mittel so leicht, wie irgend möglich
aus den Händen der ersteren, die sie besitzen, in die der zweiten, die sie nützlich
anznwenden verstehen, gelangen zu lassen.“ Bis heute hat man noch keine bessere
Definition gefunden.
        <pb n="282" />
        ﻿Kapitell!. Saint-Simon, die Saint-Simonisten u. d. Ursprung des Kollektivismus. 257

Vor Louis Blanc sprechen sie von der „Organisation der Arbeit“.
In gleicher Weise wenden sie vor Marx das Wort „Arbeitsmittel“
(Instruments de travail) an, um Grund und Boden sowie Kapital zu
bezeichnen. — Wenn wir sie auch nicht unter die Assozialisten
einreihen, so haben sie doch in gleicher Weise, wie nur irgendein
anderer, die „Assoziation“ als die höchste Form der produktiven
Organisation verlangt. ■— Sie haben sogar den Gebrauch voraus-
gesehen, den die Sozialisten von der Eententheorie machen sollten.
Noch vor Henry George sprechen sie an einer merkwürdigen Stelle
Ton „dem Gebrauch, den man eines Tages von den Theorien
Malthus’ und Kicardo’s über die Kente machen werde“, indem man
„den Mehrertrag der guten über die schlechten Felder“, den „allge-
meinen Bedürfnissen der neuen Gesellschaft“ überweisen wird1).
Man findet bei ihnen noch andere Pläne, die nichts spezifisch
'Sozialistisches an sich haben. So wird, so weit wir wissen, der Ge-
danke der Gewinnbeteiligung zum erstenmal in einem Aufsatz des
P r o d u c t e u r entwickel t2 3).

Je mehr man in derDoctrine de Saint-Simon liest, um so
mehr wird man von diesen bemerkenswerten Voraussichten betroffen
und von dem ungerechten Vergessen, dem dies Werk trotz allem
anheim gefallen ist. Schon Engels, der Freund Marx’, hatte bei
Saint-Simon „eine geniale Weite des Blicks entdeckt, vermöge deren
fast alle nicht streng ökonomischen Gedanken der späteren Sozialisten
bei ifim im Keim enthalten sind ...“ *) Die „streng ökonomischen
Gedanken“, von denen Engels spricht, und die Saint-Simon bedauer-
licherweise nicht gekannt hat, bezieht sich auf die marxistische Theorie
des Mehrwertes. In unseren Augen ist es aber weniger ein Fehler als
Tielmehr ein Verdienst, den Sozialismus nicht auf eine so irrtümliche
Werttheorie, sondern vielmehr auf seinen wirklichen Boden, der vor
ullen Dingen soziologisch ist, gegründet zu haben.

Bef den Saint-Simonisten findet man nicht nur neue Formeln;
man entdeckt bei ihnen schon all die großen Gegensätze der Gesichts-
punkte, um die im Laufe des 19. Jahrhunderts die Sozialisten und
Jie Nationalökonomen ihre Kämpfe ausfechten, Gegensätze, die so
tiefgehend sind, daß sie sie oft daran verhindern, sich zu verstehen,
und auf Grund derer sie sich gegenseitig so verkennen, als ob sie

*) Doctrine, S. 226. Yergl. auf Seite 223 eine Stelle, in der sie sich darüber
beklagen, daß Ricahdo und Malthus auf Grund „ihrer tiefgehenden Untersuchungen
über das Pachtwesen“ auf die Berechtigung des Großgrundbesitzes schließen.

2)	Der Aufsatz trägt als Überschrift; „De la classe onvriere und findet
sich im IV. Band des Produeteur. Siehe im besonderen S. 308ff.

3)	P. Engels: Herrn Eugen Dühring’s Umwälzung der Wissen-
schaft, II. Aufl,, S. 229.

Ui de und Rist, Gesch. d. Volkswirtschaft!. Lehrmeinungen.

17
        <pb n="283" />
        ﻿258

Zweites Buch. Die Gegner.

zwei verschiedene Sprachen gebrauchten. Wir werden versuchen, sie-
zu definieren, um, wenn irgend möglich, den Leser in dem Wirrwarr
der Lehren zu orientieren, im Augenblick, in dem sich die Wegteilung
zwischen den beiden großen Eich tun gen des wirtschaftlichen Denkens
vollzieht.

a) Adam Smith, Ricaudo und J.-B. Sat haben das Bereich der
Nationalökonomie klar von dem der sozialen Organisation getrennt.
Wie wir schon gesagt haben, ist für sie das Eigentum eine soziale'
Tatsache, die sie ohne Erörterung als gegeben annehraen1). Die Art
seiner Verteilung und seiner Übertragung, die Ursachen, auf denen
es beruht, die Folgen, die sich aus ihm ergeben, bleiben außerhalb
ihrer Untersuchungen. Unter Güterverteilung oder Güterausteilung
verstehen sie einfach die Verteilung des jährlichen Einkommens:
unter die Faktoren der Produktion. Das, was sie interessiert, ist
die Art und Weise, in der sich die Höhe der Zinsen, der Pacht und
des Lohnes festsetzt. Ihre Verteilnngstheorie ist nichts anderes als-
eine Theorie des Preises der „Dienste“. Sie kümmert sicli nicht um
die Einzelpersonen; das gesellschaftliche Erzeugnis verteilt sich
nach ihrer Ansicht auf Grund notwendiger Gesetze unter unpersön-
liche Faktoren: den BODEN, das KAPITAL und die ARBEIT..
Hin und wieder personifizieren sie diese Faktoren für die Bequem-
lichkeit der Erörterung (wenn sie von Grundbesitzern, Kapita-
listen und Arbeitern sprechen), was aber an der Sache selbst nichts
ändert.

Für die Saint-Simonisten und für die Sozialisten besteht das
Problem der Güterverteilung hauptsächlich darin, zu wissen, wie sich
das Eigentum unter die Menschen verteilt. Warum sind gewisse
Menschen Eigentümer, und whrum sind es andere nicht? Warum
sind die Arbeitsmittel, der Boden und das Kapital so ungleichmäßig
verteilt? Warum sind die individuellen Einkünfte, die sich aus
dieser Verteilung ergeben, ungleich? An die Stelle der Unter-
suchung abstrakter Produktionsfaktoren stellen die Sozialisten die
Betrachtung lebender Individuen oder der sozialen Klassen
und der Beziehungen, die das positive Recht zwischen ihnen herstellt.
Diese beiden Auffassungen der Güterverteilung und die beiden so
grundverschiedenen Probleme, die darauf beruhen, — das eine rein

x) „Die meisten Ökonomisten, und besonders Say, der sie beinahe alle zu-
sammenfaßt, betrachten das Eigentum als eine bestehende Tatsache, deren Ursprung
und Fortschritt sie nicht weiter untersuchen und deren soziale Nützlichkeit
sie sich nicht einmal zu finden bemühen........ Die Arbeiten der englichen Volks-

wirtschaftler sind noch weiter von jedem Gedanken an eine soziale Ordnung entfernt“
(Doctrine,. S. 221 u. 223). Die Saint-Simonisten nehmen von dieser Beurteilung;
nur Sismondi und Tubgot aus.
        <pb n="284" />
        ﻿Kapitel II. Saint-Simon, die Saint-Simonisteu u. d. Ursprung des Kollektivismus. 259

volkswirtschaftlich, das andere durchaus soziologisch — laufen nun
durch das ganze Jahrhundert neben einander her , ohne das; man
sich oft auch nur die Mühe genommen hätte, zwischen ihnen zu
unterscheiden.

b) Ein anderer höchst wichtiger Unterschied der Gesichtspunkte
ergibt sich aus der Art und Weise, wie die Nationalökonomen und
die Sozialisten den Gegensatz zwischen den allgemeinen und den
privaten Interessen auffassen.

Die Klassiker setzen das Interesse der Verbraucher, das das
Interesse aller ist, zu dem der Produzenten, das das Interesse
einzelner ist, in Gegensatz.

Die Saint-Simonisten und nach ihnen alle Sozialisten ersetzen
diesen Gegensatz durch den zwischen Arbeitenden und Müßig-
gängern oder, wie man später in einer engeren Formel sagt, durch
den zwischen Arbeitern und Kapitalisten. Das allgemeine Interesse
ist das der Arbeitenden, und das Privatinteresse ist das der Müßig-
gänger, die auf Kosten der Arbeitenden leben. „Wir haben schon
mehrere Male“, sagt Enfantin, „auf den Fehler in der Klassifikation,
der heute von unseren Nationalökonomen begangen wird, hingewiesen:
Die Worte Produzent und Verbraucher bezeichnen in fehlerhafter
Weise die Beziehungen, die zwischen den Gliedern einer Gesellschaft
bestehen, da der wirklich unterscheidende Zug, der sie trennt, die
Arbeit oder der Müßiggang ist“ 1). Dieser Unterschied in den Ge-
sichtspunkten bedingt natürlich eine vollständig verschiedene Auf-
fassung der ..sozialen Organisation. Für die Nationalökonomen muß
die Gesellschaft im Hinblick auf den Verbraucher organisiert sein,
und das allgemeine Interesse ist befriedigt, wenn der Verbraucher
zufrieden gestellt ist; für die Sozialisten muß die Gesellschaft im
Hinblick auf die Arbeitenden organisiert sein, und das allgemeine
Interesse ist befriedigt, wenn diese ihren gerechten Anteil an dem
auf seinen Höchstbetrag gebrachten sozialen Produkt erhalten -).

') Producteur, III., 385.

2) Im Vorwort zur „Economie politique et Politique“, 8. 6, sagt
Ehuantin noch: „.....Alle Kragen der Volkswirtschaft müssen auf ein gemein-
sames Prinzip zurückgeführt werden, und..um die Nützlichkeit einer volks-

wirtschaftlichen Maßnahme oder Idee zu beurteilen, ist es unumgänglich not-
wendig, zu untersuchen, ob diese Maßnahme oder diese Idee unmittelbar zura Ge-
winn der Arbeitenden dient, oder ob sie durch Diskreditierung des Müßigganges
fluttelbar zur Besserung ihrer Lage beiträgt“. — Wir freuen uns in dieser Hinsicht
gleicher Meinung mit der von Halüvy in seinem Aufsatz über Saint-Simon (Revue
Di Mois, Dezember 1907) ausgedrückten Ansicht zu sein, in dem er diesen Ge-
danken als den spezifisch sozialistischen Zug der Lehre Saint-Simon’s hinstellt. Wir
haben jedoch gefunden, daß es noch einen anderen, zum wenigsten ebenso be-
hütenden gibt; den Gedanken, an Stelle einer Regierung der Menschen eine Ver-
waltung der Dinge zu setzen.

17*
        <pb n="285" />
        ﻿260

Zweites Buch. Die Gegner.

c) Als letzter, wenn auch nicht weniger bedeutender Unterschied,
ist zu erwähnen: die Klassiker bemühen sich, die scheinbare Unord-
nung der individuellen Handlungen auf wissenschaftliche Gesetze
zurückzuführen; wenn ihnen dies gelungen ist, sind sie von der tiefen
Harmonie, die sie auf diese Weise entdeckt haben, höchst entzückt
und sehen daher davon ab, irgendeine Verbesserung anzubringen. Es
genügt ihnen, aufgezeigt zu haben, wie die spontanen sozialen Kräfte,
z. B. die Konkurrenz, dem Egoismus Grenzen setzen und ihn schließlich
vor den Triumphwagen des allgemeinen Interesses spannen; sie fragen
sich nicht, ob die Wirkung dieser Kräfte nicht weniger brutal ge-
staltet werden kann? ob das Eäderwerk des verborgenen Mechanis-
mus, den sie entdeckt haben, nicht etw7a geölt werden könnte, um
dann mit geringerer Eeibung zu arbeiten?

Die Saint-Simonisten, zu denen man in diesem Punkte Sismondx
rechnen muß, sind im Gegenteil von der Langsamkeit, dem Unge-
schick und oft auch von der Grausamkeit peinlich betroffen, mit
denen diese spontanen sozialen Kräfte sich meistens durchsetzen. Sie
bemühen sich dann, an ihre Stelle eine zielbewußte und vernünftige
Eeaktion der Gesellschaft zu setzen. Der spontanen Versöhnung
der Interessen stellen sie ihre künstliche Aussöhnung gegenüber,
und sie suchen leidenschaftlich nach dem Mittel, sie zu verwirklichen.
Daher ihre zahllosen Bemühungen, um einen neuen Mechanismus
zu finden, der fähig wäre, an Stelle jenes spontanen Mechanismus
zu treten. Daher die oft kindlichen Pläne, um die Koordination und
Assoziation der wirtschaftlichen Kräfte durchzuführen. Diese mit
Notwendigkeit zum Scheitern verdammten Versuche liefern dann den
Gegnern des Sozialismus die besten Waffen, um ihn zn bekämpfen.
Jedoch bleiben nicht alle diese Versuche ohne Erfolg, und einige
haben sogar einen großen Einfluß auf die soziale Entwicklung gehabt.

In der Lehre Saint-Simon’s werden diese Gegensätze zwischen
der Nationalökonomie und dem Sozialismus zum erstenmal mit allem
Nachdruck dargelegt. Heute kann es uns durchaus gleichgültig
sein, daß die Schule dem Fluch der Lächerlichkeit erlegen ist, und
daß die Exzentrizitäten Enfantin’s seine Propaganda gerade in dem
Augenblick unterbrochen haben, als die Schule Fouriee’s sich mit
Erfolg entwickelte In einer Geschichte der Doktrinen kommt es vor
allen Dingen darauf an, die Ideen, die Gedanken hervorzuheben. Und
der Saint-Simonismus erscheint uns ohne jeden Zxveifel als der erste,
der beredtste und der eindruckvollste Ausdruck der Gefühle und Ideen,
die den Sozialismus des 19. Jahrhunderts bilden werden').

l)	An dieser Stelle muß unbedingt auch auf das bewunderungswürdige kleine
Werk Aston Mengeb’s: Das Eecht auf den vollen Arbeitsertrag (1886)
        <pb n="286" />
        ﻿Kapitel III. Die Assozialisten.

261

Kapitel III.

Die Assozialisten1).

Wir nennen Assozialisten diejenigen, die geglaubt haben, daß
die freie Genossenschaft genüge, um alle sozialen Fragen zu lösen,
vorausgesetzt, daß sie auf Grund eines vorher ausgearbeiteten Planes
organisiert werde, — ein Plan, der in den verschiedenen Systemen
verschieden ausgestaltet ist.

Sie unterscheiden sicli von den Saint-Simonisten dadurch, daß
diese die Lösung mehr in der Vergesellschaftung (Sozialisation) als
in der Genossenschaft (Assoziation) suchen2) (in dieser Beziehung
sind die letzteren die wirklichen Vorläufer des Kollektivismus ge-
wesen); das ist. aber nicht dasselbe. Die Sozialisation berührt die
Gesellschaft als Gemeinwesen und sucht in einer kollektiven Or-
ganisation alle Mitglieder der Nation zu umfassen; daher würde
auch das Wort Nationalisation klarer sein. Der Assozialismus
ist mehr individualistisch: er fürchtet, daß das Einzelwesen in der
Masse verloren gehe. Daher glaubt er, es besser in den Organisationen
kleiner selbständiger Gruppen zu schützen, die sich übrigens in freien
Verbänden zusammenschließen mögen: aber wenn es zum Zusammen-
schluß kommt, dann hat er von unten und nicht von oben zu kommen.

Auf der anderen Seite unterscheiden sich die Assozialisten von
den Nationalökonomen der liberalen Richtung darin, daß sie Vor-
schlägen, durch die Gründung dieser Genossenschaften ein neues
Milieu zu schaffen. Sie wollen genau wie die anderen die freie
Entfaltung aller individuellen Kräfte: sie glauben jedoch, daß gerade

hingewiesen werden, dessen Studium zur Kenntnis der Geschichte des Sozialismus
unumgänglich nötig ist. — Wir erwähnen ebenfalls, um nicht wieder darauf
znruckzukommen: Les Systemes socialistes (Paris, 1902, 2 Bde.) von Pareto
uls die originellste kritische Arbeit (obgleich nicht immer frei von Parteilichkeit),
die über den Sozialismus veröffentlicht worden ist, — wie auch das Buch Bourguin’s :
Des Systemes socialistes et l’evolution economique (Paris 1906), das die
am wissenschaftlichsten durchgebildete Kritik der wirtschaftlichen Theorien des

Sozialismus enthält.

*) Die Verfasser überschreiben dieses Kapitel: „Les Socialistes Assooiationnistes .
Wir haben es für erlaubt gehalten, den unseres Wissens von Albert Sohaitle ge-
prägten Ausdruck „Assozialisten“ dafür einzusetzen (Anm. d. Übers.).

2)	„Die Assoziation, die dem Antagonismus ein Ziel setzt, hat bisher noch nicht
ihre richtige Form gefunden. Sie zerfällt in Einzelassoziationeu, die sich unterein-
ander bekämpfen. Daher hat auch der Antagonismus noch nicht aufhören können.
Di wird verschwinden mit dem Tage, an dem die Assoziation allumfassend
geworden sein wird“ (Exposition de la doctrine de Saint-Simon,
D Jahrg., S. 177).
        <pb n="287" />
        ﻿262

Zweites Buch. Die Gegner.

unter der jetzigen wirtschaftlichen Ordnung diese Kräfte erstickt
werden, ausgenommen vielleicht für einige Privilegierte. Sie glauben,
daß die Freiheit und die Individualität sich nur dann entfalten
können, wenn sie in ein neues Milieu verpflanzt worden sind. Dieses
neue Milieu wird sich nun nicht von selbst schaffen: es muß ge-
schaffen werden, ebenso wie ein Gärtner seine Treibhäuser errichtet.
So hat denn auch jeder dieser Erfinder seinen Organisationsplan und
sogar, wie sie sich nicht zu sagen scheuen, sein Geheimnisx). Be-
sonders hierin, in dieser Auffassung eines künstlichen Milieus, das
inmitten des bestehenden sozialen Zustandes zu schaffen sei, und das
von ihm sozusagen durch wasserdichte Schotten getrennt ist, liegt es
begründet, daß dieser Sozialismus mit dem Namen Utopismus bedacht
worden ist.

Sicherlich -würden sie nur eine wahre Beobachtung ausgesprochen
haben, wenn sie sich auf die Behauptung beschränkt hätten, daß das
soziale Milieu verändert werden soll und muß, ehe man den Menschen
umwandeln kann. Diese Veränderung sei trotz der sogenannten be-
stehenden und unveränderlichen Gesetze zunächst in Angriff zu
nehmen. Das wirksamste Mittel, diese Umformung zu erzielen, sei
die Genossenschaft. Hiermit wären sie nur allen denen vorausgeeilt,
die heute in der Gewerkschaft oder in der Kooperation oder in der
Schaffung von Gartenstädten, die an Stelle der elenden Mietskasernen
treten sollen, die Lösung der sozialen Frage sehen.

Wenn es ihnen aber gelungen wäre, ihre Pläne zu verwirklichen,
so wäre, fürchten wir, die Freiheit in diesem neuen Milieu noch
schlechter als in dem heutigen gefahren. Diese Furcht scheint be-
rechtigt, wenn man berücksichtigt, daß alle, mit denen sie einen,
wenn auch noch so kleinen, Versuch zur Verwirklichung ihrer Experi-
mente anstellten, den Wunsch ausdrückten, sich so schnell wie möglich
wieder zurückzuziehen.

Jedoch würden sie es sehr übel vermerkt haben, wenn man ge-
äußert hätte, sie wollten ein künstliches Milieu schaffen. Sie be-
haupteten, daß gerade umgekehrt das jetzige Milieu ein künstliches
sei, und daß es sich nicht darum handele, ein Milieu zu schaffen,
sondern dasjenige Milieu zu entdecken, das seiner Natur nach schon
auf die wirklichen Bedürfnisse des Menschen zugeschnitten sei und
zwar auf Grund einer natürlichen oder von der Vorsehung einge-

b In der No. vom 27. Aug. 1821 der Zeitung Owen’s T he Econoinist las
man: „Das Geheimnis ist enthüllt; es ist die vollkommene Kooperation seitens aller
Mitglieder und für alle Zwecke des sozialen Lebens“. Eotjbibr schrieb fast dasselbe:
„Das Geheimnis der Einheit der Interessen liegt in der Assoziation“ (Association
Domestique, I, S. 133). An anderer Stelle schreibt er: „Heute, am Charfreitag,
habe ich das Geheimnis der Assoziation gefunden.“
        <pb n="288" />
        ﻿Kapitel III. Die Assozialisten.

263

richteten Harmonie. Im Grunde genommen ist es die Idee der Natur-
ordnung der Physiokraten, nur mit dem Unterschiede, daß ihre Vor-
stellung von dieser angeblich natürlichen Ordnung durchaus von
&lt;ler der Physiokraten verschieden war; daraus geht schon hervor,
daß diese sogenannte natürliche Ordnung nichts weniger als natürlich
war, da sie ja je nach der subjektiven Auffassung der Betrachter ein
verschiedenes Bild zeigte. Unter ihren Ausführungen gibt es jedoch
■einige, von denen man sehr wohl glauben könnte, daß sie Quesnay
oder La Rivierb entlehnt seien: zum Beispiel die Owen’s, die wir
bei Dolleans finden: „Die Genossenschaft ist der unmittelbare Träger
des Willens Gottes, um die Gesellschaft in Harmonie mit der Natur
zu bringen.“ Das ist ganz und gar die physiokratische Theorie des
„guten Despoten“ (siehe S. 40). Was Foüeies anlangt, so verglich
or sich mit Newton, da er das Gesetz der „passionellen“ Anziehung
entdeckt habe, und er glaubte, daß sein „Genieblitz“, wie Zola
später sich ausdrückte, darin bestand, die von Gott gegebenen Leiden-
schaften nutzbar gemacht zu haben.

Worauf cs bannt sächlich au kommt, ist. daß dieser Assozialismus

noch besonders auf allen Gebieten formell verboten; wie man weiß,

der französischen Revolution als die Vorstellungen, die diese neuen
■Gründer von Laienorden wie Owen, Fourier oder Gäbet beherrschten.

Die Männer von 89 waren übrigens nicht so durchaus im Irrtum,
nnd es war nicht nur die Furcht vor dem Gespenst der Zünfte und
Gilden, wenn sie glaubten, daß die Assoziation äußerst gefährlich
ftir die Freiheit des Individuums sei. Ein italienisches Sprichwort

*) Was den Sozialismus und die französische Revolution anlangt, siehe das
vorhergehende Kapitel über Saint-Simon (S 226/227, Anm.).

a) In der „Declaration des Droits“ findet sich: „die Freiheit, das Eigentum, der
Widerstand gegen Unterdrückung“ usw., aber nichts über „das Recht der Assoziation“.
j , Wie man weiß, wurde die Berufsgenossenschaft, eine der ältesten und auf

jeden Fall die demokratischste Form der Assoziation, durch das bekannte Dekret von
U91, das den Namen „Le Chapelier“ trug, verboten, und das Strafgesetzbuch von
1810 sah strenge Strafen für jede Assoziation von mehr als 20 Personen vor. Im
Laufe des 19. Jahrhunderts wurden diese Bestimmungen nach und nach abgeschwächt,
zunächst für die Unterstützungsgesellschaften auf Gegenseitigkeit, damy für die

Gewerkschaften, doch sie wurden endgültig erst durch das Gesetz vom 1. Juli 1901
■aufgehoben.
        <pb n="289" />
        ﻿264

Zweites Buch. Die Gegner.

sagt: „Wer einen Teilhaber hat, hat einen Herrn“, und die liberale
ökonomische Schule hat diese Befürchtungen stets mehr oder weniger
geteilt, die sich übrigens durch zahlreiche despotische Handlungen der
Berufsverbände, sowohl der Kapitalistenverbände wie der Arbeiter-
gewerkschaften, rechtfertigen lassen.

Die Assozialisten der ersten Hälfte des Jahrhunderts standen,
aber im besonderen, und zwar noch mehr als Sismondi und die Saint-
Simonisten, unter dem starken Eindruck der damals neuen Tatsache-
der Konkurrenz. Der Kampf um den Profit zwischen den Pro-
duzenten, und um den Lohn zwischen den Arbeitern, der sofort ein-
setzte, als die Schranken der alten Zünfte gefallen waren, erschien
ihnen wie das Tier der Apokalypse, und mit einem, äußerst be-
merkenswerten Scharfsinn wiesen sie darauf hin, daß die Konkurrenz,
das Monopol wieder herstellen würde1). Sie wollten weder Kon-
kurrenz noch Monopol, und gerade die Assoziation erschien ihnen
(nicht die korporative Assoziation, um die sie sich nicht ge-
kümmert zu haben scheinen, sondern die kooperative Assoziation)
als das einzige Mittel, die Konkurrenz zu unterdrücken, ohne weder
die Freiheit noch die Lebensbedingungen der Produktion zu beein-
trächtigen. Auch jetzt kann man noch nicht sagen, daß sie sich
getäuscht hätten.

Die beiden bedeutendsten Namen des Assozialismus sind Kobeet
Owen und Chaeles Foueiee. Sie sind Zeitgenossen; der erste wurde
1771 — der zweite 1772 2) geboren, aber trotzdem sind beide einander
fast völlig fremd geblieben. Anscheinend hat Owen niemals dem
System Foueier’s die geringste Aufmerksamkeit geschenkt; und wenn
dieser manchmal von dem „plan de communaute“ Owen’s spricht,,
tut er es stets in einer gewissen anzüglichen Art und Weise und
scheint ihn übrigens nur von Hörensagen zu kennen8).

Diese gegenseitige Unkenntnis macht der Beobachtungsgabe, wie
auch der Bescheidenheit der beiden Männer nicht viel Ehre. Man

*) „Es ist erwiesen, daß unser Regime der freien Konkurrenz, wie es von einer
unwissenden Ökonomik gefordert und zwecks Abschaffung der Monopole dekretiert
wird, nur zu einer allgemeinen Organisation der großen Monopole in allen Geschäfts-
zweigen führt“ (Victor CoNSinkEANT, Principes de Socialisme).

2)	Das erste Buch Fourier’s: Des quatre Mouvements stammt aus dem
Jahre 1808 und sein letztes: La Fausse Industrie ist von 1836, während Ovvbn’s
erstes Buch: Report on the Poor im Jahre 1817 und sein letztes: The Book
of the New Moral World 1845 erschien.

3)	„Nach den Einzelheiten, die Journalisten über die englischen Unternehmungen
unter der Leitung Owen’s gegeben haben, scheint man drei Hauptfehler gemacht
zu haben, von denen jeder genügen würde, das Unternehmen fehl schlagen zu lassem

.....zu große Anzahl,......Gleichheit......, Fehlen der Landwirtschaft“ (Unita

Universelle, II, 36).
        <pb n="290" />
        ﻿Kapitel III. Die Agsozialisteu.

265

kann sie jedoch erklären: wenn beide sich auch durch ihren Plan
der sozialen Reorganisation nahe stehen, der auf der Schaffung
selbständiger Genossenschaften beruht, einer Art von Mikrokosmen,
die dazu bestimmt waren, der zukünftigen Gesellschaft als Muster oder
vielmehr als Ferment zu dienen; und wenn auch das nach ihrem Tode
entstandene Genossenschaftswesen auf ihren gemeinsamen Einfluß
zurückzuführen ist, so lebten sie doch in ganz verschiedenen Welten.
Ohne hier weitere Parallelen zwischen ihnen zu ziehen, muß man
doch erwähnen, daß Owen ein reicher Industrieller war, einer der
bedeutendsten und einflußreichsten Männer seiner Zeit und seines
Landes, während Fourier nur ein kleiner Handelsangestellter und,
wie er sich selbst nennt, ein „sergent de boutique“ war, der später
ein kleiner Rentier wurde, dessen Ruf kaum über die Grenzen eines
kleinen Freundeskreises hinauswuchs. Trotz allem aber, was man
glauben könnte, wrar der Millionär der größere Sozialist, ein Kom-
munist, ein Kämpfer, ein Pamphletist, ein Agitator, antiklerikal in
der ganzen Bedeutung, die man heute dem Worte gibt, während sein
bescheidener Rivale ein alter Junggeselle mit den Gewohnheiten
einer alten Jungfer war, der sein Haus nur verließ, um der Militär-
musik zuzuhören, ein geduldiger Schreiber, der sich zwang, jeden
Tag die gleiche Anzahl Seiten fertig zu stellen, und einen stillen
Teilhaber erwartete, der niemals kam.

Außer diesen beiden Hauptvertretern enthält der Assozialismus
uoch andere Namen. Wir werden von Louis Blanc und an zweiter
Stelle von Leroux und Gäbet zu sprechen haben.

I.

Robert Owen.

Unter allen Sozialisten erscheint Robert Owen als eine be-
sonders originelle und sogar einzigartige Persönlichkeit. M o kann
man einen anderen finden, der wie er ein großer Fabrikherr, ein
«businessman“, einer der Industriekönige seiner Zeit gewesen ist?
Und doch war der Sozialismus Owen’s nicht nur die Philanthropie
bus guten Arbeitgebers. Freilich war er durchaus kein revolu-
tionärer Sozialist: er w'eigerte sich, an der chartistischen Bewegung
teilzunehmen, die uns heute recht harmlos erscheinen w'ürdeJ). Er

’) Obgleich der Chartismus eine Arbeiterbewegung war, die von der W orking
™en’s Association geleitet wurde (1836—1839), so waren doch die Forderungen
der berühmten Charter ausschließlich politisch. Die Hauptforderung war das all-
gemeine Wahlrecht.
        <pb n="291" />
        ﻿266

Zweites Buch. Die Gegner.

steckte als Ziel den Arbeitern niemals die Enteignung' der Kapi-
talisten, sondern die Schaffung neuer Kapitalien, — und hierin unter-
scheidet sich auch heute noch das kooperative Programm von dem
der Kollektivisten. Trotzdem war er in der ganzen Bedeutung des
Wortes Sozialist, sogar Kommunist. Er war sogar wahrscheinlich
der erste, der das Wort Sozialismus wie eine Fahne vor sich
hertrugx).

') Wahrscheinlich glaubte er sogar diesen Namen erfunden zu haben, doch
scheint ein französischer Sozialist, Pierre Leroüx, in dieser Hinsicht Anspruch auf
die Priorität erheben zu können (siehe weiter unten). Trotzdem dürfte es wahr sein,
daß das erste Buch, auf dessen Umschlag dieser Aufsehen erregende Titel erschien,
das Pamphlet Owen’s war: What is Socialism? (1841).

Owen’s sehr langes Leben — er starb 1858 im Alter von 87 Jahren — war
außerordentlich ereignisvoll.

Als Sohn eines kleinen Handwerkers in Wales geboren, begann er als Lehrling
und machte sich später als kleiner Arbeitgeber, mit einem seinem Vater entlehnten
Kapital von hundert Pfund Sterling, in der Baumwollspinnerei selbständig. Nach
raschen Fortschritten war er mit 30 Jahren Miteigentümer und Direktor einer großen
Fabrik in New-Lanark in Schottland. Dort fing er an, von sich reden zu machen,
und zwar ebenso wegen seiner technischen Vervollkommnungen wie wegen seiner
Arbeiterwohlfahrtseinrichtungen. Dort begannen auch seine Gedanken über die Er-
ziehung des Menschen festere Gestalt anzunehmen. Seine Fabrik wurde bald ein
aristokratischer Wallfahrtsort, der von vielen berühmten Männern besucht wurde.
Verschiedene Herrscher standen, wenn sie auch nicht zu seinen Besuchern zählten,
doch in Briefwechsel mit ihm, so besonders der König von Preußen betreffs Unter-
richtsfragen und der König von Holland über Fragen der Unterstützung.

Die große Krisis des Jahres 1816 zeigte ihm die schrecklichen Störungen der
bestehenden Wirtschaftsordnung, und damit begann die zweite Periode seines Lebens,
die der kommunistischen Versuche. ,1826 gründete er in Indiana in Amerika die
Kolonie New-Harmony, während einer seiner Schüler eine andere in Orbiston in
Schottland ins Leben rief. Sie bestanden nur wenige Jahre. Der Gründung dieser
Kolonien folgte im Jahre 1§22 der Versuch des Tauschmagazins in London, der eben-
falls unglücklich ausging.

Nun trat Owen, 63 Jahre alt, von seinen Versuchen entmutigt, aber ohne in
seinem Glauben an seine Lehre schwankend zu werden, in die dritte Periode seines
Lebens, das noch lang vor ihm lag, und die er einzig der Verbreitung des Evan-
geliums einer „Neuen moralischen Welt“ widmete, ein Titel, den er seinem Hauptwerk
The New Moral World (1845) und der Zeitung, die er seit 1884 unter dem
gleichen Namen herausgab, beigelegt hatte. Er nahm tätigen Anteil an der Be-
wegung des „Trade Unionism“, scheint sich aber weniger um die kooperative Be-
wegung gekümmert zu haben, obgleich er ihren Anfang (die Pioniere von Rochdale
datieren von 1844) noch erlebt hat, und die trotzdem seinen größten Ruhmestitel
ausmacht.

Owen war kein Schriftsteller; sein Leben war hierfür zu tätig; er hat nur
wenige Bücher hinterlassen. Dafür aber war er ein unermüdlicher Redner und
Journalist. Doch kann man nicht anders, als zngeben, daß, wenn man heute seine
Reden und Aufsätze liest, der Erfolg, den sie hatten, nicht recht erklärlich ist.

Biographische Einzelheiten, wie auch alles, was mit der Doktrin Owen’s zu-
sammenhängt, finden sich in dem ausgezeichneten Buche Doll^ans’, Robert Owen
(Paris, 1907).
        <pb n="292" />
        ﻿Kapitel III. Die Assozialisten.

267

Ein großer Städtebauer im Lande Utopia, war er doch der Be-
gründer einer ganzen Menge von Reformen und Einrichtungen, die
sich als außerordentlich praktisch erwiesen und die in der Folgezeit
immer größere Bedeutung gewonnen haben. Wir meinen die Arbeiter-
wohlfahrtseinrichtungen.

Wenn wir ihn auch unter die Assozialisten einrechnen, so darf
man deshalb nicht glauben, daß die Genossenschaft die einzige Lösung
der sozialen Frage gewesen sei, die er im Auge gehabt hat. In
Wirklichkeit hat er sie alle ein wenig probiert.

Mit den Arbeiterwohlfahrtseinrichtungen hat er begonnen. In
seiner Fabrik von New-Lanark waren schon fast alle Veranstaltungen
verwirklicht, die später auf den sozialökonomischen Ausstellungen
vorgeführt wurden: Arbeiterhäuser mit Gärten, Speisezimmern und
W irtschaftsgebäuden, Sparkassen usw.

Der Arbeitergesetzgebung eilte er ein ganzes halbes Jahrhundert
voraus, indem er:

1.	den Arbeitstag für Erwachsene von 17 auf 10 Stunden be-
schränkte;

2.	sich weigerte, Kinder unter 10 Jahren zu beschäftigen, und für
Sle Schulen schuf, die zum ersten Male durchaus dem kirchlichen
Einfluß entzogen waren;

3.	die damals überall gebräuchlichen Strafgelder abschaffteJ).

Da aber Owen einsah, daß weder sein Beispiel, noch auch sein

industrieller Erfolg die Arbeitgeber zu seinen Ideen bekehren konnten,
versuchte er, die Regierungen dafür zu gewinnen, zuerst die seines
eigenen Landes, dann aber auch die fremden Herrscher, und so durch
Gesetze dieselben Reformen zu erbitten, die er lieber von dem guten
W illen der herrschenden Klassen allein erlangt hätte.

') Als seine Teilhaber sich über diese Neuerungen, die für seine Zeit unerhört
Waren, beklagten, antwortet Owen ihnen in folgenden Worten, die auch heute noch
ukhts an zeitgemäßer Bedeutung verloren haben: „Die Erfahrung hat Ihnen sicherlich
den Unterschied gezeigt, der zwischen einer rein geputzten, glänzenden masohiue en
Einrichtung, die stets in gutem Zustand ist, und einer anderen besteht, die schmutzig
ünd in Unordnung ist, die unnötige Eeihungen aufweist und die nach und nach
unbrauchbar wird. Wenn daher die auf unheseelte Maschinen verwendete Muhe so
Vorteilhafte Ergebnisse zeitigt, warum sollte man nicht das gleiche von der Sorgfalt
erwarten, die mau auf lebendige Maschinen verwendet, deren Struktur noch viel
bewunderungswürdiger ist? ... Ist es nicht natürlich, wenn man zu dem Schluß
kommt, daß auch diese viel komplizierteren und feineren Maschinen an Kraft und
Wirksamkeit gewinnen werden, und daß ihre Verwendung wirtschaftlicher sein wird,
wenn man sie reinlich hält, sie mit Freundlichkeit behandelt, wenn man ihrer
geistigen Tätigkeit unnötige Reibungen erspart, und wenn man ihnen eine aus-
reichende Menge Nahrungsmittel und Unterhaltsmittel liefert, um ihren Köiper in
gutem, produktionsfähigen Zustand zu erhalten und zu verhindern, daß er vorzeitig
verfalle und zum alten Eisen geworfen werden muß?’1
        <pb n="293" />
        ﻿268

Zweites Buch. Die Gegner.

Schon vor'Loed Shaexesbüey eröffhete er den Feldzug für die''
Beschränkung der Kinderarbeit in den Fabriken und trug viel zu
dem Gesetz von 1819 bei, das das Minimalalter der arbeitenden
Kinder auf 9 Jahre festsetzte. Er hatte 10 Jahre verlangt.

Auch hier abgewiesen, verzweifelt er an der Kraft der beiden
Mächte, der Arbeitgeber und des Staates, dem gesellschaftlichen Fort-
schritt zu dienen, und wendet sich an die dritte Macht: die Genossen-
schaft. Sie sollte das neue Milieu schaffen, ohne das die soziale
Frage unmöglich gelöst werden kann.

§ 1. Die Schaffung des sozialen Milieus.

Denn das ist die Grundidee Owen’s, die ihn in allen seinen ver-
schiedenen sozialen Versuchen geleitet hat, die Schaffung eines
sozialen Milieus: dies und stets nur dies erhoffte er zunächst
von den Arbeitgebern, dann vom Staate und zum Schluß von der
Kooperation.

Man kann sagen, daß hierin Owen der Vater dessen war, was
die Soziologen heute mit dem Wort Ätiologie bezeichnen, nämlich
die Anpassung und Unterordnung des Menschen an seine Umgebung.
Seine Theorie ist in der wirtschaftlichen Lehre ungefähr das, was
die Lamaeck’s in der Biologie ist: die Umformung des Organismus
durch den Einfluß der Umwelt auf die Organe. Von Natur ist der
Mensch weder gut noch böse, er ist das, wozu ihn ,seine Umwelt ge-
macht hat. Wenn heute der Mensch böse ist, so beruht das darauf,
daß die wirtschaftliche und soziale Ordnung verabscheuungswürdig
ist. Man muß aber darauf hinweisen, daß Owen der natürlichen Um-
welt keine Bedeutung irgendwelcher Art beigelegt zu haben scheint,
die doch für ändere Schulen, wie die Le Play’s, eine wesentliche
Bedingung darstellt. Er sieht nur das soziale Milieu, so wie es von
der Erziehung oder Gesetzgebung oder der bewußten Tätigkeit der
Einzelpersonen geschaffen ist.1) Wenn wir die Umwelt ändern, so
ändern wir auch den Menschen. Owen scheint sich aber nicht um
die „petitio principii“ gekümmert zu haben, die dieser Gedankenreihe
zugrunde liegt; denn, wenn der Mensch das Produkt seines Milieus
1 ist, so versteht man kaum, wie er dieses Milieu ändern kann. Es
würde, um ein gebräuchliches Bild zu gebrauchen, dasselbe sein, als

*) In dem System Owen's nimmt die Erziehung einen außerordentlich großen
Platz ein. Auf Grund seiner philosophischen Lehre mußte sie auch allmächtig sein.
Durch die Erziehung erzieht man den Menschen, den man will, ebenso wie man
Stiefel oder Hüte macht. Es würde ganz interessant sein, diese Gedanken mit denen,
die Rousseau in seinem Emile dargelegt hat, zu vergleichen, doch würde uns dies
za weit von unserem Gegenstand entfernen.
        <pb n="294" />
        ﻿Kapitel III. Die Assozialisten.

269

ob er sich am eigenen Zopfe aus dem Sumpfe ziehen wollte. Diese
Inkonsequenz war jedoch von der glücklichsten Bedeutung! Denn
auf ihr beruht jene bewunderungswürdige Bewegung, die viel später
zu den prachtvollen Einrichtungen der englischen Gartenstädte führen
sollte. Owen ist es zu danken, daß man sich bemüht, der Arbeit
einen Eahmen von Bequemlichkeit und Schönheit zu geben, der ihre
Leistungsfähigkeit verdoppelt.

Vom moralischen Gesichtspunkte aus gelangt diese deter-
ministische Auffassung natürlich dazu, alle Verantwortlichkeit des
Individuums zu leugnen1); jeder Gedanke an Verdienst oder Fehler,
Lob oder Tadel, Belohnung oder Strafe verschwindet, da das Indi-
viduum nicht anders sein kann, als es ist.

Um so mehr noch schließt sie jeden religiösen Einfluß und be-
sonders den der christlichen Religion aus. Diese Bemerkung ist
nicht überflüssig, weil sie erklärt, weshalb Owen in der englischen
Gesellschaft keine Unterstützung fand, die sich gegen das, was sie
für ein zynisches Bekenntnis zum Atheismus hielt, auflehnte, obgleich
Owen in Wirklichkeit Deist war2).

Vom wirtschaftlichen Gesichtspunkte aus führte diese Lehre zum
absoluten Gleichheitssystem, zu der Entlohnung gemäß den Bedürfnissen
nnd nicht gemäß den Fähigkeiten, denn warum sollte die Tatsache,
^aß jemand intelligenter oder kräftiger oder sogar arbeitsamer sei,
einen Anspruch auf eine höhere Entlohnung rechtfertigen, da dies doch
einzig und allein durch die Umstände bedingt wird? Hierin liegt der
Grund, weshalb die OwEN’schen Gemeinschaften kommunistisch waren.

Ein Eingehen auf die Geschichte dieser Kolonien erübrigt sich
hier. Dies um so mehr, da ihre Schicksale den gleichen ziemlich
monotonen Verlauf so vieler ähnlicher Untersuchungen zeigen. Den
Gründern waren dieselben Enttäuschungen beschieden. Owen war
gezwungen zuzugeben, daß es nicht gelungen war, das .Milieu zu
schaffen, das den neuen Menschen verwirklichen sollte. Er ver-
achtete daher auf den Ehrgeiz, eine von Grund auf vollständig neue
Gesellschaft zu errichten, und suchte die Lösung in der bestehenden
Gesellschaft, indem er sich damit begnügte, die Schmarotzerpflanzen
auszurotten, mit denen sie behaftet war.

So kommen wir zu der zweiten Grundidee Owen’s.
        <pb n="295" />
        ﻿270

Zweites Buch. Die Gegner.



§ 2. Die Abschaffung des Profits.

Um das wirtschaftliche Milieu zu ändern, muß vor allen Dingen
der Profit abgeschafft werden. Im Streben nach Profit, darin liegt
das Grundübel, die Erbsünde, die verbotene Frucht des Paradieses,
die den Fall des Menschengeschlechts verursacht hat. Was ist denn
in Wirklichkeit der Profit? Das, was den Kostenpreis über-
steigt. Er ist daher gerade auf Grund dieser Definition eine Un-
gerechtigkeit, denn der Kostenpreis ist der gerechte Preis: die Pro-
dukte müssen zu dem Preise verkauft werden, den sie kosten, weder
höher noch geringer. Der Profit ist aber nicht nur eine Ungerechtig-
keit ; er ist eine beständige Gefahr, die wirkliche Ursache der durch
Überproduktion oder vielmehr durch Unterkonsumtion verursachten
Krisen *), denn er versetzt den Arbeiter in die Unmöglichkeit, das
Erzeugnis seiner Arbeit zurückzukaufen und daher den Gegen-
wert dessen, was er erzeugt hat, zu verzehren. Wie wäre das auch
möglich, da ja das Produkt, sobald es seine Hände verlassen hat,
von einer Preiserhöhung betroffen wird, die es dem, der es hergestellt
hat, unerreichbar macht, wie auch dem, der eine gleiche Arbeit
lieferte, und als Preis nur einen gleichen Arbeitswert anbieten
kann?

Wie soll man nun vergehen, um diesen parasitischen Aufschlag
abzuschaffen? Würde zunächst nicht das natürliche Spiel der Kon-
kurrenz genügen, wenn sie ganz und gar frei und vollkommen wäre,
um zu einer Ausschaltung des Profites zu gelangen? Die Volks Wirt-
schaftler behaupten es, und wir werden sehen, wie im besonderen die
der hedonistischen Schule sich zu dem Nachweis erbieten, daß unter
der Ordnung einer vollkommenen Konkurrenz die Höhe des Profites
auf Null herabsinken würde. Owen glaubt dies jedoch keineswegs2);

•) Die große wirtschaftliche Krisis von 1815 hatte auf Owen, wie auf alle
Yolkswirtschaftler und Sozialisten seiner Zeit großen Eindruck gemacht.

2) Anscheinend könnte man Owen folgendes entgegenhalten: von zwei Dingen
ist nur eins möglich: entweder stellt der Gewinn einen Feil der Produktionskosten
vor; zwischen ihm und den Zinsen besteht kein Unterschied. In diesem Falle ist
es richtig, daß die Konkurrenz, so vollkommen sie auch sein möge, ihn nicht zutn
Verschwinden bringen kann, da sie doch nicht mehr zu tun vermag, als den Ver-
kaufspreis auf das Niveau der Produktionskosten zu bringen; in diesem Falle ist
aber der Profit weder ungerecht, noch parasitisch, da das Erzeugnis zu dem Preis,
den es gekostet hat, weder teuerer, noch billiger, verkauft wird.

Oder aber der Gewinn stellt keinen Teil der Produktionskosten dar: zwischen
ihm und den Zinsen besteht ein Unterschied; er ist nur der Überschuß des Verkaufs-
preises über den Kostenpreis; in diesem Fall kann man ihn allerdings parasitisch
nennen; doch auch dann wird er unter der Herrschaft der vollkommenen Konkurrenz
        <pb n="296" />
        ﻿Kapitel III. Die Assozialisten.

271

für ihn sind im Gegenteil die Konkurrenz und der Profit untrennbar,
denn, wenn das eine der Krieg ist, so ist das andere die Beute.

Es kam daher darauf an, eine Methode zu finden, um den Profit
abzuschaffen und mit ihm „alle die Einrichtungen, die beständig den
Wunsch hervorrufen, billig zu kaufen und teuer zu verkaufen“. Das
Werkzeug des Profits ist nun das Geld: erst durch das Geld kann er
sich verwirklichen ')• Auf Grund des Geldes drängt er sich in jeden
Tausch, und durch das Geld wird erst die Anomalie möglich, eine
Ware über ihren Wert zu verkaufen. Das Geld muß man also an-
greifen. Es muß durch Arbeitsnoten (labour notes) ersetzt werden. Sie
werden dann den wirklichen Wertmesser darstellen, der dem Gelde
bedeutend überlegen ist; denn da die Arbeit Ursache und Substanz
des Wertes ist, ist es nur natürlich, daß sie auch ihren Maßstab vor-
stellt. Man erkennt, daß Owen aus Eicakdo’s Werttheorie über-
raschende Schlüsse zieht.

Soviel Arbeitsstunden ein Erzeugnis gekostet hat, so viel Arbeits-
noten erhält sein Erzeuger, weder mehr noch weniger, wenn er es
verkaufen will, — und ebenso viel muß der Verbraucher geben,
weder mehr noch weniger, wenn er es kaufen will. Auf diese Weise
wird der Profit abgeschafft.

Die Verdammung des Geldes war nicht neu, aber worin eine
wirklich neue Idee liegt — „eine Entdeckung, die“, wie Owen sagt,
«bedeutender ist, als die der Minen Mexiko’s und Peru’s“, war die
Ersetzung des Geldes durch Arbeitsnoten. Es ist bekannt, wie
alle sozialistischen Schulen diese „Mine“ ausgebeutet haben. Jedoch
muß darauf hingewiesen werden, daß sie keineswegs mit dem kom-
munistischen Ideal Owen’s „einem jeden gemäß seinen Bedürfnissen“
übereinstimmte, denn diese Arbeitsnoten bedeuten offensichtlich, wie
e* später die kollektivistische Schule kategorisch sagte, „die Ent-

Dotwendigenveise 'verschwinden, da ein derartiges Einkommen nur auf einer mehr
oder weniger ausgesprochenen Monopolstellung beruhen kann.

Zur Zeit Owen's war aber die Unterscheidung zwischen Probt und Zinsen noch
uioht bekannt. Er würde sicherlich geantwortet haben, daß, ob Profit oder Zinsen,
doch alles eins wäre und daß, wenn der Profit vorgäbe, sich unter den Produktions-
kosten zu verstecken, um der Konkurrenz trotzen zu können, er kein Recht irgend-
welcher Art auf dieses Versteck habe, da die Produktionskosten sich einzig aus der
Arbeit und den zur Neubildung des auf ge wendeten Kapitals nötigen Amortisations-
s'unmeu zusammensetze. Daher müsse er aus diesem Versteck herausgezogen werden.

b „Das Metallgeld ist die Ursache einer außerordentlich großen Kriminalität,
einer Menge Ungerechtigkeit und Elends, sowie eine der Bedingungen des Milieus,
,e an einer Mißbildung des Charakters den größten Anteil haben und aus der Welt
ein l’andämonium machen.“

„Billig einkaufen und teuer verkaufen und zwar auf Grund eines künstlichen
' ertreters des Reichtums, der sich weder ausdehnen noch zusammenziehen kann, wie
1 as der Reichtum selbst tut, darin liegt das Geheimnis des Profits.“
        <pb n="297" />
        ﻿272

Zweites Buch. Die Gegner.

lohnung nach der individuellen Leistung“: weshalb aber bei dem
Tausche diese genaue Rechnung aufmachen. wenn man sie für die
Verteilung nicht mehr in Betracht ziehen sollte?1)

Die Erfahrung sollte nun lehren, ob diese Ausschaltung des
Geldes in der Praxis verwirklicht werden konnte. Der Versuch
wurde durch die Errichtung einer Arbeitstauschböxse (National
Equitable Labour Exchange) in London gemacht, die die originellste
und interessanteste Episode der OwBN’schen Bewegung ist, obgleich
in Wirklichkeit Owen selbst sich stets dagegen verwahrt hat, ihr
Organisator gewesen zu sein. Es war dies eine kooperative Gesell-
schaft mit einem Lager, wo jeder Gesellschafter das Erzeugnis seiner
Arbeit abliefern und den Preis dafür in Arbeitsnoten erhalten konnte,
einen Preis, der nach der Anzahl der Arbeitsstunden, die das Er-
zeugnis gekostet hatte, und die der Teilhaber selbst angab, bewertet
wurde. Diese so zu Waren gewordenen Erzeugnisse wurden im
Lager auf bewahrt; der Preis war in Arbeitsstunden auf ihnen ver-
merkt. Sie blieben zur Verfügung der Gesellschafter, die sie kaufen
wollten. Die Käufer hatten nur den auf ihnen vermerkten Preis in
Arbeitsnoten zu bezahlen. Infolgedessen konnte jeder Arbeiter, der
z. B. 10 Stunden gebraucht hatte, um ein Paar Schuhe herzustellen,
sich irgendwelche andere Ware, die ebenfalls 10 Arbeitsstunden ge-
kostet hatte, verschaffen. Er erhielt daher genau den Gegenwert
seiner Arbeit: der Profit war ausgeschaltet. Andererseits war auch
der Zwischenhändler, der den Profit heute einsteckt, der Profit-
macher, sei er Industrieller oder Händler, durch den unmittelbaren
Verkehr zwischen Produzenten und Verbraucher unterdrückt. Und
das Problem war daher gelöst2).

') Owen hat diesen Widerspruch wohl gekannt. Wir dürfen aber nicht ver-
gessen, daß es sich hier nnr um eine Ubergangslösung handelte, zu der sich Owen
entschließen mußte, da er die vollständige Lösung durch eine kommunistische Asso-
ziation in dem neuen Milieu nicht verwirklichen konnte. In der Kolonie von New-
Harmony begann mau damit, die Verteilung auf Grund der geleisteten Dienste vorzu-
nehmen, um nach und nach zu dem System der Gleichheit überzugehen, ohne Unter-
schied der geleisteten Dienste oder gelieferten Arbeit, — ein Fortschritt, der übrigens
das Ergebnis hatte, die Kolonie innerhalb sechs Monaten zu ruinieren.

2) Die Arbeitsbörse (Labour Exchange) wurde im September 1832 eröffnet
und hatte am Anfang einen relativen Erfolg. Sie zählte 840 Teilnehmer und errichtete
sogar einige Filialen. Sie schlug aus folgenden Ursachen fehl:

1. Weil die Teilnehmer den Wert ihrer Erzeugnisse, wie zu erwarten war, zu
hoch angaben, indem sie eine höhere Anzahl Arbeitsstunden in Anrechnung brachten,
als sie in Wirklichkeit darauf verwandt hatten. Daher mußte man darauf verzichten,
ihrer Ehrlichkeit zu vertrauen, und die Bewertung Sachverständigen übertragen,
wie in einer öffentlichen Leihanstalt. Diese Sachverständigen aber, die mit der
Werttheorie Owen’s wenig vertraut waren, schätzten die Erzeugnisse, die man ihnen
vorlegte, einfach nach ihrem Geldwert und übertrugen diesen Geldwert in Arbeits-
        <pb n="298" />
        ﻿Kapitel III. Die Assozialisten.

273

Der Versuch gelang- nicht besser als der der kommunistischen
Kolonien und dauerte nicht länger. Die höchst ungenaue Kenntnis,
die man damals von den Gesetzen des Wertes hatte, kann allein die-
jenigen entschuldigen, die ein anderes Resultat erwarteten. Nichts-
destoweniger bedeutet er ein bemerkenswertes Datum in der Ge-
schichte der Doktrinen, weil hier die erste Etappe einer Reihe von
Systemen gegeben ist, die mit dem Zweck, das gleiche Problem zu
lösen, aufeinander folgen. Allerdings wenden sie recht verschiedene
Mittel an, die wir in der Tauschbank (banque d’Echange) Peoudhon’s
und in den sozialen Buchungen (Comptabilisme social) Solvay’s
wiederfinden werden.

Übrigens haben die verschiedenen Veranstaltungen, die auf eine
Ausschaltung des Geldes hinzielten, nur eine sekundäre Bedeutung,
aber die Grundidee, nämlich die Abschaffung des Profits, sollte bestehen
bleiben und sich wenigstens teilweise in einer viel gesunderen und
großzügigeren Einrichtung verwirklichen, einer Einrichtung, die die
ganze Welt zu umfassen bestimmt war, nämlich in den Konsumvereinen
(magasins cooperatifs, — Stores — wie man sie in England nennt). Sie
begannen schon zur Zeit der Arbeitstauschbörse (1832—1834) in

stunden, gewöhnlich im Verhältnis von 6 Pence pro Arbeitsstunde. Sie konnten
such gar nicht anders vergehen. Nur ergab sich hieraus, daß das System Owen’s
völlig verkehrt wurde, da nicht mehr die Arbeit der Maßstab war, nach dem sich
der Handelswert der Gegenstände regelte, sondern im Gegenteil der Geldwert der
Produkte den Arbeitswert bestimmte.

2. Weil, sobald als die Gesellschaft Teilnehmer erhielt, die nicht so altruistisch
-wie die ersten Anhänger waren, die neu Hinzugekommenen ihr alle Gegenstände
brachten, die sonst unverkäuflich waren, und sich beeilten, mit den so erhaltenen
Pons sich von dem Lager alle die Gegenstände liefern zu lassen, die irgendwelchen
Wert darstellten, d. h. die ehrlich tarifiert worden waren, und die sie dann wieder
gegen gutes Geld verkauften, — so daß sich zum, Schluß nur noch „Ladenhüter“ in
dem Lager befanden. — Kurz das Lager kaufte nur Waren, die über ihren wirk-
lichen Wert, und verkaufte nur Waren, die unter ihren wirklichen Wert notiert
waren!

Die Labour-Notes lauteten nicht auf den Namen, waren nicht nominativ.
Jeder, auch der, der nicht zur Gesellschaft gehörte, konnte sie kaufen und sie zu
dieser wenig ehrenhaften, aber einträglichen Operation verwenden. Das taten zum
Beispiel 300 Londoner Krämer, die sich Labour-Notes verschafften, indem sie
erklärten, sie würden sie in Zahlung für ihre Waren annehmen. Sie benutzten sie,
um das Tanschlager zu plündern, und als nichts mehr übrig war, das es sich lohnte
uiitzunehmen, weigerten sie sich, weiterhin Labour-Notes in Zahlung zu nehmen,
womit der Gaunerstreich seinen Zweck erreicht hatte.

Es ist selbstverständlich, worauf auch Denis sehr richtig hinweist, daß das
lauschlager für Angestellte keinen Nutzen irgendwelcher Art bot; da dei Ange-
stellte, der Lohnempfänger, wie schon der Name besagt, niemals Eigentümei dei
Erzeugnisse seiner Arbeit ist, bat er niemals etwas zu verkaufen. Das System
Dwen’s kann daher nur dann von Nutzen sein, wenn man eine vorhergegangene
-Abschaffung des Lohnsystems annimmt.

Gicle und Rist, Gesell, d. Volkswirtschaft!. Lehrmeinunsen.	18
        <pb n="299" />
        ﻿274

Zweites Buch. Die Gegner.

größerer Anzahl zu entstehen, sollten aber ihre definitive Form erst
10 Jahre später durch die Pioniere von Rochdale erhalten.

Die Regel der Konsumvereine besteht darin: entweder überhaupt
keine Gewinne zu erzielen, — oder sie ihren Käufern im Verhältnis,
ihrer Einkäufe wiederzuerstatten, was natürlich auf das gleiche
hinausläuft: es gibt keinen Profit, nur Rückers tat tun gen (ristorni).
Um dies zu erreichen, bedienen sie sich des gleichen Mittels wie
Owen, nämlich des unmittelbaren Verkehrs zwischen Produzenten
und Verbrauchern unter Vermeidung jedes Zwischenhandels. Be-
merkenswert ist aber, daß diese Ausschaltung des Profits sich
vollzieht, ohne daß es nötig ist, das Geld abzuschafien'). Die enge
Verbindung, die Owen und viele andere Sozialisten nach ihm zwischen
Geld und Profit festzustellen geglaubt haben, ist nur eine Einbildung.,
Wie man weiß, werden gerade im Tauschhandel die größten Profite
erzielt, z. B. im Handel mit dem äquatorialen Afrika; man tauscht
Flinten, deren Preis auf das Fünffache ihres Wertes festgesetzt ist,,
gegen Kautschuk, der nach dem dritten Teil seines Wertes berechnet
wird, was einen Profitsatz von 1500 "/o ergibt. Die Wahrheit ist
im Gegenteil, daß das Geld den Wertschätzungen eine Genauigkeit
verleiht, die es gestattet, die Höhe des Profits auf den kleinsten
Bruchteil zurückzuführen, z. B. auf 1 Centime für den Meter Baum-
wollstoff', was bei dem Tauschhandel und sogar mit Arbeitsnoten voll-
ständig unmöglich sein würde.

Die kooperative Gesellschaft, soweit sie auf die Abschaffung des
Profits hinarbeitet, bleibt daher der bedeutendste Erfolg des Werkes
Owen’s und genügt zu seinem Ruhm. Es scheint jedoch, als ob sein-
Anteil an dieser großen Bewegung nicht ganz bewußt gewesen ist.
Zwar erscheint das Wort „Cooperation“ immer wieder in seinen
Schriften, aber dies Wort hatte damals nicht seine heutige Bedeutung:
es wollte einfach Kommunismus ausdrücken. Was die kooperativen
Konsumvereine in der Form von Verkaufslagern aulangt, so hat
Owen nicht nur jede Verantwortung an ihrer Entstehung abgelehnt,
sondern er hat sie im Gegenteil ausdrücklich als Vertreter seines
Systems abgewiesen. Er sah in ihnen nur kleine Läden oder philan-
thropische Unternehmungen, die seines Ideales unwürdig wären 2j.,

*) Jedoch ist damit noch nicht gesagt, daß die Konsumgenossenschaften, sobald
sie machtvoll organisiert und mit großen Zentralniederlagen verbunden sind, dieses
Projekt nicht wieder aufnehmen, d. h. das Geld in ihren Handelsoperationen absohaffen
werden. Auf jeden Kall tragen sie sich mit dem Gedanken.

2) So sagt wenigstens Holyoake in seiner „History of Cooperation“, I,,
S. 215 (1. Ausg.). Doch nach einer Stelle, die Doll^ans anführt, hätte Owen sich
an die kooperativen Gesellschaften gewandt, mit der Bitte, seine Tauschbank zu
nnterstützen.
        <pb n="300" />
        ﻿Kapitel III. Die Ässozialisten.

275

In dieser Hinsicht ist es nur gerecht, darauf hiuzuweiseu, daß diese
Gesellschaften damals noch nicht das waren, was sie seitdem ge-
worden sind. Owen hat jedoch noch das Entstehen der Gesellschaft
in Rochdale erlebt, — unter deren 28 Pionieren sich 6 seiner Schüler
befanden, und von denen zwei, Charles Howaeth und William Coopee,
die Seele dieser unsterblichen Genossenschaft waren, — aber Owen
war damals 73 Jahre alt und scheint von der Geburt dieser so spät
gekommenen Tochter nicht einmal Notiz genommen zu haben, die
doch mehr als alle Arbeit seines langen Lebens seinen Namen der
Nachwelt überliefern, wenn nicht der Vergessenheit entreißen sollte.

Denn Owen hat in Wirklichkeit keine Schule, außer der koope-
rativen Schule, hinterlassen. Allerdings hatte er einige Schüler, die
versuchten, seine Theorien anzuwenden. Unter ihnen muß besonders
einer erwähnt werden, der lange Zeit vergessen war und heute
wieder entdeckt worden ist, um überschwänglich gefeiert zu werden.
Es ist dies William Thompson, dessen Hauptwerk „Untersuchungen
über die Grundsätze der Güterverteilung, die dem Glück des Menschen
am günstigsten sind“, im Jahre 1824 erschien. In seiner Kenntnis der
Ökonomik und in der Tiefe seines Denkens ist er Owen bedeutend
überlegen. Es wäre richtiger, ihn als den Gründer des Sozialismus
zu bezeichnen, aber wie wir schon in der Einleitung erwähnten, können
wir nicht daran denken, etwaige Ungerechtigkeiten der Geschichte
zu korrigieren, und müssen die von der Tradition geheiligten Namen
annehmen. Übrigens ist es nur natürlich, daß der Rang, den ein
Mann in der Geschichte einnimmt, mehr durch seinen Einfluß als
durch sein Talent bestimmt wird, und der Einfluß Thompson’s auf
seine Zeit war Null; hatte man ihn doch völlig vergessen.

Von Thompson können wir nur sagen, daß er besser als Owen
dem Gedanken, daß der Arbeiter nicht den ganzen Gegenwert des
Erzeugnisses seiner Arbeit erhält, nachgegangen ist, und daß er so
die Theorie des „Mehrwertes“ und der „unbezahlten Arbeit“, die wir
später wieder finden werden, vorbereitet hat. Ebenso wie Owen
stellt er als Heilmittel gegen dieses Übel nicht die Enteignung der
erworbenen Reichtümer hin, sondern nur die Organisation neuer
l nternehmungsformen, in denen der Arbeiter den vollen Arbeits-
ertrag für sich selbst behält; und eben das macht das Programm der
kooperativen Gesellschaften ausJ).

*) Er sagte zu den Arbeitern: „Ihr wünscht selbst den Gesamtertrag eurer
Arbeit für euch zu behalten? Ganz richtig; dazu habt ihr weiter nichts zu tun,

die Richtung eurer Arbeit zu ändern. Anstatt für jemanden zu
arbeiten, den ihr nicht kennt, arbeitet von nun an füreinander.“ Angeführt von
oxwell in seiner Einleitung zur englischen Ausgabe des Buches von A. Menger:
as Recht auf den vollen Arbeitsertrag.

18*
        <pb n="301" />
        ﻿276

Zweites Bach. Die Gegner.

II.

Charles Fourier.

Sicherlich ist das praktische Werk Owen’s bedeutender gewesen
als das Foüribe’s, da man seine Initiative, wie wir gesehen haben,
am Ausgangspunkt der meisten großen sozialen Bewegungen des
19. Jahrhunderts findet. Aber das rein intellektuelle Werk Fodeier’s,
wenn auch utopistischer und ausschweifender, ist doch bedeutend
umfassender, sowohl durch sein sehr scharfes Gefühl für die Fehler
der Zivilisation, wie er sie nennt, als auch durch eine fast über-
natürliche Seherga be1 2).

Fourier ist oft zu einem Narren gestempelt worden, und diese Be-
zeichnung scheint nicht zu stark zu sein, wenn man die Wunderlich-
keiten liest, die so zahlreiche Seiten seiner Schriften füllen, und wenn
auch einige seiner Getreuen erfolglose Beschönigungsversuche machen,
indem sie ihnen einen symbolischen Sinn geben, an den er niemals
gedacht hat3). Trotzdem kann man sagen, daß er der bürgerlichste
aller Sozialisten gewesen ist, wenn man ihn überhaupt als Sozialisten
bezeichnen will, ein Name, den er sich selbst allerdings niemals
beigelegt hat. Denn kann man wirklich jemanden als Sozialisten
bezeichnen, der von Qwen sagt: „Was seine Dogmen anlangt, so ist
das von der Gütergemeinschaft so erbärmlich, daß es nicht einmal
eine Widerlegung verdient“ und von den Saint-Simonisten; „es ist
eine Ungeheuerlichkeit, die man höchstens mit einem Achselzucken
beantworten kann, im 19. Jahrhundert die Abschaffung des Eigen-
tums und des Erbrechtes zu predigen“ 3); — der in seinem Verteilungs-
systeme der Arbeit, dem Kapital und dem Talent ungefähr den

*).Siehe in Cooperation von Ch. Gide den Vortrag über Les Propheties
de Fourier.

2)	Man darf ihm aber immerhin nicht mehr Torheiten zuschreiben, als er
wirklich gesagt hat — sie genügen so wie so schon —, und ich benutze die Gelegen-
heit, um nochmals eine Narrheit zu widerlegen, die ihm noch vor kurzem von ernst-
haften Volkswirtschaftlern augehängt worden ist, daß nämlich die Männer in den
Phalanstere einen Schwanz haben würden, der an seinem Ende ein Auge trägt. Die
Karikaturenzeichner der Zeit, Cham z. B., stellten die Pourieristen so ausgestattet
dar. Der Ursprung dieses Märchens muß in einem seiner Bücher, das übrigens, wie
ich gern zugebe, recht grotesk ist, gesucht werden. Nachdem er gesagt hat, daß
auf anderen Planeten die Menschen mit anderen und zahlreicheren Gliedern als
wir, versehen sind, fügt er an: „und besonders mit einem, das uns fehlt und das
die folgenden Eigenschaften besitzt; gegen das Fallen zu schützen, als wirksame
Waffe, als prächtige Zier zu dienen, das außerordentliche Stärke mit höchster Be-
weglichkeit vereint und für jede Bewegung des Körpers Hilfe und Stütze ist“
(Fausse Industrie, II, S. 6).

3)	Nouveau Monde Industriel, S. 473.
        <pb n="302" />
        ﻿Kapitel III. Die Assozialisten.
gleichen Rang zuweist, indem er der ersten

(was wahrscheinlich mehr ist als es heute erhält) und dem dritten
:i/i2 zubilligt; — der, über die Anpreisungen der gewissenlosesten
Gründer hinausgehend, Dividenden von 30, ja selbst von 36% ver-
spricht, und denen, die eine feste Verzinsung vorziehen, 81
sichert1); der aus der Erwartung, ja sogar aus der Jagd nach
Erbschaften eine der anziehendsten Unterhaltungen der zukünftigen
phalansterischen Gesellschaft macht; und der behauptete, daß der
,Unterschied zwischen Reichen und Armen „dem Plane Gottes ent-
spricht“ und daher auch seinem eigenen, denn: „man muß verstehen,
daß Gott alles das, was er gemacht hat, gut gemacht hat“ 2).

Und doch erscheint Fourier allen Menschen seiner Zeit und
noch heute allen denen, die ihn nicht gelesen haben, d. h. beinahe
last allen, als ein ültrasozialist, als ein Kommunist. Das findet
seine Erklärung weniger in den Übertreibungen seiner Zukunfts-
bilder und seiner Sprache, die wir eben erwähnten, als in dem
bizarren Namen, den er seiner Genossenschaft gibt: lePhalan stere,
ein Name, der auf irgendeine geheimnisvoll anziehende, gruselige
Stadt hinwies, wo alles gemeinsam sei, die Güter wde die Frauen.

Wir müssen daher auch die Darstellung seines Systems mit dem
Phalanstere beginnen: es ist sein Kern und Stern.

§ 1. Das Phalanstere.

Nichts kann auf den ersten Blick weniger erschrecken als das
Phalanstere; hier ist nichts, was der Neuen Harmonie Owen’s, dem
Icarien Cabet’s, der Sonnenstadt Campanella’s, der Utopia
Morus’ ähnelt. Von außen gesehen ist es in seinem ganzen Be-
triebe weiter nichts als ein großes Hotel, ein PjAs-at Ipot e 1, das für
1500 Personen eingerichtet ist, größer, aber allen denen ähnlich, die
sich jetzt in allen Winter- und Sommerkurorten erheben, mit Zimmern
und ganzen Wohnungen, tables d’hote, Salons, Lese-, Spiel-, Konzert-
sälen, mit Theatern usw., eine Anlage, die er, ohne müde zu werden,
bis in die letzten Einzelheiten beschreibt. Jedem Gast steht es
übrigens frei, ganz wie heute, nicht nur eine vollständige Wohnung zu
bewohnen, sondern auch auf dem Zimmer zu speisen, wenn er nicht
zu der table d’hote gehen will. Nur unterscheidet sich das Phalanstere

l) Briet vom 28. Januar 1831, von Pellarin angeführt, Vie de louner

lP“iVS„.nM-d.I.du,t,l.l, S. 26. -

unser kleines Buch; (Euvres choisies de Fourier, mit	g,

starken Band von Hubert Bourgin, Fourier.

V
        <pb n="303" />
        ﻿278

Zweites Buch. Die Gegner.

Yon einem großen Hotel darin, daß es nicht für die Reichen allein
berechnet ist, denn es gibt Zimmer und Kost in allen Preislagen,
// nämlich fünf Klassen und sogar noch eine Gratisklasse. Man könnte
daher sagen, daß es eine Verbindung zwischen einem Palasthotel
und einer Herberge zur Heimat ist, wie die in London (Rowton House)
oder in Mailand (Albergo Popolare).

Hier besteht also kein anderer Kommunismus, als der des ge-
meinsamen Verbrauches, der alle Reisenden unter dem gleichen Dache
und an dem gleichen Tische vereinigt: nur würde das, anstatt wie
heute gelegentlich, beständig sein, und für alle die normale Existenz
werden. Warum legte nun Foueiek dieser Existenzweise eine so
große Bedeutung bei, um daraus die conditio sine qua non seines
Systems zu machen und darin die Lösung aller sozialen Fragen zu
sehen? Weil er, ebenso wie Owen, zuerst ein günstiges Milieu
schaffen will, das von dem heutigen Milieu völlig verschieden ist,
und in dem die neuen Menschen sich in aller Freiheit entwickeln
können.

Vom wirtschaftlichen Gesichtspunkt aus hat das Leben unter
demselben Dache als Zweck, das Maximum an Bequemlichkeit mit
. dem Minimum an Ausgaben für den Verbraucher zu verwirklichen,
indem es die kleinliche und lästige Einrichtung des Familienhaushaltes
durch den Großhaushalt für Küche, Heizung, Beleuchtung, Bäder und
Aufwartung ersetzt.

Vom sozialen Gesichtspunkt aus bezweckt das Leben unter dem-
selben Dache, indem es die Menschen der verschiedensten Kreise in
tägliche Berührung bringt, „ihre gegenseitigen Gefühle — die sich
heute, wie er eindrucksvoll sagt, „in einer steigenden Skala des
Hasses und einer fallenden Skala der Verachtung bewegen“ — durch
eine auf Sympathie beruhende Anziehung („attraction sympathique“)
zu ersetzen, und außerdem das Leben durch die Menge der Be-
ziehungen, der Interessen, sogar der Intrigen, die diese ganze kleine
Welt bewegen würden, interessanter zu machen.

Foueibb kann sich nicht genug darin tun, diese doppelte Reihe
von Vorteilen auszumalen. Er berechnet und beziffert die Ersparnisse
mit der Genauigkeit eines alten Kassierers und rühmt die Überlegen-
heit des Wirtshauslebens über die Hausmannskost mit der Voreinge-
nommenheit eines alten, durch nichts ernüchterten Hagestolzes. Die
moralischen und sozialen Vorzüge, die sich aus der Gemeinsamkeit
des Lebens ergeben würden, erscheinen allerdings recht zweifelhaft.
Eine Psychologie, die glaubt, daß durch die Nachbarschaft der Reichen
die Armen freundlich und höflich und die Reichen glücklicher werden,
ist doch etwas einfältig. Was jedoch die wirtschaftlichen Vorteile
eines gemeinsamen Lebens anlangt, so sind sie unbestreitbar, und
        <pb n="304" />
        ﻿Kapitel III. Die Assozialisten.

279

der Beweis für die Richtigkeit der angeblichen Utopie Foueiee’s liegt
darin, daß sie in dem Lande, wo die Teuerung der Lebensmittel sich
mehr und mehr fühlbar macht, in den Vereinigten Staaten, zur
Wirklichkeit wird. Schon heute sind dort nicht nur die Junggesellen,
die in ihrem Klub leben, essen und wohnen, sondern auch die jungen
Ehepaare äußerst zahlreich, die sich im Hotel einrichten. Sie sind
schon zur Hälfte Phalansterier. Man kann wohl sagen, daß hierin
der Scharfsinn Foueiee’s seiner Zeit bedeutend vorausgeeilt ist; und
diejenigen, die da glauben, daß die Doktrinen durch die Tatsachen
bestimmt werden, würden rechte Mühe haben, in den am Anfänge
des 19. Jahrhunderts bestehenden Tatsachen irgend etwas zu finden,
was schon damals das phalansterische System hätte anregen können.

Die für den bürgerlichen Haushalt heute so schwierig gewordene
Dienstbotenfrage findet in dem Phalanstere eine Lösung, die wahr-
scheinlich die der Zukunft sein wird, nämlich: — zunächst den Ersatz
der persönlichen Bedienung durch die kollektive Be-
dienung. welch letztere nicht ohne Grund als mehr in Überein-
stimmung mit Würde und Unabhängigkeit gehalten wird, als die
■ei'stere; — weiterhin den Ersatz des Einzelhaushaltes durch den
Großhaushalt als industrielles Unternehmen. Diese Entwicklung, die
schon für das Brotbacken und die Wäsche verwirklicht ist, fängt an,
sich auch auf das Reinigen der Wohnungen (durch die Staubsaug-
apparate) mehr und mehr auszubreiten. Das Reinhalten, das Bürsten
and Falten der Kleidungsstücke, das Schuhputzen kommt hier eben-
falls in Frage. Sehr wahrscheinlich wird sich diese Entwicklung
auf die Bereitung der Nahrungsmittel erstrecken, worauf die beständig-
wachsende Verbreitung der Konserven schon hinweist1).

§ 2. Die Vollgenossenschaft (Cooperation integrale).

Wenn wir nun die innere Organisation des Phalanstere betrachten,
«o sehen wir etwas mehr als ein gewöhnliches Gasthaus: nämlich
ain kooperatives Hotel, das einer Genossenschaft gehört und nur ihre
Mitglieder aufnimmt. „La Phalange“ ist daher das, was wir heute
«ine Vollgenossenschaft des Konsums nennen würden; es ist nämlich
^iel vollständiger als die bestehenden Konsumgesellschaften, die sich
darauf beschränken, gemeinschaftlich die Lebensmittel einzukaufen,
■die aber trotz ihres Namens sie nicht zusammen verzehren, ausge-

') Allerdings erscheinen bei Fourier die Zukunftslösungen der Haushaltungs-
Pagen nicht so endgültig, wie die, die wir im Text andeuten, weil sie mit anderen,
Phantastischeren untermischt sind, die aber immerhin nicht einer gewissen Suggestiviät
entbehren, besonders die Verwandlung des häuslichen Lohndienstes in gegenseitige
fhatisbedienung, ein Gedanke, der eine gewisse Beachtung verdient.
        <pb n="305" />
        ﻿280

Zweites Buch. Die Gegner.

nommen in den seltenen Fällen, wo ein kooperatives Restaurant der
kooperativen Niederlage angeschlossen ist.

Aber die Phalange ist nicht nur eine V er brauchsgenossen schaff,
sie ist zur gleichen Zeit Produktionsgenossenschaft. Zu diesem
Zwecke besitzt das Phalanstere rings um den Palast, der als
Wohnung dient, ein Landgut von ungefähr 400 Hektar, mit den Wirt-
schaftsgebäuden und den Industrieeinrichtungen, die nötig sind, um
alle Bedürfnisse der Einwohner zu decken. Es ist eine kleine Welt,,
die sich seihst genügt, ein Mikrokosmus, der alles das, was er ver-
braucht, produziert, und alles das, was er produziert, verbraucht; er
tauscht nur in Ausnahmefällen solche Dinge, die er im Überfluß be-
sitzt, gegen solche, an denen er Mangel hat, von anderen Phalangen
ein. Die Phalange ist in der Form einer Aktiengesellschaft gebildet.
Das Privateigentum ist daher keineswegs abgeschafft: es wird nur
in Aktieneigentum verwandelt, eine Umformung, die nichts Sozia-
listisches hat, sondern die im Gegenteil durchaus kapitalistisch ist.
Molinaei empfahl sie noch neuerdings und wünschte ihre allgemeine
Ausbreitung. Fodeibb kommt ihm darin um dreiviertel Jahrhun-
derte zuvor. Mit einem für die Zeit, in der er schreibt, äußerst be-
merkenswerten Scharfsinn — denn damals waren Aktiengesellschaften
noch sehr selten — zählt er die Vorzüge dieser Entwicklung des.
Eigentums auf und behauptet sogar, daß „eine Aktie einen bedeu-
tend wirklicheren Wert vorstellt, als heute Grundbesitz und Geld“..

Was die Dividenden anlangt, die Fotjeiee höchst freigebig ver-
spricht, so werden sie unter alle Aktionäre verteilt, aber nach
welcher Regel? Wird diese Verteilung nur nach der Anzahl der
Aktien geschehen, wie es heute der Grundsatz aller Handels- und
Finanzgesellschaften ist?

Nicht so ganz und gar. Sicherlich bleibt dem Kapital ein guter
Teil, ein Drittel des Gewinnes, 4/12, die Arbeit aber erhält ®/12 und
das Talent s/12. Was soll nun unter Talent verstanden werden?’
Die Leitung, und zwar übertragen durch Wahl! Dies setzt voraus,,
daß man den Fähigsten erwählen wird. Die Unsicherheit dieser
Voraussetzung scheint Fotjeiee nicht weiter gestört zu haben; man
hatte damals noch nicht die Erfahrung des allgemeinen Wahlrechtes
und konnte noch glauben, daß innerhalb einer so kleinen Gruppe die
Wahl mit größerer Sicherheit vor sich gehen würde.

Als Produktivgenossenschaft findet sich die Phalange von ge-
wissen Arbeitervereinen, die diesen Namen tragen, verwirklicht. Sie
verteilen den Gewinn ungefähr nach der arithmetischen Formel
Foueiee’s ’). Deshalb haben sie auch, um darauf hinzuweisen, daß

‘) Wir wollen hauptsächlich von denjenigen Assoziationen sprechen, deren Vorbild
die der Maler, die sog. Assoziation Le Travail unter der Leitung Büisson’s ist. Die
        <pb n="306" />
        ﻿Kapitel III. Die Assozialisten.

281

sie direkt von ihm abstammen, die Anregung dazu gegeben, ihm ein
Denkmal in ihrem Pariser Stadtviertel, auf dem Boulevard Clichy, zu
errichten.

Nicht nur die heutige Form der Produktivgenossenschaften ist
von Fourier entworfen worden, sondern auch ihr Zweck, der in der
Umwandlung der Lohnarbeit in Teilhaberschaft besteht, wurde von
ihm mit völliger Klarheit bezeichnet. „Als erstes Problem der Volks-
wirtschaft sollte man die Verwandlung der Lohnempfänger in beteiligte
Miteigentümer untersuchen“ 1j.

Weshalb das? Weil diese Verwandlung das einzige Mittel ist,
die Arbeit sowohl anziehend, als auch produktiv zu gestalten, „denn
das Gefühl des Besitzes ist der stärkste Hebel, den man kennt, um
zivilisierte Menschen anzuspornen“2). „Auch wenn der Arme in
j;Harmonie“ nur eine Teilaktie, sei es auch nur ein Zwanzigstel, be-
sitzt, so ist er doch der Miteigentümer des ganzen Bezirks. Er kann
sagen: Unsere Länder, unser Palast, unser Schloß, unsere Wälder,
unsere Fabriken, alles ist sein Eigentum“ :&lt;). „Daher kommt es, daß
die Ausdrücke Eigentümer und Kapitalist in „Harmonie“ zu Syno-
nymen werden“ 4).

Nicht nur auf Grund seiner	soll der Arbeiter an dem

Gewinn teilnehmen, sondern auch auf Grund seines Kapitals, da er
ja Aktionär ist, vielleicht auch auf Grund seines Talents, da er wie
jeder Teilhaber wählbar ist. Und nicht nur an dem Gewinne, sondern
auch an der Verwaltung ist er beteiligt, sei es als Aktionär oder
als erwählter Direktor; — es ist genau das, was man in England
heute co-partnership, in Frankreich actionnariat ouyrier
(and in Deutschland Arb eitergewinnbetei 1 igung — d. Übers.)*
nennt. Außerdem genießt der Arbeitende als Mitglied der Konsum-
genossenschaft die Vorteile der Phalange und hat auf ihre Leitung
Einfluß.

Alles das erscheint zwar ein etwas komplizierter Mischmasch,
aber von dem Gesichtspunkte Fourier’s aus kommt es gerade darauf
an, die Interessen des Arbeiters, des Kapitalisten und des Ver-
brauchers so zu verknüpfen, daß es unmöglich wird, die Fäden des
Gewindes wieder aufzulösen, und daß jeder Teilhaber in seiner Person

Verteilung ist ungefähr 50 °/0 an die Arbeit, 27 °/0 an das Kapital, 12% an die'Ver-
waltung, -was nach der Mode Fourier’s in Zwölfteln ausgedrückt etwa °/12 für die
Arbeit, -&gt;,5/i2 für das Kapital und 1.0/12 für das Talent ausmachen würde.

) Association Domestique, I, S. 466.

*) Ebenda, I, S. 466. Zu bemerken ist, daß Foueiek von den „Zivilisierten“
Givilises) spricht, womit er sagen will, daß es für alle, die in der Zukunftsstadt
wmonie leben werden, noch andere, kräftigere Hebel geben wird.

3)	Unite Universelle, III, S. 517.

4)	Ebenda, III, S. 451.
        <pb n="307" />
        ﻿282

Zweites Buch. Die Gegner.

alle diese antagonistischen Interessen vereinigt]). Unter der be-
stehenden Ordnung stehen diese Interessen sich fast stets schroff
gegenüber, weil sie nach Klassen geschieden sind: in einer einzigen
Person vereinigt, wird der Gegensatz sich durch „Verschmelzung“
auflösen, wie die Juristen sagen, oder er würde wenigstens in das
Innenleben eines jeden verpflanzt werden, wo sich wohl oder übel
eine vollständige Aussöhnung vollziehen muß.

Dieses Programm, das nicht auf die Abschaffung des Eigentums,
sondern im Gegenteil auf die des Lohnes durch den Erwerb eines
gemeinsamen und allgemeinen Eigentums ahzielt, das als Hilfsmittel
nicht den Klassenkampf, sondern die Assoziation der Intelligenz, der
Arbeit und des Kapitals annimmt, das die entgegengesetzten Inter-
essen des Kapitalisten und des Arbeiters, des Produzenten und des
Verbrauchers, des Gläubigers und des Schuldners zu vereinigen sucht,
indem es alle diese Interessen in die gleiche Person verlegt, — dieses
Programm ist sicherlich keine mittelmäßige Leistung. Während
des ganzen 19. Jahrhunderts ist es das Ideal der Arbeiterklasse,
wenigstens in Frankreich, bis zu dem Tage, an dem der marxistische
Kollektivismus es zurückdrängte, — wahrscheinlich aber keines-
wegs auf immer. Das Programm, das heute die radikal-sozialistische
Partei in Frankreich in allen ihren Wahlaufrufen (Jarlegt, und
durch das sie sich zu der sozialistischen Partei in Gegensatz zu
stellen sucht, kann in folgender Formel zusammengefaßt werden:
Aufrechterhaltung und Ausbreitung des Privateigentums, aber Äb-

') Das System der Vollgenossenschaft nach Fourier, die gleichzeitig Konsum-
und Produktivgenossenschaft ist, hat sich im geschichtlichen Verlauf nicht verwirklicht;
seine Hauptkomponenten führen als Teilgenossenschaften ihr selbständiges Leben.

Auf der einen Seite sehen wir Produktivgenossenschaften, die aber keineswegs
den Zweck haben, die Erzeugnisse ihrer Produktion zu verzehren; sie erzeugen sie
nur für den Verkauf, um daran zu verdienen. Auf der anderen Seite die Konsum-
genossenschaften, die bezwecken, ihren Mitgliedern gewisse soziale Vorteile zu ver-
schaffen, besonders den, eine bessere Lebenshaltung führen zu können, die aber bisher
sich nicht damit beschäftigt haben, das zu produzieren, was sie verbrauchen.

Dort freilich, wo die Konsumgenossenschaften machtvoll organisiert sind, haupt-
sächlich in England, fangen viele an, einen Teil dessen, was sie verbrauchen, selbst
zu produzieren — einige unter ihnen haben sogar kleine Landgüter zu diesem
Zweck; — doch sind die Arbeiter, die sie beschäftigen, meistenteils nicht Mitglieder
der Gesellschaft oder sind doch in solcher Minderzahl, daß sie sich in nichts von den
Angestellten irgendeines Unternehmens unterscheiden.

Es ist auch leicht zu verstehen, wie schwierig sich die Gruppierung einer
Anzahl Menschen gestalten muß, die die zum Bestehen der Assoziation unbedingt
nötige Bedingung erfüllt, alles das, dessen sie bedarf, vorteilhafter herzustellen, als
der Markt es liefern kann; mit einem Wort, inmitten des großen wirtschaftlichen
Milieus einen kleinen, fest abgeschlossenen selbständigen Kreis zu schaffen.

Sogar unter den, in entfernten Gegenden gegründeten Kolonien findet man kein
Beispiel einer selbständigen, lebensfähigen Vollgenossenschaft.
        <pb n="308" />
        ﻿Kapitel III. Die Assozialisten.	283

Schaffung des Lolinsystems. Hierin stammt es unbewußt von
Foueiee abJ).

§ 3. Die Rückkehr zum Boden.

Das ist heute das Schlagwort verschiedener sozialer Schulen.
Viel früher schon war es das Fouriee’s. Und diese Rückkehr zum
Boden muß bei ihm in einem doppelten Sinne aufgefaßt werden.

Erstens als Auflösung der großen Städte und Verteilung der
Einwohner in die Phalansteres, — die in Wirklichkeit weiter nichts
als elegante Dörfer sein würden, da ihre Bevölkerung auf 1600 Ein-
wohner oder 400 Familien beschränkt ist. Sie sollen in wohlgelegenen
hegenden errichtet werden; „in einer Landschaft, die ein schöner
Eluß durchströmt, von Hügeln durchzogen und zu verschiedenen
Arten landwirtschaftlicher Kultur geeignet, und mit einem Wald im
Hintergrund“. Dies ist nicht nur, wie man ironisch, gesagt hat,
«das Arkadien eines Oberbuchhalters“1 2), sondern die vollständige
Voraussage der Gartenstädte, die die Jünger Ruskin’s und
Morris’ heute in England zu bauen beginnen, und zwar nicht nur,
am die Forderungen der Hygiene und der Ästhetik zu befriedigen,
die Tatkraft und die Lebensfreude zu vermehren, sondern auch, um
die Wohnungsfrage und die des Mehrwertes des städtischen Grund-
besitzes zu lösen.

Zweitens liegt darin eine Einschränkung der industriellen
Arbeiten, der Herrschaft der Maschinen und der großen Fabriken, auf
Jir Minimum — eine übrigens unumgänglich nötige Bedingung zum
Erfolg der soeben beschriebenen Reform. Fourier hatte keine Anti-
pathie irgendwelcher Art gegen den Kapitalismus, trotz allem, was
111 an glaubt; er hatte aber einen tiefeingewurzelten Haß gegen den
Industrialismus, was nicht dasselbe ist3). Die Rückkehr zum Boden
bedingt natürlich die Vorherrschaft der landwirtschaftlichen Arbeit.
Man muß sich aber hüten, hierunter die Landwirtschaft im alten
Sinne dieses Wortes zu verstehen, nämlich die Pflugkultur und den

1)	Die Arbeitergewinnbeteiligung (l’actionnariat ouvrier), die Beiand verschlägt,
findet sich heute in dem Programm der radikal-demokratischen Partei. Siehe die
A-ctions du travail von Antonblli.

2)	Paquet, Revue des Deux Mondes, 1. Aug. 1896.

3)	„Der Industrialismus ist die neueste unserer wissenschaftlichen Chimären
(Quatre Mouvements, 8.28). — Wir weisen auch auf die Einrichtung kommu-
naler Kontore (comptoirs communaux) hin, die bestimmt sind, die Ernten einzu-
Lgern und den Besitzern Darlehen zu geben; hierin lag schon eine Andeutung der
landwirtschaftlichen Kredite, sowie der Warrants. Es war das für die Zwischenzeit
Ws zur Einrichtung der Phalansteres.
        <pb n="309" />
        ﻿284

Zweites Buch. Die Gegner.

Getreidebau. Im Gegenteil, der Zorn Foueieb’s findet kein Ende,
wenn er von dem Getreidebau und der Broterzeugung spricht, die
das Menschengeschlecht unter dem härtesten Arbeitsjoch gehalten
haben, um ihm nur die gröbste Nahrung zu gewähren. Für ihn ist
die einzig anziehende Art der Bodenbearbeitung der Gartenbau, die
Kultur von Obstbäumen und daran anschließend, die Geflügel-, Bienen-,
und Fischzucht und alles, wTas sich unter dem Begriff Gartenarbeit
zusammenfassen läßt1). Die fast einzige Arbeit des Bewohners der
„Phalansteres“ wird darin bestehen „seinen Garten zu bestellen“,
wie Adam vor dem Fall und Candide nach seinen Schicksalsschlägen.

§ 4. Die anziehende Arbeit.

Das ist der Angelpunkt des Fourierismus. In den sogenannten
zivilisierten Gesellschaften, sagt er, ebenso wie in den barbarischen
und den auf Sklaverei aufgebauten Gesellschaften ist die Arbeit ein
Fluch und eine Verwünschung geblieben. So darf es nicht länger
sein: von nun an darf der Mensch nicht länger unter dem Ansporn
eines der drei Beweggründe arbeiten, die bis jetzt die einzigen ge-
wesen sind, ihn vorwärts zu treiben, nämlich: der Zwang, das Elend
und der Eigennutz. Er wollte in keiner Weise einen sozialen Zu-
stand, in dem der Mensch durch die Notwendigkeit, sein Brot zu
verdienen, oder durch Gewinnsucht oder infolge eines herrischen
Gebotes sozialer oder religiöser Pflicht zur Arbeit gezwungen sei.
Er wollte, daß der Mensch nur zum Vergnügen arbeite und sich,
wie er sagt, an die Arbeit mache, wie man heute zu einem Fest
eilt; wir können seine Gedanken durch ein Wort, das zu seiner Zeit
noch nicht im Gebrauch war, ausdrücken: daß die Arbeit zu einem
Sport werde, der mit derselben Leidenschaft betrieben würde, mit
der heute die jungen Leute sportliche Leibesübungen pflegen2).

&gt;) Die Arbeits-„Eeihen“, die Fourier immer als Beispiel nimmt, sind stets mit
dem Obstbau beschäftigt, „Kirschenpflanzer, ßirnenpflanzer“ usw. Früchte und
Blumen nehmen in seinen Schriften einen enormen Platz ein. Er scheint die großen
Fruchtknlturen Kaliforniens vorausgeahnt zu haben.

Ohne uns bei den triftigen Gründen aufhalten zu können, die Fourier in der
Verkleidung von Feengeschichten zugunsten eines Ersatzes der Landwirtschaft durch
Obstbaumkultur anführt, weisen wir nur darauf hin, daß er beständig die Überlegen-
heit des Zuckers und der eingemachten Früchte über das Brot betont und den
himmlischen Instinkt der Kinder preist, die'das ohne weiteres verstehen. Gerade
diese Ansicht, die nicht wenig dazu beigetragen hat, daß er für einen Narren ge-
halten wurde, findet sich heute durch die Forschungen der größten Gelehrten und
Hygieneprofessoren bestätigt.

2) Es ist interessant, daß die Volkswirtsehaftler, besonders Buchsb, lehren, daß
die Arbeit aus dem Spiel erwachsen ist, während nach Fourier die Entwicklung der
        <pb n="310" />
        ﻿Kapitel III. Die Assozialisten.

285

Er versichert, daß dies möglich sei, wenn jedem ein Existenz-
minimum auf alle Fälle zugesichert ist; denn die Arbeit|
verliert ihren Zwangscharakter und wird freiwillig, wenn jedem
die Freiheit gesichert ist, sich diejenige Arbeit auszuwählen, die
seinen Fähigkeiten am besten entspricht, und wenn diese Arbeit,
welche sie auch immer sei, möglichst verschieden und abwechslungs-
reich ist, wenn sie durch den Wetteifer angespornt wird und sich
inmitten von Fröhlichkeit und Schönheit abspielt. Zu dem alleinigen
Zweck, die Arbeit anziehend zu gestalten, ist das ganze eben dar-
gelegte System auch im einzelnen ausgestaltet, — Phalanstere, Ge-
sellschaftsleben, Luxus der kooperativen Einrichtungen in der Pro-
duktion und der Verteilung, Ersatz der Landwirtschaft durch die
Gärtnerei usw. — Fourier bleibt aber hierbei nicht stehen; er ver-
bindet damit noch eine Menge von kindlichen oder auch ingeniösen
Hilfsmitteln: besonders ein Ineinandergreifen kleiner, sich sympathi-
scher Gruppierungen, die er Gruppen oder Serien nennt, in denen
die Arbeitsteilung bis zu ihren äußersten Grenzen getrieben wird, in
die ein jeder sich nach seiner „Wahlverwandtschaft“ einstellt, und jede
dieser Gruppen, die nur einen Teil der Zeit und des Lebens eines
jeden in Anspruch nimmt, läßt jeder Einzelperson die Freiheit, von
einer zur anderen „wie ein Schmetterling“ zu flattern, zu „papillonner",
wie Fourier sagt. . . .

Es wird aber Zeit, unseren Führer zu verlassen. Wir können
ihm nicht in die Irrgänge seiner Psychologie mit ihren zwölf Leiden-
schaften folgen; — die drei wichtigsten sind „la Papillonne, la Com-
posite und la Cabaliste“ (was ungefähr mit Flatterhaftigkeit, Viel-
fältigkeit und Neigung zum Geheimnisvollen ausgedrückt werden kann.
Anm. d. Übers.) — noch auch in seine Theodicee oder in seine kosmo-
gonische und klimatische Entwicklungstheorie, nach der eines Tages
das Salzwasser des Meeres sich in Süßwasser verwandeln wird, die Eis-
kappen der Pole schmelzen und neue Tierarten entstehen, und wir mit
den anderen Planeten in Verbindung treten werden. Und doch wären
aus diesem trüben Strom noch viele Goldkörner zu gewinnen.

Das gilt z. B. für die Kindererziehung, die einen so großen Platz ^
bi den Büchern Fourier’s einnimmt. Obgleich dieser alte Hagestolz
Kinder nicht besonders liebte, wie er selbst erklärt hat, hat er doch
an verschiedenen Stellen die moderne Erziehung vorausgeahnt. Es
War einer seiner Schüler, Fröbel, der im Jahre 1847 die ersten

"Kindergärten“ schuf1)-

Arbeit sie zu einem Spiel machen soll. Beide Thesen lassen sich übrigens in der
ypothese eines Kreislaufs oder eines Rücklaufs vereinigen.

l)	Wir führen auch die Kindergesellschaften zur Reinigung der öffentlichen
‘ traßen, der Überwachung der öffentlichen Gärten, des Tierschutzes an, die Foürier
        <pb n="311" />
        ﻿286

Zweites Buch. Die Gegner.

In der Frage des Verkehrs zwischen den Geschlechtern gab er
sich der ganzen Unmäßigkeit hin, wie man sie von einer leicht-
fertigen Moral erwarten kann, die als Dogma annahm, daß alle Leiden-
schaften und alle Instinkte gut und sogar von Gott gewollt seien 1_).
These zum äußersten getriebene Kühnheit, die weit über die freie
Liebe hinausgeht, hat nicht wenig dazu beigetragen, den Fourieris-
mus in Mißkredit zu bringen. Wie Paul Janet hervorhebt, hat das
Problem der Ordnung der Geschlechtsbeziehungen den sozialistischen
Schulen kein Glück gebracht. Wie wir ausgeführt haben, beruhte
die Spaltung und der Fall des Saint-Simonismus auf dem gleichen
Grunde. Und doch findet man auch hier noch einige starke Gedanken,
z. B. in folgendem: „Als allgemeine These: der gesellschaftliche Fort-
schritt und der periodische Wechsel in den Anschauungen vollzieht
sich im Verhältnisse zu dem Fortschritte, den die Frauen in der
Freiheit machen; und die Rückschritte in der sozialen Ordnung im
Verhältnis zu der Einschränkung der Freiheit des Weibes. Wenn
auch andere Ereignisse diese politischen Weehselfälle beeinflussen,
so gibt es doch keine Ursache, die den Fortschritt oder den Verfall
der Gesellschaften so schnell hervorruft, als der Wechsel in dem
Schicksal der Frauen“ -j. Unglücklicherweise scheint sein Feminis-
mus sich weniger auf wirklichen Respekt vor der Würde der Frau
zu gründen, als auf seinen Haß gegen die Ehe und die Familie;
und diese Freiheit, die man als Kriterium des Fortschritts an-
nehmen könnte, scheint bei ihm mehr auf Freiheit,des Liebeslebens
hinauszulaufen.

Sogar die Antimilitaristen können Foueier als einen ihrer Vor-
läufer ansprechen! Er hat als der erste der bestehenden Gesell-
schaft vorgeworfen: „daß sie sich durch das beständige Bereithalten
einer geringen Anzahl bewaffneter Sklaven gegenüber einer Majorität
von waffenlosen Heloten behaupte“.

Zum Schluß müssen wir darauf hin weisen, daß Foueiee nicht
den Ehrgeiz hatte, alle Menschen ohne weiteres in die Welt der
Harmonie zu führen. Er ließ zu und hielt es sogar für unumgäng-
lich nötig, daß eine Übergangsperiode eintrete, die er den „Garantis-
mus“ nannte, in der man sich, wie er sehr klar ausführt, darauf be-

imter dem Namen Kleine Horden (Petites Hördes) organisieren wollte, und die
man mit so viel Spott überschüttet hat. Jetzt sind sie in fast gleicher Gestalt von
Oberst Waking, Direktor der öfientlichen Arbeiten und Wege der Stadt New York,
mit ihren besonderen Abzeichen und Bannern verwirklicht worden.

*) „Meine Theorie beschränkt sich darauf, alle Leidenschaften, so wie die Natur
sie gibt und ohne etwas an ihnen zu ändern, nützlich zu gestalten. Das ist die
ganze Zauberlehre, das ganze Geheimnis meines Systems. Die societäre Ordnung
verwendet sie so, wie sie von Gott gegeben sind.“

-) Quatre Mouvements, S. 194.
        <pb n="312" />
        ﻿Kapitel III. Die Assozialisten.

287

schränkt, jedem das Existenzminimum, die Sicherheit und den Komfort
zu garantieren, also ungefähr alles das, was man heute als den
Gegenstand der sogenannten Arbeitergesetzgebung ansieht.

Auf seine Zeitgenossen übte der Fourierismus nicht denselben
bezaubernden Einfluß aus wie der Saint-Simonismus; wenn er aber
weniger glänzend und weitreichend war, so war er deshalb von um
so längerer Dauer. Saint-Simonisten gibt es schon seit einem halben
Jahrhundert nicht mehr, während es noch heute eine phalansterische
Schule gibt; allerdings ist sie klein, wenn man nur die zählt, die
sich formell dazu bekennen, aber ihre Zahl ist nicht unbedeutend,
wenn man, wie man es tun sollte, einen Teil der Genossenschaftler
der verschiedenen Kategorien dazu rechnet. Der so lange verhöhnte
Fouexee selbst scheint sogar seit etwa 15 Jahren an Beachtung und
Sympathie zu gewinnenx).

Unter seinen Schülern sind zwei besonders hervorzuheben:

Einer der begeistertsten Verbreiter des Fourierismus war Victor
Considerant. Er hat in seiner Doctrine Sociale (1834/44) die
beste Darlegung des Systems gegeben. Er hat sogar, wie Owen,
"versucht, es in Kolonien in Amerika zu verwirklichen2). Während
Jer Revolution von 1848 spielte er eine gewisse Rolle, besonders
durch seine Forderung des „Rechtes auf Arbeit“, als der gerechten
und notwendigen Ergänzung des „Rechtes auf Eigentum“.

Andre Godin hat durch die Schaffung des bekannten ”, Familistere“
ei« dauerhafteres Denkmal hinterlassen, als es seine Bücher sind.

ist dies ein industrielles Unternehmen (Heizkörperfabrikation) in
Guise, daß das gemeinsame Eigentum der Arbeiter ist, die den Ge-
winn ungefähr nach den Vorschriften des Meisters unter sich ver-
teilen 8). In dieser Hinsicht wäre es aber nur eine Produktivgenossen-

’) Siehe z. B. das Buch E. Zola’s, Travail, das von Barrüs, l’Ennemi des
l°is, wie auch der ausgesprochene Umschwung in den Meinungen der Volks Wirt-
schaftler, die ihn früher als überspannten Narren betrachteten und die ihn heute,
wie z. B. Paul Lbroy-Beadlibu in seinen letzten Schriften einen „genialen Denker“

nennen.

2)	Wir können hier nicht auf die zahlreichen fourieristischen Kolonien eingehen,
ebensowenig wie uns das bei denen Owek’s möglich ■war. Wir erwähnen, nur, daß
)ie. besonders in den Vereinigten Staaten, sehr zahlreich waren,^ hauptsächlich in der
Zeit von 1841—1844, während der einige 40 entstanden, — von denen eine, die
Brook-Farm, mehrere der bedeutendsten Amerikaner, darunter Channing und Haw-
thorke zu ihren Mitgliedern zählte, — doch keine von ihnen konnte sich lange halten.

Sogar in Frankreich hat es einige Versuche genossenschaftlicher Landgüter
gegeben, und dies noch in unseren Tagen; — eins davon besteht noch in Conde-sur-
Vesgres (bei ßambouillet), wo sieh einige getreue Fourieristen zur Erholung zu

versammeln pflegen.

3)	Es wurde 1859 gegründet, aber erst 1888, nach dem Tode Godin s, ist es zu
einer Arbeitergenossenschaft geworden.
        <pb n="313" />
        ﻿288

Zweites Bach. Die Gegner.

Schaft, wie viele andere. Seine Originalität und der Grund seiner
Berühmtheit liegt darin, daß dieser Fabrik inmitten eines schönen
Parkes einige große Wohnhäuser angeschlossen sind, genossen-
schaftliche Paläste, die die Arbeiter bewohnen und in denen sich
die Schulen, Kindergärten, ein Theater und ein Konsumverein be-
finden. Obgleich diese Anlage eine Wallfahrtsstätte für die Genossen-
schaftler aller Länder geworden ist, so hat sie doch nichts besonders
Anziehendes. Um eine Idee zu bekommen, was ein wirkliches Phalan-
stere hätte sein können, geht man besser in die schönen Gartenstädte
von Bournville und Port Sunlight in England oder Agneta Park in
Holland.

III.

Louis Blanc.

Nicht immer sind es die originellsten Bücher, die am schnellsten
die Aufmerksamkeit erobern. Stuaet Mill zählt die Systeme
Fooeiee’s und Säint-Simon’s „unter die bemerkenswertesten Erzeug-
nisse der Vergangenheit und Gegenwart“ (Bd. II, Kap. I, § 4). Ein
derartiges Lob wäre mit Hinsicht auf die „Organisation du travail“
von Louis Blanc nicht am Platze. Man findet hier nicht die tief
durchdachten Gesichtspunkte, die (trotz ihrer bizarren Seite) die
Werke seiner Vorgänger auszeichnen. Das Buch ist übrigens kurz
und überschreitet kaum den Kaum eines Aufsatzes in einer Zeit-
schrift1). Auch beweist der Verfasser darin keine außergewöhnliche
Originalität; er entnimmt seine Gedanken den verschiedensten
Schulen, den Saint-Simonisten, Foueiee, Sismondi, Buonaeotti, einem
Überlebenden der Verschwörung Babeuf’s2), und den demokratischen
Überlieferungen von 1793. Im ganzen begnügt er sich, die sozialisti-
schen Ideen geschickt darzulegen, mit denen die öffentliche Meinung
seit der Restauration Zeit gehabt hatte, sich vertraut zu machen.

Kaum aber war die Organisation du travail 1841 er-
schienen, als sie überall gelesen und diskutiert wurde, so daß sie in
einer großen Anzahl von Auflagen erscheinen mußte. Der Titel —
der übrigens dem Wortschatz Säint-Simon’s entlehnt ist -—- lieferte

*) Übrigens war es unter dieser Form, daß es zum erstenmal im Jahre 1839 in
der Revue du Progres erschien.

2) Buonaeotti veröffentlichte 1828 La Conspiration pour l’Egalitd,
dite de Babeuf (Brüssel), die vom großen Publikum unbemerkt blieb, aber in
demokratischen Kreisen stark gelesen wurde.
        <pb n="314" />
        ﻿Kapitel III. Die Assozialisten.

289

eine jener populären Formeln, in denen die Arbeiter 1848 ihre
Forderungen zusammenfaßten; der Verfasser sieht sich durch die
Februarrevolution als der berufenste Führer der Arbeiterklasse be-
zeichnet. Sogar noch nach 1848 wird das Werk lange als eins
derjenigen betrachtet, die den französischen Sozialismus am besten
kennzeichnen.

Dieser dauerhafte Erfolg erklärt sich zunächst aus äußeren Um-
ständen. Infolge seiner Kürze und der Einfachheit seiner Aus-
führungen war das Buch leicht verständlich und bildete einen be-
quemen Boden für die Diskussion. Außerdem hat der persönliche
Ruf seines Verfassers viel dazu beigetragen, daß es gelesen wurde.
Unter der Juli-Regierung war Louis Blanc einer der bekanntesten
Journalisten und Redner der äußersten demokratischen Partei (parti
democratique avance). Seine Geschichte der zehn Jahre (Histoire de
dix ans) hatte seinen Ruf als Historiker begründet. Später wurde
er in der Rolle, die er als Mitglied der provisorischen Regierung
1848 und am Anfang der dritten Republik spielte, eine historische
Persönlichkeit. Schließlich trug der unglückliche Versuch der
nationalen Werkstätten — übrigens ganz gegen seinen AVillen und
höchst ungerechterweise — zur Verbreitung seiner Ideen bei.

Alles dies würde‘aber nicht genügen, ihm einen Platz in dieser
Geschichte zu sichern, wenn nicht andere Gründe dazukämeu, um der
Organisation du travail mehr als eine beiläufige Erwähnung
zuteil werden zu lassen. Zunächst wird an keiner anderen Stelle
der Gegensatz zwischen der Konkurrenz und der Assoziation in so
scharfer Art und Weise dargelegt. Für Louis Blanc stammen alle
wirtschaftlichen Übel aus der Konkurrenz. Sie ist die einzige Er-
klärung des Elends der Arbeiter, ihres moralischen Tiefstandes, des
Überhandnehmens der Verbrechen, der Prostitution, der industriellen
Krisen und der Kriege zwischen den Völkern. „Laßt uns beweisen,“ /
Sa8't er am Eingang, „daß 1. die Konkurrenz für das Volk ein System
der Ausrottung bedeutet; daß 2. die Konkurrenz für die Bourgeoisie
eine beständige und unaufhörliche Ursache der Verarmung und des
Ruins ist r).“ Die Beweisführung hierfür zieht sich durch das ganze
Werk und gründet sich auf die verschiedensten Beispiele, die er aus
den Tkgesnotizen der Zeitungen, aus offiziellen Untersuchungen und
Statistiken, aus den Büchern der Volkswirtschaftler und aus persön-
lichen Beobachtungen schöpft. Die traurigsten Tatsachen ziehen
beredt vorgetragen an den Augen des Lesers vorüber und werden
beständig auf die eine alleinige Ursache zurückgeführt; die Kon-

‘) Organisation du Travail, S. 27. Wir zitieren nach der &amp;. Ausg.,
&lt;be 1848 erschien.

Gide und Rist, Gesch. d. Volkswirtschaft!. Lehrmeinunjjen.

19
        <pb n="315" />
        ﻿290

Zweites Buch. Die Gegner.

kurrenz. So scheint sich denn der Schluß von selbst aufzudrängen r
um dem Übel der Konkurrenz zu begegnen, muß die wirtschaftliche
Ordnung auf ihren Gegenpol, die Assoziation, gegründet werden.

Louis Blanc gehört daher zu jener Gruppe von Sozialisten, die
in der Assoziation allein das Heil der modernen Gesellschaften sehen..

Er faßt aber die Assoziation nicht genau in derselben Weise wie
seine Vorgänger auf. Er träumt von keinem Phalanstere und von
keinem „Neu-Harmonie“. Ihm erscheint die wirtschaftliche Welt
der Zukunft nicht wie eine Reihe von Gruppen, die jede ihre eigene-
kleine vollständige Gesellschaft bilden. Er läßt die Yollgenosseuschaft
Foueier’s und die „Phalange“, in der alle Mitglieder alles, was für
sie notwendig ist, herstellen, außer Acht. Er schlägt eine „soziale
Werkstatt“ vor, die nichts anderes ist als eine Arbeiterproduktiv-
genossenschaft. Die soziale-Werkstatt vereinigt nur die Arbeiter
eines und desselben Berufszweiges. Sie unterscheidet sich von der
gewöhnlichen Werkstatt nur dadurch, daß sie demokratischer ist
und mehr im Sinne der Gleichheit aller geführt wird. Sie umfaßt
aber nicht, wie der Mikrokosmus Foueiee’s, alle Seiten des wirt-
schaftlichen Lebens. Ihr Zweck liegt nicht in ihr selbst, denn sie-
schafft nur ein einziges Erzeugnis, das die anderen kaufen sollen.
Mit anderen Worten: Louis Blanc hat den bekanntesten Typus der
Arbeiterproduktivgenossenschaft geschaffen1);— während Owen und
Foueiee die Kooperation zur gleichen Zeit für den Verbrauch und
die Produktion wollten.

Der Gedanke war nicht durchaus neu. Schon ein alter Saint-
Simonist, Buchbz, hatte 1831, aber ohne besonderen Erfolg, ein ähn-
liches Projekt vorgeschlagen2). Die Arbeiter eines gleichen Berufes,,
z. B. die Tischler, die Schuhmacher, die Maurer, sollten sich zu-
sammentun, sollten ihre Arbeitsinstrumente Zusammenlegen und den
Gewinn, den ohne diesen Zusammenschluß der Unternehmer ein-
gesteckt haben würde, für sich behalten. Von diesem Gewinne sollte

') Wir schreiben: der bekannteste Typns, denj&lt;wir haben in dem vorher-
gehenden Paragraphen ansgefiihrt, daß gewisse Produktivgenossenschaften — wie
Le Travail —, sich auf Foueier berufen, im besonderen dadurch, daß sie fremdes
Kapital annehmen. Der gewöhnlichste Typus in Frankreich ist aber der, der mit
der Chambre consultative des assooiations de produotion (beratende
Kammer der Produktivgenossenschaften) in Verbindung steht. Die als Vorbild
dienenden Statuten dieser Genossenschaft enthalten einen § 11, der besagt: „Niemandem
kann der Beitritt gestattet werden, der nicht Arbeiter eines der Berufszweige ist.“
(Siehe den von dem Office du Travail (Arbeitsamt) 1898 herausgegebenen Band,
Les Associations ouvrieres de Production.)

2) Im Journal des Sciences morales et politiques vom 17. Dez. 1831.
Nur eine einzige Genossenschaft wurde auf seine Veranlassung hin im Jahre 1834
gegründet, die der Talmijuweliere (bijoutiers en dore).
        <pb n="316" />
        ﻿Kapitel III. Die Assozialisten.

291

ein Fünftel ein beständiges und unveräußerliches Sozial-
kapital bilden, das sich jedes Jahr regelmäßig vergrößern würde.
„Ohne dieses Kapital — sagte Buchez mit einem sicheren Gefühl
für die Zukunft — würde die Assoziation jeder anderen Handels-
gesellschaft gleich werden; ihr Nutzen würde nur den Gründern zu-
fallen und allen denen, die anfangs nicht an ihr teilgehabt haben,
schädlich sein, denn sie würde zwischen den Händen der ersteren
zu einem Ausbeutungsmittel werden *).“ Dies Schicksal hat tatsäch-
lich eine ganze Anzahl von Produktivgenossenschaften ereilt, bei
denen die Gründer, die nunmehr zu echten Aktionären geworden
waren, neue Arbeiter für ihren eigenen Vorteil arbeiten lassen und
sie als einfache Hilfskräfte betrachten.

Die soziale Werkstatt Louis Blanc’s zeigte viel Ähnlichkeit mit
der Buchez’, nur daß unser Verfasser hauptsächlich an die große,
und Buchez an die kleine Industrie dachte2). Weiterhin war die
soziale Werkstatt in den Gedanken Louis Blanc’s nur eine Keim-
zelle, aus der in der Zukunft eine ganze kollektivistische Gesellschaft
sich entwickeln sollte. Diese spätere Entwicklung beschäftigte ihn
jedoch in Wirklichkeit nur wenig. Es war dies ein zu fern liegendes
ideal, das noch zu unbestimmt erschien, um zurzeit schon mit irgend-
welchem Nutzen erörtert werden zu können. Die Hauptsache war, daß
man einen Anfang mache und diesen Anfang in einer praktischen Art
und Weise ins Werk setze. „Die Zukunft vorbereiten, ohne schroff
mit der Vergangenheit zu brechen (S. 172)“, — dies ist die Aufgabe.
Wie wird diese Zukunft sich nun gestalten? Man kann sie unmöglich
genau festlegen. Wenn man es tut, gelangt man nur zu einer Utopie.

Auf Grund dieses fest umrissenen und einfachen Charakters seiner
Reform gelang es dem Plan Louis Blanc’s, die Aufmerksamkeit zu
fesseln. Nach so vielen großzügigen, aber außerhalb aller Möglichkeit
einer Verwirklichung liegenden Träumen war hier endlich ein Projekt
gegeben, das Jeder verstand, und dessen Anwendung leicht durch-
zuführen war. Das Bedürfnis, von den Idealen zur Wirklichkeit zu
kommen und endlich eine praktische Formel zu entdecken, um dem
„laisser-faire“ um jeden Preis zu entrinnen, findet sich bei mehr als
einem der Zeitgenossen Louis Blanc’s, z. B. bei Vidal, dem heute
nur zu sehr vergessenen Verfasser eines interessanten Buches über die
Güterverteilung8). Hierin liegt die Erklärung für einen guten Teil
s®ines Erfolges, wie auch späterhin für den des Staatssozialismus.

*) Von Festy angeführt. Le mouvement onvrier au dehut de la
Monarchie de Juillet, S. 88 (Paris 1908).

2)	Für die Großindustrie schlug Buchez ganz verschiedene Reformen vor.
Dgl, Pesty, op. cit.)

3)	Pranqois Vidal, De la Repartition des richesses, 1846.

19*
        <pb n="317" />
        ﻿292

Zweites Buch. Die Gegner.

Die Reform war in der Tat sehr einfach.

Für alle Hauptzweige der Produktion sollte schon jetzt eine
soziale Werkstatt gegründet werden. Die Regierung hätte das not-
wendige Kapital zu liefern, das durch eine Anleihe aufzubringen wäre.
„Alle Arbeiter, die die nötigen moralischen Garantien bieten“, würden,
soweit es die verfügbaren Mittel gestatten, zuzulassen sein. Der
Lohn wäre für alle gleich. Dieses letztere Prinzip scheint uns heute
nur deshalb undurchführbar, „weil die der jetzigen Generation ge-
gebene Erziehung falsch und anti-sozial ist“, in der Zukunft aber
wird es ganz selbstverständlich erscheinen, „da eine durchaus neue
Erziehung die Ideen und die Sitten ändern soll“. Man erkennt hier
den allen Assozialisten gemeinsamen Gedanken eines neuen Milieus
wieder, das die gewöhnlichen Beweggründe des Menschengeschlechts
umbilden soll. Was die Hierarchie der Werkstätte anlangt, so wird
sie auf der Wahl beruhen, ausgenommen für das erste Jahr, in dem
die Regierung beauftragt ist, sie zu organisieren, weil die Teilhaber
sich noch nicht genügend kennen, um die Würdigsten zu bezeichnen.

Der Nettogewinn der sozialen Werkstatt wird jedes Jahr in drei
Teile geteilt: der eine wird unter die Mitglieder der Genossenschaft
zu gleichen Teilen als Lohnzuschlag verteilt; der zweite ist zum
Unterhalt der Alten, Kranken und Gebrechlichen bestimmt, und „zur
Erleichterung der Krisen, die auf anderen Industrien lasten“; der
dritte endlich soll „denen, die an der Genossenschaft teilnehmen
wollen, Arbeitsinstrumente liefern, in der Weise, daß die Genossen-
schaft sich ohne jede Begrenzung vergrößern kann“. Es ist dies
das beständige und unveränderliche Kapital, das wir schon bei
Buchez gesehen haben.

Soll nun das Kapital, das zur Bildung dieser Genossenschaften
verwendet worden ist, keine Zinsen tragen? Aber sicherlich, und
diese Zinsen werden sogar durch Einstellung in den Staatshaushalt
garantiert. Wir dürfen aber hieraus noch nicht schließen, daß
Louis Blanc, wie Foueieb, diese Entschädigung als gerechtfertigt
ansah. Er wird zu sehr vom Saint-Simonismus beherrscht, um das
jemals zuzugeben. In der Zukunft werden die Zinsen verschwinden,
— ohne daß jedoch Louis Blanc sich darüber ausläßt, wie das ge-
schehen soll. Für den Augenblick müssen sie aber beibehalten
werden, um den Übergang zu erleichtern. Man darf nicht „mit
wilder Ungeduld Existenzen erschüttern, sogar wenn sie auf die
Mißbräuche gegründet sind, die man abzuschaffen sucht“ (S. 172).
Übrigens werden die gezahlten Zinsen, wie die Löhne, als ein Teil
der Produktionskosten betrachtet. Was den Nettogewinn anbelangt,
so haben die Kapitalisten daran teil, aber nur soweit sie arbeiten.

Zusammenfassend sieht man also, daß der einzige Unterschied
        <pb n="318" />
        ﻿Kapitel III. Die Assozialisten.

293

zwischen der sozialen und der heutigen Werkstatt, abgesehen von
ihrer mehr demokratischen Organisation, der ist, daß der Gewinn
des Unternehmers (im modernen Sinn des Wortes, d. h. der Gewinn
ohne Zinsen) den Arbeitern selbst zufällt.

Wir haben aber schon gesagt, daß die soziale Werkstatt nur
eine Keimzelle ist, aus der eine ganz neue Gesellschaft entstehen
soll. Die Kraft nun, die ihre Ausdehnung begründet, ist — eine
etwas belustigende Schlußfolgerung — gerade die Konkurrenz, die
für diesen Zweck zu einer „heiligen“ Konkurrenz wird (S. 106). „Es
handelt sich darum, sich gerade der Waffen der Konkurrenz zu be-
dienen, um die Konkurrenz zum Verschwinden zu bringen“ (S. 108).
Das wird nicht schwierig sein, denn „die soziale Werkstatt hat
gegenüber jeder individualistischen Werkstatt den Vorteil, der sich
aus der Sparsamkeit des gemeinsamen Lebens und aus einer Organi-
sationsmethode ergibt, in der alle Arbeiter ohne Ausnahme daran
interessiert sind, schnell und gut zu produzieren“ (S. 105). Überall
würden die Privatunternehmungen sich von ihr bedroht sehen. Die
Kapitalisten und Arbeiter werden von selbst ihre Aufnahme in die
soziale Werkstatt verlangen, um an ihren Vorzügen teil zu haben.
Dann wird nur noch übrig bleiben, alle sozialen Werkstätten, die
der gleichen Industrie angehören, in einen einzigen Bund zu ver-
schmelzen. Jede große Industrie wird sich daher zum Schluß um
eine „zentrale Werkstatt gruppieren, von der alle anderen als Zweig-
Werkstätten abhängen“ (S. 107). Um das ganze Gebäude zu krönen,
würde es genügen „die Solidarität der verschiedenen Industrien zu
einem Dogma zu erheben“, so daß sie, anstatt sich zu bekämpfen,
sich gegenseitig zur Stütze werden, sich in Krisenzeiten gegenseitig
helfen, wenn es nicht gelingt, auf Grund ihrer Übereinstimmung die
Krisen überhaupt zum Verschwinden zu bringen, was ein noch be-
merkenswerteres Ergebnis sein würde.

So würde also, allein durch die Kraft der Freiheit, die Herr-
schaft der Konkurrenz durch die genossenschaftliche Ordnung zurück-
gedrängt werden, und, je mehr die soziale Werkstatt ihre Wunder
verwirklicht, um so mehr werden die Übel der Konkurrenz ver-
schwinden, wird das moralische und soziale Leben seine jetzigen
Mängel ablegen.

Was verlangt nun Louis Blanc, um zu diesem Ziel zu gelangen?
Sehr wenig, fast nichts! Eine kleine Schiebung! Regierungskapitalien,
UI1[1 die ersten Werkstätten zu schaffen und eine gesetzgeberische
Ordnung für sie, deren Anwendung die Regierung späterhin nur
noch zu überwachen hätte.

Das ist der Hauptpunkt der Lehre Louis Blanc’s, in dem sie
sich klar und deutlich von den Ideen Owen’s nnd Fouriee’s unter-
        <pb n="319" />
        ﻿294

Zweites Buch. Die Gegner.

scheidet. Um das Phalanstere und die kommunistischen Kolonien
zu gründen, wenden sich weder Owen noch Foueiee an den Staat.
Die Privatinitiative genügt ihnen. Die Gesellschaft erneuert sich
selbsttätig ohne jede äußere Hilfe, und dies ist noch heute das Prinzip
der Konsumvereine. Wo immer sie bestanden haben, haben sie es
auf Grund eigener Kraft getan. Louis Blanc empfiehlt die Ver-
gesellschaftung spezialisierter Arbeiter. Woher könnten sie ihre
Kapitalien erhalten? Auf die Ersparnisse des Arbeiters zu rechnen,
würde darauf hinauslaufen, niemals anzufangen1). Es ist unbedingt
nötig, daß Jemand da ist, der den ganzen Mechanismus einschaltet,
da er sich nicht allein einschalten kann. Das kann niemand anderes
sein, als die Regierung! Ist sie nicht die „organisierte Macht“?
Und dann „wenn man sie nicht zum Instrument nimmt, würde man
sie als Hindernis auf dem Wege finden“ (S. 14). Aber die Regierung
tritt nur für einen Augenblick dazwischen; „Sobald die Maschine
einmal aufgestellt ist, würde sie von selbst gehen“ (S. 149). Der
Staat „hat weiter nichts zu tun, als die Gesellschaft auf eine schiefe
Ebene zu bringen, die sie, sobald sie einmal dort steht, allein durch
die Kraft der Tatsachen und infolge der natürlichen Gesetze des dann
bestehenden Mechanismus hinabgleitet“ (S. 165). Hierin liegt gerade
das Geistreiche des Systems. Und in der Tat haben sich denn auch
die meisten der bestehenden Produktivgenossenschaften mit der finan-
ziellen und administrativen Hilfe der öffentlichen Behörden gebildet,
ohne die sie nicht bestehen können.

Louis Blanc ist daher einer der ersten, wenn nicht der erste
Sozialist, der daran gedacht hat, sich auf den modernen Staat zu
stützen, um die soziale Reform ins Werk zu setzen. Rodbertus und
Lassallb richten später eine ähnliche Aufforderung an den Staat,
und der französische Schriftsteller verdient, mit ihnen unter die Vor-
läufer des Staatssozialismus gerechnet zu werden.

In dieser Aufforderung liegt von seiten der Sozialisten etwas
Naives, denn von zwei Dingen eins: entweder ist das Projekt, für
das man die Hilfe der Regierung anruft, wirklich revolutionär, —
und dann wäre die Regierung, die die Gesellschaft vertritt, recht
blind, wenn sie sich selbst dazu hergäbe, um als Mittel zu ihrer

J) „Die Emanzipation der Arbeiter ist eine höchst verwickelte Aufgabe; sie ist
mit zu vielen Fragen verbunden, sie bringt zu viele Gewohnheiten in Unordnung,
sie läuft anscheinend, wenn auch nicht in Wirklichkeit, so vielen Interessen entgegen,
als daß es nicht Wahnsinn .wäre, zu glauben, sie ließe sich durch eine Reihe von
Teilversnchen und vereinzelten Bestrebungen verwirklichen. Zu ihrer Durchführung
ist die ganze Macht des Staates nötig. Was den Proletariern fehlt, um sich frei zu
machen, sind die Arbeitsmittel. Aufgabe der Regierung ist es, sie ihnen zu liefern.
Wenn wir den Staat gemäß unserer Auffassung definieren sollten, würden wir sagen:
„Der Staat ist der Bankier der Armen“ (Organisation du Travail, S. 14).
        <pb n="320" />
        ﻿Kapitel III. Die Assozialisten.

295

eigenen Zerstörung zu dienen; oder aber die Projekte, die man ihr
unterbreitet, sind ohne Gefahr für die bestehende soziale Ordnung,
und dann liegt gerade in der Hilfe, die sie ihr leistet, der Beweis ihrer
bescheidenen Tragweite. Dieser Kritik kann der Staatssozialismus
nicht entgehen, ausgenommen er erklärt sich klar und deutlich als
konservativ, und das hat er denn auch in Deutschland getan.

Louis Blanc beschäftigt sich, wie später Lassalle, hauptsäch-
lich mit dem sofortigen Erfolge und bemerkt diesen Einwurf nicht.
Er denkt an einen anderen Vorwurf, der in seinen Augen bedeut-
samer ist, denselben, den man in der Folgezeit den Staatssozialisten
machen wird, und er sucht ihn durch ein Argument zu beseitigen,
das sich oft bei ihnen wiederfinden sollte. Ist die Einmischung des
Staates nicht im Gegensatz zur Freiheit? fragt er sich. Ja, antwortet
Louis Blanc, wenn man unter Freiheit ein abstraktes Recht ver-
steht, — das jedem Menschen durch eine Verfassung zugesprochen
ist. Hierin liegt die Freiheit aber gar nicht: „sie liegt vielmehr in
der Macht, die den Menschen gegeben ist, seine Fähigkeiten aus-
zuüben und zu entwickeln unter der Herrschaft der Gerechtigkeit
und unter dem Schutze des Gesetzes“ ’) (S. 19). Rechtliche Freiheit
°hne tatsächliche Freiheit ist weiter nichts „als eine nichtswürdige
'Vergewaltigung“: und die Freiheit wird tatsächlich überall dort
unterdrückt, wo der Mensch ohne Bildung, ohne Arbeitsinstrumente
unentrinnbar zur Unterwerfung gegenüber den Reicheren und Ge-
bildeteren verdammt ist. Deshalb wird die Einmischung des Staates
notwendig sein, solange es in der Gesellschaft „eine untere und un-
mündige Klasse“ gibt (S. 20). In einer noch kräftigeren Formel
sagt Lacoedaiee: „Zwischen dem Starken und dem Schwachen ist
die Freiheit das, was unterdrückt, und das Gesetz das, was frei
macht.“ Dieses Argument haben wir schon bei Sismondi gelesen 2),
und werden es bei allen Gegnern des laisser-faire wiederfinden.

Man sieht, wie schon bei Louis Blanc eine geistige Bewegung
uinsetzt, die im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts viel stärker

') „Das Recht, im Abstrakten betrachtet, ist ^ ^^Ichutz^derfür das
das Volk täuscht. Das Recht ist der metap ysisc	j}as „roßartig und in

Volk den lebendigen Schutz, dem man ihm sc iu e ,	®	‘ bat nur ais Maske

allen Einzelheiten in den Verfassungsurkunden “ff^SuahsmuBund für die bar-
Gr die ganze Ungerechtigkeit der Einführung	seinem Schicksai überlassen

Wische Nichtachtung gedient, mit der man A R ht definiert hat, ist man dazu
hat. Weil man die Freiheit durch dasiVortR	die Heloten des

««langt, die Sklaven des Hungers, die Leibeigenen d	Freiheit

Zufalls freie Menschen zu nennen.	sondern in d« dem Menschen

nicht nur in dem zugesprochenen Recht besteht,	&gt;g

gegebenen Macht, seine Fähigkeiten auszubilden und zu entwickeln (S. 19).

2) Vgl. weiter oben, S. 211, Anm. 1 und S. 213, Anm. i.
        <pb n="321" />
        ﻿296

Zweites Buch. Die Gegner.

werden sollte. Der Staatssozialismus, der seiner Zeit ein einfacher
Notbehelf war, wird dann zu einer wirklichen Lehre, deren praktische
Anwendungen äußerst zahlreich sind.

Die Ereignisse des Jahres 1848 haben Louis Blanc Gelegenheit
gegeben, seine Ideen teilweise zu verwirklichen. Diese Versuche
werden wir in einem folgenden Kapitel eingehender darlegen, wo
wir die unglücklichen Bestrebungen des Sozialismus von 1848 wieder-
linden. Aber die Ideen der Organisation du travail haben
einen dauerhafteren Erfolg in den zahlreichen Produktiygenossen-
schaften der Arbeiter gehabt, die mehr oder weniger überall ent-
standen, und deren Popularität unter gewissen Gruppen französischer
Arbeiter noch heute recht groß ist. — So hat Louis Blanc zusammen
mit Owen und Fourier dem Prinzip der Genossenschaft einen kräftigen
Anstoß gegeben, und gerade dadurch verdient er einen wenn auch
etwas geringeren Platz in der Geschichte des Assozialismus.

Außer Louis Blanc müssen noch zwei Männer erwähnt werden,
die den Assozialismus bis zur Revolution von 1848 fortgeführt haben,
Leroux und Gäbet.

Pierre Leroux übte auf seine Zeit einen bedeutenden Einfluß aus:
Die Romane George Sand’s sind mit sozialen Abhandlungen erfüllt,
die, wie sie selbst erklärt, von ihm stammen. Man kann jedoch in
Leroux’ oberflächlich humanitären Büchern keine wirklichen Beiträge
zur Wissenschaft finden, — ausgenommen vielleicht sein Vertrauen
in die Assoziation') und im besonderen in die Idee des Gesetzes der
Solidarität, die zu einer großen Zukunft berufen war. Er scheint
der erste zu sein, der das berühmte Wort in dem Sinne gebraucht hat,
den man ihm heute beilegt, nämlich als Ersatz für Barmherzigkeit* 2).

Ihm muß anscheinend auch die Vaterschaft des Wortes Sozi-
alismus als entgegengesetzt zu Individualismus3) zugesprochen

') „Wenn ihr keine Assoziation der Menschen wollt,“ rief er in der Assemblee
Nationale von 1848 aus, „so sage ich euch, daß ihr die Zivilisation zu einem entsetz-
lichen Todeskampf verdammt.“

2) In seinem Buche L’Humanite (1840). Man darf aber von dieser Laizisierung
der Wohltätigkeit nicht schließen, daß Leroux anti-religiös gesinnt war. Keineswegs;
sagt er doch selbst, daß er den Gedanken der menschlichen Solidarität dem Apostel
Paulus verdankt: „wir sind Alle Glieder Eines Leibes“.

3) „Ich war es,“ sagt er, „der sich zuerst des Wortes Sozialismus bedient hat.
Damals war es ein Neologismus, aber ein notwendiger Neologismus. Ich bildete diese»
Wort als Gegensatz zu Individualismus“ (Greve de Samarez, S. 288). Er hat auch
tatsächlich im Jahre 1834 in der Eevue enoyclopedique einen Aufsatz ver-
öffentlicht: De l’Individualisme et du Socialisme. Das Wort findet sich noch
früher, 1832, in der gleichen Zeitschrift, Discours sur la Situation actuelle de
l’esprit humain. Siehe auch seine (Euvres completes Bd. I, 8.121,161,378;
und weiterhin für alles, was diesen etwas langweiligen, aber erfindungsreichen Schrift-
steller betrifft, vgl. das Buch von E. Thomas, Pierre Leroux (1905).
        <pb n="322" />
        ﻿Kapitel IV. Friedrich List und die nationale Volkswirtschaftslehre. 297

werden. Und sicherlich muß die Einführung dieser beiden Worte
genügen, um ihm bei allen Soziologen Unsterblichkeit zu sichern.

Gäbet war, was ja bei einem Sozialisten nicht gerade oft ver-
kommt, Oberstaatsanwalt gewesen, allerdings nur kurze Zeit; er hat
aber eine viel größere Berühmtheit durch seinen Roman: Reise
nach Ikarien erlangt. Sein System hat nichts besonders Originelles
an sich. Gegen den ewig gültigen Einwurf: Was macht man mit
denen, die nichts tun wollen? hat er die gleiche, leichte Antwort:
»Die Faulen? die kennen wir nicht“ (in Ikarien nämlich). Unglück-
licherweise versuchte er, eine überzeugendere Antwort zu finden, in-
dem er nach dem Beispiel Owen’s und Consideeant’s eine Kolonie
in den Vereinigten Staaten gründete (1848). Immerhin war diese
Gesellschaft Ikaria eine von jenen, die sich die längste Zeit halten
konnten und trotz aller Unannehmlichkeiten bestand sie bis zum
•fahr 1898, also fast ein halbes Jahrhundert, wenn auch in stark ver-
änderter Gestalt1).

Gäbet war offen kommunistisch und entfernt sich hierin von
Foueiee, um sich Owen zu nähern, obgleich er sich dagegen ver-
wahrt, sein Schüler zu sein. Das lag jedoch vielleicht nur an seiner
Eitelkeit als Schriftsteller, denn er hat ihn sehr gut und sogar per-
sönlich gekannt. Trotz seines Kommunismus war Gäbet doch kein
Revolutionär. In seiner freundlichen Gutmütigkeit wendete er sich
nur an die altruistischen Gefühle, und sein Optimismus gab ihm die
Überzeugung, daß diese moralische Bekehrung sich leicht verwirk-
lichen ließe 2).

Kapitel IV.

Friedrich List

und die nationale Volkswirtschaftslehre.

Um die Mitte des 19. Jahrhunderts hatte die Lehre A. Smiths
überall in Europa die Herrschaft erlangt. Die früheren Doktünen
waren darüber vergessen worden, und keines der neuen Systeme

') Siehe über das System Cabet’s und die Geschichte Ikaria’s das Buch von
Phudhommbaux in zwei Bänden: Etienne Gäbet et Histoire de la com-

mnnaute Icarienne.	Aussicht auf Erfolg haben, solange

2) „Ich glaube, daß die Kommunisteni ke A	^	predigen und

«e sich nicht selbst geändert haben. Sie mog	üherzeuo'en “

durch die Ausübung aller sozialen Tugenden ihre Gegner uherzeuBen.
        <pb n="323" />
        ﻿298

Zweites Buch. Die Gegner.

konnte sie verdunkeln. Aber anf ihrem Siegesläufe hatte sie viele
Veränderungen erlitten und war vielen Kritiken ausgesetzt gewesen.
Von ihren Anhängern (Say, Malthus und besonders Ricaedo) erhielt
sie bedeutungsvolle Erweiterungen und Verbesserungen. Zur gleichen
Zeit (mit Sismomdi und den Sozialisten) eröffneten sich neue Per-
spektiven, die darauf abzielten, die ihr von ihrem Meister zu eng
gezogenen Grenzen zu sprengen und die Nationalökonomie nach neuen
Gesichtspunkten zu orientieren.

Nur einer der Grundgedanken der Lehre blieb bestehen, und
zwar nicht der wenigst bedeutende: das Prinzip der Handelsfreiheit.
Hier war der Triumph vollständig. Die Freiheit des internationalen
Handels wird als ein unbestreitbares Dogma von den Volkswirt-
schaftlern aller Länder anerkannt. In Deutschland, wie in England,
in Frankreich wie in Rußland ist unter den wissenschaftlichen
Autoritäten die Übereinstimmung vollständig. Die Sozialisten lassen
diese Frage entweder beiseite oder, wenn sie sich mit ihr beschäf-
tigen, stimmen sie mit den National Ökonomen überein1). Einige
vereinzelte Schriftsteller machen zwar Vorbehalte oder erheben Ein-
würfe, aber diese gelangen nicht zur Kenntnis des großen Publikums2).
Allerdings bleiben die Regierungen und die Parlamente zum größten
Teil der Übertragung der neuen Ideen auf die Praxis feindlich ge-

1)	Sismondi (Nouveaux Principes, Bd. IV, Kap. XI) bekämpft das Schutz-
zollsystem , dem er vorwirft, die Überproduktion zu verursachen, und ebenso das
absurde Bestreben aller Nationen, sich selbst genügen zu wollen. Saint-Simon be-
trachtet die Zollschranken als eine Folge des nationalen Hasses (CEuvres III, S. 36)
und lobt die Volkswirtschaftler, nachgewiesen zu haben, „daß ein jeder Mensch in
sozialer Beziehung sich einzig als Glied einer Gesellschaft von Arbeitern fühlen muß,
da das ganze Menschengeschlecht ein Ziel und gemeinsame Interessen hat“ (Lettres
ä un Americain, (Euvres, II, 186—187). Die Saint-Simonisten sind der Präge
nicht direkt näher getreten, doch ergibt es sich von selbst, daß Schutzzölle in der
von ihnen geträumten, allgemeinen Assoziation keinen Platz haben. Was Poukieb
betriht, so wird unter den Phalanges auf der ganzen Oberfläche der Erde im Güterumlauf
die größte Freiheit herrschen. (Vgl- Bouhgin: Fourier, S. 326—320, Paris 1906.)

2)	Wir zitieren nur zwei davon: Augustin Couhnot und Louis Say, Nantes.
Der Erste hat in seinen Eecherohes sur les principes mathematiques
de la theorie des Kichesses (1838), einem heute berühmt gewordenen Werke,
das aber zur Zeit seines Erscheinens vollständig unbeachtet blieb, die Theorie des
Freihandels kritisiert. Dieser Teil seines Buches ist jedoch nicht der, der seine
spätere Berühmtheit verursacht hat. — Louis Say (1774—1840) war der Bruder
J. B. Say’s. Er hat verschiedene Werke herausgegeben, die in Vergessenheit geraten
sind, und in denen er mehrere der von seinem Bruder verteidigten Grundsätze
kritisiert, was dem Letzteren höchst mißfiel. Wir erwähnen hier nur sein letztes
1836 erschienenes Buch: Etudes sur la richesse des nations et refutation
des principales erreurs en economie politique, denn dieses ist das Buch,
das List erwähnt. Wahrscheinlich würde ohne List der Name Louis Say’s vergessen
worden sein. Eichblot, in seiner Übersetzung List’s (2. Ausg. 477), führt einige
der wichtigsten Stellen des Buches Louis Say’s an.
        <pb n="324" />
        ﻿Kapitel IV. Friedrich List und die nationale Volkswirtschaftslehre. 299

sinnt, aber sogar hier, wo so viele mächtige Interessen ihr entgegen-
stehen, kann man den wachsenden Einfluß der Lehre Smith’s wahr-
nehmen. Der liberale preußische Zolltarif von 1818, die Reformen
des Ministers Huskisson in England (1824—1827) wurden von ihren
Urhebern mit voller Absicht als eine teilweise Anwendung dieser
Prinzipien betrachtet.

Es bedurfte der besonderen historischen und wirtschaftlichen
Bedingungen, in denen sich Deutschland am Anfang des 19. Jahr-
hunderts befand, um einen Widerspruch hervorzurufen. Trotzdem
dieser Widerspruch erst spät kam, erregte er deshalb nicht weniger
Aufsehen. Friedrich List war es, der in seinem 1841 erschienenen
Buche: Das nationale System der politischen Ökonomie,
sich zum neuen Theoretiker des Schutzzolls machte. In seinem Vor-
wort sagt er; „Die Geschichte meines Buches ist die Geschichte der
Hälfte meines Lebens.“ Mit der gleichen Berechtigung könnte man
sagen, daß es die Geschichte Deutschlands von 1800—1840 war. Es
ist zweifelsohne nicht nur ein einfacher Zufall gewesen, der das
erste ökonomische System, das auf dem Gedanken der Nationalität
beruht, in dem Lande schuf, dessen vorherrschende politische Idee
im Laufe des 19. Jahrhunderts die Verwirklichung seiner nationalen
Einheit war. In seinen Ursprüngen ist das Werk List’s ein Werk
der Umstände. Diese Umstände muß man kennen, wenn man den
Verfasser und sein System beurteilen will.

§ 1. Die wirtschaftliche Lage Deutschands und die

Ideen List’s.

Deutschland bietet im 19. Jahrhundert das bemerkenswerte
Schauspiel einer anfangs durchaus landwirtschaftlichen Nation, die
wirtschaftlich und politisch zerstückelt ist, deren Industrie mit allen
Hindernissen der Zunftordnung, deren Landwirtschaft mit allen
Hindernissen der feudalen Herrschaft zu kämpfen hat, und die in
Wenigen Jahren alle diese Ketten sprengt, zunächst seine wirtschaft-
liche und später seine politische Einheit gründet, und in den letzten
drei Jahrzehnten des Jahrhunderts sich zum Rang einer industriellen
Großmacht aufschwingt.

Der Zollverband mit Irland hatte im Jahre 1800_die Wirtschaft- 1 US \
liehe Einheit Großbritanniens vollendet, eine Einheit, die fast seit
einem Jahrhundert zwischen England und Schottland verwirklicht
War, und die Smith schon „als eine der Hauptursachen des Wohl-
standeg Großbritanniens“ x), betrachtete. Frankreich hatte sich 1791

’) Die Vereinigung Englands mit Schottland datiert schon vom Jahre 1707.

Sl die Stelle bei Smith (Völkerreichtum, Bd. II, S. 293, B. V, Kap. II, Teil 2, § 4).
        <pb n="325" />
        ﻿300

Zweites Buch. Die Gegner.

durch die Abschaffung der Binnenzollschranken die gleiche innere
Einheit erobert. Aber Deutschland war noch 1815 in eine Menge
von Staaten ungleicher Bedeutung zerstückelt, die sich gegeneinander
durch Zollschranken absperrten. Die Petition, die List im Namen
des Handelsvereins 1819 an den Bundestag richtete, zählt nicht
weniger als 38 Zollgrenzen im Inneren des deutschen Bundes auf.
Dabei erwähnt er nicht einmal alle die Schranken, die in jedem der
verbündeten Staaten noch dazu kamen und den Handel hemmten.
Allein in Preußen zählte man nicht weniger als 67 verschiedene
Tarife1). In einer anderen Petition sagte List; „In Wahrheit,
während die anderen Nationen die Wissenschaften und die Künste
pflegen, auf Grund derer der Handel und die Industrie ihren Auf-
schwung nehmen, muß der deutsche Kaufmann und Fabrikant heute
den größten Teil seiner Zeit auf das Studium der Zolltarife und der
Wegegelder verwenden 2).“

Diese Nachteile wurden durch einen besonderen Umstand noch
vergrößert: nämlich durch das völlige Fehlen des Zolles gegenüber den
Erzeugnissen der Nachbarstaaten. Die deutschen Staaten schlossen
sich gegenseitig ihre Grenzen, aber Deutschland selbst blieb, da es
eine wirksame Zentralverwaltung nicht besaß, für die fremden Waren
offen. Diese Lage machte sich nach Aufhebung der Kontinental-
sperre besonders nachteilig bemerkbar. Kaum war nämlich der
Friede hergestellt, als England den Kontinent mit seinen Erzeug-
nissen überschwemmte, denn es war während des Krieges von seinen
Absatzgebieten getrennt gewesen und hatte sich infolgedessen ge-
zwungen gesehen, in seinen Fabriken enorme Warenvorräte an-
zusammeln. In Frankreich fand es verschlossene Türen, da die
Restauration ein strenges Schutzzollsystem hergestellt hatte, während
in Deutschland diesen zu Spottpreisen gelieferten Waren Tor und
Tür offen standen.

Die deutschen Kaufleute und Fabrikanten fingen an, unruhig zu
werden. Von allen Seiten erhob sich der Ruf nach wirtschaftlicher
Einheit und nach einem gleichmäßigen Zolltarif an der Grenze. Die
gesamte öffentliche Meinung erstrebte die Reform, die zu gleicher
Zeit der erste Schritt zur nationalen Einheit zu sein schien.
Preußen verwirklichte 1818 seine eigene Handelseinheit, indem es

*) List, Werke, Ansg. Häussbe, Bd. II, S. 17. Das Nationale System
wurde 1883 in der 7. Ausg. von Ehebbes mit einer ausgezeichneten kritischen und
historischen Einführung veröffentlicht. [Dagegen entstammen die im folgenden, wie
auch die im Texte angeführten Stellen der ersten Ausgabe von Cotta, 1841. Anm.
des Übers.]

2) Der Versammlung der deutschen Fürsten in Wien im Jahre 1820 unterbreitete
Bittschrift, Werke, Bd. II, S. 27.
        <pb n="326" />
        ﻿Kapitel IV. Friedrich List und die nationale Volkswirtschaftslehre. 301

alle seine Zollschranken an die Grenzen verlegte, und sein neuer
Zolltarif; in dem die Zölle auf Manufakturgegenstände 10 °/0 nicht
überstiegen, der kein Ein- oder Ausfuhrverbot enthielt, und nach
dem die Einfuhr der meisten Rohstoffe frei war, wurde von Hus-
kissox 1827 im englischen Parlament als ein nachahmenswertes
Muster des Liberalismus vorgeschlagen. Diese Eeform beschränkte
sich aber auf Preußen und verbesserte in keiner Weise die Lage
der Gesamtheit der deutschen Kaufleute, gegen die der preußische
Zolltarif in der gleichen Weise wie gegen Ausländer zur An-
wendung kam.

Diese vereinzelte Reform war denn auch weit davon entfernt,
die Bewegung zugunsten einer Zolleinheit einzuschränken, sondern
wirkte im Gegenteil nur auf ihre Stärkung hin. 1819 entstand in
Frankfurt der „Handelsverein“, um auf die Regierung des deutschen
Bundes einzuwirken. Sein Urheber ist Friedrich List. Seit kurzem
als Professor in Tübingen tätig, ist er schon als liberaler Journalist
bekannt, wird zum Generalsekretär des Vereins ernannt und ist die
Seele der Bewegung. Er häuft Petitionen, Zeitungsartikel und per-
sönliche Vorstellungen bei den verschiedenen Regierungen in München,
Stuttgart, Berlin und Wien; er möchte, daß Österreich die Initiative
zu dieser Retorm nehme. Alles erfolglos! Der jedem selbständigen
Ausdruck der öffentlichen Meinung feindlich gesinnte Bundestag ver-
weigert der Petition des Handelsvereins die Antwort. List selbst
wird bald durch andere Sorgen in Anspruch genommen. 1820 in
seiner Geburtsstadt Reutlingen zum Abgeordneten der württem-
bergischen Ständekammer erwählt, wird er, infolge einer Petitions-
vorlage, in der er die Bureaukratie seines Landes ziemlich scharf
kritisierte, auf Anstiften der reaktionären Regierung aus der Kammer
ausgeschlossen und zu zehn Monaten Festung verurteilt. Nachdem
er Zuflucht in Frankreich gesucht hatte und in England und in der
Schweiz gereist war, entschließt er sich, nach Württemberg zurück-
zukehren, wo er sofort eingekerkert wird. Nach seiner Entlassung
aus dem Gefängnisse geht er nach Amerika, denn Lafayettb, den
er in Paris kennen gelernt hatte, hatte ihn gedrängt, ihn dorthin zu
begleiten und ihm eine seines Talents würdige Aufnahme versprochen
(1825).

Nachdem er sich in Amerika hochstehende Freunde erworben
batte und zu Vermögen gekommen war, kehrte er 1832 nach Deutsch-
iand zurück, wo die Zolleinheit, für die er 13 Jahre früher gekämpft
batte, unmittelbar vor ihrer Verwirklichung stand. Allerdings anders
al» er gedacht hatte. Nicht unter der Führung Österreichs und nicht
durch eine allgemeine Reform, sondern mit Preußen als Grundstein
uud durch eine Reihe von Sonderabkomraen. 1828 waren fast gleich-
        <pb n="327" />
        ﻿302

Zweites Buch. Die Gegner.

zeitig zwei „Zollvereine“ gegründet worden, der eine zwischen Bayern
und Württemberg, der andere zwischen Preußen und Hessen-Darm-
stadt. In jedem dieser beiden Zollvereine bestand freier Waren-
umlauf und an den Grenzen ein gemeinsamer Zolltarif. Von Anfang
an arbeiteten diese beiden Zollvereine Hand in Hand, aber die end-
gültige Verschmelzung in einen einzigen Zollverein wurde erst
am 22. März 1833 beschlossen. Dieses Abkommen sollte am 1. Januar
1834 in Kraft treten. Aber schon vor diesem Datum schlossen sich
ihm Sachsen und einige andere Staaten an.

So war denn 1834 die Handelseinheit des modernen Deutsch-
lands so gut wie endgültig verwirklicht. Der Zollverein umschloß
die wichtigsten deutschen Staaten, ausgenommen Österreich1). Unter
dieser neuen Ordnung der Dinge nahm die Industrie, die nun einen
großen Innenmarkt besaß, einen schnellen Aufschwung. Es konnte
jetzt aber nicht ausbleiben, daß eine neue Frage aufgeworfen wurde.
Welches Zollsystem sollte dem Zollverein zugrunde liegen? 1834 hatte
man ohne Schwierigkeit für die Gesamtheit des Zollvereins den
liberalen preußischen Tarif von 1818 angenommen, über den man
doch bereits seine Erfahrungen besaß. Viele Fabrikanten jedoch, im
besonderen die Koheisenerzeuger, die Woll- und Baumwollspinner ver-
langten einen kräftigeren Schutz gegenüber der fremden Konkurrenz,
die immer schärfer geworden war, im Maßstabe, wie die Bedürfnisse
der Metallurgie und der Spinnereien wuchsen, die immer mehr Eoh-
stoffe verbrauchten. Als es sich daher 1841 darum handelte, den
Zollverein zu erneuern, erhob sich eine lebhafte Polemik zwischen
den Anhängern des Status quo, die zum Freihandel neigten, und
den Befürwortern eines kräftigeren Schutzzollsystems.

In diesem Augenblicke erscheint das nationaleSystem List’s,
das energisch zugunsten des Schutzzolls eintritt.

Dieses glänzende, formvollendete Buch, das, voll von Beispielen
aus der Geschichte und der Erfahrung, für das große Publikum in
einer Sprache geschrieben ist, die alles trockene und rein wissen-
schaftliche vermeidet, wurzelt ganz und gar in der besonderen wirt-
schaftlichen Lage Deutschlands in diesem Augenblick. Eine ganz
junge Industrie, die Grundbedingung der zukünftigen Größe des
Landes, die sich seit 1815 zum erstenmal hatte in Frieden entwickeln
können, stößt jetzt im Konkurrenzkampf auf die englische Industrie
mit ihren vervollkommneten Maschinen, ihrer langen Überlieferung
und ihrer riesenhaften Produktion. Hierin lag für List die Haupt-
tatsache. Das so bedrohliche England schließt durch seine „Corn-

l)	Baden, Nassau und Frankfurt a. M. traten 1835 und 1836 bei. Außerhalb des
Zollvereins blieben: Mecklenburg, die freien und Hansestädte, Hannover, Braunschweig
und Oldenburg.
        <pb n="328" />
        ﻿Kapitel IV. Friedrich List und die nationale Volkswirtschaftslehre. 303

Laws“ den Produkten der deutschen Landwirtschaft, wie denen der
deutschen Industrie seinen Markt. Zwei andere Nationen, die wie
Deutschland zu einer großen wirtschaftlichen Zukunft berufen waren,
zeigen ihm den Weg: Frankreich und die Vereinigten Staaten. Durch
die Ergebnisse des Eden-Vertrages (1786) über die verderblichen
Wirkungen der englischen Konkurrenz belehrt, beeilt sich das erstere
Land, sofort nach den napoleonischen Kriegen seine Grenzen durch
Schutzzölle zu schließen. Noch bezeichnender ist das Beispiel der
Vereinigten Staaten, dessen Lage in so vieler Hinsicht mit der
Deutschlands vergleichbar war. Auf beiden Seiten eine soeben erst
erworbene wirtschaftliche Selbständigkeit, ein Überfluß an natürlichen
Hilfsquellen, ein großes Gebiet, eine gebildete und fleißige Be-
völkerung und die Aussicht auf eine große politische Zukunft. Die
erste Sorge der Amerikaner, als sie sich frei gemacht hatten, war
die, eine Industrie ins Leben zu rufen, und zu diesem Zweck das
Eindringen der englischen Waren durch Schutzzölle hintanzuhalten.
So besteht überall die gleiche Gefahr: das tyrannische Übergewicht
Englands, und überall wird die gleiche Verteidigungswaffe an-
gewendet: der Schutzzoll. Soll nur Deutschland sich dieses Abwehr-
Mittels nicht bedienen?

Das ist der Grundgedanke von List’s Ausführungen.

Aber diese nur auf das praktische gerichteten Anschauungen
List’s widersprachen den wohlbekannten Argumenten der Volks Wirt-
schaftler, die er unter dem Namen „die Schule“ zusammenfaßt. Diese
Schule sagt: ein Volk muß ebenso, wie ein Individuum, seine Bedürf-
nisse auf dem billigsten Markt decken; es muß sich auf die Erzeug-
nisse beschränken, für die es die meisten relativen Vorteile besitzt;
mich wächst die Industrie nur mit den Kapitalien; da nun der
Schutzzoll das Leben verteuert, so verzögert er die Ansammlung von
Kapitalien und widerstreitet seinem eigenen Zwecke.

Um diese Einwürfe zu widerlegen, mußte man, anstatt einen
nach dem anderen vorzunehmen, die ganze Diskussion auf einen
neuen Boden übertragen. Die „Schule“ nahm ein gewisses handels-
politisches Ideal als gegeben an: in jedem Augenblick den gegen-
wärtigen Reichtum, oder wie es List recht ungeschickt ausdrückt,
»die Summe der Tauschwerte“ vermehren, die eine Nation verbrauchen
kann 1). Dieser grundlegende Gesichtspunkt mußte geändert werden,

) Der Ausdruck „Tauschwert bezeich“eb enbucksproflt. Es ist nicht besonders
der gegenwärtigen Vorteile, der materielle Augen	kP^ ^ nehmen uud ihm zll

glücklich, doch würde es unrichtig sein’ ’h f a„ lugersoll, S. 186, drückt
viel Bedeutung beizulegen. Denn in deni Bn	{|r die Schule Smith’s der

er genau den gleichen Gedanken ans, indem ei sa„t,	po.P„aT, rtereGeo-en-

Zweck ist; „Gegenstände durch den Austausch gegen andere Gegen
        <pb n="329" />
        ﻿304

Zweites Buch. Die Gegner.

/-

wenn man sich den Folgerungen, die sich logisch daraus ergaben,
entziehen wollte. List begriff das, und in seinen Bemühungen, dies
Ziel zu erreichen, fand er neue Wahrheiten, die seinem Buch bleiben-
den theoretischen Wert verleihen und ihm einen bedeutenden Platz
in der Geschichte der Doktrinen sichern.

Er führte in die Diskussion zwei den anerkannten Theorien
fremde Gedanken ein: die Idee der Nationalität, als Gegen-
satz zu der des Internationalismus; und die Idee der Produktiv-
kraft, als Gegensatz zu der des Tauschwertes. Auf diesen Ge-
danken beruht das ganze System.

a)	List sagt; Adam Smith und seine Schule haben eine kosmo-
politische Hypothese aufgestellt. Sie haben angenommen, daß schon
jetzt alle Menschen in einer großen Gemeinschaft vereinigt sind, aus
der der Krieg verbannt ist. Auf Grund einer solchen Hypothese,
wonach die ganze Menschheit sich aus Einzelindividuen zusammen-
setzt, sind allerdings ihre individuellen Interessen allein von Wichtig-
keit, und man kann kein Hindernis rechtfertigen, das ihrer wirt-
schaftlichen Freiheit entgegensteht. Aber zwischen den Menschen
und das Menschengeschlecht hat die Geschichte die Nationen gestellt.
Das vergißt die Schule. Jeder Mensch ist ein Teil einer Nation, und
sein individueller Wohlstand ist mit der politischen Macht der letzteren
innigst verknüpft1).

Ohne jeden Zweifel ist die allgemeine Verbrüderung der Menschen
ein hohes, edles Ziel, das eines Tages verwirklicht werden wird.
Heute aber haben die verschiedenen Nationen noch verschiedene In-
teressen und sind verschieden mächtig. Die endgültige Wirtschafts-
einheit kann ihnen nur dann nützen, wenn die Nationen mit gleicher
wirtschaftlicher Macht in diese allgemeine Verbrüderung eintreten.
Denn wenn das nicht der Fall ist, wird es sehr leicht möglich, daß
nur eine von ihnen von der Wirtschaftseinheit Vorteil hat, während
alle anderen von ihr unterjocht werden. Unter diesem neuen Gesichts-
punkt ist die Nationalökonomie „diejenige Wissenschaft, welche mit
Anerkennung der bestehenden Interessen und der individuellen Zustände

stände zu gewinnen“, und „sich hauptsächlich mit den Wirkungen
des materiellen Austausches zu befassen, anstatt mit den produktiven
Kräften“. Zu bemerken ist, daß List niemals von Eicardo spricht, sondern sich
einzig gegen Smith und Say wendet, die er allein gelesen zu haben scheint.

') ,.So lehrt das Beispiel von Holland, wie das von Belgien, wie das der Hanse-
städte und der italienischen Kepubliken, daß die Privatindustrie den Handel und
die Industrie und den Eeichtum ganzer Staaten und Länder nicht aufrecht zu er-
halten vermag, wenn die öffentlichen Zustände nicht günstig sind, und daß die
Individuen den größten Teil ihrer produktiven Kräfte von der politischen Organisation
der Kegierung und der Macht der Nation empfangen“ {Nat. Syst. S. 75, Cotta’sche
Ausg. 1841).
        <pb n="330" />
        ﻿Kapitel IY. Friedrich List und die nationale Volkswirtschaftslehre. 305

der Nationen lehrt, auf welche Weise jede einzelne Nation auf die-
jenige Stufe ökonomischer Ausbildung gehoben werden kann, auf
welcher die Einigung mit anderen gleichgebildeten Nationen, folglich
die Handelsfreiheit ihr möglich und nützlich sein wird“ 1).

List unterscheidet verschiedene dieser „Wirtschaftsstufen“, wir
würden heute sagen: dieser Formen wirtschaftlicher Verfassung. Er
behauptet sogar, unter ihnen eine notwendige geschichtliche Reihen-
folge nachzuweisen. Es sind das: Der Zustand des Wilden, der des /, •
Hirten, der des Agrikulturstaates, der des Agrikultnr-Mannfaktur-
Staates nnd der des Agrikultur-Manufaktur-Handels-Staates2). Eine
Nation ist nur „normal“ 3j, wenn sie diesen letzten Zustand erreicht
hat. Hierunter versteht List, daß dies das Ideal ist, dem eine Nation
nachstreben muß. Nur das gestattet ihr, eine Flotte zu besitzen, ,

1)	Siehe Cotta’sche Ausg. 1841, S. 194; Siehe auch S. 238; an anderer Stelle
'(S. 188) definiert er: „die politische oder National-Ökonomie, welche, von dem Begriff
and der Natur der Nationalität ausgehend, lehrt, wie eine gegebene Nation bei der
gegenwärtigen Weltlage und bei ihren besonderen Nationalverhältnissen ihre ökono-
mischen Zustände behaupten nnd verbessern kann.“

2)	S. 260 Cotta. Ausg. 1841. Das Beispiel England’s hat List zu dieser Auf-
fassung Anlaß gegeben; sie beruht aber auf einem geschichtlichen Irrtum. England
hat seine Flotte, seine Kolonien und seinen internationalen Handel vor seinem
Manufakturwesen entwickelt. Seit List sind zahlreiche Schemata der wirtschaftlichen
Entwieklungsphasen der Nationen vorgeschlagen worden. Hildebbandt unterschied
■die Natural-, die Geld- und die Kredit-Wirtschaft (Jahrbücher für National-
ökonomie, Bd. II, S. 1—24). Bücher hat an Stelle dieser Aufzählung die Auf-
einanderfolge von Haus-, Stadt- und Volkswirtschafts-Perioden gesetzt (Die Ent-
stehung der Volkswirtschaft, 37 Ausg.).’ Sombaet hat seinerseits nicht ohne
Grund diese Einteilung in seinem Buch: Der moderne Kapitalismus (Bd. I.

S- 51 ff,, Leipzig 1902) kritisiert, doch ist es die Frage, ob die, die er vorsehlägt,
dauerhafter sein wird!

Man hat, glauben wir, nicht bemerkt, daß List selbst die Aufzählung der ver-
schiedenen wirtschaftlichen Perioden fast vollständig A. Smith entlehnt. Im V. Kap.
des II. Buches des Völkerreichtums, in dem er von der verschiedenen Anwendung
Ton Kapitalien spricht, unterscheidet er gerade drei solcher Entwickluugsperioden:
die landwirtschaftliche, die manufaktur-landwirtschaftliche und die landwirtschaftliche
Manufaktnr-Handels-Periode. Smith hält die letztere für die vorteilhafteste; nur
muß man, nach ihm, die Verwirklichung dieser dritten Periode von dem „natürlichen
Lauf der Dinge“ erwarten.

3)	S. 257, Cotta. Ausg. 1841. Wir treffen hier auf die Anwendung eines der
unbestimmtesten und vieldeutigsten Begriffe der Volkswirtschaft. Es wäre wünschens-
wert, die Wissenschaft überhaupt von ihm zu befreien. Bekannt ist, zu welchen
Streitigkeiten die Idee des normalen Lohnes und des normalen Preises Anlaß
gegeben hat, es ist eins der Verdienste der mathematischen Schule, an seine Stelle
den Begriff des Gleichgewichtspreises gesetzt zu haben. Der Begriff von einer
. 0rmal-Nation ist ebenso wenig genau, wie der des Normal-Lohnes, und es ist ganz
interessant zu sehen, wie List als „normal“ ein Ganzes von charakteristischen
Eigenschaften beschreibt, das, wie er selbst gesteht, zur Zeit als er schrieb, nur eine
®mzige Nation. England, in sich vereinigte.

Gide und Rist, Gesch. d. Volkswirtschaft!. Lehrmeinungen.

20
        <pb n="331" />
        ﻿306

Zweites Buch. Die Gegner.

Kolonien zu gründen, um ihren auswärtigen Handel aufrecht zu er-
halten und ihren Einfluß zu erweitern. Nur auf dieser Stufe kan»
sie eine große Bevölkerung ernähren und dadurch die vollständige
Entwicklung der Wissenschaften und Künste, die Unabhängigkeit
und die Macht des Landes sicher stellen. „Die Idee von Independenz
und Macht entsteht mit dem Begriff der Nation“ H. Allerdings
können nicht alle Nationen zu dieser vollständigen Entwicklung
gelangen. Sie setzt voraus ein großes Gebiet, das zahlreiche natür-
liche Hilfsquellen besitzt, und ein gemäßigtes Klima, das die Ent-
wicklung der Manufaktur gestattet2). Wenn aber alle diese Be-
dingungen gegeben sind, ist es die Aufgabe der Nation, mit allen
ihren Kräften diesem Zustand zuzustreben. Deutschland besitzt sie
nun im höchsten Grade, und es hängt nur von ihm ab, sein Gebiet
noch zu erweitern. List verlangt für Deutschland Holland und
Dänemark, die nach seiner Ansicht dazu kommen werden, „ihre Ein-
verleibung in eine größere Nationalität als wünschenswert und not-
wendig zu betrachten“, und die er gern aus freien Stücken in dem
deutschen Bund eintreten sehen möchte3).

So ist für ihn der Zweck der Handelspolitik nicht mehr, wie
für Smith, einfach die Bereicherung der Nation. Sie soll einem viel-
fältigeren Ideal dienen, das zur gleichen Zeit historisch und politisch
ist. Dieses Ideal verlangt, als grundlegende Notwendigkeit, die
Gründung von industriellen Unternehmungen.

b)	Diese Notwendigkeit erscheint auch noch unter einem anderen
Gesichtspunkt. Der Reichtum eines Landes läßt sich nicht nur im
gegenwärtigen Augenblick beurteilen. Es genügt nicht, daß die
Arbeit und die Sparsamkeit seiner Bewohner ihm heute eine große
Menge von tauschbaren Werten sichern. Es ist außerdem noch not-
wendig, daß die Quellen der Arbeit und der Sparsamkeit geschützt
und die Entwicklung dieser Tugenden in der Zukunft sicher-
gestellt werden; denn „die Kraft, Eeichtümer zu schaffen, ist ... un-

*) S. 264, Cotta. Ausg. 1841. Übrigens vergißt auch Smith den Gedanken der
nationalen Macht nicht, wie überzeugend aus der folgenden Stelle hervorgeht. „Der
Reichtum und, sofern Macht vom Reichtum abhängt, die Macht eines jeden Landes

richtet sich immer nach dem Wert des jährlichen Produktes...........Nun ist es

aber der große Zweck der politischen Ökonomie jedes Landes, den
Reichtum und die Macht dieses Landes zu vermehren.“ (Völker-
reichtum, Bd. I, S. 219, Bd. II, Kap. V).

2)	Über die industriellen Aussichten der gemäßigten, und die landwirtschaft-
lichen der heißen Zone siehe: Nat. Syst. Buch II; Kap. XV. d. Cotta. Ausg. 1841.

8) Die deutsche Nationalität wird damit zugleich erlangen, was ihr zurzeit,
noch fehlt, nämlich Fischereien und Seemacht, Seehandel und Kolonien. (Nat. Syst.
S. 259, Cotta. Ausg. 1841). Wie man sieht, vereint List ohne Mühe patriotischen-
Idealismus und positivste Anschauungen.
        <pb n="332" />
        ﻿Kapitel IV. Friedrich List und die nationale Volkswirtschaftslehie,



endlich wichtiger, als der Reichtum selbst“ (S. 201). Es \is^ die
Pflicht der Nation, für die Vermehrung dessen Sorge zu tragen!'
List mit einem etwas unklaren Ausdruck die „produktiven Kräfte“ net
und zwar noch mehr als für die Vermehrung der tauschbaren Werte1);
sie kann für den Augenblick die Vermehrung der letzteren opfern,
um die ersteren aufrecht zu erhalten. Was er unter diesen Aus-
drücken versteht, ist einfach der Zwiespalt zwischen einer Politik,
die die Zukunft der Nation im Auge hat, und einer Politik, die nur
der Gegenwart Rechnung trägt. „Die Nation muß materielle Güter
aufopfern und entbehren, um geistige oder gesellschaftliche Kräfte zu
erwerben; sie muß gegenwärtige Vorteile aufopfern, um sich zu-
künftige zu sichern“2).

Welches sind nun diese produktiven Kräfte, die die beständige
Quelle des nationalen Wohlstandes und die Grundlage seines Fort-
schritts vorstellen?

List führt zunächst mit ganz besonderem Nachdruck die moralischen
und politischen Einrichtungen an: Gedanken- und Gewissensfreiheit,
Freiheit der Presse, Geschworenengerichte, Öffentlichkeit des Ge-
richtswesens, Kontrolle der Verwaltung, parlamentarische Regierung.
-Das alles wirkt auf die Arbeit des Individuums anregend und heilsam.
Er wird nicht müde, auf die Verluste an Reichtümern hinzuweisen,
die die Aufhebung des Ediktes von Nantes verursacht hat. oder auf
die, die auf Rechnung der spanischen Inquisition zu setzen sind, die,
so sagt er, „längst über die spanischen Flotten das Todesurteil ge-
sprochen hatte, ehe es von den Flotten Englands und Hollands voll-
zogen ward“ (S. 172). Nicht ohne Ungerechtigkeit3) wirft er Smith

fl Gern stellt List den Begriff der Tauschwerte und den der produktiven Kräfte
einander gegenüber. Diese Gegenüberstellung ist aber nicht glücklich. Denn die
Überlegenheit einer Politik, die die produktiven Kräfte fördert, hat kein anderes
Mittel, den Nachweis ihrer Überlegenheit zu erbringen, als gerade durch die Ver-
mehrung der Tauschwerte. Die beiden Begriffe stehen daher in keinem Widerspruch,
und bei einer Schätzung des Reichtums eines Landes müssen sowohl sein gegen-
wärtiger Eeichtum wie seine zukünftigen Hilfsquellen in Betracht gezogen werden.
In seinen Briefen an Ingersoll (vgl. bes. Brief IV) stellt er das natürliche
kapital und das intellektuelle Kapital dem Kapital der produktiven
Materialien gegenüber (das einzige, das nach seiner Ansicht A. Smith im Auge
hat!); „die produktiven Kräfte einer Nation hängen nicht nur von diesem letzteren,
sondern auch und hauptsächlich von den beiden ersteren ab.“

2)	Nat. Syst. Ausg. Cotta 1841, S. 216.

3)	Wir sagen „nicht ohne Ungerechtigkeit“, denn Smith hat mehr als einmal
diese moralischen Kräfte in Betracht gezogen. Er läßt den Aufschwung der englischen
Landwirtschaft mit dem Zeitpunkt zusammenfallen, an dem die Pächter, da sie
Pachtverträge über längere Zeit erhalten hatten, sich von der Abhängigkeit von ihren
Grundbesitzern befreiten. Er weist darauf hin, daß die Städte schneller zu Wohlstand
gelangten als das platte Land, weil sich in ihnen eine regelmäßige Regierung eher

20*
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        ﻿308

Zweites Buch. Die Gegner.

und seiner Schule „Materialismus“ vor, weil sie diese mächtigen Im-
ponderabilien übersehen haben.

Unter allen produktiven Kräften einer Nation ist aber in seinen
Augen keine ergiebiger, als die Manufaktur. Die Fabriken ent-
wickeln zunächst im höchsten Grade die moralischen Kräfte der
Nation. »Der Geist des Strebens nach steter Vermehrung der
geistigen und materiellen Güter, des Wetteifers und der Freiheit
charakterisiert den Manufaktur- und Handelsstaat; während beim
rohen Ackerbau Geistesträgheit und körperliche Unbeholfenheit
herrscht, Festhalten an alten Begriffen, Gewohnheiten, Gebräuchen
und Verfahrungsweisen, Mangel an Bildung, Wohlstand und Freiheit“
(S. 284). Viel besser als die Landwirtschaft gestatten die Fabriken
die Verwertung aller materiellen Hilfsmittel eines Landes, wie
Wasser, Wind, Mineralien und Brennstoffe. Das Bestehen von
Fabriken ist aber auch ein kräftiger Ansporn für die Landwirte;
sie profitieren noch mehr dabei als die Fabrikanten, und zwar durch
das Steigen .der Bodenrente, der Gewinne und der landwirtschaft-
lichen Löhne, die der wachsende Bedarf an Bodenprodukten hervor-
ruft. Außerdem sind die Fabriken ein beständiger Markt für die
Landwirtschaft, den weder Krisen noch Einfuhrverbote sperren
können, wie dies mit fremden Märkten geschieht. Weiterhin schaffen
die Fabriken Nachfrage nach verschiedenen Produkten, die eine Ab-
wechslung in der Bewirtschaftung des Landes gestattet und so eine
Verteilung der landwirtschaftlichen Aufgaben unter den Bezirken
gemäß ihrer natürlichen Beschaffenheit herstellt, während in dem

gebildet hat. Den besten Einfluß, den Handel und Industrie gehabt haben, sagt er
an anderer Stelle, besteht darin, daß sie „nach und nach Ordnung und eine gute
Eegierung und hiermit zugleich Freiheit und Sicherheit der Personen unter den
Landbewohnern“ eingeführt haben . . . „Diese Wirkung ist, so wenig inan auch
auf sie acht gehabt hat, doch die wichtigste unter allen. Humb ist, soviel ich
weiß, bis jetzt der einzige Schriftsteller, der sie ins Auge gefaßt hat.“ (Völker-
reiehtum, Bd. I, S. 238, Bd. III, Kap. IY). Dort, wo er von den amerikanischen
Kolonien spricht (Bd. II, S. 90, Bd. IV, Kap. VII), weist er darauf hin, daß trotz
ihrer im Vergleich zu den spanischen, portugiesischen oder französischen Kolonien
geringeren Fruchtbarkeit „die politische Verfassung der englischen Kolonien
dem Anbau und der Kultur des Landes günstiger gewesen ist, als die Verfassung
irgend einer Kolonie der drei anderen Nationen“. Und wie sollte man endlich noch
die berühmte Stelle vergessen, in der Smith den Wohlstand Großbritannien’s im
wesentlichen auf die Gesetze zurückführt, die einem jeden die Früchte seiner Arbeit
garantieren, wobeier besonders die Eevolution von 1688 hervorhebt! „Die Sicherheit,
welche die Gesetze Großbritanniens jedermann im Genuß der Früchte seiner Arbeit
geben, ist allein hinreichend, diesen und zwanzig anderen törichten Handelsmaßregeln
zum Trotz ein Land blühend zu machen; und diese Sicherheit wurde durch die
Eevolution fast zu eben der Zeit, wo die Prämie eingeführt wurde vollkommen herge-
stellt“ (sc. Ausfuhrprämie auf Getreide). (Völkerreichtum, Bd. II, 8. 69, Bd. IV,
Kap. V.)
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        ﻿Kapitel IV. Friedrich List und die nationale Volkswirtschaftslehre. 309

reinen Agrarzustand ein jeder für seinen persönlichen Verbrauch
produziert, ohne daß sich die Arbeitsteilung mit ihrer enormen Pro-
duktivität einstellen kann1).

Für List wie für Smith ist die Industrie daher nicht nur das
natürliche Ergebnis der Arbeit und der Sparsamkeit. Sie ist selbst
eine soziale Kraft, eine Schöpferin von Kapital und individueller
Arbeit. Sie verdient, sei es auch um den Preis einer vorübergehenden
Störung, in ein Land aus den gleichen Gründen, wie liberale Ein-
richtungen, eingeführt zu werden, als eine fruchtbare Quelle späteren
Reichtums. In einem prachtvollen Vergleich, der würdig ist, in dem
Buch klassischer Bilder der Nationalökonomie aufbewmhrt zu werden,
ruft er aus: „Es ist wahr, die Erfahrung lehrt, daß der Wind den
Samen aus einer Gegend in die andere trägt, und daß auf diese
Weise öde Heiden in dichte Wälder verwandelt worden sind; wäre
es aber darum weise, wenn der Forstwirt zuwarten wollte, bis der
Wind im Lauf von Jahrhunderten diese Kulturverbesserung bewirkt?
Wäre es töricht, wenn er durch Besamung öder Strecken diesen
Zweck im Lauf weniger Jahrzehnte zu erreichen sucht? Die Ge-
schichte lehrt uns, daß ganze Nationen mit Erfolg getan haben, was
wir diesen Forstmann tun sehen“ 2). Das Mittel, das sie angewendet
haben, war der Zolltarif.

Indem er sich auf diesen Gesichtspunkt stellt, schlägt er seinen
Gegnern ihre stärksten Waffen aus der Hand. Alles, was man ihm
vorwerfen kann, ist, daß die Fabriken ihre volle Wirkung nur dann
ausüben, wenn sie schon ihre Existenzberechtigung in der natürlichen
Entwicklung der Nation gefunden haben, wenn sie zu ihrer Errich-
tung keine allzu schweren Opfer verlangen, — mit einem Wort,
wenn der Platz, auf dem der Förster seinen Samen pflanzen will,
bereit ist, ihn zu empfangen.

Was vorausgeht, läßt schon vermuten, daß die LisPsche Auf-
lassung vom Schutzzoll ihre eigenartigen Züge aufweist. Er ist nicht
ein Universalmittel, das man gleichmäßig auf alle Länder, auf alle
Epochen und auf alle Erzeugnisse anwenden kann. Er ist ein be-
sonderes Verfahren, das seine Berechtigung nur unter ganz bestimmten
Umständen und unter gewissen bestimmten Bedingungen hat. Im
folgenden geben wir die Hauptzüge dieses Schutzzollsystems wieder,
wie er selbst sie definiert hat:

1.	Das System des Schutzzolls ist nur in einem einzigen Fall
berechtigt: wenn sein Zweck die industrielle Erziehung einer

_ b Vgl. die Kap. XVII bis XXV, in denen er die Manufaktnrkraft in ihren
Beziehungen mit einer jeden der großen industriellen Kräfte eines Landes untersucht.

b Nat. Syst. S. 174, Cotta. Ausg. 1841.
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        ﻿310

Zweites Buch. Die Gegner.

Nation ist1). Es ist daher nicht am Platze, wenn es sich um eine
Nation, wie die englische handelt, deren Erziehung in dieser Hinsicht
schon abgeschlossen ist, und ebensowenig bei einer Nation, die keine
Fähigkeiten und keine natürlichen Hilfsmittel hat, die ihr gestatteten,
für die Zukunft eine industrielle Entwicklung zu erhoffen. Hierher
gehören die Nationen der tropischen Zone, die auf die Landwirtschaft
beschränkt zu sein scheinen, während die Nationen der gemäßigten
Zonen die Möglichkeit der verschiedensten Produktionszweige haben2).

2.	Weiterhin läßt sich der Schutzzoll nur dann rechtfertigen,
wenn die Nation, um die es sich handelt, in ihrem Fortschritt durch
die Konkurrenz einer machtvollen, ausländischen und schon weiter
entwickelten Manufaktur behindert wird8). Sie befindet sich dann
in der Lage „eines Kindes oder Knaben im Eingkampf mit einem
erstarkten Mann“, und wird „schwerlich obsiegen oder auch nur
Widerstand leisten können“ 4). Das ist gerade der Fall, in dem sich
Deutschland England gegenüber befindet. Es ist höchst lehrreich,
in seinen Briefen an Ingersoll die Beschreibung, die er von dem
„dumping“ gibt, zu lesen, dessen Anwendung heute so oft den Trusts
vorgeworfen wird, und das darin besteht, im Auslande die Waren
billig loszüschlagen, deren Preis im Inlande hochgehalten wird6).

’) Nat. Syst. S. 272, Cotta. Ausg. 1841.

2)	Ebenda, S. 4:13 sagt List: „Im allgemeinen dürfte anzunebmen sein, daß
da, wo eine Gewerbs-Industrie bei einem anfänglichen Schutz von 40 bis 60 Prozent
nicht aufkommen kann, und bei einem fortgesetzten Schutz von 20 bis 30 Prozent
sich nicht auf die Dauer behaupten -kann, die Grundbedingungen der Manufaktur
fehlen.“

3)	Nat. Syst. S. 261, Cotta. Ausg. 1841. „Einzig bei Nationen der letzteren
Art, nämlich bei denjenigen, welche alle erforderlichen geistigen und materiellen
Eigenschaften und Mittel besitzen, um eine eigene Manufakturkraft zu pflanzen und
dadurch den höchsten Grad von Zivilisation und Bildung, von materiellen Wohlstand
und politischer Macht zu erstreben, welche aber durch die Konkurrenz einer bereits
weiter vorgerückten auswärtigen Manufakturkraft in ihren Fortschritten aufgehalten
werden, ■— nur bei solchen ist die Handelsbeschränkung zum Zweck der Pflanzung
und Beschützung einer eigenen Manufakturkraft zu rechtfertigen . . .“

4)	Nat. Syst. S. 416, Cotta. Ausg. 1841.

5)	„Ein Jeder weiß, sagt er (nach Hirst, op. cit. infra, S. 23111.), daß die Pro-
duktionskosten in einer Manufaktur stark von der erzeugten Menge abhängen (Gesetz
des wachsenden Ertrages!) . . • Dieser Umstand hat einen großen Einfluß auf
den Aufschwung oder den Niedergang der Manufakturkraft, Wenn einem englischen
Fabrikanten ausreichende Absatzwege im Inland garantiert sind, so wird ihm damit
gewöhnlich ein regelmäßiger Absatz der zum Unterhalt seiner Manufaktur nötigen
Menge garantiert (z. B. 10000 yards zu 6 Dollar)... Da seine Kosten schon durch
diesen inländischen Verkauf gedeckt sind, werden die Herstellungskosten für weitere
10000 yards für den ausländischen Markt weniger hoch, und er erzielt noch einen
Gewinn, wenn er sie zu 4 und sogar nur 3 Dollar den Yard verkauft . . . Und
noch besser, er kann sich einen Profit für die Zukunft schaffen, sogar wenn er für
den Augenblick nichts gewinnt,“ (indem er durch seine niedrigen Preise die aus-
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        ﻿Kapitel IV. Friedrich List und die nationale Volkswirtschaftslehre. 311

3.	Und auch dann ist der Schutzzoll nur gerechtfertigt, „solange,
bis die Manufaktur zureichend erstarkt ist, um die fremde Konkurrenz
nicht mehr fürchten zu dürfen, und von da an darf der Schutzzoll
„nur insoweit“ angewendet werden, als nötig ist, um die inländische
Manufakturkraft in ihren Wurzeln zu beschützen“ 1).

4.	Schließlich darf sich der Schutzzoll niemals auf die Land-
wirtschaft erstrecken. Die Gründe hierfür sind, daß auf der einen
Seite der Wohlstand der Landwirtschaft in hohem Maße von dem
Fortschritte der Fabriken abhängt. Der Schutz der Fabriken nützt
indirekt der Landwirtschaft, während die Preiserhöhung der Rohstoffe
und Lebensmittel der Industrie schaden würde. Weiterhin besteht
eine natürliche und besonders vorteilhafte Scheidung der Boden-
kulturen zwischen den verschiedenen Ländern, eine Scheidung, die
mit den ursprünglichen Eigenschaften ihres Bodens zusammenhängt,
und die der Schutzzoll nur stören kann. Diese natürlichen Unter-
schiede bestehen aber nicht für die Fabriken, „für die alle Nationen
der gemäßigten Zonen . . . gleichmäßig befähigt sind“.2)

Man würde jedoch einige Mühe haben, diesen plötzlichen Um-
schwung List’s zugunsten des landwirtschaftlichen Freihandels zu
verstehen, wenn man sich nicht vor Augen hielte (wie dies bei vielen
■anderen Punkten seines Systems notwendig ist), daß er stets nur an
die besondere Lage Deutschlands denkt. Damals war Deutschland
«in Getreideausfuhrland und litt daher unter den englischen Getreide-
zöllen. Der deutsche Landwirt brauchte keinen Schutz, sondern
Absatzgebiete; List würde glücklich gewesen sein, wenn er England
zur Abschaffung seiner „Corn-laws“ hätte bereden können. 1879, mit
dem Tage, an dem die Landwirte sich durch die fremde Konkurrenz

ländischen Fabrikanten ruiniert und später an ihre Stelle tritt). — Es ist das ein
Beweis, schließt List, für die Unmöglichkeit, in der sich die Fabrikanten eines neuen
Landes befinden, aus eigenen Kräften und ohne Schutzzölle gegen die Konkurrenz
der Länder mit alter Industrie zu kämpfen. Dieses Argument ist in den letzten Jahren
«m häufigsten von den englischen Schutzzöllnern augewendet worden, um sich gegen
die amerikanische Industrie zu verteidigen! Was würde List zu dieser Umkehrung
der Dinge sagen?

*) Nat. Syst. S. 261, Cotta. Ausg. 1841 und im ganzen 'XVI. Kap. (Buch II),
Wo er unter anderem, auf Seite 431 sagt: „es wäre fehlerhaft, wenn Frankreich,
nachdem seine Manufakturkraft zureichend erstarkt ist, nicht nach und nach zum
gemäßigten Schutzzoll überginge, wenn es nicht durch Zulassung einer beschränkten
Konkurrenz seine Mannfakturisten zur Nacheiferung anzusporneu trachten würde.“

2) N a t. S y s t. S. 304 und besonders auf S. 306 u. f. (Cotta. Ausg. 1841), wo er plötzlich
die Taktik wechselt und alle die Argumente, die die Freihändler auf die Gesamtheit
der Produkte anwenden, für sich zugunsten des landwirtschaftlichen Freihandels in
Anspruch nimmt. Vgl. auch S. 460 (Ausg. Haüssbk), wo er schreibt, daß die Land-
wirtschaft „genügend durch die Natur der Dinge gegen die ausländische Konkurrenz
geschützt sei“.
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        ﻿312

Zweites Buch. Die Gegner.

bedroht glaubten, ist der landwirtschaftliche Schutzzoll in Deutsch-
land von neuem aufgeblüht.

§2. Die Quellen List’s. — Sein Einfluß auf die späteren
schutzzöllnerischen Lehren.

Man hat viel über den Ursprung der schutzzöllnerischen Ideen
List’s gestritten. Schon in Frankreich hatte unser Schriftsteller in
den Werken Dupin’s und Chaptal’s Gründe für seine These gefunden.
Er wurde aber in seiner ablehnenden Haltung gegenüber dem Laisser-
faire von den Männern, mit denen er in Amerika in Berührung kam,
bestärkt. Er trat dort nämlich in enge Beziehungen zu den Mit-
gliedern der „Gesellschaft von Philadelphia zur Stärkung der nationalen
Industrie“. Diese Gesellschaft war von dem amerikanischen Staatsmann
Hamilton gegründet worden, dem Verfasser des berühmten „Report
on manufactures“, in dem schon 1791 dargelegt wurde, daß es für
die Vereinigten Staaten notwendig sei, den Aufschwung ihrer jungen
Industrie durch Zollschranken zu begünstigen1). Hamiltons Argu-
mente, die List aller Wahrscheinlichkeit nach gekannt hat, zeigen oft
eine auffallende Ähnlichkeit mit denen des nationalen Systems2).,

9 Da es ans unmöglich gewesen ist, uns die Werke Hamilton’s zu verschaffen^
geben wir hier nach Bastablb (Commerce of Nations, 2. Ausg., London 1899,.
S. 120) die wichtigsten Argumente des Report über die Vorteile der Industrie.
Sie gestattet eine größere Arbeitsteilung; sie liefert denen Beschäftigung, die keine
haben; sie gibt einen regelmäßigeren Markt, als die ausländischen Länder; sie be-
günstigt die Einwanderung.

2) Auch ist es sehr wahrscheinlich, daß List die Werke eines anderen amerika-
nischen Schutzzöllners, Daniel Kaymond gelesen hat, dessen Thoughts on political
Economy 1820 erschienen und vier Auflagen hatten. (Vgl. Daniel Eaymoud von
Chahlbs Patrick Neill, Baltimore 1897). Es ist das die Meinung der meisten, die
sich in diesen letzten Jahren mit List beschäftigt haben; Prl. Hirst in ihrem Buch:
Life of Friedrich List und Kurt Köhler in seinem Werk: Problematisches
zu Friedrich List (Leipzig 1909). Es erscheint uns aber sehr übertrieben, in
Raymond (wie es z. B. Rambaud in seiner Histoire des doctrines getan hat), den
stärksten Beeinflusse!- List’s zu sehen. Abgesehen davon, daß die Gedanken Raymond’»
nichts besonders selbständiges an sieh haben, und daß List in den Vereinigten Staaten
in einer Umgebung von Schutzzöllnern lebte, in der diese Gedanken gang und gäbe
waren, muß darauf hingewiesen werden, daß List ihn nie zitiert. Dagegen erwähnt,
er sehr oft, höchst lobend (und zwar schon in seinen Briefen an Inger soll), die
beiden französischen Schriftsteller Dupin und Chaptal. Der Ausdruck „produktive
Kräfte“ (forces productives) findet sich schon in dem Werk des Baron Dupin:
Situation progressive des forces de la France (Paris 1827) im ersten Satz:
„Hiermit übergebe ich der Öffentlichkeit die Einführung eines Werkes, überschrieben:
Forces productives et commerciales de la France. So nenne ich die ver-
einigten Kräfte des Menschen, der Tiere und der Natur, die sieh in Frankreich mit
der Landwirtschaft, den Werkstätten und dem Handel befassen.“ Ebenso findet
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        ﻿Kapitel IV. -Friedrich. List und die nationale Volkswirtschaftslehre. 313

Die Gesellschaft von Philadelphia, an deren Spitze damals Mathieu
Carey (der Vater des Volkswirtschaftlers, von dem wir weiter unten
sprechen werden) stand, führte zur Zeit der Ankunft List’s in Amerika
einen lebhaften Feldzug- zugunsten einer Erhöhung der Zolltarife. Der
Vizevorsitzende der Gesellschaft, Ingersoll, überredete den Gast, an
diesem Feldzug teilzunehmen, was List in einer Eeihe von Briefen
tat, die 1827 veröffentlicht wurden und großes Aufsehen erregten1).
Diese Briefe enthalten, kurz zusammengedrängt, all das, was er in
dem nationalen System ausführlicher darlegen sollte. Er preist hier
schon für Amerika dieselbe Politik, die er einige Jahre später den
Deutschen empfahl.

Doch ist List mehr von Tatsachen als von Büchern beeinflußt
worden. Seinem praktischen und scharf beobachtenden Geiste fiel

sieh schon der Gedanke des Schutzzolls für entstehende Industrien klar bei
Chaptal ausgedrückt. 1819 in D e 1’ I n d u st r i e f r a n s a i s e kann man auf Seite XLVI
der Vorrede lesen: „Man hat sich recht bald überzeugt, daß es nicht immer genügt,
die natürlichen Hindernisse überwinden zu wollen, die sich einer Entwicklung der
Industrie entgegensetzen; fast überall ist man zu der Einsicht gelangt, daß ent-
stehende Manufakturen nicht gegen Unternehmungen ankämpfen können, die
die Zeit fest gegründet hat, die von reichen Kapitalien genährt und sorgfältig unter-
halten werden, und die mit einem bedeutenden Aufgebot an geschulten und geübten
Künstlern arbeiten, so daß man dazu gezwungen worden ist, auf Schutzzölle zurück-
zugreifen, um die Konkurrenz der ausländischen Industrien auszuschalten.“

Es ist sicher, daß List schon bei seinem ersten Aufenthalt in Frankreich diese
Schriftsteller gelesen und dort die Bestätigung seiner eigenen protektionistischen
Ideen gefunden hatte. Nicht weniger sicher ist, wie ein im April 1825 geschriebener
Brief von ihm zeigt (Hirst, op. cit. infra S. 33), daß er nicht erst in Amerika bekehrt
worden ist, sondern im Gegenteil hoffte, dort für seine schon alte Gegnerschaft gegen
Smith Bestätigungen durch neue Argumente zu finden. Die Behauptung Marx , die er
in seinen Theorien über den Mehrwert (Bd. I, S. 339, 1905 von Kautsky
herausgegeben, Stuttgart) aufstellt, wonach die hauptsächlichste Quelle List’s
Fermer, Du gouvernement considere dans ses rapports avec le com-
merce (Paris 1805) gewesen sei, ist einfach aus der Luft gegriffen. So hat man
auch behaupten wollen, daß List den Gedanken der Nationalität als Grundlage der
Volkswirtschaft Adam Müller entlehnt habe. Allerdings ist List mit A. Müller
(einem katholischen Schriftsteller, der der Wiederherstellung des Feudal-Systems
günstig war) zusammengetroffen. Doch es genügte, als Deutscher im 19. Jahrhundert y
zu schreiben, um bis in die Knochen von dem Gedanken der Nationalität durchdrungen v
zu sein. Wir unterlassen aber nicht, darauf hinzuweisen, daß die Argumente des
Schutzzollsystems kaum von einer Epoche zur anderen fühlbar verschieden sein können
und notwendigerweise in ihrer Zahl beschränkt sind. Nichts ist daher leichter, als
für Friedrich List Vorläufer zu finden.

*) In Buchform herausgegeben unter dem Titel: Outlines of a new System
°f Political eoonomy, in a series of lettres addressed by P. List to
Charles Ingersoll, Philadelphia 1827. Dieses Werk findet sich nicht in den
v°n Häuser herausgegebenen Werken List’s, ist aber vollständig in dem inter-
essanten „Life of Friedrich List“, das von Margaret E. Hirst veröffentlicht
Wurde, enthalten (London 1909, 331 Seiten).
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        ﻿314

Zweites Buch. Die Gegner.

besonders der materielle Erfolg auf, den der amerikanische Schutzzoll
mit sich gebracht hatte. Ebenso hatten die günstigen Wirkungen,
die die erzwungene Kontinentalsperre für Deutschland gehabt hatte,
ihren Eindruck auf ihn nicht verfehlt1).

Weit davon entfernt, der wirtschaftlichen Entwicklung der Ver-
einigten Staaten zu schaden, schien das Schutzzollsystem sie im
Gegenteil begünstigt zu haben. In Wirklichkeit wurde dadurch nur
eine Entwicklung um einige Jahre beschleunigt, , die die Natur selbst
eines Tages in diesem riesigen Lande hervorrufen mußte, das in so
wunderbarer Weise mit menschlicher Energie und natürlichen Hilfs-
quellen gesegnet ist, und wo kein noch so fehlerhaftes System die
Vermehrung des Reichtums hätte lange aufhalten können. Gestattete
nun die Ähnlichkeit der Lage in Deutschland und Amerika nicht
die Hoffnung, daß der gleiche Versuch auf einem so ähnlichen Boden
von Erfolg begleitet sein würde?

So ist das System Lisa’s das erste, in dem der Einfluß der
wirtschaftlichen Versuche der Neuen Welt auf die europäische Ge-
dankenwelt zutage tritt.

Er führte dies selbst in einer sehr schönen Stelle seines Buches
aus: „Als mich mein Schicksal“, schreibt er, „später nach Nord-
amerika führte, ließ ich alle Bücher zurück. Das beste Werk, das
man in diesem Lande über politische Ökonomie lesen kann, ist das
Leben. Wildnisse sieht man hier reiche und mächtige Staaten
werden ... ein Prozeß der in Europa eine Reihe von Jahrhunderten
nahm, geht hier vor unseren Augen vor sich — nämlich der Über-
gang aus dem wilden Zustand in den der Viehzucht und aus diesem
in den Agrikulturzustand, und aus diesem wieder in dem Manu-
faktur- und Handelsstand. Hier kann man beobachten, wie die Rente
aus dem Nichts allmählich zur Bedeutendheit erwächst. Hier ver-
steht der einfache Bauer sich praktisch besser auf die Mittel, die
Agrikultur und die Rente zu heben, als die scharfsinnigsten Gelehrten
der alten Welt; — er sucht Manutäkturisten und Eabrikanten in seine
Nähe zu ziehen. Hier treten die Gegensätze zwischen Agrikultur-
und Manufakturnationen einander aufs schneidendste gegenüber und
verursachen die gewaltigsten Konvulsionen. Nirgends so wie hier
lernt man die Natur der Transportmittel und ihre Wirkung auf das
geistige und materielle Leben der Völker kennen. Dieses Buch habe
ich begierig und fleißig gelesen und die daraus geschöpften Lehren
mit den Resultaten meiner früheren Studien, Erfahrungen und Re-
flexionen in Einklang zu stellen gesucht2).

') Wie er sagt (Briefe an In&amp;brsoll, S. 173) ist es diese Tatsache gewesen, die ihn
znm Protektionismus bekehrt hat, obgleich er vorher Anhänger Smith’s und Say’s war.

2J Nat. Syst. Ausg. Cotta, 1841, SS. XVI u. XVII, Vorwort.
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        ﻿Kapitel IV. Friedrich List und die nationale Volkswirtschaftslehre. 315

Wenn sich in dieser Hinsicht der Lisi’sche Protektionismus an
das Schauspiel des modernen Wirtschaftslebens anschließt, so verbindet
ihn offenbar eine noch engere Verwandtschaft mit dem früheren
Merkantilismus. List hat denn auch seine Bewunderung für die
Merkantilisten und besonders für Colbeet niemals verleugnet. Er
beschuldigte Smith und Say, sie verkannt zu haben, und behauptete
von ihnen, daß sie viel eher den Namen Merkantilisten verdienten, da
sie die krämerhafte, kindliche Auffassung: „billig einkaufen und teuer
verkaufen“, auf ganze Nationen anzuwenden suchten. In zwei wesent-
lichen Gesichtspunkten jedoch unterscheidet er sich von den Merkan-
tilisten. Einerseits ersetzt die Idee der industriellen Erziehung,
die die Gedanken List’s beherrscht, in glücklicher Weise die der
günstigen Handelsbilanz; und während die letztere endgültig von
der Wissenschaft verworfen worden ist, ist im Gegenteil die erstere
keinem prinzipiellen Einwurf ausgesetzt und ist auch von Schrift-
stellern, die so entschieden liberal waren, wie Stuaet Mill, an-
genommen worden. Andererseits und vor allem war der Merkan-
tilismus im XVII. Jahrhundert das Instrument einer dauernden
Politik nationaler Exklusivität; der Schutzzoll List’s aber ist im
Hegenteil in seinen Gedanken ein Mittel, die Völker einer gerechteren
Gemeinschaft zuzuführen. Er ist ein Übergangssystem, ein
Verfahren, das auf den Umständen beruht.

Ebensowenig, wie das System List’s ein direkter Nachkomme
des alten Merkantilismus ist, kann es als Ursprung des modernen
Schutzzollsystems angesehen werden. Sogar in Deutschland war der
praktische Einfluß des Buches zur Zeit seines Erscheinens, trotz des
großen literarischen Erfolges, keineswegs von Bedeutung, — wenn
Man nicht die geringe Zollerhöhung, die der Zollverein 1846 be-
schloß, mit ihm, sowie mit dem Kampf, den List in seiner Zeitung *)
für den Schutzzoll führte, in Verbindung bringen will. Die liberalen
Reformen des englischen Ministers Peel, die im gleichen Jahre durch
die Abschaffung der Corn-Laws gekrönt wurden, das Aufsehen, das
diese Maßnahme in Europa erregte, und die offizielle Bestätigung, die
so die Ideen Cobden’s erhielten, beherrschten fast vollständig die
öffentliche Meinung und lenkten die Handelspolitik der europäischen
Staaten für viele Jahre im voraus in eine liberale Richtung. Die
Politik der Handelsverträge, mit der Napoleon III. den Anfang
Machte, gab dieser allgemeinen Anschauung Ausdruck.

Von 1879 ab beginnt eine neue schutzzöllnerische Bewegung in
Europa einzusetzen. Die Nationen errichten zwischen einander immer
höhere Zollschranken. Können die neuen Zolltarife, die nach und

*) Das Zollvereinsblatt, das er seit 1843 herausgab.
        <pb n="341" />
        ﻿316

Zweites Buch. Die Gegner.

nach in Deutschland und Frankreich zur Anwendung gelangen, als
Ausfluß der Ideen List’s angesprochen werden?

Anscheinend nicht. Keines der beiden Länder, und ebensowenig
die einem energischen Protektionismus treu gebliebenen Vereinigten
Staaten, hat es heute noch nötig, seine Industrie zu erziehen. Schon
seit langem haben sie jenen hoch entwickelten Zustand erreicht, der
nach List zur vollen Entfaltung ihrer Zivilisation und ihrer Macht
notwendig ist. Im besonderen stehen Deutschland und die Ver-
einigten Staaten England in dieser Hinsicht nicht mehr nach. Ihre
Handels- und Kriegsflotten sind mächtig, und ihr Kolonialreich breitet
sich ständig aus. Wenn List heute wiederkehrte, würde er, der
mit solcher Entschiedenheit den relativen Wert der verschiedenen
Handelssysteme, die Notwendigkeit, sie den wechselnden Bedingungen
der Zeitläufte und der Völker anzupassen, betont hat, und der hohe
Zölle immer nur als vorübergehende Maßregel zuließ, wahrscheinlich
auf der Seite derer sein, die eine Erniedrigung der Zollschranken
gerade im Interesse einer freieren Ausdehnung der produktiven
Kräfte fordern. Hat er nicht selbst angekündigt, „daß nach Verlauf
einiger Jahrzehnte durch die Vervollkommnung der Transportmittel
die zivilisierten Nationen der Erde in Beziehung auf den materiellen
wie auf den geistigen Verkehr so eng oder noch enger unter sich
verbunden sein werden, wie vor einem Jahrhundert die verschiedenen
Grafschaften von England“1)?

Die einschneidenden Veränderungen der wirtschaftlichen Lage,
die seit 60 Jahren eingetreten sind, gestatten heute nicht nur nicht
mehr, den Schutzzoll der großen handeltreibenden Nationen durch
die Notwendigkeit einer „industriellen Erziehung“ irgendwie zu
rechtfertigen, sondern die hauptsächlichsten Merkmale dieses Systems
stehen in Widerspruch mit den von List aufgestellten Grundregeln.
Weit davon entfernt, die Landwirtschaft ihrer natürlichen Entwick-
lung zu überlassen, wie er es wollte, hat vielfach gerade der Schutz
der Landwirtschaft (unter anderem in Frankreich und in Deutschland)
als Vorwand gedient, den Zolltarif ganz allgemein zu erhöhen. Die
Konkurrenz des amerikanischen Getreides war im letzten Viertel
des 19. Jahrhunderts die brutale Tatsache, die in Europa die Ver-

*) Nat. Syst. Ausg. Cotta, S. 190. Wir geben übrigens nicht vor, behaupten
zu wollen, daß zur Zeit List’s die Lage Deutschlands stärker als heute einen Schutz-
zoll erheischte. Man kann dies bezweifeln, wenn man daran denkt, daß Chaptau
1819 von Sachsen sagte: „daß dieses Land sich durch seine Industrie in den ersten
Bang der Manufakturvölker Europas gestellt habe“ (De l’industrie frangaise,
Bd. I, S. 75) und von Preußen: „daß allein schon die Industrie Aachens und seiner
Umgebung genügen würde, um ein Volk auszuzeichnen“ (ebenda S. 76), und wenn
man sich endlich daran erinnert, daß der ganze Grund zu dem heutigen Wohlstand
Deutschlands unter einem höchst liberalen Eegierungssystem gelegt worden ist.
        <pb n="342" />
        ﻿Kapitel IV. Friedrich List und die nationale Volkswirtschaftslehre. 317

wirklichnng der optimistischen Voraussagungen List’s über die not-
wendige Befruchtung der Landwirtschaft durch die Industrie ver-
hindert hat. Die modernen Zolltarife, die zur gleichen Zeit die
landwirtschaftlichen und die industriellen Produkte umfassen, setzen
eine ganz andere Schntzzollidee voraus, als List sie hatte. Für ihn
sollte sich der Schutzzoll auf gewisse Hauptzweige der nationalen
Produktion beschränken, auf die Hanptindnstrien, von denen die
anderen ihren Saft ziehen, wie Zweige aus dem Ast1). Hierdurch
allein kann die Ausnahmestellung, die man ihnen gewährt, gerecht-
fertigt werden. Diese rein praktische Auffassung sucht im Schutz-
zoll nur einen energischen Ansporn und ein Mittel des Fortschritts.
Ein Tarif jedoch, der gleichmäßig alle Unternehmungen schützt, der
zwischen befruchtenden und befruchteten Industrien keinen Unter-
schied mehr macht, und der zur gleichen Zeit alle Preise erhöht, hat
als einzige Wirkung, jeden Produzenten auf der einen Seite das ver-
lieren zu lassen, was er ihm auf der anderen gibt. Ihre gegenseitige
Lage bleibt dieselbe wie vorher, und der Tarif erscheint nicht mehr
als ein Mittel, ihre produktiven Kräfte anzuspornen, sondern als ein
allgemeines Verteidigungsmittel der fremden Konkurrenz gegenüber.
Er ist ausgeprägt konservativ und furchtsam.

In Wirklichkeit sind nun Zolltarife niemals die Anwendung einer
wirtschaftlichen Doktrin. Sie sind das Ergebnis eines Kompromisses /
zwischen mächtigen Interessen, die oft nichts mit dem Allgemein-
interesse gemein haben, und dann spielen auch politische, finanzielle
nnd wahltaktische Rücksichten bei ihrer Aufstellung eine oft über-
wiegende Rolle. Wir müssen daher in einer anderen Richtung, nicht
in den bestehenden Zolltarifen, sondern in den späteren Doktrinen,
die Spuren der schutzzöllnerischen Gedanken List’s suchen (wenn
sie überhaupt irgendwo zu finden sind).

Das einzige vollständige Schutzzollsystem, das seit List ans
Tageslicht getreten ist, ist das des Amerikaners H. C. Carey 2). In
seinen ersten Büchern war Caeey Freihändler, bis er sich 1848 zum
Schutzzoll bekehrte.. Die in seinem großen Werke Principles of

') Nat. Syst. Ausg. Cotta, S. 261—262. „Auch ist es keineswegs erforderlich,
at alle Industriezweige auf gleiche Weise beschützt werden. Besonderen Schutz
erfordern nur die wichtigsten Zweige, zu deren Betrieb große Anlags- und Betriebs-
apitale, viele Maschinerie, also viele technische Kenntnisse, Geschicklichkeiten und
bungen nnd viele Arbeiter erfordert werden und deren Produkte unter die ersten
Hensbedürfnisse gehören, folglich in Beziehung auf ihren Totalwert wie auf die
Nationale Selbständigkeit von der größten Wichtigkeit sind, wie z. B. die Wollen-,
aumwollen- und Leinenfabriken usw. Werden diese Hauptzweige gehörig beschützt
, . ausgehildet, so ranken alle übrigen minder bedeutenden Manufakturzweige auch
61 geringerem Schutz an ihnen empor.“

2) Betreffs Cabey, siehe unten, Buch III.
        <pb n="343" />
        ﻿318

Zweites Buch. Die Gegner.

Social Science, das 1858 bis 1859 veröffentlicht wurde, nieder-
gelegten Ideen zeigen eine höchst bemerkenswerte Ähnlichkeit mit
denen seines deutschen Vorgängers.

Wie List, so greift auch Caeey die industrielle Vorherrschaft
Englands an und stellt dem Ideal einer internationalen Arbeitsteilung
das Ideal unabhängiger Nationen gegenüber, von denen jede sich
mit allen Zweigen der wirtschaftlichen Tätigkeit beschäftigt und so
ihre eigene Individualität herausarbeitet. Seiner Ansicht nach strebt
der Freihandel danach, „für die ganze Welt eine einzige Werkstatt
zu errichten, der alle Rohstoffe der Welt zuzusenden sind, wodurch
sie infolge der äußerst hohen Transportkosten verteuert werden“1).
Die Wirkung dieses Systems ist, zugunsten einer Nation die Fort-
schritte aller anderen zu verlangsamen oder zu verhindern. Denn
eine Gesellschaft schreitet fort und bereichert sich um so mehr, je
näher sie dem Typus einer Produktivgenossenschaft kommt, die zur
gleichen Zeit eine unendliche Anzahl verschiedener Arbeiten ausführt,
Arbeiten, die einander gegenseitig als Absatzgebiete dienen und sich
gerade dadurch fördern, daß sie auf verhältnismäßig engem Raume
vereinigt sind. Nur eine derartige Genossenschaft ist imstande, die
„verborgenen Fähigkeiten“ des Menschen2) zu entwickeln und seine
Herrschaft über die Natur auszubreiten. Auf Grund dieser beiden
Hauptzüge läßt sich der wirtschaftliche Fortschritt definieren. Es
ist das in nur wenig abweichender Form die Definition der „normalen
Nation“ oder des hoch entwickelten Zustandes, der Feiedeich List
am Herzen lag. Es ist das auch sein Ideal des beständigen Fort-
schrittes, der der Handelspolitik an Stelle der sofortigen Bereicherung
als Ziel gesetzt wird.

Wie List, aber noch eindringlicher zeigt Caeey den wohltätigen
Einfluß, den die räumliche Nähe der unter dem Schutzzoll er-
wachsenen Industrien auf die Landwirtschaft hat.

Außer den uns bereits bekannten Argumenten jedoch, die Caeey
hinsichtlich der Vorteile anführt, die die Landwirte aus ihrer Be-
rührung mit den industriellen Zentren ziehen, finden wir bei ihm
Gründe von viel geringerer Schlagkraft, denen er aber eine große
Bedeutung beimißt:

Nach Caeey befreit der Schutzzoll, indem er der Landwirtschaft
nahe gelegene Absatzgebiete verschafft, den Landwirt von dem in
seinen Augen exorbitanten Tribut, den er den Händlern für den
Transport über große Entfernungen zahlt. Diese Begründung, die List
nur streift3), findet Eich bei dem amerikanischen Schriftsteller jeden

') Caeey, Principles of social Science, Bd. I, S. 419 der franz. Übers.

2)	Ebenda, Bd. I, S. 349.

3)	Vgl. Das Nat. System, Bd. II, Kap. XIII, S. 232, Ausg. Cotta 1841.
        <pb n="344" />
        ﻿Kapitel IY. Friedrich List und die nationale Volkswirtschaftslehre. 319

Augenblick wieder. Wenn Amerika aber, wie Stuart Mill sehr richtig
bemerkt1), sich dazu hergibt, diese Kosten zu tragen, so ist das der
Beweis, daß es sich sogar auf diese Weise im internationalen Handel
mehr Manufakturwaren verschafft, als es selbst hersteilen könnte.

Ein nicht weniger fragwürdiges Argument ist das folgende:
Caeey sagt, daß die Ausfuhr der landwirtschaftlichen Erzeugnisse
den Boden des Landes aussaugt, denn, da diese Produkte nicht an
Ort und Stelle verzehrt werden, werden auch die düngenden Bestand-
teile, die sie enthalten, dem Boden nicht wieder erstattet, — was
im Gegenteil der Fall sein würde, wenn eine gewerbliche Bevölkerung
in der Nachbarschaft säße2). Auch hierzu bemerkt Stuart Mill sehr
richtig3), daß es nicht der Freihandel ist, der Amerika dazu zwingt
sein Getreide auszuführen; es zeigt damit nur, daß die Aussaugung
des Bodens als ihm ein unbedeutendes Übel erscheint gegenüber den
Vorteilen, die ihm diese Ausfuhr verschafft.

Weiterhin hat Caeey, als einer der ersten, im Schutzzoll ein
Mittel gesehen, die Löhne zu erhöhen: der höchst entwickelte, wirt-
schaftliche Zustand, sagt er, schafft unter den Unternehmern, die
Arbeit brauchen, eine lebhafte Konkurrenz, eine Konkurrenz von der
natürlich die Arbeiter profitieren. — Dieser Vorteil aber (angenomm
er existiert) scheint notwendigerweise durch die Teuerung der Lebe:

mittel mehr als aufgewogen zu werden. ''! i. t~

Man sieht, wie Carey, wenn er auch von den gleichen Grund-
gedanken wie List ausgeht, sein Gebäude auf viel weniger soliden
Grundlagen errichtet. Durch den klaren Aufbau seiner Gedanken
wie durch den wissenschaftlichen Wert seiner Ausführungen ist der
deutsche Schriftsteller seinem amerikanischen Nachfolger bedeutend
überlegen. Er ist auch viel gemäßigter. Carey begnügt sich näm-
lich nicht mit einem Schutzzoll für die Industrie. Er verlangt auch
für die Landwirtschaft einen Schutzzoll; und die geringen Zölle, die
List vorschlägt, genügen ihm durchaus nicht.

Trotz aller ihrer Berührungspunkte ist aber Caeey nicht von
List angeregt worden. Er hat das nationale System gelesen

*) Prinoiples of Political Economy, B. V, Kap. X, § 1.

2)	„Von allen für die Zwecke des Menschen notwendigen Dingen kann der
Dünger, der doch eines der bedeutendsten ist, am wenigsten den Transport vertragen.
Der Boden kann nur unter der Bedingung fortfahren zu produzieren, daß man ihm
die Bestandteile, aus denen sich die Ernte zusammensetzt, wieder zuführt. Wenn
Man diese Bedingung erfüllt, so steigt die Menge der Lebensmittel, die Menschen
können sich mehr einander nähern und ihre Kräfte zusamraentun und, indem sie ihre
mdividuellen Fähigkeiten entwickeln, vermehren sie ihren Eeichtum; und doch ist diese
Bedingung aller Verbesserung, trotzdem sie so wesentlich ist, allen Volkswirtschaftlern
entgangen.“ (Principles of Social Science, B. I, S. 312 der franz. Übers.)

3)	Principles of Political Economy, B. V, Kap. X, § 1.
        <pb n="345" />
        ﻿320

Zweites Buch. Die Gegner.

und führt es an: aber er hatte schon in der volkswirtschaftlichen
amerikanischen Literatur gleichartige Anregungen finden können.
Mehr als alle Bücher, hat das wirtschaftliche Leben der Vereinigten
Staaten Amerikas, das sich unter seinen Augen entfaltete, dazu bei-
getragen, seine Anschauungen zu bilden. Indem er den Fortschritt der
Vereinigten Staaten unter dem Schutzzoll konstatierte, indem er in
diesem ganz neuen und kaum bevölkerten Lande die Produktivität des
Bodens mit der Kolonisation wachsen sah, und indem er beobachtete, daß
der Reichtum in dem Maßstabe wuchs, wie die Bevölkerung sich ver-
dichtete, kam er auf den Gedanken einer Politik der Isolierung, um die
Verwertung der enormen Hilfsmittel seiner Heimat zu beschleunigen.
Glücklicher als List, sah er seine Ideen, wenn auch nicht von den
wissenschaftlichen Kreisen seines Landes, (die sich in der Mehrzahl
ablehnend verhielten), so doch wenigstens von den amerikanischen
Staatsmännern angenommen, die sie im großen ausführten1 2).

Man kann daher die Lehre Caeev’s nicht unmittelbar auf den
Einfluß List’s zurückführen. Hat List nun größeren Einfluß auf die
europäischen Doktrinen ausgeübt?

Ohne Zweifel hat er viele Freihändler, unter denen der be-
deutendste Stuart Mill ist, dazu gebracht, die Idee eines zeit-
weiligen Schutzzolles für entstehende Industrien zuzulassen*). Ihr
Zugeständnis ist jedoch ziemlich platonisch, da es in den alten
Ländern, deren industrielle Erziehung abgeschlossen ist, keine Be-
deutung hat und sich höchstens für neue Länder nützlich erweist.

Können sich nun die modernen Schutzzöllner mit Recht auf List
berufen ?

Es ist nicht immer leicht, — da kein Werk vorhanden ist, das
ihre Ideen systematisch darlegt, — diese Ideen aus der Unmasse
von Aufsätzen, Reden und Broschüren, in denen sie sich zerstreut
finden 3), auszusondern. Wenn man die beiseite läßt, die sich darauf

*) Vgl. hierüber Jenks: Henry C. Carey als Nationalökonom, Jena
1885, Kap. 1.

2)	Vgl. die lange Stelle der Principles, B. V, Kap. X, § 1, die wie folgt
beginnt: „Der einzige Kall, in dem, nur auf Grund der Prinzipien der Volkswirtschafts-
lehre, Schutzzölle verteidigt werden können, ist der, in dem sie zeitweilig eingeführt
werden (besonders von einer jungen und fortschreitenden Nation), in der Hoffnung,
eine ausländische Industrie einzubürgern, die an und für sich durchaus den Bedingungen
des Landes angepallt ist. Die Überlegenheit eines Landes über ein anderes kommt
oft nur davon her, daß es früher angefangen hat . . usw. Doch erwähnt Stuart
Mill List nicht, und man darf sich fragen, ob die erwähnte Stelle wirklich auf
dessen Einfluß zurückzuführen ist.

3)	CAuwks muß besonders betrachtet werden, dessen Protektionismus im Gegen-
teil als eine höchst rationelle Anpassung einer Idee Lists betrachtet werden kann,
nämlich: der Überlegenheit der Nationen mit hochentwickeltem Wirtschaftsleben.
Es ist das das einzige wirtschaftliche System des Schutzzolls, das wir heute kennen.
        <pb n="346" />
        ﻿Kapitel IV. Friedrich List und die nationale Volkswirtschaftslehre. 32 L

beschränken, die merkantilistische Theorie der Handelsbilanz zu wieder-
holen 1), so scheint sich die Mehrheit mehr oder weniger klar auf zwei
Hauptgedanken zu stützen: 1. Auf das Interesse einer Nation, sich die
wirtschaftliche Selbständigkeit zu erwerben; 2. auf die
patriotische Notwendigkeit, den nationalen Produzenten den
nationalen Markt vorzubehalten2). Wenn diese beiden Ge-
sichtspunkte, die mehr oder weniger oifen eingestanden und als
politische Eichtschnur genommen werden, in ihren logischen Kon-
sequenzen angewendet würden, so würde das darauf hinauslaufen,
jeden äußeren Handel unnötig zu machen, eine Nation für immer
auf die ihr zufällig durch die Natur gewährten Hilfsmittel zu be-
schränken und ihren Anteil an denen, die die übrige Welt besitzt,
auf ein Minimum zu reduzieren. Sicherlich sind diese beiden Ge-
danken List nicht ganz fremd gewesen. Bei ihm aber haben sie
«inen sekundären und untergeordneten Charakter. Niemals hat er sie
als dauernde Grundlage einer Handelspolitik in Betracht gezogen.

List spricht oft davon, die Industrie einer Nation vom Auslands-

Doch muß zugegeben werden, daß die Mehrzahl der schutzzöllnerischen Schriftsteller
sich nur recht lose mit dem Standpunkt Caüwüs in Verbindung bringen lassen.
Vgl. seinen Cours d’Economie Politique, 3. Ausg., Bd. III.

‘) Wie z. B. die Volkswirtschaftler, die beständig von dem „Handelsdefizit“
sprechen, d. b. von der ungünstigen Handelsbilanz. Trotz der zahlreichen Wider-
legungen dieses Argumentes wird es doch oft als eine selbstverständliche Wahrheit
angeführt. Auch List hatte die übertriebene Gleichgültigkeit der,, Schule gegenüber
dem Gleichgewicht der Ein- und Ausfuhr kritisiert. Doch tat er es nicht auf Grund
der merkantilistischen Theorie der Handelsbilanz, die er im Gegenteil als abgetan
ansieht (vgl. S. 393, 401 u. 405). Er stellt sich vielmehr auf einen besonderen Stand-
punkt: den Geldstandpunkt. Wenn, sagt er, eine Nation viel einführt und auf der
anderen Seite nicht entsprechende Warenmengen ausführt, kann sie dazu gezwungen
werden, als Zahlung Edelmetalle liefern zu müssen, deren Abfluß bei ihr eine Geld-
krise herbeiführen kann. Die Gleichgültigkeit der.Sohule’mit Hinsicht auf die mehr
oder weniger große Menge Geldes ist daher übertrieben (B. II, Kap. XXIII). Wie man
weiß, ist gerade die Diskontopolitik der großen Zentralbanken heute darauf gerichtet,
den vorübergehenden Spannungen des Geldmarktes, die auf übertriebenen Einfuhren
beruhen, zu begegnen und diese Methode ist selbstverständlich bei weitem wirksamer
als der Protektionismus.

2) Einzelne gehen sogar viel weiter. Patten (Eondements economiques
•le la protection, franz. Übers., Paris 1899) will einen einem Jeden Lande eigen-
tümlichen Nationaltypus schaffen, der die Einwohner eines jeden Landes zwingt,
sich nur nach den natürlichen Hilfsquellen des Landes zu ernähren und zu kleiden.
&amp;o würde man einen „amerikanischen Typus“ schaffen, der natürlich allen europäischen
typen unendlich überlegen sein würde! „Dann“, sagt er, „können wir uns damit
befassen, einen überwiegenden Einfluß auf das Schicksal der anderen Völker auszu-
üben und sie dazu zwingen (sic!), ihre jetzige wirtschaftliche Verfassung aufzugeben,
üm einen höheren sozialen Zustand anzunehmen“ (S. 210). Bis dahin gibt es keine
ausländische Einfuhr! Wie häufig verschmilzt doch das Schutzzollsystem mit dem.
Nationalismus oder dem Imperialismus!

Gide und Rist, Gesell, d. Volkswirtschaft!. Lehrmeinungen.

21
        <pb n="347" />
        ﻿322

Zweites Bach. Die Gegner.

markt „unabhängig“ zu machen. Er nennt die Nation die reichste,,
„welche die Fabrikationskräfte nach allen Verzweigungen innerhalb»
ihres Territoriums zur höchsten Vollkommenheit ausgebildet hat, und
deren Territorium und landwirtschaftliche Produktion groß genug istr
um ihre Fabrikbevölkerung mit dem größten Teil der erforderlichen
Lebensmittel und Rohstoffe zu versehen“ (8. 227/228). Er erkennt,
aber zugleich an, daß diese Vorteile ein Ausnahmeprivilegium sind,
und er nennt es „Torheit“, wenn eine Nation „Produkte, in deren
Hervorbringung sie von der Natur nicht begünstigt ist, und die sie
besser und wohlfeiler vermittelst der internationalen Arbeitsteilung,
d. h. durch den auswärtigen Handel sich verschaffen kann, ver-
mittels der nationalen Arbeitsteilung, d. h. durch Produktion im
Innern sich verschaffen wollte“ (S. 238). Die vollständige Selb-
ständigkeit ist daher für ihn ein unerreichbares Ideal. Man kann
jedoch nicht leugnen, daß er durch gewisse Ausdrücke dazu bei-
getragen hat, der falschen Idee Vorschub zu leisten, als ob ein Land,
das einen bedeutenden Teil seines Verbrauches dem Auslande ent-
nimmt, nun vom Auslande abhängig sei1). In Wirklichkeit hängt
es nicht mehr vom Auslande ab, als das Ausland von ihm abhängig
ist. Zwischen Käufer und Verkäufer ist die Abhängigkeit durchaus
gegenseitig. Nur in einem Falle kann der Ausdruck gerechtfertigt
werden: wenn ein fremdes Land alleiniger Lieferant gewisser
Waren geworden ist; in dieser Hinsicht hält es dann den Käufer in
seiner Macht. List hatte eben das Manufakturmonopol Englands im

Auge, aber dieses Monopol besteht heute nicht mehr.-------^

List spricht auch davon, „daß es zehnmal wichtiger ist, den
inneren Markt ... zu sichern“ (8. 270 u. 276). Diese Garantie ist
aber in seinen Gedanken notwendigerweise auf d i e Zeit beschränkt,
während der eine Nation sich bemüht, eine Industrie zu schaffen,
denn später wird im Gegenteil die fremde Konkurrenz erwünscht
sein, „um die Fabrikanten und Kaufleute vor Rückschritten und
Nachlässigkeit zu bewahren“ 2).

') „Nat. Syst, Ausg. Cotta, 1841, S. 263: „Der bloße Agrikulturstaat ist ein
unendlich minder vollkommener Zustand als der Agrikultur-Manufakturstaat. Ersterer
ist immer ökonomisch und politisch mehr oder weniger von denjenigen Nationen
abhängig, die ihm Agriknlturprodukte gegen Manufakturwaren abnehmen. Er kann
nicht für sich selbst bestimmen, wie viel er produzieren will, er muß warten, wie-
viel andere von ihm kaufen wollen.“

2) „Eine zur Manufaktursuprematie gelangte Nation vermag nur durch freie
Einfuhr von Lebensmitteln und Rohstoffen, und durch die Konkurrenz fremder
Manufakturwaren ihre eigenen Manufakturisten und Kaufleute gegen Rückschritte
und Indolenz zu bewahren“ (Nat. Syst. S. 274, Ausg. Cotta, 1841). England gibt
er auf Grund dieser Theorie den Rat, seine Zollschranken fallen zu lassen, während
Erankreich, Deutschland und die Vereinigten Staaten die ihren beibehalten dürfen-
        <pb n="348" />
        ﻿Kapitel IV. Friedrich. List und die nationale Volkswirtschaftslehre. 323

In keinem Augenblick hat List daran gedacht, aus der wirt-
schaftlichen Selbständigkeit oder der Gewährleistung des Binnen-
marktes den Angelpunkt einer schutzzöllnerischen Politik zu machen.
Die Schaffung einer einheimischen Industrie ist für ihn die einzig
mögliche Rechtfertigung der Schutzzölle, und gerade diesen Punkt
können die modernen Schutzzöllner nicht betonen, ohne einen
Anachronismus zu begehen.

So hat der Protektionismus List’s weder in der praktischen
Politik noch in der wissenschaftlichen Theorie bleibende Spuren hinter-
lassen. In anderer Richtung, in seinen allgemeinen Gesichtspunkten,
muß die Quelle seines Einflusses und die Gründe seiner Bedeutung
für die Geschichte der wirtschaftlichen Ideen gesucht werden.

§ 3. Die wirkliche Originalität List’s.

Schon in seiner Methode ist er ein Bahnbrecher. Als erster
verwendet er die Geschichte und die geschichtliche Vergleichung als /•■
Beweisführung in der Nationalökonomie; und wenn er auch keinen
Anspruch auf den Namen eines Gründers erheben kann, so gestattet
doch die glänzende Art und Weise, in der er hierin vorgegangen ist,
ihn neben und sogar über die zu stellen, die zur gleichen Zeit und
nicht ohne ziemliche Übertreibung versuchten, aus der Geschichte das
Hauptinstrument wirtschaftlicher Untersuchungen zu machen, indem
sie „eine historische Schule“ schufen.

Außerdem hat List in die Ökonomik neue und fruchtbare Ge-
sichtspunkte eingeführt. Das Prinzip des freien Austausches, so
wie Smith und noch mehr Say und Kicaedo es formuliert hatten,
War ohne Frage zu absolut und beruhte auf einer zu abstrakten
Beweisführung, um für den Staatsmann von irgendwelchem Nutzen
zu sein. Wenn, wie List sehr richtig ausführt, die Praxis der
Handelsnationen so lange gegen eine Lehre verstoßen hat, die alle
Volkswirtschaftler für bewunderungswürdig erklärten, so muß hierfür
irgendein Grund vorhanden sein. Wie soll denn auch ein Staatsmann
handeln, wenn er sich nicht auf den Standpunkt der nationalen Inter-
essen stellt, deren Leitung ihm anvertraut ist? Ihm genügt es nicht
zu wissen, daß die Verbindung der Märkte irgendwo ein An-
wachsen des Reichtums hervorruftr); er muß sicher sein, daß sein
eigenes Volk von diesem Wachstum profitiert. Er muß gleichzeitig
sicher sein, daß die Freiheit des Tauschhandels nicht zu plötzliche

*) Siehe in dem letzten Werk V. Paebto’s (Economia Politica, Mailand 1906)
üen Nachweis, daß der internationale Austausch nicht notwendigerweise beiden Teilen
günstig ist (Kap. IV, § 45).

21*
        <pb n="349" />
        ﻿324

Zweites Buch. Die Gegner.

Verschiebungen in der Bevölkerung oder der Industrie hervorruft,
deren soziale und politische Rückwirkungen verhängnisvoll
sein können. Mit anderen Worten, für den Staatsmann muß die
Politik des Wirtschaftslebens der allgemeinen Politik untergeordnet
werden. Heute gibt es keinen Volkswirtschaftler, der die Unmöglich-
keit, die Wissenschaft von der Wirklichkeit zu trennen, nicht ein-
sähe1), und keinen, der sich nicht des Einflusses der politischen
Macht auf den volkswirtschaftlichen Wohlstand bewußt wäre; und
weiter gibt es keinen, der nicht die Notwendigkeit zahlreicher Ein-
schränkungen der absoluten Handelsfreiheit anerkennte, wie sie die
besondere Lage eines jeden Landes in der Praxis erfordert.

Auch das ist aber noch nicht alles. Indem List aufhörte, den
Menschen an sich, wie es die Schriftsteller des 18. Jahrhunderts getan
hatten, der Gesellschaft an sich gegenüber zu stellen, sondern ihn, wie
es in der Wirklichkeit der Fall ist, der Nation einordnete, hat er einen
fruchtbaren Gesichtspunkt eingeführt, aus dem man vielleicht noch
nicht alle Schlußfolgerungen gezogen hat. Er betrachtet mit Recht
die Nationen nicht nur als moralische und politische Genossenschaften,
die durch die Geschichte geschaffen worden sind, sondern auch als
wirtschaftliche Genossenschaften. Ebenso wie eine Nation sich
politisch durch den auf der Moral beruhenden Zusammenhang ihrer
Bürger kräftigt, so wächst auch mit dem wirtschaftlichen Zusammen-
hang die produktive Kraft eines jeden und sein eigener Wohlstand.
So wie die Regierung beauftragt ist, die politische Einheit des
Landes aufrecht zu erhalten, so ist es auch ihre Pflicht, die wirt-
schaftliche Einheit zu festigen und zu erhalten, indem sie lokale
Interessen dem allgemeinen Interesse unterordnet, die Handelsfreiheit
im Innern stützt, Eisenbahnen und Kanäle nach einem nationalem
Plane organisiert, durch eine Zentralbank den Geldumlauf überwacht,
eine einheitliche Handelsgesetzgebung ausarbeitet usw.

Dies ist das von List in seiner Zeitung, dem Zollvereins-
blatt, aufgestellte Programm.

Dieses Gefühl der Macht, das eine einheitliche wirtschaftliche
Organisation einem Volke verleiht, ein Gefühl, das auch heute noch

’) Doch ist die Richtschnur manchmal recht schwer zu finden. In den letzten
Jahren ist weniger die Frage über die Ausfuhr von Waren, als die über die Ab-
wanderung von Kapitalien in den Vordergrund getreten. Kann das Ministerium des
Auswärtigen sein Veto gegen die Emission einer Anleihe auf dem inneren Markt durch
einen fremden Staat odereine ausländische Gesellschaft einlegen? Innerhalb welcher
Grenzen würden die Banken und Kapitalisten gehalten sein, sich seinem Ratschlag
zu fügen? Beides Fragen, die seit einigen Jahren sich mehr und mehr in Frank-
reich, in England und in Deutschland auf gedrängt haben. Anscheinend hat sich in
fast allen Fällen die Volkswirtschaft häufiger den Notwendigkeiten der Politik
gebeugt, als umgekehrt.
        <pb n="350" />
        ﻿Kapitel IV. Friedrich List und die nationale Volkswirtschaftslehre. 325

so vielen fehlt, die sich für Individualisten halten und im Grunde
weiter nichts als Partikularisten sind, besaß List in höchstem Grade.

Er widmete zahlreiche Jahre seines Lebens der Aufgabe, seinem
Lande die Notwendigkeit der Errichtung von Eisenbahnlinien zu
verkünden und zeichnete im voraus den Plan der Hauptlinien, die
seitdem in Deutschland gebaut worden sind. Für ihn war der Schutz-
zoll nur eins der MitteL das wirtschaftliche Gefüge Deutschlands
fester zu gestalten und zwar auf Grund der Interessenübereinstim-
mung, die das Vorhandensein einer mächtigen Industrie hier schaffen
würde.

Auf diese Weise hat derselbe Mann seine Arbeit mit dem gleichen
Enthusiasmus und unter dem Ansporn der gleichen Idee einem sich
scheinbar widersprechenden Werke Avidmen können: der Abschaffung,
der Binnenzollschranken und der Einführung von Schutzzöllen. —

Heute können wir uns leicht eine nationale Volkswirtschaft vor-
stellen, in deren Programm keine Schutzzölle enthalten sind, und die
sich dennoch mit vollem Recht auf List berufen kann XJ.

Und schließlich hat List den politischen Horizont der klassischen
Schriftsteller erweitert, indem er an Stelle ihrer rein statischen
Auffassung eine dynamische Auffassung des Volkswohlstandes,
setzte. Er hat so die Lehre vom internationalen Handel um den-
selben Gedanken bereichert, den Sismondi in die innere National-
ökonomie eingeführt hat: nämlich die Sorge um den wirtschaftlichen '
Fortschritt. Doch statt ihn wie Sismondi hemmen zu wollen, will er
ihn anspornen. Deshalb weist er dem Staate eine aktive Rolle zu:
er stellt ihm die Aufgabe, die Quellen des zukünftigen Wohlstandes
des Landes zu pflegen, indem er seine Produktivkräfte anregt2) Der&amp;w®^,^

') Es ist äußerst bemerkenswert, daß der größte Bewunderer Lxst’s, Dühring
in seiner Kritischen Geschichte der Nationalökonomie und des So-
zialismus (2. Ausg. S. 362ff.) besonderen Nachdruck darauf gelegt hat, daß der
Protektionismus nicht ein wesentlicher Bestandteil, sondern nur eine vorübergehende
Form des größeren Prinzips der nationalen wirtschaftlichen Solidarität sei, die die
grundlegende Auffassung List’s ist, und die den Protektionismus überleben muß.
Dühring ist der einzige wirkliche Nachfolger der Ideen List’s und Carev’s; er hat
sie mit großem Talent und in einer bemerkenswerten wissenschaftlichen AVeise ent-
Avickelt. Was er aber am meisten bei diesen beiden Schriftstellern bewundert, ist
uicht ihr Schutzzollsystem, sondern ihr Streben, hinter den einfachen Tatsachen des
Tausches die materiellen und moralischen Kräfte zu fassen, auf denen der AVohlstand
und die Zukunft eines Landes beruhen. Er hat einen Kursus der National-
vnd Sozialökonomie (Berlin, 1873) verfaßt, der äußerst interessant ist.

2)	Nur die Saint-Simonisten hatten vor ihm den Staat in gleicher Weise aufgefaßt
und ihm die Aufgabe zugewiesen, die produktiven Kräfte in Bewegung zu setzen. List
spricht von ihnen mit Sympathie, besonders von denen, die, wie Michel Chevalier
»das Verhältnis ihrer Lehre zu der der früheren Schule zu ermitteln und ihre Ideen
®it den bestehenden Zuständen in Verbindung zu bringen versucht haben“ (S. 491,
        <pb n="351" />
        ﻿326

Zweites Buch. Die Gegner.

Weg, den List verschlägt — Schutzzölle — mag uns nicht sehr
glücklich gewählt verkommen. Aber die Idee, die seine Wahl be-
stimmte — der Begriff einer positiven wirtschaftlichen Kelle, die der
Regierung im Namen der zukünftigen Interessen beigelegt wird, —
bleibt richtig. Auch wenn sie uns heute fast banal erscheint, war
sie doch zur Zeit, als List sich zu ihrem Verteidiger aufwarf, ein
ganz neuer Gedanke.

Wenn man daher versucht, die wirkliche Tragweite des Werkes
List’s klarzustellen, so bemerkt man, daß er den unmittelbaren Zweck,
den er verfolgte, nicht erreicht hat. Der abstrakten Theorie des
internationalen Handels hat er keinen Abbruch getan. Dafür hat er
aber zu dem Gebäude der Beweisführung, das das ganze XIX. Jahr-
hundert aufzurichten bemüht war, einen höchst wichtigen Stein ge-
fügt: nämlich, daß die Klassiker die allgemeinen praktischen Schluß-
folgerungen ihrer Theorien zu schnell gezogen hatten, da sie ver-
gaßen, daß man im wirtschaftlichen Leben nicht von der reinen
Theorie zu ihrer praktischen Anwendung schreiten kann, ohne alle
die Bedingungen der Zeit, des Raumes und der Umwelt wieder in
die Rechnung einzusetzen, von denen man vorher zum Zwecke der
Abstraktion berechtigterweise abgesehen hatte. Das Verdienst List’s
ist es, diese Wahrheit mit Hinsicht auf den internationalen Handel
und für seine Zeit klar hervorgehoben zu haben. ,4V	.£&gt;	,

Kapitel V.

Proudhon und der Sozialismus von 1848.

Die Stellung Peoudhon’s in der Geschichte der wirtschaftlichen
Doktrinen läßt sich ungefähr wie folgt definieren. Wie bei allen
Sozialisten ist auch sein Ausgangspunkt eine Kritik des Eigentum-
rechtes. Dieses Recht jedoch, das die Ökonomisten sich sorgfältig
gehütet hatten, in ihre Untersuchungen einzubeziehen, wodurch sie
die Volkswirtschaft zu einer einfachen Zusammenstellung der „routines
proprietaires“ (Schema F des Eigentums!) umwandelten, ist in seinen
Augen die Grundlage unseres sozialen Systems und erklärt alle ihre
Ungerechtigkeiten. Peoudhon beginnt daher mit einem Angriff gegen
das Eigentum und gegen die Volks Wirtschaftler, die es verteidigen.

Ausg. Cotta 1841, Nat. Syst.). Doch er trennt sich von ihnen durch seine Vorliebe
für individuelle Freiheit und die Bedeutung, die er unter den produktiven Kräften
der moralischen, intellektuellen und politischen Freiheit gibt.
        <pb n="352" />
        ﻿Kapitel Y. Proudhon und der Sozialismus von 1848.

327

Wie soll aber das bestehende System reformiert werden? Was
soll an seine Stelle treten? Hierin liegt die Schwierigkeit. Wenn
Proudhon 20 Jahre früher geboren worden wäre, würde er, wie so
viel andere, wahrscheinlich irgendeine Utopie erdacht haben. Was
aber 1820 möglich war, war 25 Jahre später unmöglich. Die ver-
schiedensten sozialistischen Systeme hatten schon die Öffentlichkeit
beschäftigt. Owen, die Saint-Simonisten, Fourier, Gäbet und Louis
Blanc haben ihre Heilmittel ungebeten. Fast alle Wege, die der
Phantasie der Reformatoren offen standen, waren schon vor ihm ver-
sucht worden. Proudhon kennt alle diese Versuche, untersucht sie
und kommt zu dem Schluß, daß sie alle in einer Sackgasse endigen.
So schließt sich der Kritik der Ökonomisten die des Sozialismus an.

Es handelte sich also darum, einen Ausweg zu finden, die Fehler
■des Privateigentums zu verbessern, ohne doch in die „unheilbare
Dummheit“ des Sozialismus zu verfallen. Instinktiv weist er alle
Utopien zurück. Die Erfinder, die die Gesellschaft wie eine Maschine
behandeln möchten und glauben, daß es nur nötig sei, irgend einen
geistreichen „Trick“ zu finden, um allen Erschütterungen vorzubeugen
und die Maschine im Gang zu halten, sind ihm zuwider. Für ihn
ist das soziale Leben ein beständiger Fortschritt1)- Er weiß, daß es
Zeit braucht, um die widerstrebenden Kräfte, die in einer Gesellschaft
aufeinander stoßen, zu versöhnen. Mit der Lösung dieser schwierigen
Aufgabe beschäftigt, wurde Proudhon durch den Ausbruch der
Revolution von 1848 zu tatkräftigem Eingreifen gezwungen und in
■die Notwendigkeit versetzt, seinen Ideen eine konkrete, leicht faßliche
Form zu geben. Anstatt zu kritisieren, soll er jetzt aufbauen! So
zimmert er, fast gegen seinen Willen, eine Utopie zurecht: Die
Tauschbank (La Banque d’echange).

‘) Philosophie du progres, (Buvres, Bd. XX, S.19: „Da das wesentliche
•des Geistes die Bewegung ist, — ist die Wahrheit, d. h. die Wirklichkeit, und zwar
ebenso in der Natur, wie in der Zivilisation, wesentlich historisch, und dem Fort-
schritt, der Umwandlung, der Entwicklung und der Verwandlung unterworfen.“ In
den Contradictions economiques sagt er: „Die soziale Wissenschaft ist die auf
■die Vernunft gegründete, systematische Kenntnis, nicht dessen, was die Gesellschaft
gewesen ist, nicht dessen, was sie sein wird, sondern dessen, was sie in ihrem
ganzen Leben ist, d. h. was sie in der Gesamtheit ihrer aufeinander folgenden
Kundgebungen ist, denn nur da kann es Vernunft und System geben (Bd. I, S. 43).
Indem wir diesen Begriff z. B. auf die Organisation der Arbeit anwenden, „sagen
V'ir nicht, wie die Volkswirtschaftler, daß sie schon organisiert sei, noch auch wie
die Sozialisten, daß sie organisiert werden müsse, sondern, daß sie sich organisiere,
d- h,, daß sie seit dem Anbeginn damit beschäftigt sei, sich zu organisieren, und
damit bis zum Ende der Dinge fortfahren werde .. .; die ganze Aufgabe der Wissen-
schaft besteht darin, auf Grund der vorliegenden Ergebnisse und der in der Bildung
begriffenen Phänomen beständig danach zu suchen, welches die sofort verwirklich-
baren Neuerungen sind“ (Bd. I, S. 45).
        <pb n="353" />
        ﻿328

Zweites Buch. Die Gegner.

Die Lösung, die andere in einer Umwälzung der Produktion oder
der Güterverteilung gesucht hatten, glaubt Pkoudhon in einer Reform
des Umlaufs zu finden. Der Gedanke ist geistreich und verdient
in einer Geschichte der Doktrinen aufgezeichnet zu werden, weil er
wahres mit falschem vermischt enthält, und auch, weil die Bank
Pboudhon’s das Vorbild einer Reihe ähnlicher Projekte ist, die man
nicht mit Stillschweigen übergehen kann. In diesem Sinn werden
wir ihn hier besprechen. Wir lassen die philosophischen, moralischen
und politisch-theoretischen Ideen Peoudhon’s beiseite1). Zwar sind
sie sicherlich ebenfalls interessant, aber sie beschäftigen uns nur in
dem Maße, wie sie den Volkswirtschaftler Pkoudhon beeinflußt haben.

§ 1. Kritik des Eigentums und des Sozialismus.

Das Werk, das ihn vom Tage seines Erscheinens an zu einer
Berühmtheit stempelte, wurde 1840 veröffentlicht und hieß: „Was
j_st das Eigentum?“ (Qu’est-ce que la propriete?)

Pkoudhon war damals 31 Jahre alt2). Sein Vater war ein
Brauer in Besangon ®), und der junge Pkoudhon hatte schon früh-
zeitig seinen Lebensunterhalt verdienen müssen. Zuerst Korrektor
in einer Druckerei und dann Druckereibesitzer, hatte er sich, mitten
in seiner Arbeit und ohne einen anderen Führer, als seinen brennen-

') Man findet sie höchst eindrucksvoll in dem Buche Bouglü’s: La Sociologie
de Proudhon, Paris, 1911 dargelegt.

2)	Die hauptsächlichsten Werke Phoudhon’s sind die folgenden: 184Ü, Qu’est-
ce que la propriete? (Was ist das Eigentum? oder Untersuchungen über das-
Prinzip des Rechtes und der Regierung; — 1846, Systemes des contradictions-
economiques,'ou Philosophie de la misere (Systeme der volkswirtschaftlichen
Widersprüche oder Philosophie des Elends); — 1848, Organisation du credit
et de la circulation et solution du probleme social (Kredit und Umlauf-
organisation und Lösung der sozialen Frage); — 1848, Resume de la question
sociale, Banque d’echange; — 1849, Les Confessions d’un Revolu-
tionnaire; — 1850, Interöt et Principal (Zinsen und Stammkapital), Dis-
kussion zwischen Bastiat und Pkoudhon ; — 1858, De la Justiöe dans la Revo-
lution et dans l’Eglise. 3 Bände; — 1861, La guerre et la paix; — 1865,
De la capaoite politique des classes ouvriöres. — Wir zitieren nach den
von Laceoix, Vekbcbckhoven &amp; Co. (1867—1870) in 26 Bänden herausgegebenen.
(Euvres completes (Paris-Brüssel).

3)	„Madame, wissen Sie, wer mein Vater war? Ein ehrlicher Brauer, dem es nie
in den Kopf ging, daß er, um Geld zu verdienen, teuerer verkaufen müsse, als der
Kostenpreis betrug. Br behauptete immer, daß das schlecht erworbenes Geld sei. —
Mein Bier, sagte er stets, kostet mir so und so viel, einschließlich meines Lohnes?
teuerer kann ich es nicht verkaufen. — Was eintreten mußte, geschah! Mit all seiner
Ehrlichkeit hat mein Vater arm gelebt, ist arm gestorben und hinterließ annft
Kinder.“ Brief an Mme d’Agoult (Briefwechsel, Bd. II, S. 239).
        <pb n="354" />
        ﻿Kapitel V. Proudhon und der Sozialismus von 1848.

329

den Wissensdurst, in ein Meer von Lektüre gestürzt. Das Bild der
sozialen Ungerechtigkeiten hatte sich tief in seine Seele gegraben.
An die wirtschaftlichen Fragen trat er mit der ganzen überschäumen-
den Leidenschaft eines jungen Menschen heran, mit dem ganzen
Enthusiasmus eines Mannes aus dem Volke, der im Namen seiner
„Brüder“ spricht, und mit der ganzen Zuversicht eines ungewöhnlich
aufrichtigen Herzens in die überzeugende Kraft der Logik und des
Verstandes. Sein Werk gab all dies mit dem bestechenden Glanze
eines bilderreichen Stiles und mit dem „herausfordernden Kraft-
gefühl“ wieder, das Saintb-Bbcve als eines der charakteristischen
Merkmale Peoüdhon’s anführt, und das man in allen seinen Werken
wieder findet. Gleich auf der ersten Seite seines Buches warf er
seinen Lesern das berühmte Wort ins Gesicht, in dem sich das ganze
Buch zusammenfaßt: „Eigentum ist Diebsta 1;1“ (La propriete
Fest le vol)1).

Was ist darunter zu verstehen? Betrachtet Pboudhon alles
Eigentum als Ergebnis des Diebstahls ? Verurteilt er die Aneignung,
die Tatsache des Besitzens an sich? So verstand ihn das große
Publikum, und man kann nicht in Abrede stellen, daß Proudhon auf
diese Verblüftung des „Bourgeois“ gerechnet hat. Doch entspricht
das keineswegs seiner Auffassung. Das Privateigentum, di9 freie
Verfügung über die Früchte der Arbeit und des Sparsinnes, ist in
seinen Augen „das Wesen der Freiheit“: in ihr liegt der Grund der

M Man hat behauptet, daß Pboudhon seine Formel Beissot de Waewille ent-
lehnt habe, der im Jahre 1780 ein Werk veröffentlicht hatte, das den Titel trug:
hecherches philosophiqnes sur le droit de propriete et sur le vol,
consideres dans la nature et dans la societe, und das 1782 mit Änderungen
im VI. Band (S, 261 f£.) seiner Bibliotheque philbsophique du legislateur
im Neudruck erschien. Es ist das ein Irrtum. Abgesehen davon, daß Pboudhon ver-
sichert, das Buch nicht gekannt zu haben (Justice, Bd. I, S. 301), findet sich der Aus-
druck überhaupt nicht darin. Auch ist der Gedankengang Beissot’s durchaus von dem
Peoudhon’s verschieden. Beissot behauptet, daß das Recht auf Eigentum im Natur-
zustände aus den Bedürfnissen erwächst und mit ihnen verschwindet; daß daher der
Mensch (und mit dem Menschen die Pflanzen und die Tiere) ein Eigentumsrecht auf
alles das habe, was seine Bedürfnisse befriedigen kann, daß aber dieses Recht auf-
höre, wenn das Bedürfnis aufhört. Daher tut der Dieb, der unter dem Druck der
Not stiehlt, weiter nichts, als auf sein Naturreoht zurückzugreifen, und der (Reiche
Ist „der einzige Dieb“, indem er ihn hindert, sein Bedürfnis zu befriedigen. Er
schließt, indem er eine Milderung der Strafen für Diebstahl fordert. Doch erklärt
er, nicht die Absicht zu haben, das Zivileigentum zu bekämpfen, das er für unent-
behrlich zur Schaffung von Reichtum und für den Handel erachtet, obgleich es nicht
»mf dem natürlichen Rechte beruhe (S. 333). Nicht ein einziges Mal wird hier von
Einkommen ohne Arbeit gesprochen. Und was die Wahrheit der Behauptung
Phoddhon’s beweist, ist, daß er nirgends die Theorie des auf den Bedürfnissen
beruhenden Eigentums diskutiert, was es sicherlich getan haben würde, wenn er das
Euch Brissot’s gekannt hätte.
        <pb n="355" />
        ﻿330

Zweites Buch. Die Gegner.

l:

Herrschaft des Menschen über sich selbst1). Was wirft er aber nun
dem Eigentum vor? Einfach das Eecht, das es seinem Besitzer ver-
leiht. ein Einkommen ohne Arbeit zu erheben. Es ist nicht
das Eigentum an und für sich, sondern das „Herrenrecht“ 2) der Be-
sitzenden, das Pboudhon — ebenso wie Owen, die englischen Sozia-
listen und die Saint-Simonisten — verdammt, dieses Heimfallsrecht,
das je nach den Umständen und dem Gegenstand den Namen Rente,
Pacht, Miete, Geldzins, Profit, Agio, Diskont, Kommission, Privilegium,
Monopol, Bonus, Sinekure, Bestechung usw. annimmt3).

Denn zusammen mit allen Sozialisten, die ihm vorausgegangen
sind, betrachtet auch Proudhon die Arbeit allein als produktiv4).
Weder der Boden, noch die Kapitalien sind ohne Arbeit produktiv.
Daraus ergiebt sich, daß „der Eigentümer, der eine Steuer auf Grund
der Dienstleistungen seines Instrumentes, der Produktivkraft seines
Bodens verlangt, eine völlig falsche Tatsache annimmt, nämlich, daß
die Kapitalien selbst irgend etwas hervorbringen; und, wenn er sich
dieses eingebildete Erzeugnis bezahlen läßt, so erhält er tatsächlich
etwas für nichts“ B).

’) Contradictions, Bd. I, S. 219—221.

2)	„Droit d’aubaine“, jus albinagii, Fremdenrecht; Heimfallsrecht am Eigentum
Fremder, das dem Herrn zustand (Anm. d. Übers.).

3)	Eesume de la question sociale, S. 29. Der gleiche Gedanke wird
häufig auch an anderen Stellen von ihm ausgedrückt: „Auf Grund der Arbeitsteilung
waren die individuellen Besitztümer nur mehr wie die Maschen eines Verkehrsnetzes.
Ein jeder Besitzer fand sieh, infolge der allgemeinen Solidarität in eine Art Durch-
gangszoll-Einnehmer verwandelt, der die Tür einer Schleuse zu hüten hatte, und der
wie früher der feudale Grundherr von jedem im Umlauf befindlichen Erzeugnis eine
Transitabgabe erhob. ... So geschah es, daß das Eigentum zum Diebstahl wurde“
(Banque d’Echange, S. 166). Hervorzuheben ist, daß Pboudhon nicht der Ansicht
war, Zinsen seieii stets unberechtigt. In der Vergangenheit (er erklärt das besonders
in seiner Auseinandersetzung mit Bastiat) waren die Zinsen berechtigt. Nur glaubt
er, für die Zukunft das Mittel gefunden zu haben, sie unnötig zu machen.

4)	Man darf diese These, was fast stets geschieht, nicht mit der von Marx zu-
sammen werfen, für den jeder Wert aus der Arbeit stammt. Diese Idee gibt Pboudhon
nicht zu. Der Wert muß, nach ihm, gerade „gebildet“ (oonstituee) werden, d. h. in
der Weise geregelt, um mit der Arbeitsmenge übereinzustimmen.
Er glaubt aber nicht, daß das schon in der heutigen Gesellschaft der Fall sei. Marx
wirft ihm nun gerade in seiner Schrift: M isere de la Philosophie vor, das nicht
zu glauben. Phoudhon gibt nur zu, — wie Rodbbrtus — daß die Erzeugnisse
(nicht der Wert der Erzeugnisse) ausschließlich auf der Arbeit beruhen. Vgl. oben
(S. 244/245).

5)	Propriete, ler Memoire, S. 131—132. In der Stelle, die wir anführen,
setzt Phoudhon allerdings noch dazu, daß die Arbeit ohne Kapital und ohne Grund-
besitz unproduktiv sein würde. Er vergißt aber diese Einschränkung sogleich wieder
in den Schlüssen, die er aus dem vorhergehenden zieht und vergißt sie noch mehr
in seinem Projekt einer Tauschbank, wo man lesen kann: „Die Prinzipien dieser
Gesellschaften sind; daß dem Menschen alle Eohstoffe umsonst von der Natur geliefert
        <pb n="356" />
        ﻿Kapitel Y. Proudhon und der Sozialismus von 1848.

331

Hierin liegt der Diebstahl. Deshalb definiert er das Eigentum:
„Als das Eecht, nach Belieben von dem Besitz, den Erzeugnissen des
Fleißes und der Arbeit anderer Vorteile zu ziehen und darüber zu
verfügen“1).

Das Thema ist nicht neu. Nach Peoudhon wird es noch oft
aufgegriffen, unter anderen von Eodbeetus. Die Originalität des
Buches beruht daher auch nicht so sehr auf den Gedanken als auf
der sprühenden Darlegung, der Kraft des Stiles und der Schärfe der
Polemik, die sich gegen die alten Argumente derer richtet, die das
heutige Eigentum auf die Arbeit, das natürliche Eecht oder die Be-
sitzergreifung gründen. Ein deutscher Schriftsteller hat sagen
können'2), daß dieses Buch, wenn es in Deutschland oder in England
erschienen wäre, kein Aufsehen erregt hätte, weil in diesen Ländern
das Eigentum hinter viel wissenschaftlicheren Gründen verschanzt
sei als in Frankreich8). Seine ganze Kraft käme von der Schwäche
der gegnerischen Gründe. Das heißt sein Verdienst ungebührlich
herabsetzen. Die Denkschrift über das Eigentum war der „Pistolen-
schuß“ auf der Straße, der jeden zwingt, sich umzudrehen. Sie tat
für den französischen Sozialismus nur das, was Lassälle später für
den deutschen Sozialismus getan hat. Sie hat Gedanken in die Welt
geschleudert, keine neuen Gedanken, aber Gedanken in einer neuen
Form von zündender Kraft.

Man findet jedoch in diesem Buche geistreiche Ausblicke, von
denen besonders einer hervorgehoben zu werden verdient, nicht so
sehr seiner Wahrheit als seiner Originalität wegen. Alle sozia-
listischen Theoretiker haben sich gefragt, wie die beständige Beraubung,

werden; — daß daher im Wirtschaftsleben jedes Erzeugnis aus der Arbeit stammt,
Und daß daher umgekehrt jedes Kapital unproduktiv ist“ — und an anderer Stelle:
»Arbeiten ist, aus nichts etwas erzeugen“ (Solution du probleme social,
®u vres, Bd. VI, S. 261 ff. und S. 187).

1)	Propriete, 1er Memoire, S. 133.

2)	L. y. Stein, Geschichte der sozialen Bewegung in Frankreich,
Leipzig. 1850, Bd. III, S. 362. Dieses Werk ist übrigens äußerst bemerkenswert.

3)	Wahr ist, daß Proudhon sich zur Bekämpfung des Eigentums einzig auf den
kechtsStandpunkt stellte. Br wies nach, daß alle Eechtsprinzipien (Eecht der
Besitzergreifung, natürliches Eecht und besonders die Arbeit), die im allgemeinen
zugunsten des Eigentums angeführt werden, sich gegen das Eigentum anwenden
lassen, so wie es heute besteht. Dieses Eigentum ist in der Tat auf einige Personen
beschränkt, während diesen Prinzipien die Verallgemeinerung des Eigentums
unter Alle zugrunde liegt. Eine derartige Kritik ist allerdings richtig, beweist aber
nicht viel gegen die (zahlreichen) Verteidiger des Eigentums infolge seiner sozialen
Nützlichkeit. Daher erscheint uns die Kritik des Eigentums der Saint-Simonisten,
die sich auf den Standpunkt der Nützlichkeit und der Produktion stellten, ohne den
rechtlichen zu vernachlässigen, bedeutend gewichtiger. Aus diesem Grunde betrachten
wir sie als die wirklichen Kritiker des Privateigentums.
        <pb n="357" />
        ﻿332

Zweites Buch. Die Gegner.

die die Kapitalisten und Grundeigentümer ausüben, sich Tag für Tag
fortsetzen kann, ohne eine dauernde Revolte bei den Arbeitern her-
vorzurufen, ja ohne daß diese sich überhaupt dieses Vorganges be-
wußt werden? Liegt hierin nicht etwas ganz unwahrscheinliches?
Die Frage ist allerdings schwierig genug und wohl für besonderen
Scharfsinn geschaffen. Marx löst sie durch seine Theorie des Mehr-
wertes; Rodbeetus einfacher durch den Gegensatz zwischen der im
Tausch verwirklichten wirtschaftlichen Teilung und der sozialen Be-
raubung, die sich hinter ihrer scheinbaren Gerechtigkeit verbirgt.
Peoudhon löst sie auf seine Weise. Nach ihm besteht zwischen Arbeit-
geber und Arbeitnehmer ein beständiger „Rechenfehler“ *)• Der Arbeit-
geber zahlt jedem Arbeiter den Wert seiner individuellen Leistung,
+ streicht aber das Produkt der kollektiven Kraft aller für sich ein,
ein Produkt, das die ganze Summe ihrer individuellen Leistungen be-
deutend übersteigt. Dieser Überschuß stellt den Profit vor. „Man
sagt, daß der Kapitalist die Arbeitstage der Arbeiter bezahlt;
um genau zu sein, muß man sagen, daß der Kapitalist so oft einen
Arbeitstag bezahlt, als er an jedem Tage Arbeiter beschäftigt, wras
durchaus nicht auf das gleiche hinausläuft. Denn die ungeheure
Kraft, die sich aus der Einheit und Harmonie der Arbeiter, der
zweckmäßigen Übereinstimmung und Gleichzeitigkeit ihrer An-
strengungen ergibt, die hat er nicht bezahlt. Zweihundert Grenadiere
haben in einigen Stunden den Obelisk von Luxor aufgerichtet; glaubt
man, daß ein einzelner Mensch in zweihundert Tagen diese Arbeit
hätte ausführen können? In der Rechnung des Kapitalisten jedoch
wäre die Lohnberechnung die gleiche“ -). So glaubt sich der Arbeiter
bezahlt, ist es aber in Wirklichkeit nur zum Teil, und infolgedessen
„behält er, selbst wenn er seinen Lohn erhalten hat, ein Eigentums-
recht auf die Sache, die er erzeugt hat“3). So scharfsinnig auch
diese Erklärung ist, so ist sie deshalb nicht weniger falsch.

Sobald die Broschüre Proüdhon’s herauskam, war ihr Verfasser
berühmt, und zwar nicht nur bei dem großen Publikum, das nur die
Schlagworte kannte, sondern auch unter den Volkswirtschaftlern.
Mehrere von ihnen, wie Beanqui und Joseph Garnier interessierten
sich für ein so starkes Talent. „Es ist unmöglich“, schrieb der
erstere an Peoudhon, „mehr Achtung vor Jemandem zu haben,
als ich für Sie fühle“4), Durch einen günstigen Bericht an die

') In einem Briefe sagt er: „Dies ist der Grundgedanke meines Ersten Memoire.“
Von Saintb-Bbuve angeführt in P.-J. Proudhon, S. 90, — und er beklagt sich
später darüber, daß dieser Gedanke nie diskutiert worden sei.

2)	Propriete, 1er Memoire, S. 91.

3)	Ebenda, S. 91.

4J Brief Blanqui’s vom 1. Mai 1841 in Antwort auf Pboudhon’s Zusendung
eines Zweiten Memoire über das Eigentum.
        <pb n="358" />
        ﻿Kapitel V. Proudhon und der Sozialismus von 1848.

333

„Academie des Sciences Morales“ tat er den gerichtlichen Schritten
Einhalt, die der Minister des Innern gegen das Werk unternehmen
wollte. Erst auf Zureden Gaeniee’s. erklärte sich späterhin (1846)
der Verleger Gtjillaumin, der den orthodoxen volkswirtschaftlichen
Theorien sehr ergeben war, bereit, ein neues Buch Peoudhon’s: „Wirt-
schaftliche Widersprüche“ (Les contradictions economiques)
herauszugeben, wenn er auch über den Inhalt ziemlich bestürzt war1).

Diese Sympathien lassen sich erklären. Sobald nämlich die erste
Broschüre erschienen war, fanden die Volkswirtschaftler in Peoudhon
zwar einen mächtigen Gegner, aber sie erkannten in ihm auch ohne
weiteres einen nicht weniger entschlossenen Widersacher der Sozialisten.
Wir untersuchen kurz seine Haltung diesen letzteren gegenüber.

Niemand hat schärfere Ausdrücke gefunden, um sie zu kriti-
sieren. „Wie ein Mummenschanz sind die Saint-Simonisteu vorüber-
gezogen“ ’2). Das System Foueiee’s ist „die größte Mystifikation
unserer Zeit“3). Die Kommunisten donnert er folgendermaßen an:
„Hinweg von mir, Kommunisten! Eure Gegenwart ist mir ein Ge-
stank und euer Anblick ein Ekel“. An anderer Stelle erklärt er:
„Der Sozialismus ist nichts, ist niemals etwas gewesen und wird
niemals etwas sein“ 4). Diese Heftigkeit seinen Vorgängern gegenüber
hat keinen anderen Grund, als die Besorgnis, mit ihnen zusammen-
geworfen zu werden. Er gebraucht diese Ausdrucksweise, um den
Leser vor jedem Mißverständnis zu bewahren und um ihn besser
darauf vorzubereiten, seine eigenen Lösungen in richtiger Weise zu
schätzen, indem er das besonders ins Licht stellt, was sich in denen
der anderen unannehmbares findet.

Was wirft er ihnen nun vor? Niemals etwas besseres gefunden
zu haben, um dem gegenwärtigen Zustand zu entrinnen, als sein ge-
uaues Gegenteil zu empfehlen. Das schwierige Problem) das zur
Untersuchung steht, ist nicht, die bestehenden wirtschaftlichen

1)	Vgl. Sainte-Bbuve : P.-J. Peoudhon, S. 202—203 und siehe hierüber auch
die unterhaltenden Briefe Proudhon’s an Guillaumin (Briefwechsel, Bd. II).

2)	Propriete, 1er Memoire, 8. 203,

3)	Aufsatz in der Zeitung Le Peuple in 1848 ((Euvres, Bd. XVII, S. 273).
Proudhon richtet seine Angriffe hauptsächlich gegen den Fourierismus, weil zu dieser
Zeit gerade die Schule Foukiek’s die einzige sozialistische Schule war, die einen
gewissen Einfluß ausübte, besonders infolge der tätigen Propaganda Victor Consi-
uähant’s. Siehe besonders Contradictions, Bd. II, S. 297 und 1er Memoire sur
la propriete, S. 153ff.

4)	Contradictions, Bd. II, S. 285. Gegen Cabbt, die Kommunisten und
Pouis Blanc kommt besonders das Kapitel XII der Contradictions in Betracht.
Pouxs Blanc „hat die Arbeiter mit absurden Formeln vergiftet“ (Idee generale
“e la Revolution, 8, 108). Er hat über Louis Blanc die unvergeßliche Formel
geprägt: „Er hielt sich für die Biene der Revolution und war doch nur ihr Heimchen“
(Ebenda).
        <pb n="359" />
        ﻿334

Zweites Buch. Die Gegner.

Kräfte zu zerstören, sondern sie ins Gleichgewicht zu
bringen1). Es handelt sich nicht darum, die „wirklichen wirt-
schaftlichen Kräfte“, nämlich „die Arbeitsteilung, die Kollektivkraft,
die Konkurrenz, den Kredit, das Eigentum selbst und die Freiheit
zu unterdrücken“ *2), sondern im Gegenteil, sie alle aufrecht zu er-
halten, aber sie daran zu hindern, Schaden anzurichten. Die Sozia-
listen denken aber nur daran, sie zu zerstören.

An Stelle der Konkurrenz wollen die Sozialisten die Genossen-
schaft und die Organisation der Arbeit setzen; an Stelle des Privat-
eigentums die Gütergemeinschaft3), oder den Kollektivismus; — an
Stelle des freien Spiels der persönlichen Interessen die Leidenschaften,
wie Fodeiee, die Liebe und die Hingebung wie die Saint-Simonisten,
oder die Verbrüderung wie Gäbet. Nichts davon genügt Peoudhon.

Die Genossenschaft und die Organisation der Arbeit weist
Peoudhon als der Freiheit des Arbeiters zuwider zurück4). Ihre

x) „Ich glaube, der erste zu sein, der mit vollem Verständnis die Tatsache zu
behaupten gewagt hat . . ., daß man, anstatt die wirtschaftlichen Kräfte, deren Über-
treibung uns umbringt, einzuschränken, sie miteinander ins Gleichgewicht bringen
muß, auf Grund des wenig bekannten und noch weniger verstandenen Grundsatzes,
daß Gegensätze nicht sich zerstören, sondern sich gegenseitig stützen müssen, und
sich gerade deshalb stützen, weil sie Gegensätze sind“ (Justice, usw., Bd. I,
S. 265—266; die gleiche Idee auf S. 302—303). An anderer Stelle; Das, was die
Gesellschaft sucht, ist das Gleichgewicht ihrer natürlichen Kräfte“
(Revolution demontree par le Coup d’Btat, S. 43).

2)	„Die Arbeitsteilung, die Kollektivkraft, die Konkurrenz, der
Tausch, der Kredit, sogar das Eigentum und die Freiheit, ... das sind die
wirklichen wirtschaftlichen Kräfte, immaterielle Prinzipien allen Reichtums, die, ohne
den Menschen an den Menschen zu fesseln, dem Produzenten die weiteste Freiheit
lassen, die Arbeit erleichtern und für sie begeistern, ihren Ertrag verdoppeln, zwischen
den Menschen eine Solidarität schaffen, die nichts persönliches hat, und sie durch
stärkere Bande' verbinden, als es alle Sympathieprojekte und alle Kontrakte ver-
mögen“ (Idee generale de la Revolution au XIXe siöcle, S. 95). In der
Capacite des classes ouvieres, Kap. XIII, führt Peoudhon die „wirtschaft-
lichen Kräfte“ etwas verschieden auf. Br zählt zu ihnen noch die Assoziation und
die Mutualität und kommt zu dem Schlüsse, indem er die Zugkraft des Wortes
Assoziation auf die Arbeiter durchaus anerkennt, daß die wirkliche Assoziation die der
„Mutualität“ sei, (wohl verstanden, in dem Sinne, den er selbst diesem Worte gibt,
und nicht in dem heutigen Sinne der Gesellschaften gegenseitiger Hilfe, der viel
enger gefaßt ist).

3)	Allerdings ist Fourier kein Kommunist, aber Peoudhon wirft ihm einerseits
vor, in seinem Phalanstere die Entlohnung des Kapitals nicht abgeschafft, und anderer-
seits für die Befähigung eine besondere Entlohnung vorgesehen zu haben, obgleich „die
Fähigkeiten (das Talent) viel mehr eine Schöpfung der Gesellschaft als ein Geschenk
der Natur sind“ (1er Memoire sur la Propriete, S. 156).

4)	Die Opposition Peoddhon’s gegenüber dem Prinzip der Assoziation ist höchst
bemerkenswert. Er hat ihr an mehr als an einer Stelle Ausdruck gegeben, vor allem
in der Idee generale de la Revolution au XIXe siede: „Ist die Assoziation
wirklich eine wirtschaftliche Macht? . . . Ich antworte kategorisch mit: Nein!; die
        <pb n="360" />
        ﻿Kapitel Y. Proudhon und der Sozialismus von 1848.

835

vorgebliche Macht kommt einzig aus der „kollektiven Kraft und der
Arbeitsteilung“. Die Seele der wirtschaftlichen Kräfte ist aber die
Freiheit. „Die wirtschaftliche Vollkommenheit liegt in der voll-
ständigen Unabhängigkeit der Arbeiter, so wie die politische Voll-
kommenheit in der vollständigen Unabhängigkeit der Bürger besteht“x),
1848 sagt er in einem Wahlaufruf an seine Wähler im Seine-Wahl-
kreis: „Mein ganzes System beruht auf der Freiheit, Freiheit des
Gewissens, Freiheit der Presse, Arbeitsfreiheit, Handelsfreiheit, Frei-
heit des Unterrichts, freie Konkurrenz, freies Verfügungsrecht über
die Früchte der Arbeit und des Fleißes, Freiheit bis ins endlose,
absolute Freiheit überall und für immer.“ Es ist dies, fügt er hinzu,
„das System von 89 und 93, das System Quesnay’s, Tuegot’s und
J.-B. Say’s“. Könnten das nicht Worte eines der klassischen Öko-
nomisten sein, der die Wohltaten der freien Konkurrenz rühmt?2)

Nicht weniger energisch weist Pboudhon den Kommunismus als
Rechtsordnung zurück. Es handelt sich nicht darum, das Eigentum
abzuschaffen, das ein notwendiger Ansporn zur Arbeit ist, auf dem
Eie Familie beruht und ohne das kein Fortschritt möglich ist. Es
handelt sich nur darum, es unschädlich oder noch besser, es allen
zugänglich zu machen8). Der Kommunismus ist nur das umgekehrte
Eigentum. „Gemeineigentum ist Ungleichheit, aber im umgekehrten
Sinne wie das Einzeleigentum. Dieses ist die Ausbeutung des
Schwachen durch den Starken, das Gemeineigentum ist die Aus-
beutung des Starken durch den Schwachen“4). Und auch das ist
Diebstahl. „Der Kommunismus,“ ruft er aus, „ist die Religion des
Elends“ D). „Zwischen dem Eigentum hier und dem Kommunismus
dort werde ich eine Welt aufrichten“ 6).

Assoziation ist keineswegs eine wirtschaftliche Macht. Ihrer Natur nach ist die Asso-
ziation steril, sogar schädlich, denn säe ist eine Beschränkung der E'reiheit des Arbeiters“
(8- 89). . . . „In der Assoziation ist ein jeder für einen jeden verantwortlich: der
Deinste ist ebensoviel, wie der grollte; der zuletzt beigetretene hat dasselbe Recht wie
der, der gleich am Anfang mit dabei war, die Assoziation läßt alle Unterschiede
verschwinden: sie ist die Solidarität des Ungeschicks und der Unfähigkeit“ (Ebenda).

1)	La Revolution demontree par le Coup d’Btat, S. 53—64. An
anderer Stelle: „Wenn ihr davon sprecht, die Arbeit zu organisieren, so ist das, als
°b ihr die Freiheit des Augenlichtes berauben wolltet“ (Organisation du credit

de l’echange, CEuvres, Bd. VI, S. 91).

2)	Programme revolutionnaire: An die Wähler des Seine-Wahlkreises,
in der Zeitung: Repräsentant du Peuple, (Euvres, Bd. XVII, S. 45—46).

3)	„Wir wollen das Eigentum für alle. Wir wollen das Eigentum ohne Wucher,
&gt;veil der Wucher das Hindernis für eine allgemeine Verbreitung des Eigentums ist“
(Zeitung; Le Peuple, 2. Sept, 1849).

4)	1er Memoire sur la propriete, S. 204.

5)	Contradictions, Bd. II, S. 203.

6)	Organisation du credit et de la circulation, S. 131. An einer
anderen Stelle: „Um alles mit einer hegelianischen Formel auszudrücken, könnte ich
        <pb n="361" />
        ﻿336

Zweites Buch. Die Gegner.

Ebensowenig ist er bereit, die Hingebung oder die Verbrüderung
als wirksame Lebensprinzipien anzuerkennen. Bedeuten sie doch
Aufopferung und Unterordnung eines Menschen unter einen anderen.
Die Menschen sind aber gleichberechtigt, und die Grundregel ihres
gegenseitigen Verkehrs kann nichts anderes als die Gerechtigkeit
sein. Das ist ein für Peoudhon so selbstverständliches Axiom, daß
er sich nicht einmal die Mühe nimmt, es zu beweisen. Es kommt
ihm nur darauf an, die Gerechtigkeit zu definieren. Die Gerechtig-
keit, sagt er in seiner „Ersten Abhandlung“ (Premier Memoire)
über das Eigentum ist: „die Anerkennung des anderen als einer der
unseren rechtsgleichen Persönlichkeit“ (S. 191); und etwas später:
„sie ist die freiwillige und gegenseitige Achtung der menschlichen
Würde, wo immer, in welcher Person und unter welchen Umständen
auch immer sie gefährdet sei, und welchen Gefahren auch immer uns
ihre Verteidigung aussetze“ ').

Sie steht daher im gleichen Range wie die Gleichheit. Wenn
wir diese Definition auf die wirtschaftlichen Verhältnisse zwischen
den Menschen anwenden, so finden wir, „daß das Prinzip der gegen-
seitigen Achtung sich logischerweise in das der Gegenseitigkeit der
Dienste verwandelt“* 2). Gleiches Entgelt, gleiche Dienste: das ist
die Aufgabe, die die Menschheit zu lösen hat; nur auf diese Weise
wird die Achtung der Gleichheit zur Tatsache. „Tu einem jeden,
' was du willst, daß er dir tue“, dieses Prinzip der ewigen Gerechtig-
keit läßt sich wirtschaftlich durch die Gegenseitigkeit und die Rezi-

sagen; „Das Gemeineigentum ist der erste Satz der sozialen Entwicklung, seine
These; das Eigentum, das der dem Gemeineigentum entgegengesetzte Ausdruck
ist, ist der zweite Satz, seine Antithese. Zu ermitteln bleibt nun der dritte Satz,
die Synthese, und wir haben die gesuchte Lösung“ (Memoire sur la Pro-
priete, S. 202). Dieser dritte Satz wird nun der einfache Besitzzustand sein,
d. h. das Eigentum, seines Rechtes auf arbeitsloses Einkommen entkleidet. — „Man
schaffe das Eigentum ab, behalte aber das Besitzrecht bei; durch diese einzige
Änderung im Prinzip wird alles in den Gesetzen, in der Regierung, im Wirtschafts-
leben, in den Einrichtungen geändert; das Übel verschwindet von der Erde“
(ler Memoire sur la propriete, 1. Ausg., S. 242). AVie man sieht, hatte
Peoudhon nicht den Besuch des Hegelianers Kaed Grün in Paris, 1844, abgewartet,
um sich der hegelianischen Terminologie zu bedienen, da er schon seit 1840 diese
charakteristisch HBOEifschen Formeln anwendete. Über die Beziehungen zwischen
Peoudhon und K. Grün siehe Sainte-Bbuvb : P.-J. Peoudhon.

‘) Justice dans la Revolution etc., Bd. I, S. 182—183.

2) Ebenda, S. 269: „Ich werde keine Zeit mit dem Nachweis verlieren, daß
das Prinzip der Reziprozität der Achtung sich logisch in die Reziprozität der
Dienste verwandelt. Ein jeder wird verstehen, daß, wenn die Menschen subjektiv
vor der Gerechtigkeit untereinander gleich sind, sie das nicht weniger gegenüber
der Not sind; und derjenige, der vorgibt, die immanente Dienstbarkeit, die zu über-
winden das Recht und die Pflicht der Gesellschaft ist, auf seine Brüder abzuwälzen,
der ist ungerecht.“
        <pb n="362" />
        ﻿Kapitel Y. Proudhon und der Sozialismus von 1848.

337

prozität der Dienste ansdrücken1). Die Gegenseitigkeit oder der
Mutualismus, das ist das neue Prinzip, das uns in der Organi-
sation der wirtschaftlichen Gesellschaftsbeziehungen leiten soll.

So bringt denn gerade die Kritik des Sozialismus Proudhon
dazu, die positiven Grundlagen seines Systems genau zu präzisieren,
und man sieht jetzt klar, in welchen neuen Begriffen sich ihm das
■soziale Problem stellt: auf der einen Seite die Abschaffung des „Ein-
kommens ohne Arbeit“, das auf dem Eigentum beruht, da dieses
Einkommen gerade die Verneinung des Prinzips der Reziprozität der
Dienste ist; andererseits die Aufrechterhaltung des Eigentums, die
Freiheit der Arbeit und die des Tausches. Mit anderen Worten die
Zerstörung der Grundeigenschaft des Eigentums, ohne jedoch das
Eigentum selbst oder die Freiheit in Frage zu stellen2;.

Ist das aber nicht die Quadratur des Kreises? Bedeutet die
Abschaffung des Einkommens ohne Arbeit nicht die Vergesellschaftung
4er Arbeitsmittel? Proudhon glaubt das nicht. Bisher hat man
■angenommen, das Eigentum nicht reformieren zu können, ohne die
Produktion oder die Verteilung der Güter anzugreifen. An den
Tausch hat man nicht gedacht. Aber gerade im Austausch der
Dienste hat sich die Ungleichheit eingeschlichen. Daher muß man
eine Reform des Tausches vornehmen. Aber welche? Am Ende der
„Contradictions economiques“ (wirtschaftlichen Widersprüche)
läßt er diese Reform in einer noch etwas undeutlichen Art und
Weise durchblicken. Nachdem er erklärt hat, daß „es nur noch die
allgemeine Gleichung aller unserer Widersprüche aufzustellen gilt“,
trägt er, „was wird denn nun die Formel dieser Gleichung sein?“ —
„Wir können sie jetzt schon unterscheiden; es muß ein Tauschgesetz,
«ine Theorie der Gegenseitigkeit sein ... Die Theorie des Mutualis-
mus oder des Mutuums, d. h. der Austausch in natura ... ist
vom Gesichtspunkt des kollektiven Wesens die Synthese der beiden
Ideen des Eigentums und des Gemeinbesitzes“ 3). Genaueres gibt er
jedoch nicht an. In einem nach den Contradictions geschriebenen
Briefe nennt er sich noch bescheiden einen „Sucher“, und er bereitete
«in neues Werk vor, in dem diese Vorschläge entwickelt werden
sollten.

Gleichzeitig trug er sich mit dem Gedanken, eine aktive und
praktische Propaganda in den Tageszeitungen zu eröffnen, als die

1)	Der Gedanke der Reziprozität wird besonders in der: Organisation du
eredit et de la circulation entwickelt. (OEuvres, Bd. VI, S. 92—93, und in
der Idee generale de la Revolution, S. 97ff.)

2)	Er stellte das Problem schon in der Vorrede zu dem Ersten Memoire Uber
das Eigentum in dieser Weise auf.

8) Contradictions, Bd. II, S. 414.

Gride und Rist,.Gesell, d. Volkswirtschaft!. Lehrmeinungen.

22
        <pb n="363" />
        ﻿338

Zweites Buch. Die Gegner.

Revolution von 1848, die ihn mitten in den Kampf der Parteien?
warf, die Veröffentlichung seiner Ideen beschleunigen sollte.

An dieser Stelle müssen einige Worte über diese Revolution ge-
sagt werden, um den Platz, den die Ideen Pkoudhon’s in ihr ein-
nahmen, besser darzulegen, und den Zusammenhang, in dem sie mit
den sozialistischen Ideen dieser Zeit standen, klar zu stellen.

§ 2. Die Revolution von 1848 und der Niedergang des.

S o z i a 1 i s m u s.

Die Revolution von 1848 lieferte den Sozialisten aller Schat-
tierungen, die von 1830—1848 radikale Reformen vorgeschlagen
hatten, eine einzigartige Gelegenheit, ihre Theorien in die Praxis zu
übertragen. Während der 4 Monate Februar bis Juni, die der
blutigen Unterdrückung der sozialen Republik durch die bürgerliche
Republik vorausgingen, schienen alle möglichen Projekte, die seit
Jahren in Büchern und Zeitschriften erörtert worden waren, nahe
daran, Wirklichkeit zu werden. Einige Wochen hindurch schien
nichts unmöglich. „Recht auf Arbeit“, „Organisation der Arbeit“,.
„Assoziation“, alles Formeln, die, so glaubte man, durch die Hand-
bewegung eines Zauberers zu lebendigem Leben erweckt werden
konnten.

Verschiedene Enthusiasten tun ihr bestes, um dies zu versuchen;:
aber leider nur, um schnell in jämmerlichen Fehlschlägen zu ver-
sinken. Eine nach der anderen werden alle diese Formeln erprobt,
aber stets zeigen sie sich inhaltslos. Der Böswille der einen, die
Ungeduld der anderen, das Ungeschick und die Hast ihrer Gründer
selbst lassen nach und nach alle diese Versuche der Lächerlichkeit
oder dem Abscheu anheimfallen. Ermüdet wirft schließlich die öffent-
liche Meinung die Namen aller dieser Reformatoren in dem gleichen
Widerwillen zusammen.

Für die Geschichte der sozialen Ideen ist daher das Jahr 1848
ein höchst bedeutsames und merkwürdiges Datum. Der idealistische
Sozialismus eines Saint-Simon, eines Foueibe und Louis Blanc fällt
einem anscheinend endgültigem Mißkredit anheim. In den Augen
der bürgerlichen Schriftsteller ist er für immer erledigt. Reybaud, der
1852 für den „Dictionnaire d’economique politique“ von Coquelin und
Guillaumin den Aufsatz „Sozialismus“ schrieb, sagte von ihm: „Über
den Sozialismus sprechen, heißt fast eine Leichenrede halten .. -
Die Tatkraft ist gebrochen, die Quelle versiegt. Wenn die Sucht,,
in den Abgrund zu springen, noch einmal die Oberhand gewinnen
sollte, so wird es unter einer anderen Form und mit anderen.
Illusionen sein.“
        <pb n="364" />
        ﻿Kapitel Y. ProucThon und der Sozialismus von 1848.

339

Auch in den Augen der späteren Sozialisten wird ihm keine
größere Bedeutung beigelegt. Nach Marx werden alle seine Vor-
läufer unter dem etwas verächtlichen Titel „Utopisten“ zusammen-
gefaßt, und man stellt ihren Phantasien den „wissenschaftlichen
Sozialismus“ des Kapitals entgegen. Zwischen beiden liegt ein
Abgrund; das Jahr 1848. Wie ist er entstanden? Um hierin klar
zu sehen, werden wir kurz die wichtigsten dieser verfrühten Ver-
suche vorüberziehen lassen.

Da ist zunächst das Recht auf Arbeit. Diese Formel Foueiee’s,
die Consideeant entwickelt, und die Louis Blanc wie viele andere
Demokraten aufgenommen hatte, wurde unter der Regierung Louis
Philipp’s außerordentlich volkstümlich. Pboudhon nannte sie die
„wahre und einzige Formel der Februar-Revolution“. Er sagte: „Gebt
mir das Recht auf Arbeit, und ich schenke euch das Eigentum“ 1).

In den Augen der Arbeiter war die Verwirklichung dieser Forde-
rung die erste Pflicht der provisorischen Regierung. Unter dem
Druck einer kleinen Gruppe (pariser Arbeiter, die in das Rathaus
eingedrungen waren, beeilte sich die Regierung am 25. Februar, sie
anzuerkeunen. Das von Louis Blanc aufgesetzte Dekret beginnt:
„Die provisorische Regierung der französischen Republik verpflichtet
sich, durch Arbeit die Existenz des Arbeiters zu gewährleisten.
Sie verpflichtet sich, allen Bürgern Arbeit zu gewährleisten.“
Im Verfolg dieses neuen Prinzips kündigte am nächsten Tage ein
Dekret die sofortige Errichtung nationaler Werkstätten (ateliers
nationaux) an. Um zugelassen zu werden, genügte es, sich bei einer
der Bürgermeistereien von Paris einschreiben zu lassen.

In seinem Buch von 1841 hatte Louis Blanc die Schaffung von
sozialen Werkstätten verlangt. Die öffentliche Meinung, die von
dem Gleichklang der Namen getäuscht, und von den Gegnern des
Sozialismus hierin bestärkt wurde, glaubte in den nationalen Werk-
stätten sein Werk zu sehen. Aber nichts ist weniger richtig. Wie
man weiß, waren die sozialen Werkstätten Produktivgenossenschaften,
aber die nationalen Werkstätten waren einfach Arbeitsstätten, wo
die Arbeitslosen Beschäftigung finden konnten. Gleiche Einrichtungen
waren in vielen Krisenzeiten (1790 und 1830) unter dem Namen
„Wohltätigkeitswerkstätten“ (ateliers de charite) geschaffen worden.
Übrigens war es nicht Louis Blanc, sondern Marie, der Minister
der öffentlichen Arbeiten, der sie organisierte. Weit davon entfernt,
ein sozialistisches Werk tun zu wollen, sah die provisorische Re-
gierung im Gegenteil hierin sehr schnell ein Mittel, die Arbeiter für

') Le droit au travail et le droit de propriete, Brosch. 1848, SS. 4, 5
und 58.

22*
        <pb n="365" />
        ﻿340

Zweites Buch. Die Gegner.

sich anzuwerben, gerade um den sozialistischen Bestrebungen der
Kommission, die im Luxemburg-Palast tagte, und der, wie wir sehen
werden, Louis Blanc präsidierte, entgegenzuarbeiten. An ihre Spitze
stellte man einen seiner erklärten Gegner, den Ingenieur Emile
Thomas der schon 1849 in seiner Geschichte der nationalen
Werkstätten selbst erzählt, in welchem Sinne er sie leitete,
nämlich in Übereinstimmung mit der antisozialistischen Mehrheit der
provisorischen Regierung1).

Durch diese Rechnung wurde aber schnell ein Strich gemacht.
Diejenigen, die die nationalen Werkstätten zum Vorteil ihrer eigenen
Politik gebrauchen wollten, wurden überstimmt. Die Revolution
hatte die Zahl der Arbeitslosen sehr vermehrt, die schon infolge der
wirtschaftlichen Krisis von 1847 ganz bedeutend gewesen war. Außer-
dem ließ die Eröffnung der öffentlichen Werkstätten die Arbeitslosen
der Provinz nach Paris strömen. Anstatt 10000, auf die man ge-
rechnet hatte, waren Ende März 21000 Arbeiter eingeschrieben, die
Ende April auf 99400 angewachsen waren. Man zahlte ihnen 2 Fr.
am Tag, wenn sie arbeiteten, und 1 Fr., wenn man ihnen keine
Arbeit geben konnte. Nach kurzer Zeit wußte man nicht mehr,
womit man sie beschäftigen sollte. Die meisten wurden ohne Rück-
sicht auf ihren Beruf zu unnötigen Erdarbeiten herangezogen, die
sich aber sehr bald auch als ungenügend erwiesen. Diese Armee
von Unglücklichen wurde von Unzufriedenheit ergriffen, da sie sich
von der lächerlichen Arbeit, mit der man sie beschäftigte, erniedrigt
fühlte, und weil der geringe Lohn, der aber noch weit über den Wert
der geleisteten Arbeit hinausging, sie in keiner Weise zufriedenstellen

l)	Alle Geschichtsforscher stimmen in diesem Punkte überein, den Louis Blanc in
seiner Histoire de la Revolution de 1848 ausführlich dargelegt hat (Kap. XI).
Auch sind die zeitgenössischen Zeugnisse bezeichnend genug, besonders das, das
Lamartine in seiner Histoire de la Revolution de 1848 gibt (B. II, S. 120).
„Befehligt, geleitet und zusaramengehalten von Führern, die im geheimen im Ver-
trauen der anti-sozialistischen Partei der Regierung waren, hielten diese Werk-
stätten bis zur Ankunft der Assemblee Nationale den Arbeiter-Sektierern
der Klubs des Luxemburg-Palastes und den aufrührerischen Arbeitern das Gleich-
gewicht. Durch ihre Menge und die Nutzlosigkeit ihrer Arbeiten erregten sie
den Unwillen der Pariser, aber sie beschützten und retteten Paris mehr als einmal,
ohne daß es davon wußte. Weit davon entfernt, im Solde Louis Blano’s zu stehen,
wie man gesagt hat, beseelte sie der Geist seiner Gegner.“ E. Thomas erzählt
(Histoire des ateliers nationaux, S. 146—147), daß am 23. Mai der Minister
Marie ihn zu sich kommen ließ und ihn „ganz im Geheimen“ fragte, ob er auf die
Arbeiter der nationalen Werkstätten zählen dürfe? „Finden Sie ein Mittel, sich
ihrer wirklichen Ergebenheit zu versichern. Sparen Sie das Geld nicht: wenn not-
wendig, werden Sie Geld aus dem Geheimfonds erhalten“. •— „Zu welchem
Zweck“? frug Thomas. „Um des öffentlichen Wohles willen. Glauben Sie, Ihren
Leuten vollständig befehlen zu können ? Der Tag ist vielleicht nicht mehr fern, an
dem man sie zu Straßenkämpfen verwenden muß.“
        <pb n="366" />
        ﻿Kapitel Y. Proudhon und der Sozialismus Ton 1848.

341

konnte. Die Werkstätten wurden zu einem Herd politischer Agitation;
die erschrockene Regierung, die selbst wieder von der Nationalver-
sammlung (Assemblee Nationale) bedrängt wurde, hatte nur noch
einen Gedanken: sie aufzulösen.

Am 21. Juni befahl plötzlich eine Verordnung allen jungen
Leuten von 17 bis 25 Jahren, die bei den Werkstätten eingeschrieben
waren, sich entweder in der Armee anwerben zu lassen oder in
die Provinz zu gehen, wo neue Erdarbeiten sie erwarteten. Zum
Äußersten getrieben, erhoben sich die Arbeiter; am 23. Juni brach
der Aufstand aus, um nach drei Tagen im Blut von Tausenden von
Opfern erstickt zu werden und das ganze Land unter dem Eindruck
des Schreckens und der .Reaktion zu lassen.

Mit der kindlichen Logik politischer Parteien machte man für
diesen unglückseligen Versuch das Prinzip des Rechtes auf Arbeit
verantwortlich, das daher endgültig verurteilt schien. Das trat klar
zutage, als in der Assemblee Nationale sich die Debatte über die
Verfassung erhob. Einige Tage vor dem Aufstand enthielt das
Projekt der Verfassung, das am 19. Juni von Armand Maerast der
Kammer vorgelegt würden war, noch das Recht auf Arbeit; der
Artikel 2 des Entwurfes lautete: „Die Verfassung garantiert allen
Bürgern Freiheit, Gleichheit, Sicherheit, Unterricht, Arbeit, Eigen-
tum, Unterstützung.“ In dem neuen Entwürfe aber, der am 29. August,
nach den Junitagen, vorgelegt wurde, war dieser Artikel gestrichen.
Nur das Recht auf Unterstützung war beibehalten worden. Bei der
Diskussion des Artikels wurde von Mathxbu de la Deome ein Zu-
satzantrag eingebracht, der das Recht auf Arbeit wiederherstellen
sollte. Es entstand eine aufsehenerregende Debatte, in der Thiers,
Lamartine und Tocqueville den Zusatzantrag bekämpften, und die
radikalen Republikaner, Ledeu- Rollin, Ceemieux und Mathibü de da
Dröme ihn verteidigten1). Die Sozialisten blieben stumm: Louis
Blanc war in der Verbannung, Consideeant war krank, und Proudhon
fürchtete, seine Gegner zu sehr zu reizen und seine Freunde zu kom-
promittieren. Übrigens war die Meinung der Versammlung schon
im voraus fertig: der Zusatzantrag wurde zurückgewiesen, und der
Artikel 8 der Einleitung der Verfassung von 1848 besagt nur: „Die
Republik soll durch brüderliche Unterstützung die Existenz der
bedürftigen Bürger sicherstellen, indem sie ihnen Arbeit verschafft,
soweit ihre Hilfsmittel dies gestatten, und denen Unterhalt gewährt,
hie erwerbsunfähig sind und keine versorgungspflichtigen Angehörigen
besitzen.“

') Alle diese Keden sind kurz nachher in einem Band veröffentlicht worden,
her Le Droit au travail betitelt ist.
        <pb n="367" />
        ﻿342

Zweites Buch. Die Gegner.

Unter der Julimonarchie war die Organisation der Arbeit
eine nicht weniger volkstümliche Formel, als die des Rechtes auf
Arbeit. Als die Revolution ausbrach, bestanden die Arbeiter mit
dem gleichen drohenden Nachdruck auf ihrer Verwirklichung. Der
Urheber der Formel war, ein einzigartiger Zufall, Mitglied der pro-
visorischen Regierung. Als daher am 28. Februar (1848), drei Tage
nach der Anerkennung des Rechtes auf Arbeit, die Arbeiter in Menge
kamen und „die Schaffung eines Fortschrittsministeriums, die Organi-
sation der Arbeit und die Abschaffung der Ausbeutung des Menschen
durch den Menschen“ verlangten, nahm Louis Blanc sofort die Ge-
legenheit wahr. Er beschwor seine Kollegen, trotz ihres Wider-
standes den Wünschen der Arbeiter entgegen zu kommen. Hatte
er nicht selbst für die Regierung die Initiative sozialer Reformen
verlangt! Wie konnte er, durch die Revolution zu einem Mitglied
der Regierung gemacht, sich dieser Verantwortung entziehen? Mit
großer Mühe überredeten ihn seine Kollegen, sicli mit einer einfachen
„Regierungskommission für die Arbeiter zu begnügen“, die unter
seinem Vorsitz Reformprojekte ausarbeiten sollte, die dann der
Assemblee Nationale zu unterbreiten wären. Um den Unterschied
zwischen der alten und der neuen Regierung auch äußerlich be-
sonders zum Ausdruck zu bringen, sollte die Kommission ihre
Sitzungen in dem Luxemburg-Palast abhalten, wo früher das Oberhaus
getagt hatte.

Die dort versammelte Kommission bestand aus von den Arbeit-
gebern und Arbeitnehmern erwählten Vertretern, und zwar je drei
für jeden Industriezweig. Diese sehr zahlreichen Vertreter vereinigten
sich in einer allgemeinen Versammlung, um die Vorschläge, die ein
beständiges Komitee von 10 Arbeitnehmern und 10 Arbeitgebern
ausgearbeitet hatte, zu diskutieren. Diesem Komitee hatte Louis
Blanc die liberalen Volkswirtschaftler und sozialistischen Schrift-
steller: Le Play, Dupont-White, Wolowski, Consideeant, Pecqueük,
und Vidal beigegeben. Der ebenfalls zur Teilnahme aufgeforderte
Peoudhon lehnte ab. In Wirklichkeit besuchten fast nur die Arbeit-
nehmer die Versammlungen.

Obgleich diese Kommission ohne jede Machtmittel war, hätte sie
doch einige Dienste leisten können. Louis Blanc sah jedoch darin
hauptsächlich, wde er später sagte: „eine hervorragende Gelegen-
heit für den Sozialismus, eine Tribüne zur Verfügung zu haben, von
der er zu ganz Europa sprechen konnte“ 1). Indem er seine Rolle
als Redner und Schriftsteller fortsetzte, widmete er den größten
Teil der Sitzungen beredten Darlegungen der schon in seiner

') Louis Blanc, Histoire de la Revolution de 1848, Bd. II, S. 135.
        <pb n="368" />
        ﻿Kapitel V. Proudhon und der Sozialismus von 1848.

343

„Organisation du travail“ niedergelegten Theorien*). Yidal und
Pecqueue wurden beauftragt, positive Projekte auszuarbeiten. In
■einem langen Expose, das im Moniteur (dem offiziellen Regierungs-
blatt) erschien2), schlugen sie den ganzen Plan eines Staatssozialis-
mus vor: landwirtschaftliche Werkstätten oder Kolonien, vom Staat
geleitete Niederlagen, Warenhäuser, die als Yerkaufslager dienten,
und die auf Grund einer Warrant-Einrichtung gestatteten, auf die
Waren vom Staat Vorschüsse zu erhalten, Zentralisierung der Ver-
sicherungen (ausgenommen der Lebensversicherungen) in den Händen
des Staates, und endlich die Umformung der Banque de France in
eine Staatsbank, die den Kredit demokratisieren und den Diskonto-
satz auf eine einfache Versicherungsprämie gegen Verlustrisiken er-
niedrigen sollte. Dieser Bericht stammt mehr von Vidal, als von
Pecqueue. Man findet hier einige der Projekte wieder, die er schon
früher in seinem Buche „De la repartition des richesses
(Über die Verteilung der Güter) ausgeführt hatte.

Keiner dieser Vorschläge wurde in der Assemblee Nationale auch
nur diskutiert. Die einzige positive Arbeit der Kommission und
Louis Blanc’s wurde ihr von den Arbeitern aufgezwungen. Es ist
dies das berühmte Dekret vom 2. März, auf Grund dessen das Feil-
•schen über den Lohn (das damals vor Einstellung der Arbeiter üblich
war, d. Übers.) abgeschafft, und die Dauer des Arbeitstages auf
10 Stunden in Paris und auf 11 in der Provinz beschränkt wurde.
Dieses Dekret, das einen der ersten Anfänge der französischen
Arbeitergesetzgebung darstellt, und das nebenbei bemerkt, niemals
zur Anwendung kam, wurde von den ersten Arbeitern, die in die
Kommission gewählt waren, Louis Blanc geradezu abgerungen, da
sie sich weigerten, ihre Sitze einzunehmen, solange ihnen diese Forde-
rung nicht bewilligt sei. Eine gewisse Anzahl glücklicher Bei-
legungen von Streitigkeiten zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern
müssen ebenfalls der Kommission gut geschrieben werden.

So schaffte die Kommission nicht nur nichts dauerhaftes, sondern,
indem sie zu einem politischen Klub herabsank, erregte sie bald im

h Siehe diese Reden in seiner Broschüre: La Revolution de fevrier au
Luxembourg, Paris, 1849.

2)	Moniteur vom 27. April, 2, 3. und 6. Mai 1848. Das Expose general
bricht mit diesem Tage, infolge der Auflösung der Kommission ab, aber Vidal hat
den Rest desselben in seinem 1848 veröffentlichen Buche: Vivre en travaillant!
Projets, voies et moye^s de reformes sociales, niedergelegt. Es enthält
den Vorschlag eines Kreditinstitutes für Boden und Landwirtschaft, ein Projekt eines
staatlichen Rückkaufs des Bodens, um die Bodenrente abzuschaffen, — das Projekt
eines Rückkaufs der Eisenbahnen, Kanäle und Bergwerke, — das Projekt billiger
■Gasthäuser oder Wohnungen. Es ist ein interessantes Beispiel für den Staats-
■Sozialismus, der 1848 ziemlich viel Anhänger fand.
        <pb n="369" />
        ﻿344

Zweites Buch. Die Gegner.

Publikum Mißtrauen. Sie beschäftigte sich mit den Wahlen, griff
sogar in die Straßenaufstände ein, und nahm endlich an der Kund-
gebung vom 15. Mai teil, die unter dem Vorwände, zugunsten Polens
zu intervenieren, schließlich dazu führte, daß die Menge in die
Assemblee Nationale eindrang. Louis Blanc hatte dieses Ereignis-
nicht abgewartet, um sich zurückzuziehen. Er war schon aus der
Regierung ausgeschieden, die seit dem Zusammentreten der Assemblee
Nationale durch eine Exekutivkommission ersetzt worden war, und
hatte am 13. Mai seine Demission als Präsident gegeben. Seitdem wurde-
die Kommission im Luxemburgpalast als aufgelöst betrachtet. Wie
die nationalen Werkstätten, so verschwand auch sie in der Ohnmacht
und Unfähigkeit, ohne eine andere Spur zu hinterlassen, als die
Diskreditierung der sozialistischen Ideen in der öffentlichen Meinung-

Übrig bleiben noch die Arbeitergenossenschaften (asso-
ciations ouvrieres). Das Prinzip der Genossenschaft war der gemein-
same Punkt, in dem sich alle sozialistischen Theorien, die während
der ersten Hälfte des 19. Jahrhundert aufgekommen waren, berührten.
Mit der Ausnahme von Phoudhon *), der stets vereinzelt blieb, hatten
die Reformatoren sich überboten, es als das spezifische Mittel zur
Emanzipation der Arbeiter hinzustellen. Es war nur natürlich, daß
man einen Versuch im großen anstellte.

In der Erklärung vom 26. Februar spricht die provisorische;
Regierung von dem Recht auf Arbeit und sagt, daß „die Arbeiter
sich untereinander verbinden müssen, um den Gewinn ihrer Arbeit
zu genießen,“ und Louis Blanc versuchte, sobald er zur Macht ge-
kommen war, ilire Anstrengungen in diesem Sinne zu beeinflussen.
Er faßte die Assoziation unter der Form von Produktivgenossen-
schaften auf, die vom Staat zu unterstützen seien. Wie wir schon
gesehen haben, hatte sich 1834 unter dem Einfluß Buchez’, eines-
alten Saint-Simonisten, Republikaners und Katholiken, Gründer der
Zeitung l’Atelier, „die Genossenschaft der Bijouterie-Arbeiter“ ge-
gründet 2). Dieser Versuch war jedoch vereinzelt geblieben. Louis Blanc
war glücklicher. Er gründete nacheinander Genossenschaften der
Schneider, dann der Sattler, der Spinner und Posamentierer, für die-
er von der Regierung Aufträge auf Waffenröcke, Sättel und Achsel-
stücke erhielt. Andere Genossenschaften folgten, und am 5. Juli
interessierte sich die Assemblee Nationale genügend für diese Ver-
suche, um ihnen einen Kredit von 3 Millionen Fr. zu bewilligen.
Einen guten Teil dieser Summe erhielten die einfachen, aus Arbeit-
gebern und Arbeitnehmern gemischten Genossenschaften, die zu dem:

9 Vgl. oben, S. 334, Anm. 4.
a) Vgl. oben, S. 290, Anm. 2.
        <pb n="370" />
        ﻿345

Kapitel V. Proudhon und der-Sozialismus von 1848.

spekulativen Zweck gegründet worden waren, ans der Freigebigkeit
der Regierung Profit zu ziehen. Die reinen Arbeitergenossenschaften
erhielten immerhin noch über eine Million, und 1849 bestanden
ungefähr 100 solcher Genossenschaften.

Aber diese erste kooperative Bewegung, die auf den Ideen Louis
Blanc’s beruhte, hatte nur kurze Dauer. Die Asseniblee Nationale
hatte dafür gesorgt, daß die neuen Gesellschaften einer behördlichen
Kontrolle unterstanden, indem ein Conseil d’encouragement,
der vom Minister ernannt wurde, damit beauftragt war, die Dar-
lehnsbedingungen festzusetzen. Diese Behörde beeilte sich, ein Muster-
Statut zu veröffentlichen, das den Genossenschaften in ihrer inneren
Organisation nur wenig Freiheit ließ. Mehrere kamen infolge des
Fehlens von Aufträgen zu einem sehr schnellen Ende. Nach dem
Staatsstreich wurden alle diejenigen Genossenschaften zur Auflösung-
gezwungen, die nicht eine der drei von dem Artikel 19 des Handels-
gesetzbuches vorgesehenen Formen (Kollektiv- Kommandit- oder
Aktien-Gesellschaft) angenommen hatten. Die Folge davon war, daß,
nach Reybaud, im Jahre 1855 nur noch neun von denen bestanden,
die 1848 unterstützt worden waren. Die wenigen Konsumvereine
oder wie man damals sagte; „Genossenschaften für Lebensverbilligung“
(associations pour la vie ä bou marche), die in Paris, Lille, Nantes
und Grenoble gegründet worden waren, wurden ebenfalls aufgelöst.

So schlugen denn diese Versuche — die einzigen, die nicht direkt
die Sache der Reformen kompromittiert hatten — ihrerseits fehl. Sie
verschwanden teilweise infolge der politischen Umstände, teilweise
aber auch infolge der Fehler, die die Gründer selbst begingen, weil
sie noch nicht genügend auf die Schwierigkeiten der Assoziation
vorbereitet waren. Sie lassen in der Arbeiterklasse eine tiefe Ent-
mutigung und die Erinnerung an eine große Enttäuschung zurück.

So waren einer nach dem anderen die sozialistischen Versuche
von 1848 gescheitert und zogen in ihren Schiffbruch die Theorien
ihrer Urheber mit hinein. Es blieb noch ein Versuch übrig, den
Pboudhon mit seinem Namen gedeckt hatte: nämlich der unent-
geltliche Kredit. Er sollte keinen besseren Erfolg haben.

§ 3. Die Theorie der Tausch bank.

Die Revolution von 1848 kam Pkouuhon nicht überraschend.
Seiner Meinung nach aber kam sie zu früh. Er sah sehr wohl, daß
das Hauptproblem, das sie zu lösen hatte, eher ein wirtschaftliches,
Ms ein politisches war. Er verhehlte sich aber nicht, daß die Er-
ziehung der Massen noch nicht weit genug fortgeschritten war, um
eine friedliche Lösung zu ermöglichen. Denn es ist eine friedliche
        <pb n="371" />
        ﻿346

Zweites Buch. Die Gegner.

Lösung, die Pkoxidhon, der hierin mit allen französischen Sozialisten
seiner Zeit übereinstimmt, für die soziale Frage erträumt1). Er
nennt an einer Stelle die Februarrevolution „ein zu früh geborenes
Kind“ 2); und in einem ergreifenden Aufsatz, der in der Zeitung L e
Peuple erschien, gibt er der tiefen Sorge Ausdruck, die ihn erfüllt,
als er die Revolution näher und näher kommen sieht und sich be-
wußt wird, daß niemand vorhanden ist, der „den Schlüssel oder die
Kenntnisse“ besitzt, um sie zu einem guten Ende zu führen:

„Wie sollten mir nicht die Tränen gekommen sein, wenn ich
der armen Arbeiter gedachte, die ich im voraus der Arbeitslosigkeit
und jahrelangem Elend überliefert sah, jener Arbeiter, deren Ver-
teidigung ich mein Leben geweiht habe, und denen ich nun in keiner
Weise helfen konnte. Wie sollte ich nicht geweint haben, wenn ich
an das Bürgertum dachte, das ich ruiniert sah, dem Bankerott ausge-
liefert, gegen das Proletariat aufgehetzt, an das Bürgertum, gegen
das der Antagonismus der Ideen und die Fatalität der Umstände
mich zu kämpfen zwingen sollten, während ich mehr als irgendein
anderer bereit war, es zu beklagen. Schon vor der Geburt der
Republik trauerte ich um sie, und die Last ihrer Schuld drückte
mich nieder . . . Diese Revolution, die in der öffentlichen Ordnung
ausbrechen sollte, war der Ausgangspunkt einer sozialen Revolution,
deren Wesen allen verborgen blieb3).“

Sobald aber die Revolution ausgebrochen war, findet Proüdhon
daß ihm nicht das Recht zustehe, zurückzubleiben. Schärfer als
irgendein anderer hatte er die bestehende Ordnung kritisiert. Sein
Ehrgefühl zwang ihn dazu, an der Lösung der praktischen Fragen,
die so plötzlich auftraten, raitzuarbeiten. Er wirft sich als Schrift-
steller in den Streit. Bis dahin hatte er sich begnügt, in allge-
meinen Ausdrücken auszuführen, in welcher Richtung er einen Aus-
weg zu sehen glaubte. Jetzt handelte es sich darum, die Reform
praktisch zu gestalten und ihre genauen Richtlinien festzulegen. So
erfand er die Tauschbank.

*) „Es ist selbstverständlich und es sollte nicht nötig sein, hierauf besonders
hinzuweisen, dali diese Reform (die Abschaffung des Eigentums) durchaus fiskalisch
zu bleiben hat und ohne Gewaltmaßregeln, ohne Beraubung, ohne Besitzwegnahme
und auf Grund einer vorher fälligen Entschädigung zu geschehen hat“ (Resume
de la question sociale, S. 27).

2)	Solution du probleme social, S. 32 (Bd. VI der (Buvres completes).

3)	(Euvres, Bd. XVIII, S. 6-7. Siehe auch den Brief vom 25. Februar 1848
(Briefwechsel, Bd. II, S. 280). „Sicherlich wird der Fortschritt Frankreichs durch
die Republik oder auf andere Weise durchgeführt werden, was auch immer eintreten
möge. Doch hätte er sich ebenso gut mit der abgesetzten Regierung, so wie sie
war, durchführen lassen und würde viel weniger gekostet haben.“ Dieser Gedanke
hat ihn aber nicht daran gehindert, auf die Barrikaden zu eilen.
        <pb n="372" />
        ﻿Kapitel Y. Proudhon und der Sozialismus von 1848.

347

Proudhon hat der Tauschbank zahlreiche Darstellungen x) in
Broschüren, Zeitschriften und Büchern gewidmet. Seine Ausführungen
stimmen nicht immer miteinander überein. Es ist daher schwierig,
seine Gedanken genau zu bestimmen, und das erklärt auch, weshalb
man ihn oft falsch verstanden hat. Versuchen wir jedoch, seine
Ideen zusammenzufassen; späterhin werden wir sie einer Kritik
unterwerfen, indem wir sie mit analogen Vorschlägen vergleichen
die vor und nach ihm aufgestellt wurden, und auf diese Weise
werden wir dazu gelangen, ihren originellen Charakter besser hervor-
treten zu lassen.

Das ganze Projekt beruht auf folgenden grundlegenden Ge-
danken: unter allen Formen des Kapitals, die ihrem Besitzer unter
dem Namen Zinsen, Pacht, Diskont usw. ein Herrenrecht2) an dem
Erzeugnisse des Arbeiters einräumen, ist das wichtigste das Geld, —•
denn schließlich bieten sich auf dem Markte alle Kapitalien unter
der Form von Geld an 3). Wenn es daher gelingt, das „Herrenrecht“
unter dieser universellen Kapitalform zu unterdrücken, mit anderen
Worten, wenn das Geld umsonst verliehen wird, so würde das Herren-
recht sofort auch für alle anderen Kapitalien verschwinden.

Nehmen wir an, daß ich auf Grund irgendeiner Organisation im-
stande sei, mir ohne Zinsen das zum Ankauf eines Stückes Land,
einer Maschine oder eines Gebäudes, die ich für mein Gewerbe be-
nötige, notwendige Geld zu verschaffen, — so würde ich mich be-
eilen, diese Kapitalien zu erwerben, anstatt sie zu mieten, wie ich
es heute tun muß, indem ich Zinsen oder Miete dafür zahle. Indem

') Schon am 31. März 1848 legt er in einer Broschüre, Organisation du
credit et de la circulation ihre Grundgedanken und Hauptcharakterzüge
dar. Im Monat April nimmt er sein Projekt in Aufsätzen, die er in der Zeitung
Repräsentant duPeuple veröffentlichte, wieder auf, und die seitdem unter dem
Titel: Eesuipe de la question sociale von Darimon wieder herausgegeben
■worden sind. Dieses Projekt unterscheidet sich etwas von den Statuten der
Banque du Peuple, die im VI. Band der (Euvres complfetes enthalten sind,
obgleich die Leitgedanken sich decken. Im Februar und März 1849 hat Proudhon
nochmals die Darlegung dieser Grundsätze in der Zeitung Le Peuple aufgenommen
(diese Aufsätze sind ebenfalls in den (Euvres completes enthalten), während
er sich bemühte, die Banque du Peuple zu gründen. Später hat er sie in seiner
berühmten Auseinandersetzung mit Bastiat verteidigt (die in Wirklichkeit nicht be-
sonders belehrend ist). Sie ging in den Spalten der Zeitung Voix du Peuple
vom Oktober 1849—1850 vor sich und kam 1850 als Buch unter dem Titel Interet
et Principal; Discussion entre M. Proudhon et M. Bastiat sur hin-
ter 6t des capitaux in Paris heraus. — Weiterhin ist Proudhon oft auf diese
Idee in'seinen spätereren Werken zurückgekommen, unter anderen in La Justice
dans la Revolution, etc., Bd. I, S. 289ff., und in der Idee generale de la
Revolution au XIX o siede, S. 197ff.

2)	Siehe oben, S. 330 Anm. 2.

3)	Siehe; Solution du Probleme social, S. 178—179.
        <pb n="373" />
        ﻿348

Zweites Buch. Die Gegner.

auf diese Weise die Abschaffung der Geldzinsen dem Arbeiter ge-
stattet, sofort und umsonst all die nötigen Kapitalien zu erwerben,
anstatt sie zu mieten, verhindert sie gleichzeitig alle Kapitalbesitzer,
ein Einkommen ohne Arbeit zu erheben. Das Eigentum würde daher
auf den Besitz beschränkt bleiben. Da der Arbeiter den vollen Er-
trag seiner Arbeit erhalten würde, ohne ihn mit jemand anderem
teilen zu müssen, so wäre auch die ^Reziprozität im Austausch erreicht.
Die wirtschaftliche Gerechtigkeit wäre endlich verwirklicht.

Zweifellos, wird man sagen, ist das richtig. Wie soll man sich
aber das nötige Geld ohne Zinszahlungen beschaffen? Das ist der
springende Punkt!

Man überlege, antwortet Peoudhon, was das Geld ist! Ist es
, etwas anderes als ein Tauschbon, dessen einzige Bestimmung die Er-
//leichterung des Güterumlaufs ist? Hier betrachtet Peoudhon plötz-
lich das Geld, das ihm bis dahin als das wirkliche und einzige
Kapital erschienen ist, nur mehr als ein ümlaufsmittel. „Das Geld an
und für sich ist mir nichts nütze. Ich nehme es nur, um es auszu-
geben, ich verbrauche und bewirtschafte es nicht“ *). Es ist nur ein
ümlaufsmittel, und der Zins, den ich dafür zahle, entlohnt gerade
diese ümlaufsfunktion*). Würde nun ein Papier diese Funktion
nicht ebenso gut und billiger erfüllen? Heute leihen die Banken
den Besitzern von Handelseffekten das Bargeld, das sie benötigen,
oder Banknoten, die ständig gegen Bargeld einwechselbar sind. Für
diesen Dienst lassen sie sich einen Diskont zahlet!, der dazu be-
stimmt ist, die Aktionäre, die das Kapital geliefert haben, zu ent-
lohnen. Gründen wir daher eine Bank ohne Kapital, die, wie die
Banque de France die Handelseffekten mit Noten diskontiert, und
zwar „Umlaufbons“ oder „Tauschbons“, welche Noten aber nicht
in Bargeld umwechselbar sind, die folglich fast nichts kosten,
da kein Garantiekapital entlohnt zu werden braucht. Diese Bank
ohne Geldkapital würde daher zu einem bedeutend geringeren Preise
dieselben Dienste leisten, wie die Banque de France.

Damit diese Noten in den Umlauf gebracht werden können, ge-
nügt es, daß alle Kunden der neuen Bank sich verpflichten, sie als
Zahlung für ihre Waren anzunehmen. Der Besitzer würde daher
imstande sein, sie auszutauschen, — ebenso wie bares Geld. Auf
der anderen Seite riskieren die Kunden der Bank nichts, wenn sie
sie annehmen, denn (die Statuten stipulieren das) die Bank dis-

*) Interet et Principal, S. 112.

2) „Daher ist das Geld, das überall als Zusatzkapital, als ümlaufsmittel, als
Garantieinstrument dazwischentritt, gerade das, was zu bezahlen ist; es handelt
sieh gerade darum, den Dienst, den es leistet, zu entlohnen!“ (Interet et Prin-
cipal, S. 113).
        <pb n="374" />
        ﻿Kapitel V. Proudhon und der Sozialismus von 1848.

349

kontiert niemals etwas anderes als Effekten, die geli eferte Waren
oder Waren, für die ein Kaufauftrag vorliegt, vorstellen. Die „Um-
laufbons“ würden daher niemals die Bedürfnisse des Handels über-
schreiten; sie werden stets eine Ware vorstellen, die nicht nur er-
zeugt, sondern auch schon verkauft (wenn auch noch nicht bezahlt)
istr). Die Bank tut also nichts anderes als jede andere Diskontierungs- '
bank, die dem Verkäufer einer Ware eine Summe vorstreckt, die sie
späterhin vom Käufer wieder erhält. Die Kaufleute und Industriellen
sollen aber auf diese Weise nicht nur das Umlaufskapital ohne
Zinsen erhalten, sondern auch die zur Gründung neuer Unter-
nehmungen notwendigen Mittel unter der Form von (natürlich zins-
losen) Darlehen, die ihnen gestatten, die Arbeitsinstrumente, die sie
nötig haben, zu kaufen, anstatt sie zu mieten2).

Die Folgen einer derartigen Reform sind unberechenbar! Nicht
nur würde sich die Verschmelzung der Klassen verwirklichen, denn
da Kapitalien allen umsonst erreichbar wären *), würde es nur noch
Arbeiter geben, die ihre Produkte zum Kostenpreise austauschen4).
Überdies würde auch noch die Regierung selbst unnötig
werden. Eine Regierung ist nämlich nur notwendig, solange als
es Unterdrücker und Unterdrückte, Starke und Schwache gibt. Sie
existiert nur, „um den gegenseitigen Kampf durch eine allgemeine
Unterdrückung zu beendigen“5). Mit dem Tag aber, an dem im

b Vgl. Besinne de la question sociale, S. 39.

2)	Die Vorschüsse werden übrigens unter der Form einer Diskontierung ge-
leistet. Der Unternehmer, der ein Geschäft machen will, „wird sich an den Verbrauch
wenden, um Aufträge zu erhalten; auf Grund und infolge des Kredites dieser Auf-
träge wird er dann an die Erzeuger der Rohstoffe, Instrumente oder Dienste, deren
er bedarf, herantreten, wird deren Lieferung erhalten und sie durch Handelswechsel
bezahlen, die von der Bank, unter den üblichen Vorsichtsmaßregeln, in Banknoten
(d. h. in Umlaufbons) verwandelt werden“. ®Auf diese Weise ist der Verbraucher
der wirkliche Geldgeber: zwischen ihm und dem neuen Unternehmer ist das
Zwischenglied des Geldmannes nicht mehr notwendig“ (Organisation du credit,
S- 123, Bd. VI, der (Euvres complbtes). Wie man sieht, ist die Hauptfunktiou
der Bank Pkoddhon’s die Diskontierung von Wechseln. Daher haben wir auch
unsere Kritik auf diese Operation beschränkt.

3)	„Die Bourgeoisie und das Proletariat in eine Mittelklasse zusammenschweißen,
die Klasse, die von ihrem Einkommen lebt, und die, die von ihrem Lohn lebt, in
eine Klasse, die in Wirklichkeit weder Einkommen noch Lohn bezieht, aber die er-
findet, die unternehmungslustig ist, die Werte schafft, die erzeugt, die austauscht, die
allein das Wirtschaftsleben der Gesellschaft ausmacht, und die in Wahrheit das Land
vorstellt: das ist, wie wir gesagt haben, die wirkliche Februarfrage.“ (Revolution
demontree par le Coup d’Etat, S. 135.)

4)	„Die Reziprozität . . . beruht darin, daß die Austausehenden einer dem
anderen und unwiderruflich ihre Erzeugnisse zum Kostenpreis garantieren“ (Idee
generale de la Revolution, S. 97—98).

6) „Die Verfassung des Staates setzt voraus, soweit sein Zweck in Betracht
kommt, daß der Antagonismus oder Kriegszustand die wesentliche und unwandel-
        <pb n="375" />
        ﻿350

Zweites Buch. Die Gegner.

Güteraustausch Gerechtigkeit garantiert ist. wo freie Kontrakte zu
seiner Sicherstellung genügen, gibt es nur noch Gleichgestellte, von
denen ein jeder die gleichen Vorteile genießt. Die Quellen der Streitig-
keiten verschwinden. „Sobald Kapital und Arbeit einmal identisch
geworden sind, besteht die Gesellschaft aus eigener Kraft und braucht
weiter keine Regierung.“ Das Regierungssystem ist mit dem wirt-
schaftlichen System „verschmolzen“, in ihm „untergetaucht“. Das
ist die An-archie, die Nicht-Regierung1).

So der Vorschlag Peoüdhon’s und seine Konsequenzen. Um seine
Tragweite zu verstehen, müssen wir uns fragen: 1. Ob der Ersatz der
auf Sicht gegen Bargeld zahlbaren Banknoten durch Tauschbons prak-
tisch möglich ist; — und 2. in der Annahme, daß dieser Ersatz möglich
sei, würde er die Folgen haben, die sein Urheber davon erwartet?

1. Peoudhon stellt sein System als ein einfaches Mittel, den
Wechsel zu verallgemeinern, hin2). Das ist richtig. Die Tausch-
bare Bedingung des Menschengeschlechts ist, eine Bedingung, die zwischen Starken
und Schwachen die Einmischung einer zwingenden Gewalt nötig macht, um die
Kämpfe durch allgemeine Unterdrückung zu beenden“ (Voix du Peuple, 3. De-
zember 1849. (Euvres, Bd. XIX, S. 23.) Doch „in einer fast ohne ihr Wissen
durch die Entwicklung des Wirtschaftslebens urageformten Gesellschaft gibt es
weder Starke noch Schwache, sondertynur Arbeitende, deren Fähigkeiten und Mittel
ständig das Bestreben zeigen, sich auf Grund der industriellen Solidarität und des
garantierten Umlaufs auszugleichen“ (ebenda, S. 18).

') „Wir sind daher, was wir schon mehr als einmal erklärt haben, Anar-
chisten. Die Anarchie ist die Existenzbedingung erwachsener Gesellschaften,
wie die Hierarchie die primitiver Gesellschaften ist: in den menschlichen Gemein-
wesen geht der Fortschritt unaufhörlich vor sich, und zwar von der Hierarchie zur
Anarchie“ (ebenda, S. 9). Und etwas weiter (in der Idee generale de la Re-
volution, S. 196) bezeichnete er als Ziel der ßevolution „eine Verfassung des
Eigentums zu geben“ und „das politische oder Regierungssystem in der Wirtschafts-
ordnung aufzulösen, zu versenken und zum Verschwinden zu bringen, indem eins
nach dem anderen der Kader im Räderwerk dieses großen Mechanismus, der Re-
gierung oder Staat heißt, verringert, vereinfacht und dezentralisiert wird “
Peoudhon hat diesen Gedanken Saint-Simon entlehnt, was er in der Idee
generale de la Revolution (S. 136ff.) zugiht. Diese Auffassung einer in-
dustriellen Gesellschaft, die die politische Regierung überflüssig macht, oder sie doch
auf ein Minimum beschränkt, ist selbst nur eine Entwicklung, oder wenn man will,
eine Vergröberung des wirtschaftlichen Liberalismus J.-B. Say’s. — Die Bestätigung,
daß er Anarchist ist, findet sich schon in dem Memoire sur la propriete
(1. Ausg. 8. 229). „Wer sind Sie denn? — Ich bin Anarchist. — Ah! Ich verstehe;
Sie wollen satirisch sein; das richtet sich gegen die Regierung! — Durchaus nicht!
Ich sage Ihnen damit mein Glaubensbekenntnis, das ich mir ernsthaft und reiflich
überlegt habe; wenn ich auch in jeder Weise ein Freund der Ordnung bin, so bin
ich doch in der vollen Bedeutung des Wortes Anarchist?'1’

2) „Die ganze Frage des Umlaufs liegt in der Verallgemeinerung des Wechsels,
d. h. darin, ihn zu einem auf den Inhaber lautenden Wertpapier zu machen, das
beständig ausgetauscht werden kann und auf Sicht rückzahlbar ist, aber nur gegen
Waren oder Dienste“ (Organisation du credit, (Euvres, Bd. VI, S. 113—114)-
        <pb n="376" />
        ﻿Kapitel Y. Proudhon und der Sozialismus von 1848.

351

bank setzt ihre Unterschrift an Stelle der des Kundenwechsels, den
sie diskontiert. Auch heute tut der Aussteller einer Banknote nichts
anderes. An die Stelle des Wechsels, den die Banque de France
kauft, und der nur einen beschränkten Kredit genießt, setzt die
Banque de France Banknoten, die ihre überall anerkannte Unter-
schrift tragen und einen fast unbegrenzten Kredit genießen. Worin
unterscheidet sich nun der Umlaufbon Peoudhon’s yoh der Banknote?
Einfach dadurch, daß die Bank zu ihrer Unterschrift das Ver-
sprechen einer Einlösung in Metallgeld fügt, d. h. in einer allgemein
angenommenen und nachgefragten W’are, während Peoudhon die
Unterschrift der Tauschbank durch keine andere besondere Ver-
pflichtung dieser Art ergänzt, sondern einzig dadurch, daß alle ihre
Kunden sie an Zahlungsstatt annehmen.

Theoretisch mag dieser Unterschied unbedeutend erscheinen, da
in beiden Fällen die Zahlungsfähigkeit der Aussteller des Kunden-
wechsels die wirkliche Garantie der Banknote, wie des Tauschbons
ist. Praktisch ist der Unterschied aber außerordentlich groß! Die
Sicherheit, die Banknote gegen Bargeld Umtauschen zu können, gibt
ihr die große Kraft ihrer Verbreitung, und auf Grund dieser Sicher-
heit wird sie von der großen Menge Unbekannter angenommen, die
sie einzig infolge des Vertrauens, das ihnen die Bank einflößt,
annehmen. Sie brauchen sich nur um die Zahlungsfähigkeit der
Bank zu kümmern. Ein „Umlaufbon“, abgesehen davon, daß er nur
ein Anrecht auf gewisse Waren (wie sie die Kunden der Tauschbank
herstellen) gibt, setzt aber voraus, daß der Besitzer Vertrauen in,
die Gesamtheit der Kunden hat, ein Vertrauen, dessen wirkliche Be-
gründung er nur schwer mit Sicherheit nachprüfen kann. Ein der- •
artiger Bon wird daher nur unter den Kunden der Bank umlaufen,
anstatt wie die jetzige Banknote das ganze Publikum zu umfassen.
Aber auch die Kunden der Tauschbank können ihre Verpflichtungen
nur dann einhalten, wenn diese Bank nur Wechsel erster Sicherheit
diskontiert und niemals am Verfalltage eine Zahlungsverweigerung
erleidet. Denn sonst würden die Umlaufbons, anstatt regelmäßig
zur Bank zurückzukehren, im Umlauf bleiben. Sollte eine irgend-
wie bedeutende Krisis auftreten, und viele der Anhänger der Bank
in Zahlungsschwierigkeiten geraten, so würde die Summe des Nenn-
wertes der Umlaufbons sehr schnell den Wert der Waren, die sie
vorstellen, übersteigen. Die Bons würden sofort an Wert verlieren,
und die Kunden selbst würden sich weigern, sie an Zahlungsstatt
anzunehmen.

Man kann sich daher sehr wohl die Möglichkeit eines Umlaufs
dieser Bons vorstellen, — aber dieser Umlauf würde stets nur auf
einen kleinen Kreis beschränkt bleiben, und als erste unvermeidliche
        <pb n="377" />
        ﻿352

Zweites Buch. Die Gegner.

Bedingung die fast vollständige Zahlungsfähigkeit der Kunden vor-
aussetzen.

2. Nehmen wir aber an, daß diese praktische Bedingung erfüllt
sei, und daß diese Bons im Umlauf wären; würde der „Zins“ deshalb
verschwunden sein? In keiner Weise, und hierin liegt der Grund-
irrtum des Gedankens.

Weshalb erhebt die Banque de France einen Diskont? Einfach
deshalb, behauptet Pboudhon, weil sie Bargeld an Stelle von Wechseln
gibt, so daß das „Herrenrecht, das man Diskont nennt“ 1), da es nur
von dem Gebrauch von Metallgeld herrührt, mit seiner Abschaffung
verschwinden müßte. — Das ist ein Irrtum. Wenn die Bank sich
einen Diskont zahlen läßt, so beruht das darauf, daß sie heute eine
sofort verwertbare Ware liefert gegen den Wert eines Wechsels,
der erst in einigen Monaten realisierbar ist. Sie gibt daher eine
Wirklichkeit in Tausch gegen ein Versprechen, ein schon jetzt ver-
fügbares Gut in Tausch gegen ein erst später verfügbares. Was
die Bank erhebt, ist der Unterschied zwischen dem Wert des Wechsels
am Tage, an dem sie ihn diskontiert, und seinem Wert am Tage des
Verfalls, ein Unterschied, der nicht von dem Willen der Bank, oder
von dieser oder jener Geldart abhängt, sondern in der Natur der
Sache liegt. Pkoudhon kann tun, was er will, der Terminhandel
und der Verkauf gegen bar sind und bleiben zwei ganz ver-
schiedene Vorgänge2), solange als der tatsächliche gegenwärtige
Besitz eines Gutes für vorteilhafter betrachtet wird, als sein späterer
Besitz.

Dieser Unterschied würde auch bei der Tauschhank sehr bald
wieder zutage treten, und zwar auf folgende Weise. Alle „Umlauf-
bons“ stellen Waren vor, die für einen späteren Zeitpunkt verkauft
sind. Wenn die Bank darauf verzichtet, einen Diskont zu erheben,
so berührt das nicht den Vorteil, den die Kaufleute daran haben
würden, in bar bezahlt zu werden. Um diesen Vorteil zu behalten,
werden sie ihren Käufern, die in bar bezahlen, d. h. den Käufern,
die sie entweder in Waren, oder in Edelmetallen (die doch eben-
falls nur Waren sind), bezahlen, einen geringen Rabatt auf die in
Papiergeld ausgedrückten Preise gewähren. So würden sich sehr

Organisation du credit, (Buvres, Bd. VI, S. 113—114.

2) Pkoüdhon erklärt beständig, daß seine Reform darin bestehe, den Verkauf
auf Kredit in einen Verkauf gegen bar zu verwandeln. Ebenso gut kann man
aber sagen, daß man von jetzt ab, weiß mit schwarz, und schwarz mit weiß be-
zeichnen wird. Weit entfernt, die Reziprozität im Austausch zu verwirklichen,
räumt man dem Borger einen Vorteil ein. „Kredit geben, bedeutet austauscben“
sagt Phoddhon noch. Ganz recht, aber gerade der Diskont stellt in dieser be-
sonderen Anstauschoperation, die man Kredit nennt, die Gleichheit der Werte her.
        <pb n="378" />
        ﻿Kapitel V. Proudhon und der Sozialismus von 1848.

353

schnei] zwei Keilten von Preisen ergeben: eine in Papiergeld für die
Verkäufe auf Zeit, und eine für Metallgeld für die Verkäufe gegen
bar. Die ersteren werden höher als die zweiten sein, und der
Unterschied, den die Tauschbank zu erheben ablehnt, würde yon
den Verkäufern selbst erhoben werden. Der Geldzins würde daher
wieder in Erscheinung treten, aber unter einer neuen Form.

Hierauf würde Proudhon vielleicht erwiederu, daß die Anhänger
der Tauschbank infolge ihrer Zustimmung zu den Statuten sich ver-
pflichtet haben, von jedem derartigen Agio abzusehen. Dann aber,
selbst wenn sie ihrem Versprechen treu bleiben, folgt die Abschaffung
des Diskonts oder der Zinsen nicht aus der Organisation der Tausch-
bank, sondern aus dem freien Willen der Kunden. Es würde dies
einfach auf die Abschaffung des Zinses auf Grund gegenseitigen
Übereinkommens hinauslaufen, — eine ausschließlich moralische
Reform, für die aber jeder Bankmechanismus entbehrlich ist und die
«ich vielleicht nur etwas langsam durchsetzen würde!

Die Tauschbank wird daher den Diskont nicht abschaffen, und
folglich auch nicht das „Herrenrecht“ im allgemeinen — womit die
rinderen Folgerungen Proudhon’s von selbst hinfällig werden.

Sein theoretischer Fehler beruht darauf, daß er das Geld bald
als Kapital par excellence betrachtet und bald nur als einfaches
Tauschmittel ohne wirklichen Eigenwert. Er vergißt, daß das Geld
nicht nur als Tauschmittel begehrt wird, sondern auch als Mittel
zur Anhäufung von Schätzen und Ersparnissen, als Wertreserve;
und daß die ümlaufbons es wohl in jener einen Funktion, aber durch-
aus nicht in allen ersetzen können. Man kann die Umlaufsmittel
nach Belieben vermehren, aber nicht das Kapital. Wenn Proudhon
das Geld durch Bons ersetzt, so erhöht er das in der Gesellschaft
vorhandene Kapital, von dem das Geld einen Teil darstellt, nicht
um einen Pfennig. Und weiterhin vermindert er um nichts die Über-
legenheit des Wertes der gegenwärtigen gegenüber den zukünftigen
Gütern, — eine Überlegenheit, auf der die Höhe der Zinsen beruht.
Die Vermehrung der Umlaufbons ohne gleichzeitige Vermehrung des
sozialen Kapitals hat keine andere Wirkung, als alle Preise zum
Steigen zu bringen, die des Bodens, der Häuser und der Maschinen •
ebenso, wie die der Verbrauchsgegenstände. Da die Kapitalien nicht
zahlreicher als früher sein werden, werden sie wie früher vermietet
werden, aber die Pachtsummen und Mieten unterliegen der Wirkung
der allgemeinen Preissteigerung, — und werden daher ebenfalls
höher werden . . . ein eigentümlicher Erfolg einer Reform, die den
Zins gerade abschaffen sollte; Proudhon legt der Herrschaft des
Goldes zuerst eine übertriebene Bedeutung bei und nimmt dann die
Formel J.-B. Say’s zu wörtlich: „Produkte kaufen sich mit Produkten“,

Gide und Rist, Gesoh. d. Volkswirtschaft!. Lehrraeinungen.	23
        <pb n="379" />
        ﻿354

Zweites Buch. Die Gegner.

eine Formel, von der sich J.-B. Say selbst hatte blenden lassen,,
und es ist interessant zu sehen, wie die Tauschbank der logische,,
wenn auch paradoxe Schluß ist, zu dem die von Adam Smith und
den Physiokraten gegen die merkantilistischen Ideen über das Geld
begonnene Reaktion führte.

Muß man nun sagen, daß der Gedanke Proudhon’s jeder wahren
Grundlage entbehrt? Nach unserer Ansicht nicht. Unter der falschen
Idee des unentgeltlichen Kredites kann man die richtige Idee des
gegenseitigen Kredites entdecken. Die Banque de France ist eine
Gesellschaft von Kapitalisten, der das Publikum Kredit gibt, indem
es ihre Banknoten annimmt, und die ihrerseits wieder dem gleichen
Publikum Kredit einräumt. Die Garantie der Banknoten — das hat
Pkoüdhon bewunderungswürdig klar gesehen — liegt in Wirklich-
keit in den Händen des Publikums: es sind die Unterzeichner der
Handelswechsel, ohne deren Zahlungsfähigkeit die Bank ihre Vor-
schüsse nicht wieder erhalten würde, auf denen die ganze Sicherheit
der Banknote beruht. Das Kapital der Aktionäre ist nur eine Zu-
satzgarantie; und wie schon der Schatzminister Napoleons des Ersten,,
Graf Mollien, sagte, eine Emissionsbank kann theoretisch ohne jedes
Kapital operieren. Das Publikum leiht sich selbst Geld mit der
Bank als Vermittler. Aber warum sollte es sich nicht ohne diesen
Vermittler behelfen? Warum sollte es nicht den Kreditunternehmer
ausschalten, wie es den industriellen Unternehmer oder den Kaufmann
in den Produktions- und Konsumgenossenschaften ausschaltet ? Zweifels-
ohne würde deshalb der Diskont nicht verschwinden, aber sein Be-
trag würde für alle Entleiher um die Summe vermindert werden,,
die sie als Verleiher gewinnen. Es ist das das Prinzip der Kredit-
gesellschaften auf Gegenseitigkeit, bei denen das Anfangskapital fast
vollständig durch die Haftpflicht der Genossen, zuweilen auch durch
die unbeschränkte Haftpflicht, ersetzt wird. Später scheint Pboudhon
seine erste Auffassung anf diese Idee beschränkt zu haben *).

So hat Pkoudhon die Kreditgenossenschaft gestreift, wie er in
anderen Teilen seines Werkes andere Formen der Kooperation ge-

*) In der Idee generale de la Revolution an XIX6 siede S. 198ä.r
„Die französischen Bürger haben das Recht, sich untereinander zu verständigen und,
wenn nötig, sich zusammen zu tun, um Bäckereien, Fleischereien, Materialwaren-
geschäfte usw. zu gründen, die ihnen den Verlauf und den Austausch zu billigem
Preis und in guter Qualität von Brot, Fleisch und allen Verbrauchsgegenständen
sichern, die ihnen die im Handel herrschende Anarchie heute mit falschem Gewicht,
unter falscher Bezeichnung und zu exorbitantem Preise liefert . . . Mit demselben
Recht haben die genannten Bürger das Recht, für ihren gemeinsamen Vorteil einn
Bank zu gründen, mit einem Kapital, wie es ihnen gut dünkt, und dem Zwecke
zu billigem Preis das Bargeld zu liefern, das sie für ihre Geschäfte brauchen.“
        <pb n="380" />
        ﻿Kapitel Y. Proudhon und der Sozialismus von 1848.	355

streift hat, — ohne daß er übrigens für jene eine besonders lebhafte
Sympathie gehabt hätte1).

Weiterhin liegt in seinem ganzen Systeme außer der wahren
Auffassung des Gegenseitigkeitskredites eine tiefer schürfende Idee,
die es vorteilhaft von allen Formen des autoritären Sozialismus, die
vor oder nach ihm aufgekommen sind, unterscheidet: es ist dies das
tiefe Verständnis für die zwingende Notwendigkeit der individuellen
Freiheit als Triebkraft der wirtschaftlichen Tätigkeit in den Ge-
sellschaften, die auf der Industrie beruhen. Besser als irgendeiner
seiner Vorgänger hat er begriffen, daß die ökonomische Freiheit eine
endgültige Erwerbung der modernen Gesellschaft sei, und daß jede
wirkliche Reform auf dieser Freiheit sich aufbauen müsse; niemand
hat besser als er die Macht der selbsttätigen „wirtschaftlichen
Kräfte“ verstanden, deren verderbliche Wirkung er wohl gesehen
hat, aber in denen er gleichzeitig, wie schon A. Smith es getan
hatte, den stärksten Hebel des Fortschrittes erkannte. Seine leiden-
schaftliche Sorge um Gerechtigkeit erklärt seinen Haß gegen das
Eigentum, aber sein eifersüchtiges Streben nach Freiheit rief seine
Feindschaft gegen den Sozialismus hervor. Sie hat ihn dazu ge-
führt, mehr zu zerstören als aufzubauen, trotz seiner berühmten
Formel: Destruam et aedificabo. Aber dieser Liberalismus
beruhte auf einem~sicEeren~Gefühl für die wirtschaftlichen Wirklich-
keiten, und die soziale Frage stellt sich auch heute noch in keiner
anderen Form als derjenigen, in der sie sich Peoudhon stellte: Die
Gerechtigkeit in der Freiheit zu verwirklichen.

Das Projekt der Tauschbank Pboudhon’s darf nicht mit ähn-
lichen Plänen, die vor oder nach ihm aufgekommen sind, verwechselt
werden. Alle diese Pläne haben gemeinsam, daß sie in einer Reform
des Tausches eine Hilfe gegen die sozialen Ungleichheiten suchen, —
aber, hiervon abgesehen, ist die Analogie meistens nur äußerlich, und
wie wir sehen werden, sind die wirtschaftlichen Ideen, auf denen sie
sich aufbauen, recht verschieden.

1.	Man hat das Projekt Peoudhon’s oft mit dem System der
„Arbeitbons“ in Verbindung gebracht, das Robbet Owen einzuführen
versuchte, oder wie der Engländer Beat es in seinem „Labour’s

*) „Man tut sich noch aus Gründen der Wirtschaftlichkeit des Verbrauchs
zusammen, um den Nachteilen des Kleinhandels zu entgehen. Dieses Mittel rät Rossr
den Hausfrauen in kleinen Haushalten, denen ihre Mittel nicht gestatten, im großen
einzukaufen. Diese Art, von Assoziation . . . zeugt aber gegen das Prinzip. Man
gebe dem Produzenten durch den Austausch seiner Produkte die Möglichkeit, sich
im großen zu versorgen, oder, was auf dasselbe hinausläuft, den Kleinhandel
unter Bedingungen zu organisieren, die ihm ungefähr die gleichen Vorteile lassen,
wie der Verkauf im großen, und die Assoziation wird überflüssig.“ Idee generale
de la Revolution, S. 92.

23*
        <pb n="381" />
        ﻿356

Zweites Buch. Die Gegner.

wrong’s and labonr’s remedy“ betitelten Werk 1839 vorschlug1), und
wie es Rodbeetüs später empfehlen sollte. Jedoch haben die „Um-
laufbons“ Peoudhon’s fast nichts mit den „Arbeitbons“ gemein, die
von diesen verschiedenen Schriftstellern ausgedacht worden sind.
Die „Umlaufbons“ vertreten (d. h. sind gedeckt durch) Kunden-
wechsel, die ihrerseits auf Grund privater Geschäfte ausgegeben
waren. Der Warenpreis wird in voller Freiheit zwischen dem Käufer
und dem Verkäufer festgesetzt, und durchaus nicht in Arbeitszeit
bewertet, wie dies in dem System der „Arbeitbons“ geschieht. Aller-
dings läuft vermutlich das schließlich© Resultat auf dasselbe hinaus:
Peoudhon hofft, daß der Warenpreis, der nicht länger durch den
Zinsfuß erhöht wird, zum Schluß auf den Arbeitskostenpreis sinken
wird. Einesteils aber wird dieses Resultat indirekt und nicht sofort
erreicht, und andererseits ist der wirtschaftliche Irrtum, der den be-
sprochenen Vorschlägen zugrunde liegt, nicht derselbe wie der, in
dem Peoudhon verfallen ist. Sein Fehler liegt darin, daß er in dem
Metallgeld nur ein Umlaufsmittel sieht und vergißt, daß es selbst
eine Ware vorstellt. Der Irrtum Owen’s, Beav’s und Rokbeetus’ be-
steht darin, in dem Preis der Gegenstände schon heute nur einen
Ausdruck der in ihnen enthaltenen Arbeit zu sehen; ein Gedanke,
der, wie wir wissen, Peoudhon fern liegt.

2.	Man hat die Bank Peoudhon’s noch mit anderen .sehr ver-
schiedenen Tauschbanken verwechselt, deren Idee kurz vor ihm aufge-
kommen war, und die zu zahlreichen praktischen Verwirklichungen
Anlaß gaben. Diese Banken beabsichtigten nicht, die Zinsen abzu-
schaffen, sondern die Verbraucher und Produzenten einander näher
zu bringen, indem sie selbst einkauften, alle ihnen angeboteneu
Waren in gegenseitigem Übereinkommen bewerteten und mit Tausch-
bons bezahlten. Die Käufer würden ihrerseits zu der Bank kommen,
um die ihnen notwendigen Gegenstände zu erwerben, die sie mit
Tauschbons bezahlen. Ein gewisser Fulceand Mazel 2) hat einen

*) Ein von Marx 1847 in seinem Buche: Misere de laPhilosophie unter-
suchtes und kritisiertes System (Ausg. Giard &amp; Briere, 1886, S. 92 ff.). Eine neuere
und vollständigere Darlegung findet sich in der Einführung, die Prof. Poxwell
der englischen Übersetzung des Buches von A. Menger: Das Eecht auf den
vollen Arbeitsertrag (The right to the whole produce of labour, London 1899)
vorausschickt (S. LXV ff.).

2) Mazel hat seine Gedanken in einer Reihe von Broschüren dargelegt, die,
in einem äußerst schwülstigen Stil geschrieben, wirklich nicht das geringste Interesse
für die Nationalökonomie haben. 1838 wurde in Marseille eine andere Bank, die
banque Bonnard gegründet, die sich später in Paris etablierte. Die Prinzipien,
die ihr zugrunde lagen, waren ungefähr dieselben, "wenn auch praktischer: sie besteht
heute noch. Proüdhon spricht von ihr in der Capacite politique des classes
ouvriferes; Courcelle-Seneuil lobt sie außerordentlich in seinem Traite des
        <pb n="382" />
        ﻿Kapitel V. Proudhon und der Sozialismus von 1848.

357

Versuch dieser Art im Jahre 1829 gemacht. In diesem Falle war
die Bank nur eine Niederlage, die dem Produzenten das Auffinden
von Absatzgebieten erleichtern sollte. Ein derartiges System leidet
an dem Mangel, daß der Wert der in Zahlung gegebenen Bons not-
wendigerweise mit den Preisschwankungen steigen oder fallen muß,
die in der Zeit zwischen der Zahlung durch die Bank und dem An-
kauf durch den Verbraucher eintreten. Peoudhon jedoch will gerade,
daß die Bank nur die Effekten diskontiert, die schon gelieferte
oder gekaufte Waren vorstellen. Sie soll nur den schon ver-
sprochenen Preis vorstrecken, aber nicht sich mit dem Absatz
der Waren befassen. Die Entwertung kann also nur von der später
sich herausstellenden Zahlungsunfähigkeit des Käufers kommen und
nicht von dem Sinken des Preises, das einer Verminderung in der
Nachfrage nach den Produkten folgt. Peoudhon selbst hat übrigens
jede Verbindung mit dem Projekt Mazel’s abgelehnt1).

Banques, wie auch in einem, im April 1853 im Journal des Economistes
erschienenen Aufsatz. Ihr Betrieb ist in drei Broschüren, die sich in der Biblio-
theque Nationale befinden, klargelegt; die eine ist eine Liste des articles dis-
ponibles älaBanque, die beiden anderen behandeln den Mechanismus der ge-
nannten Bank, Daeimon (ein Schüler Pkoudhon’s) hat die Beschreibung einer
großen Anzahl ähnlicher Banken, die während dieser Periode gegründet wurden, in
seinem Werk De la reforme des banques (Paris, Quillaumin, 1856) gegeben.
Viele dieser Systeme sind vor kurzem von Auouy in seinem Systbmes sooia-
listes d’echange (Paris 1907) besprochen und dargelegt worden. Wir stimmen
jedoch mit den Ausführungen dieses Schriftstellers in verschiedenen Punkten nicht
überein.

Die Bank Bonkaed unterschied sich von allen anderen Systemen darin, daß
der Kunde der Bank, — anstatt ihr eine Ware (deren Verkauf stets unsicher ist) zu
bringen, und dafür den Preis in Papierbons zu erhalten, — im Gegenteil von der
Bank sogleich eine nützliche Ware erhielt, und dafür einen Wechsel unterschrieb,
mit dem er sich verpflichtete, ein Erzeugnis seiner Fabrikation zu liefern, sobald die
Bank es von ihm verlangen würde. Für Jedes Geschäft erhob die Bank eine
Kommission in bar. — Sie hatte keinen anderen Zweck, als Käufer und Verkäufer
in Berührung zu bringen, und die unterschriebenen Bons waren nichts anderes, als
Wechsel, die in Natura zahlbar waren, aber keineswegs ein Ersatz für Banknoten
(vgl. Banque d’echange de Marseille C. Bonnakd et Oie fondee par
acte du 10 janvier 1849. Notaire Eaynouard, Marseille, 1849, Broschüre,
24 Seiten).

l) „Ich verwerfe sie sowohl nach ihrem Grundgedanken wie nach der Form
vollständig,“ sagte er, indem er von der Idee Mazel’s in einem Aufsatze, der am
7. Dezember 1848 in der Zeitung Le Peuple erschien, spricht ((Buvres, Bd. XVII,
S. 221). Er fügt hinzu, daß er Mazel nicht kannte, als er sich mit dem Gedanken
der Tauschbank trug. „Mazel ist von sich ans zu mir gekommen und hat mir seinen
Gedanken mitgeteilt.“ — Peoudhon scheint in einem seiner Projekte, das am
10. Mai 1848 veröffentlicht wurde, für einen Augenblick die Idee einer ähnlichen
Bank gehabt zu haben. Der § 17 des Entwurfes lautet wie folgt; „Die Tauschbons
sind beständig bei Sicht an den Kassen der Bank und bei allen Teilhabern
gegen Waren oder Dienste jeder Art austauschbar. Umgekehrt sind Waren und
        <pb n="383" />
        ﻿358

Zweites Buch. Die Gegner.

3.	Schließlich hat vor nicht langer Zeit ein großer belgischer
Industrieller, Solvay, einen Plan „sozialer Buchungen“ (comptabilisme
social) verteidigt, indem er ebenfalls die Abschaffung des Metall-
geldes und die Einführung eines vervollkommneten Zahlungssystems
vorschlägt. Aber auch hier ist die Analogie mit dem System
Peoudhon’s mehr scheinbar als wirklich.

Was Solvay vorschlägt, ist die Ersetzung des Metallgeldes
nicht durch Banknoten, sondern durch ein System von Schecks und
Umbuchungen. Sein Projekt beruht auf der modernen Praxis der
„Clearing-Houses’“ oder Verrechnungsstellen. In seinen Augen würde
es möglich sein, dieses System so auszubreiten, daß der Gebrauch
des Geldes überhaupt unnötig wird. Der Staat würde jedem „Ver-
rechner“ (Comptabiliste) ein Scheckbuch über eine gemäß seines be-
weglichen oder unbeweglichen Vermögens verschieden hohe Summe
ausfolgen. Dieses Buch hat zwei Rubriken, eine für die Eintragungen
der Einnahmen, die andere für die der Auszahlungen. „Im Falle
des Verkaufs eines Gegenstandes würde sich die Zahlung einer
Schuld wie folgt vollziehen: der Käufer muß das Scheckbuch des
Verkäufers in der Rubrik der Einkünfte lochen, während dieser
letztere das Scheckbuch des Käufers in der Kolonne Ausgabe locht.“
Wenn das Buch einmal bis zum vollen Betrage der anfänglichen
Summe gelocht ist, wird es dem Staatsbureau wieder zugestellt, wo
alle Eintragungen dieses Buches auf das Konto der betreffenden
Person übertragen werden, „so daß man stets mit einer genügenden
Genauigkeit die Gesamtsumme der Ausgaben und Einnahmen eines
jeden kennt“ 1).

Dienste jeder Art beständig an den Kassen der Bank gegen Austausohbons aus-
tauschbar“ (Eßsume de la question sociale, S. 41). Dieser Paragraph recht-
fertigt die Auslegung Coüecelle-Sbnbuil’s (Traite des operations deBanque,
9. Ausgabe 1899, S. 470; 1. Ausg. 1852), wie auch die von Ott, in seinem Traite
d’Economie Sociale (1851), — wo sich jedoch die beste Analyse und die beste
Kritik der Auffassung Pkoudhon’s findet. Wir glauben aber, daß dieser Paragraph
nur auf ein einfaches Versehen Pboudhon’s zurückzuführen ist. Denn außer der
formellen Verwerfung des Gedankens Mazbl’s findet man ihn auch in keinem
anderen Entwürfe und besonders auch nicht in dem Entwürfe der Banque du Peuple,
und es scheint uns in Widerspruch zu der wiederholten Behauptung Pboudhon’s zu
stehen, daß die Bons einzig gegen „verkaufte und abgelieferte“ Erzeugnisse erteilt
werden dürfen, wie auch mit anderen Paragraphen des Entwurfes, so z. B. mit dem
§ 30 über Konsignations-Käufe und -Verkäufe. Auch steht er in Widerspruch mit
dem Gedanken, daß die Diskontierung von Handelswechseln die erste und wesent-
liche Operation der Bank ist. — Unserer Auffassung nach liegt daher eine irrtüm-
liche Auslegung vor, wenn Dibhl in seinem Werk über Peoudhon (P.-J. Peoudhon,
Seine Lehre und sein Leben, Bd. II, S. 183) glaubt, daß die Banque d’Bchange
Bons gegen jede hergestellte Ware ausgeben sollte, ohne sich darum zu kümmern,
ob sie verkauft ist oder nicht.

]) Annales de l’Institut Solvay, Bd. I, S. 19.
        <pb n="384" />
        ﻿Kapitel V. Proudhon und der Sozialismus von 1848.

359

Der Vorteil dieses Systems soll zunächst darin liegen, das Metall-
geld zu ersparen. In zweiter Stelle wird es dem Staat (in dem Ge-
•danken Solvay’s) ein praktisches und sicheres Mittel liefern, mit
hinreichender Sicherheit das Vermögen eines jeden zu kennen. Der
Staat würde daher in seinen Händen ein Mittel haben, die Erbanfall-
steuern festzusetzen, so daß er imstande wäre, die Vererbung er-
worbener Vermögen nach und nach abzuschaffen. Diese nach und
nach verwirklichte Abschaffung würde es zum Schluß erlauben, „die
größte Ungerechtigkeit der modernen Gesellschaften, die Ungleichheit
am Ausgangspunkt“, zum Verschwinden zu bringen1) und das Prinzip
der gerechten Verteilung anzuwenden: einem jeden nach seiner Pro-
duktivität. Dieser Gedanke hat viel mehr von Saint-Simon als von
Proudhon an sich.

Die Tragweite der vorgeschlagenen Reform leuchtet ohne weiteres
■ein. In den Augen Solvay’s ist das „Buchungssystera“ nur ein Be-
standteil einer allgemeineren Auffassung, nämlich des „Produktivis-
mus“, der darin besteht, die soziale Produktivität durch eine sehr
verschiedene Mittel umfassende Gesamtordnung auf ihr Maximum zu
bringen2 3 * * * *).

Es ist unmöglich, hierin irgendeinen der Gedanken Proudhos’s
wüederzufinden. Abgesehen von der Abschaffung des Metallgeldes ist
alles in den beiden Vorschlägen verschieden. Solvay strebt nicht
danach, den Zins vollständig zu beseitigen und er bildet sich auch
nicht ein, daß das Geld die Ursache des Zinses sei. Das System der
Schecks und der Zahlungsüberweisungen hat nur den Zweck, die
Barverkäufe zu erleichtern, ohne etwas mit dem System Pkoudhon’s
zu tun zu haben, wo der „Umlaufbon“ bestimmt ist, den Barverkauf
mit dem Kreditverkauf zu identifizieren8).

Der stärkste Einwurf, den man gegen das System Solvay’s
machen kann, ist, daß die Unterdrückung des Geldes als ümlauf-

b Aunales de ITnstitut Solvay, Bd. I, S. 25.

2)	Vgl. Principes d’orientation sociale. Zusammenfassung der Unter-
suchungen Solvay’s über den Produktivismus und dem Comptabilismus, S. 82;
Brüssel 1904, 92 Seiten.

3)	Wenn uns auch die Auffassung Solvay’s durchaus verschieden von der
Theorie Pkoudhok’s erscheint, so ähnelt sie doch einer in der Kommission des

Luxemburgpalastes erörterten Idee. In dem Expose general d e la Commission

de gouvernement pour les travailleurs, die am 6. Mai 1848 im Moniteur

(S. 955) erschien, kann man lesen; „In der zukünftigen vollkommenen Assoziations-
Ordnung, wird man sogar ohne Wechsel auskoramen: alles wird sich auf einen Aus-
gleich der Konten beschränken; an Stelle der einkassierenden Bankdiener werden

Buchhalter treten. Schon in der bestehenden Gesellschaft könnte man den Gebrauch
von Geld teilweise überflüssig machen, sei es Metallgeld oder Papiergeld“ . . . Der

Urheber führt dann ein System von Abrechnungsstellen aus.
        <pb n="385" />
        ﻿360

Zweites Buch. Die Gegner.

mittel ohne weiteres seine Abschaffung als Wertmesser nach sieb
zieht. Man kann sich nur schwer vorstellen, daß der verallge-
meinerte Gebrauch des Scheckbuches ohne Geldhinterhalt nicht sehr
schnell infolge des Überflusses an Papier zu einer Preisinflation
führen sollte. WTenn uns auch das von Solvay vorgeschlagene tech-
nische Verfahren der Kritik zu unterliegen scheint, so haben wdr
doch nichts gegen den Gedanken, die Menge des Metallgeldes zu
verringern, und ebensowenig gegen den Gedanken, die Ungleichheit
des Ausgangspunktes in einer industriellen Gesellschaft zum Ver-
schwinden zu bringen.

Der Vorschlag Peoudhon’s wurde jedoch nie verwirklicht. Der
„unentgeltliche Kredit“ — gerade wie „das Recht auf Arbeit“, „die
Organisation der Arbeit“, und die „Arbeitergenossenschaft“ — sollten
nur die Erinnerung an einen aufsehenerregenden Mißerfolg hinter
sich lassen.

PnouDHON gründete am 31. Januar 1849 notariell eine Gesell-
schaft, „Die Volksbank“, die die praktische Durchführbarkeit des-
unentgeltlichen Kredites beweisen sollte. Schon in ihrer Organi-
sation konnte man bedeutsame Unterschiede mit dem theoretischen
Plan der Tauschbank feststellen. Die Tauschbank sollte ohne Kapi-
tal gegründet werden: die Volksbank wurde mit einem Kapital von
5 Millionen in Aktien zu 5 Fr. errichtet. Die Tauschbank sollte
das Metallgeld abschaffen: die Volksbank sollte Bons nur gegen
Bargeld oder gute Wechsel ausgeben. Die Tauschbank sollte den
Zins abschaffen; die Volksbank setzte ihn auf 2°/0 fest, mit der Ab-
sicht, ihn auf ein Minimum von % % zu verringern.

Trotz dieser bedeutenden Änderungen hat die Bank nicht funk-
tioniert. Nach drei Monaten betrug das gezeichnete Kapital erst-
18000 Fr., obgleich die Anzahl der Anhänger beinahe 12000 war.
In diesem Augenblick jedoch (am 28. März 1849) mußte sich Proüdhok
vor dem Geschworenengericht der Seine wegen zwei Aufsätzen ver-
antworten, die er am 16. und 27. Januar 1849 gegen Louis Bonapaetb.
veröffentlicht hatte. Er wurde zu drei Jahren Gefängnis und zur
Zahlung einer Geldstrafe von 3000 Fr. verurteilt. Am 11. April
gab er in seiner Zeitung bekannt, daß er das Unternehmen aufgebe.
Er fügte hinzu „daß es schon von den Ereignissen überholt sei“„
und schien so zuzugeben, daß er aufgehört habe, an einen Erfolg
zu glauben.

Von diesem Augenblick an tritt „der unentgeltliche Kredit“ bei
Peoudhon in den Hintergrund, — und seine politischen und sozialen.
Ideen nehmen bis zu seinem im Jahre 1865 eingetretenen Tode die
erste Stelle in seinen Werken ein.
        <pb n="386" />
        ﻿Kapitel V. Prouclhon und der Sozialismus von 1848.

361

§4. Der Einfluß Proudhon’s nach 1848.

Es ist außerordentlich schwierig, den Einfluß der Gedanken
Peoudhon’s in der Periode nach 1848 nachzuspnren.

Karl Marx, der damals noch fast unbekannt war, sollte durch
die Veröffentlichung seines Kapitals, 1867, der fast einzige Ver-
treter des theoretischen Sozialismus werden. Schon 1847 hatte er
heftig gegen Peoudhon Partei ergriffen, indem er unter dem Titel:
Misere de la Philosophie1) eine herbe Kritik der ökono-
mischen Widersprüche veröffentlichte. Der Vertreter des
Kollektivismus konnte sich mit dem Parteigänger des zerstückelten
individuellen Eigentums, der Theoretiker des Klassenkampfes mit
dem Anhänger der Klassenverschmelzung, der Revolutionär mit dem
Verfechter friedlicher Reformen nicht verständigen Der Erfolg
seiner Ideen nach 1867 hat alle früheren sozialistischen Systeme in
den Schatten gestellt und vollständig verdunkelt. In seinen Äugen
ist Peoudhon nur ein „Kleinbürger“. Dennoch scheinen die Pariser
Arbeiter noch ganz unter der Herrschaft der Ideen Peoudhon’s ge-
standen zu haben, als Karl Marx 1864 in London die berühmte
„Internationale Arbeiterassoziation“ gründete. Auf dem ersten
Kongreß der „Internationale“ in Genf im Jahre 1866 legten sie eine

') Zur Verhöhnung des Untertitels: Philosophie de la MisexE, den
Phoudhon den C ontradictions economiques gegeben hatte.

2j In einem Briefe an Karl Marx vom 17. Mai 1846 (Briefwechsel, Bd. II,
8. 199) hatte sich Phoudhon aus Anlaß des Ausdrucks „im Moment der Aktion“,
der in einem Briefe Karl Maex’s stand, sofort gegen jeden Gedanken einer Re-
volution gewendet. „Vielleicht hegen Sie noch die Meinung, daß heute keine Reform
ohne einen Handstreich möglich sei, ohne das, was man früher eine Revolution
nannte, und was weiter nichts als eine Erschütterung ist. Wenn ich diese Meinung
auch verstehe, ja sie entschuldige und sie gern diskutieren würde, da auch ich
sie lange Zeit hindurch geteilt habe, so haben mich meine letzten Studien doch
vollständig davon abgebraoht. Ich glaube, daß wir das nicht nötig haben, um
durchzudringen: und daß wir daher die revolutionäre Aktion keineswegs als
Mittel einer sozialen Reform hinstellen dürfen, weil dieses angebliche Mittel nur ein
Appell an die Gewalt, an die Willkür, kurz ein Widerspruch sein würde. Für
mich stellt sich das Problem wie folgt dar: Durch eine wirtschaft-
liche Kombination die Reichtum er in die Gesellschaft zurüok-
zuleiten, die durch eine andere wirtschaftliche Kombination ihr
entzogen worden sind.“ — An anderer Stelle, in den Confessions d’un
revolutionnaire (S. 61): „Eine Revolution ist die Explosion einer organischen
Kraft, eine Entwicklung der Gesellschaft von innen nach außen; sie ist nur be-
rechtigt, in soweit sie spontan, friedlich und traditionell ist. Die Tyrannei, sie
zu unterdrücken oder sie mit Gewalt erzwingen zu wollen, bleibt sich gleich.“ —
Uber das Verhältnis der Ideen Proudhon's zu denen Karl Marx’ vgl._ Bourguin;
Phoudhon et Karl Marx, ein Aufsatz, der 1893 in der Revue d’Economie
politique erschien.
        <pb n="387" />
        ﻿362

Zweites Buch. Die Gegner.

Denkschrift vor, deren Ideen klar und deutlich auf Proudhon zu-
rückzufiihren sind, und sie setzten die Annahme der sich daraus er-
gebenden Beschlüsse durch. Aber schon auf dem folgenden Kongreß
(1867) stießen sie auf stärkeren Widerstand, und auf den Kongressen
zu Brüssel (1868) und zu Basel (1869) gelangte der Einfluß Manx’
zur Vorherrschaft.

Man kann sich fragen, ob die Ideen Proudhon’s, die von den
Pariser Arbeitern 1866 verteidigt wurden, von dem Pkoudhon des
Jahres 1848 stammen ? Es scheint vielmehr, als ob sie das Ergebnis
der 1865 erfolgten Veröffentlichung des letzten Werkes Proudhon’s:
„Die politische Fähigkeit der Arbeiterklassen“
gewesen sind. Dieses Werk entstand unter dem Eindruck der
Arbeiterbewegung, die nach 1862 in Paris zum Ausbruch kam, und
infolge eines Manifestes, das von 60 Pariser Arbeitern unterzeichnet
war, die geglaubt hatten, es Proudhon als dem bekanntesten Ver-
treter des Sozialismus in Frankreich unterbreiten zu sollen. Die
Haltung der französischen Arbeiter im Anfang der Internationale
würde daher auf dem Wiedererwachen des Proudhonismus beruhen,
das mehr von der Veröffentlichung dieses Buches als von dem an-
dauernden Einfluß seiner Ideen nach dem Staatsstreich hervorgerufen
wurde*).

Jedoch war dieses Wiedererwachen nur von kurzer Dauer.
Heute, und seitdem die Gedanken Marx’ ihrerseits einer sehr scharfen
Kritik unterworfen worden sind, zeigt sich bei gewissen Schrift-
stellern ein ganz neues Interesse zugunsten der Ideen Proudhon’s.
Diese Schriftsteller — unter denen Georges Sorel an erster Stelle
steht — verbinden die lebhafteste Bewunderung für Marx mit einer
nicht geringeren Achtung vor Proudhon. Aber sogar hier ist es
sehr schwierig, von einem Wiedererwachen der Ideen Proüdhon’s
zu sprechen. Es handelt sich vielmehr um eine neue Richtung, die
auf der syndikalistischen Arbeiterbewegung beruht, und in der man
den doppelten Einfluß des anarchistischen französischen Sozialisten
und des kollektivistischen deutschen Sozialisten finden kann. Auf
jeden Fall ist sie noch zu neu, als daß man ihre Tragweite be-
stimmen könnte.

&gt;) Vgl. über diesen Punkt: Pubch: Pkoüdhon et l’Internationale,
Paris, 1907 (Vorwort von Akdleh).
        <pb n="388" />
        ﻿Drittes Buch.

Der Liberalismus.

Wir müssen jetzt zu der klassischen Nationalökonomie, die wir
verlassen haben, zurückkehren. Was tat sie während dieser ganzen
Zeit, in der soviel Gegner gegen sie kämpften? Tot war sie nicht,
sie sammelte nur ihre Kräfte. Nach den großen Büchern eines
Eicaedo, eines Malthus und eines J.-B. Say, die im Anfang des
Jahrhunderts erschienen waren, war die volkswirtschaftliche Lite-
ratur sicherlich, besonders in England, nicht versiegt; sie hatte
jedoch nichts hervorgebracht, das sich mit den Werken der ersten
Meister vergleichen ließe oder an ihre geistreichen Kritiker heran-
reichen konnte. Sie sollte aber von neuem die Gunst der öffent-
lichen Meinung gewinnen und, wie man eine Zeitlang glauben konnte,
die Einheit in den Ansichten wieder hersteilen.

Zwar war es noch keine wirkliche Einheit, denn in dem Augen-
blick, von dem wir sprechen, beginnt die klassische Schule schon,
sich in zwei Schulen zu spalten, die englische und die französische.
Allerdings sind sie keineswegs Kivalen, denn sie verteidigen beide
das gleiche Banner. Gemeinsam beschützen sie die grundlegenden
Prinzipien und vor allem den Liberalismus — oder, wie man auch
sagt, den Individualismus. Während jedoch die erstere mit Stuart
Mill den heftigen Kritiken, die sich von allen Seiten erhoben, ein
sympathisches Ohr lieh und sich bemühte, die alten Theorien mit
den neuen Gedanken in Einklang zu bringen, strebte die zweite im
Gegenteil mit Bastiat danach, eine Gegenwirkung zu erzielen, indem
sie immer stärker den Glauben an die natürliche Ordnung und an
das laisser-faire. betonte.

In Wahrheit geht dieser Unterschied zwischen den beiden
Schulen auf die Ursprünge der Wissenschaft zurück. Schon zwischen

2a
        <pb n="389" />
        ﻿364

Drittes Buch. Der Liberalismus.

den Physiokraten und A. Smith, zwischen Say und Eicaedo, war er
ersichtlich. Aus Gründen, die wir im folgenden anführen werden,
sollte er jedoch immer stärker werden. Das vorliegende Buch zer-
fällt daher ganz natürlich in zwei Kapitel, von denen das eine sich
mit der französischen, das andere mit der englischen liberalen Schule
beschäftigt.

Kapitel I.

Die Optimisten.

In dem vorhergehenden Buche haben wir gesehen, wie sehr die
überall aufschießende Kritik, die sozialistische und die staats-
sozialistische, die volkswirtschaftliche Wissenschaft gestört und in
die Irre geführt hatten. Der Augenblick war gekommen, in dem der
Versuch gemacht werden,mußte, die volkswirtschaftliche Wissenschaft
wieder auf ihren richtigen Weg, den der Naturordnung, zu bringen,
den sie mit den Physiokraten und A. Smith zuerst gegangen war, —
und dieser Aufgabe unterzogen sich die Volkswirtschaftler ganz be-
sonders in Frankreich.

Diese Haltung der französischen Schule erklärt sich leicht aus der
Tatsache, daß sie sich mehr als irgendeine andere mit den Angriffen
des Sozialismus und des Protektionismus hatte beschäftigen müssen.
Soweit der Sozialismus in Betracht kommt, darf nicht vergessen werden,
daß Frankreich sein Geburtsland ist1). Man kann keineswegs den
Einfluß, der in England von Owen, und noch weniger den, der in
Deutschland z. B. von einem Schuster und einem Weitling ausgeübt
worden ist, mit dem Nimbus vergleichen, der in Frankreich einen
Saint-Simon, einen Fourier, einen Proudhon umgab. Sie erschienen
den Volkswirtschaftlern um so gefährlicher, weil sie weniger die Arbeiter
als die Intellektuellen in den Bannkreis ihrer Gedanken zogen.

Was den Protektionismus anbelangt, so war er, wenn er auch in
Frankreich nicht durch so bedeutende Namen wie den List’s ver-
treten wurde, deshalb hier nicht weniger stark als in allen anderen
Ländern, — auf jeden Fall viel stärker als in England; und zwar

x) Das ist eine Tatsache, die die deutschen Sozialisten selbst anerkannt haben:
„Das Volk, das den Sozialismus, wenn auch in noch roher Dorm, hervorgebracht
hat, ist unsterblich“, sagt Kahl Grün, indem er von Frankreich spricht, gerade zu
derZeit, von der dieses Kapitel handelt (angeführt von Püech: Le Proudhonism e
dans ITnternationale, S. 57, 1907).,
        <pb n="390" />
        ﻿Kapitel I. Die Optimisten.

365

ging das so weit, daß er dort ohne zu großen Widerstand dem gegen
ihn von Cobden geführten Feldzug unterlag, während er in Frank-
reich die Angriffe Bastiat’s siegreich überstand; und wenn er kurz
darauf durch den selbstherrlichen Willen Napoleons III. aufgehoben
wurde, so sollte er bald darauf nur um so kräftiger wieder in Er-
scheinung treten.

So hatte die französische Schule gleichzeitig zwei Gegnern die
Spitze zu bieten, die übrigens in ihren Augen nur einer waren, denn
für sie war die Schutzzöllnerei nur eine schlechte Nachahmung des
Sozialismus und als solche noch hassenswerter, weil sie yorgab, das
Glück der Eigentümer und der Fabrikanten, also der Reichen, zu
begründen, während der Sozialismus doch wenigstens das Glück der
Arbeiter, also der Armen erstrebte; — und schädlicher, weil sie schon
verwirklicht war und ihre Verwüstungen offen ausübte, während
der andere glücklicherweise noch eine Utopie blieb. Indem die
französische Schule so zwei Gegner zu gleicher Zeit bekämpfen
mußte, fand sie sich in der vorteilhaften Lage, dem Vorwurfe der
Klassenadvokatie zu entgehen: sie konnte antworten, daß sie für die
Gesamtheit kämpfe.

Ein 100jähriger Krieg muß selbstverständlich bei denen, die
ihn durchgefochten haben, seine Spuren hinterlassen; das genügt, um
die „apologetischen, normativen und finalistischen“ Tendenzen zu er-
klären, die man der französischen Schule so oft vorgeworfen hat.

Wie hat sie es angefangen, um die „gesunden Doktrinen“ zu
verteidigen, die sie oft leichtfertig mit der Wissenschaft verwechselt
hat? Hierauf kommt es an. Sie sagte sich: das ganze Übel stammt
von den Pessimisten. Sie sind es, die durch ihre unheildrohenden
Voraussagungen den Glauben an die Naturgesetze und an die selbst-
tätige Organisation der Gesellschaft vernichtet und die Menschen
dazu getrieben haben, ein besseres Schicksal in künstlichen Organi-
sationen zu suchen. Es ist daher vor allem notwendig, um die
kritische Schule, den Sozialismus und das Schutzzoll-System zu wider-
legen, die Wissenschaft von den kompromittierenden Lehren Ricaedo’s
und Malxhus’ zu befreien und nachzuweisen, daß ihre angeblichen
Gesetze der Grundlage entbehren. Es kommt darauf an, zu zeigen,
daß die natürlichen Gesetze uns nicht ins Unglück, sondern ins Glück
führen, wenn auch hin und wieder auf dem Umwege des Übels; daß
die individuellen Interessen nur scheinbar antagonistisch, in Wahrheit
aber dennoch solidarisch sind, und daß es genügt, wie BASxiAT_sagt,
wenn „ein jeder sein Interesse verfolge, wobei sich herausstellen
wird, daß jeder, ohne es zu wollen, den Interessen der Gesamtheit
dient“. Kurz, die Anhänger der französischen Schule haben, um den
Pessimismus zu widerlegen, sich zu Optimisten gemacht.
        <pb n="391" />
        ﻿366

Drittes Buch. Der Liberalismus.

Die französische Schule protestiert allerdings gegen den Namen
Optimisten genau wie gegen die Bezeichnung Orthodox. Sie würde
auch Recht haben zu protestieren, wenn wir unter Optimismus den
Quietismus, die egoistische Zufriedenheit des satten Bürgers, ver-
ständen, der da glaubt, daß in der besten der Welten alles auf das
beste eingerichtet ist. Das ist aber durchaus nicht der Fall. Wir
haben schon darauf hingewiesen, daß ihr „laisser-faire“ nicht im
Sinne eines „nichts tun“ zu verstehen ist, sondern im Sinne des
englischen Ausdrucks „fair play“, — freies Spiel der Kräfte. Wir
haben im Gegenteil auch gesagt, daß diese Volkswirtschaftier stets
unermüdliche Polemiker und Streiter waren und noch heute sind.
Zu allen Zeiten haben sie ihre Stimme gegen Mißbräuche erhoben.
Ihr Optimismus liegt aber darin, daß sie stets glaubten, die Übel
der wirtschaftlichen Ordnung kämen hauptsächlich daher, daß die
Freiheit erst sehr unvollkommen verwirklicht wäre, und daß infolge-
dessen das beste Heilmittel gegen dieses Übel darin bestände, diese
Freiheit in noch vollkommenerer Weise zu verwirklichen *). Hierdurch
rechtfertigt sich durchaus der Name der liberalen Schule, den sie
für sich in Anspruch nehmen. Zum Beispiel ist für sie die Freiheit
der Arbeiter das beste Mittel, die Ausbeutung des Arbeiter^ zu ver-
hindern und die Löhne zu erhöhen. So schreibt Emile Oliviek, der
Verfasser des Gesetzes von 1864, das die Strafen gegen die Koalitionen
aufhob: „Die Koalitionsfreiheit ist der Tod der Streiks.“ So führt
auch die Darlehenfreiheit nach ihrer Meinung zum Verschwinden
des Wuchers, und die Handelsfreiheit genügt, um der Verfälschung
der Lebensmittel und der Herrschaft der Trusts Einhalt zu tun. Im
allgemeinen wird die Konkurrenz in der Produktion die Billigkeit
und in der Verteilung die Gerechtigkeit sicher stellen* 2).

Ihr Optimismus hat noch diese Besonderheit, daß sich ihm ein
absoluter Pessimismus in Hinsicht auf die Wirksamkeit aller sog.
sozialen Reformen zugesellt und ihn bestärkt, wie z. B. Arbeiter-
wohlfahrtseinrichtungen der Arbeitgeber, Einmischung des Staates
und des Gesetzgebers zum sog. Schutze der Schwachen. Wenn man
ihnen glauben wollte, so würde die Freiheit zum Schluß die Übel,

r) „Ach, man hat so vieles versucht! Wann wird man endlich einen Versuch
mit dem einfachsten machen: der Freiheit?“ (Bastiat, Harmonies, Kap. IV,
S. 125).

2) Einer der Teile des Buches Dünoybk’s über La Liberte du travail
trägt als Überschrift; „Wie das wahre Mittel den Übeln zu steuern, unter denen
die Arbeiterklassen leiden, in der Ausdehnung der Konkurrenz liegt“ (Kap. X
B. 4, § 18).

An anderer Stelle sagt Dunoybb: „In Wirklichkeit ist es die Konkurrenz,
dieses angebliche Element der Uneinigkeit, das das wahre Band, der festeste
Knoten ist, der alle Teile des sozialen Körpers miteinander verbunden hält.“
        <pb n="392" />
        ﻿Kapitel I Die Optimisten.

367

die sie anscheinend schafft, heilen, während die Einmischung des
Staates die Übel, die sie zu heilen scheint, immer vergrößert1).

Noch merkwürdiger erscheint aber, daß der Assozialismus, wie
wir ihn in dem vorhergehenden Kapitel dargelegt haben, in den
Augen der französischen Schule nicht mehr Gnade findet, als der
Staatssozialismus. Zwar hat sie nicht das ganze Mißtrauen der
französischen Revolution gegen das Recht der Assoziation restlos
übernommen. Sie verurteilt nicht mehr, ja sie verlangt sogar formell
die Freiheit der Assoziation in der Politik, in der Religion, in der
Industrie, im Handel und in der Arbeit, einschließlich sogar des
Koalitionsrechtes, mit einem Wort, sie verlangt diese Freiheit überall
dort, wo die Assoziation nur die individuelle Tätigkeit schützt oder
stärkt; — sobald aber die Assoziation sich als ein Instrument der
sozialen Umformung darstellt, sobald sie vorgibt, die Konkurrenz
durch die Kooperation zu ersetzen, sobald sie im Namen der Soli-
darität von dem Individuum gewisse Opfer zugunsten der Allge-
meinheit verlangt, dann ruft die individualistische liberale Schule:
„Halt!“ Und auch in ihren abgeschwächten und nur teilumfassenden
Formen wie Kooperativismus, Mutualismus oder Gewerkschaftswesen
erschien ihr der Assozialismus (und erscheint ihr auch heute noch)
nicht gerade als schlecht, aber als trächtig mit Illusionen und Ent-
täuschungen 2).

Der Optimismus der französischen Schule charakterisiert sich
daher hauptsächlich durch einen absoluten Glauben an die Freiheit.
Es ist das das besondere Kennzeichen der Schule, das seit mehr als
anderthalb Jahrhunderten sich nie geändert hat, seit den Physiokraten
bis heute. Oftmals hat sie durch den Mund ihrer bedeutendsten
Vertreter erklärt, daß sie alle Etiketten wie „orthodox“ oder
„klassisch“, die man ihr aufzwingen wollte, zurückweise und keinen
anderen Namen als den der „freiheitlichen“ Schule begehre3).

') „Sobald die Befriedigung eines Bedürfnisses Gegenstand einer öffentlichen
Behörde wird, hat das Individuum . . . einen Teil seiner freien Selbstbestimmung
verloren, wird es weniger fortschrittlich, ist es weniger menschlich . . . Diese mo-
ralische Lähmung, von dem es befallen wird, befällt aus dem gleichen Grunde alle
anderen Bürger“ (Bastiat, Harmonies, Kap. XVII, S. 545).

2)	Dunoybr sagt: „Man vertiefe sich so viel man will in die Frage der Asso-
ziationen, man wird darin niemals das finden, was man in ihnen sucht: ein Mittel,
eine vernünftige und gerechte Verteilung der Arbeitserzeugnisse zu sichern.“
(Liberte du Travail, Bd. II, S. 397).

An anderer Stelle versichert er, daß die Assoziation „die soziale Moral noch
mehr als die des Individuums verdorben hat, weil man alles für erlaubt hielt, so-
lange man im Namen der Assoziation handelte“ (ebenda, S. 136). Allerdings
handelt es sich hier hauptsächlich um die korporative Assoziation, doch hat diese
Beurteilung eine allgemeine Bedeutung.

3)	Auf einer internationalen Versammlung von Volkswirtschaftlern zur Zeit
        <pb n="393" />
        ﻿368

Drittes Buch. Der Liberalismus.

Ferner charakterisiert sie sich durch eine gewisse Härte gegen-
über dem Elend des Volkes. — Wohl hat die Wissenschaft nichts
mit sentimentalen Gefühlen zu tun, — aber wir sprechen hier von
einer gewissen Tendenz, die schon bei Malthds stark hervortritt,
zu glauben, daß das Elend des Volkes seinen eigenen Fehlern zuzu-
schreiben sei, seinen eigenen Lastern oder doch wenigstens seinem
Mangel an Voraussicht1). Die liberale Schule war reif, den, der
kommen sollte, Darwin, mit Enthusiasmus aufzunehmen. Wies er
doch nach, daß die natürliche Zuchtwahl des Menschen durch die
Ausjätung der Schwachen die notwendige Bedingung des Fort-
schrittes der Arten sei, und daß dieser Fortschritt um diesen Preis
nicht zu teuer bezahlt wird; und ist doch der Glaube an die Vor-
züge der Konkurrenz schon die Verherrlichung des „struggle for life“,
des Kampfes um&amp;. Dasein!

Und doch ist der liberalen Schule -weder der Nachweis gelungen,
daß alle natürlichen Gesetze gut seien, noch auch hat sie den Fort-
schritt des Sozialismus und des Schutzsystems auf halten können, und
am Ende des 19. Jahrhunderts fand sie sich durch die von zwei
Seiten auf sie eindringenden Wogen fast überflutet. Trotzdem hat
sie in keinem Augenblick ihr Selbstvertrauen verloren; durch ihre
Prinzipientreue, durch die Beständigkeit ihrer Lehre, durch ihre hoch-
mütig alle Volkstümlichkeit nichts achtende Haltung, hat sie sich eine
Art eigener Prägung gegeben und sie verdient etwas Besseres als
das oberflächliche Urteil, das ausländische Nationalökonomen über sie
gefällt haben, nämlich, daß sie jeder Originalität entbehre und nichts
als ein schwacher Abglanz der Lehre Smith’s sei.

In ihrer Geschichte gibt es besonders eine Periode, in der dieser
Liberalismus und Optimismus ihren Höhepunkt erreichten, und diese
Periode ist' es, die wir jetzt näher betrachten wollen; sie fiel zwischen
1830 und 185_0. ln dieser Zeit verwirklichte sich das, was man die
Verbindung der politischen Freiheit mit der wirtschaftlichen Freiheit

der Weltausstellung im Juli 1900 sagte einer der gemäßigten Anhänger der liberalen
Schule, Lbvassbur (Journal des Economistes, 15. Aug. 1900):

„Es ist unnötig, Unterscheidungen zwischen uns zu machen; in dieser Hinsicht
können die liberalen Volkswirtschaftler nicht verschiedener Meinung sein. Sie
können in mehreren Punkten betreff der Anwendung verschiedene Ansichten haben,
aber sie sind sich alle über das Prinzip der Freiheit einig. Je freier der Mensch
ist, um so erfolgreicher und machtvoller schafft er Güter. Je größer die Freiheit
ist, um so mehr Anregungen gibt es zur Arbeit und zur Anspannung der Intelligenz,
um so mehr Keichtümer werden produziert.“

*) So schreibt auch Ddnoyeb: „Es ist gut, daß es in der Gesellschaft eine
Unterwelt gibt. Die Familien die sich schlecht aufführen, laufen Gefahr, in ihr zu
versinken, und nur dadurch, daß sie sich gut aufführen, können sie sich wieder
emporarbeiten. Diese Unterwelt ist das Elend“ (La Liberte du travail,
S. 409).
        <pb n="394" />
        ﻿Kapitel I. Die Optimisten.

369

nennen könnte, die von da an in ein einziges Glaubensbekenntnis ver-
schmolzen und einen und denselben Namen trugen; Liberalismus.
Die wirtschaftliche Freiheit, die der Arbeit und des Tausches, er-
schien nunmehr als eine Unterabteilung in der Gesamtheit der not-
wendigen Freiheiten, ebenso wichtig wie die Gewissensfreiheit und
die Freiheit der Presse. Wie die anderen war auch sie eine Er-
rungenschaft der Demokratie und der Kultur, und es schien ebenso
eitel, sie unterdrücken zu wollen, als zu versuchen einen Strom zu
seiner Quelle zurückzulenken. Sie war ein Bestandteil des allge-
meinen Programmes der Befreiung von jeder Hörigkeit.

Nicht umsonst fiel die Geburt der Nationalökonomie in die Todes-
stunde des „ancien regime“; und wenn die Physiokraten, die ersten
liberalen Optimisten, in so ungerechter Weise von denen, die doch
ihre Söhne waren, ignoriert und verlassen worden sind, so lag das
■sicherlich viel weniger an ihren wirtschaftlichen Fehlern, als au
ihren politischen Lehren und besonders an der von dem „gesetz-
lichen Despotismus“, die den Liberalen von 1830 als eine Monstru-
osität oder wenigstens als ein Überbleibsel der alten Ordnung er-
schien. Dieses Gebrechen genügte in ihren Augen, um das physio-
kratische System durchaus zu diskreditieren ').

Das Buch von Charles Dünoyee, das 18452) unter dem etwas
1 angen aber klaren Titel erschien; Von der A r b e i t s f r e i h ei t
oder einfach eDarlegung der Bedingungen, unter denen
die menschlichen Kräfte sich mit dem größten Erfolge
betätigen, kennzeichnet mit großer Genauigkeit diese Ara des
politisch-ökonomischen Liberalismus. Aber, mag das Buch Dunoter’s
auch der Verherrlichung der Freiheit in allen ihren Formen und
besonders der der Konkurrenz gewidmet sein, so erscheint doch die
optimistische Tendenz in ihm weniger auffällig als in einem anderen
Buche, das fast zur gleichen Zeit erschien und viel berühmter geworden
ist, in den ökonomischen Harmonien (les Harmonies Economiques) i /
Bastiat’s (1850). In diesem Buche und in den anderen Schriften des-
selben Verfassers werden wir die Hauptzüge dieser Lehre suchen
müssen. Gewiß, Bastiax ist wegen der Übertreibungen seines Optimismus
und seines Glaubens an die Endzwecke von einer großen Anzahl Volks-
wirtschaftler der liberalen Schule verleugnet worden. Dennoch bleibt
er der bedeutendste Vertreter der optimistischen liberalen Lehre, und
man könnte vielleicht sagen, der ganzen französischen Schule.

1)	Siehe weiter oben (S. 39—40), was wir über die politische Lehre der Physio-
hraten gesagt haben.

2)	Es hat frühere Ausgaben gegeben, aber unter verschiedenen Titeln und von
Ideinerem Umfange (in den Jahren 1825 und 1830). Wir werden Dunoybr etwas weiter
■unten wieder finden. Vgl. Villby, L’oeu vre economique de Dunoyeh, Paris, 1899.

Gide und Eist, Gesch, d. Volkswirtschaft!. Lehrmeinungen.	24
        <pb n="395" />
        ﻿370

Drittes Buch. Der Liberalismus.

Der Name eines anderen Volks Wirtschaftlers, diesmal keines
Franzosen, sondern eines Amerikaners, ist ebenfalls von der opti-
mistischen Lehre untrennbar. Er wurde schon in einem der vorher-
gehenden Kapitel erwähnt: es ist C. H. Caeey 1). In vieler Hinsicht müßte
er noch vor Bastiat rangieren, üncTzwäFnicht nur auf Grund der
Priorität, — denn bekanntlich hat er Bastiat angeklagt, ihn plagiiert
zu haben, sondern auch, weil er ihm in gewisser Hinsicht überlegen
ist, und zwar durch seine Methode, durch die Kraft seiner Gedanken-
entwicklung und durch die breite Grundlegung einiger seiner Theorien,
besonders der der Bodenrente. In unserer Darlegung der Doktrinen
Bastiat’s werden wir versuchen, den Teil zu bestimmen, der Caeey
zukommt. Wenn wir trotzdem geglaubt haben, Bastiat und nicht.
Caeey die erste Stelle in diesem Kapitel zuweisen zu müssen, so
liegt das nicht nur daran, daß wir hauptsächlich für französische
Studenten schreiben, die natürlicherweise mehr Gelegenheit haben,
diesen als jenen zu lesen, sondern auch weil die Bücher des ameri-
kanischen Ökonomisten, die zu einer Zeit erschienen sind, als die
volkswirtschaftliche Lehrtätigkeit in den Vereinigten Staaten noch
fast unbekannt war, bei weitem nicht denselben Einfluß ausgeübt
haben, wie das Buch des französischen Nationalökonomen, das mitten
im Streit der Ideen entstand; und schließlich, weil die Lehre
Carey’s nicht im entferntesten die prächtige Einheit der Gedanken
der Harmonien zeigt. Der Beweis hierfür liegt darin, daß man
bei Caeey neben der Verurteilung der freien Konkurrenz zwischen
den Völkern die Behauptung findet, daß die freie Konkurrenz zwischen

') Caeey (Charles Henry) wurde 1793 in Philadelphia geboren und starb 1879.
Bis zum Alter von 42 Jahren war er Verlagsbucbbändler. Br veröffentlichte in
den Jahren 1837, 1838 und 1840 die drei Bände seines Buches: Principles of
Political Economy; 1848, The Fast, the Present and the Future,.
das seine Kententheorie enthält; 1850, Harmony of Interest, agricultural,
manufacturing and commercial; und 1858—1859 Principles of Social
Science. (Dieses Buch ist von Adler ins Deutsche übersetzt worden. Anm. d.
Übers.)

Diese Daten haben eine gewisse Bedeutung, weil,_ als 1850 die Harmonies
erschienen, Caeey in einem an das Journal des Bconomistes des gleichen
Jahres gerichteten Briefe Bastiat des Plagiats beschuldigte. Bastiat, der damals
schon auf den Tod krank lag, antwortete in der gleichen Zeitung, um sich zu ver-
teidigen. Er gab zu, das erste Buch Caeby’s zu kennen und entschuldigte sich, es
nicht angeführt zu haben. Die Entschuldigung, die er als Grund anführte, ist
übrigens recht schwach: da nämlich Cahey so schlecht von den Franzosen gesprochen
habe, hätte er es nicht zum Lesen empfehlen können! Seitdem haben eine ganze
Anzahl ausländischer Volkswirtschaft!er als festehend hingestellt, daß Bastiat
Caeey nur abgeschrieben habe: es ist das eine grobe Übertreibung. In der Ge-
schichte der Doktrinen ist die Koincidenz im Auftreten gewisser Ideen eine häufige
Tatsache: noch vor kurzem hat sich dies bei der Theorie des Grenznutzens gezeigt,
(siehe weiter unten).
        <pb n="396" />
        ﻿Kapitel I. Die Optimisten.

371

den Individuen eine Notwendigkeit sei. Auf Grund dieses Zwie-
spaltes in den EeKfen' Cäeey’s, der fast ein Widerspruch ist, haben
wir uns verpflichtet gesehen, ihn in zwei Abschnitten zu behandeln,
so daß er in zwei verschiedenen Kapiteln besprochen wird./y

Bastiat1) ist in Frankreich und im Auslande als die Verkörpe-
rung der Bourgeois-Nationalökonomie betrachtet worden. Nicht nur
Pkoijdhon, sondern auch Lassalle in seiner berühmten Broschüre:
Bastiat Schulze-Delitzsch, und nach ihnen Caienes, Sidgwick,
Maeshall, von Böhm-Baweek usw. haben in ihm nur den Advokaten
der geltenden wirtschaftlichen Ordnung gesehen. Sie sprechen ihm

b FnkDkmo Bastiat wurde 1801 in Bayonne geboren. Er entstammte einer
Familie wohlhabender Kaufleute und war nacheinander Kaufmann, Landwirt in
den „Landes“, Friedensrichter, Mitglied des Kreistages (conseiller general) und
endlich Abgeordneter der Assemblee Constituante von 1848. Er glänzte nicht besonders
als Redner, wozu ihm auch die Zeit fehlte, denn er starb schon 1850, im Alter von
49 Jahren, in Rom, wohin er, schwer erkrankt, in der Hoffnung, Genesung zu finden,
gegangen war.

Wenn sein Leben kurz war, so war seine wissenschaftliche Laufbahn noch
kürzer; sie dauerte nur sechs Jahre. Sein erster Aufsatz erschien 1843 in dem
Journal des Economistes, und sein einzig wirkliches Buch Les Harmonies
Economiques, das 1849 geschrieben wurde, blieb unvollendet. In ~der Zwischenzeit
veröffentlichte er seine Petits Pamphlets und seine Sophismes, die sich gegen
das Schutzzollsystem und den Sozialismus wendeten. Er bewies eine große, aber
erfolglose Rührigkeit, um in Frankreich einen Freihandelsverband zu organisieren,
nach dem Verbilde dessen, der wenige Jahre vorher in England unter der Leitung
Cobden’s gesiegt hatte.

Wie man sieht, war sein Leben nicht das eines Gelehrten, sondern das eines
Journalisten. Er war kein Mann der Bibliothek. Wir wissen jedoch, daß er mit
19 Jahren J.-B. Say gelesen hatte und etwas später Franklin (Die Weisheit des
armen Richard), den er enthusiastisch verehrte, wie er selbst gesagt hat.
Fhanklin’s Einfluß läßt sich in allen seinen Schriften nachweisen und fand sich sogar
in seiner Haltung und seinem Benehmen. „Mit seinen langen Haaren und seinem
kleinen Hut, seinem Bratenrock und seinem Familienregensohirm würde man ihn
leicht für einen braven Bauern gehalten haben, der sich die Wunder der Hauptstadt
ansieht,“ sagt Molinahi (Journal des Economistes, Februar 1851).

Diese biographischen Einzelheiten dürfen von denen nicht vergessen werden,
die Bastiat, übrigens nicht ohne gewisse Berechtigung, Mangel an wissenschaftlicher
Bildung vorwerfen und ihn sogar beschuldigen, mehr Journalist als Volkswirtschaftler
gewesen zu sein.

Wenn Bastiat von den ausländischen Nationalökonomen streng abfällig beurteilt
worden ist, so ist er doch in Frankreich sehr volkstümlich geblieben. Sein Salz ist
etwas grob, seine Ironie etwas schwerfällig, seine Ausführung etwas oberflächlich,
aber sein Maßhalten, sein gesunder Verstand und seine Klarheit hinterlassen einen
unvergeßlichen Eindruck. Ich möchte fast sagen, daß seine Harmonies und
seine Pamphlets auch heute noch das beste Buch sind, das man einem jungen
Menschen, der sich zum ersten Male mit dem Studium der Nationalökonomie befassen
will, empfehlen kann. Wir werden übrigens sehen, daß auch vom rein wissenschaft-
lichen Gesichtspunkt aus seine Beiträge durchaus nicht bedeutungslos sind.

24*
        <pb n="397" />
        ﻿

372	Drittes Buch. Der Liberalismus.

jede wissenschaftliche Bedeutung ah. Nach ihnen sind seine Schriften
weiter nichts als eine breitere Fassung von Feanklxk’s „Weisheit
des armen Richard“, wo Gleichnisse an Stelle von Beweisen
treten, und die so berühmte Klarheit seines Stiles liege nur daran,
daß er nichts zu sagen habe.

Bastiat verdient jedoch eine bessere Beurteilung. Der Mann,
der geschrieben hat: „Wenn ich das Unglück hätte, in dem Kapital
nur den Vorteil des Kapitalisten zu sehen, würde ich Sozialist
werden“, und weiterhin: „die national-ökonomische Wissenschaft be-
darf dringend einer Untersuchung über die Geschichte der Ausbeutung
(Spoliation)“, ein solcher Mann ist mehr als nur ein „guter Bourgeois“.
Allerdings hat er den Optimismus übertrieben, wie ebenso den Libe-
ralismus, den Moralismus und den Finalismus der französischen Schule;
sein Unglück wollte, daß er den Höhepunkt dieser Lehre bezeichnete,
nach dem unabänderlich die Reaktion einsetzen mußte, so daß er den
ganzen Gegenstoß erhielt, der sein Werk wie weggeweht hat.

Wenn nun allerdings die Argumente Bastiat’s gegen den Sozialis-
mus veraltet sind — ebenso wie übrigens die speziellen sozialistischen
Organisationsmethoden, gegen die sie sich richteten — so kann man
doch nicht dasselbe über seine Beweisführung gegen das Schutzsystem
sagen. Hier ist er nicht ohne jeden Einfluß geblieben. Allerdings
ist es ihm nicht gelungen, die Schutzzollpolitik mattzusetzen, jedoch
hat er die Nichtigkeit einer gewissen Anzahl ihrer Argumente end-
gültig bewiesen. Wenn uns heute die Protektionisten nicht mehr mit
„der Überschwemmung“ oder „der Überflutung“ durch fremde Pro-
dukte drohen, wenn das alte und berühmte Argument der „nationalen
Arbeit“ nur noch gedämpft erklingt, so ist dies, was allzu oft ver-
gessen wird, ein Erfolg der bewunderungswürdigen kleinen Aufsätze,
wie z. B. .der „Petition der Kerzenraacher“ oder „die Petition der
linken Hand gegen die rechte“. Niemals wird man besser als
Bastiat die lächerlichen Folgen darlegen, die sich ergeben, wenn man
einen Tunnel durch die Berge, die die Länder trennen, bohrt, um den
Handel zu erleichteni, und nachher eine Zollschranke an jedem Ende
aufrichtet; — oder den Widerspruch, der darin liegt, dem Groß-
grundbesitzer oder dem Kapitalisten durch einen Zollschutz ein
Minimum von Einkommen zu garantieren, und dem Arbeiter einen
Minimallohn zu verweigern; — oder weiter, daß der Zoll eine
schwieriger zu verteidigende Abgabe als die wirkliche Steuer ist,
denn während diese dem Individuum zum Vorteil der Gesellschaft
auferlegt wird, belastet jener Alle zum Nutzen Einiger.

Weniger glücklich ist er von seinem Standpunkt eines aus-
schließlichen Individualismus und in seiner Tendenz zu übertriebener
Vereinfachung gewesen, wenn er den Tausch zwischen Individuen

■O:
        <pb n="398" />
        ﻿Kapitel I. Die Optimisten.

373

auf absolut gleichen Fuß mit dem Tausch zwischen Nationen stellt,
oder wenn er in mehr belustigenden als treffenden Gleichnissen nach-
zuweisen versucht, daß die Vorteile des internationalen Handels für
ein Land um so größer seien, je ungünstiger seine Handelsbilanz sei,
oder daß hauptsächlich die ärmsten Nationen vom internationalen
Handel profitieren *).

Was den konstruktiven Teil des Werkes Bastiat’s anlangt, so
besteht er in dem Nachweis: „daß die allgemeinen Gesetze der
sozialen Welt harmonisch sind; sie streben in allen Richtungen nach
einer Vervollkommnung des Menschengeschlechtes“. Und doch sieht
man beim ersten Blick überall nur Unordnung! Er antwortet hier-
auf mit dem unvergeßlichen Gleichnis: „Das, was man sieht, und
das, was man nicht sieht“, in dem er ausführt, daß man sich
nicht auf das verlassen dürfe, „was man sieht“, und daß das, „was man
nicht sieht“ viel öfter die Wahrheit ist; daß die augenscheinlichsten
Gegensätze, wenn man sie näher betrachtet, sich sehr oft als Trieb-
kräfte der Harmonie ausweisen. Weiterhin antwortet er, daß der
Mensch frei sei, und folglich frei, diese Harmonie zu zerstören,
indem er sich an der Freiheit anderer vergreift, — insbesondere
durch die Ausbeutung, die Bastiat keineswegs zu verschleiern ver-
sucht, sondern die er im Gegenteil überall an den Pranger stellt.
Aber verschiedene Kräfte sind in der Umwelt wie im Innenleben
des Menschen am Werke, um jeden, der den richtigen Weg verläßt,
darauf zurückzuführen, so daß sich zum Schluß die Harmonie von
selbst wieder einstellen wird. „Ich glaube, daß das Übel zum Guten
führt und es hervorruft, während das Gute niemals zum Übel führen
kann, woraus sich ergibt, daß das Gute zum Schluß zur Vorherrschaft
gelangen muß1 2).“

Es erhellt hieraus, daß diese Doktrin weit über den bloßen Be-
griff von Naturgesetzen hinausgeht: sie setzt den Glauben an Ge-
setze der Vorsehung voraus. Bastiat will das auch gar nicht ver-
bergen und ruft an vielen Stellen ähnlich wie die Physiokraten, aber
mit klareren Worten aus: „In jeden Menschen hat Gott einen un-
widerstehlichen Drang nach dem Guten gelegt und hat ihm, um es
ihn erkennen zu lassen, ein Licht gegeben, das ihn zurechtweist3).“

1)	Über die Frage: Wer im internationalen Handel gewinnt? siehe weiter unten
das, was wir hierüber bei Stuakt Mill sagen.

2)	Earmonies,S.21. Wir zitieren nach der 10. Ansg. der CEuvres completes.

3)	„Die Tatsachen der Nationalökonomie haben ebenfalls ihre wirkende Ursache
und ihren Yorsehungszweck“ (Harmonies, letzte Seite).

„Angesichts dieser Harmonie kann der Volkswirtschaftler wohl ausrufen, wie der
Astronom oder der Physiologe; Digitus Dei est hic!“ (Harmonies, Kap. X, S. 391).

„Wartet nur das Ende ab und ihr werdet sehen, daß, wenn ein Jeder für sich
[ selbst sorgt, Gott an alle denkt“ (Harmonies, Kap. VIII, S. 290).
        <pb n="399" />
        ﻿374

Drittes Buch. Der Liberalismus.

Auguste Comte hat mit großer Beredsamkeit Protest erhoben
gegen „jene eitele und irrationelie Neigung, nur den Grad der Ord-
nung zugeben zu wollen, der sich von selbst herstellt“, eine Neigung
die „in der sozialen Praxis offenbar auf eine Art feierlicher Demission
hinausläuft, mit der sich diese angebliche Wissenschaft (die National-
ökonomie) vor jeder etwas schwierigen Frage zurückzieht, die die
industrielle Entwicklung auftauchen läßt“ 1).

Aber auch als eine Auslegung der Vorsehung ist dieser Glaube
Bastiat’s sehr anzweifelbar. Auf keinen Fall scheint er mit der
christlichen Lehre übereinzustimmen, denn man darf nicht vergessen,
daß, wenn das Christentum lehrt: der Mensch und die Welt seien
von Gott gut geschaffen worden, es auch lehrt, daß beide durch die
Schuld des Menschen völlig verderbt worden sind, und daß sie nie-
mals wieder durch sich selbst auf Grund irgendeiner natürlichen,
Genesung bringenden Tugend wieder gut werden können2). Christus
schreibt seinen Jüngern vor: den natürlichen Menschen in sich ab-
zutöten, um einen neuen Menschen zu schaffen; er kündet einen
neuen Himmel und eine neue Erde an. Das ist viel revolutionärer,
als der wirtschaftliche Optimismus. Der Gott Bastiat’s ist weiter
nichts als „der Gott der guten Leute“, von dem Beeangee sang.

Welche Tatsachen und welche Gesetze enthüllen uns nun diese
prästabilierte Harmonie? Alle, antwortet Bastiat: den Wert und
den Tausch, das Eigentum, die Konkurrenz, die Produktion, den Ver-
brauch, sowie alle anderen . . . Wir werden nur auf die hinweisen,
in denen sich diese Harmonie nach seiner Ansicht am ausgeprägtesten
offenbart.

§ 1. Die Theorie des Dienstwertes.

* /

In erster Linie steht das Wertgesetz,^ das „in der National-
ökonomie dieselbe Rolle spielt wie das Zahlensystem in der
Arithmethik“ 3).

Wie wir wissen, hatte Ricardo gelehrt, daß der Wert durch die
für die Produktion geleistete Arbeit bestimmt werde. Diese Theorie
fand Bastiat höchst annehmbar, und er hätte sie gern in seine
„Harmonien“ hineingebracht, denn sie stimmte sehr gut mit der Ge-
rechtigkeitsidee überein, da sie zeigte, daß jeder WTert und infolge-

x) A. Comte, Cours de Philosophie Positive, Bd. IV, S. 202.

2)	Die Liturgie der reformierten (französischen) Kirche sagt: „Wir erkennen an
und bekennen . . . daß wir aus uns selbst unfähig sind, das Gute zu tun.“

Siehe weiter unten das Kapitel über die auf dem Christentume be-
ruhenden Lehren.

3)	Harmonies, Kap. V, S. 140.
        <pb n="400" />
        ﻿Kapitel I. Die Optimisten.

375

dessen jedes Eigentum auf die Arbeit gegründet ist. Obgleich die
Methode Bastxat’s sehr von einem a priori Standpunkt ausging und
;so wenig realistisch wie möglich war, konnte er sich doch nicht mit
einer Auffassung begnügen, die zu klar mit den Tatsachen in Wider-
spruch stand, denn sie war nicht imstande, zu erklären, warum z. B.
der Wert einer zufällig gefundenen Perle dem einer mit Mühe vom
•Grunde des Meeres heraufgeholten Perle gleich ist. Daher sucht er
eine andere Erklärung, die ebenso normativ wie die Eicaedo’s sein
sollte, aber mehr mit den Tatsachen in Einklang stand.

Nun hatte gerade'CAEEY,vum die Theorie Ricardo’s zu berichtigen,
eine andere sehr geistreiche aufgestellt; nämlich, daß der Wert nicht
von der geleisteten Arbeit, sondern von der ersparten Arbeit
bestimm/ wird. Diese Theorie ließ sich ausgezeichnet mit den der
Theorie Ricaedo’s widerstrebenden Tatsachen in Übereinstimmung
bringen; sie erklärte die Hypothese der gefundenen Perle sehr gut.
Bastiat griff sie begierig auf1). Immerhin genügte sie ihm noch
nicht ganz, weil man nicht recht versteht, wie die Tatsache, daß der
Wert im Verhältnis zu der ersparten Arbeit stehe, — das heißt
nämlich, was wohl zu bemerken ist, im Verhältnis zu einer Arbeit,
die niemals geleistet worden ist und niemals geleistet werden wird!
— als eine wirtschaftliche Harmonie betrachtet werden kann. Da
erleuchtet ein Lichtstrahl ^seinen yGeist: ^ Ist diese ersparte Arbeit
nicht ein dem Erwerber geleisteter Dienst? Damit hat er die
«o lange gesuchte_Ehklärung endlich gefunden: „Der Wert ist
das Verhältnis zweier ausgetauschter Dienste“2)A Und
da nun alles Eigentum und alles Vermögen nichts weiter ist als eine
Summe von Werten, so kann man auch sagen, daß das Eigentum
eines jeden nur die Summe der von ihm geleisteten Dienste ist.
Hier haben wir die Harmonie. Was kann man besseres wünschen?
Bastiat gerät in Exstase, 'diese Forme?'' gefunden zu haben. 1 Sie er-
klärt alles, sie 'gleicht alle Widersprüche aus, löst alle Schwierig-
keiten und gibt zugleich den Schlüssel zu der, die das Kreuz der
Volkswirtschaftler war: warum der Diamant wertvoller als das
Wasser sei? Antwortet sie doch; einfach deshalb, weil der, der mir
einen Diamanten abläßt, mir einen größereren Dienst leistet als der,
der mir ein Glas Wasser gibt,'— wenn ich nicht gerade auf dem
Floß der Schiffbrüchigen der Medusa bin. Aber auch in diesem

ü „Ich habe naohgewiesen, daß die Grundlage des Wertes weniger die dem
■Gebenden verursachte Mühe, als die dem Empfangenden ersparte Mühe ist
(hier wäre es gerecht gewesen, Cabey zu zitieren!), und deshalb habe ich sie in etwas
verlegt, das diese beiden Bestandteile umfaßt: den Dienst“ (Harmonies, Kap. IX,

2) Harmonies, Kap. V, S. 145.
        <pb n="401" />
        ﻿376

Drittes Buch. Der Liberalismus.

Falle würde, da der geleistete Dienst .unberechenbar groß ist, der
Wert unermeßlich groß sein!

•Alle von den Volkswirtschaftlern vorgeschlagenen Lösungen —
Nutzen, Seltenheit, Erwerbsschwierigkeit, Produktionskosten, Arbeit
— sind in dem Begriff des Dienstes enthalten. / „So sollten sich also
die Volkswirtschaftler aller "Schattierungen zufrieden geben. Sie
haben alle recht, da sie die Wahrheit von einer Seite gesehen haben.
Auf der Rückseite der Medaille lag allerdings der Irrtum“ 1). Weiter-
hin hat das Wort „Dienste“ den Vorzug, zugleich mit dem eigent-
lichen Wert, nämlich mit dem Preise den Güter, den Preis aller
produktiven Dienste zu umfassen, so wie sie in der Sachleihe, der
Pacht, der Miete und den verzinslichen Darlehen auftreten, denn
„derjenige, der Zeit gewährt, leistet einen Dienst“.2).

*) Harmonies, Kap. V, S. 193. „Sozialisten, Volkswirtschaftler, Gleichheits-
Jünger, Anhänger der Brüderlichkeit, ich trete euch allen entgegen, soviel ihr auch
sein mögt und bestreite, daß ihr auch nur den Schatten eines Einwurfs gegen die
gerechtfertigte Gegenseitigkeit freiwilliger Dienste und infolgedessen gegen das-
Eigentum, so wie ich es definiert habe, erheben könnt! . . . In ihren gegen-
seitigen Beziehungen sind die Menschen nur mit Hinsicht auf die-
Werte Eigentümer, und die Werte stellen nur verglichene Dienste-
vor, die frei empfangen und frei gegeben werden“ (Harmonies,.
Kap, VIII, S. 265 und 268).

Wenn es der Umfang dieses Buches gestatten würde, von den italienischen
Volkswirtschaftlern zu sprechen, müßten wir hier Pereara, der Von 1849 bis 1868
Professor in Turin war, erwähnen. Er steht durch seine Lehren über den Wert und
über die wirtschaftlichen Harmonien in enger Verbindung mit den Schulen Caret’s-
und Bastiat’s, deren Zeitgenosse er übrigens war. Die Werttheorie, auf der er das.
ganze volkswirtschaftliche Gebäude ruhen läßt, ist die der Reproduktionskosten.
Der Wert eines Jeden Gegenstandes wird nicht von der Arbeit, die er wirklich ge-
kostet hat, bestimmt, sondern von der, die notwendig ist, um einen gleichen Gegen-
stand zu erzeugen, oder, — wenn es sich um einen Gegenstand handelt, dessen Menge-
absolut begrenzt ist, z. B. das Bild eines alten Meisters — von der Arbeit, die not-
wendig ist, um das wieder zu erzeugen, was das gleiche Bedürfnis am besten be-
friedigen kann (Anwendung des Gesetzes der Substitution, das aber zur Zeit
Eerhaea’s noch nicht formuliert war). Und da infolge des Fortschrittes der Industrie
die Arbeitskosten (die menschliche Anstrengung) das Bestreben zeigen, ständig-
geringer zu werden, so haben wir die Harmonie.

Alle Dinge, die Erde und ihre Produkte wie die Kapitalien, unterliegen näch
Ferrara demselben Gesetze, und somit ist das ünglüeksgesetz der Rente widerlegt
und das fortschreitende Fallen des Zinsfußes sicher gestellt.

Die hauptsächlichsten Schriften Fbhrara’s sind Vorreden zu italienischen Über-
setzungen der großen Ökonomisten, die in der Sammlung der Bibliotheea delP
Economista (Turin, 1860—1870, 26 Bde.) erschienen.

2) Harmonies, Kap. VII, S. 236. Es ist nicht der Mühe wert, hier die Dis-
kussion vom Jahre 1849 zwischen Bastiat und Pkoudhon über die Berechtigung
der Zinsen zu analysieren (die in den CBuvres Bastiat’s unter dem Titel Gratuite
du Credit veröffentlicht ist). Bastiat stützt sich bald auf den Gedanken, daß der-
jenige, der darleiht, einen Dienst leistet, und daß jede Dienstleistung eine Entlohnung
        <pb n="402" />
        ﻿Kapitel I. Die Optimisten.

377

Man kann sich über die Offenherzigkeit, mit der Bastiat seinen
Triumph bekannt gibt, lustig machen, denn'er sieht nicht, daß die
Weite seiner Formel nur deshalb gestattet, alles, was man will,
hineinzulegen, weil sie ein leerer Rahmen, ein für alle Schlösser
passender Universalschlüssel ist. * * Sie läuft darauf hinaus, daß der
Wert von irgendeinem Umstande abhängt, der einen Gegenstand
wünschenswert machen kann1), so daß wir nach dieser Erklärung
nicht klüger sind als vorher. Bei näherer Untersuchung hat diese
Definition nicht einmal die apologetische Tragweite, die Bastiat
offenbar blendete. Sie kann in keiner Weise zu einer RechtfV ^igung
des Wertes und mit ihm des Eigentums dienen; höchstens gelingt
ihr dies auf Grund einer vieldeutigen Formel! Denn das Wort
Dienste läßt glauben, und deshalb hat er es gewählt, daß jeder
Wert eine Wohltat für den bedeutet, der ihn empfängt, und ein
Verdienst für den, der ihn gibt. Es ist aber sehr leicht möglich,
daß dies nicht’"ier Fall ist. Der Eigentümer eines Hauses oder
eines Grundstückes in der City von London, der das eine zu einem
fabelhaften Preise vermietet oder das andere ebenso yerkauft, oder
der Kapitalist, der einem bedrängten Geldbedürftigen Geld zu einem
Wucherzinse leiht, oder sogar der Politiker, der sich für irgendeine
wertvolle Konzession ein enormes Bestechungsgeld zahlen läßt, sie
alle leisten zweifelsohne große Dienste, — der Beweis hierfür liegt
schon darin, daß sie darum angegangen, gebeten und bestürmt
worden sind — und daher würde der hohe Mietspreis, die hohen
Zinsen oder die große Provision unter die Formel Bastiat’s fallen.
Wir haben aber soeben gesehen, daß sie vom wirtschaftlichen Ge-
sichtspunkt aus nichts erklären kann; und ebensowenig kann sie
vom allgemeingültigen moralischen Standpunkte, auf den sich doch

verdient, oder schärfer ausgedrüekt, daß das geliehene Kapital produktiv ist (der
Hobel gestattet mehr Bretter herznstellen), und daß es infolgedessen nur gerecht ist,
wenn der Besitzer des Hobels seinen Teil davon erhält. Proudhon antwortet, daß er
keineswegs die Berechtigung des Zinses in der gegenwärtigen Wirtschaftsordnung
bestreite, aber behaupte, daß dieser Zins nur eine historische Kategorie sei (um eine
spätere Pormel anzuwenden), und daß es leicht wäre, ihn in einer neuen Wirtschafts- /
Ordnung als überflüssig abzuschaffen. Als Mittel, diese neue Wirtschaftsordnung zu
verwirklichen, weist er auf seine banque d’echange hin (siehe oben). Aber da die
beiden Duellanten niemals dazu kamen, sich mit dein Speer in der Hand gegenüber-
zutreten und im leeren fochten, so ist diese Diskussion äußerst ermüdend und macht
weder dem Einen noch dem Anderen große Ehre.

*) „Eine Menge Umstände können die relative Bedeutung eines Dienstes erhöhen.

Er erscheint uns mehr oder weniger groß, je nachdem er uns mehr oder weniger
nützlich ist, je nachdem mehr oder weniger Personen bereit sind, ihn uns zu leisten;
je nachdem er von ihnen mehr oder weniger Arbeit, Mühe, Geschicklichkeit, Zeit,
vorausgehendes Studium erfordert; je nachdem er uns selbst mehr oder weniger davon
erspart“ (ebenda, Kap. V, S. 146).
        <pb n="403" />
        ﻿378

Drittes Buch. Der Liberalismus.

Bastiat stellt, irgendetwas rechtfertigen. Sie ist weiter nichts als
ein Mäntelchen, das ebenso dazu dient, die schlimmsten Ausbeutungen
wie die ehrlichsten Geschäfte zu decken, die alle zusammen unter
seinem Schutze, brevi manu und bunt zusammengewürfelt, unter den
einen Hut der allgemeinen Harmonie gebracht werden *).

Trotz dieser gewiß gerechtfertigten Kritik, und* trotzdem man
den Versuch Bastiat’s, den Wert durch das Wort Dienste zu er-
klären, für verfehlt ansehen muß, bleibt die Formel doch immerhin
eine höchst geistreiche,’ und man könnte vielleicht sogar sagen, eine
geniale Eingebung. Der Beweis dafür ist, daß sie Heimatsrecht in
der volkswirtschaftlichen Sprache erlangt hat: Wir finden sie später
wieder und dies besonders in der Terminologie der auf ihre strenge
Methode besonders stolzen hedonistischen und mathematischen Schule:
dort spricht man beständig von „produktiven Diensten“' und es
würde viel Mühe kosten, ein anderes Wort zu finden, daß sie alle
umschließt2). Dieses Wort „Dienste“ ist zwar geeignet, auf Grund
des Gedankens an ein höheres Interesse und an professionelle Ehre,
die mit ihm verbunden ist, — so wie man früher sagte „im Dienste
des Königs!“ — über viele wirtschaftliche Beziehungen der bestehenden
Ordnung der Dinge Irrtümer aufkommen zu lassen. Auch wirkt es oft
komisch, mit diesem schönen Worte die Begleichung einer Gasthaus-
rechnung oder die Bezahlung des Steuerzettels zu bezeichnen. Trotzdem
kann man sich aber kein besseres vorstellen, um das, was die zu-
künftige soziale Ordnung sein sollte, zu bezeichnen. Das Wort
„Dienste“ drückt ungefähr die gleiche Idee aus, die Auguste Comte
und viele nach ihm mit dem Worte „soziale Funktion“ ausdrücken
wollte, oder was Professor Marshall in einer kürzlich gehaltenen
Kede „die Ritterlichkeit in der Volkswirtschaft“ nennt8). Wenn wir
versuchen, uns die zukünftige oder doch wenigstens die wünschens-

J) Auch ist Bastiat wohl gezwungen, dies selbst znzngeben. „Ich untersuche
nicht, ob alle Dienste wirklich und gerechtfertigt sind, und ob es den Menschen nicht
gelungen ist, sich für Dienste bezahlen zu lassen, die sie nicht geleistet haben. Ach,
du lieber Gott, die Welt ist voll von solcher Ungerechtigkeit!“ (Harmonies. Kap. V,
S. 157).

Wenn aber die Welt voll ist von Leuten, die sich für nicht geleistete Dienste
oder für eingebildete und ungerechtfertigte Dienste bezahlen lassen, wozu soll es
dann dienen, jeden Wert und alles Eigentum auf einen geleisteten Dienst zu gründen?

Siehe in der Revue d’Economie Politique von 1887 den Aufsatz Gidb’s
über La notion de la valeur dans Bastiat.

2)	J.-B. Say hatte schon das Wort „Dienst“ (service) angewendet, ohne aber
damit irgendeine normative Bedeutung zu verbinden, sondern nur um die Beichtümer,
die in Handlungen bestehen, von denen, die materielle Erzeugnisse sind, zu
unterscheiden.

3)	Economic Journal, März 1907, Social possibilities of Economic
Chivalry.
        <pb n="404" />
        ﻿Kapitel I. Die Optimisten.

379

werte Gesellschaft vorzustellen, so fühlen wir uns zu der Hoffnung
verpflichtet, daß die Triebkraft der ganzen wirtschaftlichen Tätigkeit,
die heute die Profitsucht ist, nach und nach dem Gedanken des
sozialen Dienstes Platz macht. An dem Tage wird man Bastiat
ein Denkmal setzen können.

§ 2. Das Gesetz des unentgeltlichen Nutzens und der

Rente.

Das Gesetz der Rente, wie es Rioaedo aufgestellt hatte, war das
Schreckbild der Optimisten. Wäre es unglücklicherweise wahr ge-
wesen, so wäre ihnen nach ihrer Ansicht nichts weiter übrig ge-
blieben, als den Sozialisten Recht zu geben, die im Grundeigentum
einen sozialen Schädling erblickten. Um jeden Preis mußte daher
nachgewiesen werden, daß dieses Gesetz ohne Grundlage sei, und
Bastiat hat sich bemüht, die These zu begründen, die zuerst wie
eine Ungeheuerlichkeit anmutet, nämlich, daß der Boden oder die
Natur ihre Güter allen Menschen umsonst gibt. Wie, wird man
ausrufen, das Getreide oder die Kohle und alle Produkte des Grundes
und des Untergrundes werden nicht bezahlt, haben keinen Wert? —
Doch, antwortet Bastiat, aber dieser Preis bezahlt nicht die natür-
liche Nützlichkeit dieser Produkte: er bezahlt nur die Arbeit der
Produktion, er erstattet nur die von dem Besitzer gemachten Aus-
lagen zurück.

Auf diese Weise mußte man in jedem Erzeugnis zwei über-
einander liegende Schichten von Nützlichkeit unterscheiden. Die eine
beruht auf der Arbeit, und diese muß bezahlt werden, ist ein
kostendes Ding und macht das aus, was man den WTert nennt; die
andere verdanken wir der Natur: sie wird als solche niemals bezahlt,

y

sondern sozusagen als Zugabe gegeben. Wenn diese unter-
liegende Schicht unbekannt ist, obgleich sie eine beträchtliche Be-
deutung hat, so liegt das gerade daran, daß sie im Preise nicht zum
Ausdruck kommt und sich deshalb dem Blick entzieht: sie ist un-
sichtbar, weil sie unentgeltlich ist.

Das aber, was unentgeltlich ist, gehört allen gemeinsam, wie die
Luft oder das fließende Wasser. Man kann daher den gleichen Ge-
danken ausdrücken, indem man sagt, daß unter der zutage liegenden
Schicht der Werte, die das individuelle Eigentum ausmacht, eine
andere unsichtbare Schicht vorhanden ist, die der Gemeinschaft
gehört und von der alle Nutzen haben. „Das, was auf Grund gött-
licher Vorbestimmung Gemeingut war, bleibt durch alle menschlichen
Handlungen hindurch Gemeingut.“
        <pb n="405" />
        ﻿380

Drittes Buch. Der Liberalismus.

„Hierin liegt“, sagt Bastiat, „das wesentliche Gesetz der sozialen
Harmonie.“ 'Der Grundeigentümer, der in der Theorie Eicaedo’s als
der Drache erscheint, der die Schätze der natürlichen ßeichtümer
bewacht, und dem man Tribut bezahlen muß, um sie benützen zu
können; der in den stürmischen Anschuldigungen, die Peoudhon gegen
das Eigentum schleuderte, als der hingestellt wird, der die Gaben
Gottes sich angeeignet hat, — er erscheint in der Theorie Bastiat’s
nur noch als ein einfacher Vermittler zwischen der Natur und dem
Verbraucher, als ein guter Dienstbote, der für mich an der gemein-
schaftlichen Quelle das Wasser holen geht, und dem ich nicht für
das Wasser bezahle, sondern nur für die Mühe, die es ifea beseitet-,
.AS mir zu bringen1).*	'

Es kommt aber noch besser mit Hinsicht auf diese Harmonie!
Von den beiden Bestandteilen, die in jedem Gute verbunden sind,
dem kostenden und dem freien oder gemeinschaftlichen Bestandteil,
zeigt der erstere die Neigung, nach und nach im Verhältnis zu dem
zweiten an Bedeutung zu verlieren. Es ist tatsächlich ein allge-
meines Gesetz, daß infolge der Fortschritte der Industrie die für
eine gleiche Bedürfnis-Sättigung notwendige menschliche Anstrengung
immer geringer wird. Die neue Arbeit ist fast stets produktiver als
die frühere. Das gilt für alle Erzeugnisse, für das Getreide sowohl
wie für die Kohle, für den Stahl wie für die Baumwollenstoffe, und
nicht nur für die Erzeugnisse der Erde, sondern für den Boden selbst.
Es kostet immer weniger, neuen Boden urbar zu machen, gerade so,
wie es immer weniger kostet, neue Maschinen herzustellen. Der
Teil des natürlichen Nutzen wird aber in keiner Weise geringer:
„Das Getreide hat heute genau denselben Nutzen, wie am Tage nach
der Sintflut.“

Was folgt daraus? Da aller Besitz nur aus einer Summe von

’) „Und ich sage euch: Nein, Ihr habt die Geschenke Gottes nicht unterschlagen.
Umsonst habt ihr sie aus den Händen der Natur empfangen, das ist wahr! Aber
umsonst habt ihr sie auch an eure Brüder weiter gegeben, ohne für euch etwas
zurückzubehalten . . . lebt daher in Frieden, ohne Furcht und ohne Bedenken“
(Harmonies, Kap. VIII, S. 257).	, -

„Die Kohle steht allen Menschen gratis in Fülle zur Verfügung; das ist kein
Paradox und keine Übertreibung; sie steht ihnen ebenso gratis und im Überfluß zur
Verfügung wie das Wasser des Bergstromes, nur mit der Bedingung, sich die Mühe
zu geben und sie zu holen oder die, die diese Mühe für uns tun, für diese Mühe zu
entlohnen“ (Harmonies, Kap. X, S. 362). — Bastiat will aber durchaus nicht
sagen, daß die Dividenden der Aktionäre nur die Mühe bezahlen, die sie genommen
haben, um die Kohle zu holen, sondern die Mühe, die sie (in der Form von Erspar-
nissen) genommen haben, um die Ausbeutung zu ermöglichen.

J.-B. Say hatte schon davon gesprochen, daß die natürlichen Kräfte umsonst
seien, er sprach aber nur von denen, die sich noch niemand angeeignet hat, wie Luft
und Wasser, und die infolgedessen allen zur Verfügung stehen.
        <pb n="406" />
        ﻿Kapitel I. Die Optimisten.

381

Werten besteht, so drückt sich jede Wertverminderung durch eine
stetige Wertverminderung des Eigentums aus.

Daraus zieht Bastiat den folgenden Schluß, der „der Wissenschaft
eine ganz erstaunliche Tatsache enthüllen wird, und der, wenn ich
mich nicht irre, bisher unbemerkt geblieben ist“ x), daß nämlich in
jeder fortschreitenden Gesellschaft der gemeinsame unentgeltliche
Anteil beständig wächst, während der kostende und mit Beschlag
belegte Teil stetig geringer wird. Die heutige Gesellschaft ist schon,
ohne es zu wissen, kommunistisch und wird es mit jedem Tage mehr!

Der Gedanke ist allerdings sehr schön. Er zeigt uns das Privat-
eigentum wie Inseln, die von einem weiten Meere des Gemeineigen-
tums umspült sind, und, was noch mehr besagt, von einem Meere,
das stetig steigt nnd ohne Auf hören ihre Küsten wegschwemmt und
ihre Oberfläche verringert. Sollte die Arbeit jemals allmächtig
werden, sollte nämlich die Wissenschaft dazu gelangen, die An-
strengung auszuschalten, so würde an diesem Tage die letzte Eigen-
tumsinsel unter dem steigenden Niveau des unentgeltlichen Nutzens
verschwunden sein. Und so ruft Bastiat triumphierend aus: „Kom-
munisten, ihr träumt vom Gemeineigentum ? Ihr habt esja schon!
Die soziale Ordnung macht ja alle Befriedigungsmittel zum Gemein-
eigentum unter der Bedingung, daß der Tausch der angeeigneten
Werte frei sei“ 1 2).

Aber Bastiat, der so viel gegen die Sophismen gekämpft hat,
neigte selbst sehr dazu, sie zu gebrauchen. Wenn man tiefer in
diese bestechende Darlegung eindringt, so findet man einfach die Be-
hauptung, daß es überhaupt keine Bodenrente gibt, da der Wert
aller Erzeugnisse, unter Einschluß derjenigen, die man Naturprodukte
nennt, niemals die Produktionskosten übersteigt, — und daß dieser
Wert sogar beständig geringer wird, weil die Produktionskosten die
Tendenz haben, sich zu verringern.

Diese Behauptung ist aber ohne Stütze: der Beweis ist durchaus
nicht erbracht, daß die Erzeugnisse des Bodens dem Gesetze der
Konkurrenz unterliegen, deren Wirkung wäre, ihren Wert auf das
Niveau der Produktionskosten herabzudrücken, und noch weniger, daß
ihr Wert auf das Niveau der Minimalproduktionskosten herabgedrückt
wird. Seine Auseinandersetzung widerlegt daher weder die Theorie
der Monopolrente, noch die der Differentialrente. Soviel ist gewiß
richtig, daß die Natur den Wert nicht schafft und keine Zahlung
verlangt. Heute nimmt auch niemand mehr an, daß in dem Preis
der Kohle oder des Getreides ein Pfennig enthalten sei, der die

1)	Harmonies, Kap. YIII, S. 256.

2)	Harmonies, Kap. Y, S. 142.
        <pb n="407" />
        ﻿382

Drittes Buch. Der Liberalismus.

Wärme spendenden Eigenschaften des einen oder die nahrhaften des
anderen bezahlen solle. »Wenn es aber wahr ist, daß die Natur nichts
fordert, so ist es doch nicht wahr, daß der Besitzer nichts weiter
als die Rückerstattung seiner Auslagen an Mühe und Kosten ver-
langt. Er begnügt sich nur damit, wenn er durch die Konkurrenz
unbedingt dazu gezwungen wird! Diese Bedingung ist nun fast
niemals gegeben, und die ökonomischen Theorien erklären gerade,
weshalb der Verkaufspreis gewöhnlich den Gestehungspreis übersteigt,
und wie sich dieser Überschuß unter den verschiedenen Kategorien,
Rente, Profit, Mehrwert, darstellt. *

Im Grunde war sich Bastiat sehr wohl der Schwäche seiner Be-
weisführung bewußt. Er sieht sehr gut, daß der Eigentümer eines
berühmten Weinberges oder eines an den Champs-Elysees gelegenen
Baugrundes viel mehr erhalten kann, als die Bezahlung seiner Arbeit.
Aber dann rettet er sich in seine Werttheorie: dieser Eigentümer
wird niemals mehr erhalten als den Preis des geleisteten Dienstes.
— Zugegeben! Deshalb ergibt sich aber doch, daß die Tatsache,
einen natürlichen Reichtum zu besitzen, es gestattet, den Preis der
Dienste, die der Eigentümer leistet, bedeutend zu er-
höhen, und was bleibt dann von dem sog. Gemeineigentum und den
vom Besitzer seinen Brüdern unentgeltlich und ohne Vorbehalt über-
wiesenen Gütern übrig?

Welche Überlegenheit zeigt demgegenüber die Theorie Caeey’s,
sowohl durch ihren wissenschaftlichen Wert, als auch durch ihre
große soziale Tragweite! Caeey nimmt Punkt für Punkt die Theorie
Ricaedo’s vor, die Bastiat nur sehr ungenau gekannt zu haben
scheint1). Der These Ricaedo's gegenüber, daß der Wert des Ge-
treides fortschreitend höher werden muß, weil der Mensch, nachdem
er die fruchtbarsten Böden in Besitz genommen hat, gezwungen ist,
nach und nach unfruchtbarere in Bewirtschaftung zu nehmen, ant-

*) Bastiat scheint die Bodenrente nicht besonders studiert zu haben. Das
Kapitel der Harmonies, das diese Überschrift trägt, ist unvollendet geblieben.
Einer seiner Schüler jedoch, de Fontenay, hat ihr ein ganzes, heute vergessenes,
jedoch sehr glänzendes Buch gewidmet; Du Eevenu foncier (1854). Er bemüht
sich nachzuweisen:

1.	daß die ÄiCAKDo’sche Bodenrente, d. h. die Differenzialrente nicht existiert,
da alle Felder gleichwertig sind, aber nur unter der Bedingung, daß mau
es versteht, die für ein jedes geeignetste Kultur anzuwenden;

2.	daß die Kente der natürlichen Fruchtbarkeit, die der Physiokraten oder
Adam Smith’s, ebensowenig existiert, da alle Nützlichkeit (und nicht nur aller Wert!)
einzig auf der Arbeit beruhe. Ein Pfirsich, eine Weintraube, ein Weizenkorn, ein
Schlachtochse werden einzig vom menschlichen Fleiß geschaffen: die Natur ist stets
durchaus unfähig gewesen, es zu tun, und wird es auch stets bleiben. — Dies ist
übrigens durchaus richtig, wenn man sagt, die Natur allein; aber genau dasselbe
kann man dann auch von der Arbeit allein sagen.
        <pb n="408" />
        ﻿Kapitel I. Die Optimisten.

883

4.

wortet Cabeyjl. daß ganz im Gegenteil die ärmsten Böden es sind,
anf denen die Kultur beginnt,' und daß man erst später und nach,
und nach die reicheren Felder in Angriff nimmt. Infolgedessen er-
gibt sich der umgekehrte Schluß, denn mit steigender Produktivität
wird der Preis des Getreides fallen. Die Gründe, auf die er diese
Umkehrung im Gange der Bodenkultur stützt, sind höchst eindrucks-
voll. Zunächst weist er darauf hin, daß für den Boden, wie für alle
Naturkräfte, die Reihenfolge in der Domestikation, wenn ich so sagen
darf, im umgekehrten Verhältnis zu ihrer Macht steht; man hat an-
gefangen, die tierische Kraft vor der des Windes oder des Wassers
zu benutzen, und diese wieder vor der des Dampfes oder der Elek-
trizität. Ebenso ist es mit dem Boden. *Was ist denn ein fruchtbarer
Boden? Es ist das ein Boden, der in seinem Naturzustand von einer
wuchernden Vegetation überzogen ist, die man ausrotten muß, oder
Alluvialfelder, die den Strömen und Seen abgerungen werden müssen.
„Der reichste Boden ist der Schrecken der ersten Einwanderer“, sagt
er1). Er tritt ihm in der Form von Urwäldern entgegen, voll
wilder Tiere, die er bekämpfen muß, angefüllt mit Sümpfen, die zu
trocknen sind, voller Krankheitskeime, die Kirchhöfe aus ihnen
machen. Generationen müssen sich auffarauchen, ehe man diesen
reichen Boden benutzen kann. In der Zwischenzeit sucht sich der
erste Ansiedler bescheiden unfeinem Hügelabhang irgendeinen leichten
Boden, der seinen schwachen Kräften mehr entspricht, und wo er
außerdem infolge der Lage größere Sicherheit genießt und sich
leichter verteidigen kann. ’

Die Richtigkeit dieser Theorie scheint nicht nur durch den Gang
der Bodenkultur und der Kolonisation in den neuen Ländern erwiesen
zu sein, sondern auch durch die Geschichte und die Zivilisation in
der Vergangenheit. An den Abhängen, auf den Hügeln fanden sich
die ersten Menschen zusammen und bauten ihre Dörfer oder Schlösser,
um dann langsam und vorsichtig in die tiefer liegenden Gefilde
hinabzusteigen. Wie viele Gegenden gibt es noch jetzt in Frankreich,
avo man die „neue Stadt“ sich in der Ebene ausbreiten sieht, während
nicht weit davon die alte Stadt ihre Mauern auf dem Berge erhebt I
Die Helden, denen man später göttliche Ehren envies, weil sie die
Lernäische Hydra oder die Vögel des stymphalischen Sumpfes getötet
hatten, waren wahrscheinlich nur die ersten Menschen, die den Mut
gehabt haben, die Alluvialböden urbar zu machen.

Man kann dieser Theorie natürlich genau denselben 'Vorwurf
machen, wie der Ricardo’s, nämlich, daß sie nur für ein bestimmtes
Milieu und für bestimmte Umstände Geltung hat. Die Rententheorie

’) Caeby, Prineiples of Social Science (Bd. I, S. 127 in der franz. Übers.),
        <pb n="409" />
        ﻿384

Drittes Buch. Der Liberalismus.

Ricaedo’s, so wie wir sie kennen gelernt haben, erklärte die Eng-
land eigentümlichen Tatsachen, nämlich die Pressung der Bevölke-
rung auf einer kleinen Insel und auf einem schon fast ganz in Be-
sitz genommenen Boden, während die Theorie Caeby’s sich wunderbar
auf einen riesigen Kontinent anwenden läßt, wo eine nur spärliche
Bevölkerung einige Kulturinseln inmitten des Urwaldes oder der
Prärie in Besitz genommen hatte. Man kann daher sagen, daß beide
Theorien sich nicht widersprechen, weil sie für verschiedene Ergeb-
nisse, oder vielmehr für verschiedene, aufeinander folgende Phasen
der wirtschaftlichen Entwicklung Geltung haben. Es scheint aber,
daß die Theorie Eicaedo’s, gerade weil sie einer höheren Stufe der
Entwicklung entspricht, das letzte Wort behalten soll. Wenn Caeey
in unseren Tagen geschrieben hätte, hätte er wahrscheinlich eine
andere Sprache geführt, denn schon jetzt ist es nicht mehr wahr,
daß in den Vereinigten Staaten die fruchtbarsten Böden noch urbar
zu machen sind. Es ist im Gegenteil unbestreitbar, daß nur noch
die armen und nicht bewässerbaren Felder übrig geblieben sind,
die nur in Trockenkultur (dry farming) bewirtschaftet werden
können; und daß sogar im „wilden Westen“ — far west — die
Theorie Bicaedo’s schon besser als die Caeey’s mit den wirklichen
Tatsachen übereinstimmt. Überall tritt dort die Bodenrente auf, und
einige der heutigen amerikanischen Milliardäre verdanken gerade ihr
ihr Vermögen1).

Es ist wenig wahrscheinlich, daß Bastiat diese Theorie Caeey’s
gekannt hat, denn sie wurde hauptsächlich in dessen Buche The
past, the present and the future (Vergangenheit, Gegenwart
und Zukunft) ausgeführt, das kurze Zeit vor dem Tode Bastiat’s
erschien, wie auch in seinen Principles of social Science, die
10 Jahre später herauskamen. Auf jeden Fall sind wir beiden für
den schönen Gedanken verpflichtet, daß in dem Maße, wie sich die
Macht des Menschen über die Natur vermehrt, die Anstrengung, das
Hindernis und mit ihnen der Wert, der aus der Erwerbsschwierigkeit
sich ergibt, geringer werden; und daß infolgedessen, zusammenfassend,
der wirkliche Reichtum aller steigt, und daß die Ärmsten es sind,
die am meisten dabei gewinnen2).

*) Sogar in Algier z. B., wenn dort die Theorie Caeby’s sieh auch am Anfang
als richtig erwies — denn die fruchtbare Ebene der Mitidja hat zwei Generationen
von Kolonisten verschlungen, bevor sie in Bewirtschaftung genommen werden konnte, —
ist es heute sicher, daß nur noch Felder der letzten Kategorie verfügbar sind.

2) „Der Reichtum besteht in der Macht, den stets kostenlosen Diensten der
Natur zu befehlen“ (Caeey, Principles of Social Science; Bd. I, Kap. XIII)-

„Im Maßstabe wie die Macht des Menschen über die Materie wächst, zeigt die
Macht des Menschen über seinesgleichen das Bestreben, geringer zu werden, und man
nähert sich der Aufrichtung der Gleichheit“ (Caeey, ebenda, Bd. III, S. 122 der
        <pb n="410" />
        ﻿Kapitel I. Die Optimisten.

385

§3. Das Gesetz der Verteilung zwischen Kapital

und Arbeit.

Nicht nur das Gesetz der Eente erschien den Optimisten wie
■ein störender Mißton: auch das andere Gesetz, nach dem „der Profit
notwendigerweise im umgekehrten Verhältnis zu den Löhnen
•schwankt“, stimmte nicht zu ihrer Auffassung. Es mußte ebenfalls
.zurückgewiesen werden und Bastiat stellte ihm in der Tat ein
anderes Gesetz der Harmonie entgegen, nach dem die Interessen des
Kapitals und der Arbeit solidarisch wären, indem der Anteil des
■einen und des anderen sich gleichzeitig erhöhe, der der Arbeit sogar
schneller als der des Kapitals1). Die folgende Zusammenstellung
Bastiat’s soll dies nachweisen:

Gesamtprodukt

1.	Periode	1000

2.	„	2000

3.	„	3000

4.	„	4000

Kapitalanteil
500 (50%)
800 (40 „ )
1050 (35 „ )
1200 (30 „ )

Arbeitsanteil
500 (50%)
1200 (60 „ )
1950 (65 „ )
2800 (70 „ )

Das ist, was Bastiat „das große, bewunderungswürdige, tröst-
liche, notwendige und unabänderliche Gesetz des Kapitals“ nennt.

Der Beweis, auf den er das Gesetz gründet, ist sehr einfach, ja
sogar ein wenig zu einfach. Er stützt sich nur auf das bekannte
Gesetz des Sinkens des Zinsfußes, auf das lange vorher Tusgot und
viele andere Volkswirtschaftler hingewiesen hatten. Wenn das Kapital,
sagt er, anstatt 5% Zinsen zu erheben, nur 3% erhebt, so heißt
das, daß sein Anteil geringer wird; und wenn sein Anteil an dem
Erzeugnis mehr und mehr zurückgeht, so ergibt sich notwendiger-
weise hieraus, daß der für die Arbeit verbleibende Teil immer
größer wird.

Diese relative Verminderung des Anteils hindert übrigens das
Kapital nicht, einen immer größeren absoluten Teil zu erhalten, wenn
das Gesamtprodukt größer wird, was der Fall in jeder fortschreitenden
Gesellschaft ist, aber immerhin wächst sein Anteil, wenn er sich auch
vermehrt, relativ geringer, als der der Arbeit. Wenn z. B. das Ge-
samtprodukt verdreifacht ist, so hat der Anteil des Kapitals sich nur
verdoppelt, während sich der der Arbeit vervierfacht hat.

Iranz. Übers.). — Man vergleiche z. B. die relative Gleichheit in dem Transport der
Reisenden in der Eisenbahn (trotz der verschiedenen Klassen, die aber nicht in allen
Ländern bestehen) mit den Reisen in der früheren Zeit in der Postkutsche.

0 Harmonies, Kap. VII, S. 250. „Hört doch auf, ihr Kapitalisten und
Arbeiter, euch mit mißtrauischen und neidischen Blicken zu betrachten!“ (Ebenda,
S. 252).

Gide und Rist, Gesell, d. Volkswirtschaft!. Lehrmeinungen.

25
        <pb n="411" />
        ﻿386

Drittes Buch. Der Liberalismus.

Leider ist auch diese Beweisführung nur ein reiner Sophismus,
Zunächst könnte man sagen, daß die oben angegebenen Zahlen ein-
fach für die Zwecke der Beweisführung erfanden worden sind. Man
könnte bezweifeln, daß die Tatsache des Sinkens des Zinsfußes, auf
die sie sich gründet, allgemein genug feststehe, um den Charakter
eines bleibenden Gesetzes zu haben: die Wirtschaftsgeschichte zeigt
uns vielmehr periodische Schwankungen des Zinsfußes und erst kürz-
lich ist der Zinsfuß wieder bedeutend gestiegen.

Das angebliche Gesetz wird noch zweifelhafter, wenn man, wie
Bastiat es tut, in das Sinken des Zinsfußes nicht nur den eigent-
lichen Zins einschließt, sondern auch die Profite, die Dividenden,.
Tantiemen und jeden Gewinnanteil des Kapitals.

Aber auch wenn wir das Gesetz des sinkenden Profitsatzes als
feststehend annehmen, beweist das, daß der Anteil des Kapitals ge-
ringer wird?

Auf keinen Fall, in soweit als diejenigen Kapitalien in Betracht
kommen, die schon in Fabriken, Gruben, Eisenbahnen, Staatsrenten
usw. angelegt sind und in festverzinslichen Papieren bestehen. Sie
erhalten nicht einen Pfennig weniger Zinsen, im Gegenteil, das Sinken
des Zinsfußes hat eine Kurssteigerung der Papiere, das heißt also
aller früher angelegten Kapitalien zufolge. Alle Kapitalisten wissen
das und spekulieren sogar auf diese Voraussicht1).

Das Sinken des Zinsfußes kann daher den Anteil des Kapitals
nur insoweit verringern, als neue Kapitalien in Betracht kommen;:
wenn diese Kapitalien aber zufälligerweise eine geringere Produk-
tivität als die alten Kapitalien haben, so kann es sehr gut ein-
treten, daß ein geringerer Zinsfuß einen gleichen oder sogar größeren
Abzug gegenüber der Arbeit bedeutet. Das ist sogar sehr wahr-
scheinlich. Der Beweis liegt darin, daß die Volks Wirtschaftler, die
an ein allmähliches Sinken des Zinsfußes glauben, als Argument ge-
rade die Tatsache anführen, daß die Produktivität der neuen Kapi-
talien gewöhnlich geringer als die der alten ist.

Mit einem Worte, die Frage des Zinsfußes, die einfach eine ge-
wisse Beziehung zwischen dem Werte des Kapitals und
dem Wert des Einkommens ausdrückt, ist ganz und
gar nicht dieselbe, wrie die Frage nach dem Anteil an dem Pro-

*) Wenn der Zinsfuß von 5 auf 3% sinkt, wird die 3°/0 französische Rente,,
die 60 Pr. wert war, mit 100 Pr. notiert werden. Daher entsteht keine Verminderung
des Einkommens, aber Vermehrung des Kapitals. Ein gutes Geschäft! Die Er-
niedrigung des Zinsfußes verringert den Teil der schon angelegten Kapitalien nur
in den besonderen Fällen, in denen der Borger sich dieser Verringerung bedienen
kann, um eine Konvertierung auszuführen.
        <pb n="412" />
        ﻿Kapitel I. Die Optimisten.

887

dnkte, der den Kapitalisten und den Arbeitern
zukommt1).

Nicht nur ist der Beweis, den Bastiat seinem Gesetz der Ver-
teilung zwischen Kapital und Arbeit zu geben geglaubt hat, falsch,
sondern auch die Theorie selbst wird von den Tatsachen widerlegt.
Es scheint sich allerdings aus den Statistiken zu ergeben, daß trotz
des sogenannten Gesetzes des sinkenden Zinsfußes und anderer
neuer und mächtigerer Faktoren als da sind: der Druck der Arbeiter-
organisationen, Streiks, gesetzgeberische Einmischungen usw., — daß
trotz alledem der Anteil des Kapitals am sozialen Gesamteinkommen
sich im Laufe des 19. Jahrhunderts schneller als der Anteil der
Arbeit vergrößert hat2 * * * * *).

§ 4. Die Unterordnung des Produzenten unter den

Verbraucher.

Bastiat legte diesem Prinzip eine sehr große Bedeutung bei;
inwiefern erschien es ihm aber als eine Harmonie?

Weil die‘Unterordnung des Produzenten unter den Verbraucher
nichts anderes ist als die Unterordnung des Privatinteresses unter
das Allgemeininteresse. ^Der Produzent läßt sich nur von seinem
eigenen Interesse leiten und verfolgt weiter nichts als seinen Profit;
aber da alles, was er erfindet, um seinen Profit zu vergrößern,
darauf hinausläuft, die Preise zum Sinken zu bringen, so ist es der
Verbraucher, der schließlich den Gewinn davon hat 8). So zwingen

') Das ist so richtig, daß wir später sehen werden, wie Rodbertüs sich auf

den Gegenpol der These Bastiat’s stellen konnte und nachzuweisen versuchte, indem

er sich auf das eherne Lohngesetz stützte, daß der relative Anteil des Kapitals be-
ständig wächst, und der relative Anteil der Arbeit beständig sinkt. Dieser Beweis

scheint übrigens ebensowenig begründet wie der andere (siehe in der Revue
d’Economie Politique vom März 1905, einen Aufsatz Rist’s, Deux sophis-:
mes economiqnes).

Die These Bastiat’s findet sich auch bei Caeby. Die liberale Schule hat sie

ohne Vorbehalt übernommen, siehe z. B. das Buch Paul Leroy-Beaulieü’s über die
Repartition des Eichesses.

z) Siehe Gide, Cours d’Eoonomie politique (über die Steigerung der Löhne,
S. 622) und Colson, Cours d’Economie politique Bd. III, S. 366). Nach Consosr
hat der Anteil des Einkommens aus erworbenem Reichtum und aus Unternehmungen
sich seit 1820 wahrscheinlich vervierfacht, während sich der der entlohnten Arbeit
nur im Verhältnis von 1 : 37a vermehrt hat.

8) „Der Verbraucher, das Publikum, ist mit Hinsicht auf den Verlust oder Ge-
winn, der zunächst diese oder jene Klasse von Produzenten betrifft, dasselbe, was
die Erde für die Elektrizität ist, der große allgemeine Behälter. Alles geht von
hier aus und nach einigen mehr oder weniger langen Umwegen . . . kehrt alles
hierher zurück . . . Infolgedessen müssen alle großen Fragen von dem Gesichts-

25*
        <pb n="413" />
        ﻿388

Drittes Buch. Der Liberalismus.

die1 wirtschaftlichen Gesetze, das der Konkurrenz, des Wertes usw.,
den Produzenten dennoch dazu, Altruist zu sein, so gerne er auch
Egoist wäre; sie halten ihn zum Wohle aller zum Narren. Er
glaubt, daß seine Arbeit auf den größtmöglichen Profit für ihn selbst
abziele, aber in Wirklichkeit arbeitet er, um möglichst wirtschaftlich
die Bedürfnisse anderer zu befriedigen.)! Hierin liegt die Harmonie.

In allen verwickelten, wirtschaftlichen Fragen muß man daher
als einziges Kriterium das folgende annehmen: welche Lösung ist
die vorteilhafteste für den Verbraucher? — und niemals darf man
fragen, wie man es gewöhnlich tut: was wird für den Produzenten
am vorteilhaftesten sein? Handelt es sich z. B. um den inter-
nationalen Handel, so sucht man heutzutage das Interesse des Pro-
duzenten und errichtet Schutzzölle: man muß aber das Interesse des
Verbrauchers verfolgen, und sofort erscheint der Freihandel geboten.
Oder, wenn es sich um öffentliche oder private Ausgaben handelt,
z. B. um zerbrochene Fensterscheiben1), um verschossenes Pulver, so
hat man das Interesse des Produzenten im Auge und entschuldigt
oder billigt sogar diese Ausgaben: man muß aber den Verbraucher
im Auge halten, und dann wird man ohne Zögern diese Zerstörung
von Gütern verurteilen, da sie unnützen Verbrauch vorstellen.

Bastxat begnügt sich nicht damit, die wirtschaftliche Vorzugs-
stellung des Verbrauchers festzustellen: er will für ihn auch eine
moralische Vorzugsstellung nachweisen. „Wenn die Menschheit sich
vervollkommnet,“ sagt er, „so geschieht das nicht durch Versittlichung
des Produzenten, sondern des Konsumenten“ 2 * *). So behauptet er z. B.,
daß es der Verbraucher und nicht der Produzent ist, der für schäd-
liche Produktionen, wie z. B. die des Alkohols, verantwortlich ist8).
Dieser von Bastxat der Wissenschaft geleistete Beitrag erscheint
uns nun Von der größten Bedeutung. Er ist vielleicht der, der von
seinen Werken den längsten Bestand haben und ihm seinen Platz
unter den großen Volks wii’tschaftlera sichern wird. Er irrte sich
nicht, als er auf seinem Sterbebette seinen Schülern das Wort,
novissima verba, als letzte Lehre hinterließ; ‘Die Nationalökonomie
muß vom Gesichtspunkt des Verbrauchers aus behandelt werden.“
Hierdurch unterscheidet er sich von seinem großen Gegner Peoudhon,
der im Gegenteil stets nur den Produzenten im Auge gehabt hat. y

punkte der Verbraucher studiert werden, wenn man ihre allgemeinen und beständigen
Wirkungen begreifen will“ (Harmonies, Kap. XI, S. 414).

M Siehe das Pamphlet: La Yitre Cassee, eine der bekanntesten kleinen
Schriften Bastiat’s.

2) Harmonies, Kap. VI, S. 419

s) Von seinem Freunde Paillotbt in dem Vorwort zu den (Euvres com-

plttes angeführt.
        <pb n="414" />
        ﻿Kapitel I. Die Optimisten.

389

Was man Bastiat aber verwerfen kann, ist sein • allzu fester
Glaube an die natürliche Harmonie, auf Grund dessen er überzeugt
war, daß die Herrschaft des Verbrauchers von selbst eintreten würde,
wenn man nur den wirtschaftlichen Gesetzen freies Spiel ließe* In
Wirklichkeit ist diese Herrschaft nicht gekommen, und der wirtschaft-
liche Mechanismus hat sich mehr und mehr zum Vorteil des Produ-
zenten ausgebildet. Daher ist es nötig geworden, daß die Verbraucher
sich organisieren, um ihre Interessen und mit diesen Interessen auch
das höhere Interesse der Allgemeinheit zu verteidigen, das mit dem
ihren eins ist. Auf diese Weise sind die Konsumgenossenschaften
und die ganz modernen Konsumentenverbände entstanden. Aber
auch die Versittlichung des Verbrauchers hat sich nicht von selbst
gemacht. Es bedurfte der sozialen Einkaufsvereine, der Mäßigkeits-
vereine usw., um ihn seine Verantwortlichkeit und seine Pflichten
zn lehren.

Eigentümlicherweise stehen die Volkswirtschaftler der indi-
vidualistischen, liberalen Schule diesen Vereinigungen wenig wohl-
wollend gegenüberx).

§ 5. Das Gesetz der Solidarität.

Dieses Gesetz, das heute jeder im Munde führt, hat Bastiat,
und das darf nicht vergessen werden (wie es fast alle Schriftsteller,
die über diesen Gegenstand schrieben, taten) als der erste auf einen
Ehrenplatz in der Nationalökonomie gestellt* 2): eins der leider un-
vollendeten Kapitel der „Harmonies“ trägt die Überschrift „Soli-
darit e “, und Bastiat erklärt sogar: „Die ganze Gesellschaft ist weiter
nichts als eine Gesamtheit von sich kreuzenden Solidaritäten“ 3).

Täuschen wir uns aber nicht;' die Solidarität bedeutete ihm
etwas ganz anderes, als was wir heute darunter verstehen. Auch
zieht er aus ihr durchaus nicht die gleichen Schlüsse.

'Was uns heute die Solidaristen lehren, und das, worauf sie eine
neue Moral gründen wollen, ist, daß jedes Individuum Anderen alles

J) Z. B. Yves Guyot in dem Journal des Economistes von 1904 und
passim. Siehe auch oben S. 367.

2)	Jedoch hatte er das Wort nicht erfunden; wir wiederholen, daß es der
Sozialist Pibrbe Lbroux war, der hierfür das Prioritätsrecht beanspruchen kann;
siehe oben 8. 296.

3)	Harmonies, Kap. XXI, S. 624.

„Es gibt niemanden auf der Erde, dessen Lage nicht von Milliarden Tat-
sachen bestimmt würde, auf die seine Entschlösse keinen Einfluß haben“ (ebenda,
S. 623).

„Alle profitieren von dem Fortschritte eines Jeden, ein Jeder profitiert von
dem Fortschritt Aller“ (Harmonies, Kap. XI, S. 411).
        <pb n="415" />
        ﻿390

Drittes Buch. Der Liberalismus.

das verdankt, was es gutes und schlechtes besitzt, seinen Reichtum
und seine Armut, seine Tugend und seine Laster, und daß es daher
die Pflicht hat, den Anderen, den Enterbten, das Gute zurückzageben,
das es empfangen hat, — und ebenso das Recht, von den Privi-
legierten eine Entschädigung für die Übel zu verlangen, denen es
unterworfen ist; — hiervon leitet man die gesetzliche Verpflichtung
der Unterstützung, der Versicherung, des Arbeiter Schutzes, des Unter-
richtes und der Steuern ab. Diese Lehre ist daher eine Verneinung
oder zum wenigstens eine Abschwächung des strikten Prinzips der
individuellen Verantwortlichkeit.V

So aber versteht es Bastiat durchaus nicht. Er will der indi-
viduellen Verantwortlichkeit in keiner Weise zu nahe treten, denn
sie ist die unentbehrliche Ergänzung der Freiheit. Von diesem Ge-
sichtspunkte aus erscheint ihm die Solidarität, durch die gegenseitige
Abhängigkeit, die sie schafft, eher als beunruhigend. Er fragt sich
sogar, ob man „die Solidarität nicht beschränken muß, um die gerechte
Vergeltung der Handlungen zu beschleunigen und sicher zu stellen“?
Was ihn aber mit ihr aussöhnt, ist, daß er bei näherem Zusehen in
ihr ein Mittel sieht, die individuelle Verantwortung auszudehnen und
zu verschärfen. WTie kommt er nun zu diesem Gedanken? — Weil
die Folgen jeder guten oder schlechten Handlung eine Rückwirkung
auf Alle haben, und weil daher Alle daran interessiert sind, jede
gute Handlung zu begünstigen und jede schlechte Handlung zu
unterdrücken; und so fällt die Tat auf ihre Urheber mit einer tausend-,
ja millionenfach vermehrten Kraft zurück1). Hierin ist sie harmonisch.
So hat denn die Solidarität Bastiat’s nicht den Zweck, die Brüderlich-
keit zu entwickeln, sondern die Gerechtigkeit zu stärken, nicht den,
die Gesellschaft aufzufordern, zwischen ihren Kindern keine Unter-
schiede aufzurichten, sondern ihr nahe zu legen, die Peitsche mit
kräftigerer Hand zu schwingen, oder das Zuckerbrot freigebiger aus-
zuteilen. Hierin liegt der Grund, weshalb Bastiat, trotz des Ge-
setzes der Solidarität, oder gerade wegen dieses Gesetzes, energisch
die staatliche Versorgung ablehnt, —■ sogar die der verlassenen
Kinder! — die gesetzliche Versicherung, Arbeiterpensionen, Gewinn-
beteiligung, den „sog. unentgeltlichen“ Unterricht, und alles das, was
wir heute als Forderungen sozialer Solidarität ansprechen 2).

*) „Das Gesetz der Solidarität ist eine Art kollektiver Verantwortlichkeit . . ■,
die Solidarität ist daher wie die Verantwortlichkeit eine fortschrittliche Macht . . •
ein bewunderungswürdig abgewogenes System, um das Übel zu beschränken und
das Gute auszubreiten“ (Harmonies, Kap. XXI, S. 622 und 626).

2) „Es ist nötig, daß die Arbeitenden wohl verstehen, daß . . . der Kollektiv-
fonds (für die Pensionskassen) freiwillig von denen gebildet werden muß, die
Aussicht haben, daran teilznnehmen, daß es ganz außerordentlich ungerecht und
        <pb n="416" />
        ﻿391

Kapitel I. Die Optimisten.

Allerdings ist das eine erschreckend individualistische Auf-
lassung der Solidarität! Auch hier ist es interessant, diese Ideen
mit denen Cabey’s zu vergleichen. Zwar scheint Carey die Soli-
darität nicht zu kennen, da er ihren Namen nicht erwähnt. Aber
wenn er den Namen nicht kennt, so hat er sie doch sehr gut in dem,
was er „die Kraft der Assoziation“ nennt, beschrieben, und er ist
sogar wahrscheinlich der erste gewesen, der diesen Doppelcharakter
der Solidarität, der uns heute so vertraut ist, klar herausgearbeitet hat;

1.	daß die Solidarität desto vollkommener ist, je zahlreicher und
ausgesprochener die Unterschiede zwischen den Individuen sind;

2.	daß sie, weit entfernt, die Individualität eines jeden zu ver-
ringern, sie im Gegenteil kräftigt und fördert1).

Man hat vielleicht bemerkt, daß in dieser optimistischen Wider-
legung der großen klassischen Gesetze nicht von den Gesetzen
MaijThus’ über die Bevölkerung die Rede war, die doch einen schreck-
lichen Mißklang darzustellen scheinen, da sie uns einen natürlichen
Instinkt als Ursache „des Elendes und des Lasters“ zeigen. — Wir
sind nicht darauf eingegangen, weil in dieser Beziehung der Versuch
der Widerlegung, den Bastiat gemacht hat, nur zögernd und wenig-
originell ausgefallen ist: erbeschränkt sich ungefähr darauf, zu ant-
worten, daß die Präventivhemmungen, wie das Schamgefühl und die
Zurückhaltung im geschlechtlichen Verkehr, das religiöse Gefühl und
.sogar das Gefühl der Gleichheit, auf Grund dessen die Anzahl der
Kinder begrenzt wird, ebenso wohl natürliche Gefühle sind, und
daß infolgedessen die Natur zugleich mit dem Übel die Heilmittel
gegeben hat.

Ein schwererwiegendes Argument — das aber Carey entlehnt zu
.sein scheint, — ist, daß die wachsende Dichte der Bevölkerung eine

antisozial ist, die Klassen, die für die Verteilung nicht in Betracht kommen, durch
Steuern, also durch Gewalt, dazu zu zwingen, Beiträge zu zahlen“ (Harmonies,
Kap. XIV, S. 471).

„Hier haben wir einen Bauern, der sich spät verheiratet hat, um nicht mit
einer Familie belastet zu sein, und den man dazu zwingt, die Kinder anderer zu
ernähren! . . . Jetzt wird er gezwungen, zum Unterhalt von Bastardkindern beizu-
tragen!“ (Harmonies, Kap. XX, S. 617, 618).

Indem er von der Gewinnbeteiligung spricht, sagt er: „Es ist wirklich nicht
der Mühe wert, sich damit zu beschäftigen“ (ebenda, Kap. XIV, S. 457).

1)	„In der ganzen Natur steht der Bang und die Vollkommenheit der Or-
ganismen in direktem Verhältnis zu der Zahl und der Verschiedenheit der Teile“
(Science Social, Bd. III, S. 461).

„Man hat das Leben als einen Austausch gegenseitiger Beziehungen definiert;
dort aber, wo kein Unterschied der Gegenstände besteht, kann kein Austausch statt-
finden“ (ebenda, Bd. I, S. 64, 65).

„Je vollkommener in der Natur die Koordination des Ganzen ist, um so besser
:entwickelt sich ein Jeder der Teile“ (ebenda, Bd. III, S. 462).
        <pb n="417" />
        ﻿392

Drittes Buch. Der Liberalismus.

Produktionsvermehrung gestattet, so daß die Erzeugung der Lebens-
mittel sehr wolü mit dem Wachstum der Bevölkerung Schritt halten
und sie sogar übersteigen kann. Wie für die Rente hat Carey auch
hier zur Begründung seiner Theorie nur um sich schauen brauchen..
Er sah auf dem großen amerikanischen Kontinent und im besonderen
in den ungeheueren Präirien des Mississippi, wo früher eine dünn ge-
säte und arme Bevölkerung herumirrte, nach und nach Industrie^
Zentren entstehen, und aus diesen immer zahlreicheren und engeren
wirtschaftlichen Verbindungen den Reichtum sich entwickeln, ähnlich
der aufsteigenden Flamme brennender, immer näher zusammen ge-
legter Holzscheite.

Wir haben schon auf die Tatsache aufmerksam gemacht, daß in
den Vereinigten Staaten das Wachstum des Reichtums viel schneller
als das der Bevölkerung vor sich gegangen ist (s. o. S. 147). Und das.
Beispiel der gleichzeitigen Entwicklung Deutschlands in den letzten
30 Jahren, sowohl was Bevölkerung als was Reichtum anlangt, ist
noch viel auffälliger.

Aber auch hierin unterliegt die Theorie Caeey’s über die Be-
völkerung der gleichen Kritik, wie die über die Rente, nämlich, daß
sie, wenn sie auch bis zu einer gewissen Dichtigkeitsgrenze
unbestreitbar richtig ist, doch nicht zu dem Glauben berechtigt, daß-
sie es auch darüber hinaus und bis ins Endlose sein wird.

Mit dem Namen Bastiat’s wird sehr oft der Dünoyer’s in Ver-
bindung gebracht, von dem wir schon Gelegenheit hatten, in diesem
Kapitel zu sprechen1). Er war einer der streitbarsten Vorkämpfer
des politisch-wirtschaftlichen Liberalismus, und zwar auf Grund
seines absoluten Glaubens an die freie Konkurrenz und seiner Über-
zeugung, daß sie ausreiche, um die soziale Frage zu lösen2). Nach
seiner Ansicht beruhen die Übel, die man ihr zuschreibt, nur darauf,,
daß die freie Konkurrenz erst unvollkommen verwirklicht ist. Niemand
stand daher dem Staatssozialismus und dem Interventionismus unter
allen seinen Formen, Arbeitergesetzgebung, Schutzzoll, Reglementierung
des Eigentums, sei es auch nur des Forsteigentums, feindlicher gegen-
über als er. Wir haben schon darauf hingewiesen, daß er sogar der
freien Assoziation feindlich gesinnt war, insoweit als sie der Kon-
kurrenz der Individuen hinderlich ist.

In logischer Übereinstimmung mit seiner Überzeugung ist er für

1)	Chaelbs Dunotbe’s Buch La Liberte du travail, von dem wir schon ge-
sprochen haben (s. o. S. 366, 367) erschien zuerst 1825; die letzte Ausgabe ist von 1845.,
Er hat daher vor Bastiat geschrieben. Er leistete unter der Restauration aktiven.
Widerstand, wurde später Präfekt und dann unter Loüis-Phillippb Staatsrat.

2)	Es ist das übrigens dieselbe These, die späterhin Molinaei aufgestellt hat.
        <pb n="418" />
        ﻿Kapitel I. Die Optimisten.

393

die absolute Testierungsfreiheit, ohne sie durch irgendwelche Vor-
behalte zugunsten der Erben zu beschränken, aber er lehnt das
Recht ab, Nacherben festzusetzen, denn diese dem Erblasser ge-
währte Freiheit wird notwendigerweise zu einer Beschränkung der
Freiheit seiner Erben1).

Was den Freihandel anbelangt, so bringt er einige neue Argu-
mente, unter anderen besonders folgendes: wenn in dem freien Handels-
verkehr mit arbeitsamen und reichen Ländern eine Gefahr läge, so
würden die armen Provinzen eines Reiches ebenfalls der gleichen
Gefahr ausgesetzt sein, wenn andere Provinzen sich schnell zu einer
hohen Stufe von Regsamkeit und Wohlstände aufschwingen — wie
gleicher Weise Provinzen, die durch einen Krieg annektiert werden.
„Und doch“, fügt er hinzu, „werden diese Vereinigungen sofort ge-
fahrlos, wenn sie sich durch Eroberung vollziehen!“ Das Argument
ist aber mehr geistreich als beweiskräftig, denn es ist durchaus nicht
unmöglich, daß die Handelsfreiheit innerhalb eines Landes den Er-
folg hat, die Bevölkerung, die Arbeit und das Kapital aus den armen
Gegenden nach den reichen zu ziehen, z. B. aus der Creuse oder aus
Korsika nach Paris. Gerade das aber tritt ein. Freilich liegt hierin
nur ein halbes Übel, denn Frankreich gewinnt auf der einen Seite
das, was es auf der anderen verliert; wenn aber die Creuse oder
Korsika unabhängige Länder wären und ihre Unabhängigkeit be-
wahren wollten, so würde man sehr wohl verstehen, daß sie Maß-
nahmen ergriffen, um diesen Abfluß zu verhindern. Nun ist aller-
dings nicht recht ersichtlich, wie Schutzzölle ihnen hierin helfen
könnten: wenn Dunoyeh gerade hierauf hingewiesen hätte, hätte er
seiner These besser gedient.

Man kann nicht von Dunoyee sprechen, ohne ein Wort über seine
Produktionstheorie Yu sagen. ‘Für ihn ist die Arbeit alles, die Natur,
die Materie nichts: er gesellt sich daher von Anfang an zu den Antipoden
der Physiokraten2). *ünd es scheint, daß er den Sozialisten die Hand

’) Im Fall einer Erbfolge ab intestato ist er für gleiche Teilung. Die
Gründe, die er geltend macht, sind interessant — besonders seine Erwiderung auf
das Argument der Anhänger des Rechts des Ältesten, die behaupten, daß die ent-
erbten jüngeren Kinder dadurch fleißiger werden, und man nur einen Dummkopf
für jede Familie schaffe. Nach dieser Rechnung, antwortet er, würde es besser
sein, auch dem Ältesten jedes Erbfolgerecht zu verweigern, „denn es erscheint nicht
gerecht, ihn einer Ermutigung zu berauben, die man bei seinen jüngeren Brüdern
für so vorteilhaft hält!“

Nur dachte Dünoybr nicht daran, als er diese ironische Antwort gab, daß ihn
die Sozialisten einmal beim Wort nehmen könnten!

2) „Die Arbeit ist die einzige Quelle der produktiven Macht . . . Kapitalien
sind vom Menschen geschaffen; die Erde ihrerseits ist auch weiter nichts als ein
Kapital“ (B. VI).
        <pb n="419" />
        ﻿394

Drittes Buch. Der Liberalismus.

reicht, die schon vor Maex lehrten, daß die Arbeit die einzige Quelle
alles Eeichtums sei, und daß infolgedessen aller Reichtum den
Arbeitern gehören müsse; aber diese Idee kommt ihm nicht. Er
beschäftigt sich nur mit der Produktion und gar nicht mit der Ver-
teilung. y

Was aber die Produktion anlangt, so zieht er aus seinem Prinzip
interessante Schlußfolgerungen.

Zunächst ist es ihm gleichgültig, ob die Arbeit sich mit materi-
ellen Gegenständen beschäftigt oder nicht; das ändert weder ihren
Charakter, noch ihre Produktivität, denn in dem einen wie im
anderen Falle produziert sie stets nur einen immateriellen Gegen-
stand, der sich die Nützlichkeit nennt. Das, was der Bäcker
hervorbringt, ist nicht eigentlich das Brot, sondern die Befriedigung
eines Bedürfnisses: dasselbe, weder mehr noch weniger, tut die
Sängerin. Dies stellt sofort die sogenannten freien Berufe auf eine
Stufe mit der reinen Handarbeit, und auch hier steht Dünoyee auf
dem Gegenpol der Physiokraten').

Im Gegensatz zu dem, was man glauben könnte, wird aber der
Handel von dieser großzügigen Auffassung der Produktion nichts
gewinnen. Während Dünoyee der Sängerin Produktivität zuerkennt,
spricht er sie dem Kaufmann ab! und kommt durch diese eigen-
tümliche Wandlung seines Gedankenganges zu der Auffassung der
Physiokraten zurück. Warum das? Weil'dort, wo keine Arbeit be-
steht, auch keine Produktion vorhanden sein kann. Kaufen oder
verkaufen ist keine Arbeit-): daher ist auch der Tausch nicht pro-
duktiv. &lt;— Aber der Tausch schafft ja doch Nützlichkeiten! Was

') Jv-B. Say hatte schon neben materiellen Keiohtümern, immaterielle zu-
gegeben — in der Form von geleisteten Diensten — und die Annahme, daß in
diesem Sinne Professoren, Ärzte oder Schriftsteller produktiv genannt werden können,
als richtig anerkannt.

Ddnoyek jedoch, obgleich er diese Schlußfolgerung gelten läßt, kritisiert die
Art und Weise, wie sie dargelegt wird. Er gibt keinen Unterschied zwischen
immateriellen und materiellen Keiohtümern zu: auf beiden Seiten bestehen nur
Nützlichkeiten. „Wahr ist, daß die Erziehung, der Geschmack nsw. immaterielle
Erzeugnisse sind; schaffen wir aber jemals andere?“ — Nur hat Dünoybr den
Fehler begangen, seinen Gedanken einen besonderen und etwas grotesken Ausdruck
zu geben, indem er sagt: „Ein guter Lehrer ist ein Produzent aufgeklärter Menschen“,
und ein Arzt „ein Produzent gesunder Menschen“. Man kann sich wirklich nicht
erklären, welche Inkonsequenz Dünoyer, der soeben die Ergebnisse der Handarbeit
immaterialisierte, dazu bringt, jetzt plötzlich die Ergebnisse der intellektuellen
Arbeit grob zu raateralisieren.

2) „Arbeit und Tausch sind zwei Keihen allgemeiner Tatsachen, die durch
ihre Natur durchaus voneinander verschieden sind . . . Arbeiten heißt produzieren:
Handel treiben, austauschen enthält auch nicht die geringste Idee einer Produk-
tivität“ (S. 599).
        <pb n="420" />
        ﻿Kapitel II. Höhepunkt und Niedergang der klassischen Schule. Stuart Mill. 395

will Dükoyee denn mehr, da er doch zugibt, daß keinerlei Arbeit
irgendetwas anderes zu tun imstande ist? — Ohne Zweifel sah
Dünoyee in dem Handel nur die rein juristische Handlung des „do
ut des“, und es widerstrebte ihm, zuzugeben, daß eine einfache
Übereinstimmung von Willensbestrebungen ohne Arbeit, ohne phy-
sische Anstrengung Werte schaffen könne, ebenso wie die Physio-
kraten nicht einsehen konnten, daß es möglich sei, Eeichtümer ohne
Boden zu schaffen.

Kapitel II.

Höhepunkt und Niedergang der klassischen Schule.

Stuart Mill.

Während die französischen Nationalökonomen, erschreckt von
den Folgerungen, die sich aus den Theorien Eicaedo’s und Malthus’
ergeben konnten, sich bemühten, die ehernen Gesetze in goldene zu
verwandeln, schritten die englischen Nationalökonomen unerschütterlich
auf dem von den großen Epigonen geöffneten Wege weiter, ohne
sich darum zu kümmern, ob sie durch ihre Arbeit den Sozialisten
Waffen lieferten.

Die 30 Jahre, welche die Veröffentlichung der „Principles
of Political Economy“ Eicaedo’s (1817) von dem den gleichen
Titel tragenden Buche Stuaet Mill’s (1848) trennen, werden nur
von Volkswirtschaft!ern zweiten Eanges ausgefüllt, die sich weniger
darum bemühen, neue Prinzipien zu entdecken, als die schon auf-
gestellten zu befestigen und zu erweitern. Damit soll nicht gesagt
sein, daß es zu dieser Zeit in England keine anderen befähigten
Nationalökonoraen gegeben habe, die gewisse — oft sehr bedeutsame
Punkte — der herrschenden Lehre kritisierten *). Man achtete aber
in England ebensowenig auf ihre Ideen, wie man damals Couenot in
Frankreich oder etwas später Gossen in Deutschland las..

Es ist dies die Zeit, in der Fräulein Maexineau und Frau
Maecet die Nationalökonomie darstellten, und zwar die eine in
Form von Erzählungen, die andere in Form von Zwiegesprächen

*) Sbligman hat im Economic Journal von 1903 (S. 335 und 511) diesen
Schriftstellern zwei sehr interessante Aufsätze unter dem Titel: On some neglected
British Eeonomists gewidmet. — Man war über die Menge dieser vergessenen
britischen Volkswirtschaftler und die Originalität ihrer Theorien erstaunt, von denen
viele von den heutigen Yolkswirtschaftlern bloß wieder entdeckt worden sind.
        <pb n="421" />
        ﻿396

Drittes Buch. Der Liberalismus.

mit „der jungen Karoline“1), und in der Mac Wickae „den
ersten Unterricht in der Nationalökonomie zum Gebrauch in
den Volksschulen“ verfaßte! Er glaubte die Wissenschaft schon
so vollständig ausgebaut, daß er schrieb: „Die Grundprinzipien der
Volkswirtschaft sind Truismen, die die Kinder sehr gut verstehen
können, und die ihnen beigebracht werden müssen. Im letzten Jahr-
hundert waren sie dem Studium der Gelehrten Vorbehalten; heute
sind sie in die Kinderstube eingedrungen, und die einzige
Schwierigkeit, die mau hat, sie später zu lernen, ist einfach das
Mißtrauen, das ihre zu große Einfachheit erregt“ 2).

Wir können die Volkswirtschaftler dieser Periode nicht alle
einzeln studieren3). Es gibt unter ihnen jedoch einen, dem man
nicht den ihm gebührenden Platz in der Geschichte der Doktrinen
gegeben hat, und der doch sowohl die Vorzüge, wie die Fehler der
klassischen Schule am ausgeprägtesten in sich vereinigt: nämlich
Nassau Senioe1 * * *). Er löste die Nationalökonomie von jedem Kom-
promiß mit den sozialistischen Systemen oder Reformen los und
stellte sie außerhalb jeder moralischen oder gefühlsmäßigen Ordnung.
Indem er sie auf eine kleine Zahl unveränderlicher Grundprinzipien,
aus denen man alles andere ableiten kann, zurückführte (vier schienen
diesem neuen Euklid zu genügen 8)) hatte er den Ehrgeiz, aus der
Nationalökonomie eine exakte Wissenschaft zu machen. Er war
daher einer der Begründer dessen, was wir heute unter „reiner
Ökonomik“ verstehen.

*) Die Conversations von Mrs. Marcet stammen aus dem Jahre 1816 und
die Illnstrations von Miss Mahtineau von 1832. Besonders die letzteren hatten
einen riesigen Erfolg.

2)	Von Seager angeführt; Economics (Konferenz an der Columbia Uni-
versität, 1908).

3)	Wir haben schon die unmittelbaren Schüler Eicahdo’s, Mac Cdlloch und
James Mill angeführt. Wir zitieren noch die Namen von Robert Tobrens und Gibbon
Wakbfield: der letztere machte eine bemerkenswerte Anwendung der Theorien
Ricardo’s auf die Kolonisation in einem System, das lange Zeit hindurch unter seinem
Namen berühmt blieb.

) Nassau Senior hatte während eines Teiles seines Lebens die Professur für
Nationalökonomie in Oxford inne, die 1825 als die erste in England unter diesem
Namen geschaffen worden war. Vorlesungen über verschiedene Gegenstände wurden
von 1827—1852 getrennt veröffentlicht, und eine Auswahl dieser Vorlesungen erschien
1835 in französischer Übersetzung unter dem Titel; Principes fondamentaux
de l’Economie politique. Vollständig findet sieh seine Lehre jedoch in An
Outline of Political Economy, zuerst 1836 in der Encyelopedia Britannica

veröffentlicht, und später als kleines Buch herausgegeben, das als der erste volks-
wirtschaftliche Leitfaden angesehen worden kann.

°) Diese vier Grundsätze sind: 1. Das hedonistische Prinzip; 2. das der Bevölke-

rungsvermehrung; 3. das der steigenden Produktivität der Industrie; 4. das des

sinkenden Bodenertrags in der Landwirtschaft. Siehe weiter unten.
        <pb n="422" />
        ﻿Kapitel II. Höhepunkt und Niedergang der klassischen Schule. Stuart MUL 397

Nassau Senior führte in die Nationalökonomie ein Element ein,
von dem bis dahin noch nicht die Rede gewesen war, die „Ab-
stinenz“ — das Sparen, wenn man so will, aber das Wort Senioe’s
ist energischer und genauer. Weshalb brachte er dieses neue Wort
auf? Die Abstinenz kann keinen Reichtum schaffen? Allerdings
nicht, sagt Sexiok, aber sie schafft wenigstens einen Anspruch auf
Entlohnung, denn sie schließt ein Opfer ein, eine Mühewaltung, ge-
rade wie die Arbeit. Bis dahin war das Einkommen aus Kapital
von den drei großen Einkommenskategorien das am wenigsten ge-
rechtfertigte, denn Ricaedo hatte es nur indirekt erklärt, indem er es
als eine Art Rest darstellte, der übrig bleibt, wenn man den Lohn
abzieht (s. o. S. 181). Man hielt es für selbstverständlich, daß das
Kapital, genau wie die beiden anderen Produktionsfaktoren, ein Recht
auf Entlohnung habe. Weshalb das? Mit welchem Rechte kann es
eine besondere Entlohnung verlangen, da es doch kein selbstän-
diger Faktor, sondern nur ein simples Produkt des Bodens und der
Arbeit ist? Senior nun gibt ihm seine Berechtigung zurück:
er findet sie nicht in der Arbeit, sondern in der Abstinenz.

Wenn aber Senior mit der eineiTHänd den Kapitalzins auf eine
festere Grundlage stellt, so zerstört er mit der anderen die Be-
rechtigung der meisten kapitalistischen Einkommen. Fahren wir in
der Untersuchung fort! Die'Produktionskosten bestehen also aus
zwei Bestandteilen, der" Arbeit'und der 'Abstinenz,'und der Wert
der Produkte wird überall dort, wo die Konkurrenz freies Spiel hat,
auf dieses Niveau gebracht. Wenn aber die Konkurrenz nicht völlig
frei ist oder mit anderen Worten: wenn es mehr oder weniger Monopole
gibt, so besteht zwischen dem Wert und den Produktionskosten ein Unter-
schied, der für den, der davon profitiert, ein Einkommen darstellt,
das an sich von der Arbeit und der Abstinenz unabhängig ist, un-
abhängig ebenfalls von jedem persönlichen Opfer oder jeder persön-
lichen Anstrengung. Dieses Einkommen nennt nun Senior die
Rente. Man sieht, wie sehr er die Theorie Ricardo’s erweitert.
Die Rente ist nicht nur einfach das Ergebnis der Besitzergreifung
eines fruchtbareren oder besser gelegenen Bodens; sie kann auf der
Aneignung irgendeiner Naturkraft oder aut natürlichen persönlichen
Eigenschaften, wie die Stimme einer Sängerin oder die Geschicklich-
keit eines Chirurgenx), — oder auch auf sozialen Ursachen oder, wie
wir heute sagen würden, auf glücklichen Zufällen beruhen. Es
wurde Senior auch nicht schwer, nachzuweisen, daß die Fälle, die
Anlaß zu einer Rente geben durchaus nicht außergewöhnlich sind,

r) „In dem Produkt eines jeden Landes gibt es einen beträchtlichen Teil, der
kein Opfer irgendwelcher Art entlohnt: er wird von denen bezogen, die nie Hand
ans Werk gelegt haben, sondern nur die Hand ausznstrecken brauchen, um ihn ein-
        <pb n="423" />
        ﻿I

I







sondern im Gegenteil den normalen Zustand darstellen. Diese Ein-
kommenskategorie, die gerade jeder individuellen Grundlage ent-
behrt, das nicht verdiente und doch erhobene Einkommen, nimmt
einen ungeheuren Platz in der Güterverteilung ein. Senior geht
aber noch viel weiter, denn er nimmt an, daß das Einkommen jedes
Kapitals, sobald dies Kapital infolge Todesfalles aus den Händen
dessen, der es geschaffen hat, auf jemand anderen übergeht, zu einer
Eente wird. Der Erbe kann tatsächlich sich nicht mehr auf Ab-
stinenz berufen, da diese Tugend nicht durch Erbfolge übertragen
werden kann, und er hat keinen anderen Eechtstitel vorzuweisen als
das Glück einer Erbschaft1).

Was kann sich der revolutionärste Sozialist besseres als Waffe
wünschen, um die bestehende wirtschaftliche Ordnung zu vernichten?
Wie weit sind wir jetzt von der natürlichen Ordnung entfernt I
Senior kehrt sich aber keinen Augenblick hieran, und die groß-
artige Gleichmütigkeit, mit der alle diese Volkswirtschaftler der
Schule Ricardo’s das, was sie für wahr halten, aussprechen, ohne sich
um die Schlüsse zu bekümmern, die man daraus zum Weiterbauen
oder zum Niederreißen ziehen kann, macht wirklich einen prächtigen
wissenschaftlichen Eindruck.

Senior ist es auch gewesen, der dem Wert eine neue Grund-
lage gegeben hat, die Seltenheit oder vielmehr — denn wohl-
verstanden muß es sich immer um etwas handeln, das geeignet ist,
irgendein Bedürfnis zu befriedigen — die seltene Nützlichkeit: je-
doch ist es gerade das Wort Seltenheit, dessen sich später Walras
bedient.

zustreichen“ (Political Economy, S. 89). Als Beispiel führt er das Einkommen
eines berühmten Arztes an, das 100000 Er. beträgt. Er zerlegt es wie folgt:
Honorar oder Arbeitsentlohnung	1000	Pr.

Profit oder Entlohnung der Enthaltsamkeit	24000 „

Eente	75000 „

Siehe Senioe’s Theory of Monopoly von Richard Ely (American Eco-
nomic Association, 1899).

') Diese Angleichung des Erbes an die Kente macht Senior übrigens wenig
Ehre. Sie beruht auf einer Verwechslung von ganz verschiedenartigen Tatsachen:
.— die Eente ist eine rein wirtschaftliche Tatsache, beruht auf natürlichen Ursachen
und auf den notwendigen Tauschbedingungen, unabhängig von jeder sozialen Organi-
sation und sogar von dem individuellen Eigentum; — das Erbe ist eine rein recht-
liche Tatsache und ergibt sich aus dem Zivilrecht. Das Erbrecht kann abgeschafft
werden, ohne daß dies irgendetwas an der Bildung und dem Wachstum der Boden-
rente oder der anderen Renten ändert; und umgekehrt unter einer hypothetischen
Herrschaft der vollkommen freien Konkurrenz, unter der die Eente abgeschafft wäre,
könnte das Erbrecht doch mit allen seinen Privilegien weiterbestehen.

Augenscheinlich versteht Senior unter Eente alles Einkommen, das nicht aus
der persönlichen Arbeit des Besitzers stammt, doch ist das eine vollständige
Verdrehung der ursprünglichen Bedeutung.
        <pb n="424" />
        ﻿Kapitel II. Höhepunkt und Niedergang der klassischen Schule. Stuart Mill. 399

Nicht nur in England, sondern überall wurden die Lehren, die
man schon damals klassisch nennen konnte, während der ersten
Hälfte des XIX. Jahrhunderts gelehrt. In Deutschland war es
J. H. von Thünen, von dem wir schon gesprochen haben, und sein
Zeitgenosse Kau LT Unbeschadet des wachsenden Einflusses der opti-
mistischen und politisch-liberalen Schule, die wir im vorhergehenden
Kapitel studiert haben, wird doch auch in Frankreich die klassische,
englische Nationalökonomie von einer großen Anzahl Yolkswirt-
schaftlern vorgetragen, unter denen man hauptsächlich Rosst her-
vorheben muß, dessen Cours d’economie politique, 1840 ver-
öffentlicht, einen lang andauernden Erfolg hatte. Allerdings beruhte
dieser Erfolg nicht so sehr auf irgendeinem besonders selbständigen
Beitrag zur Wissenschaft, sondern mehr auf der etwas wohl-
rednerischen Glätte seines Stiles2).

Beeilen wir uns aber zu dem Yolkswirtschaftler zu kommen, der
die Hauptfigur dieses Kapitels bilden soll, zu John Stuaet Mill a)r
In ihm sollte die 'klassische Nationalökonomie in gewisser Weise
ihren Höhepunkt Erreichen, und mit ihm beginnt auch ihr Verfall.
Er verkörpert um die Mitte des XIX. Jahrhunderts den Höhepunkt
ihrer Kurve. Was aber seine Persönlichkeit so anziehend und bei-

*) Das Lehrbuch der politischen Ökonomie von Rad erschien in den Jahren
1826—1837, und der Isolierte Staat von v. Thünen, 1826.

2)	Pellegkino Eossi, italienischer Abstammung, aber 1833 als Franzose natura-
lisiert, war zuerst Professor am College de France, wo er der Nachfolger J.-B. Say’s
wurde und späterhin an der Eechtsfakultät (wo er nicht mehr Volkswirtschaft las,
sondern konstitutionelles Recht, und wo ein jährlicher Preis sein Gedächtnis lebendig
hält). Er trat später in den diplomatischen Dienst über und wurde als Minister des
Papstes Pius IX. 1848 in Rom ermordet.

3)	John Stüaet Mill wurde im Jahre 1806 geboren, als Sohn des Volkswirt-
schaftlers James Mill, von dem wir schon gesprochen haben. Er erhielt von seinem
Vater eine wirklich übermenschliche Erziehung, die jedem anderen als ihn schwach-
sinnig gemacht haben würde. Mit 10 Jahren hatte ei» die gesamte Geschichte und
die lateinische und griechische Literatur durchgenommen. Mit 13 Jahren kannte er
die Geisteswissenschaften und die Philosophie und hatte eine Geschichte Roms ge-
schrieben. Mit 14 Jahren wußte er alles das, was man zu jener Zeit in der
Nationalökonomie kannte. 1829, 23 Jahre alt, veröffentlichte er seine ersten
Essais über Volkswirtschaft, 1843 ein großes philosophisches Werk: System of
Logic, das den Grundstein zu seinem Ruhme legte, und 1848 seine bewunderungs-
würdigen Principles of political Economy. Im Berufsleben bekleidete er
eine hohe Stellung in der Ostindischen Kompagnie bis zu deren Aufhebung im
Jahre 1853. Von 1865—18B8 war er Mitglied des Unterhauses. Nach dem Tode seiner
Frau, die an mehreren seiner Bücher und besonders an dem über Liberty (1859)
mitgearbeitet hatte, verbrachte er, da er sich nicht von ihrem Grabe trennen wollte,
die letzten Jahre seines Lebens (1859—1873), in Frankreich (in Avignon) (außer den
Jahren, die er dem Unterhause angehörte). Br hat selbst sein Leben in seiner
Auto biography erzählt, und es ist ganz besonders interessant, darin seine Ent-
wicklung zu sozialistischen Ideen zu verfolgen.
        <pb n="425" />
        ﻿400

Drittes Buch. Der Liberalismus.

nahe dramatisch macht, ist, daß er das sehr klare Gefühl hatte,
zwischen zwei volkswirtschaftlichen Schulen wie zwischen zwei
Welten zu hangen, einer, die ihn mit dem starken Einfluß seiner Er-
ziehung, durch die utilitaristische Philosophie, mit der er genährt
worden ist, festhält, und der zweiten, die ihn durch die neuen Horizonte
anzieht, die Saint-Simon und Auguste Comtb ihm eröffnen. In der
ersten Hälfte seines Lehens war er hauptsächlich Individualist; in
der zweiten mehr Sozialist, aber unter Hochhaltung seines Glaubens
an die Freiheit. Daher kommen die häufigen Widersprüche in seinen
Schriften und sogar seine radikalen Wandlungen, wie seine berühmte
Bekehrung inbezug auf das Lohngesetz. In seinem Werke erscheinen
die klassischen Doktrinen wie endgültig festgelegt, in so klaren
Formeln sind sie kristallisiert, und doch beginnen diese schönen
Kristalle bereits unter dem warmen Hauch einer neuen Zeit zu
schmelzen.

Er hat erklärt, wie es später die Theoretiker der reinen Ökonomie
taten, daß „die vergleichenden Wertungen des Ethikers in der
Nationalökonomie nichts zu schaffen haben“, aber er ist es auch, der
an einer anderen Stelle schreibt; „wenn man zwischen dem Kommu-
nismus mit allen seinen Gefahren und dem gegenwärtigen Zustand
der Gesellschaft wählen müßte, in dem der Arbeitsertrag im um-
gekehrten Verhältnis zur Mühe, die er kostet, verteilt wird, wo der
größte Teil denen zufällt, die nichts getan haben, ein etwas ge-
ringerer Teil denen, die etwas mehr tun und in gleicher Weise
immer weiter in einer absteigenden Skala bis zu denen, für die die
zermalmendste Arbeit nicht einmal die Notwendigkeiten des Lebens
sicher stellen kann, — wenn es wirklich keine andere Alternative, als
diesen Zustand oder den Kommunismus gäbe, dann allerdings wögen
alle Schwierigkeiten des Kommunismus federleicht in der Wag-
schale“ 1).

Er ist es, der in Dingen der Moral den Utilitarismus lehrt,
aber er ist es auch, der erklärt, daß „eine Überzeugung stärker ist
als neunundneunzig Interessen“!

Er ist es, der ausruft, daß „die Konkurrenz für die Gegenwart
eine Notwendigkeit ist, und daß niemand den Tag voraussehen kann,
an dem sie auf hören wird, für den Fortschritt unentbehrlich zu sein“,
aber er ist es auch, der behauptet, daß „die Kooperation das edelste
Ideal ist“ und der nachweist, „daß das menschliche Leben vom
Klassenkampf um antagonistische Interessen sich zum brüderlichen
Wettstreit im Streben nach dem Wohle aller erhebt“2).

*) Principles, B. II, Kap. 1, § 3.

2) Ebenda, B. IV, Kap. 7, § 6.
        <pb n="426" />
        ﻿Kapitel II. Höhepunkt und Niedergang der klassischen Schule. Stuart Mül. 401

Man hat von Stuabt Mill gesagt, daß er nur ein befähigter
Popularisator gewesen sei. Dies ist eine durchaus unverdiente Herab-
minderung seines Verdienstes. Allerdings kann man für ihn nicht,
wie für die früheren Volkswirtschaft!er, ein großes Gesetz anführen,
dem er seinen Namen gegeben hat, aber er hat neue Perspektiven
■eröffnet, was vielleicht ein sichererer Kuhm ist, denn jene angeblichen
Gesetze sind fast alle znsammengebrochen: aber die Hoffnungen
bleiben. Die Dauer seines Werkes wird übrigens noch dadurch ver-
bürgt, daß man in keinem anderen Buche, nicht einmal in dem
Adam Smith’s, so viele bewunderungswürdige Stellen findet, die sich
.ganz ausgesprochen für eine Blütenlese der Nationalökonomie eignen,
und so viele unvergeßliche Formeln, die von allen wieder angewendet
werden, die diese Wissenschaft zu lehren haben. Nicht umsonst
haben seine „Prinzipien“ seit einem halben Jahrhundert in den
meisten Universitäten englischer Zunge als Textbücher gedient
und erfüllen diesen Zweck noch heute.

Bevor wir aber die tiefgehenden Veränderungen ins Auge fassen,
die die klassischen Lehren in der Entwicklung seines Denkens
■erfuhren, werden wir sie zunächst in ihren großen Linien dar-
legen, so wie sie um die Mitte des XIX. Jahrhunderts, in der
Periode von 1848—1873, erschienen, von der Veröffentlichung der
Prinzipien Stuabt Mill’s bis zu seinem Tode —: großartig und
scheinbar unerschütterlich. Es ist dies die Periode, die, vom fran-
zösischen Gesichtspunkt aus, unter dem Namen der Periode des
zweiten Kaiserreichs zusammengefaßt wird, die Zeit, in der die
liberale klassische Schule glaubte, ihre beiden alten Gegner, den
Sozialismus und den Protektionismus endgültig besiegt zu haben.
Mit Hinsicht auf den Sozialismus schreibt Reybatjd im Diction-
naire d’Economie Politique im Jahre 1852: „Heute vom
•Sozialismus sprechen, heißt, eine Leichenrede halten.“ Was den
Protektionismus anlangt, so hatte er in England durch die Abschaffung
der Getreidezölle die Schlacht verloren und sollte in Frankreich und
in Europa überhaupt bald den Verträgen von 1860 erliegen. Der
klassischen Nationalökonomie schien daher die Zukunft gesichert:
.sie sah nicht voraus, daß 1867 das „Kapital“ erscheinen würde,
-daß 1872 der Kongreß von Eisenach zusammentreten sollte, und
daß um die gleiche Zeit die Verträge von 1860 gekündigt werden
würden.

Benutzen wir daher diese kurze Spanne ihres Euhmes, um
die Gesetze darzulegen, die sie lehrte, — und zwar so gedrängt,
wie möglich, da dies keine nationalökonomische Abhandlung ist —;
dabei wollen wir uns auf die Doktrinen beschränken, die damals
als endgültig angesehen wurden, und die noch heute von denen die

Gide und Rist, Gesell, d. Volkswirtschaft!. Lehrmeinungen.	26
        <pb n="427" />
        ﻿402

Drittes Buch. Der Liberalismus.

der literalen Schule treu geblieben sind, für endgültig gehalten
werden.

§ 1. Die großen Gesetze.

Die Existenz natürlicher Gesetze war stets die charakteristische
Behauptung der klassischen Schule. Dir zufolge sind sie das Postulat,,
ohne das keine Gesamtheit von Kenntnissen auf den Namen Wissen-
schaft Anspruch erheben kann. Diese Gesetze haben nicht mehr
wie bei den Physiokraten und Optimisten jene Charakterzüge des
providentiellen, normativen und teleologischen ‘j; sie sind ganz ein-
fach „natürlich“, ganz so wie die physischen Gesetze und folglich
amoralisch; sie können nützlich oder schädlich sein: dem Menschen
liegt es ob, sich ihnen, so gut er kann, anzupassen. Die National-
ökonomie eine „gefühllose Wissenschaft“ zu nennen, weil sie nachweist,
daß dieses oder jenes Gesetz unheilvolle Folgen für den Menschen
haben kann, ist ebenso absurd, wie die Physik zu einer gefühllosen
Wissenschaft stempeln zu wollen, weil der Blitz tötet.

Diese wirtschaftlichen Gesetze sind keineswegs mit der Freiheit
des Individuums unvereinbar; im Gegenteil, sie sind ihr Resultat.
Sie stellen weiter nichts als Beziehungen fest, die sich von selbst
zwischen freien Wesen ergeben, — frei jedoch nur unter gewissen Um-
ständen: es steht uns nicht frei, nicht zu essen, und, um zu essen,
müssen wir die Erde bewirtschaften. Nicht nur bestimmen wir
uns gegenseitig unsere Lebenslage, sondern wir unterliegen auch
den Hindernissen, die uns unser physisches Milieu schafft.

Diese Gesetze sind allgemeingültig und ewig, denn die elemen-
taren Bedürfnisse des Menschen sind dieselben in allen Ländern und
; in allen Jahrhunderten. Und nur diese Gesetze suchen die National-
ökonomen, nicht die vorübergehenden „modi“. Nur indem die Volks-
wirtschaft das sucht, was ganz allgemein für alle Menschen gilt
und daher allen gemeinschaftlich ist, kann sie der Wahrheit näher
kommen, — kann sie eine Wissenschaft werden. Sie muß sich be-
mühen, nicht die Menschen zu sehen, sondern den Menschen, den
itypischen Menschen, den homo oeconomicus, der durch die Ab-
straktion von allen anderen Seiten seines Charakters, außer der des

*) Die natürlichen Gesetze waren jedoch schon von Dupont de Nemours sehr
gut und in dem gleichen Sinne, wie von der klassischen Schule, definiert worden:
„Die natürlichen Gesetze sind die wesentlichen Bedingungen, denen gemäli sich
alles in der vom Schöpfer der Natur eingerichteten Ordnung vollzieht . . . Was uns
anbelangt, sind es die wesentlichen Bedingungen, denen die Menschen unterworfen
sind, um sich alle Vorteile, die die natürliche Ordnung ihnen gewähren kann, zu
verschaffen“ (Introduction anx (Euvres de Quesnay, S. 21).
        <pb n="428" />
        ﻿Kapitel II. Höhepunkt und Niedergang der klassischen Schule. Stuart Mill. 403

persönlichen Interesses entkleidet ist: sie leugnet die anderen Seiten
seines Charakters zwar nicht, aber überläßt sie anderen Wissen-
schaften.

Es bleibt nun noch, diese natürlichen Gesetze aufzuführen.

l.*Das Gesetz des persönlichen Interesses.'Dieses Gesetz
ist unter dem Namen „hedonistisches Prinzip“ bekannt; aber dieser
Ausdruck wurde von der klassischen Schule nicht angewandt.^ Jede
Persönlichkeit sucht das Gute, — sagen wir hier den Reichtum, — und
flieht das Übel, — sagen wir hier die Anstrengung; es ist dies daher
ein ins Bereich der Psychologie fallendes Gesetz. Was gibt es aber
allgemeineres und beständigeres als dieses Gesetz? Es ist nicht
nur das natürlichste, sondern auch das „vernünftigste“ in der phy-
siokratischen Bedeutung dieses Wortes, denn es ist einfach das
’ Prinzip der Selbsterhaltung. Darum ist die klassische Schule sehr
oft individualistisch genannt worden.

Individualismus bedeutet aber durchaus nicht Egoismus,
wenigstens nicht im gewöhnlichen Sinn dieses Wortes. Diese Kon-
fusion, die man beständig macht, um die klassische Schule zu dis-
kreditieren, ist nach dem, was sie behauptet, ein sinnloser Streit.
Niemand hat mit größerer Energie als Stuaet Mill gegen diese
Art und Weise, den Individualismus darzustellen, protestiert. Wenn
man behauptet, daß man seinen eigenen Nutzen suchen muß, so be-
deutet das noch lange nicht, daß man das Unglück anderer erstrebt.
Der Individualismus schließt keineswegs die Sympathie *) aus, und
ein normales Individuum findet im Gegenteil eine Quelle der Freude
in der Freude, die es anderen verschafft.

Dies hindert nicht, daß Malthijs und Ricaedo uns klar Fälle
gezeigt haben, wo die individuellen Interessen in gegenseitigem
Kampfe liegen, und wo infolgedessen das eine dem anderen geopfert
werden muß, und daß Stuaet Mill, weit davon entfernt, diesen
Kampf zu leugnen, ihn besonders hervorhebt. Hierauf antwortet die
klassische Schule einerseits mit den Optimisten, daß diese Gegen-
sätze nur scheinbar sind, und daß unter dieser Oberfläche sich die
Harmonie verbirgt, — andererseits, daß diese Gegensätze nicht vom
Individualismus oder der Freiheit herrühren, sondern im Gegenteil
davon, daß beide nur erst höchst unvollkommen verwirklicht, ja

*) Wir erinnern daran, daß A. Smith ein Buch: Theory of moral Senti-
ments verfaßt hat und verweisen auf das oben gesagte (SS. 97—98). Stuart Mill
sagt sogar „In den Vorschriften Jesu von Nazareth finden wir den wirklichen utilita-
ristischen Geist: „Tue deinem Nächsten, was du willst, das^er dir tue. Liebe deinen
Nächsten, wie dich selbst.“ Wie dich selbst; man muß daher damit beginnen,
sich selbst zu lieben, ehe man andere lieben kann“ (L’Utilitarisme, franz.
Übers., S. 31),

26*
        <pb n="429" />
        ﻿404

Drittes Buch. Der Liberalismus.

sogar kaum begriffen sind. Am Tage aber, der den vollkommenen
Zustand sieht, werden sie die Übel, die sie vorübergehend geschaffen
haben, heilen1). Das alte Bild von der Lanze des Achilles, die
die von ihr verursachten Wunden wieder heilte, ist hier nicht zu
vermeiden. Späterhin treten andere Individualisten auf, die mit
Herbert Spencer sagen werden, daß dieser Interessenkonfiikt der
Individuen nicht nur in Übereinstimmung mit den allgemeinen Inter-
essen der Gesellschaft ist, sondern daß auf ihm aller Fortschritt-
beruht, weil er die Unfähigen dazu zwingt, den Fähigeren den Platz
zu räumen.

2. .Das Gesetz der freien Konkurrenz. 1 Wenn man zugibt,
daß jede Person ihren eigenen Vorteil am besten beurteilen kann,
so kann man selbstverständlich nichts besseres tun, als es jedem zu
überlassen, seinen Weg zu finden. Der Individualismus schließt da-
her die Freiheit ein, und so ist die individualistische Schule auch
ganz richtig mit dem Namen liberale Schule bezeichnet worden.
Diese zweite Benennung ist sogar genauer als die andere. Sie ist
die einzige, die die französische Schule anzunehmen erklärt, indem
sie energisch alle anderen zurückweist, wie: individualistisch, orthodox
oder sogar klassisch2).

0 Das ist es, was Stuart Mill verspricht: „Es ist der unvollkommene
Zustand der sozialen Einrichtungen, der es bedingt, daß das beste Mittel,
dem Glück anderer zu dienen, darin besteht, sein eigenes zu opfern.“ (Utilitarisme,
S. 30) — und sollte man nicht hinzufügen, da die beiden Sätze sich notwendigerweise
ergänzen, daß heute das beste Mittel, seinem eigenen Glück zu dienen, darin besteht,
das der anderen zu opfern? Doch Geduld! „Die fortschreitende Entwicklung der
menschlichen Vernunft wird bei allen Einzelwesen ein Gefühl der Einheit mit allen
anderen erzeugen, ein Gefühl, das, wenn es zu seiner Vollkommenheit gelangt ist, dem
Individuum nicht mehr gestatten wird, irgendeine Verbesserung seiner Lage anzu-
Istreben, an der nicht auch alle anderen teilhaben.“ — Der so aufgefaßte Individua-
lismus ist eher das, was wir heute unter Solidarismus verstehen und zwar in seinem
transzendentesten Ausdruck.

2) Die Darlegung der Unterschiede zwischen der klassischen, der indi-
vidualistischen, der liberalen und der optimistischen Schule zu verlangen,
ist eine Bxamensfrage. Obgleich diese Frage uns recht schulmeisterhaft erscheint,
kann man doch folgendes antworten:

a)	Die individualistische Schule, im schlechten Sinne des Wortes, ist
die, deren Lehre den Egoismus zur einzigen Richtschnur unserer Handlungen macht,
die das „ein jeder für sich“ zum absoluten Prinzip der Lebensführung erhebt.
SelbstversfaMHcIT will sich aber keine Schule in dieser Definition wieder erkennen;
in Wirklichkeit verhindert auch die Existenz der wirtschaftlichen Beziehungen, wie
des Tausches, der Arbeitsteilung usw., die Möglichkeit eines Zustandes, in dem jeder
Mensch nur für sich lebt.

Die individualistische Schule, im weitesten Sinne dieses Wortes, lehrt, daß
das Wohl des Individuums der einzige Zweck aller Tätigkeit und
Wirtschaftspolitik sein muß. Nun will das nicht viel sagen, denn es ist
klar, daß auch die Sozialisten und sogar die Kommunisten- keinen anderen Zweck
        <pb n="430" />
        ﻿Kapitel II. Höhepunkt und Niedergang der klassischen Schule. Stuart Mül. 405

Übrigens beruft sich auch die englische Schule mit nicht ge-
ringerem Nachdruck auf den Liberalismus: unter besonderer Berück-
sichtigung dieses Gesichtspunktes wird sie auch Manchesteris-
mus genannt (ein Ausdruck, der hauptsächlich von ihren deutschen
Kritikern in der Form „Manchestertum“ gebraucht wird).

Für die klassische Schule ist aber das Laisser-faire weder
ein Dogma, noch ein wissenschaftliches Axiom. Sie sieht hierin nur

haben, als das Glück der Individuen, der größtmöglichen Anzahl von Individuen.
Niemand denkt daran, das Glück der Gesellschaft an sich als einer beseelten Ein-
heit zu erstreben. Auf Grund einer solchen Definition ist der Individualismus recht
nebelhaft; er schließt weder die Vergesellschaftung, noch den Solidarismus und nicht
einmal den Staatsinterventionismus ans, wenn er, wie in der Arbeitergesetzgebung
z. B., bezweckt, das Individuum gegen gewisse Ursachen der Verschlechterung zu
schützen. Er schließt sogar die Aufopferung nicht ans, da der Trieb, sich aufzu-
opfern, sicherlich von einer starken Individualität zeugt! Der Individualismus wird
ungefähr in diesem Sinne in dem Buche von Schatz: L’Individualisme eoono-
miciue et social betrachtet. Die Bezeichnung individualistisch ist daher höchst
unbestimmt, weshalb wir soviel wie möglich den Gebrauch dieses Wortes vermeiden.

b)	Bei der sogenannten liberalen Schule ist die Bedeutung klarer; sie be-
gnügt sich nämlich nicht damit, zu sagen, daß das Individuum der einzige Zweck
des Wirtschaftslebens ist, sondern sie fügt hinzu, daß es der einzige Träger der
wirtschaftlichen Bewegung sein muß, weil niemand anders als das Indi-
viduum dessen wirkliche Jnteressen besser kennen kann und fähiger ist, sie zu ver-
wirklichen. Das so ausgedrückte Prinzip bedeutet aber, daß es am besten ist, das
Individuum gewähren zu lassen (laisser faire) und jede von außen kommende Ein-
mischung des Staates oder irgendeines anderen Beschützers zu verwerfen.

Während jedoch in der ersten Formel der Individualismus von allen angenommen
werden konnte, gibt er unter der letzteren Anlaß zu schwerwiegenden Einwürfen.
Denn in Wirklichkeit zeigen die Tatsachen, daß das Individuum sehr häufig in
seinen Handlungen, — sei es als Verbraucher, wenn es gesundheitsschädliche oder
nutzlos teuere Erzeugnisse kauft, sei es als Arbeiter, wenn es Arbeitsverträge ein-
geht, die seine Arbeitskraft oder die seiner Kinder zugrunde richten — seine eigenen
Interessen sehr schlecht versteht oder sich in der Unmöglichkeit befindet, sie zu
verteidigen, und daß die Wissenschaft und die Hygiene ihm viel größere Dienste
leisten können als er sich selbst.

c)	Wenn man noch weiter geht und nicht nur annehmen will, daß ein jedes
Individuum am besten fähig ist, sich mit seinen Interessen zu befassen, sondern
daß auch das soziale Interesse nur die Summe dieser individuellen
Interessen ist, die in einer harmonischen Einheit zusammenlaufen, so wird die
liberale Schule zur optimistischen. Besonders in Frankreich hat sie sich auf
Grund einer schon Jahrhunderte alten Überlieferung behauptet, aber sie ist etwas
veraltet, obgleich sie sich noch in neuzeitlichen Werken findet,

d)	W enn man endlich von einer klassischenSchule spricht, so will man damit
sagen, daß sie getreulich die von den ersten Meistern der volkswirtschaftlichen Wissen-
schaft übernommenen Prinzipien lehrt, indem sie sich bemüht, sie klarer auszuftthren, sie
zu entwickeln und sogar sie zu verbessern, ohne sie aber in ihren wesentlichen Be-
standteilen zu verändern. Seit ihren Anfängen ist sie individualistisch und liberal,
aber keineswegs optimistisch: übrigens vermeidet sie diese finalistischen Gedanken-
gänge und überhaupt jede Beschäftigung mit dem zu erreichenden Zweck, um sich
auf die reine Wissenschaft zu beschränken.
        <pb n="431" />
        ﻿406

Drittes Buch. Der. Liberalismus.

eine praktische Regel, die sie für weise hält, nicht etwa unter allen
erdenklichen Umständen, sondern bis zum Beweise des Gegenteils.
„Diejenigen, die sie für richtig halten, sagt Stuart Mill, sind 19 mal
unter 20 der Wahrheit näher, als die, die sie leugnen“,1). Dieser
praktische Liberalismus kommt in allen Handlungen des wirtschaft-
lichen Lebens zur Anwendung. Als positives Programm bedeutet er
die Freiheit der Arbeit, die freie Konkurrenz, freien Handel im
innern, wie nach außen, die Freiheit der Banken, des Zinsfußes usw.
— und als negatives Programm schließt er den Widerstand gegen
jede staatliche Einmischung ein, deren Notwendigkeit nicht im ein-
zelnen Falle bewiesen ist, und hauptsächlich den Widerstand gegen
alle sogenannten Maßregeln des Schutzes oder der Bevormundung.

Daher ist für die klassische Schule die freie Konkurrenz das
gegebene oberste Naturgesetz, das für alles genügt, das dem Ver-
braucher die Wohlfeilheit sichert, das den Fortschritt auf Grund der
Rivalität zwischen den Produzenten anspornt, das die Gerechtigkeit
verbürgt und zur Gleichheit hindrängt, indem es dem Profit entgegen-
arbeitet und jeden Wert auf das Niveau der Produktionskosten zu-
rückzuführen sucht. DasDictionnaire d’Economie Politique
von 1852, das als der Kodex der klassischen Volkswirtschaft be-
trachtet werden kann, erklärt, „daß die Konkurrenz für die industrielle
Welt das ist, was die Sonne für die physische Welt vorstellt“! Und
Stuart Mill selbst, der Verfasser des Buches über die Freiheit,
der ebenfalls die wirtschaftliche Freiheit nicht von der politischen
Freiheit trennt, ist, wenn auch weniger lyrisch, so doch ebenso fest
in seiner Behauptung: „Alles, was die Konkurrenz beschränkt,
ist vom Übel; alles, was sie fördert, dient zuletzt zum Guten“2):
In diesem Punkt erklärt er besonders, sich vollständig vom
Sozialismus zu trennen, für den er, wie wir sehen werden, doch
viele Sympathien hatte: „Aber“, sagt er, „ich bin einfach ein über-
zeugter Gegner des bezeichnendsten und schärfsten Teiles seiner
Lehre, nämlich seiner Tiraden gegen die Konkurrenz“.

Es muß aber darauf hingewiesen werden, daß die klassische
Schule, wenn sie die Herrschaft der freien Konkurrenz befürwortet,
damit keineswegs die bestehenden Zustände rechtfertigen will; der
Vorwurf, den man ihr so häufig aus diesem Grunde macht, beruht,
gerade wie der des Egoismus, auf einer Begriffsverwechslung. Die
Klassiker (die alten wie die neuen) beklagen sich im Gegenteil
darüber, daß die freie Konkurrenz nur erst höchst unvollkommen

1)	Auguste Comte and the Positivism (S. 78 der franz. Übers, von
ClSmencead.

2)	Principles, Bd. II, S. 346 d. franz. Übers. — Siehe auch die letzten er-
schienenen Bücher von Molin am, und Yves Guyot: La morale de la eoncurrence.
        <pb n="432" />
        ﻿IKapitel II. Höhepunkt und Niedergang der klassischen Schule. Stua «gmi,

verwirklicht ist. Wir haben gesehen, welchen großen Pr
dem Monopol in der heutigen wirtschaftlichen Organisation
Die Herrschaft der freien Konkurrenz ist heute ebeusoweru|
wirklicht, sagen sie, wie die Herrschaft des Sozialismus: es ist
daher ebenso ungerecht, sie auf Grund der gegenwärtigen Fehler be-
urteilen zu wollen, als wenn man den Kollektivismus auf Grund
dessen beurteilen wollte, was sich zum Beispiel in den Staatswerk-
stätten begibt.

3.‘Das Gesetz der Bevölkerung. '' Dieses Gesetz nimmt einen
sehr großen Platz in der klassischen Doktrin ein, und sogar die
optimistischen Nationalökonomen wagen es nicht, ihm geradenwegs zu
widersprechen. Von allen Volkswirtschaftlern ist Stuabt Mill am
meisten von ihm durchdrungen1). Er geht sogar viel weiter als Malthus,
weil er sich nicht auf rein ökonomische Gründe stützt, sondern auch
auf moralische, die Malthus weniger bekümmert zu haben scheinen,
nämlich die Achtung des Rechtes und der Freiheit des Weibes, die
kaum befragt wird, wenn es sich darum handelt, ihr die Mutterschaft
aufzubürden2). Hierin ist daher Stuart Mill schon Neo-Malthusianer.
Die Tatsache, eine zahlreiche Familie zu haben, erscheint ihm wie
der Ausdruck eines Lasters, das ebenso ekelhaft ist, wie die Trunk-
sucht3). Und wiederholt erklärt er, daß die Arbeiterklasse keine
Hoffnung irgendwelcher Art auf eine Besserung ihres Schicksals hat,
wenn sie nicht damit beginnt, das Wachstum der Bevölkerung ein-
zuschränken. Einer der Gründe, weshalb er dem kleinbäuerlichen
Besitz günstig gesinnt ist, liegt darin, daß er eine Beschränkung der
Kinderzahl bewirkt. Er konstatiert: das Wachstum der französischen

*) „Umsonst wird man sagen, daß jeder Mund, den die Gesellschaft zum Leben
ruft, Arme mit sich bringt; die neuen Münder brauchen ebenso viel Unterhaltungs-
mittel, und die Arme erzeugen weniger“ (Principles, Bd. I, Buch I, Kap. 13, § 2).

2)	„Es ist niemals durch den Willen der Frau, daß die Familien zahlreich
werden: auf der Frau lastet außer den physischen Schmerzen und ihrem Teil der
Entbehrungen die unerträgliche Hausarbeit, die sich aus einer zu großen Kinder-
aahl ergibt“ (Principles, Bd. I, II, Kap. 13, § 2).

3)	„Während ein Mann, der sich betrinkt, von allen anständigen Leuten ver-
achtet und verabscheut wird, so ist dagegen einer der hauptsächlichsten Gründe, mit
dem sich die Menschen an die Wohltätigkeit wenden, der, daß der Bittsteller eine
zahlreiche Familie zu ernähren habe!“ (Bd. I, II, Kap. 13, § 1).

Und als Anm.: „Man kann kaum hoffen, daß die Moralität Fortschritte mache,
■solange man nicht dazu gelangt ist, den Kinderreichtum mit derselben Verachtung
anzusehen, wie die Trunksucht oder alle anderen körperlichen Ausschweifungen.
Solange aber die Aristokratie und die Geistlichkeit die ersten sind, das Beispiel der
Unmäßigkeit zu geben, was soll man da von den Armen erwarten?“

Er beklagt sich darüber, daß die christliche Eeligion, durch einen selbst-
zufriedenen Glauben an die Vorsehung den Anschein erweckt, als ob Gott zahlreiche
Familien segne.
        <pb n="433" />
        ﻿408

Drittes Buch. Der Liberalismus.

Bevölkerung ist das geringste in Europa“, und hält dieses Resultat
für außerordentlich ermutigend.

Um dieses schreckliche Gesetz zu bekämpfen, geht er sogar so-
weit, das Prinzip, das er sonst überall verteidigt, das der Freiheit,,
zu opfern. Er verlangt nämlich, daß das Gesetz ausdrücklich die
Ehe zwischen Armen verbiete1); wir wissen, daß Malthds sich ent-
schieden hiergegen ausgesprochen hatte. Nicht in seinen „Prinzipien“,
sondern gerade in dem Buche, das den Titel die Freiheit trägt,,
verlangt Stuaet Mill diesen entsetzlichen Zwang!

Allerdings hat er dieses letztere Buch teilweise zusammen mit
seiner Frau geschrieben.

4.' Bas Gesetz des Angebotes und der Nachfrage. — Dieses
Gesetz bestimmt den Wert eines jeden Erzeugnisses und auch den
der produktiven Dienste: Arbeit, Kapital und Boden. Gewöhnlich
wird es in folgender Weise formuliert: der Preis schwankt im
gleichen Verhältnis zur Nachfrage und im umgekehrten Verhältnis
zum Angebot. Es ist einer der bedeutsamsten Beiträge Stuaet
Mill’s, nachgewiesen zn haben, daß diese Formel unter ihrer an-
scheinend mathematischen Genauigkeit nur auf einen Circulus viciosus
hinausläuft. Wenn nämlich das Angebot und die Nachfrage den Preis
schwanken lassen, so läßt wieder umgekehrt der Preis Angebot und
Nachfrage schwanken. Mill berichtigt es daher, indem er sagt, daß-
der Preis sich auf ein solches Niveau einstellt, daß die angebotenen
und nachgefragten Mengen gleich werden, und die Preisschwankungen
haben gerade die Wirkung, diese Übereinstimmung herbeizuführen,
ebenso wie die Schwingungen des Balkens an der Wage nach der
Gleichgewichtslage streben2). Hierdurch gibt Stuaet Mill dem Ge-
setz des -Angebots und der Nachfrage nicht nur eine Wissenschaft-

0 „Die Gesetze, die in einer großen Anzahl Staaten des Kontinents die Ehe
verbieten, wenn die Parteien nicht nachweisen können, daß sie imstande sind, eine-
Familie zu ernähren, überschreiten nicht die berechtigte Macht des Staates . . .
Man kann ihnen nicht vorwerfen, die Freiheit zu beschränken (Libert)', S. 19B
der franz. Übers, von Dupont-White).

Dagegen betrachtet es aber Mill als eine Verletzung der Freiheit, wenn die-
Zahl der Kneipen durch ein Gesetz begrenzt wird, weil das hieße, die Arbeiter wie
Kinder zu behandeln! (Ebenda, S. 186.)

2) „Das Steigen und Fallen der Preise findet so lange statt, bis das Angebot
und die Nachfrage einander genau gleich sind, und der Wert einer Ware auf dem
Markte ist kein anderer als der, der auf diesem Markte eine genügende Nachfrage
bestimmt, um alle angebotenen Mengen aufzunehmen“ (Principles, Bd. I, II,
Kap. 2, § 1.)

Vor Stuart Mill hatte schon Cournot die Formel des Gesetzes vom Angebot
und Nachfrage in seinen liecherohes sur les principes mathematique»
de la theorie des richesses (1838) kritisiert; es ist aber nicht wahrscheinlich,
daß Stuaet Mill dieses Buch gekannt hat.
        <pb n="434" />
        ﻿Kapitel II. Höhepunkt und Niedergang der klassischen Schule. Stuart Mil. 409

liehe Genauigkeit, die es bis dahin noch nicht besaß, sondern er führt
auch, indem er die Beziehung der Ursache und Wirkung durch die
des Gleichgewichtes ersetzt, ein neues Prinzip in die Wissenschaft
ein, das bestimmt war, eine große Verbreitung zu erlangen.

Das Gesetz des Angebotes und der Nachfrage erklärt aber nur
die Wertschwankungen, nicht den Wert selbst. Man mußte daher
eine tieferliegende Ursache finden. Diese Ursache liegt in den Pro-
duktionskosten. Unter der Herrschaft der freien Konkurrenz streben
die Wertschwankungen stets nach diesem festen Punkte, ebenso wie
„der Ozean bestrebt ist, überall sein Niveau einzunehmen, es aber
niemals genau innehält“ 1).

Es gibt also zwei Arten des Wertes: einen vorübergehenden und
schwankenden, beherrscht vom Gesetz des Angebotes und der Nach-
frage, und einen ständigen oder natürlichen oder auch normalen Wert,
der sich nach den Produktionskosten richtet. Dies war das klassische
Wertgesetz, und Stuart Mill war davon so entzückt, daß er den
Satz schrieb, der unter der Feder eines so scharfsinnigen Philosophen
Staunen erregen muß: „Glücklicherweise bleibt in dem Gesetz des
Wertes nichts mehr zu erklären übrig, weder jetzt noch später; die
Theorie ist vollkommen“2).

Dasselbe Gesetz, das den Wert der Waren regelt, ist auch auf
das Geld anwendbar. Auch das Geld hat einen Marktwert, der von
der auf dem Markte im Umlauf befindlichen Menge und den Bedürf-
nissen des Tausches bestimmt wird; — es ist das die berühmte
Quantitätstheorie — und einen natürlichen Wert, der von den
Produktionskosten der Edelmetalle abhängt.

5.* Das Lolmgesetz, Die gleichen Gesetze regieren auch den
Preis der Arbeitskraft oder des Lohnes. Auch er gehorcht einem
doppelten Gesetze.

Der Marktlohn ward vom Angebot und der Nachfrage be-
stimmt, indem man unter „Angebot“ die Menge des zum Unterhalt
der Arbeiter verfügbaren Kapitals versteht, den Lohnfonds (wage
fund), und unter „Nachfrage“ die Anzahl der Arbeiter, die eine An-
stellung suchen3). Dieses Gesetz war schon von Cobden in volks-
tümlicher Art ausgedrückt worden, als er sagte, daß der Lohn steigt,
wenn zwei Arbeitgeber einem Arbeiter nachlaufen, und daß er sinkt,
wenn zwei Arbeiter einem Arbeitgeber nachlaufen.

b Prinziples, Bd. I, III, Kap. 3, § 1.

Ebenda, Bd. I, III, Kap. 1, § 1..

3)	Die Löhne hängen von dem Verhältnis ab, das zwischen der Anzahl der
arbeitenden Bevölkerung und irgendwelchen auf den Ankauf von Arbeit verwendeten
Kapitalien besteht . . . und unter der Herrschaft der Konkurrenz können sie von
keiner anderen Ursache berührt werden“ (Principles, Bd. I, II, Kap. 11, § 3 und § 1).
        <pb n="435" />
        ﻿410

Drittes Buch. Der Liberalismus.

Der natürliche oder notwendige Lohn wird anf die Dauer
von den Produktionskosten der Arbeitskraft bestimmt, nämlich von
den Kosten der Lebenshaltung des Arbeiters. Der Marktlohn strebt
in seinen Schwankungen stets darauf hin, sich nach ihm zu regeln.

Dieses Gesetz verdiente durchaus den Namen des ehernen Lohn-
gesetzes, mit dem Lassalle es später brandmarkte. Denn auf diese
Weise wurde der Lohn von Ursachen abhängig gemacht, die außer-
halb des möglichen Einflusses des Arbeiters standen, und die ohne
jeden Zusammenhang mit ihm selbst, mit seiner Arbeit oder seinem
guten Willen blieben. Er war einem verhängnisvollen Gesetz ausge-
liefert, dem er ebenso passiv gegenüberstand, wie ein Baumwollen-
ballen seinem Marktpreis. Das ist aber nicht alles! Nicht nur hängt
der Lohn nicht von dem Arbeiter ah, sondern auch keine gesetzliche
oder private Einmischung, keine Einrichtung, kein System kann an
diesem Zustand etwas ändern — ausgenommen man kann eine der
beiden bestimmenden Grundlagen des Verhältnisses beeinflussen, nämlich
entweder die Menge des für den Lohn verfügbaren Kapitals (den
Lohnfonds) oder die Zahl der Arbeit suchenden Bevölkerung. „Jeder
Verbesserungsplan, der nicht auf diesem Prinzip beruht, führt zu
einer Enttäuschung.“ Aber hiermit noch nicht genug! Die Ursachen,
die die beiden bestimmenden Grundlagen des Verhältnisses günstig be-
einflussen könnten, können, was das Wachstum des Kapitals anlangt,
nur die Spartätigkeit, und was die Verminderung der Arbeitskräfte
anlangt, nur die Einschränkung des Geschlechtstriebes sein. Das
sind zu guter Letzt die beiden einzigen Möglichkeiten zur Rettung
der Lohnempfänger: die erste steht aber vollständig außerhalb ihrer
MachtJ), und die zweite überliefert dem Zölibat oder dem Onanismus
alle diejenigen, die man, wahrscheinlich ironisch, auch weiterhin
„Proletarier“ würde nennen müssen.

Daher war auch Stuart Mill, als er dieses Gesetz mit größerer
Schärfe, als irgendeiner seiner Vorgänger, formuliert hatte, über die
Folgerungen, die sich daraus ergaben, bestürzt. Hauptsächlich be-
wegte ihn die Verurteilung zur Ohnmacht, die dieses Gesetz über
die tapferen Anstrengungen der damals emporkommenden Trade-
Unions aussprach. Wie alle Volkswirtschaftler der liberalen Schule
hatte auch er die Abschaffung der Gesetze gegen die Koalitionen

&gt;) Das Sparen zur Vergrößerung des „Lohnfonds“ ist nur den Reichen
möglich, daher empfiehlt es ihnen Stuart Mill mit dem gleichen Nachdrucke, mit
dem er den Arbeitern Zurückhaltung im Eingehen einer Ehe nahelegt. Er bemüht
sich, in übrigens dunklen und schwerfälligen Ausführungen nachzuweisen, daß:
„man den Arbeitenden nicht nützt, weil man selbst verbraucht, sondern weil man
den Verbrauch bei anderen fördert“, womit gesagt sein soll: nicht durch die Aus-
gabe, sondern durch das Sparen.
        <pb n="436" />
        ﻿Kapitel II. Höhepunkt und Niedergang der klassischen Schule. Stuart Mül. 411

ebenso energisch verlangt, wie die der Kornzölle; wozu sollte man
nun aber den Arbeitern die Assoziations- und Koalitionsfreiheit ge-
währen, wenn ein höheres Gesetz von Anfang an jeden ihrer Ver-
suche, ihren Lohn zu erhöhen, zu nichte machen mußte ? Zwei
Volkswirtschaftler, Longe (1866) und Thoenxon (1869) (in seinem
Buch; On Labour) zogen die Wahrheit des Lohnfonds-Gesetzes in
Zweifel. Es kostete sie keine große Mühe, Stuaet Mill zu bekehren,
der sogleich in der Fortnightly Review einen Widerruf ver-
öffentlichte, der großes Aufsehen erregte, ja, man könnte fast sagen:
einen enormen Skandal in der klassischen Schule hervorrief. Die
Bekehrung war aber freilich nicht so ganz und gar vollkommen, denn
in den späteren Ausgaben seines Buches, hat er die zitierten Stellen
und andere stehen lassen, die mit Hinsicht auf die Hoffnungen der
Arbeiterklasse auf den Erfolg ihrer eigenen Anstrengungen nicht
weniger entmutigend sind *),

Obgleich die Theorie des Lohnfonds durch den Abfall
Stuaet Mill’s stark erschüttert war, wurde sie doch nicht von allen
klassischen Volkswirtschaftlern aufgegeben und hat neuerdings in
amerikanischen Veröffentlichungen eine Art von Renaissance erlebt1 2).

6.'Das Gesetz der Rente.'« Wie wir gesagt haben, hat das Ge-
setz der Konkurrenz die Wirkung, die Preise der Produkte auf das
Niveau der Produktionskosten zu bringen. Wenn aber, — und das
ist nicht nur möglich, sondern muß sich mit Sicherheit ereignen, —
gleiche Produkte auf den Markt gebracht werden, die verschiedene
Produktionskosten verursacht haben, dann entsteht die Frage:
welche dieser verschiedenen Einzelkosten bestimmen den Preis?
Die höchsten, die „Grenzbeschaffungskosten“. Notwendigerweise
bleibt daher ein Überschuß für alle gleichartigen Produkte, deren
Produktion weniger gekostet hat. Ricaedo hatte das für die land-

1)	Ohne zu glauben, sich mit der klassischen Theorie in Widerspruch zu setzen,
nahm Stuart Mill an, daß die Trade-Unions die Beziehung zwischen Angebot und
Nachfrage ändern könnten;

sei es, indem sie das Angebot an Arbeitskräften von seiten ihrer Mitglieder
auf dem Arbeitsmarkt beschränkten; nur fürchtete er, daß die Lohnerhöhung, die so
eine Folge einer Art von Monopol der organisierten Arbeiter sei, als Lohnerniedrigung
für die Menge der anderen zutage treten würde; sei es, indem sie die verfügbaren
Arbeitskräfte durch ein weitertragendes Mittel verringerten, nämlich durch die Be-
schränkung in der Zahl ihrer Kinder; und er glaubte, daß die Trade-Unions in
Wirklichkeit dies Ziel erreichen könnten, indem sie ihren Mitgliedern Gewohnheiten
des Komforts einpflanzten, die ihren Standard of life erhöhen würden. Zum
Schluß endigt er daher stets im Malthusianismus.

2)	Siehe die Quarterlies der Universitäten Harvard und Columbia. Und
doch war es ein Amerikaner, Francis Walker, der durch sein Buch: The Wages
Question (1876) am meisten dazu beigetragen hat, die Lehre vom Lohnfonds
zu zerstören.
        <pb n="437" />
        ﻿412

Drittes Buch. Der Liberalismus.

wirtschaftlichen Erzeugnisse und überhaupt für alle Produkte, auch
'l für die industriellen Produkte konstatiert1). Stüaet Mill dehnt es
sogar auf die persönlichen Fähigkeiten aus. Das Gesetz der Rente
wird daher außerordentlich erweitert, obgleich etwas weniger als bei
Senior (vgl. oben S. 398),

7.* Das Gesetz des internationalen Austausches. *— Rufen wir
uns zunächst ins Gedächtnis zurück, daß für die Yolkswirtschaftler
der liberalen Schule (vgl. oben Eicabdo, SS. 185—186, Dünoybe,
SS. 392—394) der Austausch zwischen den Ländern von den gleichen
Gesetzen regiert wird, wie der Austausch zwischen Individuen, und
genau die gleichen Vorteile verschafft: nämlich jeder der beiden
Parteien eine gewisse Arbeitsmenge zu ersparen, indem er ihr — durch
das Überlassen eines Produktes, das ihr z. B. 15 Arbeitsstunden ge-
kostet hat, ein Produkt verschafft, das 20 Arbeitsstunden gekostet
hätte, wenn man es selbst hätte produzieren wollen. Der Gewinn
liegt daher einzig auf der Seife der Einfuhr, die Ausfuhr ist nur
das Mittel und mißt sich nur durch den Überschuß des Einfuhrwertes
über den Ausfuhrwert.

Daher ergab es sich als sicher, daß beide Parteien gewinnen:
freilich war es nicht sicher, und sogar nicht einmal wahrscheinlich,
daß der Vorteil für beide Teile gleich sei; man glaubte aber zu der
Behauptung berechtigt zu sein, daß der größere Gewinn dort, wo
eine Ungleichheit auftrat, dem ärmeren der beiden Länder, dem
von Natur ärmeren oder industriell rückständigeren, zutiel. Auf
Grund der Definition würde ja gerade dieses größere Mühe gehabt
haben, die eingeführten Produkte selbst zu erzeugen oder wäre mög-
licherweise überhaupt nicht imstande gewesen, sie hervorzubringen.

0 „Der Kostenwert einer Ware ist der der Quantität, die am teuersten ge-
wesen ist“ (Principles, B. III, Kap. 6 § 1, Abt. 7).

„Der höhere Gewinn, den ein Fabrikant oder ein Händler aus der Verwendung
von größeren Fähigkeiten oder einer besseren geschäftlichen Organisation zieht, ähnelt
stark einer Eente ... Sie genießen diesen Vorteil nur, weil sie einen Gegenstand
zu einem von den Produktionskosten der Konkurrenten geregelten
Preise verkaufen können, den sie selbst mit geringeren Kosten herzustellen
verstehen“ (Ebenda).

Jedoch besteht zwischen der landwirtschaftlichen und der industriellen Produktion
der schon von Sbniok klar hervorgehobene Unterschied, daß die erstere durch das Gesetz
des sinkenden Bodenertrages begrenzt ist, während die zweite im Gegenteil sich eines
steigenden Ertrages erfreut, d. h., daß gewöhnlich die proportioneilen Kosten im
Maßstabe sinken, wie die Produktion wächst. Daraus ergibt sich also, was übrigens
von Stuart Mill; klar gezeigt wird, daß der industrielle Produzent das Interesse
hat, den Verkaufspreis der Waren zu verringern, um mehr hersteilen zu können und
so durch die Vervielfältigung der Gewinne und die Erniedrigung der allgemeinen
Unkosten das für jede Einheit gebrachte Opfer wieder einzubringen.
        <pb n="438" />
        ﻿Kapitel II. Höhepunkt und Niedergang der klassischen Schule. Stuart Mill. 413

Hierin stimmt die englische klassische Schule der Manchesterianer
fast völlig mit der französischen Schule übereinx).

Anscheinend könnte man darauf erwidern, daß unter der Herr-
schaft der freien Konkurrenz alle Werte auf die Produktionskosten
zurückgeführt werden, und folglich alle Produkte sich auf Grund der
Hegel: „gleiche Arbeit für gleiche Arbeit“ austauschen müssen, so
daß dieser angebliche Vorteil zum Schluß verschwinden müsse.
Ricardo hat aber schon auf diesen Einwurf geantwortet, daß, wenn
die Regel „gleiche Arbeit gegen gleiche Arbeit“ wirklich den
Austausch zwischen Individuen der gleichen Nationalität regiert, sie
doch keineswegs den Austausch zwischen verschiedenen LänderiP'be-
herrscht, weil der nivellierende Einfluß der Konkurrenz nicht mehr
in Wirkung tritt und zwar wegen der Schwierigkeit, der das Kapital
und die Arbeit bei ihrer Übertragung von einem Lande, auf das andere
unterliegen. Es kam daher nicht darauf an, die Arbeit oder die
respektiven Kosten desselben Produktes in den beiden
Ländern zu vergleichen, sondern nur die respektivenKosten
zweier Produkte (des eingeführten und des ausgeführten) im
gleichen Lande. Hierdurch wurde die Theorie gestärkt, die die
Vorteile des internationalen Handels an der ersparten Arbeit mißt* 2).

*) Übrigens legt Eicakdo selbst die Vorteile des internationalen Handels in
Ausdrücken dar, die Bastiat sich hätte aneignen können: „In einem System voll-
kommener Handelsfreiheit verwendet jedes Land sein Kapital und seine Industrie in
der Weise, die ihm am nützlichsten erscheint. Die Zwecke des persönlichen Interesses
stehen in vollständiger Übereinstimmung mit dem allgemeinen Wohl der ganzen Gesell-
schaft. So gelangt man — ... indem man aus den Wohltaten der Natur den größtmög-
lichen Vorteil zieht, zu einer besseren Verteilung und zu größerer Sparsamkeit in
der Arbeit. Zur gleichen Zeit verbreitet die Vermehrung der allgemeinen Menge
von Produkten überall Wohlstand: der Austausch verbindet durch gemeinsame
Interessenbeziehungen alle Teile der zivilisierten Welt untereinander und macht sie
zu einer einzigen großen Gesellschaft. Dieses Prinzip schreibt vor: Wein soll in
Prankreich und in Portugal erzeugt werden, Getreide in Polen und in den Vereinigten
Staaten, und Eisenwaren wie andere Gegenstände werden in England hergestellt“
(Eicakdo, (Euvres, franz. Übers. S. 105).

2) Doch kann sich aus der Theorie Eicakdo’s folgendes ergeben, was zunächst
paradox erscheint: ein Land nämlich kann seinen Vorteil dabei finden, nicht nur,
wie selbstverständlich, die Gegenstände einzuführen, die es nur unter schwereren $
Bedingungen als seine Konkurrenten herstellen kann, sondern auch die Produkte,
in denen es s.einen Konkurrenten relativ überlegen ist, wenn es imstande
sein sollte, sie mit einem Produkt zu bezahlen, für die es eine noch ausgesprochenerere
Überlegenheit besitzt. In diesem Falle findet es seinen Vorteil, sich des Produktes,
für das seine Überlegenheit am höchsten ausgebildet ist, als eines einfachen Tausch-
mittels zu bedienen, um sich irgendein anderes Produkt zu verschaffen.

„Nehmen wir an, zwei Arbeiter verstehen, der eine wie der andere, Schuhe und
Hüte zu machen. Der eine ist in beiden Professionen besonders geschickt; wenn
er aber Hüte macht, ist er seinem Konkurrenten nur um ein Fünftel oder 20 % über-
legen, während er in der Herstellung von Schuhen ihn um ein Drittel oder ß3°/0

* 8
        <pb n="439" />
        ﻿414

Drittes Buch. Der Liberalismus.

Nur, bleibt nach dieser Theorie der Wert der ausgetauschten
Produkte unbestimmt. Er wird irgendwo zwischen den reellen
Produktionskosten der ausgeführten Waren und den virtuellen Pro-
duktionskosten der eingeführten Ware liegen, so daß für jedes der
beiden Länder eine Ersparnis herauskommt; aber das ist auch alles,
was man darüber sagen kann. Stüaet Mill geht nun einen Schritt
weiter. Er gibt den Vergleich der rein abstrakten Produktions-
kosten auf, der auch keinen praktischen Maßstab ergeben kann, und
sagt, daß der Wert des eingeführten Produktes sich durch die
Menge des ausgeführten Produktes, das dafür ausgetauscht
werden muß, bestimmen läßt1). Man muß daher die Ursachen
suchen, die einem Lande, z. B. England gestatten, eine mehr oder
weniger große Menge Wein im Austausch für Kohle zu erhalten.
Oder mit anderen Worten, das Gesetz der internationalen Werte ist
nicht mehr das Gesetz der verglichenen Produktionskosten, sondern
das Gesetz des Angebotes und der Nachfrage. Die Preise der beiden
Waren stellen sich in der Weise ein, daß sich die von beiden
Ländern nachgefragten Mengen ausgleichen. Es ist selbstverständ-
lich, daß, wenn die Kohle in Frankreich viel mehr nachgefragt ist,
als der Wein in England, England eine viel größere Menge Wein
gegen seine Kohle erhalten kann und sich daher in einer höchst
vorteilhaften Lage befindet.

Die Theorie Stüaet Mill’s2) stellt daher in dem Sinne einen
Fortschritt gegenüber der Eicaedo’s dar, daß sie uns zu sagen ge-
stattet, in welchem Fall ein Land vom Gesichtspunkt der Nachfrage

überflügelt. Würde es nicht im Interesse Beider liegen, daß der geschickterere
Arbeiter sich hauptsächlich mit der Herstellung von Hüten befasse?“ (Bioardo,
Op. cit.-S. 107, Anm.)

In gleicher Weise würde England Vorteil darin finden können, seine Kohle
gegen französische Tuche auszutauschen, auch wenn in der Hypothese England dieses
Tuch mit weniger Arbeit als Frankreich herstellen kann.

*) „In jedem Lande hängt der Wert einer fremden Ware von der Menge ein-
heimischer Produkte ab, gegen die sie ausgetauscht werden kann“ (Principles,
B. III, Kap. 18, § 1).

2) Stüaet Mill hatte diese-Theorie zuerst in seinen Essays über einige
ungelöste Fragen der Volkswirtschaft dargelegt. Er gibt eine verwinkeltere
und anscheinend genauere Ausführung (er wendet sogar eine algebraische Formel
an, in seinen Principles Bd. II. B. III, Kap. 18, §7). — Im Grunde genommen
sind alle diese Schlußfolgerungen, die sich ebenso wie die Uicakdo’s auf die Hypothese
eines Austausches zwischen zwei Personen aufbauen, reine Abstraktionen ohne
praktische Bedeutung. Denn in Wirklichkeit ist der, der einführt und der, der aus-
führt, nicht derselbe, und die Vorteile, die der eine in seinem Import sucht, sind
ohne jede Beziehung zu denen, die der andere in seinem Export erstrebt. Allerdings
führt die Gesamtheit der Ein- und Ausfuhr dazu, mehr oder weniger ein Gleich-
gewicht herzustellen, auf Grund des Zuflusses oder Abflusses des Bargeldes, was
aber ein anderes Problem ist.
        <pb n="440" />
        ﻿Kapitel II. Höhepunkt und Niedergang der klassischen Schule. Stuart Mill. 415

seiner Erzeugnisse einen größeren Vorteil findet und infolgedessen
am Tausch mehr gewinnen kann. Wird dies nun das ärmste
Land sein, oder das, das industriell am höchsten entwickelt ist? —
Stuart Mill sagt, daß es das ärmste sein wird, und hierin bestätigt
er das, was Bastiat einfacher ansgedrückt hatte. Warum nun? Weil
ein reiches Land stets in der Lage ist, eine größere Menge Produkte
in die Wagschale des Tausches zu werfen als ein armes Land1).

Wie man weiß, verfechten die Schutzzöllner die gerade entgegen-
gesetzte Theorie, nämlich daß es im internationalen Austausch stets
das arme Land ist, das die Rolle des Dummen spielt: Portugal und
England wird z. B. oft von ihnen angeführt, was aber eine Beweis-
führung kaum ersetzen kann.

Trotz dieses Unterschiedes der Gesichtspunkte ist Stuart Mill
den Schutzzöllnern sympathischer, als alle anderen Volkswirtschaftler
der liberalen Schule. Und zwar aus folgendem Grunde. Seine
Theorie liefert ihnen ein ausgezeichnetes Argument. Sobald es
nämlich Angebot und Nachfrage ist, wodurch die Vorteile des inter-
nationalen Handels bestimmt werden, ist es nicht unmöglich, daß
ein Land durch geschickte Politik dieses Gesetz zu seinem Vorteil
wenden kann, indem es Industrien hervorruft, deren Erzeugnisse mehr
nachgefragt sind, und deren Nachfrage sich am ehesten dazu eignet,
durch eine Preiserniedrigung vermehrt zu werden2) Dies ist der
Grund, weshalb Stuart Mill, durchaus logisch in seinen Prinzipien,
zugibt, daß''Schutzzölle, soweit sie einen provisorischen Charakter
haben, berechtigt sind, um einer neuen Industrie Gelegenheit zu
geben, Wurzel zu fassen 8).g

b „Es scheint mir, daß diejenigen Länder am vorteilhaftesten den Außenhandel
pflegen, deren Erzeugnisse vom Auslande am meisten nachgefragt werden, und die
selbst am wenigsten ausländische Produkte brauchen. Hieraus ergibt sich unter
anderen, daß die reichsten Länder oeteris paribus am wenigsten an
einer gegebenen Menge ausländischen Handels gewinnen; denn es ist
wahrscheinlich, da sie eine stärkere allgemeine Nachfrage nach Gegenständen haben,
daß sie auch eine stärkere Nachfrage nach fremden Gegenständen aufweisen werden,
und so zu ihrem eigenen Nachteile die Bedingungen des Austausches verändern“
(B. III, Kap. 18. § 8). Man achte auf die Worte: „an einer gegebenen Menge“:
sie wollen besagen, daß, wenn das reiche Land einen weniger vorteilhaften Tausoh-
satz für seine Erzeugnisse hat als das arme Land, es trotzdem, da es viel mehr Tausch-
operationen als das arme Land macht, mehr an der Gesamtheit der Täusche gewinnt.
Übrigens sagt das Stuaet Mill ausdrücklich. Es ist mit dem reichen Lande und
mit dem armen Lande dasselbe wie mit dem großen Magazin und dem kleinen Krämer:
zwar verdient das erstere auf jeden Gegenstand weniger, aber im ganzen viel mehr.

2) Principles, B. II, 8. 125, franz Übers.

s) Stuart Mill macht den Schutzzöllnern ein noch bedeutenderes Zugeständnis,
wenn er nachweist, daß die Einfuhrzölle nicht immer vom Verbraucher in der Form
einer Preiserhöhung getragen werden, sondern in gewissen Fällen auf das Ausland
abgewälzt werden können.
        <pb n="441" />
        ﻿416

Drittes Buch. Der Liberalismus.

Wenn nun auch Stuart Mill den Nationalisten durch seine
Theorie den Weg geöffnet hat, so muß man doch anerkennen, daß er
seihst dem Freihandel völlig treu geblieben ist* Ausgenommen in
dem Fall von entstehenden Industrien verwirft er sehr energisch
alle und jede Schutzzölle."^ „Sie wirken nur bösartig ... Sie hindern
eine Ersparnis an Arbeit und Kapital, deren Ertrag, wenn man ihre
Verwirklichung gestattete, in irgendeinem Verhältnis zwischen dem
Land, das einführt, und den Ländern, die die Erzeugnisse des ein-
führenden Landes kaufen, verteilt werden würde1).“

Wie man weiß, war die freihändlerische Doktrin nicht, wie die
anderen Theorien der klassischen Schule, im Bereich der Spekulation
verblieben, sondern hatte eine der bedeutendsten Bewegungen der
Wirtschaftsgeschichte hervorgerufen und das berühmte Gesetz vom
25. Juni 1846 schaffen helfen, das die (englischen) Getreideeinfuhr-
zölle abschaff'te. Diesem Gesetze folgten eine Reihe weiterer, die die
Zollschranken, eine nach der anderen, niederwarfen. Um dies zu er-
reichen, war es nötig gewesen, die Beredsamkeit eines RrcHAED Cobden,
eines John Beight und vieler anderer in den Dienst der Lehre vom
„free-trade“ zu stellen; war es nötig gewesen, 1888 die National
Anti-Corn Law League zu gründen; war es nötig gewesen, 10mal
vom Parlament zurückgewiesen zu werden, den Minister Robbet Peel
und den Herzog von Wellington zu bekehren; und all dies wäre
vielleicht ohne die schlechte Ernte und die drohende Teuerung von
1845 vergeblich geblieben. — Dieser bewunderungswürdige Kampf tat
jedoch mehr für den Triumph der liberalen wirtschaftlichen Schule
und für die Verbreitung ihrer Ideen als die gelehrtesten Beweis-
führungen ihrer Meister. Man weiß, daß eine ähnliche, von Bastiat
in Frankreich hervorgerufene Bewegung fehlschlug, und daß man
14 Jahre warten mußte, ehe derselbe Cobden und Michel Chevalibe
den Vertrag von 1860 durchsetzen konnten. Und dieser Vertrag be-
ruhte letzten Grundes nur auf einem persönlichen Willensakt Napo-
leons III. Hierüber machte sich Cobden auch keine falschen Vor-
stellungen, denn er sagte, daß neun Zehntel aller Franzosen dieser
Reform feindlich gegenüber ständen.

§ 2. Das individualistisch-sozialistische Programm

Stuaet Mill’s.

Im vorstehenden haben wir die um die Mitte des XIX. Jahr-
hunderts herrschende Lehre der klassischen Schule dargestellt, die

0 Prinoiples, franz. Übers. S. 293. Und doch müssen diese Zölle im allgemeinen
die Nachfrage des Einfuhrlandes beschränken und infolgedessen müßten sie gerade nach
der Formel Mill’s das Gleichgewicht des Austausches zu seinen Gunsten verändern.
        <pb n="442" />
        ﻿Kapitel II. Höhepunkt und Niedergang der klassischen Schule, Stuart Mül. 417

übrigens das Beiwort „Schule“ energisch zurückwies, weil sie sich
uls im alleinigen Besitz der wirtschaftlichen Wissenschaft betrachtete.
Man muß zugeben, daß diese Doktrinen ein wohl zusammengefügtes
Ganzes bilden, das aufrecht und imponierend dasteht. Zugeben muß
man aber auch, daß sie nicht viel gutes Voraussagen, ausgenommen
für die, die zufälligerweise den besitzenden Klassen angehören. Be-
lagen diese Doktrinen doch, daß die Arbeit dem Arbeiter nur das
Existenzminimum sichere, oder auf jeden Fall doch nur einen Lohn,
■der von Ursachen bestimmt wird, auf die er keinen Einfluß hat, wie
z. B. der größere oder geringere Überfluß an Kapitalien, oder die
Bewegung der Bevölkerungskurve, Ursachen, auf die auch die Freiheit
•der Assoziation und Koalition, die man übrigens höchst gnädig für ihn
verlangt, ohne Einfluß bleibt; — daß der Antagonismus des Profits
und des Lohnes ein feststehendes Gesetz sei und einen unversöhn-
lichen Konflikt Voraussage; — daß der Besitz des Bodens ein Monopol
sichere, gegen das der Freihandel nur eine ganz unbedeutende Wir-
kung ausüben kann; — daß die Rente, nämlich, das Ergebnis aller
günstigen Chancen des Lebens, die denen Vorbehalten sind, die so
wie so schon die Mittel haben, ohne sie ein behagliches Leben zu
führen, einen immer größeren Platz in den Einkommen einnehmen
werde; — daß die Zurückweisung jeglicher Einmischung des Staates
■oder des Gesetzgebers zugunsten der Arbeiterklasse mit ihrer Würde
•und ihren wirklichen Interessen nicht vereinbar sei. — Alles dies
war nicht dazu angetan, im Volke besondere Freude hervorzurufen.
Wenn die Wissenschaft auch sicherlich nur das, was wahr ist, zu
suchen hat, und nicht das, was zusagt, so mußte man sich doch
■darauf gefaßt machen, daß die Menschen mit der letzten Verzweiflung
kämpfen würden, ehe sie Zugaben, daß all diese Lehrsätze wirklich
bewiesene Wahrheiten seien. Gerade Stuart Mill hatte so kraftvoll
■dazu beigetragen, diese Menge von Lehrsätzen zu einem festen
Ganzen zusammenzuschweißen und das Gebäude zu krönen, daß Cossa
sagen konnte, seine Prinzipien seien „die beste Zusammenstellung,
Vollendung und Darlegung der Doktrinen der klassischen Schule in
ihrer genauesten Form“'). Und gerade er eröfl'nete nun in den
folgenden Ausgaben seines Buches und hauptsächlich in seinen späteren
Schriften neue Ausblicke, die viele von denen zum Abfall brachten,
die der klassischen Schule sonst treu geblieben sein würden, und sie
nach dem hin orientierte, was man liberalen Sozialismus nennen
könnte.

Wir dürfen wohl ohne Einseitigkeit behaupten, daß die eigen-
tümliche Wandlung Stuart Mill’s zum großen Teil dem Einfluß der

') Hi stoi re des dootrines eoonomiques, S. 338 der franz. Übers.
Ui de und Eist, Gesell, d. Volkswirtschaft!. Lehrmeiramgen.	27
        <pb n="443" />
        ﻿418

Drittes Buch. Der Liberalismus.

französischen Gedanken zuzuschreiben ist1). Man könnte ein ganzes
, und recht interessantes Buch schreiben, um diesen Nachweis zu führen.
Ohne von dem Einfluß der Philosophie A. Comte’s zu sprechen, auf
den er bei jeder Gelegenheit hinweist, und um nur auf national-
ökonomischen Boden zu bleiben, hat er selbst anerkannt, daß er den
Saint-Simonisten einen großen Teil seiner Lehre über das Erbrecht
und das arbeitslose Einkommen verdankt, Sismondi seine Sympathie
für den kleinbäuerlichen Besitz, und den Assozialisten von 1848
seinen Glauben an die Kooperativ-Genossenschaften als Ersatz des
Lohnsystems.

Dies soll durchaus nicht heißen, daß Stuart Mill sich zum
Sozialismus bekehrt habe. Freilich weiß er ihn gegen unverdiente
Anschuldigungen zu verteidigen. Denen, die ihm vorwerfen, jede
persönliche Initiative und alle Freiheit vernichten zu wollen, ant-
wortete er verächtlich, daß „der Lohnempfänger der Fabrik heute
weniger persönliches Interesse an seiner Arbeit habe, als irgendein
Mitglied einer kommunistischen Genossenschaft“, und daß „aller
Zwang des Kommunismus als eine Erlösung gegenüber der heutigen
Lage der Mehrheit des Menschengeschlechtes wirken würde“2). Wenn
er zugibt, daß „schon heute der Kommunismus von einer Elite von
Menschen verwirklicht werden könne, und daß dies später von allen
getan werden kann“3), und wenn er der Hoffnung Ausdruck gibt,
daß eines Tages „die Erziehung, die Sitte und die Kultur der Ge-
fühle den Menschen dazu bringen werden, für sein Vaterland eben-
sogut den Boden umzugraben oder Leinewand zu weben, wie er
heute für sein Vaterland kämpft“ — so scheidet er sich doch nichts-
destoweniger vom Sozialismus, da er die Notwendigkeit der freien
Konkurrenz aufrecht erhält und mit Energie jeden Zwang der
Mehrheit hinsichtlich der wesentlichen Rechte des Individuums-
zurückweist.

Der erste Schlag, den er gegen die klassische Doktrin führt,
besteht darin, daß er ihre Grundlage, den Glauben an allgemeine und
ewige, natürliche Gesetze untergräbt. Er geht nicht soweit, zu be-
haupten, wie es später die historische Schule und der Marxismus tun,
daß diese angeblichen natürlichen Gesetze nichts weiter sind, als
Ausdrücke von Beziehungen, die einem gewissen Zustande der wirt-
schaftlichen Geschichte eigentümlich sind und mit ihm sich ändern

Wir erinnern daran, daß Stuakt Mill sich verschiedentlich längere Zeit in
'Frankreich aufgehalten hat und dort sogar sein Leben beschloß. Er hat einen Auf-
satz geschrieben, um die Revolution von 1848 zu verteidigen, der von Sadi Caknot-
ins Französische übersetzt worden ist und als Buch veröffentlicht wurde.

2)	Principles, B. II, Kap. 1.

3)	Gouvernement representatif, S. 21.
        <pb n="444" />
        ﻿Kapitel II, Höhepunkt und Niedergang der klassischen Schule. Stuart Mül. 419

werden. Aber er beginnt schon zu unterscheiden: — in dem Bereich
der Produktion gibt es allerdings natürliche Gesetze; doch im Bereich
der Verteilung gibt es nur Gesetze, die von Menschen gemacht worden
sind, und die infolgedessen auch von Menschen geändert werden
können ')• Ei- leugnet daher formal die These der klassischen
Volkswirtschaftler, nach der die Anteile eines jeden der Teilhaber,
— Lohn, Profit und Rente —, von Notwendigkeiten bestimmt werden,
gegen die der menschliche Wille nichts ausrichten kann.

Hierdurch wird die Tür sozialer Reformen geöffnet. Dies war
nichts Geringes. Sicherlich kann man nicht sagen, daß die klassische
Schule, oder sogar die optimistische Schule die Möglichkeit oder die
Wirksamkeit jeder sozialen Reform leugnete. Man muß aber gestehen,
daß sie nur die private Tätigkeit ermutigte, oder, wenn gesetzgeberische
Maßnahmen in Betracht kommen, nur die, die darin bestehen, alte Ge-
setze abzuändern. Auf dem Kongreß der liberalen Nationalökonomen
in Mainz im Jahre 1869 sagte Braun: „Unsere Kongresse haben viele
Gegner ins Feld gerufen, weil wir das Prinzip aufgestellt haben, daß
menschliche Gesetzgebung die ewigen Gesetze der Natur, die das
wirtschaftliche Leben regieren, nicht ändern kann.“ Erklärungen
dieser Art finden sich überreichlich in den französischen Büchern.
Aber dank der Unterscheidung Stuakt Mill’s ändert sich das Alles.
Denn wenn der Gesetzgeber auch den Gesetzen der Produktion ohn-
mächtig gegenübersteht, so hat er doch alle Macht, um die Gesetze der
Verteilung abzuändern; und es ist unnötig, darauf hinzuweisen, daß
gerade hier sich die Kämpfe um fast alle Forderungen abspielen.

In Wirklichkeit unterliegt die Unterscheidung, die Stuart Mill
gemacht hat, sehr der Kritik, wenigstens insoweit die Ausdrücke,
in die er sie gefaßt hat, in Betracht kommen, und wenn er versichert,
daß dies „sein bedeutendster und originalster Beitrag zur Wissenschaft
der Volkswirtschaft sei“, beurteilt er seine Verdienste schlecht. Die
Produktion und die Verteilung sind nicht getrennte Kreise. Sie
gehen, und zwar fast auf allen Punkten, ineinander über. Übrigens
setzt sich Stuart Mill selbst in Widerspruch mit seiner These, da,
wie wir sehen werden, die Reformen, die er vorschlägt, Produktiv-
genossenschaften oder kleinbäuerlicher Besitz, sich ebensowohl auf das
Reich der Produktion als auf das der Verteilung erstrecken. Man

') „Pie ersteren (die Gesetze der Produktion) haben einen ähnlichen Charakter,
wie die physischen Gesetze. In ihnen gibt es nichts Fakultatives oder Willkürliches ....
Für die Gesetze der Verteilung gilt aber nicht dasselbe. Sie sind nur eine mensch-
liche Einrichtung .... Die Gesellschaft kann die Verteilung der Güter solchen
Kegeln unterwerfen, wie sie ihr gut dünken“ (Principles, B. II, Kap. 1, § 1).

Man weiß, daß später Karl Marx behauptet, die Verteilung werde durchaus
von der Produktion bestimmt.

27*
        <pb n="445" />
        ﻿420

Drittes Buch. Der Liberalismus.

kann aber vielleicht den Gedanken Stuabt Mill’s genauer ausdrücken,
wenn man seine allzu einfache Unterscheidung durch eine andere ersetzt,
die Rodbeetus ungefähr zur gleichen Zeit aufstellt: die der wirt-
schaftlichen Beziehungen und die der rechtlichen Be-
ziehungen1). Obgleich auch diese beiden vielfach miteinander
verflochten sind, so versteht man doch, daß die wirtschaftlichen
Gesetze, die den Tauschwert regulieren oder die Ausdehnung indu-
strieller Unternehmungen bestimmen, nicht von der gleichen Art
sind, wie die Grundlagen, auf denen die gesetzliche Übertragung
des Eigentums sich aufbaut, oder wie die, aus denen sich die Ver-
pflichtungen der Parteien eines Interessen-, eines Lohn- oder eines
Pachtvertrages ergeben. Die ersteren können als natürliche Gesetze
bezeichnet werden, während die zweiten nur das Werk einer gesetz-
geberischen Autorität darstellen.

Stuabt Mill begnügt sich aber nicht damit, den Reformen die
Tür zu öffnen. Er tritt selbst mit vollem Entschluß über die Schwelle.
Er bringt, und darin unterscheidet er sich von allen klassischen
Volks Wirtschaftlern, ein breit angelegtes sozialpolitisches Programm,
das er selbst in folgender Weise formuliert: „Vereinigung des Höchst-
maßes an individueller Handlungsfreiheit mit Gemeinsamkeit am
Besitz der natürlichen Schätze der Welt und gleichmäßiger Anteil
aller an den Erzeugnissen der Arbeit, die diese Schätze ausnützt“ 2).
Dieses Programm läßt sich in folgenden drei Sätzen zusammenfassen:

1.	Ersatz des Lohnsystems durch die Produktivgenossenschaft;

2.	Sozialisation der Bodenrente durch die Grundsteuer;

3.	Beschränkung der Ungleichheit der Vermögen durch eine
Beschränkung des Erbrechtes.

Wie .man sieht, entspricht diese dreifache Reform durchaus den
von Stuabt Mill aufgestellten Bedingungen: denn sie ist nicht nur
nicht in Widerspruch mit dem individualistischen Prinzip, sondern
sie bezweckt gerade, es in diesen drei Punkten zu verstärken; sie
bedeutet keinen Zwang gegen das Individuum und strebt im Gegenteil
auf seine Emanzipierung hin. Betrachten wir daher kurz jede dieser
Reformen.

1.	Das Lohnsystem erschien Stuabt Mill als eine für die Indivi-
dualität durchaus verderbliche Ordnung. Weshalb? Weil es dem
Menschen alles Interesse an seinem Arbeitserzeugnis nimmt und
daher schon heute für die große Mehrzahl jene völlige Gleichgültigkeit
für die eigene Arbeit zur Tatsache macht, die, nach dem Vorwurf

’) Siehe besonders die Einführung Chatelain’s zur franz. Übers, von Eodbertüs :
Das Kapital.

2) Antobiography, S. 232 (London, 1873).
        <pb n="446" />
        ﻿Kapitel II. Höhepunkt und Niedergang der klassischen Schule. Stuart Mill. 421

der Individualisten, die Kommunisten für die Gesamtheit verwirklichen
wollten.

Daher muß es durch eine „Assoziationsform ersetzt werden, die,
wie man hoffen kann, wenn die Menschheit im Fortschritt fortfährt,
endlich zur Vorherrschaft kommen wird, und zwar nicht mehr die
Form, die heute zwischen dem Kapitalisten als Herrn und den Lohn-
empfängern ohne jeden Einfluß auf die Leitung besteht, sondern eine
Genossenschaft zwischen Arbeitern selbst, die, untereinander voll-
ständig gleich, zusammen das in dem Unternehmen angelegte Kapital
besitzen, und die nur selbst gewählten Direktoren gehorchen, die sie
selbst auch wieder absetzen können“ 1). Diese kooperative Lösung, die
er „ein edles Ideal“ nennt, kam ihm nicht von Owen, sondern von dem
französischen Assozialismus, der sie als Allheilmittel gepriesen hatte
und sie 1848 zu einer glänzenden, wenn auch nur ephemeren Blüte
brachte. Man weiß, daß Stuakt Mill nicht der einzige gewesen ist,
der von dem Schemen der Produktivgenossenschaft verführt wurde;
wie wir später sehen werden, beruhte die englische Bewegung, die den
Namen „christlicher Sozialismus“ trug, direkt auf diesen Gedanken.

Stuart Mill lebte jedoch lange genug, um den Niedergang der
Produktivgenossenschaften in Frankreich und den Aufschwung der
Konsumgenossenschaft in England zu sehen. Anscheinend hat ihm
aber dieser Gegensatz keine Veränderung seiner Auffassung der
Produktivgenossenschaft als Emanzipationsmittel nahe gelegt2).
Übrigens läuft eins wie das andere stets auf eine Emanzipation des
Arbeitenden „durch eigene Kraft“ hinaus.

b Principles, B. IV, Kap. 7, § 6. „Ausgenommen im Falle, daß es dem
militärischen Despotismus, der heute auf dem Kontinent triumphiert, gelingt, seine
verbrecherischen Anschläge gegen den menschlichen Fortschritt auszuführen, ist es
sicher, daß die Lage des Lohnempfängers bald nur den Arbeitern genügen wird,
deren moralischer Tiefstand sie der Unabhängigkeit unwürdig macht, und daß das
Verhältnis zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer durch die Assoziation in einer
der beiden folgenden Formen ersetzt werden wird: in gewissen Fällen zeitweilige
Assoziation der Arbeiter mit dem Unternehmer; in anderen Fällen, und zuletzt in
allen, Assoziation der Arbeitnehmer untereinander“ (B. IV. Kap. 7, § 4).

„Auf diese oder auf eine andere Weise würden die bestehenden Kapital-
ansammlungen ehrlich und ganz spontan zum Schluß das Eigentum derer werden,
die sich ihrer zur Produktion bedienen. Eine solche Umformung der Gesellschaft
würde die der sozialen Gerechtigkeit am nächsten kommende Form sein; eine Form,
die für die Organisation der Industrie im Interesse aller die dienlichste ist, die man
sich heute als möglich vorstellen kann“ (8. 323 d. franz. Übers.).

2) Doch hat ihm wahrscheinlich der Aufschwung der Konsumgenossenschaften
den Gedanken eingegeben, dem er verschiedentlich Ausdruck gibt, und dessen Be-
deutung nicht gering ist, daß der unbilligerweise von den Verbrauchern durch die
Zwischenhändler erhobene Tribut größer ist als der, den die Kapitalisten von den
Lohnempfängern erheben, und daß die Arbeitenden noch mehr von der Abschaffung
des ersteren, als der des zweiten gewinnen würden.
        <pb n="447" />
        ﻿422

Drittes Buch. Der Liberalismus.

2.	Die Bodenrente, die Ricabdo und seine Schüler als eine
natürliche oder sogar notwendige Tatsache angenommen hatten,
erschien ihm gleichfalls als anormal. Sie stand ebenso wie das Lohn-
system im Widerspruch mit dem Individualismus, wenn auch von
einem verschiedenen Gesichtspunkt aus. Wies sie doch gewissen
Menschen das zu, was nicht das Ergebnis ihrer individuellen Arbeit
war, während der wirkliche Individualismus Jedem den Ertrag seiner
Tätigkeit zuspricht: suumcuique!

Ob dieses Einkommen auf der Mitarbeit der Natur beruhte, wie
die Physiokraten und Adam Smith glaubten, oder ob es, wie Ricardo
und Malthus annahmen, eine Folge des Andrängens der Bevölkerung
war, oder ob der Zufall und soziale Konjunkturen es verursachten,
wie Senior lehrte — auf jeden Fall mußte es, gerade auf Grund
des Prinzipes „jedem das Produkt seiner Arbeit“ der Gemeinschaft
zurückgegeben werden. Nichts war einfacher, als dies durch das
Mittel einer Grundsteuer zu erreichen, hoch genug, um die Boden-
rente aufzusaugen: diese Steuer mußte man von Zeit zu Zeit erhöhen,
um dem Wachstum der Rente zu folgen. Dies war eine groß angelegte
Idee, die Stuart Mul übrigens schon von seinem Yater überkommen
hatte, und um die sich eine ganze Schule von Volkswirtschaftlern
sammeln sollte, die dem Sozialismus als solchem fern stand.

Aber die Bewegung, die aus dieser Idee der Wegsteuerung der
Bodenrente entstand, ist bedeutend genug, um besonders untersucht
zu werden, findet aber besser ihren Platz in dem Kapitel, das später
dieser Frage gewidmet sein wird.

Übrigens würde sich Stuart Mill, in Erwartung dieser etwas
revolutionären Reform, mit einer bescheideneren begnügt haben, die,
wie die Produktivgenossenschaft, ihm von dem, was er in Frankreich
gesehen hatte, nahe gelegt worden war: es war dies die Ausdehnung
des kleinbäuerlichen Eigentums. Seit den Reisen Arthur Yoüng’s in
Frankreich war es übrigens bei den Engländern ModeJ), den franzö-

*) A. Young- ist aber trotzdem Anhänger des landwirtschaftlichen Großbetriebes
geblieben, während bei Stuart Mill die Bekehrung vollständiger gewesen zu
sein scheint.

Doch wurde das bäuerliche Besitztum von Stuart Mill nur „in Erwartung“
einer radikaleren Lösung vorgeschlagen, die in der oben erwähnten, in der Asso-
ziation, besteht,

„Die in einem anderen Teil dieses Werkes ausgedrückte Meinung über den
Kleingrundbesitz und über die bäuerlichen Besitzer hat den Leser vielleicht zu
dem Glauben verführt, daß ich auf eine große Teilung des Großgrundbesitzes
rechne, um die Arbeiter, wenigstens die Landarbeiter, der Notwendigkeit zu über-
heben, ihren Lebensunterhalt allein von ihrem Lohn zu erwarten. Doch ist dies
nicht meine Meinung. Zwar glaube ich, daß diese Form der ländlichen Bewirtschaftung,
die grundlos kritisiert worden ist, in ihrem Gesamteinfluß auf das Glück der Menschen
        <pb n="448" />
        ﻿Kapitel II. Höhepunkt und Niedergang der klassischen Schule. Stuart Mill. 423

sischen Bauer zu bewundern. Die hauptsächlichsten Vorteile, die
Stuart Mill dem kleinen Besitz zuschreibt, sind die Neutralisation
der Ungerechtigkeiten der Bodenrente durch ihre Zersplitterung, der
Schutz der unabhängigen Produktion gegen ein Versinken in die
Lohnarbeit, die Entwicklung der individuellen Initiative und der
Intelligenz der Bauern, und hauptsächlich der energische Zügel, den
sie dem natürlichen Streben nach einer unüberlegten Bevölkerungs-
vermehrung anlegt.

Man muß darauf hinweisen, daß Stuart Mill seine Vorliebe
für den kleinbäuerlichen Besitz — für die herrliche französische
Bauernschaft, „the beautiful French peasantry“ wie man sie
seitdem genannt hat — der ganzen radikalen Partei in England ein-
geimpft hat. Die Gesetze, die in England seit dem Ende des
19. Jahrhunderts fortlaufend gegeben worden sind, um mitten in den
großen Latifundienbezirken Inseln des Kleinbesitzes zu schaffen
(Small Holding Acts), sind seinem Einfluß zuzuschreiben.

3.	Schließlich lehnt sich Stuart Mill nicht weniger stark als
gegen die Bodenrente auch gegen das alte Erbrecht auf, das Eeich-
tümer an solche gibt, .die sie nicht erzeugt haben. — Wie wir gesehen
haben, machte Senior hier keine Unterscheidung, sondern faßte beides
unter demselben Namen „Rente“ zusammen. — Das Erbrecht erschien
Stuart Mill dem wohlverstandenen individualistischen Prinzip ebenso
sehr zuwiderzulaufen wie die Bodenrente und sogar im Gegensatz zu
dem Gesetz der freien Konkurrenz zu stehen, da es die Konkurrenten
unter durch und durch ungleichen Bedingungen kämpfen läßt. Hierin
unterliegt Stuart Mill, was er auch nicht verbirgt, dem Einfluß der
Saint-Simonisten und ihrer Verachtung für den „Zufall der Geburt“.

Jedoch stieß er hier, soweit die testamentarische Erbfolge in
Betracht kommt, auf eine große Schwierigkeit: denn das freie Ver-
fügungsrecht über seinen Besitz zu Lebzeiten, und sogar nach dem
Tode ist vielleicht der hervorragendste Ausdruck der Individualität,

bei weitem der Lohnarbeit vorzuziehen ist . . . Aber der Zweck des Fortschrittes
ist nicht nur der, die Menschen in eine Lage zu versetzen, in der sie ohne einander
anskommen können, sondern ihnen zu gestatten, zusammen unter gegen-
seitigen Beziehungen zu arbeiten, die keine Abhängigkeits-
beziehungen sind“ (B. IV, Kap. 7, § 4).

Die dem ländlichen Kleinbesitz als wenigstens partielle Lösung der sozialen
Frage zugesprochene Bedeutung ist übrigens keine Besonderheit Stuaet Mill’s. Ohne
auf Sismondi zurückzugreifen, der, wie wir gesehen haben, sich viel damit beschäftigt
hatte, wurde sie von Thoknton in England, in seinem Buch: Befürwortung des
bäuerlichen Eigentums (1848) und von Hippolyte Passy in Frankreich in
einem ausgezeichneten kleinen Buch: Des Systemes de culture (1852) ein-
dringlich empfohlen. Doch blieben die klassischen Yolkswirtschaftler mehr dem
landwirtschaftlichen Großbetrieb günstig gesinnt: besonders Lavebgke, Essai sur
l’Eeonomie rurale de 1’Angleterre.
        <pb n="449" />
        ﻿424

Drittes Buch. Der Liberalismus.

da er eine Art von Fortleben des Willens darstellt. Stuaet Mill.
entzieht sich dieser Schwierigkeit in höchst geistreicher Weise: er
achtet das Verfügungsrecht des Besitzers, aber begrenzt das Erwerbs-
recht bei den Erben: der Erbe darf über ein bestimmtes Vermögen
hinaus nichts erhalten. Der Erblasser besitzt die volle Freiheit, sein
Vermögen jedem, dem er will, zu geben oder zu hinterlassen, aber
nicht dem, der schon einen genügenden Anteil am Reichtum hat. Von
allen von Stuaet Mill vorgeschlagenen Lösungen ist diese offenbar
die am stärksten sozialistische: daher schlägt er sie auch mehr in
der Form einer Anregung als eines positiven Projekts vor1).

Stuaet Mill hätte in das Kapitel eingereiht werden können,,
das wir den Pessimisten gewidmet haben, denn in gewisser Hinsicht
gehört er zu ihrer Schule, besonders, weil er stets mehr die trübe-
Seite der wirtschaftlichen Tatsachen ins Auge faßt. Wie wir schon
gesehen haben, erscheint ihm nicht nur das Gesetz der Bevölkerung
als voller Gefahren für die Zukunft der Arbeiterklasse, sieht er nicht
nur in dem Gesetz des sinkenden Bodenertrages, d. h. in der ver-
hängnisvollen Begrenzung der zum Leben notwendigen Erzeugnisse,
„die wichtigste Wahrheit der volkswirtschaftlichen Wissenschaft“,
sondern seine Bücher sind voll von melancholischen Betrachtungen
über den eitlen Glauben an den Fortschritt. So sagt er z. B. an der
so oft angeführten Stelle: „Es ist zweifelhaft, ob alle mechanischen
Erfindungen die tägliche Arbeitslast irgendeines menschlichen Wesens
erleichtert haben2)“. Und in gleicher Weise zeigt er uns in einer-
ergreifenden Vision die Zukunft der Gesellschaft und führt aus: „wie
der Strom menschlichen Fleißes am Ende allen' Endes in ein stag-
nierendes totes Meer mündet“.

Es ist der Mühe wert, einen Augenblick bei dieser Idee eines
stationären Zustandes zu verweilen, die, wenn auch ihre Ur-

3) „Wenn ich einen Q-esetzeseod.es: formulieren sollte, der mir an
sich als der beste erscheint, so würde ich vorziehen, nicht die Quote festzu-
legen, die ein jeder testamentarisch vermachen kann, sondern die Höhe der Erbschaft,
die ein jeder durch erblasserliche Zuwendung oder als Erbschaft erhalten darf. Es
soll einem jeden frei stehen, über sein Eigentum durch Testament zu verfügen, aber
nicht es zu verschwenden, um ein oder mehrere Personen über ein bestimmtes, fest-
gelegtes Maximum hinaus zu bereichern“ (Bd. L, B. II, Kap. 2, § 4).

Es ist kaum notwendig, darauf hinzuweisen, daß die Beschränkung des Erbrechtes
eine durchaus persönliche Auffassung des Individualismus Stuart Mill’s ist, die,
gerade wie übrigens die vorhergehenden Lösungen, von der überwiegenden Mehrzahl
der Individualisten verworfen wird. Es ist daher etwas gewagt, wenn Schatz in
seinem Buch über den Individualismus behauptet, daß „Stuart Mill der wirkliche
Wardein des individualistischen Geistes sei!“ Er wäre dann ein etwas ungetreuer
Verwalter, dessen Unterschlagungen zu zahlreichen Prozessen Anlaß gegeben hätten!

2) Principles, B, IV, Kap. 6, § 2.
        <pb n="450" />
        ﻿Kapitel II. Höhepunkt und Niedergang der klassischen Schule. Stuart Milk 425

spränge weit vor Mill liegen, doch einer der für ihn bezeichnendsten
Gedanken seines Werkes ist, in dem man sogar „am Ende allen
Endes“ seine Lösung der sozialen Frage suchen muß. v

Wie wir sahen, haben die Volkswirtschaft!er und besonders
Eicaedo das Gesetz des allmählich sinkenden Profits, als eng mit
dem Gesetz des sinkenden Bodenertrages verbunden gelehrt. Sie
glaubten, daß es bis zu dem Punkte fortwirken würde, an dem die
Verminderung des Profits so groß geworden sei, daß die Bildung-
neuer Kapitalien verhindert würde1). Stüaex Mill, der diese
Theorie an dem Punkt, an dem sie sie verlassen hatten, wieder auf-
nimmt, kommt zu dem Schluß, daß die Industrie, da sie notwendiger-
weise von dem Kapital begrenzt wird, an dem Tage nicht mehr
wachsen kann, an dem die Menge des Kapitals stationär geworden
sein wird. Von dem Augenblick an wird es zu einer zwingenden
Notwendigkeit, daß auch die Bevölkerung stationär werde, und so
wird das ganze wirtschaftliche Leben zum Stillstand kommen. Aber
— und dies ist es, was diesen Gedanken so bestechend macht, —
wenn sich Stuaet Mill über diese Perspektive vom wirtschaftlichen
Gesichtspunkt bestürzt zeigt, so erfüllt sie ihn vom moralischen

') „Eine gewisse Höhe des Profits ist die notwendige Voraussetzung für jede
Kapitalansaininlung, die die Gesamtsumme vermehrt. . . Wenn auch diese Minimalhöhe
verschieden sein kann, und obgleich es unmöglich sein mag, ihre genaue Höhe in
einem gegebenen Augenblick festzusetzen, so besteht doch dies Minimum stets. Sei
es hoch oder niedrig, sobald es einmal erreicht worden ist, kann die Summe der
Kapitalien nicht weiter steigen. Das Land hat den Zustand erreicht, den die Volks-
Wirtschaftler den stationären Zustand nennen“ (Principles, Bd. II, SS. 275—276
d. franz. Übers.).

Stuart Mill gibt die Ursachen an, die das Fallen des Profit bestimmen, —
wie auch die, die zeitweilig dieses Fallen verhindern; besonders Fortschritte in den
Produktionsmethoden, und umgekehrt, Vernichtung von Kapitalien durch Kriege
und Krisen.

Es ist nicht unnötig, darauf hinzuweisen, daß das Wort Pr o fit bei den englischen
klassischen Ökonomisten und besonders bei Stuart Mill nicht dieselbe Bedeutung
hatte, wie bei den französischen Ökonomisten. Die letzteren haben seit J.-B. Say
das Wort Profit angewendet, um besonders den Anteil des Unternehmers zu be-
zeichnen; den Anteil des passiven Kapitalisten nennen sie Zinsen (interet). Bei
den englischen Volkswirtschaftlern wurde jedoch die Funktion des Unternehmers
nicht von der des Kapitalisten unterschieden, weshalb das Wort Profit gleichzeitig
zur Bezeichnung dessen, was in Frankreich Profit und was Zins hieß, gebraucht
wurde. Hieraus ergibt sich folgendes: Während die Hedonisten unter den französischen
Volkswirtschaftlern logisch nachweisen können, daß unter einer hypothetischen
Herrschaft der vollkommen freien Konkurrenz der Profit auf Null sinken würde, können
die englischen Volkswirtschaftler diese These nicht zugeben, weil für sie der Profit
auch den Zins einschließt, der, so sehr er auch zurückgehen möge, als Entlohnung
der Abstinenz notwendig bleibt.

Übrigens ist es die französische Auslegung des Wortes Profit, die sich heute
überall Bahn bricht.
        <pb n="451" />
        ﻿426

Drittes Buch. Der Liberalismus.

Gesichtspunkt aus mit Freude. „Ein solcher Zustand“, „sagt er, ist
dem jetzigen bedeutend yorzuziehen.“ Warum nun? Weil er glaubt,
daß der Strom der menschlichen Energie deshalb noch nicht versiegen,
sondern nur sein Bett ändern und neue Felder befruchten wird.
An dem Tage, an dem die Menschen müde sein werden, den einzigen
Inhalt ihres Lebens darin zusehen, „den Dollar zu jagen und Dollar-
jäger aufzuziehen“, werden sie Befriedigungen höherer Art suchen.
Mit einem Worte, er hofft, daß alles das, was für den wirtschaftlichen
Fortschritt verloren sein wird, für den moralischen Fortschritt Ge-
winn bedeutet, und daß in diesem leisen Verklingen der jetzt so
leidenschaftlichen Wünsche das, was man die soziale Frage nennt,
gelöst, oder besser verschwunden sein wird *). Und auch .ich sehe
heute unter allen dargebotenen Gaben der Reformatoren noch nichts &gt;
Besseres.

§ 3. Die Nachfolger Stuart Mill’s.

Der Einfluß Stuart Mill’s war universal, aber trotzdem hinter-
ließ er keine wirklichen Schüler, vielleicht deshalb, weil die, die es
geworden sein könnten, wie z. B. Arnold Toynbee, sich der historisch-
ethische Schule angeschlossen haben.

Die klassische Schule folgte ihm nicht in seinen sozialistischen 7
Tendenzen. Sie fuhr fort, die Lehren ihrer ersten Meister zu lehren,
— aber mit vermindertem Ansehen, und sie erzeugte keine Wrerke
mehr, die denen gleichgestellt werden können, die wir eben studiert
haben. Es gibt jedoch einige, die, wenn sie auch nur zweiten
Ranges sind, ausgezeichnet genannt werden können. Wir weisen nur
auf die wichtigsten hin.

In England gehören dazu die Bücher von Cairnbs, besonders
Some Leading Principles of Political Economy, das 1874
erschien. Gewöhnlich stellt man Cairnes als einen Schüler Stuart
Mill’s hin: das ist jedoch ganz und gar verkehrt* 2). Er ist in jeder
Weise ein Klassiker, ebenso wohl durch die deduktive Methode, die er
die einzig mögliche nennt, und die er sogar übertreibt, als auch durch

') In einem der Briefe an Gustave d’ Biohthal, die vor kurzem veröffentlicht
worden sind, schreibt er, indem er von Auguste Comte spricht: „Was für ein un-
geheuerlicher Irrtum liegt doch in dem Glauben, daß dieses Gesetz der Zivilisation
einen beständigen Fortschritt erheische! Warum nicht zugeben, daß im Maßstabe,
wie die Menschheit in gewissen Richtungen fortschreitet, sie in anderen Rückschritte
macht?“

2) Man kann ihn jedoch, soweit soziale Reformen in Betracht kommen, hin-
sichtlich eines Punktes als von Stuart Miel beeinflußt ansehen: er erklärt, allerdings
nebenbei, daß „die Kooperation“ der einzige Ausweg aus der heutigen Lage sei.
        <pb n="452" />
        ﻿Kapitel II. Höhepunkt und Niedergang der klassischen Schule. Stuart Milk 427

den Gleichmut, mit dem er die sozialen Ungerechtigkeiten betrachtet.
Er nimmt das laisser-faire, „nicht als Grundlage einer wissenschaft-
lichen Doktrin . . ., sondern als die sicherste und praktischste
Lebeusregel“ anx). Er verteidigt gegen Stüaet Mill das alte Ge-
setz des Lohnfonds. — Einen Avirklich neuen Beitrag hat er nicht
geliefert, wenn man nicht eine Verbesserung des Konkurrenzgesetzes
so nennen will. — Er hat darauf hingetviesen, daß es weit davon
entfernt ist, die große Tragweite zu besitzen, die man ihm zuschrieb,
sondern sich nur zwischen Individuen, die ungefähr in gleicher Lage
sind, betätigt, nämlich daß seine Wirkung nur im Innern kleiner ge-
schlossener Gruppen, aber nicht von einer dieser Gruppen auf die
andere in Erscheinung trete: er nennt dies die Theorie der „non
competing groups“ (nicht in Wettbewerb stehender Gruppen).
Hierdurch erklärt sich, daß die Ungleichheit der Profite und der
Löhne sich bis ins Unendliche aufrecht erhalten kann.

In Frankreich war Michel Chevalier der bekannteste Vertreter
der Nationalökonomie unter dem zweiten Kaiserreiche. Obgleich er
ein Schüler Saint-Simon’s war, fuhr er doch fort, am College de
France die klassische Lehre vorzutragen, die dort seine Vorgänger,
•I.-B. Say und Eossi, gelesen hatten2). Er stritt gegen die Sozialisten
Ton 1848 und gegen die Schutzzöllner, hatte die Ehre, an der Be-
siegung beider teil zu nehmen und führte mit Cobden die Ver-
handlungen über den bekannten Handelsvertrag von 1860. Er begriff
die Bedeutung, die die Eisenbahnen erlangen sollten, wie auch die
des eben vollendeten Durchstiches des Isthmus von Suez (womit ein
Projekt Enfantin’s verwirklicht worden war), und die der großen
Kreditinstitute, die damals aufkamen3). Obgleich er zur liberalen
Schule übergegangen war, vergaß er doch nicht, was der Saint-
Simonismus über die bedeutende Rolle der Autorität und des Staates
gelehrt hatte, und spornte die Regierung zu tätiger Beschäftigung
mit den Arbeiterfragen an, denen Napoleon III. von Natur zuneigte.
Alle diese Gebiete behandelte er mit Sachkenntnis und Beredsamkeit.

Zur gleichen Zeit veröffentlichte Couecelle-Seneuil eine Abhand-
lung über Nationalökonomie, die lange Zeit hindurch als maßgebend
galt. Er war der Hüter der reinen Wissenschaft, die er Pluto-
l°gie nannte, um sie von der Ergonomie oder angewandten

*) Essays, S. 281.

2)	Seit 1830 hat diese Professur nur vier Inhaber gehabt: J.-B. Say, Eossi,
Michel Chevalier, und jetzt dessen Schwiegersohn, Paul Leroy-Beaulieü. Sie stellt
ziemlich genau die Geschichte der französischen volkswirtschaftlichen Schule vor.

3)	Das eigentümlichste seiner Bücher ist das 1859 unter dem Titel De la
baisse probable de l’or veröffentlichte Werk, das während der ganzen zweiten
Hälfte des 19. Jahrhunderts eher lächerlich erschien, aber bald neue Bedeutung ge-
gewinnen könnte.
        <pb n="453" />
        ﻿428

Drittes Buch. Der Liberalismus.

Wissenschaft zu unterscheiden: er hielt es für äußerst wichtig, diese
beiden Bereiche streng zu trennen. Während langer Zeit übte er
eine Art „schulmeisterlicher“ Oberaufsicht aus, und er war es, der in
dem Journal desEconoraistes den jungen Volkswirtschaftlern
die Rute gab, wenn sie sich zu emanzipieren versuchten, während zur
selben Zeit Maurice Block die Veröffentlichungen der deutschen Schule,
die damals ihren Anfang nahm, analysierte und scharf kritisierte.

Wir bedauern, Frankreich nicht das „Precis de la Science
economique et de ses principales applications“ (Dar-
legung der Wissenschaft von der Volkswirtschaft und ihrer haupt-
sächlichsten Anwendungen) von Chebbuliez zusprechen zu können,
ein Werk, das 1862 erschien, denn sein Verfasser war Schweizer und
erst in Genf, später in Zürich Professor. Gossa erklärt in seiner
„Hi s toi re“, daß es „ohne allen Zweifel das beste in französischer
Sprache veröffentlichte Werk sei, und wohl auch höher stehe, als das
von Stuart Mill“. Es ist sicher, daß dieses Buch etwas Besseres
verdiente, als das mittelmäßige und nur kurze Aufsehen, das das
Schicksal ihm bestimmte. Doch läßt sich das daraus erklären, daß es,
obwohl in jeder Weise auf ernsthaften Grundlagen beruhend, doch
viel weniger beredt und anregend ist, als das Buch Stuart Mill’s.
Cheebulxez gehört der klassischen Schule an. Er bekämpfte den
Sozialismus durch Broschüren in der Art Bastiat’s und verteidigte
die liberale Lehre und die deduktive Methode. Bei alledem kann er,
ebenso wie die beiden Mill vor ihm — und wie Walras, Spencer,
Laveleye, Henry George und viele andere nach ihm — doch nur
mit einigen Gewissensbedenken den Grundbesitz mit dem indi-
vidualistischen Prinzip „einem jeden das Produkt seiner Arbeit“ in
Übereinstimmung bringen. Und wenn er sich resigniert damit ab-
findet, ihn anzuerkennen, so liegt das mehr daran, daß er ihn für
ein geringeres Übel hält als den Gemeinschaftsbesitz am Boden.

In Deutschland hatte die liberale Schule, unmittelbar bevor sie
von der historischen Schule fortgefegt wurde, noch einige Vertreter.
Peince Smith (englischer Abstammung) verteidigte dort den Frei-
handel und lehrte, daß „die Annahme widersinnig sei, es gebe über-
haupt eine soziale Frage, und noch widersinniger, daß sie, sollte man
annehmen, es gäbe wirklich eine solche Frage, durch irgend etwms
anderes, als den natürlichen Lauf der Dinge, gelöst werden könne.“
Weniger doktrinär und mehr reformatorisch begann ScnuLZE-Delitzsch
ungefähr im Jahre 1850 die Bewegung, die trotz der Spöttereien
Lassalle’s sich so großartig in tausenden von Kreditgenossenschaften
ausbreiten sollte, aus der aber bis heute nur die Mittelklassen (kleine
Kaufleute, Handwerker und Bauern) Gewinn gezogen haben.
        <pb n="454" />
        ﻿Die Abtrünnigen.

Mit Eastiat fand der vom Sozialismus bedrohte wirtschaftliche
Liberalismus im Optimismus ein unsicheres Obdach.

Stuart Mi ul gab den wirtschaftlichen Gedanken der Gründer
ihren klassischen und vollendeten Ausdruck. Das wissenschaftliche
Gebäude der Volkswirtschaft scheint jetzt nahezu fertig.

Soll hiermit auch die Geschichte der Doktrinen ihr Ende finden?

Durchaus nicht! fm gleichen Augenblick, in dem man glauben
konnte, daß der Liberalismus triumphiere und die Ökonomik end-
gültig abgeschlossen sei, erheben sich von allen Seiten die Gegner.
Die Kritik, nach 1848 für einen Augenblick verstummt, setzt mit
neuer Kraft ein und läßt sich jetzt nicht mehr unterdrücken.

Zunächst weigert sich in Deutschland eine neue, die historische
Schule, die der Wissenschaft von den französischen und englischen
Volkswirtschaftlern gezogenen Grenzen anzuerkennen. Sie erstickt
m der Atmosphäre von Abstraktionen und Verallgemeinerungen, mit
der man sie umgeben hat. Sie verlangt von neuem Berührung mit
dem Leben, dem der Vergangenheit und dem der Gegenwart. Sie ist
der allgemeinen Gesetze, die leeren Rahmen ähneln, .herzlich müde. Sie
verlangt Tatsachen und Beobachtungen. Mit jugendlicher Kraft
greift sie alle alten Schlußfolgerungen an und will die National-
ökonomie von Grund aus wieder aufbauen.

Dies bezieht sich ailftdie Theorie. Aber mehr noch, als die
klassische Theorie wird die liberale Politik angegriffen, mit der die
'd issenschaft unklugeps^eise gemeinsame Sache gemacht hatte.

Auf der einejr Seite protestieren Schriftsteller, die auf christ-
licher Grundige stehen, mit ganz neuer Energie gegen den Optimis-
mus und das laisser-faire, und zwar im Namen der Nächstenliebe,
        <pb n="455" />
        ﻿430

Viertes Buch. Die Abtrünnigen.

der moralischen Grundsätze und des Christentums überhaupt. Auf
der anderen Seite gewinnt der Interventionismus, der sich noch bei
Sismondi nur furchtsam regte, unter dem Drucke der Arbeiterfragen
eine Kraft und eine Ausdehnung, die man bis dahin niemals gekannt
hatte, und verwandelt sich unter dem Namen Staatssozialismus in eine
wirkliche Doktrin.

Und schließlich erlebt der Sozialismus, den Retbaud nach 1848
tot gesagt hatte, seine Auferstehung. In dem 1867 veröffentlichten
Kapital von Marx findet er seinen erschöpfendsten und mächtigsten
Ausdruck. Er stellt sich diesmal nicht lediglich als der Ausdruck
warmherziger Bestrebungen dar, sondern als ein neues, wirklich
wissenschaftliches System, dessen schneidende Vorwürfe die Vertreter
der klassischen Nationalökonomie zum erbitterten Kampf hei aus-
fordern, und das sich vermißt, sie mit den Waffen zu schlagen, die
sie selbst geschmiedet haben.

In Wirklichkeit ist keine dieser neuen Ideenströmungen voll-
ständig neu. Wir sind ihnen schon begegnet und haben ihren Ur-
sprung und ihre Wurzeln im zweiten Buche dieses Werkes dargelegt,
in dem wir die Gegner der Gründer studierten.

Aber zwischen dem Schicksal, das den Doktrinen vor 1848 be-
schieden wmr, und dem der Doktrinen, die uns jetzt beschäftigen werden,
besteht ein sehr bedeutsamer Unterschied. Trotz der Sympathien, die
sie umgaben, standen die Gegner der Gründer allein. Ihre Proteste sind
fast stets individuell. Sismondi nicht mehr als die Saint-Simonisten,
Fourier nicht mehr als Owen, Peoudhon oder List waren imstande,
das Vertrauen der öffentlichen Meinung in den Liberalismus zu er-
schüttern. Aber in der Periode, die jetzt beginnt, wenden sich im
Gegenteil die öffentliche Meinung und die Parteien mehr und mehr
diesen neuen Schulen zu, — und der Liberalismus wird verlassen.

Allerdings nicht sofort. Die Ideen der meisten dieser Schulen
waren schon zwischen 1850 und 1875 formuliert worden, — und erst
das letzte Viertel des Jahrhunderts sieht ihren Triumph. Dieser
Triumph ist aber darum nicht weniger vollkommen. In Deutschland
nimmt für einige Zeit die historische Schule fast vollständig den
Platz der klassischen Schule ein. Der Interventionismus drängt
sich seit 1880 beinahe überall der Politik der Regierungen auf. Der
kollektivistische Sozialismus erobert stetig wachsend die
Arbeiterklassen aller industriellen Länder und übt einen bemerkens-
werten Einfluß auf die Politik aus. Der christliche SozialijL*
m u s versteht es, in allen Konfessionen immer begeistertere Anhänger
um sich zu scharen.

Der Fortschritt dieser neuen Lehren bezeichnet daher zur gleichen
Zeit den Fall der klassischen Nationalökonomie und den Niedergang
        <pb n="456" />
        ﻿Kapitel I. Die historische Schule und der Streit über die Methoden. 431

des Liberalismus. Das öffentliche Interesse wendet sich mehr und mehr
von den Ideen der „Gründer“ ab. Und da es auf der anderen Seite
keinem der neuen Systeme gelingt, sich die Vorherrschaft zu sichern,
kommt es zu einer Art Zersplitterung der wirtschaftlichen Gedanken,
die viele dazu bringt, hinsichtlich aller Theorien und aller Volks-
wirtschaftspolitik dem ausgesprochensten Skeptizismus zu huldigen.
Die schöne Zuversicht, die früher geherrscht hatte, macht dem Zweifel
Platz. Der relativen Einheitlichkeit der Anfänge folgt die Vielheit
der Meinungen, und die Wissenschaft sucht von neuem ihren Weg.

ln dem letzten Buche dieser Geschichte werden wir sehen, wie
etwas später hervorragende Schriftsteller dazu gelangt sind, allen,
denen es um allgemeine Wahrheiten zu tun ist, einen neuen Sammel-
punkt zu geben, indem sie die wissenschaftliche Tradition der Gründer
Wiederaufnahmen, aber die wirtschaftliche Wissenschaft von jedem
System politischer Praxis trennten und so abermals ein vollständiges
Gebäude gut zusammen gefügter Lehren aufrichteten.

Kapitel I.

Die historische Schule
und der Streit über die Methoden.

Die von der historischen Schule geschaffenen und vertretenen
Gedanken erfüllen die ganze zweite Hälfte des neunzehnten Jahr-
hunderts. Während seines letzten Viertels haben sie sogar ihren
Höhepunkt erreicht. Ihr Geburtsdatum liegt aber viel weiter zurück.
Es fällt ungefähr mit dem Erscheinen eines kleinen Buches im
Jahre 1848 zusammen: dem Grundriß Eoscher’s. Um die Ideen
der Schule zu verstehen, muß man sich in diese Zeit zurückversetzen:
— denn der Zustand, in dem sich damals die Nationalökonomie
befand, rechtfertigt und erklärt die Kritik der historischen Schule.

Mit den Nachfolgern J.-B. Say’s und Kxcakdo’s nahm die National-
ökonomie einen mehr und mehr abstrakten Charakter an. Bei
einigen unter ihnen zeigt sich das Bestreben, sie auf eine kleine
Anzahl theoretischer Grundsätze einzuengen, die wie geometrische
Theoreme formuliert sind und sich hauptsächlich auf den inter-
nationalen Güteraustausch, auf die Bestimmung der Höhe des Profits,
der Löhne und der Grundrente beziehen. Selbst wenn man die
ßichtigkeit dieser Theoreme zugeben wollte, sind sie doch weit
davon entfernt, die ganze Vielfältigkeit der wirtschaftlichen Phänomene
        <pb n="457" />
        ﻿432

Viertes Buch. Die Abtrünnigen.

zu erklären oder als Führer in den neuen Problemen der Praxis
zu dienen, die die Entwicklung der Industrie alle Tage dem Staats-
manne stellt. Aber die unmittelbaren Schüler Ricaedo’s und Say’s,
in England und auf dem Kontinent, Mac Culloch, Senioe, Stoech,
Eau, Gaeniee1), Rossi fahren fort, sie zu wiederholen, ohne etwas
von Bedeutung hinzuzufügen. So ist die Ökonomie unter ihren Händen
zu einem Gebilde ziemlich farbloser Lehrsätze ein getrocknet, deren
Verbindung mit den konkreten wirtschaftlichen Leben immer weniger
klar hervortritt, je weiter man sich von ihrem Ursprungsland ent-
fernt. Allerdings könnte man Stuaet Mill hiervon ausnehmen.
Sein Buch datiert aber erst von 1848 und damals war die
historische Schule schon geboren. Seit A. Smith, dessen Werk so
vielseitig und anregend ist, scheint die Nationalökonomie nach einem
Wort Sohmollee’s an einer Art von Bleichsucht zu leiden2).

Dieser Eindruck wird von Aenold Totnbbe in einem Artikel
über die alte Nationalökonomie sehr gut wiedergegeben. „Ein
künstliches Gebilde der Logik“, schreibt er, „wird das offizielle
Gesicht der wirklichen Welt. Nicht daß Ricaeuo selbst, der ein
wohlwollender und guter Mann war, gewünscht, oder wenn er sich
die Frage vorgelegt hätte, vermutet hätte, die Welt seiner „Grund-
züge“ sei die Welt in der er lebte; aber unwillkürlich nahm er die
Gewohnheit an, die Gesetze, die nur für die von ihm in seinem
Arbeitszimmer im Hinblick auf die wissenschaftliche Analyse geschaffene
Gesellschaft wahr sind, auf die komplizierte Gesellschaft anzuwenden,
die um ihn lebte und webte. Diese Verwirrung wird von einigen
seiner Nachfolger vermehrt, und in den schlecht informierten, volks-
tümlichen Darlegungen, die man von seiner Lehre gab, noch ver-
stärkt“ s). Mit anderen Worten, die Kluft zwischen der wirtschaft-
lichen Theorie und der konkreten Wirklichkeit tritt immer deutlicher
zutage. Diese Spaltung wächst mit der Umwandlung der Industrie
mehr und mehr, da unvorhergesehene Probleme auftreten, neue soziale
Klassen entstehen, und die Industrie auf Länder übergreift, deren
wirtschaftliche Verhältnisse zuweilen sehr verschieden von denen
sind, die in Frankreich und in England die Gedankengänge der
Gründer hervorgerufen hatten.

!) Joseph Garnier (der nicht mit Gbrmain Garnier, den Übersetzer A. Smith’s,
verwechselt werden darf) veröffentlichte 1845 die erste Ausgabe seiner Elements
d’Economie politique. Er war seit 1848 bis zu seinem im Jahre 1881 erfolgten
Tode Chef-Redakteur des Journal des Economistes. Nach seinem Tode trat
Molinahi an seine Stelle.

2)	G. Schmolleb, Zur Literaturgeschichte der Staats- und Sozial-
wissenschaften, Leipzig, 1888 (der Ausdruck findet sich in der Abhandlung
über Roscher).

3)	A. Toynbee; The Industrial Revolution, S. 7.
        <pb n="458" />
        ﻿Kapitel I. Die historische Schule und der Streit über die Methoden. 433

Man konnte versuchen, diese Kluft zwischen der Wirklichkeit und
4er Theorie auf zweierlei Weise zu verschmälern. Entweder, indem
man durch die Analyse eine neue Theorie aufbaute, die harmonischer
und umfassender wmr, — das ist der Weg, den gegen 1870 Mekgeb p
•Jevons und Walras betraten, — oder radikaler, indem man jede
abstrakte Theorie überhaupt verwarf und in der Darstellung der
Wirklichkeit den einzigen Gegenstand der Wissenschaft sah: diesen
Weg wählte man zuerst, und die historische Schule schlug ihn ein.

Freilich hatten schon lange vor der Gründung einer historischen
„Schule“ gewisse Schriftsteller auf die Gefahr hingewiesen, die der
Wissenschaft aus dem Mißbrauch der Abstraktion erwachsen-mußte.
ISismond i, der selbst Historiker war, betrachtete die Nationalökonomie
als eine „moralische“ Wissenschaft, in der „alles zusammenhängt“.
Er wollte, daß man die ökonomischen Phänomene in dem sozialen
und politischen Milieu, in dem sie auftraten, studiere. Er kritisierte
die allgemeinen Theoreme Ricaedo’s und befürwortete die genaue
Beobachtung der Tatsachen1). Noch kräftiger hatte List die klassischen
Volkswirtschaftler angegriffen. Seine Vorwürfe machten nicht bei
Ricardo halt, sondern wendeten sich sogar gegen Smith. Indem er
die Geschichte als Demonstrationsmittel benutzte, indem er die
„Nationalität“ als Basis seines Systems nahm, untenvarf er die ganze
Handelspolitik jenem Prinzip des „Relativismus“, auf das die historische
Schule so viel Nachdruck gelegt hat2). Und weiterhin hatten
die Sozialisten selbst, besonders die Saint-Simonisten, deren ganzes
System nur eine umfassende Geschichtsphilosophie ist, durch ihre
Kritik des Eigentums die Unmöglichkeit nachgwiesen, die wirt-
schaftlichen Tatsachen von den sozialen und rechtlichen Einrichtungen
zu isolieren.

Aber keiner dieser Autoren hatte in der Geschichte und in der
Beobachtung mit Absicht ein Mittel gesucht, die ganze Volks-
wirtschaftslehre neu zu konstruieren. Dieser Versuch macht die
Originalität der deutschen historischen Schule aus.

1)	Es ist eigentümlich, daß die „Historiker“ fast niemals Sismondi unter ihren
Vorläufern aufzählen. Koscher und Hildebhand erwähnen ihn nicht, und Knies
hält ihn mehr für einen Sozialisten (vgl. Die politische Ökonomie vom
geschichtlichen Standpunkt, 2. Ausg. S. 322).

2)	Doch hat auch List keine Gnade vor den „Historikern“ gefunden. Hildebhand
wirft ihm vor, mit der „atomistisohen Auffassung“ Smith’s behaftet zu sein und die
„ethische Natur des Gemeinwesens“ zu vergessen. „Bei List“, sagt er, „erscheint
jede Unterordnung des Privatinteresses unter den öffentlichen Zweck nur als Forderung
der Klugheit und des wohlverstandenen Eigennutzes, nicht als sittliche Pflicht,
welche aus der Natur des Gemeinwesens hervorgeht.“ (Hildebrand, Die National-
ökonomie der Gegenwart und Zukunft, S. 73.) Man ersieht hieraus, wie
die ethischen Forderungen die historische Schule beschäftigten.

Gide und Rist, Gesch. d. Volkswirtschaft!. Lehrmeinungen.

28
        <pb n="459" />
        ﻿434

Viertes Buch. Die Abtrünnigen.

Das Werk der historischen Schule ist ein doppeltes gewesen:
ein positives und ein kritisches. Ihre kritische Arbeit unterwarf
die Prinzipien und Methoden der früheren Nationalökonomen einer
eingehenden Diskussion, die stets anregend, aber manchmal ungerecht
war. Durch ihre positive Arbeit hat sie der Nationalökonomie
neue Horizonte erschlossen; sie hat das Bereich ihrer Beobachtungen
und den Kreis ihrer Probleme erweitert.

Wenn es aber relativ leicht ist, die kritischen Gedanken der
Schule darzulegen, die in Büchern und zahlreichen Artikeln enthalten
und fast allen Schriftstellern, die ihr anhängen, gemeinsam sind,,
so ist es doch bedeutend schwieriger, die grundlegenden Auffassungen,
auf denen ihr positives Werk beruht, klar herauszuarbeiten. Diese
Auffassungen sind nämlich mehr eine Unterströmung in den Werken
ihrer vornehmsten Vertreter, als daß sie dort eindeutig formuliert
wären. Jedesmal, -wenn sie sie definieren wollten, taten sie es (und
einige ihrer Schüler erkennen das bereitwillig an)x), in einer unbe-
stimmten und oft widerspruchsvollen Weise. Auch sind ihre Grund-
gedanken bei den verschiedenen Schriftstellern, die sich zur historischen
Methode bekennen, nicht übereinstimmend formuliert.

Um ermüdende Wiederholungen und zahllose Diskussionen zu
vermeiden, werden wir daher damit beginnen, eine gedrängte Über-
sicht über die äußere Entwicklung der historischen Schule zu geben,
— dann werden wir das Ganze ihrer kritischen Arbeit untersuchen, —
und zum Schluß uns bemühen, ihre positiven Auffassungen über die
Natur und den Gegenstand der' politischen Ökonomie auseinander-
zusetzen. Hierin liegt natürlich für den Historiker der Doktrinen
der interessanteste Teil ihres Werkes.

§ 1. Der Ursprung und die Entwicklung der
historischen Schule.

Der Gründer der Schule ist unbestritten Wilhelm Koscher,.
Professor an der Universität Göttingen, der 1843 seinen Grundriß
zu Vorlesungen über die Staatswissenschaft nach GE-
SCHICHTLICHER Methode* 2) veröffentlichte. In dem Vorwort
zu diesem kleinen Werk legt er schon die Richtlinien fest, die ihn

*) Siehe unter anderem auch die Aufsätze von Max Weber in Schmolleb’s
Jahrbuch für Gesetzgebung, Verwaltung und Volkswirtschaft im
Deutschen Reich ans den Jahren 1903, 8. 1881 und 1905, 8. 1323. Die methodo-
logischen Irrtümer Eoscher’s , Knies’ und Hildebband’s werden dort ausgiebig
kritisiert.

2) Grundriß zu Vorlesungen über die Staatswirtschaft nach ge-
schichtlicher Methode, Göttingen 1813.
        <pb n="460" />
        ﻿Kapitel I. Die historische Schule und der Streit über die Methoden. 435

leiten sollten, Richtlinien, die er später in seinem berühmten
System der Volkswirtschaft, dessen erste Ausgabe (die
Grundlagen) 1854 erschien, ausführlich entwickelte. Er erhebt
nicht den Anspruch, sich” mit etwas anderem als mit Wirtschafts-
geschichte zu befassen. „Unser Zweck“, sagt er, „ist die Beschreibung
dessen, was die Völker in wirtschaftlicher Hinsicht gewollt und
gefühlt haben, der Zwecke, die sie verfolgten und erreichten, der
Ursachen, für welche sie sie verfolgt und erreicht haben 1).“ Eine
derartige Untersuchung, fügt er hinzu, kann nur gemacht werden,
„indem man in enger Verbindung mit den anderen Wissenschaften
des nationalen Lebens bleibt, hauptsächlich mit der Rechtsgeschichte,
mit der politischen Geschichte und der Geschichte der Zivilisation“.
Er verwahrt sich zugleich dagegen, der Schule Ricabho’s Opposition
machen zu wollen. „Ich bin weit davon entfernt,“ so fährt er fort,
„diesen Weg als den einzigen oder den kürzesten zu betrachten, um
die Wahrheit zu erreichen; aber ich zweifle nicht daran, daß er in
besonders schöne und fruchtbare Gegenden führt, die, einmal aufge-
schlossen, niemals wieder vollständig verlassen werden.“

Das, was Roscher sich hief vorsetzt, ist daher lediglich die Er-
gänzung der gewöhnlichen Theorie durch eine Geschichte der Er-
eignisse und der wirtschaftlichen Meinungen. In Wahrheit hat sich
auch Roscher in der Reihe der sich folgenden Bände seines Systems,
die mit wachsender Gunst von dem gebildeten Deutschland aufge-
nommen wurden, damit begnügt, neben die Darlegung der klassischen
Doktrinen zahlreiche gelehrte Betrachtungen über die wirtschaftlichen
Tatsachen und Ideen der Vergangenheit zu stellen 2).

Roscher bezeichnete sein Unternehmen als den Versuch, die
von Savigny in die Jurisprudenz eingeführte und dort bewährte
historische Methode auf die Nationalökonomie anzuwenden8). Aber
die Analogie ist, wie Karl Mengbr4) ganz richtig gezeigt hat,
rein äußerlich. Savigny hatte die Geschichte benutzt, um den
organischen und spontanen Ursprung der bestehenden Einrichtungen
dem Verständnis näher zu bringen. Er wollte hierdurch ihre Be-
rechtigung gegenüber den radikalen Anschauungen des reformatorischen
Rationalismus, der dem 18. Jahrhundert eigen war, nachweisen. Bei

*) Grundriß, Vorwort, S. IV.

2)	Gerade dieses Urteil fällt Knies über Eoschee, wenn er sagt, daß seine
Methode „mehr die Geschichtsschreibung ergänzt, als die Nationalökonomie berichtigt“.
{Die politische Ökonomie vom geschichtlichen Standpunkt, S. 85.)

3)	Grundriß, Vorwort S. IV—V.

4)	Kahl Mengbe, Untersuchungen über die Methode .der Sozial-
wissenschaften und der politischen Ökonomie insbesondere (Leipzig
1883, S. 200—209).

28*
        <pb n="461" />
        ﻿436

Viertes Buch. Die Abtrünnigen.

Eoschee, der sich selbst zum Liberalismus bekennt und seine
reformatorischen Bestrebungen teilt, ist nichts derartiges der Fall.
Bei ihm dient die Geschichte besonders dazu, die wirtschaftliche
Theorie zu illustrieren, sie mit Beispielen zu belegen, die, wenn sie
auch vielleicht dem Staatsmann keine Regeln vorschreiben können,
doch wenigstens, wie er sich ausdrückt, geeignet sind, „den politischen
Sinn zu bilden“.

Richtiger kann man mit Schmollee selbst die Bestrebungen
Roschee’s als einen Versuch betrachten, den Unterricht der National-
ökonomie an die Tradition der alten deutschen „Kameralisten“ des
17. und 18. Jahrhunderts anzuknüpfen1). Ihre Aufgabe war, die
Studenten in die praktischen Wissenschaften der Verwaltung und der
Finanzen einzuführen und vor allem, ihnen bestimmte Vorstellungen
von dem wirtschaftlichen und sozialen Milieu zu geben, in dem sie
ihre Tätigkeit ausüben sollten. In Wirklichkeit stand auch die
englisch-französische Nationalökonomie in sehr engem Zusammenhang
mit gewissen praktischen Fragen der Steuer- und Handelspolitik.
Aber in einem Lande wie Deutschland, dessen industrielle Entwicklung
viel weniger fortgeschritten war, als die Frankreichs oder Englands,
traten diese Probleme in ganz anderer Form auf, und die Not-
wendigkeit, die klassische Theorie für die Studenten mit der Wirklich-
keit des Wirtschaftslebens in Verbindung zu bringen, erschien hier
viel dringlicher als irgendwo anders. Die Neuerung Roschee’s hat
daher mehr einen pädagogischen als wissenschaftlichen Charakter.
Er erneuert eher eine akademische Tradition, als daß er eine neue
wissenschaftliche Strömung schafft.

1848 stellte ein anderer deutscher Professor, Beuno Hxldbbeand,
ein - viel ehrgeizigeres Programm auf. In seinem Buche „Die
Nationalökonomie der Gegenwart und Zukunft“2) war
der Gegensatz zn der klassischen Volkswirtschaft viel ausgeprägter
als bei Roschee. Die Geschichte wurde hier nicht nur als ein Mittel
hingestellt, die bestehenden Theorien zu beleben und zu vervoll-
kommnen, sondern als ein Mittel vollständiger Erneuerung der Wissen-
schaft. Hildebeand berief sich auf die Fortschritte, die die historische
Methode der Sprachwissenschaft gebracht hatte. Von nun an sollte

1)	Schmollbb, op. eit. Über die Kameralisten siebe die Geschichte der National-
ökonomie von Onoken, Leipzig 1902, S. 227 ff.; Mbnger und Schmollbr zählen auch
Roscher zu der historischen Schule, die in Göttingen mit Heeren, Gbrvinus usw.
im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts die Politik auf die allgemeine Geschichte zu
gründen suchte. Koscher hatte unter ihrem Einflüsse Geschichte studiert und sein
Versuch gleicht in allen Punkten dem ihren.

2)	Die Nationalökonomie der Gegenwart und Zukunft, Frank-
furt a. M. 1848, Bd. I.
        <pb n="462" />
        ﻿Kapitel I. Die historische Schule und der Streit über die Methoden. 437

die Nationalökonomie einzig ,veine Lehre von den ökonomischen Ent-
wicklungsgesetzen der Völker“ seinx).

Etwas später ging Hildebrand in der programmatischen Ein-
führung der neuen im Jahre 1863 von ihm gegründeten Zeitschrift
„Jahrbücher für Nationalökonomie und Statistik“ noch
viel weiter. Er bestreitet sogar die Existenz der wirtschaftlichen'
Naturgesetze, so wie die Klassiker sie aufgefaßt hatten und macht
Koscher einen Vorwurf daraus, ihre Existenz zugegeben zu haben2).
Bei dieser gewagten Behauptung scheint aber Hxldebrand nicht
bemerkt zu haben, daß er damit die ganze Grundlage jeder Wirt-
schaftswissenschaft vernichtete und so diesen „Entwicklungsgesetzen“
jede rationelle Stütze entzog, denselben Gesetzen, die von nun an
nach seiner Ansicht das Wesen der Wissenschaft bilden sollten.

Übrigens hatten die absoluten Behauptungen Hildebrand’s ebenso-
wenig Einfluß auf die wirtschaftliche Theorie, wie der Eklektizismus
Boschee’s. Abgesehen von einer kurzen Darlegung eines allgemeinen
Schemas der wirtschaftlichen Geschichte der Völker, in der er drei
verschiedene Stufen unterscheidet: die der Naturalwirtschaft, der
Geldwirtschaft und der Kreditwirtschaft, begnügt er sich damit,
fragmentarische Aufsätze über Sonderfragen der Statistik und der
Geschichte zu veröffentlichen. Und in der Kegel nimmt er die
klassischen Theorien über die Gütererzengung und -Verteilung als
feststehende Wahrheiten an.

Hildebrand hatte 1848 versprochen, seinem rein kritischen Werke
eine Fortsetzung folgen zu lassen, in der die Hauptpunkte der neuen

*) ln der Einleitung, S. V, erklärt er, daß der Zweck seines Werkes darin be-
stehe; „auf dem Gebiete der Nationalökonomie einer gründlichen historischen Richtung
und Methode Bahn zu brechen und diese Wissenschaft zu einer Lehre
von den ökonomischen Entwicklungsgesetzen der Völker umzu-
gestalten“.

2) Roscher hatte sogar gesagt, daß sie einen mathematischen Charakter zeigten.
(System d. V o 1 k s w. Bd. I, § 77.) Dagegen drückt sich Hildbbrand in einer
charakteristischen Stelle in seinem Aufsatz über die gegenwärtige Aufgabe
der Wissenschaft der Nationalökonomie (Jahrbücher für National-
ökonomie und Statistik, 1863, Bd. I, S. 145) wie folgt aus: „Die National-
ökonomie hat es deshalb nicht wie die Physiologie des tierischen Organismus oder
andere Zweige der Naturwissenschaft mit Naturgesetzen zu tun, sie hat nicht in der
Mannigfaltigkeit der ökonomischen Erscheinungen nach unwandelbaren, überall gleich-
bleibenden Gesetzen zu forschen, sondern sie hat in dem Wechsel der national-
ökonomischen Erfahrungen den Fortschritt, in dem wirtschaftlichen Leben der
Menschheit die Vervollkommnung der menschlichen Gattung naohzuweisen. Ihre
Aufgabe ist es, den nationalökonomischen Entwicklungsgang sowohl der einzelnen
Völker, als auch der gesamten Menschheit von Stufe zu Stufe zu erforschen und auf
diesem Wege die Fundamente und den Bau der gegenwärtigen wirtschaftlichen
Kultur, sowie die Aufgaben zu erkennen, deren Lösung der Arbeit der lebenden
Generation Vorbehalten ist.“
        <pb n="463" />
        ﻿438

Viertes Buch. Die Abtrünnigen.

Methode dargelegt werden sollten. Aber diese Fortsetzung ist nie
erschienen. Ein anderer Professor, Karl Knies, war es, der sicli
dieser schwierigen Aufgabe in einer großen Abhandlung unterzog,
die 1853 unter dem Titel „Die politische Ökonomie vom
Standpunkte der geschichtlichen Methode“ erschien1).
Seine Ideen stimmen jedoch ebensowenig mit denen seiner beiden
Vorgänger überein, wie diese untereinander Übereinstimmung zeigen.
Er bestreitet nicht nur wie Hilhebrand im Namen der menschlichen
Freiheit die Existenz von natürlichen Gesetzen, sondern er bestreitet
sogar auch Hildebeand’s „Entwicklungsgesetze“. Für ihn kann es
nur Analogien und nicht Gesetze der wirtschaftlichen Entwicklung
der verschiedenen Völker geben. Knies teilt daher ebensowenig die
Ideen Hildebrand’s und Roscher’s, wie die der Klassiker. In seinen
Augen wird die Nationalökonomie einfach zu der Geschichte der
wirtschaftlichen Meinungen in den verschiedenen Epochen in Ver-
bindung mit der historischen Gesamtentwicklung einer Nation.

Sein Buch blieb im übrigen fast unbemerkt. Die Historiker über-
sahen es gerade so wie die Volks Wirtschaftler. Erst später als die
„junge historische Schule“ sich zu ihrer vollen Bedeutung entwickelt
hatte, wandte sich die Aufmerksamkeit dem alten Werke Knies’ zu,
von dem eine zweite Ausgabe 1883 erschien. Knies hat sich ver-
schiedentlich darüber beklagt, daß Roscher niemals seine Ideen
diskutieren wollte.

Eigentlich hätte Knies, nachdem er einen so gewaltigen Anlauf
genommen hatte, um die Methode einer neuen Ökonomie zu begründen,
es seine erste Sorge sein lassen müssen, ihre Ergiebigkeit durch An-
wendung auf die Untersuchung wirtschaftlicher Tatsachen darzutun.
Eigentümlicherweise hat er das nicht getan. Seine späteren Arbeiten
über das Geld und den Kredit, die ihm eine berechtigte Berühmtheit
eingetragen haben, zeigen keine Spur von den in seinen früheren
Schriften bemerkbaren historisierenden Sorgen.

So hatten also die drei Gründer der Schule die klassische
Methode wohl kritisiert, aber sie hatten sich nicht über den Zweck
und die Natur der Wissenschaft verständigen können und überließen
es anderen, ihre Ideen zur Anwendung zu bringen.

Die junge historische Schule, die sich nach 1870 um
Schmoller zusammenschloß, unternahm es, diese Anwendung zu
versuchen. Die Schriftsteller der „jungen historischen Schule“ unter-
scheiden sich von den Schriftstellern, über die wir soeben gesprochen
haben, in zwei Hauptpunkten;

*) Die zweite Ausgabe erschien 30 Jahre später, im Jahre 1883, unter etwas
veränderten Titel: Die politische Ökonomie vom geschichtlichen Standpunkte. Den
Zitaten liegt die zweite Ausgabe zugrunde.
        <pb n="464" />
        ﻿Kapitel I. Die historische Schule und der Streit über die Methoden. 439

1.	Sie lassen den unglücklichen Streit, den Hildbbeand und
Knies über die wirtschaftlichen Gesetze begonnen hatten, völlig
beiseite. Sie hüten sich zunächst, natürliche Gesetze und Eegel-
niaBigkeiten des sozialen Lebens zu leugnen, deren Untersuchung
gerade den Zweck der Wissenschaft darstellt. Sie sind im Gegenteil
Deterministen. „Wir wissen heute,“ sagt Schmollee1), „daß die
psychische Kausalität eine andere ist, als die mechanische, aber wir be-
trachten sie als eine gleich notwendige.“ Sie bestreiten nur, daß
diese Gesetze durch die klassische Methode entdeckt werden können.
In dieser Hinsicht haben sie die Kritiken aller ihrer Vorgänger
wieder aufgenommen, — Kritiken, von denen wir weiter unten
sprechen werden.

Was die „Entwicklungsgesetze“ anbelangt, zu denen Hildbbeand
die wissenschaftlichen Untersuchungen führen wollte, so betrachten
sie sie mit großem Skeptizismus. Schmollee sagt: „Wir sprechen,
während wir gestehen, historische Gesetze nicht zu kennen, von wirt-
schaftlichen und statistischen Gesetzen2 3)“. An einer anderen Stelle
■erklärt er etwas melancholisch: „Schon die Frage, ob das öko-
nomische Leben der Menschheit eine Einheit bilde, einen einheitlichen
Entwicklungsprozeß darstelle, einen Fortschritt zeige, können wir
nicht mit empirischen Beweisen bejahen“ 8). Diese Stelle ist durchaus
charakteristisch, und erscheint wie die Zusammenfassung der großen
synthetischen Abhandlung, die Schmollee 1908 veröffentlichte4 * * *). Mit

‘) Schmollbk, Grundriß der allgemeinen Volkswirtschaftslehre
{Leipzig 1908), Bd. I, S. 107.

2)	Ebenda, Bd. I, S. 109.

3)	Ebenda, Bd. II, S. 653.

4)	Einige Anhänger der historischen Schule sind aber nicht so vorsichtig. So
schreibt Ashley (Histoire et doctrines economiques de l’Angleterre,
Vorwort, S. 3 d. franz. Übers., 1900) folgendes: „Ebenso, wie die Geschichte der Ge-
sellschaft, trotz scheinbarer Rückschritte, eine regelmäßige Entwicklung enthüllt,

so hat es auch eine regelmäßige Entwicklung in der Geschichte des menschlichen
•Geisteslebens gegeben, und folglich auch in dem, was die Menschen über die
wirtschaftliche Seite des Lebens gedacht haben.“ Ebenso Ingeam (Histoire de
l’Eoonomie politique, S. 293 d. franz. Übers., 1893): „Wie wir mehr als einmal
dargelegt haben, ist der Gedanke der Entwicklung oder, mit anderen Worten,
der einer geordneten Veränderung ein wesentlicher Teil der Idee des Lebens.
Daß eine derartige Entwicklung in der Verfassung oder in dem geordneten Betrieb

der Gesellschaft in allen ihren Bestandteilen stattfindet, ist eine Tatsache, die man
nicht in Zweifel ziehen kann ... Es ist ebenfalls selbstverständlich, daß zwischen
■den verschiedenen sozialen Bestandteilen Beziehungen solcher Art bestehen, daß eine

Veränderung in dem einen dieser Bestandteile Veränderungen in einem anderen
'bedingt oder herbeiführt. Man sieht daher nicht leicht ein, weshalb man so be-

ständigen Beziehungen der Koexistenz und der Aufeinanderfolge die Benennung
„natürliche Gesetze“ versagen will. Da diese Gesetze allgemein gültig sind, ge-
statten sie die Bildung einer abstrakten Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung.“
        <pb n="465" />
        ﻿440

Viertes Buch. Die Abtrünnigen.

dem gleichen Skeptizismus steht er den Versuchen der Geschichts-
philosophie gegenüber').

2.	Die „junge historische Schule“ hat sich nicht damit begnügt,
die Dringlichkeit der Anwendung der Geschichte auf die National-
ökonomie zu proklamieren. Sie hat die historische Methode wirklich
ins Werk gesetzt. Seit 1860 ungefähr wenden sich die deutschen
Volkswirtschaftler mehr und mehr von den theoretischen Fragen ab.
Sie gehen fast ausschließlich in der Diskussion praktischer Probleme
auf, hauptsächlich in der Untersuchung sozialer Fragen und in histo-
rischen und beschreibenden Arbeiten. Die volkswirtschaftlichen
Monographien häufen sich. Die Einrichtungen des Mittelalters und
des Altertums, die alten Doktrinen, die Sozialgeschichte, die Statistik,,
die Beschreibung der wirtschaftlichen Organisation der modernen
Nationen bilden den Hauptgegenstand dieser Arbeiten. Die National-
ökonomie löst sich in dem Studium der wirtschaftlichen Einrichtungen
und der Geschichte des Wirtschaftslebens auf, ja geht fast darin unter..

Das auf diese Weise von der historischen Schule geschaffene
Werk ist beträchtlich. Es würde ungerecht sein, wenn man vergäße,,
daß auch vor ihr ähnliche Monographien veröffentlicht worden sind,,
oder daß gewisse sozialistische Systeme wie das Kapital von Marx
in Wirklichkeit große historische Synthesen darstellen. Aber der
systematische Anstoß, den die Wirtschaftshistoriker dieser Art von
Untersuchungen gegeben haben, stellt ihr unbestreitbares Verdienst
vor. Überall haben sie im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts ein
neues Interesse für die Geschichte und für die Beobachtung der
wirtschaftlichen Einrichtungen geweckt. Man kann hier nicht alle-
diese Arbeiten aufzählen, die sich mit den verschiedensten Gegen-
ständen beschäftigen. Wir werden späterhin versuchen, ihren Haupt-
gehalt klarzustellen. Die Namen Schmollee, Brentano, Held, Bücher,
Sombaet sind allen bekannt, die sich mit der Wirtschaftsgeschichte-
beschäftigen. Einer der größten modernen Theoretiker, Maeshall, hat
ihnen mehr als einmal seine Bewunderung zum Ausdruck gebracht2).

Von Deutschland aus hat dieser Anstoß auch auf das Ausland über-
gegriffen, wo er besonders günstige Umstände fand.

Seit 1870 war das praktische Programm des wirtschaftlichen
Liberalismus fast überall verwirklicht. Neue Probleme erhoben sich

*) Gegenüber den Versuchen der Geschichtsphilosophie hat Schmolle» „die-
Empfindung, daß die Wissenschaft auf ihrer heutigen Stufe nicht wieder davon
lassen kann, solche Versuche zu machen, daß es sich aber bis jetzt doch mehr um
wissenschaftliche Versuche, teilweise mehr um teleologische Deutungsversuche, als-
um für immer gesicherte Wahrheiten handelt“ (Grundriß. Bd. II, S. 665).

5)	Maeshall, Principles of Economics, Bd. I, Kap. IV, §8. Wir zitieren
nach der 4. englischen Ausgabe.
        <pb n="466" />
        ﻿Kapitel I. Die historische Schule und der Streit über die Methoden. 441

jetzt; an erster Stelle standen die Arbeiterfragen1) mit ihrer For-
derung nach positiven Losungen. Diesen drängenden Problemen
gegenüber gaben die Theorien der klassischen Schule keine Antwort.
Eine neue Untersuchung der wirtschaftlichen Einrichtungen, der
sozialen Organisation, der Lebensbedingungen der Arbeiterklassen
schien allein imstande, dem Gesetzgeber die unumgänglich nötigen
Kenntnisse zu geben. Um das Verständnis der Gegenwart zu er-
leichtern, zwingt sich der Vergleich mit der Vergangenheit auf.
Allen, die soziale Reformen wünschten, erscheint die historische
Methode in diesem Augenblick als ein Instrument des Fortschrittes,
und der Erfolg der Methode wird von der praktischen Wirksamkeit,
die man ihr znschreibt, vergrößert. Rechnen wir hierzu das Prestige,
das seit 1871 die deutsche Wissenschaft gewann, und die Tatsache,
daß sich in Deutschland die historische Nationalökonomie mit dem
Staatssozialismus verbündete, so wird man die Gunst verstehen, die
die Schule im Ausland erworben hat.

In England, dieser Hochburg der Wirtschaftslehre Ricaedo’s,
macht sich der Einfluß der historischen Schule nach 1870 ganz aus-
gesprochen fühlbar.

Die gleichen methodologischen Diskussionen, die die deutsche
Nationalökonomie beschäftigen, treten auch hier auf. Caienes betont
in seinem Buch „the characterand logical method of poli-
tical economy“, das 1875 wieder herausgegeben wurde2) mit
Nachdruck die Berechtigung der Deduktion, so wie die alte National-
ökonomie sie anwendete. Aber 1879 antwortete ihm Clieeb Leseie
in seinen „Essays on political and moral Philosophy“, in-
dem er alle Waffen der deutschen historischen Schule gegen die
klassischen Methoden ins Feld führte. Die Induktion gegenüber der
Deduktion, die Notwendigkeit, die Volkswirtschaft in Zusammenhang
mit den anderen sozialen Wissenschaften zu bringen, die Relativität
der wirtschaftlichen Gesetze, die Geschichte als Auslegnngsmethode
der wirtschaftlichen Tatsachen, alle diese Ideen finden wir bei dem
englischen Schriftsteller eindrucksvoll entwickelt. Zur gleichen Zeit

1)	Ihr Einfluß ist besonders von Toynbbe in seinem Aufsatz: Eicardo and
the old political Economy hervorgehoben worden: „Die Arbeiterfrage, die durch
die Freiheit, das einzige Heilmittel der deduktiven politischen Schule, unmöglich
gelöst werden konnte, ließ die Methode der Beobachtung wieder auflehen. Die
Nationalökonomie ist von den Arbeiterklassen umgeformt worden“
(8.10). An anderer Stelle: „Man betrachtet die historische Methode oft als konservativ,
weil sie das allmähliche und erhabene Wachstum unserer ehrwürdigen Einrichtungen
beschreibt; sie kann aber einen ganz entgegengesetzten Einfluß ausüben, indem sie die
groben Ungerechtigkeiten nachweist, die gerade während dieses Wachstums blind
verübt worden sind.“ (Arnold Toynbee: The Industrial Eevolution, S. 68.)

2)	Die erste Ausgabe war 1857 erschienen. Über Caiknes siehe oben 88. 426—427.
        <pb n="467" />
        ﻿442

Viertes Buch. Die Abtrünnigen.

legte Arnold Toynbee. wenn auch mit größerer Mäßigung, analoge
Ideen in seinen Abhandlungen über die „industrielle Revolution“ dar.
Er erkannte die Deduktion in der volkswirtschaftlichen Untersuchung
als notwendig an, aber er sah in der Geschichte und der Beobachtung
das Mittel, der Wirtschaftslehre Lehen und praktische Tragweite
wiederzugeben, deren Fehlen sich in den Theorien Ricakdo’s immer
mehr fühlbar machten. Die Sache der sozialen Reformen sollte nach
ihm von den neuen Methoden stark profitieren. Zweifellos würde er
einen bedeutenden Einfluß ausgeübt haben, wenn der Tod nicht mit
30 Jahren eine Laufbahn abgeschlossen hätte, die zu den höchsten
Hoffnungen berechtigte (1883).

Der Anstoß war gegeben. Von nun an nehmen in England die
Wirtschaftsgeschichte, die Beobachtung der Einrichtungen, die Unter-
suchung der sozialen Klassen einen immer wachsenden Platz in den
Arbeiten der Volkswirtschaftler ein. In jedem dieser Gedanken-
bereiche sind bedeutende Werke entstanden: Growth of English
industry and Commerce von Cunningiiam ; die Geschichte
und wirtschaftlichen Lehren des Mittelalters von
Ashlby; die Geschichte der Gewerkschaftsbewegung
und die industrielle Demokratie von Herrn und Frau
Sydney Webe; Life and labour of the people von Booth, —
sind ebensoviele Beweise des tiefgehenden Einflusses, den jene Ideen-
bewegung auf die englischen Nationalökonomen ausgeübt hat.

In Frankreich hat die historische Schule nicht den gleichen Er-
folg aufzuweisen, aber das Bedürfnis, dem sie entsprach, wurde trotz-
dem nicht weniger stark gefühlt. Bei uns in Frankreich hat sich
keine wirkliche Schule historischer Nationalökonomen gegründet. Die
Wirkung der neuen Ideen drang jedoch durch zahlreiche Kanäle in
den wissenschaftlichen Gedankenkreis. Zunächst wurde 1878 ein
offizieller Lehrstuhl für Nationalökonomie bei der Rechtsfakultät er-
richtet, und gerade infolge seiner Berührung mit den juristischen
Disziplinen nahm dieser Unterricht sogleich einen neuen Charakter
an, der ganz von geschichtlichem Geiste erfüllt war. Gleichzeitig-
interessierten sich die Historiker von Beruf mehr und mehr für
die Probleme der Wirtschaftsgeschichte und leisteten so den Unter-
suchungen der Volks Wirtschaftler eine sehr wertvolle Hilfe. Mehrere
unter den liberalen Nationalökonomen haben ihre Arbeiten der
Einzelbeobachtung zeitgenössischer Tatsachen oder historischen Unter-
suchungen gewidmet, ohne sich deshalb zu Gegnern der alten Schule
aufzuwerfen ’).

‘) Wir erwähnen im besonderen Lbvasseur und seine prächtige Histoire des
classes onvriferes en France, deren erste Ausgabe aus dem Jahre 1867 stammt.
        <pb n="468" />
        ﻿Kapitel I. Die historische Schule und der Streit über die Methoden. 443

Ihnen hat sich ferner eine neue Gruppe von Mitarbeitern zu-
gesellt: die der Soziologen. Die Soziologie beschäftigt sich in ihren
Untersuchungen mit den verschiedenartigsten Einrichtungen, auf
Grund derer die menschlichen Gesellschaften sich erhalten und sich
entwickeln: sie sucht die Wirkungen festzustellen, die sie gegen-
seitig aufeinander ausüben. Nach den religiösen, rechtlichen, politischen
und sozialen Einrichtungen mußte sie natürlicherweise auch die
wirtschaftlichen Einrichtungen in ihren Bereich ziehen, und zwar
in demselben Geiste und nach derselben Methode. Diesen Unter-
suchungen wird seit mehreren Jahren mit großem Eifer nachgegangen.
Die Soziologen haben den Mechanismus und die Organisation des
wirtschaftlichen Systems in verschiedenen Zeitabschnitten auf Grund
der Beobachtung und der Geschichte sehr genau untersucht. Dieses
Studium haben sie mit dem ganzen Mißtrauen gegenüber Abstrak-
tionen, mit der ganzen Genauigkeit eingehender Beobachtungen, und
der Bevorzugung der Induktion gegenüber der Deduktion durch-
geführt, die die historische Schule charakterisieren1).

§ 2. Die kritischen Ideen der historischen Schule.

Man sieht, wie zahlreich die Schriftsteller sind, die sich zur
historischen Schule rechnen, und über welche große Zeitperiode sich
ihre Entwicklung erstreckt. Bei einer so bedeutenden Anzahl von
Gelehrten kann man eine vollständige Übereinstimmung der Ansichten
nicht erwarten. Wir haben schon auf gewisse Unterschiede hinge-
wiesen, die im besonderen die alte von der „jungen“ historischen
Schule scheiden. Wir können hier nicht eine jede dieser Nuancen
darlegen und diskutieren, sondern müssen uns damit begnügen, die
Grundideen der historischen Schule zur Kenntnis zu bringen, in denen
ihre sämtlichen Anhänger fast durchaus übereinstimmen. Hin und
wieder werden wir jedoch auf die besonderen Ideen des einen oder
des anderen hinweisen, wenn sie uns von genügender Bedeutung
erscheinen.

Die deutsche historische Schule hat mit einer Kritik der

Es ist im besonderen die um Dubkhbim; und das Jahrbuch: An nee socio-
logiqne versammelte Gruppe von Mitarbeitern, die wir hier im Auge haben. Mau
würde sich aber stark täuschen, wenn man die Methode der Soziologen mit der dei
Anhänger der historischen Schule identifizieren wollte. Vgl. über diesen Punkt
Simiand Methode historique et Science sociale in der Revue de Syn-
these historique, 1903. Siehe auch von demselben: La methode positive
en Science economique, Paris 1912, wo in einer Reihe von Studien die haupt-
sächlichsten Probleme der Methode, wie sie in der Volkswirtschaft angewendet wird,
untersucht werden.
        <pb n="469" />
        ﻿444

Viertes Buch. Die Abtrünnigen.

klassischen Ökonomik begonnen. Wir beginnen daher ebenfalls mit
einer Darlegung ihrer kritischen Ideen 1).

Obgleich die kritischen Ideen der historischen Schule schon von
Knies, Hildebeand und Eoschee formuliert -worden sind, haben sie
doch eine eingehendere Diskussion erst ziemlich spät her vorgerufen,,
als die „junge historische Schule“ schon in voller Blüte stand. Das
Buch des Wiener Professors Kael Mengee (1883), das durch seinen
Stil wie auch durch den Scharfsinn der darin entwickelten Gedanken
wirklich klassisch ist und den Titel: „Untersuchungen über
die Methode der Sozialwissenschaften“ trägt2 3 * * * *), eröffnet
die Ära zuweilen sehr scharfer Meinungskämpfe. Dieses bemerkens-
werte Werk, in dem der Verfasser die Berechtigung der reinen
Ökonomik gegen die Angriffe der deutschen historischen Schule ver-
teidigt, wurde von einigen Vertretern dieser Schule8) mit einer ge-
wissen Verärgerung aufgenommen, und führte während der folgenden
Jahre zu einer Art allgemeiner Gewissensprüfung. Es ist daher
nötig, hier die wichtigsten Punkte der Diskussion auszuführen und den
Argumenten der historischen Schule die Erwiderungen ihrer Gegner
gegenüberzustellen.

Die historische Schule machte der klassischen Nationalökonomie
drei große Vorwürfe; 1. ihren „Universalismus“; 2. ihre rudimentäre
Psychologie, die sich auf den Egoismus gründete; 3. den Mißbrauch,,
den sie mit der deduktiven Methode treibt.

Betrachten wir diese Vorwürfe nacheinander:

*) In dem kritischen Werke der deutschen historischen Schule gibt es einen
Teil, mit dem wir uns hier nicht zu beschäftigen haben: ihre Kritik des laisser-
faire. Zwar haben einige ihrer Anhänger, wie Hxldbbrand, Nachdruck auf den
ethischen Gesichtspunkt in der Nationalökonomie gelegt, — und keiner von
ihnen teilt den Optimismus eines Smith oder Bastiat. Ihre Idee des Relativismus-
hat sogar dazu beigetragen, ihn zu zerstören. Aber die bedeutendsten unter ihnen,.
Roscher und Hildebrand selbst, bleiben überzeugte Jünger des liberalen Systems
(siehe z. B. das Glaubensbekenntnis Hii.debrand’s am Anfang des ersten Bandes der
Jahrbücher für Nationalökonomie, 1863, Bd. I, 8. 3). Wenn mehrere von
ihnen (Brentano, Schmoller) sich mehr oder weniger der grollen Gedankenströmung
angeschlossen haben, ans der gegen das Jahr 1872 der Staatssozialismns entstand
(siebe weiter unten), so haben sie das in sehr verschiedenem Maße getan. Niemals
haben sie diesen Teil ihres Werkes als die Hauptsache betrachtet. Sie haben hier
keine selbständigen Gedanken hervorgebracht, und ihre Bedeutung in der Geschichte
der Doktrinen liegt in ihrer persönlichen Auffassung der wissenschaftlichen Methode.

2)	Untersuchungen über die Methode der Sozialwissenschaften,
Leipzig 1883, 291 Seiten.

3)	Vgl. die Besprechung des Buches von Mensbe, die Schmoller in seiner Zeit-

schrift, Jahrbuch für Gesetz ge bun g, Volkswirtschaft und Statistik,

im Jahre 1884 veröffentlicht hat. Diese Besprechung ist in etwas milderer Form in

dem Werk desselben Schriftstellers: Zur Literaturges chichte der Staats-

und Sozialwissenschaften (1888) abgedruckt.
        <pb n="470" />
        ﻿Kapitel I. Die historische Schule und der Streit über die Methoden. 445

a)	Was die Anhänger der historischen Schule Smith und seinen
Nachfolgern am wenigsten verzeihen, ist ihr „Universalismus“, wie
Hilbebeand sagt, ihr „Absolutismus oder ihr Perpetualismus“, wie
Knies sich ausdrückt. Sie sagen, daß die englisch-französische Schule
geglaubt habe, die von ihr formulierten wirtschaftlichen Gesetze ver-
wirklichten sich überall und zu jeder Zeit. Auch habe sie sich ein-
gebildet, daß die Nationalökonomie, die sie daraus ableitete, allgemein
und überall angewendet werden könne. Dieser Absolutismus, sagen
die Anhänger der historischen Schule, muß in der Zukunft dem
Relativismus in der Praxis ebenso wie in der Theorie Platz machen.

Zunächst in der Praxis! Eine gleichmäßige wirtschaftliche Gesetz-
gebung läßt sich nicht unterschiedslos auf alle Epochen und alle
Länder anwenden. Sie muß sich nach den wechselnden Bedingungen
des Ortes und der Zeit richten. Die Kunst des Staatsmannes besteht
darin, die Prinzipien neuen Notwendigkeiten anzupassen und auf
Grund neuer Probleme originelle Lösungen zu finden. — Wir müssen
aber mit Mengeb zugeben, daß dieses allgemeine Prinzip, das seit Jahr-
hunderten proklamiert war, zu selbstverständlich ist, als daß es nicht
ohne jeden Zweifel die Zustimmung Smith’s, Say’s und sogar Ricaedo’s
gefunden hätte1), auch wenn sie es manchmal vergaßen, indem sie
die Einrichtungen der Vergangenheit zu streng beurteilten, oder indem
sie das laisser-faire als ein universelles Heilmittel hinstellten.

Aber, und auf diese zweite Idee legt die historische Schule das
Hauptgewicht, die ökonomische Theorie und die ökonomischen Ge-
setze, die auf ihr beruhen, besitzen ebenfalls nur einen relativen
Wert, Hierin soll die bis dahin verkannte Wahrheit liegen. Die
Gesetze der Physik und der Chemie, mit denen die Klassiker gern
die wirtschaftlichen Gesetze vergleichen, verwirklichen sich not-
wendigerweise überall und stets. Mit den wirtschaftlichen Gesetzen
ist dies aber nicht der Fall. Besonders Knies hat auf diesen Punkt
hingewiesen. „Ebenso wie die wirtschaftlichen Lebenszustände,“ sagt
„so ist auch die Theorie der politischen Ökonomie, in welcher
Form und Gestalt, mit welchen Argumenten und Resultaten wir sie
auch finden, ein Ergebnis der geschichtlichen Entwicklung ... Sie
hat in dem geschichtlichen Leben den Fonds ihrer Argumentationen,
and sie muß ihren Resultaten den Charakter geschichtlicher Lösungen
beilegen; auch die „allgemeinen Gesetze“ der Nationalökonomie

b Vgl. Menuee, op. eit, S. 130ff. Hie^ kann man,^”^5

ür*z“Äp äää 4 b.«k,»r

aber sie täuschen sich, wenn sie glauben, daß die alten Ökonomisten sie nicht ge
kannt hätten. Es ist eine englische Gewohnheit, viele Ergänzungen dem gesunden
Verstand des Lesers zu überlassen . . .“
        <pb n="471" />
        ﻿446

Viertes Buch. Die Abtrünnigen.

stellen sich nicht anders, denn als eine geschichtliche Explikation
und fortschreitende Manifestation der Wahrheit dar, auf jeder Stufe
stehen sie als die Verallgemeinerung der bis zu einem bestimmten
Punkte der Entwicklung erkannten Wahrheiten da, und weder der
Summe noch der Formulierung nach können sie für unbedingt ab-
geschlossen erklärt werden“ ’).

Diese Stelle, die übrigens ziemlich dunkeD und verworren, .wie
die Sprache Knies’ im allgemeinen, ist, drückt einen wahren Ge-
danken aus, den andere Volks Wirtschaftler schon in klarerer Weise
formuliert haben, wenn sie sagen, daß die wirtschaftlichen Gesetze
nur vorläufig und bedingungsweise Geltung haben. Vorläufig in
dem Sinne, daß das geschichtliche Leben, indem es neue Tatsachen
zur Oberfläche bringt, denen die bestehenden Theorien nicht genügend
Rechnung tragen, die Volkswirtschaftler ohne Unterlaß dazu zwingt,
die Formeln, mit denen sie sich bis dahin begnügten, zu ändern.
Bedingungsweise in dem Sinne, daß die wirtschaftlichen Gesetze
in der Wirklichkeit nur bestätigt werden, wenn andere Umstände
nicht ihre Wirkung behindern; so daß die Geschichte, indem sie diese
tfmstände modifiziert, die Wirkungen, die mau sich gewmhnt hatte, auf
gewisse Ursachen folgen zu sehen, vorübergehend zum Verschwunden
bringen oder verschleiern kann. Vielleicht war es nicht unnötig,
hierauf hinzmveisen, wenigstens den Volkswirtschaftlern gegenüber, die
ihre Theorien als eine Art endgültiger Offenbarung hinstellten und
glaubten, absolut sichere Voraussagen auf sie gründen zu können.

Knies übertreibt jedoch bedeutend, wenn er der Meinung ist, die
Relativität der so definierten wirtschaftlichen Gesetze unterscheide sie
durchaus von anderen wissenschaftlichen Gesetzen. Die physikalischen
find chemischen Gesetze verändern sich ebenso, worauf schon Marshall
sehr richtig hingewiesen hat, je nachdem neue Tatsachen alte Formeln
hinfällig machen. Auch sie sind daher nur vorläufig. Sie unterliegen
ebenso Bedingungen in dem Sinne, daß sie sich nur dann als wahr
ergeben, wenn keine störenden Ursachen vorhanden sind, die geeignet
wären, die Bedingungen des Versuchs zu verändern. Für die modernen

b Knies, op. cit., S. 24, 25. Ashley hat diesen doppelten Gedanken in
klareren Worten ausgedrückt: „Die Nationalökonomie ist nicht ein Ganzes von absolut
wahren Lehren, die der Welt am Ende des letzten und am Anfang dieses Jahr-
hunderts offenbart worden sind, sondern sie setzt sich aus einer gewissen Anzahl
von Theorien und Verallgemeinerungen zusammen, deren Wert mehr oder weniger
groß ist . . . Die modernen volkswirtschaftlichen Theorien sind nicht universell wahr.
Sie sind weder für die Vergangenheit wahr, als die Bedingungen nicht bestanden,
die zu ihrem Zustandekommen nötig gewesen wären, noch auch für die Zukunft,,
wenn die Lebensbedingungen sich verändert haben werden, ausgenommen die Gesell-
schaft bleibt stationär.“ (Histoire et doctrines economiques de l’Angle-
terre, Vorwort, franz. Übers. S. 2, 3.)
        <pb n="472" />
        ﻿Kapitel I. Die historische Schule und der Streit über die Methoden. 447

Gelehrten sind die natürlichen Gesetze nicht untrennbar mit den
Dingen verbunden. Sie sind „ein intellektuelles Produkt des Menschen“x).
Daher schreiten sie auch mit dieser Intelligenz vorwärts. Sie sind
einfache abgekürzte Formeln, auf Grund deren man die Beziehungen
der Abhängigkeit ausdrückt, die man zwischen Tatsachen festgestellt
hat. Zwischen den „Gesetzen“, die so vom menschlichen Geiste ge-
schaffen worden sind, besteht kein anderer Unterschied, als der mehr
oder weniger große Grad der beobachteten Abhängigkeit. -

Wenn die Stetigkeit und Sicherheit der physikalischen und
chemischen Gesetze denen der bisher formulierten wirtschaftlichen
Gesetze sehr überlegen sind, so beruht das einfach darauf, daß die ,
Bedingungen, unter denen sie sich nachweisen lassen, viel allge-
meiner verwirklicht sind. Auf der anderen Seite ist ihre Wirkung 1
oft meßbar, und sie können daher durch die Deduktion den allge-
meinen Gesetzen der Mathematik angegliedert werden2}.

Knies hat nicht nur die Konsequenzen der Relativität der ;
wirtschaftlichen Gesetze übertrieben, sondern der Vorwurf, den er
seinen Vorgängern macht, daß sie sie verkannt hätten, war zu der
Zeit schon nicht mehr voll berechtigt, in der er schrieb. Wir werden
diese Bemerkung, die nicht ohne Bedeutung für die Geschichte der
Doktrinen ist, wiederholen müssen. Stitaet Mill hatte zu dieser Zeit
schon seine Abhandlung über Ökonomik veröffentlicht und in
seiner Logik, die 1842 erschien, und von der bis 1853, dem Zeit-
punkte, zu dem Knies schrieb, verschiedene Ausgaben herausgegeben
worden waren, präzisiert er genau diesen Charakter der wirtschaft-
lichen Gesetze: „Sie sind“, sagt er, „auf die Annahme einer gewissen
Vereinigung von Umständen gegründet und besagen, wie eine ge-
gebene Ursache unter diesen Umständen wirken würde, vorausgesetzt,
daß keine anderen in Verbindung mit ihr auftreten. Wenn die
Bedingungen einer bestehenden Gesellschaft zur Voraussetzung ge-
nommen sind, so sind die Schlußfolgerungen für diese Gesellschaft
wahr, ausgenommen jedesmal, wenn die Wirkung dieser Bedingungen
durch andere, nicht in Berechnung gezogene, verändert worden ist8).“
Folglich kann die Soziologie, von der in seinen Augen die Volks-

‘) Kael Peakson, Da grammaire de la Science, franz. Übers, v. L. Mäkoh,
Paris 1912, S. 140.

J) Makshall: Principles, 4. Ausg., B. I, Kap. 6, § 6. Das, was wir hier
sagen, bedeutet keine Kritik der mathematischen Methode in der Nationalökonomie.
Mit der Hilfe der Mathematik die Beziehungen zwischen wirtschaftlichen Tatsachen
darstellen (wie es die Schule Walkas’ tut), und diese Beziehungen quantitativ
präzisieren, so daß man aus allgemeinen Theoremen der Mathematik die wirtschaftlichen
Tatsachen einfach ableiten kann, sind zwei ganz verschiedene Dinge.

3) Stuaht Mill, Logik, franz. Übers., Bd. II, S. 494.
        <pb n="473" />
        ﻿448

Viertes Buch. Die Abtrünnigen,

Wirtschaft nur ein Zweig ist, „nicht eine Wissenschaft positiver
Voraussagen, sondern nur eine Wissenschaft von Tendenzen sein“.
Klarer kann niemand den nur „relativen“ Wert der wirtschaftlichen
Gesetze ausdrücken.

Wie dem nun auch sei, die modernen Volkswirtschaft!er haben
die Kritiken der Anhänger der historischen Schule für genügend be-
gründet befunden, um in größerer Genauigkeit einen Schutz gegen
ähnliche Vorwürfe zu suchen. Unter anderem definiert Maeshall
die wirtschaftlichen Gesetze, indem er den Ausdruck Mill’s wieder-
aufgreift, als „einen Ausdruck wirtschaftlicher Tendenzen“1).

Ihrerseits haben die Gründer der reinen Ökonomik, deren Methode
sich am klarsten von der der historischen Schule unterscheidet, die
gleiche Vorsicht angewendet. Sie gründen ihre Schlußfolgerungen
ausdrücklich und absichtlich auf eine Auswahl einer gewissen Anzahl
vorher angeführter Hypothesen, deren sichere Verwirklichung sie sich
wohl hüten zu behaupten. „Die reine Ökonomik“, sagt Waleas,
„muß der Erfahrung typische Bilder für den Tausch, das Angebot,
die Nachfrage, die Kapitalien, die Einkünfte, die produktiven Dienste
und die Produkte entlehnen. Von diesen wirklichen, typischen Bildern
muß sie durch Definition ideelle Typen abstrahieren, und ihre
Schlußfolgerungen auf diese letzteren aufbauen, um zur Wirklichkeit
nur zum Zweck der Anwendung zurückzukehren, wenn die Wissen-
schaft abgeschlossen ist2)-“ Die reine Ökonomik untersucht zum
Beispiel die Wirkungen der Konkurrenz, nicht unter der unvollkommenen
Form, in der sie sich in Wirklichkeit uns darbietet, sondern wie
sie auf einem hypothetischen Markt funktionieren würde, wo alle
Kontrahenten ihre wirklichen Interessen genau kennen und ihnen in
voller Freiheit und in vollständiger Öffentlichkeit nachgehen können.
Der Begriff eines Grenzzustandes dieser Art gestattet, wie durch ein
Vergrößerungsglas, die Folgen einer Hypothese zu untersuchen, wie
sie uns die Wirklichkeit nie mit voller Klarheit bietet.

Man kann die Vorteile dieser Methode bestreiten, aber man kann
nicht behaupten, daß ihre Urheber die Relativität der so gewonnenen
wirtschaftlichen Gesetze verheimlicht hätten.

Man mag den Anhängern der historischen Schule dafür danken,
daß sie diesen Charakterzag in einem Augenblick klar hervorhoben,
an dem einige Volks Wirtschaftler ihn vergessen zu haben schienen.
Man kann aber behaupten, daß er heute von allen im vollen Umfang
anerkannt ist. Wenn sich Knies dazu anschickt, hierauf eine ab-
solute Unterscheidung zwischen natürlichen und wirtschaftlichen

*) Makshall, Principles of economics, 4. Ausg., B. I, Kap. 6, § 6.

2) Waleas, Ecouomie Politique pure, 4. Ausg., S. 20.
        <pb n="474" />
        ﻿Kapitel I. Die historische Schule und der Streit über die Methoden. 449

Gesetzen zu begründen, so erscheint dies vielen, vielleicht sogar der
Mehrzahl der Yolkswirtschaftler als ungerechtfertigt1)

b)	Die Anhänger der historischen Schule werfen weiterhin den
■ersten Ökonomisten vor: daß ihre Psychologie eng und ungenügend
gewesen sei. Adam Smith, Say und Ricaedo betrachten das Selbst-
interesse als den einzigen Beweggrund aller menschlichen Handlungen.
Sie bilden sich ein, daß der Mensch einzig und allein von der Jagd
nach dem Gewinn beherrscht sei. Die Anhänger der historischen
Schule sagen nun, daß das Interesse, sogar in wirtschaftlicher Hin-
sicht, durchaus nicht der einzige Beweggrund menschlichen Handelns
sei. Hierin, wie in anderen Dingen, gehorche der Mensch den ver-
schiedensten Triebfedern: der Eitelkeit, der Ruhmsucht, dem Tätig-
keitstrieb, Pflichtgefühl, Mitleid, Wohlwollen, der Nächstenliebe, oder
einfach der Gewohnheit. Knies sagt: „Den Menschen unwandelbar
und allgemein in seiner wirtschaftlichen Tätigkeit nur von eigen-
nützigen Motiven geleitet hinstellen, ist tatsächlich entweder gleich-
bedeutend mit der Ableugnung aller edleren und besseren Motive
in jeglichem Beginnen des Menschen, oder mit der Lehre, daß jeder
Mensch so und so viele selbständig nebeneinander wirkende Mittel-
punkte seines geistigen Lebens habe“ 2).

Daß die Klassiker im persönlichen Interesse (nicht im Egoismus,
wie Knies sagt, indem er diesem Wort einen erniedrigenden Sinn
gibt), den Ursprung und die grundlegende Erklärung der wirtschaft-
lichen Tatsachen gesehen haben, wird niemand bestreiten. Die An-
hänger der historischen Schule scheinen sich aber auch hier getäuscht
zu haben, indem sie ihrer Beobachtung eine viel zu große Tragweite
gaben. Damit beschäftigt, die Wirklichkeit in ihrer ganzen kompli-
zierten Zusammensetzung zu erfassen, und mehr für das Spezielle und
Charakteristische als für das Allgemeine und Universelle interessiert,
haben die Anhänger der historischen Schule vergessen, daß die Volks-
wirtschaft als Wissenschaft die wirtschaftlichen Tatsachen als
Massentatsachen betrachtet. Die klassischen Volks Wirtschaftler
bemühten sich das Allgemeine, nicht das Individuelle zu studieren.
Und ist denn im Wirtschaftsleben, wenn man davon absieht, daß in
irgendeinem Spezialfall persönliche Neigungen dieses oder jenes Be-
teiligten Unterschiede herbeiführen können, der beständigste Beweg-
grund für jede Handlung nicht gerade der egoistische Wunsch
des Wohlseins oder des Gewinnes? Das ist die Meinung Adolf
V'agnee’s, der sich in diesen Fragen der Methode mit Entschieden-

1)	Gewisse Schriftsteller gehen jedoch eine vollständige Assimilation nicht zu.
Z. B. Wagnee, Grundlegung, Bd. I, S. 335.

2)	Knies, op. cit, S. 232.

Olde und Eist, Gesch. d. Volkswirtschaft!. Lehrmeinungen.

29
        <pb n="475" />
        ﻿450

Viertes Buch. Die Abtrünnigen.

heit von der historischen Schule trennt. Er hat mit viel Scharfsinn
die verschiedenen Beweggründe, die den Menschen in seinem wirt-
schaftlichen Leben leiten, untersucht und kommt zu dem Schluß, daß
von allen Beweggründen „der Egoismus“ der einzige wirklich be-
ständige und dauernde ist. „Daraus erklärt sich und rechtfertigt
sich“, sagt er, „daß die Methode der Deduktion der politischen Öko-
nomie gerade dieses Motiv als Ausgangspunkt genommen hatx)“.

Nach dieser Feststellung muß man mit Knies jedoch anerkennen,
daß die klassischen Volkswirtschaftler die Veränderungen, die die
Bestrebungen des persönlichen Interesses in der Wirklichkeit unter
dem Einfluß anderer Beweggründe erleiden, nicht, wie Knies sagt,
geleugnet, aber doch zu sehr vernachlässigt haben. Sie sind hierin
manchmal soweit gegangen, daß sie die Nationalökonomie in eine
„einfache Naturgeschichte des Egoismus“, wie Hildebeand sagt, ver-
wandelt zu haben scheinen.

Wir müssen aber hier die Bemerkung, die wir eben gemacht
haben, wiederholen. Zur Zeit, als Knies seine Kritik formulierte,
hatte sie schon aufgehört, wirklich berechtigt zu sein. Schon seit
mehr als zehn Jahren hatte Stuaet Miel in seiner Logik die Auf-
merksamkeit auf diesen Punkt gelenkt. Er schrieb: „Ein englischer
Volkswirtschaftler, wie seine Landsleute im allgemeinen, kann nicht
begreifen, wie leicht es vorkommt, daß mit dem Verkauf von Waren
über den Ladentisch beschäftigte Leute mehr an ihre Bequemlichkeit
und ihre Eitelkeit als an ihren klingenden Gewinn denken“ 2). Für
seinen Teil erklärte er: „daß es im Leben eines Menschen vielleicht
nicht eine einzige Handlung gibt, deren Ursache nicht in einem
mehr oder weniger ersichtlichen Beweggrund läge, der nichts mit
dem Wunsch nach Bereicherung zu tun hat“3). So ist schon für
Stuaet Mill der egoistische Beweggrund, die Jagd nach dem Gewinn,
nicht mehr der „unveränderliche und allgemeine“ Beweggrund des
Menschen. Wie wir schon in dem vorhergehenden Kapitel gesehen
haben, deckt sich sogar für Stuaet Mill der Egoismus oder das
wohlverstandene persönliche Interesse, wie er es definiert, mit dem
Altruismus.

Aber auch hier haben die Vorwürfe der Anhänger der histo-
rischen Schule trotz ihrer Übertreibungen, ebenfalls die Volkswirt-
schaftler anderer Richtungen dazu gezwungen, ihre Auffassungsweise
genauer zu präzisieren. Heute behauptet Maeshall, daß sich die
Volkswirtschaftler; „mit dem Menschen, so wie er ist, beschäftigen;

b A. Wagner, Grundlegung, § 67.
b Stuaet Mill, Logik, Bd. II, S. 502

3) Ebenda, S. 408.
        <pb n="476" />
        ﻿Kapitel I. Die historische Schule und der Streit über die Methoden. 451

nicht mit einem abstrakten oder ökonomischen Menschen, sondern
mit einem Menschen ans Fleisch und Blut“1). „Und wenn“, sagt
Maeshall, „unter den Beweggründen, denen der Mensch gehorcht,
der Volkswirtschaftler besonders die Jagd nach dem persönlichen
Gewinn studiert, so bedeutet das nicht, daß er die Volkwirtschaft
auf eine „Naturgeschichte des Egoismus“ beschränken will, sondern
einfach, daß die Wirkungen dieser Triebfeder, da sie sehr oft in
Geld meßbar sind, sich leichter zu einer wissenschaftlichen Unter-
suchung eignen, als zum Beispiel die Beweggründe der Nächsten-
liebe, der Eitelkeit oder des Pflichtgefühls“ 2). Die Hedonisten, für
die die reine Ökonomik auf einem Abwägen Ton Lust und Unlust
beruht, weisen ausdrücklich darauf hin, daß die Hypothese, auf die
sie sich stützen, nur eine bequeme Vereinfachung der Wirklichkeit
ist, deren man nicht entbehren kann, um die Analyse der Tatsachen
so weit wie möglich zu treiben. Es ist eine notwendige und daher
berechtigte Abstraktion, aber doch eine Abstraktion.

c)	Hier tritt nun gerade die historische Schule dazwischen, um
den Klassikern einen neuen Vorwurf zu machen; die mißbräuchliche
Anwendung der Abstraktion und der Deduktion, und auf diesen Vor-
wurf legt sie vielleicht den stärksten Nachdruck.

An Stelle der Deduktion möchte die Schule als vorherrschende
Methode die auf die Beobachtung gegründete Induktion treten
sehen.

Diese Kritik des deduktiven Schlußverfahren steht in enger Be-
ziehung zu' dem vorhergehenden Punkte. Da die klassischen Volks-
wirtschaftler im Menschen nur ein einziges treibendes Motiv sehen
wollten, so glaubten sie, wie die Anhänger der historischen Schule
sagen, daß sie aus einer einzigen Tendenz auf Grund von Schluß-
folgerungen a priori alle wirtschaftlichen Gesetze ableiten könnten.
Wenn man sich aber im Gegenteil Rechenschaft von der Vielfältigkeit
der in der wirtschaftlichen Welt in Betracht kommenden Beweg-
gründe gebe, so springe die Mangelhaftigkeit dieses Verfahrens in die
Augen. Man komme dabei nicht zu einem Bilde, sondern zu einer
Karrikatur der Wirklichkeit. Nur eine geduldige Beobachtung ge-
statte auf Grund von vorsichtigen Induktionen nach und nach die
Schäftung einer wirtschaftlichen Theorie, die der komplizierten Mannig-
faltigkeit der Tatsachen gerecht wird. „Und in der Zukunft“, schreibt
Schmollee 1883 in seiner Antwort an Mengee, „wird für die National-
ökonomie eine neue Epoche kommen, aber nur durch Verwertung des
ganzen historisch-deskriptiven und statistischen Materials, das jetzt

‘) Maeshall, Principles, B. I, Kap. V, § 9.

2)	Ebenda, B. I, Kap. V, § 7.
        <pb n="477" />
        ﻿452

Viertes Buch. Die Abtrünnigen.

geschaffen wird, nicht durch weitere Destillation der hundertmal
destillierten abstrakten Sätze des alten Dogmatismus“ *),

Auf diese Kritik der Methode, hat die „junge historische Schule“
ganz besonderen Nachdruck gelegt; und Mbngee hat sagen können:
„für sie gilt die Kunst abstrakten Denkens, und wäre das letztere
auch in nocli so hohem Maße durch Tiefe und Originalität aus-
gezeichnet , und stützte es sich noch so sehr auf eine breite
empirische Grundlage, kurz alles, was in den anderen theoretischen
Wissenschaften den höchsten Kulan der Forscher begründet, neben
den Produkten kompilatorischen Fleißes, für etwas Nebensächliches,
fast für ein Stigma“ 2).

In ihrer Kritik der Abstraktion nnd Deduktion bei den
klassischen Nationalökonomen, hat die historische Schule tatsächlich
den Fehler begangen, zwei Dinge zu verwechseln: Die Anwendung,
die die Klassiker von diesen Methoden gemacht haben und diese
Methoden an sich.

Niemand wird leugnen, daß die Klassiker oft von falschen Prä-
missen ausgegangen sind, oder daß sie, von richtigen Prämissen
ausgehend, zu schnell und ohne genügende Kontrolle behauptet
haben, daß ihre Schlußfolgerungen stets von den Tatsachen bestätigt
würden. Niemand wird bestreiten, daß ihre Analysen oft unvoll-
ständig gewesen sind, ihre Verallgemeinerungen oberflächlich und
ihre Formeln zweideutig8).

Das ist aber noch lange kein Grund, die Berechtigung der Ab-
straktion nnd der Deduktion anzuzweifeln. Eine Kategorie mensch-
licher Beweggründe zu isolieren, um ihre Wirkungen gesondert zu
untersuchen, bedeutet nicht, das Dasein und den Einfluß anderer
Beweggründe zu leugnen, ebensowenig wie mau das Vorhandensein
anderer Einflüsse leugnet, wenn man die Wirkung der Schwerkraft
auf die Körper untersucht. In einer Wissenschaft, wie der National-
ökonomie, wo der Versuch praktisch unmöglich ist, sind die Ab-
straktion und die Analyse die einzigen Mittel, die der Gelehrte zu

*) Schmoller, Zur Literaturgeschichte usw., S. 279.

2)	K. Mengee, Untersuchungen über die Methode usw.. S. 48.

3)	„Hier haben auch hervorragende Vertreter der britischen Ökonomie gewiß
öfters Fehler begangen,“ sagt Ä. Waqhee (Grundlegung, Kap. I, § 4 S. 18). „Aber
es waren dann regelmäßig nicht sowohl Fehler der Methode, auch nicht solche, die
unvermeidlich im Wesen der Methode liegen, sondern Fehler in und bei der An-
wendung der Methode.“ Karl Mengbe, der die Deduktion mit so viel Nachdruck
verteidigt, hat sich ihrer gerade bedient, um die klassischen Theorien zu erneuern.
Er sagt: „Die nationalökonomische Theorie, wie sie der Hauptsache nach die soge-
nannte klassische Schule englischer Nationalokonomeu gestaltete, hat das Problem
einer Wissenschaft von den Gesetzen der Volkswirtschaft in befriedigender Weise
nicht zu lösen vermocht“. Mengee op. cit. S. XV.
        <pb n="478" />
        ﻿Kapitel 1. Die historische Schule und der Streit über die Methoden. 458

seiner Verfügung hat, um sich in der Menge der Einflüsse, die sich
in der Wirklichkeit kreuzen, zurechtzufinden. Das Verfahren, auch
wenn es ohne große praktische Bedeutung wäre, würde gerechtfertigt
sein, selbst wenn der so isolierte Beweggrund nebensächlich wäre.
Dies um so mehr, da der Beweggrund, um den es sich hier handelt,
die Jagd nach Gewinn, oder die Befriedigung materieller Bedürfnisse,
auf die wirtschaftlichen Handlungen unbestreitbar eine vorherrschende
Wirkung ausübt1).

Dieses Verfahren ist so natürlich, wir können sogar sagen, so
unentbehrlich, — um dem Geist zu gestatten, sich unter der Viel-
fältigkeit der Tatsachen zurechtzufinden, daß die Kritik der historischen
Schule den in der wirtschaftlichen Literatur seit etwa 80 Jahren
immer bezeichnender werdenden Aufschwung der abstrakten und de-
duktiven Methode nicht verhindert hat. Es ist wahr, daß die modernen
Nachfolger der Klassiker, wenn sie die abstrakten Methoden wieder
zu Ehren gebracht haben, sie nicht mehr wie die ersten Klassiker
handhaben. Sie haben der Deduktion einen festeren Ausgangspunkt
gegeben, indem sie eine exaktere psychologische Analyse der Be-
dürfnisse aufstellen, die das persönliche Interesse befriedigen soll2).
Auf der anderen Seite haben sie gerade den Mechanismus der De-
duktion vervollkommnet, indem sie sich nicht nur der Regeln der
gewöhnlichen Logik bedienten, sondern auch die der mathematischen
Analyse anwandten. Die Schlußfolgerungen nun, zu denen sie in
einer großen Anzahl von Punkten kommen, unterscheiden sich außer-
ordentlich von denen der Klassiker.

Glücklicherweise bietet der Gegensatz der induktiven und de-
duktiven Methode, der von der historischen Schule aufgebracht worden
ist, heute kein besonderes Interesse mehr. Die bedeutendsten Volks-
wirtschaftler haben beide Methoden als gleicherweise notwendig an-

‘) Ygl. Kaki, Mengeb, Untersuchungen, usw. S. 79. „So wenig wie die
reine Mechanik die Existenz mit Luft erfüllter Räume, die Reibung usf., so wenig ,
die reine Mathematik die Existenz realer Körper, Flächen und Linien leugnet, . . .
so wenig die reine Chemie den Einfluß physikalischer und die reine Physik den
Einfluß chemischer Faktoren bei Gestaltung der realen Erscheinung negiert, ob zwar
jede dieser Wissenschaften nur eine Seite der realen Welt berücksichtigt, und von
allen anderen abstrahiert: sowenig behauptet ein Nationalökonom, daß die Menschen
faktisch nur vom Eigennutze geleitet, oder aber unfehlbar oder allwissend seien, ,
weil er die Gestaltungen des sozialen Lebens unter dem Gesichtspunkte des freien,
durch Nehenrücksichten, durch Irrtum und Unkenntnis unbeeinflußten Spieles des
menschlichen Eigeninteresses zum Gegenstand seiner Forschung macht.“ Im gleichen
Sinne: Adole Wagner, o p. c i t. § 67 ff., und Mabshall.

2) Die heutigen deduktiven Volkswirtschaftler verachten die Psychologie so
wenig, daß man sogar gewissen von ihnen (den Österreichern) den Namen „Psycho-
logische Schule“ gegeben hat. Man kann behaupten, daß sie in dieser Hinsicht viel
weiter gegangen sind, als die historische Schule.
        <pb n="479" />
        ﻿454

Viertes Buch. Die Abtrünnigen.

genommen. Die verschiedensten Schriftsteller sind übereingekommen,
diese Fragen der Methode als nebensächlich auszuscheiden und diesen
Streit, bei dem die Wissenschaft nicht viel gewonnen hat, zu ver-
gessen. Es ist der Mühe wert, am Schlüsse dieses Absatzes auf die
Meinungen einiger Gelehrter hinzuweisen, die sehr verschiedene Rich-
tungen vertreten, aber doch in dieser Hinsicht ungefähr gleich denken.
„Die Diskussionen über die Methode“, sagt Paeeto, „sind ein reiner
Zeitverlust; der Zweck der Wissenschaft ist die Erkenntnis der
Gleichmäßigkeit der Tatsachen, und infolgedessen kommt es darauf an,
irgendeinem Weg zu folgen, irgendeine Methode anzuwenden, die
diesem Ziele näher fuhrt.“*) „Wir werden stets nebeneinander Arbeiter
brauchen“, sagt Maeshall, „die verschiedene Fähigkeiten haben und
verschiedene Ziele verfolgen, von denen die einen sich hauptsächlich
der Beobachtung von Tatsachen widmen, die anderen der wissen-
schaftlichen Analyse ..alle Arbeitsweisen, die darauf hinzielen, die
Verbindung zwischen Ursache und Wirkung zu entdecken, wie sie
in den verschiedenen Abhandlungen über wissenschaftliche Logik
beschrieben sind, müssen eine nach der anderen von den Volks-
wirtschaftlern angewendet werden“2). — Nach diesen Schriftstellern,
die hauptsächlich die deduktive Methode gebrauchen, wollen wir jetzt
Anhänger der historischen Schule zu Worte kommen lassen. Als
erster hat Schmollee an einer Stelle gesagt: „Wie der rechte und
der linke Fuß zum Gehen, so gehören Induktion und Deduktion
gleichmäßig zum wissenschaftlichen Denken“3). Bemerkenswerter ist
vielleicht die Meinung eines Volkswirtschaftlers — Büchee’s —, dem
die historische Schule einige ihrer selbständigsten Beiträge ver-
dankt. „Es ist darum mit großer Genugtuung zu begrüßen, wenn
nach einer Periode emsiger Stoffsammlung in neuerer Zeit die Pro-
bleme der modernen Verkehrswirtschaft mit Eifer wieder aufgenommen
worden sind, und wenn die Berichtigung und der weitere Ausbau
des alten Systems auf demselben Wege versucht wird, auf dem dieses
entstanden ist, nur mit Benutzung eines viel reicheren Tatsachen-
materials. Denn es gibt in der Tat keine andere For-
schungmethode, mit welcher man der komplizierten

’) Parbto, Manuale di economia politica, Mailand, 1906 S. 24.

2) Marshall, Principles of economics, 4. Ausg., B. I, Kap. VI.

s) Schmollee im Handwörterbuch der Staatswissenschaften,
(Conrad) Artikel: Volkswirtschaft. Jena 1911, Verlag G. Fischer, 8. Bd. S. 478,
Sp. 2, Reihe 2. In seinem Grundriß liest man noch: „Diejenigen, welche in der
neueren deutschen Nationalökonomie als Vertreter induktiver Forschung gelten, be-
kämpfen nicht die Deduktion überhaupt, sondern nur die aus oberflächlichen unzu-
reichenden Prämissen, welche sie glauben, auf Grund besserer Beobachtung durch
genauere Obersätze ersetzen zu können“ (Bd. I, S. 111). Von diesem Gesichtspunkt
aus kann ihm jeder zustimmen.
        <pb n="480" />
        ﻿Kapitel I. Die historische Schule und der Streit über die Methoden. 455

Verursachung der Yerkehrsvorgänge nahe kommen kann,
als die isolierende Abstraktion und die logische De-
duktion. Das einzige induktive Verfahren, welches daneben in
Frage kommen kann, das statistische, ist für die meisten hierher-
gehörigen Probleme nicht fein und eindringend genug und kann
nur als ergänzendes oder kontrollierendes Hilfsmittel herangezogen
werden“ 1).

§ 3. Die positiven Ideen der historischen Schule.

Wahrscheinlich wären die Kritiken, die die Anhänger der histori-
schen Schule gegen die Methoden der Klassiker erhoben, nicht so
scharf gewesen, wenn sich in ihnen nicht eine vollständig verschiedene
Auffassung der Rolle und des Zweckes der Nationalökonomie ver-
borgen hätte. Hinter diesen Kritiken liegt, mehr oder weniger deutlich
ein prinzipieller Gegensatz. Wenn die „junge historische Schule“
heute einige ihrer Hoffnungen aufgegeben hat, — so träumten doch
die ersten Anhänger, wie wir gesehen haben, von einer vollständigen
Erneuerung der Wissenschaft. In welchem Sinn und auf welche
Weise sollte dies nun geschehen? Es ist von Bedeutung, Klarheit
hierüber zu haben. Die positive Auffassung, die sich die historische
Schule von der Ökonomik gemacht hat, ist für die Geschichte der
Doktrinen noch interessanter, als ihre kritische Leistung. Denn in
ihr liegt ein geistiger Gegensatz, den man zu fast allen Zeiten in
der Geschichte unserer Wissenschaft findet.

Das wirtschaftliche Leben kann von zwei verschiedenen Gesichts-
punkten aus betrachtet werden, die man als den mechanischen
und den organischen unterscheiden kann; auf den einen stellen
sich die verallgemeinernden Denker, deren Höchstes die Einfachheit
ist; der andere drängt sich ganz natürlich denen auf, die durch
die beständigen Wandlungen der konkreten Wirklichkeit angezogen
werden.

Die ersten Volkswirtschaftler gingen in der Mehrzahl vom
mechanischen Gesichtspunkt aus. Unter der Menge der sozialen
Phänomene haben sie sich meistens begnügt, die zu studieren, die
eine im wesentlichen mechanische Erklärung gestatten. Die Preis-
schwankungen, das Steigen und Fallen des Zinsfußes, des Lohnes und
der Bodenrente, die Anpassung der Produktion an die Nachfrage unter
der Herrschaft der freien Konkurrenz erscheinen ihnen als die Wir-
kungen der fast automatischen Tätigkeit menschlicher Moleküle, die

') Kahl Bücher, Die Entstehung der Volkswirtschaft, 3. Ausg.
(1901) S. 173.
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        ﻿456

Viertes Buch. Die Abtrünnigen.

dem überall identischen Beweggrund des persönlichen Interesses ge-
horchen. Die Einfachheit dieser Auffassung entbehrt nicht der Größe»

Nur ist das so erhaltene Bild des sozialen Lebens außerordentlich
begrenzt. Es vernachlässigt eine große Anzahl von bedeutungsvollen
und interessanten Tatsachen. Der konkrete Ausdruck der wirtschaft-
lichen Welt ist in Wirklichkeit außerordentlich verschieden und
wechselnd. Wir können in ihm Einrichtungen aller möglichen Art
unterscheiden; Banken, Handels- und Effektenbörsen, Genossenschaften
der Arbeitgeber und solche der Arbeitnehmer, Handelsgesellschaften
und Kooperativgesellschaften; wir treffen hier auf erbitterte Kämpfe
zwischen der großen und der kleinen Industrie, dem großen und
kleinen Handel, dem großen und kleinen Landbesitz, zwischen sozialen
Klassen, zwischen Individuen, zwischen dem Staat und den Einzel-
personen, zwischen den Städten und dem platten Land. Wir sehen,
wie der Wohlstand der Staaten wächst und verfällt, wie die Kon-
kurrenz dem einen heute ein Übergewicht gibt, das sie ihm morgen
wieder nimmt. In diesem Lande und in jener Epoche haben gewisse,
handelspolitische Richtungen Erfolg, die im Gegenteil an anderen
Stellen oder in anderen Zeitläuften fehlschlagen. Wir sehen, wie in
jedem Lande und zu jedem Augenblick das wirtschaftliche Leben
sich durch andere Organe vollzieht, sich beständig verändert, sich
den wechselnden Bedingungen der Technik anpaßt, sich mit dem
Fortschritt der Wissenschaft umformt, mit neuen Sitten und An-
schauungen andere Formen zeigt.

Von all diesem sagt uns aber die mechanische Auffassung der
Volkswirtschaft kein Wort. Sie erklärt uns weder die wirtschaftlichen
Unterschiede, die eine Nation von der anderen trennen, noch die, die
eine Epoche von der anderen scheiden. Ihre Lohntheorie sagt uns
nichts über die verschiedenen Arbeiterkategorien, ihren relativen
Wohlstand in den aufeinander folgenden Perioden der Geschichte, od.er
über die rechtlichen und politischen Verhältnisse, von denen dieser
Wohlstand abhing. Ihre Zinstheorie sagt uns nichts über die un-
zähligen Formen, die die Funktion des Kredites in der Geschichte
angenommen hat, über die Veränderungen, die die Tauschmittel, das
Metallgeld und das Papiergeld erlitten haben. Ihre Theorie des
Profits läßt die Umformungen der Unternehmungen, ihre Konzentration
oder Zersplitterung, ihren individuellen oder kollektiven Charakter,
ihre Sonderstellung im Handel, in der Industrie oder der Landwirt-
schaft außer acht; denn die klassischen Volkswirtschaftler haben
einfach die allgemeinen und beständigen Tatsachen gesucht, in denen
im Kähmen der sozialen Einrichtungen ihrer Zeit die Tätigkeit des
Homo Oeconomicus zum Ausdruck kam.

Daher genügt die mechanische Erklärung des Wirtschaftslebens
        <pb n="482" />
        ﻿Kapitel I. Die historische Schule und der Streit über die Methoden. 457

nicht, um uns über seine Vielgestaltigkeit Rechenschaft zu geben.
Sie zeigt uns wohl gewisse sehr allgemeine Erscheinungen, aber sie
ermöglicht es uns nicht, ihre konkreten und besonderen Charakterzüge
zu verstehen.

Woher kommt nun dieser Mangel? Er beruht darauf, daß die
mechanische Auffassung die wirtschaftliche Tätigkeit des Menschen
aus dem wirklichen Milieu, in dem sie sich vollzieht, isoliert. Die
wirtschaftlichen Handlungen des Menschen stehen in enger Ver-
bindung mit der Gesamtheit der Bedingungen, unter denen er lebt.
Ihr Charakter und ihre Wirkungen sind von Grund aus verschieden,
je nach dem physischen, sozialen, politischen und religiösen Milieu,
in dem sie sich vollziehen. Die geographische Lage eines Landes,
seine natürlichen Hilfsquellen, die wissenschaftliche und künstlerische
Kultur seiner Bewohner, ihr moralischer und intellektueller Charakter,
ihr Eegierungssystem bestimmen die Natur der wirtschaftlichen Ein-
richtungen, die sie aufgerichtet haben, beeinflussen den Grad des
Wohlstandes oder des Reichtums, dessen sie sich erfreuen. Aller-
dings müssen die allgemeinen Funktionen der Gütererzeugung, der
Verteilung und des Austausches in allen Gesellschaften vor sich
gehen. Aber jede menschliche Gemeinschaft stellt ein besonderes
organisches Milieu vor, dem sich diese Funktionen anpassen müssen,
und das infolgedessen dem wirtschaftlichen Leben einer jeden seinen
besonderen Stempel aufgedrückt. Wenn man daher alle verschieden-
artigen Seiten dieses Lebens verstehen will, muß man die wirtschaft-
liche Tätigkeit nicht nur isoliert, sondern in ihren Beziehungen zu
dem sozialen Milieu betrachten, das allein das Verständnis der
charakteristischen Züge gestattet1).

Das ist eine der historischen Schule teuere Grundidee. Aus ihr
ergibt sich dann sogleich eine weitere.

Das soziale Milieu ist nämlich nicht etwas Feststehendes. Es
ist beständigem Wechsel unterworfen; es bildet sich um und ent-
wickelt sich; es ist niemals in zwei verschiedenen Zeitpunkten
gleich; und jeder dieser aufeinander folgenden Zustände erfordert
eine Erklärung. Wo sollen wir diese Erklärung finden? In der
Geschichte.

!) Roscher: „Wie jedes Leben, so ist auch das Volksleben ein Ganzes, dessen
verschiedenartige Äußerungen im Innersten Zusammenhängen, Wer daher eine Seite
desselben wissenschaftlich verstehen will, der muß alle Seiten kennen. Und zwar
sind es vornehmlich folgende sieben Seiten, welche hier in Betracht kommen: Sprache,
Religion, Kunst, Wissenschaft, Recht, Staat und Wirtschaft.“ System der Volks-
wirtschaft, Bd. I, Grundlagen der Nationalökonomie, 22. Aufl. bearbeitet von
Robert Pöhlmann, Stuttgart 1897 S. 41. Vgl. auch Hildebeand: National-
ökonomie der Gegenwart nsw. S. 29, Genau so denkt auch Kkibs.
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        ﻿458

Viertes Buch. Die Abtrünnigen.

Ein Wort Goethe’s, das als Epigraph zu dem großen Grund-
riß Schmollee dient, sagt:

„Wer nicht von dreitausend Jahren
sich weiß Rechenschaft zu geben,
bleibt im Dunklen, unerfahren,
muß von Tag zu Tage leben.“

Und in der Tat, nur die Kenntnis der früheren Zustände, durch die
das wirtschaftliche Leben der menschlichen Gesellschaften geschritten
ist, gibt uns den Schlüssel zu ihrer gegenwärtigen Gestalt. Ebenso,
wie die Naturforscher und die Geologen dazu geführt worden sind,
um den gegenwärtigen Zustand der Erde und der lebenden Arten,
die sie bevölkern, zu verstehen, die Entwicklung des Lebens und
der Erde in großen historischen Hypothesen wieder auferstehen zu
lassen, ebenso muß der Gelehrte, der das gegenwärtige wirtschaftliche
Leben der Menschheit studiert, bis in die fernste Vergangenheit
zurückgehen, um dort seinen Ursprung und seine Quelle zu finden.
„Der Mensch“, sagt Hildebeand, „ist als soziales Wesen stets ein
Kind der Zivilisation und ein Produkt der Geschichte ... Seine Be-
dürfnisse, seine Bildung, seine Beziehungen zu den Sachgütern wie
zu den Menschen bleiben niemals dieselben, sondern sind sowohl geo-
graphisch verschieden als sie sich auch historisch immer verändern
und mit der gesamten Kultur des Menschengeschlechts fortschreiten“1).

Daher haben die ersten Volkswirtschaftler, in der Meinung der
Anhänger der historischen Schule, der Wissenschaft zu enge Grenzen
gezogen, wreil sie sich hauptsächlich auf die wirtschaftlichen Tat-
sachen beschränkten, die infolge ihrer Allgemeinheit den Charakter
physischer Gesetze besitzen. Neben der Theorie wie sie sie aufgefaßt
haben (einige sagen sogar aiTThrer Stelle), muß man eine andere
Untersuchungsmethode, die der Biologie nähersteht, anwenden; die
eingehendeBeschreibung und die Erklärung auf Grund
der Geschichte des wirtschaftlichen Werdens und Lebens
jeder Nation. Hierin scheint uns zusammenfassend die positive
Auffassung zu liegen, die sich die historische Schule, wenigstens in ihren
Anfängen, von der Nationalökonomie gemacht hat, eine Auffassung,
die mehr oder weniger klar noch heute in vielen Köpfen lebendig ist.

Diese Auffassung ist durchaus natürlich und berechtigt. Auf
den ersten Blick ist sie sogar sehr verführerisch. Trotz ihrer an-
scheinenden Einfachheit ist sie aber doch nicht ohne ihre dunklen
Seiten, und die genauere Analyse ihrer Gegner hat in ihr Grund zu
ernsthaften Einwürfen gefunden.

*) Hildebrand, Die Nationalökonomie der Gegenwart und Zu
kunft, S. 29.
        <pb n="484" />
        ﻿Kapitel I. Die historische Schule und der Streit über die Methoden. 459

Ist zunächst wirklich, ein konkretes „realistisches“ Bild des Wirt-
schaftslebens der letzte Zweck der Wissenschaft, wie die Anhänger
der historischen Schule gerne sagen? Verdient eine Disziplin nicht
im Gegenteil den Namen "Wissenschaft um so rechtmäßiger, je größer
der allgemeine Charakter der Schlußfolgerungen ist, zu denen sie
gelangt? Schon Aeistoteles sagte: „Es gibt nur eine Wissenschaft,
die des Allgemeinen“. Ist die Beschreibung der konkreten Wirklichkeit,
so unentbehrlich sie auch sein mag, nicht nur der erste Schritt
zur Bildung der Wissenschaft? Ist die Wissenschaft auf Grund ihrer
Natur nicht mehr erklärend als beschreibend?

Allerdings beschränken sich nicht alle Historiker auf die Be-
schreibung. Viele wollen auch erklären. Das Mittel, dessen sie sich
bedienen, ist die Geschichte. Ist dieses Mittel nun wirklich gut
gewählt ?

„Die Geschichte“, sagt Maeshall, „lehrt uns wohl, daß dieses
oder jenes Ereignis auf dieses oder jenes andere Ereignis gefolgt
ist oder mit ihm gleichzeitig geschah. Sie kann uns aber nicht sagen,
ob dieses erste die Ursache jenes zweiten gewesen ist“1). Gibt
es ein einziges großes historisches Ereignis, dessen Ursachen nicht
noch beständig diskutiert werden? Noch lange wird man über die
wirklichen Ursachen der ßeformation oder der Revolution streiten,
über die relative Bedeutung der wirtschaftlichen, politischen oder
Moralischen Einflüsse, die diesen großen Geschehnissen zugrunde lagen
oder sie begleiteten, oder über die Einflüsse, die auf die geschlossene
Hauswirtschaft die Geld Wirtschaft, und auf diese wieder die Kredit-
wirtschaft folgen ließen. Damit die erzählende Geschichte sich in
erklärende Geschichte umwandeln könne, muß sie vorher sehr ver-
schiedene Gesetze durch eine Reihe von Sonderwissenschaften als be-
wiesen annehmen können, deren Zusammentreffen zu den konkreten
Tatsachen der Wirklichkeit führte2). Dann aber ist es nicht mehr die
Geschichte, sondern es sind diese Wissenschaften, die die wirkliche
Erklärung geliefert haben. Die Naturgeschichte hatte die Aufein-

') Maeshall, Principles, B. I, Kap. IV, § 3. Wagner sagt: „Die Ge-
schichte kann wohl das Bestehen causaler und conditionaler Beziehungen feststellen . . .
sie kann sie aber nicht immer nachweisen“ (op. oit. § 83).

2)	Zwar kann die Geschichte erklärend werden, aber in einem ganz besonderen
Sinne: nicht indem sie die allgemeinen Gesetze der Tatsachen entdeckt, sondern
indem sie nachweist, gerade welches besondere Zusammentreffen von Tat-
sachen (deren allgemeine Gesetze als bekannt angenommen werden) irgendein be-
stimmtes, ebenfalls besonderes Ereignis hervorgerufen hat. Die wirklichen Historiker
wissen aber sehr wohl, daß derartige Erklärungen stets einen äußerst subjektiven
und persönlichen Charakter tragen. Als neuzeitliche Untersuchung dieser Ideen durch
einen Historiker verweise ich auf die prächtige und tiefbegründete Einführung, die der
Geschichtsforscher E. Meyer der 2. Ausgabe seiner Geschichte des Altertums
voransgesehickt hat. (Berlin, 1907, vgl. auch Simiand, op. cit., S. 14, 16.)
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        ﻿460

Viertes Buch. Die Abtrünnigen.

anderfolge der tierischen Arten als eine Tatsache hingestellt und
fand die Erklärung dieser Aufeinanderfolge in der Erblichkeit und
der Auswahl. Liegt nun nicht gerade hierin der Grund, weshalb die
Entwicklung der Naturgeschichte so fruchtbar gewesen ist? Die
Geschichte der menschlichen Gesellschaften aber liefert uns keine
Hypothese, die durch ihre Einfachheit oder ihren erklärenden Wert
mit der Evolutionslehre verglichen werden könnte. Mit einem Wort,
die Geschichte bedarf selbst erst der Erklärung. Allein kann sie uns
nicht das Verständnis der Wirklichkeit vermitteln. Sie ersetzt nicht
die Nationalökonomie1).

Die ersten Anhänger der historischen Schule haben dem ge-
schichtlichen Studium der Nationalökonomie eine noch bedeutendere
Aufgabe zugewiesen. Nach ihnen sollte sie nicht nur die Erklärung
der Wirklichkeit gestatten, sondern auch wirkliche „Gesetze der
wirtschaftlichen Entwicklung“, der Völker formulieren. Dieser Ge-
danke — den durchaus nicht alle Anhänger der historischen Schule
teilen — wird übrigens auch von denen, die ihn aufgestellt haben,
nicht in gleicher Weise dargelegt. Für die einen, zum Beispiel für
Knies, besteht ein allgemeines Entwicklungsgesetz der Menschheit,
das folglich alle Nationen umfaßt. Diese Auffassung berührt sich
mit der Saint-Simon’s. Für andere, wie zum Beispiel für Roscher,
bestehen in der Geschichte der verschiedenen Nationen „Parallelismen“,
— d. h. eine gleiche Aufeinanderfolge der wirtschaftlichen Zustände
oder Perioden. Diese Übereinstimmungen würden geschichtliche Ge-
setze bedeuten. Wenn wir sie genau in den vergangenen Zivilisa-
tionen untersuchen, so werden sie es uns ermöglichen, die Zukunft
der gegenwärtigen Gesellschaften vorauszusehen *).

Keiner dieser beiden Gesichtspunkte erscheint uns ganz richtig.
Auch wenn wir annehmen, daß die Menschheit einem allgemeinen und
einzigen Gesetz der Entwicklung gehorcht, fehlt uns doch jedes Mittel,
diese Entwicklung vorauszusehen, denn die wissenschaftliche Voraus-

‘) Vgl. Makshall, Principles, B. I, Kap. VI, § 4 und besonders Karl Mengbr,
Untersuchungen usw. S. 14—17. „Wir gewinnen das historische Ver-
ständnis einer Tatsache, indem wir seine individuelle Genese suchen, d. h. indem wir
uns die konkreten Umstände innerhalb derer es mit seinen ihm eigentümlichen
Charakterzügen, in mitten derer es entstanden ist, mit ihren ihnen eigentümlichen
Seiten verstellen . . . Wir gewinnendes theoretische Verständnis einer konkreten
Tatsache . . . , wenn wir es als einen Sonderfall von einer gewissen Kegelmäßigkeit
(Gesetz) der Aufeinanderfolge oder Koexistenz der Tatsachen betrachten oder mit
anderen Worten, wir gelangen zum Verständnis des Daseinszweckes, der Existenz
und der Natur einer Tatsache, indem wir lernen, in ihr im wesentlichen den Beweis
eines Tatsachengesetzes zu sehen.“

2) Dieser Gedanke wird in seinem Grundriß darlegt, aber von Knies im Namen
der Auffassung einer einheitlichen Entwicklung bekämpft, op. cit, S. 42).
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        ﻿Kapitel I. Die historische Schule und der Streit über die Methoden. 461

sage läßt sich nur auf Tatsachen, die sich wiederholen, anwenden.
Gegenüber einer Tatsache, deren bezeichnendster Zug gerade darin
liegt, einzigartig zu sein, ist sie unmöglich. Man kann sehr wohl
versuchen, die Zukunft zu erraten, aber erraten ist nicht wissen; und
Prophezeiungen dieser Art sind fast stets fehlgeschlagen *). — Auch
die historischen Parallelitäten beruhen auf keiner festeren Basis.
Eine Nation ist nicht mit einem lebenden Organismus vergleichbar,
der notwendigerweise durch die Jugend, das Mannesalter und das
Greisenalter hindurch geht. Nichts berechtigt uns zu dem Glauben,
daß die aufeinander folgenden Zustände, die eine Nation durchläuft,
der Prototyp sei, dem die anderen folgen werden. Höchstens könnte
man sagen, daß die gleichen Ereignisse, die sich in zwei Nationen
einer verwandten Zivilisation begeben, analoge Wirkungen nach sich
ziehen werden. So hat die große Industrie in den meisten der west-
europäischen Gesellschaften gleiche Phänomene hervorgerufen. Es
folgt aber daraus nicht, daß man hierin ein besonderes Gesetz sehen
müsse. Es ist dies einfach die Anwendung des Prinzips: gleiche Ur-
sachen, gleiche Wirkungen. Diese Analogien bleiben stets zu zweifel-
haft, um als Gesetze bezeichnet werden zu können. „Wahrscheinlich“
sagt Adolf Wagner, „übersteigt die Aufgabe, solche Gesetze oder
ein solches Gesetz zu finden, selbst wenn sie bestehen, die
Leistungsfähigkeit der menschlichen Geisteskräfte“2). Wir haben
weiter oben gesehen, daß Schmollee selbst in dieser Hinsicht den
■Skeptizismus seines Kollegen teilt.

Bevor wir schließen, müssen wir hier eine Bemerkung einschieben ...

') Über diese neue Auffassung sagt ein Philosoph, Eenouvibr: „Sobald man sich
.eine andere Frage, als die schon ziemlich schwierige über das Wo, Wann und Wie,
und in bezug auf welche Gegenstände die verschiedenen Völker im Guten und Wahren
Fortschritte oder Eückschritte gemacht und ihre Erwerbungen oder Verluste nach-
kommmenden Geschlechtern übermittelt haben, vorlegt; sobald man ein wissen-
schaftliches d. h. fatalistisches Gesetz der Geschichte zu kennen glaubt und folglich
einen Zweck der menschlichen Gesellschaften (gewöhnlich beginnen diese Art Kennt-
nisse mit diesem Zweck), ist man in der Lage eines religiösen Offenbarere, der sich
nicht für fähig hält, aus sich selbst heraus die Wahrheit und die Zukunft zu ver-
künden, und der seinen Zuhörern die Notwendigkeit darlegt, in der sie sich befinden,
er selbst und sie, das zu glauben und auszuführen, was auf Grund des Vorhergehenden
unzweifelhaft sein wird. Die philosophische und religiöse Einbildung sucht in der
änderen Beobachtung die Elemente einer Zuversicht, die sie nicht in sich selbst
bat; für sie wird die Geschichte ein Gott der Eingebung; aber die Illusion, die ihren
Gegenstand wechselt, ändert nicht ihr Wesen, denn der neue Gott ist nicht objektiver,
a's es in den Augen der Ungläubigen die alten Götter waren, und er inspiriert nur
das, was man glauben möchte“. Ebnouvier, Introduction ä la Philosophie
analytique de l’histoire, 2. Ausg. Bd. I, 8. 121. — Auch die Philosophie
Bekgson’s gelangt dazu, die Möglichkeit zu bestreiten, die Zukunft mit Hilfe der
■Gegenwart zu erkennen. Vgl. im bes. sein Werk: L’evolution oreatrice.

2) A. Wagner, Grundlegung, Bd. I, Kap. 2 g 90 S. 239.
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        ﻿462

Viertes Buch. Die Abtrünnigen.

Zwischen den Ideen, die wir eben dargelegt haben, nnd den Ge-
danken eines Philosophen, dessen direkter Einfluß auf die ökonomische
Forschung sehr schwach, fast null, gewesen ist, besteht eine höchst
auffallende Analogie, und wir können uns nicht versagen, ihn hier
zu erwähnen; es ist dies Auguste Comte.

Eigentümlicherweise haben die ersten Vertreter der historischen
Schule ihn nicht gekannt. Ebenso wie sie Stuart Mill nicht ge-
kannt haben, haben sie auch den Cours de Philosophie positive
von Auguste Comte, der doch bereits seit 1842 vollendet war, nicht
gelesen. Und doch stellte Comte in diesem Werke Gedanken auf, die
denen Knies’ und Hildebband’s sehr verwandt waren. Diese Ver-
wandtschaft ist so ausgeprägt, daß positivistische Volkswirtschaftler
wie Ingram und H. Denis geglaubt haben, die historischen Be-
strebungen in der Nationalökonomie mit der positivistischen Philosophie
in Verbindung bringen zu können1).

Die drei wesentlichen Grundgedanken, von denen wir gesagt
haben, daß sie die Grundlage der Auffassung der Anhänger der
historischen Schule bilden, finden sich schon bei Auguste Comte ganz
klar formuliert. Der erste ist die Notwendigkeit, die wirtschaftlichen
Tatsachen in ihren Beziehungen zu allen anderen Phänomenen zu unter-
suchen; „Die wirtschaftliche und industrielle Analyse der Gesellschaft“,
sagt er2) „kann nicht in positiverWeise durchgeführt werden, wenn
man ihre intellektuelle, moralische und politische Analyse, sei es die
der Vergangenheit oder die der Gegenwart, beiseite läßt.“ — Der
zweite ist die Anwendung der Geschichte als üntersuchungsmittel in
der sozialen Wissenschaft. Wie er sagt, muß auch sie sich auf die
„rationelle Analyse der Gesamtheit der bis zu unseren Tagen erfolgten
Entwicklung in den höchststehenden Vertretern der Menschheit
stützen,“ und als günstig für die Erneuerung der Volkswirtschaft
als Wissenschaft nimmt er an: „daß die Vorliebe für historische
Arbeiten in unserem Jahrhundert immer und überall im Wachsen
begriffen ist“3). — Schließlich ist er überzeugt, daß diese Methode
die rationelle Voraussicht gestatten wird, „ein Attribut, das
die Gesamtheit der verschiedenen Bedingungen zusammenfaßt, deren
Bestimmung es ist, den wirklichen Grundcharakter der positiven
Politik zu bezeichnen“4).

In Summa ist das, was Comte gründen wollte, die „ Soziologie “r
und von ihr ist die Nationalökonomie nur ein Teil. Auch die historische

') Vgl. Ingkam, History of political economy, Kap. IV. und Denis,.
Histoire des systemes economiques et socialistes, Bd. I, S. 34.

2)	A. Comte, Cours de philosophie positive, Bd. IV, S. 198.

3)	A. Comte, ebenda, S. 168 und 207.

4)	A. Comte, ebenda, S. 227
        <pb n="488" />
        ﻿Kapitel I. Die historische Schule und der Streit über die Methoden. 463

Schule wollte mehr oder weniger, hauptsächlich mit Knies, eine sozio-
logische Auffassung der Nationalökonomie durchsetzen. Davon rühren
gewisse Analogien her, über die Knies sich erst viel später Rechen-
schaft gegeben hat, die aber die „junge historische Schule“ nicht
verkannte. Nur bestanden unter ihnen ganz wesentliche Unterschiede
in den Gesichtspunkten, die eine Verschmelzung der beiden Rich-
tungen nicht gestatteten.

Zunächst hatte Comte „das tiefe Gefühl der unabänderlichen
Gesetze“x), das den Begründern der historischen Schule völlig abging.
Andererseits verstand er unter historischer Methode etwas ganz ver-
schiedenes von dem, was die Historiker damals und noch heute unter
diesen Worten verstehen.

Indem er einen Gedanken Saint-Simon’s anwendet, nennt Comte
„historische Methode“ die Aufstellung von ansteigenden und abfallen-
den Reihen der wichtigsten Arten sozialer Tatsachen. Er zieht,
wenn man so sagen darf, die Kurve jeder Einrichtung —- und schließt
aus ihrer Richtung auf ihren wahrscheinlichen Fortschritt oder Ver-
fall. Er definiert dieses Verfahren selbst wie folgt: „Das Wesen
dieser historischen Methode im eigentlichen Sinne scheint mir in dem
rationellen Gebrauch sozialer Reihen zu bestehen, nämlich in aufein-
anderfolgender Würdigung der verschiedenen Zustände des Menschen-
geschlechts, die, auf Grund der Gesamtheit der historischen Tatsachen,
das beständige Wachstum jeder beliebigen physischen, intellektuellen,
moralischen oder politischen Anlage, im Zusammenhang mit dem an-
dauernden Sinken der gegenteiligen Anlage aufzeigen; hierauf muß
sich dann die wissenschaftliche Voraussage von dem endgültigen
Aufstieg der einen und dem definitiven Verfall der anderen ergeben,
vorausgesetzt, daß eine solche Schlußfolgerung in jeder Hinsicht voll-
ständig in Übereinstimmung mit dem System der allgemeinen Gesetze
menschlicher Entwicklung steht, dessen unentbehrliches, soziologisches
Übergewicht niemals verkannt werden darf“ * 2j. — Auf Grund dieser
Methode hatte Saint-Simon das Kommen des Industrialismus voraus-
gesagt, und auf Grund der gleichen Methode sagte Comte den Triumph
des Positivismus über den metaphysischen und religiösen Geist voraus.

Zwischen dem ebengesagten, und dem, was man heute die historische
Methode nennt3), liegt ein weiter Abstand, und die Behauptung, daß

*) A. Comte, ebenda, S. 139, 143, 147.

2)	A. Comte, ebenda, S. 328.

3)	Es ist interessant, die Meinung der Geschichtsforscher über diesen Punkt
zu hören. Nach E. Meyee liegt der Zweck der Geschichte nicht darin, allgemeine
Entwicklungsgesetze zu entdecken, — sondern die konkreten und besonderen Er-
eignisse in ihrem Zusammenhang, sowie ihre Aufeinanderfolge zu beschreiben und
zu erklären. Um sie zu beschreiben, gebraucht sie die Regeln der historischen
Kritik; — um sie zu erklären, gebraucht sie im wesentlichen die Analogie. „Das
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        ﻿464

Viertes Buch. Die Abtrünnigen.

Oomte ein Vorläufer dieser Methode, wie sie sich seitdem entwickelt
hat, gewesen sei, scheint uns ganz und gar unberechtigt. — Trotzdem
ist die Übereinstimmung zwischen seinen Ansichten und denen Knies’
und Hxldebrand’s nicht weniger interessant, weil sie ein neuer Be-
weis für das Bewußtsein ist, das gewisse bedeutende Denker um die
Mitte des Jahrhunderts von der Notwendigkeit hatten, die in den
„großen Gesetzen“ versteinerte Nationalökonomie durch neue Methoden
wieder zu beleben.

Es scheint uns daher, als ob die historische Schule sich Illusionen
hingegeben habe, als sie in der Geschichte das Hauptinstrument sah,
das eine Erklärung der Gegenwart gestatte, und hoffte, auf Grund
der Geschichte besondere Gesetze entdecken zu können, die sich als
die Entwicklungsgesetze der Völker ausweisen würden.

Dagegen hat sie mit großer Berechtigung verlangt, daß neben
der eigentlichen wirtschaftlichen Theorie dem Studium der Einrich-
tungen, der Statistik und der Wirtschaftsgeschichte ein viel größerer
Platz eingeräumt werde. Nicht nur bietet die Beschreibung des kon-
kreten, wirtschaftlichen Lebens an und für sich ein bedeutendes In-
teresse, sondern sie ist die grundlegende Bedingung aller theoretischen
Spekulation. Der Theoretiker kann die genaueste Beobachtung der
Tatsachen nicht entbehren. Ohne sie schweben seine Gebäude in
der Luft. Die abstraktesten Volkswirtschaftler haben dies ohne
weiteres anerkannt. Unter anderen schrieb Jevons schon 1879, daß
nach seiner Ansicht, „sich auf alle Fälle eine Wissenschaft der

Mittel, welches der historische Schluß verwendet, ist die Analogie. Sie beherrscht
alle Schlüsse über die äußeren Kräfte, welche die Gestalt des Ereignisses be-
einflußt haben, bis zu den rein mechanischen Vorgängen hinab, vor allem aber
alle Urteile auf dem reizvollsten Gebiet der Geschichte, dem der inneren Momente
oder der psychologischen Faktoren . . . Hier tritt uns die Tatsache hindernd ent-
gegen, daß die Vorgänge in der Seele eines anderen sich jeder unmittelbaren
Erkenntnis entziehen und nur aus seinen Handlungen durch einen Analogieschluß
auf uns selbst erschlossen werden können. Die innere Einheit der psychischen Vor-
gänge in einem Menschen läßt sich vollends nur durch Intuition künstlerisch er-
fassen, aber niemals wissenschaftlich erkennen . . . Wir stehen also hier hart an der
Grenze dessen, was überhaupt noch selbst innerhalb des problematischen Schlusses
als wissenschaftlich erkennbar bezeichnet werden kann“. (Vgl. Ed. Meyer, Ge-
schichte des Altertums, Einleitung, 2. Ausg. § 114). Zwischen dieser
Methode und der, von der uns Auguste Comte spricht, entdeckt man keine Art
irgendwelcher Beziehungen. Hiervon kann man sich noch weiter überzeugen, wenn
man die Introduction aux etudes historiques von Langlois und Seignobos
(1898) liest oder die Untersuchung G. Monod’s über die historische Methode in: De
la methode dans les Sciences (Paris, 1909), oder weiter die über diese
Fragen der Methode in der K e v u e deSynthese historique zahlreich -erschienenen
Aufsätze.
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        ﻿Kapitel I. Die historische Schule und der Streit über die Methoden. 465

Entwicklung der wirtschaftlichen Formen und Beziehungen, oder eine
ökonomische Soziologie bilden müsse 1).“

In dem Augenblick, in dem die Wissenschaft erschöpft zu Boden
zu sinken schien, lag in der neuen Auffassung der historischen Schule,
bei dem Fehlen großer synthetischer Rekonstruktionen, die nur den
größten Denkern Vorbehalten sind, ein kostbares Mittel, sie wieder
zu beleben, anzuspornen und sie von neuem in Berührung mit dem
ganzen zeitgenössischen Leben zu bringen.

Dies hat die historische Schule getan, indem sie unsere Kennt-
nis der wirtschaftlichen Vergangenheit völlig erneuerte und mit
einer oft bewunderungswürdigen Genauigkeit gewisse höchst inter-
essante und verwickelte Einrichtungen der Gegenwart beschrieb2).

Der Natur der Sache nach kann ein derartiges Werk freilich
nur fragmentarisch sein. Die historische Schule hat bewunderungs-
würdiges Material zusammengetragen. Sie hat leider noch nicht das
harmonisch zusammengefügte Gebäude errichtet, unter dessen Bild
wir uns — vielleicht zu Unrecht — die Wissenschaft der Zukunft
Torzustellen lieben. Sie hat den neuen Faden der Ariadne noch
nicht gefunden, der uns gestatten würde, in dem Labyrinth der
Tatsachen des wirtschaftlichen Lebens sicher unseres Weges zu
gehen. Hierüber darf man nicht erstaunt sein, wenn man an die
Zweifel denkt, die wir soeben über die Fähigkeit der Geschichte
ausgesprochen haben, uns diesen Faden in die Hand zu geben. An-
scheinend, und hierauf muß hingewiesen werden, wird sie selbst
sich dessen bewußt.

Ashley schrieb in einem vor nicht langer Zeit erschienenen
Aufsatz: „Die Kritiken der historischen Schulen haben uns bisher noch
nicht zur Errichtung einer neuen Ökonomik auf historischer Grund-
lage geführt; sogar in Deutschland haben sich erst in diesen aller-
letzten Jahren unseren Augen einige der Richtlinien einer solchen
Nationalökonomie unbestimmt in dem großen Werk G. Schmollee’s
gezeigt3).“

Und gerade deswegen hätte die historische Schule nachsichtiger
sein sollen hinsichtlich der zunächst von den Klassikern und dann
von den Hedonisten gemachten Versuche, auf einem anderen Wege
jenes instinktive Bedürfnis, zu befriedigen, das dem menschlichen

*) Stahles Jbvons, The Theory ofpolitical economy, Vorrede zur 2. Aus-
gabe (1879).

2J So enthält besonders das von Schmoller geleitete Jahrbuch beschreibende
Untersuchungen über den zeitgenössischen Mechanismus des Handels und der Industrie,
die vorbildlich sind.

3) Ashley: The present Position of political Economy (im Eco-
nomic Journal, 1907, S. 487).

Gide und Eist, Gesch. d. Volkswirtschaft!. Lehrmeinungen.

30
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Viertes Buch. Die Abtrünnigen.

Geiste innewohnt und das darin besteht, die Wirklichkeit zu ver-
einfachen, um sie besser zu verstehen1).

Kapitel II.

Der Staatssozialismus.

Das neunzehnte Jahrhundert begann im Mißtrauen gegen die
Regierung und im Enthusiasmus aller Schriftsteller für die wirtschaft-
liche Freiheit und die individuelle Initiative. Es endigte inmitten
beständiger Rufe nach der Einmischung des Staates in die wirtschaft-
liche und soziale Organisation. In allen Ländern ist die Anzahl der
Schriftsteller und Volkswirtschaftler, die eine Ausdehnung der öko-
nomischen Funktionen des Staates befürworteten, stetig gewachsen
und bildet heute sicherlich die Mehrheit. Dieser Meinungsumschwung
ist einigen Schriftstellern so bedeutend erschienen, daß sie darin eine
wirklich neue Doktrin gesehen haben, der sie in den verschiedenen
Ländern verschiedene Namen, wie „Staatssozialismus“ oder „Katheder-
sozialismuS“ in Deutschland, „Interventionismus“ in Frankreich ge-
geben haben.

In Wirklichkeit haben wir es hier nicht mit einem ökonomischen
System eigentlichen Sinnes zu tun, sondern mit einer Auffassung
der praktischen Politik, zu der man von den verschiedensten theo-
retischen Gesichtspunkten aus gelangen kann. Die Frage nach den

') Die Geschichte der Statistik hat in diesem Buche keinen Platz. Doch ist
diese Wissenschaft, obgleich sie unabhängig von der Volkswirtschaft besteht, eine:
so wertvolle Hilfe, daß ihre Fortschritte in gewisser Weise parallel verlaufen. Seit
etwa 20 Jahren haben sich nun die Methoden der Auslegung der Statistik (wir
sprechen hier nicht von ihren Beobachtungsmethoden) außerordentlich vervoll-
kommnet. Die logischen Probleme, zu denen sie Anlaß geben, sind mit großem
Scharfsinn untersucht worden, und die Anwendung der Mathematik auf diese Fragen
hat sich als äußerst fruchtbar erwiesen. Die Theorien der Assoziation und der
Korrelation, die über Beobachtungsfehler usw., gehören zu denen, deren Kenntnis-
ein Student der sozialen Wissenschaften nur schwer entbehren kann. Ihre Geschichte
(in der eine große Anzahl von Namen, von Qubtelet bis K. Pbarson, aufzuzählen
wären) würde es vielleicht verdienen, in einem Kapitel über die Geschichte der
Methoden ausgeführt zu werden, wenn man damit nicht Gefahr liefe, auf diese'
Weise eine ganze Abhandlung über Statistik einzuschmuggeln. Wir begnügen
uns daher, den Leser auf das Buch von G. Udny Yulb, An iutroduction
to the theory of statistics (London, 1911) hinzuweisen. Er führt wohl zur-
zeit am besten in die Diskussionen über die Methoden der Sozialwissenschaft ein
und gibt eine unentbehrliche Ergänzung zu dem Studium der im vorliegenden
Kapitel untersuchten Probleme.
        <pb n="492" />
        ﻿Kapitel II. Der Staatssozialismus.

467

Grenzen der Regierungstätigkeit in der Güterproduktion und Ver-
teilung ist eins der bedeutendsten Probleme der Wirtschaftspolitik;»'
mit Ünrecht sieht man aber in ihm eine grundlegende wissenschaft-
liche Frage, die gestatten würde, die Volkswirtschaft!er gemäß den
verschiedenen Lösungen, die sie ihr geben, zu klassifizieren. Es ist
klar, daß diese Lösungen nicht nur von rein ökonomischen Betrach-
tungen abhängen, sondern auch von sozialen und politischen Rück-
sichten, dem besonderen Begriff, den man sich von dem allgemeinen
Interesse macht, und von dem Vertrauen, das- die Natur und die
Form der Regierung zu jeder Zeit und in jedem Lande einfiößen 1).
Ebenso klar ist, daß diese Frage sich stets von neuem erheben wird
solange, als eine Gesellschaft und eine Regierung bestehen werden,
und daß sie beständig neue Antworten erfordern wird, die sich den
neuen Umständen, die die Geschichte schafft, anpassen müssen.

Wie erklärt sich nun die außerordentliche Bedeutung, die in
einem gegebenen Augenblick diese Frage in der Geschichte der
Doktrinen erlangt hat?

Wenn die Debatte stets auf dem Boden geblieben wäre, auf den
Smith sie gestellt hatte, würde sie aller Wahrscheinlichkeit nach
nicht zu einem so leidenschaftlichen Streit Anlaß gegeben haben.
Hatte doch Smith das Laisser-faire hauptsächlich auf Grund rein
wirtschaftlicher Argumente verteidigt. Unter dem wachsenden Ein-
fluß des politischen Individualismus und Liberalismus trat jedoch
fast überall an die Stelle dieser einfachen und wohl überlegten Theorie
des Laisser-faire ein prinzipielles Mißtrauen gegen den Staat,
während die Überlegenheit der Einzelpersonen als wirtschaftlicher
Faktoren sogar außerhalb der Bedingungen der Konkur-
renz und des Ansporns des persönlichen Interesses für
alle Schriftsteller zu einem Axiom wurde.

Diese Art und Weise, die Frage anzusehen, tritt ganz besonders
bei Bastiat hervor. Für ihn ist der Hauptcharakterzug der Regierung
nicht die Vertretung der Kollektivinteressen, sondern die Tatsache,
daß sie nicht anders als mit zwingender Gewalt handelt2), während

*) So sagt Ddpont-Whitb an einer Stelle, daß der Staat eigentlich erst seit
1789 bestehe. Der Staat, den er mit allen Tugenden ausstattet, ist daher, unter Aus-
schließung aller anderen, der konstitutionelle, liberale und demokratische Staat. Der
Publizist kann sich eine derartige Einschränkung erlauben. Bei einem Geschichts-
forscher oder einem Theoretiker wäre sie nicht statthaft.

2) „Gerade dieser Sondercharakter, als gezwungene Hilfskraft auf die Macht
angewiesen zu sein, muß uns . . . die Ausdehnung und die Grenzen (der Eigen-
schaften des Staates) enthüllen. Ich sage: die Regierung betätigt sich nur
durch das Dazwischentreten der Gewalt; daher ist ihre Tätigkeit
nur dort gerechtfertigt, wo dasDazwisohentreten der Gewalt selbst
an und für sich gerechtfertigt ist.“ Harmonies, 10. Ausg., S. 552 und 563.

30*
        <pb n="493" />
        ﻿468

Viertes Buch. Die Abtrünnigen.

die Tätigkeit des Individuum sich im Gegenteil durch die Freiheit
charakterisiert. Jeder Ersatz der Individuen durch den Staat ist
daher ein Sieg der Gewalt über die Freiheit und muß infolgedessen
verurteilt werden. Wieweit haben wir uns hier von Adam Smith
entfernt, und nichts ist lehrreicher, wenn man den Abstand würdigen
will, als die Darlegung der Funktionen des Staates bei diesen beiden
Volkswirtschaft] ern zu vergleichen. Zu seiner Aufgabe, die innere
und äußere Sicherheit zu wahren, fügt Smith; „die Pflicht, gewisse
öffentliche Werke und Anstalten zu errichten und zu unterhalten, deren
Errichtung und Unterhaltung niemals im Interesse eines Privatmannes
oder einer kleinen Zahl von Privatleuten liegen kann, weil der Ge-
winn daran niemals einem Privatmann oder einer kleinen Zahl von
Privatleuten Befriedigung gewähren würde, obgleich er eine große
Nation oft mehr als schadlos hält1).“ Dies ist noch ein ziemlich
ausgedehnter Bereich. Bei Bastiat dagegen finden wir nur zwei
Aufgaben für die Regierung: „Über die öffentliche Sicherheit zu
wachen und den gemeinsamen Besitz zu verwalten2).“ Auf diesen
neuen Boden übertragen, wird die Frage der Einmischung der Re-
gierung, statt rein ökonomisch zu bleiben, zu einem Streit politischer
Metaphysik — über die Natur, die Aufgabe und die berechtigten
Funktionen des Staates — erweitert, ein Streit, in dem die individuellen
Temperamente und die sozialen Traditionen eine größere Rolle spielen,
als die ökonomische Logik und sogar die Beobachtung. Noch mehr,
gewissen Köpfen scheint es, als habe die ganze wirtschaftliche Wissen-
schaft nur einem einzigen Ziele zuzustreben: der Verteidigung der
Freiheit und der Rechte des Individuums.

Gegen diese doktrinären Übertreibungen mußte notwendigerweise
eine Reaktion einsetzen, und ganz natürlich wurde die Betonung
der Rechte des Staates bei einzelnen Schriftstellern ebenso einseitig
gehandhabt. Schon 1856 hatte in Frankreich ein vereinzelt ge-
bliebener Schriftsteller, Dupont-White, in einem kleinen Werke:
l’Individu et l’Etat gegen diese beständige Herabsetzung des
Staates Front gemacht. Seine Ideen stehen denen des deutschen
Staatssozialismus so nahe, daß sie mit ihnen verschmelzen, und der
Einfachheit halber werden wir sie zusammen darlegen. Seine Stimme
fand jedoch keinen Widerhall. Die aufgeklärte Meinung war unter
dem zweiten Kaiserreiche wenig dazu geneigt, einem Manne Gehör
zu schenken, auch wenn er in der Politik dem Liberalismus huldigte,
der davon sprach, die Macht der Regierung zu stärken und ihren
wirtschaftlichen Einfluß zu erweitern. Um eine wirkliche Wandlung

') Völkerreichtum, 4. Buch, Kap. IX, vorletzter §, S. 160 Bd. II.

2) Harmonies, 10. Ausg., S. 556.
        <pb n="494" />
        ﻿Kapitel II. Der Staatssozialismus.

469

in der öffentlichen Meinung- zu schaffen, mußten günstigere Um-
stände eintreten. Das war erst im letzten Drittel des Jahrhunderts
der Fall, und es war in Deutschland, wo dieser Umschwung sich
vollzog.

Er bestand, so scheint es uns, weniger in der Schaffung einer
neuen Lehre als in der Verschmelzung einer doppelten Strömung
älterer Ideen, die wir zunächst untersuchen müssen.

Man sieht auf der einen Seite im Laufe des 19. Jahrhunderts
eine Reihe von Volkswirtschaftlern, obgleich sie von den grundlegenden
Gedanken Smith’s ausgegangen sind, dennoch das Prinzip des Laisser-
faire nach und nach einschränken, seinen wissenschaftlichen Beweis
nicht mehr als feststehend ansehen und in einer großen Zahl von
Fällen die Einmischung des Staates verlangen.

Auf der anderen Seite findet man einige Sozialisten, die oppor-
tunistischer als die anderen sind. Auch wenn sie dem Privateigentum
und der Produktionsfreiheit feindlich gegenüberstehen, so wollen sie
doch schon jetzt und so schnell wie möglich eine Erleichterung des
Elends der Arbeiterklasse herbeiführen. Zu diesem Zweck wenden
sie sich an die bestehenden Regierungen.

Der Staatssozialismus vollzieht die Vereinigung dieser beiden
Strömungen. Durch sein robustes Vertrauen in den geistigen Hoch-
stand der Machthaber geht er etwas weiter als die einen; von den
anderen trennt ihn seine Anhänglichkeit an das Privateigentum: aber
die hauptsächlichsten Punkte seines Programms entlehnt er den einen
wie den anderen. Es kommt daher zunächst darauf an, darzulegen,
wie diese beiden Strömungen sich gebildet haben. Später werden
wir sehen, unter der Herrschaft welcher Umstände ihr Zusammen-
treffen sich vollzogen hat.

§ 1. Die Kritik des Laisser-faire bei den Ökonomisten.

Zunächst wurden die wirtschaftlichen Argumente des Laisser-faire
seit Adam Smith einer immer schärfer werdenden Analyse unter-
worfen. Eine ununterbrochene Kette von Schriftstellern, die nicht
Sozialisten waren, haben im Laufe des 19. Jahrhunderts in seine Auf-
fassungen Bresche gelegt und nachgewiesen, wie sehr die praktischen
Schlußfolgerungen des großen schottischen Volkswirts die Tragweite
seiner Beweise überschritten.

Für Adam Smith beruhte die Politik des Laisser-faire auf dem
Prinzip der natürlichen Identität der privaten und der allgemeinen
Interessen. Er hatte nachgewiesen, daß die Konkurrenz selbsttätig
die Preise auf das Niveau der Produktionskosten erniedrigt, daß das
Angebot sich durch einen automatischen Mechanismus der Nachfrage
        <pb n="495" />
        ﻿470

Viertes Buch. Die Abtrünnigen.

anpaßt, und daß die Kapitalien wie durch ein natürliches Gefälle den
ertragreichsten Anlagen znfließen.

Aber schon nach Malthos und Ricaedo, nach den Theorien der
Bodenrente und der Bevölkerung, ist das Prinzip der natürlichen
Identität der Interessen stark erschüttert, obgleich diese beiden
Schriftsteller noch durchaus an der Freiheit festhalten.

Da greift Sismondi ein. Er beschreibt uns die Übel der Kon-
kurrenz, unter der mit Notwendigkeit die soziale Ungleichheit der
Kontrahenten den Schwächeren dem Willen des Stärkeren unterwirft,
und sein ganzes Buch ist eine einzige Widerlegung des Vorsehnngs-
optimismns Smith’s.

In Deutschland hatte der Volkswirtschaftler Hermann, der die
Ausarbeitung der klassischen Theorien in glänzender Weise fortsetzte,
nachgewiesen, daß das persönliche Interesse oft entweder im Gegensatz
zu dem öffentlichen Interesse steht, oder zu schwach ist, es zu ver-
wirklichen. Er erklärte schon 1832, daß man die Behauptung der
meisten Volkswirtschaftler seit Adam Smith nicht unterschreiben
könne, nach der die von persönlichen Interessen getriebene Tätigkeit
der Individuen für alle Notwendigkeiten der Volkswirtschaft genüge r),
und daß mau auch dem Gemeinsinn einen Platz einräumen müsse.

Dann steht List auf, der seine ganze Beweisführung stützt auf
den Gegensatz zwischen den augenblicklichen Interessen, die die
einzige Richtschnur der Individuen sind, und den beständigen und
dauernden Interessen der Nation, die nur von einer Regierung ver-
treten werden können.

Einige Jahre später diskutiert Stuabt Mill nicht einmal mehr
in dem berühmten fünften Buch seiner Prinzipien der Volks-
wirtschaft die These der natürlichen Übereinstimmung der Inter-
essen, so wenig haltbar erschien sie ihm. Um im Prinzip die Ein-
mischung der Regierung auszuschalten, läßt er nur ein einziges
wirtschaftliches Argument gelten: die Überlegenheit, die den Individuen
der Beweggrund des persönlichen Interesses gibt. Er beeilt sich aber
nachzuweisen, wie vielen Beschränkungen dieses Prinzip unterliegt:
natürliche Unfähigkeit der Kinder und der Schwachsinnigen, die Un-
kenntnis seiner wirklichen Interessen auf Seiten des Verbrauchers, die
häufige Unmöglichkeit, auch für die, die sie kennen, dieses Interesse
ohne die Hilfe der Gesellschaft zu verwirklichen (z. B. in der Frage
der Dauer der Arbeitszeit für die Arbeiter). Mill weist auch darauf
hin, wie oft in unserer modernen industriellen Organisation dieser
Beweggrund nicht vorhanden ist: in Aktiengesellschaften, in denen
die Aktionäre nicht ohne das Zwischenglied eines bezahlten Vertreters

l) Hermann, Staatswissenschaftliche Untersuchungen, 1. Ausgabe,
S. 12—18
        <pb n="496" />
        ﻿Kapitel II. Der Staatssozialismus.

471

auskommen können, oder in Wohltätigkeitsanstalten, in denen nur das
Interesse Anderer in Betracht kommt. Weiterhin kann sich auch das
Privatinteresse sehr oft in Widerspruch mit dem allgemeinen Interesse /
befinden: so zum Beispiel in den Unternehmungen der städtischen
Wasser- und Gasanstalten, die Monopole darstellen, und in denen der
individuelle Unternehmer notwendigerweise den Maximalprofit zu
erreichen sucht. In der Mehrzahl dieser Fälle ist Stuaet Mill
geneigt, die Einmischung des Staates zuzulassen*).

Zur gleichen Zeit beglückwünschte Michel Chevaliee von seinem
Lehrstuhl im College de France herab Stuaet Mill dazu: „die Re-
gierungen wieder in die ihnen zustehenden Machtbefugnisse einge-
setzt zu haben“ 2). Die Personen, die da glauben, die wirtschaftliche
Ordnung einzig und allein auf Grund der Konkurrenz und des persön-
lichen Interesses errichten zu können, „lassen sich“, so meint er, „von
einem Spiegelbild täuschen“ oder „bewegen sich in einem Kreis von
Irrtümern“. Für ihn ist die Regierung „der Geschäftsführer der
nationalen Assoziation“. Sie muß daher „überall dort, wo das Gemein-
interesse in Frage steht“ eingreifen. Er protestiert gegen die, die
ihre Befugnisse auf die eines „Polizisten“ beschränken wollen3).
Indem er diese Prinzipien auf die öffentlichen Arbeiten anwendet,
weist er nach; „daß dieselben durchaus und in jeder Hinsicht Ange-
legenheiten des Staates sind“, und daß die Garantien einer guten
Ausführung nicht weniger gut unter der Kontrolle des Staates, als
unter der einer Privatgesellschaft verwirklicht werden.

Im Jahre 1863 schnitt Couenot, ein Schriftsteller, dessen Ruf
bedeutend geringer war als der Chbvaliek’s oder Mill’s, aber dessen
scharfsinnige Gedanken trotz ihres geringen sofortigen Einflusses
eine große Bedeutung für die Geschichte der Doktrinen haben, das
gleiche Problem in seinen „Principes de la theorie des
richesses“ an. Er erfaßt sofort den Kern des Problems und fragt

x) Man findet die gleiche Auffassung in seinem Buche Essay on liberty,
in dem er behauptet, daß „Handeltreiben eine soziale Tätigkeit ist“, und daß infolge-
dessen Jeder Kaufmann „der Gerichtsbarkeit der Gesellschaft unterliegt“, und daß
„das Prinzip der individuellen Freiheit, da es von der Lehre des Freihandels nicht
berührt wird, ebensowenig in den meisten der Probleme, die hinsichtlich der Grenzen
dieser Lehre auftreten, in Frage steht, z. B. wenn es sich darum handelt, zu wissen,
welche Ausdehnung der Kontrolle zur Verhinderung des Betruges durch Verfälschungen
statthaft ist, oder bis zu welchem Punkte man den Arbeitgebern sanitäre Vorsichts-
maßregeln oder Einrichtungen zum Schutze der in gefährlichen Beschäftigungen
verwendeten Arbeiter auferlegen soll ... Im Prinzip ist es unbestreitbar, daß (die
Staatsbürger) gerechtfertigterweise hinsichtlich dieser Zwecke kontrolliert werden
können“ (S. 174).

2) Michel Chevalier, Zehnte Eröffnungsrede, Cours, Bd. I, 221.

") Codes, Bd. I, S. 211, 214; Bd. II, S. 38, 115.
        <pb n="497" />
        ﻿472

Viertes Buch. Die Abtrünnigen.

sich, ob es überhaupt möglich sei, das allgemeine Interesse einer
Gesellschaft klar zu definieren, nämlich das zu verwirklichende wirt-
schaftliche Optimum, und infolgedessen a priori die Überlegenheit
eines Systems über ein anderes zu behaupten. Er bemerkt mit Recht,
daß das Problem unlösbar ist. Denn in der Tat wird die Produktion
von der Nachfrage bestimmt. Diese wieder hängt von der vorher-
gegangenen Verteilung der Einkommen und den Geschmacksrichtungen
der Verbraucher ab. Wie sollen wir nun imstande sein, mit Sicher-
heit die der Gesellschaft nützlichste Verteilung der Einkommen zu
definieren ? — oder die für ihre Entwicklung günstigsten Geschmacks-
richtungen festzulegen? Das ist selbstverständlich unmöglich. Wie
kann man daraus, daß die wirtschaftliche Freiheit die Nachfrage am
besten zu befriedigen gestattet, schließen, daß sie die bestmögliche
Wirtschaftsform darstelle? Einen Schritt weiter, und Coüenot würde
den von Paeeto heute so klar formulierten Unterschied zwischen
dem „Nützlichkeitsmaximum“, einem ungenauen und schwankenden
Begriff, und dem „Ophelimitätsmaximum“ aufgestellt haben, dessen
Erforschung „ein genau umrissenes Problem darstellt, das ausschließlich
der Volkswirtschaft zugehört“1).

Ergibt sich nun hieraus für Cournot, daß man sich in der
Nationalökonomie jedes Urteils über Gut und Böse enthalten und
auf jede Verbesserung verzichten soll? Durchaus nicht. Auch wenn
man das absolut Beste nicht in einer Definition festlegen kann, so
darf man hieraus nicht schließen, daß man nicht dazu gelangen
könne, ein relativ Gutes klar herauszuarbeiten. „Wenn sich in irgend-
einem Teile des wirtschaftlichen Systems“, sagt Couenot, „eine Änderung
vollzieht, die nicht darauf angelegt ist, eine Einwirkung auf den Rest
des Systems auszuüben, und wenn sich diese Veränderung auf ver-
gleichbare Dinge erstreckt, so wird man einen Fortschritt, eine Ver-
besserung konstatieren können2).“ Dieser Fortschritt beruht nicht
notwendigerweise auf dem Einfluß des Privatinteresses. Wie Sismondi
vor ihm, so führt auch er zahlreiche Fälle an, in denen dieses
Interesse im Gegenteil im Widerspruch zu dem allgemeinen Interesse
steht, und er weist besonders auf die hin, bei denen die Einmischung
des Staates nützlich sein könnte.

Alle diese Schriftsteller lassen daher in verschiedenen Abstufungen
die Einmischung des Staates in die wirtschaftlichen Verhältnisse zu.
Immerhin bleibt in ihren Augen die Freiheit das grundlegende Prinzip
aller Wirtschaftspolitik. Sismondi begnügt sich damit, nur schüchtern
Wünsche zu formulieren, so groß erscheinen ihm die Schwierigkeiten
einer wirklichen Einmischung. Stuart Mill will, daß in jedem ein-

*) Pareto, Cours d’eeonomie politiqne, 1897, Bd. II, § 656.

2) Coüenot, Principes S. 422.
        <pb n="498" />
        ﻿Kapitel II. Der Staatssozialismus.

473

zelnen Fall die Beweislast für die Notwendigkeit der Einmischung
ihren Anhängern obliege. Für Couenot „bietet sich der Gedanke
der Freiheit noch immer als das natürlichste und einfachste Kriterium
dar“, und wenn der Staat sich einmischt, so kann das nur unter der
Bedingung geschehen, „daß die Wissenschaft klar den Zweck definiert
und die Wirksamkeit des Mittels positiv nachgewiesen hat“. — Aber
für alle, und hierin liegt der wesentliche Fortschritt, hat die Freiheit
aufgehört ein wissenschaftliches Prinzip zu sein. Couenot
nennt sie „ein Erbwort praktischer Weisheit“1). Stuaet Mill ver-
teidigt sie hauptsächlich aus politischen Gründen, als das beste Mittel,
bei den Bürgern die Eigenschaften der Initiative und der Verant-
wortlichkeit zu entwickeln. — Für alle ist der Staat durchaus nicht
ein Notbehelf oder ein notwendiges Übel, sondern er hat, wie jedes
Individuum eine berechtigte Einflußsphäre, und die Schwierigkeit liegt
nur darin, sie genau zu umschreiben2). Dieser Aufgabe unterzog sich
schon Waleas mit bemerkenswertem Erfolg in seinen Vorträgen über
die Theorie der Gesellschaft, die er von 1867—1868 in Paris hielt8).

Der Fortschritt der Gedankenarbeit hat daher, seit Adam Smith,
bei den besten Schriftstellern schon die Meinungen bezüglich der
wirtschaftlichen Rolle des Staates einschneidend verändert. Zwar
hat ihr Einfluß die Mehrzahl der Schriftsteller nicht sofort völlig
erfaßt. Die meisten bleiben, auch in dem zweiten Drittel des Jahr-
hunderts, den Ideen des optimistischen Individualismus noch treu. Als
aber der Staatssozialismus sich gegen den letzteren erhob, brauchte er
nur, um sich ein wissenschaftliches Arsenal zu beschaffen, die Er-
gebnisse jener Studien sich anzueignen. Dies hat er auch nicht
unterlassen, und deshalb können, aus verschiedenen Gründen, die
soeben besprochenen Schriftsteller, wenn nicht als seine Vorläufer, so
doch als seine unfreiwilligen Helfer gelten.

§ 2. Die sozialistischen Ursprünge des Staatssozialismus.

Rodbertus und Lassalle.

Der Staatssozialismus ist nicht nur eine wirtschaftliche Lehre.
Er besitzt eine soziale und moralische Grundlage. Er stützt sich

b Ebenda, S. 444, 462, 521.

!) Stüakt Mita, hat es versucht, aber in einer Formel, die nicht sehr klar ist:
„Die Individualität“, sagt er, „soll den Teil des Lebens regieren, der besonders das
Individuum interessiert, und die Gesellschaft jenen anderen Teil, der die Gesellschaft
besonders interessiert.“ Essay on liberty, Kap. IV; Franz. Übers. S. 136.

s) In seinen Etu des d’economie sociale (1896) wieder abgedruckt. Siehe
die kurze Zusammenfassung, die wir weiter unten im Kapitel über die Eente geben.
        <pb n="499" />
        ﻿474

Viertes Buch, Die Abtrünnigen.

auf ein gewisses Gerechtigkeitsideal und auf eine selbständige Auf-
fassung der Gesellschaft und des Staates. Dieses Ideal und diese
Auffassung kommen ihm nicht von den Ökonomisten, sondern von den
Sozialisten — und hauptsächlich von zwei unter ifinen, Rodbeetus
und Lass alle, die versucht haben, eine Art Kompromiß zwischen der
bestehenden Gesellschaftsordnung und der zukünftigen Gesellschaft
zu finden, indem sie die Macht des modernen Staates als Hebel be-
nutzten.

Die Idee eines derartigen Kompromisses war nicht neu. Im
Laufe des neunzehnten Jahrhunderts ist sie verschiedentlich auf-
getaucht. In Frankreich besonders sind wir ihr schon gegen Ende
der Juli-Monarchie begegnet. Zu diesem Zeitpunkt fordern Louis
Blanc, und neben ihm Männer, wie Vidal, die ihren Zielen nach
Sozialisten waren, das Eingreifen des Staates, und zwar nicht nur,
um die Ungerechtigkeiten der bestehenden Gesellschaft abzuschaffen,
sondern um ohne plötzliche Erschütterung die Geburt der zukünftigen
Gesellschaft vorzubereiten. Daher ist Louis Blanc der erste sozia-
listische Vorläufer des Staatssozialismus. — Trotzdem waren in dem
Lande, in dem er seinen größten Erfolg haben sollte, in Deutschland,
Rodbeetus und Lassallb seine unmittelbarsten Urheber.

Der Einfluß von Rodbeetus und Lassalle auf den deutschen
Staatssozialismus beruht aber nicht nur auf dem, was er ihnen ent-
lehnt hat. Persönliche Beziehungen verbanden sie mit den Männern,
die ihn geschaffen oder verwirklicht haben, und man kann den Einfluß
ganz klar erkennen, den sie auf ihre Freunde ausgeübt haben. Im
Mittelpunkt der Gruppe steht Rodbeetus. Von 1862—1864 unterhält
er einen lebhaften Briefwechsel mit Lassalle. Ein gemeinsamer
Freund, Lothae Büchee, ein alter Demokrat von 1848, der später der
Vertraute Bismaeck’s wurde, hatte sie zusammengeführt. Bismaeck
selbst verschmähte es nicht, zur Zeit des Höhepunktes von Lassalle’s
sozialistischer Agitation ziemlich mysteriöse Beziehungen mit ihm zu
pflegen *). Auf der anderen Seite war Rodbeetus seit 1870 in häufigem
Verkehr mit Adolf Wagnee, dem bedeutendsten Vertreter des Staats-
sozialismus, der niemals gezögert hat, den großen Einfluß anzuerkennen,
den Rodbeetus auf die Bildung seiner eigenen Ideen gehabt hat.
Adolf Wagner wieder wurde oft zum Fürsten Bismaeck gerufen und
von ihm um Rat gefragt.

Aber auch außerhalb ihrer Beziehungen zu dem Staatssozialismus
verdienen Rodbeetus und Lassalle, die Aufmerksamkeit des
Historikers der volkswirtschaftlichen Doktrinen auf sich zu ziehen.

0 Siehe über das Leben Lassalle’s im allgemeinen nnd seine Beziehungen zu
Bismaeck im besonderen: Heemann Onckbn, Lass alle, Stuttgart, 1904, 450 Seiten.
        <pb n="500" />
        ﻿Kapitel II. Der Staatssozialismus.

475

Der erste ist ein Theoretiker von einer ganz ungewöhnlichen Kraft,
ein glänzender Schriftsteller, dessen Gedanken außerordentlich an-
regend sind. Der zweite ist ein Agitator, der mehr zur Verbreitung
der Ideen als zu ihrer Bildung beigetragen hat, aber der in der
deutschen Arbeiterbewegung eine tiefgehende Spur hinterließ. Daher
legen wir hier ihre Gedanken, besonders die Rodbertus’, etwas aus-
führlicher dar und werden versuchen die Bolle und den Charakter
der beiden Männer zu kennzeichnen.

A. Rodbertus.

In der Geschichte der Doktrinen nimmt Rodbertus eine besondere
Stelle ein. Durch ihn sind die Gedanken Sismondi’s und die der
Saint-Sirnonisten dem letzten Viertel des Jahrhunderts überliefert
worden. Seine grundlegenden Auffassungen, die er aus französischen
Quellen geschöpft hat1), haben sich um 1837 gebildet, als er seine
Forderungen der arbeitenden Klassen, die die Augs-
burger Allgemeine Zeitung sich aufzunehmen -weigerte, ver-
faßte. Sein erstes Werk erschien 18422), und seine drei ersten
Sozialen Briefe3) von 1850 bis 1851. Sie blieben aber damals

0 Der französische Ursprung der Ideen Eodbeetus’ wird nicht mehr bestritten,
seitdem A. Menger in seinem Buch: Das Recht auf den vollen Arbeits-
ertrag (1. Ausg. 1886) dies besonders hervorgehohen hat. Nur gibt ihm Mbnger
als geistige Väter Proudhon und die Saint-Simonisten. Mit Bezug auf die letzteren
werden wir im Text die wichtigsten Anleihen, die Rodbertus bei ihnen gemacht
. hat, erwähnen. Wir glauben aber, daß an Stelle Proudhok’s Sismondi zu setzen ist.
Die einzige auf Proudhon zurückzuführende Idee, die man bei Rodbertus findet, ist
die Idee, den Wert „zu bilden“ (constituer). Diese Idee ist aber nicht entlehnt.
.Rodbertus erwähnt dies selbst in seinem zweiten sozialen Briefe (Schriften,
Bd. II, S. 46, Anm). Er behauptet, daß sie zuerst von ihm formuliert sei, sagt aber
nicht wo. Er muß aber auf eine Stelle in den Forderungen anspielen, wo dieser
- Gedanke sehr klar ausgedrückt ist. Indem er von der Arbeitswerttheorie spricht,
'wie sie Ricardo ausgearbeitet hatte, schreibt er: „Nur darin irrt sie, daß sie das,
■was erst in der Idee gilt, wonach die Wirklichkeit einstweilen nur gravitiert, was
erst die Zukunft festzuhalten hat, als in der Gegenwart bestehend ansieht“ (Schriften,
Bd. III, S. 120). Dies drückt klar aus, daß die Bildung des Wertes die Aufgabe
der Zukunft ist. Die Forderungen nun, die schon alle entscheidenden Ge-
danken. Rodbertus’ enthalten, stammen aus dem Jahre 1837, sind also um 9 Jahre
älter als die Contradictions economiq-ues von Proudhon, die im Jahre 1846
erschienen, und in denen der Gedanke der Wertbildung von ihm zum ersten Male
aufgestellt wurde.

2)	Zur Erkenntnis unserer staats wissenschaftlichen Zustände
(Neu-Brandenburg, 1842). Das Werk sollte drei Hefte umfassen, von denen nur das
erste erschienen ist. Bisher ist kein Neudruck herausgegeben worden.

3)	Die drei ersten „sozialen Briefe“ wurden ebenso wie die „Forderungen
der arbeitenden Klassen“ in den Schriften von Dr. Karl Rodbertus-Jagetzow
        <pb n="501" />
        ﻿476

Viertes Buch. Die Abtrünnigen.

ziemlich unbemerkt, und erst später, als Lass alle ihn in seinen Reden
von 1862 als den größten deutschen Rationalökonomen anführte, als
konservative Schriftsteller, wie Rudolf Meyer und Adolf Wagner
ihm nach 1870 einen neuen Ruf verschafften, erwecken seine Bücher
die verdiente Aufmerksamkeit. Sie haben in Deutschland einen großen
Einfluß auf die Nationalökonomen des letzten Drittels des Jahr-
hunderts ausgeübt. Seine Ideen sind die des französischen Sozialismus
in seinen Anfängen, als er noch rein intellektuell war und noch nicht
das Mißtrauen hervorrief, das die sozialen Kämpfe der Juli-Monarchie
später gegen ihn erweckten. Durch die Kraft seiner Logik und durch
sein Bedürfnis zu systematischer Ordnung seiner Gedanken und auch
durch seine, seinen Vorgängern außerordentlich überlegenen volks-
wirtschaftlichen Kenntnisse gibt Rodbertus diesen Ideen ein so
scharfes Gepräge, wie sie es vorher nie besaßen. Dieser „Ricardo des
Sozialismus“, wie ihn Adolf Wagner mit Recht nenntx), hat für die
Lehre seiner Vorgänger das getan, was Ricardo für die eines Smith
und Malthus getan hatte: er zeigte, wie mit einem Vergrößerungs-
glas, ihre Folgen und ihre grundlegenden Voraussetzungen.

Rodbertus ist daher, auf Grund seines Ursprungs, jenem demo-
kratischen und radikalen Sozialismus vollständig fremd geblieben, der
ein Kind der populären Agitation war, und dessen Vertreter Marx
wurde. Für Marx sind Sozialismus und Revolution, wirtschaftliche
Theorie und politische Handlung untrennbar verknüpft* 2). Rodbertus
dagegen ist ein liberaler Großgrundbesitzer, der in der preußischen
Nationalversammlung 1848 seinen Platz auf dem linken Zentrum
einnimmt, und dessen politisches Programm sich in folgenden beiden
Worten zusammenfaßt: konstitutionelle Regierung, nationale Einheit3).

(Berlin, 1899, 3 Bde.) neu herausgegeben. Wir zitieren nach dieser Ausgabe. Der
vierte soziale Brief, der den Titel „das Kapital“ trägt, wurde 1852 abgefaßt, erschien
aber erst nach dem Tode Eodbertus’. Er bildet den ersten Band der Schriften.
Die vereinzelten Aufsätze Eodbertus’ sind in zwei Sammlungen erschienen. Die
eine von E. Meyer unter dem Titel: Briefe und Sozialpolitische Aufsätze
von Dr. Eodbertus-Jagetzow, Berlin, 1882; die andere von Moritz Wirth unter
dem Titel Kleine Schriften, Berlin, 1890. Eine vollständige Bibliographie der
Werke Eodbertus’ findet sich in Andlbr, Le S ocialism e d’Etat en Allemagne1,
Paris, 1897.

*) In der Einführung zu den Briefen von Lassalle an Eodbertus, Berlin,
1878, S. 8.

2)	Menger hat mit Eecht hervorgehoben, daß die theoretischen Quellen Marx’
mehr englisch als französisch sind. Dies ist ein weiterer Punkt, in dem sich die
beiden Sozialisten unterscheiden.

3)	Abgeordneter der preußischen Nationalversammlung von 1848, nahm Eodbertus
seinen Platz im Zentrum ein und war einige Tage Kultusminister. Am 4. Juli zum
Minister ernannt, gab er nach 14 Tagen seine Entlassung, weil seine Kollegen sich
weigerten, die Eechte des Frankfurter Parlaments so rücksichtslos anzuerkennen,
wie er es gewünscht hätte.
        <pb n="502" />
        ﻿Kapitel II. Der Staatssozialismus.

477

Die Erfolge der Politik Bismaeck’s nähern ihn am Ende seines Lebens
mehr und mehr der konservativen Monarchie'). So träumt er auch
von einer sozialistischen Partei, die sich einzig und allein auf den
sozialen Boden stellt und auf jede politische Handlung verzichtet.
Obgleich er persönlich ein Anhänger des allgemeinen Wahlrechts war,
schlägt er es 1863 Lassalle ab, in dessen „Arbeiterverein“ einzu-
treten, weil Lassallb diese politische Reform zu einem der Punkte
seines Programms gemacht hatte1 2). Später definiert er die Partei
der Zukunft wie folgt: „monarchisch, national, sozial“, oder auch
„sozial und konservativ“ 3). Zur gleichen Zeit hat er aber auch kein
Bedenken zu schreiben; „Soweit der Kern der Sozialdemokratie ein
rein wirtschaftlicher ist, gehöre ich ihr mit ganzer Seele an4 *).“

Wenn er auch imstande war, die monarchische Politik mit dem
sozialistischen Programm zu vereinigen, so weigerte er sich doch, so-
weit die wirtschaftliche Lehre in Betracht kommt, irgendein Kom-
promiß einzugehen. Dazu war er doch zu scharfsinnig. Der gleichen
Ursache liegt auch seine Feindschaft gegen die Kathedersozialisten
zugrunde. Er ist der erste, anzuerkennen, daß in der Praxis der
Sozialismus sich heute mit Übergangsmitteln begnügen muß, aber
er gibt niemals zu, daß der Kompromiß zum Schluß selbst Doktrin
werde. Er nennt die Kathedersozialisten „Zuckerwassersozialisten“ 6).
Er lehnt es ab, an dem Kongreß von Eisenach 1872 teilzunehmen,
den er „den Eisenacher Sumpf“ und „äußerst komisch“ nennt. Die
Arbeitergesetzgebung nennt er „human-soziale Kapriolen“ 6). Wenn
er sein Programm in einigen tönenden Formeln zusammenfaßt, wie:
„Staat gegen Staatslosigkeit“ 7) muß man sich daher hüten, hierin

1)	Bin charakteristisches Zeichen dieser Entwicklung ist die Ersetzung des
Wortes „Volkswille“ in der zweiten Ausgabe der sozialen Briefe durch das Wort
„Staatswille“ überall dort, wo sich dieses Wort fand. Diese zweite Ausgabe, die den
zweiten und dritten Brief umfaßt, wurde von ihm im Jahre 1876 unter dem Titel:
Zur Beleuchtung der sozialen Erage herausgegeben.

2)	Brief an R. Meyer vom 30. Nov. 1871, Nr. 61, S. 141. Dieser Gesichtspunkt
wird von ihm ausführlich in seinem: Offener Brief an das Komitee des
deutschen Arbeitervereins, Leipzig, vom 10. April 1863, dargelegt (v. Moritz
Wirth in den Kleinen Schriften veröffentlicht).

3)	Brief an R. Meyer, vom 12. März, 1872. — Vgl. auch die Briefe vom
23. Januar und 3. Eebruar 1871.

4)	Brief an denselben vom 30. Nov. 1871, Brief Nr. 61, S. 141. 1874 denkt er

daran, sich als sozialistischen Reichstagskandidaten aufstellen zu lassen: „Aber“,
schreibt er, „erst muß der Staat im Militäretat und in dem Kirchengesetz stärker
werden“ (an denselben, vom 14. Januar 1874. Brief Nr. 140, 8. 352).

6) Brief an dens. v. 17. Okt. 1872.

6) Brief an dens. v. 6. Januar 1873, Brief Nr. 117, S. 290.

’) Brief an dens. v. 10. März 1872, und PhysiokratieundAnthropokratie,
in den Briefen und Sozialpolitischen Aufsätzen S. 521 und 522.
        <pb n="503" />
        ﻿478

Viertes Buch. Die Abtrünnigen.

auch nur eine entfernte Zustimmung zu den nach seiner Ansicht viel
zu verschwommenen Doktrinen des Staatssozialismus zu sehen1).
Trotzdem war er, gegen seinen Willen, einer seiner einflußreichsten
Vorläufer. Und hierin liegt gerade das Besondere seiner Eolle.

Die ganze Theorie Rodbeetus’ beruht auf der Idee, daß die Ge-
sellschaft ein durch die Arbeitsteilung geschaffener Organismus ist.
Diese große Tatsache, deren Tragweite nach seiner Ansicht Adam
Smith kaum erst in ihren Umrissen gesehen hat, ist es, die alle
Menschen in einer naturnotwendigen Solidarität verbindet, sie aus
der Vereinzelung heraushebt und sie aus einer bunt zusammen ge-
würfelten Menge zu einer wirklichen Gemeinschaft umbildet, — einer
Gemeinschaft, deren Ausdehnung nicht durch nationale Grenzen be-
schränkt wird, sondern keine anderen Grenzen zeigt, als die Arbeits-
teilung selbst, die ihrerseits darauf hinstrebt, die ganze Welt zu um-
fassen 2). Mit dem Tage, an dem jedes Individuum auf diese Weise
in die wirtschaftliche Gesellschaft eingefügt ist, hört sein Wohl auf,
von ihm und seinem natürlichen Milieu abzuhängen. Es beruht von
jetzt an auf allen anderen Produzenten. Es unterliegt nun der
richtigen Ausführung gewisser Funktionen, die einen wesentlich
sozialen Charakter haben, und deren Aufzählung Rodbeetus teilweise
der Lehre Saint-Simon’s entnimmt. Es sind dies die folgenden:

1.	Anpassung der Produktion an die Bedürfnisse.

2.	Die Aufrechterhaltung der Produktion auf dem Niveau der
vorhandenen Hilfsmittel.

3.	Die gerechte Verteilung des gemeinsamen Produktes unter die
Produzenten.

Wie sollen sich nun diese Funktionen vollziehen? Selbsttätig
oder auf Grund förmlicher Übereinkunft? Hierin liegt für ihn die

J) In einem Briefe y. 26. Angnst 1872, weist er energisch den Namen
„Katheder-Sozialist“ zurück. In dem: „Emanzipationskampf des vierten
Standes“, Berlin, 1874, S. 60—63 zitiert Rudolf Meyer ausführlich eine nach-
drückliche Kritik des Kathedersozialismus, die in einem Privatbrief Rodbeetus’ ent-
halten ist.

2) „Die Teilung der Arbeit sollte gerade Gemeinschaft der Arbeit heißen ...“
(Kapital, S. 79—80) und: „Die Weltarbeitsteilung entspricht erst ihrem vollen
Begriff.“ Weiterhin legt er Nachdruck darauf, daß mau nicht „sozial“ mit
„national“ verwechsele. Er nimmt die Gesehichtsphilosophie der Saint-Simonisten an
und führt aus, wie „die Geschichte ein Yereinigungsprozeß ist, — und zwar ein
Vereinigungsprozeß, der sich zu immer weiteren Kreisen verschlingt und zu immer
größerer Innigkeit vertieft“. (Zur Geschichte der römischen Tribut-
steuern seit Augustns in den Jahrbüchern für Nationalökonomie und
Statistik, 1865. Bd. V, S. 273. Rodbeetus: Untersuchungen auf dem Gebiete
der Nationalökonomie des klassischen Altertums. — Und an anderer Stelle: „Der
geschichtliche Verlauf besteht in Nichts als der Verallgemeinerung des Kommunismus“
(Kapital, S. 94, Anm.),
        <pb n="504" />
        ﻿Kapitel II. Der Staatssozialismus.

479

große Frage, das große Problem. Für die Volkswirtschaftler aus der
Schule Smith’s sind die sozialen Organismen dasselbe, wie lebende
Organismen. Das freie Spiel der natürlichen Gesetze hat den gleichen
wohltuenden Einfluß, wie der unbehinderte Blutumlauf im menschlichen
Körper. Die Freiheit soll die regelmäßige Erfüllung der sozialen
Funktionen sicher stellen? Welcher Irrtum! sagt Eodbertus. ,.Die
Staaten sind nicht so glücklich oder so unglücklich, daß sich ihre
Lebensfunktionen von selbst mit Naturnotwendigkeit vollziehen. Wie
sie als geschichtliche Organismen sich selbst organisierende Organismen
sind, sich ihre Gesetze und Organe selbst zu geben haben, so gehen
auch die Funktionen ihrer Organe nicht mit Notwendigkeit vor sich,
sondern sie, die Staaten selbst, haben sie in Freiheit zu regeln, zu
unterhalten, zu fördern1).“ Deshalb schlägt Rodbertus schon 1837
vor, die natürliche Freiheit durch ein „System staatlicher Leitung“
zu ersetzen2), und sein ganzes W* * 7erk ist nichts als ein Versuch, die
Notwendigkeit dieses Systems nachzuweisen. Untersuchen wir seine
Beweisführung und gehen wir zu diesem Zweck mit ihm die - ver-
schiedenen wirtschaftlichen Funktionen durch, so wie wir sie oben
definiert haben. Betrachten wir, wie sie sich ihm zufolge heute voll-
ziehen, und wie sie sich in einer besser organisierten Gesellschaft
vollziehen müßten:

1. Zunächst kann man in der gegenwärtigen Gesellschaftsordnung
nicht genau von einer Anpassung der Produktion an die sozialen
Bedürfnisse sprechen, sondern nur an die wirksame Nach-
frage, nämlich an die Nachfrage, die sich in einem Geldangebot
ausdrückt. Diese Tatsache, auf die übrigens Adam Smith schon hin-
gewiesen hatte, und auf die Sismondi besonderen Nachdruck legte,
führt, so sagt uns Rodbertus, zu einer schwerwiegenden Folge-
erscheinung: es werden nämlich nur die Bedürfnisse derjenigen, die
schon etwas besitzen, befriedigt8). Derjenige, der nichts anderes auf
dem Markte anzubieten hat, als seine Arbeit, erhält, wenn sich
herausstellt, daß nach dieser Arbeit keine Nachfrage besteht, über-
haupt keinen Teil des sozialen Erzeugnisses. Umgekehrt bestimmt
derjenige, der ein Einkommen besitzt, auch wenn er es gar keiner
persönlichen Arbeit verdankt, durch diese wirksame Nachfrage die
Produktion der Gegenstände, die er wünscht. So sieht man oft, daß
die notwendigsten Bedürfnisse der einen nicht befriedigt werden,

*) Physiokratie und Anthropokratie in den Briefen und Sozial-

politischen Aufsätzen, Bd. II, S. 519, Berlin 1881.

*) Schriften. Bd. III, S. 218.

8) „Zuvörderst . . . wird in diesem Zustande überhaupt nicht für die Bedürfnisse
der Arbeit, sondern für die Bedürfnisse des Besitzes produciert“ (Kapital
8. 193). Vgl. auch Kapital, S. 52ff.
        <pb n="505" />
        ﻿480

Viertes Buch. Die Abtrünnigen.

während zur gleichen Zeit andere in allen Annehmlichkeiten des
Luxus schwelgen.

Nichts ist wahrer. Eodbeetus hat tausendfach recht, auf das
Grundübel eines Systems hinzuweisen, das logisch die Arbeitslosig-
keit, diese moderne Form der Hungersnot, als eine einfache, vorüber-
gehende Überproduktion von Waren ansieht, und bisher nur dazu
gelangt ist, das Prinzip der durch die wirksame Nachfrage be-
schränkten Produktion durch private oder öffentliche Wohltätigkeit
zu mildern. Betrachten wir nun das Heilmittel, das er vorschlägt.
Ihm zufolge müßte die Gesellschaft an Stelle der Produktion für die
Nachfrage ständig und gänzlich die Produktion für das „soziale Be-
dürfnis“ setzen. Hierfür würde es genügen, sich im voraus zu ver-
gewissern, welche Zeit ein jeder fähig ist, produktiver Arbeit zu
widmenx). Gleichzeitig würde man einen Überblick haben über die
Gegenstände, die erzeugt werden müssen, und in welchen Mengen sie
benötigt werden. Denn, so sagt Eodbeetus r „die Bedürfnisse bilden
im allgemeinen bei jedermann . . . eine gleiche Eeihenfolge, und es
ist auch als bekannt vorauszusetzen, welche und wie viele Befriedi-
gungsmittel für die einzelnen Bedürfnisse erforderlich sind“* 2). Da
man so die Arbeitszeit kennt, über die die Gesellschaft verfügen
kann, und da auf der anderen Seite die Eeihe der sozialen Bedürf-
nisse gegeben ist, würde das Problem, diese Zeit zwischen den ver-
schiedenen Produktionen zu verteilen, keine Schwierigkeit mehr
bieten.

Diese Behauptung ist etwas überstürzt; sie drückt sich um den
gewichtigsten Einwurf herum, denn die angeblich gleichmäßige Be-
dürfnisreihe, von der uns Eodbeetus spricht, besteht nur in seiner
Einbildung. In Wirklichkeit gibt es eine kleine Anzahl von Kollektiv-
bedürfnissen und eine unendliche Mannigfaltigkeit von Einzelbedürf-
nissen. Das „soziale Bedürfnis“ ist nur ein unbestimmter Ausdruck,
um zur gleichen Zeit beides zu bezeichnen. Die einfachste Beob-
achtung zeigt uns bei jedem Individuum eine besondere Eeihe von
Bedürfnissen und Neigungen. Wenn man die Produktion auf ein
angebliches „soziales Bedürfnis“ gründet, so bedeutet dies tatsächlich
die Abschaffung der Freiheit des Verbrauchs und der Nachfrage.
Es läuft auf dasselbe hinaus, als ob die Gesellschaft allen Menschen
eine willkürliche Skala von zu befriedigenden Bedürfnissen vor-
schreiben und aufzwingen würde. Das Heilmittel Eodbeetus’ würde
daher schlimmer als das Übel sein.

x) „Wenn nur die Zeitarbeit bekannt ist, die jeder, der sich mit produktiver
Arbeit beschäftigt, zu leisten übernimmt, so läßt sich auch erkennen, wieweit die
Mittel in der Deckung der Bedürfnisreihe eines jeden reichen“ (Kapital, S. 125).

2) Ebenda, S. 12).
        <pb n="506" />
        ﻿Kapitel II. Der Staatssozialismus,

481

Die Beweisführung Rodbertüs’ ist aber nicht mit der Gegen-
überstellung von „sozialem Bedürfnis“ und „Avirksamer Nachfrage“ er-
schöpft. Es genügt auch nicht, diesen Gegensatz festzustellen. Er
muß erklärt werden. Warum lassen sich die Produzenten von der
Nachfrage und nicht von dem Bedürfnis leiten? Er antwortet, dies
beruhe darauf, daß die Besitzer der Arbeitsmittel unter der heutigen
Ordnung ihre Produktion nur im Hinblick auf ihr eigenes Interesse
einrichten. Ihr Interesse liege nun darin, ihre Produktionsmittel auf
die Erzeugung derjenigen Gegenstände zu verwenden, die ihnen den
größten Nettoertrag bringen. Die Rentabilität und nicht die
Produktivität (nämlich die zur Befriedigung des sozialen Be-
dürfnisse, bestimmten Erzeugnisse) interessiert sie. „Sie veranlassen
irgendwelche Produktion überhaupt nicht mehr zum Zweck der Deckung
des Nationalbedürfnisses, sondern weil sie ihnen Rente, Gewinn
verheißt“ (Kapital, S. 143).

Dieser Gegensatz zwischen der Rentabilität und der Produktivi-
tät ist bedeutsam genug, um einen Augenblick dabei zu verweilen.
Schon Sismondi hat darauf hingewiesen, der, wie wir wissen, das
Streben nach dem Nettoertrag dem nach dem Bruttoertrag gegen-
über stellt. Zahlreiche Schriftsteller haben sich seitdem mit dieser
Frage beschäftigt. In der Geschichte der Doktrinen spielt sie daher
eine bedeutende Rolle1).

Auch hierin hebt Rodbertüs wieder eine unbestreitbare Tat-
sache hervor. Selbstverständlich ist es das Streben nach dem größten
Nettoertrag, das den Produzenten leitet. Die Würdigung, die er dieser
Tatsache gibt, unterliegt aber ganz außerordentlich der Kritik. Wenn
der zu verfolgende Zweck die Befriedigung dessen ist, was er das soziale
Bedürfnis nennt, und nicht die der Nachfrage, so muß man sich aller-
dings seiner Meinung anschließen. Dann ist es ein charakteristischer
Fehler der gegenwärtigen Gesellschaft, sich auf die Rentabilität

l) Die Frage des Netto- und des Bruttoertrages ist eine der wesentlichen Be-
schäftigungen der Yolkswirtschaftler dieser Zeit. Vidal (Bepartition des richesses,
Paris 1846, S. 219), und Ott (Traite d’economie sociale, i851, S. 95ff.) bestehen
nachdrücklich darauf. Seitdem haben sie Cournot, Duhjung und weiterhin Kkkertz
und Landry von neuem in Angriff genommen. Die meisten definieren „Produktivität“
in verschiedener Weise (wenn sie sich überhaupt zu einer Definition herbeilassen),
so daß es in Wirklichkeit nicht dieselbe Frage ist, die sie behandeln. Bei Rodbertüs
hat, wie wir im Texte zeigen werden, das Wort Produktivität einen zu unbestimmten
Sinn, um überhaupt als Grundlage einer Diskussion dienen - zu können. In Wirk-
lichkeit ist in einer auf der Arbeitsteilung beruhenden Produktionsordnung die
Rentabilität das wesentliche Kriterium. Allerdings haben die Arbeiter eines Be-
triebes eine wesentlich andere Auffassung davon, wann aus dem Grunde ringe-
nügenden Gewinnes eine Produktionsänderung erforderlich wird, als der gegen ihr
Geschick gleichgültige Fabrikherr, der sie nach Belieben entlassen kann.

Gide und Rist, Gesch. d. Volkswirtschaft!. Lehrmeinungen.	.	31
        <pb n="507" />
        ﻿QVO

482

Viertes Buch. Die Abtrünnigen.

zu stellen, denn ein derartiger Standpunkt gestattet nur, die Nach-
frage- von Einzelpersonen zu befriedigen. Wenn aber, wie wir
oben gezeigt haben, das Wort „soziales Bedürfnis“ keinen fest
umrissenen Sinn hat, so fehlt auch dem Worte Produktivität jede
genaue Bedeutung. Und wenn eine Gesellschaft ihren Gliedern keine
willkürliche Skala von zu befriedigenden Bedürfnissen aufzwingen
will, wenn, mit anderen Worten, die Nachfrage und der Verbrauch
frei bleiben, so hat sogar eine kollektivistische Gesellschaft nur
ein mögliches System, um zu wissen, ob die erlangte Befriedigung
die aufgewendete Mühe lohne: sie muß gleichfalls die gegenwärtige
oder künftige Rentabilität eines Produktionszweiges, d. h. die
Differenz zwischen Gestehungs- und Verkaufspreis messen1). Einer
der interessantesten Nachweise eines heutigen Volkswirtschaftlers,
Paeeto, liegt darin, daß die kollektivistische Gesellschaft, um die
soziale Nachfrage zu befriedigen, sich ebenso, wie die gegenwärtige,
auf die von den Preisen gelieferten Angaben stützen muß.

2.	Was die Ausübung der zweiten von Eodbertus erwähnten
Funktion anlangt, die volle Ausnutzung der Produktionsmittel, so
begnügt sich unser Schriftsteller damit, die Kritiken der Saint-
Simonisten über das Fehlen einer Leitung anzuführen, das die heutige
Ordnung charakterisiert, in der „die wirtschaftliche Leitung erblichen
Eigentümern übertragen ist“, und er weist, wie Sismondi, darauf hin,
daß die Einstellung der Produktivkräfte nur von der Laune der
kapitalistischen Besitzer abhängt2). In diesem Punkte begnügt er
sich damit, seinen gewöhnlichen Quellen zu folgen, ohne die dort
ausgefnhrten Gedanken durch irgendeinen selbständigen Beitrag zu
bereichern.

3.	Es bleibt nun noch die dritte und in den Augen Rodbbetu’s
Mie bedeutsamste wirtschaftliche Funktion übrig, die die Gesellschaft

zu erfüllen hat: die gerechte Verteilung des sozialen Produktes.
Die Untersuchung dieser Frage ist der Hauptgegenstand seiner Be-
mühungen. Ihre Lösung ist die Grundaufgabe der Wissenschaft.
Gleich Sismondi und den Sozialisten, von denen er ausgeht, be-
trachtet er die Erklärung des Pauperismus und der Krisen als die
dringlichste Aufgabe der Nationalökonomie.

*) Es handelt sich selbstverständlich hier nnr um Einzelbedürfnisse. Die
Rentabilität kann nicht der einzige Leitgedanke der Produktion sein. Viele
Kollektivbedürfnisse müssen befriedigt werden, deren Befriedigung nicht notwendiger-
weise gewinnbringend ist. Es kommt darauf an, sie zu bestimmen. Rodbbrtus
spricht aber gerade hier nur von Privatbedürfnissen: die öffentlichen Bedürfnisse hat
er wohlbedachterweise beiseite gestellt. Daher kann es sich hier einzig und allein
um diese privaten Bedürfnisse handeln.

2) Kapital.
        <pb n="508" />
        ﻿Kapitel II. Der Staatssozialismus.

488

Was ist nun eine gerechte Verteilung? Eodbbbtus antwortet;
die, die jedem Arbeiter das Erzeugnis seiner Arbeit gibt1). Wird
nun dieser Erfolg in der bestehenden Ordnung der freien Konkur-
renz und des Privateigentums erzielt?

Um dies zu erfahren, müssen wir den Mechanismus der Ver-
teilung, so wie er heute besteht, untersuchen. Die Beschreibung,
die Eodbertus davon gibt, unterscheidet sich nicht von der, die
J.-B. Sat davon geben würde. Sie stimmt in allen Punkten mit dem
klassischen Schema überein. Auf der einen Seite kauft der Unter-
nehmer die Dienste der Arbeit, des Kapitals und des Bodens; auf
der anderen verkauft er die Erzeugnisse, die aus ihrem Zusammen-
wirken entstehen. Der Preis, den er für diese Dienste zahlt, und
der, den er selbst vom Verbraucher erhält, ergibt sich auf jedem
dieser Märkte aus dem Stand des Angebotes und der Nachfrage.
Der Gewinn ist das, was nach Bezahlung der Löhne, der Zinsen und
der Bodenrente von dem Verkaufspreise übrig bleibt2).

So vollzieht sich die Verteilung des Profites durch den Mecha-
nismus des Tausches, und dessen Wirkung besteht darin, dem Besitzer
eines jeden produktiven Dienstes den Marktwert dieses Dienstes zu
verschaffen. Anscheinend gibt es nichts Gerechteres . . . aber eben
nur anscheinend, denn wenn wir die soziale und moralische Wirk-
lichkeit, die sich unter diesem automatischen Mechanismus verbirgt,
untersuchen, so bemerken wir sogleich, daß er auf eine Beraubung
des Arbeiters durch die Besitzer des Bodens und des Kapitals hinaus-
länft. Woher kommen nämlich alle die Produkte, die der Tausch
unter so viele verschiedene Nutznießer verteilt? Einzig und allein
vom Arbeiter. Sie haben nichts als Arbeit, ja sogar, nichts
als Handarbeit gekostet. Nicht als ob Eodbertus die intellektuelle
oder die wirtschaftliche Arbeit der Leitung verachtete. Weit davon
entfernt. Aber auf Grund einer recht seltsamen Auffassung er-
scheint ihm die Intelligenz als eine unerschöpfliche Kraft, deren
Verbrauch infolgedessen keine Kosten verursacht, ebenso wie der
Verbrauch der natürlichen Kräfte der Natur nichts kostet. Nur die
Handarbeit bedingt einen Verbrauch an Kraft und Zeit, also das
Opfer, die Aufgabe einer bestimmten Sache, die man, einmal
verausgabt, nicht wiederfindet3). Noch weniger gibt Eodbertus zu,

x) Übrigens fügt Eodbbktus hinzu, daß ein Teil des Gesamterzeugnisses eines
jeden ihm genommen werden soll, nm den öffentlichen Bedürfnissen zu dienen
(Kapital).

2)	Kapital.

3)	Vgl. Zur Erkenntnis usw. S. 7—10: „Alle wirtschaftlichen Güter kosten
weiter nichts als Arbeit“. . . . (Auf Grund des franz. Textes. Anm. des Übers.) In
dem 3. sozialen Brief drückt er diesen Gedanken in der folgenden etwas ver-

31*
        <pb n="509" />
        ﻿484

Viertes Buch. Die Abtrünnigen.

daß die Güter Voraussicht oder Ersparnisse, d. h. eine moralische
und gleichzeitig intellektuelle Anstrengung gekostet hätten (der
Name, den man ihr gibt, hat keine Bedeutung), auf Grund deren ein
sofortiger Genuß aufgeschoben wird, um die Summe der zukünftigen
Güter zu steigern1). So übernimmt Eodbeetüs, indem er ihn präzi-
siert und weiter entwickelt, jenen Satz, mit dem Smith seinen „Völker-
reichtum eröffnet; „Die jährliche Arbeit eines Volkes ist der Fonds,
der dasselbe mit allen Bedürfnissen und Annehmlichkeiten des Lebens
versorgt, die es jährlich verbraucht.“

Weisen wir sogleich auf den Unterschied der Haltung zwischen
Eodbeetüs und Maex hin. Dieser ist durchaus von der englischen
Nationalökonomie und dem englischen Sozialismus durchtränkt,
geht von der Theorie des Tausches aus und macht die Arbeit zur
Quelle allen Wertes. Eodbeetüs, der auf den Saint-Simonisten
fußt, geht von der Produktion aus und macht die Arbeit zur
einzigen Quelle aller Produkte, eine Behauptung, die einfacher
und wahrer als die vorhergehende ist, wenn sie auch noch immer
unvollkommen bleibt. Eodbeetüs sagt nicht nur nicht, daß die
Arbeit allein den Wert schaffe, sondern er bestreitet dies ausdrück-
lich und an verschiedenen Stellen, indem er diese seine Meinung be-
gründet 2). Nach seiner Ansicht muß der soziale Fortschritt gerade

schiedenen Form aus: „Nur diejenigen Güter gehören zu den wirtschaftlichen, welche
Arbeit gekostet haben“ (Schriften, Bd. II, S. 105—106) und indem er diesen Ge-
danken entwickelt, sagt er, daß diese Formel bedeute: 1. „daß alle wirtschaftlichen
Güter nur Arbeitsprodukte sind“; 2. daß „sie für die wirtschaftliche Auffassung
nicht als Produkte der Natur oder irgend einer anderen Kraft, „sondern nur der
Arbeit gelten“; 3. „daß die Güter, wirtschaftlich genommen, nur das Produkt der-
jenigen Arbeit sind, welche die materiellen Operationen, die dazu notwendig sind,
verrichtet hat“. Hinsichtlich seiner Gedanken über die industrielle Leitung und ihre
Entlohnung vgl. Schriften Bd. II, S. 219.

x) Vgl. hierüber• Eist, „Le Capital provient-il uniqnement du travail?“ in der
Revue d’Bconomie Politique, Februar 1906. (Stammt das Kapital einzig aus
der Arbeit?)

2) Eodbertüs sagt ausdrücklich, daß die Behauptung, die Güter hätten nur
Arbeit gekostet, nicht bedeutet, „daß der Wert des Produktes immer der Kosten-
arbeit äquat ist; mit anderen Worten, daß die Arbeit heute schon einen Maßstab
des Wertes abgeben könne“. (Ebd. S. 104—106.) Br behauptet das, schon in den
Forderungen, im Jahre 1837. 1842 wies er in dem Buch: Zur Erkenntnis
usw. 8. 129—131 die Gründe nach, weshalb der Wert eines Produktes nicht gleich
den Kosten der Arbeit sei, die es erfordert hat. Sie sind: 1. Die Notwendigkeit,
die Kapitalgewinne auszugleichen; 2. die Tatsache, daß der Preis jedes einzelnen'
Gutes sich auf die Kosten derjenigen Einheit gründet, deren Keproduktion am
teuersten ist. In seinem zweiten sozialen Briefe wiederholt er, daß die Theorie des
Arbeitswertes nur ein Ideal ist (Kapital, franz. Übers., Anhang 8. 279.) In einem
Brief an Rudolf Meyeb vom 7. Januar 1872, Bf. Nr. 70, S. 160), verweist er ihn
auf die Beweisführung, die er gegeben hat, „daß sich im heutigen Verkehr die
        <pb n="510" />
        ﻿Kapitel II. Der Staatssozialismus.

485

darin bestehen, den Wert „herzustellen“, ihn mit der in den Gegen-
ständen enthaltenen Arbeitsmenge in Übereinstimmung zu bringen I).
Dies ist aber das Werk der Zukunft und nicht der Gegenwart2).
Welche Schlußfolgerung soll man nun hieraus ziehen? Wenn es auf
der einen Seite wahr ist, daß allein der Arbeiter alle Erzeugnisse
schafft, und wenn auf der anderen Seite, auf Grund des Austausches,
die Boden- und Kapitalienbesitzer allein infolge der Tatsache ihres Be-
sitzes, und ohne an der Produktion unmittelbaren Anteil zu haben, unter
der Form von Zinsen oder Pacht einen Teil dieser Erzeugnisse er-
halten, so ist offenbar die Formel der Gerechtigkeit in der Verteilung
verletzt. Diese Entwendung von Produkten zugunsten der Nicht-
produzierenden und zum Schaden der Arbeitenden geschieht übrigens
ohne jede effektive Gewalttätigkeit, ganz einfach durch das Spiel des
Freihandels und unter der Herrschaft des Privateigentums. Seine
einzige Ursache liegt darin, daß in unserem sozialen System „andere
wie die Produzenten selbst, nämlich die bloßen Privatbesitzer von
Boden und Kapital, als bei der Produktion beteiligt und deshalb zu
einem Anteil am Nationaleinkommen berechtigt anzusehen sind“8).

Hiermit wird also das doppelte Gesicht der Verteilung enthüllt:
wirtschaftlich überliefert der Tausch dem Kapital, dem Boden und
der Arbeit einen Teil des Produktes, der mit dem Wert überein-
stimmt, zu dem ihre Dienste auf dem Markt eingeschätzt werden;
sozial gestattet er, daß den einzigen Schöpfern des Produktes, den
Arbeitern, ein Teil dieses Produktes genommen wird, ein Teil, der
das darstellt, was Kodbebtus mit einem einzigen Wort „die Rente“
nennt, unter welchem Wort er das Einkommen der Großgrund-
besitzer und der Kapitalisten zusammenfaßt.

Kein anderer Volks Wirtschaftler hat mit solcher Klarheit diese

Güter nicht nach Arbeit vertauschen und (des Kapitals wegen) vertauschen können,“
und er fügt bezeichnenderweise hinzu: „was sich seinerzeit einmal gegen Marx
gebrauchen läßt“.

1)	„So ist auch die Kongruenz des Tauschwertes der Produkte mit den Arbeits-
quanten, die sie gekostet, keine Tatsache, sondern die großartigste staatswirtschaftliche
Idee, die je ihre Verwirklichung angestrebt hat.“ (2. sozialer Brief.) Kapital,
Bd. II, S. 68—69).

2)	Hin und wieder gibt Rodbertus als Hypothese und zum Nachweis gewisser
Beweisführungen eine Tendenz der Preise zu, schon heute mit den Arbeitskosten
übereinzustimmen; aber seine Grundlehre braucht diese Hypothese nicht, die bei
ihm nur eine augenblickliche Hilfsrolle spielt. In seiner (übrigens völlig irrtüm-
lichen) Theorie der Teilung des Einkommens ohne Arbeit zwischen Grundeigen-
tümern und Kapitalisten, gibt er ganz vorübergehend in dem 3. sozialen Briefe
(Schriften, Bd. II, S. 101) zu: „daß der Tauschwert jedes fertigen Produktes, wie
eines jeden Teiles des Produktes, gleich seinem Wert an Arbeit ist“, (nach dem
franz. Text, Anm. des Übers.)

s) Kapital, S. 119.
        <pb n="511" />
        ﻿486

Viertes Buch. Die Abtrünnigen.

beiden Seiten der Güterverteilung herausgearbeitet. Er zeigt mit
unvergleichlicher Kraft den ewigen Widerspruch, der für so viele
Denker ein Stein des Anstoßes gewesen ist, und der zwischen unserem
Gerechtigkeitsgefühl, das die Entlohnung eines jeden im Verhältnis
zu seiner Leistung verlangt, und der Gleichgültigkeit der Gesell-
schaft besteht, die, vor allem anderen mit der Befriedigung ihrer
Bedürfnisse beschäftigt, einzig und allein den Marktwert der Dienste
und der Produkte in Betracht zieht, ohne sich über ihren Ursprung
oder die Anstrengungen, die sie gekostet haben, Gedanken zu
machen, — und unterschiedslos die Tagesarheit des Arbeiters und
das von dem ersten besten Müßiggänger ererbte Kapital in gleicher-
weise entlohnt. Es ist das unzweifelbare Verdienst Rodbeetus’,
diese Wahrheit aus den oft verworrenen Auseinandersetzungen der
früheren Schriftsteller herausgearbeitet und sie mit unbestreitbarer
Autorität der Aufmerksamkeit der Volkswirtschaftler aufgezwungen
zu haben.

Hierbei bleibt aber die Kritik Rodbeetus’ nicht stehen — und
wenn auch vom Gesichtspunkt der Geschichte der Doktrinen der
Nachweis, den wir eben zusammengefaßt haben (der Unterschied in
der Verteilung vom sozialen und vom rein wirtschaftlichen Gesichts-
punkte aus) sein hauptsächlichstes Verdienst vorstellt —, so müssen
wir doch noch auf die Folgerungen, die er daraus zieht, eingehen.

Was Rodbeetus von seinem Standpunkt aus am meisten inter-
essiert, ist nicht, — wie man schon bemerkt haben wird, — die Art
und Weise, wie sich die Höhe des Lohnes, der Zinsen oder der
Pacht festsetzt. In seinen Augen ist dies ein durchaus neben-
sächliches, fast gleichgültiges Problem, im Vergleich zu der viel
wichtigeren sozialen Frage: welches sind die proportionalen
Anteile, die die Arbeiter und die Nichtarbeiter am nationalen
Produkt erhalten? Er glaubt nachgewiesen zu haben, daß die Arbeiter
beraubt werden; aber wird diese Beraubung ewig dauern? Strebt im
Gegenteil der wirtschaftliche Fortschritt nicht darauf hin, „die Rente“,
nämlich das arbeitslose Einkommen, nach und nach zu verringern, und
zwar zugunsten des Lohnes? Bastiat und Caeey haben dies geglaubt.
Sie behaupteten, daß der proportionale Anteil des Kapitals am Produkt
beständig geringer werde, und zwar zugunsten des auf die Arbeit
entfallenden Anteils. Ricardo hatte sich dieselbe Frage vorgelegt und
war, auf Grund der unvermeidlichen Preissteigerung der Nahrungs-
mittel, zu dem Schluß gekommen, daß der Anteil der Großgrund-
besitzer zum Nachteil der beiden anderen beständig größer werde.
J.-B. Say hatte sich schon zur Zeit der ersten Ausgaben seines
Traite diese Frage vorgelegt, aber ohne sie zu beantworten. Eod-
bektus nimmt weder die Lösung Bastiat’s, noch die Ricaedo’s
        <pb n="512" />
        ﻿Kapitel II. Der Staatssozialismus.

487

an. Für ihn ist es sicher, daß der proportionale Anteil des Arbeiters
am Produkt zugunsten der beiden anderen sinkt*).

In Übereinstimmung mit seinen theoretischen Gewohnheiten ge-
nügt ihm eine einfache logische Deduktion, um .dies nachzuweisen.
Die Höhe des Lohnes — das hat er soeben anerkannt — wird durch
den Stand des Angebotes und der Nachfrage auf dem Arbeitsmarkte/
bestimmt. Aber der Marktpreis der Arbeit, wie der der Produkte,
strebt nach einem Normalwert hin, und dieser Wert ist nichts anderes,
als der notwendige Lohn Ricaedo’s. „Der Anteil der Produzenten
am Produkt richtet sich zuletzt und im allgemeinen nicht nach dem
Ergebnis ihrer Produktion, sondern nach dem Produktquantum, das
hinreicht, um ihnen die Kräfte für Weiterarbeit und die Mittel zur
Aufzucht neuer Arbeiter zu geben2).“ Es ist dies das berühmte
Eherne Lohngesetz, aus dem Lassalle einige Jahre später den
Grundstein seiner Propaganda macht, das aber im Gegenteil Marx
niemals formell angenommen hat.

Wenn man dieses Gesetz einmal anerkannt hat, so genügt es, zu
konstatieren, daß die Produktivität der Arbeit täglich wächst, und
daß sich daher die Menge der Produkte regelmäßig vermehrt, um
dann ganz arithmetisch zu dem Schluß zu kommen, daß, da die ab-
solute Menge, die von den Arbeitern ständig von dieser wachsenden
Menge genommen wird, stets dieselbe bleibt, dies mit Notwendigkeit
einen stets geringeren Yerhältnisanteil darstellt, im Maßstabe,
wie die ganze Menge sich vermehrt.

Gleichzeitig erhalten wir so die Erklärung der Krisen. Im Be-
mühen, sich auf der Höhe zu halten, sagt Rodbertus, vermehren die
Unternehmer beständig ihre Produktivität, und zwar innerhalb der
Grenze der Anteile des sozialen Produktes, die jeder Klasse zu-
kommen, weil diese Anteile die Ausdehnung der Nachfrage bestimmen8).
Während nun die Produktion größer wird, verringert sich der Anteil

’) „Wenn der Verkehr in bezug auf die Verteilung des Nationalprodnktes sich
selbst überlassen bleibt, bewirken gewisse mit der Entwicklung der Gesellschaft ver-
bundene Verhältnisse, daß bei steigender Produktivität der gesellschaftlichen Arbeit
der Lohn der arbeitenden Klassen ein immer kleinerer Teil des Nationalproduktes
wird.“ 2. sozialer Brief (Schriften, Bd. II, S. 37.)

2) Kapital, S. 184.

s) Diese Auffassung, daß die Unternehmer ihre Produktion auf die Größe der
sozialen Anteile basieren, ist befremdend. Trotzdem hat ihr Eodeertus in eigenen
Worten Ausdruck gegeben: „Sie (die Klassen) gelten nur nach der Größe ihres Anteils am
Nationalprodukt auf dem Markt. . . . Der Größe dieser Anteile gemäß müssen die
Unternehmer den Umfang der einzelnen Produktionen einzuriohten suchen.“ Kapital
S. 52—53. Vgl. auch S. 206.) — Es ist jedoch klar, daß die Unternehmer ihre
Produktion einzig auf die Nachfrage nach den Gegenständen gründen, die sie im
besonderen fabrizieren, und höchst gleichgültig gegenüber den Anteilen sind, die die
sozialen Klassen aus dem Gesamtprodukt zu erhalten haben.
        <pb n="513" />
        ﻿488

Viertes Buch. Die Abtrünnigen.

der Arbeiter mit jeder neuen Periode, so daß die Nachfrage nach
einem großen Teil der sozialen Produkte beständig hinter der Pro-
duktion znrückbleibt. „Wenn nun also ... auf diese Weise den Unter-
nehmern ohne ihr Verschulden fortwährend und unerwartet der Boden
unter den Füßen schwände“?1) Diese Theorie über die Krisen, die
fast genau mit der Sismondi’s übereinstimmt2) — und die eher die
chronischen Depressionen als die eigentlichen Krisen erklärt —, hat
ebensoviel oder ebensowenig Wert, wie die Theorie der proportionalen
Verteilung der Produkte unter die sozialen Klassen.

Diese Theorie nun, der Rodbeetus eine so außerordentliche Be-
deutung beilegte, die er schon 1837 in seinen Forderungen der
arbeitenden Klassen aufgestellt hatte und hauptsächlich in
seinen Sozialen Briefen entwickelte (in denen er ausdrücklich
sagt, daß sie der Grundstein seines Systems ist, zu dem alle anderen
in Wirklichkeit nur Vorarbeiten sind), diese Theorie, für die er sein
ganzes Leben hindurch hoffte, die statistische Bestätigung zu finden,
ist weit davon entfernt, die Tragweite zu haben, die er ihr zuschrieb.

Zunächst ist das Argument, auf das er sich stützt — das eherne
Lohngesetz — heute nicht nur von den bürgerlichen Volkswirtschaftlern,
sondern sogar von den Sozialisten selbst aufgegeben worden. Aber sogar,
wenn das eherne Lohngesetz wahr wäre, würde die Beweisführung
Rodbeetus’ noch nicht schlüssig sein, denn der Anteil der Arbeiter
an dem Totalprodukt hängt nicht von nur einem, sondern von zwei
Faktoren ab: der Höhe des Lohnes und der Zahl der Arbeiter.
Rodbeetus begeht einen Fehler, der dem Bastiat’s ähnlich ist, als
er den Anteil des Kapitals am Totalprodukt mit Hilfe eines einzigen
Faktors bestimmen wollte, der Höhe des Zinsfußes, während dieser
Anteil gleichzeitig von der Höhe des Zinsfußes und der Menge der
vorhandenen Kapitalien abhängt.

Alles, was man zugeben kann, ist, daß, wenn die Argumente,
mit denen Rodbeetus seine Theorie verteidigt, auch nicht mehr wert
sind als die Bastiat’s, so doch seine Theorie an und für sich mit
den von der Statistik dargebotenen Tatsachen mehr übereinzustimmen
scheint, — denn einzig und allein die Statistik, und nicht irgend-
welche Beweisführung a priori kann diese Frage lösen. Die Tat-

') Kapital, 8. 54.

2) Man wird sich von der fast vollständigen Übereinstimmung der beiden
Theorien überzeugen, wenn man sich die Mühe nehmen will, die Stelle des Aufsatzes;
„Balance des consommations avec les productions“ von Sismondi, als
Anhang zu den Nouveaux Prinoipes, Bd. II, 8.430 veröffentlicht, nachzulesen.
Robbehtus weist, wie Sismondi, darauf hin, daß sich auf die Dauer das Gleichgewicht
wieder hersteilen wird, aber (wie Sismondi) stellt er fest, daß die Krise eintreten
wird, bevor dies geschehen sein kann (Kapital, S. 206, Aum.) Vgl. oben 8. 216.
        <pb n="514" />
        ﻿Kapitel II. Der Staatssozialismus.

489

Sachen scheinen es wahrscheinlich zu machen, daß in gewissen Ländern
der proportionale Anteil der Arbeit am Produkt seit dem Beginn des
Jahrhunderts eher geringer geworden ist.

Nur ergibt sich hieraus keineswegs, daß die Lage der Arbeiter
sich nicht verbessert habe; denn diese Verminderung des Arbeits-
auteils im allgemeinen hat nicht die Erhöhung des indivi-
duellen Lohnes verhindert. Alles, was man daraus schließen kann,
ist, daß die Einkommen aus Arbeit nicht ebenso schnell ge-
wachsen sind, wie die aus dem Kapital1); das hat aber die Arbeiter
nicht gehindert, am Fortschritt teilzunehmen.

Was sind nun die praktischen Schlußfolgerungen, die Rodbeetus
aus seiner Theorie zieht? Logisch würde folgen, wie man auf den
ersten Blick sieht; die Abschaffung des Privateigentums und der
individuellen Produktion. Sobald die Gemeinschaft alleinige Eigen-
tümerin der Produktionsmittel geworden ist, verschwindet das Ein-
kommen ohne Arbeit; jeder ist gezwungen, zur Produktion beizutragen,
und jeder nimmt am Verbrauch im Verhältnis zu seiner Arbeit teil;
die Dauer der Arbeit und ihre Intensität bestimmen den Wert der
Gegenstände, und da die Anpassung des Angebotes au das soziale Be-
dürfnis (weiter oben haben wir das „wie“ gesehen) beständig ge-
sichert sein würde, so bleibt dieser Maßstab beständig genau und
richtig, und die Gerechtigkeit in der Verteilung ist verwirklicht.

Vor dieser Lösung schrickt Rodbeetus aber zurück, und so ver-
wandelt sich unser Sozialist in einen einfachen Staatssozialisten. Das,
was ihn erschreckt, ist nicht die ungeheuerliche Tyrannei eines solchen

]) Wir haben oben gesehen (S. B87, Anm. 1 u. 2), daß dies der Schluß ist, zu dem
Couson (Cours, Bd. III, S. 366) kommt Ebenso ist es das Ergebnis der Unter-
suchungen Chatelain’s über den Census der Vereinigten Staaten. Nach ihm
(Questions pratiques de Legislation ouvriere, Juni-Juli 1908) ist in der
amerikanischen Metallurgie von 1890 bis 1905 der Anteil des Arbeiters am Gesamt-
produkt von 71 Hundertstel auf 68 Hundertstel gefallen, während der des Kapitals
von 28 Hundertstel auf 32 Hundertstel gestiegen ist. Trotzdem ist der jährliche
Lohn des Arbeiters von 551 auf 626 Dollar gestiegen, und der Profitsatz ist von 9 %
auf8°/0 gefallen. — Wir wollen noch hinzufügen, daß trotz dieser Verminderung des
Anteils der Arbeit man hieraus nichts hinsichtlich der Erhöhung oder Ver-
ringerung des Einkommens der Arbeiterklasse im allgemeinen schließen
kann. Ein Teil der Arbeiter besitzt ein kleines Kapital. Zwar ist es heute
noch äußerst klein, doch nichts steht dem Glauben entgegen, daß es in Zukunft
größer werden wird.

Man sieht, wie kompliziert diese Erage ist, und welche Genauigkeit sie erfordert.
Man muß in ihr wenigstens drei Begriffe unterscheiden: den des individuellen
Lohnes, den des Anteils der Arbeit am Produkt, und den des Einkorn mens
der Arbeiterklasse. Vgl. über diese Frage die Ideen Edwin Cannan’s im
Quarterly Journal of Economics, 1905, und was er darüber in seinem Buch
Production and Distribution, 1776—1848, sagt.
        <pb n="515" />
        ﻿490

Viertes Buch. Die Abtrünnigen.

Systems, in dem die Produktion und sogar der Verbrauch den Ver-
ordnungen der Behörde unterworfen sein würde: „Personen und Wille
sind so frei, wie sie überhaupt nur in der Gesellschaft sein können“,
sagt er an einer Stelle1), und „Gesellschaft“ bedeutet für ihn not-
wendigerweise Zwang. Seine Befürchtungen liegen wo anders. Zu-
nächst in seinem Abscheu vor jeder revolutionären Umwälzung. Und
dann erschreckt ihn die mangelhafte Erziehung der Massen: sie
würden heute noch nicht die Notwendigkeit verstehen, einen gewissen
Teil ihres Einkommens zu opfern, um einigen Menschen zu gestatten,
in Frieden die Künste und die Wissenschaften zu pflegen, diese beiden
schönsten Früchte der Zivilisation. Weiterhin ist heute überall das
ungerechte Eigentum mit dem von der Arbeit geschaffenen Eigentum
verschmolzen: „Es (das Grundeigentum) hat seinem Unrecht so viel
Kecht beigemischt“, sagt er, „daß man das wahre Eigentum nur mit
empören würde, wenn man sofort schon Hand an das falsche legen
wollte“2).

Daher muß auf alle Fälle ein Kompromiß gefunden werden. Da
von den beiden Einrichtungen, die heute die Quelle der Ungerechtig-
keit sind — dem Eigentum und der Vertragsfreiheit —, das erste nicht
ohne Nachteil abgeschafft werden kann, so versuchen wir wenigstens,
die zweite zum Verschwinden zu bringen. Behalten wir (vorläufig)
das Eigentum bei: aber schaffen wir die Vertragsfreiheit ab. Hier-
durch werden wir, auch wenn wir das arbeitslose Einkommen nicht
sofort zerstören können, zum wenigsten seinen schwerstwiegenden
Nachteil verbessern: das Sinken des proportionalen Anteils der Arbeit
an dem Produkt. Auf diese Weise werden zur gleichen Zeit der
Pauperismus und die Krisen verschwinden8).

Schon heute kann dies geschehen. Möge der Staat den Wert
des sozialen Gesamtproduktes in Arbeit einschätzen, möge er den
Bruchteil dieses Wertes, den die Arbeiter zu erhalten haben, fest-
setzen, möge er für diese Summe an die Unternehmer (jedem gemäß
der Anzahl der von ihm beschäftigten Arbeiter) Lohnbons verteilen,

*) Kapital, S. 212.

2) Ebenda, S. 228.

s) „Daher glaube ich, wie die Geschichte von jeher &lt;nur in Kompromissen
fortgeschritten ist) auch nur ein Kompromiß zwischen Arbeit und Grund- und
Kapitaleigentum die nächste Aufgabe unserer Wissenschaft ist.“ Kapital, S. 228.)
In einem Brief vom 18. September 1873 an E. Meyeh (Bf. Nr. 130, S. 318—319)
erklärt er, daß „das große Problem“ darin besteht, uns „auf friedlichem Entwicklungs-
wege aus unserer auf dem Grund- und Kapitaleigentum beruhenden abgelebten
Staatenordnung in die geschichtlich ihr folgende, auf dem Verdienst oder reinem
Einkommenseigentum sich gründende, schon in den meisten sozialen Verhältnissen
wie zur Geburt sich regende und rührende höhere Staatenordnung allmählich ein-
zuführen“.
        <pb n="516" />
        ﻿Kapitel II. Der Staatssozialismus.

491

gegen welche die Unternehmer in öffentlichen Niederlagen eine gleich-
wertige Menge Produkte abliefern müssen (deren Wert in Arbeit
geschätzt ist), und zum Schluß mögen sich die Arbeiter, die von ihren
Unternehmern in Lohnbons bezahlt werden, in den öffentlichen Nieder-
lagen auf Grund dieser Lohnbons mit dem, dessen sie bedürfen, ver-
sehen. Die Schätzung des in Arbeit ausgedrückten nationalen Pro-
duktes würde von Zeit zu Zeit wiederholt werden müssen. Damit
der Bruchteil dieses Produktes, der den Lohn darstellt, stets der
gleiche bleibt, muß der Staat die absolute Zahl dieser Lohnbons mit
dem Fortschritt der Produktion vermehren. So würde der von Eoo-
beetus verfolgte Zweck, die automatische Beteiligung der Arbeiter-
klassen am Fortschritt der nationalen Produktion, erreicht seinr).
Dies ist das Projekt unseres Autors. /

Es ist unnötig (ohne von den praktischen Schwierigkeiten zu
sprechen), hier auf die wirtschaftlichen Unmöglichkeiten dieses Vor-
schlages einzugehen. Wenn wir ihn erwähnt haben, so beruht dies
auf zwei Gründen. Zunächst um die Mühe darzulegen, die Eodberttjs
sich gemacht hat, um ein „Kompromiß“, wie er sagt, zwischen
der bestehenden Gesellschaft und der kollektivistischen Gesellschaft
der Zukunft zu finden. Während Marx anscheinend gleichgültig der
wachsenden Proletarisierung der Arbeiter zusieht, die er als Vorstufe
zu ihrer endgültigen Erlösung betrachtet, will Kodbebtus so schnell
wie möglich den drückendsten Übelständen Abhilfe schaffen und
schon jetzt die Lage der Arbeiter verbessern1 2). Aber dieser
Plan zeigt vor allem das außerordentliche Vertrauen, das Eou-
BEuxus in die Allmacht des Staates hat, in die Macht der Eegie-
rungen, diejenigen menschlichen Handlungen ihrem Willen zu unter-
werfen, deren Unabhängigkeit der Mensch bisher am eifersüchtigsten
gewahrt hat, und gleichzeitig seine völlige Gleichgültigkeit für die
individuelle Freiheit als Hebel der Wirtschaft.

Im Maße, wie der Gedanke Eodbeetus’ sich entwickelt, wandelt
sich diese Gleichgültigkeit gegenüber der individuellen Freiheit in
eine immer lebhaftere Feindschaft. Sein Vertrauen in die Zentral-
gewalt wird dagegen immer stärker, und in seinen letzten historischen
Werken legt er eine organische Gesellschaftstheorie dar, die ihr als

1)	Vgl. Kapital, S. 12511. und besonders seinen Aufsatz: der Normal-
arbeitstag, der 1871 erschien und in den Briefen und sozialpolitischen
Aufsätzen, S. 55211. wieder abgedruekt worden ist. — Der Gedanke, den Wert
zu bilden, wie es Mer Eodbektus versucht, war schon 1847 von Mabx in seiner
Misere de la Philosophie mit Bezug auf Pkoudhnon kritisiert worden. Für
ihn zieht die Sozialisation der Produktion die des Tausches nach sich. Auch das ist
ein Punkt, in dem Marx und Eodbektus verschiedener Meinung sind.

2)	Vgl. Kapital, S. 229, Anm.
        <pb n="517" />
        ﻿492

Viertes Buch. Die Abtrünnigen.

Rechtfertigung dienen soll. Er sagt: ebenso wie in der Stufenleiter
der Lebewesen die höchststehenden diejenigen sind, die zugleich die
am höchsten differenzierten und die am besten integrierten Organe
besitzen, so auch in der Geschichte; im Maßstabe, wie man von einer
niederen, sozialen Form zu einer höheren Form übergeht, „nimmt der
Staat an Umfang und an Wirksamkeit extensiv und intensiv zu. Die
staatliche Organisation in diesem Sinne wird nicht bloß von Stufe
zu Stufe mannigfaltiger, d. h. jede besondere Funktion wird immer
mehr an ein besonderes Organ gebunden — die soziale Organisation
wirkt auch von Stufe zu Stufe übereinstimmender, d. h. die immer
mannigfaltiger werdenden sozialen Organe kommen in immer größere
Abhängigkeit von einem Zentralorgan —, mit anderen Worten, auch auf
der Stufenleiter der sozialen Organismen entscheiden Teilung der
Arbeit und Zentralisation über den Grad der Vollkommenheit der
Organisation, über die Höhe der Stufe, welche der Organismus ein-
nimmt“ 1).

So werden wir am Schluß zu der am Anfang von Rodbeetüs als
grundlegend aufgestellten Frage zurückgeführt. Vollziehen sich die
sozialen Funktionen selbständig zum Wohl des sozialen Körpers oder
können sie sich nur durch das Zwisehenglie'd eines besonderen Organes,
des Staates oder der Regierung, betätigen ? Ist die Antwort, die er uns
gibt, wirklich befriedigend ?

Gleich am Anfang muß ein erster Widerspruch auffallen: die
Grenzen der wirtschaftlichen Gemeinschaft und die der politischen
Gemeinschaft stimmen nicht überein. Die eine wird durch die Arbeits-
teilung geschaffen und dehnt sich mit ihr aus; die andere entsteht
aus den wechselnden Glückszufälien der Geschichte. Logischerweise
müßte daher die wirtschaftliche Regierung andere Organe besitzen
und andere Grenzen haben als die politische Regierung. Und trotz-
dem vertraut Rodbeetüs dem Staat, so wie er sich aus der Geschichte
entwickelt hat, die Rolle des leitenden Organes an. Zwischen der
Definition der wirtschaftlichen Gemeinschaft Rodbeetüs’ und seiner
endgültigen Zuflucht in die Arme des nationalen und monarchischen
Staates besteht ein entschiedener Widerspruch, ein Widerspruch, der
sich in gleicher Weise für jeden analogen Versuch eines „nationalen“
Sozialismus ergibt.

Auf der anderen Seite: um nachzuweisen, daß die selbstentstan-
denen sozialen Mechanismen nicht ausreichen, hat Rodbeetüs, wie
wir gesehen haben, die Definition der wirtschaftlichen Funktionen,
wie sie in der Wirklichkeit bestehen, mit dem Ideal vertauscht, das

9 Zur Geschichte der römischen Tributsteuern, in den Jahr-
büchern für Nationalökonomie und Statistik, 1867, Bd. VIII, S. 447, Anm.
        <pb n="518" />
        ﻿Kapitel II. Der Staatssozialismus.

493

er sich davon macht. Daher fällt ihm der Nachweis nicht schwer,
daß diese idealen Funktionen sich heute noch nicht vollziehen.
Es ist sicher, daß die Produktion noch nicht auf dem „sozialen Be-
dürfnis“ beruht, und daß die Güter sich nicht im Verhältnis zur ge-
leisteten Arbeit verteilen. Wir haben aber auch gesehen, daß das
„soziale Bedürfnis“, so wie es Eoubeetus auffaßt, ein durchaus un-
bestimmter Begriff ist. Die logische Anwendung der Verteilungsformel,
die er aufstellt, „jedem das Produkt seiner Arbeit“, stößt auf Un-
möglichkeiten, und die Sozialisten geben selbst zu, daß es weder die
Ansprüche der Menschheit noch die der Produktion befriedigen
würde. Damit die Beweisführung Eodbeetxjs’ überzeugend wirken
könnte, dürfte seine Definition der sozialen Funktionen nicht schon
an und für sich so große Schwierigkeiten verursachen.

Geben wir ihm aber immerhin zu, daß die Existenz einer Gesell-
schaft den guten Ablauf gewisser Funktionen bedingt, deren De-
finition hier ohne Bedeutung ist. Dann bleibt immer noch die Frage
offen, und in ihr liegt die schwerstwiegende Kritik: ob die Kontrolle
und die Voraussicht der Menschen sich nicht in einer anderen Weise,
als durch die Einmischung des Staates, betätigen können ? Für Eon-
bebtds gibt es nur eine Alternative: entweder absoluter Individualis-
mus oder alleinige Leitung durch den Staat. Aber weder die Natur
noch die Geschichte lassen sich in einem derartigen Dilemma fangen.
Sein Vergleich der Gesellschaft mit einem biologischen Organismus hat
nur den Wert eines einfachen Gleichnisses, das heute fast allgemein
verworfen wird. Ihm erscheinen der wirtschaftliche Individualismus
und die persönliche Freiheit als untrennbar. Er teilt eine Illusion,
die zu jener Zeit fast allen Volkswirtschaftlern gemeinsam war. Es
schien damals unmöglich, über den Individualismus zu triumphieren,
ohne die Freiheit zu . zerstören. Wir wissen aber heute, daß diese
Ideenverbindung, wie viele andere ähnliche, nicht ewig ist. Unser
heutiges wirtschaftliches Leben, das zwischen dem Individuum und
dem Staat eine immer größere Vielfältigkeit freier wirtschaftlicher
Genossenschaften emporkommen sieht, beweist seine Unhaltbarkeit
mit jedem Tage mehr.

Es ist jetzt leicht, das aufzuzeigen, was in der Lehre Eod-
bertus’ so ausgesprochen konservative Köpfe wie die modernen Staats-
sozialisten anziehen konnte, die doch von dem Streben beseelt sind,
mehr Gerechtigkeit in unser wirtschaftliches Leben zu bringen. Es
ist dies zunächst die von Eoubbexus selbst verwirklichte Trennung
der Politik von dem wirtschaftlichen Sozialismus und seine Abneigung
gegen jede Eevolution. An zweiter Stelle steht seine „organische“
Auffassung der Gesellschaft, die seinen ganzen Gedankengang durch-
dringt. Der Staatssozialismus nimmt mit ihm an, daß die Produktion
        <pb n="519" />
        ﻿494

Viertes Buch. Die Abtrünnigen.

und die Verteilung der G-üter mehr und mehr den Charakter „sozialer
Funktionen“ haben; mit ihm kommt er zu dem Schluß, daß sie sich
der Kontrolle der Individuen entziehen, und daß sie eine immer mehr
zentralisierte Leitung erfordern, die dem Staat übertragen werden
muß. Dagegen weigert sich der Staatssozialismus, sich der von Eod-
bebtüs ausgesprochenen radikalen Verurteilung des Privateigentums
und des arbeitslosen Einkommens anzuschließen. Auf diese Weise
wird die Umformung des „Kompromisses“ Eodbertus’ in ein sich
selbst genügendes System zur Hauptaufgabe der Staatssozialisten.
Anstatt hierin eine Art verkleinerten Sozialismus zu sehen, behaupten
sie im Gegenteil, im Sozialismus eine einfache Übertreibung ihrer
eigenen Lehre zu erblicken 3).

B. Lassalle.

Eodbertus hat dem Staatssozialismus seine grundlegende soziale
Theorie geliefert; aber Lassalle sollte dem Gedanken der staatlichen
Einmischung seine ganze Stoßkraft verleihen.

Die Kürze und der Glanz seiner politischen Eolle, die Macht
seiner volkstümlich ansprechenden und rhetorisch vollendeten Bered-
samkeit, die Ursprünglichkeit einer Natur, die für die Wissenschaft
und für kraftvolle Handlung gleich leidenschaftlich begeistert war,
das Eomanhafte und Theatralische seiner bewegten Existenz verlieh
allen seinen Worten einen außerordentlichen Widerhall. 23 Jahre alt,
hatte er 1848 zusammen mit Marx an der revolutionären Agitation
teilgenommen. Seitdem beschäftigte er sich fast ausschließlich mit
philosophischen, juristischen und literarischen Arbeiten. Nach einem
langen Stillschweigen betritt er 1862 von neuem die Arena. Zu dieser
Zeit konzentriert sich das ganze deutsche politische Leben in dem
kleinlichen Kampf der preußischen Fortschrittspartei gegen Bismarck
in der Verfassungsfrage. Lassalle erklärt beiden, der Eegierung
und der bürgerlichen Opposition, den Krieg, der letzteren vielleicht
noch energischer als der ersteren, und indem er sich an die Arbeiter
wendet, ruft er sie auf, eine neue Partei zu gründen, die, unter ver-
ächtlicher Beiseitelassung der rein politischen Fragen, ihre wirtschaft-
liche Befreiung vorbereiten soll. Zwei Jahre lang, von 1862—1864
hallt Deutschland von seinen Ansprachen wieder, erregen seine
Broschüren und seine Verteidigungsreden vor den Gerichtshöfen das

') „Der extreme Sozialismus, sagt Adolf Wagnek, ist nur eine Übertreibung
eines partiellen Sozialismus, welcher in der geschichtlichen Entwicklung des ge-
sellschaftlichen und volkswirtschaftlichen Lebens aller, besonders der Kulturvölker
langst bestanden hat.“ (Grundlegung, 3. Ausg., Lpg. 1892, S. 756, 4. B., 2. Kap., § 295.)
        <pb n="520" />
        ﻿Kapitel II. Der Staatssozialismus.

495

größte Aufsehen, und leuchten die Flammen seiner zündenden Propa-
ganda für den „Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein“, den er 1863
in Leipzig gegründet hatte, weit über die Grenzen der verschiedenen
deutschen Staaten. Während ihn die Arbeiter am Rhein wie einen
Triumphator mit Gesängen und Blumenguirlanden empfangen, be-
kämpfen die liberalen Zeitungen rücksichtslos den Agitator, der die
seit 1848 unterbrochene demokratische und soziale Propaganda
wieder aufgenommen hatte, und beschuldigen ihn sogar, durch seine
unerwarteten Angriffe vollständig aus dem Gleichgewicht gebracht,
im Geheimen mit der Regierung zu paktieren. Und dann, mit einem
Schlage, ist all dieser große Lärm verhallt! Am 31. August 1864
stirbt Lassalle an den Folgen eines Duells *) und von seiner ganzen
Arbeit bleibt nur der „Deutsche Arbeiterverein“ übrig, der Embryo
der großen sozialdemokratischen Partei Deutschlands, und die Er-
innerung an seine ätzenden Angriffe gegen den individualistischen
Liberalismus.

Als Theoretiker ist Lassalle ein Sozialist, dessen Grundauf-
fassungen sich kaum von denen Maex’ unterscheiden. Die ganze
geschichtliche Entwicklung besteht für ihn in einer immer wachsen-
den Beschränkung der Rechte des Eigentums2), einer Beschränkung,
die in hundert oder zweihundert Jahren zu seinem vollständigen
Verschwinden führen muß 3). Lassalle ist aber in erster Linie ein
Mann der Tat; er dürstet nach praktischen Erfolgen. In diesem
Augenblick beginnt nun gerade die deutsche Arbeiterschaft zu poli-
tischem Leben zu erwachen. Noch ist sie unsicher über den Weg,
den sie einschlagen soll. 1863 suchen einige Arbeiter, ihre Kame-
raden in einem Kongreß zu vereinigen. Sie wenden sich an Lassalle,
wie an andere bekannte Demokraten, um seine Meinung über die
Arbeiterfrage zu hören und geben ihm so die gewünschte Gelegen-
heit, sich eine Partei zu schaffen und ihr Führer zu werden. Welches
Programm aber soll gewählt werden? Die Arbeiter brauchen, sagt
Lassalle, „etwas Genaues, Faßbares“ 4). Auf der anderen Seite „darf
man das dem Mob freilich heute noch nicht sagen“5), darf ihm die
letzten Ziele einer derartigen Agitation nicht enthüllen. Ohne daher

‘) Der große englische Schriftsteller G. Mehedith hat dieses tragische Abenteuer
zum Gegenstand eines Romans gemacht, in dem die Psychologie Lassallb’s be-
wundernswürdig dargestellt wird: The tragic comedians. Vgl. auch Lassallb
von Georg Brandes und oben, S. 474, Anm.

2)	System der erworbenen Rechte, 1. Teil; die Theorie der erworbenen
Rechte und die Kollision der Gesetze, Lpg. 1861, 8. 259, Anm.

3)	Briefe Lassalle’s an Rodeeetüs, Berlin 1878, S. 46.

*) Ebd. S. 44.

5) Ebd. S. 46.
        <pb n="521" />
        ﻿496

Viertes Buch. Die Abtrünnigen.

seine Propaganda mit einem zu entfernten Ideal zu belasten, kon-
zentriert er seine ganzen Anstrengungen auf zwei sofort realisier-
bare Forderungen; eine politische und eine wirtschaftliche: das all-
gemeine Wahlrecht und die Schaffung von vom Staat unterstützten
Produktivgenossenschaften. Um die Massen für diese Reformen zu
gewinnen, weist er nicht auf die Ausbeutung der Arbeiter durch die
Eesitzenden hin, was die bürgerliche Klasse zu sehr erschreckt haben
würde1), sondern nur auf das „eherne Lohngesetz“, eine recht
glückliche Formel, die er gefunden hat, um Ricaruo’s Theorie des
notwendigen Lohnes zu bezeichnen.

Wie Rodbektus sehr gut gesehen hat, muß man einen „exote-
rischen“ und einen „esoterischen“ Lassalle unterscheiden 2j, oder ein-
facher: einen Politiker, der zum Volk spricht, und einen Theoretiker
des Studierzimmers; der Theoretiker äußerst kühn, der Politiker mehr
opportunistisch. Seine Zeitgenossen haben nur den Politiker gekannt.
Seine seitdem veröffentlichten Briefe zeigen, daß man der von ihm
vorgeschlagenen Reform nicht mehr Bedeutung beimessen darf, als er
ihr selbst beilegte. Abgesehen davon, daß sie dem Plan der sozialen
Werkstätten Loüxs Blanc’s entnommen ist, schreibt er selbst an
Rodbertüs, daß er bereit ist, sie aufzugeben, wenn man ihm eine
bessere zeigen kann. Die Idee der Genossenschaft war übrigens
der deutschen liberalen Partei keineswegs fremd. Nicht zum ersten-
mal predigte man sie der Arbeiterklasse. Der Abgeordnete Schulze
(aus Delitzsch), die Zielscheibe der meisten Angriffe Lassallb’s, hatte
durch eine energische Propaganda seit 1849 eine große Zahl von
Kredit- und Konsumgenossenschaften geschaffen, die sich allerdings
weniger aus Arbeitern als aus Handwerkern zusammensetzten und

‘) „Kein Arbeiter wird jemals vergessen, daß jedes gesetzlich erworbene Eigen-
tum absolut unberührbar und gerecht ist“, sagt er in seiner Eede vom 12. April 1862
an die Arbeiter Berlins, die unter dem Namen Arbeiterprogramm bekannt ist
(Ausg. Pfau, Bd. I, S. 197). An anderer Stelle verteidigt er sieh gegen den Vorwurf,
die Niohtbesitzenden gegen die Besitzenden aufzuwiegeln; er behauptet im Gegenteil,
eine rein demokratische Agitation zu entfalten (Ebd. II, S. 141) und die Vereinigung
der Klassen zu erleichtern. (Ebd. II, S. 126—127).

2) Einführung Adolf Wagner’s zu den Briefen Lassallb’s an Eodbbrtüs,
S. 5. Lassalle hat selbst diese etwas macchiavelistische Haltung in einem Briefe an
Marx aus dem Jahre 1859 im voraus definiert, in dem er von seinem Drama über
Franz von Sickingbn spricht und erklärt: „Unter diesen Umständen scheint es ein
Triumph übergreifender realistischer Klugheit seitens der ßevolutionsführer, mit den
gegebenen endlichen Mitteln zu rechnen, die wahren, letzten Zwecke der Bewegung
anderen . . . geheim zu halten und durch beabsichtigte Täuschung der herrschenden
Klassen, ja durch die Benutzung dieser, die Möglichkeit zur Organisation der neuen
Kräfte zu gewinnen, um so durch dies klug erlangte Stück Wirklichkeit die Wirklich-
keit selbst dann zu besiegen“ (Briefe von Lassalle, Marx, und Engels: Aus
dem literarischen Nachlaß von K. Marx, E. Engels und Lassallb;
veröffentlicht von F. Mehring, Stuttgart 1902, Bd. IV, S. 133.)
        <pb n="522" />
        ﻿Kapitel II. Der Staatssozialismus.

497

deren Hauptzweck darin lag, ihnen den Einkauf der Rohstoffe zu
erleichtern. Grundsatz dieser Genossenschaften allerdings war der
Ausschluß jeder staatlichen Einmischung.

Neu war daher bei Lassalle nur sein Ruf nach der Intervention
des Staates. Hierdurch, durch seinen energischen Protest gegen
das ewige Laisser-faire, machte er auf die öffentliche Meinung
Eindruck. Er selbst gefiel sich darin, seine Agitation in diesem
Licht darzustellen, ln seiner Rede an die Arbeiter Frankfurts am
19. Mai 1863 rief er aus: „Das, sage ich Ihnen, ist der prinzipielle
Punkt (der der stattlichen Einmischung), um den es sich in dieser
ganzen Agitation handelt, und für den ich mich zu derselben ent-
schlossen habe. Hier, mit dieser Frage, steht und fällt die Schlacht,
die ich schlage“ 1).

In jeder seiner hauptsächlichsten Schriften kommt er auf diesen
Gedanken zurück. Er hat ihn jedoch ganz besonders in seiner Rede
an die Berliner Arbeiter im Jahre 1862 entwickelt. Hier tritt er
uns in seiner ganzen Kraft entgegen. Er stellt hier der „bürger-
lichen“ Auffassung die „wahre“ Auffassung vom Staat gegenüber,
die, wie er sagt, die der Arbeiterklasse ist. Für die Bourgeoisie hat
der Staat keinen anderen Zweck, als die Freiheit und das Eigentum
der Individuen zu beschützen. Diese Auffassung würde genügen,
wenn wir alle „gleich stark, gleich gescheit, gleich gebildet und
gleich reich wären“3). Da aber diese Gleichheit nicht besteht, so
bedeutet die Beschränkung der Rolle des Staates auf die eines „Nacht-
wächters“ die Auslieferung des Schwachen an die Ausbeutung durch
den Starken. In Wirklichkeit ist der Zweck des Staates etwas ganz
anderes. Die Geschichte der Menschheit ist nur ein langer Kampf,
sich die Freiheit gegenüber der Natur zu erobern, gegenüber den
Unterdrückungen aller Art; Elend, Unwissenheit, Armut, Schwachheit,
mit denen sie den Menschen umgibt. In diesem Kampfe bleibt das
vereinzelte Individuum ohnmächtig; der Zusammenschluß ist ihm un-
entbehrlich. Der Staat ist es nun, der diesen Zusammenschluß schafft,
und sein Zweck ist daher „die menschliche Bestimmung, — d. h. die
Kultur, deren das Menschengeschlecht fähig ist, — zum wirklichen

*) Werke, Äusg. Pfau, Bd. II, S. 99. Diese Bede ist unter dem Titel
Arbeiterlesebuch gedruckt worden. Gerade diese Haltung hat ihm Marx zum
Vorwurf gemacht, ln einem seiner Briefe an Schweitzer, vom 13. Oktober 1868,
den Mehring (Aus dem literarischen usw. IV, S. 362) anführt, schreibt er;
„Er ließ sich zu sehr durch die unmittelbaren Zeitumstände beherrschen. Er machte
den kleinen Ausgangspunkt — seinen Gegensatz gegen einen Zwerg, wie Schulze-
Delitzsch — zum Zentralpunkt seiner Agitation: Staatshilfe gegen Selbsthilfe.“

2)	Werke, Ausgabe Pfau, Bd. I, S. 194.

Gide und Rist, Gesoh. d. Volkswirtschaft]. Lehrmeinungen.

32
        <pb n="523" />
        ﻿498

Viertes Buch. Die Abtrünnigen.

Dasein zu gestalten; er ist die Erziehung und Entwicklung des
Menschengeschlechts zur Freiheit“ 1).

Wie man sieht, ist dies eine mehr metaphysische, als wirtschaft-
liche Formel. Sie ist denen auffallend ähnlich, durch die der Philosoph
Hegel die Eolle und die Natur des Staates definierte2). Lassallb
ist auch tatsächlich ein Schüler Hegel’s und Fichtb’s3). Durch

') Ebenda, Bd. I, S. 196.

2)	Siehe unter anderem in L^vy-Bsühl (L’Allemagne depuis Leibnitz,
Paris, 1890) das Kapitel überschrieben: „Hegel et la theorie de l’Etat.“ — („Hegel
und die Theorie vom Staat“) besonders S. 398. Nach Hegel ist der Staat „der Geist,
in so weit er sich bewußt in der Welt verwirklicht, während die Natur der Geist
ist, in so weit er sich unbewußt, als das Andere Sich, als der schlafende Geist,
verwirklicht . . . Der Fortgang Gottes in der Welt bewirkt, daß der Staat besteht.
Seine Grundlage ist die Kraft des Verstandes, die sieh als Wille verwirklicht . . .
Man darf sich nicht diesen oder jenen Staat vor Augen halten, diese oder jene Ein-
richtung, sondern man muß ihrem Wesen nach die Idee, diesen wirklichen Gott, be-
trachten. Jeder Staat nimmt an diesem göttlichen Wesensgrund teil.“ Vgl. für
alles, was die philosophischen Ursprünge des Staatssozialismus betrifft Andlbk, Le
Socialisme d’Etat en Allemagne (1897). — In seiner Philosophie der
Geschichte schreibt Hegel (S. 44): der Staat ist . . . die selbstbewußte, sittliche
Substanz, der vernünftige, göttliche Wille, der sich so organisiert hat, eine Persön-
lichkeit“ (Anm. d. Übers.).

3)	Fichte hat 1800 ein höchst bemerkenswertes Werk, Der geschlossene
Handelsstaat (im 3. Bd. seiner Vollständigen Werke, Berlin 1846) ver-
öffentlicht, in dem man eine in gewisser Hinsicht dem Staatssozialismus sehr ähnliche
Auffassung findet. Nach Fichte darf sieh der Staat nicht damit begnügen, einem
jeden Bürger sein Eigentum zu erhalten, sondern: „es sei die Bestimmung des Staates,
jedem erst das Seinige zu geben, ihn in sein Eigentum erst einznsetzen, und
sodann erst, ihn dabei zu schützen.“ (8. 399). Um diese Aufgabe erfüllen zu können,
muß zunächst ein jeder zu leben haben, denn „der Zweck aller menschlichen Tätig-
keit ist der, leben zu können; und auf diese Möglichkeit zu leben, haben alle, die von
der Natur in das Leben gestellt wurden, den gleichen Eechtsanspruch.“ (S. 402.) (Das
ist, wie man sieht, die Proklamation des Hechtes auf Dasein.) Solange das
nicht der Fall ist, darf der Luxus nicht geduldet werden; „Es sollen erst alle satt
werden und fest wohnen, ehe einer seine Wohnung verziert, erst alle bequem und
warm gekleidet sein, ehe einer sich prächtig kleidet.“ (S. 409) . . . „Es geht nicht,
daß einer sage: ich aber kann es bezahlen. Es ist eben unrecht, daß einer das Ent-
behrliche bezahlen könne, indes irgendeiner seiner Mitbürger das Notdürftige nicht
vorhanden findet, oder nicht bezahlen kann; und das, womit der erstere bezahlt, ist
gar nicht von Kechtswegen und im Vernunftstaate das Seinige (S. 409).“ — Indem
Fichte von diesem Prinzip ausgeht, schlägt er vor, einen Staat zu organisieren, in
dem die Mitglieder eines jeden Berufes (Landwirte, Handwerker, Händler usw.) einen
kollektiven Kontrakt mit den Mitgliedern der anderen Berufe abschließen, — in dem
sie ihnen versprechen, sie nicht in ihrer Arbeit zu beeinträchtigen, sondern ihnen
die Lieferung der Gegenstände, die sie selbst herstellen, in genügender Menge zu
garantieren. Der Staat würde darüber wachen, daß die Anzahl der Personen in
jedem Berufe nicht zu groß und nicht zu klein sei. Er würde den Preis der
Waren festsetzen. Da jedoch der Außenhandel dies durch Kontrakt hergestellte
Gleichgewicht stören würde, dessen Folge die Verbürgung der Existenzsicherheit
        <pb n="524" />
        ﻿Kapitel II. Der Staatssozialismus.

499

seine Vermittlung dringen die Theorien der deutschen idealistischen
Philosophen in die Diskussionen der Volkswirtschaftler ein und
schwellen so, von der unvergleichlichen Kraft seiner Beredsamkeit
getragen, die Flut, die sehr bald den manchesterlichen Liberalismus
hinwegschwemmen wird.

§ 3. Der eigentliche Staatssozialismns.

Der Zeitraum, der zwischen dem 1864 erfolgten Tode Lassalle’s
und dem Kongreß zu Eisenach im Jahr 1872 liegt, ist für die Bildung
des deutschen Staatssozialismus entscheidend.

Zunächst mindern die glänzenden Erfolge Bismarck’s von 1866
und 1870 die politische Bedeutung der Führer der liberalen Partei,
deren Blindheit im Gegensatz zu dem vorausschauenden Scharfsinn
der Regierung klar zutage getreten ist. Ein Schatten dieses Vor-
wurfs fiel auch auf den wirtschaftlichen Liberalismus, dessen Führer
in Deutschland teilweise dieselben waren, wie die der liberalen
Parteix). Dagegen enthielt die Staatsidee, wie sie im Kanzler des
jungen Reiches verkörpert war, einen neuen Glanz. Zur gleichen
Zeit gewöhnt die historische Schule, deren Zeitschrift, die Jahr-
bücher für Nationalökonomie seit 1863 erschienen und sich
zum wirklichen Organ der volkswirtschaftlichen Professoren ent-
wickelte, die Gemüter an den Gedanken der notwendigen Relativität
der wirtschaftspolitischen Prinzipien und bereitet sie auf eine neue
Orientierung vor.

Hauptsächlich hatten aber die Arbeiterfragen plötzlich eine bis
dahin unbekannte Bedeutung erlangt. Die Revolution von 1848 hatte
in Deutschland einen fast rein politischen Charakter gehabt. Die
kapitalistische Großindustrie, war noch weit von der Entwicklung
entfernt, die sie in Frankreich und in England erreicht hatte, und

eines jeden wäre, müßte der Handelsstaat durch Zollschranken völlig abgeschlossen
werden. — Das ganze Werk ist originell und interessant. A. Mbngbr, der in seinem
Buch: „Das Recht auf den vollen Arbeitsertrag, im 2. Kap. eine kurze
Zusammenfassung davon gibt, glaubt, daß Fichte zu seinem Buch durch die Re-
gierung des Konvents während der Schreckensperiode, durch die Einrichtung des
Maximums und der Assignaten, vielleicht auch durch die Ideen Babbdt’s angeregt
worden sei. Fichte unterläßt aber nicht, darauf hinzuweisen, daß sein Handels-
staat nicht so wie er ihn ansführt, verwirklicht werden kann, daß aber ein Buch,
wie das seinige deshalb nicht weniger nützlich ist, da es dem Politiker allgemeine
Grundregeln gibt.

x) Trotzdem ist es bemerkenswert, daß die meisten der zwischen 1866 und 1875
in Deutschland eingeführten Handels- und Finanzmaßnahmen (Maß- und Gewicht-
einheit , Geldsystem, Organisation der Banken, ludustrieordnung, Zollpolitik) un-
mittelbar auf den Prinzipien des wirtschaftlichen Liberalismus beruhten.

32*
        <pb n="525" />
        ﻿500

Viertes Buch. Die Abtrünnigen.

es ist eine bedeutsame Tatsache, daß die beiden großen deutschen
Sozialisten Rodbertus und Marx, alle ihre Beispiele nicht ihrem
Vaterlande, sondern diesen beiden Ländern entnommen haben. Seit
1848 hatte sich aber die deutsche Industrie mit Riesenschritten ent-
wickelt; eine wirkliche Arbeiterklasse war geboren, und Lassalle
hat die Umwandlung besonders hervorgehoben, indem er sich zur
Gründung seiner Partei als Erster auf den sozialen Boden stellte.
Der von ihm geschaffene Verein blieb nach seinem Tode bestehen.
Parallel mit ihm beginnt eine andere Agitation, die unmittelbarer
von Marx ausgeht. Ihre Führer sind Liebknecht und Bebel. Beide
wurden 1867 als Abgeordnete des neuen Reichstages des nord-
deutschen Bundes gewählt und gründen 1869 die sozialdemokratische
Arbeiterpartei, die dazu berufen war, seitdem eine so bedeutende
Rolle zu spielen.

So zwingen sich plötzlich die Arbeiterfragen der öffentlichen
Aufmerksamkeit auf, gerade wie früher in Frankreich unter der
Juli-Monarchie. Gerade wie dort eine Strömung der öffentlichen
Meinung, die plötzlich vom Staatsstreich aufgehalten wurde, einen
ganzen Teil der gebildeten Klassen dazu gedrängt hatte, das Dogma
des absoluten laisser-faire zu verwerfen und die Hilfe der Regierung
im Kampf gegen den Pauperismus anzurufen, so gelangen auch in
Deutschland immer zahlreichere Schriftsteller zu der Überzeugung,
daß eine rein passive Haltung den neu auftauchenden sozialen Pro-
blemen gegenüber nicht länger möglich ist. Die Aufgabe, die Gegen-
sätze zwischen Kapital und Arbeit auszugleichen, scheint ihnen nicht
die verjüngten Kräfte des neuen Reiches zu übersteigen.

Eine Aufsehen erregende Kundgebung dieser neuen Bestrebungen
erfolgte 1872 zu Eisenach. Ein aus Professoren, Volkswirtschaftlern,
Juristen und Beamten zusammengesetzter Kongreß vereinigte sich
dort und sagte in einem schnell berühmt gewordenen Manifest der
„manchesterlichen Schule“ den Kampf an. Er erklärte darin, daß
der Staat „das große Moralinstitut zur Erziehung der Menschheit
sei“; er forderte von ihm, „daß ihn ein großes Ideal beseele“, das
darin bestände, „einen immer zahlreicheren Teil unseres Volkes an
den hohen Gütern der Zivilisation teilnehmen zu lassen“. Zur
gleichen Zeit treten die Mitglieder des Kongresses im Verein für
Sozialpolitik zusammen, der beauftragt wurde, die für diese
neue Politik notwendigen wissenschaftlichen Materialien zu sammeln.
Der „Kathedersozialismus“ war geboren. Diesen Namen gaben näm-
lich die Liberalen spöttisch den neuen Bestrebungen, auf Grund der
großen Anzahl von Professoren, die an dem Kongreß teilgenommen
hatten. Es genügte, diesen Ideen eine etwas radikalere Form zu
geben, um sie in Staatssozialismus zu verwandeln. Dies war haupt-
        <pb n="526" />
        ﻿Kapitel II. Der Staatssozialismus.

501

sächlich das Werk Adolf Wagneb’s B in seiner 1876 erschienenen
Grundlegung* 2).

Wir werden nun versuchen, die selbständigen Beiträge des Staats-
sozialismus von denjenigen Bestandteilen seiner Lehre zu sondern,
die er den früheren Nationalökonomen verdankt. Die Aufgabe ist
nicht leicht. Wie jede praktische Lehre, die hauptsächlich dazu be-
stimmt ist, die Ziele einer Gruppe -von Menschen oder einer Epoche
zusammenzufassen und als Vermittlerin zwischen oft unvereinbaren
Prinzipien zu dienen, entbehrt sie der scharfen Umrisse, die ein
individuelles und rein theoretisches System charakterisieren. Sie hat
ihre Gedanken verschiedenen Quellen entlehnt, ohne sich immer darum
zu bemühen, sie in Übereinstimmung zu bringen.

Vor allem ist sie eine Reaktion, nicht gegen die grundlegenden
Gedanken der englischen Klassiker, wie es manchmal geglaubt wird,
sondern gegen die Übertreibungen ihrer späteren Schüler, der Be-
wunderer Bastiat’s oder Cobdbn’s, der Optimisten in Frankreich und
der „Manchestermänner“ in Deutschland. Das auf dem Kongreß zu
Eisenach von Schmollee verfaßte Manifest spricht nur von der
„Manchesterschule“. Die Klassiker erwähnt es nicht3). Allerdings
sind bei vielen deutschen Schriftstellern „Smithianismus“ und „Man-
chestertum“ gleichbedeutend. Dies sind jedoch Auswüchse der Polemik,
denen man keine zu große Bedeutung beilegen darf. Der Liberalis-

0 Neben Adolf Wagner kann man Albert Schäpflb anfiihren, der eine außer-
ordentliche literarische Tätigkeit entfaltet hat, aber eben so sehr Soziologe, wie
Volks Wirtschaftler ist. In seinem großen Werk: Bau und Leben des sozialen
Körpers (1875—1878) hat er eine organische und biologische Theorie der Gesellschaft
niedergelegt; sein bekanntestes Buch ist aber eine kurze Darlegung des Sozialismus
unter dem Titel: Die Quintessenz des Sozialismus (1875), das in viele
Sprachen übersetzt worden ist, darunter von Benoit Malon ins Französische.

2)	Die Hauptwerke Adolf Wagnbr’s, in denen sich die Ideen und das Programm
des Staatssozialismus niedergelegt finden, sind: seine Grundlegung (1. Ausg. 1876);
seine Finanz Wissenschaft; sein Aufsatz Staat ira Handwörterbuch der
Staatswissenschaften, und besonders zwei Aufsätze, die unter dem Namen:
Einanzwissenschaft und Staatssozialismus in der Zeitschrift für
die gesamte Staatswissenschaft 1887, S. 37—122 und 8.675—746 veröffent-
licht wurden. — Weiterhin wird man mit Nutzen auch zwei Reden von ihm lesen:
die eine vom 29. März 1895, Sozialismus, Sozialdemokratie, Katheder-
End Staatssozialismus; und die andere vom 21. April 1892, Das neue
sozialdemokratische Programm.

3)	Es ist z. B. interessant, festzustellen, daß die Definition des Bereiches und der
Aufgaben des Staates, wie sie Wagner gibt, sich sehr der von uns oben angeführten
Definition A. Smith’s nähert, aber im Gegenteil sich stark von der Bastiat’s unter-
scheidet: Er sagt: „Die allgemeine Regel lautet: der Staat hat diejenigen Tätigkeiten
zur Befriedigung der Bedürfnisse seiner Angehörigen selbst zu übernehmen, welche
weder die Privatwirtschaften, noch freie, noch andere Zwangswirtschaften (Selbstver-
waltungskörper) überhaupt oder welche alle diese nur weniger gut oder nur kostpieliger
ausführen können.“ (Grundlegung, 3. Ausg. 1892, S. 916, 6. Bd. 5. Kap. § 377.)
        <pb n="527" />
        ﻿502

Viertes Buch. Die Abtrünnigen.

mus war nirgends in seiner doktrinären Unduldsamkeit so weit ge-
gangen, wie gerade in Deutschland. Peince Smith, sein charakteri-
stischer Vertreter, war im Anschluß an Dunoyee dazu gelangt, dem
Staat jede andere Eolle, als die eines „Sicherheitsproduzenten“ abzu-
sprechen, und jede andere Solidarität zwischen den wirtschaftlichen
Kräften als die, die sich aus ihren Beziehungen zu dem gemeinsamen
Markt ergaben, zu leugnen. „Die volkswirtschaftliche Gemeinde als
solche“, sagte er, „ist nur Marktgenossenschaft; sie besitzt, wie besagt,
weiter kein gemeinsames Institut als eben den Markt, und sie hat
auch weiter nichts zu gewähren, als freien Zutritt zu dem Markte“1).

Für die Staatssozialisten besteht im Gegenteil zwischen den
Individuen und den Klassen der gleichen Nation eine moralische
Solidarität, die viel tiefer geht als diese wirtschaftliche: sie beruht
auf der Gemeinschaft der Sprache, der Sitten und der politischen
Einrichtungen. Der Staat ist das Organ dieser moralischen Solidarität,
und aus diesem Grunde hat er nicht das Hecht, dem materiellen Elend
eines Teiles des Volkes gleichgültig gegenüber zu stehen. Er hat
daher mehr als nur eine einfache Schutzptlicht gegen äußere oder
innere Gewalttätigkeit zu erfüllen, es liegt ihm eine wirkliche Auf-
gabe ob: nämlich, „für Kultur und Wohlfahrtszweck zu sorgen“2).
Hier stellt sich der Staatssozialismus auf den philosophischen Boden,
den Lassalle erwählt hatte. Er schließt sich seiner Auffassung von
der Aufgabe und historischen Eolle der Eegierungen an. Und er
tritt, indem er sich mit Entschiedenheit auf den nationalen Stand-
punkt stellt, in enge Beziehung zu Feiedsich List.	♦

Man wird sich nun fragen, ist der Staat überhaupt imstande,
diese Aufgabe, die man ihm zuweist, zu erfüllen. Wenn er sie nicht
mit Nutzen erfüllen kann, so hat es gar keine Bedeutung, daß man
sie ihm zuspricht ? Ist die völlige Unfähigkeit des Staates als wirt-
schaftliche Kraft nicht schon längst nachgewiesen? — Adolf Wagnee
und seine Freunde haben sich bemüht, gerade gegen diese Idee
anzukämpfen. Der selbständigste Teil ihrer Lehre besteht in einem
Versuch, den Staat zu rehabilitieren. Den Optimisten der Schule
Bastiat’s erschien die Eegierung als die verkörperte Unfähigkeit.
Den Staatssozialisten ist im Gegenteil die Eegierung eine wirtschaft-
liche Kraft, gerade wie jede andere und sogar sympathischer als jede

*) An anderer Stelle schrieb er: „Aber dem Staat erkennt der Freihandel keine
andere Aufgabe zu, als eben die eine: Die Produktion von Sicherheit.“ Von Schönbbrg
im Handbuch der politischen Ökonomie angeführt, 2. Aull. Tübingen 1885
S. 59, § 34, Reihe 58. Die Zitierung ist dem Handwörterbuch der Volkswirtschafts-
lehre von Rentzsch, Aufsätze über Freihandel, und über Handelsfreiheit entlehnt,
Lpg. 1866 (Verlag Gustav Meyer). S. 440, Reihe 1.
s) (Wagnee, Grundlegung, S. 885.)
        <pb n="528" />
        ﻿Kapitel II. Der Staatssozialismus.

503

andere. Der größte Teil ihrer Argumente besteht einfach darin, zu-
gunsten der Regierung ein Vorurteil zu schatfen, demjenigen gerade
entgegengesetzt, das der Individualismus nach und nach verbreitet
hatte. Hierin liegt die eigentliche Aufgabe, die er sich gestellt hat.

Zu diesem Zweck wird zunächst auf die Schwäche der einzelnen
ökonomischen Person hingewiesen. Man wiederholt nochmals, wie es
schon Sismondi und die Sozialisten getan haben, die sozialen Ünzu-
träglichkeiten der freien Konkurrenz, die übrigens fast stets mit der
wirtschaftlichen Freiheit verwechselt wird1). Man hebt, gleich ihnen,
die schon von A. Smith bemerkte soziale Ungleichheit der Kapitalisten
und Arbeiter in ihren Verhandlungen über den Arbeitsvertrag hervor,
wie auch den allgemeinen Gegensatz zwischen „Schwachen“ und
„Starken“. Weiterhin kennzeichnet man die Unfähigkeit der Einzel-
personen, gewisse große Kollektivinteressen zu befriedigen.

In Frankreich hatte schon 1856 Dupont-White mit noch größerer
Schärfe gezeigt, „wie alle Wege der Zivilisation von demselben ewig
sich wiederholenden Hindernis starren: dem Individuum mit seiner
Unfähigkeit und Böswilligkeit“2). Auch hatte er nachgewiesen, wie
die Kollektivinteressen in unseren immer komplizierter werdenden
Gemeinwesen: „eine Größe und Ausdehnung erlangen, die sie immer
mehr dem Bereich des Individuums entziehen“3). „Es gibt“, sagte
er, in einer Formel, die ausgezeichnet die notwendigen Fälle einer
Intervention zusammenfaßt, „in jeder Gesellschaft Angelegenheiten
von vitaler Bedeutung, die das Individuum niemals tun wird, ent-
weder, weil sie seine Kraft übersteigen, oder weil sie ihm
keinen entsprechenden Gegenwert bieten, oder aber,
weil sie nur unter Beihilfe aller zustande kommen
können, dieman aber nicht durch freundlichesZureden
erhalten kann. Für alle diese Dinge ist der Staat der gegebene
Unternehmer, die berufene Triebkraft“4).

Wie wir wisren, hat man aber in Frankreich nicht auf ihn
gehört.

In gleicher Weise beruft sich Adolf Wagner zugunsten des
Staates auf die ganze Geschichte; er beschreibt uns seine je nach den
Zeitumständen verschiedenen wesentlichen Funktionen, so daß man
wohl dazu gelangen muß, ihm keine definitiven Grenzen stecken zu
können. Das individuelle Interesse, die barmherzige Hilfstätigkeit

4)	Wagner, Grundlegung. Die Staatssozialisten gebrauchen stets, und sehr
zu Unrecht, die beiden Ausdrücke: „freie Konkurrenz“ und „Wirtschaftsfreiheit“
als synonym.

2) Ddpont-White, L’Individu et l’Etat, 5. Ausg. S. 9.

s) Ebenda, S. 267.

4) Vorwort zu Essay on Liberty v. Stuart Mild (1860) S. LXX.
        <pb n="529" />
        ﻿504

Viertes Buch. Die Abtrünnigen.

und die autoritäre Tätigkeit des Staates haben sich zu jeder Zeit
in das wirtschaftliche Feld geteilt. Nicht nur hat das erste niemals
genügt, sondern es tritt in den großen, modernen Nationen mehr und
mehr vor der dritten zurück. Von hier darauf zu schließen, daß diese
Ausdehnung nützlich und notwendig ist, daß sie „ein wirkliches
historisches Gesetz“ sei ’), ist nur ein Schritt. Fast ohne besonders
darauf hingewiesen zu werden, gelangt man von der Tatsache zu
ihrer Berechtigung. Ädoli? Wagner sagt: „Wer, was namentlich für
volkswirtschaftliche, soziale und politische Entwicklungen das Ent-
scheidende ist, die immanente Tendenz der Bewegung erkannt
hat . . der kann und darf bei einer solchen geschichtlichen
Auffassung des gesellschaftlichen Entwicklungsprozesses sehr wohl...
für die gegebene Zeit Postulate in betreff dessen, was geschehen
soll, aufstellen“* 2). Auf Grund dieses Gedankens verlangt man daher
die Ausdehnung des staatlichen Machtbereiches, den man durch seine
Funktion „der Kultur und des Wohlfahrtszweckes“ rechtfertigt. Es
fällt nicht schwer, hierin den Gedanken Eodbeetus’ und seine Theorie
der wachsenden Entwicklung der Organe wiederzuerkennen, die zur
Ausübung der Regierung bestimmt sind3), im Maßstabe, wie man in
der Stufenfolge der sozialen Formen fortschreitet.

Auch hierin ist die Übereinstimmung mit Dupont-White, wenn
sie auch vielleicht zufällig ist, deshalb nicht weniger merkwürdig und
muß angeführt werden. Auch er verlangt für den Staat eine Funktion
der „Wohltätigkeit“ und der „Mildtätigkeit“4). Auch er weist nach,
wie der moderne Staat nach und nach sein Bereich vergrößert, indem
er an die Stelle der Lokalregierungen tritt, an die Stelle des Des-
potismus der Klassen und der Familie, wie er nacheinander die Frau,
das Kind und den Sklaven unter seinen Schutz nimmt, und so den
Kreis seiner Pflichten und seiner Verantwortlichkeiten in dem Maße
vergrößert, wie die Fortschritte der Zivilisation und der Freiheit sich
vollziehen. „Mehr Leben“, sagt er, „braucht mehr Organe, vermehrte
Kräfte, mehr Kegeln. Die Regel und das Organ einer Gesellschaft
ist aber der Staat“5 6). Von seinem Enthusiasmus überwältigt, ging
er so weit, auszurufen: „Der Staat ist der Mensch, frei von allen
Leidenschaften, der Mensch, zu einer Höhe emporgehoben, wo er in
inniger Berührung mit der reinen Wahrheit ist, wo er nur Gott und

') Wagneb, Grundlegung, 3. Ausg. S. 892ff.

2) Finanzwiss. undStaatsoz., 8. 106. Diese Aufsätze finden sich in seiner
Polemik gegen L. von Stein und erschienen, wie schon gesagt (S. 501, Anm. 2), 1887
in der Tübinger „Zeitschrift für die gesamte Staatswissenschaft.“ (Anm. d. Übers.)

“) Siehe oben, 8. 492.

, 4) Dupont-White, Capital et Trayail (1847), 8. 353 und L’Individu et

l’Etat, S. 81.

6) L’Individu et l’Etat, 8. 65.
        <pb n="530" />
        ﻿Kapitel II. Der Staatssozialismus.

505

seinem Gewissen gegenüber stellt . . . Welche Verfassung auch immer
er habe, der Staat ist besser als die Individuen“1).

Dies grenzt schon an Mystizismus.

Ohne so weit zu gehen, und gar ohne mit Adolf Wagner zuzu-
geben, daß der einfache Nachweis einer historischen Entwicklung
genüge, um eine Politik zu rechtfertigen, muß man es dem Staats-
sozialismus zum Verdienst anrechnen, das systematische Mißtrauen
des Liberalismus gegenüber der Regierung bekämpft zu haben. Wenn
man im Prinzip den regelnden Einfluß einer Zentralgewalt auf die
sozialen Beziehungen anerkennt, läßt es sich in der Tat nur schwer
verstehen, weshalb diesem Einfluß a priori gewisse wirtschaftliche
Beziehungen entzogen werden müßten.

Nur bleibt, auch wenn das Prinzip anerkannt ist, die wirkliche
Schwierigkeit durchaus bestehen; wie soll man den Machtbereich
des Staates von dem des Individuums abgrenzen? Wie weit, innerhalb
welcher Grenzen, auf Grund welcher Regeln soll der Staat ein-
schreiten? Um jeden Preis müssen die Befugnisse abgegrenzt werden,
da es, so erklärt Adolf Wagner, unmöglich ist, das Motiv des Privat-
interesses ganz und gar durch das des Gemeininteresses zu ersetzen,
wie das die Kollektivisten tun wollen: dazu müßte man einen grund-
stürzenden Wandel der menschlichen Psychologie annehmen.

Dupont-Whitb hatte das Problem für unlösbar erklärt2). Auch
Adolf Wagner erklärt es für unmöglich, eine absolute Regel aufzu-
stellen. Es ist Aufgabe des Staatsmannes, in jedem Einzelfall gemäß
den Umständen zu entscheiden. Jedoch liefert er einige allgemeine
Fingerzeige. Im Prinzip soll sich der Staat nicht an die Stelle des
Individuums setzen3), sondern sich „um die allgemeinen Bedin-
gungen seiner Entwicklung kümmern“. Die Selbsttätigkeit des In-
dividuums muß der wesentliche Hebel des wirtschaftlichen Fortschrittes
bleiben. Auf den ersten Blick ist dies dasselbe Prinzip, das Stuart
Mill aufstellte. Zwischen beiden besteht aber ein bedeutsamer Uuter-

') L’Individu et l’Etat, S. 163—164.

2) „Bis heute bietet sich nichts, das als Kriterium dienen könnte, um zu unter-
scheiden, was dem Staat und was dem Individuum zusteht, .. . doch ist das gleich-
gültig, da man stets in jedem besonderen Fall, diese beiden Kräfte gemäß gleicher-
weise besonderen Tatsachen ins Gleichgewicht bringen kann“- (Dupont-White,
L’Individu et l’Etat, S. 301 und 298). An anderer Stelle, im Vorwort zu
Stuabt Mill’s Essay on Liberty, franz. Übers, sagt er noch; „Ist diese Definition
möglich ? Ich glaube es nicht. Man bedenke doch, wenn man vom Individuum und der
Gesellschaft spricht, daß es sich um zwei Kräfte handelt, das Leben und das Recht
(S. YII) . . . Das Recht mnß Schritt für Schritt dem Leben folgen, indem es das
Leben entweder einengt oder steigert, je nachdem es sich zu wenig oder zu stark
bestätigt“ (S. XIII).

s) Waonek, Grundlegung, S. 887.
        <pb n="531" />
        ﻿506

Viertes Bach. Die Abtrünnigen.

schied. Stuart Mill wünscht der Sphäre der individuellen Tätigkeit
so wenig wie möglich zu nehmen: Adolf Wagner wünscht die der
Regierung so viel wie möglich auszudehnen. Stuart Mill legt be-
sonderen Nachdruck auf die negative Rolle der Regierung, Adolf
Wagner dagegen aufseine positive Rolle, die nach ihm darin besteht:
„eine umfassendere Teilnahme der Masse der Bevölkerung ... an den
materiellen Früchten und an den Kulturgütern, welche die Zunahme
der Produktionskräfte überhaupt zu erringen erlaubt . . .“, zu ermög-
lichen. Er würde es ganz in der Ordnung finden, wenn sich etwas
mehr Kommunismus in unserer Gesellschaft durchsetze. Man muß
„die Volkswirtschaft aus der privatwirtschaftlichen mehr in die ge-
meinwirtschaftliche Organisationsform hinüber führen“ 1), sagt er an
einer Stelle, die unmittelbar von Rodbeetus eingegeben scheint. Für
ihn jedoch wie für Mill darf die Eegierungstätigkeit nicht weiter
gehen als bis zu dem Punkte, wo die Entwicklung der Individualität
in Gefahr gerät2 3 * * * *).

Die praktische Anwendung dieser Ideen berührt sowohl die
Güterverteiluug, wie die Gütererzeugung. Hier aber tut der Staats-
sozialismus nichts anderes, als Ideen zu übernehmen, die lange vor
ihm geäußert worden sind.

Hinsichtlich der Verteilung steht er auf demselben Standpunkt,
wie Sismondi, den man bei ihm fast vollständig wiederfindet. Keine
prinzipielle Verurteilung des Profits oder des Zinses, wie bei den
Sozialisten; Beibehaltung des Privateigentums als grundlegender Ein-
richtung; aber doch eine genauere Anpassung des Einkommens an
das „Verdienst“8); Beschränkung der übertriebenen Profite, wie die

*) Überall, wo möglich, müssen staatliche Prodnktionsunternehmungen empfohlen
werden, „nicht nur aus jenen spezifischen Gründen, welche es etwa
nach der Natur der einzelnen Anstalt rätlioh erscheinen lassen,
sie zu verstaatlichen . . ., sondern aus sozialpolitischen Gründe»,
um so die Volkswirtschaft aus der privatwirtschaftliohen mehr in
die gemeinschaftliche Organisationsform hinüber zu führen“
(Finanzwiss. und Staatssoz. S. 115 s. o. S. 501, Anm. 2).

*) Ddpont-White ist, wie Wagner, Individualist, — was beweist, daß man
Individualist sein kann, ohne deshalb liberal sein zu müssen. „Der Verfasser des
Essay’s on Liberty {sagt er in seinem Vorwort zu der franz. Übers, dieses
Buches, S. LXXXIX) hat ein lebhaftes Gefühl für den Individualismus, das ich in jeder
Hinsicht teile, ohne mich aber gleich ihm über die Zukunft dieses unveränderlichen
Bestandteils zu sorgen . . . Der Individualismus ist das Leben . . . Aus diesem
Grunde ist der Individualismus unvergänglich“.

3) Vgl. z. B. Schmoller, Offenes Sendschreiben an H. v. Teeitschkb (1874—1876),

Lpg. 1898. Gegen den Einwurf, daß auf Grund dieses Prinzipes die Zivilliste der

Herrscher zu verurteilen sei, antwortet Schmoller: „daß er vom Durchschnitt der

Menschen spricht, und der Durchschnitt der Hohenzollern wenigstens war und ist so,

daß ihr Einkommen mir durchaus nicht zu groß gegenüber ihrem Verdienst erscheint“
        <pb n="532" />
        ﻿

Co

Universität

Kapitel II. Der Staatssozialismus

Kid,

ö07

„wirtschaftliche Konjunktur“ dies gestattet auf ein „gern
und als Gegenstück, eine Erhöhung der Löhne auf ein
eine „menschenwürdige Existenz“ erlaubt. Man muß sich eingestehen,
daß all dies recht unbestimmt ist1).

Der Staat würde derart die Aufgabe haben, in der Güterverteilung
die Achtung einer moralischen Regel durchzusetzen, die mit dem Gefühl
jeder Epoche übereinstimmt. Das Mittel dieser Reformen soll in den
Steuern gefunden werden. Dupont-White hatte schon 1847 in seinem
Buch: Capital et Travail2) die genaue Formel dieser Projekte
gegeben: „die oberen Klassen mit einer Steuer zu belegen und deren
Ertrag zur Unterstützung und Entlohnung der Arbeit zu verwenden.“
Auch Adolf Wagner sagt nichts anderes. „Der folgerichtige Staats-
sozialismus muß sich daher zweierlei zur Aufgabe machen, was freilich
eng zusammenhängt: Hebung der unteren, arbeitenden Klassen an sich
und auf Kosten der oberen besitzenden Klassen und absichtliche
Hemmung der übermäßigen Reichtumsanhäufung bei
einzelnen Kreisen und Gliedern der Besitzenden“3). JX

Was die Gütererzeugung anlangt, so hat der Staatssozialismus
sozusagen nur die Liste wieder zur Geltung zu bringen, die Mill,
Chevalier und Couenot schon vor ihm aufgestellt haben, die Fälle,
in denen kein wirtschaftliches Prinzip der direkten Leitung oder der
Kontrolle eines Unternehmens durch den Staat widerspricht. Als allge-
meine Regel kann sich, nach Adolf Wagner, der Staat jedesmal mit
einer Industrie befassen, wenn dieselbe einen besonders beständigen
Charakter in der Zeit oder im Raume besitzt, — jedesmal, wenn sie
eine gleichmäßige oder sogar einheitliche Leitung verlangt und daher
Gefahr laufen würde, in den Händen von Privatpersonen zu einem
Monopol zu werden, — und endlich stets, wenn sie der Befriedigung
eines sehr allgemeinen Bedürfnisses dient, ohne daß es möglich wäre,
den besonderen Vorteil, den jeder einzelne Verbraucher davon hat, zu
bestimmen. Aus diesen Gründen ist die Verwaltung der Wasserwege,
der Wälder, der Straßen und der Kanäle, die Nationalisation der
Eisenbahnen und sogar der Emissionsbanken durch den Staat gerecht-

(S. 82). Würde dieses Argument außerhalb Deutschlands als zwingend erscheinen?
Wir bezweifeln es.

*) Wagneb sieht den Einwurf der Willkür voraus. „Sie ist“, sagt er, „formell
berechtigt, materiell dagegen unberechtigt, da es eben gerade die willkürliche
und maßlose Anhäufung von Privatreichtum in wenigen Händen unter der Herrschaft
des Konkurrenzsystems nach recht wohl(!) aufstellbaren und in der Praxis der
Gesetzgebung und Verwaltung zur Geltung zu bringenden Gesichtspunkten billiger
Erwägung und sozialer Zweckmäßigkeit zu bekämpfen gilt“ (Fiuanzwiss. und
Staatssozialismus, S. 719 s. o. S. 501, Anm. 2).

2)	Ddpont-White, Capital et Travail, S..398.

3)	Wagnbk, Finanz wiss. u. Staatssozialismus, S. 718 (s. o. S. 501, Anm.2),
        <pb n="533" />
        ﻿508

Viertes Buch. Die Abtrünnigen.

fertigt, wie auch die der kommunalen Unternehmungen für Gas- und
Wasseranlagen usw.

Man sieht jetzt den Hauptcharakter des Staatssozialisraus klarer
hervortreten. Sein Ausgangspunkt ist nicht, wie für die Sozialisten,
die eindringende Kritik des Eigentums oder des Einkommens ohne
Arbeit. Er ist in der Hauptsache moralisch und national. Eine voll-
kommenere Gerechtigkeit in der Verteilung, ein höherer Wohlstand
der Arbeiterklassen erscheinen ihm als die Bedingung der Aufrecht-
erhaltung jener nationalen Einheit, deren Vertreter der Staat ist.
Aber er bezeichnet die Hegeln dieser Gerechtigkeit nirgends mit
Genauigkeit und gibt ebensowenig die Grenzen an, wo diese Ver-
besserungen halt machen sollen. Ebenso ist die Vermehrung der
kollektivistischen Einrichtungen öffentlichen Interesses für ihn ein
Mittel, die moralische Solidarität zu entwickeln, indem sie das Feld
der rein egoistischen Betätigung beschränkt. Die Aufrechterhaltung
des Privateigentums und der individuellen Initiative erscheint ihm
aber zur Steigerung der Produktion unentbehrlich und läßt ihn dem
Kollektivismus feindlich gegenüber stehen. Dieser hauptsächlich
moralische Charakter erklärt den Unterschied zwischen der Genauig-
keit seiner einzelnen positiven Forderungen und dem etwas unbe-
stimmten Charakter seiner allgemeinen Prinzipien, die ein jeder, je
nach seiner Gemütsverfassung, mehr oder weniger weitgehend an-
wenden kann. Unleugbar sind seine Kriterien im wesentlichen sub-
jektiv. Dies erklärt die äußerst scharfe Kritik von seiten gewisser
Volks Wirtschaftler, denen es hauptsächlich um theoretische Genauig-
keit zu tun ist, und den nicht weniger lebhaften Beifall, den sie bei
allen praktischen Reformern gefunden haben. Der Staatssozialismus
war sozusagen der Schnittpunkt, in dem sich die Richtungen des christ-
lichen Sozialismus, des aufgeklärten Konservativismus, der fortschritt-
lichen Demokratie und des opportunistischen Sozialismus kreuzten.

Sein Erfolg erklärt sich aber vielleicht weniger aus dem Wert
seiner Prinzipien, als aus der Förderung, die ihm die politische und
wirtschaftliche Entwicklung am Ende des neunzehnten Jahrhunderts
brachte. In Deutschland war sein bester Bundesgenosse in der Aus-
breitung seiner Ideen der Fürst Bismakck. Die Theorie des Staats-
sozialismus ließ ihn völlig kalt. Zur Rechtfertigung seiner Sozialpolitik
zog er es vor, sich auf die Prinzipien des Christentums oder auf die
des preußischen Landrechtes zu stützen1). In Wirklichkeit lag es

*) Die Kaiserliche Botschaft vom 17. November 1881, die die Eeihe der be-
rühmten Versioherungsgesetze ankündigte, erklärt eine ausgesprochenere, staatliche
Einmischung für notwendig: „Für diese Fürsorge die rechten Mittel und Wege zu
finden, ist eine schwierige, aber auch eine der höchsten Aufgaben jedes Gemein-
wesens, welches auf den sittlichen Fundamenten des christlichen Volkslebens steht.“
        <pb n="534" />
        ﻿Kapitel II. Der Staatssozialismus.

509

diesem großen Politiker, nachdem er die deutsche Einheit geschalten
hatte, hauptsächlich daran, sie zu befestigen und zu kräftigen. Ein
System von Arbeiterversicherungen, das vom Staat finanziell geleitet
und unterhalten wurde, erschien ihm als das beste Mittel, die Arbeiter
von dem revolutionären Sozialismus fern zu halten, indem es ihnen
die positive Sympathie der Regierung bewies und sie durch ein
pekuniäres Interesse mit dem Reiche verband. Auf gleiche Weise
hatte die französische Revolution die Bauern durch den Verkauf der
nationalen Güter an sich gefesselt. Diese Meinung drückte auch
Bismarck aus, als er im Hinblick auf die Arbeiterversicherungsgesetze
sagte: „Wenn wir 700000 kleine Rentner, die vom Reiche ihre Rente
beziehen, haben, gerade in diesen Klassen, die sonst nicht viel zu ver-
lieren haben und bei einer Veränderung irrtümlich glauben, daß sie
viel gewinnen können, so halte ich das für einen außerordentlichen
Vorteil; wenn sie auch nur M. 115—200 zu verlieren haben, so er-
hält sie doch das Metall in ihrer Schwimmkraft; es mag noch so
gering sein, es erhält sie aufrecht“]). Von diesem Gesichtspunkte
aus sind die großen Arbeiterversicherungsgesetze gegen Krankheit,
Unfall, Invalidität und Alter in den Jahren 1881 bis 1889 erlassen
worden. Weil aber der Kanzler keine gleichen, greifbar pekuniären
Vorteile in den eigentlichen Arbeiterschutzgesetzen (Gesetz über die
Arbeitsdauer, Sonntagsruhe, Fabrikhygiene und Aufsicht usw.) sah,
zeigte er sich ihrer Ausdehnung wenig geneigt. Es bedurfte erst
des in den beiden berühmten Erlassen vom 4. Februar 1890 ausge-
drückten Willens Kaiser Wilhelms II., um dieser Gesetzgebung in
Deutschland einen neuen Anstoß zu geben.

In Deutschland hat der intelligente Konservativismus einer fast
absoluten Regierung außerhalb jeder Doktrin einen Teil des Pro-
gramms des Staatssozialismus verwirklicht. In Frankreich, in Eng-
land und in den Ländern politischer Freiheit waren ähnliche Maß-
nahmen der Ausdruck der demokratischen Bewegung selbst. Im
Maße, wie die Arbeiterklassen einen immer größeren Anteil an der

(Zitiert nach Ad. Wagner: Grundlegung 1893, I. Teil, 2. Halbband (Buch 4—6),
S. 706, Anm. des Übers.) Bismabck sagte in seiner Rede vom 9. Mai 1884: „Ich
erkenne ein Recht auf Arbeit unbedingt an und stehe dafür ein, solange ich auf
diesem Platz sein werde. Ich befinde mich damit nicht auf dem Boden des Sozialismus,
sondern auf dem Boden des preußischen Landrechts.“ (Zitiert nach Brodnitz ; Bismarck’s
nationalökonomische Ansichten, S. 136.) Der § 2, Abs. XIX des 2. Teiles des
preußischen Landrechtes vom 5. Februar 1794 besagt: „Denjenigen, welchen es nur
an Mittel oder Gelegenheit, ihren und der ihrigen Unterhalt selbst zu verdienen,
ermangelt, sollen Arbeiten, die ihren Kräften und Fähigkeiten gemäß sind, ange-
wiesen werden.“ In Wirklichkeit handelt dieser Text, trotz der allgemein gehaltenen
Form, nur von der Unterstützung.

l) Rede vom 18, März 1889, angeführt von Brodnitz: Bismarck’s national-
ökonomische Ansichten, Verlag G. Fischer, Jena, 1902, S. 141.
        <pb n="535" />
        ﻿510

Viertes Buch. Die Abtrünnigen.

Regierung genommen haben, haben sie versucht, von der Gesetz-
gebung zu ihrem Nutzen Gebrauch zu machen. Die progressive
Einkommenstener, die Versicherungsgesetze, die Schntzvorschriften,
die immer häufigeren Einmischungen der Regierung in die Arbeits-
bedingungen, sind der Ausdruck dieser Bestrebungen, die sich unab-
hängig von jeder vorgefaßten Doktrin entwickelt haben.

Die Regelung des Verhältnisses zwischen Arbeitgeber und Arbeit-
nehmer war der Hauptgegenstand des gesetzgeberischen Staatssozia-
lismus. Aber die Regierungen und die Stadtverwaltungen haben
ihre Einmischung auch auf die Produktion ausgedehnt. Sie wurden
dazu weniger von der Theorie als von dem neuen Charakter des
sozialen Lebens gedrängt. Die großen öffentlichen Arbeiten (Straßen,
Kanäle, Transporte) haben sich im Laufe des 19. Jahrhunderts dank
der neuen Macht der Produktivkräfte vervielfältigt. Öffentliche
Wohlfahrtsbehörden haben sich infolge der wachsenden Konzentration
der Bevölkerung in den Städten entwickelt. Das Gemeinschaftsleben
greift immer mehr auf die Gebiete des isolierten und zerstreuten
Lebens von früher über; die Interessengemeinschaft, die sich früher
auf die Grenzen des Dorfes oder der Landstadt beschränkte, hat sich
auf die der großen Städte und der Nation ausgedehnt. Zur gleichen
Zeit vereinheitlicht sich die Industrie täglich mehr und schränkt so
selbsttätig das Bereich der freien Konkurrenz ein. Auf dem Markte
der Arbeit wie auf dem der Produkte, auf dem des Geldes wie auf
dem der Waren, nimmt die Konzentration immer mehr den Platz der
früheren Zersplitterung ein. Überall gibt es Monopole. Die Kollektiv-
unternehmnng hat aufgehört, eine Ausnahme zu sein: sie wird immer
mehr zur Regel. Und die öffentliche Meinung befreundet sich ohne
Mühe mit dem Gedanken, den Staat, das Kollektivwesen par excellence,
seinerseits zur industriellen Betätigung übergehen zu sehen.

Wie konnte es unter solchen Umständen ausbleiben, daß die Ent-
wicklung des Staatssozialismus so groß wurde, um ihm in kurzer Zeit
eine vorherrschende Stellung in der öffentlichen Meinung zu verschaffen ?

Er hat das große Verdienst gehabt, den noch ziemlich ver-
worrenen praktischen Zielen und Bestrebungen einer neuen Periode
politischer und wirtschaftlicher Geschichte Ausdruck zu geben, ohne
doch, wie der Sozialismus, durch die Perspektive eines radikalen Um-
sturzes der Gesellschaft Schrecken zu erregen. Er hat den Gesetz-
gebern und den politischen Schriftstellern die notwendigen Gründe
für die neue Politik, die sie einführen wollten, geliefert; er hat
einen Boden gefunden, auf dem sich die verschiedensten Parteien
und die sich widersprechendsten Meinungen zu gemeinsamer Arbeit
finden konnten. Liegt hierin nicht das große Verdienst einer Lehre,
die vor allen Dingen sofortige Erfolge erstrebte?
        <pb n="536" />
        ﻿Kapitel II. Der Staatssozialismus.

511

So hat durch eine vielleicht merkwürdige, aber in der Geschichte
der Ideen nicht unerhörte Wandlung der Staatssozialismus zu Ende
des 19. Jahrhunderts dieselbe Rolle gespielt, die sein großer Gegner,
der liberale Optimismus, während der ersten Hälfte innegehabt hatte.
Dessen großes Verdienst war es gewesen, einer Politik der fortschreiten-
den Selbständigkeit und Freiheit die Wege zu bereiten, einer Politik,
die für den Fortschritt der großen Industrie unentbehrlich war. So
wurde der liberale Optimismus der Dolmetscher der großen wirt-
schaftlichen Strömungen seiner Zeit. Im Dienste dieser ausschließ-
lichen Aufgabe hatte er allmählich alle wissenschaftliche Selbständig-
keit und die Ausgestaltung der ökonomischen Theorie vernachlässigt,
namentlich in Bezug auf die für jedes Gedankensystem unerläßliche
Schärfe der Beweisführung.

Auf dieselbe Weise hat der Staatssozialismus allen denen als Banner
gedient, die die Notwendigkeit begriffen, die sozialen Übelstände der
bis zu ihren letzten Grenzen getriebenen wirtschaftlichen Freiheit
einzuschränken, allen denen, die mit Recht die elende Lage einer immer
zahlreicheren Arbeiterklasse mit Sorge erfüllte. Ausschließlich mit
diesen sofortigen Zielen beschäftigt, haben die Begründer des Staats-
sozialismus hauptsächlich die Prinzipien der praktischen Volkswirt-
schaftspolitik bearbeitet, ohne die eigentliche wirtschaftliche Wissen-
schaft besonders zu fördern. ... Jetzt sehen sie sich übrigens ihrer-
seits bedroht. Das allen politischen Lehren gemeinsame Los erwartet
den Staatssozialismus. Und schon jetzt kann man sich fragen, ob nicht
gerade die Vielfältigkeit der Regierungseinmischungen im Begriff
ist, bei den Verbrauchern, wie bei den Unternehmern, und sogar bei
den Arbeitern, ein immer wachsendes Mißtrauen mit Hinsicht auf die
wirtschaftlichen Fähigkeiten des Staates zu erregen.

Auf jeden Fall kann man eine recht charakteristische Tatsache
bemerken. Während im 19. Jahrhundert der Sozialismus alle seine
Angriffe gegen den Liberalismus und die wirtschaftliche Orthodoxie
richtete, — greift im Gegenteil der neo-marxistische Syndikalismus fast
ausschließlich die Staatssozialisten an. Sorel hat auf die engen gedank-
lichen Bande hingewiesen, die den Marxismus mit dem Manchestertum
verbinden. Er stimmt sogar in mehr als einem Punkte mit einem
„Liberisten“ wie Paeeto überein; dagegen findet er keine Ausdrücke,
die ihm kräftig genug erscheinen, um die Vertreter des „sozialen
Friedens“ und des Interventionismus zu bekämpfen, die ihm als die
Verführer der Arbeiterklasse erscheinen. Zur gleichen Zeit haben die
Gewerkschaftler — wenigstens viele unter ihnen — mehr als einmal
ihr Mißtrauen gegen den Staat kundgegeben und energisch Gesetzes-
vorschläge zurückgewiesen, die in ihrem Interesse eingebracht waren,
wie zum Beispiel das Gesetz über Arbeiterpensionen. Wahrscheinlich
        <pb n="537" />
        ﻿512

Viertes Buch. Die Abtrünnigen,

muß diese Haltung- dem Einfluß anarchistischer Ideen auf die Führer
der Gewerkschaftsbewegung in Frankreich zugeschrieben werden.

Das Zusammenfallen dieser doppelten Ideenströmung — neo-
marxistisch und anarchistisch, — die’ die französische Arbeiterklasse
dem Staatssozialismus abwendig macht, ist eine interessante Tatsache,
deren politische Folgen leicht sehr beträchtlich werden können 1).

') Wir bedauern, daß es uns nicht möglich gewesen ist, weder in diesem noch
dem vorhergehenden Kapitel einen hervorragenden deutschen Nationalökonomen zu
erwähnen, der aber ebensowenig der historischen Schule wie dem Staatssozialismus
angehört; es ist das der Göttinger Professor Lexis. Er hat Arbeiten über die ver-
schiedensten Gegenstände veröffentlicht, wie über Währungsfragen, Bevölkerungs-
theorie und allgemeine volkswirtschaftliche Theorie. Diese Arbeiten sind in Zeit-
schriften und Rundschauen verstreut, — besonders in den Jahrbüchern für
Nationalökonomie und Statistik, in Schönbehg’s Handbuch und in dem
großen Handwörterbuch der Staatswissenschaften. Sie zeichnen sich alle
durch ihre elegante Klarheit und einen bemerkenswerten wissenschaftlichen Sinn aus.
Lexis scheint die Überlieferung der klassischen Volkswirtschaftler fortzusetzen, ver-
wirft aber ihren Optimismus, den man nur zu oft als untrennbar von dieser Tradition
betrachtet. 1910 hat Lexis seine allgemeine Lehre endlich in einer Allgemeinen
Volkswirtschaftslehre zusammengefaßt, in der man eine Gesamtansicht der
wirtschaftlichen Welt als eines riesigen Güterumlaufs findet. Außer einer höchst
interessanten Krisentheorie, auf die wir hier nicht näher eingehen können, scheint
uns der selbständigste Teil des Buches in der Theorie über die Verteilung des
sozialen Produktes zwischen Arbeitern und Kapitalisten zu bestehen. Nach Lexis
besteht die Gesamtmenge der (materiellen) Güter aus Arbeitserzeugnissen und
kann sogar an der Arbeit gemessen werden. Woher kommt dann aber das Ein-
kommen der Kapitalisten? Sein Profit stammt nicht, (wie Marx meinte), von einer
Ausbeutung des Arbeiters in der Sphäre der Produktion, sondern davon, daß er auf
den Verkaufspreis der Gegenstände, auf die Summe, die den Lohn des Arbeiters vor-
stellt, eine Summe aufschlägt, die den Zinsen seines Kapitals entspricht. Daher
liege der Ursprung des Profites in der Sphäre des Umlaufs. Wozu dient den Kapi-
talisten aber die Erhöhung des Verkaufspreises, da doch unter diesen Umständen
die Arbeiter die von ihnen erzeugten Gegenstände auf dem Markt nicht allein aus
ihrem Lohn zurückkaufen können ? — Es genügt, daran zu denken, daß die Arbeiter
nicht nur Gegenstände herstellen, die zu ihrem eigenen Verbrauch dienen, sondern
auch solche, die zu dem der Kapitalisten bestimmt sind. Mit dem in der Herstellung
dieser letzteren Produkte verdienten Lohn ist die Arbeiterklasse, als Klasse, im
Stande, die ihr notwendigen Gegenstände zum Marktpreise zu bezahlen, d. h. also,
einschließlich der Zinsen, die den Gewinn des Kapitalisten darstellen. Beim Ankauf
ihrer eigenen Verbrauchsgegenstände zahlen die Kapitalisten sich gegenseitig die
Zinsen, die im Warenpreise enthalten sind. Als Klasse verändert sich ihre Lage
daher nicht, aber für jeden Unternehmer gerät individuell der Profit in ein gleiches
Verhältnis zu seinem Kapital. Auf diese Weise wird der größte Einwurf gegen das
von Marx zur Erklärung der Erhebung des Profites aufgestellte Schema beseitigt.
Diese Erklärung des von den Kapitalisten eingestrichenen Mehrwertes ist äußerst
scharfsinnig. Wie man sieht, ist Lexis stark von Eodbbrtus und Marx beeinflußt,
deren lebensfähigste Prinzipien er sich zu eigen gemacht zu haben scheint. Trotz
der Einwürfe, die sein Buch hervorruft, ist es doch eins der selbständigsten Werke,
die in den letzten Jahren erschienen sind.
        <pb n="538" />
        ﻿Kapitel III. Der Marxismus.

513

Kapitel III.

Der Marxismus.

I.

Karl Marx.

Wie Jedermann weiß, ist die marxistische Lehre die neueste
Form des Sozialismus. Seit ungefähr vierzig Jahren hat sie alle
anderen, die von ihr verächtlich als utopistisch bezeichnet werden,
in den Schatten gestellt. Es verdient jedoch besonders hervorge-
hoben zu werden, daß diese sozialistische Lehre, im Unterschied von
denen, die ihr vorausgegangen sind, — z. B. dem Kommunismus und
dem Fourierismus, — sich keineswegs als ketzerisch darstellt. Sie
erhebt im Gegenteil den Anspruch, durch ein genaueres Verständnis
die großen klassischen Doktrinen zu verjüngen und weiterzuführen.

Wenn uns auch selbstverständlich der Gedanke fern liegt, in einem
Kapitel eine Lehre zusammenzudrängen, die sich mit allen grundlegenden
Prinzipien der ökonomischen Wissenschaft beschäftigt und vorgibt,
sie zu erneuern, so werden wir doch versuchen, die zwei wichtigsten
wirtschaftlichen Gedanken Marx’ darzustellenv): der eine ist

') Karl Marx wurde am 5. Mai 1818 in Trier geboren. Er war nicht
Jude, wie man oft gesagt hat, sondern der Sohn jüdischer, zum Protestantismus
übergetretener Eltern. Er stammte aus einer bürgerlichen Beamtenfamilie und
heiratete die Tochter eines deutschen Barons, so daß nichts ihn zu einem streitbaren
Sozialisten vorauszubestimmen schien. Und doch sollte er diesen Weg gehen.
25 Jahre alt begab er sich 1843, nach der Unterdrückung einer Zeitung, die er
redigierte, zuerst nach Paris und dann nach Brüssel. Während der Revolution von
1848, an der er tätigen Anteil nahm, nach Deutschland zurückgekehrt, wurde er
ausgewiesen und verbrachte den Best seines Lebens, etwa 30 Jahre, in London, Er
starb am 14. März 1883. Vk

Obgleich Marx einer der Gründer und Leiter der berühmten „Internationalen
Arbeiterassoziation“, kurz „Internationale“ genannt, war, die von 1863 bis 1872 das
Sohreckbild aller europäischen Regierungen vorstellte, darf man in ihm keinen
Verschwörer, nach dem Beispiel Bakunin’s, oder einen Volkstribunen, wie Lassallb,
sehen. Er war ein Mann der Studierstube, ein guter Familienvater wie Peoüdhon,
ein unermüdlicher Arbeiter und von ganz hervorragender geistiger Bildung.

Das berühmteste seiner Werke, das allerdings oft angeführt wird, ohne gelesen
worden zu sein, ist das Kapital, dessen erster Band, der einzige, der zu seinen
Lebzeiten erschien, 1867 herauskam (franz. Übers, von Roy, 1876, vom Verfasser
durchgesehen. Wir zitieren nach dieser Übersetzung). (Bei der Übertragung ins
Deutsche ist die erste, 1867 bei Otto Meisnbb in Hamburg erschienene Ausgabe,
sowie auch die IV. Auflage benutzt worden, Anm. d. Übers.). Die beiden anderen
GM de und Eist, Gesch. d. Volkswirtschaft!. Lehrmeinungen.	■	33
        <pb n="539" />
        ﻿514

Viertes Buch. Die Abtrünnigen.

die Theorie der Mehrarbeit und des Mehrwertes; der andere
ist das Gesetz der automatischen Expropriation oder, wie
man allgemeiner, wenn auch weniger klar sagt: das Gesetz der Kon-
zentration. Die erstere gründet sich auf eine besondere Auf-
fassung des Tausches und des Wertes, die zweite auf eine besondere
Auffassung der wirtschaftlichen Entwicklung; die eine könnte man
statisch, die andere dynamisch nennen, um die Bezeichnungen Auguste
Comte’s anzuwenden.

§ 1. Die Mehrarbeit und der Mehrwert.

Um von der mühsamen Darlegung, die folgt, nicht gleich am
Anfang abgeschreckt zu werden, wird es gut sein, zunächst zu er-

Bände sind erst nach seinem Tode erschienen, und zwar 1885 und 1894; die Heraus-
gabe wurde von Engels besorgt.

Dieses monumentale Werk hat wie die Bibel oder die Pandekten unzählige
Kommentatoren und Exegeteu gefunden. Sicherlich hat von der ganzen Literatur des
19. Jahrhunderts kein Buch einen gleich tief- und weitreichenden Einfluß ausgeübt.
Aber auch seine anderen Werke, obgleich weniger oft zitiert, sind äußerst bedeutend,
— besonders: La Misere de la Philosophie (1847 in Antwort auf Phoudhon’s
Buch über Les Contradiction s Economiques veröffentlicht); Zur Kritik
der politischen Ökonomie (1869), und besonders das im Januar 1848 heraus-
gegebene „kommunistische Manifest“, das zur Zeit seines Erscheinens als
einfache Broschüre weiter kein Aufsehen erregte, von dem aber Labriola in seinem
Essai sur laconception materialiste de l’Histoire S. 21, nicht ohne
einige Übertreibung hat sagen können; „Das Datum (seines Erscheinens) bezeichnet
den Beginn der neuen Ara“. Immerhin ist es wahr, daß der ganze zeitgenössische
Sozialismus von diesem Brevier lebt. Man müßte es vollständig anführen. Keiner
der Sätze, die es enthält, verfehlt sein Ziel und fast ein jeder ist tausendfach
wiederholt worden. Vgl. die franz. Ausg., die 1S01 mit einer sehr gelehrten Ein-
führung Andler’s veröffentlicht wurde. (Die angeführten Stellen des kommunistischen
Manifests sind der sechsten Ausgabe, Berlin 1896 entnommen. Anm. d. Übers.).

Es ist eine sehr umstrittene Frage, ob und in welchem Maße Karl Marx vom
französischen Sozialismus beeinflußt worden ist, besonders von dem Pbcqueür’s und
Phoudhon’s (siehe hierüber einen Aufsatz Boueguin’s in der Revue d’Economie
Politique von 1892, Des rapports entre Proudhon et K. Marx). Auf jeden
Fall hat er Proudhon sehr gut gekannt, da eins seiner Bücher sich die Aufgabe
stellt, den „kleinen Bourgeois“, wie er ihn nannte, zu widerlegen. Wir werden
im folgenden einige Übereinstimmungen feststellen, die wohl auf eine Verwandschaft
der Lehren hinweisen dürften. Doch ist es wahrscheinlich mehr bei den ersten
englischen Sozialisten (wie Anton Mengbb bemerkt), besonders bei Thompson (s, o.
S. 276), wo man die Anreger von Marx suchen muß.

Neben Marx darf man seinen unzertrennlichen Freund und Mitarbeiter Friedrich
Engels nicht vergessen, der aber bescheiden im Schatten des Meisters lebte. Doch hat
gerade er an dem kommunistischen Manifest von 1848 mitgearbeitet; nach dem
Tode Marx’ hat er treulich die drei Bände seiner posthumen Werke gesammelt und
herausgegeben. Es ist recht schwierig, den Anteil zu bestimmen, den er am Werke
Karl Marx’ gehabt hat, doch dürfte er nicht gering gewesen sein.

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        <pb n="540" />
        ﻿Kapitel III. Der Marxismus.

515

fahren, wohin sie führt. Letzten Zieles handelt es sich um die Dar-
legung, wie es kommt, daß die besitzende Klasse auf Kosten der
Lohnklasse lebt. Der Gedanke selbst ist nicht neu. Wir haben ihn
scTioh verschiedentlich formuliert gesehen, besonders bei Sismondi,
Saint-Simon, PnouDHON und Kodbertus. Ihre Kritik war aber mehr
sozial, als volkswirtschaftlich: sie richtete sich hauptsächlich gegen die
Herrschaft des Eigentums und seine Ungerechtigkeiten. Kabl Marx
dagegen entlehnt seine Waffen mehr der volkswirtschaftlichen Wissen-
schaft und den Gesetzen des Tausches. Er versucht nachzuweisen,
daß das, was man Ausbeutung nennt, keine andere als die bestehende
Form haben kann. Die Ausbeutung ist das unvermeidliche Ergebnis
des Tausches, eine ökonomische Notwendigkeit, der die Arbeitgeber
ebensowenig wie die Arbeitnehmer entgehen können.

Um das zu verstehen, müssen wir etwas zurückgehen, und zwar
zu dem Begriff des Wertes. Marx beginnt mit der Darlegung, daß
die Arbeit nicht nur der Maßstab oder die Ursache — sondern die
Substanz des Wertes ist. Wie wir gesehen haben, war dies schon
die Idee Ricaedo’s, der sie aber nur zögernd aussprach (s. o. S. 169).
Marx jedoch behauptet ihre Richtigkeit kategorisch. Gewiß, er be-
streitet nicht, daß die Nützlichkeit die notwendige Bedingung jeden
Wertes sei, und sogar die einzige, die in Betracht kommt, wenn es
sich um den Gebrauchswert handelt. Aber der Nutzen kann den
Tauschwert nicht erklären, da jedem Tausch etwas gemeinsames zu-
grunde liegt, etwas identisches zwischen den ausgetauschten Waren.
Woher kommt aber diese Identität? Sicherlich kann sie nicht
aus dem Nutzen bestehen, da im Gegenteil der Nutzen jeder Ware
verschieden ist, und gerade dieser Unterschied die einzige Ursache
des Austausches darstellt. Dieses gemeinsame Quid, in dem auch
die heterogensten Waren homogen sind, ist die Arbeitsmenge, die
sie alle enthalten, mehr oder weniger. „Als Werte sind
die Waren nichts als kristallisierte Arbeit“. Sie sind mehr oder
weniger wert, je nach dem sie mehr oder weniger von dieser sozialen
Arbeit enthalten, die sich an der Durchschnittszahl der auf ihre Her-
stellung verwendeten Arbeitsstunden mißt ’).

') Marx weist darauf hin, daß schon Aristoteles sich über die Tatsache ge-
wundert habe, daß verschiedene Gegenstände etwas gemeinsames haben, da sie sich
gegen einander austauschen, und folglich gerade durch diesen Austausch, als
gleichwertig erklärt wrerden. Man sagt, 5 Betten sind gleich einem Haus. „Worin
besteht nun aber das, ich weiß nicht recht was, gleichwertige, d. h. die ge-
meinsame Substanz, die das Haus und die Betten darstellen? — Etwas derartiges“,
sagt Aristoteles, „bann doch eigentlich nicht bestehen. — Warum nicht? Das
Hans stellt gegenüber den Betten etwas gleiches dar; nämlich die menschliche Arbeit“.

„Sieht man vom Gebrauchswert der Warenkörper ab, bleibt ihnen nur noch

33*
        <pb n="541" />
        ﻿516

Viertes Bach. Die Abtrünnigen.

Die Richtigkeit dieser Annahme vorausgesetzt, betrachten wir
einen Arbeiter, einen Lohnempfänger, der mit irgend einer Arbeit
beschäftigt ist und täglich 10 Stunden arbeitet.

Was wird der Tauschwert des Produktes seiner Arbeit sein?
10 Stunden, was auch immer dieses Produkt sei, Schuhe, Tuch, Kohle
oder irgend etwas anderes. Und da, auf Grund des Lohnvertrages,
der Arbeitgeber — der Kapitalist, wie Marx ihn stets nennt — sich
immer das Eigentum an dem Arbeiterzeugnis Vorbehalten hat, so
verkauft er dieses Erzeugnis zu seinem Wert, nämlich für 10 Stunden.

Was gibt aber der Arbeitgeber dem Arbeiter? Seinen Lohn,
weiter nichts! Was stellt nun dieser Lohn vor? Das Lohnsystem
besteht darin, daß der Kapitalist die Arbeitskraft des Arbeiters kauft,
um sie nach seinem Belieben zu verwenden. Welchen Preis zahlt
er dafür? Den Preis ihres richtigen Wertes. Dieser Wert wird nun
von demselben Gesetz bestimmt, das alle Tauschwerte regelt, und
das wir soeben formuliert haben. Die Arbeitskraft, die Arbeit, ist
eine Ware wie jede andere und ihr Wert wird in gleicher Weise
durch die zur Produktion dieses spezifischen Artikels notwendige
Arbeitszeit bestimmt]).

„Die zur Produktion der Arbeitskraft notwendige Arbeitszeit“
— klingt zunächst etwas erstaunlich! Für die, die am Anfang des
Studiums der MAEx’schen Lehre stehen, ist dieser Punkt der am
schwersten verständliche, und trotzdem ist er die Hauptsache, denn
alles beruht auf ihm, wie auf einem Grundstein. Und doch ist das
Rätsel nicht so schwer zu lösen. Nehmen wir an, daß es sich, anstatt
um die Arbeit eines Arbeiters, um die Arbeit einer Maschine handele;
kein Ingenieur würde es wunderbar finden, daß man ihn fragt, wie-

eine Eigenschaft, die von Arbeitsprodukten ... Es (das Arbeitsprodukt) ist auch
nicht länger das Produkt der Tischlerarbeit oder der Bauarbeit oder der Spinnarbeit
oder sonst einer bestimmten produktiven Arbeit. Mit dem nützlichen Charakter der
Arbeitsprodukte verschwindet der nützliche Charakter der in ihnen dargestellten
Arbeiten, es verschwinden also auch die verschiedenen, konkreten Formen dieser
Arbeiten, sie unterscheiden sich nicht länger, sondern sind allesamt reduziert
auf gleiche menschliche Arbeit, abstrakt menschliche Arbeit“ (Kapital, B. I. S. 4,
IV. Aufl.).

l)	„Was also die kapitalistische Epoche charakterisiert, ist, daß die Arbeitskraft
für den Arbeiter selbst die Form einer ihm gehörigen Ware, seine Arbeit daher die
Form der Lohnarbeit erhält“ (Kapital, B. L, S. 133. Anm. 41, IV. Aufl.). „Gleich allen
anderen Waren besitzt sie (diese Ware: die Arbeitskraft), einen Wert. Wie wird
er bestimmt? Durch die . . . zur Produktion notwendige Arbeitszeit. Zu seiner
Erhaltung bedarf das lebendige Individuum einer gewissen Summe von Lebens-
mitteln. Die zur Produktion der Arbeitskraft notwendige Arbeitszeit löst sich also
auf in die zur Produktion dieser Lebensmittel notwendige Arbeits-
zeit, oder der Wert der Arbeitskraft ist der Wert der zur Erhaltung ihres Besitzers
notwendigen Lebensmittel“ (Ebenda).
        <pb n="542" />
        ﻿Kapitel III. Der Marxismus.

517

viel eine Pferdekraft kostet. Er wird, je nachdem antworten: sie
kostet 1 oder 2 kg Kohle pro Stunde, 8 oder 10 kg pro Tag, und da
der Wert dieser Kohle selber nur eine gewisse Menge Arbeit eines
Bergmannes darstellt, so ist nichts leichter, als sie, wenn man will,
in Arbeit zu werten. Unter der Herrschaft des Lohnsystems ist aber
der Arbeiter nichts anderes als eine Maschine, und soweit der Wert
in Betracht kommt, unterscheidet sich die Arbeit des einen in nichts
von der Arbeit der anderen. Der Arbeitstag oder die Arbeitsstunde
eines Menschen kostet diejenige Menge von Subsistenzmitteln, die
nötig sind, um einen Arbeiter während eines Tages oder einer Stunde
im Zustande der Produktionsfähigkeit zu erhalten. Jeder Arbeitgeber,
der mit Naturalien entlohnte Arbeiter beschäftigt, was bei landwirt-
schaftlichen Arbeiten noch vorkommt, weiß sehr wohl diese Rechnung
aufzumachen; genau dasselbe tritt in dem Falle ein, wo der Lohn
in Geld gezahlt wird, da das gezahlte Geld nichts weiter als die
Kosten dieser Subsistenzmittel vorstellt.

Gehen wir nun einen Schritt weiter. Der Wert der zum Unter-
halt irgend einer Arbeit notwendigen Subsistenzmittel ist niemals
dem WTerte des Erzeugnisses dieser selben Arbeit gleich. In dem
Beispiel, das wir gewählt haben, wird er nicht 10 Stunden, sondern
nur, sagen wir 5 oder noch weniger Stunden wert sein. Stets ergibt
sich für die menschliche Arbeit unter normalen Bedingungen ein
Wertüberschuß des produzierten Wertes über den verbrauchten Wert
hinaus l).

l) Dieser Beweis schließt daher ein, daß der vom Arbeiter erhaltene Lohn
notwendigerweise an Wert gleich dem Wert der zu seinem Unterhalt notwendigen
Lebensmittel ist. Das ist zuletzt das alte klassische Gesetz eines Türgot und
Ricardo (siehe SS. 179—180), dasselbe, das der Zeitgenosse und Eiyale Marx’,
Lassallb, mit dem tönenden Namen des ehernen Lohngesetzes bezeiohnete. Marx
gibt diesem Gesetz eine angeblich wissenschaftlichere Grundlage, weiter nichts.

Dieser Beweis schließt aber auch ein Postulat ein, das ebenfalls bewiesen
Werden müßte, nämlich daß die zur Erzeugung des Unterhalts des Arbeitenden
notwendige Arbeitsmenge stets geringer ist, als die, die der Arbeitende
liefern kann. Was beweist denn aber, daß der Mensch, der täglich eine zehnstündige
Arbeit leistet, niemals 10 Stunden braucht, um seine Unterhaltsmittel zu ge-
winnen? Liegt hierin eine Naturnotwendigkeit? — Marx liefert hierfür keinen
Beweis und scheint dies als Axiom anzunehmen. Wir wollen nicht erst wider-
sprechen; man kann tatsächlich als empirisches Gesetz zugeben, daß die Arbeit des
Menschen nicht in ihrer Gesamtheit von den Notwendigkeiten des Lebens aufge-
Daucht wird; denn, wenn es so wäre, hätte sich das Menschengeschlecht niemals
vermehren können, hätte es niemals Kapitalien schaffen können und hätte niemals
die Zivilisation, die Frucht der Freizeit, gekannt.

Ist es aber zuletzt nicht der „Reinertrag“ der Physiokraten, den wir hier
wiederfinden, nur mit dem Unterschiede, daß er, anstatt ein Privilegium der land-
wirtschaftlichen Arbeit zu sein, eine jeder Arbeit anhaftende Eigenschaft ist?
        <pb n="543" />
        ﻿

518	Viertes Buch. Die Abtrünnigen.

Hiermit kommen wir nun zu dem Kernpunkt der Beweisführung-,
Hierin „liegt das Geheimnis der kapitalistischen Produktion enthüllt“.
Man beachte: der durch die Arbeit erzeugte Wert ist der, den der
Kapitalist durch den Verkauf der Erzeugnisse einstreicht, und der
yon der Arbeit verbrauchte Wert ist der, den der Arbeiter als Lohn
empfängt. Daraus folgt notwendigerweise, daß der ganze Unter-
schied zwischen diesen beiden Werten in den Händen des Kapitalisten
zurückbleibt. Während der Kapitalist das Erzeugnis für 10 Arbeits-
stunden verkauft, gibt er den Arbeitern nur den Gegenwert von
5 Arbeitsstunden und streicht den Überschuß ein. Diesem Überschuß
gibt Marx den berühmt gewordenen Namen Mehrwert1).

Hieraus folgt, daß der Kapitalist 10 Arbeitsstunden des Arbeiters
einsteckt und ihm nur 5 auszahlt2). Mit anderen Worten, der Ar-
beiter liefert dem Kapitalisten 5 Stunden unbezahlte Arbeit.
Während der 5 ersten Stunden erzeugt er den Gegenwert seines
Lohnes, von der sechsten Stunde an aber arbeitet er umsonst. Diesen
Überschuß nicht bezahlter Arbeitsstunden, die den Mehrwert erzeugen,
nennt Marx die Mehrarbeit: er will damit eine überpflichtige
Arbeit bezeichnen, von der der Arbeiter keinen Nutzen irgendwelcher
Art hat, eine für ihn nutzlose Mehrbelastung, die nur dazu dient, den
Kapitalisten zu bereichern.

Natürlicherweise liegt es im Interesse des Kapitalisten, soviel
wie möglich den Mehrwert, der seinen Profit darstellt, zu vermehren.
Dies gelingt ihm durch eine Heihe von Handlungen, deren Analyse
einen der merkwürdigsten Teile der marxistischen Lehre darstellt, die
man aber unter zwei Hauptpunkten zusammenfassen kann:

a)	die Dauer des Arbeitstages so viel wie möglich verlängern,
um die Anzahl der Mehrarbeitsstunden zu vermehren. Wenn zum
Beispiel der Arbeitgeber den Arbeitstag auf 12 Stunden bringen
könnte, so ist sein Mehrwert 7 Stunden am Tage statt 5. Das
Streben aller Fabrikanten ging nun gerade darauf hin, dies zu tun,
bis zu dem erst vor kurzem eingetretenen Zeitpunkte, an dem die
Gesetze die Dauer des Arbeitstages (aber nur dort, wo sie anwendbar
waren!) beschränkten und so die erste Quelle des Mehrwertes zum
Versiegen brachten;

0 Siehe oben (SS. 208-j—209) was hinsichtlich Sismondi nnd seiner Auffassung des
Überwertes gesagt wird.

a) Ist es nötig, darauf hinzuweisen, daß diese Proportion der Hälfte für den
Wert der Arbeitskraft, was 10Ü°/o für den Mehrwert verstellt, hier nur wegen der
Klarheit der Ausführung angewendet wird? Und doch behaupten einige Marxisten,
wie Jules Guesdb, daß sie mit der Wirklichkeit übereinstimmt. Wahrscheinlich
würde Maex in seiner Schätzung zurückhaltender gewesen sein, denn er führt als
Stütze seiner These die Petitionen der englischen Manufakturisten an, die erklärten,
daß nur die letzte Stunde der Tagesarbeit ihren Gewinn ausmaohe.
        <pb n="544" />
        ﻿Kapitel III. Der Marxismus.

519

b)	die auf die Erzeugung des Lebensunterhaltes des Arbeiters
verwendete Anzahl Stunden zu verringern. Wenn der Arbeitgeber
sie von 5 Stunden auf 3 Stunden beschränken kann, so ist es klar,
daß er durch dieses Verfahren, obgleich es das Gegenteil des vorher-
gehenden ist, ebenfalls seinen Mehrwert von 5 auf 7 Stunden erhöht.
Diese Verringerung tritt nun selbsttätig ein, und zwar auf Grund
all der industriellen Vervollkommnungen oder irgendwelcher Organi-
sationen, die darauf abzielen, die Kosten des Lebensunterhaltes zu
verbilligen, wie zum Beispiel durch Schaffung kooperativer Konsumver-
eine1).' Der Kapitalist kann aber hierzu auch seinerseits beitragen,
besonders durch die Errichtung von sogenannten philanthropischen
Wirtschaftseinrichtungen, oder durch die Beschäftigung von Frauen’
und Kindern, die zu ihrem Unterhalt eine geringere Menge
Lebensmittel bedürfen, als erwachsene Arbeiter. Wiederum haben
sich nun die Fabrikanten beeilt, dies zu tun, — indem sie die Be-
schäftigung von Frauen und Kindern so verallgemeinerten, daß dem
Manne bald keine andere Arbeit übrig blieb, als das Haus zu 'be-
wahren und über die Mittagssuppe zu wachen! — bis zu dem Tage,
an dem auch hier wieder die Gesetze einschritten, und durch das
Verbot oder die Regelung der Frauen- und Kinderarbeit dieser Taktik
ebenfalls ein Ziel setzten2).

Dies ist in kürzestem Abriß die Beweisführung von Marx. Die
wirklich selbständige Ursprünglichkeit dieses Nachweises liegt darin,
daß sie nicht aus banalen Vorwürfen und Anklagen gegen die Aus-
beutung der Arbeiter und die Habsucht der Ausbeutenden besteht,
sondern daß sie klar erklärt, wie der Arbeiter bestohlen wird, trotz-

&gt;) Auch die Entwicklung des Maschinismus strebt nach der Theorie des
Marxismus darauf hin, die Kosten des Lebensunterhaltes zu verringern und infolge-
dessen auch den. Preis der Arbeit, indem der Preis der Kleidung, der Möbel usw.,
und sogar (wenn auch in geringerem Maßstab) der der Nahrungsmittel fällt.

Aber, wird man eiuwerfen, der Maschinismus muß doch infolge derselben Gründe
den Wert der Arbeitserzeugnisse zum Sinken bringen und daher auch den Mehr-
wert vermindern? — Durchaus nicht! Man darf nicht die Wertverminderung jeder
durch die Maschine hergestellten Einheit mit dem gesamten Wert der durch
die Maschine hergestellten Erzeugnisse verwechseln. Der Meter Tuch, der auf der
Webmaschine hergestellt ist, ist viel weniger wert, als der Meter Tuch, der mit der
Hand hergestellt ist, aber der tägliche Wert der auf der Maschine hergestellten
Menge Tuch muß dem Wert des mit der Hand hergestellten Tuches gleich bleiben,
unter der Annahme, daß dieselbe Anzahl Stunden auf seine Herstellung verwendet
worden ist.

2)	Es gibt noch andere Mittel, die Marx anführt, die zur Mehrarbeit an-
treiben und folglich den Mehrwert erhöhen: wir erwähnen nur die Intensivierung
üer Arbeit — nicht, daß sie den Wert des Produktes erhöhe, da derselbe einzig
auf der Arbeitszeit beruht und nicht auf ihrer Intensität, sondern weil sie die
Produktionskosten der Unterhaltsmittel verringert.
        <pb n="545" />
        ﻿520

Viertes Buch. Die Abtrünnigen.

dem er das, was ihm zukommt, erhält1). Der Kapitalist be-
stiehlt den Arbeiter nicht: er hat die Arbeitskraft zu ihrem vollen
Werte bezahlt, worunter ihr wirklicher Tauschwert zu verstehen ist.
„Das Kunststück ist endlich gelungen . . . alle Bedingungen des
Problems sind gelöst und die Gesetze des Warenaustausches in keiner
Weise verletzt. Äquivalent wurde gegen Äquivalent ausgetauscht.“ Da
die kapitalistische Ordnung ein gegebener Zustand ist, wie auch der freie
Arbeitsmarkt und das Wertgesetz, so können sich die Dinge unmöglich
anders vollziehen. Vielleicht ist der Arbeiter von dem unerwarteten
Ergebnis dieser Operation überrascht, die ihm nur die Hälfte des Wertes
seines Arbeitsertrages läßt, und davon ebenso erstaunt, wie irgend ein
Gaffer von den Künsten eines Taschenspielers, aber er kann nichts da-
gegen einwenden. Alles verläuft ordnungsmäßig. Sicherlich weiß der
Kapitalist in seiner Schlauheit sehr gut, daß er, indem er die Arbeits-
kraft kauft, ein gutes Geschäft macht, weil sie die einzige Ware, das
einzige Instrument ist, das die mysteriöse Kraft besitzt, eine Wertquelle
zu sein und mehr Wert zu erzeugen, als sie in sich selbst besitzt -). Der
Kapitalist hat, wie Marx sagt, „den Casus, der ihm lachen macht, vor-
gesehen“ (Kapital, IV. Ausg. S. 157; Anm. d. Übers.). Jedoch „liegt
hierin ein besonders günstiger Zufall für den Käufer, der in nichts die
Rechte des Verkäufers verletzt“, und der infolgedessen dem Arbeiter
keine Möglichkeit einer Klage auf Schadenersatz gibt, und zwar nicht
nur vom rechtlichen, sondern auch vom wirtschaftlichen Gesichtspunkt
aus, — ebenso wenig wie einem Bauer, der eine Kuh verkauft, die,
ohne daß er es weiß, trächtig ist!

J) „Unser . . . Kapitalist muß die Waren zu ihrem Wert kaufen, zu ihrem
Wert verkaufen, und dennoch am Ende des Prozesses mehr Wert herausziehen, als
er hineinwarf . . . Dies sind die Bedingungen des Problems. Hic Ehodus! hic
salta!“ (Kapital, S. 129 I. Aufl.)

Vgl. oben (S. 244), was hinsichtlich des Saint-Simonismus gesagt worden ist
und über die verschiedenen Phasen, durch die diese Idee der Ausbeutung des
Lohnempfängers gegangen ist.

Obgleich nach der marxistischen Theorie der Kapitalist den Arbeiter nicht be-
stiehlt, obgleich er sich nichts vorzuwerfen hat, da er nur von einer Gesamtheit
von Umständen profitiert, die er selbst nicht ändern kann, so hindert das doch Marx
nicht, ihn mit der äußersten Strenge zu behandeln (was von seinem Standpunkt aus
recht ungerechtfertigt erscheint). Nennt er das Kapital doch „verstorbene Arbeit,
die sich nur vampirartig durch Einsaugung lebendiger Arbeit belebt, und um so mehr lebt,
je mehr sie davon einsaugt.“ (Kapital, Bd. I, S. 194 IV. Aull.) Zwar könnte Marx
erwidern, daß auch der Vampir sieh nichts vorzuwerfen hat, ebenso wenig wie der
Kapitalist, da auch er nur einer seiner Natur innewohnenden Notwendigkeit gehorcht.

2) „Es ist also eine Naturgabe der sich betätigenden Arbeitskraft, der lebendigen
Arbeit, Wert zu erhalten, indem sie Wert zusetzt ... die Erhaltung des vorhandenen
Kapitalwerts“ (S. 173 I. Aufl.) „Der Kapitalist hat durch den Kauf der Arbeitskraft
die Arbeit selbst als lebendigen Gährungsstoff den toten von ihm gleichfalls be-
sessenen Bildungselementen des Produktes einverleibt“ (S. 150 I. Aufl).
        <pb n="546" />
        ﻿Bis jetzt haben wir nur von der Arbeit gesprochen, aber die
Hauptperson, der Held des Buches Karl Marx’, ist das Kapital,
wie ja auch der Titel besagt. Unsere Darlegung der marxistischen
Lehre über die Produktion würde daher sehr unvollkommen sein,
wenn wir nicht auch ausführten, wie Marx die Eolle des Kapitals
in der Produktion versteht.

An und für sich ist das Kapital selbstverständlich und ohne jede
Frage steril, da ja die Voraussetzung lautet, daß die Arbeit allein
den Wert schallt. Die Arbeit kann aber ihre produktiven Fähig-
keiten nicht ausüben, ohne eine gewisse Menge Kapital zu verbrauchen,
und es kommt darauf an, zu erfahren, wie das Kapital sich mit der
Arbeit verbindet.

Marx unterscheidet im Kapital zwei Teile:

1.	Denjenigen, der dazu dient, die Arbeiterbevölkerung in Ge- ■
stalt von Löhnen oder Existenzmitteln zu erhalten. Die alten Öko- .
nomisten nannten dies den Lohnfonds, und er selbst nennt es das
variable Kapital. Wenn dieses variable Kapital auch nicht
selbst produziert, so erzeugt es doch, indem es von der Arbeit ver-
braucht wird, den Wert und den Mehrwert. —

2.	Denjenigen, der einfach dazu dient, die Arbeit in Gestalt von
Werkzeugen, Maschinen, Gebäuden und so weiter zu unterstützen, und
den Marx das konstante Kapital nennt. Da es nicht wie das
andere von der menschlichen Arbeit absorbiert und belebt wird,
kann es keinen Mehrwert hecken. Es produziert nichts, aber es repro-
duziert doch etwas, nämlich seinen eigenen Wert, in dem Maße wie
dieser im Laufe des Produktionsprozesses verbraucht wird. Tatsächlich 1
ist dieses konstante Kapital offenbar selbst nur das Produkt einer Arbeit;
es ist geronnene Arbeit, und sein Wert wird, wie der eines jeden anderen
Erzeugnisses, von der Zahl von Arbeitsstunden bestimmt, die es ge-
kostet hat. Dieser Wert muß sich daher wieder finden, — gerade wie
der der Rohstoffe, gerade wie der der Arbeitskraft selbst, — und
zwar im Wert des endgültigen Produktes: mehr aber nicht. Es ist
das, was die Volks Wirtschaft! er Amortisation nennen. Jedermann weiß
aber, daß Amortisation nicht Profit istx).

*) Ein Töpfer z. B. macht einen Topf an jedem Arbeitstag von 10 Stunden,
indem er nur seine Hände zu seiner Arbeit benutzt: jeder Topf ist daher 10 Stunden
wert. Nun bedient sich aber der Töpfer eines Instrumentes, eines Drehtisches, das
ein konstantes Kapital vorstellt. Um den Drehtisch herzustellen, hat er 100 Arbeits-
stunden aufwenden müssen. Wenn er fortfährt, nur einen Topf täglich zu machen (eine
vollständig widersinnige Annahme, da er in diesem Pall sich nicht die Mühe genommen
haben würde, den Drehtisch anzufertigen! doch wollen wir diesen Einwurf unbeachtet
lassen), so würde der Wert eines jeden Topfes von jetzt ab 10 Arbeitsstunden plus
100 Arbeitsstunden ge teilt durch x sein; hierbei stellt x die Zahl der Töpfe
vor, die der Drehtisch bis zu seinem endgültigen Verbrauch herzustellen gestattet.



A 1
        <pb n="547" />
        ﻿522

Viertes Buch. Die Abtrünnigen.

Von diesem Standpunkt aus erscheint es nun selbstverständlich,
daß es dem Kapitalisten hauptsächlich darauf ankommen müßte, nur
variables Kapital zu verwenden oder wenigstens, wenn er die Hilfe
des konstanten Kapitals nicht entbehren kann, dieses auf das un-
entbehrlichste Minimum zu beschränken*)! — Hier stoßen wir nun
auf eine Anomalie, die die marxistischen Exegeten zur Verzweiflung
gebracht hat, und die sogar Marx selbst recht verwirrte, wenn man
nach der gewundenen Erklärung urteilen darf, durch die er sie zu
beseitigen versucht2).

Wenn das konstante Kapital wirklich von Natur steril ist, woher
kommt es dann, daß die Großindustrie es in immer größerem Maß-
stabe verwendet, in Fabrikanlagen, Maschinen, Hochöfen, Eisen-
bahnen usw., und daß man sie gerade an diesem charakterischen
Zuge erkennt? Nach der eben aufgestellten Rechnung müßte sie
doch viel weniger Profit realisieren als die kleine Handindustrie oder
die Landwirtschaft! Aus den MAEx’schen Vordersätzen ergibt sich
als logischer Schluß, daß der Gewinnsatz von Unternehmung zu
Unternehmung verschieden sein muß je nach der „Zusammensetzung“
des Kapitals aus variablen und konstanten Bestandteilen: aber dieser

*) Nehmen wir zwei Unternehmungen A und B, die jede ein Kapital von 1000
im Betrieb stecken haben. In dem Unternehmen A besteht dieses Kapital zu 900
aus variablen Kapital und zu 100 aus konstanten Kapital, während im Unternehmen ß
umgekehrt 100 auf das variable und 900 auf das konstante Kapital entfällt.

Wenn wir annehmen, daß die Höhe des Mehrwerts, wie in unserem Beispiel,
das soeben angeführt wurde, 100% sei, dann muß man sagen, daß in dem Unter-
nehmen A der Mehrwert 900 beträgt (oder für ein Kapital von 1000 ein Satz von
90°/0), während in dem Unternehmen B der Mehrwert nur 100 ausmacht (oder für das
gleiche Kapital von 1000 nur ein Satz von 10%).

2) Diese Erklärung findet sich besonders in den nach seinem Tode veröffentlichten
Bänden des Kapital.

Allerdings hatte Marx diesen Widerspruch in seinem ersten Bande bemerkt
und für die Erklärung auf die folgenden Bände verwiesen. Er schreibt (Kapital,
S. 285—286, I. Aull.), nachdem er behauptet hat, daß die Mengen der Mehrwerte in
direktem Verhältnis zu der Proportion an variablen Kapitalien, die in den Betrieben
stecken, stehen: „Dies Ges et zwider spricht offenbar jeder auf den Augen-
schein gegründeten Erfahrung. Jedermann weiß, daß ein Baumwollspinner,
der die Prozentteile des angewandten Gesamtkapitals berechnet, relativ viel kon-
stantes und wenig variables Kapital anwendet, deswegen keinen kleineren Gewinn
oder Mehrwert erbeutet als ein Bäcker, der relativ viel variables und wenig kon-
stantes Kapital in Bewegung setzt. Zur Lösung dieses scheinbaren Widerspruchs
bedarf es noch vieler Mittelglieder, wie es vom Standpunkt der elementaren Algebra
vieler Mittelglieder bedarf, um zu verstehen, daß § eine wirkliche Größe dar-
stellen kann. Obgleich sie das Gesetz nie formuliert hat, hängt die klassische
Ökonomie instinktiv daran fest, weil es eine notwendige Konsequenz des Wert-
gesetzes überhaupt ist“.

Wahrscheinlich ist Mabx nicht sehr mit seiner Erklärung zufrieden gewesen,
da er die Bände, in denen er sie za formulieren sucht, nicht selbst herausgegeben hat.
        <pb n="548" />
        ﻿Kapitel III. Der Marxismus.

523

Schluß widerstreitet dem axiomatisch wahren und unbestrittenen
Satze, daß der Gewinnsatz aller Kapitale überall der gleiche ist, die
unter völlig freier Konkurrenz und unter gleichem Risiko funktionieren.

Maex antwortet, daß in der Tat die Höhe des Profits für
alle Kapitalien eines Landes gleich ist, daß aber diese Höhe sich
bildet als Durchschnitt aller Unternehmungen, — mit anderen Worten,
daß die Höhe des Profits die sei, die eintreten würde, wenn alle
Unternehmungen eines Landes, unter Beibehaltung der Verhältnisse
zwischen ihren variablen und konstanten Kapitalien, nur eine einzige
bilden: eine Art nationalen Trust. Hierbei handelt es sich nicht um
einen einfachen, statistischen Durchschnitt, sondern um einen Durch-
schnitt, der durch die Konkurrenz allen Unternehmungen aufge-
zwungen wird1). Hieraus ergibt sich nun eine unerwartete Folge!
Die Unternehmungen nämlich, in denen das variable Kapital vor-
herrscht, wie z. B. in der Landwirtschaft, müssen, da die Höhe ihres
Profits auf den Durchschnitt zurückgeführt wird, viel weniger er-
halten als den Mehrwert, auf den die Zusammensetzung ihrer Kapi-
talien ihnen zu rechnen gestatten sollte. — Daher nennt sie auch
Maex „Unternehmungen niederer organischer Zusammensetzung“. —
Im Gegenteil dazu erhalten die Unternehmungen, bei denen das kon-
stante Kapital vorherrscht, mehr als das, was die Zusammensetzung
ihres Kapitals ihnen zu erhoffen gestatten sollte! —Daher nennt sie
Maex auch Unternehmungen „höherer organischer Zusammensetzung“ *),
Dies erklärt, weshalb die Unternehmungen mit großer Ausstattung sich
so stark vermehren, im Gegensatz zu dem, was der erste Blick ver-
muten lassen könnte. Denn gerade sie werden begünstigt, weil
sie höhere Profite erzielen, als die von ihnen beschäftigte Mehrarbeit
und der normalerweise darauf beruhende Mehrwert sonst ergeben3).

') Nehmen wir, wie in dem vorhergehenden Beispiel an, daß A und B alle
Industrien ihres Landes verstellen: die Nationalindustrie würde dann aus 900 plus
100 variablem und aus 100 plus 900 konstantem Kapital zusammengesetzt sein, also
im ganzen aus 2000 bestehen. Wenn wir nun annehmen, daß der Mehrwert 100%
(für das variable Kapital) sei, so wird der Gesamtmehrwert 900 plus 100, oder
1000 erreichen, was für ein Gesamtkapital von 2000 einen Gewinnsatz von 60%
ausmacht.

2)	So würde in dem auf der vorhergehenden Seite, Anm. 1 angeführten Beispiel,
da das Mittel zwischen 900 und 100 = 500 ist, das Unternehmen A, anstatt 90%
Mehrwert, nur 50% erhalten, und das Unternehmen B, anstatt nur 10% aufzu-
weisen, würde 50% einstreichen.

3)	Wenn wir in dieser Darlegung häufig das Wort Profit an Stelle Mehr-
wert gebraucht haben, so geschieht das, um durch den Gebrauch eines bekannteren
Wortes an Klarheit zu gewinnen. Wir müssen aber darauf besonders aufmerksam
machen, daß die beiden Worte keineswegs vollständig synonym sind. Der Mehrwert
ist alles das, was im Wert des Produktes die Unterhaltskosten der Arbeit übersteigt,
ist also das riesige Stück des Kuchens, in das sich alle Gesellschaftsklassen, außer
        <pb n="549" />
        ﻿524

Viertes Buch. Die Abtrünnigen.

Bei aller Hochachtung vor dieser geistsprühenden Dialektik
dürfen wir uns nicht soweit davon blenden lassen, daß wir die
brutale Tatsache nicht mehr sehen, die sie zu verhüllen bezweckt,
und dennoch implizite zugeben muß, nämlich, daß die Höhe des
Profits (also auch der Wert des Produktes, was wohl zu beachten
ist, da das eine das andere bedingt!) durch die Konkurrenz geregelt
wird, d. h. durch das Gesetz des Angebotes und der Nachfrage,
ohne jede notwendige Verbindung mit der Menge der aufgewandten
Arbeit! Hieraus erkennt man, daß der Unternehmer, anstatt seine
Gewinne im gleichen Maßstabe, wie er weniger menschliche Arbeit
verwendet, geringer werden zu sehen, dadurch im Gegenteil einen
immer größeren Vorteil hat! Dieser Widerspruch ist gerade einer
der Hisse, die, wie wir sehen werden, den Zusammenbruch des maje-
stätischen marxischen Gebäudes nach sich ziehen sollten.

§ 2. Das Gesetz der Konzentration oder Expropriation.

Auf Grund der entsprechend ausgelegten Wirtschaftsgeschichte
sucht das sogenannte Konzentrationsgesetz nachzuweisen1), daß die

der Arbeiterklasse, teilen, d. h. nicht nur die Industriellen, sondern auch die Kauf-
leute, Rentiers usw., — während der Profit nur jener Teil des Mehrwertes ist, der
in den Händen der Unternehmer bleibt, die unmittelbar Lohnempfänger beschäftigen.
Die Höhe des Profits ist übrigens ganz verschieden von der des Mehrwertes, wie wir
oben besonders erwähnt haben.

Wir weisen daher nochmals darauf hin (siehe S. 425, Anm. 1, al. 3), dafi im Wort
Profit verschiedene Bedeutungen unterschieden werden müssen. Im Sprachgebrauch
von Marx, wie in dem aller englischen Volks Wirtschaftler, umfallt das Wort Profit
das ganze Einkommen ans Kapital, so wie es unter der Herrschaft der freien Kon-
kurrenz auftritt, ohne Unterscheidung zwischen dem eigentlichen Profitgewinn und
den Zinsen, während man heute unter Profit das Einkommen des Unternehmers,
das auf gewissen günstigen Umständen, besonders auf dem unvollkommenen Spiel
der Konkurrenz beruht, als verschieden von dem des Kapitalisten versteht.

Bei dieser letzteren Auffassung nun würde es unsinnig sein, von einem Gesetz
der Gleichheit der Profite zu sprechen, da der Profit, so wie wir ihn eben definiert
haben, notwendigerweise, wie die Bodenrente, ein differentielles Einkommen darstellt.

') Wir verkennen nicht, dafi diese Art und Weise, die Behandlung des Themas
zu beginnen, vom marxistischen Standpunkt aus widersinnig erscheinen mufi, weil
Marx anscheinend eine vorhergefaßte Idee untergeschoben wird, eine tendenziöse
Neigung, die im umgekehrten Sinne dieselbe ist, wie die der Volkswirtsohaftler
nach der Art Bastiat’s — und eben dadurch vollständig unwissenschaftlich und eines
so großen Geistes, wie Marx, unvrürdig.

Ein so großer Geist man aber auch sein möge, wir sind doch der Meinung,
daß in allen Wissenschaften man nur das finden wird, was man sucht und es dürfte
schwer sein, leugnen zu wollen, daß Marx nicht nur lange bevor er das Kapital
geschrieben hat, Sozialist war, sondern auch bevor er sein System aufgebaut hat.
Hiermit glauben wir mit nichten, ihn irgend wie zu verkleinern.

Übrigens fangen wir nur deshalb mit der Darlegung der Schlußfolgerung an, um
        <pb n="550" />
        ﻿Kapitel III. Der Marxismus.

525

Herrschaft unter der wir leben, die des Privatunternehmens und der
privaten Aneignung, im Begriif steht, einer neuen Ordnung der Dinge
Platz zu machen, die das System der kollektiven Unternehmung und
des gesellschaftlichen Eigentums sein wird, das man aus diesem
Grunde mit dem Namen Kollektivismus bezeichnet* 1). Der Beweis
wird wie folgt geliefert.

Auch diesmal muß man etwas weit zurückgehen: bis ins 16. Jahr-
hundert. Dort liegen die Anfänge der heutigen, sogenannten kapi-
talistischen Wirtschaftsperiode. Bis dahin gab es kein Kapital und
sogar keine Kapitalisten. Zwar existierte natürlich das Kapital in dem
Sinne, den die Ökonomisten diesem Worte geben, d. h. unter der Form
von Produktionsmitteln. Das Wort Kapital hat aber für die
Sozialisten eine andere Bedeutung, die wie man zugeben muß, dem
Sprachgebrauch näher steht: Kapital ist das, was eine Rente
erzeugt, und das Wort Rente bedeutet ein nicht durch die Arbeit
des Kapitalisten, sondern durch die Arbeit anderer erzeugtes Ein-
kommen. Nun waren aber unter der Zunftordnung die meisten
Arbeiter Eigentümer ihrer Produktionsmittel.

Dann aber trat eine Reihe von Ursachen auf, die wir hier nicht
untersuchen können, deren äußerst dramatische Darlegung man aber
in den Büchern Maex’ nachlesen mag, — die Eröffnung neuer Verbin-
dungswege, und infolgedessen neuer Märkte, dank den großen über-
seeischen Entdeckungen und der Errichtung der großen modernenStaaten,
die Schaffung derGroßbanken und der großenKolonisationsgesellschaften,
die Entstehung der Staatsschulden usw., — die alle nach und nach die

dem Leser das Verständnis des Beweises zu erleichtern, doch steht es jedem frei,
wenn er damit respektvoller gegen Maex zu sein glaubt, anzunehmen, daß Marx
keine Ahnung des Ergebnisses hatte, zu dem ihn seine „objektive Analyse“ der
Tatsachen führen sollte, als er mit dieser Arbeit begann.

l) Es ist aber zu bemerken, daß der allgemeine Gebrauch des Wortes „Kollekti-
vismus“ nichts mit Marx zu tun hat, denn das kommunistische Manifest ge-
braucht nur das Wort „Kommunismus“, das es auf jeder Seite wiederholt.

Wenn man James Q-üillaumb (Vorrede zum Bd. II der (Euvres de Ba-
li o uni ne, S. XXXVI) Glauben schenken soll, wäre der Ursprung des Wortes „Kollekti-
vismus“ der folgende: „Auf dem 4. allgemeinen Kongreß der Internationale zu Basel
(1869) sprachen sich die Delegierten der Internationale fast einstimmig für das Wort
„Kollektiveigentum“ (Propriete collective) aus; man konnte aber wahrnehmen, daß
unter ihnen zwei verschiedene Strömungen herrschten; die einen, Engländer, Deutsche,
Deutsch-Schweizer, waren Staatskommunisten, die anderen, Belgier, Spanier, franzö-
sische Schweizer und fast alle Franzosen, waren anti-autoritäre Kommunisten,
Foederalisten oder Anarchisten, die den Namen Kollektivisten annahmen.
Bakunin gehörte zu dieser zweiten Partei, unter der sich auch der Belgier de Paepb
und der Franzose Varlin befanden.“ — Es ist auch bemerkenswert, daß Bakunin
sich selbst als Kollektivisten bezeichnet (was Marx niemals getan hat), aber nicht
uls Kommunisten: erst seit Kropotkin ist der Anarchismus wieder kommunistisch
geworden.
        <pb n="551" />
        ﻿



Viertes Buch. Die Abtrünnigen.

Ansammlung des Kapitals in den Händen Einiger herbeiführten, und
die Expropriation der kleinen Handwerkerbesitzer verursachten.

Dies war aber nur der Anfang. Damit das Kapital, im eigent-
lichen Sinne dieses Wortes, d. h. als Mittel, sich durch die Arbeit

anderer ein Einkommen zu verschaffen, entstehen und sich entwickeln

konnte, damit die Mehrarbeit und der Mehrwert, den wir soeben
analysiert haben, zur Schaffung und zum Unterhalt dieses Kapitals
dienen könnten, war es notwendig, daß der Kapitalist auf dem Markte
jene Ware kaufen konnte, die die wunderbare Eigenschaft besitzt,
den Mehrwert zu hecken. Damit aber die Arbeitskraft gekauft werden
konnte, mußte sie verfügbar, von ihren Produktionsinstrumenten und
ihrem Milieu losgelöst, sowie aller Bande des Kleinbesitzes, der Hörig-
keit und der Zunftordnung entledigt sein. Die Arbeit mußte frei
// werden: frei, sich zu verkaufen oder richtiger gesagt, „gezwungen,
sich freiwillig zu verkaufen, weil dem Arbeiter nichts anderes zu
verkaufen blieb“. Lange Zeit hindurch hatte der Handwerker dem
Publikum seine Produkte ohne Zwischenhändler verkauft; es kam
aber ein Tag, an dem er seine Erzeugnisse nicht mehr absetzen
konnte und gezwungen war, sich selbst zu verkaufen1).

Zur Schaffung des neuen Eigentums, das sich auf die Arbeit
anderer gründen sollte, war es notwendig, mit der Vernichtung des
primitiven Eigentums, das sich auf die persönliche Arbeit gründete,
zu beginnen und es durch das moderne Proletariat zu ersetzen. An
dieser Aufgabe arbeitete die Bourgeoisie drei Jahrhunderte hindurch,
und die Proklamation der Arbeitsfreiheit und der Menschenrechte
war nur die Proklamation ihres Sieges. Ihr Werk war beendet:
die Expropriation des Handwerkers, der von nun an in die Masse
des Proletariats versinken mußte, war vollendet.

In Wahrheit ist sie sogar in den Ländern, in denen die kapi-
talistische Herrschaft am höchsten gediehen ist, noch nicht vollständig
durchgeführt, aber sie vollendet sich von selbst, ganz selbsttätig, auf
Grund der folgenden Ursachen:

a)	Durch die beständige Entwicklung der Großproduktion, sei es
unter der Form des Maschinenbetriebes, sei es unter der Form von
Organisationen, die Makx selbst noch nicht kannte, die aber seit-
dem entstanden sind, und seine Voraussagen bestätigt haben, wie die
Industriesyndikate und die Trusts, — hauptsächlich aber diese

*) „Beim . . . verwandelt sich, so scheint es, schon in etwas die Physionomie
unserer dramatis personae. Der ehemalige Geldbesitzer schreitet voran als

Kapitalist, der Arbeitskraft-Besitzer folgt ihm nach als sein Arbeiter; der
eine bedeutungsvoll schmunzelnd und gesohäftseifrig, der andere scheu, widerstrebsam,
wie jemand, der seine eigene Haut zu Markte getragen und nichts anderes zu
erwarten hat als die — Gerberei.“ (Kapital, S. 140—141, I. Aufi.)

T
        <pb n="552" />
        ﻿Kapitel III. Der Marxismus.

527

letzteren, deren sozialistische Bedeutung außerordentlich groß ist, da
sie jetzt die kleinen Kapitalisten zugunsten der Milliardäre expro-
priieren. So hat die Entwicklung der Großproduktion als Gegenstück
die wachsende Proletarisierung der Massen im Gefolge; so arbeitet
der Kapitalismus unablässig daran, die Menge der Arbeiter, der Lohn-
empfänger, d. h. die Zahl der geborenen Feinde des Kapitals zu ver-
mehren. „Sie (die Bourgoisie) produziert vor allem ihre eigenen
Totengräberx)“.

b)	Durch die Überproduktion, die die Arbeitslosigkeit nach sieh
zieht, und die einen Überfluß an Arbeiterbevölkerung schafft, die sich
stets auf dem Markt anbietet, eine wirkliche „industrielle Eeserve-
Armee“, aus der der Kapitalist nach Belieben schöpfen kann, elende
Wracks, die von der Ebbe und Flut der krampfhaften industriellen Krisen
beständig an die Küste gespült und wieder weggeschwemmt werden2).

c)	Durch die Konzentration der ländlichen Bevölkerung in den
Städten, die wieder durch das Verschwinden des Kleinbesitzes ver-
ursacht wird, durch den Ersatz des Getreidebaues durch Weidewirt-
schaft usw., der ebenfalls dazu beiträgt, eine stetig wachsende Zahl
von bis dahin unabhängigen Besitzern und Produzenten dem expro-
priierten Proletariat einzureihen.

Auf diese Weise ist die kapitalistische Klasse geboren worden
und so ist sie aufgetvachsen. „Sie kam zur Welt, über und über mit
Blut beschmiert.“ Man sieht, wie ihre wirkliche Geschichte wenig
mit jener idyllischen Geschichte, die uns die Ökonomisten erzählen,
übereinstimmt, die uns das Kapital als die langsam gereifte Frucht
der persönlichen Arbeit und Enthaltsamkeit darstellen, und die uns
das Nebeneinander der beiden Klassen, der Kapitalisten und der
Lohnempfänger erklären, „auf Grund einer zufälligen Begebenheit,
die sich einige Tage nach der Erschaffung der Welt zugetragen hat“,
damals, als die Guten und die Klugen den Weg nach oben nahmen,
die Faulen und Lasterhaften aber den Weg nach unten wählten!

So ist die kapitalistische Ordnung aus dem Kampf der Klassen
hervorgegangen. Und der Klassenkampf wird sie auch vernichten.
Ebenso, wie sie begonnen hat, wird sie endigen: „Die Expropriatoren
werden expropriiert werden“. Wie wird sich diese Expropriation
vollziehen? Hierüber gibt Karl Marx keine Einzelheiten: er enthält
sich jeder Voraussage über die Zukunft und unterscheidet sich da-
durch vorteilhaft von all jenen Fabrikanten sozialistischer Romane:

’) Kommunistisches Manifest, S. 18.

2) Es muß aber bemerkt werden, daß die Trusts gerade die Aufgabe haben, die
Überproduktion zu vermeiden, aber doch die Arbeitslosigkeit nicht verhindern; im
Gegenteil! eins ihrer Mittel besteht gerade darin, schlecht gelegene Fabriken still
zu legen.
        <pb n="553" />
        ﻿528

Viertes Buch. Die Abtrünnigen.

„Im Jahre 2000!“ Er begnügt sich mit dem Nachweis, daß dieselben
Gesetze, die die Schaffung und Entwicklung der kapitalistischen Ord-
nung bestimmt haben, auch ihren Untergang bestimmenJ). Der natür-
liche Lauf der Dinge wird ihn herbeiführen: ihr Finde ist Selbst-
Zerstörung. „Der Kapitalismus“, sagt ein Sozialist der marxisti-
schen Schule, „schafft selbst seine eigene Vernichtung, und dies mit
der Fatalität, die den Umwandlungen in der Natur zugrunde liegt“2).
Im folgenden führen wir einige der Tatsachen an, die uns ankündigen,
daß diese Selbstzerstörung schon jetzt am Werke ist:

a)	Die Krisen der Überproduktion (oder vielmehr der Unter-
konsumtion) werden chronisch. Sie ruinieren den Kapitalismus und
sind doch mit ihm unlöslich verbunden. Denn das beständige An-
wachsen des konstanten Kapitals im Verhältnis zum variablen Kapital
(mit anderen Worten die Verwendung von Maschinen, die eine' Ver-
minderung der menschlichen Arbeit nach sich zieht), drängt beständig
auf ein Fallen des Mehrwertes hin. Um gegen diesen Rückgang an-
zukämpfen, sind die Kapitalisten gezwungen, ohne Unterlaß die Pro-
duktion zu vermehren, oder, wie man sagt „die Menge muß es bringen“.
Auf der anderen Seite ist es den Arbeitern mehr und mehr unmöglich,
mit ihrem Lohn die Erzeugnisse ihrer Arbeit zurück zu kaufen, weil
sie niemals einen mit dem Erzeugnis ihrer Arbeit gleichen Wert als
Lohn erhalten, und weil sie sich außerdem periodisch ohne Arbeit
finden, — zeitweilig zur Arbeitslosigkeit verdammt sind. Wie wir schon
gesehen haben, ist dies auch ein Gedanke Peoudhon’s, auf den er
besonderen Nachdruck legte, und wir haben hier einen der Fälle, in
denen es schwer sein dürfte, den Einfluß Puoudhon’s auf Mabx zu
leugnen.

Die bezeichnendste Idee der marxistischen Theorie ist daher, daß
jede Krise von einer Störung des Gleichgewichts zwischen dem variablen
und dem konstanten Kapital herrührt, weil das beständige Wachstum
des letzteren in einem gegebenen Augenblick ihm die Unterlage
entzieht —, daß aber die Krisis selbst, indem sie den Zusammenbruch
eines Teiles des konstanten Kapitals hervorruft, dem Mehrwert ge-
stattet, einen neuen Aufschwung zu nehmen, — bis eine neue Über-
treibung der Kapitalisation eintritt, eine neue Krise nach sich zieht
und so im Kreislauf weiter8).

1)	Dieses angebliche Gesetz wird hauptsächlich im kommunistischen Manifest
mit großer Beredsamkeit dargelegt.

2)	Labriol a.

s) „Die ganze Bewegungsform der modernen Industrie erwächst also aus der
beständigen Verwandlung eines Teiles der Arbeiterbevölkerung in unbeschäftigte
oder halbbeschäftigte Häude. Die Oberflächlichkeit der politischen Ökonomie zeigt
sich u. a. darin, daß sie die Expansion und Kontraktion des Kredits, das bloße
Symptom der Wechselperioden des industriellen Zyklus, zu deren Ursache macht.
        <pb n="554" />
        ﻿Kapitel III. Der Marxismus.

529

b)	Die Entwicklung des Pauperismus, der selbst wieder sich
aus diesen Krisen und der Arbeitslosigkeit ergibt. Die kapitalistische
Klasse „ist unfähig zu herrschen, weil sie unfähig ist, ihrem Sklaven
die Existenz selbst innerhalb ihrer Sklaverei zu sichern, weil sie
gezwungen ist, ihn in eine Lage herabsinken zu lassen, wo sie ihn
ernähren muß, anstatt von ihm ernährt zu werden“1).

c)	Die Vermehrung der Aktiengesellschaften. Hierdurch
verflüchtigt sich das individuelle Eigentum in Papierfetzen; an diesem
Stück Papier, an der Aktie, klebt der ßechtstitel, und nicht einmal
der Name des Besitzers kommt in Betracht. In Wirklichkeit ist das
Stück Papier ohne Namen der Besitzer. Der Profit erscheint in
seiner ganzen Nacktheit, als Dividende, die von jeder Arbeit unab-
hängig ist, als ein Abzug vom Arbeitsertrag des Arbeiters. Die
Unternehmerfunktion ist hier von jedem Charakter einer Leitung,
einer Initiative oder einer persönlichen Arbeit entkleidet, der früher
dazu diente, sie mit einem Mäntelchen zu umgeben und sie in den
individuellen Unternehmungen zu rechtfertigen; sie löst sich in zwei
Funktionen auf: — auf der einen Seite der parasitische Großaktionär,
— auf der anderen Seite der besoldete Direktor.

An dem Tage, an dem alle Unternehmungen eines Landes die Form
von Aktiengesellschaften angenommen haben werden, oder noch besser,
zu Trusts geworden sind, die die Aktiengesellschaft am vollkommensten
zum Ausdruck bringen, sind sie zur sozialistischen Expropriation reif,
da es dann genügen wird, mit einem einfachen Federstrich alle
Rechtstitel, die auf die Namen der Aktionäre lauteten, auf den der
Nation zu übertragen. Man wird sogar nicht einmal bemerken, daß
irgend etwas in dem wirtschaftlichen Mechanismus verändert ist.

So wird also die Expropriation der bürgerlichen Klasse viel
leichter vor sich gehen als vor einigen Jahrhunderten die Expro-
priation der Handwerker durch die Kapitalisten! Zur Durchführung
der Expropriation von gestern war „die Expropriation der großen
Masse durch einige Usurpatoren“ erforderlich, während es für die von
morgen dank dem Gesetz der Konzentration genügen wird, „die Ex-
propriation weniger Usurpatoren durch die*große Masse“ auszuführen.

Was ist nun zum Schluß — wir wollen nicht sagen, der Zweck
oder das Ziel, da der Marxismus sich weigert ein solches anzugeben —
aber zum wenigsten die Voraussage des marxistischen Programms?
Gewöhnlich sagt man: die Abschaffung des Privateigentums, und

(Ganz wie die Himmelskörper, sobald sie durch ersten Stoß in eine bestimmte
Bewegung geschleudert sind, dieselbe Bewegung stets reproduzieren, so die gesell-
schaftliche Produktion, sobald sie einmal in jene Bewegung wechselnder Expansion
und Kontraktion geworfen ist“ (Kapital, S. 619, I. Aufl.).

*) Kommunistisches Manifest, S. 18.

Gide und Eist, Gesch. d. Volkswirtschaft!. Lehraieinungen.	34
        <pb n="555" />
        ﻿530

Viertes Buch. Die Abtrünnigen.

hierzu ist man um so mehr berechtigt, da das kommunistische
Manifest dies in klaren Worten ausspricht: „In diesem Sinn können
die Kommunisten ihre Theorien in dem einen Ausdruck: Aufhebung
des Privateigentums — zusammenfassen1).“

Das Manifest führt aber zugleich aus, wie dies zu verstehen ist.
Das Privateigentum, um dessen Abschaffung es sich handelt, ist nicht
das Recht des Arbeiters auf das Erzeugnis seiner Arbeit, sondern
das Recht auf das Erzeugnis der Arbeit anderer, der Arbeit des
Lohnempfängers. Es ist dies die Form des Besitzes, die Privat-
eigentum genannt wird, die man aber besser bürgerliches Eigentum
nennen sollte, und die bestimmt ist, unter der kollektivistischen
Ordnung zu verschwinden. Was das Eigentumsrecht des Menschen
an dem Produkt seiner Arbeit anlangt, wie es früher unter der Herr-
schaft der Zünfte und der bäuerlichen Landwirtschaft existierte, so
hat es der Kapitalismus schon vernichtet oder ist im Begriff, es zu
zerstören, indem er es durch das Lohnsystem ersetzt! Weit davon
entfernt, dieses Eigentumsrecht zu vernichten, wird es der Kollek-
tivismus wieder ins Leben rufen — nicht mehr unter der veralteten
und individualistischen Form des Eigentums des Arbeiters an dem
Erzeugnis seiner Arbeit, denn dies ist in Zukunft mit den Be-
dingungen der Großproduktion und der Arbeitsteilung unverträglich,
— sondern unter der Form eines Anrechtes auf einen dem Erzeugnis
seiner Arbeit entsprechenden Wert2).

Welches praktische Mittel soll nun diesen zwiefachen Zweck
erfüllen ?

Die Rückgängigmachung dessen, was der Kapitalismus getan hat,
die Enteignung der Kapitalisten aus ihrem Besitze an den Produktions-

') Engels sagt auch: „Die Aufgabe des kommunistischen Manifestes war die
Proklamation des unvermeidlich bevorstehenden Untergangs des heutigen bürger-
lichen Eigentums“ (Vorwort zum kommunistischen Manifest, S. 6).

Heute jedoch zieht man vor, als Ziel des kollektivistischen Sozialismus die
Abschaffung des Lohnsystems hinzustellen, — da die Abschaffung des Eigentums
nur das unvermeidliche Mittel zur Erreichung dieses letzten Zieles ist. So sagt
Labeiola (Essai sur la Conception Materialiste, 2. Ausg. S. 62): „Sie
(die Proletarier) gelangen zu dem Verständnis, daß sie nur ein Ziel vor Augen haben
müssen: die Abschaffung des Lohnsystems.“

Das gleiche Ziel wird aber auch von anderen, als den Sozialisten erstrebt, von
den Assozialisten, den Kooperativisten, und von der radikal-sozialistischen Partei;
und, indem diese sich auf den entgegengesetzten Standpunkt stellen, glauben sie,
daß das einzige Mittel, um dieses Ziel zu erreichen, in der Vermehrung des Eigen-
tums bestehe, während seine Abschaffung ganz im Gegenteil die Verallgemeinerung
des Lohnsystems bedinge.

2) „Der Kommunismus nimmt keinem die Macht, sich gesellschaftliche Produkte
anzueignen, er nimmt nur die Macht, sich durch diese Aneignung fremde Arbeit zu
unterjochen“ (Kommunistisches Manifest, S. 20).
        <pb n="556" />
        ﻿Kapitel III. Der Marxismus.

531

mittein und deren Rückgabe an die Arbeiter, — nicht individuell,
denn das ist unter den neuen Bedingungen der Produktion unmöglich,
sondern kollektiv. Dieses Mittel ist, um die überall an erster Stelle
in den Parteiprogrammen eingeschriebene Formel zu gebrauchen: die
Vergesellschaftung der Produktionsmittel. Land, Boden,
Untergrund, Fabriken, Kapitalien. Das Arbeitsprodukt aller wird
verteilt, nach Abzug der für das Allgemeinwohl erforderlichen Be-
träge, und zwar im Verhältnis zur Arbeit eines jeden. So wird die
Mehrarbeit und der Mehrwert, den sie erzeugt, verschwinden.

Diese Expropriation der Kapitalisten wird die letzte der Geschichte
sein, da sie sich diesmal nicht mehr wie die vorhergehenden Expro-
priationen im Nutzen einer anderen Klasse, — nicht einmal der
Arbeiterklasse — sondern im Nutzen aller, der Nation selbst, voll-
ziehen wird. Die Form des Eigentums wird endlich der der Produk-
tion entsprechen, wie sie der Lauf der Dinge ihr bereits aufge-
zwungen hat: beide werden jetzt kollektiv sein.

II.

Die marxistische Schule.

Nach dieser summarischen Darlegung der wichtigsten Theorien
Karl Marx’, werden wir jetzt eine Darlegung der allgemeinen
Charakterzüge der sozialistischen Schule, die seinen Namen trägt,
versuchen *) und ausfiihren, wie sie sich von den hier schon unter-
suchten sozialistischen Schulen unterscheidet.

*) Marx als das Haupt einer großen sozialistischen Schule zu bezeichnen, wäre •
zu wenig gesagt; man muß unbedingt zugeben, daß die ungeheuere Mehrzahl aller
derjenigen, die sich in allen Ländern Sozialisten nennen, in engerem oder weiterem
Sinn seine Schüler sind. Die anderen sozialistischen Schulen, wie die Anarchisten,
die Fabier in England, die Colinsiens in Belgien, die Anhänger Henry George’s
sind neben den marxistischen Sozialisten ohne Bedeutung.

Hauptsächlich in Deutschland und Bußland bat der Marxismus die meisten
Anhänger, und in England die wenigsten. In Frankreich haben Jules Güesdb
und Lafaegue (dieser letztere ein Schwiegersohn Marx’) sich seit 1878 zu Vor-
kämpfern des reinen Marxismus gemacht. Eine große Anzahl der französischen
Sozialisten aber haben die marxistische Lehre nicht in ihrer ganzen Starrheit ange-
nommen, auch wenn sie das kollektivistische Programm vertreten. Sie haben nur
die drei großen Grundsätze der Sozialisation der Produktionsmittel, des
Klassen kampf es, und des Arbeiter-Internationalismus übernommen,
lassen aber im allgemeinen die Werttheorie und besonders den historischen
Materialismus beiseite. Sie haben nicht mit der französischen sozialistischen
Überlieferung brechen wollen, die höchst idealistisch war. BenoIt Malon, der

34*
        <pb n="557" />
        ﻿532

Viertes Buch. Die Abtrünnigen.

a) Stolz beansprucht sie den Titel: wissenschaftlicher
Sozialismus. Doch muß dieses Beiwort in seiner richtigen Bedeutung
aufgefaßt werden. Der Marxismus verhöhnt schärfer, als es die
Ökonomisten jemals getan haben, alle Phalansterien und alle Republiken
in Ikaria, und ebenso alle die mehr oder weniger vollständigen Genossen-
schaftssysteme. Er behauptet nicht, einen neuen Plan aufgestellt zu
haben, sondern gibt sich nur, sagt Labeiola, als „die wissenschaftliche
und überlegte Offenbarung des Weges, den unsere bürgerliche Gesell-
schaft durchläuft (möge der Schatten Fotjsiee’s mir verzeihen!)“ x).
Er beschränkt sich darauf, den Sinn der Entwicklung aufzudecken, die
nolens volens die menschlichen Gesellschaften vorwärts treibt, und den
Punkt zu bezeichnen, auf den hin der Lauf der Dinge gerichtet ist.

Diese Methode nähert den Marxismus eher der klassischen
Nationalökonomie und ihrer Auffassung der natürlichen Gesetze, als
dem Sozialismus. Und weiter steht es unbezweifelbar fest: die
Theorien Marx’ beruhen auf denen der großen Ökonomisten aus dem
Anfang des 19. Jahrhunderts und im besonderen auf denen Ricaedo’s.
Yon ihm stammt der Marxismus in gerader Linie ab. Er ist sein
Erbe nicht nur auf Grund seiner sich auf die Arbeit gründenden
Werttheorie, nicht nur durch die Theorie des Antagonismus zwischen
Profit und Lohn, nicht nur durch die der Rente, durch all diese Lehren
Ricardo’s, die kaum verändert in die marxistische Doktrin über-
gegangen sind und ihr als mächtiges Gerüst dienen, sondern, so paradox
diese Behauptung im ersten Augenblick wohl erscheinen mag, er
ist sein Erbe auch auf Grund seiner abstrakten, dogmatischen Methode
und durch die dunkle Fassung seiner Formeln, die seinen Schülern
stets gestattet, ihnen einen esoterischen Sinn zu geben und zu sagen,
daß man ihn noch nicht verstanden habe, genau wie bei Ricardo 2).
Marx stützt sich zwar auf eine reiche Beobachtung der Tatsachen
— wir haben übrigens schon dargelegt, daß auch Ricardo selbst, mehr
als man denkt, der Beobachtung der Tatsachen verdankt, — aber er
vereinfacht und verallgemeinert sie, um darauf ein rein schematisches
Gebäude zu errichten, gerade wie Ricardo selbst und seine Schüler

im Jahre 1885 die Revue Socialiste gründete, war einer der ersten Vertreter
dieses französischen Kollektivismus, und seine Nachfolger waren zuerst George
Renaed und später Fouhbi:6:eb.

*) Antoine Labeiola, La conception materialiste de l’Histoire,
S. 24. Aber auch die Saint-Simonisten hatten denselben Anspruch erhoben. Es
würde daher ungerecht sein, sie unter die Utopisten einzureihen, und einige der
Marxisten erkennen ihnen auch in der Tat dieses Recht der Priorität zu.

2) Ein Schüler von Marx, Georges Sorbl, hat völlig im Ernst geschrieben:
„Das Beispiel der marxistischen Werttheorie zeigt uns, welche Bedeutung die
Unverständlichkeit haben kann, um einer Lehre Nachdruck zu verleihen.“ Les
IHusions du progres, S. 91—92. Und das ist auch tatsächlich ganz richtig!
        <pb n="558" />
        ﻿Kapitel III. Der Marxismus.

533

nach ihm es getan haben. Und dies ist so wahr, daß hierin heute
die einzige Zuflucht liegt, die den noch im Starrsinn verharrenden
Marxisten offen bleibt, um diejenigen Theorien des Meisters verteidigen
zu können, die unhaltbar erscheinen, wie z. B. die des Arbeitswertes.
Sie sagen, daß Marx eine Gesellschaft angenommen habe (hier haben
wir das: „Angenommen, daß ... Eicaedo’s!), in der die Arbeit überall
gleichartig sei, usw.1).

Der Marxismus ist daher ein auf den klassischen Baum gepfropfter
Zweig, und so sehr sich auch der Baum über die eigentümlichen
Früchte, die man ihn zu tragen zwingt, erstaunt und entrüstet, so ist
er es doch gewesen, der sie mit seinem Saft genährt hat. Daher hat
man schreiben können, daß das Kapital „nicht das erste Buch des
kritischen Kommunismus, sondern das letzte große Buch der bürger-
lichen Volkswirtschaft sei“ 2).

Nicht nur setzt der Marxismus die Wissenschaft der Ökonomik
fort, die er hochachtet, — wenn er die Volkswirtschaftler heftig an-
greift, so tut er dies nur, um ihnen zu beweisen, daß sie sie nicht
verstanden haben —, sondern, was überraschender ist, er setzt den
Kapitalismus fort, den er ebenfalls hochschätzt3). Die Marxisten

*) Vgl. z. B. was Georges Sorel in der Heyne Internationale de
Sociologie, 1900 (Les polemiques pour l’interpretation du marxisme,
S. 248) schreibt: „Bei Marx gibt es keine eigentliche Werttheorie in dem Sinne,
den man gewöhnlich mit diesem Ausdruck verbindet, sondern eine Theorie des
wirtschaftlichen Gleichgewichts, die auf den Fall einer bis ins äußerste
vereinfachten Gesellschaft zurückgeführt ist. Man unterstellt, daß
«die Industrien gleichwertig sind, und daß die Arbeiter einen gleichförmigen Typus
bilden; die Leistung einer Arbeitsstunde einer Gruppe von 10 Arbeitern wird über-
all dasselbe erzeugen; sie wird, ganz gleich in welchem Zweige der Beschäftigung,
die gleiche intensive Größe einer gewissen Menge leisten, die das vorstellt, was das
Vergleichungsmoment der Waren ausmacht; den Wert ... So erhält man ein
Bild, das keinen anderen Nutzen zu haben scheint, als die Möglichkeit, nachzu-
weisen, durch wohldurchdachte künstliche Konstruktionen die Theorie
des Zeitwertes mit dem Marktpreis in Übereinstimmung zu bringen.“

2)	Labriola, Conception materialiste, S. 91. Und G. Sohel sagt; „In
Wirklichkeit steht der Marxismus der sogenannten manchesterlichen Volkswirtschaft
viel näher, als dem Utopismus. Dieser Punkt hat seine große Bedeutung“ (La
decomposition du marxisme, S. 44).

3)	„Die Holle der Bourgeoisie iu der Geschichte ist ganz außerordentlich
revolutionär gewesen . . . Gerade der Bestand der Bourgeoisie bedingt eine beständige
Umformung der Produktionsmittel, und daher der Produktionsbedingungen, und in-
folgedessen auch der gesamten sozialen Bedingungen . . . Zerbrochen sind die bis
dahin unveränderlichen sozialen Bande, die Bande, die bis dahin mit dem ganzen
Anhang ihrer alten und ehrwürdigen Gedanken und Vorstellungen wie zusammen-
gerostet waren. Alles das, was den Kastengeist und das feste Gefüge verstellt,
geht in Hauch auf, alles, was als heilig gegolten hatte, wird profaniert“ (Kommu-
“istisches Manifest, S. 11).

Übrigens arbeitet, nach der Meinung der Marxisten, der Kapitalismus eifrig
        <pb n="559" />
        ﻿534

Viertes Buch. Die Abtrünnigen.

bewundern das große Werk, das er durcligefiihrt hat. Sie sind ihm
für die wirklich revolutionäre Rolle (so drücken sie selbst sich aus),
die er gespielt hat, unendlich dankbar, wie auch dafür, daß er das
Nest so gut hergerichtet hat, in dem der Kollektivismus sich, fast
ohne etwas daran ändern zu müssen, wird einrichten können 1).

Jedoch erheben dieMarxisten gegen eben diese Ökonomisten der klas-
sischen Schule eine große Anklage. Sie werfen ihnen vor, nicht erkannt
zu haben — weil sie nämlich ein konservatives und bürgerliches Interesse
daran hatten, es nicht zu sehen, — wie relativ und vorübergehend der
Charakter der sozialen Ordnung, die sie studierten, sei. Glaubten und
lehrten sie doch z. R, daß das Eigentum und das Lohnsystem endgültige
Einrichtungen wären! Sie haben sich eingebildet, daß die Welt für
immer in dem jetzigen, dem bürgerlichen Zustande bleiben würde
• und haben sich gegen die Erkenntnis verschlossen, daß er nur eine
„historische Kategorie“ sei, die vergehen wird, wie die anderen2).

b) Von den früheren sozialistischen Schulen unterscheidet sich der
Marxismus dadurch, daß er jeden ideologischen Gedanken an Gerechtig-
keit und Brüderlichkeit absichtlich ausschaltet, die einen so großen Platz
in der französischen sozialistischen Bewegung eingenommen hatten. Es
handelt sich nicht darum, zu wissen, was am gerechtesten sein wird,
sondern einfach um die Kenntnis dessen, was sein wir d. — „Die theo-
retischen Sätze der Kommunisten beruhen keineswegs auf Ideen,... sie
sind nur allgemeine Ausdrücke tatsächlicher, gegebener Verhältnisse3).'“
Und nicht nur im Bereich der Volkswirtschaft legen sie den Tat-
sachen eine so überwiegende Bedeutung bei: das Gleiche gilt für sie auch
zur Erklärung aller sozialen Beziehungen, sogar derjenigen, die sozusagen
von erster Ordnung sind, der Politik, der Literatur, der Kunst, der Moral,
der Religion. Alle lassen sich durch Tatsachen des Wirtschaftslebens
erklären; zunächst durch die,- die mit der Produktion in Beziehung
stehen, und unter diesen wieder im besonderen durch die, die die dt o

an seiner Selbstzerstörung, was doch wirklich das non plus ultra eines revolu-
tionären Charakters ist!

') „So hat der Kapitalismus die Fragen gelöst, für die die Utopisten umsonst
vollständig eitle Lösungen suchten; so hat er Bedingungen geschaffen, die den
Übergang zu einer neuen sozialen Form gestatten werden; der Sozialismus braucht
weder neue wissenschaftliche Werkzeuge zu erfinden, noch die Menschen ihren
Gebrauch zu lehren“ usw. (Sokbl, Decomposition du marxisme, 8. 41).

2) Für die Yolkswirtschaftler „sind die Institutionen des Feudalismus künstliche
Institutionen, die der Bourgeoisie natürliche. Somit sind diese Verhältnisse (die der
bürgerlichen Produktion) selbst von dem Einflüsse der Zeit unabhängige Naturgesetze.

Es sind ewige Gesetze, welche stets die Gesellschaft zu regieren haben. Somit
hat es eine Geschichte gegeben, aber es gibt keine mehr“ (Marx,
Misere de la Philosophie, deutsch von En. Bernstein und K. Kadtsky, Elend
der Philosophie, Stuttgart 1886, S. 115).

^Kommunistisches Manifest, S. 18.

i
        <pb n="560" />
        ﻿Kapitel III. Der Marxismus.

535

technischen Instrumente und ihre In-Betriebsetzung betreffen. So
erklärt z. B. die Technik der Brotbereitung und innerhalb derselben
wieder die Stufenreihe der Formen von der Handmühle des
Altertums über die Wassermühle des Mittelalters bis zur Dampfmühle
der Gegenwart, den Übergang von der Hausindustrie über die kapi-
talistische zur Großindustrie viel besser, als dies der Fortschritt der
freiheitlichen Ideen oder anderer „bürgerlicher Seifenblasen“ des
gleichen Kalibers tun können. Das Gleiche gilt von der Sklaverei,
der Hörigkeit und dem Lohnsystem, wie überhaupt von den auf-
einander folgenden Zuständen der Zivilisation im allgemeinen. Hier
haben wir die wirklichen Grundlagen, oder wie man sagt, den
Unterbau, worauf alles übrige sich aufbaut. Diese Auffassung,
die weit über den Rahmen der eigentlichen Volkswirtschaft hinaus-
geht und eine ganze Geschichtsphilosophie darstellt, ist unter dem
Namen des historischen Materialismus berühmt geworden1).

') Indem die Menschen die Prodnktionsmethoden ändern, ändern sie auch ihre
sozialen Beziehungen. ,.Die Handmühle ergibt eine Gesellschaft mit Feudalherren;
die Dampfmühle eine Gesellschaft mit industriellen Kapitalisten“ (Elend der
Philosophie, S. 101). Doch muß man in diesem oft wiederholten Satz mehr eine
pittoreske Illustration als eine wissenschaftliche Formel des historischen Materialismus
sehen. Mabx drückt sich in dem Vorwort seines Buches Zur Kritik der politischen
Ökonomie (herausg. von Kadtsky, Stuttgart 1909, 3. Aufl.) gemäßigter aus. Wir
führen die bedeutendste Stelle dieser berühmten Seite an (Vorwort, S. LV.)

„In der gesellschaftlichen Produktion ihres Lebens gehen die Menschen bestimmte,
notwendige, von ihrem Willen unabhängige Verhältnisse ein, Produktionsverhältnisse, die
einer bestimmten Entwicklungsstufe ihrer materiellen Produktivkräfte entsprechen. Die
Gesamtheit dieser Produktionsverhältnisse bildet die ökonomische Struktur der Gesell-
schaft, die reale Basis, worauf sich ein juristischer und politischer Überbau erhebt, und
welcher bestimmte gesellschaftliche Bewußtseinsformen entsprechen. Die Produk-
tionsweise des materiellenLebensbedingtden sozialen, politischen
und geistigen Lebensprozeß überhaupt. Es ist nicht das Bewußtsein des
Menschen, das ihr Sein, sondern umgekehrt ihr gesellschaftliches Sein, das ihr Be-
wußtsein bestimmt.“

Das Wort „bestimmt“, auch wenn es durch „im allgemeinen“ abgeschwächt wird
(das Wort „überhaupt“ des angeführten deutschen Textes ist in der vom Verfasser be-
nutzten franz. Übersetzung durch „en general“ wiedergegeben worden. D. Übers.),
erschien trotzdem etwas stark, und der heutige Marxismus hat es durch das Wort
»erklärt“ ersetzt, das eher annehmbar ist. So schreibt Labkiola: „Es handelt sich
letzten Grundes nur darum, alle historischen Tatsachen des wirtschaftlichen Unter-
haus zu erklären“ (Conception materialiste, S. 120).

Diese These des historischen Materialismus findet sich in verblüffenden Para-
doxen in La Constitution Sociale von Lohia entwickelt. Man sieht da, wie
die ganze Geschichte, alle Kriege, die Welfen uncTdie Ghibellinen, die Reformation,
die französische Revolution und sogar Christi Tod auf Golgatha, auf dem „wirt-
schaftlichen Unterbau“ beruhen, — doch ist für Loeia der Hauptfaktor, der allen
anderen als Grundlage dient, nicht die industrielle Technik, sondern die Ordnung
des Bodenbesitzes. (Siehe weiter unten im Kap. über die Rente.)

Doch würde es ungenau sein, im Marxismus den Ausdruck eines Fatalismus
        <pb n="561" />
        ﻿536

Viertes Buch. Die Abtrünnigen.

14) au

Diese materialistische Auffassung — im landläufigen Sinne dieses
Wortes — scheint den Marxismus von jedem moralischen Bedenken,
jeder Gefühlsaufwallung zu trennen, und, wie Schäfflb in einem
oft erwähnten Wort sagt: die soziale Frage zu einer „Magenfrage“
zu machen. Daher ist sie auch nur mit Schwierigkeit von den
französischen Sozialisten aufgenommen worden, die sich alle Mühe
gegeben haben, sie mit einer Art Heiligenschein zu umgeben1).

Die reinen Marxisten sagen aber, daß diese Schönfärberei unnötig
ist und nur ein vollständiges Verkennen dessen zeigt, was der
Materialismus wirklich ist. Denn im richtigen Sinn, d. h. im
esoterischen Sinn aufgefaßt, wie sich dies überhaupt für die ganze
marxistische Lehre gehört, schließt der historische Materialismus
■ keineswegs den Idealismus aus: was er ausschließt, ist die Ideologie,
und das ist etwas ganz verschiedenes. Er unterwirft den Menschen
durchaus nicht der Fatalität eines materiellen Milieus; im Gegen-
teil, er sieht die Entwicklung in „dem bewußten, wenn auch be-
hinderten Streben der Menschen, den sozialen Bedingungen, unter
denen sie leben, zu entrinnen“2). So wäre also der historische
Materialismus zuletzt eine Art Philosophie des Strebens8). Man wird
verstehen, wie schwierig es ist, so nebelhafte Doktrinen zu kritisieren.

oder auch nur eines bis zum äußersten getriebenen Determinismus zu sehen. Der
Marxismus erbebt den Anspruch, ein Erzieher zur Energie zu sein, was er auch wirklich
ist. Die Arbeiter müssen, nachdem sie klar gesehen haben, wo ihre Interessen liegen,
mit allen ihren Kräften in dieser Richtung arbeiten. Nur brauchen sie zum Handeln
sich nicht vorher ein zu erreichendes Ziel zu stecken. „Alles, was in der Geschichte
geschehen ist, ist das Werk des Menschen gewesen, doch war es nur selten das Er-
gebnis einer kritischen Wahl oder eines vernünftigen Willens“ (Ebd. S. 133). An
anderer Stelle. „Indem der Mensch nach und nach die verschiedenen sozialen Milieus
schuf, . . . schuf er sich selbst“ (Labriola, ebd. S. 131—132).

Wir würden aus dem Rahmen dieses Buches fallen und uns auf den Boden
der Metaphysik begeben, wenn wir diese Lehre klarer darstellen wollten, — was
sie übrigens recht notwendig braucht.

*) Siehe besonders die Bücher von Jaurüs, Etudes socialistes; Georges Ebnard,
Le regime socialiste; EodhniiSre, L’Individu, l’Association et l’Etat.

2)	Labriola, op. cit. Vanderveldb (L’Idealisme marxiste in der Revue
Socialiste, Eebruar 1904) schreibt, daß, „sich in letzter Analyse die Beweisführung
(von Marx) auf ein Postulat der Moral gründet. Die Gerechtigkeit verlangt, daß
ein jeder Arbeitende den vollkommenen Ertrag seiner Arbeit erhalte“.

Nicht genau dasselbe sagt Landry (in einem Band, der Vorträge verschiedener
Verfasser enthält: Etudes sur la Philosophie morale au XIX« siede,
S. 164). Nach seiner Ansicht ist die Moral Marx’ possibilistisch, d. h. er nennt
alles das moralisch, was die wirtschaftliche Entwicklung zu schaffen bestrebt ist, und
unmoralisch alles das, was sie zu zerstören sucht.

3)	Daher bringt man heute den Neomarxismus mit Gedanken in Verbindung, die ihm
anscheinend kontradiktorisch gegenüberstehen, nämlich mit den neueren philosophischen
Lehren des Pragmatismus und denen Bergson’s (Siehe Guy Grand, La Philosophie
syndicaliste).
        <pb n="562" />
        ﻿Kapitel III. Der Marxismus.

537

c)	Der marxistische Sozialismus unterscheidet sich yon den
früheren sozialistischen Richtungen dadurch, daß er ausschließlich
Sozialismus der Arbeiterklasse sein will. Dieser Zug gibt ihm sein
besonderes Gepräge, und in ihm liegt seine Stärke. Nur so läßt sich
verstehen, daß er seine ganze Anziehungskraft bewahrt hat und unter
immer neuen Formen auflebt, — trotzdem von den Theorien seines
Begründers nicht mehr viel aufrecht steht, wie wir noch sehen
werden, — während alle anderen sozialistischen Systeme in Mißkredit
geraten und in nichts zerronnen sind.

Die Sozialisten der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts umfaßten
in weitherziger Humanität alle Menschen, ohne Unterschied zwischen
Arbeitern und Bürgern. Wie wir gesehen haben, rechneten Owen,
Saint-Simon und Foueieb sogar auf die Reichen, auf die besitzenden
Klassen, um die Gesellschaft der Zukunft zu gründen. Nichts der-
gleichen aber gilt für den Marxismus. Mit der äußersten Heftigkeit
verwirft er jedes Einverständnis und sogar jedes zeitweilige Überein-
kommen mit der Bourgeoisie, worunter er nicht nur die Kapitalisten,
sondern auch die Intellektuellen*) und „den ganzen Oberbau der
Schichten versteht, die heute die offizielle Gesellschaft darstellen“.
Für ihn ist der wirkliche Sozialismus nichts anderes, als die Gesamt-
heit der Interessen der Arbeiterklasse, und seine vollständige Ver-
wirklichung ist nur dadurch möglich, daß sie endgültig zur Macht gelangt.

Zweifellos kann man sagen, daß zu jeder Zeit der Sozialismus
nur die Anklage der Armen gegen die Reichen gewesen ist, aber
diese Anklage hatte auf dem Boden der ausgleichenden Gerechtig-
keit begonnen und mußte infolgedessen unentschieden bleiben. Mit
dem Marxismus wird dieser Antagonismus zu einem wissenschaft-
lichen Gesetz unter dem Namen Klassenkampf erhoben — Arbeiter-
klasse gegen Kapitalistenklasse, was nicht dasselbe ist, wie Arme
gegen Reiche, denn es handelt sich hier nicht um einen qualitativen,
sondern um einen konstitutiven Unterschied. Klassenkampf! ein
Feldgeschrei, das nicht wenig zum Erfolg des Marxismus beigetragen
hat, denn auch die, die kein Wort von seinen Theorien verstehen
(also ungefähr die Gesamtheit der Arbeiterklasse), können diese
Formel nicht vergessen; sie genügt, den Dampf stets unter Druck
zu halten.

’) Kommunistisches Manifest. Man beabsichtigt nicht, die Intellektuellen
ganz zum Verschwinden zu bringen, sondern sie in die Kolle von Lohnempfängern
hinabzudrücken. „In der marxistischen Auffassung wird die Revolution von den
Produzenten (was sicherlich die nur mit der Hand Arbeitenden heißen soll) ge-
macht, die, an die Ordnung der Werkstatt in der Großindustrie gewöhnt, die In-
tellektuellen als einfache Angestellte verwenden werden, deren Aufgabe die Er-
füllung möglichst wenig zahlreicher Arbeiten sein wird“ (Sobel, Decomposition
du Marxisme, S. 51).
        <pb n="563" />
        ﻿538

Viertes Buch. Die Abtrünnigen.

Der Klassenkampf ist keine neue Tatsache; „Die Geschichte aller
bisherigen Gesellschaften ist die Geschichte von Klassenkämpfenx).“
Wenn er aber zu jeder Zeit, bestanden hat, so wird er doch nicht
immer bestehen bleiben. Der Klassenkampf, dessen Zeugen wir sind,
und hierin liegt das tragische Interesse, wird der letzte sein, weil
die Herrschaft des Kollektivismus, „indem sie gerade die Bedingungen
aus der Welt schafft, die den Antagonismus der Klassen herbeiführen,
auch die Klassen selbst zum Verschwinden bringen wird“. Nebenbei
möchten wir bemerken, daß diese Prophezeiung nicht einer starken
Dosis jenes utopistischen Optimismus entbehrt, den die Marxisten mit
solcher Entrüstung unseren alten französischen Sozialisten vorwerfen.

dj Zum Schluß unterscheidet sich der Marxismus von den meisten
der früheren sozialistischen Schulen durch einen klar ausgedrückten
revolutionären, oder wie man manchmal sagt, katastro-
phalen Charakter. Schon das Wort „Klassenkampf“, seine Devise,
drückt dies klar genug aus. Wenn man daran denkt, daß dieses Beiwort
„revolutionär“ von den Marxisten gerade auf die Handlungsweise der
Bourgeoisie angewendet wird, so wird man empfinden, daß man es hier
nicht ganz und gar in dem gewöhnlichen Sinne gebrauchen darf.

Die Revolution wird in der Beseitigung der besitzenden Klasse
durch die Arbeiterklasse bestehen, aber diese Ausschaltung bedingt
keineswegs die Guillotine, nicht einmal Straßenkämpfe. Sie kann
ganz friedlich durchgeführt werden: — sei es auf politischem und
gesetzlichem Wege, wenn die Arbeiterklasse die Majorität in den
Parlamenten erlangt, ein Geschehnis, das durchaus im Bereich der
Möglichkeit zu liegen scheint, da sie ja schon die Mehrheit der
Wählermassen, wenigstens in den Ländern mit allgemeinem Stimm-
recht, hinter sich hat; — sei es auf wirtschaftlichem Wege, wenn
z. B. die Arbeitergenossenschaften dazu gelangen, alle wirtschaftlichen
Dienste direkt zu organisieren, und den Kapitalismus als leere Schale
liegen zu lassen* 2).

Auch kann das Ende, die Katastrophe, in einer anderen Art

1)	Manifest, S. 9. Wir müssen Jedoch wiederholen, daß schon die Saint-
Simonisten diesen Gegensatz ansgeführt hatten, indem sie nicht von Reichen und
Armen, sondern von Müßiggängern und Arbeitenden sprachen. Hierin liegt
sicherlich eine wirtschaftliche Unterscheidung. Es ist aber noch nicht die marxistische
Unterscheidung, denn für die Saint-Simonisten waren die Arbeitgeber, die Bankiers
usw., ebenso und noch viel mehr Arbeitende, als die Arbeiter (vgl, oben, Saint-
Simonismus, S. 259).

2)	Wie man weiß, wird heute in "Frankreich der erste dieser beiden Wege (die
Eroberung der öffentlichen Gewalt) durch das, was man den Socialisme unifie
nennt, vorgestellt, — und der zweite (die direkte wirtschaftliche Beeinfiußung außer-
halb jeder politischen Handlung), durch den parti syndicaliste und hauptsächlich
durch die Confederation Generale du Travail (siehe unten SS. 547/548).
        <pb n="564" />
        ﻿Kapitel III. Der Marxismus.

539

und Weise eintreten, die sogar von den Marxisten als die wahr-
scheinlichste betrachtet wird und zwar unter der Form einer wirt-
schaftlichen Krisis, in der der Kapitalismus untergehen wird, einer
Krisis, die geradezu die notwendige Folgeerscheinung der kapita-
listischen Ordnung ist, so daß er in einer Art Selbstmord, in „Selbst-
zerstörung“ endet. Wie wir gesehen haben (S. 528), spielen die
Krisen eine recht große Eolle in der marxistischen Lehre.

Wenn aber der Marxismus nicht notwendigerweise die An-
wendung von Gewalt bedingt, so schließt er sie doch auch nicht aus.
Er betrachtet sie sogar als ziemlich wahrscheinlich, weil der Ent-
wickluugsvorgang kaum genügen wird, die neuen sozialen Formen
aus den alten ohne Störung zur Entfaltung zu bringen, den Schmetter-
ling aus der Puppe zu lösen. „Die Gewalt ist die Hebamme jeder
gebärenden Gesellschaft').“

Hier ist keine falsche Gefühlsseligkeit am Platze. Elend und
Leiden sind unentbehrliche Triebfedern der Entwicklung. Wenn
man die Sklaverei, die Hörigkeit, die Expropriation der Handwerker
durch die Kapitalisten usw. hätte verhindern können, so würde man
diese Triebfedern der Entwicklung verbogen haben und es wäre
mehr Übel, als Gutes daraus entstanden 2j. Jeder Zustand bringt
gewisse unglückselige, aber für das Kommen der höheren
Formen unentbehrliche Bedingungen mit sich. Aus diesem
Grunde würden die Eeformbestrebungen der bürgerlichen Philanthropen
und ihre Predigten vom sozialen Frieden verderblich sein, wenn sie
Erfolg hätten. „Ohne Antagonismus kein Fortschritt“. Man darf
nicht übersehen, daß diese hochmütige Gleichgültigkeit für die mit
Übergangsperioden verbundenen Leiden selbst ein Erbteil der klassi-
schen Schule und eine weitere Ähnlichkeit mit ihr ist. Gerade so
drückte auch sie sich aus, wenn sie auf die Konkurrenz, den Maschi-
nismus, und die Vernichtung der Kleinindustrie durch die Groß-
industrie zu sprechen kam. Der Marxismus läßt als Eeformen nur die
gelten, die den Zweck haben, nicht „die Gesellschaft zu reformieren“,
sondern der Eevolution Vorschub zu leisten und sie zu beschleunigen,
die „die Geburtswehen abkürzen und mildern können“ 8).

') Marx, Misere de la Philosophie. Was bedeutet übrigens das Wort
fievolte? Einfach die Tatsache des Ungehorsams gegen die Gesetze. Was für Ge-
setze regieren uns nun aber? Produkte des bürgerlichen Milieus, genau wie die
Einrichtungen, deren Schutz sie bezwecken. Die Keyolution wird einfach darin be-
stehen, diese Gesetze durch andere Gesetze zu ersetzen; hierfür ist es aber unerläßlich,
daß sie ihren Stützpunkt außerhalb derselben nimmt.

a) „Die schlechte Seite ist’s, welche die Bewegungen ins Leben ruft, welche die
Geschichte macht, dadurch daß sie den Kampf zeitigt“ (Elend der Philo-
sophie, S. 116).

3)	Vorwort zum Kapital, S. XI.
        <pb n="565" />
        ﻿540

Viertes Buch. Die Abtrünnigen.

III.

Die Krisis des Marxismus und der Neo-Marxismus.

Um schon jetzt von dem Neo-Marxismus zn sprechen, müssen wir
der chronologischen Folge etwas voraus eilen, da diese Lehre neuesten
Datums ist, doch sind wir durch den Gedankenzusammenhang dazu
gezwungen. Außerdem enthebt uns dies der Aufgabe, selbst den
Marxismus zu kritisieren, da eben dies die Leistung des Neo-Marxis-
mus gewesen istx).

In dieser „Krisis des Marxismus“, wie man gesagt hat, müssen
aber zwei Phasen unterschieden werden: die eine ist mehr kritisch,
— wenn man will, kann man sie auch reformistisch nennen, —
und ihr hauptsächlichster Vertreter ist Bernstein; — die andere
bemüht sich im Gegenteil, den Marxismus wieder zu beleben; sie
trägt den Namen Syndikalismus.

§ 1. Der reformistische Neo-M arxismus.

Wenn wir die wirtschaftlichen Theorien Marx’, so wie wir sie
aufgeführt haben, eine nach der anderen vornehmen, so sehen wir,
daß jede von ihnen Spuren starker Erschütterung zeigt, und daß
von der wichtigsten nichts mehr aufrecht steht. Man kann sagen,
daß diese Zerstörungsarbeit teils das posthume Werk von Marx
selbst gewesen ist, da gerade die Veröffentlichung seiner letzten
Bände die Aufmerksamkeit auf gewisse schwerwiegende Widersprüche
gelenkt hat, die sich aus einem Vergleich dieser Bände mit dem
ersten zu ergeben schienen. Hierdurch ist der Marxismus gerade
dem Gesetz zum Opfer gefallen, das er der kapitalistischen Ord-
nung voraussagte, dem der Selbstzerstörung. Die MARx-Gläubigen
haben allerdings eine Rechtfertigung versucht, indem sie sagen, daß
diese Widersprüche „keine Widersprüche des Buches mit sich selbst
sind, keine Verleugnung seiner Prämissen von seiten des Verfassers,
. . . sondern auf den antithetischen Bedingungen selbst beruhen, die
der kapitalistischen Produktion anhaften und, in Formeln gefaßt,
den Eindruck von Widersprächen hervorrufen“ * 2). So wäre also das

') Über die Entwicklung des Marxismus siehe das so lebendig geschriebene Buch
von W. Sombabt. Sozialismus und soziale Bewegung im 19, Jahrhundert
(6. Ausg. 19081, wie auch die Broschüre von Gbohses Sobbl: La decomposition
du marxisme (1908).

2) Labkiola, Socialisme et Philosophie S. 29. — Andere sagen unum-
wundener, daß „diese dunklen Formeln (es handelt sich um die Mehrarbeit) zwei-
        <pb n="566" />
        ﻿Kapitel III. Der Marxismus.

541

Kapital eine Art Neuausgabe der Contradictions economiques
Peoudhox’s, die gerade Marx mit seinem Spott verfolgt hatte. Wenn
aber die kapitalistische Ordnung so voller Widersprüche ist, die in
ihrer Natur begründet sind, wie schwierig ist es dann, zu bestimmen,
ob sie uns in der Tat zum Kollektivismus führen wird! All die so-
genannten wissenschaftlichen Voraussagen von der Selbstzerstörung
und der Endkatastrophe erscheinen dann nur um so verwegener1).

Was die Grundtheorie anbelangt, die des Arbeitswertes, so ist
sie heute von den meisten der Marxisten verlassen worden, die sich
mehr und mehr zu der Theorie „des Grenznutzens“ oder zu der des
„wirtschaftlichen Gleichgewichtes“ bekennen2). Trotz seinem Be-
kenntnis zum Arbeitswerte sah sich Karl Marx selbst beständig
dazu gezwungen, als selbstverständliche Folgerung oder sogar ganz
ausdrücklich3) zuzugeben, daß der Wert von Angebot und Nachfrage
abhänge, — wobei wir besonders auf das hinweisen, was wir weiter
oben über die Höhe des Profits gesagt haben. Nachdem er den

deutig sind und aus der Wissenschaft verbannt werden müßten“ (Sorel, Revue
Intern, de Sociologie, 1900, S. 270).

*) Sorei. sagt von der revolutionären Bewegung: „Alles an ihr ist unvoraussehbar“
(Decomposition du marxisme, 8. 62).

2) Der italienische Syndikalist Arthur Labriola (Revue Socialiste, 1899,
Bd. I, S. 674) schreibt: „Während wir Marxisten es uns sauer werden ließen, den
Mantel des Meisters zu flicken, um ihn uns umzuwerfen, hatte die volkswirtschaftliche
Wissenschaft täglich Fortschritte gemacht . . . Man vergleiche, Kapitel um Kapitel,
das „Kapital“ von Marx und die „Principles of political Economy“ von Mahshali.;
man wird daraus ersehen, wie Probleme, die wenigstens hunderte von Seiten im
Kapital beanspruchen, bei xMarshall in einigen Zeilen gelöst werden.“ B. Croce
(Materialismo storico ed Economia marxistica, 1900, S. 105) schreibt:
»Was mich anbelangt, so bleibe ich fest hei der wirtschaftlichen Konstruktion der
hedonistischen Schule . . .; doch befriedigt das nicht meinen Wunsch nach einer sozio-
logischen Aufklärung über den Profit des Kapitals, und diese Aufklärung ist ohne die
vergleichenden Betrachtungen, die uns Marx vorschlägt, unmöglich.“

Endlich sagt Sorel (Saggi di critica del marxismo 1903, S. 13); „Es
ist notwendig, jede Anwandlung, den Sozialismus zur Wissenschaft zu machen, auf-
zugeben. “

s) Besonders in der von Bernstein angeführten Stelle: „Es ist in der Tat das
Gesetz des Wertes, daß nicht nur auf jede einzelne Ware nur die notwendige
Arbeitszeit verwandt ist, sondern daß von der gesellschaftlichen Gesamtarbeitszeit nur
das nötige proportioneile Quantum in den verschiedenen Gruppen verwandt ist. Denn
Bedingung bleibt der Gebrauchswert . . . Das gesellschaftliche Bedürfnis,
d- h. Gebrauchswert auf gesellschaftlicher Potenz erscheint hier bestimmend für die
Qnota der gesellschaftlichen Gesamtarbeitszeit, die den verschiedenen besonderen
Produktionssphären anheimfallen.“ Marx, das Kapital, Bd. III-2, S. 175—176) —
und Bernstein fügt hinzu; „Dieser Satz allein macht es unmöglich, sich über die
GossEN-Bömi’sche Theorie mit einigen überlegenen Redensarten hinwegzusetzen“ (Die
Voraussetzungen des Sozialismus und die Aufgaben der Sozial-
demokratie, Stuttgart, 1904, S. 42, Anm. 2).
        <pb n="567" />
        ﻿542

Viertes Buch. Die Abtrünnigen.

Arbeitswert als Axiom an die Spitze seines ersten Bandes gestellt
hat, führt er ihn in den folgenden nur als eine Art schematischer
Ausdrucksweise an, um so das Verständnis der Tatsachen zu er-
leichtern.

Da aber in der Beweisführung von Marx die Theorien der Mehr-
arbeit und des Mehrwertes nur Folgerungen aus dem Prinzipe des
Arbeitswertes sind, so folgt daraus, daß der Zusammenbruch dieses
ersten Prinzipes auch die beiden anderen hinfällig macht. Wenn die
Arbeit nicht notwendigerweise den Wert schafft, oder wenn der Wert
ohne sie geschaffen werden kann, so beweist nichts, daß die Arbeit
notwendigerweise einen Mehrwert erzeugt; und folglich auch nicht,
daß der Profit des Kapitalisten in nichtbezahlter Arbeit besteht.
Allerdings antworten die Neo-Marxisten, daß die Tatsache der Mehr-
arbeit und der des Mehrwertes ganz olfenbar auch ohne die Theorie
des Arbeitswertes bestehen bleiben — und überreichlich durch die
Existenz einer Klasse von Menschen in der Gesellschaft bewiesen
wird, die leben ohne zu arbeiten. Denn hieraus ergibt sich ganz
selbstverständlich, daß sie nur von dem Erzeugnis der Arbeit anderer
leben können1). Zugegeben! Dann aber bleibt gar nichts weiter
übrig als die schon lange vorher von Sismondi und den kritischen
National Ökonomen der englischen Schule deutlich herausgearbeitete
Tatsache — „des nicht verdienten Einkommens“, so wie sie der
ganzen Lehre Saint-Simon’s und Rodbertus’ zugrunde liegt, und wie
sie heute wieder von der englischen „Schule der Fabier“ aufgenommen
worden ist.

Es ist daher nicht recht ersichtlich, was Marx als logischen
Beweis dem hinzugefügt hat, und der alte Streit über die Frage, ob
die Arbeiter ausgebeutet werden, ob die von den sogenannten müßigen
Klassen bezogenen Einkünfte mit einer wirklichen Schaffung von
Werten übereinstimmen oder nicht, bleibt offen. Man kann nur sagen,
daß durch die historische Darlegung, die er von der Entwicklung
der kapitalistischen Ordnung gegeben hat, Marx gewisse eindrucks-
volle Beweise beibringt, und hierin liegt in der Tat noch der solideste
Bestandteil seines Werkes.

Wenn wir zu dem Gesetz der Konzentration, das das Rückgrat
der marxistischen Lehre ist, tiberg hen, so ist auch dies stark er-
schüttert. Ein Sozialist, Bernstein, hat ihr den meisten Abbruch

&gt;) „Ob die MARx’sche Werttheorie richtig ist oder nicht, ist für den Nhchweis
der Mehrarbeit ganz und gar gleichgültig. Sie ist in dieser Hinsicht keine Beweis-
these, sondern nur Mittel der Analyse und der Veranschaulichung“ (Bernstein,
ebenda, S. 42). — Marx muß aber doch seine We. theorie nicht für so ganz un-
bedeutend gehalten haben, da er sie nicht nebenher, sondern gerade am Anfang
seines Buches formuliert hat.
        <pb n="568" />
        ﻿Kapitel III. Der Marxismus.

543

getan1), indem er Tatsachen zusammenstellte, die sie widerlegen, auf die l
aber übrigens schon seit langem von den bürgerlichen'Nationalökononien
hingewiesen worden war. Wenn auch unzweifelhaft die Großunter-
nehmungen immer zahlreicher und mächtiger werden, so beweist dies
keineswegs, daß sie die Kleinindustrie und den Kleinhandel aus-
schalten. Die Statistik zeigt im Gegenteil, daß die Anzahl der Klein-
industriellen (diese Handwerker, deren Aufsaugung nach der marxi-
stischen Doktrin schon seit dem 14. Jahrhundert begonnen hat) im
Steigen begriffen ist! Und wir sehen beständig, wie irgend eine neue
Erfindung wie die Photographie, die Fahrräder, die Verwendung der
Elektrizität im Hause, die Vorliebe für Blumen, einer Menge kleiner
Industrien und kleiner Handelszweige eine Existenz verschafft.

Weiterhin tritt die Konzentration aber in den landwirtschaftlichen
Betrieben in keiner Weise in Erscheinung. Bis heute haben sich die
Kollektivisten umsonst bemüht, auch diese Industrie durch Beispiele,
die sie den Vereinigten Staaten oder den landwirtschaftlichen Statistiken
europäischer Länder entlehnen, unter ihr Lieblingsgesetz zu beugen.
Obgleich die statistischen Angaben so verworren sind, daß man daraus
auch das Gegenteil beweisen kann, so haben sie sich doch nur schwierig
zu dieser Auslegung benutzen lassen und scheinen viel eher Gründe
zugunsten der entgegengesetzten These zu liefern, nämlich für eine
allmähliche Abnahme der durchschnittlichen landwirtschaftlichen Be-
triebsgröße im Verhältnis zum Wachstum der Bevölkerung; — eine
Tatsache, deren Bestätigung der marxistischen Lehre einen doppelten
Schlag versetzen wuirde. Dies würde nämlich bedeuten, daß der land-
wirtschaftliche Kleinbetrieb sich nicht nur entwickelt, sondern daß
der Kleinbetrieb sich gerade deshalb entwickelt, weil er produktiver
als der Großbetrieb ist.

Nehmen wir aber einmal als Hypothese an, daß das Gesetz der
Konzentration der Unternehmungen wirklich begründet sei. Dies
würde immer noch nicht genügen, um die Richtigkeit der marxisti-
schen Theorie außer Zweifel zu stellen, solange dieses Gesetz nicht
von einer Konzentration des Eigentums auf eine immer kleiner
werdende Anzahl von Menschen begleitet wird. Weit davon entfernt,
die marxistische Theorie zu stützen, widerlegen die statistischen
Zahlen sie gerade hierin. Das Auftauchen jener neuen Spezies, der
amerikanischen Milliardäre, darf uns hierüber nicht täuschen. Es ist
Ja richtig, daß es reichere Menschen gibt als es jemals gegeben
hat, aber es gibt auch mehr reiche Menschen, als es jemals
gegeben hat. Der Prozentsatz nicht nur der großen, sondern auch

*) lu dem oben angeführten 1899 veröffentlichten Buch. 1900 erschien eine
allerdings unvollständige französische Übersetzung unter dem Titel: Socialisme
theorique et Social-democratie pratique.
        <pb n="569" />
        ﻿544

Viertes Buch. Die Abtrünnigen.

der mittleren und der kleinen Vermögen steigt beständig. Gerade
die Aktiengesellschaften, in denen die marxistische Schule eine Be-
stätigung ihrer These gesucht hat, dienen im Gegenteil dazu, das
Eigentum an eine unendliche Zahl von Personen zu verteilen, woraus
sich ergibt, daß die Konzentration der Unternehmungen und die Kon-
zentration des Eigentums zwei ganz verschiedene Dinge sind. Die
sich immer stärker entwickelnden Kooperativgenossenschaften haben,
wer kann sagen, wie viele Proletarier in kleine Besitzer verwandelt!
Die Behauptung Marx’, daß die Expropriation der Zukunft viel leichter
durchführbar sein wird als die der Vergangenheit, weil es ge-
nügen wird, „einige zugunsten der Masse zu expropriieren“, ist da-
her vollständig unrichtig. Gerade die Masse, und zwar eine Masse,
die stetig wächst, müßte expropriiert werden. Schon heute besitzt
sicherlich die Hälfte aller Franzosen irgend welches Eigentum, Wert-
papiere, Grund und Boden, oder Häuser. Früher sprachen die Kollek-
tivisten mit Verachtung von jenen Fetzen oder sogar von Jenen Lumpen“
Eigentums und sagten, daß sie am Tage der Expropriation voller Freude
für die Vorteile weggeworfen werden würden, die sich aus einem sozialen
Miteigentum ergeben. Aber der Beweis, daß sie heute nicht mehr daran
glauben, ist, daß sie selbst jetzt schon eine andere Sprache führen und
sich verpflichten, diese „Eigentumsfetzen“ ihren Besitzern zu erhalten.

In dieser Hinsicht hat ihr Programm schon einige Veränderungen,
wenn nicht einige Hisse erhalten. Als es in dem kommunisti-
schen Manifest formuliert worden war, vor mehr als einem halben
Jahrhundert, rechnete man damit, daß das kleine Eigentum sehr bald
verschwinden würde. Da dann der ganze Besitz in einer kleinen
Anzahl von Händen konzentriert und andererseits die Masse der
Proletarier um all die expropriierten früheren kleinen Besitzer ver-
mehrt sein würde — so würden die letzteren nur eine Handbe-
wegung zu machen brauchen, um die ersteren, sei es auf dem Wege
der Revolution, sei es einfach durch den zum Gesetz erhobenen Willen
der Mehrheit, hinwegfegen zu können.

Zum Unglück für die Ausführung dieses Programms mußte man
leider konstatieren, daß „der Verfall des bürgerlichen Eigentums“
weder unvermeidlich noch nahe bevorstehend erschien. Nicht nur
befand sich das kapitalistische Großeigentum außerordentlich wohl —
worin natürlich eine Bestätigung der marxistischen Theorie und nicht
ihre Widerlegung liegt — sondern auch das Kleineigentum und die
Kleinindustrie wollten augenscheinlich durchaus noch nicht das Zeit-
liche segnen. Was sollte man nun tun? Man konnte nicht hoflen,
die Verwirklichung der sozialen Revolution ohne oder gegen den
Willen dieser riesigen Menge von Landleuten, Handwerkern, Krämern
usw. durchzuführen — und zwar ebensowenig durch Anwendung von
        <pb n="570" />
        ﻿Kapitel III. Der Marxismus.

545

Gewalt als durch Anwendung der parlamentarischen Machtmittel, denn
diese Masse bildet gerade den zur Mehrheit unentbehrlichen Bestand-
teil, wenn sie nicht schon an sich die Mehrheit vorstellt: und wie
sollte man hoffen, sie um ein Programm zu scharen, das ihre eigene
Expropriation enthielt?

Daher hat man einen Unterschied gemacht. Die Sozialisation der
Produktionsmittel wird nur auf den Großbesitz und die Großindustrie
angewandt, auf diejenigen, die Lohnempfänger beschäftigen; der kleine
Besitz dessen, der von seiner Arbeit lebt, wird aber geschont. Gegen
den Vorwurf der Inkonsequenz oder des Opportunismus verteidigt man
sich, indem man sagt, daß man sich auf diese Weise nur dem Gang
der Entwicklung anpasse. Man beginnt mit der Expropriation der
Industrien, die schon zur kapitalistischen Lohnordnung, zum Stadium
des Mehrwertes gelangt sind.

Diese Schlußfolgerung läßt sich in der Tat rechtfertigen, da sie sich
logisch auf den Prämissen auf baut. In Wirklichkeit ist es aber nicht
so leicht, zu wissen, was man mit diesem individuellen Kleinbesitz
tun soll. Wird man ihn leben und sich neben dem gesellschaftlichen
Eigentum entwickeln lassen? Man versteht kaum, wie diese beiden
Zustände nebeneinander und miteinander vermischt bestehen sollen,
und wie es der Einzelperson frei stehen soll, zwischen ihnen zu wählen.
Daher verhehlen auch die Kollektivsten, wenn sie unter sich sind, nicht
den Gedanken, daß es sich um ein nur vorläufiges, der Ängstlichkeit der
kleinen Besitzer gemachtes Zugeständnis handelt, und man rechnet
darauf, daß sie von selbst ihren elenden Besitz aufgeben werden, um
an den Wohltaten der neuen Ordnung teilzunehmen oder aber, daß sie
mit oder ohne ihren Willen durch deren wirtschaftliche Überlegenheit
ausgeschieden werden. Da diese Aussichten aber nichts besonders
Anziehendes für die haben, auf die sie sich beziehen, läßt man sie
gern im Dunkeln.

Was wird nun aus dem Klassenkampf im Neomarxismus? — Man
leugnet ihn nicht, aber er wird dadurch sehr abgeschwächt, daß man
ihn nicht mehr als einen Kampf auf Tod und Leben zwischen den
beiden Klassen darstellt, sondern als ein recht verwirrtes Kampf-
getümmel zwischen einer großen Anzahl von Klassen, dessen Aus-
gang infolgedessen schwer vorauszusehen ist. Die Vorstellung von der
Gesellschaft, als ob sie nur aus zwei übereinander liegenden Schichten
bestände, ist eben all zu einfach. Wir sehen im Gegenteil eine immer
wachsende Differenzierung gerade innerhalb der Kapitalistenklasse.
Andere Kämpfe gehen vor sich hauptsächlich zwischen den Geld-
suchenden und den Kentiers, zwischen den Fabrikanten und den
Händlern, zwischen den Industriellen und den landwirtschaftlichen
Grundbesitzern; — besonders dieser letztere Kampf, dessen Bedeutung

G'ide und Rist, Gesch. d. Volkswirtschaft!. Lehrmeinungen.	35
        <pb n="571" />
        ﻿546

Viertes, Buch. Die Abtrünnigen.

in der politischen Geschichte so allgemein gewesen ist, erscheint durch
alle Zeitalter hindurch auch heutigen Tages wieder unter der Form
der großen parlamentarischen Kämpfe zwischen der konservativen
und liberalen Partei, zwischen Tories und Whigs usw. Und diese
Nebenkämpfe komplizieren oft in der dramatischsten Weise und auf
das unvorhergesehenste den Hauptkampf, weil jeder der Kämpfenden
sich auf das Proletariat zu stützen sucht. So haben in England die
Industriellen gegen die landwirtschaftlichen Besitzer die Aufhebung
der Kornzölle durchgesetzt, aber diese wieder haben ihrerseits gegen
die ersteren die Arbeitergesetzgebung durchgebracht, und in beiden
Fällen hat die Arbeiterklasse den Gewinn davon getragen, war der
Tertius gaudens! Dann wiederum gehen innerhalb der Arbeiter-
klassen Kämpfe vor sich. Schon gibt es solche (ohne von denen der
roten und gelben Gewerkschaften zu sprechen) zwischen den organi-
sierten und den nichtorganisierten, zwischen den qualifizierten Ar-
beitern (skilled workmen, wie die Engländer sagen) und denen einer
untergeordneten Kategorie. Schon erscheint, wie P. Leeoy-Beaulietj
sagt, unterhalb des vierten Standes ein fünfter!

Und was wird aus der Katastrophentheorie ? Was wird aus Jj/!
dem „großen Kladderadatsch“? Die Neomarxisten glauben nicht
mehr daran. Die wirtschaftlichen Krisen, die das Hauptargument
zugunsten dieser These bilden, scheinen heute nicht mehr so drohend
für den Kapitalismus zu sein, wie Maux sie auffaßte. Sie treten
nicht mehr wie die Erschütterungen eines Erdbebens auf, sondern
wie der periodische Rhythmus von Ebbe und Flut, deren Eintreten
man innerhalb gewisser Grenzen vorausberechnen kann.

Und was wird aus dem historischen Materialismus? — „Jeder
nicht Voreingenommene wird die Formel Beknstein’s unterschreiben:

„die Notwendigkeiten der technisch-wirtschaftlichen Entwicklung be-
stimmen immer weniger die Entwicklung der anderen sozialen
Einrichtungen“ J). Wieviele Beweise sind nicht schon zusammenge-
tragen worden, um diesen Satz zu stützen! Der Marxismus liefert
sie selbst, denn gerade das Prinzip des Klassenkampfes und des
„Klassenbewußtseins“ schöpft seine Kraft aus dem Gefühl einer
Auflehnung gegen die wirtschaftlichen Fatalitäten, und infolgedessen
aus einem gewissen Ideal. Sicherlich beeinflussen alle Tatsachen ver-
schiedener Ordnung, ökonomische, politische, moralische und so weiter,
einander, aber ohne daß man sagen könne, eine davon bestimme alle
anderen. Daher begnügt man sich in der Volkswirtschaft heute
eher damit, die aufeinander einwirkenden Beziehungen zwischen den

b G Sokel, Des polemiques ponr l’interpretation du marxisme in
der Revue internationale de Sociologie, 1900.
        <pb n="572" />
        ﻿Kapitel III. Der Marxismus.

547

Tatsachen zu untersuchen, als sich mit der Frage zu beschäftigen,
welche Tatsache Ursache und welche Wirkung ist.

Was bleibt nun zum Schluß vom Marxismus im Neo-Marxismus
übrig? Es ist nicht so leicht, dies festzustellen! „Enthält er weiter
nichts als Formeln, die man anführt, und deren Wert mehr und mehr
diskutierbar erscheint? Ist er nicht vielmehr eine philosophische
Auffassung, die geeignet ist, die sozialen Kämpfe zu be-
leuchten . . .’)?“ Bernstein sagt, daß der Sozialismus eine Be-
wegung ist, und er fügt hinzu: „Das Ziel ... ist mir gar nichts,
die Bewegung alles“ -).

§ 2. Der syndikalistische Neo-Marxismus.

Während derart der doktrinäre Marxismus im Begriff stand, sich zu
verflüchtigen, befestigte und bewahrheitete er sich andererseits voll-
ständig — so behauptet wenigstens eine Gruppe seiner Schüler —
in einer Bewegung, die diesmal aber im praktischen Sinne des
Wortes wirklich ausschließlich eine Arbeiterbewegung ist, nämlich
in der syndikalistischen Bewegung.

Es handelt sich hierbei durchaus nicht um den Reformsyndikalismus
(Gewerkschaftsbewegung), den man auch trade-unionism nennt
— ihn überläßt man Bernstein und den Neo-Marxisten seiner
Schule3), — es handelt sich um den kämpfenden Syndikalismus, der
zunächst nur in Frankreich und in Italien besteht, und der in Frank-
reich durch die Confederation Generale du Travail vertreten wird.

Welche Verwandtschaft besteht nun zwischen dem Marxismus
und diesem Syndikalismus? Ein überlegtes und bewußtes Band gibt
es nicht; die Arbeiter, die die Confederation Generale du Travail

') Soebl, Decomposition du marxisme, S. 33.

2) Bernstein, Zusammenbruchstheorie und Kolonialpolitik, 1898,
erschienen in der Sammlung: Zur Theorie und Geschichte des Sozialismus 1904,
Teil II, S. 95. Mau hat uns vor kurzem mitgeteilt, das es sich hier um einen
Vorabdruck der Philosophie Behgson’s handelt!

3J Der Gesichtspunkt wird in einem Aufsatze Bkrth’s (Mouvement Socia-
liste, Mai 1908, S. 393) sehr klar ausgeführt. „Vom rein kritischen und negativen
Standpunkt aus waren wir mit Bernstein gegen die Orthodoxie Kaxjtsky’s. Was
setzt aber Bernstein an die Stelle des übrigens durchaus rhetorischen Eevolutionaris-
R&gt;us der deutschen Sozialdemokratie ? Eine einfache demokratische und reformistische
Entwicklung, die die bürgerlichen liberalen Einrichtungen nachahmt, und die sich
einbildet, die Emanzipation der Arbeiter zu erreichen, indem sie den bürgerlichen
Eiberalismus unter der doppelten Form einer vollständigen politischen Demokratie
uRd einer vollständigen wirtschaftlichen Demokratie auf die Spitze treibt. Hier
Hennen wir, die revolutionären Syndikalisten, uns entschieden von Bernstein, denn
■wenn wir auch die Entwicklung wollen, so wollen wir doch eine Entwicklung, die
nene soziale Formen schafft, eine revolutionäre Entwicklung“.

35*
        <pb n="573" />
        ﻿548

Viertes Buch. Die Abtrünnigen.

leiten, haben sicherlich niemals Marx gelesen und kümmern sich
nicht darum, seine Lehren anzuwenden. Man hat aber letzthin aus-
geführt, daß das Programm der „C.G.T.“ bewunderungswürdig mit
der marxistischen Lehre übereinstimme, und daß sie den Marxismus
auf den richtigen Weg zurückgeführt habe, — während der reformerische
Neo-Marxismtis sich auf dem falschen Wege befände, —und zwar be-
sonders in folgendem;

a) in der Betonung des ausschließlich proletarischen Charakters
des Sozialismus. Mit den Arbeitgebern und den Kapitalisten gibt
es keine Verständigung. Und ebensowenig von nun an mit den In-
tellektuellen und den Politikern; da die berufliche Arbeitergewerk-
schaft, auf Grund ihrer Definition, nur Arbeiter umfaßt, hat sie sich
nur mit den Interessen der Arbeiter zu beschäftigen'). Wir haben
schon auf die zur Schau getragene Verachtung h«igewiesen, die der
Marxismus den Intellektuellen gegenüber zeigt (S. 537, Anm.);
— gleichzeitig betont es den Wert und die Schönheit der Arbeit,
nicht jeder Arbeit überhaupt, sondern der Arbeit, die die Materie
verändert und umformt, der Handarbeit.

Kein Milieu ist besser als die Gewerkschaft dazu geeignet, das
„Klassenbewußtsein“ zu entwickeln, nämlich das Gefühl der Inter-
essengemeinschaft, das alle Proletarier gegen alle Besitzenden ver-
einen soll. Das Bewußtsein tritt erst dort auf, wo eine Organisation
vorhanden ist, und dies gilt im Bereiche des Wirtschaftslebens nicht
weniger als im Bereiche der Biologie: — deshalb ist gerade die
Gewerkschaft das, was notwendig ist, um die alte sozialistische Auf-
fassung in wirklichen Sozialismus zu verwandeln. Als Marx schrieb,
konnte er diese Macht noch nicht voraussehen. Wenn er sie ge-
kannt hätte, wie sehr würde er sich darin wiedererkannt haben!
Die Vertreter dieses Neo-Marxismus schlagen lyrische Töne an, wenn
sie von der Gewerkschaft sprechen. In dem bürgerlichen Sumpfe
ist sie die einzige Quelle neuer Energie. Die Gewerkschaft trägt
die Keime einer neuen Gesellschaft, einer neuen Philosophie und so-
gar einer neuen Moral in sich, die man die Moral des Produzenten
nennen kann: Berufsehre, Solidaritätsgefühl, Stolz auf vollbrachte
Leistungen, Fortschrittsbegeisterung usw.* 2).

*) „Eine Organisation der Produzenten, die ihre eigenen Angelegenheiten
besorgen, ohne die Erleuchtung nötig zu haben, die die Vertreter der bürgerlichen
Ideologie besitzen“ (G. Soebl, Decomposition du manisme, S. 60—61).

2) „Der revolutionäre Syndikalismus ist die grobe erzieherische Macht, die die
heutige Gesellschaft besitzt, um die Arbeit der Zukunft vorzubereiten“ (Sorel,
Reflexions sur la violence, 1909, S. 244).

„In dem totalen Zusammenbruch der Einrichtungen und der Sitten bleibt
etwas Machtvolles, Neues und Unberührtes bestehen: das, was ganz eigentlich die
        <pb n="574" />
        ﻿Kapitel III. Der Marxismus.

549

b) in der täglichen und praktischen Betonung und Verwirk-
lichung des Klassenkampfes, des wirklichen, richtigen und einzigen
revolutionären Kampfes zwischen Lohnempfängern und Kapitalisten,
des Kampfes, der gerade auf dem Klassenbewußtsein beruht, und der
alle Kriegsmittel, Streiks, Gewalt usw. anwendet — des Kampfes,
der jede Hilfe der bürgerlichen Klassen zurückweist, jede Ein-
mischung des Staates, jede aufgezwungene Reform, und der alles nur
sich selbst, der Selbsthilfe (action directe), verdanken will1).

Nur dieser Kampf bringt das neue Recht der Zukunft, soweit
es in Widerspruch mit den heutigen juristischen Auffassungen
steht, die die Bourgeoisie geschaffen hat. Daher muß dieser Geist
des Kampfes mit allen Mitteln genährt werden, nicht gerade um den
Haß zu schüren, wohl aber, um die Flamme lebendig zu halten. Dies
ist die Aufgabe, die Pflicht des Sozialismus.

Es ist zu bemerken, daß dieser Kampf von nun an als einziges
Ziel der Tätigkeit des revolutionären Syndikalismus genügt, denn er
braucht sich jetzt nicht mehr, wie die Sozialisten früherer Zeit, um
die Organisation der Arbeit und der Gesellschaft zu kümmern. Alles
das ist schon vom Kapitalismus, und vom wirtschaftlichen Gesichts-
punkte aus sogar auf das beste, organisiert. Es\ ist nur noch nötig,
seinen Platz einzunehmen2).

Seele des Proletariats ausmacht und nicht in den allgemeinen Verfall der
moralischen Werte hineingezogen werden wird, wenn die Arbeitenden genügend
Energie haben, um den bürgerlichen Verführern den Weg zu sperren, indem
sie ihr Entgegenkommen mit der ausgesprochensten Brutalität zurückweisen“
(ebenda S. 263).

Diese Moral steht übrigens im Gegensatz zu der Moral des Verbrauchers, dem
Ideal des Rentiers und der „gelehrten Müßiggänger“, die die sozialen Vereinigungen
der Käufer und die Konsumgenossenschaften die Oberhand gewinnen sehen möchten
Ggl. oben S. 388).

‘) Dieser ununterbrochene Kampf ist das, was G. Sobbl die „Gewalt“ — la
violence — nennt, und die er für außerordentlich heilsam erklärt. „Ich habe nach-
gewiesen, daß die proletarische Gewalt eine ganz andere historische Bedeutung
bat, als die, die ihr oberflächliche Gelehrte und Politiker beilegen“. Man muß
über darauf hinweisen, daß man ihm zu Unrecht yorgeworfen hat, die Sabotage gut
zu heißen: „Die Sabotage“, sagt er, „ist ein Verfahren des alten Regime (?) und
dient keineswegs dazu, den Arbeiter auf den Weg der Emanzipation zu führen“
(Mouvement socialiste, 1. und 15. November, 1905).

Man weiß, wie stark in diesem Augenblick in Frankreich der Antagonismus
zwischen den Socialistes ünifies, die sich hauptsächlich aus der alten marxi-
stischen Partei rekrutieren, und deren Programm in der Eroberung der öffentlichen
Gewalt besteht — und den Syndicalistes ist, die weder dem allgemeinen
Stimmrecht, noch den Beschlüssen des Parlamentes etwas verdanken wollen.

2) „Von nun an wird man nicht mehr danach suchen, wie die Menschen sich
einzurichten haben, um das zukünftige Glück zu genießen; alles besteht in der
revolutionären Schulung des Proletariats“ (Soeel, ebenda, Einleitung, 8. 37).
        <pb n="575" />
        ﻿550

Viertes Buch. Die Abtrünnigen.

c)	in der Wiederaufnahme der These von der Endkatastrophe,
nicht mehr unter der Form einer kapitalistischen Krise, sondern
unter der des Generalstreiks. Gegen diese Taktik sind alle
Generäle und alle Bajonette der bürgerlichen Klasse ohnmächtig.
Was soll gegen die Arbeiter geschehen, die, um das ganze soziale
Leben zum Stillstand zu bringen, nur die Arme zu kreuzen brauchen
und gerade dadurch beweisen können, daß nur die Arbeit der Schöpfer
alles Reichtums ist? Und auch wenn man annimmt, daß der Gene-
ralstreik sich niemals verwirklichen könne — man scheint in dieser
Hinsicht ziemlich skeptisch zu sein, — so wird der Begriff doch Als
machtvoller Ansporn, als Mythus, sagt G. Soeel, seinen Einfluß nicht
verfehlen, ähnlich wie das Erwarten des Millenniums bei den Christen
der ersten Jahrhunderte.

Dieses Wort „Mythus“ hat einen glänzenden Erfolg gehabt.
Weniger allerdings bei den Syndikalisten selbst, denen es sehr wenig
behagte, aber bei den Intellektuellen. Denn reizt es nicht zu einem
Lächeln, wenn man darauf hinweist, daß diese Auffassung eines aus-
schließlichen Arbeitersozialismus, der nicht nur antikapitalistisch,
sondern ganz ausgesprochen antiintellektuell ist, und der „jedes
bürgerliche Entgegenkommen mit der äußersten Brutalität beant-
worten soll“, einzig und allein von einer Gruppe Intellektueller
stammt, deren Geist aufs schärfste geschliffen ist, und die sich zu
der BEEGsox’schen Philosophie bekennen1)?

Ein Mythus! —- Mag das sein; doch sich von einem Mythus leiten
lassen, ist ungefähr dasselbe, wie, gleich den drei Königen aus dem
Morgenlande, dem Sterne folgen, oder wie Israel der Rauch- und Feuer-
säule, die es ins gelobte Land führte. Und mit dieser Hoffnung und
diesem der Ecclesia militans et triumphans der ersten Jahrhunderte
entlehnten Glauben, mit dieser ganzen Auffassung, die ein leiden-
schaftlicher, fast heroischer Atem beseelt, wie fern sind wir doch dem
historischen Materialismus, und wie nahe jenem Utopismus, den Marx
verhöhnte, und den er dem französischen Sozialismus so schneidend vor-
warf! Gesteht doch Soeel selbst, daß „es selten einen Mythus gegeben
hat, der von jeder utopistischen Beimischung durchaus frei war“2).

*) Diese Gruppe wird von der Zeitschrift Le Mouvement Socialiste, die
Lagardblle leitet, vertreten. Übrigens hat sich Sorel davon zurückgezogen und kämpft
jetzt für den „katholischen Nationalismus“, (die Liga des „Nationalisme catholique“).

Die vor kurzem über den Syndikalismus veröffentlichten Untersuchungen sind sehr
zahlreich; wir haben schon auf La Philosophie Syndicaliste von Guy Grand
hin gewiesen.

2) Eeflexions sur la violenoe, S. XXXV. Es muff jedoch erwähnt werden,
daß Soeel gegen jede Verwechslung zwischen Utopie und Mythe protestiert; nach seiner
Ansicht würde die letztere diese Überlegenheit haben, „daß sie nicht widerlegbar ist“, da
sie nur der Ausdruck einer Überzeugung sei. Siehe auch S. 218 desselben Werkes.
        <pb n="576" />
        ﻿Kapitel IV. Die auf dem Christentum beruhenden Lehren.

551

Kapitel IV.

Die auf dem Christentum beruhenden Lehren.

Im Neuen wie im Alten Testament, in den Verwünschungen der
Propheten gegen die Händler und gegen die Landräuber, in den
Gleichnissen Christi, in den Predigten der Kirchenväter über die
Pflichten der Reichen gegenüber den Armen bis zu der Kanzelrede
Bossuet’s über die „eminente Würde der Armen“, in den In-folios
der Kanoniker und in der „Summa“ Thomas’ von Aquino — sind
die Stellen unzählbar, die wirtschaftliche und soziale Fragen berühren,
oder sich sogar in kategorischen Befehlen mit ihnen befassen.
Viele von ihnen sind nicht weniger heftig als die der revolutionären
Sozialisten unserer Tage1).

Jedoch hat man erst in der Mitte des 19. Jahrhunderts
christlich-soziale Lehren und Schulen mit einem festen Programm
aufkommen sehen, das darin besteht, in den Lehren der Religion
die Lösung der volkswirtschaftlichen Probleme und den Plan einer
Erneuerung der Gesellschaft zu suchen2 * * * * *).

Die Ursachen, die ihre Entstehung bestimmten, sind leicht ge-
nug nachzuweisen. Es war zunächst eine Reaktion gegen den Sozia-
lismus, eine Reaktion, die in dem Maße, wie der Sozialismus sich
immer mehr materialistisch und antichristlich gebärdete, immer
stärker zum Ausdruck kam; es war die Pflicht der Kirche, mit dieser
neuen Religion um die Seele der Völker zu ringen: es war die
Furcht, das Volk, ihr Volk, sich um das rote Banner des Antichrist
scharen zu sehen 8). Doch wäre es kindisch und ungenau, hierin nur
eine Konkurrenzfrage erblicken zu wollen. Man muß hierbei viel-
mehr ein Erwachen des christlichen Gewissens verstehen, das sich

’) Es genügt, darauf hinzuweisen, daß die ganze Theorie des Wuchers und

die sich darauf auf bauende Gesetzgebung das Werk der kanonischen Rechtsge-

lehrten ist.

2) Im Jahre 1832 schrieb ein heute vergessener katholischer Professor, de Coux,

üi einem Essai d’Eoonomie Politique betitelten Buche; „In seinen praktischen

Konsequenzen schließt der Katholizismus das bewunderungswürdigste sozialökonomische

System ein, das jemals auf Erden gegeben worden ist“.

8) „Gegenüber dem Sozialismus, der sich auf den Ruinen des liberalen Systems
erhebt,'bleibt nur der Katholizismus bestehen, der allein stark genug ist, um ihm
Stand zu halten“ (Comte de Mun, La question sociale au XlXesieele, 1900).

„Man darf nicht zu dem Glauben Anlaß geben, als ob die Kirche ein Polizist
im Priesterrock wäre, der sich im Interesse des Kapitals dem Volke entgegenwirft:
man muß im Gegenteil stets darauf hinweisen, daß sie im Interesse und für die
Verteidigung der Schwachen handelt“ (Derselbe, Discours, April, 1893).
        <pb n="577" />
        ﻿552

Viertes Buch. Die Abtrünnigen.

prüft, ob die Kirche nicht Christum verraten habe, ob sie über ihrer
göttlichen Aufgabe die irdische, die sie ebenfalls zu erfüllen hat,
nicht mißverstanden habe; ob sie, wenn sie die Bitten des Vater-
unsers wiederholt: „Dein Reich komme!“ und „Unser täglich Brot
gib uns heute!“ nicht aus dem Auge verloren habe, daß dies Reich
sich schon auf dieser Erde verwirklichen solle, und daß das tägliche
Brot, um das zu bitten ist, nicht nur das des Almosen, sondern der
Lohn der Arbeit sei!

Übrigens unterscheiden sich diese Lehren und diese Schulen sehr
bedeutend voneinander, und wir werden sehen, wie sie vom autoritärsten
Konservativismus bis zum revolutionärsten Anarchismus reichen. Nur
indem wir ihnen etwas Gewalt antun, ist es uns möglich, sie in den
Rahmen eines Kapitels zu bringen. Man kann jedoch gewisse positive
und vor allem gewisse negative Charakterzüge herausarbeiten, die
ihnen allen gemeinsam sind und sie zu einer einzigen Familie machen.

In negativer Hinsicht verwerfen alle diese Lehren den Libe-
ralismus der klassischen Schule. Nicht, daß sie alle nun bereit
wären, die Hilfe des Staates anzurufen, da, wie wir sehen werden,
einige von ihnen antistaatlich sind. Nicht, daß sie die Existenz
einer natürlichen Ordnung leugnen, die sie gerade als Ausdruck
des Willens Gottes unter dem Namen der Vorsehung verehren. Aber
der freigeschaffene Mensch hat sich gegen diese Ordnung aufgelehnt,
— die Worte Sündenfall und Sünde bezeichnen diese Auflehnung —,
und jetzt ist er nicht mehr imstande, aus eigener Kraft den Weg zurück-
zufinden. Daher ist die Annahme widersinnig, es genüge, den natür-
lichen Menschen „gehen zu lassen“, so wie das laisser-faire es vor-
schreibt, nämlich dem persönlichen Interesse freies Spiel zu ge-
währen, damit dieses den Menschen zum Guten zurückführe und ihn
den Weg zum verlorenen Paradies wiederflnden lasse. Das gilt im
wirtschaftlichen Leben ebensogut wie im religiösen. Im Gegenteil,
die christlichen Schulen erklären, daß der natürliche Mensch, — das,
was im Neuen Testament der alte Adam genannt wird, — in uns ab-
sterben müsse, um einem neuen Menschen Platz zu machen. Alle
göttlichen, moralischen und sozialen Kräfte müssen aufgerufen werden,
um ihm zu helfen, den Abhang wieder empor zu steigen, auf dem
ihn die Selbstsucht hinabgleiten läßt1).

*) Die Christlich-Sozialen weisen darauf hin, daß auch dann, wenn man das
Dogma von der Schöpfung durch die Entwicklungstheorie, und Adam durch irgendeinen
Gorilla ersetzen wollte, ihre These dadurch nur stärker wird, denn dann würde es nur
um so notwendiger sein, den alten Menschen zu ertöten! „Wir leben nur“, schrieb
BRüNETifeHE, „von dem Siege, den wir täglich über das Verhängnis unseres Ursprungs
davon tragen müssen“ (Eevue des deux Mondes, 1. Mai, 1895).

In einem 1894 erschienenen englischen Buche, das einen riesigen Erfolg hatte,
        <pb n="578" />
        ﻿Kapitel IV. Die auf dem Christentum beruhenden Lehren.

553

Diese Schulen unterscheiden sich aber nicht minder vom Sozia-
lismus, selbst wenn sie ihn in der Heftigkeit ihrer Anathemata gegen den
Kapitalismus und die bestehende wirtschaftliche Ordnung übertreffen.
Der Unterschied liegt darin, daß sie nicht, wie er, glauben, es genüge,
die wirtschaftlichen Bedingungen und das Milieu zu ändern, um eine
neue Gesellschaft zu schaffen, — nein, zur gleichen Zeit muß auch
das Individuum geändert werden. Denen, die ihn fragten, wann das
Reich Gottes kommen werde, antwortete Christus: „Das Reich Gottes
kommt nicht mit äußerlichen Gebärden . . . Das Reich Gottes ist
inwendig in Euch“1), womit er sagen wollte, daß die soziale Ge-
rechtigkeit erst herrschen werde, wenn sie zuvor in den Herzen ver-
wirklicht sein wird. Der christliche Sozialismus darf daher nicht mit
der Auffassung der freiheitlichen Sozialisten oder sogar der Assozialisten
verwechselt werden, da diese glauben, der Mensch sei von Natur gut und
nur durch die Zivilisation verderbt, und ebensowenig mit dem marxisti-
schen Kollektivismus, der als Grundlage den historischen Materialismus
und den Klassenkampf hat. Und wenn auch einige der christlichen
Schulen bereit sind, mit dem Staatssozialismus sympathisch zusammen zu
arbeiten, so kommt doch die zwingende Einmischung der Staatsgewalt
bei ihnen erst an zweiter Stelle, da für sie die familienmäßige,
die korporative oder die kooperative Assoziation an erster Stelle
stehen. Wie könnte dies auch anders sein, da jede Kirche, schon
auf Grund der Bedeutung des Wortes, eine Assoziation ist. Vor
allen anderen ist dies die römisch-katholische Kirche, und was man
auch sonst über sie denken möge, sie ist jedenfalls die großartigste
und die am festesten zusammengefügte Assoziation, die jemals unter
den Menschen bestanden hat, da sie durch die Bande einer Solidarität,
die sogar das Grab nicht lösen kann, die Ecclesia militans hier unten
und die Ecclesia triumphans dort oben, hier die Lebenden umfaßt,
die für die Toten beten, und dort oben die Heiligen, die für die
Sünder eintreten.

Vom Gesichtspunkte ihrer Gesellschaftskonstruktion aus aber
entziehen sich diese Schulen jeder Klassifizierung. Man kann freilich
sagen, daß sie alle eine Gesellschaft erstreben, in der alle Menschen
als Söhne des gleichen himmlischen Vaters3) Brüder sein werden. Aber

(Social Evolution von Kinn) überträgt der Verfasser die darwinistische Theorie
ins Christliche. Nach ihm sind der Kampf ums Leben und die natürliche Auswahl
Wohl Triebfedern des Fortschrittes. Aber der Kampf und die Auswahl vollziehen
sich zwischen denen, die bereit sind, ihre individuellen Interessen dem Interesse der
Allgemeinheit zu opfern, und die Religion ist die einzige zwingende Gewalt, die ein
derartiges Opfer auferlegen kann.

*) Luk. Evgl. 17. 20—21.

2) Nicht ein Christlich-Sozialer, sondern der Gründer des Positivismus, Auguste
Comte, hat gesagt: „Die ursprüngliche Gleichheit der Menschen ist nicht eine auf
        <pb n="579" />
        ﻿554

Viertes Buch. Die Abtrünnigen.

es gibt viele unterschiedliche Arten, diese brüderliche Gleichheit zu
verstehen. Auch kann man sagen, daß sie alle, wie schon die Kano-
niker des Mittelalters taten, von dem gerechten Preise und von dem
gerechten Lohne sprechen, womit gesagt werden soll, daß sie sich
weigern, zuzugeben, die Arbeit des Menschen sei nur eine Ware, die
dem Spiel des Gesetzes von Angebot nnd Nachfrage überliefert ist;
sie sehen in der menschlichen Arbeit etwas heiliges: und schon das
römische Recht gab nicht zu, daß die Res saerae Gegenstände des
Handels werden dürften. Sobald es sich aber darum handelt, ein
Programm aufzustellen, trennen sich die Wege. Denn wenn in der
Heiligen Schrift die Stellen über die wirtschaftlichen und sozialen
Fragen zahlreich genug sind, so sind sie auch allgemein genug, um
den verschiedensten Lehren als Stützpunkte dienen zu können.

Vielleicht wird man denken, daß es nicht recht lohne, diesen
Doktrinen ein besonderes Kapitel zu widmen, einmal wegen ihres
mehr moralischen als wirtschaftlichen Charakters, und dann, weil wir
hier nicht, wie in den vorhergehenden Kapiteln, die Namen be-
deutender Meister finden, die die Wissenschaft mit selbständigen
Beiträgen bereichert haben —, abgesehen von Le Play, der aber
doch nur in recht loser Verbindung mit dieser Schule steht. Es gibt
jedoch große Gedankenströmungen, die an fast keine Namen ge-
bunden sind: die Bedeutung einer Lehre soll sich auch weniger aus
dem Ruhm ihrer Urheber als aus ihrem Einfluß auf die Gemüter er-
geben; und es kann nicht geleugnet werden, daß die christlich-sozialen
Ideen einen wirklichen und tiefgehenden Einfluß auf eine bedeutend
größere Anzahl von Gläubigen ausgeübt haben, als die eines Foueiee,
eines Saint-Simon oder eines Peoudhon, und mit der Entwicklung
von wirtschaftlichen Einrichtungen von großer Tragweite in Verbin-
dung stehen, wie z. B. mit dem Versuch der Wiederaufrichtung der
Zünfte in Österreich, den landwirtschaftlichen Darlehenskassen in
Deutschland und in Frankreich, den kooperativen Gesellschaften in
England, den Vereinen gegen den Mißbrauch des Alkohols, dem Kampf
um die Sonntagsruhe usw.

Auch darf nicht vergessen werden, daß die Männer, die man als
die Urheber der Arbeiterschutzgesetzgebung und Wohlfahrtseinrich-
tung des ersten Viertels des 19. Jahrhunderts ansehen kann, Loed
Shaftesbuey in England, Pfarrer Obeelin (Elsässer, Anm. d. Übers.)
und der Industrielle Daniel Lbgeand in Frankreich schon Christlich-
Soziale waren.

Beobachtung beruhende Tatsache . . . Klar ist sie zum ersten Male vom Christentum
behauptet worden“ (Traite de Politique, Bd. I, S. 407).
        <pb n="580" />
        ﻿Kapitel IV. Die auf dem Christentum beruhenden Lehren.

555

§1. Die Schule Le Play’s.

Unter den christlich-sozialen Schulen steht die Schule Le Play’s ')
dem klassischen Liberalismus am nächsten, und einige ihrer Vertreter
gehören sogar beiden Lagern gleichzeitig an. Sie hat die gleiche
Antipathie gegen den Sozialismus und das gleiche Mißtrauen gegen
die Einmischung des Staates.

Auf der anderen Seite aber trennt sie sich durchaus von der
liberalen Schule, hauptsächlich in deren optimistischer französischer
Form, und zwar durch die kategorische Leugnung des Prinzips, daß
das Wohl des Individuums sich automatisch verwirklichen wird. Nein,
der Mensch kennt das Gute nicht. „Der Irrtum“ ist in der sozialen
Wissenschaft die Tatsache, die am zahlreichsten und klarsten zutage
tritt. Jeder Neugeborene, der zur Welt kommt, bringt die Neigung
zum Übel mit sich, und Le Play sagt eindrucksvoll; „Jede neue
Generation gleicht einem Einfall kleiner Barbaren; wenn die Eltern
es versäumen, sie durch die Erziehung zu zähmen, ist der Verfall
unausbleiblich“ 1 2 3 * * * *).

Unter diesen Irrtümern greift Le Play mit der größten Heftigkeit
besonders die an, auf die der bürgerliche Liberalismus sich beruft, „die
falschen Dogmen von 1789“8). Jede Gesellschaft, die leben will, muß
sich reformieren, anstatt sich von sogenannten natürlichen Gesetzen
regieren zu lassen, die nichts weiter als Instinkte sind, die gezähmt
werden müssen. Deshalb nennt sich das wichtigste Buch Le Play’s

1)	FüßDrämc le Play (1806—1882), Schüler der „Ecole polytechnique“, Berg-
ingenieur, dann Professor an der „Ecole des mines“ und Staatsrat, veröffentlichte
1855 eine Sammlung von Monographien über Arbeiterfamilien unter dem Titel:
Les OuTriers europeens, in einem In-folio Bande (die zweite Ausgabe erschien
1877 und umfaßt 6 Bände in 8°). Im Jahre 1864 legt er seine Lehre in dem
Buche La Eeforme Sociale dar, ein Buch, das Montalbmbert als „das
originellste, tapferste, nützlichste und in jeder Hinsicht gewaltigste dieses Jahr-
hunderts“ bezeichnete. Diese Epitheta müssen sich zwar viele Abstriche gefallen
lassen, doch ist es sicherlich wahr, daß die pessimistischen Voraussagen dieses
Buches über die Zukunft Frankreichs sich in vielen Punkten bewahrheitet haben.

Le Play schuf 1856 La SoCiete d’Economie Sociale, die seit 1881 eine
Zeitschrift La Eeforme Sociale herausgibt. Er war der Organisator der Welt-
ausstellung von 1867 und der Begründer der ersten sozial-wirtschaftlichen Aus-
stellungen. Vgl. als Zusammenfassung seines Lebens und seines Werkes: Frederic
Le Play d’apres 1 ui-meine, von Aübuhtin, Paris (1906).

2)	Programm der „Unions de la Paix sociale“, Kap. I.

3)	„Der schwerste und gefährlichste Irrtum, der wirkliche Urgrund unserer

■Revolutionen ist das falsche Prinzip, das die Erneuerer von 1789 praktisch aus-

zuführen vergaben, das Prinzip, das die ursprüngliche Vollkommenheit behauptet . . .

und das besagt, die aus natürlichen Menschen zusammengesetzte Gesellschaft würde

ohne Anstrengung Frieden und Glück genießen, die sozusagen die spontanen Früchte

jeder freien Gesellschaft wären“.
        <pb n="581" />
        ﻿556

Viertes Buch. Die Abtrünnigen.

La Reforme Sociale, und die Schule, die er gegründet hat, hat
den gleichen Namen angenommen.

Eine Autorität ist daher unumgänglich nötig. Wem soll diese
Autorität nun anvertraut werden? Vor allem dem Haupt der Familie:
in ihm kann sie sich aus zwei Gründen am wirksamsten entfalten:
— 1. weil ihr Ursprung in der Natur und nicht in einem Kontrakt
oder in einer Verordnung begründet ist; — 2. weil ihr Einfluß
durch Liebe und nicht durch Zwang wirkt. So soll denn die unter
die Autorität des Familienhauptes gestellte Familie, in der unter
der patriarchalischen Herrschaft die ganze gesellschaftliche Ordnung
bestand, auch jetzt noch das ganze Gerüst der Gesellschaft bilden,
sogar wenn sie so kompliziert geworden ist wie unsere modernen Ge-
sellschaften. Die väterliche Autorität genügt aber freilich nicht, weil
ihr Träger selbst durch die Aufgaben des Lebens zu sehr beschäftigt
ist, und ihr müssen daher noch weitere „soziale Autoritäten“ bei-
gesellt werden. Soll dies der Staat sein? Nein, wenn man es ver-
meiden kann. Zunächst kommen die natürlichen Autoritäten, die sich
selbständig entwickelt haben, in Betracht: der Adel, dort, wo er nicht
wie leider in Frankreich, seine Aufgabe verfehlt hat, die Großgrund-
besitzer, die Arbeitgeber, die „Weisen“, worunter nicht Gelehrte,
sondern Menschen mit Lebenserfahrung zu verstehen sind, und dort, wo
sie fehlen, die Lokalautoritäten, die dem Interessierten am nächsten
stehen, die Gemeinde vor dem Kreise, und der Kreis vor dem Staate.
Die Einmischung des Staates läßt sich nur dort nicht entbehren, wo
alle diese sozialen Autoritäten nicht genügen — zum Beispiel, um die
Sonntagsruhe durchzusetzen dort, wo die besitzenden Klassen das
Beispiel zu ihrer Verletzung gegeben haben —; die Notwendigkeit
einer Staatseinmischung bezeichnet daher geradezu einen krankhaften
Zustand, und der Grad dieser Einmischung gestattet in gewisser
Weise, die Größe des Übels zu messen1).

Wenn Le Play der Familie eine so große Bedeutung beilegt,
so ist es selbstverständlich, daß er der Ordnung des Erbschafts-
wesens eine nicht geringere zuspricht, da ja auf der Erbschaft die
Dauer der Familie beruht. Hierin liegt auch der Kernpunkt des
Le PnAY’schen Systems. Er unterscheidet drei Haupttypen der Familie:

1. Die patriarchalische Familie. — Der Vater ist der
alleinige Eigentümer oder genauer der alleinige Verwalter aller Güter
der Familie, und bei seinem Tode gehen alle diese Güter ohne weiteres
auf den ältesten Sohn über. Es ist dies das antike System, wie es

*) „Es ist das große Unglück Frankreichs, daß hier die Familie in der Gemeinde,
die Gemeinde im Departement und das Departement im Staate aufgeht“ (La Reforme
sociale, III, B. 7).
        <pb n="582" />
        ﻿Kapitel IV. Die auf dem Christentum beruhenden Lehren.	557

zur Zeit der Hirtenvölker bestand, und wie es heute noch unter den
Nomaden des Orientes herrscht.

2.	Die Wahl-Erbfolge-Familie („La famille-souche“). — Die
Kinder und Enkel bleiben nicht mehr unter der väterlichen Autorität
zusammen. Sie zerstreuen sich und gründen neue Familien; nur ein
einziger bleibt im Hause. Dies ist der vom Vater bezeichnete Erbe,
der seine Stelle einnehmen wird, nachdem er während seines ganzen
Lebens mit ihm zusammen gearbeitet hat. Die Wahl dieses Erben be-
ruht aber hier auf dem väterlichen Willen und ist nicht durch ein
zwingendes „Recht des Ältesten“ beschränkt. Die Erbschaft geht auf
den würdigsten über oder auf alle Fälle auf den, der am besten dazu
geeignet ist, sie zu bewahren. Diese Einrichtung genügt, wie Lb Play
sagt, um die außerordentliche Stabilität Chinas zu erklären. Auf ihr
beruht, auch wenn sie schon etwas erschüttert ist, die Kraft und die
Lebensfähigkeit Englands. Noch gibt es in Frankreich einige Gegen-
den, wo dieses System, trotz des Code civil, sich hat halten können.
Die Geschichte der Familie Melouga, Bauern der Pyrenäen, kehrt
jeden Augenblick wie ein Leitmotiv in den Schriften Lb Play’s und
seiner Schüler wieder (übrigens ist diese Familie beute ausgestorben).

3.	Die unbeständige Familie („La famille instable“). —
In ihr verlassen alle Kinder, sobald sie das Alter der Selbständigkeit
erreicht haben, das Haus, ein jedes für sich. Beim Tode des Vaters
wird die schon verstreute Familie definitiv aufgelöst; das Erbe wird
durch die gleiche Zwangsteilung zerstückelt, und der landwirtschaft-
liche oder industrielle Betrieb, wenn es einen gibt, wird liquidiert.
Dies System hat sich aus dem Individualismus ergeben und charak-
terisiert fast alle modernen Gesellschaften und besonders Frankreich.

Von diesen drei typischen Familienordnungen ist nur die zweite
Le Play völlig sympathisch, weil sie es ist, die am besten das Gleich-
gewicht zwischen den beiden antagonistischen Kräften aufrecht er-
hält, die für das soziale Leben gleicherweise unentbehrlich sind,
nämlich das Streben auf Beibehaltung des Alten und das Streben
auf Einführung des Neuen. Unter der Herrschaft der patriarchali-
schen Familie tritt das erste zu stark hervor1); aber unter der der
unbeständigen Familie verschwindet es zu sehr. Es wird hier zu
einem Gewebe der Penelope, wo die Arbeit jeder Generation jedesmal
ganz und gar neu zu tun ist. Und diese periodische Teilung gibt

b „Sie (die Patriarchal-Ordnung) hält in der Arbeitsordnung und in der
Gesamtheit der sozialen Beziehungen mehr die Anhänglichkeit an die Vergangen-
heit als die Sorge um die Zukunft, den Gehorsam mehr als die Initiative aufrecht...
Die Familiengemeinschaft hemmt den Aufschwung, den die bedeutenden Individuali-
täten in der Familie in unabhängiger Lage hätten nehmen können•' (Reforme
Sociale, B. III).
        <pb n="583" />
        ﻿558

Viertes Buch. Die Abtrünnigen.

nicht einmal die versprochene Gleichheit: denn, da alle Bande der
Solidarität zwischen den Brüdern gelöst sind, so bereichern sich die
einen, während die anderen im Elend verkommen; ein jeder für sich!
Eine derartige Ordnung der Dinge endigt notwendigerweise in der
Sterilität, wovon Frankreich einen schlagenden Beweis liefert. Da
die Kinder nämlich nur so lange bei ihren Eltern bleiben, als sie
ihrer Hut bedürfen, und sie verlassen, sobald sie imstande sind, sich
selbst zu genügen, wie die Jungen der Tiere, so ist es klar, daß die
Eltern ein Interesse daran haben, so wenig wie möglich Kinder zu
zeugen').

Im Gegensatz dazu vertraut die Wahl-Erbfolge-Familie dem
Sohn, der zn Hanse bleibt, die Hut der Überlieferung an, und überläßt
es den Söhnen, die in die Ferne ziehen, ihren Unternehmungsgeist
zu betätigen. Auf diese Weise hat England die Welt erobert. Zur
gleichen Zeit hält diese Einrichtung die wirkliche Familiengleichheit
aufrecht, indem das Heim stets denen als Zufluchtsort ollen stellt,
die sich dahin zurückziehen wollen, weil sie in der Welt keinen Er-
folg gehabt haben. Hierin liegt, um nur ein Beispiel anzuführen,
die Lösung der Frage, wie die schmerzliche Lage der alten Jungfern
freundlicher gestaltet werden könne.

Um zu versuchen, die Wahl-Erbfolge-Familie in Frankreich
wiederaufzurichten, gibt es außer der moralischen Reform nur ein
einziges Mittel; es besteht darin, die Testierungsfreiheit wieder-
einzuführen oder zum allerwenigsten den frei verfügbaren Teil ge-
nügend zu vergrößern, damit der Vater imstande sei, den Grund und
Boden oder das Unternehmen in seiner Gesamtheit einem .seiner
Kinder zu hinterlassen, mit der Bedingung, daß dieses seine Ge-
schwister entschädigt, wmnn der Rest des Erbes nicht genügt, jedem
seinen Teil zu sichern * 2).

Wenn die Autorität des. Vaters über seine Kinder ein für die
Stabilität der Gesellschaft unentbehrliches Element darstellt, so ist
doch die Autorität des Arbeitgebers über seine Arbeiter ebenfalls
äußerst bedeutsam, wrenn sie sich auch aus der ersteren ableiten läßt.

*) „Um zusammenzufassen: ich habe niemals eine soziale Organisation angetroffen,
die im gleichen Grade die Gesetze der materiellen und der moralischen Ordnung
verletzt“.

2) Lb Play, der einen gewissen Einfluß auf Napoleon III. hatte, versuchte von
ihm einen Qesetzesvorschlag zu erhalten, um den „Code civil“ in diesem Sinne
abzuändern. Obgleich der Kaiser diesem Gedanken sympathisch gegenüberstand,
und trotz seiner fast absoluten Macht, wagte er es doch nicht, das öffentliche Gefühl
zn verletzen, denn in Wirklichkeit wenden die Familienväter nicht einmal die be-
schränkte zu ihrer Verfügung stehende Quote an, die das Gesetz ihnen zugesteht.
Das Übel liegt daher, wenn es überhaupt ein Übel ist, viel tiefer, als Lb Play
dachte: es ist mehr in den Sitten als im „Code“ begründet.
        <pb n="584" />
        ﻿Kapitel IV. Die auf dem Christentum beruhenden Lehren.

559

Von ihr hängt der soziale Friede noch viel unmittelbarer ab. Der
soziale Friede ist der Hauptgegenstand der sozialen Wissenschaft1).
Dieser Ausdruck kehrt beständig in den Schriften Le Play’s und
seiner Schüler wieder, und die von ihnen gegründeten Gesellschaften
nennen sich „Unions de la paix sociale“.

Der erste Versuch einer sozialökonomischen Ausstellung im Jahre
1867, der Le Play zu verdanken war (wie übrigens der ganze be-
wunderungswürdige Plan der Anlage dieser Ausstellung), bezweckte,
die Einrichtungen zu belohnen, die bestimmt waren, „die gute Har-
monie zwischen Personen, die an den gleichen Arbeiten zusammen
tätig sind“, zu entwickeln. Man kann sagen, daß die ganze Be-
wegung der Arbeiterwohlfahrtseinrichtungen, die im Jahre 1850 in
Mühlhausen mit Dolleus durch das berühmte Wort: „der Arbeit-
geber schuldet dem Arbeiter mehr als den Lohn“ eingeleitet wurde,
auf dem Geiste Le Play’s beruht2). Es ist dies das sog. „System
des guten Arbeitgebers“. Natürlicherweise stellte sich der Apostel
der Wahl-Erbfolge-Familie auch die Fabrik als eine Familie vor,
die, nach dem Vorbild der Familie, sich durch Stabilität, Beständig-
keit der Anstellungs), geregelte Anordnung und Autorität eines frei-
willig respektierten Hauptes charakterisiert.

Diese für Le Play so bezeichnende These, daß das Heil der
Arbeiterklasse nur von oben kommen kann, scheint noch weniger be-
gründet, als die entgegengesetzte des Syndikalismus, der behauptet, daß
das Heil nur von der Arbeiterklasse selbst kommen kann. Schon im
voraus ist sie durch den schönen Satz Stuaet Mill’s4) widerlegt:
„Man kann keine Zeit anführen, in der die oberen Klassen eine
Rolle gespielt haben, die mit der, welche ihnen diese Theorie zuweist,
auch nur entfernt übereinstimmte. Stets haben sie sich ihrer Macht
zur Förderung ihrer selbstsüchtigen Zwecke bedient ... Ich will
nicht behaupten, daß das, was gewesen ist, immer sein muß ...

*) „Der Zweck der Tätigkeit der menschlichen Gesellschaften ist weniger die
Entwicklung der Eeichtiimer an und für sich, als die Erlangung von Wohlstand für
die Menschen. Der Wohlstand bedeutet das tägliche Brot, aber er besteht nicht
außerhalb des sozialen Friedens“ (Claudio Jannbt, Quatre Ecoles d’Economie
Sociale. 1890).

2)	Man muß jedoch sagen, daß dies damals die herrschenden Ideen waren.
Schon 1840 schrieb Millerm*: in seinem berühmten Tableau de l’etat moral et
Physique des ouvriers; ,.Diese wohlverstandene Bevormundung von Seiten des
Arbeitgebers kann am wirksamsten zur Besserung der Lage und der Moral der
Arbeiter beitragen“ (II, S. 372).

3)	Man bekommt eine Idee von der Bedeutung, die Le Play der Beständigkeit
der Dienstverträge beimaß, wenn man erfährt, daß ihm aus diesem Grunde die Ab
Schaffung der Sklaverei ein gewisses Bedauern verursachte! (Reforme Sociale
Kap. 65, X).
        <pb n="585" />
        ﻿560

Viertes Buch. Die Abtrünnigen.

Jedoch scheint es wenigstens außer Zweifel zu stehen, daß, bevor
die oberen Klassen genügende Fortschritte gemacht haben, um in
entsprechender Weise die Vormundschaft, die man ihnen übertragen
will, führen zu können, die unteren Klassen viel weiter fort-
geschritten sein werden, als daß man sie auf diese Weise regieren
könne.“

Neben dem Arbeitgeber und dem Staate gibt es noch einen
weiteren Faktor des sozialen Fortschritts, dem man heute die
erste Stelle zuweist; es sind dies die Arbeitergenossenschaften. Man
könnte glauben, daß diese Arbeitergenossenschaften Le Play um
so sympathischer gewesen wären, weil sie von den falschen Dogmen
der Revolution verboten worden waren. Aber nein: er erwartet von
ihnen nichts Gutes, ebensowenig unter ihrer kooperativen wie unter
ihrer korporativen Form J). Die Genossenschaft erscheint ihm als
eine unnötige Konkurrenz, die der natürlichen und durchaus aus-
reichenden Genossenschaft, wie sie die erweiterte Familie vorstellt,
eher verderblich sein kann. Allerdings hat Le Play die Arbeiter-
gewerkschaften nicht an der Arbeit gesehen. Es ist aber kaum
wahrscheinlich, daß dadurch seine Meinung geändert worden wäre:
wenigstens stehen seine Schüler ihnen nicht sehr freundlich
gegenüber.

Man wird vielleicht einwerfen, daß alle diese Gedanken nichts
besonders neues an sich haben? Nichts würde Le Play größere
Freude gemacht haben, als dies zu hören, denn, erklärt er: „in
sozialen Dingen gibt es nichts neues zu erfinden: das ist die einzige
Entdeckung, die ich gemacht habe!“

Diese Entdeckung „von der wesenhaften Verfassung der Mensch-
heit“, wie er sie nannte, verdankte er, wie er glaubte, seiner Be-
obachtungsmethode, denn die Schule Le Play’s charakterisiert sich
nicht nur durch eine gewisse Lehre, sondern auch durch eine Methode,
die übrigens mehr Erfolg gehabt hat als die Doktrin und heute
imstande zu sein scheint, ein unabhängiges Leben zu führen. Le Play
war Bergingenieur und besonders für die Zeit, in der er lebte, ein
großer Reisender* 2). 20 Jahre lang durchstreifte er ganz Europa bis
an den Ural, und von dort brachte er seine Methode der Monographien

') „Unter den Panazeen, die man zu unserer Zeit gerühmt hat, ist die Genossen-
schaft dasjenige, mit dem man den meisten Mißbrauch getrieben hat . . . Die
Gesellschaften können vom Gesichtspunkt des Erfolges aus nicht dieselben Vorteile
bieten, wie die individuelle Arbeit oder das wohlverstandene Arbeitgeberpatronat“.

2) „Oft habe ich tausend Kilometer im Postwagen zurückgelegt, um einen
bedeutenden Großgrundbesitzer am Ende der europäischen Welt um Kat zu fragen“
(Brief an de Kibbes vom 3. Oktober 1867).
        <pb n="586" />
        ﻿Kapitel IV. Die auf dem Christentum beruhenden Lehren.

561

von Arbeiterfamilien zurück, die er der von ihm verachteten „Er-
flndungsmethode“ x) gegenüberstellte.

Die Monographie einer Familie2) nach der Methode Le Play’s
aufstellen, bedeutet nicht nur ihre Geschichte erzählen, ihre Lebens-
weise beschreiben und ihre Existenzmittel analysieren, sondern alle
Handlungen ihres Lebens im Rahmen einer „amerikanischen Buch-
führung“ — nach Einnahmen und Ausgaben — zusammenfassen, in der
im voraus alle Rubriken numeriert und mit Aufschriften versehen
sind, so daß alle sich stets auf das genaueste vergleichen lassen. Sicher-
lich liegt viel Gemachtes und etwas kindisches in dieser anscheinend
so genauen Methode, wo nicht nur die wirtschaftlichen Bedürfnisse,
sondern der Unterricht, die Erholung, die Getränke, die Tugenden
und Laster katalogisiert und in Mark und Pfennigen beziffert sind.
Ihr Vorzug besteht aber darin, auch den unerfahrensten Beobachter
zu leiten, da er gezwungen ist, jede dieser mit Aufschriften versehenen
Schachteln mit etwas zu füllen, so daß er folglich keine Tatsache
übersehen kann3).

Wenn Le Play allerdings erklärt, daß diese Methode ihm die
Wahrheit enthüllt habe, nämlich die Lehre, die wir soeben zusammen-
fassend darlegten, so scheint er sich doch recht großen Illusionen
hingegeben zu haben. Von anderen angewandt, kann sie ihnen ebenso
leicht ganz das Gegenteil offenbaren, was auch in Wirklichkeit ein-
getreten ist. Le Play sagt, seine Methode habe nachgewiesen, daß
nur die Familien glücklich seien, die sich unter einer väterlichen
Autorität zusammenschließen und sich den Zehn Geboten unterwerfen4).
Zugegeben! Was versteht er aber unter „glücklichen Familien“? Die,

1)	„Diese Methode stützt sich auf die genau beobachtete Tatsache und ihre
exakte Geschichte ... Sie entlehnt weder der Einbildung, noch der Metaphysik,
noch auch den Parteileidenschaften irgend etwas; sie ist ganz ausschließlich ein
Werk der Wissenschaft und der Wahrheit“ (La Eeforme en Europe).

2)	Diese Monographien erschienen zuerst in dem großen Werke lb Play’s;
Res Ouvriers Europeens im Jahre 1864. Sie wurden späterhin von seiner Schule
unter dem Namen: Ouvriers des Deux-Mondes fortgesetzt und ihre Zahl über-
steigt heute das erste Hundert. Man hat diese Methode erweitert, indem man Mono-
graphien von Industrien, Monographien von Gemeinden usw, aufstellte.

Diese Methode erfordert übrigens eine Vervollständigung durch Enqueten, die
sich auf große Zahlen erstrecken, wie Bevölkerung, Höhe der Löhne usw., und daher
uur von den Regierungen ausgeführt werden können.

3)	Die Gegenüberstellung von Ausgaben und Einnahmen muß notwendigerweise
Ms dahin unbemerkt gebliebene Verluste auf decken, ebenso wie das doppelte Wägen
Mnes Körpers und seiner Rückstände die Verluste der chemischen Analyse anzeigt.“
(Paul Bubeau, L’OEuvre d’Henri de Tourville).

4)	Mit einer gewissen Naivität erklärt er sogar, oft denen eine Belohnung
versprochen zu haben, die ihm eine einzige Familie nachweisen könnten, die außer-
halb dieser Bedingungen glücklich sei. „Aber“, fügt er an, „alle meine Bemühungen
sind erfolglos geblieben“ (Les Ouvriers Europeens, IV, Einleitung).

Gide und Eist, Gesch. d. Volkswirtschaft!. Lehrmeinungen.	36
        <pb n="587" />
        ﻿562

Viertes Buch. Die Abtrünnigen.

die in Einigkeit und Beständigkeit, im Vertrauen auf Gott leben.
Er stellt daher ein gewisses Kriterium a priori des Glückes auf1), aber
nichts beweist, daß die „unbeständige und ungeordnete“ Familie
eines Arbeiters der Vorstädte von Paris sich nicht unendlich viel
glücklicher fühlt, als die Wahl-Erbfolge-Familie der Melouga oder die
patriarchalische Familie der Baschkiren in Turkestan.

Oft hat man Le Play und seine Richtung mit der deutschen
historischen Schule in Verbindung gebracht, sowohl wegen der Be-
deutung, die sie der Methode der Beobachtung, und des Gewichtes, das
sie den Einrichtungen der Vergangenheit beimißt, als wegen ihrer
Reaktion gegen den Liberalismus und den klassischen Optimismus. Die
Ähnlichkeit ist aber nur oberflächlich. Im Grunde sind die beiden
Schulen nicht nur verschieden, sondern sie streben auch verschiedenen
Zielen zu. Die deutsche Schule sucht in der Vergangenheit die Er-
klärung der Gegenwart, die Schule Le Play’s sucht dort Lehren.
Die eine untersucht dort den Keim der späteren Entwicklung, während
die andere dort den Typus, das Modell bewundert, dem man nacheifern
muß. Die eine dient der Entwicklung, die andere der Überlieferung.
Die erstere gelangt zu sehr radikalen, fast sozialistischen Schluß-
folgerungen; die zweite endet im Konservativismus.

Daher schien uns der richtige Platz Le Play’s nicht im Kapitel
über die historische Schule, sondern in dem über die christlich-sozialen
Doktrinen zu sein.

Seine grundlegende Anschauung von der angeborenen Neigung
des Menschen zum Irrtum und zum Übel genügt, um ihn zu klassi-
fizieren. Trotzdem darf diese Doktrin nicht mit dem sozialen
Katholizismus verwechselt werden, da Le Play sich beständig auf
die Zehn Gebote, die ein mosaisches Gesetz sind, beruft, fortwährend
als Beispiel das protestantische England hinstellt und ebenso oft auf
China und die islamitischen Länder verweist. Auf der anderen Seite
räumt Le Play unter den sozialen Kräften der römisch-katholischen
Kirche und dem Klerus2) nur mit einem gewissen Mißtrauen einen

1)	Wenn uns Le Play zum Beispiel lehrt, daß „die wesentliche Konstitution“
jeder Gesellschaft:

zwei Grundlagen umfaßt; die Zehn Gebote und die väterliche Autorität;

zwei Bindemittel: Religion und Königtum;

drei Bestandteile, Gemeinschaft, Privateigentum und Patronatsordnung;
so ist die Bemerkung gestattet, daß die sogenannte Beobachtungsmethode nicht einer
starken Dosis Dogmatismus entbehrt.

2)	„Der hauptsächlichste Zweck, der zu erreichen ist, besteht darin, soviel wie
möglich das kirchliche Personal zu verringern.“ Allerdings fügt er hinzu: „um
es auf der Höhe seiner Aufgabe zu halten.“

Er hat die gleiche Antipathie gegen die religiösen Gemeinschaften wie gegen
alle anderen Können der Assoziation.
        <pb n="588" />
        ﻿Kapitel IV. Die auf dem Christentum beruhenden Lehren.

563

recht kleinen Platz ein. Ferner ist sein Eeformprogramm, wie wir
es eben dargelegt haben, von dem des sozialen Katholizismus, den wir
untersuchen werden, ganz verschieden.

1885 trat in der Le PnAv’schen Schule eine Spaltung ein. Die
„Unions de la Paix sociale“ mit ihrem Organ „La Eeforme Sociale“
sind dem Programm, das wir eben gezeichnet haben, treu geblieben.
Der Teil, der sich von ihr trennte, hat sich unter der Führung von
Demolins und dem Abbe de Toübville in der Eichtung eines
Ultra-Individualismus und Spencerianismus entwickelt, so daß er nur
noch durch seine Ursprünge mit den in diesem Kapitel dargestellten
Lehren zusammenhängt.

Die Schule der sozialen Wissenschaft (Science sociale)
wie sie sich nennt — wenigstens ist dies der Name, den sie der
Zeitschrift gegeben hat, die sie als ihr Organ benutzt, — behauptet,
die Methode Le Play’s wieder aufzunehmen und fortzuführen,
wenigstens die durchaus objektive, die er während des ersten Teiles
seiner Laufbahn verfolgte. Sie wirft ihm nur vor, es nicht ver-
standen zu haben, seine eigene Methode nutzbar zu machen und
seiner Aufgabe nicht gerecht geworden zu sein, die darin bestand, aus
dieser Methode eine positive Wissenschaft zu entwickeln. Diese neue
Schule zieht der Methode der Monographien die Methode der Klassi-
fikation vor, die, um die Tatsachen zu verstehen, sie in ihrem
natürlichen Zusammenhang hinstellt und zunächst das Band sucht,
das sie mit dem geographischen Milieu verbindet ’). Dieses „Milieu“,
das schon bei Le Play eine so große Bedeutung hatte, nimmt in der Schule
der „sozialen Wissenschaften“ einen außerordentlich großen Kaum ein.
Man zeigt hier, um nur ein einziges Beispiel anzuführen, wie die Gestalt
des norwegischen Fjords durch die Spärlichkeit kultivierbaren Bodens,
durch die Notwendigkeit des Fischfanges, durch die begrenzte Größe
der Fischerboote, die Sonderart der Familie, der Wirtschaft und
sogar der Politik der angelsächsischen Gesellschaft geschaffen habe!
In gleicher Weise habe die große asiatische Steppe einen anderen,
ihr eigentümlichen Zivilisationstypus hervorgerufen, usw. Es ist dies
der historische Materialismus der Marxisten, der hier unter der
pittoreskeren und nach unserer Ansicht anregenderen Form eines
geographischen Materialismus in Erscheinung tritt2).

') „Eine soziale Tatsache ist vollständig unerklärlich, wenn sie getrennt von
ihrem Milieu betrachtet wird. Die ganze soziale Wissenschaft beruht auf diesem
Gesetz“ (Dbmolxns, La Classification sociale).

2) Der hier angeführte Vergleich hat verschiedene heftige Proteste von seiten
einiger Anhänger dieser Schule hervorgerufen. Er hat aber nichts verletzendes,
wenu man daran denken will, daß diese Bezeichnung „historischer Materialismus“
nicht mit dem philosophischen Materialismus im alten Sinne des Wortes zusammen-
geworfeu werden darf und einen gewissen Idealismus nicht ausschließt. Siehe o. S. 536.

36*
        <pb n="589" />
        ﻿564

Viertes Buch. Die Abtrünnigen.

Noch weniger ist diese Schule dem sozialen Reformprogramm Le
Play’s treu geblieben, besonders nicht hinsichtlich der Familie. Das
Ziel, das sie aufstellt, ist weniger die Erhaltung der Familie, als viel-
mehr, jedes Kind in die Lage zu bringen, sobald wie möglich eine
eigene Familie zu gründen. Nicht die Solidarität der Familie und der
Gemeinde, sondern die Selbsthilfe (Self-help), nicht die Wahl-Erb-
folge-Familie, sondern die Einzelfamilie unter Betonung der
Individualität eines jeden Familienmitgliedes, nicht die englische,
sondern die amerikanische Familie schwebt ihr als Ziel vor Augen.
Demolins war ein Anhänger des Kampfes ums Dasein, (struggle for
life). Niemand ist der solidaristischeu Lehre mit größerer Heftigkeit
entgegengetreten als er. „Es ist mit dem sozialem Heil“, sagt er,
„gerade wie mit dem Heil der Seele; es ist eine durchaus persön-
liche Angelegenheit“, eine, in Parenthese, höchst ketzerische Er-
klärung, denn wenn das Heil eine rein individuelle Angelegenheit
ist, wozu dient dann die Kirche1)?

§ 2. Der soziale Katholizismus.

Man sagt manchmal katholischer Sozialismus; im all-
gemeinen protestieren die Katholiken aber gegen diese zu weit
gehende Bezeichnung, die in Wirklichkeit auch nur auf eine Minder-
heit unter ihnen paßt. Das Wort christlicher Sozialismus
wurde zum ersten Male von einem Franzosen, FßANqois Huet, in
einem Buch: Le regne social du christianisme, die soziale
Herrschaft des Christentums, (1853) gebraucht3).

Schon vor ihm aber, können Buchez (Essai d’un traite
complet de Philosophie au pointde vue du catholicisme
et du progres, 1838—1840, — Versuch eines vollständigen Grund-
risses der Philosophie vom Gesichtspunkt des Katholizismus und des
Fortschrittes aus —), und sogar der feurige Abbe de Lamennais
(La question du travail, 1848) zum wenigsten auf den Titel

*) Dieser Zweig der Le PuAY’sohen Schule, der zunächst als Führer den Abbe
de Tourvillb und Demolins (dessen Buch De la Superiorite des Anglo-
Saxons großes Aufsehen erregte) hatte, hat doch eine gewisse Anzahl ausgezeichneter
Werke hervorgebracht, wie z. B. die von de Eousiebs über die industriellen Produzenten-
syndikate, die von dtj Maroussem, usw. Wir erwähnen besonders die Bücher von
Paul Bureau; Le contrat de travail (1902); La participation aux bene-
fices; La crise morale des temps nouveaux, in denen ein hochstehender
moralischer Leitgedanke der Sicherheit und Objektivität der Tatsachenanalyse keinen
Abbruch tut,

2) Huet war Professor in Gent, weshalb er gewöhnlich als Belgier bezeichnet
wird, ebenso wie Walras als Schweizer.
        <pb n="590" />
        ﻿Kapitel IV. Die auf dem Christentum beruhenden Lehren.	565

Vorläufer Anspruch erheben. Bekanntlich war Bxjchez der Gründer
der Produktivgenossenschaften (1832), aber weniger bekannt ist, daß
Lamennais die Kreditgenossenschaften in ungefähr derselben Form
empfohlen hat, die Raippeisen in Deutschland verwirklichen sollte *).

Der jetzige soziale Katholizismus spricht ungern von diesen
seinen drei Vorgängern. Sie wollten alle drei die Kirche der Revo-
lution vermählen2). Heute begnügen sich die vorgeschrittensten
Katholisch-Sozialen mit dem Versuch, sie der Demokratie zu ver-
mählen; ein Programm, das Marc Sangnieb, der Gründer des Sillon
vor kurzem wieder aufgenommen hat.

Wenig später predigte der Bischof von Mainz, von Ketteler,
eine Lehre, die mit den „falschen Dogmen von 1789“ wie sie bald
genannt werden sollten, nicht das geringste mehr zu tun hat, sondern
die im Gegenteil auf die mittelalterlichen Einrichtungen zurückgreift:
er, und besonders seine Jünger, der Domherr Moupang und der Abbe
Hitze, schlagen den Berufsverband (l’association professionelle), die
Zunft, als den richtigen Angelpunkt der sozial-katholischen Organi-
sation vor3).

*) Er hat in der Tat das so fruchtbare Prinzip der Solidarität zwischen Schuldnern
als eine Möglichkeit für den Armen, die wirkliche Sicherheitshinterlegung zu ersetzen,
entdeckt. „Warum kann der Arbeiter sich nichts borgen? Weil er keine andere
Sicherheit als seine zukünftige Arbeit anzubieten hat . . . Damit aber diese zu-
künftige Arbeit ein wirkliches Pfand werde, muß sie zu einer Sicherheit werden, und
sie wird es durch die Assoziation. Die Solidarität der Mitglieder bringt die Ursachen
ler Unsicherheit zum Verschwinden, die, indem sie den Wert des Pfandes vermindern,
das Darlehen abschreckt“ (La question du travail, S. 26).

„Das zu lösende Problem besteht darin, zu einem solchen Zustande zu kommen,
daß die Arbeitenden in Zukunft für sich selbst arbeiten und nicht für andere . . .
Der Tag wird kommen, an dem keiner von dem Felde ernten wird, wo er nicht
gesät hat, an dem ein jeder die Frucht seiner Arbeit pflücken wird“ Ebenda).

2) „Der menschliche Zweck des Christentums ist genau derselbe wie der der
Revolution: jenes hat diese inspiriert.“ (Buchez, Traite de la Politique,
Bd. II, S. 501).

s) Seine wichtigsten Schriften wurden gesammelt und 1864 unter dem Titel;
Die Arbeiterfrage und das Christentum veröffentlicht.

Er schwankte jedoch noch zwischen der korporativen Assoziation und der koopera-
tiven Produktivgenossenschaft, welch letztere damals nicht nur in Frankreich, sondern
auch in dem Programm der englischen Christlich-Sozialen und sogar in dem des
deutschen Sozialisten Lassalue sehr gepriesen wurde. Aber die kooperative Ge-
nossenschaft sollte bald vollständig von der Berufsgenossenschaft verdrängt werden.

Hitze hatte nicht die Bedenken seines Meisters. Br sagte kategorisch; „Für
uns liegt die Lösung der sozialen Frage im wesentlichen und- ausschließlich in der
Reorganisierung der Zünfte und Berufe. Wir wollen mehr oder weniger die Wieder-
herstellung der Gilden, so wie sie im Mittelalter bestanden, ein Regime, das für jene
^eit, besser als es irgendein anderes vorher oder nachher getan hat, eine voll-
ständige Lösung der sozialen Frage bietet. Wir sagen für jene Zeit ... es kann
sich daher heute nicht um eine reine und einfache Wiederherstellung der Vergangen-
        <pb n="591" />
        ﻿566	Viertes Buch. Die Abtrünnigen.

Der soziale Katholizismus, der in Frankreich unter dem zweiten
Kaiserreich geschlummert hatte, erwachte nach dem Unglück von
1870. Graf Albert de Mün trat an seine Spitze und gab ihm durch
seine warmherzige Beredsamkeit und wohl auch durch die Schaffung
von k ath olis chen Arbeitervereinen einen kräftigen Ansporn.
Zur gleichen Zeit erschien die Zeitschrift Association catholi-
qu e“, deren Programm, das sie getreulich eingehalten hat, die Unter-
suchung aller wirtschaftlichen Tatsachen im Geiste des Katholizis-
mus war.

Ganz besonders wurde die zunftmäßige Organisation an die
Spitze des katholisch-sozialen Programmes gestellt1). Nicht daß die
„Familie“, aus der Le Play den Eckstein des sozialen Gebäudes
machen wollte, verworfen wurde, aber man war der Überzeugung,
daß, wenn die Familie der Mittelpunkt der moralischen Reform bleiben
sollte, man als Basis einer wirtschaftlichen Reform eine Assoziation
mit wirtschaftlichen Charakter wählen müsse.

Zunächst erregt dies einiges Erstaunen. Man versteht nicht
recht, welche verwandten Beziehungen der Berufsverband mit dem
Evangelium haben kann, oder welche Mittel ihm zu Gebote stehen,
um die Gesellschaft im christlichen Sinne umzuwandeln. Man darf
aber nicht übersehen, daß, wenn die Zunftordnung nicht im Evangelium
steht, sie wenigstens die ganze mittelalterliche Periode gekennzeichnet
hat, in der die Herrschaft der Kirche am festesten begründet
war. Solange diese Zunftordnung gedauert hat, gab es das nicht,
was man heute soziale Frage nennt, so daß man auf den Gedanken
kommen kann, sie habe in sich selbst die notwendigen Tugenden
gehabt, um den Frieden zwischen Kapital und Arbeit aufrecht zu
erhalten. Sicherlich ist das heute nicht der Fall, aber vielleicht
würde es genügen, den Berufsverband wieder unter die Herrschaft

heit handeln . . . Wir wollen diese korporative Organisation auf viel weiterer wirt-
schaftlicher Basis und im Sinne einer demokratischereren Auffassung.“ Kapital
und Arbeit und die Reorganisation der Gesellschaft.

x) „Wir müssen alle unsere individuellen Bestrebungen und alle unsere öffent-
liche Forderungen lenken und richten auf die grundlegende Reform: DIB
KORPORATIVE REORGANISATION DER GESELLSCHAFT,“
(Programm des (Euvre des eercles ouvriers, April, 1894).

Die kooperative Arbeitergenossenschaft wird daher beiseite geschoben. Die sozial-
katholischen Schulen zeigen sich ihr recht wenig sympathisch, und noch weniger,
wenn sie sich unter der Form des kooperativen Konsumvereins darstellt. Es
beruht dies darauf, daß sie hauptsächlich eine Gefahr für die Klasse der kleinen
Krämer und kleinen Handwerker ist, die der katholischen Schule besonders am Herzen
liegt. Im Gegensatz dazu ist daher die katholische Schule der Kreditgenossen-
schaft sehr günstig, weil sie hauptsächlich den Mittelklassen, den kleinen Krämern
und kleinen Handwerkern zugute kommt.
        <pb n="592" />
        ﻿Kapitel IV. Die auf dem Christentum beruhenden Lehren.	567

des religiösen Geistes zu beugen, um die gleichen Tugenden wieder
zu beleben, die ihn auszeichneten, als Zunft und religiöse Bruderschaft
noch eins waren.

Es handelt sich aber keineswegs darum, wie die Gegner des
sozialen Katholizismus sagen, die mit diesem billigen Argument Miß-
brauch treiben, die Zunft- und Brüderschaftsordnuug des Mittelalters
wieder eiuzuführen. Die sozialen Katholiken wollen sich geradezu auf
die moderne Gewerkschaft, auf das Gewerkschaftswesen stützen; und
der Beweis, daß dies keine zu schmale Basis ist, um darauf eine neue
Gesellschaft zu errichten, liegt darin, daß die Neo-Sozialisten, die erst
viel später darauf gekommen sind, ebenfalls keine andere haben
wollen. Sie erwarten von ihr sogar nicht nur eine neue Gesellschaft,
sondern auch eine neue Moral (siehe oben S. 548). Man kann daher
sagen, daß die sozial-katholische Politik, die ihnen auf diesem Boden
vorausgegangen ist, sich wohlunterrichtet gezeigt hat.

Am Anfang der Bewegung suchte man den gemischten Ver-
band (syndicat mixte) zu organisieren, in dem Arbeitgeber und Arbeit-
nehmer vereinigt sind, und der die besten Garantien für den sozialen
Frieden zu bieten schien. Die Ergebnisse waren aber recht entmutigendx).
Man hat diesen Gedanken aufgeben und sich mit der korporativen und
getrennten Organisation der Arbeitgeber und der Arbeitnehmer be-
gnügen müssen, die aber zusammen die Regelung der Arbeit und die
Beilegung von Streitigkeiten betreiben. Diese nicht gemischten,
sondern parallelen Berufsverbände sollen nach und nach die Organe
der Arbeitergesetzgebung werden, die der Staat ihnen, die mehr Er-
fahrung als er selbst haben, überlassen soll. Anstatt daß starre
Gesetzesvorschriften alles regeln, was mit den Interessen der Berufe
zu tun hat, wie Arbeitsdauer, Sonntagsruhe, Lehrlingswesen, Werk-
stättenhygiene, Frauen- und Kinderarbeit und sogar Minimallohn,
Gesetze, die in ihrer brutalen Starrheit fast stets unanwendbar
bleiben, würde alles dies von da an allein den Beschlüssen der
Berufsverbände unterstehen. Diese Vorschriften sollen dann für alle,

') Im Jahre 1894 erklärte der Kongreß der katholischen „Cercles“ in Keims,
daß „ohne nns die Schwierigkeiten zu verhehlen, die sich einer Yerallgemeinung des
gemischten Syndikates entgegen stellen . . . muß doch die Bildung dieser Syndikate
das Ziel unserer Bestrebungen sein.“ Und im Jahr 1904 sagte der Pater Kütten
einer der Führer der katholischen syndikalistischen Bewegung in Belgien, in einem
Bericht über die syndikalistische Bewegung: „Wir verwerfen die Form des gemischten
Syndikates nicht, und wir geben gerne zu, daß sie in der Theorie die vollkommenste
ist. Das ist aber kein Grund, um die Augen dem Lichte zu verschließen und sich
darauf zu versteifen, nicht anerkennen zu wollen, daß das gemischte Syndikat jetzt
in wenigstens 90% der großen industriellen Gemeinden des Landes eine nicht zu
wirklichende Utopie ist“ (Angeführt von Dechesnb, Syndicats ouvriers beiges,
1906, 8. 76).
        <pb n="593" />
        ﻿568

Viertes Buch. Die Abtrünnigen.

Arbeitgeber und Arbeitnehmer, die dem gleichen Berufszweige ange-
hören, obligatorisch sein. Es soll jedem freistehen, dem Berufsverbande
beizutreten oder nicht, doch darf niemand den Verordnungen des
Berufsverbandes entgegenhaudeln, damit den Mitgliedern keine
Konkurrenz durch Verschlechterung der Arbeitsbedingungen gemacht
werden könne. Heute gilt die Formel: „Freie Assoziation innerhalb
der organisierten Berufe1).“

Wenn die Liberalen sich darüber aufregen, daß einfache private
Genossenschaften gesetzgeberische Macht erhalten sollen, so antwortet
man ihnen, daß die Arbeitsgemeinschaft eine ebenso natürliche
und notwendige Genossenschaftsform sei, — worunter zu verstehen
ist, eine von einer freiwilligen Übereinstimmung der Beteiligten ebenso
unabhängige Genossenschaftsform, — wie die Wohnsitzgemeili-
sch a ft. Nun gibt aber jedermann zu, daß alle Einwohner der
gleichen Gemeinde sich dem Gesetz der organisierten Mehrheit unter-
werfen müssen. Warum sollte das nun in der Korporation, in
dem Berufsverbande, anders als in der Gemeinde sein?2)

Man geht sogar so weit, den Berufsgenossenschaften eine offizielle
politische JRolle zuzusprechen, indem man ihre Organisation zur Basis
eines neuen Wahlsystems macht, zum wenigsten für eine der beiden
Kammern.

Es ist etwas schwierig, — doch auf keinen Fall schwieriger, als

*) Dieses Programm wird besonders in Österreich, einem der Länder, in denen
der soziale Katholizismus ziemlich mächtig ist, empfohlen. Das Zunftwesen ist
dort in Wirklichkeit niemals verschwunden, und man hat seit einigen Jahren ver-
sucht, ihm — wenigstens in den kleinen Industrien — ein neues Leben zu geben,
und zwar in der Porm von Zünften mit für alle Mitglieder des Berufs obligatorischen
Statuten.

2) „Die erstere (die Gemeinde) ist zu jeder Zeit organisiert gewesen; die zweite
nicht. Warum? In beiden Fällen stellen sich besondere Verhältnisse ein, entstehen
ähnliche Bedürfnisse, treten erzwungene Konkurrenzen, Interessenverbindungen und
-gegensätze auf, eine Gesamtheit von Beziehungen, deren Koordination auf Grund
einer regelmäßigen normalen Ordnung notwendig ist, um alle zu schützen und
einem jeden die Fähigkeit zu gewährleisten, sein Ziel zu verfolgen (Henki Lorin,
Principes de l’organisation professionelle, L’Association Catho-
lique, 15. Juli, 1892).

Man kann hierauf allerdings antworten, daß in der Gemeinde die Mehrzahl den
Ausschlag gibt, während in der freien Korporation dies oft die Minderheit sein würde.
Dem kann andererseits entgegengehalten werden, daß in der Gemeinde die sogenannte
Mehrheit des Gemeinderats, die regiert, oft nur eine Minderheit von Wählern ver-
tritt, und noch dazu eine im Verhältnisse zur Gesamtheit der Einwohner viel ge-
ringere Minderheit, besonders wenn man die Frauen dazu rechnet, die kein Stimm-
recht haben; — und übrigens auch, daß dem Berufsverbande, mit dem Tage, an
dem seine Vorschriften obligatorisch sein würden, ohne Zweifel die Mehrheit und
sogar die Gesamtheit der Arbeiter des betreffenden Berufes angeboren würde.
        <pb n="594" />
        ﻿Kapitel IV. Die auf dem Christentum beruhenden Lehren.

569

bei allen anderen Plänen sozialer Erneuerung — sich eine nach diesem
Muster errichtete Gesellschaft vorzustellen.

Zunächst erscheint es, als oh es nur eine der katholischen Religion
angehörende Gesellschaft sein könne1). Sobald nämlich im Rahmen
dieser Berufsgenossenschafts-Organisation Feinde der Religion oder
auch nur religiös Gleichgültige die Oberhand erhielten, würde alles
zusammenbrechen. Das allein schon macht die Verwirklichung äußerst
fragwürdig. Lassen wir dies aber beiseite.

Diese Gesellschaft wrürde im vollen Sinne des Wortes auf der
Brüderlichkeit beruhen — und sogar, wie wir soeben gesagt
haben, auf der einzigen Brüderlichkeit, die einen wirklichen Grund
für sich anftihren kann: den der gemeinsamen Vaterschaft Gottes, —
aber nicht auf der Gleichheit im sozialistischen Sinne des Wortes,
denn in einer Familie verhindert die Tatsache, Kinder des gleichen
Vaters zu sein, nicht die Ungleichheiten und bedingt sogar, wenn
nicht das Recht, so doch die Pflicht des Ältesten. Ebenso soll in der
Berufsgenossenschaft die Gleichheit in dem Sinne herrschen, daß die
Würde der niedrigsten Arbeit ebenso hochstehend, wie die der vor-
nehmsten Arbeit sein wird, und daß ein jeder mit dem Platze, an
den es Gott gefallen hat, ihn zu stellen, zufrieden und sogar stolz
darauf sein kann 2).

Aber diese Gesellschaft wird hierarchisch sein. Auf der Seite
der Arbeitgeber steht die Autorität mit all ihrer Verantwortung und
all ihren Pflichten; auf der Seite der Arbeitnehmer: geachtete Rechte,
die durch den Minimallohn gesicherte Existenz, und die wiederher-
gestellte Familie3).

*) Der Pater Antoine sagt in seinem Cours d’Bconomie Sociale, (S. 164):
„Die soziale Frage kann vollständig nur durch die Wiederherstellung christlicher
Sitten gelöst werden.“ Noch viel kategorischer ist die Erklärung LkoN Harmel’s
E der Association Catholique vom Dezember 1889: „Wir sehen nur ein
einziges Heilmittel: daß die Autorität des Papstes in der ganzen Welt anerkannt
sei und seine Leitung von allen Völkern angenommen werde.“

Doch ist in den Semaines Sociales, jährlichen Studien Vereinigungen, die
heute die bedeutendste Kundgebung des sozialen Christentums sind, und in denen
alle aktuellen wirtschaftlichen Fragen diskutiert werden, das Programm nicht mehr
rein katholisch und läßt alle die zu, die sich zum Christentum bekennen.

2)	„Die unter der Vormundschaft der Eeligion gebildeten Korporationen werden
bewirken, alle ihre Mitglieder mit ihrem Schicksal zufrieden zu machen, geduldig
in ihrer Arbeit und geneigt, ein ruhiges und stilles Leben zu führen (sua Sorte
eontentos, operumque patientes et ad quietam ac tranquillam vitam agendam indu-
cant)“ (Encyklika „Quod Apostolici“, Leo’s XIII. vom 28. Dezember 1878).

Vgl.; L’Histoire des Corporations von Martin Saint-LSon.

3)	„Die Korporation ist ihrem Wesen nach ein Abbild der Kirche. Für die
Kirche sind alle Gläubigen vor Gott gleich, aber damit hört die Gleichheit auf. Für
alles andere sind sie hierarchisiert“ (Skaun-LAMOiGNON, Association Catholique
v°m 13. Juli 1894).
        <pb n="595" />
        ﻿570

Viertes Buch. Die Abtrünnigen.

Der soziale Katholizismus erklärt sich gegen den ersten Artikel des
sozialistischen Programms, in dem gesagt wird: „daß die Emanzipation
der Arbeiter nur das Werk der Arbeiter selbst sein kann.“ Sie wird
mit der Hilfe der Arbeitgeber und aller anderen sozialen Klassen ge-
schehen. Zu ihnen sind auch die berufslosen Klassen, wie die Grund-
besitzer, die Rentiers, und sogar die Verbraucher zu rechnen1). Sie alle
zusammen müssen es lernen, die Verantwortlichkeit, die ihnen ihre ver-
schiedene Stellung auferlegt, und die besonderen Pflichten zu erkennen,
die ihnen daraus erwachsen, nämlich, ebenso wie der Haushalter im Gleich-
nis, „mit den Gaben, die ihm der Meister anvertraut hat, zu wuchern.“

Die zum größten Teil aus Katholiken gebildeten christlichen
Gewerkvereine Deutschlands fangen an, zu großer Bedeutung zu
gelangen und manchmal sogar den roten sozialistischen Gewerkschaften
die Wage zu halten. Sie legen Gewicht auf eine Einigung zwischen
Arbeitgebern und Arbeitnehmern, protestieren aber trotzdem energisch
gegen jede Verwechslung mit den „Gelben“, d. h., sie erklären sich
ebenso unabhängig von den Arbeitgebern wie von den Sozialisten.

Die Einmischung des Staates wird am Anfang nötig sein, um
die berufsmäßige Organisation aufzubauen; sobald sie aber einmal
fertig dastehen wird, wird sie nach und nach, wie wir gesehen haben,
die Macht der gesetzgebenden Gewalt und der Verwaltungspolizei
an sich ziehen, wenigstens im Bereich der Arbeitergesetzgebung, und
besonders in bezug auf den Hauptpunkt, nämlich die Festsetzung des
Lohnes2) und alles was davon abhängt, wie die Organisation der
Altersversorgung. Die gesetzgebende Macht wird aber reichlichen
Stoff zur Betätigung außerhalb der beruflichen Interessen finden, wie
besonders in der Regelung der Eigentumsrechte, dem Wucherverbot,
dem Schutz der Landwirtschaft usw.3).

l) La Ligue Sociale d’acheteurs, in Paris im Jahre 1900 gegründet,
beruht auf sozial-katholischer Grundlage.

*) „Über ihrem freien Willen (dem der Arbeitgeber und der Arbeitnehmer in
dem Arbeitsvertrag) steht ein höheres und älteres Gesetz natürlicher Gerechtigkeit,
daß nämlich der Lohn nicht ungenügend sein darf, um einen ruhigen und ehrlichen
Arbeiter bestehen zu lassen . . . Aber in der Befürchtung, daß in diesem Falle
und in anderen ähnlichen, wie z. B. mit Hinsicht auf den Arbeitstag die öffentliche
Gewalt sich nicht zur richtigen Zeit einmischen möchte, und angesichts besonders
der Mannigfaltigkeit der zeitlichen und örtlichen Umstände würde es vorzuziehen
sein, daß im Prinzip die diesbezügliche Losung den Korporationen und Berufs-
verbänden Vorbehalten wird“ (Encyklika: „Kerum novarum“, auch: „Über die
Lage der Arbeiter“ genannt, 1891).

3) Die Katholisch-Sozialen sind gewöhnlich und in allen Ländern Schutzzöllner,
weil sie glauben, daß „ihr korporatives Regime sich nicht ohne wirksamen Schutz
gegen die ausländische Konkurrenz halten könne“, (Programme del’ffluvre
des cercles ouvriers § 7) — und auch deshalb, weil sie in den landwirtschaft-
lichen Syndikaten die meisten Anhänger haben.
        <pb n="596" />
        ﻿Kapitel IV. Die auf dem Christentum beruhenden Lehren.	571

Der Staat, sagt die Encyklika Iramortale Dei Leo’s XIII. —
der hierin übrigens nur eine Stelle des Apostel Paulus wiederholt, —
ist „der Diener Gottes zum Guten“. Paulus sagt aber an einer anderen
Stelle, daß das Gesetz der Zuchtmeister sei, der uns zu Christum
führen solle, und wenn man das Wort so versteht, daß es die Aufgabe
des Gesetzes sei, zur brüderlichen Solidarität zu führen, so hat man
eine ziemlich genaue Vorstellung davon, wie der soziale Katholizismus
die Rolle des Staates auffaßt.

Der soziale Katholizismus hat manchmal sehr fortgeschrittene
Bestrebungen bekundet, die sich stark dem eigentlichen Sozialismus
näherten. Doch sind sie nur individuelle Kundgebungen gebliehen
und übrigens formell von Rom verdammt worden; gewöhnlich haben
sich die, die sie geäußert hatten, löblich unterworfen.

Zunächst griff 1888 Lösewitz in der Association Catho-
lique die sogenannte Produktivität des Kapitals heftig an1): dies
erregte einen ziemlichen Skandal und führte dazu, daß der Graf de Mun
dagegen auftrat. Später wurde dieses Programm das der sogenannten
„Partei der jungen Abbes“. Auch darf die Bewegung des Sil Ion
(von 1890 bis 1910) nicht vergessen werden, die in politischer Hinsicht
sich bemühte, die Kirche mit der Demokratie und sogar mit der
Republik zu versöhnen und in volkswirtschaftlicher Hinsicht bis
zur Abschaffung des Lohnsystems und des Unternehmertums ging2),
— gerade wie die Syndikalisten, denn der § 2 der Statuten der
Confederation Generale du Travail stellt ebenfalls als Endzweck auf:
„das Verschwinden des Lohnsystems und des Unternehmertums“.
Anstatt die Lösung in einer parallelen Tätigkeit der Syndikate der
Arbeitgeber und der der Arbeitnehmer zu suchen, strebt die Bewegung

q „Die angebliche Produktivität des Kapitals, die die große Ungerechtigkeit
der heidnischen Gesellschaften, und vom wirtschaftlichen Gesichtspunkt, die letzte
Ursache der sozialen Leiden ist, ist nichts anderes, als ein Wort, dazu erfunden, um
die wirkliche Tatsache zu verschleiern: die Aneignung der Früchte der
Arbeit anderer durch die Besitzer der Arbeitsmittel“ (Loesewitz,
Association Catholique, 1886, Aufsatz: Legislation du travail).

2) Auszug eines Berichtes über eine Versammlung des „Sillon“ vom No-
vember 1907:

„Marc Sangnibe: „Die soziale Umformung, Kameraden, von der wir träumen,
ist für die Entwicklung des Individuums und nicht für seine Aufsaugung gemacht.
Wir wollen, daß die Fabriken, die Bergwerke und die Industrien Arbeitergruppen,
aber nicht dem Staate gehören.“

Zwischenruf: „Das ist Sozialismus!“

Maro Sangnibe: „Nennt es Sozialismus, soviel ihr wollt, das stört mich nicht;
es ist aber nicht der Sozialismus der Sozialisten, der Sozialismus der „Unifies“ . . .
Wir wollen die Proletarier von der Herrschaft der Arbeitgeber befreien, nicht um
sie unter der Herrschaft eines großen und alleinigen Patrons, des Staates, zu stellen,
sondern damit die Proletarier kollektiv ihre eigenen Arbeitgeber werden können.“
        <pb n="597" />
        ﻿572

Viertes Buch. Die Abtrünnigen.

des Sillon danach, die ersten abzuschaffen, um nur die zweiten be-
stehen zu lassen, die dann Herren ihrer Produktionsmittel geworden
sind und so den vollen Ertrag ihrer Arbeit für sich selbst behalten
können. Sie unterscheidet sich jedoch von dem Syndikalismus
hauptsächlich vom moralischen Gesichtspunkt aus durch die Betonung
eines höheren Ideals, als es die Eroberung der materiellen Wohlfahrt
ist, und stellt dieses Ideal als noch unentbehrlicher für die Eman-
zipation der Arbeiterklasse hin. Wie man weiß, hat sich der Sillon
auf Grund eines päpstlichen Befehls auflösen müssen, doch besteht
diese ausgesprochen syndikalistische Arbeiterbewegung trotzdem fort.

Wenn die katholische Schule Mühe gehabt hat, sich einen linken
Flügel zu schaffen, so hat sie doch stets einen rechten besessen, der
sich natürlich durch das Überwiegen des Unternehmerelements
charakterisiert. „Das Problem ist nicht, den Arbeiter durch sich
selbst zu retten, sondern seine Rettung durch den Arbeitgeber zu
bewirken1).“ Es ist das die Lehre vom „guten Arbeitgeber“, die wir
schon von der Schule Le Play’s aufgestellt gesehen haben. Im übrigen
meint diese Rechte des sozialen Katholizismus, daß die bestehenden
Einrichtungen vollständig genügend sein würden, um das, was man
die soziale Frage nennt, zu lösen, wenn sie nur von dem richtigen
christlichen Geist erfüllt wären, und wenn die herrschenden Klassen
es verständen, „ins Volk zu gehen“.

§ 3. Der soziale Protestantismus.

Es ist eine weitverbreitete Idee, daß der Protestantismus not-
wendigerweise individualistisch ist2), weil das Kennzeichen dieser
Konfession darin liegt, daß jeder Gläubige seinen persönlichen Glauben
habe und zur Erlösung außer Christo keines Mittlers zwischen Gott und
sich selbst bedürfe, während der Katholik nur durch die Kirche, durch
die große Gemeinschaft der Gläubigen, das Heil erlangen kann. Und
da der Protestantismus das Bekenntnis zur Selbsthilfe, „self-help“

') Milcent in der Association Catholique, 1897, Bd. II, S. 68.

Es gibt auch einen individualistischen und liberalen Sozial-Katholizismus,
den der verstorbene Professor Charles PfmiN in Löwen vertrat: La Eichesse et
le Socialisme chretien, ebenso wie auch Rambaud, Cours d’Histoire des
Doctrines.

Mit dieser Gruppe der liberalen Rechten kann man die landwirtschaftlichen
Kreditkassen nach dem Vorbild Raifeeisen’s in Deutschland, Frankreich, Belgien
und Italien in Verbindung bringen, — obgleich sie in dem letzteren Lande ihr Ent-
stehen einem Israeliten, Wollembosu, verdanken.

2) Das ist z. B. die Ansicht Nitti’s in seinem Buch über den Socialisme
Catholique und der wenig stichhaltige Grund, weshalb er ihm nur einige wenige
Seiten seines Buches widmet.
        <pb n="598" />
        ﻿573

Kapitel IV. Die auf dem Christentum beruhenden Lehren.

ist, so unterstellt man, daß er diese dogmatische Auffassung auch in
seine soziale Lehre übernehmen mußte. Man weist außerdem darauf
hin, daß der Protestantismus anfänglich mit der liberalen Bourgeoisie
verbunden war, und schließt aus alledem, daß, wenn er sich im politi-
schen Leben gewöhnlich auf dem linken Flügel der Parteien befindet,
er im wirtschaftlichen Leben auf der äußersten Rechten steht1).

Wieviel Wahrheit auch immer diese Würdigung vom dog-
matischen und historischen Gesichtspunkt aus haben möge, so hindert
dies doch nicht, daß, soweit das wirtschaftliche Leben in Betracht
kommt, der soziale Protestantismus viel weiter gegangen ist, als der
soziale Katholizismus. Wie wir sehen werden, begnügt sich seine
äußerste Linke nicht, wie die äußerste katholische Linke, damit, die
Abschaffung des Lohnsystems zu verlangen, sondern sie besteht sogar
auf der Abschaffung des persönlichen Eigentums und macht daher erst an
der Grenze halt, die auch der Kommunismus nicht überschreiten kann.

Den Tag der Geburt des sozialen Protestantismus kann man mit
großer Sicherheit festlegen. Er entstand 1850, als in England die
Gesellschaft „for promoting workingmen’s associations“ (zur Förderung
von Arbeitergenossenschaften) und die Zeitung The Christian
Socialist2) gegründet wurde, welch letztere ihm als Organ dienen
sollte. Die Begründer der erwähnten Gesellschaft waren zwei Geist-
liche (später Professoren der Theologie in Cambridge) Chaeles
Kingsley und Maueice, sowie einige Juristen, Ludlow, Hughes und
Vaxsittaet Neale. Besonders der erste erregte damals große Auf-
merksamkeit nicht nur durch seine Beredsamkeit, sondern auch durch
den Erfolg seines Romans Alton Locke (1850), der vielleicht der
erste soziale Roman war; er behandelt die Geschichte eines Schneider-
gesellen, der unter der Herrschaft dessweating system’s arbeiten

b In diesem Sinne könnte man einige geschichtliche Betrachtungen verwerten,
besonders die Tatsache, daß, während die katholische Kirche stets den Wucher
verboten hat, es im Gegenteil Calvin und die Calvinisten waren, wie Saumaise
und der berühmte Rechtsgelehrte Dumoulin, die die Berechtigung des Geldzinses
wieder nachwiesen.

2) Ihr war eine andere Zeitschrift, Politics for the People vorausgegangen,
die 1848 gegründet worden war, bis zu welchem Jahr man den Anfang der Be-
wegung zurüokverfolgen kann. Auf jeden Fall ist sie zur Zeit der französischen
Revolution von 1848 entstanden.

Es ist nur gerecht, den (1842 gestorbenen) amerikanischen Pfarrer Channing
wenigstens als Vorläufer anzuführen, dessen Schriften, soweit sie soziale Fragen be-
rühren, ins Französische übersetzt worden sind: Les eeuvres sociales de
Channing, Vorwort von En. Laboulaye.

Über die Geschichte des christlichen Sozialismus und für weitere Einzelheiten
über diese Bewegung siehe ein amerikanisches Nachschlagewerk: The new
Rncyclopedia of social Reform.
        <pb n="599" />
        ﻿574

Viertes Buch. Die Abtrünnigen.

muß, dessen Schrecken damals der Öffentlichkeit zum ersten Male
enthüllt wurden *).

Die Gruppe der „Christian-Socialists“, mit welchem Namen
sie von da an bezeichnet wurde* 2), hatte als Progamm, wie schon
der Name ihrer Vereinigung zeigt, die Organisation von Arbeiter-
genossenschaften. In welcher Form? Den Berufsverband, die „trade-
u n i o n s“ verwarf sie. Weshalb ? Vielleicht Aveil diese Verbände damals
nur wenig bekannt waren und auch keinen besonders anziehenden An-
blick boten, da sie noch an den ersten Kinderkrankheiten litten.
Zweifellos aber auch deshalb, weil diese Genossenschaften sich vor-
wiegend mit ihren Berufsinteressen und ihren Lohnkämpfen be-
schäftigten und nicht dazu geeignet schienen, den Geist der Opfer-
willigkeit und Nächstenliebe zu entwickeln, der zur Verwirklichung des
christlichen Sozialismus unumgänglich nötig ist. Ebensowenig sagte
ihnen aber die Konsumgenossenschaft zu. Trotz des frischen Er-
folges der Pioniere von Rochdale lehnten sie diese Organisationsform
ebenfalls ab, sei es, weil diese Genossenschaft als von dem aus-
gesprochen religionsfeindlichen Geiste Owen’s inspiriert schien (siehe
oben Seite 269), sei es, weil ihr einziges Ziel darin bestand, das
Leben des Arbeiters billiger und angenehmer zu gestalten, so daß
sie alles in allem weiter nichts als Krämerläden (stores) vorstellten,
die den „Christian-Socialists“ keine wünschenswerte Stätte für das
kommende Reich Gottes zu sein schienen. Sie wendeten sich daher
der Arbeiterproduktiv-Genossenschaft zu, ebenso wie es übrigens auch
die ersten katholischen Sozialisten getan hatten. Doch waren es
nicht die Anschauungen Bücubz’, den sie nicht gekannt zu haben
scheinen, die sie ihren Bestrebungen zugrunde legten, sondern viel-
mehr die assozialistische Bewegung von 1848, die schon Stuart Mill
in ihren Bann gezogen hatte (siehe oben Seite 421). Lddlow befand
sich damals in Paris und hatte die Produktivgenossenschaft zur Zeit

') Im folgenden Jahr hielt Chahles Kingsley in London eine Predigt, die
einen großen Skandal verursachte, und auf der Stelle den Widerspruch der Pfarrers
der betreffenden Parochie hervorrief. Kingsley sagte z. B.; „Jedes soziale System,
daß die Ansammlung von Kapital in einigen wenigen Händen begünstigt, das die
Masse vom Boden ausschließt, den ihre Väter bearbeitet haben, und das sie zu
Tagelöhnern und Sklaven herabwürdigt, die von Lohn und Almosen leben ... ist
dem Reich Gottes, das Christus verkündigt hat, zuwider.“ Diese Predigt wurde
später unter dem Titel: Botschaft der Kirche an die Arbeiter ver-
öffentlicht.

2) Maükice sagte; „Wenn ihr Christen seid, müßt ihr Sozialisten sein“, aber
in seinem Munde hatte das Wort Sozialist nicht die Bedeutung, die es seitdem
erhalten hat, was dadurch bewiesen wird, daß Maubice es selbst wie folgt
definiert: „Der Wahlspruoh des Sozialisten ist Kooperation; der des Anti-Sozialisten:
Rivalität.“
        <pb n="600" />
        ﻿Kapitel IV. Die auf dem Christentum beruhenden Lehren.

575

ihrer vollen, wenn auch kurzen Blüte gesehen. Es schien ihm, daß
gerade Genossenschaften dieser Art das gesuchte wirtschaftliche
Werkzeug seien, um die Lohnarbeiter in freie Produzenten zu ver-
wandeln, und zu gleicher Zeit eine sehr gute Schule, um die Unter-
ordnung des persönlichen Interesses unter das allgemeine Interesse
zu lehren. Diese Hoffnungen wurden aber noch schneller und noch
vollständiger enttäuscht als in Frankreich. Kaum daß man von einem
Beginn der Verwirklichung sprechen kann.

Doch hatten die Leiter des Bundes nicht ganz umsonst gearbeitet. Als
sie ihre Ohnmacht einsahen, die Arbeiter anzuspornen, und die Hinder-
nisse kennen lernten, die die damalige Gesetzgebung der Bildung von
Arbeitergenossenschaften in den Weg legte, wendeten sie sich an den
Staat und eröffheten einen Feldzug, um eine liberalere Gesetzgebung zu
erhalten. In Wirklichkeit sind ihnen auch fast allein die Gesetze von
1852 und von 1862 (IndustrialandProvidentSocietiesActs)
zuzuschreiben, die zum ersten Male den Genossenschaften den Charakter
juristischer Personen verliehen, und von denen alle anderen Arbeiter-
verbände Nutzen gezogen haben.

Übrigens legten die christlichen Sozialisten nur geringes Gewicht
auf die äußere Form, die der Verwirklichung ihres Ideals dienen
sollte. Sie wußten aus Erfahrung, daß die Arbeitergenossenschaft
und sogar die Gesetzgebung keine Früchte tragen konnten, solange
die geistige Verfassung der Arbeiter nicht anders geworden wäre1).
Ihre Reform war daher vor allem eine Reform der Moral. Das Wort
„Kooperation“ bedeutete in ihrem Munde weniger die Verwirklichung
dieses oder jenes industriellen Systems, als die Antithesis der Herrschaft
der Konkurrenz, des Kampfes ums Dasein. Ihr eigentlicher Gedanken-
inhalt findet sich vielleicht am besten in einem von Ludlow an
Maueice gerichteten Briefe, der aus Paris (März 1848) datiert ist,
und die Notwendigkeit betont, „den Sozialismus zu christianisieren“.

Der christliche Sozialismus hat in England seine Gründer über-
lebt, hat aber sein Programm geändert. Den Traum der Produktiv-
genossenschaft hat er fallen lassen: er fördert jetzt die anderen
Formen der Kooperation. Hauptsächlich beschäftigt er sich aber mit
einer Umformung des Großgrundbesitzes, eine in England besonders

') Kinrslby schrieb 1856: „Die Assoziation wird die nächste Form der indu-
striellen Entwicklung sein; an ihrem Erfolg zweifle ich nicht; vorausgehen muß
ihr aber eine Lehrzeit von zwei Generationen, sowohl für die Moral, wie für die
Fähigkeiten, damit der Arbeiter imstande sei, sich ihrer zu bedienen.“

Was die Einmischung des Staates betrifft, so urteilt Kingsley hierüber wie
folgt: „Der Teufel ist stets bereit, uns dazu anzutreihen, eine Änderung der Gesetze
und der Kegierung, des Himmels und der Erde zu fordern, ohne uns jedoch jemals
die vorwitzige Idee zuzuüüstern, daß wir vielleicht uns selbst ändern könnten.“
        <pb n="601" />
        ﻿576

Viertes Buch. Die Abtrünnigen.

brennende Frage, wo der latifundiale Grundbesitz einer ganz geringen
Anzahl von „Landlords“ gehört1). Der von der Bibel inspirierte
christliche Sozialismus erinnerte sich der Worte: „Die Erde ist mein,
sagt der Ewige!“ und ihres Niederschlages im mosaischen Gesetze
über das Jubeljahr, das die Erde alle 49 Jahre (7 Wachen von Jahren)
den ursprünglichen Besitzern zurückgab. Er verbreitete dann das
System Henry George’s, der vielleicht selbst der Gruppe der
Christlich-Sozialen zuzurechnen ist. Außer in der Agrarfrage tritt
der christliche Sozialismus in England auch als Verteidiger der
Arbeiterklasse auf. Viele englische Kirchen, die „Institutional
Churches“ (Werk-Kirchen) genannt werden, umgeben sich mit einem
Netz von Werken, die für alle materiellen, intellektuellen und
moralischen Bedürfnisse des Arbeiterlebens Fürsorge tragen. Mehrere
der Führer der sozialistischen Arbeiterbewegung, besonders Keie
Hardie, sind überzeugte, tätige Christen. Die Federation der Brother-
hoods umfaßt heute beinahe 2000 Gesellschaften mit einer Million
Arbeiter, in deren eifriger Propaganda das Evangelium und der
Sozialismus eng vereinigt sind * 2 3).

In den Vereinigten Staaten trat der christliche Sozialismus noch
viel schärfer gegen den Kapitalismus auf, den er in biblischer Sprache
„Mammonismus“ nennt. Die erste Gesellschaft von Christian
S o c i a 1 i s t s scheint in Boston im Jahre 1889 gegründet worden zu
sein. Seitdem sind viele gefolgt. Die letzte definiert in ihren Statuten
ihr Ziel wie folgt: „die soziale Botschaft Christi in die Kirchen ein-
dringen zu lassen, und zu zeigen, daß der Sozialismus notwendiger-
weise der wirtschaftliche Ausdruck des christlichen Lebens ist“; und
ein wenig weiter; „überzeugt, daß das Ideal des Sozialismus mit dem
der Kirche übereinstimmt, und daß das Evangelium von der koopera-
tiven Republik (cooperative Commonwealth) nichts anderes ist als das
Evangelium vom Reiche Gottes wirtschaftlich ausgedrückt . .	3).

0 In den Kreisen der anglikanischen Kirche ist sein Organ: The Economic
Review, die in Oxford erscheint, — und die man nicht mit The Economic
Journal, das ebenfalls in Oxford herauskommt, aber rein wissenschaftlich ist, ver-
wechseln darf.

2)	E. Godnbllb, Le Mouvement des Fraternites (Broschüre).

3)	Josiah Steong, Direktor des Instituts für soziale Dienste (des sozialen
Museums) in New York gibt eine Zeitschrift heraus; The Gospel of the Kingdom
(Das Evangelium vom Reiche Gottes), in der erklärt wird; „daß es selbstverständlich
ist, daß die Welt nicht eher christianisiert werden kann, bevor nicht die Industrie
christlich geworden ist“, und deren Programm in der Untersuchung der wirtschaft-
lichen Tatsachen im Lichte des Evangeliums besteht. So findet man z. B. über die
Frage der Arbeitslosigkeit die Stelle: Matth. 20, 6, und über die noch tech-
nischere Frage der Berechtigung des „open or closed shop“ (d. h. über die
Frage, ob die Fabrik nichtorganisierte Arbeiter beschäftigen soll oder nicht) den
        <pb n="602" />
        ﻿Kapitel IV. Die auf dem Christentum beruhenden Lehren.

577

Die äußerste Eechte des sozialen Protestantismus muß man
im Gegenteil in Deutschland suchen. Im Jahre 1878 gründeten
die Pastoren Stöcker und Todt die „christlich-soziale Arbeiter-
partei“, deren Anhänger jedoch trotz ihres Namens haupt-
sächlich aus dem Mittelstände stammten, und die in der Arbeiter-
klasse keinen Fuß fassen konnte, so daß man sehr bald das Wort
„Arbeiter“ im Titel streichen mußte. Später wurde Stöcker Hof-
prediger, was der Bewegung einen halb offiziellen Charakter verlieh.
Damals sagte Stöcker: „Ich habe die feste Überzeugung, daß wir
die soziale Eevolution in das Bett sozialer Eeformen leiten können“ a).
1890 aber verabschiedete Kaiser Wilhelm II. seinen Hofprediger und
mit ihm den offiziellen christlichen Sozialismus2).

Etwas später, auf dem Kongreß zu Erfurt im Jahre 1896, ver-
suchten zwei andere junge Pastoren, Naumann und Göhre8), die
Arbeiterklasse mit sich fortzureißen, indem sie die protestantischen
Kirchen in eine mehr sozialistische Bahn bringen wollten. Aber
diese Bewegung, die von den offiziellen evangelischen Kirchen ver-
urteilt und von den Arbeitgebern bekämpft wurde, und die wenig
Unterstützung bei der Sozialdemokratie fand, ist fehlgeschlagen, und
ihre Führer haben sich der Politik zugewandt.

133. Psalmen, Vers 1 und im 1. Brief an die Korinther, Kap. 12, Vers 16 und 26
angeführt.

Zu erwähnen ist auch das beredt geschriebene Buch von Baüschenbusch;
Christianity and the social crisis.

Ein sehr bekannter Professor der Volkswirtschaft, Eichard Ely, ist ebenfalls
ein Führer der Bewegung. Vor einiger Zeit trat auch ein Pfarrer auf, der ziem-
liches Aufsehen und einigen Skandal hervorrief, Hbhhon; er predigte, daß man weit
über den Kollektivismus hinausgehen müsse, den er für „viel zu konservativ
und sogar für reaktionär“ halte — und erklärte sogar, daß neben Christo
Karl Marx nur ein verknöcherter Konservativer sei, denn; „die Annahme der
Berechtigung des Eigentums in irgendeiner Form, sei es auch nur für die Gebrauchs-
gegenstände, ist eine Verwerfung Christi“.

*) Auf der Konferenz zu Genf im Jahre 1891.

Auf dieser Konferenz definierte Stöcker sein Programm wie folgt: „Wir glauben,
daß wir ohne die Hilfe des Staates nicht durchdringen können, aber wir wenden
uns auch an den Geist der Assoziation . . . Wir haben den Arbeitgebern gesagt, daß
es ihre Pflicht wäre, ein Opfer zu bringen, und daß sie die Frage zusammen mit
den Arbeitern lösen müssen. Den Arbeitern haben wir gesagt, daß, wenn sie nicht
fleißig, wirtschaftlich und gemäßigt seien, sie niemals in eine bessere Lage gelangen
würden.“ (Dieser Vortrag, den Stöcker auf eine Aufforderung der Genfer deutschen
Gemeinde hielt, ist nicht gedruckt worden, doch berichteten verschiedene französische
•Leitungen darüber, denen anscheinend das Zitat entnommen ist.. Anm. des Übers.)

2) Der Kaiser exkommunizierte ihn sogar in aller Form in einem Telegramm,
das er 1896 an einen mächtigen Fabrikherrn, „den König des Saargebietes“, den
Ereiherrn Stumm sandte.

’) Göhre ist der Verfasser eines Buches: Drei Monate Fabrikarbeiter,
das großen Erfolg hatte und verschiedentlich zu Nachahmungen anregte.

Gide und Rist, Gesoh. d. Volkswirtschaft!. Lehrmeinungen.	37
        <pb n="603" />
        ﻿578

Viertes Buch. Die Abtrünnigen.

Auch in der Schweiz entfaltet sich die Bewegung kräftig und
hat sogar ihre fortgeschrittendsten Führer in der Person des Professor
Ragaz und der Pastoren Kutter *) und Pflüger (der seitdem Ab-
geordneter geworden ist) gefunden.

Ebenso gibt es in Frankreich eine und sogar mehrere pro-
testantisch-soziale Richtungen. Da sie aber nur einen kleinen
Bruchteil des Protestantismus umfassen, der selbst nur eine ganz
kleine Minorität im Lande vorstellt, so kann ihr Einfluß nicht be-
trächtlich sein: doch findet man ihn auf dem Grunde oder an der
Spitze der verschiedenen sozialen Bewegungen, wie z. B. im Kampfe
gegen den Alkoholismus und die Pornographie, im Wiedererwachen
des Kooperativismus und in der Schaffung der Volkshäuser, die
Solidarites genannt werden. Eine „Gesellschaft zum praktischen
Studium der sozialen Fragen“ (Association pour l’etude pratique des
questions sociales) wurde 1887 von Pastor Gouth gegründet. Ihr
Vorsitzender und geistiger Führer war Pastor Tomy Fallot * 2 3 * * * *). Sie
hält sich in recht gemäßigten Grenzen und geht nicht über den
Kooperativismus als Aktionsmittel und über den Solidarismus als
Doktrin hinaus8). Diese neue Lehre von der Solidarität — obgleich
sie mehr radikalen Ursprungs und, wie wir später sehen werden,
eher eine Antithese zu dem Geiste der Nächstenliebe ist — wurde
vom sozialen Protestantismus mit Enthusiasmus aufgenommen. Er
hat sie auch sogleich für sein geistiges Eigentum erklärt und be-
klagt sich, daß man sie ihm genommen habe, denn, sagt er, wo findet
man das Gesetz der Solidarität energischer ausgedrückt als in dem
doppelten christlichen Dogma von dem Sündenfall und der Erlösung
— alle Menschen durch den Fall eines einzigen; Adam — verloren

*) Ein Buch des Pastor Kutter, „Sie müssen“ (ins Franz, übersetzt unter
dem Titel „Dieu les mene“) erregte großes Aufsehen, Der Verfasser sucht nach-
zuweisen, daß die Sozialisten heute die wirklichen und einzigen Nachfolger Christi
sind, der von der Kirche verleugnet wird.

2)	Ihr Präsident ist seit 20 Jahren de Boyve, der Führer der kooperativen Be-
wegung in Frankreich. Hierdurch tritt die Verwandtschaft der beiden Bewegungen
zutage, die beide aus der Schule von Nimes stammen.

Sie hält periodische Kongresse ab und ihr Organ ist die Zeitschrift Le Christia-
nisme Social.

3)	Der Mann, der der Begründer dieser Bewegung war, Pastor Tomy Faluot,

bezeichnete den zu befolgenden Weg, indem er sagte: „Der Schwerpunkt liegt in der
Durchführung des vollkommenen Typus, der Kooperation heißt ... Br stellt heute
schon die Prophezeiung besserer Zeiten dar“ (L’aotion Bonne). Es ist das dieselbe
Formel, wie die des Engländers Maurice (siehe oben S. 574 Anm. 2).

„Wir sind christlich-sozial, weil wir Solidaristen sind. Indem wir die Solidarität

suchten, haben wir den Messias und sein Reich gefunden . . . „Solidarität“ ist das

Wort des Laien, „Reich Gottes“ das Wort des Christen; beide bezeichnen dasselbe“

(Gounelle, L’Avant-Garde, 1907).
        <pb n="604" />
        ﻿Kapitel IV. Die auf dem Christentum beruhenden Lehren.

579

— alle Menschen durch das Verdienst eines einzigen: Christus —,
gerettet ?

Aber eine Gruppe junger Pastoren, die ziemlich genau dem ent-
spricht, was man in dem sozialen Katholizismus die Partei der Abbes
nennt, begnügt sich nicht mit diesem Zuckerwasserprogramm, wie sie
es nennt, und drängt wie ihre amerikanischen Kollegen zum Kollekti-
vismus1). Auf jeden Fall verlangt sie, daß die Frage des Eigentums
wenigstens „aufgeworfen werde“.

Alles in allem zeigt das soziale Christentum im Protestantismus
aller Länder die Tendenz, sich in „christlichen Sozialismus“ umzu-
wandeln. Diese einfache Umstellung der Worte drückt auch den
Programmwechsel aus. Sie besagt, daß die sozialen Protestanten die
wesentlichen Grundsätze des internationalen Sozialismus annehmen
(Sozialisation der Produktionsmittel, Klassenkampf, Internationalismus)
und ihre vollständige Übereinstimmung mit den Geboten des Evan-
geliums behaupten.

Jedoch gerade dort, wo der soziale Protestantismus sich als wirt-
schaftliches Programm mit dem Kollektivismus deckt, trennt er sich
von ihm durch eine kategorische Betonung der Notwendigkeit einer
moralischen, individuellen Reform, ebenso wie umgekehrt er sich vom
individualistischen Christentum durch die Betonung unterscheidet,
daß das individuelle Heil ohne eine Umwandlung der Gesellschaft
unmöglich ist* 2): die Herzensänderung schließt auch die Milieuände-
rung ein. Welchen Zweck soll es haben, Leuten die Keuschheit zu
predigen, die dazu gezwungen sind, im gleichen Zimmer ohne Unter-
schied des Geschlechtes oder des Alters zusammen zu schlafen?
„Die Gesellschaft,“ sagt Fallot, „muß so organisiert sein, daß das
Heil einem jeden zugänglich ist.“ „Die Herrschaft der Großindustrie,“
sagt Gounelle, „ist das größte Hindernis der Erlösung des Sünders,
das Christus jemals angetroffen hat!“ Dieser protestantische Sozialis-

*) Diese Gruppe rekrutierte sich am Anfang aus den jungen Pastoren, die ihr
Amt in großen Industriestädten verwalteten (Wilfbed Monod in Rouen, Godnelle
m Roubaix) und so das Elend, das Leiden und das Gefühl der Auflehnung im Volke
L der Nähe sahen. Doch hat sie auch unter Laien einige Anhänger gefunden, wie
pRhDüHic Passy, einen der Söhne des Volkswirtschaftlers, der früher das Haupt der
liberalen Schule war.

Diese Gruppe Christlich-Sozialer hat als besonderes Organ eine kleine Zeitschrift;
h’Espoir du Monde.

2) „Ich will für meine Brüder Anathema sein, sagt Paulus. Mit anderen
Worten, ich will nicht allem gerettet werden . . . Erst dann werde ich vollkommen
erlöst sein, wenn die ganze Menschheit erlöst ist. So ordnet die Lehre des Evan-
geliums die volle Verwirklichung meiner persönlichen Erlösung der Erlösung der
anderen unter“ (W. Monod, La notion apostolique du salut. — Der aposto-
lische Erlösungsbegriff).

37*
        <pb n="605" />
        ﻿580

Viertes Buch. Die Abtrünnigen.

ums bleibt in dem Sinne individualistisch, daß er den Individualismus,
den er in seiner Form als Egoismus, als zentripetale Kraft zu be-
kämpfen sucht, als Prinzip uneigennütziger Tätigkeit, als expansive
und zentrifugale Kraft beibehalten und kräftigen will. Gern nimmt
er als Devise die Worte Vinbt’s, die an seinem Denkmal in Lausanne
geschrieben stehen: „Ich will, daß der Mensch Herr über sich selbst
sei, damit er um so besser der Diener aller sein könne1).“

§ 4. Die Mystiker.

Eine Übersicht der auf dem Christentum beruhenden Doktrinen,
so skizzenhaft sie auch sei, kann die Namen einiger bedeutender Männer
nicht übergehen, die, ohne daß sie dieser Schule zuzurechnen sind,
und ohne daß sie sich unter die Nationalökonomen* 2) oder die eigent-
lichen Sozialisten rechnen lassen, als Schriftsteller, Historiker oder
sogar Verfasser von Romanen diese Lehren mit leidenschaftlicher
Beredsamkeit unterstützt haben.

Die beiden bedeutendsten Vertreter dieser an der Peripherie des
sozialen Christentums stehenden Bewegung sind der Engländer Rubeln
und der Russe Tolstoi, doch könnte man noch viele andere er-
wähnen3 4). Diese beiden großen Greise, beide als Achtzigjährige vor
einigen Jahren dahingeschieden, sind für unsere Zeitgenossen das,
was früher die Propheten in Israel waren. Wie Jesaias und Jeremias
verfluchen sie die Händler von Tyrus und Sidon, die heute Kapitalisten
heißen, und künden das neue Jerusalem an, wo „die Gerechtigkeit
wohnen wird“. Auch sprechen sie fast die gleiche Sprache wie die
Propheten, besonders Ruskin, dessen Geist an der Bibel genährt ist *).

x) Oder wie er an anderer Stelle in einem beredten Wort sagt: „Um sich hin-
zugeben, muß man sich gehören.“

2)	Doch legte Ruskin seinen wirtschaftlichen Theorien keine geringe Bedeutung
bei! In seinem Vorwort zu Munera Pulveris (1871) schrieb er: „Die folgenden
Seiten enthalten, glaube ich, die erste genaue (accurate) Analyse der Gesetze der
Volkswirtschaft, die bis heute in England veröffentlicht worden ist“ (sic)! — Siehe
auch das Vorwort zu Unto this Last, dessen Untertitel lautet: Eour Essays
on the first principles on Political Economy, (1862).

3)	Besonders in der Literatur des sogenannten „sozialen Romans“. Was Eng-
land anlangt, siehe das Buch Cazamian’s das diesen Titel trägt.

John Ruskin (1819—1900) war in England schon lange sehr berühmt, während
man ihn in Frankreich kaum kannte. Erst seit seinem Tode hat man begonnen,
seine Bücher, die bizarre und symbolische Titel tragen, zu übersetzen, wie Unto
This Last, Fors Clavigera, Munera Pulveris, usw. Siehe das Buch von
Jacques Babdoüx, John Ruskin, und die von La Sizbeanne, die kürzlich über
ihn verfaßt worden sind.

4)	Dies geht so weit, daß man ein Buch: La Bible et Ruskin (von Madame
Brunhes) hat schreiben können. Wie man weiß, hat auch Tolstoi eine Ausgabe der
Evangelien herausgegeben, die angeblich genauer sein soll als der kanonische Text.
        <pb n="606" />
        ﻿Kapitel IV. Die auf dem Christentum beruhenden Lehren.	581

Beide verwerfen das hedonistische Prinzip des persönlichen Interesses,
insoweit es das bestimmende Prinzip der wirtschaftlichen Tätigkeit
sein soll. Sie verurteilen das Geld, das der Mensch als Mittel ge-
braucht, um seinesgleichen zu erniedrigen und zu versklaven 1), und
sie predigen eine Rückkehr zur Handarbeit als dem mächtigen Hebel
der Befreiung und Wiedergeburt. Doch unterscheiden sie sich in
Hinsicht auf ihre Auffassung der zukünftigen Gesellschaft, die nach
Ruskin aristokratisch, ritterlich, heroisch sein muß, während sie nach
Tolstoi gleichheitlich, kommunistisch und ländlich sein soll; der eine
sieht sie mit dem Auge des Ästheten, und der andere mit dem eines
Muschik; der eine wünscht vor allem Helden, der andere vor allem
Heilige.

Hier müssen wir auch Thomas Caklyle erwähnen, den Verfasser,
außer zahlreichen anderen Werken, einer Geschichte der fran-
zösischen Revolution (1837) und des berühmten Buches:
Heroen und Heroenverehrung. Chronologisch etwas jünger
als die beiden Autoren, die wir eben erwähnt haben, hat er in der
Geschichte der wirtschaftlichen Doktrinen einen noch größeren Ein-
fluß ausgeübt, und wenn man ihn auch nicht unter die christlichen
Sozialisten rechnen kann, da er eher der Familie der Individualisten
von der Art eines Nietzsche und Ibsen zugehört, so läuft doch sein
Einfluß mit dem Ruskin’s parallel. Ihre Anklagen gegen die be-
stehende wirtschaftliche Ordnung antworten sich wie Echos oder viel-
mehr wie die Wechselgesänge der Chöre in den antiken Tragödien2).

Caeltle hat am heftigsten gegen die liberale klassische Schule
Sturm gelaufen. Er war es, der die politische Ökonomik, wenigstens
so wie sie zu seiner Zeit gelehrt wurde, als die dismal Science
(die unheilbringende Wissenschaft) an den Schandpfahl nagelte. Er
War es, der ihre Abstraktion des Homo oekonomicus mit Spott über-
schüttete und die folgende Definition der Rolle ihres Staates
gab: Anarchie plus Polizei (anarchy plus constable). Er war es, der
das laisser-faire für bankerott erklärte3).

&gt;) Siehe Fors Clavigera passim. Ebenso Tolstoi: „Das Geld ist nur ein
konventionelles Zeichen, daß das Hecht oder besser die Möglichkeit gibt, sich der
Arbeit anderer zu bedienen.“ Wenn übrigens das Geld allmächtig ist, um die Armen
auszubeuten, so ist es doch vollständig ohnmächtig, ihnen Gutes zu tun. Siehe die
merkwürdige Ausführung dieses Gedankens in dem Buche „Was tun?“

2)	„Dreimal verflucht, dreimal ruchlos ist die Lehre der Oekonomisten: — Suche
zuerst deinen eigenen Vorteil, der zum Schluß der Vorteil aller sein wird! Unser
Meister hat das nicht gesagt . . .“ (Euskin, Crown of wild olive, II).

3)	Besonders in der berühmten Stelle: „Sie (die Oekonomik) wirft ihr philo-
sophisch-politisch-wirtschaftliches Senkblei in das Meer der menschlichen Leiden.
Wenn sie uns dann mitgeteilt hat, wie tief und unendlich groß der Abgrund ist,
Metet sie uns als einzigen Trost, daß der Mensch nichts dagegen tun kann, — außer
dabei zu stehen und neugierig das Wetter zu beobachten und dem Spiel der natürlichen
        <pb n="607" />
        ﻿582

Viertes Buch. Die Abtrünnigen.

Doch beschränkt er sich auf die Kritik und legt kein Programm
sozialer Reformen vor, — ausgenommen das der Reform des inneren
Wesens, und hierin nähert er sich stark der christlichen Schule1).

Ruskin hat dagegen ein ganzes Programm sozialer Erneuerung
aufgestellt, das wie folgt zusammen gefaßt werden kann* 1 2 3 * * *);

1.	Obligatorische Handarbeit für Alle. — Ruskin verfehlt nicht
auf die Worte Pauli hinzuweisen: qui non laborat non man-
ducet. Weshalb das? Weil es widersinnig und unmoralisch ist,
daß ein Mensch im Müßiggang leben kann, indem er die Dienste
seinesgleichen mit ererbtem Oelde bezahlt: „mit seinem Leben muß man
zahlen“, oder mit anderen Worten: ein jeder muß die heutige Arbeit
mit heutiger Arbeit bezahlen, denn es ist widersinnig, daß man
leben könne auf Grund toter Arbeit, — doch muß diese Arbeit
eine wirklich menschliche Arbeit sein, die durch den Verzicht auf
den Gebrauch von Maschinen geadelt ist. Ausgenommen jedoch sind
die Maschinen, die der Wind oder das Wasser oder die elementaren
Kräfte in Bewegung setzen, da sie im Gegensatz zu der Kohle nicht
beschmutzen sondern reinigen.

Ruskin will, daß jede Arbeit künstlerisch werde, und daß der Name
Handwerker wieder gleichbedeutend mit Künstler werde wie im Mittel-
alter (so sagt man, aber vielleicht verallgemeinert man ein wenig).
In der Praxis ist das nicht sehr leicht durchzuführen. Einige Schüler
Ruskin’s haben sich der Herstellung künstlerischer Einbände von
Luxusbüchern gewidmet; der Absatz ist aber ziemlich beschränkt.

Tolstoi dagegen erstrebt nicht die künstlerische Arbeit, sondern
die ländliche Arbeit, die er majestätisch „Brotarbeit“ nennt, und
die ihm auch ohne jede Verschönerung als edel genug erscheint.

2.	Gesicherte Arbeit für alle, worin die Ergänzung und die Ver-
besserung der vorhergehenden Regel liegt, — nämlich, wenn es keine
Müßiggänger geben soll, so soll es auch keine Arbeitslosen geben.
In der heutigen Gesellschaft ist die Arbeit nicht obligatorisch: für
eine große Anzahl von Menschen ist es aber die Arbeitslosigkeit8)!

Gesetze zuzusehen! Ohne uns gerade den Selbstmord zu empfehlen, nimmt sie dann mit
diesen Worten gleichmütig von uns Abschied“ (Caelyle, Chartism).

1)	„Wenn du darauf bestehst, wissen zu wollen, was zu tun ist? — so laß
mich dir antworten: jetzt fast nichts ... Du mußt auf den Grund deines Wesens
hinabsteigen; vielleicht findest du dort noch den letzten Rest einer Seele. Daun
werden uns nicht nur eine einzelne Tat, sondern, wenn auch mehr oder weniger
trübe, und unbestimmt, unzählbare Legionen von Taten entgegentreten, die getan
werden können. Tue zuerst das Erste“ (Fast and Present, Einleitung, Kap. IV).

2)	Siehe besonders Fors Clavigera.

3)	„Es gibt auf dieser Welt nicht einen Arbeiter auf vier Füßen, der nicht

Arbeit fände, und mehr als ihm lieb ist! Wenn es sich aber um den Arbeiter auf

zwei Füßen handelt, wird ihm gesagt: das ist unmöglich“ (Carlylb, ebenda,

Kap. III und auch Chartism, Kap. IV).
        <pb n="608" />
        ﻿Kapitel IV. Die auf dem Christentum beruhenden Lehren,

583

Diese unnatürliche Ordnung muß in ihr Gegenteil verkehrt werden.
Ist aber nicht zu befürchten, daß an dem Tage, an dem jedermann
arbeitet, es nicht mehr für alle genügend Arbeit geben würde? Nein,
denn das Ergebnis wird nicht eine Vermehrung der Arbeitslosigkeit,
sondern eine Vermehrung der Mußezeit sein: welcher Unterschied!

3.	Arbeit, die nicht mehr nach dem Gesetz des Angebotes und
der Nachfrage, auf Grund der Gleichstellung der menschlichen Arbeit
mit einer Ware, entlohnt wird — sondern nach der Gerechtigkeit,
die übrigens kein geschriebenes Gesetz zu sein braucht: die Gewohn-
heit würde genügen, gerade wie sie heute genügt, um die Honorare
des Arztes, des Advokaten, des Professors festzusetzen. Sicherlich
gibt es auch in diesen Professionen individuelle Ungleichheiten, doch
existiert eine Norm, und es ist gegen die professionelle Würde, oft
ist es sogar durch die Standesvorschriften verboten, weniger anzu-
nehmen — und sogar, würde Ruskin gern anfügen, mehr anzunehmen.
Welchen Beruf auch immer ein Mensch ausübe, sei er Arbeiter,
Soldat oder Kaufmann, er soll nicht für seinen Gewinn arbeiten,
sondern im Dienste der Gesamtheit. Zweifellos muß er entsprechend
entlohnt werden, damit die Würde des Arbeiters gesichert, und die
Arbeit selbst in gebührender Weise ausgeführt wird, aber es ist eine
Umkehrung des wahren Verhältnisses, den Gewinn zum Zweck und
die Arbeit zum Mittel zu machen,

4.	Die Nationalisierung aller natürlichen Hilfsquellen (Boden,
Bergwerke, Wasserfälle) ebenso wie die der Verkehrswege.

5.	Eine soziale Hierarchie, die in Übereinstimmung mit den ge-
leisteten Diensten sich aufbaut, freiwillig anerkannt und ohne niedrigen
Neid geachtet wird, — die Wiedererrichtung einer neuen Ritterlich-
keit, ohne die „keine industrielle Gesellschaft, ebensowenig, wie eine
militärische Gesellschaft, leben kann“, und ein offener Kreuzzug gegen
den elenden Mammondienst1).

6.	Und vor allem die Erziehung, aber nicht nur der Unterricht;
denn das, was vor allem gelehrt werden muß, ist die Reinlichkeit, die
Schönheit, der Gehorsam, die Bereitwilligkeit, anderen zu dienen und
das, dessen Erwerb vor allem anderen Not tut: „die Fähigkeiten der
Bewunderung, der Hoffnung und der Liebe“1 2).

Von dem ganzen Programm Ruskin’s ist bis jetzt nur der letzte

1)	In Übereinstimmung mit diesem Ideal organisierte Ruskin. die Gesellschaft
„Guild of Saint-George“.

Vgl. den vor kurzem erschienen Aufsatz des Professor Marshall, obgleich in
v demselben Ruskin nicht erwähnt wird; The social possibilities of economic
Chivalry (Economic Journal, März 1907).

2)	Als die Christian Socialists im Jahre 1864 in London Arbeiterkurse
eröffneten, wollte Ruskin Unterricht geben, aber nicht in Volkswirtschaft oder Ge-
schichte, sondern im Zeichnen.
        <pb n="609" />
        ﻿584

Viertes Buch. Die Abtrünnigen.

Punkt auf dem Wege zur Verwirklichung, aber er genügt, um
dem Meister einen Platz in der Geschichte der wirtschaftlichen
Doktrinen, wie auch in der Geschichte der Geschehnisse zu sichern.
Seine Anregungen haben nicht nur zur Schaffung von Arbeiteruni-
versitäten in Oxford und an anderen Plätzen, unter dem Namen
„Euskin Colleges“ geführt, sondern auch zur Schaffung von Garten-
Städten (Garden-cities)1), Städte neuer Art, die besonders errichtet
worden sind, um die Arbeiterklasse aus dem Gefängnis der alten
Industriestädte zu erlösen, und die so geplant sind, daß sie weder
jetzt noch später die Schönheit der Natur oder die Gesundheit der
Menschen beeinträchtigen können.

Obgleich Euskin sich selbst als Ehrentitel den Beinamen „Eötester
der Kommunisten“ zulegt, so ist doch sein Kommunismus aristokra-
tisch und ästhetisch. Daher hat er einen gewissen Erfolg in der
hohen englischen Gesellschaft gehabt. Tolstoi dagegen ist ein wirk-
licher Kommunist. Er verspottet „den niedrigen und tierischen In-
stinkt, den die Menschen das Gefühl oder das Eecht des Eigentums
nennen“ * 2 3). Sein Programm ist die Eückkehr zum Boden und seine
gemeinsame Bewirtschaftung: der „Mir“. Es handelt sich nicht
darum, irgendeine beliebige Arbeit zu tun: zunächst muß ein jeder
sein eigenes Brot erzeugen; „hierin liegt das unabänderliche Gesetz
des menschlichen Daseins“s). Was dann das Gesetz der Arbeits-
teilung anlangt, das von den Volkswirtschaftlern so gerühmt wird,
und durch das es den Menschen gelungen ist, das Gebot Gottes zu
umgehen, so ist es weiter nichts als „eine teuflische und arg-
listige Theorie“. Zum wenigsten darf es nur im Verhältnis zu den
Bedürfnissen angewendet werden, und zwar auf Grund einer aus-
drücklichen Übereinkunft zwischen den Beteiligten, aber nicht aufs
geratewohl, weil daraus die Konkurrenz, die Überproduktion und die
Krisen entstehen.

Wenn diese Lehren buchstäblich genommen werden sollten, wie
Tolstoi alle Worte Christi buchstäblich aufzufassen fordert, dann
würde die Gesellschaft, von der er träumt, noch weit über das Ideal
des Kommunismus hinausgehen. Keine Städte, kein Handel, keine
Trennung der Bernfszweige, kein Geld, keine Kunst um der Kunst
willen . . . ein wirtschaftliches Nirwana!

') Man nennt so die Arbeiterstädte von Port-Sunlight und Bournville; außerdem
ist aber 1902 von einer auf KusKin’scher Grundlage beruhender Gesellschaft eine vor-
bildliche Stadt in Hitchin, unweit von Cambridge, vollständig neu geschaffen worden.

2)	Geschichte eines Pferdes, 1861, in den Ersten Novellen.

3)	Siehe das Buch Die Arbeit, das eine Betrachtung des Mcschik Bondareff
über die Worte der Genesis enthält: „Im Schweiße Deines Angesichts sollst Du Dein
Brot essen“, — der ein langer Kommentar Tolstoi’s folgt.
        <pb n="610" />
        ﻿Fünftes Buch.

Die Lehren der neuesten Zeit.

Am Eingang der vorhergehenden Bücher haben wir ohne zu große
Mühe die Hauptzüge der volkswirtschaftlichen Gedanken jeder Epoche
im Umriß zusammenfassen können. Aber die Schwelle dieses letzten
Buches überschreiten wir nur mit einigem Zögern. Es fehlt uns die
Perspektive. Um die Tragweite einer Entwicklung, die sich unter
unseren Augen vollzieht, ohne Voreingenommenheit ins Auge fassen
und schätzen zu können, braucht man einen größeren Abstand. Hier,
vielleicht mehr als an anderen Stellen, laufen wir Gefahr, unsere
Auswahl als willkürlich bezeichnet zu sehen.

Doch scheint es uns, als ob man in den wirtschaftlichen Ge-
danken am Ausgang des 19. und am Anfang des 20. Jahrhunderts
vier große Hauptströmungen unterscheiden könne:

1.	Zunächst ein unerwartetes Wiederaufleben der theoretischen
Bemühungen. Die reine volkswirtschaftliche Theorie, die von den
Historikern, den Staatssozialisten und den Christlich-Sozialen absicht-
lich vernachlässigt worden war, hat gegen 1872 hervorragende Ver-
treter gleichzeitig in Frankreich, in England und in Österreich/ge-
funden. Indem sie Ideen wieder aufnahmen, die seit Condillac fast
Vergessen waren, indem sie die seit Couenot vernachlässigte mathe-
matische Methode anwandten, haben sie mit wachsendem Erfolg eine
geistreiche und bestechende Auffassung der Preisbildung an die Stelle
des verfallenen Gebäudes der klassischen Theorien gesetzt. Ihre
Anwendung in fast allen Bereichen der Wissenschaft zeigt sich mit
jedem Tage fruchtbarer. Nach Waleas, Jevons und Mesgee haben
eine Menge Schriftsteller in Amerika und in Europa (ausgenommen
jedoch in Frankreich) diesen Weg weiter verfolgt. Diagramme, alge-
braische Formeln und scharfsinnige Beweisführungen füllen von neuem
        <pb n="611" />
        ﻿586

Fünftes Buch. Die Lehren der neuesten Zeit.

die Werke der Volkswirtschaftler. Die seit Ricaedo so verschriene
reineökonomik hat ihre Adelstitel wieder aufgefunden. Trotz leb-
hafter Opposition hat sie sich überall der Aufmerksamkeit aufgezwungen.
Das ist vom Gesichtspunkt der volkswirtschaftlichen Wissenschaft
aus vielleicht die bemerkenswerteste Tatsache dieser letzten Jahre.

2.	Mit ihr gleichlaufend vollzieht sich im Sozialismus eine tief-
eingreifende Veränderung. Schon im vorhergehenden Buche haben
wir die Umwandlung beschrieben, die die Ideen Marx’ bei den
Marxisten selbst erlitten haben. Ihr Verfall ist auch sonst nicht
weniger augenfällig. Der Sozialismus verzichtet auf den Anspruch,
der „bürgerlichen“ Ökonomik -eine „Arbeiter“ökonomik gegenüber
zu stellen. „Man muß jeder Anwandlung widerstehen“, schreibt
Soeel, „den Sozialismus zur Wissenschaft umformen zu wollen“.
In Wirklichkeit sammeln sich französische Syndikalisten, fabische
Sozialisten in England, Revisionisten in Deutschland mehr oder
weniger freiwillig um die wissenschaftlichen Gedanken eines Marshall,
eines Paeeto oder eines Böhm-Baweek. Doch tun sie dies nur,
um sich mit um so größerem Nachdruck den sozialistischen und
politischen Forderungen des Sozialismus zu widmen. Der General-
streik, die Schaffung von Gewerkschaften und Genossenschaften, der
Sozialismus in den städtischen Verwaltungen nehmen sie immer mehr
in Anspruch, je gleichgültiger sie der Theorie des Mehrwertes gegen-
über werden. Noch besser, wir sehen, wie einige unter ihnen, die
Anhänger einer Nationalisierung des Bodens, eine Art Aussöhnung
zwischen dem Liberalismus und dem Sozialismus versuchen, indem
sie sich auf die vor allen anderen klassische Theorie; die Theorie
der Bodenrente stützen.

3.	Dies ist nicht die einzige Umwandlung, die man im Sozialismus
bemerken kann. Als der Kollektivismus herrschte war das Ideal der
Arbeiterklasse eine autoritäre und straff zentralisierte Ordnung. Die
Organisation der Kollektivisten in einer großen politischen Partei, die
in manchen Ländern an der Gesetzgebung und sogar an der Regierung
teilnimmt, hat diesen Zug noch stärker ausgeprägt. Aber der alte
revolutionäre und individualistische Geist, der stets und besonders in
den lateinischen Ländern lebendig ist, beginnt sich über diese Folgen
zu beunruhigen. Wir wohnen daher einer eigentümlichen Renaissance
des Liberalismus in der Arbeiterklasse bei, — eines Liberalismus, der
ganz sicherlich von dem der Gründer verschieden ist, der sich viel
schärfer und heftiger ausdrückt, eines Liberalismus, den Smith und
Bastiat ohne jeden Zweifel abgelehnt haben würden, und der, um
mit dieser alten Lehre nicht verwechselt zu werden, den Beinamen
„libertaire“ (befreiend) angenommen hat —, der aber deshalb nicht
weniger authentisch ist: es ist dies der Anarchismus. Die über-
        <pb n="612" />
        ﻿Kapitel I. Die Hedonisten.

587

taire oder anarchistische Tendenz, die schon in der Internationale
zu spüren ist, beginnt immer sichtbarer ihre Herrschaft über die
Arbeiterklassen auszuüben — und hat den letzten gewerkschaftlichen
Bewegungen in Frankreich und Italien ihren Stempel aufgedrückt.
Zur gleichen Zeit tritt bei vielen Schriftstellern der Bourgeoisie eine
Art philosophischer und moralischer Anarchismus zutage, der ebenfalls
die Erneuerung des Individualismus anzukündigen scheint.

4.	Gegenüber diesen Wandlungen des Individualismus und des
Sozialismus unterliegt auch die zwischen beiden stehende Lehre, die
wir im vorhergehenden Buch unter, dem Namen Staatssozialismus
studiert haben, einer Umwandlung. Sie wird, wenigstens in Frankreich,
zum Solidarismus, der sich gleichzeitig bemüht, die Einmischung
des Staates zu rechtfertigen, indem er sie auf neue Grundlagen stellt,
und sie doch auf ihre rechten Grenzen zu beschränken. Er versucht
auf diese Weise die Synthese des Individualismus und des Sozia-
lismus herzustellen.

Dies sind die großen Strömungen, die wir in den folgenden
Kapiteln zu beschreiben versuchen werden. Indem wir sie unter dem
Namen ,Lehren der neuesten Zeit1 zusammenfassen, haben wir damit
weniger die Zeit ihrer Entstehung (die oft ziemlich weit zurückliegt)
bezeichnen wollen, als das Bestreben, die älteren Lehren, deren Aus-
druck sie sind, mit neuem Leben zu erfüllen. Vielleicht hätten wir,
— indem wir einem anderen wissenschaftlichen Bereich eine bekannter
gewordene Bezeichnung entlehnten — sie als „modernistische“ Lehren
betiteln sollen, wenn es uns nicht verwegen erschienen wäre, unter
einem allzu bezeichnenden Ausdruck so verschiedenartige Auffassungen
zusammen zu fassen, die untereinander nur durch ein chronologisches
Band verbunden sind.

Kapitel I.

Die Hedonisten.

§ 1. Die Pseudo-Renaissance der klassischen Schule.

Um dieser neuen Doktrin ihren richtigen Platz anzuweisen, muß
man auf das Kapitel über die historische Schule zurückgreifen. Wir
haben gesehen, wie diese Schule die klassische Richtung kritisiert
hatte, indem sie sich hauptsächlich auf den Gesichtspunkt der Methode
stellte, den Glauben an angeblich beständige und allgemeingültige,
        <pb n="613" />
        ﻿588

Fünftes Buch. Die Lehren der neuesten Zeit.

natürliche Gesetze zurückwies, und die Möglichkeit leugnete, auf sie
eine Wissenschaft, nämlich ein System zusammenhängender Lehrsätze
zu gründen. Sie hatte aus der Nationalökonomie eine Art Klassifi-
kation von beobachteten Tatsachen gemacht.

Es war vorauszusehen, daß der Pendelschlag, der die Zeit in der
Geschichte der Ideen mißt, die der abstrakten Methode günstige
Stunde wieder herbeiführen würde. Dies ist denn auch eingetreten.
Gerade in dem Augenblick, als die Lehren der historischen Schule im
Zenith standen, gegen 1872—1874, beanspruchten mehrere hervor-
ragende Volks Wirtschaftler, gleichzeitig in Österreich, in England, in
der Schweiz und in Amerika mit Nachdruck für die Nationalökonomie
das Recht, sich als exakte Wissenschaft aufzubauen, oder, wie sie
sagten, reine Ökonomik zu sein. Wie zu erwarten, rief dieser
Anspruch einen lebhaften Streit zwischen den Vorkämpfern der
historischen und denen der neoklassischen Schule hervor, hauptsächlich
zwischen den Professoren Schmoller und Karl Menger.

Das wichtigste Kennzeichen dieser neuen Schule liegt darin, daß
sie als das klarste Prinzip, auf das sich diese Wissenschaft gründen
ließe, die Tatsache findet, daß jeder Mensch die Lust sucht und die
Unlust scheut und sich unter allen Umständen bemüht, das Maximum
der einen mit dem Minimum der anderen zu erreichen l). Es liegt
auf der Hand, daß eine so folgenschwere Tatsache — die übrigens
weit über das Bereich der Wirtschaft hinausgeht, da sie überall in
der Natur als das „Prinzip des kleinsten Mittels“ herrscht, — den
klassischen Volks Wirtschaftlern nicht entgangen war. Nur nennen sie
es einfach persönliches Interesse; heute heißt es hedonistisches Prinzip,
von dem griechischen Wort rjöovrj Vergnügen, Annehmlichkeit. Daher
stammt der Name, unter dem wir diese beiden Schulen zusammen-
gefaßt haben.

Indem auf diese Weise alle Beweggründe, die die Tätigkeit des
Menschen bestimmen, auf einen einzigen zurückgeführt werden, will
diese Schule sicherlich nicht alle anderen leugnen. Sie behauptet
nur, das Recht zu haben, die Abstraktion anzuwenden, ohne die
eine exakte Wissenschaft unmöglich ist, das Recht, aus dem Be-
obachtungsfeld alle anderen Faktoren als den, den man untersuchen
will, auszuschließen. Den anderen sozialen Wissenschaften bleibt es
überlassen, die anderen Beweggründe der menschlichen Handlungen
zu studieren. Der Homo oecouomicus, den man bei den Klassikern

’) „Die im folgenden ausgeführte Theorie ist vollständig auf eine rechnerische Ein-
stellung des Vergnügens und der Mühe [der Lust und der Unlust] aufgebaut; die Aufgabe
der Volkswirtschaft besteht darin, das Maximum an Glück, das verwirklicht werden kann,
zu bestimmen, indem die größtmögliche Menge an Vergnügen mit der geringstmög-
lichen Mühe erworben wird“ (Stanley Jbvons, Theory of political economy).
        <pb n="614" />
        ﻿Kapitel I. Die Hedonisten.

589

so stark verspottet hatte, ist wieder zu Ehren gebracht und sogar
noch vereinfacht worden; er ist zu einem schematischen Menschen
geworden. Die Menschen werden nur noch als Kräfte betrachtet, die
durch Pfeile, wie in den Zeichnungen eines Lehrbuches der Mechanik,
dargestellt werden. Es handelt sich darum, nachzuweisen, was sich
aus ihren Beziehungen untereinander oder ihren Rückwirkungen auf
die Umwelt ergibt.

Wir werden auch sehen, daß diese Schule ungefähr zu dem
gleichen Schluß kommt, nämlich, daß die absolut freie Konkurrenz
das Maximum an Befriedigung für einen jeden verwirklicht. Auch
hierin erneuert sie, abgesehen von den Vorbehalten, die wir weiter
unten machen werden, die große klassische Überlieferung.

So zeigt sich daher die neue Richtung der alten klassischen
Schule eher sympatisch gesinnt. Sie drückt ihr gegenüber sogar eine
Art kindlicher Anhänglichkeit aus 1).

Nichtsdestoweniger wirft sie der klassischen Schule zwar nicht
grobe Irrtümer vor, — da sie ja ihrerseits zu ungefähr den gleichen
Folgerungen kommt —, aber sie beschuldigt sie doch, nicht imstande
gewesen zu sein, ihre Behauptungen zu beweisen und sich allzu leicht
mit Schlüssen begnügt zu haben, die nichts als Kreisschlüsse waren.
Das ist ihr besonders geschehen, so oft sie versuchte, die Kausal-
zusammenhänge festzustellen, ohne sich oft darüber klar zu werden,
daß die Ursache ebenso leicht Wirkung wie die Wirkung Ur-
sache sein kann. Man muß sich damit begnügen, die Beziehungen
oder die Übereinstimmungen zwischen Tatsachen zu untersuchen, und
das eitle Bestreben aufgeben, herauszufinden, was Ursache und was
Wirkung ist.

Es handelt sich im besonderen um die drei großen Gesetze,
die das Gerüst des Gebäudes der wissenschaftlichen Ökonomik
waren; das Gesetz des Angebots und der Nachfrage, das Gesetz der
Produktionskosten, das Gesetz der Verteilung zwischen den drei
Faktoren der Produktion. Sie sind nicht zu halten. Gehen wir sie
kurz durch.

Das Gesetz, auf Grund dessen „der Preis im direkten Verhältnis
zur Nachfrage und im umgekehrten Verhältnis zum Angebot schwankt“,
hat ein so mathematisches Aussehen, daß es wie dazu geschaffen war,
die Aufmerksamkeit der neuen Schule auf sich zu ziehen. Es hat
auch tatsächlich als Brücke zwischen der alten und neuen Ökonomik
gedient — aber einmal hinübergelaugt, hat die neue Schule diese

’) „Die Irrtümer der klassischen Volkswirtschaftler sind, sozusagen, nur die
gewöhnlichen Kinderkrankheiten (ordinary diseases of childhood) einer jeden Wissen-
schaft.“ Böhm-Bawekk, The Austrian Economists, in „Annals of the American
Academy of Political and Social Science“, Januar 1891).
        <pb n="615" />
        ﻿590

Fünftes Buch. Die Lehren der neuesten Zeit.

Brücke abgebrochen. Es kostete sie keine Mühe, nachznweisen, daß
dies vorgebliche Gesetz, das von der Nationalökonomie wie ein geo-
metrisches Axiom betrachtet worden war, wie ein Quid incon-
cussum, auf das sie alle ihre Gebäude errichtet hatte, gerade ein
echtes Schulbeispiel für die Kreisschlüsse war, von denen wir eben
gesprochen haben. Unter den Volkswirtschaftlern erregte es großes
Aufsehen, als man sich um die Mitte des 19. Jahrhunderts dazu ge-
zwungen sah, dies anzuerkennen. In der Tat, wenn der Preis von
dem Angebot und der Nachfrage bestimmt wird, so ist es nicht
weniger wahr, daß Angebot wie Nachfrage ihrerseits vom Preise be-
stimmt werden, so daß es unmöglich wird, zu wissen, welches von
beiden Ursache und welches Wirkung ist. Übrigens hatte Stuaet
Mill diesen Widerspruch schon bemerkt und hatte ihn in der Weise,
die wir auf S. 408 ausgeführt haben, verbessert. Er wußte aber
nicht, daß schon vor ihm und besser als er Couenot die Formel, die
wir soeben wüeder angeführt haben, zerstört hatte, indem er ihr die
gegenüberstellte, die in Wirklichkeit die hedonistische Methode ein-
führt: „Die Nachfrage ist eine Funktion des Preises Q,“ womit gesagt
werden soll, daß sie sich zu dem Preis verhält wie eine Schale der
Wage zur anderen, d. h. bei steigendem Preise fällt und bei fallendem
steigt. Aber auch das Angebot ist eine Funktion des Preises, nur
in einer ganz verschiedenen Beziehung, da es ihm in seinen Be-
wegungen parallel folgt, und mit ihm steigt und fällt. So verhalten
sich Preis, Angebot und Nachfrage wie die drei fest verbundenen
Teile eines Mechanismus, die sich nicht ein jeder für sich bewegen
können. Es handelt sich nun darum, die Gesetze ihrer gegenseitigen
Abhängigkeit zu bestimmen.

Dies will nicht besagen, daß das Gesetz des Angebotes und der
Nachfrage von nun an aus dem wirtschaftlichen Wörterbuche ge-
strichen ist, sondern nur, daß es eine andere Bedeutung erhalten hat.
Heute drückt man, wie wir sehen werden, das Gesetz des Angebots
und der Nachfrage durch das aus, was man „die Kurve der Nach-
frage“ oder des Angebotes nennt, Kurven, die einfach das Theorem
Cotjrnot’s, daß die Nachfrage eine Funktion des Preises ist, graphisch
darstellen.

Ebenso geht es mit dem Gesetz, nach dem „die Produktions-
kosten den Wert bestimmen“. Die gleiche petitio principiü
Wer kann nicht sehen, daß gerade im Gegenteil der Unternehmer
seine Produktionskosten nach dem Preise einstellt und regelt? Die
klassische Schule hatte dies wohl für eines der Elemente dieser

*) Recherches snr les Principes mathematiques de la theorie
des richesses.
        <pb n="616" />
        ﻿Kapitel I. Die Hedonisteu.

591

Kosten erkannt; sie hatte erkannt, daß der Preis die Bodenrente be-
stimmt, und nicht die Bodenrente den Preis. Dies ist aber nun
ebenso für alle anderen Preisbestandteile richtig, oder vielmehr auch
diese neue Formel ist ebensowenig korrekt. Man muß diesen eitlen
Versuch, die Ursachen und Wirkungen zu finden, aufgeben und sich
mit der Feststellung begnügen, daß zwischen den Produktionskosten
und dem Preise eine Beziehung besteht, die das Streben hat, die
Gleichheit herzustellen, nicht auf Grund irgendeiner geheimnisvollen
Solidarität, sondern weil dort, wo diese Koinzidenz nicht besteht, die
Verminderung oder Vermehrung der erzeugten Mengen das Gleich-
gewicht sogleich wiederherzustellen bestrebt ist. Diese Abhängig-
keitsbeziehung zwischen zwei Werten, obgleich sie sicherlich höchst
bedeutsam ist, ist weit davon entfernt, die einzige zu sein: sie ist
nur ein Einzelfall in einer Menge von Fällen, wo ein Wert als
Funktion eines anderen Wertes sich verändert, Fälle, die die hedo-
nistische Schule mit der größten Aufmerksamkeit sammelt.

Das gleiche gilt auch für das Gesetz der Verteilung, d. h. für Lohn,
Zins und Bodenrente. Wie bestimmte man in der klassischen Lehre
jeden dieser Teile? In höchst naiver Weise. Wenn es sich darum
handelte, die Bodenrente zu bestimmen, so sagte man: man braucht
von dem Totalwerte des Erzeugnisses nur den Lohn, die Zinsen und
den Profit abzuziehen; das, was übrig bleibt, ist die Rente. Handelte
es sich darum, den Profit zu bestimmen, so zog man zunächst die
Rente, wenn sie in Frage kam, ab, dann den Lohn und die Zinsen,
unter denen man die Produktionskosten verstand, und das, was übrig
blieb, war der Profit. Ebenso läuft, wie Böhm-Baweek geistreich
ausführt, die Behauptung, daß der Lohn von der Produktivität der
Arbeit bestimmt sei, nur darauf hinaus, daß der Lohn alles das ist, was
Vom Preise übrig bleibt, wenn die anderen Mitarbeiter sich ihren
Anteil genommen haben. Jeder der Mit-Anteil-Habenden wird
fiaher als derjenige betrachtet, der ein Recht auf den Rest hat,
wenn die anderen ihren Teil haben, als the residual claimant,
was darauf hinausläuft, daß man, um den unbekannten Teil eines
jeden der drei zu bestimmen, die Teile der beiden anderen als be-
kannt voraussetzt1).

') Wenn man den bekannten Wert des Produktes durch P ansdrückt und den
hohn, die Zinsen und die Rente durch x, y und z, so erhält man:

x + y + z = P

Es ist klar, daß diese Gleichung mit drei Unbekannten allein nicht lösbar ist:
man erhält auch kein besseres Ergebnis, wenn man wie folgt schreibt:

x = P— (y + z)
y = P — (x + z)
z = P —(x + y)
        <pb n="617" />
        ﻿592

Fünftes Buch. Die Lehren der neuesten Zeit.

Aber diese alte theologische Dreieinigkeit läßt die neue Schule
kalt. Man kann keinen der Produktionsfaktoren für sich allein ins
Auge fassen, da sie notwendigerweise solidarisch oder, wie die hedo-
nistische Schule sagt, komplementär bei dem Werke der Produk-
tion sind. Auf jeden Fall muß man, um einen jeden zu bestimmen,
zwischen ihnen ebensoviel Beziehungen hersteilen, als es Unbekannte
gibt. Damit gelangen wir dazu, mathematische Gleichungen und
Formeln anzuwenden.

Jedoch ist der Gebrauch der Mathematik nicht bei allen Hedo-
nisten die Regel. Die psychologische Schule, — in ihr besonders die
Richtung, die den Namen österreichische Schule trägt, — hält
es für unnötig, darauf zurückzugreifen. Andererseits erklären viele
mathematische Yolkswirtschaftler, daß sie es keineswegs nötig haben,
die Psychologie zu Hilfe zu rufen, und besonders, daß sie ohne das
berühmte Prinzip des Grenznutzens auskommen können, das, wie wir
sehen werden, den Hauptinhalt der österreichischen Lehre ausmacht1).

Es ist daher für die Klarheit der Darlegung besser, in der
hedonistischen Schule die Gruppe der Psychologen und die der Mathe-
matiker getrennt zu studieren.

§ 2. Die psychologische Schule.

Das Hauptmerkmal der psychologischen Schule liegt darin, alles
auf den Grenz nutzen zu beziehen. Was ist hierunter zu ver-
stehen * 2) ?

x) „Die Theorien des wirtschaftlichen Gleichgewichts sind unabhängig von den
Theorien der Nützlichkeit (des Grenznutzens). Die allgemeine Auffassung dagegen
verschmilzt, identifiziert diese beiden Arten von Theorien“ (Yilpredo Pareto,
L’Economie pure, Broschüre, 1902).

2) Der Name ist je nach den Schriftstellern und den Ländern ein wenig ver-
schieden: Jbvons sagt: final degree of utility (letzter Nützlichkeitsgrad), die
Amerikaner sprechen von „marginal utility“ (Randnutzen), und Walras wendet
intensite du dernier besoin satisfait (Stärke des letztbefriedigten Bedürf-
nisses) an. Es ist das auch das, was Walras „rarete“ (Seltenheit) nennt, indem er
dieses Wort in dem rein subjektiven Sinne nimmt, als das Ungenügende einer Menge
für den gegenwärtigen Bedarf. Gerade der Überfluß dieser Termini deutet auf eine
gewisse Nebelhaftigkeit der Ideen hin. Wenn wir wählen sollten, würde uns der
Ausdruck „marginal“ (Band —■) klarer als „final“ (Grenz-) erscheinen, doch ist
„final“ — (finale) in Frankreich schon in den Sprachgebrauch übergegangen. Die
erste Idee des Grenznutzen, der die psychologische Schule charakterisiert, scheint
einem französischen Ingenieur, Düpüit, zuzusprechen zu sein. (S. auch weiter unten
Cournot, S. 601 Anm.) Sie wird in zwei Abhandlungen über La mesure de
l’utilite des travaux publics (1844) und über L’utilite des voies de
Communications (1849) ausgesprochen, die beide in den Annales des Fonts
et Chaussees (Jahrbüchern der Wegeverwaltung) veröffentlicht wurden, deren
        <pb n="618" />
        ﻿Kapitel I. Die Hedonisten.

593

JEs ist dies der Nutzen im Sinn der alten klassischen Ökono-
misten, den sie Gebrauchswert nannten — und dem sie wohl
ihre Reverenz erwiesen, den sie dann aber als belanglos liegen
ließen. — Dieser Gebrauchswert erlebt nun, wenn auch stark ver-
wandelt, seine Wiedergeburt.

Zunächst wird er endgültig von der Nützlichkeit im landläufigen
und wortbegrifflichen Sinne dieses Ausdruckes getrennt, von der
Nützlichkeit, die im Gegensatz zu Schädlichkeit oder Überflüssig-
keit steht: er drückt weiter nichts aus, als die Fähigkeit, irgend-
einen Wunsch des Menschen zufrieden zu stellen, sei er vernünftig,
dumm oder verbrecherisch, Brot, Diamant oder Opium, ganz gleich-
gültig 1).

Zweitens handelt es sich nicht um die irgendeinem Gut inne-
wohnende Nützlichkeit, z. B. den Nutzen des Wassers, des Eisens
oder der Kohle mit Hinsicht auf die Bedürfnisse der Menschheit,
sondern um die Nützlichkeit einer konkreten Einheit, die den Gegen-
stand unserer Bemühungen als Tauschender , Produzent oder Ver-

Bedeutung aber erst viel später erkannt worden ist. Auch Gossen hatte sie in dem
weiter unten angeführten Werk (vgl. 8. 601 Anni. 1) herausgearbeitet.

In ihrer heutigen Form wurde sie gleichzeitig von Stanley Jevons in seiner
Theory of Political Economy (1871) und von Kael Mbngbr in seinen
Grundsätzen der Volkswirtschaftslehre (1871) dargelegt. Auf der anderen
Seite ist die Auffassung Walras’ von der Seltenheit ganz ähnlich und ungefähr
gleichzeitig (1874). Endlich scheint der amerikanische Professor Clark in seiner
Philosophy of Value, obgleich sie etwas später erschienen ist (1881), unmittelbar,
aber auf einem anderen Wege zu demselben Gedanken gekommen zu sein. Es ist
das ein bemerkenswertes Beispiel des übrigens ziemlich häufigen Zusammentreffens
der Entdeckungen in der Geschichte der Ideen.

Trotz ihrer kosmopolitischen Ursprünge hat diese Schule den Namen der
»österreichischen Schule“ erhalten, weil sie in Österreich ihre bedeutendsten Ver-
treter gefunden hat, unter denen, außer dem schon genannten Professor Karl Mbngbr,
der Professor Sax, Das Wesen und die Aufgabe der Nationalökonomie
(1884), zu erwähnen ist; weiterhin: v. Wieser, Der natürliche Wert (1889),
and besonders v. Böhm-Bawbek, Grundzüge der Theorie des wirtschaft-
lichen Güterwerts (Jahrbücher für Nationalökonomie, 1886), und sein
berühmtes Buch über Kapital und Kapitalzins.

, Man kann aber sagen, daß heute diese Lehre mehr amerikanisch als öster-
reichisch geworden ist: die Professoren J. B. Clark, Patten, Irving Fisher,
Carveh, Fetter usw. pflegen den „Kandnutzen“ mit Leidenschaft, besonders in der
Untersuchung der Güterverteilung und vor allem in der Auffassung von Kapital
vnd Zins.

b Um die Verwirrung, die aus dem Gebrauch desselben Wortes zur Bezeichnung
zweier so verschiedener Begriffe entsteht, zu vermeiden, da sie, was man auch
dagegen tun möge, doch das Vorstellungsvermögen trübt, hat Vilbredo Pabeto
das Wort Nützlichkeit durch Ophelimität ersetzt, und Charles Gide wendet in
seinen Prinoipes d’Economie Politique seit 1883 das Wort desirabilite
dafür an.

Gide und Eist, Gtesch. d. Volkswirtschaft!. Lehrmeinungen.

38
        <pb n="619" />
        ﻿594

Fünftes Buch. Die Lehren der neuesten Zeit.

brancher darstellt. Es handelt sich niemals darum, das Brot zu
kaufen, sondern Brote. Die Nützlichkeit des Brotes im all-
gemeinen ist mir gleichgültig; wie sollte ich sie übrigens auch
messen? Was mich interessiert, ist allein der Nutzen des Brotes,
das ich brauche. Diese einfache Verschiebung des Gesichts-
punktes gestattet sofort, die Dunkelheit zu zerstreuen, in die sich
die klassische Schule verirrt hatte *).

1.	Warum ist zunächst die Wertidee von der der Seltenheit un-
trennbar? Weil der Nutzen jeder Einheit von der Stärke des be-
stehenden und unmittelbaren Bedürfnisses, das sie befriedigen soll,
abhängt — und folglich auch, weil sie von der schon im Besitz
befindlichen Menge bestimmt wird, da es ein gleichzeitig physio-
logisches und psychologisches Gesetz ist, daß jedes Bedürfnis be-
grenzt ist, und folglich auch, daß jedes Bedürfnis mit der erlangten
Befriedigung auf einen Nullpunkt herabsinkt, der Sättigung genannt
wird. Über diesen Punkt hinaus kann es sogar negativ werden
und sich in Widerwillen verwandeln1 2). Ein Gegenstand irgend-
welcher Art kann daher nur nützlich sein, wenn er nicht im Überfluß
vorhanden ist.

Solange man sich an den Begriff der Nützlichkeit en bloc, in
genere hielt, bemerkte man nicht das notwendige Band zwischen
Nützlichkeit und Seltenheit. Man sah wohl, daß jede Erklärung des
Wertes hinkte, die sich nur auf den einen oder den anderen der beiden
Begriffe stützte, wußte aber nicht weshalb. Von nun an springt die
feste Verbindung beider in die Augen. Die Nützlichkeit erscheint

1)	„Der Gedanke des Grenznutzens ist der: Sesam, öffne dich!, die Formel,
die den Schlüssel zu den verwickeltsten Vorgängen des wirtschaftlichen Lebens gibt
und gestattet, die unentwirrbarsten Probleme der Wissenschaft zu lösen“ (Böhm-
Bawbkk, The Austrian Economists, Annals of the American Academy
of political and social Science, 1891).

2)	Condillao hatte diese Tatsache schon sehr richtig bemerkt (siehe oben
S. 56) und vor ihm hatte Büffon gesagt: daß „der Taler des Armen, der zur
Bezahlung eines unbedingt notwendigen Gegenstandes dient, und der Taler, der dem
Geldsack der Finanzherrn als letzter zugefügt wird, in den Augen des Mathematikers
zwei Einheiten gleicher Ordnung sind, aber im moralischen ist der eine ein
Goldstück, während der andere nicht einen Pfennig wert ist“
(Essai d’arithmetique morale).

Dieses Verbindungssystem zwischen Menge und Bedarf kann durch eine Kurve
ausgedrückt werden, in der Art, daß es eine Nützliohkeitskurve, wie eine Kurve
der Nachfrage gibt (siehe weiter unten S. 605). Um sie einzutragen, genügt es, auf
einer Horizontalen die verbrauchten Mengen 1, 2, 3, 4 usw. anzumerken und auf
jedem dieser Punkte eine Vertikale zu errichten, die die Stärke des Begehrs, die
zu jeder dieser Mengen gehört, proportional ausdrlickt. Man wird diese Vertikalen
(Ordinaten) mehr oder weniger schnell an Höhe abnehmen sehen, je nachdem die
Menge steigt, — um zum Schluß auf Null zu sinken.
        <pb n="620" />
        ﻿Kapitel I. Die Hedonisten.

595

als eine Funktion der Menge, und der Grad der Nützlichkeit ist ge-
rade das, was man Wert nennt.

2.	Ebenso wie der Begriff des Grenznutzens das Problem löste,
das den Volkswirtschaftlern so viel zu schaffen gemacht hatte, wes-
halb nämlich Wasser weniger wert sei als ein Diamant, löst es auch
ein anderes, das sie seit den Zeiten der Physiokraten nicht weniger
Kopfzerbrechen gekostet hatte: wie ist es möglich, daß der Austausch,
der nach seinem Begriff selbst den gleichen Wert der ausgetauschten
Gegenstände einschließt, jedem der beiden Teile Gewinn bringen
kann? — Des Eätsels Lösung lautet wie folgt: im Austausch kommt
es nur auf den Grenznutzen an, keineswegs auf die Total-
nutzen. Wo soll man nun die für den Austausch wesentliche
Gleichwertigkeit suchen? Sie liegt für jeden der beiden Austauschen-
den im Gleichgewicht zwischen dem letzten erworbenen und dem
letzten hingegebenen Teil.

Stellen wir uns zwei Händler im Kongogebiet vor: Primus hat
Salz und Secundus Eeis. Sie wollen tauschen. Zu welchem Preise?
Das wissen sie noch nicht. Sie tasten. Primus gibt einige Salz-
körner und erhält dafür einige Handvoll Eeis. Er vergleicht durch
einen Blick die beiden Haufen, die sich bilden und allmählich größer
werden. In dem Maße aber, wie der Haufen Eeis zunimmt, stellt
jede neue Handvoll, die dazu kommt, einen abnehmenden Nutzen vor,
denn er wird bald genug für seine Bedürfnisse haben. Im Gegenteil
jedoch, so wie der Haufen Salz größer wird, stellt jedes Salzkorn,
das er hingibt, für ihn einen steigenden Nutzen vor, denn er weiß,
daß ihm bald nicht mehr genug für seine Bedürfnisse übrig bleiben
wird. Da nun mit jeder ausgetauschten Handvoll der Nutzen der
hingegebenen Einheit steigt und der Nutzen der erworbenen Einheit
sinkt, so ist es selbstverständlich, daß in einem gegebenen Augen-
blicke beide gleich sein werden. In diesem Augenblicke nun wird
Primus innehalten. Der Austausch wird sich auf Grund des Ver-
hältnisses der beiden Haufen vollziehen, das auch den Preis be-
stimmt. Selbstverständlich wird in diesem Augenblick der erworbene
Haufen Eeis für Primus einen bedeutend höheren Totalnutzen vor-
stellen, als der hingegebene Haufen Salz.

Man wird nun einwerfen, daß es sich nicht allein um Primus
handelt, und daß es darauf ankommt, zu wissen, ob auch Secundus
bereit sein wird, im gleichen Augenblick innezuhalten! Das ist
nicht wahrscheinlich; sollte er sich entschlossen haben, mit dem
Tausch aufzuhören, ehe die gegebene Menge Eeis genügend ist, um
Primus zu befriedigen, so ist es klar, daß der Tausch nicht zustande
kommen wird. Es muß daher angenommen werden, daß ein jeder
der beiden Tauschenden geneigt ist, die Grenze, die der andere sich

38*
        <pb n="621" />
        ﻿596

Fünftes Buch. Die Lehren der neuesten Zeit.

im stillen gezogen hat, zu überschreiten; dann wird der Punkt
des Abschlusses durch einen Feilschhandel bestimmt werden1).

3.	Eine weitere Frage; Warum gibt es auf dem Markte nur
einen gleichen Preis für gleiche Gegenstände? — Wenn doch diese
Nützlichkeit in jeder Einheit besonders und für jedes Individuum
subjektiv in Betracht gezogen werden soll, so scheint es, als ob es
fast ebensoviel verschiedene Werte, wie Einheiten geben müsse, da

[) Hier ersetzen nun Ziffern und Diagramme vorteilhaft lange Ausführungen.
Wenn wir nämlich eine aufsteigencle Kurve zeichnen, die die Nützlichkeit jeder
Handvoll hingegebenen Salzes vorstellt, und eine absteigende Kurve, die die Nützlichkeit
jeder Handvoll erworbenen Reises vorstellt, so müssen sich diese Kurven notwendiger-
weise schneiden, da sie in umgekehrter Richtung verlaufen; der Punkt, an dem
sie sich schneiden, ist nun gerade der, an dem beide ausgetauschten Handvoll
gleich sind.

Hier muß aber eine Verwechslung vermieden werden: man ist geneigt zu
glauben, daß jeder Austausch eine Gleichwertigkeit bedeutet, d. h. eine Gleichheit
des Grenznutzens einer jeden Ware für die beiden Austauschenden. Das ist durchaus
nicht der Fall. Zwischen dem Wunsch des einen und dem des anderen besteht
kein gemeinsames Maß — keine Brücke (no bridge), wie die englischen
Hedonisten sagen —, sondern es handelt sich um die Gleichheit des Grenznutzens der
beiden Waren für denselben Austauschenden. Im Innern eines jeden
geschieht das Wägen. Und der auf dem Markte verwirklichte Austausch ist nur
die Resultante aller dieser möglichen Tausche.

Die österreichische Schule zieht zur Erklärung des Tausches eine Hypothese
zu Hilfe, die vielleicht nicht unentbehrlich ist, denn andere Volkswirtschaftler, wie
Waleas, sind sehr gut ohne sie ausgekommen; es ist das, was sie das Grenzpaar
nennt. Man muß sich Verkäufer und Käufer in zwei Reihen einander gegen-
über aufgestellt denken. Auf seiten der Verkäufer mißt ein jeder dem Gegen-
stände, den er besitzt und verkaufen will, eine verschiedene Nützlichkeit bei;
auf seiten der Käufer tut ein jeder dasselbe mit Hinsicht auf den zu erwerbenden
Gegenstand. Zwischen dem Verkäufer nun, der dem von ihm zu verkaufenden
Gegenstand die größte Nützlichkeit beimißt, der also am wenigsten zum
Verkauf geneigt sein wird, und dem Käufer, der im Gegenteil dem von ihm
zu erwerbenden Gegenstand die geringste Nützlichkeit beimißt, dem also, der am
wenigsten zum Kauf geneigt sein wird, wird sich hier der erste Austausch
vollziehen, der den Marktpreis für alle anwesenden Parteien festlegt. Auf den
ersten Blick erscheint es unverständlich, wie das Geschäft von den Gliedern der
beiden Parteien eröffnet werden kann, die am wenigsten Neigung zu einem Abschluß
haben. Es würde natürlicher erscheinen, daß der Handel zunächst zwischen dem
Verkäufer, der am meisten zu einem Verkauf gedrängt ist und nötigenfalls sich
mit 10 Fr. für den Hektoliter zufrieden geben würde, und dem Käufer, der am
meisten zum Kauf gedrängt ist und der schließlich auch 30 Fr. für den Hektoliter
zahlen würde, zustande kommen müsse! Bei einigem Nachdenken wird man aber
sehen, daß der Preis gerade deshalb, weil beide bereit sind, zu jedem Preis abzusohließen,
unbestimmt bleiben wird. Diese beiden Ungeduldigen werden sicherlich abwarten,
bis die am wenigsten zu einem Abschluß gedrängten zu einem Einverständnis
gelangt sind. Es ist natürlich, daß die, die am wenigsten voneinander entfernt
sind, zuerst Zusammenkommen. Diese beiden Austauschenden nun, die so das
Marktgesetz festlegen, nennt man „das Grenzpaar“.
        <pb n="622" />
        ﻿Kapitel I. Die Hellenisten.

597

eine jede sehr verschiedene Bedürfnisse befriedigen kann. Warum
hat daher in diesem Fall ein Brot keinen anderen Wert für einen
verhungernden Armen als für einen satten Reichen, oder sogar für
mich selbst keinen anderen Wert, wenn ich hungrig, als wenn ich
satt bin? — Einfach deshalb, weil die Annahme widersinnig sein
würde, daß identische und vertretbare Güter verschiedene Tauschwerte
auf demselben Markte haben können und dies in noch höherem Maß
für die gleiche Person. Dieses Gesetz des Einheitspreises1)
beruht selbst wieder auf einem anderen Gesetz, dem die psychologische
Schule mit Recht eine sehr große Bedeutung beimißt, und das eines
seiner bedeutendsten wissenschaftlichen Errungenschaften ist, das
Gesetz der Substitution. Es bedeutet, daß jedesmal, wenn
zur Befriedigung irgendeines Bedürfnisses ein Gut durch ein anderes
ersetzt werden kann, das ersetzte nicht mehr wert sein kann, als
das ersetzende1 2).

Was ist nun eine Substitution? — Ein wenigstens möglicher,
wenn auch nicht stets ausgeführter Austausch. Nun schließt aber
jeder Austausch die Gleichheit der Werte ein.

Wenn es nun eine ganze Reihe von Gütern gibt, die einander
substituiert werden können, so kann keins mehr Wert haben, als
dasjenige der ganzen Reihe, das den geringsten Wert vorstellt.

Dies ist der Grund, weshalb, wenn jeder Mensch 100 Gläser
Wasser zu seiner Verfügung haben kann — was fast stets der Fall
ist, außer in der Sahara —, keins dieser Gläser, und nicht einmal
das, für welches ich, wenn ich ganz verdurstet bin, sein Gewicht in
Gold geben würde, mehr als das hundertste Glas wert ist, nämlich
nichts. Dies hundertste ist immer da, stets bereit, irgendeines der
anderen zu ersetzen.

Vielleicht das beste Mittel, sich eine klare Vorstellung des Grenz-
nutzens zu machen, besteht darin, niemals direkt die Nützlichkeit des
Gegenstandes, den man bewerten will, ins Auge zu fassen, sondern
nur die des Gegenstandes, der seine Stelle einnehmen kann3). Dann

1)	Stanley Jbvons gibt ihm einen recht ausdrucksvollen Namen: Das Gesetz
der Indifferenz, was besagen will, das zwei Gegenstände, mögen sie auch zwei
111 ihrer Stärke höchst ungleichen Begierden entsprechen, doch nicht verschiedene
Werte haben können, wenn wir unterschiedslos zwischen ihnen wählen können.

2)	Das Gesetz der Substitution tritt nicht nur in Erscheinung, wenn es sich
um verschiedene Gegenstände handelt, die geeignet sind, das gleiche Bedürfnis zu
befriedigen, sondern oft auch, wenn es sich um Dinge handelt, die verschiedenen
Bedürfnissen entgegenkommen, soweit diese Bedürfnisse selbst eins durch das andere
ersetzt werden können: Wein kann durch Tee, Tee durch Kaffee, das Leben in
einem Schloß durch Reisen und Badeaufenthalte ersetzt werden, usw.

3)	„Der Nutzen der unwichtigsten Einheit, die an Stelle der, die wir entbehren,
treten kann, wird von uns mit Greuznutzen bezeichnet“ (Böhm - Bawesk , The
        <pb n="623" />
        ﻿598

Fünftes Buch. Die Lehren der neuesten Zeit.



erscheint es als völlig klar, daß, wenn ich einen Gegenstand Ä ver-
liere, an dem ich sehr hänge, den ich aber in jeder Hinsicht durch
einen Gegenstand B ersetzen kann, A in diesem Fall nicht mehr als
B wert ist; und wenn ich die Wahl habe, ihn auch durch C zu er-
setzen, und daß C noch weniger als B wert ist, dann ist auch A
nicht mehr als C wert.

Wir gelangen schließlich dazu, dieses Gesetz, das eine ebenso
große Tragweite hat, wie nur irgendein Gesetz der Physik, wie folgt
zu formulieren: der Wert eines jeden Gutes wird bestimmt durch
den am wenigsten nützlichen Gebrauch, den man davon machen, durch
die geringste Befriedigung, die man daraus ziehen kann.

Bis hierher haben wir gesehen, wie der Begriff des Grenznutzens
dazu dient, die Probleme des Wertes und des Tausches zu lösen.
Wird ihm aber die gleiche Eigenschaft innewohnen, wenn man ihn
auf andere Bereiche der Volkswirtschaft, auf die der Produktion, der
Verteilung und des Verbrauches überträgt?

Für die Hedonisten unterliegt das keinem Zweifel, da alle Pro-
duktions-, Verteilungs- und Yerbrauchshandlungen nur veränderte
Formen des Tausches sind.

Das gilt zunächst für die Produktion. Warum regelt sich der
Wert der Gegenstände unter der Herrschaft der freien Konkurrenz
nach den Produktionskosten? Weil jede Ordnung der freien Kon-
kurrenz auf Grund ihrer Definition eine Ordnung ist, in der ein jeder
Gegenstand in jedem Augenblick durch einen gleichartigen Gegen-
stand ersetzt werden kann, und weil dieser selbst nur das Ergebnis
einer gewissen Umformung von Rohstoffen darstellt. Das Gesetz der
Substitution tritt daher auch hier in Erscheinung, und wenn die Pro-
duktionskosten den Wert aller gleichartigen Gegenstände regeln, so
beruht dies einfach darauf, weil diese Produktionskosten in jedem
Augenblick den letzten der ersetzbaren Werte vorstellen.

Ebenso für den Verbrauch. Wie verteilt ein jeder von uns seinen
Verbrauch oder seine Ausgaben? Selbstverständlich so, daß er daraus
den größten Nutzen zieht, nämlich, das sie ihm das Maximum an
Annehmlichkeiten verschaffen, das mit einem gegebenen Einkommen
vereinbar ist. Unbewußt versucht man hier und da Änderungen.
Man vermehrt die im Budget für die Wohnung ausgeworfene Summe
und vermindert dafür die, die zur Beschaffung der Nahrung bestimmt
ist, oder man vermehrt die, die für Almosen verwendet werden soll,
und beschneidet die, aus denen man seine Theaterbesuche bestreitet,
bis man eine Gleichgewichtslage gefunden hat. Diese Gleichgewichts-

American Economists. American Academy of political and social
Science, 1891).
        <pb n="624" />
        ﻿Kapitel I. Die Hedonisten.

599

läge ist erreicht: sobald der Grenznutzen der letzten aus-
getauschten Gegenstände, oder, wenn man will, die Stärke
der letzten befriedigten Bedürfnisse gleich sind. Wenn
nämlich der Groschen, den man für die Erwerbung der letzten Zigarre
ausgibt, die man am Tage raucht, nicht die gleiche Befriedigung ge-
währt, wie der Groschen, mit dem man die letzte Abendzeitung kauft,
so würde man, sobald einem dies klar geworden ist, die Verwendung
dieses Groschens ändern, und eine Zigarre weniger rauchen, um
eine Zeitung mehr zu kaufen. Der Verbrauch regelt sich daher
in einer Art von Austausch, für den unser Innerstes der Markt, und
unsere sich bekämpfenden Wünsche die Feilschenden sind1).

Auch im Bereich der Verteilung hat sich schließlich die Theorie
des Grenznutzens wie in einem eroberten Lande eingerichtet: hier
sind es besonders die Amerikaner, vor allem Professor J. B. Clark,
die sich bemüht haben, von hier aus alle Gesetze der Rente, des
Zinses und des Lohnes zu erneuern. Wir können hier diese scharf-
sinnigen Analysen nicht darlegen, an denen die volkswirtschaftlichen
„Quarterlies“ der amerikanischen Universitäten sich ergötzen, höchst
wahrscheinlich als Reaktion gegen ein soziales Milieu, das mit Prag-
matismus und Realismus durchdrängt ist. Wir erwähnen daher nur
das Prinzip der Lohntheorie. Wie jeder Wert wird auch der Lohn
durch den Grenznutzen bestimmt. Aber der Grenznutzeu von was?
der Grenznutzen für wen? Der Grenznutzen der Dienste des Arbeiters
für den Unternehmer. — Nun bestimmt aber dort, wo es sich um
die Faktoren der Produktion handelt, ihr Produktivitätsgrad ihren
Nützlichkeitsgrad, — der Lohn wird daher von der Grenzpro-

*) Hinsichtlich des Verbrauches hat die neue Schule aus dem Gesetz des auf
jedem Markt herrschenden Einheitspreises eine merkwürdige Folgerung gezogen. Ob-
gleich es nämlich nur einen Preis für alle Käufer gieht, sagen wir für Getreide-
käufer, so ist doch der Grenznutzen für einen jeden der Verbraucher äußerst
ungleich. Angenommen, der unter den oben ausgeführten Bedingungen zustande
gekommene Preis sei 20 Fr.; dieser oder jener Käufer würde aber bereit gewesen
sein, 25 Fr. zu zahlen und hätte diesen Preis, wenn notwendig, gegeben; ein anderer
batte 24 Fr., ein anderer 23 Fr., 22 Fr. usf. gezahlt. Folglich fällt einem jeden
Ton ihnen, die ja nur 20 Fr. zahlen, ein Gewinn zu, und zwar unter der Form einer
Ansgaheersparnis. Das nennt Professor Mabshall die Eente des Verbrauchers
(Principles, Bd. III, Kap. VI). Er wählt diese Bezeichnung, um sie mit der be-
rühmten Eente des Produzenten in Verbindung zu bringen, die lange vor der
hedonistischen Schule entdeckt worden ist, die aber auf der gleichen Ursache
beruht, d, h, auf wechselnden Unterschieden — für jeden Produzenten — zwischen
üem auf dem Markt festgelegten Verkaufspreis und den Produktionskosten oder
Opfern eines jeden von ihnen. In Wirklichkeit besteht die Identität zwischen diesen
beiden Eentenkategorien kaum mehr als auf dem Papier, denn die Eente des Ver-
brauchers ist rein subjektiv, während die des Produzenten einen Handelswert hat.

genügt ganz einfach, wenn man sagt, daß in den meisten Fällen der Tausch den
Menschen ungleiche Befriedigungen, auch bei gleichem Preise, gewährt.
        <pb n="625" />
        ﻿600

Fünftes Buch. Die Lehren der neuesten Zeit.

duktivität bestimmt, nämlich von dem Wert, den ein Zusatz-
arbeiter (der Grenz arbeiten) zu erzeugen vermag, den der Unter-
nehmer noch piit einem Differential von Gewinn verwenden kann.
Der Wert, den dieser fast überzählige Arbeiter hervorbringt, bestimmt
das Maximum dessen, was der Unternehmer ihm geben kann, und
setzt zur gleichen Zeit den Lohn aller anderen, mit ihm vertausch-
baren Arbeiter fest, nämlich der, die mit der gleichen Arbeitsart be-
schäftigt sind und dasselbe leisten (obgleich der von den anderen
Arbeitern geschaffene Wert wahrscheinlich größer ist als der, den
der Grenzarbeiter liefert). Gerade so wie unter hundert verfügbaren
Gläsern Wasser das am wenigsten nützliche den Wert bestimmt, den
alle anderen für den Durstigen habenx).

Hierdurch wird die Theorie des Lohnes, die ihn auf die Produk-
tivität der Arbeit gründet, gleichzeitig bestätigt und verbessert: wohl
handelt es sich um die Produktivität, aber um die Produktivität „der
am wenigsten produktiven Arbeit“ — der Arbeit, die kaum mehr
ergibt, als die Unterhaltungskosten des Arbeiters betragen. Hier-
durch wird die Theorie der Produktivität ihres ganzen optimistischen
Charakters entkleidet und fast auf das Niveau des ehernen Lohn-
gesetzes gebracht.

Das gleiche gilt für die Höhe der Zinsen: das Kapital, das unter
den ungünstigsten Produktivbedingungen angelegt ist, das Grenz-
kapital, regelt den Zinsfuß, und zwar stets auf Grund des Gesetzes
der Substitution, das sich noch besser auf Kapitalien, als auf Arbeiter
anwenden läßt, da unter der Form des gemünzten Geldes alle
Kapitalien vollständig identisch und nicht voneinander zu unter-
scheiden sind2).

Was die Bodenrente anlangt, so wird sie ausführlicher in dem
folgenden Kapitel behandelt werden. —

So gelangt die psychologische Schule von einigen wirtschaftlichen
Tatsachen aus — die auf den ersten Blick so bedeutungslos und für
die Wissenschaft von so wenig Interesse erscheinen, tvie z. B. der
Ersatz des Kaffees durch Zichorie, den eine Köchin vornimmt, oder
das Wegwerfen eines alten Handschuhes, — und durch allmähliche
logische Ableitung zu ganz allgemeingültigen Theorien, die eine
unendliche Zahl von Tatsachen umfassen — wie das Gesetz der Sub-

') Es ergibt sich von selbst, daß das Gesetz keine Geltung mehr hat, wenn
die Arbeiter nicht untei einander ausgetauscht werden können, weil sie verschiedene
Fähigkeiten haben, denn das Gesetz setzt stets die freie Konkurrenz voraus, und hier
nehmen wir ein persönliches Monopol an.

2) Anders ist es jedoch, wenn die Kapitalien in der Form fester Anlagen unter-
gebracht sind; dann gilt das Gesetz der Substitution nicht mehr, und die Einkünfte
können höchst verschieden sein.
        <pb n="626" />
        ﻿Kapitel I. Die Hedonisten.

601

stitivdon oder das der Komplementärgüter. Diese Arbeit der Deduk-
tion gewährt einen höchst eindrucksvollen Anblick, ähnlich den Er-
scheinungen des Geistes in Tausend und einer Nacht, der, aus dem
engen Gefäß, in dem er seit tausend Jahren versiegelt war, erlöst,
nach und nach bis zu den Wolken wächst. Dieser Geist war aber
nur ßauch — und man muß nun abwarten, ob diese großartigen
hedonistischen Theorien ihm vielleicht nicht auch hierin ähnlich sind?

§ 3. Die mathematische Schule1).

Der bezeichnendste Zug der mathematischen Schule besteht darin,
sich an die Tatsache des Tausches zu halten und die ganze National-

*) Die Anwendung des Wortes „Schule“ auf die mathematischen Volkswirt-
sohaftler soll durchaus nicht bedeuten, daß sie einem gemeinsamen Programm folgen:
Keineswegs; es handelt sich nur um Gemeinsamkeit der Methode.

Das Entstehungsdatum der mathematischen volkswirtschaftlichen Schule ist —wie
heute allgemein zugestanden wird — das Erscheinen des Buches Cournot’s : Becher ch es
sur les principes mathematiques de la theorie des richesses (1838").
Copknot, der im Jahre 1877 gestorben ist, war ein Schulinspektor, der philosophische
Bücher hinterlassen hat, die heute immer mehr und mehr geschätzt werden. Sein
Buch über Volkswirtschaft ist ein bemerkenswertes Beispiel für das Mißgeschick,
das jeden trifft, der seiner Zeit vorauseilt. Während vieler Jahre wurde nicht ein
einziges Exemplar seines Buches verkauft. Umsonst versuchte der Verfasser die
Gleichgültigkeit des Publikums zu besiegen, indem er 1868 ungefähr das gleiche
Buch, aber ohne die algebraischen Formeln der ersten Ausgabe veröffentlichte, und
zwar unter dem Titel; Principes de la theorie des richesses, dem er 1876
unter einer noch einfacheren Form eine weitere Ausgabe unter dem Titel: Revue
sommaire des doctrines economiques folgen ließ, —übrigens ebenso er-
folglos, wie zuvor. Erst ganz kurz vor seinem Tode zollte ihm ein englischer Volks-
wirtschaftler, Stanley Jevobs, die gebührende Anerkennung.

Das Buch des Deutschen Gossen, Entwicklung der Gesetze des mensch-
lichen Verkehrs, erschien zwar etwas später (1853', hatte aber ebenfalls nicht
mehr Glück. Der Verfasser blieb ein unbekannter Schreiber bei einer Verwaltung,
und sein Buch wurde erst viel später und zufällig von dem englischen Professor
Adamson im British Museum entdeckt (es war, so glaubt man, das einzige
Exemplar, das noch existierte). Wie sein Vorgänger, verdankt auch er seine
Rehabüitierung Stanley Jbvons. In dem Kapitel über die Rente wird man eine
leider nur kurze Zusammenfassung dieses Buches finden (s. S. 650).

Stanley Jevons, der 1882 starb, gehörte zur gleichen Zeit der mathematischen
und der psychologischen Schule des Grenznutzens an. Sein prächtiges Buch: T h e o r y
°f Political Economy stammt aus dem Jahre 1871, wurde aber erst 1909 in der
Bibliotheque Internationale d’Economie Politique unter der Leitung
Bonnet’s ins Französische übersetzt.

LSon Walkas war Franzose, auch wenn man sich darauf versteift, ihn zu einem
Schweizer zu stempeln, weil er die größte Zeit seines Lebens an der Universität
Lausanne zugebracht hat (weshalb man auch von einer Lausanner Schule spricht).
Er hat eine synthetische Darlegung der ganzen volkswirtschaftlichen Wissenschaft
        <pb n="627" />
        ﻿602

Fünftes Buch. Die Lehren der neuesten Zeit,

Ökonomie darauf zurückzuführen. Weshalb? — Weil jeder Aus-
tausch ein Verhältais zwischen ausgetauschten Mengen
voraussetzt, das sich im Preise ausdrückt und durch ihn formuliert
wird, womit wir sofort mitten in der Mathematik stehen.

Mag dies sein! Dann hat aber diese Methode nur ein sehr be-
schränktes Anwendungsfeld, denn sie kann den Bereich des Aus-
tausches nicht verlassen! Das ist jedoch ein Irrtum. Einer der
geistreichsten und fruchtbarsten Beiträge der neuen Schule liegt
gerade in der Darlegung, wie dieser Kreis sich erweitert, bis er die
ganze volkswirtschaftliche Wissenschaft umfaßt.

Verteilung, Produktion und selbst Verbrauch, alles gehört in
diese Lehre vom Tausche. Zunächst die Verteilung —, denn was
ist der Lohn, der Zins, die Rente, mit einem Wort die Einkünfte? —
Der Preis gewisser Dienste, der von den Faktoren der Pro-
duktion, Arbeit, Kapital und Boden geleisteten Dienste, die der Unter-
nehmer bezahlt. Folglich sind sie das Ergebnis eines Austausches.

Was heißt produzieren? — Einen Nutzen gegen einen anderen
austauschen, eine gewisse Menge Rohstoffe und Arbeit gegen
eine gewisse Menge verbrauchbarer Güter austauschen. Um die
einen zu erlangen, müssen die anderen geopfert werden. Man kann
die Natur mit einem Kaufmann vergleichen, der uns seine Erzeug-
nisse im Tausche gegen unsere Arbeit überläßt, und Xenophon hatte
schon diese geistreiche Theorie vorausgeahnt, als er schrieb: „die
Götter verkaufen uns alle Güter zum Preise unserer Arbeit“. Um
die Analogie besser aufzuzeigen, kann man sie umkehren, indem man
sagt, daß jeder Tausch in Wirklichkeit ein Akt der Produktion ist,
denn wie Pantaleoni sich elegant ausdrückt: „Wir können den
Tauschpartner, mit dem wir verhandeln, betrachten, als wäre er ein
zu bearbeitendes Feld oder ein auszubeutendes Bergwerk“1).

Was bedeutet kapitalisieren, anlegen, darleihen? — Einen Aus-
tausch gegenwärtiger Güter und heutiger Annehmlichkeiten gegen
Güter und Annehmlichkeiten der Zukunft.

in mathematischer Form in seinem Buch; Elements d’Economie Politique
pure gegeben, dessen erster Teil 1874 herauskam.

Heute ist die mathematische Methode in allen Ländern vertreten: Maeshall
und Edgewoeth in England, Laukhardt, Adspitz und Lieben in Deutschland,
Vilfredo Pareto und Barone in Italien, Irving Fisher in den Vereinigten Staaten
und Bortkiewicz in Rußland (jetzt Professor in Berlin, Anm. d. Übers.). Frankreich
jedoch, die Heimat eines Cournot und eines Waleas, besitzt keinen mathematischen
Volkswirtschaftler. Wir erwähnen jedoch das Buch Adpetit’s, Theorie de la
Monnaie, das, wenn es auch über einen besonderen Gegenstand handelt, eine
allgemeine Einführung enthält,

‘) Des differences d’opinion entre economistes, Genf 1897, in dem
Band: „Scritti varii di Eeonomia“, S. 1—48 (1904) abgedruckt.
        <pb n="628" />
        ﻿Kapitel I. Die Hedonisten.

603

Gerade dadurch, daß Böhm-Bawbrk, wie wir weiter unten sehen
werden, das Gelddarlehen mit einem Tausch verglich, wurde er zu
seiner berühmten Zinstheorie geführt; doch vertritt er die öster-
reichische und nicht die mathematische Schule.

Auch der Verbrauch selbst, oder wenigstens die Verwendung der
Einkommen, setzt einen beständigen Austausch voraus, denn, da
unsere Mittel begrenzt sind, bedeutet jeder Konsum die Wahl zwischen
dem Gegenstand, den wir kaufen, und dem, auf dessen Erwerb wir
seufzend verzichten müssen. Den Besuch einer Theatervorstellung
dem Kaufe eines Buches opfern, bedeutet ein Vergnügen gegen ein
anderes austauschen, und dieser Austausch erfolgt nach den gleichen
Gesetzen wie alle anderen J).

Überall gilt das gleiche; Steuern zahlen bedeutet einen Teil
seiner Güter aufgeben, um dafür im Austausch die Sicherheit des
Restes zu erhalten; Kinder in die Welt setzen bedeutet einen Teil
seiner Behaglichkeit und seiner Ruhe opfern, um dafür die Freuden
der Familie zu genießen und sich um sein Vaterland verdient ge-
macht zu haben. ?

So ist es möglich, zwischen den Tatsachen aus dem Bereich der
Volkswirtschaft Abhängigkeitsverhältnisse zu finden, die man ver-
suchen kann, in algebraischen Formeln auszudrücken, sogar dann,
wenn man nicht imstande ist, sie durch Ziffern darzustellen. Die
Kunst der mathematischen Volkswirtschaftler besteht darin, diese
Verhältnisse zu entdecken und sie in Gleichungen zu fassen.

Wir wissen z. B., daß die Nachfrage fällt, wenn der Preis einer
Ware steigt und umgekehrt. Hier haben wir also Quantitäten,
von denen die eine stets in einem „Funktionalverhältnis“ zur anderen
schwankt2). Betrachten wir nun, wie die mathematischen Volks-

0 Der Wert selbst, dieser Grundstein der klassischen Volkswirtschaft, wird in
der mathematischen Volkswirtschaft zu einem einfachen Tauschverhältnis und verliert
dadurch alles persönliche, wenn ich so sagen darf. Da es sich nicht um eine Sache an
sieh, sondern um einen einfachen Ausdruck handelt, ist es lächerlich, sich mit dem
Suchen nach Ursachen oder Gründen oder dem Wesen zu befassen, wie es die
alte Schule tut. Deshalb schlug Stanley Jbvons vor, das Wort „Wert“ überhaupt
zu verbannen und einfach „Tauschbeziehung“ an seine Stelle zu setzen. Auch
Aupbtit legt Nachdruck hierauf: „Der Ausdruck Wert, der heute jedes Inhalts bar
ist, scheint uns daher bestimmt zu sein, aus dem wissenschaftlichen Wortschatz zu
verschwinden ... Es hat keinen irgendwie bemerkenswerten Nachteil, diesen para-
sitischen Bestandteil, so wie wir es getan haben, zu vernachlässigen und das wirt-
schaftliche Gleichgewicht in seiner Gesamtheit zu betrachten, ohne auch nur das Wort
Wert zu erwähnen“ (Theorie de la Monnaie, S. 85).

2) Indem man die Nachfrage durch d, den Preis durch p bezeichnet, schreibt man;
d = f (p), was besagen will, daß die Nachfrage als Funktion des Preises schwankt.

Man kann diese Beziehungen auch durch geometrische Linien ausdrücken, anstatt
Gleichungen anzuwenden, da in der Mathematik jede Kurve durch eine Gleichung
        <pb n="629" />
        ﻿604

Fünftes Buch. Die Lehren der neuesten Zeit.

Wirtschaftler das Gesetz der Nachfrage in dieser neuen Form aus-
drücken.

Wenn man auf einer Horizontalen von einem feststehenden Aus-
gangspunkt aus in gleichen Abständen Punkte einträgt, die die
Preise 1, 2, 3, 4, 5 usw. bis 10 bezeichnen, und wenn man auf jedem
dieser Punkte eine Vertikale errichtet, die die zu diesen Preisen nach-
gefragte Menge darstellt, deren Höhe proportional zu dieser Menge
ist, und zum Schluß die Spitzen aller dieser Vertikalen (die man die
Koordinaten nennt) durch eine Linie verbindet, so erhält man eine
Kurve, die von einem sehr hohen Punkte aus geht, der die niedrig-
sten Preise bezeichnet und fortschreitend für die höheren Preise
fällt, bis sie mit der Horizontalen in einem gewissen Punkte zu-
sammenfällt, welcher Punkt mit dem Preise übereinstimmt, an dem
die Nachfrage Null wird1).

Das interessante dabei ist, daß diese Kurve für jede Kategorie
von Produkten verschieden ist — für die eine langsam, für die
andere steil abfallend, je nachdem die Nachfrage, wie Makshall sagt,
mehr oder weniger elastisch ist, — so daß sozusagen eine jede
Ware ihre charakteristische Kurve, ihr Kennzeichen, ihre Nummer
hat, die ihr Erkennen (theoretisch wenigstens) unter hundert anderen
gestattet2).

wiedergegeben werden kann. Die geometrische Darstellung gibt ein anschaulicheres
Bild, wenigstens für die Uneingeweihten, als algebraische Formeln, besonders wenn
man, wie Cournot und andere, die Bezeichnungen der Infinitesimalrechnung an-
wendet, — aber gleichzeitig bietet sie auch viel geringere Darstellungsmöglichkeiten,
denn die geometrische Figur zeigt nur die Beziehung zwischen zwei Mengen, einer
feststehenden und einer veränderlichen (oder dreier Mengen, von denen zwei ver-
änderlich sind, wenn man auf die dreidimensionale Geometrie zurückgreift, doch
ist in diesem Fall die in der Projektion gezeichnete Figur nicht sehr klar), während
die Algebra Beziehungen zwischen beliebig vielen Mengen herzustellen gestattet —
vorausgesetzt, man ist imstande, ebensoviel Gleichungen aufzustellen, als man
Veränderliche hat.

') Cournot ist der erste, der in seinem oben (S. 601 Anm.) angeführten Buche
die Kurve der Nachfrage gezeichnet hat. Er nannte sie „das Gesetz des Absatzes
— loi de debit — “ und stellte dieses Gesetz mit bewunderungswürdiger Klarheit
dar, indem er als Beispiel einen höchst einfachen Fall setzte; den Verkauf eines
Mineralwassers in Flaschen, dessen Heilkraft angenommenerweise äußerst stark
sein soll. Bei einem sehr geringen Preis wird die Nachfrage oder der Absatz sehr
groß sein, — wenn auch nicht unbegrenzt, denn jedes Bedürfnis hat eine Grenze.
Bei einem sehr hohen Preis wird die Nachfrage oder der Absatz gleich Null sein.
Zwischen diesen beiden Punkten wird er alle Zwischenstufen durchlaufen. Hier
ist nicht die Stelle, die geistreichen Folgerungen darzulegen, die Cournot vom
Gesichtspunkt einer Monopolordnung, wie auch von dem des mehr oder weniger
großen Zwiespaltes zwischen Monopol und Allgemeininteresse hieraus zieht.

2) Die Kurve der Nachfrage ist gewöhnlich konkav und diese charakteristische
Form ist nur der geometrische Ausdruck einer bekannten Tatsache, daß nämlich
der Absatz sogleich schnell steigt, wenn der Preis niedrig genug ist, um der großen
        <pb n="630" />
        ﻿Kapitel I. Die Hedonisten.

605

Die Kurve des Angebotes verhält sich natürlich umgekehrt wie
die vorhergehende, steigt, wenn der Preis steigt, und fällt, wenn der
Preis fällt. Hieraus ergibt sich, daß es niemals ein Angebot zum
Nullpreis gibt, während im Gegenteil die Nachfrage zum Nullpreis
ganz außerordentlich — wenn auch nicht unendlich — groß ist, und
keine Grenzen hat, als die der Yerbrauchsfähigkeit1).

Masse zugänglich zu sein, weil die kleinen Börsen viel zahlreicher sind als die
großen, und daher eine auch nur geringe Erniedrigung des Preisniveaus die Ware
viel weiteren Bevölkerungsschiehten zugänglich macht. Doch kann die Kurve die
verschiedensten Formen annehmen. Für gewisse Produkte, wie das Getreide oder
das Salz, zieht eine starke Preiserniedrigung keine große Absatzerhöhung nach sich.
Für andere wieder, wie z. B. die Diamanten, würde eine starke Preiserniedrigung
vielleicht den Erfolg haben, indem sie die jetzige Wertschätzung in das Gegenteil
verkehrt, jede Nachfrage zum Aufhören zu bringen.

Die Kurve des Angebots dagegen ist gewöhnlich konvex, weil das Angebot,
das nur bei einem gewissen Preis auftritt, gegen Preiserhöhungen sehr empfindlich
ist und beim geringsten Steigen der Preise schnell zunimmt, aber bald zu einem
Stillstand gelangt, weil die Produktion nur langsam zu folgen vermag, pede claudo;
es ist sogar möglich, daß von einem bestimmten Punkte an das Angebot geringer
wird, einfach weil es keine verfügbaren Produkte mehr auf dem Markte gibt.

*) Das folgende Schaubild zeigt beide Kurven, die des Angebots und der
Nachfrage:

Die arabischen Ziffern der Horizon-
talen bezeichnen die Preise; die römischen
Ziffern der Vertikalen die nachgefragten
Mengen. So ist in dem obigen Bilde bei ^
einem Preise von 1 (eine Mark, ein
Franken, ein Pfennig, wie man will) die ^
nachgefragte Menge VII; bei einem Preise VIII
von 9 ist die naohgefragte Menge 0.	^

Die punktierte Linie des Angebotes
zeigt beim Preis 1 das Angebot mit III;
beim Preise 6 steigt das Angebot auf VII V
nnd bleibt fast stationär ... In keinem |y
Fall erreicht die Kurve des Angebots die
Achse der Ordinate, da diese Achse bei
Preis 0 liegt, und das Angebot lange vor II
dem Preise 0, d. h. wenn Gegenstände |
umsonst zu haben sind, aufhört.

Selbstverständlich kann der Aus- (
tausch nur zustande kommen, im Palle
Angebot und Nachfrage zu einem Gleichgewicht gelangen, und dieser Punkt b ist
gerade der, in dem sich die beiden Linien des Schaubildes schneiden, nämlich dort,
wo die Menge V mit dem Preise 2 zusammentrifft.

Die vertikalen Linien heißen Ordinaten, und die, die als Ausgangspunkt
dient (hier 0-X), heißt Koordinatenachse.

Die Entfernungen von dieser Linie (nur auf der Horizontalen eingezeichnet)
beißen Abszissen. Jeder Punkt der Kurve wird von der Entfernung bestimmt,
die ihn von der Achse der Ordinaten und der Abszissen trennt. Um z. B. zu erfahren,
        <pb n="631" />
        ﻿606

Fünftes Buch. Die Lehren der neuesten Zeit.

Doch genügt es nicht, wenn inan sagt, daß die Ängebotskurve
umgekehrt symetrisch zu der der Nachfrage ist. Sie ist viel kom-
plizierter, weil das Angebot selbst durch die Produktionskosten be-
dingt wird. In gewissen Zweigen der Produktion, besonders in der
Landwirtschaft, steigen die Produktionskosten viel schneller als der
Absatz; in anderen, in der Regel in der Industrie, sinken die Pro-
duktionskosten für die Einheit in dem Maße, wie der Absatz wächst.

Die mathematische Nationalökonomie begnügt sich nicht damit,
gegenseitige Abhängigkeiten zwischen vereinzelten Tatsachen zu
suchen: sie behauptet, sie alle in einer Gesamtanschauung zusammen-
zufassen. Sie erkennt sie als in einem Gleichgewichtszustand
befindlich, — ein stabiles Gleichgewicht in dem Sinne, daß es sich
jedesmal von selbst wieder einzustellen sucht, wenn es gestört worden
ist1). Die Feststellung dieser Gleichgewichtsbedingungen ist die
wirkliche Aufgabe der reinen Ökonomik.

Der bedeutendste Versuch einer Systematisierung, der in dieser
Hinsicht gemacht worden ist, ist der des Professors Wal ras, der in
seinen Formeln kühn alle Teile des Wirtschaftslebens umfaßt, —■
vergleichbar etwa dem LAi'LAorschen Weltsystem2)!

Stellen wir uns die gesamte Gesellschaft in einem einzigen Saale
versammelt vor, ähnlich wie die Börse in Paris; der Saal ist mit den
betäubenden Rufen aller derer erfüllt, die kaufen und verkaufen
wollen, und ihre Preise ausschreien!

In der Mitte — wie die Makler inmitten des Kreises, den man
„la corbeille“, die Schranken oder das Parkett nennt — sitzt der
Unternehmer (der Fabrikant, Händler oder der Landwirt). Er erfüllt
gleichzeitig eine doppelte Funktion:

was der Punkt a bedeutet, fälle ich zwei Senkrechte, eine auf die Achse der Ordinaten
und die andere auf die Achse der Abszissen; die erstere zeigt den Preis, die zweite
die verkaufte Menge: es sind daher VII Einheiten zu 1 (Mark, Franken usw.) ver-
kauft worden.

In dem obigen Schaubild stellen die Ordinaten die Preise und die Abszissen
die Mengen vor; selbstverständlich kann man ebenso gut beides vertauschen.

*) Die mathematische Volkswirtschaft untersucht übrigens auch andere Gleich-
gewichtszustände, die aber verwickelter und weniger von Bedeutung sind, nämlich
die Zustände des instablen Gleichgewichts.

2) Paheto spricht von ihm wie folgt: „Es war Walras, der zuerst eins dieser
Gleichungssysteme gefunden hat und zwar das, das sich mit dem Zustande der freien
Konkurrenz beschäftigt. Diese Entdeckung ist von höchster Bedeutung und man
kann das Verdienst dieses Gelehrten nicht zu hoch einschätzen. Natürlich hat sich
die Wissenschaft seitdem schon weiter entwickelt und wird fortfahren, sich auch in
der Zukunft zu entwickeln, doch verringert das in nichts die Bedeutung der Ent-
deckung Walras’, ebenso wie der Fortschritt in den Berechnungsmethoden der
Himmelskörper keineswegs der Bedeutung der Principia Newton’s Abbruch tut:
im Gegenteil“ (Economie pure, Broschüre, 1902, S. 11).
        <pb n="632" />
        ﻿Co

Uaiversität

Kapitel I. Die Hedonisten.

Mit der einen Hand kauft er den Produzenten (den
oder städtischen Grundbesitzern, den Kapitalisten und Arbeiter
wie sie Waleas nennt, „produktiven Dienste“ ab, nämlich die Frucht-
barkeit ihrer Felder, die Produktivität ihrer Kapitalien, die Arbeits-
kraft der Arbeiter, die Dienste der freien Berufe; und indem er
ihnen den von den Tauschgesetzen bedingten Preis zahlt, bestimmt
er das Einkommen eines jeden; dem Grundbesitzer zahlt er die
Bodenrente, dem Kapitalisten die Zinsen, dem Arbeiter den Lohn.

Zu welchem Preise aber? Wie setzt sich dieser Preis fest?
Wie an der Börse für irgendwelche Werte durch das Gesetz des
Angebots und der Nachfrage. Der Unternehmer verlangt so und so
viel Dienste zu dem und dem Preise. Der Eigentümer, der Kapitalist
oder der Arbeiter bietet so und so viel zu dem und dem Preise an.
Der Preis steigt oder fällt, bis die angebotenen und nachgefragten
Mengen von Diensten übereinstimmen.

Mit der anderen Hand verkauft der Unternehmer die land-
wirtschaftlichen oder fabrizierten Erzeugnisse, die aus seinem Gut
oder seiner Fabrik stammen. Wem verkauft er sie aber? Denselben
Leuten, die das Kostüm gewechselt und sich zu Verbrauchern ver-
wandelt haben. Es sind auch in der Tat dieselben Eigentümer
Kapitalisten und Arbeiter, die, nachdem sie als Verkäufer von
Diensten aufgetreten sind, wieder als Käufer von Produkten auf-
treten; — wer sonst sollte es denn auf der Bühne des Wirtschafts-
lebens auch anders sein? Aus welcher Kulisse sollten sie auftreten?

Und auf diesem Markte der Erzeugnisse bestimmen sich die
Preise in der gleichen Weise wie auf dem anderen.

Hier aber entdeckt man plötzlich eine neue und noch großartigere
Seite dieses Gleichgewichts. Ist es nämlich nicht offenbar, daß der Ge-
samtwert der produktiven Dienste auf der einen Seite und der Ge-
samtwert der Produkte auf der anderen Seite mathematisch gleich
sein müssen, da die Unternehmer als Zahlung für die dem Ver-
braucher gelieferten Produkte nicht mehr erhalten können, als sie
diesen gleichen Personen, die vorher Produzenten waren, als Zahlung
für ihre Dienste gegeben haben? Wo sonst sollten diese denn das
Geld hernehmen? Es ist ein geschlossener Kreislauf, wo die gleiche
Menge Flüssigkeit, die aus einem Hahn ausgelaufen ist, durch einen
anderen wieder zugeführt wird.

Wir finden hier etwas ähnliches wie das berühmte Tableau
economique Qüesnav’s (siehe oben S. 21), nur nähert es sich mehr
der Wirklichkeit1).

IV



') Wenn jedoch dieses Schaubild als der Ausdruck der Wirklichkeit angesehen
werden soll, so ergibt sich die merkwürdige und unvorhergesehene Folgerung, daß
        <pb n="633" />
        ﻿608

Fünftes Buch. Die Lehren der neuesten Zeit.

Es gibt daher zwei nebeneinander bestehende Märkte *), den der
Dienste und den der Produkte: und auf jedem von ihnen werden die
Preise von den gleichen drei Gesetzen bestimmt:

der Unternehmer, der als Preis seiner Produkte gerade denselben Wert erhält, den
er für die Produktiv-Dienste gezahlt hat, keinen Profit gewinnt.

In der Tat geben auch Walbas, wie Pantaleoni vollständig die Richtigkeit
dieses anscheinenden Paradoxon zu, — wohl verstanden, indem sie auf dem ange-
nommenen Boden der vollkommen freien Konkurrenz bleiben, und indem sie acht-
haben, den Profit durchaus von den Zinsen zu trennen (was die englische Schule
nicht tut); die Zinsen werden ja als einer der Bestandteile der Produktionskosten
betrachtet.

Übrigens liegt hierin nichst überraschendes, da es ja auf dasselbe hinausläuft,
wie die wohlbekannte Formel, daß der Verkaufspreis unter der Herrschaft der freien
Konkurrenz notwendigerweise mit den Produktionskosten übereinstimmt.

Selbstverständlich hindert dies nicht, in Wirklichkeit das Bestehen des Profits
in allen Gesellschaften anzuerkennen, doch erklärt man es einfach aus den beständigen
Oszillationen des Systems um einen festen Punkt, bei dem es nie stehen bleibt.
Der Profit ist in dieser Auffassung wie die Wogen des Meeres, — was uns nicht
daran hindert, das Niveau des Meeres als horizontal anzusehen und sogar auf diese
Annahme die Messung aller Höhenunterschiede der Erde zu gründen. Wird der
Tag kommen, an dem bei vollständig verwirklichtem Gleichgewicht es keinen Profit
mehr gehen wird? ... Vielleicht wohl, aber an dem Tage, an dem in der physischen
und wirtschaftlichen Welt das Gleichgewicht vollständig verwirklicht sein wird,
wird die Uhr stehen bleiben und die Welt ihr Ende finden.

’) Um das System von Walkas richtig darzustellen, muß man sagen, daß es
nicht nur zwei, sondern drei Märkte gibt, die ineinander geschachtelt sind, denn,
ebenso wie auf dem Markte, wo Produkte ausgetauscht werden, die Menge dieser
Produkte von der mehr oder weniger großen Menge produktiver Dienste (Boden,
Arbeit und Kapital) abhängt, ebenso hängt wiederum die Menge der produktiven Dienste,
oder wenigstens die der Kapitalien, von der mehr oder weniger großen Aktivität
der Bildung neuer Kapitalien (Eisenbahnen, Bergwerke, Maschinen) ab. Diese
wieder wird ihrerseits von der Höhe der Spartätigkeit bedingt. Hierin besteht der
dritte Markt; der der Kapitalisation. Da die neuen Kapitalien nur aus den
Ersparnissen gezahlt werden können (d. h. mit demjenigen Teil des Einkommens,
den die Produzenten nicht auf den Ankauf von Gebrauchsgütern verwendet haben),
muß der Preis dieser Kapitalien so beschaffen sein, daß er die Menge der neu
gebildeten Kapitalien und die in bar realisierte Menge des Gesparten zusammen-
fallen läßt, — und wenn man z. B. mehr Ersparnisse als Kapitalien gebildet hat, wird
der Preis dieser letzteren steigen.

Wenn man aber sagt, daß der Preis der Kapitalien-steigt, so heißt das in
anderen Worten, daß der Zinsfuß (oder wie Walhas sagt; die Miete der Ersparnisse)
sinkt. Das Sinken des Zinsfußes wird nun aber diejenigen, die sparen, abschrecken.
Hieraus wird sich ergeben, daß auf dem Markte der Kapitalbildung im Gleichgewicht
zwischen Angebot und Nachfrage ein Wechsel eintritt, der Preis neuer Kapitalien
wird sinken, der Zinsfuß steigt, usf.

Um zusammenzufassen: „Der maximale Gesamtnutzen auf der einen
Seite, die Einheit des Preises auf der anderen, — sei es der Produkte auf
dem Markt der Produkte, sei es der Dienste auf dem Markte der Dienste, sei es
der Einkommen auf dem Markte der Kapitalien, — das ist daher immer die
doppelte Bedingung, gemäß der sich die Welt der wirtschaftlichen Interessen zu
        <pb n="634" />
        ﻿Kapitel I. Die Hedonisten.

609

a)	auf dem Markt gibt es nur einen einzigen Preis für alle Pro-
dukte der gleichen Kategorie;

b)	dieser Preis muß so beschaffen sein, daß er die angebotenen
und die- nachgefragten Mengen genau übereinstimmen läßt;

c)	dieser Preis muß so beschaffen sein, daß er der größtmög-
lichen Anzahl von Käufern und Verkäufern gestattet, den Markt be-
friedigt zu verlassen.

Alle diese Gesetze können mit mathematischer Genauigkeit aus-
gedrückt werden und stellen genau das dar, was man Gleichgewichts-
probleme nennt.

In Summa führt die neue Schule die ganze wirtschaftliche Wissen-
schaft auf eine Mechanik des Tausches zurück und glaubt sich
hierzu um so mehr berechtigt, als das hedonistische Prinzip, „das
Maximum an Befriedigung mit dem Minimum an Anstrengung zu
erreichen“ nur ein Prinzip der reinen Mechanik ist, das man das
Prinzip „des kleinsten Mittels zum größten Zweck“ oder „der Kraft-
ersparnis“ nennt. Man betrachtet jedes Individuum als dem Ansporn
des persönlichen Interesses unterliegend, ebenso wie die vom Queue
gestoßene Billardkugel, und man muß wie jeder gute Spieler die
komplizierten Figuren berechnen ’), die sich aus dem Zusammentreffen
der Kugeln untereinander und mit der Bande ergeben.

Ein anderes Gleichgewichtsproblem besteht darin, zu untersuchen,
in welchen Verhältnissen sich die verschiedenen Bestandteile bei der
Ausführung der Produktion vereinigen müssen. Stanlev Jevons
hatte diese Ausführung der Produktion mit der der Hexen Macbeths
verglichen, die in ihrem Kessel ein höllisches Gebräu kochen. Diese
Bestandteile sind nicht zufällig gemischt, sondern, sagt Paeeto, in
Übereinstimmung mit dem in der Chemie bekannten Gesetz der „be-
stimmten Verhältnisse“, das den Molekülen der Körper nicht ge-
stattet, sich in anderer Weise als gemäß gewissen unveränderlichen

ordnen strebt, genau wie die Welt der astronomischen Bewegungen sieh selbst durch
die Anziehung im direkten Verhältnis der Massen und im umgekehrten Verhältnis
zum Quadrat der Entfernungen ordnet. ... In beiden Fällen umschließt eine Formel
von zwei Linien die ganze Wissenschaft und liefert die Erklärung einer Unzahl von
Einzeltatsachen“ (Walras, Economie politique pure, S. 30d).

h Professor Edgbwoeth wendet ein ähnliches Bild an und vergleicht den öko-
nomischen Menschen mit einem, von einem Kutscher geleiteten Wagen. Er führt
ans: „Ein System eines solchen Wagens und Kutschers stellt die soziale Wissenschaft
vor“ (Mathematical psychics, S. 24). Und an anderer Stelle: „Die soziale
Mechanik wird eines Tages neben die Lehre von der Mechanik der Himmelskörper
gestellt werden können; beide beruhen auf dem Prinzip des Energiemaximums (oder
Maximum der Befriedigung), das der höchste Gipfel der sozialen, wie der physischen
Wissenschaft ist“ (Bbd. S. 12).

Für Paeeto ist die Volkswirtschaft nur das Studium der Gegensätze zwischen
Wünschen und Hindernissen.

Gide und Rist, Gesch. d. Volkswirtschaft!. Lehrmeinungen.

39
        <pb n="635" />
        ﻿610

Fünftes Buch. Die Lehren der neuesten Zeit.

Mengenverhältnissen zu verbinden. In Wirklichkeit unterliegt die
Verbindung der Produktionsfaktoren in den Unternehmungen nicht
so starren Gesetzen, wie die des Wasserstoffs und Sauerstoffs in der
Zusammensetzung des Wassers. Man kann den gleichen Erfolg mit
mehr Arbeit und weniger Kapital, oder umgekehrt mit mehr Kapital
und weniger Arbeit erreichen. Es gibt aber ein Optimumverhältnis
für ein jedes, das das Nutzenmaximum zu erreichen gestattet. Dieser
Optimumzustand wird durch die gleichen Mittel wie bei den anderen
Gleichgewichtszuständen erlangt, nämlich, indem man die Mengen
Arbeit und Kapital verändert, bis der Grenznutzen des einen und
des anderen gleich sind (siehe oben SS. 602/3). Dieses Gesetz setzt
nun, allgemein gesprochen, dem unbeschränkten Wachstum der Unter-
nehmungen ein Ziel, denn es genügt, daß ein einziger der Bestand-
teile begrenzt sei (entweder Boden, oder Kapital, oder Arbeit, oder
Aufsicht, oder Absatzgebiete), um auch die anderen mittelbar zu
begrenzen, — oder wenigstens um die Zusammensetzung des Unter-
nehmens fehlerhaft und verlustbringend zu gestalten. Viivfredo Paeeto
legt mit Recht diesem Gesetz eine große Bedeutung bei. Es genügt
in der Tat, daran zu denken, daß es dem berühmten Gesetz der Kon-
zentration entgegenwirkt, um seine Tragweite ermessen zu können.

Dieser Zustand gegenseitiger Abhängigkeit, der zwischen den
verschiedenen Faktoren der Produktion festgestellt ist, ist aber nicht
der einzige: die neue Schule hat die Aufmerksamkeit auch auf viele
andere gelenkt, nämlich auf eine ganze Reihe von Fällen gegen-
seitiger Abhängigkeit, in denen der Wert gewisser Güter nicht
isoliert wechseln kann, da sie komplementäre Güter sind. Welchen
Wert hat ein einzelner Handschuh oder ein einzelner Schuh? Bin
Automobil ohne Benzin? Ein Tafelservice ohne Gläser? — Dies gilt
für die Verbrauchsgüter, aber für die der Produktion ist es ebenso;
der Wert des Koks ist notwendigerweise mit dem des Gases ver-
bunden, da man das eine nur durch das andere herstellen kann;
und ebenso für jedes Produkt in seinen Beziehungen zu seinen Neben-
produkten: die Möglichkeit ihrer Verwendung drückt den Wert des
Grundproduktes herab.

§ 4. Die Kritik der hedonistischen Doktrinen.

Den Lehren, die wir eben zusammengefaßt haben, ist es durch-
aus nicht gelungen, überall durchzudringen. In England, in Italien,
in Deutschland und besonders in dem anscheinend allen abstrakten
Spekulationen am wenigsten geneigten Lande, in den Vereinigten
Staaten, haben sie Anhänger und Lehrstühle gefunden, und die großen
Zeitschriften haben ihnen weit ihre Tore geöffnet. Frankreich jedoch
        <pb n="636" />
        ﻿Kapitel I. Die Hedonisten.

611

ist ihnen bis heute hartnäckig- verschlossen geblieben. Nicht nur
ist der Doyen dieser Schule, Waleas, gezwungen gewesen, Frankreich
zu verlassen, um im Auslande ein günstigeres Feld für seine Lehr-
tätigkeit zu suchen, sondern man hätte bis vor kurzem kein Buch
und keine Vorlesung finden können, wo diese Doktrinen dargelegt
oder auch nur kritisiert worden wären1).

Man würde diese Antipathie leichter verstehen, wenn Frankreich,
wie Deutschland, schon von der historischen Schule erobert worden
wäre: in diesem Fall hätten allerdings diese beiden Richtungen
nicht nebeneinander bestehen können. Wir haben aber schon ge-
sehen, daß dies nicht der Fall ist, denn die große Mehrzahl der
französischen Volkswirtschaft!er ist der liberalen Schule treu geblieben.
Anscheinend hätte man sich daher wohlwollender gegenüber einer
Schule zeigen sollen, die doch schließlich neo-klassisch ist und nie
etwas anderes wollte, als die Lehre der Meister besser darzustellen2).

In den letzten Jahren hat Colson in seiner großen Abhandlung über
Economie politique den mathematischen Theorien des Angebots und der Nach-
frage einen Platz eingeräumt; Landet hat in seinem Manuel d’Economique
die Theorien der österreichischen Schule dargelegt, und Antohblli hat im „College
libre des Sciences sociales“ Vorlesungen über das System Walras’ gehalten. Wir
haben schon das Buch Aüpetit’s über das Geld angeführt. Weiterhin müssen noch
die Übersetzungen des Manuel d’Beonomie Politique Vileredo Paeeto’s und
der Theorie de l’Economie Politique von Stanley Jbvons erwähnt werden.

2) Paul Leroy-Beaulibu ist besonders scharf gegen die mathematische Schule
aufgetreten; „Sie ist eine reine Chimäre, der reine Betrug. ... Sie hat weder eine
wissenschaftliche Grundlage, noch irgendwelche praktische Anwendungsmöglichkeit.
Sie bietet nur reine Gedankenspielereien ... die dem Berechnen der Folge der
Glücksnummern am Eoulette in Monaco ähnlich sind.“ — „Die angeblichen Kurven
der Nützlichkeit wie die der Nachfrage“, sagt er an anderer Stelle, „entbehren jeder
praktischen Bedeutung, weil man Bier oder Apfelwein trinken wird, wenn der Preis
für Wein steigt. Jedes Produkt hat Ersatzprodukte neben sich, die seine Bewegung
begrenzen“ (Traite d’Economie Politique, Bd. I, S. 85 und Bd. III, S. 62).

Diese letztere Kritik kommt wirklich etwas unerwartet. Wie kann man den
Hedonisten vorwerfen, von dem Gesetz der Substitution keine Kenntnis zu haben,
da sie es, wie wir eben gesehen haben, wenn auch nicht entdeckt, so doch außer-
ordentlich ausgebaut haben? Es ist daher doch wahrscheinlich, daß ein etwa be-
stehender Widerspruch zwischen diesem Gesetz und ihrer Lehre ihnen nicht entgangen
sein würde. Übrigens können wir diesen Widerspruch nicht finden. Auch das Bier
oder der Apfelwein haben ihre Nachfragekurve: das hindert den Wein aber nicht, seine
eigene zu haben. Daß die Möglichkeit, von der einen zur anderen gehen zu müssen,
das Problem erschwert, da in diesem Fall der mathematische Yolkswirtschaftler es
mit zwei oder drei, anstatt mit nur einer Kugel zu tun hat, die er ins Gleichgewicht
bringen muß, — das ist ganz richtig! Aber gerade für diese Art von Schwierig-
keiten eignet sich die Mathematik am ehesten, ja ihre Anwendung drängt sich fast
geradezu auf. Diese Solidarität zwischen verschiedenen Werten, komplementären
und supplementären Gütern, ist gerade eins der Probleme, das die Hedonisten mit
Vorliebe pflegen (siehe Pantalboni, Economia pura).

In einer Abhandlung Simiand’s findet sich eine Kritik der mathematischen

39*
        <pb n="637" />
        ﻿612

fünftes Buch. Die Lehren der neuesten Zeit.

Aber gerade diese Art und Weise, die Alten in die Schule nehmen
zu wollen, und Prinzipien von neuem zu entdecken, die stets für
völlig ausreichend gegolten hatten, um in Frieden darauf ausruben
zu können, mißfiel ganz gewaltig.

Eine ganze Anzahl dieser Kritiken kann jedoch von vornherein
abgewiesen werden.

Die häufigste und platteste dieser Kritiken behauptet, daß die
Begierden und Bedürfnisse der Menschen der quantitativen Messung
unzugänglich sind, und daß das Vorgehen, sie in mathematische
Gleichungen fassen zu können, mit dem freien Willen unvereinbar sei.
Die mathematische Schule hat aber niemals etwas derartiges be-
hauptet. Sie nimmt im Gegenteil an, daß jeder Mensch in aller
Freiheit sein Interesse verfolgt, trahit sua quemque voluptas,
und sie begnügt sich damit, zu untersuchen, wie dieser Mensch es
anstellt, um sich das Maximum der Befriedigung mit den Mitteln,
die er besitzt, und trotz der Hindernisse, die er überwinden muß, zu
beschaffen. Sie sagt keineswegs, daß dieser oder jener Mensch dazu
gezwungen ist, Getreide zu kaufen oder zu verkaufen, sondern daß,
wenn er es tut, ein jeder es mit dem festen Willen tut, das best-
mögliche Geschäft dabei zu machen, und daß in diesem Falle die Dinge
sich in der und der Form abwickeln werden, und sie behauptet, daß
die Kombinationen dieser Willensäußerungen der Berechnung zugäng-
lich sind. Kann nicht die Bewegung der Billardkugeln berechnet
werden, und in wiefern beeinträchtigt das die Freiheit der Spielerl)?

Ebenso geben die mathematischen Volkswirtschaftler durchaus
nicht vor, unsere Begierden ziffernmäßig auszudrücken. Auch wenn
sie es tun sollten, würde dies durchaus nicht widersinnig sein, da wir
es ja selbst Tag für Tag tun, wenn wir in Mark und Pfennigen den
Preis bestimmen, den wir auf die Erwerbung oder die Hergabe des
begehrten Gegenstandes setzen. Aber die mathematische Ökonomik
verwendet überhaupt keine Zahlen, da sie nur mit algebraischen
Formeln oder geometrischen Figuren, also mit abstrakten Größen,
arbeitet. Eine Gleichung aufstellen, bedeutet einfach, nachweisen,
daß das Problem gelöst werden kann, und wie es zu lösen ist: weiter
gehen diese Volkswirtschaftler nicht. Niemals ist es ihnen in den
Sinn gekommen, den Preis des Getreides oder den irgendeines

Volkswirtschaft, La methode positive en Science economique (Revue de
Metaphysique et de Morale, November 1908) und, vom entgegengesetzten Standpunkte,
eine gute Verteidigung in La methode mathematique en Economie poli-
tique von Bouvxbe.

b Walras sagt sehr richtig: „Niemals haben wir versucht, die Entscheidungen
der menschlichen Freiheit zu berechnen; wir haben nur versucht, ihre Wirkungen
mathematisch darzulegen“ (Elements d’Economie Politique pure, S. 232).
        <pb n="638" />
        ﻿Kapitel I. Die Hedonisten.

613

anderen Gegenstandes ansrechnen zu wollen. Diese Aufgabe über-
lassen sie den Spekulanten 1).

Von den Gegnern der Klassiker, womit ich sagen will, von den.
Wirtschaftshistorikern, den Interventionisten, den Solidaristen und
all den verschiedenen „sozialistelnden“ Richtungen haben die Hedo-
nisten eine nicht weniger scharfe, aber ebensowenig gerechtfertigte
Kritik gefunden. Sie sahen in den hedonistischen Doktrinen den
Versuch einer Wiederaufrichtung der alten manchesterlichen oder
optimistischen Lehren — mit ihrem ganzen Gepäck an Individualis-
mus, Egoismus, Vorzügen der freien Konkurrenz, Harmonie des per-
sönlichen und des allgemeinen Interesses, Rechtfertigung der Boden-
rente, des Zinses und des erbärmlichsten Lohnes im Namen einer
rätselhaften Wesenheit, die man Grenznutzen nennt; und zu guter letzt
den Beweis, daß die bestehende wirtschaftliche Ordnung die beste aller
möglichen sei —, eine um so gefährlichere, oder auf jeden Fall um so
unerträglichere Wiederherstellung, da sie sich auf die reine Wissen-
schaft beruft und Anspruch auf mathematische Unfehlbarkeit erhebt.

Auch diese Kritik ist nur ein Zerrbild. Daß die neue Schule
es sich zur Aufgabe gesetzt hat, das Werk der Klassiker fortzuführen,
ist sicher, und hierin kann man sie nicht tadeln. Die wirkliche
Wissenschaft erkennt man daran, daß sie den geraden Weg verfolgt,
die Königsstraße, und nicht kleine Fußpfade, die sich in alle Wiesen
verlieren. Und was die Wissenschaft der Nationalökonomie anbelangt,
so ergeben sich für sie keine Fortschritte, wenn jede Generation die
von der vorhergehenden erworbenen Resultate über Bord wirft, sondern
nur dann, wenn man das Gute behält und das Schlechte seinem
Schicksal überläßt. Dies bemüht sich die hedonistische Schule zu tun.

Die Theorien des Gleichgewichts oder des Grenznutzens be-
deuten an und für sich keine Rechtfertigung der bestehenden Ord-
nung2) — wenn man diesen Ausdruck in seinem apologetischen und
normativen Sinne nimmt —, sie erklären sie, was etwas ganz
anderes ist. Aus dieser Erklärung ergibt sich allerdings, daß auf
Guem freien Markte die Dinge in der Weise vor sich gehen, daß
die größtmögliche Anzahl der Austauschen den den größtmöglichen
Vorteil erzielen muß. Das Wort Vorteil muß aber in seinem hedo-
nistischen Sinne genommen werden. Es schließt keine Vorstellung
von ausgleichender Gerechtigkeit ein und kümmert sich weder um die

l) „Wir kennen die genaue Beziehung nicht, die die Funktion an das Wandelbare,
•he Stärke des übrigbleibenden Bedürfnisses an die vorher verbrauchte Menge kettet,
aber wir nehmen an, daß jedem Wert der zweiten Eeihe ein bestimmter Wert der ersten
ßeihe gegenüber steht“ (Aupetit, Theorie de la Monnaie, S. 42).

.	2) Als tiefschürfende Widerlegung dieser Kritik siehe zwei Aufsätze von Rist,

■kconomie optimiste et Economie scientifique in der Revue de Meta-
Physique et de Morale, Juli 1904 und Sept. 1907.
        <pb n="639" />
        ﻿614

Fünftes Buch. Die Lehren der neuesten Zeit.

Bedingungen, die dem Austausche zugrunde liegen, noch um die Folgen,
die er möglicherweise haben kann. So z. B. hat der Austausch
zwischen Jakob und Esau, bei dem dieser sein Erstgeburtsrecht für
ein Linsengericht abtrat, für beide, und nicht nur für Jakob, das
hedonistische Maximum, das mit den gegebenen Bedingungen ver-
träglich war, verwirklicht: wird doch gesagt, daß Esau Hungers
starb 1), und war es in diesem Fall für ihn nicht äußerst vorteilhaft,
Nahrungsmittel zu erhalten? Und wenn Jakob ihm, anstatt der Linsen,
eine Flasche Absinth verkauft hätte, so würde vom hedonistischen
Gesichtspunkt aus der Tausch ebenso das Maximum an Befriedigung
verwirklicht haben, denn der Grenznutzen oder die Ophelimität haben
ebensowenig etwas mit der Hygiene wie mit der Moral zu schaffen.

Alles, was ein Hedonist in dem vorliegenden Falle sagen kann,
ist folgendes: wenn es anstatt eines einzigen mehrere Jakobs ge-
geben hätte, die Linsen anboten, so würde Esau einen vorteilhafteren
Handel haben abschließen können 5). In diesem Sinne behauptet daher
die hedonistische Schule die Überlegenheit der Konkurrenz über das
Monopol. Sie gibt aber nicht vor, daß Esau nicht von Jakob aus-
gebeutet worden sei, und hält es keineswegs für notwendig, daß in
den Gesellschaften nur Esaus und Jakobs existieren* 2 3 *).

Ebenso erklärt v. Böhm-Bawerk hinsichtlich des Zinses ganz
ausdrücklich in der berühmten Theorie, die seinen Namen trägt, daß
er nur eine Erklärung der Tatsache des Zinses und nicht eine
Rechtfertigung suche. Böhm-Baweek kritisiert die normativen
Erklärungen des Zinses, die man seit Jahrhunderten zu finden ge-
sucht hat. Er bemüht sich im besonderen, nachzuweisen, daß der
Zins weder eine Gewinnbeteiligung an der Produktivität des Kapitals
ist, noch. auch eine Mietszahlung für den Gebrauch des Kapitals,
noch ein von der Börse dem ausgebeuteten Borger auferlegter Tribut,

b Der Verfasser bezieht sich hier auf die franz. Bibelübersetzung, wahrscheinlich
die von L. Segohd, die I. Moses 25, 32 lautet; „Voici, je m’en vais monrir“ (Siehe
ich bin am Sterben). In der LoTHER’schen Übersetzung heißt es: „Siehe, ich muß
doch sterben“ und in der kritischen Bibelübersetzung von Kautzsch (2. Ausg. 1896),
„Ach, ich muß doch schließlich sterben“.

Bei den Schlußfolgerungen des Verfassers darf nicht vergessen werden, daß er
annimmt, Esau sei dem Tode nahe gewesen (Anm. d. Ubers).

2)	Er könnte auch noch sagen, daß der Handel für Esau vorteilhafter ge-
wesen wäre, wenn Jakob viel mehr Linsen gehabt hätte, als er überhaupt verbrauchen
konnte, denn, sogar unter der Herrschaft des Monopols sind für den Käufer günstige
Umstände möglich.

3)	Vilfkedo Paheto sagt: „Zum Zwecke unserer Demonstration haben wir an-

genommen, daß die wirtschaftlichen Güter in Besitz genommen sind. Es würde da-
her eine petitio principii sein, wenn man aus dem eben bewiesenen Theorem den
Schluß ziehen wollte, daß die Besitzergreifung der wirtschaftlichen Güter

ein Maximum an Wohlstand hervorruft.
        <pb n="640" />
        ﻿Kapitel I. Die Hedonisten.

615

sondern daß der Zins der Preis für die Zeit ist; oder, anders
ansgedrückt, der Wertunterschied zwischen einem heutigen Gute
und demselben, aber zukünftigen Gute. Er ist die Tatsache
eines Austausches, des Tausches eines gegenwärtigen gegen ein zu-
künftiges Gut. Denn 100 Fr., die in einem Jahre zahlbar sind,
sind nicht dasselbe wie 100 Fr., die heute gezahlt werden: die
Gleichwertigkeit wird nur wieder hergestellt, indem man auf die
Wagschale, die in einem Jahre die 100 Fr. erhalten soll, einen Wert-
zuschuß legt, der Zins heißt, oder indem man von der Wagschale,
die heute die 100 Fr. trägt, einen Bruchteil hinweg nimmt, der Dis-
kont genannt wird J).

Was das Lohngesetz anlangt, nach dem der Lohn sich nach der
Produktivität des „Grenzarbeiters“ regelt, so ist es so wenig opti-
mistisch, daß es, worauf wir schon hingewiesen haben, eher das
eherne Lohngesetz bestätigt, denn es besagt, daß der an letzter Stelle
angestellte Arbeiter — der, nach welchem der Unternehmer weiter
keinen mehr anstellt, weil jeder mehr angenommene ihm Verlust
bringen würde — nur gerade den Gegenwert seiner Unterhaltsmittel
erzeugt und erhält.

Kurz die hedonistische Schule hat keine Verteilungstheorie und
will auch keine haben: sie kennt keine Anteilhaber am Gesamt-
produkt, sondern nur produktive Dienste, deren Wert sie berechnet.
Die Kenntnis des Teiles, der in Wirklichkeit dem Kapital oder der
Arbeit in jeder erzeugten Einheit zufällt, ist eins; etwas anderes
ist die Untersuchung, ob Kapitalisten oder Arbeiter ungerecht be-
handelt werden.

Übrigens liegt der beste Beweis dafür, daß die Hedonisten
keineswegs das Laisser-faire befürworten, in der von ihren Führern
eingenommenen Haltung. Allerdings hat sich die österreichische
Schule ziemlich gleichgültig demgegenüber gezeigt, was man soziale
oder Arbeiterfrage nennt2)- Doch es war sicherlich ihr Recht, sich

*) Diese Theorie wird nicht von allen hedonistischen Yolkswirtschaftlern ange-
nommen, besonders nicht von Waleas, der sie in der vierten Ausgabe seiner Eoo-
nomie pure kritisiert. In neueren Werken haben sich A. Landey in Interet
Hu Capital (1904) und Professor Ievinu Fisher in The rate of interest (1907)
bemüht, diese Theorie nicht gerade zu zerstören, aber doch sie durch eine noch tiefer-
gehende Analyse der Gefühle zu verändern, die in jedem Individuum die Schätzung
seines zukünftigen Einkommens bestimmen. — Diese Schätzung (time preference)
lst übrigens je nach der Vermögenslage eines jeden und noch anderer Umstände
verschieden.

*) Wir haben dies eben hinsichtlich der Theorie Böhm-Bawerk’s festgestellt.

Übrigens behält auch hierin die hedonistische Schule eine der Methoden der
klassischen Schule bei, auf die Coüecelle-Seneuii. und Chehbdliez mit Nachdruck
hingewiesen hatten: die Notwendigkeit, die Wissenschaft unbedingt von der Kunst,
die reine Ökonomik von der angewandten Ökonomie getrennt zu halten. Wie Pareto
        <pb n="641" />
        ﻿616

Fünftes Buch. Die Lehren der neuesten Zeit.

auf die reine Ökonomik zu beschränken. Aber andere Führer dieser
Schule haben es sehr wohl verstanden, darzulegen, daß sie sich durch
ihre Methode keineswegs dem Optimismus und dem Quietismus ver-
schrieben hätten. Ohne von Stanley Jevons zu sprechen, der sich
in seinem Buch „Social Reforms-&lt; klar und deutlich zum Inter-
ventionismus bekennt, hat sich Waleas in die Vorhut der Agrar-
sozialisten gestellt. Wenn er aus dem Bereich der Nützlichkeit in
den der Gerechtigkeit übergeht (er selbst hat mit großem Nachdruck
darauf hingewiesen, daß es sich hier um zwei verschiedene Welten
handelt), so sucht er doch so viel wie möglich die Herrschaft der
freien Konkurrenz zu verwirklichen. Aber nicht etwa wie die liberale
Schule durch das Laisser-faire, sondern durch die Abschaffung jeden
Monopols, — und zu allererst durch die Abschaffung des Monopols,
das die Grundlage aller anderen bildet, des Besitzes am Boden. Das
System, das er in seiner Sozial Ökonomie darlegt, führt aus, daß
der Boden dem Staat gehören muß, und daß alle Steuern abgeschatft
werden müssen. Die beiden Reformen stützen sich gegenseitig, da
der Staat statt der Steuern die Bodenrente einziehen soll, und beide
haben den gleichen Zweck: die freie Konkurrenz zu ermöglichen und
hierdurch einem jeden das unverkürzte Produkt seiner Arbeit zu
sichern — ein Produkt, das unter der bestehenden Herrschaft durch
einen doppelten Abzug verringert wird —, den, den die Grundbesitzer
in Gestalt der Bodenrente nehmen, und den, den der Staat in Form
von Steuern erhebt1)- Wenn man sich weiterhin ins Gedächtnis
znrückruft, daß der Gleichgewichtspunkt des wirtschaftlichen Systems
Waleas’ dort liegt, wo für jeden Gegenstand eine vollständige Über-
einstimmung zwischen den Produktionskosten und dem Verkaufspreis
verwirklicht ist, und wo infolgedessen der Gewinn auf Null gesunken
ist, so muß ein jeder selbst erkennen, wie weit wir damit von einer
Apologie der bestehenden Wirtschaftsordnung entfernt sind!

Ein anderer Vertreter dieser Schule, Vilfhedo Paheto, bindet
sich in seinen persönlichen Ansichten keineswegs an die hedonistische

sehr richtig sagt: das Maximum an Ophelimität kann in einer Gleichung ausgedrüekt
werden, das Maximum an Gerechtigkeit nicht.

*) Nach Walsas würde dieses System einen anderen Vorteil aufweisen, der
in der Erleichterung der Einführung des Freihandels besteht, „der das Ideal der
Wissenschaft ist“, indem es die hauptsächlichsten Binwürfe widerlegt, die auf der
Ungleichheit der Steuerlasten in dem einen und dem anderen Lande und auf der un-
gleichen Fruchtbarkeit des Bodens beruhen. Der Freihandel bedeutet die Abschaffung
der Steuern und die Nationalisierung des Bodens, weil nur unter dieser Bedingung
Kapital und Arbeit sich frei bewegen und dorthin gehen können, wo ihre Verwendung
am vorteilhaftesten ist.“ (La Paix par la justice sociale et par le libre-
echange — Der Friede auf Grund der sozialen Gerechtigkeit und dem Freihandel —,
in Qnestions pratiques de Legislation ouvriere, Sept./Okt. 1907).
        <pb n="642" />
        ﻿Kapitel I. Die Hedonisten.

617

Schule, obgleich er ultra-individualistisch und ein heftiger Gegner
des Interventionismus und des Solidarismus ist. Er erklärt im
Gegenteil, daß das Maximum an Wohlstand ebenso gut in einer kol-
lektivistischen Ordnung, wie unter der Herrschaft der freien Kon-
kurrenz verwirklicht werden kann — und zwar in der Theorie: in
der Praxis aber hält er dies nicht für möglich, was jedoch auf
„ethische und andere Gründe zurückzuführen ist, die außerhalb des
Bereichs der Nationalökonomie liegen“ 1j.

Pantaleonx dringt noch tiefer in das Gebiet der reinen und
transzendenten Wissenschaft, denn er erklärt mit ruhiger Erhaben-
heit, daß man an Stelle des rein egoistischen Prinzips sehr wohl das
rein altruistische Prinzip setzen könne, ohne daß dies die Ergebnisse
der Berechnung irgendwie ändern würde, gerade wie es in einer
algebraischen Gleichung ohne Einfluß bleibt, wenn man überall die
Pluszeichen durch Minuszeichen ersetzt. Die Selbstlosigkeit aller
würde die gleichen Ergebnisse wie der Egoismus hervorbringen:
Wettbewerb der Opferfreudigkeit anstatt wie heute, Wettbewerb
der persönlichen Interessen. An Stelle des Austausches von Nütz-
lichem würde der Austausch von Aufopferungen treten, der aber von
den gleichen Gesetzen beherrscht wird. Für den Hedonisten hat all
dies wenig Bedeutung. Wenn ein bestimmter wirtschaftlicher Zustand
gegeben ist, handelt es sich einfach darum, seine Wirkungen zu be-
rechnen, ebenso wie.es die Aufgabe eines Ingenieurs ist, die mögliche
Kraftleistung einer gegebenen Maschine rechnerisch festzustellen.

Die gewichtigste Kritik, die man gegen die Hedonisten gerichtet
hat, ist, daß sie schließlich nichts entdeckt hätten, was man nicht
schon kannte. — Jawohl, antworten sie, aber man kannte es nur
schlecht, man bewies es nicht, sondern behauptete es nur. Der Beweis
ungewisser oder geahnter Wahrheiten stellt einen nicht weniger be-
deutsamen Beitrag zum wissenschaftlichen Fortschritt vor, als die
wirkliche Entdeckung. Die vollkommenste aller Wissenschaften, die
Astronomie, ist nur so vorwärts gekommen. Wohl behaupteten die
klassischen Yolkswirtschaftler z. B., daß die Herrschaft der freien
Konkurrenz der bestmögliche Zustand sei, aber sie konnten weder
nachweisen, warum, noch unter welchen Bedingungen. Die mathe-
matischen Yolkswirtschaftler haben nun das Warum gefunden: —
nämlich weil diese wirtschaftliche Ordnung das Maximum an Befrie-

l)	Ebenso kann man bei den amerikanischen Yolkswirtschaftlern feststellen,
«laß die hedonistische Methode volle Unabhängigkeit des Programms verbürgt.
Wenn sie den Professor Clark zu einer gewissen Rechtfertigung der bestehenden
wirtschaftlichen Ordnung und zum Glauben an die Wirksamkeit der freien Kon-
kurrenz geneigt macht, so führt sie Professor Patten zu einem ausgesprochenen
Interventionismus, der dem List’s ziemlich ähnlich ist.
        <pb n="643" />
        ﻿618

Fünftes Buch. Die Lehren der neuesten Zeit.

digung und das Minimum an Opfern für jeden der Austauschenden
verwirklicht. Das gleiche gilt auch für die sogenannten Gesetze des
Angebotes und der Nachfrage, des Einheitspreises, der Produktions-
kosten, des Lohnes, der Zinsen, der Rente usw. Es ist sicherlich
eine Leistung, diesen intuitiven Behauptungen 1j, die nichts als form-
lose und unbestimmte Theorien waren, die Kraft eines unwiderleg-
lichen Beweises gegeben zu haben. Dieser Homo oeconomicus, den man
verlacht, ist nur ein Skelett, aber gerade dieses Skelett gestattet der
Wissenschaft, wie dem organischen Wesen, zu stehen und zu gehen!
Für die Entwicklung der nationalökonomischen Wissenschaft liegt
hierin ein Fortschritt, der dem vergleichbar ist, der in der biolo-
gischen Entwicklung den Übergang der Wirbellosen zu den Wirbel-
tieren bezeichnet.

Mag dies alles sein! Ein letzter Einwurf, oder doch ein Zweifel
bleibt aber übrig, nämlich ob die Wissenschaft, auch wenn sie diese
Wahrheiten für endgültig nachgewiesen hält, wie die Hedonisten
glauben, so viel Gewinn daraus ziehen kann, wie sie annehmen. Man
hat sehr richtig gesagt, daß die Mathematik nur einer Mühle gleiche,
die das Korn, das man ihr zugetragen hat, als Mehl wiedergibt, aber
man muß noch untersuchen, was es für Korn war. Hier haben wir
eine Menge von Abstraktionen, die man in das mathematische Räder-
werk geworfen hat — einen Einheitsmarkt, Individuen, deren einzige
Triebfeder das hedonistische Prinzip ist, die Identität beider Aus-
tauschender vom Gesichtspunkt ihrer Begehrungen aus* 2 * * * *), die Allgegen-
wart des Kapitals und der Arbeit, eine vollständig unbehinderte Sub-
stitutionsfähigkeit usw. —, und so ist es doch vielleicht möglich, daß das
Mehl, das aus der Mühle kommt, nicht allzu nahrhaft ist. Auf alle Fälle
muß man zugeben, daß das Mahlergebnis der hedonistischen Schule
eine Welt sein würde, die mit der bestehenden Wirklichkeit ebenso-
wenig, wie die fourieristische oder die saint-simonistische oder die
anarchistische Welt zu tun hat, und deren Verwirklichung noch un-
wahrscheinlicher ist oder eine ebenso wunderbare Umwälzung zur
Voraussetzung hat. Dies geben die Hedonisten nun auch offen zu;
hierin liegt sogar eine Überlegenheit, die sie Uber die klassischen
Ökonomisten haben, die, wenn sie über die freie Konkurrenz ihre Ge-
danken darlegen, stets denken: „Es ist erreicht!“8).

') Die Volkswirtschaft wird mit dem Tage eine Wissenschaft werden, an dem
sie sich dazu zwingt, „das nachzuweisen, was sie sich bis heute begnügt hat, allge-
mein zu behaupten“ (Waleas, Economie Politique pure, 8. 427).

2)	Man muß „auf alle in Betracht gezogenen Individuen und für jedes Produkt

dasselbe Gesetz der veränderlichen Stärke des Bedürfnisses anwenden“ (Aupetit, L a

Monnaie, S. 93).

s) Übrigens sind die Hedonisten durchaus nicht in die Anwendung der mathe-

matischen oder abstrakten Methode verrannt, und verkennen keineswegs die Be-
        <pb n="644" />
        ﻿Kapitel I. Die Hedonisten.

619

Wenn die Hedonisten sehr zurückhaltend in bezug- auf die Möglich-
keiten einer Verwirklichung ihrer wirtschaftlichen Welt sind, so sind
sie im Gegensatz dazu äußerst bestimmt, vielleicht etwas zu sehr, wo
die Vorzüge ihrer Methode in Betracht kommen, und in diesem Punkte
sind sie nicht von einem gewissen dogmatischen Stolz frei, der große
Ähnlichkeit mit dem der ntopistischen Sozialisten hat. Man glaubt
Foueiee zu hören, wenn man liest, daß „das, was man in der National-
ökonomie gefunden hat, nichts im Vergleich zu dem ist, was man
späterhin wird entdecken können“, (wobei zu verstehen ist: durch
die mathematische Methode)J), oder daß die neuen Theorien über die
Produktionskosten für die Nationalökonomie ebenso grundlegend sind,
wie es die Ersetzung des ptolemäischen Systems durch das des
Kopernikus für die Astronomie war“* 2 3). Weiter oben sahen wir, wie
das Gleichgewichtssystem Waleas’ mit dem Newton’s verglichen
wird. Zwischen diesem Ehrgeiz und den erzielten Ergebnissen besteht
ein nicht unbedeutendes Mißverhältnis. Bei aller Anerkennung der
wirklichen Dienste, die die mathematische und die österreichische
Schule der Wissenschaft geleistet haben, und indem wir gern zugeben,
daß sie in der Geschichte der Doktrinen einen Abschnitt bezeichnen
der unvergeßlich bleiben wird, glauben wir dieses Kapitel doch nicht
besser abschließen zu können als mit den Worten eines Volkswirt-
schaftlers, der, selbst ein Meister dieser und der klassischen Schule,
eine gewisse Berechtigung hat, über sie zu urteilen8): „Die glücklichsten
Anwendungen der Mathematik auf die Nationalökonomie sind die, die
kurz und einfach sind, die wenige Zeichen verwenden, und deren
Zweck es ist, eher einen Lichtstrahl auf irgendeinen Einzelpunkt der
unabsehbar großen wirtschaftlichen Welt zu werfen, als sie in ihren
unendlichen Verwicklungen darzustellen.“

rechtigung des Gebrauches der historischen oder sogar der biologischen Methode.
Nur können die Anderen nicht Anspruch darauf erheben, eine exakte Wissenschaft zu
schaffen. Professor Mabshall erklärt ausdrücklich, die biologische Methode vorzuziehen,
und die Verwendung von Diagrammen und Kurven als Darstellung der wirtschaftlichen
Tatsachen so viel wie möglich zu vermeiden (Economic Journal, März, 1898, S. 50).

*) V. Pareto, Giornali degli Bconomisti, Sept. 1901.

2)	The Austrian Economists, op. cit. — Dagegen schreibt ein Anhänger
dieser Schule, Landet: „Heute kann man die Tätigkeit der österreichischen Schule
als fast erschöpft ansehen“ (L’Ecole economique autrichienne, in der
Rivista di Scienza, Mailand, 1907). — Nach 35 Jahren! Ist das nicht ein recht
kurzes Leben!

3)	Mabshall, Distribution and Exchange, Economic Journal, März 1898.
        <pb n="645" />
        ﻿620

Fünftes Buch. Die Lehren der nenesten Zeit.

Kapitel II.

Die Theorie der Bodenrente und ihre Anwendungen.

In der allgemeinen Erneuerung der klassischen Theorien, wie
sie uns das Studium der modernen Hedonisten gezeigt hat, muß eine
besonders hervorgehoben werden. Es ist dies die Theorie der Boden-
rente. Hat sie doch in den Arbeiten der Nationalökonomen, besonders
während des letzten Drittels des 19. Jahrhunderts, viel Raum ein-
genommen. Ihre Ausgestaltung hat sowohl theoretische, wie praktische
Bedeutung.

Theoretische Bedeutung: — denn der wirtschaftliche Begriff der
Rente, der in Hinsicht auf eine besondere Tatsache, das Einkommen
der Grundbesitzer, geschaffen worden ist, zeigte sich der verschieden-
sten Anwendungen fähig und erleuchtet mehr als eine dunkle Stelle
des Wirtschaftslebens. Unter anderen schien er besonders geeignet,
eine Klasse von Einkünften zu erklären, von denen wir bisher noch
keine Gelegenheit hatten, zu sprechen; es ist dies der Unternehmer-
gewinn als von dem Kapitalzins wohl unterschiedenes Einkommen.

Praktische Bedeutung: — denn die Bodenrente ist vor allen anderen
ein „nicht erworbenes Einkommen“, ein unearned increment,
mit anderen Worten ein Einkommen, das sich durch keine Arbeit
rechtfertigt. Man ahnt daher sofort die sozialen Theorien, die sich
auf diese Feststellung aufbauen lassen. Alle Systeme der Nationali-
sierung des Bodens, alle Projekte der Sozialisation der Rente beruhen
auf der Theorie Ricardo’s, und diese Systeme sind sehr zahlreich.

Wir beabsichtigen, in diesem Kapitel die Theorie der Bodenrente
in dieser doppelten Hinsicht zu untersuchen. Zuerst wollen wir die
Ausgestaltung studieren, die sie durch die Ökonomisten erhalten hat,
nämlich als wissenschaftliche Theorie und Hilfsmittel zur Erklärung
der Tatsachen; und zweitens ihre Anwendung zu Vorschlägen wirt-
schaftlicher Reform. Unser Zweck ist hauptsächlich, die Kenntnis
der neueren Theorien zu vermitteln. Wir werden jedoch gezwungen
sein, auch öfters auf ältere Theorien zurückzugreifen, und müssen
bis zu Stuart Mild und sogar bis zu Ricardo zurückgehen; dies ist
der einzige Weg, der zum Verständnis der Entwicklung der Gedanken
führen kann.

§ 1. Die theoretische Ausweitung desRenten begriff es.

Wir haben in einem vorhergehenden Kapitel die von Caeey und
Bastxat gemachten erfolglosen Versuche betrachtet, die bezweckten,
        <pb n="646" />
        ﻿Kapitel II. Die Theorie der Bodenrente und ihre Anwendungen.

621

die Eeutentheorie Eicaejdo’s zu erschüttern. Sicherlich forderte diese
Theorie zur Kritik heraus, aber ihre Gegner gingen in ihrer Wider-
legung soweit, daß sie sogar die Tatsache des Bodenwertes an und
für sich leugneten.

Diese Übertreibung wuirde recht drastisch durch eine der charak-
teristischsten Tatsachen des 19. Jahrhunderts widerlegt: durch das
Steigen der Bodenpreise in den großen Städten. Das vergangene
Jahrhundert war das Jahrhundert der Großstädte. Kein anderer
Zeitabschnitt weist eine gleiche Blüte der städtischen Mittelpunkte
auf. England, die Vereinigten Staaten, Deutschland und in ge-
ringerem Grade auch Frankreich haben an dieser Entwicklung teil.
Diese rapide Zusammenhäufung der Bevölkerung auf beschränktem
Raume hat als Folge gehabt, dem Boden unerhörte Mehrwerte zu
geben. In Chicago ist die Geschichte jenes viertel Ackers berühmt,
der 1830 für 20 Dollar gekauft wurde, damals, als die Bevölkerung
noch nicht 50 Einwohner überschritt, und 1836 25000 Dollar
wert war, um nach der Weltausstellung von 1894 den Preis von
1250000 Dollar zu erzielen. In London schätzt man die Steigerung
der an die Grundbesitzer gezahlten Pachtsummen auf 7 700000 Pfund
Sterling für den Zeitraum von 1870—1895 und zwar nur für die Miete
des nackten Bodens. Der Hyde Park, der 1652 von dem Unterhaus
für 425000 Fr. gekauft worden war, stellt heute einen Wert von
über 200 Millionen Fr. dar. In Paris führt d’Avenel ein dem Kranken-
hause „Hotel-Dieu“ gehörendes Gelände an, das 1775 6,40 Fr. für
den Quadratmeter kostete und heute 1000 Fr. der Quadratmeter wert
ist *); Lbboy-Beaulxeu erwähnt ein im Stadtteil des Are de Triomphe
gelegenes Stück Land, dessen Wert von 1881—1904, also in 23 Jahren
von 400 auf 800 Fr. der Quadratmeter gestiegen ist2). Es sind dies
vereinzelte, wenn auch sehr bezeichnende Beispiele einer allgemeinen
und unbestreitbaren Tatsache.

Carey und Bastiat haben daher auch nur eine geringe Anzahl
von Bekehrungen bewirkt. Die große Menge der Volkswirtschaft! er
ist entweder der Auffassung Ricaedo’s treu geblieben oder hat sich
bemüht, sie zu vertiefen und zu entwickeln, ohne aber ein mit dem
Boden verbundenes Einkommen zu leugnen. Es ergibt sich daraus
eine doppelte und höchst merkwürdige Entwicklung der Theorie der
Bodenrente.

Einesteils entdeckte man nach und nach eine ganze Reihe diffe-
rentieller Einkommen, ganz von der Art der Bodenrente, — und das

*) Wir entlehnen diese Mitteilungen der sehr gehaltvollen Broschüre Einaudi’s;
Pa municipalisation du sol dans les grandes villes, 1898 (Giard und
Bbi6hb, Paris), Auszug aus dem Devenir Social.

2) P. Lbroy-Bbaulieo, L’art de placer et gerer sa fortune, S. 31,
        <pb n="647" />
        ﻿622

Fünftes Buch. Die Lehren der neuesten Zeit.

geht, nach dem Ausdruck eines großen zeitgenössischen National-
ökonomen, so weit, „daß sie (die Bodenrente) nicht mehr als eine
Einzeltatsache, sondern als die Hanptspezies eines sehr verbreiteten
Genus erscheint“ 1). Auf der anderen Seite (und diese zweite Ent-
wicklung ist vielleicht noch merkwürdiger als die erste) sehen die
modernen Theoretiker in ihr nur eine normale Folge des regel-
mäßigen Verlaufs der Wertgesetze, während bei Eicaedo die Boden-
rente als eine wirtschaftliche Anomalie erscheint, die auf be-
stimmten Umständen beruht (ungleicher Fruchtbarkeit der Felder
und dem Gesetz des sinkenden Bodenertrages). Daher fjigen sich
die Bodenrente und andere gleichartige Eenten in die allgemeine
Preistheorie ein, und die von den Klassikern so mühsam aufgebaute
Theorie der Eente verflüchtigt sich sozusagen, und wird überflüssig.
Nachdem sie während des ganzen 19. Jahrhunderts eine so große
Eolle gespielt hat, wird sie vielleicht in wenigen Jahren nur noch eine
historische Merkwürdigkeit sein.

Diese doppelte Entwicklung der Lehre beruht auf der gleich-
zeitigen Tätigkeit einer großen Anzahl von Forschern. Es ist schwierig,
einen regelmäßigen Fortschritt von einem zum anderen aufzuzeigen.
Wir werden daher die Entwicklung an und für sich darstellen und
uns darauf beschränken, die Namen der Gelehrten, die dazu bei ge-
tragen haben, an entsprechender Stelle anzuführen. Wir werden
uns aber so viel wie möglich auf ihre Texte stützen* 2).

a)	Zunächst, sagten wir, hat man sehr bald neben dem Einkommen
der Grundbesitzer eine Eeihe anderer differentieller, ihm ganz gleicher
Einkommen bemerkt. Dieselbe Menge, oder wie die Engländer sagen,
dieselbe „Dosis“ an Kapital und Arbeit, die auf verschiedenen Feldern
sich betätigt, bringt verschiedene Einkünfte ein. Eicaedo sah die
Ursache dafür in einer dem Boden allein eigentümlichen Er-
scheinung: dem sinkenden Ertrage und der ungleichen Fruchtbarkeit
der Felder, wie auch ihrer ungleichen Entfernung vom Markte. Die
Landwirtschaft ist nun durchaus nicht der einzige Bereich, in dem
man eine ungleiche Produktivität des Kapitals und der Arbeit fest-
stellen kann.

Zunächst befinden sich die Bergwerke, die Salinen und die

‘) Marshall, Principles, Vorwort der 1. Ausg.

2) Man findet gute Darstellungen der Entwicklung, die wir hier kurz darstellen,
in einem schon älteren Werk: Versuch einer kritischen Dogmenge-
schichte der Grundrente, von Eduard Bebens (Leipzig 1868, 399 Seiten),
besonders aber in La theorie de la rente et son extension recente von
Paul Früzculs (Montpellier 1908, 318 Seiten) und in den sehr interessanten Auf-
sätzen von Schumpeter: Das Eentenprinzip in der Verteilungslehre, die
in Schmollbr’s Jahrbuch 1907, S. 31 und 591 erschienen sind.
        <pb n="648" />
        ﻿Kapitel II. Die Theorie der Bodenrente nnd ihre Anwendungen. 623

Fischereien — alle natürlichen Güterquellen — in der gleichen
Lage. Ihre Produktivität ist nicht übereinstimmend; ihre Frucht-
barkeit, wenn man so sagen kann, bietet die gleichen Unterschiede
dar, wie die der bewirtschafteten Felder, und ihre Lage im Verhältnis
zum Markte zeigt die gleiche Mannigfaltigkeit. Daher ergibt sich
für alle Bergwerke, Salinen oder Fischereiunternehmungen, die ertrag-
reicher oder besser gelegen sind, als die wenigst begünstigten, eine
differentielle Rente. Ricaedo hatte schon hierauf mit Bezug auf die
Bergwerke hingewiesen, und Stuart Mill hat dasselbe mit größerem
Nachdruck getan1).

Aber noch mehr! Die Erde dient nicht nur der Bodenkultur; ihre
Oberfläche dient auch als Standort. Diese Dienste sind nicht weniger
wichtig als die anderen, und zwischen den verschiedenen Standorten
gibt es die gleichen Unterschiede, wie zwischen bewirtschafteten
Feldern. Ihre kommerzielle Produktivität, wenn man sich so aus-
drücken will, ist verschieden. „Die Miete des Standortes eines
Hauses in einem kleinen Dorfe“, sagt Stuart Mill, „ist kaum größer,
als die eines gleich großen Feldstückes, aber die Miete eines Stand-
ortes für ein Haus in Cheapside (einer der verkehrsreichsten Straßen
Londons) übersteigt sie um den ganzen Betrag, mit dem man die
größere Möglichkeit bewertet, an einem so belebten Orte Geld zu
verdienen. „So wird der Wert dieses Standortes“, sagt der Schüler
Ricaedo’s, „von den gewöhnlichen Prinzipien der Bodenrente be-
herrscht“ 1 2).

Warum sollen wir uns aber auf den Boden und seine Dienste
beschränken? Auch in der Industrie treten die gleichen Unterschiede
der Produktivität oder der Lage für das Kapital hervor. Von einer
Fabrikanlage zur anderen sind die Maschinen mehr oder weniger gut,
die Gebäude mehr oder weniger richtig angelegt, die Arbeitsteilung
mehr oder weniger weit fortgeschritten, gemäß der Menge des zur
Verfügung stehenden Kapitals; daher übersteigt die Produktivität
der ersten Klasse die der zweiten und sichert ihr einen Zusatz-
gewinn 3). — Gleicherweise ist auch die Produktivität von einem

1)	Ricardo, Principles, Kap. III: Über die Bergwerksrente. Vgl. Stuart
Mill, Principles, B. III, Kap. V, § 3.

2)	Stuart Mill, ebenda.

3)	Der Fall wurde 1832 von Hermann in seinen höchst bemerkenswerten
Staatswissenschaftlichen Untersuchungen (München, 1832) auf S. 166
angeführt: „Ein durchaus analoger Fall (zur Bodenrente) tritt ein, wenn in einem
Land einige ausländische Maschinen funktionieren, deren Vermehrung schwierig ist
— z. B. infolge eines Ausfuhrverbotes im Ursprungslande (das war damals der
Fall für englische Maschinen). . . . Nehmen wir an, daß der Preis der auf diesen
Maschinen hergestellten Produkte steigt. Wenn man im Lande selbst nur Maschinen
herstellen kann, die teurer sind und trotzdem wegen ihrer mangelhaften Kon-
        <pb n="649" />
        ﻿624

Fünftes Buch. Die Lehren der neuesten Zeit.

Arbeiter zum anderen ungleich: Der eine schafft, ohne sich mehr zu
ermüden, mehr als sein Nachbar, und verdient mehr. Es gibt also
auch für den Arbeiter einen Zuwachsgewinn, eine Differentialrente!
— Aber nicht nur die Fähigkeiten der Arbeiter, auch die der Unter-
nehmer sind verschieden. Die „G-eschicklichkeitsrente“ spielt sogar
eine wesentliche Rolle in dem wechselnden Erfolg der Unterneh-
mungen und in den ungleichen Einkünften, die man davon bezieht.
„Die Zusatzgewinne, die ein Fabrikant oder ein Händler auf Grund
seiner höheren kaufmännischen Begabung erwirbt, oder die in einer
besseren Organisation seines Unternehmens begründet sind, sind ihrer
Natur nach der Bodenrente analog.“ So drückt sich Stuabt Mill j)
aus, indem er sich damit begnügt, einen, wie wir wissen, schon 1836
von Senior in seiner Political Economy dargelegten Gedanken
wieder aufzunehmen, wo Senior jeder „außergewöhnlichen Entlohnung“
für „außergewöhnliche körperliche oder geistige Eigenschaften“ den
Namen Rente gab2).

Der einfache Hinweis, dem wir bei Mill und bei Senior be-
gegnen, hat zu einer ausführlichen Theorie des Unternehmerprofits
Anlaß gegeben, in der man jeden Profit als die Entlohnung einer
außergewöhnlichen Fähigkeit betrachtet. Es ist die von dem Ameri-
kaner Francis Walker 1883 in seinem „Grundriß der politischen

struktion weniger leisten —, so bleiben die Preise höher als die Produktionskosten
auf den besseren Maschinen (denen fremder Herkunft); so wird den Besitzern dieser
letzteren der Vorteil, den ihnen die Preiserhöhung verschafft, gesichert“. — Ebenso
schreibt Mangoldt (Die Lehre vom Unternehmergewinn, Leipzig 1865) auf
S. 55 wie folgt: „Die Rente zeigt sich am klarsten und ausgedehntesten auf dem von
der Landwirtschaft in Gebrauch genommenen Boden; sie ist aber in allen Kapitalien,
die nicht vermehrbar sind, oder die man nur durch andere, die teurer sind, ersetzen kann,
oder die eine geringere Produktivität aufweisen, nicht weniger sichtbar usw.“ (nach
dem franz. Text, d. Übers.). Ricardo selbst hat vielleicht an die Kapitalrente gedacht,
als er sagte: „Der Tauschwert aller Produkte, seien sie Manufakturerzeug-
nisse, oder Erzeugnisse der Bergwerke oder des Bodens, wird stets nicht von der
geringsten Menge Arbeit, die zu ihrer Produktion notwendig ist, geregelt,... sondern
von der größten Menge Arbeit, die notwendiger weise auf sie ver-
wendet werden muß, und zwar von denen, die fortfahren, sie unter den
schlechtesten Bedingungen herzustellen, worunter die Bedingungen zu verstehen sind,
die man notgedrungen annehmen muß, um die nachgefragte Menge des Produktes zu
erzeugen“ (Principles, Kap. II, § 27). — Doch sprechen die englischen Schriftsteller
nur selten von der Kapitalrente, weil für sie die Rente stets, in Analogie mit dem
Boden, natürliche Unterschiede in der Produktivität voraussetzt, Unterschiede, die
nicht dem Eingreifen des Menschen unterworfen sind.

*) Stuart Mill, Principles, B. III, Kap. X, § 4.

2)	„Denn“, sagt er: „es ist selbstverständlich ein Überschuß (ein Differential-
gewinn), da die Arbeit schon zu dem normalen Lohnsatz bezahlt worden ist, und
zwar ein Überschuß, der ein spontanes Geschenk der Natur darstellt“ (angeführt von
Cannan, Ppoduction and Distribution 8. 198). Vgl. oben S. 897.
        <pb n="650" />
        ﻿Kapitel II. Die Theorie der Bodenrente und ihre Anwendungen. 625

Ökonomie“ niedergelegteu Theorie, die er später eingehender in dem
Quarter ly Journal of Economics, 1887, wieder auf-
nahm ').

Wir haben schon auf die Neigung zu einem gewissen Optimis-
mus bei den Amerikanern hingewiesen. Caeey hat uns dafür ein
Beispiel geliefert. Walker gibt ein neues. Schon in seinem 1876
veröffentlichten Werke, The Wages Question (die Lohnfrage)
hatte Walker mit Erfolg die für die Arbeiter entmutigende
Theorie des Lohnfonds bekämpft. An ihre Stelle hatte er die
Theorie gesetzt, die den Lohn, zum Teil wenigstens, von der zu
erhoffenden Produktivität des Unternehmens abhängen läßt. Der
Nachweis, daß der Lohn möglicherweise mit der wachsenden Produk-
tivität der Industrie wächst, genügte aber nicht, um die Gemüter zu
beruhigen. Auch wollte Walker den Sozialisten gegenüber fest-
stellen, daß der Profit keineswegs aus der Ausbeutung der Arbeiter
stamme, — und die Rententheorie schien ihm hierfür ein ausgezeich-
netes Beweismittel zu liefern.

Unter „Profit“ versteht Walker die besondere Entlohnung des
Unternehmers * 2) unter Ausschluß der Zinsen seines Kapitals. Hierin
unterscheidet er sich von den meisten Volks Wirtschaftlern englischer
Zunge, die trotz des auf dem Kontinent angenommenen Sprach-
gebrauches lange Zeit dabei beharrten, die verschiedenen Funktionen
des Unternehmers und des Kapitalisten zusammenzuwerfen. Walker
weigert sich auch, die Funktion des Unternehmers auf die bloße
Tätigkeit der Leitung und der Überwachung zu beschränken, aus
der er höchstens auf ein Einkommen Anspruch machen könnte, das
dem Gehalt eines bezahlten Direktors entspräche. Die Funktion des
Unternehmers steht aber höher. Sie besteht darin, alle industriellen
Schwankungen vorauszusehen und die Produktion entsprechend zu

*) The Source of business Profit, in dem Quarterly Journal of
Economics, April 1887.

2)	Walker ist einer der ersten englischen Schriftsteller, der diese Unterscheidung
gemacht hat und dem Wort Profit seinen enger umschriebenen Sinn gibt, indem er
ihn einerseits von den Zinsen und andererseits vom Lohn unterscheidet (Wages
Question, 2. Ausg., 1891, S. 230ff.). Er trennt vom Profit sogar den Lohn der
Überwachung und Leitung, weil diese Überwachungsfunktionen übertragen werden
können, während die eigentliche Funktion des Unternehmers (die Anpassung der
Produktion an die Nachfrage) allein eine besondere Entlohnung bedingt: den Profit. —
Es wirkt erheiternd und gibt ein klares Bild von der Isolierung, in der die Volks-
Wirtschaftler der verschiedenen Länder voneinander leben, wenn Walker erklärt,
daß ihm kein Volkswirtschaftler bekannt sei, außer seinem Vater, Amasa Walker,
üer vor ihm die Trennung' der Funktionen des Unternehmers und des Kapitalisten
Torgenommen habe. Dabei hat schon J.-B. Say ganz klar diese Unterscheidung
aufgestellt, und fast alle Volkswirtschaftler des Kontinents haben sie seit dem Anfang
des 19. Jahrhunderts gebraucht.

Gide und Eist, Gesoh. d. Volkswirtschaft! Lehrmeinungen.	40
        <pb n="651" />
        ﻿626

Fünftes Buch. Die Lehren der neuesten Zeit.

organisieren, mit einem Wort, in der Anpassung der Produktion an
die Nachfrage. Der Unternehmer ist der wirkliche „Führer“ des ge-
sellschaftlichen Fortschrittes1), der wahre „General“ der Industrie.

Dies festgestellt, so bestehen zwischen den industriellen Unter-
nehmungen, sagt Walkee, die gleichen Einkommensnnterschiede, wie
zwischen landwirtschaftlichen Betrieben. Die einen erzielen über-
haupt keinen Profit; wenn sie ihre Kapitalien und Arbeiter in nor-
maler Höhe entlohnt haben, verschaffen sie dem Unternehmer nur
gerade genug, um ihn davon abznhalten, das Unternehmen aufzu-
geben. Andere bringen ein wenig mehr ein, und so gelangt man
fast unmerklich von diesen mittelmäßigen Unternehmungen zu vor-
teilhafteren Anlagen und zum Schluß zu denen, die ihren Besitzern
ungeheuere Profite abwerfen. Sind nun diese Profite nicht von dem
Lohn der Arbeiter genommen? Keineswegs. Oft sind die Löhne
dort am höchsten, wo der Profit am höchsten ist. Woher kommen
sie daher, wenn man alles andere als gleich annimmt? Sie beruhen
einzig und allein auf den größeren persönlichen Fähigkeiten des
Unternehmers. Es sind dies „Überschüsse“, die in jeder Hinsicht
der Bodenrente gleichen. „Unter einer Herrschaft der freien und
vollkommenen Konkurrenz“, sagt Walker, „würde der erfolgreiche
Arbeitgeber eine Entlohnung erhalten, die genau an der Zusatzmenge
von Gütern gemessen werden kann, die er mit einer gegebenen Menge
von Arbeit und Kapital mehr erzeugt, als (mit der gleichen Menge
Kapital und Arbeit) die Arbeitgeber der letzten Kategorie erzeugen
können, — nämlich die, die überhaupt keinen Gewinn erzielen, —
genau wie die Bodenrente den Mehrertrag der besseren Felder an
dem mißt, was mit der gleichen Menge Kapital und Arbeit auf den
wenigst produktiven Feldern hervorgebracht wird, die zur Versorgung
des Marktes noch unentbehrlich sind, und die selbst keine Rente
mehr abwerfen* 2).“

Die Theorie Walkbr’s enthält einen guten Teil Wahrheit, doch
ist sie nicht so neu, wie er es denkt. Der Beweis dafür liegt in den
Ausführungen Mill’s und Senior’s, von denen weiter oben gesprochen
wurde. Auch könnte man hier mehr als einen Volkswirtschaftler
des Kontinents anführen, von J.-B. Say über Hermann3) bis auf
Mangoldt. Auch ist auf der anderen Seite seine Lehre unter den

*) Er faßt seine Funktionen wie folgt zusammen; „Besitz technischer Geschick-
lichkeit, kaufmännischer Kenntnisse und administrativer Fähigkeiten, Übernahme von
Verantwortlichkeiten, wachsame Bereitschaft gegenüber allen Ereignissen, Form-
gebung und Leitung der Produktion, Organisation und Kontrolle der ganzen indu-
striellen Maschinerie“ (Wages Question, S. 245).

2) Walker, Quarterly Journal of Economics, April 1887, S. 278.

s) Hermann, Untersuchungen, S. 206; betreffend J.-B. Say, vgl. oben S. 127.
        <pb n="652" />
        ﻿Kapitel II. Die Theorie der Bodenrente und ihre Anwendungen. 627

neuesten Volkswirtschaftlern nicht vollständig durch gedrungen. Die
meisten der zeitgenössischen Schriftsteller erkennen ohne weiteres in
dem Profit eine Form der Rente an, die teilweise auf den persön-
lichen Eigenschaften des Unternehmers beruht, doch lehnen sie es
ab, hierin den einzigen Bestandteil des Profits zu sehen1). Bald
entdecken sie in ihm, wie Maeshall * 2 3), noch einen anderen Teil,
der eine Versicherungsprämie gegen das Risiko darstellt und einen
dritten, der bestimmt ist, die zur geistigen Bildung des Unter-
nehmers notwendigen Auslagen wiederzuerstatten :1j. Bald verwerfen
sie mit Waleas diese beiden letzten Bestandteile und nehmen an,
daß im statischen Zustand (nämlich im Zustand des vollkommenen
Gleichgewichts der Produktion) der Unternehmer weder Gewinn noch
Verlust hat. Die Quelle des Profits kann daher nur in den „dynami-
schen“ Renten liegen, nämlich in denen, die sich aus der beständigen
Verschiebung des Gleichgewichts in einer fortschreitenden Gesell-
schaft ergeben. Nur sind diese dynamischen Renten äußerst ver-
schieden und hängen nicht alle von der persönlichen Qualifikation
des Unternehmers ab.

Andere, wie Claek4), stimmen mit Waluas überein, daß der Profit
aus Renten besteht. Doch erkennen sie neben den dynamischen
Renten die Existenz von Renten sogar im statischen Zustand an. Die
für Waleas notwendige Hypothese eines gleichen Gestehungspreises
für alle Unternehmungen verwerfen sie als zu weit von der Wirk-
lichkeit entfernt. Für sie erzielt nur der am wenigsten begünstigte
Unternehmer (oder, wie die Engländer sagen, der Grenzunternehmer,

&gt;) Pantalboni (Economia pura, Teil III, Kap. IV) scheint uns der einzige
Schriftsteller zu sein, der fast ohne Einschränkung die Theorie Walkbr’s annimmt.

2)	Man findet seine Kritik Wai.kbr’s in dem Quarterly Journal of Eco-
nomics, 1887, S. 479 und in seinen Principles, 4. Ausg., 8. 705, Anm. Marshall
bleibt übrigens dabei, in Übereinstimmung mit der englischen Überlieferung, den
Kapitalzins der dem Unternehmer persönlich gehörenden Kapitalien in den Profit
einzusohließen.

3)	Auch diese Unterscheidung wird von Pantalboni gemacht : „Der Profit“, sagt
er, „kann auf einer höheren Geschicklichkeit beruhen, die auf Grund eines eingehenden
Studiums oder einer langen Vorbereitung erworben worden ist. In diesem Fall haben
wir es weniger mit einer Bentenart, als mit einem charakteristischen Profit zu tun,
der sehr ergiebig sein kann, aber einem ganz verschiedenen Gesetze unterliegt, als
dem, das im allgemeinen die Anlage von Kapitalien regelt“ (Economia Pura,
Teil III, Kap. IV). Dagegen lehnt es Pantalboni ab, im Profit eine Versicherungs-
prämie gegen Risiken zu sehen, weil, wie er sagt, wenn die Prämie richtig berechnet
ist, d. h. in genauer Proportion mit dem Risiko, „sie im Durchschnitt nach Verlauf
einer gewissen Anzahl von Jahren, ihr gleich sein muß, so daß die Nettorente gleich
Null wird“ (ebd.).

4)	Vgl. Clark, Distribution of wealth (1899) und Essentials of
seonomic theory (1908), 8. 156.

40*
        <pb n="653" />
        ﻿628

Fünftes Buch. Die Lehren der neuesten Zeit.

d. h. derjenige, dessen Produktionskosten am höchsten sind), weder
Gewinn noch Verlust. Was die anderen anlangt, so können sie, auch
in Abwesenheit jeder Gleichgewichtsverschiebung, noch eine Reihe
von Renten erhalten, die auf all den Umständen, die wir oben auf-
gezählt haben, beruhen: Mähe des Marktes, vervollkommneteMaschinen,
Zentralisation der Kapitalien usw. Für diese Volkswirtschaft!er be-
steht der Profit, nach dem Ausdruck Maeshall’s, aus einer „zu-
sammengesetzten — composite“ — Rente1).

Die volkswirtschaftliche Lehre hat also die Theorie Walkek’s
nicht ohne Vorbehalte angenommen. Um sich klar zu werden, wie
einseitig und übertrieben sie ist, braucht man nur daran zu denken,
daß die an Aktionäre verteilten Dividenden vom Profit genommen
werden. Kann man sagen, daß diese Dividenden auf den außer-
gewöhnlichen Fähigkeiten der Aktionäre beruhen* 2 3)?

Die Erklärung des Profits ist die interessanteste Ausweitung
der Rententheorie. Aber sie ist durchaus nicht die einzige. Von der
Lehre Ricardo’s ausgehend, kommt man dazu, ebenso viele verschiedene
Renten zu entdecken, wie es verschiedenartige Lageverhältnisse
in der wirtschaftlichen Welt gibt. Die derartig verallgemeinerte
Rententheorie ist der Hauptschlüssel, der alle individuellen Ver-
schiedenheiten der Einkommen zu erklären gestattet, „ln Wirklich-
keit“, sagt Mill, „stellen alle Vorteile, die ein Konkurrent über
einen anderen hat, seien sie natürlich oder erworben3), seien sie per-
sönlich oder beruhen sie auf gesellschaftlichen Bedingungen .. ., den
Besitzer dieser Vorteile sofort auf die gleiche Stufe, wie einen
Rentenempfänger.“ So führt die klassische Volkswirtschaft in die
Theorie der Güterverteilung wieder ein wenig von der Mannigfaltig-
keit des wirklichen Lebens ein, die sie durch ihre starre Lehre von
der Gleichheit des Zinsfußes und der Gleichförmigkeit der Lohnhöhe
zu sehr aus ihr vertrieben hatte4). Die Theorie der Rente wird eine

*) Übrigens kann der Unternehmer gezwungen sein, einen Teil dieser zusammen-
gesetzten Rente, sei es dem Grundbesitzer, sei es dem Kapitalbesitzer, dem er seine
Kapitalien entliehen hat, sei es den besonders geschickten Arbeitern, von denen er
profitiert, abzutreten. Welchen Teil aber nun? Das ist die schwierige Frage, die
Marshall in seinen Principles, B. V, Kap. X, § 4, und B, VI, Kap. VIII, § 9ff.
untersucht.

2)	Walker würde vielleicht antworten, dafi Dividenden einfache Kapitalzinsen
sind! Dieser Auffassung können wir aber nicht beistimmen.

3)	Mill, Principles, B. III, Kap. 5, § 4. Dieses Wort „erworben“ (acquis)
steht nicht mit der reinen Theorie über die Rente im Einklang, denn wenn diese
Vorteile erworbene sind, muß die Entlohnung, die sie erhalten, wie die Zinsen eines
aufgewendeten Kapitals betrachtet werden.

4)	Mill sagt: „Löhne und Profite stellen die allgemeinen Bestandteile der Pro-
duktion vor, während die Rente als Vertreter des differentiellen oder besonderen
Bestandteils betrachtet werden kann; jeder Unterschied zugunsten gewisser Produ-
        <pb n="654" />
        ﻿Kapitel II. Die Theorie der Bodenrente und ihre Anwendungen. 629

unentbehrliche Ergänzung dieser Lehre; sie vollendet sie und gibt
ihr ihre endgültige Gestalt. Sie ist sozusagen der Schlußstein des
Gewölbes.

b)	Die Eententheorie hat aber noch eine weitere Veränderung
erlitten.

Wie wdr gesehen haben, ist die Rente für Eicaedo im wesent-
lichen ein Differentialeinkommen * *). Ihren Ursprung verdankt
sie den Verschiedenheiten in der Fruchtbarkeit des Bodens.
Wenn alle Felder gleichmäßig fruchtbar wären, würde sie nicht be-
stehen. Ebenso haben alle anderen seitdem entdeckten Renten den-
selben Charakter: ob es sich um ein Stück Bauland oder einen
kräftigeren Arbeiter oder einen intelligenteren Unternehmer handelt,
stets ist es ein natürlicher Unterschied, der die Rente er-
klärt. Alle diese Renten sind von gleichem Typus. In gewisser
Weise kann man die Unternehmer, die die gleiche Ware hersteilen,
die Arbeiter, die denselben Beruf ausüben, die Kapitalien, die in dem
gleichen Geschäftszweige angelegt sind, in eine Skala sinkender Pro-
duktivität einstellen, so wie es Ricaedo mit den verschiedenen
Feldern getan hatte. Der letzte Unternehmer, der letzte Arbeiter,
das letzte Kapital der Skala bringen nur gerade genügend hervor,
um sie noch in Tätigkeit zu erhalten. Alle anderen erzeugen mehr.
Da sie trotzdem ihre Waren oder ihre Dienste zu dem gleichen
Preise verkaufen, gewinnen sie aber eine Rente, die um so höher ist,
je mehr ihre Produktivität die des letzten der Skala übersteigt.
Bei Einschluß der ganzen wirtschaftlichen Welt würde es eine Art
«Gesetz ungleicher Fruchtbarkeit-1 geben, nicht nur für die Felder,
sondern auch für die Kapitalien und die individuellen Fähigkeiten,
—- ein Gesetz, das genügen würde, um alle Ungleichheiten im Ein-
kommen der Produktionsfaktoren zu erklären.

Liegt aber in dieser Auffassung nicht etwas außerordentlich ge-
künsteltes? Lassen sich die Verschiedenheiten des Einkommens
nicht durch ein einfacheres, allgemeineres Prinzip erklären? Wäre
es nicht möglich, sich unmittelbar darüber Rechenschaft zu ver-
schaffen? — Ist es nötig, in einem so allgemeinen Phänomen eine
Ausnahme und eine Art Anomalie zu sehen? Es konnte nicht aus-

zenten oder zugunsten der Produktion ist unter gewissen Umständen eine Quelle
T°n Gewinn, der, auch wenn er nicht den Namen Rente trägt — solange seine Aus-
zahlung nicht periodisch erfolgt —, von völlig gleichen Gesetzen regiert wird“
(Stuart Mill, Principles, B. III, Kap. VI, § 4).

*) „Man muß sich erinnern, daß die Rente der Unterschied zwischen dem
durch gleiche Teile Arbeit und Kapital erhaltenen Produkt auf Feldern gleicher
oder verschiedener Qualität ist“ (Ricardo, Principles, Kap. IX, § 66. — Vgl.
oben SS. 170-171).
        <pb n="655" />
        ﻿630

Fünftes Buch. Die Lehren der neuesten Zeit.

bleiben, daß man sich diese Fragen stellte und es dauerte nicht lange,
bis man die Antwort gefunden hatte.

Der erste Zweifel stieg auf, als man benierkte, daß der Boden
sehr wohl eine Rente liefern kann, auch ohne daß irgend eine
Ungleichheit in der Fruchtbarkeit bestände. „Wenn der
ganze Boden eines Landes für die landwirtschaftliche Bewirtschaftung
benötigt wäre,“ sagt schon Stuaex Mill1), „so wurde seine Gesamt-
heit eine Rente abwerfen.“ Man braucht hierfür nur anzunehmen,
daß die Nachfrage genügend stark und die Produktion genügend be-
schränkt sei, um den Getreidepreis über den Produktionskosten zu
halten* 2 3). Auch wenn die Fruchtbarkeit ungleich ist, so kann doch
das schlechteste Feld noch eine Rente abwerfen. Stuaex Mill
glaubt, daß dieser Fall für die Felder ziemlich selten, aber für die
Bergwerke ziemlich häufig eintritt8). Woher kommt nun hier die
Rente? Sicherlich nicht von dem Unterschied in der Fruchtbarkeit
der- Felder, da diese Rente auch auf dem schlechtesten zum Vorschein
kommt. Die Ursache der Rente liegt also wo anders. Stuaex Mill
hat dies sehr gut gesehen: „Das Produkt hat in Wirklichkeit einen •
Seltenheitswert4 * * *).“

') Mill, Principles, B. II, Rap. XVI, § 2.

2)	Schon Eicardo hatte nebenbei diese Hypothese aufgestellt und gesagt: „Nehmen
wir an, daß die Notwendigkeit der Lage eine Million Zentner Getreide erfordert,
und daß diese Million Zentner auf der Jetzt unter Kultur stehenden Fläche geerntet
sei; nehmen wir weiter an, daß die Fruchtbarkeit dieser Fläche sieh so verändere,
daß sie nur noch 900000 Zentner hervorbringt: da die Nachfrage immer noch
eine Million Zentner beträgt, so wird der Getreidepreis steigen,
und man wird so den Augenblick vorwegnehmen, an dem man
schlechtere Felder urbar gemacht haben würde, wenn die Frucht-
barkeit des alten Bodens auf demselben Punkte stehen geblieben
wäre“ (Ricardo, franz. Übers. S. 377). Übrigens scheint Eicardo am Ende seines
Lebens mehr zu einer Auffassung geneigt zu haben, die der J.-B. Say’s nahe kommt.
Vgl. bei Früzouls (op. cit. S. 21; s. o. S. 622 Anm. 2) merkwürdige Zitate.

3)	„Sicherlich kann in gewissen Fällen eine Ware eine Rente abwerfen, sogar
wenn sie unter den ungünstigsten Umständen hergestellt worden ist, aber nur, wenn
sie sich in diesem Augenblick in der Lage eines Gutes befindet, dessen Angebot
absolut beschränkt ist, und das sich infolgedessen zu einem Seltenheitspreise verkauft;
dies ist niemals der Fall gewesen, ist es auch heute nicht und kann auch niemals
irgendwie andauernd der Fall irgendeiner der großen Waren sein, die eine Eente
geben“ (Mill, Principles, B. II, Kap. V, §4). Über die Bergwerke siehe dasselbe
Kapitel, § 3.

4)	Ebenda; Hier vergleicht Stuart Mill die Eente mit einem Monopoleinkommen.

„Eine Sache,“ sagt er (B. II, Kap. XVI, § 2), „deren Menge begrenzt ist, ist, auch
wenn die Eigentümer nicht in Übereinstimmung handeln, trotz alledem ein Monopol.“

Obgleich dieser Ausdruck von vielen Schriftstellern aufgenommen worden ist, kann

er doch bestritten werden. Das, was das Monopol charakterisiert, besteht darin, daß

der oder die Monopolisten im voraus die Menge des Produktes, daß sie auf dem
Markt anbieten werden, festsetzen, und zwar in der Weise, um den größtmöglichen
        <pb n="656" />
        ﻿Kapitel II. Die Theorie der Bodenrente und ihre Anwendungen. 631

Wenn aber dies die Erklärung der Rente ist, insofern sie auf
dem letzten in Anbau genommenen Felde erscheint —, warum soll
die Erklärung anders lauten, wenn es sich um die Rente besserer
Felder bandelt? Man versteht nicht recht, weshalb Stuart Mill
diese Folgerung nicht gezogen hat.

Wie erklärt er selbst das Entstehen der Rente auf dem Felde
Nr. 1? Da die Erzeugung für die Nachfrage nicht genügt, sagt er,
steigen die Preise, und nur wenn sie eine genügende Höhe
erreicht haben, um in normaler Weise das Kapital und die Arbeit,
die in die neuen Felder gesteckt worden sind, zu entlohnen, wird
man Felder zweiter Qualität in Bewirtschaftung nehmen1).

Was ist nun hier die Ursache der Rente? Sie beruht offenbar
auf dem Steigen der Nachfrage und nicht auf der Inangriffnahme
des Anbaues auf den Feldern Nr. 2, da diese Inangriffnahme nach
der Preiserhöhung eintritt2). Und weiter! Die Wirkung dieser neuen
Bewirtschaftung wird nicht darin bestehen, die Bildung der Rente her-
vorzurufen, sondern im Gegenteil ihr entgegen zu wirken—, indem
sie dem weiteren Steigen der Preise Einhalt tut, weil dieser Steigerung
durch die Vermehrung der auf dem Markt befindlichen Menge Grenzen
gezogen werden. Die Rente von den Feldern Nr. 1 ist daher eine
Seltenheitsrente, die unmittelbar auf dem Steigen der Nachfrage be-
ruht und von jeder Verschiedenheit in der Güte der Felder unabhängig
ist. Die wirkliche Ursache der Rente auf allen Feldern (auf denen der
besten wie der schlechtesten Beschaffenheit) ist daher stets dieselbe:
die Unzulänglichkeit des Angebots im Verhältnis zur Nachfrage.

Der gleiche Gedankengang läßt sich auf alle anderen Differential-
renten anwenden, die in dem vorhergehenden Paragraphen aufgeführt

Totalgewinn zu erzielen. Das ist nicht der Fall für die Besitzer des Grund und
Bodens. Wenn es ein Monopol ist, so ist es auf alle Fälle ein unvollständiges Monopol.

Stüaht Mill, Principles, B. III, Kap. V, § 1.

2) Dieses Argument führt schon J.-B. Say in seiner Polemik gegen Eicaedo
an. Er sagt: „Wer sieht nicht ein: wenn das Anwachsen der gesellschaftlichen
Bedürfnisse den Getreidepreis auf eine Höhe treibt, die es gestattet, die schlechtesten
Beider in Bewirtschaftung zu nehmen, vorausgesetzt man kann auf ihnen den Lohn
seiner Arbeit und den Profit seines Kapitales finden, erst dies Anwachsen der
gesellschaftlichen Bedürfnisse und der Preis, den die Gesellschaft zu zahlen imstande
ist, um Getreide zu erlangen, es ermöglichen, einen Grund- und Bodenprofit auf den
besseren oder günstiger gelegenen Feldern zu finden?“ (Traite, 6. Ausg. S. 410).
Er fährt fort, indem er sagt; „D. Ricardo zeigt in demselben Kapitel sehr gut,
daß der Grund- und Bodenprofit nicht die Ursache, sondern die Wirkung des
Bedürfnisses ist, das für Getreide besteht; und die Gründe, die er anführt, können
dazu dienen, um gegen ihn zu beweisen, daß die anderen Produktionskosten, besonders
die Arbeitslöhne, ebensowenig die Ursache, sondern die Wirkung des Marktpreises
der Produkte sind“. — Ricardo scheint nahe daran gewesen zu sein, sich überzeugen
zu lassen. Siehe vorhergehende Seite, Anm. 2.
        <pb n="657" />
        ﻿632

Fünftes Buch. Die Lehren der neuesten Zeit.

worden sind, — womit sich dann die Schlußfolgerung aufdrängt, daß
die Eente unter allen ihren Formen nicht eine Anomalie, sondern
eine durchaus normale Folge der allgemeinen Wertgesetze ist. Überall
dort, wo aus irgendeinem Grunde dwPi'oiti ein»» Produkt» einen
Seltenheitswert erlangt und die Produktionskosten übersteigt (diese
Gründe können zahlreich sein), ergibt sich für den Verkäufer dieses
Produktes eine Eente. Dies ist die allgemeine Formel, zu der man
auf diese Weise geführt wird, eine Formel, die von dem Gesetz des
sinkenden Ertrages oder der ungleichmäßigen Fruchtbarkeit der Felder
durchaus unabhängig ist1).

Zu dieser Folgerung ist man jedoch nicht so ohne weiteres ge-
langt. Die englische Volkswirtschaftslehre, die ganz von den Ideen
Eicakdo’s durchtränkt ist, hängt auch heute noch an der Auffassung
der Differentialrente. Die festländischen Volkswirtschaftler haben im
Gegenteil in der Eente sehr bald eine einfache Anwendung des
Gesetzes von Angebot und Nachfrage erkannt. Schon J.-B. Say er-
klärte. die Grundrente durch „die Ausdehnung der Bedürfnisse der
Gesellschaft und den Preis, den sie imstande ist, für das Getreide
zu zahlen* 2 3 * * *). Mit viel größerer Genauigkeit legte ein deutscher Volks-
wirtschaftler, Hermann, Professsor in München, in seinen selbständigen
und scharfsinnigen Staats wir tschaftlichen Untersuchungen,
die 1832 veröffentlicht wurden, die Bodenrente als einen einfachen
Sonderfall der Eente fixer Kapitalien dar. Während die umlaufenden
Kapitalien, so erklärte er, infolge der Leichtigkeit ihrer Übertragung
fast stets das gleiche Einkommensniveau haben, können die fixen
Kapitalien weder so schnell an anderer Stelle angelegt, noch auch
so schnell vermehrt werden. Daraus ergibt sich sehr oft für sie
ein Einkommen, das höher ist, als das der umlaufenden Kapitalien:
eine Eente. Und anstatt vorübergehend zu sein, kann ihnen diese
Eente dauernd verbleiben, wenn die neuen fixen Kapitalien, die mit
den ersten in Konkurrenz treten, nicht die gleiche Produktivität
haben. Dies tritt nun gerade für Felder ein8). — Etwas später
definierte ein anderer Deutscher, Mangoldt, die Eente als eine
„Seltenheitsprämie“, von der „nicht alle Bestandteile der Produktion,

■) Die Theorie des wirtschaftlichen Gleichgewichts gestattet noch besser, die
Allgemeinheit der Tatsache der Bodenrente hervortreten zu lassen. Wir verweisen
hierüber auf den Cours von Paketo und das Werk von Sehsi, La teoria della
rendita, ßom, 1912.

2)	Vgl. vorhergehende Seite Anm. 2.

3)	Hekmann, Staats wissenschaftliche Untersuchungen. 6. Teil.

Vom Gewinn. Im Vorwort sagt er schon: „Die Lehre von der Bodenrente konnte

hier nur ein Einzelfall in der Darlegung des Gesetzes sein, dem der Gewinn aus

einem fest angelegten Kapital im allgemeinen folgt“.
        <pb n="658" />
        ﻿Kapitel II. Die Theorie der Bodenrente und ihre Anwendungen. 633

sondern nur die, die man nicht vermehren kann“ Gewinn haben. Wenn
nns die Rente oft unter einem Differentialcharakter erscheint, so
beruht dies einfach darauf, daß die Seltenheit oft relativ ist und
vermindert werden kann, indem man an Stelle des Seltenheitsfaktors
der Produktion andere setzt, die einen geringeren Ertrag geben1).
Ebenso weist Schäfflb 1867 in einem teilweise der Rente gewidmeten
Werke* 2) mit Nachdruck auf den Gedanken hin, daß der Boden eine
Rente abwirft, nicht weil er ein Geschenk der Natur ist, sondern
einfach deshalb, weil der Boden unbeweglich ist und infolgedessen
keine Ortsveränderung oder Vermehrung gestattet, wie die anderen
Kapitalien. — Als endlich Kahl Mengee 1872 in seinen Grund-
sätzen der Volkswirtschaftslehre den Grund der modernen
Wertlehre legte, beeilte er sich, die Theorie der Rente in die
allgemeine Preistheorie einzubeziehen, indem er kathegorisch be-
hauptete: „Die Bodenbenutzungen stehen demnach rücksichtlich ihres
Wertes unter keinen anderen allgemeinen Gesetzen als z. B. die
Nutzungen von Maschinen, Werkzeugen, Wohnhäusern, Fabriken, ja
als alle übrigen ökonomischen Güter, welcher Art sie auch immer
sein mögen“3).

Den einzigen Unterschied, den die heutigen Nationalökonomen
zwischen den so verstandenen Renten anerkennen, ist ihre mehr oder
weniger lange Dauer. Die einen, wie die von einer Maschine höherer
Qualität gelieferten, verschwinden sehr schnell, da man mit Leichtig-
keit neue, konkurrierende Maschinen herstellen kann; andere bleiben
im Gegenteil während einer langen Zeit an das gleiche produktive
Element gebunden: es sind dies alle die, die auf natürliche Qualitäten,
sei es des Boden, sei es des Menschen beruhen. Um die Ausdrucks-

*) Mangoldt , Die Lehre vom Unternehmergewinu (Leipzig 1855)
S. 109 ff.

2)	, Schaufele, Die nationalökonomische Theorie der ausschließen-
den. Absatz Verhältnisse, Tübingen, 1867. In diesem Werk bemüht sich
Schaufele eine Rechtfertigung der Renten im allgemeinen und der Bodenrente im
besonderen zu erbringen. Er sieht in den Renten Prämien, die der erhält, der
seine persönlichen Fähigkeiten oder seine Kapitalien oder seinen Boden in einer
besonders nutzbringenden Art und Weise zu verwenden weiß. Die Rente ist ein
Lockbissen, die Quelle allen Fortschrittes und aller wirtschaftlichen Tätigkeit, eine
Art natürliches Urheberrecht, das die Gesellschaft ganz spontan denen zuerkenut, die
es verstehen, ihr zu dienen, das aber die Konkurrenz dann wieder zur rechten Zeit
beseitigt. Auch die Bodenrente wird durch diesen Charakterzug gerechtfertigt,
ausgenommen, wo sie durch die Gesetzgebung verfälscht oder zu einem Mißbrauch
verkehrt worden ist. — Diese Verteidigungsrede zugunsten der Rente ist sehr
Interessant und die, die in der Bodenrente nur ein „unearned in crem ent“
sehen, würden gut tun, über diese wirtschaftliche Funktion des nicht erworbenen
Einkommens naohzudenken.

3)	Mengeh, Grundsätze der Volkswirtschaftslehre, S. 148.
        <pb n="659" />
        ﻿634

Fünftes Buch. Die Lehren der neuesten Zeit.

weise Paeeto’s anzuwenden v). sind die von einem bestimmten Kapital
gelieferten Renten mehr oder weniger dauerhaft je nachdem die Er-
sparnisse sich mehr oder weniger leicht in ein solches
Kapital verwandeln lassen. In der Zusammenfassung seiner scharf-
sinnigen Erklärungen über den vorliegenden Gegenstand erklärt
Maeshall: „Wenn wir von den freien Geschenken der Natur zu den
ständigen Meliorationen des Bodens, von da zu weniger dauerhaften
Verbesserungen, und von diesen wieder zu landwirtschaftlichen oder
Fabrikgebäuden, zu Dampfmaschinen usw. und endlich zu weniger
dauerhaften Instrumenten, die sich am schnellsten wieder herstellen
lassen, übergehen, so finden wir eine fortlaufende Skala (von Renten)“2).

Und, so können wir anfügen, die Skala läuft bis zu dem Punkte
fort, wo die Rente negativ wird, nämlich bis zu dem Punkt, an
dem die Bedingungen des Angebots und der Nachfrage, nachdem
sie einen Zusatzgewinn gestattet haben, das Einkommen aus dem
Produktivmittel unter die normale Höhe drücken. Thünen hatte
schon die negative Rente aufgezeigt, und Paebto hat diesen Begriff
wieder aufgenommen.

Für die modernen Schriftsteller ergeben sich daher die Renten
einfach aus den Gesetzen des Angebots und der Nachfrage. Hier-
durch gewinnt der Begriff der Rente seine ganze Allgemeinheit. Zu
gleicher Zeit hört er auf, eine Merkwürdigkeit oder eine Anomalie
zu sein. Das angebliche Gesetz des sinkenden Ertrages verliert derart

‘) „Die Summe, die man für den Gebrauch des Bodens zahlt, unterscheidet
sich in nichts von der Summe, die man für den Gebrauch jedes anderen Kapitals
zahlt, z. B. den einer Maschine. Wenn man den Boden — oder die Maschine — im
gleichen Zustand, wie man sie erhalten hat, zurückgibt, so zahlt man noch etwas
dazu, einfach deshalb, weil diese Kapitalien wirtschaftlich selten sind, d. h.
weil sie in unserer Eeichweite nicht in einer Menge vorhanden sind, die die über-
steigt, deren wir bedürfen. Was den Boden von der Maschine unterscheidet, ist,
daß das Gesparte sich leicht in neue Maschinen umwandeln läßt, während es sich
gewöhnlich nicht in neuen Boden verwandeln kann, oder wenigstens kann diese
Umwandlung nur zu Preisen geschehen, die sie wirtschaftlich unmöglich machen.“
Pabeto, Cours d’economie politique, B. II, § 759). — In analogen Aus-
drücken sagt Marshai.l ; „Der Unterschied zwischen der Bodenrente und den
Quasi-Eenten anderer Gegenstände (Marshall nennt Quasi-Eenten die Ein-
kommen, die der Bodenrente ähnlich sind, aber nicht aus Naturquellen fließen)
beruht auf der Tatsache, daß der Mietspreis der anderen Gegenstände, unter ge-
wöhnlichen Umständen und auf die Dauer, die normalen Profite, die sich über die
Produktionskosten hinaus ergeben, nicht weit übersteigen kann, während das
Angebot an fruchtbarem Boden sich der Nachfrage nach solchem Boden nicht schnell
genug anzupassen vermag; deshalb vermag das Einkommen, das daraus gezogen
werden kann, ständig die normalen Profite, die sich über die Ausgaben für die
Vorbereitung des Bodens auf die Kultur ergeben, weit zu übersteigen“ (Principles,
B. V, Kap. IX, § 4).

*) Maeshall, Principles, B. V, Kap. IX, § 5.
        <pb n="660" />
        ﻿Kapitel II, Die Theorie der Bodenrente und ihre Anwendungen, 635.

viel von seiner wirtschaftlichen Bedeutung, und die Theorie Eicardo’s,
die sich darauf stützt, erscheint stark bedroht. Nachdem sie mehr
als irgendeine andere die volkswirtschaftliche Polemik angefacht
hatte, scheint diese Theorie nahe daran zu sein, mit der klassischen
■Werttheorie unter die Doktrinen eingereiht zu werden, mit denen
sich wohl der Historiker noch beschäftigt, von denen aber der Volks-
Wirtschaftler keinen Gebrauch mehr macht1).

§ 2. Der Begriff des „unearned increment’s“ und die
Wegsteuerung der Rente.

Ricardo scheint nicht geahnt zu haben, mit wie großen Gefahren
seine Rententheorie das Grundeigentum bedrohte. Es genügte ihm, aus
ihr Argumente gegen die Getreidezölle zu ziehen. Er gibt sich ebenso
wenig damit ab, das Einkommen aus Boden, wie das aus Kapital zu
rechtfertigen. Beide erscheinen ihm als untrennbar vom Eigentum.

Aber andere Schriftsteller waren anspruchsvoller. Trotz aller
gegenteiligen Beweise, die die Wirklichkeit liefert, ist es eine tief
in den Gemütern wurzelnde moralische Idee, daß alles Einkommen
sich durch eine persönliche Anstrengung des Nutznießers rechtfertigen
muß. Die Bodenrente nun, so wie sie in der Theorie Eicaedo’s er-
scheint, ist vor allen anderen ein Einkommen ohne Arbeit, ein nicht
erworbenes Einkommen, ein „unearned increment“. Daher ist die

*) Wenn es der Baum gestattete, würde hier der Platz sein, auf die letzte
Erscheinungsform einzugehen die die Idee der Rente in dem Werke des amerika-
nischen Volkswirtschaftlers Clark, Distribution of wealth (1899) angenommen
hat. In diesem Buche, dessen Verfasser einen berechtigen Ruf genießt, werden
nacheinander alle Einkommen als Renten hingestellt. Und in der Tat, wenn wir
das Kapital einer Gesellschaft als gegeben annehmen und aufeinanderfolgende und
immer zahlreichere Dosen Arbeit hinzufügen, so wird eine jede neue Dosis Arbeit
etwas weniger als die vorhergehende produzieren. Die Produktivität der letzten
Dosis regelt jedoch die Entlohnung aller vorhergehenden, und es wird sich daher
ein Überschuß an erzeugtem Wert heraussteilen, der die Produktivität des Kapitals
darstellt und durchaus einer Rente gleich sein wird. — Nehmen wir nun im Gegen-
teil die Arbeitsmenge als gegeben an, und fügen wir aufeinander folgende Dosen
Kapital hinzu: diese werden ihrerseits eine sinkende Produktivität zeigen, und da
die Entlohnung einer jeder Dosis gleich der Produktivität der letzten zugefügten
Dosis ist — so wird der ganze Überfluß als eine der Arbeit zustehende Rente an-
zusehen sein. Und so fort. Das Buch enthält höchst geistreiche Konstruktionen, die
sich aber nicht in einer Anmerkung behandeln lassen. Unserer Meinung nach wird
die Theorie des wirtschaftlichen Gleichgewichts den Tatsachen der Güterverteilung
auf einfachere Weise gerecht, und der gewisse Optimismus, zu dem die Theorie
Clahk’s gelangt, scheint uns nicht genügend gerechtfertigt. Seine Bemühung, die
Idee der Randproduktivität und die des sinkenden Bodenertrags zu vereinigen, ist
ein neuer Beweis des andauernden Einflusses, den die Ideen Rioahdo’s auf die
angelsächsischen Volkswirtsohaftler ausüben.
        <pb n="661" />
        ﻿636

Fünftes Buch. Die Lehren der neuesten Zeit.

Bodenrente illegitim. Dies ist der Schluß, den man sehr bald aus
den Prämissen Ricaedo’s gezogen hat.

Diese Schlußfolgerung mußte sich auch um so natürlicher auf-
drängen, da sie in einer sehr alten Auffassung, die schon aus der
Zeit vor Ricardo stammt, eine Stütze fand: die Idee der Ungerechtig-
keit nicht nur des aus dem Grundbesitz stammenden Einkommens,
sondern des Grundbesitzes an und für sich. Das bewegliche Eigentum
ist eine persönliche Schöpfung des Menschen, eine Frucht der Spar-
samkeit und der Arbeit, wenn auch nicht nicht immer des gegen-
wärtigen, so doch zum wenigsten eines früheren Besitzers. Aber der
Boden! Ist er nicht eine Gabe der Natur, ein freies Geschenk der
Vorsehung, das allen ohne Ausnahme dargeboten wird? Man kennt
den berühmten Ausruf Peoudhon’s; „Wer hat die Erde gemacht? —
Gott. — Daher, fort mit Dir, Besitzer!“ *) Für diese ursprüngliche
und sehr alte Auffassung hat Ricardo wider Willen einen neuen
Beweis geliefert.

Der Gedanke eines natürlichen Anrechtes der Gemeinschaft auf
den Boden lebt in allen Ländern. Doch hat er in England zahl-
reichere Anhänger als in anderen Ländern gehabt, vielleicht infolge
der dort bestehenden Vorherrschaft des Großgrundbesitzes und der
Mißbräuche, zu denen dies Anlaß gab. Dieser Gedanke hat seine
Wurzeln sogar in den juristischen Überlieferungen der Nation.
„Unsere Gesetze“, sagt der Rechtsgelehrte Feedeeic Pollock ä)
„kennen als absolutes Grundeigentumsrecht nur das der Krone. Der
ganze Boden wird so angesehen, als ob er mittelbar oder unmittelbar
von der Krone zu Lehen gegeben worden wäre, auch dort, wo keine
Abgabe oder Dienstleistung darauf ruht, und ohne daß die Archive
irgendeinen von der Krone ausgestellten Ubertragungstitel enthalten“.
Schon im 17. Jahrhundert behauptete Locke in seinem kleinen Buch
„On civil government“, daß „Gott die Erde den Menschenkindern
zum gemeinsamen Besitz gegeben habe“.

Seit dem Ende des 18. Jahrhunderts trifft man immer häufiger
die Behauptung eines Rechtes der Gemeinschaft, den ungerechter-
weise angeeigneten Boden zurückzunehmen. Manchmal stammen sie
von unbekannten Reformern, oft aber auch von bedeutenden oder
berühmten Schriftstellern. 1775 schlug ein Lehrer in Newcastle,
Thomas Spenge, in einem in der philosophischen Gesellschaft dieser
Stadt gehaltenen Vortrage vor, daß das Eigentumsrecht am Boden
wieder den Gemeinden zufallen solle. Darauf sah er sich in der Folge
gezwungen, nach London zu flüchten, wo er nicht ohne Erfolg eine

b Phoudhon, Qu’est-ce que la propriete? S. 74.
2J Pollock, The Land Laws, S. 12 (London, 1883).
        <pb n="662" />
        ﻿Kapitel II. Die Theorie der Bodenrente und ihre Anwendungen. 637

lebhafte Propaganda seiner Ideen ins Werk setzte. 1781 veröffent-
lichte ein angesehener Professor der Universität Aberdeen, W. Ogilvie,
anonym einen „Versuch über das Eecht des Grundeigentums“, in dem
er vorschlug, durch eine Steuer den ganzen Wert des Bodens, soweit
er nicht auf die Meliorationsarbeiten des Besitzers zurückzuführen
sei, zu konfiszieren. Seine Gedanken sollen angeblich die Zustimmung
des Philosophen Ebid gefunden haben. Thomas Paine führte 1797
in einer Broschüre ähnliche Gedanken aus*). Im 19. Jahrhundert
finden wir von neuem ihre Verteidigung bei einem gewissen Patrick
Edward Dove in seinem 1850 veröffentlichten Werke2). Im folgen-
den Jahre erklärte der berühmte Philosoph Herbert Spencer in
seiner Sozialen Statik3), daß die Wieder-in-Besitz-nahme des
Bodens durch den Staat „mit dem höchsten Zustand der Zivilisation
im Einklang stehe“ und ebenfalls in völliger Harmonie mit dem Sitten-
gesetze sei. Allerdings gab Spencer in einem späteren Werke zu,
daß „alles was die Gemeinschaft gerechterweise verlangen kann, die
Oberfläche des Bodens im Urzustand ist“4), und sprach ihr jedes
Eecht ab, „auf den Wert, den der Boden durch Abholzung, Urbar-
machung, andauernde Bewirtschaftung, Drainage, Straßenbauten, land-
wirtschaftliche Gebäude usw. erhalten habe“. Trotz dieser bedeut-
samen Einschränkung wird das Prinzip von ihm nicht weniger klar
anerkannt.

Außerhalb Englands wurde das Unrecht der Gemeinschaft am
Boden mehr als einmal proklamiert. Neben wirklichen Sozialisten,
wie Proudhon und dem belgischen Baron Colins, oder christlichen
Sozialisten, wie Francois Hiiet, findet man es von Philosophen, wie
Eenouvier, Fooillee und Secretan bestätigt. Sie gehen soweit,
ein Entschädigungsrecht zugunsten der jetzigen Generation anzu-
erkennen, das zu Lasten der Gesellschaft zu gehen hat, die die
früheren Usurpationen duldete.

So verkündete eine schon alte Auffassung, die von jeder wirt-
schaftlichen Theorie über die Eente unabhängig ist, das Urrecht
eines jeden Menschen am Boden und forderte die Wiederaufrichtung
dieses Eechtes. Wir finden übrigens ihr Echo bei fast allen An-

') Agrarian Justice opposed to agrarian law and agrarian mono-
poly (Agrargerechtigkeit gegenüber Agrarrecht und Agrarmonopol) London, 1797.

2)	The theory of human progression and natural probahility of
a reign of justice (Theorie des menschlichen Fortschrittes und natürliche Wahr-
scheinlichkeit einer Herrschaft der Gerechtigkeit). Vgl. über Spence, Oqilvie, Dove,
Paine die Dissertation Escakba’s: Nationalisation du sol et Soeialisme.
Paris, 1904. Wir entlehnen ihm die Einzelheiten über die verschiedenen Schrift-
steller, deren Texte wir nicht vor Augen gehabt haben.

3)	Social Statios, 1851, Kap. IX, Abt. 8.

4)	Heebekt Spencer, Justice, franz. Übers., S. 107 (1893).
        <pb n="663" />
        ﻿638

Fünftes Buch. Die Lehren der neuesten /eit.

hängern der Nationalisierung des Bodens, Stuaet Mill, Wallace,
Heney Geoege und Waleas 1) wieder. Hierdurch stehen sie in enger
Verbindung mit den Schriftstellern, von denen wir eben gesprochen
haben. Nur einer, Gossen, macht eine Ausnahme.

Doch es führt nicht sehr weit, die Unrechtmäßigkeit des Grund-
besitzes nur zu behaupten. Denn wenn die Aneignung des Bodens
eine Ungerechtigkeit vorstellt, so liegt diese Ungerechtigkeit so weit
zurück, daß ihre Urheber seit langem durch Verjährung gedeckt sind.
Die meisten der jetzigen Grundbesitzer, wenn nicht alle, haben den
Boden nicht mit Gewalt usurpiert, sondern durch die Früchte ihrer
Arbeit und ihrer Ersparnisse regelrecht erworben. In ihren Händen
ist der Boden ein ebenso rechtmäßig besessenes Produktionsmittel,
wie irgendein Kapital, eine Maschine zum Beispiel. Es ihnen ohne
Entschädigung nehmen, würde das alte Unrecht nicht wieder gut
machen, sondern es nur mit einem neuen Unrecht krönen. Daher
hatte die Theorie des Rechtes der Gemeinschaft am Boden ein nur
platonisches Interesse bis zu dem Tage, an dem sie durch eine neue
Theorie: die der Rente, verstärkt wurde.

Was beweist Ricabdo nämlich ? Daß das Privilegium des Grund-
besitzes sich sozusagen unter unseren Augen verewigt. Der Boden
genießt einen Vorteil, den kein anderes Kapital genießt. Selbsttätig,
automatisch, außerhalb jeder Betätigung des Besitzers, wächst sein
Einkommen. Die Erstreckung der Bewirtschaftung auf neue Felder,
das Wachstum der Bevölkerung, die sich hieraus ergebende Nach-
frage nach Nahrungsmitteln sichern der Erde einen ins Endlose
wachsenden Wert. Der Wille, die Intelligenz oder die Initiative des
Besitzers haben damit nichts zu schaffen. Die Umstände, das soziale
Milieu sind seine einzige Quelle. Dieser Wert, der aus der Gemein-
schaft erwächst, gehört ihr; und trotzdem usurpiert ihn der Grund-
besitzer heute geradeso, wie er im Anfang den Boden selbst usurpierte.
Warum soll er nicht daran gehindert werden?

l) Stuart Mill: „Die Erde ist das ursprüngliche Erbe der gesamten Mensch-
heit11. (Dissertations and Discnssions, Bd. IV, S. 243; vgl. anoh S. 256).
In seinen Principles of Political Economy (Bd. II, Kap. II, § ö) drückt er
sich wie folgt aus: „Da das wesentliche Prinzip des Eigentums darin besteht, einem
jeden das, was er durch seine Arbeit erzeugt und durch seine Enthaltsamkeit ange-
sammelt hat, zu sichern, so kann sich dieses Prinzip nicht auf das beziehen, was
kein Arbeitserzeugnis ist: das Rohmaterial der Erde.“ — Waleas (Theorie de la
propriete in den Etudes d’economie sociale, S. 218) schreibt: „Auf Grund
des natürlichen Rechtes ist der Boden das Eigentum des Staates.“ — Henry George
(Progress and Poverty, Buch VII, Kap. I; S. 297 der deutschen Übers, von
F. Dobeert „Fortschritt nnd Armut“, Halle/S. Verlg. 0. Hendel) sagt: „Das gleiche
Recht aller Menschen auf die Nutznießung von Grund und Boden ist ebenso klar
wie das gleiche Recht auf die Luft, die wir einatmen — es ist ein Recht, verbürgt

durch die Tatsache ihrer Existenz.“
        <pb n="664" />
        ﻿Kapitel II. Die Theorie der Bodenrente und ihre Anwendungen. 689

„Stellen wir uns vor“, schreibt Stuart Mill, „daß es eine Art
Einkommen gäbe, die das Bestreben hat, beständig ohne jede An-
strengung und ohne jedes Opfer von seiten des Besitzers größer zu
werden, So daß diese Besitzer in der Gemeinschaft eine Klasse dar-
stellen, die sich auf Grund des natürlichen Laufes der Dinge fort-
schreitend bereichert, obgleich sie eine absolut passive Rolle spielt.
Es würde dann keine Verletzung irgendwelcher Prinzipien sein, auf
denen das Privateigentum beruht, wenn der Staat sich diesen Zuwachs
des Reichtums oder einen Teil dieses Zuwachses, im Maße wie er
sich bildet, aneignet. Eigentlich würde er niemandem etwas nehmen,
sondern einen durch die Umstände geschaffenen Zuwachs des Reich-
tums nur zum Nutzen der Gesellschaft verwenden, anstatt ihn als
einen unverdienten Vermögensznwachs einer Sonderklasse zufließen
zu lassen. In genau diesem Fall befindet sich nun die Rente“ 1).

Gegen dieses Argument scheint sich wirklich nichts entscheiden-
des einwenden zu lassen. Auf jeden Fall schlug man sofort nach
dem Erscheinen des Werkes Ricakdo’s die Konfiskation der Rente zu-
gunsten des Staates vor.

Schon 1821 schrieb sein Freund James Mill, daß der Staat mit
vollem Recht nicht nur die jetzige Rente, sondern auch die zu-
künftige Steigerung der Bodenrente für sich in Anspruch nehmen
könne, um damit die öffentlichen Ausgaben zu decken2). Etwas
später drückten die Saint-Simonisten den gleichen Gedanken aus3).
Hauptsächlich war es aber der Sohn von James Mill, Stuart Mill,
der diesem Gedanken anhing. Schon in seinen Principles of
Political Economy legt er den allgemeinen Plan dieser Reform
dar. Nach 1870 findet man ihn noch besser in dem Programm der
von ihm gegründeten Liga der „Land tenure Reform Association“
ausgeführt, die seine Ideen verbreiten sollte, sowie in den Reden und
Kommentaren, die damit Zusammenhängen 4).

Die Grundzüge waren die folgenden: 1. Der Staat kann sich
nur die zukünftige Bodenrente aneignen, soweit sie sich nach der

’) Principles, B. V, Kap. II. § 5.

s) Jasibs Mill; Elements of Political Economy, Kap. IV, Abt. 6
(franz. Übers, von 1828, SS. 270—271). „Diese fortwährende Erhöhung der Bodenrente,
die auf Umständen beruht, die sich aus der Gemeinschaft ergeben und nicht aus
dem Tun und Lassen irgendeines Besitzers, scheint nicht weniger dazu geeignet,
in besonderer Weise den Bedürfnissen des Staates dienstbar gemacht zu werden,
als das Einkommen aus Boden in einem Lande, wo der Boden niemals Privateigentum
gewesen ist.“

8) Vgl. oben S. 257.

4)	Principles of Political Economy, Bd. V, Kap. II, § 5. Vgl. auch im
selben Buche, Kap. III, §§ 2 und 6. Siehe das Programm der Liga in Disser-
tations and discussions, B. IV.
        <pb n="665" />
        ﻿640

Fünftes Buch. Die Lehren der neuesten Zeit.

Durchführung der Reform bildet, da die Eigentümer ein Recht auf
die bestehende Rente erworben haben. 2. In der Praxis wird man
mit einer Abschätzung der Gesamtheit des Bodens beginnen; auf
Grund einer noch festzulegenden Basis wird man dann in be-
stimmten Zeitabschnitten den Wertzuwachs zu schätzen suchen, der
ihm in seiner Gesamtheit zugefallen ist. Eine allgemeine Steuer
würde dann gestatten, diesen Zuwachs einzuziehen1). 3. Damit kein
Besitzer sich für benachteiligt halten könne, muß der Staat es ihm
stets freistellen, entweder die neue Steuer zu bezahlen, oder ihm
seinen Besitz zu dem Geldpreis zu verkaufen, den er dafür zur Zeit
der Einführung der Reform hätte erhalten können.

Was die sofortige Nationalisierung des Bodens anlangt, so er-
klärt sich Mill dagegen. Nicht daß er sie ungerecht fände, im
Gegenteil. Er hat aber eine zu schlechte Meinung von der Ver-
waltung durch den Staat oder durch die Städte, um an die Nützlich-
keit einer derartigen Maßnahme zu glauben. Er fürchtet, daß „viele
Jahre vergehen müssen, bevor das vom Staat erzielte Einkommen ge-
nügend sei, um die Entschädigung zu bezahlen, die die enteigneten
Grundbesitzer mit Recht verlangen können“* 2).

Stuaet Mill verhehlte sich nicht, daß die finanziellen Ergebnisse
der Reform ziemlich gering und ihre sofortige Tragweite bescheiden
sein würden. Einige Jahre später schlug ein anderer Schriftsteller
eine viel radikalere Maßnahme vor, die eine wirkliche soziale Er-
neuerung nach sich ziehen sollte. Das Projekt, das Heney Geoegb
auf die Theorie der Rente aufbaute, war in der Tat bestimmt, das
Elend abzuschaffen und die Gerechtigkeit in der Güterverteilung
wiederherzustellen.

Heney Geoege (1839—1897) wrar kein National Ökonom von Beruf;
er war ein „self-made man“, ein Autodidakt, der, ehe er Schriftsteller
wurde, die verschiedensten Beschäftigungen ausgeübt hatte. Mit
16 Jahren schiffte er sich als Matrose ein und führte lange Zeit ein
Wanderleben, bis er 1861 in San-Franzisko als Setzer in eine Druckerei
eintrat und schließlich Leiter einer Zeitung wurde. Er erlebte den
rapiden Aufschwung San-Franziskos und der ganzen Umgebung, der
infolge des Zuströmens der Goldsucher und der landwirtschaftlichen
Inbetriebnahme Westamerikas einsetzte. Er sah das enorme Wachsen
der Boden werte unter diesen Einflüssen und das Spekulationsfieber,

2) Mill hält es für unmöglich, auf jedem Stück Land für sich den Mehrwert,
der auf allgemeine Umstände zurückzuführen ist, von dem zu unterscheiden, der
auf den vom Besitzer gemachten Aufwendungen beruht. Deshalb erscheint ihm eine
allgemeine Steuer die einzig gerechte Art und Weise, die Bodenrente zu kon-
fiszieren.

2) Dissertations and discussions, Bd. IV, S. 256.
        <pb n="666" />
        ﻿Kapitel II. Die Theorie der Bodenrente und ihre Anwendungen. 641

das sich daraus ergab. 1879 ließ er das Werk erscheinen, das ihn
berühmt machte, und zu dem diese Umstände den Anstoß gegeben
hatten: Fortschritt und Armut (Progress and Poverty)1).

Dies Buch erregte gewaltiges Aufsehen. Es ist mit dem ganzen
Schwung eines Journalisten und mit der Beredsamkeit eines Redners
geschrieben. Man darf in ihm weder die Genauigkeit noch die
Schärfe eines wissenschaftlichen Werkes suchen. Man kann in ihm
zahlreiche volkswirtschaftliche Irrlehren nachweisen. Aber sein
Erfolg lag gerade an seinem volkstümlichen Charakter. Übrigens
hat es sogar auf Volkswirtschaftler einen großen Einfluß ansgeübt,
da es das dargestellte Phänomen mit großer Schärfe vor Augen stellt* 2).
Und endlich war es der Ausgangspunkt einer politischen Agitation,
die noch heute nicht erloschen ist.

Henry George führt aus, daß die Grundbesitzer sich durch ihr
Monopol nicht nur eines Teiles, sondern der Gesamtheit des Gewinnes
bemächtigen, den das Wachstum der Bevölkerung und die Vervoll-
kommnung der Produktionsmittel der Gemeinschaft verschafft. Mit
dem Fortschritt der Zivilisation wird der Unterschied zwischen den
Reichen und den Armen immer größer. Während die Rente steigt,
fällt der Zinsfuß, und der Lohn des Arbeiters sinkt auf das Existenz-
minimum herab. In allen Ländern sehen wir daher gleichzeitig die
äußerste Armut neben dem äußersten Reichtum immer größer werden,
wie Äste desselben Stammes.

Wie soll man diese Tatsachen erklären?

Soll man das Gesetz Malthus’ und das des sinkenden Boden-
ertrages anklagen? Soll man mit Malthus, Ricardo und Mill
glauben, daß das Elend auf dem Überhandnehmen der Bevölkerung
beruht, die schneller als die Menge der Nahrungsmittel zunimmt?
Keineswegs, antwortete Henry George, denn die Erfahrung zeigt
uns, daß überall der Reichtum schneller als die Zahl der Arme
wächst, und daß die gemeinschaftliche Arbeit der Menschen unter den
ungünstigsten Umständen Wundertaten verrichtet3)

*) Es ist übrigens nicht sein erstes Werk. 1871 ließ er Our Land and
Land Policy, 1874 The Land Qnestion erscheinen. Später veröffentlichte
er noch Protection or Freetrade (1886), worin er sich als begeisterter An-
hänger des Freihandels zeigt und 1891 einen Offenen Brief an den Papst
Leo XIII. über die Lage der Arbeiter. Progress and Poverty wurde von
Monnibe 1887 ins Französische übersetzt. (Die angeführten Zitate sind der oben
S. 638 erwähnten deutschen Übersetzung von F. Dobbbri entnommen, Anm. d. Übers.)

2)	Clark erklärt in seinem Buch Distribution of Wealth, Henry George
die Methode entlehnt zu haben, mit der er sich bemüht, die einem jeden Produktions-
laktor eigentümliche Produktivität zu bestimmen.

3)	„Zwanzig Leute werden in einem von der Natur stiefmütterlich bedachten
Lande bei gemeinschaftlicher Arbeit mehr als den zwanzigfachen Güterbetrag er-

Gide und Rist, Gesch. d. Volkswirtschaft!. Lehrmeinungen.	41
        <pb n="667" />
        ﻿642

Fünftes Buch. Die Lehren der neuesten Zeit.

Soll man mit den Sozialisten die Ausbeutung der Arbeit durch das
Kapital anklagen? Ebensowenig. George betrachtet im Gegenteil diese
beiden Faktoren als auf das engste miteinander verbunden und gleich-
mäßig von den Grundbesitzern ausgebeutet. Nach ihm kann der
Mensch seine Tätigkeit, nach Belieben auf die Produktion von Kapital
oder auf die von Arbeit richten. Das Kapital und die Arbeit sind
zwei Äußerungen einer und derselben Kraft: der menschlichen An-
strengung. Der Gewinn, den man aus der Kapitalbildung, und der,
den man aus der Arbeit ziehen kann, streben danach, sich das
Gleichgewicht zu halten; wenn sie es nicht täten, würde der Mensch
dazu kommen, bald mehr Kapital und bald mehr Arbeit zu produ-
zieren, bis ihr Ertrag von neuem gleich ist; die Höhe der Zinsen und
die des Lohnes können daher nicht im umgekehrten Verhältnisse
variieren 1).

Aber wenn man weder das Zuviel an Bevölkerung, noch die Aus-
beutung der Arbeit und des Kapitals anklagen kann, woher kommt
dann die elende Lage des Arbeiters? — Einzig und allein von den
Fortschritten der Bodenrente. — Und Henry George, der vorher
gewisse Theorien Ricardo’s so scharf angriff, zieht hier aus der
Lehre von der Bodenrente ihre äußersten logischen Folgerungen.

Infolge der Konkurrenz zwischen Arbeitern und Kapitalisten,
sagt uns George, werden Lohn und Zins der Höhe nach bestimmt
durch den Ertrag des Kapitals nnd der Arbeit, die auf dem
letzten in Anbau genommenen Felde tätig sind, das noch keine
Rente liefert. Das Monopol der Grundbesitzer gestattet ihnen, als
Preis der Benutzung der anderen Böden, alles das, wns diesen Minimal-
betrag übersteigt, zu fordern. Daher kann die Rente bis ins Un-
endliche anwachsen. Denn die Grenzen des Anbaus werden immer.

zeugen, den ein einzelner Mensch im fruchtbarsten Lande hervorbringen kann“ (S. 132).
Vgl. das ganze zweite Buch, das sich gegen die Theorie Maf.thus richtet.

*) „Kapital und Arbeit sind nur. verschiedene Formen desselben Dinges: der
menschlichen Anstrengung (human exertion). Das Kapital wird durch die Arbeit
hervorgebracht; es ist in der Tat nichts als Arbeit, die in einem Stoffe, einem Produkte
aufgehänft ist. . . Die Verwendung von Kapital in der Produktion ist demnach nur
eine Form von Arbeit.. . Daher bewirkt das Prinzip, welches unter Umständen, die eine
freie Konkurrenz möglich machen, dahin führt, daß die Löhne in den verschiedenen
Branchen sich ausgleichen, und der Gewinn sich im wesentlichen gleichmäßig ge-
staltet, — das Prinzip, daß die Menschen ihre Bedürfnisse mit dem geringsten Kraft-
maße zu befriedigen suchen — dieses Prinzip also bewirkt auch, daß ein Gleichgewicht
zwischen Lohn und Zins hergestellt und erhalten wird . . . Und wenn das fest-
gestellt ist, so leuchtet es ein, daß Zinsfuß und Lohn zusammen steigen und fallen
müssen, und daß der Zinsfuß nicht steigen kann, ohne daß er auch den Lohn hebt,
noch der Lohn sinken kann, ohne auch den Zins herabzudrücken“ (Ebenda, Bd. III,
Kap. V, S. 174—175). Es ist unnötig, auf die Kindlichkeit dieser Auffassung der
Beziehungen zwischen Lohnsatz und Zinsfuß hinzuweisen.
        <pb n="668" />
        ﻿Kapitel II. Die Theorie der Bodenrente und ihre Anwendungen.

643

weiter zurückgedrängt. In dem Maße wie die Bevölkerung wächst,
in dem Maße wie ihre Bedürfnisse immer ausgedehnter und mannig-
faltiger werden, in dem Maße wie die technischen Fortschritte in
ihrer Vervollkommnung dazu gelangen, immer mehr Arme frei zu
setzen, kommt man dazu, auf mehr Felder und infolgedessen auf weniger
ergiebige Felder zurückgreifen zu müssen. Daraus ergibt sich für die
früher bewirtschafteten Felder eine immer höhere Eente. Deshalb
ergeben die Fortschritte der Zivilisation unter allen ihren Formen
immer dasselbe Resultat, ziehen stets dieselbe und identische Wir-
kung nach sich: die Steigerung der Bodenrente zum immer größeren
Gewinn der Grundbesitzerx).

„Hier ist ein kleines Dorf,“ sagt Henry George, „in zehn
Jahren wird es eine große Stadt sein; in zehn Jahren wird die
Eisenbahn die Postkutsche, das elektrische Licht die Kerze ver-
drängt haben; der Ort wird dann überreich mit all den Erfin-
dungen und Maschinen versehen sein, die die effektive Arbeitskraft

l) Diese Theorie der Qüterverteilung, deren fast kindliche Einfachheit genügen
müßte, um Mißtrauen zu erwecken, wird von Henry George im V. Buch, Kap. II,
wie folgt zusammengefaßt: „Nach jeder Eichtung hin hat die zunehmende Zivilisation
die unmittelbare Tendenz, die Kraft der menschlichen Arbeit zur Befriedigung
menschlicher Bedürfnisse zu erhöhen, die Armut auszurotten und den Mangel samt
der Furcht davor zu bannen. . . . Aber dennoch kann die Arbeit nicht die Früchte
der zunehmenden Zivilisation ernten, weil ihr dieselben vorenthalten werden. Da
die Benutzung des Landes für die Arbeit unumgänglich nötig ist, dasselbe sich aber
in Privatbesitz befindet: so erhöht jede Vermehrung der produktiven Arbeitskraft
nur die Bodenrente, — d. h. den Preis, welchen die Arbeit für die Gelegenheit zahlen
muß, ihre Kraft betätigen zu können; und so kommen alle durch den materiellen
Fortschritt geschaffenen Vorteile nur den Grundeigentümern zu gute, und der Arbeits-
lohn steigt nicht“ (op. cit. B. V, Kap. II, SS. 248—249). Henry George behauptet
übrigens nicht, daß der wirkliche Lohn fällt; denn die technischen Fortschritte
können es ermöglichen, am neuen Kulturrande ebensoviel, wie am alten zu produ-
zieren. Doch wird dieser Erfolg höchstens dem Kapital und der Arbeit gestatten,
ihre frühere Entlohnung aufrecht zu erhalten; er wird ihnen aber nicht gestatten,
wirklich am Fortschritt teilzunehmen, so daß man sagen kann, Lohn und Zinsen
sind, verglichen mit der Bodenrente, gefallen. „Wenn ich sage: der Lohn fällt,
wie die Eente steigt, so meine ich damit nicht, daß das Quantum von Gütern, das
die Arbeiter als Lohn erhalten, gerade kleiner werden müsse, sondern daß es einen
kleineren Teil von dem ganzen Ertrage ausmachen muß. Der Lohn kann ein ge-
ringerer Bruchteil werden, während das Ganze des Ertrages gleich bleibt oder gar
wächst“ (pp. cit., B. III, Kap. VI S. 191, vgl. auch B. IV, Kap. III). Henry George,
wie Eioardo und viele Sozialisten (Lassalle, Eodbertus), werfen zwei verschiedene
Probleme durcheinander; das des Preises der produktiven Dienste und das der pro-
Portionellen Verteilung der Produkte unter die Produktionsfaktoren (siehe oben,
8. 489). George fügt jedoch an: daß die Spekulation, indem sie die Grenzen
ües Anbaus über den Punkt hinaustreibt, an dem die Verminderung der Pro-
duktivität durch technische Fortschritte ausgeglichen wird, manchmal sogar den
wirklichen Lohn des Arbeiters verringern, und folglich seine Lage nicht nur
relativ, sondern auch absolut verschlechtern kann (B. IV, Kap. IV).
        <pb n="669" />
        ﻿644

Fünftes Buch. Die Lehren der neuesten Zeit.

so ungeheuer vervielfältigen. Wird in zehn Jahren der Zinsfuß höher
sein als jetzt? — Nein. — Wird der durchschnittliche Arbeitslohn
höher sein? — Nein. — Was wird denn höher sein? — Die Boden-
rente, der Wert des Landes. Geh und erwirb Dir baldmöglichst da-
selbst ein Grundstück und halte es fest. . . Ihr könnt Euch nieder-
setzen und Eure Pfeife rauchen. Ihr könnt Euch in die Sonne legen,
wie die Lazzaroni Neapel’s oder die Leprakranken Mexiko’s tun. Ihr
könnt in einem Luftballon herumsegeln oder Euch in einer Erdhöhle
verkriechen. Ohne die geringste Arbeit zu verrichten, ohne ein Jota
von Gütern dem Gesamtbestand hinzuzufügen, werdet Ihr in zehn
Jahren ein reicher Mann sein. In der neuen Stadt werdet Ihr ein
prächtiges Haus bewohnen können, aber unter den öffentlichen Ge-
bäuden derselben wird es ein Armenhaus geben“ 1).

Daher ist für Henry George die Bodenrente nicht nur, wie für
Stuart Mill, ein Einkommen, das sich besonders dazu eignet, be-
steuert zu werden: es ist die eigentliche Wurzel aller sozialen Übel.
Schafft die Rente ab, und ihr schafft die Armut ab, die Ungleichheit
des Besitzes, ja sogar die Krisen, die er einzig auf die Boden-
spekulation zurückführt. Hiervon ausgehend genügt es ihm auch nicht,
das zukünftige Wachstum der Rente zu treffen. Die verderblichen
Folgen des Privilegiums der Besitzer würden bestehen bleiben, wenn
man ihnen den Genuß der jetzigen Renten überließe. Daher muß
die ganze jetzt bestehende Rente weggesteuert werden* 2). Diese
Steuer würde genügen, um alle Staatsausgaben zu bestreiten, und
würde alle anderen Steuern überflüssig machen. Hiermit kommen
wir zu der single tax, der Einheitssteuer auf den Grundbesitz ...
Und so ist, — ein merkwürdiger Rücklauf in der Geschichte der
Doktrinen, — die Schlußfolgerung Henry George’s dieselbe wie die
der Physiokraten!

Gegen das System Henry George’s erheben sich vom Stand-
punkte der Ökonomik und von dem der Gerechtigkeit aus recht
schwerwiegende Bedenken. Volkswirtschaftlich ist es klar, daß das
Eigentum am Boden dem Besitzer den Vorteil eines möglichen Mehr-
wertes verleiht. Es ist aber nicht nachgewiesen (und die These
Henry George’s ist in diesem Punkte unhaltbar), daß dieser Mehr-
wert den ganzen Vorteil des sozialen Fortschritts aufzehrt. Es
ist kindlich, in dem Wachstum der Bodenrente die einzige Ursache
des Elends zu sehen, und von der Konfiskation der Rente die Be-
seitigung des Elends zu erwarten.

') Fortschritt und Armut, SS. 259—260, B. V, Kap. II.

2) Selbstverständlich wird man den Besitzern das lassen, was in ihrem Ein-
kommen die Zinsen der Kapitalien verstellt, die von ihnen in den Boden gesteckt
worden sind.
        <pb n="670" />
        ﻿Kapitel II. Die Theorie der Bodenrente und ihre Anwendungen. 645

Vom rechtlichen Gesichtspunkt aus liegt es auf der Hand, daß,
wenn Henry George eine Ungerechtigkeit abschafft, er sie durch
eine andere ersetzt. Den jetzigen Kentenbesitzern die Rente, die sie
erheben, ohne Entschädigung wegnehmen, bedeutet einfach, sie der
Vorteile zu berauben, die viele von ihnen sich durch ihre Arbeit und
Sparsamkeit mühsam erworben haben. Denn heute wird der Boden
gekauft und nicht mehr durch Okkupation ungeeignet. Da sich
heute fortwährend Boden gegen Kapital und umgekehrt aus-
tauscht, kann man das Einkommen aus Grundbesitz nicht als illegitim
belasten, während man dasjenige der anderen Kapitalien respektiert.
Die Konfiskation ist nur mit Hinsicht auf den ersten Besitzergreifer
zu rechtfertigen. Wie viele davon bleiben aber noch übrig?

Und weiterhin, wenn man dem Grundbesitzer die Rente nimmt,
die auf dem Fortschritt der Zivilisation beruht, so muß man ihn, um
gerecht zu sein, auch für jede Wertverminderung, die ihn ohne sein
Verschulden trifft, entschädigen. Stuart Mxll sah diesen Einwurf
voraus*) und gab dem Besitzer, der mit der Zahlung der Steuer un-
zufrieden ist, das Recht, dem Staat das Gut zu dem Verkehrswerte
zu verkaufen, den es zur Zeit der Einführung der Reform hatte2).
Hieran hat Henry George aber nicht gedacht. Es ist wahr, daß
nach seiner Ansicht eine Wertverminderung durchaus außergewöhn-
lich sein würde, denn der Mehrwert des Bodens erscheint ihm ebenso
sicher, wie die best begründeten Gesetze der Physik.

Wenn sich das System Mill’s auch in gemäßigterer Form als
das Henry George’s darstellt, so ist es doch ebenfalls nicht gegen
jeden Einwurf geschützt. Der Gedanke, der ihm und Henry George
gemeinsam ist, der des unearned increment, fordert eine
doppelte Kritik heraus: die der Sozialisten und die der bürgerlichen
Ökonomisten.

r) Mill schreibt: „Die Antwort (auf obigen Einwurf) ist, daß das Recht, den
Boden zu einem Preis aufzugeben, in dem man die beiden Möglichkeiten (Gewinn
und Verlust) in Rechnung setzt, das Gleichgewicht wieder herstellt. „Der Staat“,
lügt er hinzu, würde hierbei nichts verlieren, „denn jedes Sinken des Wertes an
einer Stelle (insoweit es nicht durch ein allgemeines Sinken des Wohlstandes ver-
schuldet wird), bedingt ein entsprechendes Steigen an einer anderen Stelle, ein
Steigen, dessen Vorteil dem Staat zugute kommen würde“ (Dissertations and
discussions, B. IV S. 294 und 295).

2) Doch weist Einaudi in seinen ausgezeichneten Studi sugli effetti delle
Pnposte S. 125 (Turin, 1902) darauf hin, daß dieses Prinzip der Entschädigung auf
Grund von Verlusten „unmittelbar zu einer staatlichen Garantierung der Werte
führen würde, eine Garantie, deren Zulässigkeit zum wenigsten diskutierbar ist“.
Und an zweiter Stelle macht er darauf aufmerksam, daß die Rückzahlung oft zu
Händen einer anderen Person geschehen würde, als der, die die Steuern gezahlt hat,
fm Falle das Besitztum in der Zwischenzeit den Besitzer gewechselt hat.
        <pb n="671" />
        ﻿646

Fünftes Buch. Die Lehren der neuesten Zeit.

Ihr wollt, sagen die Sozialisten, das arbeitslose Einkommen ab-
schaffen? Ausgezeichnet! Warum aber wollt ihr dann nicht auch
die Kapitalzinsen abschaffen? Sind sie nicht, ebenso wie die Pacht,
ein nicht erworbenes Einkommen? Kostet den Kapitalisten die
Dividende, die er einstreicht, mehr Arbeit als den Grundbesitzer die
Rente? Genau wie ihr, beabsichtigen auch wir das arbeitslose Ein-
kommen zu vernichten, aber, logischer als ihr, haben wir den Mut, es in
allen seinen Formen zu vernichten. — Stuart Mill und seine Anhänger
sind hiergegen nicht völlig wehrlos, denn in ihren Augen sind die
Zinsen eine gerechtfertigte Entlohnung, wenn nicht der Arbeit, so doch
der Abstinenz des Kapitalisten. Die Zinsen sind der Gegenwert dieses
Opfers *)• — Doch die Sozialisten lassen sich nicht überzeugen. Sie
weigern sich, die durchaus negative Anstrengung des Kapitalisten
und die positive Tätigkeit des Arbeiters gegeneinander aufzu-
rechnen. Die meisten von ihnen haben auch mit ihrem Spott über
die Furchtsamkeit Mill’s und seiner Freunde nicht gekargt.

Und nun die bürgerlichen Ökonomisten! Ihr findet, sagen sie, die
Bodenrente ungerechtfertigt, weil der Fortschritt der Gesellschaft
mehr als die Arbeit des Besitzers daran beteiligt ist? Gegen welches
Einkommen kann aber eine derartige Kritik nicht erhoben werden?
Liegt nicht allen Einkommen ein durchaus soziales Element zu-
grunde, eben das, das auch die Bodenrente geschaffen hat: die
Nachfrage nach Gütern? Das Wachstum der sozialen Nachfrage
bringt dem Kapital wie dem Boden, und der Arbeit wie dem Kapital
unerwartete und manchmal sehr hohe Einkünfte. Hat die Entwick-
lung der Nationalökonomie nicht nach und nach das Bestehen einer
Menge von Renten zu unserer Kenntnis gebracht, die sich von der
Bodenrente nur durch ihre kürzere Dauer unterscheiden? War das
Vermögen des berühmten Buckligen der Rue Quincampoix*) zur

1)	Über die Unterscheidung' zwischen der Berechtigung des mobilen und im-
mobilen Eigentums vgl. Stüakt Mill, Principles, B. II, Kap. II, § 1 und Henky
Gboüge, Fortschritt und Armut, B. VII, Kap. I „Die Einrichtung des Eigen-
tums“, sagt Stuakt Mill an dieser Stelle, „besteht, wenn man es auf seine haupt-
sächlichsten Bestandteile zurückführt, in der Anerkennung des Rechtes einer jeden
Person, ausschließlich über die Dinge zu verfügen, die sie durch ihre eigene An-
strengung erzeugt hat, oder die sie von denen, die sie erzeugt haben, sei es als
Geschenk, sei es auf Grund eines Vertrages, ohne Gewalt oder Betrug erhalten hat“.
Eine derartige Definition bedeutet allerdings die Unrechtmäßigkeit des Grundbesitzes. —
Die Definition Henky Geohgb’s ist eine Wiederholung der von Mill. Er nimmt das
Haus ais von dem Grund und Boden, auf dem es steht, unterschieden an, und findet
das Besitzrecht am Hause berechtigt, das am Grund und Boden unberechtigt.

2)	Zur Zeit, als das System Law’s auf seinem Höhepunkt stand und ganz Paris
die Türen der Bank Law’s in der rue Quincampoix bestürmte, um Aktien seiner
„Compagnie d’Occident“ zu zeichnen (die sich mit der Ausbeutung Kanadas und des
Mississippitales befassen sollte}, erwarb ein kleiner Buckliger in wenigen Wochen
        <pb n="672" />
        ﻿Kapitel II. Die Theorie der Bodenrente und ihre Anwendungen. 647

Glanzzeit des Systems Law weniger eine Wirkung der Umstände,
als das des Herzogs von Westminster, des Besitzers ausgedehnter
Wohnviertel in London ? Ist der Mehrwert, den die alten Kapitalien
durch das Sinken des Zinsfußes erhalten, in seinen Ursprüngen
weniger gesellschaftlich verursacht, als der Zuwachs des Bodenwertes
unter dem Einfluß einer wachsenden Bevölkerung? Das unearned
increm ent! Überall findet es sich in den modernen Gesellschaften,
denn die Gesellschaft verteilt die Einkommen nicht wie ein Schul-
lehrer, der den fleißigsten und bravsten Schüler belohnt. Die Gesell-
schaft zahlt für die seltensten Dienste eine Prämie, ohne sich darum
zu kümmern, ob sie Opfer gekostet haben oder nicht, und sie tut
dies nur zu dem Zwecke, das stärkere Bedürfnis auszudrücken, das
sie nach diesen Diensten hat. Mit welchem Recht kann man daher
eine einzige dieser Renten herausgreifen? Entweder muß man sie
alle konfiszieren oder keine.

Stuaet Miel hat schon die einzig mögliche Antwort auf diese t
Argumente gegeben: daß nämlich keine der angeführten Renten diel
Dauer oder die Allgemeinheit der Bodenrente hat1). Die Antwort!
erschien stark genug, um eine lebhafte Bewegung zugunsten einer
teilweisen Anwendung der Ideen Geoege’s und Mill’s zu rechtfertigen.

Zahlreiche Vereine sind in England, in Amerika und Australien
um das Jahr 1880 gegründet worden, um das, was die Anhänger
Heney Geoege’s seine „erhabenen Wahrheiten“ nennen, zu verbreiten.
Ihr Einfluß ist seit einigen Jahren bedeutend gesunken. Dagegen
sind häufig Versuche gemacht worden, um den Mehrwert des Bodens,
hauptsächlich in den großen Städten2), durch besondere Steuern zu
treffen. In Frankreich gestattet schon seit 1807 ein Gesetz, von den
Grundbesitzern, deren Gelände von großen öffentlichen Arbeiten be-
rührt wird, eine Sonderentschädigung zu erheben, wenn diese Arbeiten
für sie einen Mehrwert bedeuten sollten3). Es wird aber selten an-

eiu bedeutendes Vermögen, indem er weiter nichts tat, als seinen Buckel gegen
Entgelt als Tisch beim Ausfällen und Unterschreiben der Zeichnungsformulare
herzugeben (Anm. d. Übers.).

1)	Mill, Dissertations and Discussions, B. IV, S. 298.

2)	Besonders in England sind seit zehn Jahren zahlreiche derartige Projekte
■vorgelegt und vor parlamentarischen Kommissionen diskutiert worden. In dem oben
angeführten Werke Einacdx’s sind sie in scharfsinniger Weise erörtert worden, wie
auch in einem Aufsatz Edgewoeth’s im Economic Journal vom Jahre 1906, der
Re Cent Schemes for rating urban land values betitelt ist.

8) Der Artikel 30 des Gesetzes vom 16. Sept. 1807 besagt; „Wenn infolge von
A-rbeiten, die im vorliegenden Gesetz schon aufgefiihrt worden sind, wenn zur Öffnung
neuer Straßen, zur Bildung neuer Plätze, . . . zur Konstruktion von Kaianlagen oder
für irgendwelche anderen öffentlichen Arbeiten . . ., Privatbesitz eine auffällige Wert-
steigerung erfahren hat, kann solcher Besitz zur Zahlung einer Entschädigung heran-
gezogen werden, die bis zur Hälfte der so von ihm erworbenen Vorteile gehen
        <pb n="673" />
        ﻿648

Fünftes Buch. Die Lehren der neuesten Zeit.

gewendet. In London besteht das gleiche Prinzip seit dem 17. Jahr-
hundert, war aber ebenfalls außer Gebrauch gekommen 1). Heute er-
freut sich der Gedanke im Gegenteil in England und Deutschland
großer Beliebtheit. Es sind zahlreiche Vorschläge gemacht worden,
um besonders den Mehrwert des unbebauten städtischen Geländes
zu besteuern, und einige davon sind verwirklicht worden. In dem
vielbesprochenen englischen Budget von 1909, das zu dem großen
Verfassungskonflikt zwischen dem Oberhaus und der liberalen Re-
gierung Anlaß gab, war eine diesbezügliche Bestimmung einer der
Punkte, die am meisten Widerspruch hervorriefeu! Was die Volks-
wirtschaftler anlangt, so sind sie über die Nützlichkeit dieser Steuern
sehr geteilter Meinung. In Deutschland hat die Anwendung einer
AVertzuwachssteuer in einigen Städten erst kürzlich in Zeit-
schriften und Büchern heftige Debatten hervorgerufen, die aber die
kaiserliche Regierung nicht gehindert haben, das Prinzip dieser
Steuern 1911 durch ein Reichsgesetz festzulegen.

In Frankreich haben diese Ideen weniger Widerhall erweckt.
Auf der einen Seite ist hier der Grundbesitz viel gleichmäßiger ge-
stückelt als in England; die Rente verteilt sich daher unter eine
viel größere Anzahl von Personen und ruft deshalb weniger Gegner-
schaft hervor. Auf der anderen Seite hat sich das Problem dank
des so langsamen Wachstums der französischen Bevölkerung sogar
in den Städten, mit Ausnahme von Paris, nicht mit der gleichen
Schärfe gestellt, wie in Deutschland, wo die Ärbeiterbevölkerung
einen immer größeren Teil ihres Lohnes von der Miete aufgezehrt
sieht. Jedoch in Frankreich wie in anderen Ländern steht dieser
Punkt auf der Tagesordnung und muß früher oder später seine
Lösung finden.

§ 3. Systeme der Nationalisierung des Bodens.

Die Systeme, von denen wir jetzt zu sprechen haben, begnügen
sich nicht damit, einen Teil des Einkommens aus Bodenrente zu

darf“. Doch sind die Anwendungen dieses Prinzips ziemlich selten gewesen. Berth^-
lemy (Traite elementaire de Droit administratif, 1908, S. 624) zählt nur
etwa 20 Fälle im ganzen Verlauf des 19. Jahrhunderts auf.

*) Sbligmann (Essays on Taxation, 5. Ausg. S. 841) führt ein englisches
Gesetz von 1662 über die Verbreiterung gewisser Straßen in Westminster an, in dem
dieser Grundsatz klar ausgedrückt ist. Als aber 1890 ein Gesetzentwurf eingebracht
wurde, um diesen Grundsatz bei gewissen Arbeiten in London zur Anwendung zu
bringen, wurde er heftig bekämpft. Erst 1895 wurde er von neuem anerkannt und
in dem Gesetz vom gleichen Jahre über den Bau der großen Towerbrücke in London
angewendet. — In Amerika wird der Grundsatz häufig unter dem Namen „special
assessments“ oder „betterment“ angewendet.
        <pb n="674" />
        ﻿Kapitel II. Die Theorie der Bodenrente und ihre Anwendungen. 649

konfiszieren. Sie verlangen den Heimfall des Bodens selbst an den
Staat.

Anscheinend sind sie radikaler als die im vorhergehenden be-
sprochenen Systeme — zum wenigsten als das System Stuart Mill’s.
In Wirklichkeit beruhen sie auf einem viel einfacheren Prinzip. Wie Mill,
schlagen auch die Anhänger der Nationalisierung vor, dem Staat den
Mehrwert des Bodens vorzubehalten; wie er, glauben sie an die Dauer
und die Beständigkeit dieses Mehrwerts; wie er, behaupten sie das
Urrecht der Gesellschaft auf den Besitz des Bodens. Sie betonen aber
besonders, daß sie den gegenwärtigen Besitzern nichts nehmen wollen.
Sie unterscheiden in den Einkommen dieser Besitzer nicht, was verdient
und was nicht verdient ist, „earned“ oder „unearned“: sie lassen es
als Ganzes als gerechtfertigt gelten. Sie wollen nicht wie Mill dem
Grundbesitz zurufen: bis hierher und nicht weiter! Sie schlagen
ganz einfach eine Enteignung aus Gründen des öffentlichen Nutzens
vor, eine Enteignung, die übrigens mit allen nur möglichen Garantien
umgeben wird, und in der eine Entschädigung die Grundbesitzer
nicht nur für den Verlust ihres jetzigen Einkommens, sondern auch
für den Verlust des zukünftigen Einkommens, auf das sie hätten
rechnen können, schadlos hält. Was kann einfacher und ge-
rechter sein?

Das praktische Interesse derartiger Systeme ist natürlich von
sehr geringer Bedeutung. Solche tiefgehende Umwälzungen des
Grundbesitzes sind in alten Ländern nur in Revolutionszeiten mög-
lich, und Revolutionen werden nicht leichten Herzens und ohne
zwingende Notwendigkeit unternommen. Nun haben aber gerade all
die großen, seit einem Jahrhundert eingetretenen Umwandlungen des
Großgrundbesitzes (in Frankreich während der Revolution, in Rußland
bei der Aufhebung der Leibeigenschaft, in Irland seit etwa 30 Jahren)
alle den Zweck gehabt, den persönlichen Besitz nicht zu begrenzen,
sondern im Gegenteil, ihn zu stärken und sogar zu schaffen. Noch
heute beschäftigt man sich in Rußland gerade mit dieser Aufgabe.
Für die Nationalisierung haben diese Vorgänge wenig ermutigendes!
— Vielleicht liefern die neuen Länder ein besseres Versuchsfeld.
Vielleicht wird es dort leichter sein, dem Staat die Hauptrolle vor-
zubehaiten. In Wirklichkeit denkt man aber gerade dort am wenig-
sten daran, weil die Mißbräuche des Großgrundeigentums dort noch
nicht Zeit gehabt haben, sich fühlbar zu machen.

Dieser utopistische Charakter der Systeme, die wir jetzt unter-
suchen, enthebt uns der Aufgabe, auf die Einzelheiten der Organi-
sation einzugehen, die nach Durchführung der Reform einzuführen
Wären, Einzelheiten, die die Anhänger der Nationalisierung manchmal
recht eingehend auszumalen lieben.
        <pb n="675" />
        ﻿650

Fünftes Buch. Die Lehren der neuesten Zeit.

Es ist aber interessant, sowohl die Ideen, in deren Namen man
diesen Rückkauf verlangt, wie auch die wirtschaftlichen Vorgänge,
die ihn verwirklichen sollen, zu studieren. Die in dieser Hinsicht
bemerkenswertesten Systeme sind die von Gossen und Waleas. Das
erste ist in einem sehr merkwürdigen Werke dargelegt: Die Ent-
wicklung der Gesetze des menschlichen Verkehrs; das
zweite wird in einer Denkschrift entwickelt, die der Verfasser 1880
der Waadtländischen Gesellschaft der Naturwissenschaften vorlegte.
Beide enthalten allgemeine Gedanken, aus denen der Volkwirtschaftler
großen Nutzen ziehen kann. Zum Schluß werden wir in einigen
Worten von den Schriftstellern sprechen, die im Rückkauf haupt-
sächlich das Mittel sehen, Allen „freien Boden“ anzubieten.

a)	Das Buch Gossen’s erschien 1853*). Ein interessantes Zu-
sammentreffen ließ ii\ Deutschland fast im gleichen Augenblick, in dem
Bastiat in Frankreich und Caeey in Amerika zwei Systeme ausge-
sprochen optimistischer Volkswirtschaftslehre schufen, in Gossen
einen noch überzeugteren Optimisten erstehen, der zudem auf jeden
Fall viel wissenschaftlicher zu Werke ging. Gossen denkt, wie die
Physiokraten, daß die Vorsehung die soziale Welt wohltätigen Ge-
setzen unterstellt hat, deren Kenntnis und Befolgung genügt, um
glücklich zu werden. Diese Gesetze sind die des „Genusses“, heute
würden wir sagen der Nützlichkeit oder der Ophelimität, und zwar
sind diese Gesetze so vortrefflich, daß es genügt, wenn der Mensch
sein eigenes Glück verfolgt, um zur gleichen Zeit zum größten Glück
der ganzen Gesellschaft beizutragen. Bei Gossen finden wir schon,
in einer beraerkenswürdig genauen Form, die sich auf eine höchst
geistreiche Analyse der Bedürfnisse stützt, das hedonistische Theorem
vom Maximum der Ophelimität —, nach dem die Individuen, indem
ein jedes der Befriedigung seiner Wünsche nachstrebt, unter der
Herrschaft der freien Konkurrenz selbsttätig das Maximum der Be-
friedigung für die Gesamtheit verwirklichen.

Wenn das Streben eines jeden nach dem Maximum des persön-
lichen Genusses als Folge das Maximum des Wohlseins aller hat, so

- ’) H. H. Gossen, „Entwicklung der Gesetze des menschlichen Verkehrs und der
daraus fliehenden Regeln für menschliches Handeln“, von Hermann Heinrich Gossen,
königlich preuhischem Regierungs-Assessor außer Dienst.. Neue Ausgabe, Berlin, Ver-
lag von E. L. Prager, 1889 (Neudruck). Das Werk blieb zu dieser Zeit (1853, s. o.
S. 601, Anm.) vollständig unbeachtet und noch im Jahre 1900 wußte die zweite Aus-
gabe des großen Handwörterbuches der Staatswissenschaften nichts von
ihm. Die dritte Ausgabe hat diese Lücke gefüllt. Über die Beziehungen der
Ideen Gossen’s zu denen von Walras und Jevons vgl. den interessanten Aufsatz
von Walbas: Un economiste inconnu, Hermann Henri Gossen, der 1885 im
Journal des Economistes veröffentlicht wurde und in seinen Etudes d’Eco-
nomie Sociale, S. 351 ff. von neuem abgedruckt ist.
        <pb n="676" />
        ﻿Kapitel II. Die Theorie der Bodenrente und ihre Anwendungen. 651

muß ein jeder in den Stand gesetzt werden, in Freiheit sein Streben
nach Wohlstand zu betätigen. Dem stehen aber zwei große Hinder-
nisse entgegen. Das erste ist der Mangel an Kapital: dem hilft
Gossen durch die Schaffung einer großen Darlehnskasse unter der
Leitung des Staates ab, deren Einrichtung er bis in die geringsten
Einzelheiten beschreibt. Das zweite Hindernis ist der private Boden-
besitz. Um nämlich seine ganze Tätigkeit entfalten zu können und
die größtmögliche Menge von Gütern zu schaffen, muß der Mensch
nicht nur imstande sein, frei seine Arbeit zu wählen, sondern es
muß ihm auch möglich sein, sich den vorteilhaftesten Ort für
seine Arbeit auszusuchen. Diese freie Wahl verhindert der Privat-
besitz. „Hier haben nämlich“, sagt Gossen, „auch die menschlichen
Institutionen, anstatt die Beseitigung dieses Hindernisses zu erleichtern,
dasselbe in unzähligen Fällen zu einem unüberwindlichen gemacht
durch Einführung des Privateigentums an Grund und Boden, weil es
durch diese Einführung dem Eigensinn eines einzelnen Menschen oft
ganz und gar anheimgegeben ist, ob er einen ihm zugehörigen
Fleck des Erdbodens zu dem zweckmäßigsten Produktionszweige her-
geben und einrichten will oder nicht, und es ist eine zu bekannte
Tatsache, wie unzählige Male dieser Eigensinn die zweckmäßigste
Einrichtung eines Produktionszweiges verhindert, als daß es hier
nötig wäre, besondere Tatsachen namhaft zu machen. Hat man es
darum sogar nötig gefunden, bei Industriezweigen, die eine groß-
artigere Einrichtung heischen, wie beim Bergbau, beim Bau von
Chausseen und Eisenbahnen, das Expropriationsrecht einzuführen1)!“

Daher muß der Gemeinschaft der Besitz am Boden wiedergegeben
werden, und zwar in einer solchen Weise, daß Allen die Möglichkeit
gegeben ist, Boden zur Benutzung zu beanspruchen und ihn zum Ge-
brauch zu erhalten. So würde nicht nur jede Industrie den für ihre
Anlage günstigsten Standort aussuchen können, sondern die Gemein-
schaft würde auch sicher sein, indem sie den Gebrauch des Bodens
versteigert und ihn dem überweist, der die höchste Pacht verspricht,
daß ein jeder Teil des Bodens von der Person bewirtschaftet wird,
die persönlich am fähigsten ist, den höchsten Nutzen daraus zu ziehen.
Auf diese Weise wird zu jedem Augenblick und im Rahmen der ge-
gebenen menschlichen Kenntnisse die der Produktion günstigste
Organisation gewährleistet2).

b Entwicklung der Gesetze, usw., S. 250.

2) Gossen sieht in dieser Reform noch andere Vorteile, die er auf Seite 273
aufzählt: 1. Indem man den Einzelpersonen den Genuß der Bodenrente entzieht,
entzieht man vielen die Möglichkeit, ohne Arbeit zu leben, wodurch man ihre aktive
Tätigkeit erhöht; 2. die rechtlichen Verhältnisse des Eigentums werden außer-
ordentlich vereinfacht; 3. die Produzenten haben kein Kapital nötig, um erst einmal
ein Stück Land zu kaufen; 4. zum Schluß wird die Bodenrente im weitesten Maße
        <pb n="677" />
        ﻿652

Fünftes Buch. Die Lehren der neuesten Zeit.

b)	Walras stellt sich nicht auf einen so ausschließlichen Nütz-
lichkeitsstandpunkt, wie Gossen. Seine Reform beruht auf den Auf-
fassungen über die Rollen des Individuums und des Staates, wie er
sie schon 1867 in seinen Vorträgen über die Theorie generale
de la Societe (allgemeine Gesellschaftstheorie) dargelegt hat. Wie
Henry George, sucht auch Waleas eine Aussöhnung zwischen dem
Sozialismus und dem IndividualismusJ) zu verwirklichen, eine Aus-
söhnung, die er selbst mit dem Namen liberaler Sozialismus oder auch
synthetischer Sozialismus, oder einfach „Synthetismus“ bezeichnet2).

Für ihn stehen das Individuum und der Staat nicht im Gegensatz
zueinander, sondern ergänzen sich. Beide sind, nach einem, unserer
Ansicht nach höchst richtigen Ausdruck „Abstraktionen“. Die
einzige Wirklichkeit ist der soziale Mensch, nämlich der in Gesell-
schaft lebende Mensch. Der wirkliche Mensch, der Mensch, so wie
wir ihn kennen, hat zwei Reihen von Interessen: die, auf Grund
deren er in Gegensatz zu seinesgleichen tritt, und die ihm als Persön-
lichkeit eigen sind; und die, die er mit seinesgleichen gemein hat, und
deren Verteidigung und Aufrechterhaltung die Fortdauer der Gattung
sichern. Diese Interessengruppen sind gleichberechtigt, da ihre Be-
friedigung in gleicher Weise zum Leben des sozialen Menschen not-
wendig ist. Der Staat und das Individuum sind einfach zwei Aus-
drücke, mit denen wir den sozialen Menschen bezeichnen — je nach-
dem wir ihn bei Verfolgung seiner kollektiven Interessen oder seiner
besonderen und persönlichen Interessen betrachten. Beide haben ihr
eigenes Reich, das durch die Natur der Dinge abgegrenzt ist.

Der Staat hat die Aufgabe, die allgemeinen — allen Menschen
gemeinsamen — Existenzbedingungen zu sichern. Die Aufgabe
des Individuums ist es, seine persönliche Stellung innerhalb
der Gesellschaft gemäß seinen eigenen Fähigkeiten, seiner Arbeit und
Ausdauer zu verwirklichen. Damit beide, der Staat wie das Indivi-
duum, ihre Aufgabe erfüllen können, müssen beide im Besitz der not-
wendigen Hilfsmittel sein: das Individuum im Besitz der Hilfsmittel,
die sich aus seiner Arbeit und seiner Spartätigkeit ergeben, der Staat

die Steuern ersetzen und ihre Erhebung von aller Belästigung und Ungerechtigkeit
befreien (ebd. S. 273).

1)	Vgl. in den Etudes d’Economie Sociale den: Methode de con-
ciliation ou de Synthese überschriebenen Abschnitt. Im Vorwort zu: Fort-
schritt und Armut erklärt Henry George: „Was ich in diesem Buch getan
habe . . ., ist, die von der Schule Smith’s und Eicardo’s geschaute Wahrheit, mit
der Wahrheit, die Phoddhon und Lassallb leuchtete, zu verbinden, und nachzuweisen,
daß das laisser-faire (in seinem wahren und vollen Sinne) den edlen Träumen des
Sozialismus den Weg öffnet“ (Englische Ausg., Verlag Kegan Paul, Trench,
Triibner &amp; Co., Ltd,, London 1908, S. VIII Anm. d. Übers.).

2)	Etudes d’Economie Sociale, S. 239.
        <pb n="678" />
        ﻿Kapitel II. Die Theorie der Bodenrente und ihre Anwendungen. 653

im Besitz des Einkommens, das sich aus dem allgemeinen sozialen
Fortschritt ergibt, nämlich der Bodenrente. So ausgestattet braucht
der Staat nicht mehr den Einzelpersonen durch Steuern einen Teil
der Früchte ihrer Arbeit zu nehmen. Gemeinsamer Besitz des Bodens
und seines Ertrages, Privatbesitz am Kapital, an der Arbeit und ihren
Erträgen, — das ist die soziale Organisation, die die Formel der
Gerechtigkeit nach Walbas verwirklichen wird: Gleichheit der
Bedingungen, Ungleichheit der Lage1).

Wenn auch der Ausgangspunkt der Reform verschieden ist, so
sind doch die Bedingungen ihrer Verwirklichung für Gossen, wie für
Waleas genau dieselben. Beide haben die weitestgehende Achtung
vor den von den Eigentümern erworbenen Rechten. Nach ihnen hat
der Staat nicht das Recht, nach dem Vorschläge Mill’s die zukünftige
Rente* 2) mit Beschlag zu belegen, auf die sie rechnen können, und
ebensowenig hat er das Recht, die gegenwärtige Rente für sich zu
beanspruchen, wie Heney Geoege vorschlägt. Das einzige Mittel, die
Operation in gerechter Weise durchzuführen, besteht darin, den Boden
zurückzukaufen, und der Rückkaufspreis muß schon die von den
Besitzern erwarteten Mehrwerte enthalten. Dieser Rückkauf würde
sich praktisch auf Grund einer Ausgabe von Rentenbriefen durch-
führen lassen, die den Grundbesitzern als Bezahlung ihres Grund-
besitzes angeboten werden. Auf Grund der von da an dem Staate
zufallenden Pachtsummen, deren ständiges Steigen nicht ausbleiben
kann, wird der Staat imstande sein, nicht nur die Zinsen dieser
Schuld zu zahlen, sondern auch sie nach und nach zu amortisieren.
Nach etwa 50 Jahren würde das Kapital zurückgezahlt sein, und der
Staat allein über die Bodenrente verfügen3).

J) Ygl. im besonderen den ganzen prächtigen 6. Abschnitt der Theorie ge-
nerale de la Societe in den Etudes d’Economie Sociale.

2)	. . Selbst der Umstand läßt sich nicht zur Beschönigung irgendeiner Maß-
regel anführen, deren Wirkung auch nur Schmälerung der Grundrente für den
Eigentümer ist, daß die Rente ohne Zutun des Eigentümers unausgesetzt steigt.
Denn das Steigen der Renten in einem bestimmten Verhältnis zur Zeit mußte, sobald
es wahrgenommen wurde, bei Berechnung des Kaufpreises berücksichtigt werden,
gerade deshalb, weil dieser Preis, wie wir sahen, ja nur durch Rechnung gefunden
wird. Darum hat also der Käufer, da der Kauf unter der Bürgschaft der Gesetze
stattgefunden hat, unzweifelhaft das Recht auf alle Schwankungen in der Rente,
wie diese auch beschaffen sein mögen, mit erkauft. ... Ja selbst dann, wenn man
den Grundeigentümern als Entschädigung eine ewige Rente in dem Betrage, wie
die zahlbare Rente des Grundeigentums beim Übergang an den Staat gefunden
wurde, zusichern wollte, wie dies jetzt bei Expropriationen zu geschehen pflegt,
würde die Ungerechtigkeit aus dem angeführten Grunde nur vermindert, nicht ver-
mieden werden“ (H. H. Gossen, Entwicklung der Gesetze usw. S. 257/258).

3)	Gossen führt die Gründe an, weshalb der Staat, da er sich in besserer Lage
aL die Einzelpersonen befindet, den Besitzern bessere Bedingungen als die der ge-
        <pb n="679" />
        ﻿654

Fünftes Buch. Die Lehren der neuesten Zeit.

Dieser Auffassung würde nichts weiter hinzuzufügen sein, wenn
Waleas nicht selbst einen Einwurf erhoben hätte, der ihn dazu
brachte, seine Auffassung vom Fortschritt der Bodenrente in der
interessantesten Art tind Weise zu präzisieren.

Wenn, sagt Waleas, der Staat den Grundbesitzern den mathe-
matischen Wert ihres Bodens zahlt, indem er in diesen Preis eine, das
zukünftige Wachstum der Bodenrente eskomptierende Summe einschließt,
wie soll er hoffen können, diese Summe zu amortisieren? Wenn der
Wert des Bodens genau berechnet wird, dann müssen auch die Zinsen
des Eückkaufspreises und die als Pachtsummen erhobenen Beträge
sich genau die Wage halten, da die einen nur den Preis der anderen
vorstellen; daher wird der Staat niemals aus der Bodenrente das
Schuldkapital zurückzahlen können. Die Operation würde weder Vor-
teile noch Nachteile haben. Wie soll man diesem Einwurf begegnen?

Höchst einfach. Wenn er wirklich begründet wäre, so müßte er
schon heute gegen jede Terrainspekulation seine Geltung haben.
Wenn die Einzelkäufer den Verkäufern einen Preis zahlen sollten,
der genau den Gegenwert aller zukünftigen Mehrwerte darstellt, so
würden sie sich im voraus der Vorteile, die sie erhoffen, begeben.
Wie aber ein jeder weiß, tritt nichts derartiges ein. Spekulationen
dieser Art finden jeden Tag statt, und zwar aus dem guten Grunde,
weil der Mehrwert stets in gewisser Weise auf dem Zufall beruht.
Der Käufer, der besser unterrichtet oder weitsichtiger als der Ver-
käufer ist, glaubt fester, als dieser an das Steigen des Wertes
oder behält sich vor, diese Steigerung selbst durch entsprechende
Maßnahmen herbeizuführen. Der Staat würde nun, nach dem Kück-
kauf in derselben Lage sein, wie der fragliche Spekulant. Nach
Waleas ist es unausbleiblich, daß der Mehrwert des Bodens in der
Zukunft schneller steigt, als sich die jetzigen Besitzer dies vorstellen,
und zwar infolge einer wirtschaftlichen Entwicklung, die wohl die
Besitzer verkennen mögen, auf die aber der Staat im Gegenteil mit
voller Sicherheit rechnen kann1).

wohnlichen Käufer anbieten kann: unter anderem kann der Staat zu leichteren
Bedingungen Anleihen aufnehmen und folglich einen höheren Preis bieten.

') Auf einer analogen Psychologie beruht auch das Kückkaufsprojekt, das Gide
in einem Aufsatz im Journal des Eoonomistes (S. 190) im Juli 1883 entwickelt
hat. „Der Staat würde den Besitzern Vorschlägen, ihnen ihren Grund und Boden
gegen sofortige bare Zahlung abzukaufen, unter der Bedingung der Übereignung
nach Ablauf von 99 Jahren. Es ist kaum denkbar, daß unter solchen Bedingungen
ein Besitzer nicht auf dieses Anerbieten eingehen würde und zwar sogar gegen
eine sehr geringe Entschädigung; denn da eine Zeit von 99 Jahren für einen Jeden
von uns „auf immer“ bedeutet, wurde der gezahlte Preis für den Besitzer ein wirk-
liches Geschenk sein, und er würde keinen Grund haben, besonders hohe Forderungen
zu stellen.“
        <pb n="680" />
        ﻿Kapitel II. Die Theorie der Bodenrente und ihre Anwendungen. 655

f

„Ich glaube mit mehreren anderen kompetenten Volkswirt-
schaftlern“, sagt er, „daß die Menschhheit zurzeit in einer höchst
beträchtlichen wirtschaftlichen Entwicklung begriffen ist, indem sie
von der landwirtschaftlichen Wirtschaftsstufe, auf der sie seit einigen
Jahrtausenden lebte, zur Industrie- und Handelsstufe übergeht, die
sich im wesentlichen durch die Tatsache kennzeichnet, daß der land-
wirtschaftliche Betrieb sehr große Kapitalien auwenden muß, um eine
viel zahlreichere Bevölkerung zu ernähren. Ich glaube, daß diese
Entwicklung, deren Ergebnis ein neuer Mehrwert der Bodenrente,
ohne Vermehrung der Seltenheit oder des Wertes der landwirtschaft-
lichen Erzeugnisse, sein wird, bisher von den Besitzern noch nicht
eskomptiert werden konnte, da er erst von einigen wenigen offenen
und klaren Köpfen bemerkt worden ist. Daher bin ich der Meinung,
daß, wenn der Staat den Boden vor dieser Entwicklung, um die es
sich hier handelt, zurückkaufte, und dann alles täte, was in seiner
Macht steht, um diese Entwicklung zu begünstigen (und der Rück-
kauf an sich würde schon in diesem Sinne wirken), so würde er in
dem normalen Mehrwert reichliche Mittel finden, um den’Rückkaufs-
preis zu amortisieren“1).

Walbas ist also wie Eicaedo, dessen Lehre hier eine Art von Auf-
erstehung erlebt, davon überzeugt, daß wir in der Zukunft ein Wachsen
des Mehrwerts der „Bodendienste“ (Services fonciers) erleben werden,
das auf der begrenzten Menge des Bodens beruht. Nur verwirft seine
Theorie, anstatt sich wie die Ricaedo’s auf das Gesetz des sinken-
den Bodenertrages zu stützen, im Gegenteil die Möglichkeit einer
Verminderung der landwirtschaftlichen Produktion. Sie gründet sich
einfach auf den sicheren Übergang vom landwirtschaftlichen zum
industriellen und Handelszustand, von der extensiven zur intensiven
Bewirtschaftung, die dem Boden einen steigenden Wert verleihen
wird. Indem der Staat selbst diesen Übergang durch entsprechende
Maßnahmen begünstigt, kann er zu dem Erfolge dieser riesenhaften
Operation beitragen, die übrigens nicht die einzige sein wird: denn
der Rückkauf der Bergwerke, der Eisenbahnen und anderer wirt-
schaftlicher Monopole muß notwendig damit verbunden werden* 2).

■) Walbas, Btudes d’eoonomie sociale, S. 368. Die mathematische Unter-
suchung der Theorie findet sich in der Theorie mathematique du prix des
t er res; sie ist in gewöhnlicher Sprache in dem Aufsatz: „Un eoono miste in-
connu, S. 365ff., und noch einfacher in den Ausführungen über das Probleme
tiscal zusaramengefaßt (S. 446-449).

2) „Die gleiche Kombination würde auf den Eücbkauf der Bergwerke, der
Eisenbahnen und anderer natürlicher und notwendiger Monopole anwendbar sein, wo
das Prinzip der freien Konkurrenz nicht wirken kann, und die vom Gesichtspunkt
des Mehrwertes in einer fortschreitenden Gesellschaft den gleichen Charakter haben, wie
der Boden (Btudes d’economie sociale, S. 347, Anm,; vgl. auch S. 237ff.).
        <pb n="681" />
        ﻿656

Fünftes Buch. Die Lehren der neuesten Zeit.

c)	Die von den Anhängern der Nationalisierung angeführten
Gründe sind, wie wir gesehen haben, ziemlich verschiedenartig.
Gossen will das Maximum an Produktivität verwirklichen; Walbas
denkt zunächst daran, dem Staat die notwendigen Mittel zu sichern;
eine letzte Kategorie von Schriftstellern sieht darin hauptsächlich
das Mittel, allen den freien Zugang zum Boden, den freien Boden,
zu gewährleisten. Dieses Bestreben leitet besonders Alfred Rüssel
Wallace, den großen englischen Naturforscher, in dem von ihm
seit 1882 geführten Feldzug zugunsten der Nationalisierung des
Bodens und liegt dem Buch, in dem er seine Beweisführung zusammen-
faßt, zugrunde: Die Nationalisierung des Bodens, ihre
Notwendigkeit und ihre Ziele1).

Für Wallace muß nämlich notwendigerweise die Möglichkeit,
freien Boden in Besitz zu nehmen, der Abhängigkeit des Arbeiters
gegenüber dem Kapitalisten ein Ziel setzen. Niemand wird zu einem
Hungerlohn arbeiten wollen, wenn er sicher ist, auf einem freien Stück
Boden sein tägliches Brot Anden zu können. Auch wird niemand
unter Arbeitslosigkeit zu leiden haben, da er stets ein Stück Feld
zur Bewirtschaftung Anden kann. Der freie Zugang zum Boden löst
daher sowohl das Problem des Pauperismus, wie das der Arbeits-
losigkeit, und das wird die glücklichste Folge der Nationalisierung
sein1 2 3).

„Die Hauptsache“, sagt er, „ist, jedem Arbeiter die Freiheit zu
geben, ein Stück Boden zu besitzen und zu bewirtschaften *).“ Er
schlägt daher vor, sobald der Boden nationalisiert ist, daß dann jeder
Bürger das Recht habe, einmal in seinem Leben, sich unter
den noch freien Bodenparzellen ein Stück von 1 bis 5 Acker auszu-
suchen, unter der Bedingung, es in Besitz zu nehmen und persönlich
zu bewirtschaften 4).

Der große Vorzug dieser Auffassung liegt in ihrer außerordent-
lichen Einfachheit. Sie beruht nicht, wie die vorher besprochenen,

1)	Land Nationalization, its necessity and its aims, 1882.

2)	Ygl. Escabba, op. cit. S. 224; siehe auch Laveleye, Le Socialisme con-
temporain, 8. Ausg., Anhang I.

3)	Angeführt von Mütin: Le Socialisme en Angleterre (1897\ S. 179.

*) „Der Besitz eines Stück Landes gestattet dem Arbeiter, sich der Abhängig-
keit von dem Kapitalisten, die eine Ursache des Pauperismus ist, zu entziehen. Der
Arbeiter, der Boden besitzt, ist frei; wenn er keine Arbeit hat, bleibt ihm stets
etwas zu tun übrig.“ Und an anderer Stelle: „Wenn den Arbeitern eine gewisse
Menge Boden überlassen wird, so wird ihr Lohn mit Sicherheit steigen, denn nie-
mand würde für jemand anderen arbeiten, wenn er dabei nicht mehr verdient, als
er verdienen kann, wenn er für sich selbst arbeitet.“ Angeführt von Escahra,
Dissertation, S. 224, Anm. Man trifft übrigens die gleiche Idee bei Henry
George, obgleich sie nicht an die erste Stelle gerückt ist (Escahra, op. cit., S. 229).
        <pb n="682" />
        ﻿Kapitel II. Die Theorie der Bodenrente nnd ihre Anwendungen. 657

auf einer verwickelten und gelehrten wirtschaftlichen Theorie. Daher
ist sie auch eine ausgezeichnete politische Plattform. Bei näherem
Zusehen erscheint sie aber ein wenig kindlich.

Die Bewirtschaftung auch des kleinsten Feldes erfordert Kapitalien.
Die Anhänger des freien Bodens scheinen dies zu vergessen. Und
diese Kapitalien sind oft mehr als das, worüber ein einfacher Arbeiter
verfügen kann. Auch trägt die Erde nicht das ganze Jahr hindurch;
der Saat muß Zeit gelassen werden, zu keimen. Wenn dem Arbeiter
genügend Mittel zur Verfügung stehen, um die Ernte abzuwarten,
wird er vermutlich auch genügend Mittel haben, um im Falle der
Arbeitslosigkeit neue Arbeit abwarten zu können. Etwas Geld in
der Sparkasse, über das er sofort verfügen kann, wird ihm zweifellos
mitten im Winter größere Hilfe gewähren, als irgendein Stückchen
Land, das sich vielleicht in weiter Entfernung befinden mag. Und
dann verlangt die Bewirtschaftung, auch mit Kapitalien, gewisse
Fähigkeiten. Landwirt wird man nicht im Handumdrehen. Man kann
ein ausgezeichneter Fabrikarbeiter und doch ein sehr schlechter Bauer
sein. Die Erfahrungen, die man mit landwirtschaftlichen Kolonien
gemacht hat, beweisen, daß die Arbeitslosen im allgemeinen mittel-
mäßige Landarbeiter sind. Die Anhänger des freien Bodens scheinen
sich daher über die Wirksamkeit ihres Heilsmittels Illusionen hinzu-
geben, und wir fürchten, daß ein praktischer Versuch ihnen nur zu
schnell eine grausame Enttäuschung bringen würde1). i)

i) Wenn wir auch zu unserem Bedauern gezwungen gewesen sind, die ita-
lienischen Volks Wirtschaftler aus unserem Programm auszuschließen, so wäre doch
hier der richtige Platz, einige Worte über die Ideen des Volkswirtschaftlers Achills
Loria zu sagen. Niemand hat die Kunst, über national-ökonomische Fragen zu
schreiben, zu größerer Vollkommenheit als er gebracht. Über dem Gedanken des
freien Bodens hat er ein ganzes, großartiges Gebäude wirtschaftlicher, sozialer und
politischer Geschichte, ja sogar das einer Geschichte der Religion errichtet und in
zahlreichen Bänden entwickelt, in denen sich sicherlich eine ganz außerordentliche
Vorstellungskraft ausspricht. Man findet eine Zusammenfassung davon in einem
Vortrao-, der 1892 in der Revue d’Economie Politique, ins Französische über-
setzt unter dem Titel: La terre et le Systeme social erschienen ist. Wir
können hier nicht näher auf das System Loria’s eingehen. Der Hinweis muß genügen,
daß Loria in seiner Constituzione economica odierna (1900) verlangt, das
Gesetz solle einem jeden Menschen das Anrecht auf Boden zusprechen; sei es auf eine
Grund-Einheit (unite fonciere) (d. h. auf die Feldgröße, die notwendig ist,
um ihm zu gestatten, von seiner Arbeit als selbständiger Besitzer zu leben), wenn
die Bevölkerungsdichte und die Oberfläche des Landes dies gestatten; sei es auf
nur einen Teil dieser Einheit, wenn die verfügbare Oberfläche das erstere un-
möglich macht.

Es ist das jedoch eine theoretische Lösung. In der Praxis zeigt sein Heilmittel
eine mildere Form in der Gestalt eines Bodenlohnes (salaire territorial).
Es würde darin bestehen, daß der Arbeitgeber verpflichtet wäre, seinen Arbeitern
„außer dem notwendigen Lohn am Ende einer Anzahl von n Jahren eine Bodenein-
Gide und Rist, Gesoh. d. Volkswirtschaft!. Lehrmeinungen.	42
        <pb n="683" />
        ﻿658

Fünftes Buch. Die Lehren der neuesten Zeit.

§ 4. Sozialistische Ausweitungen des ßentenbegriffes.

Die Schriftsteller, von denen wir bisher gesprochen haben, sind
sämtlich Individualisten. Sie haben nichts gegen das Eigentum als
solches, und unter ihnen finden sich keine Gegner des Kapitalzinses.
Noch weniger sind sie den Vorteilen, die ein Jeder aus seinen Fähig-
keiten und Begabungen ziehen kann, feindlich gesinnt. Von allen
diesen vorhergehenden Systemen unterscheidet sich nun der Sozialismus
durch die Feindschaft, die er sowohl gegen den Kapitalzins wie auch
gegen die Bodenrente hegt. Einige Sozialisten gehen sogar so weit,
den besonderen Vorteilen, die ein Einzelner aus seinen außergewöhn-
lichen Fähigkeiten ziehen kann, jede Berechtigung abzusprechen,
sobald diese Vorteile den reinen Ertrag seiner Arbeit übersteigen.

Diese beiden Auffassungen scheinen wie durch einen Abgrund
voneinander getrennt. Gibt es keine Möglichkeit, ihn zu schließen?

Sicherlich, antworten einige Schriftsteller, und zwar höchst ein-
fach: es genügt, die Kapitalzinsen und das Einkommen aus besonderen
Fähigkeiten als Kenten anzusehen. So wird die Theorie der Rente
nicht nur die Enteignung des Bodens zugunsten der Allgemeinheit,
sondern auch den absoluten Kollektivismus rechtfertigen. — Diese
Auffassung ist in England entstanden.

England, die eigentliche Heimat des Sozialismus, das England
eines Godwin, Hall, Thompson und Owen hat nach dieser ersten
Ideenbewegung im Laufe von 70 Jahren kein sozialistisches System
mehr hervorgebracht. Abgesehen von Stüaet Mill, auf den der
französische Sozialismus seinen Einfluß ausgeübt hat, ist es sogar
den Ideen gegenüber, die den Kontinent bewegten, ziemlich gleich-
gültig geblieben. Kabl Marx hat sein Kapital in London durch-
arbeiten und verfassen können, ohne daß irgendein englischer Volks-
wirtschaftler dies bemerkt zu haben scheint. Es bedurfte der Bildung
der sozialistischen Parteien in Deutschland und Frankreich nach 1870,

heit zu geben. Wenn während dieser Periode von n Jahren der Arbeiter nach-
einander von verschiedenen Kapitalisten beschäftigt worden wäre, würde jeder von
ihnen für einen Teil aufzukommen haben, der im Verhältnis zu der Zeit steht,
während der er den Arbeiter beschäftigt hat.“

Auf diese Weise würden nach einer Anzahl von n Jahren alle Arbeiter nach
und nach Grundbesitzer werden. Sie würden sieh in dem gleichen Zustand, wie in
der Primärperiode, der Naturwirtschaft, befinden und könnten dann untereinander
oder mit den früheren Besitzern die Assoziation des Kapitals und der Arbeit auf
der Grundlage der Gleichheit bilden, die in den Augen Lobia’s die produktivste
Organisation ist.

Während dieser n Jahre müßten die Besitzer unter einem entsprechenden
Zwang stehen.
        <pb n="684" />
        ﻿Kapitel II. Die Theorie der Bodenrente und ihre Anwendungen. 659

ehe die Gedanken des groben Kollektivsten ein wirkliches Interesse
in Großbritannien erregten. Erst dann bildete sich dort 1880 eine
kleine marxistische Partei1). Zur gleichen Zeit bemühte sich aber
eine andere Gruppe, eine selbständige und spezifisch englische sozia-
listische Doktrin aufzustellen: es sind dies die fabischen Sozialisten.

Die Fabian Society ist 1884 entstanden. Sie umfaßte am
Anfang eine kleine Anzahl junger Leute, die dem Bürgertum ange-
hörten und sich von einer älteren Gesellschaft abgetrennt hatten, die
gegründet worden war, „um die Basse durch Höherbildung des
individuellen Charakters friedlich zu erneuern* 2 *).“ Einigen von ihnen
erschien das Ziel als zu weit gesteckt. Von dem Wunsche beseelt,
schnellere Erfolge zu erzielen, ließen sie sich von Ideen, die dem
Marxismus und dem Anarchismus des Kontinents entlehnt waren,
verführen. — Sehr bald verzichteten sie aber auf revolutionäre Ge-
danken, die so wenig mit dem englischen Charakter übereinstimmen,
und nahmen, um den Unterschied gegenüber den Anhängern von
Gewaltmaßregeln und den Gläubigen einer „sensationellen historischen
Krisis“8) besser hervorzuheben, den Namen „die Fabier“ an, der sich
auf Fabius Cunctator, den berühmten Gegner Hannibals, bezieht.
Sie waren, und sind heute noch kritische, sogar höchst kritische
Köpfe, die die Lächerlichkeit fürchten und nichts mit dem En-
thusiasmus der Apostel zu tun haben. Stets bereit, sich selbst zu
verspotten4), ihre alten Götzen zu verbrennen, verwandelten sie sich,
da sie jedes soziale Credo und jede definitive Politik verwarfen,
sehr schnell in eine einfache Studien- und Propagandagesellschaft,
deren Bolle vorwiegend intellektuell ist und die: „da meint, daß in
der Philosophie des Sozialismus das Licht eine größere Macht ist,
als die Wärme“ 5 * *).

Trotz dieser für den Erfolg einer sozialen Predigt wenig günstigen
Umstände haben die fabischen Sozialisten eine ziemlich tiefgehende
Wirkung ausgeübt, weniger allerdings auf die Arbeiter, als auf die
bürgerlichen Klassen. Mehrere von ihnen sind hervorragende Schrift-

J) Die Social-democratic Federation, die 1881 von Hyndman gegründet
wurde. Vgl. M£tin, Le socialisme en Angleterre, Kap. VI (1897).

2) Bernard Shaw, The Fabian Society, what it bas done and bow
it bas done it (Fabian Tract, No, 41) 1892.

s) Report on Fabian Policy, dem internationalen sozialistischen Kongreß
zn London im Jahre 1896 vorgelegt (Fabian Tract, No, 70).

4)	„Denn zu dieser Zeit,“ sagt Shaw, „nahmen wir die unschätzbare Gewohn-

heit an, fröhlich über uns selbst zu lachen, eine Gewohnheit, die uns stets aus-

gezeichnet hat und uns von all dem unnötigen Wortballast der Enthusiasten

befreite, die ihre eigenen persönlichen Gefühlswallungen für Strömungen der öffent-
lichen Meinung halten (op. cit.).

s) Report on Fabian Policy (Fabian Tract, No. 70).

42*
        <pb n="685" />
        ﻿660

Fünftes Buch. Die Lehren der neuesten Zeit.

steiler, wie der Dramatiker und Kritiker Beenaed Shaw, der Historiker
Sydney Webe und Frau Wbbb, der Romanschriftsteller H. G. Wells.
Durch ihren Verkehr in den verschiedenartigsten Gesellschaftskreisen,
durch ihre Mitarbeit an Zeitungen und Zeitschriften jeder Art und
jeder Partei, durch Veröffentlichung von Broschüren und Veranstaltung
von Vorträgen ist es ihnen gelungen, die Diskussion ihrer Ideen zu
erzwingen. Diese Ideen sind in einer merkwürdigen Sammlung von
Aufsätzen unter dem Titel „Fabian Essays“, die 1889 erschienen,
zusammengefaßt. Man findet hierin zwar nicht den Ausdruck der
Anschauungen der fabischen Gesellschaft selbst, aber den der haupt-
sächlichsten Fabier. Denn man darf nicht vergessen, daß die Gesell-
schaft als solche nur eine praktische, aber keine theoretische Lehre
vertritt. Sie nennt sich ausdrücklich sozialistisch x) und erstrebt die
Umformung des Privateigentums in Kollektiveigentum. Sie erklärt
aber, daß „sie keine besondere Meinung irgendwelcher Art über die
Frage der Ehe, der Religion, der Kunst, der theoretischen Volks-
wirtschaft, der geschichtlichen Entwicklung, des Geldumlaufs oder
über irgendeinen anderen Gegenstand hat, ausgenommen über ihr
eigenes und besonderes Ziel: die Demokratie und den praktischen
Sozialismus“ * 2). Die wirtschaftlichen Theorien, die uns hier inter-
essieren, sind daher bloß persönliche Ansichten gewisser Mitglieder
dieser Gesellschaft. Sie läßt sie natürlich als Leitsätze gelten, aber
sie haben nicht ihre offizielle Bestätigung erhalten und werden nicht
von allen ihren Anhängern unterschrieben3).

*) „Der Sozialismus, so wie ihn die fabische Gesellschaft versteht, bedeutet die
Organisation und die Leitung der notwendigen Industrien des Landes, wie auch die
Aneignung aller Formen der ökonomischen Rente des Bodens und des Kapitals, durch
die Gesamtheit der Nation, durch das Zwischenglied der am besten dazu geeigneten
öffentlichen Gewalten, wie kirchgemeindlichen, provinzialen und anderen Behörden.
Der von der fabischen Gesellschaft geforderte Sozialismus ist ausschließlich der Staats-
sozialismus.“ (Dieses Wort wird im Gegensatz zu dem anarchistischen Sozialismus
angewendet.) . . . Andererseits „verwirft die fabische Gesellschaft naohdrücklichst
jeden Plan, der darauf abzielt, einer Person oder einer Gruppe von Personen den
vollen Arbeitsertrag zu garantieren. Sie erkennt an, daß der Reichtum in seinen
Ursprüngen sozial ist und in seiner Verteilung sozial bleiben muß, da die industrielle
Entwicklung es unmöglich gemacht hat, den Sonderbeitrag einer jeden Person zum
gemeinsamen Gesamtprodukt zu unterscheiden oder seinen Wert zu schätzen“ (Re-
port on Fabian policy).

2)	Ebenda.

3)	Außer den Fabian Essays, die 1889 erschienen, sind die hauptsächlichsten
Veröffentlichungen, in denen man den Ausdruck der fabischen Ideen findet, die
Fabian Traots, sehr zahlreiche Broschüren über die verschiedensten Gegenstände;
weiterhin die Werke von Herrn und Frau Webe: History of Trade-Unionism
(franz. Übers, von MLtin) und besonders Industrial Democracy, hauptsächlich
Kap. I und II des 3. Teiles; und endlich die Problems of modern industry
(1898), eine Zusammenstellung der Vorträge und Aufsätze derselben Verfasser.
        <pb n="686" />
        ﻿Kapitel II. Die Theorie der Bodenrente nnd ihre Anwendungen.

661

Besonders Wbbb hat versucht, dem fabischen Kollektivismus eine
neue theoretische Basis zu geben. Da er die marxistische Theorie
des Arbeitswertes unbedingt verwirft und eher den modernen Theorien
eines Jevons, Maeshall oder der Österreicher zuneigt, mußte er für
die Aneignung der Produktionsmittel durch die Kollektivität eine
andere Begründung, als Maex finden. Als echter Engländer konnte
er sich dem besonderen Zauber, den auch heute noch Ricabdo auf die
Volks Wirtschaftler seines Landes ausübt, nicht entziehen und geht
daher auf die Theorie der Grundrente des großen Schriftstellers zurück,
die in seinen Augen „der wirkliche Eckstein der kollektivistischen
Volkswirtschaft ist“ x). Zunächst rechtfertigt die Theorie der Rente
— dies bedarf keines Beweises — die kollektivistische Aneignung
der Einkünfte des Bodens, indem sie nachweist, daß dieses Ein-
kommen auf dem Mehrertrag der besten Felder gegenüber dem
schlechtesten beruht, auf dem der Arbeiter nichts anderes als nur
gerade seinen Lohn erzeugt. Soweit also nichts Neues.

Sie rechtfertigt aber nicht weniger auch die Konfiskation des
Einkommens aus Kapitalien. Denn zwischen den verschiedenen Kapi-
talien, nämlich zwischen den verschiedenen Maschinen, den Instru-
menten und Gebäuden aller Art, die der Produktion dienen, bestehen
die gleichen Qualitätsunterschiede, und folglich auch die gleichen
Unterschiede in der materiellen Produktivität, wie zwischen den
verschiedenen Feldern. Der „nur mit dem Grenzkapital ausgestattete
Arbeiter“, d. h. derjenige Arbeiter, der nur mit dem Minimum an
Werkzeugen ausgestattet ist, ohne das keine Arbeit möglich ist, ver-
dient nur seinen Lohn. Alles, was dieses Minimum übersteigt, können
die Kapitalisten, als Zahlung für den höheren Ertrag der Kapitalien,
die sie darleihen, für sich beanspruchen. Der Zins ist daher nichts
als ein Differentialeinkommen, eine Rente, unter der Bedingung, daß
er in der allein richtigen Weise definiert wird, nämlich als „eine
bestimmte Teilmenge am Produkt“, und nicht als so und so viel
vom Hundert* 2).

*) Herr und Frau Webb verwerfen in ihrer History of Trade-Ünionism
(S. 116 d. franz. Übers.) „jene aufgeblähte Simili-Wissenschaft, und das Vorurteil,
das Generationen von Sozialisten dazu führte, A. Smith und den klassischen Volks-
wirtschaftlern die falsche Theorie zu entlehnen, als oh die Arbeit allein den Wert
schaffe, ohne das den Händen stets entgleitende und bei weitem schwierigere
Gesetz der ökonomischen Rente zu beherrschen, das der wirkliche Eckstein der
kollektistischen Volkswirtschaft ist“.

2) „Die Zinsen, mit denen wir uns hier beschäftigen, müssen selbstverständlich
e'ne „definierbare Produktmenge“ sein (a definable quantity of product).
(The National Dividend and its distribution in den Problems of
Modern industry S. 227). Wir entlehnen diesem Aufsatz die Darlegung
Her Lehre.
        <pb n="687" />
        ﻿662

Fünftes Buch. Die Lehren der neuesten Zeit.

Und weiterhin produzieren alle diejenigen, die höhere Fähig-
keiten besitzen, als der „Grenzarbeiter“, der nicht nur mit dem
Minimum an Boden und Kapital, sondern auch mit dem Minimum an
Intelligenz und Geschicklichkeit arbeitet, — sie alle produzieren
mehr, und können diesen Überschuß für sich selbst behalten. Auch
hierin liegt ein Differentialeinkommen: die Geschicklichkeitsrente.
Diese Rente ist übrigens im allgemeinen die Wirkung der besseren
Erziehung, die die Kinder der Besitzer und Kapitalisten empfangen,
und ergibt sich infolgedessen mittelbar aus dem Privateigentum1).

So geistreich sie ist, ist doch diese Beweisführung nicht sehr
überzeugend. Denn auch, wenn man zugibt, daß die Zinsen und die
meisten Löhne nichts anderes als Differentialeinkommen sind, so ver-
langt ihre Konfiskation doch eine besondere Rechtfertigung. Die
Eigenschaften des Kapitals sind nicht, wie die des Bodens in der
Theorie Ricaedo’s, natürliche Eigenschaften, sondern ihm vom Menschen
verliehene Eigenschaften. Und was die besonderen Fähigkeiten
des Menschen anlangt, so muß noch bewiesen werden, daß es der
Gesellschaft zum Vorteil gereicht, den ganzen darauf beruhenden
Gewinn zu konfiszieren. — Auch als wissenschaftliche Erklärung der
Güterverteilung scheint uns diese Auffassung nicht sehr glücklich.
Die Verteilung der Einkünfte wird im Tauschverkehr bewirkt und
hängt vom Preis der Dienste ab; Webb abstrahiert nun vom Preise
und faßt nur das materielle Produkt ins Auge. Wir leugnen nicht,
daß die fixen Kapitalien ebenso wie der Boden eine Rente abwerfen
können, wenn sie durch einen Vergleich mit dem geltenden Zinsfuß
gemessen werden. Es scheint uns aber nach den Arbeiten Böhm-
Baweek’s und Irving Fischer’s unmöglich zu sein, diesen Zinsfuß
selbst durch die materielle Produktivität der Kapitalien zu erklären.
Und doch liegt hierin der Kernpunkt der Theorie Webb’s.

Der Versuch, den ganzen Kollektivismus auf die Rententheorie
Ricaedo’s zu gründen — dieser letzte Versuch, mit Gewalt aus dem
alten Ökonomisten revolutionäre Schlußfolgerungen zu ziehen — ist

‘) Die gleiche Theorie ist in dem Tract No. 16, EngTish Progress towards
Social-Democracy ausgeführt. „Die Individuen oder die Klassen, die die
soziale Macht besitzen, haben stets, bewußt oder unbewußt, diese Macht dazu benutzt,
der Mehrheit ihrer Genossen faktisch nichts über das örtlich übliche Unterhaltsniveau
hinaus zu lassen. Das Zusatzprodukt, das von den relativen Unterschieden in der
produktiven Wirksamkeit der verschiedenen Landstriche, Felder, Kapitalien und
Geschickliohkeitsquellen innerhalb der Bewirtschaftungsgrenze bestimmt wird, geht in
die Hände derer über, die diese kostbaren und seltenen Produktionfaktoren besitzen.
Diese Schlacht um den Überschuß oder die „ökonomische Eente“ ist der Schlüssel der
verworrenen Geschichte des europäischen Fortschritts und der tiefliegende, wenn auch
unbewußte Grund aller Revolutionen“. Ygl. auch The difficulties of indivi-
dualism in den Problems of modern industry, S. 237—239.
        <pb n="688" />
        ﻿Kapitel II. Die Theorie der Bodenrente und ihre Anwendungen. 663

daher fehlgeschlagen. Sogar die Freunde Webb’s haben sich ihm
nicht angeschlossen*), obgleich auch sie beständig auf die „drei
Monopole“ verweisen.

Der Versuch ist weniger an sich, denn als Symptom interessant.
Schon in Frankreich und Deutschland haben wir gesehen, daß Marx’
nächste Schüler seine Werttheorie verwarfen und zum Teil zur
Theorie des Grenznutzens übergingen. Ein Teil der englischen
Sozialisten nimmt dieselbe Entwicklung. Der Sozialismus scheint in
allen Ländern den Anspruch aufzugeben, eine neue „ Arbeiter “-Volks-
wirtschaft neben der „bürgerlichen“ Volkswirtschaft zu schaffen, und
zu der Einsicht zu kommen, daß es nur eine einzige volkswirtschaft-
liche Wissenschaft geben kann, die von allen Parteien und sozialen
Idealen unabhängig ist, und deren Rolle einfach darin besteht, die
wirtschaftlichen Tatsachen wissenschaftlich zu erklären.

In ihrer Reaktion gegen die marxistischen Theorien gehen die
Fabier sogar bedeutend weiter, als die Syndikalisten. Nicht nur
verwerfen sie die Werttheorie von Marx, sondern auch seine ganze
soziale Lehre. Ihre Opposition erstreckt sich hauptsächlich auf zwei
Punkte und, obgleich wir uns damit von dem eigentlichen Gegen-
stand dieses Kapitals, der Rententheorie, entfernen, so ist es doch
notwendig, auf sie hinzuweisen, um unsere Darlegung der fabischen
Gedanken zu vervollständigen.

Die soziale Lehre Marx’ beruht auf dem Klassenkampf: für ihn
ist der Sozialismus die Lehre des Proletariats. Ihr Triumph ist
der Triumph des Proletariats über die Bourgeoisie. Ihre Prinzipien
stehen denen der bestehenden Gesellschaft ebenso gegenüber, wie
die Interessen der beiden Klassen sich gegenüberstehen. Nichts der-
artiges findet sich bei den Fabiern. Für sie ist der Sozialismus nur
eine Fortsetzung des demokratischen bürgerlichen Ideals. Sie be-
gnügen sich damit, logisch die Prinzipien zu entwickeln, auf denen
schon heute die Gesellschaften beruhen. „Das wirtschaftliche Bild
des demokratischen Ideals“, sagt Webb, „ist tatsächlich der Sozialis-
mus selbst“2). Es handelt sich nicht darum, die Vorherrschaft des
Bürgertums durch die Vorherrschaft des Proletariats zu ersetzen,
noch auch den Arbeiter von dem Lohnsystem zu erlösen (unter der
Herrschaft des Sozialismus wird jedermann Lohnempfänger sein,
sagen die Fabier), sondern die Industrie im Interesse der „gesamten
Gemeinschaft“ zu organisieren. „Nicht nur für die Grubenarbeiter,
die Schuhmacher oder die Handelsangestellten verlangen wir die

*) Bbrnard Shaw unterscheidet z. B. in seiner Economic basis of
socialism in den Fabian Essays scharf zwischen den eigentlichen Zinsen und
der ökonomischen Eente.

2) Fabian Essays, S. 35.
        <pb n="689" />
        ﻿664

Fünftes Buch. Die Lehren der neuesten Zeit.

Leitung oder den Profit der Industrie, sondern für alle Bürger1).“
Der Sozialismus ist daher nicht eine Klassendoktrin, sondern eine
Philosophie des Allgemeinwohles. „Der Sozialismus ist ein
Plan, um allen gleiche Kechte und gleiche Möglich-
keiten zu sichern* 2 3).“ Webe bestreitet sogar, daß in England
ein Klassenkampf im marxistischen Sinn des Wortes bestehe8). Noch
besser: „Angesichts der Tatsache, daß die sozialistische Bewegung
bisher von Mitgliedern des Mittelstandes und des Bürgertums be-
gonnen, ins Werk gesetzt und geleitet worden ist ... protestiert
die fabische Gesellschaft gegen den Widerspruch, der darin liegt,
daß die Sozialisten die Klasse, aus der der Sozialismus stammt, be-
schuldigen, ihm besonders feindlich gegenüberzustehen“ 4). Wie man
sieht, verstehen sich die Fabier nicht mit den französischen Syndi-
kalisten.

Auch ihre Geschichtsphilosophie trägt ein ganz anderes Gepräge.
Für Marx ist die Haupttatsache des 19. Jahrhunderts die Konzen-
tration des Eigentums in den Händen der Privilegierten und die
gleichzeitige Proletarisierung der Massen. Eine Doppeltatsache, deren
notwendige Folge die revolutionäre Enteignung der ersteren durch
die zweiten sein wird.

Die Fabier bestreiten die Konzentration des Eigentums nicht.
Sie sind aber Optimisten. Weit davon entfernt, eine damit parallel
verlaufende Versklavung der Massen zu erkennen, ist in ihren Augen
die Haupttatsache des 19. Jahrhunderts die Verringerung der Macht
der Kapitalisten, die wachsende Bedeutung der kollektiven Organi-
sation in der Volkswirtschaft und die schon begonnene Enteignung
der Müßiggänger zum Nutzen der Arbeiter. Nach Sydney Webe ist
der Sozialismus im Begriff, sich geräuschlos und ohne daß es seinen
Opfern zum Bewußtsein kommt, zu verwirklichen: „Stück für Stück
hat das Kapital von seinem Profit hergeben müssen und zwar dank
wohltätigen sozialen Beschränkungen, die der vollen Verfügungs-
freiheit des Besitzers Abbruch taten. Stück für Stück mußten die
Nutznießer von der Rente und dem Zins hergeben durch die Ab-
wälzung der Steuern von den Schultern des Verbrauchers auf die
der Personen, die ein höheres Einkommen genossen. Heute werden
fast alle denkbaren Industrien in einer oder der anderen Weise von

*) Socialism true and false, Tract No. 51.

2)	What socialism is; Tract No. 13, S. 3.

3)	In seinem Vorwort zu dem deutschen Buche von Kurella: Sozialismus
in England (1898) weist er darauf hin, daß in England die Arbeiterklasse in
zahlreiche Korporationen geteilt ist, die sich gegenseitig beneiden oder verachten,
die aber kein eigentliches Klassenbewußtsein besitzen (S. 10).

4)	Report on Fabian Policy, S. 7.
        <pb n="690" />
        ﻿Kapitel II. Die Theorie der Bodenrente und ihre Anwendungen. 665

den Dorfgemeinden, den städtischen Verwaltungen oder der Regierung
selbst geleitet, ohne daß irgendeine Mittelsperson oder ein Kapitalist
dazwischentritt. Die Gemeinde schafft und unterhält ihre eigenen
Parkanlagen, Kunstmuseen, Bibliotheken, Hörsäle, Straßen, Wege,
Brücken, Märkte, Schlachthäuser, Feuerspritzen, Leuchttürme, Lootsen,
Fähren, Schlepper, Rettungsboote, Friedhöfe, öffentliche Bäder, Wasch-
anstalten, Tierasyle, Häfen, Kais, Armenhäuser, Krankenhäuser, Poli-
kliniken, Gasanstalten, Wasserleitungen, Straßenbahnen, Telegraphen-
kabel, Felder, "Wiesen, Ärbeiterhäuser, Schulen, Kirchen, Lese-
hallen usw.“ Zur gleichen Zeit wie der Staat der Privatindustrie
Konkurrenz macht, beaufsichtigt und überwacht er sie: „Der Staat
schreibt in den meisten der großen industriellen Unternehmungen
das Älter des Arbeiters, die Arbeitsdauer, die Menge an Luft, Licht
und Raum, die Temperatur, den Zustand der Aborte, die Zeit der
Mahlzeiten und der Ruhepausen vor; ebenso wie den Ort, die Zeit
und die Art und Weise, in der die Löhne zu zahlen sind; in welcher
Weise Treppen, Maschinen, Aufzüge, Bergwerke, Steinbrüche durch
Schranken und Schutzvorrichtungen geschützt werden müssen; wann
und wie die Maschinen gereinigt, ausgebessert und in Betrieb zu
setzen sind ... Von allen Seiten wird der individualistische Kapi-
talist inspiziert, kontrolliert und nötigenfalls von der Kollektivität
ersetzt“ 1).

Man sieht, ruft Webe aus, daß wir schon mitten im Sozialismus
stehen! Unsere Gesetzgeber sind schon alle, ohne es zu wissen,
Sozialisten und „die Wirtschaftsgeschichte des Jahrhunderts ist eine
fast ununterbrochene Kette des Fortschrittes des Sozialismus“2).
Die Sozialisten — so wiederholen die Fabier nach dem Vorbild der
Saint-Simonisten — tun weiter nichts, als klar die Entwicklung aus-
zudrücken, zu der ein jeder verworren beiträgt. „Anstatt unbewußte
Faktoren zu bleiben, machen wir uns bewußt und absichtlich zu
ihren Trägern, sei es, um die Umwandlungen, die wir bemerken, zu
begünstigen, sei es, um sie zu bremsen 8).“

Hiermit sind wir weit von Karl Marx entfernt und noch weiter
von seinen syndikalistischen Schülern. In Wirklichkeit werden wir
damit zu der Geschichtsphilosophie der Staatssozialisten zurück-

J) Fabian Essays, S. 48—49.

2)	Ebenda, S. 31.

3)	Sidney Webe, The diffieulties of individualism in den Problems
of modern indnstry, S. 231. Daher erklärt Webb auch in den Eabian Essays,
S. 36 : „Die Sozialisten wie die Individualisten kommen zu der Einsicht, daß die
Grundbedingungen bedeutender organischer Veränderungen sind: 1. demokratisch zu
sein . . .; 2. allmählich . . .; 3. von der Masse des Volkes nicht als unmoralisch ange-
sehen zu werden . . .; 4. zum mindesten in England, konstitutionell und friedlich
        <pb n="691" />
        ﻿666

Fünftes Buch. Die Lehren der neuesten Zeit.

geführt. Sollten die Fabier etwa nichts anderes als Staatssozialisten
sein, die ihren wirklichen Namen nicht eingestehen wollen?

Mithin ist der „Fabische Sozialismus“, genau genommen, über-
haupt keine neue wissenschaftliche Doktrin. Er vertritt vielmehr,
gegenüber dem etwas abgenutzten Liberalismus, der noch bei vielen
englischen Schriftstellern in Ehren steht, die Gedanken der wirt-
schaftlichen Zentralisation, die überall in Europa sich aus den Be-
dingungen des modernen Lebens ergeben haben. Denn aller Wahr-
scheinlichkeit nach wird die gesetzgeberische Entwicklung dieser
letzten 30 Jahre in der recht bescheidenen Gestalt einer fort-
schreitenden Zentralisation in die Erscheinung treten, wenn auch ihre
Gegner, und sogar viele ihrer Anhänger, sie mit dem tönenden
Namen „Sozialismus“ bezeichnen.

Während die englische praktische Politik seit langem begonnen
hatte, sich vom Individualismus zu befreien, behielt die philosophische
und politische Doktrin der radikalen Utilitarier, wie sie zu Beginn
des 19. Jahrhunderts von Bentham und seinen Freunden formuliert
worden war, ihren ganzen Einfluß, von dem sie auch heute noch
nichts verloren hat. Die Fabier haben sich zu Gegnern dieser Lehre
aufgeworfen. Gern betrachten sie sich als die intellektuellen Nach-
folger der radikalen Utilitarier, und behaupten übrigens, einfach den
neuen Bedürfnissen eines großen industriellen und demokratischen
Landes Ausdruck zu geben. Die schon so gehäufte Arbeitergesetz-
gebung, der Munizipalsozialismus, der sich selbsttätig in den großen
Städten entwickelt hat, der Glanz der großen Genossenschaftsverbände
in Manchester und Glasgow liefern ihnen beredte Beispiele für den
praktischen Sozialismus, den sie predigen. „Nicht der Sozialismus
der fremden Arbeiter ist es,“ sagt Frau B. Sydney Webb, „die eine
anarchistische, durch eine blutige Revolution zu verwirklichende
Utopie fordern, sondern der spezifisch englische Sozialismus, der
Sozialismus, der sich in Taten und nicht in Worten ausdrückt, der
Sozialismus, der sich lautlos in den Fabrikgesetzen, in den Gesetzen
gegen das Truck-System, der Unfallgesetzgebung, in den Gesetzen
über die öffentliche Gesundheit, die Arbeiterwohnungen, den öffent-
lichen Unterricht verkörpert hat — in dieser ganzen Masse von
Wohlfahrtsgesetzen, die das Individuum zwingt, sich in den Dienst
und unter den Schutz des Staates zu stellen“ x).

* *

*

l) B. Pottbr (Frau Sydney Webb), The Cooperative Movement, 2. Ausg-,
8. 16 (1899).
        <pb n="692" />
        ﻿Kapitel III. Die Solidaristen.

667

Die Fabische Theorie ist die letzte Verkörperung der Lehre
Ejcardo’s. Es scheint heute unmöglich, weitere neue Schlußfolgerungen
aus ihr zu ziehen: man hat, glauben wir, alles aus ihr herausgepreßt,
was sie geben konnte. — Wird man versuchen, sie noch einmal zu be-
leben, ihr neue Waffen gegen die unverdienten Einkünfte zu entlehnen ?
Voraussehen läßt sich dies kaum. Es scheint uns aber höchst un-
wahrscheinlich, wenn man daran denkt, daß die volkswirtschaftliche
Wissenschaft in der Tatsache der Rente nicht mehr die merkwürdige
Anomalie sieht, die sie früher inmitten der anderen wirtschaftlichen
Tatsachen zu sein schien. Ihre Rolle wird nicht bestritten, aber ihr
ist viel von der sozialen Bedeutung genommen worden, die ihr
Ricaedo und seine Schüler zusprachen, und daher auch viel von dem,
was man ihre revolutionäre Fruchtbarkeit nennen könnte.

Kapitel III.

Die Solidaristen.

§ 1. Die Ursachen der Entwicklung des Solidarismus.

Das Wort Solidarität, das früher nur in der Rechtssprache *) ge-
braucht wurde, hallt seit 20 Jahren, wenigstens in Frankreich, auf
allen Straßen wieder. Nicht nur ist es das Schlußwort aller offiziellen
Reden, aller sozialen Vorträge, aller Aufrufe, um Streiks zu entfesseln
oder an den Beutel zu appellieren, sondern es erscheint auch mehr
und mehr als Kapitelüberschrift in den Abhandlungen über Moral
und Pädagogik. Daher verlangt es auch in der Geschichte der
französischen wirtschaftlichen Doktrinen seinen Platz 2j.

*) Etymologisch ist das Wort Solidarität eine Verbildung des Wortes solidum,
das bei den römischen Rechtsgelehrten die Verpflichtung bezeichnete, die auf den
Schuldnern lastete, wenn ein jeder von ihnen gehalten war, für das Ganze (in solidum)
aufzukommen. Anscheinend hätte das Wort sich zu solidite (Solidität) wandeln
sollen, und dieses Wort wird auch von den französischen Juristen des alten Regime,
besonders von Pothiek, gebraucht. Erst die Verfasser des Code Civil haben es durch
das Wort „Solidarite“ ersetzt.

-) Man würde kaum ein Ende finden können, wenn man die Texte anführen
sollte, in denen die Vorzüge der Solidarität verherrlicht werden; es genügt auf gut
Glück offizielle Reden oder Zeitungsauf; ätze herauszugreifen. Wir geben hier zwei
als Probe:

Millbband, damals Haudelsminister, sagte in der Eröffnungsrede der Weltaus-
stellung von 1900; „Die Wissenschaft liefert den Menschen das Geheimnis der
        <pb n="693" />
        ﻿668

Fünftes Buch. Die Lehren der neuesten Zeit.

Selbstverständlich ist der Gedanke, den das Wort „solidarite“ —
Solidarität — ausdrückt, nämlich daß alle Menschen ein Ganzes
bilden, wie die Glieder eines selben Körpers, nichts neues. Im Alter-
tum haben schon der Apostel Paulus und Markus Aurelius, ohne von
der bekannten Parabel des Menenius Agrippa zu sprechen, den Ge-
danken in ungefähr der gleichen Weise ausgedrückt1).

Eine andere Art von Solidarität, die sich nicht im Kaum, sondern
in der Zeit erkennen läßt, die die Toten mit den Lebendigen durch
die Erblichkeit der Tugend oder der Laster verbindet, war ebenfalls
von den Alten nicht unbemerkt geblieben. Ohne vom Dogma der
Erbsünde zu sprechen, dem furchtbarsten Beispiel der Solidarität,
das die Geschichte der Ideen jemals aufzuzeichnen gehabt hat, ge-
nügt es den Vers des Horaz anzuführen:

Delicta majorum immeritus lues.

Nicht nur als philosophische Idee oder als Dogma hat sich die
Solidarität in der Vergangenheit behauptet; sie ist auch in Taten ver-
wirklicht, durch Gesetz, Religion und Sitte geheiligt worden und zwar
nachdrücklicher als es heute geschieht: es genügt auf die kollektive
Verantwortlichkeit aller Mitglieder der Familie im Kriminalrecht
hinzuweisen, die noch heute in der korsischen Vendetta lebt.

Schließlich gibt es noch eine andere Form der Solidarität, auf
die bereits lange vor Smith’s prachtvoller Darstellung griechische
Denker hingewiesen haben — die Arbeitsteilung, die Abhängigkeit
aller von allen in der Befriedigung ihrer Bedürfnisse (siehe oben
SS. 65—66).

So war also die Solidarität, obgleich sie noch keinen Namen
trug, schon in ihren hauptsächlichsten Ausdrucksformen bekannt:
biologisch, soziologisch, moralisch, religiös, juristisch und wirtschaft-
lich, — aber jede dieser Formen erschien vereinzelt und ohne not-
wendige Verbindung mit den anderen. Erst in der Mitte des
19. Jahrhunderts hat man unter dieser Vielfältigkeit die Einheit eines

materiellen und moralischen Größe der Gesellschaften, — das in einem Wort be-
schlossen liegt: Solidarität“.

Dehbbme, der Begründer der Bewegung für Volks-Universitäten schreibt:
„Wir müssen die Torheit der Solidarität ergreifen, wie die Märtyrer die Torheit
Christi ergriffen. Es handelt sich darum, die Demokratie zu organisieren . . .“ (La
Cooperation des Idees, vom 16. Juni 1900).

*) „Denn gleicher Weise, als wir in einem Leibe viele Glieder haben, aber
alle Glieder nicht einerlei Geschäfte haben, — also sind wir viele ein Leib in Christo,
aber untereinander ist einer des anderen Glied“ (Römer 12, 4—5).

„Das gleiche Einheitsverhältnis, das die Glieder des Körpers untereinander
haben, haben auch die vernünftigen Wesen untereinander, weil sie, obgleich von
einander getrennt, dazu geschaffen sind, an einem gemeinsamen Werk zu arbeiten“
(Mahoüs Aurelius, VII, 13).
        <pb n="694" />
        ﻿Kapitel III. Die Solidaristen.

669

großen Gesetzes gesucht. Wir haben schon gesehen, daß Pieeee
Leeoox, die Schüler Fouexer’s und sogar Bastiat dem Gedanken
und dem Wort Solidarität einen gewissen Wert zuerkannt hatten.
Es war aber Auguste Comte, der ihm eine unerwartete Ausdehnung
gab. „Die Gesamtheit der neuen Philosophie läßt die Verbindung
eines jeden mit allen unter einer Menge von verschiedenartigen
Zügen so stark hervortreten, daß unwillkürlich das tiefe Gefühl der
sozialen Solidarität zu aller Zeit und an allen Orten zum innerlichen
Erlebnis werden muß1).“

Man mußte aber noch einige Zeit warten, bis dieser neue Ge-
danke die Aufmerksamkeit des Publikums und sogar die der Volks-
wirtschaftler auf sich zog. Vielleicht würde er niemals fruchtbar
gewirkt haben, ebensowenig wie das Saatkorn im Gleichnis, das auf
den steinigen Weg gefallen ist, wenn nicht eine Menge überall neu
auftauchender Tatsachen in einer Art von Anschauungsunterricht
den Solidarismus verbreitet hätten.

Diejenige dieser Tatsachen, die vielleicht am lebhaftesten die
Gemüter erregte, und von allen solidaristischen Rednern zu einer
wirkungsvollen Illustration benutzt wurde, zu einer Reklame in
feurigen Buchstaben, war die Mikrobiologie. Zu allen Zeiten wußte
man sehr wohl, daß es übertragbare und epidemische Krankheiten
gab, und stets hatten sie die Menschen mit Schrecken erfüllt. Es
wirkte aber wie ein elektrischer Schlag, als man erfuhr, daß die
gefährlichsten, wenn nicht alle Krankheiten, vom Menschen auf den
Menschen durch unsichtbare Bazillen übertragen werden, so daß die
Mehrzahl aller derjenigen, die da glauben, eines natürlichen Todes
zu sterben, in Wirklichkeit von ihresgleichen getötet worden sind.
Man hörte mit Entsetzen, daß der Schwindsüchtige, früher der
sympathische Held vieler sentimentaler Romane, jeden Tag Milliarden
von tödlichen Keimen aushustet, deren Menge genügen würde, eine
Stadt zu entvölkern, oder daß eins der Kinder der königlichen
Familie Englands gestorben sei, weil es einen Anzug getragen habe,
der von einem Schneider, dessen Kind an Scharlachfieber krank lag,
in Hausarbeit angefertigt worden war. Zu erwähnen ist noch, daß
diese pathologische Solidarität jeden Tag durch die Vermehrung und
größere Schnelligkeit des Verkehrs verstärkt wird. Es war viel
mehr Aussicht dafür vorhanden, daß der in Mekka aufgenommene
Pestbazillus während der langen Reise der Karawanen durch die
Wüste zugrunde ging, als dies in Zukunft auf der Eisenbahn der

*) Discours sur l’Esprit positif. Und in seinem Cours de Philo-
sophie spricht Comte sich seihst die etwas offenherzige, aber sehr verdiente An-
erkennung ans: „Eine wirkliche grundlegende und durchaus moderne Auffassung“.
        <pb n="695" />
        ﻿670

Fünftes Buch, Die Lehren der neuesten Zeit.

Fall sein wird, die den Pilger in einigen Stunden durch die Wüste
trägt. Der Reisende zu Fuß oder zu Pferde von gestern war
sicherlich weniger der Gefahr ausgesetzt, Bazillen aufzunehmen, als
der, der auch nur für einige Minuten mit der Stadtbahn fährt.

Auch die Soziologie hat ihren Teil an Tatsachen und Theorien
heigetragen 1). Sie hat geglaubt, nachweisen zu können, daß die alte
Erzählung vom Magen und den Gliedern der genaue Ausdruck der
Wirklichkeit sei, daß jede Gesellschaft einen „Organismus“ darstelle,
und zwar genau im Sinne dieses Wortes und infolgedessen auch mit
der gleichen engen Solidarität aller Teile, wie sie zwischen den
Organen desselben Körpers besteht. Und diesen Vergleich führt sie
mit ernsthaftester Genauigkeit oder mit höchst unterhaltsamer Phan-
tasie bis auf die geringsten anatomischen Einzelheiten durch. Die
Funktionen sind gleich: -— nicht nur die des Umlaufs, der Zirkula-
tion, die nicht einmal den Namen zu wechseln braucht, sondern auch
die Ernährung, die zur Produktion wird, die Reproduktion, die
Kolonisation genannt wird, die Anhäufung von Fettreserven in den
Geweben, die zur Kapitalansammlung wird, — deshalb wurden in
Florenz im Mittelalter die Bürger „die Fetten“, und die Arbeiter
„die Mageren“ genannt! — die Organe sind gleich: das Netz der
Arterien und Venen wird zum Eisenbahnnetz mit seinen doppelten,
nach beiden Richtungen führenden Schienensträngen; aus den Nerven
werden Telegraphendrähte, die die gleiche Bestimmung haben, Emp-
findungen und Neuigkeiten schnell zu übermitteln; das Gehirn wird
zum Sitz der Regierung; das Herz zur Börse! — ohne zu vergessen,
daß zwischen diesen beiden Organen eine besonders enge Abhängig-
keit besteht. Und sogar die weißen Blutkörperchen haben im sozialen
Organismus ihr Gegenstück gefunden, denn seitdem man ihre wunder-
bare Rolle entdeckt hat, die darin besteht, sich in großer Anzahl an
einem bedrohten Punkte des Organismus zu sammeln, um dort die
Krankheitskeime gefangen zu nehmen und zu ersticken, erkennt man
leicht in diesen „Phagozyten“ die Polizeibeamten. —

Wenn auch diese mehr geistreichen, als wissenschaftlichen sozio-
logischen Angleichungen nur ein Leben kurzen Ruhmes gehabt haben* 2 3),

') Als Ausgangspunkt dieser biologisch-sozialen Lehre kann man das Werk des
Professors Schaeffi.b betrachten; Bau und Leben des sozialen Körpers
(1875—1878), oder sogar die Schriften Eodbbhtus’, der Sohaeffle beschuldigt, ihn
„geplündert-1 zu haben. Siehe auch die Principles of Sociology von Herbert
Spencer. — Aristoteles hatte schon gesagt: „Man muß zugeben, daß das Tier wie
eine wohlgeordnete Stadt gebaut ist“ (De motu animalium), ein Ausspruch, den
man nur umzukehren braucht.

2) Sie haben jedoch noch Anhänger; siehe das Buch von Worms: Organisme
et Soeiete, und das von Lilienfeld: Pathologie Sociale.

Herbert Spencer jedoch, der zuerst zu ihrer Verbreitung beigetragen hatte,
        <pb n="696" />
        ﻿Kapitel III. Die Solidarisier!.

671

so sind doch einige Feststellungen übrig geblieben, deren Richtigkeit
endgültig erwiesen scheint, und aus denen die Solidaristen die Grund-
lage ihrer Lehre gemacht haben, nämlich:

a)	Die Solidarität, worunter die gegenseitige Abhängig-
keit aller Teile desselben Körpers zu verstehen ist, ist das
Charakteristikum des Lebens. Sie fehlt allen anorganischen Körpern,
die einfache Aggregate voneinander abhängiger Teile darstellen.
Was ist der Tod anders, als die Auflösung der geheimnisvollen Bande,
die die Teile des früher lebendigen Wesens zusammenhielten, und
deren Verschwinden es zum Kadaver macht, nämlich zu wieder von-
einander unabhängig gewordenen Elementen, die sich nach allen
Seiten zerstreuen, um nach dem Rufe der Natur neue Verbindungen
einzugehen ?

b)	Die Solidarität ist um so vollkommener und um so stärker,
je höher das Niveau in der biologischen Stufenleiter ist, auf dem
sich das Wesen befindet. Die niederen, einfach gebauten Wesen
unterscheiden sich kaum von einfachen Aggregaten: man kann sie
entzwei schneiden oder wenigstens amputieren, ohne daß dies nach-
teilige Folgen für sie ergebe; ein jeder Teil lebt sein unabhängiges
Leben, oder das abgeschnittene Glied ersetzt sich wieder. Manche
dieser Wesen vollziehen sogar die Operation — die Autotomie genannt
wird — von selbst, nur zu dem Zwecke ihrer Reproduktion oder
Verjüngung. Bei den höheren Wesen dagegen zieht die Abtrennung
irgendeines Organes den Tod des ganzen Organismus nach sich oder
bringt wenigstens das Leben aller anderen Teile in große Gefahr.

c)	Die Solidarität steht mit der Differenzierung der Teile im
gleichen Verhältnis: dort, wo alle Teile homogen sind, kann sich jeder
selbst genügen, aber dort, wo sie alle verschieden sind, ergänzt einer
den anderen und kann daher weder allein handeln, noch allein leben.

Man hat auch nicht verfehlt, darauf hinzuweisen, daß ebenso
auch in den primitiven Gesellschaften eine solche Trennung von der
Gesamtheit für das Einzelwesen einen bedeutend geringeren Nachteil
vorstellt, als es der Nachteil ist, den z. B. der Boykott, diese neue
Form der Exkommunikation, einem Mitgliede einer zivilisierten Gesell-
schaft zufügt.

Neben der großen, aber schon seit langem bekannten Tatsache
der Arbeitsteilung machte die Volkswirtschaft ihrerseits auf viele
andere Fälle gegenseitiger Abhängigkeit zwischen den Menschen auf-
merksam; — die Krisen z. B. zeigen, wie ein Krach in New York,

hat sie dann aufgegeben. AuausTB Comtb, der bei der Soziologie Pate gestanden
hatte, bat die Soziologen im voraus vor dieser Methode gewarnt, die er als irratinnell
hezeichnete.
        <pb n="697" />
        ﻿672

Fünftes Buch. Die Lehren der neuesten Zeit.

oder eine schlechte Eeisernte in Indien genügen, um die Banken in
Paris oder in London zu erschüttern und die Arbeiter der Diamanten-
oder der Automobilindustrie zur Arbeitslosigkeit zu verdammen —,
oder noch weniger als dies, die Handbewegung des Sekretärs einer
i Gewerkschaft von Elektrizitätsarbeitern reicht hin, um Dunkelheit
' auf eine ganze Stadt herabsinken zu lassen. Der Generalstreik, der
seit -einiger Zeit als Schreckgespenst gegen den „Bourgeois“ dient,
verdankt natürlicherweise seine Furcht erregende Wirkung nur dem
Gedanken der Solidarität, da ihm weiter nichts zugrunde liegt, als
daß an dem Tage, an dem eine genügende Anzahl von Arbeitern die
Arme kreuzt, die gesamte Gesellschaft sofort entweder kapitulieren
oder zugrunde gehen muß.

Hierzu können wir noch die staunenerregende Entwicklung der
Presse und der Telegraphenagenturen lügen, die jeden Tag, jede
Minute die Menschen aller Länder auf Grund dieses oder jenes Vor-
falls, der früher nur einen ganz kleinen Punkt der Welt in Bewegung
gesetzt hätte, in einer gleichen Aufregung der Wut oder der Freude
erzittern lassen1), — oder sogar auch jene mysteriösen Bande zwischen
den Menschen, die noch verworren und dunkel in den Phänomenen des
Spiritismus oder der Telepathie erscheinen. So haben sich von allen
Seiten aus den Berührungen des täglichen Lebens, wie aus den Nebel-
reichen des Okkultismus Tatsachen und Ideen in Menge erhoben, die
alle nachzuweisen streben, daß das „Einer für Alle, und Alle für
Einen“ nicht nur eine Maxime, sondern Wirklichkeit ist, daß das
Wohl oder Wehe des anderen mehr oder weniger unser eigenes Wohl
oder Wehe ausmacht, und daß, wie man richtig gesagt hat, das Ich
ein soziales Produkt ist. Aus diesen von allen Punkten der Windrose
gekommenen Quellflüssen hat sich der große Strom des Solidarismus
gebildet.

Und dies ist noch nicht alles. Nicht nur schien sich diese Idee
der Solidarität aller Orten zu erheben, sondern sie schien auch im
richtigen Augenblick gekommen zu sein, um alle die zu befriedigen,
die nichts mehr von dem individualistischen Liberalismus wissen
wollten, und die doch dem Kollektivismus oder dem Staatssozialismus
abweisend gegenüberstanden.

Besonders in Frankreich gab es eine politische Partei, die in der
Bildung begriffen war und ein Banner suchte. Sie wollte ein wirt-

*) „Die riesige Ausdehnung des Transportes mit Hilfe des Dampfes und die
den ganzen Erdball umspannenden Telegraphenlinien haben aus dem modernen In-
dustrieorganismns eine Art von riesenhaften Polypen gemacht, von dem kein Glied
verletzt werden kann, ohne den ganzen Körper in Mitleidenschaft zu ziehen, ein
fieya £aov, das in todeskampfähnliche Zuckungen verfällt, so bald es irgendwo eine
Wunde erhält“ (Nicholson, Effects of Machinery on wages).
        <pb n="698" />
        ﻿Kapitel III. Die Solidarisier!.

673

scliaftliches Programm, das ihr gestatten sollte, sich einen Weg
zwischen der alten liberalen Partei und dem Sozialismus zu bahnen,
— das Laisser-faire zu verwerfen, aber ebenso die Sozialisation des
individuellen Eigentums —, die Rechte des Individuums, die Menschen-
rechte, aufrecht zu erhalten und mit Nachdruck zu vertreten, aber
zur gleichen Zeit dem Einzelnen gewisse Opfer im Interesse der Ge-
samtheit aufzuerlegen und abzufordern. Es war das die Partei, die
■sich damals radikal nannte, und die sich heute radikal-sozialistisch
nennt. Allerdings besagt das Programm des deutschen Staats-
Sozialismus, so wie es zu dieser Zeit gelehrt wurde (siehe SS. 503/504)
ungefähr dasselbe, aber seine Auffassung der historischen Rolle des
Staates, der über allen Klassen- und Parteiinteressen schwebt, war
wenn sie auch in einem Lande wie Preußen leicht verständlich ist
für Franzosen doch viel weniger einleuchtend und sympathisch. Die
Geschichte der beiden Länder gibt ihnen in dieser Hinsicht nicht
die gleichen Lehren, Der Solidarismus mag, wenn man will, Staats-
sozialismus sein, jedoch in französischem Gewände und von größerer,
liebenswürdigerer Höflichkeit, weil er nicht notwendigerweise die
Zwangseinmischung des Staates bedingt und der Freiheit des Indi-
viduums mehr Achtung entgegenbringt1).

Das Wort Solidarität leistete aber noch einen weiteren Dienst:
■es gestattete ein anderes Wort zu verbannen, dessen man sich um seines
religiösen Beiklangs willen nicht bedienen wollte, das der „Mildtätig-
keit“. Auch das Wort Brüderlichkeit, das seit der Revolution von 1848
an seine Stelle getreten war, schien mit einem recht veralteten Sentimen-

0 1889 wurde, wenn wir uns nicht irren, die Solidarität zum ersten Male als
Wahlspruch in einem Vortrage einer neuen wirtschaftlichen Schule vorgeschlagen,
der sich geradezu L’Ecole Nouvelle nannte. Dieser Vortrag wurde in einem
kleinen Buche, zusammen mit drei anderen, unter der Überschrift: Quatre Ecoles
d’Economie Sociale (Genf, 1890) (L’Ecole liberale von Fnfmfmic Passy;
L’Ecole catholique von Claudio Jannbt; L’Ecole socialiste von Stiegleb;
L’Ecole nouvelle von Gide) veröffentlicht. In dieser letzteren sagt der Ver-
fasser, nachdem er die drei vorhergehenden Schulen als die Vertreter der Freiheit,
der Autorität und der Gleichheit bezeichnet hat: „Wenn man nun von mir ver-
langt, diese neue Schule mit einem einzigen Wort, wie die vorhergehenden,
zu definieren, so würde ich sie die Schule der Solidarität nennen. . . . Die Soli-
darität ist nicht wie die Freiheit, die Gleichheit und sogar die Brüderlichkeit ein
volltönendes Wort oder ein reines Ideal: sie ist eine Tatsache, eine der von
•der Wissenschaft und der Geschichte am sichersten nachgewiesenen Tatsachen, sie
ist die bedeutendste Entdeckung unserer Zeit. Und diese Tatsache der Solidarität
gewinnt täglich an Bedeutung.“

In Wirklichkeit hätten wir besser getan, eine „neue Bewegung“ als eine „neue
Schule“ anzukünden, denn eine große Anzahl höchst verschiedener und sogar höchst
entgegengesetzter Schulen, die des biologischen Naturalismus wie die des Christen-
tums, die des Anarchismus wie die des Staatssozialismus haben sich seitdem auf
die Solidarität berufen.

Gide und Rist, Gesch. d. Volkswirtschaft!. Lehrmeinunsen.	43
        <pb n="699" />
        ﻿674

Fünftes Buch. Die Lehren der neuesten Zeit.

talismus behaftet zu sein. Dafür hatte im Gegenteil das Wort Solidarität
ein eindrucksvolles, wissenschaftliches Aussehen, ohne jede Spur von
Ideologie. Von ihm gedeckt, kann man jetzt alle Opfer, die man für
andere verlangt, wie Subventionen an Gesellschaften gegenseitiger Hilfe,
an Arbeitergenossenschaften oder an Gesellschaften zur Beschaffung
billiger Wohnungen, an Arbeiterpensionskassen und sogar Armen-
unterstützungen, nicht im Namen der Mildtätigkeit, sondern in dem
der Solidarität verlangen; und bei jeder Gelegenheit hört man die
mit Beifall aufgenommene Formel wiederholen: „Unser Ziel ist kein
Werk der Mildtätigkeit, sondern der Solidarität; die Mildtätigkeit
erniedrigt, die Solidarität adelt“!

§ 2. Die solidaristischen Thesen.

Um aber ans dem Solidarismus eine allen verständliche, eine
volkstümliche Lehre zu machen, mußte man ihn genauer fassen. Die
Fluten des Stromes, die sich aus so verschiedenen Quellflüssen ge-
nährt hatten, waren zu trübe: sie mußten filtriert werden.

Hierin liegt das Verdienst eines der Führer der radikal-sozialisti-
schen Partei, Leon Bourgeois, der dies versucht hat, indem er die
noch etwas nebelhafte und metaphysische Idee der Solidarität in eine
juristische Formel brachte, in die des Quasi-Kontraktes. In-
folge der hervorragenden Stellung ihres Urheberserregte diese
These, die sich gerade zur rechten Zeit einstellte, in den so großen und
umfassenden Kreisen der Lehrerwelt mit ihren hunderttausend Volks-
schulen, ihren Universitäten, Hochschulen, Gymnasien usw., wie auch
in den demokratischen Zeitungen und Vereinen das größte Aufsehen.
Glaubte man doch in ihr die Grundlage der lang ersehnten Laien-
moral zu finden. Daher sind wir der Meinung, sie etwas eingehender"
analysieren zu müssen, als es der kleine Umfang des Buches, in dem
sie dargelegt wird, nötig erscheinen lassen möchte* 2). Man muß unter
dieser Theorie folgendes verstehen;

*) LSon Boubgeois ist mehrere Male Minister, sowie Präsident der französische»
Kammer gewesen. (Anm. d. übers.)

2) Die Untersuchung Lfion Boubgeois’ über La Solidarite erschien zuerst
in der Form von Aufsätzen, 1896, in der Nouvelle Revue, und dann 1897 in
Buchform. Sie ist von allen Seiten in einer Reihe von Vorträgen beleuchtet worden,
die verschiedene Redner an der „Ecole des Hautes Etudes sociales“, unter dem Vor-
sitz LtoN Bourgeois’ selbst hielten. Diese Vorträge wurden dann in einem Band
unter dem Titel Essai d’une Philosophie de la Solidarite (1902) vereinigt.—
1895 wurde unter dem Namen Soeiete d’Education Sociale eine Vereinigung
für die Verbreitung dieser Lehren gegründet: sie hielt sogar zurZeit der Weltausstellung
einen internationalen Kongreß ab, hat aber seitdem kein Lebenszeichen gegeben.

Übrigens gibt es in Frankreich eine äußerst reichhaltige Literatur Uber de»
        <pb n="700" />
        ﻿Kapitel III. Die Solidaristen.

675

Vorausgeschickt muß werden, daß diese Theorie keineswegs
die Ausdehnung oder Übertragung der natürlichen Solidarität
auf die moralische oder soziale Ordnung ist. Im Gegenteil! Sie
bemüht sich, ihre Unebenheiten zu glätten und sie zu verbessern.
Sie geht von der Tatsache aus, daß die natürliche Solidarität unge-
recht oder wenigstens „gerechtigkeitslos“ ist, weil nämlich die einen
durch sie unverdiente Vorteile genießen, während andere ebenso
unverdiente Nachteile erleiden. Daher muß die Gerechtigkeit da-
zwischen treten, damit die vom Zufall Begünstigten den Benach-
teiligten ihre Schuld erstatten. Die Gerechtigkeit muß den einen
das nehmen, was ihre blinde Schwester — das Glück — ihnen zu
viel gegeben hat, um es auf die anderen zu übertragen, denen es
rechtmäßig zukäme. Denn ebenso wie der Mensch für seine Zwecke
die Naturkräfte, gegen die er zu kämpfen hat, zu verwenden weiß,
so soll auch die Gerechtigkeit eine wohl überlegte Solidarität an-
wenden, um die rohe Solidarität zu verbessern; an diesem Werke
wird sie wachsen, ja sich erneuern.

Die natürliche Solidarität lehrt uns also1), daß infolge der Arbeits-
teilung, der Erblichkeit, der tausend Ursachen, die wir eben zusammen-
gefaßt haben, ein jeder Mensch denen, die vor ihm gelebt haben, wie
seinen Zeitgenossen den besten Teil dessen schuldet, was er besitzt
und sogar, was er ist. Wie Auguste Comte sagte: „Wir werden
geboren mit einer Last von Verpflichtungen aller Art gegenüber
der Gesellschaft“. Zahlreich sind die Texte der französischen Ver-
fassungen, in denen sich das Wort „Schuld“ (dette) findet; es steht
schon in der Verfassung von 1793, wo von einer „heiligen Schuld“
(dette sacree) gesprochen wird, und zwar in bezug auf die Unter-
sttitzungspflicht. Aber dieses Wort hatte mehr die etwas unbestimmte
Bedeutung einer moralischen Verpflichtung, eines „Schuldigsein“ —
etwa in dem Sinn, wie man sagt: „Adel verpflichtet“ oder „Reichtum

Solidarismus, sowohl in Zeitschriften wie in Büchern. Wir erwähnen nur La Soli-
darite sociale et ses nonyelles formales von d’Eichthal (1903), die Aus-
sprache in der Academie des Sciences Morales et Politiques (Bericht —
Compte rendu — Jahrgang 1903), das Buch BoügliPs Le Solidarisme (1907) und
das von Flburant, La Solidarite (1907). Es gibt kein Schullehrbuch über die
Moral, das nicht ein Kapitel über diesen Gegenstand enthielte.

9 „Die Solidarität besteht als Tatsache, aber ihre Ergebnisse stimmen nicht
mit der Gerechtigkeit überein. Zur Verwirklichung der Gerechtigkeit muß der
Mensch die Gesetze der Solidarität beobachten: nachdem er sie festgelegt hat, muß
er sich ihrer bedienen, um ihre Wirkungen zugunsten der Gerechtigkeit zu
wandeln. . . . Solidaritätstatsache, Solidaritätspflicht! Verwechseln wir niemals eins
mit dem anderen, denn sie sind Gegensätze. Es war aber unumgänglich nötig, die
erste festzustellen, um die moralische Notwendigkeit der zweiten zu erkennen“.
(LkoN Bourgeois, Philosophie de la Solidarite, S. 13, 17.)

43*
        <pb n="701" />
        ﻿676

Fünftes Buch. Die Lehren der neuesten Zeit.

verpflichtet“. Man überließ es dem Gewissen eines jeden, sich dieser
Verpflichtung nach seinem Gutdünken zu entledigen. Es handelt sich
aber darum, dieses „Schuldigsein“ in eine „Schuld“ zu ver-
wandeln, indem man ihr eine rechtliche Grundlage gibt, so daß ihr
gegenüber, im Fall sie nicht freiwillig erfüllt wird, ein Rechtsanspruch
besteht. Wie sollte dies ausgeführt werden? — Es genügt hierzu,
den „Code civil“ aufzuschlagen, Artikel 1371—1381, Kapitel von den
„Quasi-Kontrakten“; es ist das eine Unterabteilung des Absatzes IV,
der von den Verpflichtungen, die sich ohne besonderes
Übereinkommen bilden, handelt.

Dieser Gesetzesabschnitt erkennt also das Bestehen von Verpflich-
tungen im eigentlichen Sinne an, die ohne Vertrag entstehen, d. h. ohne
die Willensäußerung der Beteiligten: zunächst die, die sich aus jedem,
auch unfreiwillig einem anderen zugefügten Schaden ergeben, und
die man Quasi-Delikte nennt, — und weiterhin die, die sich
in verschiedenen, vom Gesetzbuch aufgezählten Fällen bilden, die
unter die Rubrik Quasi-Kontrakte zusammengefaßt werden, im
besonderen z. B.: wenn ich die Zahlung einer Summe erhalte, die mir
nicht zukommt, oder wenn ich ohne Auftrag die Angelegenheiten eines
Dritten führe. Auch gibt es noch andere; — die Annahme einer
Erbschaft, die für die Erben die Verpflichtung nach sich zieht, die
Schulden des Erblassers zu bezahlen; — die unfreiwillige Assoziation,
die zwischen verschiedenen Personen auf Grund der Nachbarschaft
bestehen kann, wie z. B. zwischen Mietern in demselben Hause oder
zwischen Besitzern von Nachbargrundstücken; — eine gewisse Identität
der Lage, wie z. B. die zwischen Mitvormündern oder Miterben usw.

Nun behauptet die These, daß alle diese charakteristischen Um-
stände des Quasi-Kontrakts sich auch in den menschlichen Gesell-
schaften finden, und es ist eben die tatsächliche Solidarität, die
natürliche Solidarität, die sie verursacht: — zunächst die tatsächliche
auf der Nachbarschaft beruhende Assoziation, aber ebenso überall
die Geschäftsführung für dritte, infolge der Arbeitsteilung — die
Bereicherung zum Schaden anderer durch unberechtigte Aneignung
von Werten (unearned in cremen t), worunter an erster Stelle gerade
die zu rechnen sind, die sich aus der Annahme von Erbschaften er-
geben — welche Schaffung von Ungleichheiten liegt nicht gerade
hierin! —, ohne weiterhin die beständige Benachteiligung dritter zu
vergessen, die ihrerseits unter das Quasi-Delikt fallen. Man kann
daher von diesem Gesichtspunkt aus mit Recht sagen, daß die ganze
Gesellschaft nicht, wie Rousseau annahm, auf einem ausdrücklichen
Kontrakt, sondern auf einem Qaasi-Kontrakt beruht; einem Kontrakt,
der auch ohne die bewußte Zustimmung der Parteien genau die
gleichen gesetzlichen Folgen haben muß wie ein wirklicher Vertrag.
        <pb n="702" />
        ﻿Kapitel III. Die Solidaristeu.

677

Gehen wir einen Schritt weiter. Wenn in alien diesen Fällen
zwischen Mensch und Mensch eine Schuld besteht, muß sie wie alle
andere Schulden bezahlt werden.

Wer soll sie zahlen? — Alle die, die aus der Tatsache der
natürlichen Solidarität Nutzen gezogen haben, alle Wohlhabenden,
deren Vermögen nur dank tausender vergangener und gegenwärtiger
namenloser Mitarbeiter entstehen konnte. Sie alle haben mehr als
ihren Teil erhalten; ihr Konto zeigt ein Debet-Saldo. Daher müssen
sie bezahlen; und wenn sie es freiwillig tun, mögen sie sich nicht
etwa einbilden, daß sie, wie man es ihnen bisher vorredete, freigebig
seien! Mögen sie sich nicht mit jenem Reichen des Evangeliums
vergleichen, der zahlte, weil er gut war, quia bonus: nein, sie
zahlen nur, was sie schuldig sind1). Und ebensowenig wie ein
anderer Schuldner können sie sich nicht als frei und im Besitz der
freien Verfügung über ihre Güter betrachten, solange als sie nicht ihre
ganze Schuld abgetragen haben. Dann — aber auch erst dann —
kann der Besitzer sagen, mein Besitz ist frei von jeder Schuldenlast;
er gehört mir. Daher wird der persönliche Besitz in dieser Doktrin
geachtet und bleibt frei, aber nur, nachdem er sich seiner sozialen
Schulden entledigt hat. Bis zu ihrer Höhe liegt auf dem Privatbesitz
eine Hypothek* 2).

Wem soll gezahlt werden? — Allen denen, die, anstatt von der
natürlichen Solidarität Gewinn gezogen zu haben, darunter leiden
mußten, allen denen daher, die man ganz richtig die „Enterbten“ nennt3).
Sie sind die Gläubiger, weil sie ihren Anteil an der durch die soziale
Kooperation geschaffenen Gütermenge nicht erhalten haben. Wohl
kann man sie nicht alle mit Namen anführen, aber sie werden vom
Staat -oder der großen Menge der Einrichtungen repräsentiert, die
früher Wohltätigkeitsanstalten hießen und heute Gegenseitigkeits-
oder Solidaritätsanstalten genannt werden.

J) „Es gibt Schulden, von denen man nichts wußte, und die man doch bezahlen
muß“ (op. cit. S. 60). „Es gibt ein Recht dort, wo wir nur die Moral sahen, und
eine Schuld dort, wo wir nur an ein Opfer glaubten“.

Es ist bemerkenswert, daß schon das Neue Testament sagt; „Denn welchem viel
gegeben ist, bei dem wird man viel suchen“ (Lukas, XII, 48) — und auch: 1. Korinther
Kap. IV, 7; „Was hast Du aber, das Du nicht empfangen hast?“

2)	„Solange der Mensch ein Schuldner ist, ist er nicht frei. Er wird erst frei,
wenn er bezahlt hat.“ „Die Lehre der Solidarität ist der Rückkauf des Eigentums
"nd der individuellen Freiheit“ (op. cit. S. 45).

3)	Doch LkoN Bourgeois bezeichnet auch unsere Nachfolger als Gläubiger —
ebenso wie es unsere Vorfahren uns gegenüber waren. Das ist nicht mehr dasselbe,
«nd hier erscheint die Lehre etwas schwankend. Ist es doch in Wirklichkeit eine
erstaunliche Neuerung, daß Gläubiger, die seit Jahrhunderten gestorben sind, die
Korderung, die sie uns gegenüber haben, an noch ungeborene Geschlechter übertragen!
Welcher Sprung über unsere Köpfe hinweg!
        <pb n="703" />
        ﻿678

Fünftes Buch. Die Lehren der neuesten Zeit.

Wie soll gezahlt -werden? — Durch freiwillige Beiträge zu den
Werken der Solidarität oder durch obligatorische Beiträge, Steuern
und sogar progressive Steuern, denn „es besteht eine Art Progression
in dem Gewinn, den wir aus dem nationalen Werkgut ziehen, je nach-
dem wir über stärkere und mannigfaltigere Hilfsmittel verfügen“ *)•
Daher nehmen die Steuern einen fast heiligen Charakter an, erscheinen
sie doch als Tilgung der sozialen Schuld.

Man kann in Wirklichkeit sagen, daß keine Übertreibung der
staatlichen Macht darin liegt, jemanden zur Zahlung dessen zu
zwingen, was er schuldig ist, „da die natürliche Funktion des Staates
die des Hüters der Verträge ist“ * 2 3 * * * *).

Wieviel soll gezahlt werden? — Auch hier ist es recht schwierig,
eine Ziffer festzusetzen. „Die zugrunde liegenden Hegeln“, sagt Bour-
geois, „werden diejenigen sein, die die Gesellschafter angenommen
haben würden, wenn sie vorher frei gewesen wären und in gleicher Frei-
heit die Bedingungen ihres Übereinkommens hätten festlegen können.“
Mit anderen Worten, alles soll geregelt werden, als ob die Gesell-
schaft das Ergebnis einer ausdrücklichen Übereinkunft oder vielmehr
„eines mit rückwirkender Kraft abgeschlossenen Vertrages“ wäre. —
Wie soll man nun herausfinden, auf Grund welcher Bedingungen jedes
Individuum seinen Beitritt erklärt haben würde? — Indem man die
zu finden sucht, die es aufstellen würde, wenn der Vertrag jetzt von
neuem abzuschließen wäre.

Aber auch das Individuum weiß hierüber nichts, so daß wir
keinen Schritt weiter gekommen sind! Indem man daher die Lösung
dieses unlösbaren Problems aufgibt, begnügt man sich damit, einen
Minimalanspruch für die Enterbten festzusetzen, nämlich die Ver-
sicherung gegen die Zufälle des Lebens. Die Gesellschaft würde
folglich eine Versicherungsgesellschaft auf Gegenseitigkeit werden, in
der das schlechte und das gute Geschick gemeinsam getragen
werden 8).

*) Philosophie de la Solidarite, S. 94.

2)	Gerade die Stellen des Code civil, die diese Theorie im Auge hat, laden
dazu ein. Der Artikel 1370 bezeichnet neben dem Quasi-Kontrakt und dem Quasi-
Delikt, und zwar an erster Stelle, das Gesetz als verallgemeinernde Ursache der
Verpflichtung.

3)	„Gegenüber der augenscheinlichen Unmöglichkeit, in der auf dem sozialen

Quasi-Kontrakt beruhenden Assoziation den Wert der persönlichen Anstrengung eines
jeden, den Wert der Schuld der einen und der Forderung der anderen genau fest-
zusetzen . . . haben wir gesagt, daß das einzige Mittel zur Lösung der Schwierig-

keit darin besteht, diese Risiken und diese Vorteile in ein Gegenseitig-

keitsverhältnis zu bringen, sie zu mutualisieren, was darauf hinaus-

läuft, im voraus, und ohne zu wissen, wer das Risiko tragen, und wer von dem

Vorteil Gewinn haben wird, festzusetzen, daß die Risiken in Gemeinschaft getragen
        <pb n="704" />
        ﻿Kapitel III. Die Solidaristen.

679

Gut! Wie weit sind wir aber damit von dem Quasi-Kontrakt
entfernt! Denn ein Kontrakt, oder ein Qnasi-Kontrakt, der sich auf
die Gleichwertigkeit der Werte, auf das do ut des gründet, ist
etwas anderes, als eine Gesellschaft auf Gegenseitigkeit, deren
Charakteristikum gerade darin liegt, den Gedanken einer genauen
Gleichwertigkeit der Leistungen auszuschließen. Die erste dieser
Auffassungen führt den Solidarismus zum Individualismus zurück; die
zweite stellt ihn auf den Sozialismus ein.

Es beruht dies darauf, daß die Idee des Quasi-Kontraktes — ob-
gleich sie stark zum Erfolg der Theorie von Leon Bourgeois bei-
getragen hat — dieser Theorie nichts hinzufügt, die sehr wohl ohne
sie auskommen könnte'). Sie ist ein geistreicher Kunstgriff, fast ein
Wortspiel, dazu bestimmt, den gesetzlichen Beitrag zu rechtfertigen,
indem sie ihm eine angenommene rückwirkende Zustimmung zugrunde
legt, und — eine Verbeugung vor der Freiheit. Dem Steuerzahler,
der gegen die Steuern für die Arbeiterpensionen protestiert, sagt man:
Diese Steuer schuldest Du im wirklichen Sinne des Wortes „schulden“,
nämlich auf Grund einer Verpflichtung, der du zugestimmt, oder
doch quasi zugestimmt hast.

Welchen Nutzen soll aber diese ironische Ausflucht haben? Wenn
man der Ansicht ist, daß bei dem unleugbaren Tiefstand der moralischen
Erziehung das Gesetz bei denen, die kein Gewissen haben, an Stelle
des Gewissens treten und gewisse soziale Pflichten heiligen muß,
nämlich die, die zum Leben und Bestehen der Gesellschaft notwendig
sind, wenn man an all das denkt, dann soll man es nur auch sagen,
so wie es die Staatssozialisten tun. Wenn man aber im Gegenteil
glaubt, daß der moralische Fortschritt eher in einer Umformung der

■werden und daß der Zugang zu den verschiedenen sozialen Vorteilen allen offen
steht“ ’(L£on Bourgeois, Essai d’une Philosophie de la solidarite, S. 81).

Das Ende dieser Stelle steht nicht ganz und gar mit den gesperrt gedruckten
Worten in Einklang, denn es zeigt, daß es sich nur um die Mutualisation der
Kisiken, aber nicht um die der Vorteile handelt. Für diese letzteren wird
man sich mit dem Versuch begnügen, die Gleichheit, soweit die Zugangsmöglichkeiten
in Betracht kommen, zu verwirklichen. Tatsächlich sieht man nicht recht ein, auf
Grund welchen Prinzipes die Solidarität in dem einem Falle so vollständig, und in dem
anderen so beschränkt ist. Wenn ich im Namen der Solidarität gehalten bin, meinen
Anteil an dem Zugrundegehen dieses Trinkers zu tragen, weshalb kann ich dann
nicht auf Grund desselben Gesetzes meinen Anteil an dem Vermögen jenes
glücklichen Spekulanten beanspruchen? — Beruht dies einfach darauf, daß die
logische Anwendung dieser Hegel zum Kommunismus führen würde?

&gt;) Man muß übrigens sagen, daß das Wort Quasi-Kontrakt viel weniger oft
von LkoN Bourgeois als von seinen Schülern gebraucht wird. Wie dies stets ge-
schieht, haben die letzteren die These auf die Spitze getrieben. In seinen Vorträgen
im Band: Essai d’une Philosophie de solidarite spricht er kaum von dieser
Theorie und scheint die der Mutualisation an ihre Stelle zu setzen.
        <pb n="705" />
        ﻿680

Fünftes Buch. Die Lehren der neuesten Zeit.

Schuld in eine sittliche Pflicht, als der sittlichen Pflicht in eine
zwangsweise beizntreibende Schuld besteht1), dann sollte man sich
eher bemühen, die Einrichtungen der freien Solidarität zu vermehren,
wie die Gesellschaften auf Gegenseitigkeit, kooperativen Genossen-
schaften und Gewerkschaften.

Die Theorie des Quasi - Kontrakts bezweckte auch noch, dem
Schuldner die Gewähr zu geben, daß man ihm nichts über den Be-
trag der Schuld hinaus abverlangen wird * 2). Aber das ist doch eine
recht illusorische Garantie, da, wie wir soeben gesehen haben (S. 678),
der Betrag dieser Schuld nicht feststeht. Das Gesetz soll ihn fest-
legen: ganz richtig, nur kann man dann ebenso gut mit dem Gesetz
beginnen!

In Wirklichkeit jedoch ist die Schuld sehr mäßig, wenn der Ge-
setzgeber sich an die Abschätzung hält, die Leon Bourgeois vornimmt.
Sie läßt sich in drei Paragraphen zusammenfassen:

1.	Freier Unterricht in allen Schulen und Lehranstalten;
denn da das intellektuelle Kapital mehr als irgendein anderes ein
Werk der Kollektivität ist, muß es auch Allgemeingut bleiben: frei
muß ein jeder daraus schöpfen können. Hand in Hand mit dieser
Forderung geht die Begrenzung der Arbeitszeit, ohne die das Recht
auf Unterricht ein leeres Wort bleibt.

2.	Die Garantie eines Existenzminimums für einen
jeden; denn bei der Annahme eines Kontraktes mit rückwirkender
Kraft würde es widersinnig sein, anzunehmen, daß Menschen über-
eingekommen wären, in eine Gesellschaft einzutreten, wenn diese
Gesellschaft ihnen nicht zum wenigsten das Recht auf Leben garantiert
hätte. Hierin finden der Garantismus Sismondi’s und Foueier’s, wie
das Recht auf Arbeit Louis Blanc’s und Considerant’s eine neue
Bedeutung und verjüngtes Leben.

3.	Versicherung gegen die Zufälle des Lebens, denn
sie sind auf Grund ihres Charakters allen gemeinsam. Man weiß,
wie schnell das Gefühl der Solidarität jedesmal zum Durchbruch ge-
langt, wenn eine dieser Gefahren sich in großem Maßstab verwirk-
licht hat und den Umfang einer Katastrophe annimmt ; sobald aber
nur ein einzelner davon betroffen wird, sollte es nicht anders sein.

Wenn die Theorie der Solidarität Bourgeois’ einen politisch-
juristischen Charakter hat, so stellt sich die von Dürkheim auf den
durchaus verschiedenen Boden der Soziologie und der Moral.

’) Wie es z. B. der Philosoph Guyau in seinem prächtigen Buche: „Essai
d’une morale Sans Obligation ni sanction“ erhofft.

2) „Das einzige, was die Gerechtigkeit verlangt, ist die Bezahlung unserer
Schulden: darüber hinaus haben wir nicht das Kecht, den Menschen irgendeine
Verpflichtung aufzuerlegen“ (op. cit. S. 45 und 56).
        <pb n="706" />
        ﻿Kapitel III. Die Solidarisier!.

681

Der Verfasser unterscheidet zwei Arten von Solidarität:

1.	Eine untergeordnete, die auf den Ähnlichkeiten beruht
und rein mechanisch ist, wie die Kohäsion der gleichartigen Atome
in dem gleichen Körper;

2.	eine andere, die auf den Unähnlichkeiten beruht und
an die Arbeitsteilung gebunden ist: diese zweite besteht in den
lebenden Wesen und macht ihre Einheit aus.

Düekheim legt dieser zweiten einen unvergleichlichen Wert bei,
und zwar weniger in ihren wirtschaftlichen, als in ihren moralischen
Folgen; „sie wird zur Grundlage der moralischen Ordnung“. Warum?
Weil der Kampf ums Dasein um so weniger scharf ist, je ver-
schiedener die Endziele sind, die ein jeder verfolgt1). Und auch
deshalb, weil dank dieser Verschiedenheit Jedes und Aller es
dem individuellen Bewußtsein gelingt, sich von dem Kollektivbewußt-
sein frei zu machen. Hierauf beruht die grundlegende Bolle, die
Düekheim der Gewerkschaft bei der Ausarbeitung des neuen Beeiltes
zuweist.

Ohne die Wahrheit dieser Unterscheidung bestreiten zu wollen,
glauben wir, daß weder diese Verachtung für die Solidarität auf
Grund von Ähnlichkeiten, noch dieser Enthusiasmus für die Solidarität
auf Grund von Verschiedenheiten gerechtfertigt ist. Wir hoffen im
Gegenteil, daß die Zukunft der ersteren gehören wird. Liegt das
Endziel der Entwicklung nicht gerade darin, aus dem banalen Wort
„unseresgleichen“ eine Wirklichkeit zu machen? Strebt die Welt,
anstatt nach wachsender Verschiedenheit, nicht vielmehr nach
wachsender Einheit hin? Dies erscheint für die physische Welt
klar nachweisbar: die Berge werden niedriger, die Meere füllen sich
aus, die Wärme zerstreut sich im Weltall, die Unterschiede der Tem-
peratur verringern sich bis zum endgültigen Gleichgewichtspuukte2).
Ebenso werden auch unter den Menschen die Verschiedenheiten der
Kasten, der ßangabstufungen, der Sitten, der Kleidung, der Sprache,
der Maße und Gewichte immer geringer. Der Frack und der schreck-
liche Zylinderhut sind beredte Symbole für dieses Streben zur Ein-
heit. Wenn man auf Grund der Geschichte urteilen soll, so erscheint
es als feststehend, daß die Kämpfe zwischen Fremden — Fremde der
Basse, der Beligion, der Kultur, der Erziehung, d. h. also, zwischen

&gt;) „Dank ihrer sind die Eivalen nicht verpflichtet, sich gegenseitig zu vertilgen,
sondern können nebeneinander bestehen. . . . Wenn wir uns spezialisieren, so ge-
schieht das nicht, um mehr zu produzieren (wie die Volkswirtschaftler lehren, meint
der Verfasser), sondern um unter den neuen Daseinsbedingungen leben zu können,
die sich eingestellt haben“ (Dueckhbim, De ia Division du Travail Social).

*) „Jeder Kluß, der seiner Mündung zuströmt, jede Lampe, die brennt, jedes
Wort, das ausgesprochen wird, jede Bewegung, die man macht, vermindern die Unter-
schiede im Weltall“ (Lalandb, De la Dissolution).
        <pb n="707" />
        ﻿682

Fünftes Buch. Die Lehren der neuesten Zeit.

Verschiedenartigen — stets am heftigsten gewesen sind, und daß
daher jeder Fortschritt zur Einheit ein Fortschritt zum Frieden ist1).

Diese letzte Auffassung scheint uns am besten der Idee zu
entsprechen, die wir uns von der Solidarität machen müssen, und sie
hat auch den größten moralischen Wert: denn wenn ich für Übel, die
der andere erleidet, verantwortlich und Mittäter des Übels, das er
verübt, sein soll, so ist dies nur in dem Maße richtig, wie der andere
Ich selbst ist * 2j. Das hat zur praktischen Folge, daß wir d i e Arten
der Assoziation bevorzugen müssen, die die Menschen auf Grund
ihrer allgemeinsten Charakterzüge zusammenschließen, gegenüber
denen, die sie auf Grund besonderer Charakteranlagen gruppieren,
z. B. die Konsumgenossenschaft gegenüber der Gewerkschaft, denn
diese stellt das Interesse der Produzenten dem des Publikums ent-
gegen, während jene die allgemeinste Form der Vergesellschaftung
ist, die man sich vorstellen kann, da alle Menschen nur eine Eigen-
schaft gemeinsam haben, nämlich, Konsumenten zu sein.

§ 3. Die praktische Anwendung der solidaristischen

Lehren3).

Es gibt keine klar umrissene solidaristische Schule in dem Sinne,
wie wir von einer historischen oder liberalen oder marxistischen
Schule gesprochen haben. Der Solidarismus ist vielmehr ein Banner,
das von den verschiedensten Schulen aufgepflanzt worden ist und
dazu dient, oft recht anseinanderstrebende Richtungen zu recht-
fertigen. Und dann steht er, wie wir schon gesagt haben, mehr im
Dienste einer politischen Partei, der der Radikalsozialisten, als in
dem einer doktrinären Schule. Aber hinter ihm stand auch die inter-
ventionistische Schule oder der Staatssozialismus. Alle sozial-politi-
schen Gesetze dieser letzten 20 Jahre, und die, deren Durchführung

3) In diesem Sinne hatte der Lausanner Philosoph Chahlbs SbcrStan die Soli-
darität in seinem Buche: La (Zivilisation et la Croyance verstanden, und so
findet sie sich auch bei Alfred Pouill£e: „Die Solidarität hat den Wert einer Ge-
dankenkraft (idee-force), die Anerkennung einer tiefgehenden Identität unter den
Menschen, eines Ideals vollkommener Einheit; ans diesem Grunde wird sie, als höchster
Gegenstand des rationellen Wünschens, für das vernunftbegabte Wesen zu einer
Pflicht.... Wir müssen die Einheit des Menschengeschlechts vorwegnehmen, die noch
nicht vollständig ist und es niemals sein wird, indem wir handeln, als ob wir schon
Alle in Einem und Einer in Allen wären“ (Revue desDeuxMondes, 15. Juli 1901).

2)	Mit seiner gewöhnlichen Autorität hatte Auguste Comte gesagt; „Die Soli-
darität beruht gerade darauf, daß die Menschen sich als gegenseitig einer für den
anderen verantwortlich betrachten“ (Traite de Politique, B. II, S. 336).

3)	Siehe eine Sammlung von Vorträgen verschiedener Verfasser unter dem Titel;
Les applications sociales de la Solidarite, 1904.
        <pb n="708" />
        ﻿Kapitel III. Die Solidaristen.

683

bevorsteht — wie Reglementierung der Arbeit, Hygiene der Werkstätten
und der Städte, sanitäre und Schutzgesetze gegen ansteckende Krank-
heiten, Unfall- und Altersversicherung der Arbeiter, obligatorische
Unterstützung der Kranken und Altersschwachen1), Organisation der
Gesellschaften zu gegenseitiger Hilfe, der landwirtschaftlichen Kredit-
kassen, Erbauung billiger Wohnhäuser und Einrichtungen von Schul-
küchen für Schulkinder; Unterstützung aller dieser Assoziationen —
und — zur Zahlung dieser Unterstützungen — progressive Besteuerung
der Erbschaften und Einkommen derer, die die Früchte am Baume
der Zivilisation gepflückt haben, zur gerechten Entschädigung der
anderen, deren Arbeit diesem Baum das Wachstum ermöglicht hat,
— all dies segelt unter der Flagge der Solidarität und wird auch in
Zukunft unter ihr segeln. Daher nennt man auch alle diese Gesetze
„Gesetze sozialer Solidarität“. — Aber nicht allein die Arbeiter gewinnen
von diesem neuen Prinzip. Auch die protektionistische oder nationali-
stische Partei beruft sich auf die „Solidarität“. Sie ist es sogar, die
vor allen anderen und zusammen mit den Mutualisten dieses Wort am
meisten in ihrem Programm an wendet. Wenn sich die Steuerzahler
beklagen, daß man ihnen Geld abverlangt, um gewissen Eigentümern
oder Fabrikanten Prämien zu gewähren, oder wenn die Verbraucher
darüber seufzen, daß sie infolge der Einfuhrzölle die Produkte teurer
bezahlen müssen, so stopft man ihnen sogleich den Mund mit dem
Hinweis, daß sie aus Solidaritätsgefühl ihren Landsleuten den Vor-
zug zu geben haben2).

') Diese Unterstützungsgesetze sind die bemerkenswertesten praktischen Kund-
gebungen der solidaristiscben Bewegung. Sie stellen in Frankreich eine neue Tat-
sache vor, denn bis dahin war die Unterstützung von seiten des Staates, der Departe-
ments und der Gemeinden rein fakultativ (ausgenommen in einigen besonderen Fällen;
verlassene Kinder und Geisteskranke). Um nur die wichtigsten, und zwar nur
für Frankreich anzufahren: Das Gesetz vom 15. Juli 1893 hat in den Gemeinden
die Unterstützung aller bedürftigen Kranken in der Form ärztlichen Beistandes obli-
gatorisch gemacht; — das Gesetz vom 14. Juli 1905 hat dieses Hecht auf alle Inva-
liden und Kranken von 70 Jahren unter der Form von Altersrenten ausgedehnt, deren
Betrag je nach den Orten von einem Minimum von 60 Fr. aut ein Maximum von
240 Fr. im Jahre steigt (360 Fr. in Paris); — endlich hat das Gesetz vom 5. April
1910 allen Arbeitern im Alter von 60 Jahren eine Pension zugesichert, deren Lasten
zwischen den Arbeitgebern, dem Staat und den Arbeitern selbst verteilt sind. Man
muß hierin eine Zahlung sehen, die die gegenwärtige Generation den Überlebenden
der vorhergehenden macht.

Diese Unterstützung hat ganz den Charakter der sozialen Schuld, wie sie in
der Theorie des'Quasi-Kontraktes begründet ist, denn einerseits stellt sie, je nach dem
betreffenden Fall, eine Verpflichtung für die Gemeinde, das Departement, den Staat
oder die Arbeitgeber vor, und zwar in Verhältnissen, die durch das Gesetz festgesetzt
sind, eine Verpflichtung, der sie sich nicht entziehen können, — und auf der anderen
Seite hat der Nutznießer genau wie ein Gläubiger einen Rechtsanspruch.

2) Man hat letzthin eine ziemlich merkwürdige Anwendung dieser „nationalen
        <pb n="709" />
        ﻿684

Fünftes Buch. Die Lehren der neuesten Zeit.

Auch die fiskalische Reform mit ihrem doppelten Charakter einer
Progressivsteuer am Gipfel und vollständiger Abgahenfreiheit an der
Basis, beruft sich auf das Prinzip der Solidarität, denn diese Reform
rechtfertigt die Progression, indem sie die Privilegierten des Glücks
als geborene Schuldner gegenüber der Gesellschaft betrachtet; und
ebenso rechtfertigt sie die Abgabenfreiheit, indem sie ausfährt, daß
man von den Enterbten nichts verlangen kann, da im Gegenteil sie
es sind, die das Recht haben, eine Forderung gegen die Gesellschaft
geltend zu machen.

Was aber den praktischen Solidarismus vom Staatssozialismus trotz
ihrer nahen Verwandtschaft unterscheidet, ist, wie wir schon erwähnt
haben, daß er sich ebensogut und besser durch die Vergesellschaftung
verwirklichen läßt, die er mit neuer Lebenskraft erfüllt hat. Syndi-
kalisten, Mutualisten, Genossenschaftler, sie alle berufen sich auf
die Solidarität, aber auf die freie Solidarität, und nicht mehr auf
die erzwungene Solidarität des Staatssozialismus]). Nicht, daß sie
nicht in vielen Fällen die Notwendigkeit, ja sogar die Überlegenheit
der letzteren gegenüber der Herrschaft der freien Konkurrenz an-
erkennen, aber sie halten sie trotzdem für moralisch geringerwertig
gegenüber der ersteren. Hier müssen jedoch recht heterogene Elemente
unterschieden werden.

Zunächst die Syndikalisten, die nichts außerhalb der berufs-
mäßigen Genossenschaft anerkennen wollen, und aus ihr, wie wir ge-
sehen haben, die Basis nicht nur einer neuen wirtschaftlichen Organi-
sation, sondern sogar einer neuen Moral machen wollen (siehe 8. 548).
Hier lodert die Flamme der Solidarität am heftigsten, weil das
Syndikat sich zum Feind der bürgerlichen Klasse erklärt, und weil
zu jeder Zeit der Kampf das Gefühl der Solidarität am festesten ge-
schmiedet hat. Der Kampf allein gibt ihm die wirklich disziplinierte
Form. Die Anstrengungen, die die Syndikate machen, um diese
Solidarität nicht nur ihren Mitgliedern, sondern auch den Arbeitern,

Solidarität“ erfunden. Von jetzt an soll die Regierung keine ausländischen Anleihen
in Frankreich gestatten dürfen, wenn die betreffenden Länder sich nicht verpflichten,
einen Teil ihrer Aufträge der französischen Industrie vorzubehalten. Dies läuft auf
eine Verbindung des französischen Rentiers und Industriellen auf Grund einer
erzwungenen Solidarität hinaus, indem der erste sein Geld nur ausleihen darf, wenn
es zum Teil in der Form einer Bezahlung seiner Produkte wieder an den zweiten
zurückfließt. Und dann kommt ihrerseits die Arbeiterklasse, die mit Recht ihren
Teil am Schutzzoll in Form eines garantierten Minimallohnes verlangt!

l) Die Lehre vom Quasi-Kontrakt kann ebensogut zu dem einen wie zum
anderen führen. Auch scheint Lfion Bourgeois selbst jetzt mehr zur Vergesell-
schaftung zu neigen. „Die radikale Partei hat eine soziale Doktrin. Diese Doktrin
läßt sich in einem Wort zusammenfassen: die Assoziation“ (Vorwort zu dem
Buch Buisson’s: La Politique radicale).
        <pb n="710" />
        ﻿Kapitel III. Die Solidaristen.

685

die sich nicht bei ihnen einreihen lassen wollen, aufzuzwingen, die
Verfolgung der „Gelben“, die Entwicklung jener Streiks, die man
bezeichnend „Solidaritäts-Streiks“ und in England „Sympathie-Streiks“
nennt, bilden eine der interessantesten Seiten der gewerkschaftlichen
Bewegung.

Und dann die Mutualisten! Sie berufen sich am häufigsten und
lautesten auf die Solidaritätx). Dies ist auch verständlich, denn ihre
Aufgabe ist der Kampf gegen das Übel in allen seinen Formen, Krank-
heit, Invalidität, Alter, Arbeitslosigkeit und Tod: gerade im Unglück
empfinden die Menschen am lebhaftesten das Bedürfnis, sich einer auf
den anderen zu stützen. Trotzdem ist aber die Solidarität, die die
Mutualisten vereinigt, nicht sehr fest, genügt keinesfalls um sie
dazu zu bewegen, beträchtliche Opfer zu bringen. Sie benutzen die
Solidarität hauptsächlich dazu, um den Staat, die Gemeinden oder
die Ehrenmitglieder aufzufordern, für sie zu bezahlen* 2), und heute
verlangen sie vom Staat, ihnen die Verwaltung der Arbeiterver-
sicherung zu übertragen, und ihnen die Aufgabe der Verteilung der
Subventionen zu überweisen. Da übrigens die Anhänger dieser Ge-
sellschaften auf Gegenseitigkeit sich größtenteils unter den Ange-
stellten und den Mittelklassen finden, haben sie keine irgendwie
revolutionär gerichteten Neigungen und auch nicht den geringsten
Plan einer sozialen Reorganisation.

Vor allen ist es das Genossenschaftswesen, das infolge seines
umfassenden und vielseitigen Programmes das Recht hat, sich als
die Verwirklichung des Solidarismus zu geben.

Doch zeigt die Kooperation zwei charakteristische Formen, und
zwar auf Grund von gänzlich verschiedenen Programmen, deren End-
ziele weit auseinander liegen.

1)	Bei Gelegenheit eines Festmahles von 30ODO Mutualisten war die erste Seite
einer Pariser Morgenzeitung in riesigen Buchstaben überschrieben : Die Apotheose der
Solidarität!

2)	Die Mutualisten sind so von der Solidarität eingenommen, daß sie entrüstet
dagegen protestieren, wenn sie zufällig bei sich das Wort Wohltätigkeit oder
Nächstenliebe hören. Ein jeder, so sagen sie, verlangt nur, was rechtens sein ist;
es ist das genau die These LiSon Bourgeois’. Trotzdem aber verlangte die Zeitung:
L’Avenir de la Mutualite (Februar 1909) für die Gesellschaften gegenseitiger
Hilfe (Societes de secours mutuels) das Recht, Lotterien und Tombolas zu veranstalten,
indem sie sich auf den Text des Gesetzes vom 21. Mai 1836 stützte, das Lotterien
„Werken vorbehält, die sich ausschließlich mit der Wohltätigkeit befassen“. Und
die Zeitung L’Avenir de la Mutualite zögerte zur Rechtfertigung ihrer For-
derung nicht‘mit dem Zugeständnis, daß die Gesellschaften gegenseitiger Hilfe „einen
nicht auf Gegenseitigkeit beruhenden Einschlag von Wohltätigkeit zulassen . . ., den
man ganz mit Recht mit dem höheren modernen Prinzip der sozialen Solidarität in
Verbindung bringt, der aber nichtsdestoweniger die Anwendung der im Gesetz von
1836 angeführten Vergünstigung rechtfertigt“.
        <pb n="711" />
        ﻿686

Fünftes Buch. Die Lehren der neuesten Zeit.

Die ältere Bewegung, in der noch die Überlieferungen der Brüder-
lichkeit aus der Zeit von 1848 lebendig sind, ist die der Arbeiter-
Produktivgenossenschaften, von denen wir schon gesprochen
haben (Seite 290). Sie bemühen sich, die Emanzipation der Arbeiter-
klasse zu verwirklichen indem sie die Organisation der Republik auf
die Werkstatt übertragen, und beginnen zunächst mit dem „Garantis-
mus“, den Sismondi von den Arbeitgebern verlangte, und den Fourier
von der freien phalansterischen Genossenschaft erwartete 1). Obgleich
ihre Entwicklung ziemlich stetig gewesen ist, bilden sie doch nur
einen winzigen Bruchteil der Arbeiterklasse.

Die Konsumgenossenschaften dagegen haben eine viel größere
Bedeutung erlangt: ihre Mitglieder zählen nach Millionen und bilden
in einigen Städten Englands, Deutschlands und der Schweiz schon
die Mehrheit der Bevölkerung. Außerdem sind sie imstande gewesen,
riesige Großhandelsgenossenschaften zu bilden, die sehr wohl binnen
kurzem eine vollständige Umwälzung in der Organisation des Handels
bewirken können, wenn man sein Urteil nicht nur auf die Höhe der
erreichten Umsatzziffern stützt, sondern auch die unter den Handel-
treibenden hervorgerufene Erregung in Betracht zieht, die in allen
Ländern zur Forderung von staatlichen Schutzmaßregeln geführt hat.
Obgleich diese Gesellschaften sich in Frankreich stark vermehrt haben,
können sie hier doch nicht entfernt die gleichen praktischen Erfolge
aufweisen; — was ihnen am meisten fehlt, ist gerade das Solidaritäts-
gefühl. Dafür ist es ihnen aber gelungen, ein soziales Erneuerungs-
programm aufzustellen, das einer gewissen Größe nicht entbehrt und
sich übrigens auf das Programm der „Pioniere von Rochdale“ gründet* 2).

*) „Die Solidarität ist nur ein leeres Wort, wenn sie sich nicht auf besondere
Organisationen stützt, die sie wirksam machen. Deshalb haben die Arbeiter-Assozia-
tionen den Garantismus geschaffen. . . .“

„Die reinste Kundgebung der Idee der Solidarität besteht darin, einen Teil des
■von der Arbeit geschaffenen Reichtums dazu zu benutzen, dag Elend wieder gut zu
machen, das die schlechte Organisation der Arbeit verursacht und den Arbeiter
und die Seinigen den schwersten Leiden aussetzt, wenn Krankheit, Alter oder
Schicksalsschläge ihn treffen.“ (Programm auf dem Umschlag der Association
Ouvriere, Organ der Produktivgenossenschaften.)

2) Dieses genossenschaftliche Programm ist in Frankreich allgemein als das der
„Schule von Nimes“ bekannt. In Wirklichkeit ist es nur die Weiterführung in
großem Maßstabe des 1844 von den Pionieren von Rochdale lakonisch aufgestellten
Grundgedankens. Boürgüin, der es in seinen Systemes socialistes aufgenommen
hat, hält dafür, daß es an Klarheit fehlen lasse. Es scheint uns aber wenigstens
ebenso klar wir irgend ein anderes sozialistisches Programm, das die Zukunft vorweg-
nimmt, und hat den Vorzug voraus, daß es sich auf Ansätze zu seiner Verwirklichung
stützen kann, die heute schon Beachtung verdienen. Im folgenden fassen wir
es kurz zusammen, und zwar nach einem, schon vor £0 Jahren gelegentlich
der Hundertjahrfeier der Revolution in einer Rede dargelegten Programm (in dem
        <pb n="712" />
        ﻿Kapitel III. Die Solidarisier!.

687

Auch auf dem Lande wird die Solidarität gepredigt, und obgleich
sie hier an dem ganz besonders individualistischen Charakter des

Buch Cooperation von Gidb: Des transformations que la Cooperation
estappelee nrealiserdansl’ordreeconomique. — Über die Umwandlungen,
die die Kooperation in der wirtschaftlichen Ordnung zu verwirklichen berufen ist).
— Es ist Sache der Verbraucher und nicht der Produzenten, die Gesellschaft zu
reorganisieren, weil die letzteren sich nur von Berufsinteressen leiten lassen können,
während die ersteren notwendigerweise das Allgemeininteresse im Auge haben.
Daher haben die Verbraucher sich nur zusammenzutun, um für alle ihre Bedürfnisse
zu sorgen: — indem sie erstens alles, was sie verbrauchen, direkt von den Produzenten
kaufen, und indem sie es, sobald sie wohlhabend und zahlreich genug geworden
sind, selbst in ihren Fabriken und auf ihren Ländereien herstellen. Hierdurch eignen
sie sich zunächst den Gewinn des Kaufmanns, und dann den des Fabrikanten an,
behalten davon aber nur das, was zur Ausdehnung der Bewegung notwendig ist
und geben den Rest den Verbrauchern pro rata ihrer Einkäufe zurück, was auf
die Abschaffung des Profits hinausläuft. Wir haben gesehen, daß diese Abschaffung
des Profits schon die Gedanken Stuakt Mill’s beschäftigte und sich für ihn mit
einer ganz neuen Entwicklungsphase verband, die er den stationären Zustand
nannte (siehe oben S. 424); wir haben ferner gesehen, daß auch die Hedonisten zu
demselben Ergebnis gelangten, wenn auch auf einem der Kooperation gerade entgegen-
gesetzten Wege, nämlich dem der vollkommen freien Konkurrenz.

Es muß darauf hingewiesen werden, daß diese Revolution sich vollziehen
würde, ohne irgendwie an dem zu rühren, was man die Grundlage der sozialen
Ordnung nennt: Eigentum, Erbrecht, Zinsen und ohne andere Enteignung, als die,
die sich aus dem freien Spiel der heutigen wirtschaftlichen Gesetze ergäbe. Die-
jenigen, die derart zusammen arbeiten würden, wollen die bestehenden Kapitalien unbe-
rührt lassen: sie beabsichtigen, neue zu bilden, die die anderen überflüssig machen
werden. Warum auch nicht? Wenn die bestehenden Kapitalien nur das aufgehäufte
Ergebnis durch die Arbeit verwirklichter Gewinne sind, warum sollte die Arbeit nicht
imstande sein, dasselbe noch einmal zu leisten? Nur mit dem Unterschied, daß sie
diese Kapitalien jetzt für sich behalten würde!

Man hat diesem System vorgeworfen, daß es, auch wenn es durchgeführt wäre,
doch nicht die Abschaffung des Lohnsystems verwirklichen würde, weil alle Arbeiter
dann für diese Genossenschaften arbeiten würden, ebenso wie sie heute im Dienste
von Arbeitgebern stehen. Darauf antworten wir, daß der, der im Dienste einer
Genossenschaft arbeitet, der er selbst als Mitglied angehört, recht nahe daran
ist, sein eigener Herr zu sein.

Übrigens, wer hat denn das Recht, einen derartigen Einwurf zu machen?
Sicherlich nicht die Verteidiger der heutigen wirtschaftlichen Ordnung, die erklären,
daß der Lohnvertrag der endgiltige Typus des freien Kontraktes ist. Ebensowenig
die Kollektivisten, da nach ihrem System alle Menschen Angestellte im Dienste der
Nation sein würden. Daher würden die einzigen, die einen Grund hätten, diese
Kritik zu erheben, die sein, die an die Zukunft und die Entwicklung der kleinen
selbständigen Produktion glauben. Ihnen erwidern wir, daß die einzige Möglichkeit,
die sie haben ihr Ideal verwirklicht zu sehen, das auch das Ideal eines Teiles der
Kooperativsten ist, in der Organisation von Produktivgenossenschaften unter der
Kontrolle und mit der Hilfe von Konsumgenossenschaften besteht. In der Tat ist die
Herrschaft der Konsumgenossenschaft, auch wenn sie unter der föderalistischen Form
verallgemeinert ist, nicht mit dem Bestände einer gewissen selbständigen Produktion
unvereinbar, und zwar auf Grund verschiedener Möglichkeiten, deren Darlegung an
dieser Stelle unnötig ist.
        <pb n="713" />
        ﻿688

Fünftes Buch. Die Lehren der neuesten Zeit.

Bauern Widerstand findet, beginnt sie doch, sich unter der Form zahl-
loser Genossenschaften verschiedener Art zu verwirklichen — unter
denen die des gegenseitigen Kredites die interessantesten sind, -weil ihr
bezeichnendster Zug gerade darin liegt, ihren Mitgliedern die Haftung
„in solidum“ für alle Schulden der Genossenschaft aufzuerlegen1).

Die praktischen Folgen der solidaristischen Idee sind übrigens
bei weitem noch nicht erschöpft. Sie können hauptsächlich in der
Form einschneidender Veränderungen in der Auffassung und den
Eigenschaften des Besitzrechtes in Erscheinung treten. Die alte
Formel, „der Besitz, eine soziale Funktion“, die sich dem streng indi-
vidualistischen Eigentum, dem Dominium ex jure Quiritum
gegenüberstellte, bis heute jedoch nur eine Metapher geblieben ist,
kann, dank der Solidarität, zur Wirklichkeit werden. Da das Eigen-
tum immer ausgesprochener als das Ergebnis anonymer Kooperation
erscheint, eines Zusammentreffens von Ursachen, die zum guten Teil
unpersönlich sind, strebt es darauf hin, sich, wenn auch nicht in der
kollektivistischen Sozialisation zu verflüchtigen, so doch zum wenigsten
den kollektiven Endzielen mehr und mehr anzupassen. Ein französischer
Philosoph, Alfred Foüilleb 1 2), hat diese Seite des gesellschaftlichen
Miteigentums, die mit allem individuellen Besitz unlösbar verknüpft
ist, besonders nachdrucksvoll herausgearbeitet.

Dieser Einfluß des Solidarismus auf das Recht hat eine ganze
Bewegung geschaffen, der von einigen der Name Eechtssozialis-
mus beigelegt worden ist, eine Bezeichnung, die allerdings nicht
ganz klar scheint. Die Juristen, die sich bemühen, das bestehende
Recht auf Grund dieses Prinzips zu erneuern, nehmen keineswegs
den Quasi-Kontrakt als Grundlage ihrer juristischen Rekonstruktionen
an, wie es die Solidaristen tun, sondern sie erkennen das Eigentums-
recht in seinem absoluten Sinne nicht mehr an, auf Grund dessen es
für den Eigentümer keine Verantwortlichkeit mit sich bringt, so-
lange er innerhalb seines Rechtes als Eigentümer handelt (qui suo
jure utitur neminem laedere videtur). — Sie ordnen
es im Gegenteil dem Rechte der Gemeinschaft unter, indem sie sich
auf die neue Theorie des sogenannten „Rechtsmißbrauches“ stützen.
In geistreicher Weise suchen und finden sie tausend Fälle, in denen

1)	In Frankreich ist diese Eegel der Solidarität zuerst nur in den Gruppen
der katholischen .Kreditgenossenschaften, die den Namen „Union Durand“ tragen,
zur Anwendung gelangt; obgleich sie heute auch von anderen als diesen Genossen-
schaften ausgeübt wird, ist sie doch noch die Ausnahme, während die gleiche Kegel
in 20000 deutschen Genossenschaften und sogar in italienischen, schweizer usw.
Genossenschaften stets befolgt wird, — ein weiterer Beweis, daß, wenn auch der
Gedanke der Solidarität hauptsächlich französischen Ursprungs ist, man doch seine
Anwendung in anderen Ländern suchen muß.

2)	La Propriete sociale et la Democratie.
        <pb n="714" />
        ﻿Kapitel III. Die Solidarisier!.

689

der Eigentümer verantwortlich gemacht werden muß, auch wenn
keine Schuld von seiner Seite vorliegt. Diese Verantwortlichkeit
besteht einfach in den Lasten und Aufgaben, die seiner wirtschaft-
lichen Funktion inhaerent sind*). Auch leugnen sie die Existenz „er-
worbener Rechte“, die der Schaffung eines neuen Rechtes hinderlich
sein könnten, selbst wenn man sie nur indirekt unter der Form
eines Entschädigungsanspruches aufrecht erhalten wollte* 2).

§ 4. Die Kritik des Solidarismus.

Trotz der Gunst, deren sich das Wort „Solidarität“ und die von
uns dargestellten Versuche ihrer Verwirklichung erfreuen, haben
dennoch die solidaristischen Lehren keineswegs überall sympathische
Aufnahme gefunden. Sie riefen im Gegenteil sehr lebhafte Kritiken
hervor, und zwar zunächst von seiten der liberalen volkswirtschaft-
lichen Schule.

Zwar leugnet oder tadelt sie das Gesetz der Solidarität durch-
aus nicht, da sie es sich im Gegenteil zur Ehre anrechnet, es unter
den Formen der Arbeitsteilung und des Güteraustausches entdeckt
und seine großartigen Wirkungen nachgewiesen zu haben. (Siehe oben
Basxiat, S. 389.)

’) So wird schon heute die Verantwortlichkeit der Arbeitgeber, im Falle ihre
Arbeiter das Opfer eines Unglücksfalles sind, zugegeben, was sich zweifellos bald
auch auf Krankheitsfälle erstrecken -wird. Sie können auch schon heute zur Zahlung
von Entschädigungen bei ungerechtfertigter Entlassung herangezogen werden.
Ebenso können heute die städtischen Grundbesitzer nicht mehr nach ihrem Gutdünken
bauen und sind von der Enteignung ohne Entschädigung bedroht, wenn es sich um
die öffentliche Gesundheit handelt usw. Man braucht diese Beispiele nur fortzusetzen,
um zum juristischen Sozialismus zu gelangen. — Siehe: Les transformatious
du droit civil von Chahmont und Le Droit social et le Droit individuel
von Dugüit.

2) Der Wiener Professor Anton Menger ist der hauptsächlichste Verbreiter
dieses juristischen Solidarismus gewesen. Siehe besonders sein Buch: Das bürger-
liche Recht und die besitzlosen Volksklassen (1890). Ein anderes seiner
Bücherr’Das Re cht auf den vollen Arbeitsertrag ist mit einem interessanten
Vorwort von Andler ins französische übersetzt worden. Menger erklärt, daß es in
der Wirtschaftsordnung drei grundlegende Rechtsbegriffe gibt (wie in der politischen
Ordnung die Declaration des Droits de l’Homme) nämlich: 1. das Recht
des Arbeiters auf den vollen Ertrag seiner Arbeit; 2. das Recht auf Dasein; 3. das
Recht auf Arbeit. Alles dies findet sich schon in den Forderungen der französischen
Sozialisten aus der Zeit von 1848, Consim!:rant, Louis Blanc und Proudhon.

Siehe auch das Buch Lassallb’s: System der erworbenen Rechte, das
mit einer Einführung von Andler ins Französische übersetzt worden ist. In
Frankreich muß noch angeführt werden: Emmanuel Lkw, Lyon, der verschiedene
Aufsätze in diesem Sinn veröffentlicht hat, z. B. die Broschüre: Capital et
Travail.

Gide und Rist. Gesch. d. Volkswirtschaft!. Lehrmeinungen,

44
        <pb n="715" />
        ﻿690

Fünftes Buch. Die Lehren der neuesten Zeit.

Sie beschränkt es aber auf diese wirtschaftliche Solidarität, die
ihr genügend erscheint, und die sie für die beste hält, die man sich vor-
stellen kann, auch wenn es von uns abhinge, sie neu zu organisieren.
Selbst der ausschweifendste Traum kann nichts besseres schaffen,
als eine Ordnung, die auf Grund der Teilung der Funktionen tag-
täglich für alle Menschen die Reziprozität der geleisteten Dienste
verwirklicht, und, wie Bastiat sagt, die Fabel vom Blinden und
Lahmen ins Leben überträgt:

„Ich werde für dich gehen, und du wirst für mich
sehen.“

Es genügt, sagt die liberale Schule, die Dinge gehen zu lassen,
um, unter dem Druck der Konkurrenz, den Grundsatz „Einer für Alle“
zu verwirklichen: liegt es denn nicht im Interesse eines jeden Pro-
duzenten, die Bedürfnisse, den Geschmack, die Phantasien des Marktes
in Betracht zu ziehen und sich zu bemühen, sie, so gut er kann, zu
befriedigen? Wenn er anders handelt, so geht er zugrunde. Ihn
zwingt also, und zwar mit viel größerer Kraft als eine sittliche
Pflicht es tun könnte, die berufliche Notwendigkeit selbst zum Altruis-
mus, — denn was ist Altruismus anders als die beständige Sorge,
den Bedürfnissen anderer zu genügen oder sogar für andere zu
leben1). Solidarität besteht aber nicht nur zwischen Produzenten
und Verbrauchern, sondern auch zwischen Kapital und Arbeit. Kann
doch keiner dieser beiden Faktoren für sich allein produzieren, und
ist doch ihr Interesse das gleiche, nämlich: daß die zwischen ihnen
zu verteilende Menge so groß wie möglich sei. Ebenso besteht aber
auch zwischen Nationen Solidarität, da eine jede um so mehr Aus-
sicht hat, Absatzmärkte für ihre Produkte zu finden, je reicher die
anderen Länder sind, usw.

Auch sind alle diese Solidaritäten in Übereinstimmung mit def
Gerechtigkeit, da ein jeder den Gegenwert dessen, das er liefert, er-
hält. Und was will denn nun der Solidarismus dieser bewunderungsr
würdigen, von der Natur gegebenen Organisation hinznfügen? —
ganz einfach den Parasitismus* 2).

*) „Der Produzent sorgt sich jeden Augenblick um ihr Wohlsein (das seiner
Kunden) . . . sein Gefühl umfaßt die ganze Menschheit . . . der Kaufmann, der
Spediteur sind auf der Suche nach dem, was den Leuten, für die sie arbeiten, am
besten Zusagen könne, durch welche Kombinationen sie neue Kunden finden, d. h.
immer mehr Personen Dienste leisten können.“ Diese Zeilen, von denen man glauben
könnte, daß Bastiat sie geschrieben habe, sind einem merkwürdigen kleinen Buche
von Yves Gdyot entnommen: La Morale de la Conourrence.

2) „Die Solidarität dient den Leuten als Vorwand, die von der Frucht der Arbeit
anderer profitieren wollen, den Politikern, die das Bedürfnis empfinden, sich auf
Kosten der Steuerzahler Anhänger zu suchen: es ist einfach ein neuer Name, den
        <pb n="716" />
        ﻿Kapitel III. Die Solidarisier!,

691

Seine These ist doch, daß alle, die in der Gesellschaft eine ge-
wisse Überlegenheit der Stellung, des Reichtums oder der Intelligenz
haben, — weil gerade sie gewöhnlich am stärksten dazu beigetragen
haben, das materielle und intellektuelle Kapital der Gesellschaft zu
schaffen —, auf Grund einer vermessenen Umkehrung der Rollen als
Schuldner hingestellt werden, und zwar zugunsten aller derjenigen,
die keinen Erfolg gehabt haben, so daß diese letzteren das formelle
Recht hätten, auf Kosten der ersteren zu leben. Man sucht so in
der ganzen Gesellschaft immer dichtere Schichten von Leuten zu
schaffen, die von der Solidarität leben, wie es früher solche gab, die
vom Bettel lebten. Aber diese Leute sind viel gefährlicher, denn
sie werden nicht mehr von der Erniedrigung, um Almosen bitten zu
müssen, zurückgehalten: sie verlangen, daß man ihnen gebe, wras
man ihnen schuldig ist: nicht „um Gottes willen“, sondern im Namen
eines, man weiß nicht recht welches Quasi-Kontraktes und mit dem
Schutzmann hinter sich, für den Fall, daß der sogenannte Schuldner
nicht mit der nötigen ergebenen Bereitwilligkeit die Forderung er-
fülle. Daher kommt das Überhandnehmen der pensionierten Arbeiter,
der Invaliden, der Rentenempfänger und Arbeitslosen, der Opfer eines
mehr oder weniger wirklichen Unglücksfalls, der Eltern, deren Kinder
in den Schxükttchen umsonst essen, der Fabrikanten und Besitzer,
die unter der Form eines Einfuhrzolles direkte oder indirekte Prä-
mien erhalten, und der Angestellten öffentlicher Behörden, die im
Namen der beruflichen Solidarität die nationale Solidarität mit Füßen
treten und unbekümmert die Interessen der Verbraucher und der
Steuerzahler preisgeben.

Gewiß behaupten die Nationalökonomen nicht, daß die gegen-
seitige Gerechtigkeit, das do ut des, für alles ausreiche: sie geben
zu, daß sich noch ein weites Feld jenseits der Gerechtigkeit er-
streckt, — das Reich der Mildtätigkeit: aber sie halten es für
verderblich, diesen Bezirk dem Gebiet der Gerechtigkeit einzuver-
leiben, indem man sich der Solidarität als Vorwand für die Berech-
tigung dieser Einverleibung bedient.

In Summa gibt es eben kein Mittel, dem Dilemma zu entgehen:
entweder erhält ein jeder den Gegenwert dessen, das er gibt, und
in dem Falle haben wir das Tauschsystem, oder aber, es gibt Leute,
die mehr erhalten, als sie geben, und diese sind, unter allen Um-
ständen, und wie man sie auch immer nennen möge, Parasiten oder

man einer Art von höchst ungesundem Egoismus gegeben hat“ (Vilpredo Pareto,
he peril socialiste, Journal des Economistes 15. Mai, 1900).

„Die solidaristischen Theorien, die fortschreitend und ins Unendliche die Zahl
der Unfähigen vermehren“ (Demolins, Superiorite des AngTo-Saxons).

44*
        <pb n="717" />
        ﻿692

Fünftes Buch. Die Lehren der neuesten Zeit.

Unterstützte, sie fallen entweder unter die Rubrik Ausbeutung’ oder
öffeni liehe Wohltätigkeit.

Eine andere Kritik des Solidarismus besteht darin, daß er der
Entwicklung hindernd in den Weg trete und infolgedessen rückschritt-
lich wirke. Sehen wir doch überall und sogar in dem Bereich der
Biologie ein beständiges Streben der Wesen nach Autonomie, nach
Unabhängigkeitx), eine beständige Arbeit, um das Individuum von
den Ketten alter Solidaritäten zu befreien, vom Saatkorn angefangen,
das sich müht, die Scholle zu durchbrechen und dem Himmel ent-
gegenzuwachsen, bis zum Luftschiffen und Flieger, die sich daran
begeistern, endlich die scheinbar festesten Bande der Solidarität, die
der Schwerkraft, die ihn an den Boden fesselte, gebrochen zu haben.
Im Strafrecht z. B. lehnen wir uns mit Entrüstung gegen die kollek-
tive Verantwortlichkeit der Familie und des Stammes auf, die den
primitiven Gesellschaften so gerecht erschien, die den Söhnen der
Atriden und sogar den Kindern Adams die Sünden ihrer Väter auf-
erlegte1 2). Dort, wo die Natur sie uns aufzwingt, können wir freilich
nicht anders, als sie auf uns zu nehmen. Wir müssen leider anerkennen,
daß der Unschuldige für die Fehler anderer leidet, daß das Kind des
Alkoholikers ohne eigene Schuld an dem Laster des Vaters stirbt.
Diese Solidaritäten aber nennen wir Geißeln und bekämpfen sie. Wir
denken nicht daran, diesen mitleidlosen Eumeniden Altäre zu errichten,
wie der Wilde seinen Fetischen. Dieser Solidarität, die mit einem
änderten Namen Ansteckung heißt, setzen wir den Individualismus ent-
gegen, der die Antisepsis ist. Die zahllosen Solidaritäten der mittel-
alterlichen Zünfte und Gilden wurden durch den großen Sturm der
französischen Revolution gebrochen und hinweggefegt. Warum sollen
wir uns daher bemühen, neue Ketten zu schmieden, und warum sollen
wir jedem Menschen eine Hypothek auf alle übrigen ausstellen?

Auch die Moralisten erheben ihrerseits viele Einwürfe gegen den
Solidarismus. Sie fragen, wo denn das neue Moralprinzip sei, das er

1)	. Die Entwicklung erscheint durch ein wachsendes Bestreben der organisierten
Wesen nach Unabhängigkeit gegenüber dem Milieu, und nach Spezialisierung gekennt-
zeichnet“ (De Launay, L’histoire de la Ter re). Er sagt, daß die Gruppierung
des Kristalls um ein Zentrum in einer polyedrischen Kristallisationsform schon eine
Form der Verteidigung, also der Unabhängigkeit ist. Das Kristal war die erste
Individualität, der es gelang, sich aus dem Milieu auszuscheiden.

Das im Meere entstandene Tier, das sich in seinem Körper sein eigenes, ab-
geschlossenes Milieu erschafft, tut den zweiten Schritt, usw.

2)	„Der primitive Zustand war das Zeitalter der Solidarität. Sogar das Verbrechen
wurde hier nicht als individuell betrachtet; einen Schuldigen durch einen Unschuldigen
zu ersetzen, erschien ganz natürlich: die Schuld übertrug sieh und wurde erblich. Im
Zeitalter der Überlegung erscheinen derartige Dogmen unsinnig“ (Renan, Avenir
de la Science, S. 307J.
        <pb n="718" />
        ﻿Kapitel III. Die Solidaristen.

693

bringe? Wenn man mir klar and deutlich nachgewiesen hat, daß die
Krankheit meines Nächsten mich töten wird, was für ein Gefühl wird
die Feststellung dieser Solidarität in mir wohl hervorrufen? Liebe?
Durchaus nicht, sondern den Wunsch, ihn von mir so weit wie möglich
zu entfernen, mich seiner zu entledigen, wenn auch nicht gerade
durch seine Vernichtung, wie man dies mit den Pestratten tut, so
doch wenigstens, indem man ihn in irgendein Sanatorium sperrt.
Höchstwahrscheinlich werde ich nicht abgeneigt sein, mein Geld für
dieses Sanatorium zu geben: aber die einzige Triebfeder dieser
Handlung wird die Furcht, oder wenn dies Wort zu unangenehm
wirkt, das persönliche Interesse seinJ).

So enthält die Solidarität in sich selbst kein Prinzip der Liebe
und strebt außerdem darauf hin, das Gefühl der Verantwortlichkeit
zu unterdrücken oder abzuschwächen, indem sie der Gesellschaft, dem
Milieu, die bestimmenden Ursachen unserer Fehler, unserer Laster
und unserer Verbrechen aufbürdet. Und doch liegt gerade in der
persönlichen Verantwortlichkeit die Grundlage des Moralgesetzes.

Diese Kritiken stammen von den individualistischen Volkswirt-
schaftlern! Man darf aber nicht glauben, daß der Solidarismus von
seiten der Sozialisten, Anarchisten und Syndikalisten eine bessere
Aufnahme gefunden habe. Wenn er den Klassenkampf leugnet und
davon faselt, Arbeitgeber und Arbeitnehmer, Arme und Reiche in einer
kindischen Verbrüderung im Gefühlsdusel zu versöhnen, so erscheint
ihnen das als nichts anderes als ein Versuch, dem Sozialismus die
Sehnen seiner Kraft zu durchschneiden2).

Alle diese Kritiken erscheinen uns jedoch nicht überzeugend.
Sie mögen vielleicht genügen, um den Gedanken einer sozialen Schuld
in seiner juristischen Zwangsform auszuscheiden, aber sie können
nicht a.us der Welt schaffen, daß der Solidarismus der sozialen
Ökonomie und sogar der Moral höchst wertvolle Beiträge geleistet hat.

&gt;) In den Vereinigten Staaten haben sich Vereine „gegen das Küssen“ ge-
bildet, doch hat der Puritanismus hiermit nichts zu tun, sondern nur die Bazillen-
furcht. Bald wird es zweifellos aus demselben Grunde Vereine gegen „das Hände-
schütteln“ geben, eine merkwürdige Folge der Solidarität, die doch überall durch
zwei sich gefaßt haltende Hände bildlich dargestellt wird!

In dem Buche von Paul Bukbau: LaCrise morale des temps nouveaux
findet man eine lange und lebhafte Kritik des Solidarismus vom moralischen Ge-
sichtspunkte ans.

3) Wie man sie z. ß. in Le Mouvement Sociallste würdigt, zeigt folgende
Stelle; „Die Entwicklung des Solidarismus ist eins der beunruhigendsten Zeichen der
£eit. Sie ist das Kennzeichen und die Ursache einer tiefen, sehr großen Absehwächung
der Energie“ (Julinummer, 1907. — Paüu Owvier, Bericht über den Solidarisme
von BouGLfi).
        <pb n="719" />
        ﻿694

Fünftes Buch. Die Lehren der neuesten Zeit.

Freilich kann die Solidarität nicht aus sich selbst ein Prinzip
des moralischen Handelns liefern, da sie nur eine natürliche Tatsache
und als solche durchaus amoralisch ist. Es sind keine Beweise
nötig, um darzutun, daß jedesmal, wenn wir die Solidarität als ein
Übel verurteilen, dieser Verurteilung die Tatsache zugrunde liegt,
daß wir unser Kriterium des bösen und guten von außen her
nehmen. Ebenso wenig unterliegt es einem Zweifel, daß die Tat-
sache der Solidarität zugunsten des Egoismus ausgebeutet werden
kann. Wenn die Solidarität nur ein Band ist, das uns verbindet, so
ist es sehr leicht möglich, daß irgendjemand sich seiner bediene, um
sich mühelos in die Höhe ziehen zu lassen, während ein anderer es
gebraucht, um andere in die Höhe zu ziehen. Wenn man hiergegen
nicht auf der Hut ist, werden sogar wahrscheinlich die ersteren die
zahlreicheren sein. Hierin liegt kein Grund zum Erstaunen, denn
alles das, was zur Ausbreitung der Macht des Guten dient, dient
ebenso zur Ausbreitung der Macht des Bösen. Aber nichtsdesto-
weniger muß man doch das Kommen dieser neuen Mächte herbei-
sehnen, in der Hoffnung, daß das Gute zum Schluß den Sieg über
das Böse davon tragen wird. Wenn es also auch feststeht, daß die
Solidarität nicht genügt, um aus sich selbst ein Prinzip moralischer
Lebensführung denen zu liefern, die sonst kein solches besitzen, so
ist doch nicht zu leugnen, daß sie, sobald irgendein solches Prinzip,
gleichgültig ob Egoismus oder Altruismus, anerkannt ist, einen Hebel
von unvergleichlicher Kraft in seinen Dienst stellt. In ihr liegen
drei große Lehren beschlossen:

1.	Sie lehrt uns, daß jedes Gute, das einem anderen zufällt, zu
unserem eigenen Wohl beiträgt, und daß alles Übel, das einem anderen
zustößt, unser eigenes Übel werden kann; daß wir daher das
Eine wollen und das Andere hassen müssen. Ein feiges Beiseite-
stehen ist dann nicht mehr möglich.

Auch wenn wir zugeben, daß in dieser Morallehre ein guter Teil
Utilitarismus enthalten ist, so ist es immer etwas, den Egoisten dazu
zu zwingen, aus sich herauszugehen und sich um andere zu sorgen.
Das Herz, das einmal für andere geschlagen hat, sei es auch nur aus
egoistischer Furcht, ist doch etwas weiter geworden. Audi ist es
sicherlich zu viel verlangt, wenn man einen Altruismus will, der
ganz und gar nicht seiner selbst vergißt; sagt doch sogar das Evan-
gelium: „Du sollst Deinen Nächsten lieben, wie Dich selbst.“
Das gleiche sagt auch die Solidarität, weder mehr noch weniger:
nur weist sie nach, daß mein Nächster in Wirklichkeit mein eigenes
Selbst vorstellt.

2.	Sie lehrt uns, daß unsere Handlungen sich um uns bis ins
Unendliche in Wellen der Freude oder des Leidens fortpflanzen, und
        <pb n="720" />
        ﻿Kapitel III. Die Solidarisier

695

drückt so auch der geringsten unter ihnen einen ernsten, fast maje-
stätischen Charakter auf, der eine hohe moralische Erziehung be-
günstigt. Sie gibt uns auf, Seelen zu hüten. Und ebenso, wie wir
auf Grund des vorhergehenden das Recht verloren haben, zu sagen:
„das geht mich nichts an“, so müssen wir jetzt einen anderen, nicht
weniger hassenswerten Ausspruch verbannen: „das geht nur mich an.“
Daher schwächt die Solidarität nicht, wie man ihr vorwirft, unser
Verantwortlichkeitsgefühl, sondern erweitert es im Gegenteil ins
Unendliche.

3.	Wahr ist allerdings, daß in umgekehrter Wirkung die Soli-
darität uns nachsichtiger gegenüber den Fehlern anderer macht, indem
sie uns zeigt, daß wir sehr oft unbewußte Mithelfer gewesen sind;
doch liegt hierin ebenfalls moralisch etwas Gutes, da wir uns infolge-
dessen gezwungen sehen, nachsichtiger gegen andere, und strenger
gegen uns selbst zu sein.

Wenn es vom Gesichtspunkt der soziologischen Entwicklung aus
wahr ist, daß viele alte Formen der Solidarität sich auflösen, so
bilden sich doch unablässig neue. Man kann sogar eher feststellen,
daß die Kreise der Solidarität: Familie, Stadt, Vaterland, Menschheit
sich ohne Unterlaß vergrößern, und daß sich gerade aus dieser Ver-
größerung eine doppelte und glückliche Folgeerscheinung ergibt: der
korporative Egoismus veredelt sich, indem er sich bis zu der Grenze
ausdehnt, wo er alle Menschen umfassen wird, und die feindlichen
Zusammenstöße antagonistischer Solidaritäten werden immer seltener.
Was die Unabhängigkeit anbelangt, so ist dieses alte Argument schon
im Kampfe gegen die Arbeitsteilung fadenscheinig geworden. Der
Grad der Unabhängigkeit ist keineswegs der Maßstab, mit dem man
den Grad der Persönlichkeit messen kann: ganz im Gegenteil! Der
Wilde, der auf seinem Baume sitzt, ist uqpMängig; vielleicht ist es
auch der Held Ibseris, der sich gegen die Gesellschaft auflehnt,
während der König auf dem Thron, der nur im Pluralis majestaticus
sprechen kann, höchst abhängig ist: der erste ist aber gerade auf
Grund seiner Unabhängigkeit ganz ohnmächtig, während der zweite
gerade infolge seiner Abhängigkeit sehr mächtig ist. Daher ver-
mindert die Solidarität die Individualität in Nichts — nicht, wenn
sie natürlich ist, und noch weniger, wenn sie auf freier Überein-
stimmung beruht, wie die, auf Grund derer die Soldaten sich um die
Fahne scharen oder der Führer in den Alpen sich an das Seil bindet,
das ihn vielleicht in den Abgrund reißt. Wenn es wahr ist, daß die
Kristallisation, wie vor kurzem gesagt wurde, die erste Bemühung
des Wesens war. sich von seiner Umgebung unabhängig zu machen,
so muß man wohl bedenken, daß hierin auch die erste Verwirklichung
einer wahren Solidarität unter der Form der Assoziation lag.
        <pb n="721" />
        ﻿696

Fünftes Buch. Die Lehren der neuesten Zeit.

Was nun schließlich die Behauptung der Volkswirtschaftler an-
langt, daß die Tauschwirtschaft schon alles an Solidarität darstellt,
was wünschenswert und mit der Gerechtigkeit vereinbar ist, so treten
alle Schulen, deren Geschichte wir in diesem Buche verfolgt haben,
dieser Behauptung entgegen, sogar ohne die Tochter der klassischen
Schule, die mathematische Schule, auszunehmen. Die Tausch-
handlungen zwischen einem Esau und einem Jakob, zwischen der
Kongogesellschaft und den Schwarzen, den Unternehmern und den
Heimarbeiterinnen sind vom hedonistischen Gesichtspunkt aus untadelig
(siehe oben S. 613—614). Niemand aber wird wagen, diese brutalen
Tauschhandlungen, die, wie Peoudhon beredt sagt, auf dem Wieder-
vergeltungsrecht, — Auge um Auge, Zahn um Zahn — beruhen, als
eine Verwirklichung der Solidarität hinzustellen.

Trotz seiner anscheinend mathematischen Gleichwertigkeit, und
obschon er als Symbol die Wage führt, vermittelt der Austausch den
Austauschenden niemals gleiche Teile, weil sie selbst niemals auf
dem Fuße völliger Gleichheit zueinander stehen, selbst wenn nicht
irgend ein Brennus sein Schwert in eine der Wagschalen wirft.

Was kann man hiergegen tun, wird man fragen? Wohl oder übel
muß man sich damit abfinden. Solange die Beziehungen zwischen
den Menschen einzig durch den Tausch und seine Unterarten, wie
Verkauf, Darlehen, Pacht, Lohnkontrakt bestimmt sind, ist das aller-
dings der Fall; es wird aber sofort anders, wenn diese Beziehungen
sich durch das Mittel der Assoziation bilden, sei das nun die beruf-
liche, die mutualistische oder die kooperative1).

So zahlt der Arbeiter Beiträge an seine Gewerkschaft, um sie
mächtig zu machen: er rechnet natürlich darauf, durch sie zu höherem
Lohn zu gelangen, aber zwischen dem Gewerkschaftsbeitrag und dem
möglichen Gewinn gibt es keine notwendige Beziehung. In gleicher
Weise steuert das Mitglied einer Versicherung auf Gegenseitigkeit
zu seiner Gesellschaft bei, um sich Sicherheit gegen Gefahren und
Schäden zu verschaffen: er rechnet zwar darauf, daß die Gesellschaft
seinen Arzt bezahlt, wenn er krank wird, aber viele zahlen ihr ganzes
Leben hindurch, ohne die Hilfe der Gesellschaft in Anspruch zu
nehmen, und viele erhalten bedeutend mehr, als sie eingezahlt haben:

*) Die Assoziation hat sogar bei Gewinnabsicht einen moralischen Wert, der
dem des Tausches überlegen ist; 1. indem sie nicht nur wie der Tausch eine Geld-
zahlung bedingt, sondern ein gewisses persönliches Opfer unserer Zeit, unserer
Mühe und unserer Unabhängigkeit, wäre es auch nur die Verpflichtung, den Ver-
sammlungen beiznwohnen und die Statuten zu beachten;

2. indem sie nicht nur wie der Tausch eine einzelne augenblickliche und ein
für alle Male ausgeführte Handlung bedingt, sondern ein unbegrenztes Zusammen-
arbeiten der Beteiligten.
        <pb n="722" />
        ﻿Kapitel IV. Die Anarchisten.

697

die Gesunden zahlen so für die Gebrechlichen. Auch das Mitglied
einer Konsumgenossenschaft sucht weniger den Gewinn, als bessere
Befriedigung seiner Bedürfnisse. Mit einem Wort; während unter
der heutigen Ordnung des allgemeinen Wettkampfes ein Jeder be-
strebt ist, seinen Konkurrenten beiseite zu schieben, wird unter der
Ordnung der Assoziation ein Jeder sich bemühen, seinen Nebenmenschen
zu benutzen. An die Stelle des „do ut des“ *) tritt die Solidarität, an
die Stelle des „einem Jeden das Seine“ tritt: „Jeder für Alle“. Je
weiter man auf diesem Wege fortschreitet, um so mehr gelangt man, ob
mau es wolle oder nicht, von der Herrschaft des Tausches zu der
des Solidarismus.

Kapitel IV.

J)ie Anarchisten.

Die anarchistische Lehre ist das Produkt einer eigentümlichen Ver-
schmelzung der liberalen und sozialistischen Ideen. Dem Liberalismus
entlehnt sie ihre wirtschaftliche Kritik des Staates, ihren Fanatismus
für die freie Initiative, ihren Begriff einer spontanen wirtschaft-
lichen Ordnung. Dem Sozialismus entnimmt sie ihre Kritik des Eigen-
tums und ihre Theorie der Ausbeutung des Arbeiters.

Indem sie aber beide verbindet, und gerade weil sie beide
verbindet, geht sie weit über beide hinaus. Auch der extremste
Liberalismus, der eines Dunoyer zum Beispiel, behielt dem Staat noch
eine wesentliche Funktion vor, die eines „Sicherheits-Produzenten“.
Als echter Bourgeois des Jahres 1830 sieht Dünoyer in der Ordnung
das primäre Bedürfnis jeder Gesellschaft2). Mit den Waffen der
sozialistischen Kritik ausgerüstet, verwerfen die Anarchisten auch
diese letzte Funktion des Staates, denn in ihren Augen ist die Sicher-
heit, von der Dunoyer spricht, einzig und allein die Sicherheit des

x) Das System der Solidarität unterscheidet sich sowohl von dem des Austausches,
wie von dem der Nächstenliebe. Die Tauschwirtschaft besteht in einer Leistung
mit dem Zwecke, eine genau gleichwertige Gegenleistung zu erhalten. Die Nächstenliebe
ist eine Leistung ohne irgendwelche Reziprozität, d. h. sie ist das, was man ein
Opfer nennt. Die Solidarität ist auch ein Opfer —, denn man wird bemerken, daß
jede Aufforderung zur Solidarität die Idee eines gewissen Opfers wach ruft, —
aber eines Opfers, das nicht vollkommen selbstlos ist: es ist das Opfer eines. Teiles
unseres individuellen Ich’s, um einen Anteil am kollektiven Ich zu erwerben.

2)	Vergleiche z. B. seinen Artikel „Gouvernement“ in dem Wörterhuche
von Coquelin &amp; Guili.aumin.
        <pb n="723" />
        ﻿698

Fünftes Buch. Die Lehren der neuesten Zeit.

Eigentümers, die Ordnung, die die Besitzer brauchen, um die An-
griffe der Besitzlosen zurückzuweisen. Auf der anderen Seite be-
halten die Sozialisten, viel]eicht mit Ausnahme Foueier’s (und die
Anarchisten nehmen Fourier als einen der ihrigen in Anspruch), auch
wenn sie das Eigentum bekämpfen, dem Staat eine wichtige Aufgabe
vor, nämlich die Leitung der ganzen sozialen Produktion. Die An-
archisten aber, gestützt auf die liberale Kritik, verwerfen diese Funk-
tion des Staates, da ihnen seine völlige administrative und wirt-
schaftliche Unfähigkeit als klar nachgewiesen erscheint. „Freiheit
ohne Sozialismus“, sagt Bakünin, „ist Privilegium und Ungerechtig-
keit: und Sozialismus ohne Freiheit ist Sklaverei und Brutalität“1).

Daher kann es nicht wundernehmen, am Ende dieses Buches
einige Seiten einer Doktrin gewidmet zu sehen, die die Verschmelzung
der beiden großen sozialen Bestrebungen vollzieht, die das ganze
19. Jahrhundert erfüllen.

Jedoch tritt sie uns nicht zum erstenmal entgegen. Peoüdhon
hatte sie schon formuliert und ihr ihren Namen gegeben. Peoudhon ist
auch tatsächlich der wahre Vater des modernen Anarchismus. Wenn
man noch weiter in der Geschichte der Doktrinen zurückgeht, kann
man leicht ähnliche Lehren entdecken, z. B. bei Godwin am Ende des
18. Jahrhunderts. Doch sind das alles nur vereinzelte Kundgebungen* 2 3).
Die Beziehungen des PEOuDHOu’schen Anarchismus zu dem politischen
und sozialen Anarchismus dieser letzten dreißig Jahre lassen sich da-
gegen unzweideutig feststellen. Nicht nur muß die Analogie der Ge-
danken auffallen, sondern ihr Übergang von Peoudhon auf Bakünin,
und dann auf Keopotkin, auf Reclus und Jean Geave ist ebenfalls
leicht nachweisbar.

Neben dem politischen und sozialen Anarchismus, der den Haupt-
gegenstand dieses Kapitels bildet, hat sich eine andere Form des
Anarchismus entwickelt, die, philosophisch und literarisch, als besonders
auffälligen Charakterzug eine fast krankhafte Übertreibung des Ich
zeigt. Diese Lehre stammt aus Deutschland. Ihr bekanntester Ver-
treter ist Max Stxenee, dessen Buch „der Einzige und sein
Eigentum“ 1844 erschien3), also ungefähr gleichzeitig mit den ersten

*) Bakünin, CBuvres, Bd. I, S. 59 (Federalisme, socialisme et antitheologisme).

2)	Adler zeigt in seinem Aufsatz Anarchismus im Handwörterbuch
der Staatswissenschaften und in seiner Geschichte des Sozialismus und
Kommunismus (1899, von der nur der erste Teil erschienen ist), daß das
anarchistische Ideal zu Jeder Zeit existiert hat und bis auf die griechische Philo-
sophie zurückgeht.

3)	Der Einzige und sein Eigentum. Das Werk wurde 1882 und 1893
neu gedruckt. 1902 wurde es ins Französische übersetzt. Stiener ist auch der
Verfasser der deutschen Übersetzung von Adam Smith und J.-B. Say. Über das
Leben Stihneb’s und den Kreis, in dem er lebte, findet man höchst interessante
        <pb n="724" />
        ﻿Kapitel IV. Die Anarchisten.

699

Werken Peoüdhon’s. Lange Zeit vergessen, obgleich es bei seinem
Erscheinen einen lauten, aber nur vorübergehenden Erfolg zu ver-
zeichnen hatte, ist dieses Buch vor etwa 15 Jahren wieder ausgegraben
worden, als die Gedanken Nietzsche’® die große literarische Volks-
tümlichkeit gewonnen hatten, die auch heute noch andauert. Man
entdeckte damals, daß Nietzsche einen Vorläufer gehabt hatte, —
dessen Existenz ihm selbst wahrscheinlich unbekannt geblieben war
— und Stienee hat als erster der „Immoralisten“ eine posthume
Berühmtheit erlangt. Es ist nötig, hierüber einige Worte zu sagen,
sei es auch nur um auf die wichtigsten Punkte hinzuweisen, die
seine Lehre von dem Anarchismus Peoudhon’s, Bakünin’s oder Kro-
potkin’s unterscheiden1).

§ 1. Der philosophische Anarchismus Stienee’s und die
Anbetung des ICH.

Das Buch Stienee’s macht den Eindruck eines schlechten Scherzes.
Um seinen Ursprung zu verstehen, muß man sich in die Zeit und das
besondere Milieu zurückversetzen, in dem es entstanden ist. Stienee
gehört zu jener Gruppe von jungen deutschen Radikalen und Demo-
kraten, die seit 1840, von Feueebäch angeregt, sich um Bruno Bauee
scharten und die extremen Folgerungen der hegelianischen Philosophie
zogen. Ihr Ideal war die Verwirklichung der völligen Geistesfreiheit.
Im Namen dieser Freiheit kritisierten sie alles, was ihr entgegen zu
stehen schien, und griffen übrigens ebenso den gerade aufkommen-
den Kommunismus, wie das offizielle Christentum der Theologen und
den Absolutismus der Regierungen an. Aus ihnen gingen die intellek-
tuellen Koryphäen der deutschen Revolution von 1848 hervor, und * i)

Einzelheiten in dem Werk seines Schülers J.-H. Mackay; Max Stirner, sein
Leben und sein Werk (Berlin 1898, 260 Seiten), dem wir die verschiedenen
Einzelheiten, die der Text bringt, entnehmen. Der wirkliche Name Stirnek’s war
Kaspar Schmidt. Er wurde 1806 in Bayreuth in Bayern geboren und starb 1856
in Berlin im tiefsten Elend und fast vollständig verlassen. Über die Ideen der
„Hegelianischen Linken“ und über Stirner wird man mit Interesse die Aufsätze
Saint-EeniS Taillandiek’s lesen, die zwischen 1842 und 1850 in der Revue des
Deux Mondes erschienen.

i)	Man wird sich vielleicht wundern, daß wir hier nicht auf Nietzsche ein-
gehen, da wir in ihm einen Nachfolger Stirnee’s sehen. In Wirklichkeit ist Nietzsche
aber fast ausschließlich Philosoph und Moralist. Das Buch Stihnbr’s dagegen hat
eine hauptsächlich soziale und politische Tragweite. Wir geben zu, daß auch das Werk
Stihnbr’s nur noch ziemßch entfernt mit der Volkswirtschaft in Verbindung steht,
und daß es vielleicht mit mehr Recht in einer Geschichte der politischen Doktrinen
seinen Platz finden würde, Eine Untersuchung der Ideen Nietzsohb’s würde uns
noch weiter von dem eigentlichen Bereich der vorliegenden Geschichte entfernen,
die nicht das Studium aller individualistischen Doktrinen umfaßt.
        <pb n="725" />
        ﻿700

Fünftes Buch. Die Lehren der neuesten Zeit.

die Reaktion von 1850 fegte sie hinweg. Einige unter ihnen, die
sich regelmäßig in einem Restaurant in Berlin trafen, hatten den
Namen „die Freien“ angenommen. Auch Marx und Engels nahmen
einige Zeit lang an diesen Versammlungen teil, ließen sie aber bald
wieder im Stich, und richteten später gegen diese Gruppe ihr Pamphlet
„die Heilige Familie“, ein ironischer Name, mit dem sie Beuno Bauer
und seine Freunde bezeichneten. Spätere liberale deutsche Yolkswirt-
schaftler, unter anderen Julius Faucheb, besuchten ebenfalls diese
Abende. Einer der regelmäßigsten Teilnehmer war Stienee, der, ohne
viel zureden, den lebhaften Debatten seiner Freunde zuhörte; damals
bereitete er das Buch vor, mit dem er sich anschickte, sie alle in
Erstaunen zu versetzen, und in dem er darlegte, daß die Kritik des
kritischsten unter ihnen noch nicht kritisch genug war.

Denn diese extremen Radikalen standen noch unter der Herr-
schaft einer ganzen Reihe von Ideen, die für Stienee nichts als Phan-
tome sind. Menschheit, Gesellschaft, Wahrheit, das Gute, all das
sind veraltete Abstraktionen, Fetische, die unsere eigenen Hände
geschnitzt haben, vor denen wir uns ehrfurchtsvoll verbeugen, und
deren Autorität wir demütig anerkennen, wie die Gläubigen die ihres
Gottes. Diese Abstraktionen haben aber ebensowenig Wirklichkeit,
wie die Götter des Olymps oder die Gespenster, die das kindliche
Gemüt schrecken. Die einzige Wirklichkeit ist das individuelle Ich.
Eine andere kennen wir nicht. Jedes Individuum stellt eine un-
abhängige und selbständige Kraft vor. Sein einziges Gesetz ist das
seines persönlichen Interesses. Die Grenzen seiner Entwicklung
fallen mit denen seiner Interessen und seiner Kraft, zusammen. Ein
jeder Mensch muß sich sagen: „Ich will alles sein und alles haben,
was ich sein und haben kann1).“ Bastiat schrieb: „Alle be-
rechtigten Interessen sind harmonisch.“ Stienee erklärt: „Alle
Interessen sind berechtigt ... vorausgesetzt, sie haben die Macht.“
„Der Tiger, der Mich anfällt, hat Recht und Ich, der ihn nieder-
stößt, habe auch Recht2).“ „Wer die Gewalt hat, der hat — Recht;
habt Ihr jene nicht, so habt Ihr auch dieses nicht8).“

Da das Ich die einzige Wirklichkeit ist, verschwinden alle an-
geblichen Kollektivitäten, die mein Ich begrenzen und es in ihren
Dienst pressen -wollen, wie Staat, Familie, Gesellschaft und Nation.
Sie besitzen keinen „Leib“, keine Wirklichkeit4). Sie haben über

0 Der Einzige und sein Eigentum (Verlag Otto Wiegand Leipzig,
1901, 3. Aufl.) 8. 143.

2)	Ebenda, S. 195.

s) Ebenda, S. 19ö.

4)	„Du zwar bist leibhaftig, auch Du und Du, — aber Ihr zusammen seid nur
Leiber, kein Leib. Mithin hätte die einige Gesellschaft zwar Leiber zu ihrem
        <pb n="726" />
        ﻿Kapitel IV. Die Anarchisten.

701

mich nicht mehr Autorität als die, die ich ihnen beilege. Einfache
Geschöpfe meines Geistes, verlieren sie mit dem Tage, an dem ich
auf höre, sie anzuerkennen und sie zu achten, jedes Recht über mich,
und ich bin wirklich frei. „Ich bin berechtigt Zeus, Jehova, Gott
usw. zu stürzen, wenn Ich kann;... Ich bin durch Mich berechtigt
zu morden, wenn Ich Mir’s selbst nicht verbiete, wenn Ich selbst
Mich nicht vor’m Morde, als vor einem „Unrecht“ fürchte ... Ich
entscheide, ob es in Mir das Rechte ist; außer Mir gibt es kein
Recht. Möglich, daß es darum den Andern noch nicht recht ist; das
ist ihre Sorge, nicht Meine; sie mögen sich wehren“* 3). Die Arbeiter,
die sich darüber beklagen, ausgebeutet zu werden, die Elenden, die
jedes Besitzes entbehren, haben nur eins zu tun: sich selbst dieses
Recht zuzusprechen und das Eigentum, das ihnen zusagt, zu nehmen.
„Der Egoismus schlägt einen anderen Weg ein, um den besitzlosen
Pöbel auszurotten. Er sagt nicht: Warte ab, was dir die Billigkeits-
behörde . . . schenken wird .. ., sondern: Greife zu und nimm, was du
brauchst!“2) „Die Erde . . . gehört dem, der sie zu nehmen weiß,
oder dem, der sie sich nicht nehmen, sich nicht darum bringen läßt.
Eignet er sie sich an, so gehört ihm nicht bloß die Erde, sondern
auch das Recht dazu3).“

Welche Gesellschaft sollte aber unter solchen Umständen be-
stehen können? Nur eine einzige ist denkbar: „Die Vereinigung
der Egoisten“, d. h. die Vereinigung von Menschen, die sich ihres
Egoismus bewußt sind und sich hüten, in der Vereinigung etwas
anderes zu suchen, als eine Vermehrung ihrer persönlichen Befriedi-
gungen. Heute beherrscht die Gesellschaft das Individuum und
macht aus ihm ihr Instrument. Die Vereinigung der Egoisten wird
„das Instrument“ des Individuums. Es wird sie ohne Skrupel ver-
lassen, falls es keine Vorteile mehr aus ihr ziehen kann. Ein jeder
Mensch sagt dann zu seinem Nächsten; „Ich will an dir nichts aner-
kennen oder respektieren, weder den Eigentümer, noch den Lump,
noch auch nur den Menschen, sondern Dich verbrauchen4).“ Dies
wird der „Krieg Aller gegen Alle“ (8.265) sein, der nur durch

Dienste, aber keinen einigen und eigenen Leib. Sie wird eben, wie die „Nation“
der Politiker, nichts als ein „Geist“ sein, der „Leib an ihm nur Schein,“ (S. 120).
Liegt nicht ein recht grober Materialismus darin, aus dem Dasein eines „Leibes“
das Kriterium einer Wirklichkeit zu machen? Auf diese Weise würde weder ein
Gesetz, noch eine Gewohnheit und nicht einmal die Sprache eines Volkes Wirklich-
keit sein. Eine historische Tatsache, eine Schlacht, eine Revolution haben ebenfalls
keinen Körper, trotzdem sind ihre „wirklichen“ Folgen unberechenbar!

3)	Ebenda, S. 193—194.

2)	Ebenda, S. 265.

3)	Ebenda, S, 195.

4)	Ebenda, S. 143.
        <pb n="727" />
        ﻿702

Fünftes Buch. Die Lehren der neuesten Zeit.

schwankende und vorübergehende Bündnisse abgeschwächt wird.
Aber hierin wird auch die Freiheit für alle liegen.

Merkwürdige und paradoxale Behauptungen, die man nur be-
kämpfen kann, wrenn man den Ausgangspunkt Stienee’s leugnet: daß
das Individuum die einzige Wirklichkeit und die Gesellschaft eine
Unwirklichkeit sei. Wenn das Individuum die einzige Wirklichkeit
ist, dann ist es richtig, der Gesellschaft und der Nation nur den
Wert einer Abstraktion zuzusprechen, die der Mensch geschaffen hat,
und die er nach seinem Gefallen wieder zerstören kann. Hierin
liegt aber nun gerade der Irrtum. Das Individuum existiert nicht
außerhalb der Gesellschaft. Es ist nicht mehr wirklich als sie.
Es ist nur ein Bestandteil der Gesellschaft und besteht nicht un-
abhängig für sich; nicht von ihm hängt es ab, daß sie bestehe oder
nicht bestehe. Die Gesellschaft ist nicht eine begriffliche Vor-
stellung: sie ist eine natürliche Tatsache. Mit demselben Recht
könnte man auch das Individuum zu einer Abstraktion stempeln,
das dann das wahre Phantom sein würde.

Der große Unterschied zwischen Stienee und den Anarchisten,
von denen wir jetzt sprechen werden, besteht darin, daß sie die Wirk-
lichkeit der sozialen Tatsache gerade anerkennen, die Stieneb mit
Unrecht leugnet. Hierin liegt übrigens der entscheidende Gegensatz,
den man überall zwischen dem literarischen und politischen Anarchis-
mus findet1).

§ 2. Der politische und soziale Anarchismus und die
Kritik der Autorität.

Stienee verbrachte sein Leben zwischen seinem Arbeitszimmer
und dem Restaurant Hippel, dem Sammelpunkt seiner Freunde.
Männer wie Bakunin und Kropotkin sind aus einem anderen Stoff.
Ohne Zögern haben sie ihr Leben und ihre Freiheit eingesetzt. Die
Saat, die sie in ungebildete Herzen gestreut haben, hat oft bedauer-
liche Früchte getragen, aber man kann keinem von ihnen Mut ab-

‘) In einer Broschüre stellt ein syndikalistischer Schriftsteller, Beeth (Les
nouveaux aspects du socialisme, Paris, 1908) dem Anarchismus den Syndi-
kalismus gegenüber. Er sieht in der Anerkennung der Wirklichkeit der Gesellschaft
durch Pkotjdhon ein Kriterium, das gestattet, die beiden Doktrinen zu unterscheiden.
Der Anarchismus, den Behth im Auge ist, ist einzig der Anarchismus Stienbr’s. Wie
man aber weiter unten sehen wird, leugnen weder Bakunin, noch Kropotkin die Wirk-
lichkeit der Gesellschaft. Im Gegenteil, gerade in der Betonung dieser Wirklichkeit
liegt der ihrer Lehre eigentümlichste Punkt. Man kann daher ganz im Gegenteil zu
den Schlußfolgerungen Bbrth’s sagen, daß die anarchistischen Ideen viele Berührungs-
punkte mit denen des Syndikalismus haben. — Doch werden wir weiterhin auch sehen,
daß Jean Grave sich dem naiven Individualismus Stibner’s nähert.
        <pb n="728" />
        ﻿Kapitel IV. Die Anarchisten.

703

sprechen, und mehrere, wie z. B. Keopotkin und Recltjs, zeichnen
sich durch hohen Adel des Geistes und des Charakters aus.

Die Ideen Bakünin’s haben sich in dem gleichen intellektuellen
Milieu wie die Stienbr’s gebildetx). Bakunin gehörte einer adligen
russischen Familie an und wurde Offizier. 1834, 20 Jahre alt, reichte
er seinen Abschied ein und widmete sich dem Studium der Philo-
sophie. Wie Stibnee, Pboüdhon und Marx unterlag auch er
dem damals allgemein herrschenden Einfluß Hegel’s. 1840 begab
er sich nach Berlin, wo er sich vier Jahre hindurch an der geistigen
Bewegung der jungen Radikalen, von der wir oben gesprochen haben,
beteiligte. Von 1844 bis 1847 finden wir ihn in Paris, wo er oft
ganze Nächte in Diskussionen mit Peoudhon zubringt. Der Einfluß
dieses letzteren auf Bakunin ist sehr tief gewesen. In den Schriften
des russischen Anarchisten könnte man oft nachweisen, daß er nur die
Ideen Peoudhon’s	entwickelt,	die	dieser in irgend einem seiner Werke

ausgeführt hatte,	wie z. B.	die	Allgemeine Idee der	Revo-

lution im 19. Jahrhundert. Das Jahr 1848 zeigte diesem großen
Herrn, der sich bis dahin nur als Dilettant betätigt hatte, seinen
wirklichen Beruf, den des Revolutionärs. Nacheinander nimmt er
an der Erhebung in Prag und an der sächsischen Revolution in
Dresden teil. Verhaftet und zweimal zum Tode verurteilt, in Sachsen
und in Österreich, wird er an Rußland ausgeliefert und in der Peter-
Paulsfestung eingekerkert, in der er infolge Skorbut fast alle seine
Zähne verliert.	Seit 1857	nach	Sibirien verbannt, gelingt	es ihm,

1861 zu flüchten;	er begibt	sich	nach London, von wo aus	er eine

unermüdliche revolutionäre Propaganda in der Schweiz, in Italien
und auch in Frankreich führt. Während des Krieges 1870/71 ver-
sucht er, in Lyon einen Volksaufstand zu erregen. Beenaed Lazaee
beschreibt ihn uns als „einen behaarten Riesen, mit gewaltigem
Kopf, der durch ein Gestrüpp von Haaren und einen ungepflegten
Bart noch größer erscheint“, der sich gestiefelt und gespornt zu Bette

l)	Über Bakunin, vgl. seine Biographie, die von seinem Freunde James Guillaüme
dem 2. Bande seiner Werke vorangestellt worden ist, wie auch die, die Dhago-
manoep Michael Baknnin’s sozial-politischem Briefwechsel mit
Herzen und Ogajoff (Stuttgart, 1895), vorausschickt. Eine ausführliche Bio-
graphie, die aber unveröffentlicht geblieben ist, wurde von Nettlau geschrieben.
Wie es scheint, befindet sich eine Abschrift in der Bibliotheque nationale. (Vgl. den
Aufsatz von Lagahdelle über Bakunin in der Revue politique et parla-
mentaire von 1909.) Die Werke Bakunin’s sind in französischer Sprache ((Bu vre s
de Bakounine (in fünf Bänden, der erste 1895, die anderen 1907, 1908, 1909 und
1912 in Paris, im Verlag von Stock erschienen. — Gewisse Schriften, darunter die
Statuts de l’Alliance internationale de la democratie socialiste sind
in dieser Ausgabe nicht enthalten; wir entlehnen den Text den Anhängen, die sich
am Ende des oben erwähnten Briefwechsels von Deagomanoit befinden.
        <pb n="729" />
        ﻿704

Fünftes Buch. Die Lehren der neuesten Zeit.

legt, der, heimats- und vaterlandslos, stets bereit ist, als Apostel ins
weite zu ziehen, der stets, zu jeder Stunde und an jedem Tage,
unterwegs ist.

Der entscheidende Punkt seiner Laufbahn ist sein Bruch mit
Karl Marx auf dem letzten Kongreß der Internationale im Haag
1872. Bakunin war 1869 in die Internationale eingetreten. Aber,
abgestoßen von den autoritären Bestrebungen seines geschäftsfüftren-
den Ausschusses, den Karl Marx beherrschte, empfahl er eine
foederalistische Organisation der Assoziation, die jeder Sektion weit-
gehendes Selbstbestimmungsrecht ließ. Unterstützt wurde er von
den schweizer Delegierten der Juraföderation, wie auch von vielen
französischen, belgischen, spanischen und von allen italienischen
Abgeordneten. Trotzdem wurde er von Marx’ Freunden aus der
Internationale ausgeschlossen. Der offizielle Bruch zwischen den
marxistischen und den anarchistischen Sozialisten — deren Rivalität
seitdem immer größer geworden ist — datiert von diesem Tage.
Der Kongreß im Haag bezeichnet übrigens das Ende der Inter-
nationale, so wie Marx sie geschaffen hatte. Ihre Geschäftsstelle
wurde von Marx nach den Vereinigten Staaten verlegt; seitdem hat
sie keinen Kongreß mehr abgehalten. Zur gleichen Zeit zog sich
Bakunin vom Kampfe zurück, nachdem er mit den Freunden, die
ihm treu geblieben waren, in Genf einen neuen Verein gebildet hatte.
Er starb 1876 in Bern.

Im Jura, in der Umgebung von Neuenburg, wo Bakunin zahl-
reiche Anhänger unter der individualistischen und etwas mystisch
gesinnten Bevölkerung jener Gegend hatte, empfing Kropotkin, 1872x),
während einer Reise, den Keim der anarchistischen Ideen, deren
Propaganda er seitdem sein Leben gewidmet hat. Ohne Bakunin per-
sönlich gekannt zu haben, wurde er so sein unmittelbarer Nachfolger.

Auch der Fürst Kropotkin gehört der russischen Aristokratie
an. Auch er trat in die Armee ein, nachdem er seine Studien im

*) „Ich kam von dieser Reise mit fest abgeschlossenen soziologischen Vorstellungen
zurück, die ich bis heute behalten habe, und ich habe alles getan, was ich konnte,
um ihnen eine immer klarere und konkretere Gestalt zu geben“ (Autour d’une
vie, S. 295). Die hauptsächlichsten Werke Khopotkin’s sind: Paroles d’un
Revolte (1885); La Conquöte du Pain, (1890) (deutsch; Der Wohlstand
für Alle, Zürich, 1896), eine Autobiographie, Autour d’uue vie (1902) (deutsch
von Pannwitz, 3. Auf!., 2 Bände, Stuttgart 1903) und sein Buch L’Entr’aide
(1906) (deutsch; Gegenseitige Hilfe, von G. Landauer, Leipzig, 1908). Außer-
dem hat er eine große Anzahl von Broschüren veröffentlicht, unter anderen:
L’anarchie, sa Philosophie, son ideal (1896). Wir haben einige Zitate dem
Werk Eltzbaoher’s L’Anarchisme (franz. Übers. 1902) entlehnt, einem Werke,
das sich fast ausschließlich aus Zitaten zusammensetzt, die in eine kleine Anzahl
von Rubriken gebracht sind, und deren Unparteilichkeit die anarchistischen Schrift-
steller, darunter auch Kropotkin, anerkannt haben.
        <pb n="730" />
        ﻿Kapitel IY. Die Anarchisten.

705

Pagenkorps vollendet hatte. Er tat sich bald durch geographische
und naturgeschichtliche Arbeiten hervor, und seine Gedanken sind
ganz von den Entwicklungstheorien Dakwin’s durchtränkt. Die
^Wissenschaft nahm ihn aber nicht ausschließlich in Anspruch. 1871
war es nicht mehr der Einfluß Hegel’s, der in Rußland herrschte;
■die junge russische Intelligenz sah das Heil der Zukunft im Volk.
Das Schlagwort hieß: „Hin zum Volk“; mit ihm sollte man in Be-
rührung treten, um es zu belehren, um sein Vertrauen zu gewinnen
und es darauf vorzubereiten, das Joch der Selbstherrschaft abzu-
werfen. Kkopotkin beteiligte sich an dieser Bewegung. Er selbst
liat erzählt, wie er nach einem Diner in irgendeinem reichen Hause
oder sogar im Winterpalast einen Wagen nahm, bei einem Freunde
seine eleganten Kleider und sein seidenes Hemd gegen das baum-
wollene Hemd und die hohen Stiefel des Bauern vertauschte, einen
Schafpelz umtat und sich in einem entferntliegenden Vorort St. Peters-
burgs zu den Arbeitern gesellte, die er sich zu unterrichten be-
mühte. Diese Propaganda wurde aber schnell unterbrochen. 1874, als
er das Gebäude der geographischen Gesellschaft verließ, wo ihm
nach einem bemerkenswerten Bericht der Vorsitz einer der Sektionen
ungebeten worden war, wurde Keopoxkin unter der Anschuldigung,
politische Propagandagesellschaften organisiert zu haben, verhaftet
und in der Peter-Pauls Festung gefangen gesetzt. 1876 gelang es
ihm zu entkommen. Er flüchtete nach England, und wurde 1884
zu Unrecht in einen anarchistischen Prozeß in Lyon verwickelt und
zu drei Jahren Gefängnis in Clairvaux verurteilt. Man hatte damals
das recht ungewöhnliche Schauspiel eines Strafgefangenen, dem
die Akademie der Wissenschaften in Paris und Ebnest Renan ihre
Bibliotheken zur Verfügung stellten, um ihm die Fortsetzung seiner
wissenschaftlichen Arbeiten zu ermöglichen. Schon vorher, während
seiner Haft in Eußland, hatte die geographische Gesellschaft von
St. Petersburg das gleiche Beispiel gegeben. Seitdem lebt Fürst
Kbopotkin in England. Eine große Anzahl Broschüren und Bücher
anarchistischer Propaganda entstammen seiner Feder, ohne daß er
aufgehört hätte, seine naturwissenschaftlichen Studien zu betreiben.

Die bekanntesten französischen Anarchisten, der Geograph Elisee
Reclus und Jean Gbave ’j beschränken sich im wesentlichen darauf,
die Gedanken Kropotkin’s vorzutragen, bei dem man wieder mit
Leichtigkeit die Spuren der Anschauungen Bakunin’s und Pboudhon’s
Anden kann.

*) Vgl. L’Evolution, la Revolution et l’ideal anarchique von
kustE Reclus (Paris, 1898) uud La societe future von Jean Grave (1895).
Gide und Rist. Gesch. d. Volkswirtschaft!. Lehrmeinungen.	45
        <pb n="731" />
        ﻿706

Fünftes Buch, Die Lehren der neuesten Zeit.

Uns interessiert hier allein die Fassung der anarchistischen
Ideen bei diesen kompetentesten Vertretern der Lehre. Wir über-
gehen die oft sehr zugespitzten, aber auch weniger durchdachten
Darstellungen,, die sie bei unbekannteren Schriftstellern gefunden
haben1).

Als Grundlage, der Lehre finden wir zunächst die gleiche Über-
treibung der Rechte des Individuums und die gleiche leidenschaftliche
Hingabe an die freie und vollständige Entwicklung der Persönlichkeit,
auf die wir schon bei Stiknek. hingewiesen haben. „Jeder Gehorsam ist
eine Abdankung“, erklärt Elxsbe Rechts * 2 3). „Das Menschengeschlecht
will regiert werden: man wird es regieren. Ich schäme mich meines
Geschlechts“, schrieb Pboudhon 1850 in seinem Gefängnis zu
Doullens 8). „Meine Freiheit,“ sagt Bakunin, „oder was: auf dasselbe
hinausläuft, . . . meine Menschenwürde . . . besteht darin, keinem
anderen Menschen zu gehorchen und meine Handlungen nach nichts
als nach meinen eigenen Überzeugungen zu bestimmen4).“ Nach
Jean Gkavb kann die Gesellschaft dem Individuum „keine Be-
schränkung auferlegen, . . . außer denen, die schon auf Grund der
natürlichen Existenzbedingungen bestehen, inmitten deren es lebt“5 * *),

Jedoch beruht diese Anbetung des Ichs, die man überall in den
anarchistischen Werken wiederfindet, auf einer Auffassung, die der
Stiknee’s diametral entgegengesetzt ist. Für ihn ist jeder Mensch
ein „Einziger“ der kein anderes Gesetz als seinen Egoismus kennt.
Für die Anarchisten PxtoxjDHON’scher Färbung ist jeder Mensch
im Gegenteil etwas dem Individuum überlegenes, ein Teil der
Menschheit. „Das, was ich an meinem Nächsten achte,“ sagt
Proxjehon, „. . . ist seine Würde als Mensch9).“ Gerade diese
Menschenwürde ist es, die der Anarchist zur Geltung bringen will,
indem er die Achtung seiner Freiheit durchsetzt, denn „die Freiheit“,

0 Über den heutigen Zustand der anarchistischen Ideen in Frankreich ygl.
R. db Maemandb: Les Forces revolutionnaires en France, in der Grande
Revue vom 10. August 1911.

2)	L’Bvolution, la Revolution usw., S. 88, und er fügt hinzu: „Unser
Ideal umfaßt ... für einen jeden Menschen die volle und absolute Freiheit, seinen
Gedanken über jeden Gegenstand Ausdruck zu geben, . . ,, es umfaßt ebenfalls für
einen Jeden das Recht, zu handeln, wie es ihm beliebt, und zu tun, was er will“
(S. 143). Nur unter dieser Bedingung kann sich der Mensch „zu einem moralischen
Wesen entwickeln“ {S. 141).

3)	Auszug aus den Carnets, am 16. Januar 1909 im Figaro erschienen.

4)	(Buvres, Bd. I, S. 281.

5)	Jean Grave, La Societe future, S. 157. Vgl. auch S. 199: „Nein, das.

Individuum darf keine Beschränkungen seiner Entwicklung dulden, darf sich dem

Joch keiner Autorität beugen, was auch immer der Vorwand sei, auf die sife sich

stütze.“

“) Justice dans la Revolution, ßd. I, S. 185.
        <pb n="732" />
        ﻿Kapitel IV. Die Anarchisten.

schreibt Bakünin, „ist der höchste Zweck aller mensclri
Wicklung“J). Es ist daher nicht der Triumph des egoistisc!
sondern der Triumph der „Menschenwürde“ eines jeden, den die
Anarchisten herbeisehnen. — Sie fordern die Freiheit nicht nur für
sich selbst, sondern für alle. Weit davon entfernt, ihresgleichen, wie
Stienee dies will, „verbrauchen“ zu wollen, wollen sie für alle die
gleiche Achtung vor der menschlichen Würde. „Behandele die anderen,
wie du selbst von ihnen unter gleichen Umständen behandelt zu
werden wünschst“, sagt Keopotkin in einer kantischen und sogar christ-
lichen Formel* 2 3). Für Bakunin, der hierin seinem Meister Peoudhon
getreu folgt, ist die Grundlage aller Moral die „menschliche
Achtung“, nämlich die „Anerkennung der Menschlichkeit, des
Menschenrechtes und der Menschenwürde in jedem Menschen, welches
auch seine Rasse, seine Farbe, der Grad der Entwicklung seiner
Intelligenz und sogar seiner Moral sei“8). Er sagt daher auch:
„Wirklich frei werde ich nur durch die Freiheit der anderen. . . .
Die Freiheit ergibt sich nicht aus der Vereinzelung, sondern aus
Gegenseitigkeitsbeziehungen, nicht aus der Ausschließung, sondern im
Gegenteil aus der Verbindung; die Freiheit eines jeden Individuums
ist nichts anderes, als der Widerschein seiner Menschlichkeit oder
seines Menschenrechtes im Bewußtsein aller freien Menschen, die
seine Brüder, seinesgleichen sind4).“ Dieser Humanitätsgedanke, der
von Peoüdhon den späteren Anarchisten überliefert worden ist, ist
Stienee nicht nur fremd, sondern ist gerade eines der Phantome, die
er am heftigsten bekämpft hat5 6 *).

Mit dieser Erhöhung der individuellen Freiheit geht bei den
politischen Anarchisten, wie bei Stienee, der Haß gegen jede Auto-
rität Hand in Hand. Denn jede von einem Menschen auf einen
anderen ausgeübte Autorität ist eine „Ausbeutung des Menschen
durch den Menschen“, oder eine Verkleinerung der Menschlichkeit im
Menschen.

Der Staat ist die Autorität, die alle anderen zusammenfaßt.
Auf ihn konzentriert sich daher hauptsächlich der Haß der Anar-

*) Bakünin, CE u v r e s, I, S. 105.

2)	Angeführt von Eltzbacher, op. cit., S. 199.

3)	Bakunin, CBuvres, I, S. 281: „Ich bin nur dann wahrhaftig frei, wenn alle
menschlichen Wesen um mich, Männer und Frauen, ebenfalls frei sind. Die Freiheit

der Anderen, weit davon entfernt, eine Begrenzung oder Verneinung meiner Freiheit
zu sein, ist im Gegenteil ihre notwendige Bedingung und Bestätigung“ (Ebenda),

l) Bakunin, B. I, S. 277.

6)	Der Gedanke, im Menschen die Menschheit zu achten, ist einer der Gedanken,

die Stirnek am heftigsten kritisiert. Er nennt Phoudhon als ihren Vertreter. Dieser
Gedanke lag auch Feuekbach besonders am Herzen, der überall den Begriff des

Göttlichen durch den des Menschlichen ersetzen wollte.

45*
        <pb n="733" />
        ﻿708

Fünftes Buch. Die Lehren der neuesten Zeit.

düsten; durch seine Einmischung in alle menschlichen Verhältnisse,
durch seine Gesetze, die die Handlungen der Bürger regeln, durch
seine Beamten, die sie anwenden, durch seine Armee, die sie er-
zwingt, durch seine Gerichtshöfe, die sie auslegen, durch seine Priester,
die die Achtung davor predigen und durch seine Professoren, die sie
erklären und rechtfertigen, ist der Staat der vornehmste Träger der
Ausbeutung und der Unterdrückung1). Daher ist er auch für die
Anarchisten der Erzfeind. Der Staat, sagt Bakunin, ist „die
Summe der Verneinungen der individuellen Freiheiten aller seiner
Glieder“. Er ist „ein unabsehbarer Begräbnisplatz, auf dem sich
alle Kundgebungen des individuellen Lebens opfern, wo sie sterben,
und begraben werden“. Er ist „die ausgesprochene Verneinung der
Menschlichkeit“ 2). Wie Bastiat, und dies ist nicht die letzte Ana-
logie, die wir zwischen ihnen finden werden, — definiert auch
Bakunin den Staat auf Grund der Tatsache, daß er die Macht dar-
stellt: „als die prahlende Überhebung und trunkene Narrheit der
Gewalt“. Dadurch allein ist er das Böse an sich, denn der Zweck
der Menschheit ist die Freiheit; die Gewalt aber ist die „ständige
Verneinung der Freiheit“8).

Als notwendiger Träger der Unterdrückung ist die Regierung
auch unweigerlich der Träger der Korruption. Alles, was sie be-
rührt, verfault, und zu allererst ihre eigenen Vertreter. „Der beste,
der intelligenteste, der warmherzigste, der reinste Mensch muß un-
bedingt in diesem Beruf verderbt werden ... Jeder, sei es politisch,
sei es wirtschaftlich privilegierte Mensch ist ein geistig und mora-
lisch verkommenes Wesen.“ So spricht Bakunin4), und für Elisee
Reclus „ist es ein Naturgesetz, daß ein jeder Baum seine eigene
Frucht trage, und daß die Blüten und Früchte jeder Regierung
sprunghafte Launen, Vergewaltigungen, Wucher, Gemeinheit, Mord

*) Auch hier hat Pboudhon das Vorbild geliefert: „Wer regiert wird,“ sagt er,
(Idee generale de la Revolution, S. 341) „wird bei jeder Handlung, jedem
Geschäft, jeder Bewegung aufnotiert, einregistriert, nachgezählt, taxiert, gestempelt,
nachgemessen, rubriziert, abgeschätzt, besteuert, veranlagt, autorisiert, visiert, er-
mahnt, behindert, verbessert, eingerenkt und korrigiert. Unter dem Vorwände des
öffentlichen Nutzens oder des Allgemeinwohls wird er gebrandschatzt, geschuhriegelt,
eingesperrt, ausgebeutet, monopolisiert, konzessioniert, ausgesogen, mystifiziert und
bestohlen; bei dem geringsten Widerstand, bei der ersten Klage unterdrückt,
bestraft, begeifert, geärgert, gehetzt, angeschnauzt, totgeschlagen, entwaffnet, geknebelt,
eingekerkert, erschossen, in Stücke gerissen, abgeurteilt, verurteilt, deportiert, geopfert,
verkauft und verraten; und damit auch nichts fehle, wird er betölpelt, genasführt,
beschimpft, geschmäht und entehrt. Das ist die Regierung, das ist ihre Gerechtig-
keit und ihre Moral.“

2)	Bakunin, CEuvres, B. I, S. 143, 227, 151.

3)	Ebenda, S. 228.

4)	Ebenda, B. I, S. 176; B. III, S. 53.
        <pb n="734" />
        ﻿Kapitel IV. Die Anarchisten.

709

und Elend sind“1). —Der Staat demoralisiert die Regierenden; aber
ebenso demoralisiert er auch die Regierten und stets ans dem
gleichen Grunde. Verursacht er doch „sogar wenn er das Gute ver-
ordnet“, in Wirklichkeit das Böse; denn „das Gute, sobald es ver-
ordnet wird . . . wird zum Übel. Die Freiheit, die Moralität und
die menschliche Würde bestehen gerade darin, daß der Mensch das
Gute nicht deshalb tue, weil es ihm befohlen wird, sondern wreil er
es versteht, will und liebt“ s).

Daher ist auch die Form der Regierung ohne große Bedeutung.
Absolute oder konstitutionelle Monarchie, demokratische oder aristo-
kratische Republik, Regierung auf Grund eines allgemeinen oder eines
beschränkten Wahlrechtes, sie haben alle den gleichen Wert, denn
alle setzen den Staat voraus. Die Autorität, sei es die einer Majorität
oder die eines Despoten, bleibt stets Autorität; stets ein fremder
Wille, der den meinen unterjocht. Der große Fehler aller Revolutionen
war eben der, eine Regierung nur gestürzt zu haben, um sie sogleich
durch eine andere zu ersetzen. Die einzige wahre Revolution wird
die sein, die gerade die Tatsache der Regierung an sich — das
Prinzip der Autorität selbst — vernichtet.

AVenn man den Staat, den naturnotwendigen Unterdrücker, etwas
eingehender untersucht, so bemerkt man, daß er nur das Instrument
einer noch tiefer liegenden Unterdrückung ist: nämlich die der Besitz-
losen durch die Besitzenden. Hatte nicht Adam Smith schon wörtlich
gesagt: „die Zivilregierung ... ist in Wirklichkeit eingerichtet, um
die, die etwas besitzen gegen die, die nichts besitzen, zu verteidigen“* 2 3)?
Dieser Gedanke ist von den Anarchisten in Hunderten von Variationen
ausgelegt worden.

Nach Keopotkin lassen sich alle Gesetze in drei Kategorien
teilen: ihr Zweck ist entweder der Schutz der Personen, der Schutz
der Regierung oder der Schutz des Eigentums4)- In Wirklichkeit
hätte er sie aber alle in dieser letzten Klasse zusammenfassen können;
denn in den Augen der Anarchisten beruhen die Delikte gegen Per-

!) L’Bvolution, la Revolution et Pideal anarchique, S. 164.

2)	Bakunin, (Euvres, B. I, S. 280.

3)	Vgl. oben Seite 88, Anm. 2, Ende des ersten Absatzes auf Seite 89: „Die
bürgerliche Regierung ist, insofern sie zur Sicherung des Eigentums
eingeführt ward“, usw., hat Adam Smith allerdings gesagt, was zu der Annahme
berechtigt, daß dies in den Augen des großen Volks Wirtschaftlers nicht ihr aus-
schließlicher Zweck war. Aber auf jeden Fall war es eine ihrer Hauptaufgaben.

*) Kropotkin, Paroles d’un Revolte, S. 236. „Wenn man die Millionen
Gesetze studiert, die die Menschheit regieren, so läßt sich leicht bemerken, daß sie
in drei große Klassen eingeteilt werden können: Schutz des Eigentums, Schutz der
Regierung, Schutz der Person. Wenn man nun diese drei Kategorien analysiert,
gelangt man in Hinsicht auf eine jede von ihnen zu dem logischen und notwendigen
Schluß: Nutzlosigkeit und Schädlichkeit des Gesetzes.“
        <pb n="735" />
        ﻿710

Fünftes Buch. Die Lehren der neuesten Zeit.

sonen zumeist auf dem Elend — indirekt also auf dem Eigentum r) —,
und da die wesentliche Funktion der Kegiernng der Schutz des
Eigentums ist, so sind die Gesetze, die sie beschützen, hauptsächlich
Gesetze zum Schutze des Besitzes.

Das Eigentum nun — und in diesem Punkt begnügen sich die
Anarchisten damit, die Kritik der Sozialisten unverändert zu über-
nehmen * 2) — ist nichts anderes als die Organisation der Ausbeutung,
indem eine Minderheit von Besitzern durch sie die Massen in einer
.ewigen Versklavung hält, und sie dazu zwingt, für ein Spottgeld zu
arbeiten, während sie selbst sich die Muße, die Annehmlichkeiten
des Luxus und der Kultur und alle Wohltaten der Zivilisation vor-
behält. Das Privateigentum ist das Privilegium par excellence, von
dem alle anderen abstammen. Der Staat ist weiter nichts als die
Schutzmauer des Eigentums. „Ausbeutung und Kegierung,“

5)	„Die Gesellschaft fabriziert selbst jeden Tag Wesen, die unfähig sind, ein
ehrliches Leben der Arbeit zu führen, Wesen, die mit antisozialen Gefühlen getränkt
sind.“ Kkopoikin, angeführt von Bltzbacher, op. cit. S. 221. „Da die Organi-
sation der Gesellschaft stets und überall die einzige Ursache der von den Menschen
verübten Verbrechen ist, so ist es eine Heuchelei oder eine klare Widersinnigkeit
von seiten der Gesellschaft, die Verbrecher zu bestrafen, denn eine jede Strafe setzt
die Schuld voraus, und die Verbrecher sind niemals schuldig . . . Wir leugnen den
freien Willen und das angebliche Kecht der Gesellschaft, Strafen zu verhängen . . .
Jedes menschliche Individuum ist das unwillkürliche Produkt eines natürlichen und
sozialen Milieus, in dem es geboren worden ist, sich entwickelt hat, und dessen
Einfluli fortgesetzt auf ihm lastet. Die drei groben Ursachen der menschlichen
Iramoralität sind: Ungleichheit, sowohl im politischen wie im wirtschaftlichen und
sozialen Sinne; Unwissenheit, die sich mit Naturnotwendigkeit daraus ergibt, und ihre
notwendige Folgeerscheinung: Sklaverei“ (Bakunin, Programme de l’Alliance
im Social-politischen Briefwechsel, S. 332—333).

„Das Eigentum und das Elend sind die großen Grundursachen der Verbrechen ...
Wenn nun die schlechte soziale Organisation die Grundursache der Verbrechen ist, so
müssen sie mit ihr verschwinden“ (Jean Grave, La Societe future S. 137—138).

2) „Muß man denn“, sagt Bakunin, „die unwiderstehlichen Argumente des
Sozialismus wiederholen, Argumente, deren Zerstörung bisher keinem bürgerlichen
Volkswirtschaftler gelungen ist? Was ist denn das Eigentum, was ist denn das
Kapital in ihrer heutigen Form? Für den Kapitalisten und für den Eigen-
tümer ist es die vom Staate garantierte und beschützte Macht und das Eecht, ohne
Arbeit zu leben; und da weder das Eigentum noch das Kapital auch nur das geringste
erzeugen, wenn sie nicht durch die Arbeit befruchtet sind, so bedeutet dies die
Macht und das Eecht, von der Arbeit anderer zu leben, die Arbeit derer auszubeuten,
die, ohne Eigentum und ohne Kapital, gezwungen sind, ihre produktiven Kräfte den
glücklichen Besitzern des einen oder des anderen zu verkaufen“ (CEuvres, B. III,
S. 191). Vgl. auch Kropotkin, La Conquete du Pain: „Häuft nur die Beispiele,
wählt sie aus wo ihr wollt; denkt einmal nach über den Ursprung all der großen
und kleinen Vermögen, ob sie nun vom Handel, der Bank, der Industrie oder dem
Boden herkommen. Überall werdet ihr feststellen, daß der Reichtum der einen aus
dem Elend der anderen besteht.“ S. 56. Dieser Satz faßt eine ganze lange, vor-
hergehende Beweisführung zusammen.
        <pb n="736" />
        ﻿Kapitel IV. Die Anarchisten.

711

sagt Bakunin, „von denen die erste die Mittel zum Begieren gibt
und die notwendige Basis, wie auch den Zweck einer jeden Regierung
vorstellt, die ihrerseits wieder die Macht der Ausbeutung garantiert
und gesetzlich festlegt, sind die unvermeidlichen Bezeichnungen für
all das, was man Politik nennt1).“ „Die Erfahrung zeigt,“ sagte
schon Peoudhon* 2), „daß überall und stets eine jede Regierung, wie
volkstümlich sie auch am Anfang gewesen sei, sich für die aufge-
klärtere und reichere Klasse und gegen die ärmere und zahlreichere
Klasse entschieden hat3).“

Welche Ordnung des Eigentums wird nun die Arbeiter von der
Ausbeutung durch die Besitzenden befreien und so die Einrichtung
des Staates unnötig machen? Dies ist eine Frage, über die die Anar-
chisten nicht einig sind. Wie man sich erinnern wird, hatte Peoudhon
gehofft? durch seine Tauschbank das Eigentum in den bloßen Besitz
zu verwandeln. Bakunin im Gegenteil steht unter dem Einfluß der
marxistischen Ideen und tritt für den Kollektivismus ein. Die Arbeits-
mittel und der Boden werden von der Gemeinschaft in Besitz ge-
nommen ; sie können nur von den Arbeitern benutzt werden, die, in
industriellen oder landwirtschaftlichen Assoziationen vereinigt, gemäß
ihrer Arbeit entlohnt werden4 * 6). Bei Keopotkin jedoch wird das
anarchistische Ideal rein kommunistisch. Die kollektivistische Unter-
scheidung zwischen Arbeitsmitteln und Gebrauchsgegenständen scheint
ihm völlig müßig. Sind die Nahrung, die Kleidung, die Feuerung
für den Arbeiter nicht ebensoviele zur Arbeit notwendige Bedingungen,
ja vielleicht in noch höherem Grade, als Werkzeuge und Maschinen?
Wozu daher diese Haarspalterei? Die Gesamtheit der sozialen Hilfs-
mittel muß der Gesamtheit der Arbeitenden zur Verfügung stehen8).

Aber der Staat und das Eigentum erschöpfen noch nicht die
Liste der tyrannischen Bedrückungen. Die Freiheit des Individuums
verträgt sich ebensowenig mit unwiderruflichen Gelöbnissen, mit
Versprechungen, die den zukünftigen Willen des Menschen auf Grund
seines heutigen Willens für immer binden, wie mit der Unterwerfung
unter eine außer ihm stehende Autorität. Die heutige Ehe ist der
Typus dieser unwiderruflichen Gelöbnisse. An ihre Stelle muß die

*) Bakunin, (Euvres, Bd. I, S. 324.

2) Peoudhon, Idee generale de la Revolution, S. 119.

s) „Das Gesetz ... ist weiter nichts als ein Instrument zur Aufreehterhaltung
der Ausbeutung und der Herrschaft der reichen Müßiggänger über die arbeitenden
Massen ... Es hat nur eine Aufgabe: die Aufreehterhaltung der Ausbeutung“
(Keopotkin, Paroles d’un Revolte, S. 235).

4)	Bakunin, Programme de l’alliance internationale de la demo.
cratie socialiste als Anhang zum Sozial-politischen Briefwechsel ab-

gedruckt S. 389.

6) Keopotkin, Conqu6te du Pain, S. 61—62.
        <pb n="737" />
        ﻿712

Fünftes Buch. Die Lehren der neuesten Zeit.

freie Verbindung treten, eine Verbindung, die freiwilig eingegangen
und freiwillig fortgesetzt wird, die einzige Form der Ehe, die mit der
Würde und der Gleichheit zwischen Mann und Weib vereinbar ist1).
Der freie Vertrag an Stelle eines aufgezwungenen Gesetzes ist übrigens-
die einzige allgemeine Form einer Verpflichtung, die die Anarchisten
anerkennen: freier Vertrag zwischen Mann und Weib, zwischen Indi-
viduum und Genossenschaft, freie Verträge zwischen Genossenschaften
in bezug auf gemeinsame Aufgaben, freie Verträge zwischen den Ge-
meinden und den Bezirken eines Landes und zwischen verschiedenen
Ländern. Diese Verpflichtungen sind aber stets widerruflich; sie
dürfen nicht zu einer neuen Kette werden, die der Mensch sich selbst
auferlegt. Denn jeder Vertrag, sobald er nicht mehr durch die frei-
willige und beständig zu erneuernde Zustimmung der beiden Parteien
aufrecht erhalten wird, wird tyrannisch, wird drückend und steht im
Gegensatz zu der menschlichen Freiheit. „Weil Ich gestern ein Narr
war,“ fragt Stienee, „müßte Ich’s zeitlebens bleiben?“1 2 3) und in
diesem Punkte stimmen Bakunin, Keopotkin, Reclus, Jean Geave,
wenn nicht Peoudhon, durchaus mit ihm überein.

Jedoch — und diese Bemerkung entbehrt nicht der Bedeutung,
denn sie zeigt recht augenfällig das ganze naive Vertrauen dieser
Schriftsteller, — das anarchistische Ideal ist keineswegs die Herr-
schaft der unumschränkten Laune. Man würde sich sogar sehr
täuschen, wenn man es so auffassen wollte.

Diese vernichtende Kritik aller Autoritäten läßt nämlich eine in
Geltung, die, mag sie noch so abstrakt sein, deshalb doch nicht
weniger gebieterisch dasteht: die Autorität der Vernunft oder der
Wissenschaft. „Die Herrschaft der Vernunft“ ist einer der wesent-
lichen Bestandteile der anarchistischen Gesellschaft Peoudhon’s s).
Das, was Peoudhon Vernunft nennt, nennt Bakunin Wissen-
schaft, vor der er sich nicht weniger ehrerbietig verneigt. Er

1)	„Jawohl, die Anarchisten wollen die freie Ehe, die nur auf gegenseitiger
Zuneigung, Selbstachtung und Achtung der Würde anderer beruht, und in diesem
Sinne sind sie, so liebevoll und hingehend sie auch für die sein mögen, deren Leben
mit dem ihren verbunden ist, doch Feinde der Familie“ Blis£e Eeclds, op. eit,
S. 145—146.

2)	Der Einzige und sein Eigentum, S. 200.

3)	Vgl. Idee generale de la Revolution, S. 281 und S. 342: „Die
Revolution folgt auf die Offenbarung. Die Vernunft, von der Erfahrung unterstützt,
zeigt dem Menschen die Gesetze der Natur und der Gesellschaft und sagt ihm dann:
diese Gesetze beruhen auf der Notwendigkeit selbst Kein Mensch hat sie gemacht;
Niemand zwingt sie dir auf. Nach und nach sind sie entdeckt worden, und ich bestehe
nur deshalb darauf, um für sie zu zeugen. Wenn Du ihnen folgst, wirst du gerecht
und gut sein. Wenn du sie verletzest, ungerecht und böse. Einen anderen Beweg-
grund schlage ich dir nicht vor.“
        <pb n="738" />
        ﻿Kapitel IV. Die Anarchisten.

713

sagt: „Wir erkennen die absolute Autorität der Wissenschaft an;
gegenüber den Naturgesetzen gibt es für den Menschen nur eine
einzige Möglichkeit, frei zu sein, nämlich sie anzuerkennen und sie
immer mehr und mehr auzuwenden . . . Man muß z. B. ein Narr,
oder ein Theologe, oder zum wenigsten ein Metaphysiker, Jurist oder
bürgerlicher Volkswirtschaftler sein, um sich gegen das Gesetz aufzu-
lehnen, daß 2 und 2 gleich 4 ist.“ Höchstens kann der Mensch in
dieser Hinsicht das Eecht beanspruchen, den natürlichen Gesetzen
nur zu gehorchen „weil er sie selbst als solche erkannt hat und
nicht, weil sie ihm von außen durch einen fremden Willen aufge-
zwungen worden sind“ *).

Und wie Baktjnin sich der Wissenschaft beugt, beugt er sich
auch der technischen und wissenschaftlichen Zuständigkeit. „Wenn
es sich um Stiefel handelt, vertraue ich der Autorität des Schuh-
machers; wenn es sich um ein Haus handelt, einen Kanal oder eine
Eisenbahn, ziehe ich den Architekten oder den Ingenieur zu Rate“...
Aber das, was er in ihnen achtet, ist nicht ihre Funktion, sondern
ihre Wissenschaft, ist nicht der Mensch, sondern sein Wissen. „Ich
lasse mir weder den Schuhmacher, noch deu Architekten, noch auch
den Gelehrten aufzwingen. Frei höre ich sie an und mit aller Ach-
tung, die ihre Intelligenz, ihr Charakter, ihr Wissen verdient, indem
ich mir jedoch stets mein unantastbares Eecht der Kritik und der
Kontrolle Vorbehalte2).“ Bakukin zweifelt nicht daran, daß die Mehr-
zahl der Menschen sich gern und freiwillig dieser natürlichen Autorität
der Wissenschaft beugt. Mit Descaetes glaubt er, und drückt es
fast in den gleichen Worten8) aus, daß „der gesunde Menschenver-
stand das ist, was sich am Weitesten in der Welt verbreitet findet“.
Der gesunde Menschenverstand ist nun nichts anderes als „die
Summe der allgemein anerkannten Gesetze“. Gleich den Physiokraten
glaubt er an die Evidenz der natürlichen Gesetze, deren Herrschaft
er von ganzem Herzen herbeisehnt. Wie sie glaubt auch er, daß
„ein weitherziges System der Volkserziehung und des Volksunter-
richtes“ es erreichen wird, daß sie von allen erkannt und angenommen
werden. Mit dem Tage, an dem sie so „in das Bewußtsein aller
Menschen eingedrungen sein werden, wird auch die Frage der Freiheit
vollständig gelöst sein“4). Wieder, wie schon öfter, bemerken wir
diesen Nachklang des optimistischen Rationalismus des 18. Jahr-

*) Bakünik, (Buvres, Bd. III, S. 51.

2)	Ebenda, S. 55.

3)	„Im allgemeinen kann man sagen, daß die große Menge der Menschen sich
in ihrem täglichen Leben fast vollständig vom gesunden Menschenverstände leiten
läßt“ ((Buvres, Bd. III, S. 50).

4)	Bakunin, (Buvres, Bd. III, S. 51.
        <pb n="739" />
        ﻿:714

Fünftes Buch. Die Lehren der neuesten Zeit.

-hunderts, diesen den Anarchisten und den Liberalen gemeinsamen
Glauben an den „vernunftbegabten Menschen“. Bakunix unterscheidet
;sich von den Physiokraten nur durch seinen Haß gegen den Despoten,
den jene herbeisehnten.

Eine Gesellschaft freier, durchaus autonomer Menschen, von denen
jeder nur sich selbst gehorcht, und die sich alle in gleicher Weise
der Vernunft und der Wissenschaft unterwerfen das ist also das
Ideal, das die Anarchisten uns vorschlagen, ein Ideal, dessen Vor-
aussetzung der Umsturz aller bestehenden Autoritäten ist. „Weder
Gott, noch Herr,“ schließt Jean Guave , „nur seinem eigenen Willen
gehorcht ein Jeder1).“

§ 3. Die gegenseitige Hilfe und die anarchistische
Auffassung von der Gesellschaft.

Auf den ersten Blick scheint eine derartige Auffassung, die die
Individualität eines jeden auf den Schild erhebt, und die vollständige
Selbstherrlichkeit jedes Individuums proklamiert, die Gesellschaft in
ebenso viele unabhängige Persönlichkeiten zu atomisieren. Alle sozialen
Bande lösen sich. Es bleiben weiter nichts als nebeneinander stehende
Individuen übrig. Die Gesellschaft, das „Kollektivwesen“ verschwindet“.

Eine derartige Auslegung des anarchistischen Ideals würde aber
durchaus falsch sein. Es gibt im Gegenteil keine Lehre, in der die
Worte Solidarität und Brüderlichkeit häufiger wiederkehren. Das
individuelle und das soziale Glück sind hier untrennbar. Die Gesell-
schaft Hobbes’ und Stirner’s, in der ein jeder Mensch der Feind,
der Tyrann aller anderen ist, erregt ihren Abscheu. Sie ist nur ein
Abbild der heutigen Gesellschaft. Der Mensch ist in ihren Augen
vor allen Dingen ein im höchsten Maße soziales Wesen. Das Indi-
viduum und die Gesellschaft sind zwei sich ergänzende Begriffe, die
man sich nicht ohne einander vorstellen kann.

Niemand hat diesen sozialen Charakter des Menschen besser
ausgedrückt, und vielleicht sogar stärker empfunden, als Bakunin.
Wir müssen ihn nochmals anführen. „Beginnen wir damit,“ sagt er,
„ein für allemal das einzelne oder absolute Individuum der Idealisten
aus dem Wege zu räumen. Dieses Individuum ist ebenso eine Fiktion,
wie der Begriff von Gott* 2). . . . Die Gesellschaft geht dem Indir
viduum voraus und überlebt es, genau wie die Natur; wie die Natur
ist sie ewig, oder vielmehr, von der Erde geboren, wird sie so lang
dauern, wie unsere Erde selbst3). . . . Der Mensch wird nur zum

*) La Societe future, S. 303.

2)	Bakunin, (Euvres, Bd. I, S. 298.

3)	Bakunin, (Euvres, Bd. I, S. 286.
        <pb n="740" />
        ﻿Kapitel IV. Die Anarchisten.

715

Menschen und gelangt nur insoweit zu dem Bewußtsein und der Ver-
wirklichung seines Menschtums, wie er in der Gesellschaft lebt und
den kollektiven Einfluß der ganzen Gesellschaft auf sich wirken läßt.
Er befreit sich von dem Joch der äußeren Natur nur durch die
kollektive und soziale Arbeit, die allein imstande ist, die Oberfläche
der Erde zu einem der Entwicklung der Menschheit günstigen Aufent-
haltsort umzugestalten. Er kann sich von dem Joch seiner eigenen
Natur nicht befreien; d. h. er kann die Instinkte und Bewegungen
seines eigenen Körpers der Leitung seines Geistes nur in dem Maße
unterwerfen, wie dieser durch Erziehung und Unterricht entwickelt
wird: beides sind aber durchaus soziale Dinge. Ohne die Gesellschaft
würde der Mensch ewig ein wildes Tier geblieben sein1).“

Peoudhon wie Keopotkin, beide betonen immer wieder mit
gleichem Nachdruck: das Gesellschafts wesen ist wirklich; die Gesell-
schaft ist älter als das Individuum, ist mindestens gleichzeitig mit
ihm entstanden. Nur einige anarchistische Schriftsteller, wie z. B.
Jean Gkave, scheinen die alte und unfruchtbare Gegenüberstellung
von Individuum und Gesellschaft aufrecht halten zu wollen, den Be-
griff einer Gesellschaft, die sich aus Individuen aufbaut wie ein
Haus aus Ziegelsteinen.

Besteht aber zwischen diesem Gedanken und der früheren Prokla-
mierung der individuellen Autonomie kein Widerspruch? Wie kann
man gleichzeitig das soziale Leben preisen und die Abschaffung aller
traditionellen Bande verlangen* 2)?

*) Bakunin, (E u y r e s, Bd. I, S. 277.

2)	Koch auf seinem Sterbebett erklärte Bakunin seinem Freunde Reichel:
„Unsere ganze Philosophie geht von einer falschen Grundlage aus! Beginnt sie doch
immer damit, den Menschen als Individuum zu betrachten, und nicht, wie sie es
doch sollte, als ein Wesen, das einer Gemeinschaft angehört.“ (Angeführt von
Guillaumb, Vorwort z. Band II der (Euvres, S. LX.) — Inseiner Philosophie
du Progres (CEuvres Bd. XX, S. 36—38) schreibt Pkoudhon: „Alles, was die
Vernunft weiß und behauptet, ist, daß das Wesen ebenso wie die Idee nur eine
Gruppe ist, . . . Alles, was besteht, ist gruppiert, alles, was eine Gruppe bildet
ist Eins, ist folglich wahrnehmbar, und IST daher . . . Außerhalb der Gruppe gibt
es nur Abstraktionen und Phantome. Auf Grund dieser Auffassung des W e s e n s
im allgemeinen . . . halte ich es für möglich, die positive Wirklichkeit und bis zu
einem gewissen Punkte die Ideen (die Gesetze) des sozialen Ich und der Mensohen-
gruppe'zn beweisen, und über und außerhalb unserer individuellen Existenz das
Dasein einer höheren Individualität des kollektiven Menschen festzustellen und kund
zu tun.“ Die Ausführung der gleichen Idee findet sich noch an verschiedenen
anderen Stellen, z. B. in dem Petit Catechisme politique, der den Schluß des
ersten Bandes der Justice dans la Revolution usw. bildet, wie auch in der
Idee generale de la Revolution.

Nach Khopotkin hat der Mensch niemals anders als in Gesellschaft gelebt.
«Soweit wir in der Paläo-Ethnologie der Menschheit znrückgehen können, finden
wir Menschen, die in Gesellschaft leben — in Stämmen, ähnlich denen der höchsten
        <pb n="741" />
        ﻿716

Fünftes Buch. Die Lehren der neuesten Zeit.

Diese scheinbare Antinomie läßt sich leicht durch eine Unter-
scheidung beseitigen, die der Anarchismus wieder dem Liberalismus
entlehnt hat: die Unterscheidung zwischen Gesellschaft und Re-
gierung — die Gesellschaft: ein selbständiges und lebensnotwendiges
Gebilde; die Regierung: ein künstliches und parasitisches Organ, das
sich der Gesellschaft aufgedrängt hat und sie aufzusaugen sucht1).
Nur hatten sich die Liberalen seit Adam Smith begnügt, diese Unter-
scheidung auf die wirtschaftlichen Einrichtungen anzuwenden. Die
Anarchisten beziehen sie auf die Gesamtheit der sozialen Einrich-
tungen. Nicht nur das wirtschaftliche Leben, sondern das soziale
Leben unter allen seinen Erscheinungsformen stammt aus einem tief
menschlichen Instinkt: dem Instinkt der Soziabilität, der Solidarität,
der die Menschen dazu treibt, mit ihresgleichen zusammenzuarbeiten,
einander zu helfen und untereinander Gruppen zu bilden. Keopotkin
hat diesen Instinkt gegenseitige Hilfe genannt (Mutual aid)2).
Er ist dem Menschen ebenso natürlich und für die Erhaltung der
Arten sogar notwendiger, als der Kampf ums Dasein. Schon heute
ist es nicht der Zwang, der das gemeinsame Leben kittet und die

Säugetiere“ (Gegenseitige Hilfe S. 71—72). „Der Mensch hat nicht die Ge-
sellschaft geschaffen, die Gesellschaft war vor dem Menschen“, sagt er an anderer
Stelle (The State; its historic role, Brosch. London, 1898, S. 6). Jean Geave da-
gegen schreibt: „Das Individuum war vor der Gesellschaft . . . Zerstört das Indi-
viduum, und es gibt keine Gesellschaft mehr. Wenn die Vergesellschaftung sich
auflöst, wenn die Individuen vereinzelt leben, so werden sie schlecht leben, zum
wilden Zustand zurückkehren und ihre Fähigkeiten werden, anstatt fortzuschreiten,
sich zurfickentwickeln, aber schließlich werden sie doch fortfahren, zu existieren“
(La sooiete future, S. 160 und 162), Diese Auffassung Jean Grave’s ist ihm
durchaus persönlich und stimmt mit der Lehre der wirklichen Gründer der Theorie
Bakunin, Keopotkin, Peoudhon nicht überein. — Übrigens ist es klar, daß diese
letzteren der Wahrheit viel näher kommen, denn es ist ebenso unmöglich, das In-
dividuum ohne die Gesellschaft, als die Gesellschaft ohne das Individuum zu be-
greifen. Das Individuum ist, wie Bakunin sehr richtig sagt, eine Fiktion, oder, wie
Walhas sich ausdrückt, eine Abstraktion. Viele wird es einige Mühe kosten,
diesen Gedanken anzuerkennen, doch ist er trotzdem der einzige, der mit den Tat-
sachen der Geschichte und der Naturgeschichte übereinstimmt. Man kann sich das
Individuum außerhalb der Gesellschaft ebensowenig vorstellen wie einen Fisch außer
Wasser. Ohne Wasser bleibt der Fisch zwar immer noch ein Fisch, aber doch nur
ein . . . toter Fisch.

*) Bastiat spricht von dem „Irrtum, der der verderblichste ist, der jemals die
Wissenschaft behaftet habe, und der darin besteht, die Gesellschaft und die Regierung
zu verwechseln“; er stellt das Problem der Rolle des Staates wie folgt hin: „in
den großen Kreis, der sich Gesellschaft nennt, den Kreis entsprechend einzuzeichnen,
der sich Regierung nennt“ (Harmonies, S. 539 und 540). Dunoyeb drückt
an verschiedenen Stellen den gleichen Gedanken aus.

2)	Dies ist der Titel des englischen Buches Kbopotkin’s, das ins Französische unter
dem Namen; L’Entr’aide (Paris. 1906) und ins Deutsche unter dem Namen:
Gegenseitige Hilfe (Leipzig, 1908) übersetzt worden ist.
        <pb n="742" />
        ﻿Kapitel IV. Die Anarchisten,

717

wirkliche Verbindung der Menschen untereinander ausmacht, wie dies
die Privilegierten sich vorstellen, der Zwang (der nur notwendig ist,
um ihre Privilegien zu verteidigen), sondern gerade dieser tiefe
Instinkt der gegenseitigen Hilfe und des wechselseitigen Verstehens,
dessen Macht und Kraft man verkennt. „In der menschlichen Natur“,
sagt Kropotkin, „gibt es einen Kern sozialer Gewohnheiten, ein Erbe
der Vergangenheit, das man noch nicht gebührend gewürdigt hat;
diese Gewohnheiten beruhen nicht auf Zwang; sie sind stärker als
jeder Zwang1).“

Weit davon entfernt, diesen sozialen Instinkt zu schaffen, setzen
die Gesetze ihn voraus. Nur auf ihm fußend können sie angewendet
werden, und sie kommen außer Gebrauch, wenn er sie nicht länger
anerkennt. Weit davon entfernt, diesen Instinkt zu entwickeln,
setzt die Regierung sich im Gegenteil mit ihm durch ihre starren und
stereotypen Einrichtungen in Widerspruch und zieht ihm Grenzen,
die seine volle Entfaltung verhindern. Die Befreiung des Indivi-
duums von äußerem Zwang bedeutet daher auch die Befreiung der
Gesellschaft; sie gibt ihr ihre ganze Bildsamkeit zurück und befähigt
sie, beständig die neuen Formen anzunehmen, die am besten dazu ge-
eignet sind, das Glück und den Wohlstand des Menschengeschlechts
zu verbürgen -). In seinem prächtigen Buch Gegenseitige Hilfe
häuft Kropotkin die Beispiele dieses Instinktes der Soziabilität und
verfolgt seinen Ursprung und seine verschiedenen Formen in zahllosen
wirtschaftlichen, wissenschaftlichen, pädagogischen, sportlichen und
hygienischen Gruppen, in Anstalten der Wohltätigkeit des modernen
Europas, in dem Zunftwesen und dem städtischen Leben des Mittel-

l)	Kropotkin, Autour d’une vie, S. 414. Vgl. auch: Paroles d’un
ßevolte, S. 221 ff.

a) Dieser Gedanke wird von Reclds und Kropotkin häufig ausgedrückt.

„Die Tatsache allein, das mehr oder weniger zusammenhanglose Ganze der
heutigen politischen, religiösen, moralischen und sozialen Auffassungen eingerichtet,
geregelt, in Paragraphen gefaßt, mit Zwangsmitteln, Strafen, Polizisten und Ge-
fängniswärtern eingerahmt zu haben, um sie so den Menschen von morgen aufzu-
Wingen, diese an und für sich widersinnige Tatsache kann nur widerspruchsvolle Folgen
haben. Das Leben, stets unvorhergesehen, stets erneuert kann sich nicht mit Be-
dingungen abfinden, die eine Zeit ausgearbeitet hat, die nicht mehr ist“ (ElisAe
Krclüs, op. cit., S. 108—109).

Kropotkin sagt (L’anarchie, sa Philosophie, son ideal, 1896, S. 17
und 18): „Die anarchistische Gesellschaft ist eine Gesellschaft, der die vorbestimmten
im Gesetz kristallisierten Formen widerstreben, die die Harmonie in dem stets
Wechselnden und flüchtigen Gleichgewicht zwischen der Menge der verschiedenen
Kräfte und Einflüsse jeder Art sucht, die ihrer eigenen Bahn folgen, Kräfte und Ein-
flüsse, die gerade, weil sie sich dann frei am hellen Licht des Tages auswirken und
ihr gegenseitiges Gleichgewicht erreichen können, die Energien zu wecken vermögen,
die ihnen auf ihrem Wege zum Fortschritt günstig sind.“
        <pb n="743" />
        ﻿718

Fünftes Buch. Die Lehren der neuesten Zeit.

alters, bis herab zu den tierischen Gesellschaften. Die meisten von
diesen, so sagt er, hätten niemals über die natürlichen Gefahren, die
sie bedrohen, triumphieren können, wenn sie nicht diesen machtvollen
Instinkt des Zusammenhangs und des gegenseitigen Verständnisses
besäßen, der auch die Grundlage jeder menschlichen Gesellschaft ist.

Wir dürfen uns daher die anarchistische Gesellschaft nicht als
einen Krieg aller gegen alle vorstellen, sondern vielmehr als einen
Bund freier, selbsttätig entstandener Assoziationen, dem ein jeder zu
jeder Zeit nach seinem Belieben beitreten, und den er ebenso ver-
lassen kann. „Diese Gesellschaft,“ erklärt Kkopotkin, „wird aus einer
Vielheit von Genossenschaften bestehen, die untereinander für alles
das, was eine gemeinsame Arbeit verlangt, verbunden sind. Sonder-
bünde der Produzenten für alle Arten landwirtschaftlicher, in-
dustrieller, geistiger und künstlerischer Produktion; Vereinigungen für
die Konsumtion, die sich mit der Beschaffung alles dessen befassen,
was zur Wohnung, zur Beleuchtung, zur Heizung, zur Nahrung, zur
Hygiene dient, usw.; Verbände der Gemeinden unter sich, und Ver-
bände der Gemeinden mit den Produktionsgruppen; schließlich noch
weiter spannende Gruppen, die ein ganzes Land oder sogar mehrere
Länder umfassen, zusammengesetzt aus Personen, die gemeinsam an
der Befriedigung derjenigen wirtschaftlichen, geistigen und künst-
lerischen Bedürfnisse arbeiten, die nicht auf ein bestimmtes Gebiet
beschränkt sind. Alle diese Gruppen werden ihre Bemühungen auf
Grund eines gegenseitigen Einverständnisses frei vereinigen, ... in
der Entwicklung neuer Formen der Produktion, Erfindung und Or-
ganisation wird volle Freiheit herrschen, die individuelle Initiative
wird angespornt und jede Tendenz zur Uniformierung und Zentrali-
sation wird bekämpft werden 1).“

Die Übereinstimmung des allgemeinen und des Privatinteresses,
nach der die bürgerlichen Liberalen bisher vergeblich gesucht haben,
wird in einer solchen Gesellschaft endlich auf Grund der vollständigen
Freiheit der Individuen und Gruppen, und durch das Verschwinden
jedes Antagonismus zwischen den Besitzenden und Nicht-Besitzenden,
zwischen den Regierenden und den Regierten verwirklicht sein.
Wir weisen hier nochmals auf jene Rückkehr zu dem Optimismus
des 18. Jahrhunderts in seiner ausgesprochendsten Form hin* 2): dem
Glauben an die selbsttätige Harmonie der Interessen.

’)' Au tour d’une vie, S. 410.

2)	Schon Proudhon faßte das Problem wie folgt zusammen; „Eine Lebensform
■finden, die alle politischen und wirtschaftlichen Gegensätze löst, indem sie die Ver-
schiedenheit der Interessen auf eine Einheit zurnckführt, das Wohl der Einzelnen und
das Wohl der Gesamtheit verschmilzt und die natürliche Ungleichheit durch die Er-
ziehung zum Verschwinden bringt; eine Form, in der ein jedes Individuum in gleicher
        <pb n="744" />
        ﻿Kapitel IV. Die Anarchisten.

719

Ein so verführerisches Bild konnte nicht verfehlen, Ein würfe
hervorzurufen. Die anarchistischen Schriftsteller haben sie voraus-
gesehen und sind gerüstet, einem jeden zu begegnen.

Zunächst — wird es bei diesem Übermaß individueller Freiheiten
keine Mißbräuche geben, keine ungerechtfertigten Kontraktbrüche,
keine Verbrechen und keine Vergehen? Wird man nicht eine be-
ständige Unsicherheit schaffen, in der die gewissenhaften Menschen
stets die Opfer der Phantasten und Wankelmütigen sein werden?

Sicherlich muß man, sagen die Anarchisten, sich auf Seiten-
sprünge gefaßt machen oder, wie sich Jean Geave in einem be-
lustigenden Euphemismus ausdrückt: „auf inkorrekte Handlungen,
die völlig jeder augenscheinlichen Logik entbehren 1).&lt;&lt; Zur Unter-
drückung dieser antisozialen Instinkte muß auf die Kritik und das
Mißfallen der Allgemeinheit gerechnet werden. Da die öffentliche
Meinung dann nicht mehr durch die heutigen Einrichtungen ge-
fälscht sein wird, wird sie auch eine viel größere Zwangsgewalt aus-
üben* 1 2 * * * * *). Auf jeden Fall sind es nicht die Gefängnisse, diese „Uni-
versitäten des Verbrechens“, wie Keopotkin sagt, die die antisozialen
Instinkte vermindern können. „Die Freiheit bleibt immer noch das
sicherste Mittel gegen die vorübergehenden Unzuträglichkeiten der
Freiheit8).“ Übrigens wird es noch einen, allen anderen überlegenen
Einfluß geben, nämlich die Weigerung der anderen Gesellschafter, mit

Weise- und synonym Produzent und Verbraucher, Bürger und Purst, Verwalter und
Verwalteter ist; eine Form, in der die Freiheit eines jeden beständig wächst, ohne
daß er jemals nötig habe, etwas davon aufzugeben; in der sein Wohlstand ohne Ende
größer wird, ohne daß er durch das Bestehen der Gesellschaft oder das Dasein seiner
Mitbürger in seinem Eigentum, seiner Arbeit, seinem Einkommen, oder in den
Beziehungen seiner Interessen, Ansichten und Neigungen mit seinesgleichen irgend-
einen Nachteil finden könnte“ (Idee generale de la Kevolntion, S. 145). Und
Jean Grave schreibt: „Wenn die Gesellschaft auf natürlichen Grundlagen errichtet
wäre, dürfte das persönliche und das allgemeine Interesse niemals in Widerspruch
geraten“ (Societe future, S. 156).

1)	Ua Societe future, S. 16. — „Wir verhehlten uns nicht,“ sagt Kropotkin,
„daß wir uns bis zu einem gewissen Grade auf manche absonderliche Übertreibungen
unserer Prinzipien gefaßt machen müßten, wenn dem Individuum vollständige
Gedanken- und Handlungsfreiheit gelassen wird“ (Autour d’nne vie, S. 413).

2)	Bakdnin, (Buvres, Bd. III, S. 79, Anm.: „Die einzige große allmächtige,

gleichzeitig natürliche und rationelle Autorität, die einzige, die wir achten können,

ist die des kollektiven und öffentlichen Sinnes einer auf die Gleichheit und Solidarität

gegründeten Gesellschaft, die damit die Freiheit und die menschliche und gegen-

seitige Achtuuo- aller ihrer Mitglieder verbindet . , . Eine solche Gesellschaft wird
tausendfach mächtiger sein . . ., als alle eure göttlichen, theologischen, metaphy-

sischen, politischen und rechtlichen Autoritäten, die die Kirche und der Staat ein-
gerichtet haben, mächtiger als eure Strafgesetzbücher, Kerkermeister und Henker.“

3)	Autour d’une vie, S. 414. Das ist auch einer der Lieblingsgedanken des
Liberalismus.
        <pb n="745" />
        ﻿720

Fünftes Buch. Die Lehren der neuesten Zeit.

denen zusammen zu arbeiten, auf deren Wort man sich nicht ver-
lassen kann1). „Wenn jemand zugrunde gehen will, so steht ihm
das frei, aber wenn er leben will, kann er dies nur tun, indem er
Genossen findet* 2 3).“

Ein anderer, noch schwerer wiegender Einwurf ist der folgende.
Wer wird ohne jeden Zwang überhaupt arbeiten wollen? Schon
heute ist die Menge der Faulen ungeheuer. Wird sie ohne den An-
sporn der Notwendigkeit nicht noch weiter anwachsen? Keopotkin
selbst hat bemerkt, daß bei den Bienen im Falle „ungewöhnlich
reicher Vorräte, ... wie z. B. in der Nähe der Zuckerpflanzungen
Westindiens und der Zuckerfabriken Europas Räuberei, Trägheit und
sehr oft Trunksucht ganz gewöhnlich werden“8). Werden die
Menschen nicht ebenso wie die Bienen handeln?

Die Anarchisten antworten, daß zunächst viele der sog. Faulen
heute nur einfach in die Irre gegangene Menschen sind, denen die
unbegrenzte Freiheit der zukünftigen Gesellschaft gestatten wird,
ihren Weg zu finden, und die sie infolgedessen zu nützlichen Arbeitern
umformen wird4). — Aber noch besser! Wenn heute so viele
Menschen sich der Arbeit zu entziehen bemüht sind, so liegt das
daran, daß unsere Gesellschaften sie in der härtesten und wider-
wärtigsten Weise organisiert haben. 10 oder 12 Stunden täg-
lich in einer oft ungesunden Fabrik arbeiten zu müssen, an eine
monotone und erschöpfende Arbeit gefesselt zu sein und als Gegen-
wart für diese Arbeit einen elenden Lohn zu erhalten, der kaum
genügt, die Familie zu ernähren, das ist wahrlich keine genügend
reizvolle Aussicht, um jemanden für die Arbeit zu begeistern! Die
Arbeit produktiv und gleichzeitig anziehend zu gestalten5 * *), das eben
wird das wichtigste Ergebnis, wie der FouEiEu’schen Phalansterien,

0 Kbopotkin, La Conquöte du Pain, S. 202.

s) Jean Guave, op. cit. S. 297. Pboudhon ist viel strenger: „Wenn du dem
Vertrage zuschwörst . . ., wirst du der Gesellschaft freier Menschen zugehören . . ■
Im Pall einer Vertragsverletzung von ihrer Seite oder von der deinen, . . . seid
Ihr für einander verantwortlich; . . . diese Verantwortlichkeit kann ... die Aus-
schließung, ja den Tod bedeuten“ (Idee generale usw,, S. 343).

3)	Kbopotkin, Gegenseitige Hilfe, S. 16.

4)	„Unserer Meinung nach gibt es im genauen Sinne des Wortes keine
wirklichen Faulenzer. Es gibt nur Individuen, deren Fähigkeiten sich nicht frei
haben entwickeln können, die die soziale Organisation daran gehindert hat, für ihre
Tätigkeit eine normale Dichtung zu finden . . . Schafft eine Gesellschaft, in der
die Individuen ihre Beschäftigung wählen können, und ihr werdet die Faulsten sich
nützlich machen sehen.“ Jean Ge ave, La Societe future, S. 277—278. In dem
gleichen Sinne: Kbopotkin, LaConquöte duPain, Kap: Objections (Einwürfe).

5)	Kbopotkin, Autour d’une vie, S. 414, und La Conquete du Pain,

S. 156. Die Anarchisten sind aber nicht für eine allgemeine Einführung von Phalan-

sterien zu haben und ziehen das individuelle Familienleben vor.
        <pb n="746" />
        ﻿Kapitel IV. Die Anarchisten.

721

so auch der anarchistischen Gesellschaft sein. Die Anwendung- der
wissenschaftlichen Errungenschaften wird die Fabrik in einen ge-
sunden, luftigen und hellen Aufenthaltsort um wandeln. Die zur Er-
leichterung der Hausarbeit geschaffenen Maschinen werden die Frau
im Haushalt von einer Menge unangenehmer Arbeiten befreien. Die
Gelehrten, die heute jeder unangenehmen Arbeit ledig sind, vernach-
lässigen diese Seite des Lebens in ihren Erfindungen; aber „wenn
ein Pasteub auch nur 5 Stunden in den Abfiußkanälen von Paris
zubringen müßte, so ist nicht daran zu zweifeln, daß er ein Mittel
finden würde, um sie ebenso gesund wie sein bakteriologisches Labo-
ratorium zu gestalten“1). Und schließlich wird, was die Hauptsache
ist, die Arbeitsdauer auf höchstens 4 oder 5 Stunden am Tage ver-
ringert werden, zunächst, weil es keine Müßiggänger mehr geben
wird, und dann auch, weil die systematisch auf die Produktion ange-
wendete Wissenschaft ihre Ergiebigkeit verzehnfachen wird.

Die der Wissenschaft zu verdankende überwältigende Ausdehnung
der Produktion ist einer der Lieblingsgedanken der Anarchisten.
In seinem Wohlstand fürAlle hatKropotkin bezaubernde Bilder
hiervon entworfen. Er zeigt uns die Wunder, die dank einer inten-
siven Kultur von den Gemüsegärtnern der Umgegend von Paris voll-
bracht worden sind; wie z. B. einer von ihnen mit drei Arbeitern,
die 12 bis 15 Stunden täglich arbeiteten, aus einem einzigen Hektar
110000 kg Gemüse gezogen hat. Von hier ausgehend, sieht er schon,
wie die 8600 000 Einwohner der Departements Seine und Seine-et-
Oise sich mit einer jährlichen Arbeit von 58 halben Tagen für jeden
Erwachsenen alles Getreide, alle Milch, alles Gemüse, alles Brot und
alle Luxusfrüchte, die sie wünschen können, verschaffen. Indem er
die gleiche Berechnung auf die Schaffung einer Wohnung anwendet,
findet er, daß die Arbeit von 28 bis 36 Tagen im Jahr einer Familie
eins jener gesunden und bequemen Arbeiterwohnhäuser schaffen würde,
wie man sie in England baut. Das gleiche gilt für die Kleidung.
Die amerikanischen Fabriken fabrizieren heute im Durchschnitt auf
den Arbeiter 40 m Baumwollen Stoff in 10 Stunden; „Wenn man an-
nimmt, daß eine Familie im Jahre 200 m verbraucht, was sehr hoch
gegriffen ist, so ergibt das 50 Arbeitsstunden oder 10 halbe Arbeits-
tage von 5 Stunden“ * 2 3 *). Zusammenfassend „würde ein jeder Mensch
der bis zum Alter von 45 oder 50 Jahren 5 oder 4 Stunden am Tag
arbeitet, mit Leichtigkeit alles hervorbringen können, was nötig
ist, um der Gesellschaft den Wohlstand zu sichern“ 8). Elisee Eeclus
teilt diese Hoffnungen. Für ihn „ist der Hunger in der großen Familie

‘) Kropotkin, Couquete du Pain (Der Wohlstand für Alle), S. 204.

2)	Kropotkin, Conquete du Pain, S. 126.

3)	Kropotkin, Conqiitte du Pain, S. 135.

Gide, und Rist, Gesell, d. Volkswirtschaft!. Lehrmeinungen.

46
        <pb n="747" />
        ﻿722

Fünftes Buch. Die Lehren der neuesten Zeit.

der menschlichen Gesellschaft nicht nur das Ergebnis eines kollektiven
Verbrechens; er ist außerdem ein Widersinn, da die Produkte den
notwendigen Bedarf um das Doppelte übersteigen“ x).

Inmitten eines solchen Überflusses an Gütern, in einer derart in
ein Schlaraffenland verwandelten Welt, würde auch die Verteilung
der Güter aufhöreu, ein schwieriges Problem zu sein. Nichts ist
leichter, als ihre Organisation. „Was im Überfluß vorhanden ist,
wird ohne weiteres in beliebiger Menge entnommen; das, was ge-
messen und verteilt werden muß, wird einem jeden zugeteilt“2).
Dies ist das Prinzip. In den Fällen, wo eine Zuteilung nötig ist,
beginnt man selbstverständlich damit, die Frauen, die Greise, die
Kinder und die Kranken zunächst zu befriedigen. Nachher erst
kommen die erwachsenen Männer. Es ist dies die heutige Praxis
der „kommunistischen Suppenanstalten“, für die uns die Streiks zahl-
reiche Beispiele liefern. — Was die Wertgesetze anlangt, auf Grund
deren sich heute die Verteilung der Güter vollzieht, und die die
Volkswirtschaftler für unabänderlich und notwendig halten, so ent-
locken sie den Anarchisten nur ein Lächeln — oder vielmehr, darum
kümmern sie sich überhaupt nicht3).

§ 4. Die Revolution.

Wie soll nun dieser schöne Traum verwirklicht werden? Wie
sollen wir aus der jammervollen Gesellschaft, in der wir leben, in
das goldene Zeitalter kommen, das die Anarchisten uns zeigen? —
Durch die Revolution!

Die Theorie der Revolution ist einer der wesentlichen Bestand-
teile der anarchistischen Lehre, der, den das Publikum am genauesten
kennt. Wir werden diese Theorie jedoch nur in einigen Worten
streifen, denn der Anarchismus hat uns schon zu weit von den
eigentlichen ökonomischen Ideen geführt.

Zunächst muß Peoudhon beiseite gelassen werden. Wir haben
gesehen, daß er jede gewaltsame Revolution verwirft (s. o. 8. 361,
Anm. 2). In seinen Augen ist nur eine Revolution fähig, die Anarchie
zu verwirklichen: die Umwandlung der Herzen und der Gewissen.
So langmütig sind aber seine Nachfolger nicht. Ihnen erscheint die

') EusfeE Eeclus, L’evolntion usw. S. 136—137.

3) Kropotkin, Conquete du Pain, S. 79.

3)	Vgl. in Jean Grave, La Societe future, Kap. XIV, La Valeur. Die
Anarchisten beklagen sich oft, daß ihre Gedanken von den bürgerlichen Volkswirt-
schaftlern verzerrt wiedergegeben werden. Man kann das angeführte Kapitel lesen,
um sich zu überzeugen, mit welchem Verständnis gewisse Anarchisten die Gedanken
ihrer Gegner auslegen.
        <pb n="748" />
        ﻿Kapitel IV. Die Anarchisten.

723

Revolution als eine unabänderliche Notwendigkeit, der man nicht ent-
gehen wird. Zu denken, daß die heutigen Privilegierten in einer
neuen Nacht des 4. August') einwilligen könnten, ihre Privilegien
zu opfern und auf ihren Platz im Glied in der Armee der Menschheit
zurückkehren, würde nur Selbstbetrug sein. Und noch mehr, dies
Ereignis würde, selbst wenn es möglich wäre, kaum wünschenswert
sein. Das Volk, sagt Elisee Reclus, würde in seiner gewöhnlichen
Großmut fähig sein, sich hiervon rühren zu lassen, und seinen alten
Herren zu sagen: „Behaltet eure Privilegien“. „Nein“, ruft er aus,
„freie Bahn der Gerechtigkeit! Damit die Dinge ihr natürliches
Gleichgewicht wieder gewinnen, müssen die Unterdrückten sich aus
eigener Kraft erheben, müssen die Beraubten das ihnen Geraubte
wieder nehmen, müssen die Sklaven ihre Freiheit wieder erobern.
Niemals werden sie sie wirklich besitzen, wenn sie sie nicht im
offenen Kampfe erstritten haben“ 2).

Man soll indessen nicht glauben, daß Bakunin, Keocotkin oder
ihre Schüler blutdürstig wären und an der Entfesselung von Gewalt-
tätigkeiten Gefallen fänden. Nein, so unvermeidlich und von einer
Revolution untrennbar auch das Blutvergießen sein mag, so ist es
doch an und für sich nicht weniger abscheulich und muß auf das
Minimum beschränkt werden. „Blutige Revolutionen sind manchmal
infolge des menschlichen Stumpfsinnes notwendig, doch sind sie
stets ein Übel, ein entsetzliches Obel und ein großes Unglück. Nicht
nur wegen der Opfer, sondern auch wegen der Reinheit und Voll-
kommenheit des Zweckes, der zu verfolgen ist, und in dessen Namen
man sie durchführt“ 8). „Worauf es ankommt“, sagt Kropotkin4), „ist
nicht so sehr, zu wissen, wie man die Revolution vermeiden soll, als
die Mittel zu finden, durch die die besten Ergebnisse erzielt werden;
wie man den Bürgerkrieg so viel wie möglich einschränken und die
Zahl der Opfer verringern kann, indem von beiden Seiten der Kampf
mit so wenig Erbitterung wie möglich geführt wird.“ Hierfür muß
man zunächst auf die Instinkte des Volkes rechnen, das durchaus
nicht blutdürstig ist, „das ein zu gutmütiges Herz hat, als daß ihm

*) In der Nacht des 4. Ang. 1789 beschloß die Assemblee Nationale Constituante,
die sich aus den Vertretern der drei Stände zusammensetzte, die Abschaffung aller
Standesvorrechte und die Aufhebung der Frohndienste. (Anm. d. Übers.)

*) L’evolution, nsw., S. 154 Khopotkin: Alle, die den Triumph der Ge-
rechtigkeit wollen, alle, die die neuen Ideen praktisch ausführen wollen, . . . ver-
stehen die Notwendigkeit eines revolutionären Sturmwindes, die diese ganze Fäulnis
hinwegfegt, mit seinem Atem die erschlafften Herzen anfeuert und der Menschheit
Hingabe, Selbstverleugnung, Heroismus bringt, ohne die eine Gesellschaft gemein
wird, sich zersetzt und verfällt“ (Paroles d’un Revolte, S. 280).

3)	Bakunin, Sozial-politischer Briefwechsel, S. 297 und 309.

4)	Autour d’une vie, S. 297.

46* *
        <pb n="749" />
        ﻿724

fünftes Buch. Die Lehren der neuesten Zeit.

die Grausamkeit nicht bald zuwider würde“1). Yor allem aber
müssen die Angriffe weniger gegen die Menschen, als gegen die Ein-
richtungen, weniger gegen die Individuen, als gegen die sozialen
Umstände gerichtet werden, und deshalb erklärt Bakünin es für das
wichtigste, beim Ausbruch der Revolution zunächst die Archive zu
verbrennen, die Papiere aller Art, die als Besitztitel dienen, zu ver-
nichten, sofort die Gerichte, die Polizei abzuschaffen, die Armee auf-
zulösen, und ohne Zögern die Produktionsinstrumente, Häuser, Fabrik-
anlagen, Bergwerke usw. zu konfiszieren . . . Und im Wohlstand
für Alle zeigt uns Keopotkin, wie die Einwohner einer aufständigen
Gemeinde sich vor allen Dingen der Wohnungen bemächtigen, um
sie in Gebrauch zu nehmen, die Kleidermagazine besetzen, „damit ein
jeder nehmen könne, was er braucht“, — und vom Boden gemeinsam
Besitz ergreifen, um ihn zu bewirtschaften und seine Erzeugnisse
untereinander zu verteilen. Wenn man in dieser Weise vorgeht
(anstatt, wie dies die Kommune 1871 tat, naiverweise die Schatz-
kammern der Banque de France zu respektieren), wird die Revolution
schnell durchgeführt und die selbsttätige Reorganisation der Produk-
tion auf unzerstörbarer Grundlage und mit dem Minimum an Blut-
vergießen gesichert sein.

Aber diese verhältnismäßig maßvollen Darlegungen haben manch-
mal viel schärferen Ausdrücken Platz gemacht. Bakunin hat, wenigstens
während einer gewissen Zeit seines Lebens, die gewaltsame und
erbarmungslose Revolution gegen die Privilegierten gepredigt. Mit
Recht hat man ihn als den Erfinder der „Propaganda der Tat“ be-
zeichnen können, — deren Anwendung vor einigen Jahren von ver-
zweifelten Fanatikern versucht wurde und die ganze öffentliche
Meinung gegen den Anarchismus erregte. „Wir verstehen unter
Revolution“, hat er irgendwo geschrieben, „die Entfesselung alles
dessen, was man heute die niedrigen Leidenschaften nennt, und die
Vernichtung alles dessen, was man heute in derselben Sprache als
öffentliche Ordnung bezeichnet“. „Das Räuherwesen“, schreibt er
an einer anderen Stelle, „ist eine der ehrenhaftesten Formen des
politischen Lebens in Rußland . .. Der Räuber ist ein Held, ein Ver-
teidiger und Erretter des Volkes“ * 2). Und in einer Art Proklamation,
den „Prinzipien der Revolution“ —von der man allerdings be-

1)	Keopotkin, nach Eltzeacheb angeführt; S. 236. „Seitdem die Eevolution
den Charakter des Sozialismus angenommen hat, hat sie aufgehört, blutig und
grausam zu sein. Das Volk ist durchaus nicht grausam: aber die privilegierten
Klassen sind es. . . . Gewöhnlich ist das Volk gut und menschlich. Es leidet selbst
zu sehr, um nicht mit dem Leiden Mitgefühl zu haben.“ (Bakünin, Bd. III, S. 184
bis 186). Der gleiche Gedanke findet sich bei Sorel, Eeflexions sur la violence.

2)	ßakunin’s sozial-politischer Briefwechsel, S. 335 und 353.
        <pb n="750" />
        ﻿Kapitel IV. Die Anarchisten.

725

streitet, daß sie von Bakunin stamme, die aber doch, wenigstens zu
einer gewissen Zeit, seine eigenen Gedanken widergespiegelt zu haben
scheint, — predigt er ohne Einschränkung die Vernichtung um der
Vernichtung willen, „Die gegenwärtige Generation“, wird dort gesagt,
„muß alles, wras existiert, ohne Unterschied blind zerstören, nur von
dem einen Gedanken beseelt: so viel wie möglich und so schnell wie
möglich“ x). Was die Mittel betrifft, so kommen die verschiedensten
in Betracht: „Gift, Dolch, Strick usw. In dieser Hinsicht heiligt die
Revolution alles. Das Feld ist daher frei“ 2). Bakunin hat stets
eine Neigung für die Rolle eines Verschwörers gehabt. Man findet
in den „Statuten der internationalen Brüder“, die die Leitsätze und
Vorschriften einer Art revolutionärer Brüderschaft sind, die er 1864
schuf, Stellen, die eine fast ebenso leidenschaftliche Wildheit atmen
wie der berühmte „revolutionäre Katechismus“ von Netschajeff 3).
Es ist jedenfalls schwierig, einen noch kräftigeren Ausdruck der
revolutionären Verzweiflung zu finden, als die folgende Stelle der
Statuten der internationalen sozialistischen Alliance,
des wirklichen Programms der Anarchie, die den Gedanken Bakunin’s
richtig auszudrücken scheint, und mit der wir diese Darlegung-
Schließen. „Wir wollen“, schreibt er, „die allgemeine, gleichzeitig
soziale, philosophische, wirtschaftliche und politische Eevolution, da-
mit von der gegenwärtigen Ordnung der Dinge, die sich auf das
Eigentum, auf die Ausbeutung, auf die Unterdrückung und auf das
Prinzip der Autorität gründet, sei das nun eine religiöse, meta-
physische oder bürgerlich-doktrinäre, oder sogar eine revolutionär-
jakobinische Autorität, — damit von dieser Ordnung zunächst in Europa,
und dann in der ganzen Welt auch nicht ein Stein auf dem anderen
bleibe. . . . Mit dem Rufe; Friede den Arbeitern, Freiheit allen
Unterdrückten, Tod den Unterdrückern, Ausbeutern und Bevormündern
aller Art wollen wir alle Staaten und alle Kirchen zerstören, mit

*) Bakunin’s sozial-politis eher Briefwe ehsel, S.361. In Wirklichkeit
handelt es sich hier um eine Proklamation an die russische Jugend, erlassen in dem
Augenblick, als der Zar Alexander II., nachdem er mit der Aufhebung der Leibeigen-
schaft dem Liberalismus entgegengekommen war, zu dem System der Unterdrückung
und der grausamen Vergeltung seines Vaters Nikolas I. zurüokkehrte und dadurch
die Fortschrittsparteien um so mehr zur Verzweiflung trieb, als sie für einen Augen-
blick die Pforten der Freiheit sich hatten öffnen sehen. Auch befand sich gerade
in diesem Augenblick Bakunin unter dem Einfluß eines skrupellosen Fanatikers,
Netschajeff, dessen wilde und düstere Energie, gepaart mit einer Art Mystizismus
des Verbrechens im Dienste der Eevolution, vorübergehend Gewalt über ihn erlangt
hatte. Später hat er energisch diese verbrecherischen Taten verurteilt und erklärt,
getäuscht worden zu sein.

2)	Ebenda,

3)	Der französische Text dieses Katechismus findet sich in Bakunin’s
sozial-politischem Briefwechsel.
        <pb n="751" />
        ﻿726

Fünftes Buch. Die Lehren der neuesten Zeit.

allen ihren Einrichtungen und religiösen, politischen, juristischen,
finanziellen, Polizei- oder Schulgesetzen, seien sie wirtschaftlich oder
sozial, damit endlich alle jene Millionen von armen, unglücklichen,
menschlichen Wesen, die getäuscht, versklavt, gequält und ausge-
beutet worden sind, in voller Freiheit aufatmen können, erlöst von
allen ihren verantwortlichen und unverantwortlichen Leitern und
Wohltätern, mögen es Gesellschaften oder Individuen sein“ 1).

Es ist nicht unsere Aufgabe, die anarchistische Lehre zu kriti-
sieren. Derartigen Verallgemeinerungen, die keiner, aber auch nicht
der geringsten Einschränkung unterliegen, steht die Kritik ohn-
mächtig gegenüber. Diese sogenannten „Theorien“ sind in der
Hauptsache leidenschaftliche Gefühlsergüsse; ist es nötig, sie noch
besonders zu „widerlegen“ ? Begnügen wir uns damit, ihren Einfluß
kurz darzulegen.

Wir sprechen hier nicht von den verbrecherischen Attentaten,
wie sie durch Ansprachen und Lehren hervorgerufen wurden, die sich
allzuoft an ungebildete, vom Elend zur Verzweiflung getriebene Köpfe
wandten, die unfähig waren, ein Gegengewicht gegen die Formeln
einfältiger Gewalttätigkeit zu finden. Ohne jede Möglichkeit einer
Rechtfertigung finden die als Propaganda der Tat bezeichneteu
Attentate doch eine Erklärung in der ungenügenden Urteilsfähigkeit
und dem fanatischen Überschwang ihrer Urheber. Man darf hierfür
aber nicht eine soziale Lehre verantwortlich machen, die, je nach
dem, als die Philosophie der gewalttätigsten Zerstörungswut oder als
der höchste Ausdruck des Ideals der menschlichen Brüderlichkeit und
des individuellen Fortschrittes angesehen werden kann.

Der Einfluß, von dem wir hier sprechen wollen, ist der, den der
Anarchismus auf die Arbeiterklasse im allgemeinen ausgeübt hat.
Unzweifelhaft hat er in ihr ein Wiedererwachen des Individualismus
herbeigeführt, eine Reaktion gegen den zentralisierenden Sozialismus
MaexV Sein Erfolg ist besonders in den lateinischen Ländern groß
gewesen, aber auch in Österreich hat der Anarchismus während
einer gewissen Zeit den Sozialismus gänzlich zu verdrängen gedroht.
Doch der Fortschritt des Anarchismus ist besonders in Frankreich, in
Italien und in Spanien bemerkbar gewesen. Sind ausgesprochene
Individualitäten in diesen Ländern zahlreicher vertreten, als in
anderen? Dies ist nicht wahrscheinlich. Aber in diesen erst vor
kurzem der Freiheit geöffneten Ländern erscheinen Ordnung und
Disziplin, auch wenn sie freiwillig angenommen worden sind, noch
gar zu oft als unerträgliche Hörigkeit.

Eine wirkliche „anarchistische Partei“ wurde zwischen 1880 und



Bakuuin’s sozial-politischer Briefwechsel, S. 332.
        <pb n="752" />
        ﻿Kapitel IV. Die Anarchisten.

727

1895 gegründet. Sie ist seitdem immer kleiner geworden. Der Ein-
fluß des Anarchismus ist deshalb nicht verschwunden, nur drückt er-
sieh jetzt in anderer Weise aus. Man hat — hauptsächlich in Frank-
reich — viele alte Anarchisten in die Arbeitergewerkschaften ein-
dringen und zuweilen sogar die Leitung der Gewerkschaftsbewegung
übernehmen sehen. Unter ihrem Einfluß versucht man — in der
Gewerkschaft — mehr und mehr, sich von der Vorherrschaft der
sozialistischen Partei zu befreien. Die Confederation Generale du
Travail hat zwei Worte als Devise angenommen, die man überall in
den anarchistischen Schriften beieinander findet: „Wohlstand und
Freiheit“. Sie predigt die „Selbsthilfe“ (l’Action directe), nämlich die
von der öffentlichen Macht unabhängige, revolutionäre Taktik . . .
Ferner betont sie die Gleichgültigkeit gegenüber der Politik und das
Aufgehen der Arbeiter im rein wirtschaftlichen Kampf.

Was die Theoretiker des revolutionären Syndikalismus anlangt,
so verwerfen sie heute jedes Kompromiß mit dem Anarchismus.
Trotz ihrer Proteste ist es aber nicht schwer, zwischen ihren Ideen
und denen eines Bakunin und Keopotkxn zahlreiche Analogien nach-
zuweisen. Übrigens sind sie ebenso sehr von Peoudhon, wie von
Maua inspiriert und, wie wir gesehen haben, liegen auch den anar-
chistischen Lehren die Gedanken Peoudhon’s zugrunde!

Zunächst ähneln sie sich durch ihre Auffassung der Gewalt als
des Mittels zur Erneuerung und Reinigung des sozialen Lebens.
„Der Gewalt verdankt der Sozialismus“, sagt Soeel, „die hohen
moralischen Werte, auf Grund deren er der modernen Welt das Heil
bringt“ 1). Ebenso ist für die Anarchisten die Revolution das Ge-
witter, das die drückende Atmosphäre der Sommertage reinigt und
den Himmel von neuem klar und freundlich erglänzen lassen wird.
Kroi'otkin ruft zur Revolution auf, nicht nur um die wirtschaftliche
Ordnung umzustürzen, sondern auch, „um die Gesellschaft in ihrem
intellektuellen und moralischen Leben aufzurütteln, aus ihrem Stumpf-
sinn aufzuwecken, die Sitten zu erneuern und inmitten der niedrigen
und kleinlichen Leidenschaften des Augenblicks das belebende Feuer
edler Leidenschaftlichkeit, begeisterter Hotfnungsfreude und warm-
herziger Aufopferung aufflammen zu lassen“

In zweiter Linie finden sich die moralischen Gedanken, die der
Philosophie M »«v vollständig fehlen, bei Soeel und den Anarchisten
in gleichem Grade wieder. Wir haben gesehen, wie Bakunin,
Keopotkin und besonders Peoudhon von jedem Individuum besonders
die „Achtung des Menschen“ fordern, durch die es selbst erst der

!) Reflexions sur la violence, S. 253.
2) Paroles d’un Revolte, S. 17—18.
        <pb n="753" />
        ﻿728

Fünftes Buch. Die Lehren der neuesten Zeit.

Freiheit würdig wird. Sie proklamieren die Herrschaft der Vernunft,
die allein erst die Menschen in der ganzen Bedeutung des Wortes
frei machen wird. Nachdem Soeel erklärt hat, daß die „neue Schule
sich schnell von dem offiziellen Sozialismus geschieden hat, indem
sie die Notwendigkeit anerkennt, die Sitten zu verbessern“, fügt er
an: „Ich erhebe durchaus keinen Widerspruch, wenn man mich von
diesem Gesichtspunkt aus ,anarchisierend‘ nennt“ *).

Schließlich ist auch ihr soziales und politisches Ideal das gleiche:
die Abschaffung des Eigentums und des Staates. Der Syndikalismus
haßt den Staat genau so wie der Anarchismus. „Er sieht im Staat“,
sagt uns einer seiner Anhänger, „den Schmarotzer par excellence,
den Unproduktiven, der sich auf dem Produktiven häuslich ein-
gerichtet hat und von seinem Lebensmark zehrt“l 2 3 *); und für Sokel
ist „der Sozialismus zu einem vorbereitenden Unterricht der von der
Großindustrie beschäftigten großen Massen geworden, die den Staat
und das Eigentum abschafien wollen“ 8). Die freien Produzenten, die
in einer Werkstatt ohne Herren arbeiten“ '*), dies ist, immer nach
Soeel, das Ideal des Syndikalismus. Daher findet sich auch bei
beiden die gleiche Feindschaft gegen die herrschende Demokratie,
die sich auf die Macht des Staates stützt.

Trotz so vieler Berührungspunkte bewahren die beiden Auf-
fassungen doch ihre Verschiedenheiten. Der Anarchismus hat Ver-
trauen in die selbsttätige Macht der allgemeinen Freiheit, die
Gesellschaft zu erneuern. Der Syndikalismus dagegen stützt sich
auf ein besonderes und klar bezeichnetes Instrument: die Arbeiter-
Gewerkschaft, die als Hauptwerkzeug im Kampf der Klassen be-
trachtet wird. Auf dieser Grundlage errichtet er das Ideal einer
Gesellschaft von Produzenten, die sich auf die Arbeit gründet, und
aus der der Intellektualismus verbannt ist, — während der Anarchis-
mus sich in dem Zukunftsbild einer Gesellschaft gefällt, deren Natur
die Syndikalisten für ebenso chimärisch wie gefährlich halten.

Es war indessen nicht überflüssig, die zwischen den beiden
Ideenströmungen bestehende, sehr bezeichnende Ähnlichkeit hervor-
zuheben, denn diese Ideen haben in den letzten fünfzehn Jahren den
tiefsten Einfluß auf die Arbeiterklasse ausgeübt, und beide bezeichnen
ein charakteristisches Wiedererwachen des Individualismus.

l) Äeflexions sur la yiolence, S. 218.

*) Bbeth, Les nouyeaux aspects du sooialisnie, S. 3.

3J Refleot'ions sur la yiolence, Einleitung, S. 37.

J) Ebenda, S. 237.
        <pb n="754" />
        ﻿Schlußwort.

Erfordert eine Geschichte der wirtschaftlichen Doktrinen wirk-
lich ein Schlußwort ?.

Die Geschichte aller Wissenschaft hört nur mit ihrem endgültigen
Abschluß auf. Die am weitesten fortgeschrittenen Wissenschaften
nun, die Physik, die Chemie und sogar die Mathematik, verändern
sich täglich, schreiten vorwärts, geben in ihrem Fortschritt früher
nützliche, heute aber veraltete Auffassungen preis und ersetzen sie
durch Auffassungen, die, wenn auch nicht immer vollständig neu,
doch zum wenigsten verständlicher und fruchtbarer sind. Jedoch
noch mehr, wir sehen, wie sich nicht nur die Einzelwissenschaften
unter unseren Augen umformen, sondern wie sicli auch der Begriff
der Ges amt Wissenschaft ändert. Mit dem Fortschritt der Wissen-
schaften wandelt sich auch die Auffassung, die wir uns von der
Wissenschaft machen. Heute wie früher sucht der Gelehrte die
Wahrheit. Der Begriff aber der wissenschaftlichen Wahrheit ist am
Anfang des 20. Jahrhunderts nicht mehr mit dem identisch, der am
Anfang des 19. herrschte, und alles weist darauf hin, daß ihm noch
weitere Veränderungen bevorstehen. Um so weniger kann auch die
Nationalökonomie, diese so junge Wissenschaft, die noch kaum über
die ersten tastenden Versuche hinaus ist, von heute an unveränderlich
bleiben. Der Geschichtsschreiber der Doktrinen kann sich nur die
Aufgabe stellen, den durchlaufenen Weg zu messen, ohne daran
denken zu dürfen, die Straße, die noch vor uns liegt, erraten zu
wollen. Sein Ehrgeiz muß sich darauf beschränken, die zunächst
liegenden Aufgaben zu würdigen, die nach all den so verschieden-
artigen Anstrengungen, die wir in den vorhergehenden Kapiteln
beschrieben haben, sich den Forschern aufdrängen.

Möge man uns, um den Eindruck zu verbildlichen, der sich aus
einer Geschichte der wirtschaftlichen Ideen dieser anderthalb Jahr-
        <pb n="755" />
        ﻿730

Schlußwort.

hunderte ergibt, einen Vergleich gestatten. Wenn man das Ge-
samtwerk betrachtet, so steht man wie vor einem offenen Fächer.
Am Griff liegen seine Rippen so fest übereinander, daß sie ein Ganzes
scheinen. Je mehr sich das Auge dem äußeren Rande nähert, sieht
es, wie die Strahlen sich nach und nach voneinander entfernen, als
wenn sie ins Unendliche divergierende Richtungen einschlagen
■wollten. Und doch trennen sie sich nicht gänzlich. Denn in dem
Maße, wie sie sich voneinander entfernen, sieht man zwischen ihnen
ein gemeinsames Gewebe sich entfalten, das ein Band unter ihnen
schafft, eine neue Einheit, ebenso — wenn nicht mehr — wider-
standskräftig wie die scheinbare Einheit, die am Griff sich aus dem
Übereinanderliegen der Rippen ergibt.

So erscheint die Volkswirtschaft bei den Physiokraten und noch
mehr bei Adam Smith als ein festgefügtes Lehrgebäude von edler
Einfachheit. Ein Blick gestattet, das Ganze zu umfassen. Doch die
Zeit vergeht. Die Wissenschaft schreitet fort, und man wird gewahr,
daß die Einheit des Anfangs mehr scheinbar als wirklich ist. Die
sich oft widersprechenden Theorien, die Smith zu vereinigen gewußt
hatte, erzeugen neue Gedankenströmungen, die in immer schärferen
Gegensatz zueinander treten, in dem Maße wie sie sich zu immer
größerer Unabhängigkeit entwickeln. Verschiedene Theorien der
Güterverteilung und des Wertes, die historische und die abstrakte
Methode, Liberalismus und Sozialismus, — ebenso viele Auffassungen,
die eine jede ihren Weg mit verschiedenem Glück und durch zahl-
reiche Verkörperungen hindurch verfolgen. Zu ihrer Verteidigung
umgibt sich jedoch eine jede mit einem Netz von Beobachtungen und
Tatsachen, bringt ihren eigenen Beitrag an neuen Wahrheiten und
nützlichen Bemerkungen, — und so bildet sich nach und nach um
jeden bedeutenden Mittelpunkt wirtschaftlicher Gedanken ein Gewebe,
das mehr und mehr widerstandsfähig, mehr und mehr ausgedehnt wird,
das eine Art gemeinsame wissenschaftliche Grundlage bildet, unter
dem man noch die Hauptzüge der großen Systeme durchschimmern
sieht. Und weiter, von einem gewissen Augenblick an, sind es nicht
mehr die Strahlen des Fächers, die den Blick auf sich ziehen, sondern
das gemeinsame Gewebe, in dem nach dem Rande zu alle Strahlen
sich verlieren und verschwinden, nämlich die Gesamtheit der er-
worbenen Wahrheiten, die das bleibende Ergebnis der Systeme vor-
stellen. Nur das wollen wir heute betrachten.

Das Ergebnis so vieler Diskussionen und Polemiken ist daher
die Errichtung eines wirklich gemeinsamen Reiches, in dem, was
auch immer ihre sozialen und politischen Hoffnungen sein mögen, die
Nationalökonomen sich treffen können. Dieses Reich ist das der
eigentlichen volkswirtschaftlichen Wissenschaft, der Wissenschaft, die
        <pb n="756" />
        ﻿Schlußwort.

731

sich nicht darum sorgt, vorzuschreiben, was sein soll, sondern einfach,
das zu erklären und zu verstehen, was ist. Die Überlegenheit einer
Theorie mißt sich einzig an ihrem erklärenden Wert. Es ist von
geringer Bedeutung, ob man dann in der Praxis Interventionist oder
liberal, Protektionist oder Freihändler, Sozialist oder Individualist
sei: jeder wahrhaftige Geist beugt sich notwendigerweise vor einer
genauen Beobachtung oder einer befriedigenden Erklärung.

Während nun so die Verschiedenheiten der Schulen das Bestreben
zeigen, sich in der Einheit der besser verstandenen Wissenschaft
aufzulösen, sieht man im Hintergründe sich neue Unterscheidungen
bilden, die, weniger scholastisch und fruchtbringender für den Fort-
schritt der Wissenschaft, einen neuen Fächer unter dem alten zu
bilden scheinen.

Zunächst tritt in der Methode der Unterschied zwischen reiner
Ökonomie und beschreibender Ökonomie immer schärfer
hervor, oder wenn man dies vorzieht: die Unterscheidung zwischen
der theoretischen Systematisation und der Beobachtung der wirklichen
Tatsachen, — zwei Uutersuchungsarten, die gleichmäßig notwendig
sind, und die geistigen Begabungen entsprechen, die nur selten in
der gleichen Person sich vereinigt finden. Die volkswirtschaftliche
Wissenschaft kann aber weder der Theorie noch der Beobachtung
entraten. Wir empfinden heute noch ebenso brennend wie früher den
Wunsch, die wirtschaftlichen Geschehnisse in ihrer Verkettung zu
begreifen und ihre gegenseitigen Beziehungen zu verstehen. Wenn
aber auf der anderen Seite die wirtschaftliche Organisation der Welt
in beständiger Umformung begriffen ist, wenn die Form und das
Wesen der Industrie und des Handels sich täglich ändern, wie wäre
es möglich, daß wir darauf verzichten könnten, diese Vorgänge zu
beobachten und von neuem zu beschreiben ? So entwickeln sich beide
Methoden gleichzeitig unter unseren Augen und schreiten gleichzeitig
vorwärts. Ihr heftiger Streit um die Vorherrschaft scheint heute
endgültig beigelegt.

Und weiterhin sehen wir, wie die volkswirtschaftliche Wissen-
schaft sich in verschiedene Wissenschaften zerlegt, die das Bestreben
haben, mehr und mehr selbständig zu werden. Diese Trennung be-
deutet aber nicht länger den Kampf, sondern einfach die Arbeits-
teilung.

In ihren Anfängen war die ganze wirtschaftliche Wissenschaft
in ein oder zwei Bänden beschlossen. Unter den drei großen Teil-
überschriften: Produktion, Verbrauch, Güterverteilung glaubten Say
und seine Nachfolger, leicht die Theorien und die wesentlichen Tat-
sachen zusammenfassen zu können, deren Kenntnis damals genügte,
einen Volkswirtschaftler zu bilden. Seitdem hat sich unsere Wissen-
        <pb n="757" />
        ﻿732

Schlußwort.

Schaft, wie alle anderen, in eine große Zahl verschiedener Zweige
geteilt. Was man früher Physik oder Chemie nannte, ist nur noch
ein elastischer Kähmen, der eine Menge von Spezialwissenschaften
umfaßt (Elektrizität, Optik, Thermodynamik, biologische Chemie usw.),
und von denen jede genügt, die Arbeit eines ganzen Menschenlebens
auszufüllen. So ist auch heute das Wort Nationalökonomie ein un-
bestimmter, wenn auch bequemer Ausdruck geworden, den man ge-
braucht, um Forschungen zu bezeichnen, die oft sehr weit vonein-
ander entfernt verlaufen. Die Preistheorie und die der Güterver-
teilung sind zu neuen Entwicklungen fortgeschritten, die sie fast zu
besonderen Zweigen der Wissenschaft machen; — die soziale Ökonomie
hat sich ihr eigenes Reich errichtet und lebt ihr eigenes Leben; —
die Bevölkerungstheorie hat sich zu einer besonderen Wissenschaft:
der Demographie erweitert; — die Steuertheorie hat den Namen
Finanzwissenschaft angenommen; — die Statistik hat ihre besonderen
Methoden und steht mit allen anderen Zweigen in enger Berührung; —
die Beschreibung des Mechanismus des Handels nnd der Industrie,
der Banken und Börsen, die Aufzählung der Formen der Industrie,
das Studium ihrer Umwandlungen, sind für die Volkswirtschaft das,
was die beschreibende Zoologie und Botanik und die Morphologie für
die Naturwissenschaft bedeuten. Obgleich nicht immer besondere
Namen jede einzelne dieser Disziplinen bezeichnen, sind sie doch in
Wirklichkeit ebenso viele Spezialwissenschaften, deren Beziehungen
und tief liegende Einheit nicht immer leicht zu entdecken sind.

Auf einem Gebiete jedoch bleiben nicht nur die Unterschiede,
sondern auch die Kämpfe bestehen, und werden auch aller Wahr-
scheinlichkeit nach niemals auf hören: auf dem Gebiet der wirt-
schaftlichen und sozialen Politik.

Während sich zwischen den Nationalökonomen allmählich eine
gemeinsame wissenschaftliche Grundlage herausbildet, sind die Mei-
nungsverschiedenheiten über die in der wirtschaftlichen Politik zu
verfolgenden Zwecke und anzuwendenden Mittel heute nicht weniger
lebhaft, als früher. Alle die großen, in diesem Buche dargestellten
Lehrmeinungen haben auch heute noch ihre Vertreter. Liberale,
Sozialisten, Intexwentionisten, Staatssozialisten und christliche Sozia-
listen fahren fort, sich ihre Ideale und ihre praktischen Methoden
entgegen zu halten. Wird sie nun die Wissenschaft zusammen-
führen? Sicherlich nicht, denn die Gründe, auf die sie sich stützen,
stammen zu einem guten Teil aus anderen Quellen als der Wissen-
schaft. Religiöser Glaube und Moralanschauungen, politische und
soziale Überzeugungen, individuelle Gefühle und Neigungen, bis zu
persönlichen Interessen nnd Erfahrungen spielen hier ihre Rolle und
tragen dazu bei, den Standpunkt eines jeden zu bestimmen. In der
        <pb n="758" />
        ﻿Schlußwort.

733

ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts hatte die Wissenschaft einen
Bund mit einer besonderen Lehre, dem Liberalismus, geschlossen.
Dieser Bund wurde ihr verderblich. Mit dem Tage, an dem der Ver-
dacht aufsteigen konnte, als ob die wissenschaftlichen Theorien nichts
anderes seien als Plaidoyers von Klassenadvokaten zugunsten einer
besonderen Politik, büßten sie einen großen Teil ihres Ansehens ein.
Doch diese Erfahrung ist nicht verloren gegangen und nichts wäre
für die Entwicklung unserer Wissenschaft gefährlicher, als sie von
neuem unter die Botmäßigkeit irgendeiner Schule zu stellen. Wohl
kann die Wissenschaft der Wirtschaftspolitik eine kostbare Stütze
liefern, indem sie ihr gestattet, die wahrscheinlichen Ergebnisse dieser
oder jener Maßnahme vorauszusehen, und man muß hoffen, daß ihre
Voraussagen, die heute noch allzuoft recht unsicher sind, in Zukunft
immer genauer werden. Aber es ist nicht ihre Aufgabe, der Wirt-
schaftspolitik Ideal oder Ziel zu weisen.

Geben wir uns daher nicht der Hoffnung hin, eines Tages die
großen Meinungsströmungen verschwinden zu sehen, die sich heute
Liberalismus, Sozialismus, Solidarismus, Syndikalismus und sogar An-
archismus nennen. Vielleicht werden sie in der Zukunft andere
Namen tragen. Unter der einen oder der anderen Form jedoch werden
sie neben einander bestehen bleiben, weil sie tiefwurzelnden mensch-
lichen Seelentrieben oder dauernden Gruppeninteressen entsprechen,
die abwechselnd die Oberhand gewinnen.

Soll man das bedauern? Nach unserer Ansicht nicht. Die Einheit
des Glaubens erscheint uns ein trügerisches Ideal, und vom rein
praktischen Gesichtspunkte aus stehen wir auf der Seite derer, die
gerade im Interesse der Ziele, die ihnen am Herzen liegen, nicht
wünschen können, eines Tages diese Ziele streitlos und allein das
Feld behaupten zu sehen.

Zusammenfassend dürfen wir wohl sagen; Wachsende Einheit
und Mitarbeit auf dem Boden der Wissenschaft dank der Vervoll-
kommnung der Methoden.

Auf der anderen Seite: Mannigfaltigkeit und sogar Kampf auf
dem Boden des praktischen Lebens zwischen den verschiedenen wirt-
schaftlichen Idealen, die weiter untereinander um die Vorherrschaft
streiten.

Dies wird zweifellos das Bild der künftigen Ökonomik sein.

So ist denn der Eindruck, der sich aus einer Geschichte der
Doktrinen löst, vielleicht etwas trübe, oder doch zum wenigsten dazu
angetan, uns mit dem Gefühl einer gewissen Demut zu erfüllen. So
viele Lehren, die man für endgültig nachgewiesen hielt, verblassen,
und so viele andere, die man tot glaubte, leben wieder auf. Die
aber, die verblassend dahinsterben, sterben und verschwinden nie
        <pb n="759" />
        ﻿734

Schlußwort.

ganz, und die, die wieder neues Leben erfüllt, kehren doch nie als
ganz dieselben wieder.

Was nun aber der Wissenschaft und dem Unterricht am dringend-
sten not tut, um sich zu entwickeln, ist vollständige Freiheit: Freiheit
der Methode, Freiheit der Theorien, Freiheit aber auch in den Idealen
und den Systemen, — denn gerade sie, dje auch den Gefühlen ihren
Anteil belassen, sind oft sehr wertvolle Ansporne zu wissenschaftlicher
Forschung. Nichts ist verderblicher als der Dogmatismus, komme er,
woher er wolle. Leider sind in diesem Punkt keine Schule und kein
Land außer dem Bereiche der Kritik.

Schon Sismondi klagte den triumphierenden Liberalismus an, die
Volkswirtschaft in eine Orthodoxie zu verwandeln. Aber der Libe-
ralismus ist nicht der einzige, der sich diesen Vorwurf gefallen lassen
muß. Vor wenigen Jahren erklärte der Führer der historischen
Schule in Deutschland, Schmollee, in einer Rede, die er als Eektor
der Universität von Berlin hielt, daß man in Zukunft auf öffent-
lichen Lehrstühlen „weder reine Marxisten, noch reine Jünger Smith’s“
zulassen könne. Sollte die historische deutsche Schule gegen ihre
Gegner jenen Ostrazismus wieder einführen wollen, unter dem sie
früher selbst am meisten gelitten hat? Wir können uns aber auch
in Frankreich nicht rühmen, weniger exklusiv gewesen zu sein. Die
Gleichgültigkeit und sogar Feindschaft, mit der lange Zeit hindurch
die mathematische Schule bei uns in Frankreich behandelt wurde,
macht uns wenig Ehre. Und diese gleiche Intoleranz, die man der
„bürgerlichen“ Nationalökonomie mit so viel Recht vorwirft, findet
sich ebenso sehr im Sozialismus. Als gewisse Marxisten in die
Theorie Maex’ Bresche gelegt hatten, sah man zu ihrer Verteidigung
Kämpfer erstehen, die an autoritärem Starrsinn den Verteidigern des
Liberalismus nichts nachgaben, als dieser sich von Neuerungen be-
droht glaubte.

Daher ist die einzige große Nutzanwendung, die sich aus der
Geschichte der Doktrinen ergibt die, daß der Geist der Kritik immer
auf dem Plane sein muß, immer bereit, die erworbenen Wahrheiten
aufs neue zu prüfen und neue Beobachtungen und Erfahrungen mit
Bereitwilligkeit anzuerkennen, damit das Reich der Ökonomik sich
ohne Ende ausbreite und festige.
        <pb n="760" />
        ﻿\

Analytische Inhaltsübersicht.

Seite

Vorwort zur	ersten Ausgabe............................................ XII

Vorwort zur	zweiten Ausgabe.......................................... XII

Vorwort zur	deutschen Ausgabe........................................XIII

Allgemeine Inhaltsangabe............................................. XXI

Erstes Buch.

Die Begründer.

Kapitel I.

Die Physiokraten...........................1—57

Die politische Ökonomie am Ende des 18. Jahrhunderts 1—2.

Dr. Quesnay und die Schule der Physiokraten 3.

I.	Das System.

§ 1.	Die	natürliche Ordnung .	   6

Die verschiedenen Auffassungen dieses Wortes 6—11.

Die praktischen Folgen; das laisser-faire 12—13.

§2.	Der	Reinertrag.................................................. 13

Die produktiven und die sterilen Klassen 13—16.

Erklärung und Kritik dieser Formeln 17—20.

§3.	Der	Umlauf der Güter............................................ 20

Das „Tableau Economique“ 20—24.

Die physiokratische Auffassung des Grundbesitzes 24 — 30.

Die drei Kategorien der Vorschüsse 25.

Die drei Kategorien des Eigentums 27—28.

II.	Die Wirtschaftspolitik.

§ 1.	Der	Handel...................................................... 30

Die Sterilität des Tausches 30.

Die physiokratische Auffassung vom Freihandel 31—36.

Die schutzzöllnerischen Gegner: Galiani und Kecker 36.

Die Freiheit des Zinses; Turgot 37.
        <pb n="761" />
        ﻿736	Analytische Inhaltsübersicht.

Seite

§ 2. Die Rolle des Staates...................................... 37

Theorie des Despotismus 39—41.

Die Punktion des Staates 41—43.

§3. Über die Stenern............................................ 43

Die einzige Steuer auf den Reinertrag 44—47.

Zurückweisung der Einwürfe gegen die einzige Steuer 47—50.

Der Versuch des Markgrafen Karl Friedrich von Baden 60.

§4. Zusammenfassung der physiokratischen Doktrin. Die

Kritiker und die Abtrünnigen........................... 51

Die Beiträge der Physiokraten zur politischen Ökonomie 51—53.

Ihre falsche Auffassung des Wertes 52.

Die abweichenden Ansichten Turgot’s 58—54.

Selbständigkeit der Theorien Condillac’s 54—57.

Kapitel II.

Adam Smith..........................58—131

Bedeutung des Buches von Adam Smith 58—60.

Die Vorgänger Adam Smith’s; Hutcheson, Hume, Mandeville und
die Physiokraten 60—64.

§ 1. Die Arbeitsteilung.............................................. 64

Die Kollektivarbeit, Quelle des nationalen Reichtums 64 - 66.

Die Arbeitsteilung, als Form selbsttätiger Kooperation 66—67.

Ihre Nachteile und Grenzen 67—69.

Ungleichmäßige Produktivität der verschiedenen Arbeiten 69—73.

Smith’s Stellung zu den Arbeitern und den Industriellen 73—76.

Seine Vorliebe für die Landwirte 76 — 77.

§ 2. Der Naturalismus und Optimismus Adam Smith’s ...	77

Die Idee der Spontaneität der wirtschaftlichen Einrichtungen 78.

Ursprung der Arbeitsteilung 79.

Ursprung des Geldes 80.

Ursprung des Kapitals 81.

Die Preistheorie 84.

Selbsttätige Anpassung der Produktion an die Warennachfrage 92.
Bevölkerungstheorie 92—93.

Geldtheorie 94—95.

Das persönliche Interesse als Triebfeder des Wirtschaftslebens 96—99.

Der Optimismus Smith’s 99—101.

Seine ungenügende Beweisführung 102.

Sein Gegensatz zu dem Optimismus Bastiat’s und dem der Hedo-
nisten 103—105.

■§3. Die wirtschaftliche Freiheit und die Theorie vom

internationalen Handel. .•.................................. lüo

Kritik der Regierung 106—107.

Abschwächung des Prinzips des laisser-faire 108.

Unvollständige Kritik des Schutzzollsystems 109—112.

Mäßigung in den praktischen Schlußfolgerungen 113—114.
        <pb n="762" />
        ﻿Analytische Inhaltsübersicht.

737

Seite

§ 4. Einfluß und Verbreitung der Gedanken Adam Smith’s; —

J.-B. Say

114

Umstände, die der Verbreitung der Gedanken Smith’s günstig waren
115-118.

Übersetzungen seines Buches 118—119.

Bolle J.-B. Say’s 120—122.

Seine Auffassung des „Unternehmers“ und seine Theorie der Güter-
verteilung 126, 127.

Gegensatz zu Kicardo 128.

Theorie der Absatzwege und der Krisen 128, 129,

Kapitel III.
Die Pessimisten

, 132-190

Grund dieser Bezeichnung 132—134.

135

Die optimistischen Theorien Godwin’s und Condorcet’s 135—137.

Die Theorie Malthus’: seine beiden Eeihen 138—141.

Die preventiven und die repressiven Hemmungen; was ist unter
moralischer Enthaltsamkeit zu verstehen? 141—144
Utilitaristische Konzessionen diesem Prinzip gegenüber 145—146.
Kritik der Voraussagungen Malthus’ 146—149.

Der Neo-Malthusianismus 150—151.

Bedauerliche Folgen der malthusianischen Lehre 151—152.

Ihre Anwendungen auf die Nächstenliebe und das Almosengeben 152.
Die modernen Bevölkerungstheorien 153, 154.

II. Bicardo. — Seine Bedeutung für die volkswirtschaftliche Wissen-
schaft 154—157.

1.	Das Gesetz der Bodenrente........................................

Vorgeschichte der Theorie Eicardo’s 158—159.

Theorie der Bodenrente 161—162.

Ihre Anwendung auf die landwirtschaftliche Krisis in England 163.
Das Gesetz des sinkenden Bodenertrages 164—165.

Die von der Kententheorie Vorausgesetzen Postulate; das Gesetz des
Einheitspreises 166, 167.

Das Gesetz der Maximalkosten 167—170.

Die Differential- und die absolute Eente 170.

Warum die Bodenrente eine so große Bedeutung hat 171—177.

Die Folgen vom Gesichtspunkt des Freihandels 173.

Die Folgen vom Gesichtspunkt des Grundbesitzes 172, 174.

Die Folgen vom Gesichtspunkt der Zukunft der Gesellschaften 174.

2.	Das Gesetz des Lohnes und Profits................................

Das Lohngesetz Turgot’s 177.

Die Lohngesetze von Kicardo und Malthus 178—179.

Der Antagonismus zwischen Profit und Lohn 180.

Das unvermeidliche Sinken des Profits 181—183.

Die Verteilungstheorie nach Kicardo 183—184.

Gide und Rist, Gesch. d. Volkswirtschaft!. Lehrmeinungen.	47
        <pb n="763" />
        ﻿738

Analytische Inhaltsübersicht.

§ 3. Das Gesetz der Handelsbilanz und die Quantiiäts-
theorie des Geldes

Die Tendenz des internationalen Handels zum unmittelbaren Giiter-
tausch 187.

§ 4. Die Reglementierung der Banknotenausgabe und das

Papiergeld .......................................... .. .

Über die Abschaffung des Papiergeldes 188.

Die direkten Schüler Ricardo’s 189.

Zweites Buch.

Die Gegner.

Kapitel I.

Sismondi und die Ursprünge der kritischen Schule. . 192—225
Triumph des volkswirtschaftlichen Liberalismus 192—193.

Der Pauperismus 194.

Die Krisen 195.

§ 1. Methode und Objekt der Nationalökonomie.................... 196

Veranlassung zur Veröffentlichung der „Nouveaux Principes“ 196.

Mißtrauen gegenüber der Abstraktion 197—200.

Kritik der „Chrematistik“ 200—201.

Begriff der Sozialökonomie 201—202.

§ 2. Kritik der Überproduktion und der Konkurrenz . . .	202

Leiden der Übergangsperioden 202.

Die Maschinen 203—205.

Die Konkurrenz und die Beraubung des Arbeiters 206—209.

Das persönliche Interesse dem allgemeinen Interesse entgegen-
gesetzt 210.

§3. Die Trennung des Eigentums und der Arbeit. Die

Erklärung des Pauperismus und der Krisen ....	211

Das Gesetz der Konzentration des Eigentums 211—212.

Die Bevölkerungs- und Lohntheorie 213.

„Nettoertrag“ und „Bruttoertrag“ 214—215.

Krisentheorie 216—217.

§4. Die Reformprojekte Sismondi’s. Sein Einfluß in der

Geschichte der Doktrinen............................. i	217

Vorschlag von Produktionseinschränkungen 218.

Befürwortung der Wiederherstellung der Kleiuindustrie und des
kleinbäuerlichen Besitzes 219—220.

Die „berufliche Garantie“ 220—221.

Beziehungen Sismondi’s zur historischen Schule 222.

Beziehungen Sismondi’s zum Interventionismus 223.

Beziehungen Sismondi’s zum Sozialismus 224,

Kapitel II.

Saint-Simon, die Saint-Simouisten und der Ursprung des

Kollektivismus. . . .... ... 225—260

Der Sozialismus des 18. Jahrhunderts und der Eevolutionsperiode
225-229.

Seite

184—187

187—190
        <pb n="764" />
        ﻿Analytische Inhaltsübersicht.

739

Seite

§ 1. Saint-Simon und der Industrialismus............................. 229

Leben und Charakter 229—230.

Die „Parabel“ 231.

Der Industrialismus 232—233.

Die „Müßiggänger“ und die „Arbeiter“ 233, 234.

Die Werkstatt als Modell der Gesellschaft 235.

Die Ersetzung der politischen Regierung durch die wirtschaftliche
Regierung 236.	~f

§ 2. Die Saint-Simonisten und dieKritik des Privateigen-
tums ............................................................. 239

Die Schüler Saimt-Sxmom’s 239—241. (!},,	:	. .

Die Ausbeutung, ein Ergebnis des Besitzrechtes 242.

Verschiedene Bedeutung des Wortes „Ausbeutung“ bei den Sozia-
listen 243—245.

Die wirtschaftliche Anarchie als Ergebnis des Eigentums 246, 247.

Zentralisation der Kapitalien in den Banken und Abschaffung des
Erbrechts 247—250.

Historische Entwicklung des Eigentums und Geschichtsphilosophie
253—254.

§3. Die Bedeutung des Saint-Simonismus in der Ge-
schichte der Doktrinen............................................... 255

Praktische Betätigung der Saint-Simonisten 255—256.

Den späteren Sozialisten überlieferte Formeln und Gedanken 257.

Grundlegende Gegensätze zu den klassischen Schriftstellern 258.

Verschiedene Auffassung über die Verteilung der Einkommen 258.
Verschiedene Auffassung über das persönliche und Allgemein-
interesse; das Interesse des Produzenten über das des Ver-
brauchers gestellt 259.

Die künstliche Organisation ist der selbsttätigen Organisation vor-
zuziehen 260.

Kapitel III.

Die Assozialisten..................... 261—297

Kennzeichen dieser Schule. Warum wird sie utopistisch genannt?

261—263.

Reaktion gegen die Revolution von 1789 263.

Gegenüberstellung Owens und Fourier’s 264—265.

I.	Robert Owen 265; Seine Betätigung als sozialistischer Arbeitgeber

266—268.

§ 1. Die Schaffung des sozialen Milieus.............................. 268

Deterministischer Charakter dieses Systems 269.

§ 2. Die Abschaffung des Profits..................................... 270

Die Arbeitsnoten 271.

Die „Labour Exchange“ 272.

Die Konsumvereine 273.

Sein Schüler Thompson 275.

II.	Charles Fourier 276. Seine Verschrobenheiten 276.

§ 1. Das Phalanstöre .	.................................... 277—279

Die Ersparnisse im Kollektivhaushalt 2/9.

Die Dienstbotenfrage 279.

47*
        <pb n="765" />
        ﻿740

Analytische Inhaltsübersicht.

Seite

§2. Die Yollgenossenschaft (cooperation integrale).......... 279

Die Formel der Verteilung 280.

Die Umwandlung des Eigentums in „actionnariat“ 281.

Die Abschaffung des Lohnsystems 282.

§3. Die Säckkehr zum Boden.................................. 283

Vorzugsstellung der Gartenkultur 284.

§ 4. Die anziehende Arbeit ................................. 284

Die Gruppen und Serien 285.

Der Feminismus 288.

Der Garantismus 286.

Schüler Fourier’s: Considerant und Godin 287.

III.	Louis Blanc 288.

Organisation der Arbeit 288—289.

Assoziation gegen Konkurrenz 290.

Buchez und die Produktiygenossenschaft 290.
„Die soziale Werkstatt“ 291—293.

.Rechtfertigung der Einmischung des Staates 293.
Pierre Leroux 296.

Gäbet 297.

Kapitel IV.

Friedrich List und die nationale Volkswirtschaftslehre. 297—326

Allgemeiner Erfolg der Freihandelslehre; Seltenheit des Wider-
spruchs 298.

§ 1. Die wirtschaftliche Lage Deutschlands und die Ideen

List’s...................................................... 299

Innere und äußere Zollschranken des deutschen Bundes 300.

Errichtung des Zollvereins 300—302.

Entstehung des Nationalen Systems; - sein spezifisch deutscher
Charakter 302.

Die Idee der Nationalität 303—306.

Die Idee der produktiven Kräfte 307—309.

Charakteristische Züge des Schutzzollsystems List’s 309—311,

§2. Die Qu eilen List’s; sein Einfluß auf die späteren schutz-

zöllnerischen Lehren............................................ 312

Der „report“ Hamilton’s und die amerikanische Sohutzzollbewegung.

312—314.

List und der Colbertismus 815—316.

Verschiedenheiten zwischen dem heutigen schutzzöllnerischen System
und den Ideen List’s 316—317.

List und Carey 317—319.

List und die modernen schutzzöllnerischen Schriftsteller 320.

Die Idee „der wirtschaftlichen Autonomie“ 321.

Die Idee „der Sicherung des Binnenmarktes“ 322.

§ 3. Die wirkliche Originalität List’s................................ 323

Die historische Methode 323.

Die Idee der wirtschaftlichen Zentralisation 324.

Die dynamische Auffassung vom Nationalwohlstand 325.
        <pb n="766" />
        ﻿Analytische Inhaltsübersicht.

741

Seite

Kapitel V.

Proudhon und der Sozialismus von 1818.	. . . 326—362

Grundgedanke Proudhon’s: die Reform des „Umlaufs“ 328.

1.	Kritik des Eigentums und des Sozialismus...................... 328

„Eigentum ist Diebstahl“ 329—331.

Selbständige Erklärung der Beraubung 331—332.

Kritik des Sozialismus 333.

Die Idee des Gleichgewichts, die Idee der Gerechtigkeit und der
„Mutualismus“ 334 — 337.

2.	Die Revolution von 1848 und der Niedergang des

Sozialismus................................................ 338

Einfluß des Jahres 1848 auf die Geschichte der Ideen 338—339.

Das „Recht auf Arbeit“ und die nationalen Werkstätten 339—341.

„Die Organisation der Arbeit“ und die Kommission im Luxemhurg-
palast 342—344.

Die Arbeitergenossenschaften 344—345.

3.	Die Theorie der Tauschbank.................................... 345

Der Geldzins, Grund der Ungerechtigkeit 347—348.

Seine Abschaffung durch eine Tauschbank 348—349.

Folgen des Systems: „Die Anarchie“ 349—350.

Unmöglichkeit des Systems 350—351.

Notwendiges Wiedererstehen des Zinses 351—353.

Teilwahrheit: der gegenseitige Kredit 354.

Vergleich mit ähnlichen Systemen: die,,Arbeitsnoten“Owen’s, die Bank
Mazel, der „Comptabilismus“ (Buchungssystem) Solvay’s 365—359.

Die Idee der Volksbank 360.

4.	Der Einfluß Proudhon’s nach 1848 ............................. 361

Proudhon und Marx 361.

Die „neue Schule“ von Sorel 362.

Drittes Buch.

Der Liberalismus.

Die beiden liberalen Schulen: die englische und die französische.

363—395.

Kapitel I.

Die Optimisten..................... 364—395

Kennzeichen der französischen optimistischen Schule 365—368.

Die Verbindung des wirtschaftlichen und des politischen Liberalis-
mus 369.

Carey und ßastiat 370—372.

Der Glaube an die providentielle Harmonie 373.

1.	Die Theorie des Dienstwertes................................ 374

Die Definition des Wertes 374—375.

Die Zweideutigkeit des Wortes „Dienst“ 377—378.

2.	Das Gesetz des unentgeltlichen Nutzens und der
        <pb n="767" />
        ﻿

Vir





742	Analytische Inhaltsübersicht

Seite

Der vom Fortschritt verwirklichte Kommunismus 380—381.

Die Theorie Carey’s über die Rente 382—384.

§3. Das Gesetz der Verteilung zwischen Kapital und

Arbeit.................................................... 385

Das Sinken des Zinsfußes 386.

§4. Die Unterordnung des Produzenten unter den Ver-
braucher ....................................................... 387

Falsche Idee, daß die Verbranchskraft ohne Organisation aus-
kommen kann 388.

§5.	DasGesetzderSolidarität	................................. 389

Besondere Bedeutung, die Bastiat dem Worte beilegte 390,

Auffassung Carey’s 391.

Das Gesetz der Bevölkerung nach Carey 392.

Charles Dunoyer 392—396.

Der Freihandel 393.

Die immateriellen Werte 394.

Kapitel II.

Höhepunkt und Niedergang der klassischen Schule.

Stuart	Mill................ 395—428

Zustand des volkswirtschaftlichen Unterrichts in England in der
Zeit nach Ricardo 395.

Nassau Senior 396.

Theorie der „Abstinenz“ 397.

Erweiterung des Begriffs der Rente 397.

John Stuart Mill 399.

Seine Person, seine Werke und sein Platz in der Geschichte 399—401.

♦

§ 1.	Die Großen Gesetze................................................ 402

Der „Homo oeconomicus“ 402.

1.	Das Gesetz des persönlichen Interesses 403.

Was ist der Individualismus; Unterschiede mit dem Liberalis-
mus 403—404.

2.	Das Gesetz der freien Konkurrenz 404.

Das Manchestertum 405.

3.	Das Gesetz der Bevölkerung 407.

4.	Das Gesetz des Angebotes und der Nachfrage; Stuart Mills

Verbesserungen 408.

5.	Das Lohngesetz, Mills Bekehrung 409.

6.	Das Gesetz der Rente 411.

7.	Das Gesetz des internationalen Austausches 412.

Entwicklung der Theorie der internationalen Werte 413—414,

Die Zugeständnisse Stuart Mill’s an den Protektionismus 414—415.

§ 2. Das individualistisch-sozialistische Programm Stuart

Mill’s.................................................... 416

Seine Zugeständnisse an den Sozialismus; sein Programm sozialer
Reform 418—420.

Die Abschaffung des Lohnsystems durch die Produktivgenossenschaft
420—421.

Die Abschaffung der Rente durch die Steuer 422.
        <pb n="768" />
        ﻿Analytische Inhaltsübersicht.

743

Seite

Der kleinbäuerliche Besitz 423.

Die Beschränkung des Erbrechtes 424.

Der „stationäre Zustand“ 424—426.

§ 3. Die Nachfolger Stuart Mill’s , . ,.............................. 426

Cairnes, Michel Chevalier, Courcelle-Seneuil und Cherbuliez 426—428.

Viertes Buch.

Die Abtrünnigen.

Kapitel I.

Die historische Schule und der Streit der Methoden. ■ 431—466

Die „Bleichsucht“ der Volkswirtschaft um 1842 432.

Frühere Versuche, sie durch die Geschichte wieder zu beleben 433.

Doppelter Charakter der historischen Schule; kritisch und kon-
struktiv 434.

§ 1. Der Ursprung und die Entwicklung der historischen

Schule ..................................................... 434

Wilhelm Roscher 434.

Bruno Hildebrand 436.

Karl Knies 438.

Die „junge historische Schule“ und Schmoller 440.

Verbreitung der historischen Schule in England 441.

Verbreitung der historischen Schule in Frankreich 442.

§ 2. Die kritischen Ideen der historischen Schule 443;

Untersuchungen über die Methode der sozialen
Wissenschaften von Karl Menger.............................. 444

a)	Die Idee des Relativismus der wirtschaftlichen Gesetze 445.

Die Haltung Stuart Mills 447.

Die Haltung Marshall’s und Walras’ 448.

b)	Die Kritik des Egoismus als psychologische Triebfeder 449.

Die Haltung Wagner’s, Mills und Marshall’s 449—451.

c)	Die Kritik der Abstraktion und der Deduktion 451.

Neuere Tendenz auf Einigung bei Marshall, Pareto, Schmoller

und Bücher 454.

§ 3. Die positiven Ideen der historischen Schule..................... 455

Die „mechanischen und organischen“ Gesichtspunkte in der National-
ökonomie 455.

Die Geschichte als Erklärungsverfahren 458.

Das Unzureichende derselben 459.

Angebliche „historische Gesetze“ 460—461.

Die Ideen August Comte’s 462.

Die Methode der „steigenden und fallenden Reihen“ 463.

Schlußfolgerungen Jevon’s und Ashley’s 464—465.

Kapitel II.

Der Staatssozialismns. ....... 466—512

Verschiedener Standpunkt gegenüber der Rolle des Staates bei
Adam Smith und Bastiat 467—468.

Doppelte Ideenströmungen im Anfang des Staatssozialismus 469.
        <pb n="769" />
        ﻿744

Analytische Inhaltsübersicht.

Seite

469

§ 1. Die Kritik des laisser-faire bei den Ökonomisten
Sismondi, Hermann, List und Mill 470.

Chevalier und Cournot 471—472.

Der Liberalismus ein „Erbwort praktischer Weisheit“ 473.

§ 2. Die sozialistischen Ursprünge des Staatssozialismus.	473

A)	Rodbertus 475—494.

Die sozialen Funktionen ein Ergebnis der Arbeitsteilung 478.

Das soziale Bedürfnis 479—480.

Rentabilität und Produktivität 481.

Theorie der Verteilung 482—485.

Anteil des Kapitals und der Arbeit am Erzeugnis 486—488.

Das Unzureichende dieser Theorie 488—490.

Das notwendige „Kompromiß“ 490—491.

Biologische Auffassung der Gesellschaft 492.

Kritik Rodbertus’ 492—493.

B)	Lassalle 494 -499.

Seine historische Rolle 494—495.

Seine Verhöhnung der „Nachtwächteridee“ vom Staate 497.

§ 3. Der eigentliche Staatssozialismus.............................. 499

Der Eisenacher Kongreß 500.

Die Idee der nationalen Solidarität 502.

Dupont-White und Adolf Wagner; Höherschätzung des Staates und
Minderschätzung des Individuums 603—505.

Grenzen ihrer Aufgaben 505—506.

Anwendungen auf die Güterverteilung und Gütererzeugung 506—508.

Historische Umstände, die dem Staatssozialismus günstig sind; die
Rolle Bismarcks 608 -510.

Anzeichen eines Rückschlags 511—512.

Kapitel III.

Der Marxismus........................513—550

I. Karl Marx. Lebensbeschreibung 513.

§ 1, Die Mehrarbeit und der Mehrwert............................. 514

Theorie des Arbeitswertes 515.

Die Arbeitskraft des Arbeiters 516—517.

Das Geheimnis der kapitalistischen Produktion 518.

. Der „Mehrwert“ 518.

Die „Mehrarbeit“ 518.

Die Mittel des Kapitalisten, den Mehrwert zu erhöhen 518—519.

Wie der Arbeiter beraubt wird, ohne bestöhlen zu werden 520.

Das variable und das konstante Kapital 521—522.

Die Unternehmungen „höherer und niedriger organischer Zusammen-
setzung“ 528.

§ 2. Das Gesetz der Konzentration oder Expropriation . .	524

Woher kommt der Name Kollektivismus 525.

Die Entwicklung der kapitalistischen Ordnung 525.

Die Umwandlung der unabhängigen Produzenten in Lohnempfänger
526.

Die Selbstzerstörung der kapitalistischen Ordnung 527.

Die Krisen 528.
        <pb n="770" />
        ﻿Analytische Inhaltsübersicht.

745

Das Endziel der kollektivistischen Entwicklung 529.

Die Vergesellschaftung der Produktionsmittel 531.

II.	Die Marxistische Schule 631.

Die Schüler 531.

a)	Warum beansprucht sie den Namen wissenschaftlicher Sozialis-
mus? 532

Ihre Verwandtschaft mit der Schule Ricardo’s; was sie der klassischen
Nationalökonomie vorwirft 532—534.

b)	Der historische Materialismus 534—535; Bedeutung dieses Aus-
drucks 636.

c)	Ihr ausschließlicher proletarischer Charakter 537 ; der Klassen-
kampf 537—538.

d)	Die These der Endkatastrophe 538: der Nutzen des Elends 539.

III.	Die Krisis des Marxismus und der Neo-Marxismus 540.
§ 1. Der reformistische Neo-Marxismus................................

Kritik der Theorien Marx’s 540—541.

Kritik des Mehrwerts 541-542.

Kritik des Gesetzes der Konzentration 542.

Bernstein 542.

Die der Sozialisierung des Eigentums gezogenen Grenzen 543.
Ahschwächung der These vom Klassenkampf 545.

Abschwächung der These von der Endkatastrophe 546.

§ 2. Der syndikalistische Neo-Marxismus..............................

Verwandtschaftsbeziehungen zwischen dem Marxismus und dem
Syndikalismus 547.

Erziehlicher Einfluß der Gewerkschaft 548.

Die Selbsthilfe 549.

Der „Mythus“ vom Generalstreik 550.

Kapitel IV.

Die auf dem Christentum beruhenden Lehren. . .

Ursachen, die das Entstehen dieser Schulen bestimmt haben 551.
Ihre Mannigfaltigkeit und ihr gemeinsamer Charakter 552.

Ihr Antagonismus zum Liberalismus 552.

Ihr Unterschied vom Sozialismus 563.

Die Bedeutung des Einflusses, den sie ausgeübt haben 554.

§ 1. Die Schule Le Play’s............................................

Die falschen Dogmen von 1789 565.

Die patriarchalische Familie, die Wahl-Erbfolgefamilie, die unbe-
ständige Familie 556—558.

Wohlfahrtseinrichtungen der Unternehmer 558—560.

Die monographische Methode 560—562.

Illusionen dieser Methode 561.

Unterschiede gegenüber der deutschen historischen Schule 562.
Spaltung in der Schule Le Play’s 563.

Die Schule der „Science Sociale“ 563.

§ 2. Der soziale Katholizismus.......................................

Die Vorläufer dieser Schule 564—565.

Die der Korporation beigelegte Bedeutung 566.

Seite

540

547

551—584

555

564
        <pb n="771" />
        ﻿Analytische Inhaltsübersicht.

Seite

Übertragung von Verwaltungsbefugnisaen an die Berufsverbände 567.
Notwendigkeit der Hierarchie 569.

Bolle des Staates 570.

Der linke Flügel der katholischen Schule 571.

Der Sillon 571.

Der rechte Flügel der katholischen Schule 572.

Der soziale Protestantismus................................ . . .	572

Die soziale Färbung des Protestantismus 572.

Die Christlich-Sozialen von 1850 [Christian Socialists) 573.

Das Vertrauen in die Produktivgenossenschaft 574.

Die Entwicklung des christlichen Sozialismus in England 575.

Die Entwicklung des christlichen Sozialismus in den Vereinigten
Staaten 576.

Die Entwicklung des christlichen Sozialismus in Deutschland 577.

Die Entwicklung des christlichen Sozialismus in Frankreich 578.

Die protestantischen Gesellschaften zum Studium sozialer Fragen 578.
Individualistischer Charakter des sozialen Protestantismus 579.

Die Mystiker...................................................... 580

Die christlich-soziale Literatur 680.

Die Anathemata Carlyle’s 581.

Das sozial-ethische Programm Kuskin’s 582.

Die Verpflichtung zur Handarbeit und ihre Verherrlichung 582.

Die „wirtschaftliche Bitterlichkeit“ 583,

Die Kunst fürs Volk; die „Gartenstädte“ 584.

Das kommunistische Programm Tolstois 584.

Fünftes Buch,

Die Lehren der neuesten Zeit.

Die vier großen Hauptströmungen der Gegenwart 585.
Umformung der klassischen Doktrinen 585.

Umformung der sozialistischen Doktrinen 586.
Eenaissance des Individualismus 586.

Kapitel I.

Die Hedonisteu................ 587—619

Die Pseudo-Kenaissance der klassischen Schule . . .	587

Auferstehung des „homo oeconomicus“ 588.

Kritik der großen klassischen Doktrinen 589.

Kritik des Gesetzes des Angebots und der Nachfrage 589.

Kritik des Gesetzes der Produktionskosten 590.

Kritik des Gesetzes der Verteilung 591.

Die psychologische Schule ...................................... 592

Woher der Name „österreichische Schule“? 593.

Prinzip des „Grenznutzens“ 593.

Wie es die Probleme des Wertes und des Tausches löst 594.

Das „Grenz-Paar“ 596 Anm.

Das Gesetz des Einheitspreises oder das Gesetz der „Indifferenz“ 597.

Das Gesetz der „Substitution“ 597.
        <pb n="772" />
        ﻿Analytische Inhaltsübersicht.

747

Das Gesetz der Verteilung der Ausgaben 698.

Die „Rente des Verbrauchers“ 599.

Das Gesetz „des Grenzlohnes“ 600.

§ 3. Die mathemathische Schule . . . . ,............................ 601

Geschichtliches über diese Schule 601.

Wie sie jede wirtschaftliche Handlung auf den Tausch zurück-
führt 602.

Abschaffung des Wortes „AVert“ 603.

Die Kunst, alles in Gleichungen auszudrücken 604.

Die Kurven des Angebots und der Nachfrage 606.

Der Gleichgewichtszustand 606.

Das System des allgemeinen wirtschaftlichen Gleichgewichtszu-
standes von Walras 606.

Die drei Märkte und die Gesetze, die sie regieren 608.

Der Mechanismus des Tausches 609.

Das „Gesetz der bestimmten Verhältnisse“ 609.

Die „Komplementär-Güter“ 610.

§ 4. Die Kritik der hedonistischen Doktrinen........................ 610

Ihr geringer Erfolg in Frankreich 611.

Ob es wahr ist, daß die Wünsche nicht in Gleichungen ausgedrückt
werden können ? 612.

Ob es wahr ist, daß die Hedonisten nur den wiedererstandenen
Optimismus verkörpern? 613.

Die Erklärung der Zinsen von v. Böhm-Bawerk 614.

Der Agrar-Sozialisraus von Walras 616.

Ausschluß jeder ethischen Eücksicht 617.

Ob es wahr ist, daß die Hedonisten nichts neues entdeckt haben? 617.

Haben sie ihrer Methode nicht zu viel zugemutet? 618—619.

Kapitel II.

Die Theorie der Bodenrente und ihre Anwendungen. . 620—667

§ 1. Die theoretische Ausweitung des Kentenbegriffs . .	620

Die städtische Bodenrente im 19. Jahrhundert 621.

al Die Ausweitung des Rentenbegriffes auf andere Arten von
Eeichtümern als der Boden 622.

Die Theorie des Profites von Francis Walker 625.

Unterschiede zwischen den Theorien von Walras und Clark 627.
b) Begriff der Rente als „Differentialeinkommen“ oder als
„Seltenheitsprämie“ 629.

Erfolg dieser letzten Auffassung bei den kontinentalen Volkswirt-
schaftlern : Hermann, Mangoldt, Schaffte, Menger, Pareto 632—633.

„Negative“ Rente 634.

§ 2. Der Begriff des „unearued increment“ und die Weg-
steuerung der Rente ................................................ 635

Altere Kritiken des Grundeigentums 636 - 637.

Die Theorie Ricardo’s gibt ihnen neue Kraft 638.

Vorschläge James Mills und John Stuart Mill’s 639.

Die Theorie Henry George’s 641.

Kritiken der Theorien George’s und Mills 644.

Anwendungsversuche 647.
        <pb n="773" />
        ﻿748	Analytische Inhaltsübersicht.

Seite

§ 3. Systeme der Nationalisierung des Bodens.......................... 648

Ihr utopistischer Charakter 649.

Der Vorschlag Gossen’s 630.

Der Vorschlag von Walras 652.

Der Vorschlag von Wallace 656.

Der Vorschlag Loria’s, „Der freie Boden“ 667 Anm.

§ 4. Sozialistische Ausweitungen des Rentenbegriffes . .	658

Die „Fabian Society“ 659.

Versuch Webb’s, den Kapitalzins auf den Gedanken der Rente
zurückzuführen 661.

Widerstand der „Fabier“ gegen den Marxismus 663.

„Spezifisch englischer Sozialismus“ 666.

Kapitel III.

Die Solldaristeu...................... 667—697

§ 1.	Die	Ursachen der Entwicklung des Solidarismus	. . .	667

Etymologie des Wortes Solidarität 667 Anm.

Vorgeschichte der solidaristischen Doktrin 668.

Einfluß der Mikrobiologie 669.

Einfluß der Sozialbiologie 670.

Einfluß wirtschaftlicher Faktoren 672.

Einfluß politischer Faktoren 672—674.

§ 2.	Die	solidaristischen Thesen........................................ 674

Die Theorie des Quasi-Kontraktes von Leon Bourgeois 674.

Die soziale Schuld 675.

Wer soll sie zahlen? 677.

Wem soll gezahlt werden? 677t
Wie soll gezahlt werden? 678.

Die Mutualisation der Risiken 679 Anm.

Fiktion des Quasi-Kontraktes überflüssig 679.

Praktische Schlußfolgerungen aus dieser Theorie 680.

Die Theorie der Arbeitsteilung Dürkheim’s 681.

Die Solidarität ist das Streben nach Einheit 681.

§ 3. Die praktische Anwendung der solidaristischen

Lehren............................................... 682

Die Gesetze Uber obligatorische Unterstützung 683.

Die fiskalischen Gesetze: Progressivsteuer 684.

Die Solidarität durch die freie Assoziation 684.

Die Syndikalisten 684.

Die Mutualisten 685.

Die Konsumgenossenschaften 686.

Das Programm der „Schule von Nimes“ 686—687 Anm.

Das soziale Eigentum 688.

Der Rechtssozialismus 688.

§ 4. Die Kritik des Solidarismus...............................	689

Die Kritik der liberalen Schule 690.

Die Kritik der Moralisten 692.

Die Kritik der Sozialisten 693.
        <pb n="774" />
        ﻿Analytische Inhaltsübersicht

749

Entgegnung auf diese Kritiken 693.

Die durch die Tatsache der Solidarität dem Moralgesetz geleisteten
Dienste 694.

Die Tauschordnung zur Verwirklichung der Solidarität unzu-
reichend 696.

Kapitel IV.

Die Anarchisten.................... 697—728

Doppelter Ursprung der Lehre: liberal und sozialistisch 697.

§ 1. Der philosophische Anarchismus Stirner’s und die

Anbetung des ICH........................................... 699

Das Milieu seiner Entwicklung 699.

Das loh, die einzige Wirklichkeit 700.

§2. Der politische und soziale Anarchismus und die

Kritik der Autorität....................................... 702

Leben Baknnin’s 703.

Leben Kropotkin’s 704.

Die Übertreibung des Ich-Begriffs und die Idee der „Menschheit“ 706.

Kritik des Staates 707.

Kritik des Eigentums 710.

Kritik der unwiderruflichen Gelübde 711.

Die einzige Autorität; Vernunft und Wissenschaft 712.

§ 3. Die gegenseitige Hilfe und die anarchistische Auf-
fassung von der Gesellschaft......................................... 714

Der Mensch ein Gesellschaftstier 714.

Den Liberalen entlehnte Unterscheidung zwischen der Gesellschaft
und der Regierung 716.

Die Anarchie, eine freie Vereinigung von Individuen und Genossen-
schaften 718.

Erwiderungen auf Einwürfe 719.

Das Wachstum der Produktion 721.

§ 4. Die Revolution.................................................. 722

Ihre Notwendigkeit 723.

Muß sich mehr gegen Machtpositionen als gegen Menschen
richten 724.

Bakunin und Netschajeff 725.

Einfluß und Verbreitung der anarchistischen Ideen 726.

Beziehung des Anarchismus zum Syndikalismus 727—728.

Schlußwort......................... 728—734

Wie die Verschiedenheiten der Schulen sich in einer höheren Ein-
heit auszugleichen streben 729.

Wie die volkswirtschaftliche Wissenschaft sich in Sonderwissen-
schaften zu teilen bestrebt ist 731.

Warum die Verschiedenheiten in der Volkswirtschaft bestehen bleiben
werden 732.

Wie sich aus der Geschichte der Doktrinen die Lehre ergibt, den
Dogmatismus zu meiden 734.
        <pb n="775" />
        ﻿Alphabetisches Namenverzeichnis.

Die Zahlen verweisen auf die Seiten, anf denen die betreffenden Schriftsteller
erwähnt sind; die fett gedruckten Zahlen geben die Seiten an, auf denen die Ge-
samtheit der Lehren der betreffenden Schriftsteller ausgeführt ist. Die mit einem *
versehenen Zahlen verweisen auf die Anmerkung der betreffenden Seite.

Adamson 601*.

Adler (Georg) XIV; 698*.

Aftalion 209*.

Alembert (d’) VII*.

Allix 131*; 234*.

Anderson 167*.

Andler 362*; 476*; 498*; 514*; 689*.
Antoine (Pater) 569*.

Antonelli 283*; 611*.

Argenson (Marquis d’) 12*.

Aristoteles 200.

„Chrematistisch“ 200.

Definition der Wissenschaft 459.

„ des Wertes 515.
Solidarismus 670*.

Arkwright 74.

Ashley VI.

seine Meinung über die historische
Schule 439*.

über die wirtschaftlichen Theorien 442;
446.

kritisiert die historische Schule 465.
Auburtin 555 *.

Aucuy 357*.

Aulard 227*.

Aupetit 602*; 611*; 618*.

verwirft das Wort „Wert“ 603*.
Anspitz 602*.

Avenel (Vicomte d’) 621.

Babbage 76.

Babeuf (Gracchus) 227; 499 *.

Baden (Markgraf Karl Friedrich von) 5;
50.

Bakunin 525*; 698; 702—727.

Bardoux (Jacques) 680*.

Barone 602*.

Barres (Maurice) 287 *.

Bastable 312*.

Bastiat 370—390; IV; IX; 429.

Verwandtschaftmit den Physiokraten 42.
sein Optimismus von dem Smith’s ver-
schieden 104.

Ähnlichkeiten mit Say 131.

„ mit den Saint-Simonisten
252*.

Streit mit Proudhon über die Zinsen 347 *.
Ähnlichkeiten mit Eicardo 413*.
Ähnlichkeiten mit Stuart Mill 415.
seine Auffassung derRegiernng 467—469.
Gegensatz zu Eodbertus über die Frage
der proportionalen Anteile 486; 488.
Eolle des Staates 501*.

Schiffbruch seiner Eententheorie 620;
621.

Vorläufer des Solidarismus 669; 690.
Verwandtschaft mit Yves Guyot 690*.
mit Stirner verglichen 700.
mit den Anarchisten verglichen 708.
        <pb n="776" />
        ﻿Alphabetisches Namenverzeichnis.

751

liefert den Anarchisten die Unterschei-
dung zwischen Regierung und Ge-
sellschaft 716*.

Bandeau 3*.

seine Definition der Physiokraten 3*.
seine Werke 4*.

Meinung über das „Tableau econo-
mique“ 21*.

über das Grundeigentum 24.
über die Regierung Chinas 41*.
über den Unterricht 42.
über den Patriotismus 42*.
über die Steuern 43*; 44.
über die gleichen Interessen zwischen
Herrscher und Volk 46.

Bauer (Bruno) 699.

Bauer (Stephan) 21*.

Bazard 228*.
kennt Fourier nicht 228*.

Verf. der „Doctrine Saint-Simonienne“;
vgl. Saint-Simoniens 239—241.

Bebel 500,

Bentham 108*.

Meinung über die Zinsen 108*.
von den Fabiern kritisiert 666.

Berens (Eduard) 622*.

Bergson (Henri) 461*; 536*; 547*.
Bernstein 542—547.

Kritik der marxistischen Thesen 542 ff.
trägt zur Krisis des Marxismus bei 540.
Beurteilung Böhm-Bawerk’s 641*.
Meinung über die Marx’sche Werttheorie
542*.

Berth 547 *.

Meinung über die Anarchisten 702*.
über den Staat 728.

Berthelemy 648*.

Bismarck 474; 499; 609.

Blanc (Louis) 288—296.
seine Organisation der Arbeit 288.
von Sismondi inspiriert 224.
die Saint-Simonisten sind ihm voraus-
geeilt 257.

Meinung Proudhon’s über ihn 333*.
seine Bolle während der Revolution
von 1848 338—345.

Vorläufer des Staatssozialismus 474.
Lassalle entlehnt ihm sein Projekt der
Arbeiterassoziationen 496.

Blanqui (Adolphe) 223*; 332.

Block (Maurice) 428.

Böhm-Bawerk (von) 81 *.

Meinung über Adam Smith 88*.
über Bastiat und Carey 371.
seine Ideen von gewissen Sozialisten
angenommen 541.

Urteil über die Klassiker 689*.

Kritik an ihnen 593.
seine Meinung über den Grenznutzen
693*; 694*.

seine Definition des Grenznutzeus 597*.
seine Zinsentheorie 602; 614—615.
Bedeutung, die er den hedonistischen
Theorien beilegt 619.
verschieden von den Fabiern 662.
Boisguillebert 33*; 38*; 61.

Bonar (James) 59*; 135.

Bondareff 584*.

Bounard (Bank) 356*.

Bonnet (Alfred) 601*.

Booth (Charles) 442.

Bortkiewioz, L. v. 602*.

Bossuet 551.

Bougle 328*; 675*.

Bourgeois (Leon) 674—680; 684*; 685*.
Theorie des Quasi-Kontrakts 676.
Abschätzung der sozialen Schuld 680.
Bourgin (Hubert) 107*; 228*; 277*;
298*.

Bourguin (Maurice) 261*; 361*; 614*;
686*.

Bouvier 612*.

Brandes (Georg) 495.

Brants, VI.

Boyve (de) 578*.

Braun (Karl) 419.

Bray 355.

Brentano (Lujo) 440; 444*.

Briand (Aristide) 283*.

Bright (John) 416.

Brissot de Warville 227*; 329*.

Brodnitz 509*.

Brook-Farm 287*.

Bruhnes (Frau) 680*.

Brunetiere (Ferdinand) 552*.

Buccleugh (Herzog von) 58*.

Bnchanan 59*; 160.

Bücher (Lothar) 474.

Bücher (Karl) 284*.
leitet die Arbeit vom Spiel ab 284*.
seine Meinung über die Aufeinanderfolge
der wirtschaftlichen Perioden 805*.
über die Methode 440; 455.
        <pb n="777" />
        ﻿752

Alphabetisches Namenverzeichnis.

Buchez 290.

nachgeahmt von Louis Blanc 2B0.
Vorläufer der Arbeiter-Assoziationen 344.
des katholischen Sozialismus 564.
den Christlich-Sozialen unbekannt 574.
Buffon 135; 594*.

Buisson 280.

Buisson (Ferdinand) 684*.

Buonarotti 288.

Bureau (Paul) 154; 561*; 564*; 693*.
Buret 224.

Gäbet 297; 263; 277; 333*.

von Proudhon kritisiert 334.

Cairnes 426—427.

seine Meinung über die Methode 441.
Calvin 573*.

Campanella 227*; 277.

Cannan (Edwin) 59*; 489*.

Herausgeber von Adam Smith 59*.
Meinung über die drei Faktoren 64*.
über die Arbeitsteilung Smith’s 69*.
über die Theorie vom Kapital bei
Smith 81*.

über die Theorie der Beraubung bei
Smith 89*.

Endesures und Getreidepreis 162*.
Cantillon (Richard) 53.

Carey 382—384.
seine Grundrententheorie 382.
beruft sich auf die Physiokraten 32.
im voraus von J.-B. Say widerlegt 128
seine Theorie über den Schutzzoll
317—320.

Beziehungen zu Bastiat 370.
seine Werttheorie 375.
seine Theorie über die Assoziation und
die Bevölkerung 391.

Gegensatz zu Eodbertus in der Frage
der proportioneilen Verteilung 486.
Fehlschlag seiner Kritik Ricardo’s 620
bis 621.

Carey (Matthew) 313.

Carlyle 581; — 132; 223.

Carnot (Hippolyte) 240; 241*.

Carnot (Sadi) 418*.

Carrel (Armand) 240.

Carver 593*.

Cauwes 320*.

Cazamian 580*.

Channing 287*; 673*.	&gt;

Chaptal 125; 312*; 313*.

Charlety 255*.

Charmout 689*.

Chatelain 57*; 420*; 489*.

Cherbuliez 428; 615*.

Chevalier (Michel) 427.
seine Beziehungen zu den Saint-
Simonisten 210; 241.

Unterhändler bei dem Vertrag von
1860 255.

von List beurteilt 325*.
seine Ideen über die Eolle des Staates
471.

Vorläufer des Staatssozialismus 507.
Child 61.

Clark (J. B.) 593*.

Grenznutzen 593*.

erneuert die Theorie der Verteilung 599.
seine optimistischen Neigungen 617*.
Gegensatz zu Walras und Walker 627.
seine Theorie der Verteilung 635*.
von Henry George beeinflußt 641*.
Clavieres 120.

Cliffe Leslie 222; 441.

Cobden 371*.

seine Liga von Bastiat nachgeabmt 371*.
sein Lohngesetz 409.
der Freihandel 416.

Unterhändler beim Vertrag von 1860 427.
Colbert 316.

Colins (Baron) 174.

Colinsiens 531.

Colson 489*; 611*.

Einkommenverteilung 387*.

Comto (Auguste) 462—464.
seine Auffassung derVolkswirtschaft 462.

„	' „ des Despotismus 40*.

Beziehungen zu den Saint-Simonisten
228*; 230; 239.

Theorie der drei Stände, Saint-Simon
entlehnt 251.

seine Kritik des Liberalismus 374.
Gegensatz zu Bastiat 374.
die „soziale Funktion“ 378.

Einfluß auf Stuart Mill 400; 418.
von Stuart Mill kritisiert 426*.
stellt die Statik der Dynamik gegen-
über 514.

Christentum 553*.

Vorläufer des Solidarismus 669.
Mißtraut dem Organizismus 671*.

Idee von der solidarischen Verantwort-
lichkeit 675; 682*.
        <pb n="778" />
        ﻿Alphabetisches Namenverzeichnis,

753

Comte (Charles) 234.

Condillac 54—57.

hält die Bekanntschaft mit den falschen
Doktrinen für nützlich VII.
kritisiert die Physiokraten 54.
von A. Smith nicht gekannt und über-
troflen 84.
inspiriert Say 122,
von Say falsch verstanden 122*.
hilft Say, Smith zu korrigieren 131.
seine Gedanken von den Hedonisten
wieder aufgenommen 594 *.

Condorcet 136; 253.

•Considerant (Victor) 287.

von Proudhon kritisiert 333*.
verteidigt das Hecht auf Arbeit 339.
in die Kommission des Luxemburg be-
rufen 342.

Vorläufer des Solidarismus 680.

Dooper (William) 275.

Coquelin (und Guillaumin) 338.

•Cossa (Luigi) VI; XV; 417; 428,
Gourcelle-Seneuil 356*; 358*; 427; 428; 615*.
■Cournot V.

glaubt nicht an den Einfluß derVolks-
wirtschaftler auf den Gang der Er-
eignisse V.

bekämpft den Ereihandel 298*.
kritisiert das Gesetz von Angebot und
Nachfrage 408*.

kritisiert den Optimismus 471; 472.
sieht im Liberalismus ein „Erbwort
praktischer Weisheit“ 473.
unterstützt den Staatssozialismus 481*;
507.

die Nachfrage eine Preisfunktion 590.
gebraucht algebraische Formeln 601*;
604*.

das Gesetz des Absatzes 604*.

Coux (de) 551*.

Croce (Benedetto) 541 *.

Cromwell (Acts of navigation, Schiff-
fahrtsakte) 113*.

Cunningham 442.

■Curmont 15*.

.Damaschke (Adolf) XIV.

Darimon 347 *; 357 *.

Darwin 136; 368; 705.

Denis (Hector) VI.

Meinung über die Physiokraten 2*; 21 *.
Schaubilder zur Erklärung der physio-
kratischen Theorie 9*; 21*.
seine Auslegung des „Überwertes“
Sismondi’s 209*.

Kritik des Tauschlagers Owen’s 273*.
bringt A. Comte mit der historischen
Schule in Verbindung 462*.
Descartes 713.

Deschamps IV *; V *.

Diderot 8.

Diehl (K.) 358*.

Dobbert (P.) 638*.

Dolleans (Ed.) 266*; 269*; 274*.

Dollfus 559.

Doubleday 154*.

Dove (Patrik Edward) 637.

Dragomanoff 700.

Drome (M. de la) 341.

Droz 223.

Drysdale 150*.

Dubois VI.

Duguit 689*.

Dühring (E.) XIII; 131; 237*; 325*; 481 *.
Dumas 229*.

Dumont (Arsene) 154.

Dumoulin 573*.

Dunoyer 369; 392—395.

Beziehungen zu Saint-Simon 234.
empfiehlt die Konkurrenz 366*.

Gegner der Assoziation 367*.
gehört zur „hartherzigen“ Schule 368*.
internationaler Austausch 412.
von Prince-Smith nachgeahmt 501; 502.
Unterschiede von und Ähnlichkeiten mit
den Anarchisten 697; 617 *.

Dupin (Baron) 312*.

Dupont de Nemours 4*.
seine Werke 4*.

seine Definition der Physiokratie 6.
seine Auffassung der sozialen Gesetze 7 *;
8*; 9; 10.

seine Meinung Uber den Despotismus 39*.
über die Grundbesitzer 44*; 45*.
Definition der natürlichen Gesetze 402*.
Dupont-White 503—507.
über die historische Methode 251.
Mitglied der Kommission des Luxem-
burg 342.

Betrachtet hauptsächlich den modernen
demokratischen Staat 467*.

48

Dechesne 567*.

Deherme 668*.

Demolius 563*; 691*.

Gide und Rist, Gesch. d. Volkswirtschaft!. Lehrmeinungen.
        <pb n="779" />
        ﻿754

Alphabetisches Namenverzeichnis.

unter dem zweiten Kaiserreich wenig
beachtet 468.

Vorläufer des Staatssozialismus 607.
Dupuit 592*.

Durand 688*.

Dürkheim 69; 443*
solidarite 680—681.

Duverger 241.

Eden (Vertrag) 117; 416.

Edgeworth (Frl.) 133*.

Edgeworth (F.Y.) 602*; 609*; 647*.
Effertz (Otto) 481*.

Eheberg (von) 300*.

Eiohthal (Gustave d’) 426 *.

Einaudi (Euigi) 621*; 645*; 647*.
Eisenach (Kongreß zu) 500
Beurteilung von seiten Rodbertus’ 477.
Eisenhart (H.) XIII.

Eltzbaeher 704*; 710*.

Ely (Richard) 398*; 577*.
Encyclopedisten 58*.

Enfantin 228*.

Beziehungen zu Fourier 228*.
gründet „Le Producteur“ 239.
wandelt den Saint-Simonismus zu einer
Religion 240.

Entwicklung seiner Ideen 241*.
seine Profit- und Lohntheorie 244*.
Bedeutung, die er den Banken beilegt
247 *.

seine praktische Tätigkeit 255.
seine Definition des Kredits 256*.
seine Auffassung des Allgemein-Inter-
esses 259.

projektiert der Kanal von Suez 427.
Engels (Friedrich) 235*.

„Tod“ des Staates 235*.
seine Beurteilung Saint-Simon’s 237; 257.
Freund und Herausgeber v. Marx 514*.
kündigt die Abschaffung des Privat-
Eigentums an 530*.
verkehrt mit den „Freien“ 700.
Escarra 637*; 656*.

Esmein 38*; 39*.

Espinas V*.

Fabier (Gesellschaft) 659-667; 251; 531*.
Faguet 283*.

Pallot (Tomy) 678; 579.

Faucher (Julius) 700.

Ferrara (Francesco) 376*.

Perrier 313*.

Festy (Octave) 291 *.

Fetter 693*.

Feuerbach 699; 707*.

Fichte 498*.

Fisher (Irving) 81*; 94*; 593*; 602*;

615*; 662.

Fix (Theodore) 223.

Fleurant 675*.

Fontenay (Roger de) 164*.

Bodenrente 382*.

Fouillee (Alfred) 637; 682*; 688.

Fourier 276—283.

seine Meinung über die Bevölkerung
154 *.

von Sismondi bekämpft 220.

Einfluß auf Enfantin 228*.

Beziehungen zu Owen 263.

Meinung über die Freiheit des Tausches
298*.

von Proudhon kritisiert 333*; 334*.
Anhänger des Rechtes auf Arbeit 339.
will sich auf die regierenden Klassen
stützen 537.

eilt dem Solidarismus voraus 669; 680.
von den Anarchisten als einer der ihren
beansprucht 698.

eilt den Anarchisten durch das „Phalan-
stere“ voraus 720*.

Fourniere 632*; 536*.

Foville (A. de) 175*.

Foxwell 275*; 356*.

Franklin 371*.

Frezouls (Paul) 622*; 630*.

Fridrichowitz (Eugen) XIV.

Pröbel 285.

Galiani (Abbe) 36; 63; 54.

Gar^on 60.

Garnier (Joseph) 332; 432.

Garnier (Baron Germain) 432*.

Übersetzer Smith’s 119.

seine Meinung über die Physiokraten

121.

seine Meinung über die immateriellen
Erzeugnisse 122.
über die Überproduktion 129.

George (Henry) 640—645; IV.
widmet den Physiokraten eins seiner
Bücher 51*.

die Saint-Simonisten sind ihm voraus-
geeilt 158; 174; 257,
        <pb n="780" />
        ﻿Alphabetisches Namenverzeichnis.

755

Marx an Bedeutung nachstehend 531 *
von den englischen Christlich-Sozialen
verbreitet 576.

proklamiert das Recht auf den gemein-
schaftlichen Besitz des Bodens 638.
Ähnlichkeiten und Unterschiede mit
Walras 652—653.

Anhänger des „freien Bodens“ 656*.

Gervinus 436*.

Gibbon 117.

Gide (Charles) 276*.

Fourier 277*.

Kritik Bastiats 378*: 387*.
„desirabilitd“ 593*.

Rückkauf des Bodens 654*.
Solidarismus 673*.

Godin (Andre) 287.

Godwin 136.
über Malthus 146.

Meinung über die Bevölkerung Frank-
reichs 158*.

Unterschied von dem Saint-Simonismus
227 *

Vorfahr der Anarchisten 693.

Göhre (Paul) 577.

Goethe XIII; 458.

Gossen 650—653.

seine Beurteilung durch Bernstein 541 *
Geschichte seines Buches 601*; 650*.
Theorie der Nationalisierung des Bodens
650—651.

Gounelle 576*; 578*; 679.

Gournay (Vincent de) 5*; 12*.

Gouth 578.

Grave (Jean) 698; 702*.

Schüler Kropotkin’s 705.
übertriebene Schätzung des Individuums
706.

Ansicht über die Ursachen der Ver-
brechen 710*.

über das Unverbrüchliche der Vertrage
712.

„weder Gott, noch Herr“ 714.
Unterschied gegenüber Kropotkin über
die respektive Rolle des Individuums
und der Gesellschaft 716*.
glaubt an die selbsttätige Harmonie
der Interessen 718*.

Meinung über die Nichtstuer 720.

„ über die Werttheorie 722.

Grün (Karl) 336*; 364*.

Guesde (Jules) 518*; 531*.

Guillaume (James) 525*; 703*; 715*.
Guillaumin (vgl. Coquelin) 333; 697*.
Guise (Familistere de) 287.

Gustav III. 5.

Guy Grand 536*; 550*.

Guyau 680*.

Guyot (Yves) 389*; 406*; 690*.

Halevy (Elie) 133*; 234*; 259*.

Hall 658.

Hamilton 312.

Hargreaves 74.

Harmel (Leon) 569*.

Harmony (New-) 266*.

Harvey 20.

Hasbach 78*.

Hawthorne 287*.

Heeren 436*.

Hegel 498*; 703.

Held 440.

Hermann 470; 623*; 626; 632 u. *.
Hemm 577*.

Higgs 5*.

Hildebrand (Bruno) 436—437.

Sismondi ist ihm vorausgeeilt 222.
seine Theorie der wirtschaftlichen
Perioden 305*.

Ansicht über List 433*.
von Max Weber kritisiert 434*.
Analogien mit Comte 462; 464.

Hirst (Margaret E.) 310*; 313*.

Hitze (Abbe) 665 u. *.

Hobbes 714.

Holyoake 274*.

Howarth (Charles) 275.

Huet (Frangois) 564; 637.

Hughes 573.

Hume 68*.

seine Freundschaft mit Adam Smith 58*.
seine Meinung über die Handelsbilanz 61.

„	„	„	„ Rente 73*; 168*.

die quantitative Geldtheorie 95*; 187.
über den „Völkerreichtum“ 117;
119.

Beziehungen zu Malthus’ Vater 134*.
von Smith gelobt. 308*.

Huskisson 299; 301.

Hutcheson 60.

Hyndman 659*.

Ibsen 581.

Ikaria 277; 297.

48*
        <pb n="781" />
        ﻿756

Alphabetisches Namenverzeichnis.

Ingersoli (Charles) 313*.

Ingram VI; 439*; 462.
Internationale (Internationale
Arbeiterassoziation) 361; 704.

Janet (Paul) 286.

Jannet (Claudio) 559*; 673*.

Jaures 636*.

Jevons (Stanley) 131*.

Meinung über die französische Schule
131*.

Meinung über die historische Methode
433; 464.

definiert die Aufgabe der Volkswirt-
wirtschaft 588*.

der „Grad des Grenznutzens“ 592*; 609.
das „Gesetz der Indifferenz“ 697*.
rehabilitiert Cournot 601 *.
sein Buch 601*.

schlägt vor, das Wort „Wert“ nicht
mehr anzuwenden 603*.
Produktionsvorgang 609—610.
ist Interventionist 616.
mit Gossen verglichen 650*.

Jenks 320*.,

Joseph II. 5.

Katharina II. 5; 38.

Kautsky 312*; 547*.

Kautz (Julius) XIII.

Ketteier (Bischof von) 565.

Kidd (B.) 553*.

King (Gregory) 61.

Kingsley (Charles) 573; 574*; 575*.
Knies 438—450.

seine ungerechte Kritik Smith’s 100*.
reiht Sismondi unter die Sozialisten
ein 222*; 433*.

von Max Weber kritisiert 434*.
seine Meinung über Koscher 435*.
seine Theorie des Relativismus 445; 446.
kritisiert den Mißbrauch des egoistischen
Beweggrundes 449.

seine Auffassung der historischen Ge-
Gesetze 460.

Analogie mit A. Comte 462; 464.
Köhler (Kurt) 312*.

Korinther (Bf. an die) 576*; 677*.

Kraus 118*.

Kropotkin 704—727; 525*.

Kurella 664*.

Kutter 578.

Laboulaye (Edouard de) 573*.

Labriola (Antonio) 514*; 528*; 630*;

532 ; 533*; 536*; 540*.

Labriola (Arturo) 41 *; 541 *.

Lacordaire 295.

Lafargue 531*.

Lafayette 301.

Lagardelle 550*; 703*.

Lalande 681*.

Lamartine 340*; 341.

Lamennais 564.

Lanark (New) 267.

Landry 481*.

Meinung über die Moral Marx’ 536*.
über die Zinstheorie 615*.
über die österreichische Schule 611*;
619*.

Langlois 464*.

Laskine 235*.

Lassalle 494—499.
im voraus von Smith widerlegt 82*.
ehernes Lohngesetz 180; 410; 487.
Beziehungen zu Louis Blanc 295.
kritisiert Bastiat. 371.
sucht ein Kompromiß zwischen der
bestehenden Gesellschaft und dem
Sozialismus 474.

seine persönlichen Beziehungen zu Rod-
bertus und Bismarck 474.
seine Apologie Rodbertus’ 476.
versucht erfolglos Rodbertus zum Bei-
tritt zu seiner Arbeitervereinigung
zu bewegen 477.

mit Henry George verglichen 643*;
652*.

juristischer Sozialismus 689*.
Lauderdale 122*.

Launay (de) 692*.

Launhardt 602.

Laveleye (de) 252; 428; 656*.

Lavergne 423*.

Lavoisier 140.

Lazare (Bernard) 703.

Le Chapelier 263*.

Ledru-Rollin 341.

Legendre 12*.

Legrand (Daniel) 554.

Leo XIII 569*; 570*; 571.

Leopold (von Toskana) 5.

Le Play 555—564; 566.
seine Meinung über die Bevölkerung
154.
        <pb n="782" />
        ﻿Alphabetisches Namenverzeichnis.

757

Beziehungen zu Sismondi 222.

Mitglied der Luxemburg-Kommission
342.

am Rande des Christlich-Sozialismus
554.

Leroux (Pierre) 266*.
erfindet das Wort „Sozialismus“ 266*;
296*.

wie auch das Wort „Solidarismus“ 296;
389*; 669,

Leroy-Beaulieu (Paul) 427*.
über die Natalität 154.
über Fourier 287*.

nimmt die Theorie Bastiat’s über die
proportioneile Verteilung an 387*.
über den Fünften Stand 546.
seine Meinung über die mathematische
Methode 611*.

über den Mehrwert der Grundstücke
621 u. *.

Lesseps (Ferdinand de) 240.

Le Trosne 4*; 17*; 21*; SO*; 56.
Levasseur 368*; 442*.

Levy-Brühl 498*.

Levy (Emmanuel), juristischer Sozialismus
689*.

Lexis (W.), Erklärung des Mehrwertes
512*.

Lichtenberger 227*.

Lieben 602.

Liebknecht 500.

Lilienfeld 670*.

List (Friedrich) 297—326; IX; 124; 192;
261.

Vorläufer der historischen Schule
433.

sein Einfluß auf den Staatssozialismus
470; 502.

Littre 251*.

Locke 636.

Loesewitz 671.

Longe 411.

Loria (Achille) 535*.

der freie Boden 657*.

Lohn (Henri) 568*.

Lukas (Evangelist) 553*; 677*.

Ludlow 673; 574; 575.

Luxemburg (Kommission) 342.

Mably 227.

Macaulay 76.

MacCulloch 200; 396*; 432.

Gibt den Volk erreich tum heraus 69*.
nimmt die Theorie der immateriellen
Produkte an 76; 122*..

Schüler Eicardo’s 158*; 189.
sein Streit mit Sismondi 198; 200.
Maekay J.-H. 699*.

MacWickar 396.

Malon (Benoit) 501*: 531*.

Malthus 134—154; IX; 20.

Gegner der Theorie der immateriellen
Produkte 122*.

Polemik mit Say über die Krisen 123;
130*; 181.

seine Rententheorie 169.
das Gesetz des sinkenden Bodenertrages
170; 174.

seine Lohntheorie 179.
ist Schutzzöllner 186.

Einfluß auf Sismondi 197; 214.
eilt den Saint-Simonisten voraus 257.
Haltung Bastiat’s ihm gegenüber 365.
von Bastiat und Carey kritisiert 890;
391.

von Stuart Mill übertroffen 407.
in welchem Maße er zur Kritik des
Laisser-faire beigetragen hat 470.
von Henry George kritisiert 641.
Mandeville (Bernard de) 61; 80*.

MangoIdt 624*; 626; 632.

Manu 148.

Mantoux (P.) 74*; 109*; 116.

Marat 226*.

Marcus Aurelius 668.

Marcet (Frau) 133*; 395.

March (Luden) 447*.

Marie 339; 340*.

Marmande (de) 706.

Marmontel 8.

Maroussem (du) 564*.

Marrast (Armand) 341.

Marshall 378.

Ritterlichkeitsgeist 378.

Meinung über die deutschen Volkswirt-
schaftler 440; 445*.
über das Wesen der wirtschaftlichen
Gesetze 446—448.

lehnt den „homo oeconomicus“ ab
450-461.

bedient sich sowohl der Induktion wie
der Deduktion 454.

kritisiert die Geschichte als Mittel zur
Tatsacheuerkläruug 459.
        <pb n="783" />
        ﻿758

Alphabetisches Namenverzeichnis.

von Arthur Lahriola mit Marx verglichen
541*.

mit Ruskin verglichen 583*.
seine Gedanken werden von gewissen
Sozialisten angenommen 586.

Rente des Verbrauchers 599*.

Kurve der Nachfrage 604.

Meinung über die mathematische
Methode 618*; 619.
über den Begriff der Rente 622*.

Seine Auffassung des Profits 627.
die „Composite-Rente“ 628.
sieht in der Bodenrente den Bestand-
teil einer langen Reihe 634.

Martineau (Frl.) 133*; 395.

Marx (Karl) 513—539; IV.
seine Meinung über Smith 74*.
seine Werttheorie von Smith formuliert
87.

Verwandtschaft mit Ricardo 134; 157.
Analogie mit den Klassikern 2C5.

'Unterschied zwischen seinem „Mehr-
wert“ und dem „Überwert“ Sismondi’s
209.

das Gesetz der kapitalistischen Konzen-
tration bei Sismondi 211; 212.
seine zahlreichen Anleihen bei Sismondi
224.

seine Theorie der Ausbeutung ver-
schieden von der der Saint-Simonisten
244*; 243—245.

seine Anleihen bei den Saint-Simonisten
254.

sein System eine Geschichtsphilosophie
250; 535; 547.

Worin es sich von dem der Saint-Simo-
nisten unterscheidet 254; 255*.
Unterschied zwischen seiner Wert-
theorie und der Proudhon’s 330*.
Kritik der Tauschbons Bray’s 356*.
heftiger Angriff gegen Proudhon 361;
362.

sein Triumph über ihn in der Inter-
nationale 362.

Unterschied von Stuart Mill 419*.
sein Revolutionarismus als im Gegen-
satz zu dem Konservativismus Rod-
bertus’ 476.

seine Theorie des Arbeitswertes von
Rodbertus zurückgewiesen 484.
nimmt das eherne Lohngesetz nicht
formell an 487.

hat es weniger eilig als Rodbertus, die
Lage der Arbeiter zu bessern 491.
gemeinsames Handeln mit Lassalle im
Jahre 1848 494.

seine Theorien teilweise von Lassalle
angenommen 495.

kritisiert die Haltung Lassalle’s 497*.
entlehnt seine Beobachtungen mehr
englischen, als deutschen Verhält-
nissen 499.

sein geriner Einfluß in England 658.
Gegensätze zu den Fabiern 663; 664;
666.

verkehrt mit den „Freien“ 700.
seine Beziehungen zu Bakunin 704.
sein Einfluß von den Anarchisten be-
kämpft 726—727.

Mathieu (de la Dröme) 341.

Maurice 573; 574*; 575.

Mazel (Fulcrand) 356 u. *.

Mehring (F.) 496*; 497*.

Meline 20*.

Melouga (die Familie) 557; 562.

Meneuius Agrippa 668.

Menger (Anton) 237.

Meinung über die Lehre der Saint-
Simonisten 240.

Ansicht über die Quellen Rodbertus’
260*; 475*.

über die von Marx 476*; 514*.
über Fichte 498*.

Beziehungen zu dem „juristischen
Sozialismus“ 689*.

Menger (Karl) 444; 84.

Meinung über Roscher 435; 436*.
seine Polemik mit Schmoller 444; 588.
Meinung über den „Relativismus“ 445,
Anhänger der deduktiven Methode 452;
453*.

Unterschied zwischen der „historischen“
und der „theoretischen“ Sinnbedeu-
tung einer Tatsache 460*.
Grenz-Nützlichkeit 593*.
schließt die Rententheorie in die allge-
meine Preistheorie ein 633.

Mercier de la Ri viere 4*.
seine Werke 4*.

Auffassung der natürlichen Ordnung 6.
Harmonie des persönlichen und des all-
gemeinen Interesses 12.
die Unproduktivität der Handwerker 14.
        <pb n="784" />
        ﻿Alphabetisches Namenverzeichnis.

759

Meinung über das Eigentum 24*.
der Handel ein „notwendiges Übel“ 31.
die parasitischen Kaufleute 32.
widerlegt den Merkantilismus 33 *; 34.
Beziehungen zu Katharina II. von Ruß-
land 38.

Verwandtschaft mit Owen und Fourier
263.

Meredith (George) 495*.

Meslier (eure) 227*.

Metin 656 * 660*.

Meyer (E.) 459*; 463*; 464*.

Meyer (Rudolph) 476; 476*; 477*; 490*.

Milcent 572*.

Mill (James) 174; 189; 396*; 639.

Mill (Frau Stuart Mill) 399*; 408.

Mill (John-Stuart) 399—426: IX.
bekämpft die Theorie der immateriellen
Produkte 71; 122*.

„Kapital begrenzt die Industrie“ 82*.
korrigiert Smith’s Definition der Nütz-
lichkeit 85*.

Smith in der Theorie des internationalen
Handels überlegen 110.
der hauptsächlichste Vorteil des inter-
nationalen Handels ist die Einfuhr
112.

gibt das Bestehen immaterieller Pro-
dukte nicht zu 122*.

Rentengesetz ist „die Eselsbrücke“ der
Studenten 158.
der stationäre Zustand 182.
schreibt an Laveleye 252*.

Meinung über Saint-Simon und Fourier
288.

nimmt den Gedanken eines Schutzzolles
für entstehende Industrien an 315.
widerlegt Carey 319—320.
hat er List gelesen? 320*.
verdient nicht die Kritiken der Histori-
schen Schule 432.

die Volkswirtschaft eine Wissenschaft
der „Tendenzen“ 448.
nimmt den Egoismus als einzige wirt-
schaftliche Triebfeder nicht an 450.
seine Meinung über die Rolle der Re-
gierung 470—473.

seine Haltung mit der Adolf Wagner’s
verglichen 606; 507.
widerlegt Le Play 559.
berichtigt das Gesetz des Angebotes
und der Nachfrage 408; 590.

erweitert die Theorie Ricardo’s über
die Bodenrente 624—631.

Rente von Bergwerken 623.
seine Profittheorie 628.
nimmt das Recht der Gemeinschaft auf
den Boden an 638*.
seine Theorie der Besteuerung der
Bodenrente 639—647.

Unterschiede mit Walras und mit Gossen
649; 653.

der Kooperation günstig 687*.
Millerand 667*.

Mirabeau (Marquis de) 4*.
seine Werke 4*.

spricht die Formel „laisser-faire“ Gour-
nay zu 12*.

Ansicht über das „Tableau economique“
21*.

Meinung über das Darleihgeschäft 36.
über die Bevölkerung 136.

Mohl (von) XIV*.

Moormeister (Ed.) XV*.

Moses 148.

Molinari 42.

definiert die Funktionen des Staates
wie die Physiokraten 42.
sieht in den Aktiengesellschaften die
Lösung der sozialen Frage 280.
seine Beschreibung Bastiat’s 371*.
sein Glaube an die freie Konkurrenz
392*; 406*.

Mollien (Graf) 354.

Monod (Gabriel) 464*.

Monod (Wilfred) 579*.

Montalembert 555*.

Montohretien (A. de) 1.

Montesquieu 39; 135.

Morellet (Abbe) 53.

Morelly 227.

Morris (William) 283.

Morus (Thomas) 227; 277.

Moufang 565.

Müller (Adam) 313*.

Mun (Comte A. de) 551*; 566.

Napoleon I., seine Beziehungen zu Say 120.
Napoleon I1L, 315; 365.
die Handelsverträge 416.

Aufsätze Proudhon’s gegen ihn 360.
die Arbeiterfragen 427.

Beziehungen zu Le Play 558*.
Naumann (Friedrich) 577.
        <pb n="785" />
        ﻿760

Alphabetisches Namenverzeichnis.

Necker 36.

schafft die Freiheit des Getreidehandels
ab 36.

legt das erste französische Budget vor
45*.

formuliert das eherne Lohngesetz 177.
Neill (Patrick) 312*.

Netschajefi 725.

Nettlan 703*.

New Harmony 266*; 272*.

New Lanark 266*; 267.

Newton inspiriert Say 124.

Nicholson 69*; 672*.

Nietzsche 581.

Nim es (Schule von) 686*.

Nitti 572*.

•North (Dudley) 61.

North (Lord) 117.

Oberlin 654.

Oceana 113.

Ogilvio (W.) 637.

Olivier (Paul) 693*.

Ollivier (Emile) 366.

Oncken (August) XlV; 3*; 12*; 20; 21*;
34; 436*.

Oncken (Hermann) 474*.

Orbiston 266*.

Owen (Robert) 265—275; 196*.
Unterschied von Sismondi 208; 209.
von Sismondi kritisiert 220.
den Saint-Simonisten unbekannt 227*.
Ähnlichkeit mit den Physiokraten 263.
mit Fourier verglichen 263.
von Fourier kritisiert 276.

Unterschied von Louis Blanc 290; 293.
seine Bank mit der Proudhon’s ver-
glichen 355.

keinen Einfluß auf Stuart Mill 421.
will sich auf die reichen Klassen stützen
537.

Beziehungen zu den Christian
Socialists 574.

Paepe (de) 526*.

Paillotet 388*.

Paine (Thomas) 637.

Pantaleoni 41*.

Meinung über die Holle der Physiokraten
41*.

setzt die Produktion dem Austausch
gleich 602.

seine Auffassung der reinen Ökonomik
617.

teilt die Meinung Walker’s über den
Profit 627*.

Pareto (Vilfredo) 81*.

Definition des volkswirtschaftlichen
Problems 86*.

unterscheidet die Ophelimität von der
Nützlichkeit 111; 472; 593*.
seine Kritik des Sozialismus 261 *.
der internationale Austausch 323*.
Auffassung über die Methode 454.
Preise auch in einer kollektivistischen
Gesellschaft notwendig 472; 482.
in Übereinstimmung mit Sorel 511.
Meinung über Walras 606*.

Wünsche und Hindernisse 609*.

Gesetz der bestimmten Verhältnisse 610.
über die Berechtigung des Eigentums
614*.

schließt ethische Zweckbeschäftigungen
aus 616—617.

Hoffnungen auf die mathematische
Methode 619.

Erklärung der Rente durch die Schwierig-
keit, Ersparnisse in Kapital zu ver-
wandeln 632*; 634*.
die „negative“ Rente 634.
kritisiert die „Solidarität“ 680*.

Passy (Frederic) 579*.

Passy (Hippolyte) 423*.

Patten 321*; 693*; 617*.

Pearson (Karl) 447*; 466*.

Pecqueur 342; 514*.

Peel (Robert) 315.

Peliarin 277*.

Pereire (Isaao und Eugene) 240 ; 255.

Perin (Charles) 572*.

Pervinquiere 16*.

Petty (William) 61.

Pflüger 578.

Physiokraten, die L—57; IX.
persönliche Beziehungen zu Smith 68.
was Smith ihnen entlehnt hat 62.
mit Smith verglichen 69.

Smith nimmt im besonderen ihre These
über die Produktivität der Landwirt-
schaft an 71-—73.

ebenso die über das selbsttätige Ent-
stehen der wirtschaftlichen Tatsachen
78.
        <pb n="786" />
        ﻿Alphabetisches

verschiedene Auffassungen der natür-
lichen Gesetze bei Smith 98.
weiter gefaßte Ideen Smith’s über die
wirtschaftliche Freiheit und den
Außenhandel 105; 109; 110.

Meinung Garnier’s und Say’s über sie
121.

ihr Begriff der natürlichen Ordnung
mit dem Smith’s und Say’s verglichen
123.

Verteilungstheorie bei Say bedeutender
127—128.

ihr Begriff der Bodenrente verglichen
mit dem malthusischen und ricardo-
schen 158; 169.
von Sismondi kritisiert 210.

Einfluß auf die Revolution 226*.
mit Owen verglichen 263.
bereiten Proudhon den Weg vor 354.
begründen den Optimismus 364; 367;
369.

inspirieren Bastiat 373.

Gegensatz zu Dnnoyer 393.

Auffassung der natürlichen Gesetze 402.
setzen die „Vernunft“ an Stelle des
persönlichen Interesses 403.
der „Reinertrag“ verglichen mit dem
Mehrwert Marx’ 422; 517*.

Analogie mit Bakunin 714.
einfacher Charakter der Volkswirtschaft
in ihren Büchern 730.

Pitt 118.

Place (Francis) 180*.

Plato 227.

Pollock (Sir Frederik) 636.

Potter (Beatrice, vgl. Webb) 666*.

Prince-Smith 428; 501.

Proudhon 326—362; — IV; IX; — 192;
514*.

wird von den Saint-Simonisten in-
spiriert 237.

sein Streit mit Bastiat 347*; 376*.
weist Marx gegenüber den Gedanken
an eine Revolution zurück 361*.
hat Rodbertus nicht inspiriert 475*.
die „Wert-Bildung“ von Marx kritisiert
491*.

Beziehungen zu Marx 528; 541.
Meinung über das Grundeigentum 636.
Wiedervergeltungsgesetz 696.

Vorläufer des Anarchismus 698,
Beziehungen zu Bakunin 703.

Namenverzeichnis.	7ßl

Überschwenglichkeiten hinsichtlich der
Freiheit 708*.

Die Regierung der geschaffene Be-
schützer der Eigentümer 711.
proklamiert die Herrschaft des Ver-
standes 712.

sieht in der Gesellschaft ein wirkliches
Wesen 716*.

glaubt an die selbsttätige Harmonie
der Interessen 718*.
will die Revolution der Gewissen her-
beiführen 722,

sein Einfluß auf den Syndikalismus 727.
Prudhommeaux 297*.

Puech 362*; 364*.

Quesnay verdient den Namen Gründer 2.
Smith will ihm sein Buch widmen 3.
seine Bücher 3*.

sieht in der Volkswirtschaft eine Phy-
siologie 9.

seine Auffassung von der natürlichen
Ordnung 10.

formuliert das hedonistische Prinzip 12
Auffassung des „richtigen Preises“ (bon
prix) 17; 18.

Tableau economique 21*; 22.

Sozialist, ohne es zu wissen 24.
seine Achtung vor dem Eigentum 28.
der internationale Handel ein „Not-
behelf“ 32.

Theorie der Zinsen 37.
ehernes Lohngesetz 48.

Werttheorie 52.

persönliche Beziehungen zu Smith 63.
Urteil Adam Smith’s 99.

Urteil Enfantin’s 228*.
mit Owen verglichen 263.
von Proudhon in Anspruch genommen
335.

mit Walras verglichen 607.

Qnetelet 466*.

Rae (John) 59*; 73*; 75*; 108*.

Ragaz 578.

Raiffaisen 565 ; 572*.

Rambaud VI; 812*; 572*.

Rau 399; 432.

Eauschenbusch (Walter) 577*.

Raymond 312.

Reclus (Elisee) 698; 705—723.

Reid 637.
        <pb n="787" />
        ﻿762

Alphabetisches Namenverzeichnis.

Eenan (B.) 692*.

Kenard (Georges) 532*; 536*.

Eenouvier (Ch.) 461 *; 637.

Eentzsch 502*.

Eeybaud (Louis) 345; 401; 430.

Eicardo 154—190; — 1Y; IX; 217; 432.
„Eente“ und „Nettoprodukt“ 19; 28*.
nicht der gleichen Meinung wie Smith
über die Landlords 77.
verbessert die Definition der Nützlich-
keit Smith’s 85*.

beschäftigt sich hauptsächlich mit der
Verteilung 90.

verbessert die Theorie des internatio-
nalen Handels Smith’s 110; 113.
Gegensatz zu Say 121; 128; 131.
ist Philanthrop 183.
geistiger Vater Marx’ 134.
von Sismondi kritisiert 197; 198.
widerlegt und überzeugt Sismondi 200.
merkwürdige Meinung über die Ma-
schinen 204*.

kritisiert die These Sismondi’s über
diesen Punkt 205.

falsche Beziehung, die zwischen hohen
Löhnen und Bevölkerung hergestellt
worden ist 214.

inspiriert die Saint-Simonisten 257.
von List abgelehnt 304*; 323.
von Bastiat kritisiert 363; 365 ; 379.
Carey leugnet sein Gesetz der Eente
382.

seine Schüler 896*.

seine Eententheorie von Senior er-
weitert 398.

bereitet Stuart Mill den Weg vor 403;
422.

Theorie des internationalen Handels
verglichen mit der Mill’s und Bastiat’s
413—415.

Sinken der Profite 425.

von Sismondi und List kritisiert 433.

Meinung Eoscher’s über ihn 435.

Von den Anhängern der historischen
Schule kritisiert 449.

Beitrag zur Kritik des laisser-faire 470.
seine Theorie des Arbeitswertes von
Eodbertus kritisiert 475*.
seine Lösung des Problems der pro-
portioneilen Verteilung 486.
seine Theorie des notwendigen Lohnes,

von Lassalle „ehernes Lohngesetz“
genannt 487; 496.
eilt Marx voraus 615.
seine Methode dieselbe wie die von
Marx 532.

gibt Anlaß zum Entstehen der Natio-
nalisierungsidee 620.

Erweiterung seiner Eententheorie durch
verschiedene Schriftsteller 622—624.
Ersetzung der Differentialidee durch
die der Seltenheit als Erklärung der
Eente 629—630.

Umformung seiner Auffassung durch
Mill und George 624; 635—636; 652*.
unterhöhlt das Eigentumsrecht 638.
Unterschied seiner Auffassung von der
von Walras 655.
sein Einfluß auf die Fabier 661.

Eichelot 298*.

Eist 194*; 387*.

Kritiken Eodbertus’ und Bastiat’s 484*.
Verteidigung der Hedonisten 613*.

Eoohdale (Pioniere von) 275.

Eodbertus 475—494.
im voraus von Smith kritisiert 82*.
seine Anleihen bei Sismondi 224.
Analogien mit Proudhon 331; 332.
seine „Arbeitbons“ verglichen mit den
„Umlaufbons“ Proudhon’s 355; 356.
Gegensatz zu Bastiat 387*.
Übereinstimmung mit Stuart Mill 420.
sein Urteil über Lassalle 496.
nimmt seine Beobachtungen außerhalb
Deutschlands 499.
inspiriert Adolf Wagner 506.

Analogien mit Marx 542.

„ mit Henry George 643*.
Organizismus 670*.

Eodrigues (Eugene) 239.

Eodrigues (Glinde) 230; 231*; 239.

Eogers (Thorold) 59*.

Eömer (Bf. an die) 668*.

Eoscher 434—436.

Sismondi ist ihm zuvorgekommen 222.
Erscheinung des „Grundrisses“ 431.
kennt Sismondi nicht 433*.
Unterschiede von Hildebrand und Knies
438; 439.	.

seine Gedanken verspätet diskutiert 444.
seine Theorie historischer „Parallelis-
men“ 457*; 460.

Eossi (Pellegrino) 355*; 399; 432.
        <pb n="788" />
        ﻿Alphabetisches Namenverzeichnis.

763

Verbrauchskooperation 355*.
Vorgänger Chevalier’s am College de
France 427.

Eoubaud (Abbe) 4*.

Eousiers (P. de) 564*.

Rousseau (J.-J.) 1.

Aufsatz in der Encyclopädie 1.
der „Contrat Social“ mit der natür-
lichen Ordnung verglichen 6*.
im Gegenpol der Physiokraten 7*; 8*.
in Beziehungen zu dem Vater Malthus'
134*.

Eigentumsrecht und die französische
Revolution 226*.

„1’Emile“ und Robert Owen 268*.
der Quasi-Kontrakt 676.
Rowton-House 278.

Ruskin 223; 283; 580-584.

Rutten (Pater) 567*.

Sainte-Beuve 218; 332*; 336*.
Saint-Leon, Martin 569*.

Saint-Eene Taillandier 699*.

Saint-Simon 225—239; IX.
Anti-Schutzzöllner 298 *.

Einfluß auf Proudhon 350*.

Einfluß auf Stuart Mill 400.

Einfluß auf Michel Chevalier 427,
gibt A. Comte seine Theorie der
„historischen Reihen“ ein 463.
Vorbereitung für Marx 515; 542.
schreibt für die wohlhabenden Klassen
637.

Saint-Simonisten 239—260; 125; 191.
Analogie mit Sismondi 208.

Meinung über Sismondi 218.
Unterschiede mit den Assozialisten 261.
die Frauentage 286.
ihre Schule von kürzerer Dauer als der
Fourierismus 287.

Buchez einer von ihnen 290.
Schutzzollsystem 325 *.

Beziehungen zu Proudhon 330; 334.
Einfluß auf Stuart Mill 418; 423.
Vorläufer der historischen Schule 433.
ihre Gedanken von Rodbertus wieder
aufgegriffen 482 ; 484.
mit Marx verglichen 520*.
verdienen nicht den Namen Utopisten
632*.

haben die Idee des Klassenkampfes 538*.
eilen Henry George voraus 639.

Sand (George) 296.

Sangnier (Marc) 565 ; 571*.

Sartorius 119.

Saumaise 573*.

Savigny 435.

Sax 593*.

Say (Louis) 298*.

Say (J.-B.) 114-131; — IV; IX; — 90
hält die Geschichte der Irrtümer für
nutzlos VII.

definiert den Unternehmer 73 *; 126; 127.
Unterschied von Adam Smith 79.
die Güterverteilung 104.

Meinung über die Unabhängigkeit
Nordamerikas 116.

Briefwechsel mit Ricardo 156*.
Meinung über das Elend der Arbeiter
124*; 194.

Polemik mit Sismondi 200.
verwirft seine Definition der Volks-
wirtschaft 198.

widerlegt die Krisentheorie Sismondi’s

200.

Meinung über die Maschinen 205.
Überlegenheit Sismondi’s ihm gegen-
über 206.

glaubt an das Unzureichende der Pro-
duktion 219.

Meinung Enfantin’s über ihn 228*.
Analogie mit Saint-Simon 234.
Meinung Saint-Simon’s über ihn 237*.
Gegensatz zu den Sozialisten 258.
von List gelesen 804*.
von List als Merkantilist bezeichnet 315.
von Proudhon nachgeahmt und über-
trieben 335; 353—354.
von Bastiat gelesen 371*.

Sinn des Wortes „Dienst“ (Service) 378*.
Unterschied von Bastiat 380*.
Unterschied von Dunoyer 394*.

Sinn des Wortes „Profit“ 425*.
Vorgänger Chevalier’s am College de
France 427*.

von der historischen Schule kritisiert 449.
seine Theorie der Verteilung von Rod-
bertus entlehnt 483.
stellt die Frage der proportionalen Ver-
teilung auf 486.

unterscheidet vor Walker die Funk-
tionen des Unternehmers 626*; 626.
kritisiert die Rententheorie Ricardo’s
630*; 631*.
        <pb n="789" />
        ﻿764

Alphabetisches Namenverzeichnis.

seine Erklärung der Grundrente 632.
Sohäffle 600*.

prägt das Wort „Assozialisten“ 261*.
seine Werke 500*.

die soziale Frage eine Magenfrage 536.
seine Rechtfertigung der Bodenrente
633.

seine biologische Auffassung der Ge-
sellschaft 670*.

Schatz 61*; 424*.

Schelle 5*; 13*.

Schmidt (H.) 59*.

Schmidt (Kaspar) vgl. Stirner.

Schmollet (Gustav) 438—440.

Sismondi eilt ihm voraus 222.

Meinung über Roscher 436.

Polemik mit Karl Menger 444*: 588.
Auffassung über die Volkswirtschaft
der Zukunft 451.

Meinung über die Methode 454.
führt Goethe an 458.
sein Skeptizismus hinsichtlich der his-
torischen Schule 461.
von Ashley anerkannt 465.
redigiert das Manifest des Eisenacher
Kongresses 600.

Meinung über die Verdienste derHohen-
zollern 506*.
ungenügend liberal 734.

Schernberg 502*.

Schulze-Delitzsch IV; 428; 496.
Schumpeter 622*.

Schuster 864.

Schweitzer 497*.

Seager 396*.

Secretan (Ch.). 637; 682*.
Segur-Lamoignon 569*.

Seignobos (Ch.) 461*.

Seligman (Edwin R. A.) 395*; 648*.
Senior (Nassau) 396—398; 407; 432.
nimmt die Theorie der immateriellen
Produkte an 122*.

Schüler Ricardo’s 189.
übertreibt den Begriff der Rente 412
betrachtet die Erbschaft als eine Rente
423,

kommt Walker in dessen Rententheorie
zuvor 624; 626.

Sensi 632*.

Shaftesbury (Lord) 76; 268; 554.

Shaw (Bernard) 659*; 660; 662*.

Sillon (Le) 565; 571; 572.

Simiand (Frangois) 443*; 459*; 611*.

Sismondi 192—225; IV; IX; — 191.
Streit mit Say 124; 130; 131; 200.
Unterschied seiner Ausbeutungstheorie
mit der der Saint Simonisten und
der Marx’ 243-245; — 515.
von den Saint-Simouisten beurteilt 258*.
inspiriert Louis Blanc 288; 295.

Gegner des Schutzzollsystems 298*.
mit List verglichen 325.
inspiriert Stuart Mill 418.
beschäftigt sich mit dem Kleingrund-
besitz 423*.

Vorläufer der historischen Schule 433.
kritisiert das laisser-faire 470.
Schüchternheitseiner Einmischung 472.
inspiriert Rodbertus 475*.

Anleihen, die Rodbertus bei ihm macht
479; 481; 482; 488.

„Mehrwert“ und „Überwert“ 518; 542.
sein Garantismus vom Solidarismus
wiederholt 680.

Kritik des Dogmatismus der Liberalen
734,

Sizerranne (R. de la) 580*.

Smith (Adam) 58—131; — IX.
seine Definition der Volkswirtschaft 1.
seine Beziehungen zu den Physio-
kraten 3.

Turgot gegenübergestellt 5*.

Meinung über die Produktivität des
Bodens 19.

seine Gedanken von Say klarer dar-
gestellt 121.

von Say verschiedene Auffassung der
wirtschaftlichen Gesetze und der
Volkswirtschaft 121; 122.
mehr um die Landwirtschaft besorgt
als Say 125.

spricht nicht vom Unternehmer 126.
fehlerhafte Verteilungstheorie 127—128.
anregender als Say 130.
mit Ricardo verglichen 154.
seine Rententheorie 169*; 160*; 161*.
der Wert im Verhältnis zur Arbeit 168;
174.

Gegensatz zu Ricardo hinsichtlich der
Landwirte 172*.

weniger freihändlerisch als Ricardo 173.
quantitative Geldtheorie 184.
inspiriert Sismondi 196—197.

Meinung über die Konkurrenz 207.
        <pb n="790" />
        ﻿Alphabetisches Namenverzeichnis.

765

seine Ansicht über das Zusammenfällen
des persönlichen und allgemeinen In-
teresses von Sismondi kritisiert 210.
seine Bevölkerungstheorie von Sismondi
angenommen 218.
von Saint-Simon gelobt 237*.

Meinung über die Eolle der Regierung
246.

im Gegensatz zu den Sozialisten 258.
Erfolg seiner Lehren in Europa 297—298.
ungerechte Kritik List’s 304; 307; 315.
hinsichtlich Proudhon’s 364; 355.
bereitet den Optimismus vor 364; 368.
mit Stuart Mill verglichen 403*.
von List kritisiert 433.
zu Unrecht von den Anhängern der
historischen Schule kritisiert 444*;
445.

Beschränktheit seiner Psychologie nach
Ansicht der Anhänger der historischen
Schule 446.

Eolle des Staates 468.
seine Verteidigung der Theorie des
laisser-faire mit der anderer Volks-
wirtschaftler verglichen 469—470.
Grundlage seines Liberalismus 473.
von Kodbertus kritisiert 478.
unterscheidet vor Kodbertus das „soziale
Bedürfnis“ und die „effektive Nach-
frage“ 479.

seine Gedanken bei Eodbertus ent-
wickelt 484.

steht Wagner näher als Bastiat 601*.
von den Fabiern kritisiert 661*.
Vorläufer der Solidaristen 668.
von den Anarchisten ausgeschmückt
709.

einfacher Charakter seiner Volkswirt-
schaft 730.

Solvay 273.

soziale Buchungen 358.

Sombart (Werner) 305*; 440; 540*.

Sonnenstadt 277.

Sorel (Georges) 548—550.

Beziehungen zu den Saint-Simonisten
237 u. *.

seine Bewunderung Proudhon’s 362.
in Übereinstimmung mit Pareto 511.
der Marxismus dem Manchestertum
verglichen 633 u. *,

Gegensatz der Produzierenden zu den
Intellektuellen 537*.

Ansicht über die Eevolution 540*; 541*.
der Sozialismus ist keine Wissenschaft
541*.

mit den Anarchisten verglichen 727 ; 278.
Souchon V.

Spence (Thomas) 636.

Spencer (Herbert) VII.
der Konflikt der Interessen zum Fort-
schritt notwendig 404.
gibt das Anrecht der Gemeinschaft auf
den Boden zu 428; 637.
seine organizistische Auffassung der
Gesellschaft 670*.

Stael (Frau von) 196*.

Stangeland 136*.

Stanislaus (König von Polen) 5.

Stein (Lorenz von) 331 *.

Stein (Minister, von) 118*.

Stewart (Dugald) 59*.

Stiegler 673*.

Stirn er (Max) 698—702; 706.

Übersetzer A. Smith’s 59*.

Stöcker 577.

Storch 432.

Strong (Josiah) 576*.

Sully 19.

Thierry (Augustin) 239.

Thiers (Adolphe) 341.

Thomas (von Acquino) 551.

Thomas (Emile) 340.

Thompson (Eobert) 175*.

Thompson (William) 220; 227*; 275;
514*.

Thornton 411; 423*.

Thttnen (J. H. von) 166*; 399; 634.

Todt 577.

Tolstoi 582—584.

Tooke 122*

Torrens (Eobert) 396*.

Tourville (Abbe de) 663; 564*.
Townshend (Charles) 58*.

Toynbee (Arnold) 222.

Sismondi eilt ihm voraus 222.
konnte ein Schüler Mill’s sein 426.
von der Arbeiterfrage beeinflußt 441*.
seine Meinung über die klassischen
Volkswirtschaftler 442.
historische Methode 442.

Tucker (Josiah) 61.

Turgot 5.

sein Leben und sein Werk 5*.
        <pb n="791" />
        ﻿766

Alphabetisches Namenverzeichnis.

das Allumfassende und Unveränderliche
der natürlichen Ordnung 11.
schreibt die Formel des laisser-faire
Legendre zu 12 *.

nennt die Handwerker „Stipendien-
empfänger“ 15.

Bergwerke geben keinen Reinertrag
16.

vergleicht den Umlauf der Produkte
mit dem des Blutes 20.
faßt das „Tableau economique“ zu-
sammen 23*.

unterscheidet sich von den Physiokraten
hinsichtlich der Meinung- über die
Berechtigung des Grundbesitzes 28*.
sein Edikt: Abschaffung der Zünfte 30*.
Meinung über die Stetigkeit der Preise
33*.

befreit den Getreidehandel 36.
Anhänger der Freiheit des Gelddar-
lehngeschäftes 37.

gibt für die Fabrikanten gewisse Pri-
vilegien als berechtigt zu 42*.
ehernes Lohngesetz 48.
seine Werttheorie 53.
hauptsächlichste Unterschiede mit den
Physiokraten 54.

Theorie über das Entstehen des Zinses
57 *.

Einfluß auf A. Smith 63.

Einfluß auf J.-B. Say 181.
formuliert das Gesetz des sinkenden
Bodenertrages 164.
eilt Ricardo voraus 177.
eilt A. Comte voraus 251 *.

Meinung der Saint-Simonisten über ihn
258*.

Proudhon'beruft sich besonders auf ihn
335.

Marx gegenübergestellt 517*.

üre (Andrew) 76; 193*.

Utopia 113; 277.

Yandervelde 250; 536*.

Yansittart Neale 573.

Varlin 625*.

Vidal (Franqois) 291; 342; 343; 474 ;
481*.

Villeneuve-Bargemont 224.

Villerme (Dr.) 194; 659*.

Villey (E.) 369*.

Vinet 580.

Voltaire verspottet die Physiokraten 6.
Meinung über Galiani 36.
der Mann mit 40 Talern 47*; 49
von Smith bewundeit 58*.

Wagner (Adolf) 500—507.
sein Gegensatz zur historischen Schule
251; 449—450.

kritisiert die Anwendung, aber nicht
die Verwendung der deduktiven Me-
thode und der Abstraktion 452*.
glaubt nicht an „historische Gesetze“
461.

seine persönlichen Beziehungen zu Rod-
bertus und Bismarck 474.
sein Urteil über Rodbertns 476.
der Sozialismus, eine Übertreibung des
Verstaatlichunggedankens 494*.

Wakefield (Gibbon) 396*.

Walker (Amasa) 625*.

Walker (Francis) 411*; 624—628.

Wallace (Alfred Russell) 638; 656.

Wallace (Graham) 180*.

Walras (Leon) 606—609 ; 601*.
seine Auffassung des wirtschaftlichen
Gleichgewichts 606—609.
den Physiokraten gegenübergestellt 34
Analogien mit J.-B. Say 84; 128.
Analogien mit Senior 398.

Auffassung der reinen Ökonomie 448.
definiert die Rolle des Staates und des
Individuums 473,

Stärke der letztbefriedigten Bedürf-
nisse 592*.

Unterschied von der österreichischen
Schule 596*.

in Frankreich verkannt 611.
verwirft den Determinismus 612*.
kritisiert die Theorie Böhra-Bawerk’s
616*.

Agrar-Sozialist 616.

Zukunft der volkswirtschaftlichen
Wissenschaft 618*.

Unterschied von Walker 627.
natürliches Recht des Staates am Boden
638.

Bodenrüokkaufssystem 652—656.

Watt (James) 74.

Webb (Herr und Frau Sydney) 661—665;
— 193; 251.
        <pb n="792" />
        ﻿Alphabetisches Namenverzeichnis.

Verbindung mit der historischen Schule
442.

Mitglieder der fabischen Gesellschaft 660.
legen der Eententheorie grolle Bedeu-
tung bei und betrachten die Zinsen
als eine Differentialrente 661.
der Sozialismus stammt von der Demo-
kratie ab 664.

Gegensatz zu Marx und zu den fran-
zösischen Gewerkschaftlern 664—665.

Weber (Max) 434*.

Weil 229*; 255*.

Weitling 364.

Wells (H. G.) 660.

West (Edward) 166*; 167*.

Weulersse 5*; 25*; 29*.

Wickar (Mac) 396.

Wieser (von) 593*.

Wilhelm II. (Kaiser) 509; 577.
Wilson (George) 108*.

Wirth (Moritz) 476*.
Wollemborg 572*.

Wolowsky 842.

Worms (Eene) 670.

Xenophon 602.

Young (Arthur) 153*; 422.
Yule (G. Udny) 466*.

Zola 263; 287*.

Zollverein 302; 315.
        <pb n="793" />
        ﻿Sachregister

Die Zahlen verweisen auf die Seiten. Ein Unterschied zwischen Text und Anmerkungen

ist nicht gemacht worden.

A.

Abdankung des Staates 223.

Abfall der amerikanischen Kolonien 116.

Abgabenfreiheit (bei den Solidaristen) 684.

Abhängigkeit der Produktionsfaktoren
voneinander 610.

Abkürzung der Arbeit 81.

Abnahme der durchschnittlichen landwirt-
schaftlichen Betriebsgröße 543.

Absatz, Gesetz des 604.

Absatzgebiete 112.

Absatzwege 129.

Absatzwege, Theorie der 128.

Abschaffung der Armengesetze 152.

Abschaffung der Binnenzollschranken in
Frankreich 300.

Abschaffung der Binnenzollschranken (bei
List) 325.

Abschaffung der Corn-laws 198.

Abschaffung des Eigentums (bei den revo-
lutionären Syndikalisten) 728.

Abschaffung des Einkommens ohne Arbeit
(bei Proudhon) 337.

Abschaffung des Erbrechtes (bei den
Saint-Simonisten) 191, 250.

Abschaffung der Geburtsprivilegien 249.

Abschaffung des Geldes als Wertmesser
360.

Abschaffung der Geldzinsen 348.

Abschaffung des Lohnes 282.

Abschaffung des Lohnsystems (bei Fourier)
282.

Abschaffung des Lohnsystems (bei La-
briola) 630.

Abschaffung des Lohnsystems (bei Stuart
Mill) 420, 421.

Abschaffung des Lohnsystems (bei Marc
Sangnier) 571.

Abschaffung des Lohnsystems (bei den
Syndikalisten) 571.

Abschaffung des Metallgeldes (bei Eicardo)
188.

Abschaffung des Metallgeldes (bei Solvay)
358.

Abschaffung der Monopole (bei den Saint-
Simonisten) 264.

Abschaffung der Monopole (bei Walras)
616.

Abschaffung des Papiergeldes 188.

Abschaffung des Privateigentums (bei
F. Engels) 530.

Abschaffung des Privateigentums (bei den
Saint-Simonisten) 191.

Abschaffung des Profits (bei Owen) 270.

Abschaffung des Profits (bei den Solida-
risteu) 687.

Abschaffung des Staates (bei den revo-
lutionären Syndikalisten) 728.

Abschaffung der Steuern (bei Walras) 616.

Abschaffung des Unternehmertums (bei
Marc Sangnier) 571.

Abschaffung des Unternehmertums (bei
den Syndikalisten) 571.

Abschaffung der Vertragsfreiheit (bei Kod-
bertus) 490, 491.
        <pb n="794" />
        ﻿Sachregister.

769

Abschaffung des Zinses auf Grund gegen-
seitigen Übereinkommens 353.
Abschaffung der Zünfte 30.

Abschätzung des Bodens 640.

Absoluter Freihandel 113.

Absolutismus der klassischen National-
ökonomie 445.

Abstinenz (bei Nassau Senior) 397.
Abstinenz, Entlohnung der 425.
Abstraktion, Methode der 451.
Abstraktionen (bei Eicardo) 155.
Abstraktionen (bei Walras) 652.
Abtreibung 144.

Abwanderung von Kapitalien 324.
Abzüge 88.

Abzüge von dem Arbeitserträge 104.
Acts of navigation 113.

Actionnariat onvrier 281, 283.

Achtung vor dem Eigentum (bei den
Männern der franz. Eevolntion) 226.
Achtung vor dem Eigentum (bei den
Physiokraten) 11.

Achtung des Menschen 706, 707, 727.
Achtung vor der Produktion 288.

Agents naturels 121.

Agitation, politische, in den nationalen
Werkstätten 341.
Agriknltnr-Manufakturstaat 322.
Agrikulturstaat 322.

Agrarfrage (bei den Christian-Socialists)
576.

Agrar-Schutzzöllner, moderne 185.
Agrarsozialismus (bei Walras) 616.
Agrarsystem Loria’s 657.

Agrartheorie, physiokratische 19.

Aktie 529.

Aktieneigentnm (bei Fourier) 280, 281.
Aktieneigentum, Verwandlung des Privat-
— in 280.

Aktiengesellschaft 345.
Aktiengesellschaften 544.
Aktiengesellschaften (bei Marx) 629.
Aktiengesellschaften (bei Molinari) 280.
Aktiengesellschaften (bei A. Smith) 107.
Allgemeininteresse 98.

Allgemeininteresse und Monopol, Zwie-
spalt zwischen 604.

Allgemeininteresse, Unterordnung des
Privatinteresses unter das 387.
Allmacht der Wissenschaft 136.

Almosen (bei Malthus) 152.

Ältesten, Eecht des (bei Le Play) 557.
■Gide und Kl st, Gesch. d. Volkswirtschaft!.

Ältesten, Eecht des, Abschaffung des
242

Altruismus (bei Stuart Mill) 450.

Altruist und Egoist (bei Bastiat) 388.

Amerikanische Konkurrenz, die 34, 316.

Amortisation 521.

Analogien 463.

Analogie zwischen den Marxisten und
den Saint-Simonisten 254.

Analogien der wirtschaftlichen Entwick-
lung 438.

Analyse der Bedürfnisse 650.

Analyse der Bedürfnisse, psychologische
453.

Anarchie (bei Proudhon) 350.

Anarchie, wirtschaftliche (hei den Saint-
Simonisten) 247.

Anarchie der Produktion (bei den Saint-
Simonisten) 247

Anarchie, Programm der 725.

Anarchismus 586.

Anarchismus, literarischer 698.

Anarchismus, philosophischer 698.

Anarchismus, politischer 698.

Anarchismus, sozialer 698.

Anarchismus, Einfluß des, auf die Arbeiter-
klasse 726.

Anarchisten 52, 625, 697 ff.

Anarchisten, doktrinäre 136.

Anbangrenze 172.

Ancien regime, Finanzwirtschaft des 47.

Aneignung des Gemeindelandes 163,

Aneignung, Herrschaft der privaten 525.

Aneignung, kollektivistische, der Boden-
einkünfte 661.

Aneignung, staatliche, aller Formen der
ökonomischen Eente 660.

Angebot (bei Condillac) 57.

Angebot und Nachfrage, Gesetz des 127,
408.

Angebot, Kurve des 606.

Angebot und Nachfrage (bei Cournot)
408, 590.

Angebot und Nachfrage (bei den Hedo-
nisten) 589, 590.

Angebot und Nachfrage, Verhältnis
zwischen (bei A. Smith) 86.

Angebot und Nachfrage (bei Stuart Mill)
408, 590.

Animalisches Leben, Prinzip des 83.

Anleihen, Emission ausländischer 324.

Anlage von Kapitalien 101.
        <pb n="795" />
        ﻿770

Sachregister.

Anpassung des Angebotes an die Nach-
frage (bei A. Smith) 83.

Anpassung des Einkommens an das Ver-
dienst 506.

Anpassung der Gütererzeugung an die
Nachfrage 91.

Anpassung des Menschen an seine Um-
gebung 268.

Anpassung der Notenmenge an die Nach-
frage 96.

Anpassung der Produktion an die Be-
dürfnisse 478, 479.

Anpassung der Produktion au die Nach-
frage (bei Ä. Smith) 92.

Anpassung der Produktion an die Nach-
frage (bei Walker) 625, 626.

Anpassung der Produktion an den Ver-
brauch 256.

Anpassung, Schwierigkeiten der (bei Sis-
mondi) 203.

Anpassungstheorie (bei A. Smith) 92.

Ansammlung von Kapitalien 82.

Antagonismus 261.

Antagonismus zwischen Arbeiter und
Kapitalist (bei Ricardo) 180, 181.

Antagonismus der Interessen (bei Sis-
mondi) 213.

Antagonismus zwischen Profit und Lohn
417.

Antagonismus zwischen Profit und Lohn
(bei Marx) 532.

Antagonismus zwischen Profit und Lohn
(bei Ricardo) 180, 532.

Anteil der Arbeit am Gesamtprodukt 386,
387.

Anteil des Arbeiters am Produkt, wach-
sender 252.

Anteil der Bodenrente am Einkommen
183.

Anteil des Kapitals am Einkommen 183.

Anteil des Kapitals am Gesamtprodukt
(bei Bastiat) 385, 386, 387.

Anteil des Lohnes am Einkommen 183.

Antimilitarismus (bei Fourier) 286.

Anziehung, Gesetz der passioneilen 263.

Arbeit (bei Marx) 484.

Arbeit (bei Prondhon) 330, S31.

Arbeit (bei Eodbertus) 483, 484.

Arbeit als Einkommenquelle (bei A. Smith)
70.

Arbeit als Grundlage des Wertes (bei
Ricardo) 157.

Arbeit als Maßstab des Wertes (bei Ri-
cardo) 157.	/

Arbeit als Substanz des Wertes (bei K. Marx)
515.

Arbeit als Ursache des Wertes (bei Ri-
cardo) 157.

Arbeit als Ursache des Wertes (bei
A. Smith) 87.

Arbeit als Wertfaktor 168.

Arbeit und Spiel (bei Bücher) 284.

Arbeit und Spiel (bei Fourier) 284, 285.

Arbeit, anziehende 284.

Arbeit, gegenwärtige 209.

Arbeit, gesicherte 582.

Arbeit, nationale 372.

Arbeit, obligatorische 582.

Arbeit, primäre 209.

Arbeit, produktive 19, 71.

Arbeit, unbezahlte 518.

Arbeit, unproduktive 71.

Arbeit, Abkürzung der 81.

Arbeit, Anteil der, am Gesamtprodukte
(bei Bastiat) 386, 387, 486.

Arbeit, Anteil der, am Produkt (bei Carey)
486.

Arbeit, Assoziation zwischen Kapital und
(bei Condillac) 67.

Arbeit, Assoziation zwischen Kapital und
(hei Loria) 658.

Arbeit, Ausbeutung der, durch das Kapital
(bei Henry George) 642.

Arbeit, Bedürfnisse der 479.

Arbeit, Befreiung der (bei Marx) 526.

Arbeit, Begriff der (bei den Christlich-
Sozialen) 554.

Arbeit, Belohnung der (hei A. Smith) 93.

Arbeit, Einkommen aus 209.

Arbeit, Einkommen ohne (bei Prondhon)
830.

Arbeit, Entlohnung der (bei A. Smith) 72.

Arbeit, gerechte Entlohnung der (bei
Euskin) 683.

Arbeit, Ergebnis der (bei den Physio-
kraten) 19.

Arbeit, Erleichterung der 81.

Arbeit, Freiheit der (bei Fourier) 285.

Arbeit, .Freiheit der (bei den Physio-
kraten) 30.

Arbeit, Intensivierung der 519.

Arbeit, Konzentration der 211.

Arbeit, landwirtschaftliche, Vorherrschen
der 283.
        <pb n="796" />
        ﻿Sachregister.

771

Arbeit der Leitung (bei Eodbertns) 483.

Arbeit, Marktpreis der (bei Eodbertns) 487.

Arbeit, Nachfrage nach (bei Sismondi)

212.

Arbeit. Neugestaltung der (bei den Anar-
chisten) 720, 721.

Arbeit, Normalwert der (bei Eodbertns)
487.

Arbeit, Organisation der 288, 342, 344.

Arbeit, natürlicher Preis der (bei Eicardo)
178.

Arbeit, Produktion von (bei Henry George)
642.

Arbeit, Produktivität der (bei Dunoyer)
394.

Arbeit, ausschließliche Produktivität der
(bei Proudhon) 330.

Arbeit, steigende Produktivität der (bei
Bastiat) 380.

Arbeit, steigende Produktivität der (bei
Eodbertns) 487.

Arbeit, Eecht auf (bei Considerant) 287.

Arbeit, Eecht auf (bei Fourier) 339.

Arbeit, Eecht auf (bei A. Menger) 689.

Arbeit, Eecht auf (bei den Solidaristen)
680.

Arbeit, Solidarität zwischen Kapital und
690.

Arbeit, Trennung zwischen Eigentum und
211, 213.

Arbeit, unbezahlte, Theorie der (bei
Thompson) 275.

Arbeiten, die öffentlichen 42.

Arbeiten, ungleichmäßige, Produktivität
der verschiedenen 69, 73.

Arbeiter, landwirtschaftliche 29.

Arbeiter-Internationalismus 531.

Arbeiter-Produktiv-Genossenschaft 686.

Arbeiter-Volkswirtschaft 663.

Arbeiter, proportionaler Anteil des, am
Produkt (bei Eodbertns) 486, 487.

Arbeiter, Assoziation mit dem Unter-
nehmer 421.

Arbeiter, Ausbeutung des (bei den Anar-
chisten) 697.

Arbeiter, Ausbeutung der (bei Lösewitz)
571.

Arbeiter, Ausbeutung der (bei Marx) 542.

Arbeiter, Ausbeutung der (bei Walker)
625.

Arbeiter, Beraubung des (bei Eodbertns)
483. 486.

Arbeiter, Beraubung des (bei Sismondi)
208.

Arbeiter, Beraubung des (bei A. Smith) 89.

Arbeiter, Differentialrente der 624.

Arbeiter, Emanzipation der (bei Louis
Blanc) 294.

Arbeiter, Emanzipation der (im Sozial-
Katholizismus) 570.

Arbeiter, Fertigkeit der 67.

Arbeiter, Freizügigkeit der 109.

Arbeiter, Koalitionsrecht der (bei Sis-
mondi) 220.

Arbeiter, Konkurrenz zwischen, und Ka-
pitalisten (bei Henry George) 642.

Arbeiter, hohe Löhne der 75.

Arbeiter, organisierte, Monopol der 411.

Arbeiter und Müßiggänger (bei Saint-
Simon) 233.

Arbeiter, Produktivität der 81.

Arbeiter, Proletarisierung der (bei Karl
Marx) 491.

Arbeiter, Proletarisierung der (bei Eöd-
bertus) 491.

Arbeiter. Eegierungskommission für die
342.

Arbeiter, Eückgabe der Produktionsmittel
an die 531.

Arbeiter, Verblödung des 68.

Arbeiter, V ergesellsohaftung spezialisierter
294.

Arbeiter, Vermehrung der (bei A. Smith) 93.

Arbeiter, Versklavung des 206.

Arbeiterassoziation,internationale 361,704.

Arbeiterbevölkerung, Überfluß an 527.

Arbeiterbewegung 265, 362, 547.

Arbeiterbewegung, syndikalistische 362.

Arbeiterbewegung, Geschichte der 181.

Arbeiterelend 196.

Arbeiterfamilien, Monographien über 555.

Arbeiterfragen 430, 441, 499, 500.

Arbeiterfürsorge (bei Sismondi) 221.

Arbeitergenossenschaften 344.

Arbeitergenossenschaft (bei den Christian-
Socialists) 574.

Arbeitergenossenschaft (bei Le Play) 560.

Arbeitergenossenschaft (bei den sozial-
katholischen Schulen) 566.

Arbeitergesetzgebung (bei den Christlich-
Sozialen) 567.

Arbeitergesetzgebung (in England) 666.

Arbeitergesetzgebung (bei Fourier) 287.

Arbeitergesetzgebung, französische 843.

49*
        <pb n="797" />
        ﻿772

Sachregister.

Arbeitergesetzgebung (bei Owen) 267.

Arbeitergesetzgebung (bei Eodbertus) 477.

Arbeitergesetzgebung (bei Sismondi) 223.

Arbeitergewerkschaft 728.

Arbeitergewerkschaften, Taktik der 206.

Arbeitergewinnbeteiligung 2.81, 283.

Arbeiterklasse (bei Saint-Simon) 237, 238.

Arbeiterklasse, Einkommen der 489.

Arbeiterklasse, Emanzipation der 255.

Arbeiterklasse, Interessen der 537.

Arbeiterklassen, Lebensbedingungen der
441.

Arbeiterklassen, Rolle der (bei den Saint-
Simonisten) 228.

Arbeiterklasse, Sozialismus der 537.

Arbeiterklasse, Vermehrung der 178.

Arbeiterklasse, Verminderung der 178.

Arbeiterklasse, Wohlstand der 178.

Arbeiterklasse, Beseitigung der besitzen-
den Klasse durch die 638.

Arbeiterklasse, Einfluß des Anarchismus
auf die 726.

Arbeiterklasse, Einfluß Owen’s auf die 269.

Arbeiterlage, Einfluß des Bevölkerungs-
gesetzes auf die 177.

Arbeiterlage, Einfluß des Bodenrenten-
gesetzes auf die 177.

Arbeitermassen, wachsende Proletari-
sierung der 224.

Arbeiterorganisationen 387.

Arbeiterpartei, christlich-soziale 577.

Arbeiterpartei, sozialdemokratische 500.

Arbeiterpensionen 390.

Arbeiterprogramm 496.

Arbeiterproduktivgenossenschaft (beiLouis
Blanc) 290, 296.

Arbeiterproduktivgennssensohaft (bei den
Christian-socialists) 574.

Arbeiterschutz, gesetzliche Verpflichtung
des 390.

Arbeiterschutzgesetze 509.

Arbeiteruniversitäten 584.

Arbeiterverein 477, 495.

Arbeiterverein, katholischer 566.

Arbeiterversichenmg (bei Bismarck) 509.

Arbeiterversicherungsgesetze 509.

Arbeiterwohlfahrtseinrichtnngen (bei Le
Play) 559.

Arbeiterwohlfahrtseinrichtungen (bei der
liberalen Schule) 366.

Arbeiterwohlfahrtseiurichtungen Owen’s
266, 267.

Arbeitgeber, Autorität des 658.

Arbeitgeber, Lehre vom guten (im soziaf
len Katholizismus) 572.

Arbeitgeber, System des guten (bei Le
Play) 569.

Arbeitgeber, Verantwortlichkeit des 689.

Arbeitnehmer, Assoziation der 421.

Arme und Reiche (bei Sismondi) 199, 201,

211.

Armengesetze, Abschaffung der 162.

Armengesetze, Vorwürfe Sismondi’s gegen

221.

Armut der industriellen Gemeinschaften,
relative 219.

Arzte 99.

Arbeitsanteil, Verminderung des 489.

Arbeitsbedingungen, Einmischung der
Regierung in die 510.

Arbeitsbörse 272.

Arbeitsertrag, voller (bei den Fabiern) 660.

Arbeitsertrag, Recht auf den vollen (bei
A. Menget) 689.

Arbeitsertrag, Abzüge von dem 104.

Arbeitsertrag, Profit als Abzug vom 529.

Arbeitsfreiheit, Proklamation der 526.

Arbeitsgemeinschaft 568.

Arbeitsgesetzgebung, Urheber der 76.

Arbeitsinstrumente 96.

Arbeitskostenpreis (bei Proudhon) 356.

Arbeitskraft (bei Sismondi und Marx) 225.

Arbeitskraft, Entwertung der 177.

Arbeitskraft, Produktionskosten der 410.

Arbeitskraft, Wert der 516, 517.

Arbeitslose 340.

Arbeitslosigkeit (bei Marx) 527.

Arbeitslosigkeit (bei Eodbertus) 480.

Arbeitslosigkeit, Lösung des Problems der
656.

Arbeitsleistung, maximale 167.

Arbeitslohn (bei A. Smith) 72, 89.

Arbeitsmeuge 515.

Arbeitsmittel (Grund und Boden und
Kapital) 257.

Arbeitsmittel (bei den Saint-Simonisten)
242.

Arbeitsmittel, Vergesellschaftung der (bei
den Saint-Simonisten) 250.

Arbeitsnoten Owen’s 271.

Arbeiisuoten, Ersetzung des Geldes durch
271.

Arbeitsprodukt, Eigentumsrecht am
eigenen 530.
        <pb n="798" />
        ﻿Sachregister.

773

Arbeits-Reihen 284.

Arbeitsstaat, volkstümlicher, Mengers 237.

Arbeitsstätte für Arbeitslose 339.

Arbeitstag, Dauer des 518.

Arbeitstauschbörse 272, 273.

Arbeitsteilung (bei Dürkheim) 681.

Arbeitsteilung (bei Fourier) 285.

Arbeitsteilung (bei List) 309.

Arbeitsteilung (bei Rodbertns) 478.

Arbeitsteilung (bei A. Smith) 64 ff.

Arbeitsteilung (bei Tolstoi) 584.

Arbeitsteilung, internationale (bei Carey)
318.

Arbeitsteilung, internationale (bei List)
322.

Arbeitsteilung, internationale (bei Ricardo)
185.

Arbeitsteilung, nationale (bei List) 322.

Arbeitsteilung als Form der Solidarität

668.

Arbeitsteilung als Form selbsttätiger
Kooperation 66, 67.

Arbeitsteilung als Grundlage der Moral
69.

Arbeitsteilung, Grenzen der (bei A. Smith)
68.

Arbeitsteilung, Nachteile der (bei A. Smith)
67.

Arbeitsteilung, Produktionsordnung der
481.

Arbeitsteilung, Ursprung der 79.

Arbeitsteilung, Vorteile der 67.

Arbeitsvermögen (bei Sismondi) 225.

Arbeiter Wachstum 112.

Arbeitswert 376.

Arbeitswert (bei Marx) 515, 533, 541.

Arbeitswert (bei Ricardo) 168, 169, 170.

Arbeitswert (bei Rodbertus) 484.

Arbeitswert (bei Adam Smith) 86, 87,
167, 168.

Arbeitswert (bei Turgot) 63.

Arbeitswert und Geldwert der Produkte
(in der Arbeitstauschbörse) 273.

Arbeitswerttheorie Ricardo’s (bei Rod-
bertus) 475.

Arbeitszeit 516.

Arbeitszeit, Begrenzung der (bei Sismondi)
206, 220.

Arbeitszeit, Begrenzung der (bei den
Solidaristen) 680,

Assoziation 261.

Assoziation (bei Louis Blanc) 289, 290.

Assoziation (bei Leon Bourgeois) 684.

Assoziation (bei Carey) 391.

Assoziation (bei Dunoyer) 367.

Assoziation (bei Le Play) 562.

Assoziation (bei Stuart MiE) 421.

Assoziation (bei der liberalen Schule) 367.

Assoziation (bei den Solidaristen) 686.

Assoziation der Arbeiter mit dem Unter-
nehmer 421.

Assoziation der Arbeitnehmer 421.

Assoziation als Ausbeutungsmittel (bei
Buchez) 291.

Assoziation, Freiheit der (bei der liberalen
Schule) 367.

Assoziationsfreiheit (bei Stuart Mill) 411.

Assoziation, freie (bei den sozial-katho-
lischen Schulen) 568.

Assoziation, Gefahren der, für die Freiheit
des Individuums 263.

Assoziation der Intelligenz, der Arbeit
und des Kapitals 282.

Assoziation zwischen Kapital und Arbeit
(bei Condillac) 57.

Assoziation des Kapitals und der Arbeit
(bei Loria) 658.

Assoziation, Kraft der (bei Carey) 391.

Assoziation, Ordnung der 697.

Assoziation als produktive Organisation
257.

Assozialisten 192, 261, 530.

Ätiologie 268.

Attraction sympathique 278.

Aufbau der ökonomischen Welt, selbst-
tätiger 79.

Auffassung, atomistische 433.

Auffassung, biologische, von der Gesell-
schaft 492.

Auffassung, deterministische, 269.

Auffassung, dynamische, vom National-
wohlstand 325.

Auffassung, mechanische, des Wirtschafts-
lebens 455.

Auffassung, organische, des Wirtschafts-
lebens 455.

Auffassung von der Gesellschaft, anar-
chistische 714 ff.

Auffassung der Nationalökonomie, sozio-
logische 463.

Auffassung der sozialen Organisation bei
den Nationalökonomen 259.

Auffassung der sozialen Organisation bei
den Sozialisten 259.
        <pb n="799" />
        ﻿774

Sachregister.

Aufgabe des Individuums 652.

Aufgabe der Kirche 651, 552.

Aufgabe des kommunistischen Manifestes
530.

Aufgabe der Nationalökonomie (bei Hilde-
brand) 437.

Aufgaben der Regierung (bei Bastiat)
468.

Aufgabe der Regierung (bei Saint-Simon)
234, 235, 236.

Aufgaben der Regierung (bei A. Smith)
468.

Aufgabe der Sozialpolitik 205.

Aufgaben und Bereich des Staates (bei
A. Wagner) 601.

Aufgabe des Staates (bei Dupont-White)
503, 504.

Aufgabe des Staates (bei den Fabiern

666.

Aufgabe des Staates (bei Pichte) 498.

Aufgabe des Staates (bei Prince Smith)
502.

Aufgabe des Staates (bei Walras) 652.

Aufgabe des Staatssozialismus 503, 507.

Aufhebung des Edikts von Nantes 307.

Aufhebung des Lehrlingsgesetzes 192.

Aufhebung des Privateigentums (bei K.
Marx) 530.

Aufhebung der Schutzzölle in England

175.

Auflösung der Großstädte 283.

Auflösung des Regierungssystems in der
Wirtschaftsordnung 350.

Aufrechterhaltuug des Privateigentums
282,

Aufschwung der Konsumgenossenschaft
421.

Ausbeutung (bei Henry George) 642.

Ausbeutung (bei Karl Marx) 244, 245, 515.

Ausbeutung (bei den Saint-Simonisten)
244, 245.

Ausbeutung (bei Sismondi) 243, 245.

Ausbeutung der Arbeiter (bei Lösewitz)
571.

Ausbeutung der Arbeiter (bei Marx) 542.

Ausbeutung	der	Arbeiter (bei Walker)

625.

Ausbeutung	des	Arbeiters	durch	den

Kapitalisten 224.

Ausbeutung	des	Menschen	durch	den

Menschen 256, 707.

Ausbeutung	des	Menschen	durch	den

Menschen (bei den Saint-Simonisten)
243.

Ausbeutung des Schwachen durch den
Starken 497,

Ausbeutung, Eigentum als Organisation
der (bei den Anarchisten) 710.

Ausbeutung, verschiedene Phasen der
520.

Ausbeutung, Unvermeidlichkeit der 515.

Ausbeutungsmittel, Assoziation als (bei
Buchez) 291.

Ausbeutungstheorie (bei den Anarchisten)
697, 707.

Ausbreitung des Privateigentums 282.

Ausdehnung der Industrie 131.

Ausdehnung industrieller Unternehmungen
420.

Ausdehnung des kleinbäuerlichen Eigen-
tums 422.

Ausdehnung der Kollektivinteressen 503.

Ausdehnung des Marktes 68.

Ausdehnung der Produktion, wissenschaft-
liche (bei den Anarchisten) 721.

Ausfuhr, Verlangsamung der 186.

Ausfuhrland 112.

Ausfuhrverbot 109.

Ausfuhrwert 412.

Ausgangspunkte, Gleichheit der 249.

Ausgangspunkt, Ungleichheit am 359.

Ausland, Handel mit dem 68.

Ausnahmeprivilegium 322.

Ausnahmslage 244.

Ausnutzung der Produktionsmittel, volle
482.

Ausrottung 289.

Aussaugung des Bodens 319.

Außenhandel 31, 110.

Außenhandel, Freiheit des 183.

Außenhandel, Freiheit des (bei den Physio-
kraten) 52.

Aussöhnung, künstliche, der Interessen
(bei den Saint-Simonisten) 260.

Austausch, internationaler (bei Dunoyer)
412.

Austausch, internationaler (bei Pareto)
323.	,

Austausch, internationales Gesetz des 412.

Austausch, Prinzip des freien 323.

Auswahl des Tüchtigsten 135

Auswanderung 166.

Autonomie, wirtschaftliche 321.

Autonomie, Streben der Wesen nach 692.
        <pb n="800" />
        ﻿Sachregister.

775

Autorität (bei den Physiokraten) 38.
Autorität (bei Le Play) 556.

Autorität, Notwendigkeit einer Ö56.
Autorität, väterliche 556.

Autorität des Arbeitgebers 558.
Autorität, Vernichtung des Prinzips der
709.

Autoritäten, soziale 556.

Avances annuelles 26.

Avances foncieres 25, 26.

Avances primitives 26.

B.

Bargeld, Export von 95.

Bargeld, Import von 95.

Barverkauf; Identifizierung mit dem
Kreditverkauf 359.

Barrengoldreserve 189.

Bank von Amsterdam 96.

Bank von England 187.

Bankbetrieb 96.

Banken (bei Proudhon) 356, 357.

Banken (bei den Saint-Simonisten) 247,
256.

Banken (bei A. Smith) 108.

Banken, Aufgabe der (bei den Saint-
Simonisten) 256.

Banken, Einfluß der großen, auf das
moderne Wirtschaftsleben 255.

Banken, Theorien Eicardo’s über die 184.
Bankmaßregeln 108.

Banknoten 94, 95.

Banknoten, Entwertung der 156, 188.
Banknoten, Minimalnennbetrag der 108.
Banknoten, Bolle der 155.

Banknoten, Wertverminderung der 188.
Banknotenausgabe, Eeglementierung der
187, 189.

Banknotenwert, Garantie des 189.
Bankoperationen 95.

Banque de Erance, Umformung der 343.
Banksystem, allgemeines, der Saint-
Simonisten 247.

Bankwesen, Kragen des 156,

Bauergüter, kleine französische 153.
Bauernschaft, französische 423.
Baumwollenindustrie 74.

Beamten, Besoldung der 107.

Bedienung, Ersatz der persönlichen durch
die kollektive 279.

Bedingungen, Gleichheit der 653.

Bedingungen, soziale, Umformung der 533.

Bedürfnisse, Analyse der 650.

Bedürfnisse, Anpassung der Produktion
an die 478, 479.

Bedürfnisse der Arbeit 479.

Bedürfnisse des Besitzes 479.

Bedürfnis, gesellschaftliches (bei K. Mars)
541.

Bedürfnis, Gesetz der veränderlichen
Stärke des 618.

Bedürfnisse, Gleichheit der 225.

Bedürfnisse, Reihenfolge der (bei Rod-
bertus) 480.

Bedürfnisse, psychologische Analyse der
453.

Bedürfnis, soziales (bei A. Smith) 479.

Bedürfnis, soziales (bei Rodbertus) 480,
493.

Bedürfnis, soziales, Produktion für das 480.

Bedürfnis, soziales, Gegensatz zu wirk-
samer Nachfrage (bei Rodbertus) 481.

Bedürfnisgrenze der Industrie 179.

Befreiung der Gemeinden 232.

Befriedigung, Prinzip des Maximums der
609.

Begrenzung der Arbeitszeit (bei Sismondi)

220.

Begrenzung der Arbeitszeit (bei den Soli-
daristen) 680.

Begrenzung der Funktionen des Staates
(bei den Physiokraten) 52.

Begrenzung der individuellen Initiative
218.

Begrenzung des Wachstums der Unter-
nehmungen 610.

Begünstigungssystem 105.

Belohnung der Arbeit (bei A. Smith) 93.

Beraubung (bei Proudhon) 331.

Beraubung (bei Sismondi) 210.

Beraubung des Arbeiters (bei Rodbertus)
483 bis 486.

Beraubung des Arbeiters (bei Sismondi)
208.

Beraubung des Arbeiters (bei A. Smith) 89.

Beraubungsproblem, Lösung des (bei Karl
Marx) 332.

Beraubungsproblem, Lösung des (bei
Proudhon) 332.

Beraubungsproblem, Lösung des (bei Rod-
bertus) 332.

Beraubungstheorie (bei A. Smith) 89.

Berechtigung der reinen Ökonomie 444.
        <pb n="801" />
        ﻿776

Sachregister.

Berechtigung der Zinsen (bei Bastiat) 376,
377.

Berechtigung der Zinsen (bei Condillac)
57.

Berechtigung der Zinsen (bei Turgot) 57.

Bereicherung, Quelle der 81.

Bergwerke 16.

Bergwerke, Differentialrente der 622, 623.

Bergwerke, Produktion der (bei A. Smith)
161.

Bergwerke, Rückkauf der (bei Walras) 655.

Berufsgenossenschaft 263.

Berufssyndikate 263.

Berufsverband 565.

Beschränkung des Arbeitstages (bei Owen)
267.

Beschränkung der Bevölkerung, freiwillige
147.

Beschränkung der Eigentumsrechte,
wachsende 495.

Beschränkung der Geburten 138.

Beschränkung der industriellen Arbeiten
283.

Beschränkung der Kinderarbeit (bei Owen)
194, 267, 268.

Beschränkung der Kinderzahl 407.

Beschränkungssystem 105.

Besitz, Bedürfnisse des 479.

Besitz, der, eine soziale Funktion 688.

Besitz, bäuerlicher, Vermehrung des 219.

Besitz, gemeinsamer, Verwaltung des 468.

Besitz, kleinbäuerlicher (bei Stuart Mill)
418, 423.

Besitz, patriarchalischer, Rückkehr zum
219.

Besitzer, Verfügungsreoht des 424, 688.

Besitzergreifung, die 28.

Besitzergreifung, Recht der (bei Prondhon)
331.

Besitzlosen, Unterdrückung der, durch die
Besitzenden (bei den Anarchisten) 709.

Besitzlosen, Unterdrückung der, durch die
Besitzenden (bei A. Smith) 89, 709.

Besitzrecht 336.

Besitzrecht, Veränderungen des 688.

Besitztümer, individuelle 330.

Besitzzustand, einfacher 336.

Besoldung der Beamten 107.

Besserung der Lage der unteren Gesell-
schaftsklassen 133.

Bestimmungsgrund des Wertes (bei
A. Smith) 88.

Betätigung, individuelle 107.
Betriebsgröße, landwirtschaftliche, Al£
nähme der durchschnittlichen 543.
Betriebskapital (bei den Physiokraten) 26,
Bevölkerung 92.

Bevölkerung, freiwillige Beschränkung der
147.

Bevölkerung, Bewegung der 92, 135.
Bevölkerung, Dichte der (bei Bastiat) 391.
Bevölkerung, Druck der 161.
Bevölkerung, Einfluß der hohen Löhne
auf die 214.

Bevölkerung, Gesetz der 407.
Bevölkerung, Pressung der 384.
Bevölkerung, Prinzip der 144.
Bevölkerung, Problem der 153.
Bevölkerung, Regelung der, nach dem
Einkommen 213.

Bevölkerung, Vermehrung der 153.
Bevölkerung, Verstadtlichung der 527.
Bevölkerung, Wachstum der 147,
Bevölkerungsdichte 171.
Bevölkerungsgesetz 135, 407.
Bevölkerungsgesetz (bei Bastiat) 391.
Bevölkerungsgesetz (bei Carey) 391, 392.
Bevölkerungsgesetz (bei Henry George)
641.

Bevölkerungsgesetz (bei Leroy-Beaulieu)
154.

Bevölkerungsgesetz (bei Stuart Mill) 424.
Bevölkerungskurve, Bewegung der 417.
Bevölkerungsmaximum (bei Ricardo) 182.
Bevölkerungstheorie Malthus’ 151.
Bevölkerungstheorie Malthus’, Kritik der
(bei Sismondi) 214,

Bevölkerungstheorie (bei Mirabeau) 136.
Bevölkerungstheorie (bei A. Smith) 85,
92, 93.

Bevölkerungsvermehrung, Prinzip der
(bei Nassau Senior) 396.
Bevölkerungsvermehrung, Schnelligkeit
der 137.

Bevölkerungswachstum 112.
Bevölkerungszuwachs, Einschränkung des
144, 145.

Bevormundungssystem 192, 193, 202.
Beweglichkeit des Marktpreises 86,
Bewegung, erste korporative 345.
Bewegung, syndikalistische 547.
Bewegung der Bevölkerungskurve 417.
Bewegung, Sozialismus als (bei Bernstein)
547.
        <pb n="802" />
        ﻿Sachregister.

777

Bewegungen der Bevölkerung 92.

Bewirtschaftung der römischen Campagna
215.

Beziehungen, rechtliche 420.

Beziehungen, wirtschaftliche 420.

Bildung des Warenpreises 72.

Binnenhandel, Freiheit des (bei den Phy-
siokraten) 62.

Binnenmarkt, Sicherung des 322.

Biunensteuer 114.

Binnenzollschrankeu, Abschaffung der (bei
List) 325.

Binnenzollschranken in Frankreich, Ab-
schaffung der 300.

Biologie 136.

Boden, freier, für alle 656.

Boden als Einkommenquelle (bei A. Smith)
70.

Boden, Abschätzung des 640.

Boden, Aussaugung des 319.

Boden, Eigentumsrecht an (bei Eicardo)
173.

Boden, Brtragsfähigkeit des 164.

Boden, Erzeugnisse des 17.

Boden, Gemeinschaftsbesitz am (bei Cher-
bnliez) 428.

Boden, Heimfall des, an den Staat 649.

Boden, gesetzliches Monopolrecht am 214.

Boden, Nationalisierung des (bei Henry
George) 638.

Boden, Nationalisierung des (bei H. H.
Gossen) 650, 651.

Boden, Nationalisierung des (bei James
Mill) 174.

Boden, Nationalisierung des (bei Stuart
Mill) 638, 639, 640.

Boden, Nationalisierung des (bei Herbert
Spencer) 637.

Boden, Nationalisierung des (bei Wallace)
656.

Boden, Nationalisierung des (bei Walras)
616, 638.

Boden, besondere Produktivität des 64,
73, 121.

Boden, kommerzielle Produktivität des
623.

Boden, Kückkanf des (bei Gide) 654.

Boden, Kückkauf des (bei Vidal) 343.

Boden, Eückkauf des (bei Walras) 653.

Boden, Eückkehr zum (bei Fourier) 283.

Boden, Eückkehr zum (bei Tolstoi) 584.

Boden, Schätzung des Wertzuwachses
des 640.

Boden, Systeme der Nationalisierung des
648 ff.

Boden, Verstaatlichung des (bei Gossen)
651.

Boden, wachsender Wert des 638.

Boden, Urbarmachung des 25.

Boden, Urrecht der Gemeinschaft am 636,
637.

Bodenbesitz, Ordnung des (bei Loria) 635.

Bodenbesitz, privater (bei Gossen) 651.

ßodendienste, Wachsen des Mehrwerts
der 655.

Bodeneinkttnfte, kollektivistische Aneig-
nung der 661.

Bodenertrag, Gesetz des sinkenden (bei
Eicardo) 132, 141.

Bodenertrag. Gesetz des sinkenden (bei
Stuart Mill) 424.

Bodenkategorien (bei Eicardo) 162.

Bodenkreditinstitut 343.

Bodenkultur, Gang der (bei Carey) 388.

Bodenkultur, Intensivierung der 164.

Bodenkultur, Scheidung der, zwischen
den verschiedenen Ländern 311.

Bodenlohn (bei Loria) 667.

Bodenmehrwert, Beständigkeit des 649.

Bodenmehrwert, Wegsteuerung des 647,
648.

Bodenmonopol 417.

Bodenpreise, städtische, Steigen der 621.

Bodenrente, siehe auch Eente.

Bodenrente (bei Bastiat) 381, 382.

Bodenrente (bei Carey) 382.

Bodenrente (bei Hermann) 632.

Bodenrente (bei Malthus) 169.

Bodenrente (bei Marshall) 634.

Bodenrente (bei Karl Menger) 638.

Bodenrente (bei Pareto) 634.

Bodenrente (bei Eicardo) 622.

Bodenrente (bei J.-B. Say) 632.

Bodenrente (bei Schäfile) 633.

Bodenrente (bei Stuart Mill) 422, 624 bis
631.

Bodenrente (bei den modernen Theore-
tikern) 622.

Bodenrente als Schaffung von Werten 161.

Bodenrente als Wurzel aller sozialen
Übel 644.

Bodenrente, Aneignung der zukünftigen.,
durch den Staat 639.
        <pb n="803" />
        ﻿'778

Sachregister.

Bodenrente, Anteil der, am Einkommen

183.

Bodenrente, unendliches Anwachsen der
(bei Henry George) 642, 643.
Bodenrente, praktische Bedeutung der
620.

Bodenrente, theoretische Bedeutung der
620.

Bodenrente, differentiale 159.

Bodenrente, ausschließlich differentiale
. (bei Eicardo) 170.

Bodenrente, Erhöhung der, im 18. und
19. Jahrhundert 162.

Bodenrente, Erklärung der (bei Malthus)
159.

Bodenrente, Gesetz der (bei Eicardo) 132,
158.

Bodenrente, Illegitimität der 635.
Bodenrente, Kurve der, in England 175,

176.

Bodenrente, Sinken der 175.

Bodenrente, Stillstand der 175.
Bodenrente, Sozialisation durch die Grund-
steuer (bei Stuart Mill) 420.
Bodenrente, Theorie der 620 ff.
Bodenrente, Ungerechtigkeit der Kon-
fiskation der 645.

Bodenrente, Wegsteuernng der (bei Henry
George) 644.

Bodenrente, Wegsteuerung der (bei James
Mill) 174.

Bodenrente, Wegsteuerung der (bei Stuart
Mill) 422.

Bodenrente, Zersplitterung der 423.
Bodenwertzuwachs, Wegsteuernng des
640.

Bourgeois-Nationalökonomie 371.
Bourgeoisie, Eolle der, in der Geschichte
533.

Boykott 671.

Brutto- und Nettoertrag, Frage des
481.

Bruttoertrag, Wachstum des 153.
Bruttoertrag (bei Sismondi) 214.
Bruttoertrag, Gegensatz zum Nettoertrag
(bei Sismondi) 481.

Bruttoertrag und Nettoertrag, Unterschied
zwischen (bei Sismondi) 214.
Brüderlichkeit als Basis der Gesellschaft
569.

Brüderlichkeit (bei den Solidaristen)
673.

Buchungen, System sozialer, Solvay’s
273, 358.

Bullionisten 2.

Bürgerliche Eegierung 89.

c.

Carrying Trade 101.

Chambre consultative des associations de
production 290.

Chartismus 265.

China, Kaiser von 41.

Chrematistische Schule 202.
Chrematistische Wissenschaft 200.
Christianisierung des Sozialismus 575.
Christian-Socialists 574.
Christlich-Sozialen, die 124, 223.
Christlich-soziale Schule, Ursprünge der
561.

Clearing-houses 358.

Colbertismus 32.

Colbertisten 19.

Confederation Generale du Travail 538,
547, 727.

Communes 232.

Composite rent 628.

Comptabilisme social 273.

Contrat social 2, 6, 7.

Cooperation integrale 279.

Copartnership 281.

Corn-laws, Abschaffung der 198.
Credit-Mobilier 255.

D.

Darlehnsfreiheit (bei Bentham) 108.
Darlehnsfreiheit (bei der liberalen Schule)
366.

Darlehnsgeschäft, Freiheit des (bei Con-
dillac) 57.

Darlehnsgeschäft, Freiheit des (bei Turgot)
37.

Darlehnskasse, staatliche (bei Gossen) 651.
Dasein, Eecht auf (bei A. Menger) 689.
Deeret de maximum 227.

Decret de rationnement 227.

Deduktion (bei Cairnes) 441.

Deduktion, Kritik der 451.

Definition des Eigentums (bei Stuart Mill)
646.

Definition der sozialen Funktionen (bei
Eodbertus) 493.

Definition des Staates (bei Carlyle) 581.
        <pb n="804" />
        ﻿Sachregister.

779

Definition des Staates (bei Hegel) 498.
Definition der Volkswirtschaft (bei Ashley)
446.

Deistischer Rationalismus 58
Dekret „le Chapelier“ 263.

Demographie 135, 164.

Demographischer Niedergang Frankreichs
146.

Demokratie 43.

Depositbanken 256.

Desirabilite 693.

Despot, der aufgeklärte 40.

Despotismus 39.

Despotismus, aufgeklärter 98.

Despotismus, gesetzlicher 369.
Despotismus, militärischer 421.
Despotismus, Theorie des 39.
Deterministen 439.

Deutsche historische Schule 198.
Dichtigkeitsgrenze 392.

Dienstbotenfrage, Lösung der 279.

Dienst, sozialer 379.

Dienste (bei Bastiat) 375, 376, 378.
Dienste (bei Irving Fisher) 94.

Dienste (bei A, Smith) 71.

Dienste, Markt der 608.

Dienste, Preis der 89.

Dienste, produktive (bei J.-B. Say) 127.
Dienste, produktive (bei den Hedonisten)
378.

Dienste, produktive (bei Walras) 607.
Dienste, produktive, Preis der (bei Henry
George) 643.

Dienstwert, Theorie des 374.
Differential-Einkommen, Profit als 524.
Differentialrente der Arbeiter 624.
Differentialrente der Bergwerke 622, 623.
Differentialrente der Fischereien 623.
Differentialrente in der Industrie 623.
Differentialrente der Salinen 622, 623.
Differenzierung innerhalb der Kapitalisten-#
klasse 546.

Disagio 187.

Diskontierung von Wechseln 349.
Diskontierungsbank 349.

Diskontopolitik der großen Zentralbanken
321.

Dismal Science 132, 581.

Dividenden, Verteilung der (bei Fourier)
280..

Dogmatismus 124, 452.

Doktrinen, hedonistische, Kritik der 610 ff.

Droit d’aubaine 330.

Druck der Bevölkerung 161.

Dry farming 384.

Dumping 310.

Dünger 319.

Durchschnittlicher Schätzungswert (bei
Turgot) 63.

Durchschnittsertrag, jährlicher Zuwachs
des (bei Turgot) 166.
Durchschnittspreis des Getreides von 1770
bis 1813 in England 163.
Durchschnittsvermögen pro Kopf in den
Ver. Staaten 147.

Dynamische Auffassung des Volkswohl-
stands 325.

E.

Economie sociale 201.

Eden-Vertrag 117, 303.

Edikt von Nantes, Aufhebung des 307.
Edikte von 1763—1766 36.

Egaux, Societe des 227.

Egoismus (bei Hildebrand) 450.

Egoismus (bei Knies) 450.

Egoismus (bei Stuart Mill) 450.

Egoismus (bei A. Smith) 98.

Egoismus (bei A. Wagner) 450.

Egoismus, korporativer 695.

Egoist und Altruist (bei Bastiat) 388.

Ehe (bei den Anarchisten) 711, 712.

Ehe (bei Malthns) 142.

Ehelosigkeit, Pflicht der 143, 150.
Eheverbot für die Armen 408.

Ehernes Lohngesetz 48, 180, 410, 487.
Eigennutz 97.

Eigenschaften des Bodens, produktive
und unverwüstliche 160.

Eigentum (bei den Anarchisten) 710, 711.
Eigentum (bei Proudhon) 329 bis 331.
Eigentum (bei den Physiokraten) 7, 27.
Eigentum (bei den Saiut-Simonisteu) 226.
Eigentum (bei A. Smith) 89.

Eigentum, antisoziales 173.

Eigentum, bewegliches (bei Turgot) 54.
Eigentum, bürgerliches 530.

Eigentum, gesellschaftliches 525.
Eigentum an Grundbesitz (bei den Physio-
kraten) 27, 28.

Eigentum an Sachgütern 252.

Eigentum der toten Hand 226.

Eigentum als Ergebnis des Diebstahls 329.
        <pb n="805" />
        ﻿780

. Sachregister.

Eigentum und Disharmonie der Interessen
{bei Rousseau) 7.

Eigentum und Harmonie der Interessen
(bei den Physiokraten) 7.

Eigentum als Organisation der Ausbeutung
(bei den Anarchisten) 710.

Eigentum, Privat-, Abschaffung des (bei
E. Engels) 530.

Eigentum, friedliche Abschaffung des (bei
Proudhon) 346,

Eigentum, Abschaffung des (bei den
revolutionären Syndikalisten) 728.

Eigentum, persönliches, Abschaffung des
(im sozialen Protestantismus) 573.

Eigentum, Achtung vor dem (bei den
Physiokraten) 11.

Eigentum, Achtung vor dem (bei den
Männern der franz. Revolution) 226.

Eigentum, Angriffe gegen das 225.

Eigentum, kleinbäuerliches, Ausdehnung
des 422.

Eigentum, Begriff des (bei Krissot) 329.

Eigentum, Berechtigung des (bei Pareto)
614.

Eigentum, Definition des (bei Stuart Mill)
646.

Eigentum, Definition des (bei Proudhon)
331.

Eigentum, Einkommen aus 209.

Eigentum, kollektive Form des (bei Marx)
531.

Eigentum, verschiedene Formen des (bei
den Saint-Simonisten) 253.

Eigentum, Frage des (im sozialen Prote-
stantismus) 579.

Eigentum, Konzentration des (bei den
Fabiern) 664.

Eigentum, Kritik des (bei den Anarchisten)
697.

Eigentum, Kritik des (bei Proudhon) 326,
327, 328.

Eigentum, Kritik des (bei den Saint-
Simonisten) 331.

Eigentum, soziale Nützlichkeit des 258.

Eigentum, Recht auf (bei Brissot) 329.

Eigentum, Recht auf, im Naturzustand 329.

Eigentum, Reform des 250.

Eigentum, Schutz des (bei Kropotkin)
709, 710.

Eigentum, Sicherung des 89.

Eigentum und Arbeit, Trennung zwischen
211—213.

Eigentum, gesetzliche Übertragung des
420.

Eigentum, Umwandlung des (bei Saint-
Simon) 238.

Eigentum, bürgerliches, Untergang des
530.

Eigentum, Urformen des 252.

Eigentum, Verallgemeinerung des 331.

Eigentum, Verfassung des (bei Proudhon)
350.

Eigentum, individuelles,. Verflüchtigung
des 529.

Eigentum, Vermehrung des 530.

Eigentum, primitives, Vernichtung des 526.

Eigentum, Verteilung des (bei Sismondi)

210.

Eigentum, Verwandlung des Privat- in
Aktien- 280.

Eigentum, Vorgeschichte des 251, 252.

Eigentum, Zersplitterung des 246.

Eigentum, Zerstückelung des 212.

Eigentum, Wertverminderung des 381.

Eigentümer, Sicherheit des 697, 698.

Eigentumsrecht (bei J.-J. Rousseau) 226.

Eigentumsrecht am eigenen Arbeits-
produkt 530.

Eigentumsrecht an Boden (bei Ricardo) 173.

Eigentumsrecht des Erfinders 126.

Eigentumsrechte, wachsende Beschrän-
kung der 496.

Eigentumsrecht, Recht auf Arbeit als Er-
gänzung des 287.

Eigentumsrecht, Regelung des 570.

Eindämmung des Überflusses an Pro-
dukten 218.

Ein- und Ausfuhr, Gleichgewicht der 321.

Einfluß des Anarchismus auf die Arbeiter-
klasse 726.

Einfluß der wirtschaftlichen Faktoren auf
die soziale Entwicklung (bei Marx) 536.

Einfuhr, freie, überseeischen Getreides 34,

184.

Einfuhr von Lebensmitteln, freie 173.

Einfuhr, Prämium auf die 186.

Einfuhrverbot 109.

Einfuhrwert 412.

Einfuhrzölle auf Getreide 77.

Einfuhrzölle, Berechtigung der 113.

Einhegungsgesetze 163,

Einheit des Landes, politische 324.

Einheit des Landes, wirtschaftliche 824.

Einheit, wirtschaftliche, Deutschlands 300.
        <pb n="806" />
        ﻿Sachregister.

781

Einheit des Preises 608.

Einheitspreis, Gesetz des B97.

Einheitsstener auf den Grundbesitz (bei
den Physiohraten) 43 ff.

Einheitssteuer auf den Grundbesitz (bei
Henry George) 644.

Einkaufsvereine, soziale 389.

Einkommen (bei A. Smith) 94.

Einkommen, arbeitsloses (bei Stuart Mill)
418.

Einkommen, arbeitsloses (bei Proudhon)
330.

Einkommen, arbeitsloses (bei Eicardo)
170.

Einkommen, arbeitsloses (bei Saint-Simon)
242.

Einkommen, arbeitsloses (bei den Sozia-
listen) 646.

Einkommen, arbeitsloses, Abschaffung des
(bei Proudhon) 337.

Einkommen, arbeitsloses, Teilung des (bei
Rodbertus) 485.

Einkommen, arbeitsloses, Unrechtmäßig-
keit des 245.

Einkommen, nicht verdientes (bei Marx)
542.

Einkommen aus Arbeit 209.

Einkommen der Arbeiterklasse 489.

Einkommen aus Eigentum 209.

Einkommen aus Grundbesitz (bei Ricardo)
158.

Einkommen des Grundbesitzers 73.

Einkommen der Nationen, jährliches 71.

Einkommen, Anpassung des, an das Ver-
dienst 506.

Einkommen aus Kapital, Konfiskation des
661.

Einkommen aus Kapital, Rechtfertigung
des 397.

Einkommen, schlechte Verteilung der
(bei Sismondi) 216,

Einkommen, Wert des 386.

Einkommensquellen 70.

Einkommensteuer, progressive 610.

Einkommensnnterschiede zwischen den
industriellen Unternehmungen 626.

Einkommensverteilung (bei Colson) 387.

Einkommensverteilung (bei Ricardo) 183.

Einmischung der Regierung (bei Louis
Blanc) 293—295.

Einmischung der Regierung in die Arbeits-
bedingungen 510.

Einmischung des Staates (bei Chevalier)
471.

Einmischung des Staates (bei Cournot)
472—473.

Einmischung des Staates (bei Kingsley) 575.

Einmischung des Staates (bei Lassalle) 494.

Einmischung des Staates (bei Le Play)
555—556.

Einmischung des Staates (bei der liberalen
Schule) 366.

Einmischung des Staates (bei Stuart Mill)
471.

Einmischung des Staates (bei den sozial-
katholischen Schulen) 570.

Einmischung des Staates (bei Stöcker) 577.

Einmischung des Staates (am Anfang des
XIX. Jahrhunderts) 493.

Einrichtungen, politische, als Produktiv-
kräfte 307.

Einrichtungen, soziale, unvollkommener
Zustand der 404.

Einrichtungen, wirtschaftliche, Spon-
taneität der 77—78.

Einrichtungen, wirtschaftliche, natürlicher
Ursprung der 78.

Einrichtungen, wirtschaftliche; wohl-
tätiger Charakter der (bei A. Smith) 77.

Einsatz (bei Saint-Simon) 234.

Einschränkung des Bevölkerungszu-
wachses 144—145.

Einstellung der Produktivkräfte 482.

Einverleibungsgesetz (Act of union) 117.

Einwanderung 139.

Einzelassoziationen 261.

Einzelfamilie 564.

Einzelwesen, Selbstinteresse des 98.

Eisenbahnen, Rückkauf der (bei Walras)
655.

Elementarunterricht 68.

Elend, physisches 142.

Elend des Arbeiters, Erklärung des (bei
Sismondi) 212.

Elend des Volkes, Gleichgültigkeit der
liberalen Schule gegenüber dem	368.

Emanzipation	der	Arbeiter	(bei	Louis

Blanc) 294.

Emanzipation	der	Arbeiter	(bei	Saint-

Simon) 255.

Emanzipation	der	Arbeiter	(im Sozial-

Katholizismus) 670.

Emanzipation der Arbeiter durch die Ge-
nossenschaft 344.
        <pb n="807" />
        ﻿782

Sachregister.

Emanzipation der Arbeiterklasse (bei
K. Marx) 255.

Emanzipation der Kinder, vorzeitige 148.

Emanzipation der Laudarbeiterschaft 97.

Emanzipierung des Individuums 420.

Emission ausländischer Anleihen 324, 684.

Emissionsbank 354.

Emissionstätigkeit, freie 189.

Enclosure acts 163.

Enoyolopedie, gründe 1.

Bnergiemaximum, Prinzip des 609.

Energiequellen, neue 176.

Englands Handelspolitik 34.

Enqueten 561.

Enteignung der Kapitalisten (bei K. Marx)
530.

Enteignung der Kapitalisten (bei Owen)
266.

Enteignung der erworbenen ßeichtümer
(bei Thompsonl 275.

Enteignung aus Gründen des öffentlichen
Nutzens 649.

Enteignung ohne Entschädigung 689.

Enteignungsentschädigung 174.

Entfernung vom Markte (bei Thünen)
166.

Entfesselung des Individuums, wirtschaft-
liche 109.

Enthaltsamkeit, moralische 142, 143, 144,
150.

Bnthaltsamkeitswille in Frankreich 153.

Enthaltsamkeitszwang, moralischer 177.

Entlassung, Entschädigung bei ungerecht-
fertigter 689.

Entlohnung der Abstinenz 425.

Entlohnung der Arbeit (bei A, Smith) 72.

Entlohnung der Arbeit, gerechte (bei
Ruskin) 583.

Entlohnung des Kapitals (bei A. Smith)
72.

Entlohnung des Kapitalisten 127.

Entlohnung des Unternehmers 127.

Entlohnung gemäß den Bedürfnissen 269.

Entschädigung bei ungerechtfertigter Ent-
lassung 689.

Entschädigung der Grundbesitzer (bei
Stuart Mill) 645.

Entschädigung, Enteignung ohne 689.

Entschädigung, Prinzip der (bei Einaudi)
645.

Entwertung der Arbeitskraft 177.

Entwertung der Banknoten 188.

Entwicklung der Großproduktion 526,
527.

Entwicklung der kapitalistischen In-
dustrie (in Deutschland) 499.

Entwicklung des landwirtschaftlichen
Kleinbetriebs 543.

Entwicklung der Lebewesen, Grenzen der

177.

Entwicklung der kapitalistischen Ordnung,
historische 542.

Entwicklung des Pauperismus 529

Entwicklung der Persönlichkeit, freie (bei
den Anarchisten) 706.

Entwicklung der Transportmittel 175.

Entwicklung, soziale (bei Marx) 536.

Entwicklung, soziale, Antithese der 336.

Entwicklung, soziale, Synthese der 336.

Entwicklung, soziale, These der 336.

Entwicklung, wirtschaftliche (bei Walras)
655.

Entwicklung, Analogien der wirtschaft-
lichen 438.

Entwicklung, Gesetze der wirtschaftlichen
460.

Entwicklung, Theorie der wirtschaftlichen
439.

Entwicklungsgesetze der Völker, öko-
nomische 437, 438, 439.

Entwicklungsperiode (bei A. Smith) 305.

Entwicklungsphasen der Nationen, wirt-
schaftliche 305.

Entwicklungstheorie 552.

Enzyklopädie, Edinburgher 196.

Enzyklopädisten 58.

Epidemien 141.

Epoche,- kapitalistische 516.

Equality of opportunity 249.

Erbanfallsteuer, Festsetzung der 359.

Erbe, der (bei Nassau Senior) 398.

Erbe, gleiche Zwangsteilung des 657.

Erbrecht (bei Stuart Mill) 418, 420, 423,
424.

Erbrecht (bei Nassau Senior) 398, 423.

Erbrecht, gleiches (bei Le Play) 154.

Erbrecht, Abschaffung des (bei den Saint-
Simonisten) 191, 250.

Erbrecht,' Kritik des (bei den Saint-Simo-
nisten) 246.

Erbschaftsteilnng, gleichmäßige 252.

Erbschaftswesen, Ordnung des (bei Le
Play) 556.

Erfindungen 67.
        <pb n="808" />
        ﻿Sachregister.

783

Erfindungen, Verhinderung der (bei
Sismondi) 180.

Erflndungsmethode 561.

Ergänzung der Nationalökonomie durch
die Sozialpolitik 225.

Ergonomie 427.

Erhöhung der Bodenrente im XVIII.
und XIX. Jahrhundert 162.

Erhöhung der Getreidepreise im XVIII.
und XIX. Jahrhundert 162.

Erhöhung des Getreidepreises, Ursache
der 163.

Erhöhung des individuellen Lohnes 489.

Erhöhung des produit net {bei A. Smith) 70.

Erhöhung des Wechselkurses 186.

Erklärung des Mehrwertes (bei Lexis)
512.

Erleichterung der Arbeit 81.

Ermäßigung des Schutzzolles (bei Ricardo)

185.

Eroberung der öffentlichen Gewalt 538.

Ersatz der persönlichen Bedienung durch
die kollektive Bedienung 279.

Ersatz des Familienhaushalts durch den
Großhaushalt 278, 279.

Ersetzung des Geldes durch Arbeitsnoten
271.

Ertrag, jährlicher 94.

Ertrag, Gesetz des wachsenden (bei List)
310.

Ertragsfähigkeit des Bodens 164.

Ertragsfähigkeit, physische Grenze der
140.

Ertragsfähigkeit, wirtschaftliche Grenze
der 140.

Ertragssteigerung 140.

Erwerbsrecht 424.

Erwerbsschwierigkeitswert 376, 384.

Erzeugnisse, immaterielle (bei G. Garnier)
482.

Erzeugnisse, immaterielle (bei Malthus)

122.

Erzeugnisse, immaterielle (bei Stuart Mill)
71, 122.

Erzeugnisse, immaterielle (bei J.-B. Say)

122.

Erzeugnisse, immaterielle (bei Nassau
Senior) 122.

Erzeugnisse des Bodens 17.

Erzeugung des Nationalproduktes 66.

Erziehung (bei Euskin) 583.

Erziehung, industrielle 315.

Erziehung, industrielle, Schutzzoll als
309.

Erziehung, Rolle der, im System Owen’s
268.

Erziehungszölle (bei List) 309.

Erziehungszölle (bei Stuart Mill) 415.

Etatisme 10B.

Evidenz 10.

Evolutionslehre 460.

Evolutionstheorie, Übertragung ins Christ-
liche 553.

Existenzbedingungen, allgemeine, Siche-
rung der 652.

Existenzminimum (bei Fourier) 285.

Existenzminimum (bei Henry George)
641.

Existenzminimum (bei der klassischen
Schule) 417.

Existenzminimum (bei Malthus) 178.

Existenzminimum (bei Necker) 177.

Existenzminimum (bei Sismondi) 216.
217.

Existenzminimum (bei A. Smith) 90.

Existenzminimum (bei Turgot) 177.

Existenzminimum, Garantie eines (bei
den Solidaristen) 680.

Existenzminimum, Sinken des Lohnes unter
das 179.

Exklusivität, Politik nationaler 315.

Expansion des Kredits 528.

Export von Bargeld 95.

Expropriation, sozialistische 529.

Expropriation der Expropriatoren 627.

Expropriation der Handwerker durch die
Kapitalisten 529.

Expropriation der kleinen Handwerker-
besitzer 526.

Expropriation der großkapitalistischen In-
dustrien 545.

Expropriation der Kapitalisten 631.

Expropriation der bürgerlichen Klasse 529.

Expropriation der schottischen Pächter
215.

Expropriation, Gesetz der 524 ff.

F.

Fabrikant, landwirtschaftlicher, Zustand
des 305.

Fabrikarbeiter, Klasse der 193.

Fabrikarbeiter, Lage der, in Frankreich
und England 194.
        <pb n="809" />
        ﻿784

Sachregister.

.Fabrikationsgeheimnisse 92.

Fabriken, Mißbräuche in den 193.
Fabrikgesetzgebung 76.

Fabriksystem 74.

Fähigkeiten, Gleichheit der 225.

Faktor der Volkswirtschaft, psycholo-
gischer 98.

Faktoren, wirtschaftliche (bei Marx) 535.
Fallen der Banknoten 187.

Fallen des Profits, Ursache des (bei Stuart
Mill) 425.

Familie (bei Le Play) 556.

Familie, glückliche 661, 562.

Familie, patriarchalische 556.

Familie, unbeständige 557.

Familie, Wahl-Erbfolge- 557.

Familie, Haupttypen der 556, 557, 558.
Familienhaushalt (bei Fourier) 278.
Familistere 287.

Familie instable 567.

Familie, souche 557.

Februarrevolution 289.

Feilbietung 83.

Fehler des liberalen Systems 196.
Feminismus (bei Fourier) 286.
Feudalsystem, Wiederherstellung des (bei
■ Müller) 313.

Fertigkeit des Arbeiters 67.

Festlegung des Zinsfußes, gesetzliche
(bei A. Smith) 108

Festsetzung der Höhe der Zinsen (bei
Sismondi) 199.

Festsetzung der Lehrzeit 109.

Finalismus der französischen Schule 372.
Finanzen, Wissenschaft der 436.
Finanzfragen (bei A. Smith) 70.
Finanzwirtschaft des Ancien Regime 47.
Finanzprojekte Pitt’s 118.

Fiskalisches System der Physiokraten
50.

Fiskalisches System der französischen
Revolution 50.

Fischereien, Differentialronte der 623.
Fleiß 82. .

Föderalisten 525.

Folgen der Trennung von Eigentum und
Arbeit 216.

Fonds des salaires 23.

Förderindustrien 16.

Formen der Solidarität, alte 695.

Formen der Solidarität, neue 695,
Fortpflanzungsgesetz, biologisches 138.

Fortpflanzungstrieb 149.

Fortpflanzungstrieb, gesellschaftlicher Ur-f
sprung des 148.

Fortschritt, beständiger (bei List) 318.

Fortschritt, moralischer 426.

Fortschritt, sozialer (bei Rodbertus) 484,
485.

Fortschritt, ■wirtschaftlicher (bei Stuart
Mill) 426.

Fortschritt, wirtschaftlicher (bei J.-B. Say)
125.

Fortschritte der Produktionsmethoden
425.

Fortschritte der landwirtschaftlichen
Wissenschaft 172, 175, 176.

Fortschritt einzelner Industrien 69.

Fortschritt der industriellen Klasse 232.

Fortschritt, Sorge um den wirtschaftlichen
325.

Fortschritt, Verlangsamung des (bei Sis-
mondi) 130.

Fortschrittministerium 342.

Frage, soziale (bei der österreichischen
Schule) 615.

Fragen, soziale (bei Sismondi) 218.

Frage, soziale (bei Prince Smith) 428.

Frage, soziale, als Magenfrage 536.

Frage, soziale, Lösung der 262.

Frage der Maschinen (bei J.-B. Say) 126.

Frankreich, Gesamteinkommen 45.

Frauenarbeit (bei Sismondi) 207.

Frauenarbeit (bei Andrew Ure) 194.

Frauenfrage (bei den Saint-Simonisten)
286.

„Freien“, die 700.

Freies Gut (bei Condillac) 55.

Freihandel (bei Cobden) 416.

Freihandel (bei Cournot) 298.

Freihandel (bei Dunoyer) 393.

Freihandel (bei Fourier) 298.

Freihandel (bei Stanley Jevons) 616.

Freihandel (bei Stuart Mill) 416.

Freihandel (bei den Physiokraten) 32.

Freihandel (bei Ricardo) 173, 185.

Freihandel (bei A. Smith) 113.

Freihandel (bei Walras) 616.

Freihandel, landwirtschaftlicher (bei List)
311.

Freihandel als Hemmung des Steigens
der Bodenrente (bei Ricardo) 173.

Freihandel als Hemmung des Steigens
der Getreidepreise (bei Ricardo) 173,
        <pb n="810" />
        ﻿Sachregister.

Freihandelspolitik 129.

Freihandelsverband (bei Bastiat) 371.

Freiheit (bei den Anarchisten) 706, 707.

Freiheit (bei A. Smith) 99.

Freiheit, bürgerliche (bei List) 307.

Freiheit, individuelle (bei Proudhon), Not-
wendigkeit der 355.

Freiheit, individuelle (bei Eodbertus) 491.

'Freiheit, rechtliche 295.

Freiheit, tatsächliche 295.

Freiheit, wirtschaftliche (bei A. Smith)
105.

Freiheit, wirtschaftliche (bei den Staats-
sozialisten) 503.

Freiheit, Bedeutung der (bei Proudhon)
335.

Freiheit, System der natürlichen 105.

Freiheit, Verbindung der politischen mit
der wirtschaftlichen 368.

Freiheit, Verherrlichung der (bei Dunoyer)
369.

Freiheit der Arbeit 30.

Freiheit der Assoziation, (bei der klassi-
schen Schule) 417.

Freiheit des Außenhandels (bei denPhysio-
kraten) 52.

Freiheit des Binnenhandels (bei den Physio-
kraten) 52.

Freiheit des Darlehngeschäftes (bei Con-
dillac) 57.

Freiheit des Darlehngesehäftes (bei Turgot)
57.

Freiheit des Individuums (bei den Anar-
chisten) 711.

Freiheit des Individuums, Verteidigung
der 468.

Freiheit der Koalition (bei der klassischen
Schule) 417.

Freiheit des Zinses (bei Turgot) 37.

Freiheit des Zinsfußes (bei Condillac) 57.

Freizügigkeit der Arbeiter 109.

Friede, sozialer (im Marxismus) 611.

Friede, sozialer (bei Le Play) 559.

Fruchtbarkeit, mögliche 147.

Fruchtbarkeit, wirkliche 147.

Fruchtbarkeit und Ernährung 154.

Fruchtbarkeit und geistige Tätigkeit 154.

Fruchtbarkeit, Gesetz ungleicher 629.

Fruchtbarkeit, Rente der natürlichen 382.

Fruchtkulturen Kaliforniens 284.

Funktion, soziale (bei Auguste Comte)
378.

Gide und Hist, Gesch. d. Volkswirtschaft!.

785

Funktionen, soziale (bei Eodbertus) 478,
493.

Funktion des Staates (bei Molinari) 42.
Funktion des Staates (bei den Physio-
kraten) 41.

Funktion des Unternehmers 625, 626.
Funktionen des Unternehmers und des
Kapitalisten, Trennung der 625.
Fürsorge des Staates (bei A. Smith) 106.

G.

Garantie des Banknotenwertes 189.

Garantierung der Werte, staatliche 645.

Garantismus (bei Fourier) 286.

Garantismus (bei den Solidaristen) 680.

Gartenkultur (bei Fourier) 284.

Gartenstädte 283.

Gartenstädte, englische 269, 288, 584.

Gartenstädte, Schaffung von 262.

Gebäude 94.

Gebrauchswert (bei den Hedonisten) 593.

Gebrauchswert (bei den Klassikern) 593.

Gebrauchswert (bei Marx) 515, 516.

Gebrauchswert (bei A. Smith) 85.

Geburten, Beschränkung der 138.

Geburten, Verringerung der 142.

Geburtsprivilegien, Abschaffung der 249.

Geburtsziffer, sinkende 153.

Gefahren der Assoziation für die Freiheit
des Individuums 263.

Gegensatz zwischen Konkurrenz und
Assoziation (bei Louis Blanc) 289.

Gegensätze zwischen der Nationalökonomie
und dem Sozialismus 260.

Gegensätze der Gesichtspunkte zwischen
den Saint-Simonisten und den Klassikern
257.

Gegenseitigkeit, Kreditgesellschaften auf
354.

Gehorsam (bei den Saint-Simonisten) 248.

Geschäftspolitik der Trusts und Kartelle
203.

Geschichte, politische 435.

Geschichte, Anwendung der (bei A. Comte)
462.

Geschichte der Völker, wirtschaftliche (bei
Hildebrand) 437.

Geschichtsphilosophie Karl Marx’ 250.

Geschichtsphilosophie der Saint-Simonisten
254, 433.

Geschicklichkeitsrente (bei Stuart Mül) 624.

Lehrmeinunsen.	50
        <pb n="811" />
        ﻿786

Sachregister.

Geschicklichkeitsrente (bei Webb) 662.
Gesohicklicbkeitsrente als Folge des
Privateigentums 662.
Geschlechtsbeziehungen, Ordnung der (bei
Fourier) 286.

Geschleohtstrieb, religiöser Ursprung des
148.

Geld (bei den Mystikern) 581.

Geld (bei Owen) 271.

Geld (bei Proudhon) 347, 348.

Geld (bei Adam Smith) 80, 119.

Geld als Kapital (bei Proudhon) 348, 353.
Geld als Tauschbon 348.

Geld als Tauschmittel 353.

Geld als Umlanfsmittel 348.

Geld als Wertmesser, Abschaffung des 360.
Geld als Zusatzkapital 348.

Geld, Ausschaltung des 272.

Geld, Ersetzung des, durch Arbeitsnoten
271.

Geld, Marktwert des 409.

Geld, Quantitätstheorie des 409.

Geld, Quantitätstheorie des (bei Ricardo)
184, 187.

Geld, Rückfluß des 186.

Geld, Überfluß des 186.

Geld, Ursprung des (bei A. Smith) 80.
Geld, Wertverminderung des 186.
Geldausfuhr 186.

Geldkrise (bei List) 321.

Geldmarkt, Spannung des 321.
Geldmenge eines Landes 95.
Geldleihgeschäft 36.

Geldorganisation 60.

Geldstandpunkt (bei List) 321.
Geldüberschuß 93.

Geldwert und Arbeitswert der Produkte
(in der Arbeitstauschbörse) 273.
Geldwert, Steigen und Fallen des (bei A.
Smith) 95.

Geldwert, Wechsel des 187.
Geldwirtschaft 305, 437, 459.

Geldzinsen, Abschaffung der 348.
Gemeinde 568.

Gemeindeland, Aneigung des 163.
Gemeinden, Befreiung der 232.
Gemeineigentum, Kritik des (bei Proudhon)
335.

Gemeinschaften, kommunistische 269.
Gemeinsinn 470.

Generalstreik 672.

Generalstreik (bei den Syndikalisten) 550.

Genossen, Haftpflicht der 354.

Genossenschaft (bei Owen) 268.

Genossenschaft (bei Schulze-Delitzsch) 496.

Genossenschaft, freie 261.

Genossenschaften für Lebensverbilligung
345.

Genossenschaften, moralische und poli-
tische 324.

Genossenschaften, Schaffung selbständiger
(bei den Assozialisten) 265.

Genossenschaftsordnung Fourier’s 286.

Genossenschaftswesen als Verwirklichung
des Solidarismus 685.

Genuß, Gesetze des 650.

Gerechtigkeit 99.

Gerechtigkeit, steuerliche 61.

Gerechtigkeit, wirtschaftliche 348.

Gerechtigkeit als Lebensprinzip 336.

Gesamtangebot an Gütern 129.

Gesamteinkommen Frankreichs 45.

Gesamtnachfrage nach Gütern 129.

Gesamtnutzen, maximaler 608.

Gesamtprodukt, Anteil der Arbeit am
386, 387.

Gesellschaft (bei den Anarchisten) 714,
715, 716.

Gesellschaft (bei Stirner) 701.

Gesellschaft, anarchistische (bei Kropotkin)
717, 718.

Gesellschaft, familiale 556.

Gesellschaft, industrielle 211.

Gesellschaft, industrielle (bei A. Smith)
75.

Gesellschaft, kooperative (bei Owen) 274.

Gesellschaft, anarchistische Auffassung
von der 714 ff.

Gesellschaft, organische Auffassung der
(bei Rodbertus) 493.

Gesellschaft, physiokratisehe Auffassung
der 69.

Gesellschaft, Begriff der (bei Rodbertus)
490.

Gesellschaft, Hierarchie der (bei den sozial-
katholischen Schulen) 569.

Gesellschaft, industrielle, Proudhon’s Auf-
fassung einer 350.

Gesellschaft, kritische Periode der 254.

Gesellschaft, organische Periode der 254.

Gesellschaft, korporative Reorganisation
566.

Gesellschaft, ökonomische Struktur der
der 536.
        <pb n="812" />
        ﻿Sachregi .ter.

787

Gesellschaft, organische und biologische
Theorie der (von Schaffte) 501.

Gesellschaft, Umsturz der 195.

Gesellschaft, Unterbau der 535.

Gesellschaft, Unterscheidung zwischen
Regierung und 716.

Gesellschaft als Versicherungsgesellschaft

auf Gegenseitigkeit 678.

Gesellschaft, Zweiklassen- 545.

Gesellschaften, privilegierte 108.

Gesellschaftsauffassnng Saint-Simon’s 263.

Gesellschaftseinkommen 171.

Gesellschaftsklassen, untere, Besserung
der Lage der 133.

Gesellschaftsordnung, natürliche 100.

Gesellschaftsordnung der Physiokraten 98.

Gesellschaftsstufen, Theorie der drei (von
Auguste Comte) 251.

Gesellschaftstheorie Walras’ 652.

Gesellschaftstheorie, organische (hei Rod-
bertus) 491, 492.

Gesellschaftsverfassung (bei A. Smith) 98.

Gesetze, historische 461.

Gesetze, malthusische 147.

Gesetze, menschliche 98.

Gesetze, moderne sozial-politische 682.

Gesetze, die natürlichen 8.

Gesetze, natürliche (beiDupont deNemours)
402.

Gesetze, natürliche (bei Stuart Mill) 418.

Gesetze, natürliche, Evidenz der (bei
Bakunin) 713.

Gesetz, ökonomisches 79.

Gesetze, ökonomische, relativer Wert der
445.

Gesetz, physiologisches 139.

Gesetz, physisches 159.

Gesetz, proportionales, Eicardo’s 181.

Gesetz, quantitatives, Ricardo’s 181.

Gesetze, soziale (bei Dupont de Nemours)
7, 10.

Gesetz, wirtschaftliches 159.

Gesetze, wirtschaftliche (bei Knies) 446.

Gesetze, wirtschaftliche (bei Marshall) 448.

Gesetze, wirtschaftliche (bei Stuart Mill)
447.

Gesetze, wirtschaftliche (bei Walras) 448.

Gesetze, große wirtschaftliche 402 ff.

Gesetze, wirtschaftliche, Relativität der
441, 446 bis 448.

Gesetze, Nutzlosigkeit der (bei Kropotkin)
709.

Gesetze, Schädlichkeit der (bei Kropotkin)
709.

Gesetz der passioneilen Anziehung 263.

Gesetz des Absatzes (bei Cournot) 604.

Gesetz des Angebots und der Nachfrage
170, 408.

Gesetz des Angebots und der Nachfrage
(bei Cournot) 408, 590.

Gesetz des Angebots und der Nachfrage
(bei den Hedonisten) 589, 590.

Gesetz des Angebots und der Nachfrage
(bei Stuart Mill) 590.

Gesetz des Angebots und der Nachfrage
(bei Adam Smith) 127.

Gesetz des internationalen Austausches
412.

Gesetz der Bevölkerung 407.

Gesetz der Bevölkerung (hei Stuart Mill)
424.

Gesetz des sinkenden Bodenertrages 132,
141, 164, 172.

Gesetz des sinkenden Bodenertrages (hei
Malthus) 165, 170, 174.

Gesetz des sinkenden Bodenertrages (bei
Stuart Mill) 424.

Gesetz der Bodenrente 132, 411.

Gesetz der Bodenrente (bei Ricardo) 158.

Gesetz des Einheitspreises 597.

Gesetze der wirtschaftlichen Entwicklung
460.

Gesetz des wachsenden Ertrags (bei List)
310.

Gesetz der Expropriation 524 ff.

Gesetz ungleicher Fruchtbarkeit 629.

Gesetz der Gleichheit der Profite 524.

Gesetze des Genusses 650.

Gesetz des endlos sinkenden Gewinnes
182, 183.

Gesetz der Grundrente, Einfluß Malthus’
auf das 152.

Gesetz der Handelsbilanz (bei Ricardo) 184.

Gesetz der Indifferenz (bei Stanley Jevons)
167, 597.

Gesetz des persönlichen Interesses 403.

Gesetz des Kapitals 385.

Gesetz der Komplementargüter 601.

Gesetz der freien Konkurrenz 404.

Gesetz der Konzentration 524 ff., 542.

Gesetz der kapitalistischen Konzentration
(bei Sismondi) 211.

Gesetz des Lohnes (von Ricardo) 177.

Gesetz des Lohnfonds (bei Cairnes) 427.

50*
        <pb n="813" />
        ﻿788

Sachregister.

Gesetz des Lohnfonds, Einfluß Malthus’
auf das 152.

Gesetz der Nachfrage (in der mathe-
matischen Schule) 604.

Gesetz des unentgeltlichen Nutzens 379.

Gesetz der Produktionskosten (bei den
Hedonisten) 589, 591.

Gesetz der verglichenen Produktionskosten
414.

Gesetz des Profits von Ricardo 177.

Gesetz des allmählich sinkenden Profits
(bei Stuart Mill) 425.

Gesetz des konstant sinkenden Profits
132.

Gesetz des sinkenden Profltsatzes 386.

Gesetze des Reichtums (bei J.-B. Say) 123.

Gesetz der Rente 411.

Gesetz der Rente (bei Bastiat) 379.

Gesetz der Rente (bei Ricardo) 379.

Gesetz der Solidarität (bei Bastiat) S89.

Gesetz der Solidarität (hei Pierre Leroux)
296.

Gesetze sozialer Solidarität 683.

Gesetz der veränderlichen Stärke des Be-
dürfnisses 618.

Gesetz der Substitution 376, 597, 600.

Gesetz über obligatorische Unterstützung
151, 152.

Gesetz der bestimmten Verhältnisse 609.

Gesetz der Verteilung (bei den Hedonisten)
589, 591.

Gesetze der Verteilung (bei Ricardo) 157.

Gesetz der Verteilung zwischen Kapital
und Arbeit 385.

Gesetze der Vorsehung (bei Bastiat) 373.

Gesetz der internationalen Werte 414.

Gesetz des Sinkens des Zinsfußes 385.

Gesetzgebung 38.

Gesetzgebung, wirtschaftliche 445.

Gesetzmäßigkeit der Sozialphänomene 51.

Gesundheit der Arbeiter 208.

Getreide, Einfuhrzölle auf 77.

Getreide, amerikanisches, Konkurrenz des
316.

Getreide, Höchstpreis des, in England 162.

Getreide, Wert des (bei Ricardo) 161.

Getreideausfuhr 34.

Getreidebau, Ersatz des, durch Weide-
wirtschaft 527.

Getreideeinfuhr 34.

Getreideertrag Frankreichs 140.

Getreidepreise, hohe 116.

Getreidepreise, Erhöhung der, im 18. und
19 Jahrhundert 162.

Getreidezölle 112.

Getreidezölle, Abschaffung der 401.

Gewalt (bei den Anarchisten) 727.

Gewalt (bei den revolutionären Syndi-
kalisten) 727.

Gewalt, öffentliche, Eroberung der 538.

Gewalt, proletarische (bei Sorel) 549.

Gewerkschaft, Verherrlichung der (bei
den Syndikalisten) 548.

Gewerkschaft, erziehlicher Einfluß der
548.

Gewerkschaften, gelbe 546, 570.

Gewerkschaften, rote 546, 570.

Gewerkschaftsbewegung 547.

Gewerkschaftswesen (bei den sozial-
katholischen Schulen) 567.

Gewerkvereine, christliche 570.

Gewinn, hoher oder niedriger 72.

Gewinn (bei den Physiokraten) 31.

Gewinn des Unternehmers (bei Louis
Blanc) 293.

Gewinn, großer, der Kapitalisten 76.

Gewinn, wirklicher 128.

Gewinnbeteiligung (bei Bastiat) 390, 391.

Gewinnbeteiligung (bei den Saint-Simo-
nisren) 257.

Gilden, Wiederherstellung der 565.

Glasgower Vorlesungen (Adam Smith) 74.

Gleichen, Manifest der 227.

Gleiches, Wiederkehr des 79.

Gleichgewicht der Ein- und Ausfuhr 321.

Gleichgewicht, instabiles 60B.

Gleichgewicht, stabiles 606.

Gleichgewicht, Theorie des (bei Sismondi)
203.

Gleichgewicht, Theorie des, Kritik der
(bei Quesnay) 39.

Gleichgewicht, Theorie vorn wirtschaft-
lichen 90,

Gleichgewicht der wirtschaftlichen Kräfte
(bei Proudhon) 334.

Gleichgewicht, wirtschaftliches (bei Wal-
ras) 128.

Gleichgewicht, wirtschaftliches, Theorie
des 541.

Gleichgewicht,wirtschaftliches, Theorie des
(bei Marx) 533;

Gleichgewicht zwischen Verbrauch und
Produktion 130.

Gleichgewichtspreis, Begriff des 305.
        <pb n="814" />
        ﻿Gleichgewichtsprobleme' (in der
matischen Schule) 609.
Gleichgewichtszustand (in der
matischen Schule) 606.

Gleichheit, industrielle 234.

Gleichheit der Bedürfnisse 225.

Gleichheit der Fähigkeiten 226.
Gleichheit als Lebensprinzip 336.
Gleichheit der Menschen, ursprüngliche
553.

Gleichheit des Preises mit den Produk-
tionskosten 84.

Gleichheitssystem, absolutes 269.
Goldausfuhr, Verbot der 188.

Goldabfluß 188.

Grenzen der Arbeitsteilung (bei A. Smith)

68.

Grenzen der Entwicklung aller Lebe-
wesen 177.

Grenze der Intensivknltur 164.

Grenzen der politischen Regierung 492.
Grenzen der Eegierungstätigkeit 467.
Grenzen der wirtschaftlichen Regierung
492.

Grenzarbeiter (bei Clark) 600.
Grenzarbeiter (bei Webb) 661.
Grenzbeschaffungskosten 411.

Grenzboden (bei Ricardo) 161.

Grenzboden (bei Henry George) 642.
Grenzkapital 600.

Grenznutzen (bei Böhm-Bawerk) 593, 594,

597.

Grenznntzen (bei Bnffon) 594.
Grenznutzen (bei Clark) 593.

Grenznutzen (bei Condillac) 55, 594.
Grenznutzen im Bereiche der Produktion

598.

Grenznutzen im Bereiche des Verbrauchs

598.

Grenznntzen im Bereiche der Verteilung

599.

Grenznntzen, Bestimmung des Lohnes
durch den 699.

Grenznutzen, Definition des (bei Böhm-
Bawerk) 597.

Grenznntzen, Gleichzeitigkeit der Ent-.
deckung des 593.

Grenznutzen, Grad des (bei Stanley Jevons)
592, 609.

Grenznutzen als Lösung des Tausch-
problems 598.

789

Grenznutzen als Lösung des Wertproblems
598.

Grenznntzen, Rolle des, beim Tausche
595, 596.

Grenznutzen, Theorie des 370, 541.

Grenznutzentheorie (bei den englischen
Sozialisten) 663.

Grenznützlichkeit (bei , Karl Menger) 693.

Grenzpaar 596.

Grenzproduktivität 600, 635.

Grenzunternehmer 627.

Großaktionär, parasitischer 529.

Großbanken, Schaffung der 525.

Großbesitz, Sozialisation der Produktions-
mittel im 545.

Großgrundbesitz, Umformung des (bei
den Christian-Socialists) 575.

Großgrundbesitz, Umwandlungen des 649.

Großgrundbesitzer 24.

Großgrundbesitzer, Anteil der, am Pro-
dukte (bei Ricardo) 486.

Großhandel 74, 101.

Großhaushalt (bei Fourier) 278, 279.

Großindustrie, Sozialisation der Produk-
tionsmittel in der 545.

Großindustrie, Überhandnehmen des kon-
stanten Kapitals in der 522.

Großproduktion, beständige Entwicklung
der 526, 527.

Großproduktion, Zentren der 193.

Großstädte, Auflösung der 283.

Grund und Boden, Verstaatlichung des
158.

Grundbesitz (bei den Physiokraten) 24 bis
30.

Grundbesitz (bei J.-B. Say) 121.

Grundbesitz in bezug auf die Bevölke-
rungszunahme 153.

Grundbesitz, Einheitssteuer auf den (bei
Henry George) 644.

Grundbesitz, Einheitssteuer auf den (bei
den Physiokraten) 43 ff.

Grundbesitz, Einkommen aus (bei Ri-
cardo) 158.

Grundbesitz, kleiner 163.

Grundbesitz, Miteigentum des Herrschers
am 46.

Grundbesitz, Rechtfertigung des 155.

Grundbesitz, städtischer, Mehrwert des
283.

Grundbesitz, Steuer auf (bei Ricardo) 174.

Grundbesitz, Unrechtmäßigkeit des 638.

Sachregister,
mathe-
mathe
        <pb n="815" />
        ﻿790

Sachregister.

Grundbesitz, Zerstückelung des, in Frank-
reich 153.

Grundbesitzer (bei den Physiokraten) 44,
45.

Grundbesitzer (bei Henry George) 641.

Grundbesitzer, Einkommen des 73.

Grundbesitzer, Entschädigung der (bei
Stuart Mill) 645.

Grundbesitzer, Interesse des 171, 172.

Grundbesitzer, Monopol der 641.

Grundeigentum (bei den Physiokraten)
24, 25.

Grundeigentum (hei Proudhon) 636.

Grundeigentum (bei Eodbertus) 490.

Grundeigentum, Umformung des (bei
Saint-Simon) 237.

Grundeinheit 657.

Grundlage des marxistischen Kollektivis-
mus 224,

Grundlage der Lehre der Solidaristen 671.

Grundlage des wirtschaftlichen Liberalis-
mus 210.

Grundlagen des Wertes 127.

Grundprinzipien der Nationalökonomie
(bei Nassau Senior) 396.

Grundsatz von der Proportionalität der
Lasten 70.

Grundsätze des kollektivistischen Pro-
gramms 531.

Grundsteuer (bei den Physiokraten) 45.

Grundsteuer, Sozialisation der Boden-
rente durch die 420.

Gründung von industriellen Unterneh-
mungen 306.

Grundursache des Reichtums 82.

Gruppe (bei den Anarchisten) 715, 716.

Gruppe (bei Proudhon) 715.

Gut, freies (bei Condillac) 55.

Gut, wirtschaftliches (bei J.-B. Say) 122.

Güter, komplementäre 610.

Güter, konsumierbare 94.

Güter, Preis der 89.

Güter, Wachstum an 147.

Güter, Wertmaß der 94.

Güter, wirtschaftliche (bei Eodbertus) 484.

Güteraustausch 69.

Gütererzeugung 63.

Gütererzeugung (bei Hildebrand) 437.

Gütererzeugung, Smith’s soziale 69.

Gütererzeugung, Smith’s Theorie von der
90.

Gütertausch 67.

Güterverteilung, Theorie der (bei Henry
George) 643.

Güterverteilung (bei Hildebrand) 437.

Güterverteilung (bei Ricardo) 156.

Güterverteilung, doppelter Charakter der
(bei Eodbertus) 486.

Güterverteilung, Mechanismus der (bei

J.-B. Say) 127.

Güterverteilung, Smith’s Theorie von der
90.

Güterverteilung, staatliche Regelung der
507.

Güterverteilung, Umwälzung der 328.

H.

Haftpflicht der Genossen 354.

Handarbeit (bei Eodbertus) 483, 484.

Handarbeit, Verherrlichung der (bei K.
Marx) 548.

Handel, der (bei den Physiokraten) 30 ff.

Handel, auswärtiger (bei List) 306.

Handel, internationaler (bei Ricardo)
165.

Handel mit dem Ausland 68.

Handel mit den Kolonien 68.

Handel mit Geld 36.

Handel, Regelung des (bei den Physio-
kraten) 33.

Handel, Unproduktivität des (bei Dunoyer)
394.

Handel, internationaler, Vorteile des (bei
Ricardo) 413.

Handelsbeschränkung 310.

Handelsbilanz 34, 61, 93, 110, 184, 186,
316, 321.

Handelsbilanz, günstige 315.

Handelsbilanz, ungünstige 321.

Handelsbilanz, ungünstige (bei Ricardo)
186.

Handelsbilanz, Gesetz der (bei Ricardo)
184.

Handelsbilanz, automatisches Regulieren
der 187.

Handelsbilanz, Theorie der 110.

Handelsdefizit 321.

Handelseffekten 348.

Handelseinheit Deutschlands 302.

Handelseinheit Preußens 300.

Handelsfreiheit (bei den Physiokraten) 33.

Handelsfreiheit (bei Adam Smith) 61.
        <pb n="816" />
        ﻿Sachregister

Handelsfreiheit (bei der liberalen Schule)
366.

Handelsfreiheit, Ara der, in Frankreich
255.

Handelsfreiheit, Prinzip der 298.

Handelsgesellschaften 60.

Handelsgesetzgebung, einheitliche 324.

Handelskrisen 196, 196.

Handelspolitik Englands 34.

Handelspolitik (bei List) 433.

Handelspolitik, Zweck der (bei List) 306.

Handelsschranken 109.

Handelsstaat (bei List) 308.

Handelsstörung in England 195.

Handelsverein 300, 801.

Handelsvertrag, liberaler 117.

Handelsverträge, Politik der 315.

Händler-Fabrikant, Zustand des land-
wirtschaftlichen 305.

Handwerker 71.

Handwerker, unabhängiger 220.

Handwerker, Expropriation der, durch
die Kapitalisten 629.

Handwerkerbesitzer, kleine, Expropriation
der 626.

Harmonie bei Bastiat 373 ff.

Harmonie (bei den Physiokraten) 10.

Harmonie der Interessen (bei der klassischen
Schule) 202,

Harmonie der Interessen (bei den Physio-
kraten) 10, 173.

Harmonie der Interessen (bei Sismondi)
218.

Harmonie der Interessen (bei A. Smith)
75, 173.

Harmonie der Interessen, selbsttätige (bei
den Anarchisten) 718.

Harmonie des Privat- und des Allgemein-
Interesses (bei A. Smith) 103.

Harmonie der Privat- und Allgemein-
interessen, Kritik der 195.

Halbscheidpächter 24.

Hauptfaktoren des Wirtschaftslebens,
Zentralisation der 256.

Haus-Wirtschaftsperiode 305.

Hauswirtschaft, geschlossene 459.

Hedonisten 103, 587 ff.

Hedonistische Prinzip, das 12.

Heimfall des Bodens an den Staat 649.

Heimfallsrecht 330.

Heiratsbeschränkung, gesetzliche (bei
Malthus) 151.

791

Hemmungen, positive 141.

Hemmungen, präventive 142, 144, 147,
153.

Hemmungen, repressive 141, 142.
Herrenrecht der Besitzenden 330.
Herrschaft, feudale, in Deutschland 299.
Herrschaft, patriarchalische 556.
Herrschaft der Manufaktur 74.

Herrschaft der Maschinen 125;

Herrschaft des Privatunternehmens 525.
Herrschaft des Solidarismus 697.
Herrschaft des Tausches 697.

Herrschaft der Vernunft (bei Proudhon)
712.

Herrschaft der Wissenschaft (bei Bakunin)
712, 713.

Herrscher, Vorschüsse des 43.

Hierarchie (bei Proudhon) 350.

Hierarchie (bei den Saint-Simonisten) 239.
Hierarchie, gesellschaftliche 39.
Hierarchie, soziale (bei Euskin) 583.
Hierarchie der Gesellschaft (bei den sozial-
katholischen Schulen) 569.

Hilfe, gegenseitige 714, 716, 717.
Hilfsmittel, vorhandene 478.

Hilfsquelle, natürliche, Nationalisierung
aller (bei Euskin) 683.

Hirte, Zustand des 305.

Historische Schule 124, 222, 431.
Historische Schule, Eicardo und die 155.
Historische Schule, Sismondi uud die 198.
Höchstertrag an Lebensmitteln 214.
Höchstpreis des Getreides in England 162.
Hoheitsrechte 226.

Hohe Löhne der Arbeiter 75.

Hohe Löhe, Einfluß der, auf die Bevölkerung
214.

Höhere Produktivität der Landwirtschaft
(bei A. Smith) 71.

Hommes generaux 248.

Homo oeconomicus (bei den Hedonisten)
588.

Homo oeconomicus (bei der klassischen
Schule) 402.

Homo oeconomicus (bei Marshall) 450, 451.
Homo oeconomicus (bei der mathematischen
Schule) 618.

Homo oeconomicus (bei A. Smith) 97.
Horden, kleine 286,

Hungersnot 142, 175.

Hypothese, kosmopolitische, Adam Smith’s
304.
        <pb n="817" />
        ﻿792

Sachregister.

I.

Ich, Anbetung des (bei den Anarchisten
706.

Ich, Anbetung des (bei Stirner) 700.

Ich, Übertreibung des 698, 699.

Idee der Nationalität (bei List) 304.

Identifizierung des Barverkaufs mit dem
Kreditverkauf 359.

Identität der privaten und der all-
gemeinen Interessen 469.

Ideologien, Ausschaltung der (im Marxis-
mus) 534.

Imperialismus 321.

Import von Bargeld 95.

Import-Außenhandel 101.

Indifferenz, Gesetz der, (bei Stanley
Jevons) 167, 597.

Individualismus 363.

Individualismus (bei Stuart Mill) 506.

Individualismus (bei A. Smith) 107.

Individualismus, absoluter (bei Eodbertus)
493.

Individualismus, politischer 467.

Individualismus, Aussöhnung zwischen
dem Sozialismus und dem 652.

Individualismus, Erneuerung des 587.

Individualisten 325.

Individualität (bei Carey) 391.

Individuum (bei den Anarchisten) 714,
715, 716.

Individuum (bei Dupont-White) 503, 505.

Individuum (bei Stirner) 700, 701.

Individuum (bei Walras) 652.

Individuum, Aufgabe des 652,

Individuum, Emanzipierung des 420.

Individuum, wirtschaftliche Entfesselung'
des 109.

Individuum, Freiheit des 711.

Individuum, Machtbereich des 605.

Individuum, Selbsttätigkeit des (bei
A. Wagner) 505.

Individuum, Übertreibung der Hechte des
(bei den Anarchisten) 706.

Individuum, Wohl des 404.

Induktion 441, 443.

Industrial and Provident Societies Acts
575.

Industrialismus (bei Fourier) 283.

Industrialismus (bei Saint-Simon) 229, 233,
463.

Industrialismus (bei A. Smith) 73.
Industrie 101.

Industrie, Anregung der 256.

Industrie, Auffassung von der (bei List)
309.

Industrie, Ausdehnung der 131.

Industrie, Bedürfnisgrenze der 179.
Industrie, Differentialrente in der 623.
Industrie, kapitalistische, Entwicklung
der (in Deutschland) 499.

Industrie, große, Folgen der 461.
Industrie, Konzentration der 207.
Industrie, zentralisierte Leitung der (bei
den Saint-Simonisten) 191.

Industrie, maschinelle 74.

Industrie, steigende Produktivität der
(bei Nassau Senior) 396.

Industrie, Regulieren der 256.

Industrie, großkapitalistische, Überhand-
nehmen der (bei Sismondi) 212.
Industrie, Umwandlung der 432.
Industrie, Verherrlichung der Rolle der
231.

Industrie, Zukunft der 176.

Industrien, großkapitalistische, Expro-
priation der 645.

Industrien, Fortschritt einzelner 69.
Industriearbeiter 214.
Industrieerzeugnisse, Wachstum der 147.
Industrielle, Konventionen der 256.
Industriemittel 256.

Industriepartei 233.

Industriesyndikate 526.

Industriesystem, Verteidiger des 76.
Initiative, fiele (bei den Anarchisten) 697.
Initiative, individuelle 466.

Initiative des Staates (bei Michel Chevalier)
255.

Initiative, Begrenzung der individuellen
218.

Inlandsmarkt, Verengung des 216.
Innenhandel (bei den Physiokraten) 33.
Innenhandel (bei A. Smith) 101.
Inquisition, spanische 307.

Instinkt, kollektiver 80.

Institntional Churches 576.

Interesse, allgemeines (bei Enfantin) 259.
Interesse, augenblickliches (bei List) 470.
Interesse, beständiges (bei List) 470.
Interesse, individuelles 405.

Interesse, persönliches (bei den Hedonisten)
609.
        <pb n="818" />
        ﻿Sachregister.	793

Interesse, persönliches (hei den Klassikern)

449.

Interesse, persönliches (bei Marshall) 451.

Interesse, persönliches (bei Stuart Mill)

450,	470.

Interesse, das persönliche (bei den Physio-
kraten) 51.

Interesse, persönliches (bei den Mystikern)
581.

Interesse, persönliches (bei Adam Smith)
62, 79, 80, 91, 97, 99.

Interesse, persönliches (bei den Solidaristen)
693.

Interesse, persönliches, Gesetz des 403.

Interesse, soziales 405.

Interesse der Arbeiterklasse 537.

Interesse, allgemeines, der Arbeitenden 259.

Interesse des Grundbesitzers (bei Ricardo)
171, 172.

Interesse des Individuums (bei List) 470.

Interesse der Nation (bei List) 470.

Interesse des Produzenten 113.

Interessen, Antagonismus der (bei Sis-
mondi) 213.

Interesse, künstliche Aussöhnung der
(bei den Saint-Simonisten) 2«0.

Interesse, Harmonie der (bei der chrema-
tistischen Schule) 202.

Interesse, Harmonie der (bei den Physio-
kraten) 173.

Interesse, Harmonie der (bei Sismondi)
218.

Interesse, Harmonie der (bei A. Smith)
75, 173.

Interesse, Harmonie des Privat- und des
Allgemein- (bei A. Smith) 103.

Interesse, selbsttätige Harmonie der (bei
den Anarchisten) 718.

Interesse, Identität der privaten und der
allgemeinen 469.

Interesse, Prinzip der natürlichen Identi-
tät der (bei den Klassikern) 470.

Interesse, Privat-, der Müßiggänger 259.

Interesse, spontane Versöhnung der 260.

Interesse, natürliche Übereinstimmung
der (bei J. Stuart Mill) 470,

Interesse, Übereinstimmung des persön-
lichen und allgemeinen (bei Sismondi)
210.

Interessen (bei A. Smith) 73.

Interessengegensätze in der Gesellschafts-
ordnung 171.

Interessengemeinschaft, internationalem.
Intellektuelle (bei Karl Marx) 537.
Intensivierung der Arbeit 519.
Intensivierung der Bodenkultur 164.
Intensivkultur, Grenze der 164.
Internationale Arbeiterassoziation 513,
587, 704.

Internationaler Handel, Theorie vom
(bei A. Smith) 105.

Internationaler Handel, Theorien Ri-
cardo’s über den 184.
Internationalismus (bei List) 304.
Internationalismus (bei A. Smith) 100.
Internationalisten 42.

Interventionismns 430, 466.
Interventionismus (bei Malthus) 185.
Interventionismus (bei Patten) 617.
Interventionismus (bei Sismondi) 218.
Isolierung, Politik der 321.

J.

Jahreseinkommen, Verteilung des (bei
A. Smith) 63.

Jahresproduktion (bei Sismondi) 199.
Jährliche Einkommen der Nationen 71.
Journal des Savants 118.
Justizverwaltung 107.

K.

Kameralisten 123, 436.

Kampf ums Dasein 135, 368, 716, 717.
Kampf um den Lohn 264.

Kampf um den Profit 264.

Kämpfe, parlamentarische 546.

Kanäle 108.

Kanoniker 123.

Kapellmeisterdespotismus, der 41.
Kapillarität, Gesetz der 154.

Kapital (bei den Anarchisten) 710.
Kapital, fest angelegtes (bei A. Smith)
81, 94.

Kapital, intellektuelles (bei List) 307.
Kapital, konstantes (bei K. Marx) 521.
Kapital, natürliches (bei List) 307.
Kapital, umlaufendes (bei A. Smith) 81, 94.
Kapital, variables (bei K. Marx) 621.
Kapital als Einkommenquelle (bei A. Smith)
70.

Kapital als sozialer Einsatz (bei Saint-
Simon) 238, 242.
        <pb n="819" />
        ﻿794

Sachregister.

Kapital als Produktionsmittel 526.

Kapital der produktiven Materialen (bei
List) 307.

Kapital, Anteil des, am Einkomntefi (hei
Ricardo) 183.

Kapital, Anteil des, am Produkt (bei Carey)
486.

Kapital, Anteil des, am Gesamtprodukt
(bei Bastiat) 385, 386, 387, 486.

Kapital, Assoziation der Arbeit und des
658.

Kapital, Ausbeutung der Arbeit durch
das (bei Henry George) 642.

Kapital und Arbeit, Assoziation zwischen
(bei Condillao) 67.

Kapital, Begriff des (bei K. Marx) 521.

Kapital, Einkommen aus (bei Nassau
Senior) 397.

Kapital, Entlohnung des (bei A. Smith) 72.

Kapital, Geld als (bei Proudhon) 348, 353.

Kapital, Gesetz des (bei Bastiat) 385.

Kapital, Mangel an (bei Gossen) 651.

Kapital, Produktion von (bei Henry George)
642.

Kapital, Produktivität des (bei Lösewitz)
571.

Kapital, Rolle des (bei Turgot) 54.

Kapital, Solidarität zwischen Arbeit und
690.

Kapital, Sterilität des (bei K. Marx) 521.

Kapital, konstantes, Überhandnehmen des,
in der Großindustrie 522.

/Kapital, Ursprung des (bei A. Smithl 81.

/Kapital, Wachstum des (bei A. Smith)
81, 82.

Kapital, Wert des 386.

Kapital, Zinsen des (bei Louis Blanc)
292.

Kapital, Zusammensetzung des (bei K.
Marx) 522.

Kapitalanlagen eines Landes 76.

Kapitalansammlung, vorherige 68, 69.

Kapitalansammlung (bei Stuart Mill) 425.

Kapitalgeber 73.

Kapitalgewinn (bei A. Smith) 72, 89.

Kapitalien, Abwanderung von 324.

Kapitalien, Anlage von 101.

Kapitalien, Ansammlung von 82.

Kapitalien, Konfiskation des Einkommens
aus 661.

Kapitalien, Prinzip der Vereinigung der

212.

Kapitalien, geringe Produktivität neuer
386.

Kapitalien, materielle Produktivität der
662.

Kapitalien, Schaffung neuer (bei Owen)
266.

Kapitalien, Vernichtung von 425.

Kapitalien, Überfluß an 417.

Kapitalansammlung, Beweggründe zur
182.

Kapitalisation, Markt der 608.

Kapitalismus (bei Fourier) 283.

Kapitalismus (in der marxistischen Schule)
533.

Kapitalismus, revolutionäre Rolle des 534.

Kapitalismus, Selbstmord des 639.

Kapitalismus, Selbstzerstörung des 534.

Kapitalismus, Untergang des 539.

Kapitalist (bei J.-B. Say) 126.

Kapitalist, Ausbeutung des Arbeiters
durch den (bei K. Marx) 224.

Kapitalisten, Enteignung der (bei Owen)
266.

Kapitalisten, Enteignung der (bei K.
Marx) 630.

Kapitalisten, Expropriation der Hand-
werker durch die 529.

Kapitalisten, Expropriation der 531.

Kapitalisten, großer Gewinn der (bei A.
Smith) 75.

Kapitalisten, Konkurrenz zwischen Ar-
beitern und (bei Henry George) 642.

Kapitalist und Unternehmer, Trennung
der Funktionen der 625.

Kapitalisten, Verringerung der Macht der
664.

Kapitalistenklasse, Differenzierung inner-
halb der 545.

Kapitalkategorien, Analyse der (bei den
Physiokraten) 52.

Kapitalprofit, soziologische Aufklärung
des 541.

Kapitalproflt, Verschwinden des 182.

Kapitalrente 624.

Kapitalvermehrung, Ursache der 82.

Kapitalwert 520.

Kapitalzins 73.

Kartelle 203.

Kastenvorteile 242.

Katastrophentheorie (bei den N^o-Marxis-
ten) 546.

Katechismus, revolutionärer 725.
        <pb n="820" />
        ﻿Sachregister.

795

Kategorie, historische 584.

Katholizismus, sozialer 664.

Katholizismus, sozialer, Vorgänger des
564, 565.

Katholizismus als sozialökonomisches
System 551, 553.

Kathedersozialismus 213, 466, 600.

Kaufleute 71.

Kausalität, mechanische 439.

Kausalität, psychische 439.

Klasse, besitzende 22.

Klasse, kapitalistische 527.

Klasse, kapitalistische, Unfähigkeit der
629.

Klasse, landwirtschaftliche 69.

Klasse, produktive 22, 24.

Klasse, unproduktive 15, 16.

Klasse, sterile 16, 16, 22.

Klasse der Fabrikarbeiter 193.

Klasse, besitzende, Beseitigung durch die
Arbeiterklasse 538.

Klasse, bürgerliche, Expropriation der
529.

Klasse, industrielle, Fortschritt der 232.

Klassen, Antagonismus der 538.

Klassen, Teilung der Gesellschaft in 211.

Klassen, Verschmelzung der (bei Proudhon)
349.

Klassen, Verschwinden der (im Marxismus)
538.

Klassen, Verschwinden der (bei den Saint-
Simonisten) 233.

Klassenbewußtsein (in England) 664.

Klassenbewußtsein, Prinzip des 546.

Klassenkampf 256.

Klassenkampf (bei den Fabiern) 663.

Klassenkampf im kollektivistischen Pro-
gramm 631.

Klassenkampf (im Programm Fourier’s)
282.

Klassenkampf (bei Marx) 527.

Klassenkampf (im Marxismus) 537, 538.

Klassenkampf (im Neo-Marxismus) 545.

Klassenkampf (bei Stuart Mill) 400.

Klassenkampf (bei den Saint-Simonisten)
538.

Klassenkampf (bei den Solidaristen) 693.

Klassenkampf und die Revolution von 1789
226.

Klassenkampf, Betonung des (bei den
Syndikalisten) 549.

Klassenkampf, Prinzip des 546.

Klassenkampf, Verwirklichung des (bei
den Syndikalisten) 549.

Klassifikation, Methode der 563.

Klassische Schule, Kritik der (bei Sis-
mondij 197.

Keuschheit 144.

Kinder (bei Fourier) 285, 286.

Kinderarbeit (bei Owen) 267, 268.

Kinderarbeit (bei Sismondi) 207, 220.

Kinderarbeit (bei Villerme) 194.

Kinderarbeit, Beschränkung der (bei Owen)
194.

Kinderzahl, Beschränkung der 407.

Kinderaussetzung 144.

Kindererziehung (bei Fourier) 285.

Kindergärten 285.

Kindergesellschaften zur Übernahme
öffentlicher Arbeiten 285.

Kindermord 144.

Kindersterblichkeit 92.

Kirche, Aufgabe der 551, 552.

Kleinbesitz, individueller (im kollekti-
vistischen Staate) 545.

Kleinbesitz, Verschwinden des 527.

Kleinbetrieb, landwirtschaftlicher, die Ent-
wicklung des 543.

Kleineigentum, Aufblühen des 544.

Kleinindustrie, Aufblühen der 544.

Kleinhandel 101.

Kleinunternehungen, Sismondi und die

220.

Kleinunternehmungen, Wiederaufblühen
der 543.

Koalitionen, Unterdrückung der 193.

Koalitionsfreiheit (bei Stuart Mill) 411.

Koalitionsfreiheit (bei Ollivier) 366.

Koalitionsreeht der Arbeiter (bei Sismondi)

220.

Koalitionsreohte, Gewährung der Freiheit
der (in England) 193.

Kollektivarbeit (bei A. Smith) 64, 66.

Kollektiveigentum 525.

Kollektiveigentum, Umformung des Privat-
eigentums in (bei den Fabiern] 660.

Kollektivfonds 390.

Kollektivgesellschaft 345.

Kollektivinteressen, Ausdehnung der 503.

Kollektivismus 525.

Kollektivismus, französischer 532.

Kollektivismus, Gegensatz zum Staats-
sozialismus 508.
        <pb n="821" />
        ﻿796

Sachregister.

Kollektivismus, marxistischer, Grundlage
des 224.

Kollektivismus der Saint-Simonisten 229,
247.

Kollektivismus, Theorie der Rente als
Rechtfertigung des 658, 662.

Kollektivismus, Ursprung des 225.

Kollektivität, Ersetzung des Kapitalisten
durch die 665.

Kollektiv willen 78.

Kolonialhandel 108.

Kolonialpolitik 109.

Kolonialsystem 116.

Kolonialverwaltung 69, 60.

Kolonien 89.

Kolonien, amerikanische (bei Adam Smith)
308.

Kolonien, englische, politische Verfassung
der (bei Adam Smith) 308.

Kolonien, Gründung von (bei List) 306.

Kolonien, Handel mit den 68.

Kolonien, landwirtschaftliche 343, 657.

Kolonisation 166.

Kolonisation, Gang der 383.

Kolonisationsgesellschaften, Schaffung der
großen 525.

Kommanditgesellschaft 345.

Komplementärgüter, Gesetz der 601.

Kommunismus 525.

Kommunismus (bei Stuart Mill) 400, 418.

Kommunismus, Kritik des (bei Proudhon)
335.

Kommunisten, anti-autoritäre 525.

Kommunistische Gemeinschaften Owen’s
269.

Konfiskation der Bodenrente, Ungerechtig-
keit der 645.

Konfiskation des Einkommens aus Kapi-
talien 661.

Konfiskationen, geschichtliche 226.

Kongreß zu Eisenach 500.

Konkurrenz (bei den Assozialisten) 264.

Konkurrenz (bei Louis Blanc) 289, 290,
293.

Konkurrenz (bei Cairnes) 427.

Konkurrenz (bei Dunoyer) 366.

Konkurrenz (bei der liberalen Schule)
366.

Konkurrenz (bei Molinari) 392, 406.

Konkurrenz (bei Owen) 270, 271.

Konkurrenz (bei Sismondi) 211, 470.

Konkurrenz, die amerikanische 34.

Konkurrenz, freie (bei den Physiokraten)

33,	51.

Konkurrenz, freie (bei Ricardo) 184.

Konkurrenz, freie (bei Sismondi) 191.

Konkurenz (bei A. Smith) 107, 469.

Konkurrenz, freie (bei den Staatssozialisten)
503.

Konkurrenz, freie (bei der chrematistischen
Schule) 202.

Konkurrenz, freie (bei den Hedonisten)
103, 589.

Konkurrenz, freie (bei der mathematischen
Schule) 617.

Konkurrenz, freie, natürliche Einschrän-
kung der 510.

Konkurrenz, Gesetz der freien 404.

Konkurrenz, Kritik der (bei Sismondi)
202, 207, 224.

Konkurrenz, freie, Notwendigkeit der (bei
Stuart Mill) 418.

Konkurrenz des amerikanischen Getreides

34,	316.

Konkurrenz zwischen Arbeitern und Kapi-
talisten (bei Henry George) 642,

Konkurrenz, neue Auffassung der (bei
Louis Blanc) 293.

Konkurrenz zwischen den Individuen
371.

Konkurrenz, Mißbräuche der 219.

Konkurrenz, Nachteile der 256.

Konkurrenz fremder Nationen (bei List)
310.

Konkurrenz, Regelung der Höhe des
Profits durch die 524.

Konkurrenz, Solidarität in der 690.

Konkurrenz, Übel der (bei Louis Blanc)
289, 290.

Konkurrenz der Verkäufer 91.

Konkurrenz zwischen den Völkern (bei
Carey) 370.

Konkurrenz, Wiederherstellung des Mono-
pols durch die 264.

Konkurrenzbedingungen 114.

Konkurrenzgesetz, Cairnes’ Verbesserung
des 427.

Konsignationskäufe 358.

Konsignationsverkäufe 358.

Konsum, Vollgenossenschaft des 279.

Konsumgenossenschaft, Aufschwung der
421.

Konsumgenossenschaft, Bedeutung der

686.
        <pb n="822" />
        ﻿Sachregister.

Konsumgenossenschaft (bei den Christian-
Socialists) 674.

Konsumtion 112.

Konsumvereine 273.

Konsumvereine, kooperative 519.
Konsumvereine, Segel der 274.
Kontinentalsperre 162.

Kontinentalsperre, Aufhebung der 300.
Kontore, kommunale 283.

Kontrakt, individueller, in der Industrie
193.

Kontraktion des Kredits 528.
Konvertierung 386.

Konzentration der Arbeit 211.
Konzentration, Gesetz der 524 ff., 642.
Konzentration, Gesetz der kapitalistischen
(bei Sismondi) 211.

Konzentration des Eigentums (bei den
Fabiern) 664.

Konzentration der Industrie 207.
Konzentration des Eeichtums 224.
Konzentration der Vermögen (bei Sismon-
di) 216.

Kooperation 220.

Kooperation (bei Cairnes) 426.

Kooperation (bei den Christiau-Socialists)
574.

Kooperation (bei Henry George) 641, 842.
Kooperation (bei Gide) 687.

Kooperation (bei Stuart Mill) 400.
Kooperation (bei Adam Smith) 66.
Kooperation, freiwillige 192.

Kooperation, charakteristische Formen der
685, 686.

Kooperation, Eolle der, in der wirtschaft-
lichen Ordnung 687.
Kooperativgenossenschaft 418.

Kooperative Gesellschaft (bei Owen) 274.
Kooperative Schule 275.

Kooperativsten 530.

Kraft der Natur 121.

Kräfte, chemische 176.

Kräfte, intramolekulare 176, 177.

Kräfte, moralische (bei Adam Smith) 307,
308.

Kräfte, produktive (bei Dupin) 312.

Kräfte, produktive (bei List) 307.

Kräfte, produktive (bei den Saint-Simo-
nisten und List) 325.

Kräfte, soziale 562.

Kräfte, spontane soziale 260.

Kräfte, wirtschaftliche (bei Fourier) 334.

797

Kräfte, Gleichgewicht der wirtschaftlichen
(bei Proudhon) 334.

Kräfte, freies Spiel der 366.
Kraftersparnis, Prinzip der (bei den
Hedonisten) 609.

Kredit (bei den Saint-Simonisten) 256.
Kredit, gegenseitiger 354.

Kredit, unentgeltlicher (bei Proudhon) 345,
354.

Kredit, Expansion des 528.

Kredit, Kontraktion des 528.

Kredit, Eolle des, im modernen Wirt-
schaftsleben 256.

Kredite, landwirtschaftliche 283.
Kreditgenossenschaft (bei Proudhon) 354.
Kreditgenossenschaft (bei den sozial-katho-
lischen Schulen) 566.
Kreditgenossenschaften, katholische 688.
Kreditüesellschaften auf Gegenseitigkeit
354.

Kreditinstitute, Schaffung von 427.
Kreditkassen, landwirtschaftliche, von
Eaiffeisen 572.

Kreditverkauf, Identifizierung des Bar-
verkaufs mit dem 359.

Kreditwirtschaft (bei Marshall) 459.
Kreditwirtschaft (bei Hildebrand) 305,
437.

Krieg 141.

Krisen (bei Malthus) 123, 130, 133.

Krisen (bei J.-B. Say) 128, 130.

Krisen (bei den Solidaristen) 671.

Krisen der Überproduktion 193, 195.
Krisen, wirtschaftliche (bei den Neo-
Marxisten 546.

Krisen, Erklärung der (bei Sismondi) 211,
216.

Krisen, Erklärung der (bei Marx) 528.
Krisen, Erklärung der (bei Eodbertus)

487.

Krisen, Eolle der (in der marxistischen
Lehre) 539.

Krisen, Theorie der (bei Lexis) 512.
Krisen, Theorie der (bei Eodbertus) 487,

488.

Krisen, Ursache der (bei Ow'en) 270.

Kritik der Bevölkerungstheorie Malthus’
(bei Sismondi) 214.

Kritik des Eigentums (bei den Saint-
Simonisten) 331.

Kritik des Eigentums (bei den Anar-
chisten) 697.
        <pb n="823" />
        ﻿798

Sachregister.

Kritik des Erbrechtes (bei den Saint-
Simonisten) 246.

Kritik des Gemeineigentums (bei Prond-
bon) 335.

Kritik der hedonistischen Doktrinen 610ff.

Kritik der klassischen Schule (hei Sis-
mondi) 197.

Kritik des Kommunismus (bei Proudhon)
335.

Kritik der Konkurrenz (hei Sismondi) 202.

Kritik des Laisser-faire 469.

Kritik des Privateigentums (bei den
Saint-Simonisten) 239, 242.

Kritik des Sozialismus (bei Proudhon) 333.

Kritik des Staatssozialismus (hei Rod-
bertus) 478.

Kritik der Überproduktion (bei Sismondi)

202.

Kurve, des Angebots und der Nachfrage
605.

L.

Labour notes 271, 273.

Lage, Ungleichheit der 653.

Laisser-faire, das 12.

Laisser-faire, das (hei den Assozialisten)
291.

Laisser-faire (bei Cairnes) 427.

Laisser-faire (bei den christlich-sozialen
Schulen) 552.

Laisser-faire (bei Henry George) 652.

Laisser-faire (bei den Hedonisten) 615.

Laisser-faire (bei der klassische Schule)
403.

Laisser-faire (bei Lassalle) 497.

Laisser-faire (bei der liberalen Schule)
366.

Laisser-faire (bei List) 312.

Laisser-faire (bei Malthus) 470.

Laisser-faire, (bei den Pbysiokraten)
12, 33.

Laisser-faire (bei Sismondi) 470.

Laisser-faire (bei A. Smith) 467, 469.

Laisser-faire, das (in England zur Zeit
Smith’s) 117.

Laisser-faire (bei den Solidaristen) 673.

Laisser-faire, Einschränkung des 469.

Laisser-faire, Kritik des (bei der histo-
rischen Schule) 444.

Laisser-faire, Kritik des (bei den Ökono-
misten) 469.

Land tenure reform association 639.

Landarbeiter 214.

Landarbeiter, Umwandlung des Bauern
zum 214.

Landarbeiterschaft, Emanzipation der 97.

Landesverteidigung 107.

Landleute 69.

Landwirt, Zustand des 305.

Landwirtschaft (bei Eourier) 283, 284.

Landwirtschaft (bei den Pbysiokraten)
14, 20.

Landwirtschaft (bei A. Smith) 101.

Landwirtschaft, bäuerliche 530.

Landwirtschaft, zukünftige Entwicklung
der 177.

Landwirtschaft, höhere Produktivität der
71.

Landwirtschaft, Schutz der (bei den
Christlich-Sozialen) 670.

Landwirtschaft, Schutz der (bei List)
316.

Landwirtschaft, Vorzngstellung der (bei
A. Smith) 77.

Landwirtschafts-Kreditinstitut 343.

Landwirtschaftliche Arbeiter 71.

Landwirtschaftliche Klasse 69.

Landwirtschaftliches Produkt 69.

Landwirtschaftliche Wissenschaft, Fort-
schritte der 172.

Lasten, Proportionalität der 70.

Laster 145, 149.

Lebenshaltung, Niveau der, der Arbeiter-
klasse 179.

Lebensmittel, Höchstertrag an (bei Sis-
mondi) 214.

Lebensmittel (bei Malthus) 139.

Lebensmittel, freie Einfuhr von (bei
Ricardo) 173, 175.

Lebensmittel, Preis der, (bei Adam Smith)
75.

Lebensmittelmenge, Wachstum der 138.

Lebewesen, Vermehrung der 147.

Lehre, kommunistisch-sozialistische 227.

Lehre vom guten Arbeitgeber (im sozialen
Katholizismus) 572.

Lehre von der Solidarität (im sozialen
Protestantismus) 578.

Lehrlingsgesetz, altes 109, 117.

Lehrlingsgesetz, Aufhebung des 192.

Lehrzeit, Festsetzung der 109.

Leiden der Übergangsperioden 205.

Leidenschaften (bei Fourier) 286.
        <pb n="824" />
        ﻿Sachregister.

799

Leidenschaften, menschliche (bei A. Smith)
97.

Leistung, individuelle, Wert der 332.
Leitung des Produktionsvorganges (bei
Saint-Simon) 235.

Leitung, Arbeit der (bei Eodbertus) 483.
Leitung, Eolle der (bei Fourier) 280.
Liberales System, Fehler des 196.
Liberalismus 363, 369.

Liberalismus, Kritik des (bei Sismondi)

210.

Liberalismus, klassischer 223.
Liberalismus, klassischer, Verwerfung des
552.

Liberalismus, libertärer 586.

Liberalismus, ökonomischer 63, 192.
Liberalismus, wirtschaftlicher 196, 440.
Liberalismus, wirtschaftlicher, Grundlage
des 210.

Liberalismus Hume’s 61.

Liberalismus, absoluter, Reaktion gegen
den 223.

Liberalismus, negatives Programm des
406.

Liberalismus, positives Programm des
406.

Lohn, Definition des (bei Condillac) 57.
Lohn, gerechter, des Arbeiters (bei Sis-
mondi) 243.

Lohn, hoher oder niedriger (bei A. Smith)
72.

Lohn, Kampf um den (bei den Asso-
zialisten) 264.

Lohn, individueller, 489.

Lohn, natürlicher (bei Malthus) 179.

Lohn, natürlicher, des ehernen Lohn-
gesetzes 410.

Lohn, notwendiger 410.

Lohn, notwendiger, Eicardo’s Theorie des
496.

Lohn, Antagonismus des Profits und des
417,

Lohn, Anteil des, am Einkommen (hei
Eicardo) 183.

Lohn, Bestimmung des, durch den Grenz-
nutzen 559.

Lohn, Bestimmung des (bei Eodbertus) 487.
Lohn, Bestimmung des (bei Walker) 625.
Lohn, Fallen des (bei Henry George) 643.
Lohn und Profit, Verhältnis zwischen (bei
Eicardo) 181,

Lohnarbeit (bei Fourier) 281.

Lohnbons (bei Eodbertus) 490, 491.
Lohnerhöhung (bei Malthus) 179.
Lohnerhöhung (durch die Trade-Unions)
411.

Lohnfonds 409, 521.

Lohnfonds (bei Cairnes) 427.

Lohnfonds (bei Turgot) 23.
Lohnfondstheorie (bei Walker) 625.
Lohngesetz 409.

Lohngesetz (bei Malthus) 180.

Lohngesetz (bei Cobden) 409.

Lohngesetz als Ausfluß der kapitalistischen
Weltordnung (bei Lassalle) 180.
Lohngesetz, ehernes 180, 410, 487.
Lohngesetz, ehernes (bei Lassalle) 496.
Lohngesetz, ehernes (bei K. Marx) 487.
Lohngesetz, ehernes (bei Necker) 177.
Lohngesetz, ehernes (bei Quesnay) 48.
Lohngesetz, ehernes (bei Eicardo) 487,496.
Lohngesetz, ehernes (bei Eodbertus) 387,
487, 488.

Lohngesetz, ehernes (bei Turgot) 48.
Lohnsystem (bei den Fabiern) 663.
Lohnsystem, Abschaffung des (bei den
Assozialisten) 282.

Lohnsystem, Abschaffung des (bei Fourier)
282.

Lohnsystem, Abschaffung des (bei Labriola)
530.

Lohnsystem, Abschaffung des (bei Stuart
Mill) 420, 421.

Lohnsystem, Abschaffung des (bei der
radikal-sozialistischen Partei) 283.
Lohnsystem, Abschaffung des (bei Marc
Sangnier) 671.

Lohnsystem, Abschaffung des (bei den
Syndikalisten) 571.

Lohnsystem, Ersatz durch die Produktiv-
genossenschaft (bei Stuart Mill) 420.
Lohnsystem, Verallgemeinerung des 630.
Lohnsystem, Wesen des 516.

Lohntheorie (bei Bnfantin) 244.
Lohntheorie (bei Malthus) 179.
Lohntheorie (bei A. Smith) 90, 115.
Lohntheorie (bei Sismondi) 213.
Lohntheorie der Produktivität der Arbeit
600.

loi agraire 226.

Lösung der soziale Frage 262.
Luxusindustrien 216.

Luxusprodukte, Zunahme der Nachfrage
nach 216.
        <pb n="825" />
        ﻿800

Sachregister.

M.

Machtbereich des Individuums 605.
Machtbereich des Staates 505.
Machtbereich, staatlicher. Ausdehnung des
504.

Malthusianismus Stuart Mill’s 411.
Malthusische Gesetze 147.

Malthusische Voraussagungen 147.
Mammouismus 576.

Manchestertum 405.

Manchestertum (bei den Staatssozialisten)
501.

Mangel an Nahrungsmitteln 141.
Manifest, kommunistisches 530.

Manifest, kommunistisches, Aufgabe des
530.

Manifest der Gleichen 227.

Mann mit vierzig Talern, der 47.
Manufaktur, Herrschaft der 74.
Manufaktur, Verherrlichung der (bei List)
308.

Manufaktur, die Vorstufe des Fabrik-
systems 74.

Manufakturen 72.

Manufakturindustrie, neue 193.
Manufakturmonopol Englands 322.
Manufaktnrstaat 308.
Manufaktur-Suprematie (bei List) 322.
Market-wage 179.

Markt, nationaler 321.

Markt der Dienste 608.

Markt der Kapitalisation 608.

Markt der Produkte 608.

Markt, Ausdehnung des 68.

Markt, Entfernung vom (bei Thünen) 166.
Markt, Produktion für den 215.

Märkte, ausländische 216.

Märkte, neue 525.

Marktpreis 83, 86, 89, 91.

Marktpreis, Bestimmung des (bei Ricardo)
169.

Marktpreis, Beweglichkeit des 86.
Marktpreis der Arbeit (bei Eodbertus) 487.
Marktwert des Geldes 409.
Marktgenossenschaft 502.

Marktlohn 410.

Marktlohn (bei Malthns) 179.

Marxismus 513 ff.

Marxismus, reiner 531.

Marxismus, katastrophaler, Charakter des
538.

Marxismus, Krisis des 540.

Marxismus, revolutionärer Charakter des
538.

Marxismus als Erzieher zur Energie 536.

Marxisten 205.

Maschinen (bei Ricardo) 204.

Maschinen (bei J.-B. Say) 205.

Maschinen (bei A. Smith) 94.

Maschine: ihre geringen Vorteile für die
Arbeiter 206.

Maschine: ihre großen Vorteile für die
Verbraucher 206.

Maschine, Verbilligung der Produkte durch
die 206.

Maschinen, Vermehrung der (bei Sismondi)
203.

Maschinen, Wertverminderung durch die
519.

Maschinen, schädliche Wirkungen der (bei
Sismondi) 204.

Maschine, Zerstörung von 195.

Maschinenarbeit (bei J.-B. Say) 126.

Maschinenwesen (bei Ricardo) 173.

Maschinismus, Entwicklung des (bei

K.	Marx) 519.

Massentatsachen 449.

Maßnahmen, hygienische 109.

Materialismus 308.

Materialismus, geographischer 563.

Materialismus, historischer 535.

Materialismus, historischer (bei den Neo-
Marxisteu) 546.

Maximum, decret de 227.

Maximum der Ophelimität 103.

Maximum der Produktion 225.

Mechanismus der gesellschaftlichen Pro-
duktion 529.

Mechanismus, wirtschaftlicher 96.

Minimalhöhe des Profits (bei Stuart Mill)
425.

Meliorationen, landwirtschaftliche 128,172,

Mehrarbeit (bei K, Marx) 514 ff.

Mehrarbeit, Theorie der (bei K. Marx) 542.

Mehrarbeit, Verschwinden der 531.

Mehrwert des Bodens, Beständigkeit des
649.

Mehrwert der Bodendienste, Wachsen des
655.

Mehrwert, Definition des (bei K. Marx) 523.

Mehrwert, Erklärung des (bei Lexis) 512.

Mehrwert des städtischen. Grundbesitzes
283.
        <pb n="826" />
        ﻿Sachregister.

801

Mehrwert, Theorie des 209.

Mehrwert Theorie des (bei K. Marx) 157
514ff, 642.

Mehrwert, Theorie des (bei Thompson)
275.

Mehrwert, Verschwinden des 531.
Mensch, ökonomischer 451.

Mensch, sozialer (bei Walras) 652.
Mensch, Achtung des 706, 707, 727.
Mensch, Nachfrage nach (bei A. Smith) 93.
Mensch, sozialer Charakter des (bei Baku-
nin) 714, 715.

Mensch, physisches Wohlsein des 200, 201.
Menschenfresserei 141.

Menschenrechte, ^Proklamation der 526.
Mercanti di tenute 215.

Merkantilismus 31, 32, 60, 95, 110, 113,
192.

Merkantilismus, List und der 315.
Merkantilisten 2, 19, 93, 123.
Merkantilistiäche Politik 61, 93.
Merkantilistische Theorie 98.

Metallgeld 95.

Metallgeld (bei Owen) 271.

Metallgeld (bei A. Smith) 81.

Metallgeld, Abschaffung des (bei Ricardo)
188.

Metallgeld, Abschaffung des (bei Solvay)
.Metallgeld, Rolle des, im internationalen
Handel 186.

Metallgeldpreise 353.

Metallreserve 96, 187.

Methode, deduktive, Sismondi’s Kritik der

222.

Methode, deduktive (bei A. Wagner) 450.
Methode, deduktive, Kritik der 451, 452.
Methode, historische (bei List) 323.
Methode, historische (bei A. Comte) .463.
Methode, mathematische 585.

Methode, mathematische (bei Marshall)
447.

Methode, wissenschaftliche 123.

Methode der Klassifikation 563.

Methode der Monographien 661.

Methode der klassischen Nationalökonomie
444.

Methode der Nationalökonomie (bei Sis-
mondi) 196.

Methodenstreit 431.

Mieux-value 209.

Mietssteuer 70.

Mikrobiologie 669.

Mikrokosmen 265.

Mildtätigkeit, christliche 152.

Milieu, geographisches 563.

Milieu, künstliches 262.

Milien, Schaffung eines neuen 261.

Milieu, Schaffung eines neuen (bei Louis
Blanc) 292.

Milieu, Schaffung eines günstigen (bei
Kontier) 278.

Milieu, Schaffung des sozialen (bei Owen)
268.

Milien, soziales (bei den Anarchisten) 710.
Milieu, soziales (bei den Historikern) 457.
Milieu, soziales, Schaffung des (bei Labri-
ola) 636.

Milieu, wirtschaftliches und soziales 436.
Milieuänderung 579.

Minimalhöhe des Profits (bei Stuart Mill)
425.

Minimallohn (bei Malthus) 178.
Minimallohn (bei den sozial-katholischen
Schulen) 569.

Minimalnennbetrag der Banknoten 108.
Minimalproduktionskostenwert (bei
Bastiat) 381.

Mißbräuche in den Fabriken 193.
Mißbräuche der Konkurrenz 219.
Mißbräuche des Privateigentums 215.
Miteigentum, soziales 688.

Miteigentum des Herrschers am Grund-
besitz 46.

Mittelalter 109.

Mittel, Prinzip des kleinsten (bei den
Hedonisten) 609.

Moderne Schule (bei Blanqui) 223.
Monarchie 39.

Monarchie, erbliche 41.

Monographien über Arbeiterfamilien 555.
Monographien, Methode der 561.
Monographien, volkswirtschaftliche 440.
Moralischer Enthaltsamkeitszwang 177.
Moralismus der französischen Schule 372.
moral restraint 142, 145.

Monopol (bei A. Smith) 107.

Monopol (bei Walras) 616.

Monopol und Allgemeininteresse, Zwie-
spalt zwischen 604.

Monopol der organisierten Arbeiter 411.
Monopol der Grundbesitzer 641.

Monopol, künstliches 92.

Monopol, natürliches 92.

Monopol der Staatsbank 189.

Gide und ßist, Gesch. d. Volkswirtschaft!. Lehrmeinungen.

51
        <pb n="827" />
        ﻿802

Sachregister.

Monopol, Wiederherstellung des, durch
die Konkurrenz 264.

Monopole, die drei 663.

Monopole (bei Nassau Senior) 397, 407.
Monopole, Abschaffung der 264.

Monopole, große, Organisation der 264.
Monopole, wirtschaftliche, Rückkauf der
(bei Walras) 655.

Monopole, Überhandnehmen der 510.
Monopoleinkommen (bei Stuart Mill) 630.
Monopolpreis (bei A. Smith) 92.
Monopolpreis, Rente als (bei A. Smith) 72.
Monopolrecht am Boden, gesetzliches 214.
Monopolstellungen 271.

Monopolsucht 117.

Moralist, utilitarischer 145.
Munizipalsozialisraus 666.

Müßiggänger, Arbeiter und (bei Saint-
Simon) 233.

Mutualisation, Theorie der 679.
Mutualisation der Risiken 679.
Mutualisation der Vorteile 679.
Mutualismus, Theorie des (bei Proudhon)
337.

Mutualisten, Solidarität bei den 685.
Mystiker 680.

Nachfrage (bei Condillac) 57.

Nachfrage, absolute 83.

Nachfrage, effektive 83.

Nachfrage, gesellschaftliche 102.

Nachfrage, Anpassung der Produktion an
die 625, 626.

Nachfrage nach Arbeit (bei Sismondi)
212.

Nachfrage, Gesetz der (in der mathe-
matischen Schule) 604.

Nachfrage, Gesetz des Angebotes und der
408.

Nachfrage, Kurve der 604, 605.

Nachfrage nach Menschen 93.

Nachfrage nach Produkten 127.

Nachfrage, Steigerung der 161.

Nachfrage, wirksame (bei Rodbertus) 479.

Nachfrage, wirksame; Gegensatz zum
sozialen Bedürfnis (bei Rodbertus) 481.

Nachfrage, Verschiebung der 217.

Nachteile der Arbeitsteilung 67.

Nahrungsmittel, Mangel an 141.

Nahrungsmittel, Verteuerung der 177.

Nahrungsspielraum, Pressen der Bevölke-
rung gegen ihren 159.

Napoleonische Kriege 116.

Natalität, Rückgang der 153.

Nation (bei List) 324.

National Anti-Corn-Law League 416.

Nationalindnstrie 68.

Nationalreichtum 83.

Nationaler Reichtum, Wachstum des 70.

National-Produkt, Anteil der Arbeit am
(bei Bastiat und Carey) 486.

National-Produkt, proportionaler Anteil
des Arbeiters am (bei Rodbertus) 486,
487.

National-Produkt, Anteil der Arbeiter und
der Nichtarbeiter am 486.

National-Produkt, Anteil der Großgrund-
besitzer am (bei Ricardo) 486.

National-Produkt, Anteil des Kapitals am
(nach Bastiat und Carey) 486.

National-Produkt, Erzeugung des 66.

Nationaltypus 321.

Nationalvermögen (bei A. Smith) 81.

Nationalvermögen (bei Sismondi) 199.

Nationalversammlung 39.

Nationalvorzüge, natürliche 111.

National-Wirtschaftsperiode 305.

Nationalismus 321.

Nationalisation 261.

Nationalisierung des Bodens 174.

Nationalisierung des Bodens, Hauptfolge
der 656.

Nationalisierung des Bodens, Systeme der
648 ff.

Nationalisierung des Bodens (bei Henry
George) 638.

Nationalisierung des Bodens (bei Gossen)
650, 651.

Nationalisierung des Bodens (bei James
Mill) 174.

Nationalisierung des Bodens (bei Stuart
Mill) 638, 639, 640.

Nationalisierung des Bodens (bei Herbert
Spencer) 637.

Nationalisierung des Bodens (bei Wallace)
656.

Nationalisierung des Bodens (bei Walras)
616, 638.

Nationalisierung aller natürlichen Hilfs-
quellen (bei Ruskiu) 583.

Nationalität, Idee der (bei List) 304,
433.
        <pb n="828" />
        ﻿Sachregister.	gQ3

Nationalökonom, Rolle des (bei J.-B. Say)
123.

Nationalökonomie (bei List) 304.

Nationalökonomie, praktische 123.

Nationalökonomie, klassische, Absolutis-
mus der 445.

Nationalökonomie, Auffassung der (bei
den Historikern) 466.

Nationalökonomie, soziologische Auf-
fassung der 463.

Nationalökonomie, Aufgabe der (bei Hilde-
brand) 437.

Nationalökonomie,	Definition	der	(bei
Hildebrand) 437. Nationalökonomie,	Definition	der	
			(bei
J.-B. Say) 123.			
Nationalökonomie,	Definition	der	(bei

Arnold Toynbee) 432.

Nationalökonomie, Ergänzung der, durch
die Sozialpolitik 225.

Nationalökonomie, Grundprinzipien der
(bei Nassau Senior) 396.

Nationalökonomie, Methode der (bei Sis-
mondi) 196, 199.

Nationalökonomie, klassische, Methode der
444.

Nationalökonomie als Naturwissenschaft
99.

Nationalökonomie, Objekt der (bei Sis-
mondi) 196.

Nationalökonomie, klassische, Perpetualis-
mus der 445.

Nationalökonomie, klassische, Psychologie
der 444.

Nationalökonomie als Theorie der Wohl-
fahrt 201.

Nationalökonomie, klassische, üniversalis-
mus der 444, 446.

Nationalökonomie, Vater der 87,

Nationalökonomie, eine moralische Wissen-
schaft (bei Sismondi) 198.

Nationalökonomische Vorlesungen im
Athenee 120.

N ational Wohlstand, dynamische Auffassnn g
vom 325.

Nationen als politische und moralische
Genossenschaften 324.

Nationen, Solidarität zwischen 690.

Nationen, wirtschaftliche Entwicklungs-
phasen der 305.

Natur 72.

Naturalismus (bei. A. Smith) 77, 100.

Naturalismus, biologischer, Schule des 673.
Naturalwirtschaft 305, 437.
natural wage 179.

Naturgesetz 79, 143.

Naturgesetze, wirtschaftliche 437.
Naturforscher 123.

Naturkräfte 72.

Naturordnung der Physiokraten (bei den
Assozialisten) 263.

Naturprodukte 381.

Naturzustand 7.

Natürliches Monopol 92.

Natürliche Ordnung, Schutz der 42.
Natürlicher Preis (bei A. Smith) 89.
Natürlicher Ursprung der wirtschaftlichen
Einrichtungen (bei A. Smith) 78.
Navigation, acts of 113.

Neo-klassische Schule, die 12.
Neo-Malthnsianer 160, 407.
Neo-Malthusianismus 146. -
Neo-Marxismus 540ff.

Neo-Marxismus, reformatorischer 540.
Neo-Marxismus, syndikalistischer 547.
Neo-Sozialisten 567.

Nettoertrag (bei Sismondi) 214.
Nettoeinkommen, Schätzung des 94.
Nettoertrag, Gegensatz zum Bruttoertrag
(bei Sismondi) 481.

Netto- und Bruttoertrag, Frage des 481.
Neugestaltung der Arbeit (bei den An-
archisten) 720, 721.

Niedergang der Produktivgenossenschaft
421.

Nichteinmischung der Regierung 202.
Nichteinmischung der Regierung (bei Sis-
mondi) 218.

Nichteinmischung des Staates (bei Adam
Smith) 68, 105, 108.

Nominallohn 178.

Nominallohn, Steigerung des 178.
Normal-Lohn, Begriff des 305.
Normal-Nation, Begriff der 305.
Normal-Preis, Begriff des 305.

Normalwert der Arbeit (bei Rodbertus)
487.

Normatives Wesen der Nationalökonomie
123.

Notenmenge, Anpassung der, an die Nach-
frage 96.

Nutzbarmachung der Naturkräfte 176.
Nutzen (bei Condillac) 55.

Nutzen, gesellschaftlicher 103.

61*
        <pb n="829" />
        ﻿804

Sachregister.

Nutzen, öffentlicher, Enteignung aus
Gründen des 649.

Nutzen, persönlicher 100, 107.

Nutzen, unentgeltlicher, Gesetz des 379.
Nutzen bei den Klassikern, 593.

Nutzen, Übereinstimmung des Privat- mit
dem Allgemein- (bei A. Smith) 101.
Nntzenmaximum 610.

Nutzenwert 376.

Nützlichkeit 85.

Nützlichkeit {bei Dunoyer) 394.
Nützlichkeit {bei J.-B. Say) 122.
Nützlichkeit, Maximum an 111.
Nützlichkeit, die soziale 27.
Nützlichkeitsknrve 594.
Nützlichkeitsmaximum 472.
Nützlichkeitswert {bei Galiani) 51.
Nützlichkeitswert, seltener {bei Nassau
Senior) 398.

Nutzlosigkeit des Schutzzollsystems 116.

0.

Objekt der Nationalökonomie (bei Sis-
mondi) 196.

Obligatorische Unterstützung, Gesetz über
151, 152.

Öffentliche Arbeiten, die 42.

Öffentliche Arbeiten, Kindern übertragen
285.

Öffentliche Meinung (bei den Anarchisten)
719.

Öffentliche Notstandsarbeiten 126.

Öffentliche Schuld, Anwachsen der 106.

Öffentlicher Nutzen, Übereinstimmung der
Bodenrente mit dem 159.

Ökonomie, industrielle (bei J.-B. Say)
120, 125.

Ökonomie, politische 1, 100.

Ökonomie, reine, Berechtigung der 444.

Ökonomie, tierische 9.

Ökonomik, reine 210, 396, 586, 588.

Ökonomik, reine (bei Pautaleoni) 617.

Ökonomik, reine (bei Walras) 448.

Ökonomisches Gesetz 79.

Ökonomischer Liberalismus 63.

Okkupation 64.

Okkupation, die einfache 26.

Ophelimität 85, 593.

Ophelimität, Maximum an (bei den Hedo-
nisten) 103, 111, 472.

Ophelimität, Maximum an (bei G,ossen)
650.

Optimismus 52.

Optimismus (bei A. Smith) 77, 109.

Optimisten 132, 366.

Optimum, wirtschaftliches 472.

Optimumverhältnis 610.

Ordnung, industrielle 228.

Ordnung, industrielle, Wohltaten und
Nachteile der 221.

Ordnung, kapitalistische 520, 527.

Ordnung, kapitalistische, Entwicklung
der 542,

Ordnung, kapitalistische, Selbstzerstörung
der 528.

Ordnung, kollektivistische 530.

Ordnung, die natürliche (bei den Physio-
krateu) 6, 7, 9, 10, 11, 12, 37.

Ordnung, die natürliche (bei Adam Smith)
123.

Ordnung, selbsttätige wirtschaftliche 98.

Ordnung der Assoziation 697.

Ordnung, wirtschaftliche, Begriff einer
spontanen (bei den Anarchisten) 697,
713.

Ordnung des Bodenbesitzes (bei Loria)
535.

Ordnung der Vorsehung 10.

Organisation, kollektivistische; wachsende
Bedeutung der 664.

Organisation, politische (bei List) 304.

Organisation, produktive 257.

Organisation, soziale 653.

Organisation der Arbeit 257, 288, 289,342,
344.

Organisation der großen Monopole 264.

Organisation, Prinzipien der sozialen
191.

Organisation du travail 289.

Organisation neuer Unternehmung!«formen
275.

Organisation der Verbraucher 389.

Organisation, wirtschaftliche, Zweck der
225.

Organisationsplan, kommunistischer 152.

Organisationsplan, sozialistischer 152,

Organismus, Umformung des 2G8.

Orthodoxie 224.

Orthodoxie, volkswirtschaftliche 199.

Österreichische Schule 55.

Ostindische Kompagnie 108.
        <pb n="830" />
        ﻿Sachregister.

805

P.

Pacht (bei J.-B. Say) 128.

Pachtertrag 158.

Pachtgüter, kleine französische 153.
Pachtsystem in Frankreich 158.

Pächter (bei den Physiokraten) 24.
Pächter (bei A. Smith) 71.

Panik vom 24. Februar 1797. 187,
Papiergeld 188.

Papiergeld (bei Ricardo) 187.

Papiergeld, Abschaffung des 188.
Papiergeldpreise 353.

Parabel Saint-Simon’s 231.

Parallelismen, historische 457, 460, 461.
Parallelismen der wirtschaftlichen Zu-
stände 460.

Parasitismus 690.

Parlamentarismus 233.

Parlamentarische Eegierungsform 39.
Partei, anarchistische 726, 727.

Partei, anti-nationale 233.

Partei, äußerste demokratische 289.
Partei, konservative 546.

Partei, liberale 496, 546.

Partei, nationale 233.

Partei, radikal-sozialistische 282, 530, 673.
Partei, sozialdemokratische 495.
Partikularisten 325.

Pairiarchal-Ordnung 557.

Pauperismus 195.

Pauperismus, Entwicklung des 529.
Pauperismus, Erklärung des (bei Sismondi)

211.

Pauperismus, Kampf gegen den 500.
Pauperismus, Lösung des Problems des
656.

Prämium auf die Einfuhr 186.
Präventivmittel 142, 146, 152.
Präventivverkehr 143.

Periode, kritische, der Gesellschaft 254.
Periode, organische, der Gesellschaft 254.
Perioden, wirtschaftliche (bei Hildebrand)
305.

Perpetualismus der klassischen National-
ökonomie 445.

Personen, Schutz der (bei Kropotkin)
709.

Persönliches Interesse (bei den Hedonisten)
609.

Persönliches Interesse (bei den Klassikern)
449.

Persönliches Interesse (bei Marshall) 451.

Persönliches Interesse (bei Stuart Mill)
460, 470.

Persönliches Interesse (bei den Mystikern)
581.

Persönliches Interesse (bei den Physio-
kraten) 51.

Persönliches Interesse, (bei Adam Smith)
62, 79, 80, 91, 97, 99.

Persönliches Interesse (bei den Solidaristen)
693.

Persönliches Interesse, Gesetz des 403.

Persönliches Interesse, Prinzip des (bei
den Mystikern) 681.

Persönlichkeit, freie Entwicklung der
(bei den Anarchisten) 706.

Pessimisten 132 ff,

Pessimisten, zufriedene 133.

Pessimistische Theorie des wirtschaftlichen
Fortschritts 217.

Phaiange 279.

Phalange als Produktionsgenossenschaft
280.

Phalange als Yerbrauchgenossenschaft
280.

Phalanstere 277.

Phalanstere, Verwirklichung des, in den
Yer. Staaten 279.

Phalanstere, verschiedene Vorteile des
278.

Philanthropen, Rolle der 265.

Philosophie, ihre Bedeutung nach Saint-
Simon 255.

Physiokraten, die, 1 ff., 58, 62, 90, 105,
109, 110, 123, 168, 369.

Physiokraten, ihre Auffassung der Funk-
tionen des Staates 41.

Physiokraten, Gesellschaftsordnung der
98.

Physiokraten, Liberalismus der 110.

Physiokraten, Steuertheorie der 43.

Physiokraten, fiskalisches System der 50.

Physiokraten, Verteilungstheorie der 20.

Physiokraten, Volkswirtschaft der 69.

Physiokraten, die Wertidee der 52, 53.

Physiokratie, Definition der (bei Dupont
de Nemours) 6.

Physiokratische Agrartheorie 19.

Physiokratische Auffassung der Gesell-
schaft 69.

Physiokratische Ideen, Niederlage der

121.
        <pb n="831" />
        ﻿806

Sachregister.

Physiokratisches System 70, 71.

Physik 124.

Pioniere von Rochdale 274, 275.
Plutologie 427.

Politik, liberale 429.

Politik, merkantilistische 61, 93, 109.
Politik, praktische 466.

Politik nationaler Exklusivität 315.
Politik der Handelsverträge 315.

Politik der Isolierung 320.

Politik, Trennung der von dem wirtschaft-
lichen Sozialismus 493.

Politik des Wirtschaftslebens 324.

Post 106, 108.

Possibilismus der Moral Marx’ 536.
Positivismus 230, 463.

Preis, der gute 17, 18.

Preis, natürlicher (bei A. Smith) 89.
Preis, der richtige (bei den Physiokraten)
33, 51.

Preis, wirklicher 88.

Preis der Dienste (bei A. Smith) 89.
Preis der Dienste (bei J.-B. Say) 127.
Preise der Dienste, Auffassung von Walras
128.

Preis der produktiven Dienste (bei Henry
George) 643.

Preis, Einheit des 608.

Preis der Güter 89.

Preis der Lebensmittel 75, 90.
Preiserhöhung der landwirtschaftlichen
Erzeugnisse als Ursache der Rente 161.
Preisschwankungen 91.

Preissturz 130, 131.

Preistheorie (bei A. Smith) 84, 115.
Preistheorie (bei K. Menger) 633.

Pressen der Bevölkerung gegen ihren
Nahrungsspielraum 159.

Pressung der Bevölkerung 384
Prinzip, das hedonistische 12, 688.
Prinzip, hedonistisches (bei den Mystikern)
581.

Prinzip, hedonistisches (bei Nassau Senior)
396.

Prinzip der Bevölkerung 144.

Prinzip der Bevölkerungsvermehrnng (bei
Nassau Senior) 396.

Prinzip des Energiemaximums 609.
Prinzip der Entschädigung 645.

Prinzip der Handelsfreiheit 298.

Prinzip des Klassenhewußtseins 546.
Prinzip des Klassenkampfes 546.

Prinzip der Kraftersparnis 609.

Prinzip des Relativismus 433.

Prinzip der Selbsterhaltung 99, 403.

Prinzip des freien Austausches 323.

Prinzip der Autorität, Vernichtung des
709.

Prinzip der natürlichen Identität der
Interessen (bei Hermann) 470.

Prinzip der natürlichen Identität der
Interessen (bei den Klassikern) 470.

Prinzip des animalischen Lebens 83.

Prinzip moralischer Lebensführung, Soli-
darität als 694.

Prinzip des Maximums der Befriedigung
609.

Prinzip des kleinsten Mittels 588.

Prinzip des kleinsten Mittels (bei den
Hedouisten) 609.

Prinzip der steigenden Produktivität der
Industrie (bei Nassau Senior) 396.

Prinzip der Solidarität zwischen Schuld-
nern 565.

Prinzip der nationalen wirtschaftlichen
Solidarität 325.

Prinzipien der sozialen Organisation 191.

Prinzip der individuellen Verantwortlich-
keit 390.

Prinzip der Vereinigung der Kapitalien
212.

Prinzip der Vereinigung der Kräfte 212.

Prinzip der ursprünglichen Vollkommen-
heit 555.

Prinzipien, freiheitliche 117.

Privataneignung, Herrschaft der 625.

Privatbesitz, Stärkung des 649.

Privateigentum (bei K. Marx) 530.

Privateigentum (bei Rodbertus) 489.

Privateigentum, Abschaffung des (bei den
Saint-Simonisten) 191.

Privateigentum, Anerkennung des (bei
Sismondi) 225.

Privateigentum, Angriffe gegen das 225.

Privateigentum, historisches Argument
gegen das 250.

Privateigentum, Aufhebung des (bei
K. Marx) 630.

Privateigentum, Aufrechterhaltung des
282.

Privateigentum, Ausbreitung des 282.

Privateigentum, Kritik des 195.

Privateigentum, Kritik des (bei den Saint-
Simonisten) 239, 242.
        <pb n="832" />
        ﻿Sachregister.

Privateigentum, Mißbräuche des 215.
Privateigentum, Umformung des, in Kol-
lektiveigentum (bei den Fabiern) 660.
Privateigentum, Verwandlung des, in
Aktieneigentum (bei Fourier) 280.
Privatinitiative (bei Owen, Fourier und
Louis Blanc) 294.

Privatinteresse, Übereinstimmung des all-
gemeinen und des (bei den Anarchisten)

718.

Privatinteresse, Übereinstimmung des all-
gemeinen und des (bei Proudhon) 718,

719.

Privatinteresse, Unterordnung des, unter
das Allgemeininteresse 387,
Privatkapital (bei Sismondi) 199.
Privatunternehmen, Herrschaft des 525.
Privatwohlstand 83.

Privilegium der Erde, einzigartiges 159.
Prix, le bon 33.

Probleme, industrielle 123.

Problem der Arbeitslosigkeit, Lösung des
656.

Problem der Bevölkerung 153.

Problem des Netto- und Bruttoertrages
(bei Sismondi) 215.

Problem des Pauperismus, Lösung des 656.
Probleme der Wirtschaftspolitik 467.
Produit net 14.

Prodnit net, Erhöhung des (bei A. Smith)

70.

Produkte, immaterielle (bei Malthus) 122.
Produkte, immaterielle (bei Stuart Mill)

71,	122.

Produkte, immaterielle (bei J.-B. Say) 71.
Produkte, immaterielle (bei Nassau Senior)
122.

Produkt, landwirtschaftliches 69.
Produkte, Eindämmung des Überflusses
an 218.

Produkte, Geldwert und Arbeitswert der
(in der Arbeitstauschbörse) 273.
Produkte, Markt der 608.

Produkt, soziales, Verteilung des (bei
Rodbertus) 482, 483.

Produkte, Wert der ausgetauschten 414.
Produktenüberschuß 68.

Producteur, Le 239.

Produktion, gesellschaftliche (bei A. Smith)
94.

Produktion, individuelle (bei Rodbertus)
489.

Produktion, industrielle (B
442.	_ c

Produktion, unbegrenzte 202^^ II «V
Produktion, Achtung vor der 238.
Produktion, Anarchie der (bei den Saint-
Simonisten) 247.

Produktion, Anpassung an die Bedürfnisse
478, 479.

Produktion, Anpassung an die Nachfrage
625, 626.

Produktion, Anpassung der, an den Ver-
brauch 266.

Produktion von Arbeit (bei Henry George)
642.

Produktion, wissenschaftliche Ausdehnung
der (bei den Anarchisten) 721.

Produktion für das soziale Bedürfnis 480.

Produktion, kollektive Form der (bei Marx)
531.

Produktion, Grenznutzen im Bereiche der
598.

Produktion von Kapital (bei Henry
George) 642.

Produktion für den Markt 215,

Produktion, Maximum der 225.

Produktion, gesellschaftliche, Mechanis-
mus der 529.

Produktion, Umwälzung der 328.

Produktion, Vergrößerung der industri-
ellen 70.

Produktion, bürgerliche, Verhältnisse der
534.

Produktion, Wachstum der (bei Sismondi)
218.

Produktionsbedingungen, Umformung der
533.

Produktionsfaktoren, Abhängigkeit der,
voneinander 610.

Produktionsfaktoren, Theorie der drei 64.

Produktionsfaktoren, Verteilung der Pro-
dukte unter die (bei Henry George)
643-

Produktionsfonds 242.

Produktionsfrage 180.

Produktionsfreiheit 469.
Produktionsgenossenschaft, die Phalange
als 280.

Produktionsgenossenschaften, staatliche
Schaffung von (bei Lassalle) 496.
Produktionsgenossenschaft, korporative,
in Frankreich 344.

Produktionskosten 83.
        <pb n="833" />
        ﻿808

Sachregister.

Produktionskosten, reelle 414.

Produktionskosten, virtuelle 414.

Produktionskosten (bei A. Smith) 88.

Produktionskosten der Arbeitskraft 410.

Produktionskosten, Gesetz der vergliche-
nen 414.

Produktionskosten, Theorie der (bei Adam
Smith) 89.

Produktionskosten als Wertursache 409.

Produktionskostenpreis 170.

Produktionskostentheorie (in der mathe-
matischen Schule) 619.

Produktionskostenwert 376.

Prodnktionskostenwert (bei Bastiat) 381.

Produktionskostenwert (bei den Hedo-
nisten) 598.

Produktionskostenwert (bei Eicardo) 168.

Produktionskostenwert (bei Nassau Senior)
397.

Produktionskräfte 127.

Produktionsmethode, Fortschritte der 425.

Produktionsmittel, volle Ausnützung der
482.

Produktionsmittel, schlechte Leitung der
129.

Produktionsmittel, Eückgabe der, an die
Arbeiter 531.

Produktionsmittel, Sozialisation der, in
der Großindustrie 545.

Produktionsmittel, Umformung der 633.

Produktionsmittel, Vergesellschaftung der
631.

Produktionsmittel, Verstaatlichung der
262.

Produktiönsordnung der Arbeitsteilung
481.

Produktionstheorie 92.

Produktionstheorie Dunoyer’s 393.

Produktionsunfähigkeit 141.

Produktionsverhältnisse 535.

Produktionsverhältnisse, Entwicklung der
(bei Karl Marx) 250.

Produktionsvermehrung und Bevolke-
rungsdichtigkeit 392.

Produktionsvorgang, Leitung des 235.

Produktionsweise 535.

Produktive Dienste (bei Walras) 607.

Produktivgenossenschaft, heutige Form
der 281.

Produktivgenossenschaft, Ersatz des Lohn-
systems durch die (bei Stuart Mül)
420.

Produktivgenossenschaft, Niedergang der
421.

Produktivkräfte, Einstellung der (bei
Eodbertus) 482.

Produktivkraft, Idee der (bei List) 304.

Produktivismus 359.

Produktivität (bei Eodbertus) 481, 482.

Produktivität der Arbeit, Lohntheorie der
600.

Produktivität der Arbeit (bei Dunoyer)
391.

Produktivität, ausschließliche, der Arbeit
(bei Proudhon) 330.

Produktivität, fortschreitende, der Arbeit
380.

Produktivität der Arbeit, steigende 487.

Produktivität, ungleichmäßige, der ver-
schiedenen Arbeiten 69, 73.

Produktivität der Arbeiter 81.

Produktivität des Bodens, besondere 64r
73, 121.

Produktivität des Bodens, kommerzielle
623.

Produktivität, Gegensatz zur Eentabilität
(bei Eodbertus) 481.

Produktivität der Industrie, steigende
(bei Nassau Senior) 396.

Produktivität des Kapitals (bei Lösewitz)
571.

Produktivität neuer Kapitalien, geringere
386.

Produktivität der Kapitalien, materielle
662.

Produktivität der Landwirtschaft, höhere
(bei A. Smith) 71.

Produktivität, Maximum an (bei Gossen)
656.

Produktivität, soziale Steigerung der 359.

Produktivität der Unternehmen 625.

Produzent 84.

Produzent, nationaler 321.

Produzenten, Solidarität zwischen Ver-
brauchern und 690.

Produzent, Unterordnung des, unter den
Verbraucher 387.

Profit (bei Clark) 627.

Profit (bei Enfantin) 244.

Profit (bei Marshall) 627.

Profit (bei Stuart Mill) 628.

Profit (bei Owen) 270, 271.

Profit (bei Pantaleoni) 627.

Profit (bei Proudhon) 332.
        <pb n="834" />
        ﻿Sachregister.

809

Profit (bei J.-B. Say) 425.

Profit (bei A. Smith) 71, 73, 127.

Profit (bei Walker) 625.

Profit, Abschaffung des (bei Owen) 270.

Profit, Abschaffung des (bei den Solida-
risten) 687.

Profit als Abzug vom Arbeitsertrag 529.

Profit, Begriff des (bei den französischen
Ökonomisten) 425.

Profit, Begriff des (in der mathematischen
Schule) 608.

Profit, Begriff des (bei Stuart Mill) 425.

Profit, verschiedene Begriffe des 524.

Profit, verschiedene Bestandteile des (bei
Marsball) 627.

Profit als Dividende 529.

Profit als differentielles Einkommen 524.

Profit als besondere Entlohnung des Unter-
nehmers 625.

Profit als Entschädigung für das über-
nommene Risiko 73.

Profit, Gesetz des allmählich sinkenden
(bei Stuart Mill) 425.

Profite, Gesetz der Gleichheit der 624.

Profit, Gesetz des konstant sinkenden 132.

Profit, Höhe des; Regelung durch die
Konkurrenz 524.

Profit, Kampf um den 264.

Profit des Kapitals, soziologische Auf-
klärung über den 541.

Profit als Lohn für die Arbeit der Leitung
73.

Profit, Antagonismus des, und des Lohnes
417.

Profit und Lohn, Antagonismus zwischen
(bei K. Marx) 532.

Profit und Lohn, Antagonismus zwischen
(bei Ricardo) 632.

Profit, Minim alhöhe des (bei Stuart Mill)
425.

Profit, sinkende Tendenz des (bei Ricardo)
181.

Profit des Unternehmers (bei den Saint-
Simonisten) 244.

Profit, Ursache des Fallens des (bei Stuart
Mill) 425.

Profit, Ursprung des (bei Lexis) 512.

Profit, Verschwinden des (bei Walras)
608.

Profit, Verteilung des. durch den Tausch
483.

Profit im Warentauschhandel 274.

Profitsatz, fallender (bei Ricardo) 183.

Profltsatz, sinkender, Gesetz des 386.

Programm der Anarchie 726.

Programm Eourier’s 282.

Programm, kollektivistisches 531.

Programm, marxistisches 529.

Programm Rodbertus’, politisches 476.

Programm der radikal-sozialistischenPartei
282.

Programm sozialer Reformen (bei Ruskin)
582.

Proletarier 177, 410.

Proletarier, Auftreten des 211.

Proletariat, Schulung des 649.

Proletariat, Seele des 549.

Proletarisierung der Arbeiter (bei Karl
Marx) 491.

Proletarisierung der Arbeiter (bei Rod-
bertns) 491.

Proletarisierung, wachsende, der Arbeiter-
massen 224.

Proletarisierung der Massen 527.

Propaganda der Tat 724, 726.

Proportionalität der Lasten 70.

Prostitution 143.

Protektionismus 314, 401.

Protektionismus der Ver. Staaten 316.

Protestantismus als christlicher Sozialis-
mus 575.

Protestantismus als wirtschaftliches Pro-
gramm 579.

Protestantismus, sozialer 572.

Protestantismus, sozialer, in Deutschland
577.

Protestantismus, sozialer, in England
573.

Protestantismus, sozialer, in Frankreich
678.

Protestantismus, sozialer, in d. Ver. Staaten
576.

Protestantismus, Selbsthilfe im 572.

Prudential restraint 145.

Psychologie der klassischen Ökonomie
444.

Q.

Quantitätstheorie des Geldes 409.

Quantitätstheorie des Geldes (bei Ricardo)
184, 187.

Quasi-Kontrakt 674, 676, 679.

Quasi-Renten 634.
        <pb n="835" />
        ﻿810

Sachregister.

Quelle der Bereicherung 81.

Quellen neuer Werte 88.

Quietismus 366.

R.

Rationalismus, deistischer 58.

Rationalismus, reformatorischer 435.

Rationnement, decret de 227.

Realistische Schule und Ricardo 155.

Reallohn (bei Ricardo) 178.

Recht, das (bei Louis Blanc) 295.

Recht des Ältesten 242, 557.

Recht auf Arbeit 339.

Recht auf Arbeit als Ergänzung des
Eigentumsrechtes 287.

Recht auf Arbeit (bei Bismarck) 509.

Recht auf Arbeit (bei Considerant) 287,
339.

Recht auf Arbeit (hei Eourier) 339.

Recht auf Arbeit (bei A. Menger) 689.

Recht auf Arbeit (bei den Solidaristen)
680.

Recht auf den vollen Arbeitsertrag (bei
A. Menger) 689.

Recht der Besitzergreifung (bei Proudhon)
331.

Recht auf Dasein (bei Pichte) 498.

Recht auf Dasein (bei A. Menger) 689.

Recht auf Eigentum im Naturzustand
329.

Recht der Gemeinschaft am Boden (bei
Henry George) 638.

Recht der Gemeinschaft am Boden (bei
Stuart Mill) 638.

Recht, natürliches (bei Proudhon) 331.

Recht, neues, Schaffung eines (bei den
Solidaristen) 689.

Recht auf Unterricht (bei den Solidaristen)
680.

Recht auf Unterstützung 341.

Recht der Zukunft, neues 549.

Rechte, erworbene (bei den Solidaristen)
689.

Rechte des Individuums, Übertreibung
der 703.

Rechte des Individuums, Verteidigung der
468.

Rechte der Souveränität 226.

Rechtfertigung der Zinsen 54.

Rechtsbegriffe der Wirtschaftsordnung (bei
A. Menger) 689.

Rechtsgelehrte, kanonische 561.

Rechtsgeschichte 435.

Rechtsmißbrauch, Theorie des 688.

Rechtssozialismus 688.

Rechtssystem 99.

Rechtstitel 629.

Reform des Tausches (bei Proudhon)
337.

Reformation 254.

Reformen, fiskalische (bei den Solidaristen)
684.

Reformen, soziale (bei den Hedonisten)
616.

Reformen, soziale (hei der liberalen Schule)
366.

Reformen, soziale (bei Stuart Mill) 419.

Reformen, soziale (bei Ruskin) 582.

Reformen, soziale (bei Arnold Toynbee)
442.

Reformen, soziale (bei Walras) 616.

Reform des Umlaufs (bei Proudhon) 328.

Reformgesetze, soziale 180.

Reformprogramm Le Play’s 563.

Reformsyndikalismus 547.

Regelung der Banknotenemission (bei
Ricardo) 189.

Regelung der Bevölkerung nach dem
Einkommen 213.

Regelung des Handels 33.

Regelung der Höhe des Profits durch die
Konkurrenz 624.

Regierung siehe auch Staat.

Regierung (bei den Anarchisten) 708.

Regierung (hei Bastiat) 467—469.

Regierung (bei Proudhon) 708.

Regierung, allwissende, (bei den Saint-
Simonisten) 192.

Regierung, Aufgaben der (bei Bastiat)
468.

Regierung, Aufgabe der (bei Saint-Simon)
234, 235, 236.

Regierung, Aufgaben der (bei A. Smith)
468.

Regierung, bürgerliche 89.

Regierung, bankartige (bei den Saint-
Simonisten) 247.

Regierung, Einmischung der (bei Louis
Blanc) 294, 295.

Regierung, Einmischung der, in die
Arbeitsbedingungen 510.

Regierung, Form der (bei den Anar-
chisten) 709.
        <pb n="836" />
        ﻿Sac-register.

811

Eegierung, Hanptcharakter der (bei
Bastiat) 467.

Eegierung, Kritik der (bei Adam Smith)
106, 107.

Eegierung, Nichteinmischung der 202.

Eegierung, Nichteinmischung der (bei
Sismondi) 218.

Eegierung, Pflicht der (bei List) 324.

Eegierung, politische, Grenzen der 492.

Eegierung, Eolle der (bei Chevalier) 471.

Eegierung. negative Eolle der (bei Stuart
Mill) 506.

Eegierung, positive Eolle (bei A. Wagner)
506.

Eegierung, Schutz der (bei Kropotkin)
709.

Eegierung, Überflüßigmachen der (bei
Saint-Simon) 234.

Eegierung, ünnötigwerden der 349.

Eegierung, Unterscheidung zwischen
Gesellschaft und 716.

Eegierung als Verwaltung der Sachen
235, 236.

Eegierung, Verschwinden der, in der
wirtschaftlichen Organisation 237.

Eegierung, wirtschaftliche, Grenzen der
492.

Eegierungsform, parlamentarische 39.

Eegierungskoinmission für die Arbeiter
342.

Eegierungskunst 197.

Eegierungsorgane, Theorie der wachsenden
Entwicklung der 504.

Eegierungssystem, Auflösung des, in der
Wirtschaftsordnung 350.

Eegierungstätigkeit, Grenzen der 467.

Eeglementierung der Banknotenausgabe
(bei Eicardo) 187.

Eeglementierungssystem 109.

Eeiche und Arme (bei Sismondi) 199, 201,

211.

Eeichtum (bei Sismondi) 201.

Eeichtum, Grundursache des 82.

Eeichtum, Konzentration des 224.

Eeichtum, Wachstum an 146.

Eeichtum, AVachstum des nationalen 70.

Eeichtum, Wissenschaft des 200.

Eeichtümer, inmaterielle (bei J.-B. Say)
394.

Eeichtümer, materielle (bei J.-B. Say)
394.

Eeihe, arithmetische 138.

Eeihe, geometrische 138.

Eeihenfolge der Wirtschaftsstufen, ge-
schichtliche 305.

Eeinertrag (bei Euchanan) 160.

Eeinertrag (bei Karl Marx) 517.

Eeinertrag, (bei den Physiokraten) 13, 14,
19, 27, 29, 50, 158.

Eeinertrag (bei Sismondi) 214.

Eeinertrag, (bei A. Smith) 71, 94.

Eeinertrag, AVachstum des 153.

Eelativismns (bei der historischen Schule)
444.

Eelativismus, Prinzip des 433.

Eelativität der wirtschaftspolitischen
Prinzipien 499.

Eelativität der wirtschaftlichen Gesetze
(bei Cliffe Leslie) 441.

Eelativität der wirtschaftlichen Gesetze
(bei Knies) 446.

Eelativität der wirtschaftlichen Gesetze
(bei Walras) 448.

Eeligion der universalen Vergesellschaf-
tung 264.

Eente (bei Clark) 635.

Eente (bei Hermann) 632.

Eente (bei Hume) 73, 168.

Eente (bei Malthus) 159.

Eente (bei Mangoldt) 624, 632.

Eente (bei Marshall) 634.

Eente (bei Karl Menger) 633.

Eente (bei Stuart Mill) 628, 629, 630,
631.

Eente (bei Pareto) 632, 634.

Eente (bei Eicardo) 19, 158 ff.

Eente (bei Bodbertus) 485, 486.

Eente (bei J.-B. Say) 631, 632.

Eente (bei Schäffle) 633.

Eente (bei Nassau Senior) 412, 624, 626.

Eente (bei A. Smith) 71, 89, 159, 161.

Eente (bei den Sozialisten) 525.

Eente als Differentialeinkommeu (bei
Eicardo) 629.

Eente, als integrierender Teil des Preises
(bei A. Smith) 73.

Eente als Mouopoleinkommen (bei Stuart
Mill) 630.

Eente als Monopolpreis (bei A. Smith) 72.

Eente als normale Holge der allgemeinen
AArertgesetze 632.

Eente als Seltenheitsprämie 632.

Eente als Sonderfall der Eente fixer
Kapitalien 632.
        <pb n="837" />
        ﻿812

Sachregister.

Eente, Begriff der (bei Marshall) 622.
Eente, Begriff der (hei Nassau Senior)
397.

Eenten, dynamische 627.

Eente, hohe oder niedrige 72.

Eente, Gesetz der 411.

Eente, Gesetz der (bei Bastiat) 379.
Eente, Gesetz der (hei Eicardo) 379.
Eente, Konfiskation der (hei James Mül)
639.

Eente, negative (bei Pareto) 634.

Eente, negative (bei Thilnen) 634.

Eente, ökonomische 660, 662.

Eente, ökonomische, staatliche Aneignung
aller Formen der 660.

Eente, Theorie der (bei Bastiat) 620, 621.
Eente, Theorie der (bei K. Menger) 623.
Eente, Theorie der (bei Malthus) 159.
Eente, Theorie der (bei Eicardo) 155, 168,
173, 383, 384.

Eente, Theorie der (bei A. Smith) 90, 115.
Eente, Theorie der (bei Sydney Webb)
661.

Eente, Ursache der (bei Eicardo) 161.
Eente, Ursprung der (bei Eicardo) 629.
Eente, Zusammengesetze 628.

Eente der Bergwerke 622, 623.

Eente der Fischereien 623.

Eente der natürlichen Fruchtbarkeit 382.
Eente der Salinen 622, 623.

Eente der Verbraucher 170, 599.

Eente, Zins als 661.

Eentenbriefe 663.

Eentenkategorie, besondere 159.
Eentenkategorie, die von der Quantitäts-
begrenzung bedingte 171.

Eentabilität (bei Eodbertus) 481, 482.
Eentabilität, Gegensatz zur Produktivität
(bei Eodbertus) 481.

Eentabilität (in einer kollektivistischen
Gesellschaft) 482.

Eeorganisation, korporative, der Gesell-
schaft 566.

Eeorganisation der öffentlichen Wohl-
fahrtsbehörde 141.

Eeorganisierung der Zünfte 565.
Eeproduktion 72.

Eeproduktionsfähigkeit 138.
Eeproduktionsgesetz, biologisches 139.
Eeserve-Armee, industrielle 527.
Eevolution, französische, von 1789 117,226.
Eevolution von 1848, deutsche 699.

Eevolution von 1848, französische 337.

Eevolution, französische, bürgerlicher
Charakter der 226.

Eevolution, französische, sozialistischer
Charakter der 226.

Eevolution, französische, fiskalisches
System der 50.

Eevolution, industrielle (bei Arnold
Toynbee) 442.

Eevolution (bei Bakunin) 723, 724, 726.

Eevolution (bei Kropotkin) 723, 724,
725.

Eevolution (bei den Marxisten) 638.

Eevolution (bei Proudhon) 350, 722.

Eevolution (bei Eodbertus) 493.

Eevolution (bei den Saint-Simonisten)
254.

Eevolution (bei Sorel) 540, 541.

Eevolution, Theorie der (bei den Anar-
chisten) 722.

Eevolntionarismus, rhetorischer, der deut-
schen Sozialdemokratie 547.

Eeziprozität der Achtung 336.

Eeziprozität der Dienste 336.

Eeziprozitätspolitik 35.

Eichtiger Preis 51.

Eistorni 274.

Eohbaumwolle 125.

Eolle des Kapitals (bei Turgot) 54.

Kolle des Staates (bei Chevalier) 471.

Eolle des Staates (bei den Physiokraten)
37.

Eosenkultur 164.

Eückerstattungen 274.

Eückfiuß des Geldes 186.

Eückgabe der Produktionsmittel an die
Arbeiter 531.

Eückkauf der Bergwerke (bei Walras)
655.

Eückkauf des Bodens (bei Gossen) 653. •

Eückkauf des Bodens (bei Gide) 654.

Eückkauf des Bodens (bei Walras) 653.

Eückkauf des Bodens, staatlicher (bei
Vidal) 343.

Eückkauf der Eisenbahnen (bei Walras)
655.

Eückkauf der wirtschaftlichen Monopole
(bei Walras) 655.

Eückkehr zum Boden (bei Fourier) 283.

Eückkehr zum Boden (bei Tolstoi) 584.

Eückkehr zum patriarchalischen Besitz
219.
        <pb n="838" />
        ﻿Sachregister.

813

S.

Sachgüter, Eigentum an 262.
Saint-Simonismus, der, als Religion 239.
Salinen, Differentialrente der 622, 623.
Schaffung einer einheimischen Industrie
323.

Schaffung eines günstigen Milieus (bei
Fourier) 278.

Schaffung eines neuen Milieus 261.
Schaffung eines neuen Milieus (bei Louis
Blanc) 292.

Schaffung des sozialen Milieus (bei
Labriola) 536.

Schaffung des sozialen Milieus (bei Owen)
268.

Schätzungswert, durchschnittlicher (bei
Turgot) 63.

Schätzung des Nettoeinkommens 94.
Schätzung des Wertzuwachses des Bodens
640.

Schicksal, soziales 248.

Schuld, Anwachsen der öffentlichen 106.
Schuld, Solidarität als 677.

Schule des biologischen Naturalismus 673.
Schule, chrematistische 202.

Schule, christlich-soziale, Ursprünge der
551.

Schulen, christlich-soziale, gemeinsame
Gharakterzüge der 562.

Schule, französische, Finalismus der 372.
Schule, französische, Lage der 364, 365.
Schule, französische, Moralismus der 372.
Schule, freiheitliche 367.

Schule, hedonistische 378.

Schule, historische 429, 431.

Schule, historische, und Le Play 562.
Schule, historisch-ethische 426.

Schule, historische, kritische Arbeit der
434.

Schule, historische, positive Arbeit der 434.
Schule, historische, Einfluß der 441, 442.
Schule, historische, Entwicklung der 434.
Schule, historische, positive Ideen der 455.
Schule, historische, Ursprung der 434.
Schule, individualistische 403, 404.

Schule, junge historische 438 ff.

Schule, klassische 222, 405.

Schule, klassische, Spaltung der 363.
Schule, kritische, Ursprünge der 192.
Schule, kooperative 276.

Schule, liberale 405.

Schule, marxistische 531 ff.

Schule, marxistische, allgemeine Cha-
rakterzüge der 531.

Schule, mathematische 155, 305,378, 601 ff.
Schule, moderne (bei Blanqui) 223.
Schule, die neo-klassische 12.

Schule, österreichische 55.

Schule, optimistische 405.

Schule, orthodoxe 366.

Schule, phalansterische 287.

Schule, psychologische 453, 592.

Schule Le Play’s 555.

Schule der Solidarität (bei Gide) 673.
Schule der sozialen Wissenschaft 563.
Schulung, revolutionäre, des Proletariats
(bei Sorel) 549.

Schutz des Eigentums (bei Kropotkin) 709.
Schutz der Landwirtschaft 316.

Schutz der natürlichen Ordnung 42.
Schutz der Personen (bei Kropotkin) 709.
Schutz der Regierung (bei Kropotkin) 709.
Schutzzoll (bei Bastiat) 372.

Schutzzoll (bei Carey) 817, 320.
Schutzzoll (bei Chaptal) 313).

Schutzzoll (bei List) 303.

Schutzzoll (bei A. Smith) 109 bis 112.
Schutzzoll, Dauer des (bei List) 311.
Schutzzoll, Ermäßigung des (bei Ricardo)
185.

Schutzzoll als industrielle Erziehung 309.
Schutzzoll, landwirtschaftlicher 20.
Schutzzoll, List’sche Auffassung vom 309,
317, 325.

Schutzzoll, nationaler 192.

Schutzzoll (bei den sozial-katholischen
Schulen) 570.

Schutzzoll als Übergangssystem 815.
Schutzzoll als Waffe gegen die Konkurrenz
fremder Industrien 313.

Schutzzölle 61.

Schutzzöllner, moderne, und Friedrich
List 320, 321.

Schutzzöllnerische Bewegung in Europa
315.

Schutzzollpolitik 372.

Schutzzollsystem, das Nutzlose des 116.
Schutzzollsystem, modernes, Ursprung des
315.

Schwankungen der Bodenrente 175, 176.
Schwankungen im Werte der Tauschbons
357.
        <pb n="839" />
        ﻿814

Sachregister.

Schwankungen des Zinsfußes, periodische
386.

scientia sinistra 132.

Selbsterhaltung, Prinzip der 403.
Selbsterhaltung, Prinzip der (bei A. Smith)
99.

Selbstentstehung der wirtschaftlichen Ein-
richtungen und Punktionen 96.
Selbsthilfe (bei der Confederation Gene-
rale du Travail) 727.

Selbsthilfe (bei Lassalle) 497.

Selbsthilfe (im Protestantismus) 572.
Selbsthilfe (bei den Schülern Le Play’s)
564.

Selbsthilfe (bei den Syndikalisten) 549.
Selbstinteresse des Einzelwesens 98.
Selbstinteresse (bei den Historikern) 449.
Selbstinteresse (bei den Klassikern) 449. „
Selbstinteresse (bei A. Smith) 97, 98. v—
Selbstmord der Völker 149.
Selbständigkeit, wirtschaftliche, der Nation
321.

Selbsttätiger Aufbau der ökonomischen
Welt 79.

Selbstzerstörung, Gesetz der 540.
Selbstzerstörung des Kapitalismus 534.
Selbstzerstörung der kapitalistischen Ord-
nung 528.

Seltenheit (bei Walras) 592.

Seltenheit, Abhängigkeit des Wertes von
der 594.

Seltenheit des benutzbaren Bodens als Be-
dingung der Rente 161.

Seltenheit des benutzbaren Bodens als Ur-
sache der Rente 161.

Seltenheitsprämie, Rente als 632.
Seltenheitswert 376,

Seltenheitswert (bei Galiani) 54.
Seltenheitswert (bei Stuart Mill) 630.
Seltenheitswert (bei Nassau Senior) 398.
Seltenheitswert des Bodenproduktes 171.
Sicherheit des Eigentümers 697, 698.
Sicherheit, öffentliche 468.
Sicherheitsproduzent, Staat als 502, 697.
Sicherheitsventil gegen die Überproduktion
130.

Sicherung des Eigentums 89.

Single tax System 51, 644.

Sinken der Bodenrente 175.

Sinken des Zinsfußes, Gesetz des 385.
Sinken des Zinsfußes (bei Sismondi) 218.
Sklaverei 25, 252.

Sklaverei (hei Le Play) 559.

Small holding acts 423.

Smithianismus 501.

Socialisme en action 250.

Socialisme unifie 538.

Societe des Egaux 227.

Sonntagsarbeit 220.

Sorge um den wirtschaftlichen Fortschritt
325.

Solidarites 578.

Solidarität 152, 667 ft.

Solidarität (bei Louis Blanc) 293.
Solidarität (hei Carey) 391.

Solidarität (bei Pierre Leroux) 296.
Solidarität (bei den Mutualisten) 685.
Solidarität (bei den Syndikalisten) 684.
Solidarität, allgemeine (bei Proudhon) 330.
Solidarität, doppelte (bei Dürkheim) 681.
Solidarität, nationale 683, 684.

Solidarität, natürliche 675.

Solidarität, pathologische 669.

Solidarität, soziale 669.

Solidarität, wirtschaftliche 690.
Solidarität, Arbeitsteilung als Form der
668.

Solidarität, Forderungen sozialer 390.
Solidarität, alte Formen der 695.
Solidarität, neue Formen der 695.
Solidarität, Gefahren der 691.

Solidarität, Gesetze sozialer 683.
Solidarität, Gesetz der (bei Bastiat) 389.
Solidarität zwischen Kapital und Arbeit
181, 690.

Solidarität in der Konkurrenz 690.
Solidarität der Interessen 385.

Solidarität, Lehre der (im sozialen Pro-
testantismus) 578.

Solidarität zwischen Nationen 690.
Solidarität, Prinzip der nationalen wirt-
schaftlichen 325.

Solidarität als Pflicht 675.

Solidarität als Prinzip moralischer Lebens-
führung 694.

Solidarität als Schuld 676.

Solidarität zwischen Produzenten und
Verbrauchern 690.

Solidarität, Schule der 673.

Solidarität zwischen Schuldnern, Prinzip
der 585.

Solidarität in der Tauschwirtschaft 696.
Solidarität des Ungeschicks und der Un-
fähigkeit 335.
        <pb n="840" />
        ﻿Sachregister.

815

Solidarität, rückschrittliche Wirkung der
692.

Solidaritätsstreiks 685.
Solidaritätstatsache 675.

Solidarismus 587.

Solidarismus, Genossenschaftswesen als
Verwirklichung des 685.

Solidarismus, praktische Folgen des 688.
Solidarismus, Herrschaft des 697.
Solidaristen, die 667 ff.

Solidaristen, Grundlage der Lehre der 671.
Souveränität, Rechte der 226.
Sozialdemokratie, deutsche, rhetorischer
Revolntionarismus der 647.

Soziale Physik 124.

Sozialisation 261.

Sozialisation der Bodenrente durch die
Grundsteuer 420.

Sozialisation der Produktionsmittel 531.
Sozialisation der Produktionsmittel im
Grolibesitz 645.

Sozialisation der Produktionsmittel in der
Großindustrie 545.

Sozialismus 89, 157, 364, 401, 513, 653.
Sozialismus, der Name 266.

Sozialismus (bei Stuart Mill) 418.
Sozialismus (bei den Saint-Simouisten) 255.
Sozialismus (bei A. Wagner) 494.
Sozialismus der Arbeiterklasse 537.
Sozialismus, christlicher 421, 430, 564,
579.

Sozialismus, fabischer 666.

Sozialismus, französischer 514.
Sozialismus, französischer, und Proudhon
331.

Sozialismus, früherer 226.

Sozialismus, juristischer 689.

Sozialismus, katholischer 564.

Sozialismus, kollektivistischer 430.
Sozialismus, liberaler 417, 652.
Sozialismus, praktischer 660,

Sozialismus, protestantischer 572.
Sozialismus, Saint-Simonistischer 228.
Sozialismus, synthetischer 652.
Sozialismus, theoretischer 361.

Sozialismus, utopistischer 262.

Sozialismus, wissenschaftlicher 532.
Sozialismus als Bewegung 547.
Sozialismus als Philosophie des Allgemein-
wohles 664.

Sozialismus, Auferstehung des, in Frank-
reich 430.

Sozialismus, Aussöhnung zwischen dem
Individualismus und dem 652.

Sozialismus, Begriff des (bei den Fabiern)
660, 663.

Sozialismus, proletarischer Charakter des
548.

Sozialismus, Christianisierung des 575.

Sozialismus, Geschichte des 261,

Sozialismus, internationaler, Grundsätze
des 579.

Sozialismus, Kritik des 333.

Sozialismus, Kritik der wirtschaftlichen
Theorien des 261.

Sozialismus, Reaktion gegen den 551.

Sozialismus, wirtschaftlicher, Trennung
von der Politik 493,

Sozialismus, Umformung des 586.

Sozialismus, kollektivistischer, Ziel des
530.

Sozialisten 88, 104, 195.

Sozialisten, anarchistische französische
362.

Sozialisten, fabische 659 ff.

Sozialisten, kollektivistische deutsche 362.

Sozialisten, Einfluß Sismondi’s auf die 222,
224.

Sozialkapital, beständiges und unveräußer-
liches 291,' 292.

Sozialphänomene, Gesetzmäßigkeit der 51.

Sozialpolitik 201, 218.

Sozialpolitik, Aufgabe der 205.

Sozialpolitik, Ergänzung der National-
ökonomie durch die 225.

Soziologen, organizistische 9.

Soziologie 135, 443, 447, 462.

Soziologie, ökonomische 465.

Soziologie, prähistorische 141.

Spaltung der klassischen Schule 363.

Sparsamkeit 84, 124.

Sphäre der individuellen Tätigkeit (bei
Stuart Mill) 606.

Sphäre der individuellen Tätigkeit (bei
A. Wagner) 506. .

Spezialisierung 68.

Spontaneität der wirtschaftlichen Ein-
richtungen 77.

Sport, Arbeit als 284.

Sprachwissenschaft 436.

Staat (bei den Anarchisten) 707, 708, 709.

Staat (bei Bastiat) 467, 468, 501.

Staat (bei Berth) 728.

Staat (bei L. Blanc) 293.
        <pb n="841" />
        ﻿816	Sachregister.

Staat (bei Chevalier) 471.

Staat (bei Dupont-White) 467, 468.

Staat (bei Molinari) 42.

Staat (bei Prondhon) 350.

Staat (bei den Physiokraten 43.

Staat (bei Adolf Wagner) 503.

Staat (bei Walras) 652.

Staat, demokratischer 467.

Staat, der isolierte 166.

Staat, konstitutioneller 467.

Staat, aktive Holle des (bei List) 325.
Staat, Abschaffung des (bei den revolutio-
nären Syndikalisten) 728.

Staat, Allmacht des (bei Eodbertus) 491.
Staat, Aufgabe des (bei Fichte) 498.
Staat, Aufgabe des (bei Prince Smith) 502.
Staat, Aufgabe des (bei Walras) 652.
Staat, Definition des (bei Carlylel 581.
Staat, Definition des (bei Hegel) 498.
Staat, Eigenschaften des (bei Walras) 467,
468.

Staat, Einmischung des (bei Chevalier) 471.
Staat, Einmischung des (bei Cournot) 472,
473.

Staat, Einmischung des (bei Kingsley) 576.
Staat, Einmischung des (bei Lassalle) 494.
Staat, Einmischung des (bei der liberalen
Schule) 366.

Staat, Einmischung des (bei Stuart Mill)
471.

Staat, Einmischung des (bei Le Play) 555,
556.

Staat, Einmischung des (bei den sozial-
katholischen Schulen) 570.

Staat, Einmischung des (bei Stöcker) 577.
Staat, Funktion des (bei den Physiokraten)
41, 52.

Staat, Fürsorge des (bei A. Smith) 106.
Staat, Initiative des (bei Michel Chevalier)
255.

Staat, Nichteinmischung des (bei Adam
Smith) 68, 105, 108.

Staat, Holle des (bei Dupont White) 503,
504.

Staat, Holle des (bei den Fabiern) 665.
Staat, Holle des (bei den Physiokraten) 37.
Staat, Holle des (bei Eodbertus) 492.
Staat, Holle des (bei Walras) 473.

Staat, Verwaltung durch den (bei A. Smith)
107,

Staat als Kollektivwesen 510.

Staat als Nachwäohter 497.

Staat als Sicherheitsproduzent 602, 697.
Staat, Abdankung des 223.

Staat, bürgerliche Auffassung vom 497.
Staat, Lassalle’sche Auffassung vom 497.
Staat, Begriff des (im sozialen Katholizis-
mus) 571.

Staat, Bereich und Aufgaben des (bei
A. Wagner) 501.

Staat, Ersatz der Individuen durch den
468.

Staat, Keimfall des Bodens an den 649.
Staat, wirtschaftliche Kritik des (bei den
Anarchisten) 697.

Staat, Leitung der sozialen Produktion
durch den 698.

Staat, alleinige Leitung durch den 493.
Staat, Machtbereich des 506.

Staat, Mißtrauen gegen den 467.

Staat, Hechte des 468.

Staat, administrative Unfähigkeit des 698.
Staat, wirtschaftliche Unfähigkeit des 698.
Staat, Verfassung des 349.

Staat, Zweck des (bei Lassalle) 497.
Staaten, große moderne 525.
Staatsausgaben 70.

Staatsbank, Monopol der 189.
Staatsbeamten 106.

Staatsschulden, Entstehung der 525.
Staatsdomäne, Verteilung der 107.
Staatshilfe 497.

Staatskommuuisten 525.

Staatskörper 99.

Staatsoberhaupt 105.

Staatsprüfungen 108.

Staatssozialismus 106, 223, 444, 466 ff.,
553.

Staatssozialismus (bei den Fabiern) 660,

666.

Staatssozialismus, eigentlicher 499.
Staatssozialismus, geplanter, von 1848
343.

Staatssozialismus, gesetzgeberischer 510.
Staatssozialismus, Aufgabe des 503.
Staatssozialismus, Gegensatz zum Kollekti-
vismus 508.

Staatssozialismus, Grund des Erfolges des
291.

Staatssozialismus, Gerechtigkeitsideal des
474.

Staatssozialismus, Hauptcharakter des 508.
Staatssozialismus, Kritik des (bei Eod-
bertus) 478.
        <pb n="842" />
        ﻿Sachregister.

817

Staatssozialismus, sozialistische Ursprünge
des 473.	'

Staatssozialismus, Vorläufer des 294.
Staatssozialismus, sozialistische Vorläufer
des 474.

Staatssozialismus, Ziele des 501.
Staatssozialisten, deutsche 210.
Stadt-Wirtschaftsperiode 305.

Stand, fünfter (bei Leroy-Beaulieu) 546.
Standard of life 179.

Standard of life, Erhöhung des 411.
Standorte, verschiedene Werte der 623.
Stationärer Zustand 183.

Stationärer Zustand (bei Stuart Mill) 424.
Stationärer Zustand (bei Kicardo) 182.
Statische Auffassung des Volkswohlstandes
325.

Statistik 123, 437.

Statistik, Auslegungsmethode der 466.
Statistik, Beobachtungsmethode der 466.
Statistik, Geschichte der 466.

Stauung auf den Märkten, allgemeine 129.
Stecknadelfabrikatiou 66.

Steigen der städtischen Bodenpreise 621.
Steigen der tauschbaren Werte 102.
Steigerung der Nachfrage 161.
Steigerung der Sterblichkeit 142.
Sterblichkeit, große 141.

Sterblichkeit, Steigerung der 142.
Sterilität des Tausches 30.

Steuer, einzige (bei Henry George) 51.
Steuer, einzige (bei den Physiokraten) 43 ff.
Steuer, einzige (bei A. Smith) 70.

Steuer als Tilgung der sozialen Schuld
678.

Steuer auf Grundbesitz (bei Eicardo) 174.
Steuer auf Malz 117.

Steuer auf Wohnhäuser 117.

Steuern (bei ßaudeau) 43, 44.

Steuern (bei A. Smith) 60, 70.

Steuern, direkte (bei den Physiokraten)
52.

Stenern, indirekte (bei den Physiokraten)
51.

Steuern (bei den Solidaristen) 678.
Stenern, Abschaffung der (bei Walras)
616.

Stenern, gesetzliche Verpflichtung der 390.
Steuerpolitik 436.

Steuertheorie der Physiokraten 43.
Steuertheorie Adam Smith’s 70, 77.
Steuerverweigerung 43.

Stillstand der Bodenrente 175.
Stipendienempfänger 18.

Strafgelder, Abschaffung der 267.
Strafgesetzbuch 144.

Strafgesetzbuch des franz. Kaiserreiches
193.

Streben der Wesen nach Autonomie 692.
Streiks 387.

Streikrecht (bei Mac Culloch) 190.

Stufen der menschlichen Industrie 176.
Subjektiver Wert 85.

Subjektivität des Wertes 63.
Subsidienzahlung 187.

Substitution, Gesetz der 376, 597, 600.
Sweating-Systera 573.

Syndikat, gemischtes 567.

Syndikalismus, kämpfender 647.
Syndikalismus, neomarxistischer 511.
Syndicaliste, parti 538.

Syndikalisten, Solidarität bei den 684.
Syndikalisten, revolutionäre, Ziel der 547,
549.

Sympathie (bei den Saint-Simonisten) 254.
Sympathie (bei A. Smith) 98.
Synthetismus 652.

System der Arbeitbons Owen’s 355.
System des guten Arbeitgebers 559.
System der Ausrottung 289.

System sozialer Buchungen Solvay’s 358.
System des gesellschaftlichen Eigentums
525.

System der natürlichen Freiheit 105,114.
System staatlicher Leitung 479.

System, merkantilistisches 105, 112.
Systeme der Nationalisierung des Bodens
648 ff.

System der Saint-Simouisten 249.

System von Schecks (bei Solvay) 858.
System der einzigen Stuere (bei Henry
George) 51.

System der einzigen Steuer (bei den
Physiokraten) 43 ff.

System der kollektiven Unternehmung 526.
System der Vollgenossenschaft (bei
Fourier) 282.

T.

Tableau eeonomique 20, 63, 183.
Tätigkeit, individuelle (bei Stuart Mill) 506.
Tätigkeit, individuelle (bei A. Wagner)
506.

Gide und Rist, Gesch. d. Volkswirtschaft!. Lehrmeinungen.

52
        <pb n="843" />
        ﻿818

Sachregister.

Tätigkeit des Menschen, wirtschaftliche
457.

Tatsachenverachtung 124.

Tausch, der (bei den Physiokraten) 30.
Tausch, Begriff lies, in der mathemati-
schen Schule 601, 602, 603.

Tausch, Herrschaft des 697.

Tausch, Neigung zum 79.

Tausch, Reform des (bei Proudhon) 337.
Tausch, Rolle des Grenznutzens beim 595,
596.

Tausch, Sterilität des 30.

Tauschbank Proudhon’s 273, 327, 346 ff.
Tauschbeziehung 603.

Tauschbons 348, 351.

Tauschbons, Schwankungen im Werte
der 357.

Tauschfuß der Waren 85.

Tauschgesetze 245.

Tausehmittel, Geld als 353.
Tauschproblem, Grenznutzen als Lösung
des 598.

Tauschsystem Proudhon’s 192.
Tauschtrieb 80.

Tauschverhältnis, Wert als 603.
Tauschwert (bei List) 303, 304, 307.
Tauschwert (bei A. Smith) 85.
Tauschwert gleicher Produkte 167.
Tauschwert, Regulierung des 420.
Tauschwerte, Summe der 303.
Tauschwirtschaft, Solidarität in der 696.
Teilhaberschaft (bei Fourier) 281.

Teilung des arbeitslosen Einkommens
(bei Rodbertus) 485.

Teilung der Gesellschaft in Klassen 211.
Tendenz, sinkende, des Profits (bei Ri-
cardo). 181.

Tendenzen, wirtschaftliche 448.
Testierungsfreiheit (bei Dunoyer) 393.
Testierungsfreiheit (bei Le Play) 558.
Teuerung 175.

Textilindustrie 125.

Theodicee Fourier’s 285.

Theorie, merkantilistische 93.

Theorie, ökonomische, relativer Wert der
445.

Theorie der Absatzwege (von J.-B. Say)
128, 129.

Theorie der Anpassung des Angebotes
an die Nachfrage (bei A. Smith) 83.
Theorie des Antagonismus zwischen Profit
und Lohn (bei Marx) 532.

Theorie des Antagonismus zwischen Profit
und Lohn (bei Ricardo) 532.,

Theorie der unbezahlten Arbeit (bei
Thompson) 275.

Theorie des Arbeitswertes (bei Marx) 515,
533, 541.

Theorie des Arbeitswertes (bei Ricardo)
157.

Theorie des Arbeitswertes (bei Rodbertus)
484, 486.

Theorie des Arbeitswertes (bei A. Smith)
87.

Theorie der Assoziation 466.

Theorie der Ausbeutung des Arbeiters
(bei den Anarchisten) 697.

Theorie des Austausches (bei J.-B. Say)
127.

Theorien über die Banken (bei Ricardo)
184.

Theorie der Bevölkerung (bei Carey) 391,
392.

Theorie der Bevölkerung (bei Fourier) 154.

Theorie der Bevölkerung (bei Malthus)
151.

Theorie der Bevölkerung (bei Mirabeau)
136.

Theorie der Bevölkerung (bei A. Smith)
85, 92, 93.

Theorie der Bodenrente 586, 620 ff.

Theorie des Despotismus 39.

Theorie des guten Despoten 263.

Theorie des Dienstwertes 374, 376.

Theorie des auf den Bedürfnissen be-
ruhenden Eigentums (bei Brissot) 329.

Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung
439.

Theorie der wachsenden Entwicklung der
Eegieruugsorgane 501.

Theorie des wirtschaftlichen Fortschritts,
pessimistische (bei Sismondi) 217.

Theorie der Gesellschaft, organische und
biologische (von Schäffle) 501.

Theorie der drei Gesellsohaftsstufen von
Auguste Comte 251.

Theorie des Gleichgewichts (bei Sismondi)
203.,

Theorie vom wirtschaftlichen Gleichge-
wicht 90, 541.

Theorie des wirtschaftlichen Gleichge-
wichts (bei Marx) 533.

Theorie des Gleichgewichts, Kritik der
(bei Quesnay) 39.
        <pb n="844" />
        ﻿Sachregister.

819

Theorie des Grenznutzens 370, 541, 592 ff.

Theorie des Grenznntzens (bei den eng-
lischen Sozialisten) 663.

Theorie der „non competing groups“
427.

Theorie der Grundrente (bei Webb) 661.

Theorie über den internationalen Handel
(bei Ricardo) 184.

Theorie vom internationalen Handel (bei
A. Smith) 105, 110, 115.

Theorie über das Kapital (bei A. Smith)
81, 115.

Theorie der Krisen (bei J.-B. Say) 128,
129.

Theorie der Krisen (bei Sismondi) 488.

Theorie des notwendigen Lohnes (bei
Ricardo) 496.

Theorie des Lohnfonds (bei Walker) 625.

Theorie der Mehrarbeit (bei Marx) 542.

Theorie des Mehrwertes (bei Marx) 157,
209, 257, 542 ff.

Theorie des Mehrwertes (bei Thompson)
275.

Theorie des Mutualismus 337,

Theorie des Monopolpreises 92.

Theorie des Organizismns 670.

Theorie der Produktion (bei J.-B. Say)
127.

Theorie der drei Produktionsfaktoren 64.

Theorie der Produktionskosten (in der
mathematischen Schule) 619.

Theorie des Produktionskostenwertes Ri-
cardo’s 168.

Theorie des Profits (bei Enfantin) 244.

Theorie des Profiits (bei Stuart Mill) 628.

Theorie des Rechtsmilibrauches 688.

Theorie des automatischen Regulierens
der Handelsbilanz 187.

Theorie der Rente (bei Bastiat) 620, 621.

Theorie der Rente (bei Carey) 382, 383,
884.

Theorie der Rente (bei Malthus) 159.

Theorie der Rente (bei K. Menger) 633.

Theorie der Rente (bei Pareto) 632, 634.

Theorie der Rente (bei Ricardo) 168.

Theorie der Rente (bei Nassau Senior)
412, 424, 426.

Theorie der Rente als Rechtfertigung des
Kollektivismus 668, 662.

Theorie der Revolution (bei den Anar-
chisten) 722.

Theorie der drei Stände 251.

Theorie der Tauschbank 345.

Theorie der Überbevölkerung (bei Sis-
mondi) 213.

Theorie der Verteilung (bei den Anar-
chisten) 722.

Theorie der Verteilung (bei Bastiat) 486,
488.

Theorie der Verteilung (bei Carey) 486.

Theorie der Verteilung (bei Clark) 599,
635.

Theorie der Verteilung (bei H. George)
643.

Theorie der Verteilung (bei Leroy-Beau-
lieu) 387.

Theorie der Verteilung (bei Lexis) 512.

Theorie der Verteilung (bei den Physio-
kraten) 30.

Theorie der Verteilung (bei Ricardo) 128,
258.

Theorie der Verteilung (bei Rodbertus)
482, 485.

Theorie der Verteilung (bei den Saint-
Simonisten) 258.

Theorie der Verteilung (bei J.-B. Say)
104, 127, 128, 258.

Theorie der Verteilung (bei Sismondi) 201.

Theorie der Verteilung (bei A. Smith)
127, 128, 258.

Theorie der Verteilung (bei den Sozia-
listen) 258.

Theorie der Verteilung (bei Sydney Webb)
662.

Theorie der proportionalen Verteilung
der Produkte unter die sozialen Klassen
488.

Theorie des Wertes siehe Werttheorie.

Theorie der Wirtschaftslehre 126.

Theorie der Wohlfahrt 201.

Theorie des Wuchers 551.

Theorie des Zeitwertes 533.

These von der Endkatastrophe (bei den
Syndikalisten) 550.

Thesen Malthus’ über die Wohltätigkeit
151.

Tier- und Pflanzenwelt 141.

Time preference (bei Irving Fisher) 615.

Trade-Unionism 547.

Trade-Unions 410, 411,

Trade-Unions (bei den Christian-Socia-
lists) 574.

Transitabgabe 330.

Transport, Arbeit des 166,

52*
        <pb n="845" />
        ﻿820

Sachregister.

Transporthandel 101.

Transportmittel (hei List) 314.

Transportmittel, Entwicklung der 175.

Trennung zwischen Eigentum und Arbeit
211, 213.

Trennung von Eigentum und Arbeit,
Folgen der 216.

Trennung der Funktionen des Unter-
nehmers und des Kapitalisten 625.

Trennung der Politik von dem wirt-
schaftlichen Sozialismus 493.

Trieb zum Sparen 83.

Trockenknltur 384.

Trusts 203, 526, 527.

Trusts, sozialistische Bedeutung der 527.

Trusts, Herrschaft der 366.

Tuberkulose 142.

u.

Übereinstimmung der Bodenwerte mit dem
öffentlichen Nutzen 159.

Übereinstimmung der Interessen 132.

Übereinstimmung des allgemeinen und
des Privatinteresses (bei den Anar-
chisten) 718.

Übereinstimmung des allgemeinen und
des Privatinteresses (bei Proudhon)
718, 719.

Übereinstimmung des persönlichen und
des Allgemeininteresses (bei Sismondi)
210.

Übereinstimmung des Privat- mit dem
Allgemein-Nutzen (bei A. Smith) 101.

Überfluß an Geld 186.

Überfluß an Kapitalien 417.

Überfliissigmachen der Regierung 234.

Übergangsperiode, Leiden der 205.

Überhandnehmen der großkapitalistischen
Industrie 212.

Überhandnehmen des konstanten Kapitals
in der Großindustrie 522,

Überproduktion (bei G. Garnier) 129.

Überproduktion (bei Marx) 527.

Überproduktion (bei J.-B. Say) 130.

Überproduktion, allgemeine (bei Sismondi)
199.

Überproduktion, allgemeine, Möglichkeit
einer 215.

Überproduktion, Krisen der (bei Marx) 528.

Überproduktion, Krisen der (bei Owen)
270.

Überproduktion, Krisen der (bei J.-B. Say)
129.

Überproduktion, Kritik der (bei Sismondi)

202.

Überproduktion, Sicherheitsventil gegen
die 130.

Überschuß des Einfuhrwertes über den
Ausfuhrwert 412.

Übertragung des Eigentums, gesetzliche
420.

Übertragung der darwinistischeu Theorie
ins Christliche 563.

Übertreibung der Rechte des Individuums
(bei den Anarchisten) 706.

Übervölkerung (bei Malthus) 135, 141,
145, 150.

Übervölkerung (bei Sismondi) 206.

Übervölkerung, Ursache der Unmoralität
145.

Übervölkerung, Theorie der (bei Sismondi)
213.

Überwert (bei Sismondi) 209.

Umbuchungen (bei Solvay) 358.

Umformung der sozialen Bedingungen
533.

Umformung des Großgrundbesitzes (bei
den Christian-Socialists) 575.

Umformung des Grundeigentums (bei
Saint-Simon) 237.

Umformung der Materie 122.

Umformung des Organismus 268.

Umformung des Privateigentums in Kol-
lektiveigentum (bei den Fabiern) 660.

Umformung der Produktionsbedingungen
533.

Umformung' der Produktionsmittel 533.

Umlauf 95.

Umlauf, großes Rad des 94.

Umlauf, Reform des (bei Proudhon) 328.

Umlaufbons 348.

Umlaufsmittel, Geld als (bei Proudhon)
348.

Umsturz der Gesellschaft 195.

Umwälzung, industrielle 74, 125.

Umwälzung der Güterverteilung 328.

Umwälzung der Produktion 328.

Umwandlung des Eigentums (bei Saint-
Simon) 238.

Umwandlung der Industrie 432.

Umwandlung des Bauern zum Tage-
löhner 214.
        <pb n="846" />
        ﻿Sachregister.

821

Umwandlung der Lohnarbeit in Teilhaber-
schaft 281.

Umwandlungen des Großgrundbesitzes
649.

Unabhängigkeit (bei Proudhon) 335.

Unabhängigkeit der Nation (bei List)
322.

Unabhängigkeitskrieg (d. engl. Kolonien
N.-Amerikas) 116.

Unearned increment 646, 647.

Unfähigkeit des Staates, administrative
698.

Unfähigkeit des Staates, wirtschaftliche
698.

Ungleichheit am Ausgangspunkte 359.

Ungleichheit der sozialen Lage 104.

Ungleichheit der Vermögen 224.

Unions de la paix soziale 559, 563.

Unmöglichkeit der Abdankung des Staates
223.

Universalismus 100.

Universalismus der klassischen National-
ökonomie 444.

Universalmenschen 248.

Unnötigwerden der Regierung (bei Prou-
dhon) 349.

Unordnung der Produktion, Ursache der
(bei den Saint-Simonisten) 246.

Unproduktivität des Handels (beiDunoyer)
394.

Unproduktivität des Handels (bei den
Physiokraten) 31 ff.

Unrechtmäßigkeit des arbeitslosen Ein-
kommens 245.

Unterbau der Gesellschaft 535.

Unterdrückung der Besitzlosen durch die
Besitzenden (bei den Anarchisten) 709.

Unterdrückung der Besitzlosen durch die
Besitzenden (bei A. Smith) 89, 709.

Untergang des bürgerlichen Eigentums
530.

Unterhaus 163.

tlnterkonsum (bei Sismondi) 216.

Unterkonsumtion, Krisen der (bei Marx)
528.

Unterkonsumtion, Krisen der (bei Owen)
270.

Unternehmen, Produktivität der 625.

Unternehmer (bei den Physiokraten) 49.

Unternehmer (bei J.-B. Say) 73, 126, 131.

Unternehmer, Assoziation mit dem Arbeiter
421.

Unternehmer, Einkommen des (bei Marx)
245.

Unternehmer, Funktion des (bei Walker)
625, 626.

Unternehmer, Gewinn des (bei Louis Blanc)
293.

Unternehmer, industrieller 73, 127.

Unternehmer, Profit des (bei den Saint-
Simonisten) 244.

Unternehmer, Profit als besondere Ent-
lohnung des 626.

Unternehmer und Kapitalist, Trennung
der Funktionen von 625.

Unternehmerfunktion, Zerfall der 529.

Unternehmergewinn 73.

Unternehmertum, Abschaffung des (bei
den Syndikalisten) 571.

Unternehmung, kollektive, System der
525.

Unternehmungen, staatliche (bei A. Wag-
ner) 507.

Unternehmungen höherer organischer Zu-
sammensetzung 523.

Unternehmungen niederer organischer Zu-
sammensetzung 523.

Unternehmungen,	Ausdehnung indu-

strieller 420.

Unternehmungen, Begrenzung des Wachs-
tums der 610.

Unternehmungen, zentralisierte, Einfluß
der 255.

Unternehmungen, industrielle, Einkom-
mensunterschiede zwischen den 626.

Unternehmungen, industrielle, Gründung
von 306.

Unternehmungen,	Verschwinden der

kleinen (bei Sismondi) 212.

ünternehmungsformen, Organisation neuer
(bei Thompson) 275.

Unterordnung des Privatinteresses unter
das Allgemeininteresse 387.

Unterordnung des Produzenten unter den
Verbraucher 387.

Unterricht (bei Malthus) 152.

Unterricht (bei den Physiokraten) 42.

Unterricht (bei Euskin) 583.

Unterricht (bei A. Smith) 68, 108,

Unterricht, freier (bei denSolidaristen) 680.

Unterricht, gesetzliche Verpflichtung des
380.

Unterricht, unentgeltlicher (bei Bastiat)
390.
        <pb n="847" />
        ﻿822

Sachregister.

Unterricht, Recht auf (hei den Solidaristen)
680.

Unterscheidung zwischen Bruttoertrag
und Nettoertrag (bei Sismondi) 214.

Unterscheidung zwischen dem jährlichen
Einkommen und der jährlichen Pro-
duktion (bei Sismondi) 199.

Unterscheidung zwischen dem festange-
legten und dem umlaufenden Kapital
81.

Unterschied zwischen der landwirtschaft-
lichen und der industriellen Produktion
412.

Unterstellungen der marxistischen Wert-
theorie 533.

Unterstützung, Recht auf 341.

Unterstützung, gesetzliche Verpflichtung
der 390.

Uuterstütznngsgesellschaften auf Gegen-
seitigkeit 263.

Unterstützungsgesetze 683.

Unterstützungsgesetze, englische 221.

Untersttitzungsrecht, gesetzliches 152.

Untersuchungen, beschreibende und histo-
rische 197.

Unvermeidlichkeit der Ausbeutung 515.

Urbarmachung des Bodens 25.

Urbarmachung von geringwertigerem
Boden 160.

Urbesitzer, die Rente für den 159.

Urheber .der Arbeitsgesetzgebung 76.

Urrecht der Gemeinschaft am Boden 636,
637.

Ursache der Kapital Vermehrung 82.

Ursache der Unordnung der Produktion
246.

Ursache der relativen Werte 168.

Ursprung des Kollektivismus 225.

Utilitarier, radikale 666.

Utilitarismus 400.

Utilitarismus (bei den Solidaristen) 694.

Utopien, kommunistische 227.

V.

Valeur appreciative 53.

Valeur estimative 53.

Valeur-travail 53.

Value in exehange 85.

Valne in use 85.

Vater der Nationalökonomie 87.

Vaterschaft, Forschen nach der (bei Mal-
thus) 153.

Vendetta, Solidarität in der 668.

Verallgemeinerung des Eigentums 331.

Verallgemeinerung des Lohnsystems 530.

Verallgemeinerung des Wechsels 350.

Veränderungen, wirtschaftliche 218.

Veränderung der wirtschaftlichen Lage
316.

Verantwortlichkeit des Arbeitgebers 689.

Verantwortlichkeit (bei Owen) 269.

Verantwortlichkeit (bei den Solidaristen)
693.

Verantwortlichkeit, individuelle, Prinzip
der 390.

Verband, gemischter 667.

Verbilligung der Gegenstände 131.

Verbilligung der Produkte durch die
Maschinen 206,

Verbindung der politischen Freiheit mit
der wirtschaftlichen Freiheit 368.

Verbindungswege, Eröffnung neuer 525.

Verbot der Ehe 408.

Verbot der Goldausfuhr 188.

Verbrauch, Grenznutzen im Bereich des
598.

Verbrauch, Anpassung der Produktion an
den 256.

Verbraucher 84.

Verbraucher, Organisation der 389.

Verbraucher, Rente der 170, 599.

Verbraucher, Solidarität zwischen Produ-
zenten und 690.

Verbraucher, Unterordnung des Produ-
zenten unter den 387.

Verbrauchsgenossenschaft, die Phalange

, als 280.

Verbrauchskooperation 355.

Verbrauchssteuern 51.

Verbrüderung der Menschen, allgemeine
304.

Verbrüderung der Völker 129.

Vereinfachung 114.

Vereinigung der Egoisten 701.

Vereinigung der Kapitalien, Prinzip der

212.

Vereinigung der Kräfte, Prinzip der 212.

Verfahren, statistisches 455.

Verfälschung der Lebensmittel 366.

Verfassung, natürliche 99.

Verfassung, politische, der englischen
Kolonien 308.
        <pb n="848" />
        ﻿Sachregister.

82B

Verfassung, wirtschaftliche 123.

Verfassung, wirtschaftliche, Formen der
306.

Verfassung des Eigentums 350.

Verfassung des Staates 349.

Verflüchtigung des individuellen Eigen-
tums 529.

Verfügungsrecht des Besitzers 424.

Vergangenheit, wirtschaftliche 466.

Vergeltungsmaßregeln 114.

Vergeltungszölle 114.

Vergesellschaftung der Arbeitsmittel (bei
den Saint-Simonisten) 250.

Vergesellschaftung spezialisierter Arbeiter
294.

Vergesellschaftung, Religion der univer-
sellen 254.

Vergesellschaftung der Produktionsmittel
531.

Vergesellschaftung, Stufen der 253.

Vergrößerung der industriellen Produk-
tion 70.

Verhältnis zwischen Angebot und Nach-
frage (bei A. Smith) 86.

Verhältnis zwischen Lohn und Profit (bei
Ricardo) 181.

Verhältnisse, Gesetz der bestimmten 609.

Verhältnisse der bürgerlichen Produktion
534.

Verherrlichung der Gewerkschaft (bei den
Syndikalisten) 548.

Verherrlichung der Handarbeit (bei K.
Marx) 548.

Verherrlichung der Rolle der Industrie
(bei Saint-Simon) 231.

Verhinderung der Erfindungen (bei Sis-
mondi) 130.

Verkäufer, Konkurrenz der 91.

Verkaufslager 274.

Verkehrsfortschritt 188.

Verkehrswirtschaft, Probleme der moder-
nen 454.

Verkürzung der Arbeitszeit (bei Sis-
mondi) 206, 220.

Verkürzung der Arbeitszeit (bei den Soli-
daristen) 680.

Verlangsamung der Ausfuhr 186.

Verlangsamung des Fortschrittes (bei
Sismondi) 130.

Vermehrung der Aktiengesellschaften 529.

Vermehrung der Arbeiter (bei A. Smith)
93.

Vermehrung der Arbeiterklasse 178.

Vermehrung des bäuerlichen Besitzes
219.

Vermehrung des Eigentums 530.

Vermehrung der Lebewesen 147.

Vermehrung der Maschinen 203.

Vermehrung der kleinen Vermögen 544.

Vermehrung der mittleren Vermögen 544.

Vermehrungsreihen 138,

Vermeidung des Zwischenhandels 274.

Verminderung des Arbeitsanteils 489.

Verminderung der Arbeiterklasse 178.

Verminderung des Banknoteubetrages
188.

Vermögen 93.

Vermögen, Konzentration der 216.

Vermögen, Ungleichheit der 224.

Vermögen, kleine, Vermehrung der 544.

Vermögen, mittlere, Vermehrung der 544.

Vernichtung des primitiven Eigentums
626.

Vernichtung von Kapitalien 426.

Vernichtung des Prinzips der Autorität
709.

Vernunft, Herrschaft der (bei Proudhon)
712.

Vernunft, Rolle der 137.

Verordnungswesen 74.

Verpflichtung, gesetzliche, des Arbeiter-
schutzes 390.

Verpflichtung, gesetzliche, der Steuern
390.

Verpflichtung, gesetzliche, des Unterrichtes
390.

Verpflichtung, gesetzliche, der Unter-
stützung 390.

Verpflichtung, gesetzliche, der Versiche-
rung 390.

Verrechnungsstellen 358.

Verringerung der Geburten 142.

Verringerung im Ertrage der Kapitalien
165.

Verschiebung der Nachfrage 217.

Verschlechterung der Gesundheit der Ar-
beiter 208.

Verschmelzung der Klassen 349.

Verschwinden der Mehrarbeit 631.

Verschwinden der Mehrwerte 531.

Verschwinden der Regierung in der wirt-
schaftlichen Organisation 237.

Verschwinden der kleinen Unternehm-
ungen 212.
        <pb n="849" />
        ﻿824	Sachregister.

Verschwinden der Zwischenklassen 211.

Verschwörung Babeufs 227.

Versicherung (hei Bastiat) 390.

Versicherung (bei den Soldaristen) 680.

Versicherung, gesetzliche Verpflichtung
der 390.

Versicherungsgesellschaften 108.

Versioherungsgesetze, soziale 221.

Versicherungsprämie 627.

Versklavung des Arbeiters 206.

Versöhnung, spontane, der Interessen 260.

Versorgung, staatliche (bei Bastiat) 390.

Verstaatlichung siehe auch Nationali-
sierung.

Verstaatlichung des Grund und Bodens
158,

Verstaatlichung der Produktionsmittel

252.

Verstadtlichung der Bevölkerung 527.

Verständigung der Völker, internationale

253.

Verständnis, historisches 460.

Verständnis, theoretisches 460.

Verteidiger des Industriesystems 76.

Verteilung, Gesetz der, zwischen Kapital
und Arbeit 385.

Verteilung, Grenznntzen im Bereiche der
599.

Verteilung, heutige, Mechanismus der 483.

Verteilung, vom sozialen Standpunkt
485, 486.

Verteilung, vom wirtschaftlichen Stand-
punkt 485, 486.

Verteilung, gerechte, des gemeinsamen
Produktes 478.

Verteilung der Produktion zwischen den
Ländern 111.

Verteilung des Profits durch den Tausch
483.

Verteilung der Staatsdomänen 107.

Verteilung der Produkte unter die Pro-
duktionsfaktoren (bei Henry George)
643.

Verteilung, Gesetz der (bei den Hedonisten)
589, 691.

Verteilung, Gesetz der (bei Eicardo)
157.

Verteilung (bei Eodbertus) 482, 483, 485.

Verteilung, gerechte, des sozialen Pro-
duktes (bei Eodbertus) 482, 483.

Verteilung des Eigentums (bei Sismondi)

210.

Verteilung der Einkommen, schlechte (bei
Sismondi) 216.

Verteilung der Produkte, ungerechte (bei
Sismondi) 206.

Verteilung des Jahreseinkommens (bei
A. Smith) 63.

Verteilungsfrage 180.

Verteilungsskala Louis Blanc’s 292.

Verteilungstheorie (bei den Anarchisten)
722.

Verteilungstheorie (bei Bastiat) 486, 488.

Verteilungstheorie (bei Clark) 599, 635.

Verteilungstheorie (bei Carey) 486.

Verteilungstheorie (bei Fourier) 280.

Verteilungstheorie (bei Henry George)
643.

Verteilungstheorie (bei Leroy-Beaulieu)
387.

Verteilungstheorie (bei Lexis) 512.

Verteilungstheorie (bei den Physiokraten)

20,

Verteilungstheorie (bei Eicardo) 128, 258.

Verteilungstheorie (bei Eodbertus) 482,
485.

Verteilungstheorie der Saint-Simonisten
258.

Verteilungstheorie (bei J.-B. Say) 104,127,
128, 258.

Verteilungstheorie (bei Sismondi) 201-

Verteilungstheorie (bei Adam Smith) 127,
128, 258.

Verteilungstheorie der Sozialisten 258

Verteilungstheorie (hei Sydney Webb)
662.

Verteilungssystem Fourier’s 276.

Verteuerung der Nahrungsmittel 177.

Vertrag, freier (bei den Anarchisten) 712.

Vertragsfreiheit, Abschaffung der (bei
Eodbertus) 490, 491.

Vervollkommnungen 67.

Verwaltung des gemeinsamen Besitzes
468.

Verwaltung durch den Staat (bei A. Smith)
107,

Verwaltung, Wissenschaften der 436.

Verwandlung des Privateigentums in
Aktieneigentum 280.

Verwerfung des klassischen Liberalismus
552.

Verwicklung der Tatsachen 115.

Verwirrung zwischen Zinsen u. Gewinn
(bei A. Smith) 128.
        <pb n="850" />
        ﻿Sachregister.

825

Yollgenossenschaft Fourier’s 279.

Vollgenossenschaft, System der (bei
Fourier) 282.

Yollgenossenschaft des Konsums 279.

Völker, wilde 141.

Völker, Selbstmord der 149,

Völker, Verbrüderung der 129.

Völkerarmut 186.

Vollkommenheit, Prinzip der ursprüng-
lichen 655.

Volksbank Proudhon’s 360.

Volkseinkommen 199.

Volkserziehung 713.

Volkshäuser, Schaffung von 578.

Volksschulunterricht, obligatorischer (bei
A. Smith) 68, 108.

Volksunterrieht (bei Bakunin) 713.

Volkswirtschaft, nationale 325.

Volkswirtschaft, Auffassung der (bei
A. Comte) 462.

Volkswirtschaft, Aufgabe der (bei Stanley
Jevons) 688.

Volkswirtschaft, Definition der (bei Ashley)
446.

Volkswirtschaft, Definition der (beiPareto)
609.

Volkswirtschaft, klassische Kritik der
443 ft.

Volkswirtschaft (bei den Physiokraten) 69.

Volkswirtschaftslehre (bei J.-B. Say) 124.

Volkswirtschaftslehre, nationale 297.

Volkswohlstand, dynamische Auffassung
des 325.

Volkswohlstand, statische Auffassung des
325.

Voraussage des marxistischen Programms
529.

Voraussagungen, malthusische 147.

Voraussicht, rationelle 462.

Voraussicht der Armen, mangelhafte 151.

Vorgänger des sozialen Katholizismus 564,
5B6.

Vorherrschen der landwirtschaftlichen
Arbeit 283.

Vorläufer des Staatssozialismns, sozialisti-
sche 474.

Vorrat 69.

Vorschüsse grundlegende 25, 26.

Vorschüsse, jährliche 26, 29.

Vorschüsse, primäre 26, 29.

Vorschüsse des Herrschers 43.

Vorsehung (bei Gossen) 650.

Vorsehung (bei den Physiokraten) 10.
Vorsehung (bei A. Smith) ICO.
Vorsehung, Gesetze der (bei Bastiat) 373,
Vorsehungsoptimismus A. Smith’s 470.
Vorteile der Arbeitsteilung 67.
Vorzugstellung der Landwirtschaft (bei
A. Smith) 77.

w.

Wachstum der Bevölkerung 147.
Wachstum an Gütern 147.

Wachstum der Industrieerzeuguisse 147.
Wachstum des Kapitals 81.

Wachstum der Lebensmittelmenge 138.
Wachstum der Produktion 218.
Wachstum an Reichtum 146.

Wachstum des nationalen Reichtums 70.
Wage-fund 409.

Wahlrecht, allgemeines (bei den Chartisten)
265.

Wahlrecht, allgemeines (bei Lassalle) 496.
Wahlrecht, allgemeines (bei Eodbertus)
477.

Wahlsystem, neues 568.
Wahlverwandtschaftsgruppen 285.

Waren, Tauschfuli der 85.

Warenhäuser 212.

Warenpreis (bei Proudhon) 356,
Warenpreis, Bildung des (bei A. Smith)
72.

Warentauschhandel, der Profit im 274,
Warrants 283.

W asserversorgungsgesellschaf ten 108.
Wechsel, ausländische 186,

Wechsel des Geldwertes 187.

Wechsel, Diskontierung von 349.
Wechsel, Verallgemeinerung des 350, 351.
Wechselkurs, Erhöhung des 186.
Wechslergebühren 57.

Wegsteuerung der Bodenrente (hei Henry
George) 644.

Wegsteuerung der Bodenrente (bei James
Mill) 174.

Wegsteuerung der Bodenrente (bei Stuart
Mill) 422.

Wegsteuerung des Bodenmehrwertes 647,
648.

Wegstenerung des Bodenwertzuwachses
640.

Weidewirtschaft, Ersatz des Getreidebaues
durch 527.
        <pb n="851" />
        ﻿826

Sachregister.

Weinmarke, berühmte 92.
Weltarbeitsteilung 478,

Weltpolitik 129.

Werkstatt (bei Saint-Simon) 234, 237.
Werkstatt, soziale, gesetzgeberische Ord-
nung der 293.

Werkstätte, landwirtschaftliche 343.
Werkstätte, nationale 289, 339, 340, 341.
Werkstätte, soziale (von Louis Blanc)
290, 291, 292, 293, 339.

Wert (bei Condillao) 65.

Wert (bei A. Smith) 85, 168, 174.

Wert, falsche Auffassung des (bei den
Physiokraten) 53.

Wert (in der mathematischen Schule)
603.

Wert, angenommener 53.

Wert, normaler 409.

Wert, sozialer 53.

Wert, ständiger 409.

Wert, subjektiver 86.

Wert, vorübergehender 409.

Wert, wahrer 86, 88.

Wert als Grad der Nützlichkeit 595.
Wert als Tauschverhältuis 603.

Wert der ersparten Arbeit 376.

Wert der Arbeitskraft 516, 517.

Wert des Bodens, wachsender 638.

Wert des Einkommens 386.

Wert des Getreides (bei Eicardo) 161.
Wert des Kapitals 386.

Wert der individuellen Leistung 332.
Wert der ausgetauschten Produkte 414.
Wert in den zivilisierten Gesellschaften,
der 168.

Wert in den primitiven Gesellschaften,
der 168.

Wert, Abhängigkeit vom Angebot und
Nachfrage 541.

Wert, Abhängigkeit des, von der Selten-
heit 594.

„Wert“, Abschaffung des Wortes 603.
Wert, Analyse des (bei Galiani) 54.

Wert, Arbeit als Grundlage des 157.
Wert, Arbeit als Maßstab des 157.

Wert, Arbeit als Substanz des 515.

Wert, Arbeit als Ursache des (bei Eicardo)
157.

Wert, Arbeit als Ursache des (bei A. Smith)
87.

Wert, Turgots Auffassung des 53.

Wert, Begriff des (bei Marx) 615.

Wert, Bestimmungsgrund des (hei
A. Smith) 88.

Wert, die Frage des, bei den Physio-
kraten 52.

Wert, Grundlagen des (bei J.-B. Say) 127.
Wert, seltener Nützlichkeits- (bei Nassau
Senior) 398.

Wert, relativer, der ökonomischen Gesetze
445.

Wert, relativer, der ökonomischen Theorie
445.

Wert, relativer, Ursachen des (bei Eicaido)
168.

Wert, Subjektivität des 63.

Werte, immaterielle 394.

Werte, internationale 187.

Werte, Gesetz der internationalen 414.
Werte, staatliche Garantierung der 645.
Werte, tauschbare (bei J.-B. Say) 122.
Werte, tauschbare, Steigen der 102.
Werte, tauschbare, Vermehrung der (bei
List) 307,

Wertgesetz, klassisches 409.

Wertgesetze (hei den Anarchisten) 722.
Wertlehre 157.

Wertmaß der Güter 94.

Wertmesser 93.

Wertmesser, Arbeitsnoten als 271.
Wertproblem, Grenznutzen als Lösung des
598.

Wertquelle 73.

Wertreserve 353.

Wertschätzungen 274.
Wertschwanknngen, Erklärung der 409.
Werttheorie Bastiat’s 374, 375.
Werttheorie Carey’s 375-,

Werttheorie Eerrara’s 376.

Werttheorie Marx’ 515 ff., 541.
Werttheorie, marxistische, Unterstellungen
der 533.

Werttheorie Marx’ (bei den französischen
Sozialisten) 531.

Werttheorie Marx’, Zusammenbruch der
542.

Werttheorie der Eeproduktionskosten 376.
Werttheorie Eicardo’s 155, 157, 167, 170,
374.

Werttheorie Eicardo’s (bei Owen) 271.
Werttheorie (hei Quesnay) 52.
Werttheorie (bei Turgot) 53.
Wertvermindernng der Banknoten 188.
Wertverminderung des Eigentums 381.
        <pb n="852" />
        ﻿Sachregister.

827

Wertverminderung des Geldes 186.
Wertverminderung durch die Maschinen
-I 519.

Wertüberschuß 517.

Wertzuwachsstener 648.
Wiederherstellung desFeudal-Systems (bei
Müller) 313..

Wiederherstellung des Monopols durch die
Konkurrenz 264.

Wiederherstellungsarbeit des Kapitals
168.

Wiederkehr des Gleichen 79.
Wiederaufrichtung der Zünfte (in Öster-
reich) 554.

Wiedereinführung der Testierungsfreiheit
558.

Wilde, der gute 8,

Wirtschaftseinheit, endgültige 304.
Wirtschaftsgeschichte 435.
Wirtschaftshistoriker 440.
Wirtschaftsleben, Politik des 324.
Wirtschaftsordnung, .Rechtsbegriffe der
(bei A. Menger) 689.

Wirtschaftsperiode (bei Bücher) 305.
Wirtschaftsperioden (bei Hildebrand) 305.
Wirtschaftspolitik (bei A. Smith) 116.
Wirtschaftspolitik, Probleme der 467.
Wirtschaftspolitik, Relativität der Prin-
, zipien der 499.

Wirtschaftsstufen (bei List) 261, 305.
Wrirtschaftsstufen, geschichtliche Reihen-
folge der 305.

Wissenschaft, Allmacht der 136.
Wissenschaft, Herrschaft der (beiBakunin)
712, 713.

Wohl des Individuums 404.

Wohlfahrt, Theorie der 201.
Wohlfahrtsbehörde, öffentliche 141, 510.
Wohlstand (bei Sismondi) 201.

Wohlstand (bei Adam Smith) 81.
Wohlstand der Arbeiterklasse 178.
Wohltätigkeit, Thesen Malthus’ über die
151.

Wohltätigkeitsanstalten 471.
Wohltätigkeitswerkstätte 339.
Wohnsitzgemeinschaft 568.
Wohnungsfrage 283.

Wollindustrie 109.

Wucher 335.

Wucherprofit, Ausschaltung des (hei den
Physiokraten) 61.

Wucherverbot 570.

Wünsche und Hindernisse (bei Pareto)
609.

Wunsch wert 85.

Z.

Zeitarbeit 480.

Zeitersparnis 67.

Zeitwert, Theorie des 533.
Zentralbanken, große Diskontopolitik der
321.

Zentralgewalt, Einfluß auf die sozialen
Beziehungen 505.

Zentralisation, wirtschaftliche 324.
Zentralisation der Hauptfaktoren des
Wirtschaftslebens 256.

Zerfall der Unternehmerfnnktion 629.
Zersplitterung der Bodenrente 423.
Zerstückelung des Eigentums 212.

Ziel des kollektivistischen Sozialismus 530.
Ziel der revolutionären Syndikalisten 547.
Zins (bei Bentham) 108.

Zins (bei Böhm-Bawerk) 614, 615,

Zins (bei Proudhon) 352,

Zins, Freiheit des (bei Turgot) 37.

Zins (bei Walras) 608.

Zins (bei Webb) 661.

Zins als Preis für die Zeit 615.

Zins als Rente 661.

Zinsen des Kapitals (bei Louis Blanc)
292.

Zinsen der Kapitalien (bei A. Smith) 127,
128.

Zinsen, Berechtigung der (bei Bastiat)
376.

Zinsen, Festsetzung der Höhe der (bei
Sismondi) 199.

Zinsen, Rechtfertigung der (bei Turgot)
54.

Zinsfuß, normaler 84.

Zinsfuß als Miete der Ersparnisse 608.
Zinsfuß, gesetzliche Festlegung des 108.
Zinsfuß, Freiheit des (bei Condillac) 57.
Zinsfuß, Gesetz des Sinkens des 385.
Zinfuß, periodische Schwankungen des
386.

Zinsfuß, Sinken des (bei Sismondi) 218,
Zinstheorie (bei Böhm-Bawerk) 603.
Zirkulationsmittel 94.

Zivilisation, Fehler der (.bei Fourier) 276.
Zivilisation, Geschichte der 435.	'

Zivileigentum 329.
        <pb n="853" />
        ﻿828

Sachregister.

Zivilisierte (bei Fourier) 281.
Zivilregierung, Aufgabe der (bei Adam
Smith) 246.

Zölibat 145.

Zollgrenzen im Innern des deutschen
Bundes 300.

Zölle 109.

Zölle, fiskalische 114.

Zolltarif von 1818, preußischer 299.
Zolltarif von 1821, preußischer 118.
Zolltarife 111, 309.

Zolltarife, Erhöhung der (hei Garey) 313.
Zollverein 302.

Zollvereinshlatt 324.

Zuchtwahl, natürliche 368.

Zufall der Geburt 423.

Zukunft der landwirtschaftlichen Industrie
177.

Zukunft, neues Hecht der 549.

Zunahme der Nachfrage nach Luxus-
produkten 216.

Zunft (im sozialen Katholizismus) 565.
Zünfte, Abschaffung der 30.

Zünfte, Reorganisierung der 565.

Zünfte, Wiederaufrichtung der (in Öster-
reich) 654.

Zunftordnung (in Deutschland) 299.
Zunftordnung (in England) 109.
Zunftordnung (im Mittelalter) 566.

Zusammenbruch von Marx’ Werttheorie
542.

Zusammenbruchtheorie (bei den Syndi-
kalisten) 550.

Zusammensetzung des Kapitals 522.

Zusammensetzung,	Unternehmungen

höherer organischer 623.

Zusammensetzung,	Unternehmungen

niederer organischer 523.

Zusatzwert 89.

Zusatzkapital, Geld als 348.

Zustand, stationärer 132.

Zustand, stationärer (bei Stuart Mül)
424.

Zustand, stationärer (bei Ricardo) 182.

Zustand des landwirtschaftlichen Fabri-
kanten 305.

Zustand des landwirtschaftlichen Händler-
Fabrikanten 305.

Zustand des Hirten 305.

Zustand des Landwirtes 305.

Zustand des Wilden 305.

Zwangskurs 187, 189.

Zwangsteilung des Erbes 557.

Zweck der Handelspolitik (bei List) 306.

Zweiklassen Gesellschaft 545.

Zwischenhandel, Vermeidung des 274.

Zwischenhändler, Abschaffung der 272.

Zwischenklassen, Verschwinden der 211.

G. Pätz’sohe Buchdr. Lippert &amp; Co. 6. m. b. H., Naumburg a. d. S.
        <pb n="854" />
        ﻿Verlag Tön Gustav Fischer in Jena.

Ferdinand Lassalles sozialökonomische Anschauungen und prak-
tische Vorschläge. Von Dr. Lampertus Otto Brand. 1895. Preis: 2 Mark.

Das Lebenswerk von Karl Marx. Von Werner Sombart. 1909. Preis; 80 Pf.

ßnhar&gt;t Huron Sein Leben und seine Bedeutung für die Gegenwart. Mit einem Bildnis
nullelT uweil. Robert Owens. Von Helene Simon. 1906. Preis; 7 Mark, geh. 8 Mark.

P. J, Proudhon. Seine Lehre und sein Leben. Von Prof. Dr. Karl DieW,

Preiburg i. B. Drei Abteilungen.	Preis: 13 Mark,

I. Die Eigentums- und Wertlehre. 1888.	Preis: 2 Mark 50 Pf.

II. Das System der ökonomischen Widersprüche, die Lehre von Geld, Kredit,
Kapital, Zins, Recht auf Arbeit und die übrigen Theorien, sowie die praktischen
Vorschläge zur Lösung der sozialen Frage. 1890.	Preis: 6 Mark.

III. Sein Lehen und seine Sozialphilosophie. 1896. Preis: 4 Mark 50 Pf.

Karl Rnrihortnc Darstellung seines Lebens und seiner Lehre. Von H. Dietzel,

Ud! I nuuuei lua. prof_ ^er p0iR_ Oekonomie an der Universität Bonn. Zwei
Abteilungen.	Preis: 6 Mark 50 Pf.

I. Darstellung seines Lebens. 1886.	Preis: 2 Mark.

II. Darstellung seiner Sozialphilosophie. 1888.	Preis: 4 Mark 50 Pf.

Rodbertus-Jagetzows sozialökonomische Ansichten. i^eofjhliKoIak,

Prof, der Staatswissenschaften an der Universität Basel.	Preis: 6 Mark.

UoniMi rlo Coint Cimnn Die Persönlichkeit und ihr Werk. Von Friedrich Mückle.

nclilj Uc oamx-oimun. Doktor der Philosophie. 1908. Preis:8Mark, geb.OMark

Saint-Simon und die ökonomische Geschichtstheorie. Ein Beitrag zu

einer Dogmengeschichte des historischen Materialismus. Von Friedrich Mückle.

1896. Preis; 1 Mark 20 Pf.

A. Thiers volkswirtschaftliche Anschauungen, isos.Dr' Freu! 2WMark

Francis A. Walker und seine hauptsächlichsten Theorien, von Dr.

J. H. Curran, A. M. L. L. B. 1800.	Preis: 2 Mark 50 Pf.

lind 7in«! D'e Po'emi'&lt; zwischen Bastiat und Proudhon. Mit Einleitung und
UHU £.1110. jrl Uebersetzung herausgegeben von Dr. Arthur Mülherger.

1896. Preis: 3 Mark 60 Pf.

Die wirtschaftliche Entwicklung des Deutschen Reiches, von prof.

Dr. jur. et phil. A. Hesse. Mit 5 Zeichnungen. 1913. Preis: 1 Mark 60 Pf.
Königsberger Hartungsche Zeitung vom 8_. Juli 1913:

. . . Wir möchten auf dieses Schriftchen, das in ganz knappem Rahmen einen
Ueberblick über die Wirtschaftsentwicklung und eine. Abwägung der erreichten Vor-
teile und der daneben drohenden Nachteile gibt, mit besonderer Empfehlung hin-
weisen, weil eine so ruhige und sachliche Durcharbeitung des Themas geeignet er-
scheint, manche Verwirrung zu beseitigen. .. .

Geschichte der Nationalökonomik. Von Hugo Eisenhart, Prof, der Staats-
wissenschaften an der Universität Halle a. S. Zweite vermehrte Auflage.
(Dritter unveränderter Abdruck.) 1910.	Preis: 4 Mark, geh. 5 Mark.

Eisenhart wendet sich mit dem vorliegenden Buche nicht nur an die Nationalökonomen
von Fach. In kurzen, treffenden Zügen zeichnet er den Entwicklungsgang der volkswirtschaft-
lichen Ideen und schildert, was ebenso anziehend wie belehrend ist, wie diese Ideen durch wirt-
schaftliche Vorgänge angeregt und gezeitigt sind und wie sie in den Köpfen und durch die Hände
der leitenden Staatsmänner für die Gestaltung des Lebens der Völker bedeutsam geworden sind.
Der Verfasser beherrscht den Stoff vollständig, greift überall das Wichtigste zur Kennzeichnung
der Zeit heraus und läßt das ihm weniger bedeutsam Erscheinende unbeachtet.
        <pb n="855" />
        ﻿Verlag von Gustav Fischer in Jena,

Sammlung sozialwissenschaftlicher Meister. Herausgegeben von Prof.

Dr. Heinrich Waentig in Halle a. S.

In dieser Sammlung erscheinen billige Ausgaben sozial wissenschaftlicher Meister und
nationalbkonomischer Klassiker. Und zwar finden besonders solche Werke Berücksichtigung,
die für ganze Richtungen des wissenschaftlichen Denkens charakteristisch sind. Die von dem
Herausgeber kontrollierten Uebertragungen sollen nach Möglichkeit die Originale ersetzen.
Auch wird jeder einzelne Band von einer kurzen Einleitung zur Charakterisierung des betreffen-
den Autors begleitet sein. Vielleicht gelingt es hierdurch, die Begründer der nationalökonomi-
sehen Wissenschaft in ihren Schriften den Studierenden wieder näher zu bringen.

Bisher erschien:

1.	Band : Betrachtungen über die Bildung und Verteilung des Reichtums. Von Anne Robert

Jacques Turgot. Deutsch von V. Dorn. 1903.	Preis: 80 Pf., geb. 1 Mark 40 Pf.

2.	Band; Abhandlung über die Geschichte der bürgerlichen Gesellschaft. Von Adam Ferguson.

Deutsch von V. Dorn. 1904.	Preis: 4 Mark, geb. 4 Mark 60 Pf.

B. Band: Das nationale System der politischen Oekonomle. Von Friedrich List. Zweite Auflage.

1910. Preis: 2 Mark 50 Pf., geb. 3 Mark 20 Pf.

4.	Band* I. Teil; David Ricardo’s kleinere Schriften. I. Schriften über Getreidezölle. Deutsch

von Prof. Dr. E. Leser. 1905.	Preis: 1 Mark 20 Pf., geb. 1 Mark 80 Pf.

5.	Band: Grundsätze der Volkswirtschaft und Besteuerung. Von David Ricardo. Deutsch von

Dr. Otto mar Thiele. 1905.	Preis: 4 Mark 80 Pf., geb. 5 Mark 50 Pf.

0. u. 7. Band: Eine Abhandlung über das Bevölkerungsgesetz. Von Thomas Robert Malthus*
Deutsch von Valentine Dorn. Zwei Bände. 1905.

Preis jedes Bandes: 5 Mark, geb 5 Mark 60 Pf.
8., 9. u. 10. Band: Sociologie. Von Auguste Comte. Deutsch von Valentine Dorn. Drei Bände.

Preis: 20 Mark, geb. 22 Mark 50 Pf.
Erster Band: Der dogmatische Teil der Sozialphilosophie. 1907.

Preis; 6 Mark, geb. 6 Mark 75 Pf,
Zweiter Band: Historischer Teil der Sozialphilosophie. Theologische metaphysische
Periode. 1907.	Preis: 6 Mark, geb. 6 Mark 75 Pf.

Dritter Band: Abschluß der Sozialphilophie und allgemeine Folgerungen. 1911.

Preis: 8 Mark, geb. 9 Mark.

11. Band: Eine Untersuchung über Natur und Wesen des Volkswohlstandes. Von Adam Smith.

Deutsch von Dr. Ernst Grünfeld. Band I. 1908.	Preis: 4 Mark, geb. 5 Mark.

(Der zweite Band ist in Vorbereitung.)

13.	Band: Der isolierte Staat ln Beziehung auf Landwirtschaft und Nationalökonomie. Von

Johann Heinrich von Thünen. Neudruck nach der Ausgabe letzter Hand. 1910.

Preis; 7 Mark. geb. 8 Mark.

14.	u. 15. Band: Untersuchung über die Grundsätze der Volkswirtschaftslehre. Von Sir

James Steuart, Bart. (3 Bände.) Bd. I u. II. 1912.	Preis: 15 Mark, geb. 17 Mark.

(Band 3 befindet sich im Druck.)

17. Band: Grundsätze der politischen Oekonomie mit einigen ihrer Anwendungen auf die
Sozialphilosophie. Von John Stuart Mill. Deutsch von Wilhelm Gehrig. Band 1.

/r&gt;	, 0 ,	, . . , .	, , Preis: 9 Mark, geb. 10 Mark.

(Band 2 befindet sich im Druck.)	°

Weiter sind in Aussicht genommen;

Sismondi, Nouveaux principes d’economie politique (1819).

Quetelet, Sur l’homme (l83o).

Volkswirtschaft und Weltwirtschaft.

Versuch der Begründung einer Welt-
wirtschaftslehre. Von Prof. Dr.
Bernhard Harms. Mit 2 lithographischen Tafeln. (Probleme der Weltwirt-
schaft. VI.) 1912.	Preis: 14 Mark 60 Pf., geb. 16 Mark.

Inhalt: 1. Die Weltwirtschaft in der wirtschaftswissenschaftlichen Literatur. —•
2. Einzelwirtschaft, Volkswirtschaft und Weltwirtschaft (Wesen und Begriff). — 3. Die
Weltverkehrsgesellschaft. — 4. Heine Sozialwirtschaftslehre, Einzelwirtschaftslehre,
Volkswirtschaftslehre und Weltwirtschaftslehre. — Anlagen.

Kritische Dogmengeschichte des ehernen Lohngesetzes, von Dr.

Mary Schrey. 1913. (IV, 133 S. gr. 8».)	Preis: 3 Mark 50 Pf.

Inhalt; Einleitung: Aufgabe und Einteilung der Arbeit. — Das Lohngesetz in
der vorklassischen Oekonomik. — Das Lohngesetz der klassischen Nationalökonomie.
— Die nachklassische Zeit. — Das Lohngesetz im Rahmen sozialpolitischer Ideen-
richtungen. — Das Lohngesetz und die Sozialisten. — Das „eherne Lohngesetz“
Lassalles. — Gegner des „ehernen Gesetzes“., — Das Lohngesetz in der neueren
Nationalökonomie. — Ergebnisse für die Beurteilung von Lohngesetzen. — Literatur.

Abriß einer Geschichte der Theorie von den Produktionsfaktoren.

Von Dr. Johannes Müller. (Sammlung nationalökonomischer und statistischer
Abhandlungen des staatsw. Seminars zu Halle a. S., herausgegeben von Prof.
Dr. Joh. Conrad. Band 66.) 1911.	Preis: 1 Mark 80 Pf.

Inhalt: 1. Einleitung. 2. Die Merkantilisten und Physiokraten (Turgot).
3. Adam Smith. 4. J. St. Mill. 5. Sismondi. 6. Fr. List. 7. Rodbertus. 8. Karl Marx.
9. Die Gegenwart (Brentano).

G. Pätz’sohe Buchdr. Lippert &amp; Co. G. m. b. H., Naumburg a, d. S.
        <pb n="856" />
        ﻿the scale towards document

Kapitel II. Die Theorie der Bodenrente und ihre Anwendungen.

653

im Besitz des Einkommens, das sich aus dem allgemeinen sozialen
Fortschritt ergibt, nämlich der Bodenrente. So ausgestattet braucht
der Staat nicht mehr den Einzelpersonen durch Steuern einen Teil
der Früchte ihrer Arbeit zu nehmen. Gemeinsamer Besitz des Bodens
und seines Ertrages, Privatbesitz am Kapital, an der Arbeit und ihren
Erträgen, — das ist die soziale Organisation, die die Formel der
Gerechtigkeit nach Waleas verwirklichen wird: Gleichheit der
Bedingungen, Ungleichheit der Lage1).

Wenn auch der Ausgangspunkt der Reform verschieden ist, so
sind doch die Bedingungen ihrer Verwirklichung für Gossen, wie für
Waleas genau dieselben. Beide haben die weitestgehende Achtung
vor den von den Eigentümern erworbenen Rechten. Nach ihnen hat
der Staat nicht das Recht, nach dem Vorschläge Mill’s die zukünftige
Rente3) mit Beschlag zu belegen, auf die sie rechnen können, und
ebensowenig hat er das Recht, die gegenwärtige Rente für sich zu
beanspruchen, wie Heney Geoege vorschlägt. Das einzige Mittel, die
Operation in gerechter Weise durchznführen, besteht darin, den Boden
zurückzu kaufen, und der Rückkaufspreis muß schon die von den
Besitzern erwarteten Mehrwerte enthalten. Dieser Rückkauf würde
sich praktisch auf Grund einer Ausgabe vpn Rentenbriefen durch-
führen lassen, die den Grundbesitzern als Bezahlung ihres Grund-
besitzes angeboten werden. Auf Grund der von da an dem Staate
zufallenden Pachtsnmmen, deren ständiges Steigen nicht ausbleiben
kann, wird der Staat imstande sein, nicht nur die Zinsen dieser
Schuld zu zahlen, sondern auch sie nach und nach zu amortisieren.
Nach etwa 50 Jahren würde das Kapital zurückgezahlt sein, und der
Staat allein über die Bodenrente verfügen3).

b Vgl. im besonderen den ganzen prächtigen 6, Abschnitt der Theorie ge-
nerale de la Societe in den Btudes d’Bconomie Sociale.

2)	„. . . Selbst der Umstand läßt sich nicht zur Beschönigung irgendeiner Maß-
regel anführen, deren Wirkung auch nur Schmälerung der Grundrente für den
Eigentümer ist, daß die Rente ohne Zutun des Eigentümers unausgesetzt steigt.
Denn das Steigen der Renten in einem bestimmten Verhältnis zur Zeit mußte, sobald
es wahrgenommen wurde, bei Berechnung des Kaufpreises berücksichtigt werden,
gerade deshalb, weil dieser Preis, wie wir sahen, ja nur durch Rechnung gefunden
wird. Darum hat also der Käufer, da der Kauf unter der Bürgschaft der Gesetze
stattgefunden hat, unzweifelhaft das Recht auf alle Schwankungen in der Rente,
wie diese auch beschaffen sein mögen, mit erkauft. ... Ja selbst dann, wenn man
den Grundeigentümern als Entschädigung eine ewige Rente in dem Betrage, wie
die zahlbare Rente des Grundeigentums beim Übergang an den Staat gefunden
Wurde, zusichern wollte, wie dies jetzt bei Expropriationen zu geschehen pflegt,
würde die Ungerechtigkeit aus dem angeführten Grunde nur vermindert, nicht ver-
mieden werden“ (H. H. Gossen, Entwicklung der Gesetze uswr. S. 257/258).

3)	Gossen führt die Gründe an, weshalb der Staat, da er sich in besserer Lage
als die Einzelpersonen befindet, den Besitzern bessere Bedingungen als die der ge-
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