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        <title>Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen</title>
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            <forname>Charles</forname>
            <surname>Gide</surname>
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        </author>
        <author>
          <persName>
            <forname>Charles</forname>
            <surname>Rist</surname>
          </persName>
        </author>
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            <idno>1010911953</idno>
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        Geschichte
der
volkswirtschaftlichen
Lehrmeinungen

Von

Charles  Gide
Professeur  d’Economie  Sociale
ä  la  Faculte  de  Droit
de  l’Universite  de  Paris

und  Charles  Rist
Professeur  d’Economie  Politique
ä  la  Faculte  de  Droit
de  l’Universite  de  Montpellier

Preisgekrönt  von  der
Academie  des  Sciences  Morales  et  Politiques
Nach  der  zweiten  durchgesehenen  und  verbesserten  Ausgabe
herausgegeben  von
Franz  Oppenheimer
Dr.  phil.  et  med.,  Privatdozent  an  der  Universität  Berlin
Deutsch  von  R.  W.  Horn

Jena
Verlag  von  Gustav  Fischer
1913
Weltwirtschaftliches  Archiv
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        Terlag  von  Gustav  Fischer  in  Jena.

F.  Th.  v.  Bernhardi.

Ein  Beitrag  zur  Geschichte  der  Nationalökonomie  im  XIX.  Jahrhundert. ­
  Von  Dr.  Fritz  üemuth.  1900.  Preis:  1  Mark  80Pf.

Johann  Joachim  Becher.

Ein  Beitrag  zur  Geschichte  der  Nationalökonomie  Von
Dr.  K.  t.  Erdberg-Krczenciewski,  Berlin.  1896.
Preis:  3  Mark.

Bismarcks  nationalökonomische  Anschauungen.  V ß eo ^  i“o d ni&amp;amp; hiL
Priv.-Dozent  in  Halle  a.  S.  (Samml.  nat.-ökon,  Abhandl.  Bd.  31.)  1902.  Preis:  3  Mark.

Henry  C.  Carey  als  Nationalökonom.  Von  Dr -  J&amp;gt;  w&amp;gt;  Jen p 8 ; eis f| 5 j Iark
Die  volkswirtschaftlichen  Anschauungen  David  Humes.  zu E r ''Geschichte
der  Volkswirtschaftslehre.  Von  Dr.  phil.  Max  Klemme.  1900.  Preis:  2  Mark  50  Pf.

Ferdinand  Lassalle  und  seine  Bedeutung  für  die  deutsche  Sozial-Hoirmlrealio
  Von  Dr.  Bernhard  Harms,  o.  Prof,  der  Staatswissenschaften
UCIIIUKI  alle.  a n  der  Universität  Kiel.  1909.  Preis:  1  Mark  60  Pf.,  geh.  2  Mark.
Literarisches  Zentralblatt  für  Deutschland  (Leipzig):
Diese  kleine  Schrift,  die  in  meisterhafter  Darstellung  aus  dem  Leben  und  Wirken
Ferdinand  Lassalles  seine  Bedeutung  für  die  politische  Weiterentwicklung  der  deutschen
Sozialdemokratie  herausarheitet,  gehört  in  die  Reihen  jener  wenigen,  glänzenden
Werke,  welche  die  für  die  politische  Fortentwicklung  des  deutschen  Volkes  entscheidenden ­
  Fragen  vom  Standpunkt  der  Wissenschaft  aus  in  unbefangener  W T eise  zu,  erörtern
und  zu  erklären  suchen.  In  die  Schilderung  des  Lebens  und  der  politischen  Tätigkeit
des  geistvollen  Agitators  hat  der  Verfasser  in  knappen  Strichen  die  Entwicklung
der  deutschen  Sozialdemokratie  hineingezeichnet,  und  indem  er  das  Fazit  dieser
Entwicklung  zieht,  stellt  er  es  überaus  wirkungsvoll  dem  politischen  Vermächtnis
Lassalles  gegenüber.  Auch  wer  die  Anschauung  des  Verf.  nicht  immer  teilt,  wird
sich  dem  Eindruck  seiner  Argumentation  nicht  ganz  entziehen  können  und  gerade
darum  ist  diesen  anregenden  Betrachtungen  die  allergrößte  Verbreitung  zu  wünschen.
Ferdinand  Lassalle.  Studien  über  historischen  und  systematischen  Zusammenhang
seiner  Lehre.  Von  Eduard  Bosenbaum.  1911.  Preis:  5  Mark  50  Pf.
Inhalt:  Einleitung:  lieber  Methode  und  Absicht.  —  Erste  Abteilung:  Lassalle  in
geistesgeschichtlichen  Zusammenhang.  1.  Das  allgemeine  Wahlrecht.  2.  Eicardo.
3.  Rodbertus.  4.  Marx.  5,  Blanc.  —  Zweite  Abteilung:  Lassalles  Lehre  in  systematischer
Darstellung.  Prinzipielle  Vorbemerkungen.  —  Erster  Teil:  Theorie  der  gegebenen
Wirklichkeit.  1.  Der  Ursprung  der  bürgerlichen  Gesellschaft.  2.  Die  ökonomische
Struktur  der  bürgerlichen  Gesellschaft.  3.  Die  bürgerliche  Gesellschaft  und  der  Staat.
4.  Das  allgemeine  Bewußtsein  in  der  bürgerlichen  Gesellschaft.  —  Zweiter  Teil:
Theorie  der  Umgestaltung.  1.  Die  sittliche  Idee  des  Arbeiterstandes.  2.  Die
ökonomischen  Forderungen.  8.  Die  politischen  Mittel.  4.  Die  Stellung  des  allgemeinen ­
  Bewußtseins.

Vorlesungen  über  Nationalökonomie
Nationalökonomie  an  der  Universität  Lund.  Theoretischer  Teil.  Erster
Band.  Mit  18  Abbildungen.  Vom  Verfasser  durchgesehene  Uebersetzung  von
Margarethe  Langfeldt.  1913.  (XI,  290  S.  gr.  8°.)  Preis:  6  Mark.
Inhalt:  Einleitung.  Der  Begriff  der  Nationalökonomie.  Die  Einteilung  des  Stoffes.  —
1.  Die  Lehre  der  Bevölkerung,  ihrer  Zusammensetzung  und  Veränderung.  1.  Die  Verteilung  nach
Lebensaltern.  2.  Die  Verteilung  nach  Geschlechtern  und  nach  dem  Zivilstande.  3.  Die  Veränderungen ­
  der  Bevölkerung.  Die  Sterblichkeit.  4.  Die  Fruchtbarkeit.  5.  Die  natürliche  Volksvermehrung.
  6.  Ein-  und  Auswanderung.  7.  Die  Malthussche  Bevölkernngslehre.  8,  Die  zwei
Bevölkerungsfragen.  —  II.  Die  Wertlehre.  1.  Der  Tauschwert  und  seine  Ursachen.  Aeltere  Erklärungsversuche. ­
  2.  Der  Begriff  Grenznutzen,  3.  Der  freie  Tausch  und  der  Marktwert.  4.  Einwendungen ­
  gegen  die  Grenznutzentheorie  und  Ausnahmen  dieser  Theorie.  5.  Der  Gewinn  bei
freiem  Tausche.  6,  Die  Preisbildung  bei  eingeschränkter  Konkurrenz.  7.  Die  Preisbildung  unter
dem  Einflüsse  der  Produktion.  Uebergang  zur  nächsten  Hauptabteilung.  —  III.  Die  Produktionsund ­
  Verteilnngslehre.  1  Kapitallose  Produktion  (Die  Grundbesitzer  als  Unternehmer.  Die  Arbeiter
(oder  eine  dritte  Person)  als  Unternehmer.  Die  Einwirkung  der  technischen  Erfindungen  auf
Grundrente  und  Arbeitslohn).  2.  Die  kapitalistische  Produktion  (Der  Begriff  Kapital.  Die  Grenzproduktivität ­
  des  Kapitals.  Einjährige  Kapitalinvestierung.  Mehrjährige  Kapitalinvestierung.
Alternative  Konstruktion  des  Kapitalzinses  und  der  Lösung  des  Verteilungsprohlems.  Wissenschaftliche ­
  Streitfragen  hinsichtlich  des  Kapitals).  3.  Produktion  und  Austausch  in  ihrem  Zusammenhänge ­
  miteinander.  Definitive  Theorie  des  Tauschwertes.  —  IV.  Die  Kapitalbildnng.
        <pb n="3" />
        Geschichte
der
volkswirtschaftlichen
Lehrmeinungen
Von

Charles  Gide
Professeur  d’Econdfifie  Sociale
ä  la  Faculte  de  Droit
de  l’Universite  de  Paris

und  Charles  Rist
Professeur  d’Economie  Poiitique
ä  la  Faculte  de  Droit
de  l’Universite  de  Montpellier

Preisgekrönt  von  der
Academie  des  Sciences  Morales  et  Politiques
Nach  der  zweiten  dürchgesehenen  und  verbesserten  Ausgabe
herausgegeben  von
Franz  Oppenheimer
Dr.  phil.  et  med.,  Privatdozent  an  der  Universität  Berlin

Deutsch  von  R.  W.  Horn

Jena
Verlag  von  Gustav  Fischer
1913
        <pb n="4" />
        Vorwort  zur  ersten  Ausgabe.

Die  Geschichte  der  Doktrinen  nimmt  in  dem  französischen  staatswissenschaftlichen ­
  Unterricht  einen  bedeutend  größeren  Platz  ein,
als  in  irgendeinem  anderen  Lande.  In  jeder  Rechtsfakultät  steht
ihr  ein  eigener  Lehrstuhl  zur  Verfügung;  im  Doktorexamen  für
Nationalökonomie  ist  eine  besondere  Prüfung  für  sie  vorgesehen,  und
ebenso  muß  bei  der  Zulassung  zum  staatswissensehaftlichen  Agrege
eine  schriftliche  Arbeit  über  sie  geliefert  werden.  An  der  Sorbonne
ist  die  einzige  bestehende  nationalökonomische  Professur  der  Geschichte ­
  der  Doktrinen  Vorbehalten,  und  das  gleiche  gilt  für  die,  die
vor  kurzem  an  der  „Ecole  des  Hautes  Etudes“  geschaffen  wurde.
Diese  der  Geschichte  der  Doktrinen  eingeräumte  Bedeutung  mag
übertrieben  erscheinen,  besonders,  wenn  man  darauf  hinweist,  daß
für  die  eigentliche  Wirtschaftsgeschichte,  womit  wir  die  Geschichte
der  Einrichtungen  und  der  Tatsachen  bezeichnen  wollen,  in  unseren
französischen  Universitäten  nicht  eine  einzige  Professur  besteht!
Diejenigen,  die  den  Franzosen  eine  angeborene  Neigung  zur  Ideologie
zusprechen,  werden  nicht  verfehlen,  hierin  eine  nicht  gerade  günstige
Bekundung  dieser  Veranlagung  zu  sehen.
In  anderen  Ländern  ist  es  anders.  Dort  steht  die  Geschichte
der  Tatsachen,  nicht  die  der  Ideen,  an  erster  Stelle.  Für  alle,  die
sich  zu  der  historischen  Schule,  und  noch  mehr  für  die,  die  sich  zu
dem  historischen  Materialismus  bekennen,  erscheinen  die  Doktrinen
und  die  Systeme  nur  als  die  Widerspiegelung  der  wirtschaftlichen
Umstände;  daher  komme  es  hauptsächlich  darauf  an,  diese  letzteren
zu  studieren.  Nicht  mit  Unrecht  glaubt  man,  daß  die  Geschichte
der  Entwicklung  des  Eigentums  oder  die  des  Arbeitslohnes  bedeutend
belehrender  ist,  als  die  Geschichte  der  Streitigkeiten  über  das  Wesen
des  Eigentumsrechts  oder  über  die  Lohntheorie.

i*
        <pb n="5" />
        IV

Vorwort  zur  ersten  Ausgabe.

Doch  scheint  es  uns,  als  ob  hierin  gleichfalls  eine  gewisse  Übertreibung ­
  läge,  wenn  auch  ira  entgegengesetzten  Sinne.  Sicherlich  ist
der  Einfluß,  den  das  wirtschaftliche  Milieu  auch  auf  den  abstraktesten ­
  Volkswirtschaftler  ausübt,  unbestreitbar,  da  es  ihm  die  Grundlage ­
  für  seine  Untersuchungen  und  die  Bausteine  seiner  logischen
Konstruktionen  liefert.  Sind  es  doch  die  Tatsachen,  die  in  einem
gegebenen  Augenblick  die  Probleme  auftauchen  lassen,  die  der  Theoretiker ­
  zu  lösen  hat,  und  sie  in  einem  anderen  Augenblick  wieder
zum  Verschwinden  bringen;  sicherlich  wechseln  diese  Probleme  je
nach  den  Epochen  und  Ländern.  Es  kann  kein  Zweifel  darüber  bestehen, ­
  daß  die  ganz  besondere  wirtschaftliche  Lage  Englands  am
Anfang  des  19.  Jahrhunderts  die  Gedanken  Ricaedo’s  auf  die  Bodenrente ­
  und  die  Notenemission  gerichtet  hat.  Ohne  das  Auftreten  der
Maschinen,  ohne  die  parallel  verlaufende  Entwicklung  der  Großindustrie ­
  und  des  Proletariats,  ohne  die  Häufung  der  Krisen  wären
die  Lehren  eines  Sismondi  und  eines  Karl  Marx  sicherlich  nicht
entstanden.  Wenn  heute  die  Theorie  des  Monopols  immer  mehr  die
Aufmerksamkeit  der  Volkswirtschaftler  auf  sich  zieht,  so  darf  man
annehmen,  daß  die  Entwicklung  der  Trusts  und  der  Kapitalsyndikate,
die  uns  immer  mächtigere  und  zahlreichere  Monopole  vorführen,
hieran  nicht  unbeteiligt  ist.
Aber  wenn  man  das  auch  alles  zugibt,  so  muß  man  doch  auf  der
anderen  Seite  anerkennen,  daß  die  Tatsachen  nicht  genügen  würden,
um  das  Entstehen  der  Theorien  zu  erklären,  und  zwar  nicht  einmal
die  der  Sozialpolitik,  und  noch  weniger  die  der  rein  wissenschaftlichen ­
  Auslegung.  Wenn  jedoch  die  Ideen  durch  Zeit  und  Milieu
bestimmt  werden,  wie  soll  man  es  dann  erklären,  daß  das  gleiche
Milieu  und  die  gleiche  Epoche  gleichzeitig  nicht  nur  heterogene,
sondern  sogar  antagonistische  Lehren  hervorgebracht  haben,  wie  die
eines  J.-B.  Say  und  eines  Sismondi,  eines  Bastiat  und  eines
Peoudhon,  eines  Schulze-Delitzsch  und  eines  Maex,  eines  Feancis
Walker  und  eines  Henry  George!  Und  mit  welchen  historischen
Umständen  kann  man  in  Frankreich  die  Entstehung  der  mathematischen ­
  Schule  mit  Cournot  oder  die  in  drei  oder  vier  verschiedenen ­
  Ländern  gleichzeitig  erfolgte  Entdeckung  der  Theorie  des
Grenznutzens  in  Verbindung  bringen?
Aus  diesem  Grunde,  ohne  für  die  Geschichte  der  Doktrinen  eine
irgendwie  geartete  Überlegenheit  zu  fordern,  —  und  indem  wir,  wie
wir  wiederholen,  es  bedauern,  daß  die  Geschichte  der  Tatsachen  in
Frankreich  allzusehr  vernachlässigt  wird,  —  beanspruchen  wir  für
sie  das  Recht,  sich  als  eine  Sonderdisziplin  darzustellen  1 ).  Deshalb
’)  Über  den  Nutzen  des  Unterrichts  in  der  Geschichte  der  Doktrinen  siehe  einen
Aufsatz  von  Deschamps  in  der  Keforme  Sociale  vom  1.  Oktober  1902.
        <pb n="6" />
        Vorwort  zur  ersten  Ausgabe.

v

wird  in  diesem  Buch  von  der  Geschichte  der  Tatsachen  nur  insoweit
gesprochen  werden,  wie  sie  uns  zum  Verständnis  des  Auftretens
oder  Verschwindens  dieser  oder  jener  Lehre  oder  zur  Erklärung  des
außerordentlichen  Glanzes  dient,  in  dem  die  eine  oder  die  andere
Lehre  in  einem  gegebenen  Augenblick  erstrahlte,  und  der  uns  heute
in  der  Entfernung  manchmal  merkwürdig  erscheint,  —  und  dann
werden  wir  die  Geschichte  der  Tatsachen  auch  dort  heranziehen,  wo
die  Tatsachen  mit  den  Lehren  nicht  als  Ursachen,  sondern  als  Folgen
verbunden  erscheinen.  Denn  trotz  des  Skeptizismus  Couenot’s,  der
versichert,  daß  der  Einfluß  der  Volkswirtschaftler  auf  den  Lauf  der
Begebenheiten  von  keiner  größeren  Wirkung  ist,  als  der  der
^Grammatiker  auf  die  Entwicklung  der  Sprache,  erscheint  es  uns
doch  schwierig,  z.  B.  den  Einfluß  der  Manchesterschule  auf  die
Handelsverträge  von  1860  oder  des  Staatssozialismus  auf  die  heutige
Arbeitergesetzgebung  zu  leugnen.

Es  ist  eine  unmögliche  Aufgabe,  in  einem  einzigen  Bande  die
Geschichte  der  volkswirtschaftlichen  Lehrmeinungen  zusammenzufassen,
und  die  Verfasser  dieses  Buches  erheben  auch  nicht  den  Anspruch,
dies  geleistet  zu  haben.  Um  eine  auch  nur  summarische  Darlegung
des  unbedingt  Wissenswerten  zu  geben,  haben  sie  sich  zu  vielen
Opfern  entschließen  müssen.
Indem  wir  als  Ausgangspunkt  das  Ende  des  18.  Jahrhunderts
wählten,  haben  wir  zunächst  alle  Vorläufer  weggelassen.  Sicherlich
reichen  die  Wurzeln  der  volkswirtschaftlichen  Wissenschaft  weiter
in  die  Vergangenheit  zurück;  aber  der  Strom  der  großen  volkswirtschaftlichen ­
  Gedanken,  der  sich  in  den  großen  Schulen  ausdrückt,
darunter  vor  allem  die  beiden  typischen  Doktrinen  des  Individualismus
und  des  Sozialismus,  hat  in  Wirklichkeit  erst  im  Laufe  des  19.  Jahrhunderts ­
  Gestalt  angenommen J ).  Sollte  übrigens  der  Leser  diese  Lücke
zu  sehr  bedauern,  so  ist  es  ihm  leicht,  sie  auszufüllen.  Gerade  dieser
Teil  der  Geschichte  der  Doktrinen  ist  in  schon  erschienenen  Büchern
sehr  eingehend  behandelt  worden;  —  für  die  Zeit  des  Altertums  in
denen  von  Espinas  *  2 )  und  Souchon;  —  für  das  Mittelalter  und  bis
*)  In  einem  Aufsatz  über  den  Unterricht  in  der  Geschichte  der  wirtschaftlichen
Doktrinen  (Eevue  de  l’Enseignement  vom  15.  März  1900;  erklärt  Deschamps
es  zwar  für  unverzeihlich,  daß  man  es  nicht  besser  verstanden  habe,  aus  dem  Altertum ­
  und  dem  Mittelalter  die  „wunderbaren  wirtschaftlichen  Lehren  zu  ziehen,  die
dort  zu  finden  sind“,  fügt  aber  hinzu,  daß  „wir  in  der  Geschichte  der  Wissenschaft
nicht  weiter  als  bis  zu  den  Physiokraten  zurückzugehen  brauchen“.
2 )  Die  neue  Ausgabe  des  Buches  von  Espinas,  die  sich  im  Druck  befindet,  enthält ­
  einen  ganzen  Band  über  die  wirtschaftlichen  Doktrinen  im  Altertum  und  im
Mittelalter.
        <pb n="7" />
        VI

Vorwort  zur  ersten  Ausgabe.

zum  18.  Jahrhundert  in  denen  Dübois’,  Rambaitd’s,  und,  im  Ausland,
Ashlby’s,  Ingram’s,  Hectob  Denis’,  Beants’,  Cossa’s  (um  nur  die  anzuführen, ­
  die  in  französischer  Sprache  geschrieben  oder  in  sie  übersetzt ­
  worden  sind),  —  während  im  Gegenteil  die  heutigen  Lehren
nur  einen  relativ  geringen  Platz  darin  einnehmen.
Aber  nicht  nur  mit  Hinsicht  auf  die  Zeitalter,  auch  mit  Hinsicht
auf  die  Länder  haben  wir  uns  Beschränkungen  auferlegen  müssen.
Man  wird  uns  entschuldigen,  wenn  wir  einen  verhältnismäßig  großen
Teil  des  Buches  den  französischen  Doktrinen  gewidmet  haben,  da
wir  in  erster  Linie  für  französische  Studierende  schrieben.  Übrigens
tut  das  ein  jeder  Schriftsteller  für  das  Land,  dem  er  angehört,  was
auch  richtig  ist,  da  die  Leser  zunächst  über  das  unterrichtet  werden*
sollen,  was  sie  am  wenigsten  kennen.  Doch  haben  wir  uns  bemüht,
England  und  Deutschland  den  großen  Platz  vorzubehalten,  der  ihnen
gebührt,  obgleich  wir  in  bezug  auf  das  letztere  Land  uns  schon  zu
manchem  Verzicht  haben  entschließen  müssen.  Was  die  Volkswirtschaftler ­
  anderer  Länder  betrifft,  die  wir  leider  nur  zu  oft  mit  Stillschweigen ­
  übergehen  mußten,  oder  die  wir  nur  gelegentlich  in  Verbindung ­
  mit  dieser  oder  jener  Theorie,  der  sie  ihren  Namen  gegeben
haben,  erwähnen  konnten,  so  bitten  wir  sie,  in  diesen  Lücken  nicht
eine  Verkennung  der  bedeutenden  Dienste  zu  sehen,  die  ihre  Länder,
besonders  Italien  und  die  Vereinigten  Staaten,  der  ökonomischen
Wissenschaft  in  der  Vergangenheit  wie  in  der  Gegenwart  geleistet
haben.
Aber  auch  trotz  dieser  Beschränkung  war  unser  Arbeitsgebiet
doch  noch  zu  reichhaltig,  um  alles  aufnehmen  zu  können,  so  daß  eine
Auswahl  erforderlich  wurde.  Wir  haben  uns  bemüht,  unsere  Darlegungen ­
  auf  eine  möglichst  kleine  Zahl  von  Namen  und  Ideen  zu
beschränken,  um  diese  desto  besser  darstellen  zu  können.  Es  war
nicht  unser  Ehrgeiz,  eine  vollständige  und  erschöpfende  Geschichte
zu  schreiben,  sondern  eher,  eine  Reihe  von  Bildern  zu  entwerfen,
die  den  bedeutendsten  Epochen  der  Geschichte  der  Doktrinen  entsprechen. ­

Eine  derartige  Auswahl  bedingt  aber  stets  eine  gewisse  Willkür. ­
  Wie  soll  der  qualifizierteste  Vertreter  einer  jeden  Lehre  ausgewählt ­
  werden?  In  einer  Wissenschaft,  wie  der  Nationalökonomie,
in  der  die  Schriftsteller  einander  oft  nicht  gekannt  haben,  ist  es
häufig,  daß  sie  sich  wiederholen,  und  es  ist  nicht  leicht,  festzustellen,
wer  den  Anspruch  auf  die  Priorität  hat.  Wenn  es  aber  schwierig
ist,  den  Zeitpunkt  zu  entdecken,  in  dem  eine  Idee  zum  ersten  Male
erscheint,  so  ist  es  relativ  leicht,  denjenigen  mit  Sicherheit  zu  bezeichnen, ­
  in  dem  sie  sich  der  Aufmerksamkeit  aufzwingt  und  sich  dem
Kreise  der  vorgetragenen  oder  wenigstens  diskutierten  Wahrheiten
        <pb n="8" />
        Vorwort  zur  ersten  Ausgabe.

VII

einreiht.  Das  haben  wir  als  Richtschnur  genommen.  Die  Autoren,
die  wir  hier  nicht  haben  aufnehmen  können,  auch  wenn  sie  vielleicht
ebenso  würdig  sind,  an  erster  Stelle  zu  glänzen,  werden  trotz  dieser
Ungerechtigkeit  nicht  zu  kurz  kommen,  denn  die  Mode  beschäftigt  sich
heute  mit  den  Vorläufern:  zahlreich  sind  die  Bücher,  die  der  Entdeckung ­
  der  Poetae  minores  der  volkswirtschaftlichen  Wissenschaft ­
  gewidmet  sind  und  es  sich  zur  Aufgabe  machen,  die  Urteile
der  parteiischen  Geschichte  zu  ihren  Gunsten  zu  berichtigen.
Es  war  aber  nicht  nur  eine  Auswahl  zwischen  den  Schriftstellern
nötig,  sondern  auch  eine  Auswahl  unter  den  Doktrinen.  Diese  Auswahl ­
  hat  selbstverständlich  keinen  irgendwie  normativ  gearteten
Charakter;  wir  hatten  keineswegs  die  Absicht,  die  einen  zu  empfehlen
und  die  anderen  herabzusetzen  auf  Grund  eines  Kriteriums  der
Moralität  oder  der  sozialen  Nützlichkeit  oder  der  Wahrheit.  Wir
gehören  nicht  zu  denen,  die  wie  J.-B.  Say  glauben,  daß  die  Geschichte ­
  der  Irrtümer  nutzlos  ist 1 ).  Eher  neigen  wir  dazu,  uns  der
tiefsinnigen  Bemerkung  Condillac’s  anzuschließen:  „Es  ist  für  jeden,
der  selbst  Fortschritte  im  Suchen  nach  Wahrheit  machen  will,  von
wesentlicher  Bedeutung,  die  Irrtümer  derjenigen  zu  kennen,  die
geglaubt  haben,  ihm  den  Weg  zu  bahnen.“  Wir  wissen,  daß  das
Studium  der  Irrtümer  fruchtbar  ist,  auch  wenn  man  daraus  nichts
als  die  heilsame  Warnung  entnehmen  kann,  sie  in  Zukunft  zu  vermeiden, ­
  und  zwar  um  so  mehr,  wenn  es  zutrifft,  —  wie  Herbert
Spencer  in  Umwandlung  eines  Satzes  Shakespeaee’s  sagt,  —  daß
es  keinen  Irrtum  gibt,  der  nicht  ein  kleines  Körnchen  Wahrheit
enthielte.  Auch  kann  man  eine  Lehre  nur  dann  kennen,  beherrschen
und  lieben,  wenn  man  über  ihre  Geschichte  Bescheid  weiß,  und
wenn  man  ebenfalls,  auf  abgekürztem  Wege,  durch  die  gleichen
Irrtümer  geschritten  ist,  wie  die,  die  diese  Lehre  entdeckt  und  uns
überliefert  haben.  Eine  Wahrheit,  die  man  wie  vom  Himmel  gefallen ­
  empfängt,  ohne  zu  wissen,  mit  welchen  Anstrengungen  sie  erworben ­
  worden  ist,  ist  wie  ein  mühelos  gewonnenes  Goldstück:  sie
trägt  keinen  Nutzen.
Wir  durften  jedoch  nicht  vergessen,  daß  dieses  Buch  hauptsächlich ­
  für  Studierende  bestimmt  ist,  und  daß  es  nützlich  ist,  ihnen  zu
*)  „Was  würden  wir  dabei  gewinnen,  absurde  Meinungen,  überwundene,  und
mit  Recht  überwundene  Doktrinen  zu  sammeln?  Es  wäre  ebenso  unnütz  wie  langweilig, ­
  sie  auszugraben.  Daher  wird  auch  die  Geschichte  einer  Wissenschaft  um  so
kürzer,  je  mehr  die  Wissenschaft  sich  vervollkommnet;  denn,  wie  d’Alembert  sehr
richtig  bemerkt,  je  größere  Klarheit  man  über  einen  Gegenstand  gewinnt,  um  so
weniger  gibt  man  sich  mit  den  falschen  oder  zweifelhaften  Ansichten  ab,  die  er
hervorgerufen  hat.  ...  Es  kommt  nicht  darauf  an,  die  Irrtümer  zu  lernen,  sondern
sie  zu  vergessen“  (Traite  pratique,  Bd.  II,  S.  540).
        <pb n="9" />
        VIII

Vorwort  zur  ersten  Ausgabe.

zeigen,  wodurch  diese  oder  jene  Lehre  die  wissenschaftliche  Kritik
herausfordert,  sei  es  durch  einen  Fehler  in  der  Beweisführung,
oder  durch  ungenaue  Beobachtung  der  Tatsachen.  Wir  haben  aber
unsere  Kommentare  auf  ein  Minimum  beschränkt,  und  zwar  nicht
nur,  um  das  vorliegende  Buch  nicht  zu  sehr  anwachsen  zu  lassen,
sondern  auch  deshalb,  weil  das,  worauf  es  dem  Leser  ankommt,  nicht
unsere  Meinungen,  sondern  die  der  Meister  selbst  sind,  die  wir
hier  darstellen.  So  viel  wie  möglich  haben  wir  sie  selbst  sprechen
lassen  und  haben  uns  aus  diesem  Grunde  nicht  gescheut,  die  Zitate
zu  häufen.
Wir  haben  uns  bemüht,  hauptsächlich  die  Lehren  klarzustellen,
die,  Wahrheiten  oder  Irrtümer,  zur  Bildung  der  heutigen  Ideen  beigetragen ­
  haben  und  mit  ihnen  in  unmittelbarer  Beziehung  stehen.
Der  Plan  dieses  Buches  ist  daher:  wie,  wo  und  durch  wen  sind  die
Grundsätze  aufgestellt  worden,  die  das  provisorische  oder  endgültige
Gerüst  der  volkswirtschaftlichen  Wissenschaft  bilden,  so  wie  sie
heute  gelehrt  wird?  Wir  haben  es  sogar  für  nützlich  gehalten,  gewissen ­
  Doktrinen  einen  Platz  einzuräumen,  die,  auch  wenn  sie  etwas
am  Außenrande  der  eigentlichen  Nationalökonomie  stehen,  einen
großen  Einfluß  auf  den  Unterricht,  die  Gesetzgebung  und  die  Ideenbewegung ­
  ausgeübt  haben,  wie  der  christliche  Sozialismus,  der  Solidarismus
  und  der  Anarchismus.  Wenn  wir  es  auch  für  vorteilhafter
gehalten  haben,  den  offiziell  für  diesen  Unterrichtszweig  anerkannten ­
  Titel  beizubehalten,  so  würde  doch  der  Titel  dieses  Buches
besser  lauten;  „Geschichte  des  Ursprungs  und  der  Entwicklung  der
heutigen  volkswirtschaftlichen  Doktrinen.“

Der  Plan  einer  Geschichte  der  Doktrinen  bietet  rechte  Schwierigkeiten. ­
  Da  es  sich  um  geschichtliche  Darlegungen  handelt,  muß  man
selbstverständlich  ungefähr  der  chronologischen  Ordnung  folgen;  man
kann  aber  entweder  alle  Doktrinen  der  gleichen  Epochen  zusammengefaßt ­
  darstellen  oder  sie  in  ebenso  viele  Einzelgeschichten  trennen,
wie  es  Schulen  gibt.  Der  erste  Weg  macht  es  nötig,  in  jedem  Kapitel
gleichzeitig  alle  Doktrinen  zu  behandeln  und  von  neuem  aufzuführen,
wodurch  man  Gefahr  läuft,  dem  Leser  von  jeder  nur  ein  unbestimmtes
Bild  zu  hinterlassen.  Der  zweite  Weg  hat  den  Nachteil,  die  Gesamtgeschichte ­
  in  Monographien  zu  zerstückeln,  und  gestattet  nicht,
die  notwendigen  Beziehungen,  die  in  jeder  Epoche  die  verwandten
und  sogar  die  gegnerischen  Lehren  verbinden,  genügend  hervorzuheben. ­
  Wir  haben  versucht,  diese  Nachteile  zu  vermeiden  und  die
Vorteile  der  beiden  Methoden  zu  vereinigen,  indem  wir  die  Lehren
        <pb n="10" />
        Vorwort  zur  ersten  Ausgabe.

ix

nach  Familien  auf  Grund  des  Grades  ihrer  inneren  Verwandtschaft
geordnet  haben,  und  indem  wir  sie  gemäß  der  historischen  Folge
ihres  Auftretens  zusammenfaßten.  Doch  haben  wir  sie  nicht  immer
nach  ihrem  Entstehungsdatum  klassifiziert,  sondern  nach  dem  ihrer
Reife.  In  der  Entwicklung  einer  Doktrin  gibt  es  stets  einen  Höhepunkt: ­
  diese  Höhepunkte  haben  wir  uns  festzulegen  bemüht,  indem
wir  jedem  von  ihnen  ein  Sonderkapitel  widmeten.  Übrigens  haben
wir  uns  nicht  gescheut,  der  chronologischen  Ordnung  überall  dort
vorzugreifen,  wo  die  Klarheit  der  Darstellung  das  zu  fordern  schien.
1.  Epoche:  Ende  des  18.  und  Anfang  des  19.  Jahrhunderts.  Die
Begründer  der  klassischen  Volkswirtschaft;  zunächst  die  Physiokraten,
  Adam  Smith  und  J.-B.  Say,  und  dann  die  Autoren,  die  durch
beunruhigende  Prophezeiungen  das  grandiose  Bild  der  natürlichen
Ordnung  verdüsterten:  Malthus  und  Ricardo.
2.  Epoche;  die  erste  Hälfte  des  19.  Jahrhunderts.  Die  Gegner:
alle  diejenigen,  die  die  von  ihren  Vorgängern  aufgestellten  Prinzipien
angegriffen  und  erschüttert  haben,  und  die  wir  in  fünf  Kapiteln  um
Sismondi,  Saint-Simon,  die  Assozialisten,  Puoudhon  und  List
gruppiert  haben.
3.  Epoche:  die  Mitte  des  19.  Jahrhunderts.  Der  Höhepunkt
der  liberalen  Schule,  die  bis  dahin  den  Angriffen  siegreich
widerstanden  hat,  auch  wenn  sie  sich  zu  einigen  Konzessionen  verstehen ­
  mußte,  und  deren  große  Gesetze  ihre  endgültige  Fassung  zur
gleichen  Zeit,  wenn  auch  in  zwei  recht  verschiedenen  Gestalten,
fanden;  in  England  in  den  Principles  Stuart  Mill’s,  in  Frankreich ­
  in  den  Harmonies  Bastiat’s.
4.  Epoche:  die  zweite  Hälfte  des  19.  Jahrhunderts.  Die  Abtrünnigen ­
  des  Liberalismus,  die  nach  vier  verschiedenen  Richtungen
hin  Schismen  hervorrufen:  —  in  der  Methode,  durch  die  historische
Schule;  —  in  der  Sozialpolitik,  durch  den  Staatssozialismus;  —  in
der  wissenschaftlichen  Auffassung,  durch  den  Marxismus;  —  in  der
ethischen  Grundlegung,  durch  den  christlichen  Sozialismus.
5.  Epoche:  Ende  des  19.  und  Anfang  des  20.  Jahrhunderts.  Die
neuzeitlichen  Lehren,  in  denen  wir  schon  bekannte  Doktrinen,
in  neuen  Formen,  fortgebildet  oder  entstellt,  wie  man  will,  wiederfinden ­
  werden:  —  die  hedonistischen  Doktrinen  und  die  Theorien
über  die  Bodenrente,  die  nur  eine  Art  von  Revision  der  klassischen
Lehren  sind;  —  der  Solidarismus,  der  eine  Brücke  zwischen  dem
Individualismus  und  dem  Sozialismus  schlägt;  —  und  endlich  der
Anarchismus,  der  nur  eine  Art  von  zur  Verzweiflung  getriebener
Liberalismus  ist.
Diese  Aufeinanderfolge  bedeutet  keineswegs,  daß  jede  vorhergehende ­
  Doktrin  von  der  auf  sie  folgenden  beseitigt  oder  verdeckt
        <pb n="11" />
        X

Vorwort  zur  ersten  Ausgabe.

worden  wäre.  Das  Aufkommen  der  historischen  Schule  in  der  Mitte
des  19.  Jahrhunderts  z.  B.  fällt  mit  dem  Wiederaufleben  der  liberalen ­
  Schule  und  des  Optimismus  zusammen.  Der  Neo-Liberalismus
der  österreichischen  Schule  entwickelt  sich  gleichzeitig  mit  dem
Staatsinterventionismus  und  dem  Kollektivismus.
Trotzdem  wird  man  in  dieser  Entwicklung  einen  gewissen  Rhythmus ­
  der  Bewegung  bemerken:  die  Doktrin,  die  man  die  klassische
nennen  kann,  tritt  zuerst  auf,  wird  dann  unter  dem  Druck  von  mehr
oder  weniger  sozialistischen  Lehren  zurückgedrängt,  um  später  unter
neuen  Formen  wieder  aufzntauchen.  Doch  darf  man  sich  hierdurch
nicht  verführen  lassen,  hierin  nur  eine  einfache  Ebbe-  und  Flutbewegung ­
  zu  sehen,  ein  Auf-  und  Abschwanken,  das  dem  ähnlich  ist,
das  im  Parlamentarismus  die  Vertreter  der  beiden  großen  Parteien
abwechselnd  zur  Macht  gelangen  läßt.  Wenn  sich  in  der  Geschichte
der  volkswirtschaftlichen  Doktrinen  Schwankungen  der  gleichen  Art
kund  tun,  so  muß  man  ihre  Ursachen  weniger  in  den  Lehren  selbst,
als  in  der  Gunst  der  öffentlichen  Meinung  suchen,  die  in  Wirklichkeit ­
  jedesmal  kommt  und  geht,  wie  der  Wind  sich  dreht.
Aber  die  Doktrinen  und  die  Systeme  haben  ihr  eigenes  Leben,
das  keineswegs  nur  von  der  Mode  abhängig  ist.  Es  würde  genauer
sein,  in  ihrer  Geschichte,  wie  übrigens  in  der  Geschichte  aller  Ideen,
einen  Kampf  ums  Dasein  zu  sehen.  Bald  folgen  sie  nebeneinanderlaufenden
  Wegen  und  teilen  sich  friedlich  in  die  Herrschaft  über  die
Geister;  bald  branden  sie  in  stürmischen  Wogen  gegeneinander.  Es
kann  geschehen,  daß  in  diesem  Zusammenstöße  die  eine  der  Doktrinen
unterliegt  und  verschwindet.  Öfter  aber  söhnen  sie  sich  aus  und
verschmelzen  in  der  Einheit  einer  höheren  Synthese.  Auch  kommt
es  vor,  daß  diese  oder  jene  Lehre,  die  man  tot  glaubte,  lebendiger
als  jemals  wieder  aufersteht.

Die  Literatur  zur  Geschichte  der  Doktrinen  ist  außerordentlich
groß.  Außer  schon  höchst  zahlreichen  Allgemeingeschichten,  außer
Kapiteln,  die  sich  in  allen  volkswirtschaftlichen  Abhandlungen  mit
ihr  beschäftigen,  und  zahllosen  Aufsätzen  in  Zeitschriften  gibt  es
kaum  einen  Schriftsteller,  auch  unter  den  unbekannteren,  über  den
nicht  eine  oder  mehrere  Monographien  vorlägen.  Wenn  wir  alle
diese  Arbeiten  hätten  anführen  wollen,  würden  wir  diesen  Band  ins
Maßlose  haben  anwachsen  lassen,  ohne  doch  dazu  zu  gelangen,  vollständig ­
  zu  sein.  Daher  haben  wir  uns  darauf  beschränkt,  zunächst
selbstverständlich  die  Werke  derer  anzuführen,  die  die  Helden  dieser
Geschichte  sind.  Ihre  Kommentatoren  und  Kritiker  zitieren  wir  nur
        <pb n="12" />
        Vorwort  zur  ersten  Ausgabe.

XI

dann,  wenn  wir  ihnen  unmittelbar  einen  Ausdruck  oder  einen  Gedanken ­
  entlehnen,  oder  wenn  es  notwendig  ist,  um  dem  Leser  zu
ermöglichen,  die  Lücken  unserer  Darlegung  auszufüllen;  schon  das
ergibt  eine  sehr  große  Anzahl  Namen,  wie  man  aus  den  Anmerkungen
ersehen  wird.  Aber  die  gewollte  Unvollständigkeit  unserer  Quellenangaben ­
  überhebt  uns  nicht  der  Verpflichtung,  am  Eingang  dieses
Buches  unsere  Dankesschuld  gegenüber  allen  denen,  und  sie  sind
zahlreich,  abzutragen,  die  vor  uns  denselben  Weg  gegangen  sind,
uns  dadurch  unsere  Aufgabe  erleichtert  haben  und  so  ihren  Teil
an  der  Mitarbeit  an  diesem  Buche  beanspruchen  dürfen.  Sicher
werden  sie  bemerken,  daß  wir  sie  weder  vergessen  noch  mißachtet
haben.
Wenn  dieses  Buch  auch  mit  Hinsicht  auf  die  Arbeit  der  allgemeinen ­
  Vorbereitung  und  Revision  das  gemeinsame  Werk  der
beiden  Schriftsteller  ist,  deren  Namen  es  trägt,  so  haben  sie  doch
die  Arbeit  der  Darstellung  im  einzelnen  unter  sich  verteilt.  Auf
den  folgenden  Seiten  (XXI  u.  XXII)  wird  man  in  der  Zusammenfassung ­
  der  Inhaltsangabe  den  Namen  eines  jeden  der  beiden  Verfasser ­
  neben  dem  Kapitel,  das  er  geschrieben  hat,  finden.
Die  Verfasser  haben  nicht  geglaubt,  daß  eine  wissenschaftliche
Kollaboration  an  einer  Geschichte  der  Ideen  die  vollständige  Übereinstimmung ­
  über  alle  Fragen  bedingt,  mit  denen  sie  sich  zu  beschäftigen ­
  hatten.  Sie  haben,  besonders  in  Hinsicht  auf  die  Doktrinen
der  wirtschaftlichen  und  sozialen  Politik,  die  in  diesem  Buch  dargelegt ­
  sind,  ihre  volle  Unabhängigkeit  gewahrt.  Die  Vorbehalte
oder  Sympathien,  die -  sie  hinsichtlich  dieser  oder  jener  Lehre  aussprechen, ­
  müssen  daher  als  der  Ausdruck  der  persönlichen  Meinung
des  Verfassers  des  betreffenden  Kapitels  angesehen  werden.

Charles  Gide.  Charles  Rist.
        <pb n="13" />
        Vorbemerkung  zur  zweiten  Ausgabe

Diese  zweite  Ausgabe  unterscheidet  sich  nur  wenig  von  der
ersten.  Einige  Kapitel  jedoch,  besonders  die  über  Malthüs,  List,
den  christlichen  Sozialismus  und  die  Hedonisten,  sind  eingehend  überarbeitet ­
  worden.  Wir  haben  übrigens  den  Kritiken,  die  uns  zuteil
geworden  sind,  sowie  den  seit  1909  erschienenen  Veröffentlichungen
soviel  wie  möglich  Rechnung  getragen.
Die  Verfasser  werden  ihren  Lesern  dankbar  sein,  wenn  sie  ihnen
von  Ungenauigkeiten  und  Lücken  Kenntnis  geben,  um  das  Werk  auf
der  Höhe  des  Fortschrittes  zu  halten,  den  die  Geschichte  der  Doktrinen ­
  macht.
        <pb n="14" />
        Vorwort  des  Herausgebers

Das  vorliegende  Buch,  das  ich  mir  zur  hohen  Ehre  schätze,  bei
den  deutschen  Lesern  einführen  zu  dürfen,  soll  eine  Lücke  füllen,
die  der  Fachmann  und  namentlich  der  akademische  Lehrer  seit  langer
Zeit  schmerzlich  empfindet.  Wir  besitzen  keine  zureichende  moderne
Geschichte  der  natioualökonomi  sehen  Doktrinen  in  deutscher  Sprache,
und  doch  brauchen  wir  sie  dringend.  Wir  befinden  uns  in  einer  Ära
des  ständig  steigenden  Interesses  für  die  ökonomische  Theorie,  der
sich  unsere  jungen  Kräfte  immer  leidenschaftlicher  zu  wenden,  gedrängt ­
  von  der  Notwendigkeit,  das  heute  schon  fast  unübersehbare
Material  erst  einmal  gedanklich  zu  bewältigen,  das  die  Historiker
und  ihre  Anhänger  in  Darstellungen  zur  Wirtschaftsgeschichte  und
in  statistischen  und  anderen  Untersuchungen  unserer  Gegenwart
niedergelegt  haben.  Da  nun,  nach  Goethe,  „die  Geschichte  einer
Wissenschaft  die  Wissenschaft  selbst  ist“,  tut  uns  eine  Geschichte
der  Doktrinen  bitter  not.
Was  wir  besitzen,  ist  entweder  völlig  veraltet  oder  allzu  summarisch ­
  oder  allzu  einseitig  —  oder  das  alles  zusammen.  Das  verdienstvolle ­
  Buch  von  Julius  Kautz 1 ),  das  man  immernoch  in  einigen
Kapiteln,  z.  B.  in  denen  über  die  mittelalterlich-kanonische  Wirtschaftstheorie, ­
  mit  Vorteil  studieren  kann,  ist  1860  (!)  erschienen,  drei  Jahre
vor  dem  „Kapital“,  eine  Ewigkeit  vor  Karl  Menger’s  ersten  Arbeiten.
Nicht  ganz  so  hoffnungslos  veraltet  ist  H.  Eisenhart’s  „Geschichte
der  Nationalökonomie“  2 ),  aber  auch  sie  ist  alt  genug  und  hatte  auch
auf  der  Höhe  ihrer  Aktualität  kaum  mehr  gegeben,  als  eine  kraftvolle ­
  Skizze  der  Hauptrichtungen.  Das  dritte  bekannte  Lehrbuch
deutschen  Ursprungs  ist  Eugen  Dueheing’s  „Geschichte  der  National-1)

  Die  geschichtliche  Entwicklung  der  Nationalökonomie  und  ihrer  Literatur.
Wien  1860.
2 )  Jena  1882,  2.  Auflage  1891,  Neudruck  1901.
        <pb n="15" />
        XIV

Vorwort  des  Herausgebers.

Ökonomie  und  des  Sozialismus“,  deren  letzte  (vierte)  Auflage  von
1900  der  greise  Gelehrte  noch  selbst  besorgt  hat.  Das  Buch  ist  also
verhältnismäßig  modern  und  könnte  von  diesem  Gesichtspunkt  aus
genügen:  es  ist  aber  leider  zum  Teil  von  so  verrannter  Einseitigkeit
des  Gesichtspunktes  und  so  offenbarer  Ungerechtigkeit  des  Urteils,
daß  man  es  dem  Anfänger  kaum  ohne  Schaden  in  die  Hand  geben
darf;  daß  der  Vorgeschrittene  unendlich  viel  daraus  lernen  kann,  wie
auch  aus  den  anderen  Schriften  des  unglücklichen  Genius,  bedarf
keiner  ausdrücklichen  Feststellung.
Die  zuerst  1905  (bei  Gustav  Fischer,  Jena)  erschienene  und  seitdem ­
  öfters  aufgelegte  „Geschichte  der  Nationalökonomie“  von  Adolf
Damaschke  bezeichnet  sich  selbst  bescheiden  als  „erste  Einführung“.
Das  Buch  ist  nur  für  Anfänger  und  Laien  bestimmt  und  könnte  daher
den  Zweck,  eigentlichen  Fachmännern  und  älteren  Studierenden  des
Faches  zu  dienen,  selbst  dann  nicht  erfüllen,  wenn  es  die  Absicht
rein  objektiver  Belehrung  und  Kritik  hätte.  Aber  es  hat  diese  Absicht ­
  nicht.  Es  ist  ein  Buch  der  Propaganda  für  die  Ideen  der
Bodenreform,  namentlich  in  der  Hexet  GEOEGB’schen  Prägung,  und
als  solches  bewußt  einseitig.
Ganz  neu  ist  allerdings  die  Arbeit  von  Eugen  Feidexchowitz
„Grundriß  einer  Geschichte  der  Volkswirtschaftslehre“  r )  —  aber  nach
der,  soweit  ich  sehen  kann,  einstimmigen  Verwerfung  des  Buches
durch  die  wissenschaftliche  Kritik  ist  es  wohl  nicht  fähig,  die  Lücke
zn  schließen,  die  wir  beklagen.
Zwei  andere  sehr  bedeutsame  Werke  deutscher  Autoren  ans
neuester  Zeit  sind  leider  unvollendet  geblieben,  August  Onckbn’s
„Geschichte  der  Nationalökonomie“  *  2 )  und  Geoeg  Adlee’s  „Geschichte
des  Sozialismus  und  Kommunismus“ 3 ),  die  beiden  Arbeiten,  die  bestimmt ­
  waren,  im  „Hand-  und  Lehrbuch  der  Staatswissenschaften“  4  5 )
sich  zu  einer  vollen  Geschichte  der  Ökonomik  zu  ergänzen.  Beide
Werke  brechen  ungefähr  zur  gleichen  Zeit  ab,  Oncken  vor  Adam
Smith,  Adlee  vor  der  französischen  Revolution.  Was  bereits  vorliegt, ­
  ist  wohl  allgemein  als  meisterhaft  anerkannt  —  aber  es  ist
zum  Unglück  doch  gerade  nur  das  Vorspiel  zu  dem  eigentlichen
Thema  gewesen.
Außer  diesen  Werken  deutscher  Verfasser B )  sind  in  Deutschland

*)  München  und  Leipzig  1912.
2 )  Leipzig  1902.
s )  Leipzig  1899.
4 )  Begründet  von  Kuno  Feankenstein,  fortgesetzt  von  Max  y.  Heckel.
5 )  Hier  können  nur  die  allgemeinen  Darstellungen  von  größerer  Ausführlichkeit
in  Frage  kommen.  Dogmenhistorische  Abhandlungen,  wie  z.  B.  die  von  MoHL’schen,
die  nur  einzelne  Gebiete  behandeln,  oder  kurze  Darstellungen  in  Lehrbüchern,  selbst
        <pb n="16" />
        Vorwort  des  Herausgebers.

XV

in  Übersetzungen  eingeführt  John  Kells  Ingram’s  „History  of  Political ­
  Economy“  x )  und  das  alte,  wohl  bekannte  Buch  von  Lüigi  Gossa
„Einleitung  in  das  Studium  der  Wirtschaftslehre“  *  2  3 ).  Dieses  letztere
ist  veraltet,  ein  volles  Menschenalter  stärkster  Entwicklung  der
Wissenschaft  liegt  zwischen  heute  und  seinem  Erscheinungsjahr  —
und  das  englische  Werk,  so  lesenswert  es  noch  heute  ist,  ist  in  zwiefacher ­
  Hinsicht  allzu  einseitig,  um  dem  Bedürfnis  der  jungen  Generation ­
  zu  entsprechen.
Erstens  nämlich  beschränkt  es  sich  ex  professo  auf  die  „bürgerliche“ ­
  Wissenschaft.  In  der  mir  vorliegenden  englischen  Ausgabe
von  1888  fehlen  die  Namen  St.  Simon,  Fourier,  Owen,  Eodbertus,
Proudhon,  Marx,  um  von  geringeren  Autoren  nicht  zu  sprechen,  im
Index  und  werden,  so  weit  ich  sehen  kann,  nur  ein  einziges  Mal
(p.  209)  erwähnt,  um  die  etwas  allgemeine  Mitteilung  zu  machen,
daß  die  sozialistische  Theorie  auf  den  deutschen  Staatssozialismus
starken  Einfluß  gehabt  hat“).  Das  ist  heute  nicht  mehr  zulässig.  Man
kann  die  bürgerliche  Theorie  in  ihrer  Entwicklung  nicht  verstehen,
ohne  die  sozialistische  genau  zu  kennen,  und  vice  versa.  Sie  bilden
eine  lebendige  historische  Einheit,  die  man  nicht  auseinander  reißen
kann,  ohne  ihr  Verständnis  unmöglich  zu  machen;  ihre  Wirkung  und
Gegenwirkung,  der  Kampf  ihrer  Ziele,  Wertungen  und  Gedanken  ist
recht  eigentlich  die  Geschichte  der  Ökonomik,  wenigstens  von  dem
Augenblick  an,  wo  der  moderne  Kapitalismus  entstand  —  und  diese
Zeit  ist  es  gerade,  die  uns  vor  allem  anderen  interessiert.
Wenn  Ingram  das  nicht  beherzigt,  so  liegt  das  an  der  zweiten
Einseitigkeit,  auf  die  wir  vorwiesen.  Da  es  sich  hier  um  eine  Feststellung ­
  handelt,  die  auch  für  die  meisten  anderen  angeführten  Autoren
mehr  oder  weniger  zutrifft,  sei  es  gestattet,  ein  wenig  ausführlicher
darauf  einzugehen.
Es  gibt  zwei  grundsätzlich  verschiedene  Weisen,  die  Geschichte
der  nationalökouomischen  Doktrinen  darzustellen.  Die  eine  legt  den
Ton  auf  das  Wort  „Geschichte“,  die  andere  auf  das  Wort  „Doktrinen“.
Jene  ist  vorwiegend  historisch,  diese  dogmenkritisch  orientiert
nnd  interessiert.  Jene  bemüht  sich  vor  allem,  die  Entstehung  der
verschiedenen  Doktrinen  aus  ihrem  sozialen  und  ökonomischen  Milieu
oder  auch  aus  dem  Charakter  und  Bildungsgang  ihrer  Schöpfer  zu
verstehen  (legt,  nebenbei  bemerkt,  aus  diesem  Grunde  sehr  großen
so  treffliche  wie  die  von  H.  von  Scheel  in  „Schönbergs  Handbuch  der  pol.  Ökonomie“,
reichen  für  den  hier  in  Betracht  kommenden  Lehrzweck  nicht  aus.
')  Zweite  deutsche  Auflage,  Tübingen  1905.
2 )  Deutsch  von  En.  Moormeister,  Freiburg  i.  B.  1880.
3 )  In  der  deutschen  Auflage  von  1905  stehen  sie  zwar  im  Index,  werden  aber
auch  nur  ein  einziges  Mal  an  der  korrespondierenden  Stelle  (p.  267)  erwähnt.
        <pb n="17" />
        XVI

Vorwort  des  Herausgebers

Wert  auf  die  Feststellung  von  Prioritäten,  auf  „Ausgrabungen“  und
„Rettungen“),  und  begnügt  sieb  im  wesentlichen  mit  möglichst  genauer ­
  Darstellung,  Schilderung  und  Beschreibung  der  einzelnen
Theorien,  ihres  Auf-  und  Abstiegs,  ihres  gedanklichen  Inhalts.
Die  zweite  Auffassung  interessiert  sich  vor  allem  für  die  Dogmen
als  solche,  für  ihre  dialektische  Selbstentfaltung,  für  ihre  Kämpfe;
sie  hat  vorwiegend  logische  Interessen,  bemüht  sich  um  die  Beweise
und  Gegenbeweise  ihrer  logischen  Form  nach,  kurz  ist  mehr  kritisch
als  historisch.  Ihr  ist  es  im  Grunde  gleichgültig,  auf  welchen  Autor
ein  Theorem  zurückzuführen  ist,  weil  ihr  das  Theorem  an  sich  bedeutsam ­
  ist.
Eine  solche  dogmenkritische  Auffassung  mußte  Ingram  —  und
das  gilt,  wie  gesagt,  auch  für  die  Mehrzahl  der  übrigen  —  aus  dem
Grunde  fernliegen,  weil  er  selbst  überzeugter  Anhänger  der  historischen
Schule  war.  Von  dem  Standpunkt  dieser  Auffassung  aus,  die  der
Möglichkeit  einer 1  gedanklichen  Bewältigung  der  Tatsachen,  und  nun
gar  auf  dem  Wege  der  deduktiven  Betrachtung,  skeptisch  gegenübersteht, ­
  ist  eine  wirklich  eindringende  dogmenkritische  Betrachtung
des  Stoffes  gar  nicht  denkbar.  Einer  solchen  Auffassung  müssen
die  miteinander  kämpfenden  Theoreme  als  ungefähr  gleichwertig  und
gleichberechtigt  erscheinen,  und  so  fehlt  der  Drang  zu  eindringlicher
Kritik,  zu  erschöpfender  Diskussion  von  vorn  herein.
Das  Ideal  einer  Geschichte  der  nationalökonomischen  Doktrinen
liegt  in  einer  Kombination  der  beiden  Verfahren.  Dem  historischen,
wie  dem  kritischen  Interesse  muß  in  gleichem  Maße  entgegengekoramen
  werden.  Nun,  und  ich  glaube,  daß  die  Geschichte  der
nationalökönomischen  Doktrinen  von  Gide  und  Rist  diesem  Ideale
näher  kommt,  als  irgendeines  der  mir  bekannten  deutschen  und  ausländischen ­
  Bücher  über  den  Gegenstand.
Das  Buch  setzt  gerade  dort  ein,  wo  Oncken  und  Adler  die  Feder
haben  niederlegen  müssen,  so  daß  der  deutsche  Nationalökonom  mit
diesen  drei  einander  ergänzenden  Werken  eine  volle  Darstellung  der
Geschichte  seiner  Wissenschaft  besitzt.  Es  zeichnet  die  Entwicklung
unserer  Wissenschaft  von  der  Physiokratie  an  bis  auf  die  allerletzte
Gegenwart  in  allen  ihren  Richtungen,  die  Geschichte  der  bürgerlichen
so  gut  wie  die  der  sozialistischen  Theorien,  die  mit  vollem  Recht  als
wissenschaftlicher  Betrachtung  gleich  würdig  betrachtet  werden.
Dem  Herausgeber  steht  nicht  zu,  der  wissenschaftlichen  Kritik
ihr  Urteil  vorwegzunehmen.  Nur  eine  prinzipielle  Bemerkung  wird
gestattet  sein:
Offenbar  kann  man  Dogmenkritik  nur  dann  treiben,  wenn  man
selbst  einen  festen,  einheitlichen  theoretischen  Standpunkt  hat.  Und
ebenso  offenbar  muß  solche  Kritik  jedem  als  einseitig  erscheinen,  der
        <pb n="18" />
        Vorwort  des  Herausgebers'.

XVII

auf  einem  anderen  theoretischen  Standpunkt  steht.  Das  ist  bei  dem
Zustande  unserer  Wissenschaft  unvermeidlich,  deren  Vertreter  in
keinem  einzigen  Punkte  untereinander  einig  sind.  Unter  solchen  Umständen ­
  hat  der  Kritiker  einer  solchen  Dogmenkritik  soweit  wie
möglich  von  seinem  eigenen  Parteistandpunkt  abzusehen  und  nur  zu
fragen,  ob  der  Verfasser  den  lauteren  Willen  zu  so  viel  Objektivität
der  Auffassung,  Darstellung  und  Kritik  gehabt  und  betätigt  hat,  wie
erwartet  werden  durfte.  Und  der  Antwort  auf  diese  Frage  in  dieser
Form  dürfen  die  Verfasser  mit  Ruhe  entgegensehen,  wenn  ich  von
meinem  Standpunkt  aus  urteilen  darf,  der  ich  selbst  in  wichtigen
Punkten  der  theoretischen  Auffassung  von  ihnen  abweiche.  Um  das
bedeutsamste  herauszuheben,  so  glaube  icli  z.  B.,  daß  sie  der  Grenznutzenschule ­
  mehr  zngebilligt  haben,  als  ihr  zukommt.  Wäre  ich
nicht  der  Herausgeber,  sondern  der  kritische  Richter,  so  würde  ich
meinen  abweichenden  Standpunkt  hier  im  allgemeinen  und  in  manchen
Einzelheiten  begründen.  Aber  diese  Divergenzen  könnten  mich  doch
nicht  verhindern,  zu  erkennen,  daß  die  Verfasser  sich  bemüht  haben,
Licht  und  Schatten  gleichmäßig  zu  verteilen,  jedes  System  aus  seiner
Wurzel  heraus  zu  verstehen,  und,  wo  es  sich  um  Gegner  handelt,
mit  den  ehrlichsten  Mitteln,  ohne  Nörgelei  und  Gehässigkeit,  zu  widerlegen. ­
  Hier  haben,  so  scheint  es  mir,  zwei  vortreffliche  Fachleute
die  reife  Frucht  einer  niemals  unterbrochenen  ruhmvollen  theoretischen ­
  Tradition  geerntet.  Und  darum  erscheint  mir  dieses  Buch
als  ganz  besonders  geeignet,  um  bei  der  Renaissance  unserer  eigenen,
leider  völlig  abgerissenen,  seit  Jahrzehnten  fast  ausgerotteten  theoretischen ­
  Studien  mitzuwirken.  Es  kann  und  wird  hoffentlich  kräftig
dazu  beitragen,  jenen  Zustand  unserer  Wissenschaft  herzustellen,  in
dem  eine  dogmenkritische  Geschichte  der  nationalökonomischen  Doktrinen ­
  nicht  mehr  sicher  ist,  fast  so  viele  grundsätzliche  Gegner  zu
finden  wie  Kritiker,  jenen  Zustand,  den  wir  alle  erstreben,  wo  wenigstens
über  die  Grundlagen  und  Hauptelemente  der  Theorie  einigermaßen
Einigkeit  erzielt  sein  wird,  anstatt  des  heutigen  von  allen  beklagten
Zustandes.
*  *
*
Die  Übersetzung  dieses  Werkes  hat  Herr  Hoen  vorgenommen,
ein  deutscher  Neuphilologe,  der  viele  Jahre  in  Frankreich  gelebt  hat
und  der  französischen  Sprache  in  seltenem  Maße  mächtig  ist.  Seine
Gattin,  eine  geborene  Französin,  die  ihrerseits  vortrefflich  deutsch
spricht,  eine  nationalökonomisch  sehr  interessierte  und  in  der  Fachliteratur ­
  wohl  bewanderte  Dame  hat  ihn  bei  der  Übersetzung
unterstützt.  Für  die  äußere  Form  der  Übersetzung  ist  Herr  Hoen
allein  verantwortlich;  ich  habe  mich  als  Herausgeber  darauf  beschränkt,
H
        <pb n="19" />
        XVIII

Vorwort  des  Herausgebers.

Urtext  und  Übersetzung  Wort  für  Wort  miteinander  zu  vergleichen,
um  Mißverständnisse,  die  untergelaufen  sein  konnten,  auszumerzen,
und  vor  allen  Dingen  die  fachwissenschaftliche  Terminologie  einzustellen, ­
  die  der  Übersetzer  selbstverständlich  nicht  vollkommen  beherrschen ­
  konnte.  Ich  habe  dann  noch  einmal  die  ßevisionsfahnen
durchgesehen  und  glaube  nun  allerdings  versichern  zu  können,  nicht
etwa  daß  die  Übersetzung  absolut  fehlerfrei  ist  —  das  ist  wohl  nicht
zu  erreichen  —,  wohl  aber,  daß  sie  dem  Ziel  der  sinngetreuen  Übertragung ­
  so  nahe  gekommen  ist,  wie  das  erwartet  werden  darf.
Steglitz  im  Juli  1913.
Franz  Oppenheimer.
        <pb n="20" />
        n

•  •
Bemerkung  des  Übersetzers.

Die  Übersetzung  der  im  Text  und  in  den  Anmerkungen  angeführten ­
  Zitate  ist  auf  Grund  des  Wortlautes  des  französischen  Originals
geschehen.  Eine  Prüfung  der  Richtigkeit  der  auf  die  Originalstellen
dieser  Zitate  verweisenden  Angaben  hat  sich  nur  für  Adam  Smith,
Wealth  of  Kations,  und  für  die  meisten  deutschen  Schriftsteller
durchführen  lassen.  In  diesen  Fällen  ist  der  deutsche  Wortlaut  nach
den  betreffenden  Originalen  angeführt  worden.  Wo  dies  auch  für
deutsche  Verfasser  nicht  möglich  war,  liegt  die  französische  Fassung
der  fraglichen  Stellen  der  Übersetzung  zugrunde.
Der  Übersetzer  kann  daher  keine  Verantwortung  für  die  Genauigkeit ­
  der  Verweise  auf  andere  Schriftsteller  übernehmen.
Um  die  Benutzung  des  Werkes  so  viel  wie  möglich  zu  erleichtern,
ist  der  analytischen  Inhaltsübersicht  und  dem  Namenregister  der
französischen  Ausgabe  ein  Sachregister  angefügt  worden.

Der  Übersetzer.
        <pb n="21" />
        Allgemeine  Inhaltsangabe

Seite
Vorwort  (Gide  und  Rist)  III
Vorwort  des  Herausgebers  XIII
Bemerkung  des  Übersetzers  XIX
Buch  I.
Die  Gründer.
Kapitel  I.  Die  Physiokraten  (Gide)  .  -  1
Kapitel  II.  Adam  Smith  (Rist)  58
Kapitel  III.  Die  Pessimisten  [Madthüs  und  Ricardo]  (Gide)  ,  •  ,  .  .  132
Buch  II.
Die  Gegner.
Kapitel  I.  Sismondi  und  die  Ursprünge  der  kritischen  Schule
(Rist)  192
Kapitel  II.  S  aint-Simon,  die  Saint-Simonisten  und  der  Ursprung
des  Kollektivismus  (Rist)  225
Kapitel  III.  Die  Assozialisten  261
Owen  und  Fourier  (Gide).
Louis  Blanc  (Rist).
Kapitel  IV.  Friedrich  List  und  die  nationale  Volkswirtschaftslehre ­
  (Rist)  297
Kapitel  V.  Proudhon  und  der  Sozialismus  von  1848  (Rist)  ....  326'
Buch  III.
Der  Liberalismus.
Kapitel  I.  Die  Optimisten  [Bastiat  und  Gaeey]  (Gide)  364
Kapitel  II.  Höhepunkt  und  Niedergang  der  klassischen  Schule
[Stuart-  Miel]  (Gide)  395”
        <pb n="22" />
        xxn

Allgemeine  Inhaltsangabe.

Buch  IV.

Kapitel  I.
Kapitel  II.
Kapitel  III.
Kapitel  IV.

Die  Abtrünnigen.
Die  historische  Schule  und  der  Streit  'der  Methoden
(Eist)
Der  Staatssozialismus  (Eist)
Der  Marxismus  (Gide)
Die  auf  dem  Christentum  beruhenden  Lehren  (Gide)  .

Seite

431  ^
.
513

Buch  V.
Die  neuzeitlichen  Lehren.

Kapitel  I.  Die  Hedonisten  (Gide)  687
Kapitel  II.  Die  Theorie  der  Bodenrente  und  ihre  Anwendungen
(Eist)  620
Kapitel  III.  Die  Soiidaristen  (Gide)  667
Kapitel  IV.  Die  Anarchisten  (Eist)  697
Schlußwort.  (Gide  und  Eist)  729

Analytische  Inhaltsübersicht  736
Alphabetisches  Namenverzeichnis  750
Sachregister  768

Errata.

Seite  9  Anm.  Zeile  6  v.  u.:  anstatt  Henri  Denis  lies  Hector  Denis.
„  366  Zejle  21  v.  o.:  anstatt  Emile  Olivier  lies  Emile  Ollivier.
        <pb n="23" />
        Erstes  Buch.
Die  Begründer.

Kapitel  I.
Die  Physiokraten.
Das  Wort  „politische  Ökonomie“,  wie  wir  es  heute  verstehen,
würde  um  die  Mitte  des  18.  Jahrhunderts  nur  ganz  ungefähr  dem
entsprochen  haben,  was  Antoine  de  Montcheetien  150  Jahre  früher
so  benannt  hatte.  Damals  stellte  es  noch  keine  Spezialwissenschaft
vor.  Als  Beweis  mag  der  in  der  „Grande  Encyclopedie“  1755  unter
dieser  Überschrift  (Economie  politique)  erschienene  Aufsatz  genügen,
dessen  Verfasser  kein  geringerer  als  Jean  Jacques  Eousseau  war.
In  diesem  Aufsatz  findet  man  nicht  annähernd  das,  was  die  Überschrift ­
  erwarten  läßt.  Die  politische  Ökonomie  wurde  nicht  von  der
Politik  unterschieden  und  nicht  umsonst  hatte  man  sie  mit  diesem
Beiwort  versehen,  das  sich  heute  eher  als  so  lästig  erweist,  daß  man
bemüht  ist,  es  zum  Verschwinden  zu  bringen,  indem  man  von  Nationalökonomie ­
  und  Sozialökonomik  spricht.  Wenn  aber  die  „Politische
Ökonomie“  ein  Teil  der  Eegierungskunst  war,  so  stellte  sie  doch
auch  damals  schon  jene  Abteilung  der  Verwaltung  des  Staates  vor,
die  sich  mit  dem  Wirtschaftsleben  beschäftigte,  die  dem  Volk  materielle
Wohlfahrt,  „das  Huhn  im  Topf“  Heinrich’s  IV.  zu  verschaffen  trachtete.
In  gleicher  Weise  hat  auch,  wie  wir  sehen  werden,  Adam  Smith
seine  Wissenschaft  definiert:  „Ihr  Zweck  ist,  das  Volk  und  den
Herrscher  zu  bereichern.“
Nur  waren  die  Ratschläge  und  Rezepte  zur  Erreichung  dieses
Zieles  ebenso  verschieden,  wie  unbestimmt.  Die  einen  hatten  ge-Gide
  und  Rist,  Gesch.  d.  Volkswirtschaft!.  Lehrmeinnngen.  1
        <pb n="24" />
        2

Erstes  Buch.  Die  Begründer.

fordert,  dem  Land  so  viel  Gold  und  Silber  wie  möglich  zu  verschaffen:
sie  werden  Bullionisten  genannt.  Ändere,  die  Merkantilisten,  stellten
den  Satz  auf,  daß  man  so  viel  wie  möglich  an  fremde  Völker  verkaufen ­
  müsse,  um  recht  viel  zu  gewinnen.  Andere  wieder  behaupteten,
daß  es  zuerst  darauf  ankäme:  „Eine  Gesellschaftsform  zu  finden,  in
der  jeder  mit  allen  vereint  sei,  jedoch  nur  sich  selbst  gehorche  und
ebenso  frei  bleibe,  wie  vorher“,  und  dies  war  der  „Contrat  social“.
Noch  andere  machten  die  Verwirklichung  des  Volksglückes  von  der
Gründung  von  Wolkenkuckucksheimen  abhängig.
Zu  dieser  Zeit  nun  trat  ein  Mann,  ein  Arzt  auf,  der,  schon  auf
der  Schwelle  des  Greisenalters  stehend,  sich  dem  Studium  dessen,
was  wir  heute  Agrarökonomie  nennen,  zugewandt  hatte,  der  Erde
und  den  Gütern,  die  den  Lebensunterhalt  der  Menschen  bedeuten J ).
Er  erklärte;  wir  brauchen  weder  etwas  zu  suchen,  noch  etwas  zu  erfinden, ­
  denn  alle  menschlichen  Verhältnisse  werden  von  bewunderungswürdigen ­
  Gesetzen  regiert,  deren  Wahrheit  sich  jedem  aufzwingt,
der  einmal  die  Augen  öffnet,  und  deren  Autorität  ein  mit  Vernunft
begabter  Mensch  ebensowenig,  wie  die  Gesetze  der  Geometrie  bestreiten ­
  kann.  Diese  Gesetze  zu  verstehen,  bedeutet,  ihnen  zu  gehorchen. ­
  Und  Dupont  de  Nemoues  sagte  sicherlich  nicht  zuviel,  als
er  schrieb,  daß  dies  „sehr  neue  Grundsätze“  seien  (une  doctriue  tres
nouvelle) *  2 ).
Dies  ist  auch  noch  zu  wenig  gesagt.  In  Wahrheit  war  es  die
Schöpfung  einer  neuen  Wissenschaft,  die  der  Wissenschaft  von  der
Volkswirtschaft.  Die  Zeit  der  Vorläufer  war  vorüber;  mit  Qüesnay
und  seinen  Schülern  beginnt  das  Zeitalter  der  Begründer.  Dieser
Ehrenname,  den  die  Undankbarkeit  der  französischen  „Ekonomisten“,.
die  doch  auf  Qüesnay’s  und  seiner  Schüler  Schulter  standen,  ihnen
vorenthalten  hatte,  um  ihn  Adam  Smith  beizulegen,  ist  ihnen  von
den  fremden  Nationalökonomen  wieder  zugesprochen  worden  und  wird
ihnen  ohne  Zweifel  endgültig  bleiben.  Kann  man  doch  sagen,  daß
in  der  Geschichte  der  Wissenschaften  es  wenige  gibt,  deren  Geburtsdatum ­
  und  Herkunft  sicherer  bestimmt  wäre.  Die  Physiokraten
waren  die  ersten,  die  im  vollen  Sinn  des  Wortes  eine  umfassende
Anschauung  der  sozialen  Wissenschaft  gehabt  haben,  mit  anderen
Worten,  die  behaupteten,  daß  zwischen  den  sozialen  Tatsachen  notwendige ­
  Zusammenhänge  beständen,  und  daß  Einzelpersonen,  wie

')  Die  ersten  nationalökonomischen  Aufsätze  Quesnay’s,  in  derselben  Großen
Enzyklopädie,  deren  Mitarbeiter  Rousseau  war,  behandelten  die  Körnerfrüchte
(les  grains)  und  die  Pächter  (les  fermiers).
2 )  Professor  Hectok  Denis  sagt  über  die  physiokratische  Grundformel:  „Leicht
war  es,  ihre  Unvollkommenheit  zu  sehen,  aber  fast  niemals  wird  man  ihrer  unvergleichlichen ­
  Großzügigkeit  gerecht.“
        <pb n="25" />
        Kapitel  1.  Die  Physiokraten.

3

Regierungen  nur  diese  Zusammenhänge  kennen  zu  lernen  brauchten,
um  ihr  Verhalten  danach  zu  richten.  Wenn  man  sagt,  daß  ihre  Auffassung ­
  der  wirtschaftlichen  Gesetze  in  Form  einer  Vorsehung  nichts
mit  der  der  Positivisten  und  Deterministen  gemein  hatte,  daß  sie  zu
oft  Zusammenhänge  in  der  Natur  gesehen  haben,  die  nur  in  ihrer
Einbildung  bestanden,  daß  ihnen  Adam  Smith,  sowohl  in  der  Kunst,
die  Erscheinungen  zu  beobachten,  wie  in  der  Gabe,  sie  darzustellen,
und  besonders  in  seinen  definitiven  Beiträgen  zur  Wissenschaft  der
Nationalökonomie  weit  überlegen  war,  so  ändert  dies  nichts  au  der
Tatsache,  daß  sie  den  Weg  eröffnet  haben,  auf  dem  A.  Smith  und
ein  ganzes  folgendes  Jahrhundert  weitergeschritten  sind.  Es  ist
übrigens  bekannt,  daß  A.  Smith  gesagt  hat,  er  würde  sein  Werk
Dr.  Qüesnay  gewidmet  haben,  wenn  dieser  nicht  3  Jahre  vor  der
Herausgabe  gestorben  wäre.
Die  Physiokraten  haben  auch  die  erste  nationalökonomische
„Schule“  im  engsten  Sinne  des  Wortes  gebildet.  Aus  der  vollständigen ­
  Übereinstimmung  ihren  Lehren  ')  ergab  sich  die  fast  einzigartige ­
  und  ergreifende  Tatsache,  daß  diese  kleine  Gruppe  von  Männern
in  der  Geschichte  unter  diesem  anonymen  Sammelnamen  verzeichnet
steht,  in  dem  ihre  Namen  und  Persönlichkeiten  wie  verloren  sind.
Ihre  Bücher  folgten  sich  in  kurzen  Abständen  innerhalb  eines
Zeitraumes  von  etwa  20  Jahren  (1756—1778) 2 ).
b  „Die  wahren  Ekonomisten  sind  leicht  zu  charakterisieren  ...  Sie  erkennen
einen  Meister  an,  Dr.  Qüesnay;  eine  Lehre,  die  der  Agrar-Philosophie  (la
Philosophie  rurale)  und  der  ökonomischen  Analyse  (Fanalyse  economique);
klassische  Werke:  die  Physiokratie;  eine  Formel;  le  Tableau  economique;
eine  Terminologie,  genau  wie  die  alten  chinesischen  Gelehrten.“  —  Diese  Definition
der  Physiokraten,  die  uns  einer  von  ihnen,  der  Abbe  Baüdeau  (Ephemerides,
April  1776)  ohne  jeden  Hintergedanken  —  im  Gegenteil!  —  gibt,  zeigt  doch,  daß
es  wirklich  etwas  dogmatisches  und  ein  wenig  chinesisches  in  der  physiokratischen
Schule  gah.
2 )  Der  erste,  nicht  mir  chronologisch,  sondern  als  der  von  allen  anderen  anerkannte ­
  Führer,  war  Dr.  Qüesnay  (1694-1774),  Leibarzt  des  Königs  Ludwig  XV.
und  der  Ime  de  Pompadour.  Er  hatte  eine  beträchtliche  Anzahl  von  medizinischen
Büchern  herausgegeben,  besonders  im  Jahre  1736:  Essai  physiquesurl’economie
animale  (Physikalische  Abhandlung  über  tierische  Ökonomie),  als  er  sich  mit  ökonomischen ­
  und  speziell  mit  agrar-ökonomischen  Fragen  zu  befassen  anflng:  zuerst  in
der  Form  von  Beiträgen  zu  der  Großen  Enzyklopädie  über  die  Pächter  und  über
die  Körnerfrüchte  (1766—1757),  dann  in  seinem  berühmten  „Tableau  economique“ ­
  (Volkswirtschaftliches  Schaubild)  —  (1758  als  er  64  Jahre  alt  war)  und
1760  in  seinen  „Maximes  generales  du  gouvernement  economique  d’un
royaume  agricole“  (Allgemeine  volkswirtschaftliche  Kegierungsgrnndsätze  eines
Agrar-Königreiohes),  die  nur  die  Erweiterung  des  vorhergehenden  Buches  sind.
Im  ganzen  hat  er  wenig  geschrieben;  wie  bei  Sokrates  liegt  sein  hauptsächliches ­
  Wirken  in  seinem  Einflüsse  auf  seine  Schüler.
Die  beste  Ausgabe  der  Werke  Quesnay’s  ist  von  dem  Berner  Professor  Oncken
herausgegeben:  Oeuvres  economiqnes  et  philosophiques  de  F.  Qüesnay,
1*
        <pb n="26" />
        4

Erstes  Buch.  Die  Begründer.

Keiner  der  Physiokraten,  mit  Ausnahme  von  Tdegot,  hat  ein
wirkliches  schriftstellerisches  Talent  besessen,  und  keiner  von  ihnen,

Paris  u.  Frankfurt,  1888.  —  Jedoch  sind  die  von  uns  angeführten  Zitate,  wie  alle,
die  auf  die  Begründer  Bezug  nehmen,  der  von  Daire  herausgegebenen  „Collection
des  Principaux  Eoonomistes“  entnommen.
Der  Marquis  Mxeabbatj,  der  Vater  des  großen  Eedners  der  Eevolution,  und  von
nicht  geringerer  leidenschaftlicher  Kühnheit  als  sein  Sohn,  hatte  gleichzeitig  (1756)
I’Ami  des  hommes  (der  Freund  des  Menschengeschlechtes)  herausgegeben.  Dieses
Buch,  das  großes  Aufsehen  hervorrief,  steht  aber,  genauer  betrachtet,  außerhalb  des
physiokratischen  Kreises,  denn  sein  Urheber  kennt  diese  Anschauungen  noch  nicht.
Dagegen  sind  die  Steuertheorie  (la  theorie  de  l’impot,  1760)  und  die  Agrarphilosophie ­
  (La  Philosophie  Eurale,  1763)  von  dieser  Anschauung  diktiert.
Merceer  be  la  Eiviüre,  Parlamentsrat,  veröffentlichte  im  Jahre  1767  „die
natürliche  und  grundlegende  Ordnung  der  politischen  Gemeinschaften“,  (1’Ordre
naturel  et  essentiel  des  sooietes  politiques),  ein  Werk,  das  Dupont  de
Nemours  „un  ouvrage  sublime“  —  eine  einzigdastehende  Leistung  —  nennt,  und
das,  wenn  es  auch  nicht  ganz  diese  Bezeichnung  verdient,  doch  nichts  weniger  als
die  Zusammenfassung  der  Grundsätze  der  physiokratischen  Anschauung  ist.
Dupont,  nach  seiner  Vaterstadt  „de  Nemours“  genannt,  ließ  ungefähr  zur
gleichen  Zeit  (1761,  —  er  war  damals  erst  29  Jahre  alt)  ein  Buch  erscheinen:  Phy  siokratie
  ou  Constitution  essentielle  du  gouvernement  le  plus  avantage.ux
  au  genre  humain  (Physiokratie  oder  Grundbedingungen  der  dem  Menschengeschlechte ­
  zuträglichsten  Regierung).  Wie  man  sieht,  ist  ihm  die  Benennung  der
Richtung  „Physiokratie“  zuzuschreiben,  die  bekanntlich  Naturregiernng  bedeutet.
Diese  Benennung  fand  jedoch  keinen  Anklang  und  wurde  durch  den  Namen
„Ekonomisten“  ersetzt.  Quesnay  und  seine  Schüler  waren  daher  die  ersten
Ekonomisten.  Viel  später  erst,  als  der  Name  „Ekonomist“  eine  allgemeine  Bedeutung ­
  erworben  hatte  und  daher  zur  Bezeichnung  einer  bestimmten  Richtung
ungeeignet  geworden  war,  kam  man  auf  den  Namen  Physiokraten  zurück.
Als  begeisterter  Anhänger  Quesnay’s  befaßt  sich  Dupont  hauptsächlich  mit  der
Verbreitung  der  physiokratischen  Anschauungen,  ohne  selbst  zu  ihrem  Ausbau  beizutragen. ­
  Übrigens  wurde  er  frühzeitig  von  seinen  wissenschaftlichen  Arbeiten  durch
die  großen  politischen  Ereignisse  abgelenkt,  an  denen  er  lebhaften  Anteil  nahm.
Er  überlebte  die  ganze  physiokratische  Schule  und  hat  als  einziger  die  Eevolution
gesehen,  in  der  er  eine  hervorragende  Bolle  spielte.  Er  wurde  bald  Abgeordneter
des  „Tiers-Etats“,  Vorsitzender  der  Constituante  und  später,  unter  dem  Directoire,
Vorsitzender  des  Conseil  des  Anciens.  Er  erlebte  sogar  das  Kaiserreich,  und  in  seiner
Person  erhielt  die  politische  Ökonomie  zum  ersten  Male  einen  Platz  „im  Institut“.
Le  Trosnb,  Staatsanwalt  am  Oberlandesgericht  in  Orleans,  übergab  im  Jahre
1777  der  Öffentlichkeit  ein  Buch:  De  l’interet  social,  par  rapport  ä  la  valeur,
ä  la  circulation,  ä  l’industrie  et  au  commerce  (Überdas  volkswirtschaftliche
Interesse  in  bezug  auf  den  Wert,  den  Umlauf,  die  Industrie  und  den  Handel).  Dieses
Werk  ist  vielleicht  das  beste  oder  wenigstens  das  im  größten  Maße  wissenschaftliche,
ökonomische  Buch  der  ganzen  Schule.
Weiterhin  sind  noch  zu  nennen:  der  Abbe  Baudeau,  der  80  Bände  verfaßt  hat!
Hauptsächlich  über  den  Getreidehandel.  Sein  bedeutendstes  Werk  jedoch  ist:  l’Introduction
  ä  la  Philosophie  economique  (Einführung  in  die  ökonomische
Philosophie)  vom  Jahre  1771.  Sodann  ein  anderer  Abbe,  der  Abbe  Eoubaud,  sowie
der  Markgraf  von  Baden  (Abrege  des  principes  de  la  Science  economique,
1771),  welch  letzterer  den  Vorzug  besaß,  nicht  nur  Schriftsteller,  sondern  unabhängiger
        <pb n="27" />
        Kapitel  I.  Die  Physiokraten.

5

»'■

auch  Tukgot  nicht,  verfügte  über  jene  geistreiche  und  witzige  Verstandesschärfe, ­
  die  doch  gerade  jener  Epoche  ihren  besonderen  Stempel
aufgedrückt  hat.  Sie  waren  ernsthafte,  fast  würdevolle  Sektierer,
etwas  langweilig  und  ermüdend  in  ihrer  Art,  stets  von  den  „Tatsachen“ ­
  zu  sprechen,  gerade  als  ob  sie  die  Alleininhaber  der  göttlichen ­
  Weisheit  wären;  daher  wurden  sie  viel  verspottet,  auch  von
Voltaire 1 ).  Trotzdem  aber  genossen  sie  große  Achtung  bei  allen
Zeitgenossen  von  Bedeutung,  bei  Staatsmännern  und  Gesandten.  Sie
hatten  sogar  eine  ganze  Hörerschaft  von  Fürsten:  den  Markgrafen
(Karl  Friedrich)  von  Baden,  der  ihr  System  in  seinen  Staaten  zur
Anwendung  zu  bringen  suchte,  den  Großherzog  Leopold  von  Toskana,
den  Kaiser  Joseph  II.  von  Österreich,  Katharina  die  Große  von  Rußland, ­
  den  König  Stanislaus  von  Polen,  König  Gustav  III.  von  Schweden,
und  was  mehr  überrascht,  sogar  die  schönen  Damen  am  Hof  von
Versailles  liehen  ihnen  ein  aufmerksames  Ohr.  Sie  waren  mit  einem

Fürst  zu  sein,  und  sich  mit  physiokratischen  Versuchen  in  einigen  Dörfern  seines
kleinen  Landes  die  Zeit  vertrieb.
Noch  haben  wir  den  sowohl  durch  sein  Talent  wie  durch  seine  hohe  Stellung
berühmtesten  Schüler  der  Schule,  Tuegot  (1726—1781),  nicht  erwähnt.  Denn  wenn
er  auch  gewöhnlich  der  physiokratischen  Schule  zugezählt  wird,  und  hierzu  ist  in
der  Übereinstimmung  der  wesentlichsten  Gedanken  eine  genügende  Berechtigung
"vorhanden,  so  nimmt  er  doch,  wie  wir  sehen  werden,  in  vielen  Hinsichten  einen  besonderen ­
  Platz  ein,  der  ihn  mehr  Adam  Smith  nähert.  Auch  begann  er  noch  vor
den  Physiokraten  über  politische  Ökonomie  zu  schreiben.
Seine  Abhandlung  über  das  Papiergeld  datiert  von  L48,  als  er  erst  22  Jahre
a lt  war,  aber  sein  bedeutendstes  Werk:  „Reflexions  sur  la  formation  et  la
distrihution  des  richesses“  (Betrachtungen  über  die  Bildung  und  Verteilung
des  Reichtums)  erschien  im  Jahre  1766.  Als  Intendant  von  Limoges,  wo  er  13  Jahre
hindurch  diese  Stellung  bekleidete,  und  später  als  Minister  unter  Ludwig  XVI.  hatte
er  die  notige  Macht  in  den  Händen,  um  seine  Ideen  von  der  ökonomischen  Freiheit
zu  verwirklichen,  was  er  auch  durch  seine  berühmten  Erlasse  über  die  Aufhebung
der  Getreidezölle  zwischen  den  Provinzen  und  die  Abschaffung  der  Meisterschaften
und  Zünfte  tat.
Im  Unterschied  zu  den  anderen  Physiokraten,  die  nur  auf  Dr.  Quesnay  schwören,
■verdankt  Tuegot  viel  einem  Großkaufmann,  späterhin  Handelsminister  (Intendant
du  commerce),  Vincent  de  Goubnay.  Von  ihm,  der  im  Jahre  1759,  erst  47  Jahre
uit,  starb,  wissen  wir  beinahe  nichts  außer  dem,  was  Tuegot  in  seinem  ihm  gewidmeten ­
  Nachrufe  sagt  (vgl.  Schelle:  Vincent  de  Gournay,  1897).
Werke  über  die  Lehre  der  Physiokraten  sind  in  beträchtlicher  Anzahl  vorhanden
und  zwar  sowohl  in  französischer,  wie  in  anderen  Sprachen.  In  dem  großen,  zwei
Bände  umfassenden  Buch  von  Weulbesse:  „Le  mouvement  physiocratique
ea  France  de  1756  ä  1770“  findet  man  sie  eingehend  behandelt.  Dieses  Buch
erschien  1910  und  ist  sowohl  die  neueste,  wie  auch  die  ausführlichste  Darlegung
dieser  Lehre.  Wir  verweisen  auserdem  noch  auf  eine  gedrängte,  aber  gehaltvolle
Zusammenfassung  dieser  Lehre  in  englischer  Sprache,  die  Higgs  1897  unter  dem
Titel:  Six  lectures  on  the  Physiocrats“  herausgegeben  hat.
*)  Besonders  in  seinem  berühmten  Pamphlet:  Der  Mann  mit  den  vierzig
Talern  (L’homme  aux  quarante  ecus).
        <pb n="28" />
        6

Erstes  Buch.  Die  Begründer.

Wort  „Mode“,  weit  mehr,  als  es  unsere  heutigen  Nationalökonomen
sind.  Das  erscheint  uns  fast  befremdlich,  jedoch  kann  man  dafür
eine  ganze  Reihe  von  Gründen  linden.
Sei  es,  daß  die  raffinierte  und  sittenlose  Gesellschaft  jener  Zeit
in  der  Agrarökonomie  der  Physiokraten  ähnliche  Anregungen  fand,
wie  in  den  Schäferidyllen  von  Trianon  und  den  Watteau’schen  Landschaften; ­
  sei  es,  daß  ihr  inmitten  des  unheimlichen  Krachens  aller
Fugen  des  politischen  und  sozialen  Gesellschaftsgebäudes  jener  Zeit
der  Gedanke  an  eine  unwandelbare  Naturordnung  einigen  Trost  gewährte. ­
  Sei  es,  daß  sich  im  Gegenteil  ihr  Interesse  regte,  weil  sie
in  einer  solchen  Behauptung  dieser  sog.  „Sektierer“,  —  z.  B.  in  dem
von  Quesnay  als  Überschrift  über  sein  „Tableau“  gesetzten  Motto;
Arme  Bauern,  armes  Königreich;  Armes  Königreich,  armer  König!
—  den  ersten  Windhauch  spürte  einer  neuen  Zeit,  noch  nicht  so  sehr
bedrohlich,  aber  doch  ein  Auftakt  zu  dem  Sturm,  der  im  Anzug  war.
Betrachten  wir  zunächst  die  Lehre,  d.  h.  die  nach  ihrer  Auffassung ­
  wesentlichen  Grundprinzipien,  nachher  das  System,
d.  h.  die  Anwendung  dieser  Grundprinzipien.

I.
§  1.  Die  natürliche  Ordnung.
Der  Grundbegriff  des  Systems  der  Physiokraten  ist  die  natürliche
Ordnung.  Die-  „natürliche  und  wesentliche  Ordnung  der
politischen  Gesellschaften“  (Ordre  naturel  et  essentiel  des
Societes  politiques)  nennt  Meeciee  de  la  Eivieeb  sein  Buch,  und
Dueont  de  Nem.oues  definiert  die  Physiokratie  als  „die  Wissenschaft
von  der  natürlichen  Ordnung“.
Was  ist  aber  unter  diesen  Worten  zu  verstehen?
Zunächst  ist  es  selbstverständlich,  daß  sie  als  gegensätzlich  zur
Auffassung  einer  künstlichen,  einer  vom  menschlichen  Willen  geschaffenen ­
  Ordnnng,  eines  „Contrat  social“  verstanden  werden  müssen 1 ).

l )  Jean-Jacques  Rousseau  war  ein  Zeitgenosse  der  Physiokraten,  denn  er  starb
erst  im  Jahre  1778,  und  sein  Buch,  der  „Contrat  social“  erschien  1762.  Doch  war
er  kein  Anhänger  ihrer  Schule  und  der  Marquis  Mieabeau  versuchte  vergeblich,  ihn
zu  der  physiokratischen  Lehre  zu  bekehren.
Wohl  scheint  zwischen  der  Lehre  der  natürlichen  Ordnung  und  der  des
Contrat  social  ein  absoluter  Gegensatz  zu  bestehen,  denn  das,  was  natürlich  und
spontan  ist,  kann  nicht  auf  kontraktlicher  Übereinkunft  beruhen.  Man  könnte  sogar
zu  dem  Glauben  neigen,  daß  die  berühmte  Theorie  Rousseau’s  als  Gegensatz  zu  der
physiokratischen  Lehre  erfunden  worden  sei,  wenn  man  nicht  wüßte,  daß  die  Grundgedanken ­
  des  Contrat  social  schon  lange  vor  Rousseau,  in  vielen,  hauptsächlich  auf
calvinistischer  Anschauung  fußenden  Schriften  niedergelegt  sind.  Für  Rousseau
        <pb n="29" />
        Univi

Kapitel  I.  Die  Physiokraten.

~  *iel

aif

Diese  rein  negative  Definition  genügt  aber  nicht,  deV
stattet  noch  verschiedene  andere  Auslegungen.  Zunächst  wu:
die  natürliche  Ordnung  im  Sinn  des  Naturzustandes  nehmen
können,  um  sie  dem  Zustand  der  Zivilisation,  der  dann  ein  künstlicher ­
  wäre,  gegenüber  zu  stellen.  In  diesem  Sinne  würde  der  Mensch
nm  die  natürliche  Ordnung  zu  finden,  zu  seinem  Anfangszustande
zurückkehren  müssen.
Diese  Auslegung  würde  sich  nicht  nur  auf  gewisse  Stellen  in
den  physiokratischen  Werken 1 )  stützen  können,  sondern  auch  auf

scheint  die  soziale  Ordnung  die  Lösung  einer  mathematischen  Aufgabe  zu  sein:  Br
stellt  sie  nämlich  hin,  als  ob  sie  gewissen  komplizierten  Voraussetzungen  genügen
müsse,  die  er  wie  folgt  formuliert:  „Eine  Assoziationsform  finden,  die  die  Person  und
das  Besitztum  eines  jeden  Gesellschafters  schützt  und  auf  Grund  derer  ein  jeder,  mit
allen  vereint,  doch  nur  sich  selbst  gehorcht  und  ebenso  frei,  wie  vorher,  bleibt.“
Nichts  liegt  der  Auffassung  der  Physiokraten  ferner;  für  sie  gibt  es  nichts,  das  zu
schaffen  oder  zu  finden  wäre.  Die  natürliche  Ordnung  ist  „selbstverständlich“.
Allerdings  glaubte  Rousseau  trotzdem  an  eine  natürliche  Ordnung,  an  die
Stimme  der  Natur,  an  die  angeborene  Güte  des  Menschen  usw.  „Die  ewigen  Gesetze
der  Natur  und  der  Ordnung  bestehen.  Dem  Weisen  dienen  sie  an  Stelle  positiver
Gesetzesvorschrifteu;  das  Gewissen  und  die  Vernunft  haben  sie  ihm  ins  Herz  geschrieben“ ­
  (Emile,  V.).  Genau  die  gleiche  Sprache  führen  die  Physiokraten.  Es
besteht  aber  der  große  Unterschied,  daß  nach  Rousseau  der  natürliche  Zustand  durch
die  gesellschaftlichen  Einrichtungen  (besonders  die  der  Politik,  zu  denen  er  auch  das
Eigentum  rechnet,  unmöglich  geworden  ist,  und  daß  es  sich  darum  handelt,  dem
Volke  den  Gegenwert  dessen,  was  es  verloren  hat,  zurüekzugeben.  —  Dies  ist  der
Zweckgedanke  des  Contrat  social:  —•  Für  die  Physiokraten  dagegen  sind  die  gesellschaftlichen ­
  Einrichtungen,  darunter  ganz  besonders  das  Eigentum,  nur  eine  spontane
Entfaltung  der  natürlichen  Ordnung,  die  allerdings  durch  die  gewalttätige  Handlungsweise ­
  der  Regierungen  zur  Unnatur  geworden  ist.  Sobald  aber  diese  Einmischung
aufhört,  würde  auch  die  natürliche  Ordnung  wieder  ihren  normalen  Entwicklungsgang ­
  gehen,  wie  ein  Baum,  von  den  Hemmungen,  die  ihn  gebeugt,  befreit,  sich
wieder  aufriohtet.
'  Ein  Hauptuntersohied  ist  sodann,  daß  für  die  Physiokraten  die  Begriffe  Eigennutz ­
  und  Pflicht  sich  decken,  da  das  Individuum  heim  Verfolgen  seines  eigenen
Nutzens  das  Wohl  aller  verwirklicht,  während  für  Rousseau  Eigennutz  und  Pflicht
antagonistisch  sind,  die  Pflicht  den  Eigennutz  unterdrücken  muß;  „Das  persönliche
Interesse  steht  stets  im  umgekehrten  Verhältnisse  zur  Pflicht  und  steigert  sich  im
gleichen  Maße  wie  die  Vergesellschaftung  enger,  und  die  Verpflichtungen  weniger
heilig  werden“  (Contrat  social  II,  Kap.  3).  Er  will  damit  sagen,  daß  der
Eigennutz  in  der  Familie  oder  der  Korporation  stärker  als  im  Vaterlandsverbande  ist,
’)  „Es  gibt  eine  natürliche  Gesellschaft,  die  jeder  Übereinkunft  zwischen  den
Menschen  voransgegangen  ist  .  .  .  Diese  selbstverständlichen  Grundsätze  der  vollkommensten ­
  Gesellschaftsbildung  drängen  sich  von  selbst  dem  Menschen  auf;  ich
meine  dabei  nicht  nur  den  gebildeten  und  wissensdurstigen  Menschen,  sondern  auch
den  einfachen  wilden  Menschen,  so  wie  er  aus  den  Händen  der  Natur  kommt“
(Dupont  I,  S.  341,  24).
Ebenso  scheinen  einige  Physiokraten  nicht  weit  von  dem  Glauben  entfernt  gewesen ­
  zu  sein,  daß  diese  natürliche  Ordnung  wirklich  in  der  Vergangenheit  bestanden
habe,  und  daß  die  Menschen  sie  durch  ihre  Schuld  verloren  haben.  Dupont  de  Nemours
        <pb n="30" />
        8

Erstes  Buch.  Die  Begründer.

jene,  am  Ende  des  18.  Jahrhunderts  sehr  starke,  geistige  Strömung,
die  den  „guten  Wilden“  in  den  Himmel  erhob,  die  die  Literatur  der
Zeit,  z.  B.  in  den  Erzählungen  Voltaiee’s,  Diderot’s  und  Maemontbl’s
erfüllte,  und  die  wir  in  der  anarchistischen  Literatur  unserer  Tage
wiederkehren  sehen.  Trotzdem  aber  ist  sie  zu  verwerfen.  'Nichts
erinnert  weniger  an  einen  Wilden,  als  ein  Physiokrat.  Sie  waren
alle  sehr  „veramtet“;  Juristen,  Intendanten  (was  heute  bei  uns  einem
Regierungspräsidenten  entsprechen  würde,  Anm.  d.  Übers.),  Abbes,
königliche  Leibärzte  usw.,  ganz  erfüllt  von  den  Begriffen  Zivilisation,
Ordnung,  Autorität,  Souveränität  und  besonders  Eigentum,  das  kaum
mit  dem  primitiven  Zustande  des  Wilden  vereinbar  ist.  „Eigentum,
Sicherheit,  Freiheit  fassen  die  ganze  soziale  Ordnung  zusammen“  1 ).
Sie  neigen  daher  durchaus  nicht  zu  dem  Glauben,  daß  die  Menschen
irgend  etwas  verloren  hätten,  als  sie  vom  wilden  zum  zivilisierten
Zustand  übergingen,  oder  sogar,  wie  Rousseau  behauptete,  daß  sie
im  Naturzustände  freier  wären  und  durch  Annahme  des  Gesellschaftsvertrages ­
  (contrat  social)  ein  Opfer  gebracht  hätten,  noch  daß  sie,
im  Falle  der  Vertrag,  was  meistenteils  ein  trat,  leoninisch  ausfiel,  in
Gefahr  gewesen  wären,  nicht  den  Gegenwert  der  aufgegebenen  Vorteile ­
  wiederzufinden.  Hirngespinnste!,  antworten  die  Physiokraten.
-  Wenn  die  Menschen  vom  Naturzustände  zum  Zustande  der  Zivilisation
übergehen,  so  geben  sie  nicht  nur  nichts  auf,  sondern  gewinnen  im
Gegenteil  alles 2 ).  J
Bedeutet  „natürliche  Ordnung“  nun,  daß  die  menschlichen  Gemeinschaften ­
  von  natürlichen  Gesetzen  regiert  werden,  von
Gesetzen,  wie  sie  die  physische  Welt,  oder  besser,  wie  sie  die  tierischen
sagt  wörtlich:  „Wie  aber  haben  die  Völker  diesen  glückseligen  Zustand,  dessen  sie
sich  in  einem  so  frühen  und  so  glücklichen  Altertume  erfreuten,  verlassen  können?
Wie  sind  sie  dazu  gekommen,  die  natürliche  Ordnung  zu  verkennen?“  (I,  S.  25).  —
Nichtsdestoweniger  würde  selbst  in  dieser  Auffassung  die  frühere  natürliche  Ordnung
keine  Beziehung  zum  Zustande  des  Wilden  haben,  sondern  mehr  das  vorstellen,  was
die  Alten  mit  dem  „goldenen  Zeitalter“,  die  Christen  mit  dem  „Garten  Eden“  bezeichneten.
  In  diesem  Sinne  würde  die  natürliche  Ordnung  das  verlorene,  nun
wiederzufindende,  Paradies  bedeuten.
Übrigens  erscheint  dieser  Gesichtspunkt  nur  ausnahmsweise  bei  den  Physiokraten; ­
  immerhin  verdient  er  festgestellt  zu  werden,  um  zu  zeigen,  wie  fremd  die
moderne  Entwicklungs-  und  Portschrittslehre  den  Physiokraten  war.
')  Mbhoibb  de  la  RiviAbe  II,  S.  615.
„Das  Naturreoht  ist  in  der  Ordnung  der  Natur  unbestimmt  (welche
Antithese!);  „es  wird  es  erst  in  der  Ordnung  des  Rechtswesens  durch  die  Arbeit“
(Qüesnay,  S.  43).
2 )  „Wenn  sie  einen  Gesellschaftsvertrag  eingehen  und  Übereinkommen  zu  ihrem
gegenseitigen  Vorteile  absohließen  werden,  so  werden  sie  den  Gebrauch  ihrer  freien
Naturrechte  vermehren  und  ihrer  Freiheit  keinen  Abbruch  tun,  denn  es  ist  ja  gerade
der  Zustand,  den  ihr  aufgeklärter  Freiheitsbegriff  in  voller  Unabhängigkeit  erwählt
haben  würde“  (Qdbsnay,  S.  43,  44).
        <pb n="31" />
        Kapitel  I.  Die  Physiokraten.

9

Gemeinwesen  oder  das  innere  Leben  jedes  Organismus  beherrschen?
-In  diesem  Falle  müßten  die  Physiokraten  als  Vorläufer  der  organizistischen
  Soziologen  angesehen  werden.  Man  muß  anerkennen,  daß
diese  Auslegung  um  so  annehmbarer  erscheint,  als  Dr.  Quesnay  durch
seine  medizinischen  Studien  über  die  „tierische  Ökonomie“  („L’economie
animale“  ist  der  Titel  eines  seiner  Bücher)  und  über  den  Blutumlauf
sich  wohl  auf  dem  Wege  dieser  Richtung  befunden  haben  mag;  die
soziale  Ökonomik,  ebenso  wie  die  tierische  Ökonomie,  hat  ihm  wie
eine  Art  Physiologie  erscheinen  können.  Von  „Physiologie“  bis
„Physiokratie“  ist  es  übrigens  nicht  weit.  Sicherlich  haben  sie  mit
großem  Nachdruck  die  Abhängigkeit  der  Klassen  untereinander,  und
die  Abhängigkeit  aller  von  der  Erde  betont,  und  sicherlich  heißt  das,
aus  der  sozialen  Wissenschaft  eine  Naturwissenschaft  machen r ).
Jedoch  erscheint  uns  auch  diese  Auslegung  ungenügend.  Es  ist
bemerkenswert,  daß  in  der  von  uns  angeführten  Anmerkung  Dupont
dort,  wo  er  von  den  Gesetzen  der  Ameisen  und  Bienen  spricht,  annimmt,
  daß  diese  Tiere  „sich  denselben  auf  Grund  gemeinsamer
Zustimmung  und  zu  ihrem  eigenen  Nutzen  unterwerfen“.  Er  scheint
daher  anzunehmen,  daß  auch  die  tierischen  Gemeinwesen  auf  einer
Art  „Gesellschaftsvertrag“  beruhen!  Auf  jeden  Fall  sind  wir  hier
weit  von  einer  Auffassung  der  Gesetzmäßigkeit  entfernt,  wie  .sie  den
Naturalisten,  den  Physikern  und  Biologen  geläufig  ist.  Die  Physiokraten ­
  sind  keineswegs  Deterministen.  Nicht  nur  glauben  sie  nicht,
daß  die  natürliche  Ordnung  sich  wie  das  Gesetz  der  gegenseitigen
Anziehung  von  selbst  durchsetzt,  sondern  sie  glauben  überhaupt

*)  Dupont  de  Nemours  sagt:  „Die  natürliche  Ordnung  ist  die  physische  Verfassung, ­
  die  Gott  selbst  dem  Weltganzen  gegeben  hat“  (Einführung  in  die  Werke
Qüesnay’s,  S.  21).  Und  an  einer  anderen  Stelle  schreibt  er,  indem  er  den  gleichen
Gedanken  entwickelt:  „Vor  13  Jahren  kam  ein  äußerst  genial  begabter  Mann,  geschult
iu  wissenschaftlichem  Denken  und  durch  seine  Erfolge  in  einer  Kunst,  die  als  erste
Bedingung  die  Beobachtung  und  Achtung  der  Natur  verlangt,  schon  bekannt,  zu
dem  Schlüsse,  daß  die  Natur  ihre  physischen  Gesetze  nicht  auf  die  bisher  untersuchten ­
  beschränkt,  und  daß,  wenn  sie  den  Ameisen,  Bienen  und  Bibern  die  Fähigkeit ­
  gibt,  sich  auf  Grund  gemeinsamer  Zustimmung  und  zu  ihrem  eigenen  Nutzen
einer  guten,  gleichmäßigen  und  gleichförmigen  Eegierungsform  zu  unterwerfen,  sie
dem  Menschen  nicht  die  Gabe  verweigern  wird,  sich  zu  dem  Genuß  gleicher  Vorteile
aufzuschwingen.  Begeistert  von  der  Bedeutung  dieser  Anschauung  und  von  den
folgenschweren  Aussichten,  die  sie  eröffnet,  widmete  er  die  ganze  Schärfe  seines
Verstandes  der  Untersuchung  der  physischen  Gesetze  im  Zusammenhang  mit
der  Gesellschaft“  (I,  S.  338).
Grade  diese  naturalistische  Auffassung  stellt  Henri  Denis  in  seiner  Histoire
desDoctrines  als  besonders  charakteristisch  für  das  physiokratisohe  System  hin
und  illustriert  sie  durch  eine  Keihe  von  Diagrammen,  die  die  Übereinstimmung
zwischen  dem  Güterumlauf  im  physiokratischen  Systeme  und  dem  Blutumlauf  beweisen ­
  sollen.
        <pb n="32" />
        10

Erstes  Buch.  Die  Begründer.

nicht,  daß  die  natürliche  Ordnung  in  den  menschlichen  Gemeinwesen
tatsächlich  so  verwirklicht  sei,  wie  sie  es  im  Bienenstöcke  oder  im
Ameisenhaufen  ist:  diese  stellen  geordnete  Gemeinwesen  vor,  während
die  menschlichen  Gesellschaften  in  ihrem  gegenwärtigen  Zustande
ungeordnet  sind,  weil  die  Menschen,  im  Gegensatz  zu  den  unfreien
Tieren,  freie  Wesen  sind.
Was  ist  aber  zuletzt  die  natürliche  Ordnung?  Sie  ist  die  von
Gott  für  das  Glück  der  Menschen  gewollte  Ordnung,  die  Ordnung
/  der  Vorsehung 1 ).  Um  sie  zu  erkennen,  muß  man  sie  zuerst
lernen,  und  nachdem  man  sie  erkannt  hat,  muß  man  lernen,  sie  zu
befolgen.
Wie  aber  lernen?  Wie  sie  erkennen?  Das  Zeichen,  an  dem
man  die  natürliche  Ordnung  erkennt,  ist  der  „Augenschein“,  die
„Evidenz“.  Die  Physiokraten  gefallen  sich  geradezu  darin,  dieses
Wort  in  ihren  Schriften  beständig  zu  wiederholen 2 ).  Diese  augenscheinlichen ­
  Tatsachen  müssen  aber  doch  immerhin  erst  bemerkt
werden,  —  auch  das  schärfste  Licht  braucht  ein  Auge,  um  gesehen
zu  werden,  —  welches  Organ  kommt  nun  hier  in  Frage  ?  Der
Instinkt?  Das  Gewissen?  Die  Vernunft?  Wird  uns  die  Stimme
Gottes,  wie  durch  eine  übernatürliche  Offenbarung,  sagen,  wo  die
Wahrheit  ist?  Oder  wird  uns  die  Stimme  der  Natur  den  rechten
Weg  weisen?  Die  Physiokraten  haben  sicli  anscheinend  nicht  um
diese  Frage  gekümmert  (obschon  diese  Stimmen  sich  doch  widersprechen
können),  denn  sie  geben  uns  unterschiedslos  alle  diese  Antworten.
Mbbcibe  de  la  Eivieee  erinnert  an  die  Worte  St.  Johanni  über  das
Licht  „das  da  scheinet  an  einem  dunklen  Ort  und  um  jeden  in  die
Welt  geborenen  Helligkeit  verbreitet“,  was  ein  von  Gott  im  Herzen
jedes  Menschen  angezündetes  Licht  vermuten  ließe,  das  ihm  gestattet,
seinen  Weg  zu  finden.  Nach  Düpont  hat  Qüesnay  erkannt,  daß:
„der  Mensch  nur  Einkehr  bei  sich  zu  halten  braucht,  um  hier  das
köstliche  Verständnis  dieser  Gesetze  zu  finden“,  oder  daß  „ohne  sie
zu  kennen,  die  Menschen  doch  von  einer  unbewußten  Kenntnis  der
Physiokratie  auf  natürliche  Weise  geleitet  werden“  3 ).  Nach  vielen

'  l )  „Die  Gesetze  sind  unabänderlich,  sie  gehören  zum  Urwesen  der  Menschen
und  der  Dinge,  sie  sind  der  Willensausdruck  Gottes.“
„Alle  unsere  Interessen,  all  unser  Wollen  vereinen  sich,  .  .  .  und  bilden  für
unser  gemeinsames  Glück  eine  Harmonie,  die  man  als  das  Werk  einer  gütigen
Gottheit,  die  die  Erde  von  glücklichen  Menschen  bewohnt  sehen
will,  anspreohen  kann“  (Meboier  db  la  Eiviiüeb  I,  S.  390;  II,  8.  638).
2 )  „Es  gibt  einen  natürlichen  Eichter  letzter  Instanz  für  alle  Anordnungen,
selbst  für  die  des  Herrschers,  und  dieser  Eichter  ist  die  Tatsache  (die  Evidenz)
ihrer  Übereinstimmung  mit,  oder  ihrer  Gegensätzlichkeit  zu  den  natürlichen  Gesetzen“
(Düpont  I,  8.  746).
3 )  Düpont,  Introduction  aux  ceuvres  de  Qüesnay  I,  S.  19  und  26.
        <pb n="33" />
        Kapitel  I.  Die  Physiokraten.

11

anderen  Stellen  aber  scheint  diese  unmittelbare  Erkenntnis  nicht  zu
genügen,  um  die  natürliche  Ordnung  aufzudecken,  was  schon  daraus
hervorgeht,  daß  Quesnay  erklärt,  die  Gesetze  der  natürlichen  Ordnung
müssen  „gelehrt“  werden,  daß  dies  sogar  der  Hauptzweck  des  Unterrichts, ­
  und  wie  wir  weiter  unten  sehen  werden,  eine  der  wesentlichen
Aufgaben  des  Staates,  ist.
Zusammenfassend  kann  man  sagen,  daß  die  natürliche  Ordnung
jene  Ordnung  ist,  die  „selbstverständlich“  als  die  beste  allen,  wenn
auch  nicht  gerade  jedem  Beliebigen,  so  doch  jedem  vernünftigen,  gebildeten, ­
  entwicklungsbereiten  Wesen,  wie  es  die  Physiokraten  waren,
erscheint.  Diese  natürliche  Ordnung  war  durchaus  nicht  die,  welche
die  Beobachtung  der  Tatsachen  ihnen  enthüllt  haben  könnte,  sondern
die,  die  sie  selbst  in  sich  trugen.  Und  daher  kommt  es  auch,  daß  unter
anderen  Gesetzen  die  Achtung  vor  dem  Eigentum  und  der  Autorität
ihnen  als  Basis  der  natürlichen  Ordnung  erschien.
Und  gerade  weil  diese  natürliche  Ordnung  auf  diese  Weise  zu
einer  übernatürlichen  wurde,  nämlich  sich  weit  über  die  Zufälligkeiten ­
  der  Wirklichkeit  erhob,  erschien  sie  ihnen  mit  all  der  ehernen
Größe  der  geometrischen  Ordnung  und  mit  ihrer  Doppeleigenschaft
der  Allgemeingültigkeit  und  Unveränderlichkeit.  Sie  ist  die  gleiche
für  alle  Menschen  und  für  alle  Zeiten.  Sie  ist  die  „einzige,  ewige,
unveränderliche  und  allgemeine  Gesetzesvorschrift“;  sie  ist  tatsächlich
göttlich  und  grundwesentlich. J )  Man  glaubt  die  Litanei  des  „Ave
Maria“  zu  vernehmen!  Man  höre  nur  Tuegot  ihre  Allgemeingültigkeit
betonen:  „Wer  nicht  vergessen  kann,  daß  es  voneinander  getrennte
und  verschieden  regierte  Staaten  gibt,  kann  niemals  eine  Frage  der
politischen  Ökonomie  richtig  erfassen“ 2 ),  und  der  gleiche  Tuegot
schreibt  in  bezug  auf  ihre  UnVeränderlichkeit:  „Es  handelt  sich
nicht  um  das  Wissen  von  dem,  was  ist,  oder  dem,  was  war,  sondern
von  dem,  was  sein  soll.  Die  Rechte  des  Menschen  gründen  sich
nicht  auf  seine  Geschichte,  sondern  auf  seine  Natur.“  —
Diese  dogmatische  und  optimistische  Auffassung  sollte  die  ganze
klassische  und  besonders  die  französische  Schule  beherrschen,  sogar
als  die  Vorsehung  zugunsten  der  „Naturgesetze“  abgedankt  hatte.  ,
Heute  ist  sie  stark  in  Mißkredit  geraten,  aber  als  sie  sich  am
Horizont  erhob,  blendete  sie  aller  Augen.  Daher  auch  all  die  preisenden
Epitheta,  die  uns  heute  überschwänglich  und  fast  lächerlich 3 )  erscheinen; ­
  aber  gering  zu  achten  ist  es  nicht,  einer  neuen  Wissenschaft
Zweck,  Ideal  und  Rahmen  gewiesen  zu  haben.

b  Baüdeatj,  Bd.  I.  S.  820.
2 )  Brief  an  Mh®  Lespinassb  (1770).
3 )  Vgl.  weiter  unten  in  betreff  des  „Tableau  economiqne“.
        <pb n="34" />
        12

Erstes  Buch.  Die  Begründer.

Am  bedeutsamsten  ist  jedoch  die  Auffassung  von  der  natürlichen
Ordnung  in  ihren  praktischen  Folgeerscheinungen  hervorgetreten.
Das  ganze  Gebäude  der  Verordnungen  —  das  „ancien  regime“  als  J
ökonomische  Gesellschaftsordnung  —,  ist  durch  sie  zusammengebrochen.  I
Und  das  auf  folgende  Weise:
Es  genügt  nicht,  diese  natürliche  Ordnung  zu  kennen:  man  muß
sich  auch  danach  richten.  Wie  soll  das  geschehen?  Nichts  einfacher,
da  ja  diese  natürliche  Ordnung  „tatsächlich  die  dem  menschlichen
Geschlechte  vorteilhafteste  ist“ 1 ).  Nun  aber  wird  jeder  Einzelmensch
„ganz  natürlich“  dem  Weg  zu  folgen  wissen,  der  für  ihn  der  1
vorteilhafteste  ist.  Er  wird  ihn  in  aller  Freiheit 2  3 )  finden,  ohne  daß
irgendein  Zwang,  irgendein  Polizeisäbel  nötig  ist,  der  ihn  vorwärts
treibt.
Die  psychologische  Wage,  die  jeder  Mensch  in  sich  trägt  —  und
die  man  viel  später  das  hedonistische  Prinzip  nannte  —  das  die
Grundlage  der  neo-klassischen  Schule  ist,  wird  schon  von  Quesnay
prachtvoll  ausgeführt 8 ).  ‘„Den  größtmöglichen  Genußzuwachs  bei
größtmöglicher  Ausgabeverminderung  erreichen,  stellt  Vollkommenheit
des  Wirtschaftens  vor.“  Das  ist  also  auch  die  natürliche  Ordnung.
o  i
Und  wenn  ihr  jeder  folgt,  so  wird  diese  Ordnung,  anstatt  gestört  zu  I
werden,  nur  dadurch  gestärkt.  „Es  beruht  auf  dem  Wesensgrundsatz
der  Ordnung,  daß  der  Vorteil  eines  einzelnen  niemals  vom  Vorteil
aller  getrennt  werden  kann,  und  dies  tritt  unter  der  Herrschaft  der
Freiheit  ein.  Die  Welt  läuft  dann  von  selbst.  Das  Trachten
nach  Wohlleben  übt  auf  die  Gesellschaft  einen  Bewegungsantrieb
aus,  der  zu  einem  beständigen  Streben  nach  dem  bestmöglichen  Zustande ­
  wird. 4 ).“  Das  heißt  alles  in  allem:  es  gibt  nur  eins;  die
Dinge  gehen  lassen  (laisser  faire) 5  *  * ).

1 )  Baudeau,  Ephemerides  du  Citoyen  et  passim.
2 )  „Die  Gesetze  (der  natürlichen  Ordnung)  hindern  in  nichts  die  Freiheit  des
Menschen  .  .  .  denn  die  Vorteile  dieser  höchsten  Gesetze  sind  ganz  offenbar  das  Ziel
der  besten  Wahl,  die  die  Freiheit  treffen  kann.“  (Quesnay,  Natürliches  Recht,
—  droit  naturel  —  S.  55.)  Und  Mercier  de  la  Riviere  sagt  (Bd.  II,  S.  617):  „die
Aufrechterhaltung  des  Eigentums  und  der  Freiheit  läßt  ohne  Zuhilfenahme  irgendeines ­
  anderen  Gesetzes  die  vollkommenste  Ordnung  herrschen.“
3 )  Dialogues  sur  les  artisans  (Gespräche  über  die  Handwerker).
*■)  Mercier  de  la  Riviere,  Bd.  II,  8.  617.
6 )  Der  Ursprung  dieses  berühmten  Ausspruches  ist  sehr  unsicher.  Mehrere
Physiokraten,  besonders  Mirabeau  und  Mercier  de  la  Riviere  sprechen  ihn  Vincent
de  Gournay  (s.  weiter  unten)  zu,  aber  Turgot,  der  doch  ein  Freund  Vincent
de  Gournay’s  war,  und  eine-  Lobrede  auf  ihn  verfaßt  hat,  schreibt  ihn  (in  etwas
anderer  Form  —  laßt  uns  nur  machen  —  laissez-nous  faire  —)  einem  Kaufmann  der
Zeit  Colbert’s,  Legendre,  zu.  Nach  Ohcken  stammt  das  Wort  vom  Marquis  d’Argenson,
der  es  in  seinen  Memoiren  schon  1736  gebraucht.  Da  das  Wort  an  sich  recht  banal
ist  und  nur  deshalb  einigen  Wert  hat,  weil  es  die  Devise  einer  großen  Schule  ge-
        <pb n="35" />
        Kapitel  I.  Die  Physiokraten.  13

Diese  berühmten  Worte  sind  seit  150  Jahren  so  oft  wiederholt
oder  kritisiert  worden,  daß  sie  banal  erscheinen;  damals  aber  waren
sie  es  sicherlich  nicht.  Es  ist  leicht,  heute  diese  Sozialpolitik  als  zu
einfach  und  kindlich  zu  verspotten  und  nachzuweisen,  daß  weder
dieses  Übereinstimmen  der  Einzelinteressen  unter  sich  und  mit  der
Allgemeinheit  noch  namentlich  diese  allgemeine  Kenntnis  des  eigenen
Vorteils  durch  die  Tatsachen  bestätigt  wird.  Ganz  gleichgültig;  es
war  vielleicht  notwendig,  daß  dieser  Optimismus  an  der  Wiege  der
neuen  Wissenschaft  stand.  Man  kann  eine  Wissenschaft  nicht  aufbauen, ­
  wenn  man  nicht  an  eine  gewisse  vorbestimmte  Ordnung
glaubt.
Dies  „gehen  lassen“  bedeutet  übrigens  nicht,  daß  nichts  zu
tun  wäre;  es  war  weder  eine  Lehre  der  Untätigkeit  noch  des
Fatalismus.  Im  Gegenteil,  das  Einzelwesen  hat  alles  zu  tun,  da  es
sich  ja  gerade  darum  handelt,  jedem  das  Feld  frei  zu  lassen,  —
„fair  play“,  wie  man  heute  sagt  —,  ohne  zu  befürchten,  daß  die  Einzelinteressen ­
  miteinander  Zusammenstößen  oder  dem  Allgemeininteresse
schaden.  Die  Eegierung  wird  allerdings  weniger  zu  tun  haben;  doch
wird  die  Aufgabe,  die  ihr  die  Physiokraten  übertragen,  immerhin
keine  Sinekure  sein,  da  sie,  wie  wir  sehen  werden,  die  künstlich  geschaffenen ­
  Hemmungen  zu  beseitigen,  das  Eigentum,  die  Freiheit  zu
schützen,  die,  die  hiergegen  verstoßen,  zu  bestrafen  und  vor  allem
die  Gesetze  der  natürlichen  Ordnung  zu  lehren  hat.

§2.  Der  Reinertrag.
Die  natürliche  Ordnung  der  Physiokraten  umfaßt  alle  sozialen
Tatsachen;  wenn  sie  sich  auf  dieses  Allgemeine  beschränkt  hätten,
würden  sie  eher  den  Titel  der  Begründer  der  Soziologie,  als  den  der
Begründer  der  Ökonomik  verdient  haben.  Aber  in  dieser  natürlichen
Ordnung  gab  es  ein  rein  wirtschaftliches  Phänomen,  das  ihre  Aufmerksamkeit ­
  ganz  in  Anspruch  nahm  und  sie  so  sehr  hypnotisierte,
daß  es  sie  in  eine  falsche  Richtung  drängte:  dies  war  die  Rolle  des
Bodens  in  der  Gütererzeugung.  Hier  finden  wir  die  falscheste,  aber
auch  die  bezeichnendste,  Auffassung  der  physiokratischen  Lehre.
'Jede  Handlung  zum  Zweck  der  Gütererzeugung  bedingt  notwendigerweise ­
  gewisse  Ausgaben,  gewisse  Kosten.  Mit  anderen
Worten:  einen  gewissen  Güterverbrauch,  der  selbstverständlich  von
den  im  Laufe  der  Gütererzeugung  geschaffenen  Gütern  abzuziehen
worden  ist,  haben  diese  Forschungen  wenig  Interesse.  Siehe  auch  über  die  Frage
dieses  kleinen  Problems  das  Buch  Schellb’s,  Vincent  de  Gournay  (1897)  und
besonders  Onckbn,  Die  Maxime  Laisser-faire  et  laissez-passer  (Bern,  1886).
        <pb n="36" />
        14

Erstes  Buch.  Die  Begründer.

ist.  Und  selbstverständlich  stellt  nur  der  Unterschied,  der  Überschuß
dieser  über  jene,  den  wirklichen  Güterzuwachs  vor.  Dies  nannten
sie,  und  alle  nach  ihnen,  den  „Reinertrag“  (Le  produit  net).
'  Jedoch  glaubten  die  Physiokraten,  daß  dieser  Reinertrag  nur  in
einer  einzigen  Kategorie  der  Gütererzeugung,  in  der  Landwirtschaft,
existiere.  Nur  dort,  sagten  sie,  übersteigen  die  erzeugten  Güter  die
verbrauchten:  der  Landarbeiter  erzeugt,  abgesehen  von  Unglücksfällen, ­
  mehr  Getreide  als  er  verbraucht,  einschließlich  nicht  nur  des
zur  Aussaat  gebrauchten  Saatgutes,  sondern  auch  des  von  ihm  als
Nahrung  während  des  Jahres  verbrauchten  Getreides.  Und  weil  die
landwirtschaftliche  Gütererzeugung  diese  einzige  und  wunderbare
Fähigkeit  des  Reinertrages  hat,  konnte  die  Spartätigkeit  einsetzen,
und  die  Zivilisation  entstehen 1 ).
In  allen  übrigen  Zweigen  der  Gütererzeugung  ist  es  anders;
weder  im  Handel  noch  im  Transport  erzeugt  die  Arbeit  des  Menschen
irgend  etwas,  da  ja  die  schon  erzeugten  Güter  nur  ausgetauscht
werden  oder  Ortsverändernngen  unterliegen.  Auch  die  Tätigkeit  des
Handwerkers  beschränkt  sich  auf  die  Veränderung,  Mischung  oder
Zusammenfügung  der  Rohstoffe' 2 ).  Man  wird  einweffen,  daß  er  den
Wert  vermehrt?  Wohl  richtig,  aber  nur  im  Maßstabe  der  Werte,  die
er  selbst  verbraucht,  denn  der  Preis  der  Handarbeit  stellt  nichts
weiter  dar,  als  den  Preis  der  zum  Unterhalt  des  Handwerkers  nötigen
Verbrauchsgüter.  In  Frage  kommt  nur  eine  Addition  von  verschiedenen ­
  aufeinanderfolgenden  Werten,  ebenso  wie  es  sich  nur  um
ein  Zusammenfügen  verschiedener  Rohstoffe  handelt.  „Und“,  sagt
La  Rxvieee,  „Addieren  ist  nicht  Multiplizieren“  3 ).
Q  „Das  Glück  der  ganzen  Menschheit  ist  eng  mit  dem  größtmöglichen  Reinertrag ­
  verbunden“  (Dupont  de  N.,  Origine  d’une  Science  nouvelle  —  Ursprung ­
  einer  neuen  Wissenschaft,  S.  346).
2 )  „Die  Arbeit,  die  sich  nicht  mit  dem  Boden  beschäftigt,  ist  vollständig  unproduktiv, ­
  denn  der  Mensch  ist  nicht  Schöpfer“  (Lb  Teosne,  S.  942).
„Die  natürliche  Tatsache,  daß  die  Erde  die  Quelle  aller  Güter  ist,  ist  an  sich  schon
so  selbstverständlich,  daß  niemand  sie  bezweifeln  kann“  (Derselbe,  Interet  social).
„Die  Erzeugnisse  des  Bodens  zerfallen  in  zwei  Teile,  das  was  übrig
bleibt,  ist  jener  unabhängige  und  verwendungsbereite  Teil,  den  die  Erde  als  reines
Geschenk  über  die  Vorschüsse  und  über  den  Arbeitslohn  hinaus  dem  gibt,  der  sie
bearbeitet“.  (Tukgot,  Reflexions  sur  la  formation,  usw).
„Die  von  den  Handwerkern  den  Rohstoffen  gegebenen  Formen  sind  gut  und
schön,  aber  vor  ihrer  Arbeit  müssen  andere  schon  Güter  erzeugt  haben;  erstens
alle  Rohstoffe,  zweitens  alle  Nahrungsmittel.  Nach  ihrer  Arbeit  müssen  andere  das
erzeugen,  womit  sie  entschädigt  oder  bezahlt  werden.  Im  Gegensatz  hierzu  erzeugen
die  Landwirte  als  erste  und  einzige,  alles,  was  sie  verwenden,  alles,  was  sie  und
Andere  verbrauchen.  Hierin  liegt  der  Unterschied  zwischen  produktiv  und
unproduktiv.“  (Baudbaü,  Briefwechsel  mit  Gkaslin.)
3 )  Ein  Weher  kauft  für  150  Fr.  Nahrungsmittel  und  Kleidung  und  für  50  Fr.
Flachs,  den  er  als  Leinewand  für  200  Fr.  verkauft,  welche  Summe  dem  Aufwand
        <pb n="37" />
        Kapitel  I.  Die  Physiokraten.
Infolgedessen  nennen  sie  die  Fabrikanten  eine  unproduktive
—  sterile  —  Klasse.  Mit  dieser  Bezeichnung  haben  sie  aber  durchaus ­
  keine  Mißachtung  der  Fabrikanten  oder  Kaufleute  ausdrücken
wollen.  „Weit  entfernt,  unnütz  zu  sein,  sind  diese  Beschäftigungen
der  Eeiz  und  die  Stütze  des  Lebens,  die  Erhaltung  und  das  Glück
des  Menschengeschlechtes“  1 ).  —
Sie  sind  nur  unproduktiv  in  dem  Sinne,  daß  sie  keine  neuen
„Eeichtümer“  erzeugen.
Hält  man  ihnen  entgegen,  daß  die  Fabrikanten  und  Kaufleute
viel  und  sogar  viel  mehr  als  die  Landwirte  verdienen,  so  erwidern
die  Physiokraten:  Das  hat  nichts  zu  sagen!  Diesen  Gewinn  „erzeugen“ ­
  die  Arbeiter  nicht,  sie  „gewinnen“  2 )  ihn;  es  handelt  sich
dabei  lediglich  um  Eeichtümer,  die  von  anderen  auf  sie  übertragen
werden.  Von  wem  nun?  Ausgerechnet  von  den  Landwirten!  Sie
liefern  ihnen  nicht  nur  alle  Eohstotfe  für  ihre  Erzeugnisse,  sondern
auch  selbstverständlich  alles,  was  sie  in  irgendeiner  Form  verbrauchen.
Die  Arbeiter  sind  die  Bedienten  oder,  wie  Tuegot  sie  nennt,  die
Stipendienempfänger  der  landwirtschaftlichen  Klasse 3 ).  Die  Landwirte ­
  können  zur  Not  sich  selbst  genügen  und  so  den  ganzen  Eeinertrag
  für  sich  behalten.  Da  sie  aber  ihren  Vorteil  dabei  finden,
gleich  ist.“  (Merciek  de  la  KivShe  II,  S.  698).  „Die  Industrie  überdeckt,  Schicht
um  Schicht,  einen  Wert  mit  weiteren  Werten,  aber  sie  schafft  keinen,  der  nicht
schon  vorher  bestanden  hätte“  (Derselbe).
1 )  Baddeau,  Ephem.,  1770,  IX.  Man  kann  sogar  finden,  daß  die  Kaufleute
etwas  weit  gehen,  wenn  sie  sagen:  „Warum  achtet  man  nicht,  gleiche  Verhältnisse
vorausgesetzt,  den,  der  verkauft,  ebenso  wie  den,  der  gibt?  Der  Bedarf  gibt
dem  Handel,  wie  der  Wohltätigkeit  ihre  Bedeutung“  (Du  marchand  de  grains,
—  über  den  Getreidehändler,  —  Journal  de  l’Agriculture,  du  Commerce  et  des
Tinanoes,  Dezember,  1773,  von  Curmond,  1900  in  einer  Dissertation  über  den  Getreidekandel ­
  angeführt).  Man  muß  betonen,  daß,  „unproduktiv“  oder  „steril“  in  der
Sprache  der  Physiokraten  keineswegs  „unnütz“  bedeutet.  Sie  waren  genügend
intelligent,  um  zu  verstehen,  daß  die  Arbeit  des  Webers,  der  aus  dem  Flachs,  Leinewand, ­
  aus  der  Wolle,  Tuch  macht,  ebenso  nützlich  wie  die  des  Landwirts  ist,  der
diesen  Plachs  und  diese  Wolle  produziert,  oder  vielmehr,  daß  seine  Arbeit  ohne  die
Arbeit  jenes  ganz  unnütz  wäre.  Und  sie  wußten  ebenso  gut,  daß,  wenn  man  sagen
kann  die  Arbeit  des  Landwirtes  sei  nützlicher,  als  die  Arbeit  des  Webers  oder
des  Maurers,  wenn  der  Boden  zur  Erzeugung  von  Brot  benutzt  wird,  man  das  doch
Eicht  mit  gleichem  Nachdruck  behaupten  kann,  wenn  er  dazu  benutzt  wird,  Rosen
oder  Maulbeerblätter  für  die  Seidenfabrikation  zu  erzeugen.
2 )  Le  Trosne,  S.  946.
3 )  Eine  unter  der  Feder  Turgot’s  um  so  bemerkenswertere  Bezeichnung,  da  er,
wie  wir  weiter  unten  sehen  werden,  weniger  ausschließlich  für  die  Landwirtschaft
eingenommen  und  der  Industrie  günstiger  gesinnt  war,  als  die  Physiokraten.
„Es  erschien  notwendig,  einfach  und  natürlich,  die  zahlenden  Menschen,  die
ihre  Güter  unmittelbar  der  Natur  verdanken,  von  den  bezahlten  Menschen  zu  unterscheiden, ­
  die  Güter  nur  als  Entlohnung  für  nützliche  oder  angenehme  Dienste,  die
Sle  den  ersteren  leisten,  erhalten  können“  (Dupont  I,  S.  142).
        <pb n="38" />
        16

Erstes  Buch.  Die  Begründer.

lassen  sie  sich  von  dem  Handwerker  ihre  Kleider  machen,  ihre  Häuser
bauen,  ihre  Werkzeuge  herstellen  und  entlohnen  ihn  natürlich  dafür
mit  einem  mehr  oder  weniger  großen  Teil  des  Reinertrages x ).  Es
ist  allerdings  leicht  möglich,  daß  die  Handwerker,  wie  es  viele  Bediente ­
  vornehmer  Häuser  tun,  große  Profite  auf  Kosten  ihrer  Herrschaft ­
  einstecken.
„Sterile“,  unproduktive  Klassen  sind  also  in  der  physiokratischen
Terminologie  einfach  solche,  ’  die  ihren  Unterhalt  aus  zweiter  Hand
empfangen.  So  sehr  sie  jedoch  versucht  haben,  dieses  unglückliche
Wort  zu  erklären,  es  erschien  doch  so  ungerecht  gegenüber  einer
ganzen  Arbeitsgattung,  die  vielleicht  mehr  als  jede  andere  die  Völker
bereichert  hat,  daß  das  physiokratische  System  dadurch  unheilbar
diskreditiert  wurde.
Es  ist  eine  umstrittene  Frage,  ob  die  Physiokraten  die  Erzeugung
eines  Reinertrages  nur  der  Landwirtschaft  zusprachen  oder  das  gleiche
von  den  Förderindustrien,  den  Bergwerken  und  dem  Fischfang  gelten
ließen.  Man  behauptet  gewöhnlich,  daß  dies  für  die  Bergwerke  zutreffe, ­
  wenn  auch  infolge  der  wenigen  und  sich  widersprechenden
Stellen  ihrer  Schriften  kein  vollgültiger  Beweis  geführt  werden  kann.
Man  kann  hierüber  im  Zweifel  sein,  denn  w^enn  einerseits  die  Bergwerke ­
  unbestritten  dem  Menschen  neue  Güter  zubringen,  Rohstoffe,
genau  wie  der  Boden  und  das  Meer,  so  sind  doch  andererseits  Boden
und  Meer  sich  beständig  erneuernde  Quellen  des  Lebens,  wms  für  die
Bergwerke  keineswegs  zutrifft.  Wie  Tuegot  sehr  richtig  sagt:  „Ein
Feld  erzeugt  Frucht  Jahr  für  Jahr  .  ..  Für  eine  Erzgrube  gilt  nicht
dasselbe;  sie  erzeugt  keine  Früchte,  sondern  ist  selbst  die  zu
pflückende  Frucht“.  —  Daraus  schließt  er,  daß  Bergunternehmungeu
  ebensowenig  einen  Reinertrag  liefern,  wie  die  Fabriken.
„Wenn  jemand  aus  der  Grube  einen  Reinertrag  zieht,  so  ist  das  der
Eigentümer  des  Grund  und  Bodens“,  aber,  fügt  er  hinzu,  dieser  Reinertrag ­
  ist  unbedeutend  -).

*)  „Ich  brauche  Leute,  die  mir  den  Dienst  einer  Stoffbereituug  für  meine
Kleidung  leisten,  wie  ich  jemanden  brauche,  der  mir  Eatschläge  über  meine  Gesundheit ­
  und  meine  Geschäfte  gibt  oder  einen  Diener,  der  mir  dient“  (Le  Trosnb,  S.  949).
2 )  Vgl.  hierüber  eine  interessante  These  von  Pebyinquiükb,  Contribution  ä
l’etude  de  la  productivite  dans  la  physiocratie  (Beiträge  zum  Studium
der  Produktivität  in  der  Physiokratie).
Die  Gleichgültigkeit  der  Physiokraten  in  der  Frage  der  Bergwerke  zeigt  eine
gewisse  Lücke  des  wissenschaftlichen  Geistes,  denn  diese  Frage  hätte,  auch  von  ihrem
Gesichtspunkte  aus,  eine  ganz  besondere  Bedeutung  haben  sollen.  Die  Eohstoffe  galten
ihnen,  ebenso  wie  die  Nahrungsmittel,  als  Grundform  des  Keichtums.  Die  Rohstoffe
werden  aber  ebenso  sehr,  und  mehr  noch  als  vom  Boden,  von  Bergwerken  geliefert,
was  schon  zu  ihrer  Zeit  der  Fall  war.  In  der  Geschichte  der  Menschheit  hat  das
Eisen  keine  geringere  Rolle,  als  das  Korn  gespielt.  Vielleicht  hätten  sie  bemerkt,
        <pb n="39" />
        7

Kapitel  I.  Die  Physiokraten.

17

Dieser  Grundunterschied,  den  die  Physiokraten  zwischen  der
landwirtschaftlichen  und  der  industriellen  Erzeugung  aufstellten,
stammt  aus  der  Theologie.  Die  Erzeugnisse  des  Bodens  sind  das
Werk  Gottes,  und  allein  Gott  ist  Schöpfer,  während  die  Erzeugnisse
der  Kunstfertigkeiten  Menschenwerk  sind  und  dem  Menschen  keine
Schöpferkraft  innewohnt 1 ).  Es  ist  leicht,  ihnen  zu  antworten,  daß
Gott,  wenn  er  allein  Schöpfer  ist,  ebenso  Schöpfer  bleibt,  wenn  er
nns  unsere  Kleidung,  als  wenn  er  uns  unser  tägliches  Brot  gibt,  daß
der  Mensch,  wenn  er  nur  umformen,  nicht  erschaffen  kann,  diese
Tätigkeit  ebenso  in  der  Bearbeitung  des  Bodens,  wie  in  der  des
Eisens  oder  des  Holzes  ausübt.  Selbstverständlich  kann  die  Landwirtschaft, ­
  ebenso  wie  alle  anderen  Industrien  die  Materie  nur  umformen. ­
  Ein  zweites  kann  es  nicht  geben.  Die  Physiokraten  haben
nicht  fassen  können  —  vielleicht  w r eil  Lavoisiee  es  noch  nicht  gelehrt ­
  hatte  —  daß  in  der  Natur  nichts  sich  erzeugt  und  nichts  verloren ­
  geht,  daß  das  in  die  Erde  gesäte  Getreidekorn  seine  Ähren
ebenso  aus  Stoffen  des  Bodens  und  der  Luft,  Gramm  für  Gramm,  zusammensetzt, ­
  wie  der  Bäcker  aus  demselben  Korn,  Wasser,  Salz  und
Hefe  Brot  macht.
So  blind  jedoch  waren  die  Physiokraten  nicht,  zu  übersehen,  daß
die  Naturgüter  und  das  Getreide  selbst,  genau  wie  die  Industrieerzeugnisse ­
  Preisschwankungen  auf  dem  Markte  unterworfen  sind,
nnd  daß  sich  der  Reinertrag,  bei  einem  zu  großen  Tiefstand  des
Preises  in  Nichts  auflöst.  Wie  erzeugt  in  diesem  Falle  die  Erde
noch  einen  Wert?  Und  was  macht  den  Wertunterschied  zwischen
landwirtschaftlichen  und  industriellen  Erzeugnissen  aus?  Man  versteht ­
  dies  nicht  mehr.
Wahrscheinlich  war  in  der  Vorstellung  der  Physiokraten  der  \
„gute  Preis“,  d.  h.  der  Preis,  der  einen  Mehrwert  über  die  Produktionskosten ­
  einschloß,  das  normale  Ergebnis  der  natürlichen  Ordnung.
Wenn  der  Preis  unter  das  Niveau  der  Produktionskosten  sank,  war
die  natürliche  Ordnung  zerstört,  und  es  war  nicht  erstaunlich,  daß
in  diesem  Falle  der  natürliche  Wert  verschwand.  Dies  soll  ohne

daß  auch  die  Landwirtschaft  nur  eine  Förderindustrie  und  der  Landwirt  eine  Art
Bergarbeiter  ist  der,  um  die  Rohstoffe  des  Bodens  zu  gewinnen,  sich  der  Pflanze  als
Zwischenglied  bedient,  so  daß  die  Erde  sich  ebenso  wie  eine  Grube  erschöpfen ­
  muß.  ,  .  ...  ,  ,  ..
*)  „Die  Arbeit,  ausgenommen  die  Bearbeitung  des  Bodens,  ist  überall  unproduktiv
(steril),  denn  der  Mensch  ist  nicht  Schöpfer“  (Le  Trosse,  S.  942).
„Der  Boden  besitzt  diese  Fähigkeit  (die  Fruchtbarkeit)  kraft  der  Allmacht  des
Schöpfers  und  des  Segens,  den  er  am  Anbeginn  über  ihn  aussprach;  eine  uneischöpfliche
  Quelle  der  Fruchtbarkeit  der  Natur,  Der  Mensch  findet  diese  Fähigkeit  vor;
er  tut  weiter  nichts,  als  sich  ihrer  zu  bedienen“  (id.  Interet  social,  Kap.  I,  §  2).
Gide  und  Rist,  Gosch,  d.  Volkswirtschaft!.  Lehrmeinungen.
        <pb n="40" />
        18

Erstes  Buch.  Die  Begründer.

Zweifel  in  dem  ziemlich  rätselhaften  Satze  Quesnay’s  ausgesprochen
werden,  wo  er  sagt:  „Fülle  und  Billigkeit  ist  nicht  Reichtum.  Knappheit ­
  und  hohe  Preise  ist  Armut.  Fülle  und  hohe  Preise  ist
Wohlleben“  *).
Wenn  aber  der  „gute  Preis“  nur  der  Wertüberschuß  des  Erzeugnisses ­
  über  die  Produktionskosten  ist,  so  wird  dieser  Mehrwert  nicht
öfter  und  nicht  seltner  in  der  landwirtschaftlichen  als  in  der  industriellen ­
  Produktion  in  Erscheinung  treten.  Er  wird  sich  in  der
einen  nicht  mehr  als  in  der  anderen  überall  dort  bemerkbar  machen,
wo  beide  dem  Gesetz  der  Konkurrenz  unterworfen  sind;  im  Gegenteil ­
  wird  er  überall  dort,  wo  Seltenheit  besteht,  in  der  einen  wie  der
anderen  auftreten.  Es  bleibt  daher  nur  die  Frage,  ob  Monopolwerte
in  der  landwirtschaftlichen  Produktion  öfter  als  in  der  industriellen
Produktion  Vorkommen.  Ganz  allgemein  kann  man  diese  Frage  bejahen, ­
  da  die  Menge  des  Bodens  der  Natur  der  Sache  nach  begrenzt
ist,  und  infolgedessen  bleibt  ein  gewisser  Teil  Wahrheit  in  der  physiokratischen
  Theorie  bestehen,  —  obgleich  die  Aufstellung  von  Schutzzöllen ­
  in  jedem  Lande  und  die  landwirtschaftlichen  Krisen  bezeichj
  nend  genug  für  den  starken  Einfluß  der  Konkurrenz  auf  den  Boden
V  sind.  Jedenfalls  ist  dies  aber  nur  eine  Frage  der  Praxis.
Der  Reinertrag  im  physiokratischen  Sinne  ist  also  nur  eine
Illusion;  er  kann  weder  in  der  Schöpfung  eines  Stoffes,  noch  in  der
eines  Wertes  gesucht  werden.  Diese  Illusion  läßt  sich  aber  aus
dem'  geschichtlichen  Milieu,  in  dem  die  Physiokraten  lebten,  erklären.
Was  sahen  sie  damals?  -  Eine  ganze  Klasse  von  Menschen,  der  Adel
und  die  Geistlichkeit,  lebten  von  den  Pachterträgnissen  ihrer
Ländereien;  wie  aber  hätten  sie  leben  können,  wenn  die  Erde  nicht
die  Kraft  gehabt  hätte,  außer  den  von  den  Bauern  verbrauchten
Erzeugnissen  noch  den  nötigen  Überschuß  hervorzubringen,  um  den
Besitzern  die  Möglichkeit  einer  vornehmen  Lebensführung  zu  gewähren? ­
  Es  wirkt  ganz  eigentümlich,  wenn  man  bedenkt,  daß  sie
wohl  in  den  Handwerkern  Stipendienempfänger  im  Dienste  der  Landwirte ­
  sahen,  aber  nicht  auf  den  Gedanken  kamen,  daß  die  müßigen
Landbesitzer  ebensogut  als  Stipendienempfänger  der  Pächter  angesprochen ­
  werden  könnten.  Wenn  es  zu  ihrer  Zeit  eine  zahlreiche
Klasse  von  Aktionären  gegeben  hätte,  denen  ihre  Renten  gestatteten,
ein  ebenso  „vornehmes“  Leben  zu  führen,  würden  die  Physiokraten
wahrscheinlich  auf  das  Bestehen  eines  industriellen  Reinertrages  geschlossen ­
  haben.
Der  Gedanke,  daß  die  Natur  oder  Gott  mittels  der  Erde  Werte
schafft,  war  übrigens  ziemlich  eingewurzelt,  da  ja  A.  Smith,  wie  wir

*)  Qübsnay,  S.  325.
        <pb n="41" />
        Kapitel  I.  Die  Physiokraten.

19

sehen  werden,  ihn  noch  bis  zu  einem  gewissen  Grade  gelten  läßt.
Erst  bei  erscheint  das  Einkommen  aus  Grundbesitz,  in  vollständiger ­
  Umkehrung  der  Rollen,  nicht  mehr  als  ein  Segen  der  Natur
und  des  Bodens,  als  alma  parens,  mit  der  Bestimmung,  zugleich
mit  dem  Wachstum  der  natürlichen  Ordnung  größer  zu  werden,
sondern  als  eine  Folge  der  Beschränktheit  und  wachsenden  Unfruchtbarkeit ­
  des  Bodens;  nicht  mehr  als  ein  Gratisgeschenk  Gottes
an  die  Menschen,  sondern  als  eine  von  dem  Grundbesitzer  dem  Verbraucher ­
  auferlegte  Steuer.  Es  nennt  sich  dann  auch  nicht  mehr
Reinertrag,  sondern  Rente.
Was  die  Bezeichnung  „unproduktiv“  anlangt,  die  aller  Arbeit
außer  der  landwirtschaftlichen  gegeben  wurde,  so  werden  wir  sehen,
wie  sie  sich  verwischte,  und  wie  die  Bezeichnung  produktiv  nach  und
nach  jeder  Arbeitsgattung,  erst  der  Industrie,  dann  dem  Handel,  zuletzt ­
  den  freien  Berufen  zugesprochen  wurde.  Um  nur  bei  der
Industriearbeit  zu  bleiben,  so  genügt  die  Bemerkung,  daß  auch,  wenn  sie
weiter  nichts,  als  den  Gegenwert  des  verbrauchten  Wertes  produzierte,
dies  allein  schon  die  Bezeichnung  „unproduktiv“  verbieten  würde;
sonst  würde,  wie  A.  Smith  witzig  bemerkt,  jede  Ehe  unproduktiv  —
steril  —  sein,  die  nicht  mehr  als  zwei  Kinder  erzeugt.  Die  Behauptung,
daß  addieren  nicht  multiplizieren  sei,  ist  Unsinn,  denn  wir  haben
schon  nachgewiesen,  daß  auch  die  Landwirtschaft  nur  zusammenzählen ­
  kann.  Übrigens  lehrt  schon  die  Arithmetik,  daß  Multiplizieren
nur  eine  abgekürzte  Form  der  Addition  ist.
Es  ist  eine  merkwürdige  Tatsache,  daß  unter  allen  Einkommensarten ­
  gerade  die  für  die  berechtigtste  und  höchststehende  gehalten
wurde,  die  nicht  das  Ergebnis  der  Arbeit  war,  und  die
späterhin  unter  dem  Namen  Bodenrente  am  schwierigsten  zu  rechtfertigen
  sein  sollte.
Muß  man  nun  folgern,  daß  die  physiokratische  Agrartheorie  des
Reinertrages  vollständig  unproduktiv  —  steril  —  gewesen  sei  ?  Nein.
Vom  geschichtlichen  Standpunkt  aus  hat  sie  zunächst  das  glückliche ­
  Ergebnis  gehabt,  den  damals  herrschenden  volkswirtschaftlichen
Lehren  entgegenzuwirken,  dem  Merkantilismus,  der  behauptet,  neuer
Reichtum  könne  nur  durch  den  Handel,  und  ein  Reinertrag  nur  durch
die  Ausbeutung  fremder  Völker  oder  der  Kolonien  entstehen.
Die  Physiokraten  haben  über  die  Merkantilisten  und  die  Colbertisten
hinweg  Stillt  die  Hand  gereicht,  der  die  Quelle  des  Nationalreichtums
„in  den  beiden  Brüsten  Getreidebau  und  Viehzucht“,  sah.  Es  ist  tatsächlich ­
  bemerkenswert,  daß,  trotz  ihres  Irrtums  die  Landwirtschaft
seitdem  den  Rang,  den  die  Physiokraten  ihr  gegeben  haben,  nicht
wieder  verloren  hat;  diese  starke  Betonung  der  Landwirtschaft,  eine
recht  unerwartete  Folgeerscheinung,  ist  ein  Hauptfaktor  in  dem
2*
        <pb n="42" />
        .

'■  -r;  .

;

20

Erstes  Buch.  Die  Begründer.

Wieder  erwachen  der  Schutzzollidee  gewesen,  so  daß  die  freihändlerischen
  Physiokraten  von  dem  Erfolg  ihrer  eigenen  Lehre  verraten
wurden  ....  Es  ist  jedoch  keineswegs  sicher,  daß  sie  nicht  heute
für  einen  landwirtschaftlichen  Schutzzoll  eintreten  würden!  Dies  ist
auch  die  Meinung  des  Nationalökonomen  Oncken,  der  sie  am  eingehendsten ­
  studiert  hat 1 ).  —
Und  wenn  auch  der  Unterschied,  den  die  Physiokraten  zwischen
Landwirtschaft  und  Industrie  zu  sehen  meinten,  größtenteils  nur  in
ihrer  Einbildung  vorhanden  ist,  so  bleibt  es  doch  wahr,  daß  die  Landwirtschaft ­
  durch  ihre  zweckvolle  Auslösung  der  pflanzlichen  und
tierischen  Kräfte  des  Lebens  einzigartig  dasteht.  Und  diese  geheimnisvolle ­
  Lebenskraft  —  vielleicht  dieselbe,  die  die  Physiokraten
unter  dem  Namen  Natur  undeutlich  zu  erkennen  glaubten  —  besitzt,
selbst  wenn  man  sie  rein  physisch-chemischen  Kräften  gleichsetzen
will,  besondere  Eigenschaften,  die  die  landwirtschaftliche  Produktion
von  der  industriellen  unterscheiden;  in  mancher  Hinsicht  ist  sie  ihr
unterlegen,  weil  ihr  Ergebnis  von  Zeit  und  Raum  abhängig  ist,  in
anderer  wieder  ist  sie  ihr  überlegen,  weil  sie  allein  jene,  nur  ihr
innewohnende  Eigenschaft  besitzt:  nämlich  die  zur  Nahrung  des
Menschen  nötigen  Dinge  hervorzubringen.  Sie  stellt  daher  gewaltige
Probleme  auf,  die  schon  Malthus  ankündigen.

§  3.  Der  Umlauf  der  Güte  r.
Die  Physiokraten  waren  die  ersten,  die  die  Verteilung  der  Einkünfte ­
  in  eine  synthetische  Theorie  faßten.  Sie  haben  zeigen  wollen,
—  was  sicherlich  eine  geniale  Idee  war  —  daß  die  Güter  von  selbst
aus  einer  Klasse  der  Gesellschaft  in  die  andere  zirkulieren,  daß  sie
kommen  und  gehen,  indem  sie  stets  den  gleichen  Kanälen  folgen,
deren  Windungen  die  Physiokraten  mit  Erfolg  nachgegangen  sind.
„Dieser  Umlauf  ist  es“,  sagt  Tuegot,  „dessen  Beständigkeit  das  Leben
des  politischen  Körpers  ausmacht,  gerade  wie  das  Leben  des  tierischen
Körpers  vom  Blutumlauf  abhängt.“  —  x
Ein  Gelehrter,  wie  Dr.  Quesnay,  der  ein  Buch  über  die  tierische
Ökonomie  geschrieben  hatte  2 )  und  die  damals  noch  ganz  neue  Entdeckung ­
  Haevey’s  kannte,  war  gerade  der  richtige  Mann,  um  diese
biologische  Idee  auf  die  Soziologie  anzuwenden.  Er  übertrug  sie  in
sein  Tableau  economique,  das  nichts  anderes  als  eine  Veranschaub

  Geschichte  der  National-Ökonomie,  I.  Teil:  Die  Zeit  vor  Adam
Smith.  Das  Buch  ist,  wie  das  Müline’s:  Die  Rückkehr  zum  Boden  (Le  retour  ä
la  Terre),  obgleich  schutzzöllnerisch,  ganz  mit  dem  Geiste  der  Physiokraten  getränkt.
2 )  Essai  phyaique  snr  l’Economie  animale,  1747.
        <pb n="43" />
        Kapitel  I.  Die  Physiokraten.

21

Hebung  der  Art  und  Weise  ist,  wie  sich  der  Umlauf  der  Einkommen
vollzieht,  und  dessen  Erscheinen  bei  seinen  Zeitgenossen  eine  unglaubliche ­
  Bewunderung  auslöste,  die  uns  heute  zum  lächeln  bringt 1 ).
Jedoch  Professor  Hectoe  Denis  erklärt,  daß  er  nicht  weit  davon
entfernt  sei,  die  Bewunderung  Mirabeau’s  zu  teilen 2 ).
Obgleich  man  seitdem  erkannt  hat,  daß  dieser  Umlauf  weit  verwickelter ­
  ist,  als  ihn  die  Physiokraten  sich  vorstellten,  ist  es  doch
der  Mühe  wert,  diese  primitive  Zeichnung  hier  zu  beschreiben 3 ).

b  „Seit  dem  Anfang  der  Welt“,  schreibt  der  Marquis  Mirabbau,  „sind  drei  Entdeckungen ­
  gemacht  worden,  die  den  politischen  Gesellschaften  ihre  Hauptstärke  gegeben ­
  haben.  -Die  erste  ist  die  Erfindung  der  Schreibkunst,  die  zweite  die  Erfindung
des  Geldes'  Die  dritte,  das  Resultat  der  beiden  anderen,  das  sie  aber  erst  ergänzt,
indem  es  das  Objekt  der  beiden  anderen  zur  Vollkommenheit  bringt,  ist  das  „Tableau
economique“,  —  die  graphische  Darstellung  der  volkswirtschaftlichen  Verhältnisse,
die  unter  allen  anderen  hervorragende  Erfindung,  die  den  Ruhm  unseres  Jahrhunderts
bildet,  und  deren  Früchte  die  Nachwelt  pflücken  wird.“  Der  Abbe  Baudeau  sagt
nicht  weniger  lyrisch;  „Ich  habe  mir  gestattet,  diese  Figuren  mit  dem  Einverständnis
des  großen  Meisters  gesondert  anzuführen,  dessen  schöpferischer  Genius  die  wunderbare ­
  Idee  dieses  Sohaubildes  erfand,  das  allen  Augen  das  Ergebnis  der  höchsten
Wissenschaft  vorführt  und  das  diese  Wissenschaft  in  ganz  Europa  zum  ewigen  Ruhm
seiner  Erfindung  und  zum  Wohl  des  Menschengeschlechts  dauernd  lebendig  baten
wird“  (S.  867).
Die  erste  Ausgabe  dieses  Tableaus,  die  nur  in  einigen  wenigen  Exemplaren
gedruckt  worden  war,  ist  verloren,  aber  ein  Korrekturbogen  ist  in  der  Pariser
Nationalbibliothek  von  einem  deutschen  Nationalökonom,  Professor  Stephan  Bauer
a n  der  Universität  Basel  gefunden  und  ira  Facsimile  von  einer  ausländischen  Gese
sc haft,  der  British  Economic  Association,  1894,  veröffentlicht  worden.
2 )  „Die  Entdeckung  des  Umlaufs  der  Güter  in  den  wirtschaftlichen  Gesellschaften ­
  nimmt  in  der  Geschichte  der  Wissenschaft  denselben  Platz  ein,  wie  die  es
Hlutumlaufs  in  der  Geschichte  der  Biologie.“  _  .
r  3 )  Das  Schaubild  Quesnay’s  zeigt  gegenübergestellte  Säulen,  und  ist  mit  Zickzacklinien, ­
  die  sich  von  einer  Säule  zur  anderen  kreuzen,  bedeckt.  Wenn  Quesnay
bfQte  lebte,  würde  er  sicherlich  von  dem  System  der  graphischen  Darstellung,  die
J)® 1  klarer  ist,  Gebrauch  gemacht  haben.  Es  nimmt  Wunder,  daß  niemand  auf  den
Gedanken  gekommen  ist,  ihm  diesen  posthumen  Dienst  zu  erweisen.  Hectoe  Denis
bat  das  „Tableau“  in  anatomische  Schaubilder  übertragen,  die  er  der  Darstellung
er  Venen  und  Arterien  im  menschlichen  Körper  gegenüberstellt.  _
Die  Tatsache,  daß  Quesnay  zur  Erklärung  seines  Schaubildes  arithmetische  Berechnungen ­
  angewendet  hat,  gibt  ihm  den  Anspruch  darauf,  bis  zu  einem  gewissen  Grade,
^ ls  Vorläufer  der  mathematischen  volkswirtschaftlichen  Schule  angesehen  zu  werden,
lim  ^  man  dnoh  nicht  unterlassen.  Vgl.  im  Journal  of  Quarterly  Economics,
0?  einen  Aufsatz  von  Prof.  Stephan  Bauer  und  im  Economic  Journa  ,  uni
18 »6,  einen  Aufsatz  von  Oncken:  „Die  Physiokraten  als  Begründer  der  mathematischen
schule.«  Übrigens  ist  Le  Trosne  noch  viel  kategorischer:  „Da  die  ökonomische
Wissenschaft  sich  mit  meßbaren  Dingen  befaßt,  kann  sie  eine  exakte,  der  Berechnung
^Sangliche  Wissenschaft  genannt  werden.  Sie  brauchte  eine  besondere  Formel,  die
hren  Zwecken  angepaßt  war  und  die  als  Stütze  der  Vernunftschlüsse  diente.  Diese
0r . mel  ist  j m  |iTableaa  economique“  gegeben“  (De  1’ordre  social  -  Uber  die
Zla  e  Ordnung  —,  eine  Abhandlung,  VIII,  S.

218).
        <pb n="44" />
        22

Erstes  Buch.  Die  Begründer.

'  Qüesnay  unterschied  drei  große  soziale  Klassen:
1.  die  produktive  Klasse,  in  die  nur  die  Landwirte  (und  vielleicht ­
  die  Fischer  und  Bergleute)  gehören;
2.  die  besitzende  Klasse,  die  nicht  nur  die  Grundbesitzer  umfaßt, ­
  sondern  auch  alle,  die  auf  Grund  eines  Eechtstitels  Hoheitsrechte ­
  ausüben:  man  sieht  hier  die  Nachwirkung  jener  feudalen  Idee,
nach  der  die  Hoheitsrechte  mit  dem  Eigentum  verbunden  sind;
3.  die  sterile  Klasse,  die  Industrie,  Handel,  Bedientenschaft
und  freie  Berufe  umfaßt.
Wo  ist  nun  die  Quelle  der  Güter,  deren  Strom  wir  verfolgen
wollen?  Selbstverständlich  in  der  ersten  Klasse,  da  sie  ja  die  einzige
produktive  ist.  itngenommen  (und  Quesnay  scheint  dabei  der  damaligen ­
  Wirklichkeit  ziemlich  nahe  gekommen  zu  sein),  daß  sie
für  5  Milliarden  Franken  Werte  erzeugt.  Davon  behält  sie  zunächst
2  Milliarden,  die  für  ihren  Unterhalt  an  Naturprodukten,  sowie  für  den
ihres  Viehbestandes,  für  Aussaat  und  Dünger  nötig  sind;  dieses  Einkommen ­
  kommt  nicht  in  Umlauf;  es  verbleibt  dort,  wo  es  entsteht.
Den  Best  ihrer  Erzeugnisse,-  3  Milliarden,  verkauft  die  landwirtschaftliche ­
  Klasse.  Da  aber  die  landwirtschaftlichen  Erzeugnisse
nicht  alle  ihre  Unterhaltsbedürfnisse  decken,  und  sie  gewerbliche
Güter  wie  Kleider,  Werkzeuge  usw.  braucht,  so  bezieht  sie  diese  von
der  Industrie,  der  sie  dafür  1  Milliarde  bezahlt.
Es  bleiben  ihr  also  nur  noch  2  Milliarden  Geld  übrig,  die  sie
der  besitzenden  und  beherrschenden  Klasse  als  Pacht  und  Abgaben
aushändigt.  Wir  werden  weiter  unten  sehen,  wie  die  Physiokraten
diesen  anscheinenden  Parasitismus  rechtfertigen.
Wenden  wir  uns  zur  besitzenden  Klasse.  Die  2  Milliarden,  die
sie  als  Pacht  erhält,  werden  von  ihr  selbstverständlich  zum  Leben  und
zwar  zum  Gut-leben  verwendet.  Hierfür  braucht  sie  einmal  Lebensmittel, ­
  die  sie  der  landwirtschaftlichen  Klasse  abkauft  (soweit  sie
dieselbe  nicht  in  natura  erhalten  hat),  und  gibt  ihr  sagen  wir
1  Milliarde  zurück;  dann  kauft  sie  von  der  unproduktiven  Klasse
für  1  Milliarde  gewerbliche  Güter.  —  Ihr  Konto  ist  damit  ausgeglichen.
Die  sterile  Klasse  nun,  die  selbst  nichts  erzeugt,  kann,  wie  die
vorhergehende,  das,  was  sie  braucht,  nur  aus  zweiter  Hand  erhalten
und  zwar  aus  den  Händen  der  produktiven  Klasse,  aber  sie  erhält
es  auf  zwei  verschiedene  Arten;  1)  1  Milliarde  von  der  landwirtschaftlichen ­
  Klasse  als  Bezahlung  einer  gleichwertigen  Menge  gewerblicher ­
  Güter  und  2)  1  Milliarde  von  der  besitzenden  Klasse,  ebenfalls ­
  als  Bezahlung  einer  gleichwertigen  Menge  gewerblicher  Güter.
Diese  letzte  Milliarde  ist  eine  der  beiden,  die  der  besitzenden  Klasse
von  der  landwirtschaftlichen  Klasse  überwiesen  wurde,  und  die  daher
einen  vollen  Kreislauf  hinter  sich  hat.
        <pb n="45" />
        Kapitel  I.  Die  Physiokraten.

23

Diese  beiden  Milliarden,  die  die  sterile  Klasse  als  Lohn  erhalten
hat,  werden  von  ihr  natürlich  für  Lebensmittel  und  Rohstoffe  für  die
Industrie  ausgegeben.  Und  da  einzig  und  allein  die  produktive  Klasse
ihr  diese  Lebensmittel  und  Rohstoffe  liefern  kann,  zahlt  sie  ihr,  der
landwirtschaftlichen  Klasse,  diese  2  Milliarden  als  Gegenwert  zurück,
so  daß  diese  beiden  Milliarden  zu  ihrer  Quelle  zurückkehren.  Mit
der  Milliarde,  die  die  besitzende  Klasse  schon  gezahlt  hat,  und  mit
den  2  Milliarden  der  nicht  verkauften  ürprodukte  besitzt  die  produktive ­
  Klasse  wieder  die  Gesamtsumme  der  5  Milliarden,  und  der
Kreislauf  kann  ewig  so  fort  gehen x ).
Diese  Zusammenfassung  gibt  nur  eine  unvollständige  Idee  der
Kreuz-  und  Quergänge  der  Einkünfte,  deren  Sprünge  die  Physiokraten
mit  kindlicher  Freude  verfolgten.  Und  dabei  ist  ihnen  all  dies
Wirklichkeit l  2 )!  Die  Tatsache,  stets  ihre  Milliarden  wieder  vollzählig
beisammen  zu  haben,  begeistert  die  Physiokraten,  und  gleich  wie  viele
unserer  heutigen  Mathematiker  unter  den  Nationalökouomen  bemerken
sie  gar  nicht,  daß  sie  am  Ende  ihrer  Rechnungen  doch  eben  nur  das
yiederfinden,  was  sie  selbst  erst  eingestellt  haben.  Selbstverständlich
mt  es  klar,  daß  dieses  Tableau  nichts  in  bezug  auf  den  Grundgedanken ­
  ihres  Systems  beweist,  nämlich,  daß  es  eine  produktive
nnd  eine  sterile  Klasse  gibt 3 ).
Das  Interessante  an  dem  Verteilungssystem  der  Physiokraten  ist
daher  nicht  die  besondere  Art,  wie  sie  sich  diese  Verteilung  vorstellen, ­
  sondern  der  Grundgedanke,  daß  der  Güterumlauf  gewissen
besetzen  unterworfen  sei,  und  daß  folglich  das  Einkommen  eines
jeden  von  diesem  Umlauf  abhänge.
In  dieser  Dreiteilung  der  Gesellschaftsklassen  fällt  der  besondere

l )  Türgot,  der  zwar  nicht  vom  Tableau  economique  spricht,  faßt  es  doch  in  dem
folgenden  Satz  sehr  gut  zusammen:  „Das,  was  der  Landarbeiter  über  seine  persönlichen ­
  Bedürfnisse  hinaus  den  Boden  erzeugen  läßt,  ist  der  einzige  Lohnfonds  —
Fonds  des  salaires  (man  beachte  diesen  Ausdruck,  der  berühmt  werden  sollte)
",  den  alle  anderen  Glieder  der  Gesellschaft  als  Tauschwert  ihrer  Arbeit  erhalten,
tndem  sie  sich  des  Preises  dieses  Tauschwertes  zum  Ankauf  der  Lebensmittel  des
Landarbeiters  bedienen,  geben  sie  ihm  nur  genau  das  wieder,  was.  sie  von  ihm  erbalten ­
  haben“  (Tuhgoi,  I,  10.  Weitere  Einzelheiten  finden  sich  bei  Abbe  Baudeau,
Fxplication  du  Tableau  economique).
a )  „Der  Vorgang  dieses  Handels  zwischen  den  verschiedenen  Klassen  und  seine
Grundbedingungen  sind  durchaus  nicht  hypothetisch.  Wer  sich  die  Mühe  nimmt,
darüber  nachzudenken,  wird  erkennen,  daß  sie  getreu  nach  der  Natur  gebildet  sind“
Quesnay,  s.  60).
3 )  Sie  bilden  es  sich  jedoch  ein:  „Man  sieht  wie  die  unproduktive  Klasse
11111  von  der  sukzessiven  Zahlung,  von  dem  Lohn  für  ihre  Arbeit,  der  untrennbar
Von  den  zum  Lebensunterhalt  verwendeten  Ausgaben  ist,  abhängt  ...  M  ansieht,
daß  es  sich  nur  um  Verbrauch  und  Gütervernichtung,  nicht  um  neue  Gütererzeugung,
bandelt“  (Q ÜBSNAYj  id .)
        <pb n="46" />
        24

Erstes  Buch.  Die  Begründer.

Platz  auf,  den  die  besitzende  Klasse  einnimmt.  Hierin  liegt  ein
ganz  eigentümlicher  Zug  der  physiokratischen  Lehre.
Jeden,  der  das  eben  beschriebene  Tableau  nicht  mit  physiokratischen ­
  Augen,  sondern  von  unserem  modernen  Standpunkt  aus
betrachtet,  wird  das  Dasein  dieser  Klasse  befremden  und  empören,
dieser  Klasse,  die  ohne  irgendwelche  Gegenleistung  zwei  Fünftel  des
Volkseinkommens  für  sich  erhebt;  und  jeder  würde  annehmen,  daß
Quesnay  und  seine  Nachfolger,  indem  sie  das  Parasitentum  dieser
Klasse  so  scharf  hervorheben,  wenn  nicht  offensichtlich,  so  doch  in
der  Tendenz  ihrer  Werke  dem  Sozialismus  vorarbeiteten.  Doch  wieweit ­
  waren  sie  von  jedem  derartigen  Gedanken  entfernt!  Sie  haben
keine  Ahnung  gehabt,  in  welche  schiefe  Lage  sie  die  Grundbesitzer
brachten.  Im  Gegenteil,  sie  sind  ihnen  gegenüber  voller  Ehrerbietung.
Nicht  sie,  sondern  die  Industrie  und  die  Industriearbeiter  werden
von  ihnen  mit  dem  Ausdruck  steril,  unproduktiv  bedacht!  Aus  diesen
Großgrundbesitzern  machen  sie  die  Grundlage  der  ganzen  natürlichen
Ordnung.  Sie  umkleiden  sie  mit  einer  Art  wirtschaftlichen  Hohenpriestergewandes ­
  ;  der  Besitzer  hat  das  Amt,  den  Menschen  das  Brot
auszuteilen,  das  Brot  des  Lebens;  nur  durch  seine  Hand  werden  alle
der  Kommunion  teilhaftig.  Er  ist  eine  göttliche  Einrichtung:  so
schreiben  sie  selbst 1 ).  Eine  derartige  anbetende  Verehrung  bedarf
einer  Erklärung.
Anscheinend  hätten  die  Physiokraten  doch  die  von  ihnen  selbst
ausdrücklich  als  produktiv  bezeichnete  Klasse,  nämlich  die  Leiter
der  Landwirtschaft,  die  damals  alle  Pächter  oder  Halbscheidpächter
waren,  an  die  erste  Stelle  setzen  müssen!  Pächter  und  Halbscheidpächter ­
  haben  aber  die  Erde  nicht  gemacht;  sie  haben  sie  erst  von
dem  Besitzer  erhalten.  Ihm  gebührt  der  Vorrang  noch  vor  der  produktiven ­
  Klasse,  denn  er  ist,  nach  Gott,  der  erste  Verteiler  allen
Reichtums 2 ).
Es  ist  überflüssig,  besonders  auf  diese  merkwürdige  Verirrung
hinzuweisen,  auf  Grund  derer  sie  den  wirklichen  Schöpfer  der  Erde
und  ihrer  Produkte  nicht  in  dem,  der  sie  bearbeitet,  sondern  in  dem
Müßiggänger  sahen.  Doch  läßt  sich  dies  zunächst  gerade  aus  der
‘)  „Es  ist  unmöglich,  das  Besitzrecht  nicht  als  eine  göttliche  Einrichtung  anzuerkennen, ­
  die  das  Mittel  ist,  auf  Grund  dessen  wir  bestimmt  sind,  als  zweite  Ursache, ­
  das  große  Werk  der  Schöpfung  fortznsetzen  und  die  Absichten  seiner  Urheber
zu  fördern“  (La  EiVikRB,  S.  618),
„Die  Gesellschaftsordnung  setzt  unbedingt  diese  dritte  Klasse  von  Bürgern
voraus,  die  die  ersten  Vorbereiter  und  Hüter  der  Bodenkultur  und  die  verwaltenden
Besitzer  des  Reinertrags  sind“  (Quesnay,  S.  186).
2 )  „Unmittelbar  unter  den  Grundbesitzern  ist  die  produktive  Klasse,  deren
Arbeit  die  Grundvorschüsse  bedingt  und  von  denen  sie  selbstverständlich  abhängt“
(Baudbau,  8.  691).
        <pb n="47" />
        Kapitel  I.  Die  Physiokraten.

25

Logik  ihrer  Doktrinen  erklären.  Es  ist  nämlich  zuerst  darauf  hinzuweisen, ­
  daß  die  Physiokraten  der  Arbeit  nicht  die  hohe  Stellung
zusprechen  konnten,  die  wir  ihr  heute  beilegen,  da  für  sie  die  Arbeit
keineswegs  Güter  schuf,  —  und,  was  wohl  zu  beachten  ist,  die  Arbeit
des  Landarbeiters  ebensowenig,  wie  die  des  Industriearbeiters;  wenn
sie  die  erste  produktiv  nannten,  so  lag  das  daran,  weil  die  Natur
mitarbeitete,  denn  nur  diese,  aber  nicht  der  Arbeiter,  schafft  Güter*).
Weiterhin  kann  man  diese  Auffassung  aus  dem  Milieu  heraus,
in  dem  sie  lebten,  erklären.  Da  sie  seit  den  Feudalzeiten  nur  Gemeinwesen ­
  kannten,  die  von  müßigen  Großgrundbesitzern  regiert  und
sowohl  wirtschaftlich,  wie  politisch  geleitet  wurden,  erlagen  sie  in
bezug  auf  die  Notwendigkeit  des  Großgrundbesitzes  derselben  Illusion,
in  der  Aristoteles  hinsichtlich  der  Notwendigkeit  der  Sklaverei  befangen ­
  war 2 ).
Wenn  jedoch  die  Physiokraten  die  Angriffe  nicht  voraussahen,
He  später  auf  das  Grundeigentum  niederhageln  sollten,  so  haben  sie,
besonders  der  Abbe  Baudeau,  doch  nicht  unterlassen,  es  zu  erklären
Un d  zu  rechtfertigen.  Die  von  ihnen  vorgebrachten  Begründungen
müssen  um  so  eher  erwähnt  werden,  als  die  konservativen  Nationalbkonomen
  während  hundert  Jahren  nicht  müde  geworden  sind,  sich
ihrer  zu  bedienen.
Die  ihnen  am  stärksten  erscheinende  Begründung,  wenigstens
führen  sie  sie  am  öftersten  an,  besteht  darin,  daß  der  Besitzer  oder  seine
bevollmächtigten  das  Land  urbar  gemacht  haben.  Folglich  verdankt
selbst  die  produktive  Klasse  nur  ihnen,  daß  sie  das  Produktionsmittel
i 11  Händen  hat.  Sie  sind  es,  die  stets  und  noch  immer  das,  was  die
Physiokraten  die  grundlegenden  Vorschüsse  (avances  foncieres)
Jümnen,  leisten,  d.  h.  die  Ausgaben  für  Rodung,  Einfriedigung,  Gebäude
  usw. 8 ).  Der  Großgrundbesitzer  erscheint  ihnen  daher  keines-.

  }  Es  muß  darauf  hingewiesen  werden,  daß  die  Physiokraten  niemals  von  landk
 e i n Scna hlichen  Arbeitern  sprechen:  Man  könnte  fast  meinen,  daß  es  zu  ihrer  Zeit
gegeben  habe!  Ihre  Fürsorge  für  die  Landwirte  erstreckt  sich  nicht  tiefer,

als
Wenn

au f  die  Kategorie  der  Pächter  und  Halbscheidpächter.

Sv«t  aicht  ohne  Übertreibung,  ihre  Lehre  als
bezeichnen  können.

ein

Deshalb  hat  Weulbessb,
„durchaus  kapitalistisches

u  2 )  nEbensogut,  wie  man  sie  die  Klasse  der  Besitzenden  nennt,  kann  man  s,e
p' ch  Eiasse  der  Adligen  nennen,  denn  in  diesem  Sinn  ist  der  Adel  anstatt  eine
Chimäre  zu  sein,  wie  man  manchmal  sagt,  eine  den  zivilisierten  Reichen  sehr  nutz
lc  e  Wirklichkeit“  (Baudeau,  S.  670).  ...  .
k  S )  »An  dritter  Stelle  (auch  wenn  sie  meistens  an  die  erste  gesteht  werden)
kommen  die  Großgrundbesitzer,  die-  den  Boden  rodeten,  Gebäude  e ™ ch, f“-«anzungen
  anlegten  und  Einfriedigungen  auf  ihre.Kosten  machten,  oder  aber  die
Ausgaben  zurttckerstatteten,  indem  sie  schon  fertig  ausgerüstete  Erbliegenschaften
^kauften  .  .  .  D iese  Rente  gehört  uns,  werden  sie  sagen,  aus  Gründen  der  Ge-®ohtigkeit
  und  Weisheit,

gehört  uns,  werden  sie  sagen,
da  wir  für  den  Boden  Ausgaben

für  Unterhaltsmittel
        <pb n="48" />
        26

Erstes  Buch.  Die  Begründer.

wegs  als  Parasit,  nicht  einmal  als  ein  sein  Einkommen  aus  zweiter
Hand  erhaltender  Stipendiat,  wie  der  Fabrikant.  Sein  Anteil  gebührt
ihm  optimo  jure,  kraft  eines  Rechtes,  das  älter  und  höher  ist  als  das
des  Landwirtes.  Denn  wenn  der  Landwirt  das  Erzeugnis  macht,  so
hat  er,  der  Besitzer,  den  Boden  gemacht.  Man  könnte  die  drei  Gesellschaftsklassen ­
  der  Physiokraten  mit  drei  Personen  vergleichen,
die  sich  in  das  Wasser  eines  Brunnens  teilen:  Die  produktive  Klasse

vorgestreckt  haben,  die  wir  zu  unterhalten  und  zu  bewahren  beauftragt  sind  (Baudeau,
Philosophie  economique,  S.  757).  „Die  erste  Kraft,  deren  Reproduktion  nötig
ist,  ist  der  der  Gesellschaft  unentbehrlichste  Mensch.  Diese  erste  Kraft  ist  der
Grundbesitzer:  Daher  beruht  die  Rechtfertigung  seiner  Vorrechte  auf  der  physischen
Notwendigkeit  der  Reproduktion“  (La  Rivöke,  S.  466—467).
„Durch  Ausgaben  erwirbt  sich  der  wahre,  gerechte  und  nützliche  Grundbesitz.
Bis  zum  Augenblick,  wo  diese  ersten  Grund-Vorschüsse  eintreten,  ist  das  Eigentum
nur  das  exklusive  Recht,  den  Boden  eines  Tages  produktiv  zu  machen“  (Baüeeau,
S.  851),  d.  h.,  solange  als  der  Boden  nicht  instand  gesetzt  ist,  beschränkt  sich  das
Eigentum  auf  die  einfache  Okkupation.
Die  Physiokraten  unterschieden  drei  Arten  von  Vorschüssen:
1.  Die  jährlichen  Vorschüsse  (avances  annuelles),  die  die  Kosten  der  Bestellung ­
  in  jedem  Jahr  vorstellen,  —  wie  Saat,  Dünger,,  Arbeitsleistungen  und,
natürlich,  die  Unterhaltungskosten  der  Arbeiter.  Diese  Vorschüsse  müssen  jährlich
vollständig  durch  die  Jahresproduktion  ersetzt  werden.  Wir  nennen  das  heute
Betriebskapital.
2.  Die  primären  Vorschüsse  (avances  primitives),  wie  Ankauf  von  Vieh  und
Geräten,  die  eine  mehr  oder  weniger  lange  Reihe  von  Erzeugungsarbeiten  aushalten
und  daher  in  einem  Jahr  nur  zu  einem  Bruchteil  wieder  eingebracht  werden  müssen.
Man  sieht  hier  sehr  gut  die  seit  dem  klassisch  gewordene  Unterscheidung  zwischen
fixem  Kapital  und  Betriebskapital,  die  Amortisation  des  ersteren  gegenüber  der
völligen  Rückerstattung  des  zweiten.  Es  war  ihnen  auch  nicht  entgangen,  daß  eine
verständige  Erhöhung  der  primären  Vorschüsse,  eine  Verminderung  der  jährlichen
Vorschüsse  gestattet.
Diese  Gedanken  waren  damals  sehr  neu  und  sind  der  Wissenschaft  vollständig
einverleiht  worden,  nur  mit  dem  Unterschied,  daß  sie,  anstatt  allein  auf  die  landwirtschaftliche ­
  Produktion  beschränkt  zu  sein,  auf  alle  Produktion  überhaupt  ausgedehnt ­
  wurden.
3.  Die  grundlegenden  Vorschüsse  (avances  foncieres)  sind  die,  deren  Zweck
die  Vorbereitung  des  Bodens  für  die  Bearbeitung  ist  (offenbar  hätten  sie  besser
primäre  Vorschüsse  —  avances  primitives  —  genannt  werden  sollen).
Die  beiden  ersten  Arten  von  Vorschüsse  sind  die,  die  dem  Landwirt  zufallen
und  ihm  ein  Anrecht  auf  einen  Lohn  schaffen,  der  wenigstens  genügen  muß,  um  sie
zurückzuerstatten.
Die  dritte  Art  fällt  dem  Besitzer  zu  und  sie  ist  es,  die  ihm  ein  Recht  auf  den
Grundbesitz  gibt.“  Ehe  man  einen  Pächter  einsetzen  und,  eine  jährliche,  regelmäßige ­
  und  fortlaufende  Feldbestellung  vornehmen  kann,  sind  Gebäude,  Scheunen  und
Ställe,  Wege,  Pflanzungen,  Bodenbearbeitung,  Entfernung  von  Steinen,  Stämmen  und
Wurzeln,  Wasserlaufregnlierungen  und  Schutzstätten  nötig.  —  Das  sind,  werter  Herr,
die  grundlegenden  Vorschüsse,  die  wahren  Arbeiten  des  Besitzers,  die  wahre  Begründung ­
  seines  Besitzrechtes“  (Baudeau,  Ephemerides,  Mai  1776,  Antwort  a»
Condillac).
        <pb n="49" />
        Kapitel  I.  Die  Physiokraten.

27

zieht  das  Wasser  in  Eimern  aus  dem  Brunnen.  Die  besitzende  Klasse
erhält  es  aus  ihren  Händen,  ohne  etwas  dafür  zu  geben,  da  sie  es
War,  die  den  Brunnen  gegraben  hat.  Die  sterile  Klasse  hält  sich  in
respektvoller  Entfernung  und  muß  das  Wasser  des  Brunnens  mit  ihrer
Arbeit  bezahlen.
Nur  liegt  hierin  ein  Widerspruch,  den  die  Physiokraten  nicht
bemerkt  zu  haben  scheinen.  Wenn  das  Einkommen  des  Besitzers
nur  ein  Entgelt  für  seine  Vorausgabe,  seine  Kosten  vorstellt,  dann
ist  es  kein  Geschenk  der  Natur!  und  der  Reinertrag  löst  sich  in
nichts  auf,  da  er  ja,  auf  Grund  der  Definition  selbst,  nur  das  ist,
Was  von  dem  Bruttoertrag  nach  Rückzahlung  der  Kosten  übrig  bleibt,
nämlich  der  Überschuß  über  die  Produktionskosten.  Bei  dieser  Erklärung ­
  aber  bleibt  kein  Überschuß.  Folglich  beziehen  die  Grundbesitzer ­
  ihr  Einkommen  nur  als  Kapitalisten  und  nicht  als  Vertreter
Lottes!
Wenn  die  Grundvorschüsse  den  Rechtsgrund  des  Besitzes  bilden,
S °H  man  da  glauben,  daß  sie  nicht  auch  sein  Maß  und  seine  Grenze
bestimmen  und  daß  das  Einkommen  aus  Grundbesitz  keinen  notwendigen ­
  Zusammenhang  mit  ihnen  hat?
Oder  soll  man  das  Einkommen  der  besitzenden  Klasse  in  zwei
j-Gle  zerlegen:  einen  nicht  verfügbaren,  der  für  sie  in  der  Tat  nur
die  Wiedererstattung  ihrer  Vorschüsse  ist,  ebenso  wie  das  Einkommen
der  Pächter,  und  einen  anderen,  der  als  Überschuß  nun  den  Reinertrag ­
  ausmacht?  Wie  können  sie  aber  dann  die  Aneignung  dieses
Reinertrages  rechtfertigen  ?
Sehr  einfach!  Schon  bringen  sie  ein  anderes  Argument;  das  der
0 zia  1  en  Nützlichkeit:  die  landwirtschaftliche  Erschließung  des
odens  würde  aufhören,  behaupten  sie,  und  die  einzige  Quelle  aller
ater  versiegen,  wenn  man  demjenigen,  der  den  Boden  urbar  gemacht
la t,  das  Recht  absprechen  wollte,  die  Früchte  seines  Fleißes  zu  ernten  r ).
Es  ist  kaum  nötig,  auf  den  Widerspruch  zwischen  diesem  und
em  vorigen  Beweisgrund  hinzuweisen.  Soeben  sagten  sie,  der  Boden
m uß  Eigentum  sein,  weil  er  urbar  gemacht  worden  ist.  Jetzt
Sa gen  gie ;  der  Boden  muß  Eigentum  sein,  weil  er  sonst  nicht
rt  bär  gemacht  würde.  Dort  wird  die  Arbeit  als  grundlegende
1  Sache  der  Produktion,  hier  als  ihr  Endzweck  angenommen.
,  W  eiterhin  sagen  die  Physiokraten,  daß  das  Eigentum  an  Grunde
 sitz  sich  ganz  einfach  aus  dem,  was  sie  persönliches  Eigentum
rtnen,  als  notwendige  Folge  ergibt,  d.  h.  aus  dem  Rechte  eines  jeden
j[ a  .  ^  »Ohne  die  Sicherheit  des  Besitzes  würde  das  Land  öde  liegen“  {Qüesnay,
^icht”' 6 )  ”Ah es  wäre  verloren,  wenn  das  Eigentumsrecht  auf  die  Erzeugnisse
jede  rf.  uso  s ' e her  gestellt  wäre,  wie  das  auf  den  Grund  und  Boden,  wie  das,  das
mzelperson  auf  sich  selbst  hat“  (Düpont  I,  S.  26).
        <pb n="50" />
        28

Erstes  Buch.  Die  Begründer.

Menschen,  für  seine  Erhaltung-  zu  sorgen;  denn  das  Eecht,  für  seine
Erhaltung  zu  sorgen,  schließt  das  Eecht  auf  bewegliches  Eigentum
ein  und  dieses  wieder  das  Eecht  auf  Eigentum  an  Grundbesitz:  „die
drei  Arten  Eigentum  sind  folglich  so  eng  verbunden,  daß  man  sie  als
ein  einziges  Eecht  ansprechen  muß,  von  dem  keiner  der  drei  Bestandteile ­
  losgelöst  werden  kann,  ohne  daß  die  beiden  anderen  mit  zerstört
werden“  J ).  Und  in  der  Tat  zeigen  die  Physiokraten  nicht  nur  für
das  Eigentum  an  Grundbesitz  so  große  Achtung,  sondern  überhaupt
für  alles  Eigentum.  „Die  Sicherheit  des  Eigentums  ist  die  Grundbedingung ­
  der  ökonomischen  Gesellschaftsordnung“  schreibt  Qdesnay *  2 ),
und  Mekcxee  de  la  Ei  viere  sagt:  „Man  kann  das  Eigentumsrecht
wie  einen  Baum  betrachten,  an  dem  die  verschiedenen  sozialen  Einrichtungen ­
  wde  die  Äste  von  selbst  gewachsen  sind“ 3 ).  Bis  in  die
stürmischsten  Zeiten  der  französischen  Eevolution  und  der  Schreckensherrschaft ­
  findet  man  diesen  Kultus  des  Eigentums;  als  jede  Achtung
vor  dem  menschlichen  Leben  geschwunden  war,  blieb  doch  die  Achtung
vor  dem  Eigentum  bestehen.
Man  sieht,  daß  die  Eüstkammer,  ans  der  die  Verteidiger  des  Großgrundbesitzes ­
  ihre  Waffen  holen  sollten,  schon  so  ziemlich  gefüllt  war 4  * ).
Wenn  die  Physiokraten  auf  der  einen  Seite  das  Grundeigentum ­
  kräftig  verteidigten,  so  haben  sie  ihm  auf  der  anderen  Seite
zahlreiche  und  strenge  Pflichten  auferlegt,  die  das  Gegenstück  seiner
hohen  Würde  bilden.  Nicht  die  Autorität  soll  diese  Pflichten  in
Paragraphen  fassen,  dafür  aber  der  Verstand  und  die  guten  Sitten“  6  * ).
Diese  Pflichten  sind:
1.  Ohne  Unterlaß  ihr  Werk  betreiben,  nicht  das  der  Bearbeitung,
die  sie  nichts  angeht,  sondern  die  Instandsetzung  weiteren  Bodens:
die  Grundvorschüsse  sind  fortzusetzen 8 ).

*)  La  EivifcBE  I,  8.  242.
2 )  Maxime  IV.
s )  SS.  615,  617.
4 )  Hier  ist  einer  der  zahlreichen  Unterschiede  zwischen  Tuegot  und  den  Physiokraten ­
  zu  beachten:  Tuhgot  ist  weit  weniger  von  dem  sozialen  Nutzen  des  Grundbesitzes ­
  und  der  Kechtmäßigkeit  des  Besitzrechtes  der  Grundbesitzer  überzeugt.  Br
erklärt  ihren  Ursprung  ganz  einfach  als  eine  historische  Tatsache,  die  der  Besitzergreifung, ­
  und  schwächt  dadurch  ganz  bedeutend  die  Beweisführung  der  Physiokraten. ­
  „Die  Erde  bevölkerte  sich;  man  machte  sie  mehr  und  mehr  urbar.  Vom
besten  Boden  war  zum  Schluß  übeiall  Besitz  ergriffen  worden;  für  die  zuletzt  gekommenen ­
  blieb  nur  sandiger,  öder,  unfruchtbarer  Boden,  den  die  Ersten  liegen
gelassen  hatten.  Zum  Schluß  aber  fand  jedes  Stück  Land  seinen  Herrn  und  die,  die
keinen  Boden  haben  konnten,  hatten  keinen  anderen  Ausweg,  als  die  Arbeit  ihrer
Arme  gegen  den  Überfluß  der  Nahrungsmittel  der  Grundbesitzer  einzutauschen“
(I,  S.  12).  Damit  sind  wir  nicht  weit  von  der  Theorie  Eicabdo’s  entfernt.
6 )  Baudeau  S.  378.  •
6 )  „Ein  Grundbesitzer,  der  stets  die  Grund-Vorschüsse  seines  Erbgutes  auf
        <pb n="51" />
        Kapitel  I.  Die  Physiokraten.

29

2.  die  Austeiler  der  von  der  Natur  erzeugten  Güter  im  Interesse
der  Allgemeinheit,  die  Verwalter  der  Gesellschaft  zu  sein 1 );
3.  die  Muße  ihres  Lebens  dazu  zu  verwenden,  der  Gesellschaft
unentgeltlich  all  jene  Dienste  zu  leisten,  deren  sie  nicht  entbehren ­
  kann;
4.  die  Gesamtheit  der  Steuern,  wie  wir  sehen  werden,  zu
zahlen,  und
5.  vor  allem  die  Landwirte,  ihre  Pächter,  zu  schützen  und  sie  nicht
zu  bedrücken,  indem  sie  ihnen  mehr  als  den  Reinertrag  abnehmen.
Allerdings  gehen  die  Physiokraten  nicht  so  weit,  von  dem  Besitzer  zu
verlangen,  ihnen  einen  Teil  dieses  Reinertrages  zu  überlassen,  aber
S1 e  beschwören  ihn,  ihnen  wenigstens  den  Betrag  ihrer  reichlich  besessenen ­
  jährlichen  und  primären  Vorschüsse  (avances  annuelles
et  primitives),  zu  lassen.  Dies  ist  zwar  nicht  viel,  aber  für  die  damalige ­
  Zeit  doch  immer  etwas.  „Ruft  nur:  Wehe  den  Besitzern,
''ehe  den  Herrschern!  Wehe  allen  Ländern,  wenn  den  Landwirten
lese  Rückzahlungen  genommen  werden,  wenn  die  Erde,  von  deren
Sichtbarkeit  alles  abhängt,  bestohlen  wird!  —  .  .  Überzeugt  Euch
"°hl,  daß  das  Los  dieser  kostbaren  Menschen,  die  ihren  Besitz  oder
en  Anderer  bearbeiten,  Niemandem  gleichgültig  sein  kann  .  .  .,  daß
a  j es &amp;gt;  was  sie  bedrückt,  erniedrigt,  beeinträchtigt,  beraubt,  der  Gesellschaft ­
  die  tiefsten  Wunden  schlägt,  daß  alles,  was  sie  erheben,
a  es,  was  zu  ihrem  Wohlsein,  ihrer  Befriedigung,  ihrem  Reichtum
eitragen  würde,  eine  Quelle  des  Glücks  für  sämtliche  Klassen  ist“  2 ).
?, er  Hübe  hält,  tut  das  nützlichste,  was  ein  Privatmann  überhaupt  auf  Erden  tun
kai *  (Baudbau).
e  )  &amp;gt;,Bie  Reichen  sind  die  Verwalter  der  Ausgaben,  mit  denen  sie  die  Arbeiter
nnen;  sie  würden  die  Letzteren  sehr  schädigen,  wenn  sie,  um  diese  Ausgaben
er sparen,  arbeiteten“  (Quesnay  I,  S.  193).
str  Baudeau,  S.  835,  839.  Auch  Mekciee  de  la  RivijSee  schreibt  nicht  weniger
den  ”® s  lst  bei  Strafe  der  Vernichtung  der  Erzeugnisse  und  der  Gesellschaft
Zu m  Großgrundbesitzer  und  Jeder  menschlichen  Macht  verboten,  etwas  von  dem  Teil
nehmen,  der  von  den  Produkten  beiseite  zu  setzen  ist.  um  diese  Vorschüsse
kiin  U  ZU  mac l i en“  (S.  467).  Wenn  sie  die  Geschichte  Irlands  hätten  voraussehen
? en &amp;gt;  so  würden  sie  dort  eine  bemerkenswerte  Bestätigung  ihrer  Ansichten  geme
 n  haben.
hahen^ r ' r  erillnern  Jedoch  hierbei,  worauf  wir  schon  oben  (S.  25,  Anm.  1)  hiugewiesen
der  i?  die  Physiokraten,  wenn  sie  von  dem  Recht  des  Landwirtes  auf  einen  Teil
empj^ 1  '% n isse  sprechen,  nur  die  Pächter  und  Halbscheidpächter,  aber  nicht  die  lohngnjj
  , n ^ en .^ ei1  landwirtschaftlichen  Arbeiter  im  Auge  hatten;  für  die  letzteren  be-Man
  w  Si . e  S1C E  die  Forderung  aufzustellen,  daß  sie  reichlich  zu  leben  haben  sollten,
zu  re i  a  Sle  s °gar  im  Verdacht  gehabt,  als  ob  sie  befürchteten,  die  Arbeiter  möchten
op.  0 j t  T  lcl1  zu  leben  haben,  da  sie  daun  mit  arbeiten  aufüören  würden  (vgl.  Wkolersse,
führt  et  passim).  Diese  Beschuldigung  erscheint  aber  ungerecht.  Wbulbbssb
Presser 6 ;  S *  ^°rte  Quesnay’s  an,  mit  denen  er  gegen  die  „Behauptung  der  Br-’
  a “  die  Bauern  arm  sein  müssen,  um  sie  am  faulenzen  zu  hindern,“  protestierte.
        <pb n="52" />
        30

Erstes  Buch.  Die  Begründer.

Diese  warmherzigen  Worte,  die  damals  keineswegs  banal  waren,
wiegen  ein  wenig  die  Begünstigung  auf,  die  die  Physiokraten  der
Klasse  der  Grundbesitzer  erzeigten,  von  der  sie  weiter  nichts  als
einige  soziale  Dienste  forderten,  die  noch  dazu  jeder  offiziellen  Bestätigung ­
  ermangelten.

II.
Bisher  sind  wir,  wie  die  Physiokraten,  in  dem  Bereich  der  Theorie
geblieben.  Ihr  Einfluß  hat  sich  aber  am  stärksten  im  Gebiet  der
angewandten  Nationalökonomie,  der  Handelsgesetzgebung,  der  Betätigung ­
  des  Staates  und  der  Steuerverteilung  fühlbar  gemacht 1 ).
§  1.  Der  Han  del.
Der  Tausch,  auf  die  einzige  und  wesentliche  Handlung  des:
„do,  ut  des“  zurückgeführt,  erzeugt  nach  der  Meinung  der  Physiokraten ­
  überhaupt  nichts:  denn  auf  Grund  seiner  Definition  bedingt,
er  die  Gleichwertigkeit  der  getauschten  Gegenstände.  Wenn  daher
jede  der  beiden  Parteien  genau  den  Gegenwert  dessen,  was  sie  hergegeben ­
  hat,  erhält,  wo  bleiben  dann  die  neugeschaffenen  Werte?
Zwar  kann  der  Tausch  „leoninisch“  sein  und  eine  der  beiden  Parteien ­
  auf  Kosten  der  anderen  bereichern,  aber  auch  in  diesem  Falle
gibt  es  keine  Schaffung  neuer  Werte,  da  der  eine  gewinnt,  was  der
andere  verliert 2 ).  Wenn  ich  meine  Flasche  Wein  gegen  dein  Brot

*)  Man  mag  wohl  erstaunt  sein,  in  dieser  Aufzählung  nichts  über  die  Freiheit
der  Arbeit,  nämlich  die  Abschaffung  der  Zünfte,  zu  finden,  eine  Tat,  die  man  den
Physiokraten  zur  Ehre  angerechnet  hat.  Es  ist  aber  zu  bemerken,  daß  sie  sich
selten  in  ihren  Schriften  damit  beschäftigt  haben,  zweifellos  weil  bei  ihrer  Auffassung
der  industriellen  Arbeit  als  unproduktiv  Reformen  in  der  Organisation  dieser  Arbeit
sie  nur  wenig  berührten.  Sie  haben  jedoch  gegen  die  Vorschrift,  die  die  Ausübung ­
  eines  Gewerbes  an  eine  königliche  Genehmigung  knüpfte,  protestiert:  „Für
aufrichtige  Menschen  der  elendeste  Grundsatz,  den  der  Geist  der  Herrschsucht  und
des  Raubes  jemals  erfunden  hat“,  schreibt  Baudeau  in  den  Ephemeriden  (1768,  IV)-Mit
  Recht  spricht  man  daher  der  physiokratischen  Lehre  das  Verdienst  Jenes  berühmten ­
  Edikts  Tdrgot’s  vom  Januar  1776  zu,  durch  das  die  Meisterschaften  (Zünfte)
aufgehoben  und  die  Freiheit  der  Arbeit  für  alle  proklamiert  wurde.
2 )  „Der  Tausch  ist  ein  Gleichheitsvertrag,  der  zwischen  gleichen  Werten  stattfindet.
  Er  ist  daher  kein  Bereicherungsmittel,  da  man  eben  so  viel  gibt,  wie  man
erhält,  sondern  ein  Mittel,  die  nötigen  Bedarfsgegenstände  zu  erwerben  und  in  di®
Annehmlichkeiten  Abwechslung  zu  bringen  (Le  Tbosne,  S.  903—904).  Was  bedeutet
aber  „Bedarfsgegenstände  zu  erwerben  und  in  die  Annehmlichkeiten  Abwechslung
zu  bringen“,  wenn  nicht  seinen  Reichtum  vergrößern!
        <pb n="53" />
        Kapitel  I.  Die  Physiokraten.

31

Austausche,  so  findet  eine  doppelte  Ortsveränderung  an  Gütern
statt,  die  sicherlich  die  Bedürfnisse  eines  jeden  von  uns  beiden  besser
befriedigt.  Eine  Schöpfung  von  Werten  ist  jedoch  nicht  erfolgt,  da
auf  Grund  der  Definition  die  ausgetauschten  Gegenstände  gleichwertig
sind.  Heute  folgern  wir  ganz  anders.  Die  Yolkswirtschaftler  haben
darauf  hingewiesen,  daß,  wenn  ich  meinen  Wein  gegen  dein  Brot
vertausche,,  dies  ohne  Zweifel  darauf  beruht,  weil  ich  mehr  Hunger
als  Durst  spüre,  während  umgekehrt  du  mehr  Durst  als  Hunger  hast;
folglich  hat  die  Flasche  Wein,  dadurch,  daß  sie  von  mir  auf  dich
'ibergeht,  an  Nützlichkeit  gewonnen,  wie  gleicherweise  das  Brot,  das
von  dir  auf  mich  übergegangen  ist.  In  dieser  doppelten  Nützlichkoitsvermelirung
  sehen  wir  eine  wirkliche  Vermehrung  an  Wert.
Dieser  Gedankengang  würde  aber  den  Physiokraten  absurd  erschienen
sein »  da  sie  unter  Werten  (richesses)  nur  materielle  Güter  verstanden
Ull d  nicht  eingesehen  hätten,  daß  man  die  Schaffung  von  weiter  nichts
a ls  subjektivem  Nutzen  produktiv  nennen  kann.
'  Was  den  Handel  anbelangt,  so  wissen  wir  schon,  daß  sie  den
Kaufmann  zusammen  mit  dem  Fabrikanten  in  die  sterile  Klasse  verlesen. ­
  Das  ist  an  sich  schon  bezeichnend  genug.  Es  ergab  sich
araus,  daß  alle  seit  2  Jahrhunderten  vom  Merkantilismus  gelehrten
beorien,  die  im  Außenhandel  das  wahre  Bereicherungsmittel  eines
a "des  sahen,  zusammenbrachen.  Die  Merkantilisten  stellten  sich  den
1  .at  unter  dem  Bilde  eines  reichen  holländischen  Kaufherrn  vor;
16  Physiokraten  aber  unter  dem  eines  Landedelmannes,  der  auf  und
v °a  seinen  Landgütern  lebt.
Der  Außenhandel  bringt  ebensowenig  wie  der  Innenhandel  irgend-.
  eben  wirklichen  Reichtum  hervor;  alles,  was  er  hervorbringt,  ist
11  Gewinn,  was  etwas  ganz  anderes  ist;  denn  das,  was.  der
ei ae  gewinnt,  büßt  der  andere  ein.'  „Alle  handeltreibenden  Völker
ben  in  ( j em  Glauben,  daß  sie  sich  durch  den  Handel  bereichern;
er &amp;gt;  wie  eigentümlich,  alle  glauben  sich  zu  bereichern,  indem  sie  an
en  anderen  verdienen.  Man  muß  zugeben,  daß  dieser  vorgebliche
_  e winn,  so  wie  sie  ihn  auffassen,  etwas  ganz  wunderbares  ist,  denn
ac b  dieser  Meinung  gewinnt  jeder  und  verliert  keiner“ 1 ).'  Es  unterst ­
  keinem  Zweifel,  daß  ein  Land  gezwungen  sein  kann,  Güter  aus
un?  ^ Uslan(i  kommen  zu  lassen,  die  es  sejbst  nicht  erzeugen  kann,
^  ihm  solche  abzulassen,  die  es  selbst  nicht  verbrauchen  kann.
stla lb  ist  der  Außenhandel  unentbehrlich,  aber  er  ist,  sagt  Mbeciee
tvi  DivifeEE  nnd  er  unterstreicht  das  Wort:  ein  notwendiges
u  Del

)  Mbeciee  de  LA  ßlVlfeRB,  S.  545.
)  s.  548.
        <pb n="54" />
        32

Erstes  Buch.  Die  Begründer.

(  Qüesnat  begnügt  sich,  ihn  einen  Notbehelf  zu  nennen : ).  '  Der
einzig  wirklich  nützliche  Tausch  ist  der,  welcher  die  Erzeugnisse
direkt  aus  der  Hand  des  Landwirtes  in  die  des  Verbrauchers  bringt,
denn  sonst  nützen  diese  Erzeugnisse  nichts  und  verderben  in  der
Hand  des  Erzeugers.  Der  Tausch  aber,  der  im  Ankauf  dieser  Erzeugnisse ­
  zum  Zweck  des  Weiterverkaufes  besteht,  und  den  sie
Handel  —  trafic  —  nennen  (er  allein  bedeutet  heute  im  juristischem
Sinne  des  Wortes  Handelstätigkeit),  ist  weiter  nichts  als  eine  Güterverschwendung; ­
  ein  Teil  davon  wird  sogar  von  dem  Händler  aufgezehrt ­
  *  2  *  *  *  *  * ).  Den  gleichen  Gedanken  finden  wir  viel  später  bei  Caeey.
Geistreich  vergleicht  Meecier  de  la  Ri  viere  die  Kaufleute  mit
Spiegeln,  die  so  aufgestellt  sind,  daß  sie  zu  gleicher  Zeit  und  nach
verschiedenen  Richtungen  das  Bild  desselben  Gegenstandes  wiedergeben. ­
  Wie  diese  Spiegel  scheinen  sie  die  Gegenstände  zu  vermehren
und  täuschen  so  das  Auge,  das  sie  nur  oberflächlich  sieht 8 ).
Nun  gut!  Lassen  wir  diese  Verachtung  des  Handels  einmal
gelten;  zu  welchem  Schlüsse  führt  dies?  Daß  man  ihn  verbieten?
oder  gesetzlich  regeln?  oder  freigeben  muß?  Keine  dieser  Schlußfolgerungen ­
  ergibt  sich  zwingend  aus  den  Voraussetzungen;  wenn  der
Handel  nutzlos  ist,  scheint  die  erste  Lösung  die  richtigste.  Die
Physiokraten  waren  aber  für  die  dritte;  aus  welchem  Grunde?
Man  versteht  ganz  gut,  daß  die  Physiokraten  den  Merkantilismus
und  Colbertismus  verwarfen,  die  beide  dem  Lande  eine  günstfge
Handelsbilanz  verschaffen  wollten;  denn  dieser  Zweck  erschien  ihnen
fantastisch  und  sogar  unmoralisch.  Schwerer  ist  die  Erklärung,  warum
sie  die  Freiheit  des  Handels  befürworteten,  der  doch  ihrer  Ansicht
nach  zu  nichts  nütze  war.  Heute  folgen  die  Freihändler  unter
den  Nationalökonomen  ihrem  Beispiele,  aber  mit  dem  Gedanken,  daß
der  Freihandel  eine  große  Wohltat  für  alle  Länder  ist,  und  daß  die
daran  teilnehmenden  Länder  um  so  reicher  werden,  je  mehr  er  sich
entwickelt.  Das  war  aber  durchaus  nicht  die  Meinung  der  Physiokraten. ­
  'Wenn  sie  die  Begründer  des  Freihandels  waren,  so  waren

‘)  „Geldbilanz  ist  im  Außenhandel  nur  ein  Notbehelf  für  die  Völker,  die  für
den  gleichen  Zweck  keine  Produkte  zuröckerhalten  können  .  .  .  Auch  ist  der  Außenhandel ­
  selbst  nur  ein  Notbehelf  für  die  Völker,  deren  Innenhandel  nicht  genügt,  uff
die  Erzeugnisse  ihres  Landes  vorteilhaft  abzusetzen  ...  Es  ist  höchst  sonderbar,
daß  man  dieser  Geldbilanz  so  große  Bedeutung  beimißt,  die  doch  nur  ein  Notbehelf
für  den  Handel  ist“  (Quesnay,  Dialogues,  S.  175).
2 )  „Die  Kaufleute,  wie  man  sie  nennt,  sind  nur  Händler.  Denn  derjenige)
der  Handel  treibt,  ist  nur  eine  Art  Angestellter,  dem  es  durch  seine  fleißige  Tüchtigkeit ­
  gelingt,  sich  einen  Teil  der  Güter  der  anderen  anzueignen“  (Mbrcieb  de
BivihRE,  S.  551).  „Der  Verdienst  der  Kaufleute  ist  kein  Gewinn  für  den  Herrn“
(Qüesnay,  S.  151).
’)  Ordre  naturel,  S.  688.
        <pb n="55" />
        Kapitel  I.  Die  Physiokraten.

33

sie  dies  nicht,  was  wohl  zu  bemerken  ist,  weil  sie  den  Handel  begünstigen ­
  wollten,  sondern  weil  sie  ihn  mit  einem  verächtlichen
»laisser  faire“  abtaten.  Vielleicht  waren  sie  nicht  weit  von  dem
Glauben  entfernt,  daß  er  durch  dies  „laisser  faire“  von  selbst  verschwinden ­
  würde!  Wenn  sie  Freihändler  waren,  so  lag  dies  in  erster
Linie  daran,  daß  sie  hauptsächlich  an  Handelsfreiheit  im  Innern
dachten,  und  man  muß  sich  vergegenwärtigen,  was  für  außerordentliche ­
  Schranken  in  damaliger  Zeit  den  Handel  im  Inneren  hemmten J ).
Und  weiter  ergab  sich  aus  der  natürlichen  Ordnung,  daß  jeder
kaufen  und  verkaufen  kann,  wie  es  ihm  gefällt,  ohne  Unterschied
zwischen  Inland  und  Ausland,  da  ja  diese  natürliche  Ordnung  Grenzunterschiede ­
  nicht  kennt 2 ).^  Auch  sichert  die  Freiheit  den  „richtigen
Preis“  (le  hon  prix).  —  Was  soll  man  aber  unter  diesem  Wort
verstehen?  —  Einen  niedrigen  Preis?  —-  Ganz  und  gar  nicht!
»Nur  die  freie  Konkurrenz  der  ausländischen  Kaufleute  kann  den
bestmöglichen  Preis  sichern,  und  nur  der  hohe  Preis  kann  durch  die
Mühen  des  Landwirtes  den  Wohlstand  wie  die  Bevölkerung  eines
Königreiches  schaffen  und  unterhalten“ 3 ).  Dies  sind  mehr  die  Gedanken ­
  eines  Landwirtes  als  die  eines  Freihändlers;  der  Grund  liegt
e ben  darin,  daß  die  Physiokraten  sich  tatsächlich  stets  nur  mit  den

l )  Verpflichtung,  nur  auf  dem  Markt  und  nur  beschränkte  Mengen  zu  verkaufen,
aas  Getreide  nicht  länger  als  zwei  Jahre  zurückzuhalten  —  und  auf  dem  Markt
Selbst  zuerst  an  die  Verbraucher,  dann  au  die  Bäcker  und  dann  erst  an  die  Händler
Zü  verkaufen!  usw.
“)  „Man  muß  die  vollständige  Handelsfreiheit  aufrecht  erhalten,  denn  die  für
as  Volk  und  den  Staat  sicherste,  genaueste  und  vorteilhafteste  Regelung  des  Innen-Außenhandels
  besteht  in  absolut  freier  Konkurrenz“  (Qübsnay,  Maxim  es  XXV).
»Man  muß  ihnen  entgegnen:  Die  Freiheit  des  Handels  ist  in  Übereinstimmung  mit
er  Ordnung  und  der  Gerechtigkeit  und  alles,  was  mit  der  Ordnung  übereinstimmt,
rä kt  seinen  Lohn  in  sich“  (Le  Tkosnb,  S.  686).
3 )  Dialogues,  S.  153.  „Hohe  Preise  erzeugen  Überfluß,  sagte  man,  d.  h.
^ e gen  zur  Produktion  an“,  und  umgekehrt  hatte  Boisgüillebert  gesagt:  „Niedrige
reise  gehen  der  Not  voraus.“  An  einer  anderen  Stelle  wiederum  (Maximes  S.  98)
egnügt  sich  Qüesnay  damit,  zu  sagen,  daß  die  Freiheit  des  Getreidehandels  „die
reise  gleichmäßiger“  gestalten  würde;  und  daß  „es  erwiesen  ist:  ganz  unabhängig
Torn  Absätze  im  Ausland  und  von  einem  höheren  Preise,  vermehrt  schon  die  beendige ­
  Gleichmäßigkeit  der  Preise  den  Bodenertrag  um  mehr  als  ein  Zehntel,  da
! e  Mittel  für  die  Vorschüsse  steigert  und  sichert  und  die  Teurungspreise,  die
en  Bevölkerungsrückgang  bewirken,  verhindert“.
Ebenso  schreibt  Mehciee  de  la  EivikHB:  „Ein  üblicher  und  beständiger,  richtiger
, r ^ 13  (üon  prix)  bringt  mit  Sicherheit  Überfluß  —  und  ohne  Freiheit  gibt  es  keinen
chhgen  Preis,  keinen  Überfluß“  (S.  570).
g  Auch  Tubgot  (in  seinen  Briefen  über  den  Getreidehandel)  führt  diesen
„1  eis  ües  längeren  aus  und  versucht  sogar,  ihm  eine  arithmetische  Gestalt  zu
ein 611  ^* as  * st  unn8 tig.  Es  ist  eine,  allerdings  mehr  psychologische  Wahrheit,  daß
her  r6 ^ e ^ m3, üiger  Preis  von  20  Fr.  besser  ist,  als  ein  zwischen  35  und  5  Fr.  hin  und
°hwankender  Preis,  obgleich  der  arithmetische  Durchschnitt  der  gleiche  ist.  -

ri&amp;lt; * e  un d  Rist,  Gesoh.  d.  Volkswirtschaft!.  Lehrmeinungen.

3
        <pb n="56" />
        34

Erstes  Bach.  Die  Begründer.

landwirtschaftlichen  Erzeugnissen  und  besonders  mit  dem  Getreide
befaßten;  und  da  damals  der  Handel  fremder  Völker,  soweit  die  Einfuhr ­
  in  Betracht  kam,  kaum  zu  fürchten  war,  dachten  sie  bei  dem
Freihandel  nur  an  die  freie  Ausfuhr.  Nach  Oncken  war  die  yon
Qübsnay  gewünschte  Handelspolitik  diejenige,  die  England  damals
befolgte;  Begünstigung  der  Getreideausfuhr,  um  den  Kurs  zu  stützen,
und  um  bei  Gelegenheit  einer  reichen  Ernte  den  richtigen  Preis  zu
halten,  —  sowie  die  Erlaubnis  der  Einfuhr  nur  im  Falle  einer
Hungersnot,  um  zu  große  Teuerung  zu  verhüten  1 ).
Mit  einem  Wort:'die  Handelsfreiheit  bestand  für  die  Physiokraten
hauptsächlich  in  der  Abschaffung  der  unter  der  alten  Eegierungsform
bis  in  den  Himmel  gehobenen  Maßnahmen,  die  darauf  abzielten,  die
Getreideausfuhr  ins  Ausland  zu  verhindern  und  den  freien  Güteraustausch ­
  im  Inland  einzuschränken 2 ).  Diese  physiokratische  Auffassung ­
  hat  aber  nicht  lange  gebraucht,  um  die  Umstände,  denen  sie
ihr  Entstehen  verdankte,  zu  überflügeln,  und  zur  These  von  der  absoluten ­
  freien  Konkurrenz  zu  werden,  die  Waleas  später  wie  folgt
zusammenfaßte:  „die  freie  Konkurrenz  im  Tausch  verkehr  sichert  jedem
Teile  das  Maximum  des  Grenznutzens  oder,  was  dasselbe  ist,  die
Maximalbefriedigung  der  Bedürfnisse.“'  Fast  alle  Gründe,  die  während
eines  Jahrhunderts  im  Kampfe  um  den  Freihandel  ins  Treffen  geführt
wurden,  sind  schon  von  den  Physiokraten  formuliert  worden!  Die
hauptsächlichsten  sind:
1.«  Die  Widerlegung  des  Beweises  von  der  Handelsbilanz  wird
schon  von  Mekcier  de  la  ßi  viere  mit  vollkommener  Genauigkeit
geführt:  „Also  du  blinde  und  stumpfsinnige  Politik,  ich  werde  alle

*)  Ebenda,  S.  376.  —  Es  ist  der  Mühe  wert,  darauf  hinzuweisen,  daß  die
amerikanische  Konkurrenz  ausdrücklich  von  Quesnay  vorausgesehen  wurde,  was
sicherlich  eins  der  bemerkenswertesten  Beispiele  wissenschaftlicher  Vorhersage  ist,
das  angeführt  werden  kann.  „Man  könnte“*  sagt  er  in  seinem  Aufsatz  über  die
Körnerfrüchte  in  der  Enzyklopädie,  „die  Ernchtbarkeit  der  amerikanischen  Kolonien
fürchten,  und  das  Anwachsen  der  Landwirtschaft  in  der  Neuen  Welt“,  aber  er  geht,
wenigstens  provisorisch,  über  diese  Befürchtung  mit  dem  Hinweis  hinweg,  daß  „das
amerikanische  Getreide  weniger  gut,  als  das  französische  sei  und  auf  der  Heise  verderbe“. ­

Wir  verweisen  auch  noch  auf  das,  was  wir  schon  im  vorhergehenden  über  die
Physiokraten  als  Schutzzöllner  unter  heutigen  Verhältnissen  gesagt  haben.
2 )  Man  muß  glauben,  daß  das  damalige  Schutzzollsystem  eine  Entwicklung  der
Industrie  auf  Kosten  der  Landwirtschaft  begünstigte,  indem  es  die  Ausfuhr  von
gewerblichen  Produkten  und  Hohstoffen  einsehränkte,  um  den  Fabrikanten  billige
und  ausreichende  Arbeitskräfte  und  Rohstoffe  zu  sichern.  Man  kümmerte  sich  durchaus ­
  nicht  um  die  Getreideeinfuhr:  im  Gegenteil,  der  Merkantilismus  und  der  /
Colbertismus  gaben  den  Landwirt  doppelt  preis,  indem  man  die  Getreideausfuhr  erschwerte ­
  und  die  Getreideeinfuhr  gestattete,  während  man  gerade  das  Gegenteil  für
die  gewerblichen  Erzeugnisse  tat.
        <pb n="57" />
        3*

Kapitel  I.  Die  Physiokraten.

35

deine  Wünsche  erfüllen!  Ich  gehe  dir  das  ganze  Geld,  das  unter
den  Völkern,  mit  denen  du  Handel  treibst,  im  Umlauf  ist;  jetzt  hast
du  es;  was  willst  du  damit  machen?“  Und  er  zeigt  zuerst,  wie  kein
anderes  Land  dann  noch  etwas  kaufen  kann,  und  wie  damit  alle
Ausfuhr  aufhört,  und  zweitens,  wie  die  ungeheuere  Teuerung  zum
Kaufe  im  Auslande  zwingen  würde,  und  so  das  Geld  wieder  zur  Auswanderung ­
  kommt,  „was  übrigens  das  einzige  Heilmittel  sein  würde“  ').
Widerlegung  der  These,  daß  die  Zölle  vom  Ausland  getragen ­
  werden.  „Der  Fremde  wird  dir  nichts  verkaufen,  wenn
du  ihm  nicht  denselben  Preis  zahlst,  den  ihm  die  anderen  Völker
geben  wollen.  Wenn  du  einen  Eingangszoll  auf  seine  Waren  legst,
So  wird  derselbe  eine  Erhöhung  des  wirklichen  Preises  sein,  den  der
Fremde  erhält;  dieser  Eingangszoll  wird  daher  nur  von  deinen  eigenen
Volksgenossen  bezahlt“  1  2  *  * ).
3.  \  Widerlegung  der  sogenannten  Keziprozitätspolitik.
»Ein  von  einem  benachbarten  Volke  erhobener  Eingangszoll  schadet
dem  Volke,  das  verkauft,  insoweit,  als  er  den  möglichen  Verbrauch
feiner  Erzeugnisse  vermindert.  Diese  indirekte  Wirkung  ist  unaus-Kiblich.
  Kann  ihr  aber  durch  Vergeltungsmaßregeln  nicht  begegnet
Werden?  England  hat  auf  französische  Weine  einen  ungeheueren
mll  gelegt,  der  denVerbrauch  bedeutend  einschränkt;  wird  England
, er  eher  imstande  sein,  euren  Wein  zu  kaufen,  wenn  ihr  eurerseits
s oine  Produkte  mit  Zoll  belegt?  Wird  der  Nachteil,  den  ihr  erleidet,
geringer  durch  den,  den  ihr  England  zufügt  ?“ ;
Wir  haben  hier  viel  zitiert,  denn  seit  100  Jahren  ist  in  dieser
ra ge  nichts  überzeugenderes  gesagt  worden?
Deshalb  wurde  diesen  Theorien  auch  sofort  eine  gesetzliche  Bestätigung ­
  durch  die  Edikte  von  1763  und  1766  gegeben,  in  denen
l  Freiheit  des  Getreidehandels  erst  im  Inlande,  dann  mit  dem  Ausaude
  gewährt  wurde,  allerdings  noch  mit  einigen  schwerwiegenden
Schränkungen.  Unglücklicherweise  zeigte  sich  die  Natur  ihren
^treuen  Bewunderern,  den  Physiokraten,  gegenüber  sehr  undankbar.
’ e  suchte  das  Land  sogleich  mit  4  oder  5  aufeinander  folgenden
Mißernten

das  Land  sogle:
heim,  an  denen

;h  mit
das  Volk

selbstverständlich  den  neuen

1 )  S.  576.  „Wenn  man  der  Sache  anf  den  Grund  geht  was  haben  Sie  denn
gewonnen,  stets  ins  Ausland  verkaufen  zu  wollen,  ohne  dessen  Waren  aufzunehmen.  ...
^  das  Sie  nicht  zu  halten  vermögen  und  das  Ihren  Händen  entgleitet  ohne  daß
* S  Änen  von  Nutzen  gewesen  wäre!  ...  Je  mehr  sich  das  Geld  vermehrt  um  so
^  verliert  es  an  Kaufkraft,  während  die  anderen  Waren,  mit  ihm  verglichen,  an
ert  zunehmen“  (Mercier  de  da  ßivikRE,  S.  580,  o83)
2 )  Töhgot,  (Buvres  I,  S.  189.  -  „Wenn  ihr  die  fremden  Kaufleute  durch
eur e  Steuer
sie

&amp;lt;ue  e  .  ern  vertreibt,  so  werden  sie  euch  die  nötigen  Waren  nur  bringen,  indem
Di a ,  se lbst  die  Abgaben  auferlegeu,  mit  denen  ihr  sie  belasten  wolltet“  (Qübsnay,
l0 gues).
        <pb n="58" />
        36

Erstes  Buch.  Die  Begründer.

Gesetzen  und  den  Physiokraten,  die  sie  inspiriert  hatten,  die  Schuld  /
gab.  Trotz  ihrer  Proteste  wurde  das  liberale  Gesetz  1770  wieder
aufgehoben,  um  1774  von  Tuegot  wieder  eingeführt  und  1777  von
Neckee  von  neuem  aufgehoben  zu  werden,  ein  Hin  und  Her,  das  die
Unschlttssigkeit  der  öffentlichen  Meinung  gut  wiederspiegelt.
Diese  neue  Gesetzgebung  und  das  physiokratische  System  im
allgemeinen  hatten  übrigens  einen  lebhaften,  energischen  Widersacher
gefunden,  den  Abbe  Galiani,  einen  neapolitanischen  Monsignore  am
französischen  Hof,  der,  21  Jahre  alt,  in  italienischer  Sprache  ein  bemerkenswertes ­
  Buch  über  das  Geld,  und  1770,  in  ausgezeichnetem
Französisch  die  Zwiegespräche  über  den  Getreidehandel
(dialogues  sur  le  commerce  des  bles)  geschrieben  hat,  die  einen  großen
Erfolg  hatten  und  besonders  von  Voltaire  über  alle  Maßen  gerühmt
wurden.  Ihre  Form  ist  jedoch  bei  weitem  wertvoller  als  ihr  Inhalt.
Galiani  war  dem  „laisser  faire“  gegenüber  nicht  gerade  feindlich;
„Soweit  wie  möglich  soll  man  nichts  verbieten“  sagte  er,  „so  oft
wie  möglich  soll  man  sich  auf  die  Seite  der  Freiheit  stellen 1 ).“  Er
erklärte  sich  aber  gegen  jedes  allgemeine  System  und  besonders  gegen
jede  Unterwerfung  unter  den  Willen  der  „Dame  Natur“:  „Sie  ist“,
sagte  er,  „eine  viel  zu  große  Dame,  um  sich  mit  unseren  Kleinigkeiten ­
  zu  befassen 2 ).“  "  Wie  die  realistische  oder  historische  Schule
unserer  Tage  schrieb  er,  daß  man:  „die  Prinzipien  dem  Orte,  der  Zeit
und  den  Umständen  anpassen  müsse.  Von  welchem  Reiche  will  man
sprechen?  Wie  ist  seine  Lage  usw.“? 3 ) J l'
An  die  Seite  Galiam’s  kann  man  den  großen  Finanzmann  Neckee
stellen,  der  1775  in  einem  dicken  Buche:  die  Gesetzgebung  und
der  Getreidehandel  (la  legislation  et  le  commerce  des  grains)
ungefähr  die  gleichen  opportunistischen  Gedanken  entwickelte,  und  als
Minister  (1776—1781  und  1788  —  1790)  den  freien  Getreidehandel  untersagte. ­

Nicht  zu  übersehen  ist  aber,  daß  die  Physiokraten  für  einen
Zweig  des  Handels,  einen  einzigen!  und  nicht  den  unbedeutendsten
gesetzliche  Vorschriften  beibehielten.  Dies  ist  der  Handel  mit  Geld,
das  Geldleihgeschäft.  Der  Marquis  Mieabeau  erkannte  nur  die  Berechtigung ­
  der  landwirtschaftlichen  Darlehne  an,  weil  nur  dort  die
Zinsen  einem  wirklichen  Güterzuwachs,  einem  vermehrten  Reinertrag,
entsprächen,  aber  im  Handel  wollte  er  jedes  Darleihen  verbieten  oder
doch  beschränken.  Er  ließ  es  sogar  an  recht  beleidigenden  Aus-0
  Dialogues,  S.  264,  274.
2 )  Ebenda,  S.  237.
3 )  Ebenda,  S.  22.  Übrigens  schlug  er  selbst  ein  ziemlich  kompliziertes  System
vor,  das  sehr  mäßige  Getreideausfuhr-  und  Einfuhrzölle  Torsah,  und  zwar  etwa  10  °/ 0
im  ersten  und  5°/ 0  im  zweiten  Falle.
        <pb n="59" />
        Kapitel  I.  Die  Physiokraten.

37

drücken  nicht  fehlen  nnd  nannte  den  Handel  mit  Geld  eine  Abgabe,
die  die  „Nagetiere“  yon  Rentiers  erhöben.  Wie  Mieabeau  gründete
.  Dr.  Quesnay  das  Recht  auf  Zinsen  nur  auf  den  Reinertrag  des
ßodens  —  denn,  sagt  er,  jedes  Kapital  kann  zur  Erwerbung  von
Grund  und  Boden  verwendet  werden.  Er  war  aber  weniger  streng
Und  verlangte  nur  eine  gesetzliche  Beschränkung.  Hierin  sind  die
uysiokraten  ganz  logisch,  denn  wenn  das,  was  nach  ihnen  ein  rechtmäßiges ­
  Anrecht  auf  Zinsen  begründet,  nicht  eintritt,  d.  h.  wenn  das
-kapital  nicht  in  Grund  und  Boden,  sondern  in  der  Industrie  oder
(e ®  Handel,  die  sie  als  unproduktiv  definieren,  angelegt  wird,  so  ist
® s ,  klar,  daß  die  Zinsen  nur  aus  der  Tasche  des  Schuldners  kommen
°nnen;  und  dann  müssen  die  Physiokraten  diese  Zinsen  ebenso  abehnen,
  wie  sie  die  Steuerleistung  der  industriellen  und  der  Handels-]
 asse  ablehnen,  was  weiter  unten  ausgeführt  werden  wird.
Turgot  ist  der  einzige,  der  offen  die  Freiheit  des  Geldleih-Scschäftes
  zuläßt 1 )  und  der  Grund,  den  er  anfflhrt,  ist  nicht  allein
a s  physiokratische  Argument  von  der  Möglichkeit,  daß  der  Kapitalusitzer
  sein  Geld  in  Grund  und  Boden  anlegen  kann,  sondern  vor
1  en h  daß  er  sich  irgendwelcher  Produktion  zuwenden  kann,  da
upital  die  „unumgänglich  notwendige  Grundlage  jedes  Unternehmens“
k .  )■  Daher  wird  er  sein  Kapital  niemals  jemandem  geben,  der  ihm

wenigstens  den  Gegenwert  dessen  bietet,  was  er  erhalten

nicht
kannte,  wenn  er  es  selbst  in  Industrie  oder  Handel  verwendete,
dieser  ]
als  ob

Beweisführung  scheint  aber  der  Gedanke  zugrunde  zu  liegen,
rn  v  jedes  Unternehmen  an  und  für  sich  produktiv  sei.  Und  in  der
Sc]  ’  ^ ÜRG0T  unterschied  sich  auch  darin  von  der  physiokratischen
'  nie,  daß  er  die  Industrie  und  den  Handel  nicht  als  steril  beachtete.* ­


§  2.  Die  Rolle  des  Staates.
.  Ba  die  Physiokraten  glauben,  daß  es  in  den  menschlichen  Gedaß
 DSC ^ a ^ e n  e * ne  nat ürliche  Ordnung  gibt,  die  von  selbst  wirkt,  und
sch  f 8  fol * lich  deines  geschriebenen  Gesetzes  bedarf,  um  die  Herrüer
 &amp;amp;  v  ^^ eser  Ordnung  festzulegen,  da  sie  glauben,  daß  die  Stimme
ein  ■t' atur  ü em  Menschen  „das,  was  ihm  am  vorteilhaftesten  ist“
gibt  und  daß  daher  jeder  Zwang  unnötig  ist,  der  jemanden  bemen
  soll,  seinen  Vorteil  zu  suchen,  —  so  würde  es  scheinen,  als
Alenj 1  ^  ^  ä er  Verfasser  einer  berühmten  Schrift  Uber  diesen  Gegenstand:
2 )°' r , e  sur  les  prets  d’argent“  (Ausführungen  über  Gelddarlehen)  1769.
üüdnno'  , e O ex i 0 us  sur  la  formation  des  richesses  (Betrachtungen  über  die
e  “ es  Reichtums)  §§  LIX,  LXI,  LXXIV.
        <pb n="60" />
        38

Erstes  Buch.  Die  Begründer.

ob  die  Physiokraten  zur  Verneinung  aller  Gesetzgebung,  aller  Autorität,  j
mit  einem  Wort:  zur  Abschaffung  des  Staates  gelangen  müßten.
Es  ist  sicherlich  wahr,  daß  die  Physiokraten  dafür  waren,  die
Gesetzgebungsmaschine  auf  ein  Minimum  zu  reduzieren,  und  sie  haben
sogar  erklärt,  was  nach  ihnen  die  Anti-Interventionisten  so  oft  wiederholen ­
  sollten,  daß  das  nützlichste  Werk  der  Gesetzgebung  darin  bestehe, ­
  die  unnützen  Gesetze  abzuschaffen 1 ).  Fest  steht,  daß  nach
ihnen,  wenn  man  einmal  neue  Gesetze  zu  Hilfe  nehmen  muß,  sie
nichts  weiter  als  die  Niederschrift  der  ungeschriebenen  Naturgesetze
sein  sollten.  „Weder  die  Menschen  noch  die  Regierung  machen  die  ,
Gesetze  und  sie  können  sie  auch  nicht  machen.“  Sie  erkennen  ;
sie  als  in  Übereinstimmung  mit  der  höchsten  Vernunft,  die  die  Welt
regiert  und  übergeben  sie  der  Gesellschaft  .  .  .  Deshalb  sagt  man:  |
Gesetzesträger  „legislateurs“  und  man  hat  noch  niemals  gewagt,
von:  Gesetzesmachern  „legisfacteurs“  2  3  *  * )  zu  sprechen.  Hier  würde  eine
Menge  mehr  oder  weniger  authentischer  Anekdoten  ihren  Platz  finden.
So  erzählt  man  z.  B.  oft  von  Meeceee  de  la.  Revieee,  daß  er,  von  der
großen  Katharina  nach  Petersburg  berufen,  um  die  Grundlage
einer  Verfassung  zu  entwerfen,  ihr  geantwortet  habe:  er  würde  sich
wohl  hüten,  dies  zu  tun,  da  man  „nur  der  Natur  der  Dinge  ihren
Lauf  lassen  brauche“,  worauf  ihm  die  Kaiserin  glückliche  Reise  wünschte.
Nichtsdestoweniger  würde  es  ein  großer  Fehler  sein,  etwa  in  den
Physiokraten  die  Vorläufer  der  Anarchisten  zu  sehen.  Sie  wollten
so  w r enig  wie  möglich  Gesetzgebung,  aber  sie  wollten  so  viel  wie
möglich  Autorität,  —  was  nicht  dasselbe  ist.  Sie  wollten  sie  aber
nicht,  wie  unsere  heutigen  Liberalen,  beschränkt  und  unter  genauer
Kontrolle;‘ihr  Regierungsideal  ist  nicht  die  sich  selbst  regierende
Demokratie  wie  die  griechischen  Republiken,  ja  nicht  einmal  die  parlamentarische ­
  Regierungsform  wie  in  England;  im  Gegenteil  alles  dies  1
verabscheuten  sie 8 ).-*
’)  „Schafft  die  unnützen,  ungerechten,  widerspruchsvollen  und  absurden  Gesetze
ab,  und  ihr  werdet  sehen,  ob  viel  davon  übrig  bleibt“  (Baudeau,  S.  817).  BoisguillbbbbI
hatte  60  Jahre  vorher  geschrieben:  „Zur  Schaffung  eines  recht  großen  Wohlstandes
handelt  es  sich  nicht  darum,  etwas  zu  tun,  sondern  mit  dem  Tun  aufzuhören,  |
was  nur  einen  Augenblick  beansprucht.“
3 )  Quesnay,  Maxim  es  I,  S.  390.  Auch  Mbkcier  de  la  Eiviüre  schreibt  im
gleichen  Sinn:  „Die  positiven  Gesetze  sind  alle  gegeben;  sie  können  nichts  anderes,
als  Feststellungen  zur  Erklärung  der  natürlichen  Rechte  sein“  (II,  S.  61).  Das  liest
sich  wie  ein  Vorwort  zur  „Declaration  des  Droits  de  l’homme“.
3 )  „Der  politischen  Freiheit  brachten  die  Physiokraten  die  größte  Verachtung
entgegen.“  —  Esmein,  La  Science  politique  des  Physiocrates  (Die  Wissenschaft ­
  von  der  Politik  bei  den  Physiokraten:  Eröffnungsrede  des  Kongresses  der  gelehrten ­
  Gesellschaften,  Paris  1906).
„Die  griechischen  Republiken  haben  niemals  die  Gesetze  der  Ordnung  g' e "
kannt.  .  .  .  Diese  unruhigen,  zur  Vergewaltigung  geneigten,  tyrannischen  Stämi» 6  *
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        Kapitel  I.  Die  Physiokraten.

39

Aller  gesellschaftlichen  Hierarchie,  bis  zu  ihrem  Oberhaupt,
bringen  sie  die  größte  Ehrerbietung  entgegen.  Sie  weisen  jede  Idee,
den  Adel  oder  die  Monarchie  angreifen  zu  wollen,  weit  von  sich.
Was  sie  wollen,  ist  eine  Regierung  unter  der  Form  einer  einzigen,
zentralisierten,  erblichen  Monarchie,  ohne  Gegengewicht  und  allmächtig. ­
  Was  sie  wollen,  und  sie  fürchten  sich  nicht,  es  bei  seinem
Namen  zu  nennen,  ist:  Der  Despotismus 1 ).
‘„Möge  die  souveräne  Autorität  allen  Einzelpersonen  der  Gesellschaft ­
  und  allen  ungerechten  Unternehmungen  der  individuellen
Interessen  einzigartig  und  erhaben  gegenüber  stehen,  denn  das  Objekt
der  Herrschaft  und  des  Gehorsams  ist  die  Sicherheit  und  das  berechtigte ­
  Interesse  aller.  Die  Theorie  des  Gleichgewichts  der  Kräfte
111  einer  Regierung  ist  eine  verderbliche  Meinung  (Quesnay,
Maximes)  *)/
Wieweit  sind  wir  jetzt  von  der  Trennung  der  Regierungsgewalten ­
  Montesqtjieu’s  ?  und  ebenso  von  der  Dezentralisation  und
v °m  Kantonalismus!  Bemerkenswert  ist,  daß  die  Frage  der  Steuerbewilligung ­
  durch  die  Steuerzahler  überhaupt  nicht  angeschnitten  wird.
Ulan  darf  aber  nicht  vergessen,  daß  diese  Garantie,  die  der  Ausgangsbörti



Welt

en  nicht  auf,  den  fruchtbarsten  (!)  und  bestgelegenen  Boden  der  bekannten

mit  menschlichem  Blut  zu  röten  und  in  eine  Einöde  zu  verwandeln“  (Baüdbau,

s -  800).
„Selbstverständlich  kann  ein  demokratischer  Herrscher  (das  Volk)  seine  Autoriät
Y  11  se lbst  ausüben  und  kann  nichts  anderes  tun,  als  Vertreter  za  bestellen.  Die
Hieter  sind  Einzelpersonen,  deren  Ämter  notwendig  nur  vorübergehende  Dauer
w  en -  Diese  „Vorübergehenden“  können  daher  nie  in  beständiger  Interessenj^^mschaft
  mit  der  Nation  sein.  Deshalb  ist  eine  solche  Verwaltungsform  nicht
die  ,k' ail S  mit  der  natürlichen  Ordnung.  —  Das  gleiche  gilt  von  einem,  sich  auf

üblich,

Aristokratie  stützenden  Herrscher  und  ebenso  von  einem  Wahlkönig.  Nur  die

„  5 n  Monarchen,  deren  persönliche  und  Sonderinteressen  jetzt  und  in  Zukunft
s  mit  denen  ihres  Volkes  durch  den  Anteil,  den  sie  an  allen  Keinerträgen  ihres
°hes  haben,  verknüpft  sind,  können  in  Frage  kommen“  (Düpont  I,  S.  359,  360).
71  i,  ® an  könnte  beinahe  glauben  Wilhelm  II.  über  die  Hohenzollern  sprechen
11  hören!

Die  Kritiken  der  parlamentarischen  Kegierungsform  von  Düpont  de  Nemours
’j ber  „die  allgemeine  Korruption  als  notwendige  Folge“  und  „sein  fressendes  Gift,
las  die  Vereinigten  Staaten  noch  nicht  ergriffen  hat“  (Brief  an  J.-B.  Say,  S.  41  )
Slud  äußerst  merkwürdig,  liegen  aber  außerhalb  einer  Geschichte  der  Doktrinen.
.  l )  Nur  in  dieser  einfachen  und  natürlichen  Eegierungsform  sind  die  Herrscher
^rkliche  Despoten  und  können  alles,  was  sie  für  ihr  Wohl  beabsichtigen,  ausfuhren
iDüpont,  S.  364).  .  .
,  2 )  Die  Physiokraten  verlangten  aber  eine  zu  wählende  Nationalversammlung,
ihr  jedoch  irgendwelche  gesetzgeberischen  Befugnisse  einzuräumen;  es  sollte
aas  einfach  ein  Staatsrat  sein,  der  sich  hauptsächlich  mit  den  öffentlichen  Arbeiten
* nd  der  Stenerverteilung  zu  befassen  hätte.  Vgl.  die  Betrachtungen  Esmein  s  über
(d 6  .  v0n  den  Physiokraten  vorgeschlagene  Nationalversammlung
e *ichte  der  „Academie  des  Sciences  Morales  et  Politiqnes  ,  1904).
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        40  Erstes  Buch.  Die  Begründer.

punkt  der  parlamentarischen  Regierungsform  war,  für  die  Physiokraten
  keinen  Sinn  hatte,  da  wie  wir  sehen  werden,  Steuern  für  sie
nur  das  Recht  eines  Miteigentums  des  Herrschers,  ein  Domäneneinkommen ­
  ist,  das  nichts  mit  dem  Willen  des  Volkes  zu  tun  hat.
Man  kann  sich  zuerst  vor  Staunen  nicht  fassen,  wenn  man  dies
liest,  und  wenn  man  bedenkt,  daß  es  aus  der  Feder  eines  zukünftigen
Präsidenten  der  „Constituante“  kommt!  Wie  soll  man  diesen  wenigstens
scheinbaren  Widerspruch  erklären?  diese  Despotismusanbetung  bei
diesen  Aposteln  des  „laisser  faire“?
Der  Grund  liegt  darin,  daß  die  Physiokraten  darunter  etwas
ganz  anderes  verstanden  als  die  landläufige  Bedeutung  des  Wortes.
Für  sie  ist  es  nicht  gleichbedeutend  mit  Tyrannei,  sondern  mit  dem
Gegenteil.  Für  sie  war  es  nicht  einmal  das,  was  man  später  die
Regierung  des  „aufgeklärten  Despoten“  genannt  hat,  der  durch  die
Größe  seines  Genies  die  Menschen  gegen  ihren  Willen  glücklich
macht.  Der  Despotismus  der  Physiokraten  ist  kein  anderer,  als  der
der  natürlichen  Ordnung,  der  gegenüber  kein  vernünftiger  Mensch
etwas  anderes  tun  kann,  als  sich  ihr  zu  unterwerfen.  Ihr  Despotismus
gleicht  in  allen  Stücken  dem  der  Wahrheit,  die  sich  selbst  durchsetzt*).
Dieser  Despotismus  ist  daher  weit  von  dem  Grundsatz  der
absoluten  Macht  der  alten  Juristen  entfernt;  sicut  Principi  placuit,
legis  habet  vigorem  *  2 ).  Sie  leugnen  durchaus  den  Gedanken,  daß  der
Wille  des  Fürsten  Gesetz  sei,  aber  es  ist  zu  bemerken,  daß  sie  nicht
weniger  energisch  leugnen,  daß  der  Wille  des  Volkes  Gesetz  sei 3 )
und  hierin  sind  sie  ebenso  weit  von  dem  modernen  Demokratismus
entfernt,  wie  vom  monarchischen  Absolutismus.
Selbstverständlich  verkörpert  sich  dieser  Despotismus  der  natürlichen ­
  Ordnung  in  einer  Person,  derjenigen  des  Herrschers,  des  Königs,

')  „Der  persönliche  Despotismus  ist  mir  der  gesetzliche  Despotismus  gemäß  den
Tatsachen  einer  natürlichen  Ordnung,  —  In  dem  gesetzlichen  Despotismus  schreiben
die  Befehle  der  Tatsachen  die  Anordnungen  des  Herrschers  vor.  Euklides  ist  ein
wirklicher  Despot,  und  die  geometrischen  Wahrheiten,  die  er  uns  überliefert  hat,  sind
wahrhaft  despotische  Gesetze;  ihr  gesetzlicher  Despotismus  und  der  persönliche
Despotismus  dieses  Gesetzgebers  ist  eins,  ein  Despotismus  der  unwiderstehlichen
Kraft  der  Tatsachen“  (Mercibr  de  la  EmikRB,  S.  460,  471).
Zum  Schluß  ist  dieser  Despotismus  derselbe,  den  Auguste  Comte  späterhin
meinte,  als  er  sagte:  „Es  gibt  keine  Gewissensfreiheit  in  der  Geometrie.“
2 )  Quesnay  schreibt  in  einem  Brief  an  Mihabeaü:  Dieser  Despotismus  ist  im
Gegenteil  der  „Anker  des  Heils  gegenüber  dem  Mißbrauch  der  Gewalt“.
a )  „Es  ist  ein  nichtswürdiger  Unsinn,“  sagt  Baudeaü,  „denn  damit  kann  ein
Majoritätsbeschluß  den  Vatermord  gesetzlich  rechtfertigen.“
Es  ist  kaum  nötig,  darauf  hinzuweisen,  wie  sehr  diese  Auffassung  vom  Staat
sich  von  der  unterscheidet  und  sogar  der  widerspricht,  die  späterhin  die  Interventionisten ­
  und  Sozialisten  aufstellten,  nach  der  es  die  Pflicht  des  Staates  ist,  die
Ungerechtigkeiten  der  Naturgesetze  nach  Kräften  zu  beseitigen.
        <pb n="63" />
        Kapitel  I.  Die  Physiokraten.

41

aber  er  hat  keine  andere  Rolle,  als  diesen  höheren  Gesetzen,  die  er
nicht  gemacht  hat,  als  Ausführungsorgan  zu  dienen.  Man  muß  ihn,
in  dem  Gedankengang  der  Physiokraten,  mit  einem  Kapellmeister
vergleichen,  der  sich  seines  Zepters  nur  wie  eines  Taktstockes  bedient. ­
  Allerdings  ist  der  Despotismus  eines  Kapellmeisters  viel  wirksamer ­
  als  der  des  Zaren,  denn  jeder  der  Musiker  muß,  auf  die  Sekunde
genau,  jeder  Bewegung  seiner  Hand  gehorchen.  Seine  Gewalt  ähnelt
aber  in  nichts  einer  Tyrannei,  da  jeder  der  Ausführenden  ihr  freiwillig ­
  gehorcht,  und  da  jeder,  dem  es  einfallen  sollte,  aus  Opposition
e |ne  falsche  Note  zu  spielen,  nicht  als  ein  Widerspenstiger,  sondern
einfach  als  ein  musikalischer  Dummkopf  angesehen  werden  würde.
Den  Physiokraten  erschien  diese  Herrschaft  unter  der  Form
einer  erblichen  Monarchie,  weil  nach  ihrer  Ansicht,  worauf  wir  schon
an  anderer  Stelle  hingewiesen  haben,  die  Herrschaft,  wie  unter  dem
Feudalismus,  mit  dem  Eigentum  verbunden  war;  und  ebenso  wie  die
Erblichkeit  zum  Grundbesitz  gehört,  gehört  sie  auch  zum  Amt  des
Königs,  n  Der  Herrscher,  der  für  die  Physiokraten  den  von  ihnen  gebäumten ­
  Idealtypus  eines  Despoten  vorstellt,  ist  der  Kaiser  von
China;  er  besitzt  alle  von  ihnen  aufgestellten  Charakterzüge 1 ).*-Als
  Sohn  des  Himmels  verkörpert  er  die  natürliche  Ordnung,  die
gleichen  Zeit  die  göttliche  ist.  Auch  ist  er  landwirschaftlicher
Herrscher,  der  feierlich  einmal  im  Jahre  die  Hand  an  den  Pflug  legt.
E r  läßt  sein  Volk  sich  selbst  regieren,  oder  wenigstens  von  Sitte
Gebrauch  regiert  werden 2 ).
Wird  aber  in  der  Praxis  der  Despot  nichts  zu  tun  haben?  Sicher-Jph
  nicht  viel;  „Ihr  werdet  sehen,  Könige  und  Herrscher,  wie  leicht
le  Ausübung  eurer  geheiligten  Ämter  ist,  die  wesentlich  darin  be-^
 e ht,  das  Gute,  das  von  selbst  wird,  nicht  zu  hindern,  und  die  kleine
^üzahl  von  Menschen,  die  sich  am  Privateigentum  vergreifen,  zu
Strafen 3 ).“

kein  "dieser  höchste  Alleinwille,  der  die  letzte  Instanz  ist,  ist  im  Grunde  genommen
( j es  lnen sehlicher  Wille  mehr:  er  ist  die  verkörperte  Stimme  der  Natur,  die  Ordnung
Urw  Pie  Chinesen  sind  das  einzige  bekannte  Volk,  deren  Philosophen  diese
zu  haben  scheinen.  In  diesem  Sinn  nennen  sie  auch  ihren
1  M  ^ es  Himmels“  (Baüdbau,  S.  798).
Wthuji  T an  kat  i®doch  gesagt  (Pantaueoni  in  seiner  Einführung  zu  dem  Buche
s °baftl^  1 ~' abrioi ' a ’ 8  „Be  dottrine  economiche  di  Quesnay  —  Quesnay’s  wirt-Rolle
  10  e Ä°ktrin—),  daß  die  Physiokraten  dem  Feudalismus  gegenüber  die  gleiche
Sc baft  hätten,  wie  die  Sozialisten  späterhin  gegenüber  der  bürgerlichen  Gesellst
 ehen(le\^ 0m  Fetischen  Gesichtspunkt  aus  ist  das  richtig,  da  sie  eine  allein-Pünijt
  lonar chie  ohne  Gegengewicht  erstrebten,  vom  ökonomischen  Gesichtsmit
  f Pl1  ! 1S ,  aker  nicht,  da  ihre  Auffassung  der  Souveränität  und  der  Abgaben  ganz
b'rf 611  ® e ^ an ken  getränkt  ist.
uuont,  Vorrede  zu  den  Werken  Qubsnay’s  I,  S.  35.
        <pb n="64" />
        42

Erstes  Buch.  Die  Begründer.

Und  in  der  Tat,  der  Schutz  dieser  natürlichenOrdnung
gegen  alle  tempelschänderischen  und  unwissenden  Hände,  die  ihr
irgendwie  Schaden  zufügen  wollen,  und  im  besonderen  der  Schutz
dessen,  was  ihre  Grundlage  ist,  des  Eigentums  in  allen  seinen  Formen,
das  ist  die  erste  und  bedeutendste  Funktion  des  Herrschers.  „Die
gesetzliche  Ordnung  besteht  in  dem  Besitzrecht,  das  von  der  Kraft
einer  schützenden  und  herrschenden  Autorität  den  in  der  Gesellschaft
vereinigten  Menschen  sichergestellt  und  garantiert  wird 1 ).“
Der  Unterricht  ist  die  zweite  dieser  Funktionen,  und  die
Physiokraten  legen  auf  diesen  Punkt  ganz  besonderes  Gewicht.  „Der
allgemeine  Unterricht  ist  das  erste  und  das  wahre  gesellschaftliche
Band“  sagt  Baudeaxi.  Und  Qxjesnay  empfiehlt  besonders  den  Unterricht, ­
  der  sich  mit  der  Existenz  der  natürlichen  Ordnung  und  den
Mitteln  ihrer  Erkenntnis  befaßt.  Hierfür  geben  sie  übrigens  als
Grund  an,  daß  der  Unterricht  aller  Bürger,  eine  aufgeklärte  öftentliche
  Meinung,  das  einzige  Mittel  sei,  um  zu  verhindern,  daß  der
physiokratische  Despotismus  in  persönlichen  Despotismus  entarte.
Wie  Quesnay  sagt,  ist  es  die  öffentliche  Meinung;  die  das  Schwert
führt.  Daher  muß  sie  urteilsfähig  sein.
Auch  die  öffentlichen  Arbeiten  werden  von  den  Physiokraten ­
  als  eine  Teilaufgabe  des  Staates  bezeichnet;  —  muß  ein  guter
Besitzer  nicht  zuerst  für  gute  Wege  auf  seinen  Besitzungen  sorgen?
—  denn  gute  Wege  und  Kanäle  sind  ganz  besonders  wichtig,  um
den  Grund  für  die  Ertragsfähigkeit  eines  Besitztumes  zu  legen-Sie
  sind  eine  Art  Grundvorschüsse,  ähnlich  denen  der  Grundbesitzer.
Das  ist  ungefähr  alles 2 ).  Diese  Aufzählung  der  Funktionen  des
Staates  bleibt  dieselbe,  ohne  viel  verbessernde  Pinselstriche,  für  die
ganze  liberalökonomische  Schule  bis  auf  Bastiat  und  Molinari.  Wh’
können  als  letztes  noch  erwähnen,  daß,  ebenso  wie  späterhin  die
Nationalökonomen  der  liberalen  Schule,  die  Physiokraten  sich  voll'
ständig  als  Internationalisten  gebärdeten.  Hierin  unterscheiden  sie
sich  von  ihren  Freunden,  den  fremdenhassenden  Chinesen.  Nicht  nxxi’
erklären  sie  vom  wirtschaftlichen  Gesichtspunkte  aus,  „daß  man  all 6
Unterschiede  zwischen  den  Völkern  beiseite  schieben  muß“,  sondern
sie  fürchten  auch  vom  politischen  Gesichtspunkt  aus  gerade  den
Patriotismus 3  *  * ).  Es  ist  eigentümlich,  daß  die  heutigen  Friedens-1
 )  Dupont  I,  S.  22.
2 )  „Tukgot  jedoch,  der  viel  weniger  landwirtschaftlich  gesinnt  war,  als
Physiokraten,  billigt  ebenfalls  gewisse  königliche  Privilegien,  um  die  Errichtung  vo* 1
Fabriken  zu  begünstigen“  (CE  uv  res  I,  S.  360).
s )  „Man  hat  die  Völker  als  in  einem  beständigen  Kriegszustand  untereinander
hingestellt;  dieses  unglückliche  Vorurteil  hat  man  sozusagen  geheiligt  und  dara llä
eine  Tugend  gemacht,  die  Patriotismus  genannt  wird“  (Baudbau,  S.  808).
Er  bezeichnet  als  die  drei  Kardinalfehler  der  Staaten  besonders  die,  die  d e ®
        <pb n="65" />
        Kapitel  I.  Die  Physiokraten.

43

apostei  nicht  daran  denken,  sich  auf  diese  erlauchten  Vorläufer  zu
berufen.

§3.  Über  die  Steuern.
Wie  bekannt,  ist  die  Steuertheorie  der  Physiokraten  eine  der
charakteristischsten  Seiten  ihres  Systems.  Sie  gehört  dazu;  sie  ist
^trennbar  mit  ihrer  Auffassung  des  Reinertrages  und  des  Grundbesitzes ­
  verbunden,  und  trotzdem  hat  sie,  eine  eigentümliche  Tatsche, ­
  den  Zusammensturz  ihres  Systems  überdauert  und  neuerdings
J bre  Auferstehung  erlebt.
Bei  dem  Tableau  der  Einkommenverteilung  haben  wir  nur  von
Parteien  gesprochen:  den  Grundbesitzern,  den  Pächtern  und  den
Randwerkern.  Es  gibt  aber  eine  vierte,  die  zu  jeder  Zeit  ihren
eü  erhoben  hat,  und  die  ihn  auch  im  physiokratischen  System  verangt:
  der  Herrscher,  der  Staat.  Zweifelsohne  ist  der  physiokratische
1  ta at,  der  gute  Despot,  dessen  Bild  wir  eben  in  großen  Umrissen
gezeichnet  haben,  nicht  anspruchsvoll:  da  er  nur  wenig  zu  tun  hat,
hird  er  nicht  viel  brauchen.  Wir  haben  jedoch  gesehen,  daß  er  außer
seiner  doppelten  Aufgabe  für  die  Sicherheit  und  den  Unterricht  zu
® 0r §vn,  noch  wirkliche  Grund  Vorschüsse  für  die  Inwertsetzung  von
andereien  durch  öffentliche  Arbeiten,  besonders  für  Straßen 1 )  zu
Risten  hat.  Hierfür  braucht  er  Mittel,  und  die  Physiokraten  glauben,
häs  • Dlan  S * 6  ^ im  reic blich  bemessen  muß 2 ),  und  nicht  etwa  lange  gef
 0r  ^  ihm  handeln  darf,  wie  es  die  parlamentarische  Regierungs-111
  tut.  Wo  wird  er  sie  aber  hernehmen?
o  he  Antwort  ergibt  sich  von  selbst,  wenn  man  das  physiokratische
;  tern  kennt.  Er  kann  sie  nur  vom  „produit  net“  nehmen,  da  dieser
t  1  einz igen  wirklich  neuen,  wirklich  verwendungsbereiten  Wert  dar-_
  denn  der  Rest  wird  notwendigerweise  von  der  Rückzahlung
dra  &amp;gt;^ er  ^ riee hischen  Städte  verschuldet  haben;  Willkür  in  der  Gesetzgebung,  Steuerc
  »  gehässiger  Patriotismus  (S.  800).
es  n  •  ..”® s  S en ügt  nicht,  wenn  man  Ernten  erzielen  will,  daß  die  Landwirte,  sei
Q r  1 ,™ äre &amp;gt;  se i  es  Jährliche  Vorschüsse  für  die  Bewirtschaftung  leisten,  und  daß  die
es hzer  die  grundlegenden  Vorschüsse  hergeben;  es  gehören  noch  die  aus  der
S.  7gg.j UI1 ® saulor ität  fließenden  Vorschüsse  des  Herrschers  dazu“  (Baudbau,
W 0 j,ie^  die  Regierung  weniger  mit  Sparen  beschäftigt  sei,  als  mit  den  für  das
'Grch  r ^ e ^ ei1  d® 3  Landes  nötigen  Operationen,  denn  auch  sehr  große  Ausgaben  können
Jl  a  v  •  16  Vermehrung  der  Güter,  die  sie  hervorrufen,  sich  rechtfertigen“  (Qdbsnay,
xiffies  XXVII).
die  mau S i St  eine  kleinliche  und  gehässige  Idee  der  Engländer,  Jedes  Jahr  die  Summen,
das  ß e  iV er  ®- e g&amp;gt;erung  freundlichst  zur  Verfügung  stellen  will,  festzulegen  und  sich
b'emokr  f  ^ 6r  ® leu erverweigerung  vorzubehalten.  Es  ist  das  eine  augenscheinliche
tle “  (Dupont,  Brief  an  J.-B.  Say,  S.  413).
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        der  Vorschüsse  und  von  dem  Unterhalt  der  industriellen  und  landwirtschaftlichen ­
  Klassen  aufgezehrt.  Wenn  nun  die  Steuern  einen
Teil  dieser  Einkünfte,  deren  Verwendung  unantastbar  ist,  aufbrauchen,
so  würde  nach  und  nach  die  Quelle  des  Reichtums  versiegen.  Wenn
aber  im  Gegenteil  nur  der  Überfluß,  den  der  Reinertrag  vorstellt,
genommen  wird,  und  mit  noch  größerer  Berechtigung,  wenn  nur  ein
Teil  dieses  Überflusses  genommen  wird,  so  kann  die  zukünftige
Gütererzeugung  in  keiner  Weise  benachteiligt  werden.
Das  ist  durchaus  klar.  Wo  aber  wird  der  Staat  diesen  Reinertrag ­
  fassen?  —  Bei  denen,  die  ihn  erhalten,  also  bei  den  besitzenden
Klassen,  so  daß  wir  zu  dem  bemerkenswerten  Schlüsse  kommen,  daß
die  ganze  Steuer  von  den  Grundbesitzern  gezahlt  werden  muß.  Einige
Seiten  vorher  hat  uns  das  Privilegium,  das  die  Physiokraten  ihnen
ohne  weiteres  zusprachen,  etw T as  befremdet;  dies  ist  das  Lösegeld,
und  es  ist  nicht  gering!  Wie  und  nach  welchem  Satze  soll  nun  der
Betrag  festgelegt  werden?
Die  Physiokraten  wollen  keineswegs  die  Grundbesitzer  ihres  Einkommens ­
  berauben,  da,  wie  wir  gesehen  haben,  sie  sich  große  Mühe
gaben,  es  mit  vielen  Gründen  zu  rechtfertigen.  Nicht  nur  wollen  sie
ihnen  alles  das  lassen,  was  für  die  Rückzahlung  ihrer  Grundvorschüsse ­
  und  ihrer  ünterhaltungkosten  notwendig  ist,  sondern  auch
alles  das,  was  gebraucht  wird,  um  den  Stand  des  Besitzers  „möglichst
zu  heben“ 1 ).  Diese  Sorge,  die  uns  ganz  eigentümlich  erscheint,  wird
den  Physiokraten  von  dem  Gefühl  der  Bedeutung  der  sozialen  Rolle
der  besitzenden  Klasse  diktiert.  „Wenn  irgendein  anderer  Stand“,
sagt  Düpont  de  Nemours,  „dem  der  Grundbesitzer  vorzuziehen  wäre,
würden  sich  alle  Menschen  diesem  anderen  Stande  zuwenden.  Sie
würden  es  unterlassen,  ihre  beweglichen  Güter  zur  Schaffung,  Verbesserung ­
  und  Unterhaltung  von  Landgütern  zu  verwenden.“  Muß
man  aber  nicht  in  diesem  Falle  fürchten,  daß  alle  Menschen  sich
dem  Stande  des  Grundbesitzers  zuwenden  und  alle  anderen  Beschäftigungen ­
  vernachlässigen  werden?-  Nein!  die  Physiokraten  haben
diese  Furcht  nicht,  sei  es,  weil  sie  denken,  daß  es  in  einem  Lande
nicht  zuviele  Grundbesitzer  geben  kann,  sei  es,  weil  sie  denken,  daß,
wie  das  Land  selbst,  so  auch  die  Anzahl  der  Grundbesitzer  von  Natur
begrenzt  ist.
Und  zum  Schlüsse  kommen  die  Physiokraten  zu  einem  Steuersatz ­
  von  einem  Drittel,  nach  Baudeau  sogar  nur  von  6 / 20  des  Reinertrages ­
  (also  30%)-  Wenn  man  für  den  Reinertrag  2  Milliarden

*)  „Das  Verhältnis  der  Stenern  zum  Reinertrag  muß  so  sein,  daß  die  Lage  der
Grundbesitzer  die  bestmögliche  ist,  und  daß  ihr  Stand  jedem  anderen  in  der  Gesellschaft ­
  yorgezogen  wird“  (Dopont,  S,  356).
        <pb n="67" />
        Kapitel  I.  Die  Physiokraten.

45

einsetzt,  wie  die  Erklärung  zum  Tableau  economique  angibt,  so
würde  dies  genau  600  Millionen  Fr.  an  Grundsteuern  ergeben 1 ).
Man  versteht,  daß  die  damaligen  Grundeigentümer,  die  als  Adlige
meistenteils  von  allen  Lasten  befi  elt  waren,  diese  Steuer  etwas  hoch
gefunden  haben  und  den  Eindruck  hatten,  daß  die  Physiokraten  sie
den  hohen  Rang,  den  sie  ihnen  zuwiesen,  ziemlich  hoch  bezahlen
üeßen.  Auch  unsere  heutigen  Grundbesitzer  würden,  das  ist  klar,
bei  einer  Steuertaxe  von  30  °/ 0  auf  das  Bruttoeinkommen  nicht  schlecht
schreien.  Die  Physiokraten  antworten  im  voraus  auf  diese  Klagen
mit  einer  heute  banal  gewordenen  Beweisführung,  die  aber  bei  ihnen
mne  ganz  außerordentlich  scharfe  ökonomische  Intelligenz  anzeigt:
Die  Steuer  würde  nämlich  niemand  fühlen,  weil  in  Wirklichkeit  sie
Jemand  zahlen  würde.  Nach  ihnen  würde  jedes  Grundstück  unter
Abzug  des  Steuerbetruges,  d.  h.  also  30  °/ 0  unter  seinem  Werte,  verkauft ­
  werden,  und  folglich  würde  der  Eigentümer,  obgleich  er  nominell
die  Steuer  trägt,  sie  in  Wirklichkeit  nicht  zahlen 2 ).  Angenommen
e m  Gut  bringt  10000  Fr.  Pacht,  und  sein  Wert  sei  daher  bei  einer
Verzinsung  von  5%  gleich  200  000  Fr.;  es  trägt  aber  3000  Fr.
Steuern,  folglich  bringt  es  in  Wirklichkeit  nur  7000  Fr.,  so  daß  sein
'Veit  nur  140000  Fr.  ist.  Der  Käufer,  der  diesen  Preis  gezahlt  hat,
genießt  daher,  trotz  der  Steuer  von  3000  Fr.,  die  Gesamtsumme  des
Einkommens,  zu  der  er  berechtigt  ist,  da  er  doch  nur  Anspruch  auf
d as  haben  kann,  was  er  bezahlt  hat,  und  da  er  in  Wirklichkeit  nur
den  Wert  des  steuerfreien  Teiles  des  Einkommens  erworben  hat.  Es
! st  gerade  so,  als  ob  er  nur  7 / l0  des  Gutes  gekauft  habe  und  die
nbrig en  8 / I0  Staatseigentum  blieben.  Wenn  dann  der  Staat  späterdas ­

  ^ enn  man  diese  Zahl  mit  dem  damaligen  Gesamteinkommen  Frankreichs,
b e t  . ai1 ^  ü  Milliarden  geschätzt  wurde,  vergleicht,  so  ergibt  sich,  daß  sie  12%  davon
Was  e * nen  Staat,  der  nach  der  physiokratischen  Lehre  sich  nur  auf  der
miser  *  .  11  Ordnung  aufbaut,  immerhin  eine  ganz  nette  Summe  ist.  Das  Verhältnis
Iß 0 /,  Dtzigen  enormen  Nationalbudgets,  das  fast  5  Milliarden  ausmacht,  wird  kaum
o  es  Gesamteinkommens  Frankreichs  vorstellen.
Vfi e  ,  as  französische  Budget,  das  Nbcker  1781  präsentierte,  war  fast  das  gleiche,
kirchr^i  * ier  Physiokratischen  Hypothese;  610  Millionen.  Allerdings  kamen  dazu  die
Art  (j-  611  Ahnten,  die  Abgaben  an  die  Grundherren  und  die  Dienstleistungen  aller

unter  dem  physiokratischen  System  verschwinden  sollten.

Gr

rege  Weise  ist  das  Staatseinkommen  niemandem  lästig,  kostet  meman  em  e  w  ,
niemandem  ^bezahlt^rnd  beschränkt  in  keiner  Weise  Irgendwelches  Ergen-(Dupont
  du  Nemours  I,  S.  357/358).
        <pb n="68" />
        46

Erstes  Buch.  Die  Begründer.

hin  die  Steuer  abschafft,  so  würde  er  ihm  ein  ganz  ungerechtfertigtes
Geschenk  yon  3000  Fr.  Jahreseinkommen  oder  60000  Fr.  Kapital
machen  1 ).
Wenn  nun  auch  dieser  Gedankengang  (der  übrigens  eine  viel  größere
Tragweite  hat,  als  die  Physiokraten  dachten,  da  er  sich  nicht  nur
auf  die  Steuer  auf  Grundbesitz,  sondern  auf  jede  Vermögens-  und
Kapitalbesteuerung  bezieht)  für  die  Eigentümer,  die  den  Grund  und
Boden  nach  der  Einführung  dieser  Steuer  erwerben,  ausgezeichnet
ist,  so  ist  er  wenig  reizvoll  für  die  Grundbesitzer,  die  die  Ehre  haben
würden,  das  physiokratische  Heidi  einzuweihen,  und  es  ist  klar,  daß
sie  die  ersten  sind,  die  bekehrt  werden  müßten.
Wie  ersichtlich,  beschränkt  sich  der  Anteil  des  Herrschers  auf
ein  wahres  Miteigentum  am  gesamten  Grundbesitz 2  *  *  *  *  * ).  Dies  stimmt
auch  durchaus  mit  der  Vorstellung,  die  sich  die  Physiokraten  vom
Herrscher  machen,  überein.  In  Wirklichkeit  bilden  die  Grundbesitzer
und  der  Herrscher  nur  eine  den  Boden  des  Landes  zusammen  besitzende ­
  Klasse,  mit  gleichen  Hechten,  gleichen  Pflichten  und  gleichem
Einkommen.  Dadurch  wird  erreicht,  daß  der  Vorteil  des  Herrschers
vollständig  mit  dem  des  Landes  verschmilzt 8  *  * ).
Ihrem  fiskalischen  System  maßen  die  Physiokraten  eine  sehr
große  Bedeutung  bei,  in  der  Überzeugung,  daß  die  Verteilung  der
Steuern  die  Grundursache  der  Not  des  Volks  zu  ihrer  Zeit  war,  die
eigentliche  Verkörperung  der  Ungerechtigkeit,  mit  einem  Wort:  die
damalige  „soziale  Frage!“  Wenn  wir  auch  heute  das  Elend  mehr
der  schlechten  Güterverteilung  als  irgendeinem  fiskalischen  System
zur  Last  legen,  und  diese  Anschauung  der  Physiokraten  uns  über-1

 )  Um  den  Grundbesitzern  größtmögliche  Sicherheit  zu  geben,  wollten  die
Physiokraten,  daß  das  Verhältnis,  einmal  festgelegt,  so  unveränderlich  wie  möglich
sei.  Baudbau  jedoch  gibt  die  Möglichkeit  periodischer  Schätzungen  zu,  „damit  die
Krone  am  Gewinn  und  Verlust  der  produktiven  landwirtschaftlichen  Klasse  in  stetiger
und  wirklicher  Weise  beteiligt  sei“.  Und  er  richtet  folgende,  weittragende  Mahnung
an  die  Grundbesitzer:  „Redet  euch  nicht  ein,  daß  ihr  allein  die  Ursache  des  Steigen»
eurer  Einkünfte  seid,  denn  das  würde  eine  höchst  ungerechtfertigte  Undankbarkeit
der  Autorität  gegenüber  sein,  die  in  stetigem  Fortschritt  ihre  Hoheitsfuuktionen
erfüllt“  (S.  708).
2 )  „Ich  bemerke  nebenbei,  daß  ich  nur  mit  Bedauern  dem  öffentlichen  Einkomme 11
den  Namen  Steuern  beilege.  Dieses  Wort  wird  stets  von  der  schlechten  Seite  aufgefaßt-Es
  bedeutet  so  eine  schwere  Last,  von  der  jeder  befreit  sein  möchte.  —  Das  öffent'
liehe  Einkommen  ist  aber  im  Gegenteil  für  den  Herrscher  nur  der  Ertrag  aus  Grund'
besitz,  der  nichts  mit  allem  anderen  Grundeigentum  seiner  Untertanen  zu  tun  bat
(Mercier  de  la  RiviSbe,  S.  451).
s )  „Wenn  der  Herrscher  .  .  .,  der  ständig  als  jährliches  Einkommen  einen  b®'
stimmten  Prozentsatz  des  Reinertrages  bezieht,  der  mit  dem  Reinertrag  steigt  un l
mit  ihm  sinkt,  so  liegt  hierin  eine  augenscheinliche  und  notwendige  Übereinstimmung
der  Ziele  und  Interessen“  (Baudbaü,  S.  769).
        <pb n="69" />
        Kapitel  I.  Die  Physiokraten,

47

trieben  erscheinen  mag,  so  läßt  sie  sich  doch  aus  der  schrecklichen
Finanzwirtschaft  unter  dem  ancien  regirae  rechtfertigen.
Die  Einwürfe,  welche  diese  nur  auf  die  Grundbesitzer  beschränkte
Steuer  nicht  hervorzurufen  verfehlten,  sind  von  den  Physiokraten
vorgesehen  worden  und  sie  haben  sich  mit  ihrer  Widerlegung  eingehend ­
  beschäftigt.
Erstens:  die  Ungerechtigkeit,  die  Steuer  einer  einzigen  Klasse
Volkes  aufzubürden,  anstatt  sie  gleichmäßig  auf  alle  zu  verteilen ­
  !).
Dem  halten  die  Physiokraten  entgegen,  daß  das  Ziel,  das  sich
rin  Staatsmann  setzen  muß,  nicht  darin  besteht,  alle  gleichmäßig  zu
besteuern,  sondern  wenn  irgendmöglich  niemanden  zur  Steuerleistung

her;

^nzuziehen,  und  daß  gerade  dies  der  Erfolg  einer  Besteuerung  des
Reinertrages  sei.
Sogar  wenn  man  diese  Besteuerung  des  Reinertrages  als  eine
1  teuer  ansehen  sollte,  würde  es  zu  nichts  führen,  sie  anderen  Gesell-Sc
 haftsklassen  aufzubürden,  denn  welche  sollte  man  heranziehen?
Sollte  man  die  landwirtschaftliche  Klasse  die  Steuer  tragen  lassen?
lr  haben  doch  gesehen,  daß  der  Teil,  der  dem  in  der  Landwirt-.
  "alt  Beschäftigten  verbleibt,  nachdem  der  Reinertrag  abgezogen
■  &amp;gt;  nur  genau  die  Rückzahlung  der  jährlichen  und  primären  Vor-Cl
 hsse  ausmacht.  Wenn  man  ihnen  daher  600  Millionen  Steuern
Von  wegnimmt,  so  würde  dem  Boden  um  so  viel  weniger  zurücko
  Seben  werden,  was  den  Bruttoertrag  des  folgenden  Jahres  ent-1
  rechend  vermindern  würde 2 ).  Ausgenommen  es  gelingt  den  Land-Jrien,
  ihre  Pacht

&amp;lt;Uei

um

600  Millionen  vermindert  zu  erhalten.

In

Se m  Palle  würden  das  Endresultat  für  die  Großgrundbesitzer  dase
  sein,  als  wenn  sie  die  Steuern  selbst  bezahlt  hätten,  wozu  aber
&amp;lt; ' 1  die  Schäden  und  Reibungen  kommen  würden,  die  mit  jedem

rierz'  ^  r ^ eser  Einwurf  w ird  j n  der  geistreichen  Satire  Voltaiee’s:  „Der  Mann  mit
artD Zl £  Talern“  behandelt.  Sie  stellt  einen  reichen,  steuerfreien  Finanzherrn  einem
fij r  en  bandwirt,  der  nur  40  Taler  Einkommen  hat,  gegenüber,  aus  dem  er  die  Steuern
selbst  nud  den  Finanzherrn,  der  sich  über  ihn  lustig  macht,  zahlen  muß.
e rier  p  derartige  Beschneidung  der  produktiven  Ausgaben  würde  unweigerlich  zu
sind  .  10&amp;lt; rihtionsverminderung  führen,  denn  die  für  die  Bestellung  nötigen  Ausgaben
Heben* 116  conc ^°  s ^ ne  2 ua  non  der  Ernte.  Man  kann  diese  Ausgaben  nicht  aufebne ­
  ’i  °^ ne  gleichzeitig  die  Ernten  aufzugeben:  auch  kann  man  sie  nicht  vermindern,
■Volke  16  R rnten  ebenfalls  im  gleichen  Verhältnis  zu  verringern.  Diese  für  die  Beanf
  80  gefährliche  Verschlechterung  würde  letzten  Endes  notwendigerweise
«Die  v  ^ rrUll( iheäitzer  und  den  Herrscher  zurückfallen“  (Düpont  de  Nemours,  S.  353).
Wirken  erm ' n ^ erU ng  ^ er  Vorschüsse  wird  in  gleicher  Weise  auf  den  Ertrag  zurücka
 ’ l suben' ln n- dieS  wird  wi eder  von  neuem  den  gleichen  Einfluß  auf  die  Vorschüsse
die  o-gfl’  1)1686  Schraube  ohne  Ende  ist  wohl  geeignet,  jeden,  der  hierauf  auch  nur
de  1»  T»  ® ste  Aufmerksamkeit  verwenden  will,  mit  Schrecken  zu  erfüllen“  (Mehcier
U  ß mk HE ,  s .  499) _
        <pb n="70" />
        48

Erstes  Buch.  Die  Begründer.

falschen  Vorgänge,  der  von  der  natürlichen  Ordnung  abweicht,  verbunden ­
  sind.  Soll  man  diese  Steuern  der  sterilen  Klasse  auferlegeu?
Da  sie  aber  so  wie  so  schon,  laut  ihrer  Definition,  unproduktiv  ist,
d.  h.,  da  sie  nur  den  Gegenwert  dessen,  was  sie  verzehrt,  erzeugt,
so  heißt,  ihr  600  Millionen  nehmen,  sie  dazu  zu  zwingen,  ihren  Verbrauch ­
  oder  ihre  Rohstoffkäufe  um  die  gleiche  Summe  zu  verringern,
und  infolgedessen  die  landwirtschaftliche  Produktion  in  der  Zukunft
zu  vermindern,  —  ausgenommen  es  gelingt  den  Industriellen,  den
Preis  ihrer  Erzeugnisse  um  600  Millionen  zu  steigern.  In  diesem
Falle  ist  es  ebenfalls  die  Klasse  der  Grundbesitzer,  die  die  Folgen
trägt,  sei  es  unmittelbar  für  das,  was  sie  verbraucht,  oder  mittelbar
für  das,  was  ihre  Pächter  verbrauchen  r ).
Diesem  Gedankengange  scheint  die  Idee  zugrunde  zu  liegen,  daß
die  Einkünfte  der  landwirtschaftlichen  und  industriellen  Klassen  nicht
eingeschränkt  werden  können,  weil  sie  nur  das  unumgängliche  notwendige ­
  Minimum  der  Produktionskosten  vorstellen.  Folglich  scheint
auch  schon  jenes  Gesetz  des  Lohnes,  das  man  später  das  eherne
Lohngesetz  genannt  hat,  in  ihm  enthalten  zu  sein.  Sicherlich  kennt
jeder  die  erbarmungslose  Formel,  in  welche  Tuegot  dieses  Gesetz
gefaßt  hat,  ohne  übrigens  damit  zuzugeben,  es  rechtfertigen  zu
wollen *  2 ).  Aber  vor  ihm  hat  schon  Quesnay,  in  nicht  weniger  klaren,
wenn  auch  weniger  bekannten  Worten  gesagt:  „Man  wird  vergeblich
dem  entgegenhalten,  daß  die  Lohnempfänger,  indem  sie  ihren  Verbrauch ­
  einschränken  und  sich  Genüsse  versagen,  die  Steuern  zahlen
könnten,  die  man  von  ihnen  verlangt,  ohne  daß  diese  Steuer  zuletzt
auf  die  ersten  Austeiler  der  Ausgaben  zurückfallen  würde  .  .  .  aber
die  Höhe  des  Lohnes,  und  folglich  auch  die  Genüsse,
die  die  Lohnempfänger  sich  verschaffen  können,  sind
durch  die  scharfe  Konkurrenz,  die  sie  sich  untereinander ­
  machen,  genau  bestimmt  und  auf  das  geringste
„Es  ist  dies  eia  Vorschuß,  den  der  Grundbesitzer  wohl  oder  übel  ihnen  i®
Lohn  oder  Almosen  zurückerstatten  muß;  doch  ist  es  ein  Vorschuß,  den  der  Arm®
dem  Reichen  macht,  und  dessen  verzögerte  Zurückzahlung  den  ersteren  allen  Schrecke"
des  Elendes  aussetzt.  Der  Staat  fordert  von  dem,  der  nichts  hat,  und  sofort  werde"
gegen  den,  der  nichts  hat,  alle  Mittel  der  Rechtsordnung,  alle  Strafbestimmungen  i"
Anwendung  gebracht“  (Turgot,  (Euvres  I,  413).
„Es  liegt  auf  der  Hand,  daß  es  in  diesem  Pall  den  Grundbesitzern  viel  teurer
zu  stehen  kommt,  als  wenn  sie  direkt  ohne  Erhebungskosten  dem  Fiskus  den  betreffenden ­
  Teil  ihres  Einkommens  überweisen“  (Düpont  de  Nemours,  S.  352).
2 )  „Bei  jeder  Arbeit  muß  es  zutreffen  und  trifft  es  auch  tatsächlich  zu,  daß  der
Lohn  des  Arbeiters  sich  auf  das  beschränkt,  was  zum  Erwerb  seiner  Unterhaltsmitt® 1
ausreicht“  (Reflexions  sur  la  formation  des  richesses,  §  VI).  Es  ist  aber  immerhi®
möglich,  daß  ebenso,  wie  Christus,  als  er  sagte:  „Denn  Arme  habt  ihr  allezeit  b® 1
euch“,  auch  Turgot  nicht  ein  allgemeingültiges  Gesetz,  sondern  nur  den  gerade  b®'
stehenden  Zustand  im  Auge  hatte.
        <pb n="71" />
        Kapitel  I.  Die  Physiokraten.

49

beschränkt 1 ).  Es  ist  ganz  charakteristisch,  daß  der  Erfinder  der
natürlichen  Ordnung  ohne  Erstaunen  und  als  etwas  Natürliches,  d.  h.
übereinstimmendes  mit  dieser  natürlichen  Ordnung  zugibt,  daß  die
Arbeiter  nur  gerade  das  zum  Leben  Notwendigste  haben!
Auch  ist  es  bemerkenswert,  daß  die  Physiokraten,  wenn  sie  die
industrielle  Klasse  in  Bausch  und  Bogen  betrachten,  nur  die  Lohnempfänger ­
  im  Auge  haben  und  die  Unternehmer  ganz  außer  acht
lassen,  deren  Profit  doch  schon  zu  ihrer  Zeit  groß  und  wohl  einschränkbar
  war.  Hier  hätte  sie  der  reiche  Finanzier  Voltaire’s  in
Verlegenheit  bringen  können,  denn  es  würde  ihnen  Mühe  gekostet
haben,  darzulegen,  daß  dieser  seinen  Verbrauch  nicht  ohne  Schädi-§
 Un g  der  Produktion  hätte  einschränken  können.  Wahrscheinlich
Würden  sie  aber  geantwortet  haben,  daß,  da  dieser  Finanzier  es  verstanden ­
  habe,  vom  Staat  und  von  seinen  Mitbürgern  400  000  Fr.  zu
^•schwindeln,  es  ihm  ein  Kinderspiel  gewesen  wäre,  sich  den  Betrag
hßr  Steuer,  —  wenn  man  sie  ihm  hätte  auferlegen  wollen  —  auf
Reiche  Weise  zu  verschaffen.
Zweitens;  Ein  weiterer  Einwurf  ist,  daß  die  einzige  Steuer  für
üm  Bedürfnisse  des  Staates  nicht  ausreichen  würde.  „In  mehreren
Staaten,  sagt  man,  würde  das  Drittel,  die  Hälfte  und  sogar  drei  Viertel
reinen  Nettoeinkommens  aller  produktiven  Anlagen  nicht  für
16  jährlichen  Ausgaben  des  öffentlichen  Schatzes  genügen  ..  ..,  wo-Ur
 ch  die  anderen  Steuerformen  nötig  werden 2 ).“
Hierauf  antworten  die  Physiokraten,  daß  die  Anwendung  ihres
.  ^Mischen  Systems  eine  bedeutende  Steigerung  des  Reinertrags,  und
holgedessen  eine  progressive  Steigerung  auch  des  Steuerertrages
s  Erfolg  haben  würde;  daß  man  ebenso  die  Ersparnis,  aus  der
e inah  vollständigen  Abschaffung  der  Erhebungskosten  auf  Grund
er  Einfachheit  dieser  Steuer  in  Rechnung  setzen  müßte;  und  endlich,
das  Interessanteste  ist,  daß  es  keineswegs  Aufgabe  der  Steuer
q  ’  Slc b  den  Bedürfnissen  des  Staates  anzupassen,  sondern  daß  im
genteil  der  Staat  seine  Bedürfnisse  der  Leistungsfähigkeit  des
J  u des  anpassen  müßte.  Der  Vorzug  der  physiokratischen  Steuer
y teht  gerade  darin,  daß  er  den  Steuerertrag  nach  einer  von  der

0  Zweites  wirtschaftliches  Problem,  S.  134.  Qobskay  fahrt  m  seinem
Jsdankengang  in  merkwürdiger  Weise  fort.  Er  nimmt  nicht  an  daß  die  Lohn-^"ünderung
  unter  das  Existenzminimum  den  Tod  einer  großen  Anzahl  von  Menschen
^führen  werde,  sondern  nur  „ihre  Auswanderung  zu  anderen  Völkern  -  eine
A U  se mer  Zeit,  sollte  man  denken,  recht  optimistische  Auffassung  —  und  daß  diese
Auswanderung  durch  Verminderung  der  verfügbaren  Arbeitskräfte,  als  Folge  eine
0  uerhöhung  herbeiführen  würde.  ,  ....  T l m
,  2 )  Baudeau,  S.  770.  „Dieser  Einwurf  beruht  auf  dem  Irrtum,  das  Netto-Jahres-.
  "^nmen  mit  einem  fiktiven  Reinertrag,  der  durch  andere  Abgaben  und  dadurch
'ugte  Lasten  verringert  wird,  zu  verwechseln  (ebenda,  .S,  774).
*' 1  ae  und  Rist,  Gesell,  d.  Volkswirtschaft!.  Lehrmeinungen.
        <pb n="72" />
        50

Erstes  Buch.  Die  Begründer.

If11

Natur  selbst  gegebenen  Norm,  nämlich  dem  Reinertrag  bemißt,  ohne
die  der  Willkür  Tor  und  Tür  geöffnet  ist 1 ).  Im  Grunde  genommen,
ist  dies  eine  viel  wirksamere  Schranke  gegen  die  Allmacht  des  Herrschers, ­
  als  jene,  die  auf  der  phantastischen  Abstimmung  eines  Parlaments ­
  beruht.
Wie  man  weiß,  ist  das  System  der  Physiokraten  und  im  besonderen ­
  ihr  fiskalisches  System  von  einem  ihrer  Schüler  in  die  Tat
umgesetzt  worden,  der  den  Vorzug  hatte,  als  Fürst  Experimente  an
seinen  Untertanen  anstellen  zu  können,  und  zwar  vom  Markgrafen
Karl  Friedrich  von  Baden  in  drei  Gemeinden  seines  Landes.  Wie
alle  Experimente  mit  sozialen  Systemen  schlug  auch  dieses  fehl.  In
2  Gemeinden  mußte  man  es  nach  Ablauf  von  4  Jahren  (1772—1776)
aufgeben;  in  einer  dritten  hielt  es  sich,  mit  Not  und  Mühe,  bis  zum
Jahre  4£0ör  Die  Steigerung  der  Grundsteuer  verursachte  einen  wahren
Krach  im  Werte  der  Güter,  während  zu  gleicher  Zeit  die  Abschaffung
der  Verbrauchssteuer  Kneipen  wie  Pilze  aus  dem  Boden  schießen
ließ 2 ).  Selbstverständlich  wurde  der  Glaube  des  Markgrafen,  wieder
seiner  Meister,  der  Physiokraten,  von  diesem  Mißerfolg  nicht  erschüttert;
sie  erklärten,  daß  sie  einen  Versuch  in  so  kleinem  Maßstab  nicht  als
entscheidend  anerkennen  könnten.  Das  sagen  alle  Erfinder  von
Systemen,  wenn  die  angestellten  Versuche  fehlschlagen,  und  man
kann  nicht  umhin,  zuzugeben,  daß  sie  nicht  ganz  Unrecht  haben.
Aber  nicht  in  diesem  kleinen  fürstlichen  Zeitvertreib  muß  man
die  Anwendungen  des  fiskalischen  Systems  der  Physiokraten  suchen:
es  hatte  eine  viel  größere  Tragweite.
Die  französische  Revolution  geht  zunächst  in  ihrem  fiskalischen
System  unmittelbar  von  den  physiokratischen  Ideen  aus,  da  die  Assemblee
Constituante  von  einem  Budget,  das  nicht  500  Millionen  überschritt,
fast  die  Hälfte,  240  Millionen,  von  der  Grundsteuer  verlangte,  was  in
unserem  heutigen  Budget  fast  2  400000000  Fr.  vorstellen  würde  (!),
ohne  Einschluß  der  Zusatzsteuer  (!),  und  dabei  wurde  noch  der  größere
Teil  des  Restes  durch  direkte  Steuern  erhoben.

0  „Sollte  es  unglücklicherweise  wahr  sein,  daß  drei  Zehntel  des  Gesamtboden-Reinertrages
  nicht  genügen  würden,  um  die  laufenden  Ausgaben  zu  decken,  so  bliebe
nur  eine  gerechte  und  vernünftige  Lösung,  die  sich  aas  dieser  Tatsache  ergeben  kann
übrig,  nämlich  die  Notwendigkeit,  die  Ausgaben  verursachenden  Posten  zu  verringern“ ­
  (Dupont  de  Nemoubs,  S.  775).
„Es  kommt  den  Menschen  nicht  zu,  die  Steuern  nach  ihrem  Gutdünken  zu  verteilen; ­
  es  besteht  hierfür  eine  genau  von  der  natürlichen  Ordnung  vorgeschriebene
Form“  (Dupont,  Sur  l’origine  d’une  Science  nouvelle).  Sie  bestreiten  ebenfalls, ­
  daß  der  Staat  die  natürliche  Grenze  durch  Anleihen  überschreiten  darf,  da  das
doch  nur  eine  Erhöhung  aufgeschobener  Steuern  darstellt.
2 )  Vgl.  die  lehrreiche  Broschüre  vonG-ABgou:  Unprince  allemand  physiocrate,
  die  nach  zwei  Bänden  von  Briefen  zusammengestellt  ist.
        <pb n="73" />
        51

Kapitel  I.  Die  Physiokraten.

4*

Der  Mißkredit,  in  den  die  indirekten  Steuern,  die  Verbrauchssteuern, ­
  heute  geraten  sind,  und  der  in  den  demokratischen  Gemeinwesen ­
  immer  weiter  um  sich  greift,  ist  auch  eine  Folge  des  physiokratischen
  Systems.  Die  meisten  der  Gründe,  die  man  gegen  diese
Art  Steuern  anführt,  finden  sich  schon  bei  den  Physiokraten.  Der
Einwurf  aber,  den  man  heute  als  den  hauptsächlichsten  ins  Treffen
führt,  daß  nämlich  die  indirekten  Steuern  nicht  proportional  zum
Einkommen  wirken,  oder  wie  man  sagt,  sogar  eine  nach  unten  progressive ­
  Wirkung  haben,  findet  sich  fast  nirgends  in  ihren  Schriften.
Eiese  Sorge  um  die  steuerliche  Gerechtigkeit,  die  nur  ein  Ausdruck
für  Gleichheit  ist,  lag  ihnen  fern  J ).
Später  werden  wir  das  System  einer  einzigen  Steuer  mit  großem
Nachdruck  in  dem  Werke  eines  amerikanischen  Nationalökonomen
Wieder  aufgenommen  finden,  der  übrigens  von  den  Physiokraten  mit
üer  größten  Begeisterung  gesprochen  hat,  —  wenn  er  auch  in  bezug
a üf  die  Grundbesitzer  gerade  den  entgegengesetzten  Gefühlen
huldigte  — 2 ).  Heute  noch  hat  dies  System  in  den  Vereinigten
Staaten  unter  dem  alten  Namen  der  „einzigen  Steuer“  (single  tax
s ystem)  eine  begeisterte  Anhängerschaft.

A  Zusammenfassung  der  physiokratischeu  Doktrin.
Die  Kritiker  und  die  Abtrünnigen.

Wenn  wir  jetzt'die  Beiträge  der  Physiokraten  zur  ökonomischen
issenschaft'zusammenfassen,  so  sehen  wir,  daß  sie  von  nicht  gerin
 ger  Bedeutung  sind:
'  Vom  theoretischen  Gesichtspunkte  aus;
1-  Der  Gedanke,  daß  alle  Sozialphänomene  gesetzmäßig  sind
d  folglich  Beziehungen  untereinander  haben,  die  es  zu  entdecken ­
  gilt;
2-  der  Gedanke,  daß  das  sich  selbst  überlassene  persönliche  Inter-,Se
  das  ihm  nützlichste  finden  wird  und  damit  auch  das,  was  der
esamtheit  am  nützlichsten  ist,  —  eine  liberale  Lehre,  die  übrigens
rs chiedene  Vorläufer  noch  vor  den  Physiokraten  gehabt  hat;
3.  der  Gedanke,  daß  die  freie  Konkurrenz  den  richtigen  Preis
d e ° n  Verstellt,  nämlich  den  für  beide  Teile  vorteilhaftesten  Preis,
1  den  Wucherprofit  ausschließt;
(8,  4jp,  JIan  ® n( let  sie  aber  in  einem  der  Briefe  Dopont  de  Nemours  an  J.-B.  Say
’ a * so  ziemlich  viel  später.
Tradol  ENs ^  George  hat  ihnen  eins  seiner  Bücher:  „Protection  or  Pree
selbst  d n R eWidmet ’  da  er  in  ihnen  Vorläufer  zu  sehen  glaubte;  er  gesteht  aber
Werte  a  er  sie  nicht  gelesen  habe,  und  so  verliert  dies  Lob  etwas  von  seinem
        <pb n="74" />
        4.  eine  zwar  ungenaue,  aber  sehr  durchdachte  Analyse  der  Produktion ­
  und  der  verschiedenen  Kapitalkategorien;  eine  erstmalige
Klassifizierung  der  Einkünfte  und  des  Gesetzes  ihrer  Verteilung;
5.  die  klassisch  gewordenen  Gründe  zugunsten  des  Grundeigentums. ­

Vom  praktischen  Standpunkte  aus:
1.  Arbeitsfreiheit;
2.  die  Freiheit  des  Binnenhandels  und  die  klassisch  gewordenen
Gründe  in  bezug  auf  die  Freiheit  des  Außenhandels;
3.  die  Begrenzung  der  Funktionen  des  Staates;
4.  der  erste  Nachweis  des  Vorzugs  der  direkten  Steuern  gegenüber ­
  den  indirekten  Steuern/
Es  würde  daher  nicht  gerecht  sein,  ihnen,  wie  es  verschiedentlich
geschehen  ist,  vorzuwerfen,  weiter  nichts  als  soziale  Metaphysik  getrieben ­
  zu  haben.  In  den  ersten  Anfängen  einer  Wissenschaft  ist
übrigens  auch  eine  übertriebene  Systematisierung  nie  von  Schaden;
denn  auch  Irrtümer  haben  da  ihren  Nutzen.  Das  einzige,  was  man
sagen  kann,  ist,  —  wenn  ihre  Auffassung  der  natürlichen  Ordnung
der  ganzen  politischen  Ökonomie  als  Grundlage,  oder  wenigstens  als
Gerüst  gedient  hat,  —  daß  sie  an  einem  Optimismus  krankte,  der  die
liberale  Schule,  besonders  in  Frankreich,  hypnotisieren  und  zur  Unfruchtbarkeit ­
  verurteilen  sollte 1 ).
•  Die  große  Unterlassungssünde  der  Physiokraten  ist  ihr  völliger
Mangel  an  Einsicht  in  bezug  auf  den  Wert,  der  auf  ihrer  grobmateriellen
  und  rein  bäuerlichen  Auffassung  der  Produktion  beruht.  Sie
sprechen  nur  selten  und  flüchtig  davon,  und  was  sie  darüber  sagen,
ist  mittelmäßig  und  verworren.  Hierauf  beruht  der  große  Irrtum,  in
dem  sie  in  bezug  auf  die  Unproduktivität  des  Güteraustausches  und  der
Industrie  befangen  waren.  Das  ist  um  so  unverständlicher,  da  diese
Frage  des  Wertes  von  verschiedenen  ihrer  Zeitgenossen  in  sehr  bel

 )  Man  höre  Mercieb  de  la  EiviEre:  „Bewundert,  wie  ein  jeder  Mensch  das
Mittel  zum  Glück  der  anderen  Menschen  ist,  und  das  Glück  des  einzelnen  scheint
wie  die  Bewegung  fortzuwirken.  Nehmt  dies  in  seiner  wörtlichen  Bedeutung!  Ich
weiß  nicht,  ob  wir  dann  Unglückliche  haben  werden;  wenn  es  aber  solche  geben
sollte,  werden  es  nur  wenige  sein,  und  die  Glücklichen  werden  so  zahlreich  sein,  daß
wir  uns  nicht  wegen  des  Beistandes  zu  sorgen  brauchen,  dessen  die  Armen  bedürfen
werden.  Alle  unsere  Interessen,  all  unser  Streben  wird  sieh  im  Interesse  und
Streben  des  Herrschers  vereinigen  und  so  zu  unserem  gemeinsamen  Glück  eine  Harmonie ­
  schaffen,  die  man  als  das  Werk  einer  wohltätigen  Gottheit  betrachten  kann,
die  da  will,  daß  die  Erde  mit  glücklichen  Geschöpfen  bevölkert  sei  (II,  8.  638).
Es  ist  aber  zu  bemerken,  daß  diese  bezaubernde  Beschreibung  sich  nicht  aui
die  bestehende  Gesellschaft  bezieht,  sondern  auf  die  zukünftige  Gesellschaftsordnung,
in  der  die  natürliche  Ordnung  herrschen  wird.  Dieser  Optimismus  gleicht  dem  der
Anarchisten.
        <pb n="75" />
        Kapitel  I.  Die  Physiokraten.

53

achtenswerter  Weise  untersucht  worden  ist.  Wir  verweisen  hierbe
besonders  auf  Richard  Cantillon,  den  sie  in  gewisser  Hinsicht  als
einen  der  Ihren  betrachteten,  und  auf  sein  Essai  surlecommerce,
bas  1755  erschien 1 ),  auf  den  Abbe  Galiani  in  seinem  Buche  über  das
Geld  (Deila  Moneta),  1750,  und  auf  den  Abbe  Morellet,  Prospectus
b’un  nouveau  Dictionaire  de  commerce,  1769.  Hauptsächlich ­
  kommt  aber  Condillac  in  Betracht,  dessen  Buch  „Du  commerce
e t  du  Gouvernement“  allerdings  erst  1776  veröffentlicht  wurde,
z a  einer  Zeit  also,  als  ihr  System  schon  bekannt  war  und  sich  seinen
Platz  erobert  hatte.
'  Turgot  jedoch,  der  nur  zur  Hälfte  Physiokrat  war,  hatte  über
den  Wert  weit  wissenschaftlichere  Gedanken  geäußert 2 ).  Er  definiert
den  Wert  als:  „den  Ausdruck  des  Schätzungsgrades,  den  der  Mensch

den

verschiedenen  Gegenständen  seiner  Wünsche  entgegenbringt.“

Piese  Definition  drückt  die  Subjektivität  des  Wertes  ganz  richtig
au s v und  enthält  zwei  Worte:  „Schätzungsgrad“  und  „Wunsch“  die
Hm  noch  schärfer  begrenzen 3 ).  Allerdings  sagt  er  an  einer  anderen

Stell

Hchi

e:  daß  trotz  seiner  Relativität,  der  Wert  doch  stets  eine  wirke

  innere  Qualität  des  Objekts  „zur  Voraussetzung  hat“.  Er  will
er  wit  diesen,  ihm  oft  vorgeworfenen  Worten  nach  unserer  Ansicht
mir  s  5  6
jekts

daß
TüRl

sagen,  daß  unser  Wunsch  eine  bestimmte  Eigenschaft  des  Obvoraussetzt,
  was  unbestreitbar  ist,  —  jedoch  in  der  Annahme,
diese  Eigenschaft  in  der  Einbildung

jRgot  nicht  gedacht  zu  haben  scheint.

bestehen  kann,  woran

jj  )  Dieser  Richahd  Cantillon,  von  dem  seit  mehr  als  einem  Jahrhundert  kein
a ]l e  .3  gesprochen  hat,  ist  seit  einigen  Jahren  wieder  stark  Mode  geworden,  wie
t r j  ,  01 'liufer,  die  von  neuem  entdeckt  werden.  Man  schreibt  ihm  einen,  wohl  über-Einfluß
  auf  die  Physiokraten  zu.  Auf  jeden  Fall  ist  es  sicher,  daß  das  erste
“Deabbao’s,  l’Ami  des  hommes,  das  ein  Jahr  nach  dem  Tode  Cantillon’s,
ty e jj  ® rsc kien,  direkt  von  ihm  beeinflußt  ist.  Wir  erwähnen  ihn  nicht  weiter,
Zeit«  3  ® renzen i  die  wir  uns  gesteckt  haben,  überschreiten  würde.  In  allen
J E?  C  r dten  finden  sich  aber  Aufsätze  über  ihn.  Der  erste  war  der  von  Stanley
in  d er  Contemporary  Review,  1881.
Sc Me  ^ a * eurs  et  Monnaies  (Wert  und  Geld),  wahrscheinlich  um  1769  erden
  We ^ er  noch  in  seinen  Reflexions.  Die  Grundgedanken  Qobsnay’s  über
„Ron, 61 *'  ^* nc len  sich  in  einem  lange  unveröffentlicht  gebliebenen  Aufsatz,  betitelt
e C0J1  ^es“,  der  erst  kürzlich  in  der  Revue  d’histoire  des  doetrines
“&amp;gt;9*68  et  sociales,  erster  Jahrgang,  Nr.  1  erschienen  ist.
Val eur  ^r  unterscheidet  ziemlich  ausführlich  zwischen  dem  Schätzungswert,
duelloi  es Gmative  (den  wir  individuellen  Wert  nennen  würden,  valeur  indivi-W,



•■ert  dem  a ngenommenen  Wert  (Valeur  appreciative,  den  wir  sozialen
die  wird  '- r  sociale i  nennen  können).  Der  erstere  wird  von  der  Zeit  oder  Mühe,

Wp  k  ~  »«'■«uwenueu  uereil  smu,  ümuiuiui,  au  uaw  mci  ucr  JDegnii  lies  -ft.r-Unters
  n-  ( VaIeur -travail)  erscheint.  Was  den  angenommenen  Wert  anlangt,  so
Schütt  61&amp;lt;let  er  sic!l  von  dem  anderen  nur  dadurch,  daß  er  ein  durchschnittlicher
gswert  —  valeur  estimative  moyenne  —  ist“.
        <pb n="76" />
        54

Erstes  Buch.  Die  Begründer.

Möglich,  daß  Tuegot  Condillac  inspiriert  hat,  möglich  aber
anch,  daß  er  selbst  von  Galiani  inspiriert  worden  ist,  dessen  20  Jahre
früher  erschienenes  Buch,  das  er  übrigens  zitiert,  schon  eine  sehr
feine  psychologische  Analyse  des  Wertes  enthält,  die  ihm  Nützlichkeit ­
  und  Seltenheit  als  Grundlage  gibt.  'Diese  Ansichten  über  den
Wert  sind  nicht  die  einzigen,  die  Tuegot  von  den  Physiokraten
trennen:  es  gibt  noch  viele  andere,  so  daß  es  gerechter  und  genauer
wäre,  Tuegot  ein  besonderes  Kapitel  zu  widmen 1 ).  Allgemein  gesprochen, ­
  sind  sie  moderner  und  nähern  sich  denen,  die  Adam  Smith
aufgestellt  hat. 1  Aus  Raummangel  müssen  wir  uns  damit  begnügen,
die  hauptsächlichsten  Lehren,  in  denen  Tuegot  sich  von  den  Physiokraten ­
  unterscheidet,  anzuführen:
*1.  der  grundlegende  Gegensatz  zwischen  der  Produktivität  der
Landwirtschaft  und  der  Sterilität  der  Industrie  wird,  wenn  nicht
ganz  aufgegeben,  so  doch  wenigstens  in  seiner  Bedeutung  sehr  verringert ­
  ;
2.  das  Großgrundeigentum  verliert  seinen  Rang  als  eine  Einrichtung ­
  göttlichen  Rechtes.  Er  verzichtet  sogar  darauf,  sich  auf
die  sog.  Grundvorschüsse  zu  berufen:  es  stützt  sich  nur  noch  auf  eine
Tatsache,  die  Besitzergreifung  —  Okkupation  —  und  auf  die  öffentliche ­
  Nützlichkeit;
3.  dagegen  nimmt  das  bewegliche  Eigentum,  wie  alle  Erzeugnisse ­
  der  Arbeit,  einen  hervorragenden  Platz  ein.  Die  Rolle  des
Kapitals  ist  sorgfältiger  analysiert  und  die  Rechtfertigung  der  Zinsen
endgültig  durchgeführt.'
*  Die  Ergänzung  der  Lücken  und  die  Verbesserung  der  Irrtümer
der  Physiokraten  findet  sich  aber  hauptsächlich  in  dem  Buche,  das  der
Abbe  Condillac,  über  60  Jahre  alt  und  als  Philosoph  schon  berühmt, ­
  1776  veröffentlichte.  Das  Werk:  Le  Commerce  et  le
Gouvernement  consideres  relativement  Dun  ä  Fautre
(Handel  und  Regierung  in  ihrem  gegenseitigen  Verhältnis  zueinander)
ist  ein  wundervolles  Buch,  das  im  Keime  schon  die  modernsten  Idee»
enthält  und  das  vielleicht  teilweise  die  unverdiente  Vergessenheit,  in
die  es  gefallen  war,  dem  ungeschickten  Titel  verdankt,  der  in  keiner
Weise  dem  Inhalt  gerecht  wird.
‘  Es  ist  eine  wirkliche  national-ökonomische  Abhandlung,  und  nicht
mehr,  wie  das  Buch  der  Physiokraten,  ein  Werk  über  soziale  Wissen'
Schaft,  in  dem  volkswirtschaftliche  Betrachtungen  wahllos  mit  politischen, ­
  juristischen  und  moralischen  Ausführungen  zusaramengeworfeß

‘)  Obschon  sich  Türgot  einen  Schüler  Qdbskay’s  nannte,  hat  er  sich  doch  stets
abseits  der  physiokratischen  Schule  gehalten,  die  er  etwas  wegwerfend  als  Sekte  bezeichnete.
        <pb n="77" />
        Kapitel  I.  Die  Physiokraten.

55

sind.  Von  Anfang  an  stellt  der  Verfasser  den  Wert  als  die  Grundlage ­
  der  Nationalökonomie  hin  und  überragt  dadurch  sofort  bei  weitem
die  Physiokraten  ’).  Er  bezieht  den  Wert  auf  den  „Nutzen“,  um
dieses  Wort  aber  sofort  von  seiner  landläufigen  Bedeutung  zu  trennen,
und  ihm  jenen  wissenschaftlichen  Inhalt  zu  geben,  den  es  nicht  mehr
verlieren  sollte:  der  Nutzen  ist  nicht  mehr  der  Ausdruck  einer
Physischen,  den  Sachen  innewohnenden  Eigenschaft,  sondern  der  einer
bestimmten  Beziehung  zwischen  einer  Sache  und  einem  Bedürfnisse
des  Menschen:  „Der  Wert  liegt  weniger  in  der  Sache  selbst  als  in
der  Schätzung,  die  wir  ihr  entgegenbringen,  und  diese  Schätzung
hängt  von  unserem  Bedürfnis  ab;  er  steigt  und  fällt  wie  unser  Bedürfnis ­
  größer  oder  geringer  wird.“  —  Hiermit  ist  die  Grundlage  der
Psychologischen  Theorie  des  Wertes  gefunden 2 ).*
Schon  das  ist  viel  und  doch  noch  nicht  alles.  4  Condillac  erkennt ­
  sofort,  daß  der  Nutzen  nicht  der  einzige  Bestandteil  ist,  der
den  Wert  bestimmt,  und  daß  die  Quantität,  d.  h.  der  Überfluß  oder
die  Seltenheit,  ebenfalls  einen  entscheidenden  Einfluß  ausübt.  In  ausgezeichneter ­
  Weise  weist  er  dann  die  Verbindung  nach,  die  zwischen
diesen  beiden  Bestandteilen  besteht,  und  zeigt,  wie  sie  in  Wahrheit
uuis  sind,  da  die  Qualität  nur  deshalb  den  Wert  beeinflußt,  weil  sie
den  Nutzen  beeinflußt,  d  h.  weil  sie  den  Stachel  des  Bedürfnisses
•Wirker  oder  geringer  fühlbar  macht.  „Da  der  Wert  der  Sachen  sich
das  Bedürfnis  gründet,  so  ergibt  sich,  daß  ein  stärker  gefühltes
edürfnis  den  Sachen  einen  größeren,  und  ein  geringer  gefühltes  Behrfnis
  ihnen  einen  geringeren  Wert  gibt.  Der  Wert  der  Dinge
Rächst  daher  mit  ihrer  Seltenheit  und  fällt  mit  ihrem  Überflüsse.
111  Überfluß  kann  er  sogar  vollständig  schwinden.  Ein  überreichlich
Wrhandenes  Gut  z.  B.  wird  stets  wertlos  sein,  wenn  man  keinen  Gesuch ­
  davon  machen  kann,  da  es  dann  völlig  nutzlos  geworden  sein
ird 3 ).“  Besseres  kann  man  auch  heute  nicht  sagen.  Die  ganze
e rttheorie  Jevon’s,  wie  die  der  österreichischen  Schule  war  hier
111  Keime  gegeben,  entfaltete  sich  aber  erst  viel  später.
Diese  Auffassung  des  Wertes  mußte  Condillac  auch  zu  einer
ei  höheren  Auffassung  des  Tausches  führen  als  die  Physiokraten  sie
jl  ten -  Da  der  Wert  nur  in  der  Befriedigung  eines  Bedürfnisses
fri^r  S °  sc * la K t  der  Austausch,  der  gleichzeitig  zwei  Bedürfnisse  be-„
  6  zwei  Werte.  Das  bezeichnende  des  Austausches  besteht  ja
hat  6  ^ aian ’  daß  jede  der  beiden  Parteien  das,  woran  sie  Überfluß
!  £ e 8'en  das,  was  ihr  fehlt,  eintauscht;  das  aber,  was  sie  im  Überdieses
  ^  dies  nur  deshalb  so  eingehend  behandelt,  weil  es  als  Grundlage
ganzen  Werkes  dienen  soll“  (Kap.  I).
J.  6  Commerce  et  le  Gouvernement,  S.  15.
Ebenda,  I.  Teil,  Kap.  1.
        <pb n="78" />
        56

Erstes  Buch,  Die  Begründer.

fluß  hat,  ist  für  sie  ohne  Nutzen,  und  daher  ohne  Wert,  während  das,
was  ihr  fehlt,  für  sie  einen  großen  Nutzen  und  folglich  einen  großen
Wert  vorstellt.  Jeder  erscheint  daher  am  Markt  mit  einer  ihm  nutzlosen ­
  Sache  und  verläßt  ihn  mit  einer  nützlichen 1 ).  Folglich  ist  die
Behauptung  der  Physiokraten,  daß  der  Tausch  niemanden  Nutzen
bringt,  oder  zum  mindesten,  daß  der  Gewinn  des  einen  den  Verlust
des  anderen  bedeutet,  vollkommen  falsch.  Wohl  versuchen  die  Physiokraten ­
  und  besonders  Le  Teosne  eine  Erwiderung,  aber  infolge  der
Gründe,  die  wir  oben  gegeben  haben  (S.  52),  konnten  sie  nicht  zu
einem  Verständnis  dieses  subjektiven  Charakters  des  Wertes  gelangen. ­

&amp;lt;  Diese  Theorie  sollte  noch  einen  anderen  Grundirrtum  der  Physiokraten ­
  berichtigen  und  die  Wissenschaft  einen  weiteren  großen  Schritt
vorwärts  bringen,  indem  sie  eine  Erklärung  der  Produktion  gab.
Wenn  der  Wert  nur  im  Nutzen,  und  der  Nutzen  selbst  nur  in  einer
bestimmten  Beziehung  zwischen  den  Dingen  und  unseren  Bedürfnissen
besteht:  was  heißt  erzeugen  dann  anderes,  als  diese  Beziehung
zwischen  den  Dingen  und  unseren  Bedürfnissen  schaffen?  Stellt  nun
aber  die  Natur,  der  Boden  diese  Beziehung  her?  —  Sehr  selten.
„Sie  bringt  hauptsächlich  Dinge  hervor,  die  für  uns  nutzlos  sind  und
von  denen  wir  keinen  Gebrauch  machen  können.  (Eine  gedankenvolle
Bemerkung,  die  den  Enthusiasmus  der  Physiokraten  für  die  Alma
parens  stark  hätte  abkühlen  müssen!)  Durch  die  menschliche  Arbeit
erhalten  die  Dinge  erst  Formen,  die  sie  nützlich  machen.  —  Erzeugen
bedeutet:  Stoff  umformen 2  3  *  * ).“  Welcher  Unterschied  besteht  dann  aber
zwischen  der  landwirtschaftlichen  und  industriellen  Produktion?
Keiner.  Die  eine  wie  die  andere  formt  nur  das,  was  besteht,  um 8 ).
'Weiterhin  führt  Condtllac  sehr  gut  aus,  daß,  gerade  so  wie  die
Industriearbeiter  und  die  Grundeigentümer  von  den  Landwirten  abhängig ­
  erscheinen  und  es  auch  wirklich  sind,  auch  diese  nicht  weniger
auf  die  Industriellen  angewiesen  sind.'  „Die  Frage,  ob  die  Landwirtschaft ­
  der  Industrie  oder  die  Industrie  der  Landwirtschaft  vor-*)

  „Die  Annahme,  daß  man  stets  Wert  gegen  Wert  tauscht,  ist  falsch.  Im
Gegenteil,  jeder  der  Tauschenden  gibt  stets  etwas  geringeres  für  etwas  mehrwertiges.
—  Der  Vorteil  ist  gegenseitig,  woher  es  wohl  kommt,  daß  man  von  einem  Tausch
„Wert  gegen  Wert“  spricht.  Man  ist  aber  wenig  folgerichtig  vorgegangen,  denn
gerade  deshalb,  weil  der  Vorteil  gegenseitig  ist,  hätte  man  schließen  müssen,  daß
jeder  weniger  für  mehr  gibt  (Op.  cit.  S.  55/66).  Man  vergleiche  dieses  Zitat
mit  dem  von  Le  Teosne  (S.  30,  Anm.  2),  und  man  wird  die  psychologische  Überlegenheit ­
  bemerken.
,  2 )  Op.  cit.  I.  Teil,  Kap.  IX.
3 )  „Wenn  die  Erde  mit  Erzeugnissen  bedeckt  sein  wird,  so  wird  es  doch  nicht
mehr  Substanz  als  vorher  geben;  sie  hat  nur  neue  Formen,  und  in  diesen  Formen
besteht  eben  der  ganze  Reichtum  der  Natur“  (Op.  cit.,  ibid.).
        <pb n="79" />
        Kapitel  I.  Die  Physiokraten.

57

zuziehen  sei,  ist  daher  ohne  jede  Bedeutung.  Man  darf  keine  bevorzugen, ­
  sondern  muß  sich  mit  beiden  befassen
“Was  den  Lohn  anlangt,  so  ist  seine  Definition,  so  kurz  sie
uuch  ist,  von  einer  unglaublichen  Tragweite:  „Der  Lohn  entspricht
dem  Teil,  den  sie  (die  Arbeiter)  am  Erzeugnis  als  Mitbesitzer  haben 2 ).“  '
Ler  Ausdruck  „entspricht“  will  sagen,  daß  der  Arbeiter,  der  sein
^aturrecht  auf  sein  Arbeitserzeugnis  nicht  ausüben  kann  oder  will,
es  zu  einem  Geldpreis  veräußert;  und  dieser  Preis  ist  es,  der  seinen
Lohn  darstellt,  der  wie  alle  Verkaufspreise  „durch  die  Konkurrenz
der  Käufer  und  Verkäufer  bestimmt  wird.“  Condillac  stellt  es  daher
ni cht  als  ein  Naturgesetz  hin,  daß  dieser  Lohn  stets  auf  das  Existenz-Minimum
  beschränkt  ist.  Er  wird  von  dem  Angebot  und  der  Nachfrage ­
  abhängen.  Im  Gegenteil  wird  die  Klasse  der  Lohnempfänger
hier  als  eine  Art  latente  Assoziation  zwischen  Kapital  und  Arbeit
hingestellt 3 ).
Sogar  vom  Gesichtspunkt  der  praktischen  Anwendung  und  besonders
  der  Arbeitsfreiheit  und  der  Verurteilung  der  Zünfte  ist
Condillac  viel  kategorischer  als  die  Physiokraten  gewesen.  „Ihre
''^'rechte  sind  schreiendes  Unrecht,  das  uns  nur  deshalb  als  ordnungsgemäß ­
  erscheint,  weil  wir  es  als  bestehend  vorfinden 4 ).“  Die  Freiheit
hes  Darlehnsgeschäftes  und  des  Zinsfußes  verlangt  er  ebenso  kategorisch ­
  wie  Tüegot,  indem  er  gleich  ihm  eine  formvollendete  Beweishhrung
  der  Gleichheit  zwischen  Zinsen  und  Wechslergebühren  führt;
enn !  sagt  er,  Wechslergebühren  sind  der  Ausgleich  der  Entfernung;
„räumliche  Entfernung“  und  „zeitliche  Entfernung“  laufen  auf
a sselbe  hinaus 5 ).  Mit  anderen  Worten:  das  eine  ist  in  der  Zeit
J* S ’  w as  das  andere  im  Raum  ist,  und  dies  stimmt  mit  der  modernen
oorie  über  den  Zins  durchaus  überein.

°P-  cit.,  I.  Teil,  Kap.  XXIX.
3  °P-  cit,  Kap.  XII.
!&amp;gt;h  » 69 ;  '■  ganz  neuen  Untersuchungen  über  den  Lohnkontrakt
Thea  ' Bate lak  —  ohne  anscheinend  Condillac  zu  kennen  —  genau  die  gleiche
Clse  aus.

2  ° p '  cit „  XV.  Kap.  8.
Sc häft^  .'  ■ PüHG0T:  Memoire  sur  les  prdts  d  ’  argen  t,  S.  122.  „In  den  Geeint ­
  en . m ^  verzinslichen  Darlehn  gibt  man  zu  einer  Zeit  weniger  Geld,  um  zu
ßchen  t,  eren  m ehr  zu  erhalten,  weil  der  Zeit-,  wie  der  Ortsunterschied  einen  wirk-„Man
  y  nter ® c hied  im  Wert  des  Geldes  hervorrufen.“  Und  etwas  weiter  auf  Seite  127:
^’ischei/  •  *l ei1  P n t ersc hi ec l  des  Nutzens,  der  zur  Zeit  des  Darlehnempfanges
die  , nan  einer  im  wirklichen  Besitz  befindlichen  Summe  und  einer  gleichen  Summe,
°® e abar 1  a * &amp;gt;er  ers *  s Pdter  erhalten  wird,  besteht!  Ist  dieser  Unterschied  nicht
&amp;gt;  Pud  was  ist  das  triviale  Sprichwort:  „ein  Sperling  in  der  Hand  ist  besser,

als

ZWei  Taub

en  auf  dem  Dach“,  anders  als  der  naive  Ausdruck  dieser  Wahrheit?
        <pb n="80" />
        58

Erstes  Buch.  Die  Begründer,

Kapitel  II.
Adam  Smith.
Trotz  der  Originalität  und  der  Wucht  ihrer  Gedanken  waren
die  Physiokraten  doch  kaum  mehr  als  Vorläufer.  Der  wirkliche
■Schöpfer  der  modernen  Nationalökonomie  ist,  wie  allseitig  anerkannt
wird,  Adam  Smith 1 ).  Sobald  als  1776  sein  großes  Werk, / Enquiry
')  Das  Leben  Adam  Smith’s  enthält  nichts  besonderes.  Es  läßt  sich  in  der
Geschichte  seiner  Arbeiten,  seiner  Tätigkeit  als  Professor,  und  in  der  seiner  Freundschaften ­
  Zusammenflüssen.  Seine  Vertrautheit  mit  dem  Philosophen  Hume  ist  berühmt. ­
  Smith  wurde  in  Kirkcaidy  in  Schottland  am  5.  Juni  .1223  geboren.  Er
studierte  an  der  Universität  Glasgow  von  1737  bis  1740,  wo  sein  Lieblingslehrer  der
Philosoph  Francis  Hutcheson  war.  Von  1740  bis  1746  lebte  er  in  Oxford,  um  seine
Studien  zu  beenden,  und  arbeitete  dort  für  sieh.  Das  intellektuelle  Niveau  dieser
Universität  war  zu  dieser  Zeit  das  denkbar  niedrigste,  und  die  meisten  der  Professoren
hielten  nicht  einmal  Vorlesungen.  Nach  Schottland  zurückgekehrt,  las  er  in  Edinburgh
zwei  freie  Kollegien,  eins  über  englische  Literatur  und  das  andere  über  Nationalökonomie; ­
  in  diesem  letzteren  verteidigte  er  schon  die  Prinzipien  der  Handelsfreiheit. ­
  Im  Jahr  1751  wurde  er  zum  Professor  für  Logik  in  Glasgow  ernannt,  das
damals  eine  der  berühmtesten  europäischen  Bildungsstätten  war.  Aber  schon
am  Ende  des  gleichen  Jahres  übernahm  er  die  Professur  für  moralische  Philosophie,
die  die  vier  Fächer  der  natürlichen  Theologie,  der  Ethik,  der  Jurisprudenz  und  der
Politik  umfaßte.  Er  blieb  bis  1764  als  Professor  in  Glasgow.  1759  veröffentlichte
er  seine  Theorie  der  moralischen  Gefühle,  die  ihm  schnell  große  Beachtung
erzwang.  1764,  40  Jahre  alt,  gab  er  die  Professur  auf  und  begleitete  den  jungen
Herzog  von  Buccleugh,  Stiefsohn  des  berühmten  Staatsmannes  Charles  Townshend,
auf  einer  Auslandsreise.  Diese  Keisen  nahmen  für  die  jungen  Adligen  oft  die  Stelle
eines  Universitätsstudiums  ein,  das  in  England  auf  ein  recht  niedriges  Niveau  gesunken ­
  war.  Für  A.  Smith  war  der  Vorteil  dieser  Stellung  (800  Pfund  Sterling  i®
Jahr  bis  an  sein  Lebensende)  bei  weitem  größer,  als  sein  Einkommen  als  Professor-Die
  Reise  dauerte  von  1764  bis  1766  und  führte  ihn  unter  anderem  auf  anderthalb  Jahre
nach  Toulouse,  zwei  Monate  nach  Genf,  wo  er  mit  Voltaire  zusammentraf,  und  zehn
Monate  nach  Paris.  Hier  fand  er  Anschluß  an  die  Physiokraten  (besonders  an  Tuhgot)
und  an  die  Enzyklopädisten.  —  In  Toulouse  begann  er  seine  Untersuchungen  übe r
den  Völkerreichtum.  Nach  Schottland  zurückgekehrt,  ließ  er  sich  1767  ®
Kirkcaldy  bei  seiner  Mutter  nieder,  um  sich  einzig  dieser  Arbeit  zu  widmen.  1778  w 81
das  Werk  ungefähr  beendet.  Aber  Smith  ging  nach  London,  und  das  Buch,  das  dl®
schon  große  Berühmtheit  des  Verfassers  krönte,  erschien  erst  drei  Jahre  später.  ^
Januar  1778  wurde  Smith  zum  Zollkommissar,  einem  sehr  hohen  Posten,  in  Edinburgh
ernannt,  wo  er  bis  zu  seinem  Ende,  1790,  blieb.
Alles  was  wir  vom  Charakter  Smith’s  wissen,  zeigt  ihn  als  einen  äußerst  fei®'
fühligeu  Menschen.  Die  legendäre  Professorenzerstreutheit  -war  ihm  durchaus  nick*
fremd.  Seine  politische  Meinung  brachte  ihn  in  Berührung  mit  den  Whigs  In  religiös
Hinsicht  huldigte  er  dem  deistischen  Rationalismus,  der  im  18.  Jahrhundert  so  häufig
war,  und  dessen  bekanntester  Vertreter  Voltaire  (den  A.  Smith  sehr  bewunderte)  W®, r '
Lange  war  die  einzige  Lebensbeschreibung  A.  Smith’s,  die  wir  besaßen,  ^
Abhandlung  Dugald  Stewaet’s:  Accounts  of  the  Life  und  WritingS  0
        <pb n="81" />
        ,  Ä/'  -  ?  K

/  ^

6

in/fli

Kapitel  II.  Adam  Smith.  59
£  ^
in/ühe  Nature  and  ^’-FgTme  of  the  wealth  o  f  Nations
(Untersuchung  über  die  Natur  und  die  Ursachen  des  Yolksreichtums)
erschien,  wurden  die  älteren  Schriften  fast  sofort  vergessen.  Während
die  Gedanken  seiner  Vorgänger  kaum  mehr  als  ein  historisches
Interesse  erregen,  diente  von  da  an  sein  Buch  den  folgenden  Generationen ­
  von  Nationalökonomen  als  Leitfaden  und  lieferte  ihnen  allen
den  Ausgangspunkt  ihrer  Untersuchungen.  Trotz  aller  Änderungen,
die  die  Grundprinzipien  der  Wissenschaft  erlitten  haben,  könnte  auch
heute  noch  kein  National  Ökonom  den  alten  schottischen  Schriftsteller
vernachlässigen,  ohne  dadurch  seinen  wissenschaftlichen  Horizont  ganz
bedeutend  zu  verengern.
Woher  kommt  nun  diese  einzigartige  Bedeutung,  die  seitdem
hein  anderes  ökonomisches  Werk  erreicht  hat?  Verschiedene  Gründe
e rklären  dies:
a)  Erstens  sein  großer  literarischer  Wert.  Das  Buch  Smith’s  ist
voller  Interesse,  lebendig  und  reich  an  Tatsachen.  Beständig  schneidet
er  die  für  seine  Zeitgenossen  aktuellsten  Fragen  an:  Koloniall7q
 am  die  1793  vor  der  Royal  Society  of  Edinburgh  gelesen  wurde  und
in  den  Transactions  der  Gesellschaft  erschien,  um  1811  mit  einigen  anderen
g  ensbeschreibungen  unter  dem  Titel:  Bibliographien!  Memoirs  of  Adam
®Uh,  Robertson,  etc.  von  Dugald  Stewart  veröffentlicht  zu  werden.  Heute
w ir  glücklicher.  John  Rae  hat  in  seinem  Werk:  Life  of  Adam  Smith
„  | ,Il dou  1896,  449  Seiten)  alles,  was  wir  über  ihn,  seine  Freunde  und  seine  Umung
  wissen  können,  zusammengestellt  —  die  hier  gegebenen  Einzelheiten  sind
0 j, es ® m  huch  entnommen.  James  Bonar  hat  1894  den  „Catalogue  of  thelibrary
85  '^fflith“  herausgegeben,  der  2300  Bände,  etwa  zwei  Drittel  der  Bibliothek
ui'H  s  enthält.  Noch  neuzeitlicher  ist  ein  bedeutender  Beitrag  zum  Studium  der
Smith’s.  1896  hat  nämlich  Edwin  Cannan  die:  „Lectures  on  Justice,
^  l °e,  Revenue  and  Arms  delivered  in  the  University  of  Glasgow,  by
Es'reported  by  a  student  in  1763“,  herausgegeben  (Oxford,  1896,  293  Seiten).
l, a ,, Sln ^  das  die  Vorlesungen,  die  Smith  über  Nationalökonomie  in  Glasgow  gebat.
  Aus  Zufall  fand  ein  Londoner  Rechtsanwalt  (1876)  die  handschriftl
 es  en  Aufzeichnungen,  die  ein  Student,  wahrscheinlich  1763,  während  der  Vor-1895
  ^ etl  ^^geschrieben  hatte.  Er  übergab  das  Manuskript  Herrn  E.  Cannan
sie  ZUf  Veröffentlichung.  Diese  Entdeckung  ist  deshalb  so  besonders  wichtig,  weil
Se inem S  S es * a ^ e b  die  Ideen  A.  Smith’s  vor  seinem  Aufenthalt  in  Frankreich  und  vor
IVeaHn^^entreffen  mit  den  Physiokraten  kennen  zu  lernen.  —  Von  seinem
Büch^  ^ a tions  gibt  es  zahlreiche  Ausgaben,  deren  hauptsächlichste  die  von
Aüsoul) AI ^’  bl AC  Cülloch,  Tuorold  Rogers  und  Nicholson  sind.  Die  letzte  kritische
Werten  1St  von  Cannan,  die  1904  in  London  bei  Mbthuen  in  zwei  Bänden  mit
bräncjji- 6 * 1  Anmerkungen,  erschien.  Ihr  sind  unsere  Zitate  entnommen.  Die  ge-Eco
 t  * C  , sf;e  französische  Übersetzung  ist  die  in  der  Collection  des  principaux
[De* 18 ^ 68 ’  erschienene.
M,  g TIR er i  deutsche  Text  der  angeführten  Zitate  stammt  aus  der  Ausgabe  der
Dr.  jj  sc ben  Übersetzung,  auf  die  aucli  die  Seitenzahlen  verweisen,  und  die
bcrau s „  ° n R IDT  U ena )  nach  der  oben  erwähnten  englischen  Ausgabe  von  Cannan
” e  en  hat  (Verlag  Alfred  Kröner,  Leipzig  1910).  (D.  Übers.)]
        <pb n="82" />
        60

Erstes  Buch.  Die  Begründer.

■Verwaltung,  Verwaltung  der  großen  Handelsgesellschaften,  Merkantilsystem, ­
  Geldorganisation,  Steuern.  Er  tut  dies,  indem  er  überall  in
vollständiger  Beherrschung  des  wissenschaftlichen  Materials  ein  so
sicheres,  gleichmäßig  abwägendes  Urteil  anwendet,  daß  er  ohne  Mühe
überzeugend  wirkt.  Die  Tatsachen  fügen  sich  den  Gedankengängen,
die  Beispiele  den  Beweisführungen  zwingend  ein,  und  er  belehrt,
indem  er  überzeugt.  All  dies  ohne  Schwerfälligkeit,  ohne  gewichtigen
logischen  Apparat,  ohne  durch  eintöniges  Wiederholen  Eindruck
erzielen  zu  wollen,  mit  einer  sicheren  Einfachheit,  die  jeden  Skeptizismus ­
  ausschließt.  Denn  über  allen  seinen  Schriften  liegt  ein  Hauch
wärmster  Menschenliebe,  die  seine  Worte  oft  zu  einer  glänzenden
Beredsamkeit  steigert.  Diese  seltenen  Eigenschaften  haben  dem
alten  Buche  einen  großen  Teil  seiner  Frische  bewahrt.
b)  Andererseits  hat  Smith  seinen  Vorgängern  alle  ihre  bedeutenden
Ideen  entnommen,  um  sie  in  ein  allgemeineres  System  zu  fassen.  Indem
er  über  sie  hinausging,  machte  er  sie  überflüssig,  weil  er  an  Stelle
ihrer  fragmentarischen  Ansichten  eine  wirkliche  soziale  und  ökonomische ­
  Philosophie  setzte.  So  erhalten  diese  Ansichten  in  seinem
Buche  einen  ganz  neuen  Wert.  Anstatt  isoliert  zu  bleiben,  dienen
sie  jetzt  dazu,  eine  allgemeine  Auffassung  zu  stützen,  und  sie  selbst
werden  dadurch  in  schärfere  Beleuchtung  gerückt.  Smith,  wie  fast
alle  großen  Schriftsteller,  hat  sich  viel  von  seinen  Vorgängern  und
Zeitgenossen  aneignen  können,  ohne  daß  seine  Ursprünglichkeit  gelitten ­
  hätte.  Sein  Werk  zitiert  und  verarbeitet,  nicht  immer  unter
Namensnennung,  mehr  als  100  Schriftsteller.  Die  Namen  einiger
von  ihnen,  die  den  meisten  Einfluß  auf  ihn  gehabt  zu  haben
scheinen,  oder  deren  Wegen  er  gefolgt  ist,  verdienen  hervorgehoben
zu  werden.
Unter  ihnen  nimmt  vielleicht  Hutcheson,  Professor  der  Moralphilosophie ­
  auf  demselben  Lehrstuhl,  den  Smith  späterhin  an  der
Universität  zu  Glasgow  einnehmen  sollte,  die  erste  Stelle  ein.  Smith
folgt  ihm  soweit,  daß  er  ihm  teilweise  sogar  die  Einteilung  seiner
eigenen  Vorlesungen  entnimmt.  Das  ist  aber  nicht  alles.  Viele  der
bekanntesten  Theorien  Smith’s  finden  sich  in  ihren  Anfängen  bei
seinen  Vorgängern.  Hutcheson  legt  in  seinem  „System  of  moral
p  h  i  1  o  s  o  p  h  y“  (1755  veröffentlicht,  aber  viel  früher  verfaßt)  der  Arbeitsteilung ­
  bereits  eine  ganz  außerordentliche  Bedeutung  bei;  in  bezug
auf  Wertschwankungen  und  Ursprung  des  Geldes,  in  bezug  auf  das
Getreide  und  die  Arbeit,  als  konstantere  Wertmasse  angesehen,  bringt
er  Betrachtungen,  die  denen,  die  man  über  diese  Gegenstände  in  der
Wealth  of  Nations  findet,  sehr  ähnlich  sind.
Neben  Hutcheson  muß  man  David  Home  erwähnen.  Smith  nennt
ihn  an  einer  Stelle  den  „unvergleichlich  berühmtesten  Philosophen  und
        <pb n="83" />
        Kapitel  II.  Adam  Smith.

61

Geschichtsschreiber  unserer  Zeit“  '),  und  seit  1772  stand  er  mit  ihm  in
einem  engen  und  intimen  Verhältnis.  Hume  hat  nur  einige  ökonomische
Aufsätze  veröffentlicht:  die  bedeutendsten  beziehen  sich  auf  das  Geld,
auf  den  Außenhandel  und  den  Zinsfuß.  Sie  sind  mit  mehreren
anderen  in  seinen  Political  discourses 2 )  (1752)  vereinigt.  Hume
hat  die  Untersuchungen  dieser  Gegenstände  mit  der  Schärfe,  Ursprünglichkeit, ­
  Einsicht  und  Klarheit,  die  seine  anderen  Werke  auszeichnen, ­
  geführt.  Die  Unsinnigkeit  der  merkantilistischen  Politik,
^ie  natürliche  Anpassung  der  Geldmenge  an  die  Bedürfnisse  eines
jeden  Landes,  die  merkantilistischen  Sophismen  über  die  „Handelsbilanz“, ­
  die  verderblichen  Folgen  der  Handelseifersucht  zwischen  den
Völkern  werden  von  ihm  mit  bewunderungswürdigem  Nachdruck  dargestellt. ­
  Es  kann  keinem  Zweifel  unterliegen,  daß  diese  Aufsätze,
die  Smith  in  seinen  Vorlesungen  in  Glasgow  zitiert  und  für  deren  zweite
Ausgabe  Hume  seinen  Kat  eingeholt  hatte,  einen  großen  Eindruck
aut  ihn  gemacht  haben.  Allerdings  ist  er  späterhin  über  den
Liberalismus  Hume’s  hinausgegangen;  dieser  gab  in  seinem  Aufsatz
hber  die  Handelsbilanz  noch  die  Berechtigung  gewisser  Schutzzölle
Zu &amp;gt;  die  Smith  später  völlig  verwarf.  Aber  Hume  hat  nichtsdestoweniger ­
  die  Anregung  gegeben.
Übrigens  erhoben  sich  in  betreff  der  Handelsfreiheit  schon  am
L n de  des  17.  Jahrhunderts  und  während  der  ersten  Hälfte  des  18.
^mer  zahlreichere  Schriftsteller  unter  den  Merkantilisten  selbst
&amp;amp; e gen  die  Engherzigkeit  der  Zollvorschriften.  Diese  Schriftsteller
eben  noch  unter  dem  Einflüsse  gewisser  merkantilistischer  Vor-Uiteile,
  aber  man  hat  sie  mit  Recht  „liberale  Merkantilisten“  genannt.
J Penso  wie  in  Frankreich  Boisguillebert  den  Physiokraten  vorausp
  t,  so  bereiten  in  England  Child,  Petty,  Tucker,  Dudley  North,
u *egory  King  einer  liberalen  Politik  im  Außenhandel  die  Wege  vor 3 ).
Neben  Hutcheson  und  Hume  muß  hier  noch  ein  anderer  Schrift-Gier
  genannt  werden:  Bernard  de  Mandeville.  Er  war  kein
e! , a  ionalökonom,  sondern  Philosoph  und  Arzt.  1704  veröffentlichte
Um' 1  lcle * ues  Gedicht,  das  1714  mit  zahlreichen  Zusätzen  unter  dem
öff  :  ”^ ie  Fabel  von  den  Bienen,  oder  private  Laster,
des  6 d  *^ c be  W  oh  11  at  en“,  als  Neudruck  erschien.  Die  Grundidee
d er  Asches  (das  öffentliches  Ärgernis  erregte  und  auf  Anordnung
d ei .  Gerung  beschlagnahmt  wurde)  ist,  daß  die  Zivilisation,  unter
er  den  Reichtum,  die  Künste  und  die  Wissenschaften  ver-:

 )  Volk
')  Dies

erreichtum,  II,  S.  220,  B.  V,  Kap.  I,  3.  Teil,  §  3.

Und  e '  p lese  v olkswirtschaftlichen  Aufsätze  sind  ins  französische  übersetzt  worden
schienen  in  der  Collection  des  principaux  economistes.
hierüber  im  besonderen  das  Werk  von  Schatz  :  L’in  di  vidu  alism  e

3-1  ouuctuoo  ues
^ c °donr^'  ^ er über  im  besonderen  da
lque  et  social,  Paris,  1908.
        <pb n="84" />
        62

Erstes  Buch.  Die  Begründer.

steht,  nicht  aus  unseren  Tugenden  entsteht,  sondern  aus  dem,  was
Mändeville  unsere  Laster  nennt.  Mit  anderen  Worten,  aus  den
zahllosen  natürlichen  Bedürfnissen,  die  uns  nach  Wohlstand,  Bequemlichkeit, ­
  Luxus  und  allen  Vergnügungen  des  Lebens  streben
lassen.  Eine  Apologie  des  natürlichen  und  eine  Kritik  des  tugendsamen
  Menschen.
Smith  hat  Mändeville  in  seiner  „Theorie  der  moralischen
Gefühle“  kritisiert 1 ).  Er  wirft  ihm  im  besonderen  vor:  Wünsche
und  Neigungen,  die  an  und  für  sich  nichts  verwerfliches  haben,
Laster  zu  nennen.  Aber  trotz  dieser  Einschränkung  hat  die  Idee
Mandevjlle’s  im  Geiste  Smith’s  ihre  Früchte  getragen:  unermüdlich
wiederholt  er,  daß  es  das  persönliche  Interesse  ist  (das  in  seinen
Augen  kein  Laster  vorstellt,  wenn  es  auch  nur  den  Namen  einer
„untergeordneten  Tugend“  verdient),  das  unbewußt  und  auf  natürlichem ­
  Wege  die  Menschheit  zum  Glück  und  zum  Wohlstände  leitet.
So  ist  der  Reichtum  einer  Nation  für  Smith,  wie  für  Mändeville
die  Wirkung,  wenn  auch  nicht  eines  „Lasters“,  so  doch  wenigstens
eines  natürlichen  Instinktes,  der  an  und  für  sich  nichts  tugendhaftes
hat,  und  dessen  die  Vorsehung  sich  ohne  unser  Wissen  bedient,  um
Zwecke  zu  erreichen,  die  weit  über  den  Bereich  unserer  Absichten
hinausgehen.
Das  sind  die  hauptsächlichsten  Schriftsteller,  bei  denen  wir  schon
einige  der  bedeutendsten  Ideen  ausgedrückt  finden,  die  Smith  späterhin
in  ein  wirkliches  System  zu  verschmelzen  wußte.
Die  Lösung  dieser  Aufgabe  jedoch  würde  nicht  genügt  haben,
um  seinem  „Wealth  of  Nations“  ihren  einzigartigen  Platz  zu  sichern.
Schon  vor  Smith  hatte  Qüesnay  und  die  Pbysiokraten  die  volkswirtschaftlichen ­
  Erscheinungen  in  ihrer  Gesamtheit  betrachtet  und
sie  mit  einigen  einfachen  Grundsätzen  in  Zusammenhang  gebracht.
Er  ist  daher  nicht  der  erste,  der  hierin  ein  wirklich  wissenschaftliches ­
  Werk  geleistet  hat.  Jedoch  tritt  gerade  hierin  die  Überlegenheit ­
  Smith’s  ganz  besonders  hervor  und  gibt  uns  einen  dritten
Grund  für  seinen  Erfolg.
c)  Smith  verdankt  den  Pbysiokraten  viel.  Er  stand  zwar,  außer
während  seines  Aufenthaltes  in  Paris,  1765,  mit  ihnen  nur  in  geringem
Maße  in  persönlicher  Beziehung.  Trotz  der  kurzen  Dauer  dieser  Beziehungen ­
  ist  ihr  Einfluß  auf  ihn  ein  tiefgehender  gewesen.  Wahrscheinlich ­
  hat  er  nicht  alle  ihre  Werke  gelesen;  so  sind  die  Reflexions ­
  Tuegot’s,  die,  1766  geschrieben,  erst  1769  oder  1770  in
den  Ephemerides  du  citoyen  erschienen,  ohne  Zweifel  nicht  zü

*)  Kap.  IV,  Teil  2,  des  7.  Abschnittes  der  „moral  Sentiments“,  betitelt:
Von  den  lasterhaften  Systemen.
        <pb n="85" />
        Kapitel  II.  Adam  Smith.

63

seiner  Kenntnis  gekommen.  Aber  persönlich  hat  Smith  viel  mit
Tusgot  und  Quesnay  verkehrt.  In  seinen  Unterhaltungen  mit  ihnen
hat  er  unmittelbar  eine  eingehende  Kenntnis  ihrer  Ideen  erlangt,
und  man  kann  sich  ziemlich  genau  vorstellen,  welche  auf  ihn  den
größten  Eindruck  gemacht  haben  werden.
In  einer  Hinsicht  wenigstens  hatte  Smith  nicht  nötig,  sich  von
ihnen  belehren  zu  lassen,  nämlich  in  der  Hinsicht  auf  den  ökonomischen ­
  Liberalismus,  dessen  überzeugter  Verteidiger  er  seit  langer
Zeit  war.  Immerhin  hat  die  Übereinstimmung  seiner  Überzeugungen
mit  dem  glühenden  Glauben  der  Physiokraten  ihn  nur  in  seinen  Ansichten ­
  bestärken  können.

Dagegen  scheint  er  ihnen  ihre  so  bedeutsame  Idee  von  der  Verteilung ­
  des  Jahreseinkommens  zwischen  den  verschiedenen  Klassen
des  Volkes  entlehnt  zu  haben.  Seine  Vorlesungen  in  Glasgow  behandeln ­
  vorherrschend  die  Frage  der  Gütererzeugung.  In  dem
Health  of  Nations  ist  der  Verteilung  ein  beträchtlicher  Kaum
ein geränmt.  Dieser  Unterschied  läßt  sich  kaum  anders  erklären,  als
durch  die  genaue  Bekanntschaft,  die  Smith  in  der  Zwischenzeit  mit
aem  Tableau  economique  und  der  Theorie  des  Eeinertrages
gemacht  hat.
Wenn  er  ihnen  aber  eine  ihrer  charakteristischen  und  folgereic
 hsten  Ideen  entlehnt  hat,  so  überragt  er  sie  weit  in  seiner  Ge-Sd
 mtanschauung  und  aus  eben  diesem  Grunde  hat  er  sie  so  schnell
Ver drängt.'Da  die  Physiokraten  von  ihrer  Auffassung  derEolle  der  Landwirtschaft ­
  vollständig  beherrscht  wurden,  trübte  und  verengte  sich
r  Gesichtskreis.  Sie  haben,  wmnn  man  so  sagen  darf,  durch  ein  zu
uges  Fenster  gesehen/  ■  A.  Smith  hat  sich  von  Anfang  an  in  das
^ e utrum  der  Erscheinungen  gestellt,  auf  den  höchsten  Punkt,  von
°^die  Aussicht  am  weitesten  und  klarsten  istJ
Die  ökonomische  Welt,  im  Bilde  einer  großen,  von  der  Arbeits-.
  ^g  geschaffenen  Werkstatt;  —  die  Eeichtumserscheinungen,  auf
ue  höhere  Einheit  zurückgeführt,  durch  die  Betonung  eines  wesent-^
  Psychologischen  Beweggrundes:  des  Wunsches  der  Menschen
'ny.  lc h,  ihre  wirtschaftliche  Lage  zu  verbessern;  —  endlich  die
o^^uftspolitik  zum  ersten  Male  nicht  auf  das  Interesse  dieser
auf  J en er  Klasse  (des  Fabrikanten  oder  des  Landwirts),  sondern
q,  , le  Berücksichtigung  des  allgemeinsten  Interesses  des  ganzen
einwesens  gegründet:  dies  sind  die  Hauptgesichtspunkte,  die  das
Werk  beherrschen.
die  w eSe  .Gesichtspunkte  dienen  von  nun  an  als  Leitfaden  durch
fühlt  lrr W isse  ^ er  volkswirtschaftlichen  Erscheinungen.  Instinktiv
keine  I p*H e  ^ e it£ en ossen,  daß  die  neue  Wissenschaft  auf  diesem  Wege
emhr  lief,  in  einer  Sackgasse  zu  endigen.  Zum  ersten  Male
        <pb n="86" />
        Erstes  Buch.  Die  Begründer.

bot  man  ihnen  einen  festen  Stützpunkt,  von  dem  ans  die  verwickelten
Interessen  der  Landwirtschaft,  der  Industrie  und  des  Handels  ohne
Vorurteil  betrachtet  werden  konnten.  '  Mit  Smith  verließ  man  die
„Systeme“  und  betrat  den  Boden  der  „Wissenschaft“.  --‘
  Um  diese  drei  Punkte  werden  wir  unsere  Betrachtung  seiner
Ideen  gruppieren,  um  sie,  wie  folgt,  zu  untersuchen:
1.  Die  Arbeitsteilung;
2.  Die  spontane  Organisation  der  ökonomischen  Welt  unter  dem
Einfluß  des  persönlichen  Nutzens;
3.  Die  liberale  Politik.  K

1  Quesnay  hatte  geschrieben;  „Die  Landwirtschaft  ist  die  Quelle
aller  Güter  des  Staates  und  aller  seiner  Bürger“  *  1 ).  Mit  dem  ersten
Satze  seines  Buches  erhebt  Smith  gegen  diese  Gedanken  Widerspruch
und  führt  die  Güter  auf  ihren  wirklichen  Ursprung  zurück.  „Die
jährliche  Arbeit  eines  Volkes“,  schreibt  er,  „ist  der  Fonds,  welcher
dasselbe  mit  allen  Bedürfnissen  und  allen  Annehmlichkeiten  des
Lebens  versorgt,^die  es  jährlich  verbraucht,  und  die  immer  entweder
in  dem  unmittelbaren  Erzeugnis  dieser  Arbeit  oder  darin  bestehen,
was  für  dieses  Erzeugnis  von  anderen  Völkern  erhandelt  wird“.
Die  Arbeit  ist  also  die  wirkliche  Quelle  des  Reichtums.  Mit
diesem  berühmten  Satze,  der  zu  so  vielen  Mißverständnissen  Anlaß
gegeben  hat,  wollte  Smith  sicherlich  weder  den  Einfluß  der  Naturkräfte, ­
  noch  den  des  Kapitals  in  der  Produktion  bestreiten 2 ).
Niemand  hat  stärker  als  er  —  vielleicht  J.-B.  Say  ausgenommen  —
die  Bedeutung  des  Kapitals  betont,  und  wir  werden  weiterhin  sehen,
daß  er  dem  Boden  eine  besondere  Produktivität  beimißt.  Smith  hat
aber  von  Anfang  an  den  Gegensatz  seiner  Lehre  zu  der  der  Physiokraten
  hervorheben  wollen.  Er  behauptet,  daß  in  summa  die  Tätigkeit ­
  des  Menschen  jedes  Jahr  die  Menge  der  von  ihm  verbrauchten
Güter  erzeugt,  und  nicht  die  Kräfte  der  Natur,  die  ohne  die
Leitung  des  Menschen  unfruchtbar  und  unnütz  bleiben  würden.

l )  Ausg.  Ducken,  S.  331.
l )  Die  Theorie  der  drei  Produktionsfaktoren  —  die  in  der  Nationalökonomie
klassisch  geworden  ist,  —  findet  sich  nicht  bei  An.  Smith.  Doch  ist  er  es  gewesen,
der  indirekt  diese  Theorie  ins  Leben  gerufen  hat.  indem  er  in  der  Güterverteilung
drei  Einkommenquellen  unterschied;  die  Arbeit,  das  Kapital  und  den  Boden.  Auf
Grund  dieser  Unterscheidung  mußte  es  ganz  natürlich  erscheinen,  jede  Einkommenquelle
  als  einen  Produktionsfaktor  zu  betrachten,  was  J.-B.  Say  in  seinem  Trait®
(2.  Ausg.,  Kap.  IY  u.  V)  tat.  Vgl.  hierüber  Cannan:  A  history  of  the  theories
oi  production  and  distribution  (1894,  S.  40).
        <pb n="87" />
        Kapitel  II.  Adam  Smith.

65

'  Er  zieht  zugleich  die  Folgerungen  aus  diesem  Gedanken.  Da  es
im  allgemeinen  die  Arbeit,  und  nicht  allein  der  Boden  ist,  der  den
Reichtum  erzeugt,  so  ist  es  auch  nicht  die  Arbeit  einer  einzigen
Klasse,  die  der  Landleute,  sondern  die  Arbeit  aller  Klassen,  die
Arbeit  des  ganzen  Volkes,  die  produktiv  ist.  Die  in  einem  Lande
jährlich  erzeugten  Güter  sind  das  Ergebnis  der  gemeinsamen  Arbeit
aller,  die  dort  arbeiten.  Sie  entstehen  aus^  ihrem  Zusammenarbeiten,
ihrer  „Kooperation“,  wie  er  selbst  schreibt.  So  gibt  es  keinen  Unterschied ­
  mehr  zwischen  sterilen  —  nur  die  Müßiggänger  sind  steril  —
und  produktiven  Klassen,  sondern  eine  große  W  erkstatt,  wo  alle
verschiedenen  Tätigkeiten  zusammen  an  dem  Reichtum  der  Gesamtheit ­
  arbeiten.  Die  Stelle,  in  der  A.  Smith  diesen  Gedanken  ausführt,
ist  wohlbekannt  und  verdient  hier  ausführlich  angeführt  zu  werden:
‘  „Welch  mannigfaltige  Arbeit  ist  ferner  nötig,  um  die  Werkzeuge
des  geringsten  unter  diesen  Arbeitern  hervorzubringen!  Von  so
komplizierten  Maschinen,  wie  es  ein  Schiff,  eine  Walkmühle,  oder
selbst  ein  Webstuhl  ist,  gar  nicht  zu  reden,  wollen  wir  nur  betrachten,
welch  mannigfaltige  Arbeit  dazu  erforderlich  ist,  jene  höchst  einfache
Maschine,  die  Schafschere,  mit  welcher  der  Schäfer  die  V  olle  abschert,
  zu  verfertigen.  Der  Bergmann,  der  Erbauer  des  Hochofens,
der  Holzfäller,  der  Köhler,  welcher  Kohlen  für  die  Schmelzhüttte  belltet, ­
  der  Ziegelstreicher,  der  Maurer,  die  Arbeiter,  welche  den  Ofen
zu  besorgen  haben,  der  Mühlenbauer,  der  Grobschmied,  der  Schmied:
sie  alle  müssen  ihre  verschiedenen  Arbeiten  vereinigen,  um  sie  zu
erzeugen.  '  Wollten  wir  auf  dieselbe  Weise  alle  verschiedenen  Teile
seines  Anzuges  und  Hausrates  untersuchen,  das  grobe,  leinene  Hemd,
welches  er  auf  dem  Leibe  trägt,  die  Schuhe,  die  seine  Füße  bedecken,
daß  Bett,  worauf  er  liegt,  und  all  die  verschiedenen  Teile,  woraus  es
besteht,  den  Rost  in  der  Küche,  auf  dem  er  sein  Speisen  zubereitet,
die  Kohlen,  die  er  dazu  braucht  und  die  dem  Erdinnere  entgraben
Un d  ihm  vielleicht  durch  eine  lange  Land-  und  Seefahrt  zugeführt
Worden  sind,  alle  anderen  Gerätschaften  seiner  Küche,  alles  iischgeschirr,
  die  Messer  und  Gabeln,  die  irdenen  oder  zinnernen  Teller,
denen  er  seine  Gerichte  aufträgt  und  schneidet,  die  verschiedenen
ände,  die  mit  Bereitung  seines  Brotes  und  Bieres  beschäftigt  sind,
dle  Glasfenster,  die  Wärme  und  Licht  hereinlassen,  Wind  und  Regen
abhalten,  samt  aller  Kenntnis  und  Kunst,  welche  erforderlich  war,
dlese  schöne,  glückliche  Erfindung  vorzubereiten,  ohne  welche  diese
n °rdlichen  Teile  der  Erde  kaum  eine  sonderlich  behagliche  Wohnung
^halten  konnten,  dazu  endlich  die  Werkzeuge  all  der  verschiedenen
Arbeiter,  die  mit  Hervorbringung  der  verschiedenen  Genußmittel  beschäftigt ­
  sind  —  wenn  wir,  sage  ich,  alle  diese  Dinge  betrachten  und

erwägen,

Oid

welche  Mannigfaltigkeit  der  Arbeit  an  jedes  derselben  vere

  Eist,  Gesch.  d.  Volkswirtschaft!.  Lehrmeinungen.
        <pb n="88" />
        wendet  wird,  so  werden  wir  inne  werden,  daß  ohne  den  Beistand
lind  die  Mitwirkung  (Kooperation)  vieler  Tausende  nicht  der  allergeringste ­
  Mensch  in  einem  zivilisierten  Lande  auch  nur  in  der,  wie
wir  sie  uns  fälschlich  vorstellen,  leichten  und  einfachen  Art  versorgt
werden  kann,  in  der  er  gewöhnlich  ausgestattet  ist 1 ).“
*  Diese  Kooperation  hat  sich  in  den  menschlichen  Gemeinwesen
von  selbst  unter  einer  besonderen  Form,  der  der  Arbeitsteilung,  verwirklicht. ­
  Das  Hauptverdienst  A.  Smith’s  besteht  gerade  darin,
diese  ökonomische  und  soziale  Grundtatsache,  die  seit  ihm  so  oft
angeführt  worden  ist,  daß  sie  uns  heute  als  Behauptung  banal  erscheint, ­
  klar  hingestellt  (hiermit  beginnt  nämlich  sein  Buch)  und  sie
zum  grundlegenden  Gedanken  beim  Aufbau  seines  ganzen  Werkes
gemacht  zu  haben.
Die  Arbeitsteilung  'ist  die  Einrichtung,  durch  welche  die  Kooperation ­
  der  Menschen  zur  Erzeugung  des  Nationalproduktes  sich
mühelos  und  natürlich  vollzieht.  Während  die  Tiere  sich  mit  einer
unmittelbaren  Befriedigung  ihrer  einzelnen  Bedürfnisse  begnügen 2 ),
beschränkt  sich  jeder  Mensch,  anstatt  für  die  Gesamtheit  seiner  Bedürfnisse ­
  Vorsorge  zu  treffen,  auf  ein  einziges  Erzeugnis,  das  er  dann
gegen  die,  die  ihm  fehlen,  umtauscht.  Hieraus  ergibt  sich  für  die
Gesamtheit  ein  enormer  Güterzuwachs.  Die  Arbeitsteilung,  die  das
Zusammenwirken  aller  zur  Befriedigung  der  Bedürfnisse  jedes  einzelnen ­
  erzeugt,  ist  die  wirkliche  Quelle  des  Fortschrittes  und  des
Wohlstandes.
^Um  diese  durch  die  Arbeitsteilung  verursachte  Gesamtproduktionssteigerung ­
  besser  verständlich  zu  machen,  nimmt  Smith
als  Beispiel  die  Wirkungen  der  technischen  Arbeitsteilung  in  einer
besonderen  Industrie:*),Die  Wirkungen  der  Arbeitsteilung  in  der  allgemeinen ­
  Gewerbstätigkeit  der  Gesellschaft  lassen  sich  leichter  verstehen“, ­
  sagt  er,  „wenn  man  beachtet,  in  welcher  Weise  jene  Teilung
in  einzelnen  Gewerben  wirkt.“  Mit  diesen  Worten  beginnt  er‘seine
berühmte  Beschreibung  der  Stecknadelfabrikation:'  „Ein  Arbeiter,
der  für  diese  Tätigkeit  (woraus  die  Teilung  der  Arbeit  ein  eigenes
Gewerbe  gemacht  hat)  nicht  angelernt  wäre,  der  mit  dem  Gebrauch
der  dazu  verwendeten  Maschinen  (zu  deren  Erfindung  wahrscheinlich
eben  dieselbe  Teilung  der  Arbeit  Gelegenheit  gegeben  hat)  nicht
vertraut  wäre,  könnte  vielleicht  mit  dem  äußersten  Fleiß  täglich
kaum  eine,  gewiß  aber  keine  zwanzig  Nadeln  hersteilen.  In  der  Tat
aber,  wie  diese  Tätigkeit  jetzt  betrieben  wird,  ist  sie  nicht  nur  ein
’J  Völkerreichtum  I,  S.  7,  B.  I,  Kap.  I.
2 )  „In  fast  jedem  anderen  Tiergeschlecht  ist  jedes  Individuum,  wenn  es  zur
Reife  gelangt  ist,  ganz  unabhängig  und  hat  in  seinem  Naturzustand  den  Beistand
keines  anderen  lebenden  Wesens  nötig“  (I,  S.  8,  B.  I,  Kap.  II).
        <pb n="89" />
        Kapitel  II.  Adam  Smith.

67

besonderes  Gewerbe,  sondern  sie  teilt  sich  in  eine  Anzahl  von  Zweigen,
von  denen  die  meisten  wiederum  besondere  Gewerbe  sind.  Der  eine
zieht  den  Draht,  ein  anderer  streckt  ihn,  ein  dritter  schneidet  ihn
ab,  ein  vierter  spitzt  ihn  za,  ein  fünfter  schleift  ihn  am  oberen  Ende,
wo  der  Kopf  angesetzt  wird;  die  Herstellung  des  Kopfes  erfordert
zwei  oder  drei  verschiedene  Tätigkeiten;  das  Ansetzen  desselben  ist
eine  besondere  Tätigkeit,  das  Weißglühen  der  Nadel  eine  andere;  ja
sogar  das  Einlegen  der  Nadeln  in  Papier  bildet  ein  Gewerbe  für  sich.
So  ist  das  wichtige  Geschäft  der  Stecknadelfabrikation  in  ungefähr
18  verschiedene  Verrichtungen  geteilt,  die  in  manchen  Fabriken  alle  von
verschiedenen  Händen  vollbracht  werden,  während  in  anderen  zuweilen
zwei  oder  drei  derselben  von  einem  einzigen  Manne  besorgt  werden.
Ich  habe  eine  kleine  Fabrik  dieser  Art  gesehen,  wo  nur  10  Menschen
beschäftigt  waren,  und  manche  daher  zwei  oder  drei  verschiedene
Verrichtungen  zu  erfüllen  hatten.  Obgleich  nun  diese  Menschen  sehr
am  und  darum  nur  leidlich  mit  den  nötigen  Maschinen  versehen
waren,  so  konnten  sie  doch,  wenn  sie  sich  tüchtig  daran  hielten,  in
einem  Tage  zusammen  etwa  12  Pfund  Stecknadeln  liefern.  1  Ptund
enthält  über  4000  Nadeln  von  mittlerer  Größe.  Diese  zehn  Personen
konnten  demnach  täglich  über  48000  Nadeln  hersteilen 1 ).“
Diese  Beschreibung  gibt  sehr  gut  wieder,  wie  in  der  Gesellschaft ­
  der  auf  sich  allein  angewiesene  Mensch  kaum  die  allernötigsten
  seiner  Bedürfnisse  befriedigen  könnte,  während  er  durch
die  Arbeitsteilung  und  den  Gütertausch  seine  Produktion  und  seinen
V'  ohlstand  verhundertfacht.
Daraufhin  untersucht  Smith  die  Gründe  dieser  Macht  der
Arbeitsteilung  und  führt  sie  auf  drei  Hauptursachen  zurück;  Die
große  Fertigkeit,  die  jeder  Arbeiter,  der  sich  nur  stets  mit  derselben
Tätigkeit  befaßt,  erlangt;  —  die  Zeitersparnis,  die  dadurch  gewonnen
wird,  daß  man  nicht  ständig  von  einer  Beschäftigung  zur  anderen
übergeht,  —  endlich  die  Erfindungen  und  Vervollkommnungen,  welche
stete  Beschäftigung  mit  derselben  Arbeit  denen,  die  sie  alle  Tage
a nsüben,  ganz  natürlich  nahe  legt.
Man  hat  Smith  vorgeworfen,  den  Vorteilen  der  Arbeitsteilung
nicht  ihre  Nachteile  gegenübergestellt  zu  haben.  Dies  lag  in  seinem
Plan  und  ist  ohne  wirkliches  Interesse.  Die  Hauptsache  ist,  daß  er
Sle  nicht  übersah,  denn  niemand  hat  sie  klarer  als  er  ins  Licht
gesetzt.  I m  5.  Buche  führt  er  in  bezug  auf  die  öffentliche  Erziehung
^ US:  „Je  weiter  die  Teilung  der  Arbeit  fortschreitet,  um  so  mehr
kommt  es  endlich  dahin,  daß  die  Beschäftigung  des  größten  Teiles
derer &amp;gt;  die  von  ihrer  Arbeit  leben,  d.  h.  der  Masse,  auf  einige  wenige
0  Völkerreichtum  I,  Ö.  3—4,  B.  I,  Kap.  I.
ö*
        <pb n="90" />
        68

Erstes  Buch.  Die  Begründer.

sehr  einfache  Verrichtungen,  oft  nur  auf  ein  oder  zwei,  beschränkt
wird“.  Nämlich:  „Ein  Mensch,  der  sein  ganzes  Leben  damit  hinbringt,
ein  paar  einfache  Operationen  zu  vollziehen,  deren  Erfolg  vielleicht
immer  derselbe  oder  wenigstens  ein  ziemlich  ähnlicher  ist,  hat  keine
Gelegenheit,  seinen  Verstand  zu  üben  oder  seine  Erfindungskraft  anzustrengen, ­
  um  Hilfsmittel  gegen  Schwierigkeiten  aufzusuchen,  die
ihm  niemals  begegnen.  Er  verliert  also  natürlich  die  Fähigkeit  zu
solchen  Übungen  und  wird  am  Ende  so  unwissend  und  dumm,  als  es
nur  immer  ein  menschliches  Wesen  werden  kann 1 ).“
Zwischen  diesen  Ausführungen  und  den  oben  ausgeführten  Gedanken ­
  scheint  ein  Widerspruch  zu  bestehen.  Weiter  oben  stellt
Smith  die  Beschäftigung  mit  ein  und  derselben  Arbeit  als  eine  Quelle
der  Erfindungen  hin;  —  hier  ist  sie  die  Ursache  der  Verblödung  des
Arbeiters.  Der  Widerspruch  ist  mehr  scheinbar  als  wirklich,  denn
dieselbe  Beschäftigung,  die  die  Einbildung  zuerst  anspornen  mag,
kann  später  durch  ihre  Eintönigkeit  eine  Erschlaffung  der  Intelligenz
nach  sich  ziehen.  Auf  jeden  Fall  ist  der  Schluß,  den  A.  Smith  aus
seiner  Bemerkung  zieht,  sehr  interessant.  Um  den  Nachteilen  dieses
Übermaßes  von  Spezialisierung  zu  begegnen,  legt  er  besonderen  Wert
auf  die  Notwendigkeit,  den  Elementarunterricht  (der  in  Lesen,  Schreiben
und  Rechnen  besteht) 2 )  dem  Volke  durch  die  Errichtung  von  teilweise ­
  auf  Staatskosten  unterhaltenen  Elementarschulen  zu  erleichtern
und  „sogar  aufzuzwingen“.  Man  bemerke  hier  diesen  Verstoß  gegen
sein  eigenes  Prinzip  der  Nichteinmischung  des  Staates!  Wir  werden
weiterhin  sehen,  daß  er  nicht  der  einzige  geblieben  ist.
Um  seine  Ausführungen  betreffs  der  Arbeitsteilung  zu  vervollständigen, ­
  bezeichnet  Smith  endlich  die  Grenzen,  an  denen  sie  Halt
machen  muß.  Er  erwähnt  zwei;  Erstens  die  Ausdehnung  des  Marktes:
„Wenn  der  Markt  sehr  beschränkt  ist,  so  kann  niemand  sich  ermutigt
finden,  sich  einer  einzigen  Beschäftigung  ganz  hinzugeben,  weil  es
an  der  Möglichkeit  fehlt,  jenen  ganzen  Produktenüberschuß  seiner
Arbeit,  der  weit  über  seinen  eigenen  Verbrauch  hinausgeht,  für  solche
Produkte  der  Arbeit  anderer,  die  er  gerade  braucht,  auszutauschen 3 ).“
Deshalb  begünstigt  der  Handel  mit  den  Kolonien  und  mit  dem  Auslande, ­
  der  den  Markt  der  Nationalindustrie  vergrößert,  die  Arbeitsteilung ­
  und  vermehrt  den  Reichtum.  —  Der  andere  Umstand,  der
nach  Smith  die  Arbeitsteilung  begrenzt,  ist  die  vorherige  Kapital-')

  Ebenda  II,  S.  215,  B.  V,  Kap.  I,  Teil  3,  §  2.
2 )  „Mit  einem  sehr  geringen  Aufwands  kann  der  Staat  beinahe  dieser  ganzen
groben  Yolksklasse  die  Erlernung  dieser  wesentlichsten  Unterriohtsgegenstände  erleichtern, ­
  kann  sie  dazu  ermuntern  und  kann  sie  ihr  sogar  zur  unerläßlichen  Bedingung ­
  machen“  (Lesen,  Schreiben  und  Rechnen),  II,  8.  217,  B.  V,  Kap.  I,  Teil  3,  §  2.
s )  I,  S.  10,  B.  I,  Kap.  III.
        <pb n="91" />
        Kapitel  II,  Adam  Smith.

69

Ansammlung 1 ).  Diese  Bemerkung  ist  aber  viel  Aveniger  genau  als  die
vorhergehende.  Smith  scheint  hier  von  einer  einzelnen  Unternehmung
auf  die  Gesamtheit  der  Gesellschaft  geschlossen  zu  haben.  Wenn  es
wahr  ist,  daß  ein  Fabrikant  in  seiner  Fabrik  die  technische  Arbeitsteilung ­
  um  so  höher  vervollkommnen  kann,  je  größer  seine  Kapitalkraft ­
  ist,  so  ist  es  umgekehrt  klar,  daß  in  der  Gesamtheit  der
Gesellschaft  gerade  die  Arbeitsteilung  jeder  einzelnen  Person  eine
vorhergehende  Ansammlung  von  Kapitalien  erspart,  die  sie  haben
müßte,  um,  wenn  sie  allein  lebte,  die  gleiche  Arbeit  auszuführen 2 ).
Dies  ist  in  ihren  Hauptzügen  die  Theorie  der  Arbeitsteilung  von
A.  Smith,  eine  Theorie,  die  heute  jedem  so  bekannt  ist,  daß  wir  oft
Mühe  haben,  ihre  Bedeutung  und  Originalität  zu  erfassen,  obgleich
sie  von  gewissen  Soziologen  (Dürkheim)  zu  dem  Bang  einer  Grundlage ­
  der  Moral  erhoben  worden  ist.  Es  genügt  jedoch,  sie  der  physiokratischen
  Auffassung  der  Gesellschaft  gegenüberzustellen,  um  ihre
Überlegenheit  ersichtlich  zu  machen.
“Die  Physiokraten  stellten  sich  die  Volkswirtschaft  unter  einer
Reihe  von  überein  andergelagerten  Klassenschichten  vor.  Die
Landleute  trugen  gewissermaßen  auf  ihren  Schultern  den  ganzen  Rest
Ger  Gesellschaft,  dem  sie  einen  Teil  des  von  ihnen  dem  Boden  selbst
abgeAvonneneu  Nahrungssaftes  abgaben.  Daher  kam  die  überwiegende
Bedeutung  der  landwirtschaftlichen  Klasse,  und  die  Notwendigkeit,
Ihren  Interessen  das  ganze  volkswirtschaftliche  System  unterzuordnen.
‘Smith  betrachtet  im  Gegenteil  die  soziale  Gütererzeugung  in  ihrer
Gesamtheit  als  das  Ergebnis  einer  Reihe  von  nebeneinander  bestehenden ­
  und  aufeinander  angewiesenen  Unternehmungen,  zwischen
heuen  der  Güteraustausch  die  Verbindung  herstellt.  Der  Fortschritt
eines  jeden  Tätigkeitszweiges  ist  daher  eng  mit  dem  Fortschritt  aller
anderen  verbunden.  Keine  der  jedem  Tätigkeitsziveige  entsprechenden
Klassen  hat  die  alleinige  Aufgabe,  für  den  Lebensunterhalt  der  anderen
zu  sorgen.  Sie  sind  alle  gleicherweise  unentbehrlich*  Der  Handwerker,
her  dem  Landarbeiter  die  Mühe  des  Baues  seines  Hauses  oder  der  Anfertigung ­
  seiner  Kleider  erspart,  trägt  unter  dieser  Form  zur  Vermehrun
 g  des  landwirtschaftlichen  Produktes  bei,  ebenso  wie  der  Landweiter,
  indem  er  es  dem  Handwerker  erspart,  Furchen  zu  ziehen
')  „Wie  die  Aufhäufung  des  Vorrates  naturgemäß  der  Arbeitsteilung  vorhergehen
Wuß i  so  kann  auch  die  Arbeit  nur  in  dem  Maße  mehr  und  mehr  geteilt  werden,  als
^orher  Vorrat  aufgesammelt  worden  ist“  (I,  S.  160,  B.  II,  Ein!.).  An  einer  anderen
^  11®  bemerkt  er  allerdings,  daß  die  Menge  des  Kapitals,  die  in  einer  Industrie  zur
Verwendung  gelangen  kann  „sehr  von  der  Menge  der  Arbeit  abhängt,  welche  darin
an tgewendet  wird“  (I,  S.  79,  B.  I,  Kap.  X,  Teil  2),  aber  diese  Bemerkung  bleibt
vereinzelt,  während  die  erstere  mit  seinen  wirklichen  Gedanken  übereinstimmt.
.  2 )  Vgl.  die  eingehende  Kritik  dieses  Gedankens  Smith’s  von  Cannan,  op.
Clt -  S.  80-83.
        <pb n="92" />
        70

Erstes  Buch.  Die  Begründer.

und  die  Saat  auszusäen,  seinerseits  zur  Vergrößerung  der  industriellen
Produktion  beiträgt.  Das  Wachstum  des  nationalen  Reichtums  besteht ­
  daher  nicht  in  einer  Erhöhung  des  „Produit  net“  allein,  sondern
in  der  Vermehrung  aller  der  dem  Verbraucher  zur  Verfügung  stehenden ­
  Gegenstände.
.  Als  klare,  praktische  Folge  dieser  Auffassung  ergibt  sich,  daß
die  Steuer  nicht,  wie  es  die  Physiokraten  wollten,  von  einer  einzigen
Klasse  getragen  werden  soll.  Sie  muß  alle  gleichmäßig  treffen.  Der
einzigen  Steuer  setzt  Smith  eine  vielfache  Steuer  gegenüber,  die
gleichzeitig  alle  Einkommensquellen,  die  Arbeit  und  das  Kapital,
ebenso  wie  den  Boden  in  Anspruch  nimmt,  —  und  er  faßt  sie  in  dem
folgenden  Grundsatz  zusammen:  „Die  Untertanen  jedes  Staates  müssen
zur  Unterstützung  der  Staatsgewalt  so  genau  als  möglich  nach  Verhältnis ­
  ihres  Vermögens  beitragen,  d.  h.  nach  Verhältnis  der  Einkünfte, ­
  die  ein  jeder  unter  dem  Schutz  des  Staates  genießt 1 ).“  Dies
ist  der  berühmte  Grundsatz  von  der  Proportionalität  der  Lasten  zu
der  Leistungsfähigkeit  eines  jeden,  auf  den  man  sich  seitdem  so  oft
in  Finanzfragen  berufen  hat 2 )/
Es  ist  sehr  merkwürdig,  daß  A.  Smith  nicht  imstande  war,  alle
sich  aus  seiner  Theorie  ergebenden  Folgerungen  zu  ziehen.  Er  scheint
ihre  ganze  Tragweite  nicht  sofort  begriffen  zu  haben.  Die  Theorie
der  Arbeitsteilung  allein  genügt  schon,  um  das  ganze  physiokratische
System  hinfällig  zu  machen.
Nichtsdestoweniger  bemüht  sich  Smith  im  letzten  Kapitel  seines
vierten  Buches  in  langen  Ausführungen  und  mit  Gründen,  die  nicht
immer  überzeugend  sind,  die  Physiokraten  zu  widerlegen.  Mehr  noch,
er  vergißt  das  Prinzip  der  Arbeitsteilung,  eignet  sich  einen  Teil  ihrer

')  Dies  ist  die  erste  der  vier  berühmten  Grundsätze,  die  Smith  an  den  Anfang
seiner  Stenertheorie  stellt.  Die  drei  anderen  lauten:  II.  Die  Steuer,  die  jeder  einzelne
Bürger  zu  zahlen  verbunden  ist,  muß  genau  bestimmt  und  nicht  willkürlich  sein.
Die  Zeit  der  Zahlung,  die  Art  und  Weise  derselben,  die  Summe,  welche  gezahlt
werden  soll:  alles  das  muß  dem  Steuerpflichtigen,  sowie  jeder  anderen  Person  klar  und
deutlich  sein  .  .  .  III.  Jede  Steuer  muß  zu  der  Zeit  und  auf  die  Weise  erhoben
werden,  zu  welcher  und  auf  welche  es  dem  Steuerpflichtigen  am  leichtesten  fällt,
sie  zu  bezahlen  ...  IV.  Jede  Steuer  muß  so  eingerichtet  sein,  daß  sie  so  w'enig  als
möglich  über  die  Summe,  die  sie  dem  Staatsschätze  einbringt,  aus  der  Tasche  des
Bürgers  herausnimmt  .  .  .  (II,  S.  243/244,  ß.  V,  Kap.  II,  Teil  2).
2 )  Dieser  Grundsatz  der  Proportionalität  hat  Smith  nicht  gehindert,  an  einer
übrigens  alleinstehenden  Stelle  sich  zugunsten  einer  progressiven  Steuer  anszusprechen.
Derartige  unlogische  Gedanken  finden  sich  oft  bei  ihm.  Wo  er  von  der  Mietssteuer
spricht,  bemerkt  er,  daß  die  Eeichen  dadurch  härter,  als  die  Armen  getroffen  werden,
weil  der  erstere  im  Verhältnis  mehr  als  der  zweite  für  seine  Wohnung  ausgibt.
„Es  ist  eben“,  sagt  er,  „nicht  unbillig,  daß  der  Reiche  nicht  nur  nach  Verhältnis
seiner  Einkünfte,  sondern  noch  etwas  über  dieser  Verhältnisse  hinaus  zu  den  Staatsausgaben ­
  beitrage“  (II,  S.  254,  B.  V,  Kap.  II,  Teil  1).
        <pb n="93" />
        Kapitel  II.  Adam  Smith.

71

Lehre  an  und'kommt  nicht  dazu,  sich  von  dem  Unterschiede  zwischen
produktiver  und  unproduktiver  Arbeit  frei  zu  machen.  Er  definiert
sie  nur  anders.  Er  nennt  unproduktiv  alle  die  Arbeiten,  „die  gewöhnlich ­
  im  Augenblick  ihrer  Leistung  zugrunde  gehen  und  selten
eine  Spur  oder  einen  Wert  zurücklassen,  wofür  ein  gleiches  Maß  von
Diensten  später  beschafft  werden  könnte“*).  Dies  sind  alle  die  Dienste,
denen  J.-B.  Say  den  Namen  „immaterielle  Produkte“  geben
sollte,  und  die  nach  Smith  die  Arbeit  des  Dienstboten,  die  der  Verwalter, ­
  des  Richters,  Soldaten  und  Priesters,  der  Advokaten,  Ärzte,
Schriftsteller,  Musiker  usw.  umfassen.'  Indem  er  in  dieser  Weise  den
Sinn  des  Wortes  „produire“,  auf  die  materiellen  Gegenstände  beschränkte, ­
  hat  er  einen  ziemlich  unnützen'Streit  über  die  produktiven
und  unproduktiven  Arbeiten  geschaffen,  einen  Streit,  den  Say  begann
und  Stuaet  Milo  wieder  aufgriff  und  der  heute  zuungunsten  Smith’s
entschieden  scheint,  und  zwar  durch  eine  genauere  Anslegung  seiner
eigenen  Lehrsätze/  Es  ist  in  der  Tat  klar,  daß  alle  Dienste  einen
Teilbetrag  des  jährlichen  Einkommens  der  Nationen  ausmachen,  und
daß  die  Gesamtproduktion  vermindert  würde,  wenn  nicht  besondere
Personen  sich  ausschließlich  damit  beschäftigten,  sie  zu  liefern.
Aber  noch  besser.  Nachdem  Smith  den  physiokratischen  Unterschied ­
  zwischen  den  besoldeten  und  produktiven  Klassen  kritisiert  hat,
gibt  er  trotzdem  zu,  daß  die  Arbeit  der  Handwerker  und  der  Kaufleute ­
  weniger  produktiv  ist,  als  die  der  Pächter  und  landwirtschaftüchen
  Arbeiter,  denn  diese,  sagt  er,  stellen  nicht  nur  das  aufgewendete ­
  Kapital  mit  einem  Profit  wieder  her,  sondern  bringen  es
s °gar  zu  Wege,  dem  Besitzer  eine  Rente  zu  zahlen 2 ).
Woher  diese  Unsicherheit  in  den  Gedanken  Smith’s?  Woher  kommt
diese  Idee  einer  besonderen  und  höheren  Produktivität  der  Landwirtschaft? ­
  Es  ist  interessant,  ihren  Gründen  nachzugehen,  denn  sie  gestatten, ­
  den  Platz,  den  A.  Smith  in  der  Geschichte  der  Nationalökonomie ­
  einnimmt,  noch  genauer  zu  bestimmen.
Einerseits,  und  was  man  auch  immer  sagen  möge,  hat  sich  Smith
öicht  vollständig  dem  Einfluß  der  Physiokraten  entzogen.  Er  sagt
v cn  ihrem  System,  daß  es  unter  allen  bis  dahin  erschienenen  der
Wahrheit  am  nächsten  komme 3 ).  Er  spricht  von  ihnen  nur  mit  Ehr-’)

  Völkerreichtum  I,  S.  194,  B.  II,  Kap.  III-  .
*3  „Pächter  und  Bauern  bringen  freilich  außer  dem  Vorrat,  womit  sie  unterhalten ­
  und  beschäftigt  werden,  jährlich  noch  einen  Reinertrag,  eine  freie  Rente  für
tle u  Gutsherrn  hervor;  und  wie  eine  Ehe,  welche  drei  Kinder  bringt,  ohne  Zweifel
Produktiver  ist  als  eine  Ehe,  die  deren  mir  zwei  hat,  so  ist  allerdings  auch  die  Arbeit
der  Pächter  und  Bauern  produktiver  als  die  der  Kaufleute  und  Gewerbetreibenden.
■Allein  das  stärkere  Produkt  der  einen  Klasse  macht  doch  die  andere  nicht  unfruchtbar
oder  unproduktiv“  (II,  S.  152,  B.  IV,  Kap.  IX).
3 )  II,  S.  154,  B.  IV,  Kap.  IX.
        <pb n="94" />
        72

Erstes  Buch.  Die  Begründer.

furcht;  der  Eindruck,  den  sie  auf  ihn  ansgeübt  hatten,  ist  so  stark
gewesen,  daß  er  sich  nicht  yon  einigen  ihrer  Ideen  hat  freimachen
können,  auch  wenn  sie  im  Grunde  genommen  seiner  eigenen  Lehre
widersprachen;  dazu  gehören  die  folgenden;  daß  es  zwischen  der
Landwirtschaft  und  den  anderen  Industrien  einen  wesentlichen
Unterschied  gäbe,  der  darin  besteht,  daß  in  der  Industrie  und  dem
Handel  keine  Naturkräfte  auftreten,  während  sie  in  der  Landwirtschaft ­
  mit  den  Menschen  zusammen  arbeiten.  „Niemals  kann  eine
gleiche  Quantität  produktiver  Arbeit  in  den  Manufakturen  ein  ebenso
großes  Erzeugnis  hervorbringen  (wie  in  der  Landwirtschaft).  In
ihnen  (den  Manufakturen)  tut  die  N  a  t  u  r  nichts,  und  der  Mensch
alles,  und  die  Reproduktion  richtet  sich  ja  immer  nach  der  Stärke
der  wirkenden  Ursachen,  welche  dabei  tätig  gewesen  sind 1 ).“  Man
glaubt  zu  träumen,  wenn  man  eine  derartige  Behauptung  bei  einem
so  bedeutenden  Nationalökonomen  liest.  Sind  denn  das  Wasser  und
der  Wind,  die  Elektrizität  und  der  Dampf  keine  Naturkräfte,  die  mit
dem  Menschen  in  der  Industrie  zusammen  arbeiten?
Aber  Smith  beachtet  das  nicht,  und  er  wird  um  so  mehr  in
seinem  Irrtum  bestärkt,  da  dieser  ihm  die  Erklärung  einer  anscheinend
höchst  seltsamen  Tatsache  liefert,  die  später  allen  englichen  Nationalökonomen ­
  Kopfzerbrechen  machen  wird:  die  Tatsache  der  Bodenrente. ­
  Woher  kommt  es  denn,  während  alle  anderen  Produktionszweige ­
  im  allgemeinen  einen  Ertrag  liefern,  der  gerade  ausreicht,
um  die  normale  Entlohnung  des  Kapitals  und  der  Arbeit,  zu  bestreiten,
daß  die  Landwirtschaft  außer  diesen  beiden  Einkommen  ein  weiteres
Einkommen  liefert,  nämlich  die  an  den  Grundbesitzer  zu  zahlende
Pacht  oder  wie  die  Engländer  sagen:  seine  „Rente“?  Aus  keinem
anderen  Grunde,  antwortet  Smith,  weil  „in  der  Landwirtschaft  die
Natur  selbst  mit  dem  Menschen  arbeitet,  und  ihre  Produkte  haben,
obgleich  ihre  Arbeit  nichts  kostet,  doch  ebensogut  ihren  Wert  als  die
der  kostspieligsten  Arbeiter  .  .  .  Die  Rente  kann  als  das  Produkt
derjenigen  Naturkräfte  angesehen  werden,  deren  Nutzung  der  Grundeigentümer ­
  dem  Pächter  leiht“ 2 ).  Wenn  A.  Smith  eine  genaue
')  I,  S.  213/214,  B.  II,  Kap.  V.
2 )  Ebenda.  Wir  sehen,  wie  hierüber  und  über  andere  Punkte  Smith  gleichzeitig ­
  mehrere  Meinungen  hat.  An  anderen  Stellen  seines  Buches  betrachtet  er  die
Rente  als  einen  Monopolpreis  und  weist  darauf  hin,  daß  sie  „auf  andere  Weise  zur
Bildung  des  Warenpreises  beiträgt  als  der  Arbeitslohn  und  der  Kapitalgewinn.  Hoher
oder  niedriger  Lohn  und  Gewinn  sind  die  Ursachen  eines  hohen  oder  niedrigen
Preises;  hohe  oder  niedrige  Rente  ist  die  Wirkung  desselben.  Gerade  aus  dem  Grunde,
weil  hoher  oder  niedriger  Lohn  und  Gewinn  gezahlt  werden  muß,  damit  eine  bestimmte ­
  Ware  zu  Markte  komme,  ist  auch  ihr  Preis  hoch  oder  niedrig;  umgekehrt
gewährt  sie  aber  gerade  aus  dem  Grunde,  weil  ihr  Preis  hoch  oder  niedrig  ist,  d.  h.
weil  er  viel  mehr  oder  wenig  mehr,  oder  gar  nicht  mehr  beträgt,  als  zur  Bezahlung
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        Kapitel  II.  Adam  Smith.

73

Theorie  der  ßente  gehabt  hätte,  würde  er  nicht  auf  die  „Naturkräfte“
des  Bodens  zurückzugreifen  gebraucht  haben,  um  das  Einkommen  des
Grundbesitzers  zu  erklären,  und  würde  wahrscheinlich  nicht  so  leicht
den  Gedanken  einer  besonderen  Produktivität  des  Bodens  angenommen ­
  haben.  In  volkswirtschaftlichen  Theorien  aber  beruht  eines
auf  dem  anderen.  Doch  Smith  fand  im  Gegenteil  in  einer  falschen
Auffassung  der  Eente  einen  Grund  mehr,  um  an  dem  Irrtum,  den
seine  Anhänglichkeit  an  die  Physiokraten  verschuldet  hatte,  festzuhalten
  1 ).
Auf  der  anderen  Seite  hatte  Smith  selbst  auch  außerhalb  seines
Verhältnisses  zu  den  Physiokraten  eine  besondere  Vorliebe  für  die
Landwirtschaft.
Nichts  ist  falscher,  als  in  Smith,  wie  man  es  manchmal  tut,  einen
Vorläufer  oder  Ankündiger  des  Industrialismus  zu  sehen  und  ihn  in.

des  Lohnes  und  Gewinnes  nötig  ist,  eine  hohe,  eine  niedrige,  oder  gar  keine  Eente“
(1,  S.  85,  B.  I,  Kap.  XI,  Einl.).  Es  scheint  nicht  möglich,  diese  sich  widersprechenden ­
  Auffassungen  Smith’s  in  Übereinstimmung  zu  bringen.  Nach  der  einen
s °h  die  Eente  ein  Bestandteil  des  Preises  sein,  und  nach  der  anderen  ist  sie  einfach
eine  Eolge  dieses  Preises.
In  der  ersten  Ausgabe  seines  Buches  ist  dieser  Widerspruch  noch  augenscheinlicher. ­
  Smith  führt  da  aus,  daß  die  Eente  mit  dem  Profit  und  der  Arbeit  eine
dritte  Wertquelle  sei  (vgl.  Ausgabe  Cannan,  I,  S.  51,  Anm.  7).  Die  Stelle  ist
aber  in  der  zweiten  Ausgabe  ausgemerzt  und  die  Eente  wird  nur  mehr  als  ein
»integrierender  Teil“  des  Preises  hingestellt.  Vielleicht  geschah  diese  Änderung
anf  Grund  des  Briefes,  den  Hume  am  1.  April  1776  nach  dem  ersten  Durchlesen
des  Völkerreichtums  an  Smith  richtete.  Er  sagt  darin:  „Ich  kann  nicht  glauben,
daß  die  von  den  Pächtern  gezahlte  Eente  einen  Teil  des  Preises  für  das  Produkt
ausmacht,  der  mir  als  aus  Angebot  und  Nachfrage  bestimmt  scheint“:  (Angeführt
v °n  J.  Eae;  Life  o£  A.  Smith,  S.  286).  Man  sieht,  wie  die  berühmte  Streitfrage,
° b  die  Eente  einen  Teil  des  Preises  ausmacht  oder  nicht,  nicht  von  gestern  stammt.
Sin  ist  gleichzeitig  mit  der  Wissenschaft  der  Nationalökonomie  geboren.  Wird  sie
v ° r  ihrem  Ende  aufhören?

Unt

Sein  Irrtum  kommt  teilweise  daher,  daß  er  nicht  scharf  genug  zwischen  dem

enternehmergewinn  und  den  Kapitalzinsen  unterscheidet.  Das  Wort  Profit  bezeichnet
b ei  Smith  und  bei  fast  allen  seinen  Nachfolgern  gleichzeitig  diese  beiden  Bmkommensart
 en,  sobald  der  Unternehmer  zugleich  Kapitalgeber  ist.  Das  Wort  Zinsen  wird  nur
auf  das  Einkommen  einer  Person  angewendet,  die  ihr  Kapital  darleiht,  ohne  selbst
seiner  Verwertung  beizutragen.  „Das  Einkommen,  welches  jemand  aus
der  Verwaltung  oder  Verwendung  von  Kapital  bezieht,  heißt  Gewinn  (Profit).  Dasjenige
  Einkommen  aber,  welches  jemand  aus  dem  Kapital  zieht,  das  er  nicht  se  s
^»wendet,  sondern  einem  anderen  leiht,  heißt  Geldzins  oder  Interessen  (I,  S.  -9,
B -  I,  Kap.  VI)  3  -B  Say  war  der  erste,  der  den  Begriff  Unternehmer  klar  hervorhob
 -  Wenn  Smith  die  Punktionen  des  Unternehmers  besser  unterschieden  hatte,
wü rde  er  wahrscheinlich  bemerkt  haben:  1.  daß  der  industrielle  Unternehmer  oft,
auß er  dem  Kapitalzins,  noch  Miete  für  den  Grund  und  Boden  zahlt;  2.  daß  der
«‘gentliche  Profit  einen  Bestandteil  enthält,  der  der  Grundrente  analog  ist.  Smith
betrachtet  aber  den  Profit  nur  als  Entschädigung  für  das  übernommene  Eisiko  oder
a  s  Lohn  für  die  Arbeit  der  Leitung.
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        74

Erstes  Buch.  Die  Begründer.

dieser  Hinsicht  den  Physiokraten,  den  Verteidigern  der  Landwirtschaft, ­
  gegenüberzustellen.  Als  1776  die  Wealth  of  Kations  erschien, ­
  hatte  die  ökonomische  Umgestaltung,  die  in  der  Geschichte
unter  dem  Namen  der  „industriellen  Umwälzung“  bekannt  ist,  und
die  in  der  rapiden  Ersetzung  der  kleinen  Hausindustrie  in  England ­
  durch  die  große  maschinelle  Industrie  bestand,  kaum  begonnen. ­
  Zwar  hatte  Haegreayes  schon  1765  seine  Spinnmaschine
und  Arkweight  1767  seine  Wassermaschine  (waterframe)  erfunden,
die  der  Baumwollenindustrie  ihren  großen  Aufschwung  gestatteten.
Zwar  hatte  James  Watt,  den  Smith  gut  kannte 1 ),  1769  ein  Patent
auf  seine  Dampfmaschine  genommen;  aber  diese  Erfindungen  sind
noch  ganz  neu,  haben  noch  keine  Zeit  gehabt,  die  industrielle  Ordnung ­
  zu  verändern,  und  viele  der  bedeutenderen  Maschinen  wie  die
Mulemaschine  Ceompton’s  2 )  (1779),  die  Spinnmaschine  Caeteight’s
(1785)  waren  noch  nicht  erfunden.  Diese  Daten  sind  beredt.  Die
industrielle  Umwälzung  hatte  gerade  damals  begonnen,  als  Smith
sein  Buch  veröffentlichte.  Da  andererseits  verschiedene  seiner  Hauptideen ­
  sich  schon  in  Glasgower  Vorlesungen  finden,  wie  er  sie  dort
etwa  1759  hielt,  ist  es  unmöglich,  einen  wirklichen  Zusammenhang
zwischen  der  industriellen  Entwicklung,  die  sich  eben  vorbereitete,
und  der  Auffassung  des  Völkerreichtum  s  herzustellen.  Man  kann
nicht  einmal  sagen,  daß  Smith  bei  dem  Fehlen  der  mechanischen  Industrie ­
  von  der  Herrschaft  der  Manufaktur,  wie  Marx  angenommen
hat 3  4 )  einen  besonders  starken  Eindruck  erhalten  habe,  denn  das  Charakteristikum ­
  der  damaligen  englischen  Volkswirtschaft  war  gerade
(trotz  offensichtlicher  Fortschritte  in  der  Industrie),  weniger  die
Manufaktur  als  der  Großhandel  *).  Glasgow  im  besonderen,  wo  Smith
die  meisten  seiner  Beobachtungen  gesammelt  haben  muß,  war  noch
fast  ausschließlich  eine  Handelsstadt,  deren  Hauptfunktion  darin  be-‘)
  James  Watt  eröffnete  seine  Werkstatt  1756  in  dem  Gebäude  der  Universität
Glasgow,  für  die  er  Präzisionsinstrumente  herstellte.  Die  Zünfte  hatten  ihm  das
Eecht  verweigert,  einen  Laden  in  der  Stadt  zu  eröffnen.  Smith  fand  hierin  ein  Schulbeispiel ­
  für  die  Engherzigkeit  und  den  Formelkram  des  Verordnungswesens.
2 )  Eine  Verbindung  der  beiden  Spinnmaschinen  von  Hargreaves  und  Arkwright.
3 )  Marx  nennt  Smith  „den  zusammenfassenden  politischen  Ökonomen  der  Manufakturperiode“. ­
  Das  Kapital  I,  4.  Äusg.,  S.  313,  Anm.
4 )  Siehe  auch  das  Werk  Mantoux’s:  „La  Revolution  industrielle  au
XVIII.  sGcle,  Paris  1906,  S.  71.“  „Man  würde  sich  irren,“  schreibt  er,  „wenn
man  glaubt,  daß  die  Manufaktur  eine  charakteristische  und  vorherrschende  Erscheinung
der  Periode  ist,  die  der  der  großen  Industrien  vorangeht.  Wenn  sie,  logischerweise,
die  Vorstufe  des  Pabriksystems  ist,  so  ist  es  doch,  geschichtlich,  nicht  richtig,
daß  sie  so  allgemein  auftrat,  um  der  Industrie  ihr  Merkmal  aufzudrücken.  So  sehr
ihr  Aufkommen  zur  Zeit  der  Renaissance  ein  bedeutendes  und  bezeichnendes  Ereignis
war,  so  sehr  bleibt  ihre  Rolle  —  wenigstens  in  England  —  für  die  folgenden  Jahrhunderte ­
  eine  untergeordnete.“
        <pb n="97" />
        Kapitel  II.  Adam  Smith.

75

stand,  als  Niederlage  für  die  Einfuhr  des  amerikanischen  Tabaks  zu
dienen 1 ).
Das  Werk  Smith’s  ist  weit  davon  entfernt,  eine  prophetische
Ankündigung  der  neuen  industriellen  Gesellschaft,  die  sich  vorbereitete, ­
  zu  sein.  Man  bemerkt  in  ihm  im  Gegenteil,  auch  bei  oberflächlichem ­
  Durchlesen,  daß  ihm  die  „Kaufleute  und  Fabrikanten“
ungemein  antipathisch  waren.  Gegen  sie  wenden  sich  seine  Sarkasmen
und  seine  Kritik.  Während  die  Interessen  der  Großgrundbesitzer
und  der  Arbeiter  ihm  fast  immer  als  in  Übereinstimmung  mit  dem
allgemeinen  Interesse  des  Landes  erscheinen,  fallen  die  der  Kaufleute ­
  und  der  Fabrikanten,  sagt  er  „niemals  ganz  mit  dem  öffentlichen ­
  Interesse  zusammen“;  „sie  haben  gewöhnlich  ein  Interesse
daran,  das  Publikum  zu  täuschen  und  sogar  zu  drücken“;  auch  „haben
sie  es  wirklich  bei  vielen  Gelegenheiten  getäuscht  und  gedrückt“  2 ).
v  Zwischen  den  Kapitalisten  und  den  Arbeitern  schwankt  Adam
Smith  nicht.  Aus  mehr  als  einer  Stelle  wird  leicht  ersichtlich,  daß
alle  seine  Sympathien  den  Arbeitern  gehören.  Man  könnte  zahlreiche
Stellen  hierfür  anführen.  Es  möge  genügen,  die  verschiedene  Art
und  Weise  zu  erwähnen,  in  der  er  von  den  hohen  Löhnen  der  Arbeiter ­
  und  dem  großen  Gewinn  der  Kapitalisten  spricht.  Sind  die
hohen  Löhne  der  Gesellschaft  vorteilhaft  oder  nicht?  fragt  er.  „Die
Antwort  scheint  beim  ersten  Anblick  außerordentlich  einfach.  Dienstboten, ­
  Tagelöhner  und  Arbeiter  aller  Art  machen  den  bei  weitem
größten  Teil  jeder  Staatsgesellschaft  aus.  Was  nun  aber  die  Umstände ­
  des  größten  Teiles  verbessert,  kann  nicht  als  ein  Nachteil  des
Ganzen  angesehen  werden.  Es  kann  sicherlich  eine  Gesellschaft
nicht  blühend  und  glücklich  sein,  deren  meiste  Glieder  arm  und  elend
sind.  Überdies  ist  es  nicht  mehr  als  billig,  daß  diejenigen,  die  den
ganzen  Körper  des  Volkes  mit  Nahrung,  Kleidung  und  Wohnung
versorgen,  an  dem  Erzeugnis  ihrer  eigenen  Arbeit  so  viel  Anteil
haben,  um  selbst  erträglich  wohnen,  sich  kleiden  und  nähren  zu
können s ).
Handelt  es  sich  dagegen  um  große  Gewinne,  dann  ändert  Smith
hen  Ton.  Er  ist  der  Meinung,  daß  sie  den  Preis  der  Lebensmitttel
v |el  mehr  als  hohe  Löhne  in  die  Höhe  treiben,  und  er  apostrophiert
hie  Kapitalisten  in  folgender  ironischer  Auslassung:  „Unsere  Kauf-Jeute
  und  Fabrikherren  klagen  sehr  über  die  schlechten  Wirkungen ­
  des  hohen  Lohnes,  der  den  Preis  ihrer  Güter  hinauftreibt
u . n d  dadurch  den  Verkauf  derselben  im  In-  und  Auslande  verringert;
Sle  sagen  aber  nichts  von  den  schlechten  Wirkungen  des  hohen  Ge-1
 )  -Rae,  Life  of  Ä.  Smith,  S.  89,
2 )  Völkerreichtum  I,  8.  150,  B.  I,  Kap.  XI  am  Ende.
3 )  Völkerreichtum  I,  S.  44—45,  B,  I,  Kap.  VIII.
        <pb n="98" />
        76

Erstes  Buch.  Die  Begründer.

winnes;  indem  sie  von  den  verderblichen  Folgen  des  Vorteils,  den
sie  selbst  ziehen,  schweigen,  klagen  sie  desto  lauter  über  die  Vorteile ­
  anderer  Leute 1 ).  Der  Unterschied  ist  bezeichnend,  vielleicht  ist
er  noch  stärker  in  dem  Satze,  den  man  eigentümlicherweise  nur
selten  von  den  Urhebern  der  Arbeitsgesetzgebung  angeführt  sieht:
„So  oft  die  Gesetzgebung  sich  dazu  herläßt,  die  Differenzen  zwischen  den
Meistern  und  ihren  Arbeitern  auszugleichen,  sind  immer  die  Meister
ihre  Eatgeber.  Fällt  die  Bestimmung  zugunsten  der  Arbeiter  aus,
so  ist  sie  immer  gerecht  und  billig;  wird  sie  aber  zugunsten  der
Meister  gegeben,  so  ist  sie  das  manchmal  nicht 2 ).
Dies  war  durchaus  nicht  der  Ton  der  Mehrzahl  der  Schriftsteller ­
  seiner  Zeit;*es  war  durchaus  nicht  der  Ton,  den  50  Jahre
später  die  patentierten  Verteidiger  des  Industriesystems,  die
MacCulloch,  Ube,  Bakbagb  anschlugen.  Man  fühlt  bei  ihm  eher
den  Hauch  jenes  warmherzigen  Mitleids,  das  später  einen  Lord
Shaftesbuey  oder  einen  Macaulay  beseelte,  die  die  Urheber  der
y*
Fabrikgesetzgebung  in  England  waren.
Smith  ist  daher  nicht  ein  Vorläufer  des  entstehenden  Industrialismus. ­
  Mit  allen  Fibern  seines  Wesens  hängt  er  im  Gegenteil ­
  an  der  Landwirtschaft  und  versäumt  keine  Gelegenheit  seine  Vorliebe ­
  zu  zeigen.  Die  Landwirtschaft  ist  eine  viel  schwierigere  Beschäftigung ­
  als  irgendein  industrielles  Unternehmen:  „und  doch  gibt
es  nächst  den  schönen  Künsten  und  freien  Berufsarten  vielleicht  kein
Gewerbe,  das  eine  solche  Mannigfaltigkeit  von  Kenntnissen  und  Erfahrungen ­
  voraussetzt“  3 )  —  sie  ist  nicht  nur  schwieriger  sondern  sie
ist  auch  nützlicher.  Er  zieht  zwischen  der  Landwirtschaft,  den
Manufakturunternehmungen  und  dem  Handel  einen  langen  Vergleich
(auf  den  wir  zurückkommen  werden),  und  aus  dem  sich  ergibt,
daß  für  die  Kapitalien  eines  Landes  die  Landwirtschaft  unter  allen
Verwendungsarten  die  vorteilhafteste  ist,  die  am  meisten  mit  den
allgemeinen  Interessen  übereinstimmt.
Der  „natürliche  Lauf  der  Dinge“  würde  für  die  aufwärtsstrebenden
Völker  darin  bestehen,  ihr  Kapital  erst  in  der  Landwirtschaft,  dann
in  der  Industrie  und  erst  zum  Schluß  im  Außenhandel  anzulegen.
Das  ganze  dritte  Buch  seines  Werkes  füllt  Smith  mit  Beweisen  an,
um  zu  zeigen,  wie  die  Politik  der  europäischen  Völker  seit  langen
Jahrhunderten  zu  ihrem  eigenen  Schaden  „diesen  natürlichen  Lauf“
durch  der  Landwirtschaft  feindliche  Maßnahmen  gehemmt  hat,  die
mehr  dem  Interesse  der  Händler  und  der  Handwerker  dienten.  So
*)  Völkerreichtum  I,  S.  66,  B.  I,  Kap.  IX  am  Ende.
2 )  Völkerreichtum  I,  S.  83,  B.  I,  Kap.  X,  Teil  2.
3 )  Völkerreichtum  I,  S.  74,  B.  I,  Kap.  X,  Teil  2.  Die  ganze  Stelle  ist  in
ihrem  Lob  der  Grundbesitzer  und  Pächter  merkwürdig.
        <pb n="99" />
        Kapitel  II.  Adam  Smith,

77

erscheint  ihm  die  Landwirtschaft  als  ein  rechtes  Stiefkind.  In
seiner  Steuertheorie  führt  er  weiter  aus,  wie  ein  Teil  der  auf  dem
Gewinn  und  dem  Lohn  liegenden  Steuern  zum  Schluß  auf  die  Grundbesitzer ­
  zurückfällt.  Wenn  er  endlich  von  den  Einfuhrzöllen  auf
Getreide  spricht,  —  diese  Zölle,  die  die  Entrüstung  eines  Ricaedo
gegen  die  „landlords“  aufstachelten,  —  läßt  Smith  seiner  ganzen
Voreingenommenheit  freien  Lauf.  Er  geht  in  seiner  Nachgiebigkeit
soweit,  daß  er  den  Satz  aufstellt,  nicht  nur  in  ihrem  persönlichen
Interesse,  sondern  hauptächlich  nur  in  einer  schlecht  verstandenen
Nachahmung  der  Fabrikanten  und  Händler  hätten  „der  Landadel
und  die  Pächter  Großbritanniens  so  sehr  den  ihrem  Stande  natürlichen
Edelmut  vergessen,  daß  sie  um  das  ausschließliche  Vorrecht  nachsuchten, ­
  ihre  Landsleute  mit  Getreide  und  Fleisch  zu  versorgen“  1 ).
Man  sieht  auch  ohne  weitere  Ausführungen  genügend  klar,  wie
stark  A.  Smith  auf  die  Seite  der  Landwirtschaft  und  der  landwirtschaftlichen ­
  Arbeiter  hinneigte;  daher  hat  Smith  auch  in  dieser
Hinsicht  wenigstens  einen  Teil  der  physiokratischen  Vorurteile  so
bereitwillig  übernommen.  Trotz  seiner  eigenen  Theorie  der  Arbeitsteilung ­
  hat  er  sich  nicht  entschließen  können,  die  Landwirtschaft
auf  den  Fuß  vollständiger  Gleichheit  mit  den  anderen  Formen  wirtschaftlicher ­
  Tätigkeit  zu  stellen.  Es  liegt  ihm  daran,  ihre  althergebrachte ­
  Vorzugstellung  aufrecht  zu  erhalten.
§  2.  Der  Naturalismus  und  Optimismus  Ä.  Smith’s.
Außer  der  Auffassung  der  ökonomischen  Welt  als  einer  großen
natürlichen  Gemeinschaft,  die  die  Arbeitsteilung  geschaffen  hat,  unterscheiden ­
  wir  in  dem  Werke  A.  Smith’s  zwei  andere  Grundgedanken,
nm  die  sich  seine  Theorien  gruppieren  lassen:
*  1.  die  Idee  der  Spontaneität  der  wirtschaftlichen  Einrichtungen,  und
2.  die  Idee  des  wohltätigen  Charakters  dieser  Einrichtungen,
was  man  den  „Naturalismus“  und  den  „Optimismus“  A.  Smith’s  nennen
kann.  ■**
Obgleich  diese  beiden  Gedanken  im  Geiste  A.  Smith’s  bis  zur
:  Verschmelzung  zusammen  lebten,  so  müssen  sie  doch  von  dem  Geschichtsschreiber ­
  der  ökonomischen  Lehren  sorgfältig  auseinander  gehalten ­
  werden.
Lie  Spontaneität  der  wirtschaftlichen  Einrichtungen  und  ihr
wohltätiger  Charakter  standen  bei  A.  Smith  in  enger  Wechselbeziehung. ­
  Im  18.  Jahrhundert  hielt  man  gern  alles  für  gut,  was
natürlich  und  ursprünglich  war.  Natürlich,  gerecht,  vorteilhaft  sind
)  Völkerreichtum  II,  S.  21,  B.  IV,  Kap.  II.
        <pb n="100" />
        78

Erstes  Buch.  Die  Begründer.

Ausdrücke,  die  man  damals  als  Synonyme  anwendete.  Auch  Smith
hat  sich  dieser  Gedankenverbindung  nicht  entziehen  können.  Indem
er  den  „natürlichen“  Ursprung  der  wirtschaftlichen  Einrichtungen
dartat,  glaubte  er  zugleich  ihren  nützlichen  und  wohltätigen  Charakter ­
  zu  beweisen v ).  Heute  ist  diese  Verwirrung  nicht  mehr  gestattet: ­
  den  Ursprung  der  wirtschaftlichen  Einrichtungen  wissenschaftlich ­
  festzustellen,  und  ihren  Wert  vom  Gesichtspunkt  der  Allgemeinheit ­
  aus  zu  beurteilen,  sind  zw'ei  gleich  berechtigte,,  aber  sehr
verschiedene  Ziele  geistiger  Tätigkeit.  Man  kann  mit  Smith  annehmen, ­
  daß  unsere  wirtschaftliche  Gesellschaft  in  ihrem  Ursprung
und  ihrer  Funktion  etwas  von  der  Spontaneität  der  großen  natürlichen ­
  Entwicklungen  hat,  —  ohne  deshalb  zuzugeben,  daß  sie  die
beste  aller  möglichen  sei.  Der  Pessimismus  kann  ebensogut  wie  der
Optimismus  sich  aus  dem  Anblick  des  spontanen  wirtschaftlichen
Lebens  ergeben.  So  sehr  uns  auch  der  Gedanke  von  der  Selbstentstehung ­
  der  grundlegenden  wirtschaftlichen  Einrichtungen  richtig
und  fruchtbar  zu  sein  scheint,  so  sehr  scheint  uns  die  von  Smith
gegebene  Darlegung  ihres  wohltätigen  Charakters  ungenügend.
Die  erste  ist  von  den  größten  Nationalökonomen  angenommen  worden.
Die  zweite  wird  heute  von  fast  allen  verworfen.  Wir  werden  daher
diese  beiden  Ideen,  die  eine  bedeutende  Kolle  in  der  Geschichte  der
ökonomischen  Lehren  gespielt  haben,  gesondert  betrachten.
Der  Gedanke  der  Selbstentstehung  der  wirtschaftlichen  Einrichtungen ­
  ist  einer  von  jenen,  auf  die  Smith  am  häufigsten  zurückkommt. ­
  „II  mondo  va  da  se“,  die  Welt  geht  von  selbst,  könnte
er  mit  den  Physiokraten  gesagt  haben.  Sie  brauchte,  um  sich  zu
organisieren,  keines  Dazwischentretens  eines  vorsorgenden  und  vernünftigen ­
  Kollektivwillens,  keines  vorhergehenden  Einverständnisses
zwischen  den  Menschen.
Diesen  Gedanken  ruft  das  Studium  der  ökonomischen  Welt  in
A.  Smith  stets  von  neuem  wach.  Die  spontanen  Handlungen  von
tausenden  und  abertausenden  Einzelpersonen,  die  eine  jede  für  sich
ihre  eigenen  Wege  gingen,  ohne  sicli  um  die  anderen  zu  kümmern,
und  die  keine  Ahnung  davon  hatten,  welche  sozialen  Ergebnisse  ihre
Taten  zeitigen  sollten,  haben  genügt,  um  dem  wirtschaftlichen  Leben
sein  heutiges  Aussehen  zu  geben.  In  seinen  großen  Zügen  ist  das
bestehende  ökonomische  Weltbild  nicht  nach  einem  bestimmten  Gesamtplan ­
  eines  organisatorischen  Gehirnes  entworfen  und  von  einer
intelligenten  Gesellschaft  mit  voller  Überlegung  ausgeführt  worden,
*)  Vgl.  über  den  Zusammenhang  des  Systems  von  A.  Smith  mit  der  Philosophie
seiner  Zeit  W.  Hasbach:  Die  allgemeinen  philosophischen  Grundlagen
der  von  F.  Qoesnav  und  A.  Smith  begründeten  politischen  Ökonomie,
Leipzig  1890.
        <pb n="101" />
        Kapitel  II.  Adam  Smith.

•  .  .  sondern  es  hat  sich  aus  der  Anhäufung  zahlloser  Einzellinien
gebildet,  die  eine  Unmenge  von  Einzelpersonen,  auf  Grund  eines
instinktiven  Triebes,  und  ohne  jede  Kenntnis  von  dem  zu  erreichenden
Zweck,  gezogen  hat.
Dieser  Gedanke  eines  selbsttätigen  Aufbaus  der  ökonomischen
Welt  kann  dem  des  „ökonomischen  Gesetzes“,  der  sich  später  herausarbeitete, ­
  analog  erscheinen.  Die  beiden  Gedanken  weisen  einer  wie
der  andere  in  der  Tat  auf  die  Idee  von  etwas  über  dem  menschlichen ­
  Willen  stehenden  hin,  das  sich  trotz  ihnen  und  trotz  ihres
Widerstandes  durchsetzt.  Sie  sind  aber  voneinander  verschieden  und
der  erste  geht  über  den  zweiten  hinaus.  Das  Wort  „Naturgesetz“
ruft  zunächst  die  Vorstellung  einer  Regelmäßigkeit,  einer  Wiederholung, ­
  einer  „Wiederkehr  des  gleichen“,  gewisser  Vorgänge  wach,
wenn  gewisse  Bedingungen  gegeben  sind.  Das  ist  es  aber  nicht,
was  auf  Smith  Eindruck  macht.  Er  legt  weniger  Wert  auf  dasjenige, ­
  was  an  den  ökonomischen  Vorgängen  beständig,  als  auf  das,
Was  an  ihnen  spontan,  instinktiv  und  natürlich  ist.  Erst  J.-B.  Say
wird  seine  Freude  daran  haben,  die  ökonomische  Welt  mit  der
Physischen  zu  vergleichen.  Smith  sieht  sie  vielmehr  als  ein  lebendiges
Wesen,  das  sich  selbst  die  unentbehrlichen  Organe  schafft.  An  keiner
Stelle  gebraucht  er  den  Ausdruck:  „ökonomisches  Gesetz“.  Wenn
wir  mit  ihm  die  hauptsächlichen  ökonomischen  Einrichtungen  und
Funktionen  durchgehen,  sehen  wir,  wie  er  immer  zu  dem  gleichen
Schluß  kommt.
Zunächst  die  erste  von  allen,  die  wir  eben  studiert  haben  und
die  mehr  als  irgendeine  andere  zum  Wachstum  des  nationalen  Reichtums ­
  beiträgt:  die'Arbeitsteilung/
'Ist  diese  wunderbare  Einrichtung  „ursprünglich  nicht  das  Werk
menschlicher  Weisheit,  welche  die  allgemeine  Wohlhabenheit,  zu  der  es^
tührt,  vorhergesehen  und  beabsichtigt  hatte“?  Nicht  im  geringsteni
»Es  ist“,  sagt  Smith,  „die  notwendige,  wenn  auch  sehr  langsame  und
stufenweise  Folge  einer  gewissen  Neigung  der  menschlichen  Natur,
die  keinen  so  ausgedehnten  Nutzen  vor  Augen  hat:  der  Neigung  zum
Tausch,  zum  Tauschhandel  und  zum  Umtausch  einer  Sache  gegen
e |ne  andere 1 ).“  Dieses  Streben  selbst  ist  nicht  primär.  Es  ergibt
sich  ans  dem  persönlichen  Interesse.  „Der  Mensch  braucht  fort-WährencT
  die  Hilfe  seineFWitmensdien.  und  er  würde  diese  vergeblich
yon  ihrem  Wohlwollen  allein  erwarten.  Er  wird  viel  eher  zum
Ziele  kommen,  wenn  er  ihren  Egoismus  zu  seinen  Gunsten  interessieren ­
  und  ihnen  zeigen  kann,  daß  sie  ihren  eigenen  Nutzen  davon
haben,  wenn  sie  für  ihn  tun,  was  er  von  ihnen  haben  will.  Wer

‘)  Völkerreichtum  I,  S,  8—9,  B.  I,  Kap.  II.  am  Auf.
        <pb n="102" />
        80

Erstes  Buch.  Die  Begründer.

•einem  anderen  irgendeinen  Handel  anträgt,  macht  ihm  einen  Vorschlag. ­
  Gib  mir.  was  ich  will,  und  du  sollst  haben,  was  du  willst,
ist  der  Sinn  eines  jeden  solchen  Anerbietens;  und  auf  diese  Weise
erhalten  wir  voneinander  den  weitaus  größten  Teil  der  guten  Dienste,
deren  wir  benötigen.  Nicht  von  dem  Wohlwollen  des  Fleischers,
Brauers  oder  Bäckers  erwarten  wir  unsere  Mahlzeit,  sondern  von  ihrer
Bedachtnahme  auf  ihr  eigenes  Interesse.  Wir  wenden  uns  nicht  an
ihre  Humanität  sondern  an  ihren  Egoismus,  und  sprechen  ihnen  nie
von  unseren  Bedürfnissen,  sondern  von  ihren  Vorteilen 1 ).“
So  entwickelt  sich  der  Güteraustausch,-  und  mit  dem  Austausch
die  Arbeitsteilung.  Denn  „die  Gewißheit,  alle  überschüssige  Erzeugnisse ­
  seiner  Arbeit,  die  über  seinen  eigenen  Verbrauch  hinausgehen,
für  solche  Erzeugnisse  anderer,  wie  er  sie  gerade  braucht,  austauschen
  zu  können,  spornt  einen  jeden  an,  sich  einer  besonderen
Beschäftigung  zu  widmen,  und  seine  eigentümliche  Befähigung  für
diese  oder  jene  Art  von  Tätigkeit  auszubilden  und  zur  Vollkommenheit
zu  bringen“  2 ).‘  Die  Arbeitsteilung  ist  das  Ergebnis  eines  allen  Menschen
gemeinsamen  Triebes,  des  Tauschtriebes,  und  dieser  hat  sich  unter
den  gleichzeitigen  und  zusammen  wirkenden  Einfluß  des  persönlichen
Interesses  aller  und  eines  jeden  spontan  entwickelt.
Nach  der  Arbeitsteilung  kommt  das'Geld.  Vielleicht  hat  keine
Einrichtung  den  Güteraustausch  so  sehr  erleichtert  und  infolgedessen ­
  den  Reichtum  vermehrt,  wie  das  Geld.  Alle  nationalökonomischen ­
  Abhandlungen  nach  Smith  haben,  fast  in  den  gleichen  Ausdrücken ­
  wie  er,  seine  Vorteile  gegenüber  dem  primitiven  Tausch
ausgeführt.  Wie  ist  nun  dieses  Geld  entstanden?  Aus  einem  Akt
der  öffentlichen  Gewalt  oder  aus  dem  bewußten  Willen  des  Volkes?
Keineswegs.  Ein  kollektiver  Instinkt  hat  es  erschaffen.  Die  Menschen
haben  schnell  genug  die  Nachteile  des  primitiven  Tausches  gemerkt;
um  sie  zu  vermeiden:  „wird  jeder  kluge  Mensch  zu  allen  Zeiten  der
Gesellschaft  nach  der  ersten  Einführung  der  Arbeitsteilung  natürlich
bemüht  gewesen  sein,  seine  Einrichtungen  so  zu  treffen,  daß  er  außer
dem  besonderen  Produkte  seines  eigenen  Fleißes  jederzeit  noch  eine
gewisse  Menge  von  dieser  oder  jener  Ware  in  Bereitschaft  hatte,
von  der  er  voraussehen  konnte,  daß  wahrscheinlich  wenig  Menschen
ihren  Eintausch  gegen  das  Produkt  ihres  eigenen  Fleißes  zurückweisen ­
  würden 3 ).  Und  so  ist  auch  das  Geld  seinerseits  aus  der
gleichzeitigen,  wenn  auch  nicht  bewußt  vereinbarten  Handlungsweise
*)  Volke  rr  eicht  um  I,  S.  8—9,  B.  I,  Kap.  II.  Diese  ganze  Stelle  findet  sich
beinahe  wörtlich  in  den  Vorlesungen  A.  Smith’s  und  stammt  aus  Mandevillb’s
Kabel  von  den  Bienen.
2 )  Ebenda,  S.  9.
3 )  Völkerreichtum  I,  S.  13,  B.  I,  Kap.  IV.
        <pb n="103" />
        Kapitel  II.  Adam  Smith,

81

einer  großen  Anzahl  von  Personen  entstanden,  die  ihren  persönlichen
Antrieben  gehorchten.  Die  öffentliche  Gewalt  hat  sich  erst  viel  später
eingemischt  —  als  das  Metallgeld  schon  überall  verbreitet  war,  um
durch  einen  Stempel  Schrot  und  Korn  eines  jeden  Stückes  zu  gewährleisten. ­

Eine  andere  Grundtatsache  ist  das'W  ach  st  um  des  Kapitals 1 )!
Für  A.  Smith  gibt  es  nach  der  Arbeitsteilung  und  nach  der  Erfindung
des  Geldes  keine  wichtigere  volkswirtschaftliche  Tatsache,  keine  größere
Quelle  der  Bereicherung  für  das  Volk  als  diese.  Je  größer  sein  Kapital
ist,  um  so  mehr  produktive  Arbeiter  können  unterhalten  werden,  um
so  größer  kann  die  Herstellung  von  Instrumenten  und  Maschinen
sein,  die  die  Produktivität  der  Arbeiter  vermehren,  um  so  mehr  kann
sich  die  nationale  Arbeitsteilung  entwickeln.  Sein  Kapital  vermehren,
heißt  daher,  seine  Industrie  und  seinen  Wohlstand  ausdehnen 2 ).  Das
*)  Lange  Zeit  hindurch  haben  sieh  die  Ökonomisten  mit  Adam  Smith’b  Theorie
vom  Kapital  begnügt.  Wie  viele  andere  Teile  seines  Werkes  ist  auch  dieser  als
klassisch  anerkannt  worden,  und  die  Schriften  über  volkswirtschaftliche  Fragen  haben
sich  oft  auf  seine  Wiederholung  beschränkt.  Dieser  Erfolg  erscheint  uns  heute  ganz
ungerechtfertigt.  „Man  kann  nicht  leugnen,“  sagt  ein  neuzeitlicher  englischer
Nationalökonom,  Canhan,  „daß  A.  Smith  die  Frage  des  Kapitals  durchaus  unbefriedigend
beantwortet  hat“  (A  History  of  the  theories  of  production  and  distribution,
  1894.  S.  89).  Wenn  diese  Beurteilung  einer  Rechtfertigung  bedürfte,
würde  der  Hinweis  auf  die  vielen,  auch  jetzt  noch  nicht  abgeschlossenen  Besprechungen, ­
  die  seit  50  Jahren  sich  mit  der  Theorie  des  Kapitals  beschäftigen,
genügen.  Einige  der  bedeutendsten  Werke  der  letzten  Jahre,  wie  die  Positive
Theorie  des  Kapitales  von  Böhm-Bawbbk  sind  ihr  gewidmet.  In  England,
Amerika,  Italien  haben  die  bekanntesten  Nationalökonomen,  wie  Cannan,  Fishek,
Paketo  dazu  beigetragen,  die  alten  Begriffe  in  dieser  Frage  ganz  umzuändern,  und
Jas  Anwachsen  dieser  Untersuchungen  zeigt  klar  genug,  daß  Smith  diese  Frage
hoch  lange  nicht  erschöpft  hatte.  Aus  diesem  Grund  glauben  wir  es  unterlassen  zu
sollen,  seine  Gedanken  hierüber  auseinander  zu  setzen.  'Wenn  man  das  zweite  Buch
seines  Völkerreichtnms,  das  ausschließlich  diesen  Gegenstand  behandelt,  aufmerksam ­
  liest,  so  findet  man:  eine  dem  praktischen  Gesohäftsleben  entlehnte  Unterscheidung ­
  zwischen  dem  fest  angelegten  und  dem  umlaufenden  Kapital,  —  eine  sehr
anfechtbare  Identifikation  des  Nationalvermögens  mit  der  Summe  der  Einzelvermögen,
•—  eine  sehr  ungenügende  Scheidung  der  Begriffe  Kapital  und  Einkommen,  —  die
seitdem  bis  auf  Stuabt  Mill  zum  Überdruß  wiederholte  paradoxe  Behauptung,  daß
„sparen,  verbrauchen  sei“  —;  die,  diesmal  banale,  Behauptung,  daß  das  Kapital  durch
Sparen  wächst,  und  endlich  den  Satz,  daß  das  Kapital  die  Industrie  begrenzt.  '
2 )  Völkerreichtum  I,  S.  202,  B.  II,  Kap.  III.  „Das  Jährliche  Produkt  des
Bodens  und  der  Arbeit  einer  Nation  kann  in  seinem  Werte  nicht  anders  vermehrt
werden,  als  wenn  entweder  die  Zahl  ihrer  produktiven  Arbeiter  oder  die  Produktivkräfte ­
  der  bis  dahin  beschäftigten  Arbeiter  zunehmen.  Die  Zahl  der  produktiven
Arbeiter  kann,  wie  von  selbst  einleuohtet,  nur  dann  ansehnlich  zunehmen,  wenn  eine
Kapitalzunahme  zustande  kommt,  d.  h.  wenn  die  zu  ihrem  Unterhalt  bestimmten
Konds  wachsen.  Die  Produktivkräfte  der  nämlichen  Zahl  von  Arbeitern  können  nur
dann  zunehmen,  wenn  entweder  die  zur  Erleichterung  und  Abkürzung  der  Arbeit
dienenden  Maschinen  und  Werkzeuge  vermehrt  und  verbessert  werden,  oder  wenn
Gide  und  Rist,  Gesch.  d.  Volkswirtschaft!.  Lehrmeinungen.  6
        <pb n="104" />
        82

Erstes  Buch.  Die  Begründer.

Wachstum  des  Kapitals  ist  nicht  nur  das  hauptsächlichste
Mittel,  sondern  an  verschiedenen  Stellen  seines  Werkes  erscheint  es
als  das  einzige  Mittel,  das  eine  Nation  besitzt,  um  ihren  Reichtum
zu  vergrößern.  „Die  Industrie  der  Nation  kann  sich  nur  in  dem  Maße
vermehren,  als  ihr  Kapital  zunimmt“  sagt  Smith,  und  „ihr  Kapital
kann  nur  in  dem  Maße  zunehmen,  als  nach  und  nach  etwas  von
ihrem  Einkommen  erspart  wird 1 )“,  mit  anderen  Worten:  Das  Kapital
begrenzt  die  Industrie  -),  ein  Satz,  der  klassisch  werden  sollte,  und
den  die  Ökonomen,  bis  auf  Mill,  Smith  nachsprechen.  So  ist  das
Kapital  der  wirkliche  Herrscher  des  volkswirtschaftlichen  Lebens.  Gemäß
seines  Steigens  oder  seines  Sinkens  bahnt  es  der  Arbeit  alle  Wege  oder
legt  sein  Veto  gegen  jede  Verbesserung  ein.  Selbstherrlich  befruchtet
es  die  Erde  und  die  Arbeit  des  Menschen,  oder  läßt  sie  wüste  liegen.
Man  kann  die  überwiegende  Rolle,  die  Smith  dem  Kapital  zuspricht, ­
  bestreiten,  und  das  ist  geschehen.  Auf  jeden  Fall  ist  es  recht
merkwürdig,  daß  er  am  Anfang  die  Arbeit  als  die  Grundursache  des
Reichtums  zeigt,  um  sie  nachher  dem  Kapital  unterzuordnen.  Hier
ist  aber  nicht  der  Ort,  erledigte  Streitfragen  wieder  aufzurollen 3 ).
Hier  kommt  es  uns  darauf  an,  festzustellen,  daß  A.  Smith  in  der  Ansammlung ­
  von  Kapitalien  einen  neuen  Beweis  für  die  Spontaneität
der  wirtschaftlichen  Erscheinungen  findet.  Wenn  sich  das  Kapital
ansammelt,  so  geschieht  das  tatsächlich  nicht  infolge  der  kollektiven
Voraussicht  der  Gesellschaft,  sondern  infolge  der  gleichzeitigen  und
zusammenwirkenden  Tätigkeit  von  Tausenden  von  Individuen,  die,
beseelt  von  dem  elementaren  Wunsche,  ihre  Lage  zu  verbessern,
selbständig  zum  sparen  und  zur  produktiven  Verwendung  ihres  Ersparten ­
  angehalten  werden 4 ).

eine  geeignetere  Teilung  der  Arbeit  zustande  kommt.  In  beiden  Fällen  ist  fast
immer  neues  Kapital  erforderlich“.
1 )  Völkerreiohtum  II,  S.  18,  B.  IV,  Kap.  II.
2 )  „Der  allgemeine  Gewerbefleiß  der  Nation  kann  niemals  weiter  gehen,  als  das
Kapital  der  Nation  reicht“,  II,  S.  15,  B.  IV,  Kap.  II,  wofür  Stuart  Mill  die  kurze
Formel:  „das  Kapital  begrenzt  die  Industrie“  geprägt  hat.
s )  Wir  schreiben  „erledigte“  —  denn  die  heutigen  Nationalökonomen  sind  sich
ungefähr  darüber  einig,  daß  bei  einer  Anerkennung  des  notwendigen  Zusammenwirkens ­
  von  Kapital,  Arbeit  und  Naturkräften  in  der  Gütererzeugung,  diese  Gütererzeugung ­
  von  der  vorhandenen  Menge  aller  dieser  Faktoren,  nicht  eines  einzigen,
abhängt.
4 )  A.  Smith  hat  den  Sozialisten  (Eodbbrtus,  Lassalle)  im  voraus  geantwortet,
die  nicht  im  Sparen,  sondern  in  der  Arbeit  die  Quelle  des  Kapitals  sehen,  indem  er
schreibt:  „Sparsamkeit,  nicht  Fleiß,  ist  die  unmittelbare  Ursache  der  Kapitalvermehrung. ­
  Der  Fleiß  schafft  zwar  die  Sachen  herbei,  welche  die  Sparsamkeit  aufhäuft; ­
  aber  so  viel  der  Fleiß  auch  erwürbe,  so  würde  doch,  wenn  die  Sparsamkeit
es  nicht  zurücklegte  und  sammelte,  das  Kapital  niemals  größer  werden.“  Völkerreiohtum ­
  I,  S.  198,  B.  II,  Kap.  III.
        <pb n="105" />
        Kapitel  II.  Adam  Smith.

83

„Der  Grund,  welcher  znm  Sparen  treibt,  ist  das  Verlangen,  seine
Lage  zu  verbessern,  ein  Verlangen,  welches  zwar  gewöhnlich  ruhig
und  leidenschaftslos  ist,  aber  uns  auch  von  der  Wiege  an  begleitet
und  bis  zum  Tode  nicht  wieder  verläßt  ....  Das  Mittel,  durch  das
die  meisten  Menschen  ihre  Lage  zu  verbessern  streben,  ist  die  Vergrößerung ­
  ihres  Vermögens.  Es  ist  dies  das  gewöhnlichste  und
natürlichste  Mittel;  und  die  sicherste  Art,  wie  man  sein  Vermögen
vergrößern  kann,  ist  die,  daß  man  einen  Teil  dessen,  was  man  erwirbt,
spart  und  aufhäuft.“  Dieser  Wunsch  ist  so  mächtig,  daß  es  sogar  den
Torheiten  der  verschwenderischsten  Regierungen  nicht  gelungen  ist,
ihre  wohltätigen  Wirkungen  aufzuheben.  „Die  gleichmäßige,  beständige ­
  und  ununterbrochene  Anstrengung  jedes  Menschen,  seine
Lage  zu  verbessern,  diese.  Quelle  des  Nationalreichtums  und  des
Privatwohlstandes,  ist  oft  mächtig  genug,  um  trotz  der  Ausschweifung
der  Regierung  und  der  größten  Irrtümer  in  der  Verwaltung  den
natürlichen  Fortschritt  zum  Bessern  frisch  zu  erhalten.  So  stellt  auch
das  unbekannte  Prinzip  des  animalischen  Lebens  oft  trotz  der
albernen  Vorschriften  des  Arztes  Gesundheit  und  Kräfte  des  Körpers
wieder  her“  *).
Aber  die  Idee  der  Spontaneität  der  wirtschaftlichen  Einrichtungen ­
  findet  ihre  interessanteste  Anwendung  in  deETheprie  der
Anpassung  des  Angebotes  an  die  Nachfrage.  Hiermit
müssen  wir  uns  etwas  ausführlicher  beschäftigen.
ln  einer  auf  die  Arbeitsteilung  gegründeten  Gesellschaft,  wo
ein  jeder  ohne  vorhergehende  Übereinkunft  mit  seinem  Konkurrenten
und  ohne  gemeinsame  Direktion  für  den  Markt  produziert,  besteht
die  große  Schwierigkeit  darin,  das  Angebot  der  Waren  der  Nachfrage
anzupassen.  In  der  Tat,  wie  sollen  die  Produzenten  in  jedem  Augenblick ­
  wissen,  was  und  in  welchem  Verhältnisse  sie  zu  produzieren
haben,  da  niemand  da  ist,  um  sie  darüber  zu  unterrichten?  Allerdings ­
  legt  Smith  Wert  darauf,  auszuführen,  daß  es  sich  für  sie  nicht
darum  handelt,  irgendwelche  Bedürfnisse  oder,  wie  er  sagt,  die
„  abs  olute  Nachfrage“  zu  befriedigen,  sondern  einzig  die  „effektive
Nachfrage“  :  hierunter  ist  die  Nachfrage  derjenigen  zu  verstehen,  die
imstande  sind,  etwas  als  Austausch  gegen  die  Erzeugnisse,  die  sie
begehren,  anzubieten,  und  wenigstens  so  viel  anzubieten,  um  die
Produktionskosten  dieser  Erzeugnisse  zu  bezahlen 2 ).  Die  auf  die

J )  Yölkerreichtum  I,  S.  201—202,  B.  II,  Kap.  III.
2 )  Yölkerreichtum  I,  S.  31,  B.  I,  Kap.  VII.  „Der  Marktpreis  einer  Ware
ist  bestimmt  durch  das  Verhältnis  zwischen  der  Quantität,  welche  wirklich  zu  Markte
gebracht  wird,  und  der  Nachfrage  derer,  welche  ihren  natürlichen  Preis,  d.  h.  den
ganzen  Wert  der  Kente,  des  Gewinnes  und  der  Arbeit,  die  bis  zu  ihrer  Peilbietung
erforderlich  waren,  zu  bezahlen  geneigt  sind.  Solche  Leute  kann  man  wirksame
6*
        <pb n="106" />
        84

Erstes  Buch.  Die  Begründer.

Arbeitsteilung  und  den  Güteraustausch  gegründete  Gesellschaft  setzt
natürlich  voraus,  daß  nichts  umsonst  gegeben  wird,  und  daß  niemand
mit  Verlust  arbeitet,  denn  sonst  würden  die  Einen  die  Opfer  der
Anderen  sein *  1 ).  Wenn  aber  jeder  auf  gut  Glück  produziert,  wie  kann
man  dann  vermeiden,  daß  in  jedem  Augenblick  die  Produktion  entweder ­
  größer  oder  kleiner  als  die  effektive  Nachfrage  sei?
Um  dies  zu  verstehen,  muß  man  sich  dieTPreistheorie  A.  Smixh’s^
ins  Gedächtnis  rufen.
Im  vorhergehenden  Kapitel  haben  wir  gesehen,  daß  schon  1776
Condillac  eine  Theorie  des  Wertes  aufgestellt  hatte,  die  der  der
Physiokraten  bedeutend  überlegen  war.  Im  selben  Jahre  (1776)  erschien ­
  aber  gerade  das  Werk  Smith’s.  Er  hat  wahrscheinlich
niemals  Kenntnis  von  den  Ideen  Condillac’s  gehabt  und  konnte  sie
daher  nicht  diskutieren.  Auf  der  anderen  Seite  aber  stellte  der
durchschlagende  Erfolg  des  „Wealth  of  Nations“  das  Werk  des
französischen  Philosophen  für  lange  Zeit  in  den  Schatten.  Während
langer  Zeit  sollte  daher  die  Theorie  A.  Smith’s  triumphieren.  Obgleich ­
  sie  der  Condillac’s  gegenüber  minderwertig  ist,  hat  sie  in  der
Folgezeit  den  Untersuchungen  der  Nationalökonomen,  besonders  denen
der  englischen  Ökonomisten,  deren  Einfluß  während  der  ersten  Hälfte
des  19.  Jahrhunderts  vorherrschend  war,  zugrunde  gelegen.  Erst
nach  der  Veröffentlichung  der  Werke  von  Walbas,  Jevons  und
Menger  ist  sie  verworfen  worden;  sie  besitzt  daher  ein  wirkliches
geschichtliches  Interesse,  das  um  so  größer  ist,  weil  sie  das  eigentümliche ­
  Schicksal  hatte,  zur  gleichen  Zeit  den  Lehren  der  Sozialisten
und  denen  der  liberalen  Nationalökonomen  als  Stützpunkt  zu  dienen.
Es  ist  das  Los  von  Schriftstellern  wie  A.  Smith,  die  sich  mehr  durch
Reichtum  als  durch  logische  Zusammenfassung  der  Ideen  auszeichnen,
in  dieser  Weise  die  Meinungen  in  verschiedene  und  sogar  entgegenNachfrager ­
  oder  Kauflustige  und  ihre  Nachfrage  die  wirksame  Nachfrage  nennen  .  .  .
Sie  ist  verschieden  von  der  allgemeinen  (absoluten)  Nachfrage.  Von  einem  ganz
armen  Manne  läßt  sich  in  diesem  Sinne  sagen,  er  habe  ein  Verlangen  nach  einem
Sechsspänner:  er  möchte  ihn  gern  haben;  aber  sein  Begehren  ist  keine  wirksame
Nachfrage,  weil  die  Ware  niemals  zur  Befriedigung  desselben  zu  Markte  gebracht
werden  kann.“
l )  Smith  nimmt  in  diesem  Falle  an,  daß  entweder  der  Verbraucher,  oder  der
Produzent  bedrückt  wird.  Wenn  irgendwo  der  Gewinn  den  normalen  Zinsfuß
übersteigt,  so  ist  das,  sagt  er:  „ein  Zeichen,  daß  etwas  entweder  wohlfeiler  gekauft
oder  teurer  verkauft  wird,  als  es  gekauft  oder  verkauft  werden  sollte,  und  daß  die
eine  oder  die  andere  Klasse  von  Bürgern  mehr  oder  weniger  gedrückt  wird,  indem
sie  entweder  mehr  bezahlt  oder  weniger  gewinnt,  als  sich  mit  der  Gleichheit,  die
unter  allen  Klassen  stattfinden  sollte,  verträgt“  (II,  S.  124,  B.  IV,  Kap.  VII,  Teil  3).
So  erscheint  A.  Smith  die  Gleichheit  des  Preises  mit  den  Produktionskosten  nicht
nur  als  eine  Tatsache,  sondern  auch  in  Übereinstimmung  mit  der  Gerechtigkeit.  Man
kann  sagen,  daß  in  seinen  Augen  diese  Gleichheit  den  „gerechten  Preis“  darstellt.
        <pb n="107" />
        Kapitel  II.  Adam  Smith.

85

gesetzte  Geleise  zu  lenken.  Die  Theorie  des  Wertes  ist  übrigens
nicht  die  einzige,  die  bei  ihm  diese  Unbestimmtheit  aulweist.  Wir  begnügen ­
  uns  hier,  ohne  zu  genau  auf  Einzelheiten  einzugehen,  die
Hauptpunkte  der  Theorie  zu  erwähnen,  und  zwar  die,  welche  zu
gleicher  Zeit  ein  Verständnis  ihrer  wissenschaftlichen  Mängel  und
ihres  doppelten  Einflusses  auf  die  folgenden  Lehren  gestatten.
•  Smith  beginnt  damit,  zwei  Begriffe  als  unvereinbar  hinzustellen  :
die  des  „Gebrauchswertes“  und  die  des  „Tauschwertes“  1 ). ) (  Unter
Gebrauchswert  versteht  er  ungefähr 2 )  das,  was  wir  heute  unter
„Nützlichkeit“  (utilite)  verstehen  oder  das,  was  andere  Verfasser  als
„subjektiven  Wert“,  Wunschwert  (desirabilite),  Ophelimität  bezeichnen. ­

Wie  man  weiß,  stützen  sich  heute  die  Nationalökonomen,  um  den
Preis,  den  Tauschwert  der  Gegenstände  zu  erklären,  gerade  auf  den
Begriff  des  Gebrauchswertes.  Die  Erklärung  des  Tanschfußes  der
Waren  gründet  sich  auf  eine  vorhergehende  Analyse  ihrer  Nützlichkeit ­
  für  die  Tauschenden.  Smith  geht  auf  andere  Weise  vor.  Er
gebraucht  „Gebrauchswert“  nur,  um  ihn  in  radikalen  Gegensatz  zu
„Tauschwert“  zu  setzen,  und  um  sich  nachher  nicht  mehr  damit  abzngeben.
  In  seinen  Augen  haben,  die  beiden  Begriffe  keinen  Zusammenhang. ­
  Nur  der  Tauschwert  hat  Interesse;  noch  weniger  gibt
er  zu,  daß  der  eine  sich  aus  dem  anderen  ergibt 3 ).

b  Völkerreichtum  I,  S.  16,  B.  I,  Kap.  IV.  Die  Stelle  ist  berühmt:  „Das
Wort  Wert  hat  —  was  wohl  zu  beachten  ist  —  zweierlei  verschiedene  Bedeutung
und  drückt  bald  die  Brauchbarkeit  einer  Sache,  bald  die  durch  den  Besitz  dieser
Sache  gegebene  Möglichkeit  aus,  andere  Güter  dafür  zu  kaufen.  Das  eine  kann
Gebrauchswert  (yalue  in  use),  das  andere  Tauschwert  (value  in  exchauge)
genannt  werden.  Dinge,  die  den  grüßten  Gebrauchswert  haben,  haben  oft  wenig  oder
keinen  Tauschwert,  und  umgekehrt  haben  andere  oft  den  größten  Tauschwert,  aber
wenig  oder  keinen  Gebrauchswert.  Nichts  ist  brauchbarer  als  Wasser,  aber  es  läßt
sich  dafür  kaum  etwas  kaufen:  kaum  etwas  dafür  in  Tausch  erhalten.  Ein  Diamant
dagegen  hat  beinahe  gar  keinen  Gebrauchswert,  und  doch  ist  oft  eine  Menge  anderer
Güter  dafür  im  Tausch  zu  haben.“
2 )  Wir  sagen  „ungefähr“,  denn  in  der  Stelle,  wo  er  den  Gebrauchswert  definiert,
scheint  Smith  seine  Definition  dem  landläufigen  Sinn  anzupasseu  (in  dem  „nützlich“
als  Gegensatz  zu  „angenehm“  erscheint).  Bucabdo  hat  diese  Ungenauigkeit,  die  Minn
mit  Hecht  hervorgehoben  hatte,  richtig  gestellt.  Sie  erklärt  sich  vielleicht  aus  der
folgenden  Stelle  der  „Vorlesungen  über  die  Gerechtigkeit“  (Lectures  on  Justiee)
8.  176:  „Für  eine  wenig  nützliche  Sache  gibt  es  nur  wenig  Nachfrage,  weil  siekein
rationeller  Gegenstand  des  Begehrens  ist.“  Smith  scheint  nicht  für  möglich  gehalten
zu  haben  —  was  selbstverständlich  ein  schwerer  Fehler  ist,  —  daß  eine  vernunftgemäß ­
  unnütze  Sache  doch  gewünscht  oder  begehrt  werden  könne.
3 )  Diese  radikale  Trennung  der  beiden  Begriffe  liegt  vielleicht  mehr  an  der
Ausdrucksweise  Adam  Smith’s  als  in  seinen  Gedanken,  denn  in  seinen  Vorlesungen
über  Gerechtigkeit,  S.  176  wird  der  Gebrauchswert  (zusammen  mit  dem  Eeichtum
der  Nachfrager)  als  eins  der  Elemente  hingestellt,  die  die  Nachfrage  bestimmen  und
        <pb n="108" />
        86

Erstes  Buch.  Die  Begründer.

Von  Anfang  an  hat  sich  daher  Smith  den  einzigen  Weg  verschlossen, ­
  der  ihn  zu  einer  zufriedenstellenden  Lösung  des  Preisprohlems
  hätte  führen  können.  Es  ist  daher  vorauszusehen,  daß  er
in  einer  Sackgasse  endigen  wird.  In  Wirklichkeit  hat  er  sich  nacheinander ­
  in  zwei  Sackgassen ] )  verirrt.  Er  hat  zwei  verschiedene
und  gleich  irrtümliche  Lösungen  eine  nach  der  anderen  aufgenommen,
ohne  sich  jemals  klar  und  deutlich  für  eine  von  ihnen  zu  entscheiden.
Nach  ihm  beschreiten  Sozialisten  und  Nationalökonomen  die  gleichen
Wege  und  unterscheiden  sich  nur  durch  die  verschiedene  Wahl,  die
sie  zwischen  beiden  treffen.
Bei  seiner  Untersuchung  der  Warenpreise  fällt  A.  Smith  besonders ­
  ihre  unablässige  Beweglichkeit  auf.  Der  „gewöhnliche“  oder
„Marktpreis“  wird  von  einem  unsicheren  Umstande  beherrscht *  l  2  3 ),  dem
„Verhältnis  zwischen  Angebot  und  Nachfrage“,  oder  wie  er  an  einer
anderen  Stelle  sagt:  „nicht  von  einem  genauen  Maßstabe,  sondern
von  dem  Dingen  und  Feilschen  im  Handel,  jener  rohen  Ausgleichung
gemäß,  welche  zwar  nicht  exakt  ist,  jedoch  für  die  Geschäfte  des
gemeinen  Lebens  hinreicht“  8 ).  Es  scheint  ihm  unmöglich,  daß  diese
beständigen  Veränderungen  den  wahren  Wert  der  Waren  ausdrücken.
Dieser  Wert  könnte  nicht  von  einem  Augenblick  zum  anderen  oder
von  einem  Orte  zum  anderen  verschieden  sein.  Es  handelt  sich  daher
darum,  unter  der  Beweglichkeit  des  Marktpreises  einen  anderen  Preis
zu  finden,  den  Smith  bald  „wirklichen“,  bald  „natürlichen“  Preis
nennt.  Das  Problem,  unter  den  Preisschwankungen  etwas  Sichereres
und  Beständigereres  zu  entdecken,  ist  auch  heute  noch  die  große
Aufgabe  deren  Lösung  der  reinen  Ökonomie  obliegt 4  *  *  * ).
Die  erste  Hypothese,  die  Smith  ins  Auge  faßt,  ist  die,  'daß  der
wahre  Wert  einer  Ware  von  der  Arbeit  bestimmt  sei,  von  der  Anstrengung, ­
  die  ihre  Herstellung  gekostet  hat.  „Der  wahre  oder  Realpreis ­
  eines  Dinges,  dasjenige  nämlich,  was  ein  Ding  dem,  der  es  sich
verschaffen  will,  wirklich  kostet,  ist  die  zu  seiner  Beschaffung  erdie
  so  den  Marktpreis  festlegen.  —■  In  Wirklichkeit  ist  alles,  was  in  dem  „Volkerreich
  tum“  über  die  Werttheorie  gesagt  wird,  so  unbestimmt,  daß  man  darin  nicht
mehr  Genauigkeit  suchen  darf,  als  Smith  hineingelegt  hat.
l )  Vielleicht  sollte  man  von  drei  sprechen,  denn  in  den  „Vorlesungen  über
Gerechtigkeit“  findet  man  auf  Seite  176  noch  eine  andere  Definition  des  natürlichen ­
  Preises,  als  in  dem  „Völkerreichtum“.
a )  Völkerreichtum  I,  S.  31,  B.  I,  Kap.  VII.
3 )  Völkerreichtum  I,  S.  17,  B.  I,  Kap.  V.
4 )  Pareto  schreibt  in  einem  in  der  Rivista  di  Scienza  1907,  No.  2,  erschienenen ­
  Aufsatz:  L’economie  et  la  Sooiologie  au  point  de  vue  scientifique;
  „Unterliegt  den  wirklichen  Preisen  der  wirklich  vollzogenen  Tauschhandlnngen,
die  zeitlich  und  räumlich  einer  unendlichen  Menge  von  Zufälligkeiten  ausgesetzt  und
daher  veränderlich  sind,  etwas  beständigeres,  weniger  veränderliches?  Das  ist  das
Problem,  daß  die  Nationalökonomie  zu  lösen  hat!“
        <pb n="109" />
        Kapitel  II.  Adam  Smith.

87

forderliche  Mühe  und  Beschwerde  ...  die  Arbeit  ist  also  der  wahre
Maßstab  des  Tauschwertes  aller  Waren 1 ).“  So  ist‘die  Arbeit,  d.  h.
die  Mühe,  die  auf  die  Herstellung  eines  Gegenstandes  verwendet
wird,  gleichzeitig  der  Ursprung  und  der  Maßstab  ihres  Tauschwertes.  ^
Hier  haben  wir  vom  „Vater  der  Nationalökonomie“  formuliert,  ‘  die
Theorie,  die  in  der  Arbeit,  in  der  menschlichen  Anstrengung,  die
Ursache  des  Wertes  sieht  (als  ob  man  von  einer  „Ursache  des
Wertes“  sprechen  könnte!),  und  die  Kabl  Marx  seine  schärfsten
Argumente  gegen  den  Kapitalismus  liefert.  '
Kaum  hat  er  aber  diesen  ersten  Versuch  gemacht,  für  den  Tauschwert ­
  eine  festere  Basis  als  den  schwankenden  Boden  des  Angebotes
und  der  Nachfrage  zu  finden,  als  er  sogleich  Schwierigkeiten  auftauchen ­
  sieht.  Zunächst,  *  wie  soll  die  auf  einen  Gegenstand  verwendete ­
  Arbeit  und  der  Wert,  der  davon  abhängt,  gemessen  werden  ?*■
„Es  kann  in  der  schweren  Anstrengung  einer  Stunde  mehr  Arbeit
stecken  als  in  der  leichten  Beschäftigung  zweier  Stunden  und  in  der
einstündigen  Ausübung  einer  Kunst,  zu  deren  Erlernung  man  30  Jahre
brauchte,  mehr  als  in  dem  Fleiß  eines  ganzen  Monats  bei  einer  gewöhnlichen ­
  und  leicht  erlernbaren  Arbeit.  Allein  es  ist  nicht  leicht,
einen  genauen  Maßstab  für  die  Mühsal  oder  die  Geisteskraft  zu
finden“  2 ).  Außerdem,  und  hierin  liegt  ein  zweiter  Einwurf,  in  den
zivilisierten  Gesellschaften  genügt  die  Arbeit  allein  nicht  zur  Herstellung ­
  der  Gegenstände;  der  Grund  und  Boden  und  das  Kapital
wirken  ebenfalls  mit;-  ihr  Gebrauch  ist  aber  nicht  unentgeltlich;  dem,
der  sie  benützt,  kosten  sie  etwas.  Die  primitiven  Gesellschaften  sind
daher  in  Wirklichkeit  die  einzigen,  sagt  Smith,  wo  gewöhnlich  „die
zur  Beschaffung  oder  Hervorbringung  einer  Ware  aufgewendete  Quantität ­
  von  Arbeit  das  einzige  ist“  8 ),  das  ihren  Wert  bestimmt.  Heutigen
Tages  müssen  aber  noch  das  Kapital  und  der  Grund  und  Boden  in
Betracht  gezogen  werden.  Die  Arbeit  kann  weder  die  einzige  Quelle,
noch  der  einzige  Maßstab  des  Wertes  sein.
So  sucht  denn  Smith  eine  neue  Hypothese,  und  sieht  in  den
‘)  Yölkerreichtum  I,  S.  17,  B.  I,  Kap.  Y.  In  Wirklichkeit  drückt  sich
Smith  hier  so  ans,  als  ob  nach  seiner  Ansicht  der  Wert  eines  Gegenstandes  nicht
von  der  Arbeit,  die  seine  Herstellung  gekostet  hat,  sondern  von  der,  die  damit  zu
kaufen  ist,  bestimmt  wird.  Im  Grunde  genommen  laufen  aber  beide  Gedanken  auf
dasselbe  hinaus,  da  die  Gegenstände  sich  als  gleicher  Wert  gegen  gleichen  Wert
tauschen.  Die  Arbeit,  die  man  mit  einem  Gegenstand  kaufen  kann,  ist  genau  gleich
der  Arbeit,  die  dieser  Gegenstand  gekostet  hat.  Smith  sagt:  „Sie  (die  Dinge)  enthalten ­
  den  Wert  einer  bestimmten  Quantität  Arbeit,  welche  man  gegen  etwas  vertauscht, ­
  wovon  man  zurzeit  glaubt,  daß  es  den  Wert  einer  gleichen  Quantität  enthalte.“ ­
  (Ebenda.)
*)  Völkerreichtum  I,  S.  17,  B.  I,  Kap.  V.
3 )  Völkerreichtum  I,  S.  27,  B.  I,  Kap.  VI.
        <pb n="110" />
        88

Erstes  Buch.  Die  Begründer.

‘Produktionskosten -1  den  Faktor,  der  den  Tauschwert  wirklich  reguliert. ­
  Soeben  nannte  er  den  Preis,  der  sich  auf  die  Arbeit  gründet,
den  „wirklichen“  Preis;  jetzt  nennt  er  den  Preis  der  nach  ihren
Produktionskosten  gewerteten  Gegenstände  den  „natürlichen“  Preis.
Der  Name  hat  wenig  Bedeutung.  Das,  was  Smith  verfolgt,  ist  stets
der  wahre  Wert,  der  sich  uns  unter  der  Beweglichkeit  des  Marktpreises ­
  verbirgt.  Es  ist  dasselbe  Problem,  dem  er  eine  neue  Lösung
gibt.  Soeben  sagte  er  uns:  Wenn  eine  Ware  sich  gemäß  der  Arbeit,
die  sie  gekostet  hat,  verkaufen  ließe,  würde  sie  für  d  a  s,  was  sie
wirklich  kostet,  verkauft  werden.  Jetzt  versichert  er  uns  mit
nicht  geringerer  Bestimmtheit,  daß  eine  Ware,  die  gemäß  der  Produktionskosten ­
  verkauft  wird  „genau  für  das,  was  sie  wert  ist,  oder
für  das,  was  sie  demjenigen,  der  sie  feilbietet,  wirklich  kostet,  verkauft ­
  wird 1 ).  Der  „wahre“  Wert  der  Waren  ist  daher  der,  der  mit
ihren  Produktionskosten  übereinstimmt.  Darunter  ist  zu  verstehen
die  Summe,  die  genügt,  um  zum  normalen  Preis  den  Lohn  der
Arbeit,  den  Zins  des  Kapitals  und  die  Rente  des  Bodens  zu  zahlen,
die  zu  ihrer  Erzeugung  beigetragen  haben.
Außer  der  Arbeit  findet  Smith  so  einen  neuen  „Bestimmungsgrund“ ­
  für  den  Wert,  und  wenn  sich  die  Sozialisten  um  seine  erste
Hypothese  geschart  haben,  so  hat  die  große  Mehrzahl  der  Nationalökonomen ­
  bis  auf  Jevons  die  zweite  aufgenommen.  Er  selbst  hat
niemals  den  Mut  gehabt,  sich  offen  für  eine  zu  erklären;  in  seiner
Darstellung  bestehen  sie  nebeneinander,  und  er  kann  sich  nicht  entschließen, ­
  eine  davon  preis  zu  geben.  Es  ergeben  sich  daraus  in
seinem  Werke  zahlreiche  Widersprüche,  und  jedes  Bemühen,  sie  in
Übereinstimmung  zu  bringen,  würde  vergeblich  sein.  Bald  z.  B.
werden  das  Kapital  und  der  Grund  und  Boden  als  Quellen  neuer
W  erte  angegeben,  die  sich  denen,  die  die  Arbeit  schafft,  anreihen,
und  die  in  normaler  Weise  einen  Profit  und  eine  Rente  hervorbringen, ­
  die  mit  dem  Lohne  zur  Bestimmung  der  Produktionskosten
dienen,  —  bald  werden  der  Profit  und  die  Rente  von  ihm  als  Abzüge ­
  angesehen,  um  die  die  Kapitalisten  und  die  Grundbesitzer  die
von  der  Arbeit  allein  geschaffenen  Werte  vermindern 2 ).  Man  glaubt
b  Yölkerreichtum  I,  S.  31,  B.  I,  Kap.  VII.
2 )  Völker  r  ei  oh  tum  I,  S.  28,  B.  I,  Kap.  VI.  Im  folgenden  finden  wir
z.  B.  eine  Stelle,  die,  wie  v.  Böhm-Bawbbk  sehr  richtig  hervorhebt  (Kapital  und
Kapitalzins,  2.  Ausg.,  1900,  S.  84),  beide  Begriffe  in  Gegenüberstellung  ohne  jeden
Versuch,  sie  in  Übereinstimmung  zu  bringen,  enthält:  „Unter  diesen  Umständen
(wenn  nämlich  die  Aneignung  des  Kapitals  und  des  Bodens  eine  vollzogene  Tatsache
geworden  ist)  gehört  nicht  immer  das  ganze  Produkt  der  Arbeit  dem  Arbeiter.  Br
muß  es  in  den  meisten  Bällen  mit  dem  Kapitalisten  teilen,  der  ihn  beschäftigt.  Auch
ist  es  die  zur  Erwerbung  oder  Hervorbringung  einer  Ware  gewöhnlich  erforderliche
Arbeitsquantität  nicht  mehr  allein,  wodurch  die  Quantität,  welche  dafür  gewöhnlich
        <pb n="111" />
        Kapitel  II.  Adam  Smith.

89

liier  einen  Sozialisten  zu  lesen;  zum  Schluß  jedoch  scheint  die  Theorie
der  Produktionskosten  die  Überhand  gewonnen  zu  haben.  *  Er  nennt
dann  den  Preis  der  Gegenstände,  der  mit  den  Produktionskosten
übereinstimmt,  den  natürlichen  Preis.  Was  den  Marktpreis
anlangt,  so  bemerkt  er,  daß  er  bald  höher,  bald  niedriger  als  dieser
natürliche  Preis  ist,  je  nachdem  die  angebotene  Menge  mit  Bezug
auf  die  nachgefragte  steigt  oder  fällt  und  umgekehrt.
Das  ist  die'Preistheorie  von  Smith/  Die  wahre  Beobachtung,
die  sie  enthält,  —  nämlich,  daß  die  Preise  vieler  Waren  mit  den
Produktionskosten  derselben  übereinzustimmen  streben  (eine  Beobachtung, ­
  die  übrigens  nicht  von  ihm  stammt)  —  darf  uns  ihre  Fehler
nicht  übersehen  lassen.  Unter  anderen  unterliegt  sie'zwei  einschneidenden ­
  Einwänden.'
‘  Ist  es  zunächst  nicht  ein  offenbarer  Widerspruch,  den  Preis  der
Güter  durch  den  Preis  der  Dienste  (Lohn,  Zins  und  Pacht)  zu  erklären, ­
  die  zusammen  die  Produktionskosten  ausmachen,  um  dann
zu  haben  sein  sollte,  bestimmt  wird;  denn  es  ist  klar,  daß  noch  eine  besondere
Quantität  als  Gewinn  für  das  ausgegebene  Kapital  hinzukommen  muß,  das  zur  Bezahlung ­
  des  Arbeitslohnes  und  zur  Beschaffung  der  Materialien.“  —  Am  Anfang  der
angezogenen  Stelle  muß  der  Arbeiter  den  Arbeitsertrag  teilen;  der  Profit  wird
daher  von  dem  durch  die  Arbeit  geschaffenen  Wert  genommen.  Am  Ende  des  Satzes
beruht  der  Profit  aber  auf  einem  Zusatzwert,  der  über  den  von  der  Arbeit  geschaffenen ­
  hinausgeht.  Böhm-Bawehk  zitiert  noch  andere  Stellen,  in  denen  die  beiden
Begriffe  sich  unvereinbar  gegenüberstehen.  Hin  und  wieder  kann  man  Smith  daher
die  Auffassung  zuschieben,  das  er  unter  Zins  und  Bodenrente  das  Ergebnis  einer
Beraubung  des  Arbeiters  sehe;  damit  wäre  er  der  wirkliche  Vorfahr  des  Sozialismus. ­
  Mehr  als  eine  Stelle  seines  Buches  kann  übrigens  zu  diesem  Schluß  führen.
So  sagt  er:  „In  anderen  Ländern  (als  in  den  Kolonien)  zehren  die  Rente  und  der
Kapitalgewinn  den  Arbeitslohn  auf,  und  die  beiden  höheren  Stände  des  Volkes  unterdrücken ­
  den  niederen“  (II,  S.  86,  B.  IV,  Kap.  VII,  Teil  2).  Und  hinsichtlich  des
Eigentums:  „Die  bürgerliche  Regierung  ist,  insofern  sie  zur  Sicherung  des  Eigentums
eingeführt  ward,  in  der  Tat  zur  Verteidigung  des  Reichen  gegen  den  Armen,  oder
dessen,  der  ein  Eigentum  hat,  gegen  den,  der  keins  hat,  eingeführt  worden“  (II,
S,  175,  B.  V,  Kap.  I,  Teil  2).
Bekannt  ist  auch  die  oft  erwähnte  Stelle  des  VI.  Kap.  „Sobald  aller  Grund
und  Boden  eines  Landes  Privateigentum  geworden  ist,  begehren  die  Grundbesitzer,
gleich  allen  anderen  Menschen,  „zu  ernten,  wo  sie  nicht  gesät  haben“,  und  verlangen
sogar  für  ihre  natürlichen  Produkte  eine  Rente“  .  .  .  „Er  (der  Arbeiter)  muß  nun
für  die  Erlaubnis,  sie  zu  sammeln,  bezahlen  und  an  den  Grundbesitzer  einen  Teil
desjenigen  abgeben,  was  seine  Arbeit  zusammenbringt  oder  erzeugt.  Dieser  Teil,
oder  —  was  auf  dasselbe  hinauskommt  —  der  Preis  dieses  Teiles,  bildet  die  Grundrente ­
  und  macht  in  dem  Preise  der  meisten  Waren  einen  dritten  Bestandteil  aus“
(Bd.  I,  S.  28,  B.  I,  Kap.  VI).  Cannan  (History  of  the  theories  of  production
etc.  S.  202)  glaubt  sogar,  daß  die  Beraubungstheorie  die  einzige  ist,  die  sich  bei
Smith  findet.  Der  von  den  Sozialisten,  besonders  bei  Pkoudhon  so  oft  ausgedrückte
Gedanke,  daß  es  in  der  gegenwärtigen  Gesellschaft  dem  Arbeiter  unmöglich  gemacht
ist,  sich  in  den  Besitz  des  Ertrages  seiner  Arbeit  zu  setzen,  würde  daher  auf  Smith
zurückgehen.
        <pb n="112" />
        90

Erstes  Buch.  Die  Begründer.

den  Preis  der  Dienste  ans  dem  Preise  der  Waren  abzuleiten,  der
auf  einmal  als  bekannt  vorausgesetzt  wird?  (Smith  läßt  z.  B.  die
Höhe  des  Lohnes  teilweise  von  dem  Preise  der  Lebensmittel  abhängen.)
  Wir  haben  hier  einen  circulus  vitiosus,  dem  man  nur  durch
die  ganz  neuzeitliche  Theorie  vom  wirtschaftlichen  Gleichgewichte
entrinnen  kann.  Diese  Theorie  führt  aus,  daß  alle  diese  Preise,  die
Preise  der  Dienste,  wie  die  der  Güter  voneinander  abhängig  sind
und  sich  zur  gleichen  Zeit,  gerade  wie  die  Unbekannten  in  einem
System  algebraischer  Gleichung,  in  Übereinstimmung  mit  der  ausgetauschten ­
  Menge  gegenseitig  bestimmen.  Aber  diese  Theorie  vom
wirtschaftlichen  Gleichgewichte  ist  Smith  fremd. x
Der  andere  Vorwurf  betrifft  die  Entwicklung,  die  Smith  selbst
seiner  Theorie  gegeben  hat.
Da  nach  ihm  die  Produktionskosten  den  Preis  regulieren,  so  ist
die  Analyse  der  Produktionskosten,  die  Untersuchung  der  Ursachen,
die  die  Höhe  des  Lohnes,  des  Profits  und  der  Rente  bestimmen,
von  der  allergrößten  Wichtigkeit.  Man  sollte  daher  erwarten,  daß
Smith  in  seinem  Werke  alles,  wms  betreff  der  Preistheorie  noch  dunkel
blieb,  durch  eine  derartige  Untersuchung  klar  gestellt  hätte.  Aber
diese  Analyse  ist  einer  der  schwächsten  Teile  seines  Buches.  Im
vorhergehenden  haben  wir  schon  die  Mängel  seiner  Theorie  der  Rente
ausgeführt.  Die  des  Profits  —  den  Smith  nicht  vom  Zins  unterscheiden ­
  kann  ] )  —  ist  gleichfalls  hinfällig  geworden.  Seine  Lohntheorie ­
  ist  ebenfalls  durchaus  ohne  Zusammenhang.  Ohne  sich  für
eine  bestimmte  Lösung  entscheiden  zu  können,  schwankt  Smith
zwischen  dem  Gedanken  des  auf  das  Existenzminimum  beschränkten
Lohnes  und  des  durch  Angebot  und  Nachfrage  bestimmten  Lohnes
hin  und  her.
Man  hat  bald  bemerkt,  daß  Smith’s  Theorie  von  der  Güterverteilung ­
  seiner  Theorie  von  der  Gütererzeugnng  nachsteht,  und
J.-B.  Say  hielt  es  für  einen  seiner  Ruhmestitel,  sie  vervollkommnet
zu  haben.  Ricaedo  macht  das  Problem  der  Güterverteilung  zum  Hauptgegenstand ­
  seiner  Untersuchungen.  Doch  weiß  man,  daß  diese  Theorie
der  Güterverteilung  das  am  wenigsten  originelle  im  Werke  Smith’s
ist;  sie  ist  sozusagen  seinem  ersten  Plane  aufgepfropft  worden,  in  dem
die  Untersuchung  der  Produktion  fast  den  ganzen  Platz  einnimmt.
Das  läßt  sich  leicht  aus  einer  Vergleichung  des  Völkerreichtums  mit
den  Vorlesungen  Smith’s  in  Glasgow  gegen  1763,  die  sich  nur  mit
der  Produktion  befassen,  erkennen.  Dem  Einflüsse  der  Physiokraten,
deren  Bekanntschaft  er  in  der  Zwischenzeit  gemacht  hat,  muß  man
die  Einfügung  der  Theorie  der  Güterverteilung  in  Smith’s  ersten
        <pb n="113" />
        Kapitel  II.  Adam  Smith.

91

Plan,  der  sich  wahrscheinlich  nicht  damit  beschäftigte,  zuschreiben.
Die  Schwankungen  und  Unsicherheiten,  die  dieser  Teil  des  Werkes
aufweist,  lassen  sich  aus  der  Tatsache  erklären,  daß  sie  Smith  nicht
so  eingehend  durchdacht  hatte,  wie  die  anderen  Abschnitte.
Wir  brauchen  daher  hier  nicht  weiter  darauf  einzugehen.  Von
unserem  Ausgangspunkte  aus  bleibt  nur  noch  übrig,  die  Schlußfolgerungen ­
  anzuführen,  die  Smith  ans  seiner  Werttheorie  gezogen
hat,  um  die  spontane  Anpassung  der  Erzeugung  der  Güter  an  ihre
Nachfrage  zu  beweisen.
Man  kann  schon  jetzt  yoraussehen,  wie  sich  die  Sachen  dank
den  Preisschwankungen  abspielen  werden.  Lassen  wir  unserem
Schriftsteller  das  Wort:  „Wenn  die  feilgebotene  Quantität  die  wirksame ­
  Nachfrage  übersteigt,  so  kann  sie  nicht  ganz  an  diejenigen
verkauft  werden,  welche  den  ganzen  Wert  der  Rente,  des  Gewinnes
und  der  Arbeit,  welche  bis  zur  Feilbietung  ausgelegt  werden  mußten,
zu  bezahlen  geneigt  sind.  Ein  Teil  der  Waren  muß  dann  an  diejenigen ­
  abgelassen  werden,  welche  weniger  zahlen  wollen,  und  der
niedrige  Preis,  den  diese  erlegen,  muß  den  Preis  des  Ganzen  herunterdrücken. ­
  Der  Marktpreis  wird  nun  mehr  oder  weniger  unter  den
natürlichen  Preis  sinken,  und  zwar  in  dem  Maße,  als  die  Größe  des
Überflusses  den  Wettbewerb  der  Verkäufer  mehr  oder  weniger  lebhaft ­
  macht,  oder  als  es  für  sie  mehr  oder  minder  wichtig  ist,  ihre
Waren  auf  der  Stelle  los  zu  werden“.  Das  Gegenteil  tritt  ein,  wenn
die  Nachfrage  das  Angebot  übersteigt.  „Reicht  die  feilgebotene
Quantität  gerade  hin,  die  wirksame  Nachfrage  zu  decken,  und  nicht
mehr,  so  wird  der  Marktpreis  natürlich  entweder  ganz  oder  doch
möglichst  genau  dem  natürlichen  Preise  gleichkommen.  Die  ganze
vorhandene  Quantität  kann  dann  zu  diesem  Preise  abgesetzt,  —  aber
sie  kann  auch  zu  keinem  höherem  Preise  abgesetzt  werden.  Die
Konkurrenz  der  Verkäufer  zwingt  sie  alle,  diesen  Preis  anzunehmen,
und  zwingt  sie  zugleich  doch  nicht,  auf  einen  geringeren  einzugehen.
Die  Quantität  des  Feilgebotenen  richtet  sich  natürlich  von  selbst
nach  der  wirksamen  Nachfrage 1 ).“
Und  dieses  bemerkenswerte  Resultat  wird  allein  durch  den  Einfluß ­
  des  persönlichen  Selbstinteresses  erreicht.  „Wenn  die  Quantität
zn  irgend  einer  Zeit  die  wirksame  Nachfrage  übersteigt,  so  müssen
manche  Bestandteile  ihres  Preises  unter  dem  natürlichen  Satze  bezahlt ­
  werden.  Betrifft  dies  die  Rente,  so  wird  sogleich  ihr  eigenes
Interesse  die  Grundbesitzer  veranlassen,  einen  Teil  ihres  Bodens
anders  zu  verwenden;  und  betrifft  es  den  Arbeitslohn  oder  den  Profit,
so  wird  das  Interesse  sowohl  der  Arbeiter  als  der  Arbeitgeber  sie
*)  Y  ölker  reich  tum  I,  S.  32,  B.  I,  Kap.  VII.
        <pb n="114" />
        92

Erstes  Buch.  Die  Begründer.

dazu  bringen,  einen  Teil  ihrer  Arbeit  oder  ihres  Kapitals  dieser
Yerwendungsart  zu  entziehen.  Dann  wird  die  auf  den  Markt  gebrachte ­
  Quantität  bald  nur  noch  hinreichen,  die  wirksame  Nachfrage
zu  befriedigen.  Alle  Teile  ihres  Preises  werden  wieder  auf  ihren
natürlichen  Satz  und  der  ganze  Preis  auf  den  natürlichen  Preis
hinaufgehen“  (wie  vorh.  Anm.).
So  paßt  ein  natürlicher  und  selbsttätiger  Mechanismus  die  Gütererzeugung ­
  beständig  der  wirksamen  Nachfrage  an,  wenigstens  in
der  groß  en  Mehr  zahl  der  Fälle,  denn  die  Umstände,  wo  diese
Anpassung  nicht  eintritt  (Smith  leugnet  nicht,  daß  es  solche  gebe),
sind  in  seinen  Augen  seltene  Ausnahmen.  Wenn  der  Marktpreis
lange  Zeit  hindurch  über  dem  natürlichen  Preis  stehen  soll,  so  müssen
die  Kapitalisten  entweder  imstande  sein,  ihre  großen  Gewinne  zu
verheimlichen,  oder  sie  müssen  gewisse  Fabrikationsgeheimnisse  besitzen, ­
  oder  es  muß  sich  um  ein  natürliches  Monopol,  wie  das  einer
berühmten  Weinmarke,  oder  endlich  um  ein  künstliches  Monopol
handeln  ] ).  Das  sind  aber  alles  Ausnahmen,  deren  Seltenheit  nur  die
allgemeine  Grundregel  der  selbsttätigen  Anpassung  der  angebotenen
an  die  nachgefragte  Menge  dank  den  Schwankungen  des  Marktpreises ­
  um  den  natürlichen  Preis  bestätigt.
Diese  Anpassungstheorie  ist,  wie  man  weiß,  eine  der  wichtigsten
der  ganzen  Nationalökonomie.  Seit  Smith  wiederholen  sie  alle  Nationalökonomen ­
  fast  ohne  Änderung,  und  sie  ist  heute  noch  die  Basis  der
Produktionstheorie.  Die  Anwendungen,  die  Smith  davon  macht,  sind
sehr  interessant,  denn  sie  dienen  ihm  dazu,  seine  Lieblingsthese  nochmals ­
  zu  illustrieren.  Wir  führen  nur  zwei  davon  aus,  und  zwar
wegen  ihrer  Bedeutung,  und  weil  sie  für  die  These  von  der  Spontaneität ­
  der  wirtschaftlichen  Funktionen  eine  ausgezeichnete  Stütze
abgeben.
Die  erste  betrifft  die  Bevölkerung.  Wie  die  Waren  kann
auch  die  Bevölkerung  überreichlich  oder  ungenügend  sein.  Wie
regulieren  sich  nun  ihre  Bewegungen  ?  Durch  die  Nachfrage  der  Gesellschaft, ­
  antwortet  Smith,  und  zwar  auf  folgende  Weise:  In  den
unteren  Klassen,  führt  er  aus,  hat  man  gewöhnlich  viele  Kinder.
Wenn  die  Löhne  aber  niedrig  sind,  verschwinden  infolge  der  Armut
und  des  Elendes  eine  große  Anzahl,  während  hohe  Löhne  die  Kindersterblichkeit ­
  verringern.  „Es  verdient  auch  bemerkt  zu  werden“,
fährt  Smith  fort,  „daß  sie  dies  möglichst  genau  nach  dem  Verhältnisse ­
  tut,  welches  sich  aus  der  Nachfrage  nach  den  Arbeitern  er-*)
  Smith  tut  den  Monopolpreis  mit  sieben  oder  acht  Zeilen  ab.  Er  begnügt
sich  zu  sagen:  „Der  Monopolpreis  ist  jederzeit  der  höchste,  der  zu  erreichen  ist“
(I,  8.  35,  B.  1,  Kap.  VII).  Die  Theorie  des  Monopolpreises  ist  heute  eins  der  Hauptprobleme ­
  der  Nationalökonomie.
        <pb n="115" />
        Kapitel  II.  Adam  Smith.

93

gibt.  Wenn  diese  Nachfrage  in  stetem  Wachsen  ist,  so  muß  die
Belohnung  der  Arbeit  notwendig  so  weit  zu  Heiraten  und  Vermehrung
der  Arbeiter  ermuntern,  daß  diese  zahlreich  genug  werden,  um  der
stets  wachsenden  Nachfrage  durch  eine  stets  wachsende  Volksmenge
zu  entsprechen.  Wäre  die  Belohnung  einmal  geringer,  als  es  für
diesen  Zweck  nötig  ist,  so  würde  der  Mangel  an  Händen  sie  bald  in
die  Höhe  treiben,  und  wäre  sie  zu  einer  anderen  Zeit  größer,  so
würde  die  unmäßige  Vermehrung  der  letzteren  sie  bald  wieder  auf
ihren  notwendigen  Satz  herunterbringen.  Der  Markt  würde  in  dem
einen  Falle  so  schlecht  mit  Arbeit  versorgt  und  in  dem  anderen  so
sehr  damit  überfüllt  sein,  daß  ihr  Preis  bald  auf  den  richtigen  Satz
zurückkäme,  den  die  Gesellschaftsverhältnisse  fordern. 4  So  geschieht
es,  daß  die  Nachfrage  nach  Menschen,  gerade  wie  die
nach  jeder  anderen  Ware,  notwendig  auch  die  Erzeugung ­
  der  Menschen  reguliert:  sie  beschleunigt  sie,
wenn  sie  zu  langsam  vor  sich  geht,  und  verzögert  sie,
wenn  sie  zu  rasch  fortschreitet 1 ).“  *
"Die  zweite  Anwendung,  die  Smith  von  seiner  Theorie  der  Anpassung ­
  des  Angebots  an  die  Nachfrage  macht,  betrifft  das  Geld.'
Weiter  oben  haben  wir  gesehen,  wie  er  die  Frage  seines  Ursprunges
löste.  Neben  diesem  ersten  Problem  entsteht  jetzt  ein  zweites,  nämlich, ­
  wie  sich  die  Geldmenge  dem  Tauschbedarf  anpaßt.  Wie  wird
unser  Schriftsteller  es  lösen?
Smith  bemüht  sich  zuerst,  das  landläufige  Vorurteil 2 )  z^i  bekämpfen, ­
  nach  dem  das  Geld  den  Reichtum  an  sich  vorstellt.  *  Es
liegt  ihm  um  so  mehr  daran,  es  zu  widerlegen,  da  dieses  Vorurteil
die  Grundlage  der  merkantilistischen  Theorie  von  der  Handelsbilanz ­
  ist,  und  da  der  Kampf  gegen  den  Merkantilismus  der  unmittelbare ­
  Zweck  seines  Buches  ist/  Wie  bekannt,  behaupten  die
Merkantilisten,  daß  ein  Land  mehr  aus-  als  einführen  müsse,  um  stets
einen  Geldüberschuß,  einen  baren  Saldo  zu  erhalten.  Wenn  man  nun
nachweist,  daß  dieser  Saldo  unnütz  ist,  weil  ja  das  Geld  auch  nur
eine  Ware  ist,  weder  mehr  noch  weniger  nützlich  als  die  anderen,
so  hat  man  durch  diesen  Nachweis  die  Grundlage  der  merkantilistischen ­
  Politik  zerstört.  Smith  sieht  im  Geld  sogar  eine  Ware,
die  entbehrlicher  ist  als  die  anderen.  Eine  lästige  Ware,  deren  Gebrauch ­
  so  oft  wie  möglich  zu  umgehen  ist.  Diese  Art  Mißkredit,  den

')  Völkerreichtum  I,  S.  46—46,  B.  1,  Kap.  VIII.
2 )  „Die  gewöhnliche  Meinung  ist  die,  daß  das  Vermögen  in  Geld  oder  in
Gold  und  Silber  bestehe,  und  diese  Meinung  entspringt  ganz  von  selbst  aus  dem
doppelten  Dienste  des  Geldes,  aus  seinem  Dienste  als  Tauschmittel  einerseits  und  als
Wertmesser  andererseits“  (Völkerreichtum  II,  S.  1,  B.  IV,  Kap.  I).  Das  ganze
Kapitel  ist  der  Bekämpfung  dieses  Vorurteils  gewidmet.
        <pb n="116" />
        94

Erstes  Buch.  Die  Begründer.

Smith  aus  Reaktion  gegen  den  Merkantilismus  dem  Gelde  anhängt,
verführte  einige  seiner  Nachfolger  dazu,  seinen  Gedanken  zu  übertreiben ­
  und  die  Besonderheiten  der  Gelderscheinungen  zu  .verkennen.
Der  wirkliche  Reichtum  eines  Landes,  führt  Smith  aus,  besteht
nicht  in  Geld,  sondern  in  „Ländereien,  Häusern  und  verbrauchbaren
Gütern  aller  Art“ 1 ).  Er  ist  „der  jährliche  Ertrag  des  Bodens  und  der
Arbeit“ 2  3 ).  Daher  muß  man  auch’bei  einer  Schätzung  desNettoeinkommens
eines  Landes  das  Geld  ausschließenf  ‘Das  Geld  wird  nicht  verzehrt.  Es
dient  einzig  und  allein  als  Zirkulationsmittel  und  Wertmaß  der  Güter.  Es
ist  „das  große  Rad  des  Umlaufs“  8 ),*  Deshalb,  und  obgleich  Smith  das
Geld  in  das  umlaufende  Kapital  einreiht,  bemerkt  er,  daß  man  es
dem  fixen  Kapital  aller  Industrie,  den  Maschinen  und  Gebäuden,
gleichstellen  kann.  Je  mehr  man,  ohne  die  Produktion  zu  verringern,
an  dem  fixen  Kapital  sparen  kann,  um  so  besser  ist  es.  Der  Reinertrag ­
  ist  dann  um  so  größer.  Das  gleiche  gilt  für  das  Geld,  ein
notwendiges  aber  kostspieliges  Instrument  der  gesellschaftlichen  Produktion: ­
  „jede  Ersparnis  in  den  Ausgaben  für  Ansammlung  und  Erhaltung ­
  jenes  Teils  des  umlaufenden  Kapitals,  der  im  Gelde  besteht,
ist  eine  Vergrößerung  von  ganz  derselben  Art 4  5 )“,  wie  die,  die  das
festgelegte  Kapital  der  Industrie  verringert 6  * ).
Aus  diesem  Grunde  sind  die  Banknoten  —  deren  Verwendung
die  des  Bargeldes  im  gleichen  Maßstabe  vermindert  —  eine  so  wertvolle ­
  Erfindung,  denn  sie  setzen  eine  gewisse  Menge  Gold  und  Silber

’)  Yölkerreichtum  II,  S.  14,  B.  IV,  Kap.  I.  An  anderer  Stelle  (I,  S.  169,
B.  II,  Kap.  II)  schreibt  er:  „Obgleich  das  wöchentliche  oder  jährliche  Einkommen
aller  einzelnen  Einwohner  eines  Landes  gleichfalls  in  Geld  ihnen  ausgezahlt  werden
kann  und  wirklich  auch  ausgezahlt  wird,  so  muh  doch  ihr  wirklicher  Reichtum,  das
wirkliche  wöchentliche  oder  jährliche  Einkommen  aller  zusammengenommeu,  stets  in
dem  Maße  groß  oder  klein  sein,  als  es  die  Quantität  der  konsumierbaren  Güter  ist,
die  sie  mit  jenem  Geld  kaufen  können.  Das  ganze  Einkommen  aller  einzelnen,  als
einer  Gesamtmasse,  ist  offenbar  nicht  sowohl  dem  Gelde  als  auch  den  konsumierbaren
Gütern  gleich,  sondern  nur  dem  einen  oder  dem  anderen  dieser  beiden  Werte,  und
zwar  den  letzteren  eigentlicher,  als  dem  ersteren.“
2 )  Dieser  Ausdruck  findet  sich  zwei  Mal:  Am  Ende  der  Einleitung  (I,  S.  2)  und
II,  S.  153,  B.  IV,  Kap.  IX.
3 )  Ausdruck,  der  dreimal  im  Laufe  des  II.  Kap.  des  II.  Buches  verkommt  (I,
S.  168,  170  u.  173).
4 )  Völkerreichtum  I,  S.  170,  B.  II,  Kap.  II.
5 )  Alle  diese  bei  Smith  so  verworrenen  Untersuchungen  über  das,  was  als  Kapital,
und  das,  was  als  Einkommen  anzusehen  ist,  sind  in  dem  ausgezeichneten  Werk  von
Ieving  Fishek:  The  Nature  of  Capital  and  Income,  New-York  1807,  klar
herausgearbeitet.  Das  Einkommen  wird  hier  vollständig  des  materiellen  Charakters,
den  es  bei  Smith  noch  hat,  entkleidet,  um  einfach  als  ein  beständiger  Strom  von
Diensten  zu  erscheinen,  während  die  Gesamtheit  des  Kapitals  mit  der  im  Augenblick ­
  der  Dauer  bestehenden  Gesamtmenge  der  Güter,  aus  der  diese  Dienste
fließen,  verschmilzt.
        <pb n="117" />
        Kapitel  II.  Adam  Smith.

95

frei,  die  ausgeführt  werden  kann,  und  gestatten  so  die  Erwerbung
von  Arbeitsinstrumenten,  die  ihrerseits  wieder  ein  Anwachsen  des
wirklichen.  Nettoeinkommens  eines  Landes  ermöglichen.  Der  Vergleich, ­
  durch  den  Smith  diesen  Vorteil  erklärt,  ist  berühmt.  „Das
Gold-  und  Silbergeld,  welches  in  einem  Lande  umläuft,  kann  sehr
wohl  mit  einer  Landstraße  verglichen  werden,  die,  während  sie  alles
Korn  und  alle  Futterkräuter  des  Landes  im  Umlauf  und  auf  den
Markt  bringt,  selbst  doch  gar  keinen  solchen  Stoff  produziert.  Indem
nun  kluge  Bankoperationen  eine  Art  von  Fuhrweg  durch  die  Luft
schaffen,  wenn  ich  eine  so  kühne  Metapher  gebrauchen  darf,  setzen
sie  das  Land  in  den  Stand,  gleichsam  einen  großen  Teil  seiner  Landstraßen ­
  in  gute  Weide-  und  Kornfelder  zu  verwandeln  und  dadurch
das  jährliche  Produkt  des  Bodens  und  der  Arbeit  beträchtlich  zu
vermehren“  1 ).
Hieraus  ergibt  sich,  daß  jede  Politik,  die  sich  (wie  es  der  Merkantilismus ­
  tat)  vernimmt,  mittelbar  oder  unmittelbar  die  Geldmenge
eines  Landes  zu  vergrößern,  verkehrt  ist,  da  das  Geld  nicht  nur  nicht
unentbehrlich,  sondern  im  Gegenteil  lästig  ist.
Und  zwar  ist  diese  Politik  nicht  nur  verkehrt,  sondern  auch
nutzlos.  Denn:  haben  wir  nicht  gesehen,  daß  das  Geld  eine  Ware
vorstellt,  die  bestimmt  ist,  den  Umlauf  zu  erleichtern,  und  für  die
natürlich  für  diesen  Zweck  eine  bestimmte  Nachfrage  vorhanden  ist?
Das  Angebot  einer  Ware  paßt  sich  nun  von  selbst  ihrer  Nachfrage
an.  Niemand  gibt  sich  damit  ab,  die  Versorgung  eines  Volkes  mit
Wein  oder  Ton  waren  sicher  zu  stellen 2  3 ).  Warum  sollte  man  sich
um  das  Geld  mehr  Sorgen  machen?  Wenn  die  Menge  der  Güter  abnimmt, ­
  so  verlangsamt  sich  der  Güteraustausch,  und  ein  Teil  des
Geldes  wird  überflüssig.  Aber  „das  Interesse  jedes  Geldbesitzers  fordert,
daß  er  es  anlege 2 )“.  Daher  wird  es  ausgeführt,  um  im  Auslande
Verbrauchsgegenstände  oder  Arbeitsinstrumente  zu  erwerben.  Umgekehrt ­
  zieht  der  wachsende  Wohlstand  eines  Landes  mit  Notwendigkeit ­
  die  Edelmetalle  an,  weil  der  sich  vergrößernde  Güteraustausch
größere  Barmittel  verlangt.  Dieser  Export  und  Import  von  Bargeld
geschieht  auf  Grund  des  Steigens  und  Fallens  des  Geldwertes,  wie
Hume  schon  nachgewiesen  hatte 4 ).
Das,  was  vom  Metallgeld  gilt,  gilt  auch  für  jene  besondere  Art
des  Geldes,  die  Banknoten.  Smith  hat  eine  klassische  Beschreibung

‘)  V  ö  1  k  e  r  e  i  c  h  t  u  m  I,  S.  188,  B.  II,  Kap.  II.
2 )  Yölkerreichtum  II,  8.  4  und  6,  B.  IV,  Kap.  I.
3 )  Yölkerreiehtum  I,  8.  200,  B.  II,  Kap.  III.
4 )  Die  Darlegung  der  „quantitativen  Theorie“  des  Geldes,  wie  sie  Hume  in  seinen
beiden  Aufsätzen  über  „das  Geld“  und  in  der  „Handelsbilanz“  gibt,  ist  sogar  viel
einfacher  und  klarer  als  die  von  Smith.
        <pb n="118" />
        96

Erstes  Buch.  Die  Begründer.

des  Bankbetriebes  und  im  besonderen  der  damals  berühmtesten  Bank,
der  Bank  von  Amsterdam,  gegeben.  Auch  dort  konstatiert  er  eine
selbsttätige  Anpassung  der  Notenmenge  an  die  Nachfrage.  Denn
wenn  die  Banken  mehr  ausgeben,  als  der  Umlauf  verlangt,  so  steigen
die  Preise.  Man  kauft  im  Ausland  und  bringt  den  Banken  die  Noten
bald  zurück,  um  sie  in  Gold  und  Silber,  das  einzige  internationale
Geld,  umzuwechseln.  So  haben  die  Banken  keinen  Vorteil  davon,  zuviel ­
  Noten  auszugeben,  weil  sie  dann  gezwungen  sind,  eine  entsprechend ­
  größere  Metallreserve  zu  halten.  Zweifellos  verstand  sich
in  der  Wirklichkeit  „eben  nicht  jede  Bankgesellschaft  immer  auf
ihren  eigenen  Vorteil,  und  der  Umlauf  wurde  oft  mit  Papiergeld  überfüllt ­
 1 )“.  Aber  das  Prinzip  wird  dadurch  nicht  berührt.  Das  stellt
nach  ihm  einen  weiteren  Beweis  für  das  selbsttätige  Arbeiten  des
wirtschaftlichen  Mechanismus  dar.
Wir  haben  so  die  hauptsächlichsten  Theorien  A.  Smith’s  durchmustert ­
  und  haben  gesehen,  wie  jede  bedeutende  Tatsache  bei  ihm
den  gleichen  Gedanken  auslöst.  Wenn  der  Platz  es  erlaubte,  könnten
wir  noch  weitere  Beispiele  anführen,  aus  denen  der  gleiche  Schluß
sich  ergeben  würde 2 ).  *  Der  Gedanke  der  Selbstentstehung  der  wirtschaftlichen ­
  Einrichtungen  und  Funktionen  wird  von  Smith  nicht  a  priori
wie  ein  abstrakter,  theoretischer  Grundsatz,  dessen  genaueste  Beweisführung ­
  er  nachher  liefern  wird,  aufgestellt.  Er  entwickelt  sich  nach
und  nach  (und  dies  ist  für  seine  ganze  Art  und  Weise'  charakteristisch) ­
  in  dem  Maße,  wie  er  den  Bereich  der  Volkswirtschaft  durchmißt; ­
  er  tritt  uns  sozusagen  bei  jeder  Biegung  des  Weges  entgegen.
Stets  deutet  Smith  von  neuem  darauf  hin;  langsam  zwingt  sich  dem
Geist  des  Lesers  dieser  Gedanke  als  der  natürliche  Schluß  aus  allem,
was  vorhergeht,  auf.  Die  gesammte  wirtschaftliche  Ordnung  erscheint
ihm  zuletzt  wie  eine  organische  Schöpfung  tausender  menschlicher
Willen,  die,  unbewußt  des  zu  erreichenden  Zieles,  alle  dem  Triebe
einer  gleichen,  instinktiven,  mächtigen  Kraft  gehorchen.
•Was  ist  nun  diese  Kraft,  die  alle  wirtschaftlichen  Handlungen
hervorruft,  deren  Beständigkeit  und  Gleichheit  über  alle  künstliche
Hindernisse  triumphieren,  und  die  folglich  die  Einheit  des  ganzen
Systems  ausmacht  ?'

‘)  Völkerreichtum  I,  S.  176,  B.  II,  Kap.  II.
2 )  Der  hohe  Wechselkurs  zielt  zum  Beispiel  darauf  hin,  selbsttätig  das  Gleichgewicht ­
  im  Handel  wieder  herzustellen  (Volk  erreich  tum  II,  8.  4,  B.  IV,  Kap.  I).
An  anderer  Stelle  führt  er  aus,  daß  die  großen  Vorteile,  die  Europa  aus  seinen  Kolonien
gezogen  habe,  nicht  zweckbewußt  und  beabsichtigt  waren;  das  Suchen  nach  Kolonien,
ihre  Entdeckung,  ihre  In-Wertsetzung  sind  ohne  jeden  vorgefaßten  Plan  und  trotz
der  verderblichen  Verordnungen,  die  die  europäischen  Eegierungen  erließen,  geschehen
(II,  S.  99—100,  B.  IV,  Kap.  VII,  Teil  2).
        <pb n="119" />
        Kapitel  II.  Adam  Smith.

97

Wir  sind  ihr  schon  mehr  als  einmal  begegnet;'es  ist  das  Selbstinteresse
  oder,  wie  Smith  es  lieber  ausdrückt:  „das  natürliche
Streben  jedes  Menschen,  seine  Lage  zu  verbessern 1 ).“  Z  Hierin  liegt
die  wirkliche,  jedem  Einzelwesen  innewohnende  Triebkraft,  die  das
Leben  und  den  Fortschritt  der  Gesellschaft  sichert.
Zweifellos  ist  sie  nicht  die  einzige.  Smith  ist  niemals  einseitig.
Er  weiß,  daß  es  neben  dem  Eigennutz  noch  andere  menschliche
Leidenschaften  gibt 2 ).  Er  erwähnt  sie  an  verschiedenen  Stellen  —
wie  dort,  wo  er  der  „kindischen  Eitelkeit“  3 )  der  Grundbesitzer  eine
so  bedeutende  und  wohltuende  wirtschaftliche  Umwälzung  wie  die
der  Emanzipation  der  Landarbeiterschaft  zuschreibt.  —  Ohne  Zweifel
ist  Smith  ferner  nicht  darüber  in  Unkenntnis,  daß  der  Eigennutz
nicht  bei  allen  Menschen  gleichmäßig  ausgebildet  ist,  und  daß  die
persönlichen  Beweggründe  die  größte  Mannigfaltigkeit  zeigen.  Man
hat  ihm  vorgeworfen,  dies  übersehen  zu  haben;  man  hat  ihn  angeklagt, ­
  einen  homo  oeconomicus  in  allen  Stücken  konstruiert
zu  haben,  eine  böse  Karikatur  der  Wirklichkeit,  der  sich  wie  ein
Automat  ausschließlich  durch  die  Sorge  um  sein  materielles  Interesse
leiten  läßt.  Die  nationale  Eitelkeit  hat  sich  eingemischt  und  hat
behauptet,  daß  das,  was  er  sage,  vielleicht  von  den  Engländern  und
den  Schotten  wahr  sei;  wenn  er  aber  die  Deutschen  und  die  Franzosen
gekannt  hätte,  die  weniger  gewinnsüchtig  seien,  würde  sein  Urteil
ganz  anders  ausgefallen  sein.  Dies  alles  beruht  aber  auf  einem  Mißverständnis. ­
  Smith  selbst  ist  der  erste  gewesen,  der  darauf  hingewiesen ­
  hat,  daß  sich  seine  Bemerkungen  nicht  auf  alle  Menschen,
sondern  auf  die  Allgemeinheit  der  Menschen  beziehen.  In
jedem  Augenblicke  erinnert  er  daran,  daß  er  von  einem  mit  „gesundem ­
  Menschenverstand“  4  * )  oder  mit  „gewöhnlichem  Verstände“ 6 )
begabten  Menschen  spricht.  Er  weiß  sehr  wohl,  daß  „wenn  auch  nicht
das  Betragen  jedes  Einzelnen  immer  von  den  Regeln  gewöhnlicher
Klugheit  geleitet  wird,  so  herrschen  diese  doch  stets  in  den  Handlungen ­
  der  großen  Mehrzahl 0 )“.  Seine  Beweisführung  soll  sich  daher

‘)  Vgl.  im  besonderen:  I,  S.  202,  B.  II,  Kap.  III;  II,  S.  69,  B.  IV,  Kap.  V;  und
vor  allem;  II,  S.  152,  B.  IV,  Kap.  IX.
2 )  „Ohne  alle  Einmischung  des  Gesetzes  bewegen  also  schon  Privatinteresse  und
Leidenschaften  die  Menschen,  das  Kapital  der  Gesellschaft  unter  die  verschiedenen
Unternehmungen  möglichst  in  dem  Verhältnisse  zu  verteilen,  welches  dem  Interesse
der  ganzen  Gesellschaft  am  angemessensten  ist“  (II,  S.  125,  B.  IV,  Kap.  VII,  Teil  3).
Daß  die  Anwendung  des  Wortes  „Leidenschaften“  (oder  Neigungen)  keine  zufällige  ist,
geht  schon  daraus  hervor,  daß  es  sich  dreimal  auf  der  Seite  des  zitierten  Textes  findet.
3 )  Völkerreichtum  I,  S.  243,  B.  III,  Kap.  IV.
4 )  Völkerreichtum  I,  S.  165,  B.  II,  Kap.  I  am  Ende.
8 )  Völkerreichtum  I,  S.  206,  B.  II,  Kap.  IV  am  Anfang.
9 )  Völkerrecht  um  I,  S.  172,  B.  II,  Kap.  II.
Gide  und  Rist,  Gesoh.  d.  Volkswirtschaft!.  Lehrmeinungen.  7
        <pb n="120" />
        98

Erstes  Buch.  Die  Begründer.

auf  die  Menschen  als  Masse  und  nicht  auf  dieses  oder  jenes,'  bt-  ders
herausgegriffene  Individuum  beziehen.  —  Sicherlich  leugne*  th
nicht,  daß  der  Mensch  sein  wirkliches  Interesse  verkennen  'in
Unkenntnis  darüber  sein  kann.  Soeben  führten  wir  eine  &amp;lt;  v'  eristische
  Stelle  an,  wo  er  dies  buchstäblich  in  Hinsicht  tMe
Bankiers  versichert,  die  manchmal  zuviel  Noten  ausgeben,  V
ihren  eigenen  Vorteil  mißverstehen,  '&amp;lt;'0
Unter  diesen  Vorbehalten  aber,  und  auch,  wenn  man  all  i  die
Abschwächungen,  die  Smith  selbst  seinem  Prinzip  zugesteh  tu
Betracht  zieht,  bleibt  es  wahr,  daß  er  als  allgemeine  These 1
natürliche  Streben  eines  jeden  Menschen,  seine  Lage  zu  verbessl  .  ,
das  „Selbstinteresse“  —  wir  sagen  nicht  Egoismus!  —  als  den  grundlegenden ­
  psychologischen  Faktor  in  der  Volkswirtschaft  hinstePt.
Und  sobald  man  ihm  von  Geschäftsleuten  spricht,  die  als  Richtschnur
ihres  Verhaltens  das  Allgemeininteresse  nehmen  wollen,  antworte'?
er  mit  einem  Skeptizismus,  dem  man  sich  kaum  entziehen  karift.
„Ich  habe  niemals  gesehen,  daß  diejenigen  viel  Gutes  bewirkt  hätten,
welche  die  Miene  annahraen,  für  das  allgemeine  Beste  Handel  zu
treiben.  Es  ist  indes  diese  Affektion  unter  Kaufleuten  auch  nicht
sehr  häufig,  und  es  bedarf  nur  weniger  Worte,  sie  davon  abzubringen ­
  1 ).“  Damit  soll  nicht  gesagt  sein,  daß  das  Gefühl  nicht  eine
Rolle,  sogar  eine  bedeutende  Rolle  in  der  Philosophie  Smith’s  spielt,
aber  das  Gefühl,  oder  wie  er  sagt,  die  Sympathie  hat  ihr  eigenes
Reich,  die  Welt  der  Moral,  während  in  der  wirtschaftlichen  Welt
der  Nutzen  herrscht.
1  Wir  können  daher  den  letzten  Grundgedanken  Smith’s  dahin
zusammenfassen,  daß  eine  selbsttätige  wirtschaftliche  Ordnung  besteht, ­
  die  durch  das,.  Selbstinteresse  des  Einzelwesens  begründet  ist
und  erhalten  wird.  *
Es  ist  interessant,  diese  Auffassung  mit  der  der  natürlichen  und
wesentlichen  Gesellschaftsordnung,  wie  sie  die  Physiokraten  aufstellten, ­
  zu  vergleichen.  Für  diese  ist  die  natürliche  Ordnung  ein
ideales  System,  eine  ideale  Ordnung;  nur  ein  Genie  hat  sie  entdecken ­
  können,  ein  aufgeklärter  Despotismus  muß  sie  ausführen.  Für
Smith  ist  die  selbsttätige  Ordnung  eine  Tatsache.  Sie  ist
nicht  erst  zu  schaffen,  sie  besteht  schon  heute.  Sie  wird  allerdings
durch  „hundert  arge  Hindernisse“,  die  sich  aus  der  „Torheit  der
menschlichen  Gesetze 2 )“  ergeben,  gehemmt;  trotzdem  aber  setzt  sie
sich  durch.  Unter  all  dem  gekünstelten  der  Gesellschaftsverfassung
*)  Völkerreichtum  II,  8.  17,  B.  IV,  Kap.  II.  Nachdem  er  soeben  gesagt
hat:  „Verfolgt  er  sein  eigenes  Interesse,  so  befördert  er  das  der  Nation  weit  wirksamer, ­
  als  wenn  er  dieses  wirklich  zu  befördern  die  Absicht  hätte.“
2 )  Völkerreichtum  II,  S.  69,  B.  IV,  Kap.  V.
        <pb n="121" />
        Kapitel  II.  Adam  Smith.

99

gibt  ^g.  dclion  heute  eine  natürliche  Verfassung,  die  jene  beherrscht.
D ;  "atürliche  Verfassung  ist  für  die  Physiokraten  noch  ein  zukf
  s  Ideal;  Smith  jedoch  entdeckt  ihren  Mechanismus  und  beschfes
  ihr  Räderwerk/  Die  Nationalökonomie,  die  bei  Qüesnay  noch  in
d /  .  uptsache  ein  Rechtssystem  war,  nimmt  bei  ihm  den  Charakter
Naturwissenschaft  an,  die  sich  auf  die  Beobachtung  und  die
i  e  der  Wirklichkeit  gründetX—  In  einem  berühmten  Satze
fü]  Smith  selbst  mit  seiner  gewöhnlichen  Einfachheit  aus,  wie  sehr
r  i  Auffassung  der  der  Physiokraten  überlegen  ist:  „Gewisse
1  Visierende  Ärzte  scheinen  sich  eingebildet  zu  haben,  daß  die
,  undheit  des  menschlichen  Körpers  nur  durch  eine  genau  bestimmte
Djat  und  Bewegung  erhalten  werden  könne,  und  daß  jede,  auch  die
kleinste  Abweichung  davon  notwendig  einen  Grad  von  Krankheit
&amp;lt;  der  Unpäßlichkeit  verursachen  müsse,  der  dem  Grade  der  Abweichung
d  igemessen  sei  ...  .  Quesnay,  der  selbst  Arzt,  und  zwar  ein  theovVfcisch
  sehr  interessierter  Arzt  war,  scheint  von  dem  Staatskörper
einen  ähnlichen  Begriff  gehabt  und  sich  eingebildet  zu  haben,  daß
derselbe  nur  bei  einer  gewissen,  genau  bestimmten  Diät,  bei  der
strengen  Diät  vollkommener  Freiheit  und  vollkommener  Gerechtigkeit,
blühen  und  gedeihen  könne.  Es  scheint,  daß  er  nicht  in  Erwägung
zog,  wie  in  dem  Staatskörper  das  natürliche  Bestreben  jedes  Menschen,
seine  Lage  zu  verbessern,  ein  Prinzip  der  Selbsterhaltung  ist,  wodurch
die  schlimmen  Folgen  einer  parteiischen  und  drückenden  Staatswirtschaft ­
  mannigfach  abgewendet  und  erleichtert  werden  können.
Eine  solche  politische  Ökonomie  hält  zwar  den  natürlichen  Fortschritt
einer  Nation  zu  Reichtum  und  Wohlstand  mehr  oder  weniger  auf,  aber
sie  ist  doch  nicht  immer  imstande,  ihn  gänzlich  zu  hemmen  oder  wohl
gar  rückgängig  zu  machen.  Wenn  eine  Nation  ohne  den  Genuß  vollkommener ­
  Freiheit  und  vollkommener  Gerechtigkeit  nicht  gedeihen
könnte,  so  gäbe  es  in  der  ganzen  Welt  keine  Nation,  die  es  hätte
zum  Wohlstand  bringen  können.  Die  Weisheit  der  Natur  hat  aber
in  den  Staatskörper  glücklicherweise  reichliche  Mittel  gelegt,  so
manche  schlimme  Folgen  menschlicher  Torheit  und  Ungerechtigkeit
zu  heilen,  gerade  wie  sie  auch  dem  menschlichen  Körper  die  Mittel
verliehen  hat,  die  üblen  Folgen  der  Trägheit  und  Unmäßigkeit  abzuwenden ­
  *)•“  y
Diese  Ausführungen  bringen  uns  dazu,  jetzt  den  'Zweiten  Grundgedanken ­
  Smith’s^u  besprechen:’die  Vortrefflichkeit  der  spontan  entstandenen ­
  wirtschaftlichen  Einrichtung.  Die  Idee  von  der  Selbstentstehung ­
  und  die  von  der  Vortrefflichkeit  der  wirtschaftlichen  Einrichtungen ­
  muß,  wie  wir  gesagt  haben,  der  Geschichtsschreiber  der
l )  Völkerreichtum  II.  S.  151—152,  B,  IV,  Kap.  IX.
7*
        <pb n="122" />
        100

Erstes  Buch.  Die  Begründer.

Doktrinen  von  einander  unterscheiden.  Bei  Smith  gehen  sie  ineinander
über.  Sein  Naturalismus  ist  eins  mit  seinem  Optimismus,  und  in  demselben ­
  Satze  spricht  er  ohne  Einschränkung  von  beiden  zugleich.  Die
Stelle,  die  wir  eben  angeführt  haben,  beweist  dies.  Der  persönliche
Nutzen,  der  jeden  wirtschaftlichen  Organismus  schafft  und  erhält,
sichert  gleichzeitig  „den  Fortschritt  einer  Nation  im  Reichtum  und
Wohlstand“.  So  sind  die  Einrichtungen,  die  er  hervorruft,  nicht  nur
natürlich,  sondern  auch  heilsam.  Sie  interessieren  Smith  nicht  nur
als  Gegenstand  seiner  wissenschaftlichen  Beobachtung,  sondern  auch
als  Mittel  des  öffentlichen  Wohlstandes,  und  hierauf  konzentriert  sich
sogar  sein  Hauptinteresse,  denn  die  Nationalökonomie  ist  ihm  mehr
eine  Kunst  der  Praxis  als  eine  Wissenschaft 1 ).
Dies  genügt  jedoch  noch  nicht.  Die  natürlichen  wirtschaftlichen
Einrichtungen  sind  mehr  als  nur  gut:  für  Smith  sind  sie  von  der
göttlichen  Vorsehung  gegeben,  die  in  das  Herz  des  Menschen
jenen  Wunsch,  seine  Lage  zu  verbessern,  gepflanzt  hat,  aus  dem  die
natürliche  Gesellschaftsordnung  entstanden  ist,  so  daß  der  Mensch,
der  diesem  Wunsche  nachgibt,  in  Wirklichkeit  nur  die  wohlwollenden
Absichten  Gottes  erfüllt.  In  der  Verfolgung  seines  Nutzens  „wird
er  in  diesen  wie  in  vielen  anderen  Fällen“  (sagt  er,  indem  er  von
der  Verwendung  von  Kapitalien  spricht)  „von  einer  unsichtbaren
Hand  geleitet,  daß  er  einen  Zweck  befördern  muß,  den  er  sich  in
keiner  Weise  vorgesetzt  hatte 2 )“.  Die  Physiokraten  drückten  sich
kaum  anders  aus.
Der  Optimismus  Smith’s  wird  heute  kaum  noch  geteilt.  In  der
Geschichte  der  Ideen  aber  hat  er  eine  zu  große  Rolle  gespielt,  als
daß  wir  uns  nicht  einen  Augenblick  mit  ihm  beschäftigen  müßten.
Untersuchen  wir  die  Gründe,  auf  die  er  ihn  stützt,  und  ihre  wirkliche ­
  Tragweite!
Es  ist  zunächst  zu  bemerken,  daß  jedes  der  bisher  gegebenen
Beispiele  von  der  Selbstentstehung  der  wirtschaftlichen  Einrichtungen
zu  gleicher  Zeit  einen  Bewmis  für  die  wohltätigen  Wirkungen  des  Selbstinteresses ­
  liefert.  Mit  einer  Gleichmäßigkeit,  die  nichts  Zufälliges
hat,  sind  alle  von  Smith  der  allgemeinen  Wirksamkeit  dieses  Beweggrundes ­
  zugeschriebenen  Einrichtungen  für  den  wirtschaftlichen  Fortschritt ­
  vorteilhaft.  Die  Arbeitsteilung,  die  Erfindung  des  Geldes,  die
Kapitalansammlung  sind  ebensoviele  natürliche,  gesellschaftliche  Tatb
  „Der  große  Zweck  der  politischen  Ökonomie  jedes  Landes  ist  aber,
den  Reichtum  und  die  Macht  dieses  Landes  zu  vermehren“  (I,  S.  219,  B.  II,  Kap.  Y).
Dieser  Ausdruck:  „politische  Ökonomie  jedes  Landes“,  den  Smith  oft  anwendet,  läßt
sich  gegen  die  anwenden,  die,  wie  Knies,  den  Universalismus  oder  den  Internationalismus ­
  Smiih’s  angreifen.
*)  Völkerreichtum  II,  S.  17,  B.  IV.  Kap.  II.
        <pb n="123" />
        Kapitel  II.  Adam  Smith.

101

Sachen,  die  den  Reichtum  vermehren.  Die  Anpassung-  des  Warenangebotes ­
  an  die  Nachfrage,  die  Verteilung  des  Geldes  gemäß  der
Bedürfnisse  des  Umlaufs,  das  von  der  gesellschaftlichen  Nachfrage
geregelte  Wachstum  der  Bevölkerung,  sind  alles  ebenfalls  ursprüngliche ­
  Erscheinungen,  die  das  gute  Funktionieren  der  wirtschaftlichen
Gesellschaft  sicherstellen.  So  ergibt  sich  für  den  Leser  aus  der  Darstellung ­
  Smxth’s  selbst  der  immer  wiederkehrende  Eindruck,  als  ob  die
selbstentstandenen  Einrichtungen  zur  gleichen  Zeit  die  besten  wären.
Außer  dieser  allgemeinen  Beweisführung,  die  sich  in  gewisser
Weise  über  das  ganze  Werk  erstreckt,  hat  Smith  in  einem  besonderem ­
  Punkte  die  Übereinstimmung  des  Privat-  mit  dem  Allgemein-Nutzen
  direkt  beweisen  wollen,  nämlich  mit  Hinsicht  auf  die  Anlage
von  Kapitalien.  Nach  seiner  Ansicht  suchen  und  finden  die  Kapitalien
von  selbst  die  dem  Gesellschaftsinteresse  günstigsten  Anlagen.  Seine
Beweisführung  scheint  sich  nur  auf  einen  bestimmten  Fall  zu  erstrecken. ­
  Sie  hat  aber  in  Wirklichkeit  eine  viel  allgemeinere  Bedeutung. ­
  Die  überwiegende  Rolle,  die  Smith  dem  Kapital  zuspricht,
ist  bekannt:  von  der  Ausdehnung  des  Kapitals  hängt  die  Arbeitsteilung ­
  ab  und  folglich  auch  die  Fülle  der  Produktion;  das  Kapital
lenkt  die  Arbeit  und  setzt  der  Bevölkerung  ihre  Grenzen.  Wenn
man  daher  beweisen  kann,  daß  die  Anlage  der  Kapitalien  in  völliger
Übereinstimmung  mit  dem  allgemeinen  Interesse  geschieht,  so  wird
hierdurch  auch  bewiesen,  daß  die  ganze  Produktion  in  der  Weise
organisiert  ist,  die  den  nationalen  Wohlstand  am  meisten  begünstigt.
Wie  geht  Smith  nun  hier  zu  Werke?
Er  unterscheidet  vier  Hauptanlageformen,  die  für  die  Kapitalien
in  Betracht  kommen:  Landwirtschaft,  Industrie,  Groß-  und  Kleinhandel. ­
  Er  unterscheidet  weiter  im  Großhandel  drei  Unterabteilungen:
den  Innenhandel,  den  Import-Außenhandel,  der  der  Nation
fremde  Waren  liefert,  und  den  Transporthandel  (carrying  trade),
der  die  Waren  eines  fremden  Landes  in  ein  anderes  fremdes  Land
führt.  Die  Reihenfolge,  in  der  wir  diese  verschiedenen  Tätigkeitsformen ­
  aufzählen,  ist  der  Rang  selbst,  den  Smith  ihnen  nach  ihrer
mehr  oder  weniger  großen  Nützlichkeit  für  ein  Land  einräumt.  Die
Landwirtschaft  ist  die  vorteilhafteste,  dann  kommt  die  Industrie,  dann
der  Innenhandel  und  so  fort.
Diese  Stufenleiter  stellt  Smith  auf  Grund  zweier  Kriteria  auf.
Erstens,  die  Menge  der  produktiven  Arbeit,  die  das  Kapital  in  Bewegung ­
  setzt;  zweitens,  die  Menge  der  tauschbaren  Werte,  die  jede
dieser  Tätigkeiten  jährlich  zum  Nationaleinkommen  beiträgt.  In  dem
Maße,  wie  man  von  der  Landwirtschaft  zu  den  anderen  Zweigen
übergeht,  wird  die  Menge  der  in  Bewegung  gesetzten  produktiven
Arbeit  und  der  erhaltenen  tauschbaren  Werte  stetig  geringer,  und
        <pb n="124" />
        102

Erstes  Buch.  Die  Begründer.

damit  ebenfalls  ihr  Nutzen  für  das  Land.  Es  liegt  daher  im  Interesse
eines  Volkes,  seine  Kapitalien  in  diesen  verschiedenen  Formen,  und
zwar  in  derselben  Reihenfolge,  wie  Smith  sie  anführt,  angelegt
zu  sehen.  Die  Landwirtschaft  ist  vorzuziehen,  und  dann  erst  kommen
die  anderen  Formen  in  Betracht,  je  nachdem  die  wachsende  Ansammlung ­
  von  Kapitalien  es  gestattet.
Das  ist  nun  gerade,  was  die  sich  selbst  überlassenen
Kapitalisten  aus  eigenem  Antriebe  tun.  Es  liegt  nämlich
im  Interesse  eines  jeden,  seine  Kapitalien  in  möglichster  Nähe  seines
Wohnortes  anzulegen,  um  sie  besser  überwachen  zu  können.  Er  wird
sie  daher  erst  zu  allerletzt  im  Außenhandel  aufs  Spiel  setzen.  Außerdem ­
  wird  jeder  Kapitalist  unter  den,  wie  dargelegt,  vorzuziehenden
heimischen  Industrien  zuerst  die  wählen,  ans  der  der  größte  Tauschwert ­
  sich  ergibt,  da  die  Größe  seines  Vorteils  von  der  Größe  dieses
Wertes  bestimmt  wird.  Er  wird  daher  seine  Anlage  in  der  soeben
angeführten  Reihenfolge  wählen,  die  mit  den  mehr  oder  weniger
großen  Werten,  die  jede  Industrie  schafft,  übereinstimmt.  Und  endlich ­
  wird  er,  wenn  er  sich  auf  den  Außenhandel  einläßt,  aus  dem
gleichen  Grunde  die  weiter  oben  erwähnte  Folge  einhalten,  d.  h.  die,
die  am  meisten  mit  dem  allgemeinen  Nutzen  übereinstimmt.  So  wird
also  das  doppelte  Bestreben,  seine  Kapitalien  unter  Augen  zu  haben,
und  aus  ihnen  den  größten  Gewinn  zu  ziehen,  jeden  Kapitalisten
dazu  bringen,  sein  Kapital  in  der  für  das  Volk  vorteilhaftesten  Weise
anzulegen.
Dies  ist  die  Beweisführung.  Was  ist  sie  wert?
Auch  wenn  man  die  Kriteria  Smith’s  annimmt,  ist  es  doch  klar,
daß  seine  Stufenleiter  der  verschiedenen  Industrien  durchaus  willkürlich ­
  gewählt  ist.  Wie  kann  man  z.  B.  behaupten,  daß  ein  industrielles ­
  Unternehmen  oder  ein  Reeder,  der  fremde  Waren  transportiert, ­
  weniger  Leute  beschäftigt  als  eine  landwirtschaftliche  Gntsverwaltung?
  Das  Gegenteil  würde  der  Wahrheit  näher  kommen  und
die  Landwirtschaft  müßte  logisch  einen  bescheideneren  Platz  einnehmen. ­
  Auch  läßt  sich  die  Idee,  eine  solche  Stufenleiter  aufzustellen,
nicht  gut  mit  der  Theorie  der  Arbeitsteilung,  die  die  Gleichwertigkeit ­
  der  verschiedenen  Formen  der  menschlichen  Tätigkeit  rühmt,
in  Einklang  bringen.
In  Wirklichkeit  aber  sind  die  Kriteria  Smith’s  unannehmbar.  Er
betrachtet  das  Steigen  der  tauschharen  Werte,  die  eine  Industrie
liefert,  als  Beweis,  daß  sie  für  die  Gesellschaft  vorteilhafter  ist.  Was
aber  beweist  dieses  Steigen?  Einfach,  daß  die  Nachfrage  nach  einer
solchen  Ware  größer  ist  als  die  Nachfrage  nach  einer  anderen.  Wenn
die  Kapitalien  von  selbst  diesen  Industrien  zustreben,  so  wird  damit
nur  bewiesen,  daß  die  gesellschaftliche  Nachfrage  von  selbst
        <pb n="125" />
        Kapitel  II,  Adam  Smith.

103

auf  Befriedigung  drängt.  Die  gesellschaftliche  Nachfrage  braucht
aber  nicht  notwendigerweise  mit  dem  gesellschaftlichen
Nutzen  überein  zustimmen.  Die  Nachfrage  ergibt  sich  aus  dem  Begehren ­
  der  Menschen  und  der  vorhergehenden  Verteilung  der  Einkünfte ­
  unter  sie.  Weder  dieses  Begehren,  noch  diese  Verteilung
stehen  notwendigerweise  in  Übereinstimmung  mit  dem  größten  gesellschaftlichen ­
  Nutzen,  und  die  Produktion,  die  davon  abhängt,  hat  mit
ihm  ebenfalls  keinen  engeren  Zusammenhang.  Smith  scheint  das
auch  gefühlt  zu  haben  und  stellt  deshalb  noch  ein  anderes  Kriterium
auf:  die  vom  Kapital  in  Bewegung  gesetzte  produktive  Arbeit.  Wenn
das  richtig  wäre,  so  würden  die  Industrien,  die  die  wenigsten  Maschinen ­
  und  die  meisten  Hände  beschäftigen,  dem  Volk  am  nützlichsten ­
  sein,  was  unhaltbar  ist.
Die  modernen  Hedonisten  haben  ebenfalls  den  Beweis  versucht,
daß  die  freie  Konkurrenz  danach  strebt,  die  Produktion  so  zu  leiten,
daß  das  Maximum  der  Ophelimität  verwirklicht  wird,  d.  h.  daß  die
jeweiligen  Bedürfnisse  des  Marktes  bestmöglich  befriedigt  werden.
Sie  unterlassen  aber  nicht,  darauf  hinzuweisen,  daß  gesellschaftlicher ­
  Nutzen  und  Ophelimität  zwei  Ausdrücke  sind,  die  nicht
zusammengeworfen  werden  dürfen;  auch  geben  sie  zu,  daß  sie  nicht
imstande  sind,  ein  wissenschaftliches  Kriterium  für  den  gesellschaftlichen ­
  Nutzen  zu  finden.
Die  Beweisführung  Smith’s  kann  daher  nicht  als  endgültig  angenommen ­
  werden;  sie  steht  auf  zu  schwachen  Füßen.  Vergessen
wir  aber  nicht,  daß  der  Optimismus  Smith’s  viel  weniger  auf  dieser
besonderen  Beweisführung  ruht  als  auf  der  Gesamtheit  der  Beobachtungen, ­
  die  er  in  seinem  Buche,  vorträgt.  Der  Gedanke  einer  Harmonie ­
  des  Privat-  und  des  Allgemein-Interesses  erscheint  bei  ihm
nicht  mit  der  Straffheit  eines  a  priori  bewiesenen  Lehrsatzes,  der
keine  Ausnahme  zuläßt,  sondern  vielmehr  als  ein  allgemeiner  Gesichtspunkt, ­
  als  ein  Schluß  aus  wiederholten  Beobachtungen,  als  eine
Zusammenfassung  seiner  eingehenden  Untersuchungen  im  ganzen  Bereich ­
  der  wirtschaftlichen  Einrichtungen.  Eine  Wahrheit,  die  durch
die  Beweisführung  in  einem  besonderen  Fall  wohl  bestätigt  werden
kann,  die  sich  aber,  viel  mehr  noch  als  auf  diese  Beweisführung,  auf
die  Erfahrung  gründet,  die  Erfahrung  der  ganzen  Geschichte,  -auf
Grund  derer  Smith  im  Körper  der  Gesellschaft,  ebenso  wie  im  Körper
der  Menschen,  ein  lebendiges  Prinzip  der  Heilung  und  des  Fortschrittes
findet.  Smith  wäre  der  erste  gewesen,  der  sich  geweigert  hätte,
dieser  Annahme  eine  absolute  Form  zu  geben.  Er  begnügt  sich
damit,  zu  sagen:  „Sehr  oft“,  „in  den  meisten  Fällen“  wird  das  allgemeine ­
  Interesse  durch  diQ  selbsttätige  Handlung  des  persönlichen
Interesses  befriedigt.  Auch  ist  er  der  erste,  hervorzuheben  (wie  z.  B
        <pb n="126" />
        104

Erstes  Buch.  Die  Begründer.

bei  den  Kanflenten  und  den  Fabrikanten),  daß  in  gewissen  Fällen
das  Privatinteresse  nicht  mit  dem  allgemeinen  Interesse  übereinstimmt. ­
  Hierfür  ließen  sich  noch  viele,  ebenso  charakteristische
Stellen  anführen.  So  hat  sein  Optimismus  nichts  absolutes  an  sich.
Ebensowenig  ist  sein*  Optimismus  unbeschränkt.  *  Man  kann  leicht
sehen,  daß  er  sich  nur  auf  die  Produktion  der  Güter  erstreckt.'
'Niemals  hat  Smith  behauptet,  und  das  unterscheidet  den  großen
schottischen  Nationalökonomen  von  den  Optimisten  der  Schule  Bastiat’s,
daß  die  Güterverteilung  sich  dem  Ideal  der  Gerechtigkeit  nähere;
Hier  macht  sein  Optimismus  Halt.''  "Im  Gegenteil,  Smith  konstatiert,
daß  die  Grundbesitzer,  wie  die  Kapitalisten  „gern  dort  ernten,  wo
sie  nicht  gesät  haben“,  —  er  weist  auf  die  Ungleichheit  der  sozialen
Lage  hin,  die  dem  Arbeitgeber  bei  der  Festsetzung  des  Lohnes  den
Vorteil  über  den  Arbeitnehmer  gibt 1 ).  —  Zins  und  Rente  sind,  wie
wir  gesehen  haben,  an  mehr  als  einer  Stelle  als  Abzüge  von  dem
Arbeitserträge  dargestellt 2  * ),  so  daß  Smith  wohl  als  der  wahre  Vorläufer ­
  des  Sozialismus  angesehen  werden  könnte/»Er  sträubt  sich
durchaus  nicht,  anzuerkennen,  daß  (ausgenommen  in  den  Kolonien),
Rente  und  Kapitalgewinn  den  Arbeitslohn  aufzehren,  und  daß  die
beiden  höheren  Stände  des  Volkes  den  niederen  unterdrücken 8 ).
Es  ist  um  so  wichtiger,  diese  Urteile  zu  verzeichnen,  weil  man
oft  annimmt,  daß  der  Optimismus  Smith’s  sich  ebenso  auf  die  Verteilung ­
  als  auf  die  Produktion  erstrecke.  Smith  hat  dazu  einen  viel  zu
gesunden  Menschenverstand.  J.-B.  Sav  selbst  drückt  bis  in  die  letzten
Ausgaben  seines  „Traite“  Zweifel  an  der  Gerechtigkeit  der  Güterverteilung ­
  aus 4  *  *  * ).  In  Wirklichkeit  hat  sich  Smith  mit  dieser  Frage
nicht  befaßt;  erst  später,  als  die  Sozialisten  auf  die  Bedeutung  dieser
Frage  hingewiesen  hatten,  hat  man  als  Reaktion  dagegen  die  Auffassung ­
  von  der  Vortreftlichkeit  der  selbstentstandenen  wirtschaftlichen
Einrichtungen  auch  auf  die  Güterverteilung  ausgedehnt.
v  So  darf  daher  der  Optimismus  Smith’s  nicht  mit  dem  der  modernen
Hedonisten,  noch  mit  dem,  den  Bastiat  späterhin  zur  Bekämpfung
des  Sozialismus  konstruierte,  verwechselt  werden.  Er  hat  weder  die
*)  Volke  rr  eich  tum  I,  S.  37,  B.  I,  Kap.  VIII.  Die  Meister  haben  die  Oberhand ­
  in  diesen  Streitigkeiten:  1.  „da  sie  sich  leichter  verbinden  können“;  2.  da  sie
es  „viel  länger  aushalten  können“  dank  ihrer  Hilfsmittel;  „viele  Arbeiter  dagegen
können  nicht  eine  Woche,  wenige  nnr  einen  Monat  nnd  katnn  einer  ein  Jahr  ohne
Beschäftigung'  bestehen“.
2 )  Vgl.  oben  S.  86.
s )  Völkerreichtum  II,  S.  86,  B.  IV,  Kap.  VII,  Teil  2,  am  Anfang.
4 )  Say  wirft  betreff  der  Arbeiterklasse  die  Frage  auf:  „Ist  es  wirklich  so
sicher,  daß  ihr  Anteil  am  Erzeugnis  ganz  genau  im  Verhältnis  zu
dem  Anteil,  den  sie  an  der  Erzeugung  nimmt,  steht?“  (Traite,  Ausg.  6,
S.  116.)
        <pb n="127" />
        Kapitel  II.  Adam  Smith.  105
wissenschaftliche  Schärfe  des  ersteren  noch  die  apologetische  Tendenz ­
  des  zweiten.  Er  ist  kaum  mehr  als  der  Wied  erschein  jener  ein
wenig  kindlichen  Vertrauensseligkeit,  die  das  ganze  18.  Jahrhundert
der  Güte  der  Natur  entgegenbrachte,  und  ist  mehr  der  Ausdruck
eines  tiefen  Gefühls  als  der  Schluß  aus  einer  scharfgefaßten  Beweisführung. ­
  K

§  3.  Die  wirtschaftliche  Freiheit  und  die  Theorie  vom
internationalen  Handel.
‘  Das  praktische  Ergebnis  des  Naturalismus  und  des  Optimismus
Smith’s  ist  selbstverständlich  die  wirtschaftliche  Freiheit.  ‘  Sie  ergibt
sich  mit  solcher  Notwendigkeit  aus  allem,  was  wir  soeben  gesagt
haben,  daß  der  Leser  ganz  darauf  vorbereitet  ist,  wenn  er  am  Ende
des  vierten  Buches,  nachdem  Smith  das  merkantilistische  System
und  das  der  Physiokraten  untersucht  hat,  den  folgenden  berühmten
Satz  findet;
„Räumt  man  also  alle  Begünstigungs-  oder  Beschränkungssysteme
völlig  aus  dem  Wege,  so  stellt  sich  das  klare  und  einfache  System
der  natürlichen  Freiheit  von  selbst  her.  Jeder  Mensch  hat,  solange
er  nicht  die  Gesetze  der  Gerechtigkeit  Übertritt,  vollkommene  Freiheit, ­
  sein  Interesse  auf  seine  eigene  Weise  zu  verfolgen  und  seine
Industrie  sowohl  als  sein  Kapital  mit  der  Industrie  und  den  Kapitalien ­
  anderer  Menschen  oder  anderer  Klassen  von  Leuten  in  Konkurrenz ­
  zu  bringen.“  Was  die  Regierung,  oder  wie  Smith  sagt,  das
„Staatsoberhaupt“  anlangt,  „so  wird  es  dadurch  gänzlich  einer  Pflicht
entbunden,  bei  deren  Ausübung  es  immer  unzähligen  Täuschungen
ausgesetzt  sein  muß,  und  zu  deren  richtiger  Erfüllung  keine  menschliche ­
  Weisheit  und  Kenntnis  hinreicht,  der  Pflicht  nämlich,  die  Industrie ­
  der  Privatleute  zu  überwachen  und  sie  auf  die  dem  Interesse
der  Gesellschaft  zuträglichsten  Gewerbe  hinzuleiten“  1 ).
Die  Nichteinmischung  des  Staates  in  das  Wirtsschaftleben:  das
ist  daher  der  Grundsatz,  zu  dem  Smith,  nach  den  Physiokraten,  aber
auf  einem  umfassenderen  und  wissenschaftlicheren  Wege  gelangt.
Aber  hier  wie  in  seinem  ganzen  Buche,  wird  Smith  von  dem
Bewußtsein  des  Positiven  und  des  Konkreten,  das  bei  ihm  so  ausgeprägt ­
  ist,  daran  gehindert,  sich  mit  einer  allgemeinen  Beweisführung
zu  begnügen.  Es  genügt  ihm  nicht,  das  Nutzlose  der  Einmischung
des  Staates  gegenüber  den  von  der  Gesellschaft  spontan  geschaffenen
Einrichtungen  zu  beweisen.  Es  liegt  ihm  vielmehr  daran,  nachzuweisen, ­
  daß  der  Staat  infolge  seiner  ganzen  Natur  ungeeignet  ist,
b  Völkerreichtum  II,  S.  160,  B.  IV,  Kap.  IX,  am  Ende.
        <pb n="128" />
        106

Erstes  Buch.  Die  Begründer.

sich  wirtschaftlich  zu  betätigen.  Seine  Gründe  füllen  die  Eilstkammer,
  der  seit  ihm  alle*  Gegner  des  Staatssozialismus  (etatisme)
ihre  Waifen  entnommen  haben.  Wir  führen  sie  kurz  an.
„Es  gibt,“  sagt  er,  „keine  zwei  Charaktere,  die  sich  weniger
miteinander  zu  vertragen  scheinen  (die  so  „inkonsistent“  sind),  als
der  Charakter  eines  Kaufmanns  und  der  eines  Fürsten“  1 ).  Die  Regierungen ­
  „sind  selbst  immer  und  ohne  alle  Ausnahme  die  größten  Verschwender ­
  in  der  Gesellschaft“  2 ).  Die  Gründe  hierfür  sind  zahlreich.
Erstens  verwenden  sie  das  Geld  der  anderen,  und  man  geht  stets
mit  dem  Geld  anderer  verschwenderischer  um,  als  mit  seinem  eigenen.
Und  weiter  steht  die  Regierung  den  einzelnen  Unternehmungen
viel  zu  fern,  um  ihnen  jene  genaue  Aufmerksamkeit  widmen  zu
können,  die  für  ihr  Gedeihen  notwendig  ist.  „Die  Fürsorge  des
Staates  kann  im  besten  Falle  doch  nur  eine  ganz  allgemeine  und
unbestimmte  Aufmerksamkeit  auf  das  sein,  was  zum  besseren  Anbau
des  größten  Teiles  seines  Gebietes  etwa  dienen  dürfte.  Die  Fürsorge
des  Grundherrn  hingegen  ist  eine  ganz  bestimmte,  bis  ins  kleinste
gehende  Aufmerksamkeit  darauf,  wie  er  jeden  Fußbreit  Landes  aufs
vorteilhafteste  nutzen  könne  3 ).“
Diese  zu  einer  guten  Bewirtschaftung  des  Bodens  und  der  Kapitalien ­
  notwendige,  eingehende  und  unmittelbare  Überwachung  ist  ein
Gedanke,  zu  dem  er  oft  zurückkehrt.  Daher  bedauert  er  unter  anderen
auch  das  Anwachsen  der  öffentlichen  Schuld,  denn  sie  läßt  einen  Teil
des  Bodens  und  des  Nationalvermögens  in  die  Hände  von  Rentiers
übergehen,  die  zweifelsohne  zwar  ein  Interesse  an  der  guten  Verwaltung ­
  des  Landes  haben,  jedoch  „der  gute  Anbau  irgend  eines  bestimmten ­
  Stückes  der  Ländereien  oder  die  gute  Verwendung  irgend
eines  bestimmten  Kapitals“ 4 )  liegt  außerhalb  ihrer  Interessen.
*  Alles  in  allem  ist  der  Staat  ein  schlechter  Verwalter,  weil  seine  Beamten ­
  nachlässig  und  verschwenderisch  sind,  weil  sie  kein  direktes
Interesse  an  der  Verwaltung  haben,*  sondern  aus  den  öffentlichen
Kassen  bezahlt  werden.  Bei  dem  Gedanken,  die  ganze  Verwaltung
des  Bodens  in  die  Hände  des  Staates  zu  legen,  ruft  er  aus:  „mit
der  nachlässigen,  kostspieligen  und  drückenden  Verwaltung  seiner
Faktoren  und  Agenten“  würde  nicht  der  vierte  Teil  der  jetzigen
Produktion  erzeugt  werden  5 ).  Er  schlägt  im  Gegenteil  vor,  daß

0  Yölkerreichtum  II,  S.  239,  B.  Y,  Kap.  II,  Teil  1.  Er  nimmt  nnr  die
Post  ans  —  „vielleicht  das  einzige  kaufmännische  Unternehmen,  welches,  glaube
ich,  von  jeder  Regierung  mit  gutem  Erfolge  betrieben  worden  ist“.
2 )  Yölkerreichtum  I,  S.  204,  B.  II,  Kap.  III.
3 )  Völkerreichtum  II,  S.  248,  B.  V,  Kap.  II,  Teil  2,  Abs.  1.
4 )  Völkerreichtum  II,  S.  311,  B.  V,  Kap.  III.
5 )  Völkerreichtum  II,  S.  242,  B.  V,  Kap.  II,  Teil  1.
        <pb n="129" />
        Kapitel  II.  Adam  Smith.
der  Rest  der  Domänen  unter  Privatpersonen  verteilt  wen
Hinsicht  haben  die  europäischen  Regierungen  seine  Rat?)
zu  gut  befolgt 1 ).  Aus  demselben  Grund  (das  persönliche
anzustacheln),  befürwortet  er  immer,  daß  überall  dort,  wo  es  möglich
ist,  die  Besoldungen  der  Beamten,  (anstatt  aus  einem  festen  Einkommen
zu  bestehen),  zum  Teil  von  denen,  die  ihrer  Dienste  bedürfen,  gezahlt
werden,  und  vor  allem  sollen  sie  im  Verhältnis  zu  ihrem  Eifer  und
zu  ihrem  Fleiß  stehen  (z.  B.  für  die  Richter  und  Professoren/) 2 ).
So  ist  die  Verwaltung  durch  den  Staat  stets  nur  ein  Notbehelf.
Das  ‘Eingreifen  des  Staates  muß  streng  auf  die  Fälle  beschränkt
werden,  wo  die  Tätigkeit  des  einzelnen  unmöglich  ist.  '  Smith  gesteht ­
  ihm  bloß  drei  Funktionen  zu:  die  Justizverwaltung,  die  Landesverteidigung ­
  und  endlich  „die  Pflicht,  gewisse  öffentliche  Werke  und
Anstalten  zu-  errichten  und  zu  unterhalten,  deren  Errichtung  und
Unterhaltung  niemals  in  dem  Interesse  eines  Privatmannes  oder  einer
kleinen  Zahl  von  Privatleuten  liegen  kann,  weil  der  Gewinn  daran
niemals  einem  Privatmanne  oder  einer  kleinen  Zahl  von  Privatleuten
Entschädigung  gewähren  würde,  obgleich  er  eine  große  Nation  oft
mehr  als  schadlos  hält“  8 )5
Hüten  wir  uns  aber,  seinen  Gedanken  zu  übertreiben.  Wenn
Smith  in  der  großen  Mehrzahl  der  Fälle  die  individuelle  Betätigung
vorzieht,  so  dürfen  wir  deshalb  nicht  auf  ein  unbegrenztes  Vertrauen
seinerseits  in  das  Individuum  schließen.  Der  Individualismus  Smith’s
ist  von  einer  ganz  besonderen  Art  :  er  besteht  nicht  in  einer  blinden
Vorliebe  für  jedes  Privatunternehmen.  Er  weiß,  daß  die  Industrie  ganz
natürlich  zum  Monopol  neigt.  „Leute  von  demselben  Gewerbe  kommen
selten  auch  nur  zum  Vergnügen  zusammen,  ohne  daß  ihre  Unterhaltung ­
  mit  einer  Verschwörung  gegen  das  Publikum  oder  einem
Plane  zur  Erhöhung  der  Preise  endigt 4 ).“  'Damit  ein  Privatunternehmen ­
  der  Allgemeinheit  nützlich  sei,  müssen  zwei  Bedingungen
gegeben  sein:  der  Unternehmer  muß  erstens  vom  persönlichen  Nutzen
getrieben  werden,  und  zweitens  muß  ihn  die  Konkurrenz  in  gerechten
Grenzen  halten.  Wenn  diese  beiden  Bedingungen  fehlen,  so  läuft
das  Publikum  Gefahr,  unter  einem  Privatunternehmen  ebenso  wie
1  £
unter  einem  staatlichen  Unternehmen  zu  leiden.
*So  ist  Smith  auch  ein  ausgesprochener  Gegner  gewisser  privater
Kollektivunternehmungen  wie  z.  B.  der  Aktiengesellschaften 5 ),  weil

b  Vgl.  im  besonderen  Bouhgin,  Les  Communaux  et  la  ßevolution
franqaise  in  der  Nouvelle  revue  liistorique  de  droit,  November-Dezember
  1908.
2 )  Völkerreichtum  II,  S.  203ff.,  B.  V,  Kap.  I,  Teil  3,  Abs.  2.
3 )  Yölkerreiohtum  II,  S.  160,  B.  IV,  Kap.  IX  am  Ende.
J )  Völkerreiobtura  I,  S.  75,  B.  I,  Kap.  X,  Teil  2.
6 )  Völkerreichtum  II,  S.  191,  B.  V,  Kap.  I,  Teil  3,  Abs.  1,  §  2.
        <pb n="130" />
        108

Erstes  Buch.  Die  Begründer.

das  persönliche  Interesse  dabei  verschwindet.  Nur  die  Banken,  die
Versicherungsgesellschaften,  die  Gesellschaften  zum  Bau  und  zur
Unterhaltung  von  Kanälen  und  die  Wasserversorgungsgesellschaften
größerer  Städte  entgehen  seiner  Mißbilligung;  denn  die  Leitung  dieser
Unternehmen  kann  ganz  mechanisch  geführt  werden,  „oder  läßt  sich
auf  ein  so  einförmiges  Verfahren  zurückbringen,  daß  dabei  wenig
oder  gar  keine  Veränderung  vorkommt“ 1 ).  Um  so  mehr  ist  er  gegen
jedes  Monopol,  das  einer  Privatperson  oder  einer  Gesellschaft  gewährt ­
  wird.  Er  widmet  ein  ganzes  Kapitel  der  Bekämpfung  jener
großen  im  17.  und  18.  Jahrhundert  entstandenen  privilegierten  Gesellschaften, ­
  die  sich  mit  der  Ausbeutung  des  Kolonialhandels  be-y
schäftigten,  und  deren  berühmteste  die  Ostindische  Kompagnie  war.
Noch  eine  weitere  Bemerkung  drängt  sich  auf.  Für  Smith  ist
die  Nichteinmischung  des  Staates  ein  allgemeiner  Grundsatz,  aber
keine  absolute  Kegel.  Er  ist  nichts  weniger  als  ein  Doktrinär.  Niemals ­
  vergießt  er,  daß  zu  jeder  Kegel  Ausnahmen  gehören.  Man
könnte  eine  interessante  Liste  aller  Umstände  aufstellen,  unter  denen
Smith  die  Intervention  der  öffentlichen  Gewalt  für  gerechtfertigt  erklärt: ­
  die  gesetzliche  Festlegung  des  Zinsfußes 2 ),  die  Verwaltung
der  Post  durch  den  Staat,  der  obligatorische  Volksschulunterricht,
die  für  die  Zulassung  zu  jedem  freiem  Berufe  oder  jedem  Vertrauensposten ­
  notwendigen  Staatsprüfungen,  die  Festsetzung  des  Minimalnennbetrages ­
  der  Banknoten  auf  fünl  Pfund 3 )  usw.,  usw.  In  einem
charakteristischen  Satze  hat  er  ganz  allgemein  seine  Meinung  mit
Hinsicht  gerade  auf  diese  Beschränkung  der  Freiheit  der  Banken
ausgedrückt:  „Allerdings  können  solche  Maßregeln  einigermaßen  für
eine  Verletzung  der  natürlichen  Freiheit  gelten;  allein  Ausübungen
der  natürlichen  Freiheit  weniger  Individuen,  die  die  Sicherheit  der
ganzen  Gesellschaft  gefährden,  werden  durch  die  Gesetze  aller  Staaten
eingeschränkt,  und  müssen  eingeschränkt  werden;  das  gilt  ebensosehr
von  den  freiesten  wie  von  den  despotischsten  Staaten 4 ).“
’)  Völkerreichtum  II,  S.  201,  B.  V,  Kap.  I,  Teil  3,  Ahs.  1,  §  2.
3 )  Völkerreichtum  I,  S.  211,  B.  II,  Kap.  IV,  am  Ende.  Wahrscheinlich
wurde  er  später  durch  Bentham’s  Buch;  Defense  of  usury,  das  1787  zugunsten
der  Darlehnsfreiheit  veröffentlicht  wurde,  zum  Gedanken  der  vollständigen  Freiheit
bekehrt,  wenn  man  einem  Gespräch,  das  1789  ein  Freund  Bbntham's  mit  Smith
hatte,  Glauben  schenken  will,  und  das  in  einem  Briefe  an  Bbntham  von  einem
anderen  seiner  Freunde,  George  Wilson,  wiedergegeben  ist.  Vgl.  J.  Bae,  Life  of
Adam  Smith,  S.  423.
3 )  Völkerreichtum  I,  S.  190,  B.  II,  Kap.  II.
4 )  Völkerreichtum  I,  S.  190,  B.  II,  Kap.  II.  Er  fährt  wie  folgt  fort:
„Brandmauern,  die  dem  Weitergreifen  des  Feuers  Vorbeugen,  sind  eine  ganz  ähnliche
Verletzung  der  natürlichen  Freiheit,  wie  die  hier  angeführten  Bankmaßregeln.“
Diese  Stelle  beweist,  daß  Smith  öffentliche  Verordnungen  zugunsten  der  materiellen
Sicherheit  der  Bürger  zugibt.  An  einer  anderen  Stelle  zeigt  er  sich  als  Anhänger
        <pb n="131" />
        Kapitel  II.  Adam  Smith.

109

Bei  all  diesen  Einschränkungen  bleibt  doch  die  Tatsache  nicht
weniger  klar  bestehen,  daß  das  ganze  Werk  Smxth’s  eine  Verteidigungsrede ­
  zugunsten  der  wirtschaftlichen  Entfesselung  des  Individuums ­
  ist.  Es  stellt  eine  Anklageschrift  gegen  die  merkantilistische
Politik  und  gegen  jedes  darauf  beruhende  wirtschaftliche  System  dar.
In  dieser  Hinsicht  besteht  eine  völlige  Übereinstimmung  zwischen
der  Rolle,  die  Smith  in  England  spielt,  und  der,  die  zur  gleichen  Zeit
die  Physiokraten  in  Frankreich  spielten.  Innen  wie  außen  war
damals  die  Freiheit  der  Produzenten,  der  Kaufleute  und  der  Arbeiter
durch  ein  Netz  von  Vorschriften  eingeschränkt,  von  denen  die  einen
in  den  Überlieferungen  des  Mittelalters,  die  anderen  in  mächtigen,
von  falschen  wirtschaftlichen  Theorien  getragenen  Privatinteressen
wurzelten.  In  den  Städten  bestand  noch  die  Zunftordnung,  obgleich
sie  nicht  mehr  auf  diejenigen  Industrien  anwendbar  war,  die  nach
dem  Erlaß  des  berühmten  Lehrlingsgesetzes  der  Königin  Elisabeth
entstanden  waren.  Das  Eeglementierungssystem  mit  seiner  Schar  von
Beamten,  die  die  Fabrikationsvorgänge,  das  Gewicht,  die  Länge,  die
Beschaffenheit  der  Stoffe  überwachen  sollten,  trieb  unter  anderen  sein
Unwesen  in  der  Wollindustrie 1 ).  Die  Festsetzung  der  Lehrzeit  auf
sieben  Jahre,  die  Beschränkung  der  Anzahl  der  Lehrlinge  in  den
Hauptindustrien,  die  Hindernisse,  die  der  Freizügigkeit  der  Arbeiter
in  Folge  des  „Armengesetzes“  und  einer  Reihe  von  Vorschriften,  die
seit  der  Regierung  Elisabeth’s  vervollständigt  waren,  entgegenstanden,
erschwerten  die  Arbeitsmöglichkeit  und  jede  gute  Kapitalanlage.  Smith
wendet  sich  energisch  gegen  alle  diese  Maßnahmen.  Zwar  waren  in
England  die  Hindernisse,  die  dem  Güterumlauf  im  Innern  Frankreichs
entgegenstanden,  unbekannt;  jedoch  gab  es  große  Handelsschranken
im  Verkehr  mit  Irland.  Die  Hindernisse,  unter  denen  Englands  Außenhandel ­
  litt,  waren  nicht  geringer  als  in  anderen  europäischen  Staaten:
Einfuhrverbote  oder  hohe  Zölle  auf  Manufakturerzeugnisse  und  gewisse ­
  Naturprodukte  (wie  französische  Weine),  Ausfuhrverbote  auf
gewisse  der  Nationalindustrie  notwendige  Erzeugnisse,  wie  Wolle
oder  Maschinen,  engherzige  oder  drückende  Politik  gegen  die  Kolonien,
die  als  natürliche  Lieferanten  von  Roherzeugnissen  für  die  Heimat
und  als  gezwungene  Abnehmer  ihrer  Manufakturprodukte  angesehen
wurden  usw.  Gegen  alle  diese  Maßnahmen,  die  vorgeblich  die  Vorherrschaft ­
  Englands  über  die  anderen  handeltreibenden  Völker

hygienischer  Maßnahmen  zum  Schutz  gegen  ansteckende  Krankheiten  (II,  S.  218,
B.  V,  Kap.  I,  Teil  3,  §  2).
Ü  Vgl.  Mantoux,  op,  cit.  S.  65—66.  In  diesem  Buch  finden  wir  über  alle
diese  Punkte,  die  wir  hier  nur  erwähnen  können,  sehr  interessante  Einzelheiten.
Die  neuen  restriktiven  Verordnungen  werden  von  Smith  im  2.  Teil  des  X.  Kapitels
des  1.  Buches  kritisiert.
        <pb n="132" />
        110

Erstes  Buch.  Die  Begründer.

sichern  sollten,  hat  Smith  sein  schwerstes  Geschütz  aufgefahren.  Das
vierte  Buch  der  VYealth  of  nations  ist  eine  flammende,  leidenschaftliche ­
  Anklageschrift  gegen  den  Merkantilismus,  bewunderungswürdig ­
  in  ihrer  genauen  Dokumentierung.  Es  ist  der  Teil  des  Buches,
der  seine  Zeitgenossen  am  meisten  interessieren  mußte,  und  der  uns
heute  als  der  veraltetste  erscheinen  würde,  wenn  Smith  hier  nicht
eine  ganze  Theorie  des  internationalen  Handels  und  eine
Kritik  des  Schutzzolles  eingefügt  hätte,  die  für  die  Geschichte  der
nationalökonomischen  Lehren  besonderes  Interesse  hat.  Wir  müssen
hierüber  einige  Worte  sagen.
Im  Kampfe  für  die  internationale  Handelsfreiheit  sind  Smith,
wie  in  so  vielen  anderen  Punkten,  die  Physiokraten  vorausgeeilt.
Aber  auch  hier  ist  er  ihnen  durch  die  Weite  seines  Blickes  überlegen. ­
  Der  Liberalismus  der  Physiokraten  wurzelt  im  Interesse  der
Landwirtschaft;  der  auswärtige  Handel  bleibt  ihnen  „Notbehelf“.
Smith  sieht  im  Gegenteil  den  äußeren  Handel  als  an  und  für  sich
vorteilhaft  an,  vorausgesetzt,  daß  er  zur  rechten  Zeit  einsetzt  und
sich  selbsttätig  entwickelt 1 ).  Wenn  aber  Smith  immerhin  über  den
physiokratischen  Gesichtspunkt  hinausgeht,  so  ist  er  doch  noch  nicht
zu  einer  befriedigenden  Theorie  gelangt.  Kicaedo  und  seinen  Nachfolgern, ­
  im  besonderen  Stuart  Mill,  war  es  Vorbehalten,  der  Theorie
des  internationalen  Plandels  eine  feste  Grundlage  zu  geben.  Die
Lehre  des  schottischen  Nationalökonomen  war  noch  unsicher;  aber
sogar  die  Unsicherheiten  eines  großen  Gelehrten  sind  manchmal
interessant.  Sie  verdienen  hier  aufgezählt  zu  werden.
Schon  bei  der  Darlegung  seiner  Geldtheorie  haben  wir  die  Gründe
betrachtet,  die  Smith  aus  ihr  gegen  die  Theorie  der  Handelsbilanz
ableitet.  Aber  die  Theorie  der  Handelsbilanz  ist  nicht  das  ganze
Schutzzollsystem,  und  man  findet  bei  Smith  noch  etwas  anderes  als
eine  Widerlegung:  zunächst  eine  Kritik  des  Schutzzollsystems  im
allgemeinen,  die  dessen  spezifisch  merkantüistische  Form  außer  acht
läßt,  und  weiter  eine  Untersuchung,  um  die  positiven  Vorteile  des
internationalen  Handels  auseinander  zu  setzen.
Seine  Kritik  des  Schutzzollsystems  stützt  sich  in  erster  Linie
auf  die  bekannte  Behauptung,  daß  das  Kapital  die  Industrie  begrenzt.
„Der  allgemeine  Gewerbefleiß  der  Nation  kann  niemals  weiter  gehen,
als  das  Kapital  der  Nation  reicht,  durch  welches  er  in  Gang  gesetzt
wird.“  Was  tut  aber  der  Schutzzoll?  Kann  er  das  Kapital  des  Landes
vermehren  ?  Keinesfalls!  „Er  kann  nur  einen  Teil  des  Gewerbfleißes
b  „Jeder  von  diesen  verschiedenen  Handelszweigen  ist  jedoch  nicht  nur  vorteilhaft, ­
  sondern  auch  notwendig  und  unausbleiblich,  wenn  der  natürliche  Lauf  der
Dinge  ohne  Zwang  oder  Gewaltsamkeit  dazu  führt“  (Volk  erreich  tum  I,  S.  219,
B.  II,  Kap.  V).
        <pb n="133" />
        Kapitel  II.  Adam  Smith.

111

in  eine  Richtung  hineinleiten,  die  er  sonst  nicht  genommen  haben
würde.“  Aber  ist  die  Richtung,  die  die  Privatpersonen  von  selbst
ihren  Kapitalien  geben,  nicht  auch  die,  die  für  den  Gewerbfleiß  eines
Landes  am  vorteilhaftesten  ist  ?  Hat  Smith  das  nicht  schon  bewiesen  ?
Das  Schutzzollsystem  ist  daher  nutzlos  und  sogar  schädlich 1 ).
Die  Beweisführung  erscheint  nicht  durchschlagend,  wenn  man
sich  die  oben  ausgeführte  Kritik  des  Optimismus  Smiths  vor  Äugen
hält.  Um  den  Ausdruck  Paeeto’s  auzuwenden,  ist  es  das  Maximum
an  Ophelimität,  nicht  das  Maximum  an  Nützlichkeit  (utilite),
das  die  Kapitalisten  unter  dem  Einfluß  des  Selbstinteresses  verwirklichen. ­

Der  Widersinn,  daß  ein  Land  mit  großen  Kosten  die  Gegenstände ­
  bei  sich  fabriziert,  die  das  Ausland  ihm  billiger  liefern  kann,
dient  Smith  zu  einem  weiteren,  noch  stärkeren  Beweise.  „Bei  jedem
klugen  Hausvater  ist  es  eine  Regel,  niemals  etwas  im  Hause  machen
zu  lassen,  was  ihm  weniger  kosten  würde,  wenn  er  es  kaufte  .  .  .
Was  aber  in  der  Plandlungsweise  einer  Familie  Klugheit  ist,  das
kann  in  der  eines  großen  Reiches  wohl  schwerlich  Torheit  sein 2 ).“
Welcher  Wahnsinn  ist  es,  in  Schottland  mit  großem  Aufwande  an
Treibhäusern  Wein  fabrizieren  zu  wollen,  den  man  billiger  aus
Frankreich  oder  Portugal  kommen  lassen  kann!  Das  wird  jeder  zugeben. ­
  Und  doch  besteht  dieser  Unsinn  überall  dort,  wo  man  uns
durch  Zolltarife  daran  hindert,  an  den  natürlichen  Vorzügen,  die
fremde  Nationen  vor  uns  voraus  haben,  teilzunehmen.  Die  ganze
„niedrige  Habsucht  und  der  Monopolgeist  der  Kaufleute  und
Gewerbetreibenden“ 3 )  ist  dazu  nötig  gewesen,  um  die  Nation
über  ihre  wirklichen  Interessen  so  sehr  zu  täuschen.  Nach  Smith
besteht  daher  eine  natürliche  Verteilung  der  Produktion  zwischen
den  verschiedenen  Ländern,  die  mit  dem  Vorteile  jedes  Landes  übereinstimmt. ­
  Das  Schutzzollsystem  hindert  uns,  daran  Teil  zu  haben;
ihm  steht  die  Anwendung  des  Prinzips  der  Arbeitsteilung  auf  die
internationale  Interessengemeinschaft  gegenüber.
Immerhin  ist  dieser  Beweis  nicht  schlüssig,  denn  das  Kapital
und  die  Arbeit  zirkulieren  nicht  zwischen  Volk  und  Volk  wie  im
Innern  desselben  Landes.  Die  Verteilung  der  Industrie  auf  die  verschiedenen ­
  Völker  regelt  sich  nicht  auf  Grund  der  absoluten  Produktionskosten, ­
  sondern  auf  Grund  der  relativen  Produktionskosten.
Das  Verdienst,  dies  nachgewiesen  zu  haben,  gebührt  Ricaedo.
Smith  ist  daher  in  seinem  Nachweis  der  Nachteile  des  Schutzzollsystems ­
  unvollständig,  und  dies  tritt  vielleicht  noch  mehr  in
')  Völkerreichtum  II,  S.  15,  B.  IV,  Kap.  II.
2 )  Volke  i;r  eicht  um  II,  S.  17,  B.  IV,  Kap.  II.
3 )  Völkerreiehtum  II,  S.  40,  B.  IV,  Kap.  III,  Teil  2.
        <pb n="134" />
        112  Erstes  Buch.  Die  Begründer.
seinem  Beweise  für  die  Vorteile  des  internationalen  Handels
zutage.
Der  entscheidende  Grund  zugunsten  der  Handelsfreiheit  ergibt
sich  aus  dem  Nutzen,  den  der  Verbraucher  davon  hat.  Die  Vermehrung ­
  der  ihm  zu  Gebote  stehenden  Gebrauchsgüter  macht  die
Überlegenheit  des  Freihandels  aus.  Wie  Stuaet  Mill  sagt:  „Alle
direkten  Vorteile  des  Außenhandels  beruhen  auf  der  Einfuhr 1 ).“
Dieser  Gesichtspunkt  wird  aber  bei  Smith  am  wenigsten  untersucht.
Er  schreibt  freilich:  „Die  Konsumtion  ist  der  einzige  Zweck  aller
Produktion  .  .  .,  allein  im  Merkantilsysteme  wird  das  Interesse  des
Konsumenten  fast  beständig  dem  des  Produzenten  aufgeopfert.“  Diese
Stelle  findet  sich  jedoch  erst  am  Ende  der  Kritik  des  Merkantilismus
im  8.  Kapitel  des  4.  Buches  (Bd.  II,  8.  143)  und  steht  noch  nicht
in  der  ersten  Ausgabe  des  Werkes.  Sie  ist  erst  in  der  dritten
Ausgabe  eingefügt  worden' 2  * ).
Im  Gegenteil,  Smith  stellt  sich  fast  stets  auf  den  Standpunkt
des  Produzenten,  um  die  Vorteile  des  internationalen  Handels  darzulegen ­
  s ).
Bald  sieht  er  darin  ein  Mittel,  das  einem  Lande  gestattet,  den
Überschuß  seiner  Produktion  auszuführen:  indem  die  fremden  Völker
ein  erweitertes  Absatzgebiet  darbieten,  bewirken  sie  eine  größere
Arbeitsteilung  in  dem  Ausfuhrlande  und  infolgedessen  eine  verstärkte
Produktionsfähigkeit 4 ).  —  Man  kann  aber  fragen,  weshalb,  anstatt
überflüssige  Gegenstände  herzustellen,  die  ausgeführt  werden  müssen,
das  Land  nicht  eher  selbst  die  Gegenstände  herstellt,  die  es  einführen ­
  muß  ?
Bald  stützt  sich  Smith,  um  zu  beweisen,  daß  beide  austauschenden
Völker  notwendigerweise  am  internationalen  Handel  ihren  Vorteil
finden  müssen,  auf  die  Tatsache,  daß  die  Kaufleute  beider  Länder
einen  Profit  erzielen,  und  der  Profit,  der  einen  tauschbaren  Wert  vorstellt, ­
  erhöht  die  Summen  der  tauschbaren  Werte.  Hierauf  antwortet

1 )  Principles  of  Political  Economy,  B.  III,  Kap.  XVII.
2 )  Allerdings  hat  er  schon  im  IV.  Buch,  Kap.  III,  Teil  2  (II,  8.  41)  gesagt:
„In  jedem  Lande  ist  es  und  muß  es  stets  der  Vorteil  der  großen  Masse  des  Volkes
sein,  ihren  Bedarf  von  denen  zu  kaufen,  die  ihn  am  wohlfeilsten  verkaufen.  Dieser
Satz  ist  so  durchaus  einleuchtend,  daß  es  lächerlich  wäre,  ihn  noch
besonders  beweisen  zu  wollen.“
s )  Betreff  der  Getreidezölle  schreibt  er;  „Die  Einführung  fremden  Getreides
und  Viehes  fortdauernd  zu  verhüten,  heißt  in  der  Tat  nichts  anderes  als  festsetzen,
daß  die  Bevölkerung  und  Industrie  des  Landes  zu  keiner  Zeit  höher  steigen  soll,
als  das  Rohprodukt  des  eigenen  Bodens  sie  erhalten  kann“  (II,  S.  21,  B.  IV,  Kap.  II).
—  Er  stellt  sich  daher  stets  auf  diesen  Standpunkt  des  Bevölkerungs-  und  Arbeitswaohstums
  und  nicht  auf  den  des  Verbrauches.  &amp;lt;
4 )  Völkerreichtum  I,  S.  219,  B.  II,  Kap.  V.  —  Vgl.  II,  8.12,  B.  IV,  Kap.  I
        <pb n="135" />
        Kapitel  II.  Adam  Smith.

113

Ricardo  mit  Recht,  daß  der  Profit  eines  Kaufmannes  nicht  notwendigerweise ­
  die  Menge  der  Gehrauchsgüter  in  einem  Lande  vermehrt.
Wiederum  ist  Smith  hier,  wie  schon  den  Physiokraten  gegenüber, ­
  unbewußt  dem  Einfluß  seiner  eigenen  Gegner  unterlegen.  Er
hat  den  Merkantilismus  noch  nicht  genügend  abgestreift,  um  sich
nicht  vor  allen  Dingen  mit  dem  Interesse  der  Produzenten  zu  befassen. ­
  Daher  fimhj^mau  bei  dem  großen  Gelehrten  ausgezeichnete
Beweisführungen  neben  bestreitbaren  Gesichtspunkten.  Der  Widerspruch ­
  scheint  ihm  selbst  nicht  klar  geworden  zu  sein.  Alles  drängte
mit  unwiderstehlicher  Gewalt  nach  einer  freieren  Politik.  Diese
Strömung  war  viel  zu  mächtig,  als  daß  ihre  Zeitgenossen  in  der  Lage
gewesen  wären,  Satz  für  Satz  jeden  Teil  der  These  Smith’s  zu  untersuchen. ­
  Es  genügte  ihnen,  bei  ihm  eine  glühende  Verteidigung  zugunsten ­
  eines  verführerischen  Zieles  zu  finden.
Mehr  als  einmal  haben  wir  schon  auf  die  genau  abwägende  Bedachtsamkeit
  Smith’s  in  der  Anwendung  seiner  Grundsätze  hingewiesen.
Auch  hier  müssen  wir  sie  nochmals  hervorheben.
Theoretisch  Anhänger  des  absoluten  Freihandels,  unterläßt  er  es
nicht,  bei  der  praktischen  Anwendung  dieser  Politik  Einschränkungen
zu  machen,  die  sein  gesunder  Menschenverstand  ihm  aufdrängt.  „Die
Hoffnung  zu  hegen“,  sagt  er,  „daß  die  Handelsfreiheit  in  Großbritannien ­
  jemals  vollkommen  hergestellt  wmrde,  ist  freilich  ebenso
töricht,  als  wenn  man  erwarten  wollte,  daß  hier  einmal  eine  Oceana
oder  ein  Utopien  zustande  kommen  werde.  Dem  stehen  nicht  nur
die  Vorurteile  des  Publikums,  sondern,  was  noch  weit  unbezwinglicher
  ist,  die  Privatiuteressen  vieler  einzelner  geradezu  im  Wege“. 1 )
Diese  Voraussage  ist,  wie  so  viele  andere,  durch  die  Tatsachen
widerlegt  worden.  England  hat  im  19.  Jahrhundert  fast  vollständig
die  „Utopie“  des  absoluten  Freihandels  verwirklicht.
Ohne  Illusionen  über  die  Zukunft,  verurteilt  er  ebensowenig
alle  Maßnahmen  der  Vergangenheit.  Er  rechtfertigt  sogar  selbst
gewisse  Akte  der  merkantilistischen  Politik.  So  schreibt  er,  daß  die
Navigationsakte 2  3  * )  dem  Handel  nicht  günstig  gewesen  sind;  sie
waren  aber  vielleicht  die  weiseste  handelspolitische  Verordnung
Englands,  denn  „die  nationale  Verteidigung  ist  weit  wichtiger  als
Reichtum“  8 ).  In  einem  anderen  Falle  tritt  er  für  die  Berechtigung
‘)  Völkerreichtum  II,  S.  26,  B.  IV,  Kap.  II  am  Ende.
2 )  Man  nennt  „Navigationsakte  (Acts  of  navigation)  eine  Reihe  von  Gesetzen,
deren  wichtigste  ans  der  Zeit  Cromwell’s  stammen.  Ihr  Zweck  war,  den  englischen
Handel  zu  zwingen,  sich  fast  ausschließlich  englischer  Schiffe  zu  bedienen,  um  so
eine  starke  englische  Flotte  zu  schaffen  und  die  Vorherrschaft  der  holländischen
Schiffe  zu  vernichten.  Diese  Gesetze  scheinen  auch  wirklich  außerordentlich  zu  der
enormen  Entwicklung  der  englischen  Flotte  beigetragen  zu  haben.
3 )  Völkerreiohtum  II,  S.  22,  B.  IV,  Kap.  II.
Gide  und  Rist,  Gesell,  d.  Volkswirtschaft!.  Lehrmeinungen.  8
        <pb n="136" />
        114

Erstes  Buch.  Die  Begründer.

der  Einfuhrzölle  ein,  wenn  nämlich  die  im  Lande  hergestellten
gleichen  Waren  einer  Binnenstener  unterliegen;  in  diesem  Falle  stellt
der  Zoll  nur  die  durch  die  Steuer  gestörten  normalen  Konkurrenzbedingungen ­
  wieder  her.  Auch  verwirft  er  Vergeltungszölle  nicht
absolut,  wenn  sie  auf  Abschaffung  fremder  Zölle  hinzielen 1 ).  Und
endlich  gibt  er  zu,  daß  für  Industrien,  die  seit  langem  durch  Zölle
besonders  geschützt  waren,  und  die  eine  große  Anzahl  Arbeiter  beschäftigen, ­
  die  Zollfreiheit  nur  allmählich  eingeführt  werden  könne 2  3 ).
Smith  kommt  zu  folgenden  praktischen  Schlußfolgerungen;  an
Stelle  der  zahllosen  Zölle,  die  die  Einfuhr  und  die  Produktion  erschweren, ­
  sollte  England  sich  mit  einer  gewissen  Anzahl  rein  fiskalischer
Zölle  auf  solche  ausländische  Waren  begnügen,  deren  Verbrauch
sehr  allgemein  ist;  wie  Wein,  Alkohol,  Zucker,  Tabak,  Kakao.  Dieses
mit  einer  weitgehenden  Handelsfreiheit  völlig  vereinbare  System
würde  der  Staatskasse  sehr  bedeutende  Einnahmen  sichern  und  die
Verluste,  die  sich  für  sie  aus  der  Einführung  des  Freihandels  ergeben, ­
  reichlich  ersetzen  8 ).
England  ist  diesem  Vorschläge  gefolgt,  und  sein  heutiges  Zollsystem ­
  beruht  auf  dieser  Basis.  Wenige  Nationalökonomen  können
sich  einer  so  vollständigen  Verwirklichung  ihrer  Ideen  rühmen.
§  4.  Einfluß  und  Verbreitung  der  Gedanken  Ä.  Smith’s.
J.-B.  Say.
Das  Losungswort  des  18.  Jahrhunderts  war  Vereinfachung.  Die
Auffassung,  die  Smith  uns  vom  Wirtschaftsleben  gibt,  ist  ein  bewunderungswürdiges ­
  Beispiel  davon.  Hierin  liegt  ihr  Eeiz  und
die  Gewalt,  die  sie  auf  die  Zeitgenossen  ausübte.  Das  System  der
natürlichen  Freiheit,  das  das  philosophisch-politische  Streben  jener
Zeit  erfüllte,  schien  sich  hier  mit  so  starker  Beweiskraft  aus  der
menschlichen  Natur  zu  ergeben,  und  wurde  mit  einer  solchen  Fülle
übereinstimmender  Tatsachen  vorgetragen,  daß  kein  Zweifel  au  seiner
ßichtigkeit  mehr  möglich  war.  Noch  heute  sind  wir  nicht  imstande,
uns  seinem  Zauber  zu  entziehen.  Sollte,  was  wir  nicht  glauben,  ein
Tag  kommen,  an  dem  von  den  Gedanken  A.  Smith’s  nichts  mehr
*)  Aber  „wenn  keine  Wahrscheinlichkeit  dafür  vorhanden  ist,  daß  man  solchen
Widerruf  durchsetzen  könne“,  so  verwirft  er  Vergeltungsmaßregeln,  „denn  es  scheint
eine  schlechte  Methode  zu  sein,  den  Schaden,  der  gewissen  Klassen  unseres  Volkes
zugefügt  wird,  dadurch  wieder  gutmachen  zu  wollen,  daß  wir  selbst  nicht  nur  diesen
Klassen,  sondern  auch  fast  allen  übrigen  Schaden  zufügen“  (II,  S.  24,  B.  IV,  Kap.  II).
2 )  Die  Besprechung  dieser  verschiedenen  Fälle  findet  sich  am  Ende  des
II.  Kapitels  des  IV.  Buches.
3 )  Dies  System  wird  im  V.  Buch,  Kap.  II,  2.  Teil,  §  5  erörtert.
        <pb n="137" />
        Kapitel  II.  Adam  Smith.

115

übrig  bliebe,  so  würde  doch  sein  Werk  als  das  gewaltigste  Monument
einer  der  bedeutendsten  Epochen  der  volkswirtschaftlichen  Forschung
bestehen  bleiben.  Stellt  es  doch  den  prächtigsten  Versuch  dar,  in
einem  einzigen  harmonischen  Überblicke  die  unendliche  Mannigfaltigkeit ­
  des  wirtschaftlichen  Lebens  zu  erfassen.
Aber  in  dieser  Vereinfachung  liegt  gleichzeitig  seine  Schwäche.
Um  sie  zu  erreichen,  hat  Smith  mehr  als  eine  Tatsache  übergehen
müssen,  die  sich  seinem  Systeme  nicht  einfügen  ließ.  Auch  war  er
gezwungen,  unvollständige  und  ungenügende  Mittel  zu  verwenden.
Was  besteht  heute  noch  von  vielen  der  Einzeltheorien,  die  sein  Werk
anfüllen,  wie  Preistheorie,  Lohntheorie,  Theorie  des  Profites  und  der
Kente,  Theorie  über  den  internationalen  Handel  oder  über  das  Kapital?
Jede  ist  verbessert,  überflügelt  oder  bestritten  worden.  Und  im  Maß,
wie  Teile  des  Gebäudes  verfielen,  erschien  das  Ganze  immer  weniger
standfest.  Gleichzeitig  ergaben  sich  neue  Gesichtspunkte,  die  Smith
anscheinend  zu  wenig  beachtet  hatte.  An  Stelle  des  wohltuenden
Eindruckes  der  Einfachheit  und  Sicherheit,  den  die  Nationalökonoinen
am  Anfang  des  19.  Jahrhunderts  aus  dem  Werk  Smith’s  empfingen,
drängte  sich  ihren  Nachfolgern  langsam  das  Bild  der  stetig  steigenden
Verwicklung  der  Tatsachen  auf.
Wenn  wir  hier  eine  Kritik  Adam  Smith’s  einfügen  wollten,  so
würde  das  auf  eine  Darstellung  der  Geschichte  der  volkswirtschaftlichen ­
  Lehren  des  19.  Jahrhunderts  hinauslaufen,  und  damit  den
übrigen  Inhalt  dieses  Buches  vorwegnehmen.  Ein  schöneres  Lob
seines  Werkes  läßt  sich  kaum  denken.  Die  Geschichte  der  nationalökonomischen ­
  Ideen  hat  sich  ein  ganzes  Jahrhundert  hindurch
nicht  von  seinem  Werke  lösen  können.  Anhänger  und  Feinde  haben
es  gleichmäßig  zum  Ausgangspunkt  ihrer  Untersuchungen  gemacht.
Die  einen  haben  es  weiterentwickelt,  fortgeführt  und  verbessert,
die  anderen  haben  hartnäckig  und  verbissen  seine  Grundgedanken ­
  bekämpft.  Alle  haben  aber  in  stillschweigender  Übereinstimmung ­
  anerkannt,  daß  die  Wissenschaft  der  Nationalökonomie
mit  ihm  begonnen  hat,  und  daß  es  nutzlos  sei,  hinter  ihn  zurückzugehen.
Wie  sein  französischer  Übersetzer,  Gaeniee,  sagt,  bedeutet  sein  Buch
„eine  vollständige  Umwälzung  der  Wissenschaft“ x ).  Noch  heute,
obgleich  uns  der  „Völkerreichtum“  nicht  mehr  als  eine  erschöpfende ­
  wissenschaftliche  Abhandlung  über  Nationalökonomie  gilt,
bleiben  gewisse  seiner  Grundgedanken  unbestreitbar:  seine  Theorie
des  Geldes,  die  Bedeutung  der  Arbeitsteilung,  die  grundsätzliche
Holle  der  spontanen  wirtschaftlichen  Tatsachen,  der  beständige  Einfluß ­
  d^s  persönlichen  Interesses  auf  das  wirtschaftliche  Leben,

h  Vorwort  zu  der  franz.  Übersetzung;  Ausg.  1821,  S.  69.

8*
        <pb n="138" />
        116

Erstes  Buch.  Die  Begründer.

Freiheit  als  Basis  einer  rationellen  Wirtschaftspolitik,  alle  diese
Gedanken  erscheinen  uns  als  dauernder  Erwerb.
Die  Unvollkommenheiten  des  Werkes  Smith’s  werden  sich  ganz
natürlich  aus  den  folgenden  Kapiteln  ergehen.  Wir  brauchen,  um
die  Darstellung  seiner  Lehre  zu  vervollständigen,  nur  noch  auf  ihre
Verbreitung  in  der  Welt  einzugehen.
Die  rapide  Ausbreitung  und  der  unbestrittene  Sieg  der  Gedanken
Smith’s  in  Europa  ist  eine  der  merkwürdigsten  Tatsachen  in  der
Geschichte  der  Ideen.  Einer  seiner  Zeitgenossen  hat  von  ihm  gesagt: ­
  „Smith  wird  die  jetzige  Generation  überzeugen  und  die  folgenden
beherrschen 1 ).“  Die  Geschichte  hat  ihm  recht  gegeben.  Es  würde
aber  übertrieben  sein,  den  Triumph  seiner  Ideen  allein  dem  Einflüsse
seines  Buches  zuzuschreiben.  Die  Ereignisse  haben  zum  großen  Teile
dabei  mitgewirkt.
Mit  Recht  stellt  Mantoux  fest,  daß  der  Krieg  in  Amerika  weit
mehr  als  die  Schriften  Smith’s  die  Hinfälligkeit  der  alten  Wirtschaftspolitik ­
  bewies  und  ihren  Verfall  beschleunigte 2 ).  Aus  dem
Abfall  der  amerikanischen  Kolonien  ergaben  sich  zwei  Tatsachen;
erstens  die  Gefahren  eines  Kolonialsystems,  das  die  blühendsten
Kolonien  zum  Aufstand  trieb,  und  zweitens  das  Nutzlose  des  Schutzzollsystems; ­
  denn  der  Güteraustausch  zwischen  England  und  den
Vereinigten  Staaten  war  sogleich  nach  dem  Unabhängigkeitskrieg
bedeutender  als  je  zuvor.  „Der  Schaden,  den  England  durch  den
Verlnst  seiner  nordamerikanischen  Kolonien  erlitten  hat,“  schreibt
J.-B.  Say  im  Jahre  1803,  „ist  ein  Gewinn  für  das  Mutterland  gewesen. ­
  Einen  Zweifel  an  dieser  Tatsache  habe  ich  nirgends  gefunden ­
 3 ).“  Dem  amerikanischen  Kriege  schlossen  sich  kurz  darauf
andere  Umstände  an:  die  zwingende  Notwendigkeit,  Absatzwege  zu
finden,  in  der  sich  nach  Beendigung  der  napoleonischen  Kriege  die
englischen  Fabrikanten  mit  ihren  vervollkommneteren  maschinellen
Einrichtungen  befanden;  und  weiterhin  ihre  Überzeugung,  daß  die
infolge  der  landwirtschaftlichen  Schutzzölle  hohen  Getreidepreise  die
Lohnkosten  erhöhten.  Diese  beiden  Gründe  genügten,  um  in  ihnen
den  Wunsch  nach  einer  allgemeinen  Erniedrigung  der  Zollschranken
lebendig  zu  machen.
Die  Gedanken  Smith’s  über  den  auswärtigen  Handel,  wie  die
über  den  Binnenhandel  sind  stets  von  den  Ereignissen  getragen
worden.

')  J.  Bab:  Life.of  A.  Smith,  S.  103.  Übrigens  kennt  man  den  Urheber
dieses  berühmten  Satzes  nicht.
2 )  Mantoux,  La  revolution  industrielle,  S.  83.  Halüvy  führt  den  gleichen
Gedanken  in  seinem  Buch:  „La  Jeunesse  de  Bentham“  S.  193  (Paris  1801),  aus.
3 )  J.-B.  Say,  Traite,  1.  Ausg.,  8.  240.
        <pb n="139" />
        Kapitel  II.  Adam  Smith.

117

Die  französische  Revolution,  die  in  ihren  wirtschaftlichen  Maßnahmen ­
  hauptsächlich  von  den  Grundsätzen  der  Physiokraten  ansging, ­
  hatte  allen  freiheitlichen  Prinzipien  einen  mächtigen  Aufschwung ­
  gegeben.  Überall  auf  dem  Kontinent  ist  ihr  Einfluß  ersichtlich. ­
  Sogar  in  England,  wo  dieser  Einfluß  geringer  war,  drängte
alles  dem  laisser-faire  zu.  Pitt  wollte  Irland  von  veralteten  Einschränkungen ­
  befreien,  w T as  er  durch  das  Einverleibnngsgesetz  (act
of  union)  vom  Jahre  1800  erreichte.  Die  Verordnungen  der  Königin
Elisabeth  über  die  Lehrlinge,  die  Arbeitszeit,  die  Festsetzung  des
Lohnes  durch  die  Friedensrichter,  erschienen  täglich  mehr  veraltet,
je  mehr  sich  die  Großindustrie  entwickelte.  Alle  Geschichtsschreiber
der  industriellen  Umwälzung  haben  den  Kampf,  der  sich  auf  diesem
Gebiete  zwischen  Arbeitgeber  und  Arbeitnehmer  abspielte,  beschrieben.
Die  Arbeiter  klammerten  sich  verzweifelt  an  die  alte  Gesetzgebung,
in  der  sie  ihren  einzigen  Schutz  gegen  zu  schnelle  Veränderungen  erblickten. ­
  Die  Arbeitgeber  lehnten  es  ab,  in  der  Anwerbung  ihrer
Arbeiter  oder  in  dem  inneren  Betriebe  ihrer  Fabriken  irgendwie  beschränkt ­
  zu  werden.  Sie  wollten  ihre  Maschinen  möglichst  lange
laufen  lassen  und  Löhne  zahlen,  wie  sie  ihnen  paßten.  Unter  ihren
beständigen  Angriffen  zerbröckelte  nach  und  nach  das  alte  Lehrlingsgesetz. ­
  Eine  Bestimmung  nach  der  anderen  wird  vom  Parlament
abgeschafft.  1814  sind  seine  letzten  Spuren  auf  immer  verschwunden.
Diese  Umstände  hatte  Smith  nicht  voransgesehen.  Es  war  ihm
nicht  eingefallen,  den  „Kaufleuten  und  Fabrikanten“  zu  Liebe  zu
schreiben.  Im  Gegenteil,  er  hatte  nicht  aufgehört,  ihre  Monopolsucht
anzugreifen.  Und  plötzlich  werden  die  Fabrikanten  und  Kaufleute
infolge  des  Laufes  der  Dinge  seine  besten  Verbündeten.  In  ihrem
Kampf  liefert  sein  Werk  ihnen  die  Waffen,  und  seine  Autorität  ist
ihre  Stütze.
Diese  Autorität  war  übrigens  im  steten  Wachsen.  Sogleich  nach
dem  Erscheinen  des  Volkerreichtums  hatten  Männer  wie  Hume
und  der  Historiker  Gibbon  Smith  und  seinen  Freunden  ihre  Bewunderung ­
  über  das  neue  Werk  ausgesprochen.  Ein  Jahr  darauf
entlieh  ihm  der  Premierminister  Lord  Nouth  den  Gedanken  neuer
Steuern,  die  er  brauchte:  die  Steuer  auf  Wohnhäuser  und  die  Steuer
auf  Malz.  Smith  sollte  eine  noch  bedeutendere  Bekehrung  zustande
bringen:  die  Pitt’s,  der  bei  Erscheinen  des  Völkerreichtums  noch
Student  war  und  später  sich  stets  als  Anhänger  Smith’s  bezeichnete.
Kaum  Minister  geworden,  bemühte  er  sich,  Smith’s  Ideen  zu  verwirklichen. ­
  Er  war  es,  der  den  ersten  liberalen  Handelsvertrag  mit
Frankreich  Unterzeichnete:  den  Eden-Vertrag  1 ),  von  1786.  Als  Smith

0  Nach  dem  Namen  seines  englischen  Hauptunterhändlers,  Lord  Eden.
        <pb n="140" />
        118

Erstes  Buch.  Die  Begründer.

1787  nach  London  kam,  traf  Pitt  mehrfach  mit  ihm  zusammen  und
besprach  mit  ihm  seine  Finanzprojekte.  Man  erzählt  sogar,  daß
Smith  einmal  gesagt  habe,  als  er  von  einer  dieser  Besprechungen
zurückkam:  „Was  für  ein  außerordentlicher  Mensch  doch  dieser  Pitt
ist;  er  versteht  meine  Ideen  besser  als  ich  selber.“
Während  Smith  so  die  bedeutendsten  Männer  seiner  Zeit  für
sich  gewann,  drang  sein  Buch  mehr  und  mehr  in  das  große  Publikum.
Nach  seiner  ersten  Ansgabe  erschienen,  noch  zu  Lebzeiten  des  Verfassers, ­
  vier  weitere  Ausgaben  seines  Werkes 1  2 ).  Die  dritte,  die  1784
herauskam,  unterscheidet  sich  von  der  ersten  durch  wichtige  Erweiterungen ­
  und  Verbesserungen.  Vom  Tode  des  Verfassers  im  Jahre
1790  bis  zum  Ende  des  Jahrhunderts  wurden  noch  drei  weitere  Auflagen ­
  veröffentlicht  -).
Zur  selben  Zeit  verbreitete  sich  sein  Werk  mit  dem  gleichen  Erfolge
über  Europa.  In  Frankreich  war  Smith  schon  durch  seine  Theorie  der
Moralgefühle  bekannt.  Der  erste  Hinweis,  der  in  Frankreich  auf
den  Völker  reich  tum  gemacht  worden  ist,  erschien  im  Februar
*1777  in  einer  Notiz  des  Journal  des  Savants.  In  dieser  Notiz  findet
sich,  nach  einigen  Zeilen  über  die  Vorzüge  des  Werkes,  folgende  merkwürdige ­
  Meinung  ausgedrückt:  „Einige  unserer  Schriftsteller,  die  es
gelesen  haben,  sind  nicht  der  Ansicht,  daß  es  ein  Buch  sei,  dessen
Übersetzung  in  unsere  Sprache  lohne.  Unter  anderen  Gründen  behaupten ­
  sie,  daß  kein  Privatmann  bereit  sein  würde,  gegenüber  der
Unsicherheit  über  die  Aufnahme,  die  eine  solche  Übersetzung  finden
würde,  die  Kosten  der  Drucklegung  zu  tragen,  und  daß  die  Verleger
dieses  Risiko  noch  weniger  übernehmen  würden.  Sie  geben  aber  zu,
daß  das  Buch  an  merkwürdigen  und  mehr  noch  an  nützlichen  Gesichtspunkten ­
  und  Belehrungen  reich  ist,  von  denen  sogar  Staatsmänner
profitieren  könnten.“  —  Trotz  der  Meinung  „unserer  Schriftsteller“
folgten  sich  jedoch  zahlreiche  Übersetzungen,  in  Frankreich  sowohl  wie
auch  in  anderen  europäischen  Ländern.  In  etwa  20  Jahren,  zwischen
1779  und  1802,  fand  Smith  in  Frankreich  vier  verschiedene  Übersetzer.
Dies  zeigt  zur  Genüge  das  Interesse,  das  sein  Buch  erregte 3 ).
1 )  In  1778,  1784,  1786  und  1789.
2 )  In  1791,  1793  und  1796.
s )  1796  schrieb  Prof.  Kraus,  daß  nach  dem  Neuen  Testament  kein  Buch  einen
wohltätigeren  Einfluß  auszuüben  bestimmt  sei,  sobald  es  besser  bekannt  sein  würde
(J.  Rae,  8.  860).  Am  Anfang  des  XIX.  Jahrhunderts  wurde  sein  Einfluß  tatsächlich
überwiegend.  Alle  preußischen  Staatsmänner,  die  mit  Stein  die  einschneidenden
Reformen,  aus  denen  das  moderne  Preußen  entstehen  sollte,  vorbereiteten  und  verwirklichten, ­
  waren  von  den  Gedanken  Adam  Smith’s  erfüllt,  und  der  preußische  Zolltarif ­
  von  1821  war  der  erste  europäische  Tarif,  in  dem  sie  mit  voller  Absicht  angewendet ­
  wurden  (vgl.  Roscher,  Geschichte  der  Nationalökonomik  in
Deutschland).
        <pb n="141" />
        Kapitel  II.  Adam  Smith.

119

Wenige  Werke  haben  einen  so  vollständigen,  so  allgemeinen  Erfolg ­
  verzeichnen  können.  Trotzdem  verbreiteten  sich  nach  der  Ansicht ­
  der  Bewunderer  Smith’s  seine  Ideen  noch  nicht  schnell  genug.
Sie  machten  hierfür  die  Fehler  der  Einteilung  des  Buches  verantwortlich, ­
  über  die  man  sich  seit  dem  Erscheinen  des  Völkerreichtums ­
  beklagt  hatte.  Wenn  auch  die  Einheitlichkeit  des  inneren
Aufbaüs  gut  durchgeführt  ist,  so  scheint  sich  Smith  doch  nicht  darum
gekümmert  zu  haben,  ihr  auch  äußerlich  eine  systematische  Form  zu
geben.  Um  diese  Einheit  zu  finden,  muß  man  eine  wirkliche  Anstrengung ­
  machen.  Vielleicht  hat  Smith  ein  gewisses  Gefallen  daran
gehabt,  das  Buch  wie  eine  ungezwungene  Rede  abzufassen,  und  man
meint  manchmal,  ein  einfaches  Gespräch  mit  anzuhören.  Die  allgemeinen ­
  Formeln,  in  denen  er  seine  Gedanken  zusammenfaßt,  erscheinen
oft  in  der  Mitte  oder  am  Ende  eines  Kapitels,  als  ob  sie  ihm  ganz
plötzlich  erst  im  selben  Augenblick  gekommen  wären,  als  der  soeben
auftauchende  kurze  Ausdruck  für  alles,  was  vorhergeht,  Auf  der
anderen  Seite  ist  die  Untersuchung  gewisser  Fragen,  wie  z.  B.  die
des  Geldes,  über  das  ganze  Buch  verstreut:  sie  wird  an  mehr  als
zehn  Stellen  behandelt.  Hume  drückte  Smith  schon  am  1.  April  1776
seine  Zweifel  an  der  Volkstümlichkeit  des  Buches  aus,  „weil  seine
Lektüre  notwendig  gespannteste  Aufmerksamkeit  verlangt“.  Sartorius
schob  1794  den  langsamen  Erfolg  der  Ideen  Smith’s  in  Deutschland
der  Schwierigkeit  dieser  Lektüre  zu.  Germain  Garnier  schickte
seiner  französischen  Übersetzung  einen  methodischen  Plan  voraus,  um
seinen  Lesern  das  Studium  des  Buches  zu  erleichtern.  Jedermann
gab  zu,  daß  das  Werk  außerordentlich  bedeutend,  aber  schlecht  angeordnet, ­
  schwer  zu  verstehen  und  stellenweise  verworren  und  ungenau
sei.  Say,  der  das  Buch  „ein  riesiges  Chaos  von  richtigen  Ideen,  in
wirrer  Mischung  mit  positiven  Kenntnissen“  r )  nannte,  drückte  damit
die  Meinung  aller  Leser  desselben  aus.

Um  völlig  durchzudringen,  bedurfte  Smith  —  wenigstens'auf  dem
Kontinent  —  eines  Dolmetschers,  dem  es  gelingen  sollte,  die  Ideen
Smith’s  „in  eine  methodisch  festurarissene  Lehre  zu  fassen“ 1  2 )  und
von  unnötigen  Abschweifungen  freizuhalten.  Diese  Aufgabe  übernahm ­
  J.-B.  Say.  Unter  anderen  Verdiensten  (denn  es  ist  nicht  sein
einziges),  ist  "  Ihm  das  der  Verbreitung  der  Gedanken  des  großen
Schotten  auf  dem  Kontinent  zuzuschreiben,  indem  er  dem  Werke
Smith’s  eine  sozusagen  klassische  Form  gab.  Merkwürdigerweise  fiel
1 )  Vorrede  zum  Traite  d’economie  politique,  1.  Ansg.,  8.  VI  (dieser
Satz  ist  in  der  6.  Ansg.  gestrichen).
2 )  J.-B.  Say,  Traite,  1.  Ausg.,  Vorrede,  S.  XXXIII.
        <pb n="142" />
        120

Erstes  Buch.  Die  Begründer,

also  einem  Franzosen  die  Aufgabe  zu,  die  erste  französische  Schule
von  Nationalökonomen  zu  diskreditieren  und  der  englischen  Nationalökonomie ­
  ihre  schnelle  Ausdehnung  zu  erleichtern.
J.-B.  Say 1 )  war  im  Jahre  1789  23  Jahre  alt  und  Sekretär
Clavieebs’,  der  1792  Finanzminister  wurde,  und  damals  den  Posten
eines  Direktors  einer  Versicherungsgesellschaft  bekleidete.  Say  fand
bei  ihm  ein  Exemplar  des  SMiTn’schen  Buches,  das  Clavieres  oft
studierte.  Er  las  einige  Seiten  darin  und  ließ  sich  sogleich  den
„Völkerre  ich  tum“  kommen 2 ).  Das  Buch  machte  einen  tiefen
Eindruck  auf  ihn.  „Wenn  man  dieses  Werk  liest,  so  drängt  sich
einem  die  Überzeugung  auf,  daß  es  vor  Smith  keine  Nationalökonomie
gab“,  schreibt  er  Vierzehn  Jahre  später,  im  Jahre  1803,  erschien
der  „Traite  d’Economie  Politique“  (Abhandlung  über  politische
Ökonomie).  Das  Buch  erzielte  schnell  einen  großen  Erfolg,  und  die
zweite  Ausgabe  wäre  bald  darauf  erschienen,  wenn  der  erste  Konsul
den  Druck  nicht  untersagt  hätte.  Der  Freimut  Say’s,  der  sich
weigerte,  seinen  Finanzplänen  als  Anwalt  zu  dienen,  war  Bonapaete
unbequem.  Zur  gleichen  Zeit  erwirkte  er  den  Ausschluß  des
Verfassers  aus  dem  Tribunat.  Say  hat  daher  mit  der  Herausgabe
der  zweiten  Auflage  bis  1814  gewartet.  Von  da  an  folgten  schnell
weitere  Ausgaben  (1817,  1819  und  1826).  Das  Buch  wurde  in  eine
ganze  Anzahl  von  Sprachen  übersetzt.  Das  Ansehen  Say’s  wuchs
beständig.  Er  gelangte  zu  europäischer  Berühmtheit,  und  mit  ihm
eroberten  nach  und  nach  die  Gedanken  Smith’s,  die  er  in  logischem
Aufbau  klargestellt  und  auf  einige  allgemeine  Grundprinzipien  zurück-0
  Am  5.  Januar  1767  in  Lyon  geboren,  tritt  er  nach  einer  Reise  nach  England ­
  in  eine  Versicherungsgesellschaft  ein,  nimmt  als  Freiwilliger  am  Feldzug  des
Jahres  1792  teil,  redigiert  von  1794—1799  eine  Revue,  „De  ca  de  philosophique,
litteraire  et  politique  par  une  sooiete  de  republioains“.  1799  wird  er
zum  Mitglied  des  Tribunals  ernannt.  Nach  der  Veröffentlichung  seines  Traite,
und  da  der  erste  Konsul  ihn  nicht  dazu  bewegen  konnte,  in  der  2.  Ausgabe  auf
seine  Finanzpolitik  einzugehen,  wurde  er  von  ihm  aus  dem  Tribunat  ausgeschlossen
und  ihm  als  Entschädigung  der  Posten  eines  Direktors  der  „Droits  reunis“  (der
alte  Name  für  die  Verwaltung  der  indirekten  Steuern,  Anm.  d.  Übers.)  angeboten.
Say,  mit  der  neuen  Regierung  nicht  einverstanden,  schlug  diesen  Posten  aus  und
errichtete  eine  Baumwoll-Spinnerei  in  Auchy-les-Hedins,  Dep.  Pas-de-Calais.  1813
realisierte  er  sein  Kapital,  kehrte  nach  Paris  zurück  und  veröffentlichte  1814  die
2.  Ausgabe  seines  Traite.  1816  eröflnete  er  die  national-ökonomischen  Vorlesungen
im  Athenee,  wahrscheinlich  die  ersten  in  Frankreich,  und  1817  gab  er  seinen
Catechisme  d’economie  politique  heraus.  1819  schuf  die  Regierung  der
Restauration  für  ihn  einen  Lehrstuhl  für  „industrielle  Ökonomie“  (das  Wort  „economie
politique“  schien  zu  gefährlich)  und  1830  wurde  er  endlich  zum  Professor  der
Economie  politique  am  College  de  France  ernannt.  Er  starb  1832,  nachdem  er
von  1828—1829  seinen  Cours  complet  d’economie  politique  in  6  Bänden
herausgegeben  hatte.
2 )  Vgl.  Brief  an  Louis  Say,  in  1827,  (Euvres  diverses,  8.  545.
        <pb n="143" />
        Kapitel  II.  Adam  Smith.

121

geführt  hatte,  aus  denen  sich  die  Folgerungen  von  selbst  ergaben,
die  ganze  aufgeklärte  öffentliche  Meinung.
Man  würde  aber  J.-B.  Say  Unrecht  tun,  wenn  man  in  ihm  nur
einen  Vulgarisator  der  SMm-i’schen  Ideen  sehen  wollte.  Zwar  hat  er
selbst  mit  mutiger  Bescheidenheit  niemals  das,  was  er  dem  Meister
verdankte,  verheimlicht.  Überall  nennt  er  seinen  Namen.  Aber  er
begnügt  sich  nicht  damit,  seine  Gedanken  zu  wiederholen.  Er  denkt
sie  von  neuem  durch,  sichtet  sie,  und  entwickelt  sie  weiter,  indem
er  sie  schärfer  faßt.  Unter  den  verschiedenen  Wegen,  denen  Smith
in  seinen  Gedankengängen  abwechselnd,  und  oft  ohne  feste  Entscheidung ­
  folgt,  gelingt  es  dem  französischen  Nationalökonomen,
diejenigen  zu  vermeiden,  die  blind  enden,  und  den  einen  einzuschlagen,
der  zum  Ziele  führt.  Diesen  Weg  zeichnet  er  dann  mit  solcher  Genauigkeit ­
  vor,  daß  seine  Nachfolger  sich  nicht  mehr  verirren  können.
Er  filtriert  sozusagen  die  Ideen  seines  Meisters;  und  zu  gleicher
Zeit  gibt  er  ihnen  jene  besondere  Färbung,  die  für  so  lange  Zeit
der  französischen  Nationalökonomie  ihr  eigenes  Gepräge  gab,  gegenüber ­
  der  englischen  volkswirtschaftlichen  Wissenschaft,  der  damals
Malthüs  und  Ricardo  eine  neue  Richtung  wiesen.  Im  Werke  Say’s
interessiert  uns  weniger  das,  was  er  Smith  entlehnt  hat,  als  seine
eigenen  Beiträge.  Im  folgenden  versuchen  wir  sie  darzustellen.
1.  Vor  allem  vollendet  Say  die  Niederlage  der  physiokratischen  Ideen.
Das  war  nicht  unwesentlich.  Die  Anhänger  der  sogenannten
„Sekte“  waren  in  Frankreich  noch  zahlreich  vorhanden.  Selbst  Geemain
Gaeniee,  der  Übersetzer  des  Buches  Smith’s,  hielt  die  Lehre  der
Physiokraten  theoretisch  für  unwiderlegbar.  In  seinen  Augen  bestand ­
  die  Überlegenheit  des  schottischen  Nationalökonomen  nur  in
ihrer  Anwendung  auf  die  Praxis.  „Wohl  kann  man,“  sagt  er,  „die
Theorie  der  Ekonomisten  als  weniger  nützlich,  aber  sicherlich  nicht
als  falsch  verwerfen  *).“  Smith  selbst  hat,  wie  wir  wissen,  sich  nicht
von  ihrem  Einfluß  frei  machen  können.  Er  gab  noch  eine  besondere
Produktivität  des  Bodens  auf  Grund  der  Mitarbeit  der  Natur  zu.  Er
nannte  die  Arbeit  des  Arztes,  des  Richters,  des  Rechtsanwaltes  oder
des  Künstlers  unproduktiv.  Say  löst  auch  diese  letzten  Verbindungen.
„Nicht  nur  in  der  Landwirtschaft,  sondern  überall  wird  die  Natur
gezwungen,  zusammen  mit  dem  Menschen  zu  arbeiten“ 2 ),  und  er
will,  daß  man  unter  „Grundbesitz“  alle  Beihilfe  verstehe,  die  ein
Folk  aus  der  Kraft  der  Natur  ziehen  kann,  worunter  auch  die  Kraft
des  Windes  und  der  Wasserströmungen  fallen 3 ).“  Was  die  Ärzte,
*)  Franz.  Übers.  A.  Smith’s  von  Garsibe,  1802,  Bd.  Y,  S.  283.
2 )  Tr  alte,  Ausg.  v.  1803,  S.  39.
s )  Ebenda,  S.  21.  Später  gebraucht  er  den  umfassenderen  Ausdruck  „agents
uaturels“.
        <pb n="144" />
        122

Erstes  Buch.  Die  Begründer.

.Rechtsanwälte,  Künstler  usw.  anlangt,  so  kann  man  gar  nicht  leugnen,
daß  sie  ebenfalls  an  der  Gütererzeugung  beteiligt  sind.  Schon  Geemain
Gaeniee  hatte  gegen  ihre  Ausschließung  protestiert.  Zwar  sind  ihre
Dienste  immaterielle  Erzeugnisse,  aber  trotzdem  doch  ebensogut ­
  Erzeugnisse,  die,  wie  die  anderen,  einen  tauschbaren  Wert  haben,
und  die  sich  aus  dem  Zusammenwirken  von  Industrie  und  Kapital
ergeben  1 ).  Sie  sind  genau  dasselbe  wie  die  Annehmlichkeit  und  der
Nutzen,  den  uns  materielle  Gegenstände,  wie  z.  B.  ein  Wohnhaus,  ein
Garten  oder  Silbergerät  gewähren.  In  dieser  Hinsicht  stieß  die  Lehre
Sat’s  zuerst  auf  einigen  Widerstand,  da  die  englischen  Ökonomisten
sich  nur  schwer  entschließen  konnten,  eine  einfache  Dienstleistung,
die  nichts  dauerhaftes  an  sich  hat  und  daher  nie  dem  Kapital  Zuwachsen ­
  kann,  als  ein  wirtschaftliches  Gut  und  folglich  als  ein  Erzeugnis ­
  anzusprechen.  Trotzdem  gelang  es  Say  ziemlich  schnell,  die
Mehrheit  der  in  Betracht  kommenden  Schriftsteller  zu  bekehren 2  3  *  *  *  * ).  —
Weiterhin  findet  er  (nach  Condillac)  einen  einschneidenden  Beweis
gegen  die  Physiokraten:  „produzieren“  bedeutet  keineswegs:  materielle
Gegenstände  schaffen.  (Schafft  der  Mensch  überhaupt  etwas,  und
tut  er  je  etwas  anderes,  als  die  Materie  umformen?)  Produzieren
bedeutet  einfach:  Nützlichkeiten  schaffen,  die  Eigenschaften  der  Sachen,
unserem  Bedürfnisse  zu  dienen  und  unseren  Wünschen  entgegenzukommen, ­
  zu  erhöhen.  Daher  sind  alle  Arbeiten,  die  zu  diesem
Kesultate  beitragen,  die  Industrie  und  der  Handel,  ebenso  wie  die
Landwirtschaft  produktiv 8 ).  Auf  diese  Weise  fallen  die  physiokratischen
  Unterscheidungen  in  sich  zusammen.  Damit  vollendet
Say  eine  Widerlegung,  die  Smith,  der  noch  nicht  genug  Abstand  von
seinen  Gegnern  hatte,  nicht  hatte  zu  Ende  führen  können.
2.»  Auch  in  einer  anderen  Hinsicht  führt  Say  das  Werk  Smith’s
fort  und  über  ihn  hinaus.  Es  handelt  sich  um  die  Auffassung  von
der  Nationalökonomie  und  der  Rolle  der  Nationalökonomen.
*)  Ebenda,  Ausg.  v.  1803,  B.  I,  Kap.  42  nnd  43.  Unter  „Industrie“  versteht
Say  alle  Formen  der  Arbeit.  Vgl.  6.  Ausg.,  S.  70  ff.
2 )  Malthüs  scheint  noch  der  Lehre  von  den  immateriellen  Erzeugnissen  ablehnend ­
  gegenüber  zu  stehen,  aber  Laitdebdalb,  Tooke,  Mao  Culloch  und  Senior
nehmen  sie  an,  und  sie  schien  endgültig  gesichert,  als  Stuart  Mill  von  neuem  den
Sinn  des  Wortes  Produkt  allein  auf  die  materiellen  Erzeugnisse  beschränkte.  Was
Tooke  anlangt,  vgl.  seine  Briefe  an  J.-B.  Say  in  den  „(Buvres  diverses“  des
letzteren.
3 )  Traite,  B,  I,  Kap.  II.  Ist  es  nicht  eigentümlich,  daß  Say  selbst  nicht  dazu ­
  gelangt,  diesen  Gedanken  richtig  auf  den  Handel  anzuwenden?  Er  nennt  ihn
produktiv,  weil  er  tauschbare  Werte  schafft,  kritisiert  aber  trotzdem  Condillac,
gerade  weil  er  gezeigt  hat,  daß  die  Tatsache  des  Austausches  allein  den  Reichtum
vermehrt,  da  sie  die  Nützlichkeit  der  Gegenstände  erhöht!  Für  Say  gehen  nämlich
Nützlichkeit  und  tauschbarer  Wert  beständig  ineinander  über,  und  diese  Verwirrung
läßt  ihn  in  schwere  Irrtümer  verfallen.
        <pb n="145" />
        Kapitel  II.  Adam  Smith.

123

0  Traite,  6.  Ausg.  S.  6.
2 )  Briefwechsel  mit  Malthus  in  den  (Buyres  diverses,  S.  466.

•  Wir  haben  gesehen,  wie  sich  der  Begriff  der  natürlichen  Ordnung
seit  den  Physiokraten  bis  auf  Smith  geändert  hat.  Für  die  Physiokraten
  war  sie  eine  zu  verwirklichende  Ordnung;  —  ihrem
Wesen  nach  ist  die  volkswirtschaftliche  Wissenschaft  normativ.  —
Für  A.  Smith  ist  sie  eine  sich  fortwährend  verwirklichende
Ordnung;  es  besteht  nach  seiner  Ansicht  eine  selbsttätige,  wirtschaftliche ­
  Verfassung,  die,  wie  die  Lebenskraft  des  Körpers,  künstliche
Hindernisse,  die  die  Regierungen  ihr  entgegenstellen,  überwindet.
Die  praktische  Nationalökonomie  stützt  sich  auf  die  Kenntnis  dieser
selbsttätigen  Verfassung,  um  die  Staatsmänner  zu  beraten.*  'Nach  Say’s
Ansicht  ist  dies  immer  noch  ein  zu  großes  Entgegenkommen  gegenüber ­
  den  Bedürfnissen  der  Praxis.  Die  Nationalökonomie  ist  einzig
die  Wissenschaft  von  der  selbsttätigen  wirtschaftlichen  Verfassung
oder,  wie  er  mit  einem  Smith  noch  unbekannten  Wort  sagt;  „von
den  Gesetzen,  die  den  Reichtum  beherrschen 1 ).“  Sie  ist,  wie
der  Titel  seines  Werkes  hervorhebt,  eine  „einfache  Darlegung,  wie
die  Reichtümer  gebildet,  verteilt  und  verbraucht  werden“.  Von  der
Politik,  mit  der  sie  zu  oft  verwirrt  wird,  ist  sie  klar  zu  unterscheiden,
und  ebenso  von  der  Statistik,  die  nur  eine  einfache  Beschreibung^
der  Tatsachen,  aber  keine  Wissenschaft  ist,  die  Prinzipien  koordiniert.
'Die  Nationalökonomie  wird  so  durch  Say  zu  einer  rein  theoretischen ­
  und  beschreibenden  Wissenschaft^  die  Rolle  des  Nationalökonomen ­
  zu  der  eines  Gelehrten.  Er  ist  nicht  mehr  Ratgeber,
sondern  einfach  Beobachter,  Analytiker,  Schilderer.  Er  muß  „ungerührter ­
  Zuschauer  bleiben“,  schreibt  er  an  Malthus  im  Jahre  1820.
„Unsere  Aufgabe  der  Öffentlichkeit  gegenüber  besteht  darin,  ihr  zu
sagen,  wie  und  warum  eine  bestimmte  Tatsache  die  Folge  einer  bestimmten ­
  anderen  ist.  Ob  ihr  diese  Folgen  Zusagen,  ob  sie  ihr
Schrecken  erregen,  ist  für  den  Nationalökonomeu  ohne  Bedeutung.
Sie  weiß  nun,  was  sie  zu  tun  hat.  Niemals  aber  sind  Ermahnungen
am  Platze 2 ).“
Damit  bricht  Say  mit  der  langen  Überlieferung,  die,  von  den
Kanonikern  und  Kameralisten  angefangen,  über  die  Merkantilisten
bis  zu  den  Physiokraten,  die  Nationalökonomie  vor  allem  zur  praktischen ­
  Wissenschaft  gemacht  hatte,  zum  Führer  für  den  Staatsmann ­
  und  den  Verwaltungsbeamten.  Smith  hatte  die  wirtschaftlichen
Tatsachen  schon  wie  ein  Naturforscher  betrachtet,„aber  wie  ein
Naturforscher,  der  vor  allem  Arzt  bleibt.  Say  will  weiter  nichts  als
Naturforscher  sein.  Die  Medizin  interessiert  ihn  nicht.  Auf  diese
Weise  führt  er  die  wahre  wissenschaftliche  Methode  ein.  Übrigens
        <pb n="146" />
        124

Erstes  Buch.  Die  Begründer.

vergleicht  er  die  neue  Wissenschaft  mehr  der  Physik  als  der  Naturgeschichte. ­
  Auch  hierin  weicht  er  von  Smith  ab,  für  den  der  Wirtschaftskörper
  wesentlich  ein  lebendes  Wesen  ist.  Ohne  noch  das
Wort  soziale  Physik  anzuwenden,  erinnert  Say  durch  seine  wiederholten ­
  Vergleiche  mit  der  Physik  Newtoh’s  beständig  an  diesen  Gedanken. ­
  Wie  die  Gesetze  der  Physik  „sind  ihre  Grundsätze  keineswegs ­
  Menschenwerk  .  .  .  Sie  stammen  aus  dem  Urgründe  der  Dinge;
man  stellt  sie  nicht  auf;  man  findet  sie.  Sie  beherrschen  die  Gesetzgeber ­
  und  die  Fürsten,  und  niemals  verletzt  man  sie  ungestraft 1 ).“
Wie  die  Gesetze  der  Schwere  sind  sie  nicht  auf  die  Grenzen  eines
Landes  beschränkt:  „Die  Grenzen  der  Staatsverwaltung,  die  vom
Gesichtspunkt  der  Politik  aus  alles  sind,  sind  für  den  Nationalökonomen ­
  nur  Zufälligkeiten 2 ).“  —  So  baut  er  die  Nationalökonomie
nach  dem  Bilde  einer  exakten  Wissenschaft  auf,  deren  Gesetze  allgemein ­
  gültig  sind.  Wie  in  der  Physik,  ist  es  von  geringerer  Bedeutung, ­
  viele  einzelne  Tatsachen  zu  sammeln,  als  eine  kleine  Anzahl ­
  allgemeiner  Grundsätze  zu  gewinnen,  aus  denen  man  dann  je  nach
den  Umständen  eine  mehr  oder  weniger  lange  Kette  von  Schlußfolgerungen ­
  zieht.
Leidenschaftlosigkeit 8 ),  ein  auf  das  Ganze  gerichteter  Blick  und
Mißtrauen  gegenüber  jeder  Verallgemeinerung  einzelner  Tatsachen,
sind  zweifellos  Eigenschaften  des  echten  Gelehrten,  aber  Eigenschaften,
die  bei  weniger  umfassender  Begabung  als  der  J.-B.  Say’s,  sich
leicht  verändern,  sich  zu  Fehlern  ausbilden  können,  und  dann  zu
Gleichgültigkeit,  Dogmatismus  und  Tatsachenverachtung  werden.  Ist
nicht  gerade  das  eingetreten?  Hat  Say,  indem  er  diese  Grundsätze
aufstellte,  die  Nationalökonomie  nicht  auf  den  Weg  gebracht,  wo  sie
sehr  bald  auf  die  oft  sehr  berechtigte  Feindschaft  eines  Sismondi,
eines  List,  der  historischen  Schule  und  der  Christlich-Sozialen  treffen
mußte?  Indem  er  die  Politik  radikal  von  der  Volkswirtschaftslehre
trennte,  indem  er  die  Sorge  um  die  Praxis,  die  Smith  noch  so
stark  beschäftigt  hatte,  aus  dieser  Wissenschaft  ausschied,  gibt
er  ihr  wohl  eine  größere  Harmonie,  aber  auch  eine  gewisse  Nüch-*)
  Traite,  Vorrede,  1.  Ausg.,  S.  IX,  und  6.  Ausg.,  S.  13.
2 )  Traite,  1,  Ausg.,  I,  S.  404,
s )  Man  darf  nicht  übertreiben  und  Say  als  gleichgültig  gegen  das  Leiden  des
Elendes  ansehen.  Er  stellt  z.  B.  fest,  daß  „für  viele  Haushaltungen,  in  den  Städten,
wie  auf  dem  Lande,  das  ganze  Leben  aus  Entbehrungen  besteht“,  und  daß  die
Sparsamkeit  „im  allgemeinen  nicht  mit  Hinsicht  auf  unnötigen  Verbrauch,  wie
es  die  Politik  und  die  Humanität  haben  möchten,  geübt  wird,  sondern  daß  wirkliche
Bedürfnisse  darunter  zu  leiden  haben,  wodurch  das  volkswirtschaftliche
System  vieler  Eegierungen  verurteilt  wird“.  —  Traite,  1.  Ausg.,
Bd.  I,  8.  97/98  und  6.  Ausg.,  S.  116.  •—  Vgl,  auch,  was  wir  oben,  S.  104,  Anm.  4
sagen.
        <pb n="147" />
        l )  Tratte,  6.  Ausg.,  S.  403.

Kapitel  II.  Adam  Smith.

125

ternheit,  die  bei  seinen  weniger  hochstehenden  Nachfolgern  der
Langenweile  oder  der  Banalität  zum  verwechseln  ähnlich  sieht.
Mit  Recht  oder  Unrecht  hat  man  die  Verantwortung  hierfür  Say
zugeschoben.
3.  Wir  haben  den  Einfluß  des  Fortschrittes  der  physikalischen
Wissenschaften  auf  die  Auffassung,  die  Say  sich  von  der  Wissenschaft ­
  der / Volkswirtschaft  machte,  gesehen.  Der  '  wirtschaftliche
Fortschritt  ist  von  nicht  geringerem  Einfluß  auf  den  französischen
Nationalökonomen  gewesen.  ‘Zwischen  die  Jahre  1776,  in  dem  der
Völkerreichtum  erschien,  und  1803,  in  dem  der  Traite  erscheint, ­
  fällt  die  industrielle  Umwälzung.  Für  die  Geschichte  der
Ideen  ist  sie  ein  Ereignis  von  großer  Bedeutung/
Als  Say,  kurz  vor  1789,  England  besuchte,  fand  er  dort  die
Herrschaft  der  Maschine  in  vollem  Aufschwung.  Zu  dieser  Zeit
war  die  große  Industrie  Frankreichs  noch  in  ihren  ersten  Anfängen.
Unter  dem  Kaiserreiche  entwickelte  sie  sich  schnell,  und  seit  1815
wurde  ihre  Ausdehnung  ungeheuer.  Chaptal  zählt  in  seinem  Werk:
„De  l’industrie  franpaise“  im  Jahre  1819;  220  Spinnereien  mit  922200
Spindeln,  die  über  13  Mül.  kg  Rohbaumwolle  verarbeiteten.  Dies  ist
nur  der  fünfte  Teil  der  englischen  Produktion,  —  aber  20  Jahre
später  hatte  sich  die  Textilindustrie  vervierfacht.  Die  anderen
Industrien  folgten  im  gleichen  Geschwindschritt.  Jeder  fühlte,  daß
da  die  Zukunft  liege,  eine  unbestimmte  Zukunft,  anscheinend  voller
Reichtum,  xkrbeit  und  Wohlstand.  Die  neue  Generation  war  davon
wie  berauscht;  dieser  industrielle  Rausch  fand  seinen  blendendsten
Ausdruck  in  der  Lehre  St.  Simon’s.
Auch  Say  hat  sich  ihm  nicht  entziehen  können.  Während  Smith’s
Hauptsorge  noch  der  Landwirtschaft  gilt,  drängt  bei  Say  die  Industrie
darauf  hin,  die  erste  Rolle  zu  spielen.  Von  da  an  beherrschen,  während
langer  Jahre,  industrielle  Probleme  die  Nationalökonomie.  Die  ersten
offiziellen  Vorlesungen  über  Nationalökonomie,  die  Say  selbst  am
„Conservatoire  des  Arts  et  Metiers“  hält,  nennen  sich  Vorlesungen
über  industrielle  Ökonomie.
Auf  der  Stufenleiter  der  für  das  Volk  nützlichen  Beschäftigungen
hatte  Smith  die  Landwirtschaft  an  die  erste  Stelle  gesetzt.  Say  behält ­
  diese  Ordnung  bei,  aber  er  stellt  auf  die  gleiche  Stufe  mit  der
Landwirtschaft  „die  Kapitalien,  die  aufgewendet  werden,  um  die
produktiven  Kräfte  der  Natur  zu  verwerten.  .  .  .  Eine  wohldurchdachte ­
  Maschine  erzeugt  mehr  als  die  Zinsen  dessen,  was  sie  gekostet ­
  hat,  oder  auch,  sie  läßt  die  Gesamtheit  an  der  Verbilligung,  die
die  Maschinenarbeit  ermöglicht,  teilnehmen“  J )-  Diese  Stelle  findet
        <pb n="148" />
        126

Erstes  Buch.  Die  Begründer.

sich  noch  nicht  in  der  Ausgabe  von  1803.  Sie  erschien  erst  in  der
zweiten  Ausgabe.  In  der  Zwischenzeit  hatte  Say  seine  Spinnerei  in
Auchy-les-Hedins  geleitet  und  hatte  von  seinen  Erfahrungen  profitiert. ­
  Diese  Frage  der  Maschinen,  die  Smith  nur  in  einem  kurzen
Satze  berührt,  nimmt  in  dem  Werke  Say’s  mit  den  sich  folgenden
Auflagen  einen  immer  größeren  Kaum  ein.  Die  Einführung  der
maschinellen  Erfindungen,  die  sich  zu  dieser  Zeit  in  Frankreich  wie
in  England  überstürzten,  rief  oft  Arbeiterunruhen  hervor.  Daher
wird  Say  auch  nicht  müde,  ihre  Wohltaten  aufzuzählen.  Anfangs
gab  er  noch  zu,  daß  die  Regierung,  um  vorübergehende  Nachteile
abzuschwächen:  „den  Gebrauch  einer  neuen  Maschine  fürs  erste  auf
gewisse  Bezirke,  wo  Arbeiter  spärlich  und  von  anderen  Zweigen  der
Industrie  begehrt  sind,  beschränken  solle“ 1 ).  Seit  der  fünften  Ausgabe ­
  aber  ändert  er  seine  Meinung  und  findet,  daß  eine  solche  Beschränkung ­
  „eine  Verletzung  der  Eigentumsrechte  des  Erfinders“ 2 )
sein  würde,  und  läßt  nur  öffentliche  Notstandsarbeiten  zur  Beschäftigung ­
  der  durch  die  Maschinen  ihrer  Arbeitsgelegenheit  beraubten ­
  Leute  zu.
Dem  Einflüsse  der  gleichen  Umstände  kann  man  die  überwiegende
Bedeutung  beimessen,  die  J.-B.  Say  einer  Klasse  von  Personen  zuschreibt, ­
  die  Smith  nicht  näher  definiert  hatte,  die  aber  von  jetzt
an  nicht  mehr  aus  der  Theorie  der  Wirtschaft  verschwunden  sollte:
die  der  Unternehmer.  War  am  Anfang  des  19.  Jahrhunderts  der
hauptsächlichste  Träger  des  Fortschrittes  nicht  der  fleißige,  eifrige,
unterrichtete  Mann,  der  Industrielle,  der  kluge  Ingenieur,  der  mit
seiner  Zeit  fortschreitende  Landwirt,  der  kühne  Geschäftsmann,  dessen
Typus  sich  in  allen  Ländern  gleichzeitig  mit  den  wissenschaftlichen
Entdeckungen  und  der  Ausdehnung  der  Absatzgebiete  vervielfachte  ?
Er,  viel  mehr  als  der  Kapitalist  im  engeren  Sinne,  der  Großgrundbesitzer ­
  oder  der  „fast  stets  passive“  Arbeiter,  leitete  die  Produktion
und  beherrschte  die  Verteilung  der  Güter.  *„Das,  was  den  bemerkenswertesten ­
  Einfluß  auf  die  Verteilung  der  Güter  ausübt,“  sagt  Say,
„ist  die  Tüchtigkeit  des  industriellen  Unternehmers.’  Im  gleichen
Industriezweig  sammelt  der  eine  Unternehmer,  der  Urteilskraft,  Tatkraft,
Ordnungsliebe  und  Kenntnisse  hat,  ein  Vermögen,  während  ein  anderer,
der  diese  Eigenschaften  nicht  besitzt  oder  allzu  schwierige  Umstände
antriff't,  zugrunde  geht 3 ).“  *  Spricht  hier  nicht  ebenfalls  der  Spinnereibesitzer ­
  von  Auchy-les-Hedins?'  Man  kann  sich  leicht  davon  überzeugen, ­
  wenn  man  die  beiden  Ausgaben  seines  Buches,  die  von  1803
1 )  Tratte,  1.  Ausg.,  I,  S.  48.
2 )  Traite,  5.  Ausg.,  I,  S.  67.
3 )  Kritische  Untersuchung  der  Ausführungen  Mac  Cülloch’s  (1825),  CE  uv  res
diverses,  S.  274—275.
        <pb n="149" />
        Kapitel  II.  Adam  Smith.

127

b  Tratte,  6.  Ausg.,  S.  349.

und  die  von  1814,  vergleicht.  Man  sieht  da,  wie  von  einer  zur  anderen
das  Verständnis  dieses  Problems  sich  klärt  und  befestigt.
Diesem  sehr  richtigen  Gefühle  verdanken  wir  'die  von  Say  ausgeftihrte
  Auffassung  des  Mechanismus  der  Güterverteilung,  die  in
ihrer  klassisch  gewordenen  Form  der  Smith’s  und  der  der  Physiokraten
  weit  überlegen  ist.  Der  Unternehmer  wird  der  Mittelpunkt
der  ganzen  Verteilung*  Man  kann  diesen  Gedanken  wie  folgt  zusammenfassen ­
  :
Der  Mensch,  das  Kapital  und  der  Boden  liefern  das,  was  Say
produktive  Dienste  (Services  productifs)  nennt.  Diese  auf  den
Markt  gebrachten  Dienste  werden  gegen  Lohn,  Zinsen  oder  Pacht
getauscht.  Sie  werden  von  den  industriellen  Unternehmern  (Kaufleuten, ­
  Landwirten,  Fabrikanten)  nachgefragt  und  zwar  zweckmäßig  in
der  Art,  daß  die  Nachfrage  nach  Produkten,  die  von  dem  Verbraucher
ausgeht,  befriedigt  werden  kann.  „Die  industriellen  Unternehmer  sind
sozusagen  nur  die  Vermittler,  die  zu  den  für  irgendein  Produkt  notwendigen ­
  produktiven  Diensten  auffordern,  und  zwar  im  Verhältnis
der  Nachfrage  nach  diesem  Produkt.“  So  entsteht  die  Nachfrage  nach
produktiven  Diensten,  die  „eine  der  Grundlagen  des  Wertes  dieser
Dienste“  ist.  —  „Andererseits  bieten  sich  die  Produktionskräfte,
Menschen  und  Dinge,  Grundstücke,  Kapitalien  oder  fleißige  Leute  in
mehr  oder  weniger  großer  Menge  auf  Grund  verschiedener  Beweggründe ­
  an  .  .  .  und  bilden  so  die  andere  Basis  des  Wertes,  der  sich
für  diese  selben  Dienste  ergibt 1 ).“  Daher  beherrscht  das  Gesetz  des
Angebotes  und  der  Nachfrage  den  Preis  der  Dienste,  d.  h.  die  Höhe
der  Pacht,  der  Zinsen  und  des  Lohnes,  genau  so,  wie  es  den  Preis  der
erzeugten  Güter  beherrscht.  Dank  dem  Unternehmer  verteilt  sich
der  Wert  der  Produkte  zwischen  den  „verschiedenen  produktiven
Diensten“,  und  die  verschiedenen  Dienste  verteilen  sich  je  nach  dem
Bedarf  zwischen  den  Industrien.  Die  Theorie  der  Verteilung  fügt
sich  harmonisch  der  Theorie  des  Austausches  und  der  Produktion  an.
Dieses  so  einfache  Schema  der  Güterverteilung  stellte  einen
■wirklichen  Fortschritt  dar.  Zunächst  ist  es  viel  genauer  als  das  der
Physiokraten,  wo  die  materiellen  Produkte  sich  zwischen  den  Klassen
und  nicht  zwischen  den  Individuen  austauschten.  —  ‘  Es  gestattet
weiterhin,  die  Entlohnung  des  Kapitalisten  von  der  des  Unternehmers,
den  A.  Smith  mit  jenem  zusammenwirft,  zu  trennen."  Unter  dem  Vorwände, ­
  daß  der  Unternehmer  meistenteils  ein  Kapitalist  ist,  betrachtet
der  schottische  Nationalökonom,  dem  hierin  fast  alle  englischen  Schriftsteller ­
  folgen,  beide  als  einen  Begriff  und  bezeichnet  mit  dem  Worte
»Profit“  den  Gesamtgewinn,  ohne  scharf  zwischen  den  Zinsen  der
        <pb n="150" />
        128

Erstes  Buch.  Die  Begründer.

Kapitalien  und  dem  wirklichen  Gewinne  zu  unterscheiden.  Eine
höchst  bedauerliche  Verwirrung,  die  noch  lange  auf  der  englischen
Nationalökonomie  lastete!  —  Dann  hatte  die  Theorie  Say’s  noch  einen
weiteren  Vorzug:  sie  lieferte  seinen  französischen  Nachfolgern  ein
klares  Schema  der  Güterverteilung,  das  bei  Smith  fehlte,  und  zwar
gerade  in  dem  Augenblick,  in  dem  Eigaedo  seinerseits  diese  Lücke  durch
seine  neue  Verteilungstheorie  auszufüllen  suchte,  nach  der  die  Rente
auf  Grund  ihrer  Natur  und  ihrer  Gesetze  zu  den  anderen  Einkommen
in  Gegensatz  trat,  und  nach  der  der  Lohn  sich  immer  umgekehrt
wie  der  Profit  verändert,  derart,  daß  der  eine  nicht  steigen  kann,
ohne  daß  der  andere  sinkt.  Eine  verführerische,  wenn  auch  irrige
Theorie,  die  die  englischen  Nationalökonomen  in  endlose  Diskussionen
verwackeln  sollte,  und  die  zuletzt  aufgegeben  werden  mußte.  Indem
Say  die  Abhängigkeit  nachwies,  in  der  Lohn  und  Profit  gleichzeitig ­
  von  der  Güternachfrage  stehen,  und  durch  seine  Zurückführung
  der  Höhe  der  Pacht  auf  die  gleichen  allgemeinen  Ursachen
(Angebot  und  Nachfrage),  die  die  Höhe  der  anderen  produktiven
Dienste  erklären,  hat  er  der  französischen  Nationalökonomie  solche
Verirrungen  erspart.  Damit  hat  er  auch  Waleas  die  ersten  Richtlinien ­
  seiner  prächtigen  Auffassung  des  Preises  der  Dienste  und
des  wirtschaftlichen  Gleichgewichts  geliefert.  So  erklärt  sich,  daß  er
der  Rententheorie  nicht  die  gleiche  außerordentliche  Bedeutung  zuschrieb, ­
  die  ihr  die  englischen  Nationalökonomen  gaben,  worin  ihm
die  große  Mehrzahl  der  französischen  Ökonomisten  folgte.  Hingegen
ist  er  aus  dem  gleichen  Grunde  niemals  auf  die  Meinung  verfallen,
die  die  Grundrente  einfach  fortleugnet,  und  sie  als  ein  Einkommen
betrachtet,  das  einzig  aus  den  im  Boden  angelegten  Kapitalien
entsteht.  Er  hat  sogar  diesen  Irrtum  im  voraus  widerlegt,  den  Carey
und  Bastiat  später  aufrecht  zu  erhalten  suchten  r ).
4.  Bisher  erscheint  uns  Say  besonders  durch  seine  Begabung  zu
logischer  Zusammenordnung  der  Gedanken  bemerkenswert.  Hat  er
aber  die  volkswirtschaftliche  Wissenschaft  um  keine  durchaus  neue
Wahrheit  bereichert?
Lange  hat  man  seine  Theorie  der  Absatzwege  als  eine
Entdeckung  ersten  Ranges  angesehen:  „Erzeugnisse  kaufen  sich  mit
Erzeugnissen.“  Dies  ist  zwar  eine  glückliche  Formel,  aber  keine

r )  Die  Pacht  ist,  sagt  er,  ohne  Zweifel  teilweise  der  Zins  des  in  den  Boden  gesteckten ­
  Kapitals,  „denn  es  gibt  wenige  Güter,  die  aus  den  ausgeführten  Meliorationen
nicht  einigen  Wert  zögen,  aber  die  Gesamtheit  ihres  Pachtwertes  würde  nur  dann
allein  hierauf  zurückzuführen  sein,  wenn  der  ertragfähigere  Boden  ohne  jede  Melioration ­
  sich  überhaupt  nicht  verpachten  ließe,  was  in  keinem  zivilisierten  Lande
verkommt.“  Kritische  Untersuchung  der  Ausführungen  Mac  Cülloch’s  (1825)  in  den
(Buvres  diverses,  S.  277.
        <pb n="151" />
        Kapitel  II.  Adam  Smith.

129

tiefsinnige  Wahrheit.  Sie  drückt  weiter  nichts  ans,  als  die  Smith
wie  den  Physiokraten  geläufige  Idee,  daß  das  Geld  nur  ein  Mittel
ist;  man  erwirbt  es  nur,  um  es  sogleich  wieder  los  zu  werden  und
gegen  ein  neues  Erzeugnis  einzutauschen.  „Nach  beendigtem  Tausch
findet  man,  daß  man  Erzeugnisse  mit  Erzeugnissen  bezahlt  hat 1 ).“
So  erschließen  die  Waren  sich  gegenseitig  ihre  Absatzwege,
und  es  liegt  im  Interesse  eines  Landes,  das  viel  produziert,  die
anderen  Länder  wenigstens  ebensoviel  erzeugen  zu  sehen.  Say  sieht
schon  in  der  Ferne  die  Verbrüderung  der  Völker,  die  sich  aus
diesem  Prinzip  ergibt.  Er  sagt;  „die  Theorie  der  Absatzwege  .  .  .
wird  die  Weltpolitik  umändern 2 ).“  Auf  sie  glaubte  er  die  ganze
Freihandelspolitik  gründen  zu  können.  Leider  hieß  das  etwas  viel
von  einer  Formel  erwarten,  deren  Unbestimmtheit  und  Selbstverständlichkeit ­
  sie  fast  unbrauchbar  machten.
Interessanter  ist  es,  wie  er  die  Theorie  der  Absatzwege  auf  die
Überproduktionskrisen  anwandte,  —  werden  damit  doch  die  wahren
Bestrebungen  Say’s  voll  ins  Licht  gestellt.  Schon  Garniee  hatte  eine
allgemeine  Stauung  auf  den  Märkten  als  möglich  vorausgesagt.  In
dem  Maße,  wie  die  Krisen  sich  häuften,  beschäftigte  diese  Sorge
immer  weitere  wissenschaftliche  Kreise.  Nichts  ist  weniger  logisch,
sagt  Say.  Das  Gesamtangebot  an  Gütern  und  die  Gesamtnachfrage
nach  Gütern  halten  sich  notwendigerweise  die  Wage,  denn  die  Gesamtnachfrage ­
  ist  weiter  nichts,  als  die  Gesamtmenge  der  erzeugten
Güter.  Folglich  ist  eine  allgemeine  Stauung  ein  Widersinn 8 ).  Sie
stellt  einfach  einen  allgemeinen  Überfluß  an  Gütern  vor,  „und  Güter
können  den  Völkern  ebensowenig  lästig  fallen,  wie  Einzelpersonen“  4 ).
Das  einzige,  was  möglich  ist,  ist  eine  schlechte  Leitung  der  Produktionsmittel, ­
  und  folglich  ein  Überfluß  dieses  oder  jenes  Produktes,
mit  anderen  Worten,  eine  teilweise  Stauung 6 ).  Der  Gedanke  Say’s
besagt,  daß  man  nie  zu  befürchten  braucht,  von  allen  Gütern  auf
einmal  zu  viel  zu  produzieren,  aber  daß  es  sehr  wohl  möglich  ist,  von
der  einen  oder  der  anderen  Art  im  Einzelfall  zu  viel  zu  erzeugen.
Diese  richtigen  Ideen  hat  Say  auf  oft  paradoxe  Formeln  gebracht.
Beim  Lesen  gewisser  Stellen  seiner  zweiten  Ausgabe 8 )  hat  man
: )  Tratte,  1.  Ausg.,  S.  154.
2 )  „Wie  die  Wärmetheorie,  die  des  Hebels  und  der  schiefen  Ebene  die  ganze
Natur  dem  Menschen  untertan  gemacht  haben,  so  wird  die  Theorie  des  Güteraustausches ­
  und  der  Absatzwege  die  Weltpolitik  ändern“  (Traite,  6.  Ausg.,  S.  51).
3 )  Traite,  1.  Ausg,,  II,  S.  175.
4 )  Ebenda,  S.  179.
6 )  Ebenda,  S.  178.
6 )  „Ein  Produktionszweig  würde  selten  die  anderen  übersteigen,  und  Erzeugnisse
würden  selten  verschleudert  werden,  wenn  allen  stets  ihre  volle  Freiheit  gelassen
würde“  {6.  Ausg.,  S.  143).  Man  hat  seinem  Ausspruch:  „Gewisse  Erzeugnisse  sind
Gide  und  Eist,  Gesch.  d.  Volkswirtschaft!.  Lehrmeinungen.  9
        <pb n="152" />
        130

Erstes  Buch.  Die  Begründer.

glauben  können,  daß  er  Krisen  überhaupt  leugnet.  Im  Grunde  konnte
er  gar  nicht  anders,  als  ihr  Vorhandensein  zuzugeben;  was  ihn  aber
am  meisten  beschäftigt,  ist,  jede  der  Ausdehnung  der  Industrie  ungünstige ­
  Schlußfolgerung  von  vornherein  abzuweisen.
Er  hält  die  Krisen  für  eine  im  wesentlichen  „vorübergehende  *)“
Erscheinung;  er  betont,  daß  „die  Freiheit  der  Industrie  genügen  würde,
sie  unmöglich  zu  machen“.  Ihm  liegt  hauptsächlich  daran,  „die
grundlosen  Befürchtungen“  derer  zu  zerstreuen,  die  fürchten,  daß  nicht
alle  Güter  verbraucht  werden  können,  wie  z.  B.  die  eines  Malthus,
der  die  Erhaltung  der  reichen  Müßiggänger  als  Sicherheitsventil
gegen  die  Überproduktion 2 )  für  wünschenswert  erachtet,  die  eines
Sismondi,  der  flehentlich  um  Verlangsamung  des  Fortschrittes,  um
Verhinderung  der  Erfindungen  bittet.  Er  entrüstet  sich  über  solche
Worte,  da  bei  den  blühendsten  Völkern  „sieben  Achtel  der  Bevölkerung
eine  Unmenge  von  Gütern  entbehren  muß,  die  jede,  ich  will  nicht
einmal  sagen  wohlhabende,  sondern  ganz  bescheidene  Haushaltung
für  nötig  erachtet“  8 ).  ‘Er  wird  nicht  müde,  zu  betonen  und  zu  wiederholen, ­
  daß  der  Fehler  nicht  darin  liegt,  daß  zu  viel  produziert  wird,
sondern  darin,  daß  nicht  das  produziert  wird,  was  gebraucht  wird 4  S.  *  * )-“
Produzieren  und  nochmals  produzieren:  darin  liegt  alles,  und  ganz
natürlich  werden  gerade  die,  die  einen  Augenblick  unter  dem  Preisüberreichlich
  vorhanden,  weil  andere  zu  fehlen  angefangen  haben“  (Ebenda,
S.  142),  der  sogar  die  Möglichkeit  einer  teilweisen  Überproduktion  zu  verneinen
scheint,  zu  viel  Bedeutung  beigelegt.  Er  wird  aber  durch  den  Satz  korrigiert,  den
er  selbst,  um  jedes  Mißverständnis  auszuschließen,  als  Anmerkung  an  den  Fuß  der
folgenden  Seite  gesetzt  hat:  „Der  Sinn  dieses  Kapitels  ist  nicht,  daß  man  von
einer  bestimmten  Ware  im  Verhältnis  zum  Bedarf  nicht  zu  viel  erzeugen ­
  könne,  sondern  nur,  daß  die  Produktion  einer  Ware  den  Absatz  einer
anderen  begünstigt.“  Und  er  ist  sich  selbst  sicherlich  untreu,  geworden,  wenn  er  in
seinen  Briefen  an  Mai.thüs,  um  seinen  Standpunkt  zu  verteidigen,  auf  ein  schlechtes
Wortspiel  zurückgreift,  indem  er  sagt,  daß,  produzieren  bedeute:  „nachgefragte
Gegenstände  produzieren“  und  alles,  was  über  diese  „Nachfrage“  hinausgehe,  sei
nicht  mehr  Produktion,  und  folglich  noch  weniger  „Überproduktion“  (S.  462).  Vgl.
die  Antwort  Malthus’  (S.  508)  und  die  Erwiderung  Say’s,  in  der  er  seine  Idee  bestätigt ­
  (S.  513).  Viel  näher  seinem  wirklichen  Gedanken,  und  auch  viel  wahrer,  ist
seine  Antwort  auf  einen  Aufsatz  Sismonm’s,  die  1824  in  der  Eevue  encyclopedique
  unter  der  Überschrift:  „Sur  la  balance  des  consommations  avec  les  produotions“
  (Über  das  Gleichgewicht  zwischen  Verbrauch  und  Produktion)  veröffentlicht
wurde.  (Euvres  diverses,  8.  250ff,  —  Seine  Ausdrücke  ändern  sich  übrigens
von  einer  Ausgabe  zur  anderen,  und  im  Grunde  genommen  ist  nichts  unbestimmter,
als  die  Anschauung  Say’s  über  diesen  Gegenstand.  Die  Formel:  „Erzeugnisse  kaufen
sich  mit  Erzeugnissen“  ist  so  allgemein,  daß  sie  alles,  was  man  will,  bedeuten  kann
—  oder  überhaupt  nichts,  denn  ist  das  Geld  nicht  auch  ein  Erzeugnis?
1 )  Briefe  an  Malthus,  (Euvres  diverses,  8.  466.
2 )  Malthus,  Principles  of  political  Economy;  II,  Kap.  I,  Abs.  IX.
3 )  Balance  des  consommations  avec  les  productions,  S.  252.
4 )  Ebenda,  8.  251.
        <pb n="153" />
        Kapitel  II.  Adam  Smith.

Sturz  leiden  müssen,  die  ersten  sein,  die  unter  der  Verbilligung  der
Gegenstände  die  Wohltaten  der  Ausdehnung  der  Industrie  spüren.
ln  dieser  eine  kurze  Zeit  hindurch  berühmten  Polemik  zwischen
Say,  Mälthus,  Sismondi  und  Ricaedo  (der  hierin  der  Meinung  Sax’s
beitrat)  darf  man  keine  Aufklärung  über  die  Krisen  selbst  suchen
—  man  würde  keine  finden,  —  sondern  den  Ausdruck  eines  im  Grunde
richtigen  Gefühls,  dem  Say  leider  eine  ungenügende  wissenschaftliche
Form  gab.
'  Die  Rolle  J.-ß.  Say’s  in  der  Geschichte  der  wirtschaftlichen
Lehren*ist  durchaus  nicht  unbedeutend.  Die  fremden  Nationalökonomen ­
  erkennen  dies  nicht  immer  an.  Besonders  Düheing  ist,  trotz
seines  gewöhnlichen  Scharfsinns,  höchst  ungerecht,  wenn  er  von  der
'„Verwässerungsarbeit“  Say’s''spricht  *).  Sicherlich  ist  Say  in  seinem
Bestreben  nach  Klarheit  hin  und  wieder  über  schwierige  Probleme
hinweggeglitten,  anstatt  ihnen  auf  den  Grund  zu  gehen.’  Die  Nationalökonomie ­
  wird  in  seinen  Händen  oft  allzu  einfach.  Gewisse  Schwierigkeiten ­
  verhüllt  er  in  phrasenhaften  Wendungen  *  (worin  ihm  z.  B.
Bastiat  nur  zu  gern  nachgeahmt  hat).  Smith’s  Dunkelheit  ist  oft
fruchtbar,  Say’s  Klarheit  bietet  dem  Geist  weniger  Anregung.  Dies
ist  alles  ganz  richtig.  Trotzdem  hat  er  aber  der  französischen  Wissenschaft ­
  die  wesentlichen  Ideen  des  großen  Schotten  getreulich  überliefert.'
Mit  glücklicher  Hand  hat  er  auf  Grund  seiner  Kenntnisse  Condillac’s
und  Tuegot’s  gewisse  zweifelhafte  Meinungen  des  Meisters  verbessert. ­
  So  hat  er  seinen  Nachfolgern  viele  Irrtümer  erspart.  Er
hat  der  französischen  Nationalökonomie  seinen  Stempel  aufgedrückt,
und  wenn  die  englischen  Volkswirtschaftler'seine  Auffassung  des
Unternehmers x früher  aufgenommen  hätten  (anstatt  damit  bis  auf  Jbvons
zu  warten),  würden  sie  die  Wissenschaft  vor  vielen  unfruchtbaren
Diskussionen  verschont  haben,  die  besonders  ein  Denker  hervorrief,
der  wohl  viel  tiefer  schürfte  als  Say,  ihm  aber  an  Schärfe  des  Urteils
nachstand:  David  Ricaedo  2 ).  v
*)  Düheing,  Kritische  Geschichte  der  Nationalökonomie  und  des
Sozialismus,  2.  Ausg.  1875,  8.  165.  Dagegen  wird  man  mit  Vorteil  die  sehr
interessanten  Forschungen  von  Allix  über  J.-B.  Say  in  der  Eevue  d’Economie
politique,  Jahrg.  1910,  8.  303  und  341,  und  die  der  Bevue  d’histoire  des
Doctrines  1911,  S.  321,  lesen.
2 )  Stanley  Jevons  (Theory  of  political  Economy,  3.  Ausg.  1888)  erkennt,
vielleicht  in  zu  absoluten  Ausdrücken,  die  ÜberlegenheiVder  französischen  Ökonomisten
über  Eicaedo  an:  „Der  Schluß,  der  sich  mir  immer  klarer  aufdrängt,  ist,  daß  das
einzige  Mittel,  ein  wahres  nationalökonomisches  System  aufzustellen,  darin  liegt,  ein
für  allemal  die  verschwommenen  und  widersinnigen  Hypothesen  der  Schule  Eicahdo’s
zu  verwerfen.  Die  Wahrheit  ist  bei  der  französischen  Schule  (die  er  auf  Condillac,
Baudeau,  J.-B.  Say  zurückführt);  und  je  eher  wir  das  erkennen,  um  so  besser  wird
es  sein“  (Vorrede,  S.  XLIII).
        <pb n="154" />
        132

Erstes  Buch.  Die  Begründer.

Kapitel  III.
Die  Pessimisten.
Mit  den  Nationalökonomen,  die  im  vorliegenden  Kapitel  zur  Besprechung ­
  kommen,  tritt  eine  neue  Richtung  auf.  Bisher  konnten
wir  nur  bewundern,  wie  die  soeben  aufgedeckte  Ordnung  der  Tatsachen ­
  alles  auf  das  Wohl  des  Individuums  und  der  Völker  bezog.
Jetzt  aber  erscheinen  Lehren,  die,  wie  eine  Wolke  vor  dem  strahlenden ­
  Morgenrot  der  jungen  Wissenschaft,  einen  tiefen  Schatten  werfen,
einen  Schatten,  der  stetig  wuchs  und  der  ihr  zum  Schluß  jenes  unheilvolle ­
  Aussehen  einer  „scientia  sinistra“  gab,  einer  „dismal  Science“,
wie  Caelyle  später  sagte.
Aus  diesem  Grunde  nennen  wir  sie  Pessimisten,  ohne  mit  diesem
Beiwort  einen  Tadel  ausdrücken  zu  wollen,  da  wir  im  Gegenteil  zu
zeigen  versuchen  werden,  daß  ihre  Theorien  der  Wahrheit  näher
kommen,  als  die  der  Optimisten,  von  denen  wir  weiterhin  sprechen
werden:  —  Pessimisten,  weil  sie  uns  zahllose  Gründe  aufdecken,  um
nicht  mehr  an  die  Übereinstimmung  der  individuellen  Interessen  mit
denen  der  Allgemeinheit  zu  glauben,  trotzdem  sie  selbst,  genau  wie
ihre  Vorgänger,  fortfahren,  das  Vorhandensein  dieser  Übereinstimmung
zu  behaupten;  —  Pessimisten,  weil  sie  uns  überall  verwirrende  Gegensätze ­
  zwischen  den  Grundbesitzern  und  den  Kapitalisten,  zwischen
den  Kapitalisten  und  den  Arbeitern  zeigen;  —Pessimisten,  weil  sie
unter  den  Gesetzen  der  Natur,  und  sogar  der  Vorsehung,  die  die
Ordnung  auf  Grund  der  einzigen  Bedingung  verwirklichen  sollten,
daß  die  Menschen  sie  verstehen  und  ihnen  gehorchen  lernen,  andere
zu  entdecken  wähnen,  die,  wie  das'Gesetz  der  Bodenrente,  einer
kleinen  Zahl  müßiger  Grundeigentümer  ein  Einkommen  sichern,  das  im
direkten  Verhältnis  zu  der  Not  der  Bevölkerung  wächst;  oder  wde  das
"Gesetz  des  sinkendenBodener  träges,  nachdem  der  Erzeugung
der  unentbehrlichen  Lebensmittel  verhängnisvolle  Grenzen  gezogen  sind,
Grenzen,  deren  Druck  sich  schon  jetzt  sehr  fühlbar  macht,  und  die  den
Menschen  keine  andere  Aussicht  lassen,  um  ihr  Los  zu  verbessern,  als
freiwillig  ihre  Anzahl  zu  beschränken;  oder  endlich'Gesetze  wie  das
des  konstant  sinkenden  Profites,  das  den  Fleiß  des  Menschen
früher  oder  später  im  Sumpf  des  „stationären  Zustandes“  endigen
lassen  muß.
Pessimisten  auch  deshalb,  weil  sie  nicht  an  die  Möglichkeit
glaubten,  den  Lauf  dieser  unabänderlichen  Gesetze  wandeln  zu  können,
denen  nach  ihrer  Ansicht  gesetzgeberische  Reformen  ebenso  wie  die
organisierte  Betätigung  eines  zielbewußten  Willens  ohnmächtig  gegen ­
        <pb n="155" />
        Kapitel  III.  Die  Pessimisten.

133

überstellen.  Ihr  Vertrauen  auf  das,  was  wir  Fortschritt  nennen,  war
alles  in  allem  äußerst  gering.
Man  darf  aber  nicht  annehmen,  daß  sie  sich  selbst  als  Pessimisten ­
  betrachtet,  oder  daß  ihre  Zeitgenossen  sie  dafür  gehalten
hätten.  Es  ist  das  eine  Bezeichnung  a  posteriori,  die  sie  stark
in  Erstaunen  gesetzt  haben  würde.  Sie  entwickeln  im  Gegenteil
ihre  Theorien  mit  einer  Seelenheiterkeit,  die  befremdet.  Keinen
Augenblick  kommt  ihnen  der  Gedanke,  daß  mau  darin  eine  Anklage
gegen  die  bestehende  Ordnung  der  Dinge  oder  gegen  die  Weisheit
des  „großen  Schöpfers  der  Natur“  sehen  könnte.  Sie  glauben,  das
Grundeigentum  auf  eine  unerschütterliche  Basis  gestellt  zu  haben,
wenn  sie  nachweisen,  daß  die  Bodenrente  nichts  mit  dem  Eigentum
zu  tun  habe.  Sie  zweifeln  nicht  daran,  den  Geist  der  Revolte  entwaffnet ­
  zu  haben,  wenn  sie  den  Armen  nachweisen,  daß  sie  selbst
für  ihr  Unglück  verantwortlich  sind 1 ).
Die  beiden  Hauptvertreter  dieser  Lehre,  Malthus  und  Ricardo,
waren  Philanthropen,  Volksfreunde,  wie  sie  selbst  erklären,  und  wir
haben  keinen  Grund,  ihre  Aufrichtigkeit  in  Zweifel  zu  ziehen 2 ).  Ihre
Zeitgenossen  waren  über  diese  neue  Nationalökonomie  keineswegs
erschrocken,  sondern  nahmen  sie  mit  großer  Begeisterung  auf.  Die
große  englische  Gesellschaft 3 )  öffnete  ihnen  weit  ihre  Arme,  und  sogar
Damen  bemühten  sich,  in  Novellen  und  Erzählungen  die  abstrakten
Theorien  eines  Ricardo  4 )  allen  verständlich  zu  machen.
Auch  muß  man  anerkennen,  daß  sie  der  Wissenschaft  —  und
infolge  einer  durch  sie  hervorgerufenen  Gegenströmung  auch  den
Arbeiterklassen  —  ganz  bedeutende  Dienste  geleistet  haben.  Auch

')  „Das  Volk  muß  sich  seihst  als  die  Hauptursaohe  seines  Elendes  betrachten“
(Malthus,  S.  500).
Deshalb  sagen  zweifellos  auch  andere  Schriftsteller,  wie  z.B.EMBHALßvYin  seinem
Buch:  Le  Eadicalisme  Philosophique,  daß  Eicakdo,  Malthus  und  ihre  Jünger
„als  Vertreter  des  Optimismus  und  des  „nicht-daran-rührens“  gelten“.  Optimismus ­
  also!  In  welchem  Sinn?  Ohne  Zweifel,  weil  sie  die  wirtschaftliche  Ordnung
für  die  bestmögliche  und  auf  jeden  Fall  für  unabänderlich  hielten?  Mag  das  sein.
Hierfür  scheint  uns  dann  aber  die  Bezeichnung  „zufriedene  Pessimisten“  besser.
2 )  „Jeder  unparteiische  Leser  muß  anerkennen,  daß  das  praktische  Ziel,  das  dem
Verfasser  vor  allen  vorsohwebte,  die  Besserung  der  Lage  und  die  Erhöhung  des
Lebensglücks  der  unteren  Gesellschaftsklassen  ist.“  Mit  dieser  Erklärung  schließt
Malthus  sein  Buch  über  die  Bevölkerung.
3 )  In  ihren  Briefen  erzählt  uns  eine  Zeitgenossin  Eicardo’s,  Miss  Edgewokth,
die  Nationalökonomie  wäre  damals  so  stark  Mode  gewesen,  daß  die  Damen  der  Gesellschaft, ­
  ehe  sie  für  ihre  Töchter  eine  Erzieherin  nahmen,  sich  erkundigten,  ob  die
streifende  diese  Wissenschaft  lehren  könne.
)  Conversations  on  Political  Economy,  von  Mns  Mahcei  (1816).
lustrations  of  Political  Economy,  von  Miss  Martinbau,  9  Bände  mit  zusammen ­
  30  Erzählungen  (1832—1834).
        <pb n="156" />
        134

Erstes  Buch.  Die  Begründer.

wenn  den  Pessimisten,  wie  hier,  ihr  Pessimismus  nicht  bewußt  wird,
dienen  sie  dem  Fortschritt  doch  mehr,  als  die  Optimisten.  Ihnen  ist
die  große  kritische  Bearbeitung  aller  volkswirtschaftlichen  Lehren
und  Einrichtungen  zu  verdanken,  die  das  19.  Jahrhundert  geleistet
hat,  und  die  noch  bei  weitem  nicht  abgeschlossen  ist.  Wie  wir
weiterhin  sehen  werden,  ist  Ricardo  der  geistige  Vater  von  Kael
Marx.  Übrigens  sind  mehrere  ihrer  Theorien  durchaus  nicht  pessimistisch, ­
  —  aber  gerade  auf  diesen  beruht  ihr  Eulim  nicht.

I.
Malthus*).
Obgleich  Malthus  fast  nur  durch  sein  Bevölkerungsgesetz  bekannt ­
  ist,  wäre  er  auch  ohne  dies  ein  Nationalökonom  ersten  Ranges
gewesen,  und  zwar  dank  seiner  großen  Abhandlung  über  Nationalökonomie ­
  und  mehreren  anderen  bemerkenswerten  Schriften.  Wir

•)  Robert  Malthus  ist  im  Jahr  1766  geboren.  Sein  Vater  war  ein  hochgebildeter
Landedelmann,  der  in  Berührung  mit  den  Philosophen  seiner  Zeit,  besonders  mit  Hume
und  anscheinend  sogar  auch  mit  J.-J.  Rousseau,  stand.  Er  ließ  seinem  Sohne  eine  ausgezeichnete ­
  Erziehung  zuteil  werden  und  bestimmte  ihn,  da  er  der  Jüngere  war,
wie  üblich,  für  die  Theologie.  So  übernahm  Robert  Malthus  nach  dem  Verlassen
der  Universität  Cambridge  eine  Pfarrstelle  auf  dem  Lande.  1807  jedoch  wurde  er
zum  Professor  an  einer  von  der  Ostindischen  Kompagnie  in  Haileybnry  (Herfordshire)
gegründeten  höheren  Unterrichtsanstalt  ernannt,  wo  er  bis  zu  seinem  Tode  1836  blieb.
Er  hat  sich  erst  ziemlich  spät,  mit  39  Jahren  verheiratet.  Von  seinen  4  Kindern,
3  Söhnen  und  1  Tochter,  hat  keins  einen  Namen  hinterlassen.  Obgleich  das
Privatangelegenheiten  sind,  so  haben  sie  doch  ein  gewisses  Interesse,  da  es  sich  um
Malthus  handelt.
Malthus  war  noch  junger  Geistlicher  in  seinem  kleinen  Pfarrdorf  —  und  unverheiratet, ­
  damals  32  Jahre  alt,  —  als  er  im  Jahre  1798  anonym  sein  berühmtes
„Essay  on  the  principle^of  population  as  it  affeots  the  future  iraprovement
  of  society“  herausgab.  Es  rief  zahlreiche  Kritiken  hervor.  Zum
besseren  Studium  seines  Gegenstandes  unternahm  er  eine  dreijährige  Reise  (1799—
1802)  auf  dem  europäischen  Kontinent,  ohne  aber  nach  Frankreich  zu  kommen,  das
damals  kein  besonders  angenehmer  Aufenthalt  für  einen  Engländer  war.  1803  veröffentlichte ­
  er,  diesmal  unter  seinem  Namen,  eine  zweite,  sehr  verbesserte  und  vermehrte ­
  Ausgabe  seiner  Arbeit  mit  dem  etwas  abgeänderten  Titel:  „An  Essay
on  the  princ  iple,of  population,  or  a  view  of  its  past  and  present
effeots  on  human  happiness“.  Vier  weitere  Ausgaben  erschienen  zu  seinen
Lebzeiten.
Über  diesem  Buche  dürfen  nicht  seine  weiteren  sehr  bemerkenswerten  Werke  vergessen ­
  werden,  auch  wenn  sie  nicht  so  berühmt  werden  sollten;  zunächst:  Prinoiples
of  Political  Economy  from  the  point  of  view  of  their  practical
application  (1820)  und  andere,  die  sich  mehr  mit  Spezialfragen  befassen,  über  die
Getreidegesetze  (1814—1815),  über  die  Bodenrente  (1815),  über  die  Armengesetzgebung
(1817)  und  endlich  seine  „Definitions  in  Political  Economy“  (1827).
        <pb n="157" />
        Kapitel  III.  Die  Pessimisten.

135

verschieben  aber  eine  Besprechung  seiner  anderen  Theorien,  besonders
der  über  die  Bodenrente,  bis  die  Untersuchung  der  Ideen  Ricaedo’s
uns  Gelegenheit  gibt,  darauf  einzugehen  (S.  159).

Das  Bevölkerungsgesetz.
Zwanzig  Jahre  waren  seit  dem  Erscheinen  des  unvergänglichen
Werkes  A.  Smxth’s  verflossen,  ohne  daß  die  Nationalökonomie  einen
Schritt  weiter  getan  hätte,  als  ein  kleines  anonymes  Buch  ei  schien,
das  sogleich  ziemliches  Aufsehen  erregte;  man  erfuhr  bald,  daß  sein
Verfasser  ein  Landpfarrer  sei.  Ein  Jahrhundert  ist  vergangen,  und
seine  Wirkung  ist  noch  nicht  schwächer  geworden.  Auf  den  ersten
Blick  könnte  man  glauben,  daß  es  nur  entfernt  mit  der  Nationalökonomie ­
  zu  tun  habe,  da  sein  Inhalt  sich  mit  der  Bewegung  der
Bevölkerung  befaßt,  mit  dem,  was  wir  heute  Demographie  nennen.
Aber  erstens  hat  sich  diese  neue  Wissenschaft,  deren  Schöpfer  Malthus
ist,  erst  später  vom  Stamme  der  Nationalökonomie  abgezweigt.  Dann
aber  werden  wir  finden,  daß  der  Einfluß  seines  Buches  auf  alle  volkswirtschaftlichen ­
  Theorien,  auf  die  von  der  Erzeugung  sowohl  wie
auf  die  von  der  Verteilung  der  Güter,  außerordentlich  gewesen  ist.
Man  kann  es  als  eine  Entgegnung  auf  das  Werk  A.  Smith’s  ansprechen, ­
  dessen  Titel,  wie  James  Bonae  geistreich  bemerkt,  mit  einer
kleinen  Änderung  ebensogut  auf  das  anonyme  Buch  Malthus’  gepaßt
hätte:  „Untersuchungen  über  die  Ursachen  der  Völkerarmut.“
Schon*  die  Tatsache,  daß  er  zur  Erklärung  der  volkswirtschaftlichen ­
  Erscheinungen  einen  neuen  Faktor  heranzog,  der  der  Biologie
entlehnt  war,  und  daß  er  einen  neuen  Trieb  ins  Treffen  führte,  der  nicht
das  Selbstinteresse  oder  das  Streben  nach  Profit  war,  erweiterte  den
Horizont  der  Nationalökonomie  ganz  bedeutend  und*  kündigte  das
Kommen  der  Soziologie  an.*  Bekanntlich  hat  Daewin  selbst  zugegeben, ­
  daß  der  Ursprung  der  berühmtesten  wissenschaftlichen  Lehre
des  19.  Jahrhunderts,  der  des  Kampfes  ums  Dasein  als  Auswahl  des
Tüchtigsten  und  Triebfeder  des  Fortschrittes,  ihren  ersten  Anstoß
aus  dem  Buche  Malthus’  empfing.
Man  darf  nicht  etwa  glauben,  daß  die  dem  Menschengeschlechte
aus  einer  unbegrenzten  Vermehrung  der  Bevölkerung  möglicherweise
erwachsenden  Gefahren  die  Aufmerksamkeit  keines  Schriftstellers  vor
Malthus  erregt  hätten.  '  In  Frankreich  hatten  sich  schon  Buffon
und  Montesquieu  damit  beschäftigt.’  'Im  allgemeinen  sah  man  aber
eine  zahlreiche  Bevölkerung  stets  als  vorteilhaft  für  ein  Land  an
aud  glaubte,  daß  die  Bevölkerung  auf  natürliche  Weise  durch  die
Menge  der  Nahrungsmittel  geregelt  werde,  und  daher  Übervölkerung
        <pb n="158" />
        136

Erstes  Buch.  Die  Begründer.

nicht  zu  befürchten  sei 1 ).  So  drückt  sich  z.  B.  der  Physiokrat
Mieabeaxj  in  seinem  Buche:  „L’ami  des  ho  mm  es“  aus,  das  als
Untertitel  die  Bezeichnung:  Traite  de  la  population  (1755)
trägt.  Die  Gläubigen  der  natürlichen  Ordnung  konnten  sich
auch  nicht  durch  eine  so  natürliche  Erscheinung  wie  die  Vermehrung ­
  der  Bevölkerung  beunruhigt  fühlen.  Dieser  Optimismus  nahm
aber  mit  Godwin  außerordentliche  Proportionen  an,  dessen  1793  erschienenes ­
  Buch  „Political  Justice“  starken  Eindruck  machte.
Man  hat  Godwin  den  ersten  doktrinären  Anarchisten  genannt.  Er
scheint  auch  zuerst  das  berühmte  Wort  geprägt  zu  haben:  „Jede
Regierung,  auch  die  beste,  ist  ein  Übel.“  Auf  jeden  Fall  war  er
mit  seinem  unbegrenzten  Vertrauen  auf  die  Zukunft  der  Gesellschaften
ein  Vorläufer  des  Anarchismus;  gleiches  Vertrauen  brachte  er  dem
Fortschritt  der  Wissenschaft  entgegen,  der  die  Produkte  in  einem
solchen  Maßstab  vermehren  werde,  daß  eine  halbstündige  tägliche
Arbeit  genügen  würde,  um  alle  Bedürfnisse  zu  befriedigen.  Ebenso
dachte  er  auch  hinsichtlich  der  Entwicklung  der  Vernunft,  die  die
Einzelinteressen  und  den  Kampf  um  den  Profit  zügeln  werde.  Ist
aber  nicht  zu  befürchten,  daß  an  dem  Tage,  an  dem  das  Leben  so
leicht  und  angenehm  sein  wird,  die  Menschen  sich  so  vermehren  werden,
daß  die  Erde  sie  nicht  mehr  ernähren  kann?  —  Als  Godwin  diese
Frage  stellte,  ahnte  er  sicherlich  kaum,  welches  furchtbare  Problem
er  damit  anschnitt.  In  seinem  unerschütterlichen  Vertrauen  antwortete
er  ohne  weiteres,  daß  diese  Möglichkeit  sich  „erst  in  vielen  Jahrtausenden“ ­
  verwirklichen  könne,  daß  sie  wahrscheinlich  überhaupt  nicht
eintreten  werde,  weil  die  Vernunft  die  geschlechtlichen  Triebe  nicht
weniger  kräftig,  wie  die  Sucht  nach  Profit  im  Zaume  halten  würde;  und
er  erblickte  sogar  in  der  Ferne  einen  gesellschaftlichen  Zustand,  in  dem
„der  Geist  die  Sinne  so  sehr  beherrschen  wird,  daß  die  Fortpflanzung
aufhört“,  und  in  dem  der  Mensch  unsterblich  sein  wird  2  3 ).
Zur  gleichen  Zeit  erschien  in  Frankreich  ein  Buch,  das  mit  dem
Godwin’s  große  Ähnlichkeit  hatte:  Esquissed’untableauhistorique
  des  progres  de  l’Esprit  humain  (Skizze  einer  geschichtlichen ­
  Darstellung  des  Fortschrittes  des  Menschengeistes)  von
Condoecbt  (1794).  Es  atmet  das  gleiche  Vertrauen  in  das  Vorwärtsschreiten ­
  der  menschlichen  Gesellschaften  dem  Glücke  entgegen,  in
die  Allmacht  der  Wissenschaft,  —  die,  wenn  sie  den  Tod  nicht  aus
der  Welt  schaffen  kann,  ihn  wenigstens  in  weite,  weite  Ferne  zu
rücken  vermag a );  —  und  diese  Zuversicht  ist  nicht  ohne  eine  geb ­

  Siehe  hierüberStangbland,  Pre-Malthusian  Doctrines,  New-York,  1904.
2 )  Godwin;  Political  Justice,  B.  YIII,  Kap.  VII;  Neudruck,  London,  1890.
3 )  „Allerdings  wird  der  Mensch  nie  unsterblich  werden,  aber  ist  es  nicht  möglich,
        <pb n="159" />
        *

Kapitel  III.  Die  Pessimisten.

137

wisse  Tragik  bei  einem  Manne,  der  seinem  Leben  durch  Gift  ein
Ende  machte,  um  der  Guillotine  zu  entgehen.  Wenn  aber  der  Tod
abgeschaift  werden  soll,  so  stellt  sich  Condoecet  die  gleiche  Frage
wie  Godwin:  wie  wird  die  Erde  dann  die  Menschen  ernähren
können?  Er  gibt  etwa  die  gleiche  Antwort:  nämlich,  entweder  wird
die  Wissenschaft  dazu  gelangen,  die  Nahrungsmittel  über  jede  denkbare ­
  Grenze  hinaus  zu  vermehren,  oder  aber  die  Vernunft  wird
ein  unbedachtes  Überhandnehmen  der  Bevölkerung  zu  verhindern
wissen.
Unausbleiblich  mußte  ein  so  stürmischer  Optimismus  eine  Reaktion
hervorrufen,  auf  Grund  des  ewigen  Rhythmus,  der  die  Geschichte
der  Ideen,  wie  die  der  Tatsachen  beherrscht.  Diese  Reaktion  ließ
auch  nicht  auf  sich  warten  und  erschien  in  der  malthusischen  Abhandlung. ­
  .
Den  Behauptungen,  daß  dem  Fortschritte  des  Menschengeschlechtes
zu  Reichtum  und  Glück  keine  Grenzen  gezogen  seien,  und  daß  die
Befürchtung,  es  werde  eines  Tages  zuviel  Menschen  auf  der  Erde
geben,  grundlos  sei  oder  auf  jeden  Fall  sich  auf  so  weit  vor  uns
liegende  Zeiten  beziehe,  daß  es  nicht  der  Mühe  lohne,  sich  damit  zu
beschäftigen,  hielt  Malthus  als  Antwort  entgegen,  daß  gerade  hierin
das  fast  unüberwindliche  Hindernis  bestehe,  ein  Hindernis,  das  sich
nicht  erst  in  ferner  Zukunft  einstellen  werde,  sondern  das  seit  Anbeginn ­
  in  seiner  ganzen  drängenden  Notwendigkeit  bestanden  habe
und  auch  heute  vorhanden  sei 1 ).  Von  Anfang  aller  Zeiten  an  habe
das  Zuviel  an  Menschen  den  Fortschritt  des  Menschengeschlechtes
schwer  gehemmt,  ein  Fels  des  Sisyphus,  den  es  je  und  je  gewälzt
habe,  und  unter  dessen  Last  es  zusammenbreche.  Die  Natur  habe  in
den  Menschen  einen  Instinkt  gelegt,  der,  sich  selbst  überlassen,  ihn
dem  Hunger,  dem  Tode  und  dem  Laster  überantworte.  Hierin  liegt
die  Tatsache,  die  alle  Leiden  der  Menschen  bedingt,  ohne  daß  sie
die  Ursache  kennen;  die  Tatsache,  die  den  Schlüssel  zur  Geschichte
der  menschlichen  Gesellschaften  und  ihres  Elendes  liefert.
Jeder,  auch  der,  der  soziologischen  Studien  fernsteht,  kennt  die
einfachen  Formeln,  durch  die  Maltkus  einerseits  die  unheimliche
Schnelligkeit  der  sich  selbst  überlassenen  Bevölkerungsvermehrung,
dali  der  Zeitraum  zwischen  dem  Augenblick,  in  dem  er  zu  leben  anfängt,  und  dem,
ln  dem  er  zu  leben  aufhört,  endlos  ausgedehnt  werden  kann?“
l )  Kap.  VIII  trägt  die  Überschrift:  „Über  den  Irrtum,  anzunehmen,  daß  die
aus  der  Bevölkerung  erwachsende  Gefahr  noch  weit  entfernt  sei“  .  .  .  „Es  gibt
sehr  wenig  Länder,  in  denen  man  nicht  ein  beständiges  Streben  der  Bevölkerung,
über  ihre  Unterhaltsmittel  hinaus  zu  wachsen,  wahrnimmt.  Dieses  in  seiner  Aktion
beständige  Streben  wirkt  nicht  weniger  beständig  darauf  hin,  die  unteren  Klassen
der  Gesellschaft  ins  Elend  zu  stürzen  und  widersetzt  sich  jeder  Verbesserung  ihrer
Kage“  (S.  16).
        <pb n="160" />
        138

Erstes  Buch.  Die  Begründer.

und  auf  der  anderen  Seite  das  verhältnismäßig  langsame  Wachstum
der  Lebensraittelmenge  vor  Augen  führt.  Er  benützt  zur'  Darstellung
der  Bevölkerungsvermehrung  die  geometrische  Reihe,  die  von
Zahl  zu  Zahl  durch  Multiplikation  fortschreitet,  und  er  nimmt  die
einfachste  Form,  in  der  jede  Zahl  das  Doppelte  der  vorhergehenden
ist;  zur  Darstellung  des  Wachstums  der  Lebensmittelmenge  bedient  er
sich  der  arithmetischen  Reihe,  die  von  Zahl  zu  Zahl  durch
Addition  wächst.  Auch  hier  nimmt  er  die  einfachste,  die  Reihe  der
ganzen  Zahlen:  Das  Ergebnis  ist  folgendes:
1  2  4  8  16  32  64  128  256
123456  7  8  9
Er  nimmt  weiter  an,  daß  jede  Zahl  eine  Periode  von  25  Jahren
umfaßt.  Man  sieht  daher  sofort,  daß,  wenn  die  Bevölkerung  sich  alle
25  Jahre  verdoppelt,  und  die  Lebensmittel  während  dieses  Zeitraumes
nur  um  eine  stets  gleichbleibende  Menge  wachsen,  der  Unterschied
zwischen  den  beiden  in  einem  unheimlichen  Verhältnis  steigt.  In
unserer  Zahlenreihe,  die  nur  9  Perioden  oder  die  verhältnismäßig
kurze  Zeit  von  200  Jahren  umfaßt,  ist  die  Zahl  für  die  Bevölkerungschön
  28  mal  größer  als  die  Zahl  für  die  Lebensmittel.  Wenn  man
die  Reihe  auf  die  hundertste  Stelle  fortsetzt,  würde  ein  numerischer
Ausdruck  nicht  mehr  möglich  sein.
Die  erste  dieser  Reihen  kann  als  richtig  anerkannt  werden,
soweit  sie  das  biologische  Fortpflanzungsgesetz  vorstellt.  Allerdings
setzt  die  Verdoppelung  vier  zum  zeugungsfähigen  Alter  gelangende
Kinder  voraus  und  folglich  etwa  5  bis  6  Geburten,  um  den  infolge
der  unvermeidlichen  Kindersterblichkeit  eintretenden  Ausfall  gut
zu  machen.  Diese  Ziffer  mag  uns  hoch  erscheinen,  die  wir  in  Gemeinwesen ­
  leben,  wo  die  Beschränkung  der  Geburten  üblich  ist.
Jedoch  beweisen  die  Tatsachen,  daß  bei  allen  lebenden  Wesen,  sogar
beim  Menschen,  der  am  wenigsten  fruchtbar  ist,  die  Zahl  der  Geburten ­
  im  natürlichen  Lauf  der  Dinge  beträchtlich  höher  sein  würde.
Die  Zahl  der  sich  folgenden  Schwangerschaften  des  im  Alter  der
Reproduktionsfähigkeit  stehenden  Weibes  kann  etwa  zwanzig  erreichen
und  hat  sie  in  gewissen  Fällen  tatsächlich  überstiegen.  Dank  dieser
Vermehrung  hat  sich  die  Erde  bis  heute  bevölkert,  und  nichts  weist
darauf  hin,  daß  diese  Reproduktionsfähigkeit  heute  bei  beiden  Geschlechtern ­
  geringer  sei  als  früher.  Wenn  Malthus  daher  nur  die
Zahl  2  als  Rate  seiner  Vermehrungsreihe  annimmt,  hat  er  nichts
übertriebenes  behauptet 1 ).
l )  Bei  nur  zwei  Kindern  auf  das  Paar  würde  die  Bevölkerung  natürlich  zurückgeheu,
  da  nicht  alle  Kinder  das  zeugungsfähige  Alter  erreichen  und  auch  von  denen,
die  es  erreichen,  nicht  alle  Kinder  erzeugen.  Die  Erfahrung  zeigt,  daß  hei  weniger
als  drei  Kindern  auf  das  Paar,  die  Bevölkerung  nicht  steigt  oder  sich  nur  ganz
        <pb n="161" />
        Kapitel  III.  Die  Pessimisten.

139

Eher  kann  noch  die  25jährige  Dauer  der  Zwischenzeit  zwischen
je  zwei  Zahlen  zur  Kritik  Anlaß  geben 1 ).  Der  Zeitraum  zwischen
dem  Durchschnittsalter  der  Eltern  und  dem  durchschnittlichen  Alter,
in  dem  die  Kinder  dieses  Paares  ihrerseits  Kinder  erzeugen,  kann
kaum  geringer  als  33  Jahre  sein.  Man  nennt  diesen  Zeitraum  ein
Menschenalter  und  hat  stets  etwa  drei  auf  ein  Jahrhundert  gerechnet.
Das  sind  aber  alles  unbedeutende  Bemängelungen.  Denn  wenn
man  den  Zwischenraum  zweier  Zahlen  auch  von  25  auf  33  erhöht
und,  wenn  man  will,  die  Progression  der  Reihe  von  2  auf  1,5,  sogar
auf  1,25  oder  1,10  erniedrigt,  so  hat  dies  wenig  Bedeutung.  Die
Progression  wird  etwas  langsamer,  aber  sobald  die  Progression,  so
klein  sie  auch  am  Anfang  sein  möge,  überhaupt  besteht,  so  kann
nichts  verhindern,  daß  sie  bald  in  immer  größer  und  größeren  Sprüngen
vorwärts  eilt  und  alle  Grenzen  überschreitet.  Diese  Korrekturen  verringern ­
  daher  in  nichts  die  Kraft  der  Schlußfolgerungen  Malthus’  als
physiologisches  Gesetz.
Die  zweite  Reihe,  die  des  Wachstums  der  Lebensmittel,  scheint
der  Kritik  mehr  Angriffspunkte  zu  bieten,  denn  sie  ist  sichtlich  willkürlich, ­
  und  man  weiß  nicht  recht,  ob  sie,  wie  die  erste,  ein  natürliches ­
  Streben  vorstellt,  oder  ob  sie  beobachtete  Tatsachen  wiederspiegeln ­
  will!  Sie  ist  ohne  Übereinstimmung  mit  einem  bekannten
und  sicheren  Gesetz,  wie  es  das  biologische  Reproduktionsgesetz  ist.
Sie  steht  mit  ihm  sogar  allem  Anschein  nach  in  Widerspruch.  Was
■sind  denn  die  „Lebensmittel“  anders,  als  tierische  und  pflanzliche
Arten,  die  sich  nach  denselben  Gesetzen,  wie  die  Menschen,  vermehren ­
  und  noch  dazu  in  einer  viel  schnelleren  „geometrischen  Reihe“  1
Die  Vermehrungskraft  des  Korns  oder  der  Kartoffel,  der  Hühner  oder
des  Herings,  sogar  der  Rinder  oder  des  Schafes  ist  doch  der  des
Menschen  unendlich  überlegen.  —  Auf  diesen  Einwurf  würde  Malthus
unbedeutend  vermehrt.  Das  ist  der  Fall  in  Frankreich,  wo  auf  jede  Ehe  iin  Durchschnitt ­
  2,70  Geburten  fallen.
Zur  Rechtfertigung  seiner  Multiplikation  mit  2  zog  Malthus  eine  normale
Familie  mit  6  Kindern  in  Betracht.  Bei  der  Annahme,  daß  von  den  sechs  zwei  sterben,
bevor  sie  eine  Ehe  eingehen  können,  oder  kinderlos  bleiben,  sind  noch  vier  übrig,  die
ihrerseits  sich  fortpflanzen,  und  so  haben  wir  ganz  richtig  die  Reihe  2  —  4  —  8  usf.
l )  Malthus  hat  jedoch  nicht  ganz  willkürliche  Zahlen  eingesetzt.  Was  die
25jährige  Verdoppelungsperiode  anlangt,  stützte  er  sich  auf  die  Bevölkerungsbewegung ­
  in  den  Vereinigten  Staaten.  Es  ist  merkwürdig,  daß  man  im  Laufe  des
XIX.  Jahrhunderts  in  den  Vereinigten  Staaten  eine  Bevölkerungsbewegung  feststellen ­
  kann,  die  ziemlich  genau  mit  dem,  was  Malthus  voraussah,  übereinstimmt.
1800  betrug  die  Bevölkerung  5  Millionen.  Wenn  man  sie  viermal  verdoppelt
(4  Perioden  von  je  25  Jahren  =  100  Jahre),  hat  man  für  1900  die  Zahl  von
80  Millionen.  Diese  Ziffer  wurde  1905  erreicht,  also  mit  einer  Verspätung  von  nur
5  Jahren  gegenüber  der  Vorraussage.  Nur  ist  das  reiner  Zufall,  da  sie  auf  der
Einwanderung,  nicht  auf  der  Natalität  beruht.
        <pb n="162" />
        140

Erstes  Buch.  Die  Begründer.

zweifellos  folgendes  erwidert  haben:  Dieser  virtuellen  Vermehrungskraft
  der  zur  menschlichen  Nahrung  dienenden  Arten  sind  faktisch
sehr  enge  Grenzen  gezogen:  Beschränkung  der  bewohnbaren  Zone,
Beschränkung  der  der  betreffenden  Art  unentbehrlichen  Nahrungsmittel, ­
  Kampf  ums  Dasein  usw.  Zugegeben!  Wenn  man  aber  diese
Hindernisse  in  der  zweiten  Reihe  gelten  läßt,  warum  nicht  auch  in
der  ersten?  Hier  liegt  sicherlich  eine  gewisse  Inkonsequenz.  Eins
von  beiden  kann  nur  gelten:  entweder  handelt  es  sich  darum,  Tendenzen ­
  festzulegen,  und  in  diesem  Fall  ist  das  Vermehrungsbestreben ­
  der  Lebensmittel  dem  der  Menschen  nicht  nur  gleich,
sondern  ihm  bedeutend  überlegen;  —  oder  es  handelt  sich  darum,  Tatsachen ­
  festzulegen,  und  in  diesem  Falle  sind  die  Hindernisse,  die
einer  unbeschränkten  Vermehrung  des  Menschen  im  Wege  stehen,
nicht  geringer  als  die,  die  eine  unbeschränkte  Vermehrung  der  Tiere
und  Pflanzen  zu  überwinden  hat;  oder  besser  ausgedrückt;  die  Glieder
beider  Gleichungen  unterstehen  derselben  Einwirkung.
Um  die  Bedeutung  der  zweiten  Formel  zu  finden,  muß  man
sie  aus  dem  Bereiche  der  Biologie  in  das  der  Ökonomik  übertragen.
Es  handelt  sich  selbstverständlich  in  den  Gedanken  Malthus’  um  den
Ertrag  eines  bestimmten  Stück  Landes,  etwa  an  Getreide,  da  die
englischen  Nationalökonomen  niemals  etwas  anderes  im  Sinne  haben.
Er  will  sagen,  daß,  wenn  von  einem  Stück  Land  eine  gleichmäßige
Ertragssteigerung  von  etwa  2  hl  am  Ende  jeder  gegebenen  Periode,
alle  25  Jahre,  erzielt  wird,  das  alles  ist,  was  man  erhoffen  kann.
Diese  Hypothese  scheint  noch  über  die  Wirklichkeit  hinauszugehen.
Lavoisiek  schätzte  1789  den  Getreideertrag  in  Frankreich  auf  7.75  hl
auf  den  Hektar.  In  den  letzten  Jahren  erreichte  er  im  Mittel  ein
wenig  mehr  als  17  hl.  In  der  Annahme,  daß  die  Steigerung  in  den
120  Jahren  der  Zwischenzeit  regelmäßig  gewesen  ist,  erhalten  wir
einen  Mehrertrag  von  2  hl  für  jede  Periode  von  25  Jahren.  Das
hat  angesichts  des  schwachen  Wachstums  der  französischen  Bevölkerung ­
  genügt,  um  die  Durchschnittsmenge  pro  Kopf  von  2  auf
3  hl  zu  bringen.  Würde  sie  aber  für  eine  so  schnell  anwachsende
Bevölkerung,  wie  die  Englands  oder  Deutschlands  genügt  haben?
Sicherlich  nicht,  da  diese  beiden  Länder,  trotz  eines  höheren  Ertrages, ­
  gezwungen  sind,  vom  Ausland  einen  großen  Teil  des  Brotkornes, ­
  von  dem  sie  leben,  einzuführen.  Kann  wenigstens  in  Frankreich ­
  diese  Steigerung  endlos  während  dieses  und  der  folgenden  Jahrhunderte ­
  fortgesetzt  werden?  Das  ist  sehr  unwahrscheinlich;  die
Ertragsfähigkeit  eines  jeden  Bodens  muß  eine  physische  Grenze
haben,  die  durch  die  Menge  der  in  ihm  enthaltenen  Bestandteile
bestimmt  wird,  —  und  noch  viel  eher  muß  eine  wirtschaftliche
Grenze  erreicht  werden.  Diese  Grenze  ergibt  sich  aus  den  wachsenden
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        Kapitel  III.  Die  Pessimisten.

141

Kosten,  die  jede  bis  zu  ihren  äußersten  Schranken  getriebene  Nutzbarmachung ­
  bedingt.  So  erscheint  das  Gesetz  vom  „sinkenden  Bodenertrag“, ­
  auf  das  wir  znrückkommen  werden,  schon  als  die  wirkliche
Grundlage  der  MALTnus’schen  Gesetze,  obgleich  er  nicht  ausdrücklich
darauf  hinweist.
Es  liegt  auf  der  Hand,  daß  in  der  Tat  an  einem  gegebenen
Ort  sich  nicht  mehr  lebende  Wesen  befinden  können,  als  dort  ihren
Lebensunterhalt  finden:  das  ist  ein  Truismus.  Denn  wenn  mehr  vorhanden ­
  sind,  müssen  selbstverständlich  die  Zuvielen  Hungers  sterben  1 ).
Dies  tritt  in  der  Tier-  und  Pflanzenwelt  stets  ein:  die  ungeheuerliche
Vermehrung  der  Keime  der  Lebewesen  wird  durch  den  Tod  unerbittlich ­
  auf  das  zulässige  Verhältnis  zurückgeführt,  und  das  von
der  Notwendigkeit  bestimmte  Niveau  steigt  und  fällt  ebensowenig,
wie  der  Wasserstand  in  einem  gut  regulierten  Behälter  schwankt.
Denn  die  furchtbaren  Verheerungen  des  Todes  werden  ständig  durch
unerschöpflichen  Lebensdrang  wieder  ersetzt.  Bei  den  wilden  Völkern
stirbt  nun  ebenso  wie  bei  wilden  Tieren  ein  großer  Bevölkerungsteil
buchstäblich  Hungers.  Malthus  weist  eingehend  auf  den  Zustand
dieser  primitiven  Gemeinschaften  hin.  Hierin  war  er  ein  Vorläufer
jener  prähistorischen  Soziologie,  die  seit  ihm  bedeutende  Fortschritte
gemacht  hat.
Er  zeigt  sehr  klar,  wie  dieser  Mangel  an  Nahrungsmitteln
hundert  Übel  nach  sich  zieht,  nämlich  nicht  nur  die  große  Sterblichkeit ­
  und  die  Epidemien,  sondern  auch  die  Menschenfresserei,  den  Kindernnd
  Greisenmord  und  besonders  den  Krieg,  der,  auch  wenn  sein  Ziel
nicht  mehr  darin  besteht,  die  Besiegten  aufzufressen,  doch  wenigstens
den  Zweck  hat,  ihnen  ihr  Land  und  die  Lebensmittel,  die  es  hervorbringen ­
  kann,  zu  nehmen.  Das  nennt  er  p  o  s  i  t  i  v  e  oder  repressive
Hemmungen.
Könnte  man  aber  hierauf  nicht  erwidern,  daß  dieser  Mangel  an
Nahrungsmitteln,  bei  den  Wilden,  wie  bei  den  Tieren  mehr  auf  einer
Produktionsunfähigkeit,  als  auf  einer  Übervölkerung  beruhe?
Malthus  erwidert  jedoch  sofort  mit  dem  Hinweis  auf  die  Beibehaltung ­
  vieler  dieser  Gewohnheiten  selbst  bei  so  zivilisierten
Völkern  wie  den  Griechen.  Sogar  bei  modernen  Völkern  bestehen,
‘wenn  auch  abgeschwächt,  diese  Formen  brutaler  Unterdrückung.
*)  Mit  Bezug  hierauf  schrieb  Malthus  den  bekannten,  stets  wiederholten  Satz,
den  man  ihm  beständig  zum  Yorwurf  gemacht  hat,  obgleich  er  von  ihm  schon  in
der  2.  Ausg.  gestrichen  wurde:  „der  in  die  .  .  .  schon  mit  Beschlag  belegte  Welt
Geborene  .  .  .  findet  an  der  großen  Tafel  der  Natur  keinen  für  ihn  gedeckten  Platz.
Die  Natur  befiehlt  ihm,  wieder  zu  verschwinden  und  zögert  nicht,  ihrem  Befehl
nachzuhelfen.“  Hierbei  darf  aber  nicht  vergessen  werden,  daß  Malthus  an  der
Reorganisation  der  öffentlichen  Wohlfahrtsbehörde,  wie  sie  vor  lb32  in  England  bestand, ­
  mitgewirkt  hat.
        <pb n="164" />
        142

Erstes  Buch.  Die  Begründer.

Wenn  wirkliche  Hungersnot  sich  auch  nur  noch  in  Rußland  und
Indien  findet,  so  herrscht  sie  doch  mitten  unter  den  zivilisiertesten
Gemeinschaften  als  physisches  Elend,  das  sich  am  verheerendsten
in  der  Tuberkulose  äußert.  Sie  zieht  eine  erschreckliche  Kindersterblichkeit ­
  und  für  die  erwachsene  Arbeiterbevölkerung  frühzeitigen
Tod  nach  sich.  Der  Krieg  fährt  fort,  die  Menschen  in  Massen  niederzumähen. ­
  Malthüs  lebte  ja  zur  Zeit  jener  Kriege  der  Eevolution
und  des  ersten  Kaiserreichs,  in  denen  von  1791—1815  in  Europa
zehn  Millionen  blühender,  kräftiger  Männer  umkamen.
Bei  zivilisierten  Völkern  aber  läßt  sich  das  Gleichgewicht  zwischen
Bevölkerung  und  Lebensmittelmenge  durch  menschlichere  Mittel  herstellen,
  indem  nämlich  die  repressive  Hemmung,  die  in  der
Steigerung  der  Sterblichkeit  besteht,  durch  die  präventive ­
  Hemmung,  die  in  der  Verringerung  der  Geburten ­
  besteht,  ersetzt  wird.  Dieser  Ausweg  steht  unter  allen
nur  dem  Wesen  offen,  das  mit  Vernunft  und  Voraussicht  begabt  ist:
dem  Menschen.  Wenn  er  weiß,  daß  seine  Kinder  dem  Tode  geweiht
sind,  kann  er  sich  ihrer  Zeugung  enthalten.  Man  kann  sogar  sagen,
daß  hierin  das  einzige,  wirklich  wirksame  Mittel  liegt,  denn  das
repressive  Mittel  spornt  nur  die  Vermehrung  an,  wie  auch  der
gemähte  Rasen  nur  um  so  dichter  wächst.  Der  Krieg  liefert  hierfür
einen  schlagenden  Beweis.  In  Frankreich  steht  das  Jahr,  das  dem
entsetzlichen  Kriege  von  1870/71  folgte,  in  demographischer  Hinsicht
durch  die  plötzliche  Aufwärtsbewegung  einzig  da,  die  die  schon
fallende  Kurve  seiner  Geburtsziffer  zeigte.
Malthüs  hat,  besonders  in  der  zweiten  Ausgabe  seines  Buches,
die  präventiven  Mittel  eingehender  dargestellt  und  dadurch  die
drohenden  Aussichten,  die  die  erste  eröffnete,  abgeschwächt.  Es
kommt  nun  darauf  an,  zu  wissen,  was  er  darunter  versteht.  In  einer
so  bedeutsamen  Frage,  in  der  die  Gedanken  des  hochwürdigen  Pfarrers
von  Haileybury  so  eigentümlich  entstellt  worden  sind,  dürfen  wir
uns  nicht  scheuen,  die  Zitate  etwas  zu  häufen.
Die  präventive  Hemmung  ist  für  Malthüs  die  moralische  Enthaltsamkeit ­
  —  moral  restraint.  —  Was  soll  man  hierunter  verstehen ­
  ?  Bedeutet  es  die  Enthaltsamkeit  vom  geschlechtlichen
Verkehr  in  der  Ehe,  sobald  die  Zahl  der  Kinder  genügend  groß  ist,
um  die  Bevölkerung  auf  gleicher  Höhe  oder  in  gemäßigtem  Wachstum
zu  halten,  sobald  also  etwa  drei  Kinder  erzeugt  sind?  Nein.  Niemals
hat  Malthüs  die  geschlechtliche  Enthaltsamkeit  in  der  Ehe  befürwortet. ­
  Wir  haben  schon  gesagt,  daß  er  sechs  Kinder  (was
wenigstens  die  Verdoppelung  jeder  Generation  bedeutet)  als  den
Typus  einer  normalen  Familie  bezeichnet.  Und  dabei  stellt  er  diese
Zahl  keineswegs  als  ein  Maximum  hin,  denn  er  fügt  hinzu:  „Vielleicht
        <pb n="165" />
        Kapitel  III.  Die  Pessimisten.

143

wird  man  mir  entgegenhalten,  daß  Niemand,  der  sich  verheiratet,  die
Zahl  seiner  Kinder  Voraussagen  kann,  und  ob  er  nicht  mehr  als  sechs
haben  wird.  Das  ist  unbestreitbar“  (8.  570).
Worin  soll  nun  diese  moralische  Enthaltsamkeit  bestehen?
Hierauf  antwortet  er:  „Enthaltung  von  der  Ehe,  zusammen  mit
keuschem  Lebenswandel,  nenne  ich  moralische  Enthaltsamkeit“  (8.14).
ln  einer  Anmerkung  bemerkt  er  noch,  um  jedes  Mißverständnis  auszuschließen: ­
  „Ich  verstehe  unter  moralischer  Enthaltsamkeit  die,
welche  jemand  hinsichtlich  der  Heirat  aus  einem  Klugheitsgrunde
übt,  solange  sein  Lebenswandel  während  dieser  Zeit  durchaus
moralisch  ist.  Ich  habe  mich  in  diesem  Werke  bemüht,  nie  von
dieser  Auslegung  abzuweichen.“  Es  ist  also  klar;  es  handelt  sich  um
völlige  Enthaltsamkeit  von  jedem  geschlechtlichen  Verkehr  außer  der
Ehe,  um  das  Hinausschieben  der  Ehe  selbst  bis  zu  einem  Zeitpunkt,
wo  der  Mann  imstande  ist,  die  Verantwortlichkeit  für  eine  Familie  auf
sich  zu  nehmen,  oder  sogar  um  vollständigen  Verzicht  auf  die  Ehe,
wenn  dieser  Zeitpunkt  nie  eintritt.
Man  sieht  hieraus,  daß  Malthus  durchaus  die  Mittel  verwirft,
deren  Verbreitung  heute  von  denen  angestrebt  wird,  die  sich  auf  ihn
berufen:  er  verurteilt  die,  welche  die  freie  Ausübung  des  geschlechtlichen ­
  Verkehrs,  sei  es  außer,  sei  es  in  der  Ehe  befürworten,  indem
sie  ihn  absichtlich  steril  gestalten.  Die  Anwendung  jedes  Präventivmittels ­
  bezeichnet  er  als  Laster,  im  Gegensatz  zur  moralischen  Enthaltsamkeit. ­
  Malthus  ist  in  diesem  Punkte  sehr  kategorisch:  „Ich
weise  jedes  künstliche  und  den  Naturgesetzen  zuwiderlaufende  Mittel
zurück,  durch  das  man  die  Bevölkerung  beschränken  möchte.  Die
Hemmungen,  die  ich  befürworte,  sind  mit  der  Vernunft  in  Übereinstimmung ­
  und  vor  der  Religion  gerechtfertigt“  (8.  616).  Und  er  fügt
die  für  Frankreich  wahrhaft  prophetischen  Worte  hinzu:  „Es  wäre  zu
leicht  und  zu  einfach,  das  Wachstum  der  Bevölkerung  sogar  völlig
aufzuhalten,  und  damit  würde  man  in  den  entgegengesetzten  Fehler
verfallen.“
Es  ist  kaum  nötig  darauf  hinzuweisen,  daß,  wenn  Malthus  den
ehelichen  Präventivverkehr  verwirft,  er  mit  noch  größerem  Nachdruck
gegen  jenes  andere  Präventivmittel  auftritt,  das  in  der  Einrichtung
einer  besonderen  Klasse  weiblicher,  der  Prostitution  verfallener  Wesen
besteht 1 ).  Mehr  noch  hätte  er  jene  Mittel  verworfen,  von  denen  zu
b  „Die  Prostitution,  die  allerdings  der  Bevölkerungsverroehrung  Abbruch  tut,
zieht  gleichfalls  eine  Schwächung  der  edelsten  Herzenseigenschaften  und  eine  Erniedrigung ­
  des  Charakters  nach  sich.  Jeder  andere  ungesetzliche  Geschlechtsverkehr
wirkt  ebensosehr  wie  die  Ehe  auf  ein  Wachstum  der  Bevölkerung  hin  (wenn  man
nicht  Mittel  anwendet,  die  die  Moral  verwirft),  läßt  es  jedoch  viel  wahrscheinlicher
ei scheinen,  daß  die  Kinder  der  Fürsorge  der  Gesellschaft  zur  Last  fallen“  (S.  476).
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Erstes  Buch.  Die  Begründer.

seiner  Zeit  kaum  die  Rede  war,  wie  die  Abtreibung  —  ein  Verbrechen, ­
  das  in  unseren  modernen  Gesellschaften  in  viel  umfassenderem
Maße  an  die  Stelle  des  Kindermordes  und  der  Kinderaussetzung  des
Altertums  zu  treten  strebt,  —  denen  aber  das  Strafgesetzbuch  ohnmächtig ­
  gegenübersteht,  und  die  eine  neue  Moral  sogar  zu  rechtfertigen
  anfängt.
Da  nun  so  alle  der  Moral  widersprechenden  Mittel  ausgeschaltet
sind,  wie  hat  da  Malthus  glauben  können,  daß  die  moralische  Enthaltsamkeit, ­
  wie  er  sie  auffaßte,  jemals  zu  einem  ausreichenden
und  wirksamen  Zaum  gegen  die  Übervölkerung  werden  könnte?
Ohne  Zweifel  möchte  er  es  gern:  er  bemüht  sich,  die  Menschen
für  diesen  heiligen  Kreuzzug  zu  rüsten:  „Die  Christen  weise  ich
darauf  hin,  daß  uns  die  heilige  Schrift  klar  und  unzweideutig
als  positive  Pflicht  die  Beherrschung  unserer  Leidenschaften  in  vernünftigen ­
  Grenzen  vorschreibt  .  .  .  Ein  Christ  kann  die  Schwierigkeit ­
  der  moralischen  Enthaltsamkeit  nicht  als  Entschuldigung,  die
ihn  von  dieser  Pflicht  entbinde,  anführen“  (S.  479).  Und  denen  gegenüber, ­
  die  nur  der  Vernunft  gehorchen  wollen,  führt  er  aus:  „daß
diese  Tugend  (die  Keuschheit)  auf  Grund  genauer  Untersuchung  zur
Vermeidung  der  Übel  notwendig  erscheint,  die  ohne  sie  eine  unausbleibliche ­
  Folge  der  Naturgesetze  sind 1 ).“
Im  Grunde  seines  Herzens  glaubt  er  aber  kaum  an  eine  Ausbreitung ­
  der  moralischen  Enthaltsamkeit,  um  den  menschlichen  Liebesdrang
  zu  beherrschen  und  zu  regeln.  Deshalb  fühlt  er  sich  auch
wenig  sicher,  und  trotz  des  Schildes  aus  reinem  und  zerbrechlichem
Kristall,  den  er  der  Hydra  entgegehhielt,  erschien  sie  ihm  noch  immer
bedrohlich  2 ).  Auch  hatte  er  sehr  gut  begriffen,  daß  sein  Heilmittel,
1 )  „Diese  Betrachtungen  beweisen,  daß  die  Keuschheit  nicht,  wie  einige  vermuten, ­
  eine  erzwungene  Tugend  ist,  die  ein  künstlicher  sozialer  Zustand  hervorbringt,
sondern  daß  sie  ihre  wirkliche  und  feste  [Grundlage  in  der  Natur  und  in  der
Vernunft  hat:  diese  Tugend  ist  auch  das  einzige  richtige  Mittel,  die  Laster  und
Leiden,  die  das  Prinzip  der  Bevölkerung  nach  sich  zieht,  zu  vermeiden.“
Malthus  weist  darauf  hin,  daß  diese  Tugend  seit  jeher  von  den  Frauen  gefordert
worden  ist,  und  daß  es  „daher  keinen  Grund  gibt,  weshalb  die  Verletzung  der  Gesetze
der  Keuschheit  nicht  in  gleicher  Weise  für  beide  Geschlechter  entehrend  sein  solle“
(S.  471).  Hierin  liegt  schon  die  kühne  Forderung  gleicher  Moral  für  beide  Geschlechter. ­

Wenn  man  daher  dem  hochwürdigen  Herrn  den  Vorwurf  macht,  Gott  zu
lästern,  der  den  Menschen  befohlen  hat:  Seid  fruchtbar  und  mehret  euch,  ein  Vorwurf,
gegen  den  er  besonders  empfindlich  sein  müßte  —  wäre  es  Malthus  leicht  gewesen,
hierauf  mit  dem  Hinweis  zu  antworten,  daß,  wenn  die  Vorsehung  die  Zeugung  des
Lebens  gewollt  hat,  doch  auch  die  Keuschheit  eine  christliche  Tugend  ist,  und  daß
vielleicht  ihr  Zweck  gerade  die  vorsorgende  Funktion  sei,  die  Zeugung  in  einem
richtigen  Gleichgewicht  zu  halten.
2 )  »Die  präventive  Hemmung  hat  zweifellos  ihre  Wirkung  ausgeüht,  und  die
Behauptung,  daß  sie  keinen  Teil  an  der  allgemein  verwirklichten  Einschränkung
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        Kapitel  III.  Die  Pessimisten.

145

das  Zölibat,  sich  nicht  nur  als  unwirksam  erweisen  könne,  sondern
daß  es  große  Gefahren  in  sich  berge,  da  es  gerade  zu  den  Lastern,
die  er  fürchtete,  führen  konnte.  Ein  langes,  oder  noch  schlimmer
ein  immerdauerndes  Zölibat  ist  allerdings  kein  den  guten  Sitten  besonders ­
  förderlicher  Zustand.
Malthus  war  daher  von  tiefer  Sorge  erfüllt,  und  er,  den  man
soeben  noch  für  einen  starrköpfigen  Asketen  hätte  halten  können,
zeigt  sich  jetzt  als  ein  utilitarischer  Moralist,  ähnlich  Bbntham.
Da  er  die  Handlungen,  die  eine  Befriedigung  des  Geschlechtstriebes
unter  Umgehung  der  Empfängnis  bezwecken,  nicht  verhindern  kann,
bescheidet  er  sich,  ihr  Bestehen  gelten  zu  lassen,  wenn  er  sie  auch
als  Laster  verurteilt.  Bei  der  Wahl  zwischen  zwei  Übeln  erscheint
ihm  dieses  geringer,  als  das,  das  sich  aus  der  Übervölkerung  ergibt ­
  *  *),  —  um  so  mehr,  sagt  er,  als  die  Übervölkerung  an  sich  schon
eine  sehr  große  Ursache  der  Unmoralität  ist,  denn  sie  hat  notwendigerweise ­
  Elend  im  Gefolge,  erzeugt  eine  erzwungene  Promiscuität  der
Geschlechter  und  ruft  so  die  hierauf  beruhenden  Ausschweifungen
hervor;  ein  Gedankengang,  der  übrigens  durchaus  richtig  ist 2 ).  Und
des  Beyölkenmgszuwaohses  gehabt  habe,  würde  voreilig  sein;  zuzugeben  ist  aber,
daß  sie  im  Verhältnis  zu  den  anderen  Hemmungen  von  nur  geringer  Bedeutung
gewesen  zu  sein  scheint“  (S.  150).
„Ich  habe  gesagt,  und  ich  halte  es  für  absolut  wahr,  daß  es  unsere  Pflicht  ist,
uns  nicht  eher  zu  verheiraten,  als  bis  wir  unsere  Kinder  ernähren  können,  und  daß  es
gleicherweise  unsere  Pflicht  ist,  uns  keinen  lasterhaften  Leidenschaften  hinzugeben.
Nirgends  aber  habe  ich  gesagt,  daß  ich  nun  erwartete,  eine  oder  die  andere  dieser
Pflichten,  und  noch  weniger  beide,  genau  erfüllt  zu  sehen.  In  diesem  Palle  wie  in
vielen  anderen,  ist  es  möglich,  daß  die  Verletzung  der  einen  die  Einhaltung  der
anderen  erleichtert  .  .  .  Aber  der  Moralist  kann  unter  keinem  Vorwand  sich  davon
befreien,  die  Ausübung  der  einen  und  der  anderen  anzuraten.  Das  Übrige  muß
jedem  einzelnen  selbst  überlassen  werden“  (S.  600).
*)  „Ich  würde  untröstlich  sein,  irgend  etwas,  direkt  oder  indirekt,  zu  sagen,
das  in  einem  der  Tugend  entgegengesetzten  Sinne  ausgelegt  werden  kann.  Ich
glaube  aber  nicht,  daß  die  Fehler,  um  die  es  sich  handelt  (welche?  sie  müßten  genannt ­
  werden:  Präventivverkehr?  Onanismus?  Prostitution?  Malthus  unterläßt  es
stets,  sie  genauer  zu  bezeichnen),  in  Fragen  der  Moral  für  sich  allein  angesehen  werden
dürfen,  noch  auch,  daß  sie  die  schwersten  sind,  die  man  sich  vorstellen  kann“  (S.  489).
„Ich  zögere  keinen  Augenblick  zu  behaupten,  daß  die  Klugheit  (es  ist  zu  bemerken, ­
  daß  es  sich  hier  nicht  mehr  um  moral  restraint,  sondern  um  prudential
restraint  handelt),  die  von  einer  unbedachten  Heirat  abrät,  ein  einem  vorzeitigen
Tod  vorzuziehendes  Hindernis  ist“  (S.  600).
Damit  sind  wir  weit  von  der  1.  Ausgabe  entfernt,  in  der  er,  strenger,  als  Präventivmittel ­
  keinen  abwägenden  Mittelweg  zwischen  „Keuschheit  und  Laster“  zugab.
2 )  „Die  schmutzige  Armut  ist  unter  allen  Zuständen  am  wenigsten  für  die
Keuschheit  günstig  ...  Es  gibt  so  tiefe  Armut,  daß  ein  in  ihr  geborenes  Mädchen
unrettbar  der  Prostitution  verfällt,  daß  nur  ein  Wunder  es  davor  bewahren  kann“
(S.  493).  Und  an  anderer  Stelle;  „Ich  sage,  daß  die  Verringerung  der  auf  der  Armut
beruhenden  Laster  eine  genügende  Entschädigung  für  das  Unheil,  das  man  mit  Recht
voraussieht,  sein  wird“  (S.  5751.
Gide  und  Rist,  Gesell,  d.  Volkswirtschaft!.  Lehrmeinungen.

10
        <pb n="168" />
        146  Erstes  Buch.  Die  Begründer.
so  ist  die  Lösung,  die  Mälthxjs  zum  Schluß  annimmt,  nicht  mehr
ausschließlich  die  der  vollkommenen  Reinheit:  wie  er  selbst  sagt,  ist
sie  nur  die  „große  Regel  der  Nützlichkeit;  es  handelt  sich  darum,
ganz  unbewußt  die  Gewohnheit  anzunehmen,  unsere  Leidenschaften,
ohne  jemandem  zu  schaden,  zu  befriedigen“  (S.  530).  Mit  diesen
Konzessionen  waren  dem  Neomalthusianismus  alle  Wege  bereitet.
Zusammenfassend  zeigt  uns  Malthus  den  Menschen  an  einem
dreifachen  Scheidewege,  einem  Trivium:  Auf  dem  mittleren  Arm
des  Wegweisers  lesen  wir:  „Ins  Elend“,  auf  dem  zur  Rechten:  „Zur
Tugend“  und  auf  dem  zur  Linken:  „Ins  Laster“.  Er  sieht,  wie  die
Kraft  eines  blinden  Instinktes  den  Menschen  auf  den  mittleren  Weg,
den  Weg  „Ins  Elend“  treibt.  Er  beschwört  ihn,  stark  zu  bleiben
und  einen  der  beiden  seitlichen  Wege,  wenn  irgend  möglich,  den  zur
Rechten  einzuschlagen.  Aber  er  fürchtet,  daß  die  Zahl  derer,  die
seinem  Rate  folgen,  derer,  die,  wie  das  Neue  Testament  sagt,  den
schmalen  Weg  des  Heils  wählen,  nur  klein  sein  wird.  Und  andererseits ­
  will  er  in  seiner,  ein  wenig  kindlichen  Seele  nicht  zulassen,
daß  alle  Menschen  den  Weg  des  Lasters  gehen,  so  daß  zuletzt  die
Furcht,  die  Menge  der  Menschen  werde  der  natürlichen  abschüssigen
Straße  folgen,  und  so  dem  Abgrund  zueilen,  ihn  ergreift.  Weder  das
eine,  noch  das  andere  Präventivmittel  bietet  ihm  genügende  Sicherheit, ­
  der  Zukunft  des  Menschengeschlechts  ruhig  entgegen  sehen  zu
können.

Keine  Lehre  ist  mehr  geschmäht  worden,  als  die  des  Malthus.
Die  Verwünschungen,  die  man  gegen  ihn  schleuderte,  fanden  kein
Ende,  und  schon  sein  Zeitgenosse  Godwin  nannte  ihn  „jenes  schwarze
und  schreckliche  Genie,  das  bereit  ist,  jede  Hoffnung  des  menschlichen ­
  Geschlechtes  auszulöschen“.
Vom  wirtschaftlichen  Gesichtspunkte  aus  hat  man  gesagt,  daß
alle  seine  Voraussagungen  von  den  Tatsachen  widerlegt  worden  sind;
vom  moralischen  Gesichtspunkt  aus,  daß  seine  Lehren  die  widerlichsten
Gewohnheiten  erzeugt  hätten,  und  viele  Franzosen  schreiben  ihm  die
Verantwortung  für  den  demographischen  Niedergang  ihres  Landes
zu.  Was  soll  man  von  diesen  Kritiken  halten?
Sicherlich  hat  die  Geschichte  die  Befürchtungen  Malthus’s  nicht
bestätigt;  im  Gegenteil,  sie  hat  uns  auch  nicht  ein  Land  gezeigt,
das  an  Übervölkerung  zu  leiden  gehabt  habe.  In  einigen,  wie  in
Frankreich,  hat  die  Bevölkerung  nur  ganz  unbedeutend  zugenoramen;
in  den  anderen  ist  sie  stark  gestiegen,  ohne  jedoch  das  Wachstum
an  Reichtum  überholen  zu  können.
Wenn  wir  das  Land  in  Betracht  ziehen,  dem  Malthus  die  Daten
seiner  Berechnungen  entnommen  hat,  die  Vereinigten  Staaten,  so  finden
        <pb n="169" />
        Kapitel  III.  Die  Pessimisten.

147

wir  nach  dem  alle  10  Jahre  veröffentlichten  Zensus  folgenden  Durchschnitt ­
  des  Vermögens  auf  den  Kopf  der  Bevölkerung:

1850

308  Dollar

1890

1036  Dollar

1860

514  ,  „

1900

1227  „

1870

780  „

1910

1370  „

1880

870  .,

Wie  man  sieht,  hat  in  einem  halben  Jahrhundert  der  Anteil  am
Reichtum  sich  für  jeden  Einwohner  der  Vereinigten  Staaten  mehr
als  vervierfacht,  obwohl  sich  die  Bevölkerung  im  gleichen  Zeiträume
ebenfalls  vervierfacht  hat  (von  23  auf  92  Millionen) 1 ).
Zur  Zeit  Malthus’  zählte  Großbritannien  (England  und  Schottland) ­
  10,5  Millionen  Einwohner  (1800—1805);  heute  ist  die  Bevölkerung ­
  aut  40  Millionen  angewachsen.  Wenn  er  eine  derartige  Zahl
hätte  voraussehen  können,  würde  er  entsetzt  gewesen  sein.  Und  doch
haben  aller  Wahrscheinlichkeit  nach  der  Reichtum  und  der  Wohlstand ­
  Großbritanniens  sich  ebenfalls  vervierfacht.
Soll  dies  nun  bedeuten,  wie  man  stets  beständig  wiederholt,  daß
die  malthusischen  Gesetze  von  den  Tatsachen  widerlegt  seien?  —
Seine  Gesetze  auf  keinen  Fall;  sie  bleiben  bestehen.  Aber  die  Voraussagungen, ­
  die  er  an  sie  knüpfte.  Meiner  Ansicht  nach  unterliegt  es
keinem  Zweifel,  daß  die  Vermehrung  aller  Lebewesen,  einschließlich
der  Menschen,  das  Streben  hat  (in  Wirklichkeit  ist  dies  eine  Tautologie), ­
  sich  durch  Multiplikation  zu  vollziehen,  und  daß  sie,  sich
selbst  ohne  Hindernis  überlassen,  alle  Grenzen  übersteigen  würde,  —
und  ebenso,  daß  im  Gegenteil  das  Wachstum  der  Industrieerzeugnisse
notwendigerweise  durch  die  zahlreichen,  von  jeder  Industrie  zu  überwindenden ­
  Bedingungen  (Lage,  Rohstoffe,  Kapital,  Arbeitskräfte  usw.)
beschränkt  sei.  Wenn  trotzdem  das  Wachstum  der  Bevölkerung  das
Wachstum  an  Gütern  nicht  überholt  hat,  und,  wie  sich  aus  den
obigen  Ziffern  ergibt,  sogar  hinter  ihm  zurückgeblieben  ist,  so  beruht
dies  darauf,  daß  es  durch  den  menschlichen  Willen  eingeschränkt
worden  ist.  Dies  vollzieht  sich  nicht  nur  in  Frankreich,  wo  die
präventive  Hemmung  in  Blüte  steht,  sondern  mehr  oder  weniger  in
allen  Ländern,  in  denen  die  -wirkliche  Fruchtbarkeit  stark  hinter  der
möglichen  Fruchtbarkeit  zurückbleibt.  Die  freiwillige  Beschränkung,
die  Malthus  solche  Sorge  verursachte,  hat  sich  auf  ganz  natürliche
Weise  verbreitet.
Die  Befürchtungen  Malthus’  beruhen  auf  einer  gewissen  bio-*)
  Man  muß  in  Betracht  ziehen,  daß  diese  Zahlen  nur  Werte  verstellen,  die
in  Geld  ausgedrückt  und  zum  laufenden  Zinsfuß  kapitalisiert  sind,  was  eine  Häufung
von  Fiktionen  vorstellt.  Es  wird  nicht  gesagt,  daß  der  Durchschnittsverbraueh  eines
Amerikaners  in  natura,  besonders  wenn  es  sich  um  Lebensmittel  handelt,  heute
größer  als  früher  sei.

10
        <pb n="170" />
        148

Erstes  Buch.  Die  Begründer.

logischen  Verwechslung.  Der  Geschlechtstrieh  ist  nicht  mit  dem  der
Fortpflanzung  identisch  und  folgt  ganz  verschiedenen  Beweggründen 1 ).
Nur  dem  ersteren  kann  jener  Charakter  unwiderstehlicher  Kraft  zugesprochen ­
  werden,  den  Malthus  zu  Unrecht  bei  dem  zweiten  voraussetzt. ­
  Der  erste  ist  ein  auf  tierischen  Ursprung  zurückgehender
Instinkt,  der  zur  Gewalt  einer  überwältigenden  Leidenschaft  anwachsen
  kann,  und  dem  alle  Menschen  gleichmäßig  unterliegen.  Der
zweite  hat  in  der  Hauptsache  gesellschaftlichen  und  religiösen  Ursprung ­
  und  nimmt  je  nach  Ort  und  Zeit  verschiedene  Formen  an.
Bei  den  religiösen  Völkern,  die  die  Gesetze  Moses’,  Manu’s  oder
Confucius’  befolgen,  ist  die  Fortpflanzung  der  Weg  der  Erlösung,  die
Verwirklichung  der  Unsterblichkeit 2 ).  Keinen  Sohn  zu  haben  ist  finden ­
  Brahmanen,  den  Chinesen,  den  Juden  mehr  als  ein  Unglück:  ein
Verbrechen  gegen  Gott.  Bei  den  griechischen  und  lateinischen  Völkern
war  die  Fortpflanzung  eine  heilige  Pflicht  gegenüber  der  Stadt  und
dem  Vaterlande.  In  einer  aristokratischen  Kaste  läßt  es  der  Stolz
auf  das  Geschlecht  nicht  zu,  daß  der  Name  aussterbe.  Für  die  elenden
und  vielleicht  aus  öffentlichen  Kassen  unterstützten  Arbeiter  bedeuten
viele  Kinder  viele  Verdiener,  und  jedes  Kind  ist  ein  weiterer  Grund,
das  öffentliche  Mitleid  in  Anspruch  nehmen  zu  können.  Ein  neues
Land  braucht  Arbeitskraft,  um  Neuland  zu  roden,  und  Menschen,  um
ein  neues  Volk  zu  schaffen.  Umgekehrt  wirken  eine  ganze  Anzahl
Kräfte  dem  Fortptianzungsinstinkt  entgegen;  der  Egoismus  der  Eltern,
die  keine  Verantwortlichkeit  übernehmen  wollen;  der  der  Mütter,  die
die  Schmerzen  und  die  Gefahren  der  Schwangerschaft  scheuen;  der
Geiz  der  Elternliebe,  die  von  keinem  Nachgeborenen  etwas  wissen
will,  um  den  Erstgeborenen  um  so  besser  ausstatten  zu  können;  der
Feminismus,  der  die  Unabhängigkeit  außer  der  Ehe  sucht;  die  vorzeitige ­
  Emanzipation  der  Kinder,  die  den  Eltern  nur  die  Sorgen  der

*)  Weder  das  eine  noch  das  andere  sind  dasselbe  wie  der  Wunsch,  sich  zu  verheiraten, ­
  der  ganz  anderen  Beweggründen  entspringt.  Der  Franzose  verheiratet  sich
meistens,  „um  ein  Heim  zu  haben“,  aber  er  unterscheidet  diesen  Wunsch  wohl  von
dem  nach  Liebe  und  noch  mehr  von  dem,  Kinder  zu  haben.
2 )  „In  einem  Sohn  erwirbt  der  Mensch  den  Sieg  über  alles.  In  einem  Sohn  gewinnt ­
  er  die  Unsterblichkeit,  und  von  Sohn  zu  Sohn  gelangt  er  in  die  Wohnung  der
Sonne.  Der  Sohn  erlöst  seinen  Vater  aus  der  Hölle.  Der  Sohn  eines  Brahmanen,
wenn  er  tugendhaft  handelt,  löscht  die  Sünden  von  zehn  seiner  Vorfahren  aus,“
So  sagt  das  Gesetz  Manu’s.  Malthus  selbst  zieht  es  als  Beweisgrund  an,  Er
müßte  aber  bemerkt  haben,  daß  mit  dem  Tage,  an  dem  man  nicht  mehr  an  die
Gesetze  Manu’s  glaubt,  das  Argument  seine  Spitze  gegen  ihn  kehrt.
Einer  der  Gründe,  weshalb  die  Jüdinnen  sich  durch  die  Sterilität  entehrt  glaubten,
war,  daß  Jede  von  ihnen  die  Mutter  des  erwarteten  Messias  werden  konnte.  Sobald
aber  die  Juden  nicht  mehr  auf  den  Messias  warten,  verschwindet  natürlich  dieser
Grund,  Kinder  zu  haben.
        <pb n="171" />
        Kapitel  III.  Die  Pessimisten.

149

Elternschaft,  aber  weder  ihre  Freuden,  noch  ihren  Gewinn  läßt;  unzureichende ­
  Wohnungen,  die  Last  der  Steuern  und  hundert  andere.
Daher  sind  die  Gründe  der  Fortpflanzung  unendlich  mannigfaltig,
aber  gerade  weil  sie  sozialer  und  nicht  physiologischer  Natur  sind,
haben  sie  keinen  notwendigen,  bleibenden,  allgemeingültigen  Charakter
und  können  sehr  wohl  durch  entgegengesetzte,  soziale  Beweggründe
überwunden  werden.  Gerade  das  ist  eingetreten.  Man  kann  sich
wohl  vorstellen,  daß  dort,  wo  der  religiöse  Glaube  verdorrt,  und  die
Vaterlandsliebe  tot  ist,  wo  die  Familie  nur  eine  Generation  dauert,
wo  alles  Land  in  fester  Hand,  und  die  Fabrikarbeit  der  Kinder  untersagt ­
  ist,  wo  die  Seßhaftigkeit  des  Lebens  fast  aufgehört  hat,  wo  der
Gedanke  an  physische  Schmerzen  unerträglich,  und  die  Ehe  durch
leichte  Ehescheidung  mehr  und  mehr  einer  freien  Geschlechtsverbindung ­
  ähnlich  geworden  ist,  daß  dort,  wo  alle  Beweggründe  für  die
Fortpflanzung,  die  ich  aufgezählt  habe,  keinen  Einfluß  mehr  haben,
und  wo  alle  gegenwirkenden  Kräfte  in  freiem  Spiele  sind,  daß  dort
die  Fortpflanzung  dann  völlig  aufhört.  Wenn  bisher  kein  Volk  diesen
Zustand  erreicht  hat,  so  muß  doch  zugegeben  werden,  daß  alle  aut
dem  Wege  dazu  sind.  Allerdings  mögen  in  neuen  sozialen  Verhältnissen ­
  sich  neue  Beweggründe  für  die  Fortpflanzung  einstellen:  ich
glaube  das  wohl,  aber  sie  sind  uns  noch  nicht  bekannt.
Mag  auch  die  Behauptung  noch  so  paradox  erscheinen,  der  Geschlechtstrieb ­
  spielt  in  der  Fortpflanzung  des  Menschengeschlechts  —
wohlgemerkt  nur  in  diesem,  —  eine  sehr  untergeordnete  Eolle.  Die
Natur  hat  zwar  beide  Instinkte  in  den  gleichen  Organen  vereinigt,
und  wer  an  letzte  Ursachen  glaubt,  kann  hier  die  List  bewundern,
die  sie  angewendet  hat,  um  die  Erhaltung  der  Arten  durch  die  Bindung ­
  der  Zeugung  an  das  kräftigste  Lockmittel  zu  sichern.  Der
Mensch  hat  sich  aber  als  noch  listiger  erwiesen  und  hat  mühelos
beide  Funktionen  voneinander  getrennt.  Zwar  fährt  er  fort,  blind
dem  Gesetze  der  Geschlechtsbefriedigung  und  der  Wollust  zu  gehorchen, ­
  und  kann  dies  um  so  freimütiger  tun,  je  weniger  er  sich
um  die  Folgen  zu  kümmern  braucht,  aber  er  hat  es  verstanden,  sich
last  durchaus  dem  Gesetze  der  Fortpflanzung  zu  entziehen.  Daher
lösen  sich  die  Befürchtungen  Malthus’  in  nichts  auf,  und  die  entgegengesetzte ­
  Besorgnis,  die  eines  langsamen  Selbstmordes  der  Völker,
erscheint  am  Horizont.
Diese  Trennung  der  beiden  Funktionen  vollzieht  sich  um  so
leichter,  weil  auch  das  schwache  moralische  Hemmnis,  das  der  ehrliche
Pfarrer  ihr  entgegen  gestellt  zu  haben  glaubte,  als  er  diese  Überlistung ­
  des  Fortpflanzungstriebes  mit  dem  Namen  Laster  bezeichnete,
jede  Bedeutung  verloren  hat.  Nachsichtigere  Moralprediger  sind  aufgestanden
  und  haben  nachgewiesen,  daß  nur  diese  Praktiken  beiden
        <pb n="172" />
        150

Erstes  Buch.  Die  Begründer.

Pflichten  gerecht  werden  können:  nämlich  der  Pflicht,  die  dem
Geschlechtstriebe  und  dem  Bedürfnis  nach  Liebe  die  uneingeschränkte
Freiheit  verbürgen  muß,  wie  sie  die  physiologischen  und  psychologischen
Gesetze  des  Menschen  fordern;  und  der  anderen,  die  vorschreibt,  daß
eine  so  grundwichtige  Handlung,  wie  die  der  Fortpflanzung,  nicht
dem  Zufall  überlassen  werden  soll,  und  daß  keinem  Weibe  eine  so
aufreibende  Last,  wie  die  der  Mutterschaft,  ohne  ihr  freiwilliges  und
vorüberlegtes  Wollen  auferlegt  werden  darf.  Im  Gegensatz  zu  der
Lehre  des  Meisters  erklären  die  Neomalthusianer  die  „moralische
Enthaltsamkeit“  für  durchaus  unmoralisch;  weil  sie  antiphysiologisch,
durch  christlichen  Asketismus  verseucht  und  schlimmer  sei,  als  das
Übel,  das  sie  heilen  soll.  Denn,  sagen  sie,  die  Entziehung  der  Befriedigung ­
  des  Geschlechtstriebes  ist  eine  größere  Qual,  als  die  Entziehung ­
  der  Nahrung.  Weiterhin  wirkt  sie  durch  die  Vorschrift  eines
obligatorischen  Zölibats  oder  einer  späten  Heirat  aut  die  Ausbreitung
der  Prostitution,  der  Unzuchtsverbrechen,  der  unnatürlichen  Laster
und  der  illegitimen  Geburten  hin.  Die  Neomalthusianer  geben  sich
jedoch  als  die  Schüler  Malthus’  aus  und  behalten  seinen  Namen  bei J ),
weil  sie  ihm  dafür  dankbar  sind,  nachgewiesen  zu  haben,  daß  der
blinde  Fortpflanzungstrieb  notwendigerweise  eine  Menschheit  erzeugt,
die  der  Krankheit,  dem  Elend,  einem  frühen  Tode  und  sogar  dem
Laster  verfallen  ist,  und  daß  infolgedessen  das  einzige  Mittel,  diesen
beklagenswerten  Ausgang  zu  verhindern,  in  der  Regelung  dieses  Instinktes ­
  liegt.
Die  Annahme  ist  aber  berechtigt,  daß  Malthus,  wenn  er  heute
auferstände,  nicht  Neomalthusianer  sein  würde.  Am  wenigsten
würde  er  seinen  Schülern  verzeihen,  den  Präventivverkehr  weniger
zur  Bekämpfung  der  Gefahren  einer  Überbevölkerung  anzuwenden,
als  um  Ausschweifungen  zu  begünstigen  und  den  Geschlechtstrieb
von  Verpflichtungen  zu  befreien,  die  die  Natur  mit  ihm  so  eng  verbunden ­
  hat.  Man  muß  aber  trotzdem  zugeben,  daß  er  ihnen  durch
die  Zugeständnisse,  von  denen  wir  schon  gesprochen  haben,  den  Weggeebnet
  hat.
Ebensowenig  scheint  Malthus  einen  der  leidigsten  Punkte  seiner
Lehre  gefühlt  zu  haben,  einen  Punkt,  der  am  stärksten  dazu  beigetragen ­
  hat,  sie  zu  diskreditieren:  die  Pflicht  der  Ehelosigkeit
nämlich,  die  nicht  von  der  der  Keuschheit  zu  trennen  ist,  die  Ent-’)

  Das  Datum  des  Entstehens  des  Neomalthusianismus  kann  man  auf  das  Buch
des  kürzlich  verstorbenen  (1E09)  Dr.  Deysdale  (Elements  of  social  Science,
1854)  zurtiokführen.  Aber  erst  im  Jahre  1877  wurde  in  England  die  Malthusian
League  gegründet.  In  den  letzten  Jahren  hat  die  Bewegung  so  ziemlich  überall
—  besonders  aber  in  Frankreich,  wo  sie  wirklich  überflüssig  ist  —  eine  unerwartete
Verbreitung  gefunden.
        <pb n="173" />
        Kapitel  III.  Die  Pessimisten.

151

behrung  der  Freuden  des  Familienlebens  legt  er  nur  dem  Armen  auf,
—  nicht  dem  Reichen  1 ),  denn  dieser  befindet  sich  stets  in  der  von
Malthus  vorgeschriebenen  Lage,  die  laut  seiner  Definition  allein  die
Zeugung  von  Kindern  rechtfertigt.  Ich  weiß  wohl,  daß  Malthus
jenes  harte  Gesetz,  „keine  Kinder  in  die  Welt  zu  setzen,  die  man
nicht  ernähren  kann“,  gerade  im  Interesse  der  Armen  selbst  aufstellt. ­
  Dies  hindert  aber  nicht,  daß  hierdurch  die  Ungleichheit  ihrer
Lage  in  der  grausamsten  Weise,  die  man  sich  denken  kann,  hervorgehoben ­
  und  unterstrichen  wird.  Er  stellt  sie  vor  die  Wahl,  entweder ­
  Hunger  zu  leiden,  oder  auf  die  Befriedigung  des  natürlichen
Liebesbedürfnisses  zu  verzichten.  Malthus  räumt  mit  dem  alten
Lied:  „Kaum  ist  in  der  kleinsten  Hütte“  ..  .  gründlich  auf!  Hervorzuheben ­
  ist  aber,  daß  er  jede  gesetzliche  Heiratsbeschränkung  für
Arme,  wie  sie  in  einigen  Ländern  besteht,  verwirft.  Hier  bleibt  der
liberale  Volkswirtschaftler  sich  selbst  treu.  Er  sieht  wohl,  daß,  auch
unter  Außerachtlassung  aller  humanitären  Rücksichten,  dieses  Verbot
—  ein  Heilmittel,  schlimmer  als  das  zu  bekämpfende  Übel  —  nur
erreicht,  daß  an  Stelle  der  ehelichen  Kinder  die  unehelichen  zunehmen ­
  2 ).
Wenn  er  den  Armen  zuruft,  daß  sie  ihr  Elend  nur  sich  selbst
verdanken 3 ),  weil  sie  keine  Voraussicht  geübt  hätten,  weil  sie  zu
früh  geheiratet  und  zu  viele  Kinder  haben,  und  wenn  er  noch  dazu
ausführt,  daß  kein  geschriebenes  Gesetz,  keine  Vorkehrung  und  keine
Einrichtung  der  Wohltätigkeit  irgendwelche  Hilfe  bringen  kann,  so
scheint  ihm  nicht  bewußt  geworden  zu  sein,  welchen  bequemen  Vorwand ­
  zur  vollständigen  Gleichgültigkeit  gegenüber  dem  Schicksal  der
Arbeiter  er  damit  den  Besitzenden  lieferte 4 ).  Während  des  ganzen

1 )  Er  sagt  das  ganz  kategorisch:  „Bei  dem  Armen  muß  man  Gewohnheiten
der  Klugheit  yoraussetzen,  die  ihn  davon  abhalten,  sich  eher  zu  verheiraten,  als  bis
der  Lohn  seiner  Arbeit  genügt,  ihn  selbst,  eine  Frau  und  sechs  Kinder  ohne  Unterstützung ­
  zu  ernähren.“  Damit  ist  die  Ehe  jedem  Arbeiter  untersagt,  dessen  Lohn
nicht  ausreicht,  eine  Familie  von  acht  Köpfen  zu  erhalten!  In  Anbetracht  der  erbärmlichen ­
  Löhne,  die  die  Arbeiter  zur  Zeit  Malthus  erhielten,  verurteilte  er  damit
die  ganze  Arbeiterklasse  entweder  zur  Ehelosigkeit  oder  zur  Keuschheit!
2 )  „Man  hat  mir  vorgeworfen,  ein  Gesetz  anregen  zu  wollen,  daß  dem  Armen
die  Ehe  verbietet.  Das  ist  nicht  wahr  .  .  .  Tatsächlich  bin  ich  in  der  entschiedensten
Weise  der  Meinung,  daß  jedes  positive  Gesetz,  durch  das  das  Heiratsalter  begrenzt
wird,  nngereoht  und  unmoralisch  ist.“
3 )  Wir  wiederholen  die  Stelle,  die  wir  schon  angeführt  haben,  denn  sie  verdient
ganz  besonders  hervorgehoben  zu  ■werden;  „Das  Volk  muß  sich  selbst  als  die  Hauptursache ­
  seines  Elendes  betrachten“  (S.  500).
4 )  Die  Thesen  Malthus’  über  die  Wohltätigkeit  sind  sehr  interessant  und  stehen
zu  seiner  Bevölkerungstheorie  in  direkter  Beziehung.  Er  hat  sich  hauptsächlich
mit  der  praktischen  Seite  der  Frage  befaßt,  auf  die  er  großen  Einfluß  ausgeübt
hat.  Das  damals  in  England  seit  den  Zeiten  der  Königin  Elisabeth  bestehende  Gesetz
        <pb n="174" />
        152

Erstes  Buch.  Die  Begründer.

19.  Jahrhunderts  versperrte  seine  Lehre  jedem  sozialistischen  oder
kommunistischen  Organisationsplan  den  Weg  und  verhinderte  sogar
jede  Reform,  die  darauf  abzielte,  die  Lage  der  Armen  zu  verbessern,
weil  man  sagte,  daß  sie  doch  keine  andere  Wirkung  haben  könnte,
als  die  Anteile  der  Anteilhaber  zur  gleichen  Zeit  mit  der  zu  verteilenden ­
  Menge  zu  vermehren,  und  folglich  zu  nichts  fuhren  würde.
Trotzdem  haben  die  Lehren  Malthus’,  obgleich  sie  so  viele  Erbitterung ­
  hervorgerufen  haben,  dem  wirtschaftlichen  Unterrichte  als
Grundlage  gedient;  manchmal,  um,  wie  schon  gesagt,  berechtigte
Forderungen  zurückzuweisen,  und  dann  auch,  um  große  klassische,
volkswirtschaftliche  Gesetze  aufzubauen,  wie  z.  ß.  die  der  Grundrente ­
  oder  des  Lohnfonds.  Auf  der  anderen  Seite  haben  sie  dazu
gedient,  die  Familie  und  das  Eigentum  zu  rechtfertigen,  weil  man
beides  als  mächtige  Hemmnisse  gegen  eine  unbedachte  Kinderüber ­

  obligatorische  Unterstützung  hat  er  auf  das  heftigste  angegriffen:  „Besitzt  es
die  Macht,  überall  dort  zwei  Ähren  hervorzubringen,  wo  der  Boden  nur  eine  trägt?
Nein.  Also  gut!  Als  vor  Zeiten  Kanut  der  Große  den  Wogen  befahl,  vor  seinen
königlichen  Füßen  Halt  zu  machen,  maßte  er  sieh  keine  größere  Macht  über  die  Naturgesetze ­
  an“  (S.  868).  Da  die  Unterstützung  kein  einziges  Gut  erzeugt,  kann  sie
keinen  einzigen  Armen  erhalten.  „Es  mag  unwahrscheinlich  klingen,  daß  man  mit
Geld  die  Lage  des  Armen  nicht  verbessern  kann,  ohne  die  der  Gesellschaft  zu  verschlechtern. ­
  Aber  so  unwahrscheinlich  das  auch  klingt,  so  glaube  ich  doch,  daß  es
die  Wahrheit  ist“  (S.  355).  Hiergegen  kann  man  einwenden,  daß  auch,  wenn  das
Almosen  keine  Güter  erzeugt,  was  selbstverständlich  ist,  es  doch  aus  den  Händen
des  Eeichen  in  die  Hände  des  Armen  eine  gewisse  Verbrauchskraft  überträgt.  Die
Verbrauchskraft  des  letzteren  wird  daher  in  dem  Maße  gesteigert,  wie  die  Verbrauchskraft ­
  des  ersteren  beschränkt  wird.
Malthus  verurteilt  nicht  nur  das  Geldalmosen,  sondern  auch  das  Sach-  und
sogar  das  Arbeitsalmosen;  er  erkennt  es  nur  in  der  Form  von  Unterricht  an,
weil  dieses  eines  der  Güter  ist,  die  jedermann  hingeben  kann,  ohne  den  anderen
etwas  zu  nehmen  (8.  568).
Eine  so  kategorische  Ansicht  scheint  das  Verbot  jeder  gesetzlichen  oder  privaten
Unterstützung  zu  bedingen.  Er  verlangt  auch:  „die  allmähliche  Abschaffung  der
Armengesetze  (poor  laws)  und  jeder  systematischen  Unterstützung,  die  den  Armen
Hilfe  bietet,  auf  die  er  rechnen  kann;  aber  er  erkennt  „die  glücklichen  Erfolge  der
bei  Gelegenheit  mit  Vorsicht  gegebenen  Hilfe“  an.  Wenn  es  ihm  auch  nicht  gelungen
ist,  die  „poor  laws“  zur  Abschaffung  zu  bringen,  so  haben  seine  Ideen  doch  auf  ihre
Reorganisation  1832  Einfluß  ausgeübt.
Hervorgehoben  muß  werden,  daß  diese  malthusische  Lehre  gerade  das  Gegenteil
von  dem  ist,  was  heute  in  Frankreich  gelehrt  wird,  wonach  die  Solidarität  die
christliche  Mildtätigkeit  ersetzen  soll;  die  Unterstützung  soll  nicht  eine  Wohltat  für
die  Unbemittelten,  sondern  ihr  gutes  Hecht  sein  und  dem  Individuum  wie  den  privaten
Einrichtungen  entzogen  werden,  um  in  die  Hände  des  Staates  überzugehen.  Allerdings ­
  werden  in  Frankreich  die  Ratschläge  Malthus’  in  Hinsicht  auf  die  Präventiv-Mittel
  sogar  von  den  Armen  so  genau  befolgt,  daß  die  von  ihm  befürchteten  Gefahren, ­
  soweit  das  gesetzliche  Unterstützungsreoht  in  Betracht  kommt,  nämlich  das
Anschwellen  der  Zahl  armer  Kinder,  kaum  zu  fürchten  sind.
        <pb n="175" />
        Kapitel  III.  Die  Pessimisten.  153

erzeugung  auf  Grund  der  Verantwortlichkeit,  die  sie  schaffen,  darstellte ­
  1 ).
Auch  heute  hat  das  große  Problem  der  Bevölkerung  nichts  von
seiner  Bedeutung  verloren,  doch  ist  es  in  gewisser  Weise  umgekehrt
worden.  Das,  was  Malthus  die  präventive  Hemmung  nannte,  hat
in  allen  Ländern  eine  solche  Ausdehnung  erlangt,  daß  das,  was  die
Soziologen  und  die  Volkswirtschaftler  beschäftigt,  nicht  mehr  die
Gefahr  einer  unbegrenzten  menschlichen  Fruchtbarkeit,  sondern  die
einer  regelmäßig  und  allgemein  sinkenden  Geburtsziffer  ist.  Es  handelt
sich  darum,  die  Gründe  dafür  zu  finden.  Man  ist  übrigens  völligeinig,
  anzuerkennen,  daß  diese  Ursachen  sozialer  Natur  sind.
Es  genügt  nicht,  den  ausgesprochenen  Wunsch  der  Eltern,  keine
Kinder  zu  haben,  oder  deren  Anzahl  zu  beschränken,  als  Grund  anzuführen, ­
  eine  Erklärung,  die  natürlich  nichts  erklärt,  da  es  sich  ja
gerade  darum  handelt,  woher  dieser  Wille  stammt,  keine  Kinder
mehr  zu  haben?  Warum  z.  B.  für  Frankreich  dieser  Enthaltsamkeitswille, ­
  —  der  in  anderen  Ländern  zum  mindesten  nicht  in  gleichem
Grade  besteht,  und  der  auch  früher,  nur  zwei  oder  drei  Generationen
zurück,  bei  den  Franzosen  nicht  bestanden  hat,  —  sich  heute  mit
solchem  Nachdruck  fühlbar  macht.  Zur  Erklärung  muß  man  die
Ursachen  aufdecken,  Ursachen,  die  Frankreich  und  unserer  Geselll

 )  Es  ist  aber  nicht  nachweisbar,  daß  dies  die  Gedanken  Mai.thus’  über  diese
Fragen  gewesen  seien.
Was  den  Grundbesitz,  oder  wenigstens  den  kleinen  Grundbesitz  anlangt,  sah
er  darin  im  Gegenteil  einen  Ansporn  für  die  Yennehrung  der  Bevölkerung.  Das
merkwürdigste  aber  ist,  daß  er  sein  Beispiel  hierfür  Frankreich  entlehnt,  wo  heute
gerade  die  Zerstückelung  des  Grundbesitzes  als  eine  der  Hauptürsachen  des  Rückganges
der  Natalität  betrachtet  wird.  Er  schrieb  hierüber:
„Von  jeher  hat  es  in  Frankreich  eine  Menge  kleiner  Pacht-  und  Bauergüter
gegeben.  Dieser  Zustand  ist  dem  Wachstum  des  Reinertrags  nicht  sehr  günstig,  aber
er  vergrößert  manchmal  den  Bruttoertrag,  und  stets  trägt  er  zu  einer  starken  Vermehrung ­
  der  Bevölkerung  bei“  (S.  216).
Weiterhin  schrieb  er;  „Was  auch  die  Vorteile  seiner  Lage  und  seines  Klimas
sein  mögen,  so  ist  doch  in  Frankreich  das  Streben  nach  Vermehrung  der  Bevölkerung
so  groß,  der  Mangel  an  Voraussicht  der  unteren  Klassen  so  bedeutend,  daß  ...“  (S.  521).
Das  gleiche  bezeugt  Godwin,  und  ebenso  Young  (den  Malthus  anführt  —  S.  560):
„Das  Hauptunglück  dieses  Landes  liegt  darin,  daß  es  eine  so  große  Bevölkerung  hat,
die  es  weder  beschäftigen,  noch  ernähren  kann“!
Was  die  Ehe  anlangt,  so  schreibt  ihr  Malthus  allerdings  eine  präventive  Eigenschaft ­
  zu:  er  gibt  zu,  daß:  „die  einfachste  und  natürlichste  Hemmung  die  wäre,  jedem
Vater  den  Unterhalt  seiner  Kinder  als  Verpflichtung  aufzuerlegen“  (S.  336).  Auch
er  zu,  daß  die  Verachtung,  die  das  uneheliche  Kind  oder  die  uneheliche  Mutter
trifft,  sich  aus  der  Notwendigkeit  rechtfertigt,  das  Gesetz  der  Verantwortlichkeit  aufrecht ­
  zu  erhalten.  Das  Forschen  nach  der  Vaterschaft  (la  recherehe  de  la  patemite)
lehnt  er  zwar  ab,  aber  er  erklärt,  daß  die  Verführung  „streng  bestraft  werden  muß“,
eine  Unterscheidung,  die  heute  allgemein  anerkannt  ist,  die  aber  zu  seiner  Zeit
ganz  neu  war.
        <pb n="176" />
        154

Erstes  Buch.  Die  Begründer.

Schaft  eigentümlich  sind,  und  die  sich  folglich  in  anderen  Ländern
nicht  im  gleichen  Maßstab  fühlbar  machen  können:  —  sei  es,  daß
man  mit  Paul  Leeoy-Beaulieü  annimmt,  die  Geburten  nehmen  im
Verhältnisse  des  Zivilisationsfortschrittes  ab,  da  er  Bedürfnisse,  Wünsche
und  Ausgaben  schalfe,  die  mit  den  Pflichten  und  Lasten  der  Vaterschaft ­
  unvereinbar  sind;  —  sei  es,  daß  man  mit  Dumont  zugibt,  die
Geburten  würden  im  Verhältnis  des  Fortschrittes  der  Demokratie
geringer,  die  den  Wunsch,  vorwärts  zu  kommen,  immer  schneller
und  immer  höher  zu  steigen,  anspornt  (was  er  geistreich  das  Gesetz
der  Kapillarität  nennt);  —  sei  es,  daß  man  schärfer  umrissene  Ursachen ­
  anzieht,  die  dann  für  jede  Schule  andere  sind;  wie  das  gleiche
Erbrecht,  auf  das  die  Le  PnAv’sche  Schule  verweist,  die  Abschwächung
der  moralischen  und  religiösen  Vorstellungen,  wie  Paul  Bubeau  ausfährt, ­
  oder  die  ünmäßigkeit  in  allen  ihren  Formen:  Völlerei,  Alkoholismus ­
  usw.  Leider  kann  man  nicht  sagen,  daß  irgendeine  der  bisher
gegebenen  Erklärungen  vollständig  befriedige,  und  ein  neuer  Malthus
würde  sehr  gelegen  kommen,  um  der  demographischen  Wissenschaft
eine  neue  Zukunft  zu  eröffnen  1 ).  ,

II.
Ricardo.
t
Ricardo  ist  der  größte  Name  der  Nationalökonomie  und  kommt
gleich  nach  Adam  Smith.  Er  ist  sogar  bekannter.  Adam  Smith  hat
gerade  infolge  der  weisen  Mäßigung  in  seinen  Ansichten  keine  Schule
gemacht  und  nur  wenig  zum  Widerspruch  herausgefordert;  National-')
  Es  gibt  jedoch  eine  Anzahl  Soziologen,  die,  wie  Malthus,  nach  den  biologischen
Gründen  suchen;  wie  er  solche  für  die  Erklärung  der  Übervölkerung  gefunden  hat,
haben  sie  andere  zur  Erklärung  der  Entvölkerung  aufgedeckt.
Pouriek  und  der  englische  Schriftsteller  Doublbday,  der  40  Jahre  nach  Malthus
schrieb,  glauben  z.  B.,  daß  die  Fruchtbarkeit  im  umgekehrten  Verhältnis  zur  Ernährung ­
  stehe.  Es  w'ürde  das  eine  automatische  natürliche  Hemmung  gegen  jede
Gefahr  einer  Übervölkerung  darstellen.  Andere  glauben,  daß  die  Zeugungskraft
im  umgekehrten  Verhältnis  zur  geistigen  Tätigkeit  stehe.  Als  Grundlage  beider
Erklärungen  würde  danach  ein  recht  bedeutsamer  Unterschied  in  der  Entwicklung  des
Individuums  und  der  der  Gattung  in  Frage  kommen.  Sie  haben  jedoch  wenig  Anhänger ­
  gefunden.  Sollten  ihre  Annahmen  der  Wahrheit  entsprechen,  so  würden  sie
den  Ausblick  in  die  Zukunft  nicht  zuversichtlicher,  sondern  im  Gegenteil  noch  dunkler
gestalten,  da  dann  die  Völker  und  die  Klassen,  die  sich  zuerst  zu  höherem  Wohlstand ­
  und  höherer  Kultur  emporgearbeitet  haben,  zum  Untergang  verurteilt  sind,
während  die  noch  armen  und  rohen  Massen  ihren  elenden  Zustand  beibehalten  und
sich  weiter  in  unendlicher  Zahl  vermehren  würden.
        <pb n="177" />
        Kapitel  III.  Die  Pessimisten.

155

Ökonomen  aller  Schattierungen  sitzen  zu  Füßen  des  Meisters  und
hören  ehrfurchtsvoll:
aus  seinem  Mund  die  Weisheitsworte  fließen
(de  sa  houche  abonder  les  paroles  divines).
Aber  nicht  in  diesen  erhabenen  Regionen  muß  man  Eicabdo
suchen;  er  steht  im  dichtesten  Getümmel.  Um  seinetwillen  wogt  der
Kampf,  und  gegen  ihn  richten  sich  alle  Angriffe.  Handelt  es  sich
um  die  Methode,  so  stürzt  sich  die  realistische  und  die  historische
Schule  auf  ihn,  der  die  Wissenschaft  in  die  Sackgassen  der  Abstraktionen ­
  geführt  hafü  Handelt  es  sich  um  die  “Rechtfertigung  des
Grundbesitzes,  so  wird  zuerst  seine  Rententheorie  angegriffen;  der
ganze  Marxismus  und  folglich  der  ganze  heutige  Sozialismus  baut
sich  unmittelbar  auf  seiner  Werttheorie  auf.'  Wenn  diese  Nachkommenschaft ­
  ihm  auch  sicherlich  wenig  Zusagen  dürfte,  so  kann  er  sie  doch
nicht  verleugnen.  In  den  Streitfragen  über  die  Rolle  der  Notenbanken
und  über  den  internationalen  Handel  findet  man  ihn,  und  zwar  stets
an  erster  Stelle,  wieder.
Er  verdankt  es  daher  ebensosehr  seinen  Fehlern,  wie  seinen
Verdiensten,  das  geistige  Leben  so  nachhaltig  in  Erregung  gesetzt
zu  haben.  Von  den  meisten  seiner  Lehren,  wenigstens  von  den  für
ihn  bezeichnendsten,  ist  nicht  mehr  viel  übrig  geblieben,  wenn  man
davon  absieht,  daß  er  stark  zur  Kritik  und  zu  Gegenbehauptungen
herausforderte,  was  aber  vielleicht  nicht  weniger'von  Bedeutung  ist.
Übrigens  war  dieser  Citybankier  nur  ein  recht  mittelmäßiger  Schriftsteller. ­
  In  seinen  Werken  findet  sich  keine  jener  prachtvollen  Seiten,
wie  sie  Adam  Smith  oder  später  Sxuaet  Mild  verfaßt  .haben,  ja  nicht
einmal  Formeln  von  jener  treffenden  Schärfe,  die  nie  vergehen  können.
Sein  Hauptwerk  ist  völlig  planlos:  Wie  zufällig  stehen  die  Kapitel
nebeneinander.  Seine  hypothetische  Methode  mit  ihrem  ewig  wiederholten: ­
  „Angenommen,  daß  .  ..“,  sozusagen  seine  Fabrikmarke,  wirkt
sehr  ermüdend.  Jedoch  hat  diese  abstrakte  Methode  der  Wissenschaft ­
  einen  langdauernden  Anstoß  gegeben,  und  sie  lebt  heute  in
der  mathematischen  Schule  wieder  auf.  Er  war  ein  gewaltiger,  wenn
auch  dunkler  Geist,  der,  wie  er  selbst  gesteht,  sich  nicht  immer
selbst  verstand.  Eine  dunkle  Ausdrucksweise  tut  aber  dem  Ruhme
keinen  Abbruch;  sie  hat  dem  Ansehen  Ricaedo’s  wie  später  dem  von
Makx  viel  genützt.  Wenn  es  sich  um  einen  großen  Mann  handelt,
gibt  man  nicht  gern  zu,  daß  er  schwer  verständlich  sei,  vielleicht
aus  Furcht,  dann  selbst  für  nicht  mit  rechtem  Verstände  begabt  zu
erscheinen.  Man  bemüht  sich  vielmehr,  in  den  dunkelsten  Stellen
einen  tiefen  Sinn  zu  finden.  Allerdings  ist  man  hierin,  soweit  Ricaedo
ln  Betracht  kommt,  nicht  immer  erfolgreich  gewesen.
        <pb n="178" />
        156

Erstes  Buch.  Die  Begründer.

Es  ist  nicht  daran  zu  denken,  an  dieser  Stelle  sein  so  monumentales ­
  Werk  erschöpfend  darzustellen,  und  wir  begnügen  uns
daher  damit,  seine  Hauptzüge  heryorzuheben  ’).
Im  allgemeinen  können  wir  sagen,  daß  sich  Eicaedo  hauptsächlich
mit  der*  V  er  teilung  der  Güter  ^beschäftigt  hat.  Hierin  hat  er  in
Wahrheit  ein  neues  Feld  eröffnet,  denn  seine  Vorgänger  haben  sich
fast  nur  mit  der  Produktion  befaßt.  „Die  Gesetze,  denen  diese
Verteilung  untersteht,  lestzulegen,  ist  die  Hauptaufgabe  der  Nationalökonomie.“ ­
  —  Man  kannte  allerdings  schon  die  Dreiteilung  des  Einkommens, ­
  in  Übereinstimmung  mit  der  Dreiteilung  der  Produktionsfaktoren, ­
  —  die  Kente  für  den  Boden,  den  Profit  für  das  Kapital,
den  Lohn  für  die  Arbeit  —;  Eicaedo  will  aber"feststellen,  in  welcher
Weise  diese  Verteilung  vor  sich  geht,  und  welche  Gesetze  den  Anteil

&amp;gt;)  David  Eicaedo  entstammte  einer  ursprünglich  holländischen,  jüdischen  Familie.
Er  wurde  im  Jahr  1772  in  London  geboren,  wo  sein  Vater  als  Warenmakler  lebte.
Frühzeitig  wurde  er  von  ihm  in  die  Geschäfte,  in  die  Geheimnisse  der  Wechselstuben
eingeführt.  Anläßlich  seiner  Heirat  schwor  er  seine  Eeligion  ab  und  brach  mit  seiner
Familie.  Er  gründete  ein  eigenes  Geschäft  als  Börsenmakler  und  sammelte  rasch
ein  großes  Vermögen,  das  man  sogar  auf  40  Millionen  Fr.  geschätzt  hat,  was  aber,
besonders  für  seine  Zeit,  enorm  gewesen  wäre  und  wahrscheinlich  übertrieben  ist.
Ganz  natürlich  waren  es  Fragen  des  Bankwesens,  die  ihn  zuerst  sich  mit  der
volkswirtschaftlichen  Wissenschaft  beschäftigen  ließen.  Zu  jener  Zeit  hatte  der  Krieg
mit  Frankreich  eine  solche  Entwertung  der  Banknoten  in  England  herbeigeführt,  daß
nicht  nur  Spezialisten,^sondern  auch  Privatleute  sich  viel  mit  dieser  Frage  befaßten.
Damals,  1810,  veröffentlichte  er  seinen  ersten  Aufsatz:  Heber  den  hohen  Geldpreis ­
  als  Beweis  für  die  Entwertung  der  Banknoten.  Er  war  zu  dieser
Zeit  38  Jahre  alt  und  ließ  dieser  ersten  Arbeit  bald  weitere  über  Kredit  und  Bankwesen ­
  folgen.  Diese  kleineren  Streitschriften  jedoch  ließen  kaum  ahnen,  mit  welchen
tiefeingreifenden  Untersuchungen  über  die  Grundsätze  der  Wissenschaft  er  sich  beschäftigte ­
  —  anscheinend  zu  seiner  persönlichen  Unterhaltung,  denn  sie  scheinen
nicht  für  die  Öffentlichkeit  bestimmt  gewesen  zu  sein,  —  die  endlich  1817  unter  dem
Titel:  Principles  of  political  Economy  herausgegeben  wurden.
Als  er  sie  veröffentlichte,  ahnte  dieser  „businessman“  sicherlich  nicht,  daß  er
dadurch  die  Grundpfeiler  des  kapitalistischen  Wirtschaftsgebäudes  erschüttern  würde.
1819  wurde  er  Mitglied  des  Unterhauses,  doch  scheint  er  als  Eedner  nicht
glänzender,  denn  als  Schriftsteller  gewesen  zu  sein,  obschon  er  übrigens  vom  Haus
mit  größter  Achtung  angehört  wurde.  „Ich  habe  zweimal  angefangen  zu  sprechen,
war  aber  so  befangen,  daß  ich  alle  Hoffnung  aufgebe,  der  Furcht  Herr  zu  werden,
die  mich  jedesmal  überfällt,  wenn  ich  meine  eigene  Stimme  höre.“
Im  Jahre  1821  gründete  er  den  Klub  „Political  Economy“,  der  wahrscheinlich
die  erste  der  zahlreichen  Gesellschaften  für  ökonomische  Studien  war,  die  seitdem  in
allen  Ländern  gebildet  worden  sind.  1822  gab  er  eine  Abhandlung  über  den  Schutz
der  Landwirtschaft  heraus.  Er  starb  im  Jahre  1823,  51  Jahre  alt.
Seit  seinem  Tode  hat  man  pietätvoll  seine  Schriften  gesammelt  und  besonders
seine  Briefe  veröffentlicht.  Er  stand  in  regem  Briefwechsel  mit  den  bedeutendsten
Nationalökonomen  seiner  Zeit,  wie  Malthos,  Mac  Cullooh,  J.-B.  Say  und  anderen.
Diese  Briefe  und  ihre  Beantwortungen  sind  für  das  Verständnis  seiner  Lehren  äußerst
wertvoll.
        <pb n="179" />
        Kapitel  III.  Die  Pessimisten.

157

eines  jeden  bestimmen.  Wenn  Excaedo  diese  Untersuchung  auch
ohne  jede  teleologische  Gerechtigkeitsvoraussetzung  führt,  so  läßt
sich  leicht  voraussehen,  daß  er  die  Ära  der  Polemik  und  sogar  des
Sozialismus  eröffnen  wird.  Auf  der  einen  Seite  nämlich  treten  in  der
Verteilung  der  Güter  die  Naturgesetze  gegenüber  geschriebenen
Gesetzen  und"  menschlichen  Einrichtungen  zurück,  und  auf  der
anderen  sind  dieselben  individuellen  Interessen,  die  in  der  Produktion
Zusammenwirken,  in  der  Verteilung  antagonistisch.
Wir  werden  daher  untersuchen,  welche  Gesetze  Excaedo  für  die
Bodenrente,  den  Profit  und  den  Lohn  aufstellte  und  werden  besonders
auf  das  erste  eingehen,  das,  ihm  zufolge,  die  anderen  bestimmt.
Man  könnte  meinen,  daß  es  zunächst  unumgänglich  nötig  sei,  die
"Werttheorie  Eicaedo’s  zu  besprechen,  um  so  mehr,  als'die  Theorie  des
Arbeitswertes  in  der  Wertlehre  einen  großen  Platz  einnimmt  und  der
marxistischen  Theorie  vom  Mehrwert,  auf  der  der  ganze  zeitgenössische
Sozialismus  beruht,  den  Weg  öffnet.’  Trotzdem  werden  wir  uns  aber
damit  begnügen,-nur  gelegentlich  von  seiner  Werttheorie  zu  sprechen,
und  zwar  dort,  wo  sie  mit  den  Gesetzen  der  Verteilung  in  Verbindung
steht.  Hierfür  können  wir  uns  auf  Excaedo  selbst  berufen,  denn  er
sagt;  „Zum  Schluß  muß  die  große  Frage  der  Bodenrente,  des  Lohnes
und  des  Profites  klargestellt  werden  und  zwar  durch  das  Verhältnis,
in  dem  der  Gesamtertrag  unter  Grundbesitzer,  Kapitalisten  und
Arbeiter  verteilt  wird,  welches  Verhältnis  nicht  notwendigerweise ­
  mit  der  Lehre  vom  Wert  in  Verbindung  steht  1 ).“
Excaedo  hat  keineswegs  mit  der  Ausarbeitung  einer  Lehre  über
den  Wert  begonnen,  um  aus  ihr  die  Gesetze  der  Verteilung  abzuleiten; ­
  sondern  erst,  als  er  diese  Gesetze  entdeckt  hatte,  oder  entdeckt
zu  haben  glaubte,  hat  er  versucht,  sie  in  eine  Werttheorie  zusammenzufassen. ­
  Der  Gedanke,  der  ihn  sein  ganzes  Leben  hindurch  verfolgt
hat,  daß  nämlich  der  Boden  eine  immer  wachsende  Arbeit  verlange,
hat  ihn  ohne  Zweifel  zu  der  Auffassung  verführt,  daß  die  Arbeit
«die  Grundlage“  oder  „die  Ursache“  oder  „der  Maßstab“  —  er  schwankt
beständig  zwischen  diesen  keineswegs  übereinstimmenden  Ausdrücken

—  des  Wertes  sei.  Man  muß  übrigens  zugeben,  daß  die  Werttheorie
Eicaedo’s  weit  davon  entfernt  ist,  einen  Begriff'  von  seiner  Bedeutung
zu  geben.  Angesichts  dieser  höchst  schwieligen  Frage  ist  sein  durchdringender ­
  Geist  nicht  glücklicher  als  der  seiner  Vorgänger  gewesen.
Er  hat  verschiedentlich  erklärt  und  noch  kurz  vor  seinem  Tode  mit
prächtiger  Offenheit  zugegeben,  daß  seine  Versuche,  eine  Erklärung
des  Wertes  zu  finden,  zu  keinem  Resultat  geführt  hätten 2 ).

1 )  Brief  an  Mao  Cüllooh  vom  13,  Juli  1820,  erwähnt  von  H.  Denis,  B.  II,  S.  171.
2 )  tu  seinem  Briefwechsel  mit  Mac  Culloch  schreibt  er  unter  dem  18.  Dez.  1819:
”  iit  meiner  Erklärung:  der  Grundsätze,  die  den  Wert  beherrschen,  bin  ich  nicht  zu-
        <pb n="180" />
        158

Erstes  Buch.  Die  Begründer.

§  1.  Das  Gesetz  der  Bodenrente.
Von  allen  Theorien  Eicaedo’s  ist  die  über  die  Bodenrente  —
die  Kente  —  die  berühmteste,  und  sein  Name  ist  mit  ihr  unlöslich
verbunden.  Sie  ist  so  bekannt,  daß  Stuaet  Miel  sie  die  Eselsbrücke
,  der  Studierenden  nannte,  und  noch  heute  ist  sie  eine  klassische
■  Examensfrage.  %
Die  Frage  der  Rente  (d.  h.  des  Einkommens  aus  Grundbesitz;
das  englische  Wort  „reut“  bedeutet  Pachtertrag  ^'beschäftigte  nicht
nur  Ricaedo.  Sie  zog  die  Gedanken  aller  Nationalökonomen  seiner
Zeit  und  besonders  seines  Landes  unwiderstehlich  an.  Während
der  ganzen  ersten  Hälfte  des  19.  Jahrhunderts  steht  sie  im  Mittelpunkt ­
  der  englischen  ökonomischen  Wissenschaft,  ’  und  noch  später
war  sie  es,  die,  wie  wir  sehen  werden,  sich  zur  Lehre  von  der  Verstaatlichung ­
  des  Grund  und  Bodens  entwickelte  und  den  Erfolg  des
Buches  von  Henev  Geoege  ausmachte.  In  Frankreich  haben  wir
nur  einen  abgeschwächten  Widerhall  davon  gespürt.  Frankreich  war
schon,  nicht  nur  seit  der  Revolution,  sondern  sogar  schon  vor  ihr,
ein  Land  der  kleinen  Bauerngüter.  Das  Pachtsystem  erstreckte  sich
bei  weitem  nicht,  wie  in  England,  auf  die  Gesamtfläche  des  Bodens,
und  auch  dort,  wo  es  bestand,  hatte  es  einen  anderen  Charakter.
Man  sah  in  Frankreich  nicht  so  ausgeprägt,  wie  das  in  England  der
Fall  war,  jene  Hierarchie  in  drei  Stockwerken,  die  von  der  Natur
selbst  erschaffen  zu  sein  schien,  und  in  der  offenbar  das  ganze  System
der  Verteilung  zutage  lag;  unten  der  Arbeiter,  der  seinen  Lohn  erhält, ­
  darüber  der  große  kapitalistische  Pächter,  der  seinen  Profit
einstreicht,  und  an  der  Spitze  der  „Landlord“,  der  seine  Rente
erhebt.
Die  beiden  ersten  Einkommensarten  waren  leicht  zu  erklären;
woher  kam  aber  die  letzte,  dieses  Einkommen,  auf  dem  die  englische
Aristokratie  und  mit  ihr  die  englische  Geschichte  beruhte?
Wir  wissen,  daß  die  Physiokraten  in  diesem  Einkommen,  das  sie
Reinertrag  (produit  net)  nannten,  eine  freie  Gabe  der  Natur,  ein  Geschenk ­
  Gottes  sahen;  und  daß  selbst  Adam  Smith,  obgleich  er  die
Rolle  des  Schöpfers  der  Güter  vom  Boden  auf  die  Arbeit  übertragen
hatte,  nichtsdestoweniger  zugab,  daß  ein  bedeutender  Teil,  wenigstens

frieden.  Ich  möchte,  daß  ein  Erfahrener  als  ich  sich  damit  befasse.“  Und  unter  seinen
Briefen  an  Malthus  findet  sich  einer  vom  15.  Aug.  1820,  wahrscheinlich  einer  der
letzten,  die  er  geschrieben  hat,  in  dem  er  von  seiner  und  seines  Schülers  Mac  Culloch
Theorie  über  den  Wert  spricht.  Er  sagt  da  mit  einer  gewissen  Melancholie:  „Es
ist  keinem  von  uns  beiden  gelungen.“  Siehe  Hal^vy,  Le  Radicalisme  philosophique,
  und  H.  Dbnih,  op.  cit„
        <pb n="181" />
        Kapitel  III.  Die  Pessimisten.

159

ein  Drittel,  des  Einkommens  aus  dem  Boden  der  Beihilfe  der  Natur
zu  verdanken  sei J ).
Malthus  hat  hierüber  ein  besonderes  Buch  geschrieben  2 ),  und
Ricardo  zollt  ihm  die  Anerkennung;  „die  wirkliche  Lehre  von  der
Rente  entdeckt  zu  haben.“  Malthus  nahm,  wenigstens  als  Ausgangspunkt, ­
  die  von  den  Physiokraten  und  Adam  Smith  gegebene  Erklärung ­
  an,  d.  h.  er  sieht  in  der  Rente  die  natürliche  Wirkung  einer
von  Gott  der  Erde  verliehenen  Eigenschaft  .  .  .,  einer  Eigenschaft,
die  der  Erde  die  Kraft  gibt,  mehr  Menschen  zu  erhalten,  als  zu
ihrer  Bestellung  nötig  sind“.  Für  ihn  ist  aber  die  Bodenrente  nicht
nur  das  Resultat  eines  physischen  Gesetzes;  sie  ergibt  sich
auch  aus  einem  wirtschaftlichen  Gesetze,  das  in  dem  einzigartigen ­
  Privilegium  der  Erde  liegt,  selbst  die  Nachfrage  nach  ihren
Produkten  hervorzurufen,  so  daß  sie  ohne  Ende  ihr  eigenes  Einkommen ­
  und  ihren  eigenen  W  ert  aufrecht  erhalten  und  vermehren
kann.  Woher  kommt  das?  Weil  die  Bevölkerung  beständig  dahin
strebt,  mit  dem  Vorrat  von  Lebensmitteln  gleichen  Schritt  zu  halten
und  sogar  darüber  hinaus  zu  wachsen,  mit  anderen  Worten;  weil
überall  zum  mindesten  ebensoviele  Menschen  geboren  werden,  wie  die
Erde  ernähren  kann.  Diese  neue  Erklärung  der  Bodenrente  ist  eine
Schlußfolgerung  aus  dem  Gesetze  Malthus’,  nämlich  des  beständigen
Fressens  der  Bevölkerung  gegen  ihren  Nahrungsspielraum.
Weiter  hebt  Malthus  einen  anderen  Grundzug  der  Bodenrente
hervor,  eine  so  richtige  und  bedeutsame  Beobachtung,  das  an  ihr  die
Theorie  Ricaedo’s  sich  entzündete:  da  die  Erde  nicht  gleichmäßig
fruchtbar  ist,  geben  auch  notwendigerweise  die  auf  ihre  Bestellung
verwendeten  Kapitalien  ungleichmäßigen  Gewinn.  In  diesem  Unterschiede ­
  zwischen  dem  normalen  Gewinne  aus  mittelmäßigem  Boden
und  dem  größeren  Gewinne  aus  fruchtbareren  Feldern  besteht  nun
gerade  zugunsten  der  Besitzer  fruchtbareren  Bodens  eine  besondere
Rentenkategorie,  die  differentiale  Bodenrente,  wie  man  sie  später
nennen  sollte.
Diese  Rente  erscheint  Malthus,  wie  früher  den  Physiokraten,
als  völlig  gerechtfertigt  und  durchaus  im  Einklang  mit  dem  öffentlichen ­
  Nutzen.“  Für  die  Urbesitzer  ist  sie  nur  der  gerechte  Entgelt
»ihrer  Kraft  und  Geschicklichkeit“  gewesen,  und  für  diejenigen,
welche  die  Güter  nachher  erworben  haben,  gilt  dasselbe,  da  sie  ja
niit  den  Früchten  ihres  Fleißes  und  ihrer  Gewandtheit  erworben
worden  sind.  Sie  besteht  ohne  Zweifel  unabhängig  von  der  Arbeit
T  A/vwi
)  Smith  hatte  die  Industrie  einer  Ehe  verglichen,  aus  der  zwei  Kinder  entspringen, ­
  der  Profit  und  der  Lohn,  während  die  Landwirtschaft  drei  gibt,  die  beiden
erwähnten  und  die  Rente.
2 )  An  inqnity  into  the  nature  and  progress  of  rent,  1815.
        <pb n="182" />
        160

Erstes  Buch.  Die  Begründer.

des  Besitzers,  aber  sie  ist  wie  das  große  Los,  das  otium  cum
dignitate,  das  die  gerechte  Belohnung  jeder  verdienstlichen  Anstrengung ­
  darstellt 1 ).
Eicaedo  schlägt  nun  einen  neuen  Weg  ein.  Er  bricht  vollständig ­
  mit  der  von  den  Physiokraten  und  A.  Smith  vorgetragenen
Lehre,  die  Malthus  beibehalten  hatte,  indem  er  verächtlich  jeden
Oedanken  an  eine  von  der  Natur  geleistete  Mitarbeit  verwirft.  Dieser
Finanzherr  hatte  keinen  abergläubischen  Eespekt  vor  der  Natur,
wenn  er  auch  selbst  Großgrundbesitzer  war,  und  lächelnd  würde  er
das  Wort:  „Wer  ist  denn  die  Dame?“  das  später  geprägt  wurde,
ausgesprochen  haben.  Er  führt  als  Gegenüberstellung  zu  dem  berühmten ­
  Ausspruch  Smith’s  den  von  Buchanan  an:  „Die  Einbildung,
daß  die  Landwirtschaft  einen  Reinertrag  liefert,  weil  die  Natur  mit
dem  Fleiß  des  Menschen  zusammen  an  den  Arbeiten  der  Landbestellung ­
  teilnimmt,  und  daß  sich  daraus  eine  Rente  ergebe,  ist  ein
leerer  Traum  2 ).“  Wie  war  sehen  werden,  weist  er  durch  eine  elegante
Umkehrung  der  Theorie  nach,  daß  die  Bodenrente  eher  auf  den  Geiz,
als  auf  die  Freigebigkeit  der  Natur  schließen  läßt.
Der  Beweis,  daß  die  Fruchtbarkeit  des  Bodens  niemals,  wenigstens
nicht  allein,  die  Ursache  der  Rente  sein  kann,  ergibt  sich  daraus,
daß  in  einem  neuen  Lande,  einer  Kolonie  z.  B.,  der  Boden  keine  Rente
abwirft,  wenn  mehr  Land  vorhanden  ist,  als  die  Bedürfnisse  der  Bevölkerung ­
  erfordern;  das  trifft  sogar  in  dem  Falle  zu,  daß  dieses
Land  von  wunderbarer  Fruchtbarkeit  ist.  „Wer  wird  daran  denken,
das  Recht  der  Bearbeitung  eines  Grundstückes  zu  kaufen,  wenn  ungezählte ­
  Strecken  Landes  herrenlos  sind  und  so  jedem,  der  ihre
Kultivierung  in  Angriff  nehmen  will,  offen  stehen 3 )?“  'Wann  tritt  nun
die  Bodenrente  auf?  Erst  dann,  wenn  „der  Bevölkerungsfortschritt
zu  einer  Urbarmachung  von  geringwertigerem  oder  weniger  gut  gelegenem ­
  Boden  zwingt“/  Dies  ist  der  springende  Punkt  in  der  Theorie

’)  S.  192;  siehe  auch  S.  172  und  178.
2 )  Man  muß  aber  auf  seiner  Hut  sein,  denn  der  Einfluß  der  alten  Theorie  macht
sich  hin  und  wieder  bei  Eicakdo  bemerkbar.  Ganz  kann  er  sich  nicht  von  ihr  befreien. ­
  So  definiert  er  die  Bodenrente  als:  „jenen  Teil  des  Bodenertrages,  der  dem
Besitzer  gegen  das  Eecht,  die  produktiven  und  unverwüstlichen  Eigenschaften  des
Bodens  auszubeuten,  gezahlt  wird“.  Diese  Eigenschaften,  von  denen  er  oft  spricht,
nennt  er  auch  „natürliche“,  „ursprüngliche“  und  „unzerstörbare“,  —  was  doch  alles
sagen  will,  daß  sie  von  jeder  Arbeit  unabhängig  sind!
3 )  „Stets  hört  man  von  den  Vorteilen  sprechen,  die  den  Boden  vor  allen  anderen
Produktionsquellen  auszeichnen,  weil  man  ihm  einen  Mehrwert  in  der  Gestalt  einer
Bodenrente  abgewinnt.  Und  doch  wirft  der  Boden  in  der  Periode  seiner  besten
Fruchtbarkeit,  seines  größten  Überflusses,  seines  höchsten  Ertrages  keine  Eente  ab.
Erst  mit  dem  Augenblick,  in  dem  er  geringwertiger  wird,  stellt  sich  die  Eente  ein!“
(S.  48).
        <pb n="183" />
        Kapitel  III.  Die  Pessimisten.

161

Eicaedo’s.  Weit  entfernt,  ein  Zeichen  der  Freigebigkeit  der  Natur
zu  sein,‘entsteht  die  Bodenrente  vielmehr  aus  einer  traurigen  Notwendigkeit, ­
  nämlich  aus  der  Seltenheit  des  guten  Bodens  und  dem
Zwange,  unter  dem  Drucke  der  Bevölkerung  und  der  Bedürfnisse  auf

relativ  arme  Felder  zurückgreifen  zu  müssen 1  2  3 ).  ‘  „Die  Bodenrente

eine  Schaffung  von  Werten,  nicht  von  Gütern“,  sagt  Ricardo.  Ein
bedeutungsvolles  Wort,  das  bestimmt  war,  viele  dunkle  Fragen  der
volkswirtschaftlichen  Wissenschaft  zu  lösen.  Was  meint  er  damit?
Er  stellt  hierdurch  die  Güter,  die  sich  aus  dem  Überfluß  und  der
Befriedigung  ergeben,  und  den  Wert,  der  aus  dem  Hindernis  und
der  Anstrengung  erwächst,  einander  gegenüber  und  behauptet,  daß
die  Bodenrente  der  zweiten  Kategorie  und  nicht  der  ersten  zuzurechnen ­
  sei.  Nichtsdestoweniger  können  wir  uns  mit  dieser  Erklärung ­
  nicht  zufrieden  geben.  Denn  es  ist  nicht  recht  zu  verstehen,
daß  eine  rein  negative  Tatsache,  wie  das  Fehlen  fruchtbaren  Landes,
ein  Einkommen  verschaffen  könnte.  Es  würde  besser  sein,  zu  sagen,
daß,  wenn'die  Seltenheit  des  benutzbaren  Bodens  die  Bedingung  des
Auftretens  der  Rente  ist,  sie  doch  noch  nicht  ihre  Ursache  ist.  Die
Ursache  ist  die  Preiserhöhung  der  landwirtschaftlichen  Erzeugnisse,
die  selbst  wieder  bedingt  ist  durch  die  größere  Arbeit  und  Mühe 2 ),
die  die  Bewirtschaftung  weniger  fruchtbaren  Landes  mit  sich  bringt.
Was  daher  endgültig  die  Rente  eines  Stückes  Getreidebodens  hervorbringt ­
  und  der  Höhe  nach  bestimmt,  das  ist  die  notwendige  Arbeit,
die  zur  Erzeugung  des  Getreides  auf  demjenigen  Boden  schlechtester
Qualität  erforderlich  ist,  der  noch  im  Anbau  ist  (dem  „Grenzboden“)*)/
Nehmen  wir  an,  wie  Eicaedo  so  gern  schreibt,  daß  auf  Boden
erster  Klasse  die  Erzeugung  eines  Hektoliters  Getreide  10  Arbeitsstunden ­
  kostet,  und  daß  der  Preis  des  Hektoliters  Getreide  10  Fr.
sei.  Um  eine  Bevölkerung,  die  gemäß  den  Gesetzen  Malthus’  wächst,
zu  ernähren,  muß  man  nun  Ländereien  zweiter  Klasse  zu  bewirt-*)

  Man  zahlt  der  Natur  für  ihre  Arbeit  nicht  auf  Grund  ihrer  reichlichen,
sondern  auf  Grund  ihrer  spärlichen  Hilfe.  Je  geiziger  sie  mit  ihren  Gaben
ist,  einen  um  so  höheren  Preis  läßt  sie  sich  zahlen  (8.  50).
Und  an  einer  anderen  Stelle:  „Die  verhältnismäßige  Seltenheit  der
■wirklich  fruchtbaren  Ländereien  ist  die  Ursache  der  Kente“  (im  Text
unterstrichen)  (8.  376).
Es  ist  zu  bemerken,  daß  Smith  diese  Erklärung  schon  in  bezug  auf  die  Produktion ­
  der  Bergwerke  gegeben  hatte;  es  ist  ihm  aber  nicht  in  den  Sinn  gekommen,
daß  auch  Felder  nur  eine  Art  Bergwerke  verstellen.
2 )  Heute  würden  wir  einfach  sagen:  „bedingt  durch  die  Steigerung  der  Nachfrage“, ­
  was  aber  ganz  gegen  die  Lehre  Ricaedo’s  geht,  für  den  nicht  die  Nachfrage,
sondern  die  Arbeit  den  Wert  schafft.
3 )  „Der  Wert  des  Getreides  wird  von  der  zu  seiner  Erzeugung  auf  den  Feldern
schlechtester  Qualität  aufgewendeten  Arbeit  bestimmt.“
Gide  und  Rist,  Gesch.  d.  Volkswirtschaft!.  Lehrmeinungen.  11
        <pb n="184" />
        162

Erstes  Buch.  Die  Begründer.

schäften  anfangen,  wo  das  Hektoliter  Getreide  15  Arbeitsstunden
erfordert.  Sogleich  wird  der  Wert  des  Getreides  im  gleichen  Verhältnis ­
  steigen  und  sich  auf  15  Fr.  erhöhen,  wodurch  die  Besitzer
des  Landes  erster  Klasse  einen  Mehrwert,  einen  Bonus,  von  5  Fr.
erhalten.  Hiermit  tritt  die  Bodenrente  erstmalig  in  Erscheinung.
Mit  der  Zeit  werden  Felder  dritter  Klasse  in  Bewirtschaftung  genommen, ­
  auf  denen  ein  Hektoliter  Getreide  eine  Arbeitszeit  von
20  Stunden  benötigt.  Sofort  steigt  der  Getreidepreis  auf  20  Fr.  Die
Besitzer  der  ersten  Klasse  finden  nun  ihren  Bonus,  ihre  Bodenrente,
um  eine  Stufe  erhöht,  nämlich  von  5  Fr.  auf  10  Fr.  für  den  Hektoliter ­
  und  die  Besitzer  des  Bodens  zweiter  Klasse  erhalten  ihrerseits
einen  Bonus  von  5  Fr.  für  den  Hektoliter.  So  entsteht  unterhalb  der
ersten  Klasse  eine  neue  Klasse  von  bescheideneren  Rentenbeziehern.
Mit  dem  Tage,  an  dem  man  gezwungen  sein  wird,  Boden  vierter
Kategorie  in  Bearbeitung  zu  nehmen,  werden  die  Besitzer  des  Bodens
dritter  Klasse  ihrerseits  zu  Rentenbeziehern  usw. 1 ).
Man  hat  dieser  Theorie  vorgeworfen,  daß  diese  Hierarchie  der
Bodenklassen  für  die  Zwecke  der  Beweisführung  erfunden  worden
sei.  In  diesem  Punkte  jedoch  hat  Ricardo  im  Gegenteil  weiter  nichts
getan,  als  in  wissenschaftlicher  Sprache  das  auszudrücken,  was  jeder
Bauer  meint,  wenn  er,  ohne  zu  zögern  und  auf  Grund  einer  Überlieferung ­
  von  Vater  auf  Sohn,  sagt:  „Das  ist  guter  Boden,  das  ist
schlechter  Boden!“
Ricardo,  den  man  stets  als  rein  abstrakten  Geist  hinstellt,  war
ein  sehr  praktischer  Mensch  und  ein  sehr  guter  Beobachter,  der
weiter  nichts  getan  hat,  als  •  die  Tatsachen,  die  sich  vor  ihm  abspielten, ­
  und  die  die  öffentliche  Meinung  und  das  Parlament  beschäftigten, ­
  in  Formeln  zu  fassen.  Denn  die  Erhöhung  der  Bodenrente, ­
  die  auf  die  Erhöhung  der  Getreidepreise  am  Ende  des  18.
und  am  Anfang  des  19.  Jahrhunderts  folgte,  war  die  eindrucksvollste
Tatsache  in  der  wirtschaftlichen  Geschichte  Englands.  Im  ganzen
Verlauf  des  18.  Jahrhunderts,  bis  1796,  war  der  Höchstpreis  des
Getreides  60  sh  und  einige  Pence  pro  Quarter  gewesen.  1795  aber
stand  der  Preis  auf  92  sh,  und  1801  fast  auf  dem  dreifachen  des
alten  Preises,  nämlich  auf  177  sh!  Dieser  exorbitante  Preis,  der
allerdings  keine  besondere  Dauer  hatte,  geht  auf  außergewöhnliche
Ursachen  zurück,  unter  denen  hauptsächlich  die  Kriege  gegen  Napoleon
und  die  Kontinentalsperre  anzuführen  sind.  Trotzdem  aber  stand
der  Durchschnitt  in  den  Jahren  1810—1813  auf  106  sh 2 ).
0  „Mit  jedem  Bevölkerungszuwachs,  der  eine  Nation  zur  Inangriffnahme  der
Lebensmittelerzeugung  durch  Bestellung  geringerwertiger  Felder  zwingt,  steigt  die
Pacht  der  höherwertigen  Felder“  (S.  47).
2 )  Nach  Cannan’s  prächtigem  Buch  „History  of  the  theories  of  produc-
        <pb n="185" />
        Kapitel  III.  Die  Pessimisten.

163

Die  Erhöhung  des  Getreidepreises  lag  nämlich  nicht-nur  an  zufälligen ­
  Ursachen,  sondern  beruhte  auf  der  unvermeidlichen  Tatsache,
daß  die  verfügbaren  Felder  nicht  länger  ausreichten,  um  die  Bevölkerung ­
  zu  ernähren,  so  daß  es  notwendig  geworden  war,  neue
Felder  urbar  zu  machen,  ohne  Eücksicht  auf  ihre  Lage  oder  ihre
Beschaffenheit.  Die  Weiden,  die  früher  große  Strecken  des  eng-  ,
lischen  Bodens  eingenommen  hatten,  wichen  Tag  für  Tag  mehr  vor
dem  Pfluge.  Es  ist  die  Periode,  in  der  jene  schreiende  Ungerechtig-  |
keit,  die  den  Namen  „Enclosure  Acts“  trägt,  sich  vollzog,  der
Gesetze,  auf  Grund  derer  die  Grundbesitzer  die  noch  freien  Gemeindeländereien ­
  zu  ihren  Domänen  schlugen.  Eine  sehr  beredte  graphische
Darstellung  Cannan’s  zeigt  die  Parallelität  zwischen  der  Anzahl  der
Enclosuregesetze,  die  jedes  Jahr  bewilligt  worden  waren  und  der  Erhöhung ­
  des  Getreidepreises  1 ).
Eine  im  Jahr  1813  vom  Unterhaus  ernannte  Kommission,  die  eine
Untersuchung  über  die  Getreidepreise  anstellen  sollte  —  die  Grundbesitzer ­
  fürchteten  nämlich,  daß  mit  dem  Friedensschlüsse  die  Getreidepreise ­
  infolge  der  dann  zu  erwartenden  Getreideeinfuhr  stark
fallen  würden  —,  kam  zu  dem  Schluß,  daß  die  neuen  in  Kultur  genommenen ­
  Felder  das  Getreide  nicht  unter  80  sh  das  Quarter  (34  Fr.
den  Hektoliter)  hervorbringen  könnten.  Was  für  ein  Argument  zugunsten ­
  der  Theorie  Ricaedu’s  2 )!
A  ^  ■  /2
tion  and  distribution  in  the  political  Economy  of  England  from  1778
to  1848  (S.  195),  war  der  Durchschnittspreis  jedes  Jahrzehnts  dieser  Periode;

sh

d.

1770—1779

45

—

1780—1789

45

9

1790—1799

55

11

1800—1809

82

2

1810—1813

106

2

Da  ein  Quarter  etwas  weniger  als  3  Hektoliter  (2,91)  ist,  kommt  ein  Preis  von
106  sh  zu  etwas  über  46  Fr.  der  Hektoliter.
*)  Die  „Acts  of  enclosure“  (Einhegungsgesetze)  haben  in  England  am  Ende  des
XVIII.  und  am  Anfang  des  XIX.  Jahrhunderts  unter  Zustimmung  der  öffentlichen
Meinung  überhand  genommen.  Durch  diese  Gesetze  autorisierte  das  Parlament  die
Aneignung  des  Gemeindelandes.  Von  1700—1845  zählt  man  38o5  dieser  Verordnungen, ­
  durch  die  7622664  Acker  „eingehegt“,  d.  h.  von  den  Grundbesitzern  aus
dem  Gemeindeland  sich  ungeeignet  wurden.  Erst  1845  tritt  ein  Pmschwung  in  der
Gesetzgebung  und  in  der  öffentlichen  Meinung  ein.
2 )  Immerhin  scheint  es  nicht  ganz  klar  zu  sein,  ob  die  Inangriffnahme  dieser
neuen  Felder,  in  Übereinstimmung  mit  der  Theorie  E.icaedo’s,  den  Getreidepreis  zum
Steigen  gebracht  hat,  oder  ob  es  nicht  die  Höhe  des  Getreidepreises  gewesen  ist,
4er  auf  der  Seltenheit  beruhte,  die  nachträglich  die  Aneignung  und  Inangriffnahme
dieser  neuen  Feldern  verursacht  hat.  Uns  erscheint  diese  letzte  Hypothese,  die  die
Theorie  Ricaedo’s  hinfällig  machen  würde,  als  die  wahrscheinlichere.

11*
        <pb n="186" />
        164

Erstes  Buch.  Die  Begründer.

Kann  ‘man  jedoch  der  Notwendigkeit  nicht  entrinnen,  Felder
zweiter  oder  dritter  Klasse  zu  bewirtschaften?  Kann  man  nicht  zunächst ­
  durch  intensivere  Kultur  den  Ertrag  der  alten  Felder  erhöhen?
Zweifellos  kann  man  dies  bis  zu  einem  bestimmten  Punkte.  Es  ist
aber  widersinnig  zu  glauben,  daß  man  auf  einer  begrenzten  Oberfläche ­
  eine  unbegrenzte  Menge  Lebensmittel  hervorbringen  kann.
Überall  gibt  es  eine  allerdings  elastische  Grenze,  die  der  Fortschritt
in  der  landwirtschaftlichen  Wissenschaft  sicherlich  weit  über  jede
Voraussicht  hinaus  zurückschieben  kann;  aberlange  bevor  der  Landwirt ­
  diese  ideale  Grenze  erreicht  hat,  stellt  er  die  Arbeit  ein,  weil
ihn  die  Praxis  gelehrt  hat,  daß  „der  Preis  nicht  die  Mühe  lohnt“,
wie  das  Sprichwort  sagt,  nämlich,  daß  der  Mehraufwand  an  Arbeit
und  Kosten,  der  zu  leisten  wäre,  den  Mehrertrag,  den  er  erhalten
kann,  bedeutend  übersteigt.  Das  nennt  man  das*Gesetz  des  sinkenden ­
  Bodenertrages 1 ).
Dieses  Gesetz  bildet  einen  integrierenden  Bestandteil  der  Ricardoschen
  Theorie,  ohne  dessen  Berücksichtigung  sie  unverständlich  bleibt,
wie  es  auch  der  malthusischen  Theorie  unausgesprochen  zugrunde
lag.  Übrigens  ist  es  schon  von  Xjjegöt  entdeckt  und  mit  bewunderungswürdiger ­
  Kraft  und  Klarheit  formuliert  worden:  '„Man  kann
niemals  annehmen,  daß  verdoppelte  Aufwendungen  das  Produkt  veri
  doppeln  2 ).“  *  Und  Malthüs  wiederholt  nur,  wahrscheinlich  ohne  sie

*)  Gewisse  Kritiker,  wie  Fontenay,  ein  Schüler  Bastiat’s,  stellen  den  Satz  auf
daß  ein  Feld  sehr  wohl  aus  der  vierten  Kategorie  der  Ertragsfähigkeit  in  die  erste
übergeführt  werden  könne,  wenn  ein  intelligenter  Landwirt,  anstatt'Getreide  darauf
zu  bauen,  es  zu  einem  Weinberg  oder  vielleicht  zu  einer  Rosenkultur  benutzte.  Doch
fällt  das  aus  dem  Rahmen  der  Frage:  das  Gesetz  der  Bodenrente  setzt  Erzeugnisse
gleicher  Art  voraus,  da  sie  gerade  auf  Grund  dieser  Übereinstimmung  zum  gleichen
Preis  verkauft  werden.  Wenn  schlechtes  Getreideland  erstklassiges  Rosenland  wird,
so  ist  das  schön  und  gut,  aber  es  hat  dann  nichts  mehr  mit  Getreide  zu  tun  und
muß  unter  Eosenland  eingeschätzt  werden.  Mit  dem  Tag,  an  dem  man  ein  zur
Rosenkultur  weniger  günstiges  Land  für  denselben  Zweck  in  Angriff  nimmt,  wird
es  eine  Bodenrente  abwerfen.
2 J  Türgot,  Observations  sur  un  Memoire  de  M.  de  Saint-Peravy,
(Buvres  I,  S.  420.
„Man  kann  niemals  annehmen,  daß  die  Verdoppelung  der  Vorschüsse  eine  Verdoppelung ­
  des  Ertrages  ergebe  .  .  .“
„Es  ist  mehr  als  wahrscheinlich,  daß  jede  Erhöhung  der  Vorschüsse,  die  nach
und  nach,  bis  zu  dem  Punkte,  wo  sie  nichts  mehr  einbringen,  vorgenommen  wird,
einen  nach  und  nach  geringer  werdenden  Ertrag  bringen.  In  diesem  Falle  würde
es  mit  der  Ertragsfähigkeit  des  Bodens,  wie  mit  einer  elastischen  Feder  stehen,  die
man  durch  eine  wachsende  Belastung  mit  gleichen  Gewichten  zu  spannen  trachtet.
Wenn  das  Gewicht  leicht  ist,  und  die  Feder  nicht  sehr  elastisch,  wird  die  Wirkung
der  ersten  Belastungen  fast  Null  sein.  Wenn  das  Gewicht  genügend  schwer  wird,
um  den  ersten  Widerstand  zu  überwinden,  wird  die  Feder  bemerkbar  nachgeben  und
sich  biegen;  wenn  sie  aber  bis  zu  einem  bestimmten  Punkt  gebogen  ist,  wird  sie
        <pb n="187" />
        Kapitel  III.  Die  Pessimisten.

165

zu  kennen,  die  Stelle,  wo  Tuegot  sagt:  „es  ist  selbstverständlich,
daß,  im  Maße  wie  die  Bewirtschaftung  sich  ausdehnt,  der  jährliche
Zuwachs  des  Durchschnittsertrages,  ständig  geringer  wird“  r ).  Eicardo
sah  dies  Gesetz  unter  seinen  Augen  in  Kraft.  Oft  spricht  er,  wenn
auch  etwas  dunkel,  von  der  Verringerung  im  Ertrage  der  Kapitalien,
die  nach  und  nach  in  den  gleichen  Boden  gesteckt  werden.  Er  weist
darauf  hin,  daß  sogar  in  diesem  Falle,  d.  h.  ohne  daß  neue  Landstriche ­
  in  Bearbeitung  genommen  werden,  die  Bodenrente  in  Erscheinung ­
  tritt.
In  der  Tat,  wenn  wir  bei  unserem  Boden  Nr.  I  bleiben,  der  das
Getreide  zu  10  Fr.  den  Hektoliter  erzeugt,  uud  wenn  wir  annehmer^/)
daß  wir  versuchen,  im  Falle  die  Bedürfnisse  eine  Erhöhung  des  Ernteertrages ­
  notwendig  machen,  den  Ertrag  bei  Nr.  I  zu  erhöhen,  anstatt
Boden  Nr.  II  urbar  zu  machen,  so  werden  wir  hierbei  nichts  gewinnen. ­
  Denn  die  neuen  Hektoliter,  die  auf  dem  Boden  Nr.  1  erzeugt ­
  werden,  werden  15  Fr.  kosten,  genau  wie  die  vom  Boden  Nr.  II,
und  ihr  Preis  wird  den  Marktpreis  bestimmen:  der  Preis  eines  jeden
Hektoliters  wird  daher  auf  15  Fr.  steigen,  und  der  Besitzer  wird  ebenso
eine  Bodenrente  beziehen,  weil  seine  zwei  Hektoliter  sich  zum  gleichen
erhöhten  Preise  verkaufen,  nämlich  15  plus  15  gleich  BO  Fr.,  obgleich
sie  ihm  doch  nur  10  plus  15  Fr.  gleich  25  Fr.  gekostet  haben  2 ).

dem  auf  sie  ausgeübten  Druck  größeren  Widerstand  entgegensetzen  und  ein  Gewicht,
unter  dem  sie  am  Anfang  um  einen  Zoll  nachgegeben  hätte,  wird  sie  nur  noch  um
eine  halbe  Linie  biegen.  So  wird  die  Wirkung  beständig  geringer  werden.“
„Dieser  Vergleich  ist  zwar  nicht  ganz  genau,  genügt  aber,  um  verstehen  zu
lassen,  wie  es  kommt,  daß  auch  eine  sehr  hohe  Kostenanfwendung  den  Ertrag  nur
sehr  wenig  steigern  kann,  wenn  der  Boden  nahe  an  die  Grenze  seiner  Ertragsfähigkeit ­
  gelangt  ist.“
Der  durchdringende  Geist  Tuegoi’s  hat  damit  eine  in  den  Darlegungen  der
klassischen  Ökonomisten  gewöhnlich  unbeachtet  gebliebene  Tatsache  hervorgehoben,
nämlich,  daß  es  am  Beginn  der  Bodenbewirtschaftung  eine  Periode  des  Optimum
gibt,  während  der  der  Ertrag  mehr  als  proportional  ist.
')  Bemerkenswert  ist,  daß  das  Gesetz  des  sinkenden  Bodenertrages  (Loi  du
rendement  non-proportionnel)  sich  schon  in  der  zweiten  der  beiden  berühmten  Progressionsreihen ­
  Malthus’  findet,  denn  die  arithmetische  Eeihe,  die  er  als  Maßstab
des  Wachstums  der  Lebensmittel  gibt  —•  1,  2,  3,  4,  5,  6,  7,  8,  .  .  .  100,  usw.  setzt
natürlich  ein  um  so  langsameres  Wachstum  voraus,  je  höher  die  Keihe  steigt,
d.  h.  die  Zeit  fortschreitet.  Ein  Peld  gibt  z.  B.  einen  Ertrag  1;  in  25  Jahren  2
oder  100  °/ 0  mehr,  was  nichts  besonders  wunderbares  hat,  weil  es  in  die  erste  Zeit
der  Bewirtschaftung  fällt.  Am  Ende  einer  zweiten  Periode  von  25  ist  der  Ertrag
gleich  3;  die  Vermehrung  ist  immer  gleich  1,  aber  die  Proportion  ist  jetzt  nur  noch
60  %;  so  fällt  das  Wachstum  auf  33°/ 0 ,  25  °/ 0 ,  20°/ o  und  am  Ende  der  100.  Periode
nach  2500  Jahren  beträgt  es  nur  noch  1  %  nnd  wird  stetig,  wenn  auch  immer  langsamer, ­
  geringer.
2 )  Die  von  Ricakdo  gegebene  Erklärung  ist  in  eine  etwas  andere  Eorm  gekleidet. ­
  „Wenn  ein  Pächter  aus  seinem  Land  mit  einem  Kapital  von  1000  Pfund
        <pb n="188" />
        166

Erstes  Buch.  Die  Begründer.

Um  zu  vermeiden,  Boden  einer  geringeren  Kategorie  in  Angriff
zu  nehmen,  gibt  es  noch  ein  anderes  Hilfsmittel.  Es  besteht  darin,
in  der  Ferne  durch  Auswanderung  und  Kolonisation  Felder  zu
erwerben,  die  den  Feldern  erster  Kategorie  gleichwertig  sind,  oderbesser,
  einfach  die  Erzeugnisse  dieser  überseeischen  fruchtbaren  Felder
zu  kaufen  und  dafür  industrielle  Erzeugnisse  in  Tausch  zu  geben,
auf  die  das  Gesetz  des  sinkenden  Bodenertrages  keine  Anwendung
findet.  Hierbei  muß  jedoch  noch  die  Arbeit  des  Transportes  in  Betracht ­
  gezogen  werden,  die  sich  der  Erzeugungsarbeit  anfügt,  und
die  das  gleiche  Resultat  ergeben  wird,  nämlich  eine  Bodenrente  für
die  dem  Markt  näher  gelegenen  Grundstücke,  eine  Bodenrente,  die  sich
aus  der  Überlegenheit  der  Lage  erklärt,  oder,  wie  J.-B.  Say  sagt:
„Entfernung  wirkt  wie  geringere  Fruchtbarkeit.“  In  Amerika  gibt  es
Felder,  die  das  Getreide  zu  10  Fr.  den  Hektoliter  erzeugen;  wenn
es  aber  notwendig  wird,  für  den  Transport  5  Fr.  Fracht  zu  zahlen,
so  ist  es  klar,  daß  das  nach  England  gelieferte  Getreide  15  Fr.  wert
ist,  d.  h.  genau  ebensoviel,  als  -wenn  man  dort  Felder  zweiter  Kategorie ­
  in  Angriff  genommen  hätte.  Die  Eigentümer  der  Felder  Nr.  I
in  England  werden  daher  ebenfalls  eine  Rente  von  5  Fr.  erhalten.
Dieses  dritte  Hilfsmittel  wird  jedoch  von  Ricaedo  kaum  erwähnt,
und  er  konnte  in  der  Tat  damals  noch  kaum  voraussehen,  welche
außerordentliche  Entwicklung  ein  halbes  Jahrhundert  später  hierin
eintreten  würde,  eine  Entwicklung,  die  das  Gesetz  der  Bodenrente
in  unseren  europäischen  Ländern  Umstürzen  und  all  die  Drohungen,
die  es  -in  sich  barg,  Lügen  strafen  sollte 1 ).

Sterling  100  Zentner  Getreide  gewinnt  und  wenn  er,  infolge  der  Aufwendung  eines
weiteren  Kapitals  von  1000  Pfund  Sterling  einen  Mehrertrag  von  85  Zentnern  erzielt, ­
  so  würde  der  Besitzer  berechtigt  sein,  von  ihm  16  Zentner  oder  deren  entsprechenden ­
  Wert  zu  verlangen,  denn  für  den  Profit  kann  es  nicht  zwei  verschiedene
Sätze  geben“  (S.  43).  Er  will  damit  sagen,  daß  die  Kente  notwendigerweise  in
Erscheinung  tritt,  wenn  die  Höhe  des  Gewinnes  infolge  der  geringeren  Ertragsfähigkeit ­
  der  neuen  Kapitalien  sinkt.  Denn  die  Kente  ist,  wie  das  Wort  schon  sagt,  der
Teil  des  Ernteertrags,  der  nach  Abzug  des  Gewinnes  und  der  Löhne  übrig  bleibt.
Diese  Darstellung  nähert  sich  (wie  Eicardo  zugibt)  der  eines  anderen  englischen
Schriftstellers,  Edward  West,  in  dessen  1815  veröffentlichten  Buch:  Application
of  Capital  to  Land.
*).  Kurze  Zeit  darauf  gab  ein  Deutscher,  selbst  ein  Großgrundbesitzer,  ein  Buch
heraus,  das  sich  mit  der  Untersuchung  gerade  jener  Seite  der  Eentenfrage,  die  Eicardo
vernachlässigt  hatte,  befaßte,  d.  h.  mit  dem  Einfluß  der  Entfernung  vom  Markt  auf
die  Bewirtschaftung  und  auf  den  Preis  der  Erzeugnisse.  Es  war  das  y.  Thünbn,  der
in  seinem  Buch:  „Der  isolierte  Staat“  (der  erste  Band  erschien  1826)  das  Bild
einer  Stadt  aufstellte,  die  von  einem  bestimmten  Landhezirk  umgeben  ist.  Er  weist
nach,  auf  Grund  welcher  Gesetze  die  Bewirtschaftung  sich  in  konzentrischen
Zonen  um  den  Mittelpunkt  anordnen  wird,  und  wie  jedes  der  Wirtschaftssysteme
zu  der  Entfernung  in  Beziehung  steht.
        <pb n="189" />
        Kapitel  III.  Die  Pessimisten.

167

Diese  große  Theorie  Ricaedo’s,  die  beim  ersten  Anblick  selbstverständlich ­
  erscheint,  beruht  jedoch  auf  einer  gewissen  Anzahl  Ppstulate,
  die  näher  ins  Auge  gefaßt  werden  müssen.  Die  einen  können
als  endgültige  wissenschaftliche  Wahrheiten  anerkannt  werden,  die
anderen  nicht.
1.  Zunächst  setzt  diese  Theorie  voraus,  daß  die  Erzeugnisse  ungleich ­
  fruchtbarer  Felder,  obschon  sie  ungleiche  Arbeitsmengen  darstellen, ­
  sich  stets  zum  gleichen  Preise  verkaufen,  stets  den  gleichen
Tauschwert  haben.  Ist  nun  diese  Prämisse,  die  wir  provisorisch
ohne  Untersuchung  angenommen  haben,  wirklich  unanfechtbar?  Gewiß,
wenn  man  annimmt,  daß  es  sich  um  Produkte  gleicher  Art  und
gleicher  Qualität,  wie  das  Getreide,  handelt.  Wenn  die  auf  demselben ­
  Markte  angebotenen  Waren  so  gleichartig  sind,  daß  es  dem
Käufer  gleichgültig  sein  kann,  welche  er  erwirbt,  so  wird  er  keinesfalls ­
  die  einen  teurer  als  die  anderen  bezahlen.  Stanley  Jevons  hat
dieses  Gesetz  später  das  „Gesetz  der  Indifferenz“  genannt 1 ).
2.  Weiterhin  wird  angenommen,  daß  dieser  für  alle  gleichen
Produkte  gleiche  Tauschwert  von  der  maximalen  Arbeitsleistung ­
  bestimmt  wird,  d.  h.  von  der  Arbeit,  die  für  die  Erzeugung ­
  desjenigen  dieser  Produkte  notwendig  ist,  das  am  meisten
Arbeitskosten  verursacht  hat.
Dies  bringt  uns  zur*  Werttheorie  Ricardo’s.  Wie  man  weiß,  erschien ­
  ihm‘der  Wert  jeder  Sache  von  der  zu  ihrer  Erzeugung  notwendigen ­
  Arbeit  bestimmt 2 ).*  Schon  Adam  Smith  hatte  gesagt,  daß

‘)  Der  Euhm  dieser  für  das  Verständnis  des  Tauschwertes  so  bedeutsamen  Entdeckung ­
  kommt  aber  nicht  einzig  Eicardo  zu,  denn  schon  40  Jahre  vor  ihm  hatte
ein  einfacher  schottischer  Landwirt,  Anderson  —  (der  allerdings  höchstwahrscheinlich
in  völlige  Vergessenheit  geraten  wäre,  wenn  man  ihn  nicht  als  Vorläufer  Eicahdo’s
ausgegraben  hätte)  —  diese  Tatsache  bemerkt,  und  in  seinem  Buch:  Observations
on  the  means  of  exoiting  a  spirit  of  National  Industry  (1777)  sehr  gut
ausgeführt:  „Der  Landwirt,  der  die  fruchtbarsten  Felder  bewirtschaftet,  kann  sein
Getreide  zu  einem  geringeren  Preis  auf  den  Markt  bringen  als  andere,  die  weniger
ertragreiche  Felder  bewirtschaften  ...  Er  ist  aber  in  der  Lage  sein  Getreide ­
  zum  gleichen  Preis  auf  dem  Markt  zu  verkaufen,  wie  die,  die
geringeren  Boden  bearbeiten.  .  .  Folglich  ist  es  bedeutend  vorteilhafter,
fruchtbare  Felder  zu  bewirtschaften;  da  aber  dieser  Gewinn  im  Maßstab,  wie  mau
in  der  Eeihenfolge  der  weniger  ertragreichen  Felder  herabsteigt,  immer  geringer  wird,
muß  man  endlich  an  einen  Punkt  kommen,  wo  die  zur  Bewirtschaftung  eines
solchen  geringwertigeren  Feldes  nötigen  Kostenaufwendungen
dem  Gesamtertrag  gleich  sind“  (von  Stanley  Jevons  in  seiner  Theory  of
Political  Economy  S.  229  angeführt).  Ricardo  scheint  hiervon  keine  Kenntnis
gehabt  zu  haben;  wenigstens  erwähnt  er  ihn  nicht.  Nur  Malthus  und  West  erkennt
er  die  Priorität  dieses  Gedankens  zu.
2 ),  „Ich  sehe  die  Arbeit  als  die  Quelle  allen  Wertes  an,  und  ihre  relativen  Mengen
als  Maßstab,  der  fast  ausschließlich  den  relativen  Wert  der  Waren  bestimmt.“
        <pb n="190" />
        168

Erstes  Buch.  Die  Begründer.

der  Wert  im  Verhältnis  zur  aufgewandten  Arbeit  stände.  Aber  nur
in  den  primitiven  Gesellschaften;  in  den  zivilisierten  Gesellschaften
hat  er  im  Gegenteil  erklärt,  „gäbe  es  nur  sehr  wenige  Waren,  deren
ganzer  Tauschwert  auf  der  Arbeit  allein  beruhe“.  Smith  nahm
daher  wohl  an,  daß  die  Arbeit  einer  der  Wertfaktoren  sei,  aber  nicht
der  einzige.  Was  sind  nun  die  anderen?  Offenbar  der  Boden  und
das  Kapital.
Ricardo  vereinfacht  das  Problem,  wie  es  abstrakte  Denker  gern
tun,  indem  er  die  beiden  letzten  Faktoren  ausschaltet  und  nur  die
Arbeit  bestehen  läßt.  Was  den  Boden  anbelangt,  so  schiebt  er  ihn
auf  die  Seite,  da  ja  die  Rente  in  nichts  zur  Schaffung  des  Wertes
beiträgt,  ja  im  Gegenteil  selbst  von  ihm  geschaffen  wird 1 ).  Das
Getreide  wird  nicht  teuer  verkauft,  weil  der  Boden  eine  Rente  ab-[
  f  wirft,  sondern  weil  das  Getreide  teuer  ist,  gibt  der  Boden  eine  Rente.
-  _  Das  volle  Verständnis  dieses  Grundsatzes,  sagt  er,  ist  in  der  Nationalökonomie ­
  von  der  größten  Bedeutung.  Was'das  Kapital  anbelangt,  so
ist  es  nichts  als  Arbeit/Es  ist  daher  nicht  notwendig,  einen  besonderen
Faktor  daraus  zu  konstruieren.  Es  genügt  nicht,  unter  Arbeit  „nur
die  Arbeit  zu  verstehen,  die  unmittelbar  auf  die  Erzeugung  verwendet ­
  worden  ist,  sondern  auch  diejenige  Arbeit,  die  auf  Werkzeuge,
Maschinen  und  Gebäude,  die  der  Schaffung  des  Produktes  dienten,
verwendet  wurde“  2 ).  Mit  dieser  Erklärung,  die  das  Kapital  auf  die
Arbeit  zurückführt,  war  jedoch  Ricardo  selbst  nicht  sehr  zufrieden.
Einen  Großkapitalisten,  wie  Ricardo,  mußte  eine  solche  These  allerdings ­
  sehr  beunruhigen.  Als  man  ihm  entgegenhielt,  daß  Eichen  und
Wein  mit  dem  Alter  an  Wert  zunehmen,  war  er  in  rechter  Verlegenheit. ­
  Und  in  einem  Briefe  an  Mac  Culloch  sagt  er:  „Alles  Nachdenken, ­
  das  ich  auf  diese  Frage  verwendet  habe,  bringt  mich  zu  der
Annahme,  daß'der  relative  Wert  der  Dinge  durch  zwei  Ursachen  bestimmt ­
  wird:  1.  Durch  die  relative  Arbeitsmenge,  die  zur  Erzeugung
notwendig  ist;  2.  durch  die  relative  Zeitdauer,  die  notwendig  st
um  das  Resultat  dieser  Arbeit  auf  den  Markt  zu  bringen.“  '  Er  hat
also  schon  die  Bedeutung  dieses  von  der  Arbeit  durchaus  verschiedenen ­
  neuen  Faktors  geahnt,  dem  v.  Böhm-Bawerk  später  eine  so
große  Bedeutung  beilegen  sollte.
Im  allgemeinen  drückt  man  die  Theorie  Ricaedo’s  dadurch  aus,
daß  man  sagt:"der  Wert  wird  von  den  Produktionskosten  be-*)

  Schon  Htjmb  hatte  Smith  gegenüber  diesen  Binwurf  erhöhen.  Vgl.  oben
S.  72  Anm.  2  (al.  2,  S.  73).
2 )  „Wenn  das  Kapital  ein  vergängliches  Gut  ist,  müssen  Jahr  für  Jahr  große  Anstrengungen ­
  gemacht  werden,  um  es  in  seiner  Vollständigkeit  zusammenzuhalten;  diese
Wiederherstellungsarbeit  kann  in  Wirklichkeit  als  für  die  Erzeugung  von  Waren
aufgewendet,angesehen  werden  und  muß  sich  in  ihrem  Wert  wiederfinden,“
        <pb n="191" />
        Kapitel  III.  Die  Pessimisten.

169

stimmt.  Hierzu  ist  man  berechtigt,  da  er  sich  selbst  so  ansdrückt.
Es  ist  aber  etwas  ganz  anderes,  zu  sagen,  daß  der  Wert  von  der
Arbeit  bestimmt  wird,  und  wieder  etwas  anderes  ist  es,  zu  sagen,
daß  er  von  der  Summe  des  Lohnes  und  des  Profits  bestimmt
wird  (unter  Außerachtlassung  der  Bodenrente) 1 ).  In  diesem  Punkte,
wie  in  vielen  anderen,  kann  nur  die  Dunkelheit  des  Ausdruckes
Eicaedo  vor  dem  Vorwurf  eines  formellen  Widerspruches  retten.
Gehen  wir  einen  Schritt  weiter.  Es  genügt  nicht,  zu  behaupten,
daß  der  Wert  von  der  Arbeit  bestimmt  wird,  um  die  Tatsache  der
Bodenrente  zu  erklären.  Wenn  alles  Getreide  in  Säcken  auf  dem
Markte  ist  —  nehmen  wir  der  Einfachheit  halber  an,  daß  es  sich
nur  um  drei  Sack  handelt,  —  von  denen  jeder  eine  verschiedene
Menge  von  Arbeit  gekostet  hat,  da  in  der  Hypothese  der  eine  auf
fruchtbaren,  die  andern  auf  weniger  fruchtbaren  Feldern  erzeugt
worden  sind,  so  haben  sie  trotzdem  den  gleichen  Wert.  Welche  von
den  drei  Arbeitsmengen  ist  es  nun,  die  den  Wert  des  Getreides  bestimmt? ­
  Eicaedo  antwortet:  „die  Maximalmenge“;*der  Sack  Getreide, ­
  der  unter  den  ungünstigen  Bedingungen  erzeugt  worden  ist,
bestimmt  den  Marktpreis.
Warum  aber  sollte  es  im  Gegenteil  nicht  der  Sack  Getreide  sein,
der  die  günstigsten  Erzeugungsverhältnisse  gehabt  hat,  oder  warum
nicht  der  mittlere?
Weil  dies  unmöglich  sein  würde.  Nehmen  wir  an,  daß  die  drei
Säcke  Getreide,  die  auf  dem  Markt  vorhanden  sind,  von  drei  verschiedenen ­
  Kategorien  Felder,  A,  B  und  C,  kommen,  auf  denen  die
respektiven  Arbeitsmengen  10,  15  und  20  sind.  Unmöglich  kann  der
Marktpreis  geringer  als  20  sein,  entsprechend  den  Produktionskosten
des  Getreides,  das  von  den  Feldern  C  stammt.  Wäre  er  niedriger,
so  könnte  Feld  C  nicht  mehr  bewirtschaftet  werden.  Wir  haben
jedoch  angenommen,  daß  man  seine  Erzeugnisse  nicht  entbehren ­
  kann.  Es  ist  auch  unmöglich,  daß  der  Marktpreis  über
20  hinausgehe,  denn  in  diesem  Falle  würden  die  Felder  der  vierten
Kategorie  in  Bewirtschaftung  genommen  werden,  und  ihr  Getreide
würde  sich  dem  schon  auf  dem  Markte  vorhandenen  zugesellen.  Da
wir  jedoch  schon  angenommen  haben,  daß  das  Getreide  für  den  Bedarf ­
  genügt,  so  würde  dieses  Anwachsen  des  Angebots  sogleich  den
Preis  auf  das  unüberschreitbare  Minimum  von  20  herabsinken  lassen.
Man  muß  in  dieser  Beweisführung  das  dialektische  Kunststück  bewundern, ­
  mit  dem  es  Eicaedo  gelungen  ist,  ein  von  jeder  Arbeit
l )  In  einer  Anmerkung  zum  Absatz  7  des  I.  Kapitals  sagt  er:  „Malihus  scheint
zu  denken,  daß  nach  meiner  Theorie  die  Kosten  und  der  Wert  einer  Sache  dasselbe ­
  ist.  —  Das  ist  auch  richtig  unter  der  Voraussetzung,  daß  man  unter  Kosten
die  Herstellungskosten  einschließlich  des  Profits  annimmt.“
        <pb n="192" />
        170

Erstes  Buch.  Die  Begründer.

unabhängiges  Einkommen  abzuleiten,  wie  es  die  Rente  vorstellt, ­
  und  zwar  gerade  aus  dem  Gesetze,  daß  aller  Wert  aus  der
Arbeit  stammt.  Die  Erklärung  ist  jedoch  mehr  elegant  als  beweiskräftig, ­
  denn  es  liegt  schließlich  auf  der  Hand,  daß  von  allen
Säcken  Getreide,  die  sich  auf  dem  Markt  befinden,  nur  für  einen
einzigen  Wert  und  Arbeitsleistung  in  Übereinstimmung  sein
können.  Für  alle  anderen  sind  die  Arbeitsmengen  und  der  Tauschwert ­
  absolut  und  unendlich  verschieden.
Zwar  stimmen  die  meisten  der  heutigen  Nationalökonomen  dahin
überein,  daß  der  Wert  keineswegs  ein  Produkt  der  Arbeit  ist,  sondern
(  ^  nur  der  Widerschein  der  menschlichen  Wünsche  auf  die  Sachen,
-  ■  und  dennoch  ist  das  Gesetz  Ricaedo’s  nicht  weniger  wahr.  Nur  muß
es  in  dem  Sinne  verstanden  werden,  daß  die  Konkurrenz,  die  bestrebt
ist,  den  Preis  der  Dinge  auf  das  Niveau  der  Produktionskosten
zurückzuführen,  ihn  nicht  unter  die  höchsten  Produktionskosten  herabdrücken ­
  kann,  das  heißt,  unter  den  Preis,  der  notwendig  ist,  um  die
Kosten  der  teuersten  auf  dem  Markt  nachgefragten  Einheit  wieder
zu  erstatten  ^  In  diesem  Sinne  ist  das  Gesetz  Ricaedo’s  nicht  nur
für  die  landwirtschaftlichen  Erzeugnisse,  sondern  für  alle  Erzeugnisse
wahr.  Seine  Tragweite  ist  daher  viel  größer  als  die,  die  ihm  seine
Urheber  beilegten.  Heute  entdeckt  man  die  Bodenrente  in  allen
Einkommen.  Allerdings  hat  die  Rente  durch  diese  Verallgemeinerung
,  und  Verdünnung  etwas  von  dem  einzigartigen  Charakter  verloren,
den  sie  in  der  Theorie  Ricaedo’s  besaß.  Sie  erscheint  heute  nur
noch  als  das  Resultat  gewisser  günstiger  Umstände,  die  sich  in
irgendeiner  Lage  einstellen  können;  und  das  geht  soweit,  daß  man
heute  sogar  von  der  „Rente  der  Verbraucher“  sprechen  hört.
3.  Die  Theorie  Ricaedo’s  nimmt  weiter  an,  daß  es  stets  eine
gewisse  Kategorie  Felder  gibt,  die  überhaupt  keine  Rente  abwirft,
weil  ihr  Ertrag  nur  gerade  zur  Wiedererstattung  der  Bewirtschaftungskosten ­
  genügt.  Mit  anderen  Worten,  sie  gibt  nur  differenzielle
Bodenrenten  zu  und  läßt  von  den  verschiedenen  Fällen,  die  Malthus
im  Auge  hatte,  nur  diese  gelten.
Man  muß  zu  der  Meinung  neigen,  daß  Malthus  hierin  richtiger
als  Ricaedo  gesehen  hat.  Denn,  wenn  es  sehr  leicht  möglich  ist,
daß  es  Felder  gibt,  die  keine  Bodenrente  abwerfen,  sei  es  fruchtbare
Felder  in  den  Kolonien,  weil  sie  dort  im  Überfluß  vorhanden  sind,
sei  es  in  den  alten  Ländern,  wenn  es  sich  um  sehr  arme  Felder
b  Auch  ist  noch  zu  bemerken,  daß  Ricardo,  wie  später  K.  Marx  und  alle  die,
die  versucht  haben,  die  Theorie  des  Wertes  auf  die  Arbeit  zu  gründen,  gezwungen
ist,  stillschweigend  das  Gesetz  des  Angebotes  und  der  Nachfrage  anzunehmen,  um
seine  Theorien,  so  gut  oder  so  schlecht  als  es  gehen  mag,  mit  den  Tatsachen  in  Einklang ­
  zu  bringen.
        <pb n="193" />
        Kapitel  III.  Die  Pessimisten.

171

handelt,  so  ist  es  doch  offenbar,  daß  in  einer  zu  einem  bestimmten
Grade  von  Bevölkerungsdichte  gelangten  Gesellschaft  die  Tatsache
allein,  daß  der  Boden  nur  in  begrenzter  Menge  vorhanden  ist,  genügt,
um  allen  Feldern  und  ihren  Erzeugnissen  einen  Seltenheitswert  zu
geben,  der  von  ihrer  verschiedenen  Ertragsfähigkeit  unabhängig  ist.
Sogar  wenn  alle  von  gleicher  Fruchtbarkeit  wären,  würde  sich
hieran  nichts  ändern.  Es  gibt  kein  Feld,  das  keinen  Käufer
finden  würde.  Wer  würde  aber  bereit  sein,  ein  Grundstück  zu
kaufen,  wenn  es  ihm  nur  gerade  den  Gegenwert  der  Bewirtschaftungskosten ­
  einbringen  sollte!
Man  begreift  aber  sehr  gut,  weshalb  Ricaedo  die  Existenz  dieser
nur  auf  der  Quantitätsbegrenzung  beruhenden  Kentenkategorie  nicht
hat  zugeben  wollen.  Er  würde  sich  nämlich  dadurch  im  Widerspruch
mit  seiner  eigenen  Theorie  gesetzt  haben,  nach  der  es  keinen  anderen
Wert  gibt,  als  den,  der  auf  der  Arbeit  beruht.  Er  hat  sich  jedoch
dazu  entschließen  müssen,  für  einige  seltene  Produkte  eine  Ausnahme
zuzugeben.  Nämlich  für  solche  Produkte,  „die  keine  Arbeit  vermehren
kann  —  wie  kostbare  Bilder,  Statuen,  Bücher,  Medaillen,  edle
"Weine  usw.“.  Das  war  aber  von  seinem  Gesichtspunkte  aus  nur  eine
ganz  kleine  Bresche,  die  er  eilig  schloß,  um  nicht  mehr  daran  zu  denken.
Denn  wenn  hier  von  ihm  wirklich  der  ganze  ungeheure  Reichtum
des  Bodens  einbegriffen  worden  wäre,  hätte  er  befürchten  müssen,
daß  sein  ganzes  Gebäude  in  sich  Zusammenfalle  1 ).

Hiermit  haben  wir  unsere  Darlegung  der  vor  allen  anderen
wirtschaftlichen  Lehren  berühmten  Rententheorie  vollendet,  und  von
ihr  kann  man  sagen,  daß  es  sogar  mit  Einschluß  der  Lehre  Malthits’
keine  andere  gibt,  die  leidenschaftlicheren  Kritiken  ausgesetzt  gewesen ­
  wäre.  Hierfür  gibt  es  eine  Menge  Gründe:
1.  Zunächst  warf  sie  den  ganzen  schönen  „ordre  naturel“,  den
man  unabänderlich  geglaubt  hatte,  über  den  Haufen,  indem  sie  in  der
Gesellschaftsordnung  eine  Menge  von  Interessengegensätzen  nachwies.
Wenn  nämlich  diese  Lehre  wahr  ist,  so  scheint  es,  daß  sich  das
Interesse  des  Grundbesitzers  nicht  nur  im  Gegensatz  zu  dem  der
anderen  Klassen  befindet,  die  das  Gesellschaftseinkommen  unter  sich
teilen  —  dieser  Gegensatz  ist  zwischen  Anteilhabern  unvermeidlich  —,
sondern  auch,  daß  es  im  Widerspruch  zu  dem  Allgemeininteresse  der

b  Wie  ist  es  aber  geschehen,  daß  ihm  nie  der  Gedanke  gekommen  ist,  daß  gerade
der  Boden  —  wenigstens  für  jedes  gegebene  Land  und  sogar  für  das  ganze  Menschengeschlecht ­
  —  eins  jener  Güter  ist,  „deren  Menge  keine  Arbeit  vermehren  kann“?
        <pb n="194" />
        172

Erstes  Buch.  Die  Begründer.

Gesellschaft  steht.  Was  ist  nun  in  Wirklichkeit  das  Interesse  des
Grundbesitzers  ?
Sein  Interesse  ist  zunächst,  daß  die  Bevölkerung  und  die  Bedürfnisse ­
  sich  so  schnell  wie  irgendmöglich  vermehren,  damit  die
Menschen  gezwungen  seien,  neuen  Boden  urbar  zu  machen;  es  ist
weiterhin  in  seinem  Interesse,  daß  diese  neuen  Äcker  so  arm  wie
möglich  seien,  denn  dadurch  verlangen  sie  größere  Arbeitsmengen,  und
steigern  um  ebensoviel  die  Bodenrente.  Daß  der  Mensch  an  eine
stetig  härter  werdende  Arbeit  gefesselt  sei,  um  einen  immer  undankbareren ­
  Boden  urbar  zu  machen,  trägt  am  sichersten  zum  Yermögenswachstum
  des  Kentenbeziehers  bei!
Die  Grundbesitzer  als  Klasse  betrachtet  haben  ferner
alles  Interesse  daran,  so  paradox  auch  zuerst  dieser  Schluß  scheinen
mag,  daß  die  landwirtschaftliche  Wissenschaft  so  wenig  wie  möglich
Fortschritte  mache.  Denn  worin  auch  dieser  Fortschritt  bestehe,  er
kann  kein  anderes  Resultat  haben,  als  zu  gestatten,  auf  demselben  Felde
eine  größere  Menge  Produkte  zu  erzeugen,  das  Gesetz  des  sinkenden
Bodenertrages  unwirksam  zu  machen,  und  so  den  Preis  der  Lebensmittel ­
  und  die  Bodenrente  zu  erniedrigen,  da  es  nicht  mehr  notwendig
sein  würde,  schlechte  Felder  zu  bewirtschaften.  Da,  mit  einem  Wort,
die  Bodenrente  sich  am  Hindernis  mißt,  wie  die  Höhe  des  Wasserspiegels ­
  in  einer  Talsperre  an  der  Höhe  der  Schleuse,  so  wirkt  alles,
was  das  Hindernis  erniedrigt,  darauf  hin,  die  Bodenrente  zu  verringern. ­
  Zur  Abschwächung  jedoch  muß  angeführt  werden,  daß  jeder
Grundbesitzer  individuell  Interesse  daran  hat,  landwirtschaftliche
Meliorationen  auszuführen;  denn  solange  diese  Meliorationen  noch  nicht
genügend  verallgemeinert  sind,  um  die  Preise  zum  Sinken  zu  bringen
und  die  Anbaugrenze  einzuschränken,  hat  er  Zeit,  von  dem  erhöhten
Ertrag  zu  profitieren.  Da  alle  Grundbesitzer  den  gleichen  Gedanken
verfolgen,  ist  es  möglich,  daß  die  individuellen  Interessen  auf  eine
Selbsttäuschung  zum  Vorteil  des  Allgemeininteresses  hinauslaufen.
Man  darf  sich  aber  nicht  zu  sehr  hierauf  verlassen.
Ricardo  stellt  diesen  Gegensatz  fest 1 )  und  unterstreicht  ihn

l )  „Die  Geschäfte  zwischen  dem  Großgrundbesitzer  und  der  Gesamtheit  sind
verschieden  von  den  anderen  Handelsgeschäften,  da  man  von  diesen  sagen  kann,  daß
der  Verkäufer,  wie  der  Käufer  seinen  Vorteil  dabei  findet,  während  in  jenen  der
ganze  Verlust  auf  der  einen  Seite,  und  der  ganze  Gewinn  auf  der
anderen  Seite  ist“  (S.  308).  Wenn  der  Grundbesitzer  dem  Verbraucher  sein
Getreide  verkauft,  so  ist  das  nicht  ein  gewöhnlicher  Tausch,  bei  dem  beide  Teile
Gewinn  haben.  Der  Verbraucher  erhält  nichts  für  das,  was  er  gibt.“  (Hier  ist
natürlich  als  gedacht  angenommen:  für  den  Teil,  der  die  Produktionskosten  übersteigt.)
Aber  keinen  Gegenwert  für  das,  was  man  gibt,  zu  erhalten,  heißt  das  nicht,  bestohlen ­
  werden?
An  einer  anderen  Stelle  sagt  Kicaedo,  als  Antwort  auf  die  gleichmütige  Be-
        <pb n="195" />
        Kapitel  III.  Die  Pessimisten.

173

sogar  mit  besonderem  Nachdruck.  Zweifellos  beruht  es  auf  seiner
eingehenden  Untersuchung  dieser  Frage,  daß  er  sich  mit  größerer
Überzeugung  zum  Freihandel  bekannte,  als  es  die  Physiokraten  oder
Adam  Smith  getan  hatten.  Für  diese  beruhte  der  Freihandel  hauptsächlich ­
  auf  der  allgemeinen  Überzeugung  von  der  Harmonie  der
Interessen,  während  Ricardo  sich  auf  eine  bestimmte  Tatsache  stützt,
nämlich  auf  das  Steigen  des  Getreidepreises  und  der  Bodenrente.
Ihm  erscheint  der  Freihandel  als  die  einzig  wirksame  Hemmung  dieser
verderblichen  Tendenz  des  Wirtschaftslebens.  Nach  seiner  Theorie
kommt  jede  freie  Einfuhr  von  Lebensmitteln  aus  dem  Ausland  der
Inangriffnahme  von  Feldern  gleich,  die  ebenso  reich  oder  reicher
sind  wie  die  der  britischen  Inseln,  beseitigt  infolgedessen  die  lästige
Notwendigkeit,  schlechtere  Felder  zur  Bebauung  heranzuziehen,  und
tut  der  Preissteigerung  Einhalt.
Er  bemüht  sich  sogar,  die  Grundbesitzer  zu  überzeugen,  daß  es
in  ihrem  Interesse  liegt,  dem  Freihandel  zuzustimmen,  sogar  um  den
Preis  einer  gewissen  Verlangsamung  in  der  Steigerung  ihrer  Einkünfte; ­
  wenigstens  tadelt  er  ihren  blinden  Widerstand.  „Sie  sehen
nicht“,  sagt  er,  „daß  jeder  Handel  darauf  hinzielt,  die  Produktion
zu  vermehren,  und  daß  diese  Vermehrung  den  allgemeinen  Wohlstand
hebt,  obwohl  ein  gewisser  Teilverlust  damit  verbunden  sein  kann.
Wenn  sie  wirklich  folgerichtig  Vorgehen  wollten,  müßten  sie  versuchen, ­
  jede  Verbesserung  in  der  Landwirtschaft  und  Fabrikation
hintanzuhalten,  ebenso  wie  jede  neue  Erfindung  im  Maschinenwesen“  x ).
2.  Die  ßententheorie  stellte  außerdem  das  Eigentumsrecht  an
Boden  in  eigentümlicher  Weise  dadurch  bloß,  daß  sie  das  Einkommen
des  Grundbesitzers  als  nicht  auf  die  Arbeit  gegründet  und  folglich
als  antisozial  erscheinen  ließ.  Gerade  aus  diesem  Grunde  wurde  sie
von  den  konservativen  Nationalökonomen  so  lebhaft  angegriffen.  Es
ist  aber  zu  bemerken,  daß  Ricardo  sich  offenbar  dürchaus  nicht
hauptung  A.  Sjiith’s,  daß  „das  Interesse  der  Grundbesitzer  mit  dem  des  Restes  der
Gesamtheit  nicht  in  Widerspruch  stehe“:  daß  „das  Interesse  des  Großgrundbesitzers ­
  stets  in  Widerspruch  mit  dem  des  Verbrauchers  und  dem
des  Fabrikanten  ist“.  Es  liegt  im  Interesse  des  Großgrundbesitzers,  daß  die
Kosten  der  Getreideproduktion  steigen.  Das  ist  jedoch  nicht  im  Interesse  des  Verbrauchers; ­
  und  ebenso  nicht  im  Interesse  des  Fabrikanten,  denn  teueres  Getreide
führt  zu  hohen  Löhnen,  ohne  daß  deshalb  der  Preis  der  Waren  stiege  (S.  307).
*)  Der  Reichtum  steigt  am  schnellsten  dort,  wo  der  verfügbare  Boden  am  fruchtbarsten ­
  ist,  wo  die  Einfuhr  den  wenigsten  Beschränkungen  unterliegt,  wo  die  landwirtschaftlichen ­
  Verbesserungen  eine  Erhöhung  der  Produktion  ohne  entsprechende
Vermehrung  der  Arbeitsmenge  gestatten,  folglich  überall  dort,  wo  das  Wachstum
der  Bodenrente  langsam  ist“  (S.  51).  Der  Gegensatz  zwischen  dem  Bestand
an  fruchtbarem  Boden,  dem  Freihandel,  der  Entwicklung  der  landwirtschaftlichen
Wissenschaft  auf  der  einen  Seite  —  und  auf  der  anderen,  dem  Steigen  der  Rente,
ist  hier  sehr  klar  ausgedrüokt.
        <pb n="196" />
        174

Erstes  Buch.  Die  Begründer.

bewußt  gewesen  ist,  welchen  Schlag  er  gegen  die  Einrichtung  des
Eigentums  führte.  Dieser  Gleichmut,  der  uns  heute  überrascht,  läßt
sich  durch  die  Tatsache  erklären,  daß  seine  Theorie  die  Grundbesitzer ­
  jeder  Verantwortlichkeit  enthob.  Da  die  Rente  nämlich  im
Gegensatz  zu  Profit  und  Lohn  in  den  Produktionskostenpreis  nicht
eingeht;  da  sie  in  nichts  auf  die  Höhe  des  Getreidepreises  einwirkt,
sondern  im  Gegenteil  von  ihm  bestimmt  wird 1 ),  so  erscheint  der
Großgrundbesitzer  als  der  Unschuldigste  der  drei  Beteiligten:  er
spielt  eine  rein  passive  Rolle;  er  erzeugt  nicht  seine  Rente,  er  er-/1
  leidet  sie,,  wenn  man  so  sagen  darf.
Sehr  schön  K'V'Nun  mag  die  Tatsache,  daß  der  Eigentümer  an  der
Bildung  der  Bodenrente  unschuldig  ist,  wohl  genügen,  um  ihn  persönlich ­
  von  der  Verantwortung  für  die  bedauerlichen  Folgen  der  Rente
zu  entbinden,  aber  augenscheinlich  genügt  sie  auch,  um  dem  Rechtstitel ­
  des  Eigentümers  jeden  Rechtsgrund  zu  entziehen,  wenigstens
wenn  man  daran  festhält,  daß  es  nur  e  i  n  e  n  Rechtsgrund  für  alles
Eigentum  geben  kann:  die  Arbeit.  Gerade  diese  Seite  der  Frage
war  dem  Nationalökonomen  James^Mill,  einem  Zeitgenossen  Ricaedo’s,
aufgefallen;  er  schlug  vor,  die  Rente  zu  konfiszieren  (oder  wie  man
heute  sagen  würde,  sie  durch  Steuern  zu  sozialisieren) 2 ).  Dadurch
war  er  der  Vorläufer  der  Lehren  von  der  Nationalisierung  des  Bodens,
der  Vorläufer  eines  Colins,  Gossen,  Heney  George  und  Walbas.
3.  Weiterhin  hat  die  Rententheorie  lebhafte  Kritiken  hervorgerufen, ­
  weil  sie  die  Zukunft  des  Menschengeschlechts  in  recht  trüben
Farben  erscheinen  ließ  und  eine  traurige  Bestätigung  der  Gesetze
Malthus’  zu  enthalten  schien.  Sie  zeigt  uns  nämlich,  wie  jede  Gesellschaft ­
  im  Maßstabe  ihres  Wachstums  und  Fortschrittes  dazu  ger

 j  „Die  Bodenrente  bildet  keinen  Bestandteil  nnd  kann  keinen  Bestandteil  des
Getreidepreises  bilden“  (S.  61).  Und  er  fügt  an:  „Das  vollkommene  Verständnis  dieses
Grundsatzes  scheint  mir  in  der  Nationalökonomie  von  der  größten  Wichtigkeit.“
Adam  Smith  hatte  schon  gesagt:  „Die  hohe  Bodenrente  wird  vom  Preis  verursacht“,
nur  scheint  er  diesem  Satz  keine  besondere  Bedeutung  beigemessen  zu  haben.
2 )  Ricardo  ist  sehr  damit  einverstanden,  daß  die  Bodenrente  von  einer  Steuer,
getroffen  werde;  der  Grund,  weshalb  er  es  zugibt,  —  daß  nämlich  eine  solche  Steuer
ganz  vom  Grundbesitz  getragen  werden  müsse,  der  sie  auf  keine  Verbraucherklasse
abwälzen  kann  —,  scheint  darauf  hinzudeuten,  daß  nach  seinem  Dafürhalten  das  Einkommen ­
  des  Großgrundbesitzers  weniger  unverletzlich  als  das  der  anderen  Gesellschaftsklassen ­
  ist.  Jedoch  läßt  er  diese  Steuer  nur  in  einem  beschränkten  Maße  zu:  „denn“,  sagt
er,  „es  würde  ungerecht  sein,  nur  das  Einkommen  einer  besonderen  Gesellschaftsklasse
zu  besteuern.  Oft  gehört  die  Bodenrente  Leuten,  die  nach  Jahren  harter  Arbeit  ihren
angesammelten  Profit  zum  Ankauf  eines  Landgutes  verwendet  haben“  (S.  174).  Die
ursprüngliche  Ungerechtigkeit,  wenn  sie  wirklich  besteht,  wäre  also  durch  den  Verkauf ­
  gegen  bar  aus  der  Welt  geschafft.  Dieser  Grund  mag  eine  Entschädigung  für
die  Enteignung  rechtfertigen,  kann  aber  nie  de  plano  zur  Verwerfung  der  Enteignung ­
  genügen.
        <pb n="197" />
        Kapitel  III.  Die  Pessimisten.

176

zwangen  wird,  immer  undankbarere  Felder  zn  bewirtschaften  und
immer  drückendere  Produktionsmittel  anzuwenden.  Sie  erscheint  daher
wie  ein  wissenschaftlicher  Beweis  des  Fluches  der  Genesis:  „Dornen
und  Disteln  soll  er  (der  Acker)  dir  tragen;  .  .  .  und  im  Schweiße
deines  Angesichts  sollst  du  dein  Brot  essen.“
Allerdings  war  Ricardo  nicht  so  pessimistisch,  zu  glauben,  das
Menschengeschlecht  würde  durch  diese  unheilvolle  Verschlechterung
des  kostbarsten  aller  Produktionsmittel,  das  ihm  das  tägliche  Brot
gibt,  der  Hungersnot  ausgeliefert  werden,  und  sich  den  Schädel  an
einer  ehernen  Mauer  einrennen  müssen.  Nein,  er  gab  zu,  daß  andere
wohltätige  Kräfte,  die  Fortschritte  der  landwirtschaftlichen  Wissenschaft ­
  und  die  Verwendung  von  reichlicheren  Kapitalien,  dieses
Hindernis  überwinden  würden.
„Obgleich  die  Felder,  die  heute  bewirtschaftet  werden,  bedeutend
schlechter  sind  als  die,  die  vor  Jahrhunderten  angebaut  wurden,  und
obgleich  die  Produktion  daher  größere  Schwierigkeiten  zu  überwinden
hat,  so  kann  doch  kein  Zweifel  bestehen,  daß  die  heutige  Menge  der
Produkte  die  der  Vergangenheit  bei  weitem  übersteigt!“  (S.  190).
Die  Theorie  Bicardo’s  leugnete  also  nicht  den  Fortschritt,  aber
sie  zeigte  doch,  daß  die  zn  überwindenden  Schwierigkeiten  sich  ständig
steigern  und,  wenn  auch  nicht  der  Hungersnot,  so  doch  der  Teuerung
zutreiben.  Wer  würde  zu  behaupten  wagen,  daß  die  Befürchtungen
Ricaedo’s  nicht  eingetreten  wären,  wenn  die  britischen  Inseln  jetzt
die  Lebensmittel  für  ihre  45  Millionen  Bewohner  allein  auf  ihrem
Boden  gewinnen  sollten?
Es  ist  natürlich  leicht,  Bicaedo  heute  vorzuwerfen 1 ),  daß  er  die
erstaunliche  Entwicklung  der  Transportmittel  und  die  Lebensmitteleinfuhr ­
  unserer  Tage  nicht  vorausgesehen  habe,  deren  Folge  nicht
nur  ein  Stillstand,  sondern  ein  Sinken  der  Bodenrente  gewesen  ist.
Heute  scheinen  die  Klagen  der  Grundbesitzer  in  England  und  allen
alten  Ländern  die  Theorie  Ricardo’s  Lügen  zu  strafen 2 ).  W r er  kann

‘)  „Ebenso  wie  Malthüs,  ist  auch  Ricakdo  ein  falscher  Prophet  und  schlechter
Verkündiger  gewesen  .  .  .  Das,  was  man  hochtrabend  das  Gesetz  Eioakdo’s  nennt,
ist  eine  glatte  Lüge.“  (Economiste  Frangais,  21.  März  1908,  in  einem  Aufsatz
de  Fovillb’s  über  „les  variations  de  la  valeur  du  sol  en  Angleterre  au
XIX.  siede“,  die  Wertschwankungen  des  Bodens  im  England  des  19.  Jahrhunderts.)
2 )  Ans  einem  vor  der  Eoyal  Statistical  Society  von  Eobekt  Thomson  gehaltenen ­
  Vortrag  (17.  Dez.  1907)  ergibt  sich,  daß  die  Bodenrente,  die  1801—1806
auf  11  sh.  2  pence  für  den  Acker  geschätzt  wurde,  nach  und  nach  auf  20  sh.  stieg
(1841-  1845)  und  trotz  der  Aufhebung  der  Schutzzölle  ihre  aufsteigende  Bewegung
fortgesetzt  hat,  bis  sie  1872—1877  ihr  Maximum  erreichte  und  29  sh.  4  pence  betrug,
von  welchem  Zeitpunkt  sie  allmählich  auf  den  heutigen  Stand,  20  sh.  für  den  Acker
(M.  50  für  den  Hektar)  gefallen  ist.  Die  heutige  Summe  ist  also  noch  mehr  als  das
doppelte  des  zur  Zeit  Eioardo’s  bestehenden  Betrages;  man  muß  aber  berücksichtigen,
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        176

Erstes  Buch.  Die  Begründer

aber  sagen,  ob  dieser  Zustand  von  Dauer  sein  wird?  Wenn  der  unvermeidliche ­
  Tag  kommen  wird,  an  dem  die  neuen  Länder  so  weit
bevölkert  sein  werden,  daß  sie  das  jetzt  ausgeführte  Getreide  im
Lande  behalten  und  selbst  verzehren  müssen,  wer  kann  da  sagen,
ob  die  in  England  und  den  anderen  europäischen  Ländern  einen
Augenblick  —  einige  Jahrhunderte  hindurch  —  stationäre  oder  sogar
weichende  Bodenrente  ihren  Aufstieg  nicht  von  neuem  aufnehmen

weicnt
v«*  wird?

Allerdings  kann  man  in  gewissem  Maße  auch  bei  fehlender  Einfuhr ­
  fremder  Erzeugnisse  auf  den  Fortschritt  der  landwirtschaftlichen
Wissenschaft  rechnen.  Wir  haben  gesehen,  daß  Ricaedo  diese  Hilfsmöglichkeiten ­
  des  menschlichen  Fleißes  durchaus  zugibt.  Weiter
unten  werden  wir  sehen,  daß  andere  Nationalökonomen,  Gäbet  und
ein  Schüler  Bastiat’s,  Fönten  ay,  der  Theorie  Rioaedo’s  die  gerade
entgegengesetzte  These  gegenüberstellten,  nämlich  daß  die  menschliche ­
  Industrie  in  der  Nutzbarmachung  der  Naturkräfte  stets  bei  den
schwächsten  anfing,  —  weil  die  schwächsten  am  leichtesten  zu
bändigen  sind,  und  weil  der  Mensch  selbst  am  Anfang  ein  schwaches
Wesen  war  —,  um  nach  und  nach  sich  zur  Beherrschung  der
mächtigsten,  aber  auch  widerspenstigsten  Kräfte  aufzuschwingen;
daß  der  Boden  keine  Ausnahme  von  diesem  Gesetze  mache,  und  daß
daher  die  Landwirtschaft  nicht  immer  weniger,  sondern  im  Gegenteil
immer  mehr  hervorbringe.
Diese  These  jedoch,  die  dem  Gesetz  vom  sinkenden  Bodenertrag ­
  schroff  widerspricht,  beruht  auf  einer  recht  diskutierbaren
Analogie.  Wenn  es  sich  um  die  Zukunft  der  Industrie  handelt,
kann  man  verstehen,  daß  bisher  nur  wenig  benutzte  oder  sogar  unbekannte ­
  Energiequellen,  vielleicht  sogar  die  chemischen  oder  intradaß

  infolge  der  Meliorationsausgaben  im  Laufe  des  19.  J  ahrhunderts  ein  starker  Abstrich ­
  zu  machen  ist.  Kobebt  Thomson  schätzt  ihn  auf  15  sh.  5  pence,  was  nur
4  sh.  7  pence  reine  Bodenrente  übrig  lassen  würde.  Allerdings  war  auch  der  Gesamtbetrag ­
  von  11  sh.  am  Anfang  des  Jahrhunderts  nicht  reine  Bodenrente,  jedoch
waren  die  für  aufgewendetes  Kapital  zu  machenden  Abzüge  damals  bedeutend  geringer ­
  (siehe  das  „Journal  of  the  Eoyal  Statistical  Society“,  Dezember  1907).
Daher  kann  man  zusammenfassend  sagen,  daß  in  England  (und  sogar  in  Frankreich ­
  und  in  anderen  Ländern,  trotz  des  Schutzzolles)  der  Boden  als  Einkommensquelle ­
  und  als  Wert  während  des  letzten  Vierteljahrhunderts  fast  all  das,  was  er
seit  der  Zeit  Eicahdo’s  gewonnen  hatte,  wieder  verloren  hat.  Genügt  aber  dieser
Eückgang  zur  Keohtfertigung  der  Behauptung,  die  Foville  in  dem  oben  erwähnten
Aufsatz  aufstellt,  daß  das,  was  man  hochtrabend  das  Gesetz  Eicakdo’s  genannt  habe,
eine  glatte  Lüge  sei?  Wir  glauben  das  keinesfalls.  Die  Tatsachen  haben  es  75  Jahre
hindurch  bestätigt  und  ihm  25  Jahre  hindurch  widersprochen;  das  ist  alles.  Die,
die  heute  voraussehen,  daß  die  Bodenrente  auch  weiter  sinken  werde,  können  leicht
in  die  Lage  kommen,  sich  selbst  als  „falsche  Propheten“  bezeichnet  zu  sehen.
        <pb n="199" />
        177

Kapitel  III.  Die  Pessimisten.
&amp;lt;
molekularen  Kräfte,  noch  unendliche  Hilfsmittel  in  Reserve  halten.
Für  die  ^Pandwirtschaftliehe—Industrie  ist  das  aber  nicht  der  Fall.
Auch  wenn  man  annimmt,  daß  der  Boden  durch  Stickstoff,  der  aus  der
Luft,  oder  durch  Phosphate,  die  aus  der  Erde  stammen,  andauernd
bereichert  werden  kann,  so  wird  man  doch  offenbar  stets  an  die  zeitlichen ­
  und  räumlichen  Grenzen  gebunden  bleiben,  die  die  Entwicklung ­
  aller  Lebewesen  einschränken  und  die  ebenfalls  für  die  landwirtschaftlichen ­
  Erzeugnisse,  die  ja  auch  nichts  anderes  als  Lebewesen ­
  sind,  Geltung  haben.  An  dem  Tage,  an  dem  die  industrielle
Herstellung  von  Eiweiß  zur  Tatsache  geworden  sein  wird,  wird  sich
die  Theorie  Eicahdo’s  überlebt  haben.  Bis  dahin  aber  bleibt  sie  in
voller  Kraft  bestehen.

§  2.  Das  Gesetz  des  Lohnes  und  Profites.
Wenn  wir  jetzt  die  beiden  vorhergehenden  Gesetze,  das  der  Bevölkerung ­
  und  das  der  Bodenrente,  in  Beziehung  zueinander  setzen
und  fragen,  welchen  Einfluß  sie  auf  die  Lage  des  Arbeitenden  und
auf  seinen  Lohn  haben,  so  ergeben  sich  wenig  günstige  Aussichten.
Der  Arbeiter  sieht  sich  auf  der  einen  Seite  durch  zügellose  Vermehrung ­
  dem  Druck  einer  wachsenden  Zahl  von  Proletariern  ausgesetzt, ­
  wodurch  notwendigerweise  eine  Entwertung  der  Arbeitskraft
herbeigeführt  wird,  denn  auf  irgendeine  Verringerung  der  Zahl  der
Proletarier  infolge  des  moralischen  Enthaltsamkeitszwanges  ist
kaum  zu  rechnen;  —  auf  der  andern  Seite  lastet  auf  ihm  die  Notwendigkeit, ­
  ständig  weniger  fruchtbare  Felder  in  Bewirtschaftung
zu  nehmen,  wodurch  eine  stete  Verteuerung  der  zum  Leben  unentbehrlichen ­
  Nahrungsmittel  eintritt.  So  findet  sich  der  Arbeiter
unter  dem  Drucke  zweier  antagonistischer  Kräfte,  dem  Sinken  des
Lohnes  und  dem  Steigen  der  Preise,  wie  zwischen  Hammer  und
Amboß  zermalmt.
Schon  Tuegot  hatte  jenen  schrecklichen  Satz  aufgestellt:  „In
jeder  Arbeitsart  muß  der  Fall  eintreten,  und  tritt  auch  wirklich  ein,
daß  der  Lohn  des  Arbeiters  sich  auf  das,  was  zur  Beschaffung  seines
Lebensunterhaltes  notwendig  ist,  beschränkt.“  Und  sein  Zeitgenosse
Neckke  hatte  in  noch  schärferen  Worten  gesagt:  „Wenn  man  ein
Nahrungsmittel  entdecken  würde,  das  weniger  schmackhaft  ist,  als
das  Brot,  jedoch  den  menschlichen  Körper  während  48  Stunden  unterhalten ­
  kann,  so  würde  das  Volk  bald  dazu  gezwungen  sein,  von
zwei  Tagen  nur  an  einem  zu  essen.“  Jedoch  waren  das  nur
einfache  Behauptungen,  die,  auch  wenn  sie  sich  vielleicht  auf  Beobachtung ­
  von  Tatsachen  jener  Zeit  stützen  konnten,  doch  nicht  den
Gide  und  Eist,  Gesch.  d.  Volkswirtschaft!.  Lehrmeinungen.  12
        <pb n="200" />
        178

Erstes  Buch.  Die  Begründer.

Anspruch  erhoben,  allgemeine,  beständige  und  unvermeidliche  Gesetze
zu  sein,  während  sie  bei  Malthüs  und  Ricardo  diesen  Charakter  annehmen. ­
  Malthus  sagt:  „Infolge  der  Ursachen,  die  die  Bevölkerung ­
  regeln  und  die  Vermehrung  des  Menschengeschlechtes
bedingen,  wird  der  Lohn  der  Schwächsten  sich  niemals  viel  über  dem
Niveau  halten,  das  die  Natur  und  die  Gewohnheit  zum  Unterhalt  des
Arbeiters  als  unbedingt  nötig  fordern“  (S.  128).  Und  Ricardo  sagt
noch  bestimmter:  ‘„Der  natürliche  Preis  der  Arbeit  ist  der,  der
den  Arbeitern  im  allgemeinen  die  Mittel  gibt,  ihr  Leben  zu  fristen
und  sich  ohne  Vermehrung  oder  Verminderung  ihrer  Klasse  fortzupilanzen“
  \S.  67).  Die  Worte  „ohne  Vermehrung  oder  Verminderung“
sind  bemerkenswert,  sind  wohl  zu  beachten;  sie  bedeuten  nämlich,
daß,  wenn  es  in  der  Arbeiterfamilie  mehr  Kinder  gibt,  als  nötig  sind,
um  die  Zahl  auf  der  Höhe  der  elterlichen  Generation  zu  halten,  der
Lohn  unter  den  normalen  Satz  sinken  wird,  bis  das  Gleichgewicht
durch  höhere  Sterblichkeit  wieder  hergestellt  ist.
•  Damit  wird  aber  nicht  gesagt,  daß  der  Nominal  lohn,  in  Geld
ausgedrückt,  nicht  steigen  könne.  Er  muß  im  Gegenteil  mit  Notwendigkeit ­
  höher  werden,  da  der  Preis  der  Lebensmittel  beständig
aufwärts  strebt.  Wenn  der  Geldlohn  derselbe  bliebe,  würde  der  Arbeiter
bald  nicht  genug  zum  Essen  haben.  Der  Lohn  wird  daher  im  gleichen
Verhältnis  wie  der  Getreidepreis  steigen,  so  daß  der  Arbeiter  sich
stets^die  gleiche  Menge,  nicht  mehr  und  nicht  weniger,  beschaffen
kann.  Der  Real  lohn,  in  natura  ausgedrückt,  wird  dagegen  stationär
bleiben,  aber  gerade  in  ihm  kommt  offenbar  der  Wohlstand  der
Arbeiterklasse  zum  Ausdruck.
Dabei  ist  es  noch  die  Frage,  ob  er  stationär  bleibt?  Ricardo
scheint  das  nicht  zu  glauben;  „Im  natürlichen  Vorwärtsschreiten  der
Gesellschaften  zeigt  der  Lohn  die  Tendenz  zu  fallen,  insofern
er  durch  Angebot  und  Nachfrage  geregelt  wird,  weil  die  Anzahl  der
Arbeiter  beständig  um  etwas  schneller  als  die  Nachfrage  wächst“
(8.  73) 1 ).
Es  ist  möglich,  daß  die  Steigerung  des  Nominallohnes  diesen
Rückgang  verschleiert:  „In  diesem  Fall  scheinen  die  Löhne  zu  steigen;
sein  (des  Arbeiters)  Schicksal  wird  trotzdem  weniger  glücklich  sein;
zwar  wird  er  einen  höheren  Geldbetrag  als  Lohn  erhalten,  aber  dieser
Geldbetrag  wird  weniger  in  Getreide  wert  sein“  (8.77).  Nur  in  dem
Falle,  daß  die  Arbeiterklasse  genügend  Voraussicht  anwendet,  um
die  Zahl  ihrer  Kinder  einzuschränken,  kann  sie  hoffen,  wenigstens  den
Status  quo  aufrecht  zu  erhalten:  „Es  ist  eine  unbestreit-‘)

  „Die  Lage  des  Arbeiters  wird  sich  im  allgemeinen  verschlechtern,  während
die  des  Grundbesitzers  sich  verbessern  wird“  (S.  78).
        <pb n="201" />
        Kapitel  III.  Die  Pessimisten.

179

bare  Tatsache,  daß  Wohlstand  und  Wohlsein  der  Armen  nur  dann
sicher  gestellt  werden  können,  wenn  sie  selbst  danach  streben,  oder
wenn  es  der  Gesetzgebung  gelingt,  die  Häufigkeit  frühzeitiger  Ehen
zwischen  jungen  und  leichtsinnigen  Personen  zu  verhindern“  (8.  81).
Mit  anderen  Worten,  die  Bedürfnisse  der  Industrie  erfordern  eine
bestimmte  Anzahl  Arbeiter.  Solange  diese  Ziffer  nicht  überschritten
wird,  muß  der  Lohn,  auch  der  niedrigste,  wohl  oder  übel  ausreichend
sein,  um  seinem  Empfänger  den  Lebensunterhalt  zu  ermöglichen,
da  er  unentbehrlich  ist.  —  Sobald  aber  die  Arbeiterbevölkerung
die  Bedürfnisse  der  Industrie  überschreitet,  gibt  es  kein  Mittel,
um  ein  Sinken  des  Lolines  unter  das  Existenzminimum  aufzuhalten,
da  es  dann  nicht  mehr  nötig  ist,  daß  alle  am  Leben
bleiben.
Es  muß  darauf  hingewiesen  werden,  daß  sich  Malthus  hier,
ebenso  wie  in  bezug  auf  die  Bodenrente,  weniger  pessimistisch  erweist
als  Ricardo.  Weit  davon  entfernt,  anzunehmen,  daß  jede  Lohnerhöhung ­
  notwendigerweise  einen  Überfluß  an  Arbeitskräften,  und
infolgedessen  ein  erneutes  Sinken  des  Lohnes  nach  sich  zieht,  sagt
er,  daß  sie  sehr  wohl  in  der  Arbeiterklasse  jenen  Sinn  für  die  Zukunft ­
  schaffen  könne,  der  gerade  die  wirksamste  präventive  Hemmung
...des  blinden  Instinktes  vorstellt,  und  daß  daher  die  einmal  eingetretene ­
  Lohnerhöhung  sehr  wohl  zu  einer  beständigen  werden  könne.
Gut!  Enthält  aber  diese  Beweisführung  nicht  einen  fehlerhaften
Zirkel?  Damit  nämlich  die  wohltätige  Folge  eintreten  könne,  muß
zuerst  die  Lohnerhöhung  stattfinden.  Wie  kann  sie  aber  eintreten,
solange  die  Arbeiterklasse  im  Elend  und  Leichtsinn  versunken
bleibt?
üm  aus  dieser  Sackgasse  zu  kommen,  genügt  der  Hinweis  darauf,
daß  der  Marktlohn  (market  wage)  beständig  um  den  natürlichen ­
  Lohn  (natural  wage)  gemäß  den  Zufälligkeiten  des  Angebots ­
  und  der  Nachfrage  oszilliert.  Lassen  wir  also  diese  Erhöhung
etwas  länger  andauern,  und  sie  kann  ausreichen,  um  das  Niveau  der
Lebenshaltung  (Standard  of  life)  der  Arbeiterklasse  genügend  zu
beeinflussen,  um  definitiv  zu  werden  ’).
’)  „Man  kann  ganz  allgemein  sagen,  daß,  bei  Eintreten  einer  Erleichterung
im  Verdienst  des  Lebensunterhalts,  diese  Erleichterung  das  Bestreben  hat,  das  Verhältnis ­
  der  Heiraten  zur  Beyölkernngsziffer  zu  erhöhen.  Es  ist  aber  durchaus  denkbar, ­
  daß  diese  Wirkung  nicht  eintritt  ...  Es  ist  sehr  wohl  möglich,  daß  eine
plötzliche  Verbesserung  der  Lage  des  Volkes  ihm  einen  aufrechten  Stolz,  ein
Gefühl  für  Reinlichkeit  und  Wohlanständigkeit  gibt.  In  diesem  Fall  würde  die  Zahl
der  Heiraten  nicht  zunehmen,  und  man  würde  eine  größere  Anzahl  Kinder  aufziehen;
die  auf  Grund  der  neuen  Ordnung  eintretende  Erhöhung  der  Bevölkerungsziffer  würde
durch  das  Sinken  der  Sterblichkeitsziffer,  nicht  durch  die  Vermehrung  der  Geburten
stattfinden“  (S.  189).

12*
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•  Das  ist  das  Lohngesetz,  das  zu  einem  Axiom  erhoben  werden
sollte,  ein  Axiom,  das  es  ermöglichte,  allen  Vorschlägen  für  eine
Besserung  der  Lage  der  Arbeiterklasse  die  folgende  Behauptung  entgegenzustellen, ­
  die  man  allen  sozialistischen  Systemen  oder  sozialen
Reformgesetzen  entgegenhielt:  „Der  Arbeiter  hat  nur  ein  Mittel,
seine  Lage  zu  verbessern,  und  das  ist,  wenig  Kinder  zu  haben;  sein
Schicksal  liegt  daher  in  seinen  Händen 1 ).“  Späterhin  bemächtigte
sich  der  Sozialismus  mit  Lassalle  dieses  Gesetzes,  um  es  gegen  die
wirtschaftliche  Ordnung  zu  kehren,  und  versicherte,  daß  es  keineswegs ­
  in  der  Natur,  sondern  nur  in  der  kapitalistischen  Weltordnung
begründet  sei,  und  gerade  das  spreche  ihr  das  Todesurteil.
•  Bemerkenswert  ist,  daß  in  der  Theorie  Eicaedo’s  zwischen  dem
Großgrundbesitzer  und  dem  Lohnempfänger  kein  bestimmter  Antagonismus ­
  besteht.  Dem  Lohnempfänger  kann  es  gleichgültig  sein,  ob
die  Bodenrente  steigt  oder  fällt,  denn  sein  Geldlohn  steigt  und  fällt
im  gleichen  Verhältnis,  und  sein  Reallohn  bleibt  derselbe.  Umgekehrt
ist  es  dem  Grundbesitzer  gleichgültig,  ob  der  Lohn  steigt  oder  fällt.
Er  erhält  weder  mehr  noch  weniger.  Seine  Rente  wird  von  derjenigen ­
  Arbeitsmenge  bestimmt,  die  auf  dem  schlechtesten  Boden  nötig
ist,  aber  diese  Arbeitsmenge  hat  mit  dem  Lohn  nichts  zu  tun.  Beide
sind  heterogene  Größen,  Größen  verschiedener  Ordnung 2 ).''
•  Zwischen  Lohnempfänger  und  Kapitalist  jedoch  erhebt  sich  der
Kampf.  Sobald  der  Getreidewert  durch  die  Produktionskosten  auf
dem  ungünstigsten  Boden  bestimmt  ist,  reißt  der  Grundbesitzer  alles
1)  „Jeder  Vorschlag,  der  nicht  auf  eine  Verminderung  der  Zahl  der  Arbeiter  hinausläuft,
  ist  nutzlos,  um  keinen  schärferen  Ausdruck  zu  gebrauchen.  Jede  gesetzliche
Einmischung  ist  verderblich.“  Diese  Worte  Placb’s,  der  1822  ein  Buch  über  die
Bevölkerung  verfallt  hat,  werden  von  Ghaham  Wallach  (Life  of  Francis  Place)
zitiert.
2 )  Es  ist  das  eine  grundlegende  Unterscheidung  in  der  Lehre  Ejcahdo’s,  auf
deren  Bedeutung  er  öfters  hinweist.  Die  größere  oder  geringere  Arbeitsmenge,  die
auf  die  Getreideproduktion  verwendet  wird,  steht  in  keinem  notwendigen  Zusammenhang ­
  mit  dem  Lohn  des  Arbeiters.  Das  eine  ist  eine  Produktionsfrage,  das  andere
eine  Verteilungsfrage.  Das  eine  ist  das  Hindernis,  das  andere  die  Belohnung.
Jedoch,  kann  man  einwenden,  bestimmt  in  der  Theorie  Eicahdo’s  nicht  die  Arbeitsmenge ­
  den  Wert  des  Produktes,  und  wird  nicht  dieser  Wert  später  zwischen  dem
Kapitalisten  und  dem  Arbeiter  geteilt?  Je  größer  die  Arbeitsmenge  ist,  um  so
größer  wird  doch  dann  auch  der  Anteil  des  Arbeiters  sein?  —  Für  die  Arbeit
trifft  das  zu,  aber  nicht  für  den  Arbeitenden,  denn  man  darf  nicht  vergessen,
•  daß,  wenn  das  Getreide  von  10  auf  20  steigt,  das  gerade  daher  kommt,  weil  auf
den  geringsten  Feldern  die  doppelte  Anzahl  Arbeiter  zur  Erzeugung  der  gleichen
Menge  Getreide  nötig  ist.  Es  würde  übrigens  recht  eigentümlich  sein,  wenn  der
Arbeiter  um  so  mehr  erhielte,  je  undankbarer  die  Arbeit  ist!  Alles,  was  man  hoffen
darf,  ist,  daß  der  Lohn  genügend  steigen  wird,  um  dem  Arbeiter  zu  gestatten,  unter
den  neuen  Bedingungen  zu  leben,  d.  h.  dieselbe  Menge  Brot  zu  essen,  trotzdem  der
Preis  des  Getreides  gestiegen  ist.
        <pb n="203" />
        Kapitel  III.  Die,  Pessimisten.

181

an  sich,  was  dieses  Niveau  übersteigt  und  sagt  zum  Kapitalisten  und
zum  Arbeiter:  „Macht  die  Sache  nun  untereinander  aus.“  Dasselbe
sagt  auch  Ricardo:  „Der  Anteil  des  einen  kann  nur  in  dem  Maß
größer  werden,  wie  der  des  anderen  kleiner  wird:  der  Lohn  kann
nur  auf  Kosten  des  Profits  steigen  und  umgekehrt 1 ).“  Eine  erschreckende ­
  Voraussage,  deren  Richtigkeit  uns  die  ganze  Geschichte
der  bisherigen  Arbeiterbewegung,  und  heute  mehr  als  je,  vor  Augen
zu  führen  bestimmt  war.
Die  Behauptung  dieses  unvermeidlichen  Antagonismus  zwischen
den  Interessen  des  Kapitalisten  und  denen  des  Arbeiters  versetzte  die
Volkswirtschaftler  in  Empörung  und  Bestürzung,  die  sich  im  Gegenteil ­
  mit  dem  Nachweis  abmühten,  daß  Kapital  und  Arbeit  solidarisch,
fast  Brüder  seien.  Daher  sehen  wir  späterhin,  wie  Bastiat  zu
beweisen  sucht,  daß  in  der  Entwicklung  des  Wirtschaftslebens  sowohl
der  Anteil  des  Kapitals,  wie  der  der  Arbeit  größer  wird,  und  zwar
der  letztere  im  höheren  Maße,  als  der  erste.
Was  kann  man  aber  gegen  das  Gesetz  Ricaedo’s  einwenden?  Es
scheint  selbstverständlich  zu  sein,  ein  unbestreitbarer  Truismus.  Wenn
ein  Kuchen  zwischen  zwei  Personen  geteilt  wird,  so  ist  es  klar,  daß,
je  mehr  der  eine  nimmt,  um  so  weniger  dem  anderen  bleibt.  —  Man  kann
und  man  muß  sogar  annehmen,  wird  gesagt,  daß  die  zu  verteilende
Menge  stetig  wächst,  so  daß  auch  der  Anteil  jedes  Teilempfängers
größer  wird.  —  Darum  handelt  es  sich  aber  gar  nicht 2 ).  Wenn  der
Kuchen  auch  zehn-  oder  hundertmal  so  groß  ist,  die  Tatsache  bleibt
doch  bestehen,  daß,  wenn  der  eine  mehr  als  die  Hälfte  nimmt,  der
andere  eben  weniger  als  die  Hälfte  erhält.  Das  ist  aber  alles,  was
das  Gesetz  Ricabdo’s  besagt;  es  handelt  sich  nicht  um  Quantitäten, ­
  sondern  um  Proportionen.
Da  man  daher  zugeben  muß,  daß  der  Verhältnisanteil  des  einen
der  beiden  Faktoren  nur  dann  größer  werden  kann,  wenn  der  des
anderen  kleiner  wird,  so  entsteht  die  Frage,  ob  auf  dieser  Wage  die
Arbeit  oder  das  Kapital  schwerer  wiegt?  Anscheinend  soll  es  die
Arbeit  sein,  denn'  Ricardo  stellt  als  allgemein  gültiges  Gesetz  die
Tendenz  des  Profits  auf,  sich  zu  senken/  Diese  These  sollte
*)  „Vom  Anfang  bis  zum  Ende  habe  ich  in  diesem  Werke  zu  beweisen  versucht,y
daß  der  Profitsatz  mir  im  Verhältnis  zmn  Fallen  des  Lohnes  steigen  kann.“
Über  die  Ungenauigkeit  des  Ausdruckes  Steigerung  des  Profits  als  gleichbedeutend ­
  mit  Erhöhung  des  proportionalen  Anteils  des  Kapitals  am
Produkt  verweisen  wir  auf  die  Anmerkung  der  S.  183.
2 )  Übrigens  bestreitet  das  Eicaedo  nicht.  Er  weist  besonders  darauf  hin,  daß
sich  sein  Gedankengang  auf  die  Hypothese,  nach  der  der  erzeugte  Wert  derselbe
bleibt,  aufbaut:  „In  der  Annahme“,  sagt  er,  „daß  das  Getreide  und  die
Manuf  akturerzeugnisse  stets  zum  gleichen  Preise  verkauft
werden,  steigt  oder  fällt  der  Profit  mit  dem  Fallen  oder  Steigen  der  Löhne“  (S.  84).
        <pb n="204" />
        182

Erstes  Buch.  Die  Begründer.

ebenfalls  noch  lange  in  der  Geschichte  der  Doktrinen  nachwirken.
Welchen  Grund  führt  er  nun  hierfür  an?  „Die  natürliche  Tendenz
des  Profits  ist,  geringer  zu  werden,  weil  mit  dem  Fortschritt  der  Gesellschaft ­
  und  des  Wohlstandes  die  Vermehrung  der  notwendigen
Lebensmittel  eine  ständig  wachsende  Arbeitsmenge  erfordert.“  Es
ist  also  die  gleiche  Ursache,  die  auch  die  Bodenrente  bestimmt.  Das
System  ist,  wie  man  sieht,  festgefügt.
Wie  beeinflußt  aber  diese  Notwendigkeit,  auf  immer  undankbarere ­
  Felder  zurückgreifen  zu  müssen,  die  Höhe  des  Profits?  —
Weil,  wie  wir  gesehen  haben,  der  Anteil,  der  dem  Arbeitenden  zu
seiner  Lebenshaltung  überlassen  werden  muß,  der  notwendige  Lohn,
infolge  der  Erhöhung  der  Getreidepreise  stetig  steigt 1 ).  Der  Fabrikant ­
  kann  aber  die  Lohnerhöhung  nicht  auf  den  Verbraucher  abwälzen, ­
  denn  die  Höhe  des  Lohnes  bleibt  ohne  Einfluß  auf  den  Preis
(die  Arbeit  wohl,  aber  nicht  der  Lohn!),  und  folglich  wird  der  Anteil
des  Kapitalisten  um  ebensoviel  verringert.  Erinnern  wir  uns  daran,
daß  die  Lohnerhöhung  in  Wirklichkeit  kein  Gewinn  für  den  Arbeiter
ist,  da  er  deshalb  keinen  Bissen  Brot  mehr  essen  kann,  was
aber  nicht  verhindert,  daß  der  Verlust  für  den  Kapitalisten  groß
bleibt.
Es  muß  sogar  der  Augenblick  kommen,  in  dem  der  notwendige
Lohn  alles  aufzehrt,  und  für  den  Profit  nichts  mehr  übrig  bleibt.
Dann  wird  eine  neue  Ära  in  der  Geschichte  beginnen;  denn,  wenn
alle  Beweggründe  zur  Ansammlung  von  Kapitalien  mit  dem  Verschwinden ­
  des  Kapitalprofits  wegfallen,  wird  das  Kapital  nicht  weiter
wachsen,  kein  neues  Land  wird  mehr  unter  Kultur  genommen  werden,
und  gleichzeitig  wird  die  Bevölkerung  die  definitive  und  letzte  Grenze
erreicht  haben 2 ).  Der  „stationäre  Zustand“  wird  eingetreten  sein.
Eine  trübselige  Aussicht!  die  aber  später  Stuart  Mill  in  einer  so
beredten  Sprache  beschreiben  sollte,  daß  man  sich  fast  damit  aussöhnen ­
  möchte.  Doch  befriedigte  sie  Kicardo  nicht,  der  ein  großer
Finanzmann  und  keineswegs  ein  Philosoph  war.  Er  fand  seine  eigenen
Prophezeiungen  höchst  erschreckend,  und  in  Wirklichkeit  liegt  auch
eine  merkwürdige  Ironie  in  der  Tatsache,  daß  das  Gesetz  des  endlos
*)  Aber,  wird  man  einwerfen,  nur  der  nominelle  Geldlobn,  nicht  der  wirkliche
Lohn  steigt.  Wird  der  Arbeiter  mehr  Getreide  erhalten?  —  Nein,  aber  er  wird
ebensoviel  erhalten,  obgleich,  infolge  der  Inangriffnahme  der  Bewirtschaftung
schlechteren  Bodens,  der  Getreideertrag  sinkt.  Ob  daher  der  Pächter  den  Arbeiter
in  Getreide  oder  in  Geld  bezahlt,  bleibt  sieh  für  ihn,  und  den  Kapitalisten  im  allgemeinen, ­
  gleich.
2 )  „Sobald  die  Löhne  die  Gesamtsumme  der  Einnahmen  des  Pächters  erreicht
haben,  kann  keine  Anhäufung  von  Kapital  mehr  stattflnden,  da  kein  weiteres  Kapital
Zinsen  abwerfen  kann*  eine  weitere  Vermehrung  der  Arbeit  (lies:  Arbeiter)  ist  daher
unnötig,  und  die  Bevölkerung  hat  ihr  Maximum  erreicht.“
        <pb n="205" />
        Kapitel  III.  Die  Pessimisten.

183

sinkenden  Gewinnes  zuerst  von  einem  großen  Vertreter  des  Kapitalismus ­
  entdeckt  worden  ist.  Wenn  ihn  etwas  beruhigte,  so  war  es
die  Betrachtung  der  gegenwirkenden  Kräfte,  die  das  Sinken  des
Profits  zur  gleichen  Zeit  wie  das  Steigen  der  Rente  in  Schranken
halten  konnten:  die  wirksamste  dieser  Kräfte  erblickte  er  in  der
Freiheit  des  Außenhandels  (siehe  den  folg.  §  3).
Im  großen  und  ganzen  treten  jetzt  die  allgemeinen  Grundzüge
der  Einkommensverteilung  mit  eindrucksvoller  Einfachheit  hervor,
viel  klarer,  als  in  dem  berühmten  „Tableau  Economique“  QuesnaVs
und  der  Wirklichkeit  viel  näher,  —  wenigstens  für  die  Zustände,
wie  sie  zur  Zeit  Ricaedo’s  in  England  bestanden,  denn  heute  fügen
sie  sich  nicht  mehr  den  Tatsachen  ein.  Man  könnte  sie  in  einem
Diagramm  dreier  Linien  veranschaulichen.
Die  obere  steigende  Linie  würde  den  Anteil  des  Bodens,  die
Bodenrente,  darstellen.  Die  Rente  des  Grundbesitzes  wächst  in  zweifacher ­
  Weise:  in  natura  und  in  Geld,  denn  im  Maßstab,  wie  die  Bevölkerung ­
  oder  die  Bedürfnisse  steigen,  erhält  er  eine  immer  größere
Menge  Getreide,  das  immer  teuerer  wird.  Jedoch  kann  dieses  Wachstum ­
  nicht  endlos  sich  fortsetzen,  denn  an  einem  bestimmten  Punkt
angelangt,  verhindert  die  Erhöhung  des  Getreidepreises  den  weiteren
Bevölkerungszuwachs  und  folglich  zur  gleichen  Zeit  auch  die  weitere
Steigerung  der  Rente,  da  es  dann  nicht  mehr  nötig  sein  würde,  neuen
Boden  in  Bewirtschaftung  zu  nehmen.
In  der  Mitte  würde  eine  horizontale  Linie  den  Anteil  der
Arbeit,  den  Lohn,  darstellen.  Der  Reallohn  des  Arbeiters  bleibt
stationär,  denn  er  erhält  stets  nur  die  zu  seinem  Lebensunterhalt
nötige  Getreidemenge,  weder  mehr  noch  weniger.  Da  das  Getreide
ständig  im  Preise  steigt,  so  wird  freilich  sein  Nominallohn  (in  Geld
ausgedrückt)  höher,  was  aber  ohne  wirklichen  Vorteil  für  ihn  ist.
Unten  stellt  eine  absteigende  Linie  den  Anteil  des  Kapitals,
den  Profit  vor.  Der  Anteil  des  Kapitalisten  sinkt 1 )  aus  dem  ein!) ­

  Um  diese  Verminderung  des  Anteils  des  Kapitals  zu  bezeichnen,  wendet
Eioakdo  häufig  den  Ausdruck  „fallender  Profitsatz“  an.  Das  ist  jedoch  nicht  gleichbedeutend, ­
  denn  der  Profitsatz  drückt  nur  ein  gewisses  Verhältnis  zwischen  dem  Betrag
des  Einkommens  und  dem  Betrag  des  Kapitals  aus,  z.  B.  5  °/ 0 ,  —  keineswegs  aber
einen  Vergleich  zwischen  dem  wirklich  vom  Kapital  erhaltenen  Teil  und  dem,  den
die  Arbeit  am  Gesamtprodukt  hat.  Man  kann  natürlich  zugeben,  daß  bei  einer  Verringerung ­
  des  Profitsatzes,  und  wenn  alles  andere  gleich  bleibt,  der  Anteil
des  Kapital  im  Verhältnis  zur  Arbeit  geringer  wird;  es  ist  aber  klar,  daß  bei  einer
Verdoppelung  des  in  einem  Unternehmen  angelegten  Kapitals,  oder  bei  einer  Verringerung ­
  der  Produktion  um  die  Hälfte,  das  Kapital  doch  einen  beträchtlicheren  Teil
erhebt  und  deshalb  der  Arbeit  einen  geringeren  läßt,  auch  wenn  der  Profitsatz  von
5  °/ 0  auf  3  °/ 0  erniedrigt  wird.  Die  gleiche  Frage  wird  uns  auch  bei  Bastiat  entgegentreten, ­
  der  denselben  Fehler  gemacht  hat.
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fachen  Grunde,  weil  er  zwischen  dem  steigenden  Anteil  des  Grundbesitzers ­
  und  dem  stationären  Anteil  des  Arbeitenden  zusammengedrückt ­
  wird.  Man  kann  sich  diesen  Kapitalisten  in  der  Gestalt
eines  englischen  Pächters  sehr  leicht  vorstellen,  der  in  dem  Maße,  wie
der  Getreidepreis  steigt,  gezwungen  ist,  seinen  Arbeitern  höhere  Löhne
zu  zahlen,  aber  selbst  nichts  aus  der  Erhöhung  der  Getreidepreise
gewinnt,  weil  das  Mehr  an  Einkommen,  das  sich  daraus  ergibt,  vollständig ­
  von  dem  Besitzer  durch  Erhöhung  der  Pacht  mit  Beschlag
belegt  wird.  Dieser  Niedergang  des  Profites  kann  aber  nicht  endlos
fortgehen,  denn  an  einer  bestimmten  Grenze  angelangt,  würde  die
Verwendung  und  sogar  die  Bildung  neuen  Kapitals  völlig  aufhören;
damit  würde  auch  die  Inangriffnahme  neuer  Felder  verhindert  und
so  dem  Steigen  des  Getreidepreises  und  der  Bodenrente  ein  Ziel
gesetzt  werden.

§  3.  Das  Gesetz  der  Handelsbilanz  und  die  Quantitätstheorie ­
  des  Geldes.
Im  vorstehenden  haben  wir  die  charakteristischen  Lehren  Ricaedo’s
dargestellt,  wie  sie  seiner  Schule  in  der  Geschichte  der  volkswirtschaftlichen ­
  Lehren  ihren  besonderen  Stempel  aufgedrückt  und  am
meisten  Anlaß  zu  lebhaftem  Für  und  Wider  gegeben  haben.  Im
folgenden  besprechen  wir  andere  seiner  Theorien,  die  noch  wertvollere
und  abgeschlossenere  Beiträge  zur  Wissenschaft  darstellen,  die  aber,
gerade  weil  sie  sofort  als  allgemeingültige  und  quasi-anonyme  Wahrheiten ­
  überall  anerkannt  wurden,  nur  wenig  zu  seinem  Ruhme  beigetragen ­
  haben.  Es  handelt  sich  um  seine  Theorien  über  den  internationalen ­
  Handel  und  über  die  Banken.  Wie  man  weiß,  vereinigte
sich  hier  in  ihm  der  Theoretiker  mit  dem  Praktiker  ersten  Ranges.
Diese  Theorien  haben  keinen  irgendwie  pessimistisch  gearteten
Charakter  und  berühren  keine  Interessengegensätze.  Im  Gegenteil,
er  sagt:  „Dort,  wo  der  Handel  der  freien  Konkurrenz  offen  steht,  sind
die  Einzelinteressen  beständig  mit  den  Interessen  der  Allgemeinheit
in  Übereinstimmung.“
Im  internationalen  Handel  ist  er  noch  entschiedener,  als  die
Physiokraten  und  Adam  Smith,  Freihändler,  und  wir  haben  schon  bei
Gelegenheit  der  Bodenrente  und  des  unvermeidlichen  Steigens  des
Getreidepreises  daraufhingewiesen,  wie  die  freie  Einfuhr  überseeischen
Getreides  ihm  als  das  einzig  richtige  Mittel  erschien,  diesem  Übelstande ­
  entgegenzuwirken,  da  sie  gleichzeitig  dem  Steigen  des  Getreidepreises ­
  und  seiner  notwendigen  Folge,  dem  Steigen  der  Löhne,  Einhalt
        <pb n="207" />
        Kapitel  III.  Die  Pessimisten.

185

tut,  —  und  so  auch  das  Sinken  des  Profits,  das  ihn  nicht  weniger
beschäftigte,  zum  Stillstand  bringt 1 )  (siehe  oben  S.  181—182).
Außer  diesem  doppelten  Grunde  zugunsten  des  Freihandels  führt
er  einen  weiteren  an,  der  ebenfalls  heute^noch  nichts  von  seiner
Kraft  verloren  hat;  er  ergibt  sich  aus  dem  wohltätigen  Einfluß  der
internationalen  Arbeitsteilung:  „Indem  man  auf  diese  Weise  den
größtmöglichen  Vorteil  aus  den  Hilfsmitteln  zieht,  die  die  Natur
bietet,  gelangt  man  zu  einer  besseren  Verteilung  und  größerer  Wirtschaftlichkeit ­
  der  Arbeit“  (S.  105).  ’
*  Es  verdient  hervorgehoben  zu  werden,  daß  sein  berühmter  Zeitgenosse ­
  Malthus  mehr  dem  Schutzzölle  zuneigte 2  3  *  * ).  '  Es  mag  das
eigentümlich  erscheinen,  denn  Malthus,  in  seiner  Furcht  vor  dem
Gespenst  der  Hungersnot,  hätte  doch  einer  ausländischen  Getreideeinfuhr ­
  die  Tore  weit  öffnen  sollen.  Zweifellos  glaubte  Malthus,
in  Übereinstimmung  mit  unseren  heutigen  Agrar-Schutzzöllnern,  daß
das  sicherste  Mittel,  ein  Land  vor  Hungersnot  zu  bewahren,  nicht
darin  liege,  die  nationale  Landwirtschaft  der  Konkurrenz  des  Auslandes ­
  auszusetzen,  sondern  im  Gegenteil  darin,  sie  zu  stützen  und
zu  immer  größerer  Entfaltung  zu  bringen,  indem  ihr  ein  genügender
Preis  für  ihre  Erzeugnisse  gesichert  wird.  Auch  muß  darauf
hingewiesen  werden,  daß  Malthus  eine  andere  Theorie  über  die
Bodenrente  vortrug,  als  Ricaeho,  und  besonders,  daß  er  ein  weit
weniger  entschiedener  Gegner  des  Interventionismus  war 8 ).
'  Ricaedo’s  größte  Leistung  jedoch  besteht  darin,  die  Gesetze,  die
die  Bewegung  der  Waren  und  die  gegenläufigen  Strömungen  des  Z
Geldes  von  einem  Lande  in  das  andere  beherrschen,  aufgedeckt  zu
haben  und  in  dem  glänzenden  Nachweis,  wie  dieses  Hin-  und  Zurückfluten ­
  sich  vollzieht.  *

0  In  einem  seiner  Briefe  an  Malthus  (y.  18.  Dez.  1814)  schreibt  er  bedauernd;
„Wenn  wir  nnr  eine  Zone  fruchtbaren  Landes  unserer  Insel  anfügen  könnten,  würden
die  Profite  nie  fallen.“  Nun  sollte  gerade  der  Freihandel  der  Insel  eine  unbegrenzte
Zone  fruchtbaren  Landes  anfügen,  und  dadurch  gleichzeitig  das  Fallen  der  Profite
und  das  Steigen  der  Bodenrente  verhindern.
In  seiner  Schrift  über  den  „Schutz,  der  der  Landwirtschaft  zu  gewähren ­
  ist“  (1822),  führt  er  aus,  wie  der  Schutzzoll,  der  zur  Bebauung  auch  der
unfruchtbarsten  Flächen  des  einem  Volke  gehörenden  Bodens  zwingt,  notwendigerweise ­
  die  Getreidepreise  und  die  Bodenrente  in  die  Höhe  treibt.  Er  verlangt  nicht
Aufhebung  des  Einfuhrzolles,  sondern  eine  Ermäßigung  des  Schutzzolles  auf  10  sh.
das  Quarter  (M.  4,32  der  Doppelzentner).
2 )  Siehe  „An  inquiry  into  the  nature  and  progress  of  rent,  1815
(Untersuchung  über  die  Natur  und  den  Fortschritt  der  Bodenrente).
3 )  Siehe  auch  den  überraschenden  Ausspruch,  den  H.  Denis  hervorgehoben  hat:
„Es  ist  natürlich  unmöglich,  daß  irgendeine  Regierung  den  Dingen  ihren  natürlichen
Lauf  lassen  kann“  (Malthus,  Principles,  Introduction).
        <pb n="208" />
        186

Erstes  Buch.  Die  Begründer.

v  Sobald  in  einem  Lande,  z.  B.  in  Frankreich,  die  Handelsbilanz
ungünstig  ist,  d.  h.  wenn  die  Einfuhr  die  Ausfuhr  um,  sagen  wir,
eine  Milliarde  übersteigt,  muß  Geld  ausgeführt  werden,  um  diesen
Überschuß  an  Einfuhr  zu  bezahlen.  Infolgedessen  wird  das  Geld
seltener,  ■  sein  Wert  steigt,und  die  Preise  sinken.  Diese  Preis-'
  erniedrigung  jedoch  schreckt  die  fremden  Kaufleute,  die  in  Frankreich ­
  verkaufen,  ab,  und  zieht,  im  Gegenteil  dazu,  die  fremden  Kaufleute, ­
  die  dort  einkaufen,  an,  wodurch  die  Einfuhr  verringert,  und
die  Ausfuhr  vergrößert  wird.  Die  Geldausfuhr  hört  daher  auf,  und
dafür  beginnt  der  Rückfluß  des  Geldes;  diese  entgegengesetzte
Strömung  setzt  sich  fort,  bis  die  ausgeführte  Milliarde  wieder  im
Lande  ist.  Auf  der  anderen  Seite  ruft  die  ins  Ausland  geflossene
Milliarde  in  dem  Lande,  das  sie  erhalten  hat,  die  umgekehrten  Erscheinungen ­
  hervor;  Überfluß  und  Wertverminderung  des  Geldes,  Preiserhöhung, ­
  Prämien  auf  die  Einfuhr  und  Verlangsamung  der  Ausfuhr.
Von  beiden  Seiten  arbeiten  daher  die  wirtschaftlichen  Kräfte  daran,
die  Handelsbilanz  in  die  Gleichgewichtslage  zurückzuführen,  nämlich
in  die  Lage,  in  der  jedes  Land  die  für  seine  Bedürfnisse  nötige
Menge  Geldes  besitzt,  weder  mehr  noch  weniger.  &amp;lt;
Man  könnte  einwerfen,  daß  dieser  ein  wenig  verwickelte  Mechanismus ­
  leider  nur  langsam  seine  Wirkung  ausüben  kann,  und  daß  viel
Zeit  vergehen  wird,  bevor  die  Warenpreise  den  Einfluß  der  Flucht
des  Geldes  fühlen  werden.  Allerdings,  aber  es  ist  nicht  notwendig
zu  warten,  bis  diese  Erscheinung  eintritt;  eine  andere  geht  ihr  voraus
und  kündigt  sie  an,  und  zwar,  wie  schon  A.  Smith  erwähnt  hatte:
“der  Kurs  der  auf  das  Ausland  gezogenen  Wechsel  steigt.  Dieser
Kurs  ist  eine  Wage  von  besonders  feiner  Empfindlichkeit,’  und  die
Erhöhung  des  Wechselkurses  genügt  allein  schon,  auch  wenn  sie  nur
einige  Centimes  beträgt,  um  die  Ausfuhr  zu  fördern  und  die  Einfuhr
zu  verlangsamen  (s.  hierüber  auch  oben  S.  95).
1  So  verläßt  das  Geld  das  Land  nicht  oder  verläßt  es  nur  auf  kurze
Zeit,  was  darauf  hinausläuft,  daß,  im  Gegensatz  zu  der  so  fest  eingewurzelten ­
  Meinung,  weder  Gold  noch  Silber  irgendeine  Rolle  im
internationalen  Handel  spielen.  Ihre  Aufgabe  beschränkt  sich,  wie
die  des  Öles,  darauf,  die  Räder  zu  schmieren.  Der  ganze  Handel
geht  vor  sich,  als  ob  kostbare  Metalle  überhaupt  nicht  existierten,
und  als  ob  der  Handel  zwischen  Land  und  Land  sich
darauf  beschränkte,  ihre  gegenseitigen  Erzeugnisse
naturaliter  auszutauschen 1 ).

l )  „Gold  und  Silber  werden  von  der  Handelskonkurrenz  zwischen  den  verschiedenen ­
  Völkern  der  Welt  in  dem  Verhältnis  verteilt,  wie  es  sich  aus  dem  natürlichen ­
  Güterverkehr  ergibt,  der  bestehen  würde,  wenn  es  solche  Metalle  nicht  gäbe
        <pb n="209" />
        Kapitel  III.  Die  Pessimisten.

187

1  Diese  Erklärung  ist  allerdings  sehr  schematisch;  sie  läßt  alle
sekundären  Tatsachen  des  Handels  außer  acht,  und  vor  allen  Dingen
setzt  sie  die  Quantitätstheorie  des.  Geldes  voraus,  die  heute  als  gar
zu  einfach  scharf  kritisiert  wird.  'Diese  Theorie  der  Selbststeuerung
der  Handelsbilanz  durch  die  Schwankungen  des  Geldwertes  ist  schon
von  Home  und  Smith  geahnt  worden,  aber  deshalb  ist  sie  nicht
weniger  eine  Entdeckung  erster  Ordnung,  und  von  ihr  lebt  die  Wissenschaft ­
  seit  mehr  als  einem  Jahrhundert 1 ).
Übrigens  steht  diese  Erklärung  mit  einer  Theorie  des  internationalen ­
  Handels  in  Verbindung,  die  wir  nur  im  Vorübergehen
streifen,  weil  wir  sie  bei  Stuart  Mill  bedeutend  weiter  entwickelt
finden  werden:  die  der  internationalen  Werte.

§  4.  Die  Reglementierung  der  Banknotenausgabe
und  das  Papiergeld.
Wir  verdanken  Ricardo  ebenfalls  die  wesentlichen  Grundsätze,
nach  denen  sich  seither  die'Ausgabe  der  Banknoten  regelt.  In
seinem  Lande  besonders  haben  die  Gesetze  von  1822  und  vor  allem
von  1844,  die  die  Bank  von  England  organisierten,  sich  wenigstens
teilweise  auf  Rioaedo’s  Grundsätze  gestützt.
Ricardo  hatte  die  große  Panik  des  Tages  vom  24.  Februar  des
Jahres  1797  gesehen,  an  dem  die  Metallreserve  der  Bank  von  England ­
  von  200  auf  32  Mill.  Fr.  gesunken  war,  und  an  dem  sich  der
Ministerrat  genötigt  gesehen  hatte,  den  Zwangskurs  festzusetzen.  Er
hatte  erlebt,  daß  dieser  ursprünglich  nur  als  vorübergehende  Maßregel ­
  gedachte  Zwangskurs  bis  1821  bestehen  blieb!  Er  hatte  gesehen, ­
  daß  die  Banknote,  wenigstens  während  der  Dauer  der  napoleonischen
  Kriege,  durchschnittlich  10°/ o  und  vorübergehend  sogar
30  %  Disagio  hatte.  Er  hatte  die  Störungen,  die  als  Folge  dieses
Disagios  auftraten,  miterlebt  und  gesehen,  wie  die  Landlords  die

oder  wenn  der  Handel  zwischen  Land  und  Land  sich  auf  einen  Austausch  ihrer
gegenseitigen  Erzeugnisse  beschränkte.“
*)  Eicahdo  sagt:  „Auch  im  dringendsten  Fall,  wenn  wir  Subsidien  an  eine
fremde  Macht  zahlen  müssen,  würden  wir  doch  kein  Gold  ausführen,  so  lange  als
es  auf  dem  Markte  Waren  gibt,  die  die  Leistung  dieser  Zahlungen  zu  besseren  Bedingungen ­
  gestatten“  (S.  409).  Er  bemerkt,  daß  tatsächlich  die  Hilfsgelder,  die
England  den  gegen  Napoleon  verbündeten  Mächten  gezahlt  hat,  in  Waren  gezahlt
worden  sind,  da  die  Ausfuhr  die  Einfuhr  stets  um  hunderte  von  Millionen  übertroffen
hat.  Die  sechzig  Jahre  später  von  Frankreich  an  Deutschland  gezahlte  Kriegsentschädigung ­
  von  5  Milliarden  Fr.  ist  ein  weiterer  Beweis  für  die  Richtigkeit  seiner
Theorie.
        <pb n="210" />
        188

Erstes  Buch.  Die  Begründer.

Zahlung  ihrer  Eente  in  Gold  verlangten  oder  eine  Erhöhung  der  Pachtsummen ­
  um  das  Disagio  der  Noten  forderten.
In  seiner  Schrift  vom  Jahre  1809  „(über  den  hohen  Preis  des
Hartgeldes“  untersuchte  er  die  Gründe  dieser  Entwertung  und  wies
nach,  daß  die  einzige  Ursache  die  Ausgabe  einer  zu  großen  Menge
von  Banknoten  war.  Heute  kann  man  meinen,  daß  hierin  keine
große  Entdeckung  verborgen  lag!  Er  hatte  aber  die  größte  Mühe,
seinen  Gründen  Geltung  zu  verschaffen,  und  die  absurden  Erklärungen,
die  man  ihm  entgegenhielt,  zurückzuweisen.  Er  zeigte,  wie  diese
Wertverminderung  der  Banknoten  als  notwendige  Folge  den  Goldabfluß ­
  nach  sich  zog,  während  man  im  Gegenteil  glaubte,  daß  der
Abfluß  des  Goldes  an  dem  ganzen  Unglück  Schuld  sei,  und  versuchte,
die  Ausführung  des  Goldes  gesetzlich  zu  verbieten.  „Als  Hilfsmittel ­
  würde  ich  Vorschlägen,  daß  die  Bank  nach  und  nach  den  Betrag ­
  ihrer  Banknoten  vermindere,  bis  zu  dem  Augenblick,  in  dem  sie
für  den  übrigbleibenden  Teil  (nämlich  den,  der  noch  im  Umlauf  befindlich ­
  ist)  den  Gegenwert  in  gemünztem  Gelde  angesammelt  hat“
(S.  432).
Warum  nun  aber  nicht  diesen  Gedanken  zu  seinem  logischen
Ende  denken,  die  Banknoten  abschaffen  und  zum  ausschließlichen
Gebrauch  von  Metallgeld  zurückkehren?  „Weil,“  antwortet  Eicaedo,
dem  selbstverständlich  die  oben  zitierte  vortreffliche  Ausführung
A.  Smith’s  gegenwärtig  war,  ‘„das  Papiergeld  einen  solchen  Verkehrsfortschritt* ­
  darstellt,  daß  ich  tief  bedauern  würde,  uns  unter
dem  Einfluß  von  Vorurteilen  zu  einem  weniger  fortgeschrittenen
System  zurückkehren  zu  sehen“  (S.  586).  Wenn  es  wahr  ist,  daß
die  Einführung  der  Edelmetalle  als  Geldform  einen  so  großen  Fortschritt ­
  vorstellte,  „so  lehrt  uns  die  Entwicklung  auf  Grund  der  Erfahrung ­
  und  Einsicht,  daß  noch  ein  weiterer  Schritt  zu  tun  ist,  und
daß  man  ihnen  (den  Edelmetallen)  die  Aufgabe,  die  sie  in  weniger
erleuchteten  Zeiten  mit  so  großem  Vorteil  erfüllt  haben,  nehmen  muß“
(S.  586).  Auch  weist  er  darauf  hin,  daß,  wenn  das  Metallgeld  allein
vorhanden  wäre,  der  Fall  eintreten  könnte,  „daß  seine  Menge  sich
nicht  im  gleichen  Verhältnis  mit  dem  Wachstum  der  Bevölkerung
vermehren  und  infolgedessen  verteuern  könne,  wodurch  ein  Preissturz ­
  herbeigeführt  würde.  Eine  vorsichtige  Ausgabe  von  Papiergeld, ­
  die  sich  nach  dem  Wachstum  des  dafür  bestehenden  Bedürfnisses ­
  regelt,  würde  dieser  Gefahr  begegnen.“  Er  ist  daher  so
wenig  geneigt,  das  Papiergeld  aufzugeben,  um  auf  das  Metallgeld
zurückzugreifen,  daß  er  gerade  im  Gegenteil  das  Metallgeld
abschaffen  will,  um  an  seine  Stelle  Papiergeld  zu  setzen,  allerdings ­
  unter  der  Bedingung,  daß  es  nicht  in  übergroßer  Menge  ausgegeben ­
  werden  darf.
        <pb n="211" />
        Kapitel  III.  Die  Pessimisten.

189

Eicaedo  ist  so  stark  von  der  Überlegenheit  des  Papiergeldes
überzeugt,  daß  er  nicht  wünscht,  die  Bank  möge  die  Barzahlungen
wieder  anfnehxnen,  denn  dann  würde  das  Publikum  ohne  Zweifel
Rückzahlung  seiner  Noten  verlangen:  „so  daß  man,  um  einer  grundlosen ­
  Laune  entgegenzukommen,  ein  billiges  Hilfsmittel  gegen  ein
sehr  teueres  eintauschen  würde“  (S.  585).
Wenn  die  Banknoten  aber  nicht  in  gemünztem  Gelde  rückzahlbar
sind,  wie  soll  dann  der  Wert  der  Banknote  garantiert,  ihre  Emission
geregelt  und  ihre  Wertverminderung  verhindert  werden  ?*  Das  würde
durch  ein  Ansammeln  von  nicht  gemünztem  Gold  in  Barren  geschehen. ­
  Die  Bank  dürfte  nicht  mehr  Noten  ausgeben,  als  der  Wert
der  Barren  beträgt. x  Diese  Vorschrift  würde  genügen,  den  Wert  der
Banknote  auf  Pari  zu  halten,  denn  die  Wechsler  und  die  Bankiers
würden  sich  beeilen,  ihre  Banknoten  gegen  Barrengold  einzutauschen,
sobald  die  Banknoten  an  Wert  verlieren“,  —  und  trotzdem  würde
das  Publikum  nicht  imstande  sein,  sich  des  Edelmetalls  zu  bedienen,
denn  was  könnte  es  für  den  gewöhnlichen  Bedarf  mit  Barren  Goldes
anfangen  ?
Dieses  System  ist  nicht  nur  an  und  für  sich  merkwürdig.  Man
würde  kaum  erwartet  haben,  daß  einer  der  Meister  der  liberalen
Nationalökonomie  eine  Art  Zwangskurs  in  Permanenz  erklärt,  der
nur  auf  Grund  des  Monopols  einer  Staatsbank  funktionieren  kann.
Und  doch  ist  das  die  Meinung  Ricaedo’s.  Er  erklärt  sich  als
absoluter  Gegner  der  freien  Emissionstätigkeit  und  ihrer  Fähigkeit,
sich  selbst  zu  regulieren:  „Die  Behauptung,  daß  die  Emissionen
nicht  den  Bedarf  des  Handels  überschreiten,  ist  vollständig  wertlos,
weil  es  nämlich  unmöglich  ist,  die  Summe  festzusetzen,  die  für  diese
Bedürfnisse  nötig  ist.  Der  Handel  ist  in  seinen  Ansprüchen  unersättlich“ ­
  (S.  505).  Für  einen  liberalen  Individualisten,  wie  es  Ricardo
war,  zeigt  das  wenig  Vertrauen  in  die  Freiheit  des  Individuums  und
in  seine  Fähigkeit,  die  Art  des  Geldes,  die  ihm  am  besten  paßt,  zu
beurteilen.

'Auf  dem  Boden  Eicardo’s  steht  eine  ganze  Reihe  von  Schülern,
recht  eigentlich*  fast  alle  Volkswirtschaft!er  der  ersten  Hälfte  des
19.  Jahrhunderts.  In  England  waren  die  berühmtesten,  die  sich
direkt  an  ihn  anschlossen:  Mac  Culloch,  Eicardo’s  besonderer  Freund
(Grundlagen  der  politischen  Ökonomie,  1828);  James  Mill,  der  Vater
Stuart  Mill’s  (Elemente  der  politischen  Ökonomie,  1821)  und  Nassau
Senior  (Handbuch  der  politischen  Ökonomie,  1885).  y
        <pb n="212" />
        190

Erstes  Buch.  Die  Begründer.

Die  beiden  ersten  haben  keine  neuen  Theorien  aufgestellt,  sondern
entwickelten  nur  mit  Nachdruck  die  ihres  Meisters.  Wir  haben  schon
darauf  hingewiesen,  welchen  ganz  von  Ricaedo  verschiedenen  Schluß
James  Mill  aus  der  Eententheorie  zog,  und  wie  er  von  ihr  aus  zur
Forderung  der  Nationalisierung  des  Bodens  gelangte.  In  bezug  auf
MacGulloch  ist  hervorzuheben,  daß  er  einer  der  ersten  Yolkswirtschaftler
  war,  die  für  die  Arbeiter  das  Streikrecht  verlangten.
Was  Senior  anbelangt,  so  kann  er  etwas  eingehendere  Berücksichtigung ­
  verlangen,  denn  er  war  es,  der  der  klassischen  Nationalökonomie ­
  ihre  strengste  systematische  Form  gab,  aber  wir  ziehen  es
vor,  ihn  erst  im  Zusammenhang  mit  John  Stuaet  Mill  zu  behandeln.
        <pb n="213" />
        Zweites  Buch.

Die  Gegner.

Mit  Say,  Ricardo  und  Malthus  scheint  die  Wissenschaft  der
Nationalökonomie  eine  Zeitlang-  endgültig  konstituiert  und  abgeschlossen
zu  sein.
Freilich  besteht  zwischen  diesen  Schriftstellern  keine  vollkommene
Übereinstimmung.  Viele  Punkte  bleiben  noch  dunkel.  Viele  Theorien
geben  noch  Anlaß  zur  Diskussion.  Ein  klar  voraussehendes  Auge
hätte  damals  schon  in  dem  schönen  Gebäude,  das  soeben  errichtet
worden  war,  Eisse  bemerken  können,  die  sehr  bald  sich  zu  großen
Sprüngen  erweitern  sollten.  Aber  die  Übereinstimmung  in  den  praktischen ­
  Folgerungen,  der  allen  diesen  Nationalökonomen  gemeinsame
Liberalismus,  verschleierte  diese  geheimen  Fehler  und  ließ  nach
außen  nur  die  Größe  und  Einfachheit  der  neuen  Wissenschaft  zutage
treten.
Kaum  geboren,  hatte  sie  aber  einen  mit  dem  größten  Nachdrucke
geführten  Angriff  auszuhalten.
In  diesem  zweiten  Teile  werden  wir  jetzt  die  Einwürfe  und  die
Kritiken  aller  Art,  denen  die  neue  Wissenschaft  der  Nationalökonomie
ausgesetzt  war,  darlegen.  Von  allen  Seiten  stehen  abtrünnige  Jünger
auf,  die  eine  Grundlage  des  Gebäudes  nach  der  anderen  zu  untergraben ­
  suchen.
Zuerst  ist  hier  Sismokdi  zu  nennen,  ein  rein  kritischer  Geist,  der
ein  unvergeßliches  Bild  der  Leiden  und  des  Elends  entwirft,  wie
sie  die  freie  Konkurrenz  geschaffen  hatte.  Kühnere  Geister  werden
versuchen,  neue  Prinzipien  der  sozialen  Organisation  zu  finden.  Die
Saint-Simonisten  verlangen  die  Abschaffung  des  Privateigentums  und
des  Erbrechtes,  sowie  die  zentralisierte  Leitung  der  Industrie  durch
        <pb n="214" />
        192

Zweites  Buch.  Die  Gegner.

eine  allwissende  Regierung.  Die  Assozialisten  —  Owen,  Foueiee,
Loms  Blastc  ■—  wollen  an  Stelle  der  Herrschaft  des  persönlichen
Interesses  die  der  freiwilligen  Kooperation  setzen.  Peoudhon  träumt
davon,  Freiheit  und  Gerechtigkeit  in  einem  vervollkommn  eten
Tauschsystem  zu  versöhnen,  in  dem  das  Geld  keinen  Platz  mehr  hat.
Und  dann  findet  der  warmherzige  Internationalismus  der  Klassiker
einen  gewaltigen  Gegner  in  Feiedeich  List;  und  eine  neue  Doktrin
des  Schutzzolls,  die  sich  auf  die  Idee  der  Nationalität  gründet,  gibt
dem  Merkantilismus,  der  unter  den  Angriffen  der  Physiokraten  und
Adam  Smith’s  endgültig  vernichtet  schien,  neuen  Glanz.
In  diesen  so  verschiedenartigen  Doktrinen  findet  sich  neben
vieler  Phantastik  und  vielen  Irrtümern  eine  große  Menge  richtiger
Gedanken  und  neuer  eigener  Grundsätze.  Zwar  gelingt  es  dieser
neuen  Generation  von  Nationalökonomen  nicht,  die  Lehre  der  Gründer
zu  verdrängen.  Aber  sie  beweisen  einwandfrei,  daß  die  anscheinend
vollendete  Wissenschaft  noch  weit  davon  entfernt  ist,  vollkommen
zu  sein.  Alle  diese  Schriftsteller  scheinen  der  Orthodoxie  zuzurufen,
was  Hamlet  zu  Horatio  sagt:  „Es  gibt  mehr  Dinge  zwischen  Himmel
und  Erde,  als  sich  eure  Schulweisheit  träumen  läßt“  Auf  diese
Weise  geben  sie  oft  zu  sehr  fruchtbaren  Auseinandersetzungen
Anlaß.  In  der  Öffentlichkeit  finden  sie  sympathische  Hörer.  Sie
drängen  selbst  die  den  klassischen  Doktrinen  treu  gebliebenen
Nationalökonomen  dazu,  die  Sicherheit  ihrer  Beweisführungen  zweifelnd
nachzuprüfen,  und  zwingen  sie,  ihre  Methode  und  ihre  Schlußfolgerungen ­
  zu  ändern.
Wir  wollen  versuchen,  die  Bedeutung  ihrer  Rolle  klar  zu  stellen.

Kapitel  I.
SismomU  und  die  Ursprünge  der  kritischen  Schule.
Während  der  ersten  30  Jahre  des  19.  Jahrhunderts  traten  in  der
Volkswirtschaft  tiefgehende  Umwälzungen  ein.
Überall  hatte  der  ökonomische  Liberalismus  triumphiert.  In  Frankreich ­
  sind  die  Zünfte,  und  was  damit  zusammenhing,  seit  dem
Jahre  1791  vollständig  verschwunden.  Das  Verlangen  einzelner
Industrieller,  sie  unter  dem  ersten  Kaiserreich  wiederherstellen  zu
lassen,  hatte  keinen  Erfolg  und  blieb  ohne  Wiederhai].  In  England
wurde  auch  der  letzte  Rest  des  Lehrlingsgesetzes  im  Jahre  1814  aufgehoben, ­
  und  damit  fällt  dieses  Denkmal  aus  der  Zeit  der  Bevor-
        <pb n="215" />
        Kapitel  I.  Sismondi  und  die  Ursprünge  der  kritischen  Schule.

193

mundung,  das  schon  lange  morsch  geworden  war.  Dem  laisser-faire
stand  nichts  mehr  entgegen.  Überall  herrschte  die  freie  Konkurrenz.
Der  Staat  hatte  auf  jede  Einmischung  in  die  Organisation  der  Erzeugung ­
  und  in  die  Beziehungen  zwischen  Arbeitnehmern  und  Arbeit—-gebern
  verzichtet  .  .  ausgenommen,  um  die  Koalitionen  zu  unterdrücken. ­
  Aber  sogar  diese  Einschränkung  hatte  als  Zweck,  dem
Gesetz  des  Angebotes  und  der  Nachfrage  freie  Bahn  zu  lassen.  Das
Strafgesetzbuch  des  französischen  Kaiserreiches  sieht  in  diesem  Punkte
ebenso  schwere  Strafen  vor,  wie  die  alte  Regierungsform  und  die
Revolution.  In  England  wird  im  Jahre  1825  die  Freiheit  des  Koalisationsrechtes
  gewährt,  aber  noch  in  so  engen  Grenzen,  daß  sie  beinahe
illusorisch  erscheint.  Die  allgemeine  Meinung  des  englischen  Gesetzgebers ­
  ist  in  dem  Bericht  einer  üntersuchungskommission  des  Unterhauses ­
  sehr  gut  ausgedrückt,  der  im  Jahre  1810  aufgesetzt  wurde;
wir  zitieren  daraus  nach  Herrn  und  Frau  Webb:  „Jede  Einmischung
der  Gesetzgebung  in  die  Freiheit  der  Industrie  oder  in  die  völlige
Freiheit  jedes  Individuums,  über  seine  Zeit  und  seine  Arbeit  in  der
Weise  und  zu  den  Bedingungen  zu  verfügen,  die  es  in  seinem  eigenen
Interesse  für  die  vorteilhaftesten  hält,  bedeutet  eine  Verletzung  der
allgemeinen  Grundsätze,  die  für  die  Wohlfahrt  und  das  Glück  der
Gemeinschaft  von  höchster  Bedeutung  sind  *).“  In  beiden  Ländern,
in  Frankreich  sowohl  wie  in  England,  tritt  in  der  Industrie  als
Regel  der  individuelle  Kontrakt  auf,  der  in  seiner  Freiheit  noch  von
keiner  gesetzgeberischen  Maßregel  beeinträchtigt  wird,  eine  Freiheit
allerdings,  die  nur  auf  Seiten  der  Arbeitgeber  Wirklichkeit  war.
Unter  dieser  Ordnung  der  Dinge  hat  sich  die  neue  Manufakturindustrie, ­
  die  sich  aus  den  mechanischen  Erfindungen  ergab,  in
wunderbarer  Weise  entwickelt.  In  Großbritannien  wurden  Manchester,
Birmingham,  Glasgow,  in  Frankreich  Lille,  Sedan,  Rouen,  Elbeuf,
Mühlhausen  zu  bevorzugten  Zentren  der  Großproduktion.
"Zugleich  mit  diesen  glänzenden  Erfolgen  drängen  sich  der  Aufmerksamkeit ­
  des  Beobachters  jedoch  zwei  neue  Tatsachen  auf,  die
wohl  dazu  geeignet  sind,  ernsthafte  Denker  mit  Sorge  zu  erfüllen:
die  Ansammlung  einer  neuen  und  elenden  Klasse  —  die  der  Fabrik  -
arbeiter  —  in  diesen  großen  Zentren  des  Reichtums,  uncf  die  Krisen
der  Überproduktion.
Man  hat  schon  tausendmal  die  Mißbräuche  beschrieben,  die  in
den  Fabriken  während  der  ersten  Hälfte  des  19.  Jahrhunderts  gang
und  gäbe  waren;  die  Verwendung  von  Kindern  jeden  Alters  unter
den  ungesundesten  und  grausamsten  Verhältnissen  2 ),  die  last  endlose
‘)  S.  und  B.  Webe,  History  of  Trade  Unionism.
2 )  Im  Jahre  1835  zählt  Andkew  Uhe  (Philosophy  of  Manufactures,  S.  481)
in  den  englischen,  mechanischen  Manufakturanstalten  für  Baumwolle,  Wolle,  Flachs
Gide  und  Eist,  Gesch.  d.  Volkswirtschaft!.  Lehrmeinungen.  13
        <pb n="216" />
        194

Zweites  Buch.  Die  Gegner.

Dauer  des  Arbeitstages  für  Frauen  und  erwachsene  Arbeiter,  die
erbärmlichen  Löhne,  die  Unwissenheit,  die  Roheit  und  die  Krankheiten ­
  und  Laster,  die  sich  aus  diesen  jammervollen  Zuständen  ergaben. ­
  In  England  riefen  die  Berichte  der  Arzte,  die  Untersuchungen
des  Unterhauses,  die  Reden  und  die  Veröffentlichungen  Owbn’s  die
Entrüstung  der  öffentlichen  Meinung  wach  und  erzwangen  schon  1819
die  Beschränkung  der  Kinderarbeit  in  den  Baumwollspinnereien:  der
erste  Ansatz  zu  einer  Arbeitergesetzgebung,  die  seitdem  zu  einer  so
wunderbaren  Ausdehnung  gelangen  sollte.  J.-B.  Sat,  der  1815  in
diesem  Lande  reiste,  erklärt,  „daß  ein  Arbeiter,  gemäß  der  Größe
seiner  Familie  und  trotz  aller  Anstrengungen,  die  oft  der  größten
Achtung  wert  seien,  in  England  nie  mehr  als  drei  Viertel  und  oft
sogar  nur  die  Hälfte  seiner  Ausgaben  verdienen  kann“  J ).
In  Frankreich  muß  man  bis  zum  Jahr  1840  warten,  um  in  dem
prachtvollen  Werke  des  Doktors  Villbkme  eine  vollständige  und
erschütternde  Beschreibung  der  grausamen  Lebensbedingungen  der
Arbeiter  und  des  Martyriums  ihrer  Kinder  zu  linden,  —  um  dort  z.  B.
zu  lesen:  „daß  in  einigen  Fabriken  der  Normandie  der  Ochsenziemer,
mit  dem  die  Kinder  geschlagen  werden,  unter  den  Arbeitsgeräten  auf
den  Spinnstühlen  der  Spinnereien  aufgezählt  wird  2 ).“  Früher  schon,
während  einer  Untersuchung  über  die  Baumwollspinnereien  im
Jahre  1828,  erklären  die  MüÜlhaiisener  Fabrikherren  „daß  die  heranwachsende
  Generation  durch  eine  Arbeit  von  13  und  15  Stunden  am
Tag  zugrunde  gerichtet  wird“ 8 ).  Das  „Bulletin  de  la  Societe  Industrielle ­
  de  Mulhouse“  von  demselben  Jahre  bestätigt,  daß  im  Elsaß,
wie  anderswo,  der  Arbeitstag  gewöhnlich  15  bis  16  Stunden  umfaßt
und  sich  oft  auf  17  steigert 4 ),  und  alle  Nachrichten  stimmen  überein,
um  die  Annahme  gerechtfertigt  erscheinen  zu  lassen,  daß  die  Lage  in
allen  industriellen  Städten  ebenso,  wenn  nicht  noch  schlimmer  war 6 ).
und  Seide  4.800  Knaben  und  5,308  Mädchen  unter  11  Jahren,  67.000  Burschen  und
89.000  Mädchen  zwischen  11  und  18  Jahren,  —  88.000  Männer  und  102.000  Frauen
und  Mädchen  über  18  Jahre,  zusammen  151.000  Knaben,  Burschen  und  Männer  gegen
193.000  kleine  und  größere  Kinder  weiblichen  Geschlechts,  Mädchen  und  Frauen.
')  J.-B.  Say,  England  und  die  Engländer  (Del’AngleterreetdesAnglais),
(Euvres  IV,  K  213.
2 )  Bericht  VillehmS’s  in  den  „Memoires  de  l’Academie  des  Sciences
morales“,  II,  8.414,  Anm.  Die  Beobachtungen  Villermi5’s  sind  zwischen  1835  und
1836  gesammelt  worden,  obgleich  sein  berühmtes  Werk,  „Tableau  de  l’etat  physique
  et  moral  des  ouvriers“  erst  1840  veröffentlicht  worden  ist.  Das  Buch  ist
eine  Wiedergabe  seines  Berichtes  an  die  Akademie.
3 )  Untersuchung  über  die  Baumwollindustrie  (Enquöte  sur  l’industrie  du
coton),  1829,  S.  87.  (Aussagen  der  Herren  Witz  pils,  Fabrikbesitzer.)
4 )  Siehe  Bulletin  de  la  Societe  etc.,  Jahrg.  1828,  S.  326—329.
6 )  Vgl.  Rist:  Arbeitsdauer  in  der  französischen  Industrie  zwischen  1820  und  1870
n  der  Revue  d’Eeonomie  Politique,  1897,  8.  371  ff.
        <pb n="217" />
        Kapitel  I.  Sismondi  und  die  Ursprünge  der  kritischen  Schule.

195

Die  Krisen  sind  eine  nicht  weniger  beunruhigende  Tatsache  als
das  Arbeiterelend.  1815  erschüttert  eine  erste  Krise  den  englischen
Markt,  wirft  zahlreiche  Arbeiter  auf  die  Straße,  und  ruft  Revolten
hervor,  die  die  Zerstörung  von  Maschinen  zur  Folge  hatten.  Sie  beruhte ­
  auf  dem  Irrtum  der  englischen  Fabrikanten,  die  auf  den  nahen
Friedensschluß  spekulierten  und  in  ihren  Fabriken  weit  mehr  Waren
für  die  Ausfuhr  angesammelt  hatten,  als  der  Kontinent  aufnehmen
konnte.  1818  tritt  eine  neue,  ebenfalls  von  Yolksunrnhen  begleitete
Handelsstörung  in  England  auf.  Im  Jahr  1825  endlich  verursachte
eine  dritte,  schwerere  Krisis,  verschuldet  wahrscheinlich  von  den  übertriebenen ­
  Krediten,  die  den  neueröffneten  Märkten  Südamerikas  gewährt ­
  worden  waren,  den  Zusammenbruch  von  70  Provinzbanken  in
England,  zog  zahllose  Bankerotte  nach  sich  und  hatte  ihre  Rückwirkung ­
  auf  mehrere  benachbarte  Länder.  Seitdem  treten  die  Krisen
mit  einer  wenn  nicht  absoluten,  so  doch  wenigstens  höchst  bemerkenswerten ­
  Regelmäßigkeit  in  mehr  oder  weniger  kleinen  Zwischenräumen
im  ganzen  Verlauf  des  19.  Jahrhunderts  auf  und  erstrecken  sich  über
immer  größere  Regionen,  je  nachdem  sich  die  Herrschaft  der  großen
Industrie  ausbreitet.  Lag  hierin  kein  Grund,  sich  zu  fragen,  ob  das
ganze  wirtschaftliche  System  unter  seiner  glänzenden  Außenseite
nicht  irgendeinen  tiefen  Fehler  verbarg,  und  ob  die  Gesellschaft  nicht
in  alle  Zukunft  hinein  dazu  verurteilt  sein  sollte,  für  ihre  Fortschritte
in  der  Industrie  durch  solche  periodischen  Zuckungen  zu  büßen?
Der  Pauperismus  und  die  wirtschaftlichen  Krisen  sind  die  beiden
Tatsachen,  die  sich  im  selben  Augenblick,  in  dem  die  wirtschaftliche
  Freiheit  ihre  ersten  Triumphe  feiert,  der  Aufmerksamkeit  aufdrängen ­
  und  die  seitdem  beständig  die  Meinungen  beschäftigen.
Sie  werden  von  nun  an  ohne  Unterlaß  von  den  verschiedensten
Schriftstellern  gegen  die  neue  Ordnung  ins  Treffen  geführt  und  zerstören ­
  nach  und  nach  in  vielen  die  Zuversicht  in  die  Richtigkeit  der
Lehren  Adam  Smith’s.  Bei  zahlreichen  philanthropischen  und  christlichen
Schriftstellern  rufen  sie  nur  eine  sentimentale  Entrüstung  hervor,  einen
starken  Protest  der  Menschlichkeit  gegen  ein  so  unerbittliches  System,
Quelle  so  vielen  Elends  und  einer  solchen  Menge  von  Unglück.  Andere
—  die  Sozialisten  —  gehen  in  ihrer  Kritik  viel  weiter,  greifen  die
Einrichtung  des  Privateigentums  an  und  verlangen  den  vollständigen
Umsturz  der  Gesellschaft.  Alle  aber  verwerfen  einstimmig  die  Idee
einer  selbsttätigen  Harmonie  der  Privat-  und  der  Allgemein-Interessen,
als  unvereinbar  mit  den  Tatsachen,  die  wir  soeben  ausgeführt  haben.
Unter  diesen  Schriftstellern  nun  hat  keiner  den  Einfluß  dieser
Tatsachen  stärker  gefühlt,  als  Sismondi  1 ).  Für  ihn  gipfelt  das  ganze
*)  Sismondi  war  nicht  Franzose,  sondern  Gjnfer,  obgleich  seine  ursprünglich
italienische  Familie  sich  im  16.  Jahrhundert  nach  Frankreich  geflüchtet  hatte.  Nach
13*
        <pb n="218" />
        196

Zweites  Buch,  Die  Gegner.

Interesse  der  Nationalökonomie/  vom  theoretischen  Standpunkt  aus,  in
einer  Erklärung  der  Krisen;  —  vom  praktischen  Gesichtspunkt  aus,
in  den  Mitteln  ihnen  entgegenzuwirken,  und  die  Lage  der  Arbeiter
zu  verbessern.  Kein  anderer,  Schriftsteller  hat  mit  größerer  Aufrichtigkeit ­
  die  Erklärung  und  das  Heilmittel  gesucht.  Er  steht  so
an  der  Spitze  einer  Reihe  von  Nationalökonomen,  deren  Einfluß  im
19.  Jahrhundert  niemals  aufgehört  hat,  und  die  sich,  ohne  Sozialisten
zu  sein,  keineswegs  über  die  Fehler  des  liberalen  Systems  haben
täuschen  lassen  und  einen  Mittelweg  suchten,  der  gestatte,  dem  Mißbrauch ­
  der  Freiheit  zu  steuern,  ohne  doch  ihre  Grundsätze  aufzugeben. ­
  Als  erster  räumt  er  dem  Gefühl  einen  großen  Platz  in
seinem  System  ein,  was  zur  gleichen  Zeit  hochgehenden  Enthusiasmus
und  schärfsten  Protest  hervorrufen  sollte.

§  1.  Methode  und  Objekt  der  Nationalökonomie.-Am
  Anfang  war  Sismondi  ein  begeisterter  Anhänger  des  wirtschaftlichen ­
  Liberalismus  gewesen.  1803,  in  demselben  Jahre,  in  dem
der  Traite  von  J.-B.  Say  erschien,  hatte  auch  er  die  Gedanken  Adam
Smith’s  in  einem  Werk  unter  dem  Titel  La  Eich  esse  Gommerciale
  niedergelegt,  das  einen  gewissen  Erfolg  aufzuweisen  hatte.
Nach  der  Herausgabe  dieses  Buches  beschäftigte  sich  Sismondi  aber
in  den  folgenden  Jahren  ausschließlich  mit  historischen,  literarischen
und  politischen  Arbeiten.  Erst  1818  wendet  er  sich  von  neuem  der
Nationalökonomie  zu.  „Zu  dieser  Zeit,“  sagt  er  „war  ich  von  der
Handelskrise,  unter  der  Europa  in  den  letzten  Jahren  gelitten  hatte,
wie  auch  von  den  schweren  Leiden  der  Arbeiter  in  den  Fabriken,
deren  Zeuge  icli  in  Italien,  in  der  Schweiz  und  in  Frankreich  gewesen
war,  und  die  nach  allen  öffentlichen  Nachrichten  in  England,  in
Deutschland  und  in  Belgien  in  nicht  geringerem  Maße  bestanden,  tief
bewegt 1 ).“  Zu  dieser  Zeit  ersuchte  man  ihn,  für  die  Edinburgher
Enzyklopädie  einen  Aufsatz  über  Nationalökonomie  zu  schreiben.  Als
er  nun  seine  Ideen  im  Lichte  der  letzten  Tatsachen  einer  neuen
Untersuchung  unterzog,  bemerkte  er  zu  seinem  eigenen  Erstaunen,
daß  seine  Schlußfolgerungen  vollständig  von  denen  Smith’s  abwichen.

der  Aufhebung  des  Edikts  von  Nantes  begab  sie  sich  nach  Genf.  Dort  wurde  Sismondi
1773  geboren.  Er  wurde  mehr  noch  als  durch  seine  volkswirtschaftlichen  Arbeiten
durch  seine  Histoire  des  Republiques  italienues  und  seine  Histoire  des
Pranijais  berühmt.  Br  gehörte  zu  den  intimen  Gästen  der  Frau  v.  Stabl  auf  ihrem
Schloß  Coppet,  wo  er  auch  mit  Robert  Owen  zusammentraf.  Er  starb  1842.
')  Nouveaux  Principes;  2.  Ausg.,  S.  XXII.  Die  von  uns  zitierten  Stellen
sind  stets  der  2.  Ausg.,  die  1827  herauskam,  entnommen.
        <pb n="219" />
        Kapitel  I.  Sismondi  und  die  Ursprünge  der  kritischen  Schule.

197

1819  reist  er  in  England,  „diesem  überraschenden  Land,  das  zum
Nutzen  der  übrigen  Welt  einen  großartigen  Versuch  anzustellen
scheint“  1 ).  Die  Eindrücke,  die  er  hier  erhält,  bestärken  ihn  in  seinen
Ansichten.  Er  nimmt  seinen  Artikel  für  die  Enzyklopädie  wieder
auf  und  entwickelt  ihn.  Aus  dieser  Arbeit  entsteht  das  Werk,  das
seinen  Ruhm  als  Nationaiökonom  begründet,  und  das  im  Jahr  1819
unter  dem  bezeichnenden  Titel:  Neue  Prinzipien  der  Nationalökonomie
(Nouveaux  Principes  d’Economie  politique)  erschien.  Von
da  an  ist  ihm  sein  Weg  vorgezeichnet.  Der  Gegensatz,  in  dem  er
sich  zu  den  in  Frankreich  und  England  herrschenden  Schulen  befand, ­
  wird  beständig  größer  und  in  seinen  Studien  über  Volkswirtschaft ­
  (Etudes  sur  l’Economie  politique),  die  1837  erschienen
sind 2 ),  bringt  er  als  Beweis  für  die  Richtigkeit  der  in  den  neuen
Prinzipien  niedergelegten  Gedanken  eine  große  Anzahl  beschreibender
und  historischer  Untersuchungen,  besonders  über  die  Lage  der  Landwirte ­
  in  England,  Schottland,  Frankreich  und  Italien.
Die  abweichende  Stellung  Sismondi’s  erstreckt  sich  aber  nicht
auf  die  theoretischen  Grundgesetze  der  Nationalökonomie.  Er  erklärt
im  Gegenteil,  in  dieser  Hinsicht  ein  Schüler  Adam  Smith’s  zu  sein 8 ).
Sie  wendet  sich  gegen  die  Methode,  den  Gegenstand  und  die
p  r  a  k  t  i  s  c  h  e  n  S  c  h  1  u  ß  f  o  1  g  e  r  u  n  g  e  n  der  klassischen  Schule.  Untersuchen ­
  wir  seine  Gründe  in  Hinsicht  auf  jeden  dieser  Punkte.
Was  zunächst  die  Methode  anlangt,  so  macht  er  eine  richtige
Unterscheidung  zwischen  Smith  und  seinen  Nachfolgern,  Ricardo  und
J.-B.  Say.  „Smith,“  sagt  er,  „bemüht  sich,  jede  Tatsache  in  dem
sozialen  Zusammenhang,  dem  sie  zugehört,  zu  untersuchen,“  und
„sein  unsterbliches  Werk  ist  das  Ergebnis  einer  philosophischen  Untersuchung ­
  der  Geschichte  des  Menschengeschlechtes“  4 ).  Dagegen  macht
er  Ricardo  die  abstrakte  Methode,  die  er  in  die  Wissenschaft  eingeführt ­
  hat,  zum  Vorwurf.  So  sehr  er  Malthus  bewundert,  „der  mit
der  Kraft  und  der  Weite  des  Geistes  die  gewissenhafte  Untersuchung ­
  der  Tatsachen  verband“  5 ),  so  sehr  widerstrebt  es  ihm,  „die
abstrakten  Schlußfolgerungen,  die  Ricardo  und  seine  Schüler  von  uns.

')  Ebenda,  S.  IV.
2 )  2  Bände,  Paris  1837  und  1838.
3 )  N.  P.;  8.  50—51.  „Die  Lehre  A.  Smith’s  ist  die  unsere,  aber  das  praktische
Ergebnis  seiner  Lehre,  das  wir  ihm  entlehnen,  scheint  uns  oft  dem,  das  er  daraus  zieht,
diametral  entgegengesetzt  zu  sein.“
4 )  Ebenda,  S.  56.  „A.  Smith  erkannte  an,  daß  die  Kegiernngskunst  auf  Versuchen ­
  beruhe;  daß  sie  sich  nur  auf  die  Geschichte  der  verschiedenen  Völker  gründen
könne,  und  daß  man  nur  aus  einer  abwägenden  Beobachtung  der  Tatsachen  Prinzipien
abzuleiten  vermöge.  Sein  unsterbliches  Werk  ...  ist  das  Ergebnis  einer  philosophischen
Untersuchung  der  Geschichte  des  Menschengeschlechts.“  Vgl.  auch  ebenda,  I,  S.  47,  389.
6 )  Ebenda  II,  S.  268.  Vgl.  auch  S.  388,  389.
        <pb n="220" />
        198

Zweites  Buch.  Die  Gegner.

fordern,  zuzugeben“ 1 ).  In  den  Augen  Sismondi’s  ist  die  Nationalökonomie ­
  eine  „moralische  Wissenschaft“,  in  der  „alles  einen  Zusammenhang“ ­
  hat,  und  in  der  man  einen  falschen  Weg  beschreitet,
wenn  man  sich  bemüht,  „ein  Prinzip  zu  isolieren,  und  nichts  außer
ihm  zu  sehn“  2 ).  Sie  beruht  vor  allem  auf  der  Erfahrung,  der  Geschichte ­
  und  der  Beobachtung.  „Die  menschlichen  Zustände“  sagt
er  an  einer  anderen  Stelle,  „muß  man  vor  allen  Dingen  in  ihren
Einzelzügen  studieren.  Man  muß  nacheinander  einen  Zeitabschnitt,
ein  Land  oder  einen  Beruf  besonders  eingehend  untersuchen,  um  einen
genauen  Begriff  zu  bekommen,  was  der  Mensch  ist,  und  wie  die  Einrichtungen ­
  auf  ihn  wirken  ...  Ich  bin  überzeugt,  daß  man  in  schwerwiegende ­
  Irrtümer  verfallen  ist,  weil  man  stets  alles  verallgemeinern
wollte,  was  mit  den  sozialen  Wissenschaften  in  Verbindung  steht“  3 ).
Diese  Kritik  richtet  sicli  nicht  allein  gegen  Eicaedo  und  Mac
Cülloch.  sondern  auch  gegen  J.-B.  Say  selbst,  der  sich  bemüht  hatte,
die  Nationalökonomie  auf  die  Darlegung  einiger  allgemeiner  Grundsätze ­
  zurückzuführen.  Sie  bereitet  die  Auffassung  vor,  die  die  deutsche
historische  Schule  späterhin  sich  rühmte,  als  die  erste  vertreten  zu
haben.  Sismondi,  der  selbst  Historiker  war  und  sich  als  Schriftsteller ­
  hauptsächlich  mit  dringlichen  Reformen  beschäftigte,  konnte
nicht  anders,  als  die  Wirkung,  die  die  sozialen  Einrichtungen  und
die  Politik  auf  den  wirtschaftlichen  Wohlstand  haben,  hervorzuheben.
Er  gibt  z.  B.  eine  gute  Anwendung  seiner  Methode,  wenn  er  in  der
Untersuchung  über  den  wahrscheinlichen  Einfluß,  den  eine  vollständige
Abschattung  der  „Corn-Laws“  in  England  haben  werde,  darauf  hinweist, ­
  daß  die  Frage  nicht  durch  einige  theoretische  Begründungen
gelöst  werden  könne,  und  daß  die  verschiedenen  Arten  und  Weisen  der
Bewirtschaftung  des  Bodens  in  Rechnung  gezogen  werden  müssen.
Ein  Land  der  Pächter  wie  England  setzt  sich  der  Gefahr  aus,  nur
schwer  der  Konkurrenz  solcher  Länder,  die  mit  Frondiensten  arbeiten,
widerstehen  zu  können,  wie  z.  B.  Polen  oder  Rußland,  wo  das  Getreide ­
  dem  Besitzer  nur  „einige  hundert  unter  die  Bauern  zu  verteilende ­
  Stockhiebe“  kostet 4 ).

')  Ebenda,  S.  66.  An  verschiedenen  anderen  Stellen  wendet  er  sich  gegen
Ricahdo:  I,  S.  257,  300  und  ff;  S.  336,  366  und  423;  II,  S,  184,  190,  218  und  329.
2 )  Ebenda,  S.  56.
3 )  Etudes  sur  l’Economie  politique,  Vorwort  S.  V.  Schon  in  seinem
ersten  Buch:  La  richesse  commerciale  hatte  er  gesagt;  „Die  Volkswirtschaft
gründet  sieh  auf  das  Studium  des  Menschen  und  der  Menschen.  Man  muß  die  Natur
des  Menschen  kennen,  den  Zustand  und  das  Schicksal  der  Gesellschaften  zu  verschiedenen ­
  Zeiten  und  an  verschiedenen  Orten,  man  muß  Historiker,  Reisende  usw.  zu  Rate
ziehen.  Eine  solche  Untersuchung  ...  ist  die  Philosophie  der  Geschichte  und  der
Reisen“  (I,  S.  14  ff.).
4 )  Nouv.  Princ.,  I,  S.  257.
        <pb n="221" />
        Kapitel  I.  Sismondi  und  die  Ursprünge  der  kritischen  Schule.

199

Die  Vorstellung’  Sismondi’s  über  die  nationalökonomische  Methode
ist  zweifellos  stets  richtig,  wenn  es  sich  darum  handelt,  praktische
Fragen  zu  untersuchen,  die  zukünftigen  Folgen  einer  gesetzgeberischen
Reform  vorauszusehen  oder  die  Ursachen  besonderer  Ereignisse  klar
zu  legen;  wenn  es  sich  aber  darum  handelt,  sich  den  allgemeinen
Mechanismus  der  wirtschaftlichen  Welt  vorzustellen,  kann  der  Volks-Wirtschaftler
  nicht  ohne  Abstraktionen  auskommen,  und  Sismondi  selbst
hat  darauf  zurückgreifen  müssen.  Allerdings  hat  er  das  mit  einem
eigentümlichen  Ungeschick  getan  und  sein  Mangel  an  Erfolg  in  der
Konstruktion  und  der  Diskussion  abstrakter  Theorien  mag  wohl  die
Ursache  seiner  Vorliebe  für  die  entgegengesetzte  Methode  sein.  Auf
jeden  Fall  erklärt  sie  uns  teilweise  den  lebhaften  Widerspruch,  den
sein  Buch  unter  den  Anhängern  der  „volkswirtschaftlichen  Orthodoxie“
erregte,  eine  Bezeichnung  die  von  ihm  stammt  (Neue  Prinz.  S.  1),
und  die  starken  Anklang  fand.
Tm  besonderen  kann  man  sich  kaum  etwas  verworreneres  vorstellen, ­
  als  die  Beweisführungen,  mit  denen  er  die  Möglichkeit  einer
allgemeinen  Überproduktion  darzutun  sich  bemüht 1 ).  Als  Ausgangspunkt ­
  nimmt  er  eine  Unterscheidung  zwischen  dem  jährlichen
Einkommen  und  der  jährlichen  Produktion  eines  Landes  an.
Nach  ihm  würde  das  Einkommen  eines  Jahres  die  Produktion  des
folgenden  Jahres  bezahlen 2 ).  Wenn  daher  die  Produktion  eines  Jahres
größer  ist,  als  das  Einkommen  des  vorhergehenden,  so  bleibt  ein  Teil

*)  Das  Ungeschick  Sismondi’s  in  abstrakter  Beweisführung  geht  noch  aus  einer
Menge  anderer  Stellen  hervor,  besonders  aus  der  Ungenauigkeit  seiner  Definitionen:
bald  betrachtet  es  die  Arbeit  als:  „Die  Quelle  alles  Einkommens“  (I,  S.  85),  bald  als
das  Einkommen  des  Arbeiters  (I,  S.  96,  101,  110,  113,  114;  II,  S.  267  usf.),  das  zu  den
Zinsen  und  der  Bodenrente  im  Gegensatz  steht.  Niemals  hat  er  das  Nationalvermögen ­
  vom  Privatkapital  unterscheiden  können,  und  der  Lohn  ist  ihm  bald  Kapital,
bald  Einkommen  (S.  379).  Beständig  gebraucht  er  unbestimmte  Ausdrücke,  wie  reich
und  arm,  um  Kapitalisten  und  Arbeitende  zu  unterscheiden  {II,  Kap.  V).  Zur  Erklärung ­
  der  Art  und  Weise,  wie  sich  die  Höhe  der  Zinsen  festsetzt,  schreibt  er  an
einer  Stelle:  „Die  Kräfte  der  Geldgeber  (das  Kapital)  und  die  der  Geldentleiher  kommen
zu  einem  Gleichgewicht;  wie  auf  allen  anderen  Märkten  einigen  sie  sich  auf  einem
proportionalen  Durchschnitt“  (!)  (II,  S.  36).  Ebenso  wirft  er  ständig  Einkommen ­
  in  natura  mit  Geldeinkommen  zusammen.
2 )  „Das  Einkommen  des  vorhergehenden  Jahres  muß  die  Produktion  dieses  (d.  h.  /
des  laufenden)  Jahres  bezahlen“  (Nouv.  Princ.,  I,  S.  120).  Weiterhin  schreibt  er;
„Zum  Schluß  geschieht  überhaupt  nichts  anderes,  als  die  Gesamtmenge  der  Jahresproduktion ­
  gegen  die  Gesamtmenge  der  Jahresproduktion  des  vorhergehenden  Jahres
anszutauschen“  (S.  121).  Sismondi  legt  großes  Gewicht  auf  diesen  Unterschied  zwischen
dem  Volkseinkommen  und  der  Jahresproduktion;  „Die  Vermengung  von  jährlichem
Einkommen  und  Jahresproduktion  hüllt  die  ganze  Wissenschaft  in  Dunkel,  aber  alles
wird  im  Gegenteil  klar  und  verständlich,  alle  Tatsachen  stimmen  mit  der  Theorie
überein,  sobald  man  diese  Unterscheidung  macht“  (I,  S.  366—367),  Dabei  ist  er  es
gerade,  der  Verwirrung  schafft.
        <pb n="222" />
        200

Zweites  Buch.  Die  Gegner.

dieser  Produktion  unverkauft,  und  die  Produzenten  werden  ruiniert.
Sismondi  schließt  hier  so,  als  bestehe  das  Volk  aus  Landwirten,  die
jedes  Jahr  die  fabrizierten  Erzeugnisse,  welche  sie  brauchen,  mit  den
Einkünften  kaufen,  die  ihnen  der  Verkauf  der  vorjährigen  Ernte
gebracht  hat.  Es  ist  selbstverständlich,  daß  bei  Überfluß  au  fabrizierten ­
  Erzeugnissen  das  Einkommen  der  Landwirte  nicht  ausreicht,
um  sie  zu  einem  genügend  hohen  Preise  zu  bezahlen.
Aber  in  seiner  Beweisführung  liegt  eine  doppelte  Verwechslung.
Das  jährliche  Einkommen  eines  Volkes  ist  im  Grunde  genommen
nichts  anderes  als  seine  jährliche  Produktion.  Die  eine  kann  daher
nicht  geringer  als  die  andere  sein,  da  ja  beide  dasselbe  vorstellen.
Auf  der  anderen  Seite  sind  es  nicht  die  Produktionen  zweier  verschiedener ­
  Jahre,  die  sich  gegeneinander  austauschen,  sondern  die
verschiedenen  Erzeugnisse,  die  jedes  Jahr  geschaffen  werden,  werden
gegeneinander  ausgetauscht,  oder  vielmehr  (denn  diese  Einteilung
des  wirtschaftlichen  Lebens  in  jährliche  Perioden  hat  mit  der  Wirklichkeit ­
  nichts  gemein)  sind  es  verschiedene  Produkte,  die  in  jedem
Augenblick  in  der  Welt  erzeugt  werden,  die  sich  in  jedem  Augenblick ­
  untereinander  austauschen,  und  die  so,  die  einen  für  die  anderen,
eine  gegenseitige  Nachfrage  darstellen.  Daher  kann  es  kommen,  daß
es  in  einem  bestimmten  Augenblick  von  den  einen  oder  den  anderen
Produkten  zu  viel  oder  zu  wenig  gibt,  und  daß  infolgedessen  in  einer
oder  mehreren  Industrien  Krisen  herrschen.  Es  ist  aber  unmöglich,
daß  es  gleichzeitig  zu  viel  von  allen  Erzeugnissen  gibt.  Das  haben
Mac  Cülloch,  Ricardo  und  J.-B.  Sax  erfolgreich  gegen  Sismondi  aufrecht ­
  erhalten  1 ).
Nicht  nur  in  der  Methode,  sondern  mehr  noch  mit  Hinsicht  auf
den  Gegenstand  der  Nationalökonomie,  steht  Sismondi  den  Klassikern
als  Gegner  gegenüber.  In  ihren  Augen,  sagt  er,  ist  die  Volkswirtschaft ­
  die  Wissenschaft  des  Reichtums;  sie  ist,  wie  Aeistoteles  sagte,
eine  „chrematistische“  Wissenschaft.  Der  wirkliche  Gegenstand  der
Wissenschaft  ist  aber  der  Mensch  oder  genauer,  das  „physische  Wohl-*)

  Mao  Cülloch  kritisierte  Sismondi  in  einem  Aufsatz  in  der  Edinburgh
Review  im  Oktober  1819.  Was  J.-B,  Say  anlangt,  siehe  oben  S.  129—131.
Mit  Hinsicht  auf  Rioabdo  erzählt  Sismondi  (Nouv.  Princ.,  II,  8.  410),  daß  er  mit
ihm  in  Genf,  im  Jahr,  in  dem  er  starb,  verschiedene  Aussprachen  über  diese  Frage
hatte.  Sismondi  scheint  zum  Schluß,  wenn  auch  mit  vielen  Einschränkungen,  Rioakdo’s
Ansicht  beigepflichtet  zu  haben.  Er  sagt  nämlich  (ebenda,  S.  424):  „Wir  kommen
also  wie  Rioabdo,  dazn,  daß  die  Produktion  am  Ende  der  Zirkulation,  wenn  sie  nirgends
unterbrochen  wird,  einen  Verbrauch  schafft.“  „Das  ist  aber  nur  richtig,“  fügt  er  an,
„wenn  Zeit  und  Raum  außer  acht  gelassen  werden  .  .  .,  wenn  alle  Hindernisse,  die
diesen  Umlauf  unterbrechen  können,  nicht  beachtet  werden.“  Sismondi  hat  seinen
Gesichtspunkt  gegen  seine  drei  Gegner  in  zwei  Aufsätzen  verteidigt,  die  am  Schluß
der  2.  Ausg.  der  Nouv.  Princ.  abgedruckt  sind.
        <pb n="223" />
        Kapitel  I.  Sismondi  und  die  Ursprünge  der  kritischen  Schule.

201

sein  des  Menschen.“  Nichts  führt  sicherer  in  die  Irre,  als  wenn  man
den  Reichtum  für  sich  seihst  betrachtet  „und  den  Menschen  darüber
vergißt 1 ).  Daher  muß  neben  der  Gütererzeugung,  die  fast  ausschließlich ­
  von  den  Klassikern  in  Betracht  gezogen  wird,  ein  wenigstens
ebenso  großer  Platz  der  Verteilungstheorie  eingeräumt  werden.  Allerdings ­
  hätten  die  Klassiker  ihm  erwidern  können,  daß  sie  der  Produktion ­
  den  ersten  Platz  einräumen,  weil  in  ihren  Augen  die  Vermehrung ­
  der  Produkte  die  Grundbedingung  jedes  Fortschrittes  in  ihrer
Verteilung  dar  stelle.  Sismondi  aber  versteht  hierunter  etwas  ganz
anderes.  Nach  ihm  verdienen  Reichtum  oder  Wohlstand  diesen  Namen
überhaupt  nur,  wenn  sie  in  einem  befriedigenden  Verhältnis  verteilt
sind.  Wenn  man  von  dieser  Verteilung  absieht,  so  kann  man  sie  sich
weder  vorstellen,  noch  irgendein  Urteil  darüber  abgeben.  Weiterhin
räumt  er  in  der  Verteilung  der  Güter  denen  einen  ganz  besonderen
Platz  ein,  die  er  die  „Arraen“  nennt,  nämlich  denen,  die  zur  Beschaffung ­
  ihres  Lebensunterhaltes  nur  ihre  Hände  haben,  und  die  vom
Morgen  bis  zum  Abend  in  den  Fabriken  oder  auf  den  Feldern  sich
abmühen.  Denn  sind  sie  es  nicht,  die  die  Mehrheit  der  Bevölkerung
bilden,  und  das,  was  ihn  vor  allem  interessiert,  sind  die  Wirkungen,
die  die  Erfindung  der  Maschinen,  die  Freiheit  der  Konkurrenz  und
die  Herrschaft  des  Eigentums  auf  das  Schicksal  dieser  Armen  austiben.
  „Die  Nationalökonomie,“  so  sagt  er  an  einer  Stelle,  „wird
letzten  Grundes  zu  einer  großen  Theorie  der  Wohlfahrt,  und
alles  was  nicht  in  seinem  Endzweck  zum  Glück  der  Menschen  beiträgt, ­
  gehört  keineswegs  zu  dieser  Wissenschaft“  2 ).
Was  Sismondi  in  Wirklichkeit  beschäftigt,  ist  weniger  .  die  Nationalökonomie, ­
  als  das,  was  man  seitdem  in  Frankreich  „Economie
sociale“  und  in  Deutschland  „Sozialpolitik“  genannt  hat.  Seine
originelle  Leistung  besteht  darin,  ihr  Studium  begründet  zu  haben.
J.-B.  Say  behandelt  diese  Definitionen,  die  in  so  starkem  Gegensatz ­
  zu  seinen  eigenen  stehen,  hochmütig,  wie  folgt:  „Herr  von  Sismondi ­
  nennt  die  Nationalökonomie  die  Wissenschaft,  deren
Anfgabeesist,  überdas  GlüekdesMenschengeschlechts
zu  wachen.  Zweifellos  hat  er  sagen  wollen;  Die  Wissenschaft,
’)  „In  abstracto  ist  die  Güteransammlung  im  Staat  durchaus  nicht  der  Zweck
der  Regierung,  sondern  dieser  Zweck  ist  vielmehr  die  Ermöglichung  der  Teilnahme  aller
Bürger  an  den  Annehmlichkeiten  des  physischen  Lebens,  die  der  Reichtum  vorstellt...,
es  ist  im  absoluten  durchaus  nicht  wahr,  daß  der  Reichtum  und  die  Bevölkerung  als
Zeichen  des  Wohlstandes  eines  Staates  gelten  können,  sondern  nur  auf  Grund  ihres
gegenseitigen  Verhältnisses“  (Nouv.  Princ.,  I,  S.  9).
2 )  Nouv.  Princ.,  II,  S.  250;  an  anderer  Stelle  sagt  er:  „Wenn  die  Verwaltung
sich  vornehmen  sollte,  eine  der  Klassen  des  Volkes  vor  der  anderen  zu  begünstigen,
so  sollten  es  gerade  die  Tagelöhner  sein,  die  sie  bevorzugen  sollte“  (Nouv.  Princ.,  I,
S.  372).
        <pb n="224" />
        202

Zweites  Buch.  Die  Gegner.

die  DIE  besitzen  müssen,  deren  Aufgabe  es  ist,  über  das  Glück  des
Menschengeschlechts  zu  wachen;  natürlich  müssen  die  Regierenden,
wenn  sie  ihren  Aufgaben  gerecht  werden  wollen,  die  Nationalökonomie
kennen,  aber  das  Glück  des  Menschengeschlechts  würde  auf  sehr
schwachen  Füßen  stehen,  wenn  es,  anstatt  auf  der  Intelligenz  und
der  Arbeit  der  Regierten  zu  beruhen,  von  einer  Regierung  abhinge.“
(Cours  complet,  II,  551.)  Und  er  fügt  hinzu:  „Es  liegt  an  den
durch  das  System  der  Bevormundung  verbreiteten  falschen  Begriffen,
daß  die  meisten  deutschen  Schriftsteller  die  Nationalökonomie  als  die
Wissenschaft  der  Verwaltung  ansehen.“

§  2.  Kritik  der  Überproduktion  und  der  Konkurrenz.
Die  „chrematistische  Schule“  hat  sich  über  die  zu  verfolgende
Methode  und  sogar  über  den  Gegenstand  der  Nationalökonomie  geirrt.
Daher  ist  es  weiter  nicht  erstaunlich,  das  sie  auch  zu  falschen  praktischen ­
  Schlußfolgerungen  gekommen  ist.  Die  chrematistische  Schule
hat  zur  unbegrenzten  Produktion  angeregt  —  sie  hat  die  Wohltaten
der  Konkurrenz  ohne  Einschränkung  gelobt.  —  und  als  Schlußfolgerung
hat  sie  die  Harmonie  der  Interessen  und  die  Nichteinmischung  der
Regierung  aufgestellt.  Das  sind  die  drei  wesentlichen  Punkte,  in
denen  Sibmondi  sie  angreift.
Vor  allem  weist  er  zunächst  auf  ihren  unbedachten  Eifer  zugunsten
der  Produktion  hin.  Die  klassischen  Schriftsteller  sagen,  daß  das
allgemeine  Wachstum  der  Produktion  keine  Unzuträglichkeiten  nach
sich  zieht,  dank  des  selbsttätigen  Mechanismus,  der  sofort  in  Wirkung
tritt,  sobald  die  Unternehmer  an  irgendeinem  Punkt  über  die  Bedürfnisse ­
  der  Nachfrage  hinausgehen;  —  die  sinkenden  Preise  zeigen
ihnen  an,  daß  sie  auf  dem  falschen  Wege  sind,  und  daß  sie  ihre
Kräfte  nach  einem  anderen  Ziele  lenken  müssen.  Ebenso  zeigt  eine
Preiserhöhung,  daß  das  Angebot  ungenügend  ist,  und  daß  mehr  fabriziert
werden  muß.  Daher  werden  die  etwa  begangenen  Fehler  stets  nur
für  den  Augenblick  und  vorübergehend  sein.
Dem  hält  Sismondi  entgegen:  wenn  die  Nationalökonomen,  anstatt ­
  in  abstrakte  zu  denken,  die  Tatsachen  in  ihren  Einzelheiten
betrachtet  hätten;  wenn  sie  anstatt  die  Erzeugnisse  anzusehen,  die
Menschen  ins  Auge  gefaßt  hätten,  würden  sie  sich  nicht  so  leichtsinnig ­
  über  die  Irrtümer  der  Fabrikanten  hinweggesetzt  haben.
Wenn  das  Angebot  unzureichend  war,  um  einer  fortschreitenden
Nachfrage  zu  genügen,  dann  freilich  schadet  seine  Vermehrung  Niemandem ­
  und  nützt  Allen.  Wenn  aber  umgekehrt  die  Bedürfnisse
nicht  so  schnell  wachsen  wie  das  Angebot,  dann  läßt  sich  die  Ein-
        <pb n="225" />
        Kapitel  I.  Sismondi  und  die  Ursprünge  der  kritischen  Schule.

203

Schränkung  des  übermäßigen  Angebots  nicht  so  leicht  bewerkstelligen.
Glaubt  man,  daß  von  heute  auf  morgen  die  Kapitalien  und  die  Arbeit
eine  Industrie,  die  im  Niedergang  begriffen  ist,  aufgeben  können,  um
sich  einer  anderen  zuzuwenden?  Keineswegs!  Der  Arbeiter  kann
nicht  plötzlich  die  Arbeit  verlassen,  die  ihm  seinen  Lebensunterhalt
gibt,  und  die  er  in  einer  oft  langen  und  teuren  „Lehrlingszeit“  gelernt ­
  hat,  —  in  der  er  sich  durch  eine  professionelle  Geschicklichkeit
auszeichnet,  deren  Vorteile  er  in  einer  anderen  Beschäftigung  verliert. ­
  Anstatt  das  zu  tun,  wird  er  lieber  seinen  Lohn  verringern
lassen,  wird  er  lieber  die  Arbeitszeit  verlängern,  „er  wird  es  vorziehen, ­
  14  Stunden  am  Tag  zu  arbeiten,  die  Zeit  opfern,  die  er
früher  dem  Vergnügen  und  der  Ausschweifung  widmete,  und  die
gleiche  Anzahl  Arbeiter  wird  bedeutend  mehr  Erzeugnisse
her  vor  bringen“  1  2 ).  —  Was  den  Fabrikanten  anlangt,  so  wird  er
ebensowenig,  wie  der  Arbeiter  bereit  sein,  ohne  Widerstand  seine
Fabrik  aufzugeben,  in  deren  Errichtung  und  Anlage  er  die  Hälfte
oder  drei  Viertel  seines  Vermögens  gesteckt  hat.  Fixes  Kapital
läßt  sich  nicht  von  einer  Fabrik  auf  die  andere  übertragen.  Auch
wird  der  Fabrikant  durch  die  Gewohnheit  festgehalten,  „eine  moralische
Kraft,  die  der  Berechnung  nicht  unterliegt“  -),  und  wie  der  Arbeiter,
klammert  er  sich  an  die  Industrie,,  die  ihn  bis  dahin  ernährt  und
die  er  geschaffen  hat.  So  wird  denn  die  Produktion,  weit  davon  entfernt, ­
  sich  selbsttätig  einzuschränken,  dieselbe  bleiben  oder  sogar
noch  größer  werden;  .  .  .  allerdings  wird  sie  zum  Schluß  gezwungen,
nachzugeben;  allerdings  wird  die  Anpassung  eintreten,  aber  nach
wieviel  Ruin,  nach  wieviel  Unglück!
„Die  Produzenten  werden  sich  nicht  eher  von  der  Arbeit  znrückziehen,
  und  nicht  eher  wird  ihre  Zahl  geringer  werden,  als  bis  eine
Anzahl  der  Geschäftsinhaber  Bankerott  gemacht  hat,  und  bis  ein  Teil
der  Arbeiter  Hungers  gestorben  ist 3 ).“  „Hüten  wir  uns,  sagt  erzürn ­
  Schluß,  vor  dieser  gefährlichen  Theorie  des  Gleichgewichts,  das
sich  selbst  herstellt.  .  .  Allerdings  stellt  sich  auf  die  Dauer  ein  gewisses ­
  Gleichgewicht  ein,  aber  nur  nach  furchtbaren  Leiden 4 ).“  Diese
Bemerkung,  die  schon  zur  Zeit  Sismondi’s  richtig  war,  bildet  heute
die  Grundlage  der  Geschäftspolitik  der  Trusts  und  Kartelle.
Wie  vermehrt  sich  seit  dem  Anfang  des  19.  Jahrhunderts  hauptsächlich ­
  die  Produktion?  Durch  die  Vermehrung  der  Maschinen,
Daher  richtet  Sismondi  seine  hauptsächlichsten  Angriffe  gegen  die
Maschinen.  Und  gerade  deshalb  hat  er  sich  als  Reaktionär  behandeln

&amp;gt;)  N.  P.,  I,  S.  333.
2 )  N.  P.,  I,  S.  336.
3 )  N.  P.,  I,  S.  333—334.
4 )  N.  P.,  I,  S.  220—221
        <pb n="226" />
        204

Zweites  Buch.  Die  Gegner.

lassen  müssen,  ist  sogar  als  unwissend  hingestellt  worden  und  hat
ein  halbes  Jahrhundert  hindurch  seinen  Platz  unter  den  Volkswirtschaftlern
  verloren.
Auch  das  ist  einer  der  Punkte,  über  die  die  klassischen  Nationalökonomen ­
  sich  in  vollständiger  Übereinstimmung  befanden 1 ).  Für
sie  sind  die  Maschinen  wohltätige  Einrichtungen,  weil  sie  die  Lebens-■
  mittel  billiger  liefern,  weil  sie  einen  Teil  des  Einkommens  der  Verbraucher ­
  freisetzen,  weil  sie  infolgedessen  die  Nachfrage  nach  anderen
Produkten  vermehren,  und  so  der  Arbeit,  die  sie  zuerst  überflüssig
gemacht  haben,  Beschäftigung  verschaffen.  Sismondi  leugnet  nicht,
daß  sich  theoretisch  das  Gleichgewicht  zum  Schluß  wieder  hersteilen ­
  wird;  jede  neue  Produktion  muß  auf  die  Dauer  an  irgendeiner ­
  Stelle  einen  neuen  Verbrauch  schaffen.  Betrachten  wir  aber
die  Wirklichkeit.  Hören  wir  auf,  „Zeit  und  Baum  außer  acht  zu
lassen“;  setzen  wir  die  Hindernisse  und  die  Reibungen  des  sozialen
Mechanismus  in  Rechnung.  Was  sehen  wir  da?  Die  unmittelbare ­
  Wirkung  der  Maschine  besteht  darin,  Arbeiter  auf  die  Straße
zu  werfen,  ihre  gegenseitige  Konkurrenz  zu  verschärfen,  die  Löhne
aller  anderen  auf  dem  Markte  zu  erniedrigen  und  so  weiterhin  ihren
^Verbrauch  und  infolgedessen  ihre  Nachfrage  zu  vermindern.  Weit
davon  entfernt,  stets  wohltätig  zu  sein,  tritt  die  nützliche  Wirkung
der  Maschinen  nur  dann  ein,  wenn  ihrer  Einführung  ein  Wachstum
der  Einkünfte  und  infolgedessen  eine  neue  Arbeitsmöglichkeit  für  die
Arbeiter,  deren  Stelle  sie  eingenommen  haben,  vor  aus  gegangen
ist.  „Selbstverständlich  wird  niemand  bezweifeln,  daß  ein  Vorteil
darin  liegt,  einen  Menschen  durch  eine  Maschine  zu  ersetzen,  aber
nur,  solange  dieser  Mensch  anderweit  Arbeit  findet 2 ).“

')  Die  Übereinstimmung  ist  aber  nicht  vollständig.  Eicaedo  hat  allerdings  der
3.  Ausg.  seiner  Principles  ein  Kapitel  über  die  Maschinen  angefügt,  in  dem  er
bekennt,  sich  getäuscht  zu  haben,  als  er  annahm,  daß  die  Maschinen  stets,  nach
einiger  Zeit,  den  Arbeiterinteressen  nützlich  werden.  Er  erkennt  an,  daß  die  Arbeiter
immer  unter  den  Maschinen  leiden  werden,  wenn  dieselben,  sei  es  auch  unter  Erhöhung ­
  des  Nettoertrages,  den  Bruttoertrag  der  Industrie  verringern.  Er  scheint  zu
glauben,  daß  dieser  Eall  häufig  genug  eintreten  kann.  In  Wirklichkeit  wird  er  nur
selten  Vorkommen.
2 )  Nouv.  Princ.,  I,  8.  399.  Hier  muß  das  berühmte  Argument  der  Kurbel  angeführt ­
  werden;  Sismondi  fragt:  „Wenn  es  England  gelingen  sollte,  alle  Arbeit  auf
seinen  Feldern  und  in  seinen  Städten  von  Dampfmaschinen  ausführen  zu  lassen  und
nur  soviel  Bewohner  zu  haben,  wie  die  Eepublik  Genf,  gleichzeitig  aber  dieselbe
Produktionsmenge  und  dasselbe  Einkommen,  wie  heute,  müßte  man  es  dann  reicher
oder  ärmer  als  heute  nennen?  Eicardo  sagt  Ja.  -—  Folglich  ist  der  Eeiehtum  alles,
der  Mensch  absolut  nichts  ?  Dann  müßte  man  wahrhaftig  wünschen,  daß  der  König
allein  auf  seiner  Insel  lebe  und  durch  das  beständige  Drehen  einer  Kurbel  automatisch ­
  alle  Arbeit  in  England  verrichten  lasse“  (II,  8.  329).  Man  kann  auf  den  so
formulierten  Einwurf  antworten,  daß  die  Gemeinschaft,  lange  ehe  dieser  Zustand
        <pb n="227" />
        Kapitel  I.  Sismondi  und  die  Ursprünge  der  kritischen  Schule.

205

l)as  bestritten  auch  weder  Eicardo  noch  Say,  aber  sie  behaupteten,
daß  es  gerade  die  Wirkung  der  Maschinen  sein  würde,  stets  an  irgendeiner ­
  Stelle  diese  Arbeitsnachfrage  liervorzurufen.  Sismondi  wird  in
seiner  Beweisführung  yon  der  gleichen  falschen  Idee  beherrscht,  die
ihn  vorher  die  Möglichkeit  einer  allgemeinen  Überproduktion  hat  annelnnen
  lassen:  der  Idee,  daß  einer  Produktionsvermehrung,  die  nützlich ­
  sein  soll,  stets  eine  neue  Nachfrage  vorausgehen  muß;  er  will
nicht  zugeben,  daß  indirekt  die  Vermehrung  der  Produktion  an  sich
diese  Nachfrage  schafft.
Was  aber  wahres  an  dem  Gesichtspunkte  Sismondi’s  ist  —  und
man  kann  nie  genug  darauf  hinweisen,  —  das  ist  sein  Protest  gegen
die  Gleichgültigkeit  der  Klassiker  angesichts  der  Leiden,  die  die
Übergangsperioden  mit  sich  bringen.
Die  klassischen  Volkswirtschaftler  haben  oft  das  von  der  Großindustrie ­
  geschaffene  Elend  mit  demselben  Gleichmut  betrachtet,  mit
dem  die  Anhänger  Marx’  die  Katastrophen  der  Zukunft  im  Zusammenhang ­
  mit  der  notwendigen  Revolution  ins  Auge  fassen.
Zusammen  mit  vielen  anderen  Ähnlichkeiten  zwischen  den
Marxisten  und  den  Klassikern  ist  dies  eine  der  auffälligsten.  Sind
die  Vollkommenheiten  der  neuen  Gesellschaftsordnung  nicht  einige
Opfer  wert  ?  Sismondi  aber  ist  Historiker.  Er  interessiert  sich  gerade
für  diese  Perioden  des  Übergangs,  die  von  einer  Ordnung  zur  anderen
führen,  und  die  so  viele  unverdiente  Leiden  mit  sich  bringen.  Er
möchte,  daß  man  ihre  Härten  lindere,  daß  man  den  Übergang  von
einer  Epoche  in  die  andere  erleichtere.  Gibt  es  einen  gerechteren
Wunsch?  Sogar  J.-B.  Say  hat  das  anerkannt 1 )  (allerdings  in  einem
recht  geringen  Maße),  und  gerade  hierin  besteht  auch  die  Aufgabe
der  Sozialpolitik.
Eine  andere  Bemerkung  Sismondi’s  ist  nicht  weniger  richtig.
Es  erregt  nicht  nur  seine  Entrüstung,  daß  die  Arbeiter  von  den
Maschinen  verjagt  werden,  sondern  auch,  daß  die  in  -ihrer  Stellung
verbliebenen  Arbeiter  nur  einen  so  geringen  Anteil  an  den  Vorteilen,

eintreten  könne,  sich  aller  Maschinen  bemächtigt  haben  wird,  um  ihre  Erzeugnisse
unter  ihre  Mitglieder  zu  verteilen.  Die  Annahme,  daß  ein  Teil  der  Bevölkerung
ruhig  Hungers  sterben  werde,  während  der  andere  Teil  fortfährt,  die  gleiche  Menge
Erzeugnisse,  wie  früher  herzustellen,  ist  widersinnig.  Im  Grunde  genommen  aber,
wenn  man  die  paradoxale  Form  außer  acht  läßt,  ist  die  Frage  Sismondi’s  nicht  zu
lösen.  Was  ist  das  bessere  Gleichgewicht  zwischen  Produktion  und  Bevölkerung?
Soll  man  eine  schnell  wachsende  Bevölkerung,  deren  Beichtum  nur  wenig  wächst,
einer  stationären  oder  sogar  geringer  werdenden  Bevölkerung,  deren  Wohlstand  sehr
groß  ist,  vorziehen?  Jedem  steht  hier  die  Wahl  frei.  Die  Wissenschaft  hat  kein
Kriterium  dafür.
b  Siehe  weiter  oben,  S,  126.
        <pb n="228" />
        206

Zweites  Buch.  Die  Gegner.

die  sie  mit  sich  bringen,  erlangen 1 ).  Den  Klassikern  genügte  es,
daß  die  Arbeiter  als  Verbraucher  an  der  Verbilligung  der  Produkte
Anteil  hätten.  Sismondi  aber  verlangt  mehr.  Solange  die  Arbeit  so
erdrückend  wie  heute  ist,  würde  es  doch  nur  gerecht  sein,  daß  die
Arbeiter  von  der  Einführung  der  Maschinen  durch  Verkürzung  der
Arbeitszeit,  durch  Verlängerung  ihrer  „freien  Zeit“  profitierten!
Unter  der  heutigen  sozialen  Ordnung  und  dank  der  Konkurrenz,  die
sich  die  Arbeitenden  untereinander  machen,  und  deren  Ursachen  für
ihn  in  einer  Überbevölkerung  bestehen,  vermehrt  die  Maschine  die
freie  Zeit  des  Arbeiters  nicht  nur  nicht,  sondern,  indem  sie  die
Konkurrenz  verstärkt,  drückt  sie  seinen  Lohn  herab  und  zwingt  ihn,
immer  intensiver  und  immer  länger  zu  arbeiten.  Auch  hierin  scheint
uns  Sismondi  das  richtige  gesehen  zu  haben.  Es  ist  nicht  einzusehen,
warum  der  Verbraucher  allein  von  dem  ganzen  Vorteil  der  Maschinen
profitieren  sollte,  während  der  Arbeiter  leer  ausgeht,  wenn  es  sich
um  Gegenstände  handelt,  die  nicht  in  den  Verbrauch  des  Arbeiters
eingehen.  Es  würde  nichts  widersinniges  an  sich  haben,  wenn  die
Vorteile  des  Fortschrittes  zum  wenigsten  während  einer  gewissen  Zeit
geteilt  würden,  und  zwar  zwischen  dem  Verbraucher  und  dem  Arbeiter,
so  wie  sie  jetzt  zwischen  dem  Erfinder,  dem  Unternehmer  und  der
Gesellschaft  geteilt  werden.  Diese  Idee  liegt  übrigens  heute  der
Taktik  gewisser  Arbeitergewerkschaften  zugrunde,  wenn  sie  eine
neue  Maschine  nur  dann  annehmen,  wenn  ihnen  eine  Verminderung
der  Arbeitszeit  und  eine  Erhöhung  des  Lohnes  zugesichert  wird.
Auf  die  Produktion  und  die  Maschinen  angewandt,  führt  die
Methode  Sismondi’s  dazu,  hier  ganz  anders  als  die  Klassiker  zu
urteilen.  Ebenso  auch  in  bezug  auf  die  Konkurrenz.
Adam  Smith  hatte  geschrieben:  „Im  allgemeinen  gewährt  jeder
Geschäftszweig  oder  jede  Arbeitsteilung,  wenn  sie  dem  Publikum
Vorteil  bringt,  immer  einen  um  so  größeren,  je  freier  und  allge-*)

  „Wir  haben  schon  an  anderer  Stelle  gesagt,  halten  es  aber  für  wesentlich,
nochmals  darauf  hinzuweisen:  daß  das  wirkliche  Unglück  nicht  in  der  Verbesserung
der  Maschinen  begründet  ist,  sondern  in  der  ungerechten  Verteilung  ihrer  Produkte.
Um  so  mehr  Erzeugnisse  wir  mit  einer  gegebenen  Arbeitsmenge  herstellen  können,
um  so  mehr  sollten  wir,  sei  es  unsere  Annehmlichkeiten,  sei  es  unsere  Erholung  vermehren ­
  können;  der  Arbeiter,  der  sein  eigener  Herr  ist,  würde,  wenn  er  mit  Hilfe
einer  Maschine  in  zwei  Stunden  das  fertiggestellt  hat,  wozu  er  sonst  zwölf  Stunden
braucht,  nach  diesen  zwei  Stunden  mit  der  Arbeit  aufhören,  wenn  er  nicht  irgendeinen ­
  Grund  oder  einen  Zweck  hätte,  ein  größeres  Erzeugnis  zu  verwenden.  Es
liegt  an  unserer  jetzigen  Organisation,  an  der  Versklavung  des  Arbeiters,  daß  er
gezwungen  ist,  wenn  eine  Maschine  seine  Arbeitskraft  erhöht,  nicht  weniger,  sondern
mehr  Stunden  am  Tag  zu  arbeiten  und  zwar  für  denselben  Lohn“  (Nouv.  Princ.,  II,
S.  318,  Anm.).  Diese  Stelle  zeigt  am  klarsten  den  wahren  Gedanken  Sismondi’s
über  die  Maschinen.
        <pb n="229" />
        Kapitel  I.  Sismondi  und  die  Ursprünge  der  kritischen  S(

meiner  die  Konkurrenz  ist 1 ).“  Sismondi  bestreitet  die  Rüstigkeit  ’  .V'J

dieses  Satzes  und  fuhrt  hierfür  zwei  Gründe  von
Beweiskraft  an.

Der  erste  beruht  auf  der  ungenauen  Idee,  die  wir  schon  oTOTT
angetrotfen  haben,  nach  der  kein  Fortschritt  in  der  Produktion
von  Nutzen  ist,  wenn  ihm  keine  verstärkte  Nachfrage  vorausgeht.
Die  Konkurrenz  ist  wohltätig,  wenn  sie  die  Unternehmer  dazu  anspornt,
  die  Erzeugnisse  zu  vermehren,  um  einer  steigenden  Nachfrage
zu  genügen.  Im  entgegengesetzten  Falle  ist  sie  vom  Übel.  Denn
wenn  der  Verbrauch  stationär  bleibt,  so  ist  die  einzige  Wirkung  der
Konkurrenz,  einem  geschickteren  Unternehmer  oder  einem,  dessen
Kapitalien  größer  sind,  zu  gestatten,  seine  Konkurrenten  durch  den
niederen  Preis  zu  ruinieren  und  sich  ihrer  Kundschaft  zu  bemächtigen;
das  Publikum  hat  aber  keinen  Vorteil  davon,  und  nur  zu  oft  bietet
die  Wirklichkeit  dieses  Bild;  der  Industrielle  richtet  sich  nicht  nach
dem  möglichen  Vorteil  der  Allgemeinheit,  sondern  einzig  und  allein
nach  den  Möglichkeiten,  die  sich  ihm  bieten,  seinen  persönlichen
Gewinn  zu  vergrößern.
Auch  hier  unterliegt  das  Argument  Sismondi’s  der  gleichen,  soeben
ausgeführten  Kritik:  indem  die  Wohlfeilheit  der  Produkte  einen  Teil
des  Einkommens  frei  setzt,  schafft  sie  für  andere  Produkte  eine
erhöhte  Nachfrage  und  macht  so  das  Übel,  das  sie  hervorgerufen  hat
wieder  gut.  Die  Konzentration  der  Industrie  hat  für  die  Gesellschaft
die  gleichen  Vorteile  wie  die  Maschinen,  und  ihre  Verteidigung  stützt
sich  auf  dieselben  Gründe.
Sismondi  hat  aber  gegen  die  Konkurrenz  ein  weiteres  eindrucks-Aolleres
  Argument.  Die  Jagd  nach  der  Wohlfeilheit,  bemerkt  er
bringt  die  Unternehmer  dazu,  nicht  nur  an  den  Dingen,  sondern  auch
an  den  Menschen  so  viel  wie  möglich  zu  sparen.  Überall  hat  die
Konkurrenz  es  dazu  gebracht,  daß  die  Fabriken  Kinder  und  Frauen,
anstatt  erwachsene  Männer,  beschäftigen.  Um  aus  diesen  Menschenkräften ­
  den  größtmöglichen  Ertrag  zu  erzielen,  haben  einzelne  Unternehmer ­
  sie  zu  einer  übermäßig  angreifenden  Arbeit  bei  Tag  und
Nacht  gezwungen  und  zahlen  ihnen  als  Gegenwert  nur  einen  ganz  erbärmlichen ­
  Lohn.  Wozu  aber  nun  die  unter  solchen  Bedingungen
erzielte  Wohlfeilheit?  Der  magere  Vorteil,  den  die  Öffentlichkeit
davon  hat,  wird  durch  den  Verlust  an  Kraft  und  Gesundheit  der
Arbeiter  mehr  als  aufgewogen.  Hier  greift  die  Konkurrenz  das
kostbarste  aller  Kapitalien  an;  die  Kraft  nämlich  der  Rasse.  Er
weist  nach,  wie  die  Arbeiter  in  Grenoble  für  eine  Tagesarbeit  von
14  Stunden  6  bis  8  Sous *  2 )  verdienen,  wie  sechs-  bis  achtjährige  Kinder

*)  Völkerreichtum  I,  S.  194,  B.  II,  Kap.  II,  am  Ende.
2 )  1  sou  =  4  Pfennig  (Anm.  d.  Übers,).
        <pb n="230" />
        208

Zweites  Buch.  Die  Gegner.

in  den  Spinnereien  12  bis  14  Stunden  arbeiten  müssen  und  zwar
„in  einer  Atmosphäre,  die  mit  Haaren  und  Staub  gefüllt  ist“,  und  wo
sie  an  der  Schwindsucht  sterben,  bevor  sie  20  Jahre  alt  geworden
sind.  Er  kommt  zu  dem  Schlüsse,  daß  „es  zu  teuer  wird,  die  Ausdehnung ­
  des  nationalen  Handels  damit  zu  bezahlen,  daß  eine  unglückliche ­
  und  allen  Leiden  ausgesetzte  Klasse  geboren  wird“,  und
in  jenem  oft  zitierten  Satz  ruft  er  aus:  „Her  Profit  eines  Unternehmers ­
  ist  manchmal  nichts  anderes  als  eine  Beraubung  des  Arbeiters,
den  er  beschäftigt;  er  verdient  nicht,  weil  sein  Unternehmen  mehr
hervorbringt,  als  es  kostet,  sondern  weil  er  dem  Arbeiter  kein  genügendes ­
  Entgelt  für  seine  Arbeit  gewährt.  Eine  solche  Industrie
ist  ein  soziales  Übel  ü“
Wer  kann  sich  der  Richtigkeit  dieses  Gedankens  SismondTs  entziehen? ­
  Wenn  der  billige  Preis  der  Produkte  nur  auf  Kosten  einerbeständigen
  Verschlechterung  der  Gesundheit  des  Arbeiters  erreicht
werden  kann,  so  ist  es  offenbar,  daß  die  Konkurrenz  mehr  Unheil
stiftet,  als  Gutes  tut.  Es  liegt  nicht  weniger  im  öffentlichen  Interesse,
diese  lebendigen  Gäter  zu  schützen,  als  die  Erzeugung  toter  Güter
zu  erleichtern.  Indem  Sismondi  zeigt,  daß  die  Konkurrenz  eine  zweischneidige ­
  Waffe  ist,  hat  er  denen  den  Weg  eröffnet,  die  in  durchaus
richtiger  Weise  vom  Staat  verlangen,  daß  er  der  Konkurrenz  Grenzen
setze  und  sie  regele.
Man  möchte  versucht  sein,  noch  weiter  zu  gehen,  und  in  der
eben  angeführten  Stelle  eine  rückhaltlose  Verurteilung  des  Profits
selbst  zu  sehen.  Das  würde  nichts  weniger  bedeuten,  als  ein  Bekenntnis ­
  Sismondi’s  zu  den  sozialistischen  Lehren.  Man  hat  manchmal ­
  an  ein  solches  Bekenntnis  bei  ihm  geglaubt,  aber  unserer  Meinung
nach  zu  Unrecht.
Ohne  Zweifel  drückt  sicli  Sismondi  an  gewissen  Stellen  so  aus,
wie  es  später  Owen,  die  Saint-Simonisten  und  Marx  taten.  So  liest
man  z.  B.  in  seinen  Untersuchungen  über  die  Nationalökonomie  Stellen,
wie  die  folgende:  „Man  könnte  fast  sagen,  daß  die  moderne  Gesellschaft
auf  Kosten  des  Proletariats  lebt,  nämlich  von  dem  Teil,  den  sie  ihm
von  dem  Gegenwert  seiner  Arbeit  vorenthält *  2 );“  und  an  anderer
Stelle  sagt  er,  daß  „es  eine  Beraubung,  ja  ein  Diebstahl  ist,
den  der  Reiche  am  Armen  verübt,  wenn  der  Reiche  der  fruchtbaren
und  gut  bewirtschafteten  Erde  ein  Einkommen  abzwingt,  das  ihm
gestattet,  im  Überfluß  zu  schwimmen,  während  der  Arbeiter  selbst,
der  dieses  Einkommen  überhaupt  erst  hervorbringt  .  .  .,  Hungers
stirbt,  ohne  Teil  an  diesem  Einkommen  haben  zu  können“  3 ).
b  N.  P.,  I,  S  92.
2 )  Etudes  sur  l’Eeonomie  politique.  I,  S.  35.
3 )  Ebenda,  S.  274—275.
        <pb n="231" />
        Kapitel  I.  Sismondi  und  die  Ursprünge  der  kritischen  Schule.

209

An  einigen  Stellen  scheint  Sismondi  schon  die  MAnx’ische  Theorie
des  Mehrwertes  anzukündigen,  indem  er  sich  des  Ausdruckes  „Überwert“ ­
  (Mieux-value)  bedient 1 ).  In  Wirklichkeit  sind  das  aber  nur
Wortanalogien.  Wenn  Sismondi  vom  „Überwert“  spricht,  will  er
damit  den  stetig  wachsenden  Wert  bezeichnen,  der  in  allen  fortschrittlichen ­
  Ländern  jährlich  nicht  nur  von  der  Arbeit  allein,  sondern
dank  dem  gemeinsamen  Zusammenwirken  von  Arbeit  und  Kapital
geschaffen  wird 2 ).  Die  Idee,  die  Marx  aufstellte,  daß  die  Arbeit
allein  den  Wert  schafft,  und  daß  infolgedessen  der  Gewinn  und  die
Zinsen  einen  Diebstahl  darstellen,  der  an  dem  Arbeiter  begangen
wird,  ist  ihm  völlig  fremd.  Sismondi  erkennt  wohl  an,  daß  die
Einkünfte  des  Großgrundbesitzers  und  des  Kapitalisten  auf  einer
Arbeit  beruhen,  die  sie  nicht  getan  haben;  mit  Recht  unterscheidet
er  das  Einkommen  aus  Arbeit  und  das  aus  Eigentum;  aber  in  seinen
Augen  ist  das  letztere  nicht  weniger  berechtigt  als  das  erstere,  denn,
sagt  er,  diejenigen,  die  von  einem  Einkommen  ohne  Arbeit  profitieren,
„haben  ein  andauerndes  Recht  darauf  erworben  durch  eine  „primäre“ ­
  Arbeit,  die  die  „gegenwärtige“  Arbeit  vorteilhafter  gemacht
hat“ 3 ).  Wenn  Sismondi  schreibt,  daß  der  Arbeiter  beraubt  wird,
so  will  er  damit  einfach  sagen,  daß  manchmal  der  Arbeiter  nicht
genügend  bezahlt  wird,  nicht  genügend  erhält,  um  davon  leben

&amp;gt;)  N.  P.,  I,  S.  103.
2 )  Wir  stimmen  in  diesem  Punkte  nicht  mit  der  Darlegung,  die  Aftalion  von
dieser  Stelle  in  seiner,  übrigens  ausgezeichneten  Monographie:  L’OEuvre  economique
  de  Simonde  de  Sismondi,  Paris,  1899,  gibt,  überein,  wie  auch  nicht
mit  der,  die  Denis  in  seiner  Histoire  des  Systemes  economiques,  II,  S.  306,
ausführt.  Der  Text  Sismondi’s  scheint  uns  keinen  Raum  für  irgendeinen  Zweifel
zu  lassen;  „Im  Gegensatz  zum  Boden  könnte  man  die  beiden  anderen  Quellen
des  Reichtums  zusammenfassen:  in  das  Leben,  das  die  Arbeitsfähigkeit  gibt,  und  in
das  Kapital,  das  die  Arbeit  entlohnt.  Wenn  diese  beiden  Mächte  vereinigt  sind,  so
besitzen  sie  zusammen  eine  Expansivkraft,  und  die  Arbeit,  die  der  Arbeiter  in
einem  Jahr  vollbringt,  wird  stets  mehr  wert  sein,  als  die  Arbeit  des  vorhergehenden
Jahres,  die  dem  Arbeiter  den  Lebensunterhalt  geliefert  hat.  Infolge  dieses  Überwert ­
  es  (Mieux-value),  der  um  so  größer  ist,  Je  größer  der  Fortschritt,  den  die
Kunstfertigkeiten  und  die  Wissenschaft  in  ihrer  Anwendung  auf  das  Kunstgewerbe
gemacht  haben,  erzeugt  die  Industrie  ein  beständiges  Wachstum  des  Reichtums“
(N.  P.,  I,  S.  103).
3 j  N.  P.,  I,  S.  111—112.  Ygl.  auch  S.  87:  „Der  Reichtum  Jedoch  nimmt  an
seiner  Arbeit  teil,  und  der,  der  ihn  besitzt,  nimmt  dem  Arbeiter,  als  Gegenwert
für  die  Hilfe,  die  er  ihm  leistet,  einen  Teil  dessen,  was  der  Arbeiter  über
seinen  Unterhalt  hinaus,  erzeugt  hat.“  —  Dieser  Teil  ist  allerdings  groß:  „Der
Unternehmer  bemüht  sich,  dem  Arbeiter  nur  gerade  das  zu  lassen,  was  ihm  zum
Leben  notwendig  ist,  und  behält  für  sich  selbst  alles  das,  was  der  Arbeiter  über  das
zum  Leben  notwendige  hinaus  erzeugt  hat“  (ebenda,  S.  103).  Diese  Tatsache  hat
aber  nichts  Zwingendes  an  sich  und  ergibt  sich  nicht,  wie  bei  Maex  aus  dem  Wertgesetz. ­

Gide  und  Rist,  Gesoh.  d.  Volkswirtschaft!.  Lehrmeinungen.

14
        <pb n="232" />
        210

Zweites  Buch.  Die  Gegner.

zu  können,  daß  er  vom  Gesichtspunkt  der  Menschlichkeit  ans
besser  entlohnt  werden  müsse,  aber  keineswegs  will  er  damit  sagen,
daß  die  Aneignung  eines  Teiles  des  gesellschaftlichen  Erzeugnisses
durch  den  Grundbesitzer  oder  Kapitalisten  an  und  für  sich  ungerecht
sei 1 ).  Sein  Standpunkt  ist  nicht  von  dem  verschieden,  auf  den  sich
späterhin  die  deutschen  Staatssozialisten  stellen  werden,  um  ihre
soziale  Politik  zu  rechtfertigen.
Wenn  aber  die  Kritik  Sismondi’s  nicht  zum  Sozialismus  führt,
so  erschüttert  sie  doch  in  ganz  besonderer  Weise  den  Liberalismus.
Sie  weist  nämlich  schlagend  die  Fehlerhaftigkeit  des  von  den  Physiokraten
  aufgestellten  Theorems  nach,  um  dessen  Beweis  sich  auch
Smith  bemüht  hatte:  die  natürliche  Übereinstimmung  des  persönlichen ­
  Interesses  mit  dem  der  Allgemeinheit.  Es  ist  wahr,  daß,  als
Smith  diese  Behauptung  aufstellte,  er  fast  ausschließlich  an  die  Produktion ­
  dachte,  und  es  ist  gerade  das  Verdienst  Sismondi’s,  ihre
Tragweite  mit  Hinsicht  auf  die  Güterverteilung  untersucht  zu  haben.
Sismondi  wird  durch  die  Untersuchung  der  Tatsachen  dazu  gezwungen,
gerade  die  Grundlage  des  wirtschaftlichen  Liberalismus  zu  bestreiten.
Eigentümlicherweise  ist  er  selbst  darüber  erstaunt.  A  priori  erscheint
ihm  die  Theorie  von  der  Übereinstimmung  des  persönlichen  mit  dem
allgemeinen  Interesse  richtig.  Beruht  sie  doch  auf  dem  doppelten
Gedankengang:  „daß  ein  jeder  sein  persönliches  Interesse  besser  versteht, ­
  als  es  eine  unwissende  und  unaufmerksame  Regierung  verstehen
kann,  und  daß  das  Interesse  eines  jeden  das  Interesse  aller  bildet.“
„Nun  ist  sowohl  das  eine  wie  das  andere  Axiom  richtig 2 ).“  Woher
kommt  es  dann,  daß  die  Tatsachen  dieser  Schlußfolgerung  entgegen
laufen  ?
Hier  berühren  wir  den  Mittelpunkt  der  Gedanken  Sismondi’s,  den
Punkt,  wo  er  den  Bereich  der  reinen  Ökonomik,  in  deren  Grenzen
sich  die  Klassiker  gehalten  hatten,  verläßt  und  zu  etwas  Neuem  übergeht: ­
  nämlich  zu  der  Verteilung  des  Eigentums.  Sismondi  findet  in
einer  sozialen  Ursache,  nämlich  in  der  ungleichmäßigen  Verteilung  des
Eigentums  unter  den  Menschen,  und  in  der  ungleichen  Macht,  die
sich  daraus  für  die  Kontrahenten  ergibt,  die  Erklärung  des  Wider-*)

  „Der  Arme  erwirbt  durch  seine  Arbeit  und  durch  seine  Achtung  für  das
Eigentum  anderer  ein  Anrecht  auf  eine  Wohnung  und  auf  reinliche  und  gesunde
Kleidung,  auf  eine  ausreichende  Nahrung,  die  genügend  mannigfaltig  ist,  um  seine
Kräfte  und  seine  Gesundheit  zu  erhalten,  usw.  Erst  wenn  all  dieses  dem  Armen
aus  der  Erucht  seiner  Arbeit  gesichert  ist,  beginnt  das  Recht  des  Reichen.  Nur  das
Überflüssige,  nachdem  das  Leben  aller  sichergestellt  ist,  bildet  das  Einkommen ­
  des  Reichen“  (Etudes  sur  l’Economie  politique,  I,  S.  273).  Hier  ist
klar  ersichtlich,  in  welchem  Sinne  Sismondi  von  Beraubung  spricht.
-)  Nouv.  Princ.,  I,  S.  407,  vgl.  auch  S.  200-201.
        <pb n="233" />
        Kapitel  I.  Sismondi  und  die  Ursprünge  der  kritischen  Schule.

211

Spruches  zwischen  den  privaten  und  den  allgemeinen  Interessen,  der
ihm  auffällt 1 ).  J

§  3.  Die  Trennung  des  Eigentums  und  der  Arbeit.
Die  Erklärung  des  Pauperismus  uncf  der  Krisen.
Sismondi  ist  der  erste,  der  die  Idee  formuliert  hat,  daß  die  industrielle ­
  Gesellschaft  darauf  hinstrebt,  sich  in  zwei  voneinander
durchaus  verschiedene  Klassen  zu  teilen,  nämlich  in  die  der  Arbeiter
und  die  der  Besitzer,  oder  wie  er  auch  sagt:  der  Armen  und  der  t
Reichen.  Die  Konkurrenz  fr  eiheit  beschleunigt  diese  Trennung,  indem
sie  alle  Zwischenglieder  verschwinden  läßt,  um  nur  noch  die  Proletarier ­
  2 )  und  die  Kapitalisten  übrig  zu  lassen.  „Die  Zwischenglieder“,
sagt  er  an  einer  Stelle,  „sind  verschwunden;  die  kleinen  Grundbesitzer,
die  kleinen  Pächter  auf  dem  Lande,  die  kleinen  Besitzer  von  Werkstätten, ­
  die  kleinen  Fabrikanten,  die  kleinen  Händler  in  den  Städten
haben  die  Konkurrenz  derer,  die  große  Unternehmungen  dirigieren,
nicht  aushalten  können.  In  der  Gesellschaft  ist  nur  noch  Platz  für
den  Großkapitalisten  und  den  Lohnempfänger,  und  in  erschreckender
Weise  hat  man  die  Klasse  der  Menschen,  die  früher  fast  unbekannt
war,  wachsen  sehen,  nämlich  die  der  Menschen,  die  überhaupt  keinen
Besitz  haben 3 ).“  „Die  Gesellschaft  steht  daher  unter  ganz  neuen
Existenzbedingungen,  über  die  wir  bisher  noch  keine  Erfahrung  besitzen.
Die  Tendenz  geht  dahin,  jede  Art  von  Eigentum  von  jeder  Art  von
Arbeit  zu  trennen.  Da  liegt  die  Gefahr,  auf  die  ich  hinweise 4 ).“
Dieses  Gesetz  der  kapitalistischen  Konzentration,  das  in  dem
System  von  Marx  eine  so  bedeutende  Rolle  spielen  sollte,  und  das,
wenn  es  in  Hinsicht  auf  die  Unternehmungen  wahr  ist,  sich  deshalb
noch  nicht  auf  das  Eigentum  anwenden  zu  lassen  scheint  —  in  dem
Sinne,  daß  eine  Konzentration  der  Arbeit  durchaus  mit  einer  Zer-&amp;gt;)

  „Das  vom  Interesse  der  anderen  begrenzte  Interesse  eines  jeden  würde  allerdings ­
  das  Interesse  aller  sein;  da  aber  ein  jeder  seinen  Nutzen  auf  Kosten  der
anderen,  wie  auch  in  der  Entwicklung  seiner  eigenen  Hilfsmittel  sucht  und  nicht
immer  durch  Kräfte,  die  seinen  eigenen  gleich  sind,  zurückgehalten  wird,  so  findet
der  Starke  seinen  Vorteil  im  Nehmen  und  der  Schwache  im  Niohtwiderstehen,  denn
das  kleinste  Übel  ist,  ebenso  wie  das  höchste  Gute,  der  Zweck  der  menschlichen
Politik“  (N.  P.,  I,  S.  407;  vgl.  auch  infra,  S.  213,  Anm.  1).
2 )  „Hie  Hauptumwälzung,  die  in  der  Gesellschaft  mitten  in  dem  allgemeinen
von  der  Konkurrenz  geschaffenen  Kampf  eingetreten  ist,  ...  ist  das  Auftreten  des
Iroletariers  unter  den  Lebensbedingungen  des  Menschen,  des  Proletariers,  dessen
den  Römern  entlehnter  Name  alt,  während  er  selbst  durchaus  neuzeitlich  ist
(Etudes,  I,  S.  34).
3 )  Revue  mensuelle  d’Economie  Politique,  II,  1834,  S.  124.
4 '  N.  P..  II.  ?.  434.
        <pb n="234" />
        212

Zweites  Buch.  Die  Gegner.

Stücklung  des  Eigentums  vereinbar  ist,  —  dieses  berühmte  Gesetz
findet  in  Sismondi  seinen  ersten  Anhänger.  Seine  Darstellung  desselben ­
  ist  wirklich  ergreifend.  Er  zeigt,  wie  seine  Verheerungen  sich
zur  gleichen  Zeit  in  der  Landwirtschaft,  in  der  Industrie  und  im
Handel  bemerkbar*machen:  „Alle  Arbeit  Englands,  dessen  Oberfläche
auf  34250000  Acker  geschätzt  wird,  wurde  im  Jahre  1831  von
1046982  Landarbeitern  getan,  und  man  hofft,  diese  Zahl  noch  zu
verringern.  Nicht  nur  sind  alle  kleinen  Pächter  zu  Tagelöhnern  geworden,
  sondern  eine  noch  größere  Zahl  von  Tagelöhnern  sind  gezwungen ­
  worden,  die  Landarbeit  überhaupt  anfzugeben.  Die  Industrie
in  den  Städten  hat  das  Prinzip  der  Vereinigung  der  Kräfte,  der  Vereinigung ­
  der  Kapitalien,  mit  noch  größerer  Kraft  als  die  Landwirtschaft ­
  angenommen.  —  Die  Fabrikanten,  die  mit  einem  Grundkapital
von  1000  Pfund  arbeiteten,  sind  in  England  zuerst  verschwunden,
bald  darauf  wurden  die,  die  mit  einem  Kapital  von  10  000  Pfund
(200  000  Mk.)  arbeiteten  als  zu  klein  angesehen;  sie  wurden  ruiniert,
um  ihren  Platz  größeren  zu  überlassen;  heute  werden  schon  die,  die
mit  einem  Kapital  von  100000  Pfund  arbeiten,  unter  die  mittleren
gerechnet,  und  der  Augenblick  ist  vielleicht  nicht  fern,  wo  nur  die
imstande  sein  werden,  die  Konkurrenz  auszuhalten,  die  mit  einem
Kapital  von  einer  Million  Pfund  Sterling  arbeiten  .  .  .  Die  Großmühlen ­
  in  der  Gironde  ruinieren  die  Müller,  die  Faßfabrikanten  in
der  Loiregegend  die  Böttcher  .  .  .,  die  Dampfschiff-,  Diligenzen-,
Omnibus-  und  Eisenbahnunternehmen,  die  sich  auf  riesige  Kapitalien
stützen,  verdrängen  die  dürftigen  Berufe  der  selbständigen  Schiffer,
Wagenhalter  und  Kärrner  .  .  .  Reiche  Detailkaufleute  haben  ihre  ge-■waltigen
  Läden  in  den  großen  Städten  eröffnet  und  erbieten  sich,
mit  Hilfe  der  schnellen  Transportmittel,  die  jetzt  erfunden  sind,  die
Verbraucher  bis  zu  den  Grenzen  jedes  Reiches  zu  versorgen.  Sie
sind  im  Begriff,  auf  diese  Weise  alle  Großkaufleute  und  alle  Kleinhändler ­
  zu  unterdrücken,  alle  kleinen  Händler,  alle  kleinen  Krämer,
die  die  Provinzen  bevölkerten,  und  sie  setzen  an  Stelle  dieser  selbständigen ­
  Leute  Kommis,  Lohnempfänger,  Proletarier 1 ).“
Betrachten  wir  nun  die  Folgen  eines  derartigen  Zustandes  der
Dinge.  In  dem  Gegensatz  zwischen  diesen  beiden  sozialen  Klassen,
in  dem  sich  alle  Unterschiede  von  früher  aufzulösen  streben,  finden
wir  die  Erklärung  des  Elendes  der  Arbeiter,  wie  auch  die  der  wirtschaftlichen ­
  Krisen.
Woher  kommt  denn  das  Elend  der  Arbeiter,  wenn  nicht  davon,
daß  sie  in  zu  großer  Anzahl  für  die  Nachfrage  nach  Arbeit  vorhanden
sind  und  sich  daher  gezwungen  sehen,  jeden  Lohn  anzunehmen,  nur

*)  Etudes  sur  l’Economie  politique,  Einleitung,  S.  39fl.
        <pb n="235" />
        Kapitel  I.  Sismondi  und  die  Ursprünge  der  kritischen  Schule  213
um  leben  zu  können,  auch  wenn  er  gegen  ihr  eigenes  Interesse  und
das  ihrer  ganzen  Klasse  verstößt 1 )?  Wer  hat  nun  den  „Armen  in
die  Notwendigkeit  versetzt,  sich  diesen  drückenden  und  ständig
drückender  werdenden  Bedingungen  bei  Strafe  des  Hungertodes  zu
unterwerfen?“  Was  anders  als  die  Trennung  zwischen  Eigentum  und
Arbeit 2 )?  Wenn  der  Arbeiter  wie  früher  ein  unabhängiger  Handwerker ­
  wäre,  könnte  er  sein  Einkommen  ungefähr  voraussehen  und
infolgedessen  die  Zahl  seiner  Kinder  beschränken,  denn  die  Bevölkerung ­
  regelt  sich  stets  nach  dem  Einkommen  *).  Heutigen  Tages,  wo
er  ohne  jeden  Besitz  ist,  kommt  sein  ganzes  Einkommen  von  dem
Kapitalisten,  der  ihn  angestellt  hat.  In  völliger  Unkenntnis  über
die  zukünftige  Nachfrage  nach  Produkten  und  der  Menge  von  Arbeit,
die  notwendig  sein  wird,  hat  er  keinen  Grund  mehr,  seine  Voraussicht ­
  zu  gebrauchen,  und  gebraucht  sie  auch  nicht  mehr.  Die  Bevölkerung ­
  wächst  oder  vermindert  sich  nach  dem  Gutdünken  des
Kapitalisten.  „Jedesmal,  wenn  Arbeit  verlangt  wird  und  man  dafür
einen  genügenden  Lohn  anbietet,  wird  der  Arbeiter,  der  ihn  gewinnen ­
  will,  geboren  .  .  .  Wenn  die  Nachfrage  aufhört,  geht  der
Arbeiter  zugrunde 4 ).“
Diese  Theorie  über  Bevölkerung  und  Lohn  ist  in  Wirklichkeit
nichts  anderes  als  die,  die  A.  Smith  aufgestellt  hatte,  für  den  die
*)  „Es  ist  eine  Wahrheit,  auf  die  die  Volkswirtsohaftler  oft  nachdrücklich  hingewiesen ­
  haben,  daß  nämlich  jeder  einzelne  seinen  eigenen  Vorteil  viel  besser  wahrnehmen
  kann,  als  das  irgendeiner  Regierung  möglich  ist.  Sie  haben  aber  vorschnell
behauptet,  daß  das  Interesse  eines  jeden,  ein  größeres  Übel  zu  vermeiden,  mit  dem
allgemeinen  Interesse  übereinstimmen  muß.  Es  liegt  im  Interesse  dessen,  der  von
der  Beraubung  seines  Nächsten  lebt,  ihn  zu  bestehlen;  es  liegt  im  Interesse  des  Beraubten, ­
  das  geschehen  zu  lassen,  wenn  der  andere  die  Macht  besitzt,  um  nicht  totgeschlagen ­
  zu  werden;  es  liegt  aber  nicht  im  Interesse  der  Gesellschaft,  daß  der
eine  mächtig  ist,  und  daß  der  andere  unterliegt,  ...  Es  liegt  ohne  Zweifel  im
Interesse  des  Tagelöhners,  daß  der  Lohn  einer  zehnstündigen  Tagesarbeit  genüge,
um  seinen  Lebensunterhalt  zu  bestreiten  und  seine  Kinder  zu  erziehen.  .  .  .  Das
liegt  auch  im  Interesse  der  Gesellschaft,  aber  das  Interesse  eines  beschäftigungslosen
Tagesarbeiters  bedingt,  daß  er  um  jeden  Preis  Brot  schaffe;  er  wird  14  Stunden  am
Tage  arbeiten  und  seine  Kinder  mit  10  Jahren  in  die  Fabrik  schicken.  Er  setzt
mit  seiner  Gesundheit  und  seinem  Leben  die  Existenz  seiner  ganzen  Klasse  aufs
Spiel,  um  einem  bestehenden,  drückenden  Bedürfnis  zu  entgehen  (Nouv.  Princ.,  I,
S.  200—201).  /
2 )  N.  P.,  I,  S.  201.
s )  „Die  Bevölkerung  regelt  sich  daher  einzig  nach  dem  Einkommen,  und  wenn
sie  dieses  Verhältnis  überschreitet,  so  haben  sich  die  Väter  über  die  Höhe  ihres
Einkommens  getäuscht  oder  vielmehr,  die  Gesellschaft  hat  sie  darüber  getäuscht“
(N  P.,  II,  S.  254).  .  .  .“  Je  weniger  Besitz  der  Arme  hat,  um  so  leichter  irrt  er
sich  über  sein  Einkommen,  und  um  so  leichter  trägt  er  zum  Wachstum  einer  Bevölkerung ­
  bei,  die  nicht  mit  der  Nachfrage  nach  Arbeit  übereinstimmt  und  daher
°™ e  Uuterhaltsmittel'bleiben  muß  (ebenda,  S.  264).
l )  N.  P.,  II,  286.
        <pb n="236" />
        214

Zweites  Bach.  Die  Gegner.

Menschen,  wie  jede  andere  Ware,  nach  den  Bedürfnissen  der  Produktion ­
  sich  vermehren  oder  sich  vermindern.  Weit  davon  entfernt,
hierin  einen  Beweis  der  harmonischen  Anpassung  zwischen  Angebot
und  Nachfrage  zu  sehen,  erblickt  Sismondi  hierin  vielmehr  die  traurigen ­
  Folgen  der  Trennung  zwischen  dem  Vermögen  und  der  Arbeit 1 ).
Sismondi  und  Smith  verfallen  übrigens  in  den  gleichen  Fehler,  den
Malthos  und  Ricardo  begangen  haben:  sie  bilden  sich  ein,  daß  die
hohen  Löhne  notwendigerweise  zu  einer  Vermehrung  der  Bevölkerung ­
  führen,  —  während  die  Tatsachen  heute  zu  zeigen  scheinen,
daß  die  Gewohnheiten  eines  größeren  Wohlstandes  im  Gegenteil  unter
gewissen  Bedingungen  darauf  hinzielen,  sie  zu  beschränken.  Was
auch  immer  daran  sei,  die  nicht  besitzende  Klasse,  d.  h.  die  Mehrheit ­
  des  Volkes,  wird  als  ein  einfaches  Instrument  in  der  Hand  der
Besitzenden  angesehen.  Wie  cs  ihrer  Laune  oder  ihrem  Interesse
paßt,  nehmen  sie  es  auf  oder  werfen  es  weg.
Was  im  Hinblick  auf  die  Industriearbeiter  wahr  ist,  ist  nicht
weniger  wahr  im  Hinblick  auf  die  Landarbeiter,  und  Sismondi  führt  hier
die  berühmte  Unterscheidung  zwischen  Nettoertrag  und  Bruttoertrag ­
  ein,  die  seit  ihm  so  viele  Nationalökonomen  beschäftigt  hat.
Wenn  alle  Landleute  Besitzer  ihres  Bodens  wären,  würden  sie  sicher
sein,  auf  ihren  Feldern  wenigstens  ihren  Unterhalt  und  Sicherheit  des
Lebens  finden  zu  können.  Sie  würden  niemals  den  Bruttoertrag
unter  die  Grenze  sinken  lassen,  die  genügend  ist,  ihren  Lebensunterhalt ­
  zu  sichern 2 ).  Aber  mit  dem  großen  Grundbesitz,  mit  der
Umwandlung  des  Bauern  zum  einfachen  Landarbeiter  verändern
sich  die  Dinge.  Der  Großgrundbesitzer  hat  nur  den  Nettoertrag  im
Auge,  den  Unterschied  zwischen  den  Kosten  der  Produktion  und  dem

*)  Sismondi  glaubt  nicht,  worauf  wir  hinweisen  wollen,  an  die  Richtigkeit  der
Bevölkerungstheorie  von  Malthus.  Er  gibt  nicht  zu,  daß  die  Bevölkerung  von  der
Menge  der  Lebensmittel  abhänge,  sondern  sie  unterliegt  dem  Willen  der  Grundbesitzer,
die  sie  durch  ihre  Nachfrage  anspornen  oder  zügeln,  und  die  ein  Interesse  an  ihrer
Begrenzung  haben,  um  den  höchsten  Reinertrag  zu  erzielen.  „Niemals  hat  die  Bevölkerung ­
  die  mögliche  Grenze  der  Lebensmittel  erreicht  und  aller  Wahrscheinlichkeit ­
  nach  wird  sie  es  auch  niemals  tun.  Alle  die,  die  Lebensmittel  brauchen,  haben
weder  die  Mittel,  noch  das  Recht,  sie  der  Erde  abzuverlangen;  und  die,  die  im
Gegenteil  das  gesetzliche  Monopolrecht  am  Boden  haben,  haben  kein  Interesse  daran,
ihm  seinen  Höehstertrag  an  Lebensmitteln  abzufordern.  In  allen  Ländern  haben
sich  die  Eigentümer  einem  Bewirtschaftungssystem  widersetzt,  und  haben  sich  ihm
widersetzen  müssen,  das  nur  auf  eine  Vermehrung  der  Lebensmittel  und  nicht  auf
eine  Vermehrung  der  Einkünfte  abzielte.  Lange  bevor  die  Bevölkerung  durch  die
Unmöglichkeit,  in  der  sieh  ein  Land  befinden  kann,  mehr  Lebensmittel  hervorzubringen, ­
  eingeschränkt  wird,  wird  ihr  durch  die  Unmöglichkeit  Einhalt  geboten,
in  der  sich  diese  Bevölkerung  befindet,  Lebensmittel  zu  kaufen  oder  an  ihrer  Erzeugung ­
  zu  arbeiten“  (N.  P.,  II,  S.  269—270).
2 )  N.  P.,  I,  S.  263-264.
        <pb n="237" />
        Kapitel  I.  Sismondi  und  die  Ursprünge  der  kritischen  Schule.

215

Verkaufspreise.  Es  kommt  ihm  nicht  darauf  an,  den  Nettoertrag  zu
erhöhen  und  den  Bruttoertrag  zu  opfern.  Nehmen  wir  z.  B.  ein  Gut
an,  das  bei  guter  Bewirtschaftung  dem  Pächter  1000  Taler  Bruttoertrag ­
  und  dem  Besitzer  100  Taler  Pacht  bringen  würde;  der  Besitzer ­
  rechnet  sich  aus,  daß  er  110  Taler  einnehmen  wird,  wenn  er
es  brach  liegen  läßt  und  es  als  Weideland  verpachtet.  „Er  wird
seinen  Gärtner  oder  seinen  Winzer  fortschicken  und  so  10  Taler
gewinnen;  das  Volk  aber  verliert  dabei  890  Taler.  Es  läßt  ohne
Verwendung  und  infolgedessen  ohne  Gewinn  all  die  Kapitalien,  die
diese  so  reichliche  Produktion  schufen:  es  läßt  ohne  Arbeit  und  folglich ­
  ohne  Einkommen  all  die  Tagelöhner,  deren  Arbeit  dieses  Erzeugnis ­
  darstellte 1 ).“  Und  unter  der  Feder  des  Schriftstellers  mehren
und  mehren  sich  die  Beispiele:  da  ist  die  Herzogin  von  Strafford
und  andere  große  schottische  Grundbesitzer,  die,  um  die  alten  Felder
in  große  Weideländer  umzuwandeln,  die  Pächter  von  ihren  Wohnstätten ­
  verjagen,  sie  in  die  Städte  treiben  und  sie  zusammenhudeln,
um  sie  nach  Amerika  abzuschieben.  In  Italien  ist  es  die  Handvoll
jener  Spekulanten,  die  mercanti  di  tenute  genannt  wurden,  die
aus  den  gleichen  Gründen  die  Wiederbevölkerung  und  die  Bewirtschaftung ­
  der  römischen  Campagna  verhindern,  „dieses  so  außerordentlich ­
  fruchtbaren  Landes,  wo  früher  5  „arpents“  2 )  eine  Familie
ernährten  und  einen  Soldaten  großzogen!“  —  und  aus  der  heute  nach
and  nach  „die  einzelnen  Häuser,  die  Dörfer,  die  ganze  Bevölkerung,
die  Einfriedigungen,  die  Weingärten,  die  Olivenbäume,  und  alle  Erzeugnisse, ­
  die  eine  beständige  Aufmerksamkeit,  die  Arbeit  und  besonders ­
  die  Liebe  des  Menschen  verlangen“,  verschwunden  sind,  um
Viehherden  und  einigen  Hirten  Platz  zu  machen 3 ).  Diese  Kritik  ist
an  und  für  sich  richtig,  aber  sie  klagt  die  Mißbräuche  des  Privateigentums ­
  an  und  nicht  das  Prinzip  des  Nettoproduktes,  —  denn  der
bäuerliche  Besitzer  würde  dieses  Prinzip  nicht  weniger  in  Anwendung
bringen,  wie  es  der  Großgrundbesitzer  tut;  es  ist  überall  dort  unvermeidlich, ­
  wo  die  Produktion  sich  in  Hinsicht  auf  einen  Markt  vollzieht 4 ).
*)  N.  P.,  I,  S.  153.
2 )  1  arpent  (arepenna  der  Gallier):  etwa  ein  deutscher  Morgen  (Anm.  d.  Übers.).
3 )  N.  P.,  I,  S.  325.  Dieses  Problem  des  Netto-  und  Bruttoertrages  bat  Sismondi
von  Anfang  an  beschäftigt.  Er  behandelt  es  schon  in  seinem  ersten  Werk:  Tableau
äe  1’Agriculture  toscane  (Genf,  1801);  und,  ohne  sich  bestimmt  für  den  Bruttoertrag ­
  auszusprechen,  neigt  er  schon  dazu,  es  anzunebmen:  „Warum  sollte  man  den
hohen  Gewinn  eines  einzigen  reichen  Pächters  als  nützlicher  für  den  Staat  betrachten,
als  den  geringen  Lohn  vieler  tausend  Arbeiter  und  Bauern?“  (S.  191—192).  Dieses
Werk  beschäftigt  sich  übrigens  hauptsächlich  mit  der  landwirtschaftlichen  Praxis
und  enthält  nur  wenige  volkswirtschaftliche  Bemerkungen.  Hier  findet  sich  auch
die  formvollendete  Beschreibung  seiner  Meierei  im  Yal-Chiuso  (S.  219  ff.).
4 )  Es  ist  richtig,  daß  Sismondi  das  Getreide  teilweise  der  Produktion  für  den
Markt  entziehen  wollte,  —  um  die  nationalen  Lebensmittel  nicht  den  Preis-
        <pb n="238" />
        216

Zweites  Buch.  Die  Gegner.

Dieser  gleiche  Gegensatz  zwischen  Eigentum  und  Arbeit  dient
auch  zur  Erklärung  der  wirtschaftlichen  Krisen.
Nach  Sismondi  beruhen  sie  zu  einem  Teil  auf  der  Schwierigkeit,
den  zu  groß  gewordenen  Markt  genau  zu  kennen,  sowie  auf  der  Tatsache, ­
  daß  die  Produzenten  sich  mehr  yon  der  Größe  ihrer  Kapitalien,
als  von  den  Bedürfnissen  des  Marktes  leiten  lassen 1 ).  Vor  allem
aber  sind  sie  in  der  schlechten  Verteilung  der  Einkommen  begründet.
Die  Trennung  von  Eigentum  und  Arbeit  hat  zur  Folge,  daß  nur  die
Einkünfte  der  Besitzenden  steigen  können;  die  der  Arbeiter  bleiben
stets  auf  das  Existenzminimum  beschränkt.  Infolgedessen  ergibt  sich
daraus  ein  Mangel  an  Harmonie  in  der  Nachfrage  nach  den  Erzeugnissen. ­
  Mit  einem  gleichmäßig  verteilten  Besitzstände  und  einem
ungefähr  gleichmäßigen  Steigen  der  Einkommen  würde  auch  eine
gewisse  Gleichmäßigkeit  in  der  Vermehrung  der  Nachfrage  Hand  in
Hand  gehen.  Die  gewöhnlichen  Industriezweige,  die  die  wesentlichen
und  allgemeinsten  Bedürfnisse  befriedigen,  würden  ihre  Produktion
regelmäßig  und  ohne  Sprünge  steigen  sehen.  Aber  tatsächlich  wachsen
nur  die  Einkünfte  der  Eeichen.  An  Stelle  der  Nachfrage  nach  den
gewöhnlichen  Gegenständen  wird  daher  eine  wachsende  Nachfrage
nach  verfeinerten  Gegenständen  treten,  wodurch  die  Grundindustrien
vernachlässigt  und  Industrien  des  Luxus  geschaffen  werden;  wenn
diese  letzteren  sich  nicht  schnell  genug  vermehren,  so  wird  die  Nachfrage ­
  nach  Gegenständen  zur  Befriedigung  des  höheren  Geschmackes
sich  an  das  Ausland  wenden.  Was  ergibt  sich  nun  aus  diesem  beständigen ­
  Wechsel?  Die  verlassenen  alten  Industrien  sind  gezwungen,
ihre  Arbeiter  zu  entlassen;  andererseits  können  sich  die  neuen  Industrien ­
  nur  langsam  entwickeln;  in  der  Zwischenzeit  sind  die  entlassenen ­
  und  arbeitslosen  Arbeiter  darauf  angewiesen,  ebenfalls  ihren
Verbrauch  an  gewöhnlichen  Lebensmitteln  einzuschränken;  hieraus
ergibt  sich  ein  beständiger  Unterkonsum,  der  notwendigerweise  die
entsprechenden  Krisen  herbeiführt.  „Durch  die  Konzentration  der
Vermögen  in  der  Hand  einer  geringen  Anzahl  von  Eigentümern  verengert ­
  sich  der  Inlandsmarkt  immer  mehr;  die  Industrie  wird  ständig
stärker  darauf  hingedrängt,  ihre  Absatzgebiete  auf  ausländischen
Märkten  zu  suchen,  wo  noch  größere  Umwälzungen  sie  bedrohen  2 ).“
Daher  ist  „der  Verbrauch  eines  millionenreichen  Fabrikherrn,  unter

Schwankungen  des  Marktes  auszusetzen  (N.  P.,  I,  S.  263—264).  Er  stellt  auch  den
Bruttoertrag  nicht  als  absolutes  Ziel  hin,  sondern  erkennt  an,  daß  „das  allmähliche
Steigen  des  Bruttoertrages  seinerseits  von  einem  krankhaften  Zustand  bedingt  sein
kann“,  wenn  die  Bevölkerung  zu  schnell  wächst  (ebenda,  I,  8.  153).  Wir  sehen
hieraus,  ein  wie  schwankender  Charakter  er  war.
*)  N.  P.,  I,  S.  368.
2 )  N.  P.,  I,  S.  361.
        <pb n="239" />
        Kapitel  I.  Sismondi  und  die  Ursprünge  der  kritischen  Schule.  217

dessen  Befehl  tausende  Arbeiten!  arbeiten,  die  auf  das  Existenzminimum
angewiesen  sind,  für  das  Volk  von  weniger  Wert,  als  der  von  hundert
Fabrikbesitzern,  von  denen  jeder  viel  weniger  reich  ist,  und  von
denen  jeder  nur  zehn  Arbeiter,  die  viel  weniger  arm  sind,  beschäftigt“  *)
(8.  358).  Die  Erklärung,  die  Sismondi  von  den  Krisen  gibt,  —  eine
Erklärung,  die  seitdem  von  einer  großen  Menge  Schriftstellern  wieder
aufgenommen  worden  ist,  —  ist  nicht  einwandfrei.  Die  Schwierigkeit,
die  Produktion  der  Nachfrage  anzupassen,  würde  wahrscheinlich  nicht
verschwinden,  auch  wenn  die  Verteilung  des  Reichtums  gleichmäßiger
wäre.  Übrigens  gilt  das,  was  Sismondi  anführt,  mehr  für  eine
chronische  Krankheit  gewisser  Industrien,  als  für  scharfe,  periodische
Krisen.  Seine  Theorie  hat  jedoch  wenigstens  das  Verdienst,  die  Erklärung ­
  eines  noch  ziemlich  dunklen  Phänomens  zu  versuchen,  das
J.-B.  8ay  und  Ricaedo  mit  Stillschweigen  zu  übergehen  vorgezogen
hatten  oder  das  sie,  unter  dem  Vorwände,  das  Gleichgewicht  würde
sich  zum  Schluß  doch  stets  Avieder  einstellen,  als  sekundär  behandelten. ­


§  4.  Die  Reformprojekte  Sismondi’s.
Sein  Einfluß  in  der  Geschichte  der  Doktrinen.
Das  Hauptinteresse  des  Buches  Sismondi’s  liegt  nicht  in  seiner
wissenschaftlichen  Erklärung  der  Tatsachen,  die  auf  ihn  besonderen
Eindruck  gemacht  hatten.  Nur  weniges  darunter  ist  völlig  befriedigend. ­
  Seine  Analyse  bleibt  oft  auf  der  Oberfläche  und  macht
cs  sich  allzuleicht.  Sein  Verdienst  besteht  vielmehr  darin,  die  Tatsachen ­
  hervorgehoben  zu  haben,  die  die  herrschende  Richtung  in  der
Nationalökonomie  hartnäckig  vernachlässigte;  im  ganzen  genommen
erscheint  uns  seine  Lehre  als  eine  pessimistische  Theorie  des  wirtschaftlichen ­
  Fortschritts.  Er  hat  mit  Absicht  auf  die  Rückseite  der
Münze  hingewiesen,  von  der  andere  —  und  sogar  die,  die  wir  unter
die  Pessimisten  gerechnet  haben,  Rioaedo  und  Malthüs  —  nur  die
Schauseite  sehen  wollten.  Von  ihm  ab  kann  nicht  mehr  von  einer

„  ,,  •  v  „fion+o  nn  fl  die  kleinen  Manufakturisten
l )  An  anderer  Stelle:  ” Die  kl ® mei1  K  Leerte  von  ihnen,  die  zusammen
verschwinden;  ein  großer  Unternehmer  ersetzt  hun  mmen  aber  waren  trotz .
vielleicht  nicht  so  reich  wie  er  gewesen  .  .  h  Luxus  gib t  der  Industrie
dem  bessere  Verbraucher  als  er.  verschwend  J  ^  hun(lert  Haus .
einen  vlel  geringeren  Ansporn  als  ^rehrhch  ^  ^  diege  Theorie  mehr  als
haltuugen,  die  er  ersetzt  hat  (II,  a-  oil).  UDr s  .  ,  ,.  n.„ a „™tmPTiP-e
anfechtbar;  es  handelt  sich  in  Wirklichkeit  darum  zu  wiss  ,  1
der  Nachfrage  die  gleiche  bleiben  wird,  —  und  me  -  aru  ’  .  K  , erbe i-Verschiebung
  der  Nachfrage  handelt,  was  keinesfalls  eine  allgemeine  Krise  herb
führen  kann,  sondern  höchstens  eine  vorübergehende  Spannung.
        <pb n="240" />
        218

Zweites  Buch.  Die  Gegner.

spontanen  Harmonie  der  Interessen  gesprochen  werden.  Es  ist  nicht
mehr  möglich,  das  zu  vergessen,  was  der  Fortschritt  in  der  Produktion ­
  an  Elend  und  Unglück  verdeckt.  Es  ist  nicht  mehr  möglich,
über  die  Krisen  hinwegzngleiten  als  seien  sie  vorübergehende  und
gleichgültige  Tatsachen.  Nicht  mehr  möglich  ist  es,  die  Rolle  zu
vergessen,  die  die  ungleiche  Verteilung  des  Einkommens  und  des
Vermögens  in  dem  Wirtschaftsleben  spielt,  —  die  zwischen  den  beiden
Kontrahenten  des  Lohnvertrages  eine  grundlegende  Ungleichheit  aufrichtet,
  die  oft  jede  Freiheit  der  Verhandlung  vernichtet.  Es  ist
nicht  mehr  möglich,  mit  einem  Wort,  die  sozialen  Folgen  zu  vergessen, ­
  die  die  wirtschaftlichen  Veränderungen  mit  sich  bringen.
Folglich  ist  jetzt  Kaum  für  eine  Sozialpolitik  geschaffen.
Von  dieser  Politik  werden  wir  nun  sprechen  müssen.
Von  dem  neuen  Standpunkte  aus,  auf  den  Sismondi  sich  gestellt  ,
hatte,  daß  nämlich  das  freie  Spiel  der  Privatinteressen  in  Widerspruch ­
  zu  dem  Allgemeinwohl  steht,  —  ist  die  von  Adam  Smith  und
seiner  Schule  gepredigte  Nichteinmischung  der  Regierung  ohne  Berechtigung. ­
  Die  Gesellschaft  muß  im  Gegenteil  eingreifen,  den
individuellen  Initiativen  eine  Grenze  ziehen  und  ihre  Mißbräuche
korrigieren.  Sismondi  ist  so  der  erste  der  Interventionisten.
Nach  seiner  Ansicht  sollte  die  Tätigkeit  des  Staates  zunächst
—  auf  eine  Eindämmung  des  Überflusses  an  Produkten  hinzielen  und
die  zu  schnelle  Vermehrung  neuer  Erfindungen  hemmen.  Sismondi
träumt  von  einem  Fortschritt,  der  sich  in  langsamen  Etappen  vollzieht, ­
  ohne  jemanden  zu  schädigen,  ohne  irgendein  Einkommen  zu
verringern,  und  ohne  sogar  den  Zinsfuß  zu  senken 1 ).  Seine  Empfindsamkeit ­
  macht  ihn  furchtsam.  Seine  Gegner  lächeln  über  seine
Philanthropie.  Sogar  die  Saint-Simonisten,  die  doch  gewissen  Ansichten
Sismondi’s  sympathisch  gegenüberstanden,  werfen  ihm  vor,  „daß  ihn
seine  Philanthropie  in  die  Irre  führe“  2 ).  Dieser  Charakterzug  drückte
sich  sogar  in  seinen  Lebensgewohnheiten  aus:  „Er  hatte“,  so  erzählt
Saxnte-Beuve  3 )  „einen  Schlosser,  der  so  schlecht  und  so  ungeschickt
arbeitete,  daß  niemand  ihn  mehr  beschäftigen  wollte;  er  aber  behielt
l )  Sismondi  wendet  auf  das  Sinken  des  Zinsfußes  die  gleichen  Grundsätze  an,
wie  auf  das  Wachstum  der  Produktion  und  auf  die  Maschinen:  „Die  Vermehrung
der  Kapitalien  ist  nur  insoweit  wünschenswert  als  auch  die  Verwendung,  die  man
von  ihnen  machen  kann,  zur  gleichen  Zeit  größer  wird.  Jedesmal  nun,  daß  der
Zinsfuß  fällt,  ist  das  ein  sicheres  Zeichen,  daß  diese  Verwendung  proportional  zur
Menge  der  Kapitalien  geringer  wird,  und  dieses  Sinken  des  Zinses,  worin  stets  ein
Vorteil  für  irgend  jemanden  liegt,  ist  auch  stets  mit  Nachteil  für  einen  anderen  verbunden, ­
  sei  es  unter  den  Landsleuten,  deren  Einkünfte  sinken,  sei  es  unter  den  Ausländern, ­
  deren  Arbeit  es  unterbricht“  (N.  P.,  I,  S.  393).
3 )  Vgl.  die  Eevue  der  Saint-Simonisten;  Le  Producteur,  IV,  S.  557—558.
3 )  Sainte-Beuve,  Nouveaux  Lundis,  VI,  S.  81.
        <pb n="241" />
        Kapitel  I.  Sismondi  und  die  Ursprünge  der  kritischen  Schule.  219
ihn  bis  zum  Ende,  trotz  allen  Schadens,  um  ihn  nicht  auch  seinen
letzten  Kunden  verlieren  zu  lassen.“  Er  hätte  gewünscht,  daß  die
Gesellschaft  das  gleiche  mit  Hinsicht  auf  die  bedrohten,  alten  Industrien ­
  tue.  Er  vergleicht  die  Gesellschaft  mit  Gandalin,  dem
Zauberlehrling  des  Märchens,  der,  nachdem  er  durch  das  magische
Wort  den  automatischen  Wasserträger  herbeigerufen  hatte,  sieht,  wie
ein  Eimer  Wasser  nach  dem  anderen  das  Haus  überschwemmt,  ohne
doch  das  Wort  finden  zu  können,  mit  dem  er  ihm  Einhalt  gebieten
kann.  Anstatt  die  Produktion  zu  begünstigen,  sollte  die  Regierung
dem  „blinden  Eifer“  Einhalt  tun  1 ).  Er  fleht  die  Gelehrten  an,  mit
ihren  Erfindungen  langsamer  vorzugehen  und  sich  an  das  Wort  der
Ekonomisten  „laisser  faire,  laisser  passer“  —  gehen  lassen,  vorübergehen ­
  -  hinübergehen  -  lassen  —  zu  erinnern,  und  so  auch  „den
überflüssig  gewordenen  Generationen  Zeit  zu  lassen,  —  „vor  über  -
—  hinüberzugehen!“  Für  die  alte  Ordnung  der  Zünfte  und
der  Gilden  hat  er  eine  geheime  Sympathie;  wenn  er  sie  auch  als
mit  den  Interessen  der  Produktion  im  Gegensatz  stehend  verwirft,
so  fragt  er  doch,  ob  man  in  ihnen  nicht  eine  Lehre  finden  könne,
um  den  Mißbräuchen  der  Konkurrenz  einen  Zügel  anzulegen 3 ).
In  Wirklichkeit  scheint  Sismondi  nicht  zu  ahnen,  daß  die  Hemmungen, ­
  die  man  unter  dem  Vorwände,  sofort  eintretende  Leiden  zu
vermeiden,  der  Produktion  auferlegt,  den  Fortschritt  des  Wohlstandes
gerade  der  Klassen,  die  ihn  interessieren,  verlangsamen  würden.  Seine
Stellungnahme  kann  nur  in  einer  Weise  erklärt  werden;  durch  die
irrige  Überzeugung,  daß  zurzeit  schon  die  europäische  Produktion
genüge,  um  alle  Bedürfnisse  zu  befriedigen  3 ).  Niemals  hat  Sismondi
die  relative  Armut  der  industriellen  Gemeinschaften  geahnt,  die  auf
J--B.  Say  einen  so  lebhaften  Eindruck  machte.  Er  versteht  jedoch
sehr  gut,  daß  es  nicht  leicht  sein  wird,  die  Politik  der  Regierungen
in  diesem  Punkte  zu  beeinflussen,  und  seine  Hoffnungen  wenden  sich
nach  einer  anderen  Seite 4 ).
Da  in  der  Ungewißheit  des  Einkommens  und  dem  Fehlen  jeden
Eigentums  der  Arbeiterklasse  die  Hauptursachen  der  bestehenden  Übel
Degen,  so  müssen  sich  die  Bemühungen  der  Regierungen  nach  dieser
Richtung  hin  betätigen.
Das  erste  zu  verfolgende  Ziel  würde  daher  sein,  überall,  wo  es
Möglich  ist,  die  Arbeit  und  den  Besitz  zu  vereinigen.  Daher  empfiehlt ­
  Sismondi  in  der  Landwirtschaft  Rückkehr  zu  dem,  was  er  den
»patriarchalischen  Besitz“  nennt,  d.  h.  Vermehrung  der  Bauern,  die
*)  Etudes  sur  l’Economie  Politique,  I,  S.  60—61.
2 )  N-  P„  I,  S.  341  und  II,  S.  459.
3 )  N.  P„  II,  g.  415  und  435;  siehe  auch  Etudes,  I,  S.  25.
J )  N.  P.,  I,  S.  363.
        <pb n="242" />
        220

Zweites  Buch.  Die  Gegner.

auf  ihrem  eigenen  Grund  und  Boden  leben.  In  den  Neuen  Grundsätzen ­
  gibt  er  eine  berühmte  Beschreibung  des  Glücks  ihrer  Lage.
In  der  Industrie  möchte  er  den  unabhängigen  Handwerker  wieder
erstehen  sehen:  „Ich  wünsche,  daß  die  Industrie  in  den  Städten  wie
auf  dem  Lande  zwischen  einer  großen  Menge  von  unabhängigen
Werkstätten  verteilt,  und  nicht  unter  einem  einzigen  Herrn,  der
hunderten  und  tausenden  von  Arbeitern  befiehlt,  vereinigt  sei;  ich
wünsche,  daß  das  Fabrikeigentum  unter  einer  großen  Menge  von  mittleren ­
  Kapitalisten  verteilt  sei,  und  nicht  einem  einzigen  Herrn,  der
über  Millionen  gebietet,  gehöre;  ich  wünsche,  daß  der  Industriearbeiter
die  Aussicht,  fast  die  Sicherheit  vor  sich  habe,  Teilhaber  seines
Herren  werden  zu  können,  damit  er  sich  nur  verheiratet,  wenn  er
einen  Anteil  an  dem  Geschäft  besitzt,  anstatt,  wie  er  es  heute  tut,
ohne  jede  Zukunftshofinungen  zu  altern 1 ).“  Das  ist  das  Ziel.
Wo  aber  ist  der  Weg?  Hier  zeigt  Sismondi  eine  außerordentliche
Zaghaftigkeit.  Er  ruft  den  Gesetzgeber  zu  Hilfe,  aber  er  wagt  nicht,
ihm  den  Weg  zu  zeigen.  Er  fragt  sich  sogar  in  einem  Anfall  von
Skeptizismus  und  Mutlosigkeit,  ob  dies  möglich  ist.  Er  erklärt  sich
als  Gegner  des  Kommunismus,  —  er  weist  die  Utopien  Owen’s,
Thomson’s  und  Foüeiee’s  von  sich,  obwohl  er  die  Übereinstimmung
ihrer  Ziele  mit  dem,  dem  er  nachstrebt,  anerkennt.  Er  scheint  nicht
zu  verstehen,  „daß  diese  Zerstücklung“,  die  er  anpreist,  nicht
weniger  chimärisch  ist,  als  die  kommunistische  Utopie,  die  ihn  erschreckt. ­
  Das  System  Owen’s  weist  er  zurück,  weil  er  darin  „jene
Chimäre,  die  das  persönliche  Interesse  durch  das  der  Korporation
zu  ersetzen  sucht“  sieht;  er  hatte  aber  nicht  begriffen,  daß  es  sich
keineswegs  um  Korporation  handelte.  Es  ist  wahrscheinlich,
daß,  wenn  Sismondi  heute  lebte,  er  die  Kooperation  vorgeschlagen
haben  würde.
In  der  Zwischenzeit  aber,  bevor  die  Vereinigung  zwischen  Eigentum ­
  und  Arbeit  verwirklicht  werden  kann,  verlangt  Sismondi  schon
für  die  Gegenwart  gewisse  einfachere  Reformen,  die  bestimmt  sind,
den  drückendsten  Leiden  der  Arbeiterklasse  abzuhelfen.  Zunächst
wünscht  er,  daß  man  den  Arbeitern  das  Koalitionsrecht  zurückgebe,
oder  vielmehr  gewähre 2 ).  —  Weiterhin,  daß  man  die  Kinderarbeit
wie  die  Arbeit  am  Sonntag  verbiete,  und  daß  man  ebenfalls  die
Arbeitszeit  der  Erwachsenen  begrenze 3 ).  Dann  will  er,  daß  man
/  das,  was  er  „professionelle.  Garantien“  nennt,  schaffe,  nämlich  die
Verpflichtung  für  die  Arbeitgeber  (landwirtschaftliche,  wie  Fabrik-*)

  N.  P.,  II,  S.  865—366.
2 )  N.  P.,  II,  S.  451.
        <pb n="243" />
        Kapitel  I.  Sismondi  und  die  Ursprünge  der  kritischen  Schule.  221

arbeitgeber),  auf  ihre  Kosten  den  Arbeiter  während  der  Zeiten  der  f/
Krankheit,  der  Arbeitslosigkeit  und  des  Alters  zu  unterhalten.  Wenn
diese  Forderung  anerkannt  wäre,  würden  die  Arbeitgeber  kein  Interesse ­
  mehr  daran  haben,  den  Lohn  ihrer  Arbeiter  beständig  zu  verringern, ­
  —  oder  Maschinen  einzuführen,  oder  schließlich  die  Produktion ­
  ohne  Notwendigkeit  zu  vermehren.  Wenn  sie  für  das
Schicksal  ihrer  Arbeiter  verantwortlich  wären,  würden  sie  die
Wirkungen  in  Betracht  ziehen,  die  alle  Neuerungen,  die  sie  heute
nur  vom  Gesichtspunkt  ihres  Profites  aus  ins  Auge  fassen,  auf  das
Wohlsein  ihrer  Arbeiter  haben 1 ).  Man  könnte  versucht:  sein,  in
diesem  Vorschlag  eine  Vorahnung  der  großen  sozialen  Versicherungsgesetze ­
  zu  sehen,  die  die  europäischen  Staaten  seit  30  Jahren  bei
sich  eingeführt  haben.  Das  trifft  jedoch  nur  teilweise  zu/  Denn  für
Sismondi  ist  der  Arbeitgeber,  und  nicht  die  Gesellschaft,  derjenige,
der  diese  Lasten  zu  übernehmen  hat.  —  Das,  was  er  gerade  den
englischen  Unterstützungsgesetzen,  besonders  dem  berühmten  Armengesetz ­
  vorwirft,  ist,  daß  es  die  Löhne  erniedrigt  und  die  Gleichgültigkeit ­
  der  Arbeitgeber  erhöht,  indem  es  sich  an  die  Stelle  der
Hilfe  setzt,  die  sie  den  Arbeitern  leisten  sollten.
Im  ganzen  zeigt  die  Haltung  Sismondi’s  sowohl  in  seinen  Keformprojekten,
  wie  in  seiner  Kritik  der  Ökonomisten  jene  Zaghaftigkeit
und  jene  Unsicherheit,  die  sich  aus  einem  beständigen  Konflikt
zwischen  seinem  Verstände  und  seinem  Gefühle  ergaben.  Zu  intelligent, ­
  um  die  Wohltaten  der  neuen  industriellen  Ordnung  zu  übersehen, ­
  zu  feinfühlig,  um  nicht  von  gewissen  ihrer  traurigen  Folgen
berührt  zu  werden,  zu  konservativ  und  zu  weise,  um  eine  vollständige
Umwälzung  der  Gesellschaft  sich  vorstellen  zu  können,  —  steht  er
erstaunt  und  betrübt  über  die  Ohnmacht  des  Menschen  vor  dem
Übel.  Dazu  kommt,  daß  er  sich  nicht  stark  genug  fühlt,  das  Heilmittel ­
  zu  entdecken.  In  bescheidenen  und  zugleich  rührenden  Worten
gesteht  er  dies  selbst  ein.
„Ich  muß  zugeben,  daß  ich,  nachdem  ich  gezeigt  habe,  wo  meiner
Ansicht  nach  das  Prinzip  liegt,  und  wo  die  Gerechtigkeit,  nicht  die
Kraft  in  mir  fühle,  die  Mittel  zur  Abstellung  der  Übelstände  und
zur  Verwirklichung  eines  besseren  Zustandes  zu  finden.  Die  Verteilung ­
  der  Arbeitsfrüchte  zwischen  denen,  die  zu  ihrer  Erzeugung
beitragen,  erscheint  mir  voller  Fehler;  aber  ich  habe  den  Eindruck,
als  ob  es  fast  über  die  menschliche  Kraft  ginge,  sich  eine  Ordnung
des  Eigentums  vorzustellen,  die  von  der  uns  bekannten  völlig  verschieden ­
  sei.“  (Neue  Grundsätze,  II,  364.)

’)  N.  p.,  ii,  s.  661.
        <pb n="244" />
        222

Zweites  Buch.  Die  Gegner.

Es  ist  auffallend,  bei  Sismondx  schon  recht  entwickelte  Keime
verschiedener  Tendenzen  zu  sehen,  die  im  Laufe  des  19.  Jahrhunderts
eine  wachsende  Bedeutung  erlangen  sollten.  Er  ist  der  erste  Gegner,
den  die  klassische  Schule  auf  ihrem  Wege  fand,  und  er  faßt  schon
die  hauptsächlichsten  „Ketzereien“  zusammen,  gegen  die  sie  später
zu  kämpfen  hatte,  und  denen  sich  an  ihrer  Stelle  die  Gunst  der  öffentlichen ­
  Meinung  zu  wenden  sollte.  Ist  es  nun  das  Werk  Sismondi’s,
das  diese  neuen  Tendenzen  hervorgerufen  hat?  Es  erscheint  das
wenig  wahrscheinlich.  Sein  unmittelbarer  Einfluß  war  sehr  beschränkt ­
  ;  er  hat  sich,  wie  wir  bald  sehen  werden,  nur  auf  die  Sozialisten ­
  erstreckt.  Sein  Buch  ist  ziemlich  schnell  vergessen  worden,
bis  man  heute  von  neuem  seine  Bedeutung  begriffen  hat.  Es  würde
der  Wahrheit  näher  kommen,  wenn  man  sagte,  daß  im  Laufe  des
19.  Jahrhunderts  eine  Renaissance  und  eine  spontane  Entwicklung  der
Ideen,  die  sich  in  Sismondi  verkörpert  hatten,  eintrat.  Trotzdem
bleibt  er  aber  der  erste,  der  den  Mut  fand,  seine  Stimme  gegen  Prinzipien ­
  zu  erheben,  die  auf  dem  besten  Wege  waren,  Dogmen  zu  werden.
Als  der  erste  weist  er,  entgegen  der  herrschenden  Meinung  auf  Tatsachen ­
  hin,  die  nicht  mit  den  großen  und  einfachen  Generalisationen
seiner  Vorgänger  übereinstimmen.  Wenn  er  daher  nicht  das  Haupt
der  neuen  Schulen  geworden  ist,  die  entstehen  sollten,  so  war  er  doch
ihr  Vorläufer.  Sie  wie  er  werden  von  den  gleichen  Gefühlen  gelenkt.
Beide  formulieren  die  gleichen  Gedanken.
Was  zunächst  die  Methode  anlangt,  so  nimmt  er  die  Anschauungen
der  historischen  Schule  vorweg.  Seine  Definition  der  Nationalökonomik ­
  als  einer  „Geschichtsphilosophie“  l )  gelangte  erst  zur  Herrschaft ­
  als  Eoschee,  Knies  und  Hildebeand  sie  wieder  aufgriffen.
Sein  Hinweis  auf  die  Notwendigkeit  der  Beobachtung  der  Tatsachen,
seine  Kritik  der  deduktiven  Methode  und  vorschneller  Verallgemeinerungen ­
  werden  von  Le  Play  in  Frankreich,  Schmollee  in  Deutschland, ­
  Clieee  Lbslie  und  Toynbee  in  England  wieder  aufgenommen.
Die  Gründer  der  deutschen  historischen  Schule,  die  über  ausländische
Schriftsteller  ziemlich  schlecht  unterrichtet  gewesen  sind,  haben  ihn
als  einen  Sozialisten  angesprochenAber  die  heutige  historische
Schule  wird  seinen  Gedanken  gerechter  und  sieht  in  ihm  einen  ihren
ersten  Vertreter.
Seine  Betonung  des  Gefühls,  seine  Sympathie  für  die  Arbeiterklassen ­
  und  seine  Kritik  der  industriellen  Ordnung,  des  Maschinenwesens, ­
  der  Konkurrenz  und  des  als  alleinigen  wirtschaftlichen
Faktors  betrachteten  persönlichen  Interesses  läßt  schon  die  heftige,

J )  Siehe  oben,  S.  198,  Anna.  8.
2 )  Eigentümlicherweise  reiht  ihn  Knies  unter  die  Sozialisten  ein.
        <pb n="245" />
        Kapitel  I.  Sismondi  und  die  Ursprünge  der  kritischen  Schule.

223

gefühlsmäßige  Reaktion  ahnen,  die  gegen  den  kalten  Gleichmut  der
orthodoxen  Nationalökonomie  einsetzeu  sollte.  Man  glaubt  in  ihm  die
Stimme  eines  Euskin,  eines  Caeltle  und  aller  jener  Christlich-Sozialen
  zu  hören,  die  im  Namen  der  christlichen  Liebe  und  der
menschlichen  Gemeinbürgschaft  gegen  die  sozialen  Folgen  der  großen
Industrie  Protest  erhebt.  Wie  Sismondi  so  lehnt  sich  auch  der
christliche  Sozialismus  nicht  gegen  die  Nationalökonomie  selbst  auf,
sondern  vielmehr  gegen  die  satten,  bürgerlichen  Tendenzen  und
gegen  die  zu  leicht  zufriedengestellte  Gleichgültigkeit  jener,  die  ihr
auhängen.  Er  erhebt  einen  Tendenzprozeß,  weniger  gegen  die  Wissenschaft ­
  als  gegen  ihre  offiziellen  Vertreter  und  gegen  die  Gesellschaft,
die  sich  ihrer  bedient,  um  ihren  Egoismus  zu  rechtfertigen.
Weiterhin  eröffnet  Sismondi  mit  seinem  Ruf  nach  der  Einmischung
des  Staates  die  Reaktion  gegen  den  absoluten  Liberalismus,  eine  Reaktion, ­
  die  im  Laufe  des  19.  Jahrhunderts  beständig  größer  wird,  und
die  ihren  entschiedensten  Ausdruck  in  dem  Kathedersozialismus  und
dem  Staatssozialismus  findet.  Als  erster  in  Frankreich  ver-  J
langt  er  eine  Arbeitergesetzgebung  und  sucht  der  Regierung  einen
Platz  in  der  Leitung  der  wirtschaftlichen  Angelegenheiten  des  Landes
zu  verschaffen.  Nach  ihm  tritt  die  Unmöglichkeit  einer  vollständigen
Abdankung  des  Staates  von  Tag  zu  Tag  klarer  hervor.  Aber  Sismondi ­
  drückt  hier  mehr  eine  Hoffnung,  einen  Wunsch  aus,  als  daß
er  einen  wirklichen  Aktionsplan  entwirft.
In  drei  verschiedenen  Richtungen  lösen  daher  die  Vorschläge
Sismondi’s  drei  starke  Strömungen  der  öffentlichen  Meinung  aus,  und
es  ist  nicht  weiter  erstaunlich,  daß  das  Interesse  für  das  Werk  Sismondi’s ­
  in  dem  Maße  gewachsen  ist,  wie  diese  neuen  Tendenzen,  die
er  voraussah,  sich  mit  größerer  Kraft  entwickelt  haben.
Sein  unmittelbarer  Einfluß  auf  die  zeitgenössischen  Nationalökonomen ­
  war  dagegen  ziemlich  gering.  Einige  unter  ihnen  lassen
sich  durch  die  Warmherzigkeit  seiner  Ausführungen  gewinnen,  durch
seine  Güte  für  die  Schwachen,  durch  sein  Mitleid  mit  der  Arbeiterklasse, ­
  ohne  aber  jemals  hierin  einen  genügenden  Grund  zu  sehen,
fien  klassischen  Liberalismus  zu  verwerfen.  Blanqui  im  besonderen
gibt  zu,  daß  die  Starrheit  der  Grundsätze  des  laisser-faire  gemildert
werden  könne J ).  Theodoee  Fix  und  Dkoz 2 )  scheinen  für  einen
')  A.  Blanqui  erklärt  in  seiner  Histoire  de  l’Economie  Politique  en
Europe  (1837),  sich  der  „modernen  Schule“  zuzählen  zu  wollen,  die  er  wie  folgt
charakterisiert:  „Sie  will  die  Produktion  nicht  als  eine  Abstraktion  betrachten,  die
mit  dem  Schicksal  der  Arbeiter  nichts  zu  tun  hat;  es  genügt  ihr  nicht,  daß  Güter
geschaffen,  sondern  sie  müssen  in  gerechter  Gleichmäßigkeit  verteilt  werden.“  (Einl.,
3-  Ausg.,  S.  XXI.)
2 )  Dnoz  (1773—1850)  veröffentlichte  im  Jahr  1829  eine  Economic  politique
ou  Principes  de  la  Science  des  richesses,  in  der  sieh  die  berühmt  gewordene
        <pb n="246" />
        224

Zweites  Buch.  Die  Gegner.

Augenblick  auf  seine  Seite  hinüber  gezogen  worden  zu  sein,  und
Sismondi  konnte  einen  Moment  glauben,  daß  die  Revue  me  usuelle
d’Economie  Politique,  die  von  Fix  im  Jahre  1833  gegründet
worden  war,  seine  Gedanken  verteidigen  würde,  aber  die  Revue
stellte  sehr  bald  ihr  Erscheinen  ein  und  war  noch  vor  ihrem  Ende
zur  „Orthodoxie“  übergegaugen.  Nur  ein  einziger  Schriftsteller,
Bubet,  nennt  sich  in  seinem  Werk  über  „das  Elend  der  Arbeiterklassen ­
  in  Frankreich  und  England“ 1 )  geradezu  einen
Schüler  Sismondi’s  und  ist  es  tatsächlich  gewesen.  Diesen  Schriftstellern ­
  sollte  man  noch  Villeneuve-Baegemont  anfügen,  den  Verfasser ­
  einer  christlichen  Nationalökonomie  (Economic  politique ­
  chretienne),  in  drei  Bänden,  die  1834  herauskam,  und  in  der  er
sich  stark  an  Sismondi  anlehnt.
Dagegen  ist  Sismondi,  obschon  er  nicht  selbst  Sozialist  war,  viel
von  Sozialisten  gelesen  und  beachtet  worden.  Bei  ihnen  findet  man
seinen  Einfluß  am  ausgeprägtesten.  Das  ist  nichts  Erstaunliches.
Stellt  nicht  der  ganze  kritische  Teil  seines  Werkes  die  wuchtigste
aller  Anklagen  gegen  die  Konkurrenz  und  die  Ungleichheit  der  Vermögen ­
  vor?  Louis  Blanc  hat  ihn  gelesen  und  entnimmt  ihm  mehr
als  ein  Argument  gegen  die  Konkurrenz.  Noch  mehr  als  Louis  Blanc
haben  die  beiden  deutschen  Sozialisten,  Rodbeetus  und  Marx,  aus
seinem  Buche  geschöpft.  Rodbeetus  entlehnt  ihm  seine  Krisentheorie
und  den  Gedanken,  daß  der  soziale  Fortschritt  nur  den  besitzenden
Klassen  Gewinn  bringt.  Maex  verdankt  ihm  noch  mehr,  und  während
Rodbeetus  ihn  zitiert,  aber  ihn  nicht  nennt,  zögert  Maex  nicht,  ihm
im  kommunistischen  Manifeste  (§  60  u.  61)  Gerechtigkeit  widerfahren
zu  lassen,  indem  er  selbst  auf  alles  das  hinweist,  was  er  seiner  durchdringenden ­
  Analyse  verdankt.  Von  allen  Gedanken,  die  er  ihm  entnimmt, ­
  ist  der  wichtigste  der  von  der  Konzentration  des  Reichtums
in  den  Händen  einer  kleinen  Anzahl  von  Besitzenden  und  von  der
wachsenden  Proletarisierung  der  Arbeitermassen.  Diese  Auffassung
ist  die  Grundlage  des  kommunistischen  Manifestes,  und  auf  ihr  beruht
der  marxistische  Kollektivismus.  Wie  wir  gesehen  haben,  stammt
diese  Auffassung  von  Sismondi.  Wir  glauben  aber  nicht,  daß  Maex
den  Gedanken  über  die  Ausbeutung  des  Arbeiters  durch  den  Kapitalisten ­
  Sismondi  entlehnt  hat.  Wenn  er  weiterhin  ihm  nicht  den
Begriff  des  Mehrwertes  verdankt,  so  hat  er  doch  bei  ihm  zum  wenigsten
den  Keim  der  Erklärung,  die  er  dafür  gibt,  gefunden.  Wie  bekannt,
Stelle  findet:  „Wenn  man  gewisse  Volkswirtschaftler  liest,  so  möchte  man  fast
glauben,  daß  die  Produkte  nicht  um  der  Menschen  willen  gemacht  werden,  sondern
daß  die  Menschen  um  der  Produkte  willen  da  sind.“
‘)  Paris,  1841,  La  misere  des  classes  laborieuses  en  France  et  en
Angleterre,  2  Bände.  Buhet  starb  1842,  82  Jahre  alt.
        <pb n="247" />
        Kapitel  II.  Saint-Simon,  die  Saint-Simonisten  u.  d.  Ursprung  des  Kollektivismus.  225

erklärt  Maex  den  Gewinn,  indem  er  sagt,  daß  der  Arbeiter  nicht
seine  Arbeit,  sondern  seine  Arbeitskraft  verkauft.  Sismondi  wiederholt ­
  an  vielen  Stellen,  daß  der  Arbeiter  sein  „Arbeitsvermögen“,
„sein  Leben“  verkauft;  er  sagt  an  einer  bestimmten  Stelle,  daß  dieses
„Arbeitsvermögen“  („puissance  de  travail“)  es  ist,  das  nachgefragt
wird  (II,  257).  Allerdings  zieht  Sismondi  aus  diesen  Ausdrücken
keinen  bestimmten  Schluß.  Sie  haben  jedoch  vielleicht  Maex  zu  dem
seinigen  bringen  können.
Mehr  als  ein  Sozialist  führt  heute,  ohne  es  zu  sagen  (und  vielleicht ­
  ohne  es  zu  wissen),  die  Gründe  an,  die  Sismondi  als  der  erste
angab,  um  das  Mitleid  seiner  Zeitgenossen  zu  erregen.

Kapitel  II.
Saint-Simon,  die  Saint-Simonisten  und  der  Ursprung
des  Kollektivismus.
Durch  Sismondi,  der  die  Nationalökonomie  durch  die  Sozialpolitik
ergänzte,  war  der  Kreis,  den  die  Gründer  der  AVissenschaft  gezogen
hatten,  schon  bedeutend  erweitert  worden.  Wenn  er  auch  der  Güterverteilung ­
  den  ersten  Platz  in  seinen  Untersuchungen  einräumte,  so
richtete  sich  seine  Kritik  doch  nocli  nicht  gegen  die  Grundeinrichtung
  der  modernen  Gesellschaft:  gegen  das  Privateigentum.  Er  sieht
es  als  notwendig  und  gerechtfertigt  an.  Was  die  englischen  und
französischen  Nationalökonomen  anlaugt,  so  haben  sie  es  stets  als
einen  Bereich  für  sich  betrachtet,  als  eine  so  unbestreitbare  und  unvermeidliche ­
  Tatsache,  daß  sie  in  ihm  die  Grundbedingung  aller  ihrer
Theorien  erblickten.
Jetzt  treten  plötzlich  Schriftsteller  auf,  die  ausdrücklich  jede
Verwechslung  mit  den  früheren  Kommunisten  zurückweisen,  die  weder
die  Gleichheit  der  Bedürfnisse,  noch  die  der  Fähigkeiten  annehmen,
die  mit  den  „Ekonomisten“  das  Maximum  der  Produktion  als  den
Zweck  der  wirtschaftlichen  Organisation  aufstellen,  —  und  die  trotzdem ­
  die  Hände  an  die  heilige  Bundeslade  legen  und  das  Eigentum
mit  der  äußersten  Energie  angreifen,  die  sich  auf  dieses  bis  dahin
sorgfältig  umhegte  Gelände  wagen,  und  die  dies  mit  einer  solchen
Kühnheit  und  einer  solchen  Kraft  tun,  daß  ihr  System  schon  fast
alle  die  Ideen  und  alle  die  Formeln  enthält,  die  später  in  der  sozialistischen ­
  Literatur  des  19.  Jahrhunderts  Gemeinplätze  werden  sollten.
Olde  und  Rist,  Gesch.  d.  Volkswirtschaft!.  Lehrmeinungen.  15
        <pb n="248" />
        226

Zweites  Buch.  Die  Gegner.

Mit  einem  äußerst  klaren  Begriff  des  zu  verfolgenden  Zieles  untersuchen ­
  sie  das  Eigentum  in  seinen  Wirkungen  auf  die  Güterverteilung
  und  Gütererzeugung,  sowie  in  seiner  historischen  Entwicklung,  —
und  sie  kommen  zu  dem  Schluß,  daß  seine  Abschaffung  das  beste
Mittel  sei,  die  wissenschaftliche  und  industrielle  Organisation  der
modernen  Gesellschaft  zu  ihrer  höchsten  Vollkommenheit  zu  bringen.
Diese  Bewegung  ist  in  der  Geschichte  der  volkswirtschaftlichen  Doktrinen ­
  eine  der  bedeutendsten.  Die  Frage  des  Eigentums  wird  aufgeworfen. ­
  Von  nun  ab  hört  sie  nicht  auf,  auf  der  Tagesordnung  der
Wissenschaft  zu  stehen 1 ).
*)  Es  liegt  außerhalb  des  Planes,  den  wir  uns  gesteckt  haben,  den  Sozialismus
der  Zeit  vor  dem  19.  Jahrhundert  zu  besprechen.  Jedoch  ist  die  Präge,  ob  die
französische  Kevolution  von  1789  sozialistisch  gewesen  ist,  oder  ob  sie  nur  ganz
einfach  „bürgerlich“  war,  wie  es  die  Sozialisten  von  heute  behaupten,  zu  oft  aufgeworfen ­
  worden,  als  daß  wir  sie  vollständig  mit  Stillschweigen  übergehen  könnten.
Es  unterliegt  keinem  Zweifel,  daß  auch  die  am  weitesten  fortgeschrittenen
Männer  der  Revolution  bei  jeder  Gelegenheit  ihre  Achtung  des  Eigentums  betont
haben.  Sogar  Mahat  hat  gegen  die  Unterstellung  protestiert,  das  Land-Gesetz  (la  Loi
agraire)  predigen  zu  wollen,  eine  Lehre,  die  er  „verderblich  und  zerstörend“  nennt.
Die  große  Konfiskation  der  Kirchengüter  und  der  Besitzungen  der  emigrierten
Adligen  war  eine  politische  Maßnahme  und  hatte  durchaus  nichts  mit  den  wirtschaftlichen ­
  Prinzipien  zu  tun.  Sie  gleicht  völlig  so  vielen  anderen  geschichtlichen
Konfiskationen,  die  in  keiner  Weise  auf  sozialistischen  Beweggründen  beruhten,  wie
die  der  Juden,  der  Templer,  der  Hugenotten,  der  Irländer  usw.  Ganz  im  Gegensatz
dazu  wurde  die  Konfiskation  der  Liegenschaften  (biens  de  fondations)  d.  h.  der  Besitz
rein  abstrakter  Personen,  als  eine  Maßnahme  zur  Verteidigung  des  individuellen  und
wirklichen  Eigentums  dargestellt,  die  sich  gegen  das  Überhandnehmen  des  Fiktiv-Eigentums,
  des  Eigentums  der  toten  Hand,  richtete.  Bei  der  Abschaffung  der  feudalen
Rechte  unterschied  man  mit  großer  Sorgfalt  die  Rechte,  die  auf  der  Souveränität
beruhten  (Hoheitsrechte),  die  abgeschafft  werden  sollten,  von  denen,  die  auf  dem
Besitz  beruhten  und  geachtet  werden  mußten,  oder  für  die  man  -wenigstens  das  Recht
auf  Entschädigung  zugestand.  Allerdings  blieb  in  der  Ausführung  nicht  viel  von
dieser  Unterscheidung  übrig;  das  Elend  der  damaligen  Zeit,  der  Zusammenbruch  der
Assignaten,  der  Bankerott  der  Rente  ruinierten  zahllose  Existenzen,  aber  die  Absicht,
das  Eigentum  zu  achten,  bleibt  deshalb  nicht  weniger  unbestreitbar.  Anscheinend
haben  in  dieser  Hinsicht  die  Männer  der  Revolution  unter  dem  Einfluß  der  Physiokraten
  gestanden,  deren  Kultus  des  Eigentums  wir  kennen.  Sollte  man  nicht  glauben,
daß  der  17.  Artikel  der  „Declaration  des  Droits  de  l’Homme“  aus  der  Feder  eines
Physiokraten  stamme:  „Das  Eigentum  ist  ein  unverletzliches  und  heiliges  Recht!“
Es  ist  jedoch  wahr,  daß  auch  Rousseau  den  gleichen  Gedanken  in  seinem  Aufsatz
über  Economie  Politique  Ausdruck  gegeben  hatte,  als  er  schrieb;  „Das  Eigentumsrecht ­
  ist  das  heiligste  aller  bürgerlichen  Rechte.“
Aber  nicht  nur  in  Hinsicht  auf  die  Präge  des  Eigentums  hat  sich  die  Revolution
von  1789  anti-sozialistisch  gezeigt.  Sie  war  es  auch  in  dem  Sinne,  daß  sie  nicht
an  den  Klassenkampf  gedacht  hat,  und  ebensowenig  an  einen  Interessengegensatz
zwischen  Proletariern  und  Kapitalisten,  sondern  nur  Bürger  kennen  wollte,  die  alle
gleich,  alle  gleichberechtigt,  alle  Brüder  wären.
Diejenigen  aber,  die  sich  heute  am  heftigsten  auf  den  Geist  der  Revolution  berufen, ­
  möchten  nicht,  daß  diese  Feststellungen  sie  in  irgend  etwas  verkleinere.  Daher
        <pb n="249" />
        Kapitel  II.  Saint-Simon,  die  Saint-Simonisten  u.  d.  Ursprung  des  Kollektivismus.  227

Nicht,  daß  sie  bisher  noch  nicht  erörtert  worden  wäre.  Die
kommunistischen  Utopien,  seit  Plato  und  Monns  bis  zu  den  egalitären ­
  Schriftstellern  des  18.  Jahrhunderts,  Mably,  Moeblly,  Godwin,
Babeuf,  beruhen  alle  auf  einer  Kritik  des  Eigentums.  Aber  alle
diese  Schriftsteller  haben  sich  mehr  auf  den  Gesichtspunkt  der  Moral,
als  auf  den  der  Volkswirtschaft  gestellt :t ).  Der  kennzeichnende  Zug
bemühen  sie  sich  auch,  naohzuweisen,  daß  sie  trotzdem  nicht  so  konservativ,  noch  so
individualistisch  gewesen  sei,  wie  man  sagt;  so  entdecken  sie  hier  und  da,  allerdings
nach  vielem  Suchen,  einige  sozialistische  Kundgebungen  in  den  Dekreten  über  den
Höchstpreis  der  Lebensmittel,  wie  in  dem  über  die  Verpflegung  (deoret  de  Maximum,
decret  de  rationnement)  usw.,  gewöhnlich  begnügen  sie  sich  aber  damit,  mildernde
Umstände  anzuführen.  „Wie  sollte  man  dazu  gekommen  sein,  am  Ende  des  18.  Jahrhunderts ­
  Probleme  zu  lösen,  die  erst  ein  halbes  Jahrhundert  später,  infolge  der  Umformung ­
  der  Industrie  sich  einstellten,  Probleme,  die  sich  aus  den  neuen  Bedingungen
des  Kapitals  und  des  Lohnsystems  ergaben?  Würde  es  nicht  für  die  Männer  von  1789
und  1793  ein  sinnloses  Unternehmen  gewesen  sein,  sie  im  Voraus  regeln  zu  wollen?“
(Aulahd,  Ansprache  an  die  Studenten,  21.  April  1893).  Vgl.  auch  im  Kapitel  VIII
seiner  Histoire  politique  de  la  Revolution  (Paris,  1901)  den  Absatz  über:
Sozialismus.
Wie  man  weiß,  gab  es  jedoch  während  der  Revolution  eine  kommunistischsozialistische ­
  Lehre  und  sogar  eine  kommunistisch-sozialistische  Verschwörung,  die
des  Francois  Babeuf.  Aber  die  Ausnahme  bestätigt  hier  die  Regel,  denn  Babeuf,
obgleich  er  sich  selbst  den  damals  sympathischen  Namen  Cajus  Gracchus  beigelegt
hatte,  fand  unter  den  Männern  der  Konvention,  sogar  unter  denen  des  Berges,  keine
Anhänger,  so  daß  er  unter  dem  Direotoire  verurteilt  und  hingerichtet  wurde.  Diese
Verschwörung  Babedf’s  ist  gerade  deshalb  interessant,  weil  sie  wie  eine  Art  zu  früh
gekommenen  Protestes  des  revolutionären  Sozialismus  gegen  die  bürgerliche  Revolution
erscheint.  Vgl.  Aülahd  (op.  eit.)  S.  627  u.  ff.
J )  Ohne  von  den  berühmten  Utopien  Plato’s,  Thomas  Morus’  oder  Campanella’s
zu  sprechen,  haben  doch  eine  Reihe  Schriftsteller,  die  Lichtenberoer  eingehend
studiert  hat,  diese  Kritik  im  18.  Jahrhundert  unternommen.  Mobelly,  Mably,  Brissot
und  der  Cure  Mesmer  in  Frankreich,  Godwin  in  England  haben  energisch  gegen  das
Eigentum  Protest  erhoben.  Ihre  Theorien  sind  alle  von  Gkacchus-Babeuf  zusammengefaßt ­
  worden,  der  1796  das  Verbrechen,  die  Verwirklichung  der  Societe  des  Bgaux
angestrebt  zu  haben,  mit  dem  Tode  sühnte.  Aber  nicht  ihnen  haben  die  Saint-Simonisten
ihre  Gedanken  entnommen.  Der  Sozialismus  des  18.  Jahrhunderts  beruht  im  wesentlichen ­
  auf  dem  Gleichheitsgedanken;  was  ihn  am  meisten  entrüstet,  sind  die  Ungleichheiten ­
  der  Annehmlichkeiten  und  des  Wohlstandes  und  die  sozialen  Unterschiede,  für
die  er  das  Eigentum  verantwortlich  macht.  „Da  Alle  die  gleichen  Bedürfnisse  und
die  gleichen  Fähigkeiten  haben,  so  solle  es  auch  für  Alle  nur  eine  einzige  Erziehung,
eine  einzige  Nahrung  geben,“  sagt  das  Manifest  der  Gleichen  (manifeste  des
Egaux).  Die  Saint-Simonisten  geben  aber  weder  die  Gleichheit  der  Bedürfnisse  und
noch  weniger  die  der  Fähigkeiten  zu,  und  sie  wenden  sich  ganz  besonders  gegen
jede  Verwechslung  oder  Vermengung  mit  den  Anhängern  des  Landgesetzes  (Loi
^graire),  d.  h.  den  Babouvisten.  Ihr  Sozialismus,  der  sieh  auf  das  Recht  an  dem
integralen  Erzeugnis  der  Arbeit  gründet,  der  die  Entlohnung  in  Übereinstimmung
mit  den  Fähigkeiten  bringen  will,  ist  weder  gleichheitstrunken  noch  gieichmachend.
Was  die  sozialistischen  Ideen  ihrer  Zeitgenossen  anlangt,  die  eines  Fourier  in
b  rankreich,  eines  Thompson  und  Owen  in  England,  so  scheinen  sie  sie  nicht  gekannt
zu  bähen.  Enpantin  hat  die  Bücher  Fouribr’s  erst  ziemlich  spät  gelesen,  als  seine
15*
        <pb n="250" />
        228

Zweites  Buch.  Die  Gegner.

des  Saint-Simonismus  besteht  darin,  daß  er  von  der  wirtschaftlichen
und  politischen  Revolution  unmittelbar  abstammt,  die  Frankreich  und
Europa  am  Ende  des  18.  und  am  Anfang  des  19.  Jahrhunderts  erschütterte. ­
  Der  Saint-Simonistische  Sozialismus  drückt  keine  nnbe-,
  stimmte  Hoffnung  auf  eine  primitive  und  chimärische  Gleichheit  ans;
er  ist  im  Gegenteil  der  Ausdruck  eines  jugendlichen  Enthusiasmus
für  die  neue  industrielle  Ordnung,  die  aus  den  mechanischen  Erfindungen ­
  und  den  wissenschaftlichen  Entdeckungen  geboren  ist.  Er
behauptet,  den  modernen  Geist  in  seinen  grandiosesten  Gedanken  zu
vertreten.  Er  drückt  all  die  großherzigen  Zukunftshotfnungen  der
neuen  bürgerlichen  Klassen  aus,  die  durch  die  Revolution  von  der
Vormundschaft  des  Adels  und  der  Geistlichkeit  befreit  worden  waren,
und  die  die  reaktionäre  Politik  der  Restauration  in  ihrem  Vormarsch
bedroht.  Nur  geht  er  über  den  intellektuellen  Horizont  des  liberalen
Bürgertums  hinaus.  Er  ahnt  schon  die  Rolle,  die  in  der  Zukunft  die
Arbeiterklassen  spielen  können,  und  bereitet  sich  darauf  vor,  sie  zu
führen.  Plr  wendet  sich  jedoch  hauptsächlich  an  die  kultivierten
Klassen,  an  die  Ingenieure,  die  Bankiers,  die  Künstler  und  die  Gelehrten. ­
  Diesen  meistens  aus  den  begüterten  Klassen  hervorgegangenen
Männern  predigt  der  Saint-Simonismus  den  Kollektivismus  und  die
Abschaffung  des  Erbrechtes  als  das  sicherste  Mittel,  eine  neue  Gesellschaft ­
  zu  gründen,  die  sich  auf  die  Wissenschaft  und  die  Industrie ­
  aufbaut.  Hierauf  beruht  das  Aufsehen,  das  seine  Ideen
erregten.
Wenn  mau  sich  bemüht,  seinen  Anfängen  nachzugehen,  so  kommt
man  dazu,  in  dem  Saint-Simonismus  mehr  eine  unerwartete  eigeneigene ­

  wirtschaftliche  Lehre  schon  abgeschlossen  war.  Weder  'Saint-Simon,  noch
Bazard  kennen  Foubibr’s  Schriften.  Wahrscheinlich  war  es  um  1829,  daß  Eneantin
Kenntnis  von  Eoukier’s  Werken  erhielt,  aus  denen  er  nur  das  nahm,  was  die  freie
Liebe  und  die  Theorie  der  Leidenschaften  betraf.  Daher  sagt  Bouegin:  „Wenn
Fourier  zu  etwas  gedient  hat,  so  war  es  dazu,  die  Auflösung  des  Saint-Simonismus
zu  beschleunigen.“  (H.  Bouegin:  Fourier,  S.  419,  Paris,  1905.)
Was  die  englischen  Sozialisten  anlangt,  so  erwähnen  die  Saint-Simonisten  sie
nie.  Der  Gedanke,  daß  die  Arbeit  allein  den  AVert  begründe,  eine  Idee  Eicahdo’s,
die  den  Theorien  Thompson’s  und  Owen’s,  wie  später  der  von  Marx  als  Grundlage
dient,  bleibt  ihnen  vollständig  fremd.  Sie  hielten  die  Begriffe  „Wert,  Preis,  Produktion, ­
  die  keine  grundlegende  Idee  über  die  Zusammensetzung  oder  die  Organisation
der  Gesellschaft  erfordern“,  für  „belanglose  Einzelheiten“  (Producteur,  Bd.  IV,
8.  388).  Ihre  Lehre  ist  vor  allem  sozial,  und  nur  nebenbei  streifen  sie  die  eigentliche
Nationalökonomie.  Enfantin  unterläßt  es  nie,  Quesnay  und  seine  Schule  sorgfältig
von  Smith  und  Say  zu  trennen.  In  seinen  Augen  hat  der  erste  seinen  Arbeiten
einen  sozialen  Charakter  gegeben,  den  die  Ekonomisten  zu  Unrecht  vernachlässigt
haben.  A.  Comte  kritisiert  später  die  Volkswirtschaft  in  fast  gleichen  Ausdrücken
im  IY.  Bande  seines  Cours  de  Philosophie  Positive,  und  hierin  liegt  unter
vielem  anderen  ein  weiterer  Beweis  für  das,  was  er  dem  Saint-Simonismus  verdankt.
        <pb n="251" />
        Kapitel  II.  Saint-Simon,  die  Saint-Simonisten  u.  d.  Ursprung  des  Kollektivismus.  229

tümliche  Fortsetzung  des  wirtschaftlichen  Liberalismus  zu  sehen,  als
einen  Spätling  alter  sozialistischer  Auffassungen.
Man  muß  in  der  Tat  in  dem,  was  mit  dem  Namen  Saint-Simonismus ­
  bezeichnet  wird,  zwei  aufeinanderfolgende  Doktrinen  unterscheiden; ­
  die  eine  ist  die  Saint-Simon’s,  die  andere  die  seiner  Schüler,
der  Saint-Simonisten.  Die  erste  ist  ein  einfacher  „Industrialismus“,
dem  der  Sozialismus  gewisse  Züge  entlehnen  wird,  der  sich  aber  hauptsächlich ­
  an  den  ökonomischen  Liberalismus  anschließt,  dessen  etwas
übertriebene  Form  er  ist.  Nur  die  Lehre  der  Schüler  verdient  den
Namen  Kollektivismus.  Dennoch  ist  sie  die  logische  Folge  aus  den
Grundsätzen  des  Meisters,  die  sie  nur  fortsetzt  und  erweitert.  Für
die  Geschichte  der  wirtschaftlichen  Gedanken  ist  vielleicht  die  Theorie
der  Schüler  die  wichtigere.  Sie  bleibt  jedoch  unverständlich,  wenn
man  keine  Kenntnis  von  der  Saint-Simon’s  hat.  Wir  werden  daher
zunächst  diese  darlegen,  indem  wir  die  Beziehungen  nachweisen,  die,
wenn  auch  in  eigentümlicher  Weise,  so  doch  ganz  bestimmt  den
Sozialismus  Saint-Simon’s  mit  dem  ökonomischen  Liberalismus  verbinden. ­


§  1.  Saint-Simon  und  der  Industrialismus.
Saint-Simon  war  ein  Grand-Seigneur,  dessen  Leben  unter  vielen
Abenteuern  und  ohne  Ordnung  verlief.  Mit  16  Jahren  nimmt  er  an
dem  amerikanischen  Unabhängigkeitskriege  teil.  Unter  der  Revolution ­
  legt  er  seinen  Adelstitel  ab  und  stellt  durch  glückliche  Spekulationen ­
  mit  den  Nationalgütern  sein  zerrüttetes  Vermögen  wieder
her.  Als  verdächtig  in  Sainte  Pelagie  eingekerkert,  durch  den
9-  Thermidor  wieder  befreit,  beschäftigt  er  sich  von  da  an  zur  gleichen
Zeit  mit  geschäftlichen  Unternehmungen,  mit  Reisen,  mit  Vergnügungen
und,  wenn  auch  nur  oberflächlich,  mit  wissenschaftlichen  Studien.  \  on
diesem  Augenblicke  an  betrachtet  er  sich  als  eine  Art  Messias 1 ).
Die  Geburt  der  neuen  Gesellschaft,  der  er  beiwohnte,  machte  einen
tiefen  Eindruck  auf  ihn,  dieser  Gesellschaft,  in  der  die  moralischen,
Politischen  und  materiellen  Bedingungen  plötzlich  umgestürzt  zu  sein
schienen,  und  aus  der  sogar  die  alten  Religionen  verschwunden
Waren,  ohne  das  etwas  Neues  an  ihre  Stelle  trat.  .  Er  träumt  davon,
ihr  ein  neues  Evangelium  zu  bringen.  Am  4.  Messidor  des  Jahres  VI
nift  er  „die  mit  ihm  verbundenen  Kapitalisten  zusammen,  predigt
ihnen  die  Notwendigkeit,  die  Moral  zu  erneuern  und  regt  die

')  Vgl.  im  besonderen:  Dumas,  Psychologie  des  deux  Messies  positivstes, ­
  Saint-Simon  etA.  Comte  (Paris,  1905)  und,  soweit  biographische  Einzelheiten ­
  in  Betracht  kommen;  Weil,  Saint-Simon  et  son  oeuvre  (1894).
        <pb n="252" />
        230

Zweites  Buch.  Die  Gegner.

Schaffung  einer  riesigen  Bank  an,  deren  Einkommen  dazu  dienen
soll,  der  Menschheit  nützliche  Arbeiten  ausznführen“.  So  verbinden
sich  bei  ihm  schon  philosophische  und  industrielle  Gedanken 1 ).  Eine
schnell  wieder  geschiedene  Ehe  und  unmäßige  Verschwendung  stürzen
ihn  aufs  neue  ins  Elend.  Im  Jahr  1805  von  einem  alten  Diener
aufgenommen,  lebt  er  nach  dessen  Tode  bald  von  einer  bescheidenen
Pension,  die  ihm  seine  Familie  zahlt,  bald  von  der  Unterstützung
einiger  Industrieller.  Trotzdem  ist  er  so  unglücklich,  daß  er  sich  im
Jahr  1823  das  Leben  zu  nehmen  versucht.  Dieser  Versuch  schlägt
fehl,  und  er  findet  endlich  dank  dem  Bankier  Olinde  Eodeigues
materielle  Sicherheit,  bis  er  im  Jahr  1825,  in  seinen  letzten  Augenblicken ­
  von  einigen  Schülern  umgeben,  stirbt.  Während  aller  dieser
Jahre  von  dem  Drange  beseelt,  dem  neuen  Jahrhundert  die  Lehre
die  ihm  fehlt,  zu  geben,  hörte  Saint-Simon  nicht  auf,  Broschüren,
Zusammenstellungen  und  Werke  bald  allein,  bald  mit  anderen  zusammen, ­
  zu  veröffentlichen.  In  ihnen  weist  er  stets  auf  dieselben
Vorschläge  hin  und  wiederholt  unter  verschiedenen  Formen  stets  die
gleichen  Gedanken  -).
In  seinen  ersten  Arbeiten  sucht  er  hauptsächlich  eine  wissenschaftliche ­
  Synthese  herzustellen,  die  in  der  Zukunft  eine  positive
Moral  bieten  und  an  Stelle  der  religiösen  Dogmen  treten  könne.  Es
würde,  wie  man  gesagt  hat,  eine  Art  „wissenschaftliches  Brevier“
gewesen  sein,  in  dem  die  Gesamtheit  der  Tatsachen  von  einem  einzigen ­
  Gedanken  abgeleitet  sein  sollte,  von  der  allgemeinen  Gravitation. ­
  Er  war  sich  bewußt,  wie  chimärisch  eine  so  einfache  Erklärung ­
  sein  mußte,  und  wie  ungenügend  seine  Kenntnisse  waren,  um
einen  so  ehrgeizigen  philosophischen  Versuch  zu  verwirklichen.  Erst
Auguste  Comtb,  sein  Schüler,  sollte  späterhin  versuchen,  den  Gedanken ­
  in  seinem  „Cours  de  Philosophie  positive“  und  in
seiner  „Politique  positive“  zu  verwirklichen.  Daher  ist  Saint-Simon
  nicht  nur  als  der  Vater  des  Sozialismus,  sondern  auch  als  der
des  Positivismus  zu  betrachten.

*)  Weil,  Saint-Simon  et  son  ceuvre,  S.  16.
2 )  1814  erschien:  De  la  reorganisation  de  la  Societe  europeenne,
vom  Grafen  de  Saint-Simon  und  A.  Thibehy,  seinem  Schüler;  —  von  1817—1818,  1’Industrie, ­
  in  4  Bänden  (der  3.  Band  und  das  erste  Heft  des  vierten  sind  von  A.  Comte);
—  1819,  la  Politique;  —  1821,  le  Systeme  industriel;  —  von  1823-1824,
le  Catechisme  des  industriels,  (von  dem  das  dritte  Heft  von  A.  Comte
stammt  und  den  Namen:  Systeme  de  politique  positive  trägt);  —  1825,
le  Nouveau  Christianisme.  —  Wir  zitieren  Saint-Simon  sowohl  nach  den
CEuvres  de  Saint-Simon  et  d’Enf  antin,  die  die  von  Ebfantin  zur  Ausführung
seines  letzten  Willens  eingesetzte  Kommission  herausgegeben  hat“,  (Paris,  Dentu,  _
1865)  —  wie  auch  nach  den  CEuvres  choisies  von  Saint-Simon,  die  1859  in  drei
Bänden  von  Lemonnier  in  Brüssel  veröffentlicht  wurden.
        <pb n="253" />
        Kapitel  II.  Saint-Simon,  die  Saint-Simonisten  u.  d.  Ursprung  des  Kollektivismus.  231

Von  1814  bis  zu  seinem  Ende  verzichtet  er  teilweise  auf  seine
philosophischen  Arbeiten,  um  sich  fast  ausschließlich  der  Darlegung
seiner  sozialen  und  politischen  Gedanken  zu  widmen,  die  uns  hier
allein  interessieren.
Diese  Gedanken  lassen  sich  alle  in  einer  Verherrlichung  der  Rolle
der  Industrie  zusammenfassen,  wenn  dieses  Wort  in  seinem  weitesten
Sinne  genommen  wird,  fast  in  dem  Sinne,  in  dem  es  Adam  Smith
gebraucht  hatte,  nämlich  als  synonym  mit  Arbeit.
Saint-Simon  hat  diese  Gedanken  selbst  in  einigen  eindrucksvollen ­
  Seiten  zusammengefaßt,  denen  man  seitdem  den  Namen  „die
Parabel  Saint-Simon’s“  gegeben  hat.
„Nehmen  wir  an,“  sagt  er,  „daß  Frankreich  plötzlich  seine  50
ersten  Ärzte,  seine  50  ersten  Chemiker,  seine  50  ersten  Physiologen,
seine  50  ersten  Bankiers,  seine  200  ersten  Kaufleute,  seine  600  ersten
Landwirte,  seine  50  ersten  Hüttenbesitzer  usw.,  usw.  (er  führt  so  alle
hauptsächlichsten  Professionen  auf),  verliere.  Da  diese  Männer  die
Hauptproduzenten  Frankreichs  sind  und  die  bedeutendsten  Produkte
hervorbringen  .  ..,  so  würde  die  Nation  mit  dem  Augenblick,  in  dem
sie  sie  verliert,  ein  Körper  ohne  Seele  werden;  sie  würde  sofort  in
einen  Zustand  der  Inferiorität  den  Nationen  gegenüber  versinken
deren  Konkurrentin  sie  heute  ist,  und  sie  würde,  solange  sie  diesen
Verlust  nicht  wieder  eingebracht  hat,  solange  ihr  kein  neues  Haupt
gewachsen  ist,  in  dieser  Hinsicht  in  einer  untergeordneten  Stellung
verbleiben  müssen“  .  .  .  „Gehen  wir  jetzt  zu  einer  anderen  Voraussetzung ­
  über.  Nehmen  wir  an,  daß  Frankreich  all  die  genialen
Menschen  behält,  die  es  in  den  Wissenschaften,  in  den  schönen  Künsten,
im  Handel  und  Gewerbe  besitzt,  daß  es  aber  das  Unglück  habe,
am  gleichen  Tage  zu  verlieren:  Monsieur,  den  Bruder  des  Königs.
Mgr.  den  Herzog  von  Angouleme  (Saint-Simon  führt  hier  alle  Mitglieder ­
  der  königlichen  Familie  auf),  und  daß  es  zur  gleichen  Zeit  alle
Hroß-Offiziere  der  Krone,  alle  Staatsminister  mit  und  ohne  Portefeuille,
alle  Staatsräte,  alle  Zeremonienmeister,  alle  Marschälle,  alle  Kardinäle,
Erzbischöfe,  Bischöfe,  Großvikare  und  Pröbste,  alle  Präfekten  und
Unterpräfekten,  alle  Angestellten  der  Ministerien,  alle  Richter  und
darüber  hinaus  noch  zehntausend  der  reichsten  Grundbesitzer,  die
gut  leben,  verliere,  so  würde  dieser  Unglücksfall  sicherlich  die  Franzosen ­
  betrüben,  weil  sie  ein  gutes  Herz  haben,  ..  .  aber  dieser  Verlust
von  dreißigtausend  Individuen,  von  denen  man  annimmt,  daß  sie  für
den  Staat  von  der  größten  Bedeutung  sind,  würde  nur  von  diesem
sentimentalen  Gesichtspunkte  aus  Trauer  hervorrufen,  denn  für  den  Staat
würde  daraus  kein  politisches  Übel  irgendwelcher  Art  erwachsen 1 ).
’)  L’Organisateur,  1.  Lieferung,  1819,  (S.  10—20).  Dieser  Absatz  wurde
lm  Ja hr  1832  von  Olinde  Kodkigues  unter  dem  Namen  „Parabole  politique“  in  einem
        <pb n="254" />
        232  Zweites  Buch.  Die  Gegner.
Mit  anderen  Worten,  die  offizielle  Regierung  ist  nur  eine  Fassade.
Ihre  Tätigkeit  wirkt  nur  auf  die  Oberfläche.  Die  Gesellschaft  kann
ohne  sie  existieren;  sie  würde  deshalb  nicht  weniger  gut  leben,
während  im  Gegenteil  der  Verlust  der  Gelehrten,  Industriellen,  Bankiers
und  Kaufleute  die  Gesellschaft  in  das  größte  Unglück  stürzen  würde,
da  hierdurch  die  eigentlichen  Quellen  des  Lebens  und  des  Wohlbefindens ­
  versiegen,  denn  die  Tätigkeit  dieser  Männer  allein  ist
wirklich  fruchtbar  und  notwendig.  Sie  regieren  in  Wahrheit  und
sie  besitzen  die  wirkliche  und  tatsächliche  Macht.  —  Das  ist  der
Sinn  des  Gleichnisses.
So  beruht  denn  für  einen  scharfen  Beobachter  die  Welt,  in  der
wir  leben,  ausschließlich  auf  der  Industrie.  Sie  allein  ist  würdig,  die
Aufmerksamkeit  ernsthafter  Menschen  auf  sich  zu  ziehen.  Ihr  Aufstieg ­
  ist  von  einer  langen  historischen  Entwicklung  vorbereitet  worden,
die  nach  Saxnt-Simon  im  12.  Jahrhundert  mit  der  Befreiung  der  Gemeinden ­
  begann  und  mit  der  französischen  Revolution  verwirklicht
wurde  1 ).  Sie  ist  die  Grundtatsache  der  heutigen  Zeit.  Daher  blickt
er  mit  der  größten  Verachtung  auf  die  politischen  Beschäftigungen
seiner  Zeitgenossen  herab,  die  darin  bestanden,  die  Verfassung  von  1814
zu  verteidigen  oder  zu  bekämpfen.  Die  Liberalen  sind  im  Irrtum,
wenn  sie  beständig  die  alten,  leeren  Formeln,  wie  „Souveränität  des
Volkes“,  „Freiheit“,  „Gleichheit“  wiederkäuen,  sinnlose  Begriffe 2 ),
die  in  dem  metaphysischen  Gehirn  von  Juristen  entstanden  sind 3 ),
und  deren  Aufgabe  mit  der  Vernichtung  des  Feudalismus  beendet  ist.
Die  Menschen  der  Zukunft  haben  besseres  zu  tun,  als  die  Verfassung
Band,  der  verschiedene  Werke  Saint-Simon’s  enthielt,  von  neuem  herausgegeben.  —
Infolge  dieser  Veröffentlichung  mußte  er  sich  vor  dem  Schwurgericht  verantworten,
wurde  aber  freigesprochen.
•)  Zur  Zeit  der  Selbständigmachung  der  Städte  (Communes)  sehen  wir  die
industrielle  Klasse,  nachdem  sie  ihre  Freiheit  gewonnen  hat,  dazu  gelangen,  sich
politische  Macht  zu  schaffen.  Diese  Macht  besteht  darin,  nicht  mehr  ohne  ihre  Zustimmung ­
  besteuert  zu  werden.  Diese  Klasse  wächst  und  bereichert  sich  langsam,
gewinnt  zur  gleichen  Zeit  an  Bedeutung,  und  ihre  soziale  Lage  verbessert  sich  in
jeder  Hinsicht,  während  die  Klassen,  die  man  ekklesiastische  und  feudale  nennen
kann,  beständig  an  Ansehen  und  wirklicher  Macht  verlieren:  Ich  schließe  daraus,  daß
das  Wachstum  der'industriellen  Klasse  fortsohreiten  muß,  bis  sie  die  ganze  Gesellschaft ­
  umfaßt,  i  Dahin  streben  die  Dinge,  dorthin  führt  unser  Weg“  (CBuvres,  II,  166,
Lettres  ä  un  Americain).
a )  „Die  Grundlage  der  Freiheit  ist  die  Industrie;  ...  nur  mit  ihr  kann  die
Freiheit  wachsen,  nur  durch  sie  kann  sie  erstarken.  Wenn  diese  Wahrheit,  die  auf
Grund  der  Tatsachen  so  alt,  aber  für  das  Denken  so  neu  ist,  anstatt  all  der  lügnerischen ­
  Träume  des  Altertums  in  den  Köpfen  gelebt  hätte,  würden  wir  niemals  die
blutrünstige  Dummheit:  „Gleichheit  oder  Tod“  gehört  haben“  {(Buvres  completes,
‘II,  S.  210—211).
3 )  „Juristen  und  Metapbysiker  unterliegen  der  Gefahr,  die  Form  für  die  Wirklichkeit, ­
  Worte  für  Dinge  anzusehen“  (Syst.  Ind.,  05  uv  res  completes,  V,  S.  12).
        <pb n="255" />
        Kapitel  II.  Saint-Simon,  die  Saiut-Simonisten  n.  d.  Ursprung  des  Kollektivismus.  238
gegen  „Ultras“  zu  verteidigen.  Der  Parlamentarismus  ist  notwendig.
Er  ist  aber  nur  eine  vorübergehende  Etappe  auf  dem  Wege  von  dem
zerstörten  Feudalismus  zu  der  Ordnung,  die  morgen  au  seine  Stelle
treten  wird 1 ).  Diese  Ordnung,  die  morgen  eintreten  wird,  ist  der
Industrialismus,  d.  h.  eine  soziale  Ordnung,  die  ganz  und  gar
darauf  aufgebaut  ist,  die  Industrie  zu  begünstigen,  „die  einzige
Quelle  aller  Güter  und  allen  Wohlstandes“.
Worin  wird  diese  Herrschaft  bestehen?
Zunächst  setzt  sie  das  Verschwinden  der  Klassen  voraus.  Es
soll  weder  Adel,  noch  Bürgertum,  noch  Klerus  geben.  Es  gibt  nur
zwei  Kategorien  von  Personen:  die  Arbeiter  und  die  Müßiggänger,
oder,  wie  Saint-Simon  sagt:  „die  Bienen  und  die  Drohnen“,  oder
auch;  die  nationale  und  die  anti-nationale  Partei.  In  der  neuen
Gesellschaft  müssen  die  zweiten  verschwinden;  in  ihr  gibt  es  nur
Platz  für  die  ersten  -).  Darunter  sind  nicht  ausschließlich  die  Handarbeiter ­
  zu  verstehen 3 ),  sondern  auch  die  Landwirte,  die  Handwerker,
die  Fabrikanten,  die  Bankiers,  die  Gelehrten  und  Künstler 4 ).  Zwischen
')  Die  parlamentarische  Regierung  muß  angesehen  werden  „als  ein  unvermeidlicher
Übergang  zur  Industrieordnung“  (CEuvres  compl.,  III,  S.  22);  sie  ist:  „notwendig,
um  den  Übergang  von  der  Herrschaft  der  Willkür,  die  jetzt  besteht,  zur  Herrschaft
des  vollständigen  Liberalismus,  der  später  bestehen  wird,  durchzuführen“  (Ebenda,
S.  21),
3 )  Schon  1803  schrieb  er  in  den  Briefen  eines  Genfers  (Lettres  d’un
habitant  de  Geneve):  „Alle  Menschen  werden  arbeiten;  jedem  wird  die  Verpflichtung ­
  auferlegt  werden,  seine  persönlichen  Kräfte  beständig  in  einer  der  Mensch-,
beit  nützlichen  Richtung  zu  betätigen“  ((E  u  v  r  e  s  compl.,  I,  S.  55).
3 )  „Ich  finde,“  sagt  er,  „daß  es  von  wesentlicher  Bedeutung  ist,  der  Idee  der
Arbeit  all  das  Umfassende  zu  lassen,  dessen  sie  fähig  ist.  Irgendein  öffentlicher
Beamter,  jede  Person,  die  sich  mit  den  Wissenschaften,  den  schönen  Künsten,  der
Manufaktur  oder  der  landwirtschaftlichen  Industrie  beschäftigt,  arbeitet  in  ebenso
positiver  Weise,  wie  der  Tagelöhner,  der  die  Erde  umgräbt,  oder  der  Hafenarbeiter,
flßr  seine  Lasten  trägt“  (Introduction  au  travail  scientifique.  CEuvres
choisies,  I,  S.  221).
l )  „Die  National-  oder  Industriepartei  umfaßt:
1.  Alle,  die  den  Boden  bearbeiten,  einschließlich  derer,  die  irgendeine  Arbeit
fler  Bodenbewirtschaftung  leiten.
2.  .  ,  .  alle  Handwerker,  alle  Fabrikanten,  alle  Kaufleute,  alle  Unternehmer
fon  Land-  oder  Seetransporten,  ebenso  wie  alle,  deren  Arbeit  mittelbar  oder  unmittelbar
fler  Erzeugung  oder  Verwendung  der  produzierten  Gegenstände  dient“:  „die  Gelehrten, ­
  &amp;lt;die  sich  dem  Studium  der  positiven  Wissenschaften  widmgn)&amp;gt;,  die  Künstler,
hie  liberalen  Rechtsanwälte,  &amp;lt;die  kleine  Anzahl  von  Priestern,  die  die  heilige  Moral
predigen)»“,  —  „und  weiter  alle  Bürger,  die  ihre  Gaben  und  Mittel  offen  und  ehrlich
dazu  verwenden,  die  Produzierenden  von  der  ungerechten  Vorherrschaft,  die  die
müßigen  Verbraucher  über  sie  ausüben,  zu  befreien.“
„Die  anti-nationale  Partei  besteht  aus  den  Adligen,  die  daran  arbeiten,  das
»ancien  regime“  wieder  herzustellen;  aus  den  Priestern,  für  die  die  Moral  im  blinden
Glauben  an  die  Entscheidungen  des  Papstes  und  der  Geistlichkeit  besteht;  aus  den
        <pb n="256" />
        234

Zweites  ßucn.  Die  Gegner.

diesen  Personen  soll  nur  der  Unterschied  bestehen,  der  durch  ihre
verschiedenen  Fähigkeiten  bedingt  wird,  oder  wie  Saint-Simon  dies
ausdrückt,  durch  ihren  „Einsatz“.  „Die  industrielle  Gleichheit“,
schreibt  er,  „besteht  darin,  daß  jeder  aus  der  Gesellschaft  genau  die
Vorteile  zieht,  die  mit  seinem  sozialen  Einsatz  im  Verhältnis  stehen,
d.  h.  mit  seiner  positiven  Fähigkeit,  mit  der  Verwendung,  die  er  von
seinen  Mitteln  macht,  zu  denen  wohlverstanden  auch  seine  Kapitalien
zu  rechnen  sind 1 ).“  Wie  man  sieht,  denkt  Saint-Simon  nicht  daran,
das  Einkommen  der  Kapitalisten  abzuschaffen.  Seine  Feindschaft
richtet  sich  nur  gegen  die  Großgrundbesitzer.
Nicht  nur  die  sozialen  Unterschiede  müssen  verschwinden,  soweit
sie  nicht  auf  die  Arbeit  und  die  Fähigkeit  gegründet  sind,  sondern
auch  die  ßegierung  im  gewöhnlichen  Sinne  des  Wortes  wird  zum
großen  Teil  unnötig.  Nach  Saint-Simon  muß  die  „nationale  Gesellschaft“ ­
  als  eine  „industrielle  Unternehmung“  angesehen  werden.
„Frankreich  wird  eine  große  Fabrik,  und  das  französische  Volk  eine
große  Werkstatt“,  und  „die  Aufgabe,  Diebstähle  und  andere  Gesetzesverletzungen ­
  in  den  Werkstätten  zu  verhindern,  mit  einem  Wort,
diese  Werkstätten  zu  regieren,  wird  (in  einer  Fabrik)  nur  als  eine
durchaus  nebensächliche  Aufgabe  betrachtet  und  untergeordneten
Angestellten  übertragen“ 2  3 ).  So  soll  auch  die  ßegierung  in  der
industriellen  Gesellschaft  sich  darauf  beschränken,  „die  Arbeiter  vor
dem  unproduktiven  Einfluß  der  Müßiggänger  zu  beschützen  und  die
Sicherheit  und  Freiheit  der  Produktion  aufrecht  zu  erhalten“  8 ).
Bis  hierher  unterscheidet  sich  der  Industrialismus  -Saint-Simon’s
kaum  von  dem  einfachen  Liberalismus  der  Jünger  Smith’s  und
J.-B.  Sat’s.  Zur  selben  Zeit  verfechten  Charles  Comtb  und  Dunoyer
in  ihrer  Bevue  Le  Censeur  durchaus  gleiche  Gedanken 4  *  * ),  manchmal
sogar  in  denselben  Ausdrücken.  „Bahn  frei  für  das  Talent“,  „Nichteinmischung ­
  der  ßegierung“  sind  Formeln,  die  alle  liberalen  Bourgeois
dieser  Zeit  wiederholen,  und  die  auf  Hoffnungen  hinweisen,  die  mit
denen  Saint-Simon’s  übereinstimmen.

Hausbesitzern,  die  ein  gutes  Leben  führen,  d.  h.  ein  Leben  des  Nichtstuns;  aus  den
Richtern,  die  die  Willkür  stützen,  aus  den  Militärpersonen,  die  ihnen  Beistand  leisten,
mit  einem  Wort,  ans  allen  denen,  die  der  Errichtung  der  Ordnung,  die  der  Wirtschaft
und  der  Freiheit  am  günstigsten  ist,  widerstreben.“  (Le  parti  national,  in  der:
Politique,  (Buvres  compl.  III,  S.  202—204.)
b  Systeme  Indust.,  CEuvres  VI,  S.  17,  Änm.
2 )  Ebenda,  S.  91-92.
3 )  (Euvres  III,  S.  35—36.
4 )  Vgl.  hierüber  den  Aufsatz  Halövy’s  in  der  Eevue  du  Meis  (Dezember  1907)
Les  idees  economiques  de  Saint-Simon;  wie  auch  Ainx  in  dem  oben
S.  131,  Anm.  1  angeführten  Aufsatz.
        <pb n="257" />
        Kapitel  II.  Saint-Simon,  die  Saint-Simonisten  u.  d.  Ursprung  des  Kollektivismus.  235

Hier  aber  ändert  sich  der  Ton  *).
Frankreich,  haben  wir  gesagt,  wird  zu  einer  großen  Fabrik.
„Die  wichtigsten  Arbeiten  in  einer  Fabrik  bestehen  aber  zunächst
darin,  die  Fabrikationsmethoden  zu  bestimmen,  weiterhin  die  Interessen
der  Unternehmer  mit  denen  der  Arbeiter  einerseits,  mit  denen  der
Verbraucher  andererseits  in  Übereinstimmung  zu  bringen.“  So
gibt  es  auch  in  der  industriellen  Ordnung  Platz  für  eine  Regierung,
aber  für  eine  Regierung  von  ganz  besonderer  Art:  nämlich  eine  Verwaltung ­
  der  Sachen,  deren  wir  bedürfen,  anstatt  eine  Regierung  der
Menschen 2 ).  Die  Politik  soll  nicht  verschwinden,  muß  sich  aber
uniformen.  Sie  wird  zu  einer  „positiven  Wissenschaft“,  „zur  Wissenschaft ­
  der  Produktion,  das  heißt  zu  einer  Wissenschaft,  deren
Gegenstand  die  allen  Produktionszweigen  günstigste  Ordnung  der
Dinge  ist“ 3 ).  „Unter  der  alten  Ordnung  mußten  die  wesentlichen
Maßnahmen  sich  damit  beschäftigen,  die  Gewalt  der  Regierung  zu
steigern,  die  Macht  der  oberen  Klassen  über  die  unteren  so  fest  wie

')  Der  Gegensatz  wird  in  der  folgenden  Stelle  gut  hervorgehoben:  „Man  hat
erkannt,  daß  fast  alle  Maßnahmen,  durch  die  sie  (die  Begierungen)  vergaben,  auf
den  sozialen  Wohlstand  Einfluß  auszuüben,  kein  anderes  wirkliches  Ergebnis  gezeitigt
haben,  als  ihm  Abbruch  zu  tun;  aus  dieser  Tatsache  ist  der  Ausdruck  entstanden,
daß  Regierungen  nichts  Besseres  für  das  Wohl  der  Gesellschaft  tun  können,  als  sich
nicht  damit  zu  befassen.  Wenn  auch  diese  Ansicht  richtig  ist,  solange
man  sie  vom  Standpunkt  des  bestehenden  politischen  Systems  betrachtet, ­
  so  ist  sie  doch  selbstverständlich  falsch,  sobald  man  sie
im  absoluten  Sinne  auffaßt;  sie  kann  in  dieser  Weise  nur  bestehen
hleiben,  solange  man  nicht  zu  der  Idee  eines  anderen  politischen
Systems  gelangt  ist“  (L’Organisateur,  (Euvres  compl.  IV,  S.  201).
Späterhin  gehen  die  Saint-Simonisten  von  diesem  Gedanken  aus,  um  die  Leitung
aller  sozialen  Beziehungen  durch  die  Regierung  zu  fordern.  „Weit  davon  entfernt,
zuzugeben,  daß  man  sich  vornehmen  muß,  den  leitenden  Einfluß  innerhalb  der  Gesellschaften ­
  zu  beschränken,  glauben  wir,  daß  er  sich  auf  alles  erstrecken
sollte,  daß  er  stets  gegenwärtig  sein  muß,  denn  für  uns  ist  Jede  wirkliche  Gesellschaft ­
  eine  Hierarchie“  (Exposition  de  la  doctrine  de  Saint-Simon,  2.  Jahr,
Paris  1830,  S.  108).
2 )  Unter  dem  alten  Regime  „kommen  die  Menschen  vor  den  Dingen“  (Fortsetzung ­
  der  Broschüre;  Des  Bourbons  et  des  St  uarts,  1822,  (Euvres  choisies,
S.  447).  Unter  der  neuen  Ordnung  der  Dinge,  „muß  die  soziale  Ordnung  als
einzigen  Zweck  den  Einfluß  der  Menschen  auf  die  Dinge  haben“  ((Euvres,  IV,  S.  81).
„Bei  dem  heutigen  Zustand  der  Kenntnisse  liegt  das  Bedürfnis  der  Nation  nicht
darin,  regiert,  sondern  verwaltet  zu  werden,  und  zwar,  so  billig  wie  möglich  vergaltet ­
  zu  werden“  (Systeme  indust.,  (Euvres  compl.  V,  S.  151).  In  gleicher
Weise  schreibt  später  Engels  in  seinem  Buch  gegen  Eugen  Dührikg,  indem  er  von
der  sozialistischen  Ordnung  spricht:  „An  Stelle  der  Regierung  von  Personen  wird
die  Verwaltung  von  Sachen  treten,  wie  auch  die  Leitung  des  Produktionsvorganges.
Der  Staat  wird  nicht  „abgeschafft“,  er  „stirbt  ab“  (Philosophie,  Economie
Politique,  Socialisme,  Franz.  Übers,  von  Laskine,  Paris,  1911.  S.  361).
S)  Lettres  ä  un  Americain  ((Euvres,  II,  S.  189).
        <pb n="258" />
        236

Zweites  Buch,  Die  Gegner.

möglich  zu  etablieren.  .  .  .  Unter  der  neuen  Ordnung  aber  müssen
die'  wesentlichen  Maßregeln  im  Gegenteil  darauf  gerichtet  sein,  die
von  der  Gesellschaft  für  die  physische  und  moralische  Verbesserung
der  Lebenslage  aller  ihrer  Mitglieder  zu  leistende  Arbeit  so  klar
wie  möglich  festzusetzen  und  ihre  Ausführung  so  harmonisch  wie
möglich  zu  gestalten 1 ).
Hierin  wird  also  die  Aufgabe  der  neuen  Regierung  bestehen,  in
der  die  „Fähigkeit“  die  „Macht“,  und  die  „Leitung“  das  ..Befehlen“
ersetzen  werden 2 ).  Sie  wird  sich  nur  beschäftigen:  „mit  der  einzigen
Art  von  Interessen,  in  der  sich  alle  Menschen  verstehen  können,  und
in  der  Abmachungen  am  Platze  sind,  der  einzigen,  in  der  gemeinsames ­
  Handeln  notwendig  ist,  der  einzigen  daher,  mit  der  sich  die
Politik  befassen  kann:  den  Interessen  des  Lebens  und  des  Wohlstandes ­
  3 ).“
Zur  besseren  Erklärung  seines  Gedankens  schlägt  Saint-Simon
vor,  die  Exekutivgewalt  einer  Abgeordnetenkammer  anzuvertrauen,
die  einzig  aus  den  Vertretern  des  Handels,  der  Industrie  und  der
Landwirtschaft  gebildet  wird,  und  deren  Aufgabe  es  sein  würde,  die
Gesetzesentwürfe  anzunehmen  oder  zurückzuweisen,  die  ihr  von  zwei
anderen  Kammern,  die  sich  aus  Ingenieuren,  Künstlern  und  Gelehrten
zusammensetzen,  unterbreitet  werden,  Gesetzesentwürfe,  die  sich  ausschließlich ­
  mit  der  Förderung  des  materiellen  Wohlstandes  des  Landes
beschäftigen 4 ).
An  Stelle  der  politischen  Regierung  tritt  die  wirtschaftliche
Leitung,  die  Autorität  über  Menschen  macht  der  Verwaltung  der
Dinge  Platz;  die  soziale  Ordnung  wird  nach  dem  Vorbild  der  Ordnung
einer  Werkstatt  eingerichtet,  und  die  in  Produktivassoziationen
umgebildeten  Nationen  haben  als  einziges  Objekt  „durch  friedliche
Arbeit  von  positiver  Nützlichkeit  vorwärts  zu  kommen“  5  6 ):  das  ist  die
neue  Auffassung  Saint-Simon’s,  die  ihn  über  die  Liberalen,  deren

*)  (Euvreschoisies,!!,S.437—438(Fts.  d.  Broschüre:  DesBourbons  usw.).
2 )  L’Organisateur,  (Euvres  compl.  IV,  S.  86  u.  150—151.
3 )  Lettres  k  in  Amerioain,  (Euvres,  II,  S.  188.
4 )  Das  ist  nicht  der  einzige  Plan  einer  Regierung,  den  Saint-Simon  vorgesehlagen
hat.  Er  ist  aber  der  charakteristischste.  Er  findet  sich  im  „Organisateur“  sogleich ­
  nach  der  „Parabole“.  Bemerkenswert  ist,  daß  Saint-Simon  durchaus  gegen
eine  Regierung  von  Gelehrten  ist.  Die  Industriellen  sollen  die  Macht  haben.  Die
Gelehrten  dürfen  nur,beratende  Stimme  erhalten:  „Sollte  sich  zu  unserem  Unglück
eine  Ordnung  der  Dinge  bilden,  in  der  die  Verwaltung  der  zeitlichen  Dinge  in  die
Hände  von  Gelehrten  gelegt  sein  würde,  so  würde  man  sehr  bald  eine  Korruption
in  der  wissenschaftlichen  Welt  eintreten  und  alle  Laster  der  Geistlichkeit  wiederkehren ­
  sehen.  Die  Gelehrten  würden  Metaphysiker,  Schlauköpfe  und  Despoten  werden“
(Syst,  indust.,  (Euvres  compl.,  V,  S.  161).
6 )  Syst.  Indust.,  (Euvres  compl.  VI,  S.  96.
        <pb n="259" />
        Kapitel  II.  Saint-Simon,  die  Saint-Simonisten  u.  d.  Ursprung  des  Kollektivismus.  237

Grundsätzen  er  bisher  gefolgt  zu  sein  scheint,  hinausführt,  —  und  die
ihn  dem  Sozialismus  nähert.  Der  Kollektivismus  Marx’  sammelt
sorgfältig  diese  verschiedenen  Gedanken,  in  denen  Fhiedexch  Engels
die  Hauptbedeutung  Saint-Simon’s  sieht , ).  Pkoudhon  nimmt  sie
seinerseits  auf  und  stellt  als  ideales  Ziel  die  vollständige  Aufsaugung,
das  Verschwinden  der  Regierung  in  der  wirtschaftlichen  Organisation
hin.  Heute  finden  wir  es  bei  den  verschiedensten  Denkern  wieder,
z.  B.  bei  A.  Mengeb,  in  der  Beschreibung  seines  „volkstümlichen
Arbeitsstaates“  2 ),  wie  auch  bei  Soeel,  der  in  einer  charakteristischen
Stelle  behauptet:  „daß  der  Sozialismus  dahin  strebt,  die  Ordnung
der  Werkstatt  auf  die  Gesellschaft  zu  übertragen“  s ).
Daher  unterscheidet  sich  der  Industrialismus  Saint-Simon’s  klar  1
von  dem  wirtschaftlichen  Liberalismus  durch  die  ganz  neue  Bolle,  ;
die  er  der  Regierung  zuteilt 4 ).
Obgleich  Saint-Simon  dem  Sozialismus  eine  seiner  Grundideen
geliefert  hat,  kann  man  doch  nicht  sagen,  daß  er  Sozialist  gewesen
sei,  wenn  nämlich,  wie  wir  glauben,  das  Wesen  des  Sozialismus  darin
besteht,  das  Privateigentum  abzuschaffen.  Allerdings  bat  Saint-Simon
in  einem  berühmten  Satz  davon  gesprochen,  das  Grundeigentum  umzuformen ­
  s ).  Aber  dieser  Satz  steht  allein.  Wir  haben  oben  gesehen,
*)  F,  Engels,  Herrn  Eugen  Dührings  Umwälzung  der  Wissenschaft, ­
  4.  Ausg.,  S.  277.  Dieses  Kapitel  des  ENGBLs’schen  Buches  stammt  vollständig
Von  Marx.
*)  A.  Mengek,  Neue  Staatslehre  (Jena,  1903).
3 )  Der  vollständige  Text  lautet:  „Der  Sozialismus  strebt  darnach,  die  Ordnung
der  Werkstätte  auf  die  der  Gesellschaft  zu  übertragen  ...  In  den  erprobten  Gebräuchen ­
  der  Werkstatt  liegt  sicherlich  die  Quelle,  aus  der  das  zukünftige  Recht
entstehen  wird;  der  Sozialismus  wird  nicht  nur  die  Ausrüstung  der  Werkstatt,  die
der  Kapitalismus  geschaffen  hat,  und  die  Wissenschaft,  die  sich  auf  die  technische
Entwicklung  aufbaut,  erben,  sondern  auch  die  Kooperationsformen,  die  sich  nach  und
nach  in  den  Fabriken  ausgebildet  haben,  um  den  größtmöglichen  Vorteil  ans  der  Zeit,
den  Kräften  und  der  Geschicklichkeit  der  Menschen  zu  ziehen.“  .  .  .  Etwas  vorher:
„Alle  Dinge  müssen  nach  dem  Vorbilde  einer  Werkstatt  behandelt  werden,  die  voller
Ordnung,  ohne  verlorene  Zeit  und  ohne  Launenhaftigkeit  arbeitet“  (G.  Sorbl:  Le
Syndicalisme  revolutiounaire;Monvement  Socialiste,  l.u.  16.  Nov.  1906).
4 )  Saint-Simon  zitiert  oft  mit  großem  Lobe  Say  nnd  Smith.  Doch  macht  er
dem  ersteren  den  Vorwurf,  die  Politik  von  der  Volkswirtschaft  getrennt  zu  haben,
anstatt  sie  darin  aufgehen  zu  lassen  und  nur  „ganz  unbestimmt  und  wie  trotz  seiner
selbst  „gefühlt  zu  haben“,  daß  die  Volkswirtschaft  die  einzige  und  wirkliche  Grundlage ­
  der  Politik  ist“  (Lettres  ä  un  Americain,  (Euvres,  II,  8.  185).
5 )  Dafür,  daß  Saint-Simon  unter  die  Sozialisten  zu  rechnen  ist,  werden  im  allgemeinen ­
  zwei  Gründe  angeführt:  1.  Das  Interesse,  das  er  in  gewissen  Stellen  seiner
Schriften  für  die  niederen  Klassen  zeigt;  2.  die  von  ihm  über  eine  Reform  des  Eigen-Uuns
  geäußerte  Meinung.  Doch  hat  keine  der  hierfür  angezogenen  Textstellen  die
Iragweite,  die  man  ihnen  gewöhnlich  zuspricht.  Mit  Hinsicht  auf  den  ersten  Punkt
w ird  häufig  eine  berühmt  gewordene  Stelle  aus  dem  Nouveau  Christianisine
angeführt;  die  Menschen,  heißt  es  da,  „sollen  die  Gesellschaft  in  der  Weise  organi-
        <pb n="260" />
        238

Zweites  Buch.  JDie  Gegner.

daß  in  seinen  Äugen  das  Kapital  ebensoviel  Recht  auf  Entlohnung
hat,  wie  die  Arbeit.  In  dem  einen  wie  in  dem  anderen  sieht  er  einen

sieren,  die  für  die  größte  Anzahl  unter  ihnen  die  vorteilhafteste  ist;  sie  müssen  sieh
als  Ziel  aller  ihrer  Arbeiten  und  Anstrengungen  die  möglichst  schnelle  und  durchgreifende ­
  Verbesserung  der  moralischen  und  physischen  Lage  der  zahlreichsten
Klasse  setzen“  {CBuvres,  VII,  S.  108—109).  Schon  früher  hatte  Saint-Simon
in  dem  Systeme  industriel  gesagt:  „Der  unmittelbare  Zweck  meines  Unternehmens ­
  ist,  soviel  wie  möglich  das  Schicksal  der  Klasse  zu  verbessern,  die  keine
anderen  Unterhaltsmittel  hat,  als  die  Arbeit  ihrer  Hände“  (CBuvres,  VI,  S.  81).
Zunächst  braucht  man  aber  in  diesen  Erklärungen  weiter  nichts  als  eine  Eormel  des
utilitaristischen  Grundsatzes  Bentham’s  zu  sehen:  größtes  Glück  für  die  größte  Zahl.
Und  wie  beabsichtigt  Saint-Simon  das  Glück  der  Arbeiter  zu  sichern?  Indem  er  ihnen
Anteil  an  der  Macht  gibt?  Durchaus  nicht!  Im  Organisateur  (CEuvres  IV,
S.  158)  sagt  er:  „Die  Frage  (der  sozialen  Organisation)  wird  für  das  Volk  gelöst
werden;  es  wird  aber  selbst  außerhalb  und  passiv  bleiben.  .  .  .  Das  Volk  ist
von  der  Frage  ausgeschlossen  worden.“  Das  beste  Mittel,  ihm  Gutes  zu
tun,  besteht  darin,  „den  Herren  der  industriellen  Unternehmungen  die
Aufgabe  anzuvertrauen  ...  die  öffentliche  Verwaltung  zu  leiten“,  da  „sie  stets  unmittelbar ­
  bestrebt  sein  werden,  ihren  Unternehmungen  die  größtmögliche  Ausdehnung
zu  geben,  und  aus  ihren  Bemühungen  in  dieser  Hinsicht  wird  sich  die  größtmögliche
Vermehrung  der  Menge  von  Arbeiten  ergeben,  die  von  den  Leuten  aus-  dem  Volk
ausgeführt  werden“  (Syst.  Indust.,  CBuvres,  VI,  S.  82—83).  —  Auch  ein  liberaler
Volkswirtschaftler  würde  nicht  anders  sprechen.
Was  das  Eigentum  anbelangt,  so  hat  Saint-Simon  sicher  seine  Umwandlung  für
möglich  gehalten.  Zahlreiche  Stellen  seiner  Bücher  weisen  hierauf  hin.  „Das  Eigentum ­
  muß  neu  gebildet  und  auf  den  Grundlagen  aufgebaut  werden,  die  es  für  die
Produktion  am  günstigsten  gestalten,“  sagt  er  im  Organisateur  (CEuvres,  IV,
S.  59).  An  anderer  Stelle,  in  einem  Brief  vom  Jahre  1818  an  .den  Redakteur  des
Journal  general  de  la  France,  sagt  er,  daß  er  sich  mit  der  Entwicklung
folgender  Ideen  befasse:  „1.  Das  Gesetz,  das  das  Eigentum  begründet,  ist  von  allen
das  wichtigste;  es  allein  dient  als  Grundlage  des  sozialen  Gebäudes.  ...  2.  Das
Eigentum  muß  so  eingerichtet  sein,  daß  der  Eigentümer  dazu  angespornt  wird,  es
so  produktiv  wie  möglich  zu  gestalten  (CBuvres,  III,  S.  43—44).  Schon  in  den
Lettres  ä  un  Americain  faßt  er  die  Prinzipien,  die  er  bei  J.-B.  Say  findet,  wie
folgt  zusammen  (woraus  hervorgeht,  wie  eng  er  sich  an  die  liberalen  Volks  Wirtschaftler
anlehnt):  „Die  Erzeugung  nützlicher  Gegenstände  ist  der  einzige,  vernünftige  und
positive  Zweck,  den  die  politischen  Gemeinwesen  sich  vornehmen  können,  und  daher
ist  der  Grundsatz:  Achtung  vor  der  Produktion  und  den  Produzenten
unendlich  viel  fruchtbarer  als  der,  der  besagt;  Achtung  vor  dem  Eigentum
und  den  Eigentümern“  (CBuvres,  II,  S.  186—187).  —  Alles  dieses  scheint  uns
aber  nichts  anderes  auszudrüoken  als  den  Gedanken,  daß  das  Eigentum  sich  durch
seine  Nützlichkeit  rechtfertigt  und  in  Hinsicht  auf  den  sozialen  Nutzen'  organisiert
werden  muß.  Wenn  er  eine  bestimmte  Reform  des  Eigentums  ins  Auge  gefaßt  hat,
so  war  es  auf  jeden  Fall  doch  nur  die  des  Grundbesitzes.  Denn  wie  wir  weiter
oben  gesehen  haben,  betrachtet  er  das  Kapital  als  einen  sozialen  „Einsatz“,  der  ein
Anrecht  auf  Entlohnung  gibt.  Auch  findet  man  an  anderer  Stelle  folgende  Ausführung, ­
  die  klar  seine  Sympathie  für  den  beweglichen  Besitz  ausdrückt:  „Der
Reichtum  ist  im  allgemeinen  ein  Beweis  der  Fähigkeit  der  Fabrikanten,  sogar
wenn  sie  das  Vermögen,  das  sie  besitzen,  ererbt  haben,  während  in
den  anderen  Klassen  der  Staatsbürger  es  stets  wahrscheinlich  ist,  daß  die  Reicheren
        <pb n="261" />
        Kapitel  II.  Saint-Simon,  die  Saint-Simonisten  u.  d,  Ursprung  des  Kollektivismus.  239

sozialen  „Einsatz“.  Daher  würde  er  sich  auch  ohne  weiteres  mit
einer  Reform  begnügen,  die  lediglich  die  Regierung  beträfe.
Wenn  man  als  Ideal  den  „Industrialismus“  aufstellt,  dessen
Hauptzüge  er  herausgearbeitet  hat,  ist  es  nicht  schwierig,  radikalere
Reformen  zu  verlangen  und  das  ganze  soziale  System  anzugreifen.
Das  ist  die  Aufgabe  der  Saint-Simonisten.  Wir  werden  nun  versuchen, ­
  diese  Entwicklung  vom  „Industrialismus“  zum  „Kollektivismus“
zu  zeigen.

§  2.  Die  Saint-Simonisten  und  die  Kritik  des  Privateigentums. ­

Die  Bücher  Saint-Simon’s  sind  nicht  viel  gelesen  worden.  Sein
Einfluß  lag  hauptsächlich  in  seiner  Persönlichkeit.  Es  gelang  ihm,
bedeutende  Männer  um  sich  zu  sammeln,  von  denen  viele  nach  seinem
Tode  seine  Ideen  verbreiteten.  Von  1814  bis  1817  war  Augustin  Thieeey
sein  Sekretär.  Er  bezeichnete  sich  selbst  als  den  Adoptivsohn  Saint-Simon’s.
  Auguste  Comte  nahm  von  1817  bis  1824  die  gleiche  Stellung
bei  ihm  ein  und  war  Mitarbeiter  an  seinen  Veröffentlichungen.
Olinde  Rodeigues  und  sein  Bruder  Eugene  waren  ebenfalls  unter
seinen  ersten  Schülern.  Zu  ihnen  gesellten  sich  unter  anderen
Enfantin,  ein  früherer  Polytechniker,  und  Bazaed,  ein  alter  Karbonaro,
der  der  politischen  Versuche  überdrüssig  geworden  war.  Gleich  nach
dem  Tode  Saint-Simon’s  gründeten  sie  eine  Zeitung,  L  e  P  r  o  d  u  c  t  e  u  r,
um  die  Gedanken  des  Meisters  zu  verbreiten;  die  meisten  der  dort
erschienenen  volkswirtschaftlichen  Aufsätze  stammen  von  Eneantin.
Die  Zeitung  bestand  nur  ein  Jahr,  aber  die  Anhänger  der  neuen
Lehre  wuchsen  zu  einer  bedeutenden  Zahl  an.  Alle  waren  sie  überzeugt, ­
  daß  die  Ideen  Saint-Simon’s  die  Grundlage  eines  wirklich
modernen  Glaubens  bildeten  und  bestimmt  seien,  zu  gleicher  Zeit  den
im  Niedergang  begriffenen  Katholizismus  und  den  politischen  Liberalismus ­
  zu  ersetzen,  welch  letzterer  in  ihren  Augen  eine  rein
negative  Lehre  war.
Um  die  geistigen  Bande,  die  sie  schon  vereinten,  zu  stärken,
bildeten  diese  Enthusiasten  unter  sich  eine  Art  Hierarchie.  An  ihrer
Spitze  standen  die  Führer,  „Väter“  genannt,  die  zusammen  das
College  bildeten.  Die  „Sohne“,  die  sich  gegenseitig  mit  „Bruder“
anredeten,  verteilten  sich  auf  verschiedene  „Grade“.  Diesen
denen  an  Fälligkeiten  unterlegen  sind,  die  eine  gleiche  Erziehung  genossen  haben
and  nur  über  ein  mittelmäßiges  Vermögen  verfügen.  Diese  Wahrheit  wird  in  der
positiven  Politik  eine  bedeutende  Rolle  spielen“  (Syst.  In  du  st.,  (Euvers,  V,
S -  49,  Anm.).
        <pb n="262" />
        240

Zweites  Buch.  Die  Gegner.

Charakter  einer  organisierten  Sekte  nahm  der  Saint-Simonismus
im  Jahr  1828  unter  dem  Einfluß  Eugene  Rodeigues’  an.  Gleichzeitig ­
  beauftragten  sie  einen  der  ihrigen,  Bazaed,  die  Lehre  öffentlich
in  Vorträgen  darzulegen.  Diese  Vorträge,  die  von  1828  bis  1830  vor
einer  glänzenden  Hörerschaft  stattfanden,  —  zu  denen  sich  viele
drängten,  die  später  eine  große  Rolle  in  der  Geschichte  Frankreichs
spielen  sollten,  wie  Ferdinand  von  Lesseps,  A.  Caeeel,  H.  Caenot,
die  Gebrüder  Peeeiee,  Michel  Chevalxee  und  andere  —  sind  in
zwei  Bänden  veröffentlicht  worden  und  zwar  unter  dem  Namen
Exposition  de  la  Doctrine  de  Saint-Simon  (Darlegung  der
Lehren  Saint-Simon’s).  Der  zweite  Band  beschäftigt  sich  hauptsächlich ­
  mit  Philosophie  und  Moral.  Der  erste  enthält  die  soziale
Lehre  der  Schule  und  stellt,  wie  A.  Mengee  sehr  richtig  sagt,  „eins
der  bedeutendsten  Monumente  des  modernen  Sozialismus  dar“ x ).
Unglücklicherweise  gewann  unter  dem  Einflüsse  Enpantin’s  die
philosophische  nnd  mystische  Seite  des  Saint-Simonismus  die  Oberhand
über  die  soziale  Seite.  Das  sollte  den  Ruin  der  Schule  herbeiführen.
Nach  den  Saint-Simonisten  genügt  es  nicht,  der  modernen  Menschheit ­
  ihre  soziale  Bestimmung  zu  zeigen;  man  muß,  so  sagen  sie,  die
Menschheit  dazu  bringen,  ihre  Bestimmung  zu  lieben,  sie  herbeizusehnen
  und  zwar  mit  der  ganzen  Kraft  des  Gefühls,  und  zwischen
den  Menschen  jene  Einheitlichkeit  der  Gedanken  und  der  Handlungen
schaffen,  die  allein  durch  eine  gemeinsame,  religiöse  Überzeugung
bewirkt  wird.  Der  Saint-Simonismus  wurde  zu  einer  Religion  mit
einem  Kultus,  einer  Moral,  mit  organisierten  Predigten,  mit  Gemeinden,
die  sich  an  verschiedenen  Punkten  des  Landes  gründeten,  und  mit
Aposteln,  die  in  die  Ferne  gingen,  um  die  frohe  Botschaft  überall
zu  verkünden.  Es  ist  eine  fremdartige  Tatsache,  die  wohl  der  Untersuchung ­
  wert  ist,  wie  diese  Menschen,  deren  verfeinerte,  wissenschaftliche ­
  Kultur  sehr  hoch  stand,  die  allen  bestehenden  Religionen
feindlich  gesinnt  waren,  zu  dieser  Krisis  eines  religiösen  Mystizismus
gelangten,  sie,  von  denen  die  meisten  mehr  dazu  vorbereitet  waren,
sich  geschäftlich  zu  betätigen,  als  eine  neue  „Kirche“  zu  gründen!
Enfantin  und  Bazaed  waren  die  Päpste  des  neuen  Kultus,  aber
Bazaed  trat  bald  zurück,  und  Enfantin  blieb  der  alleinige  „Heilige
Vater“.  Er  zog  sich  mit  40  Schülern  in  ein  in  Menilmontant  ge-0

  Der  genaue  Titel  ist:  Doctrine  de  Saint-Simon,  Exposition,  Premiere ­
  annee,  1829.  Wir  zitieren  nach  der  2.  Ausg.  (Paris,  1830).  Diesen  Werken
könnte  man  die  Aufsätze  anfügen,  die  Enfantin  im  Globe  veröffentlicht  und  unter
der  Überschrift  Economie  politique  et  Politique  (Volkswirtschaft  und  Politik)
in  einem  Band  (2.  Ausg.  1832)  vereinigt  hat.  Doch  sind  diese  Aufsätze  viel
weniger  interessant  als  die  Doctrine  und  geben  einfach  die  Gedanken  wieder,  die
Enpantin  schon  in  seinen  Aufsätzen  im  Producteur  dargelegt  hatte.
        <pb n="263" />
        -Kapitel  II.  Saint-Simon,  die  Saint-Simonisten  n.  d.  Ursprung  des  Kollektivismus.  241

legenes  Haus  zurück  und  führte  dort  mit  ihnen  vom  April  bis  zum
Dezember  1831  eine  Art  Klosterleben,  während  draußen  die  Propaganda
lebhafter  als  je  durch  die  Zeitung  Le  Globe,  die  seit  Juli  1831
das  Eigentum  der  Schule  war,  getrieben  wurde.  Dieses  merkwürdige
Lehen  wurde  durch  eine  gerichtliche  Untersuchung  unterbrochen,  der
eine  Verurteilung  zu  einem  Jahr  Gefängnis  folgte,  die  das  Schwurgericht ­
  gegen  Enfantin,  Duveegee  und  Michel  Chevaliee  unter
dem  Vorwände  einer  ungesetzlichen  Vereinigung  verhängte.  Das
war  der  Anstoß  zur  Auflösung.
Dieser  letzte  Abschnitt,  der  aufsehenerregendste  in  dem  ganzen
Leben  der  Schule,  machte  auf  die  Zeitgenossen  den  meisten  Eindruck.
Die  Eeligion  des  Saint-Simonismus  verdunkelte  und  kompromittierte
für  einige  Zeit  den  Saint-Simonismus  als  rein  soziale  Lehre,  wie
späterhin  die  positivistische  Eeligion  in  der  Meinung  der  Öffentlichkeit ­
  die  positive  Philosophie  verdrängen  sollte.  Das,  was  uns  hier
interessiert,  ist  einzig  und  allein  die  soziale  Lehre  des  Saint-Simonismus,
•so  wie  sie  im  ersten  Bande  der  Exposition  enthalten  ist.
Diese  Lehre  ist  neu  genug,  um  als  eine  originelle  Weiterentwicklung ­
  und  nicht  nur  als  eine  Zusammenfassung  der  Ideen  Saint-Bimon’s
  angesprochen  werden  zu  können.  Wahrscheinlich  stammt
sie  gleichzeitig  von  Bazaed  und  Enfantin.  Der  letztere  hat  fast
mit  Sicherheit  die  wirtschaftlichen  Gedanken  geliefert *  1 ),  an  denen
übrigens  das  Werk  Sismondi’s  einen  großen  Anteil  gehabt  haben  muß.
Dieses  Buch  ist  ebenso  bemerkenswert  durch  seine  energische  und
logische  Ausdrucksweise,  wie  durch  die  darin  entwickelten  Ideen
selbst;  die  Vergessenheit,  in  die  es  gefallen  ist,  läßt  sich  kaum  erklären, ­
  wenn  man  es  mit  so  vielen  anderen  mittelmäßigen  Erzeugnissen ­
  vergleicht,  die  bis  auf  unsere  Tage  gekommen  sind.  Heute
jedoch  scheint  es  neues  Interesse  zu  erregen,  und  man  versucht

*)  Obgleich  die  mündliche  Darlegung  der  Lehre  durch  Bazard  geschah  und
für  den  Druck  von  Jüngern  desselben  (unter  anderen  von  Hippolyte  Carnot)  bearbeitet
wurde,  kann  man  die  meisten  der  darin  enthaltenen  Gedanken  Enfantin  zusprechen.
Er  hatte  die  Mehrzahl  der  volkswirtschaftlichen  Aufsätze  schon  im  Producteur
ausgeführt.  Doch  unterscheidet  sich  die  im  Producteur  vertretene  Lehre  merklich
von  der  der  Exposition.  Zinsen  und  Pacht  werden  hier  lebhaft  bekämpft  als  ein
von  den  Arbeitern  an  die  Müßiggänger  gezahlter  Tribut.  Das  Erbrecht-  wird  aber
nicht  verworfen,  obgleich  es  mit  nur  geringer  Sympathie  beurteilt  wird  (Producteur,

I.  S.  566,  567).  Enpantin  erwartet  die  Befreiung  der  Arbeitenden  von  dem  Sinken
des  Zinsfußes  und  rechnet  auf  ein  gutes  Kreditsystem,  um  die  Frage  zu  lösen,  die
er  für  das  größte  moderne  Problem  hält;  die  Interessen  der  Arbeitenden  und  der
Müßiggänger  zu  vereinigen,  „Interessen,  die  niemals  mit  dem  Allgemeininteresse
verschmelzen  werden,  solange  der  Besitz  der  Früchte  einer  vergangenen  Arbeit  ein
Anrecht  auf  den  Genuß  von  Produkten  gegenwärtiger  oder  sogar  zukünftiger  Arbeit
gibt“  (Producteur,  II,  S.  124).  Hierin  liegt  schon  eine  Ankündigung  der  Ideen,
16  in  der  Exposition  entwickelt  werden.
Gide  und  Eist,  Gesch.  d.  Volkswirtschaft!.  Lehrmeinungen.

16
        <pb n="264" />
        242

Zweites-  Buch.  Die  Begründer.

ihm  den  hervorragenden  Platz  wiederzuverschaffen,  auf  den  es  in  der
sozialen  Literatur  des  neunzehnten  Jahrhunderts  ein  unbestreitbares
Anrecht  hat.
Die  Doctrinede  Saint-Simon  gipfelt  ganz  und  gar  in  einer
Kritik  des  Privateigentums.
Zum  Zweck  dieser  Kritik  kann  sich  der  Volkswirtschaft!er  auf
zwei  verschiedene  Gesichtspunkte  stellen:  erstens  auf  den  der  Verteilung ­
  und  dann  auf  den  der  Erzeugung  der  Güter,  —  auf  den
Gesichtspunkt  der  Gerechtigkeit  oder  auf  den  der  Nützlichkeit.  Die
„Doctrine“  greift  unser  soziales  System  von  beiden  Seiten  zugleich
an  und  faßt  schon  die  meisten  der  Argumente,  die  im  Laufe  des
19.  Jahrhunderts  dagegen  gerichtet  werden,  in  ein  Bündel  zusammen.
In  dieser  doppelten  Aufgabe  lehnt  sie  sich  übrigens  gerade  an  di&amp;amp;
Ideen  Saint-Simon’s  an.
a)  Saint-Simon  hatte  in  der  neuen  Gesellschaft  die  Müßiggänger
den  Arbeitern  gegenübergestellt.  Der  „Industrialismus“  hat  keinen
Platz  für  die  ersteren;  nur  die  Fähigkeit  und  die  Arbeit  geben  hier
im  Prinzip  ein  Anrecht  auf  eine  Entlohnung.  Durch  einen  merkwürdigen ­
  Mangel  an  Folgerichtigkeit  jedoch  betrachtet  Saint-Simon
das  Kapital  als  einen  persönlichen  „Einsatz“,  der  eine  besondere
Entlohnung  rechtfertigt.  Hier  nun  setzen  die  Saint-Simonisten  ein.
Ist  es  nicht  offenbar,  daß  das  Privateigentum  an  Kapitalien  das  letzte
der  Privilegien  vorstellt?  Die  Revolution  hat  die  Kasten  vorteile
verschwinden  lassen;  sie  hat  das  Recht  des  Ältesten,  das  in  der
Familie  die  Ungleichheit  heiligte,  abgeschafft.  Aber  sie  hat  das
persönliche  Eigentum  beibehalten,  —  das  Eigentum,  das  das  ungerechteste ­
  aller  Privilegien  ausmacht,  das  Recht  des  Eigentums  „eine
Abgabe  von  der  Arbeit  anderer  zu  erheben“!  Denn  in  diesem  Rechte,
ein  Einkommen  ohne  Arbeit  einzustreichen,  definiert  sich  für  die
Saint-Simonisten  das  Eigentum J ).  „Im  gewöhnlichen  Sinne  des  Wortes
bedeutet  Eigentum  die  Güter,  die  nicht  dazu  bestimmt  sind,  sofort
verbraucht  zu  werden,  und  die  heute  ein  Recht  auf  ein  Einkommen
geben.  In  diesem  Sinne  umfaßt  es  Grund  und  Boden  und  Kapitalien
d.  h.  in  der  Sprache  der  Ökonomisten  den  Produktionsfonds.  Für
uns  sind  der  Grund  und  Boden  und  die  Kapitalien,  welcher  Art  sie  auch
seien,  ARBEITSMITTEL,  die  Grundbesitzer  und  die  Kapitalisten
(zwei  Klassen,  die  in  dieser  Hinsicht  nicht  voneinander  unterschieden
werden  können)  die  TREUHÄNDER  DIESER  PRODUKTION ­
  S  MI  T  TEL;  ihre  Aufgabe  besteht  darin,  sie  unter  die  Arbeiter
zu  VERTEILEN.  Diese  Verteilung  geschieht  auf  Grund  von
Handlungen,  die  zu  Zinsen,  Miete  und  Pacht  Anlaß  geben“ 1  2 )-1

 )  Doctrine  de  Saint-Simon,  S.  182.
2 )  Ebenda,  S.  190  ff.
        <pb n="265" />
        Kapitel  II.  Saint-Simon,  die  Saint-Simonisten  u.  d.  Ursprung  des  Kollektivismus.  243

So  ist  der  Arbeiter  durch  die  Beschränkung  des  Eigentums  auf  einige
Individuen  dazu  gezwungen,  dem  Eigentümer  einen  Teil  der  Früchte
seiner  Arbeit  zu  überlassen.  Eine  derartige  Verpflichtung  ist  aber
weiter  nichts,  als  eine  Ausbeutung  des  Menschen  durch  den
Menschen 1 ).  Diese  Ausbeutung  ist  um  so  verwerflicher,  weil  sie,
wie  die  feudalen  Privilegien  selbst,  sowohl  für  die  Ausgebeuteten
wie  für  die  Ausbeuter  auf  Grund  des  Erbrechtes  zu  einer  ständigen
Einrichtung  geworden  ist.
Wenn  man  den  Saint-Simonisten  entgegenhielte,  daß  Eigentümer
und  Kapitalisten  nicht  notwendigerweise  Müßiggänger  seien,  daß  in
Wirklichkeit  viele  davon  arbeiten,  um  ihr  Einkommen  zu  erhöhen,
so  würden  sie  antworten,  daß  es  sich  hierum  gar  nicht  handele.
Selbstverständlich  mag  ein  Teil  ihres  Einkommens  von  ihrer  persönlichen ­
  Arbeit  herrühren,  aber  das,  was  sie  in  ihrer  Eigenschaft
als  Kapitalisten  erheben,  kann  doch  nur  von  der  Arbeit  anderer
geschaffen  werden.  Hierin  liegt  die  Ausbeutung!
Nicht  zum  erstenmal  stoßen  wir  in  unserer  Geschichte  auf  dieses
Wort.  Wie  man  sich  entsinnen  wird,  hat  es  schon  Sismondi  angewandt ­
 2 ).  Später  sehen  wir  es  unter  der  Feder  Kael  Maex’  und
anderer  Schriftsteller  wieder  auftauchen.  Aber  weder  Sismondi,  noch
die  Saint-Simonisten,  noch  Kael  Maex  gebrauchen  es  in  demselben
Sinne.  Es  scheint  uns  daher  nützlich,  schon  jetzt  die  verschiedenen
Bedeutungen,  die  diesem  Ausdruck  beigelegt  werden,  auseinander  zu
halten,  da  er  eine  so  bedeutende  Eolle  in  der  sozialistischen  Literatur
spielt  und  zu  so  viel  Verwirrung  Anlaß  gegeben  hat.
Wie  wir  wissen,  betrachtet  Sismondi  das  Einkommen  aus  dem
Eigentum  als  gerechtfertigt.  Er  gibt  jedoch  zu,  daß  ein  Arbeiter
ausgebeutet  werden  kann.
Wann  geschieht  dies  nun?
Sobald  sein  Lohn  kaum  genügt,  um  ihn  am  Leben  zu  erhalten,
im  Gegensatz  zu  dem  Überfluß,  in  dem  sein  Arbeitgeber  lebt,  —  sobald ­
  sein  Lohn  nicht  die  Höhe  erreicht,  die  Sismondi  als  gerechten
Lohn  des  Arbeiters  ansieht.  Die  Ausbeutung  ist  daher  ein  Mißbrauch, ­
  nicht  ein  organischer  Fehler,  der  in  der  Natur
unseres  wirtschaftlichen  Systems  begründet  wäre.  Er  tritt  „manchmal“ ­
  ein;  aber  er  ist  nicht  notwendig.  Man  kann  ihn  verbessern,
°hne  deshalb  das  ganze  System  zu  zerstören.  In  diesem  allgemeinen
u nd  etwas  unbestimmten  Sinne,  —  der  anscheinend  auf  der  Schwierigkeit ­
  beruht,  den  „gerechten  Preis“  genau  zu  bestimmen,  —  tritt  die

')  Ebenda,  S.  93.
2 )  Siehe  oben,  S.  208—209.  Sismondi  hatte  mehr  von  Beraubung  (spoliation)
gesprochen.

16*
        <pb n="266" />
        244

Zweites  Buch.  Die  Gegner.

Ausbeutung  unter  den  verschiedensten  Umständen  in  unserer  wirtschaftlichen ­
  Welt  auf.  Auch  ist  sie  nicht  nur  auf  die  Beziehungen
zwischen  Arbeitgeber  und  Arbeitnehmer  beschränkt.  Sie  tritt  jedesmal ­
  ein,  sobald  eine  Person  irgendeine  „Ausnahmslage“  (Unwissenheit, ­
  Furchtsamkeit,  Schwäche,  Vereinsamung  eines  anderen)
dazu  mißbraucht,  um  Dienste  oder  Waren  zu  einem  zu  niedrigen  oder
zu  hohen  Preise  zu  kaufen  oder  zu  verkaufen.
Für  die  Saint-Simonisten  dagegen  ist  die  Ausbeutung  ein
organischer  Fehler  unserer  sozialen  Ordnung.  Sie  ist  unlöslich
mit  dem  Privateigentum  verbunden,  deren  notwendige  Folge  sie  ist.
Sie  ist  nicht  ein  einfacher  Mißbrauch,  sondern  das  besondere  Kennzeichen ­
  des  ganzen  Systems,  da  ja  die  grundlegende  Eigenschaft  des
Eigentums  gerade  auf  dem  Eecht  beruht,  ein  Erzeugnis  ohne  Arbeit
zu  erlangen.  Daher  ist  die  Ausbeutung  auch  nicht  nur  auf  die
mit  ihren  Händen  Arbeitenden  beschränkt.  Sie  umfaßt  alle,  die  dem
Eigentümer  Tribut  zahlen  müssen.  Auch  der  Industrieunternehmer
leidet  darunter  durch  die  Zinsen,  die  er  seinem  Geldgeber  zahlen  muß 1 ).
Der  Profit  des  Unternehmers  beruht  aber  nicht  auf  einer  Ausbeutung ­
  des  Arbeiters;  er  ist  einfach  der  Lohn  der  mit  der  Leitung
verbundenen  Arbeit.  Selbstverständlich  kann  auch  der  Arbeitgeber
seine  Stellung  mißbrauchen,  um  den  Lohn  des  Arbeiters  übermäßig
herabzudrücken;  in  diesem  Sinne  sagen  die  Saint-Simonisten  in  der
gleichen  Weise  wie  Sismondi,  daß  der  Arbeiter  ausgebeutet  wird.
Das  ist  aber  durchaus  keine  Notwendigkeit.  Im  Gegenteil  läßt  der
Saint-Simonismus  in  der  Industriegesellschaft  der  Zukunft  durchblicken,
  daß  für  besondere  Fähigkeiten  große  Löhne  gezahlt  werden 2 ).
Und  das  ist  ein  bemerkenswerter  Punkt  ihrer  Theorie.
Auch  Marx  hält  die  Ausbeutung  für  einen  organischen
Fehler  des  Kapitalismus.  Er  gibt  aber  diesem  Worte  einen  ganz
anderen  Sinn  als  die  Saint-Simonisten.  Indem  er  auf  den  englischen
Sozialisten  fußt,  sieht  er  den  Ursprung  der  Ausbeutung  in  einer  Be-Sonderheit
  des  Tausches.  Für  ihn  schafft  einzig  die  Arbeit  des  -
Handarbeiters  den  Wert  der  Produkte;  infolgedessen  können  sowohl

•)  „Heute  wird  die  ganze  Menge  der  Arbeitenden  von  den  Menschen  ausgebeutet,
deren  Eigentum  sie  benutzen;  auch  die  Führer  der  Industrie  unterliegen  dieser  Ausbeutung ­
  in  ihren  Beziehungen  zu  den  Eigentümern,  wenn  auch  in  einem  unvergleichlich ­
  schwächeren  Grade;  ihrerseits  wieder  haben  sie  an  den  Privilegien  der
Ausbeutung  Teil,  die  mit  ihrem  ganzen  Gewicht  auf  der  Arbeiterklasse  liegt,  d.  h.
auf  der  so  ungeheuer  grollen  Mehrzahl  der  Arbeitenden“  (Doctrine  de  Saint-Simon,
  S.  176).
2 )  „Wir  glauben,  daß  die  Gewinne  sinken  und  die  Löhne  steigen;  doch  wir
schließen  in  das  Wort  Lohn  den  Gewinn  des  industriellen  Unternehmers  ein,  da  wir
diesen  Gewinn  als  den  Preis  seiner  Arbeit  betrachten“  (Le  Producteur,  I,  S.  245).
Der  Aufsatz  stammt  von  Enfantin.
        <pb n="267" />
        Kapitel  II.  Saint-Simon,  die  Saint-Simonisten  u.  d.  Ursprung-  des  Kollektivismus.  245

Zinsen  wie  Profit  nur  ein  am  Arbeiter  begangener  Diebstahl  sein.
Das  Einkommen  des  Unternehmers  ist  nicht  weniger  ungerecht  als
das  des  Kapitalisten  oder  des  Großgrundbesitzers  1 ).
Diese  letzte  Theorie  erscheint  viel  radikaler  als  die  vorhergehende,
  da  sie  jedes  andere  Einkommen  als  den  Lohn  des  Arbeiters
■verurteilt:  in  Wirklichkeit  steht  sie  auf  viel  schwächeren  Füßen.
Es  genügt  darzutun,  daß  der  Wert  der  Erzeugnisse  nicht  von  der
Hand  geschaffen  wird,  um  das  ganze  Gebäude  Marx’  über  den  Haufen  ;
zu  werfen.  Die  Saint-Simonisten  haben  sich  nie  mit  einer  Werttheorie ­
  abgegeben.  Ihre  sehr  einfache  Lehre  beruht  auf  der  offenkundigen ­
  Unterscheidung  zwischen  dem  Einkommen  aus  Arbeit  und
dem  Einkommen  aus  Eigentum.  Diese  Unterscheidung  kann  niemand
anfechten.  Schon  Sxsmondi  hatte  sie  gemacht.  Um  die  Folgerung,
die  sie  daraus  ziehen,  —  nämlich  die  Unrechtmäßigkeit  des  Einkommens ­
  ohne  Arbeit  —  ablehnen  zu  können,  muß  man  für  das  Einkommen ­
  unbedingt  eine  andere  Begründung  als  die  Arbeit  finden
and  für  die  wesentliche  Eigenschaft  des  Eigentums  eine  neue  Rechtfertigung ­
  entdecken.
Man  versucht  im  allgemeinen,  diese  Rechtfertigung  in  den  Notwendigkeiten ­
  der  Produktion  zu  finden.  Das  Privateigentum  mit
dem  ihm  eigenen  Einkommen  rechtfertigt  sich  in  den  Äugen  einer
beständig  wachsenden  Zahl  von  Nationalökonomen  durch  den  Ansporn,
den  es  zur  Gtttererzeugung  und  Güteransammlung  bietet.  Das  ist
der  beste  Kampfplatz,  auf  den  man  sich  zu  seiner  Verteidigung  stellen
kann.  Ihn  hatten  unter  anderen  auch  die  Physiokraten  gewählt 2 ).
Die  Saint-Simonisten  verwerfen  aber  gleich  von  Anfang  an  dieses
Argument:  sie  greifen  das  Privateigentum  nicht  weniger  heftig  im
Hamen  der  sozialen  Nützlichkeit  als  in  dem  der  Gerechtigkeit  an.
Nach  ihrer  Meinung  muß  es  nicht  nur  im  Interesse  der  Verteilung,
sondern  auch  in  dem  der  Erzeugung  verschwinden.
b)  Wir  kommen  nun  zu  dem  zweiten  Gesichtspunkte,  den  Saint-Simon
  sich  begnügt  hatte,  festzustellen,  ohne  ihn  eingehender  zu

')  Die  Verschiedenheiten  des  Wortes  „Ausbeutung“,  je  nachdem  man  sich  auf
den  Standpunkt  Sismondi’s,  der  Saint-Simonisten  oder  Marx  stellt,,  lassen  sich  wie
folgt  ausdrücken:  1.  Für  Sismondi  wird  der  Arbeitende  in  dem  Sinne  ausgebeutet,
daß  man  ihm  keinen  Lohn  gibt,  der  zu  einem  menschenwürdigen  Leben
genügt;  das  Einkommen  ohne  Arbeit  erscheint  ihm  aber  berechtigt;  2.  lür  die
Saint-Simonisten  besteht  die  Ausbeutung  darin,  daß  ein  Teil  des  materiellen
Arbeitsertrages  durch  die  sozialen  Einrichtungen  zum  Profit  des  Unternehmers ­
  entwendet  wird;  3.  Für  Marx  endlich  existiert  die  Ausbeutung  in  dem
Sinn,  daß  ein  Teil  des  durch  die  Arbeit  geschaffenen  Wertes  von  den
Kapitalisten  infolge  der  sozialen  Einrichtungen  und  der  Tauschgesetze  entwendet ­
  wird.
*)  Siehe  oben,  S.  27—28.
        <pb n="268" />
        246

Zweites  Buch.  Die  Gegner.

entwickeln:  die  Idee,  daß  das  Eigentum,  wie  die  politische  Ordnung,
zum  Besten  des  Interesses  der  Produktion  organisiert  werden  muß.
Gestattet  das  Privateigentum,  dieses  Ziel  zu  erreichen?
Wie  wäre  das  möglich,  sagen  die  Saint-Simonisten,  solange  die
heutige  Art  der  Übertragung  der  Arbeitsmittel  besteht?
Die  Kapitalien  werden  durch  Erbschaft  übertragen.  Ihre  Verwaltung ­
  liegt  in  den  Händen  von  Individuen,  die  der  „Zufall  der
Geburt“  auswählt  und  mit  der  schwierigsten  aller  Obliegenheiten:
der  bestmöglichen  Verwendung  der  Produktionsmittel,  betraut.  Das
Interesse  der  Gesellschaft  sollte  fordern,  daß  diese  Mittel  in  die
Hände  der  fähigsten  Menschen  gelegt  werden,  und  daß  sie  in  diejenigen ­
  Orte  und  unter  diejenigen  Industrien  verteilt  werden,  in
denen  sich  das  Bedürfnis  am  lebhaftesten  fühlbar  macht,  „ohne  daß
es  jemals  in  irgendeinem  Zweige  Mangel  oder  Überfluß  daran  geben
könne“ 1 );  und  heute  bezeichnet  das  blinde  Schicksal  die  Menschen,
die  zu  dieser  außerordentlich  schwierigen  Aufgabe  bestimmt  sind!
Die  Kritik  der  Erbschaft  wird  daher  derjenige  Punkt,  auf  den  die
Saint-Simonisten  alle  ihre  Kräfte  konzentrieren.
Die  Entrüstung  der  Saint-Simonisten  ist  sehr  wohl  verständlich.
In  der  Tatsache,  auf  die  sie  hinweisen,  liegt  etwas  durchaus  Paradoxes. ­
  Wenn  man  mit  A.  Smith  annimmt,  daß  „die  Zivilregierung
nur  deshalb  eingesetzt  ist,  um  die,  die  Eigentum  haben,  gegen  die,
die  keins  haben,  zu  verteidigen,  fein  sehr  enger  Gesichtspunkt) 2 ),
so  ist  das  Erbrecht  etwas  durchaus  Richtiges.  Wenn  man  sich  aber
auf  den  Gesichtspunkt  der  Saint-Simonisten  stellt,  —  in  eine  industrielle ­
  Gesellschaft,  wo  der  Reichtum  nicht  als  ein  Zweck,  sondern
als  ein  Mittel  betrachtet  wird,  nicht  als  eine'  Quelle  individueller
Einkünfte,  sondern  als  ein  Instrument  sozialer  Arbeit,  —  so  scheint
es  wirklich  haarsträubend,  seine  Verwendung  dem  ersten  Besten
überlassen  zu  sehen.  Man  kann  das  Erbrecht  nur  dann  gut  heißen,
wenn  man  darin  für  die  Väter  einen  energischen  Ansporn  zur  Ansammlung ­
  von  Kapitalien  sieht,  —  oder  wenn  man  annimmt,  daß
überhaupt  keine  rationelle  Methode  vorhanden  ist,  und  daß  der  Zufall
der  Geburt  nicht  mehr  Anlaß  zur  Kritik  gibt  als  irgendeine  andere
Verteilungsmethode.
Dieser  Skeptizismus  ist  aber  durchaus  nicht  nach  dem  Geschmack ­
  der  Saint-Simonisten.  Sie  schreiben  die  scheinbare  oder  wirkliche ­
  Unordnung  der  Produktion  gerade  der  Zersplitterung  des  Eigentums ­
  zu,  das  den  Zufälligkeiten  des  Todes  und  der  Geburt  unterworfen ­
  ist.

*)  Doctrine,  S.  191.
2 )  Siehe  oben,  S.  89,  Anm.  (Volkerreichtum,  II,  S.  175).
        <pb n="269" />
        Kapitel  II.  Samt-Simon,  die  Saint-Simonisten  u.  d.  Ursprung  des  Kollektivismus.  247

„Jedes  Individuum  ist  auf  seine  persönlichen  Kenntnisse  angewiesen; ­
  keine  Gesamtanschauung  leitet  die  Produktion:  sie  geht
'wahllos  und  ohne  jede  Voraussicht  vor  sich;  an  einer  Stelle  ist  sie
■zu  gering,  an  einer  anderen  ist  sie  zu  groß;  diesem  Fehlen  einer  allgemeinen ­
  Übersicht  über  die  Bedürfnisse  des  Verbrauches  und  über
die  Hilfsmittel  der  Produktion  müssen  jene  industriellen  Krisen  zugeschrieben ­
  werden,  über  deren  Ursprung  soviel  irrtümliche  Erklärungen ­
  gegeben  worden  sind  und  noch  täglich  gegeben  werden.
Wenn  man  in  diesem  bedeutenden  Zweige  der  sozialen  Tätigkeit  soviele
  Störungen  und  soviel  Unordnung  auftreten  sieht,  so  beruht  das
■darauf,  daß  die  Verteilung  der  Arbeitsmittel  von  Einzelindividuen ­
  ausgeführt  wird,  die  weder  von  den  Bedürfnissen ­
  der  Industrie,  noch  von  denen  der  Menschen,
noch  den  Mitteln,  durch  die  sie  zufrieden  gestellt  wer  den
könnten,  irgend  etwas  wissen;  hierin  allein  liegt  die  Ursache
des  Übels“ 1 ).
Um  dieser  angeblichen  „wirtschaftlichen  Anarchie“  zu  entgehen,
—  die  später  so  oft  beschrieben  wmrden  ist,  —  sehen  die  Saint-Simonisten
keinen  anderen  Ausweg,  als  den  Kollektivismus 2 ).  Der  Staat  wird
•der  einzige  Erbe.  Im  Besitz  aller  Arbeitsmittel  verteilt  er  sie  zum
Besten  des  allgemeinen  Interesses.  Sie  stellen  sich  die  Regierung
■wie  eine  große  Zentralbank  vor,  die  alle  Kapitalien  verwaltet  und
kn  Besitze  zahlreicher  Filialen  ist.  Diese  „bankartige  Regierung“
befruchtet  auch  die  entferntesten  Gegenden,  denen  sie  die  notwendigen ­
  Hilfsmittel  zuführt.  Sie  wählt  die  fähigsten  Leute  aus,  um
sie  anzustellen  und  gemäß  ihrer  Arbeit  zu  entlohnen.  So  würde  eine
«soziale  Einrichtung“  mit  den  Funktionen  betraut  sein,  die  heute  von
den  Individuen  so  schlecht  erfüllt  werden 8 ).
*)  Doctrine  de  Saint-Simon,  S.  191,  192.
2 )  Die  Saint-Simonisten  gebrauchen  dieses  Wort  noch  nicht,  beschreiben  aber
die  Sache  sehr  gut.
3 )  „Wir  werden  diese  Einrichtung  vorläufig  durch  das  Wort  Sy  steme  general
de  banques  (allgemeines  Banksystem)  bezeichnen,  machen  aber  jeden  Vorbehalt
betreff  der  eng  umschriebenen  Auslegung,  die  man  heute  diesem  Worte  geben  könnte.
Dieses  System  würde  zunächst  eine  Zentralbank  umfassen,  die  die  Begierung
'erstellt,  und  zwar  in  materieller  Hinsicht;  diese  Bank  würde  die  Verwalterin
Mlen  Keichtums,  des  ganzen  Produktionfonds  und  aller  Arbeitsinstrumente  sein,
®üt  einem  Wort  alles  dessen,  was  heute  die  Menge  des  individuellen  Eigentums
ausmacht.  —  Von  dieser  Zentralbank  würden  Banken  zweiter  Ordnung  abhängen,
die  nur  ihre  Fortsetzung  sind,  und  durch  die  sie  sich  in  steter  Verbindung  mit  den
Hauptplätzen  halten  würde,  um  die  Bedürfnisse  und  die  Produktivkraft  derselben
? u  kennen.  Diese  Banken  zweiter  Ordnung  würden  wieder  in  dem  Bezirk,  der
ümen  untersteht,  mehr  und  mehr  spezialisierten  Banken  vorstehen,  die  ein  engeres
beld  umfassen  sollen,  wie  immer  schwächere  Wurzeln  am  Baum  der  Industrie.
" e i  den  oberen  Banken  würden  alle  Bedürfnisse  zusammenlaufen;  von  ihnen
        <pb n="270" />
        248

Zweites  Buch.  Die  Gegner.

Man  darf  aber  nicht  zu  sehr  auf  dieses  Projekt  eingehen  und
Einzelheiten  verlangen,  deren  Darlegungen  die  Saint-Simonisten  in
die  größte  Verlegenheit  bringen  würden.
Wer  würde  z.  B.  mit  der  dornigen  Aufgabe  betraut  werden,  die
Fähigkeiten  zu  beurteilen  und  die  Arbeiten  zu  entlohnen?  Die
„Universalmenschen“  (hommes  generaux),  antworten  sie  uns,  besonders
hoch  begabte  Menschen,  die  „von  den  Fesseln  der  Spezialisierung
befreit“,  ganz  instinktiv  den  natürlichen  Drang  in  sich  fühlen  werden,,
nur  das  allgemeine  Interesse  zu  berücksichtigen.
An  der  Spitze  steht,  so  schreiben  sie  an  einer  anderen  Stelle,
derjenige,  der  „das  soziale  Schicksal  am  meisten  liebt“ 1 ).  Dasist
  nun  nicht  gerade  sehr  vertrauenerweckend,  denn  manchmal  haben
selbst  große  Männer  in  recht  bedauerlicher  Weise  ihre  Privatinteressen ­
  mit  dem  öffentlichen  Wohl  verwechselt.
Nehmen  wir  aber  einmal  die  Überlegenheit  der  „Universalmenschen“ ­
  an.  Aus  welchem  Grunde  wird  man  ihnen  gehorchen?
Werden  die  Untergebenen  mit  Gewalt  dazu  gezwungen,  oder  gehorchen ­
  sie  freiwillig?  Die  Doktrine  glaubt  an  die  letztere  Hypothese, ­
  denn  ist  die  Religion  der  Saint-Simonisten  nicht  da,  um  die
Untergebenen  mit  beständiger  Hingabe  ihren  Vorgesetzten  gegenüber
zu  erfüllen?  um  aus  Liebe  und  Überzeugung  den  fröhlichen  und  beständigen ­
  Gehorsam  zu  sichern? 2 )  Man  wird  jedoch  fragen,  ob
denn  nur  die  Saiut-Simonistische  Religion  das  einzigartige  Privileg
haben  wird,  keine  Ketzer  hervorzubringen?
Es  würde  zu  nichts  führen,  die  Einwände  zu  häufen;  sie  liegen
auf  der  Hand.  Sie  sind  notwendigerweise  auf  jedes  kollektivistische
System  anwendbar  und  unterscheiden  sich  nur  in  ihren  Einzelheiten.
Sobald  man  die  soziale  Selbstbetätigung,  die  freie  Initiative  des
Menschen  durch  eine  wirtschaftliche  Tätigkeit  ersetzen  will,  die
in  allen  ihren  Teilen  vorausgesehen  und  organisiert  ist,  stößt  man
sofort  auf  psychologische  Unmöglichkeiten.  An  Stelle  des  Menschenwürden ­
  alle  Kräfte  ausgehen....“  Doctrine,  S.  206—207.  Der  Gedanke  eineA
solchen  Systems  stammt  wahrscheinlich  von  Enfantin,  denn  er  führt  ihn  schon  in
einem  Aufsatz  des  Producteur  (III,  S.  385)  aus.
*)  Doctrine,  8.210,  Anm.  An  anderer  Stelle:  „Wir  werden  aller  politischen
Grundsätze  müde,  die  nicht  unmittelbar  und  einzig  bezwecken,  das  Schicksal  der
Völker  in  die  Hände  von  Männern  Toller  Ergebenheit  und  Genie  zu  legen.“
(Ebenda,  S.  330.)
s )  „Wir  werden  mit  Freuden  zu  jener  hohen  Tugend  zurückkehren,  die  heuteso
  mißverstanden,  wir  können  sagen,  mißachtet  ist,  jener  Tugend,  die  zwischen
Wesen,  die  den  gleichen  Zweck  verfolgen,  so  leicht,  so  liebenswürdig  ist,  daß  alle
■  sie  zu  erreichen  streben,  und  die  so  unleidlich,  so  aufbäumend  wirkt,  wenn  sie  dem
Egoismus  gehorchen  muß,  —  mit  herzlicher  Hingabe  werden  wir  zum  REJIQJß-SAM
  zurückkehren“  (Doctrine,  S.  330).
        <pb n="271" />
        Kapitel  II.  Samt-Simon,  die  Saint-Simonisten  u.  d.  Ursprung  des  Kollektivismus.  249

herzens  mit  seinen  gewöhnlichen  Beweggründen,  seinem  Mißtrauen
nnd  seiner  Auflehnung  und  seinen  Schwächen,  an  Stelle  des  Menschengeistes ­
  mit  seiner  Gleichgültigkeit,  seiner  Unwissenheit  und  seinen
Irrttimern  muß  man  ein  Herz  und  einen  Geist  von  idealer  Vollkommenheit ­
  setzen,  die  beide  nur  sehr  entfernt  mit  dem  Herzen
und  dem  Geiste  verwandt  sind,  die  wir  kennen.  Der  Gedanke  der
Saint-Simonisten,  daß  ein  gemeinsamer,  religiöser  Glaube  unerläßlich
sei,  um  eine  derartige  Ordnung  aufrecht  zu  erhalten,  beweist  (vielleicht ­
  ohne  ihre  Absicht),  daß  sie  einen  bedeutend  größeren  Scharfsinn ­
  besaßen  als  viele  ihrer  verachtungsvollsten  Kritiker.
Es  ist  wichtiger  hier  festzustellen,  daß  das  Saint-Simonistische
System  das  Vorbild  all  der  kollektivistischen  Zukunftsbilder  ist,  die
im  Laufe  des  19.  Jahrhunderts  aufeinander  folgen.  Es  stellt  ein  reifes
und  vollständiges  System  dar.  Es  beruht  auf  einer  eingehenden
Kritik  des  Privateigentums  und  unterscheidet  sich  in  allen  seinen
Zügen  von  den  vorhergehenden  Gleichheitsutopien.  Die  einzige  Gleichheit, ­
  die  die  Saint-Simonisten  verlangen,  ist  die,  welche  die  Engländer ­
  „equality  of  opportunity“  (Gleichheit  der  Aussichten)  nennen,
Gleichheit  der  Chancen  oder  Gleichheit  der  Ausgangspunkte.  Darüber
hinaus  gibt  es  nur  Ungleichheit,  und  zwar  gerade  im  Interesse  der
sozialen  Produktion.  Die  Regel  der  Neuen  Gesellschaft  ist;  Jedem
nach  seinen  Fähigkeiten,  jeder  Fähigkeit  nach  ihrer
Leistung 1 ).
In  einigen  prägnanten  Formeln  haben  sie  selbst  ihr  ganzes
Programm  zum  Ausdruck  gebracht,  nämlich  in  einem  Briefe,  den  sie
1830  an  den  Präsidenten  des  Abgeordnetenhauses  sandten 2 ).  Dieser
Brief  verdient  hier  zitiert  zu  werden;
„Die  Saint-Simonisten  verwerfen  das  System  der  Gütergemeinschaft, ­
  denn  diese  Gemeinschaft  würde  eine  offenbare  Verletzung  des
ersten  aller  Moralgesetze  sein,  die  zu  lehren  sie  beauftragt  sind,
eines  Gesetzes,  demzufolge  in  Zukunft  die  Stellung  eines  jeden
sich  nach  seinen  Fähigkeiten  und  sein  Lohn  sich  nach
seinen  Leistungen  richten.
„Aber  auf  Grund  dieses  Gesetzes  verlangen  sie  die  Abschaffung
aller  Geburtsprivilegien  ohne  Ausnahme  und  folglich  auch  die  des
*)  In  der  dritten  Ausgabe  der  Doctrine  findet  sich  eine  etwas  abweichende
Kormel  und  zwar  auf  der  dritten  Seite:  „Ein  Jeder,“  wird  dort  gesagt,  „soll  nach
seinen  Diensten  &amp;lt;versorgt&amp;gt;  und  nach  seinen  Werken  entlohnt  werden.“  Hier
sieht  man  besser,  wie  der  erste  Teil  der  Formel  die  Verteilung  der  Kapitalien,
der  Arbeitsmittel,  und  der  zweite  die  Verteilung  der  individuellen  Einkommen
lm  Auge  hat.  —  An  anderer  Stelle  findet  man  noch  das  Wort  „eingereiht“  (classe)
anstatt  „versorgt“  (dote),  z.  ß.  in  der  2.  Ausg.  S.  183.
2 )  Als  Anhang  zur  2.  Ausg.  der  Doctrine  de  Saint-Simon,  Exposition,
L  Jahrg.,  1829.
        <pb n="272" />
        250

Zweites  Buch.  Die  Gegner.

ERBRECHTES,  des  größten  aller  dieser  Privilegien,  in  dem  heute
alle  anderen  beschlossen  sind,  und  dessen  Wirkung  darin  besteht,
dem  Zufall  die  Verteilung  der  gesellschaftlichen  Vorteile  zu  überlassen, ­
  und  zwar  unter  der  kleinen  Anzahl  derer,  die  einen  Anspruch
darauf  erheben  können,  während  die  bei  weitem  zahlreichere  Klasse
zur  Verkommenheit,  zur  Unwissenheit  und  zum  Elend  verdammt ­
  wird.
„Sie  verlangen,  daß  alle  Arbeitsmittel,  der  Boden  und  die  Kapitalien, ­
  die  heute  den  zerstückelten  Stamm  des  Privateigentums  bilden,
zu  einem  einzigen  gesellschaftlichen  Vermögensstamme  vereint  werden,
und  daß  dieses  Ganze  durch  Assoziation  und  zwar  in  der  Form
einer  Hierarchie  bewirtschaftet  werde,  so  daß  die  Aufgabe  eines
jeden  den  Ausdruck  seiner  Fähigkeit  vorstelle,  und  sein  Reichtum
im  Verhältnis  zu  seinen  Leistungen  stehe.
„Die  Saint-Simonisteu  beabsichtigen,  die  Einrichtung  des  Eigentums ­
  nur  insoweit  anzugreifen,  als  es  für  einige  das  frevelhafte

Privileg  des  Müßigganges

einem  Rechtsgrundsatz  erhebt,

nämlich  zum  Recht  wie  von  der  Arbeit  anderer  zu  leben.“
c)  Endlich  begnügen  sich  die,  die  das  Privateigentum  kritisieren,
im  allgemeinen  nicht  damit,  es  vom  Gesichtspunkte  der  Verteilung
und  der  Erzeugung  der  Güter  zu  verurteilen.  Fast  stets  fügen  sie
den  beiden  Argumenten  ein  drittes  an,  das  man  das  historische
Argument  nennen  könnte.  Es  besteht  in  der  Darlegung,  daß  das
Eigentum  eine  bewegliche,  wechselnde,  in  beständiger  Entwicklung
befindliche  Einrichtung  ist,  die  schon  heute  das  Bestreben  zeigt,  sich
in  der  von  ihnen  gewünschten  Richtung  zu  verändern.  Auch  die
Saint-Simonisten  haben  dieses  Argument  gebraucht.
Diese  Form  der  Beweisführung  hat,  wie  wir  schon  hier  hervorheben ­
  wollen,  im  Laufe  des  19.  Jahrhunderts  eine  sehr  bedeutende
Rolle  gespielt,  und  zw r ar  zunächst  bei  den  Sozialisten,  dann  aber
auch  bei  anderen  Schriftstellern.  Die  verschiedensten  Schulen  haben
sich  auf  die  Geschichtsphilosophie  berufen  und  berufen  sich  noch
heute  darauf.  Dies  geschieht  nicht  nur  zugunsten  einer  Reform  des
Eigentums,  sondern  auch  zugunsten  der  von  allen  Parteien  vorgeschlagenen ­
  Verbesserungen.  Das  System  von  Karl  Marx  stellt
in  Summa  eine  großartige  Geschichtsphilosophie  dar,  in  der  der
Kommunismus  als  das  notwendige  Ziel  der  Entwicklung  der  „Produktionsverhältnisse“ ­
  erscheint.  Die  vom  Marxismus  losgelösten
modernen  Sozialisten  berufen  sich  ebenfalls  darauf.  Vandervelde  x )
stützt  sich  auf  die  Geschichtsphilosophie,  ebenso  wie  die  allerneusten
Schriftsteller  des  „Socialisme  en  action“  oder  wie  Herr  und  Frau

l )  lu  seinem  Meinen  Werk:  Le  Colleetivisme,  Paris  1900.
        <pb n="273" />
        Kapitel  II.  Saint-Simon,  die  Saint-Simonisten  u.  d.  Ursprung  des  Kollektivismus.  251

Sydney  Webb  und  die  Fabier.  Wir  finden  eine  ähnliche  Philosophie
als  Grundlage  des  Staatssozialismus  bei  Dupont-White  wieder,  ebenso
wie  bei  Adolf  Wagner.  Friedrich  List  liefert  uns  ein  Beispiel  in
seiner  Aufzählung  der  verschiedenen,  aufeinanderfolgenden  Wirtschaftsstufen. ­
  Die  historische  Schule  dachte  in  ihren  Anfängen  daran,
die  Nationalökonomie  in  ihrer  Gesamtheit  in  eine  Art  Geschichtsphilosophie ­
  zu  verwandeln,  und  wenn  wir  nach  dem  Bereiche  der
Soziologie  und  der  Ökonomik  das  Bereich  der  allgemeinen  Philosophie ­
  betrachten,  so  finden  wir  dort  gleiche  Bestrebungen.  Die  berühmteste ­
  ist  vielleicht  die  Theorie  der  drei  Gesellschaftsstufen  von
Auguste  Comte  (die  er  übrigens  Saint-Simon  entlehnt  hat) 1 )-Hier
  ist  nicht  der  Ort,  in  eine  Diskussion  darüber  einzutreten,
ob  die  Bemühungen,  historische  Gesetze  dieser  Art  zu  finden,  berechtigt ­
  ist.  Diesen  Punkt  werden  wir  in  einem  späteren  Kapitel
im  Anschluß  an  die  historische  Schule  behandeln.  Worauf  jedoch
hier  schon  hingewiesen  werden  muß,  ist,  daß  die  Saint-Simonisten
nicht  darüber  im  unklaren  waren,  welche  Vorteile  eine  derartige  Beweisführung ­
  gewährt.  Zugunsten  des  von  ihnen  empfohlenen  Kollektivismus ­
  berufen  sie  sich  auf  die  ganze  Vorgeschichte  des  Eigentums.
So  haben  sie  schon  damals  alle  die  Waffen  dagegen  gebraucht,  deren
sich  die  späteren  Schulen  bedienen  sollten.
„Nach  dem  allgemeinen  Vorurteil“  sagt  die  „Doctrine  de
Saint-Simon“  2 ),  „scheint  es,  daß,  was  für  Umwälzungen  auch  in  den
Gemeinwesen  auftreten  mögen,  das  Eigentum  davon  stets  unberührt ­
  bleiben  muß;  daß  das  Eigentum  eine  unabänderliche  Tatsache ­
  bleibt.“  —  Nichts  ist  aber  in  Wirklichkeit  falscher:  „Das
Eigentum  ist  eine  soziale  Tatsache,  die  wie  alle  anderen ­
  sozialen  Tatsachen  dem  Gesetz  des  Fortschritts
unterworfen  ist.  Es  kann  daher  in  verschiedenen
Epochen  verschieden  verstanden,  definiert  und  gesetzlich ­
  geordnet  werden“ 3 )-  Damit  ist  schon  im  voraus  der
')  Auf  Seite  48  seines  „Auguste  Comte  et  le  positivisme“  hat  Litteü
diese  Entlehnung  bestritten.  Doch  stellt  Saint-Simon  in  der  Vorrede  zu  dem  Systeme
Industrie!  fest,  daß  in  politischen  Dingen  die  Juristen  das  Zwischenglied  zwischen
der  feudalen  Regierung  und  der  industriellen  Regierung  abgehen,  ebenso  wie  die
Metaphysiker  das  Zwischenglied  zwischen  der  theologischen  Herrschaft ­
  und  der  Herrschaft  der  Wissenschaft  sind.  Er  fügt  noch  eine
genauer  gefaßte  Anmerkung  hinzu  ((Euvres  compl.,  V,  S.  9).  Es  ist  wahr,  daß  das
Sy  steine  industriel  aus  dem  Jahre  1821  stammt  und  folglich  mehrere  Jahre
Rach  dem  Anfang  der  Beziehungen  zwischen  Comte  und  Saint-Simon.  Daher  kann
auch  ein  noch  so  genauer  Text  die  Frage  nach  dem  Einfluß,  den  die  beiden  „Messias“
aufeinander  gehabt  nicht,  nicht  lösen.  Übrigens  findet  sich  der  Gedanke  schon  hei
Tosgot.
2 )  Doctrine,  S.  179.
s )  Ebenda,  S.  179.
        <pb n="274" />
        252

Zweites  Buch.  Die  Gegner.

Grundsatz,  auf  den  sich  nach  ihnen  alle  Reformatoren  stützen  sollten,
formuliert  worden.  Der  belgische  Nationalökonom  de  Laveleye,  der
von  allen  Volkswirtschaftlern  diese  Fragen  am  gründlichsten  wissenschaftlich ­
  untersucht  hat,  drückt  sich  40  Jahre  später  in  seinem
Werk  über  die  Urformen  des  Eigentums  in  fast  den  gleichen  Ausdrücken ­
  aus J ).
Und  wenn  wir,  fügen  die  Saint-Simonisten  hinzu,  die  Entwicklung ­
  in  der  Vergangenheit  betrachten,  so  konstatieren  wir  gerade,
daß  sie  bestrebt  ist,  sich  in  dem  Sinn,  den  wir  vorschlagen,  zu
organisieren.  Am  Anfang  schließt  das  Eigentum  sogar  die  Menschen
auf  Grund  der  Sklaverei  ein.  Nach  und  nach  wird  das  Recht  des
Herren  an  den  Sklaven  Beschränkungen  unterworfen.  Zum  Schluß
verschwindet  es  vollständig.  Was  die  Sachgüter  anlangt,  auf  die
das  Eigentum  nunmehr  beschränkt  ist,  so  verfügt  der  Besitzer  zunächst ­
  nach  seinem  Belieben  darüber.  Dann  mischt  sich  die  öffentliche ­
  Macht  ein  und  zwingt  den  Vater  dazu,  den  ältesten  Sohn  zu
seinem  Erben  zu  machen.  Zum  Schluß  verordnet  die  französische
Revolution  eine  gleichmäßige  Erbschaftsteilung  zwischen  den  Kindern
und  vermehrt  so  diejenigen,  die  von  den  Produktionsmitteln  profitieren. ­
  Heute  verringert  der  sinkende  Zinsfuß  allmählich  den  Vorteil ­
  des  Eigentümers  an  dem  Produktionsmittel  und  sichert  so  dem
Arbeiter  einen  immer  größeren  Anteil  am  Produkt  Ein  letzter
Schritt  bleibt  noch  zu  tun  übrig,  und  gerade  ihn  kündigen  die
Saint-Simonisten  an:  allen  Arbeitern  ein  gleiches  Recht  ani  Gebrauch
der  Produktionsmittel  zu  sichern,  und  dadurch  jeden  Menschen  zum
Eigentümer  zu  machen,  indem  der  Staat  der  einzige  Erbe  ist.  „Das
Gesetz  des  Fortschrittes,  das  wir  beobachtet  haben,  strebt  nach  einer
Ordnung  der  Dinge  hin,  in  der  der  Staat,  nicht  mehr  die  Familie,
die  angesammelten  Güter  erbt,  insoweit  sie  dasjenige  darstellen,
was  die  Nationalökonomen  Produktionsmittel  (Fonds  de  production)
  nennen 3 }.“

*)  „Ein  anderer,  ebenfalls  recht  verbreiteter  Fehler  ist,  daß  man  vom  Eigentum
spricht,  als  ob  es  eine  Einrichtung  wäre,  die  eine  feste  und  stets  gleich  gebliebene
Form  habe,  während  es  doch  in  Wirklichkeit  die  verschiedensten  Formen  angenommen
hat  und  auch  heute  noch  einschneidender  und  unvorhergesehener  Veränderungen
fähig  ist“  (LXvelbyb,  De  la  propriete  et  de  ses  forraes  primitives,  1.  Ausg.
1874,  S.  381).  —  In  einem  Brief  vom  17.  Nov.  1872  beglückwünscht  Stüakt  Mill
Laveleye  gerade  zu  diesem  Nachweis  (Ebenda,  Vorwort,  XIII).
2 )  Dieses  Argument  ist  besonders  bemerkenswert,  da  es  seitdem  von  den  liberalen ­
  Volkswirtsohaftlern  sehr  oft  wieder  aufgenommen  ist.  Auch  werden  wir  es  bei
Bastiat  wiederfinden.  Die  Saint-Simonisten  sitzen  beständig  auf  beiden  Stühlen,
dem  Liberalismus  und  dem  Sozialismus.
s )  Doctrine,  S.  182;  Diese  ganze  geschichtliche  Argumentierung,  die  wir  in
einen  kurzen  Paragraphen  zusammenfassen,  findet  sich  auf  den  Seiten  179  bis  193  der
        <pb n="275" />
        Kapitel  II.  Saint-Simon,  die  Saint-Simonisten  u.  d,  Ursprung  des  Kollektivismus.  253

Es  muß  jedoch  darauf  hingewiesen  werden,  daß  man  aus  diesen
Tatsachen  einen  ganz  entgegengesetzten  Schluß  ziehen  und  gerade
in  der  gleichmäßigen  Verteilung,  die  von  der  Revolution  eher  bestätigt ­
  als  geschaffen  worden  ist,  den  Beweis  sehen  könnte,  daß  die
modernen  Gesellschaften  das  Bestreben  haben,  die  individuellen
Eigentümer  zu  vermehren  oder  m.  a.  W.  einer  immer  wachsenden
Zahl  von  Bürgern  Eigentum  zu  sichern.  Eine  solche  Erörterung  gehört ­
  aber  nicht  in  ein  Werk,  wie  das  vorliegende.  Uns  genügt  es,
darauf  hinzuweisen,  daß  die  Theorie  der  Saint-Simonisten  das  Vorspiel ­
  zu  all  den  Theorien  ist,  die  später  in  der  Geschichte  des  Eigentums ­
  Gründe  suchen,  um  seine  Umwandlung  oder  sogar  seine  Abschaffung ­
  zu  rechtfertigen.
Auch  hier  haben  die  Saint-Simonisten  den  Weg  nur  erweitert,
auf  dem  ihr  Meister  Saint-Simon  ihnen  vorangeschritten  war.  Er
war  es,  der  in  der  Geschichte  ein  Mittel  wissenschaftlicher  Voraussicht ­
  gefunden  zu  haben  glaubte,  das  ebenso  vollkommen  wie  die
genauesten  Methoden  wäre.
Nach  Saint-Simon,  der  diesen  Gedanken  teilweise  Condorcet
entlehnt,  ist  das  menschliche  Geschlecht  ein  wirkliches  lebendiges
Wesen,  das  wie  jedes  der  Individuen,  aus  denen  es  sich  zusammensetzt, ­
  seine  Kindheit,  seine  Jugend,  sein  Mannesalter  und  sein  Greisenalter
  hat.  Die  Perioden  der  geistigen  Entwicklung  des  Menschengeschlechts ­
  stimmen  mit  den  Perioden  der  geistigen  Entwicklung  des
Individuums  überein  und  lassen  sich  leicht  entdecken.  „Die  Zukunft,“ ­
  sagt  Saint-Simon,  „besteht  aus  den  letzten  Gliedern  einer
Seihe,  deren  erste  Glieder  die  Vergangenheit  bildet.  Wenn  man
die  ersten  Glieder  einer  Reihe  genau  untersucht  hat,  ist  es  nicht
heiter  schwer,  die  folgenden  aufzustellen:  aus  einer  guten  Beobachtung ­
  der  Vergangenheit  kann  man  mit  Leichtigkeit  die  Zukunft
ableiten“  ').  Auf  Grund  dieser  Methode  entdeckte  Saint-Simon  den
Industrialismus  als  das  Glied  der  Reihe,  dem  die  Jahrhunderte  alte
Entwicklung  jetzt  die  Menschheit  entgegenführt.  Auf  Grund  der
gleichen  Methode  beweist  er  den  fortschreitenden  Aufstieg  des
Menschen  zu  immer  engerer  Vergesellschaftung.  Von  der  Familie
zur  Stadt,  von  der  Stadt  zur  Nation,  von  der  Nation  zur  internationalen” ­
  Verständigung  der  Völker:  das  ist  der  ununterbrochene
Fortschritt,  der  als  Schlußglied  der  Reihe  vorauszuahnen  gestattet;
„die  allgemeine  Assoziation,  nämlich  die  Vergesellschaftung  aller
boetrine  des  längeren  ausgeführt.  Sie  verdiente  übrigens  eine  eingehendere
kritische  Untersuchung,  da  sie  nicht  genau  mit  der  geschichtlichen  Wahrheit  übereinstimmt. ­

b  Saint-Simon,  Memoire  introductif  sur  la  contestatiou  avec  M.  de
Kedern  (1812)  (Euvres,  I,  S.  122.
        <pb n="276" />
        254

Zweites  Buch.  Die  Gegner.

Menschen  auf  der  ganzen  Erde  in  allen  ihren  Wechselbeziehungen“ 1 ),
—  und  wieder  auf  Grund  der  gleichen  Methode  kündigen  die
Saint-Simonisten  in  ihrer  Deutung  der  Geschichte  des  individuellen
Eigentums  sein  definitives  Verschwinden  an,  wenn  seine  Benutzung
durch  die  Einsetzung  des  Staates  als  alleinigen  Erben  allmählich
allen  Menschen  ermöglicht  wird.
Man  könnte  die  ganze  Doktrin  der  Saint-Simonisten  als  eine
umfassende  Geschichtsphilosophie  ansehen 2  3 ).  Aus  dieser  Philosophie
ziehen  sie  das  außerordentliche  Vertrauen,  das  sie  in  die  Verwirklichung ­
  ihres  Traumes  setzen,  in  dem  sie  nicht  eine  Hoffnung,  sondern
eine  Gewißheit  erblicken.  —  „Unsere  Voraussage  hat  denselben  Ursprung ­
  und  dieselben  Grundlagen  wie  die,  die  in  den  wissenschaftlichen ­
  Entdeckungen  zutage  treten“  (S.  119).  Die  Saint-Simonisten
betrachten  sich  als  die  freiwilligen  und  bewußten  Vertreter  einer
notwendigen  Entwicklung,  die  Saint-Simon  entdeckt  und  beschrieben
hat. s )  Das  ist  ein  weiterer  Zug,  den  sie  mit  den  Marxisten  gemeinsam ­
  haben,  jedoch  mit  zwei  bedeutungsvollen  Unterschieden.  Die
Marxisten  rechnen  auf  die  Kevolution,  um  die  Evolution  der  Dinge
zu  vollenden;  die  Saint-Simonisten  aber  verlassen  sich  einzig  und
allein  auf  die  Überredung 4  5 );  —  auf  der  anderen  Seite,  als  wahre
Kinder  des  18.  Jahrhunderts,  glauben  die  Saint-Simonisten,  daß  die
Gedanken  und  die  Wissenschaft  die  Triebfedern  der  sozialen  Umwandlungen ­
  sein  werden,  während  Maex  nur  in  die  materiellen  Kräfte
der  Produktion  Vertrauen  hat:  denn  in  seinen  Augen  sind  die  Ideen  nur
wie  ein  Widerschein  auf  dem  Wasser,  aber  keine  lebendigen  Kräfte 6 )-*)
  Doctrine  de  Saint-Simon,  S.  144.
2 )  Diese  Philosophie  läßt  sich  in  dem  Wechselspiel  von  organischen  und
kritischen  Perioden  zusammenfassen.  Die  ersteren  charakterisieren  sich  durch
Einheit  des  Gedankens,  des  Zieles,  des  Gefühls  und  des  Einflusses  in  einer  Gesellschaft; ­
  die  zweiten  durch  Widerspruch  in  den  Gedanken  und  Gefühlen,  durch  politische ­
  und  soziale  Unsicherheit.  Die  ersteren  sind  ausgesprochen  religiös;  in  den
zweiten  herrscht  der  Egoismus  vor.  Die  Reformation  und  die  Kevolution  sind  die
beiden  wesentlichen  Kundgebungen  der  kritischen  Epoche,  in  der  wir  leben;  der
Saint-Simonismus  führt  uns  in  die  definitiv  organische  Epoche;  er  wird  die  Religion
der  universellen  Vergesellschaftung  sein,  zu  der  uns  die  historische  Entwicklung  führt.
3 )  Doctrine,  S.  121.  „Durch  die  Sympathie  sieht  der  Mensch  sein  Schicksal
voraus;  und  wenn  er  durch  die  Wissenschaft  die  Yoraussichten  seiner  Sympathien
als  wahr  erkannt  hat,  wenn  er  sieh  der  Berechtigung  seiner  Wünsche  bewußt
ist,  schreitet  er  mit  ruhiger  Zuversicht  der  Zukunft,  die  ihm  bekannt  ist,  entgegen.
So  stellt  er  sich  frei  und  wissend  in  den  Dienst  seines  Schicksals,  das  er
durch  seine  Arbeit,  wenn  auch  nicht  ändern  (was  er  übrigens  auch  nicht  wollen
würde),  so  doch  schneller  herbeiführen  kann“.
4 )  Siehe  diesen  Gedanken  eingehend  am  Ende  der  siebenten  Seance  entwickelt
(Doctrine,  S.  211  ff.)
5 )  „Die  Politik“,  sagte  Saiht-Simon,  „beruht  auf  der  Moral  und  die  Einrichtungen
eines  Volkes  sind  nur  die  Folgen  seiner  Ideen“  (Euvres,  III,  S.  81).  „An  anderer
        <pb n="277" />
        Kapitel  II.  Saint-Simon,  die  Saint-Simonisten  u.  d.  Ursprung  des  Kollektivismus.  255

§  3.  Die  Bedeutung  des  Saint-Simonismus  in  der
Geschichte  der  Doktrinen.
Bei  den  Saint-Simonisten  vermischen  sich  Utopien  und  Realismus
in  einer  merkwürdigen  Weise.  Ihr  Sozialismus,  der  nichts  Volkstümliches ­
  an  sich  hat  und  sich  hauptsächlich  an  die  gebildeten
Klassen  wendet,  beruht  nicht  auf  der  Kenntnis  des  Lebens  der
Arbeiter,  sondern  auf  der  Beobachtung  und  einem  sehr  richtigen
Gefühl  für  die  großen  wirtschaftlichen  Strömungen  ihrer  Zeit.
Sobald  die  Schule  aufgelöst  war,  sieht  man  die  hervorragendsten
Saint-Simonisten  einen  tätigen  Anteil  an  der  wirtschaftlichen  Verwaltung ­
  Frankreichs  nehmen  und  sich  an  allen  finanziellen  oder
industriellen  Unternehmungen  beteiligen.  Die  Gebrüder  Peeeiee
gründen  1863  den  Credit  Mobilier,  das  Vorbild  der  großen  heutigen
Finanzgesellschaften.  Enfantin  nimmt  an  der  Gründung  der  Linie
B.  L.  M.  (Paris—Lyon—Mediterranee),  die  aus  der  Fusion  der
Linien  Paris—Lyon,  Lyon—Avignon,  Avignon—Marseille  entstand,
tätigen  Anteil;  als  erster  bildete  er  eine  Gesellschaft  für  den  Durchstich ­
  des  Isthmus  von  Suez.  Michel  Chevaliee  verteidigte  am
College  de  France  die  Initiative  des  Staates  bei  den  großen  öffentlichen ­
  Arbeiten  und  führte  die  Verhandlungen  betreffs  des  Vertrages
■von  1860  mit  England,  der  für  Frankreich  die  Ara  der  Handelsfreiheit ­
  eröffnete.  Man  könnte  noch  viele  andere  Beispiele  anführen
für  die  bedeutende  Rolle,  die  sie  in  der  wirtschaftlichen  Geschichte
des  19.  Jahrhunderts  gespielt  haben  x ).
Im  besonderen  haben  sie  den  enormen  Einfluß,  den  die  großen
Banken  und  die  zentralisierten  Unternehmungen  in  unserem  modernen
Stelle  sagt  er:  „Die  Philosophie  hat  die  bedeutendsten  politischen  Einrichtungen
geschaffen;  sie  allein  besitzt  genügende  Macht,  um  den  Einfluß  veralteter  Einrichtungen ­
  zu  brechen  und  neue  zu  bilden,  die  sich  auf  eine  vervollkommnete  Lehre
gründen“  (Sys.  in  du  st.,  (Buvres,  V,  S.  167).  Er  legt  besonderes  Gewicht  auf
die  Kölle,  die  die  Philanthropen  in  der  Schaffung  der  neuen  Gesellschaft  spielen
sollen.  Die  Wahrheit,  „die  sich  durch  das  Vorwärtsschreiten  der  Zivilisation  ergeben
tut,  ist,  daß  die  leidenschaftliche  Hingabe  an  das  öffentliche  Wohl  weit  wirksamer
üt,  um  politische  Verbesserungen  durchzuführen,  als  der  Egoismus  der  Klassen,  die
von  diesen  Veränderungen  am  meisten  zu  gewinnen  haben.  Mit  einem  Wort,  die
Erfahrung  hat  erwiesen,  daß  die,  die  am  höchsten  an  der  Einführung  eines  neuen
Zustands  der  Dinge  interessiert  sind,  nicht  unter  denen  gesucht  werden  dürfen,  die
um  eifrigsten  daran  arbeiten,  sie  herbeizuführen“  (CEuvres,  VI,  S.  120).  —  Ein
schärferer  Gegensatz  zu  den  Ideen  Marx’  ist  kaum  denkbar,  besonders  gegenüber
dfi r  bekannten  Formel:  „Die  Emanzipation  der  Arbeiterklasse  wird  das  Werk  der
Arbeiterklasse  selbst  sein.“
')  Vergl.  hierüber:  Weil,  L’Bcole  Saint-Simonniene  (1896)  und  Charlety,
  Histoire  du  Saint-Simonisme  (1896).
        <pb n="278" />
        256

Zweites  Buch.  Die  Gegner.

Wirtschaftsleben  ausüben  sollten,  vorausgesehen.  In  der  Tat,  und
ohne  daß  man  an  das  Eigentumsrecht  gerührt  hätte,  sind  die  Depositenbanken ­
  die  großen  Kapitalbehälter  geworden,  aus  denen  der
Kredit  sich  in  die  tausend  Kanäle  des  Handels  verteilt.  Noch
heute  werfen  Schriftsteller,  die  nichts  Sozialistisches  an  sich  haben,
den  Banken  (hauptsächlich  in  Frankreich)  vor,  diese  Aufgabe  des
Eegulierens  und  der  Anregung  der  Industrie  nicht  mit  genügender
Kraft  zu  pflegen,  Aufgaben,  die  die  Saint-Simonisten  schon  für  die
Banken  voraussahen,  und  die  die  Natur  der  Dinge  ihnen  zuweist 1 ).
Sie  hatten  viele  persönliche  und  verwandtschaftliche  Beziehungen  zu
Bankiers,  und  die  Bedeutung  der  internationalen  Finanzherren  war
während  der  Restauration  in  den  europäischen  Staaten  außerordentlich ­
  gestiegen.  Dies  wirkte  darauf  hin,  sie  die  Rolle  vorausfühlen
zu  lassen,  die  der  Kredit  später  in  unserem  modernen  Wirtschaftsleben ­
  einnehmen  sollte.
Nicht  weniger  richtig  war  ihr  Gefühl  für  die  Notwendigkeit
einer  stärkeren  Zentralisation  der  leitenden  Faktoren  des  Wirtschaftslebens, ­
  um  die  Produktion  dem  Verbrauch  besser  anzupassen,  als  es
die  Konkurrenz  vermag.  Der  Staat  kann  weder,  noch  will  er  diese
Aufgabe  übernehmen;  wir  sehen  aber,  wie  unter  unseren  Augen  sich
die  Konventionen,  Kartelle  und  Syndikate  der  Industriellen  vermehren, ­
  deren  Zweck  stets  derselbe  ist:  nämlich  durch  eine  intelligente ­
  Voraussicht  und  Zentralisation  die  Nachteile  der  Konkurrenz ­
  zu  vermeiden.  Hierin  liegt  ebenfalls  eine  teilweise  und
praktische  Anwendung  des  Saint-Simonismus.
Wenn  ihr  persönlicher  Einfluß  auf  unsere  wirtschaftliche  Geschichte ­
  bedeutend  gewesen  ist,  so  muß  man  ebenfalls  in  ihrer  Lehre
die  Keime  fast  aller  kritischen  und  konstruktiven  Ideen  wiedererkennen, ­
  die  den  Sozialismus  im  Laufe  des  19.  Jahrhunderts  charakterisieren. ­
  Der  Saint-Simonismus  ist  gleichsam  das  Vorwort  oder  das
Inhaltsverzeichnis  dazu.
Zunächst  ist  es  bezeichnend,  daß  sich  bei  ihnen  eine  Menge  von
Formeln  finden,  die  später  in  der  sozialistischen  Literatur  klassisch
werden  sollten.  „Ausbeutung  des  Menschen  durch  den  Menschen“  war  bis
1848  eine  sehr  volkstümliche  Formel.  Das  Wort  vom  „Klassenkampf“,
das  seit  Marx  an  seine  Stelle  getreten  ist,  bedeutet  nichts  anderes.

&amp;gt;)  „Der  Kredit  bezweckt“  sagt  Enfantin,  (Economie  politique  et  Politique,
  S.  53)  „in  einer  Gesellschaft,  in  der  die  einen  die  Industriemittel  besitzen,
ohne  die  Fähigkeit  oder  den  Willen,  sie  in  Gang  zu  setzen,  und  in  der  andere,  die
fleißig  sind,  keine  Arbeitsmittel  besitzen,  diese  Mittel  so  leicht,  wie  irgend  möglich
aus  den  Händen  der  ersteren,  die  sie  besitzen,  in  die  der  zweiten,  die  sie  nützlich
anznwenden  verstehen,  gelangen  zu  lassen.“  Bis  heute  hat  man  noch  keine  bessere
Definition  gefunden.
        <pb n="279" />
        Kapitell!.  Saint-Simon,  die  Saint-Simonisten  u.  d.  Ursprung  des  Kollektivismus.  257
Vor  Louis  Blanc  sprechen  sie  von  der  „Organisation  der  Arbeit“.
In  gleicher  Weise  wenden  sie  vor  Marx  das  Wort  „Arbeitsmittel“
(Instruments  de  travail)  an,  um  Grund  und  Boden  sowie  Kapital  zu
bezeichnen.  —  Wenn  wir  sie  auch  nicht  unter  die  Assozialisten
einreihen,  so  haben  sie  doch  in  gleicher  Weise,  wie  nur  irgendein
anderer,  die  „Assoziation“  als  die  höchste  Form  der  produktiven
Organisation  verlangt.  ■—  Sie  haben  sogar  den  Gebrauch  vorausgesehen, ­
  den  die  Sozialisten  von  der  Eententheorie  machen  sollten.
Noch  vor  Henry  George  sprechen  sie  an  einer  merkwürdigen  Stelle
Ton  „dem  Gebrauch,  den  man  eines  Tages  von  den  Theorien
Malthus’  und  Kicardo’s  über  die  Kente  machen  werde“,  indem  man
„den  Mehrertrag  der  guten  über  die  schlechten  Felder“,  den  „allgemeinen ­
  Bedürfnissen  der  neuen  Gesellschaft“  überweisen  wird 1 ).
Man  findet  bei  ihnen  noch  andere  Pläne,  die  nichts  spezifisch
'Sozialistisches  an  sich  haben.  So  wird,  so  weit  wir  wissen,  der  Gedanke ­
  der  Gewinnbeteiligung  zum  erstenmal  in  einem  Aufsatz  des
P  r  o  d  u  c  t  e  u  r  entwickel  t 2  3 ).
Je  mehr  man  in  derDoctrine  de  Saint-Simon  liest,  um  so
mehr  wird  man  von  diesen  bemerkenswerten  Voraussichten  betroffen
und  von  dem  ungerechten  Vergessen,  dem  dies  Werk  trotz  allem
anheim  gefallen  ist.  Schon  Engels,  der  Freund  Marx’,  hatte  bei
Saint-Simon  „eine  geniale  Weite  des  Blicks  entdeckt,  vermöge  deren
fast  alle  nicht  streng  ökonomischen  Gedanken  der  späteren  Sozialisten
bei  ifim  im  Keim  enthalten  sind  ...“  *)  Die  „streng  ökonomischen
Gedanken“,  von  denen  Engels  spricht,  und  die  Saint-Simon  bedauerlicherweise ­
  nicht  gekannt  hat,  bezieht  sich  auf  die  marxistische  Theorie
des  Mehrwertes.  In  unseren  Augen  ist  es  aber  weniger  ein  Fehler  als
Tielmehr  ein  Verdienst,  den  Sozialismus  nicht  auf  eine  so  irrtümliche
Werttheorie,  sondern  vielmehr  auf  seinen  wirklichen  Boden,  der  vor
ullen  Dingen  soziologisch  ist,  gegründet  zu  haben.
Bef  den  Saint-Simonisten  findet  man  nicht  nur  neue  Formeln;
man  entdeckt  bei  ihnen  schon  all  die  großen  Gegensätze  der  Gesichtspunkte, ­
  um  die  im  Laufe  des  19.  Jahrhunderts  die  Sozialisten  und
Jie  Nationalökonomen  ihre  Kämpfe  ausfechten,  Gegensätze,  die  so
tiefgehend  sind,  daß  sie  sie  oft  daran  verhindern,  sich  zu  verstehen,
und  auf  Grund  derer  sie  sich  gegenseitig  so  verkennen,  als  ob  sie

*)  Doctrine,  S.  226.  Yergl.  auf  Seite  223  eine  Stelle,  in  der  sie  sich  darüber
beklagen,  daß  Ricahdo  und  Malthus  auf  Grund  „ihrer  tiefgehenden  Untersuchungen
über  das  Pachtwesen“  auf  die  Berechtigung  des  Großgrundbesitzes  schließen.
2 )  Der  Aufsatz  trägt  als  Überschrift;  „De  la  classe  onvriere  und  findet
sich  im  IV.  Band  des  Produeteur.  Siehe  im  besonderen  S.  308ff.
3 )  P.  Engels:  Herrn  Eugen  Dühring’s  Umwälzung  der  Wissenschaft, ­
  II.  Aufl,,  S.  229.
Ui  de  und  Rist,  Gesch.  d.  Volkswirtschaft!.  Lehrmeinungen.

17
        <pb n="280" />
        258

Zweites  Buch.  Die  Gegner.

zwei  verschiedene  Sprachen  gebrauchten.  Wir  werden  versuchen,  siezu
  definieren,  um,  wenn  irgend  möglich,  den  Leser  in  dem  Wirrwarr
der  Lehren  zu  orientieren,  im  Augenblick,  in  dem  sich  die  Wegteilung
zwischen  den  beiden  großen  Eich  tun  gen  des  wirtschaftlichen  Denkens
vollzieht.
a)  Adam  Smith,  Ricaudo  und  J.-B.  Sat  haben  das  Bereich  der
Nationalökonomie  klar  von  dem  der  sozialen  Organisation  getrennt.
Wie  wir  schon  gesagt  haben,  ist  für  sie  das  Eigentum  eine  soziale'
Tatsache,  die  sie  ohne  Erörterung  als  gegeben  annehraen 1 ).  Die  Art
seiner  Verteilung  und  seiner  Übertragung,  die  Ursachen,  auf  denen
es  beruht,  die  Folgen,  die  sich  aus  ihm  ergeben,  bleiben  außerhalb
ihrer  Untersuchungen.  Unter  Güterverteilung  oder  Güterausteilung
verstehen  sie  einfach  die  Verteilung  des  jährlichen  Einkommens:
unter  die  Faktoren  der  Produktion.  Das,  was  sie  interessiert,  ist
die  Art  und  Weise,  in  der  sich  die  Höhe  der  Zinsen,  der  Pacht  und
des  Lohnes  festsetzt.  Ihre  Verteilnngstheorie  ist  nichts  anderes  alseine
  Theorie  des  Preises  der  „Dienste“.  Sie  kümmert  sicli  nicht  um
die  Einzelpersonen;  das  gesellschaftliche  Erzeugnis  verteilt  sich
nach  ihrer  Ansicht  auf  Grund  notwendiger  Gesetze  unter  unpersönliche ­
  Faktoren:  den  BODEN,  das  KAPITAL  und  die  ARBEIT..
Hin  und  wieder  personifizieren  sie  diese  Faktoren  für  die  Bequemlichkeit ­
  der  Erörterung  (wenn  sie  von  Grundbesitzern,  Kapitalisten ­
  und  Arbeitern  sprechen),  was  aber  an  der  Sache  selbst  nichts
ändert.
Für  die  Saint-Simonisten  und  für  die  Sozialisten  besteht  das
Problem  der  Güterverteilung  hauptsächlich  darin,  zu  wissen,  wie  sich
das  Eigentum  unter  die  Menschen  verteilt.  Warum  sind  gewisse
Menschen  Eigentümer,  und  whrum  sind  es  andere  nicht?  Warum
sind  die  Arbeitsmittel,  der  Boden  und  das  Kapital  so  ungleichmäßig
verteilt?  Warum  sind  die  individuellen  Einkünfte,  die  sich  aus
dieser  Verteilung  ergeben,  ungleich?  An  die  Stelle  der  Untersuchung ­
  abstrakter  Produktionsfaktoren  stellen  die  Sozialisten  die
Betrachtung  lebender  Individuen  oder  der  sozialen  Klassen
und  der  Beziehungen,  die  das  positive  Recht  zwischen  ihnen  herstellt.
Diese  beiden  Auffassungen  der  Güterverteilung  und  die  beiden  so
grundverschiedenen  Probleme,  die  darauf  beruhen,  —  das  eine  rein

x )  „Die  meisten  Ökonomisten,  und  besonders  Say,  der  sie  beinahe  alle  zusammenfaßt,
  betrachten  das  Eigentum  als  eine  bestehende  Tatsache,  deren  Ursprung
und  Fortschritt  sie  nicht  weiter  untersuchen  und  deren  soziale  Nützlichkeit
sie  sich  nicht  einmal  zu  finden  bemühen  Die  Arbeiten  der  englichen  Volkswirtschaftler ­
  sind  noch  weiter  von  jedem  Gedanken  an  eine  soziale  Ordnung  entfernt“
(Doctrine,.  S.  221  u.  223).  Die  Saint-Simonisten  nehmen  von  dieser  Beurteilung;
nur  Sismondi  und  Tubgot  aus.
        <pb n="281" />
        Kapitel  II.  Saint-Simon,  die  Saint-Simonisteu  u.  d.  Ursprung  des  Kollektivismus.  259

volkswirtschaftlich,  das  andere  durchaus  soziologisch  —  laufen  nun
durch  das  ganze  Jahrhundert  neben  einander  her  ,  ohne  das;  man
sich  oft  auch  nur  die  Mühe  genommen  hätte,  zwischen  ihnen  zu
unterscheiden.
b)  Ein  anderer  höchst  wichtiger  Unterschied  der  Gesichtspunkte
ergibt  sich  aus  der  Art  und  Weise,  wie  die  Nationalökonomen  und
die  Sozialisten  den  Gegensatz  zwischen  den  allgemeinen  und  den
privaten  Interessen  auffassen.
Die  Klassiker  setzen  das  Interesse  der  Verbraucher,  das  das
Interesse  aller  ist,  zu  dem  der  Produzenten,  das  das  Interesse
einzelner  ist,  in  Gegensatz.
Die  Saint-Simonisten  und  nach  ihnen  alle  Sozialisten  ersetzen
diesen  Gegensatz  durch  den  zwischen  Arbeitenden  und  Müßiggängern ­
  oder,  wie  man  später  in  einer  engeren  Formel  sagt,  durch
den  zwischen  Arbeitern  und  Kapitalisten.  Das  allgemeine  Interesse
ist  das  der  Arbeitenden,  und  das  Privatinteresse  ist  das  der  Müßiggänger, ­
  die  auf  Kosten  der  Arbeitenden  leben.  „Wir  haben  schon
mehrere  Male“,  sagt  Enfantin,  „auf  den  Fehler  in  der  Klassifikation,
der  heute  von  unseren  Nationalökonomen  begangen  wird,  hingewiesen:
Die  Worte  Produzent  und  Verbraucher  bezeichnen  in  fehlerhafter
Weise  die  Beziehungen,  die  zwischen  den  Gliedern  einer  Gesellschaft
bestehen,  da  der  wirklich  unterscheidende  Zug,  der  sie  trennt,  die
Arbeit  oder  der  Müßiggang  ist“  1 ).  Dieser  Unterschied  in  den  Gesichtspunkten ­
  bedingt  natürlich  eine  vollständig  verschiedene  Auffassung ­
  der  ..sozialen  Organisation.  Für  die  Nationalökonomen  muß
die  Gesellschaft  im  Hinblick  auf  den  Verbraucher  organisiert  sein,
und  das  allgemeine  Interesse  ist  befriedigt,  wenn  der  Verbraucher
zufrieden  gestellt  ist;  für  die  Sozialisten  muß  die  Gesellschaft  im
Hinblick  auf  die  Arbeitenden  organisiert  sein,  und  das  allgemeine
Interesse  ist  befriedigt,  wenn  diese  ihren  gerechten  Anteil  an  dem
auf  seinen  Höchstbetrag  gebrachten  sozialen  Produkt  erhalten  -).
')  Producteur,  III.,  385.
2 )  Im  Vorwort  zur  „Economie  politique  et  Politique“,  8.  6,  sagt
Ehuantin  noch:  „  Alle  Kragen  der  Volkswirtschaft  müssen  auf  ein  gemeinsames ­
  Prinzip  zurückgeführt  werden,  und  um  die  Nützlichkeit  einer  volkswirtschaftlichen ­
  Maßnahme  oder  Idee  zu  beurteilen,  ist  es  unumgänglich  notwendig, ­
  zu  untersuchen,  ob  diese  Maßnahme  oder  diese  Idee  unmittelbar  zura  Gewinn ­
  der  Arbeitenden  dient,  oder  ob  sie  durch  Diskreditierung  des  Müßigganges
fluttelbar  zur  Besserung  ihrer  Lage  beiträgt“.  —  Wir  freuen  uns  in  dieser  Hinsicht
gleicher  Meinung  mit  der  von  Halüvy  in  seinem  Aufsatz  über  Saint-Simon  (Revue
Di  Mois,  Dezember  1907)  ausgedrückten  Ansicht  zu  sein,  in  dem  er  diesen  Gedanken ­
  als  den  spezifisch  sozialistischen  Zug  der  Lehre  Saint-Simon’s  hinstellt.  Wir
haben  jedoch  gefunden,  daß  es  noch  einen  anderen,  zum  wenigsten  ebenso  behütenden ­
  gibt;  den  Gedanken,  an  Stelle  einer  Regierung  der  Menschen  eine  Verwaltung ­
  der  Dinge  zu  setzen.

17*
        <pb n="282" />
        260

Zweites  Buch.  Die  Gegner.

c)  Als  letzter,  wenn  auch  nicht  weniger  bedeutender  Unterschied,
ist  zu  erwähnen:  die  Klassiker  bemühen  sich,  die  scheinbare  Unordnung ­
  der  individuellen  Handlungen  auf  wissenschaftliche  Gesetze
zurückzuführen;  wenn  ihnen  dies  gelungen  ist,  sind  sie  von  der  tiefen
Harmonie,  die  sie  auf  diese  Weise  entdeckt  haben,  höchst  entzückt
und  sehen  daher  davon  ab,  irgendeine  Verbesserung  anzubringen.  Es
genügt  ihnen,  aufgezeigt  zu  haben,  wie  die  spontanen  sozialen  Kräfte,
z.  B.  die  Konkurrenz,  dem  Egoismus  Grenzen  setzen  und  ihn  schließlich
vor  den  Triumphwagen  des  allgemeinen  Interesses  spannen;  sie  fragen
sich  nicht,  ob  die  Wirkung  dieser  Kräfte  nicht  weniger  brutal  gestaltet ­
  werden  kann?  ob  das  Eäderwerk  des  verborgenen  Mechanismus, ­
  den  sie  entdeckt  haben,  nicht  etw 7 a  geölt  werden  könnte,  um
dann  mit  geringerer  Eeibung  zu  arbeiten?
Die  Saint-Simonisten,  zu  denen  man  in  diesem  Punkte  Sismondx
rechnen  muß,  sind  im  Gegenteil  von  der  Langsamkeit,  dem  Ungeschick ­
  und  oft  auch  von  der  Grausamkeit  peinlich  betroffen,  mit
denen  diese  spontanen  sozialen  Kräfte  sich  meistens  durchsetzen.  Sie
bemühen  sich  dann,  an  ihre  Stelle  eine  zielbewußte  und  vernünftige
Eeaktion  der  Gesellschaft  zu  setzen.  Der  spontanen  Versöhnung
der  Interessen  stellen  sie  ihre  künstliche  Aussöhnung  gegenüber,
und  sie  suchen  leidenschaftlich  nach  dem  Mittel,  sie  zu  verwirklichen.
Daher  ihre  zahllosen  Bemühungen,  um  einen  neuen  Mechanismus
zu  finden,  der  fähig  wäre,  an  Stelle  jenes  spontanen  Mechanismus
zu  treten.  Daher  die  oft  kindlichen  Pläne,  um  die  Koordination  und
Assoziation  der  wirtschaftlichen  Kräfte  durchzuführen.  Diese  mit
Notwendigkeit  zum  Scheitern  verdammten  Versuche  liefern  dann  den
Gegnern  des  Sozialismus  die  besten  Waffen,  um  ihn  zn  bekämpfen.
Jedoch  bleiben  nicht  alle  diese  Versuche  ohne  Erfolg,  und  einige
haben  sogar  einen  großen  Einfluß  auf  die  soziale  Entwicklung  gehabt.
In  der  Lehre  Saint-Simon’s  werden  diese  Gegensätze  zwischen
der  Nationalökonomie  und  dem  Sozialismus  zum  erstenmal  mit  allem
Nachdruck  dargelegt.  Heute  kann  es  uns  durchaus  gleichgültig
sein,  daß  die  Schule  dem  Fluch  der  Lächerlichkeit  erlegen  ist,  und
daß  die  Exzentrizitäten  Enfantin’s  seine  Propaganda  gerade  in  dem
Augenblick  unterbrochen  haben,  als  die  Schule  Fouriee’s  sich  mit
Erfolg  entwickelte  In  einer  Geschichte  der  Doktrinen  kommt  es  vor
allen  Dingen  darauf  an,  die  Ideen,  die  Gedanken  hervorzuheben.  Und
der  Saint-Simonismus  erscheint  uns  ohne  jeden  Zxveifel  als  der  erste,
der  beredtste  und  der  eindruckvollste  Ausdruck  der  Gefühle  und  Ideen,
die  den  Sozialismus  des  19.  Jahrhunderts  bilden  werden').

l )  An  dieser  Stelle  muß  unbedingt  auch  auf  das  bewunderungswürdige  kleine
Werk  Aston  Mengeb’s:  Das  Eecht  auf  den  vollen  Arbeitsertrag  (1886)
        <pb n="283" />
        Kapitel  III.  Die  Assozialisten.

261

Kapitel  III.
Die  Assozialisten 1 ).
Wir  nennen  Assozialisten  diejenigen,  die  geglaubt  haben,  daß
die  freie  Genossenschaft  genüge,  um  alle  sozialen  Fragen  zu  lösen,
vorausgesetzt,  daß  sie  auf  Grund  eines  vorher  ausgearbeiteten  Planes
organisiert  werde,  —  ein  Plan,  der  in  den  verschiedenen  Systemen
verschieden  ausgestaltet  ist.
Sie  unterscheiden  sicli  von  den  Saint-Simonisten  dadurch,  daß
diese  die  Lösung  mehr  in  der  Vergesellschaftung  (Sozialisation)  als
in  der  Genossenschaft  (Assoziation)  suchen 2 )  (in  dieser  Beziehung
sind  die  letzteren  die  wirklichen  Vorläufer  des  Kollektivismus  gewesen); ­
  das  ist.  aber  nicht  dasselbe.  Die  Sozialisation  berührt  die
Gesellschaft  als  Gemeinwesen  und  sucht  in  einer  kollektiven  Organisation ­
  alle  Mitglieder  der  Nation  zu  umfassen;  daher  würde
auch  das  Wort  Nationalisation  klarer  sein.  Der  Assozialismus
ist  mehr  individualistisch:  er  fürchtet,  daß  das  Einzelwesen  in  der
Masse  verloren  gehe.  Daher  glaubt  er,  es  besser  in  den  Organisationen
kleiner  selbständiger  Gruppen  zu  schützen,  die  sich  übrigens  in  freien
Verbänden  zusammenschließen  mögen:  aber  wenn  es  zum  Zusammenschluß ­
  kommt,  dann  hat  er  von  unten  und  nicht  von  oben  zu  kommen.
Auf  der  anderen  Seite  unterscheiden  sich  die  Assozialisten  von
den  Nationalökonomen  der  liberalen  Richtung  darin,  daß  sie  Vorschlägen, ­
  durch  die  Gründung  dieser  Genossenschaften  ein  neues
Milieu  zu  schaffen.  Sie  wollen  genau  wie  die  anderen  die  freie
Entfaltung  aller  individuellen  Kräfte:  sie  glauben  jedoch,  daß  gerade
hingewiesen  werden,  dessen  Studium  zur  Kenntnis  der  Geschichte  des  Sozialismus
unumgänglich  nötig  ist.  —  Wir  erwähnen  ebenfalls,  um  nicht  wieder  darauf
znruckzukommen:  Les  Systemes  socialistes  (Paris,  1902,  2  Bde.)  von  Pareto
uls  die  originellste  kritische  Arbeit  (obgleich  nicht  immer  frei  von  Parteilichkeit),
die  über  den  Sozialismus  veröffentlicht  worden  ist,  —  wie  auch  das  Buch  Bourguin’s  :
Des  Systemes  socialistes  et  l’evolution  economique  (Paris  1906),  das  die
am  wissenschaftlichsten  durchgebildete  Kritik  der  wirtschaftlichen  Theorien  des
Sozialismus  enthält.
*)  Die  Verfasser  überschreiben  dieses  Kapitel:  „Les  Socialistes  Assooiationnistes  .
Wir  haben  es  für  erlaubt  gehalten,  den  unseres  Wissens  von  Albert  Sohaitle  geprägten ­
  Ausdruck  „Assozialisten“  dafür  einzusetzen  (Anm.  d.  Übers.).
2 )  „Die  Assoziation,  die  dem  Antagonismus  ein  Ziel  setzt,  hat  bisher  noch  nicht
ihre  richtige  Form  gefunden.  Sie  zerfällt  in  Einzelassoziationeu,  die  sich  untereinander ­
  bekämpfen.  Daher  hat  auch  der  Antagonismus  noch  nicht  aufhören  können.
Di  wird  verschwinden  mit  dem  Tage,  an  dem  die  Assoziation  allumfassend
geworden  sein  wird“  (Exposition  de  la  doctrine  de  Saint-Simon,
D  Jahrg.,  S.  177).
        <pb n="284" />
        262

Zweites  Buch.  Die  Gegner.

unter  der  jetzigen  wirtschaftlichen  Ordnung  diese  Kräfte  erstickt
werden,  ausgenommen  vielleicht  für  einige  Privilegierte.  Sie  glauben,
daß  die  Freiheit  und  die  Individualität  sich  nur  dann  entfalten
können,  wenn  sie  in  ein  neues  Milieu  verpflanzt  worden  sind.  Dieses
neue  Milieu  wird  sich  nun  nicht  von  selbst  schaffen:  es  muß  geschaffen ­
  werden,  ebenso  wie  ein  Gärtner  seine  Treibhäuser  errichtet.
So  hat  denn  auch  jeder  dieser  Erfinder  seinen  Organisationsplan  und
sogar,  wie  sie  sich  nicht  zu  sagen  scheuen,  sein  Geheimnis x ).  Besonders ­
  hierin,  in  dieser  Auffassung  eines  künstlichen  Milieus,  das
inmitten  des  bestehenden  sozialen  Zustandes  zu  schaffen  sei,  und  das
von  ihm  sozusagen  durch  wasserdichte  Schotten  getrennt  ist,  liegt  es
begründet,  daß  dieser  Sozialismus  mit  dem  Namen  Utopismus  bedacht
worden  ist.
Sicherlich  -würden  sie  nur  eine  wahre  Beobachtung  ausgesprochen
haben,  wenn  sie  sich  auf  die  Behauptung  beschränkt  hätten,  daß  das
soziale  Milieu  verändert  werden  soll  und  muß,  ehe  man  den  Menschen
umwandeln  kann.  Diese  Veränderung  sei  trotz  der  sogenannten  bestehenden ­
  und  unveränderlichen  Gesetze  zunächst  in  Angriff  zu
nehmen.  Das  wirksamste  Mittel,  diese  Umformung  zu  erzielen,  sei
die  Genossenschaft.  Hiermit  wären  sie  nur  allen  denen  vorausgeeilt,
die  heute  in  der  Gewerkschaft  oder  in  der  Kooperation  oder  in  der
Schaffung  von  Gartenstädten,  die  an  Stelle  der  elenden  Mietskasernen
treten  sollen,  die  Lösung  der  sozialen  Frage  sehen.
Wenn  es  ihnen  aber  gelungen  wäre,  ihre  Pläne  zu  verwirklichen,
so  wäre,  fürchten  wir,  die  Freiheit  in  diesem  neuen  Milieu  noch
schlechter  als  in  dem  heutigen  gefahren.  Diese  Furcht  scheint  berechtigt, ­
  wenn  man  berücksichtigt,  daß  alle,  mit  denen  sie  einen,
wenn  auch  noch  so  kleinen,  Versuch  zur  Verwirklichung  ihrer  Experimente ­
  anstellten,  den  Wunsch  ausdrückten,  sich  so  schnell  wie  möglich
wieder  zurückzuziehen.
Jedoch  würden  sie  es  sehr  übel  vermerkt  haben,  wenn  man  geäußert ­
  hätte,  sie  wollten  ein  künstliches  Milieu  schaffen.  Sie  behaupteten, ­
  daß  gerade  umgekehrt  das  jetzige  Milieu  ein  künstliches
sei,  und  daß  es  sich  nicht  darum  handele,  ein  Milieu  zu  schaffen,
sondern  dasjenige  Milieu  zu  entdecken,  das  seiner  Natur  nach  schon
auf  die  wirklichen  Bedürfnisse  des  Menschen  zugeschnitten  sei  und
zwar  auf  Grund  einer  natürlichen  oder  von  der  Vorsehung  eingeb

  In  der  No.  vom  27.  Aug.  1821  der  Zeitung  Owen’s  T  he  Econoinist  las
man:  „Das  Geheimnis  ist  enthüllt;  es  ist  die  vollkommene  Kooperation  seitens  aller
Mitglieder  und  für  alle  Zwecke  des  sozialen  Lebens“.  Eotjbibr  schrieb  fast  dasselbe:
„Das  Geheimnis  der  Einheit  der  Interessen  liegt  in  der  Assoziation“  (Association
Domestique,  I,  S.  133).  An  anderer  Stelle  schreibt  er:  „Heute,  am  Charfreitag,
habe  ich  das  Geheimnis  der  Assoziation  gefunden.“
        <pb n="285" />
        Kapitel  III.  Die  Assozialisten.

263

richteten  Harmonie.  Im  Grunde  genommen  ist  es  die  Idee  der  Naturordnung ­
  der  Physiokraten,  nur  mit  dem  Unterschiede,  daß  ihre  Vorstellung ­
  von  dieser  angeblich  natürlichen  Ordnung  durchaus  von
&amp;lt;ler  der  Physiokraten  verschieden  war;  daraus  geht  schon  hervor,
daß  diese  sogenannte  natürliche  Ordnung  nichts  weniger  als  natürlich
war,  da  sie  ja  je  nach  der  subjektiven  Auffassung  der  Betrachter  ein
verschiedenes  Bild  zeigte.  Unter  ihren  Ausführungen  gibt  es  jedoch
■einige,  von  denen  man  sehr  wohl  glauben  könnte,  daß  sie  Quesnay
oder  La  Rivierb  entlehnt  seien:  zum  Beispiel  die  Owen’s,  die  wir
bei  Dolleans  finden:  „Die  Genossenschaft  ist  der  unmittelbare  Träger
des  Willens  Gottes,  um  die  Gesellschaft  in  Harmonie  mit  der  Natur
zu  bringen.“  Das  ist  ganz  und  gar  die  physiokratische  Theorie  des
„guten  Despoten“  (siehe  S.  40).  Was  Foüeies  anlangt,  so  verglich
or  sich  mit  Newton,  da  er  das  Gesetz  der  „passionellen“  Anziehung
entdeckt  habe,  und  er  glaubte,  daß  sein  „Genieblitz“,  wie  Zola
später  sich  ausdrückte,  darin  bestand,  die  von  Gott  gegebenen  Leidenschaften ­
  nutzbar  gemacht  zu  haben.
Worauf  cs  bannt  sächlich  au  kommt,  ist.  daß  dieser  Assozialismus

noch  besonders  auf  allen  Gebieten  formell  verboten;  wie  man  weiß,

der  französischen  Revolution  als  die  Vorstellungen,  die  diese  neuen
■Gründer  von  Laienorden  wie  Owen,  Fourier  oder  Gäbet  beherrschten.

Die  Männer  von  89  waren  übrigens  nicht  so  durchaus  im  Irrtum,
nnd  es  war  nicht  nur  die  Furcht  vor  dem  Gespenst  der  Zünfte  und
Gilden,  wenn  sie  glaubten,  daß  die  Assoziation  äußerst  gefährlich
ftir  die  Freiheit  des  Individuums  sei.  Ein  italienisches  Sprichwort

*)  Was  den  Sozialismus  und  die  französische  Revolution  anlangt,  siehe  das
vorhergehende  Kapitel  über  Saint-Simon  (S  226/227,  Anm.).

a )  In  der  „Declaration  des  Droits“  findet  sich:  „die  Freiheit,  das  Eigentum,  der
Widerstand  gegen  Unterdrückung“  usw.,  aber  nichts  über  „das  Recht  der  Assoziation“.
j  ,  Wie  man  weiß,  wurde  die  Berufsgenossenschaft,  eine  der  ältesten  und  auf

jeden  Fall  die  demokratischste  Form  der  Assoziation,  durch  das  bekannte  Dekret  von
U91,  das  den  Namen  „Le  Chapelier“  trug,  verboten,  und  das  Strafgesetzbuch  von
1810  sah  strenge  Strafen  für  jede  Assoziation  von  mehr  als  20  Personen  vor.  Im
Laufe  des  19.  Jahrhunderts  wurden  diese  Bestimmungen  nach  und  nach  abgeschwächt,
zunächst  für  die  Unterstützungsgesellschaften  auf  Gegenseitigkeit,  damy  für  die

Gewerkschaften,  doch  sie  wurden  endgültig  erst  durch  das  Gesetz  vom  1.  Juli  1901
■aufgehoben.
        <pb n="286" />
        264

Zweites  Buch.  Die  Gegner.

sagt:  „Wer  einen  Teilhaber  hat,  hat  einen  Herrn“,  und  die  liberale
ökonomische  Schule  hat  diese  Befürchtungen  stets  mehr  oder  weniger
geteilt,  die  sich  übrigens  durch  zahlreiche  despotische  Handlungen  der
Berufsverbände,  sowohl  der  Kapitalistenverbände  wie  der  Arbeitergewerkschaften, ­
  rechtfertigen  lassen.
Die  Assozialisten  der  ersten  Hälfte  des  Jahrhunderts  standen,
aber  im  besonderen,  und  zwar  noch  mehr  als  Sismondi  und  die  Saint-Simonisten,
  unter  dem  starken  Eindruck  der  damals  neuen  Tatsacheder
  Konkurrenz.  Der  Kampf  um  den  Profit  zwischen  den  Produzenten, ­
  und  um  den  Lohn  zwischen  den  Arbeitern,  der  sofort  einsetzte, ­
  als  die  Schranken  der  alten  Zünfte  gefallen  waren,  erschien
ihnen  wie  das  Tier  der  Apokalypse,  und  mit  einem,  äußerst  bemerkenswerten ­
  Scharfsinn  wiesen  sie  darauf  hin,  daß  die  Konkurrenz,
das  Monopol  wieder  herstellen  würde 1 ).  Sie  wollten  weder  Konkurrenz ­
  noch  Monopol,  und  gerade  die  Assoziation  erschien  ihnen
(nicht  die  korporative  Assoziation,  um  die  sie  sich  nicht  gekümmert ­
  zu  haben  scheinen,  sondern  die  kooperative  Assoziation)
als  das  einzige  Mittel,  die  Konkurrenz  zu  unterdrücken,  ohne  weder
die  Freiheit  noch  die  Lebensbedingungen  der  Produktion  zu  beeinträchtigen. ­
  Auch  jetzt  kann  man  noch  nicht  sagen,  daß  sie  sich
getäuscht  hätten.
Die  beiden  bedeutendsten  Namen  des  Assozialismus  sind  Kobeet
Owen  und  Chaeles  Foueiee.  Sie  sind  Zeitgenossen;  der  erste  wurde
1771  —  der  zweite  1772  2 )  geboren,  aber  trotzdem  sind  beide  einander
fast  völlig  fremd  geblieben.  Anscheinend  hat  Owen  niemals  dem
System  Foueier’s  die  geringste  Aufmerksamkeit  geschenkt;  und  wenn
dieser  manchmal  von  dem  „plan  de  communaute“  Owen’s  spricht,,
tut  er  es  stets  in  einer  gewissen  anzüglichen  Art  und  Weise  und
scheint  ihn  übrigens  nur  von  Hörensagen  zu  kennen 8 ).
Diese  gegenseitige  Unkenntnis  macht  der  Beobachtungsgabe,  wie
auch  der  Bescheidenheit  der  beiden  Männer  nicht  viel  Ehre.  Man

*)  „Es  ist  erwiesen,  daß  unser  Regime  der  freien  Konkurrenz,  wie  es  von  einer
unwissenden  Ökonomik  gefordert  und  zwecks  Abschaffung  der  Monopole  dekretiert
wird,  nur  zu  einer  allgemeinen  Organisation  der  großen  Monopole  in  allen  Geschäftszweigen ­
  führt“  (Victor  CoNSinkEANT,  Principes  de  Socialisme).
2 )  Das  erste  Buch  Fourier’s:  Des  quatre  Mouvements  stammt  aus  dem
Jahre  1808  und  sein  letztes:  La  Fausse  Industrie  ist  von  1836,  während  Ovvbn’s
erstes  Buch:  Report  on  the  Poor  im  Jahre  1817  und  sein  letztes:  The  Book
of  the  New  Moral  World  1845  erschien.
3 )  „Nach  den  Einzelheiten,  die  Journalisten  über  die  englischen  Unternehmungen
unter  der  Leitung  Owen’s  gegeben  haben,  scheint  man  drei  Hauptfehler  gemacht
zu  haben,  von  denen  jeder  genügen  würde,  das  Unternehmen  fehl  schlagen  zu  lassem
zu  große  Anzahl,  Gleichheit  ,  Fehlen  der  Landwirtschaft“  (Unita
Universelle,  II,  36).
        <pb n="287" />
        Kapitel  III.  Die  Agsozialisteu.

265

kann  sie  jedoch  erklären:  wenn  beide  sich  auch  durch  ihren  Plan
der  sozialen  Reorganisation  nahe  stehen,  der  auf  der  Schaffung
selbständiger  Genossenschaften  beruht,  einer  Art  von  Mikrokosmen,
die  dazu  bestimmt  waren,  der  zukünftigen  Gesellschaft  als  Muster  oder
vielmehr  als  Ferment  zu  dienen;  und  wenn  auch  das  nach  ihrem  Tode
entstandene  Genossenschaftswesen  auf  ihren  gemeinsamen  Einfluß
zurückzuführen  ist,  so  lebten  sie  doch  in  ganz  verschiedenen  Welten.
Ohne  hier  weitere  Parallelen  zwischen  ihnen  zu  ziehen,  muß  man
doch  erwähnen,  daß  Owen  ein  reicher  Industrieller  war,  einer  der
bedeutendsten  und  einflußreichsten  Männer  seiner  Zeit  und  seines
Landes,  während  Fourier  nur  ein  kleiner  Handelsangestellter  und,
wie  er  sich  selbst  nennt,  ein  „sergent  de  boutique“  war,  der  später
ein  kleiner  Rentier  wurde,  dessen  Ruf  kaum  über  die  Grenzen  eines
kleinen  Freundeskreises  hinauswuchs.  Trotz  allem  aber,  was  man
glauben  könnte,  w r ar  der  Millionär  der  größere  Sozialist,  ein  Kommunist, ­
  ein  Kämpfer,  ein  Pamphletist,  ein  Agitator,  antiklerikal  in
der  ganzen  Bedeutung,  die  man  heute  dem  Worte  gibt,  während  sein
bescheidener  Rivale  ein  alter  Junggeselle  mit  den  Gewohnheiten
einer  alten  Jungfer  war,  der  sein  Haus  nur  verließ,  um  der  Militärmusik ­
  zuzuhören,  ein  geduldiger  Schreiber,  der  sich  zwang,  jeden
Tag  die  gleiche  Anzahl  Seiten  fertig  zu  stellen,  und  einen  stillen
Teilhaber  erwartete,  der  niemals  kam.
Außer  diesen  beiden  Hauptvertretern  enthält  der  Assozialismus
uoch  andere  Namen.  Wir  werden  von  Louis  Blanc  und  an  zweiter
Stelle  von  Leroux  und  Gäbet  zu  sprechen  haben.

I.
Robert  Owen.
Unter  allen  Sozialisten  erscheint  Robert  Owen  als  eine  besonders ­
  originelle  und  sogar  einzigartige  Persönlichkeit.  M  o  kann
man  einen  anderen  finden,  der  wie  er  ein  großer  Fabrikherr,  ein
«businessman“,  einer  der  Industriekönige  seiner  Zeit  gewesen  ist?
Und  doch  war  der  Sozialismus  Owen’s  nicht  nur  die  Philanthropie
bus  guten  Arbeitgebers.  Freilich  war  er  durchaus  kein  revolutionärer ­
  Sozialist:  er  w'eigerte  sich,  an  der  chartistischen  Bewegung
teilzunehmen,  die  uns  heute  recht  harmlos  erscheinen  w'ürde J ).  Er
’)  Obgleich  der  Chartismus  eine  Arbeiterbewegung  war,  die  von  der  W  orking
™ en ’s  Association  geleitet  wurde  (1836—1839),  so  waren  doch  die  Forderungen
der  berühmten  Charter  ausschließlich  politisch.  Die  Hauptforderung  war  das  allgemeine ­
  Wahlrecht.
        <pb n="288" />
        266

Zweites  Buch.  Die  Gegner.

steckte  als  Ziel  den  Arbeitern  niemals  die  Enteignung'  der  Kapitalisten, ­
  sondern  die  Schaffung  neuer  Kapitalien,  —  und  hierin  unterscheidet ­
  sich  auch  heute  noch  das  kooperative  Programm  von  dem
der  Kollektivisten.  Trotzdem  war  er  in  der  ganzen  Bedeutung  des
Wortes  Sozialist,  sogar  Kommunist.  Er  war  sogar  wahrscheinlich
der  erste,  der  das  Wort  Sozialismus  wie  eine  Fahne  vor  sich
hertrug x ).
')  Wahrscheinlich  glaubte  er  sogar  diesen  Namen  erfunden  zu  haben,  doch
scheint  ein  französischer  Sozialist,  Pierre  Leroüx,  in  dieser  Hinsicht  Anspruch  auf
die  Priorität  erheben  zu  können  (siehe  weiter  unten).  Trotzdem  dürfte  es  wahr  sein,
daß  das  erste  Buch,  auf  dessen  Umschlag  dieser  Aufsehen  erregende  Titel  erschien,
das  Pamphlet  Owen’s  war:  What  is  Socialism?  (1841).
Owen’s  sehr  langes  Leben  —  er  starb  1858  im  Alter  von  87  Jahren  —  war
außerordentlich  ereignisvoll.
Als  Sohn  eines  kleinen  Handwerkers  in  Wales  geboren,  begann  er  als  Lehrling
und  machte  sich  später  als  kleiner  Arbeitgeber,  mit  einem  seinem  Vater  entlehnten
Kapital  von  hundert  Pfund  Sterling,  in  der  Baumwollspinnerei  selbständig.  Nach
raschen  Fortschritten  war  er  mit  30  Jahren  Miteigentümer  und  Direktor  einer  großen
Fabrik  in  New-Lanark  in  Schottland.  Dort  fing  er  an,  von  sich  reden  zu  machen,
und  zwar  ebenso  wegen  seiner  technischen  Vervollkommnungen  wie  wegen  seiner
Arbeiterwohlfahrtseinrichtungen.  Dort  begannen  auch  seine  Gedanken  über  die  Erziehung ­
  des  Menschen  festere  Gestalt  anzunehmen.  Seine  Fabrik  wurde  bald  ein
aristokratischer  Wallfahrtsort,  der  von  vielen  berühmten  Männern  besucht  wurde.
Verschiedene  Herrscher  standen,  wenn  sie  auch  nicht  zu  seinen  Besuchern  zählten,
doch  in  Briefwechsel  mit  ihm,  so  besonders  der  König  von  Preußen  betreffs  Unterrichtsfragen ­
  und  der  König  von  Holland  über  Fragen  der  Unterstützung.
Die  große  Krisis  des  Jahres  1816  zeigte  ihm  die  schrecklichen  Störungen  der
bestehenden  Wirtschaftsordnung,  und  damit  begann  die  zweite  Periode  seines  Lebens,
die  der  kommunistischen  Versuche.  ,1826  gründete  er  in  Indiana  in  Amerika  die
Kolonie  New-Harmony,  während  einer  seiner  Schüler  eine  andere  in  Orbiston  in
Schottland  ins  Leben  rief.  Sie  bestanden  nur  wenige  Jahre.  Der  Gründung  dieser
Kolonien  folgte  im  Jahre  1§22  der  Versuch  des  Tauschmagazins  in  London,  der  ebenfalls ­
  unglücklich  ausging.
Nun  trat  Owen,  63  Jahre  alt,  von  seinen  Versuchen  entmutigt,  aber  ohne  in
seinem  Glauben  an  seine  Lehre  schwankend  zu  werden,  in  die  dritte  Periode  seines
Lebens,  das  noch  lang  vor  ihm  lag,  und  die  er  einzig  der  Verbreitung  des  Evangeliums ­
  einer  „Neuen  moralischen  Welt“  widmete,  ein  Titel,  den  er  seinem  Hauptwerk
The  New  Moral  World  (1845)  und  der  Zeitung,  die  er  seit  1884  unter  dem
gleichen  Namen  herausgab,  beigelegt  hatte.  Er  nahm  tätigen  Anteil  an  der  Bewegung ­
  des  „Trade  Unionism“,  scheint  sich  aber  weniger  um  die  kooperative  Bewegung ­
  gekümmert  zu  haben,  obgleich  er  ihren  Anfang  (die  Pioniere  von  Rochdale
datieren  von  1844)  noch  erlebt  hat,  und  die  trotzdem  seinen  größten  Ruhmestitel
ausmacht.
Owen  war  kein  Schriftsteller;  sein  Leben  war  hierfür  zu  tätig;  er  hat  nur
wenige  Bücher  hinterlassen.  Dafür  aber  war  er  ein  unermüdlicher  Redner  und
Journalist.  Doch  kann  man  nicht  anders,  als  zngeben,  daß,  wenn  man  heute  seine
Reden  und  Aufsätze  liest,  der  Erfolg,  den  sie  hatten,  nicht  recht  erklärlich  ist.
Biographische  Einzelheiten,  wie  auch  alles,  was  mit  der  Doktrin  Owen’s  zusammenhängt, ­
  finden  sich  in  dem  ausgezeichneten  Buche  Doll^ans’,  Robert  Owen
(Paris,  1907).
        <pb n="289" />
        Kapitel  III.  Die  Assozialisten.

267

Ein  großer  Städtebauer  im  Lande  Utopia,  war  er  doch  der  Begründer ­
  einer  ganzen  Menge  von  Reformen  und  Einrichtungen,  die
sich  als  außerordentlich  praktisch  erwiesen  und  die  in  der  Folgezeit
immer  größere  Bedeutung  gewonnen  haben.  Wir  meinen  die  Arbeiterwohlfahrtseinrichtungen. ­

Wenn  wir  ihn  auch  unter  die  Assozialisten  einrechnen,  so  darf
man  deshalb  nicht  glauben,  daß  die  Genossenschaft  die  einzige  Lösung
der  sozialen  Frage  gewesen  sei,  die  er  im  Auge  gehabt  hat.  In
Wirklichkeit  hat  er  sie  alle  ein  wenig  probiert.
Mit  den  Arbeiterwohlfahrtseinrichtungen  hat  er  begonnen.  In
seiner  Fabrik  von  New-Lanark  waren  schon  fast  alle  Veranstaltungen
verwirklicht,  die  später  auf  den  sozialökonomischen  Ausstellungen
vorgeführt  wurden:  Arbeiterhäuser  mit  Gärten,  Speisezimmern  und
W  irtschaftsgebäuden,  Sparkassen  usw.
Der  Arbeitergesetzgebung  eilte  er  ein  ganzes  halbes  Jahrhundert
voraus,  indem  er:
1.  den  Arbeitstag  für  Erwachsene  von  17  auf  10  Stunden  beschränkte; ­

2.  sich  weigerte,  Kinder  unter  10  Jahren  zu  beschäftigen,  und  für
Sle  Schulen  schuf,  die  zum  ersten  Male  durchaus  dem  kirchlichen
Einfluß  entzogen  waren;
3.  die  damals  überall  gebräuchlichen  Strafgelder  abschaffte J ).
Da  aber  Owen  einsah,  daß  weder  sein  Beispiel,  noch  auch  sein
industrieller  Erfolg  die  Arbeitgeber  zu  seinen  Ideen  bekehren  konnten,
versuchte  er,  die  Regierungen  dafür  zu  gewinnen,  zuerst  die  seines
ei genen  Landes,  dann  aber  auch  die  fremden  Herrscher,  und  so  durch
Gesetze  dieselben  Reformen  zu  erbitten,  die  er  lieber  von  dem  guten
W  illen  der  herrschenden  Klassen  allein  erlangt  hätte.

')  Als  seine  Teilhaber  sich  über  diese  Neuerungen,  die  für  seine  Zeit  unerhört
Waren,  beklagten,  antwortet  Owen  ihnen  in  folgenden  Worten,  die  auch  heute  noch
ukhts  an  zeitgemäßer  Bedeutung  verloren  haben:  „Die  Erfahrung  hat  Ihnen  sicherlich
den  Unterschied  gezeigt,  der  zwischen  einer  rein  geputzten,  glänzenden  masohiue  en
Einrichtung,  die  stets  in  gutem  Zustand  ist,  und  einer  anderen  besteht,  die  schmutzig
ünd  in  Unordnung  ist,  die  unnötige  Eeihungen  aufweist  und  die  nach  und  nach
unbrauchbar  wird.  Wenn  daher  die  auf  unheseelte  Maschinen  verwendete  Muhe  so
Vorteilhafte  Ergebnisse  zeitigt,  warum  sollte  man  nicht  das  gleiche  von  der  Sorgfalt
erwarten,  die  mau  auf  lebendige  Maschinen  verwendet,  deren  Struktur  noch  viel
bewunderungswürdiger  ist?  ...  Ist  es  nicht  natürlich,  wenn  man  zu  dem  Schluß
kommt,  daß  auch  diese  viel  komplizierteren  und  feineren  Maschinen  an  Kraft  und
Wirksamkeit  gewinnen  werden,  und  daß  ihre  Verwendung  wirtschaftlicher  sein  wird,
wenn  man  sie  reinlich  hält,  sie  mit  Freundlichkeit  behandelt,  wenn  man  ihrer
geistigen  Tätigkeit  unnötige  Reibungen  erspart,  und  wenn  man  ihnen  eine  ausreichende ­
  Menge  Nahrungsmittel  und  Unterhaltsmittel  liefert,  um  ihren  Köiper  in
gutem,  produktionsfähigen  Zustand  zu  erhalten  und  zu  verhindern,  daß  er  vorzeitig
verfalle  und  zum  alten  Eisen  geworfen  werden  muß?’ 1
        <pb n="290" />
        268

Zweites  Buch.  Die  Gegner.

Schon  vor'Loed  Shaexesbüey  eröffhete  er  den  Feldzug  für  die''
Beschränkung  der  Kinderarbeit  in  den  Fabriken  und  trug  viel  zu
dem  Gesetz  von  1819  bei,  das  das  Minimalalter  der  arbeitenden
Kinder  auf  9  Jahre  festsetzte.  Er  hatte  10  Jahre  verlangt.
Auch  hier  abgewiesen,  verzweifelt  er  an  der  Kraft  der  beiden
Mächte,  der  Arbeitgeber  und  des  Staates,  dem  gesellschaftlichen  Fortschritt ­
  zu  dienen,  und  wendet  sich  an  die  dritte  Macht:  die  Genossenschaft. ­
  Sie  sollte  das  neue  Milieu  schaffen,  ohne  das  die  soziale
Frage  unmöglich  gelöst  werden  kann.

§  1.  Die  Schaffung  des  sozialen  Milieus.
Denn  das  ist  die  Grundidee  Owen’s,  die  ihn  in  allen  seinen  verschiedenen ­
  sozialen  Versuchen  geleitet  hat,  die  Schaffung  eines
sozialen  Milieus:  dies  und  stets  nur  dies  erhoffte  er  zunächst
von  den  Arbeitgebern,  dann  vom  Staate  und  zum  Schluß  von  der
Kooperation.
Man  kann  sagen,  daß  hierin  Owen  der  Vater  dessen  war,  was
die  Soziologen  heute  mit  dem  Wort  Ätiologie  bezeichnen,  nämlich
die  Anpassung  und  Unterordnung  des  Menschen  an  seine  Umgebung.
Seine  Theorie  ist  in  der  wirtschaftlichen  Lehre  ungefähr  das,  was
die  Lamaeck’s  in  der  Biologie  ist:  die  Umformung  des  Organismus
durch  den  Einfluß  der  Umwelt  auf  die  Organe.  Von  Natur  ist  der
Mensch  weder  gut  noch  böse,  er  ist  das,  wozu  ihn  ,seine  Umwelt  gemacht ­
  hat.  Wenn  heute  der  Mensch  böse  ist,  so  beruht  das  darauf,
daß  die  wirtschaftliche  und  soziale  Ordnung  verabscheuungswürdig
ist.  Man  muß  aber  darauf  hinweisen,  daß  Owen  der  natürlichen  Umwelt ­
  keine  Bedeutung  irgendwelcher  Art  beigelegt  zu  haben  scheint,
die  doch  für  ändere  Schulen,  wie  die  Le  Play’s,  eine  wesentliche
Bedingung  darstellt.  Er  sieht  nur  das  soziale  Milieu,  so  wie  es  von
der  Erziehung  oder  Gesetzgebung  oder  der  bewußten  Tätigkeit  der
Einzelpersonen  geschaffen  ist. 1 )  Wenn  wir  die  Umwelt  ändern,  so
ändern  wir  auch  den  Menschen.  Owen  scheint  sich  aber  nicht  um
die  „petitio  principii“  gekümmert  zu  haben,  die  dieser  Gedankenreihe
zugrunde  liegt;  denn,  wenn  der  Mensch  das  Produkt  seines  Milieus
1  ist,  so  versteht  man  kaum,  wie  er  dieses  Milieu  ändern  kann.  Es
würde,  um  ein  gebräuchliches  Bild  zu  gebrauchen,  dasselbe  sein,  als
*)  In  dem  System  Owen's  nimmt  die  Erziehung  einen  außerordentlich  großen
Platz  ein.  Auf  Grund  seiner  philosophischen  Lehre  mußte  sie  auch  allmächtig  sein.
Durch  die  Erziehung  erzieht  man  den  Menschen,  den  man  will,  ebenso  wie  man
Stiefel  oder  Hüte  macht.  Es  würde  ganz  interessant  sein,  diese  Gedanken  mit  denen,
die  Rousseau  in  seinem  Emile  dargelegt  hat,  zu  vergleichen,  doch  würde  uns  dies
za  weit  von  unserem  Gegenstand  entfernen.
        <pb n="291" />
        Kapitel  III.  Die  Assozialisten.

269

ob  er  sich  am  eigenen  Zopfe  aus  dem  Sumpfe  ziehen  wollte.  Diese
Inkonsequenz  war  jedoch  von  der  glücklichsten  Bedeutung!  Denn
auf  ihr  beruht  jene  bewunderungswürdige  Bewegung,  die  viel  später
zu  den  prachtvollen  Einrichtungen  der  englischen  Gartenstädte  führen
sollte.  Owen  ist  es  zu  danken,  daß  man  sich  bemüht,  der  Arbeit
einen  Eahmen  von  Bequemlichkeit  und  Schönheit  zu  geben,  der  ihre
Leistungsfähigkeit  verdoppelt.
Vom  moralischen  Gesichtspunkte  aus  gelangt  diese  deterministische ­
  Auffassung  natürlich  dazu,  alle  Verantwortlichkeit  des
Individuums  zu  leugnen 1 );  jeder  Gedanke  an  Verdienst  oder  Fehler,
Lob  oder  Tadel,  Belohnung  oder  Strafe  verschwindet,  da  das  Individuum ­
  nicht  anders  sein  kann,  als  es  ist.
Um  so  mehr  noch  schließt  sie  jeden  religiösen  Einfluß  und  besonders ­
  den  der  christlichen  Religion  aus.  Diese  Bemerkung  ist
nicht  überflüssig,  weil  sie  erklärt,  weshalb  Owen  in  der  englischen
Gesellschaft  keine  Unterstützung  fand,  die  sich  gegen  das,  was  sie
für  ein  zynisches  Bekenntnis  zum  Atheismus  hielt,  auflehnte,  obgleich
Owen  in  Wirklichkeit  Deist  war 2 ).
Vom  wirtschaftlichen  Gesichtspunkte  aus  führte  diese  Lehre  zum
absoluten  Gleichheitssystem,  zu  der  Entlohnung  gemäß  den  Bedürfnissen
nnd  nicht  gemäß  den  Fähigkeiten,  denn  warum  sollte  die  Tatsache,
^aß  jemand  intelligenter  oder  kräftiger  oder  sogar  arbeitsamer  sei,
einen  Anspruch  auf  eine  höhere  Entlohnung  rechtfertigen,  da  dies  doch
einzig  und  allein  durch  die  Umstände  bedingt  wird?  Hierin  liegt  der
Grund,  weshalb  die  OwEN’schen  Gemeinschaften  kommunistisch  waren.
Ein  Eingehen  auf  die  Geschichte  dieser  Kolonien  erübrigt  sich
hier.  Dies  um  so  mehr,  da  ihre  Schicksale  den  gleichen  ziemlich
monotonen  Verlauf  so  vieler  ähnlicher  Untersuchungen  zeigen.  Den
Gründern  waren  dieselben  Enttäuschungen  beschieden.  Owen  war
gezwungen  zuzugeben,  daß  es  nicht  gelungen  war,  das  .Milieu  zu
schaffen,  das  den  neuen  Menschen  verwirklichen  sollte.  Er  verachtete ­
  daher  auf  den  Ehrgeiz,  eine  von  Grund  auf  vollständig  neue
Gesellschaft  zu  errichten,  und  suchte  die  Lösung  in  der  bestehenden
Gesellschaft,  indem  er  sich  damit  begnügte,  die  Schmarotzerpflanzen
auszurotten,  mit  denen  sie  behaftet  war.
So  kommen  wir  zu  der  zweiten  Grundidee  Owen’s.
        <pb n="292" />
        270

Zweites  Buch.  Die  Gegner.

§  2.  Die  Abschaffung  des  Profits.
Um  das  wirtschaftliche  Milieu  zu  ändern,  muß  vor  allen  Dingen
der  Profit  abgeschafft  werden.  Im  Streben  nach  Profit,  darin  liegt
das  Grundübel,  die  Erbsünde,  die  verbotene  Frucht  des  Paradieses,
die  den  Fall  des  Menschengeschlechts  verursacht  hat.  Was  ist  denn
in  Wirklichkeit  der  Profit?  Das,  was  den  Kostenpreis  übersteigt. ­
  Er  ist  daher  gerade  auf  Grund  dieser  Definition  eine  Ungerechtigkeit, ­
  denn  der  Kostenpreis  ist  der  gerechte  Preis:  die  Produkte ­
  müssen  zu  dem  Preise  verkauft  werden,  den  sie  kosten,  weder
höher  noch  geringer.  Der  Profit  ist  aber  nicht  nur  eine  Ungerechtigkeit ­
  ;  er  ist  eine  beständige  Gefahr,  die  wirkliche  Ursache  der  durch
Überproduktion  oder  vielmehr  durch  Unterkonsumtion  verursachten
Krisen  *),  denn  er  versetzt  den  Arbeiter  in  die  Unmöglichkeit,  das
Erzeugnis  seiner  Arbeit  zurückzukaufen  und  daher  den  Gegenwert ­
  dessen,  was  er  erzeugt  hat,  zu  verzehren.  Wie  wäre  das  auch
möglich,  da  ja  das  Produkt,  sobald  es  seine  Hände  verlassen  hat,
von  einer  Preiserhöhung  betroffen  wird,  die  es  dem,  der  es  hergestellt
hat,  unerreichbar  macht,  wie  auch  dem,  der  eine  gleiche  Arbeit
lieferte,  und  als  Preis  nur  einen  gleichen  Arbeitswert  anbieten
kann?
Wie  soll  man  nun  vergehen,  um  diesen  parasitischen  Aufschlag
abzuschaffen?  Würde  zunächst  nicht  das  natürliche  Spiel  der  Konkurrenz ­
  genügen,  wenn  sie  ganz  und  gar  frei  und  vollkommen  wäre,
um  zu  einer  Ausschaltung  des  Profites  zu  gelangen?  Die  Volks  Wirtschaftler ­
  behaupten  es,  und  wir  werden  sehen,  wie  im  besonderen  die
der  hedonistischen  Schule  sich  zu  dem  Nachweis  erbieten,  daß  unter
der  Ordnung  einer  vollkommenen  Konkurrenz  die  Höhe  des  Profites
auf  Null  herabsinken  würde.  Owen  glaubt  dies  jedoch  keineswegs 2 );

•)  Die  große  wirtschaftliche  Krisis  von  1815  hatte  auf  Owen,  wie  auf  alle
Yolkswirtschaftler  und  Sozialisten  seiner  Zeit  großen  Eindruck  gemacht.
2 )  Anscheinend  könnte  man  Owen  folgendes  entgegenhalten:  von  zwei  Dingen
ist  nur  eins  möglich:  entweder  stellt  der  Gewinn  einen  Feil  der  Produktionskosten
vor;  zwischen  ihm  und  den  Zinsen  besteht  kein  Unterschied.  In  diesem  Falle  ist
es  richtig,  daß  die  Konkurrenz,  so  vollkommen  sie  auch  sein  möge,  ihn  nicht  zutn
Verschwinden  bringen  kann,  da  sie  doch  nicht  mehr  zu  tun  vermag,  als  den  Verkaufspreis ­
  auf  das  Niveau  der  Produktionskosten  zu  bringen;  in  diesem  Falle  ist
aber  der  Profit  weder  ungerecht,  noch  parasitisch,  da  das  Erzeugnis  zu  dem  Preis,
den  es  gekostet  hat,  weder  teuerer,  noch  billiger,  verkauft  wird.
Oder  aber  der  Gewinn  stellt  keinen  Teil  der  Produktionskosten  dar:  zwischen
ihm  und  den  Zinsen  besteht  ein  Unterschied;  er  ist  nur  der  Überschuß  des  Verkaufspreises ­
  über  den  Kostenpreis;  in  diesem  Fall  kann  man  ihn  allerdings  parasitisch
nennen;  doch  auch  dann  wird  er  unter  der  Herrschaft  der  vollkommenen  Konkurrenz
        <pb n="293" />
        Kapitel  III.  Die  Assozialisten.

271

für  ihn  sind  im  Gegenteil  die  Konkurrenz  und  der  Profit  untrennbar,
denn,  wenn  das  eine  der  Krieg  ist,  so  ist  das  andere  die  Beute.
Es  kam  daher  darauf  an,  eine  Methode  zu  finden,  um  den  Profit
abzuschaffen  und  mit  ihm  „alle  die  Einrichtungen,  die  beständig  den
Wunsch  hervorrufen,  billig  zu  kaufen  und  teuer  zu  verkaufen“.  Das
Werkzeug  des  Profits  ist  nun  das  Geld:  erst  durch  das  Geld  kann  er
sich  verwirklichen  ')•  Auf  Grund  des  Geldes  drängt  er  sich  in  jeden
Tausch,  und  durch  das  Geld  wird  erst  die  Anomalie  möglich,  eine
Ware  über  ihren  Wert  zu  verkaufen.  Das  Geld  muß  man  also  angreifen.
  Es  muß  durch  Arbeitsnoten  (labour  notes)  ersetzt  werden.  Sie
werden  dann  den  wirklichen  Wertmesser  darstellen,  der  dem  Gelde
bedeutend  überlegen  ist;  denn  da  die  Arbeit  Ursache  und  Substanz
des  Wertes  ist,  ist  es  nur  natürlich,  daß  sie  auch  ihren  Maßstab  vorstellt. ­
  Man  erkennt,  daß  Owen  aus  Eicakdo’s  Werttheorie  überraschende ­
  Schlüsse  zieht.
Soviel  Arbeitsstunden  ein  Erzeugnis  gekostet  hat,  so  viel  Arbeitsnoten
  erhält  sein  Erzeuger,  weder  mehr  noch  weniger,  wenn  er  es
verkaufen  will,  —  und  ebenso  viel  muß  der  Verbraucher  geben,
weder  mehr  noch  weniger,  wenn  er  es  kaufen  will.  Auf  diese  Weise
wird  der  Profit  abgeschafft.
Die  Verdammung  des  Geldes  war  nicht  neu,  aber  worin  eine
wirklich  neue  Idee  liegt  —  „eine  Entdeckung,  die“,  wie  Owen  sagt,
«bedeutender  ist,  als  die  der  Minen  Mexiko’s  und  Peru’s“,  war  die
Ersetzung  des  Geldes  durch  Arbeitsnoten.  Es  ist  bekannt,  wie
alle  sozialistischen  Schulen  diese  „Mine“  ausgebeutet  haben.  Jedoch
muß  darauf  hingewiesen  werden,  daß  sie  keineswegs  mit  dem  kommunistischen ­
  Ideal  Owen’s  „einem  jeden  gemäß  seinen  Bedürfnissen“
übereinstimmte,  denn  diese  Arbeitsnoten  bedeuten  offensichtlich,  wie
e *  später  die  kollektivistische  Schule  kategorisch  sagte,  „die  Ent-Dotwendigenveise
  'verschwinden,  da  ein  derartiges  Einkommen  nur  auf  einer  mehr
oder  weniger  ausgesprochenen  Monopolstellung  beruhen  kann.
Zur  Zeit  Owen's  war  aber  die  Unterscheidung  zwischen  Probt  und  Zinsen  noch
uioht  bekannt.  Er  würde  sicherlich  geantwortet  haben,  daß,  ob  Profit  oder  Zinsen,
doch  alles  eins  wäre  und  daß,  wenn  der  Profit  vorgäbe,  sich  unter  den  Produktionskosten ­
  zu  verstecken,  um  der  Konkurrenz  trotzen  zu  können,  er  kein  Recht  irgendwelcher ­
  Art  auf  dieses  Versteck  habe,  da  die  Produktionskosten  sich  einzig  aus  der
Arbeit  und  den  zur  Neubildung  des  auf  ge  wendeten  Kapitals  nötigen  Amortisationss
 'unmeu  zusammensetze.  Daher  müsse  er  aus  diesem  Versteck  herausgezogen  werden.
b  „Das  Metallgeld  ist  die  Ursache  einer  außerordentlich  großen  Kriminalität,
einer  Menge  Ungerechtigkeit  und  Elends,  sowie  eine  der  Bedingungen  des  Milieus,
, e  a n  einer  Mißbildung  des  Charakters  den  größten  Anteil  haben  und  aus  der  Welt
ein  l’andämonium  machen.“
„Billig  einkaufen  und  teuer  verkaufen  und  zwar  auf  Grund  eines  künstlichen
'  ertre ters  des  Reichtums,  der  sich  weder  ausdehnen  noch  zusammenziehen  kann,  wie
1  as  der  Reichtum  selbst  tut,  darin  liegt  das  Geheimnis  des  Profits.“
        <pb n="294" />
        272

Zweites  Buch.  Die  Gegner.

lohnung  nach  der  individuellen  Leistung“:  weshalb  aber  bei  dem
Tausche  diese  genaue  Rechnung  aufmachen.  wenn  man  sie  für  die
Verteilung  nicht  mehr  in  Betracht  ziehen  sollte? 1 )
Die  Erfahrung  sollte  nun  lehren,  ob  diese  Ausschaltung  des
Geldes  in  der  Praxis  verwirklicht  werden  konnte.  Der  Versuch
wurde  durch  die  Errichtung  einer  Arbeitstauschböxse  (National
Equitable  Labour  Exchange)  in  London  gemacht,  die  die  originellste
und  interessanteste  Episode  der  OwBN’schen  Bewegung  ist,  obgleich
in  Wirklichkeit  Owen  selbst  sich  stets  dagegen  verwahrt  hat,  ihr
Organisator  gewesen  zu  sein.  Es  war  dies  eine  kooperative  Gesellschaft ­
  mit  einem  Lager,  wo  jeder  Gesellschafter  das  Erzeugnis  seiner
Arbeit  abliefern  und  den  Preis  dafür  in  Arbeitsnoten  erhalten  konnte,
einen  Preis,  der  nach  der  Anzahl  der  Arbeitsstunden,  die  das  Erzeugnis ­
  gekostet  hatte,  und  die  der  Teilhaber  selbst  angab,  bewertet
wurde.  Diese  so  zu  Waren  gewordenen  Erzeugnisse  wurden  im
Lager  auf  bewahrt;  der  Preis  war  in  Arbeitsstunden  auf  ihnen  vermerkt. ­
  Sie  blieben  zur  Verfügung  der  Gesellschafter,  die  sie  kaufen
wollten.  Die  Käufer  hatten  nur  den  auf  ihnen  vermerkten  Preis  in
Arbeitsnoten  zu  bezahlen.  Infolgedessen  konnte  jeder  Arbeiter,  der
z.  B.  10  Stunden  gebraucht  hatte,  um  ein  Paar  Schuhe  herzustellen,
sich  irgendwelche  andere  Ware,  die  ebenfalls  10  Arbeitsstunden  gekostet ­
  hatte,  verschaffen.  Er  erhielt  daher  genau  den  Gegenwert
seiner  Arbeit:  der  Profit  war  ausgeschaltet.  Andererseits  war  auch
der  Zwischenhändler,  der  den  Profit  heute  einsteckt,  der  Profitmacher, ­
  sei  er  Industrieller  oder  Händler,  durch  den  unmittelbaren
Verkehr  zwischen  Produzenten  und  Verbraucher  unterdrückt.  Und
das  Problem  war  daher  gelöst 2 ).

')  Owen  hat  diesen  Widerspruch  wohl  gekannt.  Wir  dürfen  aber  nicht  vergessen, ­
  daß  es  sich  hier  nnr  um  eine  Ubergangslösung  handelte,  zu  der  sich  Owen
entschließen  mußte,  da  er  die  vollständige  Lösung  durch  eine  kommunistische  Assoziation ­
  in  dem  neuen  Milieu  nicht  verwirklichen  konnte.  In  der  Kolonie  von  New-Harmony
  begann  mau  damit,  die  Verteilung  auf  Grund  der  geleisteten  Dienste  vorzunehmen, ­
  um  nach  und  nach  zu  dem  System  der  Gleichheit  überzugehen,  ohne  Unterschied ­
  der  geleisteten  Dienste  oder  gelieferten  Arbeit,  —  ein  Fortschritt,  der  übrigens
das  Ergebnis  hatte,  die  Kolonie  innerhalb  sechs  Monaten  zu  ruinieren.
2 )  Die  Arbeitsbörse  (Labour  Exchange)  wurde  im  September  1832  eröffnet
und  hatte  am  Anfang  einen  relativen  Erfolg.  Sie  zählte  840  Teilnehmer  und  errichtete
sogar  einige  Filialen.  Sie  schlug  aus  folgenden  Ursachen  fehl:
1.  Weil  die  Teilnehmer  den  Wert  ihrer  Erzeugnisse,  wie  zu  erwarten  war,  zu
hoch  angaben,  indem  sie  eine  höhere  Anzahl  Arbeitsstunden  in  Anrechnung  brachten,
als  sie  in  Wirklichkeit  darauf  verwandt  hatten.  Daher  mußte  man  darauf  verzichten,
ihrer  Ehrlichkeit  zu  vertrauen,  und  die  Bewertung  Sachverständigen  übertragen,
wie  in  einer  öffentlichen  Leihanstalt.  Diese  Sachverständigen  aber,  die  mit  der
Werttheorie  Owen’s  wenig  vertraut  waren,  schätzten  die  Erzeugnisse,  die  man  ihnen
vorlegte,  einfach  nach  ihrem  Geldwert  und  übertrugen  diesen  Geldwert  in  Arbeits-
        <pb n="295" />
        Kapitel  III.  Die  Assozialisten.

273

Der  Versuch  gelang-  nicht  besser  als  der  der  kommunistischen
Kolonien  und  dauerte  nicht  länger.  Die  höchst  ungenaue  Kenntnis,
die  man  damals  von  den  Gesetzen  des  Wertes  hatte,  kann  allein  diejenigen ­
  entschuldigen,  die  ein  anderes  Resultat  erwarteten.  Nichtsdestoweniger ­
  bedeutet  er  ein  bemerkenswertes  Datum  in  der  Geschichte ­
  der  Doktrinen,  weil  hier  die  erste  Etappe  einer  Reihe  von
Systemen  gegeben  ist,  die  mit  dem  Zweck,  das  gleiche  Problem  zu
lösen,  aufeinander  folgen.  Allerdings  wenden  sie  recht  verschiedene
Mittel  an,  die  wir  in  der  Tauschbank  (banque  d’Echange)  Peoudhon’s
und  in  den  sozialen  Buchungen  (Comptabilisme  social)  Solvay’s
wiederfinden  werden.
Übrigens  haben  die  verschiedenen  Veranstaltungen,  die  auf  eine
Ausschaltung  des  Geldes  hinzielten,  nur  eine  sekundäre  Bedeutung,
aber  die  Grundidee,  nämlich  die  Abschaffung  des  Profits,  sollte  bestehen
bleiben  und  sich  wenigstens  teilweise  in  einer  viel  gesunderen  und
großzügigeren  Einrichtung  verwirklichen,  einer  Einrichtung,  die  die
ganze  Welt  zu  umfassen  bestimmt  war,  nämlich  in  den  Konsumvereinen
(magasins  cooperatifs,  —  Stores  —  wie  man  sie  in  England  nennt).  Sie
begannen  schon  zur  Zeit  der  Arbeitstauschbörse  (1832—1834)  in

stunden,  gewöhnlich  im  Verhältnis  von  6  Pence  pro  Arbeitsstunde.  Sie  konnten
such  gar  nicht  anders  vergehen.  Nur  ergab  sich  hieraus,  daß  das  System  Owen’s
völlig  verkehrt  wurde,  da  nicht  mehr  die  Arbeit  der  Maßstab  war,  nach  dem  sich
der  Handelswert  der  Gegenstände  regelte,  sondern  im  Gegenteil  der  Geldwert  der
Produkte  den  Arbeitswert  bestimmte.
2.  Weil,  sobald  als  die  Gesellschaft  Teilnehmer  erhielt,  die  nicht  so  altruistisch
-wie  die  ersten  Anhänger  waren,  die  neu  Hinzugekommenen  ihr  alle  Gegenstände
brachten,  die  sonst  unverkäuflich  waren,  und  sich  beeilten,  mit  den  so  erhaltenen
Pons  sich  von  dem  Lager  alle  die  Gegenstände  liefern  zu  lassen,  die  irgendwelchen
Wert  darstellten,  d.  h.  die  ehrlich  tarifiert  worden  waren,  und  die  sie  dann  wieder
gegen  gutes  Geld  verkauften,  —  so  daß  sich  zum,  Schluß  nur  noch  „Ladenhüter“  in
dem  Lager  befanden.  —  Kurz  das  Lager  kaufte  nur  Waren,  die  über  ihren  wirklichen ­
  Wert,  und  verkaufte  nur  Waren,  die  unter  ihren  wirklichen  Wert  notiert
waren!

Die  Labour-Notes  lauteten  nicht  auf  den  Namen,  waren  nicht  nominativ.
Jeder,  auch  der,  der  nicht  zur  Gesellschaft  gehörte,  konnte  sie  kaufen  und  sie  zu
dieser  wenig  ehrenhaften,  aber  einträglichen  Operation  verwenden.  Das  taten  zum
Beispiel  300  Londoner  Krämer,  die  sich  Labour-Notes  verschafften,  indem  sie
erklärten,  sie  würden  sie  in  Zahlung  für  ihre  Waren  annehmen.  Sie  benutzten  sie,
um  das  Tanschlager  zu  plündern,  und  als  nichts  mehr  übrig  war,  das  es  sich  lohnte
uiitzunehmen,  weigerten  sie  sich,  weiterhin  Labour-Notes  in  Zahlung  zu  nehmen,
womit  der  Gaunerstreich  seinen  Zweck  erreicht  hatte.
Es  ist  selbstverständlich,  worauf  auch  Denis  sehr  richtig  hinweist,  daß  das
lauschlager  für  Angestellte  keinen  Nutzen  irgendwelcher  Art  bot;  da  dei  Angestellte, ­
  der  Lohnempfänger,  wie  schon  der  Name  besagt,  niemals  Eigentümei  dei
Erzeugnisse  seiner  Arbeit  ist,  bat  er  niemals  etwas  zu  verkaufen.  Das  System
Dwen’s  kann  daher  nur  dann  von  Nutzen  sein,  wenn  man  eine  vorhergegangene
-Abschaffung  des  Lohnsystems  annimmt.
Gicle  und  Rist,  Gesell,  d.  Volkswirtschaft!.  Lehrmeinunsen.  18
        <pb n="296" />
        274

Zweites  Buch.  Die  Gegner.

größerer  Anzahl  zu  entstehen,  sollten  aber  ihre  definitive  Form  erst
10  Jahre  später  durch  die  Pioniere  von  Rochdale  erhalten.
Die  Regel  der  Konsumvereine  besteht  darin:  entweder  überhaupt
keine  Gewinne  zu  erzielen,  —  oder  sie  ihren  Käufern  im  Verhältnis,
ihrer  Einkäufe  wiederzuerstatten,  was  natürlich  auf  das  gleiche
hinausläuft:  es  gibt  keinen  Profit,  nur  Rückers  tat  tun  gen  (ristorni).
Um  dies  zu  erreichen,  bedienen  sie  sich  des  gleichen  Mittels  wie
Owen,  nämlich  des  unmittelbaren  Verkehrs  zwischen  Produzenten
und  Verbrauchern  unter  Vermeidung  jedes  Zwischenhandels.  Bemerkenswert ­
  ist  aber,  daß  diese  Ausschaltung  des  Profits  sich
vollzieht,  ohne  daß  es  nötig  ist,  das  Geld  abzuschafien').  Die  enge
Verbindung,  die  Owen  und  viele  andere  Sozialisten  nach  ihm  zwischen
Geld  und  Profit  festzustellen  geglaubt  haben,  ist  nur  eine  Einbildung.,
Wie  man  weiß,  werden  gerade  im  Tauschhandel  die  größten  Profite
erzielt,  z.  B.  im  Handel  mit  dem  äquatorialen  Afrika;  man  tauscht
Flinten,  deren  Preis  auf  das  Fünffache  ihres  Wertes  festgesetzt  ist,,
gegen  Kautschuk,  der  nach  dem  dritten  Teil  seines  Wertes  berechnet
wird,  was  einen  Profitsatz  von  1500  "/o  ergibt.  Die  Wahrheit  ist
im  Gegenteil,  daß  das  Geld  den  Wertschätzungen  eine  Genauigkeit
verleiht,  die  es  gestattet,  die  Höhe  des  Profits  auf  den  kleinsten
Bruchteil  zurückzuführen,  z.  B.  auf  1  Centime  für  den  Meter  Baumwollstoff', ­
  was  bei  dem  Tauschhandel  und  sogar  mit  Arbeitsnoten  vollständig ­
  unmöglich  sein  würde.
Die  kooperative  Gesellschaft,  soweit  sie  auf  die  Abschaffung  des
Profits  hinarbeitet,  bleibt  daher  der  bedeutendste  Erfolg  des  Werkes
Owen’s  und  genügt  zu  seinem  Ruhm.  Es  scheint  jedoch,  als  ob  sein-Anteil
  an  dieser  großen  Bewegung  nicht  ganz  bewußt  gewesen  ist.
Zwar  erscheint  das  Wort  „Cooperation“  immer  wieder  in  seinen
Schriften,  aber  dies  Wort  hatte  damals  nicht  seine  heutige  Bedeutung:
es  wollte  einfach  Kommunismus  ausdrücken.  Was  die  kooperativen
Konsumvereine  in  der  Form  von  Verkaufslagern  aulangt,  so  hat
Owen  nicht  nur  jede  Verantwortung  an  ihrer  Entstehung  abgelehnt,
sondern  er  hat  sie  im  Gegenteil  ausdrücklich  als  Vertreter  seines
Systems  abgewiesen.  Er  sah  in  ihnen  nur  kleine  Läden  oder  philanthropische ­
  Unternehmungen,  die  seines  Ideales  unwürdig  wären  2 j.,

*)  Jedoch  ist  damit  noch  nicht  gesagt,  daß  die  Konsumgenossenschaften,  sobald
sie  machtvoll  organisiert  und  mit  großen  Zentralniederlagen  verbunden  sind,  dieses
Projekt  nicht  wieder  aufnehmen,  d.  h.  das  Geld  in  ihren  Handelsoperationen  absohaffen
werden.  Auf  jeden  Kall  tragen  sie  sich  mit  dem  Gedanken.
2 )  So  sagt  wenigstens  Holyoake  in  seiner  „History  of  Cooperation“,  I,,
S.  215  (1.  Ausg.).  Doch  nach  einer  Stelle,  die  Doll^ans  anführt,  hätte  Owen  sich
an  die  kooperativen  Gesellschaften  gewandt,  mit  der  Bitte,  seine  Tauschbank  zu
nnterstützen.
        <pb n="297" />
        Kapitel  III.  Die  Ässozialisten.

275

18*

In  dieser  Hinsicht  ist  es  nur  gerecht,  darauf  hiuzuweiseu,  daß  diese
Gesellschaften  damals  noch  nicht  das  waren,  was  sie  seitdem  geworden ­
  sind.  Owen  hat  jedoch  noch  das  Entstehen  der  Gesellschaft
in  Rochdale  erlebt,  —  unter  deren  28  Pionieren  sich  6  seiner  Schüler
befanden,  und  von  denen  zwei,  Charles  Howaeth  und  William  Coopee,
die  Seele  dieser  unsterblichen  Genossenschaft  waren,  —  aber  Owen
war  damals  73  Jahre  alt  und  scheint  von  der  Geburt  dieser  so  spät
gekommenen  Tochter  nicht  einmal  Notiz  genommen  zu  haben,  die
doch  mehr  als  alle  Arbeit  seines  langen  Lebens  seinen  Namen  der
Nachwelt  überliefern,  wenn  nicht  der  Vergessenheit  entreißen  sollte.
Denn  Owen  hat  in  Wirklichkeit  keine  Schule,  außer  der  kooperativen ­
  Schule,  hinterlassen.  Allerdings  hatte  er  einige  Schüler,  die
versuchten,  seine  Theorien  anzuwenden.  Unter  ihnen  muß  besonders
einer  erwähnt  werden,  der  lange  Zeit  vergessen  war  und  heute
wieder  entdeckt  worden  ist,  um  überschwänglich  gefeiert  zu  werden.
Es  ist  dies  William  Thompson,  dessen  Hauptwerk  „Untersuchungen
über  die  Grundsätze  der  Güterverteilung,  die  dem  Glück  des  Menschen
am  günstigsten  sind“,  im  Jahre  1824  erschien.  In  seiner  Kenntnis  der
Ökonomik  und  in  der  Tiefe  seines  Denkens  ist  er  Owen  bedeutend
überlegen.  Es  wäre  richtiger,  ihn  als  den  Gründer  des  Sozialismus
zu  bezeichnen,  aber  wie  wir  schon  in  der  Einleitung  erwähnten,  können
wir  nicht  daran  denken,  etwaige  Ungerechtigkeiten  der  Geschichte
zu  korrigieren,  und  müssen  die  von  der  Tradition  geheiligten  Namen
annehmen.  Übrigens  ist  es  nur  natürlich,  daß  der  Rang,  den  ein
Mann  in  der  Geschichte  einnimmt,  mehr  durch  seinen  Einfluß  als
durch  sein  Talent  bestimmt  wird,  und  der  Einfluß  Thompson’s  auf
seine  Zeit  war  Null;  hatte  man  ihn  doch  völlig  vergessen.
Von  Thompson  können  wir  nur  sagen,  daß  er  besser  als  Owen
dem  Gedanken,  daß  der  Arbeiter  nicht  den  ganzen  Gegenwert  des
Erzeugnisses  seiner  Arbeit  erhält,  nachgegangen  ist,  und  daß  er  so
die  Theorie  des  „Mehrwertes“  und  der  „unbezahlten  Arbeit“,  die  wir
später  wieder  finden  werden,  vorbereitet  hat.  Ebenso  wie  Owen
stellt  er  als  Heilmittel  gegen  dieses  Übel  nicht  die  Enteignung  der
erworbenen  Reichtümer  hin,  sondern  nur  die  Organisation  neuer
l  nternehmungsformen,  in  denen  der  Arbeiter  den  vollen  Arbeitsertrag ­
  für  sich  selbst  behält;  und  eben  das  macht  das  Programm  der
kooperativen  Gesellschaften  aus J ).
*)  Er  sagte  zu  den  Arbeitern:  „Ihr  wünscht  selbst  den  Gesamtertrag  eurer
Arbeit  für  euch  zu  behalten?  Ganz  richtig;  dazu  habt  ihr  weiter  nichts  zu  tun,
die  Richtung  eurer  Arbeit  zu  ändern.  Anstatt  für  jemanden  zu
arbeiten,  den  ihr  nicht  kennt,  arbeitet  von  nun  an  füreinander.“  Angeführt  von
oxwell  in  seiner  Einleitung  zur  englischen  Ausgabe  des  Buches  von  A.  Menger:
as  Recht  auf  den  vollen  Arbeitsertrag.
        <pb n="298" />
        276

Zweites  Bach.  Die  Gegner.

II.
Charles  Fourier.
Sicherlich  ist  das  praktische  Werk  Owen’s  bedeutender  gewesen
als  das  Foüribe’s,  da  man  seine  Initiative,  wie  wir  gesehen  haben,
am  Ausgangspunkt  der  meisten  großen  sozialen  Bewegungen  des
19.  Jahrhunderts  findet.  Aber  das  rein  intellektuelle  Werk  Fodeier’s,
wenn  auch  utopistischer  und  ausschweifender,  ist  doch  bedeutend
umfassender,  sowohl  durch  sein  sehr  scharfes  Gefühl  für  die  Fehler
der  Zivilisation,  wie  er  sie  nennt,  als  auch  durch  eine  fast  übernatürliche ­
  Seherga  be 1  2 ).
Fourier  ist  oft  zu  einem  Narren  gestempelt  worden,  und  diese  Bezeichnung ­
  scheint  nicht  zu  stark  zu  sein,  wenn  man  die  Wunderlichkeiten ­
  liest,  die  so  zahlreiche  Seiten  seiner  Schriften  füllen,  und  wenn
auch  einige  seiner  Getreuen  erfolglose  Beschönigungsversuche  machen,
indem  sie  ihnen  einen  symbolischen  Sinn  geben,  an  den  er  niemals
gedacht  hat 3 ).  Trotzdem  kann  man  sagen,  daß  er  der  bürgerlichste
aller  Sozialisten  gewesen  ist,  wenn  man  ihn  überhaupt  als  Sozialisten
bezeichnen  will,  ein  Name,  den  er  sich  selbst  allerdings  niemals
beigelegt  hat.  Denn  kann  man  wirklich  jemanden  als  Sozialisten
bezeichnen,  der  von  Qwen  sagt:  „Was  seine  Dogmen  anlangt,  so  ist
das  von  der  Gütergemeinschaft  so  erbärmlich,  daß  es  nicht  einmal
eine  Widerlegung  verdient“  und  von  den  Saint-Simonisten;  „es  ist
eine  Ungeheuerlichkeit,  die  man  höchstens  mit  einem  Achselzucken
beantworten  kann,  im  19.  Jahrhundert  die  Abschaffung  des  Eigentums ­
  und  des  Erbrechtes  zu  predigen“  3 );  —  der  in  seinem  Verteilungssysteme
  der  Arbeit,  dem  Kapital  und  dem  Talent  ungefähr  den
*).Siehe  in  Cooperation  von  Ch.  Gide  den  Vortrag  über  Les  Propheties
de  Fourier.
2 )  Man  darf  ihm  aber  immerhin  nicht  mehr  Torheiten  zuschreiben,  als  er
wirklich  gesagt  hat  —  sie  genügen  so  wie  so  schon  —,  und  ich  benutze  die  Gelegenheit, ­
  um  nochmals  eine  Narrheit  zu  widerlegen,  die  ihm  noch  vor  kurzem  von  ernsthaften ­
  Volkswirtschaftlern  augehängt  worden  ist,  daß  nämlich  die  Männer  in  den
Phalanstere  einen  Schwanz  haben  würden,  der  an  seinem  Ende  ein  Auge  trägt.  Die
Karikaturenzeichner  der  Zeit,  Cham  z.  B.,  stellten  die  Pourieristen  so  ausgestattet
dar.  Der  Ursprung  dieses  Märchens  muß  in  einem  seiner  Bücher,  das  übrigens,  wie
ich  gern  zugebe,  recht  grotesk  ist,  gesucht  werden.  Nachdem  er  gesagt  hat,  daß
auf  anderen  Planeten  die  Menschen  mit  anderen  und  zahlreicheren  Gliedern  als
wir,  versehen  sind,  fügt  er  an:  „und  besonders  mit  einem,  das  uns  fehlt  und  das
die  folgenden  Eigenschaften  besitzt;  gegen  das  Fallen  zu  schützen,  als  wirksame
Waffe,  als  prächtige  Zier  zu  dienen,  das  außerordentliche  Stärke  mit  höchster  Beweglichkeit ­
  vereint  und  für  jede  Bewegung  des  Körpers  Hilfe  und  Stütze  ist“
(Fausse  Industrie,  II,  S.  6).
3 )  Nouveau  Monde  Industriel,  S.  473.
        <pb n="299" />
        Kapitel  III.  Die  Assozialisten.
gleichen  Rang  zuweist,  indem  er  der  ersten
(was  wahrscheinlich  mehr  ist  als  es  heute  erhält)  und  dem  dritten
:i /i2  zubilligt;  —  der,  über  die  Anpreisungen  der  gewissenlosesten
Gründer  hinausgehend,  Dividenden  von  30,  ja  selbst  von  36%  verspricht, ­
  und  denen,  die  eine  feste  Verzinsung  vorziehen,  8 1
sichert 1 );  der  aus  der  Erwartung,  ja  sogar  aus  der  Jagd  nach
Erbschaften  eine  der  anziehendsten  Unterhaltungen  der  zukünftigen
phalansterischen  Gesellschaft  macht;  und  der  behauptete,  daß  der
,Unterschied  zwischen  Reichen  und  Armen  „dem  Plane  Gottes  entspricht“ ­
  und  daher  auch  seinem  eigenen,  denn:  „man  muß  verstehen,
daß  Gott  alles  das,  was  er  gemacht  hat,  gut  gemacht  hat“  2 ).
Und  doch  erscheint  Fourier  allen  Menschen  seiner  Zeit  und
noch  heute  allen  denen,  die  ihn  nicht  gelesen  haben,  d.  h.  beinahe
last  allen,  als  ein  ültrasozialist,  als  ein  Kommunist.  Das  findet
seine  Erklärung  weniger  in  den  Übertreibungen  seiner  Zukunftsbilder ­
  und  seiner  Sprache,  die  wir  eben  erwähnten,  als  in  dem
bizarren  Namen,  den  er  seiner  Genossenschaft  gibt:  lePhalan  stere,
ein  Name,  der  auf  irgendeine  geheimnisvoll  anziehende,  gruselige
Stadt  hinwies,  wo  alles  gemeinsam  sei,  die  Güter  wde  die  Frauen.
Wir  müssen  daher  auch  die  Darstellung  seines  Systems  mit  dem
Phalanstere  beginnen:  es  ist  sein  Kern  und  Stern.

§  1.  Das  Phalanstere.
Nichts  kann  auf  den  ersten  Blick  weniger  erschrecken  als  das
Phalanstere;  hier  ist  nichts,  was  der  Neuen  Harmonie  Owen’s,  dem
Icarien  Cabet’s,  der  Sonnenstadt  Campanella’s,  der  Utopia
Morus’  ähnelt.  Von  außen  gesehen  ist  es  in  seinem  ganzen  Betriebe ­
  weiter  nichts  als  ein  großes  Hotel,  ein  PjAs-at  Ipot  e  1,  das  für
1500  Personen  eingerichtet  ist,  größer,  aber  allen  denen  ähnlich,  die
sich  jetzt  in  allen  Winter-  und  Sommerkurorten  erheben,  mit  Zimmern
und  ganzen  Wohnungen,  tables  d’hote,  Salons,  Lese-,  Spiel-,  Konzertsälen, ­
  mit  Theatern  usw.,  eine  Anlage,  die  er,  ohne  müde  zu  werden,
bis  in  die  letzten  Einzelheiten  beschreibt.  Jedem  Gast  steht  es
übrigens  frei,  ganz  wie  heute,  nicht  nur  eine  vollständige  Wohnung  zu
bewohnen,  sondern  auch  auf  dem  Zimmer  zu  speisen,  wenn  er  nicht
z u  der  table  d’hote  gehen  will.  Nur  unterscheidet  sich  das  Phalanstere

l )  Briet  vom  28.  Januar  1831,  von  Pellarin  angeführt,  Vie  de  louner
lP “ i VS„.nM-d.I.du,t,l.l,  S.  26.  -
unser  kleines  Buch;  (Euvres  choisies  de  Fourier,  mit  g,
starken  Band  von  Hubert  Bourgin,  Fourier.

V
        <pb n="300" />
        278

Zweites  Buch.  Die  Gegner.

Yon  einem  großen  Hotel  darin,  daß  es  nicht  für  die  Reichen  allein
berechnet  ist,  denn  es  gibt  Zimmer  und  Kost  in  allen  Preislagen,
//  nämlich  fünf  Klassen  und  sogar  noch  eine  Gratisklasse.  Man  könnte
daher  sagen,  daß  es  eine  Verbindung  zwischen  einem  Palasthotel
und  einer  Herberge  zur  Heimat  ist,  wie  die  in  London  (Rowton  House)
oder  in  Mailand  (Albergo  Popolare).
Hier  besteht  also  kein  anderer  Kommunismus,  als  der  des  gemeinsamen ­
  Verbrauches,  der  alle  Reisenden  unter  dem  gleichen  Dache
und  an  dem  gleichen  Tische  vereinigt:  nur  würde  das,  anstatt  wie
heute  gelegentlich,  beständig  sein,  und  für  alle  die  normale  Existenz
werden.  Warum  legte  nun  Foueiek  dieser  Existenzweise  eine  so
große  Bedeutung  bei,  um  daraus  die  conditio  sine  qua  non  seines
Systems  zu  machen  und  darin  die  Lösung  aller  sozialen  Fragen  zu
sehen?  Weil  er,  ebenso  wie  Owen,  zuerst  ein  günstiges  Milieu
schaffen  will,  das  von  dem  heutigen  Milieu  völlig  verschieden  ist,
und  in  dem  die  neuen  Menschen  sich  in  aller  Freiheit  entwickeln
können.
Vom  wirtschaftlichen  Gesichtspunkt  aus  hat  das  Leben  unter
demselben  Dache  als  Zweck,  das  Maximum  an  Bequemlichkeit  mit
.  dem  Minimum  an  Ausgaben  für  den  Verbraucher  zu  verwirklichen,
indem  es  die  kleinliche  und  lästige  Einrichtung  des  Familienhaushaltes
durch  den  Großhaushalt  für  Küche,  Heizung,  Beleuchtung,  Bäder  und
Aufwartung  ersetzt.
Vom  sozialen  Gesichtspunkt  aus  bezweckt  das  Leben  unter  demselben ­
  Dache,  indem  es  die  Menschen  der  verschiedensten  Kreise  in
tägliche  Berührung  bringt,  „ihre  gegenseitigen  Gefühle  —  die  sich
heute,  wie  er  eindrucksvoll  sagt,  „in  einer  steigenden  Skala  des
Hasses  und  einer  fallenden  Skala  der  Verachtung  bewegen“  —  durch
eine  auf  Sympathie  beruhende  Anziehung  („attraction  sympathique“)
zu  ersetzen,  und  außerdem  das  Leben  durch  die  Menge  der  Beziehungen, ­
  der  Interessen,  sogar  der  Intrigen,  die  diese  ganze  kleine
Welt  bewegen  würden,  interessanter  zu  machen.
Foueibb  kann  sich  nicht  genug  darin  tun,  diese  doppelte  Reihe
von  Vorteilen  auszumalen.  Er  berechnet  und  beziffert  die  Ersparnisse
mit  der  Genauigkeit  eines  alten  Kassierers  und  rühmt  die  Überlegenheit ­
  des  Wirtshauslebens  über  die  Hausmannskost  mit  der  Voreingenommenheit ­
  eines  alten,  durch  nichts  ernüchterten  Hagestolzes.  Die
moralischen  und  sozialen  Vorzüge,  die  sich  aus  der  Gemeinsamkeit
des  Lebens  ergeben  würden,  erscheinen  allerdings  recht  zweifelhaft.
Eine  Psychologie,  die  glaubt,  daß  durch  die  Nachbarschaft  der  Reichen
die  Armen  freundlich  und  höflich  und  die  Reichen  glücklicher  werden,
ist  doch  etwas  einfältig.  Was  jedoch  die  wirtschaftlichen  Vorteile
eines  gemeinsamen  Lebens  anlangt,  so  sind  sie  unbestreitbar,  und
        <pb n="301" />
        Kapitel  III.  Die  Assozialisten.

279

der  Beweis  für  die  Richtigkeit  der  angeblichen  Utopie  Foueiee’s  liegt
darin,  daß  sie  in  dem  Lande,  wo  die  Teuerung  der  Lebensmittel  sich
mehr  und  mehr  fühlbar  macht,  in  den  Vereinigten  Staaten,  zur
Wirklichkeit  wird.  Schon  heute  sind  dort  nicht  nur  die  Junggesellen,
die  in  ihrem  Klub  leben,  essen  und  wohnen,  sondern  auch  die  jungen
Ehepaare  äußerst  zahlreich,  die  sich  im  Hotel  einrichten.  Sie  sind
schon  zur  Hälfte  Phalansterier.  Man  kann  wohl  sagen,  daß  hierin
der  Scharfsinn  Foueiee’s  seiner  Zeit  bedeutend  vorausgeeilt  ist;  und
diejenigen,  die  da  glauben,  daß  die  Doktrinen  durch  die  Tatsachen
bestimmt  werden,  würden  rechte  Mühe  haben,  in  den  am  Anfänge
des  19.  Jahrhunderts  bestehenden  Tatsachen  irgend  etwas  zu  finden,
was  schon  damals  das  phalansterische  System  hätte  anregen  können.
Die  für  den  bürgerlichen  Haushalt  heute  so  schwierig  gewordene
Dienstbotenfrage  findet  in  dem  Phalanstere  eine  Lösung,  die  wahrscheinlich ­
  die  der  Zukunft  sein  wird,  nämlich:  —  zunächst  den  Ersatz
der  persönlichen  Bedienung  durch  die  kollektive  Bedienung. ­
  welch  letztere  nicht  ohne  Grund  als  mehr  in  Übereinstimmung ­
  mit  Würde  und  Unabhängigkeit  gehalten  wird,  als  die
■ei'stere;  —  weiterhin  den  Ersatz  des  Einzelhaushaltes  durch  den
Großhaushalt  als  industrielles  Unternehmen.  Diese  Entwicklung,  die
schon  für  das  Brotbacken  und  die  Wäsche  verwirklicht  ist,  fängt  an,
sich  auch  auf  das  Reinigen  der  Wohnungen  (durch  die  Staubsaugapparate) ­
  mehr  und  mehr  auszubreiten.  Das  Reinhalten,  das  Bürsten
and  Falten  der  Kleidungsstücke,  das  Schuhputzen  kommt  hier  ebenfalls ­
  in  Frage.  Sehr  wahrscheinlich  wird  sich  diese  Entwicklung
auf  die  Bereitung  der  Nahrungsmittel  erstrecken,  worauf  die  beständigwachsende
  Verbreitung  der  Konserven  schon  hinweist 1 ).
§  2.  Die  Vollgenossenschaft  (Cooperation  integrale).
Wenn  wir  nun  die  innere  Organisation  des  Phalanstere  betrachten,
«o  sehen  wir  etwas  mehr  als  ein  gewöhnliches  Gasthaus:  nämlich
ain  kooperatives  Hotel,  das  einer  Genossenschaft  gehört  und  nur  ihre
Mitglieder  aufnimmt.  „La  Phalange“  ist  daher  das,  was  wir  heute
«ine  Vollgenossenschaft  des  Konsums  nennen  würden;  es  ist  nämlich
^iel  vollständiger  als  die  bestehenden  Konsumgesellschaften,  die  sich
darauf  beschränken,  gemeinschaftlich  die  Lebensmittel  einzukaufen,
■die  aber  trotz  ihres  Namens  sie  nicht  zusammen  verzehren,  ausge-')
  Allerdings  erscheinen  bei  Fourier  die  Zukunftslösungen  der  Haushaltungs-Pagen
  nicht  so  endgültig,  wie  die,  die  wir  im  Text  andeuten,  weil  sie  mit  anderen,
Phantastischeren  untermischt  sind,  die  aber  immerhin  nicht  einer  gewissen  Suggestiviät
entbehren,  besonders  die  Verwandlung  des  häuslichen  Lohndienstes  in  gegenseitige
fhatisbedienung,  ein  Gedanke,  der  eine  gewisse  Beachtung  verdient.
        <pb n="302" />
        280

Zweites  Buch.  Die  Gegner.

nommen  in  den  seltenen  Fällen,  wo  ein  kooperatives  Restaurant  der
kooperativen  Niederlage  angeschlossen  ist.
Aber  die  Phalange  ist  nicht  nur  eine  V  er  brauchsgenossen  schaff,
sie  ist  zur  gleichen  Zeit  Produktionsgenossenschaft.  Zu  diesem
Zwecke  besitzt  das  Phalanstere  rings  um  den  Palast,  der  als
Wohnung  dient,  ein  Landgut  von  ungefähr  400  Hektar,  mit  den  Wirtschaftsgebäuden ­
  und  den  Industrieeinrichtungen,  die  nötig  sind,  um
alle  Bedürfnisse  der  Einwohner  zu  decken.  Es  ist  eine  kleine  Welt,,
die  sich  seihst  genügt,  ein  Mikrokosmus,  der  alles  das,  was  er  verbraucht, ­
  produziert,  und  alles  das,  was  er  produziert,  verbraucht;  er
tauscht  nur  in  Ausnahmefällen  solche  Dinge,  die  er  im  Überfluß  besitzt, ­
  gegen  solche,  an  denen  er  Mangel  hat,  von  anderen  Phalangen
ein.  Die  Phalange  ist  in  der  Form  einer  Aktiengesellschaft  gebildet.
Das  Privateigentum  ist  daher  keineswegs  abgeschafft:  es  wird  nur
in  Aktieneigentum  verwandelt,  eine  Umformung,  die  nichts  Sozialistisches ­
  hat,  sondern  die  im  Gegenteil  durchaus  kapitalistisch  ist.
Molinaei  empfahl  sie  noch  neuerdings  und  wünschte  ihre  allgemeine
Ausbreitung.  Fodeibb  kommt  ihm  darin  um  dreiviertel  Jahrhunderte ­
  zuvor.  Mit  einem  für  die  Zeit,  in  der  er  schreibt,  äußerst  bemerkenswerten ­
  Scharfsinn  —  denn  damals  waren  Aktiengesellschaften
noch  sehr  selten  —  zählt  er  die  Vorzüge  dieser  Entwicklung  des.
Eigentums  auf  und  behauptet  sogar,  daß  „eine  Aktie  einen  bedeutend ­
  wirklicheren  Wert  vorstellt,  als  heute  Grundbesitz  und  Geld“..
Was  die  Dividenden  anlangt,  die  Fotjeiee  höchst  freigebig  verspricht, ­
  so  werden  sie  unter  alle  Aktionäre  verteilt,  aber  nach
welcher  Regel?  Wird  diese  Verteilung  nur  nach  der  Anzahl  der
Aktien  geschehen,  wie  es  heute  der  Grundsatz  aller  Handels-  und
Finanzgesellschaften  ist?
Nicht  so  ganz  und  gar.  Sicherlich  bleibt  dem  Kapital  ein  guter
Teil,  ein  Drittel  des  Gewinnes,  4 / 12 ,  die  Arbeit  aber  erhält  ®/ 12  und
das  Talent  s / 12 .  Was  soll  nun  unter  Talent  verstanden  werden?’
Die  Leitung,  und  zwar  übertragen  durch  Wahl!  Dies  setzt  voraus,,
daß  man  den  Fähigsten  erwählen  wird.  Die  Unsicherheit  dieser
Voraussetzung  scheint  Fotjeiee  nicht  weiter  gestört  zu  haben;  man
hatte  damals  noch  nicht  die  Erfahrung  des  allgemeinen  Wahlrechtes
und  konnte  noch  glauben,  daß  innerhalb  einer  so  kleinen  Gruppe  die
Wahl  mit  größerer  Sicherheit  vor  sich  gehen  würde.
Als  Produktivgenossenschaft  findet  sich  die  Phalange  von  gewissen ­
  Arbeitervereinen,  die  diesen  Namen  tragen,  verwirklicht.  Sie
verteilen  den  Gewinn  ungefähr  nach  der  arithmetischen  Formel
Foueiee’s  ’).  Deshalb  haben  sie  auch,  um  darauf  hinzuweisen,  daß

‘)  Wir  wollen  hauptsächlich  von  denjenigen  Assoziationen  sprechen,  deren  Vorbild
die  der  Maler,  die  sog.  Assoziation  Le  Travail  unter  der  Leitung  Büisson’s  ist.  Die
        <pb n="303" />
        Kapitel  III.  Die  Assozialisten.

281

sie  direkt  von  ihm  abstammen,  die  Anregung  dazu  gegeben,  ihm  ein
Denkmal  in  ihrem  Pariser  Stadtviertel,  auf  dem  Boulevard  Clichy,  zu
errichten.
Nicht  nur  die  heutige  Form  der  Produktivgenossenschaften  ist
von  Fourier  entworfen  worden,  sondern  auch  ihr  Zweck,  der  in  der
Umwandlung  der  Lohnarbeit  in  Teilhaberschaft  besteht,  wurde  von
ihm  mit  völliger  Klarheit  bezeichnet.  „Als  erstes  Problem  der  Volkswirtschaft ­
  sollte  man  die  Verwandlung  der  Lohnempfänger  in  beteiligte
Miteigentümer  untersuchen“  1 j.
Weshalb  das?  Weil  diese  Verwandlung  das  einzige  Mittel  ist,
die  Arbeit  sowohl  anziehend,  als  auch  produktiv  zu  gestalten,  „denn
das  Gefühl  des  Besitzes  ist  der  stärkste  Hebel,  den  man  kennt,  um
zivilisierte  Menschen  anzuspornen“ 2 ).  „Auch  wenn  der  Arme  in
j;Harmonie“  nur  eine  Teilaktie,  sei  es  auch  nur  ein  Zwanzigstel,  besitzt, ­
  so  ist  er  doch  der  Miteigentümer  des  ganzen  Bezirks.  Er  kann
sagen:  Unsere  Länder,  unser  Palast,  unser  Schloß,  unsere  Wälder,
unsere  Fabriken,  alles  ist  sein  Eigentum“  :&amp;lt; ).  „Daher  kommt  es,  daß
die  Ausdrücke  Eigentümer  und  Kapitalist  in  „Harmonie“  zu  Synonymen ­
  werden“  4 ).
Nicht  nur  auf  Grund  seiner  soll  der  Arbeiter  an  dem
Gewinn  teilnehmen,  sondern  auch  auf  Grund  seines  Kapitals,  da  er
ja  Aktionär  ist,  vielleicht  auch  auf  Grund  seines  Talents,  da  er  wie
jeder  Teilhaber  wählbar  ist.  Und  nicht  nur  an  dem  Gewinne,  sondern
auch  an  der  Verwaltung  ist  er  beteiligt,  sei  es  als  Aktionär  oder
als  erwählter  Direktor;  —  es  ist  genau  das,  was  man  in  England
heute  co-partnership,  in  Frankreich  actionnariat  ouyrier
(and  in  Deutschland  Arb  eitergewinnbetei  1  igung  —  d.  Übers.)*
nennt.  Außerdem  genießt  der  Arbeitende  als  Mitglied  der  Konsumgenossenschaft ­
  die  Vorteile  der  Phalange  und  hat  auf  ihre  Leitung
Einfluß.
Alles  das  erscheint  zwar  ein  etwas  komplizierter  Mischmasch,
aber  von  dem  Gesichtspunkte  Fourier’s  aus  kommt  es  gerade  darauf
an,  die  Interessen  des  Arbeiters,  des  Kapitalisten  und  des  Verbrauchers ­
  so  zu  verknüpfen,  daß  es  unmöglich  wird,  die  Fäden  des
Gewindes  wieder  aufzulösen,  und  daß  jeder  Teilhaber  in  seiner  Person
Verteilung  ist  ungefähr  50  °/ 0  an  die  Arbeit,  27  °/ 0  an  das  Kapital,  12%  an  die'Verwaltung, ­
  -was  nach  der  Mode  Fourier’s  in  Zwölfteln  ausgedrückt  etwa  °/ 12  für  die
Arbeit,  -&amp;gt;,5/i 2  für  das  Kapital  und  1.0/12  für  das  Talent  ausmachen  würde.
)  Association  Domestique,  I,  S.  466.
*)  Ebenda,  I,  S.  466.  Zu  bemerken  ist,  daß  Foueiek  von  den  „Zivilisierten“
Givilises)  spricht,  womit  er  sagen  will,  daß  es  für  alle,  die  in  der  Zukunftsstadt
wmonie  leben  werden,  noch  andere,  kräftigere  Hebel  geben  wird.
3 )  Unite  Universelle,  III,  S.  517.
4 )  Ebenda,  III,  S.  451.
        <pb n="304" />
        282

Zweites  Buch.  Die  Gegner.

alle  diese  antagonistischen  Interessen  vereinigt ] ).  Unter  der  bestehenden ­
  Ordnung  stehen  diese  Interessen  sich  fast  stets  schroff
gegenüber,  weil  sie  nach  Klassen  geschieden  sind:  in  einer  einzigen
Person  vereinigt,  wird  der  Gegensatz  sich  durch  „Verschmelzung“
auflösen,  wie  die  Juristen  sagen,  oder  er  würde  wenigstens  in  das
Innenleben  eines  jeden  verpflanzt  werden,  wo  sich  wohl  oder  übel
eine  vollständige  Aussöhnung  vollziehen  muß.
Dieses  Programm,  das  nicht  auf  die  Abschaffung  des  Eigentums,
sondern  im  Gegenteil  auf  die  des  Lohnes  durch  den  Erwerb  eines
gemeinsamen  und  allgemeinen  Eigentums  ahzielt,  das  als  Hilfsmittel
nicht  den  Klassenkampf,  sondern  die  Assoziation  der  Intelligenz,  der
Arbeit  und  des  Kapitals  annimmt,  das  die  entgegengesetzten  Interessen ­
  des  Kapitalisten  und  des  Arbeiters,  des  Produzenten  und  des
Verbrauchers,  des  Gläubigers  und  des  Schuldners  zu  vereinigen  sucht,
indem  es  alle  diese  Interessen  in  die  gleiche  Person  verlegt,  —  dieses
Programm  ist  sicherlich  keine  mittelmäßige  Leistung.  Während
des  ganzen  19.  Jahrhunderts  ist  es  das  Ideal  der  Arbeiterklasse,
wenigstens  in  Frankreich,  bis  zu  dem  Tage,  an  dem  der  marxistische
Kollektivismus  es  zurückdrängte,  —  wahrscheinlich  aber  keineswegs ­
  auf  immer.  Das  Programm,  das  heute  die  radikal-sozialistische
Partei  in  Frankreich  in  allen  ihren  Wahlaufrufen  (Jarlegt,  und
durch  das  sie  sich  zu  der  sozialistischen  Partei  in  Gegensatz  zu
stellen  sucht,  kann  in  folgender  Formel  zusammengefaßt  werden:
Aufrechterhaltung  und  Ausbreitung  des  Privateigentums,  aber  Äb-')
  Das  System  der  Vollgenossenschaft  nach  Fourier,  die  gleichzeitig  Konsumund
  Produktivgenossenschaft  ist,  hat  sich  im  geschichtlichen  Verlauf  nicht  verwirklicht;
seine  Hauptkomponenten  führen  als  Teilgenossenschaften  ihr  selbständiges  Leben.
Auf  der  einen  Seite  sehen  wir  Produktivgenossenschaften,  die  aber  keineswegs
den  Zweck  haben,  die  Erzeugnisse  ihrer  Produktion  zu  verzehren;  sie  erzeugen  sie
nur  für  den  Verkauf,  um  daran  zu  verdienen.  Auf  der  anderen  Seite  die  Konsumgenossenschaften, ­
  die  bezwecken,  ihren  Mitgliedern  gewisse  soziale  Vorteile  zu  verschaffen, ­
  besonders  den,  eine  bessere  Lebenshaltung  führen  zu  können,  die  aber  bisher
sich  nicht  damit  beschäftigt  haben,  das  zu  produzieren,  was  sie  verbrauchen.
Dort  freilich,  wo  die  Konsumgenossenschaften  machtvoll  organisiert  sind,  hauptsächlich ­
  in  England,  fangen  viele  an,  einen  Teil  dessen,  was  sie  verbrauchen,  selbst
zu  produzieren  —  einige  unter  ihnen  haben  sogar  kleine  Landgüter  zu  diesem
Zweck;  —  doch  sind  die  Arbeiter,  die  sie  beschäftigen,  meistenteils  nicht  Mitglieder
der  Gesellschaft  oder  sind  doch  in  solcher  Minderzahl,  daß  sie  sich  in  nichts  von  den
Angestellten  irgendeines  Unternehmens  unterscheiden.
Es  ist  auch  leicht  zu  verstehen,  wie  schwierig  sich  die  Gruppierung  einer
Anzahl  Menschen  gestalten  muß,  die  die  zum  Bestehen  der  Assoziation  unbedingt
nötige  Bedingung  erfüllt,  alles  das,  dessen  sie  bedarf,  vorteilhafter  herzustellen,  als
der  Markt  es  liefern  kann;  mit  einem  Wort,  inmitten  des  großen  wirtschaftlichen
Milieus  einen  kleinen,  fest  abgeschlossenen  selbständigen  Kreis  zu  schaffen.
Sogar  unter  den,  in  entfernten  Gegenden  gegründeten  Kolonien  findet  man  kein
Beispiel  einer  selbständigen,  lebensfähigen  Vollgenossenschaft.
        <pb n="305" />
        Kapitel  III.  Die  Assozialisten.  283

Schaffung  des  Lolinsystems.  Hierin  stammt  es  unbewußt  von
Foueiee  ab J ).

§  3.  Die  Rückkehr  zum  Boden.
Das  ist  heute  das  Schlagwort  verschiedener  sozialer  Schulen.
Viel  früher  schon  war  es  das  Fouriee’s.  Und  diese  Rückkehr  zum
Boden  muß  bei  ihm  in  einem  doppelten  Sinne  aufgefaßt  werden.
Erstens  als  Auflösung  der  großen  Städte  und  Verteilung  der
Einwohner  in  die  Phalansteres,  —  die  in  Wirklichkeit  weiter  nichts
als  elegante  Dörfer  sein  würden,  da  ihre  Bevölkerung  auf  1600  Einwohner ­
  oder  400  Familien  beschränkt  ist.  Sie  sollen  in  wohlgelegenen
hegenden  errichtet  werden;  „in  einer  Landschaft,  die  ein  schöner
Eluß  durchströmt,  von  Hügeln  durchzogen  und  zu  verschiedenen
Arten  landwirtschaftlicher  Kultur  geeignet,  und  mit  einem  Wald  im
Hintergrund“.  Dies  ist  nicht  nur,  wie  man  ironisch,  gesagt  hat,
«das  Arkadien  eines  Oberbuchhalters“ 1  2 ),  sondern  die  vollständige
Voraussage  der  Gartenstädte,  die  die  Jünger  Ruskin’s  und
Morris’  heute  in  England  zu  bauen  beginnen,  und  zwar  nicht  nur,
am  die  Forderungen  der  Hygiene  und  der  Ästhetik  zu  befriedigen,
die  Tatkraft  und  die  Lebensfreude  zu  vermehren,  sondern  auch,  um
die  Wohnungsfrage  und  die  des  Mehrwertes  des  städtischen  Grundbesitzes ­
  zu  lösen.
Zweitens  liegt  darin  eine  Einschränkung  der  industriellen
Arbeiten,  der  Herrschaft  der  Maschinen  und  der  großen  Fabriken,  auf
Jir  Minimum  —  eine  übrigens  unumgänglich  nötige  Bedingung  zum
Erfolg  der  soeben  beschriebenen  Reform.  Fourier  hatte  keine  Antipathie ­
  irgendwelcher  Art  gegen  den  Kapitalismus,  trotz  allem,  was
111  an  glaubt;  er  hatte  aber  einen  tiefeingewurzelten  Haß  gegen  den
Industrialismus,  was  nicht  dasselbe  ist 3 ).  Die  Rückkehr  zum  Boden
bedingt  natürlich  die  Vorherrschaft  der  landwirtschaftlichen  Arbeit.
Man  muß  sich  aber  hüten,  hierunter  die  Landwirtschaft  im  alten
Sinne  dieses  Wortes  zu  verstehen,  nämlich  die  Pflugkultur  und  den

1 )  Die  Arbeitergewinnbeteiligung  (l’actionnariat  ouvrier),  die  Beiand  verschlägt,
findet  sich  heute  in  dem  Programm  der  radikal-demokratischen  Partei.  Siehe  die
A-ctions  du  travail  von  Antonblli.
2 )  Paquet,  Revue  des  Deux  Mondes,  1.  Aug.  1896.
3 )  „Der  Industrialismus  ist  die  neueste  unserer  wissenschaftlichen  Chimären
(Quatre  Mouvements,  8.28).  —  Wir  weisen  auch  auf  die  Einrichtung  kommunaler ­
  Kontore  (comptoirs  communaux)  hin,  die  bestimmt  sind,  die  Ernten  einzu-Lgern
  und  den  Besitzern  Darlehen  zu  geben;  hierin  lag  schon  eine  Andeutung  der
landwirtschaftlichen  Kredite,  sowie  der  Warrants.  Es  war  das  für  die  Zwischenzeit
Ws  zur  Einrichtung  der  Phalansteres.
        <pb n="306" />
        284

Zweites  Buch.  Die  Gegner.

Getreidebau.  Im  Gegenteil,  der  Zorn  Foueieb’s  findet  kein  Ende,
wenn  er  von  dem  Getreidebau  und  der  Broterzeugung  spricht,  die
das  Menschengeschlecht  unter  dem  härtesten  Arbeitsjoch  gehalten
haben,  um  ihm  nur  die  gröbste  Nahrung  zu  gewähren.  Für  ihn  ist
die  einzig  anziehende  Art  der  Bodenbearbeitung  der  Gartenbau,  die
Kultur  von  Obstbäumen  und  daran  anschließend,  die  Geflügel-,  Bienen-,
und  Fischzucht  und  alles,  w T as  sich  unter  dem  Begriff  Gartenarbeit
zusammenfassen  läßt 1 ).  Die  fast  einzige  Arbeit  des  Bewohners  der
„Phalansteres“  wird  darin  bestehen  „seinen  Garten  zu  bestellen“,
wie  Adam  vor  dem  Fall  und  Candide  nach  seinen  Schicksalsschlägen.

§  4.  Die  anziehende  Arbeit.

Das  ist  der  Angelpunkt  des  Fourierismus.  In  den  sogenannten
zivilisierten  Gesellschaften,  sagt  er,  ebenso  wie  in  den  barbarischen
und  den  auf  Sklaverei  aufgebauten  Gesellschaften  ist  die  Arbeit  ein
Fluch  und  eine  Verwünschung  geblieben.  So  darf  es  nicht  länger
sein:  von  nun  an  darf  der  Mensch  nicht  länger  unter  dem  Ansporn
eines  der  drei  Beweggründe  arbeiten,  die  bis  jetzt  die  einzigen  gewesen ­
  sind,  ihn  vorwärts  zu  treiben,  nämlich:  der  Zwang,  das  Elend
und  der  Eigennutz.  Er  wollte  in  keiner  Weise  einen  sozialen  Zustand, ­
  in  dem  der  Mensch  durch  die  Notwendigkeit,  sein  Brot  zu
verdienen,  oder  durch  Gewinnsucht  oder  infolge  eines  herrischen
Gebotes  sozialer  oder  religiöser  Pflicht  zur  Arbeit  gezwungen  sei.
Er  wollte,  daß  der  Mensch  nur  zum  Vergnügen  arbeite  und  sich,
wie  er  sagt,  an  die  Arbeit  mache,  wie  man  heute  zu  einem  Fest
eilt;  wir  können  seine  Gedanken  durch  ein  Wort,  das  zu  seiner  Zeit
noch  nicht  im  Gebrauch  war,  ausdrücken:  daß  die  Arbeit  zu  einem
Sport  werde,  der  mit  derselben  Leidenschaft  betrieben  würde,  mit
der  heute  die  jungen  Leute  sportliche  Leibesübungen  pflegen 2 ).

&amp;gt;)  Die  Arbeits-„Eeihen“,  die  Fourier  immer  als  Beispiel  nimmt,  sind  stets  mit
dem  Obstbau  beschäftigt,  „Kirschenpflanzer,  ßirnenpflanzer“  usw.  Früchte  und
Blumen  nehmen  in  seinen  Schriften  einen  enormen  Platz  ein.  Er  scheint  die  großen
Fruchtknlturen  Kaliforniens  vorausgeahnt  zu  haben.
Ohne  uns  bei  den  triftigen  Gründen  aufhalten  zu  können,  die  Fourier  in  der
Verkleidung  von  Feengeschichten  zugunsten  eines  Ersatzes  der  Landwirtschaft  durch
Obstbaumkultur  anführt,  weisen  wir  nur  darauf  hin,  daß  er  beständig  die  Überlegenheit ­
  des  Zuckers  und  der  eingemachten  Früchte  über  das  Brot  betont  und  den
himmlischen  Instinkt  der  Kinder  preist,  die'das  ohne  weiteres  verstehen.  Gerade
diese  Ansicht,  die  nicht  wenig  dazu  beigetragen  hat,  daß  er  für  einen  Narren  gehalten ­
  wurde,  findet  sich  heute  durch  die  Forschungen  der  größten  Gelehrten  und
Hygieneprofessoren  bestätigt.
2 )  Es  ist  interessant,  daß  die  Volkswirtsehaftler,  besonders  Buchsb,  lehren,  daß
die  Arbeit  aus  dem  Spiel  erwachsen  ist,  während  nach  Fourier  die  Entwicklung  der
        <pb n="307" />
        Kapitel  III.  Die  Assozialisten.

285

Er  versichert,  daß  dies  möglich  sei,  wenn  jedem  ein  Existenzminimum ­
  auf  alle  Fälle  zugesichert  ist;  denn  die  Arbeit|
verliert  ihren  Zwangscharakter  und  wird  freiwillig,  wenn  jedem
die  Freiheit  gesichert  ist,  sich  diejenige  Arbeit  auszuwählen,  die
seinen  Fähigkeiten  am  besten  entspricht,  und  wenn  diese  Arbeit,
welche  sie  auch  immer  sei,  möglichst  verschieden  und  abwechslungsreich ­
  ist,  wenn  sie  durch  den  Wetteifer  angespornt  wird  und  sich
inmitten  von  Fröhlichkeit  und  Schönheit  abspielt.  Zu  dem  alleinigen
Zweck,  die  Arbeit  anziehend  zu  gestalten,  ist  das  ganze  eben  dargelegte ­
  System  auch  im  einzelnen  ausgestaltet,  —  Phalanstere,  Gesellschaftsleben, ­
  Luxus  der  kooperativen  Einrichtungen  in  der  Produktion ­
  und  der  Verteilung,  Ersatz  der  Landwirtschaft  durch  die
Gärtnerei  usw.  —  Fourier  bleibt  aber  hierbei  nicht  stehen;  er  verbindet ­
  damit  noch  eine  Menge  von  kindlichen  oder  auch  ingeniösen
Hilfsmitteln:  besonders  ein  Ineinandergreifen  kleiner,  sich  sympathischer ­
  Gruppierungen,  die  er  Gruppen  oder  Serien  nennt,  in  denen
die  Arbeitsteilung  bis  zu  ihren  äußersten  Grenzen  getrieben  wird,  in
die  ein  jeder  sich  nach  seiner  „Wahlverwandtschaft“  einstellt,  und  jede
dieser  Gruppen,  die  nur  einen  Teil  der  Zeit  und  des  Lebens  eines
jeden  in  Anspruch  nimmt,  läßt  jeder  Einzelperson  die  Freiheit,  von
einer  zur  anderen  „wie  ein  Schmetterling“  zu  flattern,  zu  „papillonner",
wie  Fourier  sagt.  .  .  .
Es  wird  aber  Zeit,  unseren  Führer  zu  verlassen.  Wir  können
ihm  nicht  in  die  Irrgänge  seiner  Psychologie  mit  ihren  zwölf  Leidenschaften ­
  folgen;  —  die  drei  wichtigsten  sind  „la  Papillonne,  la  Composite
  und  la  Cabaliste“  (was  ungefähr  mit  Flatterhaftigkeit,  Vielfältigkeit ­
  und  Neigung  zum  Geheimnisvollen  ausgedrückt  werden  kann.
Anm.  d.  Übers.)  —  noch  auch  in  seine  Theodicee  oder  in  seine  kosmogonische
  und  klimatische  Entwicklungstheorie,  nach  der  eines  Tages
das  Salzwasser  des  Meeres  sich  in  Süßwasser  verwandeln  wird,  die  Eiskappen ­
  der  Pole  schmelzen  und  neue  Tierarten  entstehen,  und  wir  mit
den  anderen  Planeten  in  Verbindung  treten  werden.  Und  doch  wären
aus  diesem  trüben  Strom  noch  viele  Goldkörner  zu  gewinnen.
Das  gilt  z.  B.  für  die  Kindererziehung,  die  einen  so  großen  Platz  ^
bi  den  Büchern  Fourier’s  einnimmt.  Obgleich  dieser  alte  Hagestolz
Kinder  nicht  besonders  liebte,  wie  er  selbst  erklärt  hat,  hat  er  doch
an  verschiedenen  Stellen  die  moderne  Erziehung  vorausgeahnt.  Es
War  einer  seiner  Schüler,  Fröbel,  der  im  Jahre  1847  die  ersten
"Kindergärten“  schuf 1 )-Arbeit
  sie  zu  einem  Spiel  machen  soll.  Beide  Thesen  lassen  sich  übrigens  in  der
ypothese  eines  Kreislaufs  oder  eines  Rücklaufs  vereinigen.
l )  Wir  führen  auch  die  Kindergesellschaften  zur  Reinigung  der  öffentlichen
‘  traßen ,  der  Überwachung  der  öffentlichen  Gärten,  des  Tierschutzes  an,  die  Foürier
        <pb n="308" />
        286

Zweites  Buch.  Die  Gegner.

In  der  Frage  des  Verkehrs  zwischen  den  Geschlechtern  gab  er
sich  der  ganzen  Unmäßigkeit  hin,  wie  man  sie  von  einer  leichtfertigen ­
  Moral  erwarten  kann,  die  als  Dogma  annahm,  daß  alle  Leidenschaften ­
  und  alle  Instinkte  gut  und  sogar  von  Gott  gewollt  seien  1_ ).
These  zum  äußersten  getriebene  Kühnheit,  die  weit  über  die  freie
Liebe  hinausgeht,  hat  nicht  wenig  dazu  beigetragen,  den  Fourierismus ­
  in  Mißkredit  zu  bringen.  Wie  Paul  Janet  hervorhebt,  hat  das
Problem  der  Ordnung  der  Geschlechtsbeziehungen  den  sozialistischen
Schulen  kein  Glück  gebracht.  Wie  wir  ausgeführt  haben,  beruhte
die  Spaltung  und  der  Fall  des  Saint-Simonismus  auf  dem  gleichen
Grunde.  Und  doch  findet  man  auch  hier  noch  einige  starke  Gedanken,
z.  B.  in  folgendem:  „Als  allgemeine  These:  der  gesellschaftliche  Fortschritt ­
  und  der  periodische  Wechsel  in  den  Anschauungen  vollzieht
sich  im  Verhältnisse  zu  dem  Fortschritte,  den  die  Frauen  in  der
Freiheit  machen;  und  die  Rückschritte  in  der  sozialen  Ordnung  im
Verhältnis  zu  der  Einschränkung  der  Freiheit  des  Weibes.  Wenn
auch  andere  Ereignisse  diese  politischen  Weehselfälle  beeinflussen,
so  gibt  es  doch  keine  Ursache,  die  den  Fortschritt  oder  den  Verfall
der  Gesellschaften  so  schnell  hervorruft,  als  der  Wechsel  in  dem
Schicksal  der  Frauen“  -j.  Unglücklicherweise  scheint  sein  Feminismus ­
  sich  weniger  auf  wirklichen  Respekt  vor  der  Würde  der  Frau
zu  gründen,  als  auf  seinen  Haß  gegen  die  Ehe  und  die  Familie;
und  diese  Freiheit,  die  man  als  Kriterium  des  Fortschritts  annehmen ­
  könnte,  scheint  bei  ihm  mehr  auf  Freiheit,des  Liebeslebens
hinauszulaufen.
Sogar  die  Antimilitaristen  können  Foueier  als  einen  ihrer  Vorläufer ­
  ansprechen!  Er  hat  als  der  erste  der  bestehenden  Gesellschaft ­
  vorgeworfen:  „daß  sie  sich  durch  das  beständige  Bereithalten
einer  geringen  Anzahl  bewaffneter  Sklaven  gegenüber  einer  Majorität
von  waffenlosen  Heloten  behaupte“.
Zum  Schluß  müssen  wir  darauf  hin  weisen,  daß  Foueiee  nicht
den  Ehrgeiz  hatte,  alle  Menschen  ohne  weiteres  in  die  Welt  der
Harmonie  zu  führen.  Er  ließ  zu  und  hielt  es  sogar  für  unumgänglich ­
  nötig,  daß  eine  Übergangsperiode  eintrete,  die  er  den  „Garantismus“ ­
  nannte,  in  der  man  sich,  wie  er  sehr  klar  ausführt,  darauf  beimter
  dem  Namen  Kleine  Horden  (Petites  Hördes)  organisieren  wollte,  und  die
man  mit  so  viel  Spott  überschüttet  hat.  Jetzt  sind  sie  in  fast  gleicher  Gestalt  von
Oberst  Waking,  Direktor  der  öfientlichen  Arbeiten  und  Wege  der  Stadt  New  York,
mit  ihren  besonderen  Abzeichen  und  Bannern  verwirklicht  worden.
*)  „Meine  Theorie  beschränkt  sich  darauf,  alle  Leidenschaften,  so  wie  die  Natur
sie  gibt  und  ohne  etwas  an  ihnen  zu  ändern,  nützlich  zu  gestalten.  Das  ist  die
ganze  Zauberlehre,  das  ganze  Geheimnis  meines  Systems.  Die  societäre  Ordnung
verwendet  sie  so,  wie  sie  von  Gott  gegeben  sind.“
-)  Quatre  Mouvements,  S.  194.
        <pb n="309" />
        Kapitel  III.  Die  Assozialisten.

287

schränkt,  jedem  das  Existenzminimum,  die  Sicherheit  und  den  Komfort
zu  garantieren,  also  ungefähr  alles  das,  was  man  heute  als  den
Gegenstand  der  sogenannten  Arbeitergesetzgebung  ansieht.
Auf  seine  Zeitgenossen  übte  der  Fourierismus  nicht  denselben
bezaubernden  Einfluß  aus  wie  der  Saint-Simonismus;  wenn  er  aber
weniger  glänzend  und  weitreichend  war,  so  war  er  deshalb  von  um
so  längerer  Dauer.  Saint-Simonisten  gibt  es  schon  seit  einem  halben
Jahrhundert  nicht  mehr,  während  es  noch  heute  eine  phalansterische
Schule  gibt;  allerdings  ist  sie  klein,  wenn  man  nur  die  zählt,  die
sich  formell  dazu  bekennen,  aber  ihre  Zahl  ist  nicht  unbedeutend,
wenn  man,  wie  man  es  tun  sollte,  einen  Teil  der  Genossenschaftler
der  verschiedenen  Kategorien  dazu  rechnet.  Der  so  lange  verhöhnte
Fouexee  selbst  scheint  sogar  seit  etwa  15  Jahren  an  Beachtung  und
Sympathie  zu  gewinnen x ).
Unter  seinen  Schülern  sind  zwei  besonders  hervorzuheben:
Einer  der  begeistertsten  Verbreiter  des  Fourierismus  war  Victor
Considerant.  Er  hat  in  seiner  Doctrine  Sociale  (1834/44)  die
beste  Darlegung  des  Systems  gegeben.  Er  hat  sogar,  wie  Owen,
"versucht,  es  in  Kolonien  in  Amerika  zu  verwirklichen 2 ).  Während
Jer  Revolution  von  1848  spielte  er  eine  gewisse  Rolle,  besonders
durch  seine  Forderung  des  „Rechtes  auf  Arbeit“,  als  der  gerechten
und  notwendigen  Ergänzung  des  „Rechtes  auf  Eigentum“.
Andre  Godin  hat  durch  die  Schaffung  des  bekannten  ”,  Familistere“
ei «  dauerhafteres  Denkmal  hinterlassen,  als  es  seine  Bücher  sind.
ist  dies  ein  industrielles  Unternehmen  (Heizkörperfabrikation)  in
Guise,  daß  das  gemeinsame  Eigentum  der  Arbeiter  ist,  die  den  Gewinn ­
  ungefähr  nach  den  Vorschriften  des  Meisters  unter  sich  verteilen ­
  8 ).  In  dieser  Hinsicht  wäre  es  aber  nur  eine  Produktivgenossen-’)

  Siehe  z.  B.  das  Buch  E.  Zola’s,  Travail,  das  von  Barrüs,  l’Ennemi  des
l°is,  wie  auch  der  ausgesprochene  Umschwung  in  den  Meinungen  der  Volks  Wirtschaftler, ­
  die  ihn  früher  als  überspannten  Narren  betrachteten  und  die  ihn  heute,
wie  z.  B.  Paul  Lbroy-Beadlibu  in  seinen  letzten  Schriften  einen  „genialen  Denker“
nennen.
2 )  Wir  können  hier  nicht  auf  die  zahlreichen  fourieristischen  Kolonien  eingehen,
ebensowenig  wie  uns  das  bei  denen  Owek’s  möglich  ■war.  Wir  erwähnen,  nur,  daß
)ie.  besonders  in  den  Vereinigten  Staaten,  sehr  zahlreich  waren,^  hauptsächlich  in  der
Zeit  von  1841—1844,  während  der  einige  40  entstanden,  —  von  denen  eine,  die
Brook-Farm,  mehrere  der  bedeutendsten  Amerikaner,  darunter  Channing  und  Hawt
 horke  zu  ihren  Mitgliedern  zählte,  —  doch  keine  von  ihnen  konnte  sich  lange  halten.
Sogar  in  Frankreich  hat  es  einige  Versuche  genossenschaftlicher  Landgüter
gegeben,  und  dies  noch  in  unseren  Tagen;  —  eins  davon  besteht  noch  in  Conde-sur-Vesgres
  (bei  ßambouillet),  wo  sieh  einige  getreue  Fourieristen  zur  Erholung  zu
versammeln  pflegen.
3 )  Es  wurde  1859  gegründet,  aber  erst  1888,  nach  dem  Tode  Godin  s,  ist  es  zu
einer  Arbeitergenossenschaft  geworden.
        <pb n="310" />
        288

Zweites  Bach.  Die  Gegner.

Schaft,  wie  viele  andere.  Seine  Originalität  und  der  Grund  seiner
Berühmtheit  liegt  darin,  daß  dieser  Fabrik  inmitten  eines  schönen
Parkes  einige  große  Wohnhäuser  angeschlossen  sind,  genossenschaftliche ­
  Paläste,  die  die  Arbeiter  bewohnen  und  in  denen  sich
die  Schulen,  Kindergärten,  ein  Theater  und  ein  Konsumverein  befinden. ­
  Obgleich  diese  Anlage  eine  Wallfahrtsstätte  für  die  Genossenschaftler ­
  aller  Länder  geworden  ist,  so  hat  sie  doch  nichts  besonders
Anziehendes.  Um  eine  Idee  zu  bekommen,  was  ein  wirkliches  Phalanstere
  hätte  sein  können,  geht  man  besser  in  die  schönen  Gartenstädte
von  Bournville  und  Port  Sunlight  in  England  oder  Agneta  Park  in
Holland.

III.
Louis  Blanc.
Nicht  immer  sind  es  die  originellsten  Bücher,  die  am  schnellsten
die  Aufmerksamkeit  erobern.  Stuaet  Mill  zählt  die  Systeme
Fooeiee’s  und  Säint-Simon’s  „unter  die  bemerkenswertesten  Erzeugnisse ­
  der  Vergangenheit  und  Gegenwart“  (Bd.  II,  Kap.  I,  §  4).  Ein
derartiges  Lob  wäre  mit  Hinsicht  auf  die  „Organisation  du  travail“
von  Louis  Blanc  nicht  am  Platze.  Man  findet  hier  nicht  die  tief
durchdachten  Gesichtspunkte,  die  (trotz  ihrer  bizarren  Seite)  die
Werke  seiner  Vorgänger  auszeichnen.  Das  Buch  ist  übrigens  kurz
und  überschreitet  kaum  den  Kaum  eines  Aufsatzes  in  einer  Zeitschrift ­
 1 ).  Auch  beweist  der  Verfasser  darin  keine  außergewöhnliche
Originalität;  er  entnimmt  seine  Gedanken  den  verschiedensten
Schulen,  den  Saint-Simonisten,  Foueiee,  Sismondi,  Buonaeotti,  einem
Überlebenden  der  Verschwörung  Babeuf’s 2 ),  und  den  demokratischen
Überlieferungen  von  1793.  Im  ganzen  begnügt  er  sich,  die  sozialistischen ­
  Ideen  geschickt  darzulegen,  mit  denen  die  öffentliche  Meinung
seit  der  Restauration  Zeit  gehabt  hatte,  sich  vertraut  zu  machen.
Kaum  aber  war  die  Organisation  du  travail  1841  erschienen, ­
  als  sie  überall  gelesen  und  diskutiert  wurde,  so  daß  sie  in
einer  großen  Anzahl  von  Auflagen  erscheinen  mußte.  Der  Titel  —
der  übrigens  dem  Wortschatz  Säint-Simon’s  entlehnt  ist  -—-  lieferte

*)  Übrigens  war  es  unter  dieser  Form,  daß  es  zum  erstenmal  im  Jahre  1839  in
der  Revue  du  Progres  erschien.
2 )  Buonaeotti  veröffentlichte  1828  La  Conspiration  pour  l’Egalitd,
dite  de  Babeuf  (Brüssel),  die  vom  großen  Publikum  unbemerkt  blieb,  aber  in
demokratischen  Kreisen  stark  gelesen  wurde.
        <pb n="311" />
        Kapitel  III.  Die  Assozialisten.

289

eine  jener  populären  Formeln,  in  denen  die  Arbeiter  1848  ihre
Forderungen  zusammenfaßten;  der  Verfasser  sieht  sich  durch  die
Februarrevolution  als  der  berufenste  Führer  der  Arbeiterklasse  bezeichnet. ­
  Sogar  noch  nach  1848  wird  das  Werk  lange  als  eins
derjenigen  betrachtet,  die  den  französischen  Sozialismus  am  besten
kennzeichnen.
Dieser  dauerhafte  Erfolg  erklärt  sich  zunächst  aus  äußeren  Umständen. ­
  Infolge  seiner  Kürze  und  der  Einfachheit  seiner  Ausführungen ­
  war  das  Buch  leicht  verständlich  und  bildete  einen  bequemen ­
  Boden  für  die  Diskussion.  Außerdem  hat  der  persönliche
Ruf  seines  Verfassers  viel  dazu  beigetragen,  daß  es  gelesen  wurde.
Unter  der  Juli-Regierung  war  Louis  Blanc  einer  der  bekanntesten
Journalisten  und  Redner  der  äußersten  demokratischen  Partei  (parti
democratique  avance).  Seine  Geschichte  der  zehn  Jahre  (Histoire  de
dix  ans)  hatte  seinen  Ruf  als  Historiker  begründet.  Später  wurde
er  in  der  Rolle,  die  er  als  Mitglied  der  provisorischen  Regierung
1848  und  am  Anfang  der  dritten  Republik  spielte,  eine  historische
Persönlichkeit.  Schließlich  trug  der  unglückliche  Versuch  der
nationalen  Werkstätten  —  übrigens  ganz  gegen  seinen  AVillen  und
höchst  ungerechterweise  —  zur  Verbreitung  seiner  Ideen  bei.
Alles  dies  würde‘aber  nicht  genügen,  ihm  einen  Platz  in  dieser
Geschichte  zu  sichern,  wenn  nicht  andere  Gründe  dazukämeu,  um  der
Organisation  du  travail  mehr  als  eine  beiläufige  Erwähnung
zuteil  werden  zu  lassen.  Zunächst  wird  an  keiner  anderen  Stelle
der  Gegensatz  zwischen  der  Konkurrenz  und  der  Assoziation  in  so
scharfer  Art  und  Weise  dargelegt.  Für  Louis  Blanc  stammen  alle
wirtschaftlichen  Übel  aus  der  Konkurrenz.  Sie  ist  die  einzige  Erklärung ­
  des  Elends  der  Arbeiter,  ihres  moralischen  Tiefstandes,  des
Überhandnehmens  der  Verbrechen,  der  Prostitution,  der  industriellen
Krisen  und  der  Kriege  zwischen  den  Völkern.  „Laßt  uns  beweisen,“  /
Sa 8't  er  am  Eingang,  „daß  1.  die  Konkurrenz  für  das  Volk  ein  System
der  Ausrottung  bedeutet;  daß  2.  die  Konkurrenz  für  die  Bourgeoisie
eine  beständige  und  unaufhörliche  Ursache  der  Verarmung  und  des
Ruins  ist  r).“  Die  Beweisführung  hierfür  zieht  sich  durch  das  ganze
Werk  und  gründet  sich  auf  die  verschiedensten  Beispiele,  die  er  aus
den  Tkgesnotizen  der  Zeitungen,  aus  offiziellen  Untersuchungen  und
Statistiken,  aus  den  Büchern  der  Volkswirtschaftler  und  aus  persönlichen ­
  Beobachtungen  schöpft.  Die  traurigsten  Tatsachen  ziehen
beredt  vorgetragen  an  den  Augen  des  Lesers  vorüber  und  werden
beständig  auf  die  eine  alleinige  Ursache  zurückgeführt;  die  Kon-‘)
  Organisation  du  Travail,  S.  27.  Wir  zitieren  nach  der  &amp;amp;.  Ausg.,
&amp;lt;be  1848  erschien.
Gide  und  Rist,  Gesch.  d.  Volkswirtschaft!.  Lehrmeinunjjen.

19
        <pb n="312" />
        290

Zweites  Buch.  Die  Gegner.

kurrenz.  So  scheint  sich  denn  der  Schluß  von  selbst  aufzudrängen  r
um  dem  Übel  der  Konkurrenz  zu  begegnen,  muß  die  wirtschaftliche
Ordnung  auf  ihren  Gegenpol,  die  Assoziation,  gegründet  werden.
Louis  Blanc  gehört  daher  zu  jener  Gruppe  von  Sozialisten,  die
in  der  Assoziation  allein  das  Heil  der  modernen  Gesellschaften  sehen..
Er  faßt  aber  die  Assoziation  nicht  genau  in  derselben  Weise  wie
seine  Vorgänger  auf.  Er  träumt  von  keinem  Phalanstere  und  von
keinem  „Neu-Harmonie“.  Ihm  erscheint  die  wirtschaftliche  Welt
der  Zukunft  nicht  wie  eine  Reihe  von  Gruppen,  die  jede  ihre  eigenekleine ­
  vollständige  Gesellschaft  bilden.  Er  läßt  die  Yollgenosseuschaft
Foueier’s  und  die  „Phalange“,  in  der  alle  Mitglieder  alles,  was  für
sie  notwendig  ist,  herstellen,  außer  Acht.  Er  schlägt  eine  „soziale
Werkstatt“  vor,  die  nichts  anderes  ist  als  eine  Arbeiterproduktivgenossenschaft. ­
  Die  soziale-Werkstatt  vereinigt  nur  die  Arbeiter
eines  und  desselben  Berufszweiges.  Sie  unterscheidet  sich  von  der
gewöhnlichen  Werkstatt  nur  dadurch,  daß  sie  demokratischer  ist
und  mehr  im  Sinne  der  Gleichheit  aller  geführt  wird.  Sie  umfaßt
aber  nicht,  wie  der  Mikrokosmus  Foueiee’s,  alle  Seiten  des  wirtschaftlichen ­
  Lebens.  Ihr  Zweck  liegt  nicht  in  ihr  selbst,  denn  sieschafft
  nur  ein  einziges  Erzeugnis,  das  die  anderen  kaufen  sollen.
Mit  anderen  Worten:  Louis  Blanc  hat  den  bekanntesten  Typus  der
Arbeiterproduktivgenossenschaft  geschaffen 1 );—  während  Owen  und
Foueiee  die  Kooperation  zur  gleichen  Zeit  für  den  Verbrauch  und
die  Produktion  wollten.
Der  Gedanke  war  nicht  durchaus  neu.  Schon  ein  alter  Saint-Simonist,
  Buchbz,  hatte  1831,  aber  ohne  besonderen  Erfolg,  ein  ähnliches ­
  Projekt  vorgeschlagen 2 ).  Die  Arbeiter  eines  gleichen  Berufes,,
z.  B.  die  Tischler,  die  Schuhmacher,  die  Maurer,  sollten  sich  zusammentun, ­
  sollten  ihre  Arbeitsinstrumente  Zusammenlegen  und  den
Gewinn,  den  ohne  diesen  Zusammenschluß  der  Unternehmer  eingesteckt ­
  haben  würde,  für  sich  behalten.  Von  diesem  Gewinne  sollte

')  Wir  schreiben:  der  bekannteste  Typns,  denj&amp;lt;wir  haben  in  dem  vorhergehenden ­
  Paragraphen  ansgefiihrt,  daß  gewisse  Produktivgenossenschaften  —  wie
Le  Travail  —,  sich  auf  Foueier  berufen,  im  besonderen  dadurch,  daß  sie  fremdes
Kapital  annehmen.  Der  gewöhnlichste  Typus  in  Frankreich  ist  aber  der,  der  mit
der  Chambre  consultative  des  assooiations  de  produotion  (beratende
Kammer  der  Produktivgenossenschaften)  in  Verbindung  steht.  Die  als  Vorbild
dienenden  Statuten  dieser  Genossenschaft  enthalten  einen  §  11,  der  besagt:  „Niemandem
kann  der  Beitritt  gestattet  werden,  der  nicht  Arbeiter  eines  der  Berufszweige  ist.“
(Siehe  den  von  dem  Office  du  Travail  (Arbeitsamt)  1898  herausgegebenen  Band,
Les  Associations  ouvrieres  de  Production.)
2 )  Im  Journal  des  Sciences  morales  et  politiques  vom  17.  Dez.  1831.
Nur  eine  einzige  Genossenschaft  wurde  auf  seine  Veranlassung  hin  im  Jahre  1834
gegründet,  die  der  Talmijuweliere  (bijoutiers  en  dore).
        <pb n="313" />
        Kapitel  III.  Die  Assozialisten.

291

ein  Fünftel  ein  beständiges  und  unveräußerliches  Sozialkapital ­
  bilden,  das  sich  jedes  Jahr  regelmäßig  vergrößern  würde.
„Ohne  dieses  Kapital  —  sagte  Buchez  mit  einem  sicheren  Gefühl
für  die  Zukunft  —  würde  die  Assoziation  jeder  anderen  Handelsgesellschaft ­
  gleich  werden;  ihr  Nutzen  würde  nur  den  Gründern  zufallen ­
  und  allen  denen,  die  anfangs  nicht  an  ihr  teilgehabt  haben,
schädlich  sein,  denn  sie  würde  zwischen  den  Händen  der  ersteren
zu  einem  Ausbeutungsmittel  werden  *).“  Dies  Schicksal  hat  tatsächlich ­
  eine  ganze  Anzahl  von  Produktivgenossenschaften  ereilt,  bei
denen  die  Gründer,  die  nunmehr  zu  echten  Aktionären  geworden
waren,  neue  Arbeiter  für  ihren  eigenen  Vorteil  arbeiten  lassen  und
sie  als  einfache  Hilfskräfte  betrachten.
Die  soziale  Werkstatt  Louis  Blanc’s  zeigte  viel  Ähnlichkeit  mit
der  Buchez’,  nur  daß  unser  Verfasser  hauptsächlich  an  die  große,
und  Buchez  an  die  kleine  Industrie  dachte 2 ).  Weiterhin  war  die
soziale  Werkstatt  in  den  Gedanken  Louis  Blanc’s  nur  eine  Keimzelle, ­
  aus  der  in  der  Zukunft  eine  ganze  kollektivistische  Gesellschaft
sich  entwickeln  sollte.  Diese  spätere  Entwicklung  beschäftigte  ihn
jedoch  in  Wirklichkeit  nur  wenig.  Es  war  dies  ein  zu  fern  liegendes
ideal,  das  noch  zu  unbestimmt  erschien,  um  zurzeit  schon  mit  irgendwelchem ­
  Nutzen  erörtert  werden  zu  können.  Die  Hauptsache  war,  daß
man  einen  Anfang  mache  und  diesen  Anfang  in  einer  praktischen  Art
und  Weise  ins  Werk  setze.  „Die  Zukunft  vorbereiten,  ohne  schroff
mit  der  Vergangenheit  zu  brechen  (S.  172)“,  —  dies  ist  die  Aufgabe.
Wie  wird  diese  Zukunft  sich  nun  gestalten?  Man  kann  sie  unmöglich
genau  festlegen.  Wenn  man  es  tut,  gelangt  man  nur  zu  einer  Utopie.
Auf  Grund  dieses  fest  umrissenen  und  einfachen  Charakters  seiner
Reform  gelang  es  dem  Plan  Louis  Blanc’s,  die  Aufmerksamkeit  zu
fesseln.  Nach  so  vielen  großzügigen,  aber  außerhalb  aller  Möglichkeit
einer  Verwirklichung  liegenden  Träumen  war  hier  endlich  ein  Projekt
gegeben,  das  Jeder  verstand,  und  dessen  Anwendung  leicht  durchzuführen ­
  war.  Das  Bedürfnis,  von  den  Idealen  zur  Wirklichkeit  zu
kommen  und  endlich  eine  praktische  Formel  zu  entdecken,  um  dem
„laisser-faire“  um  jeden  Preis  zu  entrinnen,  findet  sich  bei  mehr  als
einem  der  Zeitgenossen  Louis  Blanc’s,  z.  B.  bei  Vidal,  dem  heute
n ur  zu  sehr  vergessenen  Verfasser  eines  interessanten  Buches  über  die
Güterverteilung 8 ).  Hierin  liegt  die  Erklärung  für  einen  guten  Teil
s ®ines  Erfolges,  wie  auch  späterhin  für  den  des  Staatssozialismus.
*)  Von  Festy  angeführt.  Le  mouvement  onvrier  au  dehut  de  la
Monarchie  de  Juillet,  S.  88  (Paris  1908).
2 )  Für  die  Großindustrie  schlug  Buchez  ganz  verschiedene  Reformen  vor.
Dgl,  Pesty,  op.  cit.)
3 )  Pranqois  Vidal,  De  la  Repartition  des  richesses,  1846.
19*
        <pb n="314" />
        292

Zweites  Buch.  Die  Gegner.

Die  Reform  war  in  der  Tat  sehr  einfach.
Für  alle  Hauptzweige  der  Produktion  sollte  schon  jetzt  eine
soziale  Werkstatt  gegründet  werden.  Die  Regierung  hätte  das  notwendige ­
  Kapital  zu  liefern,  das  durch  eine  Anleihe  aufzubringen  wäre.
„Alle  Arbeiter,  die  die  nötigen  moralischen  Garantien  bieten“,  würden,
soweit  es  die  verfügbaren  Mittel  gestatten,  zuzulassen  sein.  Der
Lohn  wäre  für  alle  gleich.  Dieses  letztere  Prinzip  scheint  uns  heute
nur  deshalb  undurchführbar,  „weil  die  der  jetzigen  Generation  gegebene ­
  Erziehung  falsch  und  anti-sozial  ist“,  in  der  Zukunft  aber
wird  es  ganz  selbstverständlich  erscheinen,  „da  eine  durchaus  neue
Erziehung  die  Ideen  und  die  Sitten  ändern  soll“.  Man  erkennt  hier
den  allen  Assozialisten  gemeinsamen  Gedanken  eines  neuen  Milieus
wieder,  das  die  gewöhnlichen  Beweggründe  des  Menschengeschlechts
umbilden  soll.  Was  die  Hierarchie  der  Werkstätte  anlangt,  so  wird
sie  auf  der  Wahl  beruhen,  ausgenommen  für  das  erste  Jahr,  in  dem
die  Regierung  beauftragt  ist,  sie  zu  organisieren,  weil  die  Teilhaber
sich  noch  nicht  genügend  kennen,  um  die  Würdigsten  zu  bezeichnen.
Der  Nettogewinn  der  sozialen  Werkstatt  wird  jedes  Jahr  in  drei
Teile  geteilt:  der  eine  wird  unter  die  Mitglieder  der  Genossenschaft
zu  gleichen  Teilen  als  Lohnzuschlag  verteilt;  der  zweite  ist  zum
Unterhalt  der  Alten,  Kranken  und  Gebrechlichen  bestimmt,  und  „zur
Erleichterung  der  Krisen,  die  auf  anderen  Industrien  lasten“;  der
dritte  endlich  soll  „denen,  die  an  der  Genossenschaft  teilnehmen
wollen,  Arbeitsinstrumente  liefern,  in  der  Weise,  daß  die  Genossenschaft ­
  sich  ohne  jede  Begrenzung  vergrößern  kann“.  Es  ist  dies
das  beständige  und  unveränderliche  Kapital,  das  wir  schon  bei
Buchez  gesehen  haben.
Soll  nun  das  Kapital,  das  zur  Bildung  dieser  Genossenschaften
verwendet  worden  ist,  keine  Zinsen  tragen?  Aber  sicherlich,  und
diese  Zinsen  werden  sogar  durch  Einstellung  in  den  Staatshaushalt
garantiert.  Wir  dürfen  aber  hieraus  noch  nicht  schließen,  daß
Louis  Blanc,  wie  Foueieb,  diese  Entschädigung  als  gerechtfertigt
ansah.  Er  wird  zu  sehr  vom  Saint-Simonismus  beherrscht,  um  das
jemals  zuzugeben.  In  der  Zukunft  werden  die  Zinsen  verschwinden,
—  ohne  daß  jedoch  Louis  Blanc  sich  darüber  ausläßt,  wie  das  geschehen ­
  soll.  Für  den  Augenblick  müssen  sie  aber  beibehalten
werden,  um  den  Übergang  zu  erleichtern.  Man  darf  nicht  „mit
wilder  Ungeduld  Existenzen  erschüttern,  sogar  wenn  sie  auf  die
Mißbräuche  gegründet  sind,  die  man  abzuschaffen  sucht“  (S.  172).
Übrigens  werden  die  gezahlten  Zinsen,  wie  die  Löhne,  als  ein  Teil
der  Produktionskosten  betrachtet.  Was  den  Nettogewinn  anbelangt,
so  haben  die  Kapitalisten  daran  teil,  aber  nur  soweit  sie  arbeiten.
Zusammenfassend  sieht  man  also,  daß  der  einzige  Unterschied
        <pb n="315" />
        Kapitel  III.  Die  Assozialisten.

293

zwischen  der  sozialen  und  der  heutigen  Werkstatt,  abgesehen  von
ihrer  mehr  demokratischen  Organisation,  der  ist,  daß  der  Gewinn
des  Unternehmers  (im  modernen  Sinn  des  Wortes,  d.  h.  der  Gewinn
ohne  Zinsen)  den  Arbeitern  selbst  zufällt.
Wir  haben  aber  schon  gesagt,  daß  die  soziale  Werkstatt  nur
eine  Keimzelle  ist,  aus  der  eine  ganz  neue  Gesellschaft  entstehen
soll.  Die  Kraft  nun,  die  ihre  Ausdehnung  begründet,  ist  —  eine
etwas  belustigende  Schlußfolgerung  —  gerade  die  Konkurrenz,  die
für  diesen  Zweck  zu  einer  „heiligen“  Konkurrenz  wird  (S.  106).  „Es
handelt  sich  darum,  sich  gerade  der  Waffen  der  Konkurrenz  zu  bedienen, ­
  um  die  Konkurrenz  zum  Verschwinden  zu  bringen“  (S.  108).
Das  wird  nicht  schwierig  sein,  denn  „die  soziale  Werkstatt  hat
gegenüber  jeder  individualistischen  Werkstatt  den  Vorteil,  der  sich
aus  der  Sparsamkeit  des  gemeinsamen  Lebens  und  aus  einer  Organisationsmethode ­
  ergibt,  in  der  alle  Arbeiter  ohne  Ausnahme  daran
interessiert  sind,  schnell  und  gut  zu  produzieren“  (S.  105).  Überall
würden  die  Privatunternehmungen  sich  von  ihr  bedroht  sehen.  Die
Kapitalisten  und  Arbeiter  werden  von  selbst  ihre  Aufnahme  in  die
soziale  Werkstatt  verlangen,  um  an  ihren  Vorzügen  teil  zu  haben.
Dann  wird  nur  noch  übrig  bleiben,  alle  sozialen  Werkstätten,  die
der  gleichen  Industrie  angehören,  in  einen  einzigen  Bund  zu  verschmelzen. ­
  Jede  große  Industrie  wird  sich  daher  zum  Schluß  um
eine  „zentrale  Werkstatt  gruppieren,  von  der  alle  anderen  als  Zweig-Werkstätten
  abhängen“  (S.  107).  Um  das  ganze  Gebäude  zu  krönen,
würde  es  genügen  „die  Solidarität  der  verschiedenen  Industrien  zu
einem  Dogma  zu  erheben“,  so  daß  sie,  anstatt  sich  zu  bekämpfen,
sich  gegenseitig  zur  Stütze  werden,  sich  in  Krisenzeiten  gegenseitig
helfen,  wenn  es  nicht  gelingt,  auf  Grund  ihrer  Übereinstimmung  die
Krisen  überhaupt  zum  Verschwinden  zu  bringen,  was  ein  noch  bemerkenswerteres ­
  Ergebnis  sein  würde.
So  würde  also,  allein  durch  die  Kraft  der  Freiheit,  die  Herrschaft ­
  der  Konkurrenz  durch  die  genossenschaftliche  Ordnung  zurückgedrängt ­
  werden,  und,  je  mehr  die  soziale  Werkstatt  ihre  Wunder
verwirklicht,  um  so  mehr  werden  die  Übel  der  Konkurrenz  verschwinden, ­
  wird  das  moralische  und  soziale  Leben  seine  jetzigen
Mängel  ablegen.
Was  verlangt  nun  Louis  Blanc,  um  zu  diesem  Ziel  zu  gelangen?
Sehr  wenig,  fast  nichts!  Eine  kleine  Schiebung!  Regierungskapitalien,
UI1[1  die  ersten  Werkstätten  zu  schaffen  und  eine  gesetzgeberische
Ordnung  für  sie,  deren  Anwendung  die  Regierung  späterhin  nur
n och  zu  überwachen  hätte.
Das  ist  der  Hauptpunkt  der  Lehre  Louis  Blanc’s,  in  dem  sie
sich  klar  und  deutlich  von  den  Ideen  Owen’s  nnd  Fouriee’s  unter ­
        <pb n="316" />
        294

Zweites  Buch.  Die  Gegner.

scheidet.  Um  das  Phalanstere  und  die  kommunistischen  Kolonien
zu  gründen,  wenden  sich  weder  Owen  noch  Foueiee  an  den  Staat.
Die  Privatinitiative  genügt  ihnen.  Die  Gesellschaft  erneuert  sich
selbsttätig  ohne  jede  äußere  Hilfe,  und  dies  ist  noch  heute  das  Prinzip
der  Konsumvereine.  Wo  immer  sie  bestanden  haben,  haben  sie  es
auf  Grund  eigener  Kraft  getan.  Louis  Blanc  empfiehlt  die  Vergesellschaftung ­
  spezialisierter  Arbeiter.  Woher  könnten  sie  ihre
Kapitalien  erhalten?  Auf  die  Ersparnisse  des  Arbeiters  zu  rechnen,
würde  darauf  hinauslaufen,  niemals  anzufangen 1 ).  Es  ist  unbedingt
nötig,  daß  Jemand  da  ist,  der  den  ganzen  Mechanismus  einschaltet,
da  er  sich  nicht  allein  einschalten  kann.  Das  kann  niemand  anderes
sein,  als  die  Regierung!  Ist  sie  nicht  die  „organisierte  Macht“?
Und  dann  „wenn  man  sie  nicht  zum  Instrument  nimmt,  würde  man
sie  als  Hindernis  auf  dem  Wege  finden“  (S.  14).  Aber  die  Regierung
tritt  nur  für  einen  Augenblick  dazwischen;  „Sobald  die  Maschine
einmal  aufgestellt  ist,  würde  sie  von  selbst  gehen“  (S.  149).  Der
Staat  „hat  weiter  nichts  zu  tun,  als  die  Gesellschaft  auf  eine  schiefe
Ebene  zu  bringen,  die  sie,  sobald  sie  einmal  dort  steht,  allein  durch
die  Kraft  der  Tatsachen  und  infolge  der  natürlichen  Gesetze  des  dann
bestehenden  Mechanismus  hinabgleitet“  (S.  165).  Hierin  liegt  gerade
das  Geistreiche  des  Systems.  Und  in  der  Tat  haben  sich  denn  auch
die  meisten  der  bestehenden  Produktivgenossenschaften  mit  der  finanziellen ­
  und  administrativen  Hilfe  der  öffentlichen  Behörden  gebildet,
ohne  die  sie  nicht  bestehen  können.
Louis  Blanc  ist  daher  einer  der  ersten,  wenn  nicht  der  erste
Sozialist,  der  daran  gedacht  hat,  sich  auf  den  modernen  Staat  zu
stützen,  um  die  soziale  Reform  ins  Werk  zu  setzen.  Rodbertus  und
Lassallb  richten  später  eine  ähnliche  Aufforderung  an  den  Staat,
und  der  französische  Schriftsteller  verdient,  mit  ihnen  unter  die  Vorläufer ­
  des  Staatssozialismus  gerechnet  zu  werden.
In  dieser  Aufforderung  liegt  von  seiten  der  Sozialisten  etwas
Naives,  denn  von  zwei  Dingen  eins:  entweder  ist  das  Projekt,  für
das  man  die  Hilfe  der  Regierung  anruft,  wirklich  revolutionär,  —
und  dann  wäre  die  Regierung,  die  die  Gesellschaft  vertritt,  recht
blind,  wenn  sie  sich  selbst  dazu  hergäbe,  um  als  Mittel  zu  ihrer
J )  „Die  Emanzipation  der  Arbeiter  ist  eine  höchst  verwickelte  Aufgabe;  sie  ist
mit  zu  vielen  Fragen  verbunden,  sie  bringt  zu  viele  Gewohnheiten  in  Unordnung,
sie  läuft  anscheinend,  wenn  auch  nicht  in  Wirklichkeit,  so  vielen  Interessen  entgegen,
als  daß  es  nicht  Wahnsinn  .wäre,  zu  glauben,  sie  ließe  sich  durch  eine  Reihe  von
Teilversnchen  und  vereinzelten  Bestrebungen  verwirklichen.  Zu  ihrer  Durchführung
ist  die  ganze  Macht  des  Staates  nötig.  Was  den  Proletariern  fehlt,  um  sich  frei  zu
machen,  sind  die  Arbeitsmittel.  Aufgabe  der  Regierung  ist  es,  sie  ihnen  zu  liefern.
Wenn  wir  den  Staat  gemäß  unserer  Auffassung  definieren  sollten,  würden  wir  sagen:
„Der  Staat  ist  der  Bankier  der  Armen“  (Organisation  du  Travail,  S.  14).
        <pb n="317" />
        Kapitel  III.  Die  Assozialisten.

295

eigenen  Zerstörung  zu  dienen;  oder  aber  die  Projekte,  die  man  ihr
unterbreitet,  sind  ohne  Gefahr  für  die  bestehende  soziale  Ordnung,
und  dann  liegt  gerade  in  der  Hilfe,  die  sie  ihr  leistet,  der  Beweis  ihrer
bescheidenen  Tragweite.  Dieser  Kritik  kann  der  Staatssozialismus
nicht  entgehen,  ausgenommen  er  erklärt  sich  klar  und  deutlich  als
konservativ,  und  das  hat  er  denn  auch  in  Deutschland  getan.
Louis  Blanc  beschäftigt  sich,  wie  später  Lassalle,  hauptsächlich ­
  mit  dem  sofortigen  Erfolge  und  bemerkt  diesen  Einwurf  nicht.
Er  denkt  an  einen  anderen  Vorwurf,  der  in  seinen  Augen  bedeutsamer ­
  ist,  denselben,  den  man  in  der  Folgezeit  den  Staatssozialisten
machen  wird,  und  er  sucht  ihn  durch  ein  Argument  zu  beseitigen,
das  sich  oft  bei  ihnen  wiederfinden  sollte.  Ist  die  Einmischung  des
Staates  nicht  im  Gegensatz  zur  Freiheit?  fragt  er  sich.  Ja,  antwortet
Louis  Blanc,  wenn  man  unter  Freiheit  ein  abstraktes  Recht  versteht, ­
  —  das  jedem  Menschen  durch  eine  Verfassung  zugesprochen
ist.  Hierin  liegt  die  Freiheit  aber  gar  nicht:  „sie  liegt  vielmehr  in
der  Macht,  die  den  Menschen  gegeben  ist,  seine  Fähigkeiten  auszuüben ­
  und  zu  entwickeln  unter  der  Herrschaft  der  Gerechtigkeit
u nd  unter  dem  Schutze  des  Gesetzes“  ’)  (S.  19).  Rechtliche  Freiheit
°hne  tatsächliche  Freiheit  ist  weiter  nichts  „als  eine  nichtswürdige
'Vergewaltigung“:  und  die  Freiheit  wird  tatsächlich  überall  dort
unterdrückt,  wo  der  Mensch  ohne  Bildung,  ohne  Arbeitsinstrumente
unentrinnbar  zur  Unterwerfung  gegenüber  den  Reicheren  und  Gebildeteren ­
  verdammt  ist.  Deshalb  wird  die  Einmischung  des  Staates
notwendig  sein,  solange  es  in  der  Gesellschaft  „eine  untere  und  unmündige ­
  Klasse“  gibt  (S.  20).  In  einer  noch  kräftigeren  Formel
sagt  Lacoedaiee:  „Zwischen  dem  Starken  und  dem  Schwachen  ist
die  Freiheit  das,  was  unterdrückt,  und  das  Gesetz  das,  was  frei
macht.“  Dieses  Argument  haben  wir  schon  bei  Sismondi  gelesen  2 ),
und  werden  es  bei  allen  Gegnern  des  laisser-faire  wiederfinden.
Man  sieht,  wie  schon  bei  Louis  Blanc  eine  geistige  Bewegung
uinsetzt,  die  im  letzten  Viertel  des  19.  Jahrhunderts  viel  stärker

')  „Das  Recht,  im  Abstrakten  betrachtet,  ist  ^  ^^Ichutz^derfür  das
das  Volk  täuscht.  Das  Recht  ist  der  metap  ysisc  j} as  „ ro ß ar tig  und  in
Volk  den  lebendigen  Schutz,  dem  man  ihm  sc  iu  e  ,  ®  ‘  ba t  nur  a i s  Maske
allen  Einzelheiten  in  den  Verfassungsurkunden  “ff^SuahsmuBund  für  die  bar-Gr
  die  ganze  Ungerechtigkeit  der  Einführung  seinem  Schicksa i  überlassen
Wische  Nichtachtung  gedient,  mit  der  man  A  R  ht  de fi n iert  hat,  ist  man  dazu
hat.  Weil  man  die  Freiheit  durch  dasiVortR  die  Heloten  des
««langt,  die  Sklaven  des  Hungers,  die  Leibeigenen  d  Freiheit
Zufalls  freie  Menschen  zu  nennen.  sondern  in  d«  dem  Menschen
nicht  nur  in  dem  zugesprochenen  Recht  besteht,  &amp;gt;g
gegebenen  Macht,  seine  Fähigkeiten  auszubilden  und  zu  entwickeln  (S.  19).
2 )  Vgl.  weiter  oben,  S.  211,  Anm.  1  und  S.  213,  Anm.  i.
        <pb n="318" />
        296

Zweites  Buch.  Die  Gegner.

werden  sollte.  Der  Staatssozialismus,  der  seiner  Zeit  ein  einfacher
Notbehelf  war,  wird  dann  zu  einer  wirklichen  Lehre,  deren  praktische
Anwendungen  äußerst  zahlreich  sind.
Die  Ereignisse  des  Jahres  1848  haben  Louis  Blanc  Gelegenheit
gegeben,  seine  Ideen  teilweise  zu  verwirklichen.  Diese  Versuche
werden  wir  in  einem  folgenden  Kapitel  eingehender  darlegen,  wo
wir  die  unglücklichen  Bestrebungen  des  Sozialismus  von  1848  wiederlinden. ­
  Aber  die  Ideen  der  Organisation  du  travail  haben
einen  dauerhafteren  Erfolg  in  den  zahlreichen  Produktiygenossenschaften
  der  Arbeiter  gehabt,  die  mehr  oder  weniger  überall  entstanden, ­
  und  deren  Popularität  unter  gewissen  Gruppen  französischer
Arbeiter  noch  heute  recht  groß  ist.  —  So  hat  Louis  Blanc  zusammen
mit  Owen  und  Fourier  dem  Prinzip  der  Genossenschaft  einen  kräftigen
Anstoß  gegeben,  und  gerade  dadurch  verdient  er  einen  wenn  auch
etwas  geringeren  Platz  in  der  Geschichte  des  Assozialismus.
Außer  Louis  Blanc  müssen  noch  zwei  Männer  erwähnt  werden,
die  den  Assozialismus  bis  zur  Revolution  von  1848  fortgeführt  haben,
Leroux  und  Gäbet.
Pierre  Leroux  übte  auf  seine  Zeit  einen  bedeutenden  Einfluß  aus:
Die  Romane  George  Sand’s  sind  mit  sozialen  Abhandlungen  erfüllt,
die,  wie  sie  selbst  erklärt,  von  ihm  stammen.  Man  kann  jedoch  in
Leroux’  oberflächlich  humanitären  Büchern  keine  wirklichen  Beiträge
zur  Wissenschaft  finden,  —  ausgenommen  vielleicht  sein  Vertrauen
in  die  Assoziation')  und  im  besonderen  in  die  Idee  des  Gesetzes  der
Solidarität,  die  zu  einer  großen  Zukunft  berufen  war.  Er  scheint
der  erste  zu  sein,  der  das  berühmte  Wort  in  dem  Sinne  gebraucht  hat,
den  man  ihm  heute  beilegt,  nämlich  als  Ersatz  für  Barmherzigkeit *  2 ).
Ihm  muß  anscheinend  auch  die  Vaterschaft  des  Wortes  Sozialismus ­
  als  entgegengesetzt  zu  Individualismus 3 )  zugesprochen
')  „Wenn  ihr  keine  Assoziation  der  Menschen  wollt,“  rief  er  in  der  Assemblee
Nationale  von  1848  aus,  „so  sage  ich  euch,  daß  ihr  die  Zivilisation  zu  einem  entsetzlichen ­
  Todeskampf  verdammt.“
2 )  In  seinem  Buche  L’Humanite  (1840).  Man  darf  aber  von  dieser  Laizisierung
der  Wohltätigkeit  nicht  schließen,  daß  Leroux  anti-religiös  gesinnt  war.  Keineswegs;
sagt  er  doch  selbst,  daß  er  den  Gedanken  der  menschlichen  Solidarität  dem  Apostel
Paulus  verdankt:  „wir  sind  Alle  Glieder  Eines  Leibes“.
3 )  „Ich  war  es,“  sagt  er,  „der  sich  zuerst  des  Wortes  Sozialismus  bedient  hat.
Damals  war  es  ein  Neologismus,  aber  ein  notwendiger  Neologismus.  Ich  bildete  diese»
Wort  als  Gegensatz  zu  Individualismus“  (Greve  de  Samarez,  S.  288).  Er  hat  auch
tatsächlich  im  Jahre  1834  in  der  Eevue  enoyclopedique  einen  Aufsatz  veröffentlicht: ­
  De  l’Individualisme  et  du  Socialisme.  Das  Wort  findet  sich  noch
früher,  1832,  in  der  gleichen  Zeitschrift,  Discours  sur  la  Situation  actuelle  de
l’esprit  humain.  Siehe  auch  seine  (Euvres  completes  Bd.  I,  8.121,161,378;
und  weiterhin  für  alles,  was  diesen  etwas  langweiligen,  aber  erfindungsreichen  Schriftsteller ­
  betrifft,  vgl.  das  Buch  von  E.  Thomas,  Pierre  Leroux  (1905).
        <pb n="319" />
        Kapitel  IV.  Friedrich  List  und  die  nationale  Volkswirtschaftslehre.  297

werden.  Und  sicherlich  muß  die  Einführung  dieser  beiden  Worte
genügen,  um  ihm  bei  allen  Soziologen  Unsterblichkeit  zu  sichern.
Gäbet  war,  was  ja  bei  einem  Sozialisten  nicht  gerade  oft  verkommt, ­
  Oberstaatsanwalt  gewesen,  allerdings  nur  kurze  Zeit;  er  hat
aber  eine  viel  größere  Berühmtheit  durch  seinen  Roman:  Reise
nach  Ikarien  erlangt.  Sein  System  hat  nichts  besonders  Originelles
an  sich.  Gegen  den  ewig  gültigen  Einwurf:  Was  macht  man  mit
denen,  die  nichts  tun  wollen?  hat  er  die  gleiche,  leichte  Antwort:
»Die  Faulen?  die  kennen  wir  nicht“  (in  Ikarien  nämlich).  Unglücklicherweise ­
  versuchte  er,  eine  überzeugendere  Antwort  zu  finden,  indem ­
  er  nach  dem  Beispiel  Owen’s  und  Consideeant’s  eine  Kolonie
in  den  Vereinigten  Staaten  gründete  (1848).  Immerhin  war  diese
Gesellschaft  Ikaria  eine  von  jenen,  die  sich  die  längste  Zeit  halten
konnten  und  trotz  aller  Unannehmlichkeiten  bestand  sie  bis  zum
•fahr  1898,  also  fast  ein  halbes  Jahrhundert,  wenn  auch  in  stark  veränderter ­
  Gestalt 1 ).
Gäbet  war  offen  kommunistisch  und  entfernt  sich  hierin  von
Foueiee,  um  sich  Owen  zu  nähern,  obgleich  er  sich  dagegen  verwahrt, ­
  sein  Schüler  zu  sein.  Das  lag  jedoch  vielleicht  nur  an  seiner
Eitelkeit  als  Schriftsteller,  denn  er  hat  ihn  sehr  gut  und  sogar  persönlich ­
  gekannt.  Trotz  seines  Kommunismus  war  Gäbet  doch  kein
Revolutionär.  In  seiner  freundlichen  Gutmütigkeit  wendete  er  sich
nur  an  die  altruistischen  Gefühle,  und  sein  Optimismus  gab  ihm  die
Überzeugung,  daß  diese  moralische  Bekehrung  sich  leicht  verwirklichen ­
  ließe  2 ).

Kapitel  IV.
Friedrich  List
und  die  nationale  Volkswirtschaftslehre.

Um  die  Mitte  des  19.  Jahrhunderts  hatte  die  Lehre  A.  Smiths
überall  in  Europa  die  Herrschaft  erlangt.  Die  früheren  Doktünen
waren  darüber  vergessen  worden,  und  keines  der  neuen  Systeme

')  Siehe  über  das  System  Cabet’s  und  die  Geschichte  Ikaria’s  das  Buch  von
Phudhommbaux  in  zwei  Bänden:  Etienne  Gäbet  et  Histoire  de  la  commnnaute

  Icarienne.  Aussicht  auf  Erfolg  haben,  solange
2 )  „Ich  glaube,  daß  die  Kommunisteni  ke  A  ^  predigen  und
«e  sich  nicht  selbst  geändert  haben.  Sie  mog  üherzeuo'en  “
durch  die  Ausübung  aller  sozialen  Tugenden  ihre  Gegner  uherzeu B en.
        <pb n="320" />
        298

Zweites  Buch.  Die  Gegner.

konnte  sie  verdunkeln.  Aber  anf  ihrem  Siegesläufe  hatte  sie  viele
Veränderungen  erlitten  und  war  vielen  Kritiken  ausgesetzt  gewesen.
Von  ihren  Anhängern  (Say,  Malthus  und  besonders  Ricaedo)  erhielt
sie  bedeutungsvolle  Erweiterungen  und  Verbesserungen.  Zur  gleichen
Zeit  (mit  Sismomdi  und  den  Sozialisten)  eröffneten  sich  neue  Perspektiven, ­
  die  darauf  abzielten,  die  ihr  von  ihrem  Meister  zu  eng
gezogenen  Grenzen  zu  sprengen  und  die  Nationalökonomie  nach  neuen
Gesichtspunkten  zu  orientieren.
Nur  einer  der  Grundgedanken  der  Lehre  blieb  bestehen,  und
zwar  nicht  der  wenigst  bedeutende:  das  Prinzip  der  Handelsfreiheit.
Hier  war  der  Triumph  vollständig.  Die  Freiheit  des  internationalen
Handels  wird  als  ein  unbestreitbares  Dogma  von  den  Volkswirtschaftlern ­
  aller  Länder  anerkannt.  In  Deutschland,  wie  in  England,
in  Frankreich  wie  in  Rußland  ist  unter  den  wissenschaftlichen
Autoritäten  die  Übereinstimmung  vollständig.  Die  Sozialisten  lassen
diese  Frage  entweder  beiseite  oder,  wenn  sie  sich  mit  ihr  beschäftigen, ­
  stimmen  sie  mit  den  National  Ökonomen  überein 1 ).  Einige
vereinzelte  Schriftsteller  machen  zwar  Vorbehalte  oder  erheben  Einwürfe, ­
  aber  diese  gelangen  nicht  zur  Kenntnis  des  großen  Publikums 2 ).
Allerdings  bleiben  die  Regierungen  und  die  Parlamente  zum  größten
Teil  der  Übertragung  der  neuen  Ideen  auf  die  Praxis  feindlich  ge-1
 )  Sismondi  (Nouveaux  Principes,  Bd.  IV,  Kap.  XI)  bekämpft  das  Schutzzollsystem ­
  ,  dem  er  vorwirft,  die  Überproduktion  zu  verursachen,  und  ebenso  das
absurde  Bestreben  aller  Nationen,  sich  selbst  genügen  zu  wollen.  Saint-Simon  betrachtet ­
  die  Zollschranken  als  eine  Folge  des  nationalen  Hasses  (CEuvres  III,  S.  36)
und  lobt  die  Volkswirtschaftler,  nachgewiesen  zu  haben,  „daß  ein  jeder  Mensch  in
sozialer  Beziehung  sich  einzig  als  Glied  einer  Gesellschaft  von  Arbeitern  fühlen  muß,
da  das  ganze  Menschengeschlecht  ein  Ziel  und  gemeinsame  Interessen  hat“  (Lettres
ä  un  Americain,  (Euvres,  II,  186—187).  Die  Saint-Simonisten  sind  der  Präge
nicht  direkt  näher  getreten,  doch  ergibt  es  sich  von  selbst,  daß  Schutzzölle  in  der
von  ihnen  geträumten,  allgemeinen  Assoziation  keinen  Platz  haben.  Was  Poukieb
betriht,  so  wird  unter  den  Phalanges  auf  der  ganzen  Oberfläche  der  Erde  im  Güterumlauf
die  größte  Freiheit  herrschen.  (Vgl-  Bouhgin:  Fourier,  S.  326—320,  Paris  1906.)
2 )  Wir  zitieren  nur  zwei  davon:  Augustin  Couhnot  und  Louis  Say,  Nantes.
Der  Erste  hat  in  seinen  Eecherohes  sur  les  principes  mathematiques
de  la  theorie  des  Kichesses  (1838),  einem  heute  berühmt  gewordenen  Werke,
das  aber  zur  Zeit  seines  Erscheinens  vollständig  unbeachtet  blieb,  die  Theorie  des
Freihandels  kritisiert.  Dieser  Teil  seines  Buches  ist  jedoch  nicht  der,  der  seine
spätere  Berühmtheit  verursacht  hat.  —  Louis  Say  (1774—1840)  war  der  Bruder
J.  B.  Say’s.  Er  hat  verschiedene  Werke  herausgegeben,  die  in  Vergessenheit  geraten
sind,  und  in  denen  er  mehrere  der  von  seinem  Bruder  verteidigten  Grundsätze
kritisiert,  was  dem  Letzteren  höchst  mißfiel.  Wir  erwähnen  hier  nur  sein  letztes
1836  erschienenes  Buch:  Etudes  sur  la  richesse  des  nations  et  refutation
des  principales  erreurs  en  economie  politique,  denn  dieses  ist  das  Buch,
das  List  erwähnt.  Wahrscheinlich  würde  ohne  List  der  Name  Louis  Say’s  vergessen
worden  sein.  Eichblot,  in  seiner  Übersetzung  List’s  (2.  Ausg.  477),  führt  einige
der  wichtigsten  Stellen  des  Buches  Louis  Say’s  an.
        <pb n="321" />
        Kapitel  IV.  Friedrich  List  und  die  nationale  Volkswirtschaftslehre.  299

sinnt,  aber  sogar  hier,  wo  so  viele  mächtige  Interessen  ihr  entgegenstehen, ­
  kann  man  den  wachsenden  Einfluß  der  Lehre  Smith’s  wahrnehmen. ­
  Der  liberale  preußische  Zolltarif  von  1818,  die  Reformen
des  Ministers  Huskisson  in  England  (1824—1827)  wurden  von  ihren
Urhebern  mit  voller  Absicht  als  eine  teilweise  Anwendung  dieser
Prinzipien  betrachtet.
Es  bedurfte  der  besonderen  historischen  und  wirtschaftlichen
Bedingungen,  in  denen  sich  Deutschland  am  Anfang  des  19.  Jahrhunderts ­
  befand,  um  einen  Widerspruch  hervorzurufen.  Trotzdem
dieser  Widerspruch  erst  spät  kam,  erregte  er  deshalb  nicht  weniger
Aufsehen.  Friedrich  List  war  es,  der  in  seinem  1841  erschienenen
Buche:  Das  nationale  System  der  politischen  Ökonomie,
sich  zum  neuen  Theoretiker  des  Schutzzolls  machte.  In  seinem  Vorwort ­
  sagt  er;  „Die  Geschichte  meines  Buches  ist  die  Geschichte  der
Hälfte  meines  Lebens.“  Mit  der  gleichen  Berechtigung  könnte  man
sagen,  daß  es  die  Geschichte  Deutschlands  von  1800—1840  war.  Es
ist  zweifelsohne  nicht  nur  ein  einfacher  Zufall  gewesen,  der  das
erste  ökonomische  System,  das  auf  dem  Gedanken  der  Nationalität
beruht,  in  dem  Lande  schuf,  dessen  vorherrschende  politische  Idee
im  Laufe  des  19.  Jahrhunderts  die  Verwirklichung  seiner  nationalen
Einheit  war.  In  seinen  Ursprüngen  ist  das  Werk  List’s  ein  Werk
der  Umstände.  Diese  Umstände  muß  man  kennen,  wenn  man  den
Verfasser  und  sein  System  beurteilen  will.
§  1.  Die  wirtschaftliche  Lage  Deutschands  und  die
Ideen  List’s.
Deutschland  bietet  im  19.  Jahrhundert  das  bemerkenswerte
Schauspiel  einer  anfangs  durchaus  landwirtschaftlichen  Nation,  die
wirtschaftlich  und  politisch  zerstückelt  ist,  deren  Industrie  mit  allen
Hindernissen  der  Zunftordnung,  deren  Landwirtschaft  mit  allen
Hindernissen  der  feudalen  Herrschaft  zu  kämpfen  hat,  und  die  in
Wenigen  Jahren  alle  diese  Ketten  sprengt,  zunächst  seine  wirtschaftliche ­
  und  später  seine  politische  Einheit  gründet,  und  in  den  letzten
drei  Jahrzehnten  des  Jahrhunderts  sich  zum  Rang  einer  industriellen
Großmacht  aufschwingt.
Der  Zollverband  mit  Irland  hatte  im  Jahre  1800_die  Wirtschaft-  1  US  \
liehe  Einheit  Großbritanniens  vollendet,  eine  Einheit,  die  fast  seit
einem  Jahrhundert  zwischen  England  und  Schottland  verwirklicht
War,  und  die  Smith  schon  „als  eine  der  Hauptursachen  des  Wohlstandeg ­
  Großbritanniens“  x ),  betrachtete.  Frankreich  hatte  sich  1791
’)  Die  Vereinigung  Englands  mit  Schottland  datiert  schon  vom  Jahre  1707.
Sl  die  Stelle  bei  Smith  (Völkerreichtum,  Bd.  II,  S.  293,  B.  V,  Kap.  II,  Teil  2,  §  4).
        <pb n="322" />
        300

Zweites  Buch.  Die  Gegner.

durch  die  Abschaffung  der  Binnenzollschranken  die  gleiche  innere
Einheit  erobert.  Aber  Deutschland  war  noch  1815  in  eine  Menge
von  Staaten  ungleicher  Bedeutung  zerstückelt,  die  sich  gegeneinander
durch  Zollschranken  absperrten.  Die  Petition,  die  List  im  Namen
des  Handelsvereins  1819  an  den  Bundestag  richtete,  zählt  nicht
weniger  als  38  Zollgrenzen  im  Inneren  des  deutschen  Bundes  auf.
Dabei  erwähnt  er  nicht  einmal  alle  die  Schranken,  die  in  jedem  der
verbündeten  Staaten  noch  dazu  kamen  und  den  Handel  hemmten.
Allein  in  Preußen  zählte  man  nicht  weniger  als  67  verschiedene
Tarife 1 ).  In  einer  anderen  Petition  sagte  List;  „In  Wahrheit,
während  die  anderen  Nationen  die  Wissenschaften  und  die  Künste
pflegen,  auf  Grund  derer  der  Handel  und  die  Industrie  ihren  Aufschwung ­
  nehmen,  muß  der  deutsche  Kaufmann  und  Fabrikant  heute
den  größten  Teil  seiner  Zeit  auf  das  Studium  der  Zolltarife  und  der
Wegegelder  verwenden  2 ).“
Diese  Nachteile  wurden  durch  einen  besonderen  Umstand  noch
vergrößert:  nämlich  durch  das  völlige  Fehlen  des  Zolles  gegenüber  den
Erzeugnissen  der  Nachbarstaaten.  Die  deutschen  Staaten  schlossen
sich  gegenseitig  ihre  Grenzen,  aber  Deutschland  selbst  blieb,  da  es
eine  wirksame  Zentralverwaltung  nicht  besaß,  für  die  fremden  Waren
offen.  Diese  Lage  machte  sich  nach  Aufhebung  der  Kontinentalsperre ­
  besonders  nachteilig  bemerkbar.  Kaum  war  nämlich  der
Friede  hergestellt,  als  England  den  Kontinent  mit  seinen  Erzeugnissen ­
  überschwemmte,  denn  es  war  während  des  Krieges  von  seinen
Absatzgebieten  getrennt  gewesen  und  hatte  sich  infolgedessen  gezwungen ­
  gesehen,  in  seinen  Fabriken  enorme  Warenvorräte  anzusammeln.
  In  Frankreich  fand  es  verschlossene  Türen,  da  die
Restauration  ein  strenges  Schutzzollsystem  hergestellt  hatte,  während
in  Deutschland  diesen  zu  Spottpreisen  gelieferten  Waren  Tor  und
Tür  offen  standen.
Die  deutschen  Kaufleute  und  Fabrikanten  fingen  an,  unruhig  zu
werden.  Von  allen  Seiten  erhob  sich  der  Ruf  nach  wirtschaftlicher
Einheit  und  nach  einem  gleichmäßigen  Zolltarif  an  der  Grenze.  Die
gesamte  öffentliche  Meinung  erstrebte  die  Reform,  die  zu  gleicher
Zeit  der  erste  Schritt  zur  nationalen  Einheit  zu  sein  schien.
Preußen  verwirklichte  1818  seine  eigene  Handelseinheit,  indem  es

*)  List,  Werke,  Ansg.  Häussbe,  Bd.  II,  S.  17.  Das  Nationale  System
wurde  1883  in  der  7.  Ausg.  von  Ehebbes  mit  einer  ausgezeichneten  kritischen  und
historischen  Einführung  veröffentlicht.  [Dagegen  entstammen  die  im  folgenden,  wie
auch  die  im  Texte  angeführten  Stellen  der  ersten  Ausgabe  von  Cotta,  1841.  Anm.
des  Übers.]
2 )  Der  Versammlung  der  deutschen  Fürsten  in  Wien  im  Jahre  1820  unterbreitete
Bittschrift,  Werke,  Bd.  II,  S.  27.
        <pb n="323" />
        Kapitel  IV.  Friedrich  List  und  die  nationale  Volkswirtschaftslehre.  301

alle  seine  Zollschranken  an  die  Grenzen  verlegte,  und  sein  neuer
Zolltarif;  in  dem  die  Zölle  auf  Manufakturgegenstände  10  °/ 0  nicht
überstiegen,  der  kein  Ein-  oder  Ausfuhrverbot  enthielt,  und  nach
dem  die  Einfuhr  der  meisten  Rohstoffe  frei  war,  wurde  von  Huskissox
  1827  im  englischen  Parlament  als  ein  nachahmenswertes
Muster  des  Liberalismus  vorgeschlagen.  Diese  Eeform  beschränkte
sich  aber  auf  Preußen  und  verbesserte  in  keiner  Weise  die  Lage
der  Gesamtheit  der  deutschen  Kaufleute,  gegen  die  der  preußische
Zolltarif  in  der  gleichen  Weise  wie  gegen  Ausländer  zur  Anwendung ­
  kam.
Diese  vereinzelte  Reform  war  denn  auch  weit  davon  entfernt,
die  Bewegung  zugunsten  einer  Zolleinheit  einzuschränken,  sondern
wirkte  im  Gegenteil  nur  auf  ihre  Stärkung  hin.  1819  entstand  in
Frankfurt  der  „Handelsverein“,  um  auf  die  Regierung  des  deutschen
Bundes  einzuwirken.  Sein  Urheber  ist  Friedrich  List.  Seit  kurzem
als  Professor  in  Tübingen  tätig,  ist  er  schon  als  liberaler  Journalist
bekannt,  wird  zum  Generalsekretär  des  Vereins  ernannt  und  ist  die
Seele  der  Bewegung.  Er  häuft  Petitionen,  Zeitungsartikel  und  persönliche ­
  Vorstellungen  bei  den  verschiedenen  Regierungen  in  München,
Stuttgart,  Berlin  und  Wien;  er  möchte,  daß  Österreich  die  Initiative
z u  dieser  Retorm  nehme.  Alles  erfolglos!  Der  jedem  selbständigen
Ausdruck  der  öffentlichen  Meinung  feindlich  gesinnte  Bundestag  verweigert ­
  der  Petition  des  Handelsvereins  die  Antwort.  List  selbst
wird  bald  durch  andere  Sorgen  in  Anspruch  genommen.  1820  in
seiner  Geburtsstadt  Reutlingen  zum  Abgeordneten  der  württembergischen
  Ständekammer  erwählt,  wird  er,  infolge  einer  Petitionsvorlage, ­
  in  der  er  die  Bureaukratie  seines  Landes  ziemlich  scharf
kritisierte,  auf  Anstiften  der  reaktionären  Regierung  aus  der  Kammer
ausgeschlossen  und  zu  zehn  Monaten  Festung  verurteilt.  Nachdem
er  Zuflucht  in  Frankreich  gesucht  hatte  und  in  England  und  in  der
Schweiz  gereist  war,  entschließt  er  sich,  nach  Württemberg  zurückzukehren, ­
  wo  er  sofort  eingekerkert  wird.  Nach  seiner  Entlassung
aus  dem  Gefängnisse  geht  er  nach  Amerika,  denn  Lafayettb,  den
er  in  Paris  kennen  gelernt  hatte,  hatte  ihn  gedrängt,  ihn  dorthin  zu
begleiten  und  ihm  eine  seines  Talents  würdige  Aufnahme  versprochen
(1825).
Nachdem  er  sich  in  Amerika  hochstehende  Freunde  erworben
batte  und  zu  Vermögen  gekommen  war,  kehrte  er  1832  nach  Deutschiand
  zurück,  wo  die  Zolleinheit,  für  die  er  13  Jahre  früher  gekämpft
batte,  unmittelbar  vor  ihrer  Verwirklichung  stand.  Allerdings  anders
al »  er  gedacht  hatte.  Nicht  unter  der  Führung  Österreichs  und  nicht
durch  eine  allgemeine  Reform,  sondern  mit  Preußen  als  Grundstein
uud  durch  eine  Reihe  von  Sonderabkomraen.  1828  waren  fast  gleich-
        <pb n="324" />
        302

Zweites  Buch.  Die  Gegner.

zeitig  zwei  „Zollvereine“  gegründet  worden,  der  eine  zwischen  Bayern
und  Württemberg,  der  andere  zwischen  Preußen  und  Hessen-Darmstadt. ­
  In  jedem  dieser  beiden  Zollvereine  bestand  freier  Warenumlauf ­
  und  an  den  Grenzen  ein  gemeinsamer  Zolltarif.  Von  Anfang
an  arbeiteten  diese  beiden  Zollvereine  Hand  in  Hand,  aber  die  endgültige ­
  Verschmelzung  in  einen  einzigen  Zollverein  wurde  erst
am  22.  März  1833  beschlossen.  Dieses  Abkommen  sollte  am  1.  Januar
1834  in  Kraft  treten.  Aber  schon  vor  diesem  Datum  schlossen  sich
ihm  Sachsen  und  einige  andere  Staaten  an.
So  war  denn  1834  die  Handelseinheit  des  modernen  Deutschlands ­
  so  gut  wie  endgültig  verwirklicht.  Der  Zollverein  umschloß
die  wichtigsten  deutschen  Staaten,  ausgenommen  Österreich 1 ).  Unter
dieser  neuen  Ordnung  der  Dinge  nahm  die  Industrie,  die  nun  einen
großen  Innenmarkt  besaß,  einen  schnellen  Aufschwung.  Es  konnte
jetzt  aber  nicht  ausbleiben,  daß  eine  neue  Frage  aufgeworfen  wurde.
Welches  Zollsystem  sollte  dem  Zollverein  zugrunde  liegen?  1834  hatte
man  ohne  Schwierigkeit  für  die  Gesamtheit  des  Zollvereins  den
liberalen  preußischen  Tarif  von  1818  angenommen,  über  den  man
doch  bereits  seine  Erfahrungen  besaß.  Viele  Fabrikanten  jedoch,  im
besonderen  die  Koheisenerzeuger,  die  Woll-  und  Baumwollspinner  verlangten ­
  einen  kräftigeren  Schutz  gegenüber  der  fremden  Konkurrenz,
die  immer  schärfer  geworden  war,  im  Maßstabe,  wie  die  Bedürfnisse
der  Metallurgie  und  der  Spinnereien  wuchsen,  die  immer  mehr  Eohstoffe
  verbrauchten.  Als  es  sich  daher  1841  darum  handelte,  den
Zollverein  zu  erneuern,  erhob  sich  eine  lebhafte  Polemik  zwischen
den  Anhängern  des  Status  quo,  die  zum  Freihandel  neigten,  und
den  Befürwortern  eines  kräftigeren  Schutzzollsystems.
In  diesem  Augenblicke  erscheint  das  nationaleSystem  List’s,
das  energisch  zugunsten  des  Schutzzolls  eintritt.
Dieses  glänzende,  formvollendete  Buch,  das,  voll  von  Beispielen
aus  der  Geschichte  und  der  Erfahrung,  für  das  große  Publikum  in
einer  Sprache  geschrieben  ist,  die  alles  trockene  und  rein  wissenschaftliche ­
  vermeidet,  wurzelt  ganz  und  gar  in  der  besonderen  wirtschaftlichen ­
  Lage  Deutschlands  in  diesem  Augenblick.  Eine  ganz
junge  Industrie,  die  Grundbedingung  der  zukünftigen  Größe  des
Landes,  die  sich  seit  1815  zum  erstenmal  hatte  in  Frieden  entwickeln
können,  stößt  jetzt  im  Konkurrenzkampf  auf  die  englische  Industrie
mit  ihren  vervollkommneten  Maschinen,  ihrer  langen  Überlieferung
und  ihrer  riesenhaften  Produktion.  Hierin  lag  für  List  die  Haupttatsache. ­
  Das  so  bedrohliche  England  schließt  durch  seine  „Cornl
 )  Baden,  Nassau  und  Frankfurt  a.  M.  traten  1835  und  1836  bei.  Außerhalb  des
Zollvereins  blieben:  Mecklenburg,  die  freien  und  Hansestädte,  Hannover,  Braunschweig
und  Oldenburg.
        <pb n="325" />
        Kapitel  IV.  Friedrich  List  und  die  nationale  Volkswirtschaftslehre.  303

Laws“  den  Produkten  der  deutschen  Landwirtschaft,  wie  denen  der
deutschen  Industrie  seinen  Markt.  Zwei  andere  Nationen,  die  wie
Deutschland  zu  einer  großen  wirtschaftlichen  Zukunft  berufen  waren,
zeigen  ihm  den  Weg:  Frankreich  und  die  Vereinigten  Staaten.  Durch
die  Ergebnisse  des  Eden-Vertrages  (1786)  über  die  verderblichen
Wirkungen  der  englischen  Konkurrenz  belehrt,  beeilt  sich  das  erstere
Land,  sofort  nach  den  napoleonischen  Kriegen  seine  Grenzen  durch
Schutzzölle  zu  schließen.  Noch  bezeichnender  ist  das  Beispiel  der
Vereinigten  Staaten,  dessen  Lage  in  so  vieler  Hinsicht  mit  der
Deutschlands  vergleichbar  war.  Auf  beiden  Seiten  eine  soeben  erst
erworbene  wirtschaftliche  Selbständigkeit,  ein  Überfluß  an  natürlichen
Hilfsquellen,  ein  großes  Gebiet,  eine  gebildete  und  fleißige  Bevölkerung ­
  und  die  Aussicht  auf  eine  große  politische  Zukunft.  Die
erste  Sorge  der  Amerikaner,  als  sie  sich  frei  gemacht  hatten,  war
die,  eine  Industrie  ins  Leben  zu  rufen,  und  zu  diesem  Zweck  das
Eindringen  der  englischen  Waren  durch  Schutzzölle  hintanzuhalten.
So  besteht  überall  die  gleiche  Gefahr:  das  tyrannische  Übergewicht
Englands,  und  überall  wird  die  gleiche  Verteidigungswaffe  angewendet: ­
  der  Schutzzoll.  Soll  nur  Deutschland  sich  dieses  Abwehr-Mittels
  nicht  bedienen?
Das  ist  der  Grundgedanke  von  List’s  Ausführungen.
Aber  diese  nur  auf  das  praktische  gerichteten  Anschauungen
List’s  widersprachen  den  wohlbekannten  Argumenten  der  Volks  Wirtschaftler, ­
  die  er  unter  dem  Namen  „die  Schule“  zusammenfaßt.  Diese
Schule  sagt:  ein  Volk  muß  ebenso,  wie  ein  Individuum,  seine  Bedürfnisse ­
  auf  dem  billigsten  Markt  decken;  es  muß  sich  auf  die  Erzeugnisse ­
  beschränken,  für  die  es  die  meisten  relativen  Vorteile  besitzt;
mich  wächst  die  Industrie  nur  mit  den  Kapitalien;  da  nun  der
Schutzzoll  das  Leben  verteuert,  so  verzögert  er  die  Ansammlung  von
Kapitalien  und  widerstreitet  seinem  eigenen  Zwecke.
Um  diese  Einwürfe  zu  widerlegen,  mußte  man,  anstatt  einen
nach  dem  anderen  vorzunehmen,  die  ganze  Diskussion  auf  einen
neuen  Boden  übertragen.  Die  „Schule“  nahm  ein  gewisses  handelspolitisches ­
  Ideal  als  gegeben  an:  in  jedem  Augenblick  den  gegenwärtigen ­
  Reichtum,  oder  wie  es  List  recht  ungeschickt  ausdrückt,
»die  Summe  der  Tauschwerte“  vermehren,  die  eine  Nation  verbrauchen
kann  1 ).  Dieser  grundlegende  Gesichtspunkt  mußte  geändert  werden,

)  Der  Ausdruck  „Tauschwert  bezeich “ eb  enb u ckspro flt.  Es  ist  nicht  besonders
der  gegenwärtigen  Vorteile,  der  materielle  Augen  kP^  ^  nehmen  uud  ihm  zll
glücklich,  doch  würde  es  unrichtig  sein ’  ’ h  f  a „  lugersoll,  S.  186,  drückt
viel  Bedeutung  beizulegen.  Denn  in  deni  Bn  { | r  die  Schu l e  Smith’s  der
er  genau  den  gleichen  Gedanken  ans,  indem  ei  sa„t,  po . P „ aT ,  rtereGeo-en-Zweck
  ist;  „Gegenstände  durch  den  Austausch  gegen  andere  Gegen
        <pb n="326" />
        304

Zweites  Buch.  Die  Gegner.

/-wenn

  man  sich  den  Folgerungen,  die  sich  logisch  daraus  ergaben,
entziehen  wollte.  List  begriff  das,  und  in  seinen  Bemühungen,  dies
Ziel  zu  erreichen,  fand  er  neue  Wahrheiten,  die  seinem  Buch  bleibenden ­
  theoretischen  Wert  verleihen  und  ihm  einen  bedeutenden  Platz
in  der  Geschichte  der  Doktrinen  sichern.
Er  führte  in  die  Diskussion  zwei  den  anerkannten  Theorien
fremde  Gedanken  ein:  die  Idee  der  Nationalität,  als  Gegensatz ­
  zu  der  des  Internationalismus;  und  die  Idee  der  Produktivkraft,
  als  Gegensatz  zu  der  des  Tauschwertes.  Auf  diesen  Gedanken ­
  beruht  das  ganze  System.
a)  List  sagt;  Adam  Smith  und  seine  Schule  haben  eine  kosmopolitische ­
  Hypothese  aufgestellt.  Sie  haben  angenommen,  daß  schon
jetzt  alle  Menschen  in  einer  großen  Gemeinschaft  vereinigt  sind,  aus
der  der  Krieg  verbannt  ist.  Auf  Grund  einer  solchen  Hypothese,
wonach  die  ganze  Menschheit  sich  aus  Einzelindividuen  zusammensetzt, ­
  sind  allerdings  ihre  individuellen  Interessen  allein  von  Wichtigkeit, ­
  und  man  kann  kein  Hindernis  rechtfertigen,  das  ihrer  wirtschaftlichen ­
  Freiheit  entgegensteht.  Aber  zwischen  den  Menschen
und  das  Menschengeschlecht  hat  die  Geschichte  die  Nationen  gestellt.
Das  vergißt  die  Schule.  Jeder  Mensch  ist  ein  Teil  einer  Nation,  und
sein  individueller  Wohlstand  ist  mit  der  politischen  Macht  der  letzteren
innigst  verknüpft 1 ).
Ohne  jeden  Zweifel  ist  die  allgemeine  Verbrüderung  der  Menschen
ein  hohes,  edles  Ziel,  das  eines  Tages  verwirklicht  werden  wird.
Heute  aber  haben  die  verschiedenen  Nationen  noch  verschiedene  Interessen ­
  und  sind  verschieden  mächtig.  Die  endgültige  Wirtschaftseinheit ­
  kann  ihnen  nur  dann  nützen,  wenn  die  Nationen  mit  gleicher
wirtschaftlicher  Macht  in  diese  allgemeine  Verbrüderung  eintreten.
Denn  wenn  das  nicht  der  Fall  ist,  wird  es  sehr  leicht  möglich,  daß
nur  eine  von  ihnen  von  der  Wirtschaftseinheit  Vorteil  hat,  während
alle  anderen  von  ihr  unterjocht  werden.  Unter  diesem  neuen  Gesichtspunkt ­
  ist  die  Nationalökonomie  „diejenige  Wissenschaft,  welche  mit
Anerkennung  der  bestehenden  Interessen  und  der  individuellen  Zustände

stände  zu  gewinnen“,  und  „sich  hauptsächlich  mit  den  Wirkungen
des  materiellen  Austausches  zu  befassen,  anstatt  mit  den  produktiven
Kräften“.  Zu  bemerken  ist,  daß  List  niemals  von  Eicardo  spricht,  sondern  sich
einzig  gegen  Smith  und  Say  wendet,  die  er  allein  gelesen  zu  haben  scheint.
')  ,.So  lehrt  das  Beispiel  von  Holland,  wie  das  von  Belgien,  wie  das  der  Hansestädte ­
  und  der  italienischen  Kepubliken,  daß  die  Privatindustrie  den  Handel  und
die  Industrie  und  den  Eeichtum  ganzer  Staaten  und  Länder  nicht  aufrecht  zu  erhalten ­
  vermag,  wenn  die  öffentlichen  Zustände  nicht  günstig  sind,  und  daß  die
Individuen  den  größten  Teil  ihrer  produktiven  Kräfte  von  der  politischen  Organisation
der  Kegierung  und  der  Macht  der  Nation  empfangen“  {Nat.  Syst.  S.  75,  Cotta’sche
Ausg.  1841).
        <pb n="327" />
        Kapitel  IY.  Friedrich  List  und  die  nationale  Volkswirtschaftslehre.  305

der  Nationen  lehrt,  auf  welche  Weise  jede  einzelne  Nation  auf  diejenige ­
  Stufe  ökonomischer  Ausbildung  gehoben  werden  kann,  auf
welcher  die  Einigung  mit  anderen  gleichgebildeten  Nationen,  folglich
die  Handelsfreiheit  ihr  möglich  und  nützlich  sein  wird“  1 ).
List  unterscheidet  verschiedene  dieser  „Wirtschaftsstufen“,  wir
würden  heute  sagen:  dieser  Formen  wirtschaftlicher  Verfassung.  Er
behauptet  sogar,  unter  ihnen  eine  notwendige  geschichtliche  Reihenfolge ­
  nachzuweisen.  Es  sind  das:  Der  Zustand  des  Wilden,  der  des  /,  •
Hirten,  der  des  Agrikulturstaates,  der  des  Agrikultnr-Mannfaktur-Staates
  nnd  der  des  Agrikultur-Manufaktur-Handels-Staates 2 ).  Eine
Nation  ist  nur  „normal“  3 j,  wenn  sie  diesen  letzten  Zustand  erreicht
hat.  Hierunter  versteht  List,  daß  dies  das  Ideal  ist,  dem  eine  Nation
nachstreben  muß.  Nur  das  gestattet  ihr,  eine  Flotte  zu  besitzen,  ,
1 )  Siehe  Cotta’sche  Ausg.  1841,  S.  194;  Siehe  auch  S.  238;  an  anderer  Stelle
'(S.  188)  definiert  er:  „die  politische  oder  National-Ökonomie,  welche,  von  dem  Begriff
and  der  Natur  der  Nationalität  ausgehend,  lehrt,  wie  eine  gegebene  Nation  bei  der
gegenwärtigen  Weltlage  und  bei  ihren  besonderen  Nationalverhältnissen  ihre  ökonomischen ­
  Zustände  behaupten  nnd  verbessern  kann.“
2 )  S.  260  Cotta.  Ausg.  1841.  Das  Beispiel  England’s  hat  List  zu  dieser  Auffassung ­
  Anlaß  gegeben;  sie  beruht  aber  auf  einem  geschichtlichen  Irrtum.  England
hat  seine  Flotte,  seine  Kolonien  und  seinen  internationalen  Handel  vor  seinem
Manufakturwesen  entwickelt.  Seit  List  sind  zahlreiche  Schemata  der  wirtschaftlichen
Entwieklungsphasen  der  Nationen  vorgeschlagen  worden.  Hildebbandt  unterschied
■die  Natural-,  die  Geld-  und  die  Kredit-Wirtschaft  (Jahrbücher  für  Nationalökonomie, ­
  Bd.  II,  S.  1—24).  Bücher  hat  an  Stelle  dieser  Aufzählung  die  Aufeinanderfolge ­
  von  Haus-,  Stadt-  und  Volkswirtschafts-Perioden  gesetzt  (Die  Entstehung ­
  der  Volkswirtschaft,  37  Ausg.).’  Sombaet  hat  seinerseits  nicht  ohne
Grund  diese  Einteilung  in  seinem  Buch:  Der  moderne  Kapitalismus  (Bd.  I.
S-  51  ff,,  Leipzig  1902)  kritisiert,  doch  ist  es  die  Frage,  ob  die,  die  er  vorsehlägt,
dauerhafter  sein  wird!
Man  hat,  glauben  wir,  nicht  bemerkt,  daß  List  selbst  die  Aufzählung  der  verschiedenen ­
  wirtschaftlichen  Perioden  fast  vollständig  A.  Smith  entlehnt.  Im  V.  Kap.
des  II.  Buches  des  Völkerreichtums,  in  dem  er  von  der  verschiedenen  Anwendung
T on  Kapitalien  spricht,  unterscheidet  er  gerade  drei  solcher  Entwickluugsperioden:
die  landwirtschaftliche,  die  manufaktur-landwirtschaftliche  und  die  landwirtschaftliche
Manufaktnr-Handels-Periode.  Smith  hält  die  letztere  für  die  vorteilhafteste;  nur
muß  man,  nach  ihm,  die  Verwirklichung  dieser  dritten  Periode  von  dem  „natürlichen
Lauf  der  Dinge“  erwarten.
3 )  S.  257,  Cotta.  Ausg.  1841.  Wir  treffen  hier  auf  die  Anwendung  eines  der
unbestimmtesten  und  vieldeutigsten  Begriffe  der  Volkswirtschaft.  Es  wäre  wünschenswert, ­
  die  Wissenschaft  überhaupt  von  ihm  zu  befreien.  Bekannt  ist,  zu  welchen
Streitigkeiten  die  Idee  des  normalen  Lohnes  und  des  normalen  Preises  Anlaß
gegeben  hat,  es  ist  eins  der  Verdienste  der  mathematischen  Schule,  an  seine  Stelle
den  Begriff  des  Gleichgewichtspreises  gesetzt  zu  haben.  Der  Begriff  von  einer
.  0r mal-Nation  ist  ebenso  wenig  genau,  wie  der  des  Normal-Lohnes,  und  es  ist  ganz
interessant  zu  sehen,  wie  List  als  „normal“  ein  Ganzes  von  charakteristischen
Eigenschaften  beschreibt,  das,  wie  er  selbst  gesteht,  zur  Zeit  als  er  schrieb,  nur  eine
®mzige  Nation.  England,  in  sich  vereinigte.
Gide  und  Rist,  Gesch.  d.  Volkswirtschaft!.  Lehrmeinungen.

20
        <pb n="328" />
        306

Zweites  Buch.  Die  Gegner.

Kolonien  zu  gründen,  um  ihren  auswärtigen  Handel  aufrecht  zu  erhalten ­
  und  ihren  Einfluß  zu  erweitern.  Nur  auf  dieser  Stufe  kan»
sie  eine  große  Bevölkerung  ernähren  und  dadurch  die  vollständige
Entwicklung  der  Wissenschaften  und  Künste,  die  Unabhängigkeit
und  die  Macht  des  Landes  sicher  stellen.  „Die  Idee  von  Independenz
und  Macht  entsteht  mit  dem  Begriff  der  Nation“  H.  Allerdings
können  nicht  alle  Nationen  zu  dieser  vollständigen  Entwicklung
gelangen.  Sie  setzt  voraus  ein  großes  Gebiet,  das  zahlreiche  natürliche ­
  Hilfsquellen  besitzt,  und  ein  gemäßigtes  Klima,  das  die  Entwicklung ­
  der  Manufaktur  gestattet 2 ).  Wenn  aber  alle  diese  Bedingungen ­
  gegeben  sind,  ist  es  die  Aufgabe  der  Nation,  mit  allen
ihren  Kräften  diesem  Zustand  zuzustreben.  Deutschland  besitzt  sie
nun  im  höchsten  Grade,  und  es  hängt  nur  von  ihm  ab,  sein  Gebiet
noch  zu  erweitern.  List  verlangt  für  Deutschland  Holland  und
Dänemark,  die  nach  seiner  Ansicht  dazu  kommen  werden,  „ihre  Einverleibung ­
  in  eine  größere  Nationalität  als  wünschenswert  und  notwendig ­
  zu  betrachten“,  und  die  er  gern  aus  freien  Stücken  in  dem
deutschen  Bund  eintreten  sehen  möchte 3 ).
So  ist  für  ihn  der  Zweck  der  Handelspolitik  nicht  mehr,  wie
für  Smith,  einfach  die  Bereicherung  der  Nation.  Sie  soll  einem  vielfältigeren ­
  Ideal  dienen,  das  zur  gleichen  Zeit  historisch  und  politisch
ist.  Dieses  Ideal  verlangt,  als  grundlegende  Notwendigkeit,  die
Gründung  von  industriellen  Unternehmungen.
b)  Diese  Notwendigkeit  erscheint  auch  noch  unter  einem  anderen
Gesichtspunkt.  Der  Reichtum  eines  Landes  läßt  sich  nicht  nur  im
gegenwärtigen  Augenblick  beurteilen.  Es  genügt  nicht,  daß  die
Arbeit  und  die  Sparsamkeit  seiner  Bewohner  ihm  heute  eine  große
Menge  von  tauschbaren  Werten  sichern.  Es  ist  außerdem  noch  notwendig, ­
  daß  die  Quellen  der  Arbeit  und  der  Sparsamkeit  geschützt
und  die  Entwicklung  dieser  Tugenden  in  der  Zukunft  sichergestellt ­
  werden;  denn  „die  Kraft,  Eeichtümer  zu  schaffen,  ist  ...  un-*)

  S.  264,  Cotta.  Ausg.  1841.  Übrigens  vergißt  auch  Smith  den  Gedanken  der
nationalen  Macht  nicht,  wie  überzeugend  aus  der  folgenden  Stelle  hervorgeht.  „Der
Reichtum  und,  sofern  Macht  vom  Reichtum  abhängt,  die  Macht  eines  jeden  Landes
richtet  sich  immer  nach  dem  Wert  des  jährlichen  Produktes  Nun  ist  es
aber  der  große  Zweck  der  politischen  Ökonomie  jedes  Landes,  den
Reichtum  und  die  Macht  dieses  Landes  zu  vermehren.“  (Völkerreichtum,
  Bd.  I,  S.  219,  Bd.  II,  Kap.  V).
2 )  Über  die  industriellen  Aussichten  der  gemäßigten,  und  die  landwirtschaftlichen ­
  der  heißen  Zone  siehe:  Nat.  Syst.  Buch  II;  Kap.  XV.  d.  Cotta.  Ausg.  1841.
8 )  Die  deutsche  Nationalität  wird  damit  zugleich  erlangen,  was  ihr  zurzeit,
noch  fehlt,  nämlich  Fischereien  und  Seemacht,  Seehandel  und  Kolonien.  (Nat.  Syst.
S.  259,  Cotta.  Ausg.  1841).  Wie  man  sieht,  vereint  List  ohne  Mühe  patriotischen-Idealismus
  und  positivste  Anschauungen.
        <pb n="329" />
        Kapitel  IV.  Friedrich  List  und  die  nationale  Volkswirtschaftslehie,

endlich  wichtiger,  als  der  Reichtum  selbst“  (S.  201).  Es  \is^  die
Pflicht  der  Nation,  für  die  Vermehrung  dessen  Sorge  zu  tragen!'
List  mit  einem  etwas  unklaren  Ausdruck  die  „produktiven  Kräfte“  net
und  zwar  noch  mehr  als  für  die  Vermehrung  der  tauschbaren  Werte 1 );
sie  kann  für  den  Augenblick  die  Vermehrung  der  letzteren  opfern,
um  die  ersteren  aufrecht  zu  erhalten.  Was  er  unter  diesen  Ausdrücken ­
  versteht,  ist  einfach  der  Zwiespalt  zwischen  einer  Politik,
die  die  Zukunft  der  Nation  im  Auge  hat,  und  einer  Politik,  die  nur
der  Gegenwart  Rechnung  trägt.  „Die  Nation  muß  materielle  Güter
aufopfern  und  entbehren,  um  geistige  oder  gesellschaftliche  Kräfte  zu
erwerben;  sie  muß  gegenwärtige  Vorteile  aufopfern,  um  sich  zukünftige ­
  zu  sichern“ 2 ).
Welches  sind  nun  diese  produktiven  Kräfte,  die  die  beständige
Quelle  des  nationalen  Wohlstandes  und  die  Grundlage  seines  Fortschritts ­
  vorstellen?
List  führt  zunächst  mit  ganz  besonderem  Nachdruck  die  moralischen
und  politischen  Einrichtungen  an:  Gedanken-  und  Gewissensfreiheit,
Freiheit  der  Presse,  Geschworenengerichte,  Öffentlichkeit  des  Gerichtswesens, ­
  Kontrolle  der  Verwaltung,  parlamentarische  Regierung.
-Das  alles  wirkt  auf  die  Arbeit  des  Individuums  anregend  und  heilsam.
Er  wird  nicht  müde,  auf  die  Verluste  an  Reichtümern  hinzuweisen,
die  die  Aufhebung  des  Ediktes  von  Nantes  verursacht  hat.  oder  auf
die,  die  auf  Rechnung  der  spanischen  Inquisition  zu  setzen  sind,  die,
so  sagt  er,  „längst  über  die  spanischen  Flotten  das  Todesurteil  gesprochen ­
  hatte,  ehe  es  von  den  Flotten  Englands  und  Hollands  vollzogen ­
  ward“  (S.  172).  Nicht  ohne  Ungerechtigkeit 3 )  wirft  er  Smith

fl  Gern  stellt  List  den  Begriff  der  Tauschwerte  und  den  der  produktiven  Kräfte
einander  gegenüber.  Diese  Gegenüberstellung  ist  aber  nicht  glücklich.  Denn  die
Überlegenheit  einer  Politik,  die  die  produktiven  Kräfte  fördert,  hat  kein  anderes
Mittel,  den  Nachweis  ihrer  Überlegenheit  zu  erbringen,  als  gerade  durch  die  Vermehrung ­
  der  Tauschwerte.  Die  beiden  Begriffe  stehen  daher  in  keinem  Widerspruch,
und  bei  einer  Schätzung  des  Reichtums  eines  Landes  müssen  sowohl  sein  gegenwärtiger ­
  Eeichtum  wie  seine  zukünftigen  Hilfsquellen  in  Betracht  gezogen  werden.
In  seinen  Briefen  an  Ingersoll  (vgl.  bes.  Brief  IV)  stellt  er  das  natürliche
kapital  und  das  intellektuelle  Kapital  dem  Kapital  der  produktiven
Materialien  gegenüber  (das  einzige,  das  nach  seiner  Ansicht  A.  Smith  im  Auge
hat!);  „die  produktiven  Kräfte  einer  Nation  hängen  nicht  nur  von  diesem  letzteren,
sondern  auch  und  hauptsächlich  von  den  beiden  ersteren  ab.“
2 )  Nat.  Syst.  Ausg.  Cotta  1841,  S.  216.
3 )  Wir  sagen  „nicht  ohne  Ungerechtigkeit“,  denn  Smith  hat  mehr  als  einmal
diese  moralischen  Kräfte  in  Betracht  gezogen.  Er  läßt  den  Aufschwung  der  englischen
Landwirtschaft  mit  dem  Zeitpunkt  zusammenfallen,  an  dem  die  Pächter,  da  sie
Pachtverträge  über  längere  Zeit  erhalten  hatten,  sich  von  der  Abhängigkeit  von  ihren
Grundbesitzern  befreiten.  Er  weist  darauf  hin,  daß  die  Städte  schneller  zu  Wohlstand
gelangten  als  das  platte  Land,  weil  sich  in  ihnen  eine  regelmäßige  Regierung  eher
20*
        <pb n="330" />
        308

Zweites  Buch.  Die  Gegner.

und  seiner  Schule  „Materialismus“  vor,  weil  sie  diese  mächtigen  Imponderabilien ­
  übersehen  haben.
Unter  allen  produktiven  Kräften  einer  Nation  ist  aber  in  seinen
Augen  keine  ergiebiger,  als  die  Manufaktur.  Die  Fabriken  entwickeln ­
  zunächst  im  höchsten  Grade  die  moralischen  Kräfte  der
Nation.  »Der  Geist  des  Strebens  nach  steter  Vermehrung  der
geistigen  und  materiellen  Güter,  des  Wetteifers  und  der  Freiheit
charakterisiert  den  Manufaktur-  und  Handelsstaat;  während  beim
rohen  Ackerbau  Geistesträgheit  und  körperliche  Unbeholfenheit
herrscht,  Festhalten  an  alten  Begriffen,  Gewohnheiten,  Gebräuchen
und  Verfahrungsweisen,  Mangel  an  Bildung,  Wohlstand  und  Freiheit“
(S.  284).  Viel  besser  als  die  Landwirtschaft  gestatten  die  Fabriken
die  Verwertung  aller  materiellen  Hilfsmittel  eines  Landes,  wie
Wasser,  Wind,  Mineralien  und  Brennstoffe.  Das  Bestehen  von
Fabriken  ist  aber  auch  ein  kräftiger  Ansporn  für  die  Landwirte;
sie  profitieren  noch  mehr  dabei  als  die  Fabrikanten,  und  zwar  durch
das  Steigen  .der  Bodenrente,  der  Gewinne  und  der  landwirtschaftlichen ­
  Löhne,  die  der  wachsende  Bedarf  an  Bodenprodukten  hervorruft. ­
  Außerdem  sind  die  Fabriken  ein  beständiger  Markt  für  die
Landwirtschaft,  den  weder  Krisen  noch  Einfuhrverbote  sperren
können,  wie  dies  mit  fremden  Märkten  geschieht.  Weiterhin  schaffen
die  Fabriken  Nachfrage  nach  verschiedenen  Produkten,  die  eine  Abwechslung ­
  in  der  Bewirtschaftung  des  Landes  gestattet  und  so  eine
Verteilung  der  landwirtschaftlichen  Aufgaben  unter  den  Bezirken
gemäß  ihrer  natürlichen  Beschaffenheit  herstellt,  während  in  dem
gebildet  hat.  Den  besten  Einfluß,  den  Handel  und  Industrie  gehabt  haben,  sagt  er
an  anderer  Stelle,  besteht  darin,  daß  sie  „nach  und  nach  Ordnung  und  eine  gute
Eegierung  und  hiermit  zugleich  Freiheit  und  Sicherheit  der  Personen  unter  den
Landbewohnern“  eingeführt  haben  .  .  .  „Diese  Wirkung  ist,  so  wenig  inan  auch
auf  sie  acht  gehabt  hat,  doch  die  wichtigste  unter  allen.  Humb  ist,  soviel  ich
weiß,  bis  jetzt  der  einzige  Schriftsteller,  der  sie  ins  Auge  gefaßt  hat.“  (Völkerreiehtum,
  Bd.  I,  S.  238,  Bd.  III,  Kap.  IY).  Dort,  wo  er  von  den  amerikanischen
Kolonien  spricht  (Bd.  II,  S.  90,  Bd.  IV,  Kap.  VII),  weist  er  darauf  hin,  daß  trotz
ihrer  im  Vergleich  zu  den  spanischen,  portugiesischen  oder  französischen  Kolonien
geringeren  Fruchtbarkeit  „die  politische  Verfassung  der  englischen  Kolonien
dem  Anbau  und  der  Kultur  des  Landes  günstiger  gewesen  ist,  als  die  Verfassung
irgend  einer  Kolonie  der  drei  anderen  Nationen“.  Und  wie  sollte  man  endlich  noch
die  berühmte  Stelle  vergessen,  in  der  Smith  den  Wohlstand  Großbritannien’s  im
wesentlichen  auf  die  Gesetze  zurückführt,  die  einem  jeden  die  Früchte  seiner  Arbeit
garantieren,  wobeier  besonders  die  Eevolution  von  1688  hervorhebt!  „Die  Sicherheit,
welche  die  Gesetze  Großbritanniens  jedermann  im  Genuß  der  Früchte  seiner  Arbeit
geben,  ist  allein  hinreichend,  diesen  und  zwanzig  anderen  törichten  Handelsmaßregeln
zum  Trotz  ein  Land  blühend  zu  machen;  und  diese  Sicherheit  wurde  durch  die
Eevolution  fast  zu  eben  der  Zeit,  wo  die  Prämie  eingeführt  wurde  vollkommen  hergestellt“ ­
  (sc.  Ausfuhrprämie  auf  Getreide).  (Völkerreichtum,  Bd.  II,  8.  69,  Bd.  IV,
Kap.  V.)
        <pb n="331" />
        Kapitel  IV.  Friedrich  List  und  die  nationale  Volkswirtschaftslehre.  309

reinen  Agrarzustand  ein  jeder  für  seinen  persönlichen  Verbrauch
produziert,  ohne  daß  sich  die  Arbeitsteilung  mit  ihrer  enormen  Produktivität ­
  einstellen  kann 1 ).
Für  List  wie  für  Smith  ist  die  Industrie  daher  nicht  nur  das
natürliche  Ergebnis  der  Arbeit  und  der  Sparsamkeit.  Sie  ist  selbst
eine  soziale  Kraft,  eine  Schöpferin  von  Kapital  und  individueller
Arbeit.  Sie  verdient,  sei  es  auch  um  den  Preis  einer  vorübergehenden
Störung,  in  ein  Land  aus  den  gleichen  Gründen,  wie  liberale  Einrichtungen, ­
  eingeführt  zu  werden,  als  eine  fruchtbare  Quelle  späteren
Reichtums.  In  einem  prachtvollen  Vergleich,  der  würdig  ist,  in  dem
Buch  klassischer  Bilder  der  Nationalökonomie  aufbewmhrt  zu  werden,
ruft  er  aus:  „Es  ist  wahr,  die  Erfahrung  lehrt,  daß  der  Wind  den
Samen  aus  einer  Gegend  in  die  andere  trägt,  und  daß  auf  diese
Weise  öde  Heiden  in  dichte  Wälder  verwandelt  worden  sind;  wäre
es  aber  darum  weise,  wenn  der  Forstwirt  zuwarten  wollte,  bis  der
Wind  im  Lauf  von  Jahrhunderten  diese  Kulturverbesserung  bewirkt?
Wäre  es  töricht,  wenn  er  durch  Besamung  öder  Strecken  diesen
Zweck  im  Lauf  weniger  Jahrzehnte  zu  erreichen  sucht?  Die  Geschichte ­
  lehrt  uns,  daß  ganze  Nationen  mit  Erfolg  getan  haben,  was
wir  diesen  Forstmann  tun  sehen“  2 ).  Das  Mittel,  das  sie  angewendet
haben,  war  der  Zolltarif.
Indem  er  sich  auf  diesen  Gesichtspunkt  stellt,  schlägt  er  seinen
Gegnern  ihre  stärksten  Waffen  aus  der  Hand.  Alles,  was  man  ihm
vorwerfen  kann,  ist,  daß  die  Fabriken  ihre  volle  Wirkung  nur  dann
ausüben,  wenn  sie  schon  ihre  Existenzberechtigung  in  der  natürlichen
Entwicklung  der  Nation  gefunden  haben,  wenn  sie  zu  ihrer  Errichtung ­
  keine  allzu  schweren  Opfer  verlangen,  —  mit  einem  Wort,
wenn  der  Platz,  auf  dem  der  Förster  seinen  Samen  pflanzen  will,
bereit  ist,  ihn  zu  empfangen.
Was  vorausgeht,  läßt  schon  vermuten,  daß  die  LisPsche  Auflassung ­
  vom  Schutzzoll  ihre  eigenartigen  Züge  aufweist.  Er  ist  nicht
ein  Universalmittel,  das  man  gleichmäßig  auf  alle  Länder,  auf  alle
Epochen  und  auf  alle  Erzeugnisse  anwenden  kann.  Er  ist  ein  besonderes ­
  Verfahren,  das  seine  Berechtigung  nur  unter  ganz  bestimmten
Umständen  und  unter  gewissen  bestimmten  Bedingungen  hat.  Im
folgenden  geben  wir  die  Hauptzüge  dieses  Schutzzollsystems  wieder,
wie  er  selbst  sie  definiert  hat:
1.  Das  System  des  Schutzzolls  ist  nur  in  einem  einzigen  Fall
berechtigt:  wenn  sein  Zweck  die  industrielle  Erziehung  einer
_  b  Vgl.  die  Kap.  XVII  bis  XXV,  in  denen  er  die  Manufaktnrkraft  in  ihren
Beziehungen  mit  einer  jeden  der  großen  industriellen  Kräfte  eines  Landes  untersucht.
b  Nat.  Syst.  S.  174,  Cotta.  Ausg.  1841.
        <pb n="332" />
        310

Zweites  Buch.  Die  Gegner.

Nation  ist 1 ).  Es  ist  daher  nicht  am  Platze,  wenn  es  sich  um  eine
Nation,  wie  die  englische  handelt,  deren  Erziehung  in  dieser  Hinsicht
schon  abgeschlossen  ist,  und  ebensowenig  bei  einer  Nation,  die  keine
Fähigkeiten  und  keine  natürlichen  Hilfsmittel  hat,  die  ihr  gestatteten,
für  die  Zukunft  eine  industrielle  Entwicklung  zu  erhoffen.  Hierher
gehören  die  Nationen  der  tropischen  Zone,  die  auf  die  Landwirtschaft
beschränkt  zu  sein  scheinen,  während  die  Nationen  der  gemäßigten
Zonen  die  Möglichkeit  der  verschiedensten  Produktionszweige  haben 2 ).
2.  Weiterhin  läßt  sich  der  Schutzzoll  nur  dann  rechtfertigen,
wenn  die  Nation,  um  die  es  sich  handelt,  in  ihrem  Fortschritt  durch
die  Konkurrenz  einer  machtvollen,  ausländischen  und  schon  weiter
entwickelten  Manufaktur  behindert  wird 8 ).  Sie  befindet  sich  dann
in  der  Lage  „eines  Kindes  oder  Knaben  im  Eingkampf  mit  einem
erstarkten  Mann“,  und  wird  „schwerlich  obsiegen  oder  auch  nur
Widerstand  leisten  können“  4 ).  Das  ist  gerade  der  Fall,  in  dem  sich
Deutschland  England  gegenüber  befindet.  Es  ist  höchst  lehrreich,
in  seinen  Briefen  an  Ingersoll  die  Beschreibung,  die  er  von  dem
„dumping“  gibt,  zu  lesen,  dessen  Anwendung  heute  so  oft  den  Trusts
vorgeworfen  wird,  und  das  darin  besteht,  im  Auslande  die  Waren
billig  loszüschlagen,  deren  Preis  im  Inlande  hochgehalten  wird 6 ).
’)  Nat.  Syst.  S.  272,  Cotta.  Ausg.  1841.
2 )  Ebenda,  S.  4:13  sagt  List:  „Im  allgemeinen  dürfte  anzunebmen  sein,  daß
da,  wo  eine  Gewerbs-Industrie  bei  einem  anfänglichen  Schutz  von  40  bis  60  Prozent
nicht  aufkommen  kann,  und  bei  einem  fortgesetzten  Schutz  von  20  bis  30  Prozent
sich  nicht  auf  die  Dauer  behaupten  -kann,  die  Grundbedingungen  der  Manufaktur
fehlen.“
3 )  Nat.  Syst.  S.  261,  Cotta.  Ausg.  1841.  „Einzig  bei  Nationen  der  letzteren
Art,  nämlich  bei  denjenigen,  welche  alle  erforderlichen  geistigen  und  materiellen
Eigenschaften  und  Mittel  besitzen,  um  eine  eigene  Manufakturkraft  zu  pflanzen  und
dadurch  den  höchsten  Grad  von  Zivilisation  und  Bildung,  von  materiellen  Wohlstand
und  politischer  Macht  zu  erstreben,  welche  aber  durch  die  Konkurrenz  einer  bereits
weiter  vorgerückten  auswärtigen  Manufakturkraft  in  ihren  Fortschritten  aufgehalten
werden,  ■—  nur  bei  solchen  ist  die  Handelsbeschränkung  zum  Zweck  der  Pflanzung
und  Beschützung  einer  eigenen  Manufakturkraft  zu  rechtfertigen  .  .  .“
4 )  Nat.  Syst.  S.  416,  Cotta.  Ausg.  1841.
5 )  „Ein  Jeder  weiß,  sagt  er  (nach  Hirst,  op.  cit.  infra,  S.  23111.),  daß  die  Produktionskosten ­
  in  einer  Manufaktur  stark  von  der  erzeugten  Menge  abhängen  (Gesetz
des  wachsenden  Ertrages!)  .  .  •  Dieser  Umstand  hat  einen  großen  Einfluß  auf
den  Aufschwung  oder  den  Niedergang  der  Manufakturkraft,  Wenn  einem  englischen
Fabrikanten  ausreichende  Absatzwege  im  Inland  garantiert  sind,  so  wird  ihm  damit
gewöhnlich  ein  regelmäßiger  Absatz  der  zum  Unterhalt  seiner  Manufaktur  nötigen
Menge  garantiert  (z.  B.  10000  yards  zu  6  Dollar)...  Da  seine  Kosten  schon  durch
diesen  inländischen  Verkauf  gedeckt  sind,  werden  die  Herstellungskosten  für  weitere
10000  yards  für  den  ausländischen  Markt  weniger  hoch,  und  er  erzielt  noch  einen
Gewinn,  wenn  er  sie  zu  4  und  sogar  nur  3  Dollar  den  Yard  verkauft  .  .  .  Und
noch  besser,  er  kann  sich  einen  Profit  für  die  Zukunft  schaffen,  sogar  wenn  er  für
den  Augenblick  nichts  gewinnt,“  (indem  er  durch  seine  niedrigen  Preise  die  aus-
        <pb n="333" />
        Kapitel  IV.  Friedrich  List  und  die  nationale  Volkswirtschaftslehre.  311

3.  Und  auch  dann  ist  der  Schutzzoll  nur  gerechtfertigt,  „solange,
bis  die  Manufaktur  zureichend  erstarkt  ist,  um  die  fremde  Konkurrenz
nicht  mehr  fürchten  zu  dürfen,  und  von  da  an  darf  der  Schutzzoll
„nur  insoweit“  angewendet  werden,  als  nötig  ist,  um  die  inländische
Manufakturkraft  in  ihren  Wurzeln  zu  beschützen“  1 ).
4.  Schließlich  darf  sich  der  Schutzzoll  niemals  auf  die  Landwirtschaft ­
  erstrecken.  Die  Gründe  hierfür  sind,  daß  auf  der  einen
Seite  der  Wohlstand  der  Landwirtschaft  in  hohem  Maße  von  dem
Fortschritte  der  Fabriken  abhängt.  Der  Schutz  der  Fabriken  nützt
indirekt  der  Landwirtschaft,  während  die  Preiserhöhung  der  Rohstoffe
und  Lebensmittel  der  Industrie  schaden  würde.  Weiterhin  besteht
eine  natürliche  und  besonders  vorteilhafte  Scheidung  der  Bodenkulturen ­
  zwischen  den  verschiedenen  Ländern,  eine  Scheidung,  die
mit  den  ursprünglichen  Eigenschaften  ihres  Bodens  zusammenhängt,
und  die  der  Schutzzoll  nur  stören  kann.  Diese  natürlichen  Unterschiede ­
  bestehen  aber  nicht  für  die  Fabriken,  „für  die  alle  Nationen
der  gemäßigten  Zonen  .  .  .  gleichmäßig  befähigt  sind“. 2 )
Man  würde  jedoch  einige  Mühe  haben,  diesen  plötzlichen  Umschwung ­
  List’s  zugunsten  des  landwirtschaftlichen  Freihandels  zu
verstehen,  wenn  man  sich  nicht  vor  Augen  hielte  (wie  dies  bei  vielen
■anderen  Punkten  seines  Systems  notwendig  ist),  daß  er  stets  nur  an
die  besondere  Lage  Deutschlands  denkt.  Damals  war  Deutschland
«in  Getreideausfuhrland  und  litt  daher  unter  den  englischen  Getreidezöllen. ­
  Der  deutsche  Landwirt  brauchte  keinen  Schutz,  sondern
Absatzgebiete;  List  würde  glücklich  gewesen  sein,  wenn  er  England
zur  Abschaffung  seiner  „Corn-laws“  hätte  bereden  können.  1879,  mit
dem  Tage,  an  dem  die  Landwirte  sich  durch  die  fremde  Konkurrenz

ländischen  Fabrikanten  ruiniert  und  später  an  ihre  Stelle  tritt).  —  Es  ist  das  ein
Beweis,  schließt  List,  für  die  Unmöglichkeit,  in  der  sich  die  Fabrikanten  eines  neuen
Landes  befinden,  aus  eigenen  Kräften  und  ohne  Schutzzölle  gegen  die  Konkurrenz
der  Länder  mit  alter  Industrie  zu  kämpfen.  Dieses  Argument  ist  in  den  letzten  Jahren
«m  häufigsten  von  den  englischen  Schutzzöllnern  augewendet  worden,  um  sich  gegen
die  amerikanische  Industrie  zu  verteidigen!  Was  würde  List  zu  dieser  Umkehrung
der  Dinge  sagen?
*)  Nat.  Syst.  S.  261,  Cotta.  Ausg.  1841  und  im  ganzen  'XVI.  Kap.  (Buch  II),
Wo  er  unter  anderem,  auf  Seite  431  sagt:  „es  wäre  fehlerhaft,  wenn  Frankreich,
nachdem  seine  Manufakturkraft  zureichend  erstarkt  ist,  nicht  nach  und  nach  zum
gemäßigten  Schutzzoll  überginge,  wenn  es  nicht  durch  Zulassung  einer  beschränkten
Konkurrenz  seine  Mannfakturisten  zur  Nacheiferung  anzusporneu  trachten  würde.“
2 )  N  a  t.  S  y  s  t.  S.  304  und  besonders  auf  S.  306  u.  f.  (Cotta.  Ausg.  1841),  wo  er  plötzlich
die  Taktik  wechselt  und  alle  die  Argumente,  die  die  Freihändler  auf  die  Gesamtheit
der  Produkte  anwenden,  für  sich  zugunsten  des  landwirtschaftlichen  Freihandels  in
Anspruch  nimmt.  Vgl.  auch  S.  460  (Ausg.  Haüssbk),  wo  er  schreibt,  daß  die  Landwirtschaft ­
  „genügend  durch  die  Natur  der  Dinge  gegen  die  ausländische  Konkurrenz
geschützt  sei“.
        <pb n="334" />
        312

Zweites  Buch.  Die  Gegner.

bedroht  glaubten,  ist  der  landwirtschaftliche  Schutzzoll  in  Deutschland ­
  von  neuem  aufgeblüht.

§2.  Die  Quellen  List’s.  —  Sein  Einfluß  auf  die  späteren
schutzzöllnerischen  Lehren.
Man  hat  viel  über  den  Ursprung  der  schutzzöllnerischen  Ideen
List’s  gestritten.  Schon  in  Frankreich  hatte  unser  Schriftsteller  in
den  Werken  Dupin’s  und  Chaptal’s  Gründe  für  seine  These  gefunden.
Er  wurde  aber  in  seiner  ablehnenden  Haltung  gegenüber  dem  Laisserfaire
  von  den  Männern,  mit  denen  er  in  Amerika  in  Berührung  kam,
bestärkt.  Er  trat  dort  nämlich  in  enge  Beziehungen  zu  den  Mitgliedern ­
  der  „Gesellschaft  von  Philadelphia  zur  Stärkung  der  nationalen
Industrie“.  Diese  Gesellschaft  war  von  dem  amerikanischen  Staatsmann
Hamilton  gegründet  worden,  dem  Verfasser  des  berühmten  „Report
on  manufactures“,  in  dem  schon  1791  dargelegt  wurde,  daß  es  für
die  Vereinigten  Staaten  notwendig  sei,  den  Aufschwung  ihrer  jungen
Industrie  durch  Zollschranken  zu  begünstigen 1 ).  Hamiltons  Argumente, ­
  die  List  aller  Wahrscheinlichkeit  nach  gekannt  hat,  zeigen  oft
eine  auffallende  Ähnlichkeit  mit  denen  des  nationalen  Systems 2 ).,

9  Da  es  ans  unmöglich  gewesen  ist,  uns  die  Werke  Hamilton’s  zu  verschaffen^
geben  wir  hier  nach  Bastablb  (Commerce  of  Nations,  2.  Ausg.,  London  1899,.
S.  120)  die  wichtigsten  Argumente  des  Report  über  die  Vorteile  der  Industrie.
Sie  gestattet  eine  größere  Arbeitsteilung;  sie  liefert  denen  Beschäftigung,  die  keine
haben;  sie  gibt  einen  regelmäßigeren  Markt,  als  die  ausländischen  Länder;  sie  begünstigt ­
  die  Einwanderung.
2 )  Auch  ist  es  sehr  wahrscheinlich,  daß  List  die  Werke  eines  anderen  amerikanischen ­
  Schutzzöllners,  Daniel  Kaymond  gelesen  hat,  dessen  Thoughts  on  political
Economy  1820  erschienen  und  vier  Auflagen  hatten.  (Vgl.  Daniel  Eaymoud  von
Chahlbs  Patrick  Neill,  Baltimore  1897).  Es  ist  das  die  Meinung  der  meisten,  die
sich  in  diesen  letzten  Jahren  mit  List  beschäftigt  haben;  Prl.  Hirst  in  ihrem  Buch:
Life  of  Friedrich  List  und  Kurt  Köhler  in  seinem  Werk:  Problematisches
zu  Friedrich  List  (Leipzig  1909).  Es  erscheint  uns  aber  sehr  übertrieben,  in
Raymond  (wie  es  z.  B.  Rambaud  in  seiner  Histoire  des  doctrines  getan  hat),  den
stärksten  Beeinflusse!-  List’s  zu  sehen.  Abgesehen  davon,  daß  die  Gedanken  Raymond’»
nichts  besonders  selbständiges  an  sieh  haben,  und  daß  List  in  den  Vereinigten  Staaten
in  einer  Umgebung  von  Schutzzöllnern  lebte,  in  der  diese  Gedanken  gang  und  gäbe
waren,  muß  darauf  hingewiesen  werden,  daß  List  ihn  nie  zitiert.  Dagegen  erwähnt,
er  sehr  oft,  höchst  lobend  (und  zwar  schon  in  seinen  Briefen  an  Inger  soll),  die
beiden  französischen  Schriftsteller  Dupin  und  Chaptal.  Der  Ausdruck  „produktive
Kräfte“  (forces  productives)  findet  sich  schon  in  dem  Werk  des  Baron  Dupin:
Situation  progressive  des  forces  de  la  France  (Paris  1827)  im  ersten  Satz:
„Hiermit  übergebe  ich  der  Öffentlichkeit  die  Einführung  eines  Werkes,  überschrieben :
Forces  productives  et  commerciales  de  la  France.  So  nenne  ich  die  vereinigten ­
  Kräfte  des  Menschen,  der  Tiere  und  der  Natur,  die  sieh  in  Frankreich  mit
der  Landwirtschaft,  den  Werkstätten  und  dem  Handel  befassen.“  Ebenso  findet
        <pb n="335" />
        Kapitel  IV.  -Friedrich.  List  und  die  nationale  Volkswirtschaftslehre.  313

Die  Gesellschaft  von  Philadelphia,  an  deren  Spitze  damals  Mathieu
Carey  (der  Vater  des  Volkswirtschaftlers,  von  dem  wir  weiter  unten
sprechen  werden)  stand,  führte  zur  Zeit  der  Ankunft  List’s  in  Amerika
einen  lebhaften  Feldzug-  zugunsten  einer  Erhöhung  der  Zolltarife.  Der
Vizevorsitzende  der  Gesellschaft,  Ingersoll,  überredete  den  Gast,  an
diesem  Feldzug  teilzunehmen,  was  List  in  einer  Eeihe  von  Briefen
tat,  die  1827  veröffentlicht  wurden  und  großes  Aufsehen  erregten 1 ).
Diese  Briefe  enthalten,  kurz  zusammengedrängt,  all  das,  was  er  in
dem  nationalen  System  ausführlicher  darlegen  sollte.  Er  preist  hier
schon  für  Amerika  dieselbe  Politik,  die  er  einige  Jahre  später  den
Deutschen  empfahl.
Doch  ist  List  mehr  von  Tatsachen  als  von  Büchern  beeinflußt
worden.  Seinem  praktischen  und  scharf  beobachtenden  Geiste  fiel

sieh  schon  der  Gedanke  des  Schutzzolls  für  entstehende  Industrien  klar  bei
Chaptal  ausgedrückt.  1819  in  D  e  1’  I  n  d  u  st  r  i  e  f  r  a  n  s  a  i  s  e  kann  man  auf  Seite  XLVI
der  Vorrede  lesen:  „Man  hat  sich  recht  bald  überzeugt,  daß  es  nicht  immer  genügt,
die  natürlichen  Hindernisse  überwinden  zu  wollen,  die  sich  einer  Entwicklung  der
Industrie  entgegensetzen;  fast  überall  ist  man  zu  der  Einsicht  gelangt,  daß  entstehende ­
  Manufakturen  nicht  gegen  Unternehmungen  ankämpfen  können,  die
die  Zeit  fest  gegründet  hat,  die  von  reichen  Kapitalien  genährt  und  sorgfältig  unterhalten ­
  werden,  und  die  mit  einem  bedeutenden  Aufgebot  an  geschulten  und  geübten
Künstlern  arbeiten,  so  daß  man  dazu  gezwungen  worden  ist,  auf  Schutzzölle  zurückzugreifen, ­
  um  die  Konkurrenz  der  ausländischen  Industrien  auszuschalten.“
Es  ist  sicher,  daß  List  schon  bei  seinem  ersten  Aufenthalt  in  Frankreich  diese
Schriftsteller  gelesen  und  dort  die  Bestätigung  seiner  eigenen  protektionistischen
Ideen  gefunden  hatte.  Nicht  weniger  sicher  ist,  wie  ein  im  April  1825  geschriebener
Brief  von  ihm  zeigt  (Hirst,  op.  cit.  infra  S.  33),  daß  er  nicht  erst  in  Amerika  bekehrt
worden  ist,  sondern  im  Gegenteil  hoffte,  dort  für  seine  schon  alte  Gegnerschaft  gegen
Smith  Bestätigungen  durch  neue  Argumente  zu  finden.  Die  Behauptung  Marx  ,  die  er
in  seinen  Theorien  über  den  Mehrwert  (Bd.  I,  S.  339,  1905  von  Kautsky
herausgegeben,  Stuttgart)  aufstellt,  wonach  die  hauptsächlichste  Quelle  List’s
Fermer,  Du  gouvernement  considere  dans  ses  rapports  avec  le  commerce ­
  (Paris  1805)  gewesen  sei,  ist  einfach  aus  der  Luft  gegriffen.  So  hat  man
auch  behaupten  wollen,  daß  List  den  Gedanken  der  Nationalität  als  Grundlage  der
Volkswirtschaft  Adam  Müller  entlehnt  habe.  Allerdings  ist  List  mit  A.  Müller
(einem  katholischen  Schriftsteller,  der  der  Wiederherstellung  des  Feudal-Systems
günstig  war)  zusammengetroffen.  Doch  es  genügte,  als  Deutscher  im  19.  Jahrhundert  y
zu  schreiben,  um  bis  in  die  Knochen  von  dem  Gedanken  der  Nationalität  durchdrungen  v
z u  sein.  Wir  unterlassen  aber  nicht,  darauf  hinzuweisen,  daß  die  Argumente  des
Schutzzollsystems  kaum  von  einer  Epoche  zur  anderen  fühlbar  verschieden  sein  können
und  notwendigerweise  in  ihrer  Zahl  beschränkt  sind.  Nichts  ist  daher  leichter,  als
für  Friedrich  List  Vorläufer  zu  finden.
*)  In  Buchform  herausgegeben  unter  dem  Titel:  Outlines  of  a  new  System
°f  Political  eoonomy,  in  a  series  of  lettres  addressed  by  P.  List  to
Charles  Ingersoll,  Philadelphia  1827.  Dieses  Werk  findet  sich  nicht  in  den
v °n  Häuser  herausgegebenen  Werken  List’s,  ist  aber  vollständig  in  dem  interessanten ­
  „Life  of  Friedrich  List“,  das  von  Margaret  E.  Hirst  veröffentlicht
Wurde,  enthalten  (London  1909,  331  Seiten).
        <pb n="336" />
        314

Zweites  Buch.  Die  Gegner.

besonders  der  materielle  Erfolg  auf,  den  der  amerikanische  Schutzzoll
mit  sich  gebracht  hatte.  Ebenso  hatten  die  günstigen  Wirkungen,
die  die  erzwungene  Kontinentalsperre  für  Deutschland  gehabt  hatte,
ihren  Eindruck  auf  ihn  nicht  verfehlt 1 ).
Weit  davon  entfernt,  der  wirtschaftlichen  Entwicklung  der  Vereinigten ­
  Staaten  zu  schaden,  schien  das  Schutzzollsystem  sie  im
Gegenteil  begünstigt  zu  haben.  In  Wirklichkeit  wurde  dadurch  nur
eine  Entwicklung  um  einige  Jahre  beschleunigt,  ,  die  die  Natur  selbst
eines  Tages  in  diesem  riesigen  Lande  hervorrufen  mußte,  das  in  so
wunderbarer  Weise  mit  menschlicher  Energie  und  natürlichen  Hilfsquellen ­
  gesegnet  ist,  und  wo  kein  noch  so  fehlerhaftes  System  die
Vermehrung  des  Reichtums  hätte  lange  aufhalten  können.  Gestattete
nun  die  Ähnlichkeit  der  Lage  in  Deutschland  und  Amerika  nicht
die  Hoffnung,  daß  der  gleiche  Versuch  auf  einem  so  ähnlichen  Boden
von  Erfolg  begleitet  sein  würde?
So  ist  das  System  Lisa’s  das  erste,  in  dem  der  Einfluß  der
wirtschaftlichen  Versuche  der  Neuen  Welt  auf  die  europäische  Gedankenwelt ­
  zutage  tritt.
Er  führte  dies  selbst  in  einer  sehr  schönen  Stelle  seines  Buches
aus:  „Als  mich  mein  Schicksal“,  schreibt  er,  „später  nach  Nordamerika ­
  führte,  ließ  ich  alle  Bücher  zurück.  Das  beste  Werk,  das
man  in  diesem  Lande  über  politische  Ökonomie  lesen  kann,  ist  das
Leben.  Wildnisse  sieht  man  hier  reiche  und  mächtige  Staaten
werden  ...  ein  Prozeß  der  in  Europa  eine  Reihe  von  Jahrhunderten
nahm,  geht  hier  vor  unseren  Augen  vor  sich  —  nämlich  der  Übergang ­
  aus  dem  wilden  Zustand  in  den  der  Viehzucht  und  aus  diesem
in  den  Agrikulturzustand,  und  aus  diesem  wieder  in  dem  Manufaktur- ­
  und  Handelsstand.  Hier  kann  man  beobachten,  wie  die  Rente
aus  dem  Nichts  allmählich  zur  Bedeutendheit  erwächst.  Hier  versteht ­
  der  einfache  Bauer  sich  praktisch  besser  auf  die  Mittel,  die
Agrikultur  und  die  Rente  zu  heben,  als  die  scharfsinnigsten  Gelehrten
der  alten  Welt;  —  er  sucht  Manutäkturisten  und  Eabrikanten  in  seine
Nähe  zu  ziehen.  Hier  treten  die  Gegensätze  zwischen  Agrikulturund
  Manufakturnationen  einander  aufs  schneidendste  gegenüber  und
verursachen  die  gewaltigsten  Konvulsionen.  Nirgends  so  wie  hier
lernt  man  die  Natur  der  Transportmittel  und  ihre  Wirkung  auf  das
geistige  und  materielle  Leben  der  Völker  kennen.  Dieses  Buch  habe
ich  begierig  und  fleißig  gelesen  und  die  daraus  geschöpften  Lehren
mit  den  Resultaten  meiner  früheren  Studien,  Erfahrungen  und  Reflexionen ­
  in  Einklang  zu  stellen  gesucht 2 ).
')  Wie  er  sagt  (Briefe  an  In&amp;amp;brsoll,  S.  173)  ist  es  diese  Tatsache  gewesen,  die  ihn
znm  Protektionismus  bekehrt  hat,  obgleich  er  vorher  Anhänger  Smith’s  und  Say’s  war.
2 J  Nat.  Syst.  Ausg.  Cotta,  1841,  SS.  XVI  u.  XVII,  Vorwort.
        <pb n="337" />
        Kapitel  IV.  Friedrich  List  und  die  nationale  Volkswirtschaftslehre.  315

Wenn  sich  in  dieser  Hinsicht  der  Lisi’sche  Protektionismus  an
das  Schauspiel  des  modernen  Wirtschaftslebens  anschließt,  so  verbindet
ihn  offenbar  eine  noch  engere  Verwandtschaft  mit  dem  früheren
Merkantilismus.  List  hat  denn  auch  seine  Bewunderung  für  die
Merkantilisten  und  besonders  für  Colbeet  niemals  verleugnet.  Er
beschuldigte  Smith  und  Say,  sie  verkannt  zu  haben,  und  behauptete
von  ihnen,  daß  sie  viel  eher  den  Namen  Merkantilisten  verdienten,  da
sie  die  krämerhafte,  kindliche  Auffassung:  „billig  einkaufen  und  teuer
verkaufen“,  auf  ganze  Nationen  anzuwenden  suchten.  In  zwei  wesentlichen ­
  Gesichtspunkten  jedoch  unterscheidet  er  sich  von  den  Merkantilisten. ­
  Einerseits  ersetzt  die  Idee  der  industriellen  Erziehung,
die  die  Gedanken  List’s  beherrscht,  in  glücklicher  Weise  die  der
günstigen  Handelsbilanz;  und  während  die  letztere  endgültig  von
der  Wissenschaft  verworfen  worden  ist,  ist  im  Gegenteil  die  erstere
keinem  prinzipiellen  Einwurf  ausgesetzt  und  ist  auch  von  Schriftstellern, ­
  die  so  entschieden  liberal  waren,  wie  Stuaet  Mill,  angenommen ­
  worden.  Andererseits  und  vor  allem  war  der  Merkantilismus ­
  im  XVII.  Jahrhundert  das  Instrument  einer  dauernden
Politik  nationaler  Exklusivität;  der  Schutzzoll  List’s  aber  ist  im
Hegenteil  in  seinen  Gedanken  ein  Mittel,  die  Völker  einer  gerechteren
Gemeinschaft  zuzuführen.  Er  ist  ein  Übergangssystem,  ein
Verfahren,  das  auf  den  Umständen  beruht.
Ebensowenig,  wie  das  System  List’s  ein  direkter  Nachkomme
des  alten  Merkantilismus  ist,  kann  es  als  Ursprung  des  modernen
Schutzzollsystems  angesehen  werden.  Sogar  in  Deutschland  war  der
praktische  Einfluß  des  Buches  zur  Zeit  seines  Erscheinens,  trotz  des
großen  literarischen  Erfolges,  keineswegs  von  Bedeutung,  —  wenn
Man  nicht  die  geringe  Zollerhöhung,  die  der  Zollverein  1846  beschloß, ­
  mit  ihm,  sowie  mit  dem  Kampf,  den  List  in  seiner  Zeitung  *)
für  den  Schutzzoll  führte,  in  Verbindung  bringen  will.  Die  liberalen
Reformen  des  englischen  Ministers  Peel,  die  im  gleichen  Jahre  durch
die  Abschaffung  der  Corn-Laws  gekrönt  wurden,  das  Aufsehen,  das
diese  Maßnahme  in  Europa  erregte,  und  die  offizielle  Bestätigung,  die
so  die  Ideen  Cobden’s  erhielten,  beherrschten  fast  vollständig  die
öffentliche  Meinung  und  lenkten  die  Handelspolitik  der  europäischen
Staaten  für  viele  Jahre  im  voraus  in  eine  liberale  Richtung.  Die
Politik  der  Handelsverträge,  mit  der  Napoleon  III.  den  Anfang
Machte,  gab  dieser  allgemeinen  Anschauung  Ausdruck.
Von  1879  ab  beginnt  eine  neue  schutzzöllnerische  Bewegung  in
Europa  einzusetzen.  Die  Nationen  errichten  zwischen  einander  immer
höhere  Zollschranken.  Können  die  neuen  Zolltarife,  die  nach  und
*)  Das  Zollvereinsblatt,  das  er  seit  1843  herausgab.
        <pb n="338" />
        316

Zweites  Buch.  Die  Gegner.

nach  in  Deutschland  und  Frankreich  zur  Anwendung  gelangen,  als
Ausfluß  der  Ideen  List’s  angesprochen  werden?
Anscheinend  nicht.  Keines  der  beiden  Länder,  und  ebensowenig
die  einem  energischen  Protektionismus  treu  gebliebenen  Vereinigten
Staaten,  hat  es  heute  noch  nötig,  seine  Industrie  zu  erziehen.  Schon
seit  langem  haben  sie  jenen  hoch  entwickelten  Zustand  erreicht,  der
nach  List  zur  vollen  Entfaltung  ihrer  Zivilisation  und  ihrer  Macht
notwendig  ist.  Im  besonderen  stehen  Deutschland  und  die  Vereinigten ­
  Staaten  England  in  dieser  Hinsicht  nicht  mehr  nach.  Ihre
Handels-  und  Kriegsflotten  sind  mächtig,  und  ihr  Kolonialreich  breitet
sich  ständig  aus.  Wenn  List  heute  wiederkehrte,  würde  er,  der
mit  solcher  Entschiedenheit  den  relativen  Wert  der  verschiedenen
Handelssysteme,  die  Notwendigkeit,  sie  den  wechselnden  Bedingungen
der  Zeitläufte  und  der  Völker  anzupassen,  betont  hat,  und  der  hohe
Zölle  immer  nur  als  vorübergehende  Maßregel  zuließ,  wahrscheinlich
auf  der  Seite  derer  sein,  die  eine  Erniedrigung  der  Zollschranken
gerade  im  Interesse  einer  freieren  Ausdehnung  der  produktiven
Kräfte  fordern.  Hat  er  nicht  selbst  angekündigt,  „daß  nach  Verlauf
einiger  Jahrzehnte  durch  die  Vervollkommnung  der  Transportmittel
die  zivilisierten  Nationen  der  Erde  in  Beziehung  auf  den  materiellen
wie  auf  den  geistigen  Verkehr  so  eng  oder  noch  enger  unter  sich
verbunden  sein  werden,  wie  vor  einem  Jahrhundert  die  verschiedenen
Grafschaften  von  England“ 1 )?
Die  einschneidenden  Veränderungen  der  wirtschaftlichen  Lage,
die  seit  60  Jahren  eingetreten  sind,  gestatten  heute  nicht  nur  nicht
mehr,  den  Schutzzoll  der  großen  handeltreibenden  Nationen  durch
die  Notwendigkeit  einer  „industriellen  Erziehung“  irgendwie  zu
rechtfertigen,  sondern  die  hauptsächlichsten  Merkmale  dieses  Systems
stehen  in  Widerspruch  mit  den  von  List  aufgestellten  Grundregeln.
Weit  davon  entfernt,  die  Landwirtschaft  ihrer  natürlichen  Entwicklung ­
  zu  überlassen,  wie  er  es  wollte,  hat  vielfach  gerade  der  Schutz
der  Landwirtschaft  (unter  anderem  in  Frankreich  und  in  Deutschland)
als  Vorwand  gedient,  den  Zolltarif  ganz  allgemein  zu  erhöhen.  Die
Konkurrenz  des  amerikanischen  Getreides  war  im  letzten  Viertel
des  19.  Jahrhunderts  die  brutale  Tatsache,  die  in  Europa  die  Ver-*)
  Nat.  Syst.  Ausg.  Cotta,  S.  190.  Wir  geben  übrigens  nicht  vor,  behaupten
zu  wollen,  daß  zur  Zeit  List’s  die  Lage  Deutschlands  stärker  als  heute  einen  Schutzzoll ­
  erheischte.  Man  kann  dies  bezweifeln,  wenn  man  daran  denkt,  daß  Chaptau
1819  von  Sachsen  sagte:  „daß  dieses  Land  sich  durch  seine  Industrie  in  den  ersten
Bang  der  Manufakturvölker  Europas  gestellt  habe“  (De  l’industrie  frangaise,
Bd.  I,  S.  75)  und  von  Preußen:  „daß  allein  schon  die  Industrie  Aachens  und  seiner
Umgebung  genügen  würde,  um  ein  Volk  auszuzeichnen“  (ebenda  S.  76),  und  wenn
man  sich  endlich  daran  erinnert,  daß  der  ganze  Grund  zu  dem  heutigen  Wohlstand
Deutschlands  unter  einem  höchst  liberalen  Eegierungssystem  gelegt  worden  ist.
        <pb n="339" />
        Kapitel  IV.  Friedrich  List  und  die  nationale  Volkswirtschaftslehre.  317

wirklichnng  der  optimistischen  Voraussagungen  List’s  über  die  notwendige ­
  Befruchtung  der  Landwirtschaft  durch  die  Industrie  verhindert ­
  hat.  Die  modernen  Zolltarife,  die  zur  gleichen  Zeit  die
landwirtschaftlichen  und  die  industriellen  Produkte  umfassen,  setzen
eine  ganz  andere  Schntzzollidee  voraus,  als  List  sie  hatte.  Für  ihn
sollte  sich  der  Schutzzoll  auf  gewisse  Hauptzweige  der  nationalen
Produktion  beschränken,  auf  die  Hanptindnstrien,  von  denen  die
anderen  ihren  Saft  ziehen,  wie  Zweige  aus  dem  Ast 1 ).  Hierdurch
allein  kann  die  Ausnahmestellung,  die  man  ihnen  gewährt,  gerechtfertigt ­
  werden.  Diese  rein  praktische  Auffassung  sucht  im  Schutzzoll ­
  nur  einen  energischen  Ansporn  und  ein  Mittel  des  Fortschritts.
Ein  Tarif  jedoch,  der  gleichmäßig  alle  Unternehmungen  schützt,  der
zwischen  befruchtenden  und  befruchteten  Industrien  keinen  Unterschied ­
  mehr  macht,  und  der  zur  gleichen  Zeit  alle  Preise  erhöht,  hat
als  einzige  Wirkung,  jeden  Produzenten  auf  der  einen  Seite  das  verlieren ­
  zu  lassen,  was  er  ihm  auf  der  anderen  gibt.  Ihre  gegenseitige
Lage  bleibt  dieselbe  wie  vorher,  und  der  Tarif  erscheint  nicht  mehr
als  ein  Mittel,  ihre  produktiven  Kräfte  anzuspornen,  sondern  als  ein
allgemeines  Verteidigungsmittel  der  fremden  Konkurrenz  gegenüber.
Er  ist  ausgeprägt  konservativ  und  furchtsam.
In  Wirklichkeit  sind  nun  Zolltarife  niemals  die  Anwendung  einer
wirtschaftlichen  Doktrin.  Sie  sind  das  Ergebnis  eines  Kompromisses  /
zwischen  mächtigen  Interessen,  die  oft  nichts  mit  dem  Allgemeininteresse ­
  gemein  haben,  und  dann  spielen  auch  politische,  finanzielle
nnd  wahltaktische  Rücksichten  bei  ihrer  Aufstellung  eine  oft  überwiegende ­
  Rolle.  Wir  müssen  daher  in  einer  anderen  Richtung,  nicht
in  den  bestehenden  Zolltarifen,  sondern  in  den  späteren  Doktrinen,
die  Spuren  der  schutzzöllnerischen  Gedanken  List’s  suchen  (wenn
sie  überhaupt  irgendwo  zu  finden  sind).
Das  einzige  vollständige  Schutzzollsystem,  das  seit  List  ans
Tageslicht  getreten  ist,  ist  das  des  Amerikaners  H.  C.  Carey  2 ).  In
seinen  ersten  Büchern  war  Caeey  Freihändler,  bis  er  sich  1848  zum
Schutzzoll  bekehrte..  Die  in  seinem  großen  Werke  Principles  of
')  Nat.  Syst.  Ausg.  Cotta,  S.  261—262.  „Auch  ist  es  keineswegs  erforderlich,
a t  alle  Industriezweige  auf  gleiche  Weise  beschützt  werden.  Besonderen  Schutz
erfordern  nur  die  wichtigsten  Zweige,  zu  deren  Betrieb  große  Anlags-  und  Betriebsapitale,
  viele  Maschinerie,  also  viele  technische  Kenntnisse,  Geschicklichkeiten  und
bungen  nnd  viele  Arbeiter  erfordert  werden  und  deren  Produkte  unter  die  ersten
Hensbedürfnisse  gehören,  folglich  in  Beziehung  auf  ihren  Totalwert  wie  auf  die
Nationale  Selbständigkeit  von  der  größten  Wichtigkeit  sind,  wie  z.  B.  die  Wollen-,
aumwollen-  und  Leinenfabriken  usw.  Werden  diese  Hauptzweige  gehörig  beschützt
,  .  a usgehildet,  so  ranken  alle  übrigen  minder  bedeutenden  Manufakturzweige  auch
61  geringerem  Schutz  an  ihnen  empor.“
2 )  Betreffs  Cabey,  siehe  unten,  Buch  III.
        <pb n="340" />
        318

Zweites  Buch.  Die  Gegner.

Social  Science,  das  1858  bis  1859  veröffentlicht  wurde,  niedergelegten ­
  Ideen  zeigen  eine  höchst  bemerkenswerte  Ähnlichkeit  mit
denen  seines  deutschen  Vorgängers.
Wie  List,  so  greift  auch  Caeey  die  industrielle  Vorherrschaft
Englands  an  und  stellt  dem  Ideal  einer  internationalen  Arbeitsteilung
das  Ideal  unabhängiger  Nationen  gegenüber,  von  denen  jede  sich
mit  allen  Zweigen  der  wirtschaftlichen  Tätigkeit  beschäftigt  und  so
ihre  eigene  Individualität  herausarbeitet.  Seiner  Ansicht  nach  strebt
der  Freihandel  danach,  „für  die  ganze  Welt  eine  einzige  Werkstatt
zu  errichten,  der  alle  Rohstoffe  der  Welt  zuzusenden  sind,  wodurch
sie  infolge  der  äußerst  hohen  Transportkosten  verteuert  werden“ 1 ).
Die  Wirkung  dieses  Systems  ist,  zugunsten  einer  Nation  die  Fortschritte ­
  aller  anderen  zu  verlangsamen  oder  zu  verhindern.  Denn
eine  Gesellschaft  schreitet  fort  und  bereichert  sich  um  so  mehr,  je
näher  sie  dem  Typus  einer  Produktivgenossenschaft  kommt,  die  zur
gleichen  Zeit  eine  unendliche  Anzahl  verschiedener  Arbeiten  ausführt,
Arbeiten,  die  einander  gegenseitig  als  Absatzgebiete  dienen  und  sich
gerade  dadurch  fördern,  daß  sie  auf  verhältnismäßig  engem  Raume
vereinigt  sind.  Nur  eine  derartige  Genossenschaft  ist  imstande,  die
„verborgenen  Fähigkeiten“  des  Menschen 2 )  zu  entwickeln  und  seine
Herrschaft  über  die  Natur  auszubreiten.  Auf  Grund  dieser  beiden
Hauptzüge  läßt  sich  der  wirtschaftliche  Fortschritt  definieren.  Es
ist  das  in  nur  wenig  abweichender  Form  die  Definition  der  „normalen
Nation“  oder  des  hoch  entwickelten  Zustandes,  der  Feiedeich  List
am  Herzen  lag.  Es  ist  das  auch  sein  Ideal  des  beständigen  Fortschrittes, ­
  der  der  Handelspolitik  an  Stelle  der  sofortigen  Bereicherung
als  Ziel  gesetzt  wird.
Wie  List,  aber  noch  eindringlicher  zeigt  Caeey  den  wohltätigen
Einfluß,  den  die  räumliche  Nähe  der  unter  dem  Schutzzoll  erwachsenen ­
  Industrien  auf  die  Landwirtschaft  hat.
Außer  den  uns  bereits  bekannten  Argumenten  jedoch,  die  Caeey
hinsichtlich  der  Vorteile  anführt,  die  die  Landwirte  aus  ihrer  Berührung ­
  mit  den  industriellen  Zentren  ziehen,  finden  wir  bei  ihm
Gründe  von  viel  geringerer  Schlagkraft,  denen  er  aber  eine  große
Bedeutung  beimißt:
Nach  Caeey  befreit  der  Schutzzoll,  indem  er  der  Landwirtschaft
nahe  gelegene  Absatzgebiete  verschafft,  den  Landwirt  von  dem  in
seinen  Augen  exorbitanten  Tribut,  den  er  den  Händlern  für  den
Transport  über  große  Entfernungen  zahlt.  Diese  Begründung,  die  List
nur  streift 3 ),  findet  Eich  bei  dem  amerikanischen  Schriftsteller  jeden
')  Caeey,  Principles  of  social  Science,  Bd.  I,  S.  419  der  franz.  Übers.
2 )  Ebenda,  Bd.  I,  S.  349.
3 )  Vgl.  Das  Nat.  System,  Bd.  II,  Kap.  XIII,  S.  232,  Ausg.  Cotta  1841.
        <pb n="341" />
        Kapitel  IY.  Friedrich  List  und  die  nationale  Volkswirtschaftslehre.  319

Augenblick  wieder.  Wenn  Amerika  aber,  wie  Stuart  Mill  sehr  richtig
bemerkt 1 ),  sich  dazu  hergibt,  diese  Kosten  zu  tragen,  so  ist  das  der
Beweis,  daß  es  sich  sogar  auf  diese  Weise  im  internationalen  Handel
mehr  Manufakturwaren  verschafft,  als  es  selbst  hersteilen  könnte.
Ein  nicht  weniger  fragwürdiges  Argument  ist  das  folgende:
Caeey  sagt,  daß  die  Ausfuhr  der  landwirtschaftlichen  Erzeugnisse
den  Boden  des  Landes  aussaugt,  denn,  da  diese  Produkte  nicht  an
Ort  und  Stelle  verzehrt  werden,  werden  auch  die  düngenden  Bestandteile, ­
  die  sie  enthalten,  dem  Boden  nicht  wieder  erstattet,  —  was
im  Gegenteil  der  Fall  sein  würde,  wenn  eine  gewerbliche  Bevölkerung
in  der  Nachbarschaft  säße 2 ).  Auch  hierzu  bemerkt  Stuart  Mill  sehr
richtig 3 ),  daß  es  nicht  der  Freihandel  ist,  der  Amerika  dazu  zwingt
sein  Getreide  auszuführen;  es  zeigt  damit  nur,  daß  die  Aussaugung
des  Bodens  als  ihm  ein  unbedeutendes  Übel  erscheint  gegenüber  den
Vorteilen,  die  ihm  diese  Ausfuhr  verschafft.
Weiterhin  hat  Caeey,  als  einer  der  ersten,  im  Schutzzoll  ein
Mittel  gesehen,  die  Löhne  zu  erhöhen:  der  höchst  entwickelte,  wirtschaftliche ­
  Zustand,  sagt  er,  schafft  unter  den  Unternehmern,  die
Arbeit  brauchen,  eine  lebhafte  Konkurrenz,  eine  Konkurrenz  von  der
natürlich  die  Arbeiter  profitieren.  —  Dieser  Vorteil  aber  (angenomm
er  existiert)  scheint  notwendigerweise  durch  die  Teuerung  der  Lebe:

mittel  mehr  als  aufgewogen  zu  werden.  ''!  i.  t~
Man  sieht,  wie  Carey,  wenn  er  auch  von  den  gleichen  Grundgedanken ­
  wie  List  ausgeht,  sein  Gebäude  auf  viel  weniger  soliden
Grundlagen  errichtet.  Durch  den  klaren  Aufbau  seiner  Gedanken
wie  durch  den  wissenschaftlichen  Wert  seiner  Ausführungen  ist  der
deutsche  Schriftsteller  seinem  amerikanischen  Nachfolger  bedeutend
überlegen.  Er  ist  auch  viel  gemäßigter.  Carey  begnügt  sich  nämlich ­
  nicht  mit  einem  Schutzzoll  für  die  Industrie.  Er  verlangt  auch
für  die  Landwirtschaft  einen  Schutzzoll;  und  die  geringen  Zölle,  die
List  vorschlägt,  genügen  ihm  durchaus  nicht.
Trotz  aller  ihrer  Berührungspunkte  ist  aber  Caeey  nicht  von
List  angeregt  worden.  Er  hat  das  nationale  System  gelesen
*)  Prinoiples  of  Political  Economy,  B.  V,  Kap.  X,  §  1.
2 )  „Von  allen  für  die  Zwecke  des  Menschen  notwendigen  Dingen  kann  der
Dünger,  der  doch  eines  der  bedeutendsten  ist,  am  wenigsten  den  Transport  vertragen.
Der  Boden  kann  nur  unter  der  Bedingung  fortfahren  zu  produzieren,  daß  man  ihm
die  Bestandteile,  aus  denen  sich  die  Ernte  zusammensetzt,  wieder  zuführt.  Wenn
Man  diese  Bedingung  erfüllt,  so  steigt  die  Menge  der  Lebensmittel,  die  Menschen
können  sich  mehr  einander  nähern  und  ihre  Kräfte  zusamraentun  und,  indem  sie  ihre
mdividuellen  Fähigkeiten  entwickeln,  vermehren  sie  ihren  Eeichtum;  und  doch  ist  diese
Bedingung  aller  Verbesserung,  trotzdem  sie  so  wesentlich  ist,  allen  Volkswirtschaftlern
entgangen.“  (Principles  of  Social  Science,  B.  I,  S.  312  der  franz.  Übers.)
3 )  Principles  of  Political  Economy,  B.  V,  Kap.  X,  §  1.
        <pb n="342" />
        320

Zweites  Buch.  Die  Gegner.

und  führt  es  an:  aber  er  hatte  schon  in  der  volkswirtschaftlichen
amerikanischen  Literatur  gleichartige  Anregungen  finden  können.
Mehr  als  alle  Bücher,  hat  das  wirtschaftliche  Leben  der  Vereinigten
Staaten  Amerikas,  das  sich  unter  seinen  Augen  entfaltete,  dazu  beigetragen, ­
  seine  Anschauungen  zu  bilden.  Indem  er  den  Fortschritt  der
Vereinigten  Staaten  unter  dem  Schutzzoll  konstatierte,  indem  er  in
diesem  ganz  neuen  und  kaum  bevölkerten  Lande  die  Produktivität  des
Bodens  mit  der  Kolonisation  wachsen  sah,  und  indem  er  beobachtete,  daß
der  Reichtum  in  dem  Maßstabe  wuchs,  wie  die  Bevölkerung  sich  verdichtete, ­
  kam  er  auf  den  Gedanken  einer  Politik  der  Isolierung,  um  die
Verwertung  der  enormen  Hilfsmittel  seiner  Heimat  zu  beschleunigen.
Glücklicher  als  List,  sah  er  seine  Ideen,  wenn  auch  nicht  von  den
wissenschaftlichen  Kreisen  seines  Landes,  (die  sich  in  der  Mehrzahl
ablehnend  verhielten),  so  doch  wenigstens  von  den  amerikanischen
Staatsmännern  angenommen,  die  sie  im  großen  ausführten 1  2 ).
Man  kann  daher  die  Lehre  Caeev’s  nicht  unmittelbar  auf  den
Einfluß  List’s  zurückführen.  Hat  List  nun  größeren  Einfluß  auf  die
europäischen  Doktrinen  ausgeübt?
Ohne  Zweifel  hat  er  viele  Freihändler,  unter  denen  der  bedeutendste ­
  Stuart  Mill  ist,  dazu  gebracht,  die  Idee  eines  zeitweiligen ­
  Schutzzolles  für  entstehende  Industrien  zuzulassen*).  Ihr
Zugeständnis  ist  jedoch  ziemlich  platonisch,  da  es  in  den  alten
Ländern,  deren  industrielle  Erziehung  abgeschlossen  ist,  keine  Bedeutung ­
  hat  und  sich  höchstens  für  neue  Länder  nützlich  erweist.
Können  sich  nun  die  modernen  Schutzzöllner  mit  Recht  auf  List
berufen  ?
Es  ist  nicht  immer  leicht,  —  da  kein  Werk  vorhanden  ist,  das
ihre  Ideen  systematisch  darlegt,  —  diese  Ideen  aus  der  Unmasse
von  Aufsätzen,  Reden  und  Broschüren,  in  denen  sie  sich  zerstreut
finden  3 ),  auszusondern.  Wenn  man  die  beiseite  läßt,  die  sich  darauf
*)  Vgl.  hierüber  Jenks:  Henry  C.  Carey  als  Nationalökonom,  Jena
1885,  Kap.  1.
2 )  Vgl.  die  lange  Stelle  der  Principles,  B.  V,  Kap.  X,  §  1,  die  wie  folgt
beginnt:  „Der  einzige  Kall,  in  dem,  nur  auf  Grund  der  Prinzipien  der  Volkswirtschaftslehre, ­
  Schutzzölle  verteidigt  werden  können,  ist  der,  in  dem  sie  zeitweilig  eingeführt
werden  (besonders  von  einer  jungen  und  fortschreitenden  Nation),  in  der  Hoffnung,
eine  ausländische  Industrie  einzubürgern,  die  an  und  für  sich  durchaus  den  Bedingungen
des  Landes  angepallt  ist.  Die  Überlegenheit  eines  Landes  über  ein  anderes  kommt
oft  nur  davon  her,  daß  es  früher  angefangen  hat  .  .  usw.  Doch  erwähnt  Stuart
Mill  List  nicht,  und  man  darf  sich  fragen,  ob  die  erwähnte  Stelle  wirklich  auf
dessen  Einfluß  zurückzuführen  ist.
3 )  CAuwks  muß  besonders  betrachtet  werden,  dessen  Protektionismus  im  Gegenteil ­
  als  eine  höchst  rationelle  Anpassung  einer  Idee  Lists  betrachtet  werden  kann,
nämlich:  der  Überlegenheit  der  Nationen  mit  hochentwickeltem  Wirtschaftsleben.
Es  ist  das  das  einzige  wirtschaftliche  System  des  Schutzzolls,  das  wir  heute  kennen.
        <pb n="343" />
        Kapitel  IV.  Friedrich  List  und  die  nationale  Volkswirtschaftslehre.  32  L

beschränken,  die  merkantilistische  Theorie  der  Handelsbilanz  zu  wiederholen ­
  1 ),  so  scheint  sich  die  Mehrheit  mehr  oder  weniger  klar  auf  zwei
Hauptgedanken  zu  stützen:  1.  Auf  das  Interesse  einer  Nation,  sich  die
wirtschaftliche  Selbständigkeit  zu  erwerben;  2.  auf  die
patriotische  Notwendigkeit,  den  nationalen  Produzenten  den
nationalen  Markt  vorzubehalten 2 ).  Wenn  diese  beiden  Gesichtspunkte, ­
  die  mehr  oder  weniger  oifen  eingestanden  und  als
politische  Eichtschnur  genommen  werden,  in  ihren  logischen  Konsequenzen ­
  angewendet  würden,  so  würde  das  darauf  hinauslaufen,
jeden  äußeren  Handel  unnötig  zu  machen,  eine  Nation  für  immer
auf  die  ihr  zufällig  durch  die  Natur  gewährten  Hilfsmittel  zu  beschränken ­
  und  ihren  Anteil  an  denen,  die  die  übrige  Welt  besitzt,
auf  ein  Minimum  zu  reduzieren.  Sicherlich  sind  diese  beiden  Gedanken ­
  List  nicht  ganz  fremd  gewesen.  Bei  ihm  aber  haben  sie
«inen  sekundären  und  untergeordneten  Charakter.  Niemals  hat  er  sie
als  dauernde  Grundlage  einer  Handelspolitik  in  Betracht  gezogen.
List  spricht  oft  davon,  die  Industrie  einer  Nation  vom  Auslands-Doch
  muß  zugegeben  werden,  daß  die  Mehrzahl  der  schutzzöllnerischen  Schriftsteller
sich  nur  recht  lose  mit  dem  Standpunkt  Caüwüs  in  Verbindung  bringen  lassen.
Vgl.  seinen  Cours  d’Economie  Politique,  3.  Ausg.,  Bd.  III.
‘)  Wie  z.  B.  die  Volkswirtschaftler,  die  beständig  von  dem  „Handelsdefizit“
sprechen,  d.  b.  von  der  ungünstigen  Handelsbilanz.  Trotz  der  zahlreichen  Widerlegungen
  dieses  Argumentes  wird  es  doch  oft  als  eine  selbstverständliche  Wahrheit
angeführt.  Auch  List  hatte  die  übertriebene  Gleichgültigkeit  der,,  Schule  gegenüber
dem  Gleichgewicht  der  Ein-  und  Ausfuhr  kritisiert.  Doch  tat  er  es  nicht  auf  Grund
der  merkantilistischen  Theorie  der  Handelsbilanz,  die  er  im  Gegenteil  als  abgetan
ansieht  (vgl.  S.  393,  401  u.  405).  Er  stellt  sich  vielmehr  auf  einen  besonderen  Standpunkt: ­
  den  Geldstandpunkt.  Wenn,  sagt  er,  eine  Nation  viel  einführt  und  auf  der
anderen  Seite  nicht  entsprechende  Warenmengen  ausführt,  kann  sie  dazu  gezwungen
werden,  als  Zahlung  Edelmetalle  liefern  zu  müssen,  deren  Abfluß  bei  ihr  eine  Geldkrise ­
  herbeiführen  kann.  Die  Gleichgültigkeit  der.Sohule’mit  Hinsicht  auf  die  mehr
oder  weniger  große  Menge  Geldes  ist  daher  übertrieben  (B.  II,  Kap.  XXIII).  Wie  man
weiß,  ist  gerade  die  Diskontopolitik  der  großen  Zentralbanken  heute  darauf  gerichtet,
den  vorübergehenden  Spannungen  des  Geldmarktes,  die  auf  übertriebenen  Einfuhren
beruhen,  zu  begegnen  und  diese  Methode  ist  selbstverständlich  bei  weitem  wirksamer
als  der  Protektionismus.
2 )  Einzelne  gehen  sogar  viel  weiter.  Patten  (Eondements  economiques
•le  la  protection,  franz.  Übers.,  Paris  1899)  will  einen  einem  Jeden  Lande  eigentümlichen ­
  Nationaltypus  schaffen,  der  die  Einwohner  eines  jeden  Landes  zwingt,
sich  nur  nach  den  natürlichen  Hilfsquellen  des  Landes  zu  ernähren  und  zu  kleiden.
&amp;amp;o  würde  man  einen  „amerikanischen  Typus“  schaffen,  der  natürlich  allen  europäischen
typen  unendlich  überlegen  sein  würde!  „Dann“,  sagt  er,  „können  wir  uns  damit
befassen,  einen  überwiegenden  Einfluß  auf  das  Schicksal  der  anderen  Völker  auszuüben
  und  sie  dazu  zwingen  (sic!),  ihre  jetzige  wirtschaftliche  Verfassung  aufzugeben,
üm  einen  höheren  sozialen  Zustand  anzunehmen“  (S.  210).  Bis  dahin  gibt  es  keine
ausländische  Einfuhr!  Wie  häufig  verschmilzt  doch  das  Schutzzollsystem  mit  dem.
Nationalismus  oder  dem  Imperialismus!
Gide  und  Rist,  Gesell,  d.  Volkswirtschaft!.  Lehrmeinungen.

21
        <pb n="344" />
        322

Zweites  Bach.  Die  Gegner.

markt  „unabhängig“  zu  machen.  Er  nennt  die  Nation  die  reichste,,
„welche  die  Fabrikationskräfte  nach  allen  Verzweigungen  innerhalb»
ihres  Territoriums  zur  höchsten  Vollkommenheit  ausgebildet  hat,  und
deren  Territorium  und  landwirtschaftliche  Produktion  groß  genug  ist r
um  ihre  Fabrikbevölkerung  mit  dem  größten  Teil  der  erforderlichen
Lebensmittel  und  Rohstoffe  zu  versehen“  (8.  227/228).  Er  erkennt,
aber  zugleich  an,  daß  diese  Vorteile  ein  Ausnahmeprivilegium  sind,
und  er  nennt  es  „Torheit“,  wenn  eine  Nation  „Produkte,  in  deren
Hervorbringung  sie  von  der  Natur  nicht  begünstigt  ist,  und  die  sie
besser  und  wohlfeiler  vermittelst  der  internationalen  Arbeitsteilung,
d.  h.  durch  den  auswärtigen  Handel  sich  verschaffen  kann,  vermittels ­
  der  nationalen  Arbeitsteilung,  d.  h.  durch  Produktion  im
Innern  sich  verschaffen  wollte“  (S.  238).  Die  vollständige  Selbständigkeit ­
  ist  daher  für  ihn  ein  unerreichbares  Ideal.  Man  kann
jedoch  nicht  leugnen,  daß  er  durch  gewisse  Ausdrücke  dazu  beigetragen ­
  hat,  der  falschen  Idee  Vorschub  zu  leisten,  als  ob  ein  Land,
das  einen  bedeutenden  Teil  seines  Verbrauches  dem  Auslande  entnimmt, ­
  nun  vom  Auslande  abhängig  sei 1 ).  In  Wirklichkeit  hängt
es  nicht  mehr  vom  Auslande  ab,  als  das  Ausland  von  ihm  abhängig
ist.  Zwischen  Käufer  und  Verkäufer  ist  die  Abhängigkeit  durchaus
gegenseitig.  Nur  in  einem  Falle  kann  der  Ausdruck  gerechtfertigt
werden:  wenn  ein  fremdes  Land  alleiniger  Lieferant  gewisser
Waren  geworden  ist;  in  dieser  Hinsicht  hält  es  dann  den  Käufer  in
seiner  Macht.  List  hatte  eben  das  Manufakturmonopol  Englands  im
Auge,  aber  dieses  Monopol  besteht  heute  nicht  mehr.  ^
List  spricht  auch  davon,  „daß  es  zehnmal  wichtiger  ist,  den
inneren  Markt  ...  zu  sichern“  (8.  270  u.  276).  Diese  Garantie  ist
aber  in  seinen  Gedanken  notwendigerweise  auf  d  i  e  Zeit  beschränkt,
während  der  eine  Nation  sich  bemüht,  eine  Industrie  zu  schaffen,
denn  später  wird  im  Gegenteil  die  fremde  Konkurrenz  erwünscht
sein,  „um  die  Fabrikanten  und  Kaufleute  vor  Rückschritten  und
Nachlässigkeit  zu  bewahren“  2 ).

')  „Nat.  Syst,  Ausg.  Cotta,  1841,  S.  263:  „Der  bloße  Agrikulturstaat  ist  ein
unendlich  minder  vollkommener  Zustand  als  der  Agrikultur-Manufakturstaat.  Ersterer
ist  immer  ökonomisch  und  politisch  mehr  oder  weniger  von  denjenigen  Nationen
abhängig,  die  ihm  Agriknlturprodukte  gegen  Manufakturwaren  abnehmen.  Er  kann
nicht  für  sich  selbst  bestimmen,  wie  viel  er  produzieren  will,  er  muß  warten,  wieviel ­
  andere  von  ihm  kaufen  wollen.“
2 )  „Eine  zur  Manufaktursuprematie  gelangte  Nation  vermag  nur  durch  freie
Einfuhr  von  Lebensmitteln  und  Rohstoffen,  und  durch  die  Konkurrenz  fremder
Manufakturwaren  ihre  eigenen  Manufakturisten  und  Kaufleute  gegen  Rückschritte
und  Indolenz  zu  bewahren“  (Nat.  Syst.  S.  274,  Ausg.  Cotta,  1841).  England  gibt
er  auf  Grund  dieser  Theorie  den  Rat,  seine  Zollschranken  fallen  zu  lassen,  während
Erankreich,  Deutschland  und  die  Vereinigten  Staaten  die  ihren  beibehalten  dürfen-
        <pb n="345" />
        Kapitel  IV.  Friedrich.  List  und  die  nationale  Volkswirtschaftslehre.  323

In  keinem  Augenblick  hat  List  daran  gedacht,  aus  der  wirtschaftlichen ­
  Selbständigkeit  oder  der  Gewährleistung  des  Binnenmarktes ­
  den  Angelpunkt  einer  schutzzöllnerischen  Politik  zu  machen.
Die  Schaffung  einer  einheimischen  Industrie  ist  für  ihn  die  einzig
mögliche  Rechtfertigung  der  Schutzzölle,  und  gerade  diesen  Punkt
können  die  modernen  Schutzzöllner  nicht  betonen,  ohne  einen
Anachronismus  zu  begehen.
So  hat  der  Protektionismus  List’s  weder  in  der  praktischen
Politik  noch  in  der  wissenschaftlichen  Theorie  bleibende  Spuren  hinterlassen. ­
  In  anderer  Richtung,  in  seinen  allgemeinen  Gesichtspunkten,
muß  die  Quelle  seines  Einflusses  und  die  Gründe  seiner  Bedeutung
für  die  Geschichte  der  wirtschaftlichen  Ideen  gesucht  werden.
§  3.  Die  wirkliche  Originalität  List’s.
Schon  in  seiner  Methode  ist  er  ein  Bahnbrecher.  Als  erster
verwendet  er  die  Geschichte  und  die  geschichtliche  Vergleichung  als  /•■
Beweisführung  in  der  Nationalökonomie;  und  wenn  er  auch  keinen
Anspruch  auf  den  Namen  eines  Gründers  erheben  kann,  so  gestattet
doch  die  glänzende  Art  und  Weise,  in  der  er  hierin  vorgegangen  ist,
ihn  neben  und  sogar  über  die  zu  stellen,  die  zur  gleichen  Zeit  und
nicht  ohne  ziemliche  Übertreibung  versuchten,  aus  der  Geschichte  das
Hauptinstrument  wirtschaftlicher  Untersuchungen  zu  machen,  indem
sie  „eine  historische  Schule“  schufen.
Außerdem  hat  List  in  die  Ökonomik  neue  und  fruchtbare  Gesichtspunkte ­
  eingeführt.  Das  Prinzip  des  freien  Austausches,  so
wie  Smith  und  noch  mehr  Say  und  Kicaedo  es  formuliert  hatten,
War  ohne  Frage  zu  absolut  und  beruhte  auf  einer  zu  abstrakten
Beweisführung,  um  für  den  Staatsmann  von  irgendwelchem  Nutzen
zu  sein.  Wenn,  wie  List  sehr  richtig  ausführt,  die  Praxis  der
Handelsnationen  so  lange  gegen  eine  Lehre  verstoßen  hat,  die  alle
Volkswirtschaftler  für  bewunderungswürdig  erklärten,  so  muß  hierfür
irgendein  Grund  vorhanden  sein.  Wie  soll  denn  auch  ein  Staatsmann
handeln,  wenn  er  sich  nicht  auf  den  Standpunkt  der  nationalen  Interessen ­
  stellt,  deren  Leitung  ihm  anvertraut  ist?  Ihm  genügt  es  nicht
zu  wissen,  daß  die  Verbindung  der  Märkte  irgendwo  ein  Anwachsen ­
  des  Reichtums  hervorruft r );  er  muß  sicher  sein,  daß  sein
eigenes  Volk  von  diesem  Wachstum  profitiert.  Er  muß  gleichzeitig
sicher  sein,  daß  die  Freiheit  des  Tauschhandels  nicht  zu  plötzliche
*)  Siehe  in  dem  letzten  Werk  V.  Paebto’s  (Economia  Politica,  Mailand  1906)
üen  Nachweis,  daß  der  internationale  Austausch  nicht  notwendigerweise  beiden  Teilen
günstig  ist  (Kap.  IV,  §  45).

21*
        <pb n="346" />
        324

Zweites  Buch.  Die  Gegner.

Verschiebungen  in  der  Bevölkerung  oder  der  Industrie  hervorruft,
deren  soziale  und  politische  Rückwirkungen  verhängnisvoll
sein  können.  Mit  anderen  Worten,  für  den  Staatsmann  muß  die
Politik  des  Wirtschaftslebens  der  allgemeinen  Politik  untergeordnet
werden.  Heute  gibt  es  keinen  Volkswirtschaftler,  der  die  Unmöglichkeit, ­
  die  Wissenschaft  von  der  Wirklichkeit  zu  trennen,  nicht  einsähe ­
 1 ),  und  keinen,  der  sich  nicht  des  Einflusses  der  politischen
Macht  auf  den  volkswirtschaftlichen  Wohlstand  bewußt  wäre;  und
weiter  gibt  es  keinen,  der  nicht  die  Notwendigkeit  zahlreicher  Einschränkungen ­
  der  absoluten  Handelsfreiheit  anerkennte,  wie  sie  die
besondere  Lage  eines  jeden  Landes  in  der  Praxis  erfordert.
Auch  das  ist  aber  noch  nicht  alles.  Indem  List  aufhörte,  den
Menschen  an  sich,  wie  es  die  Schriftsteller  des  18.  Jahrhunderts  getan
hatten,  der  Gesellschaft  an  sich  gegenüber  zu  stellen,  sondern  ihn,  wie
es  in  der  Wirklichkeit  der  Fall  ist,  der  Nation  einordnete,  hat  er  einen
fruchtbaren  Gesichtspunkt  eingeführt,  aus  dem  man  vielleicht  noch
nicht  alle  Schlußfolgerungen  gezogen  hat.  Er  betrachtet  mit  Recht
die  Nationen  nicht  nur  als  moralische  und  politische  Genossenschaften,
die  durch  die  Geschichte  geschaffen  worden  sind,  sondern  auch  als
wirtschaftliche  Genossenschaften.  Ebenso  wie  eine  Nation  sich
politisch  durch  den  auf  der  Moral  beruhenden  Zusammenhang  ihrer
Bürger  kräftigt,  so  wächst  auch  mit  dem  wirtschaftlichen  Zusammenhang ­
  die  produktive  Kraft  eines  jeden  und  sein  eigener  Wohlstand.
So  wie  die  Regierung  beauftragt  ist,  die  politische  Einheit  des
Landes  aufrecht  zu  erhalten,  so  ist  es  auch  ihre  Pflicht,  die  wirtschaftliche ­
  Einheit  zu  festigen  und  zu  erhalten,  indem  sie  lokale
Interessen  dem  allgemeinen  Interesse  unterordnet,  die  Handelsfreiheit
im  Innern  stützt,  Eisenbahnen  und  Kanäle  nach  einem  nationalem
Plane  organisiert,  durch  eine  Zentralbank  den  Geldumlauf  überwacht,
eine  einheitliche  Handelsgesetzgebung  ausarbeitet  usw.
Dies  ist  das  von  List  in  seiner  Zeitung,  dem  Zollvereinsblatt, ­
  aufgestellte  Programm.
Dieses  Gefühl  der  Macht,  das  eine  einheitliche  wirtschaftliche
Organisation  einem  Volke  verleiht,  ein  Gefühl,  das  auch  heute  noch
’)  Doch  ist  die  Richtschnur  manchmal  recht  schwer  zu  finden.  In  den  letzten
Jahren  ist  weniger  die  Frage  über  die  Ausfuhr  von  Waren,  als  die  über  die  Abwanderung ­
  von  Kapitalien  in  den  Vordergrund  getreten.  Kann  das  Ministerium  des
Auswärtigen  sein  Veto  gegen  die  Emission  einer  Anleihe  auf  dem  inneren  Markt  durch
einen  fremden  Staat  odereine  ausländische  Gesellschaft  einlegen?  Innerhalb  welcher
Grenzen  würden  die  Banken  und  Kapitalisten  gehalten  sein,  sich  seinem  Ratschlag
zu  fügen?  Beides  Fragen,  die  seit  einigen  Jahren  sich  mehr  und  mehr  in  Frankreich, ­
  in  England  und  in  Deutschland  auf  gedrängt  haben.  Anscheinend  hat  sich  in
fast  allen  Fällen  die  Volkswirtschaft  häufiger  den  Notwendigkeiten  der  Politik
gebeugt,  als  umgekehrt.
        <pb n="347" />
        Kapitel  IV.  Friedrich  List  und  die  nationale  Volkswirtschaftslehre.  325

so  vielen  fehlt,  die  sich  für  Individualisten  halten  und  im  Grunde
weiter  nichts  als  Partikularisten  sind,  besaß  List  in  höchstem  Grade.
Er  widmete  zahlreiche  Jahre  seines  Lebens  der  Aufgabe,  seinem
Lande  die  Notwendigkeit  der  Errichtung  von  Eisenbahnlinien  zu
verkünden  und  zeichnete  im  voraus  den  Plan  der  Hauptlinien,  die
seitdem  in  Deutschland  gebaut  worden  sind.  Für  ihn  war  der  Schutzzoll ­
  nur  eins  der  MitteL  das  wirtschaftliche  Gefüge  Deutschlands
fester  zu  gestalten  und  zwar  auf  Grund  der  Interessenübereinstimmung, ­
  die  das  Vorhandensein  einer  mächtigen  Industrie  hier  schaffen
würde.
Auf  diese  Weise  hat  derselbe  Mann  seine  Arbeit  mit  dem  gleichen
Enthusiasmus  und  unter  dem  Ansporn  der  gleichen  Idee  einem  sich
scheinbar  widersprechenden  Werke  Avidmen  können:  der  Abschaffung,
der  Binnenzollschranken  und  der  Einführung  von  Schutzzöllen.  —
Heute  können  wir  uns  leicht  eine  nationale  Volkswirtschaft  vorstellen, ­
  in  deren  Programm  keine  Schutzzölle  enthalten  sind,  und  die
sich  dennoch  mit  vollem  Recht  auf  List  berufen  kann  X J.
Und  schließlich  hat  List  den  politischen  Horizont  der  klassischen
Schriftsteller  erweitert,  indem  er  an  Stelle  ihrer  rein  statischen
Auffassung  eine  dynamische  Auffassung  des  Volkswohlstandes,
setzte.  Er  hat  so  die  Lehre  vom  internationalen  Handel  um  denselben ­
  Gedanken  bereichert,  den  Sismondi  in  die  innere  Nationalökonomie ­
  eingeführt  hat:  nämlich  die  Sorge  um  den  wirtschaftlichen  '
Fortschritt.  Doch  statt  ihn  wie  Sismondi  hemmen  zu  wollen,  will  er
ihn  anspornen.  Deshalb  weist  er  dem  Staate  eine  aktive  Rolle  zu:
er  stellt  ihm  die  Aufgabe,  die  Quellen  des  zukünftigen  Wohlstandes
des  Landes  zu  pflegen,  indem  er  seine  Produktivkräfte  anregt 2 )  Der&amp;amp;w®^,^

')  Es  ist  äußerst  bemerkenswert,  daß  der  größte  Bewunderer  Lxst’s,  Dühring
in  seiner  Kritischen  Geschichte  der  Nationalökonomie  und  des  Sozialismus ­
  (2.  Ausg.  S.  362ff.)  besonderen  Nachdruck  darauf  gelegt  hat,  daß  der
Protektionismus  nicht  ein  wesentlicher  Bestandteil,  sondern  nur  eine  vorübergehende
Form  des  größeren  Prinzips  der  nationalen  wirtschaftlichen  Solidarität  sei,  die  die
grundlegende  Auffassung  List’s  ist,  und  die  den  Protektionismus  überleben  muß.
Dühring  ist  der  einzige  wirkliche  Nachfolger  der  Ideen  List’s  und  Carev’s;  er  hat
sie  mit  großem  Talent  und  in  einer  bemerkenswerten  wissenschaftlichen  AVeise  ent-Avickelt.
  Was  er  aber  am  meisten  bei  diesen  beiden  Schriftstellern  bewundert,  ist
uicht  ihr  Schutzzollsystem,  sondern  ihr  Streben,  hinter  den  einfachen  Tatsachen  des
Tausches  die  materiellen  und  moralischen  Kräfte  zu  fassen,  auf  denen  der  AVohlstand
und  die  Zukunft  eines  Landes  beruhen.  Er  hat  einen  Kursus  der  Nationalvnd
  Sozialökonomie  (Berlin,  1873)  verfaßt,  der  äußerst  interessant  ist.
2 )  Nur  die  Saint-Simonisten  hatten  vor  ihm  den  Staat  in  gleicher  Weise  aufgefaßt
und  ihm  die  Aufgabe  zugewiesen,  die  produktiven  Kräfte  in  Bewegung  zu  setzen.  List
spricht  von  ihnen  mit  Sympathie,  besonders  von  denen,  die,  wie  Michel  Chevalier
»das  Verhältnis  ihrer  Lehre  zu  der  der  früheren  Schule  zu  ermitteln  und  ihre  Ideen
®it  den  bestehenden  Zuständen  in  Verbindung  zu  bringen  versucht  haben“  (S.  491,
        <pb n="348" />
        326

Zweites  Buch.  Die  Gegner.

Weg,  den  List  verschlägt  —  Schutzzölle  —  mag  uns  nicht  sehr
glücklich  gewählt  verkommen.  Aber  die  Idee,  die  seine  Wahl  bestimmte ­
  —  der  Begriff  einer  positiven  wirtschaftlichen  Kelle,  die  der
Regierung  im  Namen  der  zukünftigen  Interessen  beigelegt  wird,  —
bleibt  richtig.  Auch  wenn  sie  uns  heute  fast  banal  erscheint,  war
sie  doch  zur  Zeit,  als  List  sich  zu  ihrem  Verteidiger  aufwarf,  ein
ganz  neuer  Gedanke.
Wenn  man  daher  versucht,  die  wirkliche  Tragweite  des  Werkes
List’s  klarzustellen,  so  bemerkt  man,  daß  er  den  unmittelbaren  Zweck,
den  er  verfolgte,  nicht  erreicht  hat.  Der  abstrakten  Theorie  des
internationalen  Handels  hat  er  keinen  Abbruch  getan.  Dafür  hat  er
aber  zu  dem  Gebäude  der  Beweisführung,  das  das  ganze  XIX.  Jahrhundert ­
  aufzurichten  bemüht  war,  einen  höchst  wichtigen  Stein  gefügt: ­
  nämlich,  daß  die  Klassiker  die  allgemeinen  praktischen  Schlußfolgerungen ­
  ihrer  Theorien  zu  schnell  gezogen  hatten,  da  sie  vergaßen, ­
  daß  man  im  wirtschaftlichen  Leben  nicht  von  der  reinen
Theorie  zu  ihrer  praktischen  Anwendung  schreiten  kann,  ohne  alle
die  Bedingungen  der  Zeit,  des  Raumes  und  der  Umwelt  wieder  in
die  Rechnung  einzusetzen,  von  denen  man  vorher  zum  Zwecke  der
Abstraktion  berechtigterweise  abgesehen  hatte.  Das  Verdienst  List’s
ist  es,  diese  Wahrheit  mit  Hinsicht  auf  den  internationalen  Handel
und  für  seine  Zeit  klar  hervorgehoben  zu  haben.  ,4V  .£&amp;gt;  ,

Kapitel  V.
Proudhon  und  der  Sozialismus  von  1848.
Die  Stellung  Peoudhon’s  in  der  Geschichte  der  wirtschaftlichen
Doktrinen  läßt  sich  ungefähr  wie  folgt  definieren.  Wie  bei  allen
Sozialisten  ist  auch  sein  Ausgangspunkt  eine  Kritik  des  Eigentumrechtes. ­
  Dieses  Recht  jedoch,  das  die  Ökonomisten  sich  sorgfältig
gehütet  hatten,  in  ihre  Untersuchungen  einzubeziehen,  wodurch  sie
die  Volkswirtschaft  zu  einer  einfachen  Zusammenstellung  der  „routines
proprietaires“  (Schema  F  des  Eigentums!)  umwandelten,  ist  in  seinen
Augen  die  Grundlage  unseres  sozialen  Systems  und  erklärt  alle  ihre
Ungerechtigkeiten.  Peoudhon  beginnt  daher  mit  einem  Angriff  gegen
das  Eigentum  und  gegen  die  Volks  Wirtschaftler,  die  es  verteidigen.

Ausg.  Cotta  1841,  Nat.  Syst.).  Doch  er  trennt  sich  von  ihnen  durch  seine  Vorliebe
für  individuelle  Freiheit  und  die  Bedeutung,  die  er  unter  den  produktiven  Kräften
der  moralischen,  intellektuellen  und  politischen  Freiheit  gibt.
        <pb n="349" />
        Kapitel  Y.  Proudhon  und  der  Sozialismus  von  1848.

327

Wie  soll  aber  das  bestehende  System  reformiert  werden?  Was
soll  an  seine  Stelle  treten?  Hierin  liegt  die  Schwierigkeit.  Wenn
Proudhon  20  Jahre  früher  geboren  worden  wäre,  würde  er,  wie  so
viel  andere,  wahrscheinlich  irgendeine  Utopie  erdacht  haben.  Was
aber  1820  möglich  war,  war  25  Jahre  später  unmöglich.  Die  verschiedensten ­
  sozialistischen  Systeme  hatten  schon  die  Öffentlichkeit
beschäftigt.  Owen,  die  Saint-Simonisten,  Fourier,  Gäbet  und  Louis
Blanc  haben  ihre  Heilmittel  ungebeten.  Fast  alle  Wege,  die  der
Phantasie  der  Reformatoren  offen  standen,  waren  schon  vor  ihm  versucht ­
  worden.  Proudhon  kennt  alle  diese  Versuche,  untersucht  sie
und  kommt  zu  dem  Schluß,  daß  sie  alle  in  einer  Sackgasse  endigen.
So  schließt  sich  der  Kritik  der  Ökonomisten  die  des  Sozialismus  an.
Es  handelte  sich  also  darum,  einen  Ausweg  zu  finden,  die  Fehler
■des  Privateigentums  zu  verbessern,  ohne  doch  in  die  „unheilbare
Dummheit“  des  Sozialismus  zu  verfallen.  Instinktiv  weist  er  alle
Utopien  zurück.  Die  Erfinder,  die  die  Gesellschaft  wie  eine  Maschine
behandeln  möchten  und  glauben,  daß  es  nur  nötig  sei,  irgend  einen
geistreichen  „Trick“  zu  finden,  um  allen  Erschütterungen  vorzubeugen
und  die  Maschine  im  Gang  zu  halten,  sind  ihm  zuwider.  Für  ihn
ist  das  soziale  Leben  ein  beständiger  Fortschritt 1 )-  Er  weiß,  daß  es
Zeit  braucht,  um  die  widerstrebenden  Kräfte,  die  in  einer  Gesellschaft
aufeinander  stoßen,  zu  versöhnen.  Mit  der  Lösung  dieser  schwierigen
Aufgabe  beschäftigt,  wurde  Proudhon  durch  den  Ausbruch  der
Revolution  von  1848  zu  tatkräftigem  Eingreifen  gezwungen  und  in
■die  Notwendigkeit  versetzt,  seinen  Ideen  eine  konkrete,  leicht  faßliche
Form  zu  geben.  Anstatt  zu  kritisieren,  soll  er  jetzt  aufbauen!  So
zimmert  er,  fast  gegen  seinen  Willen,  eine  Utopie  zurecht:  Die
Tauschbank  (La  Banque  d’echange).
‘)  Philosophie  du  progres,  (Buvres,  Bd.  XX,  S.19:  „Da  das  wesentliche
•des  Geistes  die  Bewegung  ist,  —  ist  die  Wahrheit,  d.  h.  die  Wirklichkeit,  und  zwar
ebenso  in  der  Natur,  wie  in  der  Zivilisation,  wesentlich  historisch,  und  dem  Fortschritt, ­
  der  Umwandlung,  der  Entwicklung  und  der  Verwandlung  unterworfen.“  In
den  Contradictions  economiques  sagt  er:  „Die  soziale  Wissenschaft  ist  die  auf
■die  Vernunft  gegründete,  systematische  Kenntnis,  nicht  dessen,  was  die  Gesellschaft
gewesen  ist,  nicht  dessen,  was  sie  sein  wird,  sondern  dessen,  was  sie  in  ihrem
ganzen  Leben  ist,  d.  h.  was  sie  in  der  Gesamtheit  ihrer  aufeinander  folgenden
Kundgebungen  ist,  denn  nur  da  kann  es  Vernunft  und  System  geben  (Bd.  I,  S.  43).
Indem  wir  diesen  Begriff  z.  B.  auf  die  Organisation  der  Arbeit  anwenden,  „sagen
V'ir  nicht,  wie  die  Volkswirtschaftler,  daß  sie  schon  organisiert  sei,  noch  auch  wie
die  Sozialisten,  daß  sie  organisiert  werden  müsse,  sondern,  daß  sie  sich  organisiere,
d-  h,,  daß  sie  seit  dem  Anbeginn  damit  beschäftigt  sei,  sich  zu  organisieren,  und
damit  bis  zum  Ende  der  Dinge  fortfahren  werde  ..  .;  die  ganze  Aufgabe  der  Wissenschaft ­
  besteht  darin,  auf  Grund  der  vorliegenden  Ergebnisse  und  der  in  der  Bildung
begriffenen  Phänomen  beständig  danach  zu  suchen,  welches  die  sofort  verwirklichbaren ­
  Neuerungen  sind“  (Bd.  I,  S.  45).
        <pb n="350" />
        328

Zweites  Buch.  Die  Gegner.

Die  Lösung,  die  andere  in  einer  Umwälzung  der  Produktion  oder
der  Güterverteilung  gesucht  hatten,  glaubt  Pkoudhon  in  einer  Reform
des  Umlaufs  zu  finden.  Der  Gedanke  ist  geistreich  und  verdient
in  einer  Geschichte  der  Doktrinen  aufgezeichnet  zu  werden,  weil  er
wahres  mit  falschem  vermischt  enthält,  und  auch,  weil  die  Bank
Pboudhon’s  das  Vorbild  einer  Reihe  ähnlicher  Projekte  ist,  die  man
nicht  mit  Stillschweigen  übergehen  kann.  In  diesem  Sinn  werden
wir  ihn  hier  besprechen.  Wir  lassen  die  philosophischen,  moralischen
und  politisch-theoretischen  Ideen  Peoudhon’s  beiseite 1 ).  Zwar  sind
sie  sicherlich  ebenfalls  interessant,  aber  sie  beschäftigen  uns  nur  in
dem  Maße,  wie  sie  den  Volkswirtschaftler  Pkoudhon  beeinflußt  haben.

§  1.  Kritik  des  Eigentums  und  des  Sozialismus.
Das  Werk,  das  ihn  vom  Tage  seines  Erscheinens  an  zu  einer
Berühmtheit  stempelte,  wurde  1840  veröffentlicht  und  hieß:  „Was
j_st  das  Eigentum?“  (Qu’est-ce  que  la  propriete?)
Pkoudhon  war  damals  31  Jahre  alt 2 ).  Sein  Vater  war  ein
Brauer  in  Besangon  ®),  und  der  junge  Pkoudhon  hatte  schon  frühzeitig ­
  seinen  Lebensunterhalt  verdienen  müssen.  Zuerst  Korrektor
in  einer  Druckerei  und  dann  Druckereibesitzer,  hatte  er  sich,  mitten
in  seiner  Arbeit  und  ohne  einen  anderen  Führer,  als  seinen  brennen-')

  Man  findet  sie  höchst  eindrucksvoll  in  dem  Buche  Bouglü’s:  La  Sociologie
de  Proudhon,  Paris,  1911  dargelegt.
2 )  Die  hauptsächlichsten  Werke  Phoudhon’s  sind  die  folgenden:  184Ü,  Qu’estce
  que  la  propriete?  (Was  ist  das  Eigentum?  oder  Untersuchungen  über  das-Prinzip
  des  Rechtes  und  der  Regierung;  —  1846,  Systemes  des  contradictionseconomiques,'ou
  Philosophie  de  la  misere  (Systeme  der  volkswirtschaftlichen
Widersprüche  oder  Philosophie  des  Elends);  —  1848,  Organisation  du  credit
et  de  la  circulation  et  solution  du  probleme  social  (Kredit  und  Umlauforganisation ­
  und  Lösung  der  sozialen  Frage);  —  1848,  Resume  de  la  question
sociale,  Banque  d’echange;  —  1849,  Les  Confessions  d’un  Revolutionnaire;
  —  1850,  Interöt  et  Principal  (Zinsen  und  Stammkapital),  Diskussion ­
  zwischen  Bastiat  und  Pkoudhon  ;  —  1858,  De  la  Justiöe  dans  la  Revolution ­
  et  dans  l’Eglise.  3  Bände;  —  1861,  La  guerre  et  la  paix;  —  1865,
De  la  capaoite  politique  des  classes  ouvriöres.  —  Wir  zitieren  nach  den
von  Laceoix,  Vekbcbckhoven  &amp;amp;  Co.  (1867—1870)  in  26  Bänden  herausgegebenen.
(Euvres  completes  (Paris-Brüssel).
3 )  „Madame,  wissen  Sie,  wer  mein  Vater  war?  Ein  ehrlicher  Brauer,  dem  es  nie
in  den  Kopf  ging,  daß  er,  um  Geld  zu  verdienen,  teuerer  verkaufen  müsse,  als  der
Kostenpreis  betrug.  Br  behauptete  immer,  daß  das  schlecht  erworbenes  Geld  sei.  —
Mein  Bier,  sagte  er  stets,  kostet  mir  so  und  so  viel,  einschließlich  meines  Lohnes?
teuerer  kann  ich  es  nicht  verkaufen.  —  Was  eintreten  mußte,  geschah!  Mit  all  seiner
Ehrlichkeit  hat  mein  Vater  arm  gelebt,  ist  arm  gestorben  und  hinterließ  annft
Kinder.“  Brief  an  Mme  d’Agoult  (Briefwechsel,  Bd.  II,  S.  239).
        <pb n="351" />
        Kapitel  V.  Proudhon  und  der  Sozialismus  von  1848.

329

den  Wissensdurst,  in  ein  Meer  von  Lektüre  gestürzt.  Das  Bild  der
sozialen  Ungerechtigkeiten  hatte  sich  tief  in  seine  Seele  gegraben.
An  die  wirtschaftlichen  Fragen  trat  er  mit  der  ganzen  überschäumenden ­
  Leidenschaft  eines  jungen  Menschen  heran,  mit  dem  ganzen
Enthusiasmus  eines  Mannes  aus  dem  Volke,  der  im  Namen  seiner
„Brüder“  spricht,  und  mit  der  ganzen  Zuversicht  eines  ungewöhnlich
aufrichtigen  Herzens  in  die  überzeugende  Kraft  der  Logik  und  des
Verstandes.  Sein  Werk  gab  all  dies  mit  dem  bestechenden  Glanze
eines  bilderreichen  Stiles  und  mit  dem  „herausfordernden  Kraftgefühl“ ­
  wieder,  das  Saintb-Bbcve  als  eines  der  charakteristischen
Merkmale  Peoüdhon’s  anführt,  und  das  man  in  allen  seinen  Werken
wieder  findet.  Gleich  auf  der  ersten  Seite  seines  Buches  warf  er
seinen  Lesern  das  berühmte  Wort  ins  Gesicht,  in  dem  sich  das  ganze
Buch  zusammenfaßt:  „Eigentum  ist  Diebsta  1;1“  (La  propriete
Fest  le  vol) 1 ).
Was  ist  darunter  zu  verstehen?  Betrachtet  Pboudhon  alles
Eigentum  als  Ergebnis  des  Diebstahls  ?  Verurteilt  er  die  Aneignung,
die  Tatsache  des  Besitzens  an  sich?  So  verstand  ihn  das  große
Publikum,  und  man  kann  nicht  in  Abrede  stellen,  daß  Proudhon  auf
diese  Verblüftung  des  „Bourgeois“  gerechnet  hat.  Doch  entspricht
das  keineswegs  seiner  Auffassung.  Das  Privateigentum,  di9  freie
Verfügung  über  die  Früchte  der  Arbeit  und  des  Sparsinnes,  ist  in
seinen  Augen  „das  Wesen  der  Freiheit“:  in  ihr  liegt  der  Grund  der
M  Man  hat  behauptet,  daß  Pboudhon  seine  Formel  Beissot  de  Waewille  entlehnt ­
  habe,  der  im  Jahre  1780  ein  Werk  veröffentlicht  hatte,  das  den  Titel  trug:
hecherches  philosophiqnes  sur  le  droit  de  propriete  et  sur  le  vol,
consideres  dans  la  nature  et  dans  la  societe,  und  das  1782  mit  Änderungen
im  VI.  Band  (S,  261  f£.)  seiner  Bibliotheque  philbsophique  du  legislateur
im  Neudruck  erschien.  Es  ist  das  ein  Irrtum.  Abgesehen  davon,  daß  Pboudhon  versichert, ­
  das  Buch  nicht  gekannt  zu  haben  (Justice,  Bd.  I,  S.  301),  findet  sich  der  Ausdruck ­
  überhaupt  nicht  darin.  Auch  ist  der  Gedankengang  Beissot’s  durchaus  von  dem
Peoudhon’s  verschieden.  Beissot  behauptet,  daß  das  Recht  auf  Eigentum  im  Naturzustände ­
  aus  den  Bedürfnissen  erwächst  und  mit  ihnen  verschwindet;  daß  daher  der
Mensch  (und  mit  dem  Menschen  die  Pflanzen  und  die  Tiere)  ein  Eigentumsrecht  auf
alles  das  habe,  was  seine  Bedürfnisse  befriedigen  kann,  daß  aber  dieses  Recht  aufhöre, ­
  wenn  das  Bedürfnis  aufhört.  Daher  tut  der  Dieb,  der  unter  dem  Druck  der
Not  stiehlt,  weiter  nichts,  als  auf  sein  Naturreoht  zurückzugreifen,  und  der  (Reiche
Ist  „der  einzige  Dieb“,  indem  er  ihn  hindert,  sein  Bedürfnis  zu  befriedigen.  Er
schließt,  indem  er  eine  Milderung  der  Strafen  für  Diebstahl  fordert.  Doch  erklärt
er ,  nicht  die  Absicht  zu  haben,  das  Zivileigentum  zu  bekämpfen,  das  er  für  unentbehrlich ­
  zur  Schaffung  von  Reichtum  und  für  den  Handel  erachtet,  obgleich  es  nicht
»mf  dem  natürlichen  Rechte  beruhe  (S.  333).  Nicht  ein  einziges  Mal  wird  hier  von
Einkommen  ohne  Arbeit  gesprochen.  Und  was  die  Wahrheit  der  Behauptung
Phoddhon’s  beweist,  ist,  daß  er  nirgends  die  Theorie  des  auf  den  Bedürfnissen
beruhenden  Eigentums  diskutiert,  was  es  sicherlich  getan  haben  würde,  wenn  er  das
Euch  Brissot’s  gekannt  hätte.
        <pb n="352" />
        330

Zweites  Buch.  Die  Gegner.

l :

Herrschaft  des  Menschen  über  sich  selbst 1 ).  Was  wirft  er  aber  nun
dem  Eigentum  vor?  Einfach  das  Eecht,  das  es  seinem  Besitzer  verleiht. ­
  ein  Einkommen  ohne  Arbeit  zu  erheben.  Es  ist  nicht
das  Eigentum  an  und  für  sich,  sondern  das  „Herrenrecht“  2 )  der  Besitzenden, ­
  das  Pboudhon  —  ebenso  wie  Owen,  die  englischen  Sozialisten ­
  und  die  Saint-Simonisten  —  verdammt,  dieses  Heimfallsrecht,
das  je  nach  den  Umständen  und  dem  Gegenstand  den  Namen  Rente,
Pacht,  Miete,  Geldzins,  Profit,  Agio,  Diskont,  Kommission,  Privilegium,
Monopol,  Bonus,  Sinekure,  Bestechung  usw.  annimmt 3 ).
Denn  zusammen  mit  allen  Sozialisten,  die  ihm  vorausgegangen
sind,  betrachtet  auch  Proudhon  die  Arbeit  allein  als  produktiv 4 ).
Weder  der  Boden,  noch  die  Kapitalien  sind  ohne  Arbeit  produktiv.
Daraus  ergiebt  sich,  daß  „der  Eigentümer,  der  eine  Steuer  auf  Grund
der  Dienstleistungen  seines  Instrumentes,  der  Produktivkraft  seines
Bodens  verlangt,  eine  völlig  falsche  Tatsache  annimmt,  nämlich,  daß
die  Kapitalien  selbst  irgend  etwas  hervorbringen;  und,  wenn  er  sich
dieses  eingebildete  Erzeugnis  bezahlen  läßt,  so  erhält  er  tatsächlich
etwas  für  nichts“  B ).

’)  Contradictions,  Bd.  I,  S.  219—221.
2 )  „Droit  d’aubaine“,  jus  albinagii,  Fremdenrecht;  Heimfallsrecht  am  Eigentum
Fremder,  das  dem  Herrn  zustand  (Anm.  d.  Übers.).
3 )  Eesume  de  la  question  sociale,  S.  29.  Der  gleiche  Gedanke  wird
häufig  auch  an  anderen  Stellen  von  ihm  ausgedrückt:  „Auf  Grund  der  Arbeitsteilung
waren  die  individuellen  Besitztümer  nur  mehr  wie  die  Maschen  eines  Verkehrsnetzes.
Ein  jeder  Besitzer  fand  sieh,  infolge  der  allgemeinen  Solidarität  in  eine  Art  Durchgangszoll-Einnehmer ­
  verwandelt,  der  die  Tür  einer  Schleuse  zu  hüten  hatte,  und  der
wie  früher  der  feudale  Grundherr  von  jedem  im  Umlauf  befindlichen  Erzeugnis  eine
Transitabgabe  erhob.  ...  So  geschah  es,  daß  das  Eigentum  zum  Diebstahl  wurde“
(Banque  d’Echange,  S.  166).  Hervorzuheben  ist,  daß  Pboudhon  nicht  der  Ansicht
war,  Zinsen  seieii  stets  unberechtigt.  In  der  Vergangenheit  (er  erklärt  das  besonders
in  seiner  Auseinandersetzung  mit  Bastiat)  waren  die  Zinsen  berechtigt.  Nur  glaubt
er,  für  die  Zukunft  das  Mittel  gefunden  zu  haben,  sie  unnötig  zu  machen.
4 )  Man  darf  diese  These,  was  fast  stets  geschieht,  nicht  mit  der  von  Marx  zusammen ­
  werfen,  für  den  jeder  Wert  aus  der  Arbeit  stammt.  Diese  Idee  gibt  Pboudhon
nicht  zu.  Der  Wert  muß,  nach  ihm,  gerade  „gebildet“  (oonstituee)  werden,  d.  h.  in
der  Weise  geregelt,  um  mit  der  Arbeitsmenge  übereinzustimmen.
Er  glaubt  aber  nicht,  daß  das  schon  in  der  heutigen  Gesellschaft  der  Fall  sei.  Marx
wirft  ihm  nun  gerade  in  seiner  Schrift:  M  isere  de  la  Philosophie  vor,  das  nicht
zu  glauben.  Phoudhon  gibt  nur  zu,  —  wie  Rodbbrtus  —  daß  die  Erzeugnisse
(nicht  der  Wert  der  Erzeugnisse)  ausschließlich  auf  der  Arbeit  beruhen.  Vgl.  oben
(S.  244/245).
5 )  Propriete,  ler  Memoire,  S.  131—132.  In  der  Stelle,  die  wir  anführen,
setzt  Phoudhon  allerdings  noch  dazu,  daß  die  Arbeit  ohne  Kapital  und  ohne  Grundbesitz ­
  unproduktiv  sein  würde.  Er  vergißt  aber  diese  Einschränkung  sogleich  wieder
in  den  Schlüssen,  die  er  aus  dem  vorhergehenden  zieht  und  vergißt  sie  noch  mehr
in  seinem  Projekt  einer  Tauschbank,  wo  man  lesen  kann:  „Die  Prinzipien  dieser
Gesellschaften  sind;  daß  dem  Menschen  alle  Eohstoffe  umsonst  von  der  Natur  geliefert
        <pb n="353" />
        Kapitel  Y.  Proudhon  und  der  Sozialismus  von  1848.

331

Hierin  liegt  der  Diebstahl.  Deshalb  definiert  er  das  Eigentum:
„Als  das  Eecht,  nach  Belieben  von  dem  Besitz,  den  Erzeugnissen  des
Fleißes  und  der  Arbeit  anderer  Vorteile  zu  ziehen  und  darüber  zu
verfügen“ 1 ).
Das  Thema  ist  nicht  neu.  Nach  Peoudhon  wird  es  noch  oft
aufgegriffen,  unter  anderen  von  Eodbeetus.  Die  Originalität  des
Buches  beruht  daher  auch  nicht  so  sehr  auf  den  Gedanken  als  auf
der  sprühenden  Darlegung,  der  Kraft  des  Stiles  und  der  Schärfe  der
Polemik,  die  sich  gegen  die  alten  Argumente  derer  richtet,  die  das
heutige  Eigentum  auf  die  Arbeit,  das  natürliche  Eecht  oder  die  Besitzergreifung ­
  gründen.  Ein  deutscher  Schriftsteller  hat  sagen
können' 2 ),  daß  dieses  Buch,  wenn  es  in  Deutschland  oder  in  England
erschienen  wäre,  kein  Aufsehen  erregt  hätte,  weil  in  diesen  Ländern
das  Eigentum  hinter  viel  wissenschaftlicheren  Gründen  verschanzt
sei  als  in  Frankreich 8 ).  Seine  ganze  Kraft  käme  von  der  Schwäche
der  gegnerischen  Gründe.  Das  heißt  sein  Verdienst  ungebührlich
herabsetzen.  Die  Denkschrift  über  das  Eigentum  war  der  „Pistolenschuß“ ­
  auf  der  Straße,  der  jeden  zwingt,  sich  umzudrehen.  Sie  tat
für  den  französischen  Sozialismus  nur  das,  was  Lassälle  später  für
den  deutschen  Sozialismus  getan  hat.  Sie  hat  Gedanken  in  die  Welt
geschleudert,  keine  neuen  Gedanken,  aber  Gedanken  in  einer  neuen
Form  von  zündender  Kraft.
Man  findet  jedoch  in  diesem  Buche  geistreiche  Ausblicke,  von
denen  besonders  einer  hervorgehoben  zu  werden  verdient,  nicht  so
sehr  seiner  Wahrheit  als  seiner  Originalität  wegen.  Alle  sozialistischen ­
  Theoretiker  haben  sich  gefragt,  wie  die  beständige  Beraubung,

werden;  —  daß  daher  im  Wirtschaftsleben  jedes  Erzeugnis  aus  der  Arbeit  stammt,
Und  daß  daher  umgekehrt  jedes  Kapital  unproduktiv  ist“  —  und  an  anderer  Stelle:
»Arbeiten  ist,  aus  nichts  etwas  erzeugen“  (Solution  du  probleme  social,
®u  vres,  Bd.  VI,  S.  261  ff.  und  S.  187).
1 )  Propriete,  1 er  Memoire,  S.  133.
2 )  L.  y.  Stein,  Geschichte  der  sozialen  Bewegung  in  Frankreich,
Leipzig.  1850,  Bd.  III,  S.  362.  Dieses  Werk  ist  übrigens  äußerst  bemerkenswert.
3 )  Wahr  ist,  daß  Proudhon  sich  zur  Bekämpfung  des  Eigentums  einzig  auf  den
kechtsStandpunkt  stellte.  Br  wies  nach,  daß  alle  Eechtsprinzipien  (Eecht  der
Besitzergreifung,  natürliches  Eecht  und  besonders  die  Arbeit),  die  im  allgemeinen
zugunsten  des  Eigentums  angeführt  werden,  sich  gegen  das  Eigentum  anwenden
lassen,  so  wie  es  heute  besteht.  Dieses  Eigentum  ist  in  der  Tat  auf  einige  Personen
beschränkt,  während  diesen  Prinzipien  die  Verallgemeinerung  des  Eigentums
unter  Alle  zugrunde  liegt.  Eine  derartige  Kritik  ist  allerdings  richtig,  beweist  aber
nicht  viel  gegen  die  (zahlreichen)  Verteidiger  des  Eigentums  infolge  seiner  sozialen
Nützlichkeit.  Daher  erscheint  uns  die  Kritik  des  Eigentums  der  Saint-Simonisten,
die  sich  auf  den  Standpunkt  der  Nützlichkeit  und  der  Produktion  stellten,  ohne  den
rechtlichen  zu  vernachlässigen,  bedeutend  gewichtiger.  Aus  diesem  Grunde  betrachten
wir  sie  als  die  wirklichen  Kritiker  des  Privateigentums.
        <pb n="354" />
        332

Zweites  Buch.  Die  Gegner.

die  die  Kapitalisten  und  Grundeigentümer  ausüben,  sich  Tag  für  Tag
fortsetzen  kann,  ohne  eine  dauernde  Revolte  bei  den  Arbeitern  hervorzurufen, ­
  ja  ohne  daß  diese  sich  überhaupt  dieses  Vorganges  bewußt ­
  werden?  Liegt  hierin  nicht  etwas  ganz  unwahrscheinliches?
Die  Frage  ist  allerdings  schwierig  genug  und  wohl  für  besonderen
Scharfsinn  geschaffen.  Marx  löst  sie  durch  seine  Theorie  des  Mehrwertes; ­
  Rodbeetus  einfacher  durch  den  Gegensatz  zwischen  der  im
Tausch  verwirklichten  wirtschaftlichen  Teilung  und  der  sozialen  Beraubung, ­
  die  sich  hinter  ihrer  scheinbaren  Gerechtigkeit  verbirgt.
Peoudhon  löst  sie  auf  seine  Weise.  Nach  ihm  besteht  zwischen  Arbeitgeber ­
  und  Arbeitnehmer  ein  beständiger  „Rechenfehler“  *)•  Der  Arbeitgeber ­
  zahlt  jedem  Arbeiter  den  Wert  seiner  individuellen  Leistung,
+  streicht  aber  das  Produkt  der  kollektiven  Kraft  aller  für  sich  ein,
ein  Produkt,  das  die  ganze  Summe  ihrer  individuellen  Leistungen  bedeutend ­
  übersteigt.  Dieser  Überschuß  stellt  den  Profit  vor.  „Man
sagt,  daß  der  Kapitalist  die  Arbeitstage  der  Arbeiter  bezahlt;
um  genau  zu  sein,  muß  man  sagen,  daß  der  Kapitalist  so  oft  einen
Arbeitstag  bezahlt,  als  er  an  jedem  Tage  Arbeiter  beschäftigt,  w r as
durchaus  nicht  auf  das  gleiche  hinausläuft.  Denn  die  ungeheure
Kraft,  die  sich  aus  der  Einheit  und  Harmonie  der  Arbeiter,  der
zweckmäßigen  Übereinstimmung  und  Gleichzeitigkeit  ihrer  Anstrengungen ­
  ergibt,  die  hat  er  nicht  bezahlt.  Zweihundert  Grenadiere
haben  in  einigen  Stunden  den  Obelisk  von  Luxor  aufgerichtet;  glaubt
man,  daß  ein  einzelner  Mensch  in  zweihundert  Tagen  diese  Arbeit
hätte  ausführen  können?  In  der  Rechnung  des  Kapitalisten  jedoch
wäre  die  Lohnberechnung  die  gleiche“  -).  So  glaubt  sich  der  Arbeiter
bezahlt,  ist  es  aber  in  Wirklichkeit  nur  zum  Teil,  und  infolgedessen
„behält  er,  selbst  wenn  er  seinen  Lohn  erhalten  hat,  ein  Eigentumsrecht ­
  auf  die  Sache,  die  er  erzeugt  hat“ 3 ).  So  scharfsinnig  auch
diese  Erklärung  ist,  so  ist  sie  deshalb  nicht  weniger  falsch.
Sobald  die  Broschüre  Proüdhon’s  herauskam,  war  ihr  Verfasser
berühmt,  und  zwar  nicht  nur  bei  dem  großen  Publikum,  das  nur  die
Schlagworte  kannte,  sondern  auch  unter  den  Volkswirtschaftlern.
Mehrere  von  ihnen,  wie  Beanqui  und  Joseph  Garnier  interessierten
sich  für  ein  so  starkes  Talent.  „Es  ist  unmöglich“,  schrieb  der
erstere  an  Peoudhon,  „mehr  Achtung  vor  Jemandem  zu  haben,
als  ich  für  Sie  fühle“ 4 ),  Durch  einen  günstigen  Bericht  an  die
')  In  einem  Briefe  sagt  er:  „Dies  ist  der  Grundgedanke  meines  Ersten  Memoire.“
Von  Saintb-Bbuve  angeführt  in  P.-J.  Proudhon,  S.  90,  —  und  er  beklagt  sich
später  darüber,  daß  dieser  Gedanke  nie  diskutiert  worden  sei.
2 )  Propriete,  1er  Memoire,  S.  91.
3 )  Ebenda,  S.  91.
4 J  Brief  Blanqui’s  vom  1.  Mai  1841  in  Antwort  auf  Pboudhon’s  Zusendung
eines  Zweiten  Memoire  über  das  Eigentum.
        <pb n="355" />
        Kapitel  V.  Proudhon  und  der  Sozialismus  von  1848.

333

„Academie  des  Sciences  Morales“  tat  er  den  gerichtlichen  Schritten
Einhalt,  die  der  Minister  des  Innern  gegen  das  Werk  unternehmen
wollte.  Erst  auf  Zureden  Gaeniee’s.  erklärte  sich  späterhin  (1846)
der  Verleger  Gtjillaumin,  der  den  orthodoxen  volkswirtschaftlichen
Theorien  sehr  ergeben  war,  bereit,  ein  neues  Buch  Peoudhon’s:  „Wirtschaftliche ­
  Widersprüche“  (Les  contradictions  economiques)
herauszugeben,  wenn  er  auch  über  den  Inhalt  ziemlich  bestürzt  war 1 ).
Diese  Sympathien  lassen  sich  erklären.  Sobald  nämlich  die  erste
Broschüre  erschienen  war,  fanden  die  Volkswirtschaftler  in  Peoudhon
zwar  einen  mächtigen  Gegner,  aber  sie  erkannten  in  ihm  auch  ohne
weiteres  einen  nicht  weniger  entschlossenen  Widersacher  der  Sozialisten.
Wir  untersuchen  kurz  seine  Haltung  diesen  letzteren  gegenüber.
Niemand  hat  schärfere  Ausdrücke  gefunden,  um  sie  zu  kritisieren. ­
  „Wie  ein  Mummenschanz  sind  die  Saint-Simonisteu  vorübergezogen“ ­
  ’ 2 ).  Das  System  Foueiee’s  ist  „die  größte  Mystifikation
unserer  Zeit“ 3 ).  Die  Kommunisten  donnert  er  folgendermaßen  an:
„Hinweg  von  mir,  Kommunisten!  Eure  Gegenwart  ist  mir  ein  Gestank ­
  und  euer  Anblick  ein  Ekel“.  An  anderer  Stelle  erklärt  er:
„Der  Sozialismus  ist  nichts,  ist  niemals  etwas  gewesen  und  wird
niemals  etwas  sein“  4 ).  Diese  Heftigkeit  seinen  Vorgängern  gegenüber
hat  keinen  anderen  Grund,  als  die  Besorgnis,  mit  ihnen  zusammengeworfen ­
  zu  werden.  Er  gebraucht  diese  Ausdrucksweise,  um  den
Leser  vor  jedem  Mißverständnis  zu  bewahren  und  um  ihn  besser
darauf  vorzubereiten,  seine  eigenen  Lösungen  in  richtiger  Weise  zu
schätzen,  indem  er  das  besonders  ins  Licht  stellt,  was  sich  in  denen
der  anderen  unannehmbares  findet.
Was  wirft  er  ihnen  nun  vor?  Niemals  etwas  besseres  gefunden
zu  haben,  um  dem  gegenwärtigen  Zustand  zu  entrinnen,  als  sein  geuaues
  Gegenteil  zu  empfehlen.  Das  schwierige  Problem)  das  zur
Untersuchung  steht,  ist  nicht,  die  bestehenden  wirtschaftlichen
1 )  Vgl.  Sainte-Bbuve  :  P.-J.  Peoudhon,  S.  202—203  und  siehe  hierüber  auch
die  unterhaltenden  Briefe  Proudhon’s  an  Guillaumin  (Briefwechsel,  Bd.  II).
2 )  Propriete,  1er  Memoire,  8.  203,
3 )  Aufsatz  in  der  Zeitung  Le  Peuple  in  1848  ((Euvres,  Bd.  XVII,  S.  273).
Proudhon  richtet  seine  Angriffe  hauptsächlich  gegen  den  Fourierismus,  weil  zu  dieser
Zeit  gerade  die  Schule  Foukiek’s  die  einzige  sozialistische  Schule  war,  die  einen
gewissen  Einfluß  ausübte,  besonders  infolge  der  tätigen  Propaganda  Victor  Consiuähant’s.
  Siehe  besonders  Contradictions,  Bd.  II,  S.  297  und  1 er  Memoire  sur
la  propriete,  S.  153ff.
4 )  Contradictions,  Bd.  II,  S.  285.  Gegen  Cabbt,  die  Kommunisten  und
Pouis  Blanc  kommt  besonders  das  Kapitel  XII  der  Contradictions  in  Betracht.
Pouxs  Blanc  „hat  die  Arbeiter  mit  absurden  Formeln  vergiftet“  (Idee  generale
“ e  la  Revolution,  8,  108).  Er  hat  über  Louis  Blanc  die  unvergeßliche  Formel
geprägt:  „Er  hielt  sich  für  die  Biene  der  Revolution  und  war  doch  nur  ihr  Heimchen“
(Ebenda).
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        334

Zweites  Buch.  Die  Gegner.

Kräfte  zu  zerstören,  sondern  sie  ins  Gleichgewicht  zu
bringen 1 ).  Es  handelt  sich  nicht  darum,  die  „wirklichen  wirtschaftlichen ­
  Kräfte“,  nämlich  „die  Arbeitsteilung,  die  Kollektivkraft,
die  Konkurrenz,  den  Kredit,  das  Eigentum  selbst  und  die  Freiheit
zu  unterdrücken“  * 2 ),  sondern  im  Gegenteil,  sie  alle  aufrecht  zu  erhalten, ­
  aber  sie  daran  zu  hindern,  Schaden  anzurichten.  Die  Sozialisten ­
  denken  aber  nur  daran,  sie  zu  zerstören.
An  Stelle  der  Konkurrenz  wollen  die  Sozialisten  die  Genossenschaft ­
  und  die  Organisation  der  Arbeit  setzen;  an  Stelle  des  Privateigentums ­
  die  Gütergemeinschaft 3 ),  oder  den  Kollektivismus;  —  an
Stelle  des  freien  Spiels  der  persönlichen  Interessen  die  Leidenschaften,
wie  Fodeiee,  die  Liebe  und  die  Hingebung  wie  die  Saint-Simonisten,
oder  die  Verbrüderung  wie  Gäbet.  Nichts  davon  genügt  Peoudhon.
Die  Genossenschaft  und  die  Organisation  der  Arbeit  weist
Peoudhon  als  der  Freiheit  des  Arbeiters  zuwider  zurück 4 ).  Ihre
x )  „Ich  glaube,  der  erste  zu  sein,  der  mit  vollem  Verständnis  die  Tatsache  zu
behaupten  gewagt  hat  .  .  .,  daß  man,  anstatt  die  wirtschaftlichen  Kräfte,  deren  Übertreibung ­
  uns  umbringt,  einzuschränken,  sie  miteinander  ins  Gleichgewicht  bringen
muß,  auf  Grund  des  wenig  bekannten  und  noch  weniger  verstandenen  Grundsatzes,
daß  Gegensätze  nicht  sich  zerstören,  sondern  sich  gegenseitig  stützen  müssen,  und
sich  gerade  deshalb  stützen,  weil  sie  Gegensätze  sind“  (Justice,  usw.,  Bd.  I,
S.  265—266;  die  gleiche  Idee  auf  S.  302—303).  An  anderer  Stelle;  Das,  was  die
Gesellschaft  sucht,  ist  das  Gleichgewicht  ihrer  natürlichen  Kräfte“
(Revolution  demontree  par  le  Coup  d’Btat,  S.  43).
2 )  „Die  Arbeitsteilung,  die  Kollektivkraft,  die  Konkurrenz,  der
Tausch,  der  Kredit,  sogar  das  Eigentum  und  die  Freiheit,  ...  das  sind  die
wirklichen  wirtschaftlichen  Kräfte,  immaterielle  Prinzipien  allen  Reichtums,  die,  ohne
den  Menschen  an  den  Menschen  zu  fesseln,  dem  Produzenten  die  weiteste  Freiheit
lassen,  die  Arbeit  erleichtern  und  für  sie  begeistern,  ihren  Ertrag  verdoppeln,  zwischen
den  Menschen  eine  Solidarität  schaffen,  die  nichts  persönliches  hat,  und  sie  durch
stärkere  Bande'  verbinden,  als  es  alle  Sympathieprojekte  und  alle  Kontrakte  vermögen“ ­
  (Idee  generale  de  la  Revolution  au  XIX e  siöcle,  S.  95).  In  der
Capacite  des  classes  ouvieres,  Kap.  XIII,  führt  Peoudhon  die  „wirtschaftlichen ­
  Kräfte“  etwas  verschieden  auf.  Br  zählt  zu  ihnen  noch  die  Assoziation  und
die  Mutualität  und  kommt  zu  dem  Schlüsse,  indem  er  die  Zugkraft  des  Wortes
Assoziation  auf  die  Arbeiter  durchaus  anerkennt,  daß  die  wirkliche  Assoziation  die  der
„Mutualität“  sei,  (wohl  verstanden,  in  dem  Sinne,  den  er  selbst  diesem  Worte  gibt,
und  nicht  in  dem  heutigen  Sinne  der  Gesellschaften  gegenseitiger  Hilfe,  der  viel
enger  gefaßt  ist).
3 )  Allerdings  ist  Fourier  kein  Kommunist,  aber  Peoudhon  wirft  ihm  einerseits
vor,  in  seinem  Phalanstere  die  Entlohnung  des  Kapitals  nicht  abgeschafft,  und  andererseits ­
  für  die  Befähigung  eine  besondere  Entlohnung  vorgesehen  zu  haben,  obgleich  „die
Fähigkeiten  (das  Talent)  viel  mehr  eine  Schöpfung  der  Gesellschaft  als  ein  Geschenk
der  Natur  sind“  (1er  Memoire  sur  la  Propriete,  S.  156).
4 )  Die  Opposition  Peoddhon’s  gegenüber  dem  Prinzip  der  Assoziation  ist  höchst
bemerkenswert.  Er  hat  ihr  an  mehr  als  an  einer  Stelle  Ausdruck  gegeben,  vor  allem
in  der  Idee  generale  de  la  Revolution  au  XIXe  siede:  „Ist  die  Assoziation
wirklich  eine  wirtschaftliche  Macht?  .  .  .  Ich  antworte  kategorisch  mit:  Nein!;  die
        <pb n="357" />
        Kapitel  Y.  Proudhon  und  der  Sozialismus  von  1848.

835

vorgebliche  Macht  kommt  einzig  aus  der  „kollektiven  Kraft  und  der
Arbeitsteilung“.  Die  Seele  der  wirtschaftlichen  Kräfte  ist  aber  die
Freiheit.  „Die  wirtschaftliche  Vollkommenheit  liegt  in  der  vollständigen ­
  Unabhängigkeit  der  Arbeiter,  so  wie  die  politische  Vollkommenheit ­
  in  der  vollständigen  Unabhängigkeit  der  Bürger  besteht“ x ),
1848  sagt  er  in  einem  Wahlaufruf  an  seine  Wähler  im  Seine-Wahlkreis: ­
  „Mein  ganzes  System  beruht  auf  der  Freiheit,  Freiheit  des
Gewissens,  Freiheit  der  Presse,  Arbeitsfreiheit,  Handelsfreiheit,  Freiheit ­
  des  Unterrichts,  freie  Konkurrenz,  freies  Verfügungsrecht  über
die  Früchte  der  Arbeit  und  des  Fleißes,  Freiheit  bis  ins  endlose,
absolute  Freiheit  überall  und  für  immer.“  Es  ist  dies,  fügt  er  hinzu,
„das  System  von  89  und  93,  das  System  Quesnay’s,  Tuegot’s  und
J.-B.  Say’s“.  Könnten  das  nicht  Worte  eines  der  klassischen  Ökonomisten ­
  sein,  der  die  Wohltaten  der  freien  Konkurrenz  rühmt? 2 )
Nicht  weniger  energisch  weist  Pboudhon  den  Kommunismus  als
Rechtsordnung  zurück.  Es  handelt  sich  nicht  darum,  das  Eigentum
abzuschaffen,  das  ein  notwendiger  Ansporn  zur  Arbeit  ist,  auf  dem
Eie  Familie  beruht  und  ohne  das  kein  Fortschritt  möglich  ist.  Es
handelt  sich  nur  darum,  es  unschädlich  oder  noch  besser,  es  allen
zugänglich  zu  machen 8 ).  Der  Kommunismus  ist  nur  das  umgekehrte
Eigentum.  „Gemeineigentum  ist  Ungleichheit,  aber  im  umgekehrten
Sinne  wie  das  Einzeleigentum.  Dieses  ist  die  Ausbeutung  des
Schwachen  durch  den  Starken,  das  Gemeineigentum  ist  die  Ausbeutung ­
  des  Starken  durch  den  Schwachen“ 4 ).  Und  auch  das  ist
Diebstahl.  „Der  Kommunismus,“  ruft  er  aus,  „ist  die  Religion  des
Elends“  D ).  „Zwischen  dem  Eigentum  hier  und  dem  Kommunismus
dort  werde  ich  eine  Welt  aufrichten“  6 ).
Assoziation  ist  keineswegs  eine  wirtschaftliche  Macht.  Ihrer  Natur  nach  ist  die  Assoziation ­
  steril,  sogar  schädlich,  denn  säe  ist  eine  Beschränkung  der  E'reiheit  des  Arbeiters“
(8-  89).  .  .  .  „In  der  Assoziation  ist  ein  jeder  für  einen  jeden  verantwortlich:  der
Deinste  ist  ebensoviel,  wie  der  grollte;  der  zuletzt  beigetretene  hat  dasselbe  Recht  wie
der,  der  gleich  am  Anfang  mit  dabei  war,  die  Assoziation  läßt  alle  Unterschiede
verschwinden:  sie  ist  die  Solidarität  des  Ungeschicks  und  der  Unfähigkeit“  (Ebenda).
1 )  La  Revolution  demontree  par  le  Coup  d’Btat,  S.  53—64.  An
anderer  Stelle:  „Wenn  ihr  davon  sprecht,  die  Arbeit  zu  organisieren,  so  ist  das,  als
°b  ihr  die  Freiheit  des  Augenlichtes  berauben  wolltet“  (Organisation  du  credit
de  l’echange,  CEuvres,  Bd.  VI,  S.  91).
2 )  Programme  revolutionnaire:  An  die  Wähler  des  Seine-Wahlkreises,
in  der  Zeitung:  Repräsentant  du  Peuple,  (Euvres,  Bd.  XVII,  S.  45—46).
3 )  „Wir  wollen  das  Eigentum  für  alle.  Wir  wollen  das  Eigentum  ohne  Wucher,
&amp;gt;v eil  der  Wucher  das  Hindernis  für  eine  allgemeine  Verbreitung  des  Eigentums  ist“
(Zeitung;  Le  Peuple,  2.  Sept,  1849).
4 )  1 er  Memoire  sur  la  propriete,  S.  204.
5 )  Contradictions,  Bd.  II,  S.  203.
6 )  Organisation  du  credit  et  de  la  circulation,  S.  131.  An  einer
anderen  Stelle:  „Um  alles  mit  einer  hegelianischen  Formel  auszudrücken,  könnte  ich
        <pb n="358" />
        336

Zweites  Buch.  Die  Gegner.

Ebensowenig  ist  er  bereit,  die  Hingebung  oder  die  Verbrüderung
als  wirksame  Lebensprinzipien  anzuerkennen.  Bedeuten  sie  doch
Aufopferung  und  Unterordnung  eines  Menschen  unter  einen  anderen.
Die  Menschen  sind  aber  gleichberechtigt,  und  die  Grundregel  ihres
gegenseitigen  Verkehrs  kann  nichts  anderes  als  die  Gerechtigkeit
sein.  Das  ist  ein  für  Peoudhon  so  selbstverständliches  Axiom,  daß
er  sich  nicht  einmal  die  Mühe  nimmt,  es  zu  beweisen.  Es  kommt
ihm  nur  darauf  an,  die  Gerechtigkeit  zu  definieren.  Die  Gerechtigkeit, ­
  sagt  er  in  seiner  „Ersten  Abhandlung“  (Premier  Memoire)
über  das  Eigentum  ist:  „die  Anerkennung  des  anderen  als  einer  der
unseren  rechtsgleichen  Persönlichkeit“  (S.  191);  und  etwas  später:
„sie  ist  die  freiwillige  und  gegenseitige  Achtung  der  menschlichen
Würde,  wo  immer,  in  welcher  Person  und  unter  welchen  Umständen
auch  immer  sie  gefährdet  sei,  und  welchen  Gefahren  auch  immer  uns
ihre  Verteidigung  aussetze“  ').
Sie  steht  daher  im  gleichen  Range  wie  die  Gleichheit.  Wenn
wir  diese  Definition  auf  die  wirtschaftlichen  Verhältnisse  zwischen
den  Menschen  anwenden,  so  finden  wir,  „daß  das  Prinzip  der  gegenseitigen ­
  Achtung  sich  logischerweise  in  das  der  Gegenseitigkeit  der
Dienste  verwandelt“ *  2 ).  Gleiches  Entgelt,  gleiche  Dienste:  das  ist
die  Aufgabe,  die  die  Menschheit  zu  lösen  hat;  nur  auf  diese  Weise
wird  die  Achtung  der  Gleichheit  zur  Tatsache.  „Tu  einem  jeden,
'  was  du  willst,  daß  er  dir  tue“,  dieses  Prinzip  der  ewigen  Gerechtigkeit ­
  läßt  sich  wirtschaftlich  durch  die  Gegenseitigkeit  und  die  Rezisagen; ­
  „Das  Gemeineigentum  ist  der  erste  Satz  der  sozialen  Entwicklung,  seine
These;  das  Eigentum,  das  der  dem  Gemeineigentum  entgegengesetzte  Ausdruck
ist,  ist  der  zweite  Satz,  seine  Antithese.  Zu  ermitteln  bleibt  nun  der  dritte  Satz,
die  Synthese,  und  wir  haben  die  gesuchte  Lösung“  (Memoire  sur  la  Propriete,
  S.  202).  Dieser  dritte  Satz  wird  nun  der  einfache  Besitzzustand  sein,
d.  h.  das  Eigentum,  seines  Rechtes  auf  arbeitsloses  Einkommen  entkleidet.  —  „Man
schaffe  das  Eigentum  ab,  behalte  aber  das  Besitzrecht  bei;  durch  diese  einzige
Änderung  im  Prinzip  wird  alles  in  den  Gesetzen,  in  der  Regierung,  im  Wirtschaftsleben, ­
  in  den  Einrichtungen  geändert;  das  Übel  verschwindet  von  der  Erde“
(ler  Memoire  sur  la  propriete,  1.  Ausg.,  S.  242).  AVie  man  sieht,  hatte
Peoudhon  nicht  den  Besuch  des  Hegelianers  Kaed  Grün  in  Paris,  1844,  abgewartet,
um  sich  der  hegelianischen  Terminologie  zu  bedienen,  da  er  schon  seit  1840  diese
charakteristisch  HBOEifschen  Formeln  anwendete.  Über  die  Beziehungen  zwischen
Peoudhon  und  K.  Grün  siehe  Sainte-Bbuvb  :  P.-J.  Peoudhon.
‘)  Justice  dans  la  Revolution  etc.,  Bd.  I,  S.  182—183.
2 )  Ebenda,  S.  269:  „Ich  werde  keine  Zeit  mit  dem  Nachweis  verlieren,  daß
das  Prinzip  der  Reziprozität  der  Achtung  sich  logisch  in  die  Reziprozität  der
Dienste  verwandelt.  Ein  jeder  wird  verstehen,  daß,  wenn  die  Menschen  subjektiv
vor  der  Gerechtigkeit  untereinander  gleich  sind,  sie  das  nicht  weniger  gegenüber
der  Not  sind;  und  derjenige,  der  vorgibt,  die  immanente  Dienstbarkeit,  die  zu  überwinden ­
  das  Recht  und  die  Pflicht  der  Gesellschaft  ist,  auf  seine  Brüder  abzuwälzen,
der  ist  ungerecht.“
        <pb n="359" />
        Kapitel  Y.  Proudhon  und  der  Sozialismus  von  1848.

337

prozität  der  Dienste  ansdrücken 1 ).  Die  Gegenseitigkeit  oder  der
Mutualismus,  das  ist  das  neue  Prinzip,  das  uns  in  der  Organisation ­
  der  wirtschaftlichen  Gesellschaftsbeziehungen  leiten  soll.
So  bringt  denn  gerade  die  Kritik  des  Sozialismus  Proudhon
dazu,  die  positiven  Grundlagen  seines  Systems  genau  zu  präzisieren,
und  man  sieht  jetzt  klar,  in  welchen  neuen  Begriffen  sich  ihm  das
■soziale  Problem  stellt:  auf  der  einen  Seite  die  Abschaffung  des  „Einkommens ­
  ohne  Arbeit“,  das  auf  dem  Eigentum  beruht,  da  dieses
Einkommen  gerade  die  Verneinung  des  Prinzips  der  Reziprozität  der
Dienste  ist;  andererseits  die  Aufrechterhaltung  des  Eigentums,  die
Freiheit  der  Arbeit  und  die  des  Tausches.  Mit  anderen  Worten  die
Zerstörung  der  Grundeigenschaft  des  Eigentums,  ohne  jedoch  das
Eigentum  selbst  oder  die  Freiheit  in  Frage  zu  stellen 2 ;.
Ist  das  aber  nicht  die  Quadratur  des  Kreises?  Bedeutet  die
Abschaffung  des  Einkommens  ohne  Arbeit  nicht  die  Vergesellschaftung
4er  Arbeitsmittel?  Proudhon  glaubt  das  nicht.  Bisher  hat  man
■angenommen,  das  Eigentum  nicht  reformieren  zu  können,  ohne  die
Produktion  oder  die  Verteilung  der  Güter  anzugreifen.  An  den
Tausch  hat  man  nicht  gedacht.  Aber  gerade  im  Austausch  der
Dienste  hat  sich  die  Ungleichheit  eingeschlichen.  Daher  muß  man
eine  Reform  des  Tausches  vornehmen.  Aber  welche?  Am  Ende  der
„Contradictions  economiques“  (wirtschaftlichen  Widersprüche)
läßt  er  diese  Reform  in  einer  noch  etwas  undeutlichen  Art  und
Weise  durchblicken.  Nachdem  er  erklärt  hat,  daß  „es  nur  noch  die
allgemeine  Gleichung  aller  unserer  Widersprüche  aufzustellen  gilt“,
trägt  er,  „was  wird  denn  nun  die  Formel  dieser  Gleichung  sein?“  —
„Wir  können  sie  jetzt  schon  unterscheiden;  es  muß  ein  Tauschgesetz,
«ine  Theorie  der  Gegenseitigkeit  sein  ...  Die  Theorie  des  Mutualismus ­
  oder  des  Mutuums,  d.  h.  der  Austausch  in  natura  ...  ist
vom  Gesichtspunkt  des  kollektiven  Wesens  die  Synthese  der  beiden
Ideen  des  Eigentums  und  des  Gemeinbesitzes“  3 ).  Genaueres  gibt  er
jedoch  nicht  an.  In  einem  nach  den  Contradictions  geschriebenen
Briefe  nennt  er  sich  noch  bescheiden  einen  „Sucher“,  und  er  bereitete
«in  neues  Werk  vor,  in  dem  diese  Vorschläge  entwickelt  werden
sollten.
Gleichzeitig  trug  er  sich  mit  dem  Gedanken,  eine  aktive  und
praktische  Propaganda  in  den  Tageszeitungen  zu  eröffnen,  als  die
1 )  Der  Gedanke  der  Reziprozität  wird  besonders  in  der:  Organisation  du
eredit  et  de  la  circulation  entwickelt.  (OEuvres,  Bd.  VI,  S.  92—93,  und  in
der  Idee  generale  de  la  Revolution,  S.  97ff.)
2 )  Er  stellte  das  Problem  schon  in  der  Vorrede  zu  dem  Ersten  Memoire  Uber
das  Eigentum  in  dieser  Weise  auf.
8 )  Contradictions,  Bd.  II,  S.  414.
Gride  und  Rist,.Gesell,  d.  Volkswirtschaft!.  Lehrmeinungen.

22
        <pb n="360" />
        338

Zweites  Buch.  Die  Gegner.

Revolution  von  1848,  die  ihn  mitten  in  den  Kampf  der  Parteien?
warf,  die  Veröffentlichung  seiner  Ideen  beschleunigen  sollte.
An  dieser  Stelle  müssen  einige  Worte  über  diese  Revolution  gesagt ­
  werden,  um  den  Platz,  den  die  Ideen  Pkoudhon’s  in  ihr  einnahmen,
  besser  darzulegen,  und  den  Zusammenhang,  in  dem  sie  mit
den  sozialistischen  Ideen  dieser  Zeit  standen,  klar  zu  stellen.
§  2.  Die  Revolution  von  1848  und  der  Niedergang  des.
S  o  z  i  a  1  i  s  m  u  s.
Die  Revolution  von  1848  lieferte  den  Sozialisten  aller  Schattierungen, ­
  die  von  1830—1848  radikale  Reformen  vorgeschlagen
hatten,  eine  einzigartige  Gelegenheit,  ihre  Theorien  in  die  Praxis  zu
übertragen.  Während  der  4  Monate  Februar  bis  Juni,  die  der
blutigen  Unterdrückung  der  sozialen  Republik  durch  die  bürgerliche
Republik  vorausgingen,  schienen  alle  möglichen  Projekte,  die  seit
Jahren  in  Büchern  und  Zeitschriften  erörtert  worden  waren,  nahe
daran,  Wirklichkeit  zu  werden.  Einige  Wochen  hindurch  schien
nichts  unmöglich.  „Recht  auf  Arbeit“,  „Organisation  der  Arbeit“,.
„Assoziation“,  alles  Formeln,  die,  so  glaubte  man,  durch  die  Handbewegung ­
  eines  Zauberers  zu  lebendigem  Leben  erweckt  werden
konnten.
Verschiedene  Enthusiasten  tun  ihr  bestes,  um  dies  zu  versuchen;:
aber  leider  nur,  um  schnell  in  jämmerlichen  Fehlschlägen  zu  versinken. ­
  Eine  nach  der  anderen  werden  alle  diese  Formeln  erprobt,
aber  stets  zeigen  sie  sich  inhaltslos.  Der  Böswille  der  einen,  die
Ungeduld  der  anderen,  das  Ungeschick  und  die  Hast  ihrer  Gründer
selbst  lassen  nach  und  nach  alle  diese  Versuche  der  Lächerlichkeit
oder  dem  Abscheu  anheimfallen.  Ermüdet  wirft  schließlich  die  öffentliche ­
  Meinung  die  Namen  aller  dieser  Reformatoren  in  dem  gleichen
Widerwillen  zusammen.
Für  die  Geschichte  der  sozialen  Ideen  ist  daher  das  Jahr  1848
ein  höchst  bedeutsames  und  merkwürdiges  Datum.  Der  idealistische
Sozialismus  eines  Saint-Simon,  eines  Foueibe  und  Louis  Blanc  fällt
einem  anscheinend  endgültigem  Mißkredit  anheim.  In  den  Augen
der  bürgerlichen  Schriftsteller  ist  er  für  immer  erledigt.  Reybaud,  der
1852  für  den  „Dictionnaire  d’economique  politique“  von  Coquelin  und
Guillaumin  den  Aufsatz  „Sozialismus“  schrieb,  sagte  von  ihm:  „Über
den  Sozialismus  sprechen,  heißt  fast  eine  Leichenrede  halten  ..  -
Die  Tatkraft  ist  gebrochen,  die  Quelle  versiegt.  Wenn  die  Sucht,,
in  den  Abgrund  zu  springen,  noch  einmal  die  Oberhand  gewinnen
sollte,  so  wird  es  unter  einer  anderen  Form  und  mit  anderen.
Illusionen  sein.“
        <pb n="361" />
        Kapitel  Y.  ProucThon  und  der  Sozialismus  von  1848.

339

Auch  in  den  Augen  der  späteren  Sozialisten  wird  ihm  keine
größere  Bedeutung  beigelegt.  Nach  Marx  werden  alle  seine  Vorläufer ­
  unter  dem  etwas  verächtlichen  Titel  „Utopisten“  zusammengefaßt, ­
  und  man  stellt  ihren  Phantasien  den  „wissenschaftlichen
Sozialismus“  des  Kapitals  entgegen.  Zwischen  beiden  liegt  ein
Abgrund;  das  Jahr  1848.  Wie  ist  er  entstanden?  Um  hierin  klar
zu  sehen,  werden  wir  kurz  die  wichtigsten  dieser  verfrühten  Versuche ­
  vorüberziehen  lassen.
Da  ist  zunächst  das  Recht  auf  Arbeit.  Diese  Formel  Foueiee’s,
die  Consideeant  entwickelt,  und  die  Louis  Blanc  wie  viele  andere
Demokraten  aufgenommen  hatte,  wurde  unter  der  Regierung  Louis
Philipp’s  außerordentlich  volkstümlich.  Pboudhon  nannte  sie  die
„wahre  und  einzige  Formel  der  Februar-Revolution“.  Er  sagte:  „Gebt
mir  das  Recht  auf  Arbeit,  und  ich  schenke  euch  das  Eigentum“  1 ).
In  den  Augen  der  Arbeiter  war  die  Verwirklichung  dieser  Forderung ­
  die  erste  Pflicht  der  provisorischen  Regierung.  Unter  dem
Druck  einer  kleinen  Gruppe  (pariser  Arbeiter,  die  in  das  Rathaus
eingedrungen  waren,  beeilte  sich  die  Regierung  am  25.  Februar,  sie
anzuerkeunen.  Das  von  Louis  Blanc  aufgesetzte  Dekret  beginnt:
„Die  provisorische  Regierung  der  französischen  Republik  verpflichtet
sich,  durch  Arbeit  die  Existenz  des  Arbeiters  zu  gewährleisten.
Sie  verpflichtet  sich,  allen  Bürgern  Arbeit  zu  gewährleisten.“
Im  Verfolg  dieses  neuen  Prinzips  kündigte  am  nächsten  Tage  ein
Dekret  die  sofortige  Errichtung  nationaler  Werkstätten  (ateliers
nationaux)  an.  Um  zugelassen  zu  werden,  genügte  es,  sich  bei  einer
der  Bürgermeistereien  von  Paris  einschreiben  zu  lassen.
In  seinem  Buch  von  1841  hatte  Louis  Blanc  die  Schaffung  von
sozialen  Werkstätten  verlangt.  Die  öffentliche  Meinung,  die  von
dem  Gleichklang  der  Namen  getäuscht,  und  von  den  Gegnern  des
Sozialismus  hierin  bestärkt  wurde,  glaubte  in  den  nationalen  Werkstätten ­
  sein  Werk  zu  sehen.  Aber  nichts  ist  weniger  richtig.  Wie
man  weiß,  waren  die  sozialen  Werkstätten  Produktivgenossenschaften,
aber  die  nationalen  Werkstätten  waren  einfach  Arbeitsstätten,  wo
die  Arbeitslosen  Beschäftigung  finden  konnten.  Gleiche  Einrichtungen
waren  in  vielen  Krisenzeiten  (1790  und  1830)  unter  dem  Namen
„Wohltätigkeitswerkstätten“  (ateliers  de  charite)  geschaffen  worden.
Übrigens  war  es  nicht  Louis  Blanc,  sondern  Marie,  der  Minister
der  öffentlichen  Arbeiten,  der  sie  organisierte.  Weit  davon  entfernt,
ein  sozialistisches  Werk  tun  zu  wollen,  sah  die  provisorische  Regierung ­
  im  Gegenteil  hierin  sehr  schnell  ein  Mittel,  die  Arbeiter  für
')  Le  droit  au  travail  et  le  droit  de  propriete,  Brosch.  1848,  SS.  4,  5
und  58.

22*
        <pb n="362" />
        340

Zweites  Buch.  Die  Gegner.

sich  anzuwerben,  gerade  um  den  sozialistischen  Bestrebungen  der
Kommission,  die  im  Luxemburg-Palast  tagte,  und  der,  wie  wir  sehen
werden,  Louis  Blanc  präsidierte,  entgegenzuarbeiten.  An  ihre  Spitze
stellte  man  einen  seiner  erklärten  Gegner,  den  Ingenieur  Emile
Thomas  der  schon  1849  in  seiner  Geschichte  der  nationalen
Werkstätten  selbst  erzählt,  in  welchem  Sinne  er  sie  leitete,
nämlich  in  Übereinstimmung  mit  der  antisozialistischen  Mehrheit  der
provisorischen  Regierung 1 ).
Durch  diese  Rechnung  wurde  aber  schnell  ein  Strich  gemacht.
Diejenigen,  die  die  nationalen  Werkstätten  zum  Vorteil  ihrer  eigenen
Politik  gebrauchen  wollten,  wurden  überstimmt.  Die  Revolution
hatte  die  Zahl  der  Arbeitslosen  sehr  vermehrt,  die  schon  infolge  der
wirtschaftlichen  Krisis  von  1847  ganz  bedeutend  gewesen  war.  Außerdem ­
  ließ  die  Eröffnung  der  öffentlichen  Werkstätten  die  Arbeitslosen
der  Provinz  nach  Paris  strömen.  Anstatt  10000,  auf  die  man  gerechnet ­
  hatte,  waren  Ende  März  21000  Arbeiter  eingeschrieben,  die
Ende  April  auf  99400  angewachsen  waren.  Man  zahlte  ihnen  2  Fr.
am  Tag,  wenn  sie  arbeiteten,  und  1  Fr.,  wenn  man  ihnen  keine
Arbeit  geben  konnte.  Nach  kurzer  Zeit  wußte  man  nicht  mehr,
womit  man  sie  beschäftigen  sollte.  Die  meisten  wurden  ohne  Rücksicht ­
  auf  ihren  Beruf  zu  unnötigen  Erdarbeiten  herangezogen,  die
sich  aber  sehr  bald  auch  als  ungenügend  erwiesen.  Diese  Armee
von  Unglücklichen  wurde  von  Unzufriedenheit  ergriffen,  da  sie  sich
von  der  lächerlichen  Arbeit,  mit  der  man  sie  beschäftigte,  erniedrigt
fühlte,  und  weil  der  geringe  Lohn,  der  aber  noch  weit  über  den  Wert
der  geleisteten  Arbeit  hinausging,  sie  in  keiner  Weise  zufriedenstellen
l )  Alle  Geschichtsforscher  stimmen  in  diesem  Punkte  überein,  den  Louis  Blanc  in
seiner  Histoire  de  la  Revolution  de  1848  ausführlich  dargelegt  hat  (Kap.  XI).
Auch  sind  die  zeitgenössischen  Zeugnisse  bezeichnend  genug,  besonders  das,  das
Lamartine  in  seiner  Histoire  de  la  Revolution  de  1848  gibt  (B.  II,  S.  120).
„Befehligt,  geleitet  und  zusaramengehalten  von  Führern,  die  im  geheimen  im  Vertrauen ­
  der  anti-sozialistischen  Partei  der  Regierung  waren,  hielten  diese  Werkstätten ­
  bis  zur  Ankunft  der  Assemblee  Nationale  den  Arbeiter-Sektierern
der  Klubs  des  Luxemburg-Palastes  und  den  aufrührerischen  Arbeitern  das  Gleichgewicht. ­
  Durch  ihre  Menge  und  die  Nutzlosigkeit  ihrer  Arbeiten  erregten  sie
den  Unwillen  der  Pariser,  aber  sie  beschützten  und  retteten  Paris  mehr  als  einmal,
ohne  daß  es  davon  wußte.  Weit  davon  entfernt,  im  Solde  Louis  Blano’s  zu  stehen,
wie  man  gesagt  hat,  beseelte  sie  der  Geist  seiner  Gegner.“  E.  Thomas  erzählt
(Histoire  des  ateliers  nationaux,  S.  146—147),  daß  am  23.  Mai  der  Minister
Marie  ihn  zu  sich  kommen  ließ  und  ihn  „ganz  im  Geheimen“  fragte,  ob  er  auf  die
Arbeiter  der  nationalen  Werkstätten  zählen  dürfe?  „Finden  Sie  ein  Mittel,  sich
ihrer  wirklichen  Ergebenheit  zu  versichern.  Sparen  Sie  das  Geld  nicht:  wenn  notwendig, ­
  werden  Sie  Geld  aus  dem  Geheimfonds  erhalten“.  •—  „Zu  welchem
Zweck“?  frug  Thomas.  „Um  des  öffentlichen  Wohles  willen.  Glauben  Sie,  Ihren
Leuten  vollständig  befehlen  zu  können  ?  Der  Tag  ist  vielleicht  nicht  mehr  fern,  an
dem  man  sie  zu  Straßenkämpfen  verwenden  muß.“
        <pb n="363" />
        Kapitel  Y.  Proudhon  und  der  Sozialismus  Ton  1848.

341

konnte.  Die  Werkstätten  wurden  zu  einem  Herd  politischer  Agitation;
die  erschrockene  Regierung,  die  selbst  wieder  von  der  Nationalversammlung ­
  (Assemblee  Nationale)  bedrängt  wurde,  hatte  nur  noch
einen  Gedanken:  sie  aufzulösen.
Am  21.  Juni  befahl  plötzlich  eine  Verordnung  allen  jungen
Leuten  von  17  bis  25  Jahren,  die  bei  den  Werkstätten  eingeschrieben
waren,  sich  entweder  in  der  Armee  anwerben  zu  lassen  oder  in
die  Provinz  zu  gehen,  wo  neue  Erdarbeiten  sie  erwarteten.  Zum
Äußersten  getrieben,  erhoben  sich  die  Arbeiter;  am  23.  Juni  brach
der  Aufstand  aus,  um  nach  drei  Tagen  im  Blut  von  Tausenden  von
Opfern  erstickt  zu  werden  und  das  ganze  Land  unter  dem  Eindruck
des  Schreckens  und  der  .Reaktion  zu  lassen.
Mit  der  kindlichen  Logik  politischer  Parteien  machte  man  für
diesen  unglückseligen  Versuch  das  Prinzip  des  Rechtes  auf  Arbeit
verantwortlich,  das  daher  endgültig  verurteilt  schien.  Das  trat  klar
zutage,  als  in  der  Assemblee  Nationale  sich  die  Debatte  über  die
Verfassung  erhob.  Einige  Tage  vor  dem  Aufstand  enthielt  das
Projekt  der  Verfassung,  das  am  19.  Juni  von  Armand  Maerast  der
Kammer  vorgelegt  würden  war,  noch  das  Recht  auf  Arbeit;  der
Artikel  2  des  Entwurfes  lautete:  „Die  Verfassung  garantiert  allen
Bürgern  Freiheit,  Gleichheit,  Sicherheit,  Unterricht,  Arbeit,  Eigentum, ­
  Unterstützung.“  In  dem  neuen  Entwürfe  aber,  der  am  29.  August,
nach  den  Junitagen,  vorgelegt  wurde,  war  dieser  Artikel  gestrichen.
Nur  das  Recht  auf  Unterstützung  war  beibehalten  worden.  Bei  der
Diskussion  des  Artikels  wurde  von  Mathxbu  de  la  Deome  ein  Zusatzantrag ­
  eingebracht,  der  das  Recht  auf  Arbeit  wiederherstellen
sollte.  Es  entstand  eine  aufsehenerregende  Debatte,  in  der  Thiers,
Lamartine  und  Tocqueville  den  Zusatzantrag  bekämpften,  und  die
radikalen  Republikaner,  Ledeu-  Rollin,  Ceemieux  und  Mathibü  de  da
Dröme  ihn  verteidigten 1 ).  Die  Sozialisten  blieben  stumm:  Louis
Blanc  war  in  der  Verbannung,  Consideeant  war  krank,  und  Proudhon
fürchtete,  seine  Gegner  zu  sehr  zu  reizen  und  seine  Freunde  zu  kompromittieren. ­
  Übrigens  war  die  Meinung  der  Versammlung  schon
im  voraus  fertig:  der  Zusatzantrag  wurde  zurückgewiesen,  und  der
Artikel  8  der  Einleitung  der  Verfassung  von  1848  besagt  nur:  „Die
Republik  soll  durch  brüderliche  Unterstützung  die  Existenz  der
bedürftigen  Bürger  sicherstellen,  indem  sie  ihnen  Arbeit  verschafft,
soweit  ihre  Hilfsmittel  dies  gestatten,  und  denen  Unterhalt  gewährt,
hie  erwerbsunfähig  sind  und  keine  versorgungspflichtigen  Angehörigen
besitzen.“

')  Alle  diese  Keden  sind  kurz  nachher  in  einem  Band  veröffentlicht  worden,
her  Le  Droit  au  travail  betitelt  ist.
        <pb n="364" />
        342

Zweites  Buch.  Die  Gegner.

Unter  der  Julimonarchie  war  die  Organisation  der  Arbeit
eine  nicht  weniger  volkstümliche  Formel,  als  die  des  Rechtes  auf
Arbeit.  Als  die  Revolution  ausbrach,  bestanden  die  Arbeiter  mit
dem  gleichen  drohenden  Nachdruck  auf  ihrer  Verwirklichung.  Der
Urheber  der  Formel  war,  ein  einzigartiger  Zufall,  Mitglied  der  provisorischen ­
  Regierung.  Als  daher  am  28.  Februar  (1848),  drei  Tage
nach  der  Anerkennung  des  Rechtes  auf  Arbeit,  die  Arbeiter  in  Menge
kamen  und  „die  Schaffung  eines  Fortschrittsministeriums,  die  Organisation ­
  der  Arbeit  und  die  Abschaffung  der  Ausbeutung  des  Menschen
durch  den  Menschen“  verlangten,  nahm  Louis  Blanc  sofort  die  Gelegenheit ­
  wahr.  Er  beschwor  seine  Kollegen,  trotz  ihres  Widerstandes ­
  den  Wünschen  der  Arbeiter  entgegen  zu  kommen.  Hatte
er  nicht  selbst  für  die  Regierung  die  Initiative  sozialer  Reformen
verlangt!  Wie  konnte  er,  durch  die  Revolution  zu  einem  Mitglied
der  Regierung  gemacht,  sich  dieser  Verantwortung  entziehen?  Mit
großer  Mühe  überredeten  ihn  seine  Kollegen,  sicli  mit  einer  einfachen
„Regierungskommission  für  die  Arbeiter  zu  begnügen“,  die  unter
seinem  Vorsitz  Reformprojekte  ausarbeiten  sollte,  die  dann  der
Assemblee  Nationale  zu  unterbreiten  wären.  Um  den  Unterschied
zwischen  der  alten  und  der  neuen  Regierung  auch  äußerlich  besonders ­
  zum  Ausdruck  zu  bringen,  sollte  die  Kommission  ihre
Sitzungen  in  dem  Luxemburg-Palast  abhalten,  wo  früher  das  Oberhaus
getagt  hatte.
Die  dort  versammelte  Kommission  bestand  aus  von  den  Arbeitgebern ­
  und  Arbeitnehmern  erwählten  Vertretern,  und  zwar  je  drei
für  jeden  Industriezweig.  Diese  sehr  zahlreichen  Vertreter  vereinigten
sich  in  einer  allgemeinen  Versammlung,  um  die  Vorschläge,  die  ein
beständiges  Komitee  von  10  Arbeitnehmern  und  10  Arbeitgebern
ausgearbeitet  hatte,  zu  diskutieren.  Diesem  Komitee  hatte  Louis
Blanc  die  liberalen  Volkswirtschaftler  und  sozialistischen  Schriftsteller: ­
  Le  Play,  Dupont-White,  Wolowski,  Consideeant,  Pecqueük,
und  Vidal  beigegeben.  Der  ebenfalls  zur  Teilnahme  aufgeforderte
Peoudhon  lehnte  ab.  In  Wirklichkeit  besuchten  fast  nur  die  Arbeitnehmer ­
  die  Versammlungen.
Obgleich  diese  Kommission  ohne  jede  Machtmittel  war,  hätte  sie
doch  einige  Dienste  leisten  können.  Louis  Blanc  sah  jedoch  darin
hauptsächlich,  wde  er  später  sagte:  „eine  hervorragende  Gelegenheit ­
  für  den  Sozialismus,  eine  Tribüne  zur  Verfügung  zu  haben,  von
der  er  zu  ganz  Europa  sprechen  konnte“  1 ).  Indem  er  seine  Rolle
als  Redner  und  Schriftsteller  fortsetzte,  widmete  er  den  größten
Teil  der  Sitzungen  beredten  Darlegungen  der  schon  in  seiner

')  Louis  Blanc,  Histoire  de  la  Revolution  de  1848,  Bd.  II,  S.  135.
        <pb n="365" />
        Kapitel  V.  Proudhon  und  der  Sozialismus  von  1848.

343

„Organisation  du  travail“  niedergelegten  Theorien*).  Yidal  und
Pecqueue  wurden  beauftragt,  positive  Projekte  auszuarbeiten.  In
■einem  langen  Expose,  das  im  Moniteur  (dem  offiziellen  Regierungsblatt) ­
  erschien 2 ),  schlugen  sie  den  ganzen  Plan  eines  Staatssozialismus ­
  vor:  landwirtschaftliche  Werkstätten  oder  Kolonien,  vom  Staat
geleitete  Niederlagen,  Warenhäuser,  die  als  Yerkaufslager  dienten,
und  die  auf  Grund  einer  Warrant-Einrichtung  gestatteten,  auf  die
Waren  vom  Staat  Vorschüsse  zu  erhalten,  Zentralisierung  der  Versicherungen ­
  (ausgenommen  der  Lebensversicherungen)  in  den  Händen
des  Staates,  und  endlich  die  Umformung  der  Banque  de  France  in
eine  Staatsbank,  die  den  Kredit  demokratisieren  und  den  Diskontosatz ­
  auf  eine  einfache  Versicherungsprämie  gegen  Verlustrisiken  erniedrigen ­
  sollte.  Dieser  Bericht  stammt  mehr  von  Vidal,  als  von
Pecqueue.  Man  findet  hier  einige  der  Projekte  wieder,  die  er  schon
früher  in  seinem  Buche  „De  la  repartition  des  richesses
(Über  die  Verteilung  der  Güter)  ausgeführt  hatte.
Keiner  dieser  Vorschläge  wurde  in  der  Assemblee  Nationale  auch
nur  diskutiert.  Die  einzige  positive  Arbeit  der  Kommission  und
Louis  Blanc’s  wurde  ihr  von  den  Arbeitern  aufgezwungen.  Es  ist
dies  das  berühmte  Dekret  vom  2.  März,  auf  Grund  dessen  das  Feil-•schen
  über  den  Lohn  (das  damals  vor  Einstellung  der  Arbeiter  üblich
war,  d.  Übers.)  abgeschafft,  und  die  Dauer  des  Arbeitstages  auf
10  Stunden  in  Paris  und  auf  11  in  der  Provinz  beschränkt  wurde.
Dieses  Dekret,  das  einen  der  ersten  Anfänge  der  französischen
Arbeitergesetzgebung  darstellt,  und  das  nebenbei  bemerkt,  niemals
zur  Anwendung  kam,  wurde  von  den  ersten  Arbeitern,  die  in  die
Kommission  gewählt  waren,  Louis  Blanc  geradezu  abgerungen,  da
sie  sich  weigerten,  ihre  Sitze  einzunehmen,  solange  ihnen  diese  Forderung ­
  nicht  bewilligt  sei.  Eine  gewisse  Anzahl  glücklicher  Beilegungen ­
  von  Streitigkeiten  zwischen  Arbeitgebern  und  Arbeitnehmern
müssen  ebenfalls  der  Kommission  gut  geschrieben  werden.
So  schaffte  die  Kommission  nicht  nur  nichts  dauerhaftes,  sondern,
indem  sie  zu  einem  politischen  Klub  herabsank,  erregte  sie  bald  im
h  Siehe  diese  Reden  in  seiner  Broschüre:  La  Revolution  de  fevrier  au
Luxembourg,  Paris,  1849.
2 )  Moniteur  vom  27.  April,  2,  3.  und  6.  Mai  1848.  Das  Expose  general
bricht  mit  diesem  Tage,  infolge  der  Auflösung  der  Kommission  ab,  aber  Vidal  hat
den  Rest  desselben  in  seinem  1848  veröffentlichen  Buche:  Vivre  en  travaillant!
Projets,  voies  et  moye^s  de  reformes  sociales,  niedergelegt.  Es  enthält
den  Vorschlag  eines  Kreditinstitutes  für  Boden  und  Landwirtschaft,  ein  Projekt  eines
staatlichen  Rückkaufs  des  Bodens,  um  die  Bodenrente  abzuschaffen,  —  das  Projekt
eines  Rückkaufs  der  Eisenbahnen,  Kanäle  und  Bergwerke,  —  das  Projekt  billiger
■Gasthäuser  oder  Wohnungen.  Es  ist  ein  interessantes  Beispiel  für  den  Staats-■Sozialismus,
  der  1848  ziemlich  viel  Anhänger  fand.
        <pb n="366" />
        344

Zweites  Buch.  Die  Gegner.

Publikum  Mißtrauen.  Sie  beschäftigte  sich  mit  den  Wahlen,  griff
sogar  in  die  Straßenaufstände  ein,  und  nahm  endlich  an  der  Kundgebung ­
  vom  15.  Mai  teil,  die  unter  dem  Vorwände,  zugunsten  Polens
zu  intervenieren,  schließlich  dazu  führte,  daß  die  Menge  in  die
Assemblee  Nationale  eindrang.  Louis  Blanc  hatte  dieses  Ereignisnicht
  abgewartet,  um  sich  zurückzuziehen.  Er  war  schon  aus  der
Regierung  ausgeschieden,  die  seit  dem  Zusammentreten  der  Assemblee
Nationale  durch  eine  Exekutivkommission  ersetzt  worden  war,  und
hatte  am  13.  Mai  seine  Demission  als  Präsident  gegeben.  Seitdem  wurdedie
  Kommission  im  Luxemburgpalast  als  aufgelöst  betrachtet.  Wie
die  nationalen  Werkstätten,  so  verschwand  auch  sie  in  der  Ohnmacht
und  Unfähigkeit,  ohne  eine  andere  Spur  zu  hinterlassen,  als  die
Diskreditierung  der  sozialistischen  Ideen  in  der  öffentlichen  Meinung-Übrig
  bleiben  noch  die  Arbeitergenossenschaften  (associations
  ouvrieres).  Das  Prinzip  der  Genossenschaft  war  der  gemeinsame ­
  Punkt,  in  dem  sich  alle  sozialistischen  Theorien,  die  während
der  ersten  Hälfte  des  19.  Jahrhundert  aufgekommen  waren,  berührten.
Mit  der  Ausnahme  von  Phoudhon  *),  der  stets  vereinzelt  blieb,  hatten
die  Reformatoren  sich  überboten,  es  als  das  spezifische  Mittel  zur
Emanzipation  der  Arbeiter  hinzustellen.  Es  war  nur  natürlich,  daß
man  einen  Versuch  im  großen  anstellte.
In  der  Erklärung  vom  26.  Februar  spricht  die  provisorische;
Regierung  von  dem  Recht  auf  Arbeit  und  sagt,  daß  „die  Arbeiter
sich  untereinander  verbinden  müssen,  um  den  Gewinn  ihrer  Arbeit
zu  genießen,“  und  Louis  Blanc  versuchte,  sobald  er  zur  Macht  gekommen ­
  war,  ilire  Anstrengungen  in  diesem  Sinne  zu  beeinflussen.
Er  faßte  die  Assoziation  unter  der  Form  von  Produktivgenossenschaften ­
  auf,  die  vom  Staat  zu  unterstützen  seien.  Wie  wir  schon
gesehen  haben,  hatte  sich  1834  unter  dem  Einfluß  Buchez’,  einesalten
  Saint-Simonisten,  Republikaners  und  Katholiken,  Gründer  der
Zeitung  l’Atelier,  „die  Genossenschaft  der  Bijouterie-Arbeiter“  gegründet ­
  2 ).  Dieser  Versuch  war  jedoch  vereinzelt  geblieben.  Louis  Blanc
war  glücklicher.  Er  gründete  nacheinander  Genossenschaften  der
Schneider,  dann  der  Sattler,  der  Spinner  und  Posamentierer,  für  dieer
  von  der  Regierung  Aufträge  auf  Waffenröcke,  Sättel  und  Achselstücke ­
  erhielt.  Andere  Genossenschaften  folgten,  und  am  5.  Juli
interessierte  sich  die  Assemblee  Nationale  genügend  für  diese  Versuche, ­
  um  ihnen  einen  Kredit  von  3  Millionen  Fr.  zu  bewilligen.
Einen  guten  Teil  dieser  Summe  erhielten  die  einfachen,  aus  Arbeitgebern ­
  und  Arbeitnehmern  gemischten  Genossenschaften,  die  zu  dem:

9  Vgl.  oben,  S.  334,  Anm.  4.
a )  Vgl.  oben,  S.  290,  Anm.  2.
        <pb n="367" />
        345

Kapitel  V.  Proudhon  und  der-Sozialismus  von  1848.

spekulativen  Zweck  gegründet  worden  waren,  ans  der  Freigebigkeit
der  Regierung  Profit  zu  ziehen.  Die  reinen  Arbeitergenossenschaften
erhielten  immerhin  noch  über  eine  Million,  und  1849  bestanden
ungefähr  100  solcher  Genossenschaften.
Aber  diese  erste  kooperative  Bewegung,  die  auf  den  Ideen  Louis
Blanc’s  beruhte,  hatte  nur  kurze  Dauer.  Die  Asseniblee  Nationale
hatte  dafür  gesorgt,  daß  die  neuen  Gesellschaften  einer  behördlichen
Kontrolle  unterstanden,  indem  ein  Conseil  d’encouragement,
der  vom  Minister  ernannt  wurde,  damit  beauftragt  war,  die  Darlehnsbedingungen ­
  festzusetzen.  Diese  Behörde  beeilte  sich,  ein  Muster-Statut
  zu  veröffentlichen,  das  den  Genossenschaften  in  ihrer  inneren
Organisation  nur  wenig  Freiheit  ließ.  Mehrere  kamen  infolge  des
Fehlens  von  Aufträgen  zu  einem  sehr  schnellen  Ende.  Nach  dem
Staatsstreich  wurden  alle  diejenigen  Genossenschaften  zur  Auflösunggezwungen,
  die  nicht  eine  der  drei  von  dem  Artikel  19  des  Handelsgesetzbuches ­
  vorgesehenen  Formen  (Kollektiv-  Kommandit-  oder
Aktien-Gesellschaft)  angenommen  hatten.  Die  Folge  davon  war,  daß,
nach  Reybaud,  im  Jahre  1855  nur  noch  neun  von  denen  bestanden,
die  1848  unterstützt  worden  waren.  Die  wenigen  Konsumvereine
oder  wie  man  damals  sagte;  „Genossenschaften  für  Lebensverbilligung“
(associations  pour  la  vie  ä  bou  marche),  die  in  Paris,  Lille,  Nantes
und  Grenoble  gegründet  worden  waren,  wurden  ebenfalls  aufgelöst.
So  schlugen  denn  diese  Versuche  —  die  einzigen,  die  nicht  direkt
die  Sache  der  Reformen  kompromittiert  hatten  —  ihrerseits  fehl.  Sie
verschwanden  teilweise  infolge  der  politischen  Umstände,  teilweise
aber  auch  infolge  der  Fehler,  die  die  Gründer  selbst  begingen,  weil
sie  noch  nicht  genügend  auf  die  Schwierigkeiten  der  Assoziation
vorbereitet  waren.  Sie  lassen  in  der  Arbeiterklasse  eine  tiefe  Entmutigung ­
  und  die  Erinnerung  an  eine  große  Enttäuschung  zurück.
So  waren  einer  nach  dem  anderen  die  sozialistischen  Versuche
von  1848  gescheitert  und  zogen  in  ihren  Schiffbruch  die  Theorien
ihrer  Urheber  mit  hinein.  Es  blieb  noch  ein  Versuch  übrig,  den
Pboudhon  mit  seinem  Namen  gedeckt  hatte:  nämlich  der  unentgeltliche ­
  Kredit.  Er  sollte  keinen  besseren  Erfolg  haben.
§  3.  Die  Theorie  der  Tausch  bank.
Die  Revolution  von  1848  kam  Pkouuhon  nicht  überraschend.
Seiner  Meinung  nach  aber  kam  sie  zu  früh.  Er  sah  sehr  wohl,  daß
das  Hauptproblem,  das  sie  zu  lösen  hatte,  eher  ein  wirtschaftliches,
Ms  ein  politisches  war.  Er  verhehlte  sich  aber  nicht,  daß  die  Erziehung ­
  der  Massen  noch  nicht  weit  genug  fortgeschritten  war,  um
eine  friedliche  Lösung  zu  ermöglichen.  Denn  es  ist  eine  friedliche
        <pb n="368" />
        346

Zweites  Buch.  Die  Gegner.

Lösung,  die  Pkoxidhon,  der  hierin  mit  allen  französischen  Sozialisten
seiner  Zeit  übereinstimmt,  für  die  soziale  Frage  erträumt 1 ).  Er
nennt  an  einer  Stelle  die  Februarrevolution  „ein  zu  früh  geborenes
Kind“  2 );  und  in  einem  ergreifenden  Aufsatz,  der  in  der  Zeitung  L  e
Peuple  erschien,  gibt  er  der  tiefen  Sorge  Ausdruck,  die  ihn  erfüllt,
als  er  die  Revolution  näher  und  näher  kommen  sieht  und  sich  bewußt ­
  wird,  daß  niemand  vorhanden  ist,  der  „den  Schlüssel  oder  die
Kenntnisse“  besitzt,  um  sie  zu  einem  guten  Ende  zu  führen:
„Wie  sollten  mir  nicht  die  Tränen  gekommen  sein,  wenn  ich
der  armen  Arbeiter  gedachte,  die  ich  im  voraus  der  Arbeitslosigkeit
und  jahrelangem  Elend  überliefert  sah,  jener  Arbeiter,  deren  Verteidigung ­
  ich  mein  Leben  geweiht  habe,  und  denen  ich  nun  in  keiner
Weise  helfen  konnte.  Wie  sollte  ich  nicht  geweint  haben,  wenn  ich
an  das  Bürgertum  dachte,  das  ich  ruiniert  sah,  dem  Bankerott  ausgeliefert, ­
  gegen  das  Proletariat  aufgehetzt,  an  das  Bürgertum,  gegen
das  der  Antagonismus  der  Ideen  und  die  Fatalität  der  Umstände
mich  zu  kämpfen  zwingen  sollten,  während  ich  mehr  als  irgendein
anderer  bereit  war,  es  zu  beklagen.  Schon  vor  der  Geburt  der
Republik  trauerte  ich  um  sie,  und  die  Last  ihrer  Schuld  drückte
mich  nieder  .  .  .  Diese  Revolution,  die  in  der  öffentlichen  Ordnung
ausbrechen  sollte,  war  der  Ausgangspunkt  einer  sozialen  Revolution,
deren  Wesen  allen  verborgen  blieb 3 ).“
Sobald  aber  die  Revolution  ausgebrochen  war,  findet  Proüdhon
daß  ihm  nicht  das  Recht  zustehe,  zurückzubleiben.  Schärfer  als
irgendein  anderer  hatte  er  die  bestehende  Ordnung  kritisiert.  Sein
Ehrgefühl  zwang  ihn  dazu,  an  der  Lösung  der  praktischen  Fragen,
die  so  plötzlich  auftraten,  raitzuarbeiten.  Er  wirft  sich  als  Schriftsteller ­
  in  den  Streit.  Bis  dahin  hatte  er  sich  begnügt,  in  allgemeinen ­
  Ausdrücken  auszuführen,  in  welcher  Richtung  er  einen  Ausweg ­
  zu  sehen  glaubte.  Jetzt  handelte  es  sich  darum,  die  Reform
praktisch  zu  gestalten  und  ihre  genauen  Richtlinien  festzulegen.  So
erfand  er  die  Tauschbank.

*)  „Es  ist  selbstverständlich  und  es  sollte  nicht  nötig  sein,  hierauf  besonders
hinzuweisen,  dali  diese  Reform  (die  Abschaffung  des  Eigentums)  durchaus  fiskalisch
zu  bleiben  hat  und  ohne  Gewaltmaßregeln,  ohne  Beraubung,  ohne  Besitzwegnahme
und  auf  Grund  einer  vorher  fälligen  Entschädigung  zu  geschehen  hat“  (Resume
de  la  question  sociale,  S.  27).
2 )  Solution  du  probleme  social,  S.  32  (Bd.  VI  der  (Buvres  completes).
3 )  (Euvres,  Bd.  XVIII,  S.  6-7.  Siehe  auch  den  Brief  vom  25.  Februar  1848
(Briefwechsel,  Bd.  II,  S.  280).  „Sicherlich  wird  der  Fortschritt  Frankreichs  durch
die  Republik  oder  auf  andere  Weise  durchgeführt  werden,  was  auch  immer  eintreten
möge.  Doch  hätte  er  sich  ebenso  gut  mit  der  abgesetzten  Regierung,  so  wie  sie
war,  durchführen  lassen  und  würde  viel  weniger  gekostet  haben.“  Dieser  Gedanke
hat  ihn  aber  nicht  daran  gehindert,  auf  die  Barrikaden  zu  eilen.
        <pb n="369" />
        Kapitel  Y.  Proudhon  und  der  Sozialismus  von  1848.

347

Proudhon  hat  der  Tauschbank  zahlreiche  Darstellungen  x )  in
Broschüren,  Zeitschriften  und  Büchern  gewidmet.  Seine  Ausführungen
stimmen  nicht  immer  miteinander  überein.  Es  ist  daher  schwierig,
seine  Gedanken  genau  zu  bestimmen,  und  das  erklärt  auch,  weshalb
man  ihn  oft  falsch  verstanden  hat.  Versuchen  wir  jedoch,  seine
Ideen  zusammenzufassen;  späterhin  werden  wir  sie  einer  Kritik
unterwerfen,  indem  wir  sie  mit  analogen  Vorschlägen  vergleichen
die  vor  und  nach  ihm  aufgestellt  wurden,  und  auf  diese  Weise
werden  wir  dazu  gelangen,  ihren  originellen  Charakter  besser  hervortreten ­
  zu  lassen.
Das  ganze  Projekt  beruht  auf  folgenden  grundlegenden  Gedanken: ­
  unter  allen  Formen  des  Kapitals,  die  ihrem  Besitzer  unter
dem  Namen  Zinsen,  Pacht,  Diskont  usw.  ein  Herrenrecht 2 )  an  dem
Erzeugnisse  des  Arbeiters  einräumen,  ist  das  wichtigste  das  Geld,  —•
denn  schließlich  bieten  sich  auf  dem  Markte  alle  Kapitalien  unter
der  Form  von  Geld  an  3 ).  Wenn  es  daher  gelingt,  das  „Herrenrecht“
unter  dieser  universellen  Kapitalform  zu  unterdrücken,  mit  anderen
Worten,  wenn  das  Geld  umsonst  verliehen  wird,  so  würde  das  Herrenrecht ­
  sofort  auch  für  alle  anderen  Kapitalien  verschwinden.
Nehmen  wir  an,  daß  ich  auf  Grund  irgendeiner  Organisation  imstande ­
  sei,  mir  ohne  Zinsen  das  zum  Ankauf  eines  Stückes  Land,
einer  Maschine  oder  eines  Gebäudes,  die  ich  für  mein  Gewerbe  benötige, ­
  notwendige  Geld  zu  verschaffen,  —  so  würde  ich  mich  beeilen, ­
  diese  Kapitalien  zu  erwerben,  anstatt  sie  zu  mieten,  wie  ich
es  heute  tun  muß,  indem  ich  Zinsen  oder  Miete  dafür  zahle.  Indem
')  Schon  am  31.  März  1848  legt  er  in  einer  Broschüre,  Organisation  du
credit  et  de  la  circulation  ihre  Grundgedanken  und  Hauptcharakterzüge
dar.  Im  Monat  April  nimmt  er  sein  Projekt  in  Aufsätzen,  die  er  in  der  Zeitung
Repräsentant  duPeuple  veröffentlichte,  wieder  auf,  und  die  seitdem  unter  dem
Titel:  Eesuipe  de  la  question  sociale  von  Darimon  wieder  herausgegeben
■worden  sind.  Dieses  Projekt  unterscheidet  sich  etwas  von  den  Statuten  der
Banque  du  Peuple,  die  im  VI.  Band  der  (Euvres  complfetes  enthalten  sind,
obgleich  die  Leitgedanken  sich  decken.  Im  Februar  und  März  1849  hat  Proudhon
nochmals  die  Darlegung  dieser  Grundsätze  in  der  Zeitung  Le  Peuple  aufgenommen
(diese  Aufsätze  sind  ebenfalls  in  den  (Euvres  completes  enthalten),  während
er  sich  bemühte,  die  Banque  du  Peuple  zu  gründen.  Später  hat  er  sie  in  seiner
berühmten  Auseinandersetzung  mit  Bastiat  verteidigt  (die  in  Wirklichkeit  nicht  besonders ­
  belehrend  ist).  Sie  ging  in  den  Spalten  der  Zeitung  Voix  du  Peuple
vom  Oktober  1849—1850  vor  sich  und  kam  1850  als  Buch  unter  dem  Titel  Interet
et  Principal;  Discussion  entre  M.  Proudhon  et  M.  Bastiat  sur  hinter ­
  6t  des  capitaux  in  Paris  heraus.  —  Weiterhin  ist  Proudhon  oft  auf  diese
Idee  in'seinen  spätereren  Werken  zurückgekommen,  unter  anderen  in  La  Justice
dans  la  Revolution,  etc.,  Bd.  I,  S.  289ff.,  und  in  der  Idee  generale  de  la
Revolution  au  XIX  o  siede,  S.  197ff.
2 )  Siehe  oben,  S.  330  Anm.  2.
3 )  Siehe;  Solution  du  Probleme  social,  S.  178—179.
        <pb n="370" />
        348

Zweites  Buch.  Die  Gegner.

auf  diese  Weise  die  Abschaffung  der  Geldzinsen  dem  Arbeiter  gestattet, ­
  sofort  und  umsonst  all  die  nötigen  Kapitalien  zu  erwerben,
anstatt  sie  zu  mieten,  verhindert  sie  gleichzeitig  alle  Kapitalbesitzer,
ein  Einkommen  ohne  Arbeit  zu  erheben.  Das  Eigentum  würde  daher
auf  den  Besitz  beschränkt  bleiben.  Da  der  Arbeiter  den  vollen  Ertrag ­
  seiner  Arbeit  erhalten  würde,  ohne  ihn  mit  jemand  anderem
teilen  zu  müssen,  so  wäre  auch  die  ^Reziprozität  im  Austausch  erreicht.
Die  wirtschaftliche  Gerechtigkeit  wäre  endlich  verwirklicht.
Zweifellos,  wird  man  sagen,  ist  das  richtig.  Wie  soll  man  sich
aber  das  nötige  Geld  ohne  Zinszahlungen  beschaffen?  Das  ist  der
springende  Punkt!
Man  überlege,  antwortet  Peoudhon,  was  das  Geld  ist!  Ist  es
,  etwas  anderes  als  ein  Tauschbon,  dessen  einzige  Bestimmung  die  Er-//leichterung
  des  Güterumlaufs  ist?  Hier  betrachtet  Peoudhon  plötzlich ­
  das  Geld,  das  ihm  bis  dahin  als  das  wirkliche  und  einzige
Kapital  erschienen  ist,  nur  mehr  als  ein  ümlaufsmittel.  „Das  Geld  an
und  für  sich  ist  mir  nichts  nütze.  Ich  nehme  es  nur,  um  es  auszugeben, ­
  ich  verbrauche  und  bewirtschafte  es  nicht“  *).  Es  ist  nur  ein
ümlaufsmittel,  und  der  Zins,  den  ich  dafür  zahle,  entlohnt  gerade
diese  ümlaufsfunktion*).  Würde  nun  ein  Papier  diese  Funktion
nicht  ebenso  gut  und  billiger  erfüllen?  Heute  leihen  die  Banken
den  Besitzern  von  Handelseffekten  das  Bargeld,  das  sie  benötigen,
oder  Banknoten,  die  ständig  gegen  Bargeld  einwechselbar  sind.  Für
diesen  Dienst  lassen  sie  sich  einen  Diskont  zahlet!,  der  dazu  bestimmt ­
  ist,  die  Aktionäre,  die  das  Kapital  geliefert  haben,  zu  entlohnen. ­
  Gründen  wir  daher  eine  Bank  ohne  Kapital,  die,  wie  die
Banque  de  France  die  Handelseffekten  mit  Noten  diskontiert,  und
zwar  „Umlaufbons“  oder  „Tauschbons“,  welche  Noten  aber  nicht
in  Bargeld  umwechselbar  sind,  die  folglich  fast  nichts  kosten,
da  kein  Garantiekapital  entlohnt  zu  werden  braucht.  Diese  Bank
ohne  Geldkapital  würde  daher  zu  einem  bedeutend  geringeren  Preise
dieselben  Dienste  leisten,  wie  die  Banque  de  France.
Damit  diese  Noten  in  den  Umlauf  gebracht  werden  können,  genügt ­
  es,  daß  alle  Kunden  der  neuen  Bank  sich  verpflichten,  sie  als
Zahlung  für  ihre  Waren  anzunehmen.  Der  Besitzer  würde  daher
imstande  sein,  sie  auszutauschen,  —  ebenso  wie  bares  Geld.  Auf
der  anderen  Seite  riskieren  die  Kunden  der  Bank  nichts,  wenn  sie
sie  annehmen,  denn  (die  Statuten  stipulieren  das)  die  Bank  dis-*)
  Interet  et  Principal,  S.  112.
2 )  „Daher  ist  das  Geld,  das  überall  als  Zusatzkapital,  als  ümlaufsmittel,  als
Garantieinstrument  dazwischentritt,  gerade  das,  was  zu  bezahlen  ist;  es  handelt
sieh  gerade  darum,  den  Dienst,  den  es  leistet,  zu  entlohnen!“  (Interet  et  Principal, ­
  S.  113).
        <pb n="371" />
        Kapitel  V.  Proudhon  und  der  Sozialismus  von  1848.

349

kontiert  niemals  etwas  anderes  als  Effekten,  die  geli  eferte  Waren
oder  Waren,  für  die  ein  Kaufauftrag  vorliegt,  vorstellen.  Die  „Umlaufbons“ ­
  würden  daher  niemals  die  Bedürfnisse  des  Handels  überschreiten; ­
  sie  werden  stets  eine  Ware  vorstellen,  die  nicht  nur  erzeugt, ­
  sondern  auch  schon  verkauft  (wenn  auch  noch  nicht  bezahlt)
ist r ).  Die  Bank  tut  also  nichts  anderes  als  jede  andere  Diskontierungs-  '
bank,  die  dem  Verkäufer  einer  Ware  eine  Summe  vorstreckt,  die  sie
späterhin  vom  Käufer  wieder  erhält.  Die  Kaufleute  und  Industriellen
sollen  aber  auf  diese  Weise  nicht  nur  das  Umlaufskapital  ohne
Zinsen  erhalten,  sondern  auch  die  zur  Gründung  neuer  Unternehmungen ­
  notwendigen  Mittel  unter  der  Form  von  (natürlich  zinslosen) ­
  Darlehen,  die  ihnen  gestatten,  die  Arbeitsinstrumente,  die  sie
nötig  haben,  zu  kaufen,  anstatt  sie  zu  mieten 2 ).
Die  Folgen  einer  derartigen  Reform  sind  unberechenbar!  Nicht
nur  würde  sich  die  Verschmelzung  der  Klassen  verwirklichen,  denn
da  Kapitalien  allen  umsonst  erreichbar  wären  *),  würde  es  nur  noch
Arbeiter  geben,  die  ihre  Produkte  zum  Kostenpreise  austauschen 4 ).
Überdies  würde  auch  noch  die  Regierung  selbst  unnötig
werden.  Eine  Regierung  ist  nämlich  nur  notwendig,  solange  als
es  Unterdrücker  und  Unterdrückte,  Starke  und  Schwache  gibt.  Sie
existiert  nur,  „um  den  gegenseitigen  Kampf  durch  eine  allgemeine
Unterdrückung  zu  beendigen“ 5 ).  Mit  dem  Tag  aber,  an  dem  im
b  Vgl.  Besinne  de  la  question  sociale,  S.  39.
2 )  Die  Vorschüsse  werden  übrigens  unter  der  Form  einer  Diskontierung  geleistet. ­
  Der  Unternehmer,  der  ein  Geschäft  machen  will,  „wird  sich  an  den  Verbrauch
wenden,  um  Aufträge  zu  erhalten;  auf  Grund  und  infolge  des  Kredites  dieser  Aufträge ­
  wird  er  dann  an  die  Erzeuger  der  Rohstoffe,  Instrumente  oder  Dienste,  deren
er  bedarf,  herantreten,  wird  deren  Lieferung  erhalten  und  sie  durch  Handelswechsel
bezahlen,  die  von  der  Bank,  unter  den  üblichen  Vorsichtsmaßregeln,  in  Banknoten
(d.  h.  in  Umlaufbons)  verwandelt  werden“.  ®Auf  diese  Weise  ist  der  Verbraucher
der  wirkliche  Geldgeber:  zwischen  ihm  und  dem  neuen  Unternehmer  ist  das
Zwischenglied  des  Geldmannes  nicht  mehr  notwendig“  (Organisation  du  credit,
S-  123,  Bd.  VI,  der  (Euvres  complbtes).  Wie  man  sieht,  ist  die  Hauptfunktiou
der  Bank  Pkoddhon’s  die  Diskontierung  von  Wechseln.  Daher  haben  wir  auch
unsere  Kritik  auf  diese  Operation  beschränkt.
3 )  „Die  Bourgeoisie  und  das  Proletariat  in  eine  Mittelklasse  zusammenschweißen,
die  Klasse,  die  von  ihrem  Einkommen  lebt,  und  die,  die  von  ihrem  Lohn  lebt,  in
eine  Klasse,  die  in  Wirklichkeit  weder  Einkommen  noch  Lohn  bezieht,  aber  die  erfindet, ­
  die  unternehmungslustig  ist,  die  Werte  schafft,  die  erzeugt,  die  austauscht,  die
allein  das  Wirtschaftsleben  der  Gesellschaft  ausmacht,  und  die  in  Wahrheit  das  Land
vorstellt:  das  ist,  wie  wir  gesagt  haben,  die  wirkliche  Februarfrage.“  (Revolution
demontree  par  le  Coup  d’Etat,  S.  135.)
4 )  „Die  Reziprozität  .  .  .  beruht  darin,  daß  die  Austausehenden  einer  dem
anderen  und  unwiderruflich  ihre  Erzeugnisse  zum  Kostenpreis  garantieren“  (Idee
generale  de  la  Revolution,  S.  97—98).
6 )  „Die  Verfassung  des  Staates  setzt  voraus,  soweit  sein  Zweck  in  Betracht
kommt,  daß  der  Antagonismus  oder  Kriegszustand  die  wesentliche  und  unwandel-
        <pb n="372" />
        350

Zweites  Buch.  Die  Gegner.

Güteraustausch  Gerechtigkeit  garantiert  ist.  wo  freie  Kontrakte  zu
seiner  Sicherstellung  genügen,  gibt  es  nur  noch  Gleichgestellte,  von
denen  ein  jeder  die  gleichen  Vorteile  genießt.  Die  Quellen  der  Streitigkeiten ­
  verschwinden.  „Sobald  Kapital  und  Arbeit  einmal  identisch
geworden  sind,  besteht  die  Gesellschaft  aus  eigener  Kraft  und  braucht
weiter  keine  Regierung.“  Das  Regierungssystem  ist  mit  dem  wirtschaftlichen ­
  System  „verschmolzen“,  in  ihm  „untergetaucht“.  Das
ist  die  An-archie,  die  Nicht-Regierung 1 ).
So  der  Vorschlag  Peoüdhon’s  und  seine  Konsequenzen.  Um  seine
Tragweite  zu  verstehen,  müssen  wir  uns  fragen:  1.  Ob  der  Ersatz  der
auf  Sicht  gegen  Bargeld  zahlbaren  Banknoten  durch  Tauschbons  praktisch ­
  möglich  ist;  —  und  2.  in  der  Annahme,  daß  dieser  Ersatz  möglich
sei,  würde  er  die  Folgen  haben,  die  sein  Urheber  davon  erwartet?
1.  Peoudhon  stellt  sein  System  als  ein  einfaches  Mittel,  den
Wechsel  zu  verallgemeinern,  hin 2 ).  Das  ist  richtig.  Die  Tauschbare ­
  Bedingung  des  Menschengeschlechts  ist,  eine  Bedingung,  die  zwischen  Starken
und  Schwachen  die  Einmischung  einer  zwingenden  Gewalt  nötig  macht,  um  die
Kämpfe  durch  allgemeine  Unterdrückung  zu  beenden“  (Voix  du  Peuple,  3.  Dezember ­
  1849.  (Euvres,  Bd.  XIX,  S.  23.)  Doch  „in  einer  fast  ohne  ihr  Wissen
durch  die  Entwicklung  des  Wirtschaftslebens  urageformten  Gesellschaft  gibt  es
weder  Starke  noch  Schwache,  sondertynur  Arbeitende,  deren  Fähigkeiten  und  Mittel
ständig  das  Bestreben  zeigen,  sich  auf  Grund  der  industriellen  Solidarität  und  des
garantierten  Umlaufs  auszugleichen“  (ebenda,  S.  18).
')  „Wir  sind  daher,  was  wir  schon  mehr  als  einmal  erklärt  haben,  Anarchisten. ­
  Die  Anarchie  ist  die  Existenzbedingung  erwachsener  Gesellschaften,
wie  die  Hierarchie  die  primitiver  Gesellschaften  ist:  in  den  menschlichen  Gemeinwesen ­
  geht  der  Fortschritt  unaufhörlich  vor  sich,  und  zwar  von  der  Hierarchie  zur
Anarchie“  (ebenda,  S.  9).  Und  etwas  weiter  (in  der  Idee  generale  de  la  Revolution, ­
  S.  196)  bezeichnete  er  als  Ziel  der  ßevolution  „eine  Verfassung  des
Eigentums  zu  geben“  und  „das  politische  oder  Regierungssystem  in  der  Wirtschaftsordnung ­
  aufzulösen,  zu  versenken  und  zum  Verschwinden  zu  bringen,  indem  eins
nach  dem  anderen  der  Kader  im  Räderwerk  dieses  großen  Mechanismus,  der  Regierung ­
  oder  Staat  heißt,  verringert,  vereinfacht  und  dezentralisiert  wird  “
Peoudhon  hat  diesen  Gedanken  Saint-Simon  entlehnt,  was  er  in  der  Idee
generale  de  la  Revolution  (S.  136ff.)  zugiht.  Diese  Auffassung  einer  industriellen ­
  Gesellschaft,  die  die  politische  Regierung  überflüssig  macht,  oder  sie  doch
auf  ein  Minimum  beschränkt,  ist  selbst  nur  eine  Entwicklung,  oder  wenn  man  will,
eine  Vergröberung  des  wirtschaftlichen  Liberalismus  J.-B.  Say’s.  —  Die  Bestätigung,
daß  er  Anarchist  ist,  findet  sich  schon  in  dem  Memoire  sur  la  propriete
(1.  Ausg.  8.  229).  „Wer  sind  Sie  denn?  —  Ich  bin  Anarchist.  —  Ah!  Ich  verstehe;
Sie  wollen  satirisch  sein;  das  richtet  sich  gegen  die  Regierung!  —  Durchaus  nicht!
Ich  sage  Ihnen  damit  mein  Glaubensbekenntnis,  das  ich  mir  ernsthaft  und  reiflich
überlegt  habe;  wenn  ich  auch  in  jeder  Weise  ein  Freund  der  Ordnung  bin,  so  bin
ich  doch  in  der  vollen  Bedeutung  des  Wortes  Anarchist?' 1 ’
2 )  „Die  ganze  Frage  des  Umlaufs  liegt  in  der  Verallgemeinerung  des  Wechsels,
d.  h.  darin,  ihn  zu  einem  auf  den  Inhaber  lautenden  Wertpapier  zu  machen,  das
beständig  ausgetauscht  werden  kann  und  auf  Sicht  rückzahlbar  ist,  aber  nur  gegen
Waren  oder  Dienste“  (Organisation  du  credit,  (Euvres,  Bd.  VI,  S.  113—114)-
        <pb n="373" />
        Kapitel  Y.  Proudhon  und  der  Sozialismus  von  1848.

351

bank  setzt  ihre  Unterschrift  an  Stelle  der  des  Kundenwechsels,  den
sie  diskontiert.  Auch  heute  tut  der  Aussteller  einer  Banknote  nichts
anderes.  An  die  Stelle  des  Wechsels,  den  die  Banque  de  France
kauft,  und  der  nur  einen  beschränkten  Kredit  genießt,  setzt  die
Banque  de  France  Banknoten,  die  ihre  überall  anerkannte  Unterschrift ­
  tragen  und  einen  fast  unbegrenzten  Kredit  genießen.  Worin
unterscheidet  sich  nun  der  Umlaufbon  Peoudhon’s  yoh  der  Banknote?
Einfach  dadurch,  daß  die  Bank  zu  ihrer  Unterschrift  das  Versprechen ­
  einer  Einlösung  in  Metallgeld  fügt,  d.  h.  in  einer  allgemein
angenommenen  und  nachgefragten  W’are,  während  Peoudhon  die
Unterschrift  der  Tauschbank  durch  keine  andere  besondere  Verpflichtung ­
  dieser  Art  ergänzt,  sondern  einzig  dadurch,  daß  alle  ihre
Kunden  sie  an  Zahlungsstatt  annehmen.
Theoretisch  mag  dieser  Unterschied  unbedeutend  erscheinen,  da
in  beiden  Fällen  die  Zahlungsfähigkeit  der  Aussteller  des  Kundenwechsels ­
  die  wirkliche  Garantie  der  Banknote,  wie  des  Tauschbons
ist.  Praktisch  ist  der  Unterschied  aber  außerordentlich  groß!  Die
Sicherheit,  die  Banknote  gegen  Bargeld  Umtauschen  zu  können,  gibt
ihr  die  große  Kraft  ihrer  Verbreitung,  und  auf  Grund  dieser  Sicherheit ­
  wird  sie  von  der  großen  Menge  Unbekannter  angenommen,  die
sie  einzig  infolge  des  Vertrauens,  das  ihnen  die  Bank  einflößt,
annehmen.  Sie  brauchen  sich  nur  um  die  Zahlungsfähigkeit  der
Bank  zu  kümmern.  Ein  „Umlaufbon“,  abgesehen  davon,  daß  er  nur
ein  Anrecht  auf  gewisse  Waren  (wie  sie  die  Kunden  der  Tauschbank
herstellen)  gibt,  setzt  aber  voraus,  daß  der  Besitzer  Vertrauen  in,
die  Gesamtheit  der  Kunden  hat,  ein  Vertrauen,  dessen  wirkliche  Begründung ­
  er  nur  schwer  mit  Sicherheit  nachprüfen  kann.  Ein  der-  •
artiger  Bon  wird  daher  nur  unter  den  Kunden  der  Bank  umlaufen,
anstatt  wie  die  jetzige  Banknote  das  ganze  Publikum  zu  umfassen.
Aber  auch  die  Kunden  der  Tauschbank  können  ihre  Verpflichtungen
nur  dann  einhalten,  wenn  diese  Bank  nur  Wechsel  erster  Sicherheit
diskontiert  und  niemals  am  Verfalltage  eine  Zahlungsverweigerung
erleidet.  Denn  sonst  würden  die  Umlaufbons,  anstatt  regelmäßig
zur  Bank  zurückzukehren,  im  Umlauf  bleiben.  Sollte  eine  irgendwie ­
  bedeutende  Krisis  auftreten,  und  viele  der  Anhänger  der  Bank
in  Zahlungsschwierigkeiten  geraten,  so  würde  die  Summe  des  Nennwertes ­
  der  Umlaufbons  sehr  schnell  den  Wert  der  Waren,  die  sie
vorstellen,  übersteigen.  Die  Bons  würden  sofort  an  Wert  verlieren,
und  die  Kunden  selbst  würden  sich  weigern,  sie  an  Zahlungsstatt
anzunehmen.
Man  kann  sich  daher  sehr  wohl  die  Möglichkeit  eines  Umlaufs
dieser  Bons  vorstellen,  —  aber  dieser  Umlauf  würde  stets  nur  auf
einen  kleinen  Kreis  beschränkt  bleiben,  und  als  erste  unvermeidliche
        <pb n="374" />
        352

Zweites  Buch.  Die  Gegner.

Bedingung  die  fast  vollständige  Zahlungsfähigkeit  der  Kunden  voraussetzen.

2.  Nehmen  wir  aber  an,  daß  diese  praktische  Bedingung  erfüllt
sei,  und  daß  diese  Bons  im  Umlauf  wären;  würde  der  „Zins“  deshalb
verschwunden  sein?  In  keiner  Weise,  und  hierin  liegt  der  Grundirrtum ­
  des  Gedankens.
Weshalb  erhebt  die  Banque  de  France  einen  Diskont?  Einfach
deshalb,  behauptet  Pboudhon,  weil  sie  Bargeld  an  Stelle  von  Wechseln
gibt,  so  daß  das  „Herrenrecht,  das  man  Diskont  nennt“  1 ),  da  es  nur
von  dem  Gebrauch  von  Metallgeld  herrührt,  mit  seiner  Abschaffung
verschwinden  müßte.  —  Das  ist  ein  Irrtum.  Wenn  die  Bank  sich
einen  Diskont  zahlen  läßt,  so  beruht  das  darauf,  daß  sie  heute  eine
sofort  verwertbare  Ware  liefert  gegen  den  Wert  eines  Wechsels,
der  erst  in  einigen  Monaten  realisierbar  ist.  Sie  gibt  daher  eine
Wirklichkeit  in  Tausch  gegen  ein  Versprechen,  ein  schon  jetzt  verfügbares ­
  Gut  in  Tausch  gegen  ein  erst  später  verfügbares.  Was
die  Bank  erhebt,  ist  der  Unterschied  zwischen  dem  Wert  des  Wechsels
am  Tage,  an  dem  sie  ihn  diskontiert,  und  seinem  Wert  am  Tage  des
Verfalls,  ein  Unterschied,  der  nicht  von  dem  Willen  der  Bank,  oder
von  dieser  oder  jener  Geldart  abhängt,  sondern  in  der  Natur  der
Sache  liegt.  Pkoudhon  kann  tun,  was  er  will,  der  Terminhandel
und  der  Verkauf  gegen  bar  sind  und  bleiben  zwei  ganz  verschiedene ­
  Vorgänge 2 ),  solange  als  der  tatsächliche  gegenwärtige
Besitz  eines  Gutes  für  vorteilhafter  betrachtet  wird,  als  sein  späterer
Besitz.
Dieser  Unterschied  würde  auch  bei  der  Tauschhank  sehr  bald
wieder  zutage  treten,  und  zwar  auf  folgende  Weise.  Alle  „Umlaufbons“ ­
  stellen  Waren  vor,  die  für  einen  späteren  Zeitpunkt  verkauft
sind.  Wenn  die  Bank  darauf  verzichtet,  einen  Diskont  zu  erheben,
so  berührt  das  nicht  den  Vorteil,  den  die  Kaufleute  daran  haben
würden,  in  bar  bezahlt  zu  werden.  Um  diesen  Vorteil  zu  behalten,
werden  sie  ihren  Käufern,  die  in  bar  bezahlen,  d.  h.  den  Käufern,
die  sie  entweder  in  Waren,  oder  in  Edelmetallen  (die  doch  ebenfalls ­
  nur  Waren  sind),  bezahlen,  einen  geringen  Rabatt  auf  die  in
Papiergeld  ausgedrückten  Preise  gewähren.  So  würden  sich  sehr

Organisation  du  credit,  (Buvres,  Bd.  VI,  S.  113—114.
2 )  Pkoüdhon  erklärt  beständig,  daß  seine  Reform  darin  bestehe,  den  Verkauf
auf  Kredit  in  einen  Verkauf  gegen  bar  zu  verwandeln.  Ebenso  gut  kann  man
aber  sagen,  daß  man  von  jetzt  ab,  weiß  mit  schwarz,  und  schwarz  mit  weiß  bezeichnen ­
  wird.  Weit  entfernt,  die  Reziprozität  im  Austausch  zu  verwirklichen,
räumt  man  dem  Borger  einen  Vorteil  ein.  „Kredit  geben,  bedeutet  austauscben“
sagt  Phoddhon  noch.  Ganz  recht,  aber  gerade  der  Diskont  stellt  in  dieser  besonderen ­
  Anstauschoperation,  die  man  Kredit  nennt,  die  Gleichheit  der  Werte  her.
        <pb n="375" />
        Kapitel  V.  Proudhon  und  der  Sozialismus  von  1848.

353

schnei]  zwei  Keilten  von  Preisen  ergeben:  eine  in  Papiergeld  für  die
Verkäufe  auf  Zeit,  und  eine  für  Metallgeld  für  die  Verkäufe  gegen
bar.  Die  ersteren  werden  höher  als  die  zweiten  sein,  und  der
Unterschied,  den  die  Tauschbank  zu  erheben  ablehnt,  würde  yon
den  Verkäufern  selbst  erhoben  werden.  Der  Geldzins  würde  daher
wieder  in  Erscheinung  treten,  aber  unter  einer  neuen  Form.
Hierauf  würde  Proudhon  vielleicht  erwiederu,  daß  die  Anhänger
der  Tauschbank  infolge  ihrer  Zustimmung  zu  den  Statuten  sich  verpflichtet ­
  haben,  von  jedem  derartigen  Agio  abzusehen.  Dann  aber,
selbst  wenn  sie  ihrem  Versprechen  treu  bleiben,  folgt  die  Abschaffung
des  Diskonts  oder  der  Zinsen  nicht  aus  der  Organisation  der  Tauschbank, ­
  sondern  aus  dem  freien  Willen  der  Kunden.  Es  würde  dies
einfach  auf  die  Abschaffung  des  Zinses  auf  Grund  gegenseitigen
Übereinkommens  hinauslaufen,  —  eine  ausschließlich  moralische
Reform,  für  die  aber  jeder  Bankmechanismus  entbehrlich  ist  und  die
«ich  vielleicht  nur  etwas  langsam  durchsetzen  würde!
Die  Tauschbank  wird  daher  den  Diskont  nicht  abschaffen,  und
folglich  auch  nicht  das  „Herrenrecht“  im  allgemeinen  —  womit  die
rinderen  Folgerungen  Proudhon’s  von  selbst  hinfällig  werden.
Sein  theoretischer  Fehler  beruht  darauf,  daß  er  das  Geld  bald
als  Kapital  par  excellence  betrachtet  und  bald  nur  als  einfaches
Tauschmittel  ohne  wirklichen  Eigenwert.  Er  vergißt,  daß  das  Geld
nicht  nur  als  Tauschmittel  begehrt  wird,  sondern  auch  als  Mittel
zur  Anhäufung  von  Schätzen  und  Ersparnissen,  als  Wertreserve;
und  daß  die  ümlaufbons  es  wohl  in  jener  einen  Funktion,  aber  durchaus ­
  nicht  in  allen  ersetzen  können.  Man  kann  die  Umlaufsmittel
nach  Belieben  vermehren,  aber  nicht  das  Kapital.  Wenn  Proudhon
das  Geld  durch  Bons  ersetzt,  so  erhöht  er  das  in  der  Gesellschaft
vorhandene  Kapital,  von  dem  das  Geld  einen  Teil  darstellt,  nicht
um  einen  Pfennig.  Und  weiterhin  vermindert  er  um  nichts  die  Überlegenheit ­
  des  Wertes  der  gegenwärtigen  gegenüber  den  zukünftigen
Gütern,  —  eine  Überlegenheit,  auf  der  die  Höhe  der  Zinsen  beruht.
Die  Vermehrung  der  Umlaufbons  ohne  gleichzeitige  Vermehrung  des
sozialen  Kapitals  hat  keine  andere  Wirkung,  als  alle  Preise  zum
Steigen  zu  bringen,  die  des  Bodens,  der  Häuser  und  der  Maschinen  •
ebenso,  wie  die  der  Verbrauchsgegenstände.  Da  die  Kapitalien  nicht
zahlreicher  als  früher  sein  werden,  werden  sie  wie  früher  vermietet
werden,  aber  die  Pachtsummen  und  Mieten  unterliegen  der  Wirkung
der  allgemeinen  Preissteigerung,  —  und  werden  daher  ebenfalls
höher  werden  .  .  .  ein  eigentümlicher  Erfolg  einer  Reform,  die  den
Zins  gerade  abschaffen  sollte;  Proudhon  legt  der  Herrschaft  des
Goldes  zuerst  eine  übertriebene  Bedeutung  bei  und  nimmt  dann  die
Formel  J.-B.  Say’s  zu  wörtlich:  „Produkte  kaufen  sich  mit  Produkten“,
Gide  und  Rist,  Gesoh.  d.  Volkswirtschaft!.  Lehrraeinungen.  23
        <pb n="376" />
        354

Zweites  Buch.  Die  Gegner.

eine  Formel,  von  der  sich  J.-B.  Say  selbst  hatte  blenden  lassen,,
und  es  ist  interessant  zu  sehen,  wie  die  Tauschbank  der  logische,,
wenn  auch  paradoxe  Schluß  ist,  zu  dem  die  von  Adam  Smith  und
den  Physiokraten  gegen  die  merkantilistischen  Ideen  über  das  Geld
begonnene  Reaktion  führte.
Muß  man  nun  sagen,  daß  der  Gedanke  Proudhon’s  jeder  wahren
Grundlage  entbehrt?  Nach  unserer  Ansicht  nicht.  Unter  der  falschen
Idee  des  unentgeltlichen  Kredites  kann  man  die  richtige  Idee  des
gegenseitigen  Kredites  entdecken.  Die  Banque  de  France  ist  eine
Gesellschaft  von  Kapitalisten,  der  das  Publikum  Kredit  gibt,  indem
es  ihre  Banknoten  annimmt,  und  die  ihrerseits  wieder  dem  gleichen
Publikum  Kredit  einräumt.  Die  Garantie  der  Banknoten  —  das  hat
Pkoüdhon  bewunderungswürdig  klar  gesehen  —  liegt  in  Wirklichkeit ­
  in  den  Händen  des  Publikums:  es  sind  die  Unterzeichner  der
Handelswechsel,  ohne  deren  Zahlungsfähigkeit  die  Bank  ihre  Vorschüsse ­
  nicht  wieder  erhalten  würde,  auf  denen  die  ganze  Sicherheit
der  Banknote  beruht.  Das  Kapital  der  Aktionäre  ist  nur  eine  Zusatzgarantie; ­
  und  wie  schon  der  Schatzminister  Napoleons  des  Ersten,,
Graf  Mollien,  sagte,  eine  Emissionsbank  kann  theoretisch  ohne  jedes
Kapital  operieren.  Das  Publikum  leiht  sich  selbst  Geld  mit  der
Bank  als  Vermittler.  Aber  warum  sollte  es  sich  nicht  ohne  diesen
Vermittler  behelfen?  Warum  sollte  es  nicht  den  Kreditunternehmer
ausschalten,  wie  es  den  industriellen  Unternehmer  oder  den  Kaufmann
in  den  Produktions-  und  Konsumgenossenschaften  ausschaltet  ?  Zweifelsohne ­
  würde  deshalb  der  Diskont  nicht  verschwinden,  aber  sein  Betrag ­
  würde  für  alle  Entleiher  um  die  Summe  vermindert  werden,,
die  sie  als  Verleiher  gewinnen.  Es  ist  das  das  Prinzip  der  Kreditgesellschaften ­
  auf  Gegenseitigkeit,  bei  denen  das  Anfangskapital  fast
vollständig  durch  die  Haftpflicht  der  Genossen,  zuweilen  auch  durch
die  unbeschränkte  Haftpflicht,  ersetzt  wird.  Später  scheint  Pboudhon
seine  erste  Auffassung  anf  diese  Idee  beschränkt  zu  haben  *).
So  hat  Pkoudhon  die  Kreditgenossenschaft  gestreift,  wie  er  in
anderen  Teilen  seines  Werkes  andere  Formen  der  Kooperation  ge-*)

  In  der  Idee  generale  de  la  Revolution  an  XIX 6  siede  S.  198ä.r
„Die  französischen  Bürger  haben  das  Recht,  sich  untereinander  zu  verständigen  und,
wenn  nötig,  sich  zusammen  zu  tun,  um  Bäckereien,  Fleischereien,  Materialwarengeschäfte ­
  usw.  zu  gründen,  die  ihnen  den  Verlauf  und  den  Austausch  zu  billigem
Preis  und  in  guter  Qualität  von  Brot,  Fleisch  und  allen  Verbrauchsgegenständen
sichern,  die  ihnen  die  im  Handel  herrschende  Anarchie  heute  mit  falschem  Gewicht,
unter  falscher  Bezeichnung  und  zu  exorbitantem  Preise  liefert  .  .  .  Mit  demselben
Recht  haben  die  genannten  Bürger  das  Recht,  für  ihren  gemeinsamen  Vorteil  einn
Bank  zu  gründen,  mit  einem  Kapital,  wie  es  ihnen  gut  dünkt,  und  dem  Zwecke
zu  billigem  Preis  das  Bargeld  zu  liefern,  das  sie  für  ihre  Geschäfte  brauchen.“
        <pb n="377" />
        Kapitel  Y.  Proudhon  und  der  Sozialismus  von  1848.  355
streift  hat,  —  ohne  daß  er  übrigens  für  jene  eine  besonders  lebhafte
Sympathie  gehabt  hätte 1 ).
Weiterhin  liegt  in  seinem  ganzen  Systeme  außer  der  wahren
Auffassung  des  Gegenseitigkeitskredites  eine  tiefer  schürfende  Idee,
die  es  vorteilhaft  von  allen  Formen  des  autoritären  Sozialismus,  die
vor  oder  nach  ihm  aufgekommen  sind,  unterscheidet:  es  ist  dies  das
tiefe  Verständnis  für  die  zwingende  Notwendigkeit  der  individuellen
Freiheit  als  Triebkraft  der  wirtschaftlichen  Tätigkeit  in  den  Gesellschaften, ­
  die  auf  der  Industrie  beruhen.  Besser  als  irgendeiner
seiner  Vorgänger  hat  er  begriffen,  daß  die  ökonomische  Freiheit  eine
endgültige  Erwerbung  der  modernen  Gesellschaft  sei,  und  daß  jede
wirkliche  Reform  auf  dieser  Freiheit  sich  aufbauen  müsse;  niemand
hat  besser  als  er  die  Macht  der  selbsttätigen  „wirtschaftlichen
Kräfte“  verstanden,  deren  verderbliche  Wirkung  er  wohl  gesehen
hat,  aber  in  denen  er  gleichzeitig,  wie  schon  A.  Smith  es  getan
hatte,  den  stärksten  Hebel  des  Fortschrittes  erkannte.  Seine  leidenschaftliche ­
  Sorge  um  Gerechtigkeit  erklärt  seinen  Haß  gegen  das
Eigentum,  aber  sein  eifersüchtiges  Streben  nach  Freiheit  rief  seine
Feindschaft  gegen  den  Sozialismus  hervor.  Sie  hat  ihn  dazu  geführt, ­
  mehr  zu  zerstören  als  aufzubauen,  trotz  seiner  berühmten
Formel:  Destruam  et  aedificabo.  Aber  dieser  Liberalismus
beruhte  auf  einem~sicEeren~Gefühl  für  die  wirtschaftlichen  Wirklichkeiten, ­
  und  die  soziale  Frage  stellt  sich  auch  heute  noch  in  keiner
anderen  Form  als  derjenigen,  in  der  sie  sich  Peoudhon  stellte:  Die
Gerechtigkeit  in  der  Freiheit  zu  verwirklichen.
Das  Projekt  der  Tauschbank  Pboudhon’s  darf  nicht  mit  ähnlichen ­
  Plänen,  die  vor  oder  nach  ihm  aufgekommen  sind,  verwechselt
werden.  Alle  diese  Pläne  haben  gemeinsam,  daß  sie  in  einer  Reform
des  Tausches  eine  Hilfe  gegen  die  sozialen  Ungleichheiten  suchen,  —
aber,  hiervon  abgesehen,  ist  die  Analogie  meistens  nur  äußerlich,  und
wie  wir  sehen  werden,  sind  die  wirtschaftlichen  Ideen,  auf  denen  sie
sich  aufbauen,  recht  verschieden.
1.  Man  hat  das  Projekt  Peoudhon’s  oft  mit  dem  System  der
„Arbeitbons“  in  Verbindung  gebracht,  das  Robbet  Owen  einzuführen
versuchte,  oder  wie  der  Engländer  Beat  es  in  seinem  „Labour’s
*)  „Man  tut  sich  noch  aus  Gründen  der  Wirtschaftlichkeit  des  Verbrauchs
zusammen,  um  den  Nachteilen  des  Kleinhandels  zu  entgehen.  Dieses  Mittel  rät  Rossr
den  Hausfrauen  in  kleinen  Haushalten,  denen  ihre  Mittel  nicht  gestatten,  im  großen
einzukaufen.  Diese  Art,  von  Assoziation  .  .  .  zeugt  aber  gegen  das  Prinzip.  Man
gebe  dem  Produzenten  durch  den  Austausch  seiner  Produkte  die  Möglichkeit,  sich
im  großen  zu  versorgen,  oder,  was  auf  dasselbe  hinausläuft,  den  Kleinhandel
unter  Bedingungen  zu  organisieren,  die  ihm  ungefähr  die  gleichen  Vorteile  lassen,
wie  der  Verkauf  im  großen,  und  die  Assoziation  wird  überflüssig.“  Idee  generale
de  la  Revolution,  S.  92.

23*
        <pb n="378" />
        356

Zweites  Buch.  Die  Gegner.

wrong’s  and  labonr’s  remedy“  betitelten  Werk  1839  vorschlug 1 ),  und
wie  es  Rodbeetüs  später  empfehlen  sollte.  Jedoch  haben  die  „Umlaufbons“ ­
  Peoudhon’s  fast  nichts  mit  den  „Arbeitbons“  gemein,  die
von  diesen  verschiedenen  Schriftstellern  ausgedacht  worden  sind.
Die  „Umlaufbons“  vertreten  (d.  h.  sind  gedeckt  durch)  Kundenwechsel, ­
  die  ihrerseits  auf  Grund  privater  Geschäfte  ausgegeben
waren.  Der  Warenpreis  wird  in  voller  Freiheit  zwischen  dem  Käufer
und  dem  Verkäufer  festgesetzt,  und  durchaus  nicht  in  Arbeitszeit
bewertet,  wie  dies  in  dem  System  der  „Arbeitbons“  geschieht.  Allerdings ­
  läuft  vermutlich  das  schließlich©  Resultat  auf  dasselbe  hinaus:
Peoudhon  hofft,  daß  der  Warenpreis,  der  nicht  länger  durch  den
Zinsfuß  erhöht  wird,  zum  Schluß  auf  den  Arbeitskostenpreis  sinken
wird.  Einesteils  aber  wird  dieses  Resultat  indirekt  und  nicht  sofort
erreicht,  und  andererseits  ist  der  wirtschaftliche  Irrtum,  der  den  besprochenen ­
  Vorschlägen  zugrunde  liegt,  nicht  derselbe  wie  der,  in
dem  Peoudhon  verfallen  ist.  Sein  Fehler  liegt  darin,  daß  er  in  dem
Metallgeld  nur  ein  Umlaufsmittel  sieht  und  vergißt,  daß  es  selbst
eine  Ware  vorstellt.  Der  Irrtum  Owen’s,  Beav’s  und  Rokbeetus’  besteht ­
  darin,  in  dem  Preis  der  Gegenstände  schon  heute  nur  einen
Ausdruck  der  in  ihnen  enthaltenen  Arbeit  zu  sehen;  ein  Gedanke,
der,  wie  wir  wissen,  Peoudhon  fern  liegt.
2.  Man  hat  die  Bank  Peoudhon’s  noch  mit  anderen  .sehr  verschiedenen ­
  Tauschbanken  verwechselt,  deren  Idee  kurz  vor  ihm  aufgekommen ­
  war,  und  die  zu  zahlreichen  praktischen  Verwirklichungen
Anlaß  gaben.  Diese  Banken  beabsichtigten  nicht,  die  Zinsen  abzuschaffen, ­
  sondern  die  Verbraucher  und  Produzenten  einander  näher
zu  bringen,  indem  sie  selbst  einkauften,  alle  ihnen  angeboteneu
Waren  in  gegenseitigem  Übereinkommen  bewerteten  und  mit  Tauschbons ­
  bezahlten.  Die  Käufer  würden  ihrerseits  zu  der  Bank  kommen,
um  die  ihnen  notwendigen  Gegenstände  zu  erwerben,  die  sie  mit
Tauschbons  bezahlen.  Ein  gewisser  Fulceand  Mazel  2 )  hat  einen

*)  Ein  von  Marx  1847  in  seinem  Buche:  Misere  de  laPhilosophie  untersuchtes ­
  und  kritisiertes  System  (Ausg.  Giard  &amp;amp;  Briere,  1886,  S.  92  ff.).  Eine  neuere
und  vollständigere  Darlegung  findet  sich  in  der  Einführung,  die  Prof.  Poxwell
der  englischen  Übersetzung  des  Buches  von  A.  Menger:  Das  Eecht  auf  den
vollen  Arbeitsertrag  (The  right  to  the  whole  produce  of  labour,  London  1899)
vorausschickt  (S.  LXV  ff.).
2 )  Mazel  hat  seine  Gedanken  in  einer  Reihe  von  Broschüren  dargelegt,  die,
in  einem  äußerst  schwülstigen  Stil  geschrieben,  wirklich  nicht  das  geringste  Interesse
für  die  Nationalökonomie  haben.  1838  wurde  in  Marseille  eine  andere  Bank,  die
banque  Bonnard  gegründet,  die  sich  später  in  Paris  etablierte.  Die  Prinzipien,
die  ihr  zugrunde  lagen,  waren  ungefähr  dieselben,  "wenn  auch  praktischer:  sie  besteht
heute  noch.  Proüdhon  spricht  von  ihr  in  der  Capacite  politique  des  classes
ouvriferes;  Courcelle-Seneuil  lobt  sie  außerordentlich  in  seinem  Traite  des
        <pb n="379" />
        Kapitel  V.  Proudhon  und  der  Sozialismus  von  1848.

357

Versuch  dieser  Art  im  Jahre  1829  gemacht.  In  diesem  Falle  war
die  Bank  nur  eine  Niederlage,  die  dem  Produzenten  das  Auffinden
von  Absatzgebieten  erleichtern  sollte.  Ein  derartiges  System  leidet
an  dem  Mangel,  daß  der  Wert  der  in  Zahlung  gegebenen  Bons  notwendigerweise ­
  mit  den  Preisschwankungen  steigen  oder  fallen  muß,
die  in  der  Zeit  zwischen  der  Zahlung  durch  die  Bank  und  dem  Ankauf ­
  durch  den  Verbraucher  eintreten.  Peoudhon  jedoch  will  gerade,
daß  die  Bank  nur  die  Effekten  diskontiert,  die  schon  gelieferte
oder  gekaufte  Waren  vorstellen.  Sie  soll  nur  den  schon  versprochenen ­
  Preis  vorstrecken,  aber  nicht  sich  mit  dem  Absatz
der  Waren  befassen.  Die  Entwertung  kann  also  nur  von  der  später
sich  herausstellenden  Zahlungsunfähigkeit  des  Käufers  kommen  und
nicht  von  dem  Sinken  des  Preises,  das  einer  Verminderung  in  der
Nachfrage  nach  den  Produkten  folgt.  Peoudhon  selbst  hat  übrigens
jede  Verbindung  mit  dem  Projekt  Mazel’s  abgelehnt 1 ).
Banques,  wie  auch  in  einem,  im  April  1853  im  Journal  des  Economistes
erschienenen  Aufsatz.  Ihr  Betrieb  ist  in  drei  Broschüren,  die  sich  in  der  Bibliotheque
  Nationale  befinden,  klargelegt;  die  eine  ist  eine  Liste  des  articles  disponibles ­
  älaBanque,  die  beiden  anderen  behandeln  den  Mechanismus  der  genannten ­
  Bank,  Daeimon  (ein  Schüler  Pkoudhon’s)  hat  die  Beschreibung  einer
großen  Anzahl  ähnlicher  Banken,  die  während  dieser  Periode  gegründet  wurden,  in
seinem  Werk  De  la  reforme  des  banques  (Paris,  Quillaumin,  1856)  gegeben.
Viele  dieser  Systeme  sind  vor  kurzem  von  Auouy  in  seinem  Systbmes  sooialistes
  d’echange  (Paris  1907)  besprochen  und  dargelegt  worden.  Wir  stimmen
jedoch  mit  den  Ausführungen  dieses  Schriftstellers  in  verschiedenen  Punkten  nicht
überein.
Die  Bank  Bonkaed  unterschied  sich  von  allen  anderen  Systemen  darin,  daß
der  Kunde  der  Bank,  —  anstatt  ihr  eine  Ware  (deren  Verkauf  stets  unsicher  ist)  zu
bringen,  und  dafür  den  Preis  in  Papierbons  zu  erhalten,  —  im  Gegenteil  von  der
Bank  sogleich  eine  nützliche  Ware  erhielt,  und  dafür  einen  Wechsel  unterschrieb,
mit  dem  er  sich  verpflichtete,  ein  Erzeugnis  seiner  Fabrikation  zu  liefern,  sobald  die
Bank  es  von  ihm  verlangen  würde.  Für  Jedes  Geschäft  erhob  die  Bank  eine
Kommission  in  bar.  —  Sie  hatte  keinen  anderen  Zweck,  als  Käufer  und  Verkäufer
in  Berührung  zu  bringen,  und  die  unterschriebenen  Bons  waren  nichts  anderes,  als
Wechsel,  die  in  Natura  zahlbar  waren,  aber  keineswegs  ein  Ersatz  für  Banknoten
(vgl.  Banque  d’echange  de  Marseille  C.  Bonnakd  et  Oie  fondee  par
acte  du  10  janvier  1849.  Notaire  Eaynouard,  Marseille,  1849,  Broschüre,
24  Seiten).
l )  „Ich  verwerfe  sie  sowohl  nach  ihrem  Grundgedanken  wie  nach  der  Form
vollständig,“  sagte  er,  indem  er  von  der  Idee  Mazel’s  in  einem  Aufsatze,  der  am
7.  Dezember  1848  in  der  Zeitung  Le  Peuple  erschien,  spricht  ((Buvres,  Bd.  XVII,
S.  221).  Er  fügt  hinzu,  daß  er  Mazel  nicht  kannte,  als  er  sich  mit  dem  Gedanken
der  Tauschbank  trug.  „Mazel  ist  von  sich  ans  zu  mir  gekommen  und  hat  mir  seinen
Gedanken  mitgeteilt.“  —  Peoudhon  scheint  in  einem  seiner  Projekte,  das  am
10.  Mai  1848  veröffentlicht  wurde,  für  einen  Augenblick  die  Idee  einer  ähnlichen
Bank  gehabt  zu  haben.  Der  §  17  des  Entwurfes  lautet  wie  folgt;  „Die  Tauschbons
sind  beständig  bei  Sicht  an  den  Kassen  der  Bank  und  bei  allen  Teilhabern
gegen  Waren  oder  Dienste  jeder  Art  austauschbar.  Umgekehrt  sind  Waren  und
        <pb n="380" />
        358

Zweites  Buch.  Die  Gegner.

3.  Schließlich  hat  vor  nicht  langer  Zeit  ein  großer  belgischer
Industrieller,  Solvay,  einen  Plan  „sozialer  Buchungen“  (comptabilisme
social)  verteidigt,  indem  er  ebenfalls  die  Abschaffung  des  Metallgeldes ­
  und  die  Einführung  eines  vervollkommneten  Zahlungssystems
vorschlägt.  Aber  auch  hier  ist  die  Analogie  mit  dem  System
Peoudhon’s  mehr  scheinbar  als  wirklich.
Was  Solvay  vorschlägt,  ist  die  Ersetzung  des  Metallgeldes
nicht  durch  Banknoten,  sondern  durch  ein  System  von  Schecks  und
Umbuchungen.  Sein  Projekt  beruht  auf  der  modernen  Praxis  der
„Clearing-Houses’“  oder  Verrechnungsstellen.  In  seinen  Augen  würde
es  möglich  sein,  dieses  System  so  auszubreiten,  daß  der  Gebrauch
des  Geldes  überhaupt  unnötig  wird.  Der  Staat  würde  jedem  „Verrechner“
  (Comptabiliste)  ein  Scheckbuch  über  eine  gemäß  seines  beweglichen ­
  oder  unbeweglichen  Vermögens  verschieden  hohe  Summe
ausfolgen.  Dieses  Buch  hat  zwei  Rubriken,  eine  für  die  Eintragungen
der  Einnahmen,  die  andere  für  die  der  Auszahlungen.  „Im  Falle
des  Verkaufs  eines  Gegenstandes  würde  sich  die  Zahlung  einer
Schuld  wie  folgt  vollziehen:  der  Käufer  muß  das  Scheckbuch  des
Verkäufers  in  der  Rubrik  der  Einkünfte  lochen,  während  dieser
letztere  das  Scheckbuch  des  Käufers  in  der  Kolonne  Ausgabe  locht.“
Wenn  das  Buch  einmal  bis  zum  vollen  Betrage  der  anfänglichen
Summe  gelocht  ist,  wird  es  dem  Staatsbureau  wieder  zugestellt,  wo
alle  Eintragungen  dieses  Buches  auf  das  Konto  der  betreffenden
Person  übertragen  werden,  „so  daß  man  stets  mit  einer  genügenden
Genauigkeit  die  Gesamtsumme  der  Ausgaben  und  Einnahmen  eines
jeden  kennt“  1 ).
Dienste  jeder  Art  beständig  an  den  Kassen  der  Bank  gegen  Austausohbons  austauschbar“ ­
  (Eßsume  de  la  question  sociale,  S.  41).  Dieser  Paragraph  rechtfertigt ­
  die  Auslegung  Coüecelle-Sbnbuil’s  (Traite  des  operations  deBanque,
9.  Ausgabe  1899,  S.  470;  1.  Ausg.  1852),  wie  auch  die  von  Ott,  in  seinem  Traite
d’Economie  Sociale  (1851),  —  wo  sich  jedoch  die  beste  Analyse  und  die  beste
Kritik  der  Auffassung  Pkoudhon’s  findet.  Wir  glauben  aber,  daß  dieser  Paragraph
nur  auf  ein  einfaches  Versehen  Pboudhon’s  zurückzuführen  ist.  Denn  außer  der
formellen  Verwerfung  des  Gedankens  Mazbl’s  findet  man  ihn  auch  in  keinem
anderen  Entwürfe  und  besonders  auch  nicht  in  dem  Entwürfe  der  Banque  du  Peuple,
und  es  scheint  uns  in  Widerspruch  zu  der  wiederholten  Behauptung  Pboudhon’s  zu
stehen,  daß  die  Bons  einzig  gegen  „verkaufte  und  abgelieferte“  Erzeugnisse  erteilt
werden  dürfen,  wie  auch  mit  anderen  Paragraphen  des  Entwurfes,  so  z.  B.  mit  dem
§  30  über  Konsignations-Käufe  und  -Verkäufe.  Auch  steht  er  in  Widerspruch  mit
dem  Gedanken,  daß  die  Diskontierung  von  Handelswechseln  die  erste  und  wesentliche ­
  Operation  der  Bank  ist.  —  Unserer  Auffassung  nach  liegt  daher  eine  irrtümliche ­
  Auslegung  vor,  wenn  Dibhl  in  seinem  Werk  über  Peoudhon  (P.-J.  Peoudhon,
Seine  Lehre  und  sein  Leben,  Bd.  II,  S.  183)  glaubt,  daß  die  Banque  d’Bchange
Bons  gegen  jede  hergestellte  Ware  ausgeben  sollte,  ohne  sich  darum  zu  kümmern,
ob  sie  verkauft  ist  oder  nicht.
] )  Annales  de  l’Institut  Solvay,  Bd.  I,  S.  19.
        <pb n="381" />
        Kapitel  V.  Proudhon  und  der  Sozialismus  von  1848.

359

Der  Vorteil  dieses  Systems  soll  zunächst  darin  liegen,  das  Metallgeld ­
  zu  ersparen.  In  zweiter  Stelle  wird  es  dem  Staat  (in  dem  Ge-•danken
  Solvay’s)  ein  praktisches  und  sicheres  Mittel  liefern,  mit
hinreichender  Sicherheit  das  Vermögen  eines  jeden  zu  kennen.  Der
Staat  würde  daher  in  seinen  Händen  ein  Mittel  haben,  die  Erbanfallsteuern ­
  festzusetzen,  so  daß  er  imstande  wäre,  die  Vererbung  erworbener ­
  Vermögen  nach  und  nach  abzuschaffen.  Diese  nach  und
nach  verwirklichte  Abschaffung  würde  es  zum  Schluß  erlauben,  „die
größte  Ungerechtigkeit  der  modernen  Gesellschaften,  die  Ungleichheit
am  Ausgangspunkt“,  zum  Verschwinden  zu  bringen 1 )  und  das  Prinzip
der  gerechten  Verteilung  anzuwenden:  einem  jeden  nach  seiner  Produktivität. ­
  Dieser  Gedanke  hat  viel  mehr  von  Saint-Simon  als  von
Proudhon  an  sich.
Die  Tragweite  der  vorgeschlagenen  Reform  leuchtet  ohne  weiteres
■ein.  In  den  Augen  Solvay’s  ist  das  „Buchungssystera“  nur  ein  Bestandteil ­
  einer  allgemeineren  Auffassung,  nämlich  des  „Produktivismus“, ­
  der  darin  besteht,  die  soziale  Produktivität  durch  eine  sehr
verschiedene  Mittel  umfassende  Gesamtordnung  auf  ihr  Maximum  zu
bringen 2  3  *  *  *  * ).
Es  ist  unmöglich,  hierin  irgendeinen  der  Gedanken  Proudhos’s
wüederzufinden.  Abgesehen  von  der  Abschaffung  des  Metallgeldes  ist
alles  in  den  beiden  Vorschlägen  verschieden.  Solvay  strebt  nicht
danach,  den  Zins  vollständig  zu  beseitigen  und  er  bildet  sich  auch
nicht  ein,  daß  das  Geld  die  Ursache  des  Zinses  sei.  Das  System  der
Schecks  und  der  Zahlungsüberweisungen  hat  nur  den  Zweck,  die
Barverkäufe  zu  erleichtern,  ohne  etwas  mit  dem  System  Pkoudhon’s
zu  tun  zu  haben,  wo  der  „Umlaufbon“  bestimmt  ist,  den  Barverkauf
mit  dem  Kreditverkauf  zu  identifizieren 8 ).
Der  stärkste  Einwurf,  den  man  gegen  das  System  Solvay’s
machen  kann,  ist,  daß  die  Unterdrückung  des  Geldes  als  ümlaufb

  Aunales  de  ITnstitut  Solvay,  Bd.  I,  S.  25.
2 )  Vgl.  Principes  d’orientation  sociale.  Zusammenfassung  der  Untersuchungen ­
  Solvay’s  über  den  Produktivismus  und  dem  Comptabilismus,  S.  82;
Brüssel  1904,  92  Seiten.
3 )  Wenn  uns  auch  die  Auffassung  Solvay’s  durchaus  verschieden  von  der
Theorie  Pkoudhok’s  erscheint,  so  ähnelt  sie  doch  einer  in  der  Kommission  des
Luxemburgpalastes  erörterten  Idee.  In  dem  Expose  general  d  e  la  Commission
de  gouvernement  pour  les  travailleurs,  die  am  6.  Mai  1848  im  Moniteur
(S.  955)  erschien,  kann  man  lesen;  „In  der  zukünftigen  vollkommenen  Assoziations-Ordnung,
  wird  man  sogar  ohne  Wechsel  auskoramen:  alles  wird  sich  auf  einen  Ausgleich ­
  der  Konten  beschränken;  an  Stelle  der  einkassierenden  Bankdiener  werden
Buchhalter  treten.  Schon  in  der  bestehenden  Gesellschaft  könnte  man  den  Gebrauch
von  Geld  teilweise  überflüssig  machen,  sei  es  Metallgeld  oder  Papiergeld“  .  .  .  Der
Urheber  führt  dann  ein  System  von  Abrechnungsstellen  aus.
        <pb n="382" />
        360

Zweites  Buch.  Die  Gegner.

mittel  ohne  weiteres  seine  Abschaffung  als  Wertmesser  nach  sieb
zieht.  Man  kann  sich  nur  schwer  vorstellen,  daß  der  verallgemeinerte ­
  Gebrauch  des  Scheckbuches  ohne  Geldhinterhalt  nicht  sehr
schnell  infolge  des  Überflusses  an  Papier  zu  einer  Preisinflation
führen  sollte.  W T enn  uns  auch  das  von  Solvay  vorgeschlagene  technische ­
  Verfahren  der  Kritik  zu  unterliegen  scheint,  so  haben  wdr
doch  nichts  gegen  den  Gedanken,  die  Menge  des  Metallgeldes  zu
verringern,  und  ebensowenig  gegen  den  Gedanken,  die  Ungleichheit
des  Ausgangspunktes  in  einer  industriellen  Gesellschaft  zum  Verschwinden ­
  zu  bringen.
Der  Vorschlag  Peoudhon’s  wurde  jedoch  nie  verwirklicht.  Der
„unentgeltliche  Kredit“  —  gerade  wie  „das  Recht  auf  Arbeit“,  „die
Organisation  der  Arbeit“,  und  die  „Arbeitergenossenschaft“  —  sollten
nur  die  Erinnerung  an  einen  aufsehenerregenden  Mißerfolg  hinter
sich  lassen.
PnouDHON  gründete  am  31.  Januar  1849  notariell  eine  Gesellschaft, ­
  „Die  Volksbank“,  die  die  praktische  Durchführbarkeit  desunentgeltlichen
  Kredites  beweisen  sollte.  Schon  in  ihrer  Organisation ­
  konnte  man  bedeutsame  Unterschiede  mit  dem  theoretischen
Plan  der  Tauschbank  feststellen.  Die  Tauschbank  sollte  ohne  Kapital ­
  gegründet  werden:  die  Volksbank  wurde  mit  einem  Kapital  von
5  Millionen  in  Aktien  zu  5  Fr.  errichtet.  Die  Tauschbank  sollte
das  Metallgeld  abschaffen:  die  Volksbank  sollte  Bons  nur  gegen
Bargeld  oder  gute  Wechsel  ausgeben.  Die  Tauschbank  sollte  den
Zins  abschaffen;  die  Volksbank  setzte  ihn  auf  2°/ 0  fest,  mit  der  Absicht, ­
  ihn  auf  ein  Minimum  von  %  %  zu  verringern.
Trotz  dieser  bedeutenden  Änderungen  hat  die  Bank  nicht  funktioniert. ­
  Nach  drei  Monaten  betrug  das  gezeichnete  Kapital  erst-18000
  Fr.,  obgleich  die  Anzahl  der  Anhänger  beinahe  12000  war.
In  diesem  Augenblick  jedoch  (am  28.  März  1849)  mußte  sich  Proüdhok
vor  dem  Geschworenengericht  der  Seine  wegen  zwei  Aufsätzen  verantworten, ­
  die  er  am  16.  und  27.  Januar  1849  gegen  Louis  Bonapaetb.
veröffentlicht  hatte.  Er  wurde  zu  drei  Jahren  Gefängnis  und  zur
Zahlung  einer  Geldstrafe  von  3000  Fr.  verurteilt.  Am  11.  April
gab  er  in  seiner  Zeitung  bekannt,  daß  er  das  Unternehmen  aufgebe.
Er  fügte  hinzu  „daß  es  schon  von  den  Ereignissen  überholt  sei“„
und  schien  so  zuzugeben,  daß  er  aufgehört  habe,  an  einen  Erfolg
zu  glauben.
Von  diesem  Augenblick  an  tritt  „der  unentgeltliche  Kredit“  bei
Peoudhon  in  den  Hintergrund,  —  und  seine  politischen  und  sozialen.
Ideen  nehmen  bis  zu  seinem  im  Jahre  1865  eingetretenen  Tode  die
erste  Stelle  in  seinen  Werken  ein.
        <pb n="383" />
        Kapitel  V.  Prouclhon  und  der  Sozialismus  von  1848.

361

§4.  Der  Einfluß  Proudhon’s  nach  1848.
Es  ist  außerordentlich  schwierig,  den  Einfluß  der  Gedanken
Peoudhon’s  in  der  Periode  nach  1848  nachzuspnren.
Karl  Marx,  der  damals  noch  fast  unbekannt  war,  sollte  durch
die  Veröffentlichung  seines  Kapitals,  1867,  der  fast  einzige  Vertreter ­
  des  theoretischen  Sozialismus  werden.  Schon  1847  hatte  er
heftig  gegen  Peoudhon  Partei  ergriffen,  indem  er  unter  dem  Titel:
Misere  de  la  Philosophie 1 )  eine  herbe  Kritik  der  ökonomischen ­
  Widersprüche  veröffentlichte.  Der  Vertreter  des
Kollektivismus  konnte  sich  mit  dem  Parteigänger  des  zerstückelten
individuellen  Eigentums,  der  Theoretiker  des  Klassenkampfes  mit
dem  Anhänger  der  Klassenverschmelzung,  der  Revolutionär  mit  dem
Verfechter  friedlicher  Reformen  nicht  verständigen  Der  Erfolg
seiner  Ideen  nach  1867  hat  alle  früheren  sozialistischen  Systeme  in
den  Schatten  gestellt  und  vollständig  verdunkelt.  In  seinen  Äugen
ist  Peoudhon  nur  ein  „Kleinbürger“.  Dennoch  scheinen  die  Pariser
Arbeiter  noch  ganz  unter  der  Herrschaft  der  Ideen  Peoudhon’s  gestanden ­
  zu  haben,  als  Karl  Marx  1864  in  London  die  berühmte
„Internationale  Arbeiterassoziation“  gründete.  Auf  dem  ersten
Kongreß  der  „Internationale“  in  Genf  im  Jahre  1866  legten  sie  eine
')  Zur  Verhöhnung  des  Untertitels:  Philosophie  de  la  MisexE,  den
Phoudhon  den  C  ontradictions  economiques  gegeben  hatte.
2 j  In  einem  Briefe  an  Karl  Marx  vom  17.  Mai  1846  (Briefwechsel,  Bd.  II,
8.  199)  hatte  sich  Phoudhon  aus  Anlaß  des  Ausdrucks  „im  Moment  der  Aktion“,
der  in  einem  Briefe  Karl  Maex’s  stand,  sofort  gegen  jeden  Gedanken  einer  Revolution ­
  gewendet.  „Vielleicht  hegen  Sie  noch  die  Meinung,  daß  heute  keine  Reform
ohne  einen  Handstreich  möglich  sei,  ohne  das,  was  man  früher  eine  Revolution
nannte,  und  was  weiter  nichts  als  eine  Erschütterung  ist.  Wenn  ich  diese  Meinung
auch  verstehe,  ja  sie  entschuldige  und  sie  gern  diskutieren  würde,  da  auch  ich
sie  lange  Zeit  hindurch  geteilt  habe,  so  haben  mich  meine  letzten  Studien  doch
vollständig  davon  abgebraoht.  Ich  glaube,  daß  wir  das  nicht  nötig  haben,  um
durchzudringen:  und  daß  wir  daher  die  revolutionäre  Aktion  keineswegs  als
Mittel  einer  sozialen  Reform  hinstellen  dürfen,  weil  dieses  angebliche  Mittel  nur  ein
Appell  an  die  Gewalt,  an  die  Willkür,  kurz  ein  Widerspruch  sein  würde.  Für
mich  stellt  sich  das  Problem  wie  folgt  dar:  Durch  eine  wirtschaftliche ­
  Kombination  die  Reichtum  er  in  die  Gesellschaft  zurüokzuleiten,
  die  durch  eine  andere  wirtschaftliche  Kombination  ihr
entzogen  worden  sind.“  —  An  anderer  Stelle,  in  den  Confessions  d’un
revolutionnaire  (S.  61):  „Eine  Revolution  ist  die  Explosion  einer  organischen
Kraft,  eine  Entwicklung  der  Gesellschaft  von  innen  nach  außen;  sie  ist  nur  berechtigt, ­
  in  soweit  sie  spontan,  friedlich  und  traditionell  ist.  Die  Tyrannei,  sie
zu  unterdrücken  oder  sie  mit  Gewalt  erzwingen  zu  wollen,  bleibt  sich  gleich.“  —
Uber  das  Verhältnis  der  Ideen  Proudhon's  zu  denen  Karl  Marx’  vgl._  Bourguin;
Phoudhon  et  Karl  Marx,  ein  Aufsatz,  der  1893  in  der  Revue  d’Economie
politique  erschien.
        <pb n="384" />
        362

Zweites  Buch.  Die  Gegner.

Denkschrift  vor,  deren  Ideen  klar  und  deutlich  auf  Proudhon  zurückzufiihren
  sind,  und  sie  setzten  die  Annahme  der  sich  daraus  ergebenden ­
  Beschlüsse  durch.  Aber  schon  auf  dem  folgenden  Kongreß
(1867)  stießen  sie  auf  stärkeren  Widerstand,  und  auf  den  Kongressen
zu  Brüssel  (1868)  und  zu  Basel  (1869)  gelangte  der  Einfluß  Manx’
zur  Vorherrschaft.
Man  kann  sich  fragen,  ob  die  Ideen  Proudhon’s,  die  von  den
Pariser  Arbeitern  1866  verteidigt  wurden,  von  dem  Pkoudhon  des
Jahres  1848  stammen  ?  Es  scheint  vielmehr,  als  ob  sie  das  Ergebnis
der  1865  erfolgten  Veröffentlichung  des  letzten  Werkes  Proudhon’s:
„Die  politische  Fähigkeit  der  Arbeiterklassen“
gewesen  sind.  Dieses  Werk  entstand  unter  dem  Eindruck  der
Arbeiterbewegung,  die  nach  1862  in  Paris  zum  Ausbruch  kam,  und
infolge  eines  Manifestes,  das  von  60  Pariser  Arbeitern  unterzeichnet
war,  die  geglaubt  hatten,  es  Proudhon  als  dem  bekanntesten  Vertreter ­
  des  Sozialismus  in  Frankreich  unterbreiten  zu  sollen.  Die
Haltung  der  französischen  Arbeiter  im  Anfang  der  Internationale
würde  daher  auf  dem  Wiedererwachen  des  Proudhonismus  beruhen,
das  mehr  von  der  Veröffentlichung  dieses  Buches  als  von  dem  andauernden ­
  Einfluß  seiner  Ideen  nach  dem  Staatsstreich  hervorgerufen
wurde*).
Jedoch  war  dieses  Wiedererwachen  nur  von  kurzer  Dauer.
Heute,  und  seitdem  die  Gedanken  Marx’  ihrerseits  einer  sehr  scharfen
Kritik  unterworfen  worden  sind,  zeigt  sich  bei  gewissen  Schriftstellern ­
  ein  ganz  neues  Interesse  zugunsten  der  Ideen  Proudhon’s.
Diese  Schriftsteller  —  unter  denen  Georges  Sorel  an  erster  Stelle
steht  —  verbinden  die  lebhafteste  Bewunderung  für  Marx  mit  einer
nicht  geringeren  Achtung  vor  Proudhon.  Aber  sogar  hier  ist  es
sehr  schwierig,  von  einem  Wiedererwachen  der  Ideen  Proüdhon’s
zu  sprechen.  Es  handelt  sich  vielmehr  um  eine  neue  Richtung,  die
auf  der  syndikalistischen  Arbeiterbewegung  beruht,  und  in  der  man
den  doppelten  Einfluß  des  anarchistischen  französischen  Sozialisten
und  des  kollektivistischen  deutschen  Sozialisten  finden  kann.  Auf
jeden  Fall  ist  sie  noch  zu  neu,  als  daß  man  ihre  Tragweite  bestimmen ­
  könnte.

&amp;gt;)  Vgl.  über  diesen  Punkt:  Pubch:  Pkoüdhon  et  l’Internationale,
Paris,  1907  (Vorwort  von  Akdleh).
        <pb n="385" />
        2a

Drittes  Buch.
Der  Liberalismus.

Wir  müssen  jetzt  zu  der  klassischen  Nationalökonomie,  die  wir
verlassen  haben,  zurückkehren.  Was  tat  sie  während  dieser  ganzen
Zeit,  in  der  soviel  Gegner  gegen  sie  kämpften?  Tot  war  sie  nicht,
sie  sammelte  nur  ihre  Kräfte.  Nach  den  großen  Büchern  eines
Eicaedo,  eines  Malthus  und  eines  J.-B.  Say,  die  im  Anfang  des
Jahrhunderts  erschienen  waren,  war  die  volkswirtschaftliche  Literatur ­
  sicherlich,  besonders  in  England,  nicht  versiegt;  sie  hatte
jedoch  nichts  hervorgebracht,  das  sich  mit  den  Werken  der  ersten
Meister  vergleichen  ließe  oder  an  ihre  geistreichen  Kritiker  heranreichen ­
  konnte.  Sie  sollte  aber  von  neuem  die  Gunst  der  öffentlichen ­
  Meinung  gewinnen  und,  wie  man  eine  Zeitlang  glauben  konnte,
die  Einheit  in  den  Ansichten  wieder  hersteilen.
Zwar  war  es  noch  keine  wirkliche  Einheit,  denn  in  dem  Augenblick, ­
  von  dem  wir  sprechen,  beginnt  die  klassische  Schule  schon,
sich  in  zwei  Schulen  zu  spalten,  die  englische  und  die  französische.
Allerdings  sind  sie  keineswegs  Kivalen,  denn  sie  verteidigen  beide
das  gleiche  Banner.  Gemeinsam  beschützen  sie  die  grundlegenden
Prinzipien  und  vor  allem  den  Liberalismus  —  oder,  wie  man  auch
sagt,  den  Individualismus.  Während  jedoch  die  erstere  mit  Stuart
Mill  den  heftigen  Kritiken,  die  sich  von  allen  Seiten  erhoben,  ein
sympathisches  Ohr  lieh  und  sich  bemühte,  die  alten  Theorien  mit
den  neuen  Gedanken  in  Einklang  zu  bringen,  strebte  die  zweite  im
Gegenteil  mit  Bastiat  danach,  eine  Gegenwirkung  zu  erzielen,  indem
sie  immer  stärker  den  Glauben  an  die  natürliche  Ordnung  und  an
das  laisser-faire.  betonte.
In  Wahrheit  geht  dieser  Unterschied  zwischen  den  beiden
Schulen  auf  die  Ursprünge  der  Wissenschaft  zurück.  Schon  zwischen
        <pb n="386" />
        364

Drittes  Buch.  Der  Liberalismus.

den  Physiokraten  und  A.  Smith,  zwischen  Say  und  Eicaedo,  war  er
ersichtlich.  Aus  Gründen,  die  wir  im  folgenden  anführen  werden,
sollte  er  jedoch  immer  stärker  werden.  Das  vorliegende  Buch  zerfällt ­
  daher  ganz  natürlich  in  zwei  Kapitel,  von  denen  das  eine  sich
mit  der  französischen,  das  andere  mit  der  englischen  liberalen  Schule
beschäftigt.

Kapitel  I.
Die  Optimisten.
In  dem  vorhergehenden  Buche  haben  wir  gesehen,  wie  sehr  die
überall  aufschießende  Kritik,  die  sozialistische  und  die  staatssozialistische, ­
  die  volkswirtschaftliche  Wissenschaft  gestört  und  in
die  Irre  geführt  hatten.  Der  Augenblick  war  gekommen,  in  dem  der
Versuch  gemacht  werden,mußte,  die  volkswirtschaftliche  Wissenschaft
wieder  auf  ihren  richtigen  Weg,  den  der  Naturordnung,  zu  bringen,
den  sie  mit  den  Physiokraten  und  A.  Smith  zuerst  gegangen  war,  —
und  dieser  Aufgabe  unterzogen  sich  die  Volkswirtschaftler  ganz  besonders ­
  in  Frankreich.
Diese  Haltung  der  französischen  Schule  erklärt  sich  leicht  aus  der
Tatsache,  daß  sie  sich  mehr  als  irgendeine  andere  mit  den  Angriffen
des  Sozialismus  und  des  Protektionismus  hatte  beschäftigen  müssen.
Soweit  der  Sozialismus  in  Betracht  kommt,  darf  nicht  vergessen  werden,
daß  Frankreich  sein  Geburtsland  ist 1 ).  Man  kann  keineswegs  den
Einfluß,  der  in  England  von  Owen,  und  noch  weniger  den,  der  in
Deutschland  z.  B.  von  einem  Schuster  und  einem  Weitling  ausgeübt
worden  ist,  mit  dem  Nimbus  vergleichen,  der  in  Frankreich  einen
Saint-Simon,  einen  Fourier,  einen  Proudhon  umgab.  Sie  erschienen
den  Volkswirtschaftlern  um  so  gefährlicher,  weil  sie  weniger  die  Arbeiter
als  die  Intellektuellen  in  den  Bannkreis  ihrer  Gedanken  zogen.
Was  den  Protektionismus  anbelangt,  so  war  er,  wenn  er  auch  in
Frankreich  nicht  durch  so  bedeutende  Namen  wie  den  List’s  vertreten ­
  wurde,  deshalb  hier  nicht  weniger  stark  als  in  allen  anderen
Ländern,  —  auf  jeden  Fall  viel  stärker  als  in  England;  und  zwar
x )  Das  ist  eine  Tatsache,  die  die  deutschen  Sozialisten  selbst  anerkannt  haben:
„Das  Volk,  das  den  Sozialismus,  wenn  auch  in  noch  roher  Dorm,  hervorgebracht
hat,  ist  unsterblich“,  sagt  Kahl  Grün,  indem  er  von  Frankreich  spricht,  gerade  zu
derZeit,  von  der  dieses  Kapitel  handelt  (angeführt  von  Püech:  Le  Proudhonism  e
dans  ITnternationale,  S.  57,  1907).,
        <pb n="387" />
        Kapitel  I.  Die  Optimisten.

365

ging  das  so  weit,  daß  er  dort  ohne  zu  großen  Widerstand  dem  gegen
ihn  von  Cobden  geführten  Feldzug  unterlag,  während  er  in  Frankreich ­
  die  Angriffe  Bastiat’s  siegreich  überstand;  und  wenn  er  kurz
darauf  durch  den  selbstherrlichen  Willen  Napoleons  III.  aufgehoben
wurde,  so  sollte  er  bald  darauf  nur  um  so  kräftiger  wieder  in  Erscheinung ­
  treten.
So  hatte  die  französische  Schule  gleichzeitig  zwei  Gegnern  die
Spitze  zu  bieten,  die  übrigens  in  ihren  Augen  nur  einer  waren,  denn
für  sie  war  die  Schutzzöllnerei  nur  eine  schlechte  Nachahmung  des
Sozialismus  und  als  solche  noch  hassenswerter,  weil  sie  yorgab,  das
Glück  der  Eigentümer  und  der  Fabrikanten,  also  der  Reichen,  zu
begründen,  während  der  Sozialismus  doch  wenigstens  das  Glück  der
Arbeiter,  also  der  Armen  erstrebte;  —  und  schädlicher,  weil  sie  schon
verwirklicht  war  und  ihre  Verwüstungen  offen  ausübte,  während
der  andere  glücklicherweise  noch  eine  Utopie  blieb.  Indem  die
französische  Schule  so  zwei  Gegner  zu  gleicher  Zeit  bekämpfen
mußte,  fand  sie  sich  in  der  vorteilhaften  Lage,  dem  Vorwurfe  der
Klassenadvokatie  zu  entgehen:  sie  konnte  antworten,  daß  sie  für  die
Gesamtheit  kämpfe.
Ein  100jähriger  Krieg  muß  selbstverständlich  bei  denen,  die
ihn  durchgefochten  haben,  seine  Spuren  hinterlassen;  das  genügt,  um
die  „apologetischen,  normativen  und  finalistischen“  Tendenzen  zu  erklären, ­
  die  man  der  französischen  Schule  so  oft  vorgeworfen  hat.
Wie  hat  sie  es  angefangen,  um  die  „gesunden  Doktrinen“  zu
verteidigen,  die  sie  oft  leichtfertig  mit  der  Wissenschaft  verwechselt
hat?  Hierauf  kommt  es  an.  Sie  sagte  sich:  das  ganze  Übel  stammt
von  den  Pessimisten.  Sie  sind  es,  die  durch  ihre  unheildrohenden
Voraussagungen  den  Glauben  an  die  Naturgesetze  und  an  die  selbsttätige ­
  Organisation  der  Gesellschaft  vernichtet  und  die  Menschen
dazu  getrieben  haben,  ein  besseres  Schicksal  in  künstlichen  Organisationen ­
  zu  suchen.  Es  ist  daher  vor  allem  notwendig,  um  die
kritische  Schule,  den  Sozialismus  und  das  Schutzzoll-System  zu  widerlegen, ­
  die  Wissenschaft  von  den  kompromittierenden  Lehren  Ricaedo’s
und  Malxhus’  zu  befreien  und  nachzuweisen,  daß  ihre  angeblichen
Gesetze  der  Grundlage  entbehren.  Es  kommt  darauf  an,  zu  zeigen,
daß  die  natürlichen  Gesetze  uns  nicht  ins  Unglück,  sondern  ins  Glück
führen,  wenn  auch  hin  und  wieder  auf  dem  Umwege  des  Übels;  daß
die  individuellen  Interessen  nur  scheinbar  antagonistisch,  in  Wahrheit
aber  dennoch  solidarisch  sind,  und  daß  es  genügt,  wie  BASxiAT_sagt,
wenn  „ein  jeder  sein  Interesse  verfolge,  wobei  sich  herausstellen
wird,  daß  jeder,  ohne  es  zu  wollen,  den  Interessen  der  Gesamtheit
dient“.  Kurz,  die  Anhänger  der  französischen  Schule  haben,  um  den
Pessimismus  zu  widerlegen,  sich  zu  Optimisten  gemacht.
        <pb n="388" />
        366

Drittes  Buch.  Der  Liberalismus.

Die  französische  Schule  protestiert  allerdings  gegen  den  Namen
Optimisten  genau  wie  gegen  die  Bezeichnung  Orthodox.  Sie  würde
auch  Recht  haben  zu  protestieren,  wenn  wir  unter  Optimismus  den
Quietismus,  die  egoistische  Zufriedenheit  des  satten  Bürgers,  verständen, ­
  der  da  glaubt,  daß  in  der  besten  der  Welten  alles  auf  das
beste  eingerichtet  ist.  Das  ist  aber  durchaus  nicht  der  Fall.  Wir
haben  schon  darauf  hingewiesen,  daß  ihr  „laisser-faire“  nicht  im
Sinne  eines  „nichts  tun“  zu  verstehen  ist,  sondern  im  Sinne  des
englischen  Ausdrucks  „fair  play“,  —  freies  Spiel  der  Kräfte.  Wir
haben  im  Gegenteil  auch  gesagt,  daß  diese  Volkswirtschaftier  stets
unermüdliche  Polemiker  und  Streiter  waren  und  noch  heute  sind.
Zu  allen  Zeiten  haben  sie  ihre  Stimme  gegen  Mißbräuche  erhoben.
Ihr  Optimismus  liegt  aber  darin,  daß  sie  stets  glaubten,  die  Übel
der  wirtschaftlichen  Ordnung  kämen  hauptsächlich  daher,  daß  die
Freiheit  erst  sehr  unvollkommen  verwirklicht  wäre,  und  daß  infolgedessen ­
  das  beste  Heilmittel  gegen  dieses  Übel  darin  bestände,  diese
Freiheit  in  noch  vollkommenerer  Weise  zu  verwirklichen  *).  Hierdurch
rechtfertigt  sich  durchaus  der  Name  der  liberalen  Schule,  den  sie
für  sich  in  Anspruch  nehmen.  Zum  Beispiel  ist  für  sie  die  Freiheit
der  Arbeiter  das  beste  Mittel,  die  Ausbeutung  des  Arbeiter^  zu  verhindern ­
  und  die  Löhne  zu  erhöhen.  So  schreibt  Emile  Oliviek,  der
Verfasser  des  Gesetzes  von  1864,  das  die  Strafen  gegen  die  Koalitionen
aufhob:  „Die  Koalitionsfreiheit  ist  der  Tod  der  Streiks.“  So  führt
auch  die  Darlehenfreiheit  nach  ihrer  Meinung  zum  Verschwinden
des  Wuchers,  und  die  Handelsfreiheit  genügt,  um  der  Verfälschung
der  Lebensmittel  und  der  Herrschaft  der  Trusts  Einhalt  zu  tun.  Im
allgemeinen  wird  die  Konkurrenz  in  der  Produktion  die  Billigkeit
und  in  der  Verteilung  die  Gerechtigkeit  sicher  stellen *  2 ).
Ihr  Optimismus  hat  noch  diese  Besonderheit,  daß  sich  ihm  ein
absoluter  Pessimismus  in  Hinsicht  auf  die  Wirksamkeit  aller  sog.
sozialen  Reformen  zugesellt  und  ihn  bestärkt,  wie  z.  B.  Arbeiterwohlfahrtseinrichtungen ­
  der  Arbeitgeber,  Einmischung  des  Staates
und  des  Gesetzgebers  zum  sog.  Schutze  der  Schwachen.  Wenn  man
ihnen  glauben  wollte,  so  würde  die  Freiheit  zum  Schluß  die  Übel,
r )  „Ach,  man  hat  so  vieles  versucht!  Wann  wird  man  endlich  einen  Versuch
mit  dem  einfachsten  machen:  der  Freiheit?“  (Bastiat,  Harmonies,  Kap.  IV,
S.  125).
2 )  Einer  der  Teile  des  Buches  Dünoybk’s  über  La  Liberte  du  travail
trägt  als  Überschrift;  „Wie  das  wahre  Mittel  den  Übeln  zu  steuern,  unter  denen
die  Arbeiterklassen  leiden,  in  der  Ausdehnung  der  Konkurrenz  liegt“  (Kap.  X
B.  4,  §  18).
An  anderer  Stelle  sagt  Dunoybb:  „In  Wirklichkeit  ist  es  die  Konkurrenz,
dieses  angebliche  Element  der  Uneinigkeit,  das  das  wahre  Band,  der  festeste
Knoten  ist,  der  alle  Teile  des  sozialen  Körpers  miteinander  verbunden  hält.“
        <pb n="389" />
        Kapitel  I  Die  Optimisten.

367

die  sie  anscheinend  schafft,  heilen,  während  die  Einmischung  des
Staates  die  Übel,  die  sie  zu  heilen  scheint,  immer  vergrößert 1 ).
Noch  merkwürdiger  erscheint  aber,  daß  der  Assozialismus,  wie
wir  ihn  in  dem  vorhergehenden  Kapitel  dargelegt  haben,  in  den
Augen  der  französischen  Schule  nicht  mehr  Gnade  findet,  als  der
Staatssozialismus.  Zwar  hat  sie  nicht  das  ganze  Mißtrauen  der
französischen  Revolution  gegen  das  Recht  der  Assoziation  restlos
übernommen.  Sie  verurteilt  nicht  mehr,  ja  sie  verlangt  sogar  formell
die  Freiheit  der  Assoziation  in  der  Politik,  in  der  Religion,  in  der
Industrie,  im  Handel  und  in  der  Arbeit,  einschließlich  sogar  des
Koalitionsrechtes,  mit  einem  Wort,  sie  verlangt  diese  Freiheit  überall
dort,  wo  die  Assoziation  nur  die  individuelle  Tätigkeit  schützt  oder
stärkt;  —  sobald  aber  die  Assoziation  sich  als  ein  Instrument  der
sozialen  Umformung  darstellt,  sobald  sie  vorgibt,  die  Konkurrenz
durch  die  Kooperation  zu  ersetzen,  sobald  sie  im  Namen  der  Solidarität ­
  von  dem  Individuum  gewisse  Opfer  zugunsten  der  Allgemeinheit ­
  verlangt,  dann  ruft  die  individualistische  liberale  Schule:
„Halt!“  Und  auch  in  ihren  abgeschwächten  und  nur  teilumfassenden
Formen  wie  Kooperativismus,  Mutualismus  oder  Gewerkschaftswesen
erschien  ihr  der  Assozialismus  (und  erscheint  ihr  auch  heute  noch)
nicht  gerade  als  schlecht,  aber  als  trächtig  mit  Illusionen  und  Enttäuschungen ­
  2 ).
Der  Optimismus  der  französischen  Schule  charakterisiert  sich
daher  hauptsächlich  durch  einen  absoluten  Glauben  an  die  Freiheit.
Es  ist  das  das  besondere  Kennzeichen  der  Schule,  das  seit  mehr  als
anderthalb  Jahrhunderten  sich  nie  geändert  hat,  seit  den  Physiokraten
bis  heute.  Oftmals  hat  sie  durch  den  Mund  ihrer  bedeutendsten
Vertreter  erklärt,  daß  sie  alle  Etiketten  wie  „orthodox“  oder
„klassisch“,  die  man  ihr  aufzwingen  wollte,  zurückweise  und  keinen
anderen  Namen  als  den  der  „freiheitlichen“  Schule  begehre 3 ).
')  „Sobald  die  Befriedigung  eines  Bedürfnisses  Gegenstand  einer  öffentlichen
Behörde  wird,  hat  das  Individuum  .  .  .  einen  Teil  seiner  freien  Selbstbestimmung
verloren,  wird  es  weniger  fortschrittlich,  ist  es  weniger  menschlich  .  .  .  Diese  moralische ­
  Lähmung,  von  dem  es  befallen  wird,  befällt  aus  dem  gleichen  Grunde  alle
anderen  Bürger“  (Bastiat,  Harmonies,  Kap.  XVII,  S.  545).
2 )  Dunoybr  sagt:  „Man  vertiefe  sich  so  viel  man  will  in  die  Frage  der  Assoziationen, ­
  man  wird  darin  niemals  das  finden,  was  man  in  ihnen  sucht:  ein  Mittel,
eine  vernünftige  und  gerechte  Verteilung  der  Arbeitserzeugnisse  zu  sichern.“
(Liberte  du  Travail,  Bd.  II,  S.  397).
An  anderer  Stelle  versichert  er,  daß  die  Assoziation  „die  soziale  Moral  noch
mehr  als  die  des  Individuums  verdorben  hat,  weil  man  alles  für  erlaubt  hielt,  solange ­
  man  im  Namen  der  Assoziation  handelte“  (ebenda,  S.  136).  Allerdings
handelt  es  sich  hier  hauptsächlich  um  die  korporative  Assoziation,  doch  hat  diese
Beurteilung  eine  allgemeine  Bedeutung.
3 )  Auf  einer  internationalen  Versammlung  von  Volkswirtschaftlern  zur  Zeit
        <pb n="390" />
        368

Drittes  Buch.  Der  Liberalismus.

Ferner  charakterisiert  sie  sich  durch  eine  gewisse  Härte  gegenüber ­
  dem  Elend  des  Volkes.  —  Wohl  hat  die  Wissenschaft  nichts
mit  sentimentalen  Gefühlen  zu  tun,  —  aber  wir  sprechen  hier  von
einer  gewissen  Tendenz,  die  schon  bei  Malthds  stark  hervortritt,
zu  glauben,  daß  das  Elend  des  Volkes  seinen  eigenen  Fehlern  zuzuschreiben ­
  sei,  seinen  eigenen  Lastern  oder  doch  wenigstens  seinem
Mangel  an  Voraussicht 1 ).  Die  liberale  Schule  war  reif,  den,  der
kommen  sollte,  Darwin,  mit  Enthusiasmus  aufzunehmen.  Wies  er
doch  nach,  daß  die  natürliche  Zuchtwahl  des  Menschen  durch  die
Ausjätung  der  Schwachen  die  notwendige  Bedingung  des  Fortschrittes ­
  der  Arten  sei,  und  daß  dieser  Fortschritt  um  diesen  Preis
nicht  zu  teuer  bezahlt  wird;  und  ist  doch  der  Glaube  an  die  Vorzüge ­
  der  Konkurrenz  schon  die  Verherrlichung  des  „struggle  for  life“,
des  Kampfes  um&amp;amp;.  Dasein!
Und  doch  ist  der  liberalen  Schule  -weder  der  Nachweis  gelungen,
daß  alle  natürlichen  Gesetze  gut  seien,  noch  auch  hat  sie  den  Fortschritt ­
  des  Sozialismus  und  des  Schutzsystems  auf  halten  können,  und
am  Ende  des  19.  Jahrhunderts  fand  sie  sich  durch  die  von  zwei
Seiten  auf  sie  eindringenden  Wogen  fast  überflutet.  Trotzdem  hat
sie  in  keinem  Augenblick  ihr  Selbstvertrauen  verloren;  durch  ihre
Prinzipientreue,  durch  die  Beständigkeit  ihrer  Lehre,  durch  ihre  hochmütig ­
  alle  Volkstümlichkeit  nichts  achtende  Haltung,  hat  sie  sich  eine
Art  eigener  Prägung  gegeben  und  sie  verdient  etwas  Besseres  als
das  oberflächliche  Urteil,  das  ausländische  Nationalökonomen  über  sie
gefällt  haben,  nämlich,  daß  sie  jeder  Originalität  entbehre  und  nichts
als  ein  schwacher  Abglanz  der  Lehre  Smith’s  sei.
In  ihrer  Geschichte  gibt  es  besonders  eine  Periode,  in  der  dieser
Liberalismus  und  Optimismus  ihren  Höhepunkt  erreichten,  und  diese
Periode  ist'  es,  die  wir  jetzt  näher  betrachten  wollen;  sie  fiel  zwischen
1830  und  185_0.  ln  dieser  Zeit  verwirklichte  sich  das,  was  man  die
Verbindung  der  politischen  Freiheit  mit  der  wirtschaftlichen  Freiheit
der  Weltausstellung  im  Juli  1900  sagte  einer  der  gemäßigten  Anhänger  der  liberalen
Schule,  Lbvassbur  (Journal  des  Economistes,  15.  Aug.  1900):
„Es  ist  unnötig,  Unterscheidungen  zwischen  uns  zu  machen;  in  dieser  Hinsicht
können  die  liberalen  Volkswirtschaftler  nicht  verschiedener  Meinung  sein.  Sie
können  in  mehreren  Punkten  betreff  der  Anwendung  verschiedene  Ansichten  haben,
aber  sie  sind  sich  alle  über  das  Prinzip  der  Freiheit  einig.  Je  freier  der  Mensch
ist,  um  so  erfolgreicher  und  machtvoller  schafft  er  Güter.  Je  größer  die  Freiheit
ist,  um  so  mehr  Anregungen  gibt  es  zur  Arbeit  und  zur  Anspannung  der  Intelligenz,
um  so  mehr  Keichtümer  werden  produziert.“
*)  So  schreibt  auch  Ddnoyeb:  „Es  ist  gut,  daß  es  in  der  Gesellschaft  eine
Unterwelt  gibt.  Die  Familien  die  sich  schlecht  aufführen,  laufen  Gefahr,  in  ihr  zu
versinken,  und  nur  dadurch,  daß  sie  sich  gut  aufführen,  können  sie  sich  wieder
emporarbeiten.  Diese  Unterwelt  ist  das  Elend“  (La  Liberte  du  travail,
S.  409).
        <pb n="391" />
        Kapitel  I.  Die  Optimisten.

369

nennen  könnte,  die  von  da  an  in  ein  einziges  Glaubensbekenntnis  verschmolzen ­
  und  einen  und  denselben  Namen  trugen;  Liberalismus.
Die  wirtschaftliche  Freiheit,  die  der  Arbeit  und  des  Tausches,  erschien ­
  nunmehr  als  eine  Unterabteilung  in  der  Gesamtheit  der  notwendigen ­
  Freiheiten,  ebenso  wichtig  wie  die  Gewissensfreiheit  und
die  Freiheit  der  Presse.  Wie  die  anderen  war  auch  sie  eine  Errungenschaft ­
  der  Demokratie  und  der  Kultur,  und  es  schien  ebenso
eitel,  sie  unterdrücken  zu  wollen,  als  zu  versuchen  einen  Strom  zu
seiner  Quelle  zurückzulenken.  Sie  war  ein  Bestandteil  des  allgemeinen ­
  Programmes  der  Befreiung  von  jeder  Hörigkeit.
Nicht  umsonst  fiel  die  Geburt  der  Nationalökonomie  in  die  Todesstunde ­
  des  „ancien  regime“;  und  wenn  die  Physiokraten,  die  ersten
liberalen  Optimisten,  in  so  ungerechter  Weise  von  denen,  die  doch
ihre  Söhne  waren,  ignoriert  und  verlassen  worden  sind,  so  lag  das
■sicherlich  viel  weniger  an  ihren  wirtschaftlichen  Fehlern,  als  au
ihren  politischen  Lehren  und  besonders  an  der  von  dem  „gesetzlichen ­
  Despotismus“,  die  den  Liberalen  von  1830  als  eine  Monstruosität
  oder  wenigstens  als  ein  Überbleibsel  der  alten  Ordnung  erschien. ­
  Dieses  Gebrechen  genügte  in  ihren  Augen,  um  das  physiokratische
  System  durchaus  zu  diskreditieren  ').
Das  Buch  von  Charles  Dünoyee,  das  1845 2 )  unter  dem  etwas
1  angen  aber  klaren  Titel  erschien;  Von  der  A  r  b  e  i  t  s  f  r  e  i  h  ei  t
oder  einfach  eDarlegung  der  Bedingungen,  unter  denen
die  menschlichen  Kräfte  sich  mit  dem  größten  Erfolge
betätigen,  kennzeichnet  mit  großer  Genauigkeit  diese  Ara  des
politisch-ökonomischen  Liberalismus.  Aber,  mag  das  Buch  Dunoter’s
auch  der  Verherrlichung  der  Freiheit  in  allen  ihren  Formen  und
besonders  der  der  Konkurrenz  gewidmet  sein,  so  erscheint  doch  die
optimistische  Tendenz  in  ihm  weniger  auffällig  als  in  einem  anderen
Buche,  das  fast  zur  gleichen  Zeit  erschien  und  viel  berühmter  geworden
ist,  in  den  ökonomischen  Harmonien  (les  Harmonies  Economiques)  i  /
Bastiat’s  (1850).  In  diesem  Buche  und  in  den  anderen  Schriften  desselben ­
  Verfassers  werden  wir  die  Hauptzüge  dieser  Lehre  suchen
müssen.  Gewiß,  Bastiax  ist  wegen  der  Übertreibungen  seines  Optimismus
und  seines  Glaubens  an  die  Endzwecke  von  einer  großen  Anzahl  Volkswirtschaftler ­
  der  liberalen  Schule  verleugnet  worden.  Dennoch  bleibt
er  der  bedeutendste  Vertreter  der  optimistischen  liberalen  Lehre,  und
man  könnte  vielleicht  sagen,  der  ganzen  französischen  Schule.
1 )  Siehe  weiter  oben  (S.  39—40),  was  wir  über  die  politische  Lehre  der  Physiohraten
  gesagt  haben.
2 )  Es  hat  frühere  Ausgaben  gegeben,  aber  unter  verschiedenen  Titeln  und  von
Ideinerem  Umfange  (in  den  Jahren  1825  und  1830).  Wir  werden  Dunoybr  etwas  weiter
■unten  wieder  finden.  Vgl.  Villby,  L’oeu  vre  economique  de  Dunoyeh,  Paris,  1899.
Gide  und  Eist,  Gesch,  d.  Volkswirtschaft!.  Lehrmeinungen.  24
        <pb n="392" />
        370

Drittes  Buch.  Der  Liberalismus.

Der  Name  eines  anderen  Volks  Wirtschaftlers,  diesmal  keines
Franzosen,  sondern  eines  Amerikaners,  ist  ebenfalls  von  der  optimistischen ­
  Lehre  untrennbar.  Er  wurde  schon  in  einem  der  vorhergehenden ­
  Kapitel  erwähnt:  es  ist  C.  H.  Caeey  1 ).  In  vieler  Hinsicht  müßte
er  noch  vor  Bastiat  rangieren,  üncTzwäFnicht  nur  auf  Grund  der
Priorität,  —  denn  bekanntlich  hat  er  Bastiat  angeklagt,  ihn  plagiiert
zu  haben,  sondern  auch,  weil  er  ihm  in  gewisser  Hinsicht  überlegen
ist,  und  zwar  durch  seine  Methode,  durch  die  Kraft  seiner  Gedankenentwicklung
  und  durch  die  breite  Grundlegung  einiger  seiner  Theorien,
besonders  der  der  Bodenrente.  In  unserer  Darlegung  der  Doktrinen
Bastiat’s  werden  wir  versuchen,  den  Teil  zu  bestimmen,  der  Caeey
zukommt.  Wenn  wir  trotzdem  geglaubt  haben,  Bastiat  und  nicht.
Caeey  die  erste  Stelle  in  diesem  Kapitel  zuweisen  zu  müssen,  so
liegt  das  nicht  nur  daran,  daß  wir  hauptsächlich  für  französische
Studenten  schreiben,  die  natürlicherweise  mehr  Gelegenheit  haben,
diesen  als  jenen  zu  lesen,  sondern  auch  weil  die  Bücher  des  amerikanischen ­
  Ökonomisten,  die  zu  einer  Zeit  erschienen  sind,  als  die
volkswirtschaftliche  Lehrtätigkeit  in  den  Vereinigten  Staaten  noch
fast  unbekannt  war,  bei  weitem  nicht  denselben  Einfluß  ausgeübt
haben,  wie  das  Buch  des  französischen  Nationalökonomen,  das  mitten
im  Streit  der  Ideen  entstand;  und  schließlich,  weil  die  Lehre
Carey’s  nicht  im  entferntesten  die  prächtige  Einheit  der  Gedanken
der  Harmonien  zeigt.  Der  Beweis  hierfür  liegt  darin,  daß  man
bei  Caeey  neben  der  Verurteilung  der  freien  Konkurrenz  zwischen
den  Völkern  die  Behauptung  findet,  daß  die  freie  Konkurrenz  zwischen
')  Caeey  (Charles  Henry)  wurde  1793  in  Philadelphia  geboren  und  starb  1879.
Bis  zum  Alter  von  42  Jahren  war  er  Verlagsbucbbändler.  Br  veröffentlichte  in
den  Jahren  1837,  1838  und  1840  die  drei  Bände  seines  Buches:  Principles  of
Political  Economy;  1848,  The  Fast,  the  Present  and  the  Future,.
das  seine  Kententheorie  enthält;  1850,  Harmony  of  Interest,  agricultural,
manufacturing  and  commercial;  und  1858—1859  Principles  of  Social
Science.  (Dieses  Buch  ist  von  Adler  ins  Deutsche  übersetzt  worden.  Anm.  d.
Übers.)
Diese  Daten  haben  eine  gewisse  Bedeutung,  weil,_  als  1850  die  Harmonies
erschienen,  Caeey  in  einem  an  das  Journal  des  Bconomistes  des  gleichen
Jahres  gerichteten  Briefe  Bastiat  des  Plagiats  beschuldigte.  Bastiat,  der  damals
schon  auf  den  Tod  krank  lag,  antwortete  in  der  gleichen  Zeitung,  um  sich  zu  verteidigen. ­
  Er  gab  zu,  das  erste  Buch  Caeby’s  zu  kennen  und  entschuldigte  sich,  es
nicht  angeführt  zu  haben.  Die  Entschuldigung,  die  er  als  Grund  anführte,  ist
übrigens  recht  schwach:  da  nämlich  Cahey  so  schlecht  von  den  Franzosen  gesprochen
habe,  hätte  er  es  nicht  zum  Lesen  empfehlen  können!  Seitdem  haben  eine  ganze
Anzahl  ausländischer  Volkswirtschaft!er  als  festehend  hingestellt,  daß  Bastiat
Caeey  nur  abgeschrieben  habe:  es  ist  das  eine  grobe  Übertreibung.  In  der  Geschichte ­
  der  Doktrinen  ist  die  Koincidenz  im  Auftreten  gewisser  Ideen  eine  häufige
Tatsache:  noch  vor  kurzem  hat  sich  dies  bei  der  Theorie  des  Grenznutzens  gezeigt,
(siehe  weiter  unten).
        <pb n="393" />
        Kapitel  I.  Die  Optimisten.

371

den  Individuen  eine  Notwendigkeit  sei.  Auf  Grund  dieses  Zwiespaltes ­
  in  den  EeKfen'  Cäeey’s,  der  fast  ein  Widerspruch  ist,  haben
wir  uns  verpflichtet  gesehen,  ihn  in  zwei  Abschnitten  zu  behandeln,
so  daß  er  in  zwei  verschiedenen  Kapiteln  besprochen  wird. /y
Bastiat 1 )  ist  in  Frankreich  und  im  Auslande  als  die  Verkörperung ­
  der  Bourgeois-Nationalökonomie  betrachtet  worden.  Nicht  nur
Pkoijdhon,  sondern  auch  Lassalle  in  seiner  berühmten  Broschüre:
Bastiat  Schulze-Delitzsch,  und  nach  ihnen  Caienes,  Sidgwick,
Maeshall,  von  Böhm-Baweek  usw.  haben  in  ihm  nur  den  Advokaten
der  geltenden  wirtschaftlichen  Ordnung  gesehen.  Sie  sprechen  ihm

b  FnkDkmo  Bastiat  wurde  1801  in  Bayonne  geboren.  Er  entstammte  einer
Familie  wohlhabender  Kaufleute  und  war  nacheinander  Kaufmann,  Landwirt  in
den  „Landes“,  Friedensrichter,  Mitglied  des  Kreistages  (conseiller  general)  und
endlich  Abgeordneter  der  Assemblee  Constituante  von  1848.  Er  glänzte  nicht  besonders
als  Redner,  wozu  ihm  auch  die  Zeit  fehlte,  denn  er  starb  schon  1850,  im  Alter  von
49  Jahren,  in  Rom,  wohin  er,  schwer  erkrankt,  in  der  Hoffnung,  Genesung  zu  finden,
gegangen  war.
Wenn  sein  Leben  kurz  war,  so  war  seine  wissenschaftliche  Laufbahn  noch
kürzer;  sie  dauerte  nur  sechs  Jahre.  Sein  erster  Aufsatz  erschien  1843  in  dem
Journal  des  Economistes,  und  sein  einzig  wirkliches  Buch  Les  Harmonies
Economiques,  das  1849  geschrieben  wurde,  blieb  unvollendet.  In  ~der  Zwischenzeit
veröffentlichte  er  seine  Petits  Pamphlets  und  seine  Sophismes,  die  sich  gegen
das  Schutzzollsystem  und  den  Sozialismus  wendeten.  Er  bewies  eine  große,  aber
erfolglose  Rührigkeit,  um  in  Frankreich  einen  Freihandelsverband  zu  organisieren,
nach  dem  Verbilde  dessen,  der  wenige  Jahre  vorher  in  England  unter  der  Leitung
Cobden’s  gesiegt  hatte.
Wie  man  sieht,  war  sein  Leben  nicht  das  eines  Gelehrten,  sondern  das  eines
Journalisten.  Er  war  kein  Mann  der  Bibliothek.  Wir  wissen  jedoch,  daß  er  mit
19  Jahren  J.-B.  Say  gelesen  hatte  und  etwas  später  Franklin  (Die  Weisheit  des
armen  Richard),  den  er  enthusiastisch  verehrte,  wie  er  selbst  gesagt  hat.
Fhanklin’s  Einfluß  läßt  sich  in  allen  seinen  Schriften  nachweisen  und  fand  sich  sogar
in  seiner  Haltung  und  seinem  Benehmen.  „Mit  seinen  langen  Haaren  und  seinem
kleinen  Hut,  seinem  Bratenrock  und  seinem  Familienregensohirm  würde  man  ihn
leicht  für  einen  braven  Bauern  gehalten  haben,  der  sich  die  Wunder  der  Hauptstadt
ansieht,“  sagt  Molinahi  (Journal  des  Economistes,  Februar  1851).
Diese  biographischen  Einzelheiten  dürfen  von  denen  nicht  vergessen  werden,
die  Bastiat,  übrigens  nicht  ohne  gewisse  Berechtigung,  Mangel  an  wissenschaftlicher
Bildung  vorwerfen  und  ihn  sogar  beschuldigen,  mehr  Journalist  als  Volkswirtschaftler
gewesen  zu  sein.
Wenn  Bastiat  von  den  ausländischen  Nationalökonomen  streng  abfällig  beurteilt
worden  ist,  so  ist  er  doch  in  Frankreich  sehr  volkstümlich  geblieben.  Sein  Salz  ist
etwas  grob,  seine  Ironie  etwas  schwerfällig,  seine  Ausführung  etwas  oberflächlich,
aber  sein  Maßhalten,  sein  gesunder  Verstand  und  seine  Klarheit  hinterlassen  einen
unvergeßlichen  Eindruck.  Ich  möchte  fast  sagen,  daß  seine  Harmonies  und
seine  Pamphlets  auch  heute  noch  das  beste  Buch  sind,  das  man  einem  jungen
Menschen,  der  sich  zum  ersten  Male  mit  dem  Studium  der  Nationalökonomie  befassen
will,  empfehlen  kann.  Wir  werden  übrigens  sehen,  daß  auch  vom  rein  wissenschaftlichen ­
  Gesichtspunkt  aus  seine  Beiträge  durchaus  nicht  bedeutungslos  sind.
24*
        <pb n="394" />
        372  Drittes  Buch.  Der  Liberalismus.

■O:

jede  wissenschaftliche  Bedeutung  ah.  Nach  ihnen  sind  seine  Schriften
weiter  nichts  als  eine  breitere  Fassung  von  Feanklxk’s  „Weisheit
des  armen  Richard“,  wo  Gleichnisse  an  Stelle  von  Beweisen
treten,  und  die  so  berühmte  Klarheit  seines  Stiles  liege  nur  daran,
daß  er  nichts  zu  sagen  habe.
Bastiat  verdient  jedoch  eine  bessere  Beurteilung.  Der  Mann,
der  geschrieben  hat:  „Wenn  ich  das  Unglück  hätte,  in  dem  Kapital
nur  den  Vorteil  des  Kapitalisten  zu  sehen,  würde  ich  Sozialist
werden“,  und  weiterhin:  „die  national-ökonomische  Wissenschaft  bedarf ­
  dringend  einer  Untersuchung  über  die  Geschichte  der  Ausbeutung
(Spoliation)“,  ein  solcher  Mann  ist  mehr  als  nur  ein  „guter  Bourgeois“.
Allerdings  hat  er  den  Optimismus  übertrieben,  wie  ebenso  den  Liberalismus, ­
  den  Moralismus  und  den  Finalismus  der  französischen  Schule;
sein  Unglück  wollte,  daß  er  den  Höhepunkt  dieser  Lehre  bezeichnete,
nach  dem  unabänderlich  die  Reaktion  einsetzen  mußte,  so  daß  er  den
ganzen  Gegenstoß  erhielt,  der  sein  Werk  wie  weggeweht  hat.
Wenn  nun  allerdings  die  Argumente  Bastiat’s  gegen  den  Sozialismus ­
  veraltet  sind  —  ebenso  wie  übrigens  die  speziellen  sozialistischen
Organisationsmethoden,  gegen  die  sie  sich  richteten  —  so  kann  man
doch  nicht  dasselbe  über  seine  Beweisführung  gegen  das  Schutzsystem
sagen.  Hier  ist  er  nicht  ohne  jeden  Einfluß  geblieben.  Allerdings
ist  es  ihm  nicht  gelungen,  die  Schutzzollpolitik  mattzusetzen,  jedoch
hat  er  die  Nichtigkeit  einer  gewissen  Anzahl  ihrer  Argumente  endgültig ­
  bewiesen.  Wenn  uns  heute  die  Protektionisten  nicht  mehr  mit
„der  Überschwemmung“  oder  „der  Überflutung“  durch  fremde  Produkte ­
  drohen,  wenn  das  alte  und  berühmte  Argument  der  „nationalen
Arbeit“  nur  noch  gedämpft  erklingt,  so  ist  dies,  was  allzu  oft  vergessen ­
  wird,  ein  Erfolg  der  bewunderungswürdigen  kleinen  Aufsätze,
wie  z.  B.  .der  „Petition  der  Kerzenraacher“  oder  „die  Petition  der
linken  Hand  gegen  die  rechte“.  Niemals  wird  man  besser  als
Bastiat  die  lächerlichen  Folgen  darlegen,  die  sich  ergeben,  wenn  man
einen  Tunnel  durch  die  Berge,  die  die  Länder  trennen,  bohrt,  um  den
Handel  zu  erleichteni,  und  nachher  eine  Zollschranke  an  jedem  Ende
aufrichtet;  —  oder  den  Widerspruch,  der  darin  liegt,  dem  Großgrundbesitzer ­
  oder  dem  Kapitalisten  durch  einen  Zollschutz  ein
Minimum  von  Einkommen  zu  garantieren,  und  dem  Arbeiter  einen
Minimallohn  zu  verweigern;  —  oder  weiter,  daß  der  Zoll  eine
schwieriger  zu  verteidigende  Abgabe  als  die  wirkliche  Steuer  ist,
denn  während  diese  dem  Individuum  zum  Vorteil  der  Gesellschaft
auferlegt  wird,  belastet  jener  Alle  zum  Nutzen  Einiger.
Weniger  glücklich  ist  er  von  seinem  Standpunkt  eines  ausschließlichen ­
  Individualismus  und  in  seiner  Tendenz  zu  übertriebener
Vereinfachung  gewesen,  wenn  er  den  Tausch  zwischen  Individuen
        <pb n="395" />
        Kapitel  I.  Die  Optimisten.

373

auf  absolut  gleichen  Fuß  mit  dem  Tausch  zwischen  Nationen  stellt,
oder  wenn  er  in  mehr  belustigenden  als  treffenden  Gleichnissen  nachzuweisen ­
  versucht,  daß  die  Vorteile  des  internationalen  Handels  für
ein  Land  um  so  größer  seien,  je  ungünstiger  seine  Handelsbilanz  sei,
oder  daß  hauptsächlich  die  ärmsten  Nationen  vom  internationalen
Handel  profitieren  *).
Was  den  konstruktiven  Teil  des  Werkes  Bastiat’s  anlangt,  so
besteht  er  in  dem  Nachweis:  „daß  die  allgemeinen  Gesetze  der
sozialen  Welt  harmonisch  sind;  sie  streben  in  allen  Richtungen  nach
einer  Vervollkommnung  des  Menschengeschlechtes“.  Und  doch  sieht
man  beim  ersten  Blick  überall  nur  Unordnung!  Er  antwortet  hierauf ­
  mit  dem  unvergeßlichen  Gleichnis:  „Das,  was  man  sieht,  und
das,  was  man  nicht  sieht“,  in  dem  er  ausführt,  daß  man  sich
nicht  auf  das  verlassen  dürfe,  „was  man  sieht“,  und  daß  das,  „was  man
nicht  sieht“  viel  öfter  die  Wahrheit  ist;  daß  die  augenscheinlichsten
Gegensätze,  wenn  man  sie  näher  betrachtet,  sich  sehr  oft  als  Triebkräfte ­
  der  Harmonie  ausweisen.  Weiterhin  antwortet  er,  daß  der
Mensch  frei  sei,  und  folglich  frei,  diese  Harmonie  zu  zerstören,
indem  er  sich  an  der  Freiheit  anderer  vergreift,  —  insbesondere
durch  die  Ausbeutung,  die  Bastiat  keineswegs  zu  verschleiern  versucht, ­
  sondern  die  er  im  Gegenteil  überall  an  den  Pranger  stellt.
Aber  verschiedene  Kräfte  sind  in  der  Umwelt  wie  im  Innenleben
des  Menschen  am  Werke,  um  jeden,  der  den  richtigen  Weg  verläßt,
darauf  zurückzuführen,  so  daß  sich  zum  Schluß  die  Harmonie  von
selbst  wieder  einstellen  wird.  „Ich  glaube,  daß  das  Übel  zum  Guten
führt  und  es  hervorruft,  während  das  Gute  niemals  zum  Übel  führen
kann,  woraus  sich  ergibt,  daß  das  Gute  zum  Schluß  zur  Vorherrschaft
gelangen  muß 1  2 ).“
Es  erhellt  hieraus,  daß  diese  Doktrin  weit  über  den  bloßen  Begriff ­
  von  Naturgesetzen  hinausgeht:  sie  setzt  den  Glauben  an  Gesetze ­
  der  Vorsehung  voraus.  Bastiat  will  das  auch  gar  nicht  verbergen ­
  und  ruft  an  vielen  Stellen  ähnlich  wie  die  Physiokraten,  aber
mit  klareren  Worten  aus:  „In  jeden  Menschen  hat  Gott  einen  unwiderstehlichen ­
  Drang  nach  dem  Guten  gelegt  und  hat  ihm,  um  es
ihn  erkennen  zu  lassen,  ein  Licht  gegeben,  das  ihn  zurechtweist 3 ).“
1 )  Über  die  Frage:  Wer  im  internationalen  Handel  gewinnt?  siehe  weiter  unten
das,  was  wir  hierüber  bei  Stuakt  Mill  sagen.
2 )  Earmonies,S.21.  Wir  zitieren  nach  der  10.  Ansg.  der  CEuvres  completes.
3 )  „Die  Tatsachen  der  Nationalökonomie  haben  ebenfalls  ihre  wirkende  Ursache
und  ihren  Yorsehungszweck“  (Harmonies,  letzte  Seite).
„Angesichts  dieser  Harmonie  kann  der  Volkswirtschaftler  wohl  ausrufen,  wie  der
Astronom  oder  der  Physiologe;  Digitus  Dei  est  hic!“  (Harmonies,  Kap.  X,  S.  391).
„Wartet  nur  das  Ende  ab  und  ihr  werdet  sehen,  daß,  wenn  ein  Jeder  für  sich
[  selbst  sorgt,  Gott  an  alle  denkt“  (Harmonies,  Kap.  VIII,  S.  290).
        <pb n="396" />
        374

Drittes  Buch.  Der  Liberalismus.

Auguste  Comte  hat  mit  großer  Beredsamkeit  Protest  erhoben
gegen  „jene  eitele  und  irrationelie  Neigung,  nur  den  Grad  der  Ordnung ­
  zugeben  zu  wollen,  der  sich  von  selbst  herstellt“,  eine  Neigung
die  „in  der  sozialen  Praxis  offenbar  auf  eine  Art  feierlicher  Demission
hinausläuft,  mit  der  sich  diese  angebliche  Wissenschaft  (die  Nationalökonomie) ­
  vor  jeder  etwas  schwierigen  Frage  zurückzieht,  die  die
industrielle  Entwicklung  auftauchen  läßt“  1 ).
Aber  auch  als  eine  Auslegung  der  Vorsehung  ist  dieser  Glaube
Bastiat’s  sehr  anzweifelbar.  Auf  keinen  Fall  scheint  er  mit  der
christlichen  Lehre  übereinzustimmen,  denn  man  darf  nicht  vergessen,
daß,  wenn  das  Christentum  lehrt:  der  Mensch  und  die  Welt  seien
von  Gott  gut  geschaffen  worden,  es  auch  lehrt,  daß  beide  durch  die
Schuld  des  Menschen  völlig  verderbt  worden  sind,  und  daß  sie  niemals ­
  wieder  durch  sich  selbst  auf  Grund  irgendeiner  natürlichen,
Genesung  bringenden  Tugend  wieder  gut  werden  können 2 ).  Christus
schreibt  seinen  Jüngern  vor:  den  natürlichen  Menschen  in  sich  abzutöten, ­
  um  einen  neuen  Menschen  zu  schaffen;  er  kündet  einen
neuen  Himmel  und  eine  neue  Erde  an.  Das  ist  viel  revolutionärer,
als  der  wirtschaftliche  Optimismus.  Der  Gott  Bastiat’s  ist  weiter
nichts  als  „der  Gott  der  guten  Leute“,  von  dem  Beeangee  sang.
Welche  Tatsachen  und  welche  Gesetze  enthüllen  uns  nun  diese
prästabilierte  Harmonie?  Alle,  antwortet  Bastiat:  den  Wert  und
den  Tausch,  das  Eigentum,  die  Konkurrenz,  die  Produktion,  den  Verbrauch, ­
  sowie  alle  anderen  .  .  .  Wir  werden  nur  auf  die  hinweisen,
in  denen  sich  diese  Harmonie  nach  seiner  Ansicht  am  ausgeprägtesten
offenbart.

§  1.  Die  Theorie  des  Dienstwertes.
*  /
In  erster  Linie  steht  das  Wertgesetz,^  das  „in  der  Nationalökonomie ­
  dieselbe  Rolle  spielt  wie  das  Zahlensystem  in  der
Arithmethik“  3 ).
Wie  wir  wissen,  hatte  Ricardo  gelehrt,  daß  der  Wert  durch  die
für  die  Produktion  geleistete  Arbeit  bestimmt  werde.  Diese  Theorie
fand  Bastiat  höchst  annehmbar,  und  er  hätte  sie  gern  in  seine
„Harmonien“  hineingebracht,  denn  sie  stimmte  sehr  gut  mit  der  Gerechtigkeitsidee ­
  überein,  da  sie  zeigte,  daß  jeder  W T ert  und  infolgex
 )  A.  Comte,  Cours  de  Philosophie  Positive,  Bd.  IV,  S.  202.
2 )  Die  Liturgie  der  reformierten  (französischen)  Kirche  sagt:  „Wir  erkennen  an
und  bekennen  .  .  .  daß  wir  aus  uns  selbst  unfähig  sind,  das  Gute  zu  tun.“
Siehe  weiter  unten  das  Kapitel  über  die  auf  dem  Christentume  beruhenden ­
  Lehren.
3 )  Harmonies,  Kap.  V,  S.  140.
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        Kapitel  I.  Die  Optimisten.

375

dessen  jedes  Eigentum  auf  die  Arbeit  gegründet  ist.  Obgleich  die
Methode  Bastxat’s  sehr  von  einem  a  priori  Standpunkt  ausging  und
;so  wenig  realistisch  wie  möglich  war,  konnte  er  sich  doch  nicht  mit
einer  Auffassung  begnügen,  die  zu  klar  mit  den  Tatsachen  in  Widerspruch ­
  stand,  denn  sie  war  nicht  imstande,  zu  erklären,  warum  z.  B.
der  Wert  einer  zufällig  gefundenen  Perle  dem  einer  mit  Mühe  vom
•Grunde  des  Meeres  heraufgeholten  Perle  gleich  ist.  Daher  sucht  er
eine  andere  Erklärung,  die  ebenso  normativ  wie  die  Eicaedo’s  sein
sollte,  aber  mehr  mit  den  Tatsachen  in  Einklang  stand.
Nun  hatte  gerade'CAEEY, v um  die  Theorie  Ricardo’s  zu  berichtigen,
eine  andere  sehr  geistreiche  aufgestellt;  nämlich,  daß  der  Wert  nicht
von  der  geleisteten  Arbeit,  sondern  von  der  ersparten  Arbeit
bestimm/  wird.  Diese  Theorie  ließ  sich  ausgezeichnet  mit  den  der
Theorie  Ricaedo’s  widerstrebenden  Tatsachen  in  Übereinstimmung
bringen;  sie  erklärte  die  Hypothese  der  gefundenen  Perle  sehr  gut.
Bastiat  griff  sie  begierig  auf 1 ).  Immerhin  genügte  sie  ihm  noch
nicht  ganz,  weil  man  nicht  recht  versteht,  wie  die  Tatsache,  daß  der
Wert  im  Verhältnis  zu  der  ersparten  Arbeit  stehe,  —  das  heißt
nämlich,  was  wohl  zu  bemerken  ist,  im  Verhältnis  zu  einer  Arbeit,
die  niemals  geleistet  worden  ist  und  niemals  geleistet  werden  wird!
—  als  eine  wirtschaftliche  Harmonie  betrachtet  werden  kann.  Da
erleuchtet  ein  Lichtstrahl  ^seinen  yGeist:  ^  Ist  diese  ersparte  Arbeit
nicht  ein  dem  Erwerber  geleisteter  Dienst?  Damit  hat  er  die
«o  lange  gesuchte _ Ehklärung  endlich  gefunden:  „Der  Wert  ist
das  Verhältnis  zweier  ausgetauschter  Dienste“ 2 )A  Und
da  nun  alles  Eigentum  und  alles  Vermögen  nichts  weiter  ist  als  eine
Summe  von  Werten,  so  kann  man  auch  sagen,  daß  das  Eigentum
eines  jeden  nur  die  Summe  der  von  ihm  geleisteten  Dienste  ist.
Hier  haben  wir  die  Harmonie.  Was  kann  man  besseres  wünschen?
Bastiat  gerät  in  Exstase,  'diese  Forme?''  gefunden  zu  haben.  1  Sie  erklärt
  alles,  sie  'gleicht  alle  Widersprüche  aus,  löst  alle  Schwierigkeiten
  und  gibt  zugleich  den  Schlüssel  zu  der,  die  das  Kreuz  der
Volkswirtschaftler  war:  warum  der  Diamant  wertvoller  als  das
Wasser  sei?  Antwortet  sie  doch;  einfach  deshalb,  weil  der,  der  mir
einen  Diamanten  abläßt,  mir  einen  größereren  Dienst  leistet  als  der,
der  mir  ein  Glas  Wasser  gibt,'—  wenn  ich  nicht  gerade  auf  dem
Floß  der  Schiffbrüchigen  der  Medusa  bin.  Aber  auch  in  diesem

ü  „Ich  habe  naohgewiesen,  daß  die  Grundlage  des  Wertes  weniger  die  dem
■Gebenden  verursachte  Mühe,  als  die  dem  Empfangenden  ersparte  Mühe  ist
(hier  wäre  es  gerecht  gewesen,  Cabey  zu  zitieren!),  und  deshalb  habe  ich  sie  in  etwas
verlegt,  das  diese  beiden  Bestandteile  umfaßt:  den  Dienst“  (Harmonies,  Kap.  IX,
2 )  Harmonies,  Kap.  V,  S.  145.
        <pb n="398" />
        376

Drittes  Buch.  Der  Liberalismus.

Falle  würde,  da  der  geleistete  Dienst  .unberechenbar  groß  ist,  der
Wert  unermeßlich  groß  sein!
•Alle  von  den  Volkswirtschaftlern  vorgeschlagenen  Lösungen  —
Nutzen,  Seltenheit,  Erwerbsschwierigkeit,  Produktionskosten,  Arbeit
—  sind  in  dem  Begriff  des  Dienstes  enthalten.  /  „So  sollten  sich  also
die  Volkswirtschaftler  aller  "Schattierungen  zufrieden  geben.  Sie
haben  alle  recht,  da  sie  die  Wahrheit  von  einer  Seite  gesehen  haben.
Auf  der  Rückseite  der  Medaille  lag  allerdings  der  Irrtum“  1 ).  Weiterhin ­
  hat  das  Wort  „Dienste“  den  Vorzug,  zugleich  mit  dem  eigentlichen ­
  Wert,  nämlich  mit  dem  Preise  den  Güter,  den  Preis  aller
produktiven  Dienste  zu  umfassen,  so  wie  sie  in  der  Sachleihe,  der
Pacht,  der  Miete  und  den  verzinslichen  Darlehen  auftreten,  denn
„derjenige,  der  Zeit  gewährt,  leistet  einen  Dienst“. 2 ).

*)  Harmonies,  Kap.  V,  S.  193.  „Sozialisten,  Volkswirtschaftler,  Gleichheits-Jünger,
  Anhänger  der  Brüderlichkeit,  ich  trete  euch  allen  entgegen,  soviel  ihr  auch
sein  mögt  und  bestreite,  daß  ihr  auch  nur  den  Schatten  eines  Einwurfs  gegen  die
gerechtfertigte  Gegenseitigkeit  freiwilliger  Dienste  und  infolgedessen  gegen  das-Eigentum,
  so  wie  ich  es  definiert  habe,  erheben  könnt!  .  .  .  In  ihren  gegenseitigen ­
  Beziehungen  sind  die  Menschen  nur  mit  Hinsicht  auf  die-Werte
  Eigentümer,  und  die  Werte  stellen  nur  verglichene  Dienstevor,
  die  frei  empfangen  und  frei  gegeben  werden“  (Harmonies,.
Kap,  VIII,  S.  265  und  268).
Wenn  es  der  Umfang  dieses  Buches  gestatten  würde,  von  den  italienischen
Volkswirtschaftlern  zu  sprechen,  müßten  wir  hier  Pereara,  der  Von  1849  bis  1868
Professor  in  Turin  war,  erwähnen.  Er  steht  durch  seine  Lehren  über  den  Wert  und
über  die  wirtschaftlichen  Harmonien  in  enger  Verbindung  mit  den  Schulen  Caret’sund
  Bastiat’s,  deren  Zeitgenosse  er  übrigens  war.  Die  Werttheorie,  auf  der  er  das.
ganze  volkswirtschaftliche  Gebäude  ruhen  läßt,  ist  die  der  Reproduktionskosten.
Der  Wert  eines  Jeden  Gegenstandes  wird  nicht  von  der  Arbeit,  die  er  wirklich  gekostet ­
  hat,  bestimmt,  sondern  von  der,  die  notwendig  ist,  um  einen  gleichen  Gegenstand ­
  zu  erzeugen,  oder,  —  wenn  es  sich  um  einen  Gegenstand  handelt,  dessen  Mengeabsolut
  begrenzt  ist,  z.  B.  das  Bild  eines  alten  Meisters  —  von  der  Arbeit,  die  notwendig ­
  ist,  um  das  wieder  zu  erzeugen,  was  das  gleiche  Bedürfnis  am  besten  befriedigen ­
  kann  (Anwendung  des  Gesetzes  der  Substitution,  das  aber  zur  Zeit
Eerhaea’s  noch  nicht  formuliert  war).  Und  da  infolge  des  Fortschrittes  der  Industrie
die  Arbeitskosten  (die  menschliche  Anstrengung)  das  Bestreben  zeigen,  ständiggeringer
  zu  werden,  so  haben  wir  die  Harmonie.
Alle  Dinge,  die  Erde  und  ihre  Produkte  wie  die  Kapitalien,  unterliegen  näch
Ferrara  demselben  Gesetze,  und  somit  ist  das  ünglüeksgesetz  der  Rente  widerlegt
und  das  fortschreitende  Fallen  des  Zinsfußes  sicher  gestellt.
Die  hauptsächlichsten  Schriften  Fbhrara’s  sind  Vorreden  zu  italienischen  Übersetzungen ­
  der  großen  Ökonomisten,  die  in  der  Sammlung  der  Bibliotheea  delP
Economista  (Turin,  1860—1870,  26  Bde.)  erschienen.
2 )  Harmonies,  Kap.  VII,  S.  236.  Es  ist  nicht  der  Mühe  wert,  hier  die  Diskussion ­
  vom  Jahre  1849  zwischen  Bastiat  und  Pkoudhon  über  die  Berechtigung
der  Zinsen  zu  analysieren  (die  in  den  CBuvres  Bastiat’s  unter  dem  Titel  Gratuite
du  Credit  veröffentlicht  ist).  Bastiat  stützt  sich  bald  auf  den  Gedanken,  daß  derjenige, ­
  der  darleiht,  einen  Dienst  leistet,  und  daß  jede  Dienstleistung  eine  Entlohnung
        <pb n="399" />
        Kapitel  I.  Die  Optimisten.

377

Man  kann  sich  über  die  Offenherzigkeit,  mit  der  Bastiat  seinen
Triumph  bekannt  gibt,  lustig  machen,  denn'er  sieht  nicht,  daß  die
Weite  seiner  Formel  nur  deshalb  gestattet,  alles,  was  man  will,
hineinzulegen,  weil  sie  ein  leerer  Rahmen,  ein  für  alle  Schlösser
passender  Universalschlüssel  ist.  *  *  Sie  läuft  darauf  hinaus,  daß  der
Wert  von  irgendeinem  Umstande  abhängt,  der  einen  Gegenstand
wünschenswert  machen  kann 1 ),  so  daß  wir  nach  dieser  Erklärung
nicht  klüger  sind  als  vorher.  Bei  näherer  Untersuchung  hat  diese
Definition  nicht  einmal  die  apologetische  Tragweite,  die  Bastiat
offenbar  blendete.  Sie  kann  in  keiner  Weise  zu  einer  RechtfV  ^igung
des  Wertes  und  mit  ihm  des  Eigentums  dienen;  höchstens  gelingt
ihr  dies  auf  Grund  einer  vieldeutigen  Formel!  Denn  das  Wort
Dienste  läßt  glauben,  und  deshalb  hat  er  es  gewählt,  daß  jeder
Wert  eine  Wohltat  für  den  bedeutet,  der  ihn  empfängt,  und  ein
Verdienst  für  den,  der  ihn  gibt.  Es  ist  aber  sehr  leicht  möglich,
daß  dies  nicht’"ier  Fall  ist.  Der  Eigentümer  eines  Hauses  oder
eines  Grundstückes  in  der  City  von  London,  der  das  eine  zu  einem
fabelhaften  Preise  vermietet  oder  das  andere  ebenso  yerkauft,  oder
der  Kapitalist,  der  einem  bedrängten  Geldbedürftigen  Geld  zu  einem
Wucherzinse  leiht,  oder  sogar  der  Politiker,  der  sich  für  irgendeine
wertvolle  Konzession  ein  enormes  Bestechungsgeld  zahlen  läßt,  sie
alle  leisten  zweifelsohne  große  Dienste,  —  der  Beweis  hierfür  liegt
schon  darin,  daß  sie  darum  angegangen,  gebeten  und  bestürmt
worden  sind  —  und  daher  würde  der  hohe  Mietspreis,  die  hohen
Zinsen  oder  die  große  Provision  unter  die  Formel  Bastiat’s  fallen.
Wir  haben  aber  soeben  gesehen,  daß  sie  vom  wirtschaftlichen  Gesichtspunkt ­
  aus  nichts  erklären  kann;  und  ebensowenig  kann  sie
vom  allgemeingültigen  moralischen  Standpunkte,  auf  den  sich  doch

verdient,  oder  schärfer  ausgedrüekt,  daß  das  geliehene  Kapital  produktiv  ist  (der
Hobel  gestattet  mehr  Bretter  herznstellen),  und  daß  es  infolgedessen  nur  gerecht  ist,
wenn  der  Besitzer  des  Hobels  seinen  Teil  davon  erhält.  Proudhon  antwortet,  daß  er
keineswegs  die  Berechtigung  des  Zinses  in  der  gegenwärtigen  Wirtschaftsordnung
bestreite,  aber  behaupte,  daß  dieser  Zins  nur  eine  historische  Kategorie  sei  (um  eine
spätere  Pormel  anzuwenden),  und  daß  es  leicht  wäre,  ihn  in  einer  neuen  Wirtschafts-  /
Ordnung  als  überflüssig  abzuschaffen.  Als  Mittel,  diese  neue  Wirtschaftsordnung  zu
verwirklichen,  weist  er  auf  seine  banque  d’echange  hin  (siehe  oben).  Aber  da  die
beiden  Duellanten  niemals  dazu  kamen,  sich  mit  dein  Speer  in  der  Hand  gegenüberzutreten ­
  und  im  leeren  fochten,  so  ist  diese  Diskussion  äußerst  ermüdend  und  macht
weder  dem  Einen  noch  dem  Anderen  große  Ehre.
*)  „Eine  Menge  Umstände  können  die  relative  Bedeutung  eines  Dienstes  erhöhen.
Er  erscheint  uns  mehr  oder  weniger  groß,  je  nachdem  er  uns  mehr  oder  weniger
nützlich  ist,  je  nachdem  mehr  oder  weniger  Personen  bereit  sind,  ihn  uns  zu  leisten;
je  nachdem  er  von  ihnen  mehr  oder  weniger  Arbeit,  Mühe,  Geschicklichkeit,  Zeit,
vorausgehendes  Studium  erfordert;  je  nachdem  er  uns  selbst  mehr  oder  weniger  davon
erspart“  (ebenda,  Kap.  V,  S.  146).
        <pb n="400" />
        378

Drittes  Buch.  Der  Liberalismus.

Bastiat  stellt,  irgendetwas  rechtfertigen.  Sie  ist  weiter  nichts  als
ein  Mäntelchen,  das  ebenso  dazu  dient,  die  schlimmsten  Ausbeutungen
wie  die  ehrlichsten  Geschäfte  zu  decken,  die  alle  zusammen  unter
seinem  Schutze,  brevi  manu  und  bunt  zusammengewürfelt,  unter  den
einen  Hut  der  allgemeinen  Harmonie  gebracht  werden  *).
Trotz  dieser  gewiß  gerechtfertigten  Kritik,  und*  trotzdem  man
den  Versuch  Bastiat’s,  den  Wert  durch  das  Wort  Dienste  zu  erklären, ­
  für  verfehlt  ansehen  muß,  bleibt  die  Formel  doch  immerhin
eine  höchst  geistreiche,’  und  man  könnte  vielleicht  sogar  sagen,  eine
geniale  Eingebung.  Der  Beweis  dafür  ist,  daß  sie  Heimatsrecht  in
der  volkswirtschaftlichen  Sprache  erlangt  hat:  Wir  finden  sie  später
wieder  und  dies  besonders  in  der  Terminologie  der  auf  ihre  strenge
Methode  besonders  stolzen  hedonistischen  und  mathematischen  Schule:
dort  spricht  man  beständig  von  „produktiven  Diensten“'  und  es
würde  viel  Mühe  kosten,  ein  anderes  Wort  zu  finden,  daß  sie  alle
umschließt 2 ).  Dieses  Wort  „Dienste“  ist  zwar  geeignet,  auf  Grund
des  Gedankens  an  ein  höheres  Interesse  und  an  professionelle  Ehre,
die  mit  ihm  verbunden  ist,  —  so  wie  man  früher  sagte  „im  Dienste
des  Königs!“  —  über  viele  wirtschaftliche  Beziehungen  der  bestehenden
Ordnung  der  Dinge  Irrtümer  aufkommen  zu  lassen.  Auch  wirkt  es  oft
komisch,  mit  diesem  schönen  Worte  die  Begleichung  einer  Gasthausrechnung ­
  oder  die  Bezahlung  des  Steuerzettels  zu  bezeichnen.  Trotzdem
kann  man  sich  aber  kein  besseres  vorstellen,  um  das,  was  die  zukünftige ­
  soziale  Ordnung  sein  sollte,  zu  bezeichnen.  Das  Wort
„Dienste“  drückt  ungefähr  die  gleiche  Idee  aus,  die  Auguste  Comte
und  viele  nach  ihm  mit  dem  Worte  „soziale  Funktion“  ausdrücken
wollte,  oder  was  Professor  Marshall  in  einer  kürzlich  gehaltenen
Kede  „die  Ritterlichkeit  in  der  Volkswirtschaft“  nennt 8 ).  Wenn  wir
versuchen,  uns  die  zukünftige  oder  doch  wenigstens  die  wünschens-J
 )  Auch  ist  Bastiat  wohl  gezwungen,  dies  selbst  znzngeben.  „Ich  untersuche
nicht,  ob  alle  Dienste  wirklich  und  gerechtfertigt  sind,  und  ob  es  den  Menschen  nicht
gelungen  ist,  sich  für  Dienste  bezahlen  zu  lassen,  die  sie  nicht  geleistet  haben.  Ach,
du  lieber  Gott,  die  Welt  ist  voll  von  solcher  Ungerechtigkeit!“  (Harmonies.  Kap.  V,
S.  157).
Wenn  aber  die  Welt  voll  ist  von  Leuten,  die  sich  für  nicht  geleistete  Dienste
oder  für  eingebildete  und  ungerechtfertigte  Dienste  bezahlen  lassen,  wozu  soll  es
dann  dienen,  jeden  Wert  und  alles  Eigentum  auf  einen  geleisteten  Dienst  zu  gründen?
Siehe  in  der  Revue  d’Economie  Politique  von  1887  den  Aufsatz  Gidb’s
über  La  notion  de  la  valeur  dans  Bastiat.
2 )  J.-B.  Say  hatte  schon  das  Wort  „Dienst“  (service)  angewendet,  ohne  aber
damit  irgendeine  normative  Bedeutung  zu  verbinden,  sondern  nur  um  die  Beichtümer,
die  in  Handlungen  bestehen,  von  denen,  die  materielle  Erzeugnisse  sind,  zu
unterscheiden.
3 )  Economic  Journal,  März  1907,  Social  possibilities  of  Economic
Chivalry.
        <pb n="401" />
        Kapitel  I.  Die  Optimisten.

379

werte  Gesellschaft  vorzustellen,  so  fühlen  wir  uns  zu  der  Hoffnung
verpflichtet,  daß  die  Triebkraft  der  ganzen  wirtschaftlichen  Tätigkeit,
die  heute  die  Profitsucht  ist,  nach  und  nach  dem  Gedanken  des
sozialen  Dienstes  Platz  macht.  An  dem  Tage  wird  man  Bastiat
ein  Denkmal  setzen  können.

§  2.  Das  Gesetz  des  unentgeltlichen  Nutzens  und  der
Rente.
Das  Gesetz  der  Rente,  wie  es  Rioaedo  aufgestellt  hatte,  war  das
Schreckbild  der  Optimisten.  Wäre  es  unglücklicherweise  wahr  gewesen, ­
  so  wäre  ihnen  nach  ihrer  Ansicht  nichts  weiter  übrig  geblieben, ­
  als  den  Sozialisten  Recht  zu  geben,  die  im  Grundeigentum
einen  sozialen  Schädling  erblickten.  Um  jeden  Preis  mußte  daher
nachgewiesen  werden,  daß  dieses  Gesetz  ohne  Grundlage  sei,  und
Bastiat  hat  sich  bemüht,  die  These  zu  begründen,  die  zuerst  wie
eine  Ungeheuerlichkeit  anmutet,  nämlich,  daß  der  Boden  oder  die
Natur  ihre  Güter  allen  Menschen  umsonst  gibt.  Wie,  wird  man
ausrufen,  das  Getreide  oder  die  Kohle  und  alle  Produkte  des  Grundes
und  des  Untergrundes  werden  nicht  bezahlt,  haben  keinen  Wert?  —
Doch,  antwortet  Bastiat,  aber  dieser  Preis  bezahlt  nicht  die  natürliche ­
  Nützlichkeit  dieser  Produkte:  er  bezahlt  nur  die  Arbeit  der
Produktion,  er  erstattet  nur  die  von  dem  Besitzer  gemachten  Auslagen ­
  zurück.
Auf  diese  Weise  mußte  man  in  jedem  Erzeugnis  zwei  übereinander ­
  liegende  Schichten  von  Nützlichkeit  unterscheiden.  Die  eine
beruht  auf  der  Arbeit,  und  diese  muß  bezahlt  werden,  ist  ein
kostendes  Ding  und  macht  das  aus,  was  man  den  W T ert  nennt;  die
andere  verdanken  wir  der  Natur:  sie  wird  als  solche  niemals  bezahlt,
y
sondern  sozusagen  als  Zugabe  gegeben.  Wenn  diese  unterliegende ­
  Schicht  unbekannt  ist,  obgleich  sie  eine  beträchtliche  Bedeutung ­
  hat,  so  liegt  das  gerade  daran,  daß  sie  im  Preise  nicht  zum
Ausdruck  kommt  und  sich  deshalb  dem  Blick  entzieht:  sie  ist  unsichtbar, ­
  weil  sie  unentgeltlich  ist.
Das  aber,  was  unentgeltlich  ist,  gehört  allen  gemeinsam,  wie  die
Luft  oder  das  fließende  Wasser.  Man  kann  daher  den  gleichen  Gedanken ­
  ausdrücken,  indem  man  sagt,  daß  unter  der  zutage  liegenden
Schicht  der  Werte,  die  das  individuelle  Eigentum  ausmacht,  eine
andere  unsichtbare  Schicht  vorhanden  ist,  die  der  Gemeinschaft
gehört  und  von  der  alle  Nutzen  haben.  „Das,  was  auf  Grund  göttlicher ­
  Vorbestimmung  Gemeingut  war,  bleibt  durch  alle  menschlichen
Handlungen  hindurch  Gemeingut.“
        <pb n="402" />
        380

Drittes  Buch.  Der  Liberalismus.

„Hierin  liegt“,  sagt  Bastiat,  „das  wesentliche  Gesetz  der  sozialen
Harmonie.“  'Der  Grundeigentümer,  der  in  der  Theorie  Eicaedo’s  als
der  Drache  erscheint,  der  die  Schätze  der  natürlichen  ßeichtümer
bewacht,  und  dem  man  Tribut  bezahlen  muß,  um  sie  benützen  zu
können;  der  in  den  stürmischen  Anschuldigungen,  die  Peoudhon  gegen
das  Eigentum  schleuderte,  als  der  hingestellt  wird,  der  die  Gaben
Gottes  sich  angeeignet  hat,  —  er  erscheint  in  der  Theorie  Bastiat’s
nur  noch  als  ein  einfacher  Vermittler  zwischen  der  Natur  und  dem
Verbraucher,  als  ein  guter  Dienstbote,  der  für  mich  an  der  gemeinschaftlichen ­
  Quelle  das  Wasser  holen  geht,  und  dem  ich  nicht  für
das  Wasser  bezahle,  sondern  nur  für  die  Mühe,  die  es  ifea  beseitet-,
.AS  mir  zu  bringen 1 ).*  '
Es  kommt  aber  noch  besser  mit  Hinsicht  auf  diese  Harmonie!
Von  den  beiden  Bestandteilen,  die  in  jedem  Gute  verbunden  sind,
dem  kostenden  und  dem  freien  oder  gemeinschaftlichen  Bestandteil,
zeigt  der  erstere  die  Neigung,  nach  und  nach  im  Verhältnis  zu  dem
zweiten  an  Bedeutung  zu  verlieren.  Es  ist  tatsächlich  ein  allgemeines ­
  Gesetz,  daß  infolge  der  Fortschritte  der  Industrie  die  für
eine  gleiche  Bedürfnis-Sättigung  notwendige  menschliche  Anstrengung
immer  geringer  wird.  Die  neue  Arbeit  ist  fast  stets  produktiver  als
die  frühere.  Das  gilt  für  alle  Erzeugnisse,  für  das  Getreide  sowohl
wie  für  die  Kohle,  für  den  Stahl  wie  für  die  Baumwollenstoffe,  und
nicht  nur  für  die  Erzeugnisse  der  Erde,  sondern  für  den  Boden  selbst.
Es  kostet  immer  weniger,  neuen  Boden  urbar  zu  machen,  gerade  so,
wie  es  immer  weniger  kostet,  neue  Maschinen  herzustellen.  Der
Teil  des  natürlichen  Nutzen  wird  aber  in  keiner  Weise  geringer:
„Das  Getreide  hat  heute  genau  denselben  Nutzen,  wie  am  Tage  nach
der  Sintflut.“
Was  folgt  daraus?  Da  aller  Besitz  nur  aus  einer  Summe  von

’)  „Und  ich  sage  euch:  Nein,  Ihr  habt  die  Geschenke  Gottes  nicht  unterschlagen.
Umsonst  habt  ihr  sie  aus  den  Händen  der  Natur  empfangen,  das  ist  wahr!  Aber
umsonst  habt  ihr  sie  auch  an  eure  Brüder  weiter  gegeben,  ohne  für  euch  etwas
zurückzubehalten  .  .  .  lebt  daher  in  Frieden,  ohne  Furcht  und  ohne  Bedenken“
(Harmonies,  Kap.  VIII,  S.  257).  ,  -
„Die  Kohle  steht  allen  Menschen  gratis  in  Fülle  zur  Verfügung;  das  ist  kein
Paradox  und  keine  Übertreibung;  sie  steht  ihnen  ebenso  gratis  und  im  Überfluß  zur
Verfügung  wie  das  Wasser  des  Bergstromes,  nur  mit  der  Bedingung,  sich  die  Mühe
zu  geben  und  sie  zu  holen  oder  die,  die  diese  Mühe  für  uns  tun,  für  diese  Mühe  zu
entlohnen“  (Harmonies,  Kap.  X,  S.  362).  —  Bastiat  will  aber  durchaus  nicht
sagen,  daß  die  Dividenden  der  Aktionäre  nur  die  Mühe  bezahlen,  die  sie  genommen
haben,  um  die  Kohle  zu  holen,  sondern  die  Mühe,  die  sie  (in  der  Form  von  Ersparnissen) ­
  genommen  haben,  um  die  Ausbeutung  zu  ermöglichen.
J.-B.  Say  hatte  schon  davon  gesprochen,  daß  die  natürlichen  Kräfte  umsonst
seien,  er  sprach  aber  nur  von  denen,  die  sich  noch  niemand  angeeignet  hat,  wie  Luft
und  Wasser,  und  die  infolgedessen  allen  zur  Verfügung  stehen.
        <pb n="403" />
        Kapitel  I.  Die  Optimisten.

381

Werten  besteht,  so  drückt  sich  jede  Wertverminderung  durch  eine
stetige  Wertverminderung  des  Eigentums  aus.
Daraus  zieht  Bastiat  den  folgenden  Schluß,  der  „der  Wissenschaft
eine  ganz  erstaunliche  Tatsache  enthüllen  wird,  und  der,  wenn  ich
mich  nicht  irre,  bisher  unbemerkt  geblieben  ist“  x ),  daß  nämlich  in
jeder  fortschreitenden  Gesellschaft  der  gemeinsame  unentgeltliche
Anteil  beständig  wächst,  während  der  kostende  und  mit  Beschlag
belegte  Teil  stetig  geringer  wird.  Die  heutige  Gesellschaft  ist  schon,
ohne  es  zu  wissen,  kommunistisch  und  wird  es  mit  jedem  Tage  mehr!
Der  Gedanke  ist  allerdings  sehr  schön.  Er  zeigt  uns  das  Privateigentum ­
  wie  Inseln,  die  von  einem  weiten  Meere  des  Gemeineigentums ­
  umspült  sind,  und,  was  noch  mehr  besagt,  von  einem  Meere,
das  stetig  steigt  nnd  ohne  Auf  hören  ihre  Küsten  wegschwemmt  und
ihre  Oberfläche  verringert.  Sollte  die  Arbeit  jemals  allmächtig
werden,  sollte  nämlich  die  Wissenschaft  dazu  gelangen,  die  Anstrengung ­
  auszuschalten,  so  würde  an  diesem  Tage  die  letzte  Eigentumsinsel
  unter  dem  steigenden  Niveau  des  unentgeltlichen  Nutzens
verschwunden  sein.  Und  so  ruft  Bastiat  triumphierend  aus:  „Kommunisten, ­
  ihr  träumt  vom  Gemeineigentum  ?  Ihr  habt  esja  schon!
Die  soziale  Ordnung  macht  ja  alle  Befriedigungsmittel  zum  Gemeineigentum ­
  unter  der  Bedingung,  daß  der  Tausch  der  angeeigneten
Werte  frei  sei“  1  2 ).
Aber  Bastiat,  der  so  viel  gegen  die  Sophismen  gekämpft  hat,
neigte  selbst  sehr  dazu,  sie  zu  gebrauchen.  Wenn  man  tiefer  in
diese  bestechende  Darlegung  eindringt,  so  findet  man  einfach  die  Behauptung, ­
  daß  es  überhaupt  keine  Bodenrente  gibt,  da  der  Wert
aller  Erzeugnisse,  unter  Einschluß  derjenigen,  die  man  Naturprodukte
nennt,  niemals  die  Produktionskosten  übersteigt,  —  und  daß  dieser
Wert  sogar  beständig  geringer  wird,  weil  die  Produktionskosten  die
Tendenz  haben,  sich  zu  verringern.
Diese  Behauptung  ist  aber  ohne  Stütze:  der  Beweis  ist  durchaus
nicht  erbracht,  daß  die  Erzeugnisse  des  Bodens  dem  Gesetze  der
Konkurrenz  unterliegen,  deren  Wirkung  wäre,  ihren  Wert  auf  das
Niveau  der  Produktionskosten  herabzudrücken,  und  noch  weniger,  daß
ihr  Wert  auf  das  Niveau  der  Minimalproduktionskosten  herabgedrückt
wird.  Seine  Auseinandersetzung  widerlegt  daher  weder  die  Theorie
der  Monopolrente,  noch  die  der  Differentialrente.  Soviel  ist  gewiß
richtig,  daß  die  Natur  den  Wert  nicht  schafft  und  keine  Zahlung
verlangt.  Heute  nimmt  auch  niemand  mehr  an,  daß  in  dem  Preis
der  Kohle  oder  des  Getreides  ein  Pfennig  enthalten  sei,  der  die

1 )  Harmonies,  Kap.  YIII,  S.  256.
2 )  Harmonies,  Kap.  Y,  S.  142.
        <pb n="404" />
        382

Drittes  Buch.  Der  Liberalismus.

Wärme  spendenden  Eigenschaften  des  einen  oder  die  nahrhaften  des
anderen  bezahlen  solle.  »Wenn  es  aber  wahr  ist,  daß  die  Natur  nichts
fordert,  so  ist  es  doch  nicht  wahr,  daß  der  Besitzer  nichts  weiter
als  die  Rückerstattung  seiner  Auslagen  an  Mühe  und  Kosten  verlangt. ­
  Er  begnügt  sich  nur  damit,  wenn  er  durch  die  Konkurrenz
unbedingt  dazu  gezwungen  wird!  Diese  Bedingung  ist  nun  fast
niemals  gegeben,  und  die  ökonomischen  Theorien  erklären  gerade,
weshalb  der  Verkaufspreis  gewöhnlich  den  Gestehungspreis  übersteigt,
und  wie  sich  dieser  Überschuß  unter  den  verschiedenen  Kategorien,
Rente,  Profit,  Mehrwert,  darstellt.  *
Im  Grunde  war  sich  Bastiat  sehr  wohl  der  Schwäche  seiner  Beweisführung ­
  bewußt.  Er  sieht  sehr  gut,  daß  der  Eigentümer  eines
berühmten  Weinberges  oder  eines  an  den  Champs-Elysees  gelegenen
Baugrundes  viel  mehr  erhalten  kann,  als  die  Bezahlung  seiner  Arbeit.
Aber  dann  rettet  er  sich  in  seine  Werttheorie:  dieser  Eigentümer
wird  niemals  mehr  erhalten  als  den  Preis  des  geleisteten  Dienstes.
—  Zugegeben!  Deshalb  ergibt  sich  aber  doch,  daß  die  Tatsache,
einen  natürlichen  Reichtum  zu  besitzen,  es  gestattet,  den  Preis  der
Dienste,  die  der  Eigentümer  leistet,  bedeutend  zu  erhöhen, ­
  und  was  bleibt  dann  von  dem  sog.  Gemeineigentum  und  den
vom  Besitzer  seinen  Brüdern  unentgeltlich  und  ohne  Vorbehalt  überwiesenen ­
  Gütern  übrig?
Welche  Überlegenheit  zeigt  demgegenüber  die  Theorie  Caeey’s,
sowohl  durch  ihren  wissenschaftlichen  Wert,  als  auch  durch  ihre
große  soziale  Tragweite!  Caeey  nimmt  Punkt  für  Punkt  die  Theorie
Ricaedo’s  vor,  die  Bastiat  nur  sehr  ungenau  gekannt  zu  haben
scheint 1 ).  Der  These  Ricaedo's  gegenüber,  daß  der  Wert  des  Getreides ­
  fortschreitend  höher  werden  muß,  weil  der  Mensch,  nachdem
er  die  fruchtbarsten  Böden  in  Besitz  genommen  hat,  gezwungen  ist,
nach  und  nach  unfruchtbarere  in  Bewirtschaftung  zu  nehmen,  ant-*)
  Bastiat  scheint  die  Bodenrente  nicht  besonders  studiert  zu  haben.  Das
Kapitel  der  Harmonies,  das  diese  Überschrift  trägt,  ist  unvollendet  geblieben.
Einer  seiner  Schüler  jedoch,  de  Fontenay,  hat  ihr  ein  ganzes,  heute  vergessenes,
jedoch  sehr  glänzendes  Buch  gewidmet;  Du  Eevenu  foncier  (1854).  Er  bemüht
sich  nachzuweisen:
1.  daß  die  ÄiCAKDo’sche  Bodenrente,  d.  h.  die  Differenzialrente  nicht  existiert,
da  alle  Felder  gleichwertig  sind,  aber  nur  unter  der  Bedingung,  daß  mau
es  versteht,  die  für  ein  jedes  geeignetste  Kultur  anzuwenden;
2.  daß  die  Kente  der  natürlichen  Fruchtbarkeit,  die  der  Physiokraten  oder
Adam  Smith’s,  ebensowenig  existiert,  da  alle  Nützlichkeit  (und  nicht  nur  aller  Wert!)
einzig  auf  der  Arbeit  beruhe.  Ein  Pfirsich,  eine  Weintraube,  ein  Weizenkorn,  ein
Schlachtochse  werden  einzig  vom  menschlichen  Fleiß  geschaffen:  die  Natur  ist  stets
durchaus  unfähig  gewesen,  es  zu  tun,  und  wird  es  auch  stets  bleiben.  —  Dies  ist
übrigens  durchaus  richtig,  wenn  man  sagt,  die  Natur  allein;  aber  genau  dasselbe
kann  man  dann  auch  von  der  Arbeit  allein  sagen.
        <pb n="405" />
        Kapitel  I.  Die  Optimisten.

883

4.
wortet  Cabeyjl.  daß  ganz  im  Gegenteil  die  ärmsten  Böden  es  sind,
anf  denen  die  Kultur  beginnt,'  und  daß  man  erst  später  und  nach,
und  nach  die  reicheren  Felder  in  Angriff  nimmt.  Infolgedessen  ergibt ­
  sich  der  umgekehrte  Schluß,  denn  mit  steigender  Produktivität
wird  der  Preis  des  Getreides  fallen.  Die  Gründe,  auf  die  er  diese
Umkehrung  im  Gange  der  Bodenkultur  stützt,  sind  höchst  eindrucksvoll. ­
  Zunächst  weist  er  darauf  hin,  daß  für  den  Boden,  wie  für  alle
Naturkräfte,  die  Reihenfolge  in  der  Domestikation,  wenn  ich  so  sagen
darf,  im  umgekehrten  Verhältnis  zu  ihrer  Macht  steht;  man  hat  angefangen, ­
  die  tierische  Kraft  vor  der  des  Windes  oder  des  Wassers
zu  benutzen,  und  diese  wieder  vor  der  des  Dampfes  oder  der  Elektrizität. ­
  Ebenso  ist  es  mit  dem  Boden.  *Was  ist  denn  ein  fruchtbarer
Boden?  Es  ist  das  ein  Boden,  der  in  seinem  Naturzustand  von  einer
wuchernden  Vegetation  überzogen  ist,  die  man  ausrotten  muß,  oder
Alluvialfelder,  die  den  Strömen  und  Seen  abgerungen  werden  müssen.
„Der  reichste  Boden  ist  der  Schrecken  der  ersten  Einwanderer“,  sagt
er 1 ).  Er  tritt  ihm  in  der  Form  von  Urwäldern  entgegen,  voll
wilder  Tiere,  die  er  bekämpfen  muß,  angefüllt  mit  Sümpfen,  die  zu
trocknen  sind,  voller  Krankheitskeime,  die  Kirchhöfe  aus  ihnen
machen.  Generationen  müssen  sich  auffarauchen,  ehe  man  diesen
reichen  Boden  benutzen  kann.  In  der  Zwischenzeit  sucht  sich  der
erste  Ansiedler  bescheiden  unfeinem  Hügelabhang  irgendeinen  leichten
Boden,  der  seinen  schwachen  Kräften  mehr  entspricht,  und  wo  er
außerdem  infolge  der  Lage  größere  Sicherheit  genießt  und  sich
leichter  verteidigen  kann.  ’
Die  Richtigkeit  dieser  Theorie  scheint  nicht  nur  durch  den  Gang
der  Bodenkultur  und  der  Kolonisation  in  den  neuen  Ländern  erwiesen
zu  sein,  sondern  auch  durch  die  Geschichte  und  die  Zivilisation  in
der  Vergangenheit.  An  den  Abhängen,  auf  den  Hügeln  fanden  sich
die  ersten  Menschen  zusammen  und  bauten  ihre  Dörfer  oder  Schlösser,
um  dann  langsam  und  vorsichtig  in  die  tiefer  liegenden  Gefilde
hinabzusteigen.  Wie  viele  Gegenden  gibt  es  noch  jetzt  in  Frankreich,
avo  man  die  „neue  Stadt“  sich  in  der  Ebene  ausbreiten  sieht,  während
nicht  weit  davon  die  alte  Stadt  ihre  Mauern  auf  dem  Berge  erhebt  I
Die  Helden,  denen  man  später  göttliche  Ehren  envies,  weil  sie  die
Lernäische  Hydra  oder  die  Vögel  des  stymphalischen  Sumpfes  getötet
hatten,  waren  wahrscheinlich  nur  die  ersten  Menschen,  die  den  Mut
gehabt  haben,  die  Alluvialböden  urbar  zu  machen.
Man  kann  dieser  Theorie  natürlich  genau  denselben  'Vorwurf
machen,  wie  der  Ricardo’s,  nämlich,  daß  sie  nur  für  ein  bestimmtes
Milieu  und  für  bestimmte  Umstände  Geltung  hat.  Die  Rententheorie

’)  Caeby,  Prineiples  of  Social  Science  (Bd.  I,  S.  127  in  der  franz.  Übers.),
        <pb n="406" />
        384

Drittes  Buch.  Der  Liberalismus.

Ricaedo’s,  so  wie  wir  sie  kennen  gelernt  haben,  erklärte  die  England ­
  eigentümlichen  Tatsachen,  nämlich  die  Pressung  der  Bevölkerung ­
  auf  einer  kleinen  Insel  und  auf  einem  schon  fast  ganz  in  Besitz ­
  genommenen  Boden,  während  die  Theorie  Caeby’s  sich  wunderbar
auf  einen  riesigen  Kontinent  anwenden  läßt,  wo  eine  nur  spärliche
Bevölkerung  einige  Kulturinseln  inmitten  des  Urwaldes  oder  der
Prärie  in  Besitz  genommen  hatte.  Man  kann  daher  sagen,  daß  beide
Theorien  sich  nicht  widersprechen,  weil  sie  für  verschiedene  Ergebnisse, ­
  oder  vielmehr  für  verschiedene,  aufeinander  folgende  Phasen
der  wirtschaftlichen  Entwicklung  Geltung  haben.  Es  scheint  aber,
daß  die  Theorie  Eicaedo’s,  gerade  weil  sie  einer  höheren  Stufe  der
Entwicklung  entspricht,  das  letzte  Wort  behalten  soll.  Wenn  Caeey
in  unseren  Tagen  geschrieben  hätte,  hätte  er  wahrscheinlich  eine
andere  Sprache  geführt,  denn  schon  jetzt  ist  es  nicht  mehr  wahr,
daß  in  den  Vereinigten  Staaten  die  fruchtbarsten  Böden  noch  urbar
zu  machen  sind.  Es  ist  im  Gegenteil  unbestreitbar,  daß  nur  noch
die  armen  und  nicht  bewässerbaren  Felder  übrig  geblieben  sind,
die  nur  in  Trockenkultur  (dry  farming)  bewirtschaftet  werden
können;  und  daß  sogar  im  „wilden  Westen“  —  far  west  —  die
Theorie  Bicaedo’s  schon  besser  als  die  Caeey’s  mit  den  wirklichen
Tatsachen  übereinstimmt.  Überall  tritt  dort  die  Bodenrente  auf,  und
einige  der  heutigen  amerikanischen  Milliardäre  verdanken  gerade  ihr
ihr  Vermögen 1 ).
Es  ist  wenig  wahrscheinlich,  daß  Bastiat  diese  Theorie  Caeey’s
gekannt  hat,  denn  sie  wurde  hauptsächlich  in  dessen  Buche  The
past,  the  present  and  the  future  (Vergangenheit,  Gegenwart
und  Zukunft)  ausgeführt,  das  kurze  Zeit  vor  dem  Tode  Bastiat’s
erschien,  wie  auch  in  seinen  Principles  of  social  Science,  die
10  Jahre  später  herauskamen.  Auf  jeden  Fall  sind  wir  beiden  für
den  schönen  Gedanken  verpflichtet,  daß  in  dem  Maße,  wie  sich  die
Macht  des  Menschen  über  die  Natur  vermehrt,  die  Anstrengung,  das
Hindernis  und  mit  ihnen  der  Wert,  der  aus  der  Erwerbsschwierigkeit
sich  ergibt,  geringer  werden;  und  daß  infolgedessen,  zusammenfassend,
der  wirkliche  Reichtum  aller  steigt,  und  daß  die  Ärmsten  es  sind,
die  am  meisten  dabei  gewinnen 2 ).
*)  Sogar  in  Algier  z.  B.,  wenn  dort  die  Theorie  Caeby’s  sieh  auch  am  Anfang
als  richtig  erwies  —  denn  die  fruchtbare  Ebene  der  Mitidja  hat  zwei  Generationen
von  Kolonisten  verschlungen,  bevor  sie  in  Bewirtschaftung  genommen  werden  konnte,  —
ist  es  heute  sicher,  daß  nur  noch  Felder  der  letzten  Kategorie  verfügbar  sind.
2 )  „Der  Reichtum  besteht  in  der  Macht,  den  stets  kostenlosen  Diensten  der
Natur  zu  befehlen“  (Caeey,  Principles  of  Social  Science;  Bd.  I,  Kap.  XIII)-„Im
  Maßstabe  wie  die  Macht  des  Menschen  über  die  Materie  wächst,  zeigt  die
Macht  des  Menschen  über  seinesgleichen  das  Bestreben,  geringer  zu  werden,  und  man
nähert  sich  der  Aufrichtung  der  Gleichheit“  (Caeey,  ebenda,  Bd.  III,  S.  122  der
        <pb n="407" />
        Kapitel  I.  Die  Optimisten.

385

§3.  Das  Gesetz  der  Verteilung  zwischen  Kapital
und  Arbeit.

Nicht  nur  das  Gesetz  der  Eente  erschien  den  Optimisten  wie
■ein  störender  Mißton:  auch  das  andere  Gesetz,  nach  dem  „der  Profit
notwendigerweise  im  umgekehrten  Verhältnis  zu  den  Löhnen
•schwankt“,  stimmte  nicht  zu  ihrer  Auffassung.  Es  mußte  ebenfalls
.zurückgewiesen  werden  und  Bastiat  stellte  ihm  in  der  Tat  ein
anderes  Gesetz  der  Harmonie  entgegen,  nach  dem  die  Interessen  des
Kapitals  und  der  Arbeit  solidarisch  wären,  indem  der  Anteil  des
■einen  und  des  anderen  sich  gleichzeitig  erhöhe,  der  der  Arbeit  sogar
schneller  als  der  des  Kapitals 1 ).  Die  folgende  Zusammenstellung
Bastiat’s  soll  dies  nachweisen:

Gesamtprodukt
1.  Periode  1000
2.  „  2000
3.  „  3000
4.  „  4000

Kapitalanteil
500  (50%)
800  (40  „  )
1050  (35  „  )
1200  (30  „  )

Arbeitsanteil
500  (50%)
1200  (60  „  )
1950  (65  „  )
2800  (70  „  )

Das  ist,  was  Bastiat  „das  große,  bewunderungswürdige,  tröstliche, ­
  notwendige  und  unabänderliche  Gesetz  des  Kapitals“  nennt.
Der  Beweis,  auf  den  er  das  Gesetz  gründet,  ist  sehr  einfach,  ja
sogar  ein  wenig  zu  einfach.  Er  stützt  sich  nur  auf  das  bekannte
Gesetz  des  Sinkens  des  Zinsfußes,  auf  das  lange  vorher  Tusgot  und
viele  andere  Volkswirtschaftler  hingewiesen  hatten.  Wenn  das  Kapital,
sagt  er,  anstatt  5%  Zinsen  zu  erheben,  nur  3%  erhebt,  so  heißt
das,  daß  sein  Anteil  geringer  wird;  und  wenn  sein  Anteil  an  dem
Erzeugnis  mehr  und  mehr  zurückgeht,  so  ergibt  sich  notwendigerweise ­
  hieraus,  daß  der  für  die  Arbeit  verbleibende  Teil  immer
größer  wird.
Diese  relative  Verminderung  des  Anteils  hindert  übrigens  das
Kapital  nicht,  einen  immer  größeren  absoluten  Teil  zu  erhalten,  wenn
das  Gesamtprodukt  größer  wird,  was  der  Fall  in  jeder  fortschreitenden
Gesellschaft  ist,  aber  immerhin  wächst  sein  Anteil,  wenn  er  sich  auch
vermehrt,  relativ  geringer,  als  der  der  Arbeit.  Wenn  z.  B.  das  Gesamtprodukt ­
  verdreifacht  ist,  so  hat  der  Anteil  des  Kapitals  sich  nur
verdoppelt,  während  sich  der  der  Arbeit  vervierfacht  hat.

Iranz.  Übers.).  —  Man  vergleiche  z.  B.  die  relative  Gleichheit  in  dem  Transport  der
Reisenden  in  der  Eisenbahn  (trotz  der  verschiedenen  Klassen,  die  aber  nicht  in  allen
Ländern  bestehen)  mit  den  Reisen  in  der  früheren  Zeit  in  der  Postkutsche.
0  Harmonies,  Kap.  VII,  S.  250.  „Hört  doch  auf,  ihr  Kapitalisten  und
Arbeiter,  euch  mit  mißtrauischen  und  neidischen  Blicken  zu  betrachten!“  (Ebenda,
S.  252).
Gide  und  Rist,  Gesell,  d.  Volkswirtschaft!.  Lehrmeinungen.

25
        <pb n="408" />
        386

Drittes  Buch.  Der  Liberalismus.

Leider  ist  auch  diese  Beweisführung  nur  ein  reiner  Sophismus,
Zunächst  könnte  man  sagen,  daß  die  oben  angegebenen  Zahlen  einfach ­
  für  die  Zwecke  der  Beweisführung  erfanden  worden  sind.  Man
könnte  bezweifeln,  daß  die  Tatsache  des  Sinkens  des  Zinsfußes,  auf
die  sie  sich  gründet,  allgemein  genug  feststehe,  um  den  Charakter
eines  bleibenden  Gesetzes  zu  haben:  die  Wirtschaftsgeschichte  zeigt
uns  vielmehr  periodische  Schwankungen  des  Zinsfußes  und  erst  kürzlich ­
  ist  der  Zinsfuß  wieder  bedeutend  gestiegen.
Das  angebliche  Gesetz  wird  noch  zweifelhafter,  wenn  man,  wie
Bastiat  es  tut,  in  das  Sinken  des  Zinsfußes  nicht  nur  den  eigentlichen ­
  Zins  einschließt,  sondern  auch  die  Profite,  die  Dividenden,.
Tantiemen  und  jeden  Gewinnanteil  des  Kapitals.
Aber  auch  wenn  wir  das  Gesetz  des  sinkenden  Profitsatzes  als
feststehend  annehmen,  beweist  das,  daß  der  Anteil  des  Kapitals  geringer ­
  wird?
Auf  keinen  Fall,  in  soweit  als  diejenigen  Kapitalien  in  Betracht
kommen,  die  schon  in  Fabriken,  Gruben,  Eisenbahnen,  Staatsrenten
usw.  angelegt  sind  und  in  festverzinslichen  Papieren  bestehen.  Sie
erhalten  nicht  einen  Pfennig  weniger  Zinsen,  im  Gegenteil,  das  Sinken
des  Zinsfußes  hat  eine  Kurssteigerung  der  Papiere,  das  heißt  also
aller  früher  angelegten  Kapitalien  zufolge.  Alle  Kapitalisten  wissen
das  und  spekulieren  sogar  auf  diese  Voraussicht 1 ).
Das  Sinken  des  Zinsfußes  kann  daher  den  Anteil  des  Kapitals
nur  insoweit  verringern,  als  neue  Kapitalien  in  Betracht  kommen;:
wenn  diese  Kapitalien  aber  zufälligerweise  eine  geringere  Produktivität ­
  als  die  alten  Kapitalien  haben,  so  kann  es  sehr  gut  eintreten,
  daß  ein  geringerer  Zinsfuß  einen  gleichen  oder  sogar  größeren
Abzug  gegenüber  der  Arbeit  bedeutet.  Das  ist  sogar  sehr  wahrscheinlich. ­
  Der  Beweis  liegt  darin,  daß  die  Volks  Wirtschaftler,  die
an  ein  allmähliches  Sinken  des  Zinsfußes  glauben,  als  Argument  gerade ­
  die  Tatsache  anführen,  daß  die  Produktivität  der  neuen  Kapitalien ­
  gewöhnlich  geringer  als  die  der  alten  ist.
Mit  einem  Worte,  die  Frage  des  Zinsfußes,  die  einfach  eine  gewisse ­
  Beziehung  zwischen  dem  Werte  des  Kapitals  und
dem  Wert  des  Einkommens  ausdrückt,  ist  ganz  und
gar  nicht  dieselbe,  w r ie  die  Frage  nach  dem  Anteil  an  dem  Pro-*)

  Wenn  der  Zinsfuß  von  5  auf  3%  sinkt,  wird  die  3°/ 0  französische  Rente,,
die  60  Pr.  wert  war,  mit  100  Pr.  notiert  werden.  Daher  entsteht  keine  Verminderung
des  Einkommens,  aber  Vermehrung  des  Kapitals.  Ein  gutes  Geschäft!  Die  Erniedrigung ­
  des  Zinsfußes  verringert  den  Teil  der  schon  angelegten  Kapitalien  nur
in  den  besonderen  Fällen,  in  denen  der  Borger  sich  dieser  Verringerung  bedienen
kann,  um  eine  Konvertierung  auszuführen.
        <pb n="409" />
        Kapitel  I.  Die  Optimisten.

887

dnkte,  der  den  Kapitalisten  und  den  Arbeitern
zukommt 1 ).
Nicht  nur  ist  der  Beweis,  den  Bastiat  seinem  Gesetz  der  Verteilung ­
  zwischen  Kapital  und  Arbeit  zu  geben  geglaubt  hat,  falsch,
sondern  auch  die  Theorie  selbst  wird  von  den  Tatsachen  widerlegt.
Es  scheint  sich  allerdings  aus  den  Statistiken  zu  ergeben,  daß  trotz
des  sogenannten  Gesetzes  des  sinkenden  Zinsfußes  und  anderer
neuer  und  mächtigerer  Faktoren  als  da  sind:  der  Druck  der  Arbeiterorganisationen, ­
  Streiks,  gesetzgeberische  Einmischungen  usw.,  —  daß
trotz  alledem  der  Anteil  des  Kapitals  am  sozialen  Gesamteinkommen
sich  im  Laufe  des  19.  Jahrhunderts  schneller  als  der  Anteil  der
Arbeit  vergrößert  hat 2  *  *  *  *  * ).

§  4.  Die  Unterordnung  des  Produzenten  unter  den
Verbraucher.
Bastiat  legte  diesem  Prinzip  eine  sehr  große  Bedeutung  bei;
inwiefern  erschien  es  ihm  aber  als  eine  Harmonie?
Weil  die‘Unterordnung  des  Produzenten  unter  den  Verbraucher
nichts  anderes  ist  als  die  Unterordnung  des  Privatinteresses  unter
das  Allgemeininteresse.  ^Der  Produzent  läßt  sich  nur  von  seinem
eigenen  Interesse  leiten  und  verfolgt  weiter  nichts  als  seinen  Profit;
aber  da  alles,  was  er  erfindet,  um  seinen  Profit  zu  vergrößern,
darauf  hinausläuft,  die  Preise  zum  Sinken  zu  bringen,  so  ist  es  der
Verbraucher,  der  schließlich  den  Gewinn  davon  hat  8 ).  So  zwingen

')  Das  ist  so  richtig,  daß  wir  später  sehen  werden,  wie  Rodbertüs  sich  auf
den  Gegenpol  der  These  Bastiat’s  stellen  konnte  und  nachzuweisen  versuchte,  indem
er  sich  auf  das  eherne  Lohngesetz  stützte,  daß  der  relative  Anteil  des  Kapitals  beständig ­
  wächst,  und  der  relative  Anteil  der  Arbeit  beständig  sinkt.  Dieser  Beweis
scheint  übrigens  ebensowenig  begründet  wie  der  andere  (siehe  in  der  Revue
d’Economie  Politique  vom  März  1905,  einen  Aufsatz  Rist’s,  Deux  sophis-:
mes  economiqnes).
Die  These  Bastiat’s  findet  sich  auch  bei  Caeby.  Die  liberale  Schule  hat  sie
ohne  Vorbehalt  übernommen,  siehe  z.  B.  das  Buch  Paul  Leroy-Beaulieü’s  über  die
Repartition  des  Eichesses.
z )  Siehe  Gide,  Cours  d’Eoonomie  politique  (über  die  Steigerung  der  Löhne,
S.  622)  und  Colson,  Cours  d’Economie  politique  Bd.  III,  S.  366).  Nach  Consosr
hat  der  Anteil  des  Einkommens  aus  erworbenem  Reichtum  und  aus  Unternehmungen
sich  seit  1820  wahrscheinlich  vervierfacht,  während  sich  der  der  entlohnten  Arbeit
nur  im  Verhältnis  von  1  :  37a  vermehrt  hat.
8 )  „Der  Verbraucher,  das  Publikum,  ist  mit  Hinsicht  auf  den  Verlust  oder  Gewinn, ­
  der  zunächst  diese  oder  jene  Klasse  von  Produzenten  betrifft,  dasselbe,  was
die  Erde  für  die  Elektrizität  ist,  der  große  allgemeine  Behälter.  Alles  geht  von
hier  aus  und  nach  einigen  mehr  oder  weniger  langen  Umwegen  .  .  .  kehrt  alles
hierher  zurück  .  .  .  Infolgedessen  müssen  alle  großen  Fragen  von  dem  Gesichts-25*
        <pb n="410" />
        388

Drittes  Buch.  Der  Liberalismus.

die 1  wirtschaftlichen  Gesetze,  das  der  Konkurrenz,  des  Wertes  usw.,
den  Produzenten  dennoch  dazu,  Altruist  zu  sein,  so  gerne  er  auch
Egoist  wäre;  sie  halten  ihn  zum  Wohle  aller  zum  Narren.  Er
glaubt,  daß  seine  Arbeit  auf  den  größtmöglichen  Profit  für  ihn  selbst
abziele,  aber  in  Wirklichkeit  arbeitet  er,  um  möglichst  wirtschaftlich
die  Bedürfnisse  anderer  zu  befriedigen.)!  Hierin  liegt  die  Harmonie.
In  allen  verwickelten,  wirtschaftlichen  Fragen  muß  man  daher
als  einziges  Kriterium  das  folgende  annehmen:  welche  Lösung  ist
die  vorteilhafteste  für  den  Verbraucher?  —  und  niemals  darf  man
fragen,  wie  man  es  gewöhnlich  tut:  was  wird  für  den  Produzenten
am  vorteilhaftesten  sein?  Handelt  es  sich  z.  B.  um  den  internationalen ­
  Handel,  so  sucht  man  heutzutage  das  Interesse  des  Produzenten ­
  und  errichtet  Schutzzölle:  man  muß  aber  das  Interesse  des
Verbrauchers  verfolgen,  und  sofort  erscheint  der  Freihandel  geboten.
Oder,  wenn  es  sich  um  öffentliche  oder  private  Ausgaben  handelt,
z.  B.  um  zerbrochene  Fensterscheiben 1 ),  um  verschossenes  Pulver,  so
hat  man  das  Interesse  des  Produzenten  im  Auge  und  entschuldigt
oder  billigt  sogar  diese  Ausgaben:  man  muß  aber  den  Verbraucher
im  Auge  halten,  und  dann  wird  man  ohne  Zögern  diese  Zerstörung
von  Gütern  verurteilen,  da  sie  unnützen  Verbrauch  vorstellen.
Bastxat  begnügt  sich  nicht  damit,  die  wirtschaftliche  Vorzugsstellung ­
  des  Verbrauchers  festzustellen:  er  will  für  ihn  auch  eine
moralische  Vorzugsstellung  nachweisen.  „Wenn  die  Menschheit  sich
vervollkommnet,“  sagt  er,  „so  geschieht  das  nicht  durch  Versittlichung
des  Produzenten,  sondern  des  Konsumenten“  2  *  * ).  So  behauptet  er  z.  B.,
daß  es  der  Verbraucher  und  nicht  der  Produzent  ist,  der  für  schädliche ­
  Produktionen,  wie  z.  B.  die  des  Alkohols,  verantwortlich  ist 8 ).
Dieser  von  Bastxat  der  Wissenschaft  geleistete  Beitrag  erscheint
uns  nun  Von  der  größten  Bedeutung.  Er  ist  vielleicht  der,  der  von
seinen  Werken  den  längsten  Bestand  haben  und  ihm  seinen  Platz
unter  den  großen  Volks  wii’tschaftlera  sichern  wird.  Er  irrte  sich
nicht,  als  er  auf  seinem  Sterbebette  seinen  Schülern  das  Wort,
novissima  verba,  als  letzte  Lehre  hinterließ;  ‘Die  Nationalökonomie
muß  vom  Gesichtspunkt  des  Verbrauchers  aus  behandelt  werden.“
Hierdurch  unterscheidet  er  sich  von  seinem  großen  Gegner  Peoudhon,
der  im  Gegenteil  stets  nur  den  Produzenten  im  Auge  gehabt  hat.  y

punkte  der  Verbraucher  studiert  werden,  wenn  man  ihre  allgemeinen  und  beständigen
Wirkungen  begreifen  will“  (Harmonies,  Kap.  XI,  S.  414).
M  Siehe  das  Pamphlet:  La  Yitre  Cassee,  eine  der  bekanntesten  kleinen
Schriften  Bastiat’s.
2 )  Harmonies,  Kap.  VI,  S.  419
s )  Von  seinem  Freunde  Paillotbt  in  dem  Vorwort  zu  den  (Euvres  complttes
  angeführt.
        <pb n="411" />
        Kapitel  I.  Die  Optimisten.

389

Was  man  Bastiat  aber  verwerfen  kann,  ist  sein  •  allzu  fester
Glaube  an  die  natürliche  Harmonie,  auf  Grund  dessen  er  überzeugt
war,  daß  die  Herrschaft  des  Verbrauchers  von  selbst  eintreten  würde,
wenn  man  nur  den  wirtschaftlichen  Gesetzen  freies  Spiel  ließe*  In
Wirklichkeit  ist  diese  Herrschaft  nicht  gekommen,  und  der  wirtschaftliche ­
  Mechanismus  hat  sich  mehr  und  mehr  zum  Vorteil  des  Produzenten ­
  ausgebildet.  Daher  ist  es  nötig  geworden,  daß  die  Verbraucher
sich  organisieren,  um  ihre  Interessen  und  mit  diesen  Interessen  auch
das  höhere  Interesse  der  Allgemeinheit  zu  verteidigen,  das  mit  dem
ihren  eins  ist.  Auf  diese  Weise  sind  die  Konsumgenossenschaften
und  die  ganz  modernen  Konsumentenverbände  entstanden.  Aber
auch  die  Versittlichung  des  Verbrauchers  hat  sich  nicht  von  selbst
gemacht.  Es  bedurfte  der  sozialen  Einkaufsvereine,  der  Mäßigkeitsvereine ­
  usw.,  um  ihn  seine  Verantwortlichkeit  und  seine  Pflichten
zn  lehren.
Eigentümlicherweise  stehen  die  Volkswirtschaftler  der  individualistischen, ­
  liberalen  Schule  diesen  Vereinigungen  wenig  wohlwollend ­
  gegenüber x ).
§  5.  Das  Gesetz  der  Solidarität.
Dieses  Gesetz,  das  heute  jeder  im  Munde  führt,  hat  Bastiat,
und  das  darf  nicht  vergessen  werden  (wie  es  fast  alle  Schriftsteller,
die  über  diesen  Gegenstand  schrieben,  taten)  als  der  erste  auf  einen
Ehrenplatz  in  der  Nationalökonomie  gestellt *  2 ):  eins  der  leider  unvollendeten ­
  Kapitel  der  „Harmonies“  trägt  die  Überschrift  „Solidarit
  e  “,  und  Bastiat  erklärt  sogar:  „Die  ganze  Gesellschaft  ist  weiter
nichts  als  eine  Gesamtheit  von  sich  kreuzenden  Solidaritäten“  3 ).
Täuschen  wir  uns  aber  nicht;'  die  Solidarität  bedeutete  ihm
etwas  ganz  anderes,  als  was  wir  heute  darunter  verstehen.  Auch
zieht  er  aus  ihr  durchaus  nicht  die  gleichen  Schlüsse.
'Was  uns  heute  die  Solidaristen  lehren,  und  das,  worauf  sie  eine
neue  Moral  gründen  wollen,  ist,  daß  jedes  Individuum  Anderen  alles
J )  Z.  B.  Yves  Guyot  in  dem  Journal  des  Economistes  von  1904  und
passim.  Siehe  auch  oben  S.  367.
2 )  Jedoch  hatte  er  das  Wort  nicht  erfunden;  wir  wiederholen,  daß  es  der
Sozialist  Pibrbe  Lbroux  war,  der  hierfür  das  Prioritätsrecht  beanspruchen  kann;
siehe  oben  8.  296.
3 )  Harmonies,  Kap.  XXI,  S.  624.
„Es  gibt  niemanden  auf  der  Erde,  dessen  Lage  nicht  von  Milliarden  Tatsachen ­
  bestimmt  würde,  auf  die  seine  Entschlösse  keinen  Einfluß  haben“  (ebenda,
S.  623).
„Alle  profitieren  von  dem  Fortschritte  eines  Jeden,  ein  Jeder  profitiert  von
dem  Fortschritt  Aller“  (Harmonies,  Kap.  XI,  S.  411).
        <pb n="412" />
        390

Drittes  Buch.  Der  Liberalismus.

das  verdankt,  was  es  gutes  und  schlechtes  besitzt,  seinen  Reichtum
und  seine  Armut,  seine  Tugend  und  seine  Laster,  und  daß  es  daher
die  Pflicht  hat,  den  Anderen,  den  Enterbten,  das  Gute  zurückzageben,
das  es  empfangen  hat,  —  und  ebenso  das  Recht,  von  den  Privilegierten ­
  eine  Entschädigung  für  die  Übel  zu  verlangen,  denen  es
unterworfen  ist;  —  hiervon  leitet  man  die  gesetzliche  Verpflichtung
der  Unterstützung,  der  Versicherung,  des  Arbeiter  Schutzes,  des  Unterrichtes ­
  und  der  Steuern  ab.  Diese  Lehre  ist  daher  eine  Verneinung
oder  zum  wenigstens  eine  Abschwächung  des  strikten  Prinzips  der
individuellen  Verantwortlichkeit.V
So  aber  versteht  es  Bastiat  durchaus  nicht.  Er  will  der  individuellen ­
  Verantwortlichkeit  in  keiner  Weise  zu  nahe  treten,  denn
sie  ist  die  unentbehrliche  Ergänzung  der  Freiheit.  Von  diesem  Gesichtspunkte ­
  aus  erscheint  ihm  die  Solidarität,  durch  die  gegenseitige
Abhängigkeit,  die  sie  schafft,  eher  als  beunruhigend.  Er  fragt  sich
sogar,  ob  man  „die  Solidarität  nicht  beschränken  muß,  um  die  gerechte
Vergeltung  der  Handlungen  zu  beschleunigen  und  sicher  zu  stellen“?
Was  ihn  aber  mit  ihr  aussöhnt,  ist,  daß  er  bei  näherem  Zusehen  in
ihr  ein  Mittel  sieht,  die  individuelle  Verantwortung  auszudehnen  und
zu  verschärfen.  W T ie  kommt  er  nun  zu  diesem  Gedanken?  —  Weil
die  Folgen  jeder  guten  oder  schlechten  Handlung  eine  Rückwirkung
auf  Alle  haben,  und  weil  daher  Alle  daran  interessiert  sind,  jede
gute  Handlung  zu  begünstigen  und  jede  schlechte  Handlung  zu
unterdrücken;  und  so  fällt  die  Tat  auf  ihre  Urheber  mit  einer  tausend-,
ja  millionenfach  vermehrten  Kraft  zurück 1 ).  Hierin  ist  sie  harmonisch.
So  hat  denn  die  Solidarität  Bastiat’s  nicht  den  Zweck,  die  Brüderlichkeit ­
  zu  entwickeln,  sondern  die  Gerechtigkeit  zu  stärken,  nicht  den,
die  Gesellschaft  aufzufordern,  zwischen  ihren  Kindern  keine  Unterschiede ­
  aufzurichten,  sondern  ihr  nahe  zu  legen,  die  Peitsche  mit
kräftigerer  Hand  zu  schwingen,  oder  das  Zuckerbrot  freigebiger  auszuteilen. ­
  Hierin  liegt  der  Grund,  weshalb  Bastiat,  trotz  des  Gesetzes ­
  der  Solidarität,  oder  gerade  wegen  dieses  Gesetzes,  energisch
die  staatliche  Versorgung  ablehnt,  —■  sogar  die  der  verlassenen
Kinder!  —  die  gesetzliche  Versicherung,  Arbeiterpensionen,  Gewinnbeteiligung, ­
  den  „sog.  unentgeltlichen“  Unterricht,  und  alles  das,  was
wir  heute  als  Forderungen  sozialer  Solidarität  ansprechen  2 ).

*)  „Das  Gesetz  der  Solidarität  ist  eine  Art  kollektiver  Verantwortlichkeit  .  .  ■,
die  Solidarität  ist  daher  wie  die  Verantwortlichkeit  eine  fortschrittliche  Macht  .  .  •
ein  bewunderungswürdig  abgewogenes  System,  um  das  Übel  zu  beschränken  und
das  Gute  auszubreiten“  (Harmonies,  Kap.  XXI,  S.  622  und  626).
2 )  „Es  ist  nötig,  daß  die  Arbeitenden  wohl  verstehen,  daß  .  .  .  der  Kollektivfonds ­
  (für  die  Pensionskassen)  freiwillig  von  denen  gebildet  werden  muß,  die
Aussicht  haben,  daran  teilznnehmen,  daß  es  ganz  außerordentlich  ungerecht  und
        <pb n="413" />
        391

Kapitel  I.  Die  Optimisten.
Allerdings  ist  das  eine  erschreckend  individualistische  Auflassung ­
  der  Solidarität!  Auch  hier  ist  es  interessant,  diese  Ideen
mit  denen  Cabey’s  zu  vergleichen.  Zwar  scheint  Carey  die  Solidarität ­
  nicht  zu  kennen,  da  er  ihren  Namen  nicht  erwähnt.  Aber
wenn  er  den  Namen  nicht  kennt,  so  hat  er  sie  doch  sehr  gut  in  dem,
was  er  „die  Kraft  der  Assoziation“  nennt,  beschrieben,  und  er  ist
sogar  wahrscheinlich  der  erste  gewesen,  der  diesen  Doppelcharakter
der  Solidarität,  der  uns  heute  so  vertraut  ist,  klar  herausgearbeitet  hat;
1.  daß  die  Solidarität  desto  vollkommener  ist,  je  zahlreicher  und
ausgesprochener  die  Unterschiede  zwischen  den  Individuen  sind;
2.  daß  sie,  weit  entfernt,  die  Individualität  eines  jeden  zu  verringern, ­
  sie  im  Gegenteil  kräftigt  und  fördert 1 ).
Man  hat  vielleicht  bemerkt,  daß  in  dieser  optimistischen  Widerlegung ­
  der  großen  klassischen  Gesetze  nicht  von  den  Gesetzen
MaijThus’  über  die  Bevölkerung  die  Rede  war,  die  doch  einen  schrecklichen ­
  Mißklang  darzustellen  scheinen,  da  sie  uns  einen  natürlichen
Instinkt  als  Ursache  „des  Elendes  und  des  Lasters“  zeigen.  —  Wir
sind  nicht  darauf  eingegangen,  weil  in  dieser  Beziehung  der  Versuch
der  Widerlegung,  den  Bastiat  gemacht  hat,  nur  zögernd  und  wenigoriginell
  ausgefallen  ist:  erbeschränkt  sich  ungefähr  darauf,  zu  antworten, ­
  daß  die  Präventivhemmungen,  wie  das  Schamgefühl  und  die
Zurückhaltung  im  geschlechtlichen  Verkehr,  das  religiöse  Gefühl  und
.sogar  das  Gefühl  der  Gleichheit,  auf  Grund  dessen  die  Anzahl  der
Kinder  begrenzt  wird,  ebenso  wohl  natürliche  Gefühle  sind,  und
daß  infolgedessen  die  Natur  zugleich  mit  dem  Übel  die  Heilmittel
gegeben  hat.
Ein  schwererwiegendes  Argument  —  das  aber  Carey  entlehnt  zu
.sein  scheint,  —  ist,  daß  die  wachsende  Dichte  der  Bevölkerung  eine
antisozial  ist,  die  Klassen,  die  für  die  Verteilung  nicht  in  Betracht  kommen,  durch
Steuern,  also  durch  Gewalt,  dazu  zu  zwingen,  Beiträge  zu  zahlen“  (Harmonies,
Kap.  XIV,  S.  471).
„Hier  haben  wir  einen  Bauern,  der  sich  spät  verheiratet  hat,  um  nicht  mit
einer  Familie  belastet  zu  sein,  und  den  man  dazu  zwingt,  die  Kinder  anderer  zu
ernähren!  .  .  .  Jetzt  wird  er  gezwungen,  zum  Unterhalt  von  Bastardkindern  beizutragen!“ ­
  (Harmonies,  Kap.  XX,  S.  617,  618).
Indem  er  von  der  Gewinnbeteiligung  spricht,  sagt  er:  „Es  ist  wirklich  nicht
der  Mühe  wert,  sich  damit  zu  beschäftigen“  (ebenda,  Kap.  XIV,  S.  457).
1 )  „In  der  ganzen  Natur  steht  der  Bang  und  die  Vollkommenheit  der  Organismen ­
  in  direktem  Verhältnis  zu  der  Zahl  und  der  Verschiedenheit  der  Teile“
(Science  Social,  Bd.  III,  S.  461).
„Man  hat  das  Leben  als  einen  Austausch  gegenseitiger  Beziehungen  definiert;
dort  aber,  wo  kein  Unterschied  der  Gegenstände  besteht,  kann  kein  Austausch  stattfinden“ ­
  (ebenda,  Bd.  I,  S.  64,  65).
„Je  vollkommener  in  der  Natur  die  Koordination  des  Ganzen  ist,  um  so  besser
:entwickelt  sich  ein  Jeder  der  Teile“  (ebenda,  Bd.  III,  S.  462).
        <pb n="414" />
        392

Drittes  Buch.  Der  Liberalismus.

Produktionsvermehrung  gestattet,  so  daß  die  Erzeugung  der  Lebensmittel ­
  sehr  wolü  mit  dem  Wachstum  der  Bevölkerung  Schritt  halten
und  sie  sogar  übersteigen  kann.  Wie  für  die  Rente  hat  Carey  auch
hier  zur  Begründung  seiner  Theorie  nur  um  sich  schauen  brauchen..
Er  sah  auf  dem  großen  amerikanischen  Kontinent  und  im  besonderen
in  den  ungeheueren  Präirien  des  Mississippi,  wo  früher  eine  dünn  gesäte ­
  und  arme  Bevölkerung  herumirrte,  nach  und  nach  Industrie^
Zentren  entstehen,  und  aus  diesen  immer  zahlreicheren  und  engeren
wirtschaftlichen  Verbindungen  den  Reichtum  sich  entwickeln,  ähnlich
der  aufsteigenden  Flamme  brennender,  immer  näher  zusammen  gelegter ­
  Holzscheite.
Wir  haben  schon  auf  die  Tatsache  aufmerksam  gemacht,  daß  in
den  Vereinigten  Staaten  das  Wachstum  des  Reichtums  viel  schneller
als  das  der  Bevölkerung  vor  sich  gegangen  ist  (s.  o.  S.  147).  Und  das.
Beispiel  der  gleichzeitigen  Entwicklung  Deutschlands  in  den  letzten
30  Jahren,  sowohl  was  Bevölkerung  als  was  Reichtum  anlangt,  ist
noch  viel  auffälliger.
Aber  auch  hierin  unterliegt  die  Theorie  Caeey’s  über  die  Bevölkerung ­
  der  gleichen  Kritik,  wie  die  über  die  Rente,  nämlich,  daß
sie,  wenn  sie  auch  bis  zu  einer  gewissen  Dichtigkeitsgrenze
unbestreitbar  richtig  ist,  doch  nicht  zu  dem  Glauben  berechtigt,  daßsie
  es  auch  darüber  hinaus  und  bis  ins  Endlose  sein  wird.
Mit  dem  Namen  Bastiat’s  wird  sehr  oft  der  Dünoyer’s  in  Verbindung ­
  gebracht,  von  dem  wir  schon  Gelegenheit  hatten,  in  diesem
Kapitel  zu  sprechen 1 ).  Er  war  einer  der  streitbarsten  Vorkämpfer
des  politisch-wirtschaftlichen  Liberalismus,  und  zwar  auf  Grund
seines  absoluten  Glaubens  an  die  freie  Konkurrenz  und  seiner  Überzeugung, ­
  daß  sie  ausreiche,  um  die  soziale  Frage  zu  lösen 2 ).  Nach
seiner  Ansicht  beruhen  die  Übel,  die  man  ihr  zuschreibt,  nur  darauf,,
daß  die  freie  Konkurrenz  erst  unvollkommen  verwirklicht  ist.  Niemand
stand  daher  dem  Staatssozialismus  und  dem  Interventionismus  unter
allen  seinen  Formen,  Arbeitergesetzgebung,  Schutzzoll,  Reglementierung
des  Eigentums,  sei  es  auch  nur  des  Forsteigentums,  feindlicher  gegenüber ­
  als  er.  Wir  haben  schon  darauf  hingewiesen,  daß  er  sogar  der
freien  Assoziation  feindlich  gesinnt  war,  insoweit  als  sie  der  Konkurrenz ­
  der  Individuen  hinderlich  ist.
In  logischer  Übereinstimmung  mit  seiner  Überzeugung  ist  er  für

1 )  Chaelbs  Dunotbe’s  Buch  La  Liberte  du  travail,  von  dem  wir  schon  gesprochen ­
  haben  (s.  o.  S.  366,  367)  erschien  zuerst  1825;  die  letzte  Ausgabe  ist  von  1845.,
Er  hat  daher  vor  Bastiat  geschrieben.  Er  leistete  unter  der  Restauration  aktiven.
Widerstand,  wurde  später  Präfekt  und  dann  unter  Loüis-Phillippb  Staatsrat.
2 )  Es  ist  das  übrigens  dieselbe  These,  die  späterhin  Molinaei  aufgestellt  hat.
        <pb n="415" />
        Kapitel  I.  Die  Optimisten.

393

die  absolute  Testierungsfreiheit,  ohne  sie  durch  irgendwelche  Vorbehalte ­
  zugunsten  der  Erben  zu  beschränken,  aber  er  lehnt  das
Recht  ab,  Nacherben  festzusetzen,  denn  diese  dem  Erblasser  gewährte ­
  Freiheit  wird  notwendigerweise  zu  einer  Beschränkung  der
Freiheit  seiner  Erben 1 ).
Was  den  Freihandel  anbelangt,  so  bringt  er  einige  neue  Argumente, ­
  unter  anderen  besonders  folgendes:  wenn  in  dem  freien  Handelsverkehr ­
  mit  arbeitsamen  und  reichen  Ländern  eine  Gefahr  läge,  so
würden  die  armen  Provinzen  eines  Reiches  ebenfalls  der  gleichen
Gefahr  ausgesetzt  sein,  wenn  andere  Provinzen  sich  schnell  zu  einer
hohen  Stufe  von  Regsamkeit  und  Wohlstände  aufschwingen  —  wie
gleicher  Weise  Provinzen,  die  durch  einen  Krieg  annektiert  werden.
„Und  doch“,  fügt  er  hinzu,  „werden  diese  Vereinigungen  sofort  gefahrlos, ­
  wenn  sie  sich  durch  Eroberung  vollziehen!“  Das  Argument
ist  aber  mehr  geistreich  als  beweiskräftig,  denn  es  ist  durchaus  nicht
unmöglich,  daß  die  Handelsfreiheit  innerhalb  eines  Landes  den  Erfolg ­
  hat,  die  Bevölkerung,  die  Arbeit  und  das  Kapital  aus  den  armen
Gegenden  nach  den  reichen  zu  ziehen,  z.  B.  aus  der  Creuse  oder  aus
Korsika  nach  Paris.  Gerade  das  aber  tritt  ein.  Freilich  liegt  hierin
nur  ein  halbes  Übel,  denn  Frankreich  gewinnt  auf  der  einen  Seite
das,  was  es  auf  der  anderen  verliert;  wenn  aber  die  Creuse  oder
Korsika  unabhängige  Länder  wären  und  ihre  Unabhängigkeit  bewahren ­
  wollten,  so  würde  man  sehr  wohl  verstehen,  daß  sie  Maßnahmen ­
  ergriffen,  um  diesen  Abfluß  zu  verhindern.  Nun  ist  allerdings ­
  nicht  recht  ersichtlich,  wie  Schutzzölle  ihnen  hierin  helfen
könnten:  wenn  Dunoyeh  gerade  hierauf  hingewiesen  hätte,  hätte  er
seiner  These  besser  gedient.
Man  kann  nicht  von  Dunoyee  sprechen,  ohne  ein  Wort  über  seine
Produktionstheorie  Yu  sagen.  ‘Für  ihn  ist  die  Arbeit  alles,  die  Natur,
die  Materie  nichts:  er  gesellt  sich  daher  von  Anfang  an  zu  den  Antipoden
der  Physiokraten 2 ).  *ünd  es  scheint,  daß  er  den  Sozialisten  die  Hand

’)  Im  Fall  einer  Erbfolge  ab  intestato  ist  er  für  gleiche  Teilung.  Die
Gründe,  die  er  geltend  macht,  sind  interessant  —  besonders  seine  Erwiderung  auf
das  Argument  der  Anhänger  des  Rechts  des  Ältesten,  die  behaupten,  daß  die  enterbten ­
  jüngeren  Kinder  dadurch  fleißiger  werden,  und  man  nur  einen  Dummkopf
für  jede  Familie  schaffe.  Nach  dieser  Rechnung,  antwortet  er,  würde  es  besser
sein,  auch  dem  Ältesten  jedes  Erbfolgerecht  zu  verweigern,  „denn  es  erscheint  nicht
gerecht,  ihn  einer  Ermutigung  zu  berauben,  die  man  bei  seinen  jüngeren  Brüdern
für  so  vorteilhaft  hält!“
Nur  dachte  Dünoybr  nicht  daran,  als  er  diese  ironische  Antwort  gab,  daß  ihn
die  Sozialisten  einmal  beim  Wort  nehmen  könnten!
2 )  „Die  Arbeit  ist  die  einzige  Quelle  der  produktiven  Macht  .  .  .  Kapitalien
sind  vom  Menschen  geschaffen;  die  Erde  ihrerseits  ist  auch  weiter  nichts  als  ein
Kapital“  (B.  VI).
        <pb n="416" />
        394

Drittes  Buch.  Der  Liberalismus.

reicht,  die  schon  vor  Maex  lehrten,  daß  die  Arbeit  die  einzige  Quelle
alles  Eeichtums  sei,  und  daß  infolgedessen  aller  Reichtum  den
Arbeitern  gehören  müsse;  aber  diese  Idee  kommt  ihm  nicht.  Er
beschäftigt  sich  nur  mit  der  Produktion  und  gar  nicht  mit  der  Verteilung. ­
  y
Was  aber  die  Produktion  anlangt,  so  zieht  er  aus  seinem  Prinzip
interessante  Schlußfolgerungen.
Zunächst  ist  es  ihm  gleichgültig,  ob  die  Arbeit  sich  mit  materiellen ­
  Gegenständen  beschäftigt  oder  nicht;  das  ändert  weder  ihren
Charakter,  noch  ihre  Produktivität,  denn  in  dem  einen  wie  im
anderen  Falle  produziert  sie  stets  nur  einen  immateriellen  Gegenstand, ­
  der  sich  die  Nützlichkeit  nennt.  Das,  was  der  Bäcker
hervorbringt,  ist  nicht  eigentlich  das  Brot,  sondern  die  Befriedigung
eines  Bedürfnisses:  dasselbe,  weder  mehr  noch  weniger,  tut  die
Sängerin.  Dies  stellt  sofort  die  sogenannten  freien  Berufe  auf  eine
Stufe  mit  der  reinen  Handarbeit,  und  auch  hier  steht  Dünoyee  auf
dem  Gegenpol  der  Physiokraten').
Im  Gegensatz  zu  dem,  was  man  glauben  könnte,  wird  aber  der
Handel  von  dieser  großzügigen  Auffassung  der  Produktion  nichts
gewinnen.  Während  Dünoyee  der  Sängerin  Produktivität  zuerkennt,
spricht  er  sie  dem  Kaufmann  ab!  und  kommt  durch  diese  eigentümliche ­
  Wandlung  seines  Gedankenganges  zu  der  Auffassung  der
Physiokraten  zurück.  Warum  das?  Weil'dort,  wo  keine  Arbeit  besteht, ­
  auch  keine  Produktion  vorhanden  sein  kann.  Kaufen  oder
verkaufen  ist  keine  Arbeit-):  daher  ist  auch  der  Tausch  nicht  produktiv. ­
  &amp;lt;—  Aber  der  Tausch  schafft  ja  doch  Nützlichkeiten!  Was

')  J v -B.  Say  hatte  schon  neben  materiellen  Keiohtümern,  immaterielle  zugegeben ­
  —  in  der  Form  von  geleisteten  Diensten  —  und  die  Annahme,  daß  in
diesem  Sinne  Professoren,  Ärzte  oder  Schriftsteller  produktiv  genannt  werden  können,
als  richtig  anerkannt.
Ddnoyek  jedoch,  obgleich  er  diese  Schlußfolgerung  gelten  läßt,  kritisiert  die
Art  und  Weise,  wie  sie  dargelegt  wird.  Er  gibt  keinen  Unterschied  zwischen
immateriellen  und  materiellen  Keiohtümern  zu:  auf  beiden  Seiten  bestehen  nur
Nützlichkeiten.  „Wahr  ist,  daß  die  Erziehung,  der  Geschmack  nsw.  immaterielle
Erzeugnisse  sind;  schaffen  wir  aber  jemals  andere?“  —  Nur  hat  Dünoybr  den
Fehler  begangen,  seinen  Gedanken  einen  besonderen  und  etwas  grotesken  Ausdruck
zu  geben,  indem  er  sagt:  „Ein  guter  Lehrer  ist  ein  Produzent  aufgeklärter  Menschen“,
und  ein  Arzt  „ein  Produzent  gesunder  Menschen“.  Man  kann  sich  wirklich  nicht
erklären,  welche  Inkonsequenz  Dünoyer,  der  soeben  die  Ergebnisse  der  Handarbeit
immaterialisierte,  dazu  bringt,  jetzt  plötzlich  die  Ergebnisse  der  intellektuellen
Arbeit  grob  zu  raateralisieren.
2 )  „Arbeit  und  Tausch  sind  zwei  Keihen  allgemeiner  Tatsachen,  die  durch
ihre  Natur  durchaus  voneinander  verschieden  sind  .  .  .  Arbeiten  heißt  produzieren:
Handel  treiben,  austauschen  enthält  auch  nicht  die  geringste  Idee  einer  Produktivität“ ­
  (S.  599).
        <pb n="417" />
        Kapitel  II.  Höhepunkt  und  Niedergang  der  klassischen  Schule.  Stuart  Mill.  395

will  Dükoyee  denn  mehr,  da  er  doch  zugibt,  daß  keinerlei  Arbeit
irgendetwas  anderes  zu  tun  imstande  ist?  —  Ohne  Zweifel  sah
Dünoyee  in  dem  Handel  nur  die  rein  juristische  Handlung  des  „do
ut  des“,  und  es  widerstrebte  ihm,  zuzugeben,  daß  eine  einfache
Übereinstimmung  von  Willensbestrebungen  ohne  Arbeit,  ohne  physische ­
  Anstrengung  Werte  schaffen  könne,  ebenso  wie  die  Physiokraten
  nicht  einsehen  konnten,  daß  es  möglich  sei,  Eeichtümer  ohne
Boden  zu  schaffen.

Kapitel  II.
Höhepunkt  und  Niedergang  der  klassischen  Schule.
Stuart  Mill.
Während  die  französischen  Nationalökonomen,  erschreckt  von
den  Folgerungen,  die  sich  aus  den  Theorien  Eicaedo’s  und  Malthus’
ergeben  konnten,  sich  bemühten,  die  ehernen  Gesetze  in  goldene  zu
verwandeln,  schritten  die  englischen  Nationalökonomen  unerschütterlich
auf  dem  von  den  großen  Epigonen  geöffneten  Wege  weiter,  ohne
sich  darum  zu  kümmern,  ob  sie  durch  ihre  Arbeit  den  Sozialisten
Waffen  lieferten.
Die  30  Jahre,  welche  die  Veröffentlichung  der  „Principles
of  Political  Economy“  Eicaedo’s  (1817)  von  dem  den  gleichen
Titel  tragenden  Buche  Stuaet  Mill’s  (1848)  trennen,  werden  nur
von  Volkswirtschaft!ern  zweiten  Eanges  ausgefüllt,  die  sich  weniger
darum  bemühen,  neue  Prinzipien  zu  entdecken,  als  die  schon  aufgestellten ­
  zu  befestigen  und  zu  erweitern.  Damit  soll  nicht  gesagt
sein,  daß  es  zu  dieser  Zeit  in  England  keine  anderen  befähigten
Nationalökonoraen  gegeben  habe,  die  gewisse  —  oft  sehr  bedeutsame
Punkte  —  der  herrschenden  Lehre  kritisierten  *).  Man  achtete  aber
in  England  ebensowenig  auf  ihre  Ideen,  wie  man  damals  Couenot  in
Frankreich  oder  etwas  später  Gossen  in  Deutschland  las..
Es  ist  dies  die  Zeit,  in  der  Fräulein  Maexineau  und  Frau
Maecet  die  Nationalökonomie  darstellten,  und  zwar  die  eine  in
Form  von  Erzählungen,  die  andere  in  Form  von  Zwiegesprächen
*)  Sbligman  hat  im  Economic  Journal  von  1903  (S.  335  und  511)  diesen
Schriftstellern  zwei  sehr  interessante  Aufsätze  unter  dem  Titel:  On  some  neglected
British  Eeonomists  gewidmet.  —  Man  war  über  die  Menge  dieser  vergessenen
britischen  Volkswirtschaftler  und  die  Originalität  ihrer  Theorien  erstaunt,  von  denen
viele  von  den  heutigen  Yolkswirtschaftlern  bloß  wieder  entdeckt  worden  sind.
        <pb n="418" />
        396

Drittes  Buch.  Der  Liberalismus.

mit  „der  jungen  Karoline“ 1 ),  und  in  der  Mac  Wickae  „den
ersten  Unterricht  in  der  Nationalökonomie  zum  Gebrauch  in
den  Volksschulen“  verfaßte!  Er  glaubte  die  Wissenschaft  schon
so  vollständig  ausgebaut,  daß  er  schrieb:  „Die  Grundprinzipien  der
Volkswirtschaft  sind  Truismen,  die  die  Kinder  sehr  gut  verstehen
können,  und  die  ihnen  beigebracht  werden  müssen.  Im  letzten  Jahrhundert ­
  waren  sie  dem  Studium  der  Gelehrten  Vorbehalten;  heute
sind  sie  in  die  Kinderstube  eingedrungen,  und  die  einzige
Schwierigkeit,  die  mau  hat,  sie  später  zu  lernen,  ist  einfach  das
Mißtrauen,  das  ihre  zu  große  Einfachheit  erregt“  2 ).
Wir  können  die  Volkswirtschaftler  dieser  Periode  nicht  alle
einzeln  studieren 3 ).  Es  gibt  unter  ihnen  jedoch  einen,  dem  man
nicht  den  ihm  gebührenden  Platz  in  der  Geschichte  der  Doktrinen
gegeben  hat,  und  der  doch  sowohl  die  Vorzüge,  wie  die  Fehler  der
klassischen  Schule  am  ausgeprägtesten  in  sich  vereinigt:  nämlich
Nassau  Senioe 1  *  *  * ).  Er  löste  die  Nationalökonomie  von  jedem  Kompromiß ­
  mit  den  sozialistischen  Systemen  oder  Reformen  los  und
stellte  sie  außerhalb  jeder  moralischen  oder  gefühlsmäßigen  Ordnung.
Indem  er  sie  auf  eine  kleine  Zahl  unveränderlicher  Grundprinzipien,
aus  denen  man  alles  andere  ableiten  kann,  zurückführte  (vier  schienen
diesem  neuen  Euklid  zu  genügen  8 ))  hatte  er  den  Ehrgeiz,  aus  der
Nationalökonomie  eine  exakte  Wissenschaft  zu  machen.  Er  war
daher  einer  der  Begründer  dessen,  was  wir  heute  unter  „reiner
Ökonomik“  verstehen.

*)  Die  Conversations  von  Mrs.  Marcet  stammen  aus  dem  Jahre  1816  und
die  Illnstrations  von  Miss  Mahtineau  von  1832.  Besonders  die  letzteren  hatten
einen  riesigen  Erfolg.
2 )  Von  Seager  angeführt;  Economics  (Konferenz  an  der  Columbia  Universität, ­
  1908).
3 )  Wir  haben  schon  die  unmittelbaren  Schüler  Eicahdo’s,  Mac  Cdlloch  und
James  Mill  angeführt.  Wir  zitieren  noch  die  Namen  von  Robert  Tobrens  und  Gibbon
Wakbfield:  der  letztere  machte  eine  bemerkenswerte  Anwendung  der  Theorien
Ricardo’s  auf  die  Kolonisation  in  einem  System,  das  lange  Zeit  hindurch  unter  seinem
Namen  berühmt  blieb.
)  Nassau  Senior  hatte  während  eines  Teiles  seines  Lebens  die  Professur  für
Nationalökonomie  in  Oxford  inne,  die  1825  als  die  erste  in  England  unter  diesem
Namen  geschaffen  worden  war.  Vorlesungen  über  verschiedene  Gegenstände  wurden
von  1827—1852  getrennt  veröffentlicht,  und  eine  Auswahl  dieser  Vorlesungen  erschien
1835  in  französischer  Übersetzung  unter  dem  Titel;  Principes  fondamentaux
de  l’Economie  politique.  Vollständig  findet  sieh  seine  Lehre  jedoch  in  An
Outline  of  Political  Economy,  zuerst  1836  in  der  Encyelopedia  Britannica
veröffentlicht,  und  später  als  kleines  Buch  herausgegeben,  das  als  der  erste  volkswirtschaftliche ­
  Leitfaden  angesehen  worden  kann.
°)  Diese  vier  Grundsätze  sind:  1.  Das  hedonistische  Prinzip;  2.  das  der  Bevölkerungsvermehrung; ­
  3.  das  der  steigenden  Produktivität  der  Industrie;  4.  das  des
sinkenden  Bodenertrags  in  der  Landwirtschaft.  Siehe  weiter  unten.
        <pb n="419" />
        Kapitel  II.  Höhepunkt  und  Niedergang  der  klassischen  Schule.  Stuart  MUL  397

Nassau  Senior  führte  in  die  Nationalökonomie  ein  Element  ein,
von  dem  bis  dahin  noch  nicht  die  Rede  gewesen  war,  die  „Abstinenz“ ­
  —  das  Sparen,  wenn  man  so  will,  aber  das  Wort  Senioe’s
ist  energischer  und  genauer.  Weshalb  brachte  er  dieses  neue  Wort
auf?  Die  Abstinenz  kann  keinen  Reichtum  schaffen?  Allerdings
nicht,  sagt  Sexiok,  aber  sie  schafft  wenigstens  einen  Anspruch  auf
Entlohnung,  denn  sie  schließt  ein  Opfer  ein,  eine  Mühewaltung,  gerade ­
  wie  die  Arbeit.  Bis  dahin  war  das  Einkommen  aus  Kapital
von  den  drei  großen  Einkommenskategorien  das  am  wenigsten  gerechtfertigte, ­
  denn  Ricaedo  hatte  es  nur  indirekt  erklärt,  indem  er  es
als  eine  Art  Rest  darstellte,  der  übrig  bleibt,  wenn  man  den  Lohn
abzieht  (s.  o.  S.  181).  Man  hielt  es  für  selbstverständlich,  daß  das
Kapital,  genau  wie  die  beiden  anderen  Produktionsfaktoren,  ein  Recht
auf  Entlohnung  habe.  Weshalb  das?  Mit  welchem  Rechte  kann  es
eine  besondere  Entlohnung  verlangen,  da  es  doch  kein  selbständiger ­
  Faktor,  sondern  nur  ein  simples  Produkt  des  Bodens  und  der
Arbeit  ist?  Senior  nun  gibt  ihm  seine  Berechtigung  zurück:
er  findet  sie  nicht  in  der  Arbeit,  sondern  in  der  Abstinenz.
Wenn  aber  Senior  mit  der  eineiTHänd  den  Kapitalzins  auf  eine
festere  Grundlage  stellt,  so  zerstört  er  mit  der  anderen  die  Berechtigung ­
  der  meisten  kapitalistischen  Einkommen.  Fahren  wir  in
der  Untersuchung  fort!  Die'Produktionskosten  bestehen  also  aus
zwei  Bestandteilen,  der"  Arbeit'und  der  'Abstinenz,'und  der  Wert
der  Produkte  wird  überall  dort,  wo  die  Konkurrenz  freies  Spiel  hat,
auf  dieses  Niveau  gebracht.  Wenn  aber  die  Konkurrenz  nicht  völlig
frei  ist  oder  mit  anderen  Worten:  wenn  es  mehr  oder  weniger  Monopole
gibt,  so  besteht  zwischen  dem  Wert  und  den  Produktionskosten  ein  Unterschied, ­
  der  für  den,  der  davon  profitiert,  ein  Einkommen  darstellt,
das  an  sich  von  der  Arbeit  und  der  Abstinenz  unabhängig  ist,  unabhängig ­
  ebenfalls  von  jedem  persönlichen  Opfer  oder  jeder  persönlichen ­
  Anstrengung.  Dieses  Einkommen  nennt  nun  Senior  die
Rente.  Man  sieht,  wie  sehr  er  die  Theorie  Ricardo’s  erweitert.
Die  Rente  ist  nicht  nur  einfach  das  Ergebnis  der  Besitzergreifung
eines  fruchtbareren  oder  besser  gelegenen  Bodens;  sie  kann  auf  der
Aneignung  irgendeiner  Naturkraft  oder  aut  natürlichen  persönlichen
Eigenschaften,  wie  die  Stimme  einer  Sängerin  oder  die  Geschicklichkeit ­
  eines  Chirurgen x ),  —  oder  auch  auf  sozialen  Ursachen  oder,  wie
wir  heute  sagen  würden,  auf  glücklichen  Zufällen  beruhen.  Es
wurde  Senior  auch  nicht  schwer,  nachzuweisen,  daß  die  Fälle,  die
Anlaß  zu  einer  Rente  geben  durchaus  nicht  außergewöhnlich  sind,
r )  „In  dem  Produkt  eines  jeden  Landes  gibt  es  einen  beträchtlichen  Teil,  der
kein  Opfer  irgendwelcher  Art  entlohnt:  er  wird  von  denen  bezogen,  die  nie  Hand
ans  Werk  gelegt  haben,  sondern  nur  die  Hand  ausznstrecken  brauchen,  um  ihn  ein-
        <pb n="420" />
        I

I

sondern  im  Gegenteil  den  normalen  Zustand  darstellen.  Diese  Einkommenskategorie, ­
  die  gerade  jeder  individuellen  Grundlage  entbehrt, ­
  das  nicht  verdiente  und  doch  erhobene  Einkommen,  nimmt
einen  ungeheuren  Platz  in  der  Güterverteilung  ein.  Senior  geht
aber  noch  viel  weiter,  denn  er  nimmt  an,  daß  das  Einkommen  jedes
Kapitals,  sobald  dies  Kapital  infolge  Todesfalles  aus  den  Händen
dessen,  der  es  geschaffen  hat,  auf  jemand  anderen  übergeht,  zu  einer
Eente  wird.  Der  Erbe  kann  tatsächlich  sich  nicht  mehr  auf  Abstinenz ­
  berufen,  da  diese  Tugend  nicht  durch  Erbfolge  übertragen
werden  kann,  und  er  hat  keinen  anderen  Eechtstitel  vorzuweisen  als
das  Glück  einer  Erbschaft 1 ).
Was  kann  sich  der  revolutionärste  Sozialist  besseres  als  Waffe
wünschen,  um  die  bestehende  wirtschaftliche  Ordnung  zu  vernichten?
Wie  weit  sind  wir  jetzt  von  der  natürlichen  Ordnung  entfernt  I
Senior  kehrt  sich  aber  keinen  Augenblick  hieran,  und  die  großartige ­
  Gleichmütigkeit,  mit  der  alle  diese  Volkswirtschaftler  der
Schule  Ricardo’s  das,  was  sie  für  wahr  halten,  aussprechen,  ohne  sich
um  die  Schlüsse  zu  bekümmern,  die  man  daraus  zum  Weiterbauen
oder  zum  Niederreißen  ziehen  kann,  macht  wirklich  einen  prächtigen
wissenschaftlichen  Eindruck.
Senior  ist  es  auch  gewesen,  der  dem  Wert  eine  neue  Grundlage ­
  gegeben  hat,  die  Seltenheit  oder  vielmehr  —  denn  wohlverstanden ­
  muß  es  sich  immer  um  etwas  handeln,  das  geeignet  ist,
irgendein  Bedürfnis  zu  befriedigen  —  die  seltene  Nützlichkeit:  jedoch ­
  ist  es  gerade  das  Wort  Seltenheit,  dessen  sich  später  Walras
bedient.

zustreichen“  (Political  Economy,  S.  89).  Als  Beispiel  führt  er  das  Einkommen
eines  berühmten  Arztes  an,  das  100000  Er.  beträgt.  Er  zerlegt  es  wie  folgt:
Honorar  oder  Arbeitsentlohnung  1000  Pr.
Profit  oder  Entlohnung  der  Enthaltsamkeit  24000  „
Eente  75000  „
Siehe  Senioe’s  Theory  of  Monopoly  von  Richard  Ely  (American  Economic ­
  Association,  1899).
')  Diese  Angleichung  des  Erbes  an  die  Kente  macht  Senior  übrigens  wenig
Ehre.  Sie  beruht  auf  einer  Verwechslung  von  ganz  verschiedenartigen  Tatsachen:
.—  die  Eente  ist  eine  rein  wirtschaftliche  Tatsache,  beruht  auf  natürlichen  Ursachen
und  auf  den  notwendigen  Tauschbedingungen,  unabhängig  von  jeder  sozialen  Organisation ­
  und  sogar  von  dem  individuellen  Eigentum;  —  das  Erbe  ist  eine  rein  rechtliche ­
  Tatsache  und  ergibt  sich  aus  dem  Zivilrecht.  Das  Erbrecht  kann  abgeschafft
werden,  ohne  daß  dies  irgendetwas  an  der  Bildung  und  dem  Wachstum  der  Bodenrente ­
  oder  der  anderen  Renten  ändert;  und  umgekehrt  unter  einer  hypothetischen
Herrschaft  der  vollkommen  freien  Konkurrenz,  unter  der  die  Eente  abgeschafft  wäre,
könnte  das  Erbrecht  doch  mit  allen  seinen  Privilegien  weiterbestehen.
Augenscheinlich  versteht  Senior  unter  Eente  alles  Einkommen,  das  nicht  aus
der  persönlichen  Arbeit  des  Besitzers  stammt,  doch  ist  das  eine  vollständige
Verdrehung  der  ursprünglichen  Bedeutung.
        <pb n="421" />
        Kapitel  II.  Höhepunkt  und  Niedergang  der  klassischen  Schule.  Stuart  Mill.  399
Nicht  nur  in  England,  sondern  überall  wurden  die  Lehren,  die
man  schon  damals  klassisch  nennen  konnte,  während  der  ersten
Hälfte  des  XIX.  Jahrhunderts  gelehrt.  In  Deutschland  war  es
J.  H.  von  Thünen,  von  dem  wir  schon  gesprochen  haben,  und  sein
Zeitgenosse  Kau  LT  Unbeschadet  des  wachsenden  Einflusses  der  optimistischen ­
  und  politisch-liberalen  Schule,  die  wir  im  vorhergehenden
Kapitel  studiert  haben,  wird  doch  auch  in  Frankreich  die  klassische,
englische  Nationalökonomie  von  einer  großen  Anzahl  Yolkswirtschaftlern
  vorgetragen,  unter  denen  man  hauptsächlich  Rosst  hervorheben ­
  muß,  dessen  Cours  d’economie  politique,  1840  veröffentlicht, ­
  einen  lang  andauernden  Erfolg  hatte.  Allerdings  beruhte
dieser  Erfolg  nicht  so  sehr  auf  irgendeinem  besonders  selbständigen
Beitrag  zur  Wissenschaft,  sondern  mehr  auf  der  etwas  wohlrednerischen ­
  Glätte  seines  Stiles 2 ).
Beeilen  wir  uns  aber  zu  dem  Yolkswirtschaftler  zu  kommen,  der
die  Hauptfigur  dieses  Kapitels  bilden  soll,  zu  John  Stuaet  Mill  a )r
In  ihm  sollte  die  'klassische  Nationalökonomie  in  gewisser  Weise
ihren  Höhepunkt  Erreichen,  und  mit  ihm  beginnt  auch  ihr  Verfall.
Er  verkörpert  um  die  Mitte  des  XIX.  Jahrhunderts  den  Höhepunkt
ihrer  Kurve.  Was  aber  seine  Persönlichkeit  so  anziehend  und  bei*) ­
  Das  Lehrbuch  der  politischen  Ökonomie  von  Rad  erschien  in  den  Jahren
1826—1837,  und  der  Isolierte  Staat  von  v.  Thünen,  1826.
2 )  Pellegkino  Eossi,  italienischer  Abstammung,  aber  1833  als  Franzose  naturalisiert, ­
  war  zuerst  Professor  am  College  de  France,  wo  er  der  Nachfolger  J.-B.  Say’s
wurde  und  späterhin  an  der  Eechtsfakultät  (wo  er  nicht  mehr  Volkswirtschaft  las,
sondern  konstitutionelles  Recht,  und  wo  ein  jährlicher  Preis  sein  Gedächtnis  lebendig
hält).  Er  trat  später  in  den  diplomatischen  Dienst  über  und  wurde  als  Minister  des
Papstes  Pius  IX.  1848  in  Rom  ermordet.
3 )  John  Stüaet  Mill  wurde  im  Jahre  1806  geboren,  als  Sohn  des  Volkswirtschaftlers ­
  James  Mill,  von  dem  wir  schon  gesprochen  haben.  Er  erhielt  von  seinem
Vater  eine  wirklich  übermenschliche  Erziehung,  die  jedem  anderen  als  ihn  schwachsinnig ­
  gemacht  haben  würde.  Mit  10  Jahren  hatte  ei»  die  gesamte  Geschichte  und
die  lateinische  und  griechische  Literatur  durchgenommen.  Mit  13  Jahren  kannte  er
die  Geisteswissenschaften  und  die  Philosophie  und  hatte  eine  Geschichte  Roms  geschrieben. ­
  Mit  14  Jahren  wußte  er  alles  das,  was  man  zu  jener  Zeit  in  der
Nationalökonomie  kannte.  1829,  23  Jahre  alt,  veröffentlichte  er  seine  ersten
Essais  über  Volkswirtschaft,  1843  ein  großes  philosophisches  Werk:  System  of
Logic,  das  den  Grundstein  zu  seinem  Ruhme  legte,  und  1848  seine  bewunderungswürdigen ­
  Principles  of  political  Economy.  Im  Berufsleben  bekleidete  er
eine  hohe  Stellung  in  der  Ostindischen  Kompagnie  bis  zu  deren  Aufhebung  im
Jahre  1853.  Von  1865—18B8  war  er  Mitglied  des  Unterhauses.  Nach  dem  Tode  seiner
Frau,  die  an  mehreren  seiner  Bücher  und  besonders  an  dem  über  Liberty  (1859)
mitgearbeitet  hatte,  verbrachte  er,  da  er  sich  nicht  von  ihrem  Grabe  trennen  wollte,
die  letzten  Jahre  seines  Lebens  (1859—1873),  in  Frankreich  (in  Avignon)  (außer  den
Jahren,  die  er  dem  Unterhause  angehörte).  Br  hat  selbst  sein  Leben  in  seiner
Auto  biography  erzählt,  und  es  ist  ganz  besonders  interessant,  darin  seine  Entwicklung ­
  zu  sozialistischen  Ideen  zu  verfolgen.
        <pb n="422" />
        400

Drittes  Buch.  Der  Liberalismus.

nahe  dramatisch  macht,  ist,  daß  er  das  sehr  klare  Gefühl  hatte,
zwischen  zwei  volkswirtschaftlichen  Schulen  wie  zwischen  zwei
Welten  zu  hangen,  einer,  die  ihn  mit  dem  starken  Einfluß  seiner  Erziehung, ­
  durch  die  utilitaristische  Philosophie,  mit  der  er  genährt
worden  ist,  festhält,  und  der  zweiten,  die  ihn  durch  die  neuen  Horizonte
anzieht,  die  Saint-Simon  und  Auguste  Comtb  ihm  eröffnen.  In  der
ersten  Hälfte  seines  Lehens  war  er  hauptsächlich  Individualist;  in
der  zweiten  mehr  Sozialist,  aber  unter  Hochhaltung  seines  Glaubens
an  die  Freiheit.  Daher  kommen  die  häufigen  Widersprüche  in  seinen
Schriften  und  sogar  seine  radikalen  Wandlungen,  wie  seine  berühmte
Bekehrung  inbezug  auf  das  Lohngesetz.  In  seinem  Werke  erscheinen
die  klassischen  Doktrinen  wie  endgültig  festgelegt,  in  so  klaren
Formeln  sind  sie  kristallisiert,  und  doch  beginnen  diese  schönen
Kristalle  bereits  unter  dem  warmen  Hauch  einer  neuen  Zeit  zu
schmelzen.
Er  hat  erklärt,  wie  es  später  die  Theoretiker  der  reinen  Ökonomie
taten,  daß  „die  vergleichenden  Wertungen  des  Ethikers  in  der
Nationalökonomie  nichts  zu  schaffen  haben“,  aber  er  ist  es  auch,  der
an  einer  anderen  Stelle  schreibt;  „wenn  man  zwischen  dem  Kommunismus ­
  mit  allen  seinen  Gefahren  und  dem  gegenwärtigen  Zustand
der  Gesellschaft  wählen  müßte,  in  dem  der  Arbeitsertrag  im  umgekehrten ­
  Verhältnis  zur  Mühe,  die  er  kostet,  verteilt  wird,  wo  der
größte  Teil  denen  zufällt,  die  nichts  getan  haben,  ein  etwas  geringerer ­
  Teil  denen,  die  etwas  mehr  tun  und  in  gleicher  Weise
immer  weiter  in  einer  absteigenden  Skala  bis  zu  denen,  für  die  die
zermalmendste  Arbeit  nicht  einmal  die  Notwendigkeiten  des  Lebens
sicher  stellen  kann,  —  wenn  es  wirklich  keine  andere  Alternative,  als
diesen  Zustand  oder  den  Kommunismus  gäbe,  dann  allerdings  wögen
alle  Schwierigkeiten  des  Kommunismus  federleicht  in  der  Wagschale“ ­
  1 ).
Er  ist  es,  der  in  Dingen  der  Moral  den  Utilitarismus  lehrt,
aber  er  ist  es  auch,  der  erklärt,  daß  „eine  Überzeugung  stärker  ist
als  neunundneunzig  Interessen“!
Er  ist  es,  der  ausruft,  daß  „die  Konkurrenz  für  die  Gegenwart
eine  Notwendigkeit  ist,  und  daß  niemand  den  Tag  voraussehen  kann,
an  dem  sie  auf  hören  wird,  für  den  Fortschritt  unentbehrlich  zu  sein“,
aber  er  ist  es  auch,  der  behauptet,  daß  „die  Kooperation  das  edelste
Ideal  ist“  und  der  nachweist,  „daß  das  menschliche  Leben  vom
Klassenkampf  um  antagonistische  Interessen  sich  zum  brüderlichen
Wettstreit  im  Streben  nach  dem  Wohle  aller  erhebt“ 2 ).

*)  Principles,  B.  II,  Kap.  1,  §  3.
2 )  Ebenda,  B.  IV,  Kap.  7,  §  6.
        <pb n="423" />
        Kapitel  II.  Höhepunkt  und  Niedergang  der  klassischen  Schule.  Stuart  Mül.  401
Man  hat  von  Stuabt  Mill  gesagt,  daß  er  nur  ein  befähigter
Popularisator  gewesen  sei.  Dies  ist  eine  durchaus  unverdiente  Herabminderung
  seines  Verdienstes.  Allerdings  kann  man  für  ihn  nicht,
wie  für  die  früheren  Volkswirtschaft!er,  ein  großes  Gesetz  anführen,
dem  er  seinen  Namen  gegeben  hat,  aber  er  hat  neue  Perspektiven
■eröffnet,  was  vielleicht  ein  sichererer  Kuhm  ist,  denn  jene  angeblichen
Gesetze  sind  fast  alle  znsammengebrochen:  aber  die  Hoffnungen
bleiben.  Die  Dauer  seines  Werkes  wird  übrigens  noch  dadurch  verbürgt, ­
  daß  man  in  keinem  anderen  Buche,  nicht  einmal  in  dem
Adam  Smith’s,  so  viele  bewunderungswürdige  Stellen  findet,  die  sich
.ganz  ausgesprochen  für  eine  Blütenlese  der  Nationalökonomie  eignen,
und  so  viele  unvergeßliche  Formeln,  die  von  allen  wieder  angewendet
werden,  die  diese  Wissenschaft  zu  lehren  haben.  Nicht  umsonst
haben  seine  „Prinzipien“  seit  einem  halben  Jahrhundert  in  den
meisten  Universitäten  englischer  Zunge  als  Textbücher  gedient
und  erfüllen  diesen  Zweck  noch  heute.
Bevor  wir  aber  die  tiefgehenden  Veränderungen  ins  Auge  fassen,
die  die  klassischen  Lehren  in  der  Entwicklung  seines  Denkens
■erfuhren,  werden  wir  sie  zunächst  in  ihren  großen  Linien  darlegen, ­
  so  wie  sie  um  die  Mitte  des  XIX.  Jahrhunderts,  in  der
Periode  von  1848—1873,  erschienen,  von  der  Veröffentlichung  der
Prinzipien  Stuabt  Mill’s  bis  zu  seinem  Tode  —:  großartig  und
scheinbar  unerschütterlich.  Es  ist  dies  die  Periode,  die,  vom  französischen ­
  Gesichtspunkt  aus,  unter  dem  Namen  der  Periode  des
zweiten  Kaiserreichs  zusammengefaßt  wird,  die  Zeit,  in  der  die
liberale  klassische  Schule  glaubte,  ihre  beiden  alten  Gegner,  den
Sozialismus  und  den  Protektionismus  endgültig  besiegt  zu  haben.
Mit  Hinsicht  auf  den  Sozialismus  schreibt  Reybatjd  im  Dictionnaire
  d’Economie  Politique  im  Jahre  1852:  „Heute  vom
•Sozialismus  sprechen,  heißt,  eine  Leichenrede  halten.“  Was  den
Protektionismus  anlangt,  so  hatte  er  in  England  durch  die  Abschaffung
der  Getreidezölle  die  Schlacht  verloren  und  sollte  in  Frankreich  und
in  Europa  überhaupt  bald  den  Verträgen  von  1860  erliegen.  Der
klassischen  Nationalökonomie  schien  daher  die  Zukunft  gesichert:
.sie  sah  nicht  voraus,  daß  1867  das  „Kapital“  erscheinen  würde,
-daß  1872  der  Kongreß  von  Eisenach  zusammentreten  sollte,  und
daß  um  die  gleiche  Zeit  die  Verträge  von  1860  gekündigt  werden
würden.
Benutzen  wir  daher  diese  kurze  Spanne  ihres  Euhmes,  um
die  Gesetze  darzulegen,  die  sie  lehrte,  —  und  zwar  so  gedrängt,
wie  möglich,  da  dies  keine  nationalökonomische  Abhandlung  ist  —;
dabei  wollen  wir  uns  auf  die  Doktrinen  beschränken,  die  damals
als  endgültig  angesehen  wurden,  und  die  noch  heute  von  denen  die
Gide  und  Rist,  Gesell,  d.  Volkswirtschaft!.  Lehrmeinungen.  26
        <pb n="424" />
        402

Drittes  Buch.  Der  Liberalismus.

der  literalen  Schule  treu  geblieben  sind,  für  endgültig  gehalten
werden.

§  1.  Die  großen  Gesetze.
Die  Existenz  natürlicher  Gesetze  war  stets  die  charakteristische
Behauptung  der  klassischen  Schule.  Dir  zufolge  sind  sie  das  Postulat,,
ohne  das  keine  Gesamtheit  von  Kenntnissen  auf  den  Namen  Wissenschaft ­
  Anspruch  erheben  kann.  Diese  Gesetze  haben  nicht  mehr
wie  bei  den  Physiokraten  und  Optimisten  jene  Charakterzüge  des
providentiellen,  normativen  und  teleologischen  ‘j;  sie  sind  ganz  einfach ­
  „natürlich“,  ganz  so  wie  die  physischen  Gesetze  und  folglich
amoralisch;  sie  können  nützlich  oder  schädlich  sein:  dem  Menschen
liegt  es  ob,  sich  ihnen,  so  gut  er  kann,  anzupassen.  Die  Nationalökonomie ­
  eine  „gefühllose  Wissenschaft“  zu  nennen,  weil  sie  nachweist,
daß  dieses  oder  jenes  Gesetz  unheilvolle  Folgen  für  den  Menschen
haben  kann,  ist  ebenso  absurd,  wie  die  Physik  zu  einer  gefühllosen
Wissenschaft  stempeln  zu  wollen,  weil  der  Blitz  tötet.
Diese  wirtschaftlichen  Gesetze  sind  keineswegs  mit  der  Freiheit
des  Individuums  unvereinbar;  im  Gegenteil,  sie  sind  ihr  Resultat.
Sie  stellen  weiter  nichts  als  Beziehungen  fest,  die  sich  von  selbst
zwischen  freien  Wesen  ergeben,  —  frei  jedoch  nur  unter  gewissen  Umständen: ­
  es  steht  uns  nicht  frei,  nicht  zu  essen,  und,  um  zu  essen,
müssen  wir  die  Erde  bewirtschaften.  Nicht  nur  bestimmen  wir
uns  gegenseitig  unsere  Lebenslage,  sondern  wir  unterliegen  auch
den  Hindernissen,  die  uns  unser  physisches  Milieu  schafft.
Diese  Gesetze  sind  allgemeingültig  und  ewig,  denn  die  elementaren ­
  Bedürfnisse  des  Menschen  sind  dieselben  in  allen  Ländern  und
;  in  allen  Jahrhunderten.  Und  nur  diese  Gesetze  suchen  die  Nationalökonomen, ­
  nicht  die  vorübergehenden  „modi“.  Nur  indem  die  Volkswirtschaft ­
  das  sucht,  was  ganz  allgemein  für  alle  Menschen  gilt
und  daher  allen  gemeinschaftlich  ist,  kann  sie  der  Wahrheit  näher
kommen,  —  kann  sie  eine  Wissenschaft  werden.  Sie  muß  sich  bemühen, ­
  nicht  die  Menschen  zu  sehen,  sondern  den  Menschen,  den
itypischen  Menschen,  den  homo  oeconomicus,  der  durch  die  Abstraktion ­
  von  allen  anderen  Seiten  seines  Charakters,  außer  der  des

*)  Die  natürlichen  Gesetze  waren  jedoch  schon  von  Dupont  de  Nemours  sehr
gut  und  in  dem  gleichen  Sinne,  wie  von  der  klassischen  Schule,  definiert  worden:
„Die  natürlichen  Gesetze  sind  die  wesentlichen  Bedingungen,  denen  gemäli  sich
alles  in  der  vom  Schöpfer  der  Natur  eingerichteten  Ordnung  vollzieht  .  .  .  Was  uns
anbelangt,  sind  es  die  wesentlichen  Bedingungen,  denen  die  Menschen  unterworfen
sind,  um  sich  alle  Vorteile,  die  die  natürliche  Ordnung  ihnen  gewähren  kann,  zu
verschaffen“  (Introduction  anx  (Euvres  de  Quesnay,  S.  21).
        <pb n="425" />
        Kapitel  II.  Höhepunkt  und  Niedergang  der  klassischen  Schule.  Stuart  Mill.  403

persönlichen  Interesses  entkleidet  ist:  sie  leugnet  die  anderen  Seiten
seines  Charakters  zwar  nicht,  aber  überläßt  sie  anderen  Wissenschaften. ­

Es  bleibt  nun  noch,  diese  natürlichen  Gesetze  aufzuführen.
l.*Das  Gesetz  des  persönlichen  Interesses.'Dieses  Gesetz
ist  unter  dem  Namen  „hedonistisches  Prinzip“  bekannt;  aber  dieser
Ausdruck  wurde  von  der  klassischen  Schule  nicht  angewandt.^  Jede
Persönlichkeit  sucht  das  Gute,  —  sagen  wir  hier  den  Reichtum,  —  und
flieht  das  Übel,  —  sagen  wir  hier  die  Anstrengung;  es  ist  dies  daher
ein  ins  Bereich  der  Psychologie  fallendes  Gesetz.  Was  gibt  es  aber
allgemeineres  und  beständigeres  als  dieses  Gesetz?  Es  ist  nicht
nur  das  natürlichste,  sondern  auch  das  „vernünftigste“  in  der  physiokratischen
  Bedeutung  dieses  Wortes,  denn  es  ist  einfach  das
’  Prinzip  der  Selbsterhaltung.  Darum  ist  die  klassische  Schule  sehr
oft  individualistisch  genannt  worden.
Individualismus  bedeutet  aber  durchaus  nicht  Egoismus,
wenigstens  nicht  im  gewöhnlichen  Sinn  dieses  Wortes.  Diese  Konfusion, ­
  die  man  beständig  macht,  um  die  klassische  Schule  zu  diskreditieren, ­
  ist  nach  dem,  was  sie  behauptet,  ein  sinnloser  Streit.
Niemand  hat  mit  größerer  Energie  als  Stuaet  Mill  gegen  diese
Art  und  Weise,  den  Individualismus  darzustellen,  protestiert.  Wenn
man  behauptet,  daß  man  seinen  eigenen  Nutzen  suchen  muß,  so  bedeutet ­
  das  noch  lange  nicht,  daß  man  das  Unglück  anderer  erstrebt.
Der  Individualismus  schließt  keineswegs  die  Sympathie  *)  aus,  und
ein  normales  Individuum  findet  im  Gegenteil  eine  Quelle  der  Freude
in  der  Freude,  die  es  anderen  verschafft.
Dies  hindert  nicht,  daß  Malthijs  und  Ricaedo  uns  klar  Fälle
gezeigt  haben,  wo  die  individuellen  Interessen  in  gegenseitigem
Kampfe  liegen,  und  wo  infolgedessen  das  eine  dem  anderen  geopfert
werden  muß,  und  daß  Stuaet  Mill,  weit  davon  entfernt,  diesen
Kampf  zu  leugnen,  ihn  besonders  hervorhebt.  Hierauf  antwortet  die
klassische  Schule  einerseits  mit  den  Optimisten,  daß  diese  Gegensätze ­
  nur  scheinbar  sind,  und  daß  unter  dieser  Oberfläche  sich  die
Harmonie  verbirgt,  —  andererseits,  daß  diese  Gegensätze  nicht  vom
Individualismus  oder  der  Freiheit  herrühren,  sondern  im  Gegenteil
davon,  daß  beide  nur  erst  höchst  unvollkommen  verwirklicht,  ja

*)  Wir  erinnern  daran,  daß  A.  Smith  ein  Buch:  Theory  of  moral  Sentiments ­
  verfaßt  hat  und  verweisen  auf  das  oben  gesagte  (SS.  97—98).  Stuart  Mill
sagt  sogar  „In  den  Vorschriften  Jesu  von  Nazareth  finden  wir  den  wirklichen  utilitaristischen ­
  Geist:  „Tue  deinem  Nächsten,  was  du  willst,  das^er  dir  tue.  Liebe  deinen
Nächsten,  wie  dich  selbst.“  Wie  dich  selbst;  man  muß  daher  damit  beginnen,
sich  selbst  zu  lieben,  ehe  man  andere  lieben  kann“  (L’Utilitarisme,  franz.
Übers.,  S.  31),

26*
        <pb n="426" />
        404

Drittes  Buch.  Der  Liberalismus.

sogar  kaum  begriffen  sind.  Am  Tage  aber,  der  den  vollkommenen
Zustand  sieht,  werden  sie  die  Übel,  die  sie  vorübergehend  geschaffen
haben,  heilen 1 ).  Das  alte  Bild  von  der  Lanze  des  Achilles,  die
die  von  ihr  verursachten  Wunden  wieder  heilte,  ist  hier  nicht  zu
vermeiden.  Späterhin  treten  andere  Individualisten  auf,  die  mit
Herbert  Spencer  sagen  werden,  daß  dieser  Interessenkonfiikt  der
Individuen  nicht  nur  in  Übereinstimmung  mit  den  allgemeinen  Interessen ­
  der  Gesellschaft  ist,  sondern  daß  auf  ihm  aller  Fortschrittberuht, ­
  weil  er  die  Unfähigen  dazu  zwingt,  den  Fähigeren  den  Platz
zu  räumen.
2.  .Das  Gesetz  der  freien  Konkurrenz.  1  Wenn  man  zugibt,
daß  jede  Person  ihren  eigenen  Vorteil  am  besten  beurteilen  kann,
so  kann  man  selbstverständlich  nichts  besseres  tun,  als  es  jedem  zu
überlassen,  seinen  Weg  zu  finden.  Der  Individualismus  schließt  daher ­
  die  Freiheit  ein,  und  so  ist  die  individualistische  Schule  auch
ganz  richtig  mit  dem  Namen  liberale  Schule  bezeichnet  worden.
Diese  zweite  Benennung  ist  sogar  genauer  als  die  andere.  Sie  ist
die  einzige,  die  die  französische  Schule  anzunehmen  erklärt,  indem
sie  energisch  alle  anderen  zurückweist,  wie:  individualistisch,  orthodox
oder  sogar  klassisch 2 ).
0  Das  ist  es,  was  Stuart  Mill  verspricht:  „Es  ist  der  unvollkommene
Zustand  der  sozialen  Einrichtungen,  der  es  bedingt,  daß  das  beste  Mittel,
dem  Glück  anderer  zu  dienen,  darin  besteht,  sein  eigenes  zu  opfern.“  (Utilitarisme,
S.  30)  —  und  sollte  man  nicht  hinzufügen,  da  die  beiden  Sätze  sich  notwendigerweise
ergänzen,  daß  heute  das  beste  Mittel,  seinem  eigenen  Glück  zu  dienen,  darin  besteht,
das  der  anderen  zu  opfern?  Doch  Geduld!  „Die  fortschreitende  Entwicklung  der
menschlichen  Vernunft  wird  bei  allen  Einzelwesen  ein  Gefühl  der  Einheit  mit  allen
anderen  erzeugen,  ein  Gefühl,  das,  wenn  es  zu  seiner  Vollkommenheit  gelangt  ist,  dem
Individuum  nicht  mehr  gestatten  wird,  irgendeine  Verbesserung  seiner  Lage  anzu-Istreben,
  an  der  nicht  auch  alle  anderen  teilhaben.“  —  Der  so  aufgefaßte  Individualismus ­
  ist  eher  das,  was  wir  heute  unter  Solidarismus  verstehen  und  zwar  in  seinem
transzendentesten  Ausdruck.
2 )  Die  Darlegung  der  Unterschiede  zwischen  der  klassischen,  der  individualistischen, ­
  der  liberalen  und  der  optimistischen  Schule  zu  verlangen,
ist  eine  Bxamensfrage.  Obgleich  diese  Frage  uns  recht  schulmeisterhaft  erscheint,
kann  man  doch  folgendes  antworten:
a)  Die  individualistische  Schule,  im  schlechten  Sinne  des  Wortes,  ist
die,  deren  Lehre  den  Egoismus  zur  einzigen  Richtschnur  unserer  Handlungen  macht,
die  das  „ein  jeder  für  sich“  zum  absoluten  Prinzip  der  Lebensführung  erhebt.
SelbstversfaMHcIT  will  sich  aber  keine  Schule  in  dieser  Definition  wieder  erkennen;
in  Wirklichkeit  verhindert  auch  die  Existenz  der  wirtschaftlichen  Beziehungen,  wie
des  Tausches,  der  Arbeitsteilung  usw.,  die  Möglichkeit  eines  Zustandes,  in  dem  jeder
Mensch  nur  für  sich  lebt.
Die  individualistische  Schule,  im  weitesten  Sinne  dieses  Wortes,  lehrt,  daß
das  Wohl  des  Individuums  der  einzige  Zweck  aller  Tätigkeit  und
Wirtschaftspolitik  sein  muß.  Nun  will  das  nicht  viel  sagen,  denn  es  ist
klar,  daß  auch  die  Sozialisten  und  sogar  die  Kommunisten-  keinen  anderen  Zweck
        <pb n="427" />
        Kapitel  II.  Höhepunkt  und  Niedergang  der  klassischen  Schule.  Stuart  Mül.  405
Übrigens  beruft  sich  auch  die  englische  Schule  mit  nicht  geringerem ­
  Nachdruck  auf  den  Liberalismus:  unter  besonderer  Berücksichtigung ­
  dieses  Gesichtspunktes  wird  sie  auch  Manchesterismus
  genannt  (ein  Ausdruck,  der  hauptsächlich  von  ihren  deutschen
Kritikern  in  der  Form  „Manchestertum“  gebraucht  wird).
Für  die  klassische  Schule  ist  aber  das  Laisser-faire  weder
ein  Dogma,  noch  ein  wissenschaftliches  Axiom.  Sie  sieht  hierin  nur
haben,  als  das  Glück  der  Individuen,  der  größtmöglichen  Anzahl  von  Individuen.
Niemand  denkt  daran,  das  Glück  der  Gesellschaft  an  sich  als  einer  beseelten  Einheit ­
  zu  erstreben.  Auf  Grund  einer  solchen  Definition  ist  der  Individualismus  recht
nebelhaft;  er  schließt  weder  die  Vergesellschaftung,  noch  den  Solidarismus  und  nicht
einmal  den  Staatsinterventionismus  ans,  wenn  er,  wie  in  der  Arbeitergesetzgebung
z.  B.,  bezweckt,  das  Individuum  gegen  gewisse  Ursachen  der  Verschlechterung  zu
schützen.  Er  schließt  sogar  die  Aufopferung  nicht  ans,  da  der  Trieb,  sich  aufzuopfern, ­
  sicherlich  von  einer  starken  Individualität  zeugt!  Der  Individualismus  wird
ungefähr  in  diesem  Sinne  in  dem  Buche  von  Schatz:  L’Individualisme  eoonomiciue
  et  social  betrachtet.  Die  Bezeichnung  individualistisch  ist  daher  höchst
unbestimmt,  weshalb  wir  soviel  wie  möglich  den  Gebrauch  dieses  Wortes  vermeiden.
b)  Bei  der  sogenannten  liberalen  Schule  ist  die  Bedeutung  klarer;  sie  begnügt ­
  sich  nämlich  nicht  damit,  zu  sagen,  daß  das  Individuum  der  einzige  Zweck
des  Wirtschaftslebens  ist,  sondern  sie  fügt  hinzu,  daß  es  der  einzige  Träger  der
wirtschaftlichen  Bewegung  sein  muß,  weil  niemand  anders  als  das  Individuum ­
  dessen  wirkliche  Jnteressen  besser  kennen  kann  und  fähiger  ist,  sie  zu  verwirklichen. ­
  Das  so  ausgedrückte  Prinzip  bedeutet  aber,  daß  es  am  besten  ist,  das
Individuum  gewähren  zu  lassen  (laisser  faire)  und  jede  von  außen  kommende  Einmischung ­
  des  Staates  oder  irgendeines  anderen  Beschützers  zu  verwerfen.
Während  jedoch  in  der  ersten  Formel  der  Individualismus  von  allen  angenommen
werden  konnte,  gibt  er  unter  der  letzteren  Anlaß  zu  schwerwiegenden  Einwürfen.
Denn  in  Wirklichkeit  zeigen  die  Tatsachen,  daß  das  Individuum  sehr  häufig  in
seinen  Handlungen,  —  sei  es  als  Verbraucher,  wenn  es  gesundheitsschädliche  oder
nutzlos  teuere  Erzeugnisse  kauft,  sei  es  als  Arbeiter,  wenn  es  Arbeitsverträge  eingeht, ­
  die  seine  Arbeitskraft  oder  die  seiner  Kinder  zugrunde  richten  —  seine  eigenen
Interessen  sehr  schlecht  versteht  oder  sich  in  der  Unmöglichkeit  befindet,  sie  zu
verteidigen,  und  daß  die  Wissenschaft  und  die  Hygiene  ihm  viel  größere  Dienste
leisten  können  als  er  sich  selbst.
c)  Wenn  man  noch  weiter  geht  und  nicht  nur  annehmen  will,  daß  ein  jedes
Individuum  am  besten  fähig  ist,  sich  mit  seinen  Interessen  zu  befassen,  sondern
daß  auch  das  soziale  Interesse  nur  die  Summe  dieser  individuellen
Interessen  ist,  die  in  einer  harmonischen  Einheit  zusammenlaufen,  so  wird  die
liberale  Schule  zur  optimistischen.  Besonders  in  Frankreich  hat  sie  sich  auf
Grund  einer  schon  Jahrhunderte  alten  Überlieferung  behauptet,  aber  sie  ist  etwas
veraltet,  obgleich  sie  sich  noch  in  neuzeitlichen  Werken  findet,
d)  W  enn  man  endlich  von  einer  klassischenSchule  spricht,  so  will  man  damit
sagen,  daß  sie  getreulich  die  von  den  ersten  Meistern  der  volkswirtschaftlichen  Wissenschaft ­
  übernommenen  Prinzipien  lehrt,  indem  sie  sich  bemüht,  sie  klarer  auszuftthren,  sie
zu  entwickeln  und  sogar  sie  zu  verbessern,  ohne  sie  aber  in  ihren  wesentlichen  Bestandteilen ­
  zu  verändern.  Seit  ihren  Anfängen  ist  sie  individualistisch  und  liberal,
aber  keineswegs  optimistisch:  übrigens  vermeidet  sie  diese  finalistischen  Gedankengänge ­
  und  überhaupt  jede  Beschäftigung  mit  dem  zu  erreichenden  Zweck,  um  sich
auf  die  reine  Wissenschaft  zu  beschränken.
        <pb n="428" />
        406

Drittes  Buch.  Der.  Liberalismus.

eine  praktische  Regel,  die  sie  für  weise  hält,  nicht  etwa  unter  allen
erdenklichen  Umständen,  sondern  bis  zum  Beweise  des  Gegenteils.
„Diejenigen,  die  sie  für  richtig  halten,  sagt  Stuart  Mill,  sind  19  mal
unter  20  der  Wahrheit  näher,  als  die,  die  sie  leugnen“, 1 ).  Dieser
praktische  Liberalismus  kommt  in  allen  Handlungen  des  wirtschaftlichen ­
  Lebens  zur  Anwendung.  Als  positives  Programm  bedeutet  er
die  Freiheit  der  Arbeit,  die  freie  Konkurrenz,  freien  Handel  im
innern,  wie  nach  außen,  die  Freiheit  der  Banken,  des  Zinsfußes  usw.
—  und  als  negatives  Programm  schließt  er  den  Widerstand  gegen
jede  staatliche  Einmischung  ein,  deren  Notwendigkeit  nicht  im  einzelnen ­
  Falle  bewiesen  ist,  und  hauptsächlich  den  Widerstand  gegen
alle  sogenannten  Maßregeln  des  Schutzes  oder  der  Bevormundung.
Daher  ist  für  die  klassische  Schule  die  freie  Konkurrenz  das
gegebene  oberste  Naturgesetz,  das  für  alles  genügt,  das  dem  Verbraucher ­
  die  Wohlfeilheit  sichert,  das  den  Fortschritt  auf  Grund  der
Rivalität  zwischen  den  Produzenten  anspornt,  das  die  Gerechtigkeit
verbürgt  und  zur  Gleichheit  hindrängt,  indem  es  dem  Profit  entgegenarbeitet ­
  und  jeden  Wert  auf  das  Niveau  der  Produktionskosten  zurückzuführen ­
  sucht.  DasDictionnaire  d’Economie  Politique
von  1852,  das  als  der  Kodex  der  klassischen  Volkswirtschaft  betrachtet ­
  werden  kann,  erklärt,  „daß  die  Konkurrenz  für  die  industrielle
Welt  das  ist,  was  die  Sonne  für  die  physische  Welt  vorstellt“!  Und
Stuart  Mill  selbst,  der  Verfasser  des  Buches  über  die  Freiheit,
der  ebenfalls  die  wirtschaftliche  Freiheit  nicht  von  der  politischen
Freiheit  trennt,  ist,  wenn  auch  weniger  lyrisch,  so  doch  ebenso  fest
in  seiner  Behauptung:  „Alles,  was  die  Konkurrenz  beschränkt,
ist  vom  Übel;  alles,  was  sie  fördert,  dient  zuletzt  zum  Guten“ 2 ):
In  diesem  Punkt  erklärt  er  besonders,  sich  vollständig  vom
Sozialismus  zu  trennen,  für  den  er,  wie  wir  sehen  werden,  doch
viele  Sympathien  hatte:  „Aber“,  sagt  er,  „ich  bin  einfach  ein  überzeugter ­
  Gegner  des  bezeichnendsten  und  schärfsten  Teiles  seiner
Lehre,  nämlich  seiner  Tiraden  gegen  die  Konkurrenz“.
Es  muß  aber  darauf  hingewiesen  werden,  daß  die  klassische
Schule,  wenn  sie  die  Herrschaft  der  freien  Konkurrenz  befürwortet,
damit  keineswegs  die  bestehenden  Zustände  rechtfertigen  will;  der
Vorwurf,  den  man  ihr  so  häufig  aus  diesem  Grunde  macht,  beruht,
gerade  wie  der  des  Egoismus,  auf  einer  Begriffsverwechslung.  Die
Klassiker  (die  alten  wie  die  neuen)  beklagen  sich  im  Gegenteil
darüber,  daß  die  freie  Konkurrenz  nur  erst  höchst  unvollkommen
1 )  Auguste  Comte  and  the  Positivism  (S.  78  der  franz.  Übers,  von
ClSmencead.
2 )  Principles,  Bd.  II,  S.  346  d.  franz.  Übers.  —  Siehe  auch  die  letzten  erschienenen
  Bücher  von  Molin  am,  und  Yves  Guyot:  La  morale  de  la  eoncurrence.
        <pb n="429" />
        IKapitel  II.  Höhepunkt  und  Niedergang  der  klassischen  Schule.  Stua  «gmi,

verwirklicht  ist.  Wir  haben  gesehen,  welchen  großen  Pr
dem  Monopol  in  der  heutigen  wirtschaftlichen  Organisation
Die  Herrschaft  der  freien  Konkurrenz  ist  heute  ebeusoweru|
wirklicht,  sagen  sie,  wie  die  Herrschaft  des  Sozialismus:  es  ist
daher  ebenso  ungerecht,  sie  auf  Grund  der  gegenwärtigen  Fehler  beurteilen ­
  zu  wollen,  als  wenn  man  den  Kollektivismus  auf  Grund
dessen  beurteilen  wollte,  was  sich  zum  Beispiel  in  den  Staatswerkstätten ­
  begibt.
3.‘Das  Gesetz  der  Bevölkerung.  ''  Dieses  Gesetz  nimmt  einen
sehr  großen  Platz  in  der  klassischen  Doktrin  ein,  und  sogar  die
optimistischen  Nationalökonomen  wagen  es  nicht,  ihm  geradenwegs  zu
widersprechen.  Von  allen  Volkswirtschaftlern  ist  Stuabt  Mill  am
meisten  von  ihm  durchdrungen 1 ).  Er  geht  sogar  viel  weiter  als  Malthus,
weil  er  sich  nicht  auf  rein  ökonomische  Gründe  stützt,  sondern  auch
auf  moralische,  die  Malthus  weniger  bekümmert  zu  haben  scheinen,
nämlich  die  Achtung  des  Rechtes  und  der  Freiheit  des  Weibes,  die
kaum  befragt  wird,  wenn  es  sich  darum  handelt,  ihr  die  Mutterschaft
aufzubürden 2 ).  Hierin  ist  daher  Stuart  Mill  schon  Neo-Malthusianer.
Die  Tatsache,  eine  zahlreiche  Familie  zu  haben,  erscheint  ihm  wie
der  Ausdruck  eines  Lasters,  das  ebenso  ekelhaft  ist,  wie  die  Trunksucht ­
 3 ).  Und  wiederholt  erklärt  er,  daß  die  Arbeiterklasse  keine
Hoffnung  irgendwelcher  Art  auf  eine  Besserung  ihres  Schicksals  hat,
wenn  sie  nicht  damit  beginnt,  das  Wachstum  der  Bevölkerung  einzuschränken. ­
  Einer  der  Gründe,  weshalb  er  dem  kleinbäuerlichen
Besitz  günstig  gesinnt  ist,  liegt  darin,  daß  er  eine  Beschränkung  der
Kinderzahl  bewirkt.  Er  konstatiert:  das  Wachstum  der  französischen

*)  „Umsonst  wird  man  sagen,  daß  jeder  Mund,  den  die  Gesellschaft  zum  Leben
ruft,  Arme  mit  sich  bringt;  die  neuen  Münder  brauchen  ebenso  viel  Unterhaltungsmittel, ­
  und  die  Arme  erzeugen  weniger“  (Principles,  Bd.  I,  Buch  I,  Kap.  13,  §  2).
2 )  „Es  ist  niemals  durch  den  Willen  der  Frau,  daß  die  Familien  zahlreich
werden:  auf  der  Frau  lastet  außer  den  physischen  Schmerzen  und  ihrem  Teil  der
Entbehrungen  die  unerträgliche  Hausarbeit,  die  sich  aus  einer  zu  großen  Kinderaahl
  ergibt“  (Principles,  Bd.  I,  II,  Kap.  13,  §  2).
3 )  „Während  ein  Mann,  der  sich  betrinkt,  von  allen  anständigen  Leuten  verachtet ­
  und  verabscheut  wird,  so  ist  dagegen  einer  der  hauptsächlichsten  Gründe,  mit
dem  sich  die  Menschen  an  die  Wohltätigkeit  wenden,  der,  daß  der  Bittsteller  eine
zahlreiche  Familie  zu  ernähren  habe!“  (Bd.  I,  II,  Kap.  13,  §  1).
Und  als  Anm.:  „Man  kann  kaum  hoffen,  daß  die  Moralität  Fortschritte  mache,
■solange  man  nicht  dazu  gelangt  ist,  den  Kinderreichtum  mit  derselben  Verachtung
anzusehen,  wie  die  Trunksucht  oder  alle  anderen  körperlichen  Ausschweifungen.
Solange  aber  die  Aristokratie  und  die  Geistlichkeit  die  ersten  sind,  das  Beispiel  der
Unmäßigkeit  zu  geben,  was  soll  man  da  von  den  Armen  erwarten?“
Er  beklagt  sich  darüber,  daß  die  christliche  Eeligion,  durch  einen  selbstzufriedenen ­
  Glauben  an  die  Vorsehung  den  Anschein  erweckt,  als  ob  Gott  zahlreiche
Familien  segne.
        <pb n="430" />
        408

Drittes  Buch.  Der  Liberalismus.

Bevölkerung  ist  das  geringste  in  Europa“,  und  hält  dieses  Resultat
für  außerordentlich  ermutigend.
Um  dieses  schreckliche  Gesetz  zu  bekämpfen,  geht  er  sogar  soweit, ­
  das  Prinzip,  das  er  sonst  überall  verteidigt,  das  der  Freiheit,,
zu  opfern.  Er  verlangt  nämlich,  daß  das  Gesetz  ausdrücklich  die
Ehe  zwischen  Armen  verbiete 1 );  wir  wissen,  daß  Malthds  sich  entschieden ­
  hiergegen  ausgesprochen  hatte.  Nicht  in  seinen  „Prinzipien“,
sondern  gerade  in  dem  Buche,  das  den  Titel  die  Freiheit  trägt,,
verlangt  Stuaet  Mill  diesen  entsetzlichen  Zwang!
Allerdings  hat  er  dieses  letztere  Buch  teilweise  zusammen  mit
seiner  Frau  geschrieben.
4.'  Bas  Gesetz  des  Angebotes  und  der  Nachfrage.  —  Dieses
Gesetz  bestimmt  den  Wert  eines  jeden  Erzeugnisses  und  auch  den
der  produktiven  Dienste:  Arbeit,  Kapital  und  Boden.  Gewöhnlich
wird  es  in  folgender  Weise  formuliert:  der  Preis  schwankt  im
gleichen  Verhältnis  zur  Nachfrage  und  im  umgekehrten  Verhältnis
zum  Angebot.  Es  ist  einer  der  bedeutsamsten  Beiträge  Stuaet
Mill’s,  nachgewiesen  zn  haben,  daß  diese  Formel  unter  ihrer  anscheinend ­
  mathematischen  Genauigkeit  nur  auf  einen  Circulus  viciosus
hinausläuft.  Wenn  nämlich  das  Angebot  und  die  Nachfrage  den  Preis
schwanken  lassen,  so  läßt  wieder  umgekehrt  der  Preis  Angebot  und
Nachfrage  schwanken.  Mill  berichtigt  es  daher,  indem  er  sagt,  daßder
  Preis  sich  auf  ein  solches  Niveau  einstellt,  daß  die  angebotenen
und  nachgefragten  Mengen  gleich  werden,  und  die  Preisschwankungen
haben  gerade  die  Wirkung,  diese  Übereinstimmung  herbeizuführen,
ebenso  wie  die  Schwingungen  des  Balkens  an  der  Wage  nach  der
Gleichgewichtslage  streben 2 ).  Hierdurch  gibt  Stuaet  Mill  dem  Gesetz ­
  des  -Angebots  und  der  Nachfrage  nicht  nur  eine  Wissenschaft-0

  „Die  Gesetze,  die  in  einer  großen  Anzahl  Staaten  des  Kontinents  die  Ehe
verbieten,  wenn  die  Parteien  nicht  nachweisen  können,  daß  sie  imstande  sind,  eine-Familie
  zu  ernähren,  überschreiten  nicht  die  berechtigte  Macht  des  Staates  .  .  .
Man  kann  ihnen  nicht  vorwerfen,  die  Freiheit  zu  beschränken  (Libert)',  S.  19B
der  franz.  Übers,  von  Dupont-White).
Dagegen  betrachtet  es  aber  Mill  als  eine  Verletzung  der  Freiheit,  wenn  die-Zahl
  der  Kneipen  durch  ein  Gesetz  begrenzt  wird,  weil  das  hieße,  die  Arbeiter  wie
Kinder  zu  behandeln!  (Ebenda,  S.  186.)
2 )  „Das  Steigen  und  Fallen  der  Preise  findet  so  lange  statt,  bis  das  Angebot
und  die  Nachfrage  einander  genau  gleich  sind,  und  der  Wert  einer  Ware  auf  dem
Markte  ist  kein  anderer  als  der,  der  auf  diesem  Markte  eine  genügende  Nachfrage
bestimmt,  um  alle  angebotenen  Mengen  aufzunehmen“  (Principles,  Bd.  I,  II,
Kap.  2,  §  1.)
Vor  Stuart  Mill  hatte  schon  Cournot  die  Formel  des  Gesetzes  vom  Angebot
und  Nachfrage  in  seinen  liecherohes  sur  les  principes  mathematique»
de  la  theorie  des  richesses  (1838)  kritisiert;  es  ist  aber  nicht  wahrscheinlich,
daß  Stuaet  Mill  dieses  Buch  gekannt  hat.
        <pb n="431" />
        Kapitel  II.  Höhepunkt  und  Niedergang  der  klassischen  Schule.  Stuart  Mil.  409

liehe  Genauigkeit,  die  es  bis  dahin  noch  nicht  besaß,  sondern  er  führt
auch,  indem  er  die  Beziehung  der  Ursache  und  Wirkung  durch  die
des  Gleichgewichtes  ersetzt,  ein  neues  Prinzip  in  die  Wissenschaft
ein,  das  bestimmt  war,  eine  große  Verbreitung  zu  erlangen.
Das  Gesetz  des  Angebotes  und  der  Nachfrage  erklärt  aber  nur
die  Wertschwankungen,  nicht  den  Wert  selbst.  Man  mußte  daher
eine  tieferliegende  Ursache  finden.  Diese  Ursache  liegt  in  den  Produktionskosten. ­
  Unter  der  Herrschaft  der  freien  Konkurrenz  streben
die  Wertschwankungen  stets  nach  diesem  festen  Punkte,  ebenso  wie
„der  Ozean  bestrebt  ist,  überall  sein  Niveau  einzunehmen,  es  aber
niemals  genau  innehält“  1 ).
Es  gibt  also  zwei  Arten  des  Wertes:  einen  vorübergehenden  und
schwankenden,  beherrscht  vom  Gesetz  des  Angebotes  und  der  Nachfrage, ­
  und  einen  ständigen  oder  natürlichen  oder  auch  normalen  Wert,
der  sich  nach  den  Produktionskosten  richtet.  Dies  war  das  klassische
Wertgesetz,  und  Stuart  Mill  war  davon  so  entzückt,  daß  er  den
Satz  schrieb,  der  unter  der  Feder  eines  so  scharfsinnigen  Philosophen
Staunen  erregen  muß:  „Glücklicherweise  bleibt  in  dem  Gesetz  des
Wertes  nichts  mehr  zu  erklären  übrig,  weder  jetzt  noch  später;  die
Theorie  ist  vollkommen“ 2 ).
Dasselbe  Gesetz,  das  den  Wert  der  Waren  regelt,  ist  auch  auf
das  Geld  anwendbar.  Auch  das  Geld  hat  einen  Marktwert,  der  von
der  auf  dem  Markte  im  Umlauf  befindlichen  Menge  und  den  Bedürfnissen ­
  des  Tausches  bestimmt  wird;  —  es  ist  das  die  berühmte
Quantitätstheorie  —  und  einen  natürlichen  Wert,  der  von  den
Produktionskosten  der  Edelmetalle  abhängt.
5.*  Das  Lolmgesetz,  Die  gleichen  Gesetze  regieren  auch  den
Preis  der  Arbeitskraft  oder  des  Lohnes.  Auch  er  gehorcht  einem
doppelten  Gesetze.
Der  Marktlohn  ward  vom  Angebot  und  der  Nachfrage  bestimmt, ­
  indem  man  unter  „Angebot“  die  Menge  des  zum  Unterhalt
der  Arbeiter  verfügbaren  Kapitals  versteht,  den  Lohnfonds  (wage
fund),  und  unter  „Nachfrage“  die  Anzahl  der  Arbeiter,  die  eine  Anstellung ­
  suchen 3 ).  Dieses  Gesetz  war  schon  von  Cobden  in  volkstümlicher ­
  Art  ausgedrückt  worden,  als  er  sagte,  daß  der  Lohn  steigt,
wenn  zwei  Arbeitgeber  einem  Arbeiter  nachlaufen,  und  daß  er  sinkt,
wenn  zwei  Arbeiter  einem  Arbeitgeber  nachlaufen.

b  Prinziples,  Bd.  I,  III,  Kap.  3,  §  1.
Ebenda,  Bd.  I,  III,  Kap.  1,  §  1..
3 )  Die  Löhne  hängen  von  dem  Verhältnis  ab,  das  zwischen  der  Anzahl  der
arbeitenden  Bevölkerung  und  irgendwelchen  auf  den  Ankauf  von  Arbeit  verwendeten
Kapitalien  besteht  .  .  .  und  unter  der  Herrschaft  der  Konkurrenz  können  sie  von
keiner  anderen  Ursache  berührt  werden“  (Principles,  Bd.  I,  II,  Kap.  11,  §  3  und  §  1).
        <pb n="432" />
        410

Drittes  Buch.  Der  Liberalismus.

Der  natürliche  oder  notwendige  Lohn  wird  anf  die  Dauer
von  den  Produktionskosten  der  Arbeitskraft  bestimmt,  nämlich  von
den  Kosten  der  Lebenshaltung  des  Arbeiters.  Der  Marktlohn  strebt
in  seinen  Schwankungen  stets  darauf  hin,  sich  nach  ihm  zu  regeln.
Dieses  Gesetz  verdiente  durchaus  den  Namen  des  ehernen  Lohngesetzes, ­
  mit  dem  Lassalle  es  später  brandmarkte.  Denn  auf  diese
Weise  wurde  der  Lohn  von  Ursachen  abhängig  gemacht,  die  außerhalb ­
  des  möglichen  Einflusses  des  Arbeiters  standen,  und  die  ohne
jeden  Zusammenhang  mit  ihm  selbst,  mit  seiner  Arbeit  oder  seinem
guten  Willen  blieben.  Er  war  einem  verhängnisvollen  Gesetz  ausgeliefert, ­
  dem  er  ebenso  passiv  gegenüberstand,  wie  ein  Baumwollenballen ­
  seinem  Marktpreis.  Das  ist  aber  nicht  alles!  Nicht  nur  hängt
der  Lohn  nicht  von  dem  Arbeiter  ah,  sondern  auch  keine  gesetzliche
oder  private  Einmischung,  keine  Einrichtung,  kein  System  kann  an
diesem  Zustand  etwas  ändern  —  ausgenommen  man  kann  eine  der
beiden  bestimmenden  Grundlagen  des  Verhältnisses  beeinflussen,  nämlich
entweder  die  Menge  des  für  den  Lohn  verfügbaren  Kapitals  (den
Lohnfonds)  oder  die  Zahl  der  Arbeit  suchenden  Bevölkerung.  „Jeder
Verbesserungsplan,  der  nicht  auf  diesem  Prinzip  beruht,  führt  zu
einer  Enttäuschung.“  Aber  hiermit  noch  nicht  genug!  Die  Ursachen,
die  die  beiden  bestimmenden  Grundlagen  des  Verhältnisses  günstig  beeinflussen ­
  könnten,  können,  was  das  Wachstum  des  Kapitals  anlangt,
nur  die  Spartätigkeit,  und  was  die  Verminderung  der  Arbeitskräfte
anlangt,  nur  die  Einschränkung  des  Geschlechtstriebes  sein.  Das
sind  zu  guter  Letzt  die  beiden  einzigen  Möglichkeiten  zur  Rettung
der  Lohnempfänger:  die  erste  steht  aber  vollständig  außerhalb  ihrer
Macht J ),  und  die  zweite  überliefert  dem  Zölibat  oder  dem  Onanismus
alle  diejenigen,  die  man,  wahrscheinlich  ironisch,  auch  weiterhin
„Proletarier“  würde  nennen  müssen.
Daher  war  auch  Stuart  Mill,  als  er  dieses  Gesetz  mit  größerer
Schärfe,  als  irgendeiner  seiner  Vorgänger,  formuliert  hatte,  über  die
Folgerungen,  die  sich  daraus  ergaben,  bestürzt.  Hauptsächlich  bewegte ­
  ihn  die  Verurteilung  zur  Ohnmacht,  die  dieses  Gesetz  über
die  tapferen  Anstrengungen  der  damals  emporkommenden  Trade-Unions
  aussprach.  Wie  alle  Volkswirtschaftler  der  liberalen  Schule
hatte  auch  er  die  Abschaffung  der  Gesetze  gegen  die  Koalitionen

&amp;gt;)  Das  Sparen  zur  Vergrößerung  des  „Lohnfonds“  ist  nur  den  Reichen
möglich,  daher  empfiehlt  es  ihnen  Stuart  Mill  mit  dem  gleichen  Nachdrucke,  mit
dem  er  den  Arbeitern  Zurückhaltung  im  Eingehen  einer  Ehe  nahelegt.  Er  bemüht
sich,  in  übrigens  dunklen  und  schwerfälligen  Ausführungen  nachzuweisen,  daß:
„man  den  Arbeitenden  nicht  nützt,  weil  man  selbst  verbraucht,  sondern  weil  man
den  Verbrauch  bei  anderen  fördert“,  womit  gesagt  sein  soll:  nicht  durch  die  Ausgabe, ­
  sondern  durch  das  Sparen.
        <pb n="433" />
        Kapitel  II.  Höhepunkt  und  Niedergang  der  klassischen  Schule.  Stuart  Mül.  411

ebenso  energisch  verlangt,  wie  die  der  Kornzölle;  wozu  sollte  man
nun  aber  den  Arbeitern  die  Assoziations-  und  Koalitionsfreiheit  gewähren, ­
  wenn  ein  höheres  Gesetz  von  Anfang  an  jeden  ihrer  Versuche, ­
  ihren  Lohn  zu  erhöhen,  zu  nichte  machen  mußte  ?  Zwei
Volkswirtschaftler,  Longe  (1866)  und  Thoenxon  (1869)  (in  seinem
Buch;  On  Labour)  zogen  die  Wahrheit  des  Lohnfonds-Gesetzes  in
Zweifel.  Es  kostete  sie  keine  große  Mühe,  Stuaet  Mill  zu  bekehren,
der  sogleich  in  der  Fortnightly  Review  einen  Widerruf  veröffentlichte, ­
  der  großes  Aufsehen  erregte,  ja,  man  könnte  fast  sagen:
einen  enormen  Skandal  in  der  klassischen  Schule  hervorrief.  Die
Bekehrung  war  aber  freilich  nicht  so  ganz  und  gar  vollkommen,  denn
in  den  späteren  Ausgaben  seines  Buches,  hat  er  die  zitierten  Stellen
und  andere  stehen  lassen,  die  mit  Hinsicht  auf  die  Hoffnungen  der
Arbeiterklasse  auf  den  Erfolg  ihrer  eigenen  Anstrengungen  nicht
weniger  entmutigend  sind  *),
Obgleich  die  Theorie  des  Lohnfonds  durch  den  Abfall
Stuaet  Mill’s  stark  erschüttert  war,  wurde  sie  doch  nicht  von  allen
klassischen  Volkswirtschaftlern  aufgegeben  und  hat  neuerdings  in
amerikanischen  Veröffentlichungen  eine  Art  von  Renaissance  erlebt 1  2 ).
6.'Das  Gesetz  der  Rente.'«  Wie  wir  gesagt  haben,  hat  das  Gesetz ­
  der  Konkurrenz  die  Wirkung,  die  Preise  der  Produkte  auf  das
Niveau  der  Produktionskosten  zu  bringen.  Wenn  aber,  —  und  das
ist  nicht  nur  möglich,  sondern  muß  sich  mit  Sicherheit  ereignen,  —
gleiche  Produkte  auf  den  Markt  gebracht  werden,  die  verschiedene
Produktionskosten  verursacht  haben,  dann  entsteht  die  Frage:
welche  dieser  verschiedenen  Einzelkosten  bestimmen  den  Preis?
Die  höchsten,  die  „Grenzbeschaffungskosten“.  Notwendigerweise
bleibt  daher  ein  Überschuß  für  alle  gleichartigen  Produkte,  deren
Produktion  weniger  gekostet  hat.  Ricaedo  hatte  das  für  die  land-1

 )  Ohne  zu  glauben,  sich  mit  der  klassischen  Theorie  in  Widerspruch  zu  setzen,
nahm  Stuart  Mill  an,  daß  die  Trade-Unions  die  Beziehung  zwischen  Angebot  und
Nachfrage  ändern  könnten;
sei  es,  indem  sie  das  Angebot  an  Arbeitskräften  von  seiten  ihrer  Mitglieder
auf  dem  Arbeitsmarkt  beschränkten;  nur  fürchtete  er,  daß  die  Lohnerhöhung,  die  so
eine  Folge  einer  Art  von  Monopol  der  organisierten  Arbeiter  sei,  als  Lohnerniedrigung
für  die  Menge  der  anderen  zutage  treten  würde;  sei  es,  indem  sie  die  verfügbaren
Arbeitskräfte  durch  ein  weitertragendes  Mittel  verringerten,  nämlich  durch  die  Beschränkung ­
  in  der  Zahl  ihrer  Kinder;  und  er  glaubte,  daß  die  Trade-Unions  in
Wirklichkeit  dies  Ziel  erreichen  könnten,  indem  sie  ihren  Mitgliedern  Gewohnheiten
des  Komforts  einpflanzten,  die  ihren  Standard  of  life  erhöhen  würden.  Zum
Schluß  endigt  er  daher  stets  im  Malthusianismus.
2 )  Siehe  die  Quarterlies  der  Universitäten  Harvard  und  Columbia.  Und
doch  war  es  ein  Amerikaner,  Francis  Walker,  der  durch  sein  Buch:  The  Wages
Question  (1876)  am  meisten  dazu  beigetragen  hat,  die  Lehre  vom  Lohnfonds
zu  zerstören.
        <pb n="434" />
        412

Drittes  Buch.  Der  Liberalismus.

wirtschaftlichen  Erzeugnisse  und  überhaupt  für  alle  Produkte,  auch
'l  für  die  industriellen  Produkte  konstatiert 1 ).  Stüaet  Mill  dehnt  es
sogar  auf  die  persönlichen  Fähigkeiten  aus.  Das  Gesetz  der  Rente
wird  daher  außerordentlich  erweitert,  obgleich  etwas  weniger  als  bei
Senior  (vgl.  oben  S.  398),
7.*  Das  Gesetz  des  internationalen  Austausches.  *—  Rufen  wir
uns  zunächst  ins  Gedächtnis  zurück,  daß  für  die  Yolkswirtschaftler
der  liberalen  Schule  (vgl.  oben  Eicabdo,  SS.  185—186,  Dünoybe,
SS.  392—394)  der  Austausch  zwischen  den  Ländern  von  den  gleichen
Gesetzen  regiert  wird,  wie  der  Austausch  zwischen  Individuen,  und
genau  die  gleichen  Vorteile  verschafft:  nämlich  jeder  der  beiden
Parteien  eine  gewisse  Arbeitsmenge  zu  ersparen,  indem  er  ihr  —  durch
das  Überlassen  eines  Produktes,  das  ihr  z.  B.  15  Arbeitsstunden  gekostet ­
  hat,  ein  Produkt  verschafft,  das  20  Arbeitsstunden  gekostet
hätte,  wenn  man  es  selbst  hätte  produzieren  wollen.  Der  Gewinn
liegt  daher  einzig  auf  der  Seife  der  Einfuhr,  die  Ausfuhr  ist  nur
das  Mittel  und  mißt  sich  nur  durch  den  Überschuß  des  Einfuhrwertes
über  den  Ausfuhrwert.
Daher  ergab  es  sich  als  sicher,  daß  beide  Parteien  gewinnen:
freilich  war  es  nicht  sicher,  und  sogar  nicht  einmal  wahrscheinlich,
daß  der  Vorteil  für  beide  Teile  gleich  sei;  man  glaubte  aber  zu  der
Behauptung  berechtigt  zu  sein,  daß  der  größere  Gewinn  dort,  wo
eine  Ungleichheit  auftrat,  dem  ärmeren  der  beiden  Länder,  dem
von  Natur  ärmeren  oder  industriell  rückständigeren,  zutiel.  Auf
Grund  der  Definition  würde  ja  gerade  dieses  größere  Mühe  gehabt
haben,  die  eingeführten  Produkte  selbst  zu  erzeugen  oder  wäre  möglicherweise ­
  überhaupt  nicht  imstande  gewesen,  sie  hervorzubringen.

0  „Der  Kostenwert  einer  Ware  ist  der  der  Quantität,  die  am  teuersten  gewesen ­
  ist“  (Principles,  B.  III,  Kap.  6  §  1,  Abt.  7).
„Der  höhere  Gewinn,  den  ein  Fabrikant  oder  ein  Händler  aus  der  Verwendung
von  größeren  Fähigkeiten  oder  einer  besseren  geschäftlichen  Organisation  zieht,  ähnelt
stark  einer  Eente  ...  Sie  genießen  diesen  Vorteil  nur,  weil  sie  einen  Gegenstand
zu  einem  von  den  Produktionskosten  der  Konkurrenten  geregelten
Preise  verkaufen  können,  den  sie  selbst  mit  geringeren  Kosten  herzustellen
verstehen“  (Ebenda).
Jedoch  besteht  zwischen  der  landwirtschaftlichen  und  der  industriellen  Produktion
der  schon  von  Sbniok  klar  hervorgehobene  Unterschied,  daß  die  erstere  durch  das  Gesetz
des  sinkenden  Bodenertrages  begrenzt  ist,  während  die  zweite  im  Gegenteil  sich  eines
steigenden  Ertrages  erfreut,  d.  h.,  daß  gewöhnlich  die  proportioneilen  Kosten  im
Maßstabe  sinken,  wie  die  Produktion  wächst.  Daraus  ergibt  sich  also,  was  übrigens
von  Stuart  Mill;  klar  gezeigt  wird,  daß  der  industrielle  Produzent  das  Interesse
hat,  den  Verkaufspreis  der  Waren  zu  verringern,  um  mehr  hersteilen  zu  können  und
so  durch  die  Vervielfältigung  der  Gewinne  und  die  Erniedrigung  der  allgemeinen
Unkosten  das  für  jede  Einheit  gebrachte  Opfer  wieder  einzubringen.
        <pb n="435" />
        Kapitel  II.  Höhepunkt  und  Niedergang  der  klassischen  Schule.  Stuart  Mill.  413
Hierin  stimmt  die  englische  klassische  Schule  der  Manchesterianer
fast  völlig  mit  der  französischen  Schule  überein x ).
Anscheinend  könnte  man  darauf  erwidern,  daß  unter  der  Herrschaft ­
  der  freien  Konkurrenz  alle  Werte  auf  die  Produktionskosten
zurückgeführt  werden,  und  folglich  alle  Produkte  sich  auf  Grund  der
Hegel:  „gleiche  Arbeit  für  gleiche  Arbeit“  austauschen  müssen,  so
daß  dieser  angebliche  Vorteil  zum  Schluß  verschwinden  müsse.
Ricardo  hat  aber  schon  auf  diesen  Einwurf  geantwortet,  daß,  wenn
die  Regel  „gleiche  Arbeit  gegen  gleiche  Arbeit“  wirklich  den
Austausch  zwischen  Individuen  der  gleichen  Nationalität  regiert,  sie
doch  keineswegs  den  Austausch  zwischen  verschiedenen  LänderiP'beherrscht,
  weil  der  nivellierende  Einfluß  der  Konkurrenz  nicht  mehr
in  Wirkung  tritt  und  zwar  wegen  der  Schwierigkeit,  der  das  Kapital
und  die  Arbeit  bei  ihrer  Übertragung  von  einem  Lande,  auf  das  andere
unterliegen.  Es  kam  daher  nicht  darauf  an,  die  Arbeit  oder  die
respektiven  Kosten  desselben  Produktes  in  den  beiden
Ländern  zu  vergleichen,  sondern  nur  die  respektivenKosten
zweier  Produkte  (des  eingeführten  und  des  ausgeführten)  im
gleichen  Lande.  Hierdurch  wurde  die  Theorie  gestärkt,  die  die
Vorteile  des  internationalen  Handels  an  der  ersparten  Arbeit  mißt *  2 ).
*)  Übrigens  legt  Eicakdo  selbst  die  Vorteile  des  internationalen  Handels  in
Ausdrücken  dar,  die  Bastiat  sich  hätte  aneignen  können:  „In  einem  System  vollkommener ­
  Handelsfreiheit  verwendet  jedes  Land  sein  Kapital  und  seine  Industrie  in
der  Weise,  die  ihm  am  nützlichsten  erscheint.  Die  Zwecke  des  persönlichen  Interesses
stehen  in  vollständiger  Übereinstimmung  mit  dem  allgemeinen  Wohl  der  ganzen  Gesellschaft. ­
  So  gelangt  man  —  ...  indem  man  aus  den  Wohltaten  der  Natur  den  größtmöglichen ­
  Vorteil  zieht,  zu  einer  besseren  Verteilung  und  zu  größerer  Sparsamkeit  in
der  Arbeit.  Zur  gleichen  Zeit  verbreitet  die  Vermehrung  der  allgemeinen  Menge
von  Produkten  überall  Wohlstand:  der  Austausch  verbindet  durch  gemeinsame
Interessenbeziehungen  alle  Teile  der  zivilisierten  Welt  untereinander  und  macht  sie
zu  einer  einzigen  großen  Gesellschaft.  Dieses  Prinzip  schreibt  vor:  Wein  soll  in
Prankreich  und  in  Portugal  erzeugt  werden,  Getreide  in  Polen  und  in  den  Vereinigten
Staaten,  und  Eisenwaren  wie  andere  Gegenstände  werden  in  England  hergestellt“
(Eicakdo,  (Euvres,  franz.  Übers.  S.  105).
2 )  Doch  kann  sich  aus  der  Theorie  Eicakdo’s  folgendes  ergeben,  was  zunächst
paradox  erscheint:  ein  Land  nämlich  kann  seinen  Vorteil  dabei  finden,  nicht  nur,
wie  selbstverständlich,  die  Gegenstände  einzuführen,  die  es  nur  unter  schwereren  $
Bedingungen  als  seine  Konkurrenten  herstellen  kann,  sondern  auch  die  Produkte,
in  denen  es  s.einen  Konkurrenten  relativ  überlegen  ist,  wenn  es  imstande
sein  sollte,  sie  mit  einem  Produkt  zu  bezahlen,  für  die  es  eine  noch  ausgesprochenerere
Überlegenheit  besitzt.  In  diesem  Falle  findet  es  seinen  Vorteil,  sich  des  Produktes,
für  das  seine  Überlegenheit  am  höchsten  ausgebildet  ist,  als  eines  einfachen  Tauschmittels ­
  zu  bedienen,  um  sich  irgendein  anderes  Produkt  zu  verschaffen.
„Nehmen  wir  an,  zwei  Arbeiter  verstehen,  der  eine  wie  der  andere,  Schuhe  und
Hüte  zu  machen.  Der  eine  ist  in  beiden  Professionen  besonders  geschickt;  wenn
er  aber  Hüte  macht,  ist  er  seinem  Konkurrenten  nur  um  ein  Fünftel  oder  20  %  überlegen, ­
  während  er  in  der  Herstellung  von  Schuhen  ihn  um  ein  Drittel  oder  ß3°/ 0
*  8
        <pb n="436" />
        414

Drittes  Buch.  Der  Liberalismus.

Nur,  bleibt  nach  dieser  Theorie  der  Wert  der  ausgetauschten
Produkte  unbestimmt.  Er  wird  irgendwo  zwischen  den  reellen
Produktionskosten  der  ausgeführten  Waren  und  den  virtuellen  Produktionskosten ­
  der  eingeführten  Ware  liegen,  so  daß  für  jedes  der
beiden  Länder  eine  Ersparnis  herauskommt;  aber  das  ist  auch  alles,
was  man  darüber  sagen  kann.  Stüaet  Mill  geht  nun  einen  Schritt
weiter.  Er  gibt  den  Vergleich  der  rein  abstrakten  Produktionskosten ­
  auf,  der  auch  keinen  praktischen  Maßstab  ergeben  kann,  und
sagt,  daß  der  Wert  des  eingeführten  Produktes  sich  durch  die
Menge  des  ausgeführten  Produktes,  das  dafür  ausgetauscht
werden  muß,  bestimmen  läßt 1 ).  Man  muß  daher  die  Ursachen
suchen,  die  einem  Lande,  z.  B.  England  gestatten,  eine  mehr  oder
weniger  große  Menge  Wein  im  Austausch  für  Kohle  zu  erhalten.
Oder  mit  anderen  Worten,  das  Gesetz  der  internationalen  Werte  ist
nicht  mehr  das  Gesetz  der  verglichenen  Produktionskosten,  sondern
das  Gesetz  des  Angebotes  und  der  Nachfrage.  Die  Preise  der  beiden
Waren  stellen  sich  in  der  Weise  ein,  daß  sich  die  von  beiden
Ländern  nachgefragten  Mengen  ausgleichen.  Es  ist  selbstverständlich, ­
  daß,  wenn  die  Kohle  in  Frankreich  viel  mehr  nachgefragt  ist,
als  der  Wein  in  England,  England  eine  viel  größere  Menge  Wein
gegen  seine  Kohle  erhalten  kann  und  sich  daher  in  einer  höchst
vorteilhaften  Lage  befindet.
Die  Theorie  Stüaet  Mill’s 2 )  stellt  daher  in  dem  Sinne  einen
Fortschritt  gegenüber  der  Eicaedo’s  dar,  daß  sie  uns  zu  sagen  gestattet, ­
  in  welchem  Fall  ein  Land  vom  Gesichtspunkt  der  Nachfrage
überflügelt.  Würde  es  nicht  im  Interesse  Beider  liegen,  daß  der  geschickterere
Arbeiter  sich  hauptsächlich  mit  der  Herstellung  von  Hüten  befasse?“  (Bioardo,
Op.  cit.-S.  107,  Anm.)
In  gleicher  Weise  würde  England  Vorteil  darin  finden  können,  seine  Kohle
gegen  französische  Tuche  auszutauschen,  auch  wenn  in  der  Hypothese  England  dieses
Tuch  mit  weniger  Arbeit  als  Frankreich  herstellen  kann.
*)  „In  jedem  Lande  hängt  der  Wert  einer  fremden  Ware  von  der  Menge  einheimischer ­
  Produkte  ab,  gegen  die  sie  ausgetauscht  werden  kann“  (Principles,
B.  III,  Kap.  18,  §  1).
2 )  Stüaet  Mill  hatte  diese-Theorie  zuerst  in  seinen  Essays  über  einige
ungelöste  Fragen  der  Volkswirtschaft  dargelegt.  Er  gibt  eine  verwinkeltere
und  anscheinend  genauere  Ausführung  (er  wendet  sogar  eine  algebraische  Formel
an,  in  seinen  Principles  Bd.  II.  B.  III,  Kap.  18,  §7).  —  Im  Grunde  genommen
sind  alle  diese  Schlußfolgerungen,  die  sich  ebenso  wie  die  Uicakdo’s  auf  die  Hypothese
eines  Austausches  zwischen  zwei  Personen  aufbauen,  reine  Abstraktionen  ohne
praktische  Bedeutung.  Denn  in  Wirklichkeit  ist  der,  der  einführt  und  der,  der  ausführt, ­
  nicht  derselbe,  und  die  Vorteile,  die  der  eine  in  seinem  Import  sucht,  sind
ohne  jede  Beziehung  zu  denen,  die  der  andere  in  seinem  Export  erstrebt.  Allerdings
führt  die  Gesamtheit  der  Ein-  und  Ausfuhr  dazu,  mehr  oder  weniger  ein  Gleichgewicht ­
  herzustellen,  auf  Grund  des  Zuflusses  oder  Abflusses  des  Bargeldes,  was
aber  ein  anderes  Problem  ist.
        <pb n="437" />
        Kapitel  II.  Höhepunkt  und  Niedergang  der  klassischen  Schule.  Stuart  Mill.  415
seiner  Erzeugnisse  einen  größeren  Vorteil  findet  und  infolgedessen
am  Tausch  mehr  gewinnen  kann.  Wird  dies  nun  das  ärmste
Land  sein,  oder  das,  das  industriell  am  höchsten  entwickelt  ist?  —
Stuart  Mill  sagt,  daß  es  das  ärmste  sein  wird,  und  hierin  bestätigt
er  das,  was  Bastiat  einfacher  ansgedrückt  hatte.  Warum  nun?  Weil
ein  reiches  Land  stets  in  der  Lage  ist,  eine  größere  Menge  Produkte
in  die  Wagschale  des  Tausches  zu  werfen  als  ein  armes  Land 1 ).
Wie  man  weiß,  verfechten  die  Schutzzöllner  die  gerade  entgegengesetzte ­
  Theorie,  nämlich  daß  es  im  internationalen  Austausch  stets
das  arme  Land  ist,  das  die  Rolle  des  Dummen  spielt:  Portugal  und
England  wird  z.  B.  oft  von  ihnen  angeführt,  was  aber  eine  Beweisführung ­
  kaum  ersetzen  kann.
Trotz  dieses  Unterschiedes  der  Gesichtspunkte  ist  Stuart  Mill
den  Schutzzöllnern  sympathischer,  als  alle  anderen  Volkswirtschaftler
der  liberalen  Schule.  Und  zwar  aus  folgendem  Grunde.  Seine
Theorie  liefert  ihnen  ein  ausgezeichnetes  Argument.  Sobald  es
nämlich  Angebot  und  Nachfrage  ist,  wodurch  die  Vorteile  des  internationalen ­
  Handels  bestimmt  werden,  ist  es  nicht  unmöglich,  daß
ein  Land  durch  geschickte  Politik  dieses  Gesetz  zu  seinem  Vorteil
wenden  kann,  indem  es  Industrien  hervorruft,  deren  Erzeugnisse  mehr
nachgefragt  sind,  und  deren  Nachfrage  sich  am  ehesten  dazu  eignet,
durch  eine  Preiserniedrigung  vermehrt  zu  werden 2 )  Dies  ist  der
Grund,  weshalb  Stuart  Mill,  durchaus  logisch  in  seinen  Prinzipien,
zugibt,  daß''Schutzzölle,  soweit  sie  einen  provisorischen  Charakter
haben,  berechtigt  sind,  um  einer  neuen  Industrie  Gelegenheit  zu
geben,  Wurzel  zu  fassen  8 ).g
b  „Es  scheint  mir,  daß  diejenigen  Länder  am  vorteilhaftesten  den  Außenhandel
pflegen,  deren  Erzeugnisse  vom  Auslande  am  meisten  nachgefragt  werden,  und  die
selbst  am  wenigsten  ausländische  Produkte  brauchen.  Hieraus  ergibt  sich  unter
anderen,  daß  die  reichsten  Länder  oeteris  paribus  am  wenigsten  an
einer  gegebenen  Menge  ausländischen  Handels  gewinnen;  denn  es  ist
wahrscheinlich,  da  sie  eine  stärkere  allgemeine  Nachfrage  nach  Gegenständen  haben,
daß  sie  auch  eine  stärkere  Nachfrage  nach  fremden  Gegenständen  aufweisen  werden,
und  so  zu  ihrem  eigenen  Nachteile  die  Bedingungen  des  Austausches  verändern“
(B.  III,  Kap.  18.  §  8).  Man  achte  auf  die  Worte:  „an  einer  gegebenen  Menge“:
sie  wollen  besagen,  daß,  wenn  das  reiche  Land  einen  weniger  vorteilhaften  Tausohsatz
  für  seine  Erzeugnisse  hat  als  das  arme  Land,  es  trotzdem,  da  es  viel  mehr  Tauschoperationen ­
  als  das  arme  Land  macht,  mehr  an  der  Gesamtheit  der  Täusche  gewinnt.
Übrigens  sagt  das  Stuaet  Mill  ausdrücklich.  Es  ist  mit  dem  reichen  Lande  und
mit  dem  armen  Lande  dasselbe  wie  mit  dem  großen  Magazin  und  dem  kleinen  Krämer:
zwar  verdient  das  erstere  auf  jeden  Gegenstand  weniger,  aber  im  ganzen  viel  mehr.
2 )  Principles,  B.  II,  8.  125,  franz  Übers.
s )  Stuart  Mill  macht  den  Schutzzöllnern  ein  noch  bedeutenderes  Zugeständnis,
wenn  er  nachweist,  daß  die  Einfuhrzölle  nicht  immer  vom  Verbraucher  in  der  Form
einer  Preiserhöhung  getragen  werden,  sondern  in  gewissen  Fällen  auf  das  Ausland
abgewälzt  werden  können.
        <pb n="438" />
        416

Drittes  Buch.  Der  Liberalismus.

Wenn  nun  auch  Stuart  Mill  den  Nationalisten  durch  seine
Theorie  den  Weg  geöffnet  hat,  so  muß  man  doch  anerkennen,  daß  er
seihst  dem  Freihandel  völlig  treu  geblieben  ist*  Ausgenommen  in
dem  Fall  von  entstehenden  Industrien  verwirft  er  sehr  energisch
alle  und  jede  Schutzzölle."^  „Sie  wirken  nur  bösartig  ...  Sie  hindern
eine  Ersparnis  an  Arbeit  und  Kapital,  deren  Ertrag,  wenn  man  ihre
Verwirklichung  gestattete,  in  irgendeinem  Verhältnis  zwischen  dem
Land,  das  einführt,  und  den  Ländern,  die  die  Erzeugnisse  des  einführenden ­
  Landes  kaufen,  verteilt  werden  würde 1 ).“
Wie  man  weiß,  war  die  freihändlerische  Doktrin  nicht,  wie  die
anderen  Theorien  der  klassischen  Schule,  im  Bereich  der  Spekulation
verblieben,  sondern  hatte  eine  der  bedeutendsten  Bewegungen  der
Wirtschaftsgeschichte  hervorgerufen  und  das  berühmte  Gesetz  vom
25.  Juni  1846  schaffen  helfen,  das  die  (englischen)  Getreideeinfuhrzölle ­
  abschaff'te.  Diesem  Gesetze  folgten  eine  Reihe  weiterer,  die  die
Zollschranken,  eine  nach  der  anderen,  niederwarfen.  Um  dies  zu  erreichen, ­
  war  es  nötig  gewesen,  die  Beredsamkeit  eines  RrcHAED  Cobden,
eines  John  Beight  und  vieler  anderer  in  den  Dienst  der  Lehre  vom
„free-trade“  zu  stellen;  war  es  nötig  gewesen,  1888  die  National
Anti-Corn  Law  League  zu  gründen;  war  es  nötig  gewesen,  10mal
vom  Parlament  zurückgewiesen  zu  werden,  den  Minister  Robbet  Peel
und  den  Herzog  von  Wellington  zu  bekehren;  und  all  dies  wäre
vielleicht  ohne  die  schlechte  Ernte  und  die  drohende  Teuerung  von
1845  vergeblich  geblieben.  —  Dieser  bewunderungswürdige  Kampf  tat
jedoch  mehr  für  den  Triumph  der  liberalen  wirtschaftlichen  Schule
und  für  die  Verbreitung  ihrer  Ideen  als  die  gelehrtesten  Beweisführungen ­
  ihrer  Meister.  Man  weiß,  daß  eine  ähnliche,  von  Bastiat
in  Frankreich  hervorgerufene  Bewegung  fehlschlug,  und  daß  man
14  Jahre  warten  mußte,  ehe  derselbe  Cobden  und  Michel  Chevalibe
den  Vertrag  von  1860  durchsetzen  konnten.  Und  dieser  Vertrag  beruhte ­
  letzten  Grundes  nur  auf  einem  persönlichen  Willensakt  Napoleons ­
  III.  Hierüber  machte  sich  Cobden  auch  keine  falschen  Vorstellungen, ­
  denn  er  sagte,  daß  neun  Zehntel  aller  Franzosen  dieser
Reform  feindlich  gegenüber  ständen.
§  2.  Das  individualistisch-sozialistische  Programm
Stuaet  Mill’s.
Im  vorstehenden  haben  wir  die  um  die  Mitte  des  XIX.  Jahrhunderts ­
  herrschende  Lehre  der  klassischen  Schule  dargestellt,  die
0  Prinoiples,  franz.  Übers.  S.  293.  Und  doch  müssen  diese  Zölle  im  allgemeinen
die  Nachfrage  des  Einfuhrlandes  beschränken  und  infolgedessen  müßten  sie  gerade  nach
der  Formel  Mill’s  das  Gleichgewicht  des  Austausches  zu  seinen  Gunsten  verändern.
        <pb n="439" />
        Kapitel  II.  Höhepunkt  und  Niedergang  der  klassischen  Schule,  Stuart  Mül.  417

übrigens  das  Beiwort  „Schule“  energisch  zurückwies,  weil  sie  sich
uls  im  alleinigen  Besitz  der  wirtschaftlichen  Wissenschaft  betrachtete.
Man  muß  zugeben,  daß  diese  Doktrinen  ein  wohl  zusammengefügtes
Ganzes  bilden,  das  aufrecht  und  imponierend  dasteht.  Zugeben  muß
man  aber  auch,  daß  sie  nicht  viel  gutes  Voraussagen,  ausgenommen
für  die,  die  zufälligerweise  den  besitzenden  Klassen  angehören.  Belagen ­
  diese  Doktrinen  doch,  daß  die  Arbeit  dem  Arbeiter  nur  das
Existenzminimum  sichere,  oder  auf  jeden  Fall  doch  nur  einen  Lohn,
■der  von  Ursachen  bestimmt  wird,  auf  die  er  keinen  Einfluß  hat,  wie
z.  B.  der  größere  oder  geringere  Überfluß  an  Kapitalien,  oder  die
Bewegung  der  Bevölkerungskurve,  Ursachen,  auf  die  auch  die  Freiheit
•der  Assoziation  und  Koalition,  die  man  übrigens  höchst  gnädig  für  ihn
verlangt,  ohne  Einfluß  bleibt;  —  daß  der  Antagonismus  des  Profits
und  des  Lohnes  ein  feststehendes  Gesetz  sei  und  einen  unversöhnlichen ­
  Konflikt  Voraussage;  —  daß  der  Besitz  des  Bodens  ein  Monopol
sichere,  gegen  das  der  Freihandel  nur  eine  ganz  unbedeutende  Wirkung ­
  ausüben  kann;  —  daß  die  Rente,  nämlich,  das  Ergebnis  aller
günstigen  Chancen  des  Lebens,  die  denen  Vorbehalten  sind,  die  so
wie  so  schon  die  Mittel  haben,  ohne  sie  ein  behagliches  Leben  zu
führen,  einen  immer  größeren  Platz  in  den  Einkommen  einnehmen
werde;  —  daß  die  Zurückweisung  jeglicher  Einmischung  des  Staates
■oder  des  Gesetzgebers  zugunsten  der  Arbeiterklasse  mit  ihrer  Würde
•und  ihren  wirklichen  Interessen  nicht  vereinbar  sei.  —  Alles  dies
war  nicht  dazu  angetan,  im  Volke  besondere  Freude  hervorzurufen.
Wenn  die  Wissenschaft  auch  sicherlich  nur  das,  was  wahr  ist,  zu
suchen  hat,  und  nicht  das,  was  zusagt,  so  mußte  man  sich  doch
■darauf  gefaßt  machen,  daß  die  Menschen  mit  der  letzten  Verzweiflung
kämpfen  würden,  ehe  sie  Zugaben,  daß  all  diese  Lehrsätze  wirklich
bewiesene  Wahrheiten  seien.  Gerade  Stuart  Mill  hatte  so  kraftvoll
■dazu  beigetragen,  diese  Menge  von  Lehrsätzen  zu  einem  festen
Ganzen  zusammenzuschweißen  und  das  Gebäude  zu  krönen,  daß  Cossa
sagen  konnte,  seine  Prinzipien  seien  „die  beste  Zusammenstellung,
Vollendung  und  Darlegung  der  Doktrinen  der  klassischen  Schule  in
ihrer  genauesten  Form“').  Und  gerade  er  eröfl'nete  nun  in  den
folgenden  Ausgaben  seines  Buches  und  hauptsächlich  in  seinen  späteren
Schriften  neue  Ausblicke,  die  viele  von  denen  zum  Abfall  brachten,
die  der  klassischen  Schule  sonst  treu  geblieben  sein  würden,  und  sie
nach  dem  hin  orientierte,  was  man  liberalen  Sozialismus  nennen
könnte.
Wir  dürfen  wohl  ohne  Einseitigkeit  behaupten,  daß  die  eigentümliche ­
  Wandlung  Stuart  Mill’s  zum  großen  Teil  dem  Einfluß  der

')  Hi  stoi  re  des  dootrines  eoonomiques,  S.  338  der  franz.  Übers.
Ui  de  und  Eist,  Gesell,  d.  Volkswirtschaft!.  Lehrmeiramgen.  27
        <pb n="440" />
        418

Drittes  Buch.  Der  Liberalismus.

französischen  Gedanken  zuzuschreiben  ist 1 ).  Man  könnte  ein  ganzes
,  und  recht  interessantes  Buch  schreiben,  um  diesen  Nachweis  zu  führen.
Ohne  von  dem  Einfluß  der  Philosophie  A.  Comte’s  zu  sprechen,  auf
den  er  bei  jeder  Gelegenheit  hinweist,  und  um  nur  auf  nationalökonomischen
  Boden  zu  bleiben,  hat  er  selbst  anerkannt,  daß  er  den
Saint-Simonisten  einen  großen  Teil  seiner  Lehre  über  das  Erbrecht
und  das  arbeitslose  Einkommen  verdankt,  Sismondi  seine  Sympathie
für  den  kleinbäuerlichen  Besitz,  und  den  Assozialisten  von  1848
seinen  Glauben  an  die  Kooperativ-Genossenschaften  als  Ersatz  des
Lohnsystems.
Dies  soll  durchaus  nicht  heißen,  daß  Stuart  Mill  sich  zum
Sozialismus  bekehrt  habe.  Freilich  weiß  er  ihn  gegen  unverdiente
Anschuldigungen  zu  verteidigen.  Denen,  die  ihm  vorwerfen,  jede
persönliche  Initiative  und  alle  Freiheit  vernichten  zu  wollen,  antwortete ­
  er  verächtlich,  daß  „der  Lohnempfänger  der  Fabrik  heute
weniger  persönliches  Interesse  an  seiner  Arbeit  habe,  als  irgendein
Mitglied  einer  kommunistischen  Genossenschaft“,  und  daß  „aller
Zwang  des  Kommunismus  als  eine  Erlösung  gegenüber  der  heutigen
Lage  der  Mehrheit  des  Menschengeschlechtes  wirken  würde“ 2 ).  Wenn
er  zugibt,  daß  „schon  heute  der  Kommunismus  von  einer  Elite  von
Menschen  verwirklicht  werden  könne,  und  daß  dies  später  von  allen
getan  werden  kann“ 3 ),  und  wenn  er  der  Hoffnung  Ausdruck  gibt,
daß  eines  Tages  „die  Erziehung,  die  Sitte  und  die  Kultur  der  Gefühle ­
  den  Menschen  dazu  bringen  werden,  für  sein  Vaterland  ebensogut ­
  den  Boden  umzugraben  oder  Leinewand  zu  weben,  wie  er
heute  für  sein  Vaterland  kämpft“  —  so  scheidet  er  sich  doch  nichtsdestoweniger ­
  vom  Sozialismus,  da  er  die  Notwendigkeit  der  freien
Konkurrenz  aufrecht  erhält  und  mit  Energie  jeden  Zwang  der
Mehrheit  hinsichtlich  der  wesentlichen  Rechte  des  Individuumszurückweist.

Der  erste  Schlag,  den  er  gegen  die  klassische  Doktrin  führt,
besteht  darin,  daß  er  ihre  Grundlage,  den  Glauben  an  allgemeine  und
ewige,  natürliche  Gesetze  untergräbt.  Er  geht  nicht  soweit,  zu  behaupten, ­
  wie  es  später  die  historische  Schule  und  der  Marxismus  tun,
daß  diese  angeblichen  natürlichen  Gesetze  nichts  weiter  sind,  als
Ausdrücke  von  Beziehungen,  die  einem  gewissen  Zustande  der  wirtschaftlichen ­
  Geschichte  eigentümlich  sind  und  mit  ihm  sich  ändern

Wir  erinnern  daran,  daß  Stuakt  Mill  sich  verschiedentlich  längere  Zeit  in
'Frankreich  aufgehalten  hat  und  dort  sogar  sein  Leben  beschloß.  Er  hat  einen  Aufsatz ­
  geschrieben,  um  die  Revolution  von  1848  zu  verteidigen,  der  von  Sadi  Caknotins
  Französische  übersetzt  worden  ist  und  als  Buch  veröffentlicht  wurde.
2 )  Principles,  B.  II,  Kap.  1.
3 )  Gouvernement  representatif,  S.  21.
        <pb n="441" />
        Kapitel  II,  Höhepunkt  und  Niedergang  der  klassischen  Schule.  Stuart  Mül.  419

werden.  Aber  er  beginnt  schon  zu  unterscheiden:  —  in  dem  Bereich
der  Produktion  gibt  es  allerdings  natürliche  Gesetze;  doch  im  Bereich
der  Verteilung  gibt  es  nur  Gesetze,  die  von  Menschen  gemacht  worden
sind,  und  die  infolgedessen  auch  von  Menschen  geändert  werden
können  ')•  Ei -  leugnet  daher  formal  die  These  der  klassischen
Volkswirtschaftler,  nach  der  die  Anteile  eines  jeden  der  Teilhaber,
—  Lohn,  Profit  und  Rente  —,  von  Notwendigkeiten  bestimmt  werden,
gegen  die  der  menschliche  Wille  nichts  ausrichten  kann.
Hierdurch  wird  die  Tür  sozialer  Reformen  geöffnet.  Dies  war
nichts  Geringes.  Sicherlich  kann  man  nicht  sagen,  daß  die  klassische
Schule,  oder  sogar  die  optimistische  Schule  die  Möglichkeit  oder  die
Wirksamkeit  jeder  sozialen  Reform  leugnete.  Man  muß  aber  gestehen,
daß  sie  nur  die  private  Tätigkeit  ermutigte,  oder,  wenn  gesetzgeberische
Maßnahmen  in  Betracht  kommen,  nur  die,  die  darin  bestehen,  alte  Gesetze ­
  abzuändern.  Auf  dem  Kongreß  der  liberalen  Nationalökonomen
in  Mainz  im  Jahre  1869  sagte  Braun:  „Unsere  Kongresse  haben  viele
Gegner  ins  Feld  gerufen,  weil  wir  das  Prinzip  aufgestellt  haben,  daß
menschliche  Gesetzgebung  die  ewigen  Gesetze  der  Natur,  die  das
wirtschaftliche  Leben  regieren,  nicht  ändern  kann.“  Erklärungen
dieser  Art  finden  sich  überreichlich  in  den  französischen  Büchern.
Aber  dank  der  Unterscheidung  Stuakt  Mill’s  ändert  sich  das  Alles.
Denn  wenn  der  Gesetzgeber  auch  den  Gesetzen  der  Produktion  ohnmächtig ­
  gegenübersteht,  so  hat  er  doch  alle  Macht,  um  die  Gesetze  der
Verteilung  abzuändern;  und  es  ist  unnötig,  darauf  hinzuweisen,  daß
gerade  hier  sich  die  Kämpfe  um  fast  alle  Forderungen  abspielen.
In  Wirklichkeit  unterliegt  die  Unterscheidung,  die  Stuart  Mill
gemacht  hat,  sehr  der  Kritik,  wenigstens  insoweit  die  Ausdrücke,
in  die  er  sie  gefaßt  hat,  in  Betracht  kommen,  und  wenn  er  versichert,
daß  dies  „sein  bedeutendster  und  originalster  Beitrag  zur  Wissenschaft
der  Volkswirtschaft  sei“,  beurteilt  er  seine  Verdienste  schlecht.  Die
Produktion  und  die  Verteilung  sind  nicht  getrennte  Kreise.  Sie
gehen,  und  zwar  fast  auf  allen  Punkten,  ineinander  über.  Übrigens
setzt  sich  Stuart  Mill  selbst  in  Widerspruch  mit  seiner  These,  da,
wie  wir  sehen  werden,  die  Reformen,  die  er  vorschlägt,  Produktivgenossenschaften ­
  oder  kleinbäuerlicher  Besitz,  sich  ebensowohl  auf  das
Reich  der  Produktion  als  auf  das  der  Verteilung  erstrecken.  Man

')  „Pie  ersteren  (die  Gesetze  der  Produktion)  haben  einen  ähnlichen  Charakter,
wie  die  physischen  Gesetze.  In  ihnen  gibt  es  nichts  Fakultatives  oder  Willkürliches  ....
Für  die  Gesetze  der  Verteilung  gilt  aber  nicht  dasselbe.  Sie  sind  nur  eine  menschliche ­
  Einrichtung  ....  Die  Gesellschaft  kann  die  Verteilung  der  Güter  solchen
Kegeln  unterwerfen,  wie  sie  ihr  gut  dünken“  (Principles,  B.  II,  Kap.  1,  §  1).
Man  weiß,  daß  später  Karl  Marx  behauptet,  die  Verteilung  werde  durchaus
von  der  Produktion  bestimmt.

27*
        <pb n="442" />
        420

Drittes  Buch.  Der  Liberalismus.

kann  aber  vielleicht  den  Gedanken  Stuabt  Mill’s  genauer  ausdrücken,
wenn  man  seine  allzu  einfache  Unterscheidung  durch  eine  andere  ersetzt,
die  Rodbeetus  ungefähr  zur  gleichen  Zeit  aufstellt:  die  der  wirtschaftlichen ­
  Beziehungen  und  die  der  rechtlichen  Beziehungen ­
 1 ).  Obgleich  auch  diese  beiden  vielfach  miteinander
verflochten  sind,  so  versteht  man  doch,  daß  die  wirtschaftlichen
Gesetze,  die  den  Tauschwert  regulieren  oder  die  Ausdehnung  industrieller ­
  Unternehmungen  bestimmen,  nicht  von  der  gleichen  Art
sind,  wie  die  Grundlagen,  auf  denen  die  gesetzliche  Übertragung
des  Eigentums  sich  aufbaut,  oder  wie  die,  aus  denen  sich  die  Verpflichtungen ­
  der  Parteien  eines  Interessen-,  eines  Lohn-  oder  eines
Pachtvertrages  ergeben.  Die  ersteren  können  als  natürliche  Gesetze
bezeichnet  werden,  während  die  zweiten  nur  das  Werk  einer  gesetzgeberischen ­
  Autorität  darstellen.
Stuabt  Mill  begnügt  sich  aber  nicht  damit,  den  Reformen  die
Tür  zu  öffnen.  Er  tritt  selbst  mit  vollem  Entschluß  über  die  Schwelle.
Er  bringt,  und  darin  unterscheidet  er  sich  von  allen  klassischen
Volks  Wirtschaftlern,  ein  breit  angelegtes  sozialpolitisches  Programm,
das  er  selbst  in  folgender  Weise  formuliert:  „Vereinigung  des  Höchstmaßes ­
  an  individueller  Handlungsfreiheit  mit  Gemeinsamkeit  am
Besitz  der  natürlichen  Schätze  der  Welt  und  gleichmäßiger  Anteil
aller  an  den  Erzeugnissen  der  Arbeit,  die  diese  Schätze  ausnützt“  2 ).
Dieses  Programm  läßt  sich  in  folgenden  drei  Sätzen  zusammenfassen:
1.  Ersatz  des  Lohnsystems  durch  die  Produktivgenossenschaft;
2.  Sozialisation  der  Bodenrente  durch  die  Grundsteuer;
3.  Beschränkung  der  Ungleichheit  der  Vermögen  durch  eine
Beschränkung  des  Erbrechtes.
Wie  .man  sieht,  entspricht  diese  dreifache  Reform  durchaus  den
von  Stuabt  Mill  aufgestellten  Bedingungen:  denn  sie  ist  nicht  nur
nicht  in  Widerspruch  mit  dem  individualistischen  Prinzip,  sondern
sie  bezweckt  gerade,  es  in  diesen  drei  Punkten  zu  verstärken;  sie
bedeutet  keinen  Zwang  gegen  das  Individuum  und  strebt  im  Gegenteil
auf  seine  Emanzipierung  hin.  Betrachten  wir  daher  kurz  jede  dieser
Reformen.
1.  Das  Lohnsystem  erschien  Stuabt  Mill  als  eine  für  die  Individualität ­
  durchaus  verderbliche  Ordnung.  Weshalb?  Weil  es  dem
Menschen  alles  Interesse  an  seinem  Arbeitserzeugnis  nimmt  und
daher  schon  heute  für  die  große  Mehrzahl  jene  völlige  Gleichgültigkeit
für  die  eigene  Arbeit  zur  Tatsache  macht,  die,  nach  dem  Vorwurf

’)  Siehe  besonders  die  Einführung  Chatelain’s  zur  franz.  Übers,  von  Eodbertüs  :
Das  Kapital.
2 )  Antobiography,  S.  232  (London,  1873).
        <pb n="443" />
        Kapitel  II.  Höhepunkt  und  Niedergang  der  klassischen  Schule.  Stuart  Mill.  421

der  Individualisten,  die  Kommunisten  für  die  Gesamtheit  verwirklichen
wollten.
Daher  muß  es  durch  eine  „Assoziationsform  ersetzt  werden,  die,
wie  man  hoffen  kann,  wenn  die  Menschheit  im  Fortschritt  fortfährt,
endlich  zur  Vorherrschaft  kommen  wird,  und  zwar  nicht  mehr  die
Form,  die  heute  zwischen  dem  Kapitalisten  als  Herrn  und  den  Lohnempfängern ­
  ohne  jeden  Einfluß  auf  die  Leitung  besteht,  sondern  eine
Genossenschaft  zwischen  Arbeitern  selbst,  die,  untereinander  vollständig ­
  gleich,  zusammen  das  in  dem  Unternehmen  angelegte  Kapital
besitzen,  und  die  nur  selbst  gewählten  Direktoren  gehorchen,  die  sie
selbst  auch  wieder  absetzen  können“  1 ).  Diese  kooperative  Lösung,  die
er  „ein  edles  Ideal“  nennt,  kam  ihm  nicht  von  Owen,  sondern  von  dem
französischen  Assozialismus,  der  sie  als  Allheilmittel  gepriesen  hatte
und  sie  1848  zu  einer  glänzenden,  wenn  auch  nur  ephemeren  Blüte
brachte.  Man  weiß,  daß  Stuakt  Mill  nicht  der  einzige  gewesen  ist,
der  von  dem  Schemen  der  Produktivgenossenschaft  verführt  wurde;
wie  wir  später  sehen  werden,  beruhte  die  englische  Bewegung,  die  den
Namen  „christlicher  Sozialismus“  trug,  direkt  auf  diesen  Gedanken.
Stuart  Mill  lebte  jedoch  lange  genug,  um  den  Niedergang  der
Produktivgenossenschaften  in  Frankreich  und  den  Aufschwung  der
Konsumgenossenschaft  in  England  zu  sehen.  Anscheinend  hat  ihm
aber  dieser  Gegensatz  keine  Veränderung  seiner  Auffassung  der
Produktivgenossenschaft  als  Emanzipationsmittel  nahe  gelegt 2 ).
Übrigens  läuft  eins  wie  das  andere  stets  auf  eine  Emanzipation  des
Arbeitenden  „durch  eigene  Kraft“  hinaus.

b  Principles,  B.  IV,  Kap.  7,  §  6.  „Ausgenommen  im  Falle,  daß  es  dem
militärischen  Despotismus,  der  heute  auf  dem  Kontinent  triumphiert,  gelingt,  seine
verbrecherischen  Anschläge  gegen  den  menschlichen  Fortschritt  auszuführen,  ist  es
sicher,  daß  die  Lage  des  Lohnempfängers  bald  nur  den  Arbeitern  genügen  wird,
deren  moralischer  Tiefstand  sie  der  Unabhängigkeit  unwürdig  macht,  und  daß  das
Verhältnis  zwischen  Arbeitgeber  und  Arbeitnehmer  durch  die  Assoziation  in  einer
der  beiden  folgenden  Formen  ersetzt  werden  wird:  in  gewissen  Fällen  zeitweilige
Assoziation  der  Arbeiter  mit  dem  Unternehmer;  in  anderen  Fällen,  und  zuletzt  in
allen,  Assoziation  der  Arbeitnehmer  untereinander“  (B.  IV.  Kap.  7,  §  4).
„Auf  diese  oder  auf  eine  andere  Weise  würden  die  bestehenden  Kapitalansammlungen ­
  ehrlich  und  ganz  spontan  zum  Schluß  das  Eigentum  derer  werden,
die  sich  ihrer  zur  Produktion  bedienen.  Eine  solche  Umformung  der  Gesellschaft
würde  die  der  sozialen  Gerechtigkeit  am  nächsten  kommende  Form  sein;  eine  Form,
die  für  die  Organisation  der  Industrie  im  Interesse  aller  die  dienlichste  ist,  die  man
sich  heute  als  möglich  vorstellen  kann“  (8.  323  d.  franz.  Übers.).

2 )  Doch  hat  ihm  wahrscheinlich  der  Aufschwung  der  Konsumgenossenschaften
den  Gedanken  eingegeben,  dem  er  verschiedentlich  Ausdruck  gibt,  und  dessen  Bedeutung ­
  nicht  gering  ist,  daß  der  unbilligerweise  von  den  Verbrauchern  durch  die
Zwischenhändler  erhobene  Tribut  größer  ist  als  der,  den  die  Kapitalisten  von  den
Lohnempfängern  erheben,  und  daß  die  Arbeitenden  noch  mehr  von  der  Abschaffung
des  ersteren,  als  der  des  zweiten  gewinnen  würden.
        <pb n="444" />
        422

Drittes  Buch.  Der  Liberalismus.

2.  Die  Bodenrente,  die  Ricabdo  und  seine  Schüler  als  eine
natürliche  oder  sogar  notwendige  Tatsache  angenommen  hatten,
erschien  ihm  gleichfalls  als  anormal.  Sie  stand  ebenso  wie  das  Lohnsystem ­
  im  Widerspruch  mit  dem  Individualismus,  wenn  auch  von
einem  verschiedenen  Gesichtspunkt  aus.  Wies  sie  doch  gewissen
Menschen  das  zu,  was  nicht  das  Ergebnis  ihrer  individuellen  Arbeit
war,  während  der  wirkliche  Individualismus  Jedem  den  Ertrag  seiner
Tätigkeit  zuspricht:  suumcuique!
Ob  dieses  Einkommen  auf  der  Mitarbeit  der  Natur  beruhte,  wie
die  Physiokraten  und  Adam  Smith  glaubten,  oder  ob  es,  wie  Ricardo
und  Malthus  annahmen,  eine  Folge  des  Andrängens  der  Bevölkerung
war,  oder  ob  der  Zufall  und  soziale  Konjunkturen  es  verursachten,
wie  Senior  lehrte  —  auf  jeden  Fall  mußte  es,  gerade  auf  Grund
des  Prinzipes  „jedem  das  Produkt  seiner  Arbeit“  der  Gemeinschaft
zurückgegeben  werden.  Nichts  war  einfacher,  als  dies  durch  das
Mittel  einer  Grundsteuer  zu  erreichen,  hoch  genug,  um  die  Bodenrente ­
  aufzusaugen:  diese  Steuer  mußte  man  von  Zeit  zu  Zeit  erhöhen,
um  dem  Wachstum  der  Rente  zu  folgen.  Dies  war  eine  groß  angelegte
Idee,  die  Stuart  Mul  übrigens  schon  von  seinem  Yater  überkommen
hatte,  und  um  die  sich  eine  ganze  Schule  von  Volkswirtschaftlern
sammeln  sollte,  die  dem  Sozialismus  als  solchem  fern  stand.
Aber  die  Bewegung,  die  aus  dieser  Idee  der  Wegsteuerung  der
Bodenrente  entstand,  ist  bedeutend  genug,  um  besonders  untersucht
zu  werden,  findet  aber  besser  ihren  Platz  in  dem  Kapitel,  das  später
dieser  Frage  gewidmet  sein  wird.
Übrigens  würde  sich  Stuart  Mill,  in  Erwartung  dieser  etwas
revolutionären  Reform,  mit  einer  bescheideneren  begnügt  haben,  die,
wie  die  Produktivgenossenschaft,  ihm  von  dem,  was  er  in  Frankreich
gesehen  hatte,  nahe  gelegt  worden  war:  es  war  dies  die  Ausdehnung
des  kleinbäuerlichen  Eigentums.  Seit  den  Reisen  Arthur  Yoüng’s  in
Frankreich  war  es  übrigens  bei  den  Engländern  Mode J ),  den  franzö*) ­

  A.  Young-  ist  aber  trotzdem  Anhänger  des  landwirtschaftlichen  Großbetriebes
geblieben,  während  bei  Stuart  Mill  die  Bekehrung  vollständiger  gewesen  zu
sein  scheint.
Doch  wurde  das  bäuerliche  Besitztum  von  Stuart  Mill  nur  „in  Erwartung“
einer  radikaleren  Lösung  vorgeschlagen,  die  in  der  oben  erwähnten,  in  der  Assoziation, ­
  besteht,
„Die  in  einem  anderen  Teil  dieses  Werkes  ausgedrückte  Meinung  über  den
Kleingrundbesitz  und  über  die  bäuerlichen  Besitzer  hat  den  Leser  vielleicht  zu
dem  Glauben  verführt,  daß  ich  auf  eine  große  Teilung  des  Großgrundbesitzes
rechne,  um  die  Arbeiter,  wenigstens  die  Landarbeiter,  der  Notwendigkeit  zu  überheben, ­
  ihren  Lebensunterhalt  allein  von  ihrem  Lohn  zu  erwarten.  Doch  ist  dies
nicht  meine  Meinung.  Zwar  glaube  ich,  daß  diese  Form  der  ländlichen  Bewirtschaftung,
die  grundlos  kritisiert  worden  ist,  in  ihrem  Gesamteinfluß  auf  das  Glück  der  Menschen
        <pb n="445" />
        Kapitel  II.  Höhepunkt  und  Niedergang  der  klassischen  Schule.  Stuart  Mill.  423

sischen  Bauer  zu  bewundern.  Die  hauptsächlichsten  Vorteile,  die
Stuart  Mill  dem  kleinen  Besitz  zuschreibt,  sind  die  Neutralisation
der  Ungerechtigkeiten  der  Bodenrente  durch  ihre  Zersplitterung,  der
Schutz  der  unabhängigen  Produktion  gegen  ein  Versinken  in  die
Lohnarbeit,  die  Entwicklung  der  individuellen  Initiative  und  der
Intelligenz  der  Bauern,  und  hauptsächlich  der  energische  Zügel,  den
sie  dem  natürlichen  Streben  nach  einer  unüberlegten  Bevölkerungsvermehrung ­
  anlegt.
Man  muß  darauf  hinweisen,  daß  Stuart  Mill  seine  Vorliebe
für  den  kleinbäuerlichen  Besitz  —  für  die  herrliche  französische
Bauernschaft,  „the  beautiful  French  peasantry“  wie  man  sie
seitdem  genannt  hat  —  der  ganzen  radikalen  Partei  in  England  eingeimpft ­
  hat.  Die  Gesetze,  die  in  England  seit  dem  Ende  des
19.  Jahrhunderts  fortlaufend  gegeben  worden  sind,  um  mitten  in  den
großen  Latifundienbezirken  Inseln  des  Kleinbesitzes  zu  schaffen
(Small  Holding  Acts),  sind  seinem  Einfluß  zuzuschreiben.
3.  Schließlich  lehnt  sich  Stuart  Mill  nicht  weniger  stark  als
gegen  die  Bodenrente  auch  gegen  das  alte  Erbrecht  auf,  das  Eeichtümer
  an  solche  gibt,  .die  sie  nicht  erzeugt  haben.  —  Wie  wir  gesehen
haben,  machte  Senior  hier  keine  Unterscheidung,  sondern  faßte  beides
unter  demselben  Namen  „Rente“  zusammen.  —  Das  Erbrecht  erschien
Stuart  Mill  dem  wohlverstandenen  individualistischen  Prinzip  ebenso
sehr  zuwiderzulaufen  wie  die  Bodenrente  und  sogar  im  Gegensatz  zu
dem  Gesetz  der  freien  Konkurrenz  zu  stehen,  da  es  die  Konkurrenten
unter  durch  und  durch  ungleichen  Bedingungen  kämpfen  läßt.  Hierin
unterliegt  Stuart  Mill,  was  er  auch  nicht  verbirgt,  dem  Einfluß  der
Saint-Simonisten  und  ihrer  Verachtung  für  den  „Zufall  der  Geburt“.
Jedoch  stieß  er  hier,  soweit  die  testamentarische  Erbfolge  in
Betracht  kommt,  auf  eine  große  Schwierigkeit:  denn  das  freie  Verfügungsrecht ­
  über  seinen  Besitz  zu  Lebzeiten,  und  sogar  nach  dem
Tode  ist  vielleicht  der  hervorragendste  Ausdruck  der  Individualität,
bei  weitem  der  Lohnarbeit  vorzuziehen  ist  .  .  .  Aber  der  Zweck  des  Fortschrittes
ist  nicht  nur  der,  die  Menschen  in  eine  Lage  zu  versetzen,  in  der  sie  ohne  einander
anskommen  können,  sondern  ihnen  zu  gestatten,  zusammen  unter  gegenseitigen ­
  Beziehungen  zu  arbeiten,  die  keine  Abhängigkeitsbeziehungen ­
  sind“  (B.  IV,  Kap.  7,  §  4).
Die  dem  ländlichen  Kleinbesitz  als  wenigstens  partielle  Lösung  der  sozialen
Frage  zugesprochene  Bedeutung  ist  übrigens  keine  Besonderheit  Stuaet  Mill’s.  Ohne
auf  Sismondi  zurückzugreifen,  der,  wie  wir  gesehen  haben,  sich  viel  damit  beschäftigt
hatte,  wurde  sie  von  Thoknton  in  England,  in  seinem  Buch:  Befürwortung  des
bäuerlichen  Eigentums  (1848)  und  von  Hippolyte  Passy  in  Frankreich  in
einem  ausgezeichneten  kleinen  Buch:  Des  Systemes  de  culture  (1852)  eindringlich ­
  empfohlen.  Doch  blieben  die  klassischen  Yolkswirtschaftler  mehr  dem
landwirtschaftlichen  Großbetrieb  günstig  gesinnt:  besonders  Lavebgke,  Essai  sur
l’Eeonomie  rurale  de  1’Angleterre.
        <pb n="446" />
        424

Drittes  Buch.  Der  Liberalismus.

da  er  eine  Art  von  Fortleben  des  Willens  darstellt.  Stuaet  Mill.
entzieht  sich  dieser  Schwierigkeit  in  höchst  geistreicher  Weise:  er
achtet  das  Verfügungsrecht  des  Besitzers,  aber  begrenzt  das  Erwerbsrecht ­
  bei  den  Erben:  der  Erbe  darf  über  ein  bestimmtes  Vermögen
hinaus  nichts  erhalten.  Der  Erblasser  besitzt  die  volle  Freiheit,  sein
Vermögen  jedem,  dem  er  will,  zu  geben  oder  zu  hinterlassen,  aber
nicht  dem,  der  schon  einen  genügenden  Anteil  am  Reichtum  hat.  Von
allen  von  Stuaet  Mill  vorgeschlagenen  Lösungen  ist  diese  offenbar
die  am  stärksten  sozialistische:  daher  schlägt  er  sie  auch  mehr  in
der  Form  einer  Anregung  als  eines  positiven  Projekts  vor 1 ).
Stuaet  Mill  hätte  in  das  Kapitel  eingereiht  werden  können,,
das  wir  den  Pessimisten  gewidmet  haben,  denn  in  gewisser  Hinsicht
gehört  er  zu  ihrer  Schule,  besonders,  weil  er  stets  mehr  die  trübe-Seite
  der  wirtschaftlichen  Tatsachen  ins  Auge  faßt.  Wie  wir  schon
gesehen  haben,  erscheint  ihm  nicht  nur  das  Gesetz  der  Bevölkerung
als  voller  Gefahren  für  die  Zukunft  der  Arbeiterklasse,  sieht  er  nicht
nur  in  dem  Gesetz  des  sinkenden  Bodenertrages,  d.  h.  in  der  verhängnisvollen ­
  Begrenzung  der  zum  Leben  notwendigen  Erzeugnisse,
„die  wichtigste  Wahrheit  der  volkswirtschaftlichen  Wissenschaft“,
sondern  seine  Bücher  sind  voll  von  melancholischen  Betrachtungen
über  den  eitlen  Glauben  an  den  Fortschritt.  So  sagt  er  z.  B.  an  der
so  oft  angeführten  Stelle:  „Es  ist  zweifelhaft,  ob  alle  mechanischen
Erfindungen  die  tägliche  Arbeitslast  irgendeines  menschlichen  Wesens
erleichtert  haben 2 )“.  Und  in  gleicher  Weise  zeigt  er  uns  in  einerergreifenden
  Vision  die  Zukunft  der  Gesellschaft  und  führt  aus:  „wie
der  Strom  menschlichen  Fleißes  am  Ende  allen'  Endes  in  ein  stagnierendes ­
  totes  Meer  mündet“.
Es  ist  der  Mühe  wert,  einen  Augenblick  bei  dieser  Idee  eines
stationären  Zustandes  zu  verweilen,  die,  wenn  auch  ihre  Ur-3
 )  „Wenn  ich  einen  Q-esetzeseod.es:  formulieren  sollte,  der  mir  an
sich  als  der  beste  erscheint,  so  würde  ich  vorziehen,  nicht  die  Quote  festzulegen, ­
  die  ein  jeder  testamentarisch  vermachen  kann,  sondern  die  Höhe  der  Erbschaft,
die  ein  jeder  durch  erblasserliche  Zuwendung  oder  als  Erbschaft  erhalten  darf.  Es
soll  einem  jeden  frei  stehen,  über  sein  Eigentum  durch  Testament  zu  verfügen,  aber
nicht  es  zu  verschwenden,  um  ein  oder  mehrere  Personen  über  ein  bestimmtes,  festgelegtes ­
  Maximum  hinaus  zu  bereichern“  (Bd.  L,  B.  II,  Kap.  2,  §  4).
Es  ist  kaum  notwendig,  darauf  hinzuweisen,  daß  die  Beschränkung  des  Erbrechtes
eine  durchaus  persönliche  Auffassung  des  Individualismus  Stuart  Mill’s  ist,  die,
gerade  wie  übrigens  die  vorhergehenden  Lösungen,  von  der  überwiegenden  Mehrzahl
der  Individualisten  verworfen  wird.  Es  ist  daher  etwas  gewagt,  wenn  Schatz  in
seinem  Buch  über  den  Individualismus  behauptet,  daß  „Stuart  Mill  der  wirkliche
Wardein  des  individualistischen  Geistes  sei!“  Er  wäre  dann  ein  etwas  ungetreuer
Verwalter,  dessen  Unterschlagungen  zu  zahlreichen  Prozessen  Anlaß  gegeben  hätten!
2 )  Principles,  B,  IV,  Kap.  6,  §  2.
        <pb n="447" />
        Kapitel  II.  Höhepunkt  und  Niedergang  der  klassischen  Schule.  Stuart  Milk  425
spränge  weit  vor  Mill  liegen,  doch  einer  der  für  ihn  bezeichnendsten
Gedanken  seines  Werkes  ist,  in  dem  man  sogar  „am  Ende  allen
Endes“  seine  Lösung  der  sozialen  Frage  suchen  muß.  v
Wie  wir  sahen,  haben  die  Volkswirtschaft!er  und  besonders
Eicaedo  das  Gesetz  des  allmählich  sinkenden  Profits,  als  eng  mit
dem  Gesetz  des  sinkenden  Bodenertrages  verbunden  gelehrt.  Sie
glaubten,  daß  es  bis  zu  dem  Punkte  fortwirken  würde,  an  dem  die
Verminderung  des  Profits  so  groß  geworden  sei,  daß  die  Bildungneuer
  Kapitalien  verhindert  würde 1 ).  Stüaex  Mill,  der  diese
Theorie  an  dem  Punkt,  an  dem  sie  sie  verlassen  hatten,  wieder  aufnimmt, ­
  kommt  zu  dem  Schluß,  daß  die  Industrie,  da  sie  notwendigerweise ­
  von  dem  Kapital  begrenzt  wird,  an  dem  Tage  nicht  mehr
wachsen  kann,  an  dem  die  Menge  des  Kapitals  stationär  geworden
sein  wird.  Von  dem  Augenblick  an  wird  es  zu  einer  zwingenden
Notwendigkeit,  daß  auch  die  Bevölkerung  stationär  werde,  und  so
wird  das  ganze  wirtschaftliche  Leben  zum  Stillstand  kommen.  Aber
—  und  dies  ist  es,  was  diesen  Gedanken  so  bestechend  macht,  —
wenn  sich  Stuaet  Mill  über  diese  Perspektive  vom  wirtschaftlichen
Gesichtspunkt  bestürzt  zeigt,  so  erfüllt  sie  ihn  vom  moralischen
')  „Eine  gewisse  Höhe  des  Profits  ist  die  notwendige  Voraussetzung  für  jede
Kapitalansaininlung,  die  die  Gesamtsumme  vermehrt.  .  .  Wenn  auch  diese  Minimalhöhe
verschieden  sein  kann,  und  obgleich  es  unmöglich  sein  mag,  ihre  genaue  Höhe  in
einem  gegebenen  Augenblick  festzusetzen,  so  besteht  doch  dies  Minimum  stets.  Sei
es  hoch  oder  niedrig,  sobald  es  einmal  erreicht  worden  ist,  kann  die  Summe  der
Kapitalien  nicht  weiter  steigen.  Das  Land  hat  den  Zustand  erreicht,  den  die  Volks-Wirtschaftler
  den  stationären  Zustand  nennen“  (Principles,  Bd.  II,  SS.  275—276
d.  franz.  Übers.).
Stuart  Mill  gibt  die  Ursachen  an,  die  das  Fallen  des  Profit  bestimmen,  —
wie  auch  die,  die  zeitweilig  dieses  Fallen  verhindern;  besonders  Fortschritte  in  den
Produktionsmethoden,  und  umgekehrt,  Vernichtung  von  Kapitalien  durch  Kriege
und  Krisen.
Es  ist  nicht  unnötig,  darauf  hinzuweisen,  daß  das  Wort  Pr  o  fit  bei  den  englischen
klassischen  Ökonomisten  und  besonders  bei  Stuart  Mill  nicht  dieselbe  Bedeutung
hatte,  wie  bei  den  französischen  Ökonomisten.  Die  letzteren  haben  seit  J.-B.  Say
das  Wort  Profit  angewendet,  um  besonders  den  Anteil  des  Unternehmers  zu  bezeichnen; ­
  den  Anteil  des  passiven  Kapitalisten  nennen  sie  Zinsen  (interet).  Bei
den  englischen  Volkswirtschaftlern  wurde  jedoch  die  Funktion  des  Unternehmers
nicht  von  der  des  Kapitalisten  unterschieden,  weshalb  das  Wort  Profit  gleichzeitig
zur  Bezeichnung  dessen,  was  in  Frankreich  Profit  und  was  Zins  hieß,  gebraucht
wurde.  Hieraus  ergibt  sich  folgendes:  Während  die  Hedonisten  unter  den  französischen
Volkswirtschaftlern  logisch  nachweisen  können,  daß  unter  einer  hypothetischen
Herrschaft  der  vollkommen  freien  Konkurrenz  der  Profit  auf  Null  sinken  würde,  können
die  englischen  Volkswirtschaftler  diese  These  nicht  zugeben,  weil  für  sie  der  Profit
auch  den  Zins  einschließt,  der,  so  sehr  er  auch  zurückgehen  möge,  als  Entlohnung
der  Abstinenz  notwendig  bleibt.
Übrigens  ist  es  die  französische  Auslegung  des  Wortes  Profit,  die  sich  heute
überall  Bahn  bricht.
        <pb n="448" />
        426

Drittes  Buch.  Der  Liberalismus.

Gesichtspunkt  aus  mit  Freude.  „Ein  solcher  Zustand“,  „sagt  er,  ist
dem  jetzigen  bedeutend  yorzuziehen.“  Warum  nun?  Weil  er  glaubt,
daß  der  Strom  der  menschlichen  Energie  deshalb  noch  nicht  versiegen,
sondern  nur  sein  Bett  ändern  und  neue  Felder  befruchten  wird.
An  dem  Tage,  an  dem  die  Menschen  müde  sein  werden,  den  einzigen
Inhalt  ihres  Lebens  darin  zusehen,  „den  Dollar  zu  jagen  und  Dollarjäger ­
  aufzuziehen“,  werden  sie  Befriedigungen  höherer  Art  suchen.
Mit  einem  Worte,  er  hofft,  daß  alles  das,  was  für  den  wirtschaftlichen
Fortschritt  verloren  sein  wird,  für  den  moralischen  Fortschritt  Gewinn ­
  bedeutet,  und  daß  in  diesem  leisen  Verklingen  der  jetzt  so
leidenschaftlichen  Wünsche  das,  was  man  die  soziale  Frage  nennt,
gelöst,  oder  besser  verschwunden  sein  wird  *).  Und  auch  .ich  sehe
heute  unter  allen  dargebotenen  Gaben  der  Reformatoren  noch  nichts  &amp;gt;
Besseres.

§  3.  Die  Nachfolger  Stuart  Mill’s.
Der  Einfluß  Stuart  Mill’s  war  universal,  aber  trotzdem  hinterließ ­
  er  keine  wirklichen  Schüler,  vielleicht  deshalb,  weil  die,  die  es
geworden  sein  könnten,  wie  z.  B.  Arnold  Toynbee,  sich  der  historischethische ­
  Schule  angeschlossen  haben.
Die  klassische  Schule  folgte  ihm  nicht  in  seinen  sozialistischen  7
Tendenzen.  Sie  fuhr  fort,  die  Lehren  ihrer  ersten  Meister  zu  lehren,
—  aber  mit  vermindertem  Ansehen,  und  sie  erzeugte  keine  W r erke
mehr,  die  denen  gleichgestellt  werden  können,  die  wir  eben  studiert
haben.  Es  gibt  jedoch  einige,  die,  wenn  sie  auch  nur  zweiten
Ranges  sind,  ausgezeichnet  genannt  werden  können.  Wir  weisen  nur
auf  die  wichtigsten  hin.
In  England  gehören  dazu  die  Bücher  von  Cairnbs,  besonders
Some  Leading  Principles  of  Political  Economy,  das  1874
erschien.  Gewöhnlich  stellt  man  Cairnes  als  einen  Schüler  Stuart
Mill’s  hin:  das  ist  jedoch  ganz  und  gar  verkehrt *  2 ).  Er  ist  in  jeder
Weise  ein  Klassiker,  ebenso  wohl  durch  die  deduktive  Methode,  die  er
die  einzig  mögliche  nennt,  und  die  er  sogar  übertreibt,  als  auch  durch

')  In  einem  der  Briefe  an  Gustave  d’  Biohthal,  die  vor  kurzem  veröffentlicht
worden  sind,  schreibt  er,  indem  er  von  Auguste  Comte  spricht:  „Was  für  ein  ungeheuerlicher ­
  Irrtum  liegt  doch  in  dem  Glauben,  daß  dieses  Gesetz  der  Zivilisation
einen  beständigen  Fortschritt  erheische!  Warum  nicht  zugeben,  daß  im  Maßstabe,
wie  die  Menschheit  in  gewissen  Richtungen  fortschreitet,  sie  in  anderen  Rückschritte
macht?“
2 )  Man  kann  ihn  jedoch,  soweit  soziale  Reformen  in  Betracht  kommen,  hinsichtlich ­
  eines  Punktes  als  von  Stuart  Miel  beeinflußt  ansehen:  er  erklärt,  allerdings
nebenbei,  daß  „die  Kooperation“  der  einzige  Ausweg  aus  der  heutigen  Lage  sei.
        <pb n="449" />
        Kapitel  II.  Höhepunkt  und  Niedergang  der  klassischen  Schule.  Stuart  Milk  427
den  Gleichmut,  mit  dem  er  die  sozialen  Ungerechtigkeiten  betrachtet.
Er  nimmt  das  laisser-faire,  „nicht  als  Grundlage  einer  wissenschaftlichen ­
  Doktrin  .  .  .,  sondern  als  die  sicherste  und  praktischste
Lebeusregel“  an x ).  Er  verteidigt  gegen  Stüaet  Mill  das  alte  Gesetz ­
  des  Lohnfonds.  —  Einen  Avirklich  neuen  Beitrag  hat  er  nicht
geliefert,  wenn  man  nicht  eine  Verbesserung  des  Konkurrenzgesetzes
so  nennen  will.  —  Er  hat  darauf  hingetviesen,  daß  es  weit  davon
entfernt  ist,  die  große  Tragweite  zu  besitzen,  die  man  ihm  zuschrieb,
sondern  sich  nur  zwischen  Individuen,  die  ungefähr  in  gleicher  Lage
sind,  betätigt,  nämlich  daß  seine  Wirkung  nur  im  Innern  kleiner  geschlossener ­
  Gruppen,  aber  nicht  von  einer  dieser  Gruppen  auf  die
andere  in  Erscheinung  trete:  er  nennt  dies  die  Theorie  der  „non
competing  groups“  (nicht  in  Wettbewerb  stehender  Gruppen).
Hierdurch  erklärt  sich,  daß  die  Ungleichheit  der  Profite  und  der
Löhne  sich  bis  ins  Unendliche  aufrecht  erhalten  kann.
In  Frankreich  war  Michel  Chevalier  der  bekannteste  Vertreter
der  Nationalökonomie  unter  dem  zweiten  Kaiserreiche.  Obgleich  er
ein  Schüler  Saint-Simon’s  war,  fuhr  er  doch  fort,  am  College  de
France  die  klassische  Lehre  vorzutragen,  die  dort  seine  Vorgänger,
•I.-B.  Say  und  Eossi,  gelesen  hatten 2 ).  Er  stritt  gegen  die  Sozialisten
Ton  1848  und  gegen  die  Schutzzöllner,  hatte  die  Ehre,  an  der  Besiegung ­
  beider  teil  zu  nehmen  und  führte  mit  Cobden  die  Verhandlungen ­
  über  den  bekannten  Handelsvertrag  von  1860.  Er  begriff
die  Bedeutung,  die  die  Eisenbahnen  erlangen  sollten,  wie  auch  die
des  eben  vollendeten  Durchstiches  des  Isthmus  von  Suez  (womit  ein
Projekt  Enfantin’s  verwirklicht  worden  war),  und  die  der  großen
Kreditinstitute,  die  damals  aufkamen 3 ).  Obgleich  er  zur  liberalen
Schule  übergegangen  war,  vergaß  er  doch  nicht,  was  der  Saint-Simonismus
  über  die  bedeutende  Rolle  der  Autorität  und  des  Staates
gelehrt  hatte,  und  spornte  die  Regierung  zu  tätiger  Beschäftigung
m it  den  Arbeiterfragen  an,  denen  Napoleon  III.  von  Natur  zuneigte.
Alle  diese  Gebiete  behandelte  er  mit  Sachkenntnis  und  Beredsamkeit.
Zur  gleichen  Zeit  veröffentlichte  Couecelle-Seneuil  eine  Abhandlung ­
  über  Nationalökonomie,  die  lange  Zeit  hindurch  als  maßgebend
galt.  Er  war  der  Hüter  der  reinen  Wissenschaft,  die  er  Plutol°gie
  nannte,  um  sie  von  der  Ergonomie  oder  angewandten
*)  Essays,  S.  281.
2 )  Seit  1830  hat  diese  Professur  nur  vier  Inhaber  gehabt:  J.-B.  Say,  Eossi,
Michel  Chevalier,  und  jetzt  dessen  Schwiegersohn,  Paul  Leroy-Beaulieü.  Sie  stellt
ziemlich  genau  die  Geschichte  der  französischen  volkswirtschaftlichen  Schule  vor.
3 )  Das  eigentümlichste  seiner  Bücher  ist  das  1859  unter  dem  Titel  De  la
baisse  probable  de  l’or  veröffentlichte  Werk,  das  während  der  ganzen  zweiten
Hälfte  des  19.  Jahrhunderts  eher  lächerlich  erschien,  aber  bald  neue  Bedeutung  gegewinnen
  könnte.
        <pb n="450" />
        428

Drittes  Buch.  Der  Liberalismus.

Wissenschaft  zu  unterscheiden:  er  hielt  es  für  äußerst  wichtig,  diese
beiden  Bereiche  streng  zu  trennen.  Während  langer  Zeit  übte  er
eine  Art  „schulmeisterlicher“  Oberaufsicht  aus,  und  er  war  es,  der  in
dem  Journal  desEconoraistes  den  jungen  Volkswirtschaftlern
die  Rute  gab,  wenn  sie  sich  zu  emanzipieren  versuchten,  während  zur
selben  Zeit  Maurice  Block  die  Veröffentlichungen  der  deutschen  Schule,
die  damals  ihren  Anfang  nahm,  analysierte  und  scharf  kritisierte.
Wir  bedauern,  Frankreich  nicht  das  „Precis  de  la  Science
economique  et  de  ses  principales  applications“  (Darlegung ­
  der  Wissenschaft  von  der  Volkswirtschaft  und  ihrer  hauptsächlichsten ­
  Anwendungen)  von  Chebbuliez  zusprechen  zu  können,
ein  Werk,  das  1862  erschien,  denn  sein  Verfasser  war  Schweizer  und
erst  in  Genf,  später  in  Zürich  Professor.  Gossa  erklärt  in  seiner
„Hi  s  toi  re“,  daß  es  „ohne  allen  Zweifel  das  beste  in  französischer
Sprache  veröffentlichte  Werk  sei,  und  wohl  auch  höher  stehe,  als  das
von  Stuart  Mill“.  Es  ist  sicher,  daß  dieses  Buch  etwas  Besseres
verdiente,  als  das  mittelmäßige  und  nur  kurze  Aufsehen,  das  das
Schicksal  ihm  bestimmte.  Doch  läßt  sich  das  daraus  erklären,  daß  es,
obwohl  in  jeder  Weise  auf  ernsthaften  Grundlagen  beruhend,  doch
viel  weniger  beredt  und  anregend  ist,  als  das  Buch  Stuart  Mill’s.
Cheebulxez  gehört  der  klassischen  Schule  an.  Er  bekämpfte  den
Sozialismus  durch  Broschüren  in  der  Art  Bastiat’s  und  verteidigte
die  liberale  Lehre  und  die  deduktive  Methode.  Bei  alledem  kann  er,
ebenso  wie  die  beiden  Mill  vor  ihm  —  und  wie  Walras,  Spencer,
Laveleye,  Henry  George  und  viele  andere  nach  ihm  —  doch  nur
mit  einigen  Gewissensbedenken  den  Grundbesitz  mit  dem  individualistischen ­
  Prinzip  „einem  jeden  das  Produkt  seiner  Arbeit“  in
Übereinstimmung  bringen.  Und  wenn  er  sich  resigniert  damit  abfindet, ­
  ihn  anzuerkennen,  so  liegt  das  mehr  daran,  daß  er  ihn  für
ein  geringeres  Übel  hält  als  den  Gemeinschaftsbesitz  am  Boden.
In  Deutschland  hatte  die  liberale  Schule,  unmittelbar  bevor  sie
von  der  historischen  Schule  fortgefegt  wurde,  noch  einige  Vertreter.
Peince  Smith  (englischer  Abstammung)  verteidigte  dort  den  Freihandel ­
  und  lehrte,  daß  „die  Annahme  widersinnig  sei,  es  gebe  überhaupt ­
  eine  soziale  Frage,  und  noch  widersinniger,  daß  sie,  sollte  man
annehmen,  es  gäbe  wirklich  eine  solche  Frage,  durch  irgend  etwms
anderes,  als  den  natürlichen  Lauf  der  Dinge,  gelöst  werden  könne.“
Weniger  doktrinär  und  mehr  reformatorisch  begann  ScnuLZE-Delitzsch
ungefähr  im  Jahre  1850  die  Bewegung,  die  trotz  der  Spöttereien
Lassalle’s  sich  so  großartig  in  tausenden  von  Kreditgenossenschaften
ausbreiten  sollte,  aus  der  aber  bis  heute  nur  die  Mittelklassen  (kleine
Kaufleute,  Handwerker  und  Bauern)  Gewinn  gezogen  haben.
        <pb n="451" />
        Die  Abtrünnigen.

Mit  Eastiat  fand  der  vom  Sozialismus  bedrohte  wirtschaftliche
Liberalismus  im  Optimismus  ein  unsicheres  Obdach.
Stuart  Mi  ul  gab  den  wirtschaftlichen  Gedanken  der  Gründer
ihren  klassischen  und  vollendeten  Ausdruck.  Das  wissenschaftliche
Gebäude  der  Volkswirtschaft  scheint  jetzt  nahezu  fertig.
Soll  hiermit  auch  die  Geschichte  der  Doktrinen  ihr  Ende  finden?
Durchaus  nicht!  fm  gleichen  Augenblick,  in  dem  man  glauben
konnte,  daß  der  Liberalismus  triumphiere  und  die  Ökonomik  endgültig ­
  abgeschlossen  sei,  erheben  sich  von  allen  Seiten  die  Gegner.
Die  Kritik,  nach  1848  für  einen  Augenblick  verstummt,  setzt  mit
neuer  Kraft  ein  und  läßt  sich  jetzt  nicht  mehr  unterdrücken.
Zunächst  weigert  sich  in  Deutschland  eine  neue,  die  historische
Schule,  die  der  Wissenschaft  von  den  französischen  und  englischen
Volkswirtschaftlern  gezogenen  Grenzen  anzuerkennen.  Sie  erstickt
m  der  Atmosphäre  von  Abstraktionen  und  Verallgemeinerungen,  mit
der  man  sie  umgeben  hat.  Sie  verlangt  von  neuem  Berührung  mit
dem  Leben,  dem  der  Vergangenheit  und  dem  der  Gegenwart.  Sie  ist
der  allgemeinen  Gesetze,  die  leeren  Rahmen  ähneln,  .herzlich  müde.  Sie
verlangt  Tatsachen  und  Beobachtungen.  Mit  jugendlicher  Kraft
greift  sie  alle  alten  Schlußfolgerungen  an  und  will  die  Nationalökonomie ­
  von  Grund  aus  wieder  aufbauen.
Dies  bezieht  sich  ailf t die  Theorie.  Aber  mehr  noch,  als  die
klassische  Theorie  wird  die  liberale  Politik  angegriffen,  mit  der  die
'd  issenschaft  unklugeps^eise  gemeinsame  Sache  gemacht  hatte.
Auf  der  einejr  Seite  protestieren  Schriftsteller,  die  auf  christlicher ­
  Grundige  stehen,  mit  ganz  neuer  Energie  gegen  den  Optimismus ­
  und  das  laisser-faire,  und  zwar  im  Namen  der  Nächstenliebe,
        <pb n="452" />
        430

Viertes  Buch.  Die  Abtrünnigen.

der  moralischen  Grundsätze  und  des  Christentums  überhaupt.  Auf
der  anderen  Seite  gewinnt  der  Interventionismus,  der  sich  noch  bei
Sismondi  nur  furchtsam  regte,  unter  dem  Drucke  der  Arbeiterfragen
eine  Kraft  und  eine  Ausdehnung,  die  man  bis  dahin  niemals  gekannt
hatte,  und  verwandelt  sich  unter  dem  Namen  Staatssozialismus  in  eine
wirkliche  Doktrin.
Und  schließlich  erlebt  der  Sozialismus,  den  Retbaud  nach  1848
tot  gesagt  hatte,  seine  Auferstehung.  In  dem  1867  veröffentlichten
Kapital  von  Marx  findet  er  seinen  erschöpfendsten  und  mächtigsten
Ausdruck.  Er  stellt  sich  diesmal  nicht  lediglich  als  der  Ausdruck
warmherziger  Bestrebungen  dar,  sondern  als  ein  neues,  wirklich
wissenschaftliches  System,  dessen  schneidende  Vorwürfe  die  Vertreter
der  klassischen  Nationalökonomie  zum  erbitterten  Kampf  hei  ausfordern, ­
  und  das  sich  vermißt,  sie  mit  den  Waffen  zu  schlagen,  die
sie  selbst  geschmiedet  haben.
In  Wirklichkeit  ist  keine  dieser  neuen  Ideenströmungen  vollständig ­
  neu.  Wir  sind  ihnen  schon  begegnet  und  haben  ihren  Ursprung ­
  und  ihre  Wurzeln  im  zweiten  Buche  dieses  Werkes  dargelegt,
in  dem  wir  die  Gegner  der  Gründer  studierten.
Aber  zwischen  dem  Schicksal,  das  den  Doktrinen  vor  1848  beschieden
  wmr,  und  dem  der  Doktrinen,  die  uns  jetzt  beschäftigen  werden,
besteht  ein  sehr  bedeutsamer  Unterschied.  Trotz  der  Sympathien,  die
sie  umgaben,  standen  die  Gegner  der  Gründer  allein.  Ihre  Proteste  sind
fast  stets  individuell.  Sismondi  nicht  mehr  als  die  Saint-Simonisten,
Fourier  nicht  mehr  als  Owen,  Peoudhon  oder  List  waren  imstande,
das  Vertrauen  der  öffentlichen  Meinung  in  den  Liberalismus  zu  erschüttern. ­
  Aber  in  der  Periode,  die  jetzt  beginnt,  wenden  sich  im
Gegenteil  die  öffentliche  Meinung  und  die  Parteien  mehr  und  mehr
diesen  neuen  Schulen  zu,  —  und  der  Liberalismus  wird  verlassen.
Allerdings  nicht  sofort.  Die  Ideen  der  meisten  dieser  Schulen
waren  schon  zwischen  1850  und  1875  formuliert  worden,  —  und  erst
das  letzte  Viertel  des  Jahrhunderts  sieht  ihren  Triumph.  Dieser
Triumph  ist  aber  darum  nicht  weniger  vollkommen.  In  Deutschland
nimmt  für  einige  Zeit  die  historische  Schule  fast  vollständig  den
Platz  der  klassischen  Schule  ein.  Der  Interventionismus  drängt
sich  seit  1880  beinahe  überall  der  Politik  der  Regierungen  auf.  Der
kollektivistische  Sozialismus  erobert  stetig  wachsend  die
Arbeiterklassen  aller  industriellen  Länder  und  übt  einen  bemerkenswerten ­
  Einfluß  auf  die  Politik  aus.  Der  christliche  SozialijL*
m  u  s  versteht  es,  in  allen  Konfessionen  immer  begeistertere  Anhänger
um  sich  zu  scharen.
Der  Fortschritt  dieser  neuen  Lehren  bezeichnet  daher  zur  gleichen
Zeit  den  Fall  der  klassischen  Nationalökonomie  und  den  Niedergang
        <pb n="453" />
        Kapitel  I.  Die  historische  Schule  und  der  Streit  über  die  Methoden.  431

des  Liberalismus.  Das  öffentliche  Interesse  wendet  sich  mehr  und  mehr
von  den  Ideen  der  „Gründer“  ab.  Und  da  es  auf  der  anderen  Seite
keinem  der  neuen  Systeme  gelingt,  sich  die  Vorherrschaft  zu  sichern,
kommt  es  zu  einer  Art  Zersplitterung  der  wirtschaftlichen  Gedanken,
die  viele  dazu  bringt,  hinsichtlich  aller  Theorien  und  aller  Volkswirtschaftspolitik ­
  dem  ausgesprochensten  Skeptizismus  zu  huldigen.
Die  schöne  Zuversicht,  die  früher  geherrscht  hatte,  macht  dem  Zweifel
Platz.  Der  relativen  Einheitlichkeit  der  Anfänge  folgt  die  Vielheit
der  Meinungen,  und  die  Wissenschaft  sucht  von  neuem  ihren  Weg.
ln  dem  letzten  Buche  dieser  Geschichte  werden  wir  sehen,  wie
etwas  später  hervorragende  Schriftsteller  dazu  gelangt  sind,  allen,
denen  es  um  allgemeine  Wahrheiten  zu  tun  ist,  einen  neuen  Sammelpunkt ­
  zu  geben,  indem  sie  die  wissenschaftliche  Tradition  der  Gründer
Wiederaufnahmen,  aber  die  wirtschaftliche  Wissenschaft  von  jedem
System  politischer  Praxis  trennten  und  so  abermals  ein  vollständiges
Gebäude  gut  zusammen  gefügter  Lehren  aufrichteten.

Kapitel  I.
Die  historische  Schule
und  der  Streit  über  die  Methoden.
Die  von  der  historischen  Schule  geschaffenen  und  vertretenen
Gedanken  erfüllen  die  ganze  zweite  Hälfte  des  neunzehnten  Jahrhunderts. ­
  Während  seines  letzten  Viertels  haben  sie  sogar  ihren
Höhepunkt  erreicht.  Ihr  Geburtsdatum  liegt  aber  viel  weiter  zurück.
Es  fällt  ungefähr  mit  dem  Erscheinen  eines  kleinen  Buches  im
Jahre  1848  zusammen:  dem  Grundriß  Eoscher’s.  Um  die  Ideen
der  Schule  zu  verstehen,  muß  man  sich  in  diese  Zeit  zurückversetzen:
—  denn  der  Zustand,  in  dem  sich  damals  die  Nationalökonomie
befand,  rechtfertigt  und  erklärt  die  Kritik  der  historischen  Schule.
Mit  den  Nachfolgern  J.-B.  Say’s  und  Kxcakdo’s  nahm  die  Nationalökonomie ­
  einen  mehr  und  mehr  abstrakten  Charakter  an.  Bei
einigen  unter  ihnen  zeigt  sich  das  Bestreben,  sie  auf  eine  kleine
Anzahl  theoretischer  Grundsätze  einzuengen,  die  wie  geometrische
Theoreme  formuliert  sind  und  sich  hauptsächlich  auf  den  internationalen ­
  Güteraustausch,  auf  die  Bestimmung  der  Höhe  des  Profits,
der  Löhne  und  der  Grundrente  beziehen.  Selbst  wenn  man  die
ßichtigkeit  dieser  Theoreme  zugeben  wollte,  sind  sie  doch  weit
davon  entfernt,  die  ganze  Vielfältigkeit  der  wirtschaftlichen  Phänomene
        <pb n="454" />
        432

Viertes  Buch.  Die  Abtrünnigen.

zu  erklären  oder  als  Führer  in  den  neuen  Problemen  der  Praxis
zu  dienen,  die  die  Entwicklung  der  Industrie  alle  Tage  dem  Staatsmanne ­
  stellt.  Aber  die  unmittelbaren  Schüler  Ricaedo’s  und  Say’s,
in  England  und  auf  dem  Kontinent,  Mac  Culloch,  Senioe,  Stoech,
Eau,  Gaeniee 1 ),  Rossi  fahren  fort,  sie  zu  wiederholen,  ohne  etwas
von  Bedeutung  hinzuzufügen.  So  ist  die  Ökonomie  unter  ihren  Händen
zu  einem  Gebilde  ziemlich  farbloser  Lehrsätze  ein  getrocknet,  deren
Verbindung  mit  den  konkreten  wirtschaftlichen  Leben  immer  weniger
klar  hervortritt,  je  weiter  man  sich  von  ihrem  Ursprungsland  entfernt. ­
  Allerdings  könnte  man  Stuaet  Mill  hiervon  ausnehmen.
Sein  Buch  datiert  aber  erst  von  1848  und  damals  war  die
historische  Schule  schon  geboren.  Seit  A.  Smith,  dessen  Werk  so
vielseitig  und  anregend  ist,  scheint  die  Nationalökonomie  nach  einem
Wort  Sohmollee’s  an  einer  Art  von  Bleichsucht  zu  leiden 2 ).
Dieser  Eindruck  wird  von  Aenold  Totnbbe  in  einem  Artikel
über  die  alte  Nationalökonomie  sehr  gut  wiedergegeben.  „Ein
künstliches  Gebilde  der  Logik“,  schreibt  er,  „wird  das  offizielle
Gesicht  der  wirklichen  Welt.  Nicht  daß  Ricaeuo  selbst,  der  ein
wohlwollender  und  guter  Mann  war,  gewünscht,  oder  wenn  er  sich
die  Frage  vorgelegt  hätte,  vermutet  hätte,  die  Welt  seiner  „Grundzüge“ ­
  sei  die  Welt  in  der  er  lebte;  aber  unwillkürlich  nahm  er  die
Gewohnheit  an,  die  Gesetze,  die  nur  für  die  von  ihm  in  seinem
Arbeitszimmer  im  Hinblick  auf  die  wissenschaftliche  Analyse  geschaffene
Gesellschaft  wahr  sind,  auf  die  komplizierte  Gesellschaft  anzuwenden,
die  um  ihn  lebte  und  webte.  Diese  Verwirrung  wird  von  einigen
seiner  Nachfolger  vermehrt,  und  in  den  schlecht  informierten,  volkstümlichen ­
  Darlegungen,  die  man  von  seiner  Lehre  gab,  noch  verstärkt“ ­
  s ).  Mit  anderen  Worten,  die  Kluft  zwischen  der  wirtschaftlichen ­
  Theorie  und  der  konkreten  Wirklichkeit  tritt  immer  deutlicher
zutage.  Diese  Spaltung  wächst  mit  der  Umwandlung  der  Industrie
mehr  und  mehr,  da  unvorhergesehene  Probleme  auftreten,  neue  soziale
Klassen  entstehen,  und  die  Industrie  auf  Länder  übergreift,  deren
wirtschaftliche  Verhältnisse  zuweilen  sehr  verschieden  von  denen
sind,  die  in  Frankreich  und  in  England  die  Gedankengänge  der
Gründer  hervorgerufen  hatten.
!)  Joseph  Garnier  (der  nicht  mit  Gbrmain  Garnier,  den  Übersetzer  A.  Smith’s,
verwechselt  werden  darf)  veröffentlichte  1845  die  erste  Ausgabe  seiner  Elements
d’Economie  politique.  Er  war  seit  1848  bis  zu  seinem  im  Jahre  1881  erfolgten
Tode  Chef-Redakteur  des  Journal  des  Economistes.  Nach  seinem  Tode  trat
Molinahi  an  seine  Stelle.
2 )  G.  Schmolleb,  Zur  Literaturgeschichte  der  Staats-  und  Sozialwissenschaften, ­
  Leipzig,  1888  (der  Ausdruck  findet  sich  in  der  Abhandlung
über  Roscher).
3 )  A.  Toynbee;  The  Industrial  Revolution,  S.  7.
        <pb n="455" />
        Kapitel  I.  Die  historische  Schule  und  der  Streit  über  die  Methoden.  433

Man  konnte  versuchen,  diese  Kluft  zwischen  der  Wirklichkeit  und
4er  Theorie  auf  zweierlei  Weise  zu  verschmälern.  Entweder,  indem
man  durch  die  Analyse  eine  neue  Theorie  aufbaute,  die  harmonischer
und  umfassender  wmr,  —  das  ist  der  Weg,  den  gegen  1870  Mekgeb  p
•Jevons  und  Walras  betraten,  —  oder  radikaler,  indem  man  jede
abstrakte  Theorie  überhaupt  verwarf  und  in  der  Darstellung  der
Wirklichkeit  den  einzigen  Gegenstand  der  Wissenschaft  sah:  diesen
Weg  wählte  man  zuerst,  und  die  historische  Schule  schlug  ihn  ein.
Freilich  hatten  schon  lange  vor  der  Gründung  einer  historischen
„Schule“  gewisse  Schriftsteller  auf  die  Gefahr  hingewiesen,  die  der
Wissenschaft  aus  dem  Mißbrauch  der  Abstraktion  erwachsen-mußte.
ISismond  i,  der  selbst  Historiker  war,  betrachtete  die  Nationalökonomie
als  eine  „moralische“  Wissenschaft,  in  der  „alles  zusammenhängt“.
Er  wollte,  daß  man  die  ökonomischen  Phänomene  in  dem  sozialen
und  politischen  Milieu,  in  dem  sie  auftraten,  studiere.  Er  kritisierte
die  allgemeinen  Theoreme  Ricaedo’s  und  befürwortete  die  genaue
Beobachtung  der  Tatsachen 1 ).  Noch  kräftiger  hatte  List  die  klassischen
Volkswirtschaftler  angegriffen.  Seine  Vorwürfe  machten  nicht  bei
Ricardo  halt,  sondern  wendeten  sich  sogar  gegen  Smith.  Indem  er
die  Geschichte  als  Demonstrationsmittel  benutzte,  indem  er  die
„Nationalität“  als  Basis  seines  Systems  nahm,  untenvarf  er  die  ganze
Handelspolitik  jenem  Prinzip  des  „Relativismus“,  auf  das  die  historische
Schule  so  viel  Nachdruck  gelegt  hat 2 ).  Und  weiterhin  hatten
die  Sozialisten  selbst,  besonders  die  Saint-Simonisten,  deren  ganzes
System  nur  eine  umfassende  Geschichtsphilosophie  ist,  durch  ihre
Kritik  des  Eigentums  die  Unmöglichkeit  nachgwiesen,  die  wirtschaftlichen ­
  Tatsachen  von  den  sozialen  und  rechtlichen  Einrichtungen
zu  isolieren.
Aber  keiner  dieser  Autoren  hatte  in  der  Geschichte  und  in  der
Beobachtung  mit  Absicht  ein  Mittel  gesucht,  die  ganze  Volkswirtschaftslehre ­
  neu  zu  konstruieren.  Dieser  Versuch  macht  die
Originalität  der  deutschen  historischen  Schule  aus.
1 )  Es  ist  eigentümlich,  daß  die  „Historiker“  fast  niemals  Sismondi  unter  ihren
Vorläufern  aufzählen.  Koscher  und  Hildebhand  erwähnen  ihn  nicht,  und  Knies
hält  ihn  mehr  für  einen  Sozialisten  (vgl.  Die  politische  Ökonomie  vom
geschichtlichen  Standpunkt,  2.  Ausg.  S.  322).
2 )  Doch  hat  auch  List  keine  Gnade  vor  den  „Historikern“  gefunden.  Hildebhand
wirft  ihm  vor,  mit  der  „atomistisohen  Auffassung“  Smith’s  behaftet  zu  sein  und  die
„ethische  Natur  des  Gemeinwesens“  zu  vergessen.  „Bei  List“,  sagt  er,  „erscheint
jede  Unterordnung  des  Privatinteresses  unter  den  öffentlichen  Zweck  nur  als  Forderung
der  Klugheit  und  des  wohlverstandenen  Eigennutzes,  nicht  als  sittliche  Pflicht,
welche  aus  der  Natur  des  Gemeinwesens  hervorgeht.“  (Hildebrand,  Die  Nationalökonomie ­
  der  Gegenwart  und  Zukunft,  S.  73.)  Man  ersieht  hieraus,  wie
die  ethischen  Forderungen  die  historische  Schule  beschäftigten.
Gide  und  Rist,  Gesch.  d.  Volkswirtschaft!.  Lehrmeinungen.

28
        <pb n="456" />
        434

Viertes  Buch.  Die  Abtrünnigen.

Das  Werk  der  historischen  Schule  ist  ein  doppeltes  gewesen:
ein  positives  und  ein  kritisches.  Ihre  kritische  Arbeit  unterwarf
die  Prinzipien  und  Methoden  der  früheren  Nationalökonomen  einer
eingehenden  Diskussion,  die  stets  anregend,  aber  manchmal  ungerecht
war.  Durch  ihre  positive  Arbeit  hat  sie  der  Nationalökonomie
neue  Horizonte  erschlossen;  sie  hat  das  Bereich  ihrer  Beobachtungen
und  den  Kreis  ihrer  Probleme  erweitert.
Wenn  es  aber  relativ  leicht  ist,  die  kritischen  Gedanken  der
Schule  darzulegen,  die  in  Büchern  und  zahlreichen  Artikeln  enthalten
und  fast  allen  Schriftstellern,  die  ihr  anhängen,  gemeinsam  sind,,
so  ist  es  doch  bedeutend  schwieriger,  die  grundlegenden  Auffassungen,
auf  denen  ihr  positives  Werk  beruht,  klar  herauszuarbeiten.  Diese
Auffassungen  sind  nämlich  mehr  eine  Unterströmung  in  den  Werken
ihrer  vornehmsten  Vertreter,  als  daß  sie  dort  eindeutig  formuliert
wären.  Jedesmal,  -wenn  sie  sie  definieren  wollten,  taten  sie  es  (und
einige  ihrer  Schüler  erkennen  das  bereitwillig  an) x ),  in  einer  unbestimmten ­
  und  oft  widerspruchsvollen  Weise.  Auch  sind  ihre  Grundgedanken ­
  bei  den  verschiedenen  Schriftstellern,  die  sich  zur  historischen
Methode  bekennen,  nicht  übereinstimmend  formuliert.
Um  ermüdende  Wiederholungen  und  zahllose  Diskussionen  zu
vermeiden,  werden  wir  daher  damit  beginnen,  eine  gedrängte  Übersicht ­
  über  die  äußere  Entwicklung  der  historischen  Schule  zu  geben,
—  dann  werden  wir  das  Ganze  ihrer  kritischen  Arbeit  untersuchen,  —
und  zum  Schluß  uns  bemühen,  ihre  positiven  Auffassungen  über  die
Natur  und  den  Gegenstand  der'  politischen  Ökonomie  auseinanderzusetzen. ­
  Hierin  liegt  natürlich  für  den  Historiker  der  Doktrinen
der  interessanteste  Teil  ihres  Werkes.
§  1.  Der  Ursprung  und  die  Entwicklung  der
historischen  Schule.
Der  Gründer  der  Schule  ist  unbestritten  Wilhelm  Koscher,.
Professor  an  der  Universität  Göttingen,  der  1843  seinen  Grundriß
zu  Vorlesungen  über  die  Staatswissenschaft  nach  GESCHICHTLICHER ­
  Methode *  2 )  veröffentlichte.  In  dem  Vorwort
zu  diesem  kleinen  Werk  legt  er  schon  die  Richtlinien  fest,  die  ihn
*)  Siehe  unter  anderem  auch  die  Aufsätze  von  Max  Weber  in  Schmolleb’s
Jahrbuch  für  Gesetzgebung,  Verwaltung  und  Volkswirtschaft  im
Deutschen  Reich  ans  den  Jahren  1903,  8.  1881  und  1905,  8.  1323.  Die  methodologischen ­
  Irrtümer  Eoscher’s  ,  Knies’  und  Hildebband’s  werden  dort  ausgiebig
kritisiert.
2 )  Grundriß  zu  Vorlesungen  über  die  Staatswirtschaft  nach  geschichtlicher ­
  Methode,  Göttingen  1813.
        <pb n="457" />
        Kapitel  I.  Die  historische  Schule  und  der  Streit  über  die  Methoden.  435

leiten  sollten,  Richtlinien,  die  er  später  in  seinem  berühmten
System  der  Volkswirtschaft,  dessen  erste  Ausgabe  (die
Grundlagen)  1854  erschien,  ausführlich  entwickelte.  Er  erhebt
nicht  den  Anspruch,  sich”  mit  etwas  anderem  als  mit  Wirtschaftsgeschichte ­
  zu  befassen.  „Unser  Zweck“,  sagt  er,  „ist  die  Beschreibung
dessen,  was  die  Völker  in  wirtschaftlicher  Hinsicht  gewollt  und
gefühlt  haben,  der  Zwecke,  die  sie  verfolgten  und  erreichten,  der
Ursachen,  für  welche  sie  sie  verfolgt  und  erreicht  haben  1 ).“  Eine
derartige  Untersuchung,  fügt  er  hinzu,  kann  nur  gemacht  werden,
„indem  man  in  enger  Verbindung  mit  den  anderen  Wissenschaften
des  nationalen  Lebens  bleibt,  hauptsächlich  mit  der  Rechtsgeschichte,
mit  der  politischen  Geschichte  und  der  Geschichte  der  Zivilisation“.
Er  verwahrt  sich  zugleich  dagegen,  der  Schule  Ricabho’s  Opposition
machen  zu  wollen.  „Ich  bin  weit  davon  entfernt,“  so  fährt  er  fort,
„diesen  Weg  als  den  einzigen  oder  den  kürzesten  zu  betrachten,  um
die  Wahrheit  zu  erreichen;  aber  ich  zweifle  nicht  daran,  daß  er  in
besonders  schöne  und  fruchtbare  Gegenden  führt,  die,  einmal  aufgeschlossen, ­
  niemals  wieder  vollständig  verlassen  werden.“
Das,  was  Roscher  sich  hief  vorsetzt,  ist  daher  lediglich  die  Ergänzung ­
  der  gewöhnlichen  Theorie  durch  eine  Geschichte  der  Ereignisse ­
  und  der  wirtschaftlichen  Meinungen.  In  Wahrheit  hat  sich
auch  Roscher  in  der  Reihe  der  sich  folgenden  Bände  seines  Systems,
die  mit  wachsender  Gunst  von  dem  gebildeten  Deutschland  aufgenommen ­
  wurden,  damit  begnügt,  neben  die  Darlegung  der  klassischen
Doktrinen  zahlreiche  gelehrte  Betrachtungen  über  die  wirtschaftlichen
Tatsachen  und  Ideen  der  Vergangenheit  zu  stellen  2 ).
Roscher  bezeichnete  sein  Unternehmen  als  den  Versuch,  die
von  Savigny  in  die  Jurisprudenz  eingeführte  und  dort  bewährte
historische  Methode  auf  die  Nationalökonomie  anzuwenden 8 ).  Aber
die  Analogie  ist,  wie  Karl  Mengbr 4 )  ganz  richtig  gezeigt  hat,
rein  äußerlich.  Savigny  hatte  die  Geschichte  benutzt,  um  den
organischen  und  spontanen  Ursprung  der  bestehenden  Einrichtungen
dem  Verständnis  näher  zu  bringen.  Er  wollte  hierdurch  ihre  Berechtigung ­
  gegenüber  den  radikalen  Anschauungen  des  reformatorischen
Rationalismus,  der  dem  18.  Jahrhundert  eigen  war,  nachweisen.  Bei
*)  Grundriß,  Vorwort,  S.  IV.
2 )  Gerade  dieses  Urteil  fällt  Knies  über  Eoschee,  wenn  er  sagt,  daß  seine
Methode  „mehr  die  Geschichtsschreibung  ergänzt,  als  die  Nationalökonomie  berichtigt“.
{Die  politische  Ökonomie  vom  geschichtlichen  Standpunkt,  S.  85.)
3 )  Grundriß,  Vorwort  S.  IV—V.
4 )  Kahl  Mengbe,  Untersuchungen  über  die  Methode  .der  Sozialwissenschaften
  und  der  politischen  Ökonomie  insbesondere  (Leipzig
1883,  S.  200—209).

28*
        <pb n="458" />
        436

Viertes  Buch.  Die  Abtrünnigen.

Eoschee,  der  sich  selbst  zum  Liberalismus  bekennt  und  seine
reformatorischen  Bestrebungen  teilt,  ist  nichts  derartiges  der  Fall.
Bei  ihm  dient  die  Geschichte  besonders  dazu,  die  wirtschaftliche
Theorie  zu  illustrieren,  sie  mit  Beispielen  zu  belegen,  die,  wenn  sie
auch  vielleicht  dem  Staatsmann  keine  Regeln  vorschreiben  können,
doch  wenigstens,  wie  er  sich  ausdrückt,  geeignet  sind,  „den  politischen
Sinn  zu  bilden“.
Richtiger  kann  man  mit  Schmollee  selbst  die  Bestrebungen
Roschee’s  als  einen  Versuch  betrachten,  den  Unterricht  der  Nationalökonomie ­
  an  die  Tradition  der  alten  deutschen  „Kameralisten“  des
17.  und  18.  Jahrhunderts  anzuknüpfen 1 ).  Ihre  Aufgabe  war,  die
Studenten  in  die  praktischen  Wissenschaften  der  Verwaltung  und  der
Finanzen  einzuführen  und  vor  allem,  ihnen  bestimmte  Vorstellungen
von  dem  wirtschaftlichen  und  sozialen  Milieu  zu  geben,  in  dem  sie
ihre  Tätigkeit  ausüben  sollten.  In  Wirklichkeit  stand  auch  die
englisch-französische  Nationalökonomie  in  sehr  engem  Zusammenhang
mit  gewissen  praktischen  Fragen  der  Steuer-  und  Handelspolitik.
Aber  in  einem  Lande  wie  Deutschland,  dessen  industrielle  Entwicklung
viel  weniger  fortgeschritten  war,  als  die  Frankreichs  oder  Englands,
traten  diese  Probleme  in  ganz  anderer  Form  auf,  und  die  Notwendigkeit, ­
  die  klassische  Theorie  für  die  Studenten  mit  der  Wirklichkeit ­
  des  Wirtschaftslebens  in  Verbindung  zu  bringen,  erschien  hier
viel  dringlicher  als  irgendwo  anders.  Die  Neuerung  Roschee’s  hat
daher  mehr  einen  pädagogischen  als  wissenschaftlichen  Charakter.
Er  erneuert  eher  eine  akademische  Tradition,  als  daß  er  eine  neue
wissenschaftliche  Strömung  schafft.
1848  stellte  ein  anderer  deutscher  Professor,  Beuno  Hxldbbeand,
ein  -  viel  ehrgeizigeres  Programm  auf.  In  seinem  Buche  „Die
Nationalökonomie  der  Gegenwart  und  Zukunft“ 2 )  war
der  Gegensatz  zn  der  klassischen  Volkswirtschaft  viel  ausgeprägter
als  bei  Roschee.  Die  Geschichte  wurde  hier  nicht  nur  als  ein  Mittel
hingestellt,  die  bestehenden  Theorien  zu  beleben  und  zu  vervollkommnen, ­
  sondern  als  ein  Mittel  vollständiger  Erneuerung  der  Wissenschaft. ­
  Hildebeand  berief  sich  auf  die  Fortschritte,  die  die  historische
Methode  der  Sprachwissenschaft  gebracht  hatte.  Von  nun  an  sollte

1 )  Schmollbb,  op.  eit.  Über  die  Kameralisten  siebe  die  Geschichte  der  Nationalökonomie ­
  von  Onoken,  Leipzig  1902,  S.  227  ff.;  Mbnger  und  Schmollbr  zählen  auch
Roscher  zu  der  historischen  Schule,  die  in  Göttingen  mit  Heeren,  Gbrvinus  usw.
im  ersten  Drittel  des  19.  Jahrhunderts  die  Politik  auf  die  allgemeine  Geschichte  zu
gründen  suchte.  Koscher  hatte  unter  ihrem  Einflüsse  Geschichte  studiert  und  sein
Versuch  gleicht  in  allen  Punkten  dem  ihren.
2 )  Die  Nationalökonomie  der  Gegenwart  und  Zukunft,  Frankfurt ­
  a.  M.  1848,  Bd.  I.
        <pb n="459" />
        Kapitel  I.  Die  historische  Schule  und  der  Streit  über  die  Methoden.  437

die  Nationalökonomie  einzig  , v eine  Lehre  von  den  ökonomischen  Entwicklungsgesetzen ­
  der  Völker“  sein x ).
Etwas  später  ging  Hildebrand  in  der  programmatischen  Einführung ­
  der  neuen  im  Jahre  1863  von  ihm  gegründeten  Zeitschrift
„Jahrbücher  für  Nationalökonomie  und  Statistik“  noch
viel  weiter.  Er  bestreitet  sogar  die  Existenz  der  wirtschaftlichen'
Naturgesetze,  so  wie  die  Klassiker  sie  aufgefaßt  hatten  und  macht
Koscher  einen  Vorwurf  daraus,  ihre  Existenz  zugegeben  zu  haben 2 ).
Bei  dieser  gewagten  Behauptung  scheint  aber  Hxldebrand  nicht
bemerkt  zu  haben,  daß  er  damit  die  ganze  Grundlage  jeder  Wirtschaftswissenschaft ­
  vernichtete  und  so  diesen  „Entwicklungsgesetzen“
jede  rationelle  Stütze  entzog,  denselben  Gesetzen,  die  von  nun  an
nach  seiner  Ansicht  das  Wesen  der  Wissenschaft  bilden  sollten.
Übrigens  hatten  die  absoluten  Behauptungen  Hildebrand’s  ebensowenig ­
  Einfluß  auf  die  wirtschaftliche  Theorie,  wie  der  Eklektizismus
Boschee’s.  Abgesehen  von  einer  kurzen  Darlegung  eines  allgemeinen
Schemas  der  wirtschaftlichen  Geschichte  der  Völker,  in  der  er  drei
verschiedene  Stufen  unterscheidet:  die  der  Naturalwirtschaft,  der
Geldwirtschaft  und  der  Kreditwirtschaft,  begnügt  er  sich  damit,
fragmentarische  Aufsätze  über  Sonderfragen  der  Statistik  und  der
Geschichte  zu  veröffentlichen.  Und  in  der  Kegel  nimmt  er  die
klassischen  Theorien  über  die  Gütererzengung  und  -Verteilung  als
feststehende  Wahrheiten  an.
Hildebrand  hatte  1848  versprochen,  seinem  rein  kritischen  Werke
eine  Fortsetzung  folgen  zu  lassen,  in  der  die  Hauptpunkte  der  neuen
*)  ln  der  Einleitung,  S.  V,  erklärt  er,  daß  der  Zweck  seines  Werkes  darin  bestehe; ­
  „auf  dem  Gebiete  der  Nationalökonomie  einer  gründlichen  historischen  Richtung
und  Methode  Bahn  zu  brechen  und  diese  Wissenschaft  zu  einer  Lehre
von  den  ökonomischen  Entwicklungsgesetzen  der  Völker  umzugestalten“. ­

2 )  Roscher  hatte  sogar  gesagt,  daß  sie  einen  mathematischen  Charakter  zeigten.
(System  d.  V  o  1  k  s  w.  Bd.  I,  §  77.)  Dagegen  drückt  sich  Hildbbrand  in  einer
charakteristischen  Stelle  in  seinem  Aufsatz  über  die  gegenwärtige  Aufgabe
der  Wissenschaft  der  Nationalökonomie  (Jahrbücher  für  Nationalökonomie ­
  und  Statistik,  1863,  Bd.  I,  S.  145)  wie  folgt  aus:  „Die  Nationalökonomie ­
  hat  es  deshalb  nicht  wie  die  Physiologie  des  tierischen  Organismus  oder
andere  Zweige  der  Naturwissenschaft  mit  Naturgesetzen  zu  tun,  sie  hat  nicht  in  der
Mannigfaltigkeit  der  ökonomischen  Erscheinungen  nach  unwandelbaren,  überall  gleichbleibenden
  Gesetzen  zu  forschen,  sondern  sie  hat  in  dem  Wechsel  der  nationalökonomischen ­
  Erfahrungen  den  Fortschritt,  in  dem  wirtschaftlichen  Leben  der
Menschheit  die  Vervollkommnung  der  menschlichen  Gattung  naohzuweisen.  Ihre
Aufgabe  ist  es,  den  nationalökonomischen  Entwicklungsgang  sowohl  der  einzelnen
Völker,  als  auch  der  gesamten  Menschheit  von  Stufe  zu  Stufe  zu  erforschen  und  auf
diesem  Wege  die  Fundamente  und  den  Bau  der  gegenwärtigen  wirtschaftlichen
Kultur,  sowie  die  Aufgaben  zu  erkennen,  deren  Lösung  der  Arbeit  der  lebenden
Generation  Vorbehalten  ist.“
        <pb n="460" />
        438

Viertes  Buch.  Die  Abtrünnigen.

Methode  dargelegt  werden  sollten.  Aber  diese  Fortsetzung  ist  nie
erschienen.  Ein  anderer  Professor,  Karl  Knies,  war  es,  der  sicli
dieser  schwierigen  Aufgabe  in  einer  großen  Abhandlung  unterzog,
die  1853  unter  dem  Titel  „Die  politische  Ökonomie  vom
Standpunkte  der  geschichtlichen  Methode“  erschien 1 ).
Seine  Ideen  stimmen  jedoch  ebensowenig  mit  denen  seiner  beiden
Vorgänger  überein,  wie  diese  untereinander  Übereinstimmung  zeigen.
Er  bestreitet  nicht  nur  wie  Hilhebrand  im  Namen  der  menschlichen
Freiheit  die  Existenz  von  natürlichen  Gesetzen,  sondern  er  bestreitet
sogar  auch  Hildebeand’s  „Entwicklungsgesetze“.  Für  ihn  kann  es
nur  Analogien  und  nicht  Gesetze  der  wirtschaftlichen  Entwicklung
der  verschiedenen  Völker  geben.  Knies  teilt  daher  ebensowenig  die
Ideen  Hildebrand’s  und  Roscher’s,  wie  die  der  Klassiker.  In  seinen
Augen  wird  die  Nationalökonomie  einfach  zu  der  Geschichte  der
wirtschaftlichen  Meinungen  in  den  verschiedenen  Epochen  in  Verbindung ­
  mit  der  historischen  Gesamtentwicklung  einer  Nation.
Sein  Buch  blieb  im  übrigen  fast  unbemerkt.  Die  Historiker  übersahen ­
  es  gerade  so  wie  die  Volks  Wirtschaftler.  Erst  später  als  die
„junge  historische  Schule“  sich  zu  ihrer  vollen  Bedeutung  entwickelt
hatte,  wandte  sich  die  Aufmerksamkeit  dem  alten  Werke  Knies’  zu,
von  dem  eine  zweite  Ausgabe  1883  erschien.  Knies  hat  sich  verschiedentlich ­
  darüber  beklagt,  daß  Roscher  niemals  seine  Ideen
diskutieren  wollte.
Eigentlich  hätte  Knies,  nachdem  er  einen  so  gewaltigen  Anlauf
genommen  hatte,  um  die  Methode  einer  neuen  Ökonomie  zu  begründen,
es  seine  erste  Sorge  sein  lassen  müssen,  ihre  Ergiebigkeit  durch  Anwendung ­
  auf  die  Untersuchung  wirtschaftlicher  Tatsachen  darzutun.
Eigentümlicherweise  hat  er  das  nicht  getan.  Seine  späteren  Arbeiten
über  das  Geld  und  den  Kredit,  die  ihm  eine  berechtigte  Berühmtheit
eingetragen  haben,  zeigen  keine  Spur  von  den  in  seinen  früheren
Schriften  bemerkbaren  historisierenden  Sorgen.
So  hatten  also  die  drei  Gründer  der  Schule  die  klassische
Methode  wohl  kritisiert,  aber  sie  hatten  sich  nicht  über  den  Zweck
und  die  Natur  der  Wissenschaft  verständigen  können  und  überließen
es  anderen,  ihre  Ideen  zur  Anwendung  zu  bringen.
Die  junge  historische  Schule,  die  sich  nach  1870  um
Schmoller  zusammenschloß,  unternahm  es,  diese  Anwendung  zu
versuchen.  Die  Schriftsteller  der  „jungen  historischen  Schule“  unterscheiden ­
  sich  von  den  Schriftstellern,  über  die  wir  soeben  gesprochen
haben,  in  zwei  Hauptpunkten;
*)  Die  zweite  Ausgabe  erschien  30  Jahre  später,  im  Jahre  1883,  unter  etwas
veränderten  Titel:  Die  politische  Ökonomie  vom  geschichtlichen  Standpunkte.  Den
Zitaten  liegt  die  zweite  Ausgabe  zugrunde.
        <pb n="461" />
        Kapitel  I.  Die  historische  Schule  und  der  Streit  über  die  Methoden.  439

1.  Sie  lassen  den  unglücklichen  Streit,  den  Hildbbeand  und
Knies  über  die  wirtschaftlichen  Gesetze  begonnen  hatten,  völlig
beiseite.  Sie  hüten  sich  zunächst,  natürliche  Gesetze  und  EegelniaBigkeiten
  des  sozialen  Lebens  zu  leugnen,  deren  Untersuchung
gerade  den  Zweck  der  Wissenschaft  darstellt.  Sie  sind  im  Gegenteil
Deterministen.  „Wir  wissen  heute,“  sagt  Schmollee 1 ),  „daß  die
psychische  Kausalität  eine  andere  ist,  als  die  mechanische,  aber  wir  betrachten ­
  sie  als  eine  gleich  notwendige.“  Sie  bestreiten  nur,  daß
diese  Gesetze  durch  die  klassische  Methode  entdeckt  werden  können.
In  dieser  Hinsicht  haben  sie  die  Kritiken  aller  ihrer  Vorgänger
wieder  aufgenommen,  —  Kritiken,  von  denen  wir  weiter  unten
sprechen  werden.
Was  die  „Entwicklungsgesetze“  anbelangt,  zu  denen  Hildbbeand
die  wissenschaftlichen  Untersuchungen  führen  wollte,  so  betrachten
sie  sie  mit  großem  Skeptizismus.  Schmollee  sagt:  „Wir  sprechen,
während  wir  gestehen,  historische  Gesetze  nicht  zu  kennen,  von  wirtschaftlichen ­
  und  statistischen  Gesetzen 2  3 )“.  An  einer  anderen  Stelle
■erklärt  er  etwas  melancholisch:  „Schon  die  Frage,  ob  das  ökonomische ­
  Leben  der  Menschheit  eine  Einheit  bilde,  einen  einheitlichen
Entwicklungsprozeß  darstelle,  einen  Fortschritt  zeige,  können  wir
nicht  mit  empirischen  Beweisen  bejahen“  8 ).  Diese  Stelle  ist  durchaus
charakteristisch,  und  erscheint  wie  die  Zusammenfassung  der  großen
synthetischen  Abhandlung,  die  Schmollee  1908  veröffentlichte 4  *  *  * ).  Mit
‘)  Schmollbk,  Grundriß  der  allgemeinen  Volkswirtschaftslehre
{Leipzig  1908),  Bd.  I,  S.  107.
2 )  Ebenda,  Bd.  I,  S.  109.
3 )  Ebenda,  Bd.  II,  S.  653.
4 )  Einige  Anhänger  der  historischen  Schule  sind  aber  nicht  so  vorsichtig.  So
schreibt  Ashley  (Histoire  et  doctrines  economiques  de  l’Angleterre,
Vorwort,  S.  3  d.  franz.  Übers.,  1900)  folgendes:  „Ebenso,  wie  die  Geschichte  der  Gesellschaft, ­
  trotz  scheinbarer  Rückschritte,  eine  regelmäßige  Entwicklung  enthüllt,
so  hat  es  auch  eine  regelmäßige  Entwicklung  in  der  Geschichte  des  menschlichen
•Geisteslebens  gegeben,  und  folglich  auch  in  dem,  was  die  Menschen  über  die
wirtschaftliche  Seite  des  Lebens  gedacht  haben.“  Ebenso  Ingeam  (Histoire  de
l’Eoonomie  politique,  S.  293  d.  franz.  Übers.,  1893):  „Wie  wir  mehr  als  einmal
dargelegt  haben,  ist  der  Gedanke  der  Entwicklung  oder,  mit  anderen  Worten,
der  einer  geordneten  Veränderung  ein  wesentlicher  Teil  der  Idee  des  Lebens.
Daß  eine  derartige  Entwicklung  in  der  Verfassung  oder  in  dem  geordneten  Betrieb
der  Gesellschaft  in  allen  ihren  Bestandteilen  stattfindet,  ist  eine  Tatsache,  die  man
nicht  in  Zweifel  ziehen  kann  ...  Es  ist  ebenfalls  selbstverständlich,  daß  zwischen
■den  verschiedenen  sozialen  Bestandteilen  Beziehungen  solcher  Art  bestehen,  daß  eine
Veränderung  in  dem  einen  dieser  Bestandteile  Veränderungen  in  einem  anderen
'bedingt  oder  herbeiführt.  Man  sieht  daher  nicht  leicht  ein,  weshalb  man  so  beständigen ­
  Beziehungen  der  Koexistenz  und  der  Aufeinanderfolge  die  Benennung
„natürliche  Gesetze“  versagen  will.  Da  diese  Gesetze  allgemein  gültig  sind,  gestatten ­
  sie  die  Bildung  einer  abstrakten  Theorie  der  wirtschaftlichen  Entwicklung.“
        <pb n="462" />
        440

Viertes  Buch.  Die  Abtrünnigen.

dem  gleichen  Skeptizismus  steht  er  den  Versuchen  der  Geschichtsphilosophie ­
  gegenüber').
2.  Die  „junge  historische  Schule“  hat  sich  nicht  damit  begnügt,
die  Dringlichkeit  der  Anwendung  der  Geschichte  auf  die  Nationalökonomie ­
  zu  proklamieren.  Sie  hat  die  historische  Methode  wirklich
ins  Werk  gesetzt.  Seit  1860  ungefähr  wenden  sich  die  deutschen
Volkswirtschaftler  mehr  und  mehr  von  den  theoretischen  Fragen  ab.
Sie  gehen  fast  ausschließlich  in  der  Diskussion  praktischer  Probleme
auf,  hauptsächlich  in  der  Untersuchung  sozialer  Fragen  und  in  historischen ­
  und  beschreibenden  Arbeiten.  Die  volkswirtschaftlichen
Monographien  häufen  sich.  Die  Einrichtungen  des  Mittelalters  und
des  Altertums,  die  alten  Doktrinen,  die  Sozialgeschichte,  die  Statistik,,
die  Beschreibung  der  wirtschaftlichen  Organisation  der  modernen
Nationen  bilden  den  Hauptgegenstand  dieser  Arbeiten.  Die  Nationalökonomie ­
  löst  sich  in  dem  Studium  der  wirtschaftlichen  Einrichtungen
und  der  Geschichte  des  Wirtschaftslebens  auf,  ja  geht  fast  darin  unter..
Das  auf  diese  Weise  von  der  historischen  Schule  geschaffene
Werk  ist  beträchtlich.  Es  würde  ungerecht  sein,  wenn  man  vergäße,,
daß  auch  vor  ihr  ähnliche  Monographien  veröffentlicht  worden  sind,,
oder  daß  gewisse  sozialistische  Systeme  wie  das  Kapital  von  Marx
in  Wirklichkeit  große  historische  Synthesen  darstellen.  Aber  der
systematische  Anstoß,  den  die  Wirtschaftshistoriker  dieser  Art  von
Untersuchungen  gegeben  haben,  stellt  ihr  unbestreitbares  Verdienst
vor.  Überall  haben  sie  im  letzten  Viertel  des  19.  Jahrhunderts  ein
neues  Interesse  für  die  Geschichte  und  für  die  Beobachtung  der
wirtschaftlichen  Einrichtungen  geweckt.  Man  kann  hier  nicht  allediese
  Arbeiten  aufzählen,  die  sich  mit  den  verschiedensten  Gegenständen ­
  beschäftigen.  Wir  werden  späterhin  versuchen,  ihren  Hauptgehalt ­
  klarzustellen.  Die  Namen  Schmollee,  Brentano,  Held,  Bücher,
Sombaet  sind  allen  bekannt,  die  sich  mit  der  Wirtschaftsgeschichtebeschäftigen.
  Einer  der  größten  modernen  Theoretiker,  Maeshall,  hat
ihnen  mehr  als  einmal  seine  Bewunderung  zum  Ausdruck  gebracht 2 ).
Von  Deutschland  aus  hat  dieser  Anstoß  auch  auf  das  Ausland  übergegriffen, ­
  wo  er  besonders  günstige  Umstände  fand.
Seit  1870  war  das  praktische  Programm  des  wirtschaftlichen
Liberalismus  fast  überall  verwirklicht.  Neue  Probleme  erhoben  sich

*)  Gegenüber  den  Versuchen  der  Geschichtsphilosophie  hat  Schmolle»  „die-Empfindung,
  daß  die  Wissenschaft  auf  ihrer  heutigen  Stufe  nicht  wieder  davon
lassen  kann,  solche  Versuche  zu  machen,  daß  es  sich  aber  bis  jetzt  doch  mehr  um
wissenschaftliche  Versuche,  teilweise  mehr  um  teleologische  Deutungsversuche,  alsum
  für  immer  gesicherte  Wahrheiten  handelt“  (Grundriß.  Bd.  II,  S.  665).
5 )  Maeshall,  Principles  of  Economics,  Bd.  I,  Kap.  IV,  §8.  Wir  zitieren
nach  der  4.  englischen  Ausgabe.
        <pb n="463" />
        Kapitel  I.  Die  historische  Schule  und  der  Streit  über  die  Methoden.  441

jetzt;  an  erster  Stelle  standen  die  Arbeiterfragen 1 )  mit  ihrer  Forderung ­
  nach  positiven  Losungen.  Diesen  drängenden  Problemen
gegenüber  gaben  die  Theorien  der  klassischen  Schule  keine  Antwort.
Eine  neue  Untersuchung  der  wirtschaftlichen  Einrichtungen,  der
sozialen  Organisation,  der  Lebensbedingungen  der  Arbeiterklassen
schien  allein  imstande,  dem  Gesetzgeber  die  unumgänglich  nötigen
Kenntnisse  zu  geben.  Um  das  Verständnis  der  Gegenwart  zu  erleichtern, ­
  zwingt  sich  der  Vergleich  mit  der  Vergangenheit  auf.
Allen,  die  soziale  Reformen  wünschten,  erscheint  die  historische
Methode  in  diesem  Augenblick  als  ein  Instrument  des  Fortschrittes,
und  der  Erfolg  der  Methode  wird  von  der  praktischen  Wirksamkeit,
die  man  ihr  znschreibt,  vergrößert.  Rechnen  wir  hierzu  das  Prestige,
das  seit  1871  die  deutsche  Wissenschaft  gewann,  und  die  Tatsache,
daß  sich  in  Deutschland  die  historische  Nationalökonomie  mit  dem
Staatssozialismus  verbündete,  so  wird  man  die  Gunst  verstehen,  die
die  Schule  im  Ausland  erworben  hat.
In  England,  dieser  Hochburg  der  Wirtschaftslehre  Ricaedo’s,
macht  sich  der  Einfluß  der  historischen  Schule  nach  1870  ganz  ausgesprochen ­
  fühlbar.
Die  gleichen  methodologischen  Diskussionen,  die  die  deutsche
Nationalökonomie  beschäftigen,  treten  auch  hier  auf.  Caienes  betont
in  seinem  Buch  „the  characterand  logical  method  of  political
  economy“,  das  1875  wieder  herausgegeben  wurde 2 )  mit
Nachdruck  die  Berechtigung  der  Deduktion,  so  wie  die  alte  Nationalökonomie ­
  sie  anwendete.  Aber  1879  antwortete  ihm  Clieeb  Leseie
in  seinen  „Essays  on  political  and  moral  Philosophy“,  indem ­
  er  alle  Waffen  der  deutschen  historischen  Schule  gegen  die
klassischen  Methoden  ins  Feld  führte.  Die  Induktion  gegenüber  der
Deduktion,  die  Notwendigkeit,  die  Volkswirtschaft  in  Zusammenhang
mit  den  anderen  sozialen  Wissenschaften  zu  bringen,  die  Relativität
der  wirtschaftlichen  Gesetze,  die  Geschichte  als  Auslegnngsmethode
der  wirtschaftlichen  Tatsachen,  alle  diese  Ideen  finden  wir  bei  dem
englischen  Schriftsteller  eindrucksvoll  entwickelt.  Zur  gleichen  Zeit

1 )  Ihr  Einfluß  ist  besonders  von  Toynbbe  in  seinem  Aufsatz:  Eicardo  and
the  old  political  Economy  hervorgehoben  worden:  „Die  Arbeiterfrage,  die  durch
die  Freiheit,  das  einzige  Heilmittel  der  deduktiven  politischen  Schule,  unmöglich
gelöst  werden  konnte,  ließ  die  Methode  der  Beobachtung  wieder  auflehen.  Die
Nationalökonomie  ist  von  den  Arbeiterklassen  umgeformt  worden“
(8.10).  An  anderer  Stelle:  „Man  betrachtet  die  historische  Methode  oft  als  konservativ,
weil  sie  das  allmähliche  und  erhabene  Wachstum  unserer  ehrwürdigen  Einrichtungen
beschreibt;  sie  kann  aber  einen  ganz  entgegengesetzten  Einfluß  ausüben,  indem  sie  die
groben  Ungerechtigkeiten  nachweist,  die  gerade  während  dieses  Wachstums  blind
verübt  worden  sind.“  (Arnold  Toynbee:  The  Industrial  Eevolution,  S.  68.)
2 )  Die  erste  Ausgabe  war  1857  erschienen.  Über  Caiknes  siehe  oben  88.  426—427.
        <pb n="464" />
        442

Viertes  Buch.  Die  Abtrünnigen.

legte  Arnold  Toynbee.  wenn  auch  mit  größerer  Mäßigung,  analoge
Ideen  in  seinen  Abhandlungen  über  die  „industrielle  Revolution“  dar.
Er  erkannte  die  Deduktion  in  der  volkswirtschaftlichen  Untersuchung
als  notwendig  an,  aber  er  sah  in  der  Geschichte  und  der  Beobachtung
das  Mittel,  der  Wirtschaftslehre  Lehen  und  praktische  Tragweite
wiederzugeben,  deren  Fehlen  sich  in  den  Theorien  Ricakdo’s  immer
mehr  fühlbar  machten.  Die  Sache  der  sozialen  Reformen  sollte  nach
ihm  von  den  neuen  Methoden  stark  profitieren.  Zweifellos  würde  er
einen  bedeutenden  Einfluß  ausgeübt  haben,  wenn  der  Tod  nicht  mit
30  Jahren  eine  Laufbahn  abgeschlossen  hätte,  die  zu  den  höchsten
Hoffnungen  berechtigte  (1883).
Der  Anstoß  war  gegeben.  Von  nun  an  nehmen  in  England  die
Wirtschaftsgeschichte,  die  Beobachtung  der  Einrichtungen,  die  Untersuchung ­
  der  sozialen  Klassen  einen  immer  wachsenden  Platz  in  den
Arbeiten  der  Volkswirtschaftler  ein.  In  jedem  dieser  Gedankenbereiche ­
  sind  bedeutende  Werke  entstanden:  Growth  of  English
industry  and  Commerce  von  Cunningiiam  ;  die  Geschichte
und  wirtschaftlichen  Lehren  des  Mittelalters  von
Ashlby;  die  Geschichte  der  Gewerkschaftsbewegung
und  die  industrielle  Demokratie  von  Herrn  und  Frau
Sydney  Webe;  Life  and  labour  of  the  people  von  Booth,  —
sind  ebensoviele  Beweise  des  tiefgehenden  Einflusses,  den  jene  Ideenbewegung ­
  auf  die  englischen  Nationalökonomen  ausgeübt  hat.
In  Frankreich  hat  die  historische  Schule  nicht  den  gleichen  Erfolg ­
  aufzuweisen,  aber  das  Bedürfnis,  dem  sie  entsprach,  wurde  trotzdem ­
  nicht  weniger  stark  gefühlt.  Bei  uns  in  Frankreich  hat  sich
keine  wirkliche  Schule  historischer  Nationalökonomen  gegründet.  Die
Wirkung  der  neuen  Ideen  drang  jedoch  durch  zahlreiche  Kanäle  in
den  wissenschaftlichen  Gedankenkreis.  Zunächst  wurde  1878  ein
offizieller  Lehrstuhl  für  Nationalökonomie  bei  der  Rechtsfakultät  errichtet, ­
  und  gerade  infolge  seiner  Berührung  mit  den  juristischen
Disziplinen  nahm  dieser  Unterricht  sogleich  einen  neuen  Charakter
an,  der  ganz  von  geschichtlichem  Geiste  erfüllt  war.  Gleichzeitiginteressierten
  sich  die  Historiker  von  Beruf  mehr  und  mehr  für
die  Probleme  der  Wirtschaftsgeschichte  und  leisteten  so  den  Untersuchungen ­
  der  Volks  Wirtschaftler  eine  sehr  wertvolle  Hilfe.  Mehrere
unter  den  liberalen  Nationalökonomen  haben  ihre  Arbeiten  der
Einzelbeobachtung  zeitgenössischer  Tatsachen  oder  historischen  Untersuchungen ­
  gewidmet,  ohne  sich  deshalb  zu  Gegnern  der  alten  Schule
aufzuwerfen  ’).

‘)  Wir  erwähnen  im  besonderen  Lbvasseur  und  seine  prächtige  Histoire  des
classes  onvriferes  en  France,  deren  erste  Ausgabe  aus  dem  Jahre  1867  stammt.
        <pb n="465" />
        Kapitel  I.  Die  historische  Schule  und  der  Streit  über  die  Methoden.  443

Ihnen  hat  sich  ferner  eine  neue  Gruppe  von  Mitarbeitern  zugesellt:
  die  der  Soziologen.  Die  Soziologie  beschäftigt  sich  in  ihren
Untersuchungen  mit  den  verschiedenartigsten  Einrichtungen,  auf
Grund  derer  die  menschlichen  Gesellschaften  sich  erhalten  und  sich
entwickeln:  sie  sucht  die  Wirkungen  festzustellen,  die  sie  gegenseitig ­
  aufeinander  ausüben.  Nach  den  religiösen,  rechtlichen,  politischen
und  sozialen  Einrichtungen  mußte  sie  natürlicherweise  auch  die
wirtschaftlichen  Einrichtungen  in  ihren  Bereich  ziehen,  und  zwar
in  demselben  Geiste  und  nach  derselben  Methode.  Diesen  Untersuchungen ­
  wird  seit  mehreren  Jahren  mit  großem  Eifer  nachgegangen.
Die  Soziologen  haben  den  Mechanismus  und  die  Organisation  des
wirtschaftlichen  Systems  in  verschiedenen  Zeitabschnitten  auf  Grund
der  Beobachtung  und  der  Geschichte  sehr  genau  untersucht.  Dieses
Studium  haben  sie  mit  dem  ganzen  Mißtrauen  gegenüber  Abstraktionen, ­
  mit  der  ganzen  Genauigkeit  eingehender  Beobachtungen,  und
der  Bevorzugung  der  Induktion  gegenüber  der  Deduktion  durchgeführt, ­
  die  die  historische  Schule  charakterisieren 1 ).

§  2.  Die  kritischen  Ideen  der  historischen  Schule.
Man  sieht,  wie  zahlreich  die  Schriftsteller  sind,  die  sich  zur
historischen  Schule  rechnen,  und  über  welche  große  Zeitperiode  sich
ihre  Entwicklung  erstreckt.  Bei  einer  so  bedeutenden  Anzahl  von
Gelehrten  kann  man  eine  vollständige  Übereinstimmung  der  Ansichten
nicht  erwarten.  Wir  haben  schon  auf  gewisse  Unterschiede  hingewiesen, ­
  die  im  besonderen  die  alte  von  der  „jungen“  historischen
Schule  scheiden.  Wir  können  hier  nicht  eine  jede  dieser  Nuancen
darlegen  und  diskutieren,  sondern  müssen  uns  damit  begnügen,  die
Grundideen  der  historischen  Schule  zur  Kenntnis  zu  bringen,  in  denen
ihre  sämtlichen  Anhänger  fast  durchaus  übereinstimmen.  Hin  und
wieder  werden  wir  jedoch  auf  die  besonderen  Ideen  des  einen  oder
des  anderen  hinweisen,  wenn  sie  uns  von  genügender  Bedeutung
erscheinen.
Die  deutsche  historische  Schule  hat  mit  einer  Kritik  der

Es  ist  im  besonderen  die  um  Dubkhbim;  und  das  Jahrbuch:  An  nee  sociologiqne
  versammelte  Gruppe  von  Mitarbeitern,  die  wir  hier  im  Auge  haben.  Mau
würde  sich  aber  stark  täuschen,  wenn  man  die  Methode  der  Soziologen  mit  der  dei
Anhänger  der  historischen  Schule  identifizieren  wollte.  Vgl.  über  diesen  Punkt
Simiand  Methode  historique  et  Science  sociale  in  der  Revue  de  Synthese ­
  historique,  1903.  Siehe  auch  von  demselben:  La  methode  positive
en  Science  economique,  Paris  1912,  wo  in  einer  Reihe  von  Studien  die  hauptsächlichsten ­
  Probleme  der  Methode,  wie  sie  in  der  Volkswirtschaft  angewendet  wird,
untersucht  werden.
        <pb n="466" />
        444

Viertes  Buch.  Die  Abtrünnigen.

klassischen  Ökonomik  begonnen.  Wir  beginnen  daher  ebenfalls  mit
einer  Darlegung  ihrer  kritischen  Ideen  1 ).
Obgleich  die  kritischen  Ideen  der  historischen  Schule  schon  von
Knies,  Hildebeand  und  Eoschee  formuliert  -worden  sind,  haben  sie
doch  eine  eingehendere  Diskussion  erst  ziemlich  spät  her  vorgerufen,,
als  die  „junge  historische  Schule“  schon  in  voller  Blüte  stand.  Das
Buch  des  Wiener  Professors  Kael  Mengee  (1883),  das  durch  seinen
Stil  wie  auch  durch  den  Scharfsinn  der  darin  entwickelten  Gedanken
wirklich  klassisch  ist  und  den  Titel:  „Untersuchungen  über
die  Methode  der  Sozialwissenschaften“  trägt 2  3  *  *  *  * ),  eröffnet
die  Ära  zuweilen  sehr  scharfer  Meinungskämpfe.  Dieses  bemerkenswerte ­
  Werk,  in  dem  der  Verfasser  die  Berechtigung  der  reinen
Ökonomik  gegen  die  Angriffe  der  deutschen  historischen  Schule  verteidigt, ­
  wurde  von  einigen  Vertretern  dieser  Schule 8 )  mit  einer  gewissen ­
  Verärgerung  aufgenommen,  und  führte  während  der  folgenden
Jahre  zu  einer  Art  allgemeiner  Gewissensprüfung.  Es  ist  daher
nötig,  hier  die  wichtigsten  Punkte  der  Diskussion  auszuführen  und  den
Argumenten  der  historischen  Schule  die  Erwiderungen  ihrer  Gegner
gegenüberzustellen.
Die  historische  Schule  machte  der  klassischen  Nationalökonomie
drei  große  Vorwürfe;  1.  ihren  „Universalismus“;  2.  ihre  rudimentäre
Psychologie,  die  sich  auf  den  Egoismus  gründete;  3.  den  Mißbrauch,,
den  sie  mit  der  deduktiven  Methode  treibt.
Betrachten  wir  diese  Vorwürfe  nacheinander:

*)  In  dem  kritischen  Werke  der  deutschen  historischen  Schule  gibt  es  einen
Teil,  mit  dem  wir  uns  hier  nicht  zu  beschäftigen  haben:  ihre  Kritik  des  laisserfaire.
  Zwar  haben  einige  ihrer  Anhänger,  wie  Hxldbbrand,  Nachdruck  auf  den
ethischen  Gesichtspunkt  in  der  Nationalökonomie  gelegt,  —  und  keiner  von
ihnen  teilt  den  Optimismus  eines  Smith  oder  Bastiat.  Ihre  Idee  des  Relativismushat
  sogar  dazu  beigetragen,  ihn  zu  zerstören.  Aber  die  bedeutendsten  unter  ihnen,.
Roscher  und  Hildebrand  selbst,  bleiben  überzeugte  Jünger  des  liberalen  Systems
(siehe  z.  B.  das  Glaubensbekenntnis  Hii.debrand’s  am  Anfang  des  ersten  Bandes  der
Jahrbücher  für  Nationalökonomie,  1863,  Bd.  I,  8.  3).  Wenn  mehrere  von
ihnen  (Brentano,  Schmoller)  sich  mehr  oder  weniger  der  grollen  Gedankenströmung
angeschlossen  haben,  ans  der  gegen  das  Jahr  1872  der  Staatssozialismns  entstand
(siebe  weiter  unten),  so  haben  sie  das  in  sehr  verschiedenem  Maße  getan.  Niemals
haben  sie  diesen  Teil  ihres  Werkes  als  die  Hauptsache  betrachtet.  Sie  haben  hier
keine  selbständigen  Gedanken  hervorgebracht,  und  ihre  Bedeutung  in  der  Geschichte
der  Doktrinen  liegt  in  ihrer  persönlichen  Auffassung  der  wissenschaftlichen  Methode.
2 )  Untersuchungen  über  die  Methode  der  Sozialwissenschaften,
Leipzig  1883,  291  Seiten.
3 )  Vgl.  die  Besprechung  des  Buches  von  Mensbe,  die  Schmoller  in  seiner  Zeitschrift, ­
  Jahrbuch  für  Gesetz  ge  bun  g,  Volkswirtschaft  und  Statistik,
im  Jahre  1884  veröffentlicht  hat.  Diese  Besprechung  ist  in  etwas  milderer  Form  in
dem  Werk  desselben  Schriftstellers:  Zur  Literaturges  chichte  der  Staatsund
  Sozialwissenschaften  (1888)  abgedruckt.
        <pb n="467" />
        Kapitel  I.  Die  historische  Schule  und  der  Streit  über  die  Methoden.  445

a)  Was  die  Anhänger  der  historischen  Schule  Smith  und  seinen
Nachfolgern  am  wenigsten  verzeihen,  ist  ihr  „Universalismus“,  wie
Hilbebeand  sagt,  ihr  „Absolutismus  oder  ihr  Perpetualismus“,  wie
Knies  sich  ausdrückt.  Sie  sagen,  daß  die  englisch-französische  Schule
geglaubt  habe,  die  von  ihr  formulierten  wirtschaftlichen  Gesetze  verwirklichten ­
  sich  überall  und  zu  jeder  Zeit.  Auch  habe  sie  sich  eingebildet, ­
  daß  die  Nationalökonomie,  die  sie  daraus  ableitete,  allgemein
und  überall  angewendet  werden  könne.  Dieser  Absolutismus,  sagen
die  Anhänger  der  historischen  Schule,  muß  in  der  Zukunft  dem
Relativismus  in  der  Praxis  ebenso  wie  in  der  Theorie  Platz  machen.
Zunächst  in  der  Praxis!  Eine  gleichmäßige  wirtschaftliche  Gesetzgebung ­
  läßt  sich  nicht  unterschiedslos  auf  alle  Epochen  und  alle
Länder  anwenden.  Sie  muß  sich  nach  den  wechselnden  Bedingungen
des  Ortes  und  der  Zeit  richten.  Die  Kunst  des  Staatsmannes  besteht
darin,  die  Prinzipien  neuen  Notwendigkeiten  anzupassen  und  auf
Grund  neuer  Probleme  originelle  Lösungen  zu  finden.  —  Wir  müssen
aber  mit  Mengeb  zugeben,  daß  dieses  allgemeine  Prinzip,  das  seit  Jahrhunderten ­
  proklamiert  war,  zu  selbstverständlich  ist,  als  daß  es  nicht
ohne  jeden  Zweifel  die  Zustimmung  Smith’s,  Say’s  und  sogar  Ricaedo’s
gefunden  hätte 1 ),  auch  wenn  sie  es  manchmal  vergaßen,  indem  sie
die  Einrichtungen  der  Vergangenheit  zu  streng  beurteilten,  oder  indem
sie  das  laisser-faire  als  ein  universelles  Heilmittel  hinstellten.
Aber,  und  auf  diese  zweite  Idee  legt  die  historische  Schule  das
Hauptgewicht,  die  ökonomische  Theorie  und  die  ökonomischen  Gesetze, ­
  die  auf  ihr  beruhen,  besitzen  ebenfalls  nur  einen  relativen
Wert,  Hierin  soll  die  bis  dahin  verkannte  Wahrheit  liegen.  Die
Gesetze  der  Physik  und  der  Chemie,  mit  denen  die  Klassiker  gern
die  wirtschaftlichen  Gesetze  vergleichen,  verwirklichen  sich  notwendigerweise ­
  überall  und  stets.  Mit  den  wirtschaftlichen  Gesetzen
ist  dies  aber  nicht  der  Fall.  Besonders  Knies  hat  auf  diesen  Punkt
hingewiesen.  „Ebenso  wie  die  wirtschaftlichen  Lebenszustände,“  sagt
„so  ist  auch  die  Theorie  der  politischen  Ökonomie,  in  welcher
Form  und  Gestalt,  mit  welchen  Argumenten  und  Resultaten  wir  sie
auch  finden,  ein  Ergebnis  der  geschichtlichen  Entwicklung  ...  Sie
hat  in  dem  geschichtlichen  Leben  den  Fonds  ihrer  Argumentationen,
and  sie  muß  ihren  Resultaten  den  Charakter  geschichtlicher  Lösungen
beilegen;  auch  die  „allgemeinen  Gesetze“  der  Nationalökonomie

b  Vgl.  Menuee,  op.  eit,  S.  130ff.  Hie^  kann  man,^”^5
ür*z“Ä p  äää  4  b.« k ,» r
aber  sie  täuschen  sich,  wenn  sie  glauben,  daß  die  alten  Ökonomisten  sie  nicht  ge
kannt  hätten.  Es  ist  eine  englische  Gewohnheit,  viele  Ergänzungen  dem  gesunden
Verstand  des  Lesers  zu  überlassen  .  .  .“
        <pb n="468" />
        446

Viertes  Buch.  Die  Abtrünnigen.

stellen  sich  nicht  anders,  denn  als  eine  geschichtliche  Explikation
und  fortschreitende  Manifestation  der  Wahrheit  dar,  auf  jeder  Stufe
stehen  sie  als  die  Verallgemeinerung  der  bis  zu  einem  bestimmten
Punkte  der  Entwicklung  erkannten  Wahrheiten  da,  und  weder  der
Summe  noch  der  Formulierung  nach  können  sie  für  unbedingt  abgeschlossen ­
  erklärt  werden“  ’).
Diese  Stelle,  die  übrigens  ziemlich  dunkeD  und  verworren,  .wie
die  Sprache  Knies’  im  allgemeinen,  ist,  drückt  einen  wahren  Gedanken ­
  aus,  den  andere  Volks  Wirtschaftler  schon  in  klarerer  Weise
formuliert  haben,  wenn  sie  sagen,  daß  die  wirtschaftlichen  Gesetze
nur  vorläufig  und  bedingungsweise  Geltung  haben.  Vorläufig  in
dem  Sinne,  daß  das  geschichtliche  Leben,  indem  es  neue  Tatsachen
zur  Oberfläche  bringt,  denen  die  bestehenden  Theorien  nicht  genügend
Rechnung  tragen,  die  Volkswirtschaftler  ohne  Unterlaß  dazu  zwingt,
die  Formeln,  mit  denen  sie  sich  bis  dahin  begnügten,  zu  ändern.
Bedingungsweise  in  dem  Sinne,  daß  die  wirtschaftlichen  Gesetze
in  der  Wirklichkeit  nur  bestätigt  werden,  wenn  andere  Umstände
nicht  ihre  Wirkung  behindern;  so  daß  die  Geschichte,  indem  sie  diese
tfmstände  modifiziert,  die  Wirkungen,  die  mau  sich  gewmhnt  hatte,  auf
gewisse  Ursachen  folgen  zu  sehen,  vorübergehend  zum  Verschwunden
bringen  oder  verschleiern  kann.  Vielleicht  war  es  nicht  unnötig,
hierauf  hinzmveisen,  wenigstens  den  Volkswirtschaftlern  gegenüber,  die
ihre  Theorien  als  eine  Art  endgültiger  Offenbarung  hinstellten  und
glaubten,  absolut  sichere  Voraussagen  auf  sie  gründen  zu  können.
Knies  übertreibt  jedoch  bedeutend,  wenn  er  der  Meinung  ist,  die
Relativität  der  so  definierten  wirtschaftlichen  Gesetze  unterscheide  sie
durchaus  von  anderen  wissenschaftlichen  Gesetzen.  Die  physikalischen
find  chemischen  Gesetze  verändern  sich  ebenso,  worauf  schon  Marshall
sehr  richtig  hingewiesen  hat,  je  nachdem  neue  Tatsachen  alte  Formeln
hinfällig  machen.  Auch  sie  sind  daher  nur  vorläufig.  Sie  unterliegen
ebenso  Bedingungen  in  dem  Sinne,  daß  sie  sich  nur  dann  als  wahr
ergeben,  wenn  keine  störenden  Ursachen  vorhanden  sind,  die  geeignet
wären,  die  Bedingungen  des  Versuchs  zu  verändern.  Für  die  modernen

b  Knies,  op.  cit.,  S.  24,  25.  Ashley  hat  diesen  doppelten  Gedanken  in
klareren  Worten  ausgedrückt:  „Die  Nationalökonomie  ist  nicht  ein  Ganzes  von  absolut
wahren  Lehren,  die  der  Welt  am  Ende  des  letzten  und  am  Anfang  dieses  Jahrhunderts ­
  offenbart  worden  sind,  sondern  sie  setzt  sich  aus  einer  gewissen  Anzahl
von  Theorien  und  Verallgemeinerungen  zusammen,  deren  Wert  mehr  oder  weniger
groß  ist  .  .  .  Die  modernen  volkswirtschaftlichen  Theorien  sind  nicht  universell  wahr.
Sie  sind  weder  für  die  Vergangenheit  wahr,  als  die  Bedingungen  nicht  bestanden,
die  zu  ihrem  Zustandekommen  nötig  gewesen  wären,  noch  auch  für  die  Zukunft,,
wenn  die  Lebensbedingungen  sich  verändert  haben  werden,  ausgenommen  die  Gesellschaft ­
  bleibt  stationär.“  (Histoire  et  doctrines  economiques  de  l’Angleterre,
  Vorwort,  franz.  Übers.  S.  2,  3.)
        <pb n="469" />
        Kapitel  I.  Die  historische  Schule  und  der  Streit  über  die  Methoden.  447

Gelehrten  sind  die  natürlichen  Gesetze  nicht  untrennbar  mit  den
Dingen  verbunden.  Sie  sind  „ein  intellektuelles  Produkt  des  Menschen“ x ).
Daher  schreiten  sie  auch  mit  dieser  Intelligenz  vorwärts.  Sie  sind
einfache  abgekürzte  Formeln,  auf  Grund  deren  man  die  Beziehungen
der  Abhängigkeit  ausdrückt,  die  man  zwischen  Tatsachen  festgestellt
hat.  Zwischen  den  „Gesetzen“,  die  so  vom  menschlichen  Geiste  geschaffen ­
  worden  sind,  besteht  kein  anderer  Unterschied,  als  der  mehr
oder  weniger  große  Grad  der  beobachteten  Abhängigkeit.  -
Wenn  die  Stetigkeit  und  Sicherheit  der  physikalischen  und
chemischen  Gesetze  denen  der  bisher  formulierten  wirtschaftlichen
Gesetze  sehr  überlegen  sind,  so  beruht  das  einfach  darauf,  daß  die  ,
Bedingungen,  unter  denen  sie  sich  nachweisen  lassen,  viel  allgemeiner ­
  verwirklicht  sind.  Auf  der  anderen  Seite  ist  ihre  Wirkung  1
oft  meßbar,  und  sie  können  daher  durch  die  Deduktion  den  allgemeinen ­
  Gesetzen  der  Mathematik  angegliedert  werden 2 }.
Knies  hat  nicht  nur  die  Konsequenzen  der  Relativität  der  ;
wirtschaftlichen  Gesetze  übertrieben,  sondern  der  Vorwurf,  den  er
seinen  Vorgängern  macht,  daß  sie  sie  verkannt  hätten,  war  zu  der
Zeit  schon  nicht  mehr  voll  berechtigt,  in  der  er  schrieb.  Wir  werden
diese  Bemerkung,  die  nicht  ohne  Bedeutung  für  die  Geschichte  der
Doktrinen  ist,  wiederholen  müssen.  Stitaet  Mill  hatte  zu  dieser  Zeit
schon  seine  Abhandlung  über  Ökonomik  veröffentlicht  und  in
seiner  Logik,  die  1842  erschien,  und  von  der  bis  1853,  dem  Zeitpunkte, ­
  zu  dem  Knies  schrieb,  verschiedene  Ausgaben  herausgegeben
worden  waren,  präzisiert  er  genau  diesen  Charakter  der  wirtschaftlichen ­
  Gesetze:  „Sie  sind“,  sagt  er,  „auf  die  Annahme  einer  gewissen
Vereinigung  von  Umständen  gegründet  und  besagen,  wie  eine  gegebene ­
  Ursache  unter  diesen  Umständen  wirken  würde,  vorausgesetzt,
daß  keine  anderen  in  Verbindung  mit  ihr  auftreten.  Wenn  die
Bedingungen  einer  bestehenden  Gesellschaft  zur  Voraussetzung  genommen ­
  sind,  so  sind  die  Schlußfolgerungen  für  diese  Gesellschaft
wahr,  ausgenommen  jedesmal,  wenn  die  Wirkung  dieser  Bedingungen
durch  andere,  nicht  in  Berechnung  gezogene,  verändert  worden  ist 8 ).“
Folglich  kann  die  Soziologie,  von  der  in  seinen  Augen  die  Volks-‘)
  Kael  Peakson,  Da  grammaire  de  la  Science,  franz.  Übers,  v.  L.  Mäkoh,
Paris  1912,  S.  140.
J )  Makshall:  Principles,  4.  Ausg.,  B.  I,  Kap.  6,  §  6.  Das,  was  wir  hier
sagen,  bedeutet  keine  Kritik  der  mathematischen  Methode  in  der  Nationalökonomie.
Mit  der  Hilfe  der  Mathematik  die  Beziehungen  zwischen  wirtschaftlichen  Tatsachen
darstellen  (wie  es  die  Schule  Walkas’  tut),  und  diese  Beziehungen  quantitativ
präzisieren,  so  daß  man  aus  allgemeinen  Theoremen  der  Mathematik  die  wirtschaftlichen
Tatsachen  einfach  ableiten  kann,  sind  zwei  ganz  verschiedene  Dinge.
3 )  Stuaht  Mill,  Logik,  franz.  Übers.,  Bd.  II,  S.  494.
        <pb n="470" />
        448

Viertes  Buch.  Die  Abtrünnigen,

Wirtschaft  nur  ein  Zweig  ist,  „nicht  eine  Wissenschaft  positiver
Voraussagen,  sondern  nur  eine  Wissenschaft  von  Tendenzen  sein“.
Klarer  kann  niemand  den  nur  „relativen“  Wert  der  wirtschaftlichen
Gesetze  ausdrücken.
Wie  dem  nun  auch  sei,  die  modernen  Volkswirtschaft!er  haben
die  Kritiken  der  Anhänger  der  historischen  Schule  für  genügend  begründet ­
  befunden,  um  in  größerer  Genauigkeit  einen  Schutz  gegen
ähnliche  Vorwürfe  zu  suchen.  Unter  anderem  definiert  Maeshall
die  wirtschaftlichen  Gesetze,  indem  er  den  Ausdruck  Mill’s  wiederaufgreift, ­
  als  „einen  Ausdruck  wirtschaftlicher  Tendenzen“ 1 ).
Ihrerseits  haben  die  Gründer  der  reinen  Ökonomik,  deren  Methode
sich  am  klarsten  von  der  der  historischen  Schule  unterscheidet,  die
gleiche  Vorsicht  angewendet.  Sie  gründen  ihre  Schlußfolgerungen
ausdrücklich  und  absichtlich  auf  eine  Auswahl  einer  gewissen  Anzahl
vorher  angeführter  Hypothesen,  deren  sichere  Verwirklichung  sie  sich
wohl  hüten  zu  behaupten.  „Die  reine  Ökonomik“,  sagt  Waleas,
„muß  der  Erfahrung  typische  Bilder  für  den  Tausch,  das  Angebot,
die  Nachfrage,  die  Kapitalien,  die  Einkünfte,  die  produktiven  Dienste
und  die  Produkte  entlehnen.  Von  diesen  wirklichen,  typischen  Bildern
muß  sie  durch  Definition  ideelle  Typen  abstrahieren,  und  ihre
Schlußfolgerungen  auf  diese  letzteren  aufbauen,  um  zur  Wirklichkeit
nur  zum  Zweck  der  Anwendung  zurückzukehren,  wenn  die  Wissenschaft ­
  abgeschlossen  ist 2 )-“  Die  reine  Ökonomik  untersucht  zum
Beispiel  die  Wirkungen  der  Konkurrenz,  nicht  unter  der  unvollkommenen
Form,  in  der  sie  sich  in  Wirklichkeit  uns  darbietet,  sondern  wie
sie  auf  einem  hypothetischen  Markt  funktionieren  würde,  wo  alle
Kontrahenten  ihre  wirklichen  Interessen  genau  kennen  und  ihnen  in
voller  Freiheit  und  in  vollständiger  Öffentlichkeit  nachgehen  können.
Der  Begriff  eines  Grenzzustandes  dieser  Art  gestattet,  wie  durch  ein
Vergrößerungsglas,  die  Folgen  einer  Hypothese  zu  untersuchen,  wie
sie  uns  die  Wirklichkeit  nie  mit  voller  Klarheit  bietet.
Man  kann  die  Vorteile  dieser  Methode  bestreiten,  aber  man  kann
nicht  behaupten,  daß  ihre  Urheber  die  Relativität  der  so  gewonnenen
wirtschaftlichen  Gesetze  verheimlicht  hätten.
Man  mag  den  Anhängern  der  historischen  Schule  dafür  danken,
daß  sie  diesen  Charakterzag  in  einem  Augenblick  klar  hervorhoben,
an  dem  einige  Volks  Wirtschaftler  ihn  vergessen  zu  haben  schienen.
Man  kann  aber  behaupten,  daß  er  heute  von  allen  im  vollen  Umfang
anerkannt  ist.  Wenn  sich  Knies  dazu  anschickt,  hierauf  eine  absolute ­
  Unterscheidung  zwischen  natürlichen  und  wirtschaftlichen

*)  Makshall,  Principles  of  economics,  4.  Ausg.,  B.  I,  Kap.  6,  §  6.
2 )  Waleas,  Ecouomie  Politique  pure,  4.  Ausg.,  S.  20.
        <pb n="471" />
        Kapitel  I.  Die  historische  Schule  und  der  Streit  über  die  Methoden.  449

Gesetzen  zu  begründen,  so  erscheint  dies  vielen,  vielleicht  sogar  der
Mehrzahl  der  Yolkswirtschaftler  als  ungerechtfertigt 1 )
b)  Die  Anhänger  der  historischen  Schule  werfen  weiterhin  den
■ersten  Ökonomisten  vor:  daß  ihre  Psychologie  eng  und  ungenügend
gewesen  sei.  Adam  Smith,  Say  und  Ricaedo  betrachten  das  Selbstinteresse ­
  als  den  einzigen  Beweggrund  aller  menschlichen  Handlungen.
Sie  bilden  sich  ein,  daß  der  Mensch  einzig  und  allein  von  der  Jagd
nach  dem  Gewinn  beherrscht  sei.  Die  Anhänger  der  historischen
Schule  sagen  nun,  daß  das  Interesse,  sogar  in  wirtschaftlicher  Hinsicht, ­
  durchaus  nicht  der  einzige  Beweggrund  menschlichen  Handelns
sei.  Hierin,  wie  in  anderen  Dingen,  gehorche  der  Mensch  den  verschiedensten ­
  Triebfedern:  der  Eitelkeit,  der  Ruhmsucht,  dem  Tätigkeitstrieb, ­
  Pflichtgefühl,  Mitleid,  Wohlwollen,  der  Nächstenliebe,  oder
einfach  der  Gewohnheit.  Knies  sagt:  „Den  Menschen  unwandelbar
und  allgemein  in  seiner  wirtschaftlichen  Tätigkeit  nur  von  eigennützigen ­
  Motiven  geleitet  hinstellen,  ist  tatsächlich  entweder  gleichbedeutend ­
  mit  der  Ableugnung  aller  edleren  und  besseren  Motive
in  jeglichem  Beginnen  des  Menschen,  oder  mit  der  Lehre,  daß  jeder
Mensch  so  und  so  viele  selbständig  nebeneinander  wirkende  Mittelpunkte ­
  seines  geistigen  Lebens  habe“  2 ).
Daß  die  Klassiker  im  persönlichen  Interesse  (nicht  im  Egoismus,
wie  Knies  sagt,  indem  er  diesem  Wort  einen  erniedrigenden  Sinn
gibt),  den  Ursprung  und  die  grundlegende  Erklärung  der  wirtschaftlichen ­
  Tatsachen  gesehen  haben,  wird  niemand  bestreiten.  Die  Anhänger ­
  der  historischen  Schule  scheinen  sich  aber  auch  hier  getäuscht
zu  haben,  indem  sie  ihrer  Beobachtung  eine  viel  zu  große  Tragweite
gaben.  Damit  beschäftigt,  die  Wirklichkeit  in  ihrer  ganzen  komplizierten ­
  Zusammensetzung  zu  erfassen,  und  mehr  für  das  Spezielle  und
Charakteristische  als  für  das  Allgemeine  und  Universelle  interessiert,
haben  die  Anhänger  der  historischen  Schule  vergessen,  daß  die  Volkswirtschaft ­
  als  Wissenschaft  die  wirtschaftlichen  Tatsachen  als
Massentatsachen  betrachtet.  Die  klassischen  Volks  Wirtschaftler
bemühten  sich  das  Allgemeine,  nicht  das  Individuelle  zu  studieren.
Und  ist  denn  im  Wirtschaftsleben,  wenn  man  davon  absieht,  daß  in
irgendeinem  Spezialfall  persönliche  Neigungen  dieses  oder  jenes  Beteiligten ­
  Unterschiede  herbeiführen  können,  der  beständigste  Beweggrund ­
  für  jede  Handlung  nicht  gerade  der  egoistische  Wunsch
des  Wohlseins  oder  des  Gewinnes?  Das  ist  die  Meinung  Adolf
V'agnee’s,  der  sich  in  diesen  Fragen  der  Methode  mit  Entschieden-1

 )  Gewisse  Schriftsteller  gehen  jedoch  eine  vollständige  Assimilation  nicht  zu.
Z.  B.  Wagnee,  Grundlegung,  Bd.  I,  S.  335.
2 )  Knies,  op.  cit,  S.  232.
Olde  und  Eist,  Gesch.  d.  Volkswirtschaft!.  Lehrmeinungen.

29
        <pb n="472" />
        450

Viertes  Buch.  Die  Abtrünnigen.

heit  von  der  historischen  Schule  trennt.  Er  hat  mit  viel  Scharfsinn
die  verschiedenen  Beweggründe,  die  den  Menschen  in  seinem  wirtschaftlichen ­
  Leben  leiten,  untersucht  und  kommt  zu  dem  Schluß,  daß
von  allen  Beweggründen  „der  Egoismus“  der  einzige  wirklich  beständige ­
  und  dauernde  ist.  „Daraus  erklärt  sich  und  rechtfertigt
sich“,  sagt  er,  „daß  die  Methode  der  Deduktion  der  politischen  Ökonomie ­
  gerade  dieses  Motiv  als  Ausgangspunkt  genommen  hat x )“.
Nach  dieser  Feststellung  muß  man  mit  Knies  jedoch  anerkennen,
daß  die  klassischen  Volkswirtschaftler  die  Veränderungen,  die  die
Bestrebungen  des  persönlichen  Interesses  in  der  Wirklichkeit  unter
dem  Einfluß  anderer  Beweggründe  erleiden,  nicht,  wie  Knies  sagt,
geleugnet,  aber  doch  zu  sehr  vernachlässigt  haben.  Sie  sind  hierin
manchmal  soweit  gegangen,  daß  sie  die  Nationalökonomie  in  eine
„einfache  Naturgeschichte  des  Egoismus“,  wie  Hildebeand  sagt,  verwandelt ­
  zu  haben  scheinen.
Wir  müssen  aber  hier  die  Bemerkung,  die  wir  eben  gemacht
haben,  wiederholen.  Zur  Zeit,  als  Knies  seine  Kritik  formulierte,
hatte  sie  schon  aufgehört,  wirklich  berechtigt  zu  sein.  Schon  seit
mehr  als  zehn  Jahren  hatte  Stuaet  Miel  in  seiner  Logik  die  Aufmerksamkeit ­
  auf  diesen  Punkt  gelenkt.  Er  schrieb:  „Ein  englischer
Volkswirtschaftler,  wie  seine  Landsleute  im  allgemeinen,  kann  nicht
begreifen,  wie  leicht  es  vorkommt,  daß  mit  dem  Verkauf  von  Waren
über  den  Ladentisch  beschäftigte  Leute  mehr  an  ihre  Bequemlichkeit
und  ihre  Eitelkeit  als  an  ihren  klingenden  Gewinn  denken“  2 ).  Für
seinen  Teil  erklärte  er:  „daß  es  im  Leben  eines  Menschen  vielleicht
nicht  eine  einzige  Handlung  gibt,  deren  Ursache  nicht  in  einem
mehr  oder  weniger  ersichtlichen  Beweggrund  läge,  der  nichts  mit
dem  Wunsch  nach  Bereicherung  zu  tun  hat“ 3 ).  So  ist  schon  für
Stuaet  Mill  der  egoistische  Beweggrund,  die  Jagd  nach  dem  Gewinn,
nicht  mehr  der  „unveränderliche  und  allgemeine“  Beweggrund  des
Menschen.  Wie  wir  schon  in  dem  vorhergehenden  Kapitel  gesehen
haben,  deckt  sich  sogar  für  Stuaet  Mill  der  Egoismus  oder  das
wohlverstandene  persönliche  Interesse,  wie  er  es  definiert,  mit  dem
Altruismus.
Aber  auch  hier  haben  die  Vorwürfe  der  Anhänger  der  historischen ­
  Schule  trotz  ihrer  Übertreibungen,  ebenfalls  die  Volkswirtschaftler ­
  anderer  Richtungen  dazu  gezwungen,  ihre  Auffassungsweise
genauer  zu  präzisieren.  Heute  behauptet  Maeshall,  daß  sich  die
Volkswirtschaftler;  „mit  dem  Menschen,  so  wie  er  ist,  beschäftigen;

b  A.  Wagner,  Grundlegung,  §  67.
b  Stuaet  Mill,  Logik,  Bd.  II,  S.  502
3 )  Ebenda,  S.  408.
        <pb n="473" />
        Kapitel  I.  Die  historische  Schule  und  der  Streit  über  die  Methoden.  451
nicht  mit  einem  abstrakten  oder  ökonomischen  Menschen,  sondern
mit  einem  Menschen  ans  Fleisch  und  Blut“ 1 ).  „Und  wenn“,  sagt
Maeshall,  „unter  den  Beweggründen,  denen  der  Mensch  gehorcht,
der  Volkswirtschaftler  besonders  die  Jagd  nach  dem  persönlichen
Gewinn  studiert,  so  bedeutet  das  nicht,  daß  er  die  Volkwirtschaft
auf  eine  „Naturgeschichte  des  Egoismus“  beschränken  will,  sondern
einfach,  daß  die  Wirkungen  dieser  Triebfeder,  da  sie  sehr  oft  in
Geld  meßbar  sind,  sich  leichter  zu  einer  wissenschaftlichen  Untersuchung ­
  eignen,  als  zum  Beispiel  die  Beweggründe  der  Nächstenliebe, ­
  der  Eitelkeit  oder  des  Pflichtgefühls“  2 ).  Die  Hedonisten,  für
die  die  reine  Ökonomik  auf  einem  Abwägen  Ton  Lust  und  Unlust
beruht,  weisen  ausdrücklich  darauf  hin,  daß  die  Hypothese,  auf  die
sie  sich  stützen,  nur  eine  bequeme  Vereinfachung  der  Wirklichkeit
ist,  deren  man  nicht  entbehren  kann,  um  die  Analyse  der  Tatsachen
so  weit  wie  möglich  zu  treiben.  Es  ist  eine  notwendige  und  daher
berechtigte  Abstraktion,  aber  doch  eine  Abstraktion.
c)  Hier  tritt  nun  gerade  die  historische  Schule  dazwischen,  um
den  Klassikern  einen  neuen  Vorwurf  zu  machen;  die  mißbräuchliche
Anwendung  der  Abstraktion  und  der  Deduktion,  und  auf  diesen  Vorwurf ­
  legt  sie  vielleicht  den  stärksten  Nachdruck.
An  Stelle  der  Deduktion  möchte  die  Schule  als  vorherrschende
Methode  die  auf  die  Beobachtung  gegründete  Induktion  treten
sehen.
Diese  Kritik  des  deduktiven  Schlußverfahren  steht  in  enger  Beziehung ­
  zu'  dem  vorhergehenden  Punkte.  Da  die  klassischen  Volkswirtschaftler ­
  im  Menschen  nur  ein  einziges  treibendes  Motiv  sehen
wollten,  so  glaubten  sie,  wie  die  Anhänger  der  historischen  Schule
sagen,  daß  sie  aus  einer  einzigen  Tendenz  auf  Grund  von  Schlußfolgerungen ­
  a  priori  alle  wirtschaftlichen  Gesetze  ableiten  könnten.
Wenn  man  sich  aber  im  Gegenteil  Rechenschaft  von  der  Vielfältigkeit
der  in  der  wirtschaftlichen  Welt  in  Betracht  kommenden  Beweggründe ­
  gebe,  so  springe  die  Mangelhaftigkeit  dieses  Verfahrens  in  die
Augen.  Man  komme  dabei  nicht  zu  einem  Bilde,  sondern  zu  einer
Karrikatur  der  Wirklichkeit.  Nur  eine  geduldige  Beobachtung  gestatte ­
  auf  Grund  von  vorsichtigen  Induktionen  nach  und  nach  die
Schäftung  einer  wirtschaftlichen  Theorie,  die  der  komplizierten  Mannigfaltigkeit ­
  der  Tatsachen  gerecht  wird.  „Und  in  der  Zukunft“,  schreibt
Schmollee  1883  in  seiner  Antwort  an  Mengee,  „wird  für  die  Nationalökonomie ­
  eine  neue  Epoche  kommen,  aber  nur  durch  Verwertung  des
ganzen  historisch-deskriptiven  und  statistischen  Materials,  das  jetzt
‘)  Maeshall,  Principles,  B.  I,  Kap.  V,  §  9.
2 )  Ebenda,  B.  I,  Kap.  V,  §  7.
        <pb n="474" />
        452

Viertes  Buch.  Die  Abtrünnigen.

geschaffen  wird,  nicht  durch  weitere  Destillation  der  hundertmal
destillierten  abstrakten  Sätze  des  alten  Dogmatismus“  *),
Auf  diese  Kritik  der  Methode,  hat  die  „junge  historische  Schule“
ganz  besonderen  Nachdruck  gelegt;  und  Mbngee  hat  sagen  können:
„für  sie  gilt  die  Kunst  abstrakten  Denkens,  und  wäre  das  letztere
auch  in  nocli  so  hohem  Maße  durch  Tiefe  und  Originalität  ausgezeichnet ­
  ,  und  stützte  es  sich  noch  so  sehr  auf  eine  breite
empirische  Grundlage,  kurz  alles,  was  in  den  anderen  theoretischen
Wissenschaften  den  höchsten  Kulan  der  Forscher  begründet,  neben
den  Produkten  kompilatorischen  Fleißes,  für  etwas  Nebensächliches,
fast  für  ein  Stigma“  2 ).
In  ihrer  Kritik  der  Abstraktion  nnd  Deduktion  bei  den
klassischen  Nationalökonomen,  hat  die  historische  Schule  tatsächlich
den  Fehler  begangen,  zwei  Dinge  zu  verwechseln:  Die  Anwendung,
die  die  Klassiker  von  diesen  Methoden  gemacht  haben  und  diese
Methoden  an  sich.
Niemand  wird  leugnen,  daß  die  Klassiker  oft  von  falschen  Prämissen ­
  ausgegangen  sind,  oder  daß  sie,  von  richtigen  Prämissen
ausgehend,  zu  schnell  und  ohne  genügende  Kontrolle  behauptet
haben,  daß  ihre  Schlußfolgerungen  stets  von  den  Tatsachen  bestätigt
würden.  Niemand  wird  bestreiten,  daß  ihre  Analysen  oft  unvollständig ­
  gewesen  sind,  ihre  Verallgemeinerungen  oberflächlich  und
ihre  Formeln  zweideutig 8 ).
Das  ist  aber  noch  lange  kein  Grund,  die  Berechtigung  der  Abstraktion ­
  nnd  der  Deduktion  anzuzweifeln.  Eine  Kategorie  menschlicher ­
  Beweggründe  zu  isolieren,  um  ihre  Wirkungen  gesondert  zu
untersuchen,  bedeutet  nicht,  das  Dasein  und  den  Einfluß  anderer
Beweggründe  zu  leugnen,  ebensowenig  wie  mau  das  Vorhandensein
anderer  Einflüsse  leugnet,  wenn  man  die  Wirkung  der  Schwerkraft
auf  die  Körper  untersucht.  In  einer  Wissenschaft,  wie  der  Nationalökonomie, ­
  wo  der  Versuch  praktisch  unmöglich  ist,  sind  die  Abstraktion ­
  und  die  Analyse  die  einzigen  Mittel,  die  der  Gelehrte  zu

*)  Schmoller,  Zur  Literaturgeschichte  usw.,  S.  279.
2 )  K.  Mengee,  Untersuchungen  über  die  Methode  usw..  S.  48.
3 )  „Hier  haben  auch  hervorragende  Vertreter  der  britischen  Ökonomie  gewiß
öfters  Fehler  begangen,“  sagt  Ä.  Waqhee  (Grundlegung,  Kap.  I,  §  4  S.  18).  „Aber
es  waren  dann  regelmäßig  nicht  sowohl  Fehler  der  Methode,  auch  nicht  solche,  die
unvermeidlich  im  Wesen  der  Methode  liegen,  sondern  Fehler  in  und  bei  der  Anwendung ­
  der  Methode.“  Karl  Mengbe,  der  die  Deduktion  mit  so  viel  Nachdruck
verteidigt,  hat  sich  ihrer  gerade  bedient,  um  die  klassischen  Theorien  zu  erneuern.
Er  sagt:  „Die  nationalökonomische  Theorie,  wie  sie  der  Hauptsache  nach  die  sogenannte ­
  klassische  Schule  englischer  Nationalokonomeu  gestaltete,  hat  das  Problem
einer  Wissenschaft  von  den  Gesetzen  der  Volkswirtschaft  in  befriedigender  Weise
nicht  zu  lösen  vermocht“.  Mengee  op.  cit.  S.  XV.
        <pb n="475" />
        Kapitel  1.  Die  historische  Schule  und  der  Streit  über  die  Methoden.  458

seiner  Verfügung  hat,  um  sich  in  der  Menge  der  Einflüsse,  die  sich
in  der  Wirklichkeit  kreuzen,  zurechtzufinden.  Das  Verfahren,  auch
wenn  es  ohne  große  praktische  Bedeutung  wäre,  würde  gerechtfertigt
sein,  selbst  wenn  der  so  isolierte  Beweggrund  nebensächlich  wäre.
Dies  um  so  mehr,  da  der  Beweggrund,  um  den  es  sich  hier  handelt,
die  Jagd  nach  Gewinn,  oder  die  Befriedigung  materieller  Bedürfnisse,
auf  die  wirtschaftlichen  Handlungen  unbestreitbar  eine  vorherrschende
Wirkung  ausübt 1 ).
Dieses  Verfahren  ist  so  natürlich,  wir  können  sogar  sagen,  so
unentbehrlich,  —  um  dem  Geist  zu  gestatten,  sich  unter  der  Vielfältigkeit ­
  der  Tatsachen  zurechtzufinden,  daß  die  Kritik  der  historischen
Schule  den  in  der  wirtschaftlichen  Literatur  seit  etwa  80  Jahren
immer  bezeichnender  werdenden  Aufschwung  der  abstrakten  und  deduktiven ­
  Methode  nicht  verhindert  hat.  Es  ist  wahr,  daß  die  modernen
Nachfolger  der  Klassiker,  wenn  sie  die  abstrakten  Methoden  wieder
zu  Ehren  gebracht  haben,  sie  nicht  mehr  wie  die  ersten  Klassiker
handhaben.  Sie  haben  der  Deduktion  einen  festeren  Ausgangspunkt
gegeben,  indem  sie  eine  exaktere  psychologische  Analyse  der  Bedürfnisse ­
  aufstellen,  die  das  persönliche  Interesse  befriedigen  soll 2 ).
Auf  der  anderen  Seite  haben  sie  gerade  den  Mechanismus  der  Deduktion ­
  vervollkommnet,  indem  sie  sich  nicht  nur  der  Regeln  der
gewöhnlichen  Logik  bedienten,  sondern  auch  die  der  mathematischen
Analyse  anwandten.  Die  Schlußfolgerungen  nun,  zu  denen  sie  in
einer  großen  Anzahl  von  Punkten  kommen,  unterscheiden  sich  außerordentlich ­
  von  denen  der  Klassiker.
Glücklicherweise  bietet  der  Gegensatz  der  induktiven  und  deduktiven ­
  Methode,  der  von  der  historischen  Schule  aufgebracht  worden
ist,  heute  kein  besonderes  Interesse  mehr.  Die  bedeutendsten  Volkswirtschaftler ­
  haben  beide  Methoden  als  gleicherweise  notwendig  an-‘)
  Ygl.  Kaki,  Mengeb,  Untersuchungen,  usw.  S.  79.  „So  wenig  wie  die
reine  Mechanik  die  Existenz  mit  Luft  erfüllter  Räume,  die  Reibung  usf.,  so  wenig  ,
die  reine  Mathematik  die  Existenz  realer  Körper,  Flächen  und  Linien  leugnet,  .  .  .
so  wenig  die  reine  Chemie  den  Einfluß  physikalischer  und  die  reine  Physik  den
Einfluß  chemischer  Faktoren  bei  Gestaltung  der  realen  Erscheinung  negiert,  ob  zwar
jede  dieser  Wissenschaften  nur  eine  Seite  der  realen  Welt  berücksichtigt,  und  von
allen  anderen  abstrahiert:  sowenig  behauptet  ein  Nationalökonom,  daß  die  Menschen
faktisch  nur  vom  Eigennutze  geleitet,  oder  aber  unfehlbar  oder  allwissend  seien,  ,
weil  er  die  Gestaltungen  des  sozialen  Lebens  unter  dem  Gesichtspunkte  des  freien,
durch  Nehenrücksichten,  durch  Irrtum  und  Unkenntnis  unbeeinflußten  Spieles  des
menschlichen  Eigeninteresses  zum  Gegenstand  seiner  Forschung  macht.“  Im  gleichen
Sinne:  Adole  Wagner,  o  p.  c  i  t.  §  67  ff.,  und  Mabshall.
2 )  Die  heutigen  deduktiven  Volkswirtschaftler  verachten  die  Psychologie  so
wenig,  daß  man  sogar  gewissen  von  ihnen  (den  Österreichern)  den  Namen  „Psychologische ­
  Schule“  gegeben  hat.  Man  kann  behaupten,  daß  sie  in  dieser  Hinsicht  viel
weiter  gegangen  sind,  als  die  historische  Schule.
        <pb n="476" />
        454

Viertes  Buch.  Die  Abtrünnigen.

genommen.  Die  verschiedensten  Schriftsteller  sind  übereingekommen,
diese  Fragen  der  Methode  als  nebensächlich  auszuscheiden  und  diesen
Streit,  bei  dem  die  Wissenschaft  nicht  viel  gewonnen  hat,  zu  vergessen. ­
  Es  ist  der  Mühe  wert,  am  Schlüsse  dieses  Absatzes  auf  die
Meinungen  einiger  Gelehrter  hinzuweisen,  die  sehr  verschiedene  Richtungen ­
  vertreten,  aber  doch  in  dieser  Hinsicht  ungefähr  gleich  denken.
„Die  Diskussionen  über  die  Methode“,  sagt  Paeeto,  „sind  ein  reiner
Zeitverlust;  der  Zweck  der  Wissenschaft  ist  die  Erkenntnis  der
Gleichmäßigkeit  der  Tatsachen,  und  infolgedessen  kommt  es  darauf  an,
irgendeinem  Weg  zu  folgen,  irgendeine  Methode  anzuwenden,  die
diesem  Ziele  näher  fuhrt.“*)  „Wir  werden  stets  nebeneinander  Arbeiter
brauchen“,  sagt  Maeshall,  „die  verschiedene  Fähigkeiten  haben  und
verschiedene  Ziele  verfolgen,  von  denen  die  einen  sich  hauptsächlich
der  Beobachtung  von  Tatsachen  widmen,  die  anderen  der  wissenschaftlichen ­
  Analyse  ..alle  Arbeitsweisen,  die  darauf  hinzielen,  die
Verbindung  zwischen  Ursache  und  Wirkung  zu  entdecken,  wie  sie
in  den  verschiedenen  Abhandlungen  über  wissenschaftliche  Logik
beschrieben  sind,  müssen  eine  nach  der  anderen  von  den  Volkswirtschaftlern ­
  angewendet  werden“ 2 ).  —  Nach  diesen  Schriftstellern,
die  hauptsächlich  die  deduktive  Methode  gebrauchen,  wollen  wir  jetzt
Anhänger  der  historischen  Schule  zu  Worte  kommen  lassen.  Als
erster  hat  Schmollee  an  einer  Stelle  gesagt:  „Wie  der  rechte  und
der  linke  Fuß  zum  Gehen,  so  gehören  Induktion  und  Deduktion
gleichmäßig  zum  wissenschaftlichen  Denken“ 3 ).  Bemerkenswerter  ist
vielleicht  die  Meinung  eines  Volkswirtschaftlers  —  Büchee’s  —,  dem
die  historische  Schule  einige  ihrer  selbständigsten  Beiträge  verdankt. ­
  „Es  ist  darum  mit  großer  Genugtuung  zu  begrüßen,  wenn
nach  einer  Periode  emsiger  Stoffsammlung  in  neuerer  Zeit  die  Probleme ­
  der  modernen  Verkehrswirtschaft  mit  Eifer  wieder  aufgenommen
worden  sind,  und  wenn  die  Berichtigung  und  der  weitere  Ausbau
des  alten  Systems  auf  demselben  Wege  versucht  wird,  auf  dem  dieses
entstanden  ist,  nur  mit  Benutzung  eines  viel  reicheren  Tatsachenmaterials. ­
  Denn  es  gibt  in  der  Tat  keine  andere  Forschungmethode, ­
  mit  welcher  man  der  komplizierten
’)  Parbto,  Manuale  di  economia  politica,  Mailand,  1906  S.  24.
2 )  Marshall,  Principles  of  economics,  4.  Ausg.,  B.  I,  Kap.  VI.
s )  Schmollee  im  Handwörterbuch  der  Staatswissenschaften,
(Conrad)  Artikel:  Volkswirtschaft.  Jena  1911,  Verlag  G.  Fischer,  8.  Bd.  S.  478,
Sp.  2,  Reihe  2.  In  seinem  Grundriß  liest  man  noch:  „Diejenigen,  welche  in  der
neueren  deutschen  Nationalökonomie  als  Vertreter  induktiver  Forschung  gelten,  bekämpfen ­
  nicht  die  Deduktion  überhaupt,  sondern  nur  die  aus  oberflächlichen  unzureichenden ­
  Prämissen,  welche  sie  glauben,  auf  Grund  besserer  Beobachtung  durch
genauere  Obersätze  ersetzen  zu  können“  (Bd.  I,  S.  111).  Von  diesem  Gesichtspunkt
aus  kann  ihm  jeder  zustimmen.
        <pb n="477" />
        Kapitel  I.  Die  historische  Schule  und  der  Streit  über  die  Methoden.  455

Verursachung  der  Yerkehrsvorgänge  nahe  kommen  kann,
als  die  isolierende  Abstraktion  und  die  logische  Deduktion. ­
  Das  einzige  induktive  Verfahren,  welches  daneben  in
Frage  kommen  kann,  das  statistische,  ist  für  die  meisten  hierhergehörigen ­
  Probleme  nicht  fein  und  eindringend  genug  und  kann
nur  als  ergänzendes  oder  kontrollierendes  Hilfsmittel  herangezogen
werden“  1 ).
§  3.  Die  positiven  Ideen  der  historischen  Schule.
Wahrscheinlich  wären  die  Kritiken,  die  die  Anhänger  der  historischen ­
  Schule  gegen  die  Methoden  der  Klassiker  erhoben,  nicht  so
scharf  gewesen,  wenn  sich  in  ihnen  nicht  eine  vollständig  verschiedene
Auffassung  der  Rolle  und  des  Zweckes  der  Nationalökonomie  verborgen ­
  hätte.  Hinter  diesen  Kritiken  liegt,  mehr  oder  weniger  deutlich
ein  prinzipieller  Gegensatz.  Wenn  die  „junge  historische  Schule“
heute  einige  ihrer  Hoffnungen  aufgegeben  hat,  —  so  träumten  doch
die  ersten  Anhänger,  wie  wir  gesehen  haben,  von  einer  vollständigen
Erneuerung  der  Wissenschaft.  In  welchem  Sinn  und  auf  welche
Weise  sollte  dies  nun  geschehen?  Es  ist  von  Bedeutung,  Klarheit
hierüber  zu  haben.  Die  positive  Auffassung,  die  sich  die  historische
Schule  von  der  Ökonomik  gemacht  hat,  ist  für  die  Geschichte  der
Doktrinen  noch  interessanter,  als  ihre  kritische  Leistung.  Denn  in
ihr  liegt  ein  geistiger  Gegensatz,  den  man  zu  fast  allen  Zeiten  in
der  Geschichte  unserer  Wissenschaft  findet.
Das  wirtschaftliche  Leben  kann  von  zwei  verschiedenen  Gesichtspunkten ­
  aus  betrachtet  werden,  die  man  als  den  mechanischen
und  den  organischen  unterscheiden  kann;  auf  den  einen  stellen
sich  die  verallgemeinernden  Denker,  deren  Höchstes  die  Einfachheit
ist;  der  andere  drängt  sich  ganz  natürlich  denen  auf,  die  durch
die  beständigen  Wandlungen  der  konkreten  Wirklichkeit  angezogen
werden.
Die  ersten  Volkswirtschaftler  gingen  in  der  Mehrzahl  vom
mechanischen  Gesichtspunkt  aus.  Unter  der  Menge  der  sozialen
Phänomene  haben  sie  sich  meistens  begnügt,  die  zu  studieren,  die
eine  im  wesentlichen  mechanische  Erklärung  gestatten.  Die  Preisschwankungen, ­
  das  Steigen  und  Fallen  des  Zinsfußes,  des  Lohnes  und
der  Bodenrente,  die  Anpassung  der  Produktion  an  die  Nachfrage  unter
der  Herrschaft  der  freien  Konkurrenz  erscheinen  ihnen  als  die  Wirkungen ­
  der  fast  automatischen  Tätigkeit  menschlicher  Moleküle,  die
')  Kahl  Bücher,  Die  Entstehung  der  Volkswirtschaft,  3.  Ausg.
(1901)  S.  173.
        <pb n="478" />
        456

Viertes  Buch.  Die  Abtrünnigen.

dem  überall  identischen  Beweggrund  des  persönlichen  Interesses  gehorchen. ­
  Die  Einfachheit  dieser  Auffassung  entbehrt  nicht  der  Größe»
Nur  ist  das  so  erhaltene  Bild  des  sozialen  Lebens  außerordentlich
begrenzt.  Es  vernachlässigt  eine  große  Anzahl  von  bedeutungsvollen
und  interessanten  Tatsachen.  Der  konkrete  Ausdruck  der  wirtschaftlichen ­
  Welt  ist  in  Wirklichkeit  außerordentlich  verschieden  und
wechselnd.  Wir  können  in  ihm  Einrichtungen  aller  möglichen  Art
unterscheiden;  Banken,  Handels-  und  Effektenbörsen,  Genossenschaften
der  Arbeitgeber  und  solche  der  Arbeitnehmer,  Handelsgesellschaften
und  Kooperativgesellschaften;  wir  treffen  hier  auf  erbitterte  Kämpfe
zwischen  der  großen  und  der  kleinen  Industrie,  dem  großen  und
kleinen  Handel,  dem  großen  und  kleinen  Landbesitz,  zwischen  sozialen
Klassen,  zwischen  Individuen,  zwischen  dem  Staat  und  den  Einzelpersonen, ­
  zwischen  den  Städten  und  dem  platten  Land.  Wir  sehen,
wie  der  Wohlstand  der  Staaten  wächst  und  verfällt,  wie  die  Konkurrenz ­
  dem  einen  heute  ein  Übergewicht  gibt,  das  sie  ihm  morgen
wieder  nimmt.  In  diesem  Lande  und  in  jener  Epoche  haben  gewisse,
handelspolitische  Richtungen  Erfolg,  die  im  Gegenteil  an  anderen
Stellen  oder  in  anderen  Zeitläuften  fehlschlagen.  Wir  sehen,  wie  in
jedem  Lande  und  zu  jedem  Augenblick  das  wirtschaftliche  Leben
sich  durch  andere  Organe  vollzieht,  sich  beständig  verändert,  sich
den  wechselnden  Bedingungen  der  Technik  anpaßt,  sich  mit  dem
Fortschritt  der  Wissenschaft  umformt,  mit  neuen  Sitten  und  Anschauungen ­
  andere  Formen  zeigt.
Von  all  diesem  sagt  uns  aber  die  mechanische  Auffassung  der
Volkswirtschaft  kein  Wort.  Sie  erklärt  uns  weder  die  wirtschaftlichen
Unterschiede,  die  eine  Nation  von  der  anderen  trennen,  noch  die,  die
eine  Epoche  von  der  anderen  scheiden.  Ihre  Lohntheorie  sagt  uns
nichts  über  die  verschiedenen  Arbeiterkategorien,  ihren  relativen
Wohlstand  in  den  aufeinander  folgenden  Perioden  der  Geschichte,  od.er
über  die  rechtlichen  und  politischen  Verhältnisse,  von  denen  dieser
Wohlstand  abhing.  Ihre  Zinstheorie  sagt  uns  nichts  über  die  unzähligen ­
  Formen,  die  die  Funktion  des  Kredites  in  der  Geschichte
angenommen  hat,  über  die  Veränderungen,  die  die  Tauschmittel,  das
Metallgeld  und  das  Papiergeld  erlitten  haben.  Ihre  Theorie  des
Profits  läßt  die  Umformungen  der  Unternehmungen,  ihre  Konzentration
oder  Zersplitterung,  ihren  individuellen  oder  kollektiven  Charakter,
ihre  Sonderstellung  im  Handel,  in  der  Industrie  oder  der  Landwirtschaft ­
  außer  acht;  denn  die  klassischen  Volkswirtschaftler  haben
einfach  die  allgemeinen  und  beständigen  Tatsachen  gesucht,  in  denen
im  Kähmen  der  sozialen  Einrichtungen  ihrer  Zeit  die  Tätigkeit  des
Homo  Oeconomicus  zum  Ausdruck  kam.
Daher  genügt  die  mechanische  Erklärung  des  Wirtschaftslebens
        <pb n="479" />
        Kapitel  I.  Die  historische  Schule  und  der  Streit  über  die  Methoden.  457

nicht,  um  uns  über  seine  Vielgestaltigkeit  Rechenschaft  zu  geben.
Sie  zeigt  uns  wohl  gewisse  sehr  allgemeine  Erscheinungen,  aber  sie
ermöglicht  es  uns  nicht,  ihre  konkreten  und  besonderen  Charakterzüge
zu  verstehen.
Woher  kommt  nun  dieser  Mangel?  Er  beruht  darauf,  daß  die
mechanische  Auffassung  die  wirtschaftliche  Tätigkeit  des  Menschen
aus  dem  wirklichen  Milieu,  in  dem  sie  sich  vollzieht,  isoliert.  Die
wirtschaftlichen  Handlungen  des  Menschen  stehen  in  enger  Verbindung ­
  mit  der  Gesamtheit  der  Bedingungen,  unter  denen  er  lebt.
Ihr  Charakter  und  ihre  Wirkungen  sind  von  Grund  aus  verschieden,
je  nach  dem  physischen,  sozialen,  politischen  und  religiösen  Milieu,
in  dem  sie  sich  vollziehen.  Die  geographische  Lage  eines  Landes,
seine  natürlichen  Hilfsquellen,  die  wissenschaftliche  und  künstlerische
Kultur  seiner  Bewohner,  ihr  moralischer  und  intellektueller  Charakter,
ihr  Eegierungssystem  bestimmen  die  Natur  der  wirtschaftlichen  Einrichtungen, ­
  die  sie  aufgerichtet  haben,  beeinflussen  den  Grad  des
Wohlstandes  oder  des  Reichtums,  dessen  sie  sich  erfreuen.  Allerdings ­
  müssen  die  allgemeinen  Funktionen  der  Gütererzeugung,  der
Verteilung  und  des  Austausches  in  allen  Gesellschaften  vor  sich
gehen.  Aber  jede  menschliche  Gemeinschaft  stellt  ein  besonderes
organisches  Milieu  vor,  dem  sich  diese  Funktionen  anpassen  müssen,
und  das  infolgedessen  dem  wirtschaftlichen  Leben  einer  jeden  seinen
besonderen  Stempel  aufgedrückt.  Wenn  man  daher  alle  verschiedenartigen ­
  Seiten  dieses  Lebens  verstehen  will,  muß  man  die  wirtschaftliche ­
  Tätigkeit  nicht  nur  isoliert,  sondern  in  ihren  Beziehungen  zu
dem  sozialen  Milieu  betrachten,  das  allein  das  Verständnis  der
charakteristischen  Züge  gestattet 1 ).
Das  ist  eine  der  historischen  Schule  teuere  Grundidee.  Aus  ihr
ergibt  sich  dann  sogleich  eine  weitere.
Das  soziale  Milieu  ist  nämlich  nicht  etwas  Feststehendes.  Es
ist  beständigem  Wechsel  unterworfen;  es  bildet  sich  um  und  entwickelt ­
  sich;  es  ist  niemals  in  zwei  verschiedenen  Zeitpunkten
gleich;  und  jeder  dieser  aufeinander  folgenden  Zustände  erfordert
eine  Erklärung.  Wo  sollen  wir  diese  Erklärung  finden?  In  der
Geschichte.

! )  Roscher:  „Wie  jedes  Leben,  so  ist  auch  das  Volksleben  ein  Ganzes,  dessen
verschiedenartige  Äußerungen  im  Innersten  Zusammenhängen,  Wer  daher  eine  Seite
desselben  wissenschaftlich  verstehen  will,  der  muß  alle  Seiten  kennen.  Und  zwar
sind  es  vornehmlich  folgende  sieben  Seiten,  welche  hier  in  Betracht  kommen:  Sprache,
Religion,  Kunst,  Wissenschaft,  Recht,  Staat  und  Wirtschaft.“  System  der  Volkswirtschaft, ­
  Bd.  I,  Grundlagen  der  Nationalökonomie,  22.  Aufl.  bearbeitet  von
Robert  Pöhlmann,  Stuttgart  1897  S.  41.  Vgl.  auch  Hildebeand:  Nationalökonomie ­
  der  Gegenwart  nsw.  S.  29,  Genau  so  denkt  auch  Kkibs.
        <pb n="480" />
        458

Viertes  Buch.  Die  Abtrünnigen.

Ein  Wort  Goethe’s,  das  als  Epigraph  zu  dem  großen  Grundriß ­
  Schmollee  dient,  sagt:
„Wer  nicht  von  dreitausend  Jahren
sich  weiß  Rechenschaft  zu  geben,
bleibt  im  Dunklen,  unerfahren,
muß  von  Tag  zu  Tage  leben.“
Und  in  der  Tat,  nur  die  Kenntnis  der  früheren  Zustände,  durch  die
das  wirtschaftliche  Leben  der  menschlichen  Gesellschaften  geschritten
ist,  gibt  uns  den  Schlüssel  zu  ihrer  gegenwärtigen  Gestalt.  Ebenso,
wie  die  Naturforscher  und  die  Geologen  dazu  geführt  worden  sind,
um  den  gegenwärtigen  Zustand  der  Erde  und  der  lebenden  Arten,
die  sie  bevölkern,  zu  verstehen,  die  Entwicklung  des  Lebens  und
der  Erde  in  großen  historischen  Hypothesen  wieder  auferstehen  zu
lassen,  ebenso  muß  der  Gelehrte,  der  das  gegenwärtige  wirtschaftliche
Leben  der  Menschheit  studiert,  bis  in  die  fernste  Vergangenheit
zurückgehen,  um  dort  seinen  Ursprung  und  seine  Quelle  zu  finden.
„Der  Mensch“,  sagt  Hildebeand,  „ist  als  soziales  Wesen  stets  ein
Kind  der  Zivilisation  und  ein  Produkt  der  Geschichte  ...  Seine  Bedürfnisse, ­
  seine  Bildung,  seine  Beziehungen  zu  den  Sachgütern  wie
zu  den  Menschen  bleiben  niemals  dieselben,  sondern  sind  sowohl  geographisch ­
  verschieden  als  sie  sich  auch  historisch  immer  verändern
und  mit  der  gesamten  Kultur  des  Menschengeschlechts  fortschreiten“ 1 ).
Daher  haben  die  ersten  Volkswirtschaftler,  in  der  Meinung  der
Anhänger  der  historischen  Schule,  der  Wissenschaft  zu  enge  Grenzen
gezogen,  w r eil  sie  sich  hauptsächlich  auf  die  wirtschaftlichen  Tatsachen ­
  beschränkten,  die  infolge  ihrer  Allgemeinheit  den  Charakter
physischer  Gesetze  besitzen.  Neben  der  Theorie  wie  sie  sie  aufgefaßt
haben  (einige  sagen  sogar  aiTThrer  Stelle),  muß  man  eine  andere
Untersuchungsmethode,  die  der  Biologie  nähersteht,  anwenden;  die
eingehendeBeschreibung  und  die  Erklärung  auf  Grund
der  Geschichte  des  wirtschaftlichen  Werdens  und  Lebens
jeder  Nation.  Hierin  scheint  uns  zusammenfassend  die  positive
Auffassung  zu  liegen,  die  sich  die  historische  Schule,  wenigstens  in  ihren
Anfängen,  von  der  Nationalökonomie  gemacht  hat,  eine  Auffassung,
die  mehr  oder  weniger  klar  noch  heute  in  vielen  Köpfen  lebendig  ist.
Diese  Auffassung  ist  durchaus  natürlich  und  berechtigt.  Auf
den  ersten  Blick  ist  sie  sogar  sehr  verführerisch.  Trotz  ihrer  anscheinenden ­
  Einfachheit  ist  sie  aber  doch  nicht  ohne  ihre  dunklen
Seiten,  und  die  genauere  Analyse  ihrer  Gegner  hat  in  ihr  Grund  zu
ernsthaften  Einwürfen  gefunden.

*)  Hildebrand,  Die  Nationalökonomie  der  Gegenwart  und  Zu
kunft,  S.  29.
        <pb n="481" />
        Kapitel  I.  Die  historische  Schule  und  der  Streit  über  die  Methoden.  459

Ist  zunächst  wirklich,  ein  konkretes  „realistisches“  Bild  des  Wirtschaftslebens ­
  der  letzte  Zweck  der  Wissenschaft,  wie  die  Anhänger
der  historischen  Schule  gerne  sagen?  Verdient  eine  Disziplin  nicht
im  Gegenteil  den  Namen  "Wissenschaft  um  so  rechtmäßiger,  je  größer
der  allgemeine  Charakter  der  Schlußfolgerungen  ist,  zu  denen  sie
gelangt?  Schon  Aeistoteles  sagte:  „Es  gibt  nur  eine  Wissenschaft,
die  des  Allgemeinen“.  Ist  die  Beschreibung  der  konkreten  Wirklichkeit,
so  unentbehrlich  sie  auch  sein  mag,  nicht  nur  der  erste  Schritt
zur  Bildung  der  Wissenschaft?  Ist  die  Wissenschaft  auf  Grund  ihrer
Natur  nicht  mehr  erklärend  als  beschreibend?
Allerdings  beschränken  sich  nicht  alle  Historiker  auf  die  Beschreibung. ­
  Viele  wollen  auch  erklären.  Das  Mittel,  dessen  sie  sich
bedienen,  ist  die  Geschichte.  Ist  dieses  Mittel  nun  wirklich  gut
gewählt  ?
„Die  Geschichte“,  sagt  Maeshall,  „lehrt  uns  wohl,  daß  dieses
oder  jenes  Ereignis  auf  dieses  oder  jenes  andere  Ereignis  gefolgt
ist  oder  mit  ihm  gleichzeitig  geschah.  Sie  kann  uns  aber  nicht  sagen,
ob  dieses  erste  die  Ursache  jenes  zweiten  gewesen  ist“ 1 ).  Gibt
es  ein  einziges  großes  historisches  Ereignis,  dessen  Ursachen  nicht
noch  beständig  diskutiert  werden?  Noch  lange  wird  man  über  die
wirklichen  Ursachen  der  ßeformation  oder  der  Revolution  streiten,
über  die  relative  Bedeutung  der  wirtschaftlichen,  politischen  oder
Moralischen  Einflüsse,  die  diesen  großen  Geschehnissen  zugrunde  lagen
oder  sie  begleiteten,  oder  über  die  Einflüsse,  die  auf  die  geschlossene
Hauswirtschaft  die  Geld  Wirtschaft,  und  auf  diese  wieder  die  Kreditwirtschaft ­
  folgen  ließen.  Damit  die  erzählende  Geschichte  sich  in
erklärende  Geschichte  umwandeln  könne,  muß  sie  vorher  sehr  verschiedene ­
  Gesetze  durch  eine  Reihe  von  Sonderwissenschaften  als  bewiesen ­
  annehmen  können,  deren  Zusammentreffen  zu  den  konkreten
Tatsachen  der  Wirklichkeit  führte 2 ).  Dann  aber  ist  es  nicht  mehr  die
Geschichte,  sondern  es  sind  diese  Wissenschaften,  die  die  wirkliche
Erklärung  geliefert  haben.  Die  Naturgeschichte  hatte  die  Aufein-')
  Maeshall,  Principles,  B.  I,  Kap.  IV,  §  3.  Wagner  sagt:  „Die  Geschichte ­
  kann  wohl  das  Bestehen  causaler  und  conditionaler  Beziehungen  feststellen  .  .  .
sie  kann  sie  aber  nicht  immer  nachweisen“  (op.  oit.  §  83).
2 )  Zwar  kann  die  Geschichte  erklärend  werden,  aber  in  einem  ganz  besonderen
Sinne:  nicht  indem  sie  die  allgemeinen  Gesetze  der  Tatsachen  entdeckt,  sondern
indem  sie  nachweist,  gerade  welches  besondere  Zusammentreffen  von  Tatsachen ­
  (deren  allgemeine  Gesetze  als  bekannt  angenommen  werden)  irgendein  bestimmtes, ­
  ebenfalls  besonderes  Ereignis  hervorgerufen  hat.  Die  wirklichen  Historiker
wissen  aber  sehr  wohl,  daß  derartige  Erklärungen  stets  einen  äußerst  subjektiven
und  persönlichen  Charakter  tragen.  Als  neuzeitliche  Untersuchung  dieser  Ideen  durch
einen  Historiker  verweise  ich  auf  die  prächtige  und  tiefbegründete  Einführung,  die  der
Geschichtsforscher  E.  Meyer  der  2.  Ausgabe  seiner  Geschichte  des  Altertums
voransgesehickt  hat.  (Berlin,  1907,  vgl.  auch  Simiand,  op.  cit.,  S.  14,  16.)
        <pb n="482" />
        460

Viertes  Buch.  Die  Abtrünnigen.

anderfolge  der  tierischen  Arten  als  eine  Tatsache  hingestellt  und
fand  die  Erklärung  dieser  Aufeinanderfolge  in  der  Erblichkeit  und
der  Auswahl.  Liegt  nun  nicht  gerade  hierin  der  Grund,  weshalb  die
Entwicklung  der  Naturgeschichte  so  fruchtbar  gewesen  ist?  Die
Geschichte  der  menschlichen  Gesellschaften  aber  liefert  uns  keine
Hypothese,  die  durch  ihre  Einfachheit  oder  ihren  erklärenden  Wert
mit  der  Evolutionslehre  verglichen  werden  könnte.  Mit  einem  Wort,
die  Geschichte  bedarf  selbst  erst  der  Erklärung.  Allein  kann  sie  uns
nicht  das  Verständnis  der  Wirklichkeit  vermitteln.  Sie  ersetzt  nicht
die  Nationalökonomie 1 ).
Die  ersten  Anhänger  der  historischen  Schule  haben  dem  geschichtlichen ­
  Studium  der  Nationalökonomie  eine  noch  bedeutendere
Aufgabe  zugewiesen.  Nach  ihnen  sollte  sie  nicht  nur  die  Erklärung
der  Wirklichkeit  gestatten,  sondern  auch  wirkliche  „Gesetze  der
wirtschaftlichen  Entwicklung“,  der  Völker  formulieren.  Dieser  Gedanke ­
  —  den  durchaus  nicht  alle  Anhänger  der  historischen  Schule
teilen  —  wird  übrigens  auch  von  denen,  die  ihn  aufgestellt  haben,
nicht  in  gleicher  Weise  dargelegt.  Für  die  einen,  zum  Beispiel  für
Knies,  besteht  ein  allgemeines  Entwicklungsgesetz  der  Menschheit,
das  folglich  alle  Nationen  umfaßt.  Diese  Auffassung  berührt  sich
mit  der  Saint-Simon’s.  Für  andere,  wie  zum  Beispiel  für  Roscher,
bestehen  in  der  Geschichte  der  verschiedenen  Nationen  „Parallelismen“,
—  d.  h.  eine  gleiche  Aufeinanderfolge  der  wirtschaftlichen  Zustände
oder  Perioden.  Diese  Übereinstimmungen  würden  geschichtliche  Gesetze ­
  bedeuten.  Wenn  wir  sie  genau  in  den  vergangenen  Zivilisationen ­
  untersuchen,  so  werden  sie  es  uns  ermöglichen,  die  Zukunft
der  gegenwärtigen  Gesellschaften  vorauszusehen  *).
Keiner  dieser  beiden  Gesichtspunkte  erscheint  uns  ganz  richtig.
Auch  wenn  wir  annehmen,  daß  die  Menschheit  einem  allgemeinen  und
einzigen  Gesetz  der  Entwicklung  gehorcht,  fehlt  uns  doch  jedes  Mittel,
diese  Entwicklung  vorauszusehen,  denn  die  wissenschaftliche  Voraus-‘)

  Vgl.  Makshall,  Principles,  B.  I,  Kap.  VI,  §  4  und  besonders  Karl  Mengbr,
Untersuchungen  usw.  S.  14—17.  „Wir  gewinnen  das  historische  Verständnis ­
  einer  Tatsache,  indem  wir  seine  individuelle  Genese  suchen,  d.  h.  indem  wir
uns  die  konkreten  Umstände  innerhalb  derer  es  mit  seinen  ihm  eigentümlichen
Charakterzügen,  in  mitten  derer  es  entstanden  ist,  mit  ihren  ihnen  eigentümlichen
Seiten  verstellen  .  .  .  Wir  gewinnendes  theoretische  Verständnis  einer  konkreten
Tatsache  .  .  .  ,  wenn  wir  es  als  einen  Sonderfall  von  einer  gewissen  Kegelmäßigkeit
(Gesetz)  der  Aufeinanderfolge  oder  Koexistenz  der  Tatsachen  betrachten  oder  mit
anderen  Worten,  wir  gelangen  zum  Verständnis  des  Daseinszweckes,  der  Existenz
und  der  Natur  einer  Tatsache,  indem  wir  lernen,  in  ihr  im  wesentlichen  den  Beweis
eines  Tatsachengesetzes  zu  sehen.“
2 )  Dieser  Gedanke  wird  in  seinem  Grundriß  darlegt,  aber  von  Knies  im  Namen
der  Auffassung  einer  einheitlichen  Entwicklung  bekämpft,  op.  cit,  S.  42).
        <pb n="483" />
        Kapitel  I.  Die  historische  Schule  und  der  Streit  über  die  Methoden.  461

sage  läßt  sich  nur  auf  Tatsachen,  die  sich  wiederholen,  anwenden.
Gegenüber  einer  Tatsache,  deren  bezeichnendster  Zug  gerade  darin
liegt,  einzigartig  zu  sein,  ist  sie  unmöglich.  Man  kann  sehr  wohl
versuchen,  die  Zukunft  zu  erraten,  aber  erraten  ist  nicht  wissen;  und
Prophezeiungen  dieser  Art  sind  fast  stets  fehlgeschlagen  *).  —  Auch
die  historischen  Parallelitäten  beruhen  auf  keiner  festeren  Basis.
Eine  Nation  ist  nicht  mit  einem  lebenden  Organismus  vergleichbar,
der  notwendigerweise  durch  die  Jugend,  das  Mannesalter  und  das
Greisenalter  hindurch  geht.  Nichts  berechtigt  uns  zu  dem  Glauben,
daß  die  aufeinander  folgenden  Zustände,  die  eine  Nation  durchläuft,
der  Prototyp  sei,  dem  die  anderen  folgen  werden.  Höchstens  könnte
man  sagen,  daß  die  gleichen  Ereignisse,  die  sich  in  zwei  Nationen
einer  verwandten  Zivilisation  begeben,  analoge  Wirkungen  nach  sich
ziehen  werden.  So  hat  die  große  Industrie  in  den  meisten  der  westeuropäischen ­
  Gesellschaften  gleiche  Phänomene  hervorgerufen.  Es
folgt  aber  daraus  nicht,  daß  man  hierin  ein  besonderes  Gesetz  sehen
müsse.  Es  ist  dies  einfach  die  Anwendung  des  Prinzips:  gleiche  Ursachen, ­
  gleiche  Wirkungen.  Diese  Analogien  bleiben  stets  zu  zweifelhaft, ­
  um  als  Gesetze  bezeichnet  werden  zu  können.  „Wahrscheinlich“
sagt  Adolf  Wagner,  „übersteigt  die  Aufgabe,  solche  Gesetze  oder
ein  solches  Gesetz  zu  finden,  selbst  wenn  sie  bestehen,  die
Leistungsfähigkeit  der  menschlichen  Geisteskräfte“ 2 ).  Wir  haben
weiter  oben  gesehen,  daß  Schmollee  selbst  in  dieser  Hinsicht  den
■Skeptizismus  seines  Kollegen  teilt.
Bevor  wir  schließen,  müssen  wir  hier  eine  Bemerkung  einschieben  ...

')  Über  diese  neue  Auffassung  sagt  ein  Philosoph,  Eenouvibr:  „Sobald  man  sich
.eine  andere  Frage,  als  die  schon  ziemlich  schwierige  über  das  Wo,  Wann  und  Wie,
und  in  bezug  auf  welche  Gegenstände  die  verschiedenen  Völker  im  Guten  und  Wahren
Fortschritte  oder  Eückschritte  gemacht  und  ihre  Erwerbungen  oder  Verluste  nachkommmenden
  Geschlechtern  übermittelt  haben,  vorlegt;  sobald  man  ein  wissenschaftliches ­
  d.  h.  fatalistisches  Gesetz  der  Geschichte  zu  kennen  glaubt  und  folglich
einen  Zweck  der  menschlichen  Gesellschaften  (gewöhnlich  beginnen  diese  Art  Kenntnisse ­
  mit  diesem  Zweck),  ist  man  in  der  Lage  eines  religiösen  Offenbarere,  der  sich
nicht  für  fähig  hält,  aus  sich  selbst  heraus  die  Wahrheit  und  die  Zukunft  zu  verkünden, ­
  und  der  seinen  Zuhörern  die  Notwendigkeit  darlegt,  in  der  sie  sich  befinden,
er  selbst  und  sie,  das  zu  glauben  und  auszuführen,  was  auf  Grund  des  Vorhergehenden
unzweifelhaft  sein  wird.  Die  philosophische  und  religiöse  Einbildung  sucht  in  der
änderen  Beobachtung  die  Elemente  einer  Zuversicht,  die  sie  nicht  in  sich  selbst
bat;  für  sie  wird  die  Geschichte  ein  Gott  der  Eingebung;  aber  die  Illusion,  die  ihren
Gegenstand  wechselt,  ändert  nicht  ihr  Wesen,  denn  der  neue  Gott  ist  nicht  objektiver,
a 's  es  in  den  Augen  der  Ungläubigen  die  alten  Götter  waren,  und  er  inspiriert  nur
das,  was  man  glauben  möchte“.  Ebnouvier,  Introduction  ä  la  Philosophie
analytique  de  l’histoire,  2.  Ausg.  Bd.  I,  8.  121.  —  Auch  die  Philosophie
Bekgson’s  gelangt  dazu,  die  Möglichkeit  zu  bestreiten,  die  Zukunft  mit  Hilfe  der
■Gegenwart  zu  erkennen.  Vgl.  im  bes.  sein  Werk:  L’evolution  oreatrice.
2 )  A.  Wagner,  Grundlegung,  Bd.  I,  Kap.  2  g  90  S.  239.
        <pb n="484" />
        462

Viertes  Buch.  Die  Abtrünnigen.

Zwischen  den  Ideen,  die  wir  eben  dargelegt  haben,  nnd  den  Gedanken ­
  eines  Philosophen,  dessen  direkter  Einfluß  auf  die  ökonomische
Forschung  sehr  schwach,  fast  null,  gewesen  ist,  besteht  eine  höchst
auffallende  Analogie,  und  wir  können  uns  nicht  versagen,  ihn  hier
zu  erwähnen;  es  ist  dies  Auguste  Comte.
Eigentümlicherweise  haben  die  ersten  Vertreter  der  historischen
Schule  ihn  nicht  gekannt.  Ebenso  wie  sie  Stuart  Mill  nicht  gekannt ­
  haben,  haben  sie  auch  den  Cours  de  Philosophie  positive
von  Auguste  Comte,  der  doch  bereits  seit  1842  vollendet  war,  nicht
gelesen.  Und  doch  stellte  Comte  in  diesem  Werke  Gedanken  auf,  die
denen  Knies’  und  Hildebband’s  sehr  verwandt  waren.  Diese  Verwandtschaft ­
  ist  so  ausgeprägt,  daß  positivistische  Volkswirtschaftler
wie  Ingram  und  H.  Denis  geglaubt  haben,  die  historischen  Bestrebungen ­
  in  der  Nationalökonomie  mit  der  positivistischen  Philosophie
in  Verbindung  bringen  zu  können 1 ).
Die  drei  wesentlichen  Grundgedanken,  von  denen  wir  gesagt
haben,  daß  sie  die  Grundlage  der  Auffassung  der  Anhänger  der
historischen  Schule  bilden,  finden  sich  schon  bei  Auguste  Comte  ganz
klar  formuliert.  Der  erste  ist  die  Notwendigkeit,  die  wirtschaftlichen
Tatsachen  in  ihren  Beziehungen  zu  allen  anderen  Phänomenen  zu  untersuchen; ­
  „Die  wirtschaftliche  und  industrielle  Analyse  der  Gesellschaft“,
sagt  er 2 )  „kann  nicht  in  positiverWeise  durchgeführt  werden,  wenn
man  ihre  intellektuelle,  moralische  und  politische  Analyse,  sei  es  die
der  Vergangenheit  oder  die  der  Gegenwart,  beiseite  läßt.“  —  Der
zweite  ist  die  Anwendung  der  Geschichte  als  üntersuchungsmittel  in
der  sozialen  Wissenschaft.  Wie  er  sagt,  muß  auch  sie  sich  auf  die
„rationelle  Analyse  der  Gesamtheit  der  bis  zu  unseren  Tagen  erfolgten
Entwicklung  in  den  höchststehenden  Vertretern  der  Menschheit
stützen,“  und  als  günstig  für  die  Erneuerung  der  Volkswirtschaft
als  Wissenschaft  nimmt  er  an:  „daß  die  Vorliebe  für  historische
Arbeiten  in  unserem  Jahrhundert  immer  und  überall  im  Wachsen
begriffen  ist“ 3 ).  —  Schließlich  ist  er  überzeugt,  daß  diese  Methode
die  rationelle  Voraussicht  gestatten  wird,  „ein  Attribut,  das
die  Gesamtheit  der  verschiedenen  Bedingungen  zusammenfaßt,  deren
Bestimmung  es  ist,  den  wirklichen  Grundcharakter  der  positiven
Politik  zu  bezeichnen“ 4 ).
In  Summa  ist  das,  was  Comte  gründen  wollte,  die  „  Soziologie  “ r
und  von  ihr  ist  die  Nationalökonomie  nur  ein  Teil.  Auch  die  historische

')  Vgl.  Ingkam,  History  of  political  economy,  Kap.  IV.  und  Denis,.
Histoire  des  systemes  economiques  et  socialistes,  Bd.  I,  S.  34.
2 )  A.  Comte,  Cours  de  philosophie  positive,  Bd.  IV,  S.  198.
3 )  A.  Comte,  ebenda,  S.  168  und  207.
4 )  A.  Comte,  ebenda,  S.  227
        <pb n="485" />
        Kapitel  I.  Die  historische  Schule  und  der  Streit  über  die  Methoden.  463

Schule  wollte  mehr  oder  weniger,  hauptsächlich  mit  Knies,  eine  soziologische ­
  Auffassung  der  Nationalökonomie  durchsetzen.  Davon  rühren
gewisse  Analogien  her,  über  die  Knies  sich  erst  viel  später  Rechenschaft ­
  gegeben  hat,  die  aber  die  „junge  historische  Schule“  nicht
verkannte.  Nur  bestanden  unter  ihnen  ganz  wesentliche  Unterschiede
in  den  Gesichtspunkten,  die  eine  Verschmelzung  der  beiden  Richtungen ­
  nicht  gestatteten.
Zunächst  hatte  Comte  „das  tiefe  Gefühl  der  unabänderlichen
Gesetze“ x ),  das  den  Begründern  der  historischen  Schule  völlig  abging.
Andererseits  verstand  er  unter  historischer  Methode  etwas  ganz  verschiedenes ­
  von  dem,  was  die  Historiker  damals  und  noch  heute  unter
diesen  Worten  verstehen.
Indem  er  einen  Gedanken  Saint-Simon’s  anwendet,  nennt  Comte
„historische  Methode“  die  Aufstellung  von  ansteigenden  und  abfallenden ­
  Reihen  der  wichtigsten  Arten  sozialer  Tatsachen.  Er  zieht,
wenn  man  so  sagen  darf,  die  Kurve  jeder  Einrichtung  —-  und  schließt
aus  ihrer  Richtung  auf  ihren  wahrscheinlichen  Fortschritt  oder  Verfall. ­
  Er  definiert  dieses  Verfahren  selbst  wie  folgt:  „Das  Wesen
dieser  historischen  Methode  im  eigentlichen  Sinne  scheint  mir  in  dem
rationellen  Gebrauch  sozialer  Reihen  zu  bestehen,  nämlich  in  aufeinanderfolgender ­
  Würdigung  der  verschiedenen  Zustände  des  Menschengeschlechts, ­
  die,  auf  Grund  der  Gesamtheit  der  historischen  Tatsachen,
das  beständige  Wachstum  jeder  beliebigen  physischen,  intellektuellen,
moralischen  oder  politischen  Anlage,  im  Zusammenhang  mit  dem  andauernden ­
  Sinken  der  gegenteiligen  Anlage  aufzeigen;  hierauf  muß
sich  dann  die  wissenschaftliche  Voraussage  von  dem  endgültigen
Aufstieg  der  einen  und  dem  definitiven  Verfall  der  anderen  ergeben,
vorausgesetzt,  daß  eine  solche  Schlußfolgerung  in  jeder  Hinsicht  vollständig ­
  in  Übereinstimmung  mit  dem  System  der  allgemeinen  Gesetze
menschlicher  Entwicklung  steht,  dessen  unentbehrliches,  soziologisches
Übergewicht  niemals  verkannt  werden  darf“  *  2 j.  —  Auf  Grund  dieser
Methode  hatte  Saint-Simon  das  Kommen  des  Industrialismus  vorausgesagt, ­
  und  auf  Grund  der  gleichen  Methode  sagte  Comte  den  Triumph
des  Positivismus  über  den  metaphysischen  und  religiösen  Geist  voraus.
Zwischen  dem  ebengesagten,  und  dem,  was  man  heute  die  historische
Methode  nennt 3 ),  liegt  ein  weiter  Abstand,  und  die  Behauptung,  daß
*)  A.  Comte,  ebenda,  S.  139,  143,  147.
2 )  A.  Comte,  ebenda,  S.  328.
3 )  Es  ist  interessant,  die  Meinung  der  Geschichtsforscher  über  diesen  Punkt
zu  hören.  Nach  E.  Meyee  liegt  der  Zweck  der  Geschichte  nicht  darin,  allgemeine
Entwicklungsgesetze  zu  entdecken,  —  sondern  die  konkreten  und  besonderen  Ereignisse ­
  in  ihrem  Zusammenhang,  sowie  ihre  Aufeinanderfolge  zu  beschreiben  und
zu  erklären.  Um  sie  zu  beschreiben,  gebraucht  sie  die  Regeln  der  historischen
Kritik;  —  um  sie  zu  erklären,  gebraucht  sie  im  wesentlichen  die  Analogie.  „Das
        <pb n="486" />
        464

Viertes  Buch.  Die  Abtrünnigen.

Oomte  ein  Vorläufer  dieser  Methode,  wie  sie  sich  seitdem  entwickelt
hat,  gewesen  sei,  scheint  uns  ganz  und  gar  unberechtigt.  —  Trotzdem
ist  die  Übereinstimmung  zwischen  seinen  Ansichten  und  denen  Knies’
und  Hxldebrand’s  nicht  weniger  interessant,  weil  sie  ein  neuer  Beweis ­
  für  das  Bewußtsein  ist,  das  gewisse  bedeutende  Denker  um  die
Mitte  des  Jahrhunderts  von  der  Notwendigkeit  hatten,  die  in  den
„großen  Gesetzen“  versteinerte  Nationalökonomie  durch  neue  Methoden
wieder  zu  beleben.

Es  scheint  uns  daher,  als  ob  die  historische  Schule  sich  Illusionen
hingegeben  habe,  als  sie  in  der  Geschichte  das  Hauptinstrument  sah,
das  eine  Erklärung  der  Gegenwart  gestatte,  und  hoffte,  auf  Grund
der  Geschichte  besondere  Gesetze  entdecken  zu  können,  die  sich  als
die  Entwicklungsgesetze  der  Völker  ausweisen  würden.
Dagegen  hat  sie  mit  großer  Berechtigung  verlangt,  daß  neben
der  eigentlichen  wirtschaftlichen  Theorie  dem  Studium  der  Einrichtungen, ­
  der  Statistik  und  der  Wirtschaftsgeschichte  ein  viel  größerer
Platz  eingeräumt  werde.  Nicht  nur  bietet  die  Beschreibung  des  konkreten, ­
  wirtschaftlichen  Lebens  an  und  für  sich  ein  bedeutendes  Interesse, ­
  sondern  sie  ist  die  grundlegende  Bedingung  aller  theoretischen
Spekulation.  Der  Theoretiker  kann  die  genaueste  Beobachtung  der
Tatsachen  nicht  entbehren.  Ohne  sie  schweben  seine  Gebäude  in
der  Luft.  Die  abstraktesten  Volkswirtschaftler  haben  dies  ohne
weiteres  anerkannt.  Unter  anderen  schrieb  Jevons  schon  1879,  daß
nach  seiner  Ansicht,  „sich  auf  alle  Fälle  eine  Wissenschaft  der
Mittel,  welches  der  historische  Schluß  verwendet,  ist  die  Analogie.  Sie  beherrscht
alle  Schlüsse  über  die  äußeren  Kräfte,  welche  die  Gestalt  des  Ereignisses  beeinflußt ­
  haben,  bis  zu  den  rein  mechanischen  Vorgängen  hinab,  vor  allem  aber
alle  Urteile  auf  dem  reizvollsten  Gebiet  der  Geschichte,  dem  der  inneren  Momente
oder  der  psychologischen  Faktoren  .  .  .  Hier  tritt  uns  die  Tatsache  hindernd  entgegen, ­
  daß  die  Vorgänge  in  der  Seele  eines  anderen  sich  jeder  unmittelbaren
Erkenntnis  entziehen  und  nur  aus  seinen  Handlungen  durch  einen  Analogieschluß
auf  uns  selbst  erschlossen  werden  können.  Die  innere  Einheit  der  psychischen  Vorgänge ­
  in  einem  Menschen  läßt  sich  vollends  nur  durch  Intuition  künstlerisch  erfassen, ­
  aber  niemals  wissenschaftlich  erkennen  .  .  .  Wir  stehen  also  hier  hart  an  der
Grenze  dessen,  was  überhaupt  noch  selbst  innerhalb  des  problematischen  Schlusses
als  wissenschaftlich  erkennbar  bezeichnet  werden  kann“.  (Vgl.  Ed.  Meyer,  Geschichte ­
  des  Altertums,  Einleitung,  2.  Ausg.  §  114).  Zwischen  dieser
Methode  und  der,  von  der  uns  Auguste  Comte  spricht,  entdeckt  man  keine  Art
irgendwelcher  Beziehungen.  Hiervon  kann  man  sich  noch  weiter  überzeugen,  wenn
man  die  Introduction  aux  etudes  historiques  von  Langlois  und  Seignobos
(1898)  liest  oder  die  Untersuchung  G.  Monod’s  über  die  historische  Methode  in:  De
la  methode  dans  les  Sciences  (Paris,  1909),  oder  weiter  die  über  diese
Fragen  der  Methode  in  der  K  e  v  u  e  deSynthese  historique  zahlreich  -erschienenen
Aufsätze.
        <pb n="487" />
        Kapitel  I.  Die  historische  Schule  und  der  Streit  über  die  Methoden.  465

Entwicklung  der  wirtschaftlichen  Formen  und  Beziehungen,  oder  eine
ökonomische  Soziologie  bilden  müsse  1 ).“
In  dem  Augenblick,  in  dem  die  Wissenschaft  erschöpft  zu  Boden
zu  sinken  schien,  lag  in  der  neuen  Auffassung  der  historischen  Schule,
bei  dem  Fehlen  großer  synthetischer  Rekonstruktionen,  die  nur  den
größten  Denkern  Vorbehalten  sind,  ein  kostbares  Mittel,  sie  wieder
zu  beleben,  anzuspornen  und  sie  von  neuem  in  Berührung  mit  dem
ganzen  zeitgenössischen  Leben  zu  bringen.
Dies  hat  die  historische  Schule  getan,  indem  sie  unsere  Kenntnis ­
  der  wirtschaftlichen  Vergangenheit  völlig  erneuerte  und  mit
einer  oft  bewunderungswürdigen  Genauigkeit  gewisse  höchst  interessante ­
  und  verwickelte  Einrichtungen  der  Gegenwart  beschrieb 2 ).
Der  Natur  der  Sache  nach  kann  ein  derartiges  Werk  freilich
nur  fragmentarisch  sein.  Die  historische  Schule  hat  bewunderungswürdiges ­
  Material  zusammengetragen.  Sie  hat  leider  noch  nicht  das
harmonisch  zusammengefügte  Gebäude  errichtet,  unter  dessen  Bild
wir  uns  —  vielleicht  zu  Unrecht  —  die  Wissenschaft  der  Zukunft
Torzustellen  lieben.  Sie  hat  den  neuen  Faden  der  Ariadne  noch
nicht  gefunden,  der  uns  gestatten  würde,  in  dem  Labyrinth  der
Tatsachen  des  wirtschaftlichen  Lebens  sicher  unseres  Weges  zu
gehen.  Hierüber  darf  man  nicht  erstaunt  sein,  wenn  man  an  die
Zweifel  denkt,  die  wir  soeben  über  die  Fähigkeit  der  Geschichte
ausgesprochen  haben,  uns  diesen  Faden  in  die  Hand  zu  geben.  Anscheinend, ­
  und  hierauf  muß  hingewiesen  werden,  wird  sie  selbst
sich  dessen  bewußt.
Ashley  schrieb  in  einem  vor  nicht  langer  Zeit  erschienenen
Aufsatz:  „Die  Kritiken  der  historischen  Schulen  haben  uns  bisher  noch
nicht  zur  Errichtung  einer  neuen  Ökonomik  auf  historischer  Grundlage ­
  geführt;  sogar  in  Deutschland  haben  sich  erst  in  diesen  allerletzten ­
  Jahren  unseren  Augen  einige  der  Richtlinien  einer  solchen
Nationalökonomie  unbestimmt  in  dem  großen  Werk  G.  Schmollee’s
gezeigt 3 ).“
Und  gerade  deswegen  hätte  die  historische  Schule  nachsichtiger
sein  sollen  hinsichtlich  der  zunächst  von  den  Klassikern  und  dann
von  den  Hedonisten  gemachten  Versuche,  auf  einem  anderen  Wege
jenes  instinktive  Bedürfnis,  zu  befriedigen,  das  dem  menschlichen

*)  Stahles  Jbvons,  The  Theory  ofpolitical  economy,  Vorrede  zur  2.  Ausgabe ­
  (1879).
2 J  So  enthält  besonders  das  von  Schmoller  geleitete  Jahrbuch  beschreibende
Untersuchungen  über  den  zeitgenössischen  Mechanismus  des  Handels  und  der  Industrie,
die  vorbildlich  sind.
3 )  Ashley:  The  present  Position  of  political  Economy  (im  Economic ­
  Journal,  1907,  S.  487).
Gide  und  Eist,  Gesch.  d.  Volkswirtschaft!.  Lehrmeinungen.

30
        <pb n="488" />
        466

Viertes  Buch.  Die  Abtrünnigen.

Geiste  innewohnt  und  das  darin  besteht,  die  Wirklichkeit  zu  vereinfachen, ­
  um  sie  besser  zu  verstehen 1 ).

Kapitel  II.
Der  Staatssozialismus.
Das  neunzehnte  Jahrhundert  begann  im  Mißtrauen  gegen  die
Regierung  und  im  Enthusiasmus  aller  Schriftsteller  für  die  wirtschaftliche ­
  Freiheit  und  die  individuelle  Initiative.  Es  endigte  inmitten
beständiger  Rufe  nach  der  Einmischung  des  Staates  in  die  wirtschaftliche ­
  und  soziale  Organisation.  In  allen  Ländern  ist  die  Anzahl  der
Schriftsteller  und  Volkswirtschaftler,  die  eine  Ausdehnung  der  ökonomischen ­
  Funktionen  des  Staates  befürworteten,  stetig  gewachsen
und  bildet  heute  sicherlich  die  Mehrheit.  Dieser  Meinungsumschwung
ist  einigen  Schriftstellern  so  bedeutend  erschienen,  daß  sie  darin  eine
wirklich  neue  Doktrin  gesehen  haben,  der  sie  in  den  verschiedenen
Ländern  verschiedene  Namen,  wie  „Staatssozialismus“  oder  „KathedersozialismuS“
  in  Deutschland,  „Interventionismus“  in  Frankreich  gegeben ­
  haben.
In  Wirklichkeit  haben  wir  es  hier  nicht  mit  einem  ökonomischen
System  eigentlichen  Sinnes  zu  tun,  sondern  mit  einer  Auffassung
der  praktischen  Politik,  zu  der  man  von  den  verschiedensten  theoretischen ­
  Gesichtspunkten  aus  gelangen  kann.  Die  Frage  nach  den
')  Die  Geschichte  der  Statistik  hat  in  diesem  Buche  keinen  Platz.  Doch  ist
diese  Wissenschaft,  obgleich  sie  unabhängig  von  der  Volkswirtschaft  besteht,  eine:
so  wertvolle  Hilfe,  daß  ihre  Fortschritte  in  gewisser  Weise  parallel  verlaufen.  Seit
etwa  20  Jahren  haben  sich  nun  die  Methoden  der  Auslegung  der  Statistik  (wir
sprechen  hier  nicht  von  ihren  Beobachtungsmethoden)  außerordentlich  vervollkommnet. ­
  Die  logischen  Probleme,  zu  denen  sie  Anlaß  geben,  sind  mit  großem
Scharfsinn  untersucht  worden,  und  die  Anwendung  der  Mathematik  auf  diese  Fragen
hat  sich  als  äußerst  fruchtbar  erwiesen.  Die  Theorien  der  Assoziation  und  der
Korrelation,  die  über  Beobachtungsfehler  usw.,  gehören  zu  denen,  deren  Kenntnisein ­
  Student  der  sozialen  Wissenschaften  nur  schwer  entbehren  kann.  Ihre  Geschichte
(in  der  eine  große  Anzahl  von  Namen,  von  Qubtelet  bis  K.  Pbarson,  aufzuzählen
wären)  würde  es  vielleicht  verdienen,  in  einem  Kapitel  über  die  Geschichte  der
Methoden  ausgeführt  zu  werden,  wenn  man  damit  nicht  Gefahr  liefe,  auf  diese'
Weise  eine  ganze  Abhandlung  über  Statistik  einzuschmuggeln.  Wir  begnügen
uns  daher,  den  Leser  auf  das  Buch  von  G.  Udny  Yulb,  An  iutroduction
to  the  theory  of  statistics  (London,  1911)  hinzuweisen.  Er  führt  wohl  zurzeit ­
  am  besten  in  die  Diskussionen  über  die  Methoden  der  Sozialwissenschaft  ein
und  gibt  eine  unentbehrliche  Ergänzung  zu  dem  Studium  der  im  vorliegenden
Kapitel  untersuchten  Probleme.
        <pb n="489" />
        Kapitel  II.  Der  Staatssozialismus.

467

Grenzen  der  Regierungstätigkeit  in  der  Güterproduktion  und  Verteilung ­
  ist  eins  der  bedeutendsten  Probleme  der  Wirtschaftspolitik;»'
mit  Ünrecht  sieht  man  aber  in  ihm  eine  grundlegende  wissenschaftliche ­
  Frage,  die  gestatten  würde,  die  Volkswirtschaft!er  gemäß  den
verschiedenen  Lösungen,  die  sie  ihr  geben,  zu  klassifizieren.  Es  ist
klar,  daß  diese  Lösungen  nicht  nur  von  rein  ökonomischen  Betrachtungen ­
  abhängen,  sondern  auch  von  sozialen  und  politischen  Rücksichten, ­
  dem  besonderen  Begriff,  den  man  sich  von  dem  allgemeinen
Interesse  macht,  und  von  dem  Vertrauen,  das-  die  Natur  und  die
Form  der  Regierung  zu  jeder  Zeit  und  in  jedem  Lande  einfiößen  1 ).
Ebenso  klar  ist,  daß  diese  Frage  sich  stets  von  neuem  erheben  wird
solange,  als  eine  Gesellschaft  und  eine  Regierung  bestehen  werden,
und  daß  sie  beständig  neue  Antworten  erfordern  wird,  die  sich  den
neuen  Umständen,  die  die  Geschichte  schafft,  anpassen  müssen.
Wie  erklärt  sich  nun  die  außerordentliche  Bedeutung,  die  in
einem  gegebenen  Augenblick  diese  Frage  in  der  Geschichte  der
Doktrinen  erlangt  hat?
Wenn  die  Debatte  stets  auf  dem  Boden  geblieben  wäre,  auf  den
Smith  sie  gestellt  hatte,  würde  sie  aller  Wahrscheinlichkeit  nach
nicht  zu  einem  so  leidenschaftlichen  Streit  Anlaß  gegeben  haben.
Hatte  doch  Smith  das  Laisser-faire  hauptsächlich  auf  Grund  rein
wirtschaftlicher  Argumente  verteidigt.  Unter  dem  wachsenden  Einfluß ­
  des  politischen  Individualismus  und  Liberalismus  trat  jedoch
fast  überall  an  die  Stelle  dieser  einfachen  und  wohl  überlegten  Theorie
des  Laisser-faire  ein  prinzipielles  Mißtrauen  gegen  den  Staat,
während  die  Überlegenheit  der  Einzelpersonen  als  wirtschaftlicher
Faktoren  sogar  außerhalb  der  Bedingungen  der  Konkurrenz ­
  und  des  Ansporns  des  persönlichen  Interesses  für
alle  Schriftsteller  zu  einem  Axiom  wurde.
Diese  Art  und  Weise,  die  Frage  anzusehen,  tritt  ganz  besonders
bei  Bastiat  hervor.  Für  ihn  ist  der  Hauptcharakterzug  der  Regierung
nicht  die  Vertretung  der  Kollektivinteressen,  sondern  die  Tatsache,
daß  sie  nicht  anders  als  mit  zwingender  Gewalt  handelt 2 ),  während

*)  So  sagt  Ddpont-Whitb  an  einer  Stelle,  daß  der  Staat  eigentlich  erst  seit
1789  bestehe.  Der  Staat,  den  er  mit  allen  Tugenden  ausstattet,  ist  daher,  unter  Ausschließung ­
  aller  anderen,  der  konstitutionelle,  liberale  und  demokratische  Staat.  Der
Publizist  kann  sich  eine  derartige  Einschränkung  erlauben.  Bei  einem  Geschichtsforscher ­
  oder  einem  Theoretiker  wäre  sie  nicht  statthaft.
2 )  „Gerade  dieser  Sondercharakter,  als  gezwungene  Hilfskraft  auf  die  Macht
angewiesen  zu  sein,  muß  uns  .  .  .  die  Ausdehnung  und  die  Grenzen  (der  Eigenschaften ­
  des  Staates)  enthüllen.  Ich  sage:  die  Regierung  betätigt  sich  nur
durch  das  Dazwischentreten  der  Gewalt;  daher  ist  ihre  Tätigkeit
nur  dort  gerechtfertigt,  wo  dasDazwisohentreten  der  Gewalt  selbst
an  und  für  sich  gerechtfertigt  ist.“  Harmonies,  10.  Ausg.,  S.  552  und  563.
30*
        <pb n="490" />
        468

Viertes  Buch.  Die  Abtrünnigen.

die  Tätigkeit  des  Individuum  sich  im  Gegenteil  durch  die  Freiheit
charakterisiert.  Jeder  Ersatz  der  Individuen  durch  den  Staat  ist
daher  ein  Sieg  der  Gewalt  über  die  Freiheit  und  muß  infolgedessen
verurteilt  werden.  Wieweit  haben  wir  uns  hier  von  Adam  Smith
entfernt,  und  nichts  ist  lehrreicher,  wenn  man  den  Abstand  würdigen
will,  als  die  Darlegung  der  Funktionen  des  Staates  bei  diesen  beiden
Volkswirtschaft]  ern  zu  vergleichen.  Zu  seiner  Aufgabe,  die  innere
und  äußere  Sicherheit  zu  wahren,  fügt  Smith;  „die  Pflicht,  gewisse
öffentliche  Werke  und  Anstalten  zu  errichten  und  zu  unterhalten,  deren
Errichtung  und  Unterhaltung  niemals  im  Interesse  eines  Privatmannes
oder  einer  kleinen  Zahl  von  Privatleuten  liegen  kann,  weil  der  Gewinn ­
  daran  niemals  einem  Privatmann  oder  einer  kleinen  Zahl  von
Privatleuten  Befriedigung  gewähren  würde,  obgleich  er  eine  große
Nation  oft  mehr  als  schadlos  hält 1 ).“  Dies  ist  noch  ein  ziemlich
ausgedehnter  Bereich.  Bei  Bastiat  dagegen  finden  wir  nur  zwei
Aufgaben  für  die  Regierung:  „Über  die  öffentliche  Sicherheit  zu
wachen  und  den  gemeinsamen  Besitz  zu  verwalten 2 ).“  Auf  diesen
neuen  Boden  übertragen,  wird  die  Frage  der  Einmischung  der  Regierung, ­
  statt  rein  ökonomisch  zu  bleiben,  zu  einem  Streit  politischer
Metaphysik  —  über  die  Natur,  die  Aufgabe  und  die  berechtigten
Funktionen  des  Staates  —  erweitert,  ein  Streit,  in  dem  die  individuellen
Temperamente  und  die  sozialen  Traditionen  eine  größere  Rolle  spielen,
als  die  ökonomische  Logik  und  sogar  die  Beobachtung.  Noch  mehr,
gewissen  Köpfen  scheint  es,  als  habe  die  ganze  wirtschaftliche  Wissenschaft ­
  nur  einem  einzigen  Ziele  zuzustreben:  der  Verteidigung  der
Freiheit  und  der  Rechte  des  Individuums.
Gegen  diese  doktrinären  Übertreibungen  mußte  notwendigerweise
eine  Reaktion  einsetzen,  und  ganz  natürlich  wurde  die  Betonung
der  Rechte  des  Staates  bei  einzelnen  Schriftstellern  ebenso  einseitig
gehandhabt.  Schon  1856  hatte  in  Frankreich  ein  vereinzelt  gebliebener ­
  Schriftsteller,  Dupont-White,  in  einem  kleinen  Werke:
l’Individu  et  l’Etat  gegen  diese  beständige  Herabsetzung  des
Staates  Front  gemacht.  Seine  Ideen  stehen  denen  des  deutschen
Staatssozialismus  so  nahe,  daß  sie  mit  ihnen  verschmelzen,  und  der
Einfachheit  halber  werden  wir  sie  zusammen  darlegen.  Seine  Stimme
fand  jedoch  keinen  Widerhall.  Die  aufgeklärte  Meinung  war  unter
dem  zweiten  Kaiserreiche  wenig  dazu  geneigt,  einem  Manne  Gehör
zu  schenken,  auch  wenn  er  in  der  Politik  dem  Liberalismus  huldigte,
der  davon  sprach,  die  Macht  der  Regierung  zu  stärken  und  ihren
wirtschaftlichen  Einfluß  zu  erweitern.  Um  eine  wirkliche  Wandlung

')  Völkerreichtum,  4.  Buch,  Kap.  IX,  vorletzter  §,  S.  160  Bd.  II.
2 )  Harmonies,  10.  Ausg.,  S.  556.
        <pb n="491" />
        Kapitel  II.  Der  Staatssozialismus.

469

in  der  öffentlichen  Meinung-  zu  schaffen,  mußten  günstigere  Umstände ­
  eintreten.  Das  war  erst  im  letzten  Drittel  des  Jahrhunderts
der  Fall,  und  es  war  in  Deutschland,  wo  dieser  Umschwung  sich
vollzog.
Er  bestand,  so  scheint  es  uns,  weniger  in  der  Schaffung  einer
neuen  Lehre  als  in  der  Verschmelzung  einer  doppelten  Strömung
älterer  Ideen,  die  wir  zunächst  untersuchen  müssen.
Man  sieht  auf  der  einen  Seite  im  Laufe  des  19.  Jahrhunderts
eine  Reihe  von  Volkswirtschaftlern,  obgleich  sie  von  den  grundlegenden
Gedanken  Smith’s  ausgegangen  sind,  dennoch  das  Prinzip  des  Laisserfaire
  nach  und  nach  einschränken,  seinen  wissenschaftlichen  Beweis
nicht  mehr  als  feststehend  ansehen  und  in  einer  großen  Zahl  von
Fällen  die  Einmischung  des  Staates  verlangen.
Auf  der  anderen  Seite  findet  man  einige  Sozialisten,  die  opportunistischer ­
  als  die  anderen  sind.  Auch  wenn  sie  dem  Privateigentum
und  der  Produktionsfreiheit  feindlich  gegenüberstehen,  so  wollen  sie
doch  schon  jetzt  und  so  schnell  wie  möglich  eine  Erleichterung  des
Elends  der  Arbeiterklasse  herbeiführen.  Zu  diesem  Zweck  wenden
sie  sich  an  die  bestehenden  Regierungen.
Der  Staatssozialismus  vollzieht  die  Vereinigung  dieser  beiden
Strömungen.  Durch  sein  robustes  Vertrauen  in  den  geistigen  Hochstand ­
  der  Machthaber  geht  er  etwas  weiter  als  die  einen;  von  den
anderen  trennt  ihn  seine  Anhänglichkeit  an  das  Privateigentum:  aber
die  hauptsächlichsten  Punkte  seines  Programms  entlehnt  er  den  einen
wie  den  anderen.  Es  kommt  daher  zunächst  darauf  an,  darzulegen,
wie  diese  beiden  Strömungen  sich  gebildet  haben.  Später  werden
wir  sehen,  unter  der  Herrschaft  welcher  Umstände  ihr  Zusammentreffen ­
  sich  vollzogen  hat.
§  1.  Die  Kritik  des  Laisser-faire  bei  den  Ökonomisten.
Zunächst  wurden  die  wirtschaftlichen  Argumente  des  Laisser-faire
seit  Adam  Smith  einer  immer  schärfer  werdenden  Analyse  unterworfen. ­
  Eine  ununterbrochene  Kette  von  Schriftstellern,  die  nicht
Sozialisten  waren,  haben  im  Laufe  des  19.  Jahrhunderts  in  seine  Auffassungen ­
  Bresche  gelegt  und  nachgewiesen,  wie  sehr  die  praktischen
Schlußfolgerungen  des  großen  schottischen  Volkswirts  die  Tragweite
seiner  Beweise  überschritten.
Für  Adam  Smith  beruhte  die  Politik  des  Laisser-faire  auf  dem
Prinzip  der  natürlichen  Identität  der  privaten  und  der  allgemeinen
Interessen.  Er  hatte  nachgewiesen,  daß  die  Konkurrenz  selbsttätig
die  Preise  auf  das  Niveau  der  Produktionskosten  erniedrigt,  daß  das
Angebot  sich  durch  einen  automatischen  Mechanismus  der  Nachfrage
        <pb n="492" />
        470

Viertes  Buch.  Die  Abtrünnigen.

anpaßt,  und  daß  die  Kapitalien  wie  durch  ein  natürliches  Gefälle  den
ertragreichsten  Anlagen  znfließen.
Aber  schon  nach  Malthos  und  Ricaedo,  nach  den  Theorien  der
Bodenrente  und  der  Bevölkerung,  ist  das  Prinzip  der  natürlichen
Identität  der  Interessen  stark  erschüttert,  obgleich  diese  beiden
Schriftsteller  noch  durchaus  an  der  Freiheit  festhalten.
Da  greift  Sismondi  ein.  Er  beschreibt  uns  die  Übel  der  Konkurrenz, ­
  unter  der  mit  Notwendigkeit  die  soziale  Ungleichheit  der
Kontrahenten  den  Schwächeren  dem  Willen  des  Stärkeren  unterwirft,
und  sein  ganzes  Buch  ist  eine  einzige  Widerlegung  des  Vorsehnngsoptimismns
  Smith’s.
In  Deutschland  hatte  der  Volkswirtschaftler  Hermann,  der  die
Ausarbeitung  der  klassischen  Theorien  in  glänzender  Weise  fortsetzte,
nachgewiesen,  daß  das  persönliche  Interesse  oft  entweder  im  Gegensatz
zu  dem  öffentlichen  Interesse  steht,  oder  zu  schwach  ist,  es  zu  verwirklichen. ­
  Er  erklärte  schon  1832,  daß  man  die  Behauptung  der
meisten  Volkswirtschaftler  seit  Adam  Smith  nicht  unterschreiben
könne,  nach  der  die  von  persönlichen  Interessen  getriebene  Tätigkeit
der  Individuen  für  alle  Notwendigkeiten  der  Volkswirtschaft  genüge  r ),
und  daß  mau  auch  dem  Gemeinsinn  einen  Platz  einräumen  müsse.
Dann  steht  List  auf,  der  seine  ganze  Beweisführung  stützt  auf
den  Gegensatz  zwischen  den  augenblicklichen  Interessen,  die  die
einzige  Richtschnur  der  Individuen  sind,  und  den  beständigen  und
dauernden  Interessen  der  Nation,  die  nur  von  einer  Regierung  vertreten ­
  werden  können.
Einige  Jahre  später  diskutiert  Stuabt  Mill  nicht  einmal  mehr
in  dem  berühmten  fünften  Buch  seiner  Prinzipien  der  Volkswirtschaft ­
  die  These  der  natürlichen  Übereinstimmung  der  Interessen, ­
  so  wenig  haltbar  erschien  sie  ihm.  Um  im  Prinzip  die  Einmischung ­
  der  Regierung  auszuschalten,  läßt  er  nur  ein  einziges
wirtschaftliches  Argument  gelten:  die  Überlegenheit,  die  den  Individuen
der  Beweggrund  des  persönlichen  Interesses  gibt.  Er  beeilt  sich  aber
nachzuweisen,  wie  vielen  Beschränkungen  dieses  Prinzip  unterliegt:
natürliche  Unfähigkeit  der  Kinder  und  der  Schwachsinnigen,  die  Unkenntnis ­
  seiner  wirklichen  Interessen  auf  Seiten  des  Verbrauchers,  die
häufige  Unmöglichkeit,  auch  für  die,  die  sie  kennen,  dieses  Interesse
ohne  die  Hilfe  der  Gesellschaft  zu  verwirklichen  (z.  B.  in  der  Frage
der  Dauer  der  Arbeitszeit  für  die  Arbeiter).  Mill  weist  auch  darauf
hin,  wie  oft  in  unserer  modernen  industriellen  Organisation  dieser
Beweggrund  nicht  vorhanden  ist:  in  Aktiengesellschaften,  in  denen
die  Aktionäre  nicht  ohne  das  Zwischenglied  eines  bezahlten  Vertreters
l )  Hermann,  Staatswissenschaftliche  Untersuchungen,  1.  Ausgabe,
S.  12—18
        <pb n="493" />
        Kapitel  II.  Der  Staatssozialismus.

471

auskommen  können,  oder  in  Wohltätigkeitsanstalten,  in  denen  nur  das
Interesse  Anderer  in  Betracht  kommt.  Weiterhin  kann  sich  auch  das
Privatinteresse  sehr  oft  in  Widerspruch  mit  dem  allgemeinen  Interesse  /
befinden:  so  zum  Beispiel  in  den  Unternehmungen  der  städtischen
Wasser-  und  Gasanstalten,  die  Monopole  darstellen,  und  in  denen  der
individuelle  Unternehmer  notwendigerweise  den  Maximalprofit  zu
erreichen  sucht.  In  der  Mehrzahl  dieser  Fälle  ist  Stuaet  Mill
geneigt,  die  Einmischung  des  Staates  zuzulassen*).
Zur  gleichen  Zeit  beglückwünschte  Michel  Chevaliee  von  seinem
Lehrstuhl  im  College  de  France  herab  Stuaet  Mill  dazu:  „die  Regierungen ­
  wieder  in  die  ihnen  zustehenden  Machtbefugnisse  eingesetzt ­
  zu  haben“  2 ).  Die  Personen,  die  da  glauben,  die  wirtschaftliche
Ordnung  einzig  und  allein  auf  Grund  der  Konkurrenz  und  des  persönlichen ­
  Interesses  errichten  zu  können,  „lassen  sich“,  so  meint  er,  „von
einem  Spiegelbild  täuschen“  oder  „bewegen  sich  in  einem  Kreis  von
Irrtümern“.  Für  ihn  ist  die  Regierung  „der  Geschäftsführer  der
nationalen  Assoziation“.  Sie  muß  daher  „überall  dort,  wo  das  Gemeininteresse ­
  in  Frage  steht“  eingreifen.  Er  protestiert  gegen  die,  die
ihre  Befugnisse  auf  die  eines  „Polizisten“  beschränken  wollen 3 ).
Indem  er  diese  Prinzipien  auf  die  öffentlichen  Arbeiten  anwendet,
weist  er  nach;  „daß  dieselben  durchaus  und  in  jeder  Hinsicht  Angelegenheiten ­
  des  Staates  sind“,  und  daß  die  Garantien  einer  guten
Ausführung  nicht  weniger  gut  unter  der  Kontrolle  des  Staates,  als
unter  der  einer  Privatgesellschaft  verwirklicht  werden.
Im  Jahre  1863  schnitt  Couenot,  ein  Schriftsteller,  dessen  Ruf
bedeutend  geringer  war  als  der  Chbvaliek’s  oder  Mill’s,  aber  dessen
scharfsinnige  Gedanken  trotz  ihres  geringen  sofortigen  Einflusses
eine  große  Bedeutung  für  die  Geschichte  der  Doktrinen  haben,  das
gleiche  Problem  in  seinen  „Principes  de  la  theorie  des
richesses“  an.  Er  erfaßt  sofort  den  Kern  des  Problems  und  fragt

x )  Man  findet  die  gleiche  Auffassung  in  seinem  Buche  Essay  on  liberty,
in  dem  er  behauptet,  daß  „Handeltreiben  eine  soziale  Tätigkeit  ist“,  und  daß  infolgedessen ­
  Jeder  Kaufmann  „der  Gerichtsbarkeit  der  Gesellschaft  unterliegt“,  und  daß
„das  Prinzip  der  individuellen  Freiheit,  da  es  von  der  Lehre  des  Freihandels  nicht
berührt  wird,  ebensowenig  in  den  meisten  der  Probleme,  die  hinsichtlich  der  Grenzen
dieser  Lehre  auftreten,  in  Frage  steht,  z.  B.  wenn  es  sich  darum  handelt,  zu  wissen,
welche  Ausdehnung  der  Kontrolle  zur  Verhinderung  des  Betruges  durch  Verfälschungen
statthaft  ist,  oder  bis  zu  welchem  Punkte  man  den  Arbeitgebern  sanitäre  Vorsichtsmaßregeln ­
  oder  Einrichtungen  zum  Schutze  der  in  gefährlichen  Beschäftigungen
verwendeten  Arbeiter  auferlegen  soll  ...  Im  Prinzip  ist  es  unbestreitbar,  daß  (die
Staatsbürger)  gerechtfertigterweise  hinsichtlich  dieser  Zwecke  kontrolliert  werden
können“  (S.  174).
2 )  Michel  Chevalier,  Zehnte  Eröffnungsrede,  Cours,  Bd.  I,  221.
")  Codes,  Bd.  I,  S.  211,  214;  Bd.  II,  S.  38,  115.
        <pb n="494" />
        472

Viertes  Buch.  Die  Abtrünnigen.

sich,  ob  es  überhaupt  möglich  sei,  das  allgemeine  Interesse  einer
Gesellschaft  klar  zu  definieren,  nämlich  das  zu  verwirklichende  wirtschaftliche ­
  Optimum,  und  infolgedessen  a  priori  die  Überlegenheit
eines  Systems  über  ein  anderes  zu  behaupten.  Er  bemerkt  mit  Recht,
daß  das  Problem  unlösbar  ist.  Denn  in  der  Tat  wird  die  Produktion
von  der  Nachfrage  bestimmt.  Diese  wieder  hängt  von  der  vorhergegangenen ­
  Verteilung  der  Einkommen  und  den  Geschmacksrichtungen
der  Verbraucher  ab.  Wie  sollen  wir  nun  imstande  sein,  mit  Sicherheit ­
  die  der  Gesellschaft  nützlichste  Verteilung  der  Einkommen  zu
definieren  ?  —  oder  die  für  ihre  Entwicklung  günstigsten  Geschmacksrichtungen ­
  festzulegen?  Das  ist  selbstverständlich  unmöglich.  Wie
kann  man  daraus,  daß  die  wirtschaftliche  Freiheit  die  Nachfrage  am
besten  zu  befriedigen  gestattet,  schließen,  daß  sie  die  bestmögliche
Wirtschaftsform  darstelle?  Einen  Schritt  weiter,  und  Coüenot  würde
den  von  Paeeto  heute  so  klar  formulierten  Unterschied  zwischen
dem  „Nützlichkeitsmaximum“,  einem  ungenauen  und  schwankenden
Begriff,  und  dem  „Ophelimitätsmaximum“  aufgestellt  haben,  dessen
Erforschung  „ein  genau  umrissenes  Problem  darstellt,  das  ausschließlich
der  Volkswirtschaft  zugehört“ 1 ).
Ergibt  sich  nun  hieraus  für  Cournot,  daß  man  sich  in  der
Nationalökonomie  jedes  Urteils  über  Gut  und  Böse  enthalten  und
auf  jede  Verbesserung  verzichten  soll?  Durchaus  nicht.  Auch  wenn
man  das  absolut  Beste  nicht  in  einer  Definition  festlegen  kann,  so
darf  man  hieraus  nicht  schließen,  daß  man  nicht  dazu  gelangen
könne,  ein  relativ  Gutes  klar  herauszuarbeiten.  „Wenn  sich  in  irgendeinem ­
  Teile  des  wirtschaftlichen  Systems“,  sagt  Couenot,  „eine  Änderung
vollzieht,  die  nicht  darauf  angelegt  ist,  eine  Einwirkung  auf  den  Rest
des  Systems  auszuüben,  und  wenn  sich  diese  Veränderung  auf  vergleichbare ­
  Dinge  erstreckt,  so  wird  man  einen  Fortschritt,  eine  Verbesserung ­
  konstatieren  können 2 ).“  Dieser  Fortschritt  beruht  nicht
notwendigerweise  auf  dem  Einfluß  des  Privatinteresses.  Wie  Sismondi
vor  ihm,  so  führt  auch  er  zahlreiche  Fälle  an,  in  denen  dieses
Interesse  im  Gegenteil  im  Widerspruch  zu  dem  allgemeinen  Interesse
steht,  und  er  weist  besonders  auf  die  hin,  bei  denen  die  Einmischung
des  Staates  nützlich  sein  könnte.
Alle  diese  Schriftsteller  lassen  daher  in  verschiedenen  Abstufungen
die  Einmischung  des  Staates  in  die  wirtschaftlichen  Verhältnisse  zu.
Immerhin  bleibt  in  ihren  Augen  die  Freiheit  das  grundlegende  Prinzip
aller  Wirtschaftspolitik.  Sismondi  begnügt  sich  damit,  nur  schüchtern
Wünsche  zu  formulieren,  so  groß  erscheinen  ihm  die  Schwierigkeiten
einer  wirklichen  Einmischung.  Stuart  Mill  will,  daß  in  jedem  ein*) ­
  Pareto,  Cours  d’eeonomie  politiqne,  1897,  Bd.  II,  §  656.
2 )  Coüenot,  Principes  S.  422.
        <pb n="495" />
        Kapitel  II.  Der  Staatssozialismus.

473

zelnen  Fall  die  Beweislast  für  die  Notwendigkeit  der  Einmischung
ihren  Anhängern  obliege.  Für  Couenot  „bietet  sich  der  Gedanke
der  Freiheit  noch  immer  als  das  natürlichste  und  einfachste  Kriterium
dar“,  und  wenn  der  Staat  sich  einmischt,  so  kann  das  nur  unter  der
Bedingung  geschehen,  „daß  die  Wissenschaft  klar  den  Zweck  definiert
und  die  Wirksamkeit  des  Mittels  positiv  nachgewiesen  hat“.  —  Aber
für  alle,  und  hierin  liegt  der  wesentliche  Fortschritt,  hat  die  Freiheit
aufgehört  ein  wissenschaftliches  Prinzip  zu  sein.  Couenot
nennt  sie  „ein  Erbwort  praktischer  Weisheit“ 1 ).  Stuaet  Mill  verteidigt ­
  sie  hauptsächlich  aus  politischen  Gründen,  als  das  beste  Mittel,
bei  den  Bürgern  die  Eigenschaften  der  Initiative  und  der  Verantwortlichkeit ­
  zu  entwickeln.  —  Für  alle  ist  der  Staat  durchaus  nicht
ein  Notbehelf  oder  ein  notwendiges  Übel,  sondern  er  hat,  wie  jedes
Individuum  eine  berechtigte  Einflußsphäre,  und  die  Schwierigkeit  liegt
nur  darin,  sie  genau  zu  umschreiben 2 ).  Dieser  Aufgabe  unterzog  sich
schon  Waleas  mit  bemerkenswertem  Erfolg  in  seinen  Vorträgen  über
die  Theorie  der  Gesellschaft,  die  er  von  1867—1868  in  Paris  hielt 8 ).
Der  Fortschritt  der  Gedankenarbeit  hat  daher,  seit  Adam  Smith,
bei  den  besten  Schriftstellern  schon  die  Meinungen  bezüglich  der
wirtschaftlichen  Rolle  des  Staates  einschneidend  verändert.  Zwar
hat  ihr  Einfluß  die  Mehrzahl  der  Schriftsteller  nicht  sofort  völlig
erfaßt.  Die  meisten  bleiben,  auch  in  dem  zweiten  Drittel  des  Jahrhunderts, ­
  den  Ideen  des  optimistischen  Individualismus  noch  treu.  Als
aber  der  Staatssozialismus  sich  gegen  den  letzteren  erhob,  brauchte  er
nur,  um  sich  ein  wissenschaftliches  Arsenal  zu  beschaffen,  die  Ergebnisse ­
  jener  Studien  sich  anzueignen.  Dies  hat  er  auch  nicht
unterlassen,  und  deshalb  können,  aus  verschiedenen  Gründen,  die
soeben  besprochenen  Schriftsteller,  wenn  nicht  als  seine  Vorläufer,  so
doch  als  seine  unfreiwilligen  Helfer  gelten.

§  2.  Die  sozialistischen  Ursprünge  des  Staatssozialismus.
Rodbertus  und  Lassalle.
Der  Staatssozialismus  ist  nicht  nur  eine  wirtschaftliche  Lehre.
Er  besitzt  eine  soziale  und  moralische  Grundlage.  Er  stützt  sich

b  Ebenda,  S.  444,  462,  521.
! )  Stüakt  Mita,  hat  es  versucht,  aber  in  einer  Formel,  die  nicht  sehr  klar  ist:
„Die  Individualität“,  sagt  er,  „soll  den  Teil  des  Lebens  regieren,  der  besonders  das
Individuum  interessiert,  und  die  Gesellschaft  jenen  anderen  Teil,  der  die  Gesellschaft
besonders  interessiert.“  Essay  on  liberty,  Kap.  IV;  Franz.  Übers.  S.  136.
s )  In  seinen  Etu  des  d’economie  sociale  (1896)  wieder  abgedruckt.  Siehe
die  kurze  Zusammenfassung,  die  wir  weiter  unten  im  Kapitel  über  die  Eente  geben.
        <pb n="496" />
        474

Viertes  Buch,  Die  Abtrünnigen.

auf  ein  gewisses  Gerechtigkeitsideal  und  auf  eine  selbständige  Auffassung ­
  der  Gesellschaft  und  des  Staates.  Dieses  Ideal  und  diese
Auffassung  kommen  ihm  nicht  von  den  Ökonomisten,  sondern  von  den
Sozialisten  —  und  hauptsächlich  von  zwei  unter  ifinen,  Rodbeetus
und  Lass  alle,  die  versucht  haben,  eine  Art  Kompromiß  zwischen  der
bestehenden  Gesellschaftsordnung  und  der  zukünftigen  Gesellschaft
zu  finden,  indem  sie  die  Macht  des  modernen  Staates  als  Hebel  benutzten. ­

Die  Idee  eines  derartigen  Kompromisses  war  nicht  neu.  Im
Laufe  des  neunzehnten  Jahrhunderts  ist  sie  verschiedentlich  aufgetaucht. ­
  In  Frankreich  besonders  sind  wir  ihr  schon  gegen  Ende
der  Juli-Monarchie  begegnet.  Zu  diesem  Zeitpunkt  fordern  Louis
Blanc,  und  neben  ihm  Männer,  wie  Vidal,  die  ihren  Zielen  nach
Sozialisten  waren,  das  Eingreifen  des  Staates,  und  zwar  nicht  nur,
um  die  Ungerechtigkeiten  der  bestehenden  Gesellschaft  abzuschaffen,
sondern  um  ohne  plötzliche  Erschütterung  die  Geburt  der  zukünftigen
Gesellschaft  vorzubereiten.  Daher  ist  Louis  Blanc  der  erste  sozialistische ­
  Vorläufer  des  Staatssozialismus.  —  Trotzdem  waren  in  dem
Lande,  in  dem  er  seinen  größten  Erfolg  haben  sollte,  in  Deutschland,
Rodbeetus  und  Lassallb  seine  unmittelbarsten  Urheber.
Der  Einfluß  von  Rodbeetus  und  Lassalle  auf  den  deutschen
Staatssozialismus  beruht  aber  nicht  nur  auf  dem,  was  er  ihnen  entlehnt ­
  hat.  Persönliche  Beziehungen  verbanden  sie  mit  den  Männern,
die  ihn  geschaffen  oder  verwirklicht  haben,  und  man  kann  den  Einfluß
ganz  klar  erkennen,  den  sie  auf  ihre  Freunde  ausgeübt  haben.  Im
Mittelpunkt  der  Gruppe  steht  Rodbeetus.  Von  1862—1864  unterhält
er  einen  lebhaften  Briefwechsel  mit  Lassalle.  Ein  gemeinsamer
Freund,  Lothae  Büchee,  ein  alter  Demokrat  von  1848,  der  später  der
Vertraute  Bismaeck’s  wurde,  hatte  sie  zusammengeführt.  Bismaeck
selbst  verschmähte  es  nicht,  zur  Zeit  des  Höhepunktes  von  Lassalle’s
sozialistischer  Agitation  ziemlich  mysteriöse  Beziehungen  mit  ihm  zu
pflegen  *).  Auf  der  anderen  Seite  war  Rodbeetus  seit  1870  in  häufigem
Verkehr  mit  Adolf  Wagnee,  dem  bedeutendsten  Vertreter  des  Staatssozialismus, ­
  der  niemals  gezögert  hat,  den  großen  Einfluß  anzuerkennen,
den  Rodbeetus  auf  die  Bildung  seiner  eigenen  Ideen  gehabt  hat.
Adolf  Wagner  wieder  wurde  oft  zum  Fürsten  Bismaeck  gerufen  und
von  ihm  um  Rat  gefragt.
Aber  auch  außerhalb  ihrer  Beziehungen  zu  dem  Staatssozialismus
verdienen  Rodbeetus  und  Lassalle,  die  Aufmerksamkeit  des
Historikers  der  volkswirtschaftlichen  Doktrinen  auf  sich  zu  ziehen.

0  Siehe  über  das  Leben  Lassalle’s  im  allgemeinen  nnd  seine  Beziehungen  zu
Bismaeck  im  besonderen:  Heemann  Onckbn,  Lass  alle,  Stuttgart,  1904,  450  Seiten.
        <pb n="497" />
        Kapitel  II.  Der  Staatssozialismus.

475

Der  erste  ist  ein  Theoretiker  von  einer  ganz  ungewöhnlichen  Kraft,
ein  glänzender  Schriftsteller,  dessen  Gedanken  außerordentlich  anregend ­
  sind.  Der  zweite  ist  ein  Agitator,  der  mehr  zur  Verbreitung
der  Ideen  als  zu  ihrer  Bildung  beigetragen  hat,  aber  der  in  der
deutschen  Arbeiterbewegung  eine  tiefgehende  Spur  hinterließ.  Daher
legen  wir  hier  ihre  Gedanken,  besonders  die  Rodbertus’,  etwas  ausführlicher ­
  dar  und  werden  versuchen  die  Bolle  und  den  Charakter
der  beiden  Männer  zu  kennzeichnen.
A.  Rodbertus.
In  der  Geschichte  der  Doktrinen  nimmt  Rodbertus  eine  besondere
Stelle  ein.  Durch  ihn  sind  die  Gedanken  Sismondi’s  und  die  der
Saint-Sirnonisten  dem  letzten  Viertel  des  Jahrhunderts  überliefert
worden.  Seine  grundlegenden  Auffassungen,  die  er  aus  französischen
Quellen  geschöpft  hat 1 ),  haben  sich  um  1837  gebildet,  als  er  seine
Forderungen  der  arbeitenden  Klassen,  die  die  Augsburger ­
  Allgemeine  Zeitung  sich  aufzunehmen  -weigerte,  verfaßte. ­
  Sein  erstes  Werk  erschien  1842 2 ),  und  seine  drei  ersten
Sozialen  Briefe 3 )  von  1850  bis  1851.  Sie  blieben  aber  damals

0  Der  französische  Ursprung  der  Ideen  Eodbeetus’  wird  nicht  mehr  bestritten,
seitdem  A.  Menger  in  seinem  Buch:  Das  Recht  auf  den  vollen  Arbeitsertrag ­
  (1.  Ausg.  1886)  dies  besonders  hervorgehohen  hat.  Nur  gibt  ihm  Mbnger
als  geistige  Väter  Proudhon  und  die  Saint-Simonisten.  Mit  Bezug  auf  die  letzteren
werden  wir  im  Text  die  wichtigsten  Anleihen,  die  Rodbertus  bei  ihnen  gemacht
.  hat,  erwähnen.  Wir  glauben  aber,  daß  an  Stelle  Proudhok’s  Sismondi  zu  setzen  ist.
Die  einzige  auf  Proudhon  zurückzuführende  Idee,  die  man  bei  Rodbertus  findet,  ist
die  Idee,  den  Wert  „zu  bilden“  (constituer).  Diese  Idee  ist  aber  nicht  entlehnt.
.Rodbertus  erwähnt  dies  selbst  in  seinem  zweiten  sozialen  Briefe  (Schriften,
Bd.  II,  S.  46,  Anm).  Er  behauptet,  daß  sie  zuerst  von  ihm  formuliert  sei,  sagt  aber
nicht  wo.  Er  muß  aber  auf  eine  Stelle  in  den  Forderungen  anspielen,  wo  dieser
-  Gedanke  sehr  klar  ausgedrückt  ist.  Indem  er  von  der  Arbeitswerttheorie  spricht,
'wie  sie  Ricardo  ausgearbeitet  hatte,  schreibt  er:  „Nur  darin  irrt  sie,  daß  sie  das,
■was  erst  in  der  Idee  gilt,  wonach  die  Wirklichkeit  einstweilen  nur  gravitiert,  was
erst  die  Zukunft  festzuhalten  hat,  als  in  der  Gegenwart  bestehend  ansieht“  (Schriften,
Bd.  III,  S.  120).  Dies  drückt  klar  aus,  daß  die  Bildung  des  Wertes  die  Aufgabe
der  Zukunft  ist.  Die  Forderungen  nun,  die  schon  alle  entscheidenden  Gedanken. ­
  Rodbertus’  enthalten,  stammen  aus  dem  Jahre  1837,  sind  also  um  9  Jahre
älter  als  die  Contradictions  economiq-ues  von  Proudhon,  die  im  Jahre  1846
erschienen,  und  in  denen  der  Gedanke  der  Wertbildung  von  ihm  zum  ersten  Male
aufgestellt  wurde.
2 )  Zur  Erkenntnis  unserer  staats  wissenschaftlichen  Zustände
(Neu-Brandenburg,  1842).  Das  Werk  sollte  drei  Hefte  umfassen,  von  denen  nur  das
erste  erschienen  ist.  Bisher  ist  kein  Neudruck  herausgegeben  worden.
3 )  Die  drei  ersten  „sozialen  Briefe“  wurden  ebenso  wie  die  „Forderungen
der  arbeitenden  Klassen“  in  den  Schriften  von  Dr.  Karl  Rodbertus-Jagetzow
        <pb n="498" />
        476

Viertes  Buch.  Die  Abtrünnigen.

ziemlich  unbemerkt,  und  erst  später,  als  Lass  alle  ihn  in  seinen  Reden
von  1862  als  den  größten  deutschen  Rationalökonomen  anführte,  als
konservative  Schriftsteller,  wie  Rudolf  Meyer  und  Adolf  Wagner
ihm  nach  1870  einen  neuen  Ruf  verschafften,  erwecken  seine  Bücher
die  verdiente  Aufmerksamkeit.  Sie  haben  in  Deutschland  einen  großen
Einfluß  auf  die  Nationalökonomen  des  letzten  Drittels  des  Jahrhunderts ­
  ausgeübt.  Seine  Ideen  sind  die  des  französischen  Sozialismus
in  seinen  Anfängen,  als  er  noch  rein  intellektuell  war  und  noch  nicht
das  Mißtrauen  hervorrief,  das  die  sozialen  Kämpfe  der  Juli-Monarchie
später  gegen  ihn  erweckten.  Durch  die  Kraft  seiner  Logik  und  durch
sein  Bedürfnis  zu  systematischer  Ordnung  seiner  Gedanken  und  auch
durch  seine,  seinen  Vorgängern  außerordentlich  überlegenen  volkswirtschaftlichen ­
  Kenntnisse  gibt  Rodbertus  diesen  Ideen  ein  so
scharfes  Gepräge,  wie  sie  es  vorher  nie  besaßen.  Dieser  „Ricardo  des
Sozialismus“,  wie  ihn  Adolf  Wagner  mit  Recht  nennt x ),  hat  für  die
Lehre  seiner  Vorgänger  das  getan,  was  Ricardo  für  die  eines  Smith
und  Malthus  getan  hatte:  er  zeigte,  wie  mit  einem  Vergrößerungsglas, ­
  ihre  Folgen  und  ihre  grundlegenden  Voraussetzungen.
Rodbertus  ist  daher,  auf  Grund  seines  Ursprungs,  jenem  demokratischen ­
  und  radikalen  Sozialismus  vollständig  fremd  geblieben,  der
ein  Kind  der  populären  Agitation  war,  und  dessen  Vertreter  Marx
wurde.  Für  Marx  sind  Sozialismus  und  Revolution,  wirtschaftliche
Theorie  und  politische  Handlung  untrennbar  verknüpft *  2 ).  Rodbertus
dagegen  ist  ein  liberaler  Großgrundbesitzer,  der  in  der  preußischen
Nationalversammlung  1848  seinen  Platz  auf  dem  linken  Zentrum
einnimmt,  und  dessen  politisches  Programm  sich  in  folgenden  beiden
Worten  zusammenfaßt:  konstitutionelle  Regierung,  nationale  Einheit 3 ).
(Berlin,  1899,  3  Bde.)  neu  herausgegeben.  Wir  zitieren  nach  dieser  Ausgabe.  Der
vierte  soziale  Brief,  der  den  Titel  „das  Kapital“  trägt,  wurde  1852  abgefaßt,  erschien
aber  erst  nach  dem  Tode  Eodbertus’.  Er  bildet  den  ersten  Band  der  Schriften.
Die  vereinzelten  Aufsätze  Eodbertus’  sind  in  zwei  Sammlungen  erschienen.  Die
eine  von  E.  Meyer  unter  dem  Titel:  Briefe  und  Sozialpolitische  Aufsätze
von  Dr.  Eodbertus-Jagetzow,  Berlin,  1882;  die  andere  von  Moritz  Wirth  unter
dem  Titel  Kleine  Schriften,  Berlin,  1890.  Eine  vollständige  Bibliographie  der
Werke  Eodbertus’  findet  sich  in  Andlbr,  Le  S  ocialism  e  d’Etat  en  Allemagne 1 ,
Paris,  1897.
*)  In  der  Einführung  zu  den  Briefen  von  Lassalle  an  Eodbertus,  Berlin,
1878,  S.  8.
2 )  Menger  hat  mit  Eecht  hervorgehoben,  daß  die  theoretischen  Quellen  Marx’
mehr  englisch  als  französisch  sind.  Dies  ist  ein  weiterer  Punkt,  in  dem  sich  die
beiden  Sozialisten  unterscheiden.
3 )  Abgeordneter  der  preußischen  Nationalversammlung  von  1848,  nahm  Eodbertus
seinen  Platz  im  Zentrum  ein  und  war  einige  Tage  Kultusminister.  Am  4.  Juli  zum
Minister  ernannt,  gab  er  nach  14  Tagen  seine  Entlassung,  weil  seine  Kollegen  sich
weigerten,  die  Eechte  des  Frankfurter  Parlaments  so  rücksichtslos  anzuerkennen,
wie  er  es  gewünscht  hätte.
        <pb n="499" />
        Kapitel  II.  Der  Staatssozialismus.

477

Die  Erfolge  der  Politik  Bismaeck’s  nähern  ihn  am  Ende  seines  Lebens
mehr  und  mehr  der  konservativen  Monarchie').  So  träumt  er  auch
von  einer  sozialistischen  Partei,  die  sich  einzig  und  allein  auf  den
sozialen  Boden  stellt  und  auf  jede  politische  Handlung  verzichtet.
Obgleich  er  persönlich  ein  Anhänger  des  allgemeinen  Wahlrechts  war,
schlägt  er  es  1863  Lassalle  ab,  in  dessen  „Arbeiterverein“  einzutreten, ­
  weil  Lassallb  diese  politische  Reform  zu  einem  der  Punkte
seines  Programms  gemacht  hatte 1  2 ).  Später  definiert  er  die  Partei
der  Zukunft  wie  folgt:  „monarchisch,  national,  sozial“,  oder  auch
„sozial  und  konservativ“  3 ).  Zur  gleichen  Zeit  hat  er  aber  auch  kein
Bedenken  zu  schreiben;  „Soweit  der  Kern  der  Sozialdemokratie  ein
rein  wirtschaftlicher  ist,  gehöre  ich  ihr  mit  ganzer  Seele  an 4  * ).“
Wenn  er  auch  imstande  war,  die  monarchische  Politik  mit  dem
sozialistischen  Programm  zu  vereinigen,  so  weigerte  er  sich  doch,  soweit ­
  die  wirtschaftliche  Lehre  in  Betracht  kommt,  irgendein  Kompromiß ­
  einzugehen.  Dazu  war  er  doch  zu  scharfsinnig.  Der  gleichen
Ursache  liegt  auch  seine  Feindschaft  gegen  die  Kathedersozialisten
zugrunde.  Er  ist  der  erste,  anzuerkennen,  daß  in  der  Praxis  der
Sozialismus  sich  heute  mit  Übergangsmitteln  begnügen  muß,  aber
er  gibt  niemals  zu,  daß  der  Kompromiß  zum  Schluß  selbst  Doktrin
werde.  Er  nennt  die  Kathedersozialisten  „Zuckerwassersozialisten“  6 ).
Er  lehnt  es  ab,  an  dem  Kongreß  von  Eisenach  1872  teilzunehmen,
den  er  „den  Eisenacher  Sumpf“  und  „äußerst  komisch“  nennt.  Die
Arbeitergesetzgebung  nennt  er  „human-soziale  Kapriolen“  6 ).  Wenn
er  sein  Programm  in  einigen  tönenden  Formeln  zusammenfaßt,  wie:
„Staat  gegen  Staatslosigkeit“  7 )  muß  man  sich  daher  hüten,  hierin
1 )  Bin  charakteristisches  Zeichen  dieser  Entwicklung  ist  die  Ersetzung  des
Wortes  „Volkswille“  in  der  zweiten  Ausgabe  der  sozialen  Briefe  durch  das  Wort
„Staatswille“  überall  dort,  wo  sich  dieses  Wort  fand.  Diese  zweite  Ausgabe,  die  den
zweiten  und  dritten  Brief  umfaßt,  wurde  von  ihm  im  Jahre  1876  unter  dem  Titel:
Zur  Beleuchtung  der  sozialen  Erage  herausgegeben.
2 )  Brief  an  R.  Meyer  vom  30.  Nov.  1871,  Nr.  61,  S.  141.  Dieser  Gesichtspunkt
wird  von  ihm  ausführlich  in  seinem:  Offener  Brief  an  das  Komitee  des
deutschen  Arbeitervereins,  Leipzig,  vom  10.  April  1863,  dargelegt  (v.  Moritz
Wirth  in  den  Kleinen  Schriften  veröffentlicht).
3 )  Brief  an  R.  Meyer,  vom  12.  März,  1872.  —  Vgl.  auch  die  Briefe  vom
23.  Januar  und  3.  Eebruar  1871.
4 )  Brief  an  denselben  vom  30.  Nov.  1871,  Brief  Nr.  61,  S.  141.  1874  denkt  er
daran,  sich  als  sozialistischen  Reichstagskandidaten  aufstellen  zu  lassen:  „Aber“,
schreibt  er,  „erst  muß  der  Staat  im  Militäretat  und  in  dem  Kirchengesetz  stärker
werden“  (an  denselben,  vom  14.  Januar  1874.  Brief  Nr.  140,  8.  352).
6 )  Brief  an  dens.  v.  17.  Okt.  1872.
6 )  Brief  an  dens.  v.  6.  Januar  1873,  Brief  Nr.  117,  S.  290.
’)  Brief  an  dens.  v.  10.  März  1872,  und  PhysiokratieundAnthropokratie,
in  den  Briefen  und  Sozialpolitischen  Aufsätzen  S.  521  und  522.
        <pb n="500" />
        478

Viertes  Buch.  Die  Abtrünnigen.

auch  nur  eine  entfernte  Zustimmung  zu  den  nach  seiner  Ansicht  viel
zu  verschwommenen  Doktrinen  des  Staatssozialismus  zu  sehen 1 ).
Trotzdem  war  er,  gegen  seinen  Willen,  einer  seiner  einflußreichsten
Vorläufer.  Und  hierin  liegt  gerade  das  Besondere  seiner  Eolle.
Die  ganze  Theorie  Rodbeetus’  beruht  auf  der  Idee,  daß  die  Gesellschaft ­
  ein  durch  die  Arbeitsteilung  geschaffener  Organismus  ist.
Diese  große  Tatsache,  deren  Tragweite  nach  seiner  Ansicht  Adam
Smith  kaum  erst  in  ihren  Umrissen  gesehen  hat,  ist  es,  die  alle
Menschen  in  einer  naturnotwendigen  Solidarität  verbindet,  sie  aus
der  Vereinzelung  heraushebt  und  sie  aus  einer  bunt  zusammen  gewürfelten ­
  Menge  zu  einer  wirklichen  Gemeinschaft  umbildet,  —  einer
Gemeinschaft,  deren  Ausdehnung  nicht  durch  nationale  Grenzen  beschränkt ­
  wird,  sondern  keine  anderen  Grenzen  zeigt,  als  die  Arbeitsteilung ­
  selbst,  die  ihrerseits  darauf  hinstrebt,  die  ganze  Welt  zu  umfassen ­
  2 ).  Mit  dem  Tage,  an  dem  jedes  Individuum  auf  diese  Weise
in  die  wirtschaftliche  Gesellschaft  eingefügt  ist,  hört  sein  Wohl  auf,
von  ihm  und  seinem  natürlichen  Milieu  abzuhängen.  Es  beruht  von
jetzt  an  auf  allen  anderen  Produzenten.  Es  unterliegt  nun  der
richtigen  Ausführung  gewisser  Funktionen,  die  einen  wesentlich
sozialen  Charakter  haben,  und  deren  Aufzählung  Rodbeetus  teilweise
der  Lehre  Saint-Simon’s  entnimmt.  Es  sind  dies  die  folgenden:
1.  Anpassung  der  Produktion  an  die  Bedürfnisse.
2.  Die  Aufrechterhaltung  der  Produktion  auf  dem  Niveau  der
vorhandenen  Hilfsmittel.
3.  Die  gerechte  Verteilung  des  gemeinsamen  Produktes  unter  die
Produzenten.
Wie  sollen  sich  nun  diese  Funktionen  vollziehen?  Selbsttätig
oder  auf  Grund  förmlicher  Übereinkunft?  Hierin  liegt  für  ihn  die

J )  In  einem  Briefe  y.  26.  Angnst  1872,  weist  er  energisch  den  Namen
„Katheder-Sozialist“  zurück.  In  dem:  „Emanzipationskampf  des  vierten
Standes“,  Berlin,  1874,  S.  60—63  zitiert  Rudolf  Meyer  ausführlich  eine  nachdrückliche ­
  Kritik  des  Kathedersozialismus,  die  in  einem  Privatbrief  Rodbeetus’  enthalten ­
  ist.
2 )  „Die  Teilung  der  Arbeit  sollte  gerade  Gemeinschaft  der  Arbeit  heißen  ...“
(Kapital,  S.  79—80)  und:  „Die  Weltarbeitsteilung  entspricht  erst  ihrem  vollen
Begriff.“  Weiterhin  legt  er  Nachdruck  darauf,  daß  mau  nicht  „sozial“  mit
„national“  verwechsele.  Er  nimmt  die  Gesehichtsphilosophie  der  Saint-Simonisten  an
und  führt  aus,  wie  „die  Geschichte  ein  Yereinigungsprozeß  ist,  —  und  zwar  ein
Vereinigungsprozeß,  der  sich  zu  immer  weiteren  Kreisen  verschlingt  und  zu  immer
größerer  Innigkeit  vertieft“.  (Zur  Geschichte  der  römischen  Tributsteuern ­
  seit  Augustns  in  den  Jahrbüchern  für  Nationalökonomie  und
Statistik,  1865.  Bd.  V,  S.  273.  Rodbeetus:  Untersuchungen  auf  dem  Gebiete
der  Nationalökonomie  des  klassischen  Altertums.  —  Und  an  anderer  Stelle:  „Der
geschichtliche  Verlauf  besteht  in  Nichts  als  der  Verallgemeinerung  des  Kommunismus“
(Kapital,  S.  94,  Anm.),
        <pb n="501" />
        Kapitel  II.  Der  Staatssozialismus.

479

große  Frage,  das  große  Problem.  Für  die  Volkswirtschaftler  aus  der
Schule  Smith’s  sind  die  sozialen  Organismen  dasselbe,  wie  lebende
Organismen.  Das  freie  Spiel  der  natürlichen  Gesetze  hat  den  gleichen
wohltuenden  Einfluß,  wie  der  unbehinderte  Blutumlauf  im  menschlichen
Körper.  Die  Freiheit  soll  die  regelmäßige  Erfüllung  der  sozialen
Funktionen  sicher  stellen?  Welcher  Irrtum!  sagt  Eodbertus.  ,.Die
Staaten  sind  nicht  so  glücklich  oder  so  unglücklich,  daß  sich  ihre
Lebensfunktionen  von  selbst  mit  Naturnotwendigkeit  vollziehen.  Wie
sie  als  geschichtliche  Organismen  sich  selbst  organisierende  Organismen
sind,  sich  ihre  Gesetze  und  Organe  selbst  zu  geben  haben,  so  gehen
auch  die  Funktionen  ihrer  Organe  nicht  mit  Notwendigkeit  vor  sich,
sondern  sie,  die  Staaten  selbst,  haben  sie  in  Freiheit  zu  regeln,  zu
unterhalten,  zu  fördern 1 ).“  Deshalb  schlägt  Rodbertus  schon  1837
vor,  die  natürliche  Freiheit  durch  ein  „System  staatlicher  Leitung“
zu  ersetzen 2 ),  und  sein  ganzes  W *  *  7 erk  ist  nichts  als  ein  Versuch,  die
Notwendigkeit  dieses  Systems  nachzuweisen.  Untersuchen  wir  seine
Beweisführung  und  gehen  wir  zu  diesem  Zweck  mit  ihm  die  -  verschiedenen ­
  wirtschaftlichen  Funktionen  durch,  so  wie  wir  sie  oben
definiert  haben.  Betrachten  wir,  wie  sie  sich  ihm  zufolge  heute  vollziehen, ­
  und  wie  sie  sich  in  einer  besser  organisierten  Gesellschaft
vollziehen  müßten:
1.  Zunächst  kann  man  in  der  gegenwärtigen  Gesellschaftsordnung
nicht  genau  von  einer  Anpassung  der  Produktion  an  die  sozialen
Bedürfnisse  sprechen,  sondern  nur  an  die  wirksame  Nachfrage, ­
  nämlich  an  die  Nachfrage,  die  sich  in  einem  Geldangebot
ausdrückt.  Diese  Tatsache,  auf  die  übrigens  Adam  Smith  schon  hingewiesen ­
  hatte,  und  auf  die  Sismondi  besonderen  Nachdruck  legte,
führt,  so  sagt  uns  Rodbertus,  zu  einer  schwerwiegenden  Folgeerscheinung: ­
  es  werden  nämlich  nur  die  Bedürfnisse  derjenigen,  die
schon  etwas  besitzen,  befriedigt 8 ).  Derjenige,  der  nichts  anderes  auf
dem  Markte  anzubieten  hat,  als  seine  Arbeit,  erhält,  wenn  sich
herausstellt,  daß  nach  dieser  Arbeit  keine  Nachfrage  besteht,  überhaupt ­
  keinen  Teil  des  sozialen  Erzeugnisses.  Umgekehrt  bestimmt
derjenige,  der  ein  Einkommen  besitzt,  auch  wenn  er  es  gar  keiner
persönlichen  Arbeit  verdankt,  durch  diese  wirksame  Nachfrage  die
Produktion  der  Gegenstände,  die  er  wünscht.  So  sieht  man  oft,  daß
die  notwendigsten  Bedürfnisse  der  einen  nicht  befriedigt  werden,

*)  Physiokratie  und  Anthropokratie  in  den  Briefen  und  Sozialpolitischen ­
  Aufsätzen,  Bd.  II,  S.  519,  Berlin  1881.
*)  Schriften.  Bd.  III,  S.  218.
8 )  „Zuvörderst  .  .  .  wird  in  diesem  Zustande  überhaupt  nicht  für  die  Bedürfnisse
der  Arbeit,  sondern  für  die  Bedürfnisse  des  Besitzes  produciert“  (Kapital
8.  193).  Vgl.  auch  Kapital,  S.  52ff.
        <pb n="502" />
        480

Viertes  Buch.  Die  Abtrünnigen.

während  zur  gleichen  Zeit  andere  in  allen  Annehmlichkeiten  des
Luxus  schwelgen.
Nichts  ist  wahrer.  Eodbeetus  hat  tausendfach  recht,  auf  das
Grundübel  eines  Systems  hinzuweisen,  das  logisch  die  Arbeitslosigkeit, ­
  diese  moderne  Form  der  Hungersnot,  als  eine  einfache,  vorübergehende ­
  Überproduktion  von  Waren  ansieht,  und  bisher  nur  dazu
gelangt  ist,  das  Prinzip  der  durch  die  wirksame  Nachfrage  beschränkten ­
  Produktion  durch  private  oder  öffentliche  Wohltätigkeit
zu  mildern.  Betrachten  wir  nun  das  Heilmittel,  das  er  vorschlägt.
Ihm  zufolge  müßte  die  Gesellschaft  an  Stelle  der  Produktion  für  die
Nachfrage  ständig  und  gänzlich  die  Produktion  für  das  „soziale  Bedürfnis“ ­
  setzen.  Hierfür  würde  es  genügen,  sich  im  voraus  zu  vergewissern, ­
  welche  Zeit  ein  jeder  fähig  ist,  produktiver  Arbeit  zu
widmen x ).  Gleichzeitig  würde  man  einen  Überblick  haben  über  die
Gegenstände,  die  erzeugt  werden  müssen,  und  in  welchen  Mengen  sie
benötigt  werden.  Denn,  so  sagt  Eodbeetus  r  „die  Bedürfnisse  bilden
im  allgemeinen  bei  jedermann  .  .  .  eine  gleiche  Eeihenfolge,  und  es
ist  auch  als  bekannt  vorauszusetzen,  welche  und  wie  viele  Befriedigungsmittel ­
  für  die  einzelnen  Bedürfnisse  erforderlich  sind“ *  2 ).  Da
man  so  die  Arbeitszeit  kennt,  über  die  die  Gesellschaft  verfügen
kann,  und  da  auf  der  anderen  Seite  die  Eeihe  der  sozialen  Bedürfnisse ­
  gegeben  ist,  würde  das  Problem,  diese  Zeit  zwischen  den  verschiedenen ­
  Produktionen  zu  verteilen,  keine  Schwierigkeit  mehr
bieten.
Diese  Behauptung  ist  etwas  überstürzt;  sie  drückt  sich  um  den
gewichtigsten  Einwurf  herum,  denn  die  angeblich  gleichmäßige  Bedürfnisreihe, ­
  von  der  uns  Eodbeetus  spricht,  besteht  nur  in  seiner
Einbildung.  In  Wirklichkeit  gibt  es  eine  kleine  Anzahl  von  Kollektivbedürfnissen
  und  eine  unendliche  Mannigfaltigkeit  von  Einzelbedürfnissen. ­
  Das  „soziale  Bedürfnis“  ist  nur  ein  unbestimmter  Ausdruck,
um  zur  gleichen  Zeit  beides  zu  bezeichnen.  Die  einfachste  Beobachtung ­
  zeigt  uns  bei  jedem  Individuum  eine  besondere  Eeihe  von
Bedürfnissen  und  Neigungen.  Wenn  man  die  Produktion  auf  ein
angebliches  „soziales  Bedürfnis“  gründet,  so  bedeutet  dies  tatsächlich
die  Abschaffung  der  Freiheit  des  Verbrauchs  und  der  Nachfrage.
Es  läuft  auf  dasselbe  hinaus,  als  ob  die  Gesellschaft  allen  Menschen
eine  willkürliche  Skala  von  zu  befriedigenden  Bedürfnissen  vorschreiben ­
  und  aufzwingen  würde.  Das  Heilmittel  Eodbeetus’  würde
daher  schlimmer  als  das  Übel  sein.
x )  „Wenn  nur  die  Zeitarbeit  bekannt  ist,  die  jeder,  der  sich  mit  produktiver
Arbeit  beschäftigt,  zu  leisten  übernimmt,  so  läßt  sich  auch  erkennen,  wieweit  die
Mittel  in  der  Deckung  der  Bedürfnisreihe  eines  jeden  reichen“  (Kapital,  S.  125).
2 )  Ebenda,  S.  12).
        <pb n="503" />
        Kapitel  II.  Der  Staatssozialismus,

481

Die  Beweisführung  Rodbertüs’  ist  aber  nicht  mit  der  Gegenüberstellung ­
  von  „sozialem  Bedürfnis“  und  „Avirksamer  Nachfrage“  erschöpft. ­
  Es  genügt  auch  nicht,  diesen  Gegensatz  festzustellen.  Er
muß  erklärt  werden.  Warum  lassen  sich  die  Produzenten  von  der
Nachfrage  und  nicht  von  dem  Bedürfnis  leiten?  Er  antwortet,  dies
beruhe  darauf,  daß  die  Besitzer  der  Arbeitsmittel  unter  der  heutigen
Ordnung  ihre  Produktion  nur  im  Hinblick  auf  ihr  eigenes  Interesse
einrichten.  Ihr  Interesse  liege  nun  darin,  ihre  Produktionsmittel  auf
die  Erzeugung  derjenigen  Gegenstände  zu  verwenden,  die  ihnen  den
größten  Nettoertrag  bringen.  Die  Rentabilität  und  nicht  die
Produktivität  (nämlich  die  zur  Befriedigung  des  sozialen  Bedürfnisse, ­
  bestimmten  Erzeugnisse)  interessiert  sie.  „Sie  veranlassen
irgendwelche  Produktion  überhaupt  nicht  mehr  zum  Zweck  der  Deckung
des  Nationalbedürfnisses,  sondern  weil  sie  ihnen  Rente,  Gewinn
verheißt“  (Kapital,  S.  143).
Dieser  Gegensatz  zwischen  der  Rentabilität  und  der  Produktivität ­
  ist  bedeutsam  genug,  um  einen  Augenblick  dabei  zu  verweilen.
Schon  Sismondi  hat  darauf  hingewiesen,  der,  wie  wir  wissen,  das
Streben  nach  dem  Nettoertrag  dem  nach  dem  Bruttoertrag  gegenüber ­
  stellt.  Zahlreiche  Schriftsteller  haben  sich  seitdem  mit  dieser
Frage  beschäftigt.  In  der  Geschichte  der  Doktrinen  spielt  sie  daher
eine  bedeutende  Rolle 1 ).
Auch  hierin  hebt  Rodbertüs  wieder  eine  unbestreitbare  Tatsache ­
  hervor.  Selbstverständlich  ist  es  das  Streben  nach  dem  größten
Nettoertrag,  das  den  Produzenten  leitet.  Die  Würdigung,  die  er  dieser
Tatsache  gibt,  unterliegt  aber  ganz  außerordentlich  der  Kritik.  Wenn
der  zu  verfolgende  Zweck  die  Befriedigung  dessen  ist,  was  er  das  soziale
Bedürfnis  nennt,  und  nicht  die  der  Nachfrage,  so  muß  man  sich  allerdings ­
  seiner  Meinung  anschließen.  Dann  ist  es  ein  charakteristischer
Fehler  der  gegenwärtigen  Gesellschaft,  sich  auf  die  Rentabilität

l )  Die  Frage  des  Netto-  und  des  Bruttoertrages  ist  eine  der  wesentlichen  Beschäftigungen ­
  der  Yolkswirtschaftler  dieser  Zeit.  Vidal  (Bepartition  des  richesses,
Paris  1846,  S.  219),  und  Ott  (Traite  d’economie  sociale,  i851,  S.  95ff.)  bestehen
nachdrücklich  darauf.  Seitdem  haben  sie  Cournot,  Duhjung  und  weiterhin  Kkkertz
und  Landry  von  neuem  in  Angriff  genommen.  Die  meisten  definieren  „Produktivität“
in  verschiedener  Weise  (wenn  sie  sich  überhaupt  zu  einer  Definition  herbeilassen),
so  daß  es  in  Wirklichkeit  nicht  dieselbe  Frage  ist,  die  sie  behandeln.  Bei  Rodbertüs
hat,  wie  wir  im  Texte  zeigen  werden,  das  Wort  Produktivität  einen  zu  unbestimmten
Sinn,  um  überhaupt  als  Grundlage  einer  Diskussion  dienen  -  zu  können.  In  Wirklichkeit ­
  ist  in  einer  auf  der  Arbeitsteilung  beruhenden  Produktionsordnung  die
Rentabilität  das  wesentliche  Kriterium.  Allerdings  haben  die  Arbeiter  eines  Betriebes ­
  eine  wesentlich  andere  Auffassung  davon,  wann  aus  dem  Grunde  ringenügenden
  Gewinnes  eine  Produktionsänderung  erforderlich  wird,  als  der  gegen  ihr
Geschick  gleichgültige  Fabrikherr,  der  sie  nach  Belieben  entlassen  kann.
Gide  und  Rist,  Gesch.  d.  Volkswirtschaft!.  Lehrmeinungen.  .  31
        <pb n="504" />
        482

Viertes  Buch.  Die  Abtrünnigen.

QVO

zu  stellen,  denn  ein  derartiger  Standpunkt  gestattet  nur,  die  Nachfrage- ­
  von  Einzelpersonen  zu  befriedigen.  Wenn  aber,  wie  wir
oben  gezeigt  haben,  das  Wort  „soziales  Bedürfnis“  keinen  fest
umrissenen  Sinn  hat,  so  fehlt  auch  dem  Worte  Produktivität  jede
genaue  Bedeutung.  Und  wenn  eine  Gesellschaft  ihren  Gliedern  keine
willkürliche  Skala  von  zu  befriedigenden  Bedürfnissen  aufzwingen
will,  wenn,  mit  anderen  Worten,  die  Nachfrage  und  der  Verbrauch
frei  bleiben,  so  hat  sogar  eine  kollektivistische  Gesellschaft  nur
ein  mögliches  System,  um  zu  wissen,  ob  die  erlangte  Befriedigung
die  aufgewendete  Mühe  lohne:  sie  muß  gleichfalls  die  gegenwärtige
oder  künftige  Rentabilität  eines  Produktionszweiges,  d.  h.  die
Differenz  zwischen  Gestehungs-  und  Verkaufspreis  messen 1 ).  Einer
der  interessantesten  Nachweise  eines  heutigen  Volkswirtschaftlers,
Paeeto,  liegt  darin,  daß  die  kollektivistische  Gesellschaft,  um  die
soziale  Nachfrage  zu  befriedigen,  sich  ebenso,  wie  die  gegenwärtige,
auf  die  von  den  Preisen  gelieferten  Angaben  stützen  muß.
2.  Was  die  Ausübung  der  zweiten  von  Eodbertus  erwähnten
Funktion  anlangt,  die  volle  Ausnutzung  der  Produktionsmittel,  so
begnügt  sich  unser  Schriftsteller  damit,  die  Kritiken  der  Saint-Simonisten
  über  das  Fehlen  einer  Leitung  anzuführen,  das  die  heutige
Ordnung  charakterisiert,  in  der  „die  wirtschaftliche  Leitung  erblichen
Eigentümern  übertragen  ist“,  und  er  weist,  wie  Sismondi,  darauf  hin,
daß  die  Einstellung  der  Produktivkräfte  nur  von  der  Laune  der
kapitalistischen  Besitzer  abhängt 2 ).  In  diesem  Punkte  begnügt  er
sich  damit,  seinen  gewöhnlichen  Quellen  zu  folgen,  ohne  die  dort
ausgefnhrten  Gedanken  durch  irgendeinen  selbständigen  Beitrag  zu
bereichern.
3.  Es  bleibt  nun  noch  die  dritte  und  in  den  Augen  Rodbbetu’s
Mie  bedeutsamste  wirtschaftliche  Funktion  übrig,  die  die  Gesellschaft
zu  erfüllen  hat:  die  gerechte  Verteilung  des  sozialen  Produktes.
Die  Untersuchung  dieser  Frage  ist  der  Hauptgegenstand  seiner  Bemühungen. ­
  Ihre  Lösung  ist  die  Grundaufgabe  der  Wissenschaft.
Gleich  Sismondi  und  den  Sozialisten,  von  denen  er  ausgeht,  betrachtet ­
  er  die  Erklärung  des  Pauperismus  und  der  Krisen  als  die
dringlichste  Aufgabe  der  Nationalökonomie.

*)  Es  handelt  sich  selbstverständlich  hier  nnr  um  Einzelbedürfnisse.  Die
Rentabilität  kann  nicht  der  einzige  Leitgedanke  der  Produktion  sein.  Viele
Kollektivbedürfnisse  müssen  befriedigt  werden,  deren  Befriedigung  nicht  notwendigerweise ­
  gewinnbringend  ist.  Es  kommt  darauf  an,  sie  zu  bestimmen.  Rodbbrtus
spricht  aber  gerade  hier  nur  von  Privatbedürfnissen:  die  öffentlichen  Bedürfnisse  hat
er  wohlbedachterweise  beiseite  gestellt.  Daher  kann  es  sich  hier  einzig  und  allein
um  diese  privaten  Bedürfnisse  handeln.
2 )  Kapital.
        <pb n="505" />
        Kapitel  II.  Der  Staatssozialismus.

488

Was  ist  nun  eine  gerechte  Verteilung?  Eodbbbtus  antwortet;
die,  die  jedem  Arbeiter  das  Erzeugnis  seiner  Arbeit  gibt 1 ).  Wird
nun  dieser  Erfolg  in  der  bestehenden  Ordnung  der  freien  Konkurrenz ­
  und  des  Privateigentums  erzielt?
Um  dies  zu  erfahren,  müssen  wir  den  Mechanismus  der  Verteilung, ­
  so  wie  er  heute  besteht,  untersuchen.  Die  Beschreibung,
die  Eodbertus  davon  gibt,  unterscheidet  sich  nicht  von  der,  die
J.-B.  Sat  davon  geben  würde.  Sie  stimmt  in  allen  Punkten  mit  dem
klassischen  Schema  überein.  Auf  der  einen  Seite  kauft  der  Unternehmer ­
  die  Dienste  der  Arbeit,  des  Kapitals  und  des  Bodens;  auf
der  anderen  verkauft  er  die  Erzeugnisse,  die  aus  ihrem  Zusammenwirken ­
  entstehen.  Der  Preis,  den  er  für  diese  Dienste  zahlt,  und
der,  den  er  selbst  vom  Verbraucher  erhält,  ergibt  sich  auf  jedem
dieser  Märkte  aus  dem  Stand  des  Angebotes  und  der  Nachfrage.
Der  Gewinn  ist  das,  was  nach  Bezahlung  der  Löhne,  der  Zinsen  und
der  Bodenrente  von  dem  Verkaufspreise  übrig  bleibt 2 ).
So  vollzieht  sich  die  Verteilung  des  Profites  durch  den  Mechanismus ­
  des  Tausches,  und  dessen  Wirkung  besteht  darin,  dem  Besitzer
eines  jeden  produktiven  Dienstes  den  Marktwert  dieses  Dienstes  zu
verschaffen.  Anscheinend  gibt  es  nichts  Gerechteres  .  .  .  aber  eben
nur  anscheinend,  denn  wenn  wir  die  soziale  und  moralische  Wirklichkeit, ­
  die  sich  unter  diesem  automatischen  Mechanismus  verbirgt,
untersuchen,  so  bemerken  wir  sogleich,  daß  er  auf  eine  Beraubung
des  Arbeiters  durch  die  Besitzer  des  Bodens  und  des  Kapitals  hinauslänft.
  Woher  kommen  nämlich  alle  die  Produkte,  die  der  Tausch
unter  so  viele  verschiedene  Nutznießer  verteilt?  Einzig  und  allein
vom  Arbeiter.  Sie  haben  nichts  als  Arbeit,  ja  sogar,  nichts
als  Handarbeit  gekostet.  Nicht  als  ob  Eodbertus  die  intellektuelle
oder  die  wirtschaftliche  Arbeit  der  Leitung  verachtete.  Weit  davon
entfernt.  Aber  auf  Grund  einer  recht  seltsamen  Auffassung  erscheint ­
  ihm  die  Intelligenz  als  eine  unerschöpfliche  Kraft,  deren
Verbrauch  infolgedessen  keine  Kosten  verursacht,  ebenso  wie  der
Verbrauch  der  natürlichen  Kräfte  der  Natur  nichts  kostet.  Nur  die
Handarbeit  bedingt  einen  Verbrauch  an  Kraft  und  Zeit,  also  das
Opfer,  die  Aufgabe  einer  bestimmten  Sache,  die  man,  einmal
verausgabt,  nicht  wiederfindet 3 ).  Noch  weniger  gibt  Eodbertus  zu,

x )  Übrigens  fügt  Eodbbktus  hinzu,  daß  ein  Teil  des  Gesamterzeugnisses  eines
jeden  ihm  genommen  werden  soll,  nm  den  öffentlichen  Bedürfnissen  zu  dienen
(Kapital).
2 )  Kapital.
3 )  Vgl.  Zur  Erkenntnis  usw.  S.  7—10:  „Alle  wirtschaftlichen  Güter  kosten
weiter  nichts  als  Arbeit“.  .  .  .  (Auf  Grund  des  franz.  Textes.  Anm.  des  Übers.)  In
dem  3.  sozialen  Brief  drückt  er  diesen  Gedanken  in  der  folgenden  etwas  ver-31*
        <pb n="506" />
        484

Viertes  Buch.  Die  Abtrünnigen.

daß  die  Güter  Voraussicht  oder  Ersparnisse,  d.  h.  eine  moralische
und  gleichzeitig  intellektuelle  Anstrengung  gekostet  hätten  (der
Name,  den  man  ihr  gibt,  hat  keine  Bedeutung),  auf  Grund  deren  ein
sofortiger  Genuß  aufgeschoben  wird,  um  die  Summe  der  zukünftigen
Güter  zu  steigern 1 ).  So  übernimmt  Eodbeetüs,  indem  er  ihn  präzisiert ­
  und  weiter  entwickelt,  jenen  Satz,  mit  dem  Smith  seinen  „Völkerreichtum
  eröffnet;  „Die  jährliche  Arbeit  eines  Volkes  ist  der  Fonds,
der  dasselbe  mit  allen  Bedürfnissen  und  Annehmlichkeiten  des  Lebens
versorgt,  die  es  jährlich  verbraucht.“
Weisen  wir  sogleich  auf  den  Unterschied  der  Haltung  zwischen
Eodbeetüs  und  Maex  hin.  Dieser  ist  durchaus  von  der  englischen
Nationalökonomie  und  dem  englischen  Sozialismus  durchtränkt,
geht  von  der  Theorie  des  Tausches  aus  und  macht  die  Arbeit  zur
Quelle  allen  Wertes.  Eodbeetüs,  der  auf  den  Saint-Simonisten
fußt,  geht  von  der  Produktion  aus  und  macht  die  Arbeit  zur
einzigen  Quelle  aller  Produkte,  eine  Behauptung,  die  einfacher
und  wahrer  als  die  vorhergehende  ist,  wenn  sie  auch  noch  immer
unvollkommen  bleibt.  Eodbeetüs  sagt  nicht  nur  nicht,  daß  die
Arbeit  allein  den  Wert  schaffe,  sondern  er  bestreitet  dies  ausdrücklich ­
  und  an  verschiedenen  Stellen,  indem  er  diese  seine  Meinung  begründet ­
  2 ).  Nach  seiner  Ansicht  muß  der  soziale  Fortschritt  gerade

schiedenen  Form  aus:  „Nur  diejenigen  Güter  gehören  zu  den  wirtschaftlichen,  welche
Arbeit  gekostet  haben“  (Schriften,  Bd.  II,  S.  105—106)  und  indem  er  diesen  Gedanken ­
  entwickelt,  sagt  er,  daß  diese  Formel  bedeute:  1.  „daß  alle  wirtschaftlichen
Güter  nur  Arbeitsprodukte  sind“;  2.  daß  „sie  für  die  wirtschaftliche  Auffassung
nicht  als  Produkte  der  Natur  oder  irgend  einer  anderen  Kraft,  „sondern  nur  der
Arbeit  gelten“;  3.  „daß  die  Güter,  wirtschaftlich  genommen,  nur  das  Produkt  derjenigen ­
  Arbeit  sind,  welche  die  materiellen  Operationen,  die  dazu  notwendig  sind,
verrichtet  hat“.  Hinsichtlich  seiner  Gedanken  über  die  industrielle  Leitung  und  ihre
Entlohnung  vgl.  Schriften  Bd.  II,  S.  219.
x )  Vgl.  hierüber•  Eist,  „Le  Capital  provient-il  uniqnement  du  travail?“  in  der
Revue  d’Bconomie  Politique,  Februar  1906.  (Stammt  das  Kapital  einzig  aus
der  Arbeit?)
2 )  Eodbertüs  sagt  ausdrücklich,  daß  die  Behauptung,  die  Güter  hätten  nur
Arbeit  gekostet,  nicht  bedeutet,  „daß  der  Wert  des  Produktes  immer  der  Kostenarbeit ­
  äquat  ist;  mit  anderen  Worten,  daß  die  Arbeit  heute  schon  einen  Maßstab
des  Wertes  abgeben  könne“.  (Ebd.  S.  104—106.)  Br  behauptet  das,  schon  in  den
Forderungen,  im  Jahre  1837.  1842  wies  er  in  dem  Buch:  Zur  Erkenntnis
usw.  8.  129—131  die  Gründe  nach,  weshalb  der  Wert  eines  Produktes  nicht  gleich
den  Kosten  der  Arbeit  sei,  die  es  erfordert  hat.  Sie  sind:  1.  Die  Notwendigkeit,
die  Kapitalgewinne  auszugleichen;  2.  die  Tatsache,  daß  der  Preis  jedes  einzelnen'
Gutes  sich  auf  die  Kosten  derjenigen  Einheit  gründet,  deren  Keproduktion  am
teuersten  ist.  In  seinem  zweiten  sozialen  Briefe  wiederholt  er,  daß  die  Theorie  des
Arbeitswertes  nur  ein  Ideal  ist  (Kapital,  franz.  Übers.,  Anhang  8.  279.)  In  einem
Brief  an  Rudolf  Meyeb  vom  7.  Januar  1872,  Bf.  Nr.  70,  S.  160),  verweist  er  ihn
auf  die  Beweisführung,  die  er  gegeben  hat,  „daß  sich  im  heutigen  Verkehr  die
        <pb n="507" />
        Kapitel  II.  Der  Staatssozialismus.

485

darin  bestehen,  den  Wert  „herzustellen“,  ihn  mit  der  in  den  Gegenständen ­
  enthaltenen  Arbeitsmenge  in  Übereinstimmung  zu  bringen  I ).
Dies  ist  aber  das  Werk  der  Zukunft  und  nicht  der  Gegenwart 2 ).
Welche  Schlußfolgerung  soll  man  nun  hieraus  ziehen?  Wenn  es  auf
der  einen  Seite  wahr  ist,  daß  allein  der  Arbeiter  alle  Erzeugnisse
schafft,  und  wenn  auf  der  anderen  Seite,  auf  Grund  des  Austausches,
die  Boden-  und  Kapitalienbesitzer  allein  infolge  der  Tatsache  ihres  Besitzes, ­
  und  ohne  an  der  Produktion  unmittelbaren  Anteil  zu  haben,  unter
der  Form  von  Zinsen  oder  Pacht  einen  Teil  dieser  Erzeugnisse  erhalten, ­
  so  ist  offenbar  die  Formel  der  Gerechtigkeit  in  der  Verteilung
verletzt.  Diese  Entwendung  von  Produkten  zugunsten  der  Nichtproduzierenden ­
  und  zum  Schaden  der  Arbeitenden  geschieht  übrigens
ohne  jede  effektive  Gewalttätigkeit,  ganz  einfach  durch  das  Spiel  des
Freihandels  und  unter  der  Herrschaft  des  Privateigentums.  Seine
einzige  Ursache  liegt  darin,  daß  in  unserem  sozialen  System  „andere
wie  die  Produzenten  selbst,  nämlich  die  bloßen  Privatbesitzer  von
Boden  und  Kapital,  als  bei  der  Produktion  beteiligt  und  deshalb  zu
einem  Anteil  am  Nationaleinkommen  berechtigt  anzusehen  sind“ 8 ).
Hiermit  wird  also  das  doppelte  Gesicht  der  Verteilung  enthüllt:
wirtschaftlich  überliefert  der  Tausch  dem  Kapital,  dem  Boden  und
der  Arbeit  einen  Teil  des  Produktes,  der  mit  dem  Wert  übereinstimmt, ­
  zu  dem  ihre  Dienste  auf  dem  Markt  eingeschätzt  werden;
sozial  gestattet  er,  daß  den  einzigen  Schöpfern  des  Produktes,  den
Arbeitern,  ein  Teil  dieses  Produktes  genommen  wird,  ein  Teil,  der
das  darstellt,  was  Kodbebtus  mit  einem  einzigen  Wort  „die  Rente“
nennt,  unter  welchem  Wort  er  das  Einkommen  der  Großgrundbesitzer ­
  und  der  Kapitalisten  zusammenfaßt.
Kein  anderer  Volks  Wirtschaftler  hat  mit  solcher  Klarheit  diese

Güter  nicht  nach  Arbeit  vertauschen  und  (des  Kapitals  wegen)  vertauschen  können,“
und  er  fügt  bezeichnenderweise  hinzu:  „was  sich  seinerzeit  einmal  gegen  Marx
gebrauchen  läßt“.
1 )  „So  ist  auch  die  Kongruenz  des  Tauschwertes  der  Produkte  mit  den  Arbeitsquanten,
  die  sie  gekostet,  keine  Tatsache,  sondern  die  großartigste  staatswirtschaftliche
Idee,  die  je  ihre  Verwirklichung  angestrebt  hat.“  (2.  sozialer  Brief.)  Kapital,
Bd.  II,  S.  68—69).
2 )  Hin  und  wieder  gibt  Rodbertus  als  Hypothese  und  zum  Nachweis  gewisser
Beweisführungen  eine  Tendenz  der  Preise  zu,  schon  heute  mit  den  Arbeitskosten
übereinzustimmen;  aber  seine  Grundlehre  braucht  diese  Hypothese  nicht,  die  bei
ihm  nur  eine  augenblickliche  Hilfsrolle  spielt.  In  seiner  (übrigens  völlig  irrtümlichen) ­
  Theorie  der  Teilung  des  Einkommens  ohne  Arbeit  zwischen  Grundeigentümern ­
  und  Kapitalisten,  gibt  er  ganz  vorübergehend  in  dem  3.  sozialen  Briefe
(Schriften,  Bd.  II,  S.  101)  zu:  „daß  der  Tauschwert  jedes  fertigen  Produktes,  wie
eines  jeden  Teiles  des  Produktes,  gleich  seinem  Wert  an  Arbeit  ist“,  (nach  dem
franz.  Text,  Anm.  des  Übers.)
s )  Kapital,  S.  119.
        <pb n="508" />
        486

Viertes  Buch.  Die  Abtrünnigen.

beiden  Seiten  der  Güterverteilung  herausgearbeitet.  Er  zeigt  mit
unvergleichlicher  Kraft  den  ewigen  Widerspruch,  der  für  so  viele
Denker  ein  Stein  des  Anstoßes  gewesen  ist,  und  der  zwischen  unserem
Gerechtigkeitsgefühl,  das  die  Entlohnung  eines  jeden  im  Verhältnis
zu  seiner  Leistung  verlangt,  und  der  Gleichgültigkeit  der  Gesellschaft ­
  besteht,  die,  vor  allem  anderen  mit  der  Befriedigung  ihrer
Bedürfnisse  beschäftigt,  einzig  und  allein  den  Marktwert  der  Dienste
und  der  Produkte  in  Betracht  zieht,  ohne  sich  über  ihren  Ursprung
oder  die  Anstrengungen,  die  sie  gekostet  haben,  Gedanken  zu
machen,  —  und  unterschiedslos  die  Tagesarheit  des  Arbeiters  und
das  von  dem  ersten  besten  Müßiggänger  ererbte  Kapital  in  gleicherweise ­
  entlohnt.  Es  ist  das  unzweifelbare  Verdienst  Rodbeetus’,
diese  Wahrheit  aus  den  oft  verworrenen  Auseinandersetzungen  der
früheren  Schriftsteller  herausgearbeitet  und  sie  mit  unbestreitbarer
Autorität  der  Aufmerksamkeit  der  Volkswirtschaftler  aufgezwungen
zu  haben.
Hierbei  bleibt  aber  die  Kritik  Rodbeetus’  nicht  stehen  —  und
wenn  auch  vom  Gesichtspunkt  der  Geschichte  der  Doktrinen  der
Nachweis,  den  wir  eben  zusammengefaßt  haben  (der  Unterschied  in
der  Verteilung  vom  sozialen  und  vom  rein  wirtschaftlichen  Gesichtspunkte ­
  aus)  sein  hauptsächlichstes  Verdienst  vorstellt  —,  so  müssen
wir  doch  noch  auf  die  Folgerungen,  die  er  daraus  zieht,  eingehen.
Was  Rodbeetus  von  seinem  Standpunkt  aus  am  meisten  interessiert, ­
  ist  nicht,  —  wie  man  schon  bemerkt  haben  wird,  —  die  Art
und  Weise,  wie  sich  die  Höhe  des  Lohnes,  der  Zinsen  oder  der
Pacht  festsetzt.  In  seinen  Augen  ist  dies  ein  durchaus  nebensächliches, ­
  fast  gleichgültiges  Problem,  im  Vergleich  zu  der  viel
wichtigeren  sozialen  Frage:  welches  sind  die  proportionalen
Anteile,  die  die  Arbeiter  und  die  Nichtarbeiter  am  nationalen
Produkt  erhalten?  Er  glaubt  nachgewiesen  zu  haben,  daß  die  Arbeiter
beraubt  werden;  aber  wird  diese  Beraubung  ewig  dauern?  Strebt  im
Gegenteil  der  wirtschaftliche  Fortschritt  nicht  darauf  hin,  „die  Rente“,
nämlich  das  arbeitslose  Einkommen,  nach  und  nach  zu  verringern,  und
zwar  zugunsten  des  Lohnes?  Bastiat  und  Caeey  haben  dies  geglaubt.
Sie  behaupteten,  daß  der  proportionale  Anteil  des  Kapitals  am  Produkt
beständig  geringer  werde,  und  zwar  zugunsten  des  auf  die  Arbeit
entfallenden  Anteils.  Ricardo  hatte  sich  dieselbe  Frage  vorgelegt  und
war,  auf  Grund  der  unvermeidlichen  Preissteigerung  der  Nahrungsmittel, ­
  zu  dem  Schluß  gekommen,  daß  der  Anteil  der  Großgrundbesitzer ­
  zum  Nachteil  der  beiden  anderen  beständig  größer  werde.
J.-B.  Say  hatte  sich  schon  zur  Zeit  der  ersten  Ausgaben  seines
Traite  diese  Frage  vorgelegt,  aber  ohne  sie  zu  beantworten.  Eodbektus
  nimmt  weder  die  Lösung  Bastiat’s,  noch  die  Ricaedo’s
        <pb n="509" />
        Kapitel  II.  Der  Staatssozialismus.

487

an.  Für  ihn  ist  es  sicher,  daß  der  proportionale  Anteil  des  Arbeiters
am  Produkt  zugunsten  der  beiden  anderen  sinkt*).
In  Übereinstimmung  mit  seinen  theoretischen  Gewohnheiten  genügt ­
  ihm  eine  einfache  logische  Deduktion,  um  .dies  nachzuweisen.
Die  Höhe  des  Lohnes  —  das  hat  er  soeben  anerkannt  —  wird  durch
den  Stand  des  Angebotes  und  der  Nachfrage  auf  dem  Arbeitsmarkte/
bestimmt.  Aber  der  Marktpreis  der  Arbeit,  wie  der  der  Produkte,
strebt  nach  einem  Normalwert  hin,  und  dieser  Wert  ist  nichts  anderes,
als  der  notwendige  Lohn  Ricaedo’s.  „Der  Anteil  der  Produzenten
am  Produkt  richtet  sich  zuletzt  und  im  allgemeinen  nicht  nach  dem
Ergebnis  ihrer  Produktion,  sondern  nach  dem  Produktquantum,  das
hinreicht,  um  ihnen  die  Kräfte  für  Weiterarbeit  und  die  Mittel  zur
Aufzucht  neuer  Arbeiter  zu  geben 2 ).“  Es  ist  dies  das  berühmte
Eherne  Lohngesetz,  aus  dem  Lassalle  einige  Jahre  später  den
Grundstein  seiner  Propaganda  macht,  das  aber  im  Gegenteil  Marx
niemals  formell  angenommen  hat.
Wenn  man  dieses  Gesetz  einmal  anerkannt  hat,  so  genügt  es,  zu
konstatieren,  daß  die  Produktivität  der  Arbeit  täglich  wächst,  und
daß  sich  daher  die  Menge  der  Produkte  regelmäßig  vermehrt,  um
dann  ganz  arithmetisch  zu  dem  Schluß  zu  kommen,  daß,  da  die  absolute ­
  Menge,  die  von  den  Arbeitern  ständig  von  dieser  wachsenden
Menge  genommen  wird,  stets  dieselbe  bleibt,  dies  mit  Notwendigkeit
einen  stets  geringeren  Yerhältnisanteil  darstellt,  im  Maßstabe,
wie  die  ganze  Menge  sich  vermehrt.
Gleichzeitig  erhalten  wir  so  die  Erklärung  der  Krisen.  Im  Bemühen, ­
  sich  auf  der  Höhe  zu  halten,  sagt  Rodbertus,  vermehren  die
Unternehmer  beständig  ihre  Produktivität,  und  zwar  innerhalb  der
Grenze  der  Anteile  des  sozialen  Produktes,  die  jeder  Klasse  zukommen, ­
  weil  diese  Anteile  die  Ausdehnung  der  Nachfrage  bestimmen 8 ).
Während  nun  die  Produktion  größer  wird,  verringert  sich  der  Anteil
’)  „Wenn  der  Verkehr  in  bezug  auf  die  Verteilung  des  Nationalprodnktes  sich
selbst  überlassen  bleibt,  bewirken  gewisse  mit  der  Entwicklung  der  Gesellschaft  verbundene ­
  Verhältnisse,  daß  bei  steigender  Produktivität  der  gesellschaftlichen  Arbeit
der  Lohn  der  arbeitenden  Klassen  ein  immer  kleinerer  Teil  des  Nationalproduktes
wird.“  2.  sozialer  Brief  (Schriften,  Bd.  II,  S.  37.)
2 )  Kapital,  S.  184.
s )  Diese  Auffassung,  daß  die  Unternehmer  ihre  Produktion  auf  die  Größe  der
sozialen  Anteile  basieren,  ist  befremdend.  Trotzdem  hat  ihr  Eodeertus  in  eigenen
Worten  Ausdruck  gegeben:  „Sie  (die  Klassen)  gelten  nur  nach  der  Größe  ihres  Anteils  am
Nationalprodukt  auf  dem  Markt.  .  .  .  Der  Größe  dieser  Anteile  gemäß  müssen  die
Unternehmer  den  Umfang  der  einzelnen  Produktionen  einzuriohten  suchen.“  Kapital
S.  52—53.  Vgl.  auch  S.  206.)  —  Es  ist  jedoch  klar,  daß  die  Unternehmer  ihre
Produktion  einzig  auf  die  Nachfrage  nach  den  Gegenständen  gründen,  die  sie  im
besonderen  fabrizieren,  und  höchst  gleichgültig  gegenüber  den  Anteilen  sind,  die  die
sozialen  Klassen  aus  dem  Gesamtprodukt  zu  erhalten  haben.
        <pb n="510" />
        488

Viertes  Buch.  Die  Abtrünnigen.

der  Arbeiter  mit  jeder  neuen  Periode,  so  daß  die  Nachfrage  nach
einem  großen  Teil  der  sozialen  Produkte  beständig  hinter  der  Produktion ­
  znrückbleibt.  „Wenn  nun  also  ...  auf  diese  Weise  den  Unternehmern ­
  ohne  ihr  Verschulden  fortwährend  und  unerwartet  der  Boden
unter  den  Füßen  schwände“? 1 )  Diese  Theorie  über  die  Krisen,  die
fast  genau  mit  der  Sismondi’s  übereinstimmt 2 )  —  und  die  eher  die
chronischen  Depressionen  als  die  eigentlichen  Krisen  erklärt  —,  hat
ebensoviel  oder  ebensowenig  Wert,  wie  die  Theorie  der  proportionalen
Verteilung  der  Produkte  unter  die  sozialen  Klassen.
Diese  Theorie  nun,  der  Rodbeetus  eine  so  außerordentliche  Bedeutung ­
  beilegte,  die  er  schon  1837  in  seinen  Forderungen  der
arbeitenden  Klassen  aufgestellt  hatte  und  hauptsächlich  in
seinen  Sozialen  Briefen  entwickelte  (in  denen  er  ausdrücklich
sagt,  daß  sie  der  Grundstein  seines  Systems  ist,  zu  dem  alle  anderen
in  Wirklichkeit  nur  Vorarbeiten  sind),  diese  Theorie,  für  die  er  sein
ganzes  Leben  hindurch  hoffte,  die  statistische  Bestätigung  zu  finden,
ist  weit  davon  entfernt,  die  Tragweite  zu  haben,  die  er  ihr  zuschrieb.
Zunächst  ist  das  Argument,  auf  das  er  sich  stützt  —  das  eherne
Lohngesetz  —  heute  nicht  nur  von  den  bürgerlichen  Volkswirtschaftlern,
sondern  sogar  von  den  Sozialisten  selbst  aufgegeben  worden.  Aber  sogar,
wenn  das  eherne  Lohngesetz  wahr  wäre,  würde  die  Beweisführung
Rodbeetus’  noch  nicht  schlüssig  sein,  denn  der  Anteil  der  Arbeiter
an  dem  Totalprodukt  hängt  nicht  von  nur  einem,  sondern  von  zwei
Faktoren  ab:  der  Höhe  des  Lohnes  und  der  Zahl  der  Arbeiter.
Rodbeetus  begeht  einen  Fehler,  der  dem  Bastiat’s  ähnlich  ist,  als
er  den  Anteil  des  Kapitals  am  Totalprodukt  mit  Hilfe  eines  einzigen
Faktors  bestimmen  wollte,  der  Höhe  des  Zinsfußes,  während  dieser
Anteil  gleichzeitig  von  der  Höhe  des  Zinsfußes  und  der  Menge  der
vorhandenen  Kapitalien  abhängt.
Alles,  was  man  zugeben  kann,  ist,  daß,  wenn  die  Argumente,
mit  denen  Rodbeetus  seine  Theorie  verteidigt,  auch  nicht  mehr  wert
sind  als  die  Bastiat’s,  so  doch  seine  Theorie  an  und  für  sich  mit
den  von  der  Statistik  dargebotenen  Tatsachen  mehr  übereinzustimmen
scheint,  —  denn  einzig  und  allein  die  Statistik,  und  nicht  irgendwelche ­
  Beweisführung  a  priori  kann  diese  Frage  lösen.  Die  Tat-')

  Kapital,  8.  54.
2 )  Man  wird  sich  von  der  fast  vollständigen  Übereinstimmung  der  beiden
Theorien  überzeugen,  wenn  man  sich  die  Mühe  nehmen  will,  die  Stelle  des  Aufsatzes;
„Balance  des  consommations  avec  les  productions“  von  Sismondi,  als
Anhang  zu  den  Nouveaux  Prinoipes,  Bd.  II,  8.430  veröffentlicht,  nachzulesen.
Robbehtus  weist,  wie  Sismondi,  darauf  hin,  daß  sich  auf  die  Dauer  das  Gleichgewicht
wieder  hersteilen  wird,  aber  (wie  Sismondi)  stellt  er  fest,  daß  die  Krise  eintreten
wird,  bevor  dies  geschehen  sein  kann  (Kapital,  S.  206,  Aum.)  Vgl.  oben  8.  216.
        <pb n="511" />
        Kapitel  II.  Der  Staatssozialismus.

489

Sachen  scheinen  es  wahrscheinlich  zu  machen,  daß  in  gewissen  Ländern
der  proportionale  Anteil  der  Arbeit  am  Produkt  seit  dem  Beginn  des
Jahrhunderts  eher  geringer  geworden  ist.
Nur  ergibt  sich  hieraus  keineswegs,  daß  die  Lage  der  Arbeiter
sich  nicht  verbessert  habe;  denn  diese  Verminderung  des  Arbeitsauteils ­
  im  allgemeinen  hat  nicht  die  Erhöhung  des  individuellen ­
  Lohnes  verhindert.  Alles,  was  man  daraus  schließen  kann,
ist,  daß  die  Einkommen  aus  Arbeit  nicht  ebenso  schnell  gewachsen ­
  sind,  wie  die  aus  dem  Kapital 1 );  das  hat  aber  die  Arbeiter
nicht  gehindert,  am  Fortschritt  teilzunehmen.
Was  sind  nun  die  praktischen  Schlußfolgerungen,  die  Rodbeetus
aus  seiner  Theorie  zieht?  Logisch  würde  folgen,  wie  man  auf  den
ersten  Blick  sieht;  die  Abschaffung  des  Privateigentums  und  der
individuellen  Produktion.  Sobald  die  Gemeinschaft  alleinige  Eigentümerin ­
  der  Produktionsmittel  geworden  ist,  verschwindet  das  Einkommen ­
  ohne  Arbeit;  jeder  ist  gezwungen,  zur  Produktion  beizutragen,
und  jeder  nimmt  am  Verbrauch  im  Verhältnis  zu  seiner  Arbeit  teil;
die  Dauer  der  Arbeit  und  ihre  Intensität  bestimmen  den  Wert  der
Gegenstände,  und  da  die  Anpassung  des  Angebotes  au  das  soziale  Bedürfnis ­
  (weiter  oben  haben  wir  das  „wie“  gesehen)  beständig  gesichert ­
  sein  würde,  so  bleibt  dieser  Maßstab  beständig  genau  und
richtig,  und  die  Gerechtigkeit  in  der  Verteilung  ist  verwirklicht.
Vor  dieser  Lösung  schrickt  Rodbeetus  aber  zurück,  und  so  verwandelt ­
  sich  unser  Sozialist  in  einen  einfachen  Staatssozialisten.  Das,
was  ihn  erschreckt,  ist  nicht  die  ungeheuerliche  Tyrannei  eines  solchen

] )  Wir  haben  oben  gesehen  (S.  B87,  Anm.  1  u.  2),  daß  dies  der  Schluß  ist,  zu  dem
Couson  (Cours,  Bd.  III,  S.  366)  kommt  Ebenso  ist  es  das  Ergebnis  der  Untersuchungen ­
  Chatelain’s  über  den  Census  der  Vereinigten  Staaten.  Nach  ihm
(Questions  pratiques  de  Legislation  ouvriere,  Juni-Juli  1908)  ist  in  der
amerikanischen  Metallurgie  von  1890  bis  1905  der  Anteil  des  Arbeiters  am  Gesamtprodukt ­
  von  71  Hundertstel  auf  68  Hundertstel  gefallen,  während  der  des  Kapitals
von  28  Hundertstel  auf  32  Hundertstel  gestiegen  ist.  Trotzdem  ist  der  jährliche
Lohn  des  Arbeiters  von  551  auf  626  Dollar  gestiegen,  und  der  Profitsatz  ist  von  9  %
auf8°/ 0  gefallen.  —  Wir  wollen  noch  hinzufügen,  daß  trotz  dieser  Verminderung  des
Anteils  der  Arbeit  man  hieraus  nichts  hinsichtlich  der  Erhöhung  oder  Verringerung ­
  des  Einkommens  der  Arbeiterklasse  im  allgemeinen  schließen
kann.  Ein  Teil  der  Arbeiter  besitzt  ein  kleines  Kapital.  Zwar  ist  es  heute
noch  äußerst  klein,  doch  nichts  steht  dem  Glauben  entgegen,  daß  es  in  Zukunft
größer  werden  wird.
Man  sieht,  wie  kompliziert  diese  Erage  ist,  und  welche  Genauigkeit  sie  erfordert.
Man  muß  in  ihr  wenigstens  drei  Begriffe  unterscheiden:  den  des  individuellen
Lohnes,  den  des  Anteils  der  Arbeit  am  Produkt,  und  den  des  Einkorn  mens
der  Arbeiterklasse.  Vgl.  über  diese  Frage  die  Ideen  Edwin  Cannan’s  im
Quarterly  Journal  of  Economics,  1905,  und  was  er  darüber  in  seinem  Buch
Production  and  Distribution,  1776—1848,  sagt.
        <pb n="512" />
        490

Viertes  Buch.  Die  Abtrünnigen.

Systems,  in  dem  die  Produktion  und  sogar  der  Verbrauch  den  Verordnungen ­
  der  Behörde  unterworfen  sein  würde:  „Personen  und  Wille
sind  so  frei,  wie  sie  überhaupt  nur  in  der  Gesellschaft  sein  können“,
sagt  er  an  einer  Stelle 1 ),  und  „Gesellschaft“  bedeutet  für  ihn  notwendigerweise ­
  Zwang.  Seine  Befürchtungen  liegen  wo  anders.  Zunächst ­
  in  seinem  Abscheu  vor  jeder  revolutionären  Umwälzung.  Und
dann  erschreckt  ihn  die  mangelhafte  Erziehung  der  Massen:  sie
würden  heute  noch  nicht  die  Notwendigkeit  verstehen,  einen  gewissen
Teil  ihres  Einkommens  zu  opfern,  um  einigen  Menschen  zu  gestatten,
in  Frieden  die  Künste  und  die  Wissenschaften  zu  pflegen,  diese  beiden
schönsten  Früchte  der  Zivilisation.  Weiterhin  ist  heute  überall  das
ungerechte  Eigentum  mit  dem  von  der  Arbeit  geschaffenen  Eigentum
verschmolzen:  „Es  (das  Grundeigentum)  hat  seinem  Unrecht  so  viel
Kecht  beigemischt“,  sagt  er,  „daß  man  das  wahre  Eigentum  nur  mit
empören  würde,  wenn  man  sofort  schon  Hand  an  das  falsche  legen
wollte“ 2 ).
Daher  muß  auf  alle  Fälle  ein  Kompromiß  gefunden  werden.  Da
von  den  beiden  Einrichtungen,  die  heute  die  Quelle  der  Ungerechtigkeit ­
  sind  —  dem  Eigentum  und  der  Vertragsfreiheit  —,  das  erste  nicht
ohne  Nachteil  abgeschafft  werden  kann,  so  versuchen  wir  wenigstens,
die  zweite  zum  Verschwinden  zu  bringen.  Behalten  wir  (vorläufig)
das  Eigentum  bei:  aber  schaffen  wir  die  Vertragsfreiheit  ab.  Hierdurch ­
  werden  wir,  auch  wenn  wir  das  arbeitslose  Einkommen  nicht
sofort  zerstören  können,  zum  wenigsten  seinen  schwerstwiegenden
Nachteil  verbessern:  das  Sinken  des  proportionalen  Anteils  der  Arbeit
an  dem  Produkt.  Auf  diese  Weise  werden  zur  gleichen  Zeit  der
Pauperismus  und  die  Krisen  verschwinden 8 ).
Schon  heute  kann  dies  geschehen.  Möge  der  Staat  den  Wert
des  sozialen  Gesamtproduktes  in  Arbeit  einschätzen,  möge  er  den
Bruchteil  dieses  Wertes,  den  die  Arbeiter  zu  erhalten  haben,  festsetzen, ­
  möge  er  für  diese  Summe  an  die  Unternehmer  (jedem  gemäß
der  Anzahl  der  von  ihm  beschäftigten  Arbeiter)  Lohnbons  verteilen,

*)  Kapital,  S.  212.
2 )  Ebenda,  S.  228.
s )  „Daher  glaube  ich,  wie  die  Geschichte  von  jeher  &amp;lt;nur  in  Kompromissen
fortgeschritten  ist)  auch  nur  ein  Kompromiß  zwischen  Arbeit  und  Grund-  und
Kapitaleigentum  die  nächste  Aufgabe  unserer  Wissenschaft  ist.“  Kapital,  S.  228.)
In  einem  Brief  vom  18.  September  1873  an  E.  Meyeh  (Bf.  Nr.  130,  S.  318—319)
erklärt  er,  daß  „das  große  Problem“  darin  besteht,  uns  „auf  friedlichem  Entwicklungswege ­
  aus  unserer  auf  dem  Grund-  und  Kapitaleigentum  beruhenden  abgelebten
Staatenordnung  in  die  geschichtlich  ihr  folgende,  auf  dem  Verdienst  oder  reinem
Einkommenseigentum  sich  gründende,  schon  in  den  meisten  sozialen  Verhältnissen
wie  zur  Geburt  sich  regende  und  rührende  höhere  Staatenordnung  allmählich  einzuführen“. ­
        <pb n="513" />
        Kapitel  II.  Der  Staatssozialismus.

491

gegen  welche  die  Unternehmer  in  öffentlichen  Niederlagen  eine  gleichwertige ­
  Menge  Produkte  abliefern  müssen  (deren  Wert  in  Arbeit
geschätzt  ist),  und  zum  Schluß  mögen  sich  die  Arbeiter,  die  von  ihren
Unternehmern  in  Lohnbons  bezahlt  werden,  in  den  öffentlichen  Niederlagen ­
  auf  Grund  dieser  Lohnbons  mit  dem,  dessen  sie  bedürfen,  versehen. ­
  Die  Schätzung  des  in  Arbeit  ausgedrückten  nationalen  Produktes ­
  würde  von  Zeit  zu  Zeit  wiederholt  werden  müssen.  Damit
der  Bruchteil  dieses  Produktes,  der  den  Lohn  darstellt,  stets  der
gleiche  bleibt,  muß  der  Staat  die  absolute  Zahl  dieser  Lohnbons  mit
dem  Fortschritt  der  Produktion  vermehren.  So  würde  der  von  Eoobeetus
  verfolgte  Zweck,  die  automatische  Beteiligung  der  Arbeiterklassen ­
  am  Fortschritt  der  nationalen  Produktion,  erreicht  sein r ).
Dies  ist  das  Projekt  unseres  Autors.  /
Es  ist  unnötig  (ohne  von  den  praktischen  Schwierigkeiten  zu
sprechen),  hier  auf  die  wirtschaftlichen  Unmöglichkeiten  dieses  Vorschlages ­
  einzugehen.  Wenn  wir  ihn  erwähnt  haben,  so  beruht  dies
auf  zwei  Gründen.  Zunächst  um  die  Mühe  darzulegen,  die  Eodberttjs
sich  gemacht  hat,  um  ein  „Kompromiß“,  wie  er  sagt,  zwischen
der  bestehenden  Gesellschaft  und  der  kollektivistischen  Gesellschaft
der  Zukunft  zu  finden.  Während  Marx  anscheinend  gleichgültig  der
wachsenden  Proletarisierung  der  Arbeiter  zusieht,  die  er  als  Vorstufe
zu  ihrer  endgültigen  Erlösung  betrachtet,  will  Kodbebtus  so  schnell
wie  möglich  den  drückendsten  Übelständen  Abhilfe  schaffen  und
schon  jetzt  die  Lage  der  Arbeiter  verbessern 1  2 ).  Aber  dieser
Plan  zeigt  vor  allem  das  außerordentliche  Vertrauen,  das  Eou-BEuxus
  in  die  Allmacht  des  Staates  hat,  in  die  Macht  der  Eegierungen,
  diejenigen  menschlichen  Handlungen  ihrem  Willen  zu  unterwerfen, ­
  deren  Unabhängigkeit  der  Mensch  bisher  am  eifersüchtigsten
gewahrt  hat,  und  gleichzeitig  seine  völlige  Gleichgültigkeit  für  die
individuelle  Freiheit  als  Hebel  der  Wirtschaft.
Im  Maße,  wie  der  Gedanke  Eodbeetus’  sich  entwickelt,  wandelt
sich  diese  Gleichgültigkeit  gegenüber  der  individuellen  Freiheit  in
eine  immer  lebhaftere  Feindschaft.  Sein  Vertrauen  in  die  Zentralgewalt ­
  wird  dagegen  immer  stärker,  und  in  seinen  letzten  historischen
Werken  legt  er  eine  organische  Gesellschaftstheorie  dar,  die  ihr  als

1 )  Vgl.  Kapital,  S.  12511.  und  besonders  seinen  Aufsatz:  der  Normalarbeitstag,
  der  1871  erschien  und  in  den  Briefen  und  sozialpolitischen
Aufsätzen,  S.  55211.  wieder  abgedruekt  worden  ist.  —  Der  Gedanke,  den  Wert
zu  bilden,  wie  es  Mer  Eodbektus  versucht,  war  schon  1847  von  Mabx  in  seiner
Misere  de  la  Philosophie  mit  Bezug  auf  Pkoudhnon  kritisiert  worden.  Für
ihn  zieht  die  Sozialisation  der  Produktion  die  des  Tausches  nach  sich.  Auch  das  ist
ein  Punkt,  in  dem  Marx  und  Eodbektus  verschiedener  Meinung  sind.
2 )  Vgl.  Kapital,  S.  229,  Anm.
        <pb n="514" />
        492

Viertes  Buch.  Die  Abtrünnigen.

Rechtfertigung  dienen  soll.  Er  sagt:  ebenso  wie  in  der  Stufenleiter
der  Lebewesen  die  höchststehenden  diejenigen  sind,  die  zugleich  die
am  höchsten  differenzierten  und  die  am  besten  integrierten  Organe
besitzen,  so  auch  in  der  Geschichte;  im  Maßstabe,  wie  man  von  einer
niederen,  sozialen  Form  zu  einer  höheren  Form  übergeht,  „nimmt  der
Staat  an  Umfang  und  an  Wirksamkeit  extensiv  und  intensiv  zu.  Die
staatliche  Organisation  in  diesem  Sinne  wird  nicht  bloß  von  Stufe
zu  Stufe  mannigfaltiger,  d.  h.  jede  besondere  Funktion  wird  immer
mehr  an  ein  besonderes  Organ  gebunden  —  die  soziale  Organisation
wirkt  auch  von  Stufe  zu  Stufe  übereinstimmender,  d.  h.  die  immer
mannigfaltiger  werdenden  sozialen  Organe  kommen  in  immer  größere
Abhängigkeit  von  einem  Zentralorgan  —,  mit  anderen  Worten,  auch  auf
der  Stufenleiter  der  sozialen  Organismen  entscheiden  Teilung  der
Arbeit  und  Zentralisation  über  den  Grad  der  Vollkommenheit  der
Organisation,  über  die  Höhe  der  Stufe,  welche  der  Organismus  einnimmt“ ­
  1 ).
So  werden  wir  am  Schluß  zu  der  am  Anfang  von  Rodbeetüs  als
grundlegend  aufgestellten  Frage  zurückgeführt.  Vollziehen  sich  die
sozialen  Funktionen  selbständig  zum  Wohl  des  sozialen  Körpers  oder
können  sie  sich  nur  durch  das  Zwisehenglie'd  eines  besonderen  Organes,
des  Staates  oder  der  Regierung,  betätigen  ?  Ist  die  Antwort,  die  er  uns
gibt,  wirklich  befriedigend  ?
Gleich  am  Anfang  muß  ein  erster  Widerspruch  auffallen:  die
Grenzen  der  wirtschaftlichen  Gemeinschaft  und  die  der  politischen
Gemeinschaft  stimmen  nicht  überein.  Die  eine  wird  durch  die  Arbeitsteilung ­
  geschaffen  und  dehnt  sich  mit  ihr  aus;  die  andere  entsteht
aus  den  wechselnden  Glückszufälien  der  Geschichte.  Logischerweise
müßte  daher  die  wirtschaftliche  Regierung  andere  Organe  besitzen
und  andere  Grenzen  haben  als  die  politische  Regierung.  Und  trotzdem ­
  vertraut  Rodbeetüs  dem  Staat,  so  wie  er  sich  aus  der  Geschichte
entwickelt  hat,  die  Rolle  des  leitenden  Organes  an.  Zwischen  der
Definition  der  wirtschaftlichen  Gemeinschaft  Rodbeetüs’  und  seiner
endgültigen  Zuflucht  in  die  Arme  des  nationalen  und  monarchischen
Staates  besteht  ein  entschiedener  Widerspruch,  ein  Widerspruch,  der
sich  in  gleicher  Weise  für  jeden  analogen  Versuch  eines  „nationalen“
Sozialismus  ergibt.
Auf  der  anderen  Seite:  um  nachzuweisen,  daß  die  selbstentstandenen ­
  sozialen  Mechanismen  nicht  ausreichen,  hat  Rodbeetüs,  wie
wir  gesehen  haben,  die  Definition  der  wirtschaftlichen  Funktionen,
wie  sie  in  der  Wirklichkeit  bestehen,  mit  dem  Ideal  vertauscht,  das

9  Zur  Geschichte  der  römischen  Tributsteuern,  in  den  Jahrbüchern ­
  für  Nationalökonomie  und  Statistik,  1867,  Bd.  VIII,  S.  447,  Anm.
        <pb n="515" />
        Kapitel  II.  Der  Staatssozialismus.

493

er  sich  davon  macht.  Daher  fällt  ihm  der  Nachweis  nicht  schwer,
daß  diese  idealen  Funktionen  sich  heute  noch  nicht  vollziehen.
Es  ist  sicher,  daß  die  Produktion  noch  nicht  auf  dem  „sozialen  Bedürfnis“ ­
  beruht,  und  daß  die  Güter  sich  nicht  im  Verhältnis  zur  geleisteten ­
  Arbeit  verteilen.  Wir  haben  aber  auch  gesehen,  daß  das
„soziale  Bedürfnis“,  so  wie  es  Eoubeetus  auffaßt,  ein  durchaus  unbestimmter ­
  Begriff  ist.  Die  logische  Anwendung  der  Verteilungsformel,
die  er  aufstellt,  „jedem  das  Produkt  seiner  Arbeit“,  stößt  auf  Unmöglichkeiten, ­
  und  die  Sozialisten  geben  selbst  zu,  daß  es  weder  die
Ansprüche  der  Menschheit  noch  die  der  Produktion  befriedigen
würde.  Damit  die  Beweisführung  Eodbeetxjs’  überzeugend  wirken
könnte,  dürfte  seine  Definition  der  sozialen  Funktionen  nicht  schon
an  und  für  sich  so  große  Schwierigkeiten  verursachen.
Geben  wir  ihm  aber  immerhin  zu,  daß  die  Existenz  einer  Gesellschaft ­
  den  guten  Ablauf  gewisser  Funktionen  bedingt,  deren  Definition ­
  hier  ohne  Bedeutung  ist.  Dann  bleibt  immer  noch  die  Frage
offen,  und  in  ihr  liegt  die  schwerstwiegende  Kritik:  ob  die  Kontrolle
und  die  Voraussicht  der  Menschen  sich  nicht  in  einer  anderen  Weise,
als  durch  die  Einmischung  des  Staates,  betätigen  können  ?  Für  Eonbebtds
  gibt  es  nur  eine  Alternative:  entweder  absoluter  Individualismus ­
  oder  alleinige  Leitung  durch  den  Staat.  Aber  weder  die  Natur
noch  die  Geschichte  lassen  sich  in  einem  derartigen  Dilemma  fangen.
Sein  Vergleich  der  Gesellschaft  mit  einem  biologischen  Organismus  hat
nur  den  Wert  eines  einfachen  Gleichnisses,  das  heute  fast  allgemein
verworfen  wird.  Ihm  erscheinen  der  wirtschaftliche  Individualismus
und  die  persönliche  Freiheit  als  untrennbar.  Er  teilt  eine  Illusion,
die  zu  jener  Zeit  fast  allen  Volkswirtschaftlern  gemeinsam  war.  Es
schien  damals  unmöglich,  über  den  Individualismus  zu  triumphieren,
ohne  die  Freiheit  zu  .  zerstören.  Wir  wissen  aber  heute,  daß  diese
Ideenverbindung,  wie  viele  andere  ähnliche,  nicht  ewig  ist.  Unser
heutiges  wirtschaftliches  Leben,  das  zwischen  dem  Individuum  und
dem  Staat  eine  immer  größere  Vielfältigkeit  freier  wirtschaftlicher
Genossenschaften  emporkommen  sieht,  beweist  seine  Unhaltbarkeit
mit  jedem  Tage  mehr.
Es  ist  jetzt  leicht,  das  aufzuzeigen,  was  in  der  Lehre  Eodbertus’
  so  ausgesprochen  konservative  Köpfe  wie  die  modernen  Staatssozialisten ­
  anziehen  konnte,  die  doch  von  dem  Streben  beseelt  sind,
mehr  Gerechtigkeit  in  unser  wirtschaftliches  Leben  zu  bringen.  Es
ist  dies  zunächst  die  von  Eoubbexus  selbst  verwirklichte  Trennung
der  Politik  von  dem  wirtschaftlichen  Sozialismus  und  seine  Abneigung
gegen  jede  Eevolution.  An  zweiter  Stelle  steht  seine  „organische“
Auffassung  der  Gesellschaft,  die  seinen  ganzen  Gedankengang  durchdringt. ­
  Der  Staatssozialismus  nimmt  mit  ihm  an,  daß  die  Produktion
        <pb n="516" />
        494

Viertes  Buch.  Die  Abtrünnigen.

und  die  Verteilung  der  G-üter  mehr  und  mehr  den  Charakter  „sozialer
Funktionen“  haben;  mit  ihm  kommt  er  zu  dem  Schluß,  daß  sie  sich
der  Kontrolle  der  Individuen  entziehen,  und  daß  sie  eine  immer  mehr
zentralisierte  Leitung  erfordern,  die  dem  Staat  übertragen  werden
muß.  Dagegen  weigert  sich  der  Staatssozialismus,  sich  der  von  Eodbebtüs
  ausgesprochenen  radikalen  Verurteilung  des  Privateigentums
und  des  arbeitslosen  Einkommens  anzuschließen.  Auf  diese  Weise
wird  die  Umformung  des  „Kompromisses“  Eodbertus’  in  ein  sich
selbst  genügendes  System  zur  Hauptaufgabe  der  Staatssozialisten.
Anstatt  hierin  eine  Art  verkleinerten  Sozialismus  zu  sehen,  behaupten
sie  im  Gegenteil,  im  Sozialismus  eine  einfache  Übertreibung  ihrer
eigenen  Lehre  zu  erblicken  3 ).
B.  Lassalle.
Eodbertus  hat  dem  Staatssozialismus  seine  grundlegende  soziale
Theorie  geliefert;  aber  Lassalle  sollte  dem  Gedanken  der  staatlichen
Einmischung  seine  ganze  Stoßkraft  verleihen.
Die  Kürze  und  der  Glanz  seiner  politischen  Eolle,  die  Macht
seiner  volkstümlich  ansprechenden  und  rhetorisch  vollendeten  Beredsamkeit, ­
  die  Ursprünglichkeit  einer  Natur,  die  für  die  Wissenschaft
und  für  kraftvolle  Handlung  gleich  leidenschaftlich  begeistert  war,
das  Eomanhafte  und  Theatralische  seiner  bewegten  Existenz  verlieh
allen  seinen  Worten  einen  außerordentlichen  Widerhall.  23  Jahre  alt,
hatte  er  1848  zusammen  mit  Marx  an  der  revolutionären  Agitation
teilgenommen.  Seitdem  beschäftigte  er  sich  fast  ausschließlich  mit
philosophischen,  juristischen  und  literarischen  Arbeiten.  Nach  einem
langen  Stillschweigen  betritt  er  1862  von  neuem  die  Arena.  Zu  dieser
Zeit  konzentriert  sich  das  ganze  deutsche  politische  Leben  in  dem
kleinlichen  Kampf  der  preußischen  Fortschrittspartei  gegen  Bismarck
in  der  Verfassungsfrage.  Lassalle  erklärt  beiden,  der  Eegierung
und  der  bürgerlichen  Opposition,  den  Krieg,  der  letzteren  vielleicht
noch  energischer  als  der  ersteren,  und  indem  er  sich  an  die  Arbeiter
wendet,  ruft  er  sie  auf,  eine  neue  Partei  zu  gründen,  die,  unter  verächtlicher ­
  Beiseitelassung  der  rein  politischen  Fragen,  ihre  wirtschaftliche ­
  Befreiung  vorbereiten  soll.  Zwei  Jahre  lang,  von  1862—1864
hallt  Deutschland  von  seinen  Ansprachen  wieder,  erregen  seine
Broschüren  und  seine  Verteidigungsreden  vor  den  Gerichtshöfen  das

')  „Der  extreme  Sozialismus,  sagt  Adolf  Wagnek,  ist  nur  eine  Übertreibung
eines  partiellen  Sozialismus,  welcher  in  der  geschichtlichen  Entwicklung  des  gesellschaftlichen ­
  und  volkswirtschaftlichen  Lebens  aller,  besonders  der  Kulturvölker
langst  bestanden  hat.“  (Grundlegung,  3.  Ausg.,  Lpg.  1892,  S.  756,  4.  B.,  2.  Kap.,  §  295.)
        <pb n="517" />
        Kapitel  II.  Der  Staatssozialismus.

495

größte  Aufsehen,  und  leuchten  die  Flammen  seiner  zündenden  Propaganda ­
  für  den  „Allgemeinen  Deutschen  Arbeiterverein“,  den  er  1863
in  Leipzig  gegründet  hatte,  weit  über  die  Grenzen  der  verschiedenen
deutschen  Staaten.  Während  ihn  die  Arbeiter  am  Rhein  wie  einen
Triumphator  mit  Gesängen  und  Blumenguirlanden  empfangen,  bekämpfen ­
  die  liberalen  Zeitungen  rücksichtslos  den  Agitator,  der  die
seit  1848  unterbrochene  demokratische  und  soziale  Propaganda
wieder  aufgenommen  hatte,  und  beschuldigen  ihn  sogar,  durch  seine
unerwarteten  Angriffe  vollständig  aus  dem  Gleichgewicht  gebracht,
im  Geheimen  mit  der  Regierung  zu  paktieren.  Und  dann,  mit  einem
Schlage,  ist  all  dieser  große  Lärm  verhallt!  Am  31.  August  1864
stirbt  Lassalle  an  den  Folgen  eines  Duells  *)  und  von  seiner  ganzen
Arbeit  bleibt  nur  der  „Deutsche  Arbeiterverein“  übrig,  der  Embryo
der  großen  sozialdemokratischen  Partei  Deutschlands,  und  die  Erinnerung ­
  an  seine  ätzenden  Angriffe  gegen  den  individualistischen
Liberalismus.
Als  Theoretiker  ist  Lassalle  ein  Sozialist,  dessen  Grundauffassungen ­
  sich  kaum  von  denen  Maex’  unterscheiden.  Die  ganze
geschichtliche  Entwicklung  besteht  für  ihn  in  einer  immer  wachsenden ­
  Beschränkung  der  Rechte  des  Eigentums 2 ),  einer  Beschränkung,
die  in  hundert  oder  zweihundert  Jahren  zu  seinem  vollständigen
Verschwinden  führen  muß  3 ).  Lassalle  ist  aber  in  erster  Linie  ein
Mann  der  Tat;  er  dürstet  nach  praktischen  Erfolgen.  In  diesem
Augenblick  beginnt  nun  gerade  die  deutsche  Arbeiterschaft  zu  politischem ­
  Leben  zu  erwachen.  Noch  ist  sie  unsicher  über  den  Weg,
den  sie  einschlagen  soll.  1863  suchen  einige  Arbeiter,  ihre  Kameraden ­
  in  einem  Kongreß  zu  vereinigen.  Sie  wenden  sich  an  Lassalle,
wie  an  andere  bekannte  Demokraten,  um  seine  Meinung  über  die
Arbeiterfrage  zu  hören  und  geben  ihm  so  die  gewünschte  Gelegenheit, ­
  sich  eine  Partei  zu  schaffen  und  ihr  Führer  zu  werden.  Welches
Programm  aber  soll  gewählt  werden?  Die  Arbeiter  brauchen,  sagt
Lassalle,  „etwas  Genaues,  Faßbares“  4 ).  Auf  der  anderen  Seite  „darf
man  das  dem  Mob  freilich  heute  noch  nicht  sagen“ 5 ),  darf  ihm  die
letzten  Ziele  einer  derartigen  Agitation  nicht  enthüllen.  Ohne  daher

‘)  Der  große  englische  Schriftsteller  G.  Mehedith  hat  dieses  tragische  Abenteuer
zum  Gegenstand  eines  Romans  gemacht,  in  dem  die  Psychologie  Lassallb’s  bewundernswürdig ­
  dargestellt  wird:  The  tragic  comedians.  Vgl.  auch  Lassallb
von  Georg  Brandes  und  oben,  S.  474,  Anm.
2 )  System  der  erworbenen  Rechte,  1.  Teil;  die  Theorie  der  erworbenen
Rechte  und  die  Kollision  der  Gesetze,  Lpg.  1861,  8.  259,  Anm.
3 )  Briefe  Lassalle’s  an  Rodeeetüs,  Berlin  1878,  S.  46.
*)  Ebd.  S.  44.
5 )  Ebd.  S.  46.
        <pb n="518" />
        496

Viertes  Buch.  Die  Abtrünnigen.

seine  Propaganda  mit  einem  zu  entfernten  Ideal  zu  belasten,  konzentriert ­
  er  seine  ganzen  Anstrengungen  auf  zwei  sofort  realisierbare ­
  Forderungen;  eine  politische  und  eine  wirtschaftliche:  das  allgemeine ­
  Wahlrecht  und  die  Schaffung  von  vom  Staat  unterstützten
Produktivgenossenschaften.  Um  die  Massen  für  diese  Reformen  zu
gewinnen,  weist  er  nicht  auf  die  Ausbeutung  der  Arbeiter  durch  die
Eesitzenden  hin,  was  die  bürgerliche  Klasse  zu  sehr  erschreckt  haben
würde 1 ),  sondern  nur  auf  das  „eherne  Lohngesetz“,  eine  recht
glückliche  Formel,  die  er  gefunden  hat,  um  Ricaruo’s  Theorie  des
notwendigen  Lohnes  zu  bezeichnen.
Wie  Rodbektus  sehr  gut  gesehen  hat,  muß  man  einen  „exoterischen“ ­
  und  einen  „esoterischen“  Lassalle  unterscheiden  2 j,  oder  einfacher: ­
  einen  Politiker,  der  zum  Volk  spricht,  und  einen  Theoretiker
des  Studierzimmers;  der  Theoretiker  äußerst  kühn,  der  Politiker  mehr
opportunistisch.  Seine  Zeitgenossen  haben  nur  den  Politiker  gekannt.
Seine  seitdem  veröffentlichten  Briefe  zeigen,  daß  man  der  von  ihm
vorgeschlagenen  Reform  nicht  mehr  Bedeutung  beimessen  darf,  als  er
ihr  selbst  beilegte.  Abgesehen  davon,  daß  sie  dem  Plan  der  sozialen
Werkstätten  Loüxs  Blanc’s  entnommen  ist,  schreibt  er  selbst  an
Rodbertüs,  daß  er  bereit  ist,  sie  aufzugeben,  wenn  man  ihm  eine
bessere  zeigen  kann.  Die  Idee  der  Genossenschaft  war  übrigens
der  deutschen  liberalen  Partei  keineswegs  fremd.  Nicht  zum  erstenmal ­
  predigte  man  sie  der  Arbeiterklasse.  Der  Abgeordnete  Schulze
(aus  Delitzsch),  die  Zielscheibe  der  meisten  Angriffe  Lassallb’s,  hatte
durch  eine  energische  Propaganda  seit  1849  eine  große  Zahl  von
Kredit-  und  Konsumgenossenschaften  geschaffen,  die  sich  allerdings
weniger  aus  Arbeitern  als  aus  Handwerkern  zusammensetzten  und
‘)  „Kein  Arbeiter  wird  jemals  vergessen,  daß  jedes  gesetzlich  erworbene  Eigentum ­
  absolut  unberührbar  und  gerecht  ist“,  sagt  er  in  seiner  Eede  vom  12.  April  1862
an  die  Arbeiter  Berlins,  die  unter  dem  Namen  Arbeiterprogramm  bekannt  ist
(Ausg.  Pfau,  Bd.  I,  S.  197).  An  anderer  Stelle  verteidigt  er  sieh  gegen  den  Vorwurf,
die  Niohtbesitzenden  gegen  die  Besitzenden  aufzuwiegeln;  er  behauptet  im  Gegenteil,
eine  rein  demokratische  Agitation  zu  entfalten  (Ebd.  II,  S.  141)  und  die  Vereinigung
der  Klassen  zu  erleichtern.  (Ebd.  II,  S.  126—127).
2 )  Einführung  Adolf  Wagner’s  zu  den  Briefen  Lassallb’s  an  Eodbbrtüs,
S.  5.  Lassalle  hat  selbst  diese  etwas  macchiavelistische  Haltung  in  einem  Briefe  an
Marx  aus  dem  Jahre  1859  im  voraus  definiert,  in  dem  er  von  seinem  Drama  über
Franz  von  Sickingbn  spricht  und  erklärt:  „Unter  diesen  Umständen  scheint  es  ein
Triumph  übergreifender  realistischer  Klugheit  seitens  der  ßevolutionsführer,  mit  den
gegebenen  endlichen  Mitteln  zu  rechnen,  die  wahren,  letzten  Zwecke  der  Bewegung
anderen  .  .  .  geheim  zu  halten  und  durch  beabsichtigte  Täuschung  der  herrschenden
Klassen,  ja  durch  die  Benutzung  dieser,  die  Möglichkeit  zur  Organisation  der  neuen
Kräfte  zu  gewinnen,  um  so  durch  dies  klug  erlangte  Stück  Wirklichkeit  die  Wirklichkeit ­
  selbst  dann  zu  besiegen“  (Briefe  von  Lassalle,  Marx,  und  Engels:  Aus
dem  literarischen  Nachlaß  von  K.  Marx,  E.  Engels  und  Lassallb;
veröffentlicht  von  F.  Mehring,  Stuttgart  1902,  Bd.  IV,  S.  133.)
        <pb n="519" />
        Kapitel  II.  Der  Staatssozialismus.

497

deren  Hauptzweck  darin  lag,  ihnen  den  Einkauf  der  Rohstoffe  zu
erleichtern.  Grundsatz  dieser  Genossenschaften  allerdings  war  der
Ausschluß  jeder  staatlichen  Einmischung.
Neu  war  daher  bei  Lassalle  nur  sein  Ruf  nach  der  Intervention
des  Staates.  Hierdurch,  durch  seinen  energischen  Protest  gegen
das  ewige  Laisser-faire,  machte  er  auf  die  öffentliche  Meinung
Eindruck.  Er  selbst  gefiel  sich  darin,  seine  Agitation  in  diesem
Licht  darzustellen,  ln  seiner  Rede  an  die  Arbeiter  Frankfurts  am
19.  Mai  1863  rief  er  aus:  „Das,  sage  ich  Ihnen,  ist  der  prinzipielle
Punkt  (der  der  stattlichen  Einmischung),  um  den  es  sich  in  dieser
ganzen  Agitation  handelt,  und  für  den  ich  mich  zu  derselben  entschlossen ­
  habe.  Hier,  mit  dieser  Frage,  steht  und  fällt  die  Schlacht,
die  ich  schlage“  1 ).
In  jeder  seiner  hauptsächlichsten  Schriften  kommt  er  auf  diesen
Gedanken  zurück.  Er  hat  ihn  jedoch  ganz  besonders  in  seiner  Rede
an  die  Berliner  Arbeiter  im  Jahre  1862  entwickelt.  Hier  tritt  er
uns  in  seiner  ganzen  Kraft  entgegen.  Er  stellt  hier  der  „bürgerlichen“ ­
  Auffassung  die  „wahre“  Auffassung  vom  Staat  gegenüber,
die,  wie  er  sagt,  die  der  Arbeiterklasse  ist.  Für  die  Bourgeoisie  hat
der  Staat  keinen  anderen  Zweck,  als  die  Freiheit  und  das  Eigentum
der  Individuen  zu  beschützen.  Diese  Auffassung  würde  genügen,
wenn  wir  alle  „gleich  stark,  gleich  gescheit,  gleich  gebildet  und
gleich  reich  wären“ 3 ).  Da  aber  diese  Gleichheit  nicht  besteht,  so
bedeutet  die  Beschränkung  der  Rolle  des  Staates  auf  die  eines  „Nachtwächters“ ­
  die  Auslieferung  des  Schwachen  an  die  Ausbeutung  durch
den  Starken.  In  Wirklichkeit  ist  der  Zweck  des  Staates  etwas  ganz
anderes.  Die  Geschichte  der  Menschheit  ist  nur  ein  langer  Kampf,
sich  die  Freiheit  gegenüber  der  Natur  zu  erobern,  gegenüber  den
Unterdrückungen  aller  Art;  Elend,  Unwissenheit,  Armut,  Schwachheit,
mit  denen  sie  den  Menschen  umgibt.  In  diesem  Kampfe  bleibt  das
vereinzelte  Individuum  ohnmächtig;  der  Zusammenschluß  ist  ihm  unentbehrlich. ­
  Der  Staat  ist  es  nun,  der  diesen  Zusammenschluß  schafft,
und  sein  Zweck  ist  daher  „die  menschliche  Bestimmung,  —  d.  h.  die
Kultur,  deren  das  Menschengeschlecht  fähig  ist,  —  zum  wirklichen

*)  Werke,  Äusg.  Pfau,  Bd.  II,  S.  99.  Diese  Bede  ist  unter  dem  Titel
Arbeiterlesebuch  gedruckt  worden.  Gerade  diese  Haltung  hat  ihm  Marx  zum
Vorwurf  gemacht,  ln  einem  seiner  Briefe  an  Schweitzer,  vom  13.  Oktober  1868,
den  Mehring  (Aus  dem  literarischen  usw.  IV,  S.  362)  anführt,  schreibt  er;
„Er  ließ  sich  zu  sehr  durch  die  unmittelbaren  Zeitumstände  beherrschen.  Er  machte
den  kleinen  Ausgangspunkt  —  seinen  Gegensatz  gegen  einen  Zwerg,  wie  Schulze-Delitzsch
  —  zum  Zentralpunkt  seiner  Agitation:  Staatshilfe  gegen  Selbsthilfe.“
2 )  Werke,  Ausgabe  Pfau,  Bd.  I,  S.  194.
Gide  und  Rist,  Gesoh.  d.  Volkswirtschaft].  Lehrmeinungen.

32
        <pb n="520" />
        498

Viertes  Buch.  Die  Abtrünnigen.

Dasein  zu  gestalten;  er  ist  die  Erziehung  und  Entwicklung  des
Menschengeschlechts  zur  Freiheit“  1 ).
Wie  man  sieht,  ist  dies  eine  mehr  metaphysische,  als  wirtschaftliche ­
  Formel.  Sie  ist  denen  auffallend  ähnlich,  durch  die  der  Philosoph
Hegel  die  Eolle  und  die  Natur  des  Staates  definierte 2 ).  Lassallb
ist  auch  tatsächlich  ein  Schüler  Hegel’s  und  Fichtb’s 3 ).  Durch

')  Ebenda,  Bd.  I,  S.  196.
2 )  Siehe  unter  anderem  in  L^vy-Bsühl  (L’Allemagne  depuis  Leibnitz,
Paris,  1890)  das  Kapitel  überschrieben:  „Hegel  et  la  theorie  de  l’Etat.“  —  („Hegel
und  die  Theorie  vom  Staat“)  besonders  S.  398.  Nach  Hegel  ist  der  Staat  „der  Geist,
in  so  weit  er  sich  bewußt  in  der  Welt  verwirklicht,  während  die  Natur  der  Geist
ist,  in  so  weit  er  sich  unbewußt,  als  das  Andere  Sich,  als  der  schlafende  Geist,
verwirklicht  .  .  .  Der  Fortgang  Gottes  in  der  Welt  bewirkt,  daß  der  Staat  besteht.
Seine  Grundlage  ist  die  Kraft  des  Verstandes,  die  sieh  als  Wille  verwirklicht  .  .  .
Man  darf  sich  nicht  diesen  oder  jenen  Staat  vor  Augen  halten,  diese  oder  jene  Einrichtung, ­
  sondern  man  muß  ihrem  Wesen  nach  die  Idee,  diesen  wirklichen  Gott,  betrachten. ­
  Jeder  Staat  nimmt  an  diesem  göttlichen  Wesensgrund  teil.“  Vgl.  für
alles,  was  die  philosophischen  Ursprünge  des  Staatssozialismus  betrifft  Andlbk,  Le
Socialisme  d’Etat  en  Allemagne  (1897).  —  In  seiner  Philosophie  der
Geschichte  schreibt  Hegel  (S.  44):  der  Staat  ist  .  .  .  die  selbstbewußte,  sittliche
Substanz,  der  vernünftige,  göttliche  Wille,  der  sich  so  organisiert  hat,  eine  Persönlichkeit“ ­
  (Anm.  d.  Übers.).
3 )  Fichte  hat  1800  ein  höchst  bemerkenswertes  Werk,  Der  geschlossene
Handelsstaat  (im  3.  Bd.  seiner  Vollständigen  Werke,  Berlin  1846)  veröffentlicht, ­
  in  dem  man  eine  in  gewisser  Hinsicht  dem  Staatssozialismus  sehr  ähnliche
Auffassung  findet.  Nach  Fichte  darf  sieh  der  Staat  nicht  damit  begnügen,  einem
jeden  Bürger  sein  Eigentum  zu  erhalten,  sondern:  „es  sei  die  Bestimmung  des  Staates,
jedem  erst  das  Seinige  zu  geben,  ihn  in  sein  Eigentum  erst  einznsetzen,  und
sodann  erst,  ihn  dabei  zu  schützen.“  (8.  399).  Um  diese  Aufgabe  erfüllen  zu  können,
muß  zunächst  ein  jeder  zu  leben  haben,  denn  „der  Zweck  aller  menschlichen  Tätigkeit ­
  ist  der,  leben  zu  können;  und  auf  diese  Möglichkeit  zu  leben,  haben  alle,  die  von
der  Natur  in  das  Leben  gestellt  wurden,  den  gleichen  Eechtsanspruch.“  (S.  402.)  (Das
ist,  wie  man  sieht,  die  Proklamation  des  Hechtes  auf  Dasein.)  Solange  das
nicht  der  Fall  ist,  darf  der  Luxus  nicht  geduldet  werden;  „Es  sollen  erst  alle  satt
werden  und  fest  wohnen,  ehe  einer  seine  Wohnung  verziert,  erst  alle  bequem  und
warm  gekleidet  sein,  ehe  einer  sich  prächtig  kleidet.“  (S.  409)  .  .  .  „Es  geht  nicht,
daß  einer  sage:  ich  aber  kann  es  bezahlen.  Es  ist  eben  unrecht,  daß  einer  das  Entbehrliche ­
  bezahlen  könne,  indes  irgendeiner  seiner  Mitbürger  das  Notdürftige  nicht
vorhanden  findet,  oder  nicht  bezahlen  kann;  und  das,  womit  der  erstere  bezahlt,  ist
gar  nicht  von  Kechtswegen  und  im  Vernunftstaate  das  Seinige  (S.  409).“  —  Indem
Fichte  von  diesem  Prinzip  ausgeht,  schlägt  er  vor,  einen  Staat  zu  organisieren,  in
dem  die  Mitglieder  eines  jeden  Berufes  (Landwirte,  Handwerker,  Händler  usw.)  einen
kollektiven  Kontrakt  mit  den  Mitgliedern  der  anderen  Berufe  abschließen,  —  in  dem
sie  ihnen  versprechen,  sie  nicht  in  ihrer  Arbeit  zu  beeinträchtigen,  sondern  ihnen
die  Lieferung  der  Gegenstände,  die  sie  selbst  herstellen,  in  genügender  Menge  zu
garantieren.  Der  Staat  würde  darüber  wachen,  daß  die  Anzahl  der  Personen  in
jedem  Berufe  nicht  zu  groß  und  nicht  zu  klein  sei.  Er  würde  den  Preis  der
Waren  festsetzen.  Da  jedoch  der  Außenhandel  dies  durch  Kontrakt  hergestellte
Gleichgewicht  stören  würde,  dessen  Folge  die  Verbürgung  der  Existenzsicherheit
        <pb n="521" />
        Kapitel  II.  Der  Staatssozialismus.

499

seine  Vermittlung  dringen  die  Theorien  der  deutschen  idealistischen
Philosophen  in  die  Diskussionen  der  Volkswirtschaftler  ein  und
schwellen  so,  von  der  unvergleichlichen  Kraft  seiner  Beredsamkeit
getragen,  die  Flut,  die  sehr  bald  den  manchesterlichen  Liberalismus
hinwegschwemmen  wird.
§  3.  Der  eigentliche  Staatssozialismns.
Der  Zeitraum,  der  zwischen  dem  1864  erfolgten  Tode  Lassalle’s
und  dem  Kongreß  zu  Eisenach  im  Jahr  1872  liegt,  ist  für  die  Bildung
des  deutschen  Staatssozialismus  entscheidend.
Zunächst  mindern  die  glänzenden  Erfolge  Bismarck’s  von  1866
und  1870  die  politische  Bedeutung  der  Führer  der  liberalen  Partei,
deren  Blindheit  im  Gegensatz  zu  dem  vorausschauenden  Scharfsinn
der  Regierung  klar  zutage  getreten  ist.  Ein  Schatten  dieses  Vorwurfs ­
  fiel  auch  auf  den  wirtschaftlichen  Liberalismus,  dessen  Führer
in  Deutschland  teilweise  dieselben  waren,  wie  die  der  liberalen
Partei x ).  Dagegen  enthielt  die  Staatsidee,  wie  sie  im  Kanzler  des
jungen  Reiches  verkörpert  war,  einen  neuen  Glanz.  Zur  gleichen
Zeit  gewöhnt  die  historische  Schule,  deren  Zeitschrift,  die  Jahrbücher ­
  für  Nationalökonomie  seit  1863  erschienen  und  sich
zum  wirklichen  Organ  der  volkswirtschaftlichen  Professoren  entwickelte, ­
  die  Gemüter  an  den  Gedanken  der  notwendigen  Relativität
der  wirtschaftspolitischen  Prinzipien  und  bereitet  sie  auf  eine  neue
Orientierung  vor.
Hauptsächlich  hatten  aber  die  Arbeiterfragen  plötzlich  eine  bis
dahin  unbekannte  Bedeutung  erlangt.  Die  Revolution  von  1848  hatte
in  Deutschland  einen  fast  rein  politischen  Charakter  gehabt.  Die
kapitalistische  Großindustrie,  war  noch  weit  von  der  Entwicklung
entfernt,  die  sie  in  Frankreich  und  in  England  erreicht  hatte,  und

eines  jeden  wäre,  müßte  der  Handelsstaat  durch  Zollschranken  völlig  abgeschlossen
werden.  —  Das  ganze  Werk  ist  originell  und  interessant.  A.  Mbngbr,  der  in  seinem
Buch:  „Das  Recht  auf  den  vollen  Arbeitsertrag,  im  2.  Kap.  eine  kurze
Zusammenfassung  davon  gibt,  glaubt,  daß  Fichte  zu  seinem  Buch  durch  die  Regierung ­
  des  Konvents  während  der  Schreckensperiode,  durch  die  Einrichtung  des
Maximums  und  der  Assignaten,  vielleicht  auch  durch  die  Ideen  Babbdt’s  angeregt
worden  sei.  Fichte  unterläßt  aber  nicht,  darauf  hinzuweisen,  daß  sein  Handelsstaat ­
  nicht  so  wie  er  ihn  ansführt,  verwirklicht  werden  kann,  daß  aber  ein  Buch,
wie  das  seinige  deshalb  nicht  weniger  nützlich  ist,  da  es  dem  Politiker  allgemeine
Grundregeln  gibt.
x )  Trotzdem  ist  es  bemerkenswert,  daß  die  meisten  der  zwischen  1866  und  1875
in  Deutschland  eingeführten  Handels-  und  Finanzmaßnahmen  (Maß-  und  Gewichteinheit ­
  ,  Geldsystem,  Organisation  der  Banken,  ludustrieordnung,  Zollpolitik)  unmittelbar ­
  auf  den  Prinzipien  des  wirtschaftlichen  Liberalismus  beruhten.
32*
        <pb n="522" />
        500

Viertes  Buch.  Die  Abtrünnigen.

es  ist  eine  bedeutsame  Tatsache,  daß  die  beiden  großen  deutschen
Sozialisten  Rodbertus  und  Marx,  alle  ihre  Beispiele  nicht  ihrem
Vaterlande,  sondern  diesen  beiden  Ländern  entnommen  haben.  Seit
1848  hatte  sich  aber  die  deutsche  Industrie  mit  Riesenschritten  entwickelt; ­
  eine  wirkliche  Arbeiterklasse  war  geboren,  und  Lassalle
hat  die  Umwandlung  besonders  hervorgehoben,  indem  er  sich  zur
Gründung  seiner  Partei  als  Erster  auf  den  sozialen  Boden  stellte.
Der  von  ihm  geschaffene  Verein  blieb  nach  seinem  Tode  bestehen.
Parallel  mit  ihm  beginnt  eine  andere  Agitation,  die  unmittelbarer
von  Marx  ausgeht.  Ihre  Führer  sind  Liebknecht  und  Bebel.  Beide
wurden  1867  als  Abgeordnete  des  neuen  Reichstages  des  norddeutschen ­
  Bundes  gewählt  und  gründen  1869  die  sozialdemokratische
Arbeiterpartei,  die  dazu  berufen  war,  seitdem  eine  so  bedeutende
Rolle  zu  spielen.
So  zwingen  sich  plötzlich  die  Arbeiterfragen  der  öffentlichen
Aufmerksamkeit  auf,  gerade  wie  früher  in  Frankreich  unter  der
Juli-Monarchie.  Gerade  wie  dort  eine  Strömung  der  öffentlichen
Meinung,  die  plötzlich  vom  Staatsstreich  aufgehalten  wurde,  einen
ganzen  Teil  der  gebildeten  Klassen  dazu  gedrängt  hatte,  das  Dogma
des  absoluten  laisser-faire  zu  verwerfen  und  die  Hilfe  der  Regierung
im  Kampf  gegen  den  Pauperismus  anzurufen,  so  gelangen  auch  in
Deutschland  immer  zahlreichere  Schriftsteller  zu  der  Überzeugung,
daß  eine  rein  passive  Haltung  den  neu  auftauchenden  sozialen  Problemen ­
  gegenüber  nicht  länger  möglich  ist.  Die  Aufgabe,  die  Gegensätze ­
  zwischen  Kapital  und  Arbeit  auszugleichen,  scheint  ihnen  nicht
die  verjüngten  Kräfte  des  neuen  Reiches  zu  übersteigen.
Eine  Aufsehen  erregende  Kundgebung  dieser  neuen  Bestrebungen
erfolgte  1872  zu  Eisenach.  Ein  aus  Professoren,  Volkswirtschaftlern,
Juristen  und  Beamten  zusammengesetzter  Kongreß  vereinigte  sich
dort  und  sagte  in  einem  schnell  berühmt  gewordenen  Manifest  der
„manchesterlichen  Schule“  den  Kampf  an.  Er  erklärte  darin,  daß
der  Staat  „das  große  Moralinstitut  zur  Erziehung  der  Menschheit
sei“;  er  forderte  von  ihm,  „daß  ihn  ein  großes  Ideal  beseele“,  das
darin  bestände,  „einen  immer  zahlreicheren  Teil  unseres  Volkes  an
den  hohen  Gütern  der  Zivilisation  teilnehmen  zu  lassen“.  Zur
gleichen  Zeit  treten  die  Mitglieder  des  Kongresses  im  Verein  für
Sozialpolitik  zusammen,  der  beauftragt  wurde,  die  für  diese
neue  Politik  notwendigen  wissenschaftlichen  Materialien  zu  sammeln.
Der  „Kathedersozialismus“  war  geboren.  Diesen  Namen  gaben  nämlich ­
  die  Liberalen  spöttisch  den  neuen  Bestrebungen,  auf  Grund  der
großen  Anzahl  von  Professoren,  die  an  dem  Kongreß  teilgenommen
hatten.  Es  genügte,  diesen  Ideen  eine  etwas  radikalere  Form  zu
geben,  um  sie  in  Staatssozialismus  zu  verwandeln.  Dies  war  haupt ­
        <pb n="523" />
        Kapitel  II.  Der  Staatssozialismus.

501

sächlich  das  Werk  Adolf  Wagneb’s  B  in  seiner  1876  erschienenen
Grundlegung *  2 ).
Wir  werden  nun  versuchen,  die  selbständigen  Beiträge  des  Staatssozialismus ­
  von  denjenigen  Bestandteilen  seiner  Lehre  zu  sondern,
die  er  den  früheren  Nationalökonomen  verdankt.  Die  Aufgabe  ist
nicht  leicht.  Wie  jede  praktische  Lehre,  die  hauptsächlich  dazu  bestimmt ­
  ist,  die  Ziele  einer  Gruppe  -von  Menschen  oder  einer  Epoche
zusammenzufassen  und  als  Vermittlerin  zwischen  oft  unvereinbaren
Prinzipien  zu  dienen,  entbehrt  sie  der  scharfen  Umrisse,  die  ein
individuelles  und  rein  theoretisches  System  charakterisieren.  Sie  hat
ihre  Gedanken  verschiedenen  Quellen  entlehnt,  ohne  sich  immer  darum
zu  bemühen,  sie  in  Übereinstimmung  zu  bringen.
Vor  allem  ist  sie  eine  Reaktion,  nicht  gegen  die  grundlegenden
Gedanken  der  englischen  Klassiker,  wie  es  manchmal  geglaubt  wird,
sondern  gegen  die  Übertreibungen  ihrer  späteren  Schüler,  der  Bewunderer ­
  Bastiat’s  oder  Cobdbn’s,  der  Optimisten  in  Frankreich  und
der  „Manchestermänner“  in  Deutschland.  Das  auf  dem  Kongreß  zu
Eisenach  von  Schmollee  verfaßte  Manifest  spricht  nur  von  der
„Manchesterschule“.  Die  Klassiker  erwähnt  es  nicht 3 ).  Allerdings
sind  bei  vielen  deutschen  Schriftstellern  „Smithianismus“  und  „Manchestertum“ ­
  gleichbedeutend.  Dies  sind  jedoch  Auswüchse  der  Polemik,
denen  man  keine  zu  große  Bedeutung  beilegen  darf.  Der  Liberalis0 ­
  Neben  Adolf  Wagner  kann  man  Albert  Schäpflb  anfiihren,  der  eine  außerordentliche ­
  literarische  Tätigkeit  entfaltet  hat,  aber  eben  so  sehr  Soziologe,  wie
Volks  Wirtschaftler  ist.  In  seinem  großen  Werk:  Bau  und  Leben  des  sozialen
Körpers  (1875—1878)  hat  er  eine  organische  und  biologische  Theorie  der  Gesellschaft
niedergelegt;  sein  bekanntestes  Buch  ist  aber  eine  kurze  Darlegung  des  Sozialismus
unter  dem  Titel:  Die  Quintessenz  des  Sozialismus  (1875),  das  in  viele
Sprachen  übersetzt  worden  ist,  darunter  von  Benoit  Malon  ins  Französische.
2 )  Die  Hauptwerke  Adolf  Wagnbr’s,  in  denen  sich  die  Ideen  und  das  Programm
des  Staatssozialismus  niedergelegt  finden,  sind:  seine  Grundlegung  (1.  Ausg.  1876);
seine  Finanz  Wissenschaft;  sein  Aufsatz  Staat  ira  Handwörterbuch  der
Staatswissenschaften,  und  besonders  zwei  Aufsätze,  die  unter  dem  Namen:
Einanzwissenschaft  und  Staatssozialismus  in  der  Zeitschrift  für
die  gesamte  Staatswissenschaft  1887,  S.  37—122  und  8.675—746  veröffentlicht ­
  wurden.  —  Weiterhin  wird  man  mit  Nutzen  auch  zwei  Reden  von  ihm  lesen:
die  eine  vom  29.  März  1895,  Sozialismus,  Sozialdemokratie,  Katheder-End
  Staatssozialismus;  und  die  andere  vom  21.  April  1892,  Das  neue
sozialdemokratische  Programm.
3 )  Es  ist  z.  B.  interessant,  festzustellen,  daß  die  Definition  des  Bereiches  und  der
Aufgaben  des  Staates,  wie  sie  Wagner  gibt,  sich  sehr  der  von  uns  oben  angeführten
Definition  A.  Smith’s  nähert,  aber  im  Gegenteil  sich  stark  von  der  Bastiat’s  unterscheidet: ­
  Er  sagt:  „Die  allgemeine  Regel  lautet:  der  Staat  hat  diejenigen  Tätigkeiten
zur  Befriedigung  der  Bedürfnisse  seiner  Angehörigen  selbst  zu  übernehmen,  welche
weder  die  Privatwirtschaften,  noch  freie,  noch  andere  Zwangswirtschaften  (Selbstverwaltungskörper) ­
  überhaupt  oder  welche  alle  diese  nur  weniger  gut  oder  nur  kostpieliger
ausführen  können.“  (Grundlegung,  3.  Ausg.  1892,  S.  916,  6.  Bd.  5.  Kap.  §  377.)
        <pb n="524" />
        502

Viertes  Buch.  Die  Abtrünnigen.

mus  war  nirgends  in  seiner  doktrinären  Unduldsamkeit  so  weit  gegangen, ­
  wie  gerade  in  Deutschland.  Peince  Smith,  sein  charakteristischer ­
  Vertreter,  war  im  Anschluß  an  Dunoyee  dazu  gelangt,  dem
Staat  jede  andere  Eolle,  als  die  eines  „Sicherheitsproduzenten“  abzusprechen, ­
  und  jede  andere  Solidarität  zwischen  den  wirtschaftlichen
Kräften  als  die,  die  sich  aus  ihren  Beziehungen  zu  dem  gemeinsamen
Markt  ergaben,  zu  leugnen.  „Die  volkswirtschaftliche  Gemeinde  als
solche“,  sagte  er,  „ist  nur  Marktgenossenschaft;  sie  besitzt,  wie  besagt,
weiter  kein  gemeinsames  Institut  als  eben  den  Markt,  und  sie  hat
auch  weiter  nichts  zu  gewähren,  als  freien  Zutritt  zu  dem  Markte“ 1 ).
Für  die  Staatssozialisten  besteht  im  Gegenteil  zwischen  den
Individuen  und  den  Klassen  der  gleichen  Nation  eine  moralische
Solidarität,  die  viel  tiefer  geht  als  diese  wirtschaftliche:  sie  beruht
auf  der  Gemeinschaft  der  Sprache,  der  Sitten  und  der  politischen
Einrichtungen.  Der  Staat  ist  das  Organ  dieser  moralischen  Solidarität,
und  aus  diesem  Grunde  hat  er  nicht  das  Hecht,  dem  materiellen  Elend
eines  Teiles  des  Volkes  gleichgültig  gegenüber  zu  stehen.  Er  hat
daher  mehr  als  nur  eine  einfache  Schutzptlicht  gegen  äußere  oder
innere  Gewalttätigkeit  zu  erfüllen,  es  liegt  ihm  eine  wirkliche  Aufgabe ­
  ob:  nämlich,  „für  Kultur  und  Wohlfahrtszweck  zu  sorgen“ 2 ).
Hier  stellt  sich  der  Staatssozialismus  auf  den  philosophischen  Boden,
den  Lassalle  erwählt  hatte.  Er  schließt  sich  seiner  Auffassung  von
der  Aufgabe  und  historischen  Eolle  der  Eegierungen  an.  Und  er
tritt,  indem  er  sich  mit  Entschiedenheit  auf  den  nationalen  Standpunkt ­
  stellt,  in  enge  Beziehung  zu  Feiedsich  List.  ♦
Man  wird  sich  nun  fragen,  ist  der  Staat  überhaupt  imstande,
diese  Aufgabe,  die  man  ihm  zuweist,  zu  erfüllen.  Wenn  er  sie  nicht
mit  Nutzen  erfüllen  kann,  so  hat  es  gar  keine  Bedeutung,  daß  man
sie  ihm  zuspricht  ?  Ist  die  völlige  Unfähigkeit  des  Staates  als  wirtschaftliche ­
  Kraft  nicht  schon  längst  nachgewiesen?  —  Adolf  Wagnee
und  seine  Freunde  haben  sich  bemüht,  gerade  gegen  diese  Idee
anzukämpfen.  Der  selbständigste  Teil  ihrer  Lehre  besteht  in  einem
Versuch,  den  Staat  zu  rehabilitieren.  Den  Optimisten  der  Schule
Bastiat’s  erschien  die  Eegierung  als  die  verkörperte  Unfähigkeit.
Den  Staatssozialisten  ist  im  Gegenteil  die  Eegierung  eine  wirtschaftliche ­
  Kraft,  gerade  wie  jede  andere  und  sogar  sympathischer  als  jede

*)  An  anderer  Stelle  schrieb  er:  „Aber  dem  Staat  erkennt  der  Freihandel  keine
andere  Aufgabe  zu,  als  eben  die  eine:  Die  Produktion  von  Sicherheit.“  Von  Schönbbrg
im  Handbuch  der  politischen  Ökonomie  angeführt,  2.  Aull.  Tübingen  1885
S.  59,  §  34,  Reihe  58.  Die  Zitierung  ist  dem  Handwörterbuch  der  Volkswirtschaftslehre ­
  von  Rentzsch,  Aufsätze  über  Freihandel,  und  über  Handelsfreiheit  entlehnt,
Lpg.  1866  (Verlag  Gustav  Meyer).  S.  440,  Reihe  1.
s )  (Wagnee,  Grundlegung,  S.  885.)
        <pb n="525" />
        Kapitel  II.  Der  Staatssozialismus.

503

andere.  Der  größte  Teil  ihrer  Argumente  besteht  einfach  darin,  zugunsten ­
  der  Regierung  ein  Vorurteil  zu  schatfen,  demjenigen  gerade
entgegengesetzt,  das  der  Individualismus  nach  und  nach  verbreitet
hatte.  Hierin  liegt  die  eigentliche  Aufgabe,  die  er  sich  gestellt  hat.
Zu  diesem  Zweck  wird  zunächst  auf  die  Schwäche  der  einzelnen
ökonomischen  Person  hingewiesen.  Man  wiederholt  nochmals,  wie  es
schon  Sismondi  und  die  Sozialisten  getan  haben,  die  sozialen  Ünzuträglichkeiten
  der  freien  Konkurrenz,  die  übrigens  fast  stets  mit  der
wirtschaftlichen  Freiheit  verwechselt  wird 1 ).  Man  hebt,  gleich  ihnen,
die  schon  von  A.  Smith  bemerkte  soziale  Ungleichheit  der  Kapitalisten
und  Arbeiter  in  ihren  Verhandlungen  über  den  Arbeitsvertrag  hervor,
wie  auch  den  allgemeinen  Gegensatz  zwischen  „Schwachen“  und
„Starken“.  Weiterhin  kennzeichnet  man  die  Unfähigkeit  der  Einzelpersonen, ­
  gewisse  große  Kollektivinteressen  zu  befriedigen.
In  Frankreich  hatte  schon  1856  Dupont-White  mit  noch  größerer
Schärfe  gezeigt,  „wie  alle  Wege  der  Zivilisation  von  demselben  ewig
sich  wiederholenden  Hindernis  starren:  dem  Individuum  mit  seiner
Unfähigkeit  und  Böswilligkeit“ 2 ).  Auch  hatte  er  nachgewiesen,  wie
die  Kollektivinteressen  in  unseren  immer  komplizierter  werdenden
Gemeinwesen:  „eine  Größe  und  Ausdehnung  erlangen,  die  sie  immer
mehr  dem  Bereich  des  Individuums  entziehen“ 3 ).  „Es  gibt“,  sagte
er,  in  einer  Formel,  die  ausgezeichnet  die  notwendigen  Fälle  einer
Intervention  zusammenfaßt,  „in  jeder  Gesellschaft  Angelegenheiten
von  vitaler  Bedeutung,  die  das  Individuum  niemals  tun  wird,  entweder, ­
  weil  sie  seine  Kraft  übersteigen,  oder  weil  sie  ihm
keinen  entsprechenden  Gegenwert  bieten,  oder  aber,
weil  sie  nur  unter  Beihilfe  aller  zustande  kommen
können,  dieman  aber  nicht  durch  freundlichesZureden
erhalten  kann.  Für  alle  diese  Dinge  ist  der  Staat  der  gegebene
Unternehmer,  die  berufene  Triebkraft“ 4 ).
Wie  wir  wisren,  hat  man  aber  in  Frankreich  nicht  auf  ihn
gehört.
In  gleicher  Weise  beruft  sich  Adolf  Wagner  zugunsten  des
Staates  auf  die  ganze  Geschichte;  er  beschreibt  uns  seine  je  nach  den
Zeitumständen  verschiedenen  wesentlichen  Funktionen,  so  daß  man
wohl  dazu  gelangen  muß,  ihm  keine  definitiven  Grenzen  stecken  zu
können.  Das  individuelle  Interesse,  die  barmherzige  Hilfstätigkeit

4 )  Wagner,  Grundlegung.  Die  Staatssozialisten  gebrauchen  stets,  und  sehr
zu  Unrecht,  die  beiden  Ausdrücke:  „freie  Konkurrenz“  und  „Wirtschaftsfreiheit“
als  synonym.
2 )  Ddpont-White,  L’Individu  et  l’Etat,  5.  Ausg.  S.  9.
s )  Ebenda,  S.  267.
4 )  Vorwort  zu  Essay  on  Liberty  v.  Stuart  Mild  (1860)  S.  LXX.
        <pb n="526" />
        504

Viertes  Buch.  Die  Abtrünnigen.

und  die  autoritäre  Tätigkeit  des  Staates  haben  sich  zu  jeder  Zeit
in  das  wirtschaftliche  Feld  geteilt.  Nicht  nur  hat  das  erste  niemals
genügt,  sondern  es  tritt  in  den  großen,  modernen  Nationen  mehr  und
mehr  vor  der  dritten  zurück.  Von  hier  darauf  zu  schließen,  daß  diese
Ausdehnung  nützlich  und  notwendig  ist,  daß  sie  „ein  wirkliches
historisches  Gesetz“  sei  ’),  ist  nur  ein  Schritt.  Fast  ohne  besonders
darauf  hingewiesen  zu  werden,  gelangt  man  von  der  Tatsache  zu
ihrer  Berechtigung.  Ädoli?  Wagner  sagt:  „Wer,  was  namentlich  für
volkswirtschaftliche,  soziale  und  politische  Entwicklungen  das  Entscheidende ­
  ist,  die  immanente  Tendenz  der  Bewegung  erkannt
hat  .  .  der  kann  und  darf  bei  einer  solchen  geschichtlichen
Auffassung  des  gesellschaftlichen  Entwicklungsprozesses  sehr  wohl...
für  die  gegebene  Zeit  Postulate  in  betreff  dessen,  was  geschehen
soll,  aufstellen“ *  2 ).  Auf  Grund  dieses  Gedankens  verlangt  man  daher
die  Ausdehnung  des  staatlichen  Machtbereiches,  den  man  durch  seine
Funktion  „der  Kultur  und  des  Wohlfahrtszweckes“  rechtfertigt.  Es
fällt  nicht  schwer,  hierin  den  Gedanken  Eodbeetus’  und  seine  Theorie
der  wachsenden  Entwicklung  der  Organe  wiederzuerkennen,  die  zur
Ausübung  der  Regierung  bestimmt  sind 3 ),  im  Maßstabe,  wie  man  in
der  Stufenfolge  der  sozialen  Formen  fortschreitet.
Auch  hierin  ist  die  Übereinstimmung  mit  Dupont-White,  wenn
sie  auch  vielleicht  zufällig  ist,  deshalb  nicht  weniger  merkwürdig  und
muß  angeführt  werden.  Auch  er  verlangt  für  den  Staat  eine  Funktion
der  „Wohltätigkeit“  und  der  „Mildtätigkeit“ 4 ).  Auch  er  weist  nach,
wie  der  moderne  Staat  nach  und  nach  sein  Bereich  vergrößert,  indem
er  an  die  Stelle  der  Lokalregierungen  tritt,  an  die  Stelle  des  Despotismus ­
  der  Klassen  und  der  Familie,  wie  er  nacheinander  die  Frau,
das  Kind  und  den  Sklaven  unter  seinen  Schutz  nimmt,  und  so  den
Kreis  seiner  Pflichten  und  seiner  Verantwortlichkeiten  in  dem  Maße
vergrößert,  wie  die  Fortschritte  der  Zivilisation  und  der  Freiheit  sich
vollziehen.  „Mehr  Leben“,  sagt  er,  „braucht  mehr  Organe,  vermehrte
Kräfte,  mehr  Kegeln.  Die  Regel  und  das  Organ  einer  Gesellschaft
ist  aber  der  Staat“ 5  6 ).  Von  seinem  Enthusiasmus  überwältigt,  ging
er  so  weit,  auszurufen:  „Der  Staat  ist  der  Mensch,  frei  von  allen
Leidenschaften,  der  Mensch,  zu  einer  Höhe  emporgehoben,  wo  er  in
inniger  Berührung  mit  der  reinen  Wahrheit  ist,  wo  er  nur  Gott  und
')  Wagneb,  Grundlegung,  3.  Ausg.  S.  892ff.
2 )  Finanzwiss.  undStaatsoz.,  8.  106.  Diese  Aufsätze  finden  sich  in  seiner
Polemik  gegen  L.  von  Stein  und  erschienen,  wie  schon  gesagt  (S.  501,  Anm.  2),  1887
in  der  Tübinger  „Zeitschrift  für  die  gesamte  Staatswissenschaft.“  (Anm.  d.  Übers.)
“)  Siehe  oben,  8.  492.
,  4 )  Dupont-White,  Capital  et  Trayail  (1847),  8.  353  und  L’Individu  et
l’Etat,  S.  81.
6 )  L’Individu  et  l’Etat,  8.  65.
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        Kapitel  II.  Der  Staatssozialismus.

505

seinem  Gewissen  gegenüber  stellt  .  .  .  Welche  Verfassung  auch  immer
er  habe,  der  Staat  ist  besser  als  die  Individuen“ 1 ).
Dies  grenzt  schon  an  Mystizismus.
Ohne  so  weit  zu  gehen,  und  gar  ohne  mit  Adolf  Wagner  zuzugeben, ­
  daß  der  einfache  Nachweis  einer  historischen  Entwicklung
genüge,  um  eine  Politik  zu  rechtfertigen,  muß  man  es  dem  Staatssozialismus ­
  zum  Verdienst  anrechnen,  das  systematische  Mißtrauen
des  Liberalismus  gegenüber  der  Regierung  bekämpft  zu  haben.  Wenn
man  im  Prinzip  den  regelnden  Einfluß  einer  Zentralgewalt  auf  die
sozialen  Beziehungen  anerkennt,  läßt  es  sich  in  der  Tat  nur  schwer
verstehen,  weshalb  diesem  Einfluß  a  priori  gewisse  wirtschaftliche
Beziehungen  entzogen  werden  müßten.
Nur  bleibt,  auch  wenn  das  Prinzip  anerkannt  ist,  die  wirkliche
Schwierigkeit  durchaus  bestehen;  wie  soll  man  den  Machtbereich
des  Staates  von  dem  des  Individuums  abgrenzen?  Wie  weit,  innerhalb
welcher  Grenzen,  auf  Grund  welcher  Regeln  soll  der  Staat  einschreiten?
  Um  jeden  Preis  müssen  die  Befugnisse  abgegrenzt  werden,
da  es,  so  erklärt  Adolf  Wagner,  unmöglich  ist,  das  Motiv  des  Privatinteresses ­
  ganz  und  gar  durch  das  des  Gemeininteresses  zu  ersetzen,
wie  das  die  Kollektivisten  tun  wollen:  dazu  müßte  man  einen  grundstürzenden
  Wandel  der  menschlichen  Psychologie  annehmen.
Dupont-Whitb  hatte  das  Problem  für  unlösbar  erklärt 2 ).  Auch
Adolf  Wagner  erklärt  es  für  unmöglich,  eine  absolute  Regel  aufzustellen. ­
  Es  ist  Aufgabe  des  Staatsmannes,  in  jedem  Einzelfall  gemäß
den  Umständen  zu  entscheiden.  Jedoch  liefert  er  einige  allgemeine
Fingerzeige.  Im  Prinzip  soll  sich  der  Staat  nicht  an  die  Stelle  des
Individuums  setzen 3 ),  sondern  sich  „um  die  allgemeinen  Bedingungen ­
  seiner  Entwicklung  kümmern“.  Die  Selbsttätigkeit  des  Individuums ­
  muß  der  wesentliche  Hebel  des  wirtschaftlichen  Fortschrittes
bleiben.  Auf  den  ersten  Blick  ist  dies  dasselbe  Prinzip,  das  Stuart
Mill  aufstellte.  Zwischen  beiden  besteht  aber  ein  bedeutsamer  Uuter-')

  L’Individu  et  l’Etat,  S.  163—164.
2 )  „Bis  heute  bietet  sich  nichts,  das  als  Kriterium  dienen  könnte,  um  zu  unterscheiden, ­
  was  dem  Staat  und  was  dem  Individuum  zusteht,  ..  .  doch  ist  das  gleichgültig, ­
  da  man  stets  in  jedem  besonderen  Fall,  diese  beiden  Kräfte  gemäß  gleicherweise ­
  besonderen  Tatsachen  ins  Gleichgewicht  bringen  kann“-  (Dupont-White,
L’Individu  et  l’Etat,  S.  301  und  298).  An  anderer  Stelle,  im  Vorwort  zu
Stuabt  Mill’s  Essay  on  Liberty,  franz.  Übers,  sagt  er  noch;  „Ist  diese  Definition
möglich  ?  Ich  glaube  es  nicht.  Man  bedenke  doch,  wenn  man  vom  Individuum  und  der
Gesellschaft  spricht,  daß  es  sich  um  zwei  Kräfte  handelt,  das  Leben  und  das  Recht
(S.  YII)  .  .  .  Das  Recht  mnß  Schritt  für  Schritt  dem  Leben  folgen,  indem  es  das
Leben  entweder  einengt  oder  steigert,  je  nachdem  es  sich  zu  wenig  oder  zu  stark
bestätigt“  (S.  XIII).
s )  Waonek,  Grundlegung,  S.  887.
        <pb n="528" />
        506

Viertes  Bach.  Die  Abtrünnigen.

schied.  Stuart  Mill  wünscht  der  Sphäre  der  individuellen  Tätigkeit
so  wenig  wie  möglich  zu  nehmen:  Adolf  Wagner  wünscht  die  der
Regierung  so  viel  wie  möglich  auszudehnen.  Stuart  Mill  legt  besonderen ­
  Nachdruck  auf  die  negative  Rolle  der  Regierung,  Adolf
Wagner  dagegen  aufseine  positive  Rolle,  die  nach  ihm  darin  besteht:
„eine  umfassendere  Teilnahme  der  Masse  der  Bevölkerung  ...  an  den
materiellen  Früchten  und  an  den  Kulturgütern,  welche  die  Zunahme
der  Produktionskräfte  überhaupt  zu  erringen  erlaubt  .  .  .“,  zu  ermöglichen. ­
  Er  würde  es  ganz  in  der  Ordnung  finden,  wenn  sich  etwas
mehr  Kommunismus  in  unserer  Gesellschaft  durchsetze.  Man  muß
„die  Volkswirtschaft  aus  der  privatwirtschaftlichen  mehr  in  die  gemeinwirtschaftliche ­
  Organisationsform  hinüber  führen“  1 ),  sagt  er  an
einer  Stelle,  die  unmittelbar  von  Rodbeetus  eingegeben  scheint.  Für
ihn  jedoch  wie  für  Mill  darf  die  Eegierungstätigkeit  nicht  weiter
gehen  als  bis  zu  dem  Punkte,  wo  die  Entwicklung  der  Individualität
in  Gefahr  gerät 2  3  *  *  *  * ).
Die  praktische  Anwendung  dieser  Ideen  berührt  sowohl  die
Güterverteiluug,  wie  die  Gütererzeugung.  Hier  aber  tut  der  Staatssozialismus ­
  nichts  anderes,  als  Ideen  zu  übernehmen,  die  lange  vor
ihm  geäußert  worden  sind.
Hinsichtlich  der  Verteilung  steht  er  auf  demselben  Standpunkt,
wie  Sismondi,  den  man  bei  ihm  fast  vollständig  wiederfindet.  Keine
prinzipielle  Verurteilung  des  Profits  oder  des  Zinses,  wie  bei  den
Sozialisten;  Beibehaltung  des  Privateigentums  als  grundlegender  Einrichtung; ­
  aber  doch  eine  genauere  Anpassung  des  Einkommens  an
das  „Verdienst“ 8 );  Beschränkung  der  übertriebenen  Profite,  wie  die

*)  Überall,  wo  möglich,  müssen  staatliche  Prodnktionsunternehmungen  empfohlen
werden,  „nicht  nur  aus  jenen  spezifischen  Gründen,  welche  es  etwa
nach  der  Natur  der  einzelnen  Anstalt  rätlioh  erscheinen  lassen,
sie  zu  verstaatlichen  .  .  .,  sondern  aus  sozialpolitischen  Gründe»,
um  so  die  Volkswirtschaft  aus  der  privatwirtschaftliohen  mehr  in
die  gemeinschaftliche  Organisationsform  hinüber  zu  führen“
(Finanzwiss.  und  Staatssoz.  S.  115  s.  o.  S.  501,  Anm.  2).
*)  Ddpont-White  ist,  wie  Wagner,  Individualist,  —  was  beweist,  daß  man
Individualist  sein  kann,  ohne  deshalb  liberal  sein  zu  müssen.  „Der  Verfasser  des
Essay’s  on  Liberty  {sagt  er  in  seinem  Vorwort  zu  der  franz.  Übers,  dieses
Buches,  S.  LXXXIX)  hat  ein  lebhaftes  Gefühl  für  den  Individualismus,  das  ich  in  jeder
Hinsicht  teile,  ohne  mich  aber  gleich  ihm  über  die  Zukunft  dieses  unveränderlichen
Bestandteils  zu  sorgen  .  .  .  Der  Individualismus  ist  das  Leben  .  .  .  Aus  diesem
Grunde  ist  der  Individualismus  unvergänglich“.
3 )  Vgl.  z.  B.  Schmoller,  Offenes  Sendschreiben  an  H.  v.  Teeitschkb  (1874—1876),
Lpg.  1898.  Gegen  den  Einwurf,  daß  auf  Grund  dieses  Prinzipes  die  Zivilliste  der
Herrscher  zu  verurteilen  sei,  antwortet  Schmoller:  „daß  er  vom  Durchschnitt  der
Menschen  spricht,  und  der  Durchschnitt  der  Hohenzollern  wenigstens  war  und  ist  so,
daß  ihr  Einkommen  mir  durchaus  nicht  zu  groß  gegenüber  ihrem  Verdienst  erscheint“
        <pb n="529" />
        Co

Universität

Kapitel  II.  Der  Staatssozialismus

Kid,

ö07

„wirtschaftliche  Konjunktur“  dies  gestattet  auf  ein  „gern
und  als  Gegenstück,  eine  Erhöhung  der  Löhne  auf  ein
eine  „menschenwürdige  Existenz“  erlaubt.  Man  muß  sich  eingestehen,
daß  all  dies  recht  unbestimmt  ist 1 ).
Der  Staat  würde  derart  die  Aufgabe  haben,  in  der  Güterverteilung
die  Achtung  einer  moralischen  Regel  durchzusetzen,  die  mit  dem  Gefühl
jeder  Epoche  übereinstimmt.  Das  Mittel  dieser  Reformen  soll  in  den
Steuern  gefunden  werden.  Dupont-White  hatte  schon  1847  in  seinem
Buch:  Capital  et  Travail 2 )  die  genaue  Formel  dieser  Projekte
gegeben:  „die  oberen  Klassen  mit  einer  Steuer  zu  belegen  und  deren
Ertrag  zur  Unterstützung  und  Entlohnung  der  Arbeit  zu  verwenden.“
Auch  Adolf  Wagner  sagt  nichts  anderes.  „Der  folgerichtige  Staatssozialismus ­
  muß  sich  daher  zweierlei  zur  Aufgabe  machen,  was  freilich
eng  zusammenhängt:  Hebung  der  unteren,  arbeitenden  Klassen  an  sich
und  auf  Kosten  der  oberen  besitzenden  Klassen  und  absichtliche
Hemmung  der  übermäßigen  Reichtumsanhäufung  bei
einzelnen  Kreisen  und  Gliedern  der  Besitzenden“ 3 ).  JX
Was  die  Gütererzeugung  anlangt,  so  hat  der  Staatssozialismus
sozusagen  nur  die  Liste  wieder  zur  Geltung  zu  bringen,  die  Mill,
Chevalier  und  Couenot  schon  vor  ihm  aufgestellt  haben,  die  Fälle,
in  denen  kein  wirtschaftliches  Prinzip  der  direkten  Leitung  oder  der
Kontrolle  eines  Unternehmens  durch  den  Staat  widerspricht.  Als  allgemeine ­
  Regel  kann  sich,  nach  Adolf  Wagner,  der  Staat  jedesmal  mit
einer  Industrie  befassen,  wenn  dieselbe  einen  besonders  beständigen
Charakter  in  der  Zeit  oder  im  Raume  besitzt,  —  jedesmal,  wenn  sie
eine  gleichmäßige  oder  sogar  einheitliche  Leitung  verlangt  und  daher
Gefahr  laufen  würde,  in  den  Händen  von  Privatpersonen  zu  einem
Monopol  zu  werden,  —  und  endlich  stets,  wenn  sie  der  Befriedigung
eines  sehr  allgemeinen  Bedürfnisses  dient,  ohne  daß  es  möglich  wäre,
den  besonderen  Vorteil,  den  jeder  einzelne  Verbraucher  davon  hat,  zu
bestimmen.  Aus  diesen  Gründen  ist  die  Verwaltung  der  Wasserwege,
der  Wälder,  der  Straßen  und  der  Kanäle,  die  Nationalisation  der
Eisenbahnen  und  sogar  der  Emissionsbanken  durch  den  Staat  gerecht-(S.

  82).  Würde  dieses  Argument  außerhalb  Deutschlands  als  zwingend  erscheinen?
Wir  bezweifeln  es.
*)  Wagneb  sieht  den  Einwurf  der  Willkür  voraus.  „Sie  ist“,  sagt  er,  „formell
berechtigt,  materiell  dagegen  unberechtigt,  da  es  eben  gerade  die  willkürliche
und  maßlose  Anhäufung  von  Privatreichtum  in  wenigen  Händen  unter  der  Herrschaft
des  Konkurrenzsystems  nach  recht  wohl(!)  aufstellbaren  und  in  der  Praxis  der
Gesetzgebung  und  Verwaltung  zur  Geltung  zu  bringenden  Gesichtspunkten  billiger
Erwägung  und  sozialer  Zweckmäßigkeit  zu  bekämpfen  gilt“  (Fiuanzwiss.  und
Staatssozialismus,  S.  719  s.  o.  S.  501,  Anm.  2).
2 )  Ddpont-White,  Capital  et  Travail,  S..398.
3 )  Wagnbk,  Finanz  wiss.  u.  Staatssozialismus,  S.  718  (s.  o.  S.  501,  Anm.2),
        <pb n="530" />
        508

Viertes  Buch.  Die  Abtrünnigen.

fertigt,  wie  auch  die  der  kommunalen  Unternehmungen  für  Gas-  und
Wasseranlagen  usw.
Man  sieht  jetzt  den  Hauptcharakter  des  Staatssozialisraus  klarer
hervortreten.  Sein  Ausgangspunkt  ist  nicht,  wie  für  die  Sozialisten,
die  eindringende  Kritik  des  Eigentums  oder  des  Einkommens  ohne
Arbeit.  Er  ist  in  der  Hauptsache  moralisch  und  national.  Eine  vollkommenere ­
  Gerechtigkeit  in  der  Verteilung,  ein  höherer  Wohlstand
der  Arbeiterklassen  erscheinen  ihm  als  die  Bedingung  der  Aufrechterhaltung ­
  jener  nationalen  Einheit,  deren  Vertreter  der  Staat  ist.
Aber  er  bezeichnet  die  Hegeln  dieser  Gerechtigkeit  nirgends  mit
Genauigkeit  und  gibt  ebensowenig  die  Grenzen  an,  wo  diese  Verbesserungen ­
  halt  machen  sollen.  Ebenso  ist  die  Vermehrung  der
kollektivistischen  Einrichtungen  öffentlichen  Interesses  für  ihn  ein
Mittel,  die  moralische  Solidarität  zu  entwickeln,  indem  sie  das  Feld
der  rein  egoistischen  Betätigung  beschränkt.  Die  Aufrechterhaltung
des  Privateigentums  und  der  individuellen  Initiative  erscheint  ihm
aber  zur  Steigerung  der  Produktion  unentbehrlich  und  läßt  ihn  dem
Kollektivismus  feindlich  gegenüber  stehen.  Dieser  hauptsächlich
moralische  Charakter  erklärt  den  Unterschied  zwischen  der  Genauigkeit ­
  seiner  einzelnen  positiven  Forderungen  und  dem  etwas  unbestimmten ­
  Charakter  seiner  allgemeinen  Prinzipien,  die  ein  jeder,  je
nach  seiner  Gemütsverfassung,  mehr  oder  weniger  weitgehend  anwenden ­
  kann.  Unleugbar  sind  seine  Kriterien  im  wesentlichen  subjektiv. ­
  Dies  erklärt  die  äußerst  scharfe  Kritik  von  seiten  gewisser
Volks  Wirtschaftler,  denen  es  hauptsächlich  um  theoretische  Genauigkeit ­
  zu  tun  ist,  und  den  nicht  weniger  lebhaften  Beifall,  den  sie  bei
allen  praktischen  Reformern  gefunden  haben.  Der  Staatssozialismus
war  sozusagen  der  Schnittpunkt,  in  dem  sich  die  Richtungen  des  christlichen ­
  Sozialismus,  des  aufgeklärten  Konservativismus,  der  fortschrittlichen ­
  Demokratie  und  des  opportunistischen  Sozialismus  kreuzten.
Sein  Erfolg  erklärt  sich  aber  vielleicht  weniger  aus  dem  Wert
seiner  Prinzipien,  als  aus  der  Förderung,  die  ihm  die  politische  und
wirtschaftliche  Entwicklung  am  Ende  des  neunzehnten  Jahrhunderts
brachte.  In  Deutschland  war  sein  bester  Bundesgenosse  in  der  Ausbreitung ­
  seiner  Ideen  der  Fürst  Bismakck.  Die  Theorie  des  Staatssozialismus ­
  ließ  ihn  völlig  kalt.  Zur  Rechtfertigung  seiner  Sozialpolitik
zog  er  es  vor,  sich  auf  die  Prinzipien  des  Christentums  oder  auf  die
des  preußischen  Landrechtes  zu  stützen 1 ).  In  Wirklichkeit  lag  es
*)  Die  Kaiserliche  Botschaft  vom  17.  November  1881,  die  die  Eeihe  der  berühmten ­
  Versioherungsgesetze  ankündigte,  erklärt  eine  ausgesprochenere,  staatliche
Einmischung  für  notwendig:  „Für  diese  Fürsorge  die  rechten  Mittel  und  Wege  zu
finden,  ist  eine  schwierige,  aber  auch  eine  der  höchsten  Aufgaben  jedes  Gemeinwesens, ­
  welches  auf  den  sittlichen  Fundamenten  des  christlichen  Volkslebens  steht.“
        <pb n="531" />
        Kapitel  II.  Der  Staatssozialismus.

509

diesem  großen  Politiker,  nachdem  er  die  deutsche  Einheit  geschalten
hatte,  hauptsächlich  daran,  sie  zu  befestigen  und  zu  kräftigen.  Ein
System  von  Arbeiterversicherungen,  das  vom  Staat  finanziell  geleitet
und  unterhalten  wurde,  erschien  ihm  als  das  beste  Mittel,  die  Arbeiter
von  dem  revolutionären  Sozialismus  fern  zu  halten,  indem  es  ihnen
die  positive  Sympathie  der  Regierung  bewies  und  sie  durch  ein
pekuniäres  Interesse  mit  dem  Reiche  verband.  Auf  gleiche  Weise
hatte  die  französische  Revolution  die  Bauern  durch  den  Verkauf  der
nationalen  Güter  an  sich  gefesselt.  Diese  Meinung  drückte  auch
Bismarck  aus,  als  er  im  Hinblick  auf  die  Arbeiterversicherungsgesetze
sagte:  „Wenn  wir  700000  kleine  Rentner,  die  vom  Reiche  ihre  Rente
beziehen,  haben,  gerade  in  diesen  Klassen,  die  sonst  nicht  viel  zu  verlieren ­
  haben  und  bei  einer  Veränderung  irrtümlich  glauben,  daß  sie
viel  gewinnen  können,  so  halte  ich  das  für  einen  außerordentlichen
Vorteil;  wenn  sie  auch  nur  M.  115—200  zu  verlieren  haben,  so  erhält ­
  sie  doch  das  Metall  in  ihrer  Schwimmkraft;  es  mag  noch  so
gering  sein,  es  erhält  sie  aufrecht“ ] ).  Von  diesem  Gesichtspunkte
aus  sind  die  großen  Arbeiterversicherungsgesetze  gegen  Krankheit,
Unfall,  Invalidität  und  Alter  in  den  Jahren  1881  bis  1889  erlassen
worden.  Weil  aber  der  Kanzler  keine  gleichen,  greifbar  pekuniären
Vorteile  in  den  eigentlichen  Arbeiterschutzgesetzen  (Gesetz  über  die
Arbeitsdauer,  Sonntagsruhe,  Fabrikhygiene  und  Aufsicht  usw.)  sah,
zeigte  er  sich  ihrer  Ausdehnung  wenig  geneigt.  Es  bedurfte  erst
des  in  den  beiden  berühmten  Erlassen  vom  4.  Februar  1890  ausgedrückten ­
  Willens  Kaiser  Wilhelms  II.,  um  dieser  Gesetzgebung  in
Deutschland  einen  neuen  Anstoß  zu  geben.
In  Deutschland  hat  der  intelligente  Konservativismus  einer  fast
absoluten  Regierung  außerhalb  jeder  Doktrin  einen  Teil  des  Programms ­
  des  Staatssozialismus  verwirklicht.  In  Frankreich,  in  England ­
  und  in  den  Ländern  politischer  Freiheit  waren  ähnliche  Maßnahmen ­
  der  Ausdruck  der  demokratischen  Bewegung  selbst.  Im
Maße,  wie  die  Arbeiterklassen  einen  immer  größeren  Anteil  an  der
(Zitiert  nach  Ad.  Wagner:  Grundlegung  1893,  I.  Teil,  2.  Halbband  (Buch  4—6),
S.  706,  Anm.  des  Übers.)  Bismabck  sagte  in  seiner  Rede  vom  9.  Mai  1884:  „Ich
erkenne  ein  Recht  auf  Arbeit  unbedingt  an  und  stehe  dafür  ein,  solange  ich  auf
diesem  Platz  sein  werde.  Ich  befinde  mich  damit  nicht  auf  dem  Boden  des  Sozialismus,
sondern  auf  dem  Boden  des  preußischen  Landrechts.“  (Zitiert  nach  Brodnitz  ;  Bismarck’s
nationalökonomische  Ansichten,  S.  136.)  Der  §  2,  Abs.  XIX  des  2.  Teiles  des
preußischen  Landrechtes  vom  5.  Februar  1794  besagt:  „Denjenigen,  welchen  es  nur
an  Mittel  oder  Gelegenheit,  ihren  und  der  ihrigen  Unterhalt  selbst  zu  verdienen,
ermangelt,  sollen  Arbeiten,  die  ihren  Kräften  und  Fähigkeiten  gemäß  sind,  angewiesen ­
  werden.“  In  Wirklichkeit  handelt  dieser  Text,  trotz  der  allgemein  gehaltenen
Form,  nur  von  der  Unterstützung.
l )  Rede  vom  18,  März  1889,  angeführt  von  Brodnitz:  Bismarck’s  nationalökonomische ­
  Ansichten,  Verlag  G.  Fischer,  Jena,  1902,  S.  141.
        <pb n="532" />
        510

Viertes  Buch.  Die  Abtrünnigen.

Regierung  genommen  haben,  haben  sie  versucht,  von  der  Gesetzgebung ­
  zu  ihrem  Nutzen  Gebrauch  zu  machen.  Die  progressive
Einkommenstener,  die  Versicherungsgesetze,  die  Schntzvorschriften,
die  immer  häufigeren  Einmischungen  der  Regierung  in  die  Arbeitsbedingungen, ­
  sind  der  Ausdruck  dieser  Bestrebungen,  die  sich  unabhängig ­
  von  jeder  vorgefaßten  Doktrin  entwickelt  haben.
Die  Regelung  des  Verhältnisses  zwischen  Arbeitgeber  und  Arbeitnehmer ­
  war  der  Hauptgegenstand  des  gesetzgeberischen  Staatssozialismus. ­
  Aber  die  Regierungen  und  die  Stadtverwaltungen  haben
ihre  Einmischung  auch  auf  die  Produktion  ausgedehnt.  Sie  wurden
dazu  weniger  von  der  Theorie  als  von  dem  neuen  Charakter  des
sozialen  Lebens  gedrängt.  Die  großen  öffentlichen  Arbeiten  (Straßen,
Kanäle,  Transporte)  haben  sich  im  Laufe  des  19.  Jahrhunderts  dank
der  neuen  Macht  der  Produktivkräfte  vervielfältigt.  Öffentliche
Wohlfahrtsbehörden  haben  sich  infolge  der  wachsenden  Konzentration
der  Bevölkerung  in  den  Städten  entwickelt.  Das  Gemeinschaftsleben
greift  immer  mehr  auf  die  Gebiete  des  isolierten  und  zerstreuten
Lebens  von  früher  über;  die  Interessengemeinschaft,  die  sich  früher
auf  die  Grenzen  des  Dorfes  oder  der  Landstadt  beschränkte,  hat  sich
auf  die  der  großen  Städte  und  der  Nation  ausgedehnt.  Zur  gleichen
Zeit  vereinheitlicht  sich  die  Industrie  täglich  mehr  und  schränkt  so
selbsttätig  das  Bereich  der  freien  Konkurrenz  ein.  Auf  dem  Markte
der  Arbeit  wie  auf  dem  der  Produkte,  auf  dem  des  Geldes  wie  auf
dem  der  Waren,  nimmt  die  Konzentration  immer  mehr  den  Platz  der
früheren  Zersplitterung  ein.  Überall  gibt  es  Monopole.  Die  Kollektivunternehmnng
  hat  aufgehört,  eine  Ausnahme  zu  sein:  sie  wird  immer
mehr  zur  Regel.  Und  die  öffentliche  Meinung  befreundet  sich  ohne
Mühe  mit  dem  Gedanken,  den  Staat,  das  Kollektivwesen  par  excellence,
seinerseits  zur  industriellen  Betätigung  übergehen  zu  sehen.
Wie  konnte  es  unter  solchen  Umständen  ausbleiben,  daß  die  Entwicklung ­
  des  Staatssozialismus  so  groß  wurde,  um  ihm  in  kurzer  Zeit
eine  vorherrschende  Stellung  in  der  öffentlichen  Meinung  zu  verschaffen  ?
Er  hat  das  große  Verdienst  gehabt,  den  noch  ziemlich  verworrenen ­
  praktischen  Zielen  und  Bestrebungen  einer  neuen  Periode
politischer  und  wirtschaftlicher  Geschichte  Ausdruck  zu  geben,  ohne
doch,  wie  der  Sozialismus,  durch  die  Perspektive  eines  radikalen  Umsturzes ­
  der  Gesellschaft  Schrecken  zu  erregen.  Er  hat  den  Gesetzgebern ­
  und  den  politischen  Schriftstellern  die  notwendigen  Gründe
für  die  neue  Politik,  die  sie  einführen  wollten,  geliefert;  er  hat
einen  Boden  gefunden,  auf  dem  sich  die  verschiedensten  Parteien
und  die  sich  widersprechendsten  Meinungen  zu  gemeinsamer  Arbeit
finden  konnten.  Liegt  hierin  nicht  das  große  Verdienst  einer  Lehre,
die  vor  allen  Dingen  sofortige  Erfolge  erstrebte?
        <pb n="533" />
        Kapitel  II.  Der  Staatssozialismus.

511

So  hat  durch  eine  vielleicht  merkwürdige,  aber  in  der  Geschichte
der  Ideen  nicht  unerhörte  Wandlung  der  Staatssozialismus  zu  Ende
des  19.  Jahrhunderts  dieselbe  Rolle  gespielt,  die  sein  großer  Gegner,
der  liberale  Optimismus,  während  der  ersten  Hälfte  innegehabt  hatte.
Dessen  großes  Verdienst  war  es  gewesen,  einer  Politik  der  fortschreitenden ­
  Selbständigkeit  und  Freiheit  die  Wege  zu  bereiten,  einer  Politik,
die  für  den  Fortschritt  der  großen  Industrie  unentbehrlich  war.  So
wurde  der  liberale  Optimismus  der  Dolmetscher  der  großen  wirtschaftlichen ­
  Strömungen  seiner  Zeit.  Im  Dienste  dieser  ausschließlichen ­
  Aufgabe  hatte  er  allmählich  alle  wissenschaftliche  Selbständigkeit ­
  und  die  Ausgestaltung  der  ökonomischen  Theorie  vernachlässigt,
namentlich  in  Bezug  auf  die  für  jedes  Gedankensystem  unerläßliche
Schärfe  der  Beweisführung.
Auf  dieselbe  Weise  hat  der  Staatssozialismus  allen  denen  als  Banner
gedient,  die  die  Notwendigkeit  begriffen,  die  sozialen  Übelstände  der
bis  zu  ihren  letzten  Grenzen  getriebenen  wirtschaftlichen  Freiheit
einzuschränken,  allen  denen,  die  mit  Recht  die  elende  Lage  einer  immer
zahlreicheren  Arbeiterklasse  mit  Sorge  erfüllte.  Ausschließlich  mit
diesen  sofortigen  Zielen  beschäftigt,  haben  die  Begründer  des  Staatssozialismus ­
  hauptsächlich  die  Prinzipien  der  praktischen  Volkswirtschaftspolitik
  bearbeitet,  ohne  die  eigentliche  wirtschaftliche  Wissenschaft ­
  besonders  zu  fördern.  ...  Jetzt  sehen  sie  sich  übrigens  ihrerseits ­
  bedroht.  Das  allen  politischen  Lehren  gemeinsame  Los  erwartet
den  Staatssozialismus.  Und  schon  jetzt  kann  man  sich  fragen,  ob  nicht
gerade  die  Vielfältigkeit  der  Regierungseinmischungen  im  Begriff
ist,  bei  den  Verbrauchern,  wie  bei  den  Unternehmern,  und  sogar  bei
den  Arbeitern,  ein  immer  wachsendes  Mißtrauen  mit  Hinsicht  auf  die
wirtschaftlichen  Fähigkeiten  des  Staates  zu  erregen.
Auf  jeden  Fall  kann  man  eine  recht  charakteristische  Tatsache
bemerken.  Während  im  19.  Jahrhundert  der  Sozialismus  alle  seine
Angriffe  gegen  den  Liberalismus  und  die  wirtschaftliche  Orthodoxie
richtete,  —  greift  im  Gegenteil  der  neo-marxistische  Syndikalismus  fast
ausschließlich  die  Staatssozialisten  an.  Sorel  hat  auf  die  engen  gedanklichen ­
  Bande  hingewiesen,  die  den  Marxismus  mit  dem  Manchestertum
verbinden.  Er  stimmt  sogar  in  mehr  als  einem  Punkte  mit  einem
„Liberisten“  wie  Paeeto  überein;  dagegen  findet  er  keine  Ausdrücke,
die  ihm  kräftig  genug  erscheinen,  um  die  Vertreter  des  „sozialen
Friedens“  und  des  Interventionismus  zu  bekämpfen,  die  ihm  als  die
Verführer  der  Arbeiterklasse  erscheinen.  Zur  gleichen  Zeit  haben  die
Gewerkschaftler  —  wenigstens  viele  unter  ihnen  —  mehr  als  einmal
ihr  Mißtrauen  gegen  den  Staat  kundgegeben  und  energisch  Gesetzesvorschläge ­
  zurückgewiesen,  die  in  ihrem  Interesse  eingebracht  waren,
wie  zum  Beispiel  das  Gesetz  über  Arbeiterpensionen.  Wahrscheinlich
        <pb n="534" />
        512

Viertes  Buch.  Die  Abtrünnigen,

muß  diese  Haltung-  dem  Einfluß  anarchistischer  Ideen  auf  die  Führer
der  Gewerkschaftsbewegung  in  Frankreich  zugeschrieben  werden.
Das  Zusammenfallen  dieser  doppelten  Ideenströmung  —  neomarxistisch ­
  und  anarchistisch,  —  die’  die  französische  Arbeiterklasse
dem  Staatssozialismus  abwendig  macht,  ist  eine  interessante  Tatsache,
deren  politische  Folgen  leicht  sehr  beträchtlich  werden  können  1 ).
')  Wir  bedauern,  daß  es  uns  nicht  möglich  gewesen  ist,  weder  in  diesem  noch
dem  vorhergehenden  Kapitel  einen  hervorragenden  deutschen  Nationalökonomen  zu
erwähnen,  der  aber  ebensowenig  der  historischen  Schule  wie  dem  Staatssozialismus
angehört;  es  ist  das  der  Göttinger  Professor  Lexis.  Er  hat  Arbeiten  über  die  verschiedensten ­
  Gegenstände  veröffentlicht,  wie  über  Währungsfragen,  Bevölkerungstheorie ­
  und  allgemeine  volkswirtschaftliche  Theorie.  Diese  Arbeiten  sind  in  Zeitschriften ­
  und  Rundschauen  verstreut,  —  besonders  in  den  Jahrbüchern  für
Nationalökonomie  und  Statistik,  in  Schönbehg’s  Handbuch  und  in  dem
großen  Handwörterbuch  der  Staatswissenschaften.  Sie  zeichnen  sich  alle
durch  ihre  elegante  Klarheit  und  einen  bemerkenswerten  wissenschaftlichen  Sinn  aus.
Lexis  scheint  die  Überlieferung  der  klassischen  Volkswirtschaftler  fortzusetzen,  verwirft ­
  aber  ihren  Optimismus,  den  man  nur  zu  oft  als  untrennbar  von  dieser  Tradition
betrachtet.  1910  hat  Lexis  seine  allgemeine  Lehre  endlich  in  einer  Allgemeinen
Volkswirtschaftslehre  zusammengefaßt,  in  der  man  eine  Gesamtansicht  der
wirtschaftlichen  Welt  als  eines  riesigen  Güterumlaufs  findet.  Außer  einer  höchst
interessanten  Krisentheorie,  auf  die  wir  hier  nicht  näher  eingehen  können,  scheint
uns  der  selbständigste  Teil  des  Buches  in  der  Theorie  über  die  Verteilung  des
sozialen  Produktes  zwischen  Arbeitern  und  Kapitalisten  zu  bestehen.  Nach  Lexis
besteht  die  Gesamtmenge  der  (materiellen)  Güter  aus  Arbeitserzeugnissen  und
kann  sogar  an  der  Arbeit  gemessen  werden.  Woher  kommt  dann  aber  das  Einkommen ­
  der  Kapitalisten?  Sein  Profit  stammt  nicht,  (wie  Marx  meinte),  von  einer
Ausbeutung  des  Arbeiters  in  der  Sphäre  der  Produktion,  sondern  davon,  daß  er  auf
den  Verkaufspreis  der  Gegenstände,  auf  die  Summe,  die  den  Lohn  des  Arbeiters  vorstellt, ­
  eine  Summe  aufschlägt,  die  den  Zinsen  seines  Kapitals  entspricht.  Daher
liege  der  Ursprung  des  Profites  in  der  Sphäre  des  Umlaufs.  Wozu  dient  den  Kapitalisten ­
  aber  die  Erhöhung  des  Verkaufspreises,  da  doch  unter  diesen  Umständen
die  Arbeiter  die  von  ihnen  erzeugten  Gegenstände  auf  dem  Markt  nicht  allein  aus
ihrem  Lohn  zurückkaufen  können  ?  —  Es  genügt,  daran  zu  denken,  daß  die  Arbeiter
nicht  nur  Gegenstände  herstellen,  die  zu  ihrem  eigenen  Verbrauch  dienen,  sondern
auch  solche,  die  zu  dem  der  Kapitalisten  bestimmt  sind.  Mit  dem  in  der  Herstellung
dieser  letzteren  Produkte  verdienten  Lohn  ist  die  Arbeiterklasse,  als  Klasse,  im
Stande,  die  ihr  notwendigen  Gegenstände  zum  Marktpreise  zu  bezahlen,  d.  h.  also,
einschließlich  der  Zinsen,  die  den  Gewinn  des  Kapitalisten  darstellen.  Beim  Ankauf
ihrer  eigenen  Verbrauchsgegenstände  zahlen  die  Kapitalisten  sich  gegenseitig  die
Zinsen,  die  im  Warenpreise  enthalten  sind.  Als  Klasse  verändert  sich  ihre  Lage
daher  nicht,  aber  für  jeden  Unternehmer  gerät  individuell  der  Profit  in  ein  gleiches
Verhältnis  zu  seinem  Kapital.  Auf  diese  Weise  wird  der  größte  Einwurf  gegen  das
von  Marx  zur  Erklärung  der  Erhebung  des  Profites  aufgestellte  Schema  beseitigt.
Diese  Erklärung  des  von  den  Kapitalisten  eingestrichenen  Mehrwertes  ist  äußerst
scharfsinnig.  Wie  man  sieht,  ist  Lexis  stark  von  Eodbbrtus  und  Marx  beeinflußt,
deren  lebensfähigste  Prinzipien  er  sich  zu  eigen  gemacht  zu  haben  scheint.  Trotz
der  Einwürfe,  die  sein  Buch  hervorruft,  ist  es  doch  eins  der  selbständigsten  Werke,
die  in  den  letzten  Jahren  erschienen  sind.
        <pb n="535" />
        Kapitel  III.  Der  Marxismus.

513

Kapitel  III.
Der  Marxismus.
I.
Karl  Marx.
Wie  Jedermann  weiß,  ist  die  marxistische  Lehre  die  neueste
Form  des  Sozialismus.  Seit  ungefähr  vierzig  Jahren  hat  sie  alle
anderen,  die  von  ihr  verächtlich  als  utopistisch  bezeichnet  werden,
in  den  Schatten  gestellt.  Es  verdient  jedoch  besonders  hervorgehoben ­
  zu  werden,  daß  diese  sozialistische  Lehre,  im  Unterschied  von
denen,  die  ihr  vorausgegangen  sind,  —  z.  B.  dem  Kommunismus  und
dem  Fourierismus,  —  sich  keineswegs  als  ketzerisch  darstellt.  Sie
erhebt  im  Gegenteil  den  Anspruch,  durch  ein  genaueres  Verständnis
die  großen  klassischen  Doktrinen  zu  verjüngen  und  weiterzuführen.
Wenn  uns  auch  selbstverständlich  der  Gedanke  fern  liegt,  in  einem
Kapitel  eine  Lehre  zusammenzudrängen,  die  sich  mit  allen  grundlegenden
Prinzipien  der  ökonomischen  Wissenschaft  beschäftigt  und  vorgibt,
sie  zu  erneuern,  so  werden  wir  doch  versuchen,  die  zwei  wichtigsten
wirtschaftlichen  Gedanken  Marx’  darzustellen v ):  der  eine  ist

')  Karl  Marx  wurde  am  5.  Mai  1818  in  Trier  geboren.  Er  war  nicht
Jude,  wie  man  oft  gesagt  hat,  sondern  der  Sohn  jüdischer,  zum  Protestantismus
übergetretener  Eltern.  Er  stammte  aus  einer  bürgerlichen  Beamtenfamilie  und
heiratete  die  Tochter  eines  deutschen  Barons,  so  daß  nichts  ihn  zu  einem  streitbaren
Sozialisten  vorauszubestimmen  schien.  Und  doch  sollte  er  diesen  Weg  gehen.
25  Jahre  alt  begab  er  sich  1843,  nach  der  Unterdrückung  einer  Zeitung,  die  er
redigierte,  zuerst  nach  Paris  und  dann  nach  Brüssel.  Während  der  Revolution  von
1848,  an  der  er  tätigen  Anteil  nahm,  nach  Deutschland  zurückgekehrt,  wurde  er
ausgewiesen  und  verbrachte  den  Best  seines  Lebens,  etwa  30  Jahre,  in  London,  Er
starb  am  14.  März  1883.  Vk
Obgleich  Marx  einer  der  Gründer  und  Leiter  der  berühmten  „Internationalen
Arbeiterassoziation“,  kurz  „Internationale“  genannt,  war,  die  von  1863  bis  1872  das
Sohreckbild  aller  europäischen  Regierungen  vorstellte,  darf  man  in  ihm  keinen
Verschwörer,  nach  dem  Beispiel  Bakunin’s,  oder  einen  Volkstribunen,  wie  Lassallb,
sehen.  Er  war  ein  Mann  der  Studierstube,  ein  guter  Familienvater  wie  Peoüdhon,
ein  unermüdlicher  Arbeiter  und  von  ganz  hervorragender  geistiger  Bildung.
Das  berühmteste  seiner  Werke,  das  allerdings  oft  angeführt  wird,  ohne  gelesen
worden  zu  sein,  ist  das  Kapital,  dessen  erster  Band,  der  einzige,  der  zu  seinen
Lebzeiten  erschien,  1867  herauskam  (franz.  Übers,  von  Roy,  1876,  vom  Verfasser
durchgesehen.  Wir  zitieren  nach  dieser  Übersetzung).  (Bei  der  Übertragung  ins
Deutsche  ist  die  erste,  1867  bei  Otto  Meisnbb  in  Hamburg  erschienene  Ausgabe,
sowie  auch  die  IV.  Auflage  benutzt  worden,  Anm.  d.  Übers.).  Die  beiden  anderen
GM  de  und  Eist,  Gesch.  d.  Volkswirtschaft!.  Lehrmeinungen.  ■  33
        <pb n="536" />
        514

Viertes  Buch.  Die  Abtrünnigen.

die  Theorie  der  Mehrarbeit  und  des  Mehrwertes;  der  andere
ist  das  Gesetz  der  automatischen  Expropriation  oder,  wie
man  allgemeiner,  wenn  auch  weniger  klar  sagt:  das  Gesetz  der  Konzentration. ­
  Die  erstere  gründet  sich  auf  eine  besondere  Auffassung ­
  des  Tausches  und  des  Wertes,  die  zweite  auf  eine  besondere
Auffassung  der  wirtschaftlichen  Entwicklung;  die  eine  könnte  man
statisch,  die  andere  dynamisch  nennen,  um  die  Bezeichnungen  Auguste
Comte’s  anzuwenden.

§  1.  Die  Mehrarbeit  und  der  Mehrwert.
Um  von  der  mühsamen  Darlegung,  die  folgt,  nicht  gleich  am
Anfang  abgeschreckt  zu  werden,  wird  es  gut  sein,  zunächst  zu  er-Bände
  sind  erst  nach  seinem  Tode  erschienen,  und  zwar  1885  und  1894;  die  Herausgabe ­
  wurde  von  Engels  besorgt.
Dieses  monumentale  Werk  hat  wie  die  Bibel  oder  die  Pandekten  unzählige
Kommentatoren  und  Exegeteu  gefunden.  Sicherlich  hat  von  der  ganzen  Literatur  des
19.  Jahrhunderts  kein  Buch  einen  gleich  tief-  und  weitreichenden  Einfluß  ausgeübt.
Aber  auch  seine  anderen  Werke,  obgleich  weniger  oft  zitiert,  sind  äußerst  bedeutend,
—  besonders:  La  Misere  de  la  Philosophie  (1847  in  Antwort  auf  Phoudhon’s
Buch  über  Les  Contradiction  s  Economiques  veröffentlicht);  Zur  Kritik
der  politischen  Ökonomie  (1869),  und  besonders  das  im  Januar  1848  herausgegebene ­
  „kommunistische  Manifest“,  das  zur  Zeit  seines  Erscheinens  als
einfache  Broschüre  weiter  kein  Aufsehen  erregte,  von  dem  aber  Labriola  in  seinem
Essai  sur  laconception  materialiste  de  l’Histoire  S.  21,  nicht  ohne
einige  Übertreibung  hat  sagen  können;  „Das  Datum  (seines  Erscheinens)  bezeichnet
den  Beginn  der  neuen  Ara“.  Immerhin  ist  es  wahr,  daß  der  ganze  zeitgenössische
Sozialismus  von  diesem  Brevier  lebt.  Man  müßte  es  vollständig  anführen.  Keiner
der  Sätze,  die  es  enthält,  verfehlt  sein  Ziel  und  fast  ein  jeder  ist  tausendfach
wiederholt  worden.  Vgl.  die  franz.  Ausg.,  die  1S01  mit  einer  sehr  gelehrten  Einführung ­
  Andler’s  veröffentlicht  wurde.  (Die  angeführten  Stellen  des  kommunistischen
Manifests  sind  der  sechsten  Ausgabe,  Berlin  1896  entnommen.  Anm.  d.  Übers.).
Es  ist  eine  sehr  umstrittene  Frage,  ob  und  in  welchem  Maße  Karl  Marx  vom
französischen  Sozialismus  beeinflußt  worden  ist,  besonders  von  dem  Pbcqueür’s  und
Phoudhon’s  (siehe  hierüber  einen  Aufsatz  Boueguin’s  in  der  Revue  d’Economie
Politique  von  1892,  Des  rapports  entre  Proudhon  et  K.  Marx).  Auf  jeden
Fall  hat  er  Proudhon  sehr  gut  gekannt,  da  eins  seiner  Bücher  sich  die  Aufgabe
stellt,  den  „kleinen  Bourgeois“,  wie  er  ihn  nannte,  zu  widerlegen.  Wir  werden
im  folgenden  einige  Übereinstimmungen  feststellen,  die  wohl  auf  eine  Verwandschaft
der  Lehren  hinweisen  dürften.  Doch  ist  es  wahrscheinlich  mehr  bei  den  ersten
englischen  Sozialisten  (wie  Anton  Mengbb  bemerkt),  besonders  bei  Thompson  (s,  o.
S.  276),  wo  man  die  Anreger  von  Marx  suchen  muß.
Neben  Marx  darf  man  seinen  unzertrennlichen  Freund  und  Mitarbeiter  Friedrich
Engels  nicht  vergessen,  der  aber  bescheiden  im  Schatten  des  Meisters  lebte.  Doch  hat
gerade  er  an  dem  kommunistischen  Manifest  von  1848  mitgearbeitet;  nach  dem
Tode  Marx’  hat  er  treulich  die  drei  Bände  seiner  posthumen  Werke  gesammelt  und
herausgegeben.  Es  ist  recht  schwierig,  den  Anteil  zu  bestimmen,  den  er  am  Werke
Karl  Marx’  gehabt  hat,  doch  dürfte  er  nicht  gering  gewesen  sein.

rJ
        <pb n="537" />
        Kapitel  III.  Der  Marxismus.

515

fahren,  wohin  sie  führt.  Letzten  Zieles  handelt  es  sich  um  die  Darlegung, ­
  wie  es  kommt,  daß  die  besitzende  Klasse  auf  Kosten  der
Lohnklasse  lebt.  Der  Gedanke  selbst  ist  nicht  neu.  Wir  haben  ihn
scTioh  verschiedentlich  formuliert  gesehen,  besonders  bei  Sismondi,
Saint-Simon,  PnouDHON  und  Kodbertus.  Ihre  Kritik  war  aber  mehr
sozial,  als  volkswirtschaftlich:  sie  richtete  sich  hauptsächlich  gegen  die
Herrschaft  des  Eigentums  und  seine  Ungerechtigkeiten.  Kabl  Marx
dagegen  entlehnt  seine  Waffen  mehr  der  volkswirtschaftlichen  Wissenschaft ­
  und  den  Gesetzen  des  Tausches.  Er  versucht  nachzuweisen,
daß  das,  was  man  Ausbeutung  nennt,  keine  andere  als  die  bestehende
Form  haben  kann.  Die  Ausbeutung  ist  das  unvermeidliche  Ergebnis
des  Tausches,  eine  ökonomische  Notwendigkeit,  der  die  Arbeitgeber
ebensowenig  wie  die  Arbeitnehmer  entgehen  können.
Um  das  zu  verstehen,  müssen  wir  etwas  zurückgehen,  und  zwar
zu  dem  Begriff  des  Wertes.  Marx  beginnt  mit  der  Darlegung,  daß
die  Arbeit  nicht  nur  der  Maßstab  oder  die  Ursache  —  sondern  die
Substanz  des  Wertes  ist.  Wie  wir  gesehen  haben,  war  dies  schon
die  Idee  Ricaedo’s,  der  sie  aber  nur  zögernd  aussprach  (s.  o.  S.  169).
Marx  jedoch  behauptet  ihre  Richtigkeit  kategorisch.  Gewiß,  er  bestreitet ­
  nicht,  daß  die  Nützlichkeit  die  notwendige  Bedingung  jeden
Wertes  sei,  und  sogar  die  einzige,  die  in  Betracht  kommt,  wenn  es
sich  um  den  Gebrauchswert  handelt.  Aber  der  Nutzen  kann  den
Tauschwert  nicht  erklären,  da  jedem  Tausch  etwas  gemeinsames  zugrunde ­
  liegt,  etwas  identisches  zwischen  den  ausgetauschten  Waren.
Woher  kommt  aber  diese  Identität?  Sicherlich  kann  sie  nicht
aus  dem  Nutzen  bestehen,  da  im  Gegenteil  der  Nutzen  jeder  Ware
verschieden  ist,  und  gerade  dieser  Unterschied  die  einzige  Ursache
des  Austausches  darstellt.  Dieses  gemeinsame  Quid,  in  dem  auch
die  heterogensten  Waren  homogen  sind,  ist  die  Arbeitsmenge,  die
sie  alle  enthalten,  mehr  oder  weniger.  „Als  Werte  sind
die  Waren  nichts  als  kristallisierte  Arbeit“.  Sie  sind  mehr  oder
weniger  wert,  je  nach  dem  sie  mehr  oder  weniger  von  dieser  sozialen
Arbeit  enthalten,  die  sich  an  der  Durchschnittszahl  der  auf  ihre  Herstellung ­
  verwendeten  Arbeitsstunden  mißt  ’).

')  Marx  weist  darauf  hin,  daß  schon  Aristoteles  sich  über  die  Tatsache  gewundert ­
  habe,  daß  verschiedene  Gegenstände  etwas  gemeinsames  haben,  da  sie  sich
gegen  einander  austauschen,  und  folglich  gerade  durch  diesen  Austausch,  als
gleichwertig  erklärt  w r erden.  Man  sagt,  5  Betten  sind  gleich  einem  Haus.  „Worin
besteht  nun  aber  das,  ich  weiß  nicht  recht  was,  gleichwertige,  d.  h.  die  gemeinsame ­
  Substanz,  die  das  Haus  und  die  Betten  darstellen?  —  Etwas  derartiges“,
sagt  Aristoteles,  „bann  doch  eigentlich  nicht  bestehen.  —  Warum  nicht?  Das
Hans  stellt  gegenüber  den  Betten  etwas  gleiches  dar;  nämlich  die  menschliche  Arbeit“.
„Sieht  man  vom  Gebrauchswert  der  Warenkörper  ab,  bleibt  ihnen  nur  noch
33*
        <pb n="538" />
        516

Viertes  Bach.  Die  Abtrünnigen.

Die  Richtigkeit  dieser  Annahme  vorausgesetzt,  betrachten  wir
einen  Arbeiter,  einen  Lohnempfänger,  der  mit  irgend  einer  Arbeit
beschäftigt  ist  und  täglich  10  Stunden  arbeitet.
Was  wird  der  Tauschwert  des  Produktes  seiner  Arbeit  sein?
10  Stunden,  was  auch  immer  dieses  Produkt  sei,  Schuhe,  Tuch,  Kohle
oder  irgend  etwas  anderes.  Und  da,  auf  Grund  des  Lohnvertrages,
der  Arbeitgeber  —  der  Kapitalist,  wie  Marx  ihn  stets  nennt  —  sich
immer  das  Eigentum  an  dem  Arbeiterzeugnis  Vorbehalten  hat,  so
verkauft  er  dieses  Erzeugnis  zu  seinem  Wert,  nämlich  für  10  Stunden.
Was  gibt  aber  der  Arbeitgeber  dem  Arbeiter?  Seinen  Lohn,
weiter  nichts!  Was  stellt  nun  dieser  Lohn  vor?  Das  Lohnsystem
besteht  darin,  daß  der  Kapitalist  die  Arbeitskraft  des  Arbeiters  kauft,
um  sie  nach  seinem  Belieben  zu  verwenden.  Welchen  Preis  zahlt
er  dafür?  Den  Preis  ihres  richtigen  Wertes.  Dieser  Wert  wird  nun
von  demselben  Gesetz  bestimmt,  das  alle  Tauschwerte  regelt,  und
das  wir  soeben  formuliert  haben.  Die  Arbeitskraft,  die  Arbeit,  ist
eine  Ware  wie  jede  andere  und  ihr  Wert  wird  in  gleicher  Weise
durch  die  zur  Produktion  dieses  spezifischen  Artikels  notwendige
Arbeitszeit  bestimmt ] ).
„Die  zur  Produktion  der  Arbeitskraft  notwendige  Arbeitszeit“
—  klingt  zunächst  etwas  erstaunlich!  Für  die,  die  am  Anfang  des
Studiums  der  MAEx’schen  Lehre  stehen,  ist  dieser  Punkt  der  am
schwersten  verständliche,  und  trotzdem  ist  er  die  Hauptsache,  denn
alles  beruht  auf  ihm,  wie  auf  einem  Grundstein.  Und  doch  ist  das
Rätsel  nicht  so  schwer  zu  lösen.  Nehmen  wir  an,  daß  es  sich,  anstatt
um  die  Arbeit  eines  Arbeiters,  um  die  Arbeit  einer  Maschine  handele;
kein  Ingenieur  würde  es  wunderbar  finden,  daß  man  ihn  fragt,  wieeine ­

  Eigenschaft,  die  von  Arbeitsprodukten  ...  Es  (das  Arbeitsprodukt)  ist  auch
nicht  länger  das  Produkt  der  Tischlerarbeit  oder  der  Bauarbeit  oder  der  Spinnarbeit
oder  sonst  einer  bestimmten  produktiven  Arbeit.  Mit  dem  nützlichen  Charakter  der
Arbeitsprodukte  verschwindet  der  nützliche  Charakter  der  in  ihnen  dargestellten
Arbeiten,  es  verschwinden  also  auch  die  verschiedenen,  konkreten  Formen  dieser
Arbeiten,  sie  unterscheiden  sich  nicht  länger,  sondern  sind  allesamt  reduziert
auf  gleiche  menschliche  Arbeit,  abstrakt  menschliche  Arbeit“  (Kapital,  B.  I.  S.  4,
IV.  Aufl.).
l )  „Was  also  die  kapitalistische  Epoche  charakterisiert,  ist,  daß  die  Arbeitskraft
für  den  Arbeiter  selbst  die  Form  einer  ihm  gehörigen  Ware,  seine  Arbeit  daher  die
Form  der  Lohnarbeit  erhält“  (Kapital,  B.  L,  S.  133.  Anm.  41,  IV.  Aufl.).  „Gleich  allen
anderen  Waren  besitzt  sie  (diese  Ware:  die  Arbeitskraft),  einen  Wert.  Wie  wird
er  bestimmt?  Durch  die  .  .  .  zur  Produktion  notwendige  Arbeitszeit.  Zu  seiner
Erhaltung  bedarf  das  lebendige  Individuum  einer  gewissen  Summe  von  Lebensmitteln. ­
  Die  zur  Produktion  der  Arbeitskraft  notwendige  Arbeitszeit  löst  sich  also
auf  in  die  zur  Produktion  dieser  Lebensmittel  notwendige  Arbeitszeit, ­
  oder  der  Wert  der  Arbeitskraft  ist  der  Wert  der  zur  Erhaltung  ihres  Besitzers
notwendigen  Lebensmittel“  (Ebenda).
        <pb n="539" />
        Kapitel  III.  Der  Marxismus.

517

viel  eine  Pferdekraft  kostet.  Er  wird,  je  nachdem  antworten:  sie
kostet  1  oder  2  kg  Kohle  pro  Stunde,  8  oder  10  kg  pro  Tag,  und  da
der  Wert  dieser  Kohle  selber  nur  eine  gewisse  Menge  Arbeit  eines
Bergmannes  darstellt,  so  ist  nichts  leichter,  als  sie,  wenn  man  will,
in  Arbeit  zu  werten.  Unter  der  Herrschaft  des  Lohnsystems  ist  aber
der  Arbeiter  nichts  anderes  als  eine  Maschine,  und  soweit  der  Wert
in  Betracht  kommt,  unterscheidet  sich  die  Arbeit  des  einen  in  nichts
von  der  Arbeit  der  anderen.  Der  Arbeitstag  oder  die  Arbeitsstunde
eines  Menschen  kostet  diejenige  Menge  von  Subsistenzmitteln,  die
nötig  sind,  um  einen  Arbeiter  während  eines  Tages  oder  einer  Stunde
im  Zustande  der  Produktionsfähigkeit  zu  erhalten.  Jeder  Arbeitgeber,
der  mit  Naturalien  entlohnte  Arbeiter  beschäftigt,  was  bei  landwirtschaftlichen ­
  Arbeiten  noch  vorkommt,  weiß  sehr  wohl  diese  Rechnung
aufzumachen;  genau  dasselbe  tritt  in  dem  Falle  ein,  wo  der  Lohn
in  Geld  gezahlt  wird,  da  das  gezahlte  Geld  nichts  weiter  als  die
Kosten  dieser  Subsistenzmittel  vorstellt.
Gehen  wir  nun  einen  Schritt  weiter.  Der  Wert  der  zum  Unterhalt ­
  irgend  einer  Arbeit  notwendigen  Subsistenzmittel  ist  niemals
dem  W T erte  des  Erzeugnisses  dieser  selben  Arbeit  gleich.  In  dem
Beispiel,  das  wir  gewählt  haben,  wird  er  nicht  10  Stunden,  sondern
nur,  sagen  wir  5  oder  noch  weniger  Stunden  wert  sein.  Stets  ergibt
sich  für  die  menschliche  Arbeit  unter  normalen  Bedingungen  ein
Wertüberschuß  des  produzierten  Wertes  über  den  verbrauchten  Wert
hinaus  l ).

l )  Dieser  Beweis  schließt  daher  ein,  daß  der  vom  Arbeiter  erhaltene  Lohn
notwendigerweise  an  Wert  gleich  dem  Wert  der  zu  seinem  Unterhalt  notwendigen
Lebensmittel  ist.  Das  ist  zuletzt  das  alte  klassische  Gesetz  eines  Türgot  und
Ricardo  (siehe  SS.  179—180),  dasselbe,  das  der  Zeitgenosse  und  Eiyale  Marx’,
Lassallb,  mit  dem  tönenden  Namen  des  ehernen  Lohngesetzes  bezeiohnete.  Marx
gibt  diesem  Gesetz  eine  angeblich  wissenschaftlichere  Grundlage,  weiter  nichts.
Dieser  Beweis  schließt  aber  auch  ein  Postulat  ein,  das  ebenfalls  bewiesen
Werden  müßte,  nämlich  daß  die  zur  Erzeugung  des  Unterhalts  des  Arbeitenden
notwendige  Arbeitsmenge  stets  geringer  ist,  als  die,  die  der  Arbeitende
liefern  kann.  Was  beweist  denn  aber,  daß  der  Mensch,  der  täglich  eine  zehnstündige
Arbeit  leistet,  niemals  10  Stunden  braucht,  um  seine  Unterhaltsmittel  zu  gewinnen? ­
  Liegt  hierin  eine  Naturnotwendigkeit?  —  Marx  liefert  hierfür  keinen
Beweis  und  scheint  dies  als  Axiom  anzunehmen.  Wir  wollen  nicht  erst  widersprechen; ­
  man  kann  tatsächlich  als  empirisches  Gesetz  zugeben,  daß  die  Arbeit  des
Menschen  nicht  in  ihrer  Gesamtheit  von  den  Notwendigkeiten  des  Lebens  aufge-Daucht
  wird;  denn,  wenn  es  so  wäre,  hätte  sich  das  Menschengeschlecht  niemals
vermehren  können,  hätte  es  niemals  Kapitalien  schaffen  können  und  hätte  niemals
die  Zivilisation,  die  Frucht  der  Freizeit,  gekannt.
Ist  es  aber  zuletzt  nicht  der  „Reinertrag“  der  Physiokraten,  den  wir  hier
wiederfinden,  nur  mit  dem  Unterschiede,  daß  er,  anstatt  ein  Privilegium  der  landwirtschaftlichen ­
  Arbeit  zu  sein,  eine  jeder  Arbeit  anhaftende  Eigenschaft  ist?
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        518  Viertes  Buch.  Die  Abtrünnigen.

Hiermit  kommen  wir  nun  zu  dem  Kernpunkt  der  Beweisführung-,
Hierin  „liegt  das  Geheimnis  der  kapitalistischen  Produktion  enthüllt“.
Man  beachte:  der  durch  die  Arbeit  erzeugte  Wert  ist  der,  den  der
Kapitalist  durch  den  Verkauf  der  Erzeugnisse  einstreicht,  und  der
yon  der  Arbeit  verbrauchte  Wert  ist  der,  den  der  Arbeiter  als  Lohn
empfängt.  Daraus  folgt  notwendigerweise,  daß  der  ganze  Unterschied ­
  zwischen  diesen  beiden  Werten  in  den  Händen  des  Kapitalisten
zurückbleibt.  Während  der  Kapitalist  das  Erzeugnis  für  10  Arbeitsstunden ­
  verkauft,  gibt  er  den  Arbeitern  nur  den  Gegenwert  von
5  Arbeitsstunden  und  streicht  den  Überschuß  ein.  Diesem  Überschuß
gibt  Marx  den  berühmt  gewordenen  Namen  Mehrwert 1 ).
Hieraus  folgt,  daß  der  Kapitalist  10  Arbeitsstunden  des  Arbeiters
einsteckt  und  ihm  nur  5  auszahlt 2 ).  Mit  anderen  Worten,  der  Arbeiter ­
  liefert  dem  Kapitalisten  5  Stunden  unbezahlte  Arbeit.
Während  der  5  ersten  Stunden  erzeugt  er  den  Gegenwert  seines
Lohnes,  von  der  sechsten  Stunde  an  aber  arbeitet  er  umsonst.  Diesen
Überschuß  nicht  bezahlter  Arbeitsstunden,  die  den  Mehrwert  erzeugen,
nennt  Marx  die  Mehrarbeit:  er  will  damit  eine  überpflichtige
Arbeit  bezeichnen,  von  der  der  Arbeiter  keinen  Nutzen  irgendwelcher
Art  hat,  eine  für  ihn  nutzlose  Mehrbelastung,  die  nur  dazu  dient,  den
Kapitalisten  zu  bereichern.
Natürlicherweise  liegt  es  im  Interesse  des  Kapitalisten,  soviel
wie  möglich  den  Mehrwert,  der  seinen  Profit  darstellt,  zu  vermehren.
Dies  gelingt  ihm  durch  eine  Heihe  von  Handlungen,  deren  Analyse
einen  der  merkwürdigsten  Teile  der  marxistischen  Lehre  darstellt,  die
man  aber  unter  zwei  Hauptpunkten  zusammenfassen  kann:
a)  die  Dauer  des  Arbeitstages  so  viel  wie  möglich  verlängern,
um  die  Anzahl  der  Mehrarbeitsstunden  zu  vermehren.  Wenn  zum
Beispiel  der  Arbeitgeber  den  Arbeitstag  auf  12  Stunden  bringen
könnte,  so  ist  sein  Mehrwert  7  Stunden  am  Tage  statt  5.  Das
Streben  aller  Fabrikanten  ging  nun  gerade  darauf  hin,  dies  zu  tun,
bis  zu  dem  erst  vor  kurzem  eingetretenen  Zeitpunkte,  an  dem  die
Gesetze  die  Dauer  des  Arbeitstages  (aber  nur  dort,  wo  sie  anwendbar
waren!)  beschränkten  und  so  die  erste  Quelle  des  Mehrwertes  zum
Versiegen  brachten;

0  Siehe  oben  (SS.  208-j—209)  was  hinsichtlich  Sismondi  nnd  seiner  Auffassung  des
Überwertes  gesagt  wird.
a )  Ist  es  nötig,  darauf  hinzuweisen,  daß  diese  Proportion  der  Hälfte  für  den
Wert  der  Arbeitskraft,  was  10Ü°/ o  für  den  Mehrwert  verstellt,  hier  nur  wegen  der
Klarheit  der  Ausführung  angewendet  wird?  Und  doch  behaupten  einige  Marxisten,
wie  Jules  Guesdb,  daß  sie  mit  der  Wirklichkeit  übereinstimmt.  Wahrscheinlich
würde  Maex  in  seiner  Schätzung  zurückhaltender  gewesen  sein,  denn  er  führt  als
Stütze  seiner  These  die  Petitionen  der  englischen  Manufakturisten  an,  die  erklärten,
daß  nur  die  letzte  Stunde  der  Tagesarbeit  ihren  Gewinn  ausmaohe.
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        Kapitel  III.  Der  Marxismus.

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b)  die  auf  die  Erzeugung  des  Lebensunterhaltes  des  Arbeiters
verwendete  Anzahl  Stunden  zu  verringern.  Wenn  der  Arbeitgeber
sie  von  5  Stunden  auf  3  Stunden  beschränken  kann,  so  ist  es  klar,
daß  er  durch  dieses  Verfahren,  obgleich  es  das  Gegenteil  des  vorhergehenden ­
  ist,  ebenfalls  seinen  Mehrwert  von  5  auf  7  Stunden  erhöht.
Diese  Verringerung  tritt  nun  selbsttätig  ein,  und  zwar  auf  Grund
all  der  industriellen  Vervollkommnungen  oder  irgendwelcher  Organisationen, ­
  die  darauf  abzielen,  die  Kosten  des  Lebensunterhaltes  zu
verbilligen,  wie  zum  Beispiel  durch  Schaffung  kooperativer  Konsumvereine ­
 1 ).'  Der  Kapitalist  kann  aber  hierzu  auch  seinerseits  beitragen,
besonders  durch  die  Errichtung  von  sogenannten  philanthropischen
Wirtschaftseinrichtungen,  oder  durch  die  Beschäftigung  von  Frauen’
und  Kindern,  die  zu  ihrem  Unterhalt  eine  geringere  Menge
Lebensmittel  bedürfen,  als  erwachsene  Arbeiter.  Wiederum  haben
sich  nun  die  Fabrikanten  beeilt,  dies  zu  tun,  —  indem  sie  die  Beschäftigung ­
  von  Frauen  und  Kindern  so  verallgemeinerten,  daß  dem
Manne  bald  keine  andere  Arbeit  übrig  blieb,  als  das  Haus  zu  'bewahren ­
  und  über  die  Mittagssuppe  zu  wachen!  —  bis  zu  dem  Tage,
an  dem  auch  hier  wieder  die  Gesetze  einschritten,  und  durch  das
Verbot  oder  die  Regelung  der  Frauen-  und  Kinderarbeit  dieser  Taktik
ebenfalls  ein  Ziel  setzten 2 ).
Dies  ist  in  kürzestem  Abriß  die  Beweisführung  von  Marx.  Die
wirklich  selbständige  Ursprünglichkeit  dieses  Nachweises  liegt  darin,
daß  sie  nicht  aus  banalen  Vorwürfen  und  Anklagen  gegen  die  Ausbeutung ­
  der  Arbeiter  und  die  Habsucht  der  Ausbeutenden  besteht,
sondern  daß  sie  klar  erklärt,  wie  der  Arbeiter  bestohlen  wird,  trotz-&amp;gt;)

  Auch  die  Entwicklung  des  Maschinismus  strebt  nach  der  Theorie  des
Marxismus  darauf  hin,  die  Kosten  des  Lebensunterhaltes  zu  verringern  und  infolgedessen ­
  auch  den.  Preis  der  Arbeit,  indem  der  Preis  der  Kleidung,  der  Möbel  usw.,
und  sogar  (wenn  auch  in  geringerem  Maßstab)  der  der  Nahrungsmittel  fällt.
Aber,  wird  man  eiuwerfen,  der  Maschinismus  muß  doch  infolge  derselben  Gründe
den  Wert  der  Arbeitserzeugnisse  zum  Sinken  bringen  und  daher  auch  den  Mehrwert ­
  vermindern?  —  Durchaus  nicht!  Man  darf  nicht  die  Wertverminderung  jeder
durch  die  Maschine  hergestellten  Einheit  mit  dem  gesamten  Wert  der  durch
die  Maschine  hergestellten  Erzeugnisse  verwechseln.  Der  Meter  Tuch,  der  auf  der
Webmaschine  hergestellt  ist,  ist  viel  weniger  wert,  als  der  Meter  Tuch,  der  mit  der
Hand  hergestellt  ist,  aber  der  tägliche  Wert  der  auf  der  Maschine  hergestellten
Menge  Tuch  muß  dem  Wert  des  mit  der  Hand  hergestellten  Tuches  gleich  bleiben,
unter  der  Annahme,  daß  dieselbe  Anzahl  Stunden  auf  seine  Herstellung  verwendet
worden  ist.
2 )  Es  gibt  noch  andere  Mittel,  die  Marx  anführt,  die  zur  Mehrarbeit  antreiben ­
  und  folglich  den  Mehrwert  erhöhen:  wir  erwähnen  nur  die  Intensivierung
üer  Arbeit  —  nicht,  daß  sie  den  Wert  des  Produktes  erhöhe,  da  derselbe  einzig
au f  der  Arbeitszeit  beruht  und  nicht  auf  ihrer  Intensität,  sondern  weil  sie  die
Produktionskosten  der  Unterhaltsmittel  verringert.
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        520

Viertes  Buch.  Die  Abtrünnigen.

dem  er  das,  was  ihm  zukommt,  erhält 1 ).  Der  Kapitalist  bestiehlt ­
  den  Arbeiter  nicht:  er  hat  die  Arbeitskraft  zu  ihrem  vollen
Werte  bezahlt,  worunter  ihr  wirklicher  Tauschwert  zu  verstehen  ist.
„Das  Kunststück  ist  endlich  gelungen  .  .  .  alle  Bedingungen  des
Problems  sind  gelöst  und  die  Gesetze  des  Warenaustausches  in  keiner
Weise  verletzt.  Äquivalent  wurde  gegen  Äquivalent  ausgetauscht.“  Da
die  kapitalistische  Ordnung  ein  gegebener  Zustand  ist,  wie  auch  der  freie
Arbeitsmarkt  und  das  Wertgesetz,  so  können  sich  die  Dinge  unmöglich
anders  vollziehen.  Vielleicht  ist  der  Arbeiter  von  dem  unerwarteten
Ergebnis  dieser  Operation  überrascht,  die  ihm  nur  die  Hälfte  des  Wertes
seines  Arbeitsertrages  läßt,  und  davon  ebenso  erstaunt,  wie  irgend  ein
Gaffer  von  den  Künsten  eines  Taschenspielers,  aber  er  kann  nichts  dagegen ­
  einwenden.  Alles  verläuft  ordnungsmäßig.  Sicherlich  weiß  der
Kapitalist  in  seiner  Schlauheit  sehr  gut,  daß  er,  indem  er  die  Arbeitskraft ­
  kauft,  ein  gutes  Geschäft  macht,  weil  sie  die  einzige  Ware,  das
einzige  Instrument  ist,  das  die  mysteriöse  Kraft  besitzt,  eine  Wertquelle
zu  sein  und  mehr  Wert  zu  erzeugen,  als  sie  in  sich  selbst  besitzt  -).  Der
Kapitalist  hat,  wie  Marx  sagt,  „den  Casus,  der  ihm  lachen  macht,  vorgesehen“ ­
  (Kapital,  IV.  Ausg.  S.  157;  Anm.  d.  Übers.).  Jedoch  „liegt
hierin  ein  besonders  günstiger  Zufall  für  den  Käufer,  der  in  nichts  die
Rechte  des  Verkäufers  verletzt“,  und  der  infolgedessen  dem  Arbeiter
keine  Möglichkeit  einer  Klage  auf  Schadenersatz  gibt,  und  zwar  nicht
nur  vom  rechtlichen,  sondern  auch  vom  wirtschaftlichen  Gesichtspunkt
aus,  —  ebenso  wenig  wie  einem  Bauer,  der  eine  Kuh  verkauft,  die,
ohne  daß  er  es  weiß,  trächtig  ist!
J )  „Unser  .  .  .  Kapitalist  muß  die  Waren  zu  ihrem  Wert  kaufen,  zu  ihrem
Wert  verkaufen,  und  dennoch  am  Ende  des  Prozesses  mehr  Wert  herausziehen,  als
er  hineinwarf  .  .  .  Dies  sind  die  Bedingungen  des  Problems.  Hic  Ehodus!  hic
salta!“  (Kapital,  S.  129  I.  Aufl.)
Vgl.  oben  (S.  244),  was  hinsichtlich  des  Saint-Simonismus  gesagt  worden  ist
und  über  die  verschiedenen  Phasen,  durch  die  diese  Idee  der  Ausbeutung  des
Lohnempfängers  gegangen  ist.
Obgleich  nach  der  marxistischen  Theorie  der  Kapitalist  den  Arbeiter  nicht  bestiehlt, ­
  obgleich  er  sich  nichts  vorzuwerfen  hat,  da  er  nur  von  einer  Gesamtheit
von  Umständen  profitiert,  die  er  selbst  nicht  ändern  kann,  so  hindert  das  doch  Marx
nicht,  ihn  mit  der  äußersten  Strenge  zu  behandeln  (was  von  seinem  Standpunkt  aus
recht  ungerechtfertigt  erscheint).  Nennt  er  das  Kapital  doch  „verstorbene  Arbeit,
die  sich  nur  vampirartig  durch  Einsaugung  lebendiger  Arbeit  belebt,  und  um  so  mehr  lebt,
je  mehr  sie  davon  einsaugt.“  (Kapital,  Bd.  I,  S.  194  IV.  Aull.)  Zwar  könnte  Marx
erwidern,  daß  auch  der  Vampir  sieh  nichts  vorzuwerfen  hat,  ebenso  wenig  wie  der
Kapitalist,  da  auch  er  nur  einer  seiner  Natur  innewohnenden  Notwendigkeit  gehorcht.
2 )  „Es  ist  also  eine  Naturgabe  der  sich  betätigenden  Arbeitskraft,  der  lebendigen
Arbeit,  Wert  zu  erhalten,  indem  sie  Wert  zusetzt  ...  die  Erhaltung  des  vorhandenen
Kapitalwerts“  (S.  173  I.  Aufl.)  „Der  Kapitalist  hat  durch  den  Kauf  der  Arbeitskraft
die  Arbeit  selbst  als  lebendigen  Gährungsstoff  den  toten  von  ihm  gleichfalls  besessenen ­
  Bildungselementen  des  Produktes  einverleibt“  (S.  150  I.  Aufl).
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        Bis  jetzt  haben  wir  nur  von  der  Arbeit  gesprochen,  aber  die
Hauptperson,  der  Held  des  Buches  Karl  Marx’,  ist  das  Kapital,
wie  ja  auch  der  Titel  besagt.  Unsere  Darlegung  der  marxistischen
Lehre  über  die  Produktion  würde  daher  sehr  unvollkommen  sein,
wenn  wir  nicht  auch  ausführten,  wie  Marx  die  Eolle  des  Kapitals
in  der  Produktion  versteht.
An  und  für  sich  ist  das  Kapital  selbstverständlich  und  ohne  jede
Frage  steril,  da  ja  die  Voraussetzung  lautet,  daß  die  Arbeit  allein
den  Wert  schallt.  Die  Arbeit  kann  aber  ihre  produktiven  Fähigkeiten ­
  nicht  ausüben,  ohne  eine  gewisse  Menge  Kapital  zu  verbrauchen,
und  es  kommt  darauf  an,  zu  erfahren,  wie  das  Kapital  sich  mit  der
Arbeit  verbindet.
Marx  unterscheidet  im  Kapital  zwei  Teile:
1.  Denjenigen,  der  dazu  dient,  die  Arbeiterbevölkerung  in  Ge-  ■
stalt  von  Löhnen  oder  Existenzmitteln  zu  erhalten.  Die  alten  Öko-  .
nomisten  nannten  dies  den  Lohnfonds,  und  er  selbst  nennt  es  das
variable  Kapital.  Wenn  dieses  variable  Kapital  auch  nicht
selbst  produziert,  so  erzeugt  es  doch,  indem  es  von  der  Arbeit  verbraucht ­
  wird,  den  Wert  und  den  Mehrwert.  —
2.  Denjenigen,  der  einfach  dazu  dient,  die  Arbeit  in  Gestalt  von
Werkzeugen,  Maschinen,  Gebäuden  und  so  weiter  zu  unterstützen,  und
den  Marx  das  konstante  Kapital  nennt.  Da  es  nicht  wie  das
andere  von  der  menschlichen  Arbeit  absorbiert  und  belebt  wird,
kann  es  keinen  Mehrwert  hecken.  Es  produziert  nichts,  aber  es  reproduziert ­
  doch  etwas,  nämlich  seinen  eigenen  Wert,  in  dem  Maße  wie
dieser  im  Laufe  des  Produktionsprozesses  verbraucht  wird.  Tatsächlich  1
ist  dieses  konstante  Kapital  offenbar  selbst  nur  das  Produkt  einer  Arbeit;
es  ist  geronnene  Arbeit,  und  sein  Wert  wird,  wie  der  eines  jeden  anderen
Erzeugnisses,  von  der  Zahl  von  Arbeitsstunden  bestimmt,  die  es  gekostet ­
  hat.  Dieser  Wert  muß  sich  daher  wieder  finden,  —  gerade  wie
der  der  Rohstoffe,  gerade  wie  der  der  Arbeitskraft  selbst,  —  und
zwar  im  Wert  des  endgültigen  Produktes:  mehr  aber  nicht.  Es  ist
das,  was  die  Volks  Wirtschaft!  er  Amortisation  nennen.  Jedermann  weiß
aber,  daß  Amortisation  nicht  Profit  ist x ).
*)  Ein  Töpfer  z.  B.  macht  einen  Topf  an  jedem  Arbeitstag  von  10  Stunden,
indem  er  nur  seine  Hände  zu  seiner  Arbeit  benutzt:  jeder  Topf  ist  daher  10  Stunden
wert.  Nun  bedient  sich  aber  der  Töpfer  eines  Instrumentes,  eines  Drehtisches,  das
ein  konstantes  Kapital  vorstellt.  Um  den  Drehtisch  herzustellen,  hat  er  100  Arbeitsstunden ­
  aufwenden  müssen.  Wenn  er  fortfährt,  nur  einen  Topf  täglich  zu  machen  (eine
vollständig  widersinnige  Annahme,  da  er  in  diesem  Pall  sich  nicht  die  Mühe  genommen
haben  würde,  den  Drehtisch  anzufertigen!  doch  wollen  wir  diesen  Einwurf  unbeachtet
lassen),  so  würde  der  Wert  eines  jeden  Topfes  von  jetzt  ab  10  Arbeitsstunden  plus
100  Arbeitsstunden  ge  teilt  durch  x  sein;  hierbei  stellt  x  die  Zahl  der  Töpfe
vor,  die  der  Drehtisch  bis  zu  seinem  endgültigen  Verbrauch  herzustellen  gestattet.

A  1
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Viertes  Buch.  Die  Abtrünnigen.

Von  diesem  Standpunkt  aus  erscheint  es  nun  selbstverständlich,
daß  es  dem  Kapitalisten  hauptsächlich  darauf  ankommen  müßte,  nur
variables  Kapital  zu  verwenden  oder  wenigstens,  wenn  er  die  Hilfe
des  konstanten  Kapitals  nicht  entbehren  kann,  dieses  auf  das  unentbehrlichste ­
  Minimum  zu  beschränken*)!  —  Hier  stoßen  wir  nun
auf  eine  Anomalie,  die  die  marxistischen  Exegeten  zur  Verzweiflung
gebracht  hat,  und  die  sogar  Marx  selbst  recht  verwirrte,  wenn  man
nach  der  gewundenen  Erklärung  urteilen  darf,  durch  die  er  sie  zu
beseitigen  versucht 2 ).
Wenn  das  konstante  Kapital  wirklich  von  Natur  steril  ist,  woher
kommt  es  dann,  daß  die  Großindustrie  es  in  immer  größerem  Maßstabe ­
  verwendet,  in  Fabrikanlagen,  Maschinen,  Hochöfen,  Eisenbahnen ­
  usw.,  und  daß  man  sie  gerade  an  diesem  charakterischen
Zuge  erkennt?  Nach  der  eben  aufgestellten  Rechnung  müßte  sie
doch  viel  weniger  Profit  realisieren  als  die  kleine  Handindustrie  oder
die  Landwirtschaft!  Aus  den  MAEx’schen  Vordersätzen  ergibt  sich
als  logischer  Schluß,  daß  der  Gewinnsatz  von  Unternehmung  zu
Unternehmung  verschieden  sein  muß  je  nach  der  „Zusammensetzung“
des  Kapitals  aus  variablen  und  konstanten  Bestandteilen:  aber  dieser
*)  Nehmen  wir  zwei  Unternehmungen  A  und  B,  die  jede  ein  Kapital  von  1000
im  Betrieb  stecken  haben.  In  dem  Unternehmen  A  besteht  dieses  Kapital  zu  900
aus  variablen  Kapital  und  zu  100  aus  konstanten  Kapital,  während  im  Unternehmen  ß
umgekehrt  100  auf  das  variable  und  900  auf  das  konstante  Kapital  entfällt.
Wenn  wir  annehmen,  daß  die  Höhe  des  Mehrwerts,  wie  in  unserem  Beispiel,
das  soeben  angeführt  wurde,  100%  sei,  dann  muß  man  sagen,  daß  in  dem  Unternehmen ­
  A  der  Mehrwert  900  beträgt  (oder  für  ein  Kapital  von  1000  ein  Satz  von
90°/ 0 ),  während  in  dem  Unternehmen  B  der  Mehrwert  nur  100  ausmacht  (oder  für  das
gleiche  Kapital  von  1000  nur  ein  Satz  von  10%).
2 )  Diese  Erklärung  findet  sich  besonders  in  den  nach  seinem  Tode  veröffentlichten
Bänden  des  Kapital.
Allerdings  hatte  Marx  diesen  Widerspruch  in  seinem  ersten  Bande  bemerkt
und  für  die  Erklärung  auf  die  folgenden  Bände  verwiesen.  Er  schreibt  (Kapital,
S.  285—286,  I.  Aull.),  nachdem  er  behauptet  hat,  daß  die  Mengen  der  Mehrwerte  in
direktem  Verhältnis  zu  der  Proportion  an  variablen  Kapitalien,  die  in  den  Betrieben
stecken,  stehen:  „Dies  Ges  et  zwider  spricht  offenbar  jeder  auf  den  Augenschein ­
  gegründeten  Erfahrung.  Jedermann  weiß,  daß  ein  Baumwollspinner,
der  die  Prozentteile  des  angewandten  Gesamtkapitals  berechnet,  relativ  viel  konstantes ­
  und  wenig  variables  Kapital  anwendet,  deswegen  keinen  kleineren  Gewinn
oder  Mehrwert  erbeutet  als  ein  Bäcker,  der  relativ  viel  variables  und  wenig  konstantes ­
  Kapital  in  Bewegung  setzt.  Zur  Lösung  dieses  scheinbaren  Widerspruchs
bedarf  es  noch  vieler  Mittelglieder,  wie  es  vom  Standpunkt  der  elementaren  Algebra
vieler  Mittelglieder  bedarf,  um  zu  verstehen,  daß  §  eine  wirkliche  Größe  darstellen ­
  kann.  Obgleich  sie  das  Gesetz  nie  formuliert  hat,  hängt  die  klassische
Ökonomie  instinktiv  daran  fest,  weil  es  eine  notwendige  Konsequenz  des  Wertgesetzes ­
  überhaupt  ist“.
Wahrscheinlich  ist  Mabx  nicht  sehr  mit  seiner  Erklärung  zufrieden  gewesen,
da  er  die  Bände,  in  denen  er  sie  za  formulieren  sucht,  nicht  selbst  herausgegeben  hat.
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        Kapitel  III.  Der  Marxismus.

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Schluß  widerstreitet  dem  axiomatisch  wahren  und  unbestrittenen
Satze,  daß  der  Gewinnsatz  aller  Kapitale  überall  der  gleiche  ist,  die
unter  völlig  freier  Konkurrenz  und  unter  gleichem  Risiko  funktionieren.
Maex  antwortet,  daß  in  der  Tat  die  Höhe  des  Profits  für
alle  Kapitalien  eines  Landes  gleich  ist,  daß  aber  diese  Höhe  sich
bildet  als  Durchschnitt  aller  Unternehmungen,  —  mit  anderen  Worten,
daß  die  Höhe  des  Profits  die  sei,  die  eintreten  würde,  wenn  alle
Unternehmungen  eines  Landes,  unter  Beibehaltung  der  Verhältnisse
zwischen  ihren  variablen  und  konstanten  Kapitalien,  nur  eine  einzige
bilden:  eine  Art  nationalen  Trust.  Hierbei  handelt  es  sich  nicht  um
einen  einfachen,  statistischen  Durchschnitt,  sondern  um  einen  Durchschnitt, ­
  der  durch  die  Konkurrenz  allen  Unternehmungen  aufgezwungen ­
  wird 1 ).  Hieraus  ergibt  sich  nun  eine  unerwartete  Folge!
Die  Unternehmungen  nämlich,  in  denen  das  variable  Kapital  vorherrscht, ­
  wie  z.  B.  in  der  Landwirtschaft,  müssen,  da  die  Höhe  ihres
Profits  auf  den  Durchschnitt  zurückgeführt  wird,  viel  weniger  erhalten ­
  als  den  Mehrwert,  auf  den  die  Zusammensetzung  ihrer  Kapitalien ­
  ihnen  zu  rechnen  gestatten  sollte.  —  Daher  nennt  sie  auch
Maex  „Unternehmungen  niederer  organischer  Zusammensetzung“.  —
Im  Gegenteil  dazu  erhalten  die  Unternehmungen,  bei  denen  das  konstante ­
  Kapital  vorherrscht,  mehr  als  das,  was  die  Zusammensetzung
ihres  Kapitals  ihnen  zu  erhoffen  gestatten  sollte!  —Daher  nennt  sie
Maex  auch  Unternehmungen  „höherer  organischer  Zusammensetzung“  *),
Dies  erklärt,  weshalb  die  Unternehmungen  mit  großer  Ausstattung  sich
so  stark  vermehren,  im  Gegensatz  zu  dem,  was  der  erste  Blick  vermuten ­
  lassen  könnte.  Denn  gerade  sie  werden  begünstigt,  weil
sie  höhere  Profite  erzielen,  als  die  von  ihnen  beschäftigte  Mehrarbeit
und  der  normalerweise  darauf  beruhende  Mehrwert  sonst  ergeben 3 ).

')  Nehmen  wir,  wie  in  dem  vorhergehenden  Beispiel  an,  daß  A  und  B  alle
Industrien  ihres  Landes  verstellen:  die  Nationalindustrie  würde  dann  aus  900  plus
100  variablem  und  aus  100  plus  900  konstantem  Kapital  zusammengesetzt  sein,  also
im  ganzen  aus  2000  bestehen.  Wenn  wir  nun  annehmen,  daß  der  Mehrwert  100%
(für  das  variable  Kapital)  sei,  so  wird  der  Gesamtmehrwert  900  plus  100,  oder
1000  erreichen,  was  für  ein  Gesamtkapital  von  2000  einen  Gewinnsatz  von  60%
ausmacht.
2 )  So  würde  in  dem  auf  der  vorhergehenden  Seite,  Anm.  1  angeführten  Beispiel,
da  das  Mittel  zwischen  900  und  100  =  500  ist,  das  Unternehmen  A,  anstatt  90%
Mehrwert,  nur  50%  erhalten,  und  das  Unternehmen  B,  anstatt  nur  10%  aufzuweisen, ­
  würde  50%  einstreichen.
3 )  Wenn  wir  in  dieser  Darlegung  häufig  das  Wort  Profit  an  Stelle  Mehrwert ­
  gebraucht  haben,  so  geschieht  das,  um  durch  den  Gebrauch  eines  bekannteren
Wortes  an  Klarheit  zu  gewinnen.  Wir  müssen  aber  darauf  besonders  aufmerksam
machen,  daß  die  beiden  Worte  keineswegs  vollständig  synonym  sind.  Der  Mehrwert
ist  alles  das,  was  im  Wert  des  Produktes  die  Unterhaltskosten  der  Arbeit  übersteigt,
ist  also  das  riesige  Stück  des  Kuchens,  in  das  sich  alle  Gesellschaftsklassen,  außer
        <pb n="546" />
        524

Viertes  Buch.  Die  Abtrünnigen.

Bei  aller  Hochachtung  vor  dieser  geistsprühenden  Dialektik
dürfen  wir  uns  nicht  soweit  davon  blenden  lassen,  daß  wir  die
brutale  Tatsache  nicht  mehr  sehen,  die  sie  zu  verhüllen  bezweckt,
und  dennoch  implizite  zugeben  muß,  nämlich,  daß  die  Höhe  des
Profits  (also  auch  der  Wert  des  Produktes,  was  wohl  zu  beachten
ist,  da  das  eine  das  andere  bedingt!)  durch  die  Konkurrenz  geregelt
wird,  d.  h.  durch  das  Gesetz  des  Angebotes  und  der  Nachfrage,
ohne  jede  notwendige  Verbindung  mit  der  Menge  der  aufgewandten
Arbeit!  Hieraus  erkennt  man,  daß  der  Unternehmer,  anstatt  seine
Gewinne  im  gleichen  Maßstabe,  wie  er  weniger  menschliche  Arbeit
verwendet,  geringer  werden  zu  sehen,  dadurch  im  Gegenteil  einen
immer  größeren  Vorteil  hat!  Dieser  Widerspruch  ist  gerade  einer
der  Hisse,  die,  wie  wir  sehen  werden,  den  Zusammenbruch  des  majestätischen ­
  marxischen  Gebäudes  nach  sich  ziehen  sollten.
§  2.  Das  Gesetz  der  Konzentration  oder  Expropriation.
Auf  Grund  der  entsprechend  ausgelegten  Wirtschaftsgeschichte
sucht  das  sogenannte  Konzentrationsgesetz  nachzuweisen 1 ),  daß  die
der  Arbeiterklasse,  teilen,  d.  h.  nicht  nur  die  Industriellen,  sondern  auch  die  Kaufleute, ­
  Rentiers  usw.,  —  während  der  Profit  nur  jener  Teil  des  Mehrwertes  ist,  der
in  den  Händen  der  Unternehmer  bleibt,  die  unmittelbar  Lohnempfänger  beschäftigen.
Die  Höhe  des  Profits  ist  übrigens  ganz  verschieden  von  der  des  Mehrwertes,  wie  wir
oben  besonders  erwähnt  haben.
Wir  weisen  daher  nochmals  darauf  hin  (siehe  S.  425,  Anm.  1,  al.  3),  dafi  im  Wort
Profit  verschiedene  Bedeutungen  unterschieden  werden  müssen.  Im  Sprachgebrauch
von  Marx,  wie  in  dem  aller  englischen  Volks  Wirtschaftler,  umfallt  das  Wort  Profit
das  ganze  Einkommen  ans  Kapital,  so  wie  es  unter  der  Herrschaft  der  freien  Konkurrenz ­
  auftritt,  ohne  Unterscheidung  zwischen  dem  eigentlichen  Profitgewinn  und
den  Zinsen,  während  man  heute  unter  Profit  das  Einkommen  des  Unternehmers,
das  auf  gewissen  günstigen  Umständen,  besonders  auf  dem  unvollkommenen  Spiel
der  Konkurrenz  beruht,  als  verschieden  von  dem  des  Kapitalisten  versteht.
Bei  dieser  letzteren  Auffassung  nun  würde  es  unsinnig  sein,  von  einem  Gesetz
der  Gleichheit  der  Profite  zu  sprechen,  da  der  Profit,  so  wie  wir  ihn  eben  definiert
haben,  notwendigerweise,  wie  die  Bodenrente,  ein  differentielles  Einkommen  darstellt.
')  Wir  verkennen  nicht,  dafi  diese  Art  und  Weise,  die  Behandlung  des  Themas
zu  beginnen,  vom  marxistischen  Standpunkt  aus  widersinnig  erscheinen  mufi,  weil
Marx  anscheinend  eine  vorhergefaßte  Idee  untergeschoben  wird,  eine  tendenziöse
Neigung,  die  im  umgekehrten  Sinne  dieselbe  ist,  wie  die  der  Volkswirtsohaftler
nach  der  Art  Bastiat’s  —  und  eben  dadurch  vollständig  unwissenschaftlich  und  eines
so  großen  Geistes,  wie  Marx,  unvrürdig.
Ein  so  großer  Geist  man  aber  auch  sein  möge,  wir  sind  doch  der  Meinung,
daß  in  allen  Wissenschaften  man  nur  das  finden  wird,  was  man  sucht  und  es  dürfte
schwer  sein,  leugnen  zu  wollen,  daß  Marx  nicht  nur  lange  bevor  er  das  Kapital
geschrieben  hat,  Sozialist  war,  sondern  auch  bevor  er  sein  System  aufgebaut  hat.
Hiermit  glauben  wir  mit  nichten,  ihn  irgend  wie  zu  verkleinern.
Übrigens  fangen  wir  nur  deshalb  mit  der  Darlegung  der  Schlußfolgerung  an,  um
        <pb n="547" />
        Kapitel  III.  Der  Marxismus.

525

Herrschaft  unter  der  wir  leben,  die  des  Privatunternehmens  und  der
privaten  Aneignung,  im  Begriif  steht,  einer  neuen  Ordnung  der  Dinge
Platz  zu  machen,  die  das  System  der  kollektiven  Unternehmung  und
des  gesellschaftlichen  Eigentums  sein  wird,  das  man  aus  diesem
Grunde  mit  dem  Namen  Kollektivismus  bezeichnet *  1 ).  Der  Beweis
wird  wie  folgt  geliefert.
Auch  diesmal  muß  man  etwas  weit  zurückgehen:  bis  ins  16.  Jahrhundert. ­
  Dort  liegen  die  Anfänge  der  heutigen,  sogenannten  kapitalistischen ­
  Wirtschaftsperiode.  Bis  dahin  gab  es  kein  Kapital  und
sogar  keine  Kapitalisten.  Zwar  existierte  natürlich  das  Kapital  in  dem
Sinne,  den  die  Ökonomisten  diesem  Worte  geben,  d.  h.  unter  der  Form
von  Produktionsmitteln.  Das  Wort  Kapital  hat  aber  für  die
Sozialisten  eine  andere  Bedeutung,  die  wie  man  zugeben  muß,  dem
Sprachgebrauch  näher  steht:  Kapital  ist  das,  was  eine  Rente
erzeugt,  und  das  Wort  Rente  bedeutet  ein  nicht  durch  die  Arbeit
des  Kapitalisten,  sondern  durch  die  Arbeit  anderer  erzeugtes  Einkommen. ­
  Nun  waren  aber  unter  der  Zunftordnung  die  meisten
Arbeiter  Eigentümer  ihrer  Produktionsmittel.
Dann  aber  trat  eine  Reihe  von  Ursachen  auf,  die  wir  hier  nicht
untersuchen  können,  deren  äußerst  dramatische  Darlegung  man  aber
in  den  Büchern  Maex’  nachlesen  mag,  —  die  Eröffnung  neuer  Verbindungswege, ­
  und  infolgedessen  neuer  Märkte,  dank  den  großen  überseeischen ­
  Entdeckungen  und  der  Errichtung  der  großen  modernenStaaten,
die  Schaffung  derGroßbanken  und  der  großenKolonisationsgesellschaften,
die  Entstehung  der  Staatsschulden  usw.,  —  die  alle  nach  und  nach  die
dem  Leser  das  Verständnis  des  Beweises  zu  erleichtern,  doch  steht  es  jedem  frei,
wenn  er  damit  respektvoller  gegen  Maex  zu  sein  glaubt,  anzunehmen,  daß  Marx
keine  Ahnung  des  Ergebnisses  hatte,  zu  dem  ihn  seine  „objektive  Analyse“  der
Tatsachen  führen  sollte,  als  er  mit  dieser  Arbeit  begann.
l )  Es  ist  aber  zu  bemerken,  daß  der  allgemeine  Gebrauch  des  Wortes  „Kollektivismus“ ­
  nichts  mit  Marx  zu  tun  hat,  denn  das  kommunistische  Manifest  gebraucht ­
  nur  das  Wort  „Kommunismus“,  das  es  auf  jeder  Seite  wiederholt.
Wenn  man  James  Q-üillaumb  (Vorrede  zum  Bd.  II  der  (Euvres  de  Bali ­
  o  uni  ne,  S.  XXXVI)  Glauben  schenken  soll,  wäre  der  Ursprung  des  Wortes  „Kollektivismus“ ­
  der  folgende:  „Auf  dem  4.  allgemeinen  Kongreß  der  Internationale  zu  Basel
(1869)  sprachen  sich  die  Delegierten  der  Internationale  fast  einstimmig  für  das  Wort
„Kollektiveigentum“  (Propriete  collective)  aus;  man  konnte  aber  wahrnehmen,  daß
unter  ihnen  zwei  verschiedene  Strömungen  herrschten;  die  einen,  Engländer,  Deutsche,
Deutsch-Schweizer,  waren  Staatskommunisten,  die  anderen,  Belgier,  Spanier,  französische ­
  Schweizer  und  fast  alle  Franzosen,  waren  anti-autoritäre  Kommunisten,
Foederalisten  oder  Anarchisten,  die  den  Namen  Kollektivisten  annahmen.
Bakunin  gehörte  zu  dieser  zweiten  Partei,  unter  der  sich  auch  der  Belgier  de  Paepb
und  der  Franzose  Varlin  befanden.“  —  Es  ist  auch  bemerkenswert,  daß  Bakunin
sich  selbst  als  Kollektivisten  bezeichnet  (was  Marx  niemals  getan  hat),  aber  nicht
uls  Kommunisten:  erst  seit  Kropotkin  ist  der  Anarchismus  wieder  kommunistisch
geworden.
        <pb n="548" />
        Viertes  Buch.  Die  Abtrünnigen.

Ansammlung  des  Kapitals  in  den  Händen  Einiger  herbeiführten,  und
die  Expropriation  der  kleinen  Handwerkerbesitzer  verursachten.
Dies  war  aber  nur  der  Anfang.  Damit  das  Kapital,  im  eigentlichen ­
  Sinne  dieses  Wortes,  d.  h.  als  Mittel,  sich  durch  die  Arbeit

anderer  ein  Einkommen  zu  verschaffen,  entstehen  und  sich  entwickeln

konnte,  damit  die  Mehrarbeit  und  der  Mehrwert,  den  wir  soeben
analysiert  haben,  zur  Schaffung  und  zum  Unterhalt  dieses  Kapitals
dienen  könnten,  war  es  notwendig,  daß  der  Kapitalist  auf  dem  Markte
jene  Ware  kaufen  konnte,  die  die  wunderbare  Eigenschaft  besitzt,
den  Mehrwert  zu  hecken.  Damit  aber  die  Arbeitskraft  gekauft  werden
konnte,  mußte  sie  verfügbar,  von  ihren  Produktionsinstrumenten  und
ihrem  Milieu  losgelöst,  sowie  aller  Bande  des  Kleinbesitzes,  der  Hörigkeit ­
  und  der  Zunftordnung  entledigt  sein.  Die  Arbeit  mußte  frei
//  werden:  frei,  sich  zu  verkaufen  oder  richtiger  gesagt,  „gezwungen,
sich  freiwillig  zu  verkaufen,  weil  dem  Arbeiter  nichts  anderes  zu
verkaufen  blieb“.  Lange  Zeit  hindurch  hatte  der  Handwerker  dem
Publikum  seine  Produkte  ohne  Zwischenhändler  verkauft;  es  kam
aber  ein  Tag,  an  dem  er  seine  Erzeugnisse  nicht  mehr  absetzen
konnte  und  gezwungen  war,  sich  selbst  zu  verkaufen 1 ).
Zur  Schaffung  des  neuen  Eigentums,  das  sich  auf  die  Arbeit
anderer  gründen  sollte,  war  es  notwendig,  mit  der  Vernichtung  des
primitiven  Eigentums,  das  sich  auf  die  persönliche  Arbeit  gründete,
zu  beginnen  und  es  durch  das  moderne  Proletariat  zu  ersetzen.  An
dieser  Aufgabe  arbeitete  die  Bourgeoisie  drei  Jahrhunderte  hindurch,
und  die  Proklamation  der  Arbeitsfreiheit  und  der  Menschenrechte
war  nur  die  Proklamation  ihres  Sieges.  Ihr  Werk  war  beendet:
die  Expropriation  des  Handwerkers,  der  von  nun  an  in  die  Masse
des  Proletariats  versinken  mußte,  war  vollendet.
In  Wahrheit  ist  sie  sogar  in  den  Ländern,  in  denen  die  kapitalistische ­
  Herrschaft  am  höchsten  gediehen  ist,  noch  nicht  vollständig
durchgeführt,  aber  sie  vollendet  sich  von  selbst,  ganz  selbsttätig,  auf
Grund  der  folgenden  Ursachen:
a)  Durch  die  beständige  Entwicklung  der  Großproduktion,  sei  es
unter  der  Form  des  Maschinenbetriebes,  sei  es  unter  der  Form  von
Organisationen,  die  Makx  selbst  noch  nicht  kannte,  die  aber  seitdem ­
  entstanden  sind,  und  seine  Voraussagen  bestätigt  haben,  wie  die
Industriesyndikate  und  die  Trusts,  —  hauptsächlich  aber  diese

*)  „Beim  .  .  .  verwandelt  sich,  so  scheint  es,  schon  in  etwas  die  Physionomie
unserer  dramatis  personae.  Der  ehemalige  Geldbesitzer  schreitet  voran  als

Kapitalist,  der  Arbeitskraft-Besitzer  folgt  ihm  nach  als  sein  Arbeiter;  der
eine  bedeutungsvoll  schmunzelnd  und  gesohäftseifrig,  der  andere  scheu,  widerstrebsam,
wie  jemand,  der  seine  eigene  Haut  zu  Markte  getragen  und  nichts  anderes  zu
erwarten  hat  als  die  —  Gerberei.“  (Kapital,  S.  140—141,  I.  Aufi.)

T
        <pb n="549" />
        Kapitel  III.  Der  Marxismus.

527

letzteren,  deren  sozialistische  Bedeutung  außerordentlich  groß  ist,  da
sie  jetzt  die  kleinen  Kapitalisten  zugunsten  der  Milliardäre  expropriieren. ­
  So  hat  die  Entwicklung  der  Großproduktion  als  Gegenstück
die  wachsende  Proletarisierung  der  Massen  im  Gefolge;  so  arbeitet
der  Kapitalismus  unablässig  daran,  die  Menge  der  Arbeiter,  der  Lohnempfänger, ­
  d.  h.  die  Zahl  der  geborenen  Feinde  des  Kapitals  zu  vermehren. ­
  „Sie  (die  Bourgoisie)  produziert  vor  allem  ihre  eigenen
Totengräber x )“.
b)  Durch  die  Überproduktion,  die  die  Arbeitslosigkeit  nach  sieh
zieht,  und  die  einen  Überfluß  an  Arbeiterbevölkerung  schafft,  die  sich
stets  auf  dem  Markt  anbietet,  eine  wirkliche  „industrielle  Eeserve-Armee“,
  aus  der  der  Kapitalist  nach  Belieben  schöpfen  kann,  elende
Wracks,  die  von  der  Ebbe  und  Flut  der  krampfhaften  industriellen  Krisen
beständig  an  die  Küste  gespült  und  wieder  weggeschwemmt  werden 2 ).
c)  Durch  die  Konzentration  der  ländlichen  Bevölkerung  in  den
Städten,  die  wieder  durch  das  Verschwinden  des  Kleinbesitzes  verursacht ­
  wird,  durch  den  Ersatz  des  Getreidebaues  durch  Weidewirtschaft ­
  usw.,  der  ebenfalls  dazu  beiträgt,  eine  stetig  wachsende  Zahl
von  bis  dahin  unabhängigen  Besitzern  und  Produzenten  dem  expropriierten ­
  Proletariat  einzureihen.
Auf  diese  Weise  ist  die  kapitalistische  Klasse  geboren  worden
und  so  ist  sie  aufgetvachsen.  „Sie  kam  zur  Welt,  über  und  über  mit
Blut  beschmiert.“  Man  sieht,  wie  ihre  wirkliche  Geschichte  wenig
mit  jener  idyllischen  Geschichte,  die  uns  die  Ökonomisten  erzählen,
übereinstimmt,  die  uns  das  Kapital  als  die  langsam  gereifte  Frucht
der  persönlichen  Arbeit  und  Enthaltsamkeit  darstellen,  und  die  uns
das  Nebeneinander  der  beiden  Klassen,  der  Kapitalisten  und  der
Lohnempfänger  erklären,  „auf  Grund  einer  zufälligen  Begebenheit,
die  sich  einige  Tage  nach  der  Erschaffung  der  Welt  zugetragen  hat“,
damals,  als  die  Guten  und  die  Klugen  den  Weg  nach  oben  nahmen,
die  Faulen  und  Lasterhaften  aber  den  Weg  nach  unten  wählten!
So  ist  die  kapitalistische  Ordnung  aus  dem  Kampf  der  Klassen
hervorgegangen.  Und  der  Klassenkampf  wird  sie  auch  vernichten.
Ebenso,  wie  sie  begonnen  hat,  wird  sie  endigen:  „Die  Expropriatoren
werden  expropriiert  werden“.  Wie  wird  sich  diese  Expropriation
vollziehen?  Hierüber  gibt  Karl  Marx  keine  Einzelheiten:  er  enthält
sich  jeder  Voraussage  über  die  Zukunft  und  unterscheidet  sich  dadurch ­
  vorteilhaft  von  all  jenen  Fabrikanten  sozialistischer  Romane:
’)  Kommunistisches  Manifest,  S.  18.
2 )  Es  muß  aber  bemerkt  werden,  daß  die  Trusts  gerade  die  Aufgabe  haben,  die
Überproduktion  zu  vermeiden,  aber  doch  die  Arbeitslosigkeit  nicht  verhindern;  im
Gegenteil!  eins  ihrer  Mittel  besteht  gerade  darin,  schlecht  gelegene  Fabriken  still
zu  legen.
        <pb n="550" />
        528

Viertes  Buch.  Die  Abtrünnigen.

„Im  Jahre  2000!“  Er  begnügt  sich  mit  dem  Nachweis,  daß  dieselben
Gesetze,  die  die  Schaffung  und  Entwicklung  der  kapitalistischen  Ordnung ­
  bestimmt  haben,  auch  ihren  Untergang  bestimmen J ).  Der  natürliche ­
  Lauf  der  Dinge  wird  ihn  herbeiführen:  ihr  Finde  ist  Selbst-Zerstörung.
  „Der  Kapitalismus“,  sagt  ein  Sozialist  der  marxistischen ­
  Schule,  „schafft  selbst  seine  eigene  Vernichtung,  und  dies  mit
der  Fatalität,  die  den  Umwandlungen  in  der  Natur  zugrunde  liegt“ 2 ).
Im  folgenden  führen  wir  einige  der  Tatsachen  an,  die  uns  ankündigen,
daß  diese  Selbstzerstörung  schon  jetzt  am  Werke  ist:
a)  Die  Krisen  der  Überproduktion  (oder  vielmehr  der  Unterkonsumtion) ­
  werden  chronisch.  Sie  ruinieren  den  Kapitalismus  und
sind  doch  mit  ihm  unlöslich  verbunden.  Denn  das  beständige  Anwachsen ­
  des  konstanten  Kapitals  im  Verhältnis  zum  variablen  Kapital
(mit  anderen  Worten  die  Verwendung  von  Maschinen,  die  eine'  Verminderung ­
  der  menschlichen  Arbeit  nach  sich  zieht),  drängt  beständig
auf  ein  Fallen  des  Mehrwertes  hin.  Um  gegen  diesen  Rückgang  anzukämpfen, ­
  sind  die  Kapitalisten  gezwungen,  ohne  Unterlaß  die  Produktion ­
  zu  vermehren,  oder,  wie  man  sagt  „die  Menge  muß  es  bringen“.
Auf  der  anderen  Seite  ist  es  den  Arbeitern  mehr  und  mehr  unmöglich,
mit  ihrem  Lohn  die  Erzeugnisse  ihrer  Arbeit  zurück  zu  kaufen,  weil
sie  niemals  einen  mit  dem  Erzeugnis  ihrer  Arbeit  gleichen  Wert  als
Lohn  erhalten,  und  weil  sie  sich  außerdem  periodisch  ohne  Arbeit
finden,  —  zeitweilig  zur  Arbeitslosigkeit  verdammt  sind.  Wie  wir  schon
gesehen  haben,  ist  dies  auch  ein  Gedanke  Peoudhon’s,  auf  den  er
besonderen  Nachdruck  legte,  und  wir  haben  hier  einen  der  Fälle,  in
denen  es  schwer  sein  dürfte,  den  Einfluß  Puoudhon’s  auf  Mabx  zu
leugnen.
Die  bezeichnendste  Idee  der  marxistischen  Theorie  ist  daher,  daß
jede  Krise  von  einer  Störung  des  Gleichgewichts  zwischen  dem  variablen
und  dem  konstanten  Kapital  herrührt,  weil  das  beständige  Wachstum
des  letzteren  in  einem  gegebenen  Augenblick  ihm  die  Unterlage
entzieht  —,  daß  aber  die  Krisis  selbst,  indem  sie  den  Zusammenbruch
eines  Teiles  des  konstanten  Kapitals  hervorruft,  dem  Mehrwert  gestattet, ­
  einen  neuen  Aufschwung  zu  nehmen,  —  bis  eine  neue  Übertreibung ­
  der  Kapitalisation  eintritt,  eine  neue  Krise  nach  sich  zieht
und  so  im  Kreislauf  weiter 8 ).
1 )  Dieses  angebliche  Gesetz  wird  hauptsächlich  im  kommunistischen  Manifest
mit  großer  Beredsamkeit  dargelegt.
2 )  Labriol  a.
s )  „Die  ganze  Bewegungsform  der  modernen  Industrie  erwächst  also  aus  der
beständigen  Verwandlung  eines  Teiles  der  Arbeiterbevölkerung  in  unbeschäftigte
oder  halbbeschäftigte  Häude.  Die  Oberflächlichkeit  der  politischen  Ökonomie  zeigt
sich  u.  a.  darin,  daß  sie  die  Expansion  und  Kontraktion  des  Kredits,  das  bloße
Symptom  der  Wechselperioden  des  industriellen  Zyklus,  zu  deren  Ursache  macht.
        <pb n="551" />
        Kapitel  III.  Der  Marxismus.

529

b)  Die  Entwicklung  des  Pauperismus,  der  selbst  wieder  sich
aus  diesen  Krisen  und  der  Arbeitslosigkeit  ergibt.  Die  kapitalistische
Klasse  „ist  unfähig  zu  herrschen,  weil  sie  unfähig  ist,  ihrem  Sklaven
die  Existenz  selbst  innerhalb  ihrer  Sklaverei  zu  sichern,  weil  sie
gezwungen  ist,  ihn  in  eine  Lage  herabsinken  zu  lassen,  wo  sie  ihn
ernähren  muß,  anstatt  von  ihm  ernährt  zu  werden“ 1 ).
c)  Die  Vermehrung  der  Aktiengesellschaften.  Hierdurch
verflüchtigt  sich  das  individuelle  Eigentum  in  Papierfetzen;  an  diesem
Stück  Papier,  an  der  Aktie,  klebt  der  ßechtstitel,  und  nicht  einmal
der  Name  des  Besitzers  kommt  in  Betracht.  In  Wirklichkeit  ist  das
Stück  Papier  ohne  Namen  der  Besitzer.  Der  Profit  erscheint  in
seiner  ganzen  Nacktheit,  als  Dividende,  die  von  jeder  Arbeit  unabhängig ­
  ist,  als  ein  Abzug  vom  Arbeitsertrag  des  Arbeiters.  Die
Unternehmerfunktion  ist  hier  von  jedem  Charakter  einer  Leitung,
einer  Initiative  oder  einer  persönlichen  Arbeit  entkleidet,  der  früher
dazu  diente,  sie  mit  einem  Mäntelchen  zu  umgeben  und  sie  in  den
individuellen  Unternehmungen  zu  rechtfertigen;  sie  löst  sich  in  zwei
Funktionen  auf:  —  auf  der  einen  Seite  der  parasitische  Großaktionär,
—  auf  der  anderen  Seite  der  besoldete  Direktor.
An  dem  Tage,  an  dem  alle  Unternehmungen  eines  Landes  die  Form
von  Aktiengesellschaften  angenommen  haben  werden,  oder  noch  besser,
zu  Trusts  geworden  sind,  die  die  Aktiengesellschaft  am  vollkommensten
zum  Ausdruck  bringen,  sind  sie  zur  sozialistischen  Expropriation  reif,
da  es  dann  genügen  wird,  mit  einem  einfachen  Federstrich  alle
Rechtstitel,  die  auf  die  Namen  der  Aktionäre  lauteten,  auf  den  der
Nation  zu  übertragen.  Man  wird  sogar  nicht  einmal  bemerken,  daß
irgend  etwas  in  dem  wirtschaftlichen  Mechanismus  verändert  ist.
So  wird  also  die  Expropriation  der  bürgerlichen  Klasse  viel
leichter  vor  sich  gehen  als  vor  einigen  Jahrhunderten  die  Expropriation ­
  der  Handwerker  durch  die  Kapitalisten!  Zur  Durchführung
der  Expropriation  von  gestern  war  „die  Expropriation  der  großen
Masse  durch  einige  Usurpatoren“  erforderlich,  während  es  für  die  von
morgen  dank  dem  Gesetz  der  Konzentration  genügen  wird,  „die  Expropriation ­
  weniger  Usurpatoren  durch  die*große  Masse“  auszuführen.
Was  ist  nun  zum  Schluß  —  wir  wollen  nicht  sagen,  der  Zweck
oder  das  Ziel,  da  der  Marxismus  sich  weigert  ein  solches  anzugeben  —
aber  zum  wenigsten  die  Voraussage  des  marxistischen  Programms?
Gewöhnlich  sagt  man:  die  Abschaffung  des  Privateigentums,  und
(Ganz  wie  die  Himmelskörper,  sobald  sie  durch  ersten  Stoß  in  eine  bestimmte
Bewegung  geschleudert  sind,  dieselbe  Bewegung  stets  reproduzieren,  so  die  gesellschaftliche ­
  Produktion,  sobald  sie  einmal  in  jene  Bewegung  wechselnder  Expansion
und  Kontraktion  geworfen  ist“  (Kapital,  S.  619,  I.  Aufl.).
*)  Kommunistisches  Manifest,  S.  18.
Gide  und  Eist,  Gesch.  d.  Volkswirtschaft!.  Lehraieinungen.  34
        <pb n="552" />
        530

Viertes  Buch.  Die  Abtrünnigen.

hierzu  ist  man  um  so  mehr  berechtigt,  da  das  kommunistische
Manifest  dies  in  klaren  Worten  ausspricht:  „In  diesem  Sinn  können
die  Kommunisten  ihre  Theorien  in  dem  einen  Ausdruck:  Aufhebung
des  Privateigentums  —  zusammenfassen 1 ).“
Das  Manifest  führt  aber  zugleich  aus,  wie  dies  zu  verstehen  ist.
Das  Privateigentum,  um  dessen  Abschaffung  es  sich  handelt,  ist  nicht
das  Recht  des  Arbeiters  auf  das  Erzeugnis  seiner  Arbeit,  sondern
das  Recht  auf  das  Erzeugnis  der  Arbeit  anderer,  der  Arbeit  des
Lohnempfängers.  Es  ist  dies  die  Form  des  Besitzes,  die  Privateigentum ­
  genannt  wird,  die  man  aber  besser  bürgerliches  Eigentum
nennen  sollte,  und  die  bestimmt  ist,  unter  der  kollektivistischen
Ordnung  zu  verschwinden.  Was  das  Eigentumsrecht  des  Menschen
an  dem  Produkt  seiner  Arbeit  anlangt,  wie  es  früher  unter  der  Herrschaft ­
  der  Zünfte  und  der  bäuerlichen  Landwirtschaft  existierte,  so
hat  es  der  Kapitalismus  schon  vernichtet  oder  ist  im  Begriff,  es  zu
zerstören,  indem  er  es  durch  das  Lohnsystem  ersetzt!  Weit  davon
entfernt,  dieses  Eigentumsrecht  zu  vernichten,  wird  es  der  Kollektivismus ­
  wieder  ins  Leben  rufen  —  nicht  mehr  unter  der  veralteten
und  individualistischen  Form  des  Eigentums  des  Arbeiters  an  dem
Erzeugnis  seiner  Arbeit,  denn  dies  ist  in  Zukunft  mit  den  Bedingungen ­
  der  Großproduktion  und  der  Arbeitsteilung  unverträglich,
—  sondern  unter  der  Form  eines  Anrechtes  auf  einen  dem  Erzeugnis
seiner  Arbeit  entsprechenden  Wert 2 ).
Welches  praktische  Mittel  soll  nun  diesen  zwiefachen  Zweck
erfüllen  ?
Die  Rückgängigmachung  dessen,  was  der  Kapitalismus  getan  hat,
die  Enteignung  der  Kapitalisten  aus  ihrem  Besitze  an  den  Produktions-')

  Engels  sagt  auch:  „Die  Aufgabe  des  kommunistischen  Manifestes  war  die
Proklamation  des  unvermeidlich  bevorstehenden  Untergangs  des  heutigen  bürgerlichen ­
  Eigentums“  (Vorwort  zum  kommunistischen  Manifest,  S.  6).
Heute  jedoch  zieht  man  vor,  als  Ziel  des  kollektivistischen  Sozialismus  die
Abschaffung  des  Lohnsystems  hinzustellen,  —  da  die  Abschaffung  des  Eigentums
nur  das  unvermeidliche  Mittel  zur  Erreichung  dieses  letzten  Zieles  ist.  So  sagt
Labeiola  (Essai  sur  la  Conception  Materialiste,  2.  Ausg.  S.  62):  „Sie
(die  Proletarier)  gelangen  zu  dem  Verständnis,  daß  sie  nur  ein  Ziel  vor  Augen  haben
müssen:  die  Abschaffung  des  Lohnsystems.“
Das  gleiche  Ziel  wird  aber  auch  von  anderen,  als  den  Sozialisten  erstrebt,  von
den  Assozialisten,  den  Kooperativisten,  und  von  der  radikal-sozialistischen  Partei;
und,  indem  diese  sich  auf  den  entgegengesetzten  Standpunkt  stellen,  glauben  sie,
daß  das  einzige  Mittel,  um  dieses  Ziel  zu  erreichen,  in  der  Vermehrung  des  Eigentums ­
  bestehe,  während  seine  Abschaffung  ganz  im  Gegenteil  die  Verallgemeinerung
des  Lohnsystems  bedinge.
2 )  „Der  Kommunismus  nimmt  keinem  die  Macht,  sich  gesellschaftliche  Produkte
anzueignen,  er  nimmt  nur  die  Macht,  sich  durch  diese  Aneignung  fremde  Arbeit  zu
unterjochen“  (Kommunistisches  Manifest,  S.  20).
        <pb n="553" />
        Kapitel  III.  Der  Marxismus.

531

mittein  und  deren  Rückgabe  an  die  Arbeiter,  —  nicht  individuell,
denn  das  ist  unter  den  neuen  Bedingungen  der  Produktion  unmöglich,
sondern  kollektiv.  Dieses  Mittel  ist,  um  die  überall  an  erster  Stelle
in  den  Parteiprogrammen  eingeschriebene  Formel  zu  gebrauchen:  die
Vergesellschaftung  der  Produktionsmittel.  Land,  Boden,
Untergrund,  Fabriken,  Kapitalien.  Das  Arbeitsprodukt  aller  wird
verteilt,  nach  Abzug  der  für  das  Allgemeinwohl  erforderlichen  Beträge, ­
  und  zwar  im  Verhältnis  zur  Arbeit  eines  jeden.  So  wird  die
Mehrarbeit  und  der  Mehrwert,  den  sie  erzeugt,  verschwinden.
Diese  Expropriation  der  Kapitalisten  wird  die  letzte  der  Geschichte
sein,  da  sie  sich  diesmal  nicht  mehr  wie  die  vorhergehenden  Expropriationen ­
  im  Nutzen  einer  anderen  Klasse,  —  nicht  einmal  der
Arbeiterklasse  —  sondern  im  Nutzen  aller,  der  Nation  selbst,  vollziehen ­
  wird.  Die  Form  des  Eigentums  wird  endlich  der  der  Produktion ­
  entsprechen,  wie  sie  der  Lauf  der  Dinge  ihr  bereits  aufgezwungen ­
  hat:  beide  werden  jetzt  kollektiv  sein.

II.
Die  marxistische  Schule.
Nach  dieser  summarischen  Darlegung  der  wichtigsten  Theorien
Karl  Marx’,  werden  wir  jetzt  eine  Darlegung  der  allgemeinen
Charakterzüge  der  sozialistischen  Schule,  die  seinen  Namen  trägt,
versuchen  *)  und  ausfiihren,  wie  sie  sich  von  den  hier  schon  untersuchten ­
  sozialistischen  Schulen  unterscheidet.
*)  Marx  als  das  Haupt  einer  großen  sozialistischen  Schule  zu  bezeichnen,  wäre  •
zu  wenig  gesagt;  man  muß  unbedingt  zugeben,  daß  die  ungeheuere  Mehrzahl  aller
derjenigen,  die  sich  in  allen  Ländern  Sozialisten  nennen,  in  engerem  oder  weiterem
Sinn  seine  Schüler  sind.  Die  anderen  sozialistischen  Schulen,  wie  die  Anarchisten,
die  Fabier  in  England,  die  Colinsiens  in  Belgien,  die  Anhänger  Henry  George’s
sind  neben  den  marxistischen  Sozialisten  ohne  Bedeutung.
Hauptsächlich  in  Deutschland  und  Bußland  bat  der  Marxismus  die  meisten
Anhänger,  und  in  England  die  wenigsten.  In  Frankreich  haben  Jules  Güesdb
und  Lafaegue  (dieser  letztere  ein  Schwiegersohn  Marx’)  sich  seit  1878  zu  Vorkämpfern ­
  des  reinen  Marxismus  gemacht.  Eine  große  Anzahl  der  französischen
Sozialisten  aber  haben  die  marxistische  Lehre  nicht  in  ihrer  ganzen  Starrheit  angenommen, ­
  auch  wenn  sie  das  kollektivistische  Programm  vertreten.  Sie  haben  nur
die  drei  großen  Grundsätze  der  Sozialisation  der  Produktionsmittel,  des
Klassen  kampf  es,  und  des  Arbeiter-Internationalismus  übernommen,
lassen  aber  im  allgemeinen  die  Werttheorie  und  besonders  den  historischen
Materialismus  beiseite.  Sie  haben  nicht  mit  der  französischen  sozialistischen
Überlieferung  brechen  wollen,  die  höchst  idealistisch  war.  BenoIt  Malon,  der
34*
        <pb n="554" />
        532

Viertes  Buch.  Die  Abtrünnigen.

a)  Stolz  beansprucht  sie  den  Titel:  wissenschaftlicher
Sozialismus.  Doch  muß  dieses  Beiwort  in  seiner  richtigen  Bedeutung
aufgefaßt  werden.  Der  Marxismus  verhöhnt  schärfer,  als  es  die
Ökonomisten  jemals  getan  haben,  alle  Phalansterien  und  alle  Republiken
in  Ikaria,  und  ebenso  alle  die  mehr  oder  weniger  vollständigen  Genossenschaftssysteme. ­
  Er  behauptet  nicht,  einen  neuen  Plan  aufgestellt  zu
haben,  sondern  gibt  sich  nur,  sagt  Labeiola,  als  „die  wissenschaftliche
und  überlegte  Offenbarung  des  Weges,  den  unsere  bürgerliche  Gesellschaft ­
  durchläuft  (möge  der  Schatten  Fotjsiee’s  mir  verzeihen!)“  x ).
Er  beschränkt  sich  darauf,  den  Sinn  der  Entwicklung  aufzudecken,  die
nolens  volens  die  menschlichen  Gesellschaften  vorwärts  treibt,  und  den
Punkt  zu  bezeichnen,  auf  den  hin  der  Lauf  der  Dinge  gerichtet  ist.
Diese  Methode  nähert  den  Marxismus  eher  der  klassischen
Nationalökonomie  und  ihrer  Auffassung  der  natürlichen  Gesetze,  als
dem  Sozialismus.  Und  weiter  steht  es  unbezweifelbar  fest:  die
Theorien  Marx’  beruhen  auf  denen  der  großen  Ökonomisten  aus  dem
Anfang  des  19.  Jahrhunderts  und  im  besonderen  auf  denen  Ricaedo’s.
Yon  ihm  stammt  der  Marxismus  in  gerader  Linie  ab.  Er  ist  sein
Erbe  nicht  nur  auf  Grund  seiner  sich  auf  die  Arbeit  gründenden
Werttheorie,  nicht  nur  durch  die  Theorie  des  Antagonismus  zwischen
Profit  und  Lohn,  nicht  nur  durch  die  der  Rente,  durch  all  diese  Lehren
Ricardo’s,  die  kaum  verändert  in  die  marxistische  Doktrin  übergegangen ­
  sind  und  ihr  als  mächtiges  Gerüst  dienen,  sondern,  so  paradox
diese  Behauptung  im  ersten  Augenblick  wohl  erscheinen  mag,  er
ist  sein  Erbe  auch  auf  Grund  seiner  abstrakten,  dogmatischen  Methode
und  durch  die  dunkle  Fassung  seiner  Formeln,  die  seinen  Schülern
stets  gestattet,  ihnen  einen  esoterischen  Sinn  zu  geben  und  zu  sagen,
daß  man  ihn  noch  nicht  verstanden  habe,  genau  wie  bei  Ricardo  2 ).
Marx  stützt  sich  zwar  auf  eine  reiche  Beobachtung  der  Tatsachen
—  wir  haben  übrigens  schon  dargelegt,  daß  auch  Ricardo  selbst,  mehr
als  man  denkt,  der  Beobachtung  der  Tatsachen  verdankt,  —  aber  er
vereinfacht  und  verallgemeinert  sie,  um  darauf  ein  rein  schematisches
Gebäude  zu  errichten,  gerade  wie  Ricardo  selbst  und  seine  Schüler

im  Jahre  1885  die  Revue  Socialiste  gründete,  war  einer  der  ersten  Vertreter
dieses  französischen  Kollektivismus,  und  seine  Nachfolger  waren  zuerst  George
Renaed  und  später  Fouhbi:6:eb.
*)  Antoine  Labeiola,  La  conception  materialiste  de  l’Histoire,
S.  24.  Aber  auch  die  Saint-Simonisten  hatten  denselben  Anspruch  erhoben.  Es
würde  daher  ungerecht  sein,  sie  unter  die  Utopisten  einzureihen,  und  einige  der
Marxisten  erkennen  ihnen  auch  in  der  Tat  dieses  Recht  der  Priorität  zu.
2 )  Ein  Schüler  von  Marx,  Georges  Sorbl,  hat  völlig  im  Ernst  geschrieben:
„Das  Beispiel  der  marxistischen  Werttheorie  zeigt  uns,  welche  Bedeutung  die
Unverständlichkeit  haben  kann,  um  einer  Lehre  Nachdruck  zu  verleihen.“  Les
IHusions  du  progres,  S.  91—92.  Und  das  ist  auch  tatsächlich  ganz  richtig!
        <pb n="555" />
        Kapitel  III.  Der  Marxismus.

533

nach  ihm  es  getan  haben.  Und  dies  ist  so  wahr,  daß  hierin  heute
die  einzige  Zuflucht  liegt,  die  den  noch  im  Starrsinn  verharrenden
Marxisten  offen  bleibt,  um  diejenigen  Theorien  des  Meisters  verteidigen
zu  können,  die  unhaltbar  erscheinen,  wie  z.  B.  die  des  Arbeitswertes.
Sie  sagen,  daß  Marx  eine  Gesellschaft  angenommen  habe  (hier  haben
wir  das:  „Angenommen,  daß  ...  Eicaedo’s!),  in  der  die  Arbeit  überall
gleichartig  sei,  usw. 1 ).
Der  Marxismus  ist  daher  ein  auf  den  klassischen  Baum  gepfropfter
Zweig,  und  so  sehr  sich  auch  der  Baum  über  die  eigentümlichen
Früchte,  die  man  ihn  zu  tragen  zwingt,  erstaunt  und  entrüstet,  so  ist
er  es  doch  gewesen,  der  sie  mit  seinem  Saft  genährt  hat.  Daher  hat
man  schreiben  können,  daß  das  Kapital  „nicht  das  erste  Buch  des
kritischen  Kommunismus,  sondern  das  letzte  große  Buch  der  bürgerlichen ­
  Volkswirtschaft  sei“  2 ).
Nicht  nur  setzt  der  Marxismus  die  Wissenschaft  der  Ökonomik
fort,  die  er  hochachtet,  —  wenn  er  die  Volkswirtschaftler  heftig  angreift, ­
  so  tut  er  dies  nur,  um  ihnen  zu  beweisen,  daß  sie  sie  nicht
verstanden  haben  —,  sondern,  was  überraschender  ist,  er  setzt  den
Kapitalismus  fort,  den  er  ebenfalls  hochschätzt 3 ).  Die  Marxisten

*)  Vgl.  z.  B.  was  Georges  Sorel  in  der  Heyne  Internationale  de
Sociologie,  1900  (Les  polemiques  pour  l’interpretation  du  marxisme,
S.  248)  schreibt:  „Bei  Marx  gibt  es  keine  eigentliche  Werttheorie  in  dem  Sinne,
den  man  gewöhnlich  mit  diesem  Ausdruck  verbindet,  sondern  eine  Theorie  des
wirtschaftlichen  Gleichgewichts,  die  auf  den  Fall  einer  bis  ins  äußerste
vereinfachten  Gesellschaft  zurückgeführt  ist.  Man  unterstellt,  daß
«die  Industrien  gleichwertig  sind,  und  daß  die  Arbeiter  einen  gleichförmigen  Typus
bilden;  die  Leistung  einer  Arbeitsstunde  einer  Gruppe  von  10  Arbeitern  wird  überall ­
  dasselbe  erzeugen;  sie  wird,  ganz  gleich  in  welchem  Zweige  der  Beschäftigung,
die  gleiche  intensive  Größe  einer  gewissen  Menge  leisten,  die  das  vorstellt,  was  das
Vergleichungsmoment  der  Waren  ausmacht;  den  Wert  ...  So  erhält  man  ein
Bild,  das  keinen  anderen  Nutzen  zu  haben  scheint,  als  die  Möglichkeit,  nachzuweisen, ­
  durch  wohldurchdachte  künstliche  Konstruktionen  die  Theorie
des  Zeitwertes  mit  dem  Marktpreis  in  Übereinstimmung  zu  bringen.“
2 )  Labriola,  Conception  materialiste,  S.  91.  Und  G.  Sohel  sagt;  „In
Wirklichkeit  steht  der  Marxismus  der  sogenannten  manchesterlichen  Volkswirtschaft
viel  näher,  als  dem  Utopismus.  Dieser  Punkt  hat  seine  große  Bedeutung“  (La
decomposition  du  marxisme,  S.  44).
3 )  „Die  Holle  der  Bourgeoisie  iu  der  Geschichte  ist  ganz  außerordentlich
revolutionär  gewesen  .  .  .  Gerade  der  Bestand  der  Bourgeoisie  bedingt  eine  beständige
Umformung  der  Produktionsmittel,  und  daher  der  Produktionsbedingungen,  und  infolgedessen ­
  auch  der  gesamten  sozialen  Bedingungen  .  .  .  Zerbrochen  sind  die  bis
dahin  unveränderlichen  sozialen  Bande,  die  Bande,  die  bis  dahin  mit  dem  ganzen
Anhang  ihrer  alten  und  ehrwürdigen  Gedanken  und  Vorstellungen  wie  zusammengerostet ­
  waren.  Alles  das,  was  den  Kastengeist  und  das  feste  Gefüge  verstellt,
geht  in  Hauch  auf,  alles,  was  als  heilig  gegolten  hatte,  wird  profaniert“  (Kommu-“istisches
  Manifest,  S.  11).
Übrigens  arbeitet,  nach  der  Meinung  der  Marxisten,  der  Kapitalismus  eifrig
        <pb n="556" />
        534

Viertes  Buch.  Die  Abtrünnigen.

i

bewundern  das  große  Werk,  das  er  durcligefiihrt  hat.  Sie  sind  ihm
für  die  wirklich  revolutionäre  Rolle  (so  drücken  sie  selbst  sich  aus),
die  er  gespielt  hat,  unendlich  dankbar,  wie  auch  dafür,  daß  er  das
Nest  so  gut  hergerichtet  hat,  in  dem  der  Kollektivismus  sich,  fast
ohne  etwas  daran  ändern  zu  müssen,  wird  einrichten  können  1 ).
Jedoch  erheben  dieMarxisten  gegen  eben  diese  Ökonomisten  der  klassischen ­
  Schule  eine  große  Anklage.  Sie  werfen  ihnen  vor,  nicht  erkannt
zu  haben  —  weil  sie  nämlich  ein  konservatives  und  bürgerliches  Interesse
daran  hatten,  es  nicht  zu  sehen,  —  wie  relativ  und  vorübergehend  der
Charakter  der  sozialen  Ordnung,  die  sie  studierten,  sei.  Glaubten  und
lehrten  sie  doch  z.  R,  daß  das  Eigentum  und  das  Lohnsystem  endgültige
Einrichtungen  wären!  Sie  haben  sich  eingebildet,  daß  die  Welt  für
immer  in  dem  jetzigen,  dem  bürgerlichen  Zustande  bleiben  würde
•  und  haben  sich  gegen  die  Erkenntnis  verschlossen,  daß  er  nur  eine
„historische  Kategorie“  sei,  die  vergehen  wird,  wie  die  anderen 2 ).
b)  Von  den  früheren  sozialistischen  Schulen  unterscheidet  sich  der
Marxismus  dadurch,  daß  er  jeden  ideologischen  Gedanken  an  Gerechtigkeit ­
  und  Brüderlichkeit  absichtlich  ausschaltet,  die  einen  so  großen  Platz
in  der  französischen  sozialistischen  Bewegung  eingenommen  hatten.  Es
handelt  sich  nicht  darum,  zu  wissen,  was  am  gerechtesten  sein  wird,
sondern  einfach  um  die  Kenntnis  dessen,  was  sein  wir  d.  —  „Die  theoretischen ­
  Sätze  der  Kommunisten  beruhen  keineswegs  auf  Ideen,...  sie
sind  nur  allgemeine  Ausdrücke  tatsächlicher,  gegebener  Verhältnisse 3 ).'“
Und  nicht  nur  im  Bereich  der  Volkswirtschaft  legen  sie  den  Tatsachen ­
  eine  so  überwiegende  Bedeutung  bei:  das  Gleiche  gilt  für  sie  auch
zur  Erklärung  aller  sozialen  Beziehungen,  sogar  derjenigen,  die  sozusagen
von  erster  Ordnung  sind,  der  Politik,  der  Literatur,  der  Kunst,  der  Moral,
der  Religion.  Alle  lassen  sich  durch  Tatsachen  des  Wirtschaftslebens
erklären;  zunächst  durch  die,-  die  mit  der  Produktion  in  Beziehung
stehen,  und  unter  diesen  wieder  im  besonderen  durch  die,  die  die  dt  o
an  seiner  Selbstzerstörung,  was  doch  wirklich  das  non  plus  ultra  eines  revolutionären ­
  Charakters  ist!
')  „So  hat  der  Kapitalismus  die  Fragen  gelöst,  für  die  die  Utopisten  umsonst
vollständig  eitle  Lösungen  suchten;  so  hat  er  Bedingungen  geschaffen,  die  den
Übergang  zu  einer  neuen  sozialen  Form  gestatten  werden;  der  Sozialismus  braucht
weder  neue  wissenschaftliche  Werkzeuge  zu  erfinden,  noch  die  Menschen  ihren
Gebrauch  zu  lehren“  usw.  (Sokbl,  Decomposition  du  marxisme,  8.  41).
2 )  Für  die  Yolkswirtschaftler  „sind  die  Institutionen  des  Feudalismus  künstliche
Institutionen,  die  der  Bourgeoisie  natürliche.  Somit  sind  diese  Verhältnisse  (die  der
bürgerlichen  Produktion)  selbst  von  dem  Einflüsse  der  Zeit  unabhängige  Naturgesetze.
Es  sind  ewige  Gesetze,  welche  stets  die  Gesellschaft  zu  regieren  haben.  Somit
hat  es  eine  Geschichte  gegeben,  aber  es  gibt  keine  mehr“  (Marx,
Misere  de  la  Philosophie,  deutsch  von  En.  Bernstein  und  K.  Kadtsky,  Elend
der  Philosophie,  Stuttgart  1886,  S.  115).
^Kommunistisches  Manifest,  S.  18.
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        Kapitel  III.  Der  Marxismus.

535

technischen  Instrumente  und  ihre  In-Betriebsetzung  betreffen.  So
erklärt  z.  B.  die  Technik  der  Brotbereitung  und  innerhalb  derselben
wieder  die  Stufenreihe  der  Formen  von  der  Handmühle  des
Altertums  über  die  Wassermühle  des  Mittelalters  bis  zur  Dampfmühle
der  Gegenwart,  den  Übergang  von  der  Hausindustrie  über  die  kapitalistische ­
  zur  Großindustrie  viel  besser,  als  dies  der  Fortschritt  der
freiheitlichen  Ideen  oder  anderer  „bürgerlicher  Seifenblasen“  des
gleichen  Kalibers  tun  können.  Das  Gleiche  gilt  von  der  Sklaverei,
der  Hörigkeit  und  dem  Lohnsystem,  wie  überhaupt  von  den  aufeinander ­
  folgenden  Zuständen  der  Zivilisation  im  allgemeinen.  Hier
haben  wir  die  wirklichen  Grundlagen,  oder  wie  man  sagt,  den
Unterbau,  worauf  alles  übrige  sich  aufbaut.  Diese  Auffassung,
die  weit  über  den  Rahmen  der  eigentlichen  Volkswirtschaft  hinausgeht ­
  und  eine  ganze  Geschichtsphilosophie  darstellt,  ist  unter  dem
Namen  des  historischen  Materialismus  berühmt  geworden 1 ).
')  Indem  die  Menschen  die  Prodnktionsmethoden  ändern,  ändern  sie  auch  ihre
sozialen  Beziehungen.  ,.Die  Handmühle  ergibt  eine  Gesellschaft  mit  Feudalherren;
die  Dampfmühle  eine  Gesellschaft  mit  industriellen  Kapitalisten“  (Elend  der
Philosophie,  S.  101).  Doch  muß  man  in  diesem  oft  wiederholten  Satz  mehr  eine
pittoreske  Illustration  als  eine  wissenschaftliche  Formel  des  historischen  Materialismus
sehen.  Mabx  drückt  sich  in  dem  Vorwort  seines  Buches  Zur  Kritik  der  politischen
Ökonomie  (herausg.  von  Kadtsky,  Stuttgart  1909,  3.  Aufl.)  gemäßigter  aus.  Wir
führen  die  bedeutendste  Stelle  dieser  berühmten  Seite  an  (Vorwort,  S.  LV.)
„In  der  gesellschaftlichen  Produktion  ihres  Lebens  gehen  die  Menschen  bestimmte,
notwendige,  von  ihrem  Willen  unabhängige  Verhältnisse  ein,  Produktionsverhältnisse,  die
einer  bestimmten  Entwicklungsstufe  ihrer  materiellen  Produktivkräfte  entsprechen.  Die
Gesamtheit  dieser  Produktionsverhältnisse  bildet  die  ökonomische  Struktur  der  Gesellschaft, ­
  die  reale  Basis,  worauf  sich  ein  juristischer  und  politischer  Überbau  erhebt,  und
welcher  bestimmte  gesellschaftliche  Bewußtseinsformen  entsprechen.  Die  Produktionsweise ­
  des  materiellenLebensbedingtden  sozialen,  politischen
und  geistigen  Lebensprozeß  überhaupt.  Es  ist  nicht  das  Bewußtsein  des
Menschen,  das  ihr  Sein,  sondern  umgekehrt  ihr  gesellschaftliches  Sein,  das  ihr  Bewußtsein ­
  bestimmt.“
Das  Wort  „bestimmt“,  auch  wenn  es  durch  „im  allgemeinen“  abgeschwächt  wird
(das  Wort  „überhaupt“  des  angeführten  deutschen  Textes  ist  in  der  vom  Verfasser  benutzten ­
  franz.  Übersetzung  durch  „en  general“  wiedergegeben  worden.  D.  Übers.),
erschien  trotzdem  etwas  stark,  und  der  heutige  Marxismus  hat  es  durch  das  Wort
»erklärt“  ersetzt,  das  eher  annehmbar  ist.  So  schreibt  Labkiola:  „Es  handelt  sich
letzten  Grundes  nur  darum,  alle  historischen  Tatsachen  des  wirtschaftlichen  Unterhaus ­
  zu  erklären“  (Conception  materialiste,  S.  120).
Diese  These  des  historischen  Materialismus  findet  sich  in  verblüffenden  Paradoxen ­
  in  La  Constitution  Sociale  von  Lohia  entwickelt.  Man  sieht  da,  wie
die  ganze  Geschichte,  alle  Kriege,  die  Welfen  uncTdie  Ghibellinen,  die  Reformation,
die  französische  Revolution  und  sogar  Christi  Tod  auf  Golgatha,  auf  dem  „wirtschaftlichen ­
  Unterbau“  beruhen,  —  doch  ist  für  Loeia  der  Hauptfaktor,  der  allen
anderen  als  Grundlage  dient,  nicht  die  industrielle  Technik,  sondern  die  Ordnung
des  Bodenbesitzes.  (Siehe  weiter  unten  im  Kap.  über  die  Rente.)
Doch  würde  es  ungenau  sein,  im  Marxismus  den  Ausdruck  eines  Fatalismus
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        536

Viertes  Buch.  Die  Abtrünnigen.

14)  au
Diese  materialistische  Auffassung  —  im  landläufigen  Sinne  dieses
Wortes  —  scheint  den  Marxismus  von  jedem  moralischen  Bedenken,
jeder  Gefühlsaufwallung  zu  trennen,  und,  wie  Schäfflb  in  einem
oft  erwähnten  Wort  sagt:  die  soziale  Frage  zu  einer  „Magenfrage“
zu  machen.  Daher  ist  sie  auch  nur  mit  Schwierigkeit  von  den
französischen  Sozialisten  aufgenommen  worden,  die  sich  alle  Mühe
gegeben  haben,  sie  mit  einer  Art  Heiligenschein  zu  umgeben 1 ).
Die  reinen  Marxisten  sagen  aber,  daß  diese  Schönfärberei  unnötig
ist  und  nur  ein  vollständiges  Verkennen  dessen  zeigt,  was  der
Materialismus  wirklich  ist.  Denn  im  richtigen  Sinn,  d.  h.  im
esoterischen  Sinn  aufgefaßt,  wie  sich  dies  überhaupt  für  die  ganze
marxistische  Lehre  gehört,  schließt  der  historische  Materialismus
■  keineswegs  den  Idealismus  aus:  was  er  ausschließt,  ist  die  Ideologie,
und  das  ist  etwas  ganz  verschiedenes.  Er  unterwirft  den  Menschen
durchaus  nicht  der  Fatalität  eines  materiellen  Milieus;  im  Gegenteil, ­
  er  sieht  die  Entwicklung  in  „dem  bewußten,  wenn  auch  behinderten ­
  Streben  der  Menschen,  den  sozialen  Bedingungen,  unter
denen  sie  leben,  zu  entrinnen“ 2 ).  So  wäre  also  der  historische
Materialismus  zuletzt  eine  Art  Philosophie  des  Strebens 8 ).  Man  wird
verstehen,  wie  schwierig  es  ist,  so  nebelhafte  Doktrinen  zu  kritisieren.
oder  auch  nur  eines  bis  zum  äußersten  getriebenen  Determinismus  zu  sehen.  Der
Marxismus  erbebt  den  Anspruch,  ein  Erzieher  zur  Energie  zu  sein,  was  er  auch  wirklich
ist.  Die  Arbeiter  müssen,  nachdem  sie  klar  gesehen  haben,  wo  ihre  Interessen  liegen,
mit  allen  ihren  Kräften  in  dieser  Richtung  arbeiten.  Nur  brauchen  sie  zum  Handeln
sich  nicht  vorher  ein  zu  erreichendes  Ziel  zu  stecken.  „Alles,  was  in  der  Geschichte
geschehen  ist,  ist  das  Werk  des  Menschen  gewesen,  doch  war  es  nur  selten  das  Ergebnis ­
  einer  kritischen  Wahl  oder  eines  vernünftigen  Willens“  (Ebd.  S.  133).  An
anderer  Stelle.  „Indem  der  Mensch  nach  und  nach  die  verschiedenen  sozialen  Milieus
schuf,  .  .  .  schuf  er  sich  selbst“  (Labriola,  ebd.  S.  131—132).
Wir  würden  aus  dem  Rahmen  dieses  Buches  fallen  und  uns  auf  den  Boden
der  Metaphysik  begeben,  wenn  wir  diese  Lehre  klarer  darstellen  wollten,  —  was
sie  übrigens  recht  notwendig  braucht.
*)  Siehe  besonders  die  Bücher  von  Jaurüs,  Etudes  socialistes;  Georges  Ebnard,
Le  regime  socialiste;  EodhniiSre,  L’Individu,  l’Association  et  l’Etat.
2 )  Labriola,  op.  cit.  Vanderveldb  (L’Idealisme  marxiste  in  der  Revue
Socialiste,  Eebruar  1904)  schreibt,  daß,  „sich  in  letzter  Analyse  die  Beweisführung
(von  Marx)  auf  ein  Postulat  der  Moral  gründet.  Die  Gerechtigkeit  verlangt,  daß
ein  jeder  Arbeitende  den  vollkommenen  Ertrag  seiner  Arbeit  erhalte“.
Nicht  genau  dasselbe  sagt  Landry  (in  einem  Band,  der  Vorträge  verschiedener
Verfasser  enthält:  Etudes  sur  la  Philosophie  morale  au  XIX«  siede,
S.  164).  Nach  seiner  Ansicht  ist  die  Moral  Marx’  possibilistisch,  d.  h.  er  nennt
alles  das  moralisch,  was  die  wirtschaftliche  Entwicklung  zu  schaffen  bestrebt  ist,  und
unmoralisch  alles  das,  was  sie  zu  zerstören  sucht.
3 )  Daher  bringt  man  heute  den  Neomarxismus  mit  Gedanken  in  Verbindung,  die  ihm
anscheinend  kontradiktorisch  gegenüberstehen,  nämlich  mit  den  neueren  philosophischen
Lehren  des  Pragmatismus  und  denen  Bergson’s  (Siehe  Guy  Grand,  La  Philosophie
syndicaliste).
        <pb n="559" />
        Kapitel  III.  Der  Marxismus.

537

c)  Der  marxistische  Sozialismus  unterscheidet  sich  yon  den
früheren  sozialistischen  Richtungen  dadurch,  daß  er  ausschließlich
Sozialismus  der  Arbeiterklasse  sein  will.  Dieser  Zug  gibt  ihm  sein
besonderes  Gepräge,  und  in  ihm  liegt  seine  Stärke.  Nur  so  läßt  sich
verstehen,  daß  er  seine  ganze  Anziehungskraft  bewahrt  hat  und  unter
immer  neuen  Formen  auflebt,  —  trotzdem  von  den  Theorien  seines
Begründers  nicht  mehr  viel  aufrecht  steht,  wie  wir  noch  sehen
werden,  —  während  alle  anderen  sozialistischen  Systeme  in  Mißkredit
geraten  und  in  nichts  zerronnen  sind.
Die  Sozialisten  der  ersten  Hälfte  des  19.  Jahrhunderts  umfaßten
in  weitherziger  Humanität  alle  Menschen,  ohne  Unterschied  zwischen
Arbeitern  und  Bürgern.  Wie  wir  gesehen  haben,  rechneten  Owen,
Saint-Simon  und  Foueieb  sogar  auf  die  Reichen,  auf  die  besitzenden
Klassen,  um  die  Gesellschaft  der  Zukunft  zu  gründen.  Nichts  dergleichen ­
  aber  gilt  für  den  Marxismus.  Mit  der  äußersten  Heftigkeit
verwirft  er  jedes  Einverständnis  und  sogar  jedes  zeitweilige  Übereinkommen ­
  mit  der  Bourgeoisie,  worunter  er  nicht  nur  die  Kapitalisten,
sondern  auch  die  Intellektuellen*)  und  „den  ganzen  Oberbau  der
Schichten  versteht,  die  heute  die  offizielle  Gesellschaft  darstellen“.
Für  ihn  ist  der  wirkliche  Sozialismus  nichts  anderes,  als  die  Gesamtheit ­
  der  Interessen  der  Arbeiterklasse,  und  seine  vollständige  Verwirklichung ­
  ist  nur  dadurch  möglich,  daß  sie  endgültig  zur  Macht  gelangt.
Zweifellos  kann  man  sagen,  daß  zu  jeder  Zeit  der  Sozialismus
nur  die  Anklage  der  Armen  gegen  die  Reichen  gewesen  ist,  aber
diese  Anklage  hatte  auf  dem  Boden  der  ausgleichenden  Gerechtigkeit ­
  begonnen  und  mußte  infolgedessen  unentschieden  bleiben.  Mit
dem  Marxismus  wird  dieser  Antagonismus  zu  einem  wissenschaftlichen ­
  Gesetz  unter  dem  Namen  Klassenkampf  erhoben  —  Arbeiterklasse ­
  gegen  Kapitalistenklasse,  was  nicht  dasselbe  ist,  wie  Arme
gegen  Reiche,  denn  es  handelt  sich  hier  nicht  um  einen  qualitativen,
sondern  um  einen  konstitutiven  Unterschied.  Klassenkampf!  ein
Feldgeschrei,  das  nicht  wenig  zum  Erfolg  des  Marxismus  beigetragen
hat,  denn  auch  die,  die  kein  Wort  von  seinen  Theorien  verstehen
(also  ungefähr  die  Gesamtheit  der  Arbeiterklasse),  können  diese
Formel  nicht  vergessen;  sie  genügt,  den  Dampf  stets  unter  Druck
zu  halten.
’)  Kommunistisches  Manifest.  Man  beabsichtigt  nicht,  die  Intellektuellen
ganz  zum  Verschwinden  zu  bringen,  sondern  sie  in  die  Kolle  von  Lohnempfängern
hinabzudrücken.  „In  der  marxistischen  Auffassung  wird  die  Revolution  von  den
Produzenten  (was  sicherlich  die  nur  mit  der  Hand  Arbeitenden  heißen  soll)  gemacht, ­
  die,  an  die  Ordnung  der  Werkstatt  in  der  Großindustrie  gewöhnt,  die  Intellektuellen ­
  als  einfache  Angestellte  verwenden  werden,  deren  Aufgabe  die  Erfüllung ­
  möglichst  wenig  zahlreicher  Arbeiten  sein  wird“  (Sobel,  Decomposition
du  Marxisme,  S.  51).
        <pb n="560" />
        538

Viertes  Buch.  Die  Abtrünnigen.

Der  Klassenkampf  ist  keine  neue  Tatsache;  „Die  Geschichte  aller
bisherigen  Gesellschaften  ist  die  Geschichte  von  Klassenkämpfen x ).“
Wenn  er  aber  zu  jeder  Zeit,  bestanden  hat,  so  wird  er  doch  nicht
immer  bestehen  bleiben.  Der  Klassenkampf,  dessen  Zeugen  wir  sind,
und  hierin  liegt  das  tragische  Interesse,  wird  der  letzte  sein,  weil
die  Herrschaft  des  Kollektivismus,  „indem  sie  gerade  die  Bedingungen
aus  der  Welt  schafft,  die  den  Antagonismus  der  Klassen  herbeiführen,
auch  die  Klassen  selbst  zum  Verschwinden  bringen  wird“.  Nebenbei
möchten  wir  bemerken,  daß  diese  Prophezeiung  nicht  einer  starken
Dosis  jenes  utopistischen  Optimismus  entbehrt,  den  die  Marxisten  mit
solcher  Entrüstung  unseren  alten  französischen  Sozialisten  vorwerfen.
dj  Zum  Schluß  unterscheidet  sich  der  Marxismus  von  den  meisten
der  früheren  sozialistischen  Schulen  durch  einen  klar  ausgedrückten
revolutionären,  oder  wie  man  manchmal  sagt,  katastrophalen ­
  Charakter.  Schon  das  Wort  „Klassenkampf“,  seine  Devise,
drückt  dies  klar  genug  aus.  Wenn  man  daran  denkt,  daß  dieses  Beiwort
„revolutionär“  von  den  Marxisten  gerade  auf  die  Handlungsweise  der
Bourgeoisie  angewendet  wird,  so  wird  man  empfinden,  daß  man  es  hier
nicht  ganz  und  gar  in  dem  gewöhnlichen  Sinne  gebrauchen  darf.
Die  Revolution  wird  in  der  Beseitigung  der  besitzenden  Klasse
durch  die  Arbeiterklasse  bestehen,  aber  diese  Ausschaltung  bedingt
keineswegs  die  Guillotine,  nicht  einmal  Straßenkämpfe.  Sie  kann
ganz  friedlich  durchgeführt  werden:  —  sei  es  auf  politischem  und
gesetzlichem  Wege,  wenn  die  Arbeiterklasse  die  Majorität  in  den
Parlamenten  erlangt,  ein  Geschehnis,  das  durchaus  im  Bereich  der
Möglichkeit  zu  liegen  scheint,  da  sie  ja  schon  die  Mehrheit  der
Wählermassen,  wenigstens  in  den  Ländern  mit  allgemeinem  Stimmrecht, ­
  hinter  sich  hat;  —  sei  es  auf  wirtschaftlichem  Wege,  wenn
z.  B.  die  Arbeitergenossenschaften  dazu  gelangen,  alle  wirtschaftlichen
Dienste  direkt  zu  organisieren,  und  den  Kapitalismus  als  leere  Schale
liegen  zu  lassen *  2 ).
Auch  kann  das  Ende,  die  Katastrophe,  in  einer  anderen  Art

1)  Manifest,  S.  9.  Wir  müssen  Jedoch  wiederholen,  daß  schon  die  Saint-Simonisten
  diesen  Gegensatz  ansgeführt  hatten,  indem  sie  nicht  von  Reichen  und
Armen,  sondern  von  Müßiggängern  und  Arbeitenden  sprachen.  Hierin  liegt
sicherlich  eine  wirtschaftliche  Unterscheidung.  Es  ist  aber  noch  nicht  die  marxistische
Unterscheidung,  denn  für  die  Saint-Simonisten  waren  die  Arbeitgeber,  die  Bankiers
usw.,  ebenso  und  noch  viel  mehr  Arbeitende,  als  die  Arbeiter  (vgl,  oben,  Saint-Simonismus,
  S.  259).
2 )  Wie  man  weiß,  wird  heute  in  "Frankreich  der  erste  dieser  beiden  Wege  (die
Eroberung  der  öffentlichen  Gewalt)  durch  das,  was  man  den  Socialisme  unifie
nennt,  vorgestellt,  —  und  der  zweite  (die  direkte  wirtschaftliche  Beeinfiußung  außerhalb ­
  jeder  politischen  Handlung),  durch  den  parti  syndicaliste  und  hauptsächlich
durch  die  Confederation  Generale  du  Travail  (siehe  unten  SS.  547/548).
        <pb n="561" />
        Kapitel  III.  Der  Marxismus.

539

und  Weise  eintreten,  die  sogar  von  den  Marxisten  als  die  wahrscheinlichste ­
  betrachtet  wird  und  zwar  unter  der  Form  einer  wirtschaftlichen ­
  Krisis,  in  der  der  Kapitalismus  untergehen  wird,  einer
Krisis,  die  geradezu  die  notwendige  Folgeerscheinung  der  kapitalistischen ­
  Ordnung  ist,  so  daß  er  in  einer  Art  Selbstmord,  in  „Selbstzerstörung“ ­
  endet.  Wie  wir  gesehen  haben  (S.  528),  spielen  die
Krisen  eine  recht  große  Eolle  in  der  marxistischen  Lehre.
Wenn  aber  der  Marxismus  nicht  notwendigerweise  die  Anwendung ­
  von  Gewalt  bedingt,  so  schließt  er  sie  doch  auch  nicht  aus.
Er  betrachtet  sie  sogar  als  ziemlich  wahrscheinlich,  weil  der  Entwickluugsvorgang
  kaum  genügen  wird,  die  neuen  sozialen  Formen
aus  den  alten  ohne  Störung  zur  Entfaltung  zu  bringen,  den  Schmetterling ­
  aus  der  Puppe  zu  lösen.  „Die  Gewalt  ist  die  Hebamme  jeder
gebärenden  Gesellschaft').“
Hier  ist  keine  falsche  Gefühlsseligkeit  am  Platze.  Elend  und
Leiden  sind  unentbehrliche  Triebfedern  der  Entwicklung.  Wenn
man  die  Sklaverei,  die  Hörigkeit,  die  Expropriation  der  Handwerker
durch  die  Kapitalisten  usw.  hätte  verhindern  können,  so  würde  man
diese  Triebfedern  der  Entwicklung  verbogen  haben  und  es  wäre
mehr  Übel,  als  Gutes  daraus  entstanden  2 j.  Jeder  Zustand  bringt
gewisse  unglückselige,  aber  für  das  Kommen  der  höheren
Formen  unentbehrliche  Bedingungen  mit  sich.  Aus  diesem
Grunde  würden  die  Eeformbestrebungen  der  bürgerlichen  Philanthropen
und  ihre  Predigten  vom  sozialen  Frieden  verderblich  sein,  wenn  sie
Erfolg  hätten.  „Ohne  Antagonismus  kein  Fortschritt“.  Man  darf
nicht  übersehen,  daß  diese  hochmütige  Gleichgültigkeit  für  die  mit
Übergangsperioden  verbundenen  Leiden  selbst  ein  Erbteil  der  klassischen ­
  Schule  und  eine  weitere  Ähnlichkeit  mit  ihr  ist.  Gerade  so
drückte  auch  sie  sich  aus,  wenn  sie  auf  die  Konkurrenz,  den  Maschinismus, ­
  und  die  Vernichtung  der  Kleinindustrie  durch  die  Großindustrie ­
  zu  sprechen  kam.  Der  Marxismus  läßt  als  Eeformen  nur  die
gelten,  die  den  Zweck  haben,  nicht  „die  Gesellschaft  zu  reformieren“,
sondern  der  Eevolution  Vorschub  zu  leisten  und  sie  zu  beschleunigen,
die  „die  Geburtswehen  abkürzen  und  mildern  können“  8 ).
')  Marx,  Misere  de  la  Philosophie.  Was  bedeutet  übrigens  das  Wort
fievolte?  Einfach  die  Tatsache  des  Ungehorsams  gegen  die  Gesetze.  Was  für  Gesetze ­
  regieren  uns  nun  aber?  Produkte  des  bürgerlichen  Milieus,  genau  wie  die
Einrichtungen,  deren  Schutz  sie  bezwecken.  Die  Keyolution  wird  einfach  darin  bestehen, ­
  diese  Gesetze  durch  andere  Gesetze  zu  ersetzen;  hierfür  ist  es  aber  unerläßlich,
daß  sie  ihren  Stützpunkt  außerhalb  derselben  nimmt.
a )  „Die  schlechte  Seite  ist’s,  welche  die  Bewegungen  ins  Leben  ruft,  welche  die
Geschichte  macht,  dadurch  daß  sie  den  Kampf  zeitigt“  (Elend  der  Philosophie, ­
  S.  116).
3 )  Vorwort  zum  Kapital,  S.  XI.
        <pb n="562" />
        540

Viertes  Buch.  Die  Abtrünnigen.

III.
Die  Krisis  des  Marxismus  und  der  Neo-Marxismus.
Um  schon  jetzt  von  dem  Neo-Marxismus  zn  sprechen,  müssen  wir
der  chronologischen  Folge  etwas  voraus  eilen,  da  diese  Lehre  neuesten
Datums  ist,  doch  sind  wir  durch  den  Gedankenzusammenhang  dazu
gezwungen.  Außerdem  enthebt  uns  dies  der  Aufgabe,  selbst  den
Marxismus  zu  kritisieren,  da  eben  dies  die  Leistung  des  Neo-Marxismus ­
  gewesen  ist x ).
In  dieser  „Krisis  des  Marxismus“,  wie  man  gesagt  hat,  müssen
aber  zwei  Phasen  unterschieden  werden:  die  eine  ist  mehr  kritisch,
—  wenn  man  will,  kann  man  sie  auch  reformistisch  nennen,  —
und  ihr  hauptsächlichster  Vertreter  ist  Bernstein;  —  die  andere
bemüht  sich  im  Gegenteil,  den  Marxismus  wieder  zu  beleben;  sie
trägt  den  Namen  Syndikalismus.

§  1.  Der  reformistische  Neo-M  arxismus.
Wenn  wir  die  wirtschaftlichen  Theorien  Marx’,  so  wie  wir  sie
aufgeführt  haben,  eine  nach  der  anderen  vornehmen,  so  sehen  wir,
daß  jede  von  ihnen  Spuren  starker  Erschütterung  zeigt,  und  daß
von  der  wichtigsten  nichts  mehr  aufrecht  steht.  Man  kann  sagen,
daß  diese  Zerstörungsarbeit  teils  das  posthume  Werk  von  Marx
selbst  gewesen  ist,  da  gerade  die  Veröffentlichung  seiner  letzten
Bände  die  Aufmerksamkeit  auf  gewisse  schwerwiegende  Widersprüche
gelenkt  hat,  die  sich  aus  einem  Vergleich  dieser  Bände  mit  dem
ersten  zu  ergeben  schienen.  Hierdurch  ist  der  Marxismus  gerade
dem  Gesetz  zum  Opfer  gefallen,  das  er  der  kapitalistischen  Ordnung ­
  voraussagte,  dem  der  Selbstzerstörung.  Die  MARx-Gläubigen
haben  allerdings  eine  Rechtfertigung  versucht,  indem  sie  sagen,  daß
diese  Widersprüche  „keine  Widersprüche  des  Buches  mit  sich  selbst
sind,  keine  Verleugnung  seiner  Prämissen  von  seiten  des  Verfassers,
.  .  .  sondern  auf  den  antithetischen  Bedingungen  selbst  beruhen,  die
der  kapitalistischen  Produktion  anhaften  und,  in  Formeln  gefaßt,
den  Eindruck  von  Widersprächen  hervorrufen“  *  2 ).  So  wäre  also  das

')  Über  die  Entwicklung  des  Marxismus  siehe  das  so  lebendig  geschriebene  Buch
von  W.  Sombabt.  Sozialismus  und  soziale  Bewegung  im  19,  Jahrhundert
(6.  Ausg.  19081,  wie  auch  die  Broschüre  von  Gbohses  Sobbl:  La  decomposition
du  marxisme  (1908).
2 )  Labkiola,  Socialisme  et  Philosophie  S.  29.  —  Andere  sagen  unumwundener, ­
  daß  „diese  dunklen  Formeln  (es  handelt  sich  um  die  Mehrarbeit)  zwei-
        <pb n="563" />
        Kapitel  III.  Der  Marxismus.

541

Kapital  eine  Art  Neuausgabe  der  Contradictions  economiques
Peoudhox’s,  die  gerade  Marx  mit  seinem  Spott  verfolgt  hatte.  Wenn
aber  die  kapitalistische  Ordnung  so  voller  Widersprüche  ist,  die  in
ihrer  Natur  begründet  sind,  wie  schwierig  ist  es  dann,  zu  bestimmen,
ob  sie  uns  in  der  Tat  zum  Kollektivismus  führen  wird!  All  die  sogenannten ­
  wissenschaftlichen  Voraussagen  von  der  Selbstzerstörung
und  der  Endkatastrophe  erscheinen  dann  nur  um  so  verwegener 1 ).
Was  die  Grundtheorie  anbelangt,  die  des  Arbeitswertes,  so  ist
sie  heute  von  den  meisten  der  Marxisten  verlassen  worden,  die  sich
mehr  und  mehr  zu  der  Theorie  „des  Grenznutzens“  oder  zu  der  des
„wirtschaftlichen  Gleichgewichtes“  bekennen 2 ).  Trotz  seinem  Bekenntnis ­
  zum  Arbeitswerte  sah  sich  Karl  Marx  selbst  beständig
dazu  gezwungen,  als  selbstverständliche  Folgerung  oder  sogar  ganz
ausdrücklich 3 )  zuzugeben,  daß  der  Wert  von  Angebot  und  Nachfrage
abhänge,  —  wobei  wir  besonders  auf  das  hinweisen,  was  wir  weiter
oben  über  die  Höhe  des  Profits  gesagt  haben.  Nachdem  er  den

deutig  sind  und  aus  der  Wissenschaft  verbannt  werden  müßten“  (Sorel,  Revue
Intern,  de  Sociologie,  1900,  S.  270).
*)  Sorei.  sagt  von  der  revolutionären  Bewegung:  „Alles  an  ihr  ist  unvoraussehbar“
(Decomposition  du  marxisme,  8.  62).
2 )  Der  italienische  Syndikalist  Arthur  Labriola  (Revue  Socialiste,  1899,
Bd.  I,  S.  674)  schreibt:  „Während  wir  Marxisten  es  uns  sauer  werden  ließen,  den
Mantel  des  Meisters  zu  flicken,  um  ihn  uns  umzuwerfen,  hatte  die  volkswirtschaftliche
Wissenschaft  täglich  Fortschritte  gemacht  .  .  .  Man  vergleiche,  Kapitel  um  Kapitel,
das  „Kapital“  von  Marx  und  die  „Principles  of  political  Economy“  von  Mahshali.;
man  wird  daraus  ersehen,  wie  Probleme,  die  wenigstens  hunderte  von  Seiten  im
Kapital  beanspruchen,  bei  xMarshall  in  einigen  Zeilen  gelöst  werden.“  B.  Croce
(Materialismo  storico  ed  Economia  marxistica,  1900,  S.  105)  schreibt:
»Was  mich  anbelangt,  so  bleibe  ich  fest  hei  der  wirtschaftlichen  Konstruktion  der
hedonistischen  Schule  .  .  .;  doch  befriedigt  das  nicht  meinen  Wunsch  nach  einer  soziologischen ­
  Aufklärung  über  den  Profit  des  Kapitals,  und  diese  Aufklärung  ist  ohne  die
vergleichenden  Betrachtungen,  die  uns  Marx  vorschlägt,  unmöglich.“
Endlich  sagt  Sorel  (Saggi  di  critica  del  marxismo  1903,  S.  13);  „Es
ist  notwendig,  jede  Anwandlung,  den  Sozialismus  zur  Wissenschaft  zu  machen,  aufzugeben. ­
  “
s )  Besonders  in  der  von  Bernstein  angeführten  Stelle:  „Es  ist  in  der  Tat  das
Gesetz  des  Wertes,  daß  nicht  nur  auf  jede  einzelne  Ware  nur  die  notwendige
Arbeitszeit  verwandt  ist,  sondern  daß  von  der  gesellschaftlichen  Gesamtarbeitszeit  nur
das  nötige  proportioneile  Quantum  in  den  verschiedenen  Gruppen  verwandt  ist.  Denn
Bedingung  bleibt  der  Gebrauchswert  .  .  .  Das  gesellschaftliche  Bedürfnis,
d-  h.  Gebrauchswert  auf  gesellschaftlicher  Potenz  erscheint  hier  bestimmend  für  die
Qnota  der  gesellschaftlichen  Gesamtarbeitszeit,  die  den  verschiedenen  besonderen
Produktionssphären  anheimfallen.“  Marx,  das  Kapital,  Bd.  III-2,  S.  175—176)  —
und  Bernstein  fügt  hinzu;  „Dieser  Satz  allein  macht  es  unmöglich,  sich  über  die
GossEN-Bömi’sche  Theorie  mit  einigen  überlegenen  Redensarten  hinwegzusetzen“  (Die
Voraussetzungen  des  Sozialismus  und  die  Aufgaben  der  Sozialdemokratie, ­
  Stuttgart,  1904,  S.  42,  Anm.  2).
        <pb n="564" />
        542

Viertes  Buch.  Die  Abtrünnigen.

Arbeitswert  als  Axiom  an  die  Spitze  seines  ersten  Bandes  gestellt
hat,  führt  er  ihn  in  den  folgenden  nur  als  eine  Art  schematischer
Ausdrucksweise  an,  um  so  das  Verständnis  der  Tatsachen  zu  erleichtern. ­

Da  aber  in  der  Beweisführung  von  Marx  die  Theorien  der  Mehrarbeit ­
  und  des  Mehrwertes  nur  Folgerungen  aus  dem  Prinzipe  des
Arbeitswertes  sind,  so  folgt  daraus,  daß  der  Zusammenbruch  dieses
ersten  Prinzipes  auch  die  beiden  anderen  hinfällig  macht.  Wenn  die
Arbeit  nicht  notwendigerweise  den  Wert  schafft,  oder  wenn  der  Wert
ohne  sie  geschaffen  werden  kann,  so  beweist  nichts,  daß  die  Arbeit
notwendigerweise  einen  Mehrwert  erzeugt;  und  folglich  auch  nicht,
daß  der  Profit  des  Kapitalisten  in  nichtbezahlter  Arbeit  besteht.
Allerdings  antworten  die  Neo-Marxisten,  daß  die  Tatsache  der  Mehrarbeit ­
  und  der  des  Mehrwertes  ganz  olfenbar  auch  ohne  die  Theorie
des  Arbeitswertes  bestehen  bleiben  —  und  überreichlich  durch  die
Existenz  einer  Klasse  von  Menschen  in  der  Gesellschaft  bewiesen
wird,  die  leben  ohne  zu  arbeiten.  Denn  hieraus  ergibt  sich  ganz
selbstverständlich,  daß  sie  nur  von  dem  Erzeugnis  der  Arbeit  anderer
leben  können 1 ).  Zugegeben!  Dann  aber  bleibt  gar  nichts  weiter
übrig  als  die  schon  lange  vorher  von  Sismondi  und  den  kritischen
National  Ökonomen  der  englischen  Schule  deutlich  herausgearbeitete
Tatsache  —  „des  nicht  verdienten  Einkommens“,  so  wie  sie  der
ganzen  Lehre  Saint-Simon’s  und  Rodbertus’  zugrunde  liegt,  und  wie
sie  heute  wieder  von  der  englischen  „Schule  der  Fabier“  aufgenommen
worden  ist.
Es  ist  daher  nicht  recht  ersichtlich,  was  Marx  als  logischen
Beweis  dem  hinzugefügt  hat,  und  der  alte  Streit  über  die  Frage,  ob
die  Arbeiter  ausgebeutet  werden,  ob  die  von  den  sogenannten  müßigen
Klassen  bezogenen  Einkünfte  mit  einer  wirklichen  Schaffung  von
Werten  übereinstimmen  oder  nicht,  bleibt  offen.  Man  kann  nur  sagen,
daß  durch  die  historische  Darlegung,  die  er  von  der  Entwicklung
der  kapitalistischen  Ordnung  gegeben  hat,  Marx  gewisse  eindrucksvolle ­
  Beweise  beibringt,  und  hierin  liegt  in  der  Tat  noch  der  solideste
Bestandteil  seines  Werkes.
Wenn  wir  zu  dem  Gesetz  der  Konzentration,  das  das  Rückgrat
der  marxistischen  Lehre  ist,  tiberg  hen,  so  ist  auch  dies  stark  erschüttert. ­
  Ein  Sozialist,  Bernstein,  hat  ihr  den  meisten  Abbruch

&amp;gt;)  „Ob  die  MARx’sche  Werttheorie  richtig  ist  oder  nicht,  ist  für  den  Nhchweis
der  Mehrarbeit  ganz  und  gar  gleichgültig.  Sie  ist  in  dieser  Hinsicht  keine  Beweisthese, ­
  sondern  nur  Mittel  der  Analyse  und  der  Veranschaulichung“  (Bernstein,
ebenda,  S.  42).  —  Marx  muß  aber  doch  seine  We.  theorie  nicht  für  so  ganz  unbedeutend ­
  gehalten  haben,  da  er  sie  nicht  nebenher,  sondern  gerade  am  Anfang
seines  Buches  formuliert  hat.
        <pb n="565" />
        Kapitel  III.  Der  Marxismus.

543

getan 1 ),  indem  er  Tatsachen  zusammenstellte,  die  sie  widerlegen,  auf  die  l
aber  übrigens  schon  seit  langem  von  den  bürgerlichen'Nationalökononien
hingewiesen  worden  war.  Wenn  auch  unzweifelhaft  die  Großunternehmungen ­
  immer  zahlreicher  und  mächtiger  werden,  so  beweist  dies
keineswegs,  daß  sie  die  Kleinindustrie  und  den  Kleinhandel  ausschalten. ­
  Die  Statistik  zeigt  im  Gegenteil,  daß  die  Anzahl  der  Kleinindustriellen ­
  (diese  Handwerker,  deren  Aufsaugung  nach  der  marxistischen ­
  Doktrin  schon  seit  dem  14.  Jahrhundert  begonnen  hat)  im
Steigen  begriffen  ist!  Und  wir  sehen  beständig,  wie  irgend  eine  neue
Erfindung  wie  die  Photographie,  die  Fahrräder,  die  Verwendung  der
Elektrizität  im  Hause,  die  Vorliebe  für  Blumen,  einer  Menge  kleiner
Industrien  und  kleiner  Handelszweige  eine  Existenz  verschafft.
Weiterhin  tritt  die  Konzentration  aber  in  den  landwirtschaftlichen
Betrieben  in  keiner  Weise  in  Erscheinung.  Bis  heute  haben  sich  die
Kollektivisten  umsonst  bemüht,  auch  diese  Industrie  durch  Beispiele,
die  sie  den  Vereinigten  Staaten  oder  den  landwirtschaftlichen  Statistiken
europäischer  Länder  entlehnen,  unter  ihr  Lieblingsgesetz  zu  beugen.
Obgleich  die  statistischen  Angaben  so  verworren  sind,  daß  man  daraus
auch  das  Gegenteil  beweisen  kann,  so  haben  sie  sich  doch  nur  schwierig
zu  dieser  Auslegung  benutzen  lassen  und  scheinen  viel  eher  Gründe
zugunsten  der  entgegengesetzten  These  zu  liefern,  nämlich  für  eine
allmähliche  Abnahme  der  durchschnittlichen  landwirtschaftlichen  Betriebsgröße ­
  im  Verhältnis  zum  Wachstum  der  Bevölkerung;  —  eine
Tatsache,  deren  Bestätigung  der  marxistischen  Lehre  einen  doppelten
Schlag  versetzen  wuirde.  Dies  würde  nämlich  bedeuten,  daß  der  landwirtschaftliche ­
  Kleinbetrieb  sich  nicht  nur  entwickelt,  sondern  daß
der  Kleinbetrieb  sich  gerade  deshalb  entwickelt,  weil  er  produktiver
als  der  Großbetrieb  ist.
Nehmen  wir  aber  einmal  als  Hypothese  an,  daß  das  Gesetz  der
Konzentration  der  Unternehmungen  wirklich  begründet  sei.  Dies
würde  immer  noch  nicht  genügen,  um  die  Richtigkeit  der  marxistischen ­
  Theorie  außer  Zweifel  zu  stellen,  solange  dieses  Gesetz  nicht
von  einer  Konzentration  des  Eigentums  auf  eine  immer  kleiner
werdende  Anzahl  von  Menschen  begleitet  wird.  Weit  davon  entfernt,
die  marxistische  Theorie  zu  stützen,  widerlegen  die  statistischen
Zahlen  sie  gerade  hierin.  Das  Auftauchen  jener  neuen  Spezies,  der
amerikanischen  Milliardäre,  darf  uns  hierüber  nicht  täuschen.  Es  ist
Ja  richtig,  daß  es  reichere  Menschen  gibt  als  es  jemals  gegeben
hat,  aber  es  gibt  auch  mehr  reiche  Menschen,  als  es  jemals
gegeben  hat.  Der  Prozentsatz  nicht  nur  der  großen,  sondern  auch
*)  lu  dem  oben  angeführten  1899  veröffentlichten  Buch.  1900  erschien  eine
allerdings  unvollständige  französische  Übersetzung  unter  dem  Titel:  Socialisme
theorique  et  Social-democratie  pratique.
        <pb n="566" />
        544

Viertes  Buch.  Die  Abtrünnigen.

der  mittleren  und  der  kleinen  Vermögen  steigt  beständig.  Gerade
die  Aktiengesellschaften,  in  denen  die  marxistische  Schule  eine  Bestätigung ­
  ihrer  These  gesucht  hat,  dienen  im  Gegenteil  dazu,  das
Eigentum  an  eine  unendliche  Zahl  von  Personen  zu  verteilen,  woraus
sich  ergibt,  daß  die  Konzentration  der  Unternehmungen  und  die  Konzentration ­
  des  Eigentums  zwei  ganz  verschiedene  Dinge  sind.  Die
sich  immer  stärker  entwickelnden  Kooperativgenossenschaften  haben,
wer  kann  sagen,  wie  viele  Proletarier  in  kleine  Besitzer  verwandelt!
Die  Behauptung  Marx’,  daß  die  Expropriation  der  Zukunft  viel  leichter
durchführbar  sein  wird  als  die  der  Vergangenheit,  weil  es  genügen ­
  wird,  „einige  zugunsten  der  Masse  zu  expropriieren“,  ist  daher ­
  vollständig  unrichtig.  Gerade  die  Masse,  und  zwar  eine  Masse,
die  stetig  wächst,  müßte  expropriiert  werden.  Schon  heute  besitzt
sicherlich  die  Hälfte  aller  Franzosen  irgend  welches  Eigentum,  Wertpapiere,
  Grund  und  Boden,  oder  Häuser.  Früher  sprachen  die  Kollektivisten
  mit  Verachtung  von  jenen  Fetzen  oder  sogar  von  Jenen  Lumpen“
Eigentums  und  sagten,  daß  sie  am  Tage  der  Expropriation  voller  Freude
für  die  Vorteile  weggeworfen  werden  würden,  die  sich  aus  einem  sozialen
Miteigentum  ergeben.  Aber  der  Beweis,  daß  sie  heute  nicht  mehr  daran
glauben,  ist,  daß  sie  selbst  jetzt  schon  eine  andere  Sprache  führen  und
sich  verpflichten,  diese  „Eigentumsfetzen“  ihren  Besitzern  zu  erhalten.
In  dieser  Hinsicht  hat  ihr  Programm  schon  einige  Veränderungen,
wenn  nicht  einige  Hisse  erhalten.  Als  es  in  dem  kommunistischen ­
  Manifest  formuliert  worden  war,  vor  mehr  als  einem  halben
Jahrhundert,  rechnete  man  damit,  daß  das  kleine  Eigentum  sehr  bald
verschwinden  würde.  Da  dann  der  ganze  Besitz  in  einer  kleinen
Anzahl  von  Händen  konzentriert  und  andererseits  die  Masse  der
Proletarier  um  all  die  expropriierten  früheren  kleinen  Besitzer  vermehrt ­
  sein  würde  —  so  würden  die  letzteren  nur  eine  Handbewegung ­
  zu  machen  brauchen,  um  die  ersteren,  sei  es  auf  dem  Wege
der  Revolution,  sei  es  einfach  durch  den  zum  Gesetz  erhobenen  Willen
der  Mehrheit,  hinwegfegen  zu  können.
Zum  Unglück  für  die  Ausführung  dieses  Programms  mußte  man
leider  konstatieren,  daß  „der  Verfall  des  bürgerlichen  Eigentums“
weder  unvermeidlich  noch  nahe  bevorstehend  erschien.  Nicht  nur
befand  sich  das  kapitalistische  Großeigentum  außerordentlich  wohl  —
worin  natürlich  eine  Bestätigung  der  marxistischen  Theorie  und  nicht
ihre  Widerlegung  liegt  —  sondern  auch  das  Kleineigentum  und  die
Kleinindustrie  wollten  augenscheinlich  durchaus  noch  nicht  das  Zeitliche ­
  segnen.  Was  sollte  man  nun  tun?  Man  konnte  nicht  hoflen,
die  Verwirklichung  der  sozialen  Revolution  ohne  oder  gegen  den
Willen  dieser  riesigen  Menge  von  Landleuten,  Handwerkern,  Krämern
usw.  durchzuführen  —  und  zwar  ebensowenig  durch  Anwendung  von
        <pb n="567" />
        Kapitel  III.  Der  Marxismus.

545

Gewalt  als  durch  Anwendung  der  parlamentarischen  Machtmittel,  denn
diese  Masse  bildet  gerade  den  zur  Mehrheit  unentbehrlichen  Bestandteil, ­
  wenn  sie  nicht  schon  an  sich  die  Mehrheit  vorstellt:  und  wie
sollte  man  hoffen,  sie  um  ein  Programm  zu  scharen,  das  ihre  eigene
Expropriation  enthielt?
Daher  hat  man  einen  Unterschied  gemacht.  Die  Sozialisation  der
Produktionsmittel  wird  nur  auf  den  Großbesitz  und  die  Großindustrie
angewandt,  auf  diejenigen,  die  Lohnempfänger  beschäftigen;  der  kleine
Besitz  dessen,  der  von  seiner  Arbeit  lebt,  wird  aber  geschont.  Gegen
den  Vorwurf  der  Inkonsequenz  oder  des  Opportunismus  verteidigt  man
sich,  indem  man  sagt,  daß  man  sich  auf  diese  Weise  nur  dem  Gang
der  Entwicklung  anpasse.  Man  beginnt  mit  der  Expropriation  der
Industrien,  die  schon  zur  kapitalistischen  Lohnordnung,  zum  Stadium
des  Mehrwertes  gelangt  sind.
Diese  Schlußfolgerung  läßt  sich  in  der  Tat  rechtfertigen,  da  sie  sich
logisch  auf  den  Prämissen  auf  baut.  In  Wirklichkeit  ist  es  aber  nicht
so  leicht,  zu  wissen,  was  man  mit  diesem  individuellen  Kleinbesitz
tun  soll.  Wird  man  ihn  leben  und  sich  neben  dem  gesellschaftlichen
Eigentum  entwickeln  lassen?  Man  versteht  kaum,  wie  diese  beiden
Zustände  nebeneinander  und  miteinander  vermischt  bestehen  sollen,
und  wie  es  der  Einzelperson  frei  stehen  soll,  zwischen  ihnen  zu  wählen.
Daher  verhehlen  auch  die  Kollektivsten,  wenn  sie  unter  sich  sind,  nicht
den  Gedanken,  daß  es  sich  um  ein  nur  vorläufiges,  der  Ängstlichkeit  der
kleinen  Besitzer  gemachtes  Zugeständnis  handelt,  und  man  rechnet
darauf,  daß  sie  von  selbst  ihren  elenden  Besitz  aufgeben  werden,  um
an  den  Wohltaten  der  neuen  Ordnung  teilzunehmen  oder  aber,  daß  sie
mit  oder  ohne  ihren  Willen  durch  deren  wirtschaftliche  Überlegenheit
ausgeschieden  werden.  Da  diese  Aussichten  aber  nichts  besonders
Anziehendes  für  die  haben,  auf  die  sie  sich  beziehen,  läßt  man  sie
gern  im  Dunkeln.
Was  wird  nun  aus  dem  Klassenkampf  im  Neomarxismus?  —  Man
leugnet  ihn  nicht,  aber  er  wird  dadurch  sehr  abgeschwächt,  daß  man
ihn  nicht  mehr  als  einen  Kampf  auf  Tod  und  Leben  zwischen  den
beiden  Klassen  darstellt,  sondern  als  ein  recht  verwirrtes  Kampfgetümmel ­
  zwischen  einer  großen  Anzahl  von  Klassen,  dessen  Ausgang ­
  infolgedessen  schwer  vorauszusehen  ist.  Die  Vorstellung  von  der
Gesellschaft,  als  ob  sie  nur  aus  zwei  übereinander  liegenden  Schichten
bestände,  ist  eben  all  zu  einfach.  Wir  sehen  im  Gegenteil  eine  immer
wachsende  Differenzierung  gerade  innerhalb  der  Kapitalistenklasse.
Andere  Kämpfe  gehen  vor  sich  hauptsächlich  zwischen  den  Geldsuchenden ­
  und  den  Kentiers,  zwischen  den  Fabrikanten  und  den
Händlern,  zwischen  den  Industriellen  und  den  landwirtschaftlichen
Grundbesitzern;  —  besonders  dieser  letztere  Kampf,  dessen  Bedeutung
G'ide  und  Rist,  Gesch.  d.  Volkswirtschaft!.  Lehrmeinungen.  35
        <pb n="568" />
        546

Viertes,  Buch.  Die  Abtrünnigen.

in  der  politischen  Geschichte  so  allgemein  gewesen  ist,  erscheint  durch
alle  Zeitalter  hindurch  auch  heutigen  Tages  wieder  unter  der  Form
der  großen  parlamentarischen  Kämpfe  zwischen  der  konservativen
und  liberalen  Partei,  zwischen  Tories  und  Whigs  usw.  Und  diese
Nebenkämpfe  komplizieren  oft  in  der  dramatischsten  Weise  und  auf
das  unvorhergesehenste  den  Hauptkampf,  weil  jeder  der  Kämpfenden
sich  auf  das  Proletariat  zu  stützen  sucht.  So  haben  in  England  die
Industriellen  gegen  die  landwirtschaftlichen  Besitzer  die  Aufhebung
der  Kornzölle  durchgesetzt,  aber  diese  wieder  haben  ihrerseits  gegen
die  ersteren  die  Arbeitergesetzgebung  durchgebracht,  und  in  beiden
Fällen  hat  die  Arbeiterklasse  den  Gewinn  davon  getragen,  war  der
Tertius  gaudens!  Dann  wiederum  gehen  innerhalb  der  Arbeiterklassen ­
  Kämpfe  vor  sich.  Schon  gibt  es  solche  (ohne  von  denen  der
roten  und  gelben  Gewerkschaften  zu  sprechen)  zwischen  den  organisierten ­
  und  den  nichtorganisierten,  zwischen  den  qualifizierten  Arbeitern ­
  (skilled  workmen,  wie  die  Engländer  sagen)  und  denen  einer
untergeordneten  Kategorie.  Schon  erscheint,  wie  P.  Leeoy-Beaulietj
sagt,  unterhalb  des  vierten  Standes  ein  fünfter!
Und  was  wird  aus  der  Katastrophentheorie  ?  Was  wird  aus  Jj/!
dem  „großen  Kladderadatsch“?  Die  Neomarxisten  glauben  nicht
mehr  daran.  Die  wirtschaftlichen  Krisen,  die  das  Hauptargument
zugunsten  dieser  These  bilden,  scheinen  heute  nicht  mehr  so  drohend
für  den  Kapitalismus  zu  sein,  wie  Maux  sie  auffaßte.  Sie  treten
nicht  mehr  wie  die  Erschütterungen  eines  Erdbebens  auf,  sondern
wie  der  periodische  Rhythmus  von  Ebbe  und  Flut,  deren  Eintreten
man  innerhalb  gewisser  Grenzen  vorausberechnen  kann.
Und  was  wird  aus  dem  historischen  Materialismus?  —  „Jeder
nicht  Voreingenommene  wird  die  Formel  Beknstein’s  unterschreiben:
„die  Notwendigkeiten  der  technisch-wirtschaftlichen  Entwicklung  bestimmen ­
  immer  weniger  die  Entwicklung  der  anderen  sozialen
Einrichtungen“  J ).  Wieviele  Beweise  sind  nicht  schon  zusammengetragen ­
  worden,  um  diesen  Satz  zu  stützen!  Der  Marxismus  liefert
sie  selbst,  denn  gerade  das  Prinzip  des  Klassenkampfes  und  des
„Klassenbewußtseins“  schöpft  seine  Kraft  aus  dem  Gefühl  einer
Auflehnung  gegen  die  wirtschaftlichen  Fatalitäten,  und  infolgedessen
aus  einem  gewissen  Ideal.  Sicherlich  beeinflussen  alle  Tatsachen  verschiedener ­
  Ordnung,  ökonomische,  politische,  moralische  und  so  weiter,
einander,  aber  ohne  daß  man  sagen  könne,  eine  davon  bestimme  alle
anderen.  Daher  begnügt  man  sich  in  der  Volkswirtschaft  heute
eher  damit,  die  aufeinander  einwirkenden  Beziehungen  zwischen  den

b  G  Sokel,  Des  polemiques  ponr  l’interpretation  du  marxisme  in
der  Revue  internationale  de  Sociologie,  1900.
        <pb n="569" />
        Kapitel  III.  Der  Marxismus.

547

Tatsachen  zu  untersuchen,  als  sich  mit  der  Frage  zu  beschäftigen,
welche  Tatsache  Ursache  und  welche  Wirkung  ist.
Was  bleibt  nun  zum  Schluß  vom  Marxismus  im  Neo-Marxismus
übrig?  Es  ist  nicht  so  leicht,  dies  festzustellen!  „Enthält  er  weiter
nichts  als  Formeln,  die  man  anführt,  und  deren  Wert  mehr  und  mehr
diskutierbar  erscheint?  Ist  er  nicht  vielmehr  eine  philosophische
Auffassung,  die  geeignet  ist,  die  sozialen  Kämpfe  zu  beleuchten ­
  .  .  .’)?“  Bernstein  sagt,  daß  der  Sozialismus  eine  Bewegung ­
  ist,  und  er  fügt  hinzu:  „Das  Ziel  ...  ist  mir  gar  nichts,
die  Bewegung  alles“  -).

§  2.  Der  syndikalistische  Neo-Marxismus.
Während  derart  der  doktrinäre  Marxismus  im  Begriff  stand,  sich  zu
verflüchtigen,  befestigte  und  bewahrheitete  er  sich  andererseits  vollständig ­
  —  so  behauptet  wenigstens  eine  Gruppe  seiner  Schüler  —
in  einer  Bewegung,  die  diesmal  aber  im  praktischen  Sinne  des
Wortes  wirklich  ausschließlich  eine  Arbeiterbewegung  ist,  nämlich
in  der  syndikalistischen  Bewegung.
Es  handelt  sich  hierbei  durchaus  nicht  um  den  Reformsyndikalismus
(Gewerkschaftsbewegung),  den  man  auch  trade-unionism  nennt
—  ihn  überläßt  man  Bernstein  und  den  Neo-Marxisten  seiner
Schule 3 ),  —  es  handelt  sich  um  den  kämpfenden  Syndikalismus,  der
zunächst  nur  in  Frankreich  und  in  Italien  besteht,  und  der  in  Frankreich ­
  durch  die  Confederation  Generale  du  Travail  vertreten  wird.
Welche  Verwandtschaft  besteht  nun  zwischen  dem  Marxismus
und  diesem  Syndikalismus?  Ein  überlegtes  und  bewußtes  Band  gibt
es  nicht;  die  Arbeiter,  die  die  Confederation  Generale  du  Travail
')  Soebl,  Decomposition  du  marxisme,  S.  33.
2 )  Bernstein,  Zusammenbruchstheorie  und  Kolonialpolitik,  1898,
erschienen  in  der  Sammlung:  Zur  Theorie  und  Geschichte  des  Sozialismus  1904,
Teil  II,  S.  95.  Mau  hat  uns  vor  kurzem  mitgeteilt,  das  es  sich  hier  um  einen
Vorabdruck  der  Philosophie  Behgson’s  handelt!
3 J  Der  Gesichtspunkt  wird  in  einem  Aufsatze  Bkrth’s  (Mouvement  Socialiste,
  Mai  1908,  S.  393)  sehr  klar  ausgeführt.  „Vom  rein  kritischen  und  negativen
Standpunkt  aus  waren  wir  mit  Bernstein  gegen  die  Orthodoxie  Kaxjtsky’s.  Was
setzt  aber  Bernstein  an  die  Stelle  des  übrigens  durchaus  rhetorischen  Eevolutionaris-R&amp;gt;us
  der  deutschen  Sozialdemokratie  ?  Eine  einfache  demokratische  und  reformistische
Entwicklung,  die  die  bürgerlichen  liberalen  Einrichtungen  nachahmt,  und  die  sich
einbildet,  die  Emanzipation  der  Arbeiter  zu  erreichen,  indem  sie  den  bürgerlichen
Eiberalismus  unter  der  doppelten  Form  einer  vollständigen  politischen  Demokratie
u Rd  einer  vollständigen  wirtschaftlichen  Demokratie  auf  die  Spitze  treibt.  Hier
Hennen  wir,  die  revolutionären  Syndikalisten,  uns  entschieden  von  Bernstein,  denn
■wenn  wir  auch  die  Entwicklung  wollen,  so  wollen  wir  doch  eine  Entwicklung,  die
nene  soziale  Formen  schafft,  eine  revolutionäre  Entwicklung“.

35*
        <pb n="570" />
        548

Viertes  Buch.  Die  Abtrünnigen.

leiten,  haben  sicherlich  niemals  Marx  gelesen  und  kümmern  sich
nicht  darum,  seine  Lehren  anzuwenden.  Man  hat  aber  letzthin  ausgeführt, ­
  daß  das  Programm  der  „C.G.T.“  bewunderungswürdig  mit
der  marxistischen  Lehre  übereinstimme,  und  daß  sie  den  Marxismus
auf  den  richtigen  Weg  zurückgeführt  habe,  —  während  der  reformerische
Neo-Marxismtis  sich  auf  dem  falschen  Wege  befände,  —und  zwar  besonders ­
  in  folgendem;
a)  in  der  Betonung  des  ausschließlich  proletarischen  Charakters
des  Sozialismus.  Mit  den  Arbeitgebern  und  den  Kapitalisten  gibt
es  keine  Verständigung.  Und  ebensowenig  von  nun  an  mit  den  Intellektuellen ­
  und  den  Politikern;  da  die  berufliche  Arbeitergewerkschaft, ­
  auf  Grund  ihrer  Definition,  nur  Arbeiter  umfaßt,  hat  sie  sich
nur  mit  den  Interessen  der  Arbeiter  zu  beschäftigen').  Wir  haben
schon  auf  die  zur  Schau  getragene  Verachtung  h«igewiesen,  die  der
Marxismus  den  Intellektuellen  gegenüber  zeigt  (S.  537,  Anm.);
—  gleichzeitig  betont  es  den  Wert  und  die  Schönheit  der  Arbeit,
nicht  jeder  Arbeit  überhaupt,  sondern  der  Arbeit,  die  die  Materie
verändert  und  umformt,  der  Handarbeit.
Kein  Milieu  ist  besser  als  die  Gewerkschaft  dazu  geeignet,  das
„Klassenbewußtsein“  zu  entwickeln,  nämlich  das  Gefühl  der  Interessengemeinschaft, ­
  das  alle  Proletarier  gegen  alle  Besitzenden  vereinen ­
  soll.  Das  Bewußtsein  tritt  erst  dort  auf,  wo  eine  Organisation
vorhanden  ist,  und  dies  gilt  im  Bereiche  des  Wirtschaftslebens  nicht
weniger  als  im  Bereiche  der  Biologie:  —  deshalb  ist  gerade  die
Gewerkschaft  das,  was  notwendig  ist,  um  die  alte  sozialistische  Auffassung ­
  in  wirklichen  Sozialismus  zu  verwandeln.  Als  Marx  schrieb,
konnte  er  diese  Macht  noch  nicht  voraussehen.  Wenn  er  sie  gekannt ­
  hätte,  wie  sehr  würde  er  sich  darin  wiedererkannt  haben!
Die  Vertreter  dieses  Neo-Marxismus  schlagen  lyrische  Töne  an,  wenn
sie  von  der  Gewerkschaft  sprechen.  In  dem  bürgerlichen  Sumpfe
ist  sie  die  einzige  Quelle  neuer  Energie.  Die  Gewerkschaft  trägt
die  Keime  einer  neuen  Gesellschaft,  einer  neuen  Philosophie  und  sogar ­
  einer  neuen  Moral  in  sich,  die  man  die  Moral  des  Produzenten
nennen  kann:  Berufsehre,  Solidaritätsgefühl,  Stolz  auf  vollbrachte
Leistungen,  Fortschrittsbegeisterung  usw. *  2 ).

*)  „Eine  Organisation  der  Produzenten,  die  ihre  eigenen  Angelegenheiten
besorgen,  ohne  die  Erleuchtung  nötig  zu  haben,  die  die  Vertreter  der  bürgerlichen
Ideologie  besitzen“  (G.  Soebl,  Decomposition  du  manisme,  S.  60—61).
2 )  „Der  revolutionäre  Syndikalismus  ist  die  grobe  erzieherische  Macht,  die  die
heutige  Gesellschaft  besitzt,  um  die  Arbeit  der  Zukunft  vorzubereiten“  (Sorel,
Reflexions  sur  la  violence,  1909,  S.  244).
„In  dem  totalen  Zusammenbruch  der  Einrichtungen  und  der  Sitten  bleibt
etwas  Machtvolles,  Neues  und  Unberührtes  bestehen:  das,  was  ganz  eigentlich  die
        <pb n="571" />
        Kapitel  III.  Der  Marxismus.

549

b)  in  der  täglichen  und  praktischen  Betonung  und  Verwirklichung ­
  des  Klassenkampfes,  des  wirklichen,  richtigen  und  einzigen
revolutionären  Kampfes  zwischen  Lohnempfängern  und  Kapitalisten,
des  Kampfes,  der  gerade  auf  dem  Klassenbewußtsein  beruht,  und  der
alle  Kriegsmittel,  Streiks,  Gewalt  usw.  anwendet  —  des  Kampfes,
der  jede  Hilfe  der  bürgerlichen  Klassen  zurückweist,  jede  Einmischung ­
  des  Staates,  jede  aufgezwungene  Reform,  und  der  alles  nur
sich  selbst,  der  Selbsthilfe  (action  directe),  verdanken  will 1 ).
Nur  dieser  Kampf  bringt  das  neue  Recht  der  Zukunft,  soweit
es  in  Widerspruch  mit  den  heutigen  juristischen  Auffassungen
steht,  die  die  Bourgeoisie  geschaffen  hat.  Daher  muß  dieser  Geist
des  Kampfes  mit  allen  Mitteln  genährt  werden,  nicht  gerade  um  den
Haß  zu  schüren,  wohl  aber,  um  die  Flamme  lebendig  zu  halten.  Dies
ist  die  Aufgabe,  die  Pflicht  des  Sozialismus.
Es  ist  zu  bemerken,  daß  dieser  Kampf  von  nun  an  als  einziges
Ziel  der  Tätigkeit  des  revolutionären  Syndikalismus  genügt,  denn  er
braucht  sich  jetzt  nicht  mehr,  wie  die  Sozialisten  früherer  Zeit,  um
die  Organisation  der  Arbeit  und  der  Gesellschaft  zu  kümmern.  Alles
das  ist  schon  vom  Kapitalismus,  und  vom  wirtschaftlichen  Gesichtspunkte ­
  aus  sogar  auf  das  beste,  organisiert.  Es\  ist  nur  noch  nötig,
seinen  Platz  einzunehmen 2 ).

Seele  des  Proletariats  ausmacht  und  nicht  in  den  allgemeinen  Verfall  der
moralischen  Werte  hineingezogen  werden  wird,  wenn  die  Arbeitenden  genügend
Energie  haben,  um  den  bürgerlichen  Verführern  den  Weg  zu  sperren,  indem
sie  ihr  Entgegenkommen  mit  der  ausgesprochensten  Brutalität  zurückweisen“
(ebenda  S.  263).
Diese  Moral  steht  übrigens  im  Gegensatz  zu  der  Moral  des  Verbrauchers,  dem
Ideal  des  Rentiers  und  der  „gelehrten  Müßiggänger“,  die  die  sozialen  Vereinigungen
der  Käufer  und  die  Konsumgenossenschaften  die  Oberhand  gewinnen  sehen  möchten
Ggl.  oben  S.  388).
‘)  Dieser  ununterbrochene  Kampf  ist  das,  was  G.  Sobbl  die  „Gewalt“  —  la
violence  —  nennt,  und  die  er  für  außerordentlich  heilsam  erklärt.  „Ich  habe  nachgewiesen, ­
  daß  die  proletarische  Gewalt  eine  ganz  andere  historische  Bedeutung
bat,  als  die,  die  ihr  oberflächliche  Gelehrte  und  Politiker  beilegen“.  Man  muß
über  darauf  hinweisen,  daß  man  ihm  zu  Unrecht  yorgeworfen  hat,  die  Sabotage  gut
z u  heißen:  „Die  Sabotage“,  sagt  er,  „ist  ein  Verfahren  des  alten  Regime  (?)  und
dient  keineswegs  dazu,  den  Arbeiter  auf  den  Weg  der  Emanzipation  zu  führen“
(Mouvement  socialiste,  1.  und  15.  November,  1905).
Man  weiß,  wie  stark  in  diesem  Augenblick  in  Frankreich  der  Antagonismus
zwischen  den  Socialistes  ünifies,  die  sich  hauptsächlich  aus  der  alten  marxistischen ­
  Partei  rekrutieren,  und  deren  Programm  in  der  Eroberung  der  öffentlichen
Gewalt  besteht  —  und  den  Syndicalistes  ist,  die  weder  dem  allgemeinen
Stimmrecht,  noch  den  Beschlüssen  des  Parlamentes  etwas  verdanken  wollen.
2 )  „Von  nun  an  wird  man  nicht  mehr  danach  suchen,  wie  die  Menschen  sich
einzurichten  haben,  um  das  zukünftige  Glück  zu  genießen;  alles  besteht  in  der
revolutionären  Schulung  des  Proletariats“  (Soeel,  ebenda,  Einleitung,  8.  37).
        <pb n="572" />
        550

Viertes  Buch.  Die  Abtrünnigen.

c)  in  der  Wiederaufnahme  der  These  von  der  Endkatastrophe,
nicht  mehr  unter  der  Form  einer  kapitalistischen  Krise,  sondern
unter  der  des  Generalstreiks.  Gegen  diese  Taktik  sind  alle
Generäle  und  alle  Bajonette  der  bürgerlichen  Klasse  ohnmächtig.
Was  soll  gegen  die  Arbeiter  geschehen,  die,  um  das  ganze  soziale
Leben  zum  Stillstand  zu  bringen,  nur  die  Arme  zu  kreuzen  brauchen
und  gerade  dadurch  beweisen  können,  daß  nur  die  Arbeit  der  Schöpfer
alles  Reichtums  ist?  Und  auch  wenn  man  annimmt,  daß  der  Generalstreik ­
  sich  niemals  verwirklichen  könne  —  man  scheint  in  dieser
Hinsicht  ziemlich  skeptisch  zu  sein,  —  so  wird  der  Begriff  doch  Als
machtvoller  Ansporn,  als  Mythus,  sagt  G.  Soeel,  seinen  Einfluß  nicht
verfehlen,  ähnlich  wie  das  Erwarten  des  Millenniums  bei  den  Christen
der  ersten  Jahrhunderte.
Dieses  Wort  „Mythus“  hat  einen  glänzenden  Erfolg  gehabt.
Weniger  allerdings  bei  den  Syndikalisten  selbst,  denen  es  sehr  wenig
behagte,  aber  bei  den  Intellektuellen.  Denn  reizt  es  nicht  zu  einem
Lächeln,  wenn  man  darauf  hinweist,  daß  diese  Auffassung  eines  ausschließlichen ­
  Arbeitersozialismus,  der  nicht  nur  antikapitalistisch,
sondern  ganz  ausgesprochen  antiintellektuell  ist,  und  der  „jedes
bürgerliche  Entgegenkommen  mit  der  äußersten  Brutalität  beantworten ­
  soll“,  einzig  und  allein  von  einer  Gruppe  Intellektueller
stammt,  deren  Geist  aufs  schärfste  geschliffen  ist,  und  die  sich  zu
der  BEEGsox’schen  Philosophie  bekennen 1 )?
Ein  Mythus!  —-  Mag  das  sein;  doch  sich  von  einem  Mythus  leiten
lassen,  ist  ungefähr  dasselbe,  wie,  gleich  den  drei  Königen  aus  dem
Morgenlande,  dem  Sterne  folgen,  oder  wie  Israel  der  Rauch-  und  Feuersäule, ­
  die  es  ins  gelobte  Land  führte.  Und  mit  dieser  Hoffnung  und
diesem  der  Ecclesia  militans  et  triumphans  der  ersten  Jahrhunderte
entlehnten  Glauben,  mit  dieser  ganzen  Auffassung,  die  ein  leidenschaftlicher, ­
  fast  heroischer  Atem  beseelt,  wie  fern  sind  wir  doch  dem
historischen  Materialismus,  und  wie  nahe  jenem  Utopismus,  den  Marx
verhöhnte,  und  den  er  dem  französischen  Sozialismus  so  schneidend  vorwarf! ­
  Gesteht  doch  Soeel  selbst,  daß  „es  selten  einen  Mythus  gegeben
hat,  der  von  jeder  utopistischen  Beimischung  durchaus  frei  war“ 2 ).
*)  Diese  Gruppe  wird  von  der  Zeitschrift  Le  Mouvement  Socialiste,  die
Lagardblle  leitet,  vertreten.  Übrigens  hat  sich  Sorel  davon  zurückgezogen  und  kämpft
jetzt  für  den  „katholischen  Nationalismus“,  (die  Liga  des  „Nationalisme  catholique“).
Die  vor  kurzem  über  den  Syndikalismus  veröffentlichten  Untersuchungen  sind  sehr
zahlreich;  wir  haben  schon  auf  La  Philosophie  Syndicaliste  von  Guy  Grand
hin  gewiesen.
2 )  Eeflexions  sur  la  violenoe,  S.  XXXV.  Es  muff  jedoch  erwähnt  werden,
daß  Soeel  gegen  jede  Verwechslung  zwischen  Utopie  und  Mythe  protestiert;  nach  seiner
Ansicht  würde  die  letztere  diese  Überlegenheit  haben,  „daß  sie  nicht  widerlegbar  ist“,  da
sie  nur  der  Ausdruck  einer  Überzeugung  sei.  Siehe  auch  S.  218  desselben  Werkes.
        <pb n="573" />
        Kapitel  IV.  Die  auf  dem  Christentum  beruhenden  Lehren.

551

Kapitel  IV.
Die  auf  dem  Christentum  beruhenden  Lehren.
Im  Neuen  wie  im  Alten  Testament,  in  den  Verwünschungen  der
Propheten  gegen  die  Händler  und  gegen  die  Landräuber,  in  den
Gleichnissen  Christi,  in  den  Predigten  der  Kirchenväter  über  die
Pflichten  der  Reichen  gegenüber  den  Armen  bis  zu  der  Kanzelrede
Bossuet’s  über  die  „eminente  Würde  der  Armen“,  in  den  In-folios
der  Kanoniker  und  in  der  „Summa“  Thomas’  von  Aquino  —  sind
die  Stellen  unzählbar,  die  wirtschaftliche  und  soziale  Fragen  berühren,
oder  sich  sogar  in  kategorischen  Befehlen  mit  ihnen  befassen.
Viele  von  ihnen  sind  nicht  weniger  heftig  als  die  der  revolutionären
Sozialisten  unserer  Tage 1 ).
Jedoch  hat  man  erst  in  der  Mitte  des  19.  Jahrhunderts
christlich-soziale  Lehren  und  Schulen  mit  einem  festen  Programm
aufkommen  sehen,  das  darin  besteht,  in  den  Lehren  der  Religion
die  Lösung  der  volkswirtschaftlichen  Probleme  und  den  Plan  einer
Erneuerung  der  Gesellschaft  zu  suchen 2  *  *  *  *  * ).
Die  Ursachen,  die  ihre  Entstehung  bestimmten,  sind  leicht  genug ­
  nachzuweisen.  Es  war  zunächst  eine  Reaktion  gegen  den  Sozialismus, ­
  eine  Reaktion,  die  in  dem  Maße,  wie  der  Sozialismus  sich
immer  mehr  materialistisch  und  antichristlich  gebärdete,  immer
stärker  zum  Ausdruck  kam;  es  war  die  Pflicht  der  Kirche,  mit  dieser
neuen  Religion  um  die  Seele  der  Völker  zu  ringen:  es  war  die
Furcht,  das  Volk,  ihr  Volk,  sich  um  das  rote  Banner  des  Antichrist
scharen  zu  sehen  8 ).  Doch  wäre  es  kindisch  und  ungenau,  hierin  nur
eine  Konkurrenzfrage  erblicken  zu  wollen.  Man  muß  hierbei  vielmehr ­
  ein  Erwachen  des  christlichen  Gewissens  verstehen,  das  sich

’)  Es  genügt,  darauf  hinzuweisen,  daß  die  ganze  Theorie  des  Wuchers  und
die  sich  darauf  auf  bauende  Gesetzgebung  das  Werk  der  kanonischen  Rechtsgelehrten ­
  ist.
2 )  Im  Jahre  1832  schrieb  ein  heute  vergessener  katholischer  Professor,  de  Coux,
üi  einem  Essai  d’Eoonomie  Politique  betitelten  Buche;  „In  seinen  praktischen
Konsequenzen  schließt  der  Katholizismus  das  bewunderungswürdigste  sozialökonomische
System  ein,  das  jemals  auf  Erden  gegeben  worden  ist“.
8 )  „Gegenüber  dem  Sozialismus,  der  sich  auf  den  Ruinen  des  liberalen  Systems
erhebt,'bleibt  nur  der  Katholizismus  bestehen,  der  allein  stark  genug  ist,  um  ihm
Stand  zu  halten“  (Comte  de  Mun,  La  question  sociale  au  XlXesieele,  1900).
„Man  darf  nicht  zu  dem  Glauben  Anlaß  geben,  als  ob  die  Kirche  ein  Polizist
im  Priesterrock  wäre,  der  sich  im  Interesse  des  Kapitals  dem  Volke  entgegenwirft:
man  muß  im  Gegenteil  stets  darauf  hinweisen,  daß  sie  im  Interesse  und  für  die
Verteidigung  der  Schwachen  handelt“  (Derselbe,  Discours,  April,  1893).
        <pb n="574" />
        552

Viertes  Buch.  Die  Abtrünnigen.

prüft,  ob  die  Kirche  nicht  Christum  verraten  habe,  ob  sie  über  ihrer
göttlichen  Aufgabe  die  irdische,  die  sie  ebenfalls  zu  erfüllen  hat,
nicht  mißverstanden  habe;  ob  sie,  wenn  sie  die  Bitten  des  Vaterunsers ­
  wiederholt:  „Dein  Reich  komme!“  und  „Unser  täglich  Brot
gib  uns  heute!“  nicht  aus  dem  Auge  verloren  habe,  daß  dies  Reich
sich  schon  auf  dieser  Erde  verwirklichen  solle,  und  daß  das  tägliche
Brot,  um  das  zu  bitten  ist,  nicht  nur  das  des  Almosen,  sondern  der
Lohn  der  Arbeit  sei!
Übrigens  unterscheiden  sich  diese  Lehren  und  diese  Schulen  sehr
bedeutend  voneinander,  und  wir  werden  sehen,  wie  sie  vom  autoritärsten
Konservativismus  bis  zum  revolutionärsten  Anarchismus  reichen.  Nur
indem  wir  ihnen  etwas  Gewalt  antun,  ist  es  uns  möglich,  sie  in  den
Rahmen  eines  Kapitels  zu  bringen.  Man  kann  jedoch  gewisse  positive
und  vor  allem  gewisse  negative  Charakterzüge  herausarbeiten,  die
ihnen  allen  gemeinsam  sind  und  sie  zu  einer  einzigen  Familie  machen.
In  negativer  Hinsicht  verwerfen  alle  diese  Lehren  den  Liberalismus ­
  der  klassischen  Schule.  Nicht,  daß  sie  alle  nun  bereit
wären,  die  Hilfe  des  Staates  anzurufen,  da,  wie  wir  sehen  werden,
einige  von  ihnen  antistaatlich  sind.  Nicht,  daß  sie  die  Existenz
einer  natürlichen  Ordnung  leugnen,  die  sie  gerade  als  Ausdruck
des  Willens  Gottes  unter  dem  Namen  der  Vorsehung  verehren.  Aber
der  freigeschaffene  Mensch  hat  sich  gegen  diese  Ordnung  aufgelehnt,
—  die  Worte  Sündenfall  und  Sünde  bezeichnen  diese  Auflehnung  —,
und  jetzt  ist  er  nicht  mehr  imstande,  aus  eigener  Kraft  den  Weg  zurückzufinden. ­
  Daher  ist  die  Annahme  widersinnig,  es  genüge,  den  natürlichen ­
  Menschen  „gehen  zu  lassen“,  so  wie  das  laisser-faire  es  vorschreibt, ­
  nämlich  dem  persönlichen  Interesse  freies  Spiel  zu  gewähren, ­
  damit  dieses  den  Menschen  zum  Guten  zurückführe  und  ihn
den  Weg  zum  verlorenen  Paradies  wiederflnden  lasse.  Das  gilt  im
wirtschaftlichen  Leben  ebensogut  wie  im  religiösen.  Im  Gegenteil,
die  christlichen  Schulen  erklären,  daß  der  natürliche  Mensch,  —  das,
was  im  Neuen  Testament  der  alte  Adam  genannt  wird,  —  in  uns  absterben ­
  müsse,  um  einem  neuen  Menschen  Platz  zu  machen.  Alle
göttlichen,  moralischen  und  sozialen  Kräfte  müssen  aufgerufen  werden,
um  ihm  zu  helfen,  den  Abhang  wieder  empor  zu  steigen,  auf  dem
ihn  die  Selbstsucht  hinabgleiten  läßt 1 ).

*)  Die  Christlich-Sozialen  weisen  darauf  hin,  daß  auch  dann,  wenn  man  das
Dogma  von  der  Schöpfung  durch  die  Entwicklungstheorie,  und  Adam  durch  irgendeinen
Gorilla  ersetzen  wollte,  ihre  These  dadurch  nur  stärker  wird,  denn  dann  würde  es  nur
um  so  notwendiger  sein,  den  alten  Menschen  zu  ertöten!  „Wir  leben  nur“,  schrieb
BRüNETifeHE,  „von  dem  Siege,  den  wir  täglich  über  das  Verhängnis  unseres  Ursprungs
davon  tragen  müssen“  (Eevue  des  deux  Mondes,  1.  Mai,  1895).
In  einem  1894  erschienenen  englischen  Buche,  das  einen  riesigen  Erfolg  hatte,
        <pb n="575" />
        Kapitel  IV.  Die  auf  dem  Christentum  beruhenden  Lehren.

553

Diese  Schulen  unterscheiden  sich  aber  nicht  minder  vom  Sozialismus, ­
  selbst  wenn  sie  ihn  in  der  Heftigkeit  ihrer  Anathemata  gegen  den
Kapitalismus  und  die  bestehende  wirtschaftliche  Ordnung  übertreffen.
Der  Unterschied  liegt  darin,  daß  sie  nicht,  wie  er,  glauben,  es  genüge,
die  wirtschaftlichen  Bedingungen  und  das  Milieu  zu  ändern,  um  eine
neue  Gesellschaft  zu  schaffen,  —  nein,  zur  gleichen  Zeit  muß  auch
das  Individuum  geändert  werden.  Denen,  die  ihn  fragten,  wann  das
Reich  Gottes  kommen  werde,  antwortete  Christus:  „Das  Reich  Gottes
kommt  nicht  mit  äußerlichen  Gebärden  .  .  .  Das  Reich  Gottes  ist
inwendig  in  Euch“ 1 ),  womit  er  sagen  wollte,  daß  die  soziale  Gerechtigkeit ­
  erst  herrschen  werde,  wenn  sie  zuvor  in  den  Herzen  verwirklicht ­
  sein  wird.  Der  christliche  Sozialismus  darf  daher  nicht  mit
der  Auffassung  der  freiheitlichen  Sozialisten  oder  sogar  der  Assozialisten
verwechselt  werden,  da  diese  glauben,  der  Mensch  sei  von  Natur  gut  und
nur  durch  die  Zivilisation  verderbt,  und  ebensowenig  mit  dem  marxistischen ­
  Kollektivismus,  der  als  Grundlage  den  historischen  Materialismus
und  den  Klassenkampf  hat.  Und  wenn  auch  einige  der  christlichen
Schulen  bereit  sind,  mit  dem  Staatssozialismus  sympathisch  zusammen  zu
arbeiten,  so  kommt  doch  die  zwingende  Einmischung  der  Staatsgewalt
bei  ihnen  erst  an  zweiter  Stelle,  da  für  sie  die  familienmäßige,
die  korporative  oder  die  kooperative  Assoziation  an  erster  Stelle
stehen.  Wie  könnte  dies  auch  anders  sein,  da  jede  Kirche,  schon
auf  Grund  der  Bedeutung  des  Wortes,  eine  Assoziation  ist.  Vor
allen  anderen  ist  dies  die  römisch-katholische  Kirche,  und  was  man
auch  sonst  über  sie  denken  möge,  sie  ist  jedenfalls  die  großartigste
und  die  am  festesten  zusammengefügte  Assoziation,  die  jemals  unter
den  Menschen  bestanden  hat,  da  sie  durch  die  Bande  einer  Solidarität,
die  sogar  das  Grab  nicht  lösen  kann,  die  Ecclesia  militans  hier  unten
und  die  Ecclesia  triumphans  dort  oben,  hier  die  Lebenden  umfaßt,
die  für  die  Toten  beten,  und  dort  oben  die  Heiligen,  die  für  die
Sünder  eintreten.
Vom  Gesichtspunkte  ihrer  Gesellschaftskonstruktion  aus  aber
entziehen  sich  diese  Schulen  jeder  Klassifizierung.  Man  kann  freilich
sagen,  daß  sie  alle  eine  Gesellschaft  erstreben,  in  der  alle  Menschen
als  Söhne  des  gleichen  himmlischen  Vaters 3 )  Brüder  sein  werden.  Aber
(Social  Evolution  von  Kinn)  überträgt  der  Verfasser  die  darwinistische  Theorie
ins  Christliche.  Nach  ihm  sind  der  Kampf  ums  Leben  und  die  natürliche  Auswahl
Wohl  Triebfedern  des  Fortschrittes.  Aber  der  Kampf  und  die  Auswahl  vollziehen
sich  zwischen  denen,  die  bereit  sind,  ihre  individuellen  Interessen  dem  Interesse  der
Allgemeinheit  zu  opfern,  und  die  Religion  ist  die  einzige  zwingende  Gewalt,  die  ein
derartiges  Opfer  auferlegen  kann.
*)  Luk.  Evgl.  17.  20—21.
2 )  Nicht  ein  Christlich-Sozialer,  sondern  der  Gründer  des  Positivismus,  Auguste
Comte,  hat  gesagt:  „Die  ursprüngliche  Gleichheit  der  Menschen  ist  nicht  eine  auf
        <pb n="576" />
        554

Viertes  Buch.  Die  Abtrünnigen.

es  gibt  viele  unterschiedliche  Arten,  diese  brüderliche  Gleichheit  zu
verstehen.  Auch  kann  man  sagen,  daß  sie  alle,  wie  schon  die  Kanoniker ­
  des  Mittelalters  taten,  von  dem  gerechten  Preise  und  von  dem
gerechten  Lohne  sprechen,  womit  gesagt  werden  soll,  daß  sie  sich
weigern,  zuzugeben,  die  Arbeit  des  Menschen  sei  nur  eine  Ware,  die
dem  Spiel  des  Gesetzes  von  Angebot  nnd  Nachfrage  überliefert  ist;
sie  sehen  in  der  menschlichen  Arbeit  etwas  heiliges:  und  schon  das
römische  Recht  gab  nicht  zu,  daß  die  Res  saerae  Gegenstände  des
Handels  werden  dürften.  Sobald  es  sich  aber  darum  handelt,  ein
Programm  aufzustellen,  trennen  sich  die  Wege.  Denn  wenn  in  der
Heiligen  Schrift  die  Stellen  über  die  wirtschaftlichen  und  sozialen
Fragen  zahlreich  genug  sind,  so  sind  sie  auch  allgemein  genug,  um
den  verschiedensten  Lehren  als  Stützpunkte  dienen  zu  können.
Vielleicht  wird  man  denken,  daß  es  nicht  recht  lohne,  diesen
Doktrinen  ein  besonderes  Kapitel  zu  widmen,  einmal  wegen  ihres
mehr  moralischen  als  wirtschaftlichen  Charakters,  und  dann,  weil  wir
hier  nicht,  wie  in  den  vorhergehenden  Kapiteln,  die  Namen  bedeutender ­
  Meister  finden,  die  die  Wissenschaft  mit  selbständigen
Beiträgen  bereichert  haben  —,  abgesehen  von  Le  Play,  der  aber
doch  nur  in  recht  loser  Verbindung  mit  dieser  Schule  steht.  Es  gibt
jedoch  große  Gedankenströmungen,  die  an  fast  keine  Namen  gebunden ­
  sind:  die  Bedeutung  einer  Lehre  soll  sich  auch  weniger  aus
dem  Ruhm  ihrer  Urheber  als  aus  ihrem  Einfluß  auf  die  Gemüter  ergeben; ­
  und  es  kann  nicht  geleugnet  werden,  daß  die  christlich-sozialen
Ideen  einen  wirklichen  und  tiefgehenden  Einfluß  auf  eine  bedeutend
größere  Anzahl  von  Gläubigen  ausgeübt  haben,  als  die  eines  Foueiee,
eines  Saint-Simon  oder  eines  Peoudhon,  und  mit  der  Entwicklung
von  wirtschaftlichen  Einrichtungen  von  großer  Tragweite  in  Verbindung ­
  stehen,  wie  z.  B.  mit  dem  Versuch  der  Wiederaufrichtung  der
Zünfte  in  Österreich,  den  landwirtschaftlichen  Darlehenskassen  in
Deutschland  und  in  Frankreich,  den  kooperativen  Gesellschaften  in
England,  den  Vereinen  gegen  den  Mißbrauch  des  Alkohols,  dem  Kampf
um  die  Sonntagsruhe  usw.
Auch  darf  nicht  vergessen  werden,  daß  die  Männer,  die  man  als
die  Urheber  der  Arbeiterschutzgesetzgebung  und  Wohlfahrtseinrichtung ­
  des  ersten  Viertels  des  19.  Jahrhunderts  ansehen  kann,  Loed
Shaftesbuey  in  England,  Pfarrer  Obeelin  (Elsässer,  Anm.  d.  Übers.)
und  der  Industrielle  Daniel  Lbgeand  in  Frankreich  schon  Christlich-Soziale
  waren.

Beobachtung  beruhende  Tatsache  .  .  .  Klar  ist  sie  zum  ersten  Male  vom  Christentum
behauptet  worden“  (Traite  de  Politique,  Bd.  I,  S.  407).
        <pb n="577" />
        Kapitel  IV.  Die  auf  dem  Christentum  beruhenden  Lehren.

555

§1.  Die  Schule  Le  Play’s.
Unter  den  christlich-sozialen  Schulen  steht  die  Schule  Le  Play’s  ')
dem  klassischen  Liberalismus  am  nächsten,  und  einige  ihrer  Vertreter
gehören  sogar  beiden  Lagern  gleichzeitig  an.  Sie  hat  die  gleiche
Antipathie  gegen  den  Sozialismus  und  das  gleiche  Mißtrauen  gegen
die  Einmischung  des  Staates.
Auf  der  anderen  Seite  aber  trennt  sie  sich  durchaus  von  der
liberalen  Schule,  hauptsächlich  in  deren  optimistischer  französischer
Form,  und  zwar  durch  die  kategorische  Leugnung  des  Prinzips,  daß
das  Wohl  des  Individuums  sich  automatisch  verwirklichen  wird.  Nein,
der  Mensch  kennt  das  Gute  nicht.  „Der  Irrtum“  ist  in  der  sozialen
Wissenschaft  die  Tatsache,  die  am  zahlreichsten  und  klarsten  zutage
tritt.  Jeder  Neugeborene,  der  zur  Welt  kommt,  bringt  die  Neigung
zum  Übel  mit  sich,  und  Le  Play  sagt  eindrucksvoll;  „Jede  neue
Generation  gleicht  einem  Einfall  kleiner  Barbaren;  wenn  die  Eltern
es  versäumen,  sie  durch  die  Erziehung  zu  zähmen,  ist  der  Verfall
unausbleiblich“  1  2  3  *  *  *  * ).
Unter  diesen  Irrtümern  greift  Le  Play  mit  der  größten  Heftigkeit
besonders  die  an,  auf  die  der  bürgerliche  Liberalismus  sich  beruft,  „die
falschen  Dogmen  von  1789“ 8 ).  Jede  Gesellschaft,  die  leben  will,  muß
sich  reformieren,  anstatt  sich  von  sogenannten  natürlichen  Gesetzen
regieren  zu  lassen,  die  nichts  weiter  als  Instinkte  sind,  die  gezähmt
werden  müssen.  Deshalb  nennt  sich  das  wichtigste  Buch  Le  Play’s
1 )  FüßDrämc  le  Play  (1806—1882),  Schüler  der  „Ecole  polytechnique“,  Bergingenieur, ­
  dann  Professor  an  der  „Ecole  des  mines“  und  Staatsrat,  veröffentlichte
1855  eine  Sammlung  von  Monographien  über  Arbeiterfamilien  unter  dem  Titel:
Les  OuTriers  europeens,  in  einem  In-folio  Bande  (die  zweite  Ausgabe  erschien
1877  und  umfaßt  6  Bände  in  8°).  Im  Jahre  1864  legt  er  seine  Lehre  in  dem
Buche  La  Eeforme  Sociale  dar,  ein  Buch,  das  Montalbmbert  als  „das
originellste,  tapferste,  nützlichste  und  in  jeder  Hinsicht  gewaltigste  dieses  Jahrhunderts“ ­
  bezeichnete.  Diese  Epitheta  müssen  sich  zwar  viele  Abstriche  gefallen
lassen,  doch  ist  es  sicherlich  wahr,  daß  die  pessimistischen  Voraussagen  dieses
Buches  über  die  Zukunft  Frankreichs  sich  in  vielen  Punkten  bewahrheitet  haben.
Le  Play  schuf  1856  La  SoCiete  d’Economie  Sociale,  die  seit  1881  eine
Zeitschrift  La  Eeforme  Sociale  herausgibt.  Er  war  der  Organisator  der  Weltausstellung ­
  von  1867  und  der  Begründer  der  ersten  sozial-wirtschaftlichen  Ausstellungen. ­
  Vgl.  als  Zusammenfassung  seines  Lebens  und  seines  Werkes:  Frederic
Le  Play  d’apres  1  ui-meine,  von  Aübuhtin,  Paris  (1906).
2 )  Programm  der  „Unions  de  la  Paix  sociale“,  Kap.  I.
3 )  „Der  schwerste  und  gefährlichste  Irrtum,  der  wirkliche  Urgrund  unserer
■Revolutionen  ist  das  falsche  Prinzip,  das  die  Erneuerer  von  1789  praktisch  auszuführen ­
  vergaben,  das  Prinzip,  das  die  ursprüngliche  Vollkommenheit  behauptet  .  .  .
und  das  besagt,  die  aus  natürlichen  Menschen  zusammengesetzte  Gesellschaft  würde
ohne  Anstrengung  Frieden  und  Glück  genießen,  die  sozusagen  die  spontanen  Früchte
jeder  freien  Gesellschaft  wären“.
        <pb n="578" />
        556

Viertes  Buch.  Die  Abtrünnigen.

La  Reforme  Sociale,  und  die  Schule,  die  er  gegründet  hat,  hat
den  gleichen  Namen  angenommen.
Eine  Autorität  ist  daher  unumgänglich  nötig.  Wem  soll  diese
Autorität  nun  anvertraut  werden?  Vor  allem  dem  Haupt  der  Familie:
in  ihm  kann  sie  sich  aus  zwei  Gründen  am  wirksamsten  entfalten:
—  1.  weil  ihr  Ursprung  in  der  Natur  und  nicht  in  einem  Kontrakt
oder  in  einer  Verordnung  begründet  ist;  —  2.  weil  ihr  Einfluß
durch  Liebe  und  nicht  durch  Zwang  wirkt.  So  soll  denn  die  unter
die  Autorität  des  Familienhauptes  gestellte  Familie,  in  der  unter
der  patriarchalischen  Herrschaft  die  ganze  gesellschaftliche  Ordnung
bestand,  auch  jetzt  noch  das  ganze  Gerüst  der  Gesellschaft  bilden,
sogar  wenn  sie  so  kompliziert  geworden  ist  wie  unsere  modernen  Gesellschaften. ­
  Die  väterliche  Autorität  genügt  aber  freilich  nicht,  weil
ihr  Träger  selbst  durch  die  Aufgaben  des  Lebens  zu  sehr  beschäftigt
ist,  und  ihr  müssen  daher  noch  weitere  „soziale  Autoritäten“  beigesellt ­
  werden.  Soll  dies  der  Staat  sein?  Nein,  wenn  man  es  vermeiden ­
  kann.  Zunächst  kommen  die  natürlichen  Autoritäten,  die  sich
selbständig  entwickelt  haben,  in  Betracht:  der  Adel,  dort,  wo  er  nicht
wie  leider  in  Frankreich,  seine  Aufgabe  verfehlt  hat,  die  Großgrundbesitzer, ­
  die  Arbeitgeber,  die  „Weisen“,  worunter  nicht  Gelehrte,
sondern  Menschen  mit  Lebenserfahrung  zu  verstehen  sind,  und  dort,  wo
sie  fehlen,  die  Lokalautoritäten,  die  dem  Interessierten  am  nächsten
stehen,  die  Gemeinde  vor  dem  Kreise,  und  der  Kreis  vor  dem  Staate.
Die  Einmischung  des  Staates  läßt  sich  nur  dort  nicht  entbehren,  wo
alle  diese  sozialen  Autoritäten  nicht  genügen  —  zum  Beispiel,  um  die
Sonntagsruhe  durchzusetzen  dort,  wo  die  besitzenden  Klassen  das
Beispiel  zu  ihrer  Verletzung  gegeben  haben  —;  die  Notwendigkeit
einer  Staatseinmischung  bezeichnet  daher  geradezu  einen  krankhaften
Zustand,  und  der  Grad  dieser  Einmischung  gestattet  in  gewisser
Weise,  die  Größe  des  Übels  zu  messen 1 ).
Wenn  Le  Play  der  Familie  eine  so  große  Bedeutung  beilegt,
so  ist  es  selbstverständlich,  daß  er  der  Ordnung  des  Erbschaftswesens ­
  eine  nicht  geringere  zuspricht,  da  ja  auf  der  Erbschaft  die
Dauer  der  Familie  beruht.  Hierin  liegt  auch  der  Kernpunkt  des
Le  PnAY’schen  Systems.  Er  unterscheidet  drei  Haupttypen  der  Familie:
1.  Die  patriarchalische  Familie.  —  Der  Vater  ist  der
alleinige  Eigentümer  oder  genauer  der  alleinige  Verwalter  aller  Güter
der  Familie,  und  bei  seinem  Tode  gehen  alle  diese  Güter  ohne  weiteres
auf  den  ältesten  Sohn  über.  Es  ist  dies  das  antike  System,  wie  es

*)  „Es  ist  das  große  Unglück  Frankreichs,  daß  hier  die  Familie  in  der  Gemeinde,
die  Gemeinde  im  Departement  und  das  Departement  im  Staate  aufgeht“  (La  Reforme
sociale,  III,  B.  7).
        <pb n="579" />
        Kapitel  IV.  Die  auf  dem  Christentum  beruhenden  Lehren.  557

zur  Zeit  der  Hirtenvölker  bestand,  und  wie  es  heute  noch  unter  den
Nomaden  des  Orientes  herrscht.
2.  Die  Wahl-Erbfolge-Familie  („La  famille-souche“).  —  Die
Kinder  und  Enkel  bleiben  nicht  mehr  unter  der  väterlichen  Autorität
zusammen.  Sie  zerstreuen  sich  und  gründen  neue  Familien;  nur  ein
einziger  bleibt  im  Hause.  Dies  ist  der  vom  Vater  bezeichnete  Erbe,
der  seine  Stelle  einnehmen  wird,  nachdem  er  während  seines  ganzen
Lebens  mit  ihm  zusammen  gearbeitet  hat.  Die  Wahl  dieses  Erben  beruht ­
  aber  hier  auf  dem  väterlichen  Willen  und  ist  nicht  durch  ein
zwingendes  „Recht  des  Ältesten“  beschränkt.  Die  Erbschaft  geht  auf
den  würdigsten  über  oder  auf  alle  Fälle  auf  den,  der  am  besten  dazu
geeignet  ist,  sie  zu  bewahren.  Diese  Einrichtung  genügt,  wie  Lb  Play
sagt,  um  die  außerordentliche  Stabilität  Chinas  zu  erklären.  Auf  ihr
beruht,  auch  wenn  sie  schon  etwas  erschüttert  ist,  die  Kraft  und  die
Lebensfähigkeit  Englands.  Noch  gibt  es  in  Frankreich  einige  Gegenden, ­
  wo  dieses  System,  trotz  des  Code  civil,  sich  hat  halten  können.
Die  Geschichte  der  Familie  Melouga,  Bauern  der  Pyrenäen,  kehrt
jeden  Augenblick  wie  ein  Leitmotiv  in  den  Schriften  Lb  Play’s  und
seiner  Schüler  wieder  (übrigens  ist  diese  Familie  beute  ausgestorben).
3.  Die  unbeständige  Familie  („La  famille  instable“).  —
In  ihr  verlassen  alle  Kinder,  sobald  sie  das  Alter  der  Selbständigkeit
erreicht  haben,  das  Haus,  ein  jedes  für  sich.  Beim  Tode  des  Vaters
wird  die  schon  verstreute  Familie  definitiv  aufgelöst;  das  Erbe  wird
durch  die  gleiche  Zwangsteilung  zerstückelt,  und  der  landwirtschaftliche ­
  oder  industrielle  Betrieb,  wenn  es  einen  gibt,  wird  liquidiert.
Dies  System  hat  sich  aus  dem  Individualismus  ergeben  und  charakterisiert ­
  fast  alle  modernen  Gesellschaften  und  besonders  Frankreich.
Von  diesen  drei  typischen  Familienordnungen  ist  nur  die  zweite
Le  Play  völlig  sympathisch,  weil  sie  es  ist,  die  am  besten  das  Gleichgewicht ­
  zwischen  den  beiden  antagonistischen  Kräften  aufrecht  erhält, ­
  die  für  das  soziale  Leben  gleicherweise  unentbehrlich  sind,
nämlich  das  Streben  auf  Beibehaltung  des  Alten  und  das  Streben
auf  Einführung  des  Neuen.  Unter  der  Herrschaft  der  patriarchalischen ­
  Familie  tritt  das  erste  zu  stark  hervor 1 );  aber  unter  der  der
unbeständigen  Familie  verschwindet  es  zu  sehr.  Es  wird  hier  zu
einem  Gewebe  der  Penelope,  wo  die  Arbeit  jeder  Generation  jedesmal
ganz  und  gar  neu  zu  tun  ist.  Und  diese  periodische  Teilung  gibt

b  „Sie  (die  Patriarchal-Ordnung)  hält  in  der  Arbeitsordnung  und  in  der
Gesamtheit  der  sozialen  Beziehungen  mehr  die  Anhänglichkeit  an  die  Vergangenheit ­
  als  die  Sorge  um  die  Zukunft,  den  Gehorsam  mehr  als  die  Initiative  aufrecht...
Die  Familiengemeinschaft  hemmt  den  Aufschwung,  den  die  bedeutenden  Individualitäten ­
  in  der  Familie  in  unabhängiger  Lage  hätten  nehmen  können•'  (Reforme
Sociale,  B.  III).
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        558

Viertes  Buch.  Die  Abtrünnigen.

nicht  einmal  die  versprochene  Gleichheit:  denn,  da  alle  Bande  der
Solidarität  zwischen  den  Brüdern  gelöst  sind,  so  bereichern  sich  die
einen,  während  die  anderen  im  Elend  verkommen;  ein  jeder  für  sich!
Eine  derartige  Ordnung  der  Dinge  endigt  notwendigerweise  in  der
Sterilität,  wovon  Frankreich  einen  schlagenden  Beweis  liefert.  Da
die  Kinder  nämlich  nur  so  lange  bei  ihren  Eltern  bleiben,  als  sie
ihrer  Hut  bedürfen,  und  sie  verlassen,  sobald  sie  imstande  sind,  sich
selbst  zu  genügen,  wie  die  Jungen  der  Tiere,  so  ist  es  klar,  daß  die
Eltern  ein  Interesse  daran  haben,  so  wenig  wie  möglich  Kinder  zu
zeugen').
Im  Gegensatz  dazu  vertraut  die  Wahl-Erbfolge-Familie  dem
Sohn,  der  zn  Hanse  bleibt,  die  Hut  der  Überlieferung  an,  und  überläßt
es  den  Söhnen,  die  in  die  Ferne  ziehen,  ihren  Unternehmungsgeist
zu  betätigen.  Auf  diese  Weise  hat  England  die  Welt  erobert.  Zur
gleichen  Zeit  hält  diese  Einrichtung  die  wirkliche  Familiengleichheit
aufrecht,  indem  das  Heim  stets  denen  als  Zufluchtsort  ollen  stellt,
die  sich  dahin  zurückziehen  wollen,  weil  sie  in  der  Welt  keinen  Erfolg ­
  gehabt  haben.  Hierin  liegt,  um  nur  ein  Beispiel  anzuführen,
die  Lösung  der  Frage,  wie  die  schmerzliche  Lage  der  alten  Jungfern
freundlicher  gestaltet  werden  könne.
Um  zu  versuchen,  die  Wahl-Erbfolge-Familie  in  Frankreich
wiederaufzurichten,  gibt  es  außer  der  moralischen  Reform  nur  ein
einziges  Mittel;  es  besteht  darin,  die  Testierungsfreiheit  wiedereinzuführen ­
  oder  zum  allerwenigsten  den  frei  verfügbaren  Teil  genügend ­
  zu  vergrößern,  damit  der  Vater  imstande  sei,  den  Grund  und
Boden  oder  das  Unternehmen  in  seiner  Gesamtheit  einem  .seiner
Kinder  zu  hinterlassen,  mit  der  Bedingung,  daß  dieses  seine  Geschwister ­
  entschädigt,  wmnn  der  Rest  des  Erbes  nicht  genügt,  jedem
seinen  Teil  zu  sichern  *  2 ).
Wenn  die  Autorität  des.  Vaters  über  seine  Kinder  ein  für  die
Stabilität  der  Gesellschaft  unentbehrliches  Element  darstellt,  so  ist
doch  die  Autorität  des  Arbeitgebers  über  seine  Arbeiter  ebenfalls
äußerst  bedeutsam,  w r enn  sie  sich  auch  aus  der  ersteren  ableiten  läßt.

*)  „Um  zusammenzufassen:  ich  habe  niemals  eine  soziale  Organisation  angetroffen,
die  im  gleichen  Grade  die  Gesetze  der  materiellen  und  der  moralischen  Ordnung
verletzt“.
2 )  Lb  Play,  der  einen  gewissen  Einfluß  auf  Napoleon  III.  hatte,  versuchte  von
ihm  einen  Qesetzesvorschlag  zu  erhalten,  um  den  „Code  civil“  in  diesem  Sinne
abzuändern.  Obgleich  der  Kaiser  diesem  Gedanken  sympathisch  gegenüberstand,
und  trotz  seiner  fast  absoluten  Macht,  wagte  er  es  doch  nicht,  das  öffentliche  Gefühl
zn  verletzen,  denn  in  Wirklichkeit  wenden  die  Familienväter  nicht  einmal  die  beschränkte ­
  zu  ihrer  Verfügung  stehende  Quote  an,  die  das  Gesetz  ihnen  zugesteht.
Das  Übel  liegt  daher,  wenn  es  überhaupt  ein  Übel  ist,  viel  tiefer,  als  Lb  Play
dachte:  es  ist  mehr  in  den  Sitten  als  im  „Code“  begründet.
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        Kapitel  IV.  Die  auf  dem  Christentum  beruhenden  Lehren.

559

Von  ihr  hängt  der  soziale  Friede  noch  viel  unmittelbarer  ab.  Der
soziale  Friede  ist  der  Hauptgegenstand  der  sozialen  Wissenschaft 1 ).
Dieser  Ausdruck  kehrt  beständig  in  den  Schriften  Le  Play’s  und
seiner  Schüler  wieder,  und  die  von  ihnen  gegründeten  Gesellschaften
nennen  sich  „Unions  de  la  paix  sociale“.
Der  erste  Versuch  einer  sozialökonomischen  Ausstellung  im  Jahre
1867,  der  Le  Play  zu  verdanken  war  (wie  übrigens  der  ganze  bewunderungswürdige ­
  Plan  der  Anlage  dieser  Ausstellung),  bezweckte,
die  Einrichtungen  zu  belohnen,  die  bestimmt  waren,  „die  gute  Harmonie ­
  zwischen  Personen,  die  an  den  gleichen  Arbeiten  zusammen
tätig  sind“,  zu  entwickeln.  Man  kann  sagen,  daß  die  ganze  Bewegung ­
  der  Arbeiterwohlfahrtseinrichtungen,  die  im  Jahre  1850  in
Mühlhausen  mit  Dolleus  durch  das  berühmte  Wort:  „der  Arbeitgeber ­
  schuldet  dem  Arbeiter  mehr  als  den  Lohn“  eingeleitet  wurde,
auf  dem  Geiste  Le  Play’s  beruht 2 ).  Es  ist  dies  das  sog.  „System
des  guten  Arbeitgebers“.  Natürlicherweise  stellte  sich  der  Apostel
der  Wahl-Erbfolge-Familie  auch  die  Fabrik  als  eine  Familie  vor,
die,  nach  dem  Vorbild  der  Familie,  sich  durch  Stabilität,  Beständigkeit ­
  der  Anstellung s ),  geregelte  Anordnung  und  Autorität  eines  freiwillig ­
  respektierten  Hauptes  charakterisiert.
Diese  für  Le  Play  so  bezeichnende  These,  daß  das  Heil  der
Arbeiterklasse  nur  von  oben  kommen  kann,  scheint  noch  weniger  begründet, ­
  als  die  entgegengesetzte  des  Syndikalismus,  der  behauptet,  daß
das  Heil  nur  von  der  Arbeiterklasse  selbst  kommen  kann.  Schon  im
voraus  ist  sie  durch  den  schönen  Satz  Stuaet  Mill’s 4 )  widerlegt:
„Man  kann  keine  Zeit  anführen,  in  der  die  oberen  Klassen  eine
Rolle  gespielt  haben,  die  mit  der,  welche  ihnen  diese  Theorie  zuweist,
auch  nur  entfernt  übereinstimmte.  Stets  haben  sie  sich  ihrer  Macht
zur  Förderung  ihrer  selbstsüchtigen  Zwecke  bedient  ...  Ich  will
nicht  behaupten,  daß  das,  was  gewesen  ist,  immer  sein  muß  ...
*)  „Der  Zweck  der  Tätigkeit  der  menschlichen  Gesellschaften  ist  weniger  die
Entwicklung  der  Eeichtiimer  an  und  für  sich,  als  die  Erlangung  von  Wohlstand  für
die  Menschen.  Der  Wohlstand  bedeutet  das  tägliche  Brot,  aber  er  besteht  nicht
außerhalb  des  sozialen  Friedens“  (Claudio  Jannbt,  Quatre  Ecoles  d’Economie
Sociale.  1890).
2 )  Man  muß  jedoch  sagen,  daß  dies  damals  die  herrschenden  Ideen  waren.
Schon  1840  schrieb  Millerm*:  in  seinem  berühmten  Tableau  de  l’etat  moral  et
Physique  des  ouvriers;  ,.Diese  wohlverstandene  Bevormundung  von  Seiten  des
Arbeitgebers  kann  am  wirksamsten  zur  Besserung  der  Lage  und  der  Moral  der
Arbeiter  beitragen“  (II,  S.  372).
3 )  Man  bekommt  eine  Idee  von  der  Bedeutung,  die  Le  Play  der  Beständigkeit
der  Dienstverträge  beimaß,  wenn  man  erfährt,  daß  ihm  aus  diesem  Grunde  die  Ab
Schaffung  der  Sklaverei  ein  gewisses  Bedauern  verursachte!  (Reforme  Sociale
Kap.  65,  X).
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        560

Viertes  Buch.  Die  Abtrünnigen.

Jedoch  scheint  es  wenigstens  außer  Zweifel  zu  stehen,  daß,  bevor
die  oberen  Klassen  genügende  Fortschritte  gemacht  haben,  um  in
entsprechender  Weise  die  Vormundschaft,  die  man  ihnen  übertragen
will,  führen  zu  können,  die  unteren  Klassen  viel  weiter  fortgeschritten ­
  sein  werden,  als  daß  man  sie  auf  diese  Weise  regieren
könne.“
Neben  dem  Arbeitgeber  und  dem  Staate  gibt  es  noch  einen
weiteren  Faktor  des  sozialen  Fortschritts,  dem  man  heute  die
erste  Stelle  zuweist;  es  sind  dies  die  Arbeitergenossenschaften.  Man
könnte  glauben,  daß  diese  Arbeitergenossenschaften  Le  Play  um
so  sympathischer  gewesen  wären,  weil  sie  von  den  falschen  Dogmen
der  Revolution  verboten  worden  waren.  Aber  nein:  er  erwartet  von
ihnen  nichts  Gutes,  ebensowenig  unter  ihrer  kooperativen  wie  unter
ihrer  korporativen  Form  J ).  Die  Genossenschaft  erscheint  ihm  als
eine  unnötige  Konkurrenz,  die  der  natürlichen  und  durchaus  ausreichenden ­
  Genossenschaft,  wie  sie  die  erweiterte  Familie  vorstellt,
eher  verderblich  sein  kann.  Allerdings  hat  Le  Play  die  Arbeitergewerkschaften ­
  nicht  an  der  Arbeit  gesehen.  Es  ist  aber  kaum
wahrscheinlich,  daß  dadurch  seine  Meinung  geändert  worden  wäre:
wenigstens  stehen  seine  Schüler  ihnen  nicht  sehr  freundlich
gegenüber.
Man  wird  vielleicht  einwerfen,  daß  alle  diese  Gedanken  nichts
besonders  neues  an  sich  haben?  Nichts  würde  Le  Play  größere
Freude  gemacht  haben,  als  dies  zu  hören,  denn,  erklärt  er:  „in
sozialen  Dingen  gibt  es  nichts  neues  zu  erfinden:  das  ist  die  einzige
Entdeckung,  die  ich  gemacht  habe!“
Diese  Entdeckung  „von  der  wesenhaften  Verfassung  der  Menschheit“, ­
  wie  er  sie  nannte,  verdankte  er,  wie  er  glaubte,  seiner  Beobachtungsmethode, ­
  denn  die  Schule  Le  Play’s  charakterisiert  sich
nicht  nur  durch  eine  gewisse  Lehre,  sondern  auch  durch  eine  Methode,
die  übrigens  mehr  Erfolg  gehabt  hat  als  die  Doktrin  und  heute
imstande  zu  sein  scheint,  ein  unabhängiges  Leben  zu  führen.  Le  Play
war  Bergingenieur  und  besonders  für  die  Zeit,  in  der  er  lebte,  ein
großer  Reisender *  2 ).  20  Jahre  lang  durchstreifte  er  ganz  Europa  bis
an  den  Ural,  und  von  dort  brachte  er  seine  Methode  der  Monographien

')  „Unter  den  Panazeen,  die  man  zu  unserer  Zeit  gerühmt  hat,  ist  die  Genossenschaft ­
  dasjenige,  mit  dem  man  den  meisten  Mißbrauch  getrieben  hat  .  .  .  Die
Gesellschaften  können  vom  Gesichtspunkt  des  Erfolges  aus  nicht  dieselben  Vorteile
bieten,  wie  die  individuelle  Arbeit  oder  das  wohlverstandene  Arbeitgeberpatronat“.
2 )  „Oft  habe  ich  tausend  Kilometer  im  Postwagen  zurückgelegt,  um  einen
bedeutenden  Großgrundbesitzer  am  Ende  der  europäischen  Welt  um  Kat  zu  fragen“
(Brief  an  de  Kibbes  vom  3.  Oktober  1867).
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        Kapitel  IV.  Die  auf  dem  Christentum  beruhenden  Lehren.

561

von  Arbeiterfamilien  zurück,  die  er  der  von  ihm  verachteten  „Erflndungsmethode“
  x )  gegenüberstellte.
Die  Monographie  einer  Familie 2 )  nach  der  Methode  Le  Play’s
aufstellen,  bedeutet  nicht  nur  ihre  Geschichte  erzählen,  ihre  Lebensweise ­
  beschreiben  und  ihre  Existenzmittel  analysieren,  sondern  alle
Handlungen  ihres  Lebens  im  Rahmen  einer  „amerikanischen  Buchführung“ ­
  —  nach  Einnahmen  und  Ausgaben  —  zusammenfassen,  in  der
im  voraus  alle  Rubriken  numeriert  und  mit  Aufschriften  versehen
sind,  so  daß  alle  sich  stets  auf  das  genaueste  vergleichen  lassen.  Sicherlich ­
  liegt  viel  Gemachtes  und  etwas  kindisches  in  dieser  anscheinend
so  genauen  Methode,  wo  nicht  nur  die  wirtschaftlichen  Bedürfnisse,
sondern  der  Unterricht,  die  Erholung,  die  Getränke,  die  Tugenden
und  Laster  katalogisiert  und  in  Mark  und  Pfennigen  beziffert  sind.
Ihr  Vorzug  besteht  aber  darin,  auch  den  unerfahrensten  Beobachter
zu  leiten,  da  er  gezwungen  ist,  jede  dieser  mit  Aufschriften  versehenen
Schachteln  mit  etwas  zu  füllen,  so  daß  er  folglich  keine  Tatsache
übersehen  kann 3 ).
Wenn  Le  Play  allerdings  erklärt,  daß  diese  Methode  ihm  die
Wahrheit  enthüllt  habe,  nämlich  die  Lehre,  die  wir  soeben  zusammenfassend ­
  darlegten,  so  scheint  er  sich  doch  recht  großen  Illusionen
hingegeben  zu  haben.  Von  anderen  angewandt,  kann  sie  ihnen  ebenso
leicht  ganz  das  Gegenteil  offenbaren,  was  auch  in  Wirklichkeit  eingetreten ­
  ist.  Le  Play  sagt,  seine  Methode  habe  nachgewiesen,  daß
nur  die  Familien  glücklich  seien,  die  sich  unter  einer  väterlichen
Autorität  zusammenschließen  und  sich  den  Zehn  Geboten  unterwerfen 4 ).
Zugegeben!  Was  versteht  er  aber  unter  „glücklichen  Familien“?  Die,
1 )  „Diese  Methode  stützt  sich  auf  die  genau  beobachtete  Tatsache  und  ihre
exakte  Geschichte  ...  Sie  entlehnt  weder  der  Einbildung,  noch  der  Metaphysik,
noch  auch  den  Parteileidenschaften  irgend  etwas;  sie  ist  ganz  ausschließlich  ein
Werk  der  Wissenschaft  und  der  Wahrheit“  (La  Eeforme  en  Europe).
2 )  Diese  Monographien  erschienen  zuerst  in  dem  großen  Werke  lb  Play’s;
Res  Ouvriers  Europeens  im  Jahre  1864.  Sie  wurden  späterhin  von  seiner  Schule
unter  dem  Namen:  Ouvriers  des  Deux-Mondes  fortgesetzt  und  ihre  Zahl  übersteigt ­
  heute  das  erste  Hundert.  Man  hat  diese  Methode  erweitert,  indem  man  Monographien ­
  von  Industrien,  Monographien  von  Gemeinden  usw,  aufstellte.
Diese  Methode  erfordert  übrigens  eine  Vervollständigung  durch  Enqueten,  die
sich  auf  große  Zahlen  erstrecken,  wie  Bevölkerung,  Höhe  der  Löhne  usw.,  und  daher
uur  von  den  Regierungen  ausgeführt  werden  können.
3 )  Die  Gegenüberstellung  von  Ausgaben  und  Einnahmen  muß  notwendigerweise
Ms  dahin  unbemerkt  gebliebene  Verluste  auf  decken,  ebenso  wie  das  doppelte  Wägen
Mnes  Körpers  und  seiner  Rückstände  die  Verluste  der  chemischen  Analyse  anzeigt.“
(Paul  Bubeau,  L’OEuvre  d’Henri  de  Tourville).
4 )  Mit  einer  gewissen  Naivität  erklärt  er  sogar,  oft  denen  eine  Belohnung
versprochen  zu  haben,  die  ihm  eine  einzige  Familie  nachweisen  könnten,  die  außerhalb ­
  dieser  Bedingungen  glücklich  sei.  „Aber“,  fügt  er  an,  „alle  meine  Bemühungen
sind  erfolglos  geblieben“  (Les  Ouvriers  Europeens,  IV,  Einleitung).
Gide  und  Eist,  Gesch.  d.  Volkswirtschaft!.  Lehrmeinungen.  36
        <pb n="584" />
        562

Viertes  Buch.  Die  Abtrünnigen.

die  in  Einigkeit  und  Beständigkeit,  im  Vertrauen  auf  Gott  leben.
Er  stellt  daher  ein  gewisses  Kriterium  a  priori  des  Glückes  auf 1 ),  aber
nichts  beweist,  daß  die  „unbeständige  und  ungeordnete“  Familie
eines  Arbeiters  der  Vorstädte  von  Paris  sich  nicht  unendlich  viel
glücklicher  fühlt,  als  die  Wahl-Erbfolge-Familie  der  Melouga  oder  die
patriarchalische  Familie  der  Baschkiren  in  Turkestan.
Oft  hat  man  Le  Play  und  seine  Richtung  mit  der  deutschen
historischen  Schule  in  Verbindung  gebracht,  sowohl  wegen  der  Bedeutung, ­
  die  sie  der  Methode  der  Beobachtung,  und  des  Gewichtes,  das
sie  den  Einrichtungen  der  Vergangenheit  beimißt,  als  wegen  ihrer
Reaktion  gegen  den  Liberalismus  und  den  klassischen  Optimismus.  Die
Ähnlichkeit  ist  aber  nur  oberflächlich.  Im  Grunde  sind  die  beiden
Schulen  nicht  nur  verschieden,  sondern  sie  streben  auch  verschiedenen
Zielen  zu.  Die  deutsche  Schule  sucht  in  der  Vergangenheit  die  Erklärung ­
  der  Gegenwart,  die  Schule  Le  Play’s  sucht  dort  Lehren.
Die  eine  untersucht  dort  den  Keim  der  späteren  Entwicklung,  während
die  andere  dort  den  Typus,  das  Modell  bewundert,  dem  man  nacheifern
muß.  Die  eine  dient  der  Entwicklung,  die  andere  der  Überlieferung.
Die  erstere  gelangt  zu  sehr  radikalen,  fast  sozialistischen  Schlußfolgerungen; ­
  die  zweite  endet  im  Konservativismus.
Daher  schien  uns  der  richtige  Platz  Le  Play’s  nicht  im  Kapitel
über  die  historische  Schule,  sondern  in  dem  über  die  christlich-sozialen
Doktrinen  zu  sein.
Seine  grundlegende  Anschauung  von  der  angeborenen  Neigung
des  Menschen  zum  Irrtum  und  zum  Übel  genügt,  um  ihn  zu  klassifizieren. ­
  Trotzdem  darf  diese  Doktrin  nicht  mit  dem  sozialen
Katholizismus  verwechselt  werden,  da  Le  Play  sich  beständig  auf
die  Zehn  Gebote,  die  ein  mosaisches  Gesetz  sind,  beruft,  fortwährend
als  Beispiel  das  protestantische  England  hinstellt  und  ebenso  oft  auf
China  und  die  islamitischen  Länder  verweist.  Auf  der  anderen  Seite
räumt  Le  Play  unter  den  sozialen  Kräften  der  römisch-katholischen
Kirche  und  dem  Klerus 2 )  nur  mit  einem  gewissen  Mißtrauen  einen

1 )  Wenn  uns  Le  Play  zum  Beispiel  lehrt,  daß  „die  wesentliche  Konstitution“
jeder  Gesellschaft:
zwei  Grundlagen  umfaßt;  die  Zehn  Gebote  und  die  väterliche  Autorität;
zwei  Bindemittel:  Religion  und  Königtum;
drei  Bestandteile,  Gemeinschaft,  Privateigentum  und  Patronatsordnung;
so  ist  die  Bemerkung  gestattet,  daß  die  sogenannte  Beobachtungsmethode  nicht  einer
starken  Dosis  Dogmatismus  entbehrt.
2 )  „Der  hauptsächlichste  Zweck,  der  zu  erreichen  ist,  besteht  darin,  soviel  wie
möglich  das  kirchliche  Personal  zu  verringern.“  Allerdings  fügt  er  hinzu:  „um
es  auf  der  Höhe  seiner  Aufgabe  zu  halten.“
Er  hat  die  gleiche  Antipathie  gegen  die  religiösen  Gemeinschaften  wie  gegen
alle  anderen  Können  der  Assoziation.
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        Kapitel  IV.  Die  auf  dem  Christentum  beruhenden  Lehren.

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recht  kleinen  Platz  ein.  Ferner  ist  sein  Eeformprogramm,  wie  wir
es  eben  dargelegt  haben,  von  dem  des  sozialen  Katholizismus,  den  wir
untersuchen  werden,  ganz  verschieden.
1885  trat  in  der  Le  PnAv’schen  Schule  eine  Spaltung  ein.  Die
„Unions  de  la  Paix  sociale“  mit  ihrem  Organ  „La  Eeforme  Sociale“
sind  dem  Programm,  das  wir  eben  gezeichnet  haben,  treu  geblieben.
Der  Teil,  der  sich  von  ihr  trennte,  hat  sich  unter  der  Führung  von
Demolins  und  dem  Abbe  de  Toübville  in  der  Eichtung  eines
Ultra-Individualismus  und  Spencerianismus  entwickelt,  so  daß  er  nur
noch  durch  seine  Ursprünge  mit  den  in  diesem  Kapitel  dargestellten
Lehren  zusammenhängt.
Die  Schule  der  sozialen  Wissenschaft  (Science  sociale)
wie  sie  sich  nennt  —  wenigstens  ist  dies  der  Name,  den  sie  der
Zeitschrift  gegeben  hat,  die  sie  als  ihr  Organ  benutzt,  —  behauptet,
die  Methode  Le  Play’s  wieder  aufzunehmen  und  fortzuführen,
wenigstens  die  durchaus  objektive,  die  er  während  des  ersten  Teiles
seiner  Laufbahn  verfolgte.  Sie  wirft  ihm  nur  vor,  es  nicht  verstanden ­
  zu  haben,  seine  eigene  Methode  nutzbar  zu  machen  und
seiner  Aufgabe  nicht  gerecht  geworden  zu  sein,  die  darin  bestand,  aus
dieser  Methode  eine  positive  Wissenschaft  zu  entwickeln.  Diese  neue
Schule  zieht  der  Methode  der  Monographien  die  Methode  der  Klassifikation ­
  vor,  die,  um  die  Tatsachen  zu  verstehen,  sie  in  ihrem
natürlichen  Zusammenhang  hinstellt  und  zunächst  das  Band  sucht,
das  sie  mit  dem  geographischen  Milieu  verbindet  ’).  Dieses  „Milieu“,
das  schon  bei  Le  Play  eine  so  große  Bedeutung  hatte,  nimmt  in  der  Schule
der  „sozialen  Wissenschaften“  einen  außerordentlich  großen  Kaum  ein.
Man  zeigt  hier,  um  nur  ein  einziges  Beispiel  anzuführen,  wie  die  Gestalt
des  norwegischen  Fjords  durch  die  Spärlichkeit  kultivierbaren  Bodens,
durch  die  Notwendigkeit  des  Fischfanges,  durch  die  begrenzte  Größe
der  Fischerboote,  die  Sonderart  der  Familie,  der  Wirtschaft  und
sogar  der  Politik  der  angelsächsischen  Gesellschaft  geschaffen  habe!
In  gleicher  Weise  habe  die  große  asiatische  Steppe  einen  anderen,
ihr  eigentümlichen  Zivilisationstypus  hervorgerufen,  usw.  Es  ist  dies
der  historische  Materialismus  der  Marxisten,  der  hier  unter  der
pittoreskeren  und  nach  unserer  Ansicht  anregenderen  Form  eines
geographischen  Materialismus  in  Erscheinung  tritt 2 ).
')  „Eine  soziale  Tatsache  ist  vollständig  unerklärlich,  wenn  sie  getrennt  von
ihrem  Milieu  betrachtet  wird.  Die  ganze  soziale  Wissenschaft  beruht  auf  diesem
Gesetz“  (Dbmolxns,  La  Classification  sociale).
2 )  Der  hier  angeführte  Vergleich  hat  verschiedene  heftige  Proteste  von  seiten
einiger  Anhänger  dieser  Schule  hervorgerufen.  Er  hat  aber  nichts  verletzendes,
w enu  man  daran  denken  will,  daß  diese  Bezeichnung  „historischer  Materialismus“
nicht  mit  dem  philosophischen  Materialismus  im  alten  Sinne  des  Wortes  zusammengeworfeu
  werden  darf  und  einen  gewissen  Idealismus  nicht  ausschließt.  Siehe  o.  S.  536.
36*
        <pb n="586" />
        564

Viertes  Buch.  Die  Abtrünnigen.

Noch  weniger  ist  diese  Schule  dem  sozialen  Reformprogramm  Le
Play’s  treu  geblieben,  besonders  nicht  hinsichtlich  der  Familie.  Das
Ziel,  das  sie  aufstellt,  ist  weniger  die  Erhaltung  der  Familie,  als  vielmehr, ­
  jedes  Kind  in  die  Lage  zu  bringen,  sobald  wie  möglich  eine
eigene  Familie  zu  gründen.  Nicht  die  Solidarität  der  Familie  und  der
Gemeinde,  sondern  die  Selbsthilfe  (Self-help),  nicht  die  Wahl-Erbfolge-Familie,
  sondern  die  Einzelfamilie  unter  Betonung  der
Individualität  eines  jeden  Familienmitgliedes,  nicht  die  englische,
sondern  die  amerikanische  Familie  schwebt  ihr  als  Ziel  vor  Augen.
Demolins  war  ein  Anhänger  des  Kampfes  ums  Dasein,  (struggle  for
life).  Niemand  ist  der  solidaristischeu  Lehre  mit  größerer  Heftigkeit
entgegengetreten  als  er.  „Es  ist  mit  dem  sozialem  Heil“,  sagt  er,
„gerade  wie  mit  dem  Heil  der  Seele;  es  ist  eine  durchaus  persönliche ­
  Angelegenheit“,  eine,  in  Parenthese,  höchst  ketzerische  Erklärung, ­
  denn  wenn  das  Heil  eine  rein  individuelle  Angelegenheit
ist,  wozu  dient  dann  die  Kirche 1 )?

§  2.  Der  soziale  Katholizismus.
Man  sagt  manchmal  katholischer  Sozialismus;  im  allgemeinen ­
  protestieren  die  Katholiken  aber  gegen  diese  zu  weit
gehende  Bezeichnung,  die  in  Wirklichkeit  auch  nur  auf  eine  Minderheit ­
  unter  ihnen  paßt.  Das  Wort  christlicher  Sozialismus
wurde  zum  ersten  Male  von  einem  Franzosen,  FßANqois  Huet,  in
einem  Buch:  Le  regne  social  du  christianisme,  die  soziale
Herrschaft  des  Christentums,  (1853)  gebraucht 3 ).
Schon  vor  ihm  aber,  können  Buchez  (Essai  d’un  traite
complet  de  Philosophie  au  pointde  vue  du  catholicisme
et  du  progres,  1838—1840,  —  Versuch  eines  vollständigen  Grundrisses ­
  der  Philosophie  vom  Gesichtspunkt  des  Katholizismus  und  des
Fortschrittes  aus  —),  und  sogar  der  feurige  Abbe  de  Lamennais
(La  question  du  travail,  1848)  zum  wenigsten  auf  den  Titel

*)  Dieser  Zweig  der  Le  PuAY’sohen  Schule,  der  zunächst  als  Führer  den  Abbe
de  Tourvillb  und  Demolins  (dessen  Buch  De  la  Superiorite  des  Anglo-Saxons
  großes  Aufsehen  erregte)  hatte,  hat  doch  eine  gewisse  Anzahl  ausgezeichneter
Werke  hervorgebracht,  wie  z.  B.  die  von  de  Eousiebs  über  die  industriellen  Produzentensyndikate,
  die  von  dtj  Maroussem,  usw.  Wir  erwähnen  besonders  die  Bücher  von
Paul  Bureau;  Le  contrat  de  travail  (1902);  La  participation  aux  benefices;
  La  crise  morale  des  temps  nouveaux,  in  denen  ein  hochstehender
moralischer  Leitgedanke  der  Sicherheit  und  Objektivität  der  Tatsachenanalyse  keinen
Abbruch  tut,
2 )  Huet  war  Professor  in  Gent,  weshalb  er  gewöhnlich  als  Belgier  bezeichnet
wird,  ebenso  wie  Walras  als  Schweizer.
        <pb n="587" />
        Kapitel  IV.  Die  auf  dem  Christentum  beruhenden  Lehren.  565

Vorläufer  Anspruch  erheben.  Bekanntlich  war  Bxjchez  der  Gründer
der  Produktivgenossenschaften  (1832),  aber  weniger  bekannt  ist,  daß
Lamennais  die  Kreditgenossenschaften  in  ungefähr  derselben  Form
empfohlen  hat,  die  Raippeisen  in  Deutschland  verwirklichen  sollte  *).
Der  jetzige  soziale  Katholizismus  spricht  ungern  von  diesen
seinen  drei  Vorgängern.  Sie  wollten  alle  drei  die  Kirche  der  Revolution ­
  vermählen 2 ).  Heute  begnügen  sich  die  vorgeschrittensten
Katholisch-Sozialen  mit  dem  Versuch,  sie  der  Demokratie  zu  vermählen; ­
  ein  Programm,  das  Marc  Sangnieb,  der  Gründer  des  Sillon
vor  kurzem  wieder  aufgenommen  hat.
Wenig  später  predigte  der  Bischof  von  Mainz,  von  Ketteler,
eine  Lehre,  die  mit  den  „falschen  Dogmen  von  1789“  wie  sie  bald
genannt  werden  sollten,  nicht  das  geringste  mehr  zu  tun  hat,  sondern
die  im  Gegenteil  auf  die  mittelalterlichen  Einrichtungen  zurückgreift:
er,  und  besonders  seine  Jünger,  der  Domherr  Moupang  und  der  Abbe
Hitze,  schlagen  den  Berufsverband  (l’association  professionelle),  die
Zunft,  als  den  richtigen  Angelpunkt  der  sozial-katholischen  Organisation ­
  vor 3 ).
*)  Er  hat  in  der  Tat  das  so  fruchtbare  Prinzip  der  Solidarität  zwischen  Schuldnern
als  eine  Möglichkeit  für  den  Armen,  die  wirkliche  Sicherheitshinterlegung  zu  ersetzen,
entdeckt.  „Warum  kann  der  Arbeiter  sich  nichts  borgen?  Weil  er  keine  andere
Sicherheit  als  seine  zukünftige  Arbeit  anzubieten  hat  .  .  .  Damit  aber  diese  zukünftige ­
  Arbeit  ein  wirkliches  Pfand  werde,  muß  sie  zu  einer  Sicherheit  werden,  und
sie  wird  es  durch  die  Assoziation.  Die  Solidarität  der  Mitglieder  bringt  die  Ursachen
ler  Unsicherheit  zum  Verschwinden,  die,  indem  sie  den  Wert  des  Pfandes  vermindern,
das  Darlehen  abschreckt“  (La  question  du  travail,  S.  26).
„Das  zu  lösende  Problem  besteht  darin,  zu  einem  solchen  Zustande  zu  kommen,
daß  die  Arbeitenden  in  Zukunft  für  sich  selbst  arbeiten  und  nicht  für  andere  .  .  .
Der  Tag  wird  kommen,  an  dem  keiner  von  dem  Felde  ernten  wird,  wo  er  nicht
gesät  hat,  an  dem  ein  jeder  die  Frucht  seiner  Arbeit  pflücken  wird“  Ebenda).
2 )  „Der  menschliche  Zweck  des  Christentums  ist  genau  derselbe  wie  der  der
Revolution:  jenes  hat  diese  inspiriert.“  (Buchez,  Traite  de  la  Politique,
Bd.  II,  S.  501).
s )  Seine  wichtigsten  Schriften  wurden  gesammelt  und  1864  unter  dem  Titel;
Die  Arbeiterfrage  und  das  Christentum  veröffentlicht.
Er  schwankte  jedoch  noch  zwischen  der  korporativen  Assoziation  und  der  kooperativen ­
  Produktivgenossenschaft,  welch  letztere  damals  nicht  nur  in  Frankreich,  sondern
auch  in  dem  Programm  der  englischen  Christlich-Sozialen  und  sogar  in  dem  des
deutschen  Sozialisten  Lassalue  sehr  gepriesen  wurde.  Aber  die  kooperative  Genossenschaft ­
  sollte  bald  vollständig  von  der  Berufsgenossenschaft  verdrängt  werden.
Hitze  hatte  nicht  die  Bedenken  seines  Meisters.  Br  sagte  kategorisch;  „Für
uns  liegt  die  Lösung  der  sozialen  Frage  im  wesentlichen  und-  ausschließlich  in  der
Reorganisierung  der  Zünfte  und  Berufe.  Wir  wollen  mehr  oder  weniger  die  Wiederherstellung ­
  der  Gilden,  so  wie  sie  im  Mittelalter  bestanden,  ein  Regime,  das  für  jene
^eit,  besser  als  es  irgendein  anderes  vorher  oder  nachher  getan  hat,  eine  vollständige ­
  Lösung  der  sozialen  Frage  bietet.  Wir  sagen  für  jene  Zeit  ...  es  kann
sich  daher  heute  nicht  um  eine  reine  und  einfache  Wiederherstellung  der  Vergangen-
        <pb n="588" />
        566  Viertes  Buch.  Die  Abtrünnigen.

Der  soziale  Katholizismus,  der  in  Frankreich  unter  dem  zweiten
Kaiserreich  geschlummert  hatte,  erwachte  nach  dem  Unglück  von
1870.  Graf  Albert  de  Mün  trat  an  seine  Spitze  und  gab  ihm  durch
seine  warmherzige  Beredsamkeit  und  wohl  auch  durch  die  Schaffung
von  k  ath  olis  chen  Arbeitervereinen  einen  kräftigen  Ansporn.
Zur  gleichen  Zeit  erschien  die  Zeitschrift  Association  catholiqu
  e“,  deren  Programm,  das  sie  getreulich  eingehalten  hat,  die  Untersuchung ­
  aller  wirtschaftlichen  Tatsachen  im  Geiste  des  Katholizismus ­
  war.
Ganz  besonders  wurde  die  zunftmäßige  Organisation  an  die
Spitze  des  katholisch-sozialen  Programmes  gestellt 1 ).  Nicht  daß  die
„Familie“,  aus  der  Le  Play  den  Eckstein  des  sozialen  Gebäudes
machen  wollte,  verworfen  wurde,  aber  man  war  der  Überzeugung,
daß,  wenn  die  Familie  der  Mittelpunkt  der  moralischen  Reform  bleiben
sollte,  man  als  Basis  einer  wirtschaftlichen  Reform  eine  Assoziation
mit  wirtschaftlichen  Charakter  wählen  müsse.
Zunächst  erregt  dies  einiges  Erstaunen.  Man  versteht  nicht
recht,  welche  verwandten  Beziehungen  der  Berufsverband  mit  dem
Evangelium  haben  kann,  oder  welche  Mittel  ihm  zu  Gebote  stehen,
um  die  Gesellschaft  im  christlichen  Sinne  umzuwandeln.  Man  darf
aber  nicht  übersehen,  daß,  wenn  die  Zunftordnung  nicht  im  Evangelium
steht,  sie  wenigstens  die  ganze  mittelalterliche  Periode  gekennzeichnet
hat,  in  der  die  Herrschaft  der  Kirche  am  festesten  begründet
war.  Solange  diese  Zunftordnung  gedauert  hat,  gab  es  das  nicht,
was  man  heute  soziale  Frage  nennt,  so  daß  man  auf  den  Gedanken
kommen  kann,  sie  habe  in  sich  selbst  die  notwendigen  Tugenden
gehabt,  um  den  Frieden  zwischen  Kapital  und  Arbeit  aufrecht  zu
erhalten.  Sicherlich  ist  das  heute  nicht  der  Fall,  aber  vielleicht
würde  es  genügen,  den  Berufsverband  wieder  unter  die  Herrschaft

heit  handeln  .  .  .  Wir  wollen  diese  korporative  Organisation  auf  viel  weiterer  wirtschaftlicher ­
  Basis  und  im  Sinne  einer  demokratischereren  Auffassung.“  Kapital
und  Arbeit  und  die  Reorganisation  der  Gesellschaft.
x )  „Wir  müssen  alle  unsere  individuellen  Bestrebungen  und  alle  unsere  öffentliche ­
  Forderungen  lenken  und  richten  auf  die  grundlegende  Reform:  DIB
KORPORATIVE  REORGANISATION  DER  GESELLSCHAFT,“
(Programm  des  (Euvre  des  eercles  ouvriers,  April,  1894).
Die  kooperative  Arbeitergenossenschaft  wird  daher  beiseite  geschoben.  Die  sozialkatholischen ­
  Schulen  zeigen  sich  ihr  recht  wenig  sympathisch,  und  noch  weniger,
wenn  sie  sich  unter  der  Form  des  kooperativen  Konsumvereins  darstellt.  Es
beruht  dies  darauf,  daß  sie  hauptsächlich  eine  Gefahr  für  die  Klasse  der  kleinen
Krämer  und  kleinen  Handwerker  ist,  die  der  katholischen  Schule  besonders  am  Herzen
liegt.  Im  Gegensatz  dazu  ist  daher  die  katholische  Schule  der  Kreditgenossenschaft ­
  sehr  günstig,  weil  sie  hauptsächlich  den  Mittelklassen,  den  kleinen  Krämern
und  kleinen  Handwerkern  zugute  kommt.
        <pb n="589" />
        Kapitel  IV.  Die  auf  dem  Christentum  beruhenden  Lehren.  567

des  religiösen  Geistes  zu  beugen,  um  die  gleichen  Tugenden  wieder
zu  beleben,  die  ihn  auszeichneten,  als  Zunft  und  religiöse  Bruderschaft
noch  eins  waren.
Es  handelt  sich  aber  keineswegs  darum,  wie  die  Gegner  des
sozialen  Katholizismus  sagen,  die  mit  diesem  billigen  Argument  Mißbrauch ­
  treiben,  die  Zunft-  und  Brüderschaftsordnuug  des  Mittelalters
wieder  eiuzuführen.  Die  sozialen  Katholiken  wollen  sich  geradezu  auf
die  moderne  Gewerkschaft,  auf  das  Gewerkschaftswesen  stützen;  und
der  Beweis,  daß  dies  keine  zu  schmale  Basis  ist,  um  darauf  eine  neue
Gesellschaft  zu  errichten,  liegt  darin,  daß  die  Neo-Sozialisten,  die  erst
viel  später  darauf  gekommen  sind,  ebenfalls  keine  andere  haben
wollen.  Sie  erwarten  von  ihr  sogar  nicht  nur  eine  neue  Gesellschaft,
sondern  auch  eine  neue  Moral  (siehe  oben  S.  548).  Man  kann  daher
sagen,  daß  die  sozial-katholische  Politik,  die  ihnen  auf  diesem  Boden
vorausgegangen  ist,  sich  wohlunterrichtet  gezeigt  hat.
Am  Anfang  der  Bewegung  suchte  man  den  gemischten  Verband ­
  (syndicat  mixte)  zu  organisieren,  in  dem  Arbeitgeber  und  Arbeitnehmer ­
  vereinigt  sind,  und  der  die  besten  Garantien  für  den  sozialen
Frieden  zu  bieten  schien.  Die  Ergebnisse  waren  aber  recht  entmutigend x ).
Man  hat  diesen  Gedanken  aufgeben  und  sich  mit  der  korporativen  und
getrennten  Organisation  der  Arbeitgeber  und  der  Arbeitnehmer  begnügen ­
  müssen,  die  aber  zusammen  die  Regelung  der  Arbeit  und  die
Beilegung  von  Streitigkeiten  betreiben.  Diese  nicht  gemischten,
sondern  parallelen  Berufsverbände  sollen  nach  und  nach  die  Organe
der  Arbeitergesetzgebung  werden,  die  der  Staat  ihnen,  die  mehr  Erfahrung ­
  als  er  selbst  haben,  überlassen  soll.  Anstatt  daß  starre
Gesetzesvorschriften  alles  regeln,  was  mit  den  Interessen  der  Berufe
zu  tun  hat,  wie  Arbeitsdauer,  Sonntagsruhe,  Lehrlingswesen,  Werkstättenhygiene, ­
  Frauen-  und  Kinderarbeit  und  sogar  Minimallohn,
Gesetze,  die  in  ihrer  brutalen  Starrheit  fast  stets  unanwendbar
bleiben,  würde  alles  dies  von  da  an  allein  den  Beschlüssen  der
Berufsverbände  unterstehen.  Diese  Vorschriften  sollen  dann  für  alle,

')  Im  Jahre  1894  erklärte  der  Kongreß  der  katholischen  „Cercles“  in  Keims,
daß  „ohne  nns  die  Schwierigkeiten  zu  verhehlen,  die  sich  einer  Yerallgemeinung  des
gemischten  Syndikates  entgegen  stellen  .  .  .  muß  doch  die  Bildung  dieser  Syndikate
das  Ziel  unserer  Bestrebungen  sein.“  Und  im  Jahr  1904  sagte  der  Pater  Kütten
einer  der  Führer  der  katholischen  syndikalistischen  Bewegung  in  Belgien,  in  einem
Bericht  über  die  syndikalistische  Bewegung:  „Wir  verwerfen  die  Form  des  gemischten
Syndikates  nicht,  und  wir  geben  gerne  zu,  daß  sie  in  der  Theorie  die  vollkommenste
ist.  Das  ist  aber  kein  Grund,  um  die  Augen  dem  Lichte  zu  verschließen  und  sich
darauf  zu  versteifen,  nicht  anerkennen  zu  wollen,  daß  das  gemischte  Syndikat  jetzt
in  wenigstens  90%  der  großen  industriellen  Gemeinden  des  Landes  eine  nicht  zu
wirklichende  Utopie  ist“  (Angeführt  von  Dechesnb,  Syndicats  ouvriers  beiges,
1906,  8.  76).
        <pb n="590" />
        568

Viertes  Buch.  Die  Abtrünnigen.

Arbeitgeber  und  Arbeitnehmer,  die  dem  gleichen  Berufszweige  angehören, ­
  obligatorisch  sein.  Es  soll  jedem  freistehen,  dem  Berufsverbande
beizutreten  oder  nicht,  doch  darf  niemand  den  Verordnungen  des
Berufsverbandes  entgegenhaudeln,  damit  den  Mitgliedern  keine
Konkurrenz  durch  Verschlechterung  der  Arbeitsbedingungen  gemacht
werden  könne.  Heute  gilt  die  Formel:  „Freie  Assoziation  innerhalb
der  organisierten  Berufe 1 ).“
Wenn  die  Liberalen  sich  darüber  aufregen,  daß  einfache  private
Genossenschaften  gesetzgeberische  Macht  erhalten  sollen,  so  antwortet
man  ihnen,  daß  die  Arbeitsgemeinschaft  eine  ebenso  natürliche
und  notwendige  Genossenschaftsform  sei,  —  worunter  zu  verstehen
ist,  eine  von  einer  freiwilligen  Übereinstimmung  der  Beteiligten  ebenso
unabhängige  Genossenschaftsform,  —  wie  die  Wohnsitzgemeilisch ­
  a  ft.  Nun  gibt  aber  jedermann  zu,  daß  alle  Einwohner  der
gleichen  Gemeinde  sich  dem  Gesetz  der  organisierten  Mehrheit  unterwerfen ­
  müssen.  Warum  sollte  das  nun  in  der  Korporation,  in
dem  Berufsverbande,  anders  als  in  der  Gemeinde  sein? 2 )
Man  geht  sogar  so  weit,  den  Berufsgenossenschaften  eine  offizielle
politische  JRolle  zuzusprechen,  indem  man  ihre  Organisation  zur  Basis
eines  neuen  Wahlsystems  macht,  zum  wenigsten  für  eine  der  beiden
Kammern.
Es  ist  etwas  schwierig,  —  doch  auf  keinen  Fall  schwieriger,  als

*)  Dieses  Programm  wird  besonders  in  Österreich,  einem  der  Länder,  in  denen
der  soziale  Katholizismus  ziemlich  mächtig  ist,  empfohlen.  Das  Zunftwesen  ist
dort  in  Wirklichkeit  niemals  verschwunden,  und  man  hat  seit  einigen  Jahren  versucht, ­
  ihm  —  wenigstens  in  den  kleinen  Industrien  —  ein  neues  Leben  zu  geben,
und  zwar  in  der  Porm  von  Zünften  mit  für  alle  Mitglieder  des  Berufs  obligatorischen
Statuten.
2 )  „Die  erstere  (die  Gemeinde)  ist  zu  jeder  Zeit  organisiert  gewesen;  die  zweite
nicht.  Warum?  In  beiden  Fällen  stellen  sich  besondere  Verhältnisse  ein,  entstehen
ähnliche  Bedürfnisse,  treten  erzwungene  Konkurrenzen,  Interessenverbindungen  und
-gegensätze  auf,  eine  Gesamtheit  von  Beziehungen,  deren  Koordination  auf  Grund
einer  regelmäßigen  normalen  Ordnung  notwendig  ist,  um  alle  zu  schützen  und
einem  jeden  die  Fähigkeit  zu  gewährleisten,  sein  Ziel  zu  verfolgen  (Henki  Lorin,
Principes  de  l’organisation  professionelle,  L’Association  Catholique,
  15.  Juli,  1892).
Man  kann  hierauf  allerdings  antworten,  daß  in  der  Gemeinde  die  Mehrzahl  den
Ausschlag  gibt,  während  in  der  freien  Korporation  dies  oft  die  Minderheit  sein  würde.
Dem  kann  andererseits  entgegengehalten  werden,  daß  in  der  Gemeinde  die  sogenannte
Mehrheit  des  Gemeinderats,  die  regiert,  oft  nur  eine  Minderheit  von  Wählern  vertritt, ­
  und  noch  dazu  eine  im  Verhältnisse  zur  Gesamtheit  der  Einwohner  viel  geringere ­
  Minderheit,  besonders  wenn  man  die  Frauen  dazu  rechnet,  die  kein  Stimmrecht ­
  haben;  —  und  übrigens  auch,  daß  dem  Berufsverbande,  mit  dem  Tage,  an
dem  seine  Vorschriften  obligatorisch  sein  würden,  ohne  Zweifel  die  Mehrheit  und
sogar  die  Gesamtheit  der  Arbeiter  des  betreffenden  Berufes  angeboren  würde.
        <pb n="591" />
        Kapitel  IV.  Die  auf  dem  Christentum  beruhenden  Lehren.

569

bei  allen  anderen  Plänen  sozialer  Erneuerung  —  sich  eine  nach  diesem
Muster  errichtete  Gesellschaft  vorzustellen.
Zunächst  erscheint  es,  als  oh  es  nur  eine  der  katholischen  Religion
angehörende  Gesellschaft  sein  könne 1 ).  Sobald  nämlich  im  Rahmen
dieser  Berufsgenossenschafts-Organisation  Feinde  der  Religion  oder
auch  nur  religiös  Gleichgültige  die  Oberhand  erhielten,  würde  alles
zusammenbrechen.  Das  allein  schon  macht  die  Verwirklichung  äußerst
fragwürdig.  Lassen  wir  dies  aber  beiseite.
Diese  Gesellschaft  w r ürde  im  vollen  Sinne  des  Wortes  auf  der
Brüderlichkeit  beruhen  —  und  sogar,  wie  wir  soeben  gesagt
haben,  auf  der  einzigen  Brüderlichkeit,  die  einen  wirklichen  Grund
für  sich  anftihren  kann:  den  der  gemeinsamen  Vaterschaft  Gottes,  —
aber  nicht  auf  der  Gleichheit  im  sozialistischen  Sinne  des  Wortes,
denn  in  einer  Familie  verhindert  die  Tatsache,  Kinder  des  gleichen
Vaters  zu  sein,  nicht  die  Ungleichheiten  und  bedingt  sogar,  wenn
nicht  das  Recht,  so  doch  die  Pflicht  des  Ältesten.  Ebenso  soll  in  der
Berufsgenossenschaft  die  Gleichheit  in  dem  Sinne  herrschen,  daß  die
Würde  der  niedrigsten  Arbeit  ebenso  hochstehend,  wie  die  der  vornehmsten ­
  Arbeit  sein  wird,  und  daß  ein  jeder  mit  dem  Platze,  an
den  es  Gott  gefallen  hat,  ihn  zu  stellen,  zufrieden  und  sogar  stolz
darauf  sein  kann  2 ).
Aber  diese  Gesellschaft  wird  hierarchisch  sein.  Auf  der  Seite
der  Arbeitgeber  steht  die  Autorität  mit  all  ihrer  Verantwortung  und
all  ihren  Pflichten;  auf  der  Seite  der  Arbeitnehmer:  geachtete  Rechte,
die  durch  den  Minimallohn  gesicherte  Existenz,  und  die  wiederhergestellte ­
  Familie 3 ).
*)  Der  Pater  Antoine  sagt  in  seinem  Cours  d’Bconomie  Sociale,  (S.  164):
„Die  soziale  Frage  kann  vollständig  nur  durch  die  Wiederherstellung  christlicher
Sitten  gelöst  werden.“  Noch  viel  kategorischer  ist  die  Erklärung  LkoN  Harmel’s
E  der  Association  Catholique  vom  Dezember  1889:  „Wir  sehen  nur  ein
einziges  Heilmittel:  daß  die  Autorität  des  Papstes  in  der  ganzen  Welt  anerkannt
sei  und  seine  Leitung  von  allen  Völkern  angenommen  werde.“
Doch  ist  in  den  Semaines  Sociales,  jährlichen  Studien  Vereinigungen,  die
heute  die  bedeutendste  Kundgebung  des  sozialen  Christentums  sind,  und  in  denen
alle  aktuellen  wirtschaftlichen  Fragen  diskutiert  werden,  das  Programm  nicht  mehr
rein  katholisch  und  läßt  alle  die  zu,  die  sich  zum  Christentum  bekennen.
2 )  „Die  unter  der  Vormundschaft  der  Eeligion  gebildeten  Korporationen  werden
bewirken,  alle  ihre  Mitglieder  mit  ihrem  Schicksal  zufrieden  zu  machen,  geduldig
in  ihrer  Arbeit  und  geneigt,  ein  ruhiges  und  stilles  Leben  zu  führen  (sua  Sorte
eontentos,  operumque  patientes  et  ad  quietam  ac  tranquillam  vitam  agendam  inducant)“
  (Encyklika  „Quod  Apostolici“,  Leo’s  XIII.  vom  28.  Dezember  1878).
Vgl.;  L’Histoire  des  Corporations  von  Martin  Saint-LSon.
3 )  „Die  Korporation  ist  ihrem  Wesen  nach  ein  Abbild  der  Kirche.  Für  die
Kirche  sind  alle  Gläubigen  vor  Gott  gleich,  aber  damit  hört  die  Gleichheit  auf.  Für
alles  andere  sind  sie  hierarchisiert“  (Skaun-LAMOiGNON,  Association  Catholique
v °m  13.  Juli  1894).
        <pb n="592" />
        570

Viertes  Buch.  Die  Abtrünnigen.

Der  soziale  Katholizismus  erklärt  sich  gegen  den  ersten  Artikel  des
sozialistischen  Programms,  in  dem  gesagt  wird:  „daß  die  Emanzipation
der  Arbeiter  nur  das  Werk  der  Arbeiter  selbst  sein  kann.“  Sie  wird
mit  der  Hilfe  der  Arbeitgeber  und  aller  anderen  sozialen  Klassen  geschehen. ­
  Zu  ihnen  sind  auch  die  berufslosen  Klassen,  wie  die  Grundbesitzer, ­
  die  Rentiers,  und  sogar  die  Verbraucher  zu  rechnen 1 ).  Sie  alle
zusammen  müssen  es  lernen,  die  Verantwortlichkeit,  die  ihnen  ihre  verschiedene ­
  Stellung  auferlegt,  und  die  besonderen  Pflichten  zu  erkennen,
die  ihnen  daraus  erwachsen,  nämlich,  ebenso  wie  der  Haushalter  im  Gleichnis, ­
  „mit  den  Gaben,  die  ihm  der  Meister  anvertraut  hat,  zu  wuchern.“
Die  zum  größten  Teil  aus  Katholiken  gebildeten  christlichen
Gewerkvereine  Deutschlands  fangen  an,  zu  großer  Bedeutung  zu
gelangen  und  manchmal  sogar  den  roten  sozialistischen  Gewerkschaften
die  Wage  zu  halten.  Sie  legen  Gewicht  auf  eine  Einigung  zwischen
Arbeitgebern  und  Arbeitnehmern,  protestieren  aber  trotzdem  energisch
gegen  jede  Verwechslung  mit  den  „Gelben“,  d.  h.,  sie  erklären  sich
ebenso  unabhängig  von  den  Arbeitgebern  wie  von  den  Sozialisten.
Die  Einmischung  des  Staates  wird  am  Anfang  nötig  sein,  um
die  berufsmäßige  Organisation  aufzubauen;  sobald  sie  aber  einmal
fertig  dastehen  wird,  wird  sie  nach  und  nach,  wie  wir  gesehen  haben,
die  Macht  der  gesetzgebenden  Gewalt  und  der  Verwaltungspolizei
an  sich  ziehen,  wenigstens  im  Bereich  der  Arbeitergesetzgebung,  und
besonders  in  bezug  auf  den  Hauptpunkt,  nämlich  die  Festsetzung  des
Lohnes 2 )  und  alles  was  davon  abhängt,  wie  die  Organisation  der
Altersversorgung.  Die  gesetzgebende  Macht  wird  aber  reichlichen
Stoff  zur  Betätigung  außerhalb  der  beruflichen  Interessen  finden,  wie
besonders  in  der  Regelung  der  Eigentumsrechte,  dem  Wucherverbot,
dem  Schutz  der  Landwirtschaft  usw. 3 ).

l )  La  Ligue  Sociale  d’acheteurs,  in  Paris  im  Jahre  1900  gegründet,
beruht  auf  sozial-katholischer  Grundlage.
*)  „Über  ihrem  freien  Willen  (dem  der  Arbeitgeber  und  der  Arbeitnehmer  in
dem  Arbeitsvertrag)  steht  ein  höheres  und  älteres  Gesetz  natürlicher  Gerechtigkeit,
daß  nämlich  der  Lohn  nicht  ungenügend  sein  darf,  um  einen  ruhigen  und  ehrlichen
Arbeiter  bestehen  zu  lassen  .  .  .  Aber  in  der  Befürchtung,  daß  in  diesem  Falle
und  in  anderen  ähnlichen,  wie  z.  B.  mit  Hinsicht  auf  den  Arbeitstag  die  öffentliche
Gewalt  sich  nicht  zur  richtigen  Zeit  einmischen  möchte,  und  angesichts  besonders
der  Mannigfaltigkeit  der  zeitlichen  und  örtlichen  Umstände  würde  es  vorzuziehen
sein,  daß  im  Prinzip  die  diesbezügliche  Losung  den  Korporationen  und  Berufsverbänden ­
  Vorbehalten  wird“  (Encyklika:  „Kerum  novarum“,  auch:  „Über  die
Lage  der  Arbeiter“  genannt,  1891).
3 )  Die  Katholisch-Sozialen  sind  gewöhnlich  und  in  allen  Ländern  Schutzzöllner,
weil  sie  glauben,  daß  „ihr  korporatives  Regime  sich  nicht  ohne  wirksamen  Schutz
gegen  die  ausländische  Konkurrenz  halten  könne“,  (Programme  del’ffluvre
des  cercles  ouvriers  §  7)  —  und  auch  deshalb,  weil  sie  in  den  landwirtschaftlichen ­
  Syndikaten  die  meisten  Anhänger  haben.
        <pb n="593" />
        Kapitel  IV.  Die  auf  dem  Christentum  beruhenden  Lehren.  571

Der  Staat,  sagt  die  Encyklika  Iramortale  Dei  Leo’s  XIII.  —
der  hierin  übrigens  nur  eine  Stelle  des  Apostel  Paulus  wiederholt,  —
ist  „der  Diener  Gottes  zum  Guten“.  Paulus  sagt  aber  an  einer  anderen
Stelle,  daß  das  Gesetz  der  Zuchtmeister  sei,  der  uns  zu  Christum
führen  solle,  und  wenn  man  das  Wort  so  versteht,  daß  es  die  Aufgabe
des  Gesetzes  sei,  zur  brüderlichen  Solidarität  zu  führen,  so  hat  man
eine  ziemlich  genaue  Vorstellung  davon,  wie  der  soziale  Katholizismus
die  Rolle  des  Staates  auffaßt.
Der  soziale  Katholizismus  hat  manchmal  sehr  fortgeschrittene
Bestrebungen  bekundet,  die  sich  stark  dem  eigentlichen  Sozialismus
näherten.  Doch  sind  sie  nur  individuelle  Kundgebungen  gebliehen
und  übrigens  formell  von  Rom  verdammt  worden;  gewöhnlich  haben
sich  die,  die  sie  geäußert  hatten,  löblich  unterworfen.
Zunächst  griff  1888  Lösewitz  in  der  Association  Catholique
  die  sogenannte  Produktivität  des  Kapitals  heftig  an 1 ):  dies
erregte  einen  ziemlichen  Skandal  und  führte  dazu,  daß  der  Graf  de  Mun
dagegen  auftrat.  Später  wurde  dieses  Programm  das  der  sogenannten
„Partei  der  jungen  Abbes“.  Auch  darf  die  Bewegung  des  Sil  Ion
(von  1890  bis  1910)  nicht  vergessen  werden,  die  in  politischer  Hinsicht
sich  bemühte,  die  Kirche  mit  der  Demokratie  und  sogar  mit  der
Republik  zu  versöhnen  und  in  volkswirtschaftlicher  Hinsicht  bis
zur  Abschaffung  des  Lohnsystems  und  des  Unternehmertums  ging 2 ),
—  gerade  wie  die  Syndikalisten,  denn  der  §  2  der  Statuten  der
Confederation  Generale  du  Travail  stellt  ebenfalls  als  Endzweck  auf:
„das  Verschwinden  des  Lohnsystems  und  des  Unternehmertums“.
Anstatt  die  Lösung  in  einer  parallelen  Tätigkeit  der  Syndikate  der
Arbeitgeber  und  der  der  Arbeitnehmer  zu  suchen,  strebt  die  Bewegung

q  „Die  angebliche  Produktivität  des  Kapitals,  die  die  große  Ungerechtigkeit
der  heidnischen  Gesellschaften,  und  vom  wirtschaftlichen  Gesichtspunkt,  die  letzte
Ursache  der  sozialen  Leiden  ist,  ist  nichts  anderes,  als  ein  Wort,  dazu  erfunden,  um
die  wirkliche  Tatsache  zu  verschleiern:  die  Aneignung  der  Früchte  der
Arbeit  anderer  durch  die  Besitzer  der  Arbeitsmittel“  (Loesewitz,
Association  Catholique,  1886,  Aufsatz:  Legislation  du  travail).
2 )  Auszug  eines  Berichtes  über  eine  Versammlung  des  „Sillon“  vom  November ­
  1907:
„Marc  Sangnibe:  „Die  soziale  Umformung,  Kameraden,  von  der  wir  träumen,
ist  für  die  Entwicklung  des  Individuums  und  nicht  für  seine  Aufsaugung  gemacht.
Wir  wollen,  daß  die  Fabriken,  die  Bergwerke  und  die  Industrien  Arbeitergruppen,
aber  nicht  dem  Staate  gehören.“
Zwischenruf:  „Das  ist  Sozialismus!“
Maro  Sangnibe:  „Nennt  es  Sozialismus,  soviel  ihr  wollt,  das  stört  mich  nicht;
es  ist  aber  nicht  der  Sozialismus  der  Sozialisten,  der  Sozialismus  der  „Unifies“  .  .  .
Wir  wollen  die  Proletarier  von  der  Herrschaft  der  Arbeitgeber  befreien,  nicht  um
sie  unter  der  Herrschaft  eines  großen  und  alleinigen  Patrons,  des  Staates,  zu  stellen,
sondern  damit  die  Proletarier  kollektiv  ihre  eigenen  Arbeitgeber  werden  können.“
        <pb n="594" />
        572

Viertes  Buch.  Die  Abtrünnigen.

des  Sillon  danach,  die  ersten  abzuschaffen,  um  nur  die  zweiten  bestehen ­
  zu  lassen,  die  dann  Herren  ihrer  Produktionsmittel  geworden
sind  und  so  den  vollen  Ertrag  ihrer  Arbeit  für  sich  selbst  behalten
können.  Sie  unterscheidet  sich  jedoch  von  dem  Syndikalismus
hauptsächlich  vom  moralischen  Gesichtspunkt  aus  durch  die  Betonung
eines  höheren  Ideals,  als  es  die  Eroberung  der  materiellen  Wohlfahrt
ist,  und  stellt  dieses  Ideal  als  noch  unentbehrlicher  für  die  Emanzipation ­
  der  Arbeiterklasse  hin.  Wie  man  weiß,  hat  sich  der  Sillon
auf  Grund  eines  päpstlichen  Befehls  auflösen  müssen,  doch  besteht
diese  ausgesprochen  syndikalistische  Arbeiterbewegung  trotzdem  fort.
Wenn  die  katholische  Schule  Mühe  gehabt  hat,  sich  einen  linken
Flügel  zu  schaffen,  so  hat  sie  doch  stets  einen  rechten  besessen,  der
sich  natürlich  durch  das  Überwiegen  des  Unternehmerelements
charakterisiert.  „Das  Problem  ist  nicht,  den  Arbeiter  durch  sich
selbst  zu  retten,  sondern  seine  Rettung  durch  den  Arbeitgeber  zu
bewirken 1 ).“  Es  ist  das  die  Lehre  vom  „guten  Arbeitgeber“,  die  wir
schon  von  der  Schule  Le  Play’s  aufgestellt  gesehen  haben.  Im  übrigen
meint  diese  Rechte  des  sozialen  Katholizismus,  daß  die  bestehenden
Einrichtungen  vollständig  genügend  sein  würden,  um  das,  was  man
die  soziale  Frage  nennt,  zu  lösen,  wenn  sie  nur  von  dem  richtigen
christlichen  Geist  erfüllt  wären,  und  wenn  die  herrschenden  Klassen
es  verständen,  „ins  Volk  zu  gehen“.
§  3.  Der  soziale  Protestantismus.
Es  ist  eine  weitverbreitete  Idee,  daß  der  Protestantismus  notwendigerweise ­
  individualistisch  ist 2 ),  weil  das  Kennzeichen  dieser
Konfession  darin  liegt,  daß  jeder  Gläubige  seinen  persönlichen  Glauben
habe  und  zur  Erlösung  außer  Christo  keines  Mittlers  zwischen  Gott  und
sich  selbst  bedürfe,  während  der  Katholik  nur  durch  die  Kirche,  durch
die  große  Gemeinschaft  der  Gläubigen,  das  Heil  erlangen  kann.  Und
da  der  Protestantismus  das  Bekenntnis  zur  Selbsthilfe,  „self-help“
')  Milcent  in  der  Association  Catholique,  1897,  Bd.  II,  S.  68.
Es  gibt  auch  einen  individualistischen  und  liberalen  Sozial-Katholizismus,
den  der  verstorbene  Professor  Charles  PfmiN  in  Löwen  vertrat:  La  Eichesse  et
le  Socialisme  chretien,  ebenso  wie  auch  Rambaud,  Cours  d’Histoire  des
Doctrines.
Mit  dieser  Gruppe  der  liberalen  Rechten  kann  man  die  landwirtschaftlichen
Kreditkassen  nach  dem  Vorbild  Raifeeisen’s  in  Deutschland,  Frankreich,  Belgien
und  Italien  in  Verbindung  bringen,  —  obgleich  sie  in  dem  letzteren  Lande  ihr  Entstehen ­
  einem  Israeliten,  Wollembosu,  verdanken.
2 )  Das  ist  z.  B.  die  Ansicht  Nitti’s  in  seinem  Buch  über  den  Socialisme
Catholique  und  der  wenig  stichhaltige  Grund,  weshalb  er  ihm  nur  einige  wenige
Seiten  seines  Buches  widmet.
        <pb n="595" />
        573

Kapitel  IV.  Die  auf  dem  Christentum  beruhenden  Lehren.
ist,  so  unterstellt  man,  daß  er  diese  dogmatische  Auffassung  auch  in
seine  soziale  Lehre  übernehmen  mußte.  Man  weist  außerdem  darauf
hin,  daß  der  Protestantismus  anfänglich  mit  der  liberalen  Bourgeoisie
verbunden  war,  und  schließt  aus  alledem,  daß,  wenn  er  sich  im  politischen ­
  Leben  gewöhnlich  auf  dem  linken  Flügel  der  Parteien  befindet,
er  im  wirtschaftlichen  Leben  auf  der  äußersten  Rechten  steht 1 ).
Wieviel  Wahrheit  auch  immer  diese  Würdigung  vom  dogmatischen ­
  und  historischen  Gesichtspunkt  aus  haben  möge,  so  hindert
dies  doch  nicht,  daß,  soweit  das  wirtschaftliche  Leben  in  Betracht
kommt,  der  soziale  Protestantismus  viel  weiter  gegangen  ist,  als  der
soziale  Katholizismus.  Wie  wir  sehen  werden,  begnügt  sich  seine
äußerste  Linke  nicht,  wie  die  äußerste  katholische  Linke,  damit,  die
Abschaffung  des  Lohnsystems  zu  verlangen,  sondern  sie  besteht  sogar
auf  der  Abschaffung  des  persönlichen  Eigentums  und  macht  daher  erst  an
der  Grenze  halt,  die  auch  der  Kommunismus  nicht  überschreiten  kann.
Den  Tag  der  Geburt  des  sozialen  Protestantismus  kann  man  mit
großer  Sicherheit  festlegen.  Er  entstand  1850,  als  in  England  die
Gesellschaft  „for  promoting  workingmen’s  associations“  (zur  Förderung
von  Arbeitergenossenschaften)  und  die  Zeitung  The  Christian
Socialist 2 )  gegründet  wurde,  welch  letztere  ihm  als  Organ  dienen
sollte.  Die  Begründer  der  erwähnten  Gesellschaft  waren  zwei  Geistliche ­
  (später  Professoren  der  Theologie  in  Cambridge)  Chaeles
Kingsley  und  Maueice,  sowie  einige  Juristen,  Ludlow,  Hughes  und
Vaxsittaet  Neale.  Besonders  der  erste  erregte  damals  große  Aufmerksamkeit ­
  nicht  nur  durch  seine  Beredsamkeit,  sondern  auch  durch
den  Erfolg  seines  Romans  Alton  Locke  (1850),  der  vielleicht  der
erste  soziale  Roman  war;  er  behandelt  die  Geschichte  eines  Schneidergesellen, ­
  der  unter  der  Herrschaft  dessweating  system’s  arbeiten

b  In  diesem  Sinne  könnte  man  einige  geschichtliche  Betrachtungen  verwerten,
besonders  die  Tatsache,  daß,  während  die  katholische  Kirche  stets  den  Wucher
verboten  hat,  es  im  Gegenteil  Calvin  und  die  Calvinisten  waren,  wie  Saumaise
und  der  berühmte  Rechtsgelehrte  Dumoulin,  die  die  Berechtigung  des  Geldzinses
wieder  nachwiesen.
2 )  Ihr  war  eine  andere  Zeitschrift,  Politics  for  the  People  vorausgegangen,
die  1848  gegründet  worden  war,  bis  zu  welchem  Jahr  man  den  Anfang  der  Bewegung ­
  zurüokverfolgen  kann.  Auf  jeden  Fall  ist  sie  zur  Zeit  der  französischen
Revolution  von  1848  entstanden.
Es  ist  nur  gerecht,  den  (1842  gestorbenen)  amerikanischen  Pfarrer  Channing
wenigstens  als  Vorläufer  anzuführen,  dessen  Schriften,  soweit  sie  soziale  Fragen  berühren, ­
  ins  Französische  übersetzt  worden  sind:  Les  eeuvres  sociales  de
Channing,  Vorwort  von  En.  Laboulaye.
Über  die  Geschichte  des  christlichen  Sozialismus  und  für  weitere  Einzelheiten
über  diese  Bewegung  siehe  ein  amerikanisches  Nachschlagewerk:  The  new
Rncyclopedia  of  social  Reform.
        <pb n="596" />
        574

Viertes  Buch.  Die  Abtrünnigen.

muß,  dessen  Schrecken  damals  der  Öffentlichkeit  zum  ersten  Male
enthüllt  wurden  *).
Die  Gruppe  der  „Christian-Socialists“,  mit  welchem  Namen
sie  von  da  an  bezeichnet  wurde *  2 ),  hatte  als  Progamm,  wie  schon
der  Name  ihrer  Vereinigung  zeigt,  die  Organisation  von  Arbeitergenossenschaften. ­
  In  welcher  Form?  Den  Berufsverband,  die  „tradeu
  n  i  o  n  s“  verwarf  sie.  Weshalb  ?  Vielleicht  Aveil  diese  Verbände  damals
nur  wenig  bekannt  waren  und  auch  keinen  besonders  anziehenden  Anblick ­
  boten,  da  sie  noch  an  den  ersten  Kinderkrankheiten  litten.
Zweifellos  aber  auch  deshalb,  weil  diese  Genossenschaften  sich  vorwiegend ­
  mit  ihren  Berufsinteressen  und  ihren  Lohnkämpfen  beschäftigten ­
  und  nicht  dazu  geeignet  schienen,  den  Geist  der  Opferwilligkeit ­
  und  Nächstenliebe  zu  entwickeln,  der  zur  Verwirklichung  des
christlichen  Sozialismus  unumgänglich  nötig  ist.  Ebensowenig  sagte
ihnen  aber  die  Konsumgenossenschaft  zu.  Trotz  des  frischen  Erfolges ­
  der  Pioniere  von  Rochdale  lehnten  sie  diese  Organisationsform
ebenfalls  ab,  sei  es,  weil  diese  Genossenschaft  als  von  dem  ausgesprochen ­
  religionsfeindlichen  Geiste  Owen’s  inspiriert  schien  (siehe
oben  Seite  269),  sei  es,  weil  ihr  einziges  Ziel  darin  bestand,  das
Leben  des  Arbeiters  billiger  und  angenehmer  zu  gestalten,  so  daß
sie  alles  in  allem  weiter  nichts  als  Krämerläden  (stores)  vorstellten,
die  den  „Christian-Socialists“  keine  wünschenswerte  Stätte  für  das
kommende  Reich  Gottes  zu  sein  schienen.  Sie  wendeten  sich  daher
der  Arbeiterproduktiv-Genossenschaft  zu,  ebenso  wie  es  übrigens  auch
die  ersten  katholischen  Sozialisten  getan  hatten.  Doch  waren  es
nicht  die  Anschauungen  Bücubz’,  den  sie  nicht  gekannt  zu  haben
scheinen,  die  sie  ihren  Bestrebungen  zugrunde  legten,  sondern  vielmehr ­
  die  assozialistische  Bewegung  von  1848,  die  schon  Stuart  Mill
in  ihren  Bann  gezogen  hatte  (siehe  oben  Seite  421).  Lddlow  befand
sich  damals  in  Paris  und  hatte  die  Produktivgenossenschaft  zur  Zeit

')  Im  folgenden  Jahr  hielt  Chahles  Kingsley  in  London  eine  Predigt,  die
einen  großen  Skandal  verursachte,  und  auf  der  Stelle  den  Widerspruch  der  Pfarrers
der  betreffenden  Parochie  hervorrief.  Kingsley  sagte  z.  B.;  „Jedes  soziale  System,
daß  die  Ansammlung  von  Kapital  in  einigen  wenigen  Händen  begünstigt,  das  die
Masse  vom  Boden  ausschließt,  den  ihre  Väter  bearbeitet  haben,  und  das  sie  zu
Tagelöhnern  und  Sklaven  herabwürdigt,  die  von  Lohn  und  Almosen  leben  ...  ist
dem  Reich  Gottes,  das  Christus  verkündigt  hat,  zuwider.“  Diese  Predigt  wurde
später  unter  dem  Titel:  Botschaft  der  Kirche  an  die  Arbeiter  veröffentlicht. ­

2 )  Maükice  sagte;  „Wenn  ihr  Christen  seid,  müßt  ihr  Sozialisten  sein“,  aber
in  seinem  Munde  hatte  das  Wort  Sozialist  nicht  die  Bedeutung,  die  es  seitdem
erhalten  hat,  was  dadurch  bewiesen  wird,  daß  Maubice  es  selbst  wie  folgt
definiert:  „Der  Wahlspruoh  des  Sozialisten  ist  Kooperation;  der  des  Anti-Sozialisten:
Rivalität.“
        <pb n="597" />
        Kapitel  IV.  Die  auf  dem  Christentum  beruhenden  Lehren.

575

ihrer  vollen,  wenn  auch  kurzen  Blüte  gesehen.  Es  schien  ihm,  daß
gerade  Genossenschaften  dieser  Art  das  gesuchte  wirtschaftliche
Werkzeug  seien,  um  die  Lohnarbeiter  in  freie  Produzenten  zu  verwandeln, ­
  und  zu  gleicher  Zeit  eine  sehr  gute  Schule,  um  die  Unterordnung ­
  des  persönlichen  Interesses  unter  das  allgemeine  Interesse
zu  lehren.  Diese  Hoffnungen  wurden  aber  noch  schneller  und  noch
vollständiger  enttäuscht  als  in  Frankreich.  Kaum  daß  man  von  einem
Beginn  der  Verwirklichung  sprechen  kann.
Doch  hatten  die  Leiter  des  Bundes  nicht  ganz  umsonst  gearbeitet.  Als
sie  ihre  Ohnmacht  einsahen,  die  Arbeiter  anzuspornen,  und  die  Hindernisse ­
  kennen  lernten,  die  die  damalige  Gesetzgebung  der  Bildung  von
Arbeitergenossenschaften  in  den  Weg  legte,  wendeten  sie  sich  an  den
Staat  und  eröffheten  einen  Feldzug,  um  eine  liberalere  Gesetzgebung  zu
erhalten.  In  Wirklichkeit  sind  ihnen  auch  fast  allein  die  Gesetze  von
1852  und  von  1862  (IndustrialandProvidentSocietiesActs)
zuzuschreiben,  die  zum  ersten  Male  den  Genossenschaften  den  Charakter
juristischer  Personen  verliehen,  und  von  denen  alle  anderen  Arbeiterverbände ­
  Nutzen  gezogen  haben.
Übrigens  legten  die  christlichen  Sozialisten  nur  geringes  Gewicht
auf  die  äußere  Form,  die  der  Verwirklichung  ihres  Ideals  dienen
sollte.  Sie  wußten  aus  Erfahrung,  daß  die  Arbeitergenossenschaft
und  sogar  die  Gesetzgebung  keine  Früchte  tragen  konnten,  solange
die  geistige  Verfassung  der  Arbeiter  nicht  anders  geworden  wäre 1 ).
Ihre  Reform  war  daher  vor  allem  eine  Reform  der  Moral.  Das  Wort
„Kooperation“  bedeutete  in  ihrem  Munde  weniger  die  Verwirklichung
dieses  oder  jenes  industriellen  Systems,  als  die  Antithesis  der  Herrschaft
der  Konkurrenz,  des  Kampfes  ums  Dasein.  Ihr  eigentlicher  Gedankeninhalt ­
  findet  sich  vielleicht  am  besten  in  einem  von  Ludlow  an
Maueice  gerichteten  Briefe,  der  aus  Paris  (März  1848)  datiert  ist,
und  die  Notwendigkeit  betont,  „den  Sozialismus  zu  christianisieren“.
Der  christliche  Sozialismus  hat  in  England  seine  Gründer  überlebt, ­
  hat  aber  sein  Programm  geändert.  Den  Traum  der  Produktivgenossenschaft ­
  hat  er  fallen  lassen:  er  fördert  jetzt  die  anderen
Formen  der  Kooperation.  Hauptsächlich  beschäftigt  er  sich  aber  mit
einer  Umformung  des  Großgrundbesitzes,  eine  in  England  besonders

')  Kinrslby  schrieb  1856:  „Die  Assoziation  wird  die  nächste  Form  der  industriellen ­
  Entwicklung  sein;  an  ihrem  Erfolg  zweifle  ich  nicht;  vorausgehen  muß
ihr  aber  eine  Lehrzeit  von  zwei  Generationen,  sowohl  für  die  Moral,  wie  für  die
Fähigkeiten,  damit  der  Arbeiter  imstande  sei,  sich  ihrer  zu  bedienen.“
Was  die  Einmischung  des  Staates  betrifft,  so  urteilt  Kingsley  hierüber  wie
folgt:  „Der  Teufel  ist  stets  bereit,  uns  dazu  anzutreihen,  eine  Änderung  der  Gesetze
und  der  Kegierung,  des  Himmels  und  der  Erde  zu  fordern,  ohne  uns  jedoch  jemals
die  vorwitzige  Idee  zuzuüüstern,  daß  wir  vielleicht  uns  selbst  ändern  könnten.“
        <pb n="598" />
        576

Viertes  Buch.  Die  Abtrünnigen.

brennende  Frage,  wo  der  latifundiale  Grundbesitz  einer  ganz  geringen
Anzahl  von  „Landlords“  gehört 1 ).  Der  von  der  Bibel  inspirierte
christliche  Sozialismus  erinnerte  sich  der  Worte:  „Die  Erde  ist  mein,
sagt  der  Ewige!“  und  ihres  Niederschlages  im  mosaischen  Gesetze
über  das  Jubeljahr,  das  die  Erde  alle  49  Jahre  (7  Wachen  von  Jahren)
den  ursprünglichen  Besitzern  zurückgab.  Er  verbreitete  dann  das
System  Henry  George’s,  der  vielleicht  selbst  der  Gruppe  der
Christlich-Sozialen  zuzurechnen  ist.  Außer  in  der  Agrarfrage  tritt
der  christliche  Sozialismus  in  England  auch  als  Verteidiger  der
Arbeiterklasse  auf.  Viele  englische  Kirchen,  die  „Institutional
Churches“  (Werk-Kirchen)  genannt  werden,  umgeben  sich  mit  einem
Netz  von  Werken,  die  für  alle  materiellen,  intellektuellen  und
moralischen  Bedürfnisse  des  Arbeiterlebens  Fürsorge  tragen.  Mehrere
der  Führer  der  sozialistischen  Arbeiterbewegung,  besonders  Keie
Hardie,  sind  überzeugte,  tätige  Christen.  Die  Federation  der  Brotherhoods
  umfaßt  heute  beinahe  2000  Gesellschaften  mit  einer  Million
Arbeiter,  in  deren  eifriger  Propaganda  das  Evangelium  und  der
Sozialismus  eng  vereinigt  sind  *  2  3 ).
In  den  Vereinigten  Staaten  trat  der  christliche  Sozialismus  noch
viel  schärfer  gegen  den  Kapitalismus  auf,  den  er  in  biblischer  Sprache
„Mammonismus“  nennt.  Die  erste  Gesellschaft  von  Christian
S  o  c  i  a  1  i  s  t  s  scheint  in  Boston  im  Jahre  1889  gegründet  worden  zu
sein.  Seitdem  sind  viele  gefolgt.  Die  letzte  definiert  in  ihren  Statuten
ihr  Ziel  wie  folgt:  „die  soziale  Botschaft  Christi  in  die  Kirchen  eindringen
  zu  lassen,  und  zu  zeigen,  daß  der  Sozialismus  notwendigerweise ­
  der  wirtschaftliche  Ausdruck  des  christlichen  Lebens  ist“;  und
ein  wenig  weiter;  „überzeugt,  daß  das  Ideal  des  Sozialismus  mit  dem
der  Kirche  übereinstimmt,  und  daß  das  Evangelium  von  der  kooperativen ­
  Republik  (cooperative  Commonwealth)  nichts  anderes  ist  als  das
Evangelium  vom  Reiche  Gottes  wirtschaftlich  ausgedrückt  .  .  3 ).

0  In  den  Kreisen  der  anglikanischen  Kirche  ist  sein  Organ:  The  Economic
Review,  die  in  Oxford  erscheint,  —  und  die  man  nicht  mit  The  Economic
Journal,  das  ebenfalls  in  Oxford  herauskommt,  aber  rein  wissenschaftlich  ist,  verwechseln ­
  darf.
2 )  E.  Godnbllb,  Le  Mouvement  des  Fraternites  (Broschüre).
3 )  Josiah  Steong,  Direktor  des  Instituts  für  soziale  Dienste  (des  sozialen
Museums)  in  New  York  gibt  eine  Zeitschrift  heraus;  The  Gospel  of  the  Kingdom
(Das  Evangelium  vom  Reiche  Gottes),  in  der  erklärt  wird;  „daß  es  selbstverständlich
ist,  daß  die  Welt  nicht  eher  christianisiert  werden  kann,  bevor  nicht  die  Industrie
christlich  geworden  ist“,  und  deren  Programm  in  der  Untersuchung  der  wirtschaftlichen ­
  Tatsachen  im  Lichte  des  Evangeliums  besteht.  So  findet  man  z.  B.  über  die
Frage  der  Arbeitslosigkeit  die  Stelle:  Matth.  20,  6,  und  über  die  noch  technischere ­
  Frage  der  Berechtigung  des  „open  or  closed  shop“  (d.  h.  über  die
Frage,  ob  die  Fabrik  nichtorganisierte  Arbeiter  beschäftigen  soll  oder  nicht)  den
        <pb n="599" />
        Kapitel  IV.  Die  auf  dem  Christentum  beruhenden  Lehren.

577

Die  äußerste  Eechte  des  sozialen  Protestantismus  muß  man
im  Gegenteil  in  Deutschland  suchen.  Im  Jahre  1878  gründeten
die  Pastoren  Stöcker  und  Todt  die  „christlich-soziale  Arbeiterpartei“, ­
  deren  Anhänger  jedoch  trotz  ihres  Namens  hauptsächlich ­
  aus  dem  Mittelstände  stammten,  und  die  in  der  Arbeiterklasse ­
  keinen  Fuß  fassen  konnte,  so  daß  man  sehr  bald  das  Wort
„Arbeiter“  im  Titel  streichen  mußte.  Später  wurde  Stöcker  Hofprediger, ­
  was  der  Bewegung  einen  halb  offiziellen  Charakter  verlieh.
Damals  sagte  Stöcker:  „Ich  habe  die  feste  Überzeugung,  daß  wir
die  soziale  Eevolution  in  das  Bett  sozialer  Eeformen  leiten  können“  a ).
1890  aber  verabschiedete  Kaiser  Wilhelm  II.  seinen  Hofprediger  und
mit  ihm  den  offiziellen  christlichen  Sozialismus 2 ).
Etwas  später,  auf  dem  Kongreß  zu  Erfurt  im  Jahre  1896,  versuchten ­
  zwei  andere  junge  Pastoren,  Naumann  und  Göhre 8 ),  die
Arbeiterklasse  mit  sich  fortzureißen,  indem  sie  die  protestantischen
Kirchen  in  eine  mehr  sozialistische  Bahn  bringen  wollten.  Aber
diese  Bewegung,  die  von  den  offiziellen  evangelischen  Kirchen  verurteilt ­
  und  von  den  Arbeitgebern  bekämpft  wurde,  und  die  wenig
Unterstützung  bei  der  Sozialdemokratie  fand,  ist  fehlgeschlagen,  und
ihre  Führer  haben  sich  der  Politik  zugewandt.
133.  Psalmen,  Vers  1  und  im  1.  Brief  an  die  Korinther,  Kap.  12,  Vers  16  und  26
angeführt.
Zu  erwähnen  ist  auch  das  beredt  geschriebene  Buch  von  Baüschenbusch;
Christianity  and  the  social  crisis.
Ein  sehr  bekannter  Professor  der  Volkswirtschaft,  Eichard  Ely,  ist  ebenfalls
ein  Führer  der  Bewegung.  Vor  einiger  Zeit  trat  auch  ein  Pfarrer  auf,  der  ziemliches ­
  Aufsehen  und  einigen  Skandal  hervorrief,  Hbhhon;  er  predigte,  daß  man  weit
über  den  Kollektivismus  hinausgehen  müsse,  den  er  für  „viel  zu  konservativ
und  sogar  für  reaktionär“  halte  —  und  erklärte  sogar,  daß  neben  Christo
Karl  Marx  nur  ein  verknöcherter  Konservativer  sei,  denn;  „die  Annahme  der
Berechtigung  des  Eigentums  in  irgendeiner  Form,  sei  es  auch  nur  für  die  Gebrauchsgegenstände, ­
  ist  eine  Verwerfung  Christi“.
*)  Auf  der  Konferenz  zu  Genf  im  Jahre  1891.
Auf  dieser  Konferenz  definierte  Stöcker  sein  Programm  wie  folgt:  „Wir  glauben,
daß  wir  ohne  die  Hilfe  des  Staates  nicht  durchdringen  können,  aber  wir  wenden
uns  auch  an  den  Geist  der  Assoziation  .  .  .  Wir  haben  den  Arbeitgebern  gesagt,  daß
es  ihre  Pflicht  wäre,  ein  Opfer  zu  bringen,  und  daß  sie  die  Frage  zusammen  mit
den  Arbeitern  lösen  müssen.  Den  Arbeitern  haben  wir  gesagt,  daß,  wenn  sie  nicht
fleißig,  wirtschaftlich  und  gemäßigt  seien,  sie  niemals  in  eine  bessere  Lage  gelangen
würden.“  (Dieser  Vortrag,  den  Stöcker  auf  eine  Aufforderung  der  Genfer  deutschen
Gemeinde  hielt,  ist  nicht  gedruckt  worden,  doch  berichteten  verschiedene  französische
•Leitungen  darüber,  denen  anscheinend  das  Zitat  entnommen  ist..  Anm.  des  Übers.)
2 )  Der  Kaiser  exkommunizierte  ihn  sogar  in  aller  Form  in  einem  Telegramm,
das  er  1896  an  einen  mächtigen  Fabrikherrn,  „den  König  des  Saargebietes“,  den
Ereiherrn  Stumm  sandte.
’)  Göhre  ist  der  Verfasser  eines  Buches:  Drei  Monate  Fabrikarbeiter,
das  großen  Erfolg  hatte  und  verschiedentlich  zu  Nachahmungen  anregte.
Gide  und  Rist,  Gesoh.  d.  Volkswirtschaft!.  Lehrmeinungen.  37
        <pb n="600" />
        578

Viertes  Buch.  Die  Abtrünnigen.

Auch  in  der  Schweiz  entfaltet  sich  die  Bewegung  kräftig  und
hat  sogar  ihre  fortgeschrittendsten  Führer  in  der  Person  des  Professor
Ragaz  und  der  Pastoren  Kutter  *)  und  Pflüger  (der  seitdem  Abgeordneter ­
  geworden  ist)  gefunden.
Ebenso  gibt  es  in  Frankreich  eine  und  sogar  mehrere  protestantisch-soziale ­
  Richtungen.  Da  sie  aber  nur  einen  kleinen
Bruchteil  des  Protestantismus  umfassen,  der  selbst  nur  eine  ganz
kleine  Minorität  im  Lande  vorstellt,  so  kann  ihr  Einfluß  nicht  beträchtlich ­
  sein:  doch  findet  man  ihn  auf  dem  Grunde  oder  an  der
Spitze  der  verschiedenen  sozialen  Bewegungen,  wie  z.  B.  im  Kampfe
gegen  den  Alkoholismus  und  die  Pornographie,  im  Wiedererwachen
des  Kooperativismus  und  in  der  Schaffung  der  Volkshäuser,  die
Solidarites  genannt  werden.  Eine  „Gesellschaft  zum  praktischen
Studium  der  sozialen  Fragen“  (Association  pour  l’etude  pratique  des
questions  sociales)  wurde  1887  von  Pastor  Gouth  gegründet.  Ihr
Vorsitzender  und  geistiger  Führer  war  Pastor  Tomy  Fallot  *  2  3  *  *  *  * ).  Sie
hält  sich  in  recht  gemäßigten  Grenzen  und  geht  nicht  über  den
Kooperativismus  als  Aktionsmittel  und  über  den  Solidarismus  als
Doktrin  hinaus 8 ).  Diese  neue  Lehre  von  der  Solidarität  —  obgleich
sie  mehr  radikalen  Ursprungs  und,  wie  wir  später  sehen  werden,
eher  eine  Antithese  zu  dem  Geiste  der  Nächstenliebe  ist  —  wurde
vom  sozialen  Protestantismus  mit  Enthusiasmus  aufgenommen.  Er
hat  sie  auch  sogleich  für  sein  geistiges  Eigentum  erklärt  und  beklagt ­
  sich,  daß  man  sie  ihm  genommen  habe,  denn,  sagt  er,  wo  findet
man  das  Gesetz  der  Solidarität  energischer  ausgedrückt  als  in  dem
doppelten  christlichen  Dogma  von  dem  Sündenfall  und  der  Erlösung
—  alle  Menschen  durch  den  Fall  eines  einzigen;  Adam  —  verloren

*)  Ein  Buch  des  Pastor  Kutter,  „Sie  müssen“  (ins  Franz,  übersetzt  unter
dem  Titel  „Dieu  les  mene“)  erregte  großes  Aufsehen,  Der  Verfasser  sucht  nachzuweisen, ­
  daß  die  Sozialisten  heute  die  wirklichen  und  einzigen  Nachfolger  Christi
sind,  der  von  der  Kirche  verleugnet  wird.
2 )  Ihr  Präsident  ist  seit  20  Jahren  de  Boyve,  der  Führer  der  kooperativen  Bewegung ­
  in  Frankreich.  Hierdurch  tritt  die  Verwandtschaft  der  beiden  Bewegungen
zutage,  die  beide  aus  der  Schule  von  Nimes  stammen.
Sie  hält  periodische  Kongresse  ab  und  ihr  Organ  ist  die  Zeitschrift  Le  Christianisme
  Social.
3 )  Der  Mann,  der  der  Begründer  dieser  Bewegung  war,  Pastor  Tomy  Faluot,
bezeichnete  den  zu  befolgenden  Weg,  indem  er  sagte:  „Der  Schwerpunkt  liegt  in  der
Durchführung  des  vollkommenen  Typus,  der  Kooperation  heißt  ...  Br  stellt  heute
schon  die  Prophezeiung  besserer  Zeiten  dar“  (L’aotion  Bonne).  Es  ist  das  dieselbe
Formel,  wie  die  des  Engländers  Maurice  (siehe  oben  S.  574  Anm.  2).
„Wir  sind  christlich-sozial,  weil  wir  Solidaristen  sind.  Indem  wir  die  Solidarität
suchten,  haben  wir  den  Messias  und  sein  Reich  gefunden  .  .  .  „Solidarität“  ist  das
Wort  des  Laien,  „Reich  Gottes“  das  Wort  des  Christen;  beide  bezeichnen  dasselbe“
(Gounelle,  L’Avant-Garde,  1907).
        <pb n="601" />
        Kapitel  IV.  Die  auf  dem  Christentum  beruhenden  Lehren.

579

—  alle  Menschen  durch  das  Verdienst  eines  einzigen:  Christus  —,
gerettet  ?
Aber  eine  Gruppe  junger  Pastoren,  die  ziemlich  genau  dem  entspricht, ­
  was  man  in  dem  sozialen  Katholizismus  die  Partei  der  Abbes
nennt,  begnügt  sich  nicht  mit  diesem  Zuckerwasserprogramm,  wie  sie
es  nennt,  und  drängt  wie  ihre  amerikanischen  Kollegen  zum  Kollektivismus ­
 1 ).  Auf  jeden  Fall  verlangt  sie,  daß  die  Frage  des  Eigentums
wenigstens  „aufgeworfen  werde“.
Alles  in  allem  zeigt  das  soziale  Christentum  im  Protestantismus
aller  Länder  die  Tendenz,  sich  in  „christlichen  Sozialismus“  umzuwandeln. ­
  Diese  einfache  Umstellung  der  Worte  drückt  auch  den
Programmwechsel  aus.  Sie  besagt,  daß  die  sozialen  Protestanten  die
wesentlichen  Grundsätze  des  internationalen  Sozialismus  annehmen
(Sozialisation  der  Produktionsmittel,  Klassenkampf,  Internationalismus)
und  ihre  vollständige  Übereinstimmung  mit  den  Geboten  des  Evangeliums ­
  behaupten.
Jedoch  gerade  dort,  wo  der  soziale  Protestantismus  sich  als  wirtschaftliches ­
  Programm  mit  dem  Kollektivismus  deckt,  trennt  er  sich
von  ihm  durch  eine  kategorische  Betonung  der  Notwendigkeit  einer
moralischen,  individuellen  Reform,  ebenso  wie  umgekehrt  er  sich  vom
individualistischen  Christentum  durch  die  Betonung  unterscheidet,
daß  das  individuelle  Heil  ohne  eine  Umwandlung  der  Gesellschaft
unmöglich  ist *  2 ):  die  Herzensänderung  schließt  auch  die  Milieuänderung ­
  ein.  Welchen  Zweck  soll  es  haben,  Leuten  die  Keuschheit  zu
predigen,  die  dazu  gezwungen  sind,  im  gleichen  Zimmer  ohne  Unterschied ­
  des  Geschlechtes  oder  des  Alters  zusammen  zu  schlafen?
„Die  Gesellschaft,“  sagt  Fallot,  „muß  so  organisiert  sein,  daß  das
Heil  einem  jeden  zugänglich  ist.“  „Die  Herrschaft  der  Großindustrie,“
sagt  Gounelle,  „ist  das  größte  Hindernis  der  Erlösung  des  Sünders,
das  Christus  jemals  angetroffen  hat!“  Dieser  protestantische  Sozialis*) ­

  Diese  Gruppe  rekrutierte  sich  am  Anfang  aus  den  jungen  Pastoren,  die  ihr
Amt  in  großen  Industriestädten  verwalteten  (Wilfbed  Monod  in  Rouen,  Godnelle
m  Roubaix)  und  so  das  Elend,  das  Leiden  und  das  Gefühl  der  Auflehnung  im  Volke
L  der  Nähe  sahen.  Doch  hat  sie  auch  unter  Laien  einige  Anhänger  gefunden,  wie
pRhDüHic  Passy,  einen  der  Söhne  des  Volkswirtschaftlers,  der  früher  das  Haupt  der
liberalen  Schule  war.
Diese  Gruppe  Christlich-Sozialer  hat  als  besonderes  Organ  eine  kleine  Zeitschrift;
h’Espoir  du  Monde.
2 )  „Ich  will  für  meine  Brüder  Anathema  sein,  sagt  Paulus.  Mit  anderen
Worten,  ich  will  nicht  allem  gerettet  werden  .  .  .  Erst  dann  werde  ich  vollkommen
e rlöst  sein,  wenn  die  ganze  Menschheit  erlöst  ist.  So  ordnet  die  Lehre  des  Evangeliums ­
  die  volle  Verwirklichung  meiner  persönlichen  Erlösung  der  Erlösung  der
anderen  unter“  (W.  Monod,  La  notion  apostolique  du  salut.  —  Der  apostolische ­
  Erlösungsbegriff).

37*
        <pb n="602" />
        580

Viertes  Buch.  Die  Abtrünnigen.

ums  bleibt  in  dem  Sinne  individualistisch,  daß  er  den  Individualismus,
den  er  in  seiner  Form  als  Egoismus,  als  zentripetale  Kraft  zu  bekämpfen ­
  sucht,  als  Prinzip  uneigennütziger  Tätigkeit,  als  expansive
und  zentrifugale  Kraft  beibehalten  und  kräftigen  will.  Gern  nimmt
er  als  Devise  die  Worte  Vinbt’s,  die  an  seinem  Denkmal  in  Lausanne
geschrieben  stehen:  „Ich  will,  daß  der  Mensch  Herr  über  sich  selbst
sei,  damit  er  um  so  besser  der  Diener  aller  sein  könne 1 ).“
§  4.  Die  Mystiker.
Eine  Übersicht  der  auf  dem  Christentum  beruhenden  Doktrinen,
so  skizzenhaft  sie  auch  sei,  kann  die  Namen  einiger  bedeutender  Männer
nicht  übergehen,  die,  ohne  daß  sie  dieser  Schule  zuzurechnen  sind,
und  ohne  daß  sie  sich  unter  die  Nationalökonomen *  2 )  oder  die  eigentlichen ­
  Sozialisten  rechnen  lassen,  als  Schriftsteller,  Historiker  oder
sogar  Verfasser  von  Romanen  diese  Lehren  mit  leidenschaftlicher
Beredsamkeit  unterstützt  haben.
Die  beiden  bedeutendsten  Vertreter  dieser  an  der  Peripherie  des
sozialen  Christentums  stehenden  Bewegung  sind  der  Engländer  Rubeln
und  der  Russe  Tolstoi,  doch  könnte  man  noch  viele  andere  erwähnen ­
 3  4 ).  Diese  beiden  großen  Greise,  beide  als  Achtzigjährige  vor
einigen  Jahren  dahingeschieden,  sind  für  unsere  Zeitgenossen  das,
was  früher  die  Propheten  in  Israel  waren.  Wie  Jesaias  und  Jeremias
verfluchen  sie  die  Händler  von  Tyrus  und  Sidon,  die  heute  Kapitalisten
heißen,  und  künden  das  neue  Jerusalem  an,  wo  „die  Gerechtigkeit
wohnen  wird“.  Auch  sprechen  sie  fast  die  gleiche  Sprache  wie  die
Propheten,  besonders  Ruskin,  dessen  Geist  an  der  Bibel  genährt  ist  *).
x )  Oder  wie  er  an  anderer  Stelle  in  einem  beredten  Wort  sagt:  „Um  sich  hinzugeben, ­
  muß  man  sich  gehören.“
2 )  Doch  legte  Ruskin  seinen  wirtschaftlichen  Theorien  keine  geringe  Bedeutung
bei!  In  seinem  Vorwort  zu  Munera  Pulveris  (1871)  schrieb  er:  „Die  folgenden
Seiten  enthalten,  glaube  ich,  die  erste  genaue  (accurate)  Analyse  der  Gesetze  der
Volkswirtschaft,  die  bis  heute  in  England  veröffentlicht  worden  ist“  (sic)!  —  Siehe
auch  das  Vorwort  zu  Unto  this  Last,  dessen  Untertitel  lautet:  Eour  Essays
on  the  first  principles  on  Political  Economy,  (1862).
3 )  Besonders  in  der  Literatur  des  sogenannten  „sozialen  Romans“.  Was  England ­
  anlangt,  siehe  das  Buch  Cazamian’s  das  diesen  Titel  trägt.
John  Ruskin  (1819—1900)  war  in  England  schon  lange  sehr  berühmt,  während
man  ihn  in  Frankreich  kaum  kannte.  Erst  seit  seinem  Tode  hat  man  begonnen,
seine  Bücher,  die  bizarre  und  symbolische  Titel  tragen,  zu  übersetzen,  wie  Unto
This  Last,  Fors  Clavigera,  Munera  Pulveris,  usw.  Siehe  das  Buch  von
Jacques  Babdoüx,  John  Ruskin,  und  die  von  La  Sizbeanne,  die  kürzlich  über
ihn  verfaßt  worden  sind.
4 )  Dies  geht  so  weit,  daß  man  ein  Buch:  La  Bible  et  Ruskin  (von  Madame
Brunhes)  hat  schreiben  können.  Wie  man  weiß,  hat  auch  Tolstoi  eine  Ausgabe  der
Evangelien  herausgegeben,  die  angeblich  genauer  sein  soll  als  der  kanonische  Text.
        <pb n="603" />
        Kapitel  IV.  Die  auf  dem  Christentum  beruhenden  Lehren.  581

Beide  verwerfen  das  hedonistische  Prinzip  des  persönlichen  Interesses,
insoweit  es  das  bestimmende  Prinzip  der  wirtschaftlichen  Tätigkeit
sein  soll.  Sie  verurteilen  das  Geld,  das  der  Mensch  als  Mittel  gebraucht, ­
  um  seinesgleichen  zu  erniedrigen  und  zu  versklaven  1 ),  und
sie  predigen  eine  Rückkehr  zur  Handarbeit  als  dem  mächtigen  Hebel
der  Befreiung  und  Wiedergeburt.  Doch  unterscheiden  sie  sich  in
Hinsicht  auf  ihre  Auffassung  der  zukünftigen  Gesellschaft,  die  nach
Ruskin  aristokratisch,  ritterlich,  heroisch  sein  muß,  während  sie  nach
Tolstoi  gleichheitlich,  kommunistisch  und  ländlich  sein  soll;  der  eine
sieht  sie  mit  dem  Auge  des  Ästheten,  und  der  andere  mit  dem  eines
Muschik;  der  eine  wünscht  vor  allem  Helden,  der  andere  vor  allem
Heilige.
Hier  müssen  wir  auch  Thomas  Caklyle  erwähnen,  den  Verfasser,
außer  zahlreichen  anderen  Werken,  einer  Geschichte  der  französischen ­
  Revolution  (1837)  und  des  berühmten  Buches:
Heroen  und  Heroenverehrung.  Chronologisch  etwas  jünger
als  die  beiden  Autoren,  die  wir  eben  erwähnt  haben,  hat  er  in  der
Geschichte  der  wirtschaftlichen  Doktrinen  einen  noch  größeren  Einfluß ­
  ausgeübt,  und  wenn  man  ihn  auch  nicht  unter  die  christlichen
Sozialisten  rechnen  kann,  da  er  eher  der  Familie  der  Individualisten
von  der  Art  eines  Nietzsche  und  Ibsen  zugehört,  so  läuft  doch  sein
Einfluß  mit  dem  Ruskin’s  parallel.  Ihre  Anklagen  gegen  die  bestehende ­
  wirtschaftliche  Ordnung  antworten  sich  wie  Echos  oder  vielmehr ­
  wie  die  Wechselgesänge  der  Chöre  in  den  antiken  Tragödien 2 ).
Caeltle  hat  am  heftigsten  gegen  die  liberale  klassische  Schule
Sturm  gelaufen.  Er  war  es,  der  die  politische  Ökonomik,  wenigstens
so  wie  sie  zu  seiner  Zeit  gelehrt  wurde,  als  die  dismal  Science
(die  unheilbringende  Wissenschaft)  an  den  Schandpfahl  nagelte.  Er
War  es,  der  ihre  Abstraktion  des  Homo  oekonomicus  mit  Spott  überschüttete ­
  und  die  folgende  Definition  der  Rolle  ihres  Staates
gab:  Anarchie  plus  Polizei  (anarchy  plus  constable).  Er  war  es,  der
das  laisser-faire  für  bankerott  erklärte 3 ).
&amp;gt;)  Siehe  Fors  Clavigera  passim.  Ebenso  Tolstoi:  „Das  Geld  ist  nur  ein
konventionelles  Zeichen,  daß  das  Hecht  oder  besser  die  Möglichkeit  gibt,  sich  der
Arbeit  anderer  zu  bedienen.“  Wenn  übrigens  das  Geld  allmächtig  ist,  um  die  Armen
a uszubeuten,  so  ist  es  doch  vollständig  ohnmächtig,  ihnen  Gutes  zu  tun.  Siehe  die
merkwürdige  Ausführung  dieses  Gedankens  in  dem  Buche  „Was  tun?“
2 )  „Dreimal  verflucht,  dreimal  ruchlos  ist  die  Lehre  der  Oekonomisten:  —  Suche
zuerst  deinen  eigenen  Vorteil,  der  zum  Schluß  der  Vorteil  aller  sein  wird!  Unser
Meister  hat  das  nicht  gesagt  .  .  .“  (Euskin,  Crown  of  wild  olive,  II).
3 )  Besonders  in  der  berühmten  Stelle:  „Sie  (die  Oekonomik)  wirft  ihr  philosophisch-politisch-wirtschaftliches ­
  Senkblei  in  das  Meer  der  menschlichen  Leiden.
Wenn  sie  uns  dann  mitgeteilt  hat,  wie  tief  und  unendlich  groß  der  Abgrund  ist,
Metet  sie  uns  als  einzigen  Trost,  daß  der  Mensch  nichts  dagegen  tun  kann,  —  außer
dabei  zu  stehen  und  neugierig  das  Wetter  zu  beobachten  und  dem  Spiel  der  natürlichen
        <pb n="604" />
        582

Viertes  Buch.  Die  Abtrünnigen.

Doch  beschränkt  er  sich  auf  die  Kritik  und  legt  kein  Programm
sozialer  Reformen  vor,  —  ausgenommen  das  der  Reform  des  inneren
Wesens,  und  hierin  nähert  er  sich  stark  der  christlichen  Schule 1 ).
Ruskin  hat  dagegen  ein  ganzes  Programm  sozialer  Erneuerung
aufgestellt,  das  wie  folgt  zusammen  gefaßt  werden  kann *  1  2  3  *  *  * );
1.  Obligatorische  Handarbeit  für  Alle.  —  Ruskin  verfehlt  nicht
auf  die  Worte  Pauli  hinzuweisen:  qui  non  laborat  non  manducet.
  Weshalb  das?  Weil  es  widersinnig  und  unmoralisch  ist,
daß  ein  Mensch  im  Müßiggang  leben  kann,  indem  er  die  Dienste
seinesgleichen  mit  ererbtem  Oelde  bezahlt:  „mit  seinem  Leben  muß  man
zahlen“,  oder  mit  anderen  Worten:  ein  jeder  muß  die  heutige  Arbeit
mit  heutiger  Arbeit  bezahlen,  denn  es  ist  widersinnig,  daß  man
leben  könne  auf  Grund  toter  Arbeit,  —  doch  muß  diese  Arbeit
eine  wirklich  menschliche  Arbeit  sein,  die  durch  den  Verzicht  auf
den  Gebrauch  von  Maschinen  geadelt  ist.  Ausgenommen  jedoch  sind
die  Maschinen,  die  der  Wind  oder  das  Wasser  oder  die  elementaren
Kräfte  in  Bewegung  setzen,  da  sie  im  Gegensatz  zu  der  Kohle  nicht
beschmutzen  sondern  reinigen.
Ruskin  will,  daß  jede  Arbeit  künstlerisch  werde,  und  daß  der  Name
Handwerker  wieder  gleichbedeutend  mit  Künstler  werde  wie  im  Mittelalter
  (so  sagt  man,  aber  vielleicht  verallgemeinert  man  ein  wenig).
In  der  Praxis  ist  das  nicht  sehr  leicht  durchzuführen.  Einige  Schüler
Ruskin’s  haben  sich  der  Herstellung  künstlerischer  Einbände  von
Luxusbüchern  gewidmet;  der  Absatz  ist  aber  ziemlich  beschränkt.
Tolstoi  dagegen  erstrebt  nicht  die  künstlerische  Arbeit,  sondern
die  ländliche  Arbeit,  die  er  majestätisch  „Brotarbeit“  nennt,  und
die  ihm  auch  ohne  jede  Verschönerung  als  edel  genug  erscheint.
2.  Gesicherte  Arbeit  für  alle,  worin  die  Ergänzung  und  die  Verbesserung ­
  der  vorhergehenden  Regel  liegt,  —  nämlich,  wenn  es  keine
Müßiggänger  geben  soll,  so  soll  es  auch  keine  Arbeitslosen  geben.
In  der  heutigen  Gesellschaft  ist  die  Arbeit  nicht  obligatorisch:  für
eine  große  Anzahl  von  Menschen  ist  es  aber  die  Arbeitslosigkeit 8 )!
Gesetze  zuzusehen!  Ohne  uns  gerade  den  Selbstmord  zu  empfehlen,  nimmt  sie  dann  mit
diesen  Worten  gleichmütig  von  uns  Abschied“  (Caelyle,  Chartism).
1 )  „Wenn  du  darauf  bestehst,  wissen  zu  wollen,  was  zu  tun  ist?  —  so  laß
mich  dir  antworten:  jetzt  fast  nichts  ...  Du  mußt  auf  den  Grund  deines  Wesens
hinabsteigen;  vielleicht  findest  du  dort  noch  den  letzten  Rest  einer  Seele.  Daun
werden  uns  nicht  nur  eine  einzelne  Tat,  sondern,  wenn  auch  mehr  oder  weniger
trübe,  und  unbestimmt,  unzählbare  Legionen  von  Taten  entgegentreten,  die  getan
werden  können.  Tue  zuerst  das  Erste“  (Fast  and  Present,  Einleitung,  Kap.  IV).
2 )  Siehe  besonders  Fors  Clavigera.
3 )  „Es  gibt  auf  dieser  Welt  nicht  einen  Arbeiter  auf  vier  Füßen,  der  nicht
Arbeit  fände,  und  mehr  als  ihm  lieb  ist!  Wenn  es  sich  aber  um  den  Arbeiter  auf
zwei  Füßen  handelt,  wird  ihm  gesagt:  das  ist  unmöglich“  (Carlylb,  ebenda,
Kap.  III  und  auch  Chartism,  Kap.  IV).
        <pb n="605" />
        Kapitel  IV.  Die  auf  dem  Christentum  beruhenden  Lehren,

583

Diese  unnatürliche  Ordnung  muß  in  ihr  Gegenteil  verkehrt  werden.
Ist  aber  nicht  zu  befürchten,  daß  an  dem  Tage,  an  dem  jedermann
arbeitet,  es  nicht  mehr  für  alle  genügend  Arbeit  geben  würde?  Nein,
denn  das  Ergebnis  wird  nicht  eine  Vermehrung  der  Arbeitslosigkeit,
sondern  eine  Vermehrung  der  Mußezeit  sein:  welcher  Unterschied!
3.  Arbeit,  die  nicht  mehr  nach  dem  Gesetz  des  Angebotes  und
der  Nachfrage,  auf  Grund  der  Gleichstellung  der  menschlichen  Arbeit
mit  einer  Ware,  entlohnt  wird  —  sondern  nach  der  Gerechtigkeit,
die  übrigens  kein  geschriebenes  Gesetz  zu  sein  braucht:  die  Gewohnheit ­
  würde  genügen,  gerade  wie  sie  heute  genügt,  um  die  Honorare
des  Arztes,  des  Advokaten,  des  Professors  festzusetzen.  Sicherlich
gibt  es  auch  in  diesen  Professionen  individuelle  Ungleichheiten,  doch
existiert  eine  Norm,  und  es  ist  gegen  die  professionelle  Würde,  oft
ist  es  sogar  durch  die  Standesvorschriften  verboten,  weniger  anzunehmen ­
  —  und  sogar,  würde  Ruskin  gern  anfügen,  mehr  anzunehmen.
Welchen  Beruf  auch  immer  ein  Mensch  ausübe,  sei  er  Arbeiter,
Soldat  oder  Kaufmann,  er  soll  nicht  für  seinen  Gewinn  arbeiten,
sondern  im  Dienste  der  Gesamtheit.  Zweifellos  muß  er  entsprechend
entlohnt  werden,  damit  die  Würde  des  Arbeiters  gesichert,  und  die
Arbeit  selbst  in  gebührender  Weise  ausgeführt  wird,  aber  es  ist  eine
Umkehrung  des  wahren  Verhältnisses,  den  Gewinn  zum  Zweck  und
die  Arbeit  zum  Mittel  zu  machen,
4.  Die  Nationalisierung  aller  natürlichen  Hilfsquellen  (Boden,
Bergwerke,  Wasserfälle)  ebenso  wie  die  der  Verkehrswege.
5.  Eine  soziale  Hierarchie,  die  in  Übereinstimmung  mit  den  geleisteten ­
  Diensten  sich  aufbaut,  freiwillig  anerkannt  und  ohne  niedrigen
Neid  geachtet  wird,  —  die  Wiedererrichtung  einer  neuen  Ritterlichkeit, ­
  ohne  die  „keine  industrielle  Gesellschaft,  ebensowenig,  wie  eine
militärische  Gesellschaft,  leben  kann“,  und  ein  offener  Kreuzzug  gegen
den  elenden  Mammondienst 1 ).
6.  Und  vor  allem  die  Erziehung,  aber  nicht  nur  der  Unterricht;
denn  das,  was  vor  allem  gelehrt  werden  muß,  ist  die  Reinlichkeit,  die
Schönheit,  der  Gehorsam,  die  Bereitwilligkeit,  anderen  zu  dienen  und
das,  dessen  Erwerb  vor  allem  anderen  Not  tut:  „die  Fähigkeiten  der
Bewunderung,  der  Hoffnung  und  der  Liebe“ 1  2 ).
Von  dem  ganzen  Programm  Ruskin’s  ist  bis  jetzt  nur  der  letzte
1 )  In  Übereinstimmung  mit  diesem  Ideal  organisierte  Ruskin.  die  Gesellschaft
„Guild  of  Saint-George“.
Vgl.  den  vor  kurzem  erschienen  Aufsatz  des  Professor  Marshall,  obgleich  in
v  demselben  Ruskin  nicht  erwähnt  wird;  The  social  possibilities  of  economic
Chivalry  (Economic  Journal,  März  1907).
2 )  Als  die  Christian  Socialists  im  Jahre  1864  in  London  Arbeiterkurse
eröffneten,  wollte  Ruskin  Unterricht  geben,  aber  nicht  in  Volkswirtschaft  oder  Geschichte, ­
  sondern  im  Zeichnen.
        <pb n="606" />
        584

Viertes  Buch.  Die  Abtrünnigen.

Punkt  auf  dem  Wege  zur  Verwirklichung,  aber  er  genügt,  um
dem  Meister  einen  Platz  in  der  Geschichte  der  wirtschaftlichen
Doktrinen,  wie  auch  in  der  Geschichte  der  Geschehnisse  zu  sichern.
Seine  Anregungen  haben  nicht  nur  zur  Schaffung  von  Arbeiteruniversitäten ­
  in  Oxford  und  an  anderen  Plätzen,  unter  dem  Namen
„Euskin  Colleges“  geführt,  sondern  auch  zur  Schaffung  von  Garten-Städten
  (Garden-cities) 1 ),  Städte  neuer  Art,  die  besonders  errichtet
worden  sind,  um  die  Arbeiterklasse  aus  dem  Gefängnis  der  alten
Industriestädte  zu  erlösen,  und  die  so  geplant  sind,  daß  sie  weder
jetzt  noch  später  die  Schönheit  der  Natur  oder  die  Gesundheit  der
Menschen  beeinträchtigen  können.
Obgleich  Euskin  sich  selbst  als  Ehrentitel  den  Beinamen  „Eötester
der  Kommunisten“  zulegt,  so  ist  doch  sein  Kommunismus  aristokratisch ­
  und  ästhetisch.  Daher  hat  er  einen  gewissen  Erfolg  in  der
hohen  englischen  Gesellschaft  gehabt.  Tolstoi  dagegen  ist  ein  wirklicher ­
  Kommunist.  Er  verspottet  „den  niedrigen  und  tierischen  Instinkt, ­
  den  die  Menschen  das  Gefühl  oder  das  Eecht  des  Eigentums
nennen“  *  2  3 ).  Sein  Programm  ist  die  Eückkehr  zum  Boden  und  seine
gemeinsame  Bewirtschaftung:  der  „Mir“.  Es  handelt  sich  nicht
darum,  irgendeine  beliebige  Arbeit  zu  tun:  zunächst  muß  ein  jeder
sein  eigenes  Brot  erzeugen;  „hierin  liegt  das  unabänderliche  Gesetz
des  menschlichen  Daseins“ s ).  Was  dann  das  Gesetz  der  Arbeitsteilung ­
  anlangt,  das  von  den  Volkswirtschaftlern  so  gerühmt  wird,
und  durch  das  es  den  Menschen  gelungen  ist,  das  Gebot  Gottes  zu
umgehen,  so  ist  es  weiter  nichts  als  „eine  teuflische  und  arglistige ­
  Theorie“.  Zum  wenigsten  darf  es  nur  im  Verhältnis  zu  den
Bedürfnissen  angewendet  werden,  und  zwar  auf  Grund  einer  ausdrücklichen ­
  Übereinkunft  zwischen  den  Beteiligten,  aber  nicht  aufs
geratewohl,  weil  daraus  die  Konkurrenz,  die  Überproduktion  und  die
Krisen  entstehen.
Wenn  diese  Lehren  buchstäblich  genommen  werden  sollten,  wie
Tolstoi  alle  Worte  Christi  buchstäblich  aufzufassen  fordert,  dann
würde  die  Gesellschaft,  von  der  er  träumt,  noch  weit  über  das  Ideal
des  Kommunismus  hinausgehen.  Keine  Städte,  kein  Handel,  keine
Trennung  der  Bernfszweige,  kein  Geld,  keine  Kunst  um  der  Kunst
willen  .  .  .  ein  wirtschaftliches  Nirwana!

')  Man  nennt  so  die  Arbeiterstädte  von  Port-Sunlight  und  Bournville;  außerdem
ist  aber  1902  von  einer  auf  KusKin’scher  Grundlage  beruhender  Gesellschaft  eine  vorbildliche ­
  Stadt  in  Hitchin,  unweit  von  Cambridge,  vollständig  neu  geschaffen  worden.
2 )  Geschichte  eines  Pferdes,  1861,  in  den  Ersten  Novellen.
3 )  Siehe  das  Buch  Die  Arbeit,  das  eine  Betrachtung  des  Mcschik  Bondareff
über  die  Worte  der  Genesis  enthält:  „Im  Schweiße  Deines  Angesichts  sollst  Du  Dein
Brot  essen“,  —  der  ein  langer  Kommentar  Tolstoi’s  folgt.
        <pb n="607" />
        Fünftes  Buch.
Die  Lehren  der  neuesten  Zeit.

Am  Eingang  der  vorhergehenden  Bücher  haben  wir  ohne  zu  große
Mühe  die  Hauptzüge  der  volkswirtschaftlichen  Gedanken  jeder  Epoche
im  Umriß  zusammenfassen  können.  Aber  die  Schwelle  dieses  letzten
Buches  überschreiten  wir  nur  mit  einigem  Zögern.  Es  fehlt  uns  die
Perspektive.  Um  die  Tragweite  einer  Entwicklung,  die  sich  unter
unseren  Augen  vollzieht,  ohne  Voreingenommenheit  ins  Auge  fassen
und  schätzen  zu  können,  braucht  man  einen  größeren  Abstand.  Hier,
vielleicht  mehr  als  an  anderen  Stellen,  laufen  wir  Gefahr,  unsere
Auswahl  als  willkürlich  bezeichnet  zu  sehen.
Doch  scheint  es  uns,  als  ob  man  in  den  wirtschaftlichen  Gedanken ­
  am  Ausgang  des  19.  und  am  Anfang  des  20.  Jahrhunderts
vier  große  Hauptströmungen  unterscheiden  könne:
1.  Zunächst  ein  unerwartetes  Wiederaufleben  der  theoretischen
Bemühungen.  Die  reine  volkswirtschaftliche  Theorie,  die  von  den
Historikern,  den  Staatssozialisten  und  den  Christlich-Sozialen  absichtlich ­
  vernachlässigt  worden  war,  hat  gegen  1872  hervorragende  Vertreter ­
  gleichzeitig  in  Frankreich,  in  England  und  in  Österreich/gefunden. ­
  Indem  sie  Ideen  wieder  aufnahmen,  die  seit  Condillac  fast
Vergessen  waren,  indem  sie  die  seit  Couenot  vernachlässigte  mathematische ­
  Methode  anwandten,  haben  sie  mit  wachsendem  Erfolg  eine
geistreiche  und  bestechende  Auffassung  der  Preisbildung  an  die  Stelle
des  verfallenen  Gebäudes  der  klassischen  Theorien  gesetzt.  Ihre
Anwendung  in  fast  allen  Bereichen  der  Wissenschaft  zeigt  sich  mit
jedem  Tage  fruchtbarer.  Nach  Waleas,  Jevons  und  Mesgee  haben
eine  Menge  Schriftsteller  in  Amerika  und  in  Europa  (ausgenommen
jedoch  in  Frankreich)  diesen  Weg  weiter  verfolgt.  Diagramme,  algebraische ­
  Formeln  und  scharfsinnige  Beweisführungen  füllen  von  neuem
        <pb n="608" />
        586

Fünftes  Buch.  Die  Lehren  der  neuesten  Zeit.

die  Werke  der  Volkswirtschaftler.  Die  seit  Ricaedo  so  verschriene
reineökonomik  hat  ihre  Adelstitel  wieder  aufgefunden.  Trotz  lebhafter ­
  Opposition  hat  sie  sich  überall  der  Aufmerksamkeit  aufgezwungen.
Das  ist  vom  Gesichtspunkt  der  volkswirtschaftlichen  Wissenschaft
aus  vielleicht  die  bemerkenswerteste  Tatsache  dieser  letzten  Jahre.
2.  Mit  ihr  gleichlaufend  vollzieht  sich  im  Sozialismus  eine  tiefeingreifende ­
  Veränderung.  Schon  im  vorhergehenden  Buche  haben
wir  die  Umwandlung  beschrieben,  die  die  Ideen  Marx’  bei  den
Marxisten  selbst  erlitten  haben.  Ihr  Verfall  ist  auch  sonst  nicht
weniger  augenfällig.  Der  Sozialismus  verzichtet  auf  den  Anspruch,
der  „bürgerlichen“  Ökonomik  -eine  „Arbeiter“ökonomik  gegenüber
zu  stellen.  „Man  muß  jeder  Anwandlung  widerstehen“,  schreibt
Soeel,  „den  Sozialismus  zur  Wissenschaft  umformen  zu  wollen“.
In  Wirklichkeit  sammeln  sich  französische  Syndikalisten,  fabische
Sozialisten  in  England,  Revisionisten  in  Deutschland  mehr  oder
weniger  freiwillig  um  die  wissenschaftlichen  Gedanken  eines  Marshall,
eines  Paeeto  oder  eines  Böhm-Baweek.  Doch  tun  sie  dies  nur,
um  sich  mit  um  so  größerem  Nachdruck  den  sozialistischen  und
politischen  Forderungen  des  Sozialismus  zu  widmen.  Der  Generalstreik, ­
  die  Schaffung  von  Gewerkschaften  und  Genossenschaften,  der
Sozialismus  in  den  städtischen  Verwaltungen  nehmen  sie  immer  mehr
in  Anspruch,  je  gleichgültiger  sie  der  Theorie  des  Mehrwertes  gegenüber ­
  werden.  Noch  besser,  wir  sehen,  wie  einige  unter  ihnen,  die
Anhänger  einer  Nationalisierung  des  Bodens,  eine  Art  Aussöhnung
zwischen  dem  Liberalismus  und  dem  Sozialismus  versuchen,  indem
sie  sich  auf  die  vor  allen  anderen  klassische  Theorie;  die  Theorie
der  Bodenrente  stützen.
3.  Dies  ist  nicht  die  einzige  Umwandlung,  die  man  im  Sozialismus
bemerken  kann.  Als  der  Kollektivismus  herrschte  war  das  Ideal  der
Arbeiterklasse  eine  autoritäre  und  straff  zentralisierte  Ordnung.  Die
Organisation  der  Kollektivisten  in  einer  großen  politischen  Partei,  die
in  manchen  Ländern  an  der  Gesetzgebung  und  sogar  an  der  Regierung
teilnimmt,  hat  diesen  Zug  noch  stärker  ausgeprägt.  Aber  der  alte
revolutionäre  und  individualistische  Geist,  der  stets  und  besonders  in
den  lateinischen  Ländern  lebendig  ist,  beginnt  sich  über  diese  Folgen
zu  beunruhigen.  Wir  wohnen  daher  einer  eigentümlichen  Renaissance
des  Liberalismus  in  der  Arbeiterklasse  bei,  —  eines  Liberalismus,  der
ganz  sicherlich  von  dem  der  Gründer  verschieden  ist,  der  sich  viel
schärfer  und  heftiger  ausdrückt,  eines  Liberalismus,  den  Smith  und
Bastiat  ohne  jeden  Zweifel  abgelehnt  haben  würden,  und  der,  um
mit  dieser  alten  Lehre  nicht  verwechselt  zu  werden,  den  Beinamen
„libertaire“  (befreiend)  angenommen  hat  —,  der  aber  deshalb  nicht
weniger  authentisch  ist:  es  ist  dies  der  Anarchismus.  Die  über-
        <pb n="609" />
        Kapitel  I.  Die  Hedonisten.

587

taire  oder  anarchistische  Tendenz,  die  schon  in  der  Internationale
zu  spüren  ist,  beginnt  immer  sichtbarer  ihre  Herrschaft  über  die
Arbeiterklassen  auszuüben  —  und  hat  den  letzten  gewerkschaftlichen
Bewegungen  in  Frankreich  und  Italien  ihren  Stempel  aufgedrückt.
Zur  gleichen  Zeit  tritt  bei  vielen  Schriftstellern  der  Bourgeoisie  eine
Art  philosophischer  und  moralischer  Anarchismus  zutage,  der  ebenfalls
die  Erneuerung  des  Individualismus  anzukündigen  scheint.
4.  Gegenüber  diesen  Wandlungen  des  Individualismus  und  des
Sozialismus  unterliegt  auch  die  zwischen  beiden  stehende  Lehre,  die
wir  im  vorhergehenden  Buch  unter,  dem  Namen  Staatssozialismus
studiert  haben,  einer  Umwandlung.  Sie  wird,  wenigstens  in  Frankreich,
zum  Solidarismus,  der  sich  gleichzeitig  bemüht,  die  Einmischung
des  Staates  zu  rechtfertigen,  indem  er  sie  auf  neue  Grundlagen  stellt,
und  sie  doch  auf  ihre  rechten  Grenzen  zu  beschränken.  Er  versucht
auf  diese  Weise  die  Synthese  des  Individualismus  und  des  Sozialismus ­
  herzustellen.
Dies  sind  die  großen  Strömungen,  die  wir  in  den  folgenden
Kapiteln  zu  beschreiben  versuchen  werden.  Indem  wir  sie  unter  dem
Namen  ,Lehren  der  neuesten  Zeit 1  zusammenfassen,  haben  wir  damit
weniger  die  Zeit  ihrer  Entstehung  (die  oft  ziemlich  weit  zurückliegt)
bezeichnen  wollen,  als  das  Bestreben,  die  älteren  Lehren,  deren  Ausdruck ­
  sie  sind,  mit  neuem  Leben  zu  erfüllen.  Vielleicht  hätten  wir,
—  indem  wir  einem  anderen  wissenschaftlichen  Bereich  eine  bekannter
gewordene  Bezeichnung  entlehnten  —  sie  als  „modernistische“  Lehren
betiteln  sollen,  wenn  es  uns  nicht  verwegen  erschienen  wäre,  unter
einem  allzu  bezeichnenden  Ausdruck  so  verschiedenartige  Auffassungen
zusammen  zu  fassen,  die  untereinander  nur  durch  ein  chronologisches
Band  verbunden  sind.

Kapitel  I.
Die  Hedonisten.
§  1.  Die  Pseudo-Renaissance  der  klassischen  Schule.
Um  dieser  neuen  Doktrin  ihren  richtigen  Platz  anzuweisen,  muß
man  auf  das  Kapitel  über  die  historische  Schule  zurückgreifen.  Wir
haben  gesehen,  wie  diese  Schule  die  klassische  Richtung  kritisiert
hatte,  indem  sie  sich  hauptsächlich  auf  den  Gesichtspunkt  der  Methode
stellte,  den  Glauben  an  angeblich  beständige  und  allgemeingültige,
        <pb n="610" />
        588

Fünftes  Buch.  Die  Lehren  der  neuesten  Zeit.

natürliche  Gesetze  zurückwies,  und  die  Möglichkeit  leugnete,  auf  sie
eine  Wissenschaft,  nämlich  ein  System  zusammenhängender  Lehrsätze
zu  gründen.  Sie  hatte  aus  der  Nationalökonomie  eine  Art  Klassifikation ­
  von  beobachteten  Tatsachen  gemacht.
Es  war  vorauszusehen,  daß  der  Pendelschlag,  der  die  Zeit  in  der
Geschichte  der  Ideen  mißt,  die  der  abstrakten  Methode  günstige
Stunde  wieder  herbeiführen  würde.  Dies  ist  denn  auch  eingetreten.
Gerade  in  dem  Augenblick,  als  die  Lehren  der  historischen  Schule  im
Zenith  standen,  gegen  1872—1874,  beanspruchten  mehrere  hervorragende ­
  Volks  Wirtschaftler,  gleichzeitig  in  Österreich,  in  England,  in
der  Schweiz  und  in  Amerika  mit  Nachdruck  für  die  Nationalökonomie
das  Recht,  sich  als  exakte  Wissenschaft  aufzubauen,  oder,  wie  sie
sagten,  reine  Ökonomik  zu  sein.  Wie  zu  erwarten,  rief  dieser
Anspruch  einen  lebhaften  Streit  zwischen  den  Vorkämpfern  der
historischen  und  denen  der  neoklassischen  Schule  hervor,  hauptsächlich
zwischen  den  Professoren  Schmoller  und  Karl  Menger.
Das  wichtigste  Kennzeichen  dieser  neuen  Schule  liegt  darin,  daß
sie  als  das  klarste  Prinzip,  auf  das  sich  diese  Wissenschaft  gründen
ließe,  die  Tatsache  findet,  daß  jeder  Mensch  die  Lust  sucht  und  die
Unlust  scheut  und  sich  unter  allen  Umständen  bemüht,  das  Maximum
der  einen  mit  dem  Minimum  der  anderen  zu  erreichen  l ).  Es  liegt
auf  der  Hand,  daß  eine  so  folgenschwere  Tatsache  —  die  übrigens
weit  über  das  Bereich  der  Wirtschaft  hinausgeht,  da  sie  überall  in
der  Natur  als  das  „Prinzip  des  kleinsten  Mittels“  herrscht,  —  den
klassischen  Volks  Wirtschaftlern  nicht  entgangen  war.  Nur  nennen  sie
es  einfach  persönliches  Interesse;  heute  heißt  es  hedonistisches  Prinzip,
von  dem  griechischen  Wort  rjöovrj  Vergnügen,  Annehmlichkeit.  Daher
stammt  der  Name,  unter  dem  wir  diese  beiden  Schulen  zusammengefaßt ­
  haben.
Indem  auf  diese  Weise  alle  Beweggründe,  die  die  Tätigkeit  des
Menschen  bestimmen,  auf  einen  einzigen  zurückgeführt  werden,  will
diese  Schule  sicherlich  nicht  alle  anderen  leugnen.  Sie  behauptet
nur,  das  Recht  zu  haben,  die  Abstraktion  anzuwenden,  ohne  die
eine  exakte  Wissenschaft  unmöglich  ist,  das  Recht,  aus  dem  Beobachtungsfeld ­
  alle  anderen  Faktoren  als  den,  den  man  untersuchen
will,  auszuschließen.  Den  anderen  sozialen  Wissenschaften  bleibt  es
überlassen,  die  anderen  Beweggründe  der  menschlichen  Handlungen
zu  studieren.  Der  Homo  oecouomicus,  den  man  bei  den  Klassikern

’)  „Die  im  folgenden  ausgeführte  Theorie  ist  vollständig  auf  eine  rechnerische  Einstellung ­
  des  Vergnügens  und  der  Mühe  [der  Lust  und  der  Unlust]  aufgebaut;  die  Aufgabe
der  Volkswirtschaft  besteht  darin,  das  Maximum  an  Glück,  das  verwirklicht  werden  kann,
zu  bestimmen,  indem  die  größtmögliche  Menge  an  Vergnügen  mit  der  geringstmöglichen ­
  Mühe  erworben  wird“  (Stanley  Jbvons,  Theory  of  political  economy).
        <pb n="611" />
        Kapitel  I.  Die  Hedonisten.

589

so  stark  verspottet  hatte,  ist  wieder  zu  Ehren  gebracht  und  sogar
noch  vereinfacht  worden;  er  ist  zu  einem  schematischen  Menschen
geworden.  Die  Menschen  werden  nur  noch  als  Kräfte  betrachtet,  die
durch  Pfeile,  wie  in  den  Zeichnungen  eines  Lehrbuches  der  Mechanik,
dargestellt  werden.  Es  handelt  sich  darum,  nachzuweisen,  was  sich
aus  ihren  Beziehungen  untereinander  oder  ihren  Rückwirkungen  auf
die  Umwelt  ergibt.
Wir  werden  auch  sehen,  daß  diese  Schule  ungefähr  zu  dem
gleichen  Schluß  kommt,  nämlich,  daß  die  absolut  freie  Konkurrenz
das  Maximum  an  Befriedigung  für  einen  jeden  verwirklicht.  Auch
hierin  erneuert  sie,  abgesehen  von  den  Vorbehalten,  die  wir  weiter
unten  machen  werden,  die  große  klassische  Überlieferung.
So  zeigt  sich  daher  die  neue  Richtung  der  alten  klassischen
Schule  eher  sympatisch  gesinnt.  Sie  drückt  ihr  gegenüber  sogar  eine
Art  kindlicher  Anhänglichkeit  aus  1 ).
Nichtsdestoweniger  wirft  sie  der  klassischen  Schule  zwar  nicht
grobe  Irrtümer  vor,  —  da  sie  ja  ihrerseits  zu  ungefähr  den  gleichen
Folgerungen  kommt  —,  aber  sie  beschuldigt  sie  doch,  nicht  imstande
gewesen  zu  sein,  ihre  Behauptungen  zu  beweisen  und  sich  allzu  leicht
mit  Schlüssen  begnügt  zu  haben,  die  nichts  als  Kreisschlüsse  waren.
Das  ist  ihr  besonders  geschehen,  so  oft  sie  versuchte,  die  Kausalzusammenhänge ­
  festzustellen,  ohne  sich  oft  darüber  klar  zu  werden,
daß  die  Ursache  ebenso  leicht  Wirkung  wie  die  Wirkung  Ursache ­
  sein  kann.  Man  muß  sich  damit  begnügen,  die  Beziehungen
oder  die  Übereinstimmungen  zwischen  Tatsachen  zu  untersuchen,  und
das  eitle  Bestreben  aufgeben,  herauszufinden,  was  Ursache  und  was
Wirkung  ist.
Es  handelt  sich  im  besonderen  um  die  drei  großen  Gesetze,
die  das  Gerüst  des  Gebäudes  der  wissenschaftlichen  Ökonomik
waren;  das  Gesetz  des  Angebots  und  der  Nachfrage,  das  Gesetz  der
Produktionskosten,  das  Gesetz  der  Verteilung  zwischen  den  drei
Faktoren  der  Produktion.  Sie  sind  nicht  zu  halten.  Gehen  wir  sie
kurz  durch.
Das  Gesetz,  auf  Grund  dessen  „der  Preis  im  direkten  Verhältnis
zur  Nachfrage  und  im  umgekehrten  Verhältnis  zum  Angebot  schwankt“,
hat  ein  so  mathematisches  Aussehen,  daß  es  wie  dazu  geschaffen  war,
die  Aufmerksamkeit  der  neuen  Schule  auf  sich  zu  ziehen.  Es  hat
auch  tatsächlich  als  Brücke  zwischen  der  alten  und  neuen  Ökonomik
gedient  —  aber  einmal  hinübergelaugt,  hat  die  neue  Schule  diese
’)  „Die  Irrtümer  der  klassischen  Volkswirtschaftler  sind,  sozusagen,  nur  die
gewöhnlichen  Kinderkrankheiten  (ordinary  diseases  of  childhood)  einer  jeden  Wissenschaft.“ ­
  Böhm-Bawekk,  The  Austrian  Economists,  in  „Annals  of  the  American
Academy  of  Political  and  Social  Science“,  Januar  1891).
        <pb n="612" />
        590

Fünftes  Buch.  Die  Lehren  der  neuesten  Zeit.

Brücke  abgebrochen.  Es  kostete  sie  keine  Mühe,  nachznweisen,  daß
dies  vorgebliche  Gesetz,  das  von  der  Nationalökonomie  wie  ein  geometrisches ­
  Axiom  betrachtet  worden  war,  wie  ein  Quid  inconcussum,
  auf  das  sie  alle  ihre  Gebäude  errichtet  hatte,  gerade  ein
echtes  Schulbeispiel  für  die  Kreisschlüsse  war,  von  denen  wir  eben
gesprochen  haben.  Unter  den  Volkswirtschaftlern  erregte  es  großes
Aufsehen,  als  man  sich  um  die  Mitte  des  19.  Jahrhunderts  dazu  gezwungen ­
  sah,  dies  anzuerkennen.  In  der  Tat,  wenn  der  Preis  von
dem  Angebot  und  der  Nachfrage  bestimmt  wird,  so  ist  es  nicht
weniger  wahr,  daß  Angebot  wie  Nachfrage  ihrerseits  vom  Preise  bestimmt ­
  werden,  so  daß  es  unmöglich  wird,  zu  wissen,  welches  von
beiden  Ursache  und  welches  Wirkung  ist.  Übrigens  hatte  Stuaet
Mill  diesen  Widerspruch  schon  bemerkt  und  hatte  ihn  in  der  Weise,
die  wir  auf  S.  408  ausgeführt  haben,  verbessert.  Er  wußte  aber
nicht,  daß  schon  vor  ihm  und  besser  als  er  Couenot  die  Formel,  die
wir  soeben  wüeder  angeführt  haben,  zerstört  hatte,  indem  er  ihr  die
gegenüberstellte,  die  in  Wirklichkeit  die  hedonistische  Methode  einführt: ­
  „Die  Nachfrage  ist  eine  Funktion  des  Preises  Q,“  womit  gesagt
werden  soll,  daß  sie  sich  zu  dem  Preis  verhält  wie  eine  Schale  der
Wage  zur  anderen,  d.  h.  bei  steigendem  Preise  fällt  und  bei  fallendem
steigt.  Aber  auch  das  Angebot  ist  eine  Funktion  des  Preises,  nur
in  einer  ganz  verschiedenen  Beziehung,  da  es  ihm  in  seinen  Bewegungen ­
  parallel  folgt,  und  mit  ihm  steigt  und  fällt.  So  verhalten
sich  Preis,  Angebot  und  Nachfrage  wie  die  drei  fest  verbundenen
Teile  eines  Mechanismus,  die  sich  nicht  ein  jeder  für  sich  bewegen
können.  Es  handelt  sich  nun  darum,  die  Gesetze  ihrer  gegenseitigen
Abhängigkeit  zu  bestimmen.
Dies  will  nicht  besagen,  daß  das  Gesetz  des  Angebotes  und  der
Nachfrage  von  nun  an  aus  dem  wirtschaftlichen  Wörterbuche  gestrichen ­
  ist,  sondern  nur,  daß  es  eine  andere  Bedeutung  erhalten  hat.
Heute  drückt  man,  wie  wir  sehen  werden,  das  Gesetz  des  Angebots
und  der  Nachfrage  durch  das  aus,  was  man  „die  Kurve  der  Nachfrage“ ­
  oder  des  Angebotes  nennt,  Kurven,  die  einfach  das  Theorem
Cotjrnot’s,  daß  die  Nachfrage  eine  Funktion  des  Preises  ist,  graphisch
darstellen.
Ebenso  geht  es  mit  dem  Gesetz,  nach  dem  „die  Produktionskosten ­
  den  Wert  bestimmen“.  Die  gleiche  petitio  principiü
Wer  kann  nicht  sehen,  daß  gerade  im  Gegenteil  der  Unternehmer
seine  Produktionskosten  nach  dem  Preise  einstellt  und  regelt?  Die
klassische  Schule  hatte  dies  wohl  für  eines  der  Elemente  dieser

*)  Recherches  snr  les  Principes  mathematiques  de  la  theorie
des  richesses.
        <pb n="613" />
        Kapitel  I.  Die  Hedonisteu.

591

Kosten  erkannt;  sie  hatte  erkannt,  daß  der  Preis  die  Bodenrente  bestimmt, ­
  und  nicht  die  Bodenrente  den  Preis.  Dies  ist  aber  nun
ebenso  für  alle  anderen  Preisbestandteile  richtig,  oder  vielmehr  auch
diese  neue  Formel  ist  ebensowenig  korrekt.  Man  muß  diesen  eitlen
Versuch,  die  Ursachen  und  Wirkungen  zu  finden,  aufgeben  und  sich
mit  der  Feststellung  begnügen,  daß  zwischen  den  Produktionskosten
und  dem  Preise  eine  Beziehung  besteht,  die  das  Streben  hat,  die
Gleichheit  herzustellen,  nicht  auf  Grund  irgendeiner  geheimnisvollen
Solidarität,  sondern  weil  dort,  wo  diese  Koinzidenz  nicht  besteht,  die
Verminderung  oder  Vermehrung  der  erzeugten  Mengen  das  Gleichgewicht ­
  sogleich  wiederherzustellen  bestrebt  ist.  Diese  Abhängigkeitsbeziehung ­
  zwischen  zwei  Werten,  obgleich  sie  sicherlich  höchst
bedeutsam  ist,  ist  weit  davon  entfernt,  die  einzige  zu  sein:  sie  ist
nur  ein  Einzelfall  in  einer  Menge  von  Fällen,  wo  ein  Wert  als
Funktion  eines  anderen  Wertes  sich  verändert,  Fälle,  die  die  hedonistische ­
  Schule  mit  der  größten  Aufmerksamkeit  sammelt.
Das  gleiche  gilt  auch  für  das  Gesetz  der  Verteilung,  d.  h.  für  Lohn,
Zins  und  Bodenrente.  Wie  bestimmte  man  in  der  klassischen  Lehre
jeden  dieser  Teile?  In  höchst  naiver  Weise.  Wenn  es  sich  darum
handelte,  die  Bodenrente  zu  bestimmen,  so  sagte  man:  man  braucht
von  dem  Totalwerte  des  Erzeugnisses  nur  den  Lohn,  die  Zinsen  und
den  Profit  abzuziehen;  das,  was  übrig  bleibt,  ist  die  Rente.  Handelte
es  sich  darum,  den  Profit  zu  bestimmen,  so  zog  man  zunächst  die
Rente,  wenn  sie  in  Frage  kam,  ab,  dann  den  Lohn  und  die  Zinsen,
unter  denen  man  die  Produktionskosten  verstand,  und  das,  was  übrig
blieb,  war  der  Profit.  Ebenso  läuft,  wie  Böhm-Baweek  geistreich
ausführt,  die  Behauptung,  daß  der  Lohn  von  der  Produktivität  der
Arbeit  bestimmt  sei,  nur  darauf  hinaus,  daß  der  Lohn  alles  das  ist,  was
Vom  Preise  übrig  bleibt,  wenn  die  anderen  Mitarbeiter  sich  ihren
Anteil  genommen  haben.  Jeder  der  Mit-Anteil-Habenden  wird
fiaher  als  derjenige  betrachtet,  der  ein  Recht  auf  den  Rest  hat,
wenn  die  anderen  ihren  Teil  haben,  als  the  residual  claimant,
was  darauf  hinausläuft,  daß  man,  um  den  unbekannten  Teil  eines
jeden  der  drei  zu  bestimmen,  die  Teile  der  beiden  anderen  als  bekannt ­
  voraussetzt 1 ).
')  Wenn  man  den  bekannten  Wert  des  Produktes  durch  P  ansdrückt  und  den
hohn,  die  Zinsen  und  die  Rente  durch  x,  y  und  z,  so  erhält  man:
x  +  y  +  z  =  P
Es  ist  klar,  daß  diese  Gleichung  mit  drei  Unbekannten  allein  nicht  lösbar  ist:
man  erhält  auch  kein  besseres  Ergebnis,  wenn  man  wie  folgt  schreibt:
x  =  P—  (y  +  z)
y  =  P  —  (x  +  z)
z  =  P  —(x  +  y)
        <pb n="614" />
        592

Fünftes  Buch.  Die  Lehren  der  neuesten  Zeit.

Aber  diese  alte  theologische  Dreieinigkeit  läßt  die  neue  Schule
kalt.  Man  kann  keinen  der  Produktionsfaktoren  für  sich  allein  ins
Auge  fassen,  da  sie  notwendigerweise  solidarisch  oder,  wie  die  hedonistische ­
  Schule  sagt,  komplementär  bei  dem  Werke  der  Produktion ­
  sind.  Auf  jeden  Fall  muß  man,  um  einen  jeden  zu  bestimmen,
zwischen  ihnen  ebensoviel  Beziehungen  hersteilen,  als  es  Unbekannte
gibt.  Damit  gelangen  wir  dazu,  mathematische  Gleichungen  und
Formeln  anzuwenden.
Jedoch  ist  der  Gebrauch  der  Mathematik  nicht  bei  allen  Hedonisten
  die  Regel.  Die  psychologische  Schule,  —  in  ihr  besonders  die
Richtung,  die  den  Namen  österreichische  Schule  trägt,  —  hält
es  für  unnötig,  darauf  zurückzugreifen.  Andererseits  erklären  viele
mathematische  Yolkswirtschaftler,  daß  sie  es  keineswegs  nötig  haben,
die  Psychologie  zu  Hilfe  zu  rufen,  und  besonders,  daß  sie  ohne  das
berühmte  Prinzip  des  Grenznutzens  auskommen  können,  das,  wie  wir
sehen  werden,  den  Hauptinhalt  der  österreichischen  Lehre  ausmacht 1 ).
Es  ist  daher  für  die  Klarheit  der  Darlegung  besser,  in  der
hedonistischen  Schule  die  Gruppe  der  Psychologen  und  die  der  Mathematiker ­
  getrennt  zu  studieren.

§  2.  Die  psychologische  Schule.
Das  Hauptmerkmal  der  psychologischen  Schule  liegt  darin,  alles
auf  den  Grenz  nutzen  zu  beziehen.  Was  ist  hierunter  zu  verstehen ­
  *  2 )  ?

x )  „Die  Theorien  des  wirtschaftlichen  Gleichgewichts  sind  unabhängig  von  den
Theorien  der  Nützlichkeit  (des  Grenznutzens).  Die  allgemeine  Auffassung  dagegen
verschmilzt,  identifiziert  diese  beiden  Arten  von  Theorien“  (Yilpredo  Pareto,
L’Economie  pure,  Broschüre,  1902).
2 )  Der  Name  ist  je  nach  den  Schriftstellern  und  den  Ländern  ein  wenig  verschieden: ­
  Jbvons  sagt:  final  degree  of  utility  (letzter  Nützlichkeitsgrad),  die
Amerikaner  sprechen  von  „marginal  utility“  (Randnutzen),  und  Walras  wendet
intensite  du  dernier  besoin  satisfait  (Stärke  des  letztbefriedigten  Bedürfnisses) ­
  an.  Es  ist  das  auch  das,  was  Walras  „rarete“  (Seltenheit)  nennt,  indem  er
dieses  Wort  in  dem  rein  subjektiven  Sinne  nimmt,  als  das  Ungenügende  einer  Menge
für  den  gegenwärtigen  Bedarf.  Gerade  der  Überfluß  dieser  Termini  deutet  auf  eine
gewisse  Nebelhaftigkeit  der  Ideen  hin.  Wenn  wir  wählen  sollten,  würde  uns  der
Ausdruck  „marginal“  (Band  —■)  klarer  als  „final“  (Grenz-)  erscheinen,  doch  ist
„final“  —  (finale)  in  Frankreich  schon  in  den  Sprachgebrauch  übergegangen.  Die
erste  Idee  des  Grenznutzen,  der  die  psychologische  Schule  charakterisiert,  scheint
einem  französischen  Ingenieur,  Düpüit,  zuzusprechen  zu  sein.  (S.  auch  weiter  unten
Cournot,  S.  601  Anm.)  Sie  wird  in  zwei  Abhandlungen  über  La  mesure  de
l’utilite  des  travaux  publics  (1844)  und  über  L’utilite  des  voies  de
Communications  (1849)  ausgesprochen,  die  beide  in  den  Annales  des  Fonts
et  Chaussees  (Jahrbüchern  der  Wegeverwaltung)  veröffentlicht  wurden,  deren
        <pb n="615" />
        Kapitel  I.  Die  Hedonisten.

593

JEs  ist  dies  der  Nutzen  im  Sinn  der  alten  klassischen  Ökonomisten, ­
  den  sie  Gebrauchswert  nannten  —  und  dem  sie  wohl
ihre  Reverenz  erwiesen,  den  sie  dann  aber  als  belanglos  liegen
ließen.  —  Dieser  Gebrauchswert  erlebt  nun,  wenn  auch  stark  verwandelt, ­
  seine  Wiedergeburt.
Zunächst  wird  er  endgültig  von  der  Nützlichkeit  im  landläufigen
und  wortbegrifflichen  Sinne  dieses  Ausdruckes  getrennt,  von  der
Nützlichkeit,  die  im  Gegensatz  zu  Schädlichkeit  oder  Überflüssigkeit ­
  steht:  er  drückt  weiter  nichts  aus,  als  die  Fähigkeit,  irgendeinen ­
  Wunsch  des  Menschen  zufrieden  zu  stellen,  sei  er  vernünftig,
dumm  oder  verbrecherisch,  Brot,  Diamant  oder  Opium,  ganz  gleichgültig ­
  1 ).
Zweitens  handelt  es  sich  nicht  um  die  irgendeinem  Gut  innewohnende ­
  Nützlichkeit,  z.  B.  den  Nutzen  des  Wassers,  des  Eisens
oder  der  Kohle  mit  Hinsicht  auf  die  Bedürfnisse  der  Menschheit,
sondern  um  die  Nützlichkeit  einer  konkreten  Einheit,  die  den  Gegenstand ­
  unserer  Bemühungen  als  Tauschender  ,  Produzent  oder  Ver-Bedeutung

  aber  erst  viel  später  erkannt  worden  ist.  Auch  Gossen  hatte  sie  in  dem
weiter  unten  angeführten  Werk  (vgl.  8.  601  Anni.  1)  herausgearbeitet.
In  ihrer  heutigen  Form  wurde  sie  gleichzeitig  von  Stanley  Jevons  in  seiner
Theory  of  Political  Economy  (1871)  und  von  Kael  Mbngbr  in  seinen
Grundsätzen  der  Volkswirtschaftslehre  (1871)  dargelegt.  Auf  der  anderen
Seite  ist  die  Auffassung  Walras’  von  der  Seltenheit  ganz  ähnlich  und  ungefähr
gleichzeitig  (1874).  Endlich  scheint  der  amerikanische  Professor  Clark  in  seiner
Philosophy  of  Value,  obgleich  sie  etwas  später  erschienen  ist  (1881),  unmittelbar,
aber  auf  einem  anderen  Wege  zu  demselben  Gedanken  gekommen  zu  sein.  Es  ist
das  ein  bemerkenswertes  Beispiel  des  übrigens  ziemlich  häufigen  Zusammentreffens
der  Entdeckungen  in  der  Geschichte  der  Ideen.
Trotz  ihrer  kosmopolitischen  Ursprünge  hat  diese  Schule  den  Namen  der
»österreichischen  Schule“  erhalten,  weil  sie  in  Österreich  ihre  bedeutendsten  Vertreter ­
  gefunden  hat,  unter  denen,  außer  dem  schon  genannten  Professor  Karl  Mbngbr,
der  Professor  Sax,  Das  Wesen  und  die  Aufgabe  der  Nationalökonomie
(1884),  zu  erwähnen  ist;  weiterhin:  v.  Wieser,  Der  natürliche  Wert  (1889),
and  besonders  v.  Böhm-Bawbek,  Grundzüge  der  Theorie  des  wirtschaftlichen ­
  Güterwerts  (Jahrbücher  für  Nationalökonomie,  1886),  und  sein
berühmtes  Buch  über  Kapital  und  Kapitalzins.
,  Man  kann  aber  sagen,  daß  heute  diese  Lehre  mehr  amerikanisch  als  österreichisch ­
  geworden  ist:  die  Professoren  J.  B.  Clark,  Patten,  Irving  Fisher,
Carveh,  Fetter  usw.  pflegen  den  „Kandnutzen“  mit  Leidenschaft,  besonders  in  der
Untersuchung  der  Güterverteilung  und  vor  allem  in  der  Auffassung  von  Kapital
vnd  Zins.
b  Um  die  Verwirrung,  die  aus  dem  Gebrauch  desselben  Wortes  zur  Bezeichnung
zweier  so  verschiedener  Begriffe  entsteht,  zu  vermeiden,  da  sie,  was  man  auch
dagegen  tun  möge,  doch  das  Vorstellungsvermögen  trübt,  hat  Vilbredo  Pabeto
das  Wort  Nützlichkeit  durch  Ophelimität  ersetzt,  und  Charles  Gide  wendet  in
seinen  Prinoipes  d’Economie  Politique  seit  1883  das  Wort  desirabilite
dafür  an.
Gide  und  Eist,  Gtesch.  d.  Volkswirtschaft!.  Lehrmeinungen.

38
        <pb n="616" />
        594

Fünftes  Buch.  Die  Lehren  der  neuesten  Zeit.

brancher  darstellt.  Es  handelt  sich  niemals  darum,  das  Brot  zu
kaufen,  sondern  Brote.  Die  Nützlichkeit  des  Brotes  im  allgemeinen ­
  ist  mir  gleichgültig;  wie  sollte  ich  sie  übrigens  auch
messen?  Was  mich  interessiert,  ist  allein  der  Nutzen  des  Brotes,
das  ich  brauche.  Diese  einfache  Verschiebung  des  Gesichtspunktes ­
  gestattet  sofort,  die  Dunkelheit  zu  zerstreuen,  in  die  sich
die  klassische  Schule  verirrt  hatte  *).
1.  Warum  ist  zunächst  die  Wertidee  von  der  der  Seltenheit  untrennbar? ­
  Weil  der  Nutzen  jeder  Einheit  von  der  Stärke  des  bestehenden ­
  und  unmittelbaren  Bedürfnisses,  das  sie  befriedigen  soll,
abhängt  —  und  folglich  auch,  weil  sie  von  der  schon  im  Besitz
befindlichen  Menge  bestimmt  wird,  da  es  ein  gleichzeitig  physiologisches ­
  und  psychologisches  Gesetz  ist,  daß  jedes  Bedürfnis  begrenzt ­
  ist,  und  folglich  auch,  daß  jedes  Bedürfnis  mit  der  erlangten
Befriedigung  auf  einen  Nullpunkt  herabsinkt,  der  Sättigung  genannt
wird.  Über  diesen  Punkt  hinaus  kann  es  sogar  negativ  werden
und  sich  in  Widerwillen  verwandeln 1  2 ).  Ein  Gegenstand  irgendwelcher ­
  Art  kann  daher  nur  nützlich  sein,  wenn  er  nicht  im  Überfluß
vorhanden  ist.
Solange  man  sich  an  den  Begriff  der  Nützlichkeit  en  bloc,  in
genere  hielt,  bemerkte  man  nicht  das  notwendige  Band  zwischen
Nützlichkeit  und  Seltenheit.  Man  sah  wohl,  daß  jede  Erklärung  des
Wertes  hinkte,  die  sich  nur  auf  den  einen  oder  den  anderen  der  beiden
Begriffe  stützte,  wußte  aber  nicht  weshalb.  Von  nun  an  springt  die
feste  Verbindung  beider  in  die  Augen.  Die  Nützlichkeit  erscheint

1 )  „Der  Gedanke  des  Grenznutzens  ist  der:  Sesam,  öffne  dich!,  die  Formel,
die  den  Schlüssel  zu  den  verwickeltsten  Vorgängen  des  wirtschaftlichen  Lebens  gibt
und  gestattet,  die  unentwirrbarsten  Probleme  der  Wissenschaft  zu  lösen“  (Böhm-Bawbkk,
  The  Austrian  Economists,  Annals  of  the  American  Academy
of  political  and  social  Science,  1891).
2 )  Condillao  hatte  diese  Tatsache  schon  sehr  richtig  bemerkt  (siehe  oben
S.  56)  und  vor  ihm  hatte  Büffon  gesagt:  daß  „der  Taler  des  Armen,  der  zur
Bezahlung  eines  unbedingt  notwendigen  Gegenstandes  dient,  und  der  Taler,  der  dem
Geldsack  der  Finanzherrn  als  letzter  zugefügt  wird,  in  den  Augen  des  Mathematikers
zwei  Einheiten  gleicher  Ordnung  sind,  aber  im  moralischen  ist  der  eine  ein
Goldstück,  während  der  andere  nicht  einen  Pfennig  wert  ist“
(Essai  d’arithmetique  morale).
Dieses  Verbindungssystem  zwischen  Menge  und  Bedarf  kann  durch  eine  Kurve
ausgedrückt  werden,  in  der  Art,  daß  es  eine  Nützliohkeitskurve,  wie  eine  Kurve
der  Nachfrage  gibt  (siehe  weiter  unten  S.  605).  Um  sie  einzutragen,  genügt  es,  auf
einer  Horizontalen  die  verbrauchten  Mengen  1,  2,  3,  4  usw.  anzumerken  und  auf
jedem  dieser  Punkte  eine  Vertikale  zu  errichten,  die  die  Stärke  des  Begehrs,  die
zu  jeder  dieser  Mengen  gehört,  proportional  ausdrlickt.  Man  wird  diese  Vertikalen
(Ordinaten)  mehr  oder  weniger  schnell  an  Höhe  abnehmen  sehen,  je  nachdem  die
Menge  steigt,  —  um  zum  Schluß  auf  Null  zu  sinken.
        <pb n="617" />
        Kapitel  I.  Die  Hedonisten.

595

als  eine  Funktion  der  Menge,  und  der  Grad  der  Nützlichkeit  ist  gerade ­
  das,  was  man  Wert  nennt.
2.  Ebenso  wie  der  Begriff  des  Grenznutzens  das  Problem  löste,
das  den  Volkswirtschaftlern  so  viel  zu  schaffen  gemacht  hatte,  weshalb ­
  nämlich  Wasser  weniger  wert  sei  als  ein  Diamant,  löst  es  auch
ein  anderes,  das  sie  seit  den  Zeiten  der  Physiokraten  nicht  weniger
Kopfzerbrechen  gekostet  hatte:  wie  ist  es  möglich,  daß  der  Austausch,
der  nach  seinem  Begriff  selbst  den  gleichen  Wert  der  ausgetauschten
Gegenstände  einschließt,  jedem  der  beiden  Teile  Gewinn  bringen
kann?  —  Des  Eätsels  Lösung  lautet  wie  folgt:  im  Austausch  kommt
es  nur  auf  den  Grenznutzen  an,  keineswegs  auf  die  Totalnutzen. ­
  Wo  soll  man  nun  die  für  den  Austausch  wesentliche
Gleichwertigkeit  suchen?  Sie  liegt  für  jeden  der  beiden  Austauschenden ­
  im  Gleichgewicht  zwischen  dem  letzten  erworbenen  und  dem
letzten  hingegebenen  Teil.
Stellen  wir  uns  zwei  Händler  im  Kongogebiet  vor:  Primus  hat
Salz  und  Secundus  Eeis.  Sie  wollen  tauschen.  Zu  welchem  Preise?
Das  wissen  sie  noch  nicht.  Sie  tasten.  Primus  gibt  einige  Salzkörner ­
  und  erhält  dafür  einige  Handvoll  Eeis.  Er  vergleicht  durch
einen  Blick  die  beiden  Haufen,  die  sich  bilden  und  allmählich  größer
werden.  In  dem  Maße  aber,  wie  der  Haufen  Eeis  zunimmt,  stellt
jede  neue  Handvoll,  die  dazu  kommt,  einen  abnehmenden  Nutzen  vor,
denn  er  wird  bald  genug  für  seine  Bedürfnisse  haben.  Im  Gegenteil
jedoch,  so  wie  der  Haufen  Salz  größer  wird,  stellt  jedes  Salzkorn,
das  er  hingibt,  für  ihn  einen  steigenden  Nutzen  vor,  denn  er  weiß,
daß  ihm  bald  nicht  mehr  genug  für  seine  Bedürfnisse  übrig  bleiben
wird.  Da  nun  mit  jeder  ausgetauschten  Handvoll  der  Nutzen  der
hingegebenen  Einheit  steigt  und  der  Nutzen  der  erworbenen  Einheit
sinkt,  so  ist  es  selbstverständlich,  daß  in  einem  gegebenen  Augenblicke ­
  beide  gleich  sein  werden.  In  diesem  Augenblicke  nun  wird
Primus  innehalten.  Der  Austausch  wird  sich  auf  Grund  des  Verhältnisses ­
  der  beiden  Haufen  vollziehen,  das  auch  den  Preis  bestimmt. ­
  Selbstverständlich  wird  in  diesem  Augenblick  der  erworbene
Haufen  Eeis  für  Primus  einen  bedeutend  höheren  Totalnutzen  vorstellen, ­
  als  der  hingegebene  Haufen  Salz.
Man  wird  nun  einwerfen,  daß  es  sich  nicht  allein  um  Primus
handelt,  und  daß  es  darauf  ankommt,  zu  wissen,  ob  auch  Secundus
bereit  sein  wird,  im  gleichen  Augenblick  innezuhalten!  Das  ist
nicht  wahrscheinlich;  sollte  er  sich  entschlossen  haben,  mit  dem
Tausch  aufzuhören,  ehe  die  gegebene  Menge  Eeis  genügend  ist,  um
Primus  zu  befriedigen,  so  ist  es  klar,  daß  der  Tausch  nicht  zustande
kommen  wird.  Es  muß  daher  angenommen  werden,  daß  ein  jeder
der  beiden  Tauschenden  geneigt  ist,  die  Grenze,  die  der  andere  sich
38*
        <pb n="618" />
        596

Fünftes  Buch.  Die  Lehren  der  neuesten  Zeit.

im  stillen  gezogen  hat,  zu  überschreiten;  dann  wird  der  Punkt
des  Abschlusses  durch  einen  Feilschhandel  bestimmt  werden 1 ).
3.  Eine  weitere  Frage;  Warum  gibt  es  auf  dem  Markte  nur
einen  gleichen  Preis  für  gleiche  Gegenstände?  —  Wenn  doch  diese
Nützlichkeit  in  jeder  Einheit  besonders  und  für  jedes  Individuum
subjektiv  in  Betracht  gezogen  werden  soll,  so  scheint  es,  als  ob  es
fast  ebensoviel  verschiedene  Werte,  wie  Einheiten  geben  müsse,  da

[ )  Hier  ersetzen  nun  Ziffern  und  Diagramme  vorteilhaft  lange  Ausführungen.
Wenn  wir  nämlich  eine  aufsteigencle  Kurve  zeichnen,  die  die  Nützlichkeit  jeder
Handvoll  hingegebenen  Salzes  vorstellt,  und  eine  absteigende  Kurve,  die  die  Nützlichkeit
jeder  Handvoll  erworbenen  Reises  vorstellt,  so  müssen  sich  diese  Kurven  notwendigerweise ­
  schneiden,  da  sie  in  umgekehrter  Richtung  verlaufen;  der  Punkt,  an  dem
sie  sich  schneiden,  ist  nun  gerade  der,  an  dem  beide  ausgetauschten  Handvoll
gleich  sind.
Hier  muß  aber  eine  Verwechslung  vermieden  werden:  man  ist  geneigt  zu
glauben,  daß  jeder  Austausch  eine  Gleichwertigkeit  bedeutet,  d.  h.  eine  Gleichheit
des  Grenznutzens  einer  jeden  Ware  für  die  beiden  Austauschenden.  Das  ist  durchaus
nicht  der  Fall.  Zwischen  dem  Wunsch  des  einen  und  dem  des  anderen  besteht
kein  gemeinsames  Maß  —  keine  Brücke  (no  bridge),  wie  die  englischen
Hedonisten  sagen  —,  sondern  es  handelt  sich  um  die  Gleichheit  des  Grenznutzens  der
beiden  Waren  für  denselben  Austauschenden.  Im  Innern  eines  jeden
geschieht  das  Wägen.  Und  der  auf  dem  Markte  verwirklichte  Austausch  ist  nur
die  Resultante  aller  dieser  möglichen  Tausche.
Die  österreichische  Schule  zieht  zur  Erklärung  des  Tausches  eine  Hypothese
zu  Hilfe,  die  vielleicht  nicht  unentbehrlich  ist,  denn  andere  Volkswirtschaftler,  wie
Waleas,  sind  sehr  gut  ohne  sie  ausgekommen;  es  ist  das,  was  sie  das  Grenzpaar
nennt.  Man  muß  sich  Verkäufer  und  Käufer  in  zwei  Reihen  einander  gegenüber ­
  aufgestellt  denken.  Auf  seiten  der  Verkäufer  mißt  ein  jeder  dem  Gegenstände, ­
  den  er  besitzt  und  verkaufen  will,  eine  verschiedene  Nützlichkeit  bei;
auf  seiten  der  Käufer  tut  ein  jeder  dasselbe  mit  Hinsicht  auf  den  zu  erwerbenden
Gegenstand.  Zwischen  dem  Verkäufer  nun,  der  dem  von  ihm  zu  verkaufenden
Gegenstand  die  größte  Nützlichkeit  beimißt,  der  also  am  wenigsten  zum
Verkauf  geneigt  sein  wird,  und  dem  Käufer,  der  im  Gegenteil  dem  von  ihm
zu  erwerbenden  Gegenstand  die  geringste  Nützlichkeit  beimißt,  dem  also,  der  am
wenigsten  zum  Kauf  geneigt  sein  wird,  wird  sich  hier  der  erste  Austausch
vollziehen,  der  den  Marktpreis  für  alle  anwesenden  Parteien  festlegt.  Auf  den
ersten  Blick  erscheint  es  unverständlich,  wie  das  Geschäft  von  den  Gliedern  der
beiden  Parteien  eröffnet  werden  kann,  die  am  wenigsten  Neigung  zu  einem  Abschluß
haben.  Es  würde  natürlicher  erscheinen,  daß  der  Handel  zunächst  zwischen  dem
Verkäufer,  der  am  meisten  zu  einem  Verkauf  gedrängt  ist  und  nötigenfalls  sich
mit  10  Fr.  für  den  Hektoliter  zufrieden  geben  würde,  und  dem  Käufer,  der  am
meisten  zum  Kauf  gedrängt  ist  und  der  schließlich  auch  30  Fr.  für  den  Hektoliter
zahlen  würde,  zustande  kommen  müsse!  Bei  einigem  Nachdenken  wird  man  aber
sehen,  daß  der  Preis  gerade  deshalb,  weil  beide  bereit  sind,  zu  jedem  Preis  abzusohließen,
unbestimmt  bleiben  wird.  Diese  beiden  Ungeduldigen  werden  sicherlich  abwarten,
bis  die  am  wenigsten  zu  einem  Abschluß  gedrängten  zu  einem  Einverständnis
gelangt  sind.  Es  ist  natürlich,  daß  die,  die  am  wenigsten  voneinander  entfernt
sind,  zuerst  Zusammenkommen.  Diese  beiden  Austauschenden  nun,  die  so  das
Marktgesetz  festlegen,  nennt  man  „das  Grenzpaar“.
        <pb n="619" />
        Kapitel  I.  Die  Hellenisten.

597

eine  jede  sehr  verschiedene  Bedürfnisse  befriedigen  kann.  Warum
hat  daher  in  diesem  Fall  ein  Brot  keinen  anderen  Wert  für  einen
verhungernden  Armen  als  für  einen  satten  Reichen,  oder  sogar  für
mich  selbst  keinen  anderen  Wert,  wenn  ich  hungrig,  als  wenn  ich
satt  bin?  —  Einfach  deshalb,  weil  die  Annahme  widersinnig  sein
würde,  daß  identische  und  vertretbare  Güter  verschiedene  Tauschwerte
auf  demselben  Markte  haben  können  und  dies  in  noch  höherem  Maß
für  die  gleiche  Person.  Dieses  Gesetz  des  Einheitspreises 1 )
beruht  selbst  wieder  auf  einem  anderen  Gesetz,  dem  die  psychologische
Schule  mit  Recht  eine  sehr  große  Bedeutung  beimißt,  und  das  eines
seiner  bedeutendsten  wissenschaftlichen  Errungenschaften  ist,  das
Gesetz  der  Substitution.  Es  bedeutet,  daß  jedesmal,  wenn
zur  Befriedigung  irgendeines  Bedürfnisses  ein  Gut  durch  ein  anderes
ersetzt  werden  kann,  das  ersetzte  nicht  mehr  wert  sein  kann,  als
das  ersetzende 1  2 ).
Was  ist  nun  eine  Substitution?  —  Ein  wenigstens  möglicher,
wenn  auch  nicht  stets  ausgeführter  Austausch.  Nun  schließt  aber
jeder  Austausch  die  Gleichheit  der  Werte  ein.
Wenn  es  nun  eine  ganze  Reihe  von  Gütern  gibt,  die  einander
substituiert  werden  können,  so  kann  keins  mehr  Wert  haben,  als
dasjenige  der  ganzen  Reihe,  das  den  geringsten  Wert  vorstellt.
Dies  ist  der  Grund,  weshalb,  wenn  jeder  Mensch  100  Gläser
Wasser  zu  seiner  Verfügung  haben  kann  —  was  fast  stets  der  Fall
ist,  außer  in  der  Sahara  —,  keins  dieser  Gläser,  und  nicht  einmal
das,  für  welches  ich,  wenn  ich  ganz  verdurstet  bin,  sein  Gewicht  in
Gold  geben  würde,  mehr  als  das  hundertste  Glas  wert  ist,  nämlich
nichts.  Dies  hundertste  ist  immer  da,  stets  bereit,  irgendeines  der
anderen  zu  ersetzen.
Vielleicht  das  beste  Mittel,  sich  eine  klare  Vorstellung  des  Grenznutzens ­
  zu  machen,  besteht  darin,  niemals  direkt  die  Nützlichkeit  des
Gegenstandes,  den  man  bewerten  will,  ins  Auge  zu  fassen,  sondern
nur  die  des  Gegenstandes,  der  seine  Stelle  einnehmen  kann 3 ).  Dann

1 )  Stanley  Jbvons  gibt  ihm  einen  recht  ausdrucksvollen  Namen:  Das  Gesetz
der  Indifferenz,  was  besagen  will,  das  zwei  Gegenstände,  mögen  sie  auch  zwei
111  ihrer  Stärke  höchst  ungleichen  Begierden  entsprechen,  doch  nicht  verschiedene
Werte  haben  können,  wenn  wir  unterschiedslos  zwischen  ihnen  wählen  können.
2 )  Das  Gesetz  der  Substitution  tritt  nicht  nur  in  Erscheinung,  wenn  es  sich
um  verschiedene  Gegenstände  handelt,  die  geeignet  sind,  das  gleiche  Bedürfnis  zu
befriedigen,  sondern  oft  auch,  wenn  es  sich  um  Dinge  handelt,  die  verschiedenen
Bedürfnissen  entgegenkommen,  soweit  diese  Bedürfnisse  selbst  eins  durch  das  andere
ersetzt  werden  können:  Wein  kann  durch  Tee,  Tee  durch  Kaffee,  das  Leben  in
einem  Schloß  durch  Reisen  und  Badeaufenthalte  ersetzt  werden,  usw.
3 )  „Der  Nutzen  der  unwichtigsten  Einheit,  die  an  Stelle  der,  die  wir  entbehren,
treten  kann,  wird  von  uns  mit  Greuznutzen  bezeichnet“  (Böhm  -  Bawesk  ,  The
        <pb n="620" />
        598

Fünftes  Buch.  Die  Lehren  der  neuesten  Zeit.

erscheint  es  als  völlig  klar,  daß,  wenn  ich  einen  Gegenstand  Ä  verliere, ­
  an  dem  ich  sehr  hänge,  den  ich  aber  in  jeder  Hinsicht  durch
einen  Gegenstand  B  ersetzen  kann,  A  in  diesem  Fall  nicht  mehr  als
B  wert  ist;  und  wenn  ich  die  Wahl  habe,  ihn  auch  durch  C  zu  ersetzen, ­
  und  daß  C  noch  weniger  als  B  wert  ist,  dann  ist  auch  A
nicht  mehr  als  C  wert.
Wir  gelangen  schließlich  dazu,  dieses  Gesetz,  das  eine  ebenso
große  Tragweite  hat,  wie  nur  irgendein  Gesetz  der  Physik,  wie  folgt
zu  formulieren:  der  Wert  eines  jeden  Gutes  wird  bestimmt  durch
den  am  wenigsten  nützlichen  Gebrauch,  den  man  davon  machen,  durch
die  geringste  Befriedigung,  die  man  daraus  ziehen  kann.
Bis  hierher  haben  wir  gesehen,  wie  der  Begriff  des  Grenznutzens
dazu  dient,  die  Probleme  des  Wertes  und  des  Tausches  zu  lösen.
Wird  ihm  aber  die  gleiche  Eigenschaft  innewohnen,  wenn  man  ihn
auf  andere  Bereiche  der  Volkswirtschaft,  auf  die  der  Produktion,  der
Verteilung  und  des  Verbrauches  überträgt?
Für  die  Hedonisten  unterliegt  das  keinem  Zweifel,  da  alle  Produktions-, ­
  Verteilungs-  und  Yerbrauchshandlungen  nur  veränderte
Formen  des  Tausches  sind.
Das  gilt  zunächst  für  die  Produktion.  Warum  regelt  sich  der
Wert  der  Gegenstände  unter  der  Herrschaft  der  freien  Konkurrenz
nach  den  Produktionskosten?  Weil  jede  Ordnung  der  freien  Konkurrenz ­
  auf  Grund  ihrer  Definition  eine  Ordnung  ist,  in  der  ein  jeder
Gegenstand  in  jedem  Augenblick  durch  einen  gleichartigen  Gegenstand ­
  ersetzt  werden  kann,  und  weil  dieser  selbst  nur  das  Ergebnis
einer  gewissen  Umformung  von  Rohstoffen  darstellt.  Das  Gesetz  der
Substitution  tritt  daher  auch  hier  in  Erscheinung,  und  wenn  die  Produktionskosten ­
  den  Wert  aller  gleichartigen  Gegenstände  regeln,  so
beruht  dies  einfach  darauf,  weil  diese  Produktionskosten  in  jedem
Augenblick  den  letzten  der  ersetzbaren  Werte  vorstellen.
Ebenso  für  den  Verbrauch.  Wie  verteilt  ein  jeder  von  uns  seinen
Verbrauch  oder  seine  Ausgaben?  Selbstverständlich  so,  daß  er  daraus
den  größten  Nutzen  zieht,  nämlich,  das  sie  ihm  das  Maximum  an
Annehmlichkeiten  verschaffen,  das  mit  einem  gegebenen  Einkommen
vereinbar  ist.  Unbewußt  versucht  man  hier  und  da  Änderungen.
Man  vermehrt  die  im  Budget  für  die  Wohnung  ausgeworfene  Summe
und  vermindert  dafür  die,  die  zur  Beschaffung  der  Nahrung  bestimmt
ist,  oder  man  vermehrt  die,  die  für  Almosen  verwendet  werden  soll,
und  beschneidet  die,  aus  denen  man  seine  Theaterbesuche  bestreitet,
bis  man  eine  Gleichgewichtslage  gefunden  hat.  Diese  Gleichgewichts-American
  Economists.  American  Academy  of  political  and  social
Science,  1891).
        <pb n="621" />
        Kapitel  I.  Die  Hedonisten.

599

läge  ist  erreicht:  sobald  der  Grenznutzen  der  letzten  ausgetauschten ­
  Gegenstände,  oder,  wenn  man  will,  die  Stärke
der  letzten  befriedigten  Bedürfnisse  gleich  sind.  Wenn
nämlich  der  Groschen,  den  man  für  die  Erwerbung  der  letzten  Zigarre
ausgibt,  die  man  am  Tage  raucht,  nicht  die  gleiche  Befriedigung  gewährt, ­
  wie  der  Groschen,  mit  dem  man  die  letzte  Abendzeitung  kauft,
so  würde  man,  sobald  einem  dies  klar  geworden  ist,  die  Verwendung
dieses  Groschens  ändern,  und  eine  Zigarre  weniger  rauchen,  um
eine  Zeitung  mehr  zu  kaufen.  Der  Verbrauch  regelt  sich  daher
in  einer  Art  von  Austausch,  für  den  unser  Innerstes  der  Markt,  und
unsere  sich  bekämpfenden  Wünsche  die  Feilschenden  sind 1 ).
Auch  im  Bereich  der  Verteilung  hat  sich  schließlich  die  Theorie
des  Grenznutzens  wie  in  einem  eroberten  Lande  eingerichtet:  hier
sind  es  besonders  die  Amerikaner,  vor  allem  Professor  J.  B.  Clark,
die  sich  bemüht  haben,  von  hier  aus  alle  Gesetze  der  Rente,  des
Zinses  und  des  Lohnes  zu  erneuern.  Wir  können  hier  diese  scharfsinnigen ­
  Analysen  nicht  darlegen,  an  denen  die  volkswirtschaftlichen
„Quarterlies“  der  amerikanischen  Universitäten  sich  ergötzen,  höchst
wahrscheinlich  als  Reaktion  gegen  ein  soziales  Milieu,  das  mit  Pragmatismus ­
  und  Realismus  durchdrängt  ist.  Wir  erwähnen  daher  nur
das  Prinzip  der  Lohntheorie.  Wie  jeder  Wert  wird  auch  der  Lohn
durch  den  Grenznutzen  bestimmt.  Aber  der  Grenznutzeu  von  was?
der  Grenznutzen  für  wen?  Der  Grenznutzen  der  Dienste  des  Arbeiters
für  den  Unternehmer.  —  Nun  bestimmt  aber  dort,  wo  es  sich  um
die  Faktoren  der  Produktion  handelt,  ihr  Produktivitätsgrad  ihren
Nützlichkeitsgrad,  —  der  Lohn  wird  daher  von  der  Grenzpro-*)
  Hinsichtlich  des  Verbrauches  hat  die  neue  Schule  aus  dem  Gesetz  des  auf
jedem  Markt  herrschenden  Einheitspreises  eine  merkwürdige  Folgerung  gezogen.  Obgleich ­
  es  nämlich  nur  einen  Preis  für  alle  Käufer  gieht,  sagen  wir  für  Getreidekäufer, ­
  so  ist  doch  der  Grenznutzen  für  einen  jeden  der  Verbraucher  äußerst
ungleich.  Angenommen,  der  unter  den  oben  ausgeführten  Bedingungen  zustande
gekommene  Preis  sei  20  Fr.;  dieser  oder  jener  Käufer  würde  aber  bereit  gewesen
sein,  25  Fr.  zu  zahlen  und  hätte  diesen  Preis,  wenn  notwendig,  gegeben;  ein  anderer
batte  24  Fr.,  ein  anderer  23  Fr.,  22  Fr.  usf.  gezahlt.  Folglich  fällt  einem  jeden
Ton  ihnen,  die  ja  nur  20  Fr.  zahlen,  ein  Gewinn  zu,  und  zwar  unter  der  Form  einer
Ansgaheersparnis.  Das  nennt  Professor  Mabshall  die  Eente  des  Verbrauchers
(Principles,  Bd.  III,  Kap.  VI).  Er  wählt  diese  Bezeichnung,  um  sie  mit  der  berühmten ­
  Eente  des  Produzenten  in  Verbindung  zu  bringen,  die  lange  vor  der
hedonistischen  Schule  entdeckt  worden  ist,  die  aber  auf  der  gleichen  Ursache
beruht,  d,  h,  auf  wechselnden  Unterschieden  —  für  jeden  Produzenten  —  zwischen
üem  auf  dem  Markt  festgelegten  Verkaufspreis  und  den  Produktionskosten  oder
Opfern  eines  jeden  von  ihnen.  In  Wirklichkeit  besteht  die  Identität  zwischen  diesen
beiden  Eentenkategorien  kaum  mehr  als  auf  dem  Papier,  denn  die  Eente  des  Verbrauchers ­
  ist  rein  subjektiv,  während  die  des  Produzenten  einen  Handelswert  hat.
genügt  ganz  einfach,  wenn  man  sagt,  daß  in  den  meisten  Fällen  der  Tausch  den
Menschen  ungleiche  Befriedigungen,  auch  bei  gleichem  Preise,  gewährt.
        <pb n="622" />
        600

Fünftes  Buch.  Die  Lehren  der  neuesten  Zeit.

duktivität  bestimmt,  nämlich  von  dem  Wert,  den  ein  Zusatzarbeiter ­
  (der  Grenz  arbeiten)  zu  erzeugen  vermag,  den  der  Unternehmer ­
  noch  piit  einem  Differential  von  Gewinn  verwenden  kann.
Der  Wert,  den  dieser  fast  überzählige  Arbeiter  hervorbringt,  bestimmt
das  Maximum  dessen,  was  der  Unternehmer  ihm  geben  kann,  und
setzt  zur  gleichen  Zeit  den  Lohn  aller  anderen,  mit  ihm  vertauschbaren ­
  Arbeiter  fest,  nämlich  der,  die  mit  der  gleichen  Arbeitsart  beschäftigt ­
  sind  und  dasselbe  leisten  (obgleich  der  von  den  anderen
Arbeitern  geschaffene  Wert  wahrscheinlich  größer  ist  als  der,  den
der  Grenzarbeiter  liefert).  Gerade  so  wie  unter  hundert  verfügbaren
Gläsern  Wasser  das  am  wenigsten  nützliche  den  Wert  bestimmt,  den
alle  anderen  für  den  Durstigen  haben x ).
Hierdurch  wird  die  Theorie  des  Lohnes,  die  ihn  auf  die  Produktivität ­
  der  Arbeit  gründet,  gleichzeitig  bestätigt  und  verbessert:  wohl
handelt  es  sich  um  die  Produktivität,  aber  um  die  Produktivität  „der
am  wenigsten  produktiven  Arbeit“  —  der  Arbeit,  die  kaum  mehr
ergibt,  als  die  Unterhaltungskosten  des  Arbeiters  betragen.  Hierdurch ­
  wird  die  Theorie  der  Produktivität  ihres  ganzen  optimistischen
Charakters  entkleidet  und  fast  auf  das  Niveau  des  ehernen  Lohngesetzes ­
  gebracht.
Das  gleiche  gilt  für  die  Höhe  der  Zinsen:  das  Kapital,  das  unter
den  ungünstigsten  Produktivbedingungen  angelegt  ist,  das  Grenzkapital, ­
  regelt  den  Zinsfuß,  und  zwar  stets  auf  Grund  des  Gesetzes
der  Substitution,  das  sich  noch  besser  auf  Kapitalien,  als  auf  Arbeiter
anwenden  läßt,  da  unter  der  Form  des  gemünzten  Geldes  alle
Kapitalien  vollständig  identisch  und  nicht  voneinander  zu  unterscheiden ­
  sind 2 ).
Was  die  Bodenrente  anlangt,  so  wird  sie  ausführlicher  in  dem
folgenden  Kapitel  behandelt  werden.  —
So  gelangt  die  psychologische  Schule  von  einigen  wirtschaftlichen
Tatsachen  aus  —  die  auf  den  ersten  Blick  so  bedeutungslos  und  für
die  Wissenschaft  von  so  wenig  Interesse  erscheinen,  tvie  z.  B.  der
Ersatz  des  Kaffees  durch  Zichorie,  den  eine  Köchin  vornimmt,  oder
das  Wegwerfen  eines  alten  Handschuhes,  —  und  durch  allmähliche
logische  Ableitung  zu  ganz  allgemeingültigen  Theorien,  die  eine
unendliche  Zahl  von  Tatsachen  umfassen  —  wie  das  Gesetz  der  Sub-')

  Es  ergibt  sich  von  selbst,  daß  das  Gesetz  keine  Geltung  mehr  hat,  wenn
die  Arbeiter  nicht  untei  einander  ausgetauscht  werden  können,  weil  sie  verschiedene
Fähigkeiten  haben,  denn  das  Gesetz  setzt  stets  die  freie  Konkurrenz  voraus,  und  hier
nehmen  wir  ein  persönliches  Monopol  an.
2 )  Anders  ist  es  jedoch,  wenn  die  Kapitalien  in  der  Form  fester  Anlagen  untergebracht ­
  sind;  dann  gilt  das  Gesetz  der  Substitution  nicht  mehr,  und  die  Einkünfte
können  höchst  verschieden  sein.
        <pb n="623" />
        Kapitel  I.  Die  Hedonisten.

601

stitivdon  oder  das  der  Komplementärgüter.  Diese  Arbeit  der  Deduktion ­
  gewährt  einen  höchst  eindrucksvollen  Anblick,  ähnlich  den  Erscheinungen ­
  des  Geistes  in  Tausend  und  einer  Nacht,  der,  aus  dem
engen  Gefäß,  in  dem  er  seit  tausend  Jahren  versiegelt  war,  erlöst,
nach  und  nach  bis  zu  den  Wolken  wächst.  Dieser  Geist  war  aber
nur  ßauch  —  und  man  muß  nun  abwarten,  ob  diese  großartigen
hedonistischen  Theorien  ihm  vielleicht  nicht  auch  hierin  ähnlich  sind?

§  3.  Die  mathematische  Schule 1 ).
Der  bezeichnendste  Zug  der  mathematischen  Schule  besteht  darin,
sich  an  die  Tatsache  des  Tausches  zu  halten  und  die  ganze  National-*)

  Die  Anwendung  des  Wortes  „Schule“  auf  die  mathematischen  Volkswirtsohaftler
  soll  durchaus  nicht  bedeuten,  daß  sie  einem  gemeinsamen  Programm  folgen:
Keineswegs;  es  handelt  sich  nur  um  Gemeinsamkeit  der  Methode.
Das  Entstehungsdatum  der  mathematischen  volkswirtschaftlichen  Schule  ist  —wie
heute  allgemein  zugestanden  wird  —  das  Erscheinen  des  Buches  Cournot’s  :  Becher  ch  es
sur  les  principes  mathematiques  de  la  theorie  des  richesses  (1838").
Copknot,  der  im  Jahre  1877  gestorben  ist,  war  ein  Schulinspektor,  der  philosophische
Bücher  hinterlassen  hat,  die  heute  immer  mehr  und  mehr  geschätzt  werden.  Sein
Buch  über  Volkswirtschaft  ist  ein  bemerkenswertes  Beispiel  für  das  Mißgeschick,
das  jeden  trifft,  der  seiner  Zeit  vorauseilt.  Während  vieler  Jahre  wurde  nicht  ein
einziges  Exemplar  seines  Buches  verkauft.  Umsonst  versuchte  der  Verfasser  die
Gleichgültigkeit  des  Publikums  zu  besiegen,  indem  er  1868  ungefähr  das  gleiche
Buch,  aber  ohne  die  algebraischen  Formeln  der  ersten  Ausgabe  veröffentlichte,  und
zwar  unter  dem  Titel;  Principes  de  la  theorie  des  richesses,  dem  er  1876
unter  einer  noch  einfacheren  Form  eine  weitere  Ausgabe  unter  dem  Titel:  Revue
sommaire  des  doctrines  economiques  folgen  ließ,  —übrigens  ebenso  erfolglos, ­
  wie  zuvor.  Erst  ganz  kurz  vor  seinem  Tode  zollte  ihm  ein  englischer  Volkswirtschaftler, ­
  Stanley  Jevobs,  die  gebührende  Anerkennung.
Das  Buch  des  Deutschen  Gossen,  Entwicklung  der  Gesetze  des  menschlichen ­
  Verkehrs,  erschien  zwar  etwas  später  (1853',  hatte  aber  ebenfalls  nicht
mehr  Glück.  Der  Verfasser  blieb  ein  unbekannter  Schreiber  bei  einer  Verwaltung,
und  sein  Buch  wurde  erst  viel  später  und  zufällig  von  dem  englischen  Professor
Adamson  im  British  Museum  entdeckt  (es  war,  so  glaubt  man,  das  einzige
Exemplar,  das  noch  existierte).  Wie  sein  Vorgänger,  verdankt  auch  er  seine
Rehabüitierung  Stanley  Jbvons.  In  dem  Kapitel  über  die  Rente  wird  man  eine
leider  nur  kurze  Zusammenfassung  dieses  Buches  finden  (s.  S.  650).
Stanley  Jevons,  der  1882  starb,  gehörte  zur  gleichen  Zeit  der  mathematischen
und  der  psychologischen  Schule  des  Grenznutzens  an.  Sein  prächtiges  Buch:  T  h  e  o  r  y
°f  Political  Economy  stammt  aus  dem  Jahre  1871,  wurde  aber  erst  1909  in  der
Bibliotheque  Internationale  d’Economie  Politique  unter  der  Leitung
Bonnet’s  ins  Französische  übersetzt.
LSon  Walkas  war  Franzose,  auch  wenn  man  sich  darauf  versteift,  ihn  zu  einem
Schweizer  zu  stempeln,  weil  er  die  größte  Zeit  seines  Lebens  an  der  Universität
Lausanne  zugebracht  hat  (weshalb  man  auch  von  einer  Lausanner  Schule  spricht).
Er  hat  eine  synthetische  Darlegung  der  ganzen  volkswirtschaftlichen  Wissenschaft
        <pb n="624" />
        602

Fünftes  Buch.  Die  Lehren  der  neuesten  Zeit,

Ökonomie  darauf  zurückzuführen.  Weshalb?  —  Weil  jeder  Austausch ­
  ein  Verhältais  zwischen  ausgetauschten  Mengen
voraussetzt,  das  sich  im  Preise  ausdrückt  und  durch  ihn  formuliert
wird,  womit  wir  sofort  mitten  in  der  Mathematik  stehen.
Mag  dies  sein!  Dann  hat  aber  diese  Methode  nur  ein  sehr  beschränktes ­
  Anwendungsfeld,  denn  sie  kann  den  Bereich  des  Austausches ­
  nicht  verlassen!  Das  ist  jedoch  ein  Irrtum.  Einer  der
geistreichsten  und  fruchtbarsten  Beiträge  der  neuen  Schule  liegt
gerade  in  der  Darlegung,  wie  dieser  Kreis  sich  erweitert,  bis  er  die
ganze  volkswirtschaftliche  Wissenschaft  umfaßt.
Verteilung,  Produktion  und  selbst  Verbrauch,  alles  gehört  in
diese  Lehre  vom  Tausche.  Zunächst  die  Verteilung  —,  denn  was
ist  der  Lohn,  der  Zins,  die  Rente,  mit  einem  Wort  die  Einkünfte?  —
Der  Preis  gewisser  Dienste,  der  von  den  Faktoren  der  Produktion, ­
  Arbeit,  Kapital  und  Boden  geleisteten  Dienste,  die  der  Unternehmer ­
  bezahlt.  Folglich  sind  sie  das  Ergebnis  eines  Austausches.
Was  heißt  produzieren?  —  Einen  Nutzen  gegen  einen  anderen
austauschen,  eine  gewisse  Menge  Rohstoffe  und  Arbeit  gegen
eine  gewisse  Menge  verbrauchbarer  Güter  austauschen.  Um  die
einen  zu  erlangen,  müssen  die  anderen  geopfert  werden.  Man  kann
die  Natur  mit  einem  Kaufmann  vergleichen,  der  uns  seine  Erzeugnisse ­
  im  Tausche  gegen  unsere  Arbeit  überläßt,  und  Xenophon  hatte
schon  diese  geistreiche  Theorie  vorausgeahnt,  als  er  schrieb:  „die
Götter  verkaufen  uns  alle  Güter  zum  Preise  unserer  Arbeit“.  Um
die  Analogie  besser  aufzuzeigen,  kann  man  sie  umkehren,  indem  man
sagt,  daß  jeder  Tausch  in  Wirklichkeit  ein  Akt  der  Produktion  ist,
denn  wie  Pantaleoni  sich  elegant  ausdrückt:  „Wir  können  den
Tauschpartner,  mit  dem  wir  verhandeln,  betrachten,  als  wäre  er  ein
zu  bearbeitendes  Feld  oder  ein  auszubeutendes  Bergwerk“ 1 ).
Was  bedeutet  kapitalisieren,  anlegen,  darleihen?  —  Einen  Austausch ­
  gegenwärtiger  Güter  und  heutiger  Annehmlichkeiten  gegen
Güter  und  Annehmlichkeiten  der  Zukunft.

in  mathematischer  Form  in  seinem  Buch;  Elements  d’Economie  Politique
pure  gegeben,  dessen  erster  Teil  1874  herauskam.
Heute  ist  die  mathematische  Methode  in  allen  Ländern  vertreten:  Maeshall
und  Edgewoeth  in  England,  Laukhardt,  Adspitz  und  Lieben  in  Deutschland,
Vilfredo  Pareto  und  Barone  in  Italien,  Irving  Fisher  in  den  Vereinigten  Staaten
und  Bortkiewicz  in  Rußland  (jetzt  Professor  in  Berlin,  Anm.  d.  Übers.).  Frankreich
jedoch,  die  Heimat  eines  Cournot  und  eines  Waleas,  besitzt  keinen  mathematischen
Volkswirtschaftler.  Wir  erwähnen  jedoch  das  Buch  Adpetit’s,  Theorie  de  la
Monnaie,  das,  wenn  es  auch  über  einen  besonderen  Gegenstand  handelt,  eine
allgemeine  Einführung  enthält,
‘)  Des  differences  d’opinion  entre  economistes,  Genf  1897,  in  dem
Band:  „Scritti  varii  di  Eeonomia“,  S.  1—48  (1904)  abgedruckt.
        <pb n="625" />
        Kapitel  I.  Die  Hedonisten.

603

Gerade  dadurch,  daß  Böhm-Bawbrk,  wie  wir  weiter  unten  sehen
werden,  das  Gelddarlehen  mit  einem  Tausch  verglich,  wurde  er  zu
seiner  berühmten  Zinstheorie  geführt;  doch  vertritt  er  die  österreichische ­
  und  nicht  die  mathematische  Schule.
Auch  der  Verbrauch  selbst,  oder  wenigstens  die  Verwendung  der
Einkommen,  setzt  einen  beständigen  Austausch  voraus,  denn,  da
unsere  Mittel  begrenzt  sind,  bedeutet  jeder  Konsum  die  Wahl  zwischen
dem  Gegenstand,  den  wir  kaufen,  und  dem,  auf  dessen  Erwerb  wir
seufzend  verzichten  müssen.  Den  Besuch  einer  Theatervorstellung
dem  Kaufe  eines  Buches  opfern,  bedeutet  ein  Vergnügen  gegen  ein
anderes  austauschen,  und  dieser  Austausch  erfolgt  nach  den  gleichen
Gesetzen  wie  alle  anderen  J ).
Überall  gilt  das  gleiche;  Steuern  zahlen  bedeutet  einen  Teil
seiner  Güter  aufgeben,  um  dafür  im  Austausch  die  Sicherheit  des
Restes  zu  erhalten;  Kinder  in  die  Welt  setzen  bedeutet  einen  Teil
seiner  Behaglichkeit  und  seiner  Ruhe  opfern,  um  dafür  die  Freuden
der  Familie  zu  genießen  und  sich  um  sein  Vaterland  verdient  gemacht ­
  zu  haben.  ?
So  ist  es  möglich,  zwischen  den  Tatsachen  aus  dem  Bereich  der
Volkswirtschaft  Abhängigkeitsverhältnisse  zu  finden,  die  man  versuchen ­
  kann,  in  algebraischen  Formeln  auszudrücken,  sogar  dann,
wenn  man  nicht  imstande  ist,  sie  durch  Ziffern  darzustellen.  Die
Kunst  der  mathematischen  Volkswirtschaftler  besteht  darin,  diese
Verhältnisse  zu  entdecken  und  sie  in  Gleichungen  zu  fassen.
Wir  wissen  z.  B.,  daß  die  Nachfrage  fällt,  wenn  der  Preis  einer
Ware  steigt  und  umgekehrt.  Hier  haben  wir  also  Quantitäten,
von  denen  die  eine  stets  in  einem  „Funktionalverhältnis“  zur  anderen
schwankt 2 ).  Betrachten  wir  nun,  wie  die  mathematischen  Volks-0

  Der  Wert  selbst,  dieser  Grundstein  der  klassischen  Volkswirtschaft,  wird  in
der  mathematischen  Volkswirtschaft  zu  einem  einfachen  Tauschverhältnis  und  verliert
dadurch  alles  persönliche,  wenn  ich  so  sagen  darf.  Da  es  sich  nicht  um  eine  Sache  an
sieh,  sondern  um  einen  einfachen  Ausdruck  handelt,  ist  es  lächerlich,  sich  mit  dem
Suchen  nach  Ursachen  oder  Gründen  oder  dem  Wesen  zu  befassen,  wie  es  die
alte  Schule  tut.  Deshalb  schlug  Stanley  Jbvons  vor,  das  Wort  „Wert“  überhaupt
zu  verbannen  und  einfach  „Tauschbeziehung“  an  seine  Stelle  zu  setzen.  Auch
Aupbtit  legt  Nachdruck  hierauf:  „Der  Ausdruck  Wert,  der  heute  jedes  Inhalts  bar
ist,  scheint  uns  daher  bestimmt  zu  sein,  aus  dem  wissenschaftlichen  Wortschatz  zu
verschwinden  ...  Es  hat  keinen  irgendwie  bemerkenswerten  Nachteil,  diesen  parasitischen ­
  Bestandteil,  so  wie  wir  es  getan  haben,  zu  vernachlässigen  und  das  wirtschaftliche ­
  Gleichgewicht  in  seiner  Gesamtheit  zu  betrachten,  ohne  auch  nur  das  Wort
Wert  zu  erwähnen“  (Theorie  de  la  Monnaie,  S.  85).
2 )  Indem  man  die  Nachfrage  durch  d,  den  Preis  durch  p  bezeichnet,  schreibt  man;
d  =  f  (p),  was  besagen  will,  daß  die  Nachfrage  als  Funktion  des  Preises  schwankt.
Man  kann  diese  Beziehungen  auch  durch  geometrische  Linien  ausdrücken,  anstatt
Gleichungen  anzuwenden,  da  in  der  Mathematik  jede  Kurve  durch  eine  Gleichung
        <pb n="626" />
        604

Fünftes  Buch.  Die  Lehren  der  neuesten  Zeit.

Wirtschaftler  das  Gesetz  der  Nachfrage  in  dieser  neuen  Form  ausdrücken.

Wenn  man  auf  einer  Horizontalen  von  einem  feststehenden  Ausgangspunkt ­
  aus  in  gleichen  Abständen  Punkte  einträgt,  die  die
Preise  1,  2,  3,  4,  5  usw.  bis  10  bezeichnen,  und  wenn  man  auf  jedem
dieser  Punkte  eine  Vertikale  errichtet,  die  die  zu  diesen  Preisen  nachgefragte ­
  Menge  darstellt,  deren  Höhe  proportional  zu  dieser  Menge
ist,  und  zum  Schluß  die  Spitzen  aller  dieser  Vertikalen  (die  man  die
Koordinaten  nennt)  durch  eine  Linie  verbindet,  so  erhält  man  eine
Kurve,  die  von  einem  sehr  hohen  Punkte  aus  geht,  der  die  niedrigsten ­
  Preise  bezeichnet  und  fortschreitend  für  die  höheren  Preise
fällt,  bis  sie  mit  der  Horizontalen  in  einem  gewissen  Punkte  zusammenfällt, ­
  welcher  Punkt  mit  dem  Preise  übereinstimmt,  an  dem
die  Nachfrage  Null  wird 1 ).
Das  interessante  dabei  ist,  daß  diese  Kurve  für  jede  Kategorie
von  Produkten  verschieden  ist  —  für  die  eine  langsam,  für  die
andere  steil  abfallend,  je  nachdem  die  Nachfrage,  wie  Makshall  sagt,
mehr  oder  weniger  elastisch  ist,  —  so  daß  sozusagen  eine  jede
Ware  ihre  charakteristische  Kurve,  ihr  Kennzeichen,  ihre  Nummer
hat,  die  ihr  Erkennen  (theoretisch  wenigstens)  unter  hundert  anderen
gestattet 2 ).
wiedergegeben  werden  kann.  Die  geometrische  Darstellung  gibt  ein  anschaulicheres
Bild,  wenigstens  für  die  Uneingeweihten,  als  algebraische  Formeln,  besonders  wenn
man,  wie  Cournot  und  andere,  die  Bezeichnungen  der  Infinitesimalrechnung  anwendet, ­
  —  aber  gleichzeitig  bietet  sie  auch  viel  geringere  Darstellungsmöglichkeiten,
denn  die  geometrische  Figur  zeigt  nur  die  Beziehung  zwischen  zwei  Mengen,  einer
feststehenden  und  einer  veränderlichen  (oder  dreier  Mengen,  von  denen  zwei  veränderlich ­
  sind,  wenn  man  auf  die  dreidimensionale  Geometrie  zurückgreift,  doch
ist  in  diesem  Fall  die  in  der  Projektion  gezeichnete  Figur  nicht  sehr  klar),  während
die  Algebra  Beziehungen  zwischen  beliebig  vielen  Mengen  herzustellen  gestattet  —
vorausgesetzt,  man  ist  imstande,  ebensoviel  Gleichungen  aufzustellen,  als  man
Veränderliche  hat.
')  Cournot  ist  der  erste,  der  in  seinem  oben  (S.  601  Anm.)  angeführten  Buche
die  Kurve  der  Nachfrage  gezeichnet  hat.  Er  nannte  sie  „das  Gesetz  des  Absatzes
—  loi  de  debit  —  “  und  stellte  dieses  Gesetz  mit  bewunderungswürdiger  Klarheit
dar,  indem  er  als  Beispiel  einen  höchst  einfachen  Fall  setzte;  den  Verkauf  eines
Mineralwassers  in  Flaschen,  dessen  Heilkraft  angenommenerweise  äußerst  stark
sein  soll.  Bei  einem  sehr  geringen  Preis  wird  die  Nachfrage  oder  der  Absatz  sehr
groß  sein,  —  wenn  auch  nicht  unbegrenzt,  denn  jedes  Bedürfnis  hat  eine  Grenze.
Bei  einem  sehr  hohen  Preis  wird  die  Nachfrage  oder  der  Absatz  gleich  Null  sein.
Zwischen  diesen  beiden  Punkten  wird  er  alle  Zwischenstufen  durchlaufen.  Hier
ist  nicht  die  Stelle,  die  geistreichen  Folgerungen  darzulegen,  die  Cournot  vom
Gesichtspunkt  einer  Monopolordnung,  wie  auch  von  dem  des  mehr  oder  weniger
großen  Zwiespaltes  zwischen  Monopol  und  Allgemeininteresse  hieraus  zieht.
2 )  Die  Kurve  der  Nachfrage  ist  gewöhnlich  konkav  und  diese  charakteristische
Form  ist  nur  der  geometrische  Ausdruck  einer  bekannten  Tatsache,  daß  nämlich
der  Absatz  sogleich  schnell  steigt,  wenn  der  Preis  niedrig  genug  ist,  um  der  großen
        <pb n="627" />
        Kapitel  I.  Die  Hedonisten.

605

Die  Kurve  des  Angebotes  verhält  sich  natürlich  umgekehrt  wie
die  vorhergehende,  steigt,  wenn  der  Preis  steigt,  und  fällt,  wenn  der
Preis  fällt.  Hieraus  ergibt  sich,  daß  es  niemals  ein  Angebot  zum
Nullpreis  gibt,  während  im  Gegenteil  die  Nachfrage  zum  Nullpreis
ganz  außerordentlich  —  wenn  auch  nicht  unendlich  —  groß  ist,  und
keine  Grenzen  hat,  als  die  der  Yerbrauchsfähigkeit 1 ).

Masse  zugänglich  zu  sein,  weil  die  kleinen  Börsen  viel  zahlreicher  sind  als  die
großen,  und  daher  eine  auch  nur  geringe  Erniedrigung  des  Preisniveaus  die  Ware
viel  weiteren  Bevölkerungsschiehten  zugänglich  macht.  Doch  kann  die  Kurve  die
verschiedensten  Formen  annehmen.  Für  gewisse  Produkte,  wie  das  Getreide  oder
das  Salz,  zieht  eine  starke  Preiserniedrigung  keine  große  Absatzerhöhung  nach  sich.
Für  andere  wieder,  wie  z.  B.  die  Diamanten,  würde  eine  starke  Preiserniedrigung
vielleicht  den  Erfolg  haben,  indem  sie  die  jetzige  Wertschätzung  in  das  Gegenteil
verkehrt,  jede  Nachfrage  zum  Aufhören  zu  bringen.
Die  Kurve  des  Angebots  dagegen  ist  gewöhnlich  konvex,  weil  das  Angebot,
das  nur  bei  einem  gewissen  Preis  auftritt,  gegen  Preiserhöhungen  sehr  empfindlich
ist  und  beim  geringsten  Steigen  der  Preise  schnell  zunimmt,  aber  bald  zu  einem
Stillstand  gelangt,  weil  die  Produktion  nur  langsam  zu  folgen  vermag,  pede  claudo;
es  ist  sogar  möglich,  daß  von  einem  bestimmten  Punkte  an  das  Angebot  geringer
wird,  einfach  weil  es  keine  verfügbaren  Produkte  mehr  auf  dem  Markte  gibt.
*)  Das  folgende  Schaubild  zeigt  beide  Kurven,  die  des  Angebots  und  der
Nachfrage:
Die  arabischen  Ziffern  der  Horizontalen ­
  bezeichnen  die  Preise;  die  römischen
Ziffern  der  Vertikalen  die  nachgefragten
Mengen.  So  ist  in  dem  obigen  Bilde  bei  ^
einem  Preise  von  1  (eine  Mark,  ein
Franken,  ein  Pfennig,  wie  man  will)  die  ^
nachgefragte  Menge  VII;  bei  einem  Preise  VIII
von  9  ist  die  naohgefragte  Menge  0.  ^
Die  punktierte  Linie  des  Angebotes
zeigt  beim  Preis  1  das  Angebot  mit  III;
beim  Preise  6  steigt  das  Angebot  auf  VII  V
nnd  bleibt  fast  stationär  ...  In  keinem  |y
Fall  erreicht  die  Kurve  des  Angebots  die
Achse  der  Ordinate,  da  diese  Achse  bei
Preis  0  liegt,  und  das  Angebot  lange  vor  II
dem  Preise  0,  d.  h.  wenn  Gegenstände  |
umsonst  zu  haben  sind,  aufhört.
Selbstverständlich  kann  der  Aus-  (
tausch  nur  zustande  kommen,  im  Palle
Angebot  und  Nachfrage  zu  einem  Gleichgewicht  gelangen,  und  dieser  Punkt  b  ist
gerade  der,  in  dem  sich  die  beiden  Linien  des  Schaubildes  schneiden,  nämlich  dort,
wo  die  Menge  V  mit  dem  Preise  2  zusammentrifft.
Die  vertikalen  Linien  heißen  Ordinaten,  und  die,  die  als  Ausgangspunkt
dient  (hier  0-X),  heißt  Koordinatenachse.
Die  Entfernungen  von  dieser  Linie  (nur  auf  der  Horizontalen  eingezeichnet)
beißen  Abszissen.  Jeder  Punkt  der  Kurve  wird  von  der  Entfernung  bestimmt,
die  ihn  von  der  Achse  der  Ordinaten  und  der  Abszissen  trennt.  Um  z.  B.  zu  erfahren,
        <pb n="628" />
        606

Fünftes  Buch.  Die  Lehren  der  neuesten  Zeit.

Doch  genügt  es  nicht,  wenn  inan  sagt,  daß  die  Ängebotskurve
umgekehrt  symetrisch  zu  der  der  Nachfrage  ist.  Sie  ist  viel  komplizierter, ­
  weil  das  Angebot  selbst  durch  die  Produktionskosten  bedingt ­
  wird.  In  gewissen  Zweigen  der  Produktion,  besonders  in  der
Landwirtschaft,  steigen  die  Produktionskosten  viel  schneller  als  der
Absatz;  in  anderen,  in  der  Regel  in  der  Industrie,  sinken  die  Produktionskosten ­
  für  die  Einheit  in  dem  Maße,  wie  der  Absatz  wächst.
Die  mathematische  Nationalökonomie  begnügt  sich  nicht  damit,
gegenseitige  Abhängigkeiten  zwischen  vereinzelten  Tatsachen  zu
suchen:  sie  behauptet,  sie  alle  in  einer  Gesamtanschauung  zusammenzufassen. ­
  Sie  erkennt  sie  als  in  einem  Gleichgewichtszustand
befindlich,  —  ein  stabiles  Gleichgewicht  in  dem  Sinne,  daß  es  sich
jedesmal  von  selbst  wieder  einzustellen  sucht,  wenn  es  gestört  worden
ist 1 ).  Die  Feststellung  dieser  Gleichgewichtsbedingungen  ist  die
wirkliche  Aufgabe  der  reinen  Ökonomik.
Der  bedeutendste  Versuch  einer  Systematisierung,  der  in  dieser
Hinsicht  gemacht  worden  ist,  ist  der  des  Professors  Wal  ras,  der  in
seinen  Formeln  kühn  alle  Teile  des  Wirtschaftslebens  umfaßt,  —■
vergleichbar  etwa  dem  LAi'LAorschen  Weltsystem 2 )!
Stellen  wir  uns  die  gesamte  Gesellschaft  in  einem  einzigen  Saale
versammelt  vor,  ähnlich  wie  die  Börse  in  Paris;  der  Saal  ist  mit  den
betäubenden  Rufen  aller  derer  erfüllt,  die  kaufen  und  verkaufen
wollen,  und  ihre  Preise  ausschreien!
In  der  Mitte  —  wie  die  Makler  inmitten  des  Kreises,  den  man
„la  corbeille“,  die  Schranken  oder  das  Parkett  nennt  —  sitzt  der
Unternehmer  (der  Fabrikant,  Händler  oder  der  Landwirt).  Er  erfüllt
gleichzeitig  eine  doppelte  Funktion:

was  der  Punkt  a  bedeutet,  fälle  ich  zwei  Senkrechte,  eine  auf  die  Achse  der  Ordinaten
und  die  andere  auf  die  Achse  der  Abszissen;  die  erstere  zeigt  den  Preis,  die  zweite
die  verkaufte  Menge:  es  sind  daher  VII  Einheiten  zu  1  (Mark,  Franken  usw.)  verkauft ­
  worden.
In  dem  obigen  Schaubild  stellen  die  Ordinaten  die  Preise  und  die  Abszissen
die  Mengen  vor;  selbstverständlich  kann  man  ebenso  gut  beides  vertauschen.
*)  Die  mathematische  Volkswirtschaft  untersucht  übrigens  auch  andere  Gleichgewichtszustände, ­
  die  aber  verwickelter  und  weniger  von  Bedeutung  sind,  nämlich
die  Zustände  des  instablen  Gleichgewichts.
2 )  Paheto  spricht  von  ihm  wie  folgt:  „Es  war  Walras,  der  zuerst  eins  dieser
Gleichungssysteme  gefunden  hat  und  zwar  das,  das  sich  mit  dem  Zustande  der  freien
Konkurrenz  beschäftigt.  Diese  Entdeckung  ist  von  höchster  Bedeutung  und  man
kann  das  Verdienst  dieses  Gelehrten  nicht  zu  hoch  einschätzen.  Natürlich  hat  sich
die  Wissenschaft  seitdem  schon  weiter  entwickelt  und  wird  fortfahren,  sich  auch  in
der  Zukunft  zu  entwickeln,  doch  verringert  das  in  nichts  die  Bedeutung  der  Entdeckung ­
  Walras’,  ebenso  wie  der  Fortschritt  in  den  Berechnungsmethoden  der
Himmelskörper  keineswegs  der  Bedeutung  der  Principia  Newton’s  Abbruch  tut:
im  Gegenteil“  (Economie  pure,  Broschüre,  1902,  S.  11).
        <pb n="629" />
        Co

Uaiv ersität

Kapitel  I.  Die  Hedonisten.

Mit  der  einen  Hand  kauft  er  den  Produzenten  (den
oder  städtischen  Grundbesitzern,  den  Kapitalisten  und  Arbeiter
wie  sie  Waleas  nennt,  „produktiven  Dienste“  ab,  nämlich  die  Fruchtbarkeit ­
  ihrer  Felder,  die  Produktivität  ihrer  Kapitalien,  die  Arbeitskraft ­
  der  Arbeiter,  die  Dienste  der  freien  Berufe;  und  indem  er
ihnen  den  von  den  Tauschgesetzen  bedingten  Preis  zahlt,  bestimmt
er  das  Einkommen  eines  jeden;  dem  Grundbesitzer  zahlt  er  die
Bodenrente,  dem  Kapitalisten  die  Zinsen,  dem  Arbeiter  den  Lohn.
Zu  welchem  Preise  aber?  Wie  setzt  sich  dieser  Preis  fest?
Wie  an  der  Börse  für  irgendwelche  Werte  durch  das  Gesetz  des
Angebots  und  der  Nachfrage.  Der  Unternehmer  verlangt  so  und  so
viel  Dienste  zu  dem  und  dem  Preise.  Der  Eigentümer,  der  Kapitalist
oder  der  Arbeiter  bietet  so  und  so  viel  zu  dem  und  dem  Preise  an.
Der  Preis  steigt  oder  fällt,  bis  die  angebotenen  und  nachgefragten
Mengen  von  Diensten  übereinstimmen.
Mit  der  anderen  Hand  verkauft  der  Unternehmer  die  landwirtschaftlichen ­
  oder  fabrizierten  Erzeugnisse,  die  aus  seinem  Gut
oder  seiner  Fabrik  stammen.  Wem  verkauft  er  sie  aber?  Denselben
Leuten,  die  das  Kostüm  gewechselt  und  sich  zu  Verbrauchern  verwandelt ­
  haben.  Es  sind  auch  in  der  Tat  dieselben  Eigentümer
Kapitalisten  und  Arbeiter,  die,  nachdem  sie  als  Verkäufer  von
Diensten  aufgetreten  sind,  wieder  als  Käufer  von  Produkten  auftreten;
  —  wer  sonst  sollte  es  denn  auf  der  Bühne  des  Wirtschaftslebens ­
  auch  anders  sein?  Aus  welcher  Kulisse  sollten  sie  auftreten?
Und  auf  diesem  Markte  der  Erzeugnisse  bestimmen  sich  die
Preise  in  der  gleichen  Weise  wie  auf  dem  anderen.
Hier  aber  entdeckt  man  plötzlich  eine  neue  und  noch  großartigere
Seite  dieses  Gleichgewichts.  Ist  es  nämlich  nicht  offenbar,  daß  der  Gesamtwert ­
  der  produktiven  Dienste  auf  der  einen  Seite  und  der  Gesamtwert ­
  der  Produkte  auf  der  anderen  Seite  mathematisch  gleich
sein  müssen,  da  die  Unternehmer  als  Zahlung  für  die  dem  Verbraucher ­
  gelieferten  Produkte  nicht  mehr  erhalten  können,  als  sie
diesen  gleichen  Personen,  die  vorher  Produzenten  waren,  als  Zahlung
für  ihre  Dienste  gegeben  haben?  Wo  sonst  sollten  diese  denn  das
Geld  hernehmen?  Es  ist  ein  geschlossener  Kreislauf,  wo  die  gleiche
Menge  Flüssigkeit,  die  aus  einem  Hahn  ausgelaufen  ist,  durch  einen
anderen  wieder  zugeführt  wird.
Wir  finden  hier  etwas  ähnliches  wie  das  berühmte  Tableau
economique  Qüesnav’s  (siehe  oben  S.  21),  nur  nähert  es  sich  mehr
der  Wirklichkeit 1 ).

IV

')  Wenn  jedoch  dieses  Schaubild  als  der  Ausdruck  der  Wirklichkeit  angesehen
werden  soll,  so  ergibt  sich  die  merkwürdige  und  unvorhergesehene  Folgerung,  daß
        <pb n="630" />
        608

Fünftes  Buch.  Die  Lehren  der  neuesten  Zeit.

Es  gibt  daher  zwei  nebeneinander  bestehende  Märkte  *),  den  der
Dienste  und  den  der  Produkte:  und  auf  jedem  von  ihnen  werden  die
Preise  von  den  gleichen  drei  Gesetzen  bestimmt:

der  Unternehmer,  der  als  Preis  seiner  Produkte  gerade  denselben  Wert  erhält,  den
er  für  die  Produktiv-Dienste  gezahlt  hat,  keinen  Profit  gewinnt.
In  der  Tat  geben  auch  Walbas,  wie  Pantaleoni  vollständig  die  Richtigkeit
dieses  anscheinenden  Paradoxon  zu,  —  wohl  verstanden,  indem  sie  auf  dem  angenommenen ­
  Boden  der  vollkommen  freien  Konkurrenz  bleiben,  und  indem  sie  achthaben, ­
  den  Profit  durchaus  von  den  Zinsen  zu  trennen  (was  die  englische  Schule
nicht  tut);  die  Zinsen  werden  ja  als  einer  der  Bestandteile  der  Produktionskosten
betrachtet.
Übrigens  liegt  hierin  nichst  überraschendes,  da  es  ja  auf  dasselbe  hinausläuft,
wie  die  wohlbekannte  Formel,  daß  der  Verkaufspreis  unter  der  Herrschaft  der  freien
Konkurrenz  notwendigerweise  mit  den  Produktionskosten  übereinstimmt.
Selbstverständlich  hindert  dies  nicht,  in  Wirklichkeit  das  Bestehen  des  Profits
in  allen  Gesellschaften  anzuerkennen,  doch  erklärt  man  es  einfach  aus  den  beständigen
Oszillationen  des  Systems  um  einen  festen  Punkt,  bei  dem  es  nie  stehen  bleibt.
Der  Profit  ist  in  dieser  Auffassung  wie  die  Wogen  des  Meeres,  —  was  uns  nicht
daran  hindert,  das  Niveau  des  Meeres  als  horizontal  anzusehen  und  sogar  auf  diese
Annahme  die  Messung  aller  Höhenunterschiede  der  Erde  zu  gründen.  Wird  der
Tag  kommen,  an  dem  bei  vollständig  verwirklichtem  Gleichgewicht  es  keinen  Profit
mehr  gehen  wird?  ...  Vielleicht  wohl,  aber  an  dem  Tage,  an  dem  in  der  physischen
und  wirtschaftlichen  Welt  das  Gleichgewicht  vollständig  verwirklicht  sein  wird,
wird  die  Uhr  stehen  bleiben  und  die  Welt  ihr  Ende  finden.
’)  Um  das  System  von  Walkas  richtig  darzustellen,  muß  man  sagen,  daß  es
nicht  nur  zwei,  sondern  drei  Märkte  gibt,  die  ineinander  geschachtelt  sind,  denn,
ebenso  wie  auf  dem  Markte,  wo  Produkte  ausgetauscht  werden,  die  Menge  dieser
Produkte  von  der  mehr  oder  weniger  großen  Menge  produktiver  Dienste  (Boden,
Arbeit  und  Kapital)  abhängt,  ebenso  hängt  wiederum  die  Menge  der  produktiven  Dienste,
oder  wenigstens  die  der  Kapitalien,  von  der  mehr  oder  weniger  großen  Aktivität
der  Bildung  neuer  Kapitalien  (Eisenbahnen,  Bergwerke,  Maschinen)  ab.  Diese
wieder  wird  ihrerseits  von  der  Höhe  der  Spartätigkeit  bedingt.  Hierin  besteht  der
dritte  Markt;  der  der  Kapitalisation.  Da  die  neuen  Kapitalien  nur  aus  den
Ersparnissen  gezahlt  werden  können  (d.  h.  mit  demjenigen  Teil  des  Einkommens,
den  die  Produzenten  nicht  auf  den  Ankauf  von  Gebrauchsgütern  verwendet  haben),
muß  der  Preis  dieser  Kapitalien  so  beschaffen  sein,  daß  er  die  Menge  der  neu
gebildeten  Kapitalien  und  die  in  bar  realisierte  Menge  des  Gesparten  zusammenfallen ­
  läßt,  —  und  wenn  man  z.  B.  mehr  Ersparnisse  als  Kapitalien  gebildet  hat,  wird
der  Preis  dieser  letzteren  steigen.
Wenn  man  aber  sagt,  daß  der  Preis  der  Kapitalien-steigt,  so  heißt  das  in
anderen  Worten,  daß  der  Zinsfuß  (oder  wie  Walhas  sagt;  die  Miete  der  Ersparnisse)
sinkt.  Das  Sinken  des  Zinsfußes  wird  nun  aber  diejenigen,  die  sparen,  abschrecken.
Hieraus  wird  sich  ergeben,  daß  auf  dem  Markte  der  Kapitalbildung  im  Gleichgewicht
zwischen  Angebot  und  Nachfrage  ein  Wechsel  eintritt,  der  Preis  neuer  Kapitalien
wird  sinken,  der  Zinsfuß  steigt,  usf.
Um  zusammenzufassen:  „Der  maximale  Gesamtnutzen  auf  der  einen
Seite,  die  Einheit  des  Preises  auf  der  anderen,  —  sei  es  der  Produkte  auf
dem  Markt  der  Produkte,  sei  es  der  Dienste  auf  dem  Markte  der  Dienste,  sei  es
der  Einkommen  auf  dem  Markte  der  Kapitalien,  —  das  ist  daher  immer  die
doppelte  Bedingung,  gemäß  der  sich  die  Welt  der  wirtschaftlichen  Interessen  zu
        <pb n="631" />
        Kapitel  I.  Die  Hedonisten.

609

a)  auf  dem  Markt  gibt  es  nur  einen  einzigen  Preis  für  alle  Produkte ­
  der  gleichen  Kategorie;
b)  dieser  Preis  muß  so  beschaffen  sein,  daß  er  die  angebotenen
und  die-  nachgefragten  Mengen  genau  übereinstimmen  läßt;
c)  dieser  Preis  muß  so  beschaffen  sein,  daß  er  der  größtmöglichen ­
  Anzahl  von  Käufern  und  Verkäufern  gestattet,  den  Markt  befriedigt ­
  zu  verlassen.
Alle  diese  Gesetze  können  mit  mathematischer  Genauigkeit  ausgedrückt ­
  werden  und  stellen  genau  das  dar,  was  man  Gleichgewichtsprobleme ­
  nennt.
In  Summa  führt  die  neue  Schule  die  ganze  wirtschaftliche  Wissenschaft ­
  auf  eine  Mechanik  des  Tausches  zurück  und  glaubt  sich
hierzu  um  so  mehr  berechtigt,  als  das  hedonistische  Prinzip,  „das
Maximum  an  Befriedigung  mit  dem  Minimum  an  Anstrengung  zu
erreichen“  nur  ein  Prinzip  der  reinen  Mechanik  ist,  das  man  das
Prinzip  „des  kleinsten  Mittels  zum  größten  Zweck“  oder  „der  Kraftersparnis“ ­
  nennt.  Man  betrachtet  jedes  Individuum  als  dem  Ansporn
des  persönlichen  Interesses  unterliegend,  ebenso  wie  die  vom  Queue
gestoßene  Billardkugel,  und  man  muß  wie  jeder  gute  Spieler  die
komplizierten  Figuren  berechnen  ’),  die  sich  aus  dem  Zusammentreffen
der  Kugeln  untereinander  und  mit  der  Bande  ergeben.
Ein  anderes  Gleichgewichtsproblem  besteht  darin,  zu  untersuchen,
in  welchen  Verhältnissen  sich  die  verschiedenen  Bestandteile  bei  der
Ausführung  der  Produktion  vereinigen  müssen.  Stanlev  Jevons
hatte  diese  Ausführung  der  Produktion  mit  der  der  Hexen  Macbeths
verglichen,  die  in  ihrem  Kessel  ein  höllisches  Gebräu  kochen.  Diese
Bestandteile  sind  nicht  zufällig  gemischt,  sondern,  sagt  Paeeto,  in
Übereinstimmung  mit  dem  in  der  Chemie  bekannten  Gesetz  der  „bestimmten ­
  Verhältnisse“,  das  den  Molekülen  der  Körper  nicht  gestattet, ­
  sich  in  anderer  Weise  als  gemäß  gewissen  unveränderlichen
ordnen  strebt,  genau  wie  die  Welt  der  astronomischen  Bewegungen  sieh  selbst  durch
die  Anziehung  im  direkten  Verhältnis  der  Massen  und  im  umgekehrten  Verhältnis
zum  Quadrat  der  Entfernungen  ordnet.  ...  In  beiden  Fällen  umschließt  eine  Formel
von  zwei  Linien  die  ganze  Wissenschaft  und  liefert  die  Erklärung  einer  Unzahl  von
Einzeltatsachen“  (Walras,  Economie  politique  pure,  S.  30d).
h  Professor  Edgbwoeth  wendet  ein  ähnliches  Bild  an  und  vergleicht  den  ökonomischen ­
  Menschen  mit  einem,  von  einem  Kutscher  geleiteten  Wagen.  Er  führt
ans:  „Ein  System  eines  solchen  Wagens  und  Kutschers  stellt  die  soziale  Wissenschaft
vor“  (Mathematical  psychics,  S.  24).  Und  an  anderer  Stelle:  „Die  soziale
Mechanik  wird  eines  Tages  neben  die  Lehre  von  der  Mechanik  der  Himmelskörper
gestellt  werden  können;  beide  beruhen  auf  dem  Prinzip  des  Energiemaximums  (oder
Maximum  der  Befriedigung),  das  der  höchste  Gipfel  der  sozialen,  wie  der  physischen
Wissenschaft  ist“  (Bbd.  S.  12).
Für  Paeeto  ist  die  Volkswirtschaft  nur  das  Studium  der  Gegensätze  zwischen
Wünschen  und  Hindernissen.
Gide  und  Rist,  Gesch.  d.  Volkswirtschaft!.  Lehrmeinungen.

39
        <pb n="632" />
        610

Fünftes  Buch.  Die  Lehren  der  neuesten  Zeit.

Mengenverhältnissen  zu  verbinden.  In  Wirklichkeit  unterliegt  die
Verbindung  der  Produktionsfaktoren  in  den  Unternehmungen  nicht
so  starren  Gesetzen,  wie  die  des  Wasserstoffs  und  Sauerstoffs  in  der
Zusammensetzung  des  Wassers.  Man  kann  den  gleichen  Erfolg  mit
mehr  Arbeit  und  weniger  Kapital,  oder  umgekehrt  mit  mehr  Kapital
und  weniger  Arbeit  erreichen.  Es  gibt  aber  ein  Optimumverhältnis
für  ein  jedes,  das  das  Nutzenmaximum  zu  erreichen  gestattet.  Dieser
Optimumzustand  wird  durch  die  gleichen  Mittel  wie  bei  den  anderen
Gleichgewichtszuständen  erlangt,  nämlich,  indem  man  die  Mengen
Arbeit  und  Kapital  verändert,  bis  der  Grenznutzen  des  einen  und
des  anderen  gleich  sind  (siehe  oben  SS.  602/3).  Dieses  Gesetz  setzt
nun,  allgemein  gesprochen,  dem  unbeschränkten  Wachstum  der  Unternehmungen ­
  ein  Ziel,  denn  es  genügt,  daß  ein  einziger  der  Bestandteile ­
  begrenzt  sei  (entweder  Boden,  oder  Kapital,  oder  Arbeit,  oder
Aufsicht,  oder  Absatzgebiete),  um  auch  die  anderen  mittelbar  zu
begrenzen,  —  oder  wenigstens  um  die  Zusammensetzung  des  Unternehmens ­
  fehlerhaft  und  verlustbringend  zu  gestalten.  Viivfredo  Paeeto
legt  mit  Recht  diesem  Gesetz  eine  große  Bedeutung  bei.  Es  genügt
in  der  Tat,  daran  zu  denken,  daß  es  dem  berühmten  Gesetz  der  Konzentration ­
  entgegenwirkt,  um  seine  Tragweite  ermessen  zu  können.
Dieser  Zustand  gegenseitiger  Abhängigkeit,  der  zwischen  den
verschiedenen  Faktoren  der  Produktion  festgestellt  ist,  ist  aber  nicht
der  einzige:  die  neue  Schule  hat  die  Aufmerksamkeit  auch  auf  viele
andere  gelenkt,  nämlich  auf  eine  ganze  Reihe  von  Fällen  gegenseitiger ­
  Abhängigkeit,  in  denen  der  Wert  gewisser  Güter  nicht
isoliert  wechseln  kann,  da  sie  komplementäre  Güter  sind.  Welchen
Wert  hat  ein  einzelner  Handschuh  oder  ein  einzelner  Schuh?  Bin
Automobil  ohne  Benzin?  Ein  Tafelservice  ohne  Gläser?  —  Dies  gilt
für  die  Verbrauchsgüter,  aber  für  die  der  Produktion  ist  es  ebenso;
der  Wert  des  Koks  ist  notwendigerweise  mit  dem  des  Gases  verbunden, ­
  da  man  das  eine  nur  durch  das  andere  herstellen  kann;
und  ebenso  für  jedes  Produkt  in  seinen  Beziehungen  zu  seinen  Nebenprodukten: ­
  die  Möglichkeit  ihrer  Verwendung  drückt  den  Wert  des
Grundproduktes  herab.
§  4.  Die  Kritik  der  hedonistischen  Doktrinen.
Den  Lehren,  die  wir  eben  zusammengefaßt  haben,  ist  es  durchaus ­
  nicht  gelungen,  überall  durchzudringen.  In  England,  in  Italien,
in  Deutschland  und  besonders  in  dem  anscheinend  allen  abstrakten
Spekulationen  am  wenigsten  geneigten  Lande,  in  den  Vereinigten
Staaten,  haben  sie  Anhänger  und  Lehrstühle  gefunden,  und  die  großen
Zeitschriften  haben  ihnen  weit  ihre  Tore  geöffnet.  Frankreich  jedoch
        <pb n="633" />
        Kapitel  I.  Die  Hedonisten.

611

ist  ihnen  bis  heute  hartnäckig-  verschlossen  geblieben.  Nicht  nur
ist  der  Doyen  dieser  Schule,  Waleas,  gezwungen  gewesen,  Frankreich
zu  verlassen,  um  im  Auslande  ein  günstigeres  Feld  für  seine  Lehrtätigkeit ­
  zu  suchen,  sondern  man  hätte  bis  vor  kurzem  kein  Buch
und  keine  Vorlesung  finden  können,  wo  diese  Doktrinen  dargelegt
oder  auch  nur  kritisiert  worden  wären 1 ).
Man  würde  diese  Antipathie  leichter  verstehen,  wenn  Frankreich,
wie  Deutschland,  schon  von  der  historischen  Schule  erobert  worden
wäre:  in  diesem  Fall  hätten  allerdings  diese  beiden  Richtungen
nicht  nebeneinander  bestehen  können.  Wir  haben  aber  schon  gesehen, ­
  daß  dies  nicht  der  Fall  ist,  denn  die  große  Mehrzahl  der
französischen  Volkswirtschaft!er  ist  der  liberalen  Schule  treu  geblieben.
Anscheinend  hätte  man  sich  daher  wohlwollender  gegenüber  einer
Schule  zeigen  sollen,  die  doch  schließlich  neo-klassisch  ist  und  nie
etwas  anderes  wollte,  als  die  Lehre  der  Meister  besser  darzustellen 2 ).
In  den  letzten  Jahren  hat  Colson  in  seiner  großen  Abhandlung  über
Economie  politique  den  mathematischen  Theorien  des  Angebots  und  der  Nachfrage ­
  einen  Platz  eingeräumt;  Landet  hat  in  seinem  Manuel  d’Economique
die  Theorien  der  österreichischen  Schule  dargelegt,  und  Antohblli  hat  im  „College
libre  des  Sciences  sociales“  Vorlesungen  über  das  System  Walras’  gehalten.  Wir
haben  schon  das  Buch  Aüpetit’s  über  das  Geld  angeführt.  Weiterhin  müssen  noch
die  Übersetzungen  des  Manuel  d’Beonomie  Politique  Vileredo  Paeeto’s  und
der  Theorie  de  l’Economie  Politique  von  Stanley  Jbvons  erwähnt  werden.
2 )  Paul  Leroy-Beaulibu  ist  besonders  scharf  gegen  die  mathematische  Schule
aufgetreten;  „Sie  ist  eine  reine  Chimäre,  der  reine  Betrug.  ...  Sie  hat  weder  eine
wissenschaftliche  Grundlage,  noch  irgendwelche  praktische  Anwendungsmöglichkeit.
Sie  bietet  nur  reine  Gedankenspielereien  ...  die  dem  Berechnen  der  Folge  der
Glücksnummern  am  Eoulette  in  Monaco  ähnlich  sind.“  —  „Die  angeblichen  Kurven
der  Nützlichkeit  wie  die  der  Nachfrage“,  sagt  er  an  anderer  Stelle,  „entbehren  jeder
praktischen  Bedeutung,  weil  man  Bier  oder  Apfelwein  trinken  wird,  wenn  der  Preis
für  Wein  steigt.  Jedes  Produkt  hat  Ersatzprodukte  neben  sich,  die  seine  Bewegung
begrenzen“  (Traite  d’Economie  Politique,  Bd.  I,  S.  85  und  Bd.  III,  S.  62).
Diese  letztere  Kritik  kommt  wirklich  etwas  unerwartet.  Wie  kann  man  den
Hedonisten  vorwerfen,  von  dem  Gesetz  der  Substitution  keine  Kenntnis  zu  haben,
da  sie  es,  wie  wir  eben  gesehen  haben,  wenn  auch  nicht  entdeckt,  so  doch  außerordentlich ­
  ausgebaut  haben?  Es  ist  daher  doch  wahrscheinlich,  daß  ein  etwa  bestehender ­
  Widerspruch  zwischen  diesem  Gesetz  und  ihrer  Lehre  ihnen  nicht  entgangen
sein  würde.  Übrigens  können  wir  diesen  Widerspruch  nicht  finden.  Auch  das  Bier
oder  der  Apfelwein  haben  ihre  Nachfragekurve:  das  hindert  den  Wein  aber  nicht,  seine
eigene  zu  haben.  Daß  die  Möglichkeit,  von  der  einen  zur  anderen  gehen  zu  müssen,
das  Problem  erschwert,  da  in  diesem  Fall  der  mathematische  Yolkswirtschaftler  es
mit  zwei  oder  drei,  anstatt  mit  nur  einer  Kugel  zu  tun  hat,  die  er  ins  Gleichgewicht
bringen  muß,  —  das  ist  ganz  richtig!  Aber  gerade  für  diese  Art  von  Schwierigkeiten ­
  eignet  sich  die  Mathematik  am  ehesten,  ja  ihre  Anwendung  drängt  sich  fast
geradezu  auf.  Diese  Solidarität  zwischen  verschiedenen  Werten,  komplementären
u nd  supplementären  Gütern,  ist  gerade  eins  der  Probleme,  das  die  Hedonisten  mit
Vorliebe  pflegen  (siehe  Pantalboni,  Economia  pura).
In  einer  Abhandlung  Simiand’s  findet  sich  eine  Kritik  der  mathematischen
39*
        <pb n="634" />
        612

fünftes  Buch.  Die  Lehren  der  neuesten  Zeit.

Aber  gerade  diese  Art  und  Weise,  die  Alten  in  die  Schule  nehmen
zu  wollen,  und  Prinzipien  von  neuem  zu  entdecken,  die  stets  für
völlig  ausreichend  gegolten  hatten,  um  in  Frieden  darauf  ausruben
zu  können,  mißfiel  ganz  gewaltig.
Eine  ganze  Anzahl  dieser  Kritiken  kann  jedoch  von  vornherein
abgewiesen  werden.
Die  häufigste  und  platteste  dieser  Kritiken  behauptet,  daß  die
Begierden  und  Bedürfnisse  der  Menschen  der  quantitativen  Messung
unzugänglich  sind,  und  daß  das  Vorgehen,  sie  in  mathematische
Gleichungen  fassen  zu  können,  mit  dem  freien  Willen  unvereinbar  sei.
Die  mathematische  Schule  hat  aber  niemals  etwas  derartiges  behauptet. ­
  Sie  nimmt  im  Gegenteil  an,  daß  jeder  Mensch  in  aller
Freiheit  sein  Interesse  verfolgt,  trahit  sua  quemque  voluptas,
und  sie  begnügt  sich  damit,  zu  untersuchen,  wie  dieser  Mensch  es
anstellt,  um  sich  das  Maximum  der  Befriedigung  mit  den  Mitteln,
die  er  besitzt,  und  trotz  der  Hindernisse,  die  er  überwinden  muß,  zu
beschaffen.  Sie  sagt  keineswegs,  daß  dieser  oder  jener  Mensch  dazu
gezwungen  ist,  Getreide  zu  kaufen  oder  zu  verkaufen,  sondern  daß,
wenn  er  es  tut,  ein  jeder  es  mit  dem  festen  Willen  tut,  das  bestmögliche ­
  Geschäft  dabei  zu  machen,  und  daß  in  diesem  Falle  die  Dinge
sich  in  der  und  der  Form  abwickeln  werden,  und  sie  behauptet,  daß
die  Kombinationen  dieser  Willensäußerungen  der  Berechnung  zugänglich ­
  sind.  Kann  nicht  die  Bewegung  der  Billardkugeln  berechnet
werden,  und  in  wiefern  beeinträchtigt  das  die  Freiheit  der  Spieler l )?
Ebenso  geben  die  mathematischen  Volkswirtschaftler  durchaus
nicht  vor,  unsere  Begierden  ziffernmäßig  auszudrücken.  Auch  wenn
sie  es  tun  sollten,  würde  dies  durchaus  nicht  widersinnig  sein,  da  wir
es  ja  selbst  Tag  für  Tag  tun,  wenn  wir  in  Mark  und  Pfennigen  den
Preis  bestimmen,  den  wir  auf  die  Erwerbung  oder  die  Hergabe  des
begehrten  Gegenstandes  setzen.  Aber  die  mathematische  Ökonomik
verwendet  überhaupt  keine  Zahlen,  da  sie  nur  mit  algebraischen
Formeln  oder  geometrischen  Figuren,  also  mit  abstrakten  Größen,
arbeitet.  Eine  Gleichung  aufstellen,  bedeutet  einfach,  nachweisen,
daß  das  Problem  gelöst  werden  kann,  und  wie  es  zu  lösen  ist:  weiter
gehen  diese  Volkswirtschaftler  nicht.  Niemals  ist  es  ihnen  in  den
Sinn  gekommen,  den  Preis  des  Getreides  oder  den  irgendeines

Volkswirtschaft,  La  methode  positive  en  Science  economique  (Revue  de
Metaphysique  et  de  Morale,  November  1908)  und,  vom  entgegengesetzten  Standpunkte,
eine  gute  Verteidigung  in  La  methode  mathematique  en  Economie  politique
  von  Bouvxbe.
b  Walras  sagt  sehr  richtig:  „Niemals  haben  wir  versucht,  die  Entscheidungen
der  menschlichen  Freiheit  zu  berechnen;  wir  haben  nur  versucht,  ihre  Wirkungen
mathematisch  darzulegen“  (Elements  d’Economie  Politique  pure,  S.  232).
        <pb n="635" />
        Kapitel  I.  Die  Hedonisten.

613

anderen  Gegenstandes  ansrechnen  zu  wollen.  Diese  Aufgabe  überlassen ­
  sie  den  Spekulanten  1 ).
Von  den  Gegnern  der  Klassiker,  womit  ich  sagen  will,  von  den.
Wirtschaftshistorikern,  den  Interventionisten,  den  Solidaristen  und
all  den  verschiedenen  „sozialistelnden“  Richtungen  haben  die  Hedonisten ­
  eine  nicht  weniger  scharfe,  aber  ebensowenig  gerechtfertigte
Kritik  gefunden.  Sie  sahen  in  den  hedonistischen  Doktrinen  den
Versuch  einer  Wiederaufrichtung  der  alten  manchesterlichen  oder
optimistischen  Lehren  —  mit  ihrem  ganzen  Gepäck  an  Individualismus, ­
  Egoismus,  Vorzügen  der  freien  Konkurrenz,  Harmonie  des  persönlichen ­
  und  des  allgemeinen  Interesses,  Rechtfertigung  der  Bodenrente, ­
  des  Zinses  und  des  erbärmlichsten  Lohnes  im  Namen  einer
rätselhaften  Wesenheit,  die  man  Grenznutzen  nennt;  und  zu  guter  letzt
den  Beweis,  daß  die  bestehende  wirtschaftliche  Ordnung  die  beste  aller
möglichen  sei  —,  eine  um  so  gefährlichere,  oder  auf  jeden  Fall  um  so
unerträglichere  Wiederherstellung,  da  sie  sich  auf  die  reine  Wissenschaft ­
  beruft  und  Anspruch  auf  mathematische  Unfehlbarkeit  erhebt.
Auch  diese  Kritik  ist  nur  ein  Zerrbild.  Daß  die  neue  Schule
es  sich  zur  Aufgabe  gesetzt  hat,  das  Werk  der  Klassiker  fortzuführen,
ist  sicher,  und  hierin  kann  man  sie  nicht  tadeln.  Die  wirkliche
Wissenschaft  erkennt  man  daran,  daß  sie  den  geraden  Weg  verfolgt,
die  Königsstraße,  und  nicht  kleine  Fußpfade,  die  sich  in  alle  Wiesen
verlieren.  Und  was  die  Wissenschaft  der  Nationalökonomie  anbelangt,
so  ergeben  sich  für  sie  keine  Fortschritte,  wenn  jede  Generation  die
von  der  vorhergehenden  erworbenen  Resultate  über  Bord  wirft,  sondern
nur  dann,  wenn  man  das  Gute  behält  und  das  Schlechte  seinem
Schicksal  überläßt.  Dies  bemüht  sich  die  hedonistische  Schule  zu  tun.
Die  Theorien  des  Gleichgewichts  oder  des  Grenznutzens  bedeuten ­
  an  und  für  sich  keine  Rechtfertigung  der  bestehenden  Ordnung ­
 2 )  —  wenn  man  diesen  Ausdruck  in  seinem  apologetischen  und
normativen  Sinne  nimmt  —,  sie  erklären  sie,  was  etwas  ganz
anderes  ist.  Aus  dieser  Erklärung  ergibt  sich  allerdings,  daß  auf
Guem  freien  Markte  die  Dinge  in  der  Weise  vor  sich  gehen,  daß
die  größtmögliche  Anzahl  der  Austauschen  den  den  größtmöglichen
Vorteil  erzielen  muß.  Das  Wort  Vorteil  muß  aber  in  seinem  hedonistischen ­
  Sinne  genommen  werden.  Es  schließt  keine  Vorstellung
von  ausgleichender  Gerechtigkeit  ein  und  kümmert  sich  weder  um  die
l )  „Wir  kennen  die  genaue  Beziehung  nicht,  die  die  Funktion  an  das  Wandelbare,
•he  Stärke  des  übrigbleibenden  Bedürfnisses  an  die  vorher  verbrauchte  Menge  kettet,
aber  wir  nehmen  an,  daß  jedem  Wert  der  zweiten  Eeihe  ein  bestimmter  Wert  der  ersten
ßeihe  gegenüber  steht“  (Aupetit,  Theorie  de  la  Monnaie,  S.  42).
.  2 )  Als  tiefschürfende  Widerlegung  dieser  Kritik  siehe  zwei  Aufsätze  von  Rist,
■kconomie  optimiste  et  Economie  scientifique  in  der  Revue  de  Meta-Physique
  et  de  Morale,  Juli  1904  und  Sept.  1907.
        <pb n="636" />
        614

Fünftes  Buch.  Die  Lehren  der  neuesten  Zeit.

Bedingungen,  die  dem  Austausche  zugrunde  liegen,  noch  um  die  Folgen,
die  er  möglicherweise  haben  kann.  So  z.  B.  hat  der  Austausch
zwischen  Jakob  und  Esau,  bei  dem  dieser  sein  Erstgeburtsrecht  für
ein  Linsengericht  abtrat,  für  beide,  und  nicht  nur  für  Jakob,  das
hedonistische  Maximum,  das  mit  den  gegebenen  Bedingungen  verträglich ­
  war,  verwirklicht:  wird  doch  gesagt,  daß  Esau  Hungers
starb  1 ),  und  war  es  in  diesem  Fall  für  ihn  nicht  äußerst  vorteilhaft,
Nahrungsmittel  zu  erhalten?  Und  wenn  Jakob  ihm,  anstatt  der  Linsen,
eine  Flasche  Absinth  verkauft  hätte,  so  würde  vom  hedonistischen
Gesichtspunkt  aus  der  Tausch  ebenso  das  Maximum  an  Befriedigung
verwirklicht  haben,  denn  der  Grenznutzen  oder  die  Ophelimität  haben
ebensowenig  etwas  mit  der  Hygiene  wie  mit  der  Moral  zu  schaffen.
Alles,  was  ein  Hedonist  in  dem  vorliegenden  Falle  sagen  kann,
ist  folgendes:  wenn  es  anstatt  eines  einzigen  mehrere  Jakobs  gegeben ­
  hätte,  die  Linsen  anboten,  so  würde  Esau  einen  vorteilhafteren
Handel  haben  abschließen  können  5 ).  In  diesem  Sinne  behauptet  daher
die  hedonistische  Schule  die  Überlegenheit  der  Konkurrenz  über  das
Monopol.  Sie  gibt  aber  nicht  vor,  daß  Esau  nicht  von  Jakob  ausgebeutet ­
  worden  sei,  und  hält  es  keineswegs  für  notwendig,  daß  in
den  Gesellschaften  nur  Esaus  und  Jakobs  existieren *  2  3  * ).
Ebenso  erklärt  v.  Böhm-Bawerk  hinsichtlich  des  Zinses  ganz
ausdrücklich  in  der  berühmten  Theorie,  die  seinen  Namen  trägt,  daß
er  nur  eine  Erklärung  der  Tatsache  des  Zinses  und  nicht  eine
Rechtfertigung  suche.  Böhm-Baweek  kritisiert  die  normativen
Erklärungen  des  Zinses,  die  man  seit  Jahrhunderten  zu  finden  gesucht ­
  hat.  Er  bemüht  sich  im  besonderen,  nachzuweisen,  daß  der
Zins  weder  eine  Gewinnbeteiligung  an  der  Produktivität  des  Kapitals
ist,  noch.  auch  eine  Mietszahlung  für  den  Gebrauch  des  Kapitals,
noch  ein  von  der  Börse  dem  ausgebeuteten  Borger  auferlegter  Tribut,
b  Der  Verfasser  bezieht  sich  hier  auf  die  franz.  Bibelübersetzung,  wahrscheinlich
die  von  L.  Segohd,  die  I.  Moses  25,  32  lautet;  „Voici,  je  m’en  vais  monrir“  (Siehe
ich  bin  am  Sterben).  In  der  LoTHER’schen  Übersetzung  heißt  es:  „Siehe,  ich  muß
doch  sterben“  und  in  der  kritischen  Bibelübersetzung  von  Kautzsch  (2.  Ausg.  1896),
„Ach,  ich  muß  doch  schließlich  sterben“.
Bei  den  Schlußfolgerungen  des  Verfassers  darf  nicht  vergessen  werden,  daß  er
annimmt,  Esau  sei  dem  Tode  nahe  gewesen  (Anm.  d.  Ubers).
2 )  Er  könnte  auch  noch  sagen,  daß  der  Handel  für  Esau  vorteilhafter  gewesen ­
  wäre,  wenn  Jakob  viel  mehr  Linsen  gehabt  hätte,  als  er  überhaupt  verbrauchen
konnte,  denn,  sogar  unter  der  Herrschaft  des  Monopols  sind  für  den  Käufer  günstige
Umstände  möglich.
3 )  Vilfkedo  Paheto  sagt:  „Zum  Zwecke  unserer  Demonstration  haben  wir  angenommen, ­
  daß  die  wirtschaftlichen  Güter  in  Besitz  genommen  sind.  Es  würde  daher ­
  eine  petitio  principii  sein,  wenn  man  aus  dem  eben  bewiesenen  Theorem  den
Schluß  ziehen  wollte,  daß  die  Besitzergreifung  der  wirtschaftlichen  Güter
ein  Maximum  an  Wohlstand  hervorruft.
        <pb n="637" />
        Kapitel  I.  Die  Hedonisten.

615

sondern  daß  der  Zins  der  Preis  für  die  Zeit  ist;  oder,  anders
ansgedrückt,  der  Wertunterschied  zwischen  einem  heutigen  Gute
und  demselben,  aber  zukünftigen  Gute.  Er  ist  die  Tatsache
eines  Austausches,  des  Tausches  eines  gegenwärtigen  gegen  ein  zukünftiges ­
  Gut.  Denn  100  Fr.,  die  in  einem  Jahre  zahlbar  sind,
sind  nicht  dasselbe  wie  100  Fr.,  die  heute  gezahlt  werden:  die
Gleichwertigkeit  wird  nur  wieder  hergestellt,  indem  man  auf  die
Wagschale,  die  in  einem  Jahre  die  100  Fr.  erhalten  soll,  einen  Wertzuschuß ­
  legt,  der  Zins  heißt,  oder  indem  man  von  der  Wagschale,
die  heute  die  100  Fr.  trägt,  einen  Bruchteil  hinweg  nimmt,  der  Diskont ­
  genannt  wird  J ).
Was  das  Lohngesetz  anlangt,  nach  dem  der  Lohn  sich  nach  der
Produktivität  des  „Grenzarbeiters“  regelt,  so  ist  es  so  wenig  optimistisch, ­
  daß  es,  worauf  wir  schon  hingewiesen  haben,  eher  das
eherne  Lohngesetz  bestätigt,  denn  es  besagt,  daß  der  an  letzter  Stelle
angestellte  Arbeiter  —  der,  nach  welchem  der  Unternehmer  weiter
keinen  mehr  anstellt,  weil  jeder  mehr  angenommene  ihm  Verlust
bringen  würde  —  nur  gerade  den  Gegenwert  seiner  Unterhaltsmittel
erzeugt  und  erhält.
Kurz  die  hedonistische  Schule  hat  keine  Verteilungstheorie  und
will  auch  keine  haben:  sie  kennt  keine  Anteilhaber  am  Gesamtprodukt, ­
  sondern  nur  produktive  Dienste,  deren  Wert  sie  berechnet.
Die  Kenntnis  des  Teiles,  der  in  Wirklichkeit  dem  Kapital  oder  der
Arbeit  in  jeder  erzeugten  Einheit  zufällt,  ist  eins;  etwas  anderes
ist  die  Untersuchung,  ob  Kapitalisten  oder  Arbeiter  ungerecht  behandelt ­
  werden.
Übrigens  liegt  der  beste  Beweis  dafür,  daß  die  Hedonisten
keineswegs  das  Laisser-faire  befürworten,  in  der  von  ihren  Führern
eingenommenen  Haltung.  Allerdings  hat  sich  die  österreichische
Schule  ziemlich  gleichgültig  demgegenüber  gezeigt,  was  man  soziale
oder  Arbeiterfrage  nennt 2 )-  Doch  es  war  sicherlich  ihr  Recht,  sich
*)  Diese  Theorie  wird  nicht  von  allen  hedonistischen  Yolkswirtschaftlern  angenommen, ­
  besonders  nicht  von  Waleas,  der  sie  in  der  vierten  Ausgabe  seiner  Eoonomie
  pure  kritisiert.  In  neueren  Werken  haben  sich  A.  Landey  in  Interet
Hu  Capital  (1904)  und  Professor  Ievinu  Fisher  in  The  rate  of  interest  (1907)
bemüht,  diese  Theorie  nicht  gerade  zu  zerstören,  aber  doch  sie  durch  eine  noch  tiefergehende ­
  Analyse  der  Gefühle  zu  verändern,  die  in  jedem  Individuum  die  Schätzung
seines  zukünftigen  Einkommens  bestimmen.  —  Diese  Schätzung  (time  preference)
ls t  übrigens  je  nach  der  Vermögenslage  eines  jeden  und  noch  anderer  Umstände
verschieden.
*)  Wir  haben  dies  eben  hinsichtlich  der  Theorie  Böhm-Bawerk’s  festgestellt.
Übrigens  behält  auch  hierin  die  hedonistische  Schule  eine  der  Methoden  der
klassischen  Schule  bei,  auf  die  Coüecelle-Seneuii.  und  Chehbdliez  mit  Nachdruck
hingewiesen  hatten:  die  Notwendigkeit,  die  Wissenschaft  unbedingt  von  der  Kunst,
die  reine  Ökonomik  von  der  angewandten  Ökonomie  getrennt  zu  halten.  Wie  Pareto
        <pb n="638" />
        616

Fünftes  Buch.  Die  Lehren  der  neuesten  Zeit.

auf  die  reine  Ökonomik  zu  beschränken.  Aber  andere  Führer  dieser
Schule  haben  es  sehr  wohl  verstanden,  darzulegen,  daß  sie  sich  durch
ihre  Methode  keineswegs  dem  Optimismus  und  dem  Quietismus  verschrieben ­
  hätten.  Ohne  von  Stanley  Jevons  zu  sprechen,  der  sich
in  seinem  Buch  „Social  Reforms -&amp;lt;  klar  und  deutlich  zum  Interventionismus ­
  bekennt,  hat  sich  Waleas  in  die  Vorhut  der  Agrarsozialisten ­
  gestellt.  Wenn  er  aus  dem  Bereich  der  Nützlichkeit  in
den  der  Gerechtigkeit  übergeht  (er  selbst  hat  mit  großem  Nachdruck
darauf  hingewiesen,  daß  es  sich  hier  um  zwei  verschiedene  Welten
handelt),  so  sucht  er  doch  so  viel  wie  möglich  die  Herrschaft  der
freien  Konkurrenz  zu  verwirklichen.  Aber  nicht  etwa  wie  die  liberale
Schule  durch  das  Laisser-faire,  sondern  durch  die  Abschaffung  jeden
Monopols,  —  und  zu  allererst  durch  die  Abschaffung  des  Monopols,
das  die  Grundlage  aller  anderen  bildet,  des  Besitzes  am  Boden.  Das
System,  das  er  in  seiner  Sozial  Ökonomie  darlegt,  führt  aus,  daß
der  Boden  dem  Staat  gehören  muß,  und  daß  alle  Steuern  abgeschatft
werden  müssen.  Die  beiden  Reformen  stützen  sich  gegenseitig,  da
der  Staat  statt  der  Steuern  die  Bodenrente  einziehen  soll,  und  beide
haben  den  gleichen  Zweck:  die  freie  Konkurrenz  zu  ermöglichen  und
hierdurch  einem  jeden  das  unverkürzte  Produkt  seiner  Arbeit  zu
sichern  —  ein  Produkt,  das  unter  der  bestehenden  Herrschaft  durch
einen  doppelten  Abzug  verringert  wird  —,  den,  den  die  Grundbesitzer
in  Gestalt  der  Bodenrente  nehmen,  und  den,  den  der  Staat  in  Form
von  Steuern  erhebt 1 )-  Wenn  man  sich  weiterhin  ins  Gedächtnis
znrückruft,  daß  der  Gleichgewichtspunkt  des  wirtschaftlichen  Systems
Waleas’  dort  liegt,  wo  für  jeden  Gegenstand  eine  vollständige  Übereinstimmung ­
  zwischen  den  Produktionskosten  und  dem  Verkaufspreis
verwirklicht  ist,  und  wo  infolgedessen  der  Gewinn  auf  Null  gesunken
ist,  so  muß  ein  jeder  selbst  erkennen,  wie  weit  wir  damit  von  einer
Apologie  der  bestehenden  Wirtschaftsordnung  entfernt  sind!
Ein  anderer  Vertreter  dieser  Schule,  Vilfhedo  Paheto,  bindet
sich  in  seinen  persönlichen  Ansichten  keineswegs  an  die  hedonistische

sehr  richtig  sagt:  das  Maximum  an  Ophelimität  kann  in  einer  Gleichung  ausgedrüekt
werden,  das  Maximum  an  Gerechtigkeit  nicht.
*)  Nach  Walsas  würde  dieses  System  einen  anderen  Vorteil  aufweisen,  der
in  der  Erleichterung  der  Einführung  des  Freihandels  besteht,  „der  das  Ideal  der
Wissenschaft  ist“,  indem  es  die  hauptsächlichsten  Binwürfe  widerlegt,  die  auf  der
Ungleichheit  der  Steuerlasten  in  dem  einen  und  dem  anderen  Lande  und  auf  der  ungleichen ­
  Fruchtbarkeit  des  Bodens  beruhen.  Der  Freihandel  bedeutet  die  Abschaffung
der  Steuern  und  die  Nationalisierung  des  Bodens,  weil  nur  unter  dieser  Bedingung
Kapital  und  Arbeit  sich  frei  bewegen  und  dorthin  gehen  können,  wo  ihre  Verwendung
am  vorteilhaftesten  ist.“  (La  Paix  par  la  justice  sociale  et  par  le  libreechange
  —  Der  Friede  auf  Grund  der  sozialen  Gerechtigkeit  und  dem  Freihandel  —,
in  Qnestions  pratiques  de  Legislation  ouvriere,  Sept./Okt.  1907).
        <pb n="639" />
        Kapitel  I.  Die  Hedonisten.

617

Schule,  obgleich  er  ultra-individualistisch  und  ein  heftiger  Gegner
des  Interventionismus  und  des  Solidarismus  ist.  Er  erklärt  im
Gegenteil,  daß  das  Maximum  an  Wohlstand  ebenso  gut  in  einer  kollektivistischen ­
  Ordnung,  wie  unter  der  Herrschaft  der  freien  Konkurrenz ­
  verwirklicht  werden  kann  —  und  zwar  in  der  Theorie:  in
der  Praxis  aber  hält  er  dies  nicht  für  möglich,  was  jedoch  auf
„ethische  und  andere  Gründe  zurückzuführen  ist,  die  außerhalb  des
Bereichs  der  Nationalökonomie  liegen“  1 j.
Pantaleonx  dringt  noch  tiefer  in  das  Gebiet  der  reinen  und
transzendenten  Wissenschaft,  denn  er  erklärt  mit  ruhiger  Erhabenheit, ­
  daß  man  an  Stelle  des  rein  egoistischen  Prinzips  sehr  wohl  das
rein  altruistische  Prinzip  setzen  könne,  ohne  daß  dies  die  Ergebnisse
der  Berechnung  irgendwie  ändern  würde,  gerade  wie  es  in  einer
algebraischen  Gleichung  ohne  Einfluß  bleibt,  wenn  man  überall  die
Pluszeichen  durch  Minuszeichen  ersetzt.  Die  Selbstlosigkeit  aller
würde  die  gleichen  Ergebnisse  wie  der  Egoismus  hervorbringen:
Wettbewerb  der  Opferfreudigkeit  anstatt  wie  heute,  Wettbewerb
der  persönlichen  Interessen.  An  Stelle  des  Austausches  von  Nützlichem ­
  würde  der  Austausch  von  Aufopferungen  treten,  der  aber  von
den  gleichen  Gesetzen  beherrscht  wird.  Für  den  Hedonisten  hat  all
dies  wenig  Bedeutung.  Wenn  ein  bestimmter  wirtschaftlicher  Zustand
gegeben  ist,  handelt  es  sich  einfach  darum,  seine  Wirkungen  zu  berechnen, ­
  ebenso  wie.es  die  Aufgabe  eines  Ingenieurs  ist,  die  mögliche
Kraftleistung  einer  gegebenen  Maschine  rechnerisch  festzustellen.
Die  gewichtigste  Kritik,  die  man  gegen  die  Hedonisten  gerichtet
hat,  ist,  daß  sie  schließlich  nichts  entdeckt  hätten,  was  man  nicht
schon  kannte.  —  Jawohl,  antworten  sie,  aber  man  kannte  es  nur
schlecht,  man  bewies  es  nicht,  sondern  behauptete  es  nur.  Der  Beweis
ungewisser  oder  geahnter  Wahrheiten  stellt  einen  nicht  weniger  bedeutsamen ­
  Beitrag  zum  wissenschaftlichen  Fortschritt  vor,  als  die
wirkliche  Entdeckung.  Die  vollkommenste  aller  Wissenschaften,  die
Astronomie,  ist  nur  so  vorwärts  gekommen.  Wohl  behaupteten  die
klassischen  Yolkswirtschaftler  z.  B.,  daß  die  Herrschaft  der  freien
Konkurrenz  der  bestmögliche  Zustand  sei,  aber  sie  konnten  weder
nachweisen,  warum,  noch  unter  welchen  Bedingungen.  Die  mathematischen ­
  Yolkswirtschaftler  haben  nun  das  Warum  gefunden:  —
nämlich  weil  diese  wirtschaftliche  Ordnung  das  Maximum  an  Befriel ­
 )  Ebenso  kann  man  bei  den  amerikanischen  Yolkswirtschaftlern  feststellen,
«laß  die  hedonistische  Methode  volle  Unabhängigkeit  des  Programms  verbürgt.
Wenn  sie  den  Professor  Clark  zu  einer  gewissen  Rechtfertigung  der  bestehenden
wirtschaftlichen  Ordnung  und  zum  Glauben  an  die  Wirksamkeit  der  freien  Konkurrenz ­
  geneigt  macht,  so  führt  sie  Professor  Patten  zu  einem  ausgesprochenen
Interventionismus,  der  dem  List’s  ziemlich  ähnlich  ist.
        <pb n="640" />
        618

Fünftes  Buch.  Die  Lehren  der  neuesten  Zeit.

digung  und  das  Minimum  an  Opfern  für  jeden  der  Austauschenden
verwirklicht.  Das  gleiche  gilt  auch  für  die  sogenannten  Gesetze  des
Angebotes  und  der  Nachfrage,  des  Einheitspreises,  der  Produktionskosten, ­
  des  Lohnes,  der  Zinsen,  der  Rente  usw.  Es  ist  sicherlich
eine  Leistung,  diesen  intuitiven  Behauptungen  1 j,  die  nichts  als  formlose ­
  und  unbestimmte  Theorien  waren,  die  Kraft  eines  unwiderleglichen ­
  Beweises  gegeben  zu  haben.  Dieser  Homo  oeconomicus,  den  man
verlacht,  ist  nur  ein  Skelett,  aber  gerade  dieses  Skelett  gestattet  der
Wissenschaft,  wie  dem  organischen  Wesen,  zu  stehen  und  zu  gehen!
Für  die  Entwicklung  der  nationalökonomischen  Wissenschaft  liegt
hierin  ein  Fortschritt,  der  dem  vergleichbar  ist,  der  in  der  biologischen ­
  Entwicklung  den  Übergang  der  Wirbellosen  zu  den  Wirbeltieren ­
  bezeichnet.
Mag  dies  alles  sein!  Ein  letzter  Einwurf,  oder  doch  ein  Zweifel
bleibt  aber  übrig,  nämlich  ob  die  Wissenschaft,  auch  wenn  sie  diese
Wahrheiten  für  endgültig  nachgewiesen  hält,  wie  die  Hedonisten
glauben,  so  viel  Gewinn  daraus  ziehen  kann,  wie  sie  annehmen.  Man
hat  sehr  richtig  gesagt,  daß  die  Mathematik  nur  einer  Mühle  gleiche,
die  das  Korn,  das  man  ihr  zugetragen  hat,  als  Mehl  wiedergibt,  aber
man  muß  noch  untersuchen,  was  es  für  Korn  war.  Hier  haben  wir
eine  Menge  von  Abstraktionen,  die  man  in  das  mathematische  Räderwerk ­
  geworfen  hat  —  einen  Einheitsmarkt,  Individuen,  deren  einzige
Triebfeder  das  hedonistische  Prinzip  ist,  die  Identität  beider  Austauschender ­
  vom  Gesichtspunkt  ihrer  Begehrungen  aus *  2  *  *  *  * ),  die  Allgegenwart ­
  des  Kapitals  und  der  Arbeit,  eine  vollständig  unbehinderte  Substitutionsfähigkeit ­
  usw.  —,  und  so  ist  es  doch  vielleicht  möglich,  daß  das
Mehl,  das  aus  der  Mühle  kommt,  nicht  allzu  nahrhaft  ist.  Auf  alle  Fälle
muß  man  zugeben,  daß  das  Mahlergebnis  der  hedonistischen  Schule
eine  Welt  sein  würde,  die  mit  der  bestehenden  Wirklichkeit  ebensowenig, ­
  wie  die  fourieristische  oder  die  saint-simonistische  oder  die
anarchistische  Welt  zu  tun  hat,  und  deren  Verwirklichung  noch  unwahrscheinlicher ­
  ist  oder  eine  ebenso  wunderbare  Umwälzung  zur
Voraussetzung  hat.  Dies  geben  die  Hedonisten  nun  auch  offen  zu;
hierin  liegt  sogar  eine  Überlegenheit,  die  sie  Uber  die  klassischen
Ökonomisten  haben,  die,  wenn  sie  über  die  freie  Konkurrenz  ihre  Gedanken ­
  darlegen,  stets  denken:  „Es  ist  erreicht!“ 8 ).
')  Die  Volkswirtschaft  wird  mit  dem  Tage  eine  Wissenschaft  werden,  an  dem
sie  sich  dazu  zwingt,  „das  nachzuweisen,  was  sie  sich  bis  heute  begnügt  hat,  allgemein ­
  zu  behaupten“  (Waleas,  Economie  Politique  pure,  8.  427).
2 )  Man  muß  „auf  alle  in  Betracht  gezogenen  Individuen  und  für  jedes  Produkt
dasselbe  Gesetz  der  veränderlichen  Stärke  des  Bedürfnisses  anwenden“  (Aupetit,  L  a
Monnaie,  S.  93).
s )  Übrigens  sind  die  Hedonisten  durchaus  nicht  in  die  Anwendung  der  mathematischen ­
  oder  abstrakten  Methode  verrannt,  und  verkennen  keineswegs  die  Be-
        <pb n="641" />
        Kapitel  I.  Die  Hedonisten.

619

Wenn  die  Hedonisten  sehr  zurückhaltend  in  bezug-  auf  die  Möglichkeiten ­
  einer  Verwirklichung  ihrer  wirtschaftlichen  Welt  sind,  so  sind
sie  im  Gegensatz  dazu  äußerst  bestimmt,  vielleicht  etwas  zu  sehr,  wo
die  Vorzüge  ihrer  Methode  in  Betracht  kommen,  und  in  diesem  Punkte
sind  sie  nicht  von  einem  gewissen  dogmatischen  Stolz  frei,  der  große
Ähnlichkeit  mit  dem  der  ntopistischen  Sozialisten  hat.  Man  glaubt
Foueiee  zu  hören,  wenn  man  liest,  daß  „das,  was  man  in  der  Nationalökonomie ­
  gefunden  hat,  nichts  im  Vergleich  zu  dem  ist,  was  man
späterhin  wird  entdecken  können“,  (wobei  zu  verstehen  ist:  durch
die  mathematische  Methode) J ),  oder  daß  die  neuen  Theorien  über  die
Produktionskosten  für  die  Nationalökonomie  ebenso  grundlegend  sind,
wie  es  die  Ersetzung  des  ptolemäischen  Systems  durch  das  des
Kopernikus  für  die  Astronomie  war“ *  2  3 ).  Weiter  oben  sahen  wir,  wie
das  Gleichgewichtssystem  Waleas’  mit  dem  Newton’s  verglichen
wird.  Zwischen  diesem  Ehrgeiz  und  den  erzielten  Ergebnissen  besteht
ein  nicht  unbedeutendes  Mißverhältnis.  Bei  aller  Anerkennung  der
wirklichen  Dienste,  die  die  mathematische  und  die  österreichische
Schule  der  Wissenschaft  geleistet  haben,  und  indem  wir  gern  zugeben,
daß  sie  in  der  Geschichte  der  Doktrinen  einen  Abschnitt  bezeichnen
der  unvergeßlich  bleiben  wird,  glauben  wir  dieses  Kapitel  doch  nicht
besser  abschließen  zu  können  als  mit  den  Worten  eines  Volkswirtschaftlers, ­
  der,  selbst  ein  Meister  dieser  und  der  klassischen  Schule,
eine  gewisse  Berechtigung  hat,  über  sie  zu  urteilen 8 ):  „Die  glücklichsten
Anwendungen  der  Mathematik  auf  die  Nationalökonomie  sind  die,  die
kurz  und  einfach  sind,  die  wenige  Zeichen  verwenden,  und  deren
Zweck  es  ist,  eher  einen  Lichtstrahl  auf  irgendeinen  Einzelpunkt  der
unabsehbar  großen  wirtschaftlichen  Welt  zu  werfen,  als  sie  in  ihren
unendlichen  Verwicklungen  darzustellen.“

rechtigung  des  Gebrauches  der  historischen  oder  sogar  der  biologischen  Methode.
Nur  können  die  Anderen  nicht  Anspruch  darauf  erheben,  eine  exakte  Wissenschaft  zu
schaffen.  Professor  Mabshall  erklärt  ausdrücklich,  die  biologische  Methode  vorzuziehen,
und  die  Verwendung  von  Diagrammen  und  Kurven  als  Darstellung  der  wirtschaftlichen
Tatsachen  so  viel  wie  möglich  zu  vermeiden  (Economic  Journal,  März,  1898,  S.  50).
*)  V.  Pareto,  Giornali  degli  Bconomisti,  Sept.  1901.
2 )  The  Austrian  Economists,  op.  cit.  —  Dagegen  schreibt  ein  Anhänger
dieser  Schule,  Landet:  „Heute  kann  man  die  Tätigkeit  der  österreichischen  Schule
als  fast  erschöpft  ansehen“  (L’Ecole  economique  autrichienne,  in  der
Rivista  di  Scienza,  Mailand,  1907).  —  Nach  35  Jahren!  Ist  das  nicht  ein  recht
kurzes  Leben!
3 )  Mabshall,  Distribution  and  Exchange,  Economic  Journal,  März  1898.
        <pb n="642" />
        620

Fünftes  Buch.  Die  Lehren  der  nenesten  Zeit.

Kapitel  II.
Die  Theorie  der  Bodenrente  und  ihre  Anwendungen.
In  der  allgemeinen  Erneuerung  der  klassischen  Theorien,  wie
sie  uns  das  Studium  der  modernen  Hedonisten  gezeigt  hat,  muß  eine
besonders  hervorgehoben  werden.  Es  ist  dies  die  Theorie  der  Bodenrente. ­
  Hat  sie  doch  in  den  Arbeiten  der  Nationalökonomen,  besonders
während  des  letzten  Drittels  des  19.  Jahrhunderts,  viel  Raum  eingenommen. ­
  Ihre  Ausgestaltung  hat  sowohl  theoretische,  wie  praktische
Bedeutung.
Theoretische  Bedeutung:  —  denn  der  wirtschaftliche  Begriff  der
Rente,  der  in  Hinsicht  auf  eine  besondere  Tatsache,  das  Einkommen
der  Grundbesitzer,  geschaffen  worden  ist,  zeigte  sich  der  verschiedensten ­
  Anwendungen  fähig  und  erleuchtet  mehr  als  eine  dunkle  Stelle
des  Wirtschaftslebens.  Unter  anderen  schien  er  besonders  geeignet,
eine  Klasse  von  Einkünften  zu  erklären,  von  denen  wir  bisher  noch
keine  Gelegenheit  hatten,  zu  sprechen;  es  ist  dies  der  Unternehmergewinn ­
  als  von  dem  Kapitalzins  wohl  unterschiedenes  Einkommen.
Praktische  Bedeutung:  —  denn  die  Bodenrente  ist  vor  allen  anderen
ein  „nicht  erworbenes  Einkommen“,  ein  unearned  increment,
mit  anderen  Worten  ein  Einkommen,  das  sich  durch  keine  Arbeit
rechtfertigt.  Man  ahnt  daher  sofort  die  sozialen  Theorien,  die  sich
auf  diese  Feststellung  aufbauen  lassen.  Alle  Systeme  der  Nationalisierung ­
  des  Bodens,  alle  Projekte  der  Sozialisation  der  Rente  beruhen
auf  der  Theorie  Ricardo’s,  und  diese  Systeme  sind  sehr  zahlreich.
Wir  beabsichtigen,  in  diesem  Kapitel  die  Theorie  der  Bodenrente
in  dieser  doppelten  Hinsicht  zu  untersuchen.  Zuerst  wollen  wir  die
Ausgestaltung  studieren,  die  sie  durch  die  Ökonomisten  erhalten  hat,
nämlich  als  wissenschaftliche  Theorie  und  Hilfsmittel  zur  Erklärung
der  Tatsachen;  und  zweitens  ihre  Anwendung  zu  Vorschlägen  wirtschaftlicher ­
  Reform.  Unser  Zweck  ist  hauptsächlich,  die  Kenntnis
der  neueren  Theorien  zu  vermitteln.  Wir  werden  jedoch  gezwungen
sein,  auch  öfters  auf  ältere  Theorien  zurückzugreifen,  und  müssen
bis  zu  Stuart  Mild  und  sogar  bis  zu  Ricardo  zurückgehen;  dies  ist
der  einzige  Weg,  der  zum  Verständnis  der  Entwicklung  der  Gedanken
führen  kann.
§  1.  Die  theoretische  Ausweitung  desRenten  begriff  es.
Wir  haben  in  einem  vorhergehenden  Kapitel  die  von  Caeey  und
Bastxat  gemachten  erfolglosen  Versuche  betrachtet,  die  bezweckten,
        <pb n="643" />
        Kapitel  II.  Die  Theorie  der  Bodenrente  und  ihre  Anwendungen.

621

die  Eeutentheorie  Eicaejdo’s  zu  erschüttern.  Sicherlich  forderte  diese
Theorie  zur  Kritik  heraus,  aber  ihre  Gegner  gingen  in  ihrer  Widerlegung ­
  soweit,  daß  sie  sogar  die  Tatsache  des  Bodenwertes  an  und
für  sich  leugneten.
Diese  Übertreibung  wuirde  recht  drastisch  durch  eine  der  charakteristischsten ­
  Tatsachen  des  19.  Jahrhunderts  widerlegt:  durch  das
Steigen  der  Bodenpreise  in  den  großen  Städten.  Das  vergangene
Jahrhundert  war  das  Jahrhundert  der  Großstädte.  Kein  anderer
Zeitabschnitt  weist  eine  gleiche  Blüte  der  städtischen  Mittelpunkte
auf.  England,  die  Vereinigten  Staaten,  Deutschland  und  in  geringerem ­
  Grade  auch  Frankreich  haben  an  dieser  Entwicklung  teil.
Diese  rapide  Zusammenhäufung  der  Bevölkerung  auf  beschränktem
Raume  hat  als  Folge  gehabt,  dem  Boden  unerhörte  Mehrwerte  zu
geben.  In  Chicago  ist  die  Geschichte  jenes  viertel  Ackers  berühmt,
der  1830  für  20  Dollar  gekauft  wurde,  damals,  als  die  Bevölkerung
noch  nicht  50  Einwohner  überschritt,  und  1836  25000  Dollar
wert  war,  um  nach  der  Weltausstellung  von  1894  den  Preis  von
1250000  Dollar  zu  erzielen.  In  London  schätzt  man  die  Steigerung
der  an  die  Grundbesitzer  gezahlten  Pachtsummen  auf  7  700000  Pfund
Sterling  für  den  Zeitraum  von  1870—1895  und  zwar  nur  für  die  Miete
des  nackten  Bodens.  Der  Hyde  Park,  der  1652  von  dem  Unterhaus
für  425000  Fr.  gekauft  worden  war,  stellt  heute  einen  Wert  von
über  200  Millionen  Fr.  dar.  In  Paris  führt  d’Avenel  ein  dem  Krankenhause ­
  „Hotel-Dieu“  gehörendes  Gelände  an,  das  1775  6,40  Fr.  für
den  Quadratmeter  kostete  und  heute  1000  Fr.  der  Quadratmeter  wert
ist  *);  Lbboy-Beaulxeu  erwähnt  ein  im  Stadtteil  des  Are  de  Triomphe
gelegenes  Stück  Land,  dessen  Wert  von  1881—1904,  also  in  23  Jahren
von  400  auf  800  Fr.  der  Quadratmeter  gestiegen  ist 2 ).  Es  sind  dies
vereinzelte,  wenn  auch  sehr  bezeichnende  Beispiele  einer  allgemeinen
und  unbestreitbaren  Tatsache.
Carey  und  Bastiat  haben  daher  auch  nur  eine  geringe  Anzahl
von  Bekehrungen  bewirkt.  Die  große  Menge  der  Volkswirtschaft!  er
ist  entweder  der  Auffassung  Ricaedo’s  treu  geblieben  oder  hat  sich
bemüht,  sie  zu  vertiefen  und  zu  entwickeln,  ohne  aber  ein  mit  dem
Boden  verbundenes  Einkommen  zu  leugnen.  Es  ergibt  sich  daraus
eine  doppelte  und  höchst  merkwürdige  Entwicklung  der  Theorie  der
Bodenrente.
Einesteils  entdeckte  man  nach  und  nach  eine  ganze  Reihe  differentieller ­
  Einkommen,  ganz  von  der  Art  der  Bodenrente,  —  und  das
*)  Wir  entlehnen  diese  Mitteilungen  der  sehr  gehaltvollen  Broschüre  Einaudi’s;
Pa  municipalisation  du  sol  dans  les  grandes  villes,  1898  (Giard  und
Bbi6hb,  Paris),  Auszug  aus  dem  Devenir  Social.
2 )  P.  Lbroy-Bbaulieo,  L’art  de  placer  et  gerer  sa  fortune,  S.  31,
        <pb n="644" />
        622

Fünftes  Buch.  Die  Lehren  der  neuesten  Zeit.

geht,  nach  dem  Ausdruck  eines  großen  zeitgenössischen  Nationalökonomen, ­
  so  weit,  „daß  sie  (die  Bodenrente)  nicht  mehr  als  eine
Einzeltatsache,  sondern  als  die  Hanptspezies  eines  sehr  verbreiteten
Genus  erscheint“  1 ).  Auf  der  anderen  Seite  (und  diese  zweite  Entwicklung ­
  ist  vielleicht  noch  merkwürdiger  als  die  erste)  sehen  die
modernen  Theoretiker  in  ihr  nur  eine  normale  Folge  des  regelmäßigen ­
  Verlaufs  der  Wertgesetze,  während  bei  Eicaedo  die  Bodenrente ­
  als  eine  wirtschaftliche  Anomalie  erscheint,  die  auf  bestimmten ­
  Umständen  beruht  (ungleicher  Fruchtbarkeit  der  Felder
und  dem  Gesetz  des  sinkenden  Bodenertrages).  Daher  fjigen  sich
die  Bodenrente  und  andere  gleichartige  Eenten  in  die  allgemeine
Preistheorie  ein,  und  die  von  den  Klassikern  so  mühsam  aufgebaute
Theorie  der  Eente  verflüchtigt  sich  sozusagen,  und  wird  überflüssig.
Nachdem  sie  während  des  ganzen  19.  Jahrhunderts  eine  so  große
Eolle  gespielt  hat,  wird  sie  vielleicht  in  wenigen  Jahren  nur  noch  eine
historische  Merkwürdigkeit  sein.
Diese  doppelte  Entwicklung  der  Lehre  beruht  auf  der  gleichzeitigen ­
  Tätigkeit  einer  großen  Anzahl  von  Forschern.  Es  ist  schwierig,
einen  regelmäßigen  Fortschritt  von  einem  zum  anderen  aufzuzeigen.
Wir  werden  daher  die  Entwicklung  an  und  für  sich  darstellen  und
uns  darauf  beschränken,  die  Namen  der  Gelehrten,  die  dazu  bei  getragen ­
  haben,  an  entsprechender  Stelle  anzuführen.  Wir  werden
uns  aber  so  viel  wie  möglich  auf  ihre  Texte  stützen *  2 ).
a)  Zunächst,  sagten  wir,  hat  man  sehr  bald  neben  dem  Einkommen
der  Grundbesitzer  eine  Eeihe  anderer  differentieller,  ihm  ganz  gleicher
Einkommen  bemerkt.  Dieselbe  Menge,  oder  wie  die  Engländer  sagen,
dieselbe  „Dosis“  an  Kapital  und  Arbeit,  die  auf  verschiedenen  Feldern
sich  betätigt,  bringt  verschiedene  Einkünfte  ein.  Eicaedo  sah  die
Ursache  dafür  in  einer  dem  Boden  allein  eigentümlichen  Erscheinung: ­
  dem  sinkenden  Ertrage  und  der  ungleichen  Fruchtbarkeit
der  Felder,  wie  auch  ihrer  ungleichen  Entfernung  vom  Markte.  Die
Landwirtschaft  ist  nun  durchaus  nicht  der  einzige  Bereich,  in  dem
man  eine  ungleiche  Produktivität  des  Kapitals  und  der  Arbeit  feststellen ­
  kann.
Zunächst  befinden  sich  die  Bergwerke,  die  Salinen  und  die

‘)  Marshall,  Principles,  Vorwort  der  1.  Ausg.
2 )  Man  findet  gute  Darstellungen  der  Entwicklung,  die  wir  hier  kurz  darstellen,
in  einem  schon  älteren  Werk:  Versuch  einer  kritischen  Dogmengeschichte ­
  der  Grundrente,  von  Eduard  Bebens  (Leipzig  1868,  399  Seiten),
besonders  aber  in  La  theorie  de  la  rente  et  son  extension  recente  von
Paul  Früzculs  (Montpellier  1908,  318  Seiten)  und  in  den  sehr  interessanten  Aufsätzen ­
  von  Schumpeter:  Das  Eentenprinzip  in  der  Verteilungslehre,  die
in  Schmollbr’s  Jahrbuch  1907,  S.  31  und  591  erschienen  sind.
        <pb n="645" />
        Kapitel  II.  Die  Theorie  der  Bodenrente  nnd  ihre  Anwendungen.  623

Fischereien  —  alle  natürlichen  Güterquellen  —  in  der  gleichen
Lage.  Ihre  Produktivität  ist  nicht  übereinstimmend;  ihre  Fruchtbarkeit, ­
  wenn  man  so  sagen  kann,  bietet  die  gleichen  Unterschiede
dar,  wie  die  der  bewirtschafteten  Felder,  und  ihre  Lage  im  Verhältnis
zum  Markte  zeigt  die  gleiche  Mannigfaltigkeit.  Daher  ergibt  sich
für  alle  Bergwerke,  Salinen  oder  Fischereiunternehmungen,  die  ertragreicher ­
  oder  besser  gelegen  sind,  als  die  wenigst  begünstigten,  eine
differentielle  Rente.  Ricaedo  hatte  schon  hierauf  mit  Bezug  auf  die
Bergwerke  hingewiesen,  und  Stuart  Mill  hat  dasselbe  mit  größerem
Nachdruck  getan 1 ).
Aber  noch  mehr!  Die  Erde  dient  nicht  nur  der  Bodenkultur;  ihre
Oberfläche  dient  auch  als  Standort.  Diese  Dienste  sind  nicht  weniger
wichtig  als  die  anderen,  und  zwischen  den  verschiedenen  Standorten
gibt  es  die  gleichen  Unterschiede,  wie  zwischen  bewirtschafteten
Feldern.  Ihre  kommerzielle  Produktivität,  wenn  man  sich  so  ausdrücken
  will,  ist  verschieden.  „Die  Miete  des  Standortes  eines
Hauses  in  einem  kleinen  Dorfe“,  sagt  Stuart  Mill,  „ist  kaum  größer,
als  die  eines  gleich  großen  Feldstückes,  aber  die  Miete  eines  Standortes ­
  für  ein  Haus  in  Cheapside  (einer  der  verkehrsreichsten  Straßen
Londons)  übersteigt  sie  um  den  ganzen  Betrag,  mit  dem  man  die
größere  Möglichkeit  bewertet,  an  einem  so  belebten  Orte  Geld  zu
verdienen.  „So  wird  der  Wert  dieses  Standortes“,  sagt  der  Schüler
Ricaedo’s,  „von  den  gewöhnlichen  Prinzipien  der  Bodenrente  beherrscht“ ­
  1  2 ).
Warum  sollen  wir  uns  aber  auf  den  Boden  und  seine  Dienste
beschränken?  Auch  in  der  Industrie  treten  die  gleichen  Unterschiede
der  Produktivität  oder  der  Lage  für  das  Kapital  hervor.  Von  einer
Fabrikanlage  zur  anderen  sind  die  Maschinen  mehr  oder  weniger  gut,
die  Gebäude  mehr  oder  weniger  richtig  angelegt,  die  Arbeitsteilung
mehr  oder  weniger  weit  fortgeschritten,  gemäß  der  Menge  des  zur
Verfügung  stehenden  Kapitals;  daher  übersteigt  die  Produktivität
der  ersten  Klasse  die  der  zweiten  und  sichert  ihr  einen  Zusatzgewinn ­
  3 ).  —  Gleicherweise  ist  auch  die  Produktivität  von  einem
1 )  Ricardo,  Principles,  Kap.  III:  Über  die  Bergwerksrente.  Vgl.  Stuart
Mill,  Principles,  B.  III,  Kap.  V,  §  3.
2 )  Stuart  Mill,  ebenda.
3 )  Der  Fall  wurde  1832  von  Hermann  in  seinen  höchst  bemerkenswerten
Staatswissenschaftlichen  Untersuchungen  (München,  1832)  auf  S.  166
angeführt:  „Ein  durchaus  analoger  Fall  (zur  Bodenrente)  tritt  ein,  wenn  in  einem
Land  einige  ausländische  Maschinen  funktionieren,  deren  Vermehrung  schwierig  ist
—  z.  B.  infolge  eines  Ausfuhrverbotes  im  Ursprungslande  (das  war  damals  der
Fall  für  englische  Maschinen).  .  .  .  Nehmen  wir  an,  daß  der  Preis  der  auf  diesen
Maschinen  hergestellten  Produkte  steigt.  Wenn  man  im  Lande  selbst  nur  Maschinen
herstellen  kann,  die  teurer  sind  und  trotzdem  wegen  ihrer  mangelhaften  Kon ­
        <pb n="646" />
        624

Fünftes  Buch.  Die  Lehren  der  neuesten  Zeit.

Arbeiter  zum  anderen  ungleich:  Der  eine  schafft,  ohne  sich  mehr  zu
ermüden,  mehr  als  sein  Nachbar,  und  verdient  mehr.  Es  gibt  also
auch  für  den  Arbeiter  einen  Zuwachsgewinn,  eine  Differentialrente!
—  Aber  nicht  nur  die  Fähigkeiten  der  Arbeiter,  auch  die  der  Unternehmer ­
  sind  verschieden.  Die  „G-eschicklichkeitsrente“  spielt  sogar
eine  wesentliche  Rolle  in  dem  wechselnden  Erfolg  der  Unternehmungen ­
  und  in  den  ungleichen  Einkünften,  die  man  davon  bezieht.
„Die  Zusatzgewinne,  die  ein  Fabrikant  oder  ein  Händler  auf  Grund
seiner  höheren  kaufmännischen  Begabung  erwirbt,  oder  die  in  einer
besseren  Organisation  seines  Unternehmens  begründet  sind,  sind  ihrer
Natur  nach  der  Bodenrente  analog.“  So  drückt  sich  Stuabt  Mill  j )
aus,  indem  er  sich  damit  begnügt,  einen,  wie  wir  wissen,  schon  1836
von  Senior  in  seiner  Political  Economy  dargelegten  Gedanken
wieder  aufzunehmen,  wo  Senior  jeder  „außergewöhnlichen  Entlohnung“
für  „außergewöhnliche  körperliche  oder  geistige  Eigenschaften“  den
Namen  Rente  gab 2 ).
Der  einfache  Hinweis,  dem  wir  bei  Mill  und  bei  Senior  begegnen, ­
  hat  zu  einer  ausführlichen  Theorie  des  Unternehmerprofits
Anlaß  gegeben,  in  der  man  jeden  Profit  als  die  Entlohnung  einer
außergewöhnlichen  Fähigkeit  betrachtet.  Es  ist  die  von  dem  Amerikaner ­
  Francis  Walker  1883  in  seinem  „Grundriß  der  politischen

struktion  weniger  leisten  —,  so  bleiben  die  Preise  höher  als  die  Produktionskosten
auf  den  besseren  Maschinen  (denen  fremder  Herkunft);  so  wird  den  Besitzern  dieser
letzteren  der  Vorteil,  den  ihnen  die  Preiserhöhung  verschafft,  gesichert“.  —  Ebenso
schreibt  Mangoldt  (Die  Lehre  vom  Unternehmergewinn,  Leipzig  1865)  auf
S.  55  wie  folgt:  „Die  Rente  zeigt  sich  am  klarsten  und  ausgedehntesten  auf  dem  von
der  Landwirtschaft  in  Gebrauch  genommenen  Boden;  sie  ist  aber  in  allen  Kapitalien,
die  nicht  vermehrbar  sind,  oder  die  man  nur  durch  andere,  die  teurer  sind,  ersetzen  kann,
oder  die  eine  geringere  Produktivität  aufweisen,  nicht  weniger  sichtbar  usw.“  (nach
dem  franz.  Text,  d.  Übers.).  Ricardo  selbst  hat  vielleicht  an  die  Kapitalrente  gedacht,
als  er  sagte:  „Der  Tauschwert  aller  Produkte,  seien  sie  Manufakturerzeugnisse, ­
  oder  Erzeugnisse  der  Bergwerke  oder  des  Bodens,  wird  stets  nicht  von  der
geringsten  Menge  Arbeit,  die  zu  ihrer  Produktion  notwendig  ist,  geregelt,...  sondern
von  der  größten  Menge  Arbeit,  die  notwendiger  weise  auf  sie  verwendet ­
  werden  muß,  und  zwar  von  denen,  die  fortfahren,  sie  unter  den
schlechtesten  Bedingungen  herzustellen,  worunter  die  Bedingungen  zu  verstehen  sind,
die  man  notgedrungen  annehmen  muß,  um  die  nachgefragte  Menge  des  Produktes  zu
erzeugen“  (Principles,  Kap.  II,  §  27).  —  Doch  sprechen  die  englischen  Schriftsteller
nur  selten  von  der  Kapitalrente,  weil  für  sie  die  Rente  stets,  in  Analogie  mit  dem
Boden,  natürliche  Unterschiede  in  der  Produktivität  voraussetzt,  Unterschiede,  die
nicht  dem  Eingreifen  des  Menschen  unterworfen  sind.
*)  Stuart  Mill,  Principles,  B.  III,  Kap.  X,  §  4.
2 )  „Denn“,  sagt  er:  „es  ist  selbstverständlich  ein  Überschuß  (ein  Differentialgewinn), ­
  da  die  Arbeit  schon  zu  dem  normalen  Lohnsatz  bezahlt  worden  ist,  und
zwar  ein  Überschuß,  der  ein  spontanes  Geschenk  der  Natur  darstellt“  (angeführt  von
Cannan,  Ppoduction  and  Distribution  8.  198).  Vgl.  oben  S.  897.
        <pb n="647" />
        Kapitel  II.  Die  Theorie  der  Bodenrente  und  ihre  Anwendungen.  625

Ökonomie“  niedergelegteu  Theorie,  die  er  später  eingehender  in  dem
Quarter  ly  Journal  of  Economics,  1887,  wieder  aufnahm ­
  ').
Wir  haben  schon  auf  die  Neigung  zu  einem  gewissen  Optimismus ­
  bei  den  Amerikanern  hingewiesen.  Caeey  hat  uns  dafür  ein
Beispiel  geliefert.  Walker  gibt  ein  neues.  Schon  in  seinem  1876
veröffentlichten  Werke,  The  Wages  Question  (die  Lohnfrage)
hatte  Walker  mit  Erfolg  die  für  die  Arbeiter  entmutigende
Theorie  des  Lohnfonds  bekämpft.  An  ihre  Stelle  hatte  er  die
Theorie  gesetzt,  die  den  Lohn,  zum  Teil  wenigstens,  von  der  zu
erhoffenden  Produktivität  des  Unternehmens  abhängen  läßt.  Der
Nachweis,  daß  der  Lohn  möglicherweise  mit  der  wachsenden  Produktivität ­
  der  Industrie  wächst,  genügte  aber  nicht,  um  die  Gemüter  zu
beruhigen.  Auch  wollte  Walker  den  Sozialisten  gegenüber  feststellen, ­
  daß  der  Profit  keineswegs  aus  der  Ausbeutung  der  Arbeiter
stamme,  —  und  die  Rententheorie  schien  ihm  hierfür  ein  ausgezeichnetes ­
  Beweismittel  zu  liefern.
Unter  „Profit“  versteht  Walker  die  besondere  Entlohnung  des
Unternehmers  *  2 )  unter  Ausschluß  der  Zinsen  seines  Kapitals.  Hierin
unterscheidet  er  sich  von  den  meisten  Volks  Wirtschaftlern  englischer
Zunge,  die  trotz  des  auf  dem  Kontinent  angenommenen  Sprachgebrauches ­
  lange  Zeit  dabei  beharrten,  die  verschiedenen  Funktionen
des  Unternehmers  und  des  Kapitalisten  zusammenzuwerfen.  Walker
weigert  sich  auch,  die  Funktion  des  Unternehmers  auf  die  bloße
Tätigkeit  der  Leitung  und  der  Überwachung  zu  beschränken,  aus
der  er  höchstens  auf  ein  Einkommen  Anspruch  machen  könnte,  das
dem  Gehalt  eines  bezahlten  Direktors  entspräche.  Die  Funktion  des
Unternehmers  steht  aber  höher.  Sie  besteht  darin,  alle  industriellen
Schwankungen  vorauszusehen  und  die  Produktion  entsprechend  zu
*)  The  Source  of  business  Profit,  in  dem  Quarterly  Journal  of
Economics,  April  1887.
2 )  Walker  ist  einer  der  ersten  englischen  Schriftsteller,  der  diese  Unterscheidung
gemacht  hat  und  dem  Wort  Profit  seinen  enger  umschriebenen  Sinn  gibt,  indem  er
ihn  einerseits  von  den  Zinsen  und  andererseits  vom  Lohn  unterscheidet  (Wages
Question,  2.  Ausg.,  1891,  S.  230ff.).  Er  trennt  vom  Profit  sogar  den  Lohn  der
Überwachung  und  Leitung,  weil  diese  Überwachungsfunktionen  übertragen  werden
können,  während  die  eigentliche  Funktion  des  Unternehmers  (die  Anpassung  der
Produktion  an  die  Nachfrage)  allein  eine  besondere  Entlohnung  bedingt:  den  Profit.  —
Es  wirkt  erheiternd  und  gibt  ein  klares  Bild  von  der  Isolierung,  in  der  die  Volks-Wirtschaftler
  der  verschiedenen  Länder  voneinander  leben,  wenn  Walker  erklärt,
daß  ihm  kein  Volkswirtschaftler  bekannt  sei,  außer  seinem  Vater,  Amasa  Walker,
üer  vor  ihm  die  Trennung'  der  Funktionen  des  Unternehmers  und  des  Kapitalisten
Torgenommen  habe.  Dabei  hat  schon  J.-B.  Say  ganz  klar  diese  Unterscheidung
aufgestellt,  und  fast  alle  Volkswirtschaftler  des  Kontinents  haben  sie  seit  dem  Anfang
des  19.  Jahrhunderts  gebraucht.
Gide  und  Eist,  Gesoh.  d.  Volkswirtschaft!  Lehrmeinungen.  40
        <pb n="648" />
        626

Fünftes  Buch.  Die  Lehren  der  neuesten  Zeit.

organisieren,  mit  einem  Wort,  in  der  Anpassung  der  Produktion  an
die  Nachfrage.  Der  Unternehmer  ist  der  wirkliche  „Führer“  des  gesellschaftlichen ­
  Fortschrittes 1 ),  der  wahre  „General“  der  Industrie.
Dies  festgestellt,  so  bestehen  zwischen  den  industriellen  Unternehmungen, ­
  sagt  Walkee,  die  gleichen  Einkommensnnterschiede,  wie
zwischen  landwirtschaftlichen  Betrieben.  Die  einen  erzielen  überhaupt ­
  keinen  Profit;  wenn  sie  ihre  Kapitalien  und  Arbeiter  in  normaler ­
  Höhe  entlohnt  haben,  verschaffen  sie  dem  Unternehmer  nur
gerade  genug,  um  ihn  davon  abznhalten,  das  Unternehmen  aufzugeben. ­
  Andere  bringen  ein  wenig  mehr  ein,  und  so  gelangt  man
fast  unmerklich  von  diesen  mittelmäßigen  Unternehmungen  zu  vorteilhafteren ­
  Anlagen  und  zum  Schluß  zu  denen,  die  ihren  Besitzern
ungeheuere  Profite  abwerfen.  Sind  nun  diese  Profite  nicht  von  dem
Lohn  der  Arbeiter  genommen?  Keineswegs.  Oft  sind  die  Löhne
dort  am  höchsten,  wo  der  Profit  am  höchsten  ist.  Woher  kommen
sie  daher,  wenn  man  alles  andere  als  gleich  annimmt?  Sie  beruhen
einzig  und  allein  auf  den  größeren  persönlichen  Fähigkeiten  des
Unternehmers.  Es  sind  dies  „Überschüsse“,  die  in  jeder  Hinsicht
der  Bodenrente  gleichen.  „Unter  einer  Herrschaft  der  freien  und
vollkommenen  Konkurrenz“,  sagt  Walker,  „würde  der  erfolgreiche
Arbeitgeber  eine  Entlohnung  erhalten,  die  genau  an  der  Zusatzmenge
von  Gütern  gemessen  werden  kann,  die  er  mit  einer  gegebenen  Menge
von  Arbeit  und  Kapital  mehr  erzeugt,  als  (mit  der  gleichen  Menge
Kapital  und  Arbeit)  die  Arbeitgeber  der  letzten  Kategorie  erzeugen
können,  —  nämlich  die,  die  überhaupt  keinen  Gewinn  erzielen,  —
genau  wie  die  Bodenrente  den  Mehrertrag  der  besseren  Felder  an
dem  mißt,  was  mit  der  gleichen  Menge  Kapital  und  Arbeit  auf  den
wenigst  produktiven  Feldern  hervorgebracht  wird,  die  zur  Versorgung
des  Marktes  noch  unentbehrlich  sind,  und  die  selbst  keine  Rente
mehr  abwerfen *  2 ).“
Die  Theorie  Walkbr’s  enthält  einen  guten  Teil  Wahrheit,  doch
ist  sie  nicht  so  neu,  wie  er  es  denkt.  Der  Beweis  dafür  liegt  in  den
Ausführungen  Mill’s  und  Senior’s,  von  denen  weiter  oben  gesprochen
wurde.  Auch  könnte  man  hier  mehr  als  einen  Volkswirtschaftler
des  Kontinents  anführen,  von  J.-B.  Say  über  Hermann 3 )  bis  auf
Mangoldt.  Auch  ist  auf  der  anderen  Seite  seine  Lehre  unter  den

*)  Er  faßt  seine  Funktionen  wie  folgt  zusammen;  „Besitz  technischer  Geschicklichkeit, ­
  kaufmännischer  Kenntnisse  und  administrativer  Fähigkeiten,  Übernahme  von
Verantwortlichkeiten,  wachsame  Bereitschaft  gegenüber  allen  Ereignissen,  Formgebung ­
  und  Leitung  der  Produktion,  Organisation  und  Kontrolle  der  ganzen  industriellen ­
  Maschinerie“  (Wages  Question,  S.  245).
2 )  Walker,  Quarterly  Journal  of  Economics,  April  1887,  S.  278.
s )  Hermann,  Untersuchungen,  S.  206;  betreffend  J.-B.  Say,  vgl.  oben  S.  127.
        <pb n="649" />
        Kapitel  II.  Die  Theorie  der  Bodenrente  und  ihre  Anwendungen.  627

neuesten  Volkswirtschaftlern  nicht  vollständig  durch  gedrungen.  Die
meisten  der  zeitgenössischen  Schriftsteller  erkennen  ohne  weiteres  in
dem  Profit  eine  Form  der  Rente  an,  die  teilweise  auf  den  persönlichen ­
  Eigenschaften  des  Unternehmers  beruht,  doch  lehnen  sie  es
ab,  hierin  den  einzigen  Bestandteil  des  Profits  zu  sehen 1 ).  Bald
entdecken  sie  in  ihm,  wie  Maeshall  *  2  3 ),  noch  einen  anderen  Teil,
der  eine  Versicherungsprämie  gegen  das  Risiko  darstellt  und  einen
dritten,  der  bestimmt  ist,  die  zur  geistigen  Bildung  des  Unternehmers ­
  notwendigen  Auslagen  wiederzuerstatten  :1 j.  Bald  verwerfen
sie  mit  Waleas  diese  beiden  letzten  Bestandteile  und  nehmen  an,
daß  im  statischen  Zustand  (nämlich  im  Zustand  des  vollkommenen
Gleichgewichts  der  Produktion)  der  Unternehmer  weder  Gewinn  noch
Verlust  hat.  Die  Quelle  des  Profits  kann  daher  nur  in  den  „dynamischen“ ­
  Renten  liegen,  nämlich  in  denen,  die  sich  aus  der  beständigen
Verschiebung  des  Gleichgewichts  in  einer  fortschreitenden  Gesellschaft ­
  ergeben.  Nur  sind  diese  dynamischen  Renten  äußerst  verschieden ­
  und  hängen  nicht  alle  von  der  persönlichen  Qualifikation
des  Unternehmers  ab.
Andere,  wie  Claek 4 ),  stimmen  mit  Waluas  überein,  daß  der  Profit
aus  Renten  besteht.  Doch  erkennen  sie  neben  den  dynamischen
Renten  die  Existenz  von  Renten  sogar  im  statischen  Zustand  an.  Die
für  Waleas  notwendige  Hypothese  eines  gleichen  Gestehungspreises
für  alle  Unternehmungen  verwerfen  sie  als  zu  weit  von  der  Wirklichkeit ­
  entfernt.  Für  sie  erzielt  nur  der  am  wenigsten  begünstigte
Unternehmer  (oder,  wie  die  Engländer  sagen,  der  Grenzunternehmer,

&amp;gt;)  Pantalboni  (Economia  pura,  Teil  III,  Kap.  IV)  scheint  uns  der  einzige
Schriftsteller  zu  sein,  der  fast  ohne  Einschränkung  die  Theorie  Walkbr’s  annimmt.
2 )  Man  findet  seine  Kritik  Wai.kbr’s  in  dem  Quarterly  Journal  of  Economics, ­
  1887,  S.  479  und  in  seinen  Principles,  4.  Ausg.,  8.  705,  Anm.  Marshall
bleibt  übrigens  dabei,  in  Übereinstimmung  mit  der  englischen  Überlieferung,  den
Kapitalzins  der  dem  Unternehmer  persönlich  gehörenden  Kapitalien  in  den  Profit
einzusohließen.
3 )  Auch  diese  Unterscheidung  wird  von  Pantalboni  gemacht  :  „Der  Profit“,  sagt
er,  „kann  auf  einer  höheren  Geschicklichkeit  beruhen,  die  auf  Grund  eines  eingehenden
Studiums  oder  einer  langen  Vorbereitung  erworben  worden  ist.  In  diesem  Fall  haben
wir  es  weniger  mit  einer  Bentenart,  als  mit  einem  charakteristischen  Profit  zu  tun,
der  sehr  ergiebig  sein  kann,  aber  einem  ganz  verschiedenen  Gesetze  unterliegt,  als
dem,  das  im  allgemeinen  die  Anlage  von  Kapitalien  regelt“  (Economia  Pura,
Teil  III,  Kap.  IV).  Dagegen  lehnt  es  Pantalboni  ab,  im  Profit  eine  Versicherungsprämie ­
  gegen  Risiken  zu  sehen,  weil,  wie  er  sagt,  wenn  die  Prämie  richtig  berechnet
ist,  d.  h.  in  genauer  Proportion  mit  dem  Risiko,  „sie  im  Durchschnitt  nach  Verlauf
einer  gewissen  Anzahl  von  Jahren,  ihr  gleich  sein  muß,  so  daß  die  Nettorente  gleich
Null  wird“  (ebd.).
4 )  Vgl.  Clark,  Distribution  of  wealth  (1899)  und  Essentials  of
seonomic  theory  (1908),  8.  156.

40*
        <pb n="650" />
        628

Fünftes  Buch.  Die  Lehren  der  neuesten  Zeit.

d.  h.  derjenige,  dessen  Produktionskosten  am  höchsten  sind),  weder
Gewinn  noch  Verlust.  Was  die  anderen  anlangt,  so  können  sie,  auch
in  Abwesenheit  jeder  Gleichgewichtsverschiebung,  noch  eine  Reihe
von  Renten  erhalten,  die  auf  all  den  Umständen,  die  wir  oben  aufgezählt ­
  haben,  beruhen:  Mähe  des  Marktes,  vervollkommneteMaschinen,
Zentralisation  der  Kapitalien  usw.  Für  diese  Volkswirtschaft!er  besteht ­
  der  Profit,  nach  dem  Ausdruck  Maeshall’s,  aus  einer  „zusammengesetzten ­
  —  composite“  —  Rente 1 ).
Die  volkswirtschaftliche  Lehre  hat  also  die  Theorie  Walkek’s
nicht  ohne  Vorbehalte  angenommen.  Um  sich  klar  zu  werden,  wie
einseitig  und  übertrieben  sie  ist,  braucht  man  nur  daran  zu  denken,
daß  die  an  Aktionäre  verteilten  Dividenden  vom  Profit  genommen
werden.  Kann  man  sagen,  daß  diese  Dividenden  auf  den  außergewöhnlichen ­
  Fähigkeiten  der  Aktionäre  beruhen *  2  3 )?
Die  Erklärung  des  Profits  ist  die  interessanteste  Ausweitung
der  Rententheorie.  Aber  sie  ist  durchaus  nicht  die  einzige.  Von  der
Lehre  Ricardo’s  ausgehend,  kommt  man  dazu,  ebenso  viele  verschiedene
Renten  zu  entdecken,  wie  es  verschiedenartige  Lageverhältnisse
in  der  wirtschaftlichen  Welt  gibt.  Die  derartig  verallgemeinerte
Rententheorie  ist  der  Hauptschlüssel,  der  alle  individuellen  Verschiedenheiten ­
  der  Einkommen  zu  erklären  gestattet,  „ln  Wirklichkeit“, ­
  sagt  Mill,  „stellen  alle  Vorteile,  die  ein  Konkurrent  über
einen  anderen  hat,  seien  sie  natürlich  oder  erworben 3 ),  seien  sie  persönlich ­
  oder  beruhen  sie  auf  gesellschaftlichen  Bedingungen  ..  .,  den
Besitzer  dieser  Vorteile  sofort  auf  die  gleiche  Stufe,  wie  einen
Rentenempfänger.“  So  führt  die  klassische  Volkswirtschaft  in  die
Theorie  der  Güterverteilung  wieder  ein  wenig  von  der  Mannigfaltigkeit ­
  des  wirklichen  Lebens  ein,  die  sie  durch  ihre  starre  Lehre  von
der  Gleichheit  des  Zinsfußes  und  der  Gleichförmigkeit  der  Lohnhöhe
zu  sehr  aus  ihr  vertrieben  hatte 4 ).  Die  Theorie  der  Rente  wird  eine
*)  Übrigens  kann  der  Unternehmer  gezwungen  sein,  einen  Teil  dieser  zusammengesetzten ­
  Rente,  sei  es  dem  Grundbesitzer,  sei  es  dem  Kapitalbesitzer,  dem  er  seine
Kapitalien  entliehen  hat,  sei  es  den  besonders  geschickten  Arbeitern,  von  denen  er
profitiert,  abzutreten.  Welchen  Teil  aber  nun?  Das  ist  die  schwierige  Frage,  die
Marshall  in  seinen  Principles,  B.  V,  Kap.  X,  §  4,  und  B,  VI,  Kap.  VIII,  §  9ff.
untersucht.
2 )  Walker  würde  vielleicht  antworten,  dafi  Dividenden  einfache  Kapitalzinsen
sind!  Dieser  Auffassung  können  wir  aber  nicht  beistimmen.
3 )  Mill,  Principles,  B.  III,  Kap.  5,  §  4.  Dieses  Wort  „erworben“  (acquis)
steht  nicht  mit  der  reinen  Theorie  über  die  Rente  im  Einklang,  denn  wenn  diese
Vorteile  erworbene  sind,  muß  die  Entlohnung,  die  sie  erhalten,  wie  die  Zinsen  eines
aufgewendeten  Kapitals  betrachtet  werden.
4 )  Mill  sagt:  „Löhne  und  Profite  stellen  die  allgemeinen  Bestandteile  der  Produktion ­
  vor,  während  die  Rente  als  Vertreter  des  differentiellen  oder  besonderen
Bestandteils  betrachtet  werden  kann;  jeder  Unterschied  zugunsten  gewisser  Produ-
        <pb n="651" />
        Kapitel  II.  Die  Theorie  der  Bodenrente  und  ihre  Anwendungen.  629

unentbehrliche  Ergänzung  dieser  Lehre;  sie  vollendet  sie  und  gibt
ihr  ihre  endgültige  Gestalt.  Sie  ist  sozusagen  der  Schlußstein  des
Gewölbes.
b)  Die  Eententheorie  hat  aber  noch  eine  weitere  Veränderung
erlitten.
Wie  wdr  gesehen  haben,  ist  die  Rente  für  Eicaedo  im  wesentlichen ­
  ein  Differentialeinkommen  *  *).  Ihren  Ursprung  verdankt
sie  den  Verschiedenheiten  in  der  Fruchtbarkeit  des  Bodens.
Wenn  alle  Felder  gleichmäßig  fruchtbar  wären,  würde  sie  nicht  bestehen. ­
  Ebenso  haben  alle  anderen  seitdem  entdeckten  Renten  denselben ­
  Charakter:  ob  es  sich  um  ein  Stück  Bauland  oder  einen
kräftigeren  Arbeiter  oder  einen  intelligenteren  Unternehmer  handelt,
stets  ist  es  ein  natürlicher  Unterschied,  der  die  Rente  erklärt. ­
  Alle  diese  Renten  sind  von  gleichem  Typus.  In  gewisser
Weise  kann  man  die  Unternehmer,  die  die  gleiche  Ware  hersteilen,
die  Arbeiter,  die  denselben  Beruf  ausüben,  die  Kapitalien,  die  in  dem
gleichen  Geschäftszweige  angelegt  sind,  in  eine  Skala  sinkender  Produktivität ­
  einstellen,  so  wie  es  Ricaedo  mit  den  verschiedenen
Feldern  getan  hatte.  Der  letzte  Unternehmer,  der  letzte  Arbeiter,
das  letzte  Kapital  der  Skala  bringen  nur  gerade  genügend  hervor,
um  sie  noch  in  Tätigkeit  zu  erhalten.  Alle  anderen  erzeugen  mehr.
Da  sie  trotzdem  ihre  Waren  oder  ihre  Dienste  zu  dem  gleichen
Preise  verkaufen,  gewinnen  sie  aber  eine  Rente,  die  um  so  höher  ist,
je  mehr  ihre  Produktivität  die  des  letzten  der  Skala  übersteigt.
Bei  Einschluß  der  ganzen  wirtschaftlichen  Welt  würde  es  eine  Art
«Gesetz  ungleicher  Fruchtbarkeit -1  geben,  nicht  nur  für  die  Felder,
sondern  auch  für  die  Kapitalien  und  die  individuellen  Fähigkeiten,
—-  ein  Gesetz,  das  genügen  würde,  um  alle  Ungleichheiten  im  Einkommen ­
  der  Produktionsfaktoren  zu  erklären.
Liegt  aber  in  dieser  Auffassung  nicht  etwas  außerordentlich  gekünsteltes? ­
  Lassen  sich  die  Verschiedenheiten  des  Einkommens
nicht  durch  ein  einfacheres,  allgemeineres  Prinzip  erklären?  Wäre
es  nicht  möglich,  sich  unmittelbar  darüber  Rechenschaft  zu  verschaffen? ­
  —  Ist  es  nötig,  in  einem  so  allgemeinen  Phänomen  eine
Ausnahme  und  eine  Art  Anomalie  zu  sehen?  Es  konnte  nicht  auszenten ­

  oder  zugunsten  der  Produktion  ist  unter  gewissen  Umständen  eine  Quelle
T °n  Gewinn,  der,  auch  wenn  er  nicht  den  Namen  Rente  trägt  —  solange  seine  Auszahlung ­
  nicht  periodisch  erfolgt  —,  von  völlig  gleichen  Gesetzen  regiert  wird“
(Stuart  Mill,  Principles,  B.  III,  Kap.  VI,  §  4).
*)  „Man  muß  sich  erinnern,  daß  die  Rente  der  Unterschied  zwischen  dem
durch  gleiche  Teile  Arbeit  und  Kapital  erhaltenen  Produkt  auf  Feldern  gleicher
oder  verschiedener  Qualität  ist“  (Ricardo,  Principles,  Kap.  IX,  §  66.  —  Vgl.
oben  SS.  170-171).
        <pb n="652" />
        630

Fünftes  Buch.  Die  Lehren  der  neuesten  Zeit.

bleiben,  daß  man  sich  diese  Fragen  stellte  und  es  dauerte  nicht  lange,
bis  man  die  Antwort  gefunden  hatte.
Der  erste  Zweifel  stieg  auf,  als  man  benierkte,  daß  der  Boden
sehr  wohl  eine  Rente  liefern  kann,  auch  ohne  daß  irgend  eine
Ungleichheit  in  der  Fruchtbarkeit  bestände.  „Wenn  der
ganze  Boden  eines  Landes  für  die  landwirtschaftliche  Bewirtschaftung
benötigt  wäre,“  sagt  schon  Stuaex  Mill 1 ),  „so  wurde  seine  Gesamtheit ­
  eine  Rente  abwerfen.“  Man  braucht  hierfür  nur  anzunehmen,
daß  die  Nachfrage  genügend  stark  und  die  Produktion  genügend  beschränkt ­
  sei,  um  den  Getreidepreis  über  den  Produktionskosten  zu
halten *  2  3 ).  Auch  wenn  die  Fruchtbarkeit  ungleich  ist,  so  kann  doch
das  schlechteste  Feld  noch  eine  Rente  abwerfen.  Stuaex  Mill
glaubt,  daß  dieser  Fall  für  die  Felder  ziemlich  selten,  aber  für  die
Bergwerke  ziemlich  häufig  eintritt 8 ).  Woher  kommt  nun  hier  die
Rente?  Sicherlich  nicht  von  dem  Unterschied  in  der  Fruchtbarkeit
der-  Felder,  da  diese  Rente  auch  auf  dem  schlechtesten  zum  Vorschein
kommt.  Die  Ursache  der  Rente  liegt  also  wo  anders.  Stuaex  Mill
hat  dies  sehr  gut  gesehen:  „Das  Produkt  hat  in  Wirklichkeit  einen  •
Seltenheitswert 4  *  *  * ).“

')  Mill,  Principles,  B.  II,  Rap.  XVI,  §  2.
2 )  Schon  Eicardo  hatte  nebenbei  diese  Hypothese  aufgestellt  und  gesagt:  „Nehmen
wir  an,  daß  die  Notwendigkeit  der  Lage  eine  Million  Zentner  Getreide  erfordert,
und  daß  diese  Million  Zentner  auf  der  Jetzt  unter  Kultur  stehenden  Fläche  geerntet
sei;  nehmen  wir  weiter  an,  daß  die  Fruchtbarkeit  dieser  Fläche  sieh  so  verändere,
daß  sie  nur  noch  900000  Zentner  hervorbringt:  da  die  Nachfrage  immer  noch
eine  Million  Zentner  beträgt,  so  wird  der  Getreidepreis  steigen,
und  man  wird  so  den  Augenblick  vorwegnehmen,  an  dem  man
schlechtere  Felder  urbar  gemacht  haben  würde,  wenn  die  Fruchtbarkeit ­
  des  alten  Bodens  auf  demselben  Punkte  stehen  geblieben
wäre“  (Ricardo,  franz.  Übers.  S.  377).  Übrigens  scheint  Eicardo  am  Ende  seines
Lebens  mehr  zu  einer  Auffassung  geneigt  zu  haben,  die  der  J.-B.  Say’s  nahe  kommt.
Vgl.  bei  Früzouls  (op.  cit.  S.  21;  s.  o.  S.  622  Anm.  2)  merkwürdige  Zitate.
3 )  „Sicherlich  kann  in  gewissen  Fällen  eine  Ware  eine  Rente  abwerfen,  sogar
wenn  sie  unter  den  ungünstigsten  Umständen  hergestellt  worden  ist,  aber  nur,  wenn
sie  sich  in  diesem  Augenblick  in  der  Lage  eines  Gutes  befindet,  dessen  Angebot
absolut  beschränkt  ist,  und  das  sich  infolgedessen  zu  einem  Seltenheitspreise  verkauft;
dies  ist  niemals  der  Fall  gewesen,  ist  es  auch  heute  nicht  und  kann  auch  niemals
irgendwie  andauernd  der  Fall  irgendeiner  der  großen  Waren  sein,  die  eine  Eente
geben“  (Mill,  Principles,  B.  II,  Kap.  V,  §4).  Über  die  Bergwerke  siehe  dasselbe
Kapitel,  §  3.
4 )  Ebenda;  Hier  vergleicht  Stuart  Mill  die  Eente  mit  einem  Monopoleinkommen.
„Eine  Sache,“  sagt  er  (B.  II,  Kap.  XVI,  §  2),  „deren  Menge  begrenzt  ist,  ist,  auch
wenn  die  Eigentümer  nicht  in  Übereinstimmung  handeln,  trotz  alledem  ein  Monopol.“
Obgleich  dieser  Ausdruck  von  vielen  Schriftstellern  aufgenommen  worden  ist,  kann
er  doch  bestritten  werden.  Das,  was  das  Monopol  charakterisiert,  besteht  darin,  daß
der  oder  die  Monopolisten  im  voraus  die  Menge  des  Produktes,  daß  sie  auf  dem
Markt  anbieten  werden,  festsetzen,  und  zwar  in  der  Weise,  um  den  größtmöglichen
        <pb n="653" />
        Kapitel  II.  Die  Theorie  der  Bodenrente  und  ihre  Anwendungen.  631

Wenn  aber  dies  die  Erklärung  der  Rente  ist,  insofern  sie  auf
dem  letzten  in  Anbau  genommenen  Felde  erscheint  —,  warum  soll
die  Erklärung  anders  lauten,  wenn  es  sich  um  die  Rente  besserer
Felder  bandelt?  Man  versteht  nicht  recht,  weshalb  Stuart  Mill
diese  Folgerung  nicht  gezogen  hat.
Wie  erklärt  er  selbst  das  Entstehen  der  Rente  auf  dem  Felde
Nr.  1?  Da  die  Erzeugung  für  die  Nachfrage  nicht  genügt,  sagt  er,
steigen  die  Preise,  und  nur  wenn  sie  eine  genügende  Höhe
erreicht  haben,  um  in  normaler  Weise  das  Kapital  und  die  Arbeit,
die  in  die  neuen  Felder  gesteckt  worden  sind,  zu  entlohnen,  wird
man  Felder  zweiter  Qualität  in  Bewirtschaftung  nehmen 1 ).
Was  ist  nun  hier  die  Ursache  der  Rente?  Sie  beruht  offenbar
auf  dem  Steigen  der  Nachfrage  und  nicht  auf  der  Inangriffnahme
des  Anbaues  auf  den  Feldern  Nr.  2,  da  diese  Inangriffnahme  nach
der  Preiserhöhung  eintritt 2 ).  Und  weiter!  Die  Wirkung  dieser  neuen
Bewirtschaftung  wird  nicht  darin  bestehen,  die  Bildung  der  Rente  hervorzurufen, ­
  sondern  im  Gegenteil  ihr  entgegen  zu  wirken—,  indem
sie  dem  weiteren  Steigen  der  Preise  Einhalt  tut,  weil  dieser  Steigerung
durch  die  Vermehrung  der  auf  dem  Markt  befindlichen  Menge  Grenzen
gezogen  werden.  Die  Rente  von  den  Feldern  Nr.  1  ist  daher  eine
Seltenheitsrente,  die  unmittelbar  auf  dem  Steigen  der  Nachfrage  beruht ­
  und  von  jeder  Verschiedenheit  in  der  Güte  der  Felder  unabhängig
ist.  Die  wirkliche  Ursache  der  Rente  auf  allen  Feldern  (auf  denen  der
besten  wie  der  schlechtesten  Beschaffenheit)  ist  daher  stets  dieselbe:
die  Unzulänglichkeit  des  Angebots  im  Verhältnis  zur  Nachfrage.
Der  gleiche  Gedankengang  läßt  sich  auf  alle  anderen  Differentialrenten ­
  anwenden,  die  in  dem  vorhergehenden  Paragraphen  aufgeführt
Totalgewinn  zu  erzielen.  Das  ist  nicht  der  Fall  für  die  Besitzer  des  Grund  und
Bodens.  Wenn  es  ein  Monopol  ist,  so  ist  es  auf  alle  Fälle  ein  unvollständiges  Monopol.
Stüaht  Mill,  Principles,  B.  III,  Kap.  V,  §  1.
2 )  Dieses  Argument  führt  schon  J.-B.  Say  in  seiner  Polemik  gegen  Eicaedo
an.  Er  sagt:  „Wer  sieht  nicht  ein:  wenn  das  Anwachsen  der  gesellschaftlichen
Bedürfnisse  den  Getreidepreis  auf  eine  Höhe  treibt,  die  es  gestattet,  die  schlechtesten
Beider  in  Bewirtschaftung  zu  nehmen,  vorausgesetzt  man  kann  auf  ihnen  den  Lohn
seiner  Arbeit  und  den  Profit  seines  Kapitales  finden,  erst  dies  Anwachsen  der
gesellschaftlichen  Bedürfnisse  und  der  Preis,  den  die  Gesellschaft  zu  zahlen  imstande
ist,  um  Getreide  zu  erlangen,  es  ermöglichen,  einen  Grund-  und  Bodenprofit  auf  den
besseren  oder  günstiger  gelegenen  Feldern  zu  finden?“  (Traite,  6.  Ausg.  S.  410).
Er  fährt  fort,  indem  er  sagt;  „D.  Ricardo  zeigt  in  demselben  Kapitel  sehr  gut,
daß  der  Grund-  und  Bodenprofit  nicht  die  Ursache,  sondern  die  Wirkung  des
Bedürfnisses  ist,  das  für  Getreide  besteht;  und  die  Gründe,  die  er  anführt,  können
dazu  dienen,  um  gegen  ihn  zu  beweisen,  daß  die  anderen  Produktionskosten,  besonders
die  Arbeitslöhne,  ebensowenig  die  Ursache,  sondern  die  Wirkung  des  Marktpreises
der  Produkte  sind“.  —  Ricardo  scheint  nahe  daran  gewesen  zu  sein,  sich  überzeugen
zu  lassen.  Siehe  vorhergehende  Seite,  Anm.  2.
        <pb n="654" />
        632

Fünftes  Buch.  Die  Lehren  der  neuesten  Zeit.

worden  sind,  —  womit  sich  dann  die  Schlußfolgerung  aufdrängt,  daß
die  Eente  unter  allen  ihren  Formen  nicht  eine  Anomalie,  sondern
eine  durchaus  normale  Folge  der  allgemeinen  Wertgesetze  ist.  Überall
dort,  wo  aus  irgendeinem  Grunde  dwPi'oiti  ein»»  Produkt»  einen
Seltenheitswert  erlangt  und  die  Produktionskosten  übersteigt  (diese
Gründe  können  zahlreich  sein),  ergibt  sich  für  den  Verkäufer  dieses
Produktes  eine  Eente.  Dies  ist  die  allgemeine  Formel,  zu  der  man
auf  diese  Weise  geführt  wird,  eine  Formel,  die  von  dem  Gesetz  des
sinkenden  Ertrages  oder  der  ungleichmäßigen  Fruchtbarkeit  der  Felder
durchaus  unabhängig  ist 1 ).
Zu  dieser  Folgerung  ist  man  jedoch  nicht  so  ohne  weiteres  gelangt. ­
  Die  englische  Volkswirtschaftslehre,  die  ganz  von  den  Ideen
Eicakdo’s  durchtränkt  ist,  hängt  auch  heute  noch  an  der  Auffassung
der  Differentialrente.  Die  festländischen  Volkswirtschaftler  haben  im
Gegenteil  in  der  Eente  sehr  bald  eine  einfache  Anwendung  des
Gesetzes  von  Angebot  und  Nachfrage  erkannt.  Schon  J.-B.  Say  erklärte. ­
  die  Grundrente  durch  „die  Ausdehnung  der  Bedürfnisse  der
Gesellschaft  und  den  Preis,  den  sie  imstande  ist,  für  das  Getreide
zu  zahlen *  2  3  *  *  * ).  Mit  viel  größerer  Genauigkeit  legte  ein  deutscher  Volkswirtschaftler, ­
  Hermann,  Professsor  in  München,  in  seinen  selbständigen
und  scharfsinnigen  Staats  wir  tschaftlichen  Untersuchungen,
die  1832  veröffentlicht  wurden,  die  Bodenrente  als  einen  einfachen
Sonderfall  der  Eente  fixer  Kapitalien  dar.  Während  die  umlaufenden
Kapitalien,  so  erklärte  er,  infolge  der  Leichtigkeit  ihrer  Übertragung
fast  stets  das  gleiche  Einkommensniveau  haben,  können  die  fixen
Kapitalien  weder  so  schnell  an  anderer  Stelle  angelegt,  noch  auch
so  schnell  vermehrt  werden.  Daraus  ergibt  sich  sehr  oft  für  sie
ein  Einkommen,  das  höher  ist,  als  das  der  umlaufenden  Kapitalien:
eine  Eente.  Und  anstatt  vorübergehend  zu  sein,  kann  ihnen  diese
Eente  dauernd  verbleiben,  wenn  die  neuen  fixen  Kapitalien,  die  mit
den  ersten  in  Konkurrenz  treten,  nicht  die  gleiche  Produktivität
haben.  Dies  tritt  nun  gerade  für  Felder  ein 8 ).  —  Etwas  später
definierte  ein  anderer  Deutscher,  Mangoldt,  die  Eente  als  eine
„Seltenheitsprämie“,  von  der  „nicht  alle  Bestandteile  der  Produktion,

■)  Die  Theorie  des  wirtschaftlichen  Gleichgewichts  gestattet  noch  besser,  die
Allgemeinheit  der  Tatsache  der  Bodenrente  hervortreten  zu  lassen.  Wir  verweisen
hierüber  auf  den  Cours  von  Paketo  und  das  Werk  von  Sehsi,  La  teoria  della
rendita,  ßom,  1912.
2 )  Vgl.  vorhergehende  Seite  Anm.  2.
3 )  Hekmann,  Staats  wissenschaftliche  Untersuchungen.  6.  Teil.
Vom  Gewinn.  Im  Vorwort  sagt  er  schon:  „Die  Lehre  von  der  Bodenrente  konnte
hier  nur  ein  Einzelfall  in  der  Darlegung  des  Gesetzes  sein,  dem  der  Gewinn  aus
einem  fest  angelegten  Kapital  im  allgemeinen  folgt“.
        <pb n="655" />
        Kapitel  II.  Die  Theorie  der  Bodenrente  und  ihre  Anwendungen.  633
sondern  nur  die,  die  man  nicht  vermehren  kann“  Gewinn  haben.  Wenn
nns  die  Rente  oft  unter  einem  Differentialcharakter  erscheint,  so
beruht  dies  einfach  darauf,  daß  die  Seltenheit  oft  relativ  ist  und
vermindert  werden  kann,  indem  man  an  Stelle  des  Seltenheitsfaktors
der  Produktion  andere  setzt,  die  einen  geringeren  Ertrag  geben 1 ).
Ebenso  weist  Schäfflb  1867  in  einem  teilweise  der  Rente  gewidmeten
Werke *  2 )  mit  Nachdruck  auf  den  Gedanken  hin,  daß  der  Boden  eine
Rente  abwirft,  nicht  weil  er  ein  Geschenk  der  Natur  ist,  sondern
einfach  deshalb,  weil  der  Boden  unbeweglich  ist  und  infolgedessen
keine  Ortsveränderung  oder  Vermehrung  gestattet,  wie  die  anderen
Kapitalien.  —  Als  endlich  Kahl  Mengee  1872  in  seinen  Grundsätzen ­
  der  Volkswirtschaftslehre  den  Grund  der  modernen
Wertlehre  legte,  beeilte  er  sich,  die  Theorie  der  Rente  in  die
allgemeine  Preistheorie  einzubeziehen,  indem  er  kathegorisch  behauptete: ­
  „Die  Bodenbenutzungen  stehen  demnach  rücksichtlich  ihres
Wertes  unter  keinen  anderen  allgemeinen  Gesetzen  als  z.  B.  die
Nutzungen  von  Maschinen,  Werkzeugen,  Wohnhäusern,  Fabriken,  ja
als  alle  übrigen  ökonomischen  Güter,  welcher  Art  sie  auch  immer
sein  mögen“ 3 ).
Den  einzigen  Unterschied,  den  die  heutigen  Nationalökonomen
zwischen  den  so  verstandenen  Renten  anerkennen,  ist  ihre  mehr  oder
weniger  lange  Dauer.  Die  einen,  wie  die  von  einer  Maschine  höherer
Qualität  gelieferten,  verschwinden  sehr  schnell,  da  man  mit  Leichtigkeit ­
  neue,  konkurrierende  Maschinen  herstellen  kann;  andere  bleiben
im  Gegenteil  während  einer  langen  Zeit  an  das  gleiche  produktive
Element  gebunden:  es  sind  dies  alle  die,  die  auf  natürliche  Qualitäten,
sei  es  des  Boden,  sei  es  des  Menschen  beruhen.  Um  die  Ausdrucks-*)

  Mangoldt  ,  Die  Lehre  vom  Unternehmergewinu  (Leipzig  1855)
S.  109  ff.
2 )  ,  Schaufele,  Die  nationalökonomische  Theorie  der  ausschließenden. ­
  Absatz  Verhältnisse,  Tübingen,  1867.  In  diesem  Werk  bemüht  sich
Schaufele  eine  Rechtfertigung  der  Renten  im  allgemeinen  und  der  Bodenrente  im
besonderen  zu  erbringen.  Er  sieht  in  den  Renten  Prämien,  die  der  erhält,  der
seine  persönlichen  Fähigkeiten  oder  seine  Kapitalien  oder  seinen  Boden  in  einer
besonders  nutzbringenden  Art  und  Weise  zu  verwenden  weiß.  Die  Rente  ist  ein
Lockbissen,  die  Quelle  allen  Fortschrittes  und  aller  wirtschaftlichen  Tätigkeit,  eine
Art  natürliches  Urheberrecht,  das  die  Gesellschaft  ganz  spontan  denen  zuerkenut,  die
es  verstehen,  ihr  zu  dienen,  das  aber  die  Konkurrenz  dann  wieder  zur  rechten  Zeit
beseitigt.  Auch  die  Bodenrente  wird  durch  diesen  Charakterzug  gerechtfertigt,
ausgenommen,  wo  sie  durch  die  Gesetzgebung  verfälscht  oder  zu  einem  Mißbrauch
verkehrt  worden  ist.  —  Diese  Verteidigungsrede  zugunsten  der  Rente  ist  sehr
Interessant  und  die,  die  in  der  Bodenrente  nur  ein  „unearned  in  crem  ent“
sehen,  würden  gut  tun,  über  diese  wirtschaftliche  Funktion  des  nicht  erworbenen
Einkommens  naohzudenken.
3 )  Mengeh,  Grundsätze  der  Volkswirtschaftslehre,  S.  148.
        <pb n="656" />
        634

Fünftes  Buch.  Die  Lehren  der  neuesten  Zeit.

weise  Paeeto’s  anzuwenden  v ).  sind  die  von  einem  bestimmten  Kapital
gelieferten  Renten  mehr  oder  weniger  dauerhaft  je  nachdem  die  Ersparnisse ­
  sich  mehr  oder  weniger  leicht  in  ein  solches
Kapital  verwandeln  lassen.  In  der  Zusammenfassung  seiner  scharfsinnigen ­
  Erklärungen  über  den  vorliegenden  Gegenstand  erklärt
Maeshall:  „Wenn  wir  von  den  freien  Geschenken  der  Natur  zu  den
ständigen  Meliorationen  des  Bodens,  von  da  zu  weniger  dauerhaften
Verbesserungen,  und  von  diesen  wieder  zu  landwirtschaftlichen  oder
Fabrikgebäuden,  zu  Dampfmaschinen  usw.  und  endlich  zu  weniger
dauerhaften  Instrumenten,  die  sich  am  schnellsten  wieder  herstellen
lassen,  übergehen,  so  finden  wir  eine  fortlaufende  Skala  (von  Renten)“ 2 ).
Und,  so  können  wir  anfügen,  die  Skala  läuft  bis  zu  dem  Punkte
fort,  wo  die  Rente  negativ  wird,  nämlich  bis  zu  dem  Punkt,  an
dem  die  Bedingungen  des  Angebots  und  der  Nachfrage,  nachdem
sie  einen  Zusatzgewinn  gestattet  haben,  das  Einkommen  aus  dem
Produktivmittel  unter  die  normale  Höhe  drücken.  Thünen  hatte
schon  die  negative  Rente  aufgezeigt,  und  Paebto  hat  diesen  Begriff
wieder  aufgenommen.
Für  die  modernen  Schriftsteller  ergeben  sich  daher  die  Renten
einfach  aus  den  Gesetzen  des  Angebots  und  der  Nachfrage.  Hierdurch ­
  gewinnt  der  Begriff  der  Rente  seine  ganze  Allgemeinheit.  Zu
gleicher  Zeit  hört  er  auf,  eine  Merkwürdigkeit  oder  eine  Anomalie
zu  sein.  Das  angebliche  Gesetz  des  sinkenden  Ertrages  verliert  derart

‘)  „Die  Summe,  die  man  für  den  Gebrauch  des  Bodens  zahlt,  unterscheidet
sich  in  nichts  von  der  Summe,  die  man  für  den  Gebrauch  jedes  anderen  Kapitals
zahlt,  z.  B.  den  einer  Maschine.  Wenn  man  den  Boden  —  oder  die  Maschine  —  im
gleichen  Zustand,  wie  man  sie  erhalten  hat,  zurückgibt,  so  zahlt  man  noch  etwas
dazu,  einfach  deshalb,  weil  diese  Kapitalien  wirtschaftlich  selten  sind,  d.  h.
weil  sie  in  unserer  Eeichweite  nicht  in  einer  Menge  vorhanden  sind,  die  die  übersteigt, ­
  deren  wir  bedürfen.  Was  den  Boden  von  der  Maschine  unterscheidet,  ist,
daß  das  Gesparte  sich  leicht  in  neue  Maschinen  umwandeln  läßt,  während  es  sich
gewöhnlich  nicht  in  neuen  Boden  verwandeln  kann,  oder  wenigstens  kann  diese
Umwandlung  nur  zu  Preisen  geschehen,  die  sie  wirtschaftlich  unmöglich  machen.“
Pabeto,  Cours  d’economie  politique,  B.  II,  §  759).  —  In  analogen  Ausdrücken ­
  sagt  Marshai.l  ;  „Der  Unterschied  zwischen  der  Bodenrente  und  den
Quasi-Eenten  anderer  Gegenstände  (Marshall  nennt  Quasi-Eenten  die  Einkommen, ­
  die  der  Bodenrente  ähnlich  sind,  aber  nicht  aus  Naturquellen  fließen)
beruht  auf  der  Tatsache,  daß  der  Mietspreis  der  anderen  Gegenstände,  unter  gewöhnlichen ­
  Umständen  und  auf  die  Dauer,  die  normalen  Profite,  die  sich  über  die
Produktionskosten  hinaus  ergeben,  nicht  weit  übersteigen  kann,  während  das
Angebot  an  fruchtbarem  Boden  sich  der  Nachfrage  nach  solchem  Boden  nicht  schnell
genug  anzupassen  vermag;  deshalb  vermag  das  Einkommen,  das  daraus  gezogen
werden  kann,  ständig  die  normalen  Profite,  die  sich  über  die  Ausgaben  für  die
Vorbereitung  des  Bodens  auf  die  Kultur  ergeben,  weit  zu  übersteigen“  (Principles,
B.  V,  Kap.  IX,  §  4).
*)  Maeshall,  Principles,  B.  V,  Kap.  IX,  §  5.
        <pb n="657" />
        Kapitel  II,  Die  Theorie  der  Bodenrente  und  ihre  Anwendungen,  635.
viel  von  seiner  wirtschaftlichen  Bedeutung,  und  die  Theorie  Eicardo’s,
die  sich  darauf  stützt,  erscheint  stark  bedroht.  Nachdem  sie  mehr
als  irgendeine  andere  die  volkswirtschaftliche  Polemik  angefacht
hatte,  scheint  diese  Theorie  nahe  daran  zu  sein,  mit  der  klassischen
■Werttheorie  unter  die  Doktrinen  eingereiht  zu  werden,  mit  denen
sich  wohl  der  Historiker  noch  beschäftigt,  von  denen  aber  der  Volks-Wirtschaftler
  keinen  Gebrauch  mehr  macht 1 ).
§  2.  Der  Begriff  des  „unearned  increment’s“  und  die
Wegsteuerung  der  Rente.
Ricardo  scheint  nicht  geahnt  zu  haben,  mit  wie  großen  Gefahren
seine  Rententheorie  das  Grundeigentum  bedrohte.  Es  genügte  ihm,  aus
ihr  Argumente  gegen  die  Getreidezölle  zu  ziehen.  Er  gibt  sich  ebenso
wenig  damit  ab,  das  Einkommen  aus  Boden,  wie  das  aus  Kapital  zu
rechtfertigen.  Beide  erscheinen  ihm  als  untrennbar  vom  Eigentum.
Aber  andere  Schriftsteller  waren  anspruchsvoller.  Trotz  aller
gegenteiligen  Beweise,  die  die  Wirklichkeit  liefert,  ist  es  eine  tief
in  den  Gemütern  wurzelnde  moralische  Idee,  daß  alles  Einkommen
sich  durch  eine  persönliche  Anstrengung  des  Nutznießers  rechtfertigen
muß.  Die  Bodenrente  nun,  so  wie  sie  in  der  Theorie  Eicaedo’s  erscheint, ­
  ist  vor  allen  anderen  ein  Einkommen  ohne  Arbeit,  ein  nicht
erworbenes  Einkommen,  ein  „unearned  increment“.  Daher  ist  die
*)  Wenn  es  der  Baum  gestattete,  würde  hier  der  Platz  sein,  auf  die  letzte
Erscheinungsform  einzugehen  die  die  Idee  der  Rente  in  dem  Werke  des  amerikanischen ­
  Volkswirtschaftlers  Clark,  Distribution  of  wealth  (1899)  angenommen
hat.  In  diesem  Buche,  dessen  Verfasser  einen  berechtigen  Ruf  genießt,  werden
nacheinander  alle  Einkommen  als  Renten  hingestellt.  Und  in  der  Tat,  wenn  wir
das  Kapital  einer  Gesellschaft  als  gegeben  annehmen  und  aufeinanderfolgende  und
immer  zahlreichere  Dosen  Arbeit  hinzufügen,  so  wird  eine  jede  neue  Dosis  Arbeit
etwas  weniger  als  die  vorhergehende  produzieren.  Die  Produktivität  der  letzten
Dosis  regelt  jedoch  die  Entlohnung  aller  vorhergehenden,  und  es  wird  sich  daher
ein  Überschuß  an  erzeugtem  Wert  heraussteilen,  der  die  Produktivität  des  Kapitals
darstellt  und  durchaus  einer  Rente  gleich  sein  wird.  —  Nehmen  wir  nun  im  Gegenteil ­
  die  Arbeitsmenge  als  gegeben  an,  und  fügen  wir  aufeinander  folgende  Dosen
Kapital  hinzu:  diese  werden  ihrerseits  eine  sinkende  Produktivität  zeigen,  und  da
die  Entlohnung  einer  jeder  Dosis  gleich  der  Produktivität  der  letzten  zugefügten
Dosis  ist  —  so  wird  der  ganze  Überfluß  als  eine  der  Arbeit  zustehende  Rente  anzusehen ­
  sein.  Und  so  fort.  Das  Buch  enthält  höchst  geistreiche  Konstruktionen,  die
sich  aber  nicht  in  einer  Anmerkung  behandeln  lassen.  Unserer  Meinung  nach  wird
die  Theorie  des  wirtschaftlichen  Gleichgewichts  den  Tatsachen  der  Güterverteilung
auf  einfachere  Weise  gerecht,  und  der  gewisse  Optimismus,  zu  dem  die  Theorie
Clahk’s  gelangt,  scheint  uns  nicht  genügend  gerechtfertigt.  Seine  Bemühung,  die
Idee  der  Randproduktivität  und  die  des  sinkenden  Bodenertrags  zu  vereinigen,  ist
ein  neuer  Beweis  des  andauernden  Einflusses,  den  die  Ideen  Rioahdo’s  auf  die
angelsächsischen  Volkswirtsohaftler  ausüben.
        <pb n="658" />
        636

Fünftes  Buch.  Die  Lehren  der  neuesten  Zeit.

Bodenrente  illegitim.  Dies  ist  der  Schluß,  den  man  sehr  bald  aus
den  Prämissen  Ricaedo’s  gezogen  hat.
Diese  Schlußfolgerung  mußte  sich  auch  um  so  natürlicher  aufdrängen, ­
  da  sie  in  einer  sehr  alten  Auffassung,  die  schon  aus  der
Zeit  vor  Ricardo  stammt,  eine  Stütze  fand:  die  Idee  der  Ungerechtigkeit ­
  nicht  nur  des  aus  dem  Grundbesitz  stammenden  Einkommens,
sondern  des  Grundbesitzes  an  und  für  sich.  Das  bewegliche  Eigentum
ist  eine  persönliche  Schöpfung  des  Menschen,  eine  Frucht  der  Sparsamkeit ­
  und  der  Arbeit,  wenn  auch  nicht  nicht  immer  des  gegenwärtigen, ­
  so  doch  zum  wenigsten  eines  früheren  Besitzers.  Aber  der
Boden!  Ist  er  nicht  eine  Gabe  der  Natur,  ein  freies  Geschenk  der
Vorsehung,  das  allen  ohne  Ausnahme  dargeboten  wird?  Man  kennt
den  berühmten  Ausruf  Peoudhon’s;  „Wer  hat  die  Erde  gemacht?  —
Gott.  —  Daher,  fort  mit  Dir,  Besitzer!“  *)  Für  diese  ursprüngliche
und  sehr  alte  Auffassung  hat  Ricardo  wider  Willen  einen  neuen
Beweis  geliefert.
Der  Gedanke  eines  natürlichen  Anrechtes  der  Gemeinschaft  auf
den  Boden  lebt  in  allen  Ländern.  Doch  hat  er  in  England  zahlreichere ­
  Anhänger  als  in  anderen  Ländern  gehabt,  vielleicht  infolge
der  dort  bestehenden  Vorherrschaft  des  Großgrundbesitzes  und  der
Mißbräuche,  zu  denen  dies  Anlaß  gab.  Dieser  Gedanke  hat  seine
Wurzeln  sogar  in  den  juristischen  Überlieferungen  der  Nation.
„Unsere  Gesetze“,  sagt  der  Rechtsgelehrte  Feedeeic  Pollock  ä )
„kennen  als  absolutes  Grundeigentumsrecht  nur  das  der  Krone.  Der
ganze  Boden  wird  so  angesehen,  als  ob  er  mittelbar  oder  unmittelbar
von  der  Krone  zu  Lehen  gegeben  worden  wäre,  auch  dort,  wo  keine
Abgabe  oder  Dienstleistung  darauf  ruht,  und  ohne  daß  die  Archive
irgendeinen  von  der  Krone  ausgestellten  Ubertragungstitel  enthalten“.
Schon  im  17.  Jahrhundert  behauptete  Locke  in  seinem  kleinen  Buch
„On  civil  government“,  daß  „Gott  die  Erde  den  Menschenkindern
zum  gemeinsamen  Besitz  gegeben  habe“.
Seit  dem  Ende  des  18.  Jahrhunderts  trifft  man  immer  häufiger
die  Behauptung  eines  Rechtes  der  Gemeinschaft,  den  ungerechterweise ­
  angeeigneten  Boden  zurückzunehmen.  Manchmal  stammen  sie
von  unbekannten  Reformern,  oft  aber  auch  von  bedeutenden  oder
berühmten  Schriftstellern.  1775  schlug  ein  Lehrer  in  Newcastle,
Thomas  Spenge,  in  einem  in  der  philosophischen  Gesellschaft  dieser
Stadt  gehaltenen  Vortrage  vor,  daß  das  Eigentumsrecht  am  Boden
wieder  den  Gemeinden  zufallen  solle.  Darauf  sah  er  sich  in  der  Folge
gezwungen,  nach  London  zu  flüchten,  wo  er  nicht  ohne  Erfolg  eine

b  Phoudhon,  Qu’est-ce  que  la  propriete?  S.  74.
2 J  Pollock,  The  Land  Laws,  S.  12  (London,  1883).
        <pb n="659" />
        Kapitel  II.  Die  Theorie  der  Bodenrente  und  ihre  Anwendungen.  637

lebhafte  Propaganda  seiner  Ideen  ins  Werk  setzte.  1781  veröffentlichte ­
  ein  angesehener  Professor  der  Universität  Aberdeen,  W.  Ogilvie,
anonym  einen  „Versuch  über  das  Eecht  des  Grundeigentums“,  in  dem
er  vorschlug,  durch  eine  Steuer  den  ganzen  Wert  des  Bodens,  soweit
er  nicht  auf  die  Meliorationsarbeiten  des  Besitzers  zurückzuführen
sei,  zu  konfiszieren.  Seine  Gedanken  sollen  angeblich  die  Zustimmung
des  Philosophen  Ebid  gefunden  haben.  Thomas  Paine  führte  1797
in  einer  Broschüre  ähnliche  Gedanken  aus*).  Im  19.  Jahrhundert
finden  wir  von  neuem  ihre  Verteidigung  bei  einem  gewissen  Patrick
Edward  Dove  in  seinem  1850  veröffentlichten  Werke 2 ).  Im  folgenden ­
  Jahre  erklärte  der  berühmte  Philosoph  Herbert  Spencer  in
seiner  Sozialen  Statik 3 ),  daß  die  Wieder-in-Besitz-nahme  des
Bodens  durch  den  Staat  „mit  dem  höchsten  Zustand  der  Zivilisation
im  Einklang  stehe“  und  ebenfalls  in  völliger  Harmonie  mit  dem  Sittengesetze ­
  sei.  Allerdings  gab  Spencer  in  einem  späteren  Werke  zu,
daß  „alles  was  die  Gemeinschaft  gerechterweise  verlangen  kann,  die
Oberfläche  des  Bodens  im  Urzustand  ist“ 4 ),  und  sprach  ihr  jedes
Eecht  ab,  „auf  den  Wert,  den  der  Boden  durch  Abholzung,  Urbarmachung, ­
  andauernde  Bewirtschaftung,  Drainage,  Straßenbauten,  landwirtschaftliche ­
  Gebäude  usw.  erhalten  habe“.  Trotz  dieser  bedeutsamen ­
  Einschränkung  wird  das  Prinzip  von  ihm  nicht  weniger  klar
anerkannt.
Außerhalb  Englands  wurde  das  Unrecht  der  Gemeinschaft  am
Boden  mehr  als  einmal  proklamiert.  Neben  wirklichen  Sozialisten,
wie  Proudhon  und  dem  belgischen  Baron  Colins,  oder  christlichen
Sozialisten,  wie  Francois  Hiiet,  findet  man  es  von  Philosophen,  wie
Eenouvier,  Fooillee  und  Secretan  bestätigt.  Sie  gehen  soweit,
ein  Entschädigungsrecht  zugunsten  der  jetzigen  Generation  anzuerkennen, ­
  das  zu  Lasten  der  Gesellschaft  zu  gehen  hat,  die  die
früheren  Usurpationen  duldete.
So  verkündete  eine  schon  alte  Auffassung,  die  von  jeder  wirtschaftlichen ­
  Theorie  über  die  Eente  unabhängig  ist,  das  Urrecht
eines  jeden  Menschen  am  Boden  und  forderte  die  Wiederaufrichtung
dieses  Eechtes.  Wir  finden  übrigens  ihr  Echo  bei  fast  allen  An-')
  Agrarian  Justice  opposed  to  agrarian  law  and  agrarian  monopoly
  (Agrargerechtigkeit  gegenüber  Agrarrecht  und  Agrarmonopol)  London,  1797.
2 )  The  theory  of  human  progression  and  natural  probahility  of
a  reign  of  justice  (Theorie  des  menschlichen  Fortschrittes  und  natürliche  Wahrscheinlichkeit ­
  einer  Herrschaft  der  Gerechtigkeit).  Vgl.  über  Spence,  Oqilvie,  Dove,
Paine  die  Dissertation  Escakba’s:  Nationalisation  du  sol  et  Soeialisme.
Paris,  1904.  Wir  entlehnen  ihm  die  Einzelheiten  über  die  verschiedenen  Schriftsteller, ­
  deren  Texte  wir  nicht  vor  Augen  gehabt  haben.
3 )  Social  Statios,  1851,  Kap.  IX,  Abt.  8.
4 )  Heebekt  Spencer,  Justice,  franz.  Übers.,  S.  107  (1893).
        <pb n="660" />
        638

Fünftes  Buch.  Die  Lehren  der  neuesten  /eit.

hängern  der  Nationalisierung  des  Bodens,  Stuaet  Mill,  Wallace,
Heney  Geoege  und  Waleas  1 )  wieder.  Hierdurch  stehen  sie  in  enger
Verbindung  mit  den  Schriftstellern,  von  denen  wir  eben  gesprochen
haben.  Nur  einer,  Gossen,  macht  eine  Ausnahme.
Doch  es  führt  nicht  sehr  weit,  die  Unrechtmäßigkeit  des  Grundbesitzes ­
  nur  zu  behaupten.  Denn  wenn  die  Aneignung  des  Bodens
eine  Ungerechtigkeit  vorstellt,  so  liegt  diese  Ungerechtigkeit  so  weit
zurück,  daß  ihre  Urheber  seit  langem  durch  Verjährung  gedeckt  sind.
Die  meisten  der  jetzigen  Grundbesitzer,  wenn  nicht  alle,  haben  den
Boden  nicht  mit  Gewalt  usurpiert,  sondern  durch  die  Früchte  ihrer
Arbeit  und  ihrer  Ersparnisse  regelrecht  erworben.  In  ihren  Händen
ist  der  Boden  ein  ebenso  rechtmäßig  besessenes  Produktionsmittel,
wie  irgendein  Kapital,  eine  Maschine  zum  Beispiel.  Es  ihnen  ohne
Entschädigung  nehmen,  würde  das  alte  Unrecht  nicht  wieder  gut
machen,  sondern  es  nur  mit  einem  neuen  Unrecht  krönen.  Daher
hatte  die  Theorie  des  Rechtes  der  Gemeinschaft  am  Boden  ein  nur
platonisches  Interesse  bis  zu  dem  Tage,  an  dem  sie  durch  eine  neue
Theorie:  die  der  Rente,  verstärkt  wurde.
Was  beweist  Ricabdo  nämlich  ?  Daß  das  Privilegium  des  Grundbesitzes ­
  sich  sozusagen  unter  unseren  Augen  verewigt.  Der  Boden
genießt  einen  Vorteil,  den  kein  anderes  Kapital  genießt.  Selbsttätig,
automatisch,  außerhalb  jeder  Betätigung  des  Besitzers,  wächst  sein
Einkommen.  Die  Erstreckung  der  Bewirtschaftung  auf  neue  Felder,
das  Wachstum  der  Bevölkerung,  die  sich  hieraus  ergebende  Nachfrage ­
  nach  Nahrungsmitteln  sichern  der  Erde  einen  ins  Endlose
wachsenden  Wert.  Der  Wille,  die  Intelligenz  oder  die  Initiative  des
Besitzers  haben  damit  nichts  zu  schaffen.  Die  Umstände,  das  soziale
Milieu  sind  seine  einzige  Quelle.  Dieser  Wert,  der  aus  der  Gemeinschaft ­
  erwächst,  gehört  ihr;  und  trotzdem  usurpiert  ihn  der  Grundbesitzer ­
  heute  geradeso,  wie  er  im  Anfang  den  Boden  selbst  usurpierte.
Warum  soll  er  nicht  daran  gehindert  werden?
l )  Stuart  Mill:  „Die  Erde  ist  das  ursprüngliche  Erbe  der  gesamten  Menschheit ­
 11 .  (Dissertations  and  Discnssions,  Bd.  IV,  S.  243;  vgl.  anoh  S.  256).
In  seinen  Principles  of  Political  Economy  (Bd.  II,  Kap.  II,  §  ö)  drückt  er
sich  wie  folgt  aus:  „Da  das  wesentliche  Prinzip  des  Eigentums  darin  besteht,  einem
jeden  das,  was  er  durch  seine  Arbeit  erzeugt  und  durch  seine  Enthaltsamkeit  angesammelt ­
  hat,  zu  sichern,  so  kann  sich  dieses  Prinzip  nicht  auf  das  beziehen,  was
kein  Arbeitserzeugnis  ist:  das  Rohmaterial  der  Erde.“  —  Waleas  (Theorie  de  la
propriete  in  den  Etudes  d’economie  sociale,  S.  218)  schreibt:  „Auf  Grund
des  natürlichen  Rechtes  ist  der  Boden  das  Eigentum  des  Staates.“  —  Henry  George
(Progress  and  Poverty,  Buch  VII,  Kap.  I;  S.  297  der  deutschen  Übers,  von
F.  Dobeert  „Fortschritt  nnd  Armut“,  Halle/S.  Verlg.  0.  Hendel)  sagt:  „Das  gleiche
Recht  aller  Menschen  auf  die  Nutznießung  von  Grund  und  Boden  ist  ebenso  klar
wie  das  gleiche  Recht  auf  die  Luft,  die  wir  einatmen  —  es  ist  ein  Recht,  verbürgt
durch  die  Tatsache  ihrer  Existenz.“
        <pb n="661" />
        Kapitel  II.  Die  Theorie  der  Bodenrente  und  ihre  Anwendungen.  689

„Stellen  wir  uns  vor“,  schreibt  Stuart  Mill,  „daß  es  eine  Art
Einkommen  gäbe,  die  das  Bestreben  hat,  beständig  ohne  jede  Anstrengung ­
  und  ohne  jedes  Opfer  von  seiten  des  Besitzers  größer  zu
werden,  So  daß  diese  Besitzer  in  der  Gemeinschaft  eine  Klasse  darstellen, ­
  die  sich  auf  Grund  des  natürlichen  Laufes  der  Dinge  fortschreitend ­
  bereichert,  obgleich  sie  eine  absolut  passive  Rolle  spielt.
Es  würde  dann  keine  Verletzung  irgendwelcher  Prinzipien  sein,  auf
denen  das  Privateigentum  beruht,  wenn  der  Staat  sich  diesen  Zuwachs
des  Reichtums  oder  einen  Teil  dieses  Zuwachses,  im  Maße  wie  er
sich  bildet,  aneignet.  Eigentlich  würde  er  niemandem  etwas  nehmen,
sondern  einen  durch  die  Umstände  geschaffenen  Zuwachs  des  Reichtums ­
  nur  zum  Nutzen  der  Gesellschaft  verwenden,  anstatt  ihn  als
einen  unverdienten  Vermögensznwachs  einer  Sonderklasse  zufließen
zu  lassen.  In  genau  diesem  Fall  befindet  sich  nun  die  Rente“  1 ).
Gegen  dieses  Argument  scheint  sich  wirklich  nichts  entscheidendes ­
  einwenden  zu  lassen.  Auf  jeden  Fall  schlug  man  sofort  nach
dem  Erscheinen  des  Werkes  Ricakdo’s  die  Konfiskation  der  Rente  zugunsten ­
  des  Staates  vor.
Schon  1821  schrieb  sein  Freund  James  Mill,  daß  der  Staat  mit
vollem  Recht  nicht  nur  die  jetzige  Rente,  sondern  auch  die  zukünftige ­
  Steigerung  der  Bodenrente  für  sich  in  Anspruch  nehmen
könne,  um  damit  die  öffentlichen  Ausgaben  zu  decken 2 ).  Etwas
später  drückten  die  Saint-Simonisten  den  gleichen  Gedanken  aus 3 ).
Hauptsächlich  war  es  aber  der  Sohn  von  James  Mill,  Stuart  Mill,
der  diesem  Gedanken  anhing.  Schon  in  seinen  Principles  of
Political  Economy  legt  er  den  allgemeinen  Plan  dieser  Reform
dar.  Nach  1870  findet  man  ihn  noch  besser  in  dem  Programm  der
von  ihm  gegründeten  Liga  der  „Land  tenure  Reform  Association“
ausgeführt,  die  seine  Ideen  verbreiten  sollte,  sowie  in  den  Reden  und
Kommentaren,  die  damit  Zusammenhängen  4 ).
Die  Grundzüge  waren  die  folgenden:  1.  Der  Staat  kann  sich
nur  die  zukünftige  Bodenrente  aneignen,  soweit  sie  sich  nach  der
’)  Principles,  B.  V,  Kap.  II.  §  5.
s )  Jasibs  Mill;  Elements  of  Political  Economy,  Kap.  IV,  Abt.  6
(franz.  Übers,  von  1828,  SS.  270—271).  „Diese  fortwährende  Erhöhung  der  Bodenrente,
die  auf  Umständen  beruht,  die  sich  aus  der  Gemeinschaft  ergeben  und  nicht  aus
dem  Tun  und  Lassen  irgendeines  Besitzers,  scheint  nicht  weniger  dazu  geeignet,
in  besonderer  Weise  den  Bedürfnissen  des  Staates  dienstbar  gemacht  zu  werden,
als  das  Einkommen  aus  Boden  in  einem  Lande,  wo  der  Boden  niemals  Privateigentum
gewesen  ist.“
8 )  Vgl.  oben  S.  257.
4 )  Principles  of  Political  Economy,  Bd.  V,  Kap.  II,  §  5.  Vgl.  auch  im
selben  Buche,  Kap.  III,  §§  2  und  6.  Siehe  das  Programm  der  Liga  in  Dissertations
  and  discussions,  B.  IV.
        <pb n="662" />
        640

Fünftes  Buch.  Die  Lehren  der  neuesten  Zeit.

Durchführung  der  Reform  bildet,  da  die  Eigentümer  ein  Recht  auf
die  bestehende  Rente  erworben  haben.  2.  In  der  Praxis  wird  man
mit  einer  Abschätzung  der  Gesamtheit  des  Bodens  beginnen;  auf
Grund  einer  noch  festzulegenden  Basis  wird  man  dann  in  bestimmten ­
  Zeitabschnitten  den  Wertzuwachs  zu  schätzen  suchen,  der
ihm  in  seiner  Gesamtheit  zugefallen  ist.  Eine  allgemeine  Steuer
würde  dann  gestatten,  diesen  Zuwachs  einzuziehen 1 ).  3.  Damit  kein
Besitzer  sich  für  benachteiligt  halten  könne,  muß  der  Staat  es  ihm
stets  freistellen,  entweder  die  neue  Steuer  zu  bezahlen,  oder  ihm
seinen  Besitz  zu  dem  Geldpreis  zu  verkaufen,  den  er  dafür  zur  Zeit
der  Einführung  der  Reform  hätte  erhalten  können.
Was  die  sofortige  Nationalisierung  des  Bodens  anlangt,  so  erklärt ­
  sich  Mill  dagegen.  Nicht  daß  er  sie  ungerecht  fände,  im
Gegenteil.  Er  hat  aber  eine  zu  schlechte  Meinung  von  der  Verwaltung ­
  durch  den  Staat  oder  durch  die  Städte,  um  an  die  Nützlichkeit ­
  einer  derartigen  Maßnahme  zu  glauben.  Er  fürchtet,  daß  „viele
Jahre  vergehen  müssen,  bevor  das  vom  Staat  erzielte  Einkommen  genügend ­
  sei,  um  die  Entschädigung  zu  bezahlen,  die  die  enteigneten
Grundbesitzer  mit  Recht  verlangen  können“ *  2 ).
Stuaet  Mill  verhehlte  sich  nicht,  daß  die  finanziellen  Ergebnisse
der  Reform  ziemlich  gering  und  ihre  sofortige  Tragweite  bescheiden
sein  würden.  Einige  Jahre  später  schlug  ein  anderer  Schriftsteller
eine  viel  radikalere  Maßnahme  vor,  die  eine  wirkliche  soziale  Erneuerung ­
  nach  sich  ziehen  sollte.  Das  Projekt,  das  Heney  Geoegb
auf  die  Theorie  der  Rente  aufbaute,  war  in  der  Tat  bestimmt,  das
Elend  abzuschaffen  und  die  Gerechtigkeit  in  der  Güterverteilung
wiederherzustellen.
Heney  Geoege  (1839—1897)  w r ar  kein  National  Ökonom  von  Beruf;
er  war  ein  „self-made  man“,  ein  Autodidakt,  der,  ehe  er  Schriftsteller
wurde,  die  verschiedensten  Beschäftigungen  ausgeübt  hatte.  Mit
16  Jahren  schiffte  er  sich  als  Matrose  ein  und  führte  lange  Zeit  ein
Wanderleben,  bis  er  1861  in  San-Franzisko  als  Setzer  in  eine  Druckerei
eintrat  und  schließlich  Leiter  einer  Zeitung  wurde.  Er  erlebte  den
rapiden  Aufschwung  San-Franziskos  und  der  ganzen  Umgebung,  der
infolge  des  Zuströmens  der  Goldsucher  und  der  landwirtschaftlichen
Inbetriebnahme  Westamerikas  einsetzte.  Er  sah  das  enorme  Wachsen
der  Boden  werte  unter  diesen  Einflüssen  und  das  Spekulationsfieber,

2 )  Mill  hält  es  für  unmöglich,  auf  jedem  Stück  Land  für  sich  den  Mehrwert,
der  auf  allgemeine  Umstände  zurückzuführen  ist,  von  dem  zu  unterscheiden,  der
auf  den  vom  Besitzer  gemachten  Aufwendungen  beruht.  Deshalb  erscheint  ihm  eine
allgemeine  Steuer  die  einzig  gerechte  Art  und  Weise,  die  Bodenrente  zu  konfiszieren. ­

2 )  Dissertations  and  discussions,  Bd.  IV,  S.  256.
        <pb n="663" />
        Kapitel  II.  Die  Theorie  der  Bodenrente  und  ihre  Anwendungen.  641

das  sich  daraus  ergab.  1879  ließ  er  das  Werk  erscheinen,  das  ihn
berühmt  machte,  und  zu  dem  diese  Umstände  den  Anstoß  gegeben
hatten:  Fortschritt  und  Armut  (Progress  and  Poverty) 1 ).
Dies  Buch  erregte  gewaltiges  Aufsehen.  Es  ist  mit  dem  ganzen
Schwung  eines  Journalisten  und  mit  der  Beredsamkeit  eines  Redners
geschrieben.  Man  darf  in  ihm  weder  die  Genauigkeit  noch  die
Schärfe  eines  wissenschaftlichen  Werkes  suchen.  Man  kann  in  ihm
zahlreiche  volkswirtschaftliche  Irrlehren  nachweisen.  Aber  sein
Erfolg  lag  gerade  an  seinem  volkstümlichen  Charakter.  Übrigens
hat  es  sogar  auf  Volkswirtschaftler  einen  großen  Einfluß  ansgeübt,
da  es  das  dargestellte  Phänomen  mit  großer  Schärfe  vor  Augen  stellt *  2 ).
Und  endlich  war  es  der  Ausgangspunkt  einer  politischen  Agitation,
die  noch  heute  nicht  erloschen  ist.
Henry  George  führt  aus,  daß  die  Grundbesitzer  sich  durch  ihr
Monopol  nicht  nur  eines  Teiles,  sondern  der  Gesamtheit  des  Gewinnes
bemächtigen,  den  das  Wachstum  der  Bevölkerung  und  die  Vervollkommnung ­
  der  Produktionsmittel  der  Gemeinschaft  verschafft.  Mit
dem  Fortschritt  der  Zivilisation  wird  der  Unterschied  zwischen  den
Reichen  und  den  Armen  immer  größer.  Während  die  Rente  steigt,
fällt  der  Zinsfuß,  und  der  Lohn  des  Arbeiters  sinkt  auf  das  Existenzminimum
  herab.  In  allen  Ländern  sehen  wir  daher  gleichzeitig  die
äußerste  Armut  neben  dem  äußersten  Reichtum  immer  größer  werden,
wie  Äste  desselben  Stammes.
Wie  soll  man  diese  Tatsachen  erklären?
Soll  man  das  Gesetz  Malthus’  und  das  des  sinkenden  Bodenertrages ­
  anklagen?  Soll  man  mit  Malthus,  Ricardo  und  Mill
glauben,  daß  das  Elend  auf  dem  Überhandnehmen  der  Bevölkerung
beruht,  die  schneller  als  die  Menge  der  Nahrungsmittel  zunimmt?
Keineswegs,  antwortete  Henry  George,  denn  die  Erfahrung  zeigt
uns,  daß  überall  der  Reichtum  schneller  als  die  Zahl  der  Arme
wächst,  und  daß  die  gemeinschaftliche  Arbeit  der  Menschen  unter  den
ungünstigsten  Umständen  Wundertaten  verrichtet 3 )

*)  Es  ist  übrigens  nicht  sein  erstes  Werk.  1871  ließ  er  Our  Land  and
Land  Policy,  1874  The  Land  Qnestion  erscheinen.  Später  veröffentlichte
er  noch  Protection  or  Freetrade  (1886),  worin  er  sich  als  begeisterter  Anhänger ­
  des  Freihandels  zeigt  und  1891  einen  Offenen  Brief  an  den  Papst
Leo  XIII.  über  die  Lage  der  Arbeiter.  Progress  and  Poverty  wurde  von
Monnibe  1887  ins  Französische  übersetzt.  (Die  angeführten  Zitate  sind  der  oben
S.  638  erwähnten  deutschen  Übersetzung  von  F.  Dobbbri  entnommen,  Anm.  d.  Übers.)
2 )  Clark  erklärt  in  seinem  Buch  Distribution  of  Wealth,  Henry  George
die  Methode  entlehnt  zu  haben,  mit  der  er  sich  bemüht,  die  einem  jeden  Produktionslaktor
  eigentümliche  Produktivität  zu  bestimmen.
3 )  „Zwanzig  Leute  werden  in  einem  von  der  Natur  stiefmütterlich  bedachten
Lande  bei  gemeinschaftlicher  Arbeit  mehr  als  den  zwanzigfachen  Güterbetrag  er-Gide
  und  Rist,  Gesch.  d.  Volkswirtschaft!.  Lehrmeinungen.  41
        <pb n="664" />
        642

Fünftes  Buch.  Die  Lehren  der  neuesten  Zeit.

Soll  man  mit  den  Sozialisten  die  Ausbeutung  der  Arbeit  durch  das
Kapital  anklagen?  Ebensowenig.  George  betrachtet  im  Gegenteil  diese
beiden  Faktoren  als  auf  das  engste  miteinander  verbunden  und  gleichmäßig ­
  von  den  Grundbesitzern  ausgebeutet.  Nach  ihm  kann  der
Mensch  seine  Tätigkeit,  nach  Belieben  auf  die  Produktion  von  Kapital
oder  auf  die  von  Arbeit  richten.  Das  Kapital  und  die  Arbeit  sind
zwei  Äußerungen  einer  und  derselben  Kraft:  der  menschlichen  Anstrengung. ­
  Der  Gewinn,  den  man  aus  der  Kapitalbildung,  und  der,
den  man  aus  der  Arbeit  ziehen  kann,  streben  danach,  sich  das
Gleichgewicht  zu  halten;  wenn  sie  es  nicht  täten,  würde  der  Mensch
dazu  kommen,  bald  mehr  Kapital  und  bald  mehr  Arbeit  zu  produzieren, ­
  bis  ihr  Ertrag  von  neuem  gleich  ist;  die  Höhe  der  Zinsen  und
die  des  Lohnes  können  daher  nicht  im  umgekehrten  Verhältnisse
variieren  1 ).
Aber  wenn  man  weder  das  Zuviel  an  Bevölkerung,  noch  die  Ausbeutung ­
  der  Arbeit  und  des  Kapitals  anklagen  kann,  woher  kommt
dann  die  elende  Lage  des  Arbeiters?  —  Einzig  und  allein  von  den
Fortschritten  der  Bodenrente.  —  Und  Henry  George,  der  vorher
gewisse  Theorien  Ricardo’s  so  scharf  angriff,  zieht  hier  aus  der
Lehre  von  der  Bodenrente  ihre  äußersten  logischen  Folgerungen.
Infolge  der  Konkurrenz  zwischen  Arbeitern  und  Kapitalisten,
sagt  uns  George,  werden  Lohn  und  Zins  der  Höhe  nach  bestimmt
durch  den  Ertrag  des  Kapitals  nnd  der  Arbeit,  die  auf  dem
letzten  in  Anbau  genommenen  Felde  tätig  sind,  das  noch  keine
Rente  liefert.  Das  Monopol  der  Grundbesitzer  gestattet  ihnen,  als
Preis  der  Benutzung  der  anderen  Böden,  alles  das,  wns  diesen  Minimalbetrag ­
  übersteigt,  zu  fordern.  Daher  kann  die  Rente  bis  ins  Unendliche ­
  anwachsen.  Denn  die  Grenzen  des  Anbaus  werden  immer.

zeugen,  den  ein  einzelner  Mensch  im  fruchtbarsten  Lande  hervorbringen  kann“  (S.  132).
Vgl.  das  ganze  zweite  Buch,  das  sich  gegen  die  Theorie  Maf.thus  richtet.
*)  „Kapital  und  Arbeit  sind  nur.  verschiedene  Formen  desselben  Dinges:  der
menschlichen  Anstrengung  (human  exertion).  Das  Kapital  wird  durch  die  Arbeit
hervorgebracht;  es  ist  in  der  Tat  nichts  als  Arbeit,  die  in  einem  Stoffe,  einem  Produkte
aufgehänft  ist.  .  .  Die  Verwendung  von  Kapital  in  der  Produktion  ist  demnach  nur
eine  Form  von  Arbeit..  .  Daher  bewirkt  das  Prinzip,  welches  unter  Umständen,  die  eine
freie  Konkurrenz  möglich  machen,  dahin  führt,  daß  die  Löhne  in  den  verschiedenen
Branchen  sich  ausgleichen,  und  der  Gewinn  sich  im  wesentlichen  gleichmäßig  gestaltet, ­
  —  das  Prinzip,  daß  die  Menschen  ihre  Bedürfnisse  mit  dem  geringsten  Kraftmaße ­
  zu  befriedigen  suchen  —  dieses  Prinzip  also  bewirkt  auch,  daß  ein  Gleichgewicht
zwischen  Lohn  und  Zins  hergestellt  und  erhalten  wird  .  .  .  Und  wenn  das  festgestellt
  ist,  so  leuchtet  es  ein,  daß  Zinsfuß  und  Lohn  zusammen  steigen  und  fallen
müssen,  und  daß  der  Zinsfuß  nicht  steigen  kann,  ohne  daß  er  auch  den  Lohn  hebt,
noch  der  Lohn  sinken  kann,  ohne  auch  den  Zins  herabzudrücken“  (Ebenda,  Bd.  III,
Kap.  V,  S.  174—175).  Es  ist  unnötig,  auf  die  Kindlichkeit  dieser  Auffassung  der
Beziehungen  zwischen  Lohnsatz  und  Zinsfuß  hinzuweisen.
        <pb n="665" />
        Kapitel  II.  Die  Theorie  der  Bodenrente  und  ihre  Anwendungen.

643

weiter  zurückgedrängt.  In  dem  Maße  wie  die  Bevölkerung  wächst,
in  dem  Maße  wie  ihre  Bedürfnisse  immer  ausgedehnter  und  mannigfaltiger ­
  werden,  in  dem  Maße  wie  die  technischen  Fortschritte  in
ihrer  Vervollkommnung  dazu  gelangen,  immer  mehr  Arme  frei  zu
setzen,  kommt  man  dazu,  auf  mehr  Felder  und  infolgedessen  auf  weniger
ergiebige  Felder  zurückgreifen  zu  müssen.  Daraus  ergibt  sich  für  die
früher  bewirtschafteten  Felder  eine  immer  höhere  Eente.  Deshalb
ergeben  die  Fortschritte  der  Zivilisation  unter  allen  ihren  Formen
immer  dasselbe  Resultat,  ziehen  stets  dieselbe  und  identische  Wirkung ­
  nach  sich:  die  Steigerung  der  Bodenrente  zum  immer  größeren
Gewinn  der  Grundbesitzer x ).
„Hier  ist  ein  kleines  Dorf,“  sagt  Henry  George,  „in  zehn
Jahren  wird  es  eine  große  Stadt  sein;  in  zehn  Jahren  wird  die
Eisenbahn  die  Postkutsche,  das  elektrische  Licht  die  Kerze  verdrängt ­
  haben;  der  Ort  wird  dann  überreich  mit  all  den  Erfindungen ­
  und  Maschinen  versehen  sein,  die  die  effektive  Arbeitskraft
l )  Diese  Theorie  der  Qüterverteilung,  deren  fast  kindliche  Einfachheit  genügen
müßte,  um  Mißtrauen  zu  erwecken,  wird  von  Henry  George  im  V.  Buch,  Kap.  II,
wie  folgt  zusammengefaßt:  „Nach  jeder  Eichtung  hin  hat  die  zunehmende  Zivilisation
die  unmittelbare  Tendenz,  die  Kraft  der  menschlichen  Arbeit  zur  Befriedigung
menschlicher  Bedürfnisse  zu  erhöhen,  die  Armut  auszurotten  und  den  Mangel  samt
der  Furcht  davor  zu  bannen.  .  .  .  Aber  dennoch  kann  die  Arbeit  nicht  die  Früchte
der  zunehmenden  Zivilisation  ernten,  weil  ihr  dieselben  vorenthalten  werden.  Da
die  Benutzung  des  Landes  für  die  Arbeit  unumgänglich  nötig  ist,  dasselbe  sich  aber
in  Privatbesitz  befindet:  so  erhöht  jede  Vermehrung  der  produktiven  Arbeitskraft
nur  die  Bodenrente,  —  d.  h.  den  Preis,  welchen  die  Arbeit  für  die  Gelegenheit  zahlen
muß,  ihre  Kraft  betätigen  zu  können;  und  so  kommen  alle  durch  den  materiellen
Fortschritt  geschaffenen  Vorteile  nur  den  Grundeigentümern  zu  gute,  und  der  Arbeitslohn ­
  steigt  nicht“  (op.  cit.  B.  V,  Kap.  II,  SS.  248—249).  Henry  George  behauptet
übrigens  nicht,  daß  der  wirkliche  Lohn  fällt;  denn  die  technischen  Fortschritte
können  es  ermöglichen,  am  neuen  Kulturrande  ebensoviel,  wie  am  alten  zu  produzieren. ­
  Doch  wird  dieser  Erfolg  höchstens  dem  Kapital  und  der  Arbeit  gestatten,
ihre  frühere  Entlohnung  aufrecht  zu  erhalten;  er  wird  ihnen  aber  nicht  gestatten,
wirklich  am  Fortschritt  teilzunehmen,  so  daß  man  sagen  kann,  Lohn  und  Zinsen
sind,  verglichen  mit  der  Bodenrente,  gefallen.  „Wenn  ich  sage:  der  Lohn  fällt,
wie  die  Eente  steigt,  so  meine  ich  damit  nicht,  daß  das  Quantum  von  Gütern,  das
die  Arbeiter  als  Lohn  erhalten,  gerade  kleiner  werden  müsse,  sondern  daß  es  einen
kleineren  Teil  von  dem  ganzen  Ertrage  ausmachen  muß.  Der  Lohn  kann  ein  geringerer ­
  Bruchteil  werden,  während  das  Ganze  des  Ertrages  gleich  bleibt  oder  gar
wächst“  (pp.  cit.,  B.  III,  Kap.  VI  S.  191,  vgl.  auch  B.  IV,  Kap.  III).  Henry  George,
wie  Eioardo  und  viele  Sozialisten  (Lassalle,  Eodbertus),  werfen  zwei  verschiedene
Probleme  durcheinander;  das  des  Preises  der  produktiven  Dienste  und  das  der  pro-Portionellen
  Verteilung  der  Produkte  unter  die  Produktionsfaktoren  (siehe  oben,
8.  489).  George  fügt  jedoch  an:  daß  die  Spekulation,  indem  sie  die  Grenzen
ües  Anbaus  über  den  Punkt  hinaustreibt,  an  dem  die  Verminderung  der  Produktivität ­
  durch  technische  Fortschritte  ausgeglichen  wird,  manchmal  sogar  den
wirklichen  Lohn  des  Arbeiters  verringern,  und  folglich  seine  Lage  nicht  nur
relativ,  sondern  auch  absolut  verschlechtern  kann  (B.  IV,  Kap.  IV).
        <pb n="666" />
        644

Fünftes  Buch.  Die  Lehren  der  neuesten  Zeit.

so  ungeheuer  vervielfältigen.  Wird  in  zehn  Jahren  der  Zinsfuß  höher
sein  als  jetzt?  —  Nein.  —  Wird  der  durchschnittliche  Arbeitslohn
höher  sein?  —  Nein.  —  Was  wird  denn  höher  sein?  —  Die  Bodenrente, ­
  der  Wert  des  Landes.  Geh  und  erwirb  Dir  baldmöglichst  daselbst ­
  ein  Grundstück  und  halte  es  fest.  .  .  Ihr  könnt  Euch  niedersetzen ­
  und  Eure  Pfeife  rauchen.  Ihr  könnt  Euch  in  die  Sonne  legen,
wie  die  Lazzaroni  Neapel’s  oder  die  Leprakranken  Mexiko’s  tun.  Ihr
könnt  in  einem  Luftballon  herumsegeln  oder  Euch  in  einer  Erdhöhle
verkriechen.  Ohne  die  geringste  Arbeit  zu  verrichten,  ohne  ein  Jota
von  Gütern  dem  Gesamtbestand  hinzuzufügen,  werdet  Ihr  in  zehn
Jahren  ein  reicher  Mann  sein.  In  der  neuen  Stadt  werdet  Ihr  ein
prächtiges  Haus  bewohnen  können,  aber  unter  den  öffentlichen  Gebäuden ­
  derselben  wird  es  ein  Armenhaus  geben“  1 ).
Daher  ist  für  Henry  George  die  Bodenrente  nicht  nur,  wie  für
Stuart  Mill,  ein  Einkommen,  das  sich  besonders  dazu  eignet,  besteuert ­
  zu  werden:  es  ist  die  eigentliche  Wurzel  aller  sozialen  Übel.
Schafft  die  Rente  ab,  und  ihr  schafft  die  Armut  ab,  die  Ungleichheit
des  Besitzes,  ja  sogar  die  Krisen,  die  er  einzig  auf  die  Bodenspekulation ­
  zurückführt.  Hiervon  ausgehend  genügt  es  ihm  auch  nicht,
das  zukünftige  Wachstum  der  Rente  zu  treffen.  Die  verderblichen
Folgen  des  Privilegiums  der  Besitzer  würden  bestehen  bleiben,  wenn
man  ihnen  den  Genuß  der  jetzigen  Renten  überließe.  Daher  muß
die  ganze  jetzt  bestehende  Rente  weggesteuert  werden *  2 ).  Diese
Steuer  würde  genügen,  um  alle  Staatsausgaben  zu  bestreiten,  und
würde  alle  anderen  Steuern  überflüssig  machen.  Hiermit  kommen
wir  zu  der  single  tax,  der  Einheitssteuer  auf  den  Grundbesitz  ...
Und  so  ist,  —  ein  merkwürdiger  Rücklauf  in  der  Geschichte  der
Doktrinen,  —  die  Schlußfolgerung  Henry  George’s  dieselbe  wie  die
der  Physiokraten!
Gegen  das  System  Henry  George’s  erheben  sich  vom  Standpunkte ­
  der  Ökonomik  und  von  dem  der  Gerechtigkeit  aus  recht
schwerwiegende  Bedenken.  Volkswirtschaftlich  ist  es  klar,  daß  das
Eigentum  am  Boden  dem  Besitzer  den  Vorteil  eines  möglichen  Mehrwertes ­
  verleiht.  Es  ist  aber  nicht  nachgewiesen  (und  die  These
Henry  George’s  ist  in  diesem  Punkte  unhaltbar),  daß  dieser  Mehrwert ­
  den  ganzen  Vorteil  des  sozialen  Fortschritts  aufzehrt.  Es
ist  kindlich,  in  dem  Wachstum  der  Bodenrente  die  einzige  Ursache
des  Elends  zu  sehen,  und  von  der  Konfiskation  der  Rente  die  Beseitigung ­
  des  Elends  zu  erwarten.
')  Fortschritt  und  Armut,  SS.  259—260,  B.  V,  Kap.  II.
2 )  Selbstverständlich  wird  man  den  Besitzern  das  lassen,  was  in  ihrem  Einkommen ­
  die  Zinsen  der  Kapitalien  verstellt,  die  von  ihnen  in  den  Boden  gesteckt
worden  sind.
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        Kapitel  II.  Die  Theorie  der  Bodenrente  und  ihre  Anwendungen.  645

Vom  rechtlichen  Gesichtspunkt  aus  liegt  es  auf  der  Hand,  daß,
wenn  Henry  George  eine  Ungerechtigkeit  abschafft,  er  sie  durch
eine  andere  ersetzt.  Den  jetzigen  Kentenbesitzern  die  Rente,  die  sie
erheben,  ohne  Entschädigung  wegnehmen,  bedeutet  einfach,  sie  der
Vorteile  zu  berauben,  die  viele  von  ihnen  sich  durch  ihre  Arbeit  und
Sparsamkeit  mühsam  erworben  haben.  Denn  heute  wird  der  Boden
gekauft  und  nicht  mehr  durch  Okkupation  ungeeignet.  Da  sich
heute  fortwährend  Boden  gegen  Kapital  und  umgekehrt  austauscht, ­
  kann  man  das  Einkommen  aus  Grundbesitz  nicht  als  illegitim
belasten,  während  man  dasjenige  der  anderen  Kapitalien  respektiert.
Die  Konfiskation  ist  nur  mit  Hinsicht  auf  den  ersten  Besitzergreifer
zu  rechtfertigen.  Wie  viele  davon  bleiben  aber  noch  übrig?
Und  weiterhin,  wenn  man  dem  Grundbesitzer  die  Rente  nimmt,
die  auf  dem  Fortschritt  der  Zivilisation  beruht,  so  muß  man  ihn,  um
gerecht  zu  sein,  auch  für  jede  Wertverminderung,  die  ihn  ohne  sein
Verschulden  trifft,  entschädigen.  Stuart  Mxll  sah  diesen  Einwurf
voraus*)  und  gab  dem  Besitzer,  der  mit  der  Zahlung  der  Steuer  unzufrieden ­
  ist,  das  Recht,  dem  Staat  das  Gut  zu  dem  Verkehrswerte
zu  verkaufen,  den  es  zur  Zeit  der  Einführung  der  Reform  hatte 2 ).
Hieran  hat  Henry  George  aber  nicht  gedacht.  Es  ist  wahr,  daß
nach  seiner  Ansicht  eine  Wertverminderung  durchaus  außergewöhnlich ­
  sein  würde,  denn  der  Mehrwert  des  Bodens  erscheint  ihm  ebenso
sicher,  wie  die  best  begründeten  Gesetze  der  Physik.
Wenn  sich  das  System  Mill’s  auch  in  gemäßigterer  Form  als
das  Henry  George’s  darstellt,  so  ist  es  doch  ebenfalls  nicht  gegen
jeden  Einwurf  geschützt.  Der  Gedanke,  der  ihm  und  Henry  George
gemeinsam  ist,  der  des  unearned  increment,  fordert  eine
doppelte  Kritik  heraus:  die  der  Sozialisten  und  die  der  bürgerlichen
Ökonomisten.

r)  Mill  schreibt:  „Die  Antwort  (auf  obigen  Einwurf)  ist,  daß  das  Recht,  den
Boden  zu  einem  Preis  aufzugeben,  in  dem  man  die  beiden  Möglichkeiten  (Gewinn
und  Verlust)  in  Rechnung  setzt,  das  Gleichgewicht  wieder  herstellt.  „Der  Staat“,
lügt  er  hinzu,  würde  hierbei  nichts  verlieren,  „denn  jedes  Sinken  des  Wertes  an
einer  Stelle  (insoweit  es  nicht  durch  ein  allgemeines  Sinken  des  Wohlstandes  verschuldet ­
  wird),  bedingt  ein  entsprechendes  Steigen  an  einer  anderen  Stelle,  ein
Steigen,  dessen  Vorteil  dem  Staat  zugute  kommen  würde“  (Dissertations  and
discussions,  B.  IV  S.  294  und  295).
2 )  Doch  weist  Einaudi  in  seinen  ausgezeichneten  Studi  sugli  effetti  delle
Pnposte  S.  125  (Turin,  1902)  darauf  hin,  daß  dieses  Prinzip  der  Entschädigung  auf
Grund  von  Verlusten  „unmittelbar  zu  einer  staatlichen  Garantierung  der  Werte
führen  würde,  eine  Garantie,  deren  Zulässigkeit  zum  wenigsten  diskutierbar  ist“.
Und  an  zweiter  Stelle  macht  er  darauf  aufmerksam,  daß  die  Rückzahlung  oft  zu
Händen  einer  anderen  Person  geschehen  würde,  als  der,  die  die  Steuern  gezahlt  hat,
fm  Falle  das  Besitztum  in  der  Zwischenzeit  den  Besitzer  gewechselt  hat.
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        646

Fünftes  Buch.  Die  Lehren  der  neuesten  Zeit.

Ihr  wollt,  sagen  die  Sozialisten,  das  arbeitslose  Einkommen  abschaffen? ­
  Ausgezeichnet!  Warum  aber  wollt  ihr  dann  nicht  auch
die  Kapitalzinsen  abschaffen?  Sind  sie  nicht,  ebenso  wie  die  Pacht,
ein  nicht  erworbenes  Einkommen?  Kostet  den  Kapitalisten  die
Dividende,  die  er  einstreicht,  mehr  Arbeit  als  den  Grundbesitzer  die
Rente?  Genau  wie  ihr,  beabsichtigen  auch  wir  das  arbeitslose  Einkommen ­
  zu  vernichten,  aber,  logischer  als  ihr,  haben  wir  den  Mut,  es  in
allen  seinen  Formen  zu  vernichten.  —  Stuart  Mill  und  seine  Anhänger
sind  hiergegen  nicht  völlig  wehrlos,  denn  in  ihren  Augen  sind  die
Zinsen  eine  gerechtfertigte  Entlohnung,  wenn  nicht  der  Arbeit,  so  doch
der  Abstinenz  des  Kapitalisten.  Die  Zinsen  sind  der  Gegenwert  dieses
Opfers  *)•  —  Doch  die  Sozialisten  lassen  sich  nicht  überzeugen.  Sie
weigern  sich,  die  durchaus  negative  Anstrengung  des  Kapitalisten
und  die  positive  Tätigkeit  des  Arbeiters  gegeneinander  aufzurechnen. ­
  Die  meisten  von  ihnen  haben  auch  mit  ihrem  Spott  über
die  Furchtsamkeit  Mill’s  und  seiner  Freunde  nicht  gekargt.
Und  nun  die  bürgerlichen  Ökonomisten!  Ihr  findet,  sagen  sie,  die
Bodenrente  ungerechtfertigt,  weil  der  Fortschritt  der  Gesellschaft
mehr  als  die  Arbeit  des  Besitzers  daran  beteiligt  ist?  Gegen  welches
Einkommen  kann  aber  eine  derartige  Kritik  nicht  erhoben  werden?
Liegt  nicht  allen  Einkommen  ein  durchaus  soziales  Element  zugrunde, ­
  eben  das,  das  auch  die  Bodenrente  geschaffen  hat:  die
Nachfrage  nach  Gütern?  Das  Wachstum  der  sozialen  Nachfrage
bringt  dem  Kapital  wie  dem  Boden,  und  der  Arbeit  wie  dem  Kapital
unerwartete  und  manchmal  sehr  hohe  Einkünfte.  Hat  die  Entwicklung ­
  der  Nationalökonomie  nicht  nach  und  nach  das  Bestehen  einer
Menge  von  Renten  zu  unserer  Kenntnis  gebracht,  die  sich  von  der
Bodenrente  nur  durch  ihre  kürzere  Dauer  unterscheiden?  War  das
Vermögen  des  berühmten  Buckligen  der  Rue  Quincampoix*)  zur
1 )  Über  die  Unterscheidung'  zwischen  der  Berechtigung  des  mobilen  und  immobilen ­
  Eigentums  vgl.  Stüakt  Mill,  Principles,  B.  II,  Kap.  II,  §  1  und  Henky
Gboüge,  Fortschritt  und  Armut,  B.  VII,  Kap.  I  „Die  Einrichtung  des  Eigentums“, ­
  sagt  Stuakt  Mill  an  dieser  Stelle,  „besteht,  wenn  man  es  auf  seine  hauptsächlichsten ­
  Bestandteile  zurückführt,  in  der  Anerkennung  des  Rechtes  einer  jeden
Person,  ausschließlich  über  die  Dinge  zu  verfügen,  die  sie  durch  ihre  eigene  Anstrengung ­
  erzeugt  hat,  oder  die  sie  von  denen,  die  sie  erzeugt  haben,  sei  es  als
Geschenk,  sei  es  auf  Grund  eines  Vertrages,  ohne  Gewalt  oder  Betrug  erhalten  hat“.
Eine  derartige  Definition  bedeutet  allerdings  die  Unrechtmäßigkeit  des  Grundbesitzes.  —
Die  Definition  Henky  Geohgb’s  ist  eine  Wiederholung  der  von  Mill.  Er  nimmt  das
Haus  ais  von  dem  Grund  und  Boden,  auf  dem  es  steht,  unterschieden  an,  und  findet
das  Besitzrecht  am  Hause  berechtigt,  das  am  Grund  und  Boden  unberechtigt.
2 )  Zur  Zeit,  als  das  System  Law’s  auf  seinem  Höhepunkt  stand  und  ganz  Paris
die  Türen  der  Bank  Law’s  in  der  rue  Quincampoix  bestürmte,  um  Aktien  seiner
„Compagnie  d’Occident“  zu  zeichnen  (die  sich  mit  der  Ausbeutung  Kanadas  und  des
Mississippitales  befassen  sollte},  erwarb  ein  kleiner  Buckliger  in  wenigen  Wochen
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        Kapitel  II.  Die  Theorie  der  Bodenrente  und  ihre  Anwendungen.  647

Glanzzeit  des  Systems  Law  weniger  eine  Wirkung  der  Umstände,
als  das  des  Herzogs  von  Westminster,  des  Besitzers  ausgedehnter
Wohnviertel  in  London  ?  Ist  der  Mehrwert,  den  die  alten  Kapitalien
durch  das  Sinken  des  Zinsfußes  erhalten,  in  seinen  Ursprüngen
weniger  gesellschaftlich  verursacht,  als  der  Zuwachs  des  Bodenwertes
unter  dem  Einfluß  einer  wachsenden  Bevölkerung?  Das  unearned
increm  ent!  Überall  findet  es  sich  in  den  modernen  Gesellschaften,
denn  die  Gesellschaft  verteilt  die  Einkommen  nicht  wie  ein  Schullehrer, ­
  der  den  fleißigsten  und  bravsten  Schüler  belohnt.  Die  Gesellschaft ­
  zahlt  für  die  seltensten  Dienste  eine  Prämie,  ohne  sich  darum
zu  kümmern,  ob  sie  Opfer  gekostet  haben  oder  nicht,  und  sie  tut
dies  nur  zu  dem  Zwecke,  das  stärkere  Bedürfnis  auszudrücken,  das
sie  nach  diesen  Diensten  hat.  Mit  welchem  Recht  kann  man  daher
eine  einzige  dieser  Renten  herausgreifen?  Entweder  muß  man  sie
alle  konfiszieren  oder  keine.
Stuaet  Miel  hat  schon  die  einzig  mögliche  Antwort  auf  diese  t
Argumente  gegeben:  daß  nämlich  keine  der  angeführten  Renten  diel
Dauer  oder  die  Allgemeinheit  der  Bodenrente  hat 1 ).  Die  Antwort!
erschien  stark  genug,  um  eine  lebhafte  Bewegung  zugunsten  einer
teilweisen  Anwendung  der  Ideen  Geoege’s  und  Mill’s  zu  rechtfertigen.
Zahlreiche  Vereine  sind  in  England,  in  Amerika  und  Australien
um  das  Jahr  1880  gegründet  worden,  um  das,  was  die  Anhänger
Heney  Geoege’s  seine  „erhabenen  Wahrheiten“  nennen,  zu  verbreiten.
Ihr  Einfluß  ist  seit  einigen  Jahren  bedeutend  gesunken.  Dagegen
sind  häufig  Versuche  gemacht  worden,  um  den  Mehrwert  des  Bodens,
hauptsächlich  in  den  großen  Städten 2 ),  durch  besondere  Steuern  zu
treffen.  In  Frankreich  gestattet  schon  seit  1807  ein  Gesetz,  von  den
Grundbesitzern,  deren  Gelände  von  großen  öffentlichen  Arbeiten  berührt ­
  wird,  eine  Sonderentschädigung  zu  erheben,  wenn  diese  Arbeiten
für  sie  einen  Mehrwert  bedeuten  sollten 3 ).  Es  wird  aber  selten  aneiu
  bedeutendes  Vermögen,  indem  er  weiter  nichts  tat,  als  seinen  Buckel  gegen
Entgelt  als  Tisch  beim  Ausfällen  und  Unterschreiben  der  Zeichnungsformulare
herzugeben  (Anm.  d.  Übers.).
1 )  Mill,  Dissertations  and  Discussions,  B.  IV,  S.  298.
2 )  Besonders  in  England  sind  seit  zehn  Jahren  zahlreiche  derartige  Projekte
■vorgelegt  und  vor  parlamentarischen  Kommissionen  diskutiert  worden.  In  dem  oben
angeführten  Werke  Einacdx’s  sind  sie  in  scharfsinniger  Weise  erörtert  worden,  wie
auch  in  einem  Aufsatz  Edgewoeth’s  im  Economic  Journal  vom  Jahre  1906,  der
Re  Cent  Schemes  for  rating  urban  land  values  betitelt  ist.
8 )  Der  Artikel  30  des  Gesetzes  vom  16.  Sept.  1807  besagt;  „Wenn  infolge  von
A-rbeiten,  die  im  vorliegenden  Gesetz  schon  aufgefiihrt  worden  sind,  wenn  zur  Öffnung
neuer  Straßen,  zur  Bildung  neuer  Plätze,  .  .  .  zur  Konstruktion  von  Kaianlagen  oder
für  irgendwelche  anderen  öffentlichen  Arbeiten  .  .  .,  Privatbesitz  eine  auffällige  Wertsteigerung ­
  erfahren  hat,  kann  solcher  Besitz  zur  Zahlung  einer  Entschädigung  herangezogen ­
  werden,  die  bis  zur  Hälfte  der  so  von  ihm  erworbenen  Vorteile  gehen
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        648

Fünftes  Buch.  Die  Lehren  der  neuesten  Zeit.

gewendet.  In  London  besteht  das  gleiche  Prinzip  seit  dem  17.  Jahrhundert, ­
  war  aber  ebenfalls  außer  Gebrauch  gekommen  1 ).  Heute  erfreut ­
  sich  der  Gedanke  im  Gegenteil  in  England  und  Deutschland
großer  Beliebtheit.  Es  sind  zahlreiche  Vorschläge  gemacht  worden,
um  besonders  den  Mehrwert  des  unbebauten  städtischen  Geländes
zu  besteuern,  und  einige  davon  sind  verwirklicht  worden.  In  dem
vielbesprochenen  englischen  Budget  von  1909,  das  zu  dem  großen
Verfassungskonflikt  zwischen  dem  Oberhaus  und  der  liberalen  Regierung ­
  Anlaß  gab,  war  eine  diesbezügliche  Bestimmung  einer  der
Punkte,  die  am  meisten  Widerspruch  hervorriefeu!  Was  die  Volkswirtschaftler ­
  anlangt,  so  sind  sie  über  die  Nützlichkeit  dieser  Steuern
sehr  geteilter  Meinung.  In  Deutschland  hat  die  Anwendung  einer
AVertzuwachssteuer  in  einigen  Städten  erst  kürzlich  in  Zeitschriften ­
  und  Büchern  heftige  Debatten  hervorgerufen,  die  aber  die
kaiserliche  Regierung  nicht  gehindert  haben,  das  Prinzip  dieser
Steuern  1911  durch  ein  Reichsgesetz  festzulegen.
In  Frankreich  haben  diese  Ideen  weniger  Widerhall  erweckt.
Auf  der  einen  Seite  ist  hier  der  Grundbesitz  viel  gleichmäßiger  gestückelt ­
  als  in  England;  die  Rente  verteilt  sich  daher  unter  eine
viel  größere  Anzahl  von  Personen  und  ruft  deshalb  weniger  Gegnerschaft ­
  hervor.  Auf  der  anderen  Seite  hat  sich  das  Problem  dank
des  so  langsamen  Wachstums  der  französischen  Bevölkerung  sogar
in  den  Städten,  mit  Ausnahme  von  Paris,  nicht  mit  der  gleichen
Schärfe  gestellt,  wie  in  Deutschland,  wo  die  Ärbeiterbevölkerung
einen  immer  größeren  Teil  ihres  Lohnes  von  der  Miete  aufgezehrt
sieht.  Jedoch  in  Frankreich  wie  in  anderen  Ländern  steht  dieser
Punkt  auf  der  Tagesordnung  und  muß  früher  oder  später  seine
Lösung  finden.

§  3.  Systeme  der  Nationalisierung  des  Bodens.
Die  Systeme,  von  denen  wir  jetzt  zu  sprechen  haben,  begnügen
sich  nicht  damit,  einen  Teil  des  Einkommens  aus  Bodenrente  zu
darf“.  Doch  sind  die  Anwendungen  dieses  Prinzips  ziemlich  selten  gewesen.  Berth^-lemy
  (Traite  elementaire  de  Droit  administratif,  1908,  S.  624)  zählt  nur
etwa  20  Fälle  im  ganzen  Verlauf  des  19.  Jahrhunderts  auf.
*)  Sbligmann  (Essays  on  Taxation,  5.  Ausg.  S.  841)  führt  ein  englisches
Gesetz  von  1662  über  die  Verbreiterung  gewisser  Straßen  in  Westminster  an,  in  dem
dieser  Grundsatz  klar  ausgedrückt  ist.  Als  aber  1890  ein  Gesetzentwurf  eingebracht
wurde,  um  diesen  Grundsatz  bei  gewissen  Arbeiten  in  London  zur  Anwendung  zu
bringen,  wurde  er  heftig  bekämpft.  Erst  1895  wurde  er  von  neuem  anerkannt  und
in  dem  Gesetz  vom  gleichen  Jahre  über  den  Bau  der  großen  Towerbrücke  in  London
angewendet.  —  In  Amerika  wird  der  Grundsatz  häufig  unter  dem  Namen  „special
assessments“  oder  „betterment“  angewendet.
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        Kapitel  II.  Die  Theorie  der  Bodenrente  und  ihre  Anwendungen.  649

konfiszieren.  Sie  verlangen  den  Heimfall  des  Bodens  selbst  an  den
Staat.
Anscheinend  sind  sie  radikaler  als  die  im  vorhergehenden  besprochenen ­
  Systeme  —  zum  wenigsten  als  das  System  Stuart  Mill’s.
In  Wirklichkeit  beruhen  sie  auf  einem  viel  einfacheren  Prinzip.  Wie  Mill,
schlagen  auch  die  Anhänger  der  Nationalisierung  vor,  dem  Staat  den
Mehrwert  des  Bodens  vorzubehalten;  wie  er,  glauben  sie  an  die  Dauer
und  die  Beständigkeit  dieses  Mehrwerts;  wie  er,  behaupten  sie  das
Urrecht  der  Gesellschaft  auf  den  Besitz  des  Bodens.  Sie  betonen  aber
besonders,  daß  sie  den  gegenwärtigen  Besitzern  nichts  nehmen  wollen.
Sie  unterscheiden  in  den  Einkommen  dieser  Besitzer  nicht,  was  verdient
und  was  nicht  verdient  ist,  „earned“  oder  „unearned“:  sie  lassen  es
als  Ganzes  als  gerechtfertigt  gelten.  Sie  wollen  nicht  wie  Mill  dem
Grundbesitz  zurufen:  bis  hierher  und  nicht  weiter!  Sie  schlagen
ganz  einfach  eine  Enteignung  aus  Gründen  des  öffentlichen  Nutzens
vor,  eine  Enteignung,  die  übrigens  mit  allen  nur  möglichen  Garantien
umgeben  wird,  und  in  der  eine  Entschädigung  die  Grundbesitzer
nicht  nur  für  den  Verlust  ihres  jetzigen  Einkommens,  sondern  auch
für  den  Verlust  des  zukünftigen  Einkommens,  auf  das  sie  hätten
rechnen  können,  schadlos  hält.  Was  kann  einfacher  und  gerechter ­
  sein?
Das  praktische  Interesse  derartiger  Systeme  ist  natürlich  von
sehr  geringer  Bedeutung.  Solche  tiefgehende  Umwälzungen  des
Grundbesitzes  sind  in  alten  Ländern  nur  in  Revolutionszeiten  möglich, ­
  und  Revolutionen  werden  nicht  leichten  Herzens  und  ohne
zwingende  Notwendigkeit  unternommen.  Nun  haben  aber  gerade  all
die  großen,  seit  einem  Jahrhundert  eingetretenen  Umwandlungen  des
Großgrundbesitzes  (in  Frankreich  während  der  Revolution,  in  Rußland
bei  der  Aufhebung  der  Leibeigenschaft,  in  Irland  seit  etwa  30  Jahren)
alle  den  Zweck  gehabt,  den  persönlichen  Besitz  nicht  zu  begrenzen,
sondern  im  Gegenteil,  ihn  zu  stärken  und  sogar  zu  schaffen.  Noch
heute  beschäftigt  man  sich  in  Rußland  gerade  mit  dieser  Aufgabe.
Für  die  Nationalisierung  haben  diese  Vorgänge  wenig  ermutigendes!
—  Vielleicht  liefern  die  neuen  Länder  ein  besseres  Versuchsfeld.
Vielleicht  wird  es  dort  leichter  sein,  dem  Staat  die  Hauptrolle  vorzubehaiten.
  In  Wirklichkeit  denkt  man  aber  gerade  dort  am  wenigsten ­
  daran,  weil  die  Mißbräuche  des  Großgrundeigentums  dort  noch
nicht  Zeit  gehabt  haben,  sich  fühlbar  zu  machen.
Dieser  utopistische  Charakter  der  Systeme,  die  wir  jetzt  untersuchen, ­
  enthebt  uns  der  Aufgabe,  auf  die  Einzelheiten  der  Organisation ­
  einzugehen,  die  nach  Durchführung  der  Reform  einzuführen
Wären,  Einzelheiten,  die  die  Anhänger  der  Nationalisierung  manchmal
recht  eingehend  auszumalen  lieben.
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        650

Fünftes  Buch.  Die  Lehren  der  neuesten  Zeit.

Es  ist  aber  interessant,  sowohl  die  Ideen,  in  deren  Namen  man
diesen  Rückkauf  verlangt,  wie  auch  die  wirtschaftlichen  Vorgänge,
die  ihn  verwirklichen  sollen,  zu  studieren.  Die  in  dieser  Hinsicht
bemerkenswertesten  Systeme  sind  die  von  Gossen  und  Waleas.  Das
erste  ist  in  einem  sehr  merkwürdigen  Werke  dargelegt:  Die  Entwicklung ­
  der  Gesetze  des  menschlichen  Verkehrs;  das
zweite  wird  in  einer  Denkschrift  entwickelt,  die  der  Verfasser  1880
der  Waadtländischen  Gesellschaft  der  Naturwissenschaften  vorlegte.
Beide  enthalten  allgemeine  Gedanken,  aus  denen  der  Volkwirtschaftler
großen  Nutzen  ziehen  kann.  Zum  Schluß  werden  wir  in  einigen
Worten  von  den  Schriftstellern  sprechen,  die  im  Rückkauf  hauptsächlich ­
  das  Mittel  sehen,  Allen  „freien  Boden“  anzubieten.
a)  Das  Buch  Gossen’s  erschien  1853*).  Ein  interessantes  Zusammentreffen ­
  ließ  ii\  Deutschland  fast  im  gleichen  Augenblick,  in  dem
Bastiat  in  Frankreich  und  Caeey  in  Amerika  zwei  Systeme  ausgesprochen ­
  optimistischer  Volkswirtschaftslehre  schufen,  in  Gossen
einen  noch  überzeugteren  Optimisten  erstehen,  der  zudem  auf  jeden
Fall  viel  wissenschaftlicher  zu  Werke  ging.  Gossen  denkt,  wie  die
Physiokraten,  daß  die  Vorsehung  die  soziale  Welt  wohltätigen  Gesetzen ­
  unterstellt  hat,  deren  Kenntnis  und  Befolgung  genügt,  um
glücklich  zu  werden.  Diese  Gesetze  sind  die  des  „Genusses“,  heute
würden  wir  sagen  der  Nützlichkeit  oder  der  Ophelimität,  und  zwar
sind  diese  Gesetze  so  vortrefflich,  daß  es  genügt,  wenn  der  Mensch
sein  eigenes  Glück  verfolgt,  um  zur  gleichen  Zeit  zum  größten  Glück
der  ganzen  Gesellschaft  beizutragen.  Bei  Gossen  finden  wir  schon,
in  einer  beraerkenswürdig  genauen  Form,  die  sich  auf  eine  höchst
geistreiche  Analyse  der  Bedürfnisse  stützt,  das  hedonistische  Theorem
vom  Maximum  der  Ophelimität  —,  nach  dem  die  Individuen,  indem
ein  jedes  der  Befriedigung  seiner  Wünsche  nachstrebt,  unter  der
Herrschaft  der  freien  Konkurrenz  selbsttätig  das  Maximum  der  Befriedigung ­
  für  die  Gesamtheit  verwirklichen.
Wenn  das  Streben  eines  jeden  nach  dem  Maximum  des  persönlichen ­
  Genusses  als  Folge  das  Maximum  des  Wohlseins  aller  hat,  so

-  ’)  H.  H.  Gossen,  „Entwicklung  der  Gesetze  des  menschlichen  Verkehrs  und  der
daraus  fliehenden  Regeln  für  menschliches  Handeln“,  von  Hermann  Heinrich  Gossen,
königlich  preuhischem  Regierungs-Assessor  außer  Dienst..  Neue  Ausgabe,  Berlin,  Verlag ­
  von  E.  L.  Prager,  1889  (Neudruck).  Das  Werk  blieb  zu  dieser  Zeit  (1853,  s.  o.
S.  601,  Anm.)  vollständig  unbeachtet  und  noch  im  Jahre  1900  wußte  die  zweite  Ausgabe ­
  des  großen  Handwörterbuches  der  Staatswissenschaften  nichts  von
ihm.  Die  dritte  Ausgabe  hat  diese  Lücke  gefüllt.  Über  die  Beziehungen  der
Ideen  Gossen’s  zu  denen  von  Walras  und  Jevons  vgl.  den  interessanten  Aufsatz
von  Walbas:  Un  economiste  inconnu,  Hermann  Henri  Gossen,  der  1885  im
Journal  des  Economistes  veröffentlicht  wurde  und  in  seinen  Etudes  d’Economie
  Sociale,  S.  351  ff.  von  neuem  abgedruckt  ist.
        <pb n="673" />
        Kapitel  II.  Die  Theorie  der  Bodenrente  und  ihre  Anwendungen.  651

muß  ein  jeder  in  den  Stand  gesetzt  werden,  in  Freiheit  sein  Streben
nach  Wohlstand  zu  betätigen.  Dem  stehen  aber  zwei  große  Hindernisse ­
  entgegen.  Das  erste  ist  der  Mangel  an  Kapital:  dem  hilft
Gossen  durch  die  Schaffung  einer  großen  Darlehnskasse  unter  der
Leitung  des  Staates  ab,  deren  Einrichtung  er  bis  in  die  geringsten
Einzelheiten  beschreibt.  Das  zweite  Hindernis  ist  der  private  Bodenbesitz. ­
  Um  nämlich  seine  ganze  Tätigkeit  entfalten  zu  können  und
die  größtmögliche  Menge  von  Gütern  zu  schaffen,  muß  der  Mensch
nicht  nur  imstande  sein,  frei  seine  Arbeit  zu  wählen,  sondern  es
muß  ihm  auch  möglich  sein,  sich  den  vorteilhaftesten  Ort  für
seine  Arbeit  auszusuchen.  Diese  freie  Wahl  verhindert  der  Privatbesitz. ­
  „Hier  haben  nämlich“,  sagt  Gossen,  „auch  die  menschlichen
Institutionen,  anstatt  die  Beseitigung  dieses  Hindernisses  zu  erleichtern,
dasselbe  in  unzähligen  Fällen  zu  einem  unüberwindlichen  gemacht
durch  Einführung  des  Privateigentums  an  Grund  und  Boden,  weil  es
durch  diese  Einführung  dem  Eigensinn  eines  einzelnen  Menschen  oft
ganz  und  gar  anheimgegeben  ist,  ob  er  einen  ihm  zugehörigen
Fleck  des  Erdbodens  zu  dem  zweckmäßigsten  Produktionszweige  hergeben ­
  und  einrichten  will  oder  nicht,  und  es  ist  eine  zu  bekannte
Tatsache,  wie  unzählige  Male  dieser  Eigensinn  die  zweckmäßigste
Einrichtung  eines  Produktionszweiges  verhindert,  als  daß  es  hier
nötig  wäre,  besondere  Tatsachen  namhaft  zu  machen.  Hat  man  es
darum  sogar  nötig  gefunden,  bei  Industriezweigen,  die  eine  großartigere ­
  Einrichtung  heischen,  wie  beim  Bergbau,  beim  Bau  von
Chausseen  und  Eisenbahnen,  das  Expropriationsrecht  einzuführen 1 )!“
Daher  muß  der  Gemeinschaft  der  Besitz  am  Boden  wiedergegeben
werden,  und  zwar  in  einer  solchen  Weise,  daß  Allen  die  Möglichkeit
gegeben  ist,  Boden  zur  Benutzung  zu  beanspruchen  und  ihn  zum  Gebrauch ­
  zu  erhalten.  So  würde  nicht  nur  jede  Industrie  den  für  ihre
Anlage  günstigsten  Standort  aussuchen  können,  sondern  die  Gemeinschaft ­
  würde  auch  sicher  sein,  indem  sie  den  Gebrauch  des  Bodens
versteigert  und  ihn  dem  überweist,  der  die  höchste  Pacht  verspricht,
daß  ein  jeder  Teil  des  Bodens  von  der  Person  bewirtschaftet  wird,
die  persönlich  am  fähigsten  ist,  den  höchsten  Nutzen  daraus  zu  ziehen.
Auf  diese  Weise  wird  zu  jedem  Augenblick  und  im  Rahmen  der  gegebenen ­
  menschlichen  Kenntnisse  die  der  Produktion  günstigste
Organisation  gewährleistet 2 ).
b  Entwicklung  der  Gesetze,  usw.,  S.  250.
2 )  Gossen  sieht  in  dieser  Reform  noch  andere  Vorteile,  die  er  auf  Seite  273
aufzählt:  1.  Indem  man  den  Einzelpersonen  den  Genuß  der  Bodenrente  entzieht,
entzieht  man  vielen  die  Möglichkeit,  ohne  Arbeit  zu  leben,  wodurch  man  ihre  aktive
Tätigkeit  erhöht;  2.  die  rechtlichen  Verhältnisse  des  Eigentums  werden  außerordentlich ­
  vereinfacht;  3.  die  Produzenten  haben  kein  Kapital  nötig,  um  erst  einmal
ein  Stück  Land  zu  kaufen;  4.  zum  Schluß  wird  die  Bodenrente  im  weitesten  Maße
        <pb n="674" />
        652

Fünftes  Buch.  Die  Lehren  der  neuesten  Zeit.

b)  Walras  stellt  sich  nicht  auf  einen  so  ausschließlichen  Nützlichkeitsstandpunkt, ­
  wie  Gossen.  Seine  Reform  beruht  auf  den  Auffassungen ­
  über  die  Rollen  des  Individuums  und  des  Staates,  wie  er
sie  schon  1867  in  seinen  Vorträgen  über  die  Theorie  generale
de  la  Societe  (allgemeine  Gesellschaftstheorie)  dargelegt  hat.  Wie
Henry  George,  sucht  auch  Waleas  eine  Aussöhnung  zwischen  dem
Sozialismus  und  dem  Individualismus J )  zu  verwirklichen,  eine  Aussöhnung, ­
  die  er  selbst  mit  dem  Namen  liberaler  Sozialismus  oder  auch
synthetischer  Sozialismus,  oder  einfach  „Synthetismus“  bezeichnet 2 ).
Für  ihn  stehen  das  Individuum  und  der  Staat  nicht  im  Gegensatz
zueinander,  sondern  ergänzen  sich.  Beide  sind,  nach  einem,  unserer
Ansicht  nach  höchst  richtigen  Ausdruck  „Abstraktionen“.  Die
einzige  Wirklichkeit  ist  der  soziale  Mensch,  nämlich  der  in  Gesellschaft ­
  lebende  Mensch.  Der  wirkliche  Mensch,  der  Mensch,  so  wie
wir  ihn  kennen,  hat  zwei  Reihen  von  Interessen:  die,  auf  Grund
deren  er  in  Gegensatz  zu  seinesgleichen  tritt,  und  die  ihm  als  Persönlichkeit ­
  eigen  sind;  und  die,  die  er  mit  seinesgleichen  gemein  hat,  und
deren  Verteidigung  und  Aufrechterhaltung  die  Fortdauer  der  Gattung
sichern.  Diese  Interessengruppen  sind  gleichberechtigt,  da  ihre  Befriedigung ­
  in  gleicher  Weise  zum  Leben  des  sozialen  Menschen  notwendig ­
  ist.  Der  Staat  und  das  Individuum  sind  einfach  zwei  Ausdrücke, ­
  mit  denen  wir  den  sozialen  Menschen  bezeichnen  —  je  nachdem ­
  wir  ihn  bei  Verfolgung  seiner  kollektiven  Interessen  oder  seiner
besonderen  und  persönlichen  Interessen  betrachten.  Beide  haben  ihr
eigenes  Reich,  das  durch  die  Natur  der  Dinge  abgegrenzt  ist.
Der  Staat  hat  die  Aufgabe,  die  allgemeinen  —  allen  Menschen
gemeinsamen  —  Existenzbedingungen  zu  sichern.  Die  Aufgabe
des  Individuums  ist  es,  seine  persönliche  Stellung  innerhalb
der  Gesellschaft  gemäß  seinen  eigenen  Fähigkeiten,  seiner  Arbeit  und
Ausdauer  zu  verwirklichen.  Damit  beide,  der  Staat  wie  das  Individuum, ­
  ihre  Aufgabe  erfüllen  können,  müssen  beide  im  Besitz  der  notwendigen ­
  Hilfsmittel  sein:  das  Individuum  im  Besitz  der  Hilfsmittel,
die  sich  aus  seiner  Arbeit  und  seiner  Spartätigkeit  ergeben,  der  Staat
die  Steuern  ersetzen  und  ihre  Erhebung  von  aller  Belästigung  und  Ungerechtigkeit
befreien  (ebd.  S.  273).
1 )  Vgl.  in  den  Etudes  d’Economie  Sociale  den:  Methode  de  conciliation
  ou  de  Synthese  überschriebenen  Abschnitt.  Im  Vorwort  zu:  Fortschritt ­
  und  Armut  erklärt  Henry  George:  „Was  ich  in  diesem  Buch  getan
habe  .  .  .,  ist,  die  von  der  Schule  Smith’s  und  Eicardo’s  geschaute  Wahrheit,  mit
der  Wahrheit,  die  Phoddhon  und  Lassallb  leuchtete,  zu  verbinden,  und  nachzuweisen,
daß  das  laisser-faire  (in  seinem  wahren  und  vollen  Sinne)  den  edlen  Träumen  des
Sozialismus  den  Weg  öffnet“  (Englische  Ausg.,  Verlag  Kegan  Paul,  Trench,
Triibner  &amp;amp;  Co.,  Ltd,,  London  1908,  S.  VIII  Anm.  d.  Übers.).
2 )  Etudes  d’Economie  Sociale,  S.  239.
        <pb n="675" />
        Kapitel  II.  Die  Theorie  der  Bodenrente  und  ihre  Anwendungen.  653

im  Besitz  des  Einkommens,  das  sich  aus  dem  allgemeinen  sozialen
Fortschritt  ergibt,  nämlich  der  Bodenrente.  So  ausgestattet  braucht
der  Staat  nicht  mehr  den  Einzelpersonen  durch  Steuern  einen  Teil
der  Früchte  ihrer  Arbeit  zu  nehmen.  Gemeinsamer  Besitz  des  Bodens
und  seines  Ertrages,  Privatbesitz  am  Kapital,  an  der  Arbeit  und  ihren
Erträgen,  —  das  ist  die  soziale  Organisation,  die  die  Formel  der
Gerechtigkeit  nach  Walbas  verwirklichen  wird:  Gleichheit  der
Bedingungen,  Ungleichheit  der  Lage 1 ).
Wenn  auch  der  Ausgangspunkt  der  Reform  verschieden  ist,  so
sind  doch  die  Bedingungen  ihrer  Verwirklichung  für  Gossen,  wie  für
Waleas  genau  dieselben.  Beide  haben  die  weitestgehende  Achtung
vor  den  von  den  Eigentümern  erworbenen  Rechten.  Nach  ihnen  hat
der  Staat  nicht  das  Recht,  nach  dem  Vorschläge  Mill’s  die  zukünftige
Rente *  2 )  mit  Beschlag  zu  belegen,  auf  die  sie  rechnen  können,  und
ebensowenig  hat  er  das  Recht,  die  gegenwärtige  Rente  für  sich  zu
beanspruchen,  wie  Heney  Geoege  vorschlägt.  Das  einzige  Mittel,  die
Operation  in  gerechter  Weise  durchzuführen,  besteht  darin,  den  Boden
zurückzukaufen,  und  der  Rückkaufspreis  muß  schon  die  von  den
Besitzern  erwarteten  Mehrwerte  enthalten.  Dieser  Rückkauf  würde
sich  praktisch  auf  Grund  einer  Ausgabe  von  Rentenbriefen  durchführen ­
  lassen,  die  den  Grundbesitzern  als  Bezahlung  ihres  Grundbesitzes ­
  angeboten  werden.  Auf  Grund  der  von  da  an  dem  Staate
zufallenden  Pachtsummen,  deren  ständiges  Steigen  nicht  ausbleiben
kann,  wird  der  Staat  imstande  sein,  nicht  nur  die  Zinsen  dieser
Schuld  zu  zahlen,  sondern  auch  sie  nach  und  nach  zu  amortisieren.
Nach  etwa  50  Jahren  würde  das  Kapital  zurückgezahlt  sein,  und  der
Staat  allein  über  die  Bodenrente  verfügen 3 ).

J )  Ygl.  im  besonderen  den  ganzen  prächtigen  6.  Abschnitt  der  Theorie  generale ­
  de  la  Societe  in  den  Etudes  d’Economie  Sociale.
2 )  .  .  Selbst  der  Umstand  läßt  sich  nicht  zur  Beschönigung  irgendeiner  Maßregel ­
  anführen,  deren  Wirkung  auch  nur  Schmälerung  der  Grundrente  für  den
Eigentümer  ist,  daß  die  Rente  ohne  Zutun  des  Eigentümers  unausgesetzt  steigt.
Denn  das  Steigen  der  Renten  in  einem  bestimmten  Verhältnis  zur  Zeit  mußte,  sobald
es  wahrgenommen  wurde,  bei  Berechnung  des  Kaufpreises  berücksichtigt  werden,
gerade  deshalb,  weil  dieser  Preis,  wie  wir  sahen,  ja  nur  durch  Rechnung  gefunden
wird.  Darum  hat  also  der  Käufer,  da  der  Kauf  unter  der  Bürgschaft  der  Gesetze
stattgefunden  hat,  unzweifelhaft  das  Recht  auf  alle  Schwankungen  in  der  Rente,
wie  diese  auch  beschaffen  sein  mögen,  mit  erkauft.  ...  Ja  selbst  dann,  wenn  man
den  Grundeigentümern  als  Entschädigung  eine  ewige  Rente  in  dem  Betrage,  wie
die  zahlbare  Rente  des  Grundeigentums  beim  Übergang  an  den  Staat  gefunden
wurde,  zusichern  wollte,  wie  dies  jetzt  bei  Expropriationen  zu  geschehen  pflegt,
würde  die  Ungerechtigkeit  aus  dem  angeführten  Grunde  nur  vermindert,  nicht  vermieden ­
  werden“  (H.  H.  Gossen,  Entwicklung  der  Gesetze  usw.  S.  257/258).
3 )  Gossen  führt  die  Gründe  an,  weshalb  der  Staat,  da  er  sich  in  besserer  Lage
a L  die  Einzelpersonen  befindet,  den  Besitzern  bessere  Bedingungen  als  die  der  ge-
        <pb n="676" />
        654

Fünftes  Buch.  Die  Lehren  der  neuesten  Zeit.

Dieser  Auffassung  würde  nichts  weiter  hinzuzufügen  sein,  wenn
Waleas  nicht  selbst  einen  Einwurf  erhoben  hätte,  der  ihn  dazu
brachte,  seine  Auffassung  vom  Fortschritt  der  Bodenrente  in  der
interessantesten  Art  tind  Weise  zu  präzisieren.
Wenn,  sagt  Waleas,  der  Staat  den  Grundbesitzern  den  mathematischen ­
  Wert  ihres  Bodens  zahlt,  indem  er  in  diesen  Preis  eine,  das
zukünftige  Wachstum  der  Bodenrente  eskomptierende  Summe  einschließt,
wie  soll  er  hoffen  können,  diese  Summe  zu  amortisieren?  Wenn  der
Wert  des  Bodens  genau  berechnet  wird,  dann  müssen  auch  die  Zinsen
des  Eückkaufspreises  und  die  als  Pachtsummen  erhobenen  Beträge
sich  genau  die  Wage  halten,  da  die  einen  nur  den  Preis  der  anderen
vorstellen;  daher  wird  der  Staat  niemals  aus  der  Bodenrente  das
Schuldkapital  zurückzahlen  können.  Die  Operation  würde  weder  Vorteile ­
  noch  Nachteile  haben.  Wie  soll  man  diesem  Einwurf  begegnen?
Höchst  einfach.  Wenn  er  wirklich  begründet  wäre,  so  müßte  er
schon  heute  gegen  jede  Terrainspekulation  seine  Geltung  haben.
Wenn  die  Einzelkäufer  den  Verkäufern  einen  Preis  zahlen  sollten,
der  genau  den  Gegenwert  aller  zukünftigen  Mehrwerte  darstellt,  so
würden  sie  sich  im  voraus  der  Vorteile,  die  sie  erhoffen,  begeben.
Wie  aber  ein  jeder  weiß,  tritt  nichts  derartiges  ein.  Spekulationen
dieser  Art  finden  jeden  Tag  statt,  und  zwar  aus  dem  guten  Grunde,
weil  der  Mehrwert  stets  in  gewisser  Weise  auf  dem  Zufall  beruht.
Der  Käufer,  der  besser  unterrichtet  oder  weitsichtiger  als  der  Verkäufer ­
  ist,  glaubt  fester,  als  dieser  an  das  Steigen  des  Wertes
oder  behält  sich  vor,  diese  Steigerung  selbst  durch  entsprechende
Maßnahmen  herbeizuführen.  Der  Staat  würde  nun,  nach  dem  Kückkauf
  in  derselben  Lage  sein,  wie  der  fragliche  Spekulant.  Nach
Waleas  ist  es  unausbleiblich,  daß  der  Mehrwert  des  Bodens  in  der
Zukunft  schneller  steigt,  als  sich  die  jetzigen  Besitzer  dies  vorstellen,
und  zwar  infolge  einer  wirtschaftlichen  Entwicklung,  die  wohl  die
Besitzer  verkennen  mögen,  auf  die  aber  der  Staat  im  Gegenteil  mit
voller  Sicherheit  rechnen  kann 1 ).

wohnlichen  Käufer  anbieten  kann:  unter  anderem  kann  der  Staat  zu  leichteren
Bedingungen  Anleihen  aufnehmen  und  folglich  einen  höheren  Preis  bieten.
')  Auf  einer  analogen  Psychologie  beruht  auch  das  Kückkaufsprojekt,  das  Gide
in  einem  Aufsatz  im  Journal  des  Eoonomistes  (S.  190)  im  Juli  1883  entwickelt
hat.  „Der  Staat  würde  den  Besitzern  Vorschlägen,  ihnen  ihren  Grund  und  Boden
gegen  sofortige  bare  Zahlung  abzukaufen,  unter  der  Bedingung  der  Übereignung
nach  Ablauf  von  99  Jahren.  Es  ist  kaum  denkbar,  daß  unter  solchen  Bedingungen
ein  Besitzer  nicht  auf  dieses  Anerbieten  eingehen  würde  und  zwar  sogar  gegen
eine  sehr  geringe  Entschädigung;  denn  da  eine  Zeit  von  99  Jahren  für  einen  Jeden
von  uns  „auf  immer“  bedeutet,  wurde  der  gezahlte  Preis  für  den  Besitzer  ein  wirkliches ­
  Geschenk  sein,  und  er  würde  keinen  Grund  haben,  besonders  hohe  Forderungen
zu  stellen.“
        <pb n="677" />
        Kapitel  II.  Die  Theorie  der  Bodenrente  und  ihre  Anwendungen.  655

f
„Ich  glaube  mit  mehreren  anderen  kompetenten  Volkswirtschaftlern“, ­
  sagt  er,  „daß  die  Menschhheit  zurzeit  in  einer  höchst
beträchtlichen  wirtschaftlichen  Entwicklung  begriffen  ist,  indem  sie
von  der  landwirtschaftlichen  Wirtschaftsstufe,  auf  der  sie  seit  einigen
Jahrtausenden  lebte,  zur  Industrie-  und  Handelsstufe  übergeht,  die
sich  im  wesentlichen  durch  die  Tatsache  kennzeichnet,  daß  der  landwirtschaftliche ­
  Betrieb  sehr  große  Kapitalien  auwenden  muß,  um  eine
viel  zahlreichere  Bevölkerung  zu  ernähren.  Ich  glaube,  daß  diese
Entwicklung,  deren  Ergebnis  ein  neuer  Mehrwert  der  Bodenrente,
ohne  Vermehrung  der  Seltenheit  oder  des  Wertes  der  landwirtschaftlichen ­
  Erzeugnisse,  sein  wird,  bisher  von  den  Besitzern  noch  nicht
eskomptiert  werden  konnte,  da  er  erst  von  einigen  wenigen  offenen
und  klaren  Köpfen  bemerkt  worden  ist.  Daher  bin  ich  der  Meinung,
daß,  wenn  der  Staat  den  Boden  vor  dieser  Entwicklung,  um  die  es
sich  hier  handelt,  zurückkaufte,  und  dann  alles  täte,  was  in  seiner
Macht  steht,  um  diese  Entwicklung  zu  begünstigen  (und  der  Rückkauf ­
  an  sich  würde  schon  in  diesem  Sinne  wirken),  so  würde  er  in
dem  normalen  Mehrwert  reichliche  Mittel  finden,  um  den’Rückkaufspreis ­
  zu  amortisieren“ 1 ).
Walbas  ist  also  wie  Eicaedo,  dessen  Lehre  hier  eine  Art  von  Auferstehung ­
  erlebt,  davon  überzeugt,  daß  wir  in  der  Zukunft  ein  Wachsen
des  Mehrwerts  der  „Bodendienste“  (Services  fonciers)  erleben  werden,
das  auf  der  begrenzten  Menge  des  Bodens  beruht.  Nur  verwirft  seine
Theorie,  anstatt  sich  wie  die  Ricaedo’s  auf  das  Gesetz  des  sinkenden ­
  Bodenertrages  zu  stützen,  im  Gegenteil  die  Möglichkeit  einer
Verminderung  der  landwirtschaftlichen  Produktion.  Sie  gründet  sich
einfach  auf  den  sicheren  Übergang  vom  landwirtschaftlichen  zum
industriellen  und  Handelszustand,  von  der  extensiven  zur  intensiven
Bewirtschaftung,  die  dem  Boden  einen  steigenden  Wert  verleihen
wird.  Indem  der  Staat  selbst  diesen  Übergang  durch  entsprechende
Maßnahmen  begünstigt,  kann  er  zu  dem  Erfolge  dieser  riesenhaften
Operation  beitragen,  die  übrigens  nicht  die  einzige  sein  wird:  denn
der  Rückkauf  der  Bergwerke,  der  Eisenbahnen  und  anderer  wirtschaftlicher ­
  Monopole  muß  notwendig  damit  verbunden  werden *  2 ).
■)  Walbas,  Btudes  d’eoonomie  sociale,  S.  368.  Die  mathematische  Untersuchung ­
  der  Theorie  findet  sich  in  der  Theorie  mathematique  du  prix  des
t  er  res;  sie  ist  in  gewöhnlicher  Sprache  in  dem  Aufsatz:  „Un  eoono  miste  inconnu,
  S.  365ff.,  und  noch  einfacher  in  den  Ausführungen  über  das  Probleme
tiscal  zusaramengefaßt  (S.  446-449).
2 )  „Die  gleiche  Kombination  würde  auf  den  Eücbkauf  der  Bergwerke,  der
Eisenbahnen  und  anderer  natürlicher  und  notwendiger  Monopole  anwendbar  sein,  wo
das  Prinzip  der  freien  Konkurrenz  nicht  wirken  kann,  und  die  vom  Gesichtspunkt
des  Mehrwertes  in  einer  fortschreitenden  Gesellschaft  den  gleichen  Charakter  haben,  wie
der  Boden  (Btudes  d’economie  sociale,  S.  347,  Anm,;  vgl.  auch  S.  237ff.).
        <pb n="678" />
        656

Fünftes  Buch.  Die  Lehren  der  neuesten  Zeit.

c)  Die  von  den  Anhängern  der  Nationalisierung  angeführten
Gründe  sind,  wie  wir  gesehen  haben,  ziemlich  verschiedenartig.
Gossen  will  das  Maximum  an  Produktivität  verwirklichen;  Walbas
denkt  zunächst  daran,  dem  Staat  die  notwendigen  Mittel  zu  sichern;
eine  letzte  Kategorie  von  Schriftstellern  sieht  darin  hauptsächlich
das  Mittel,  allen  den  freien  Zugang  zum  Boden,  den  freien  Boden,
zu  gewährleisten.  Dieses  Bestreben  leitet  besonders  Alfred  Rüssel
Wallace,  den  großen  englischen  Naturforscher,  in  dem  von  ihm
seit  1882  geführten  Feldzug  zugunsten  der  Nationalisierung  des
Bodens  und  liegt  dem  Buch,  in  dem  er  seine  Beweisführung  zusammenfaßt, ­
  zugrunde:  Die  Nationalisierung  des  Bodens,  ihre
Notwendigkeit  und  ihre  Ziele 1 ).
Für  Wallace  muß  nämlich  notwendigerweise  die  Möglichkeit,
freien  Boden  in  Besitz  zu  nehmen,  der  Abhängigkeit  des  Arbeiters
gegenüber  dem  Kapitalisten  ein  Ziel  setzen.  Niemand  wird  zu  einem
Hungerlohn  arbeiten  wollen,  wenn  er  sicher  ist,  auf  einem  freien  Stück
Boden  sein  tägliches  Brot  Anden  zu  können.  Auch  wird  niemand
unter  Arbeitslosigkeit  zu  leiden  haben,  da  er  stets  ein  Stück  Feld
zur  Bewirtschaftung  Anden  kann.  Der  freie  Zugang  zum  Boden  löst
daher  sowohl  das  Problem  des  Pauperismus,  wie  das  der  Arbeitslosigkeit, ­
  und  das  wird  die  glücklichste  Folge  der  Nationalisierung
sein 1  2  3 ).
„Die  Hauptsache“,  sagt  er,  „ist,  jedem  Arbeiter  die  Freiheit  zu
geben,  ein  Stück  Boden  zu  besitzen  und  zu  bewirtschaften  *).“  Er
schlägt  daher  vor,  sobald  der  Boden  nationalisiert  ist,  daß  dann  jeder
Bürger  das  Recht  habe,  einmal  in  seinem  Leben,  sich  unter
den  noch  freien  Bodenparzellen  ein  Stück  von  1  bis  5  Acker  auszusuchen, ­
  unter  der  Bedingung,  es  in  Besitz  zu  nehmen  und  persönlich
zu  bewirtschaften  4 ).
Der  große  Vorzug  dieser  Auffassung  liegt  in  ihrer  außerordentlichen ­
  Einfachheit.  Sie  beruht  nicht,  wie  die  vorher  besprochenen,

1 )  Land  Nationalization,  its  necessity  and  its  aims,  1882.
2 )  Ygl.  Escabba,  op.  cit.  S.  224;  siehe  auch  Laveleye,  Le  Socialisme  contemporain,
  8.  Ausg.,  Anhang  I.
3 )  Angeführt  von  Mütin:  Le  Socialisme  en  Angleterre  (1897\  S.  179.
*)  „Der  Besitz  eines  Stück  Landes  gestattet  dem  Arbeiter,  sich  der  Abhängigkeit ­
  von  dem  Kapitalisten,  die  eine  Ursache  des  Pauperismus  ist,  zu  entziehen.  Der
Arbeiter,  der  Boden  besitzt,  ist  frei;  wenn  er  keine  Arbeit  hat,  bleibt  ihm  stets
etwas  zu  tun  übrig.“  Und  an  anderer  Stelle:  „Wenn  den  Arbeitern  eine  gewisse
Menge  Boden  überlassen  wird,  so  wird  ihr  Lohn  mit  Sicherheit  steigen,  denn  niemand ­
  würde  für  jemand  anderen  arbeiten,  wenn  er  dabei  nicht  mehr  verdient,  als
er  verdienen  kann,  wenn  er  für  sich  selbst  arbeitet.“  Angeführt  von  Escahra,
Dissertation,  S.  224,  Anm.  Man  trifft  übrigens  die  gleiche  Idee  bei  Henry
George,  obgleich  sie  nicht  an  die  erste  Stelle  gerückt  ist  (Escahra,  op.  cit.,  S.  229).
        <pb n="679" />
        Kapitel  II.  Die  Theorie  der  Bodenrente  nnd  ihre  Anwendungen.  657

auf  einer  verwickelten  und  gelehrten  wirtschaftlichen  Theorie.  Daher
ist  sie  auch  eine  ausgezeichnete  politische  Plattform.  Bei  näherem
Zusehen  erscheint  sie  aber  ein  wenig  kindlich.
Die  Bewirtschaftung  auch  des  kleinsten  Feldes  erfordert  Kapitalien.
Die  Anhänger  des  freien  Bodens  scheinen  dies  zu  vergessen.  Und
diese  Kapitalien  sind  oft  mehr  als  das,  worüber  ein  einfacher  Arbeiter
verfügen  kann.  Auch  trägt  die  Erde  nicht  das  ganze  Jahr  hindurch;
der  Saat  muß  Zeit  gelassen  werden,  zu  keimen.  Wenn  dem  Arbeiter
genügend  Mittel  zur  Verfügung  stehen,  um  die  Ernte  abzuwarten,
wird  er  vermutlich  auch  genügend  Mittel  haben,  um  im  Falle  der
Arbeitslosigkeit  neue  Arbeit  abwarten  zu  können.  Etwas  Geld  in
der  Sparkasse,  über  das  er  sofort  verfügen  kann,  wird  ihm  zweifellos
mitten  im  Winter  größere  Hilfe  gewähren,  als  irgendein  Stückchen
Land,  das  sich  vielleicht  in  weiter  Entfernung  befinden  mag.  Und
dann  verlangt  die  Bewirtschaftung,  auch  mit  Kapitalien,  gewisse
Fähigkeiten.  Landwirt  wird  man  nicht  im  Handumdrehen.  Man  kann
ein  ausgezeichneter  Fabrikarbeiter  und  doch  ein  sehr  schlechter  Bauer
sein.  Die  Erfahrungen,  die  man  mit  landwirtschaftlichen  Kolonien
gemacht  hat,  beweisen,  daß  die  Arbeitslosen  im  allgemeinen  mittelmäßige ­
  Landarbeiter  sind.  Die  Anhänger  des  freien  Bodens  scheinen
sich  daher  über  die  Wirksamkeit  ihres  Heilsmittels  Illusionen  hinzugeben, ­
  und  wir  fürchten,  daß  ein  praktischer  Versuch  ihnen  nur  zu
schnell  eine  grausame  Enttäuschung  bringen  würde 1 ).  i)

i)  Wenn  wir  auch  zu  unserem  Bedauern  gezwungen  gewesen  sind,  die  italienischen ­
  Volks  Wirtschaftler  aus  unserem  Programm  auszuschließen,  so  wäre  doch
hier  der  richtige  Platz,  einige  Worte  über  die  Ideen  des  Volkswirtschaftlers  Achills
Loria  zu  sagen.  Niemand  hat  die  Kunst,  über  national-ökonomische  Fragen  zu
schreiben,  zu  größerer  Vollkommenheit  als  er  gebracht.  Über  dem  Gedanken  des
freien  Bodens  hat  er  ein  ganzes,  großartiges  Gebäude  wirtschaftlicher,  sozialer  und
politischer  Geschichte,  ja  sogar  das  einer  Geschichte  der  Religion  errichtet  und  in
zahlreichen  Bänden  entwickelt,  in  denen  sich  sicherlich  eine  ganz  außerordentliche
Vorstellungskraft  ausspricht.  Man  findet  eine  Zusammenfassung  davon  in  einem
Vortrao-,  der  1892  in  der  Revue  d’Economie  Politique,  ins  Französische  übersetzt ­
  unter  dem  Titel:  La  terre  et  le  Systeme  social  erschienen  ist.  Wir
können  hier  nicht  näher  auf  das  System  Loria’s  eingehen.  Der  Hinweis  muß  genügen,
daß  Loria  in  seiner  Constituzione  economica  odierna  (1900)  verlangt,  das
Gesetz  solle  einem  jeden  Menschen  das  Anrecht  auf  Boden  zusprechen;  sei  es  auf  eine
Grund-Einheit  (unite  fonciere)  (d.  h.  auf  die  Feldgröße,  die  notwendig  ist,
um  ihm  zu  gestatten,  von  seiner  Arbeit  als  selbständiger  Besitzer  zu  leben),  wenn
die  Bevölkerungsdichte  und  die  Oberfläche  des  Landes  dies  gestatten;  sei  es  auf
nur  einen  Teil  dieser  Einheit,  wenn  die  verfügbare  Oberfläche  das  erstere  unmöglich ­
  macht.
Es  ist  das  jedoch  eine  theoretische  Lösung.  In  der  Praxis  zeigt  sein  Heilmittel
eine  mildere  Form  in  der  Gestalt  eines  Bodenlohnes  (salaire  territorial).
Es  würde  darin  bestehen,  daß  der  Arbeitgeber  verpflichtet  wäre,  seinen  Arbeitern
„außer  dem  notwendigen  Lohn  am  Ende  einer  Anzahl  von  n  Jahren  eine  Bodenein-Gide
  und  Rist,  Gesoh.  d.  Volkswirtschaft!.  Lehrmeinungen.  42
        <pb n="680" />
        658

Fünftes  Buch.  Die  Lehren  der  neuesten  Zeit.

§  4.  Sozialistische  Ausweitungen  des  ßentenbegriffes.
Die  Schriftsteller,  von  denen  wir  bisher  gesprochen  haben,  sind
sämtlich  Individualisten.  Sie  haben  nichts  gegen  das  Eigentum  als
solches,  und  unter  ihnen  finden  sich  keine  Gegner  des  Kapitalzinses.
Noch  weniger  sind  sie  den  Vorteilen,  die  ein  Jeder  aus  seinen  Fähigkeiten ­
  und  Begabungen  ziehen  kann,  feindlich  gesinnt.  Von  allen
diesen  vorhergehenden  Systemen  unterscheidet  sich  nun  der  Sozialismus
durch  die  Feindschaft,  die  er  sowohl  gegen  den  Kapitalzins  wie  auch
gegen  die  Bodenrente  hegt.  Einige  Sozialisten  gehen  sogar  so  weit,
den  besonderen  Vorteilen,  die  ein  Einzelner  aus  seinen  außergewöhnlichen ­
  Fähigkeiten  ziehen  kann,  jede  Berechtigung  abzusprechen,
sobald  diese  Vorteile  den  reinen  Ertrag  seiner  Arbeit  übersteigen.
Diese  beiden  Auffassungen  scheinen  wie  durch  einen  Abgrund
voneinander  getrennt.  Gibt  es  keine  Möglichkeit,  ihn  zu  schließen?
Sicherlich,  antworten  einige  Schriftsteller,  und  zwar  höchst  einfach: ­
  es  genügt,  die  Kapitalzinsen  und  das  Einkommen  aus  besonderen
Fähigkeiten  als  Kenten  anzusehen.  So  wird  die  Theorie  der  Rente
nicht  nur  die  Enteignung  des  Bodens  zugunsten  der  Allgemeinheit,
sondern  auch  den  absoluten  Kollektivismus  rechtfertigen.  —  Diese
Auffassung  ist  in  England  entstanden.
England,  die  eigentliche  Heimat  des  Sozialismus,  das  England
eines  Godwin,  Hall,  Thompson  und  Owen  hat  nach  dieser  ersten
Ideenbewegung  im  Laufe  von  70  Jahren  kein  sozialistisches  System
mehr  hervorgebracht.  Abgesehen  von  Stüaet  Mill,  auf  den  der
französische  Sozialismus  seinen  Einfluß  ausgeübt  hat,  ist  es  sogar
den  Ideen  gegenüber,  die  den  Kontinent  bewegten,  ziemlich  gleichgültig ­
  geblieben.  Kabl  Marx  hat  sein  Kapital  in  London  durcharbeiten ­
  und  verfassen  können,  ohne  daß  irgendein  englischer  Volkswirtschaftler ­
  dies  bemerkt  zu  haben  scheint.  Es  bedurfte  der  Bildung
der  sozialistischen  Parteien  in  Deutschland  und  Frankreich  nach  1870,

heit  zu  geben.  Wenn  während  dieser  Periode  von  n  Jahren  der  Arbeiter  nacheinander ­
  von  verschiedenen  Kapitalisten  beschäftigt  worden  wäre,  würde  jeder  von
ihnen  für  einen  Teil  aufzukommen  haben,  der  im  Verhältnis  zu  der  Zeit  steht,
während  der  er  den  Arbeiter  beschäftigt  hat.“
Auf  diese  Weise  würden  nach  einer  Anzahl  von  n  Jahren  alle  Arbeiter  nach
und  nach  Grundbesitzer  werden.  Sie  würden  sieh  in  dem  gleichen  Zustand,  wie  in
der  Primärperiode,  der  Naturwirtschaft,  befinden  und  könnten  dann  untereinander
oder  mit  den  früheren  Besitzern  die  Assoziation  des  Kapitals  und  der  Arbeit  auf
der  Grundlage  der  Gleichheit  bilden,  die  in  den  Augen  Lobia’s  die  produktivste
Organisation  ist.
Während  dieser  n  Jahre  müßten  die  Besitzer  unter  einem  entsprechenden
Zwang  stehen.
        <pb n="681" />
        Kapitel  II.  Die  Theorie  der  Bodenrente  und  ihre  Anwendungen.  659

ehe  die  Gedanken  des  groben  Kollektivsten  ein  wirkliches  Interesse
in  Großbritannien  erregten.  Erst  dann  bildete  sich  dort  1880  eine
kleine  marxistische  Partei 1 ).  Zur  gleichen  Zeit  bemühte  sich  aber
eine  andere  Gruppe,  eine  selbständige  und  spezifisch  englische  sozialistische ­
  Doktrin  aufzustellen:  es  sind  dies  die  fabischen  Sozialisten.
Die  Fabian  Society  ist  1884  entstanden.  Sie  umfaßte  am
Anfang  eine  kleine  Anzahl  junger  Leute,  die  dem  Bürgertum  angehörten ­
  und  sich  von  einer  älteren  Gesellschaft  abgetrennt  hatten,  die
gegründet  worden  war,  „um  die  Basse  durch  Höherbildung  des
individuellen  Charakters  friedlich  zu  erneuern *  2  * ).“  Einigen  von  ihnen
erschien  das  Ziel  als  zu  weit  gesteckt.  Von  dem  Wunsche  beseelt,
schnellere  Erfolge  zu  erzielen,  ließen  sie  sich  von  Ideen,  die  dem
Marxismus  und  dem  Anarchismus  des  Kontinents  entlehnt  waren,
verführen.  —  Sehr  bald  verzichteten  sie  aber  auf  revolutionäre  Gedanken, ­
  die  so  wenig  mit  dem  englischen  Charakter  übereinstimmen,
und  nahmen,  um  den  Unterschied  gegenüber  den  Anhängern  von
Gewaltmaßregeln  und  den  Gläubigen  einer  „sensationellen  historischen
Krisis“ 8 )  besser  hervorzuheben,  den  Namen  „die  Fabier“  an,  der  sich
auf  Fabius  Cunctator,  den  berühmten  Gegner  Hannibals,  bezieht.
Sie  waren,  und  sind  heute  noch  kritische,  sogar  höchst  kritische
Köpfe,  die  die  Lächerlichkeit  fürchten  und  nichts  mit  dem  Enthusiasmus ­
  der  Apostel  zu  tun  haben.  Stets  bereit,  sich  selbst  zu
verspotten 4 ),  ihre  alten  Götzen  zu  verbrennen,  verwandelten  sie  sich,
da  sie  jedes  soziale  Credo  und  jede  definitive  Politik  verwarfen,
sehr  schnell  in  eine  einfache  Studien-  und  Propagandagesellschaft,
deren  Bolle  vorwiegend  intellektuell  ist  und  die:  „da  meint,  daß  in
der  Philosophie  des  Sozialismus  das  Licht  eine  größere  Macht  ist,
als  die  Wärme“  5  *  * ).
Trotz  dieser  für  den  Erfolg  einer  sozialen  Predigt  wenig  günstigen
Umstände  haben  die  fabischen  Sozialisten  eine  ziemlich  tiefgehende
Wirkung  ausgeübt,  weniger  allerdings  auf  die  Arbeiter,  als  auf  die
bürgerlichen  Klassen.  Mehrere  von  ihnen  sind  hervorragende  Schrift-J

 )  Die  Social-democratic  Federation,  die  1881  von  Hyndman  gegründet
wurde.  Vgl.  M£tin,  Le  socialisme  en  Angleterre,  Kap.  VI  (1897).
2 )  Bernard  Shaw,  The  Fabian  Society,  what  it  bas  done  and  bow
it  bas  done  it  (Fabian  Tract,  No,  41)  1892.
s )  Report  on  Fabian  Policy,  dem  internationalen  sozialistischen  Kongreß
z n  London  im  Jahre  1896  vorgelegt  (Fabian  Tract,  No,  70).
4 )  „Denn  zu  dieser  Zeit,“  sagt  Shaw,  „nahmen  wir  die  unschätzbare  Gewohnheit ­
  an,  fröhlich  über  uns  selbst  zu  lachen,  eine  Gewohnheit,  die  uns  stets  ausgezeichnet ­
  hat  und  uns  von  all  dem  unnötigen  Wortballast  der  Enthusiasten
befreite,  die  ihre  eigenen  persönlichen  Gefühlswallungen  für  Strömungen  der  öffentlichen ­
  Meinung  halten  (op.  cit.).
s )  Report  on  Fabian  Policy  (Fabian  Tract,  No.  70).

42*
        <pb n="682" />
        660

Fünftes  Buch.  Die  Lehren  der  neuesten  Zeit.

steiler,  wie  der  Dramatiker  und  Kritiker  Beenaed  Shaw,  der  Historiker
Sydney  Webe  und  Frau  Wbbb,  der  Romanschriftsteller  H.  G.  Wells.
Durch  ihren  Verkehr  in  den  verschiedenartigsten  Gesellschaftskreisen,
durch  ihre  Mitarbeit  an  Zeitungen  und  Zeitschriften  jeder  Art  und
jeder  Partei,  durch  Veröffentlichung  von  Broschüren  und  Veranstaltung
von  Vorträgen  ist  es  ihnen  gelungen,  die  Diskussion  ihrer  Ideen  zu
erzwingen.  Diese  Ideen  sind  in  einer  merkwürdigen  Sammlung  von
Aufsätzen  unter  dem  Titel  „Fabian  Essays“,  die  1889  erschienen,
zusammengefaßt.  Man  findet  hierin  zwar  nicht  den  Ausdruck  der
Anschauungen  der  fabischen  Gesellschaft  selbst,  aber  den  der  hauptsächlichsten ­
  Fabier.  Denn  man  darf  nicht  vergessen,  daß  die  Gesellschaft ­
  als  solche  nur  eine  praktische,  aber  keine  theoretische  Lehre
vertritt.  Sie  nennt  sich  ausdrücklich  sozialistisch  x )  und  erstrebt  die
Umformung  des  Privateigentums  in  Kollektiveigentum.  Sie  erklärt
aber,  daß  „sie  keine  besondere  Meinung  irgendwelcher  Art  über  die
Frage  der  Ehe,  der  Religion,  der  Kunst,  der  theoretischen  Volkswirtschaft, ­
  der  geschichtlichen  Entwicklung,  des  Geldumlaufs  oder
über  irgendeinen  anderen  Gegenstand  hat,  ausgenommen  über  ihr
eigenes  und  besonderes  Ziel:  die  Demokratie  und  den  praktischen
Sozialismus“  *  2 ).  Die  wirtschaftlichen  Theorien,  die  uns  hier  interessieren, ­
  sind  daher  bloß  persönliche  Ansichten  gewisser  Mitglieder
dieser  Gesellschaft.  Sie  läßt  sie  natürlich  als  Leitsätze  gelten,  aber
sie  haben  nicht  ihre  offizielle  Bestätigung  erhalten  und  werden  nicht
von  allen  ihren  Anhängern  unterschrieben 3 ).
*)  „Der  Sozialismus,  so  wie  ihn  die  fabische  Gesellschaft  versteht,  bedeutet  die
Organisation  und  die  Leitung  der  notwendigen  Industrien  des  Landes,  wie  auch  die
Aneignung  aller  Formen  der  ökonomischen  Rente  des  Bodens  und  des  Kapitals,  durch
die  Gesamtheit  der  Nation,  durch  das  Zwischenglied  der  am  besten  dazu  geeigneten
öffentlichen  Gewalten,  wie  kirchgemeindlichen,  provinzialen  und  anderen  Behörden.
Der  von  der  fabischen  Gesellschaft  geforderte  Sozialismus  ist  ausschließlich  der  Staatssozialismus.“ ­
  (Dieses  Wort  wird  im  Gegensatz  zu  dem  anarchistischen  Sozialismus
angewendet.)  .  .  .  Andererseits  „verwirft  die  fabische  Gesellschaft  naohdrücklichst
jeden  Plan,  der  darauf  abzielt,  einer  Person  oder  einer  Gruppe  von  Personen  den
vollen  Arbeitsertrag  zu  garantieren.  Sie  erkennt  an,  daß  der  Reichtum  in  seinen
Ursprüngen  sozial  ist  und  in  seiner  Verteilung  sozial  bleiben  muß,  da  die  industrielle
Entwicklung  es  unmöglich  gemacht  hat,  den  Sonderbeitrag  einer  jeden  Person  zum
gemeinsamen  Gesamtprodukt  zu  unterscheiden  oder  seinen  Wert  zu  schätzen“  (Report ­
  on  Fabian  policy).
2 )  Ebenda.
3 )  Außer  den  Fabian  Essays,  die  1889  erschienen,  sind  die  hauptsächlichsten
Veröffentlichungen,  in  denen  man  den  Ausdruck  der  fabischen  Ideen  findet,  die
Fabian  Traots,  sehr  zahlreiche  Broschüren  über  die  verschiedensten  Gegenstände;
weiterhin  die  Werke  von  Herrn  und  Frau  Webe:  History  of  Trade-Unionism
(franz.  Übers,  von  MLtin)  und  besonders  Industrial  Democracy,  hauptsächlich
Kap.  I  und  II  des  3.  Teiles;  und  endlich  die  Problems  of  modern  industry
(1898),  eine  Zusammenstellung  der  Vorträge  und  Aufsätze  derselben  Verfasser.
        <pb n="683" />
        Kapitel  II.  Die  Theorie  der  Bodenrente  nnd  ihre  Anwendungen.

661

Besonders  Wbbb  hat  versucht,  dem  fabischen  Kollektivismus  eine
neue  theoretische  Basis  zu  geben.  Da  er  die  marxistische  Theorie
des  Arbeitswertes  unbedingt  verwirft  und  eher  den  modernen  Theorien
eines  Jevons,  Maeshall  oder  der  Österreicher  zuneigt,  mußte  er  für
die  Aneignung  der  Produktionsmittel  durch  die  Kollektivität  eine
andere  Begründung,  als  Maex  finden.  Als  echter  Engländer  konnte
er  sich  dem  besonderen  Zauber,  den  auch  heute  noch  Ricabdo  auf  die
Volks  Wirtschaftler  seines  Landes  ausübt,  nicht  entziehen  und  geht
daher  auf  die  Theorie  der  Grundrente  des  großen  Schriftstellers  zurück,
die  in  seinen  Augen  „der  wirkliche  Eckstein  der  kollektivistischen
Volkswirtschaft  ist“  x ).  Zunächst  rechtfertigt  die  Theorie  der  Rente
—  dies  bedarf  keines  Beweises  —  die  kollektivistische  Aneignung
der  Einkünfte  des  Bodens,  indem  sie  nachweist,  daß  dieses  Einkommen ­
  auf  dem  Mehrertrag  der  besten  Felder  gegenüber  dem
schlechtesten  beruht,  auf  dem  der  Arbeiter  nichts  anderes  als  nur
gerade  seinen  Lohn  erzeugt.  Soweit  also  nichts  Neues.
Sie  rechtfertigt  aber  nicht  weniger  auch  die  Konfiskation  des
Einkommens  aus  Kapitalien.  Denn  zwischen  den  verschiedenen  Kapitalien, ­
  nämlich  zwischen  den  verschiedenen  Maschinen,  den  Instrumenten ­
  und  Gebäuden  aller  Art,  die  der  Produktion  dienen,  bestehen
die  gleichen  Qualitätsunterschiede,  und  folglich  auch  die  gleichen
Unterschiede  in  der  materiellen  Produktivität,  wie  zwischen  den
verschiedenen  Feldern.  Der  „nur  mit  dem  Grenzkapital  ausgestattete
Arbeiter“,  d.  h.  derjenige  Arbeiter,  der  nur  mit  dem  Minimum  an
Werkzeugen  ausgestattet  ist,  ohne  das  keine  Arbeit  möglich  ist,  verdient ­
  nur  seinen  Lohn.  Alles,  was  dieses  Minimum  übersteigt,  können
die  Kapitalisten,  als  Zahlung  für  den  höheren  Ertrag  der  Kapitalien,
die  sie  darleihen,  für  sich  beanspruchen.  Der  Zins  ist  daher  nichts
als  ein  Differentialeinkommen,  eine  Rente,  unter  der  Bedingung,  daß
er  in  der  allein  richtigen  Weise  definiert  wird,  nämlich  als  „eine
bestimmte  Teilmenge  am  Produkt“,  und  nicht  als  so  und  so  viel
vom  Hundert *  2 ).

*)  Herr  und  Frau  Webb  verwerfen  in  ihrer  History  of  Trade-Ünionism
(S.  116  d.  franz.  Übers.)  „jene  aufgeblähte  Simili-Wissenschaft,  und  das  Vorurteil,
das  Generationen  von  Sozialisten  dazu  führte,  A.  Smith  und  den  klassischen  Volkswirtschaftlern ­
  die  falsche  Theorie  zu  entlehnen,  als  oh  die  Arbeit  allein  den  Wert
schaffe,  ohne  das  den  Händen  stets  entgleitende  und  bei  weitem  schwierigere
Gesetz  der  ökonomischen  Rente  zu  beherrschen,  das  der  wirkliche  Eckstein  der
kollektistischen  Volkswirtschaft  ist“.
2 )  „Die  Zinsen,  mit  denen  wir  uns  hier  beschäftigen,  müssen  selbstverständlich
e 'ne  „definierbare  Produktmenge“  sein  (a  definable  quantity  of  product).
(The  National  Dividend  and  its  distribution  in  den  Problems  of
Modern  industry  S.  227).  Wir  entlehnen  diesem  Aufsatz  die  Darlegung
Her  Lehre.
        <pb n="684" />
        662

Fünftes  Buch.  Die  Lehren  der  neuesten  Zeit.

Und  weiterhin  produzieren  alle  diejenigen,  die  höhere  Fähigkeiten ­
  besitzen,  als  der  „Grenzarbeiter“,  der  nicht  nur  mit  dem
Minimum  an  Boden  und  Kapital,  sondern  auch  mit  dem  Minimum  an
Intelligenz  und  Geschicklichkeit  arbeitet,  —  sie  alle  produzieren
mehr,  und  können  diesen  Überschuß  für  sich  selbst  behalten.  Auch
hierin  liegt  ein  Differentialeinkommen:  die  Geschicklichkeitsrente.
Diese  Rente  ist  übrigens  im  allgemeinen  die  Wirkung  der  besseren
Erziehung,  die  die  Kinder  der  Besitzer  und  Kapitalisten  empfangen,
und  ergibt  sich  infolgedessen  mittelbar  aus  dem  Privateigentum 1 ).
So  geistreich  sie  ist,  ist  doch  diese  Beweisführung  nicht  sehr
überzeugend.  Denn  auch,  wenn  man  zugibt,  daß  die  Zinsen  und  die
meisten  Löhne  nichts  anderes  als  Differentialeinkommen  sind,  so  verlangt ­
  ihre  Konfiskation  doch  eine  besondere  Rechtfertigung.  Die
Eigenschaften  des  Kapitals  sind  nicht,  wie  die  des  Bodens  in  der
Theorie  Ricaedo’s,  natürliche  Eigenschaften,  sondern  ihm  vom  Menschen
verliehene  Eigenschaften.  Und  was  die  besonderen  Fähigkeiten
des  Menschen  anlangt,  so  muß  noch  bewiesen  werden,  daß  es  der
Gesellschaft  zum  Vorteil  gereicht,  den  ganzen  darauf  beruhenden
Gewinn  zu  konfiszieren.  —  Auch  als  wissenschaftliche  Erklärung  der
Güterverteilung  scheint  uns  diese  Auffassung  nicht  sehr  glücklich.
Die  Verteilung  der  Einkünfte  wird  im  Tauschverkehr  bewirkt  und
hängt  vom  Preis  der  Dienste  ab;  Webb  abstrahiert  nun  vom  Preise
und  faßt  nur  das  materielle  Produkt  ins  Auge.  Wir  leugnen  nicht,
daß  die  fixen  Kapitalien  ebenso  wie  der  Boden  eine  Rente  abwerfen
können,  wenn  sie  durch  einen  Vergleich  mit  dem  geltenden  Zinsfuß
gemessen  werden.  Es  scheint  uns  aber  nach  den  Arbeiten  Böhm-Baweek’s
  und  Irving  Fischer’s  unmöglich  zu  sein,  diesen  Zinsfuß
selbst  durch  die  materielle  Produktivität  der  Kapitalien  zu  erklären.
Und  doch  liegt  hierin  der  Kernpunkt  der  Theorie  Webb’s.
Der  Versuch,  den  ganzen  Kollektivismus  auf  die  Rententheorie
Ricaedo’s  zu  gründen  —  dieser  letzte  Versuch,  mit  Gewalt  aus  dem
alten  Ökonomisten  revolutionäre  Schlußfolgerungen  zu  ziehen  —  ist

‘)  Die  gleiche  Theorie  ist  in  dem  Tract  No.  16,  EngTish  Progress  towards
Social-Democracy  ausgeführt.  „Die  Individuen  oder  die  Klassen,  die  die
soziale  Macht  besitzen,  haben  stets,  bewußt  oder  unbewußt,  diese  Macht  dazu  benutzt,
der  Mehrheit  ihrer  Genossen  faktisch  nichts  über  das  örtlich  übliche  Unterhaltsniveau
hinaus  zu  lassen.  Das  Zusatzprodukt,  das  von  den  relativen  Unterschieden  in  der
produktiven  Wirksamkeit  der  verschiedenen  Landstriche,  Felder,  Kapitalien  und
Geschickliohkeitsquellen  innerhalb  der  Bewirtschaftungsgrenze  bestimmt  wird,  geht  in
die  Hände  derer  über,  die  diese  kostbaren  und  seltenen  Produktionfaktoren  besitzen.
Diese  Schlacht  um  den  Überschuß  oder  die  „ökonomische  Eente“  ist  der  Schlüssel  der
verworrenen  Geschichte  des  europäischen  Fortschritts  und  der  tiefliegende,  wenn  auch
unbewußte  Grund  aller  Revolutionen“.  Ygl.  auch  The  difficulties  of  individualism
  in  den  Problems  of  modern  industry,  S.  237—239.
        <pb n="685" />
        Kapitel  II.  Die  Theorie  der  Bodenrente  und  ihre  Anwendungen.  663

daher  fehlgeschlagen.  Sogar  die  Freunde  Webb’s  haben  sich  ihm
nicht  angeschlossen*),  obgleich  auch  sie  beständig  auf  die  „drei
Monopole“  verweisen.
Der  Versuch  ist  weniger  an  sich,  denn  als  Symptom  interessant.
Schon  in  Frankreich  und  Deutschland  haben  wir  gesehen,  daß  Marx’
nächste  Schüler  seine  Werttheorie  verwarfen  und  zum  Teil  zur
Theorie  des  Grenznutzens  übergingen.  Ein  Teil  der  englischen
Sozialisten  nimmt  dieselbe  Entwicklung.  Der  Sozialismus  scheint  in
allen  Ländern  den  Anspruch  aufzugeben,  eine  neue  „  Arbeiter  “-Volkswirtschaft
  neben  der  „bürgerlichen“  Volkswirtschaft  zu  schaffen,  und
zu  der  Einsicht  zu  kommen,  daß  es  nur  eine  einzige  volkswirtschaftliche ­
  Wissenschaft  geben  kann,  die  von  allen  Parteien  und  sozialen
Idealen  unabhängig  ist,  und  deren  Rolle  einfach  darin  besteht,  die
wirtschaftlichen  Tatsachen  wissenschaftlich  zu  erklären.
In  ihrer  Reaktion  gegen  die  marxistischen  Theorien  gehen  die
Fabier  sogar  bedeutend  weiter,  als  die  Syndikalisten.  Nicht  nur
verwerfen  sie  die  Werttheorie  von  Marx,  sondern  auch  seine  ganze
soziale  Lehre.  Ihre  Opposition  erstreckt  sich  hauptsächlich  auf  zwei
Punkte  und,  obgleich  wir  uns  damit  von  dem  eigentlichen  Gegenstand ­
  dieses  Kapitals,  der  Rententheorie,  entfernen,  so  ist  es  doch
notwendig,  auf  sie  hinzuweisen,  um  unsere  Darlegung  der  fabischen
Gedanken  zu  vervollständigen.
Die  soziale  Lehre  Marx’  beruht  auf  dem  Klassenkampf:  für  ihn
ist  der  Sozialismus  die  Lehre  des  Proletariats.  Ihr  Triumph  ist
der  Triumph  des  Proletariats  über  die  Bourgeoisie.  Ihre  Prinzipien
stehen  denen  der  bestehenden  Gesellschaft  ebenso  gegenüber,  wie
die  Interessen  der  beiden  Klassen  sich  gegenüberstehen.  Nichts  derartiges ­
  findet  sich  bei  den  Fabiern.  Für  sie  ist  der  Sozialismus  nur
eine  Fortsetzung  des  demokratischen  bürgerlichen  Ideals.  Sie  begnügen ­
  sich  damit,  logisch  die  Prinzipien  zu  entwickeln,  auf  denen
schon  heute  die  Gesellschaften  beruhen.  „Das  wirtschaftliche  Bild
des  demokratischen  Ideals“,  sagt  Webb,  „ist  tatsächlich  der  Sozialismus ­
  selbst“ 2 ).  Es  handelt  sich  nicht  darum,  die  Vorherrschaft  des
Bürgertums  durch  die  Vorherrschaft  des  Proletariats  zu  ersetzen,
noch  auch  den  Arbeiter  von  dem  Lohnsystem  zu  erlösen  (unter  der
Herrschaft  des  Sozialismus  wird  jedermann  Lohnempfänger  sein,
sagen  die  Fabier),  sondern  die  Industrie  im  Interesse  der  „gesamten
Gemeinschaft“  zu  organisieren.  „Nicht  nur  für  die  Grubenarbeiter,
die  Schuhmacher  oder  die  Handelsangestellten  verlangen  wir  die

*)  Bbrnard  Shaw  unterscheidet  z.  B.  in  seiner  Economic  basis  of
socialism  in  den  Fabian  Essays  scharf  zwischen  den  eigentlichen  Zinsen  und
der  ökonomischen  Eente.
2 )  Fabian  Essays,  S.  35.
        <pb n="686" />
        664

Fünftes  Buch.  Die  Lehren  der  neuesten  Zeit.

Leitung  oder  den  Profit  der  Industrie,  sondern  für  alle  Bürger 1 ).“
Der  Sozialismus  ist  daher  nicht  eine  Klassendoktrin,  sondern  eine
Philosophie  des  Allgemeinwohles.  „Der  Sozialismus  ist  ein
Plan,  um  allen  gleiche  Kechte  und  gleiche  Möglichkeiten ­
  zu  sichern *  2  3 ).“  Webe  bestreitet  sogar,  daß  in  England
ein  Klassenkampf  im  marxistischen  Sinn  des  Wortes  bestehe 8 ).  Noch
besser:  „Angesichts  der  Tatsache,  daß  die  sozialistische  Bewegung
bisher  von  Mitgliedern  des  Mittelstandes  und  des  Bürgertums  begonnen, ­
  ins  Werk  gesetzt  und  geleitet  worden  ist  ...  protestiert
die  fabische  Gesellschaft  gegen  den  Widerspruch,  der  darin  liegt,
daß  die  Sozialisten  die  Klasse,  aus  der  der  Sozialismus  stammt,  beschuldigen, ­
  ihm  besonders  feindlich  gegenüberzustehen“  4 ).  Wie  man
sieht,  verstehen  sich  die  Fabier  nicht  mit  den  französischen  Syndikalisten. ­

Auch  ihre  Geschichtsphilosophie  trägt  ein  ganz  anderes  Gepräge.
Für  Marx  ist  die  Haupttatsache  des  19.  Jahrhunderts  die  Konzentration ­
  des  Eigentums  in  den  Händen  der  Privilegierten  und  die
gleichzeitige  Proletarisierung  der  Massen.  Eine  Doppeltatsache,  deren
notwendige  Folge  die  revolutionäre  Enteignung  der  ersteren  durch
die  zweiten  sein  wird.
Die  Fabier  bestreiten  die  Konzentration  des  Eigentums  nicht.
Sie  sind  aber  Optimisten.  Weit  davon  entfernt,  eine  damit  parallel
verlaufende  Versklavung  der  Massen  zu  erkennen,  ist  in  ihren  Augen
die  Haupttatsache  des  19.  Jahrhunderts  die  Verringerung  der  Macht
der  Kapitalisten,  die  wachsende  Bedeutung  der  kollektiven  Organisation ­
  in  der  Volkswirtschaft  und  die  schon  begonnene  Enteignung
der  Müßiggänger  zum  Nutzen  der  Arbeiter.  Nach  Sydney  Webe  ist
der  Sozialismus  im  Begriff,  sich  geräuschlos  und  ohne  daß  es  seinen
Opfern  zum  Bewußtsein  kommt,  zu  verwirklichen:  „Stück  für  Stück
hat  das  Kapital  von  seinem  Profit  hergeben  müssen  und  zwar  dank
wohltätigen  sozialen  Beschränkungen,  die  der  vollen  Verfügungsfreiheit ­
  des  Besitzers  Abbruch  taten.  Stück  für  Stück  mußten  die
Nutznießer  von  der  Rente  und  dem  Zins  hergeben  durch  die  Abwälzung ­
  der  Steuern  von  den  Schultern  des  Verbrauchers  auf  die
der  Personen,  die  ein  höheres  Einkommen  genossen.  Heute  werden
fast  alle  denkbaren  Industrien  in  einer  oder  der  anderen  Weise  von

*)  Socialism  true  and  false,  Tract  No.  51.
2 )  What  socialism  is;  Tract  No.  13,  S.  3.
3 )  In  seinem  Vorwort  zu  dem  deutschen  Buche  von  Kurella:  Sozialismus
in  England  (1898)  weist  er  darauf  hin,  daß  in  England  die  Arbeiterklasse  in
zahlreiche  Korporationen  geteilt  ist,  die  sich  gegenseitig  beneiden  oder  verachten,
die  aber  kein  eigentliches  Klassenbewußtsein  besitzen  (S.  10).
4 )  Report  on  Fabian  Policy,  S.  7.
        <pb n="687" />
        Kapitel  II.  Die  Theorie  der  Bodenrente  und  ihre  Anwendungen.  665

den  Dorfgemeinden,  den  städtischen  Verwaltungen  oder  der  Regierung
selbst  geleitet,  ohne  daß  irgendeine  Mittelsperson  oder  ein  Kapitalist
dazwischentritt.  Die  Gemeinde  schafft  und  unterhält  ihre  eigenen
Parkanlagen,  Kunstmuseen,  Bibliotheken,  Hörsäle,  Straßen,  Wege,
Brücken,  Märkte,  Schlachthäuser,  Feuerspritzen,  Leuchttürme,  Lootsen,
Fähren,  Schlepper,  Rettungsboote,  Friedhöfe,  öffentliche  Bäder,  Waschanstalten, ­
  Tierasyle,  Häfen,  Kais,  Armenhäuser,  Krankenhäuser,  Polikliniken, ­
  Gasanstalten,  Wasserleitungen,  Straßenbahnen,  Telegraphenkabel, ­
  Felder,  "Wiesen,  Ärbeiterhäuser,  Schulen,  Kirchen,  Lesehallen ­
  usw.“  Zur  gleichen  Zeit  wie  der  Staat  der  Privatindustrie
Konkurrenz  macht,  beaufsichtigt  und  überwacht  er  sie:  „Der  Staat
schreibt  in  den  meisten  der  großen  industriellen  Unternehmungen
das  Älter  des  Arbeiters,  die  Arbeitsdauer,  die  Menge  an  Luft,  Licht
und  Raum,  die  Temperatur,  den  Zustand  der  Aborte,  die  Zeit  der
Mahlzeiten  und  der  Ruhepausen  vor;  ebenso  wie  den  Ort,  die  Zeit
und  die  Art  und  Weise,  in  der  die  Löhne  zu  zahlen  sind;  in  welcher
Weise  Treppen,  Maschinen,  Aufzüge,  Bergwerke,  Steinbrüche  durch
Schranken  und  Schutzvorrichtungen  geschützt  werden  müssen;  wann
und  wie  die  Maschinen  gereinigt,  ausgebessert  und  in  Betrieb  zu
setzen  sind  ...  Von  allen  Seiten  wird  der  individualistische  Kapitalist ­
  inspiziert,  kontrolliert  und  nötigenfalls  von  der  Kollektivität
ersetzt“  1 ).
Man  sieht,  ruft  Webe  aus,  daß  wir  schon  mitten  im  Sozialismus
stehen!  Unsere  Gesetzgeber  sind  schon  alle,  ohne  es  zu  wissen,
Sozialisten  und  „die  Wirtschaftsgeschichte  des  Jahrhunderts  ist  eine
fast  ununterbrochene  Kette  des  Fortschrittes  des  Sozialismus“ 2 ).
Die  Sozialisten  —  so  wiederholen  die  Fabier  nach  dem  Vorbild  der
Saint-Simonisten  —  tun  weiter  nichts,  als  klar  die  Entwicklung  auszudrücken, ­
  zu  der  ein  jeder  verworren  beiträgt.  „Anstatt  unbewußte
Faktoren  zu  bleiben,  machen  wir  uns  bewußt  und  absichtlich  zu
ihren  Trägern,  sei  es,  um  die  Umwandlungen,  die  wir  bemerken,  zu
begünstigen,  sei  es,  um  sie  zu  bremsen  8 ).“
Hiermit  sind  wir  weit  von  Karl  Marx  entfernt  und  noch  weiter
von  seinen  syndikalistischen  Schülern.  In  Wirklichkeit  werden  wir
damit  zu  der  Geschichtsphilosophie  der  Staatssozialisten  zurück-J
 )  Fabian  Essays,  S.  48—49.
2 )  Ebenda,  S.  31.
3 )  Sidney  Webe,  The  diffieulties  of  individualism  in  den  Problems
of  modern  indnstry,  S.  231.  Daher  erklärt  Webb  auch  in  den  Eabian  Essays,
S.  36  :  „Die  Sozialisten  wie  die  Individualisten  kommen  zu  der  Einsicht,  daß  die
Grundbedingungen  bedeutender  organischer  Veränderungen  sind:  1.  demokratisch  zu
sein  .  .  .;  2.  allmählich  .  .  .;  3.  von  der  Masse  des  Volkes  nicht  als  unmoralisch  angesehen ­
  zu  werden  .  .  .;  4.  zum  mindesten  in  England,  konstitutionell  und  friedlich
        <pb n="688" />
        666

Fünftes  Buch.  Die  Lehren  der  neuesten  Zeit.

geführt.  Sollten  die  Fabier  etwa  nichts  anderes  als  Staatssozialisten
sein,  die  ihren  wirklichen  Namen  nicht  eingestehen  wollen?
Mithin  ist  der  „Fabische  Sozialismus“,  genau  genommen,  überhaupt ­
  keine  neue  wissenschaftliche  Doktrin.  Er  vertritt  vielmehr,
gegenüber  dem  etwas  abgenutzten  Liberalismus,  der  noch  bei  vielen
englischen  Schriftstellern  in  Ehren  steht,  die  Gedanken  der  wirtschaftlichen ­
  Zentralisation,  die  überall  in  Europa  sich  aus  den  Bedingungen ­
  des  modernen  Lebens  ergeben  haben.  Denn  aller  Wahrscheinlichkeit ­
  nach  wird  die  gesetzgeberische  Entwicklung  dieser
letzten  30  Jahre  in  der  recht  bescheidenen  Gestalt  einer  fortschreitenden ­
  Zentralisation  in  die  Erscheinung  treten,  wenn  auch  ihre
Gegner,  und  sogar  viele  ihrer  Anhänger,  sie  mit  dem  tönenden
Namen  „Sozialismus“  bezeichnen.
Während  die  englische  praktische  Politik  seit  langem  begonnen
hatte,  sich  vom  Individualismus  zu  befreien,  behielt  die  philosophische
und  politische  Doktrin  der  radikalen  Utilitarier,  wie  sie  zu  Beginn
des  19.  Jahrhunderts  von  Bentham  und  seinen  Freunden  formuliert
worden  war,  ihren  ganzen  Einfluß,  von  dem  sie  auch  heute  noch
nichts  verloren  hat.  Die  Fabier  haben  sich  zu  Gegnern  dieser  Lehre
aufgeworfen.  Gern  betrachten  sie  sich  als  die  intellektuellen  Nachfolger ­
  der  radikalen  Utilitarier,  und  behaupten  übrigens,  einfach  den
neuen  Bedürfnissen  eines  großen  industriellen  und  demokratischen
Landes  Ausdruck  zu  geben.  Die  schon  so  gehäufte  Arbeitergesetzgebung, ­
  der  Munizipalsozialismus,  der  sich  selbsttätig  in  den  großen
Städten  entwickelt  hat,  der  Glanz  der  großen  Genossenschaftsverbände
in  Manchester  und  Glasgow  liefern  ihnen  beredte  Beispiele  für  den
praktischen  Sozialismus,  den  sie  predigen.  „Nicht  der  Sozialismus
der  fremden  Arbeiter  ist  es,“  sagt  Frau  B.  Sydney  Webb,  „die  eine
anarchistische,  durch  eine  blutige  Revolution  zu  verwirklichende
Utopie  fordern,  sondern  der  spezifisch  englische  Sozialismus,  der
Sozialismus,  der  sich  in  Taten  und  nicht  in  Worten  ausdrückt,  der
Sozialismus,  der  sich  lautlos  in  den  Fabrikgesetzen,  in  den  Gesetzen
gegen  das  Truck-System,  der  Unfallgesetzgebung,  in  den  Gesetzen
über  die  öffentliche  Gesundheit,  die  Arbeiterwohnungen,  den  öffentlichen ­
  Unterricht  verkörpert  hat  —  in  dieser  ganzen  Masse  von
Wohlfahrtsgesetzen,  die  das  Individuum  zwingt,  sich  in  den  Dienst
und  unter  den  Schutz  des  Staates  zu  stellen“  x ).
*  *
*

l )  B.  Pottbr  (Frau  Sydney  Webb),  The  Cooperative  Movement,  2.  Ausg-,
8.  16  (1899).
        <pb n="689" />
        Kapitel  III.  Die  Solidaristen.

667

Die  Fabische  Theorie  ist  die  letzte  Verkörperung  der  Lehre
Ejcardo’s.  Es  scheint  heute  unmöglich,  weitere  neue  Schlußfolgerungen
aus  ihr  zu  ziehen:  man  hat,  glauben  wir,  alles  aus  ihr  herausgepreßt,
was  sie  geben  konnte.  —  Wird  man  versuchen,  sie  noch  einmal  zu  beleben, ­
  ihr  neue  Waffen  gegen  die  unverdienten  Einkünfte  zu  entlehnen  ?
Voraussehen  läßt  sich  dies  kaum.  Es  scheint  uns  aber  höchst  unwahrscheinlich, ­
  wenn  man  daran  denkt,  daß  die  volkswirtschaftliche
Wissenschaft  in  der  Tatsache  der  Rente  nicht  mehr  die  merkwürdige
Anomalie  sieht,  die  sie  früher  inmitten  der  anderen  wirtschaftlichen
Tatsachen  zu  sein  schien.  Ihre  Rolle  wird  nicht  bestritten,  aber  ihr
ist  viel  von  der  sozialen  Bedeutung  genommen  worden,  die  ihr
Ricaedo  und  seine  Schüler  zusprachen,  und  daher  auch  viel  von  dem,
was  man  ihre  revolutionäre  Fruchtbarkeit  nennen  könnte.

Kapitel  III.
Die  Solidaristen.
§  1.  Die  Ursachen  der  Entwicklung  des  Solidarismus.
Das  Wort  Solidarität,  das  früher  nur  in  der  Rechtssprache  *)  gebraucht ­
  wurde,  hallt  seit  20  Jahren,  wenigstens  in  Frankreich,  auf
allen  Straßen  wieder.  Nicht  nur  ist  es  das  Schlußwort  aller  offiziellen
Reden,  aller  sozialen  Vorträge,  aller  Aufrufe,  um  Streiks  zu  entfesseln
oder  an  den  Beutel  zu  appellieren,  sondern  es  erscheint  auch  mehr
und  mehr  als  Kapitelüberschrift  in  den  Abhandlungen  über  Moral
und  Pädagogik.  Daher  verlangt  es  auch  in  der  Geschichte  der
französischen  wirtschaftlichen  Doktrinen  seinen  Platz  2 j.

*)  Etymologisch  ist  das  Wort  Solidarität  eine  Verbildung  des  Wortes  solidum,
das  bei  den  römischen  Rechtsgelehrten  die  Verpflichtung  bezeichnete,  die  auf  den
Schuldnern  lastete,  wenn  ein  jeder  von  ihnen  gehalten  war,  für  das  Ganze  (in  solidum)
aufzukommen.  Anscheinend  hätte  das  Wort  sich  zu  solidite  (Solidität)  wandeln
sollen,  und  dieses  Wort  wird  auch  von  den  französischen  Juristen  des  alten  Regime,
besonders  von  Pothiek,  gebraucht.  Erst  die  Verfasser  des  Code  Civil  haben  es  durch
das  Wort  „Solidarite“  ersetzt.
-)  Man  würde  kaum  ein  Ende  finden  können,  wenn  man  die  Texte  anführen
sollte,  in  denen  die  Vorzüge  der  Solidarität  verherrlicht  werden;  es  genügt  auf  gut
Glück  offizielle  Reden  oder  Zeitungsauf;  ätze  herauszugreifen.  Wir  geben  hier  zwei
als  Probe:
Millbband,  damals  Haudelsminister,  sagte  in  der  Eröffnungsrede  der  Weltausstellung ­
  von  1900;  „Die  Wissenschaft  liefert  den  Menschen  das  Geheimnis  der
        <pb n="690" />
        668

Fünftes  Buch.  Die  Lehren  der  neuesten  Zeit.

Selbstverständlich  ist  der  Gedanke,  den  das  Wort  „solidarite“  —
Solidarität  —  ausdrückt,  nämlich  daß  alle  Menschen  ein  Ganzes
bilden,  wie  die  Glieder  eines  selben  Körpers,  nichts  neues.  Im  Altertum ­
  haben  schon  der  Apostel  Paulus  und  Markus  Aurelius,  ohne  von
der  bekannten  Parabel  des  Menenius  Agrippa  zu  sprechen,  den  Gedanken ­
  in  ungefähr  der  gleichen  Weise  ausgedrückt 1 ).
Eine  andere  Art  von  Solidarität,  die  sich  nicht  im  Kaum,  sondern
in  der  Zeit  erkennen  läßt,  die  die  Toten  mit  den  Lebendigen  durch
die  Erblichkeit  der  Tugend  oder  der  Laster  verbindet,  war  ebenfalls
von  den  Alten  nicht  unbemerkt  geblieben.  Ohne  vom  Dogma  der
Erbsünde  zu  sprechen,  dem  furchtbarsten  Beispiel  der  Solidarität,
das  die  Geschichte  der  Ideen  jemals  aufzuzeichnen  gehabt  hat,  genügt ­
  es  den  Vers  des  Horaz  anzuführen:
Delicta  majorum  immeritus  lues.
Nicht  nur  als  philosophische  Idee  oder  als  Dogma  hat  sich  die
Solidarität  in  der  Vergangenheit  behauptet;  sie  ist  auch  in  Taten  verwirklicht, ­
  durch  Gesetz,  Religion  und  Sitte  geheiligt  worden  und  zwar
nachdrücklicher  als  es  heute  geschieht:  es  genügt  auf  die  kollektive
Verantwortlichkeit  aller  Mitglieder  der  Familie  im  Kriminalrecht
hinzuweisen,  die  noch  heute  in  der  korsischen  Vendetta  lebt.
Schließlich  gibt  es  noch  eine  andere  Form  der  Solidarität,  auf
die  bereits  lange  vor  Smith’s  prachtvoller  Darstellung  griechische
Denker  hingewiesen  haben  —  die  Arbeitsteilung,  die  Abhängigkeit
aller  von  allen  in  der  Befriedigung  ihrer  Bedürfnisse  (siehe  oben
SS.  65—66).
So  war  also  die  Solidarität,  obgleich  sie  noch  keinen  Namen
trug,  schon  in  ihren  hauptsächlichsten  Ausdrucksformen  bekannt:
biologisch,  soziologisch,  moralisch,  religiös,  juristisch  und  wirtschaftlich, ­
  —  aber  jede  dieser  Formen  erschien  vereinzelt  und  ohne  notwendige ­
  Verbindung  mit  den  anderen.  Erst  in  der  Mitte  des
19.  Jahrhunderts  hat  man  unter  dieser  Vielfältigkeit  die  Einheit  eines
materiellen  und  moralischen  Größe  der  Gesellschaften,  —  das  in  einem  Wort  beschlossen ­
  liegt:  Solidarität“.
Dehbbme,  der  Begründer  der  Bewegung  für  Volks-Universitäten  schreibt:
„Wir  müssen  die  Torheit  der  Solidarität  ergreifen,  wie  die  Märtyrer  die  Torheit
Christi  ergriffen.  Es  handelt  sich  darum,  die  Demokratie  zu  organisieren  .  .  .“  (La
Cooperation  des  Idees,  vom  16.  Juni  1900).
*)  „Denn  gleicher  Weise,  als  wir  in  einem  Leibe  viele  Glieder  haben,  aber
alle  Glieder  nicht  einerlei  Geschäfte  haben,  —  also  sind  wir  viele  ein  Leib  in  Christo,
aber  untereinander  ist  einer  des  anderen  Glied“  (Römer  12,  4—5).
„Das  gleiche  Einheitsverhältnis,  das  die  Glieder  des  Körpers  untereinander
haben,  haben  auch  die  vernünftigen  Wesen  untereinander,  weil  sie,  obgleich  von
einander  getrennt,  dazu  geschaffen  sind,  an  einem  gemeinsamen  Werk  zu  arbeiten“
(Mahoüs  Aurelius,  VII,  13).
        <pb n="691" />
        Kapitel  III.  Die  Solidaristen.

669

großen  Gesetzes  gesucht.  Wir  haben  schon  gesehen,  daß  Pieeee
Leeoox,  die  Schüler  Fouexer’s  und  sogar  Bastiat  dem  Gedanken
und  dem  Wort  Solidarität  einen  gewissen  Wert  zuerkannt  hatten.
Es  war  aber  Auguste  Comte,  der  ihm  eine  unerwartete  Ausdehnung
gab.  „Die  Gesamtheit  der  neuen  Philosophie  läßt  die  Verbindung
eines  jeden  mit  allen  unter  einer  Menge  von  verschiedenartigen
Zügen  so  stark  hervortreten,  daß  unwillkürlich  das  tiefe  Gefühl  der
sozialen  Solidarität  zu  aller  Zeit  und  an  allen  Orten  zum  innerlichen
Erlebnis  werden  muß 1 ).“
Man  mußte  aber  noch  einige  Zeit  warten,  bis  dieser  neue  Gedanke ­
  die  Aufmerksamkeit  des  Publikums  und  sogar  die  der  Volkswirtschaftler ­
  auf  sich  zog.  Vielleicht  würde  er  niemals  fruchtbar
gewirkt  haben,  ebensowenig  wie  das  Saatkorn  im  Gleichnis,  das  auf
den  steinigen  Weg  gefallen  ist,  wenn  nicht  eine  Menge  überall  neu
auftauchender  Tatsachen  in  einer  Art  von  Anschauungsunterricht
den  Solidarismus  verbreitet  hätten.
Diejenige  dieser  Tatsachen,  die  vielleicht  am  lebhaftesten  die
Gemüter  erregte,  und  von  allen  solidaristischen  Rednern  zu  einer
wirkungsvollen  Illustration  benutzt  wurde,  zu  einer  Reklame  in
feurigen  Buchstaben,  war  die  Mikrobiologie.  Zu  allen  Zeiten  wußte
man  sehr  wohl,  daß  es  übertragbare  und  epidemische  Krankheiten
gab,  und  stets  hatten  sie  die  Menschen  mit  Schrecken  erfüllt.  Es
wirkte  aber  wie  ein  elektrischer  Schlag,  als  man  erfuhr,  daß  die
gefährlichsten,  wenn  nicht  alle  Krankheiten,  vom  Menschen  auf  den
Menschen  durch  unsichtbare  Bazillen  übertragen  werden,  so  daß  die
Mehrzahl  aller  derjenigen,  die  da  glauben,  eines  natürlichen  Todes
zu  sterben,  in  Wirklichkeit  von  ihresgleichen  getötet  worden  sind.
Man  hörte  mit  Entsetzen,  daß  der  Schwindsüchtige,  früher  der
sympathische  Held  vieler  sentimentaler  Romane,  jeden  Tag  Milliarden
von  tödlichen  Keimen  aushustet,  deren  Menge  genügen  würde,  eine
Stadt  zu  entvölkern,  oder  daß  eins  der  Kinder  der  königlichen
Familie  Englands  gestorben  sei,  weil  es  einen  Anzug  getragen  habe,
der  von  einem  Schneider,  dessen  Kind  an  Scharlachfieber  krank  lag,
in  Hausarbeit  angefertigt  worden  war.  Zu  erwähnen  ist  noch,  daß
diese  pathologische  Solidarität  jeden  Tag  durch  die  Vermehrung  und
größere  Schnelligkeit  des  Verkehrs  verstärkt  wird.  Es  war  viel
mehr  Aussicht  dafür  vorhanden,  daß  der  in  Mekka  aufgenommene
Pestbazillus  während  der  langen  Reise  der  Karawanen  durch  die
Wüste  zugrunde  ging,  als  dies  in  Zukunft  auf  der  Eisenbahn  der

*)  Discours  sur  l’Esprit  positif.  Und  in  seinem  Cours  de  Philosophie ­
  spricht  Comte  sich  seihst  die  etwas  offenherzige,  aber  sehr  verdiente  Anerkennung ­
  ans:  „Eine  wirkliche  grundlegende  und  durchaus  moderne  Auffassung“.
        <pb n="692" />
        670

Fünftes  Buch,  Die  Lehren  der  neuesten  Zeit.

Fall  sein  wird,  die  den  Pilger  in  einigen  Stunden  durch  die  Wüste
trägt.  Der  Reisende  zu  Fuß  oder  zu  Pferde  von  gestern  war
sicherlich  weniger  der  Gefahr  ausgesetzt,  Bazillen  aufzunehmen,  als
der,  der  auch  nur  für  einige  Minuten  mit  der  Stadtbahn  fährt.
Auch  die  Soziologie  hat  ihren  Teil  an  Tatsachen  und  Theorien
heigetragen  1 ).  Sie  hat  geglaubt,  nachweisen  zu  können,  daß  die  alte
Erzählung  vom  Magen  und  den  Gliedern  der  genaue  Ausdruck  der
Wirklichkeit  sei,  daß  jede  Gesellschaft  einen  „Organismus“  darstelle,
und  zwar  genau  im  Sinne  dieses  Wortes  und  infolgedessen  auch  mit
der  gleichen  engen  Solidarität  aller  Teile,  wie  sie  zwischen  den
Organen  desselben  Körpers  besteht.  Und  diesen  Vergleich  führt  sie
mit  ernsthaftester  Genauigkeit  oder  mit  höchst  unterhaltsamer  Phantasie ­
  bis  auf  die  geringsten  anatomischen  Einzelheiten  durch.  Die
Funktionen  sind  gleich:  -—  nicht  nur  die  des  Umlaufs,  der  Zirkulation, ­
  die  nicht  einmal  den  Namen  zu  wechseln  braucht,  sondern  auch
die  Ernährung,  die  zur  Produktion  wird,  die  Reproduktion,  die
Kolonisation  genannt  wird,  die  Anhäufung  von  Fettreserven  in  den
Geweben,  die  zur  Kapitalansammlung  wird,  —  deshalb  wurden  in
Florenz  im  Mittelalter  die  Bürger  „die  Fetten“,  und  die  Arbeiter
„die  Mageren“  genannt!  —  die  Organe  sind  gleich:  das  Netz  der
Arterien  und  Venen  wird  zum  Eisenbahnnetz  mit  seinen  doppelten,
nach  beiden  Richtungen  führenden  Schienensträngen;  aus  den  Nerven
werden  Telegraphendrähte,  die  die  gleiche  Bestimmung  haben,  Empfindungen ­
  und  Neuigkeiten  schnell  zu  übermitteln;  das  Gehirn  wird
zum  Sitz  der  Regierung;  das  Herz  zur  Börse!  —  ohne  zu  vergessen,
daß  zwischen  diesen  beiden  Organen  eine  besonders  enge  Abhängigkeit ­
  besteht.  Und  sogar  die  weißen  Blutkörperchen  haben  im  sozialen
Organismus  ihr  Gegenstück  gefunden,  denn  seitdem  man  ihre  wunderbare ­
  Rolle  entdeckt  hat,  die  darin  besteht,  sich  in  großer  Anzahl  an
einem  bedrohten  Punkte  des  Organismus  zu  sammeln,  um  dort  die
Krankheitskeime  gefangen  zu  nehmen  und  zu  ersticken,  erkennt  man
leicht  in  diesen  „Phagozyten“  die  Polizeibeamten.  —
Wenn  auch  diese  mehr  geistreichen,  als  wissenschaftlichen  soziologischen ­
  Angleichungen  nur  ein  Leben  kurzen  Ruhmes  gehabt  haben *  2  3 ),
')  Als  Ausgangspunkt  dieser  biologisch-sozialen  Lehre  kann  man  das  Werk  des
Professors  Schaeffi.b  betrachten;  Bau  und  Leben  des  sozialen  Körpers
(1875—1878),  oder  sogar  die  Schriften  Eodbbhtus’,  der  Sohaeffle  beschuldigt,  ihn
„geplündert- 1  zu  haben.  Siehe  auch  die  Principles  of  Sociology  von  Herbert
Spencer.  —  Aristoteles  hatte  schon  gesagt:  „Man  muß  zugeben,  daß  das  Tier  wie
eine  wohlgeordnete  Stadt  gebaut  ist“  (De  motu  animalium),  ein  Ausspruch,  den
man  nur  umzukehren  braucht.
2 )  Sie  haben  jedoch  noch  Anhänger;  siehe  das  Buch  von  Worms:  Organisme
et  Soeiete,  und  das  von  Lilienfeld:  Pathologie  Sociale.
Herbert  Spencer  jedoch,  der  zuerst  zu  ihrer  Verbreitung  beigetragen  hatte,
        <pb n="693" />
        Kapitel  III.  Die  Solidarisier!.

671

so  sind  doch  einige  Feststellungen  übrig  geblieben,  deren  Richtigkeit
endgültig  erwiesen  scheint,  und  aus  denen  die  Solidaristen  die  Grundlage ­
  ihrer  Lehre  gemacht  haben,  nämlich:
a)  Die  Solidarität,  worunter  die  gegenseitige  Abhängigkeit ­
  aller  Teile  desselben  Körpers  zu  verstehen  ist,  ist  das
Charakteristikum  des  Lebens.  Sie  fehlt  allen  anorganischen  Körpern,
die  einfache  Aggregate  voneinander  abhängiger  Teile  darstellen.
Was  ist  der  Tod  anders,  als  die  Auflösung  der  geheimnisvollen  Bande,
die  die  Teile  des  früher  lebendigen  Wesens  zusammenhielten,  und
deren  Verschwinden  es  zum  Kadaver  macht,  nämlich  zu  wieder  voneinander ­
  unabhängig  gewordenen  Elementen,  die  sich  nach  allen
Seiten  zerstreuen,  um  nach  dem  Rufe  der  Natur  neue  Verbindungen
einzugehen  ?
b)  Die  Solidarität  ist  um  so  vollkommener  und  um  so  stärker,
je  höher  das  Niveau  in  der  biologischen  Stufenleiter  ist,  auf  dem
sich  das  Wesen  befindet.  Die  niederen,  einfach  gebauten  Wesen
unterscheiden  sich  kaum  von  einfachen  Aggregaten:  man  kann  sie
entzwei  schneiden  oder  wenigstens  amputieren,  ohne  daß  dies  nachteilige ­
  Folgen  für  sie  ergebe;  ein  jeder  Teil  lebt  sein  unabhängiges
Leben,  oder  das  abgeschnittene  Glied  ersetzt  sich  wieder.  Manche
dieser  Wesen  vollziehen  sogar  die  Operation  —  die  Autotomie  genannt
wird  —  von  selbst,  nur  zu  dem  Zwecke  ihrer  Reproduktion  oder
Verjüngung.  Bei  den  höheren  Wesen  dagegen  zieht  die  Abtrennung
irgendeines  Organes  den  Tod  des  ganzen  Organismus  nach  sich  oder
bringt  wenigstens  das  Leben  aller  anderen  Teile  in  große  Gefahr.
c)  Die  Solidarität  steht  mit  der  Differenzierung  der  Teile  im
gleichen  Verhältnis:  dort,  wo  alle  Teile  homogen  sind,  kann  sich  jeder
selbst  genügen,  aber  dort,  wo  sie  alle  verschieden  sind,  ergänzt  einer
den  anderen  und  kann  daher  weder  allein  handeln,  noch  allein  leben.
Man  hat  auch  nicht  verfehlt,  darauf  hinzuweisen,  daß  ebenso
auch  in  den  primitiven  Gesellschaften  eine  solche  Trennung  von  der
Gesamtheit  für  das  Einzelwesen  einen  bedeutend  geringeren  Nachteil
vorstellt,  als  es  der  Nachteil  ist,  den  z.  B.  der  Boykott,  diese  neue
Form  der  Exkommunikation,  einem  Mitgliede  einer  zivilisierten  Gesellschaft ­
  zufügt.
Neben  der  großen,  aber  schon  seit  langem  bekannten  Tatsache
der  Arbeitsteilung  machte  die  Volkswirtschaft  ihrerseits  auf  viele
andere  Fälle  gegenseitiger  Abhängigkeit  zwischen  den  Menschen  aufmerksam; ­
  —  die  Krisen  z.  B.  zeigen,  wie  ein  Krach  in  New  York,

hat  sie  dann  aufgegeben.  AuausTB  Comtb,  der  bei  der  Soziologie  Pate  gestanden
hatte,  bat  die  Soziologen  im  voraus  vor  dieser  Methode  gewarnt,  die  er  als  irratinnell
hezeichnete.
        <pb n="694" />
        672

Fünftes  Buch.  Die  Lehren  der  neuesten  Zeit.

oder  eine  schlechte  Eeisernte  in  Indien  genügen,  um  die  Banken  in
Paris  oder  in  London  zu  erschüttern  und  die  Arbeiter  der  Diamantenoder ­
  der  Automobilindustrie  zur  Arbeitslosigkeit  zu  verdammen  —,
oder  noch  weniger  als  dies,  die  Handbewegung  des  Sekretärs  einer
i  Gewerkschaft  von  Elektrizitätsarbeitern  reicht  hin,  um  Dunkelheit
'  auf  eine  ganze  Stadt  herabsinken  zu  lassen.  Der  Generalstreik,  der
seit  -einiger  Zeit  als  Schreckgespenst  gegen  den  „Bourgeois“  dient,
verdankt  natürlicherweise  seine  Furcht  erregende  Wirkung  nur  dem
Gedanken  der  Solidarität,  da  ihm  weiter  nichts  zugrunde  liegt,  als
daß  an  dem  Tage,  an  dem  eine  genügende  Anzahl  von  Arbeitern  die
Arme  kreuzt,  die  gesamte  Gesellschaft  sofort  entweder  kapitulieren
oder  zugrunde  gehen  muß.
Hierzu  können  wir  noch  die  staunenerregende  Entwicklung  der
Presse  und  der  Telegraphenagenturen  lügen,  die  jeden  Tag,  jede
Minute  die  Menschen  aller  Länder  auf  Grund  dieses  oder  jenes  Vorfalls, ­
  der  früher  nur  einen  ganz  kleinen  Punkt  der  Welt  in  Bewegung
gesetzt  hätte,  in  einer  gleichen  Aufregung  der  Wut  oder  der  Freude
erzittern  lassen 1 ),  —  oder  sogar  auch  jene  mysteriösen  Bande  zwischen
den  Menschen,  die  noch  verworren  und  dunkel  in  den  Phänomenen  des
Spiritismus  oder  der  Telepathie  erscheinen.  So  haben  sich  von  allen
Seiten  aus  den  Berührungen  des  täglichen  Lebens,  wie  aus  den  Nebelreichen ­
  des  Okkultismus  Tatsachen  und  Ideen  in  Menge  erhoben,  die
alle  nachzuweisen  streben,  daß  das  „Einer  für  Alle,  und  Alle  für
Einen“  nicht  nur  eine  Maxime,  sondern  Wirklichkeit  ist,  daß  das
Wohl  oder  Wehe  des  anderen  mehr  oder  weniger  unser  eigenes  Wohl
oder  Wehe  ausmacht,  und  daß,  wie  man  richtig  gesagt  hat,  das  Ich
ein  soziales  Produkt  ist.  Aus  diesen  von  allen  Punkten  der  Windrose
gekommenen  Quellflüssen  hat  sich  der  große  Strom  des  Solidarismus
gebildet.
Und  dies  ist  noch  nicht  alles.  Nicht  nur  schien  sich  diese  Idee
der  Solidarität  aller  Orten  zu  erheben,  sondern  sie  schien  auch  im
richtigen  Augenblick  gekommen  zu  sein,  um  alle  die  zu  befriedigen,
die  nichts  mehr  von  dem  individualistischen  Liberalismus  wissen
wollten,  und  die  doch  dem  Kollektivismus  oder  dem  Staatssozialismus
abweisend  gegenüberstanden.
Besonders  in  Frankreich  gab  es  eine  politische  Partei,  die  in  der
Bildung  begriffen  war  und  ein  Banner  suchte.  Sie  wollte  ein  wirt-*)

  „Die  riesige  Ausdehnung  des  Transportes  mit  Hilfe  des  Dampfes  und  die
den  ganzen  Erdball  umspannenden  Telegraphenlinien  haben  aus  dem  modernen  Industrieorganismns
  eine  Art  von  riesenhaften  Polypen  gemacht,  von  dem  kein  Glied
verletzt  werden  kann,  ohne  den  ganzen  Körper  in  Mitleidenschaft  zu  ziehen,  ein
fieya  £aov,  das  in  todeskampfähnliche  Zuckungen  verfällt,  so  bald  es  irgendwo  eine
Wunde  erhält“  (Nicholson,  Effects  of  Machinery  on  wages).
        <pb n="695" />
        Kapitel  III.  Die  Solidarisier!.

673

scliaftliches  Programm,  das  ihr  gestatten  sollte,  sich  einen  Weg
zwischen  der  alten  liberalen  Partei  und  dem  Sozialismus  zu  bahnen,
—  das  Laisser-faire  zu  verwerfen,  aber  ebenso  die  Sozialisation  des
individuellen  Eigentums  —,  die  Rechte  des  Individuums,  die  Menschenrechte, ­
  aufrecht  zu  erhalten  und  mit  Nachdruck  zu  vertreten,  aber
zur  gleichen  Zeit  dem  Einzelnen  gewisse  Opfer  im  Interesse  der  Gesamtheit ­
  aufzuerlegen  und  abzufordern.  Es  war  das  die  Partei,  die
■sich  damals  radikal  nannte,  und  die  sich  heute  radikal-sozialistisch
nennt.  Allerdings  besagt  das  Programm  des  deutschen  Staats-Sozialismus,
  so  wie  es  zu  dieser  Zeit  gelehrt  wurde  (siehe  SS.  503/504)
ungefähr  dasselbe,  aber  seine  Auffassung  der  historischen  Rolle  des
Staates,  der  über  allen  Klassen-  und  Parteiinteressen  schwebt,  war
wenn  sie  auch  in  einem  Lande  wie  Preußen  leicht  verständlich  ist
für  Franzosen  doch  viel  weniger  einleuchtend  und  sympathisch.  Die
Geschichte  der  beiden  Länder  gibt  ihnen  in  dieser  Hinsicht  nicht
die  gleichen  Lehren,  Der  Solidarismus  mag,  wenn  man  will,  Staatssozialismus ­
  sein,  jedoch  in  französischem  Gewände  und  von  größerer,
liebenswürdigerer  Höflichkeit,  weil  er  nicht  notwendigerweise  die
Zwangseinmischung  des  Staates  bedingt  und  der  Freiheit  des  Individuums ­
  mehr  Achtung  entgegenbringt 1 ).
Das  Wort  Solidarität  leistete  aber  noch  einen  weiteren  Dienst:
■es  gestattete  ein  anderes  Wort  zu  verbannen,  dessen  man  sich  um  seines
religiösen  Beiklangs  willen  nicht  bedienen  wollte,  das  der  „Mildtätigkeit“. ­
  Auch  das  Wort  Brüderlichkeit,  das  seit  der  Revolution  von  1848
an  seine  Stelle  getreten  war,  schien  mit  einem  recht  veralteten  Sentimen-0
  1889  wurde,  wenn  wir  uns  nicht  irren,  die  Solidarität  zum  ersten  Male  als
Wahlspruch  in  einem  Vortrage  einer  neuen  wirtschaftlichen  Schule  vorgeschlagen,
der  sich  geradezu  L’Ecole  Nouvelle  nannte.  Dieser  Vortrag  wurde  in  einem
kleinen  Buche,  zusammen  mit  drei  anderen,  unter  der  Überschrift:  Quatre  Ecoles
d’Economie  Sociale  (Genf,  1890)  (L’Ecole  liberale  von  Fnfmfmic  Passy;
L’Ecole  catholique  von  Claudio  Jannbt;  L’Ecole  socialiste  von  Stiegleb;
L’Ecole  nouvelle  von  Gide)  veröffentlicht.  In  dieser  letzteren  sagt  der  Verfasser, ­
  nachdem  er  die  drei  vorhergehenden  Schulen  als  die  Vertreter  der  Freiheit,
der  Autorität  und  der  Gleichheit  bezeichnet  hat:  „Wenn  man  nun  von  mir  verlangt, ­
  diese  neue  Schule  mit  einem  einzigen  Wort,  wie  die  vorhergehenden,
zu  definieren,  so  würde  ich  sie  die  Schule  der  Solidarität  nennen.  .  .  .  Die  Solidarität ­
  ist  nicht  wie  die  Freiheit,  die  Gleichheit  und  sogar  die  Brüderlichkeit  ein
volltönendes  Wort  oder  ein  reines  Ideal:  sie  ist  eine  Tatsache,  eine  der  von
•der  Wissenschaft  und  der  Geschichte  am  sichersten  nachgewiesenen  Tatsachen,  sie
ist  die  bedeutendste  Entdeckung  unserer  Zeit.  Und  diese  Tatsache  der  Solidarität
gewinnt  täglich  an  Bedeutung.“
In  Wirklichkeit  hätten  wir  besser  getan,  eine  „neue  Bewegung“  als  eine  „neue
Schule“  anzukünden,  denn  eine  große  Anzahl  höchst  verschiedener  und  sogar  höchst
entgegengesetzter  Schulen,  die  des  biologischen  Naturalismus  wie  die  des  Christentums, ­
  die  des  Anarchismus  wie  die  des  Staatssozialismus  haben  sich  seitdem  auf
die  Solidarität  berufen.
Gide  und  Rist,  Gesch.  d.  Volkswirtschaft!.  Lehrmeinunsen.  43
        <pb n="696" />
        674

Fünftes  Buch.  Die  Lehren  der  neuesten  Zeit.

talismus  behaftet  zu  sein.  Dafür  hatte  im  Gegenteil  das  Wort  Solidarität
ein  eindrucksvolles,  wissenschaftliches  Aussehen,  ohne  jede  Spur  von
Ideologie.  Von  ihm  gedeckt,  kann  man  jetzt  alle  Opfer,  die  man  für
andere  verlangt,  wie  Subventionen  an  Gesellschaften  gegenseitiger  Hilfe,
an  Arbeitergenossenschaften  oder  an  Gesellschaften  zur  Beschaffung
billiger  Wohnungen,  an  Arbeiterpensionskassen  und  sogar  Armenunterstützungen, ­
  nicht  im  Namen  der  Mildtätigkeit,  sondern  in  dem
der  Solidarität  verlangen;  und  bei  jeder  Gelegenheit  hört  man  die
mit  Beifall  aufgenommene  Formel  wiederholen:  „Unser  Ziel  ist  kein
Werk  der  Mildtätigkeit,  sondern  der  Solidarität;  die  Mildtätigkeit
erniedrigt,  die  Solidarität  adelt“!
§  2.  Die  solidaristischen  Thesen.
Um  aber  ans  dem  Solidarismus  eine  allen  verständliche,  eine
volkstümliche  Lehre  zu  machen,  mußte  man  ihn  genauer  fassen.  Die
Fluten  des  Stromes,  die  sich  aus  so  verschiedenen  Quellflüssen  genährt ­
  hatten,  waren  zu  trübe:  sie  mußten  filtriert  werden.
Hierin  liegt  das  Verdienst  eines  der  Führer  der  radikal-sozialistischen ­
  Partei,  Leon  Bourgeois,  der  dies  versucht  hat,  indem  er  die
noch  etwas  nebelhafte  und  metaphysische  Idee  der  Solidarität  in  eine
juristische  Formel  brachte,  in  die  des  Quasi-Kontraktes.  Infolge ­
  der  hervorragenden  Stellung  ihres  Urheberserregte  diese
These,  die  sich  gerade  zur  rechten  Zeit  einstellte,  in  den  so  großen  und
umfassenden  Kreisen  der  Lehrerwelt  mit  ihren  hunderttausend  Volksschulen, ­
  ihren  Universitäten,  Hochschulen,  Gymnasien  usw.,  wie  auch
in  den  demokratischen  Zeitungen  und  Vereinen  das  größte  Aufsehen.
Glaubte  man  doch  in  ihr  die  Grundlage  der  lang  ersehnten  Laienmoral ­
  zu  finden.  Daher  sind  wir  der  Meinung,  sie  etwas  eingehender"
analysieren  zu  müssen,  als  es  der  kleine  Umfang  des  Buches,  in  dem
sie  dargelegt  wird,  nötig  erscheinen  lassen  möchte *  2 ).  Man  muß  unter
dieser  Theorie  folgendes  verstehen;
*)  LSon  Boubgeois  ist  mehrere  Male  Minister,  sowie  Präsident  der  französische»
Kammer  gewesen.  (Anm.  d.  übers.)
2 )  Die  Untersuchung  Lfion  Boubgeois’  über  La  Solidarite  erschien  zuerst
in  der  Form  von  Aufsätzen,  1896,  in  der  Nouvelle  Revue,  und  dann  1897  in
Buchform.  Sie  ist  von  allen  Seiten  in  einer  Reihe  von  Vorträgen  beleuchtet  worden,
die  verschiedene  Redner  an  der  „Ecole  des  Hautes  Etudes  sociales“,  unter  dem  Vorsitz ­
  LtoN  Bourgeois’  selbst  hielten.  Diese  Vorträge  wurden  dann  in  einem  Band
unter  dem  Titel  Essai  d’une  Philosophie  de  la  Solidarite  (1902)  vereinigt.—
1895  wurde  unter  dem  Namen  Soeiete  d’Education  Sociale  eine  Vereinigung
für  die  Verbreitung  dieser  Lehren  gegründet:  sie  hielt  sogar  zurZeit  der  Weltausstellung
einen  internationalen  Kongreß  ab,  hat  aber  seitdem  kein  Lebenszeichen  gegeben.
Übrigens  gibt  es  in  Frankreich  eine  äußerst  reichhaltige  Literatur  Uber  de»
        <pb n="697" />
        Kapitel  III.  Die  Solidaristen.

675

Vorausgeschickt  muß  werden,  daß  diese  Theorie  keineswegs
die  Ausdehnung  oder  Übertragung  der  natürlichen  Solidarität
auf  die  moralische  oder  soziale  Ordnung  ist.  Im  Gegenteil!  Sie
bemüht  sich,  ihre  Unebenheiten  zu  glätten  und  sie  zu  verbessern.
Sie  geht  von  der  Tatsache  aus,  daß  die  natürliche  Solidarität  ungerecht ­
  oder  wenigstens  „gerechtigkeitslos“  ist,  weil  nämlich  die  einen
durch  sie  unverdiente  Vorteile  genießen,  während  andere  ebenso
unverdiente  Nachteile  erleiden.  Daher  muß  die  Gerechtigkeit  dazwischen ­
  treten,  damit  die  vom  Zufall  Begünstigten  den  Benachteiligten ­
  ihre  Schuld  erstatten.  Die  Gerechtigkeit  muß  den  einen
das  nehmen,  was  ihre  blinde  Schwester  —  das  Glück  —  ihnen  zu
viel  gegeben  hat,  um  es  auf  die  anderen  zu  übertragen,  denen  es
rechtmäßig  zukäme.  Denn  ebenso  wie  der  Mensch  für  seine  Zwecke
die  Naturkräfte,  gegen  die  er  zu  kämpfen  hat,  zu  verwenden  weiß,
so  soll  auch  die  Gerechtigkeit  eine  wohl  überlegte  Solidarität  anwenden, ­
  um  die  rohe  Solidarität  zu  verbessern;  an  diesem  Werke
wird  sie  wachsen,  ja  sich  erneuern.
Die  natürliche  Solidarität  lehrt  uns  also 1 ),  daß  infolge  der  Arbeitsteilung, ­
  der  Erblichkeit,  der  tausend  Ursachen,  die  wir  eben  zusammengefaßt ­
  haben,  ein  jeder  Mensch  denen,  die  vor  ihm  gelebt  haben,  wie
seinen  Zeitgenossen  den  besten  Teil  dessen  schuldet,  was  er  besitzt
und  sogar,  was  er  ist.  Wie  Auguste  Comte  sagte:  „Wir  werden
geboren  mit  einer  Last  von  Verpflichtungen  aller  Art  gegenüber
der  Gesellschaft“.  Zahlreich  sind  die  Texte  der  französischen  Verfassungen, ­
  in  denen  sich  das  Wort  „Schuld“  (dette)  findet;  es  steht
schon  in  der  Verfassung  von  1793,  wo  von  einer  „heiligen  Schuld“
(dette  sacree)  gesprochen  wird,  und  zwar  in  bezug  auf  die  Untersttitzungspflicht.
  Aber  dieses  Wort  hatte  mehr  die  etwas  unbestimmte
Bedeutung  einer  moralischen  Verpflichtung,  eines  „Schuldigsein“  —
etwa  in  dem  Sinn,  wie  man  sagt:  „Adel  verpflichtet“  oder  „Reichtum

Solidarismus,  sowohl  in  Zeitschriften  wie  in  Büchern.  Wir  erwähnen  nur  La  Solidarite ­
  sociale  et  ses  nonyelles  formales  von  d’Eichthal  (1903),  die  Aussprache ­
  in  der  Academie  des  Sciences  Morales  et  Politiques  (Bericht  —
Compte  rendu  —  Jahrgang  1903),  das  Buch  BoügliPs  Le  Solidarisme  (1907)  und
das  von  Flburant,  La  Solidarite  (1907).  Es  gibt  kein  Schullehrbuch  über  die
Moral,  das  nicht  ein  Kapitel  über  diesen  Gegenstand  enthielte.
9  „Die  Solidarität  besteht  als  Tatsache,  aber  ihre  Ergebnisse  stimmen  nicht
mit  der  Gerechtigkeit  überein.  Zur  Verwirklichung  der  Gerechtigkeit  muß  der
Mensch  die  Gesetze  der  Solidarität  beobachten:  nachdem  er  sie  festgelegt  hat,  muß
er  sich  ihrer  bedienen,  um  ihre  Wirkungen  zugunsten  der  Gerechtigkeit  zu
wandeln.  .  .  .  Solidaritätstatsache,  Solidaritätspflicht!  Verwechseln  wir  niemals  eins
mit  dem  anderen,  denn  sie  sind  Gegensätze.  Es  war  aber  unumgänglich  nötig,  die
erste  festzustellen,  um  die  moralische  Notwendigkeit  der  zweiten  zu  erkennen“.
(LkoN  Bourgeois,  Philosophie  de  la  Solidarite,  S.  13,  17.)

43*
        <pb n="698" />
        676

Fünftes  Buch.  Die  Lehren  der  neuesten  Zeit.

verpflichtet“.  Man  überließ  es  dem  Gewissen  eines  jeden,  sich  dieser
Verpflichtung  nach  seinem  Gutdünken  zu  entledigen.  Es  handelt  sich
aber  darum,  dieses  „Schuldigsein“  in  eine  „Schuld“  zu  verwandeln, ­
  indem  man  ihr  eine  rechtliche  Grundlage  gibt,  so  daß  ihr
gegenüber,  im  Fall  sie  nicht  freiwillig  erfüllt  wird,  ein  Rechtsanspruch
besteht.  Wie  sollte  dies  ausgeführt  werden?  —  Es  genügt  hierzu,
den  „Code  civil“  aufzuschlagen,  Artikel  1371—1381,  Kapitel  von  den
„Quasi-Kontrakten“;  es  ist  das  eine  Unterabteilung  des  Absatzes  IV,
der  von  den  Verpflichtungen,  die  sich  ohne  besonderes
Übereinkommen  bilden,  handelt.
Dieser  Gesetzesabschnitt  erkennt  also  das  Bestehen  von  Verpflichtungen ­
  im  eigentlichen  Sinne  an,  die  ohne  Vertrag  entstehen,  d.  h.  ohne
die  Willensäußerung  der  Beteiligten:  zunächst  die,  die  sich  aus  jedem,
auch  unfreiwillig  einem  anderen  zugefügten  Schaden  ergeben,  und
die  man  Quasi-Delikte  nennt,  —  und  weiterhin  die,  die  sich
in  verschiedenen,  vom  Gesetzbuch  aufgezählten  Fällen  bilden,  die
unter  die  Rubrik  Quasi-Kontrakte  zusammengefaßt  werden,  im
besonderen  z.  B.:  wenn  ich  die  Zahlung  einer  Summe  erhalte,  die  mir
nicht  zukommt,  oder  wenn  ich  ohne  Auftrag  die  Angelegenheiten  eines
Dritten  führe.  Auch  gibt  es  noch  andere;  —  die  Annahme  einer
Erbschaft,  die  für  die  Erben  die  Verpflichtung  nach  sich  zieht,  die
Schulden  des  Erblassers  zu  bezahlen;  —  die  unfreiwillige  Assoziation,
die  zwischen  verschiedenen  Personen  auf  Grund  der  Nachbarschaft
bestehen  kann,  wie  z.  B.  zwischen  Mietern  in  demselben  Hause  oder
zwischen  Besitzern  von  Nachbargrundstücken;  —  eine  gewisse  Identität
der  Lage,  wie  z.  B.  die  zwischen  Mitvormündern  oder  Miterben  usw.
Nun  behauptet  die  These,  daß  alle  diese  charakteristischen  Umstände ­
  des  Quasi-Kontrakts  sich  auch  in  den  menschlichen  Gesellschaften ­
  finden,  und  es  ist  eben  die  tatsächliche  Solidarität,  die
natürliche  Solidarität,  die  sie  verursacht:  —  zunächst  die  tatsächliche
auf  der  Nachbarschaft  beruhende  Assoziation,  aber  ebenso  überall
die  Geschäftsführung  für  dritte,  infolge  der  Arbeitsteilung  —  die
Bereicherung  zum  Schaden  anderer  durch  unberechtigte  Aneignung
von  Werten  (unearned  in  cremen  t),  worunter  an  erster  Stelle  gerade
die  zu  rechnen  sind,  die  sich  aus  der  Annahme  von  Erbschaften  ergeben ­
  —  welche  Schaffung  von  Ungleichheiten  liegt  nicht  gerade
hierin!  —,  ohne  weiterhin  die  beständige  Benachteiligung  dritter  zu
vergessen,  die  ihrerseits  unter  das  Quasi-Delikt  fallen.  Man  kann
daher  von  diesem  Gesichtspunkt  aus  mit  Recht  sagen,  daß  die  ganze
Gesellschaft  nicht,  wie  Rousseau  annahm,  auf  einem  ausdrücklichen
Kontrakt,  sondern  auf  einem  Qaasi-Kontrakt  beruht;  einem  Kontrakt,
der  auch  ohne  die  bewußte  Zustimmung  der  Parteien  genau  die
gleichen  gesetzlichen  Folgen  haben  muß  wie  ein  wirklicher  Vertrag.
        <pb n="699" />
        Kapitel  III.  Die  Solidaristeu.

677

Gehen  wir  einen  Schritt  weiter.  Wenn  in  alien  diesen  Fällen
zwischen  Mensch  und  Mensch  eine  Schuld  besteht,  muß  sie  wie  alle
andere  Schulden  bezahlt  werden.
Wer  soll  sie  zahlen?  —  Alle  die,  die  aus  der  Tatsache  der
natürlichen  Solidarität  Nutzen  gezogen  haben,  alle  Wohlhabenden,
deren  Vermögen  nur  dank  tausender  vergangener  und  gegenwärtiger
namenloser  Mitarbeiter  entstehen  konnte.  Sie  alle  haben  mehr  als
ihren  Teil  erhalten;  ihr  Konto  zeigt  ein  Debet-Saldo.  Daher  müssen
sie  bezahlen;  und  wenn  sie  es  freiwillig  tun,  mögen  sie  sich  nicht
etwa  einbilden,  daß  sie,  wie  man  es  ihnen  bisher  vorredete,  freigebig
seien!  Mögen  sie  sich  nicht  mit  jenem  Reichen  des  Evangeliums
vergleichen,  der  zahlte,  weil  er  gut  war,  quia  bonus:  nein,  sie
zahlen  nur,  was  sie  schuldig  sind 1 ).  Und  ebensowenig  wie  ein
anderer  Schuldner  können  sie  sich  nicht  als  frei  und  im  Besitz  der
freien  Verfügung  über  ihre  Güter  betrachten,  solange  als  sie  nicht  ihre
ganze  Schuld  abgetragen  haben.  Dann  —  aber  auch  erst  dann  —
kann  der  Besitzer  sagen,  mein  Besitz  ist  frei  von  jeder  Schuldenlast;
er  gehört  mir.  Daher  wird  der  persönliche  Besitz  in  dieser  Doktrin
geachtet  und  bleibt  frei,  aber  nur,  nachdem  er  sich  seiner  sozialen
Schulden  entledigt  hat.  Bis  zu  ihrer  Höhe  liegt  auf  dem  Privatbesitz
eine  Hypothek *  2 ).
Wem  soll  gezahlt  werden?  —  Allen  denen,  die,  anstatt  von  der
natürlichen  Solidarität  Gewinn  gezogen  zu  haben,  darunter  leiden
mußten,  allen  denen  daher,  die  man  ganz  richtig  die  „Enterbten“  nennt 3 ).
Sie  sind  die  Gläubiger,  weil  sie  ihren  Anteil  an  der  durch  die  soziale
Kooperation  geschaffenen  Gütermenge  nicht  erhalten  haben.  Wohl
kann  man  sie  nicht  alle  mit  Namen  anführen,  aber  sie  werden  vom
Staat  -oder  der  großen  Menge  der  Einrichtungen  repräsentiert,  die
früher  Wohltätigkeitsanstalten  hießen  und  heute  Gegenseitigkeitsoder ­
  Solidaritätsanstalten  genannt  werden.
J )  „Es  gibt  Schulden,  von  denen  man  nichts  wußte,  und  die  man  doch  bezahlen
muß“  (op.  cit.  S.  60).  „Es  gibt  ein  Recht  dort,  wo  wir  nur  die  Moral  sahen,  und
eine  Schuld  dort,  wo  wir  nur  an  ein  Opfer  glaubten“.
Es  ist  bemerkenswert,  daß  schon  das  Neue  Testament  sagt;  „Denn  welchem  viel
gegeben  ist,  bei  dem  wird  man  viel  suchen“  (Lukas,  XII,  48)  —  und  auch:  1.  Korinther
Kap.  IV,  7;  „Was  hast  Du  aber,  das  Du  nicht  empfangen  hast?“
2 )  „Solange  der  Mensch  ein  Schuldner  ist,  ist  er  nicht  frei.  Er  wird  erst  frei,
wenn  er  bezahlt  hat.“  „Die  Lehre  der  Solidarität  ist  der  Rückkauf  des  Eigentums
"nd  der  individuellen  Freiheit“  (op.  cit.  S.  45).
3 )  Doch  LkoN  Bourgeois  bezeichnet  auch  unsere  Nachfolger  als  Gläubiger  —
ebenso  wie  es  unsere  Vorfahren  uns  gegenüber  waren.  Das  ist  nicht  mehr  dasselbe,
«nd  hier  erscheint  die  Lehre  etwas  schwankend.  Ist  es  doch  in  Wirklichkeit  eine
erstaunliche  Neuerung,  daß  Gläubiger,  die  seit  Jahrhunderten  gestorben  sind,  die
Korderung,  die  sie  uns  gegenüber  haben,  an  noch  ungeborene  Geschlechter  übertragen!
Welcher  Sprung  über  unsere  Köpfe  hinweg!
        <pb n="700" />
        678

Fünftes  Buch.  Die  Lehren  der  neuesten  Zeit.

Wie  soll  gezahlt  -werden?  —  Durch  freiwillige  Beiträge  zu  den
Werken  der  Solidarität  oder  durch  obligatorische  Beiträge,  Steuern
und  sogar  progressive  Steuern,  denn  „es  besteht  eine  Art  Progression
in  dem  Gewinn,  den  wir  aus  dem  nationalen  Werkgut  ziehen,  je  nachdem ­
  wir  über  stärkere  und  mannigfaltigere  Hilfsmittel  verfügen“  *)•
Daher  nehmen  die  Steuern  einen  fast  heiligen  Charakter  an,  erscheinen
sie  doch  als  Tilgung  der  sozialen  Schuld.
Man  kann  in  Wirklichkeit  sagen,  daß  keine  Übertreibung  der
staatlichen  Macht  darin  liegt,  jemanden  zur  Zahlung  dessen  zu
zwingen,  was  er  schuldig  ist,  „da  die  natürliche  Funktion  des  Staates
die  des  Hüters  der  Verträge  ist“  *  2  3  *  *  *  * ).
Wieviel  soll  gezahlt  werden?  —  Auch  hier  ist  es  recht  schwierig,
eine  Ziffer  festzusetzen.  „Die  zugrunde  liegenden  Hegeln“,  sagt  Bourgeois, ­
  „werden  diejenigen  sein,  die  die  Gesellschafter  angenommen
haben  würden,  wenn  sie  vorher  frei  gewesen  wären  und  in  gleicher  Freiheit ­
  die  Bedingungen  ihres  Übereinkommens  hätten  festlegen  können.“
Mit  anderen  Worten,  alles  soll  geregelt  werden,  als  ob  die  Gesellschaft ­
  das  Ergebnis  einer  ausdrücklichen  Übereinkunft  oder  vielmehr
„eines  mit  rückwirkender  Kraft  abgeschlossenen  Vertrages“  wäre.  —
Wie  soll  man  nun  herausfinden,  auf  Grund  welcher  Bedingungen  jedes
Individuum  seinen  Beitritt  erklärt  haben  würde?  —  Indem  man  die
zu  finden  sucht,  die  es  aufstellen  würde,  wenn  der  Vertrag  jetzt  von
neuem  abzuschließen  wäre.
Aber  auch  das  Individuum  weiß  hierüber  nichts,  so  daß  wir
keinen  Schritt  weiter  gekommen  sind!  Indem  man  daher  die  Lösung
dieses  unlösbaren  Problems  aufgibt,  begnügt  man  sich  damit,  einen
Minimalanspruch  für  die  Enterbten  festzusetzen,  nämlich  die  Versicherung ­
  gegen  die  Zufälle  des  Lebens.  Die  Gesellschaft  würde
folglich  eine  Versicherungsgesellschaft  auf  Gegenseitigkeit  werden,  in
der  das  schlechte  und  das  gute  Geschick  gemeinsam  getragen
werden  8 ).

*)  Philosophie  de  la  Solidarite,  S.  94.
2 )  Gerade  die  Stellen  des  Code  civil,  die  diese  Theorie  im  Auge  hat,  laden
dazu  ein.  Der  Artikel  1370  bezeichnet  neben  dem  Quasi-Kontrakt  und  dem  Quasi-Delikt,
  und  zwar  an  erster  Stelle,  das  Gesetz  als  verallgemeinernde  Ursache  der
Verpflichtung.
3 )  „Gegenüber  der  augenscheinlichen  Unmöglichkeit,  in  der  auf  dem  sozialen
Quasi-Kontrakt  beruhenden  Assoziation  den  Wert  der  persönlichen  Anstrengung  eines
jeden,  den  Wert  der  Schuld  der  einen  und  der  Forderung  der  anderen  genau  festzusetzen ­
  .  .  .  haben  wir  gesagt,  daß  das  einzige  Mittel  zur  Lösung  der  Schwierigkeit ­
  darin  besteht,  diese  Risiken  und  diese  Vorteile  in  ein  Gegenseitigkeitsverhältnis ­
  zu  bringen,  sie  zu  mutualisieren,  was  darauf  hinausläuft,
  im  voraus,  und  ohne  zu  wissen,  wer  das  Risiko  tragen,  und  wer  von  dem
Vorteil  Gewinn  haben  wird,  festzusetzen,  daß  die  Risiken  in  Gemeinschaft  getragen
        <pb n="701" />
        Kapitel  III.  Die  Solidaristen.

679

Gut!  Wie  weit  sind  wir  aber  damit  von  dem  Quasi-Kontrakt
entfernt!  Denn  ein  Kontrakt,  oder  ein  Qnasi-Kontrakt,  der  sich  auf
die  Gleichwertigkeit  der  Werte,  auf  das  do  ut  des  gründet,  ist
etwas  anderes,  als  eine  Gesellschaft  auf  Gegenseitigkeit,  deren
Charakteristikum  gerade  darin  liegt,  den  Gedanken  einer  genauen
Gleichwertigkeit  der  Leistungen  auszuschließen.  Die  erste  dieser
Auffassungen  führt  den  Solidarismus  zum  Individualismus  zurück;  die
zweite  stellt  ihn  auf  den  Sozialismus  ein.
Es  beruht  dies  darauf,  daß  die  Idee  des  Quasi-Kontraktes  —  obgleich ­
  sie  stark  zum  Erfolg  der  Theorie  von  Leon  Bourgeois  beigetragen ­
  hat  —  dieser  Theorie  nichts  hinzufügt,  die  sehr  wohl  ohne
sie  auskommen  könnte').  Sie  ist  ein  geistreicher  Kunstgriff,  fast  ein
Wortspiel,  dazu  bestimmt,  den  gesetzlichen  Beitrag  zu  rechtfertigen,
indem  sie  ihm  eine  angenommene  rückwirkende  Zustimmung  zugrunde
legt,  und  —  eine  Verbeugung  vor  der  Freiheit.  Dem  Steuerzahler,
der  gegen  die  Steuern  für  die  Arbeiterpensionen  protestiert,  sagt  man:
Diese  Steuer  schuldest  Du  im  wirklichen  Sinne  des  Wortes  „schulden“,
nämlich  auf  Grund  einer  Verpflichtung,  der  du  zugestimmt,  oder
doch  quasi  zugestimmt  hast.
Welchen  Nutzen  soll  aber  diese  ironische  Ausflucht  haben?  Wenn
man  der  Ansicht  ist,  daß  bei  dem  unleugbaren  Tiefstand  der  moralischen
Erziehung  das  Gesetz  bei  denen,  die  kein  Gewissen  haben,  an  Stelle
des  Gewissens  treten  und  gewisse  soziale  Pflichten  heiligen  muß,
nämlich  die,  die  zum  Leben  und  Bestehen  der  Gesellschaft  notwendig
sind,  wenn  man  an  all  das  denkt,  dann  soll  man  es  nur  auch  sagen,
so  wie  es  die  Staatssozialisten  tun.  Wenn  man  aber  im  Gegenteil
glaubt,  daß  der  moralische  Fortschritt  eher  in  einer  Umformung  der

■werden  und  daß  der  Zugang  zu  den  verschiedenen  sozialen  Vorteilen  allen  offen
steht“  ’(L£on  Bourgeois,  Essai  d’une  Philosophie  de  la  solidarite,  S.  81).
Das  Ende  dieser  Stelle  steht  nicht  ganz  und  gar  mit  den  gesperrt  gedruckten
Worten  in  Einklang,  denn  es  zeigt,  daß  es  sich  nur  um  die  Mutualisation  der
Kisiken,  aber  nicht  um  die  der  Vorteile  handelt.  Für  diese  letzteren  wird
man  sich  mit  dem  Versuch  begnügen,  die  Gleichheit,  soweit  die  Zugangsmöglichkeiten
in  Betracht  kommen,  zu  verwirklichen.  Tatsächlich  sieht  man  nicht  recht  ein,  auf
Grund  welchen  Prinzipes  die  Solidarität  in  dem  einem  Falle  so  vollständig,  und  in  dem
anderen  so  beschränkt  ist.  Wenn  ich  im  Namen  der  Solidarität  gehalten  bin,  meinen
Anteil  an  dem  Zugrundegehen  dieses  Trinkers  zu  tragen,  weshalb  kann  ich  dann
nicht  auf  Grund  desselben  Gesetzes  meinen  Anteil  an  dem  Vermögen  jenes
glücklichen  Spekulanten  beanspruchen?  —  Beruht  dies  einfach  darauf,  daß  die
logische  Anwendung  dieser  Hegel  zum  Kommunismus  führen  würde?
&amp;gt;)  Man  muß  übrigens  sagen,  daß  das  Wort  Quasi-Kontrakt  viel  weniger  oft
von  LkoN  Bourgeois  als  von  seinen  Schülern  gebraucht  wird.  Wie  dies  stets  geschieht, ­
  haben  die  letzteren  die  These  auf  die  Spitze  getrieben.  In  seinen  Vorträgen
im  Band:  Essai  d’une  Philosophie  de  solidarite  spricht  er  kaum  von  dieser
Theorie  und  scheint  die  der  Mutualisation  an  ihre  Stelle  zu  setzen.
        <pb n="702" />
        680

Fünftes  Buch.  Die  Lehren  der  neuesten  Zeit.

Schuld  in  eine  sittliche  Pflicht,  als  der  sittlichen  Pflicht  in  eine
zwangsweise  beizntreibende  Schuld  besteht 1 ),  dann  sollte  man  sich
eher  bemühen,  die  Einrichtungen  der  freien  Solidarität  zu  vermehren,
wie  die  Gesellschaften  auf  Gegenseitigkeit,  kooperativen  Genossenschaften ­
  und  Gewerkschaften.
Die  Theorie  des  Quasi  -  Kontrakts  bezweckte  auch  noch,  dem
Schuldner  die  Gewähr  zu  geben,  daß  man  ihm  nichts  über  den  Betrag ­
  der  Schuld  hinaus  abverlangen  wird  *  2 ).  Aber  das  ist  doch  eine
recht  illusorische  Garantie,  da,  wie  wir  soeben  gesehen  haben  (S.  678),
der  Betrag  dieser  Schuld  nicht  feststeht.  Das  Gesetz  soll  ihn  festlegen: ­
  ganz  richtig,  nur  kann  man  dann  ebenso  gut  mit  dem  Gesetz
beginnen!
In  Wirklichkeit  jedoch  ist  die  Schuld  sehr  mäßig,  wenn  der  Gesetzgeber ­
  sich  an  die  Abschätzung  hält,  die  Leon  Bourgeois  vornimmt.
Sie  läßt  sich  in  drei  Paragraphen  zusammenfassen:
1.  Freier  Unterricht  in  allen  Schulen  und  Lehranstalten;
denn  da  das  intellektuelle  Kapital  mehr  als  irgendein  anderes  ein
Werk  der  Kollektivität  ist,  muß  es  auch  Allgemeingut  bleiben:  frei
muß  ein  jeder  daraus  schöpfen  können.  Hand  in  Hand  mit  dieser
Forderung  geht  die  Begrenzung  der  Arbeitszeit,  ohne  die  das  Recht
auf  Unterricht  ein  leeres  Wort  bleibt.
2.  Die  Garantie  eines  Existenzminimums  für  einen
jeden;  denn  bei  der  Annahme  eines  Kontraktes  mit  rückwirkender
Kraft  würde  es  widersinnig  sein,  anzunehmen,  daß  Menschen  übereingekommen ­
  wären,  in  eine  Gesellschaft  einzutreten,  wenn  diese
Gesellschaft  ihnen  nicht  zum  wenigsten  das  Recht  auf  Leben  garantiert
hätte.  Hierin  finden  der  Garantismus  Sismondi’s  und  Foueier’s,  wie
das  Recht  auf  Arbeit  Louis  Blanc’s  und  Considerant’s  eine  neue
Bedeutung  und  verjüngtes  Leben.
3.  Versicherung  gegen  die  Zufälle  des  Lebens,  denn
sie  sind  auf  Grund  ihres  Charakters  allen  gemeinsam.  Man  weiß,
wie  schnell  das  Gefühl  der  Solidarität  jedesmal  zum  Durchbruch  gelangt, ­
  wenn  eine  dieser  Gefahren  sich  in  großem  Maßstab  verwirklicht ­
  hat  und  den  Umfang  einer  Katastrophe  annimmt  ;  sobald  aber
nur  ein  einzelner  davon  betroffen  wird,  sollte  es  nicht  anders  sein.
Wenn  die  Theorie  der  Solidarität  Bourgeois’  einen  politischjuristischen ­
  Charakter  hat,  so  stellt  sich  die  von  Dürkheim  auf  den
durchaus  verschiedenen  Boden  der  Soziologie  und  der  Moral.
’)  Wie  es  z.  B.  der  Philosoph  Guyau  in  seinem  prächtigen  Buche:  „Essai
d’une  morale  Sans  Obligation  ni  sanction“  erhofft.
2 )  „Das  einzige,  was  die  Gerechtigkeit  verlangt,  ist  die  Bezahlung  unserer
Schulden:  darüber  hinaus  haben  wir  nicht  das  Kecht,  den  Menschen  irgendeine
Verpflichtung  aufzuerlegen“  (op.  cit.  S.  45  und  56).
        <pb n="703" />
        Kapitel  III.  Die  Solidarisier!.

681

Der  Verfasser  unterscheidet  zwei  Arten  von  Solidarität:
1.  Eine  untergeordnete,  die  auf  den  Ähnlichkeiten  beruht
und  rein  mechanisch  ist,  wie  die  Kohäsion  der  gleichartigen  Atome
in  dem  gleichen  Körper;
2.  eine  andere,  die  auf  den  Unähnlichkeiten  beruht  und
an  die  Arbeitsteilung  gebunden  ist:  diese  zweite  besteht  in  den
lebenden  Wesen  und  macht  ihre  Einheit  aus.
Düekheim  legt  dieser  zweiten  einen  unvergleichlichen  Wert  bei,
und  zwar  weniger  in  ihren  wirtschaftlichen,  als  in  ihren  moralischen
Folgen;  „sie  wird  zur  Grundlage  der  moralischen  Ordnung“.  Warum?
Weil  der  Kampf  ums  Dasein  um  so  weniger  scharf  ist,  je  verschiedener ­
  die  Endziele  sind,  die  ein  jeder  verfolgt 1 ).  Und  auch
deshalb,  weil  dank  dieser  Verschiedenheit  Jedes  und  Aller  es
dem  individuellen  Bewußtsein  gelingt,  sich  von  dem  Kollektivbewußtsein ­
  frei  zu  machen.  Hierauf  beruht  die  grundlegende  Bolle,  die
Düekheim  der  Gewerkschaft  bei  der  Ausarbeitung  des  neuen  Beeiltes
zuweist.
Ohne  die  Wahrheit  dieser  Unterscheidung  bestreiten  zu  wollen,
glauben  wir,  daß  weder  diese  Verachtung  für  die  Solidarität  auf
Grund  von  Ähnlichkeiten,  noch  dieser  Enthusiasmus  für  die  Solidarität
auf  Grund  von  Verschiedenheiten  gerechtfertigt  ist.  Wir  hoffen  im
Gegenteil,  daß  die  Zukunft  der  ersteren  gehören  wird.  Liegt  das
Endziel  der  Entwicklung  nicht  gerade  darin,  aus  dem  banalen  Wort
„unseresgleichen“  eine  Wirklichkeit  zu  machen?  Strebt  die  Welt,
anstatt  nach  wachsender  Verschiedenheit,  nicht  vielmehr  nach
wachsender  Einheit  hin?  Dies  erscheint  für  die  physische  Welt
klar  nachweisbar:  die  Berge  werden  niedriger,  die  Meere  füllen  sich
aus,  die  Wärme  zerstreut  sich  im  Weltall,  die  Unterschiede  der  Temperatur ­
  verringern  sich  bis  zum  endgültigen  Gleichgewichtspuukte 2 ).
Ebenso  werden  auch  unter  den  Menschen  die  Verschiedenheiten  der
Kasten,  der  ßangabstufungen,  der  Sitten,  der  Kleidung,  der  Sprache,
der  Maße  und  Gewichte  immer  geringer.  Der  Frack  und  der  schreckliche ­
  Zylinderhut  sind  beredte  Symbole  für  dieses  Streben  zur  Einheit. ­
  Wenn  man  auf  Grund  der  Geschichte  urteilen  soll,  so  erscheint
es  als  feststehend,  daß  die  Kämpfe  zwischen  Fremden  —  Fremde  der
Basse,  der  Beligion,  der  Kultur,  der  Erziehung,  d.  h.  also,  zwischen
&amp;gt;)  „Dank  ihrer  sind  die  Eivalen  nicht  verpflichtet,  sich  gegenseitig  zu  vertilgen,
sondern  können  nebeneinander  bestehen.  .  .  .  Wenn  wir  uns  spezialisieren,  so  geschieht ­
  das  nicht,  um  mehr  zu  produzieren  (wie  die  Volkswirtschaftler  lehren,  meint
der  Verfasser),  sondern  um  unter  den  neuen  Daseinsbedingungen  leben  zu  können,
die  sich  eingestellt  haben“  (Dueckhbim,  De  ia  Division  du  Travail  Social).
*)  „Jeder  Kluß,  der  seiner  Mündung  zuströmt,  jede  Lampe,  die  brennt,  jedes
Wort,  das  ausgesprochen  wird,  jede  Bewegung,  die  man  macht,  vermindern  die  Unterschiede ­
  im  Weltall“  (Lalandb,  De  la  Dissolution).
        <pb n="704" />
        682

Fünftes  Buch.  Die  Lehren  der  neuesten  Zeit.

Verschiedenartigen  —  stets  am  heftigsten  gewesen  sind,  und  daß
daher  jeder  Fortschritt  zur  Einheit  ein  Fortschritt  zum  Frieden  ist 1 ).
Diese  letzte  Auffassung  scheint  uns  am  besten  der  Idee  zu
entsprechen,  die  wir  uns  von  der  Solidarität  machen  müssen,  und  sie
hat  auch  den  größten  moralischen  Wert:  denn  wenn  ich  für  Übel,  die
der  andere  erleidet,  verantwortlich  und  Mittäter  des  Übels,  das  er
verübt,  sein  soll,  so  ist  dies  nur  in  dem  Maße  richtig,  wie  der  andere
Ich  selbst  ist  *  2 j.  Das  hat  zur  praktischen  Folge,  daß  wir  d  i  e  Arten
der  Assoziation  bevorzugen  müssen,  die  die  Menschen  auf  Grund
ihrer  allgemeinsten  Charakterzüge  zusammenschließen,  gegenüber
denen,  die  sie  auf  Grund  besonderer  Charakteranlagen  gruppieren,
z.  B.  die  Konsumgenossenschaft  gegenüber  der  Gewerkschaft,  denn
diese  stellt  das  Interesse  der  Produzenten  dem  des  Publikums  entgegen, ­
  während  jene  die  allgemeinste  Form  der  Vergesellschaftung
ist,  die  man  sich  vorstellen  kann,  da  alle  Menschen  nur  eine  Eigenschaft ­
  gemeinsam  haben,  nämlich,  Konsumenten  zu  sein.

§  3.  Die  praktische  Anwendung  der  solidaristischen
Lehren 3 ).
Es  gibt  keine  klar  umrissene  solidaristische  Schule  in  dem  Sinne,
wie  wir  von  einer  historischen  oder  liberalen  oder  marxistischen
Schule  gesprochen  haben.  Der  Solidarismus  ist  vielmehr  ein  Banner,
das  von  den  verschiedensten  Schulen  aufgepflanzt  worden  ist  und
dazu  dient,  oft  recht  anseinanderstrebende  Richtungen  zu  rechtfertigen.
  Und  dann  steht  er,  wie  wir  schon  gesagt  haben,  mehr  im
Dienste  einer  politischen  Partei,  der  der  Radikalsozialisten,  als  in
dem  einer  doktrinären  Schule.  Aber  hinter  ihm  stand  auch  die  interventionistische ­
  Schule  oder  der  Staatssozialismus.  Alle  sozial-politischen ­
  Gesetze  dieser  letzten  20  Jahre,  und  die,  deren  Durchführung

3 )  In  diesem  Sinne  hatte  der  Lausanner  Philosoph  Chahlbs  SbcrStan  die  Solidarität ­
  in  seinem  Buche:  La  (Zivilisation  et  la  Croyance  verstanden,  und  so
findet  sie  sich  auch  bei  Alfred  Pouill£e:  „Die  Solidarität  hat  den  Wert  einer  Gedankenkraft ­
  (idee-force),  die  Anerkennung  einer  tiefgehenden  Identität  unter  den
Menschen,  eines  Ideals  vollkommener  Einheit;  ans  diesem  Grunde  wird  sie,  als  höchster
Gegenstand  des  rationellen  Wünschens,  für  das  vernunftbegabte  Wesen  zu  einer
Pflicht....  Wir  müssen  die  Einheit  des  Menschengeschlechts  vorwegnehmen,  die  noch
nicht  vollständig  ist  und  es  niemals  sein  wird,  indem  wir  handeln,  als  ob  wir  schon
Alle  in  Einem  und  Einer  in  Allen  wären“  (Revue  desDeuxMondes,  15.  Juli  1901).
2 )  Mit  seiner  gewöhnlichen  Autorität  hatte  Auguste  Comte  gesagt;  „Die  Solidarität ­
  beruht  gerade  darauf,  daß  die  Menschen  sich  als  gegenseitig  einer  für  den
anderen  verantwortlich  betrachten“  (Traite  de  Politique,  B.  II,  S.  336).
3 )  Siehe  eine  Sammlung  von  Vorträgen  verschiedener  Verfasser  unter  dem  Titel;
Les  applications  sociales  de  la  Solidarite,  1904.
        <pb n="705" />
        Kapitel  III.  Die  Solidaristen.

683

bevorsteht  —  wie  Reglementierung  der  Arbeit,  Hygiene  der  Werkstätten
und  der  Städte,  sanitäre  und  Schutzgesetze  gegen  ansteckende  Krankheiten, ­
  Unfall-  und  Altersversicherung  der  Arbeiter,  obligatorische
Unterstützung  der  Kranken  und  Altersschwachen 1 ),  Organisation  der
Gesellschaften  zu  gegenseitiger  Hilfe,  der  landwirtschaftlichen  Kreditkassen, ­
  Erbauung  billiger  Wohnhäuser  und  Einrichtungen  von  Schulküchen ­
  für  Schulkinder;  Unterstützung  aller  dieser  Assoziationen  —
und  —  zur  Zahlung  dieser  Unterstützungen  —  progressive  Besteuerung
der  Erbschaften  und  Einkommen  derer,  die  die  Früchte  am  Baume
der  Zivilisation  gepflückt  haben,  zur  gerechten  Entschädigung  der
anderen,  deren  Arbeit  diesem  Baum  das  Wachstum  ermöglicht  hat,
—  all  dies  segelt  unter  der  Flagge  der  Solidarität  und  wird  auch  in
Zukunft  unter  ihr  segeln.  Daher  nennt  man  auch  alle  diese  Gesetze
„Gesetze  sozialer  Solidarität“.  —  Aber  nicht  allein  die  Arbeiter  gewinnen
von  diesem  neuen  Prinzip.  Auch  die  protektionistische  oder  nationalistische ­
  Partei  beruft  sich  auf  die  „Solidarität“.  Sie  ist  es  sogar,  die
vor  allen  anderen  und  zusammen  mit  den  Mutualisten  dieses  Wort  am
meisten  in  ihrem  Programm  an  wendet.  Wenn  sich  die  Steuerzahler
beklagen,  daß  man  ihnen  Geld  abverlangt,  um  gewissen  Eigentümern
oder  Fabrikanten  Prämien  zu  gewähren,  oder  wenn  die  Verbraucher
darüber  seufzen,  daß  sie  infolge  der  Einfuhrzölle  die  Produkte  teurer
bezahlen  müssen,  so  stopft  man  ihnen  sogleich  den  Mund  mit  dem
Hinweis,  daß  sie  aus  Solidaritätsgefühl  ihren  Landsleuten  den  Vorzug ­
  zu  geben  haben 2 ).
')  Diese  Unterstützungsgesetze  sind  die  bemerkenswertesten  praktischen  Kundgebungen ­
  der  solidaristiscben  Bewegung.  Sie  stellen  in  Frankreich  eine  neue  Tatsache ­
  vor,  denn  bis  dahin  war  die  Unterstützung  von  seiten  des  Staates,  der  Departements ­
  und  der  Gemeinden  rein  fakultativ  (ausgenommen  in  einigen  besonderen  Fällen;
verlassene  Kinder  und  Geisteskranke).  Um  nur  die  wichtigsten,  und  zwar  nur
für  Frankreich  anzufahren:  Das  Gesetz  vom  15.  Juli  1893  hat  in  den  Gemeinden
die  Unterstützung  aller  bedürftigen  Kranken  in  der  Form  ärztlichen  Beistandes  obligatorisch ­
  gemacht;  —  das  Gesetz  vom  14.  Juli  1905  hat  dieses  Hecht  auf  alle  Invaliden ­
  und  Kranken  von  70  Jahren  unter  der  Form  von  Altersrenten  ausgedehnt,  deren
Betrag  je  nach  den  Orten  von  einem  Minimum  von  60  Fr.  aut  ein  Maximum  von
240  Fr.  im  Jahre  steigt  (360  Fr.  in  Paris);  —  endlich  hat  das  Gesetz  vom  5.  April
1910  allen  Arbeitern  im  Alter  von  60  Jahren  eine  Pension  zugesichert,  deren  Lasten
zwischen  den  Arbeitgebern,  dem  Staat  und  den  Arbeitern  selbst  verteilt  sind.  Man
muß  hierin  eine  Zahlung  sehen,  die  die  gegenwärtige  Generation  den  Überlebenden
der  vorhergehenden  macht.
Diese  Unterstützung  hat  ganz  den  Charakter  der  sozialen  Schuld,  wie  sie  in
der  Theorie  des'Quasi-Kontraktes  begründet  ist,  denn  einerseits  stellt  sie,  je  nach  dem
betreffenden  Fall,  eine  Verpflichtung  für  die  Gemeinde,  das  Departement,  den  Staat
oder  die  Arbeitgeber  vor,  und  zwar  in  Verhältnissen,  die  durch  das  Gesetz  festgesetzt
sind,  eine  Verpflichtung,  der  sie  sich  nicht  entziehen  können,  —  und  auf  der  anderen
Seite  hat  der  Nutznießer  genau  wie  ein  Gläubiger  einen  Rechtsanspruch.
2 )  Man  hat  letzthin  eine  ziemlich  merkwürdige  Anwendung  dieser  „nationalen
        <pb n="706" />
        684

Fünftes  Buch.  Die  Lehren  der  neuesten  Zeit.

Auch  die  fiskalische  Reform  mit  ihrem  doppelten  Charakter  einer
Progressivsteuer  am  Gipfel  und  vollständiger  Abgahenfreiheit  an  der
Basis,  beruft  sich  auf  das  Prinzip  der  Solidarität,  denn  diese  Reform
rechtfertigt  die  Progression,  indem  sie  die  Privilegierten  des  Glücks
als  geborene  Schuldner  gegenüber  der  Gesellschaft  betrachtet;  und
ebenso  rechtfertigt  sie  die  Abgabenfreiheit,  indem  sie  ausfährt,  daß
man  von  den  Enterbten  nichts  verlangen  kann,  da  im  Gegenteil  sie
es  sind,  die  das  Recht  haben,  eine  Forderung  gegen  die  Gesellschaft
geltend  zu  machen.
Was  aber  den  praktischen  Solidarismus  vom  Staatssozialismus  trotz
ihrer  nahen  Verwandtschaft  unterscheidet,  ist,  wie  wir  schon  erwähnt
haben,  daß  er  sich  ebensogut  und  besser  durch  die  Vergesellschaftung
verwirklichen  läßt,  die  er  mit  neuer  Lebenskraft  erfüllt  hat.  Syndikalisten, ­
  Mutualisten,  Genossenschaftler,  sie  alle  berufen  sich  auf
die  Solidarität,  aber  auf  die  freie  Solidarität,  und  nicht  mehr  auf
die  erzwungene  Solidarität  des  Staatssozialismus ] ).  Nicht,  daß  sie
nicht  in  vielen  Fällen  die  Notwendigkeit,  ja  sogar  die  Überlegenheit
der  letzteren  gegenüber  der  Herrschaft  der  freien  Konkurrenz  anerkennen, ­
  aber  sie  halten  sie  trotzdem  für  moralisch  geringerwertig
gegenüber  der  ersteren.  Hier  müssen  jedoch  recht  heterogene  Elemente
unterschieden  werden.
Zunächst  die  Syndikalisten,  die  nichts  außerhalb  der  berufsmäßigen ­
  Genossenschaft  anerkennen  wollen,  und  aus  ihr,  wie  wir  gesehen ­
  haben,  die  Basis  nicht  nur  einer  neuen  wirtschaftlichen  Organisation, ­
  sondern  sogar  einer  neuen  Moral  machen  wollen  (siehe  8.  548).
Hier  lodert  die  Flamme  der  Solidarität  am  heftigsten,  weil  das
Syndikat  sich  zum  Feind  der  bürgerlichen  Klasse  erklärt,  und  weil
zu  jeder  Zeit  der  Kampf  das  Gefühl  der  Solidarität  am  festesten  geschmiedet ­
  hat.  Der  Kampf  allein  gibt  ihm  die  wirklich  disziplinierte
Form.  Die  Anstrengungen,  die  die  Syndikate  machen,  um  diese
Solidarität  nicht  nur  ihren  Mitgliedern,  sondern  auch  den  Arbeitern,

Solidarität“  erfunden.  Von  jetzt  an  soll  die  Regierung  keine  ausländischen  Anleihen
in  Frankreich  gestatten  dürfen,  wenn  die  betreffenden  Länder  sich  nicht  verpflichten,
einen  Teil  ihrer  Aufträge  der  französischen  Industrie  vorzubehalten.  Dies  läuft  auf
eine  Verbindung  des  französischen  Rentiers  und  Industriellen  auf  Grund  einer
erzwungenen  Solidarität  hinaus,  indem  der  erste  sein  Geld  nur  ausleihen  darf,  wenn
es  zum  Teil  in  der  Form  einer  Bezahlung  seiner  Produkte  wieder  an  den  zweiten
zurückfließt.  Und  dann  kommt  ihrerseits  die  Arbeiterklasse,  die  mit  Recht  ihren
Teil  am  Schutzzoll  in  Form  eines  garantierten  Minimallohnes  verlangt!
l )  Die  Lehre  vom  Quasi-Kontrakt  kann  ebensogut  zu  dem  einen  wie  zum
anderen  führen.  Auch  scheint  Lfion  Bourgeois  selbst  jetzt  mehr  zur  Vergesellschaftung ­
  zu  neigen.  „Die  radikale  Partei  hat  eine  soziale  Doktrin.  Diese  Doktrin
läßt  sich  in  einem  Wort  zusammenfassen:  die  Assoziation“  (Vorwort  zu  dem
Buch  Buisson’s:  La  Politique  radicale).
        <pb n="707" />
        Kapitel  III.  Die  Solidaristen.

685

die  sich  nicht  bei  ihnen  einreihen  lassen  wollen,  aufzuzwingen,  die
Verfolgung  der  „Gelben“,  die  Entwicklung  jener  Streiks,  die  man
bezeichnend  „Solidaritäts-Streiks“  und  in  England  „Sympathie-Streiks“
nennt,  bilden  eine  der  interessantesten  Seiten  der  gewerkschaftlichen
Bewegung.
Und  dann  die  Mutualisten!  Sie  berufen  sich  am  häufigsten  und
lautesten  auf  die  Solidarität x ).  Dies  ist  auch  verständlich,  denn  ihre
Aufgabe  ist  der  Kampf  gegen  das  Übel  in  allen  seinen  Formen,  Krankheit, ­
  Invalidität,  Alter,  Arbeitslosigkeit  und  Tod:  gerade  im  Unglück
empfinden  die  Menschen  am  lebhaftesten  das  Bedürfnis,  sich  einer  auf
den  anderen  zu  stützen.  Trotzdem  ist  aber  die  Solidarität,  die  die
Mutualisten  vereinigt,  nicht  sehr  fest,  genügt  keinesfalls  um  sie
dazu  zu  bewegen,  beträchtliche  Opfer  zu  bringen.  Sie  benutzen  die
Solidarität  hauptsächlich  dazu,  um  den  Staat,  die  Gemeinden  oder
die  Ehrenmitglieder  aufzufordern,  für  sie  zu  bezahlen *  2 ),  und  heute
verlangen  sie  vom  Staat,  ihnen  die  Verwaltung  der  Arbeiterversicherung ­
  zu  übertragen,  und  ihnen  die  Aufgabe  der  Verteilung  der
Subventionen  zu  überweisen.  Da  übrigens  die  Anhänger  dieser  Gesellschaften ­
  auf  Gegenseitigkeit  sich  größtenteils  unter  den  Angestellten ­
  und  den  Mittelklassen  finden,  haben  sie  keine  irgendwie
revolutionär  gerichteten  Neigungen  und  auch  nicht  den  geringsten
Plan  einer  sozialen  Reorganisation.
Vor  allen  ist  es  das  Genossenschaftswesen,  das  infolge  seines
umfassenden  und  vielseitigen  Programmes  das  Recht  hat,  sich  als
die  Verwirklichung  des  Solidarismus  zu  geben.
Doch  zeigt  die  Kooperation  zwei  charakteristische  Formen,  und
zwar  auf  Grund  von  gänzlich  verschiedenen  Programmen,  deren  Endziele ­
  weit  auseinander  liegen.
1)  Bei  Gelegenheit  eines  Festmahles  von  30ODO  Mutualisten  war  die  erste  Seite
einer  Pariser  Morgenzeitung  in  riesigen  Buchstaben  überschrieben  :  Die  Apotheose  der
Solidarität!
2 )  Die  Mutualisten  sind  so  von  der  Solidarität  eingenommen,  daß  sie  entrüstet
dagegen  protestieren,  wenn  sie  zufällig  bei  sich  das  Wort  Wohltätigkeit  oder
Nächstenliebe  hören.  Ein  jeder,  so  sagen  sie,  verlangt  nur,  was  rechtens  sein  ist;
es  ist  das  genau  die  These  LiSon  Bourgeois’.  Trotzdem  aber  verlangte  die  Zeitung:
L’Avenir  de  la  Mutualite  (Februar  1909)  für  die  Gesellschaften  gegenseitiger
Hilfe  (Societes  de  secours  mutuels)  das  Recht,  Lotterien  und  Tombolas  zu  veranstalten,
indem  sie  sich  auf  den  Text  des  Gesetzes  vom  21.  Mai  1836  stützte,  das  Lotterien
„Werken  vorbehält,  die  sich  ausschließlich  mit  der  Wohltätigkeit  befassen“.  Und
die  Zeitung  L’Avenir  de  la  Mutualite  zögerte  zur  Rechtfertigung  ihrer  Forderung ­
  nicht‘mit  dem  Zugeständnis,  daß  die  Gesellschaften  gegenseitiger  Hilfe  „einen
nicht  auf  Gegenseitigkeit  beruhenden  Einschlag  von  Wohltätigkeit  zulassen  .  .  .,  den
man  ganz  mit  Recht  mit  dem  höheren  modernen  Prinzip  der  sozialen  Solidarität  in
Verbindung  bringt,  der  aber  nichtsdestoweniger  die  Anwendung  der  im  Gesetz  von
1836  angeführten  Vergünstigung  rechtfertigt“.
        <pb n="708" />
        686

Fünftes  Buch.  Die  Lehren  der  neuesten  Zeit.

Die  ältere  Bewegung,  in  der  noch  die  Überlieferungen  der  Brüderlichkeit ­
  aus  der  Zeit  von  1848  lebendig  sind,  ist  die  der  Arbeiter-Produktivgenossenschaften,
  von  denen  wir  schon  gesprochen
haben  (Seite  290).  Sie  bemühen  sich,  die  Emanzipation  der  Arbeiterklasse ­
  zu  verwirklichen  indem  sie  die  Organisation  der  Republik  auf
die  Werkstatt  übertragen,  und  beginnen  zunächst  mit  dem  „Garantismus“, ­
  den  Sismondi  von  den  Arbeitgebern  verlangte,  und  den  Fourier
von  der  freien  phalansterischen  Genossenschaft  erwartete  1 ).  Obgleich
ihre  Entwicklung  ziemlich  stetig  gewesen  ist,  bilden  sie  doch  nur
einen  winzigen  Bruchteil  der  Arbeiterklasse.
Die  Konsumgenossenschaften  dagegen  haben  eine  viel  größere
Bedeutung  erlangt:  ihre  Mitglieder  zählen  nach  Millionen  und  bilden
in  einigen  Städten  Englands,  Deutschlands  und  der  Schweiz  schon
die  Mehrheit  der  Bevölkerung.  Außerdem  sind  sie  imstande  gewesen,
riesige  Großhandelsgenossenschaften  zu  bilden,  die  sehr  wohl  binnen
kurzem  eine  vollständige  Umwälzung  in  der  Organisation  des  Handels
bewirken  können,  wenn  man  sein  Urteil  nicht  nur  auf  die  Höhe  der
erreichten  Umsatzziffern  stützt,  sondern  auch  die  unter  den  Handeltreibenden ­
  hervorgerufene  Erregung  in  Betracht  zieht,  die  in  allen
Ländern  zur  Forderung  von  staatlichen  Schutzmaßregeln  geführt  hat.
Obgleich  diese  Gesellschaften  sich  in  Frankreich  stark  vermehrt  haben,
können  sie  hier  doch  nicht  entfernt  die  gleichen  praktischen  Erfolge
aufweisen;  —  was  ihnen  am  meisten  fehlt,  ist  gerade  das  Solidaritätsgefühl. ­
  Dafür  ist  es  ihnen  aber  gelungen,  ein  soziales  Erneuerungsprogramm ­
  aufzustellen,  das  einer  gewissen  Größe  nicht  entbehrt  und
sich  übrigens  auf  das  Programm  der  „Pioniere  von  Rochdale“  gründet *  2 ).

*)  „Die  Solidarität  ist  nur  ein  leeres  Wort,  wenn  sie  sich  nicht  auf  besondere
Organisationen  stützt,  die  sie  wirksam  machen.  Deshalb  haben  die  Arbeiter-Assoziationen ­
  den  Garantismus  geschaffen.  .  .  .“
„Die  reinste  Kundgebung  der  Idee  der  Solidarität  besteht  darin,  einen  Teil  des
■von  der  Arbeit  geschaffenen  Reichtums  dazu  zu  benutzen,  dag  Elend  wieder  gut  zu
machen,  das  die  schlechte  Organisation  der  Arbeit  verursacht  und  den  Arbeiter
und  die  Seinigen  den  schwersten  Leiden  aussetzt,  wenn  Krankheit,  Alter  oder
Schicksalsschläge  ihn  treffen.“  (Programm  auf  dem  Umschlag  der  Association
Ouvriere,  Organ  der  Produktivgenossenschaften.)
2 )  Dieses  genossenschaftliche  Programm  ist  in  Frankreich  allgemein  als  das  der
„Schule  von  Nimes“  bekannt.  In  Wirklichkeit  ist  es  nur  die  Weiterführung  in
großem  Maßstabe  des  1844  von  den  Pionieren  von  Rochdale  lakonisch  aufgestellten
Grundgedankens.  Boürgüin,  der  es  in  seinen  Systemes  socialistes  aufgenommen
hat,  hält  dafür,  daß  es  an  Klarheit  fehlen  lasse.  Es  scheint  uns  aber  wenigstens
ebenso  klar  wir  irgend  ein  anderes  sozialistisches  Programm,  das  die  Zukunft  vorwegnimmt, ­
  und  hat  den  Vorzug  voraus,  daß  es  sich  auf  Ansätze  zu  seiner  Verwirklichung
stützen  kann,  die  heute  schon  Beachtung  verdienen.  Im  folgenden  fassen  wir
es  kurz  zusammen,  und  zwar  nach  einem,  schon  vor  £0  Jahren  gelegentlich
der  Hundertjahrfeier  der  Revolution  in  einer  Rede  dargelegten  Programm  (in  dem
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        Kapitel  III.  Die  Solidarisier!.

687

Auch  auf  dem  Lande  wird  die  Solidarität  gepredigt,  und  obgleich
sie  hier  an  dem  ganz  besonders  individualistischen  Charakter  des
Buch  Cooperation  von  Gidb:  Des  transformations  que  la  Cooperation
estappelee  nrealiserdansl’ordreeconomique.  —  Über  die  Umwandlungen,
die  die  Kooperation  in  der  wirtschaftlichen  Ordnung  zu  verwirklichen  berufen  ist).
—  Es  ist  Sache  der  Verbraucher  und  nicht  der  Produzenten,  die  Gesellschaft  zu
reorganisieren,  weil  die  letzteren  sich  nur  von  Berufsinteressen  leiten  lassen  können,
während  die  ersteren  notwendigerweise  das  Allgemeininteresse  im  Auge  haben.
Daher  haben  die  Verbraucher  sich  nur  zusammenzutun,  um  für  alle  ihre  Bedürfnisse
zu  sorgen:  —  indem  sie  erstens  alles,  was  sie  verbrauchen,  direkt  von  den  Produzenten
kaufen,  und  indem  sie  es,  sobald  sie  wohlhabend  und  zahlreich  genug  geworden
sind,  selbst  in  ihren  Fabriken  und  auf  ihren  Ländereien  herstellen.  Hierdurch  eignen
sie  sich  zunächst  den  Gewinn  des  Kaufmanns,  und  dann  den  des  Fabrikanten  an,
behalten  davon  aber  nur  das,  was  zur  Ausdehnung  der  Bewegung  notwendig  ist
und  geben  den  Rest  den  Verbrauchern  pro  rata  ihrer  Einkäufe  zurück,  was  auf
die  Abschaffung  des  Profits  hinausläuft.  Wir  haben  gesehen,  daß  diese  Abschaffung
des  Profits  schon  die  Gedanken  Stuakt  Mill’s  beschäftigte  und  sich  für  ihn  mit
einer  ganz  neuen  Entwicklungsphase  verband,  die  er  den  stationären  Zustand
nannte  (siehe  oben  S.  424);  wir  haben  ferner  gesehen,  daß  auch  die  Hedonisten  zu
demselben  Ergebnis  gelangten,  wenn  auch  auf  einem  der  Kooperation  gerade  entgegengesetzten ­
  Wege,  nämlich  dem  der  vollkommen  freien  Konkurrenz.
Es  muß  darauf  hingewiesen  werden,  daß  diese  Revolution  sich  vollziehen
würde,  ohne  irgendwie  an  dem  zu  rühren,  was  man  die  Grundlage  der  sozialen
Ordnung  nennt:  Eigentum,  Erbrecht,  Zinsen  und  ohne  andere  Enteignung,  als  die,
die  sich  aus  dem  freien  Spiel  der  heutigen  wirtschaftlichen  Gesetze  ergäbe.  Diejenigen, ­
  die  derart  zusammen  arbeiten  würden,  wollen  die  bestehenden  Kapitalien  unberührt ­
  lassen:  sie  beabsichtigen,  neue  zu  bilden,  die  die  anderen  überflüssig  machen
werden.  Warum  auch  nicht?  Wenn  die  bestehenden  Kapitalien  nur  das  aufgehäufte
Ergebnis  durch  die  Arbeit  verwirklichter  Gewinne  sind,  warum  sollte  die  Arbeit  nicht
imstande  sein,  dasselbe  noch  einmal  zu  leisten?  Nur  mit  dem  Unterschied,  daß  sie
diese  Kapitalien  jetzt  für  sich  behalten  würde!
Man  hat  diesem  System  vorgeworfen,  daß  es,  auch  wenn  es  durchgeführt  wäre,
doch  nicht  die  Abschaffung  des  Lohnsystems  verwirklichen  würde,  weil  alle  Arbeiter
dann  für  diese  Genossenschaften  arbeiten  würden,  ebenso  wie  sie  heute  im  Dienste
von  Arbeitgebern  stehen.  Darauf  antworten  wir,  daß  der,  der  im  Dienste  einer
Genossenschaft  arbeitet,  der  er  selbst  als  Mitglied  angehört,  recht  nahe  daran
ist,  sein  eigener  Herr  zu  sein.
Übrigens,  wer  hat  denn  das  Recht,  einen  derartigen  Einwurf  zu  machen?
Sicherlich  nicht  die  Verteidiger  der  heutigen  wirtschaftlichen  Ordnung,  die  erklären,
daß  der  Lohnvertrag  der  endgiltige  Typus  des  freien  Kontraktes  ist.  Ebensowenig
die  Kollektivisten,  da  nach  ihrem  System  alle  Menschen  Angestellte  im  Dienste  der
Nation  sein  würden.  Daher  würden  die  einzigen,  die  einen  Grund  hätten,  diese
Kritik  zu  erheben,  die  sein,  die  an  die  Zukunft  und  die  Entwicklung  der  kleinen
selbständigen  Produktion  glauben.  Ihnen  erwidern  wir,  daß  die  einzige  Möglichkeit,
die  sie  haben  ihr  Ideal  verwirklicht  zu  sehen,  das  auch  das  Ideal  eines  Teiles  der
Kooperativsten  ist,  in  der  Organisation  von  Produktivgenossenschaften  unter  der
Kontrolle  und  mit  der  Hilfe  von  Konsumgenossenschaften  besteht.  In  der  Tat  ist  die
Herrschaft  der  Konsumgenossenschaft,  auch  wenn  sie  unter  der  föderalistischen  Form
verallgemeinert  ist,  nicht  mit  dem  Bestände  einer  gewissen  selbständigen  Produktion
unvereinbar,  und  zwar  auf  Grund  verschiedener  Möglichkeiten,  deren  Darlegung  an
dieser  Stelle  unnötig  ist.
        <pb n="710" />
        688

Fünftes  Buch.  Die  Lehren  der  neuesten  Zeit.

Bauern  Widerstand  findet,  beginnt  sie  doch,  sich  unter  der  Form  zahlloser ­
  Genossenschaften  verschiedener  Art  zu  verwirklichen  —  unter
denen  die  des  gegenseitigen  Kredites  die  interessantesten  sind,  -weil  ihr
bezeichnendster  Zug  gerade  darin  liegt,  ihren  Mitgliedern  die  Haftung
„in  solidum“  für  alle  Schulden  der  Genossenschaft  aufzuerlegen 1 ).
Die  praktischen  Folgen  der  solidaristischen  Idee  sind  übrigens
bei  weitem  noch  nicht  erschöpft.  Sie  können  hauptsächlich  in  der
Form  einschneidender  Veränderungen  in  der  Auffassung  und  den
Eigenschaften  des  Besitzrechtes  in  Erscheinung  treten.  Die  alte
Formel,  „der  Besitz,  eine  soziale  Funktion“,  die  sich  dem  streng  individualistischen ­
  Eigentum,  dem  Dominium  ex  jure  Quiritum
gegenüberstellte,  bis  heute  jedoch  nur  eine  Metapher  geblieben  ist,
kann,  dank  der  Solidarität,  zur  Wirklichkeit  werden.  Da  das  Eigentum ­
  immer  ausgesprochener  als  das  Ergebnis  anonymer  Kooperation
erscheint,  eines  Zusammentreffens  von  Ursachen,  die  zum  guten  Teil
unpersönlich  sind,  strebt  es  darauf  hin,  sich,  wenn  auch  nicht  in  der
kollektivistischen  Sozialisation  zu  verflüchtigen,  so  doch  zum  wenigsten
den  kollektiven  Endzielen  mehr  und  mehr  anzupassen.  Ein  französischer
Philosoph,  Alfred  Foüilleb  1  2 ),  hat  diese  Seite  des  gesellschaftlichen
Miteigentums,  die  mit  allem  individuellen  Besitz  unlösbar  verknüpft
ist,  besonders  nachdrucksvoll  herausgearbeitet.
Dieser  Einfluß  des  Solidarismus  auf  das  Recht  hat  eine  ganze
Bewegung  geschaffen,  der  von  einigen  der  Name  Eechtssozialismus
  beigelegt  worden  ist,  eine  Bezeichnung,  die  allerdings  nicht
ganz  klar  scheint.  Die  Juristen,  die  sich  bemühen,  das  bestehende
Recht  auf  Grund  dieses  Prinzips  zu  erneuern,  nehmen  keineswegs
den  Quasi-Kontrakt  als  Grundlage  ihrer  juristischen  Rekonstruktionen
an,  wie  es  die  Solidaristen  tun,  sondern  sie  erkennen  das  Eigentumsrecht ­
  in  seinem  absoluten  Sinne  nicht  mehr  an,  auf  Grund  dessen  es
für  den  Eigentümer  keine  Verantwortlichkeit  mit  sich  bringt,  solange ­
  er  innerhalb  seines  Rechtes  als  Eigentümer  handelt  (qui  suo
jure  utitur  neminem  laedere  videtur).  —  Sie  ordnen
es  im  Gegenteil  dem  Rechte  der  Gemeinschaft  unter,  indem  sie  sich
auf  die  neue  Theorie  des  sogenannten  „Rechtsmißbrauches“  stützen.
In  geistreicher  Weise  suchen  und  finden  sie  tausend  Fälle,  in  denen
1 )  In  Frankreich  ist  diese  Eegel  der  Solidarität  zuerst  nur  in  den  Gruppen
der  katholischen  .Kreditgenossenschaften,  die  den  Namen  „Union  Durand“  tragen,
zur  Anwendung  gelangt;  obgleich  sie  heute  auch  von  anderen  als  diesen  Genossenschaften ­
  ausgeübt  wird,  ist  sie  doch  noch  die  Ausnahme,  während  die  gleiche  Kegel
in  20000  deutschen  Genossenschaften  und  sogar  in  italienischen,  schweizer  usw.
Genossenschaften  stets  befolgt  wird,  —  ein  weiterer  Beweis,  daß,  wenn  auch  der
Gedanke  der  Solidarität  hauptsächlich  französischen  Ursprungs  ist,  man  doch  seine
Anwendung  in  anderen  Ländern  suchen  muß.
2 )  La  Propriete  sociale  et  la  Democratie.
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        Kapitel  III.  Die  Solidarisier!.

689

der  Eigentümer  verantwortlich  gemacht  werden  muß,  auch  wenn
keine  Schuld  von  seiner  Seite  vorliegt.  Diese  Verantwortlichkeit
besteht  einfach  in  den  Lasten  und  Aufgaben,  die  seiner  wirtschaftlichen ­
  Funktion  inhaerent  sind*).  Auch  leugnen  sie  die  Existenz  „erworbener ­
  Rechte“,  die  der  Schaffung  eines  neuen  Rechtes  hinderlich
sein  könnten,  selbst  wenn  man  sie  nur  indirekt  unter  der  Form
eines  Entschädigungsanspruches  aufrecht  erhalten  wollte *  2 ).
§  4.  Die  Kritik  des  Solidarismus.
Trotz  der  Gunst,  deren  sich  das  Wort  „Solidarität“  und  die  von
uns  dargestellten  Versuche  ihrer  Verwirklichung  erfreuen,  haben
dennoch  die  solidaristischen  Lehren  keineswegs  überall  sympathische
Aufnahme  gefunden.  Sie  riefen  im  Gegenteil  sehr  lebhafte  Kritiken
hervor,  und  zwar  zunächst  von  seiten  der  liberalen  volkswirtschaftlichen ­
  Schule.
Zwar  leugnet  oder  tadelt  sie  das  Gesetz  der  Solidarität  durchaus ­
  nicht,  da  sie  es  sich  im  Gegenteil  zur  Ehre  anrechnet,  es  unter
den  Formen  der  Arbeitsteilung  und  des  Güteraustausches  entdeckt
und  seine  großartigen  Wirkungen  nachgewiesen  zu  haben.  (Siehe  oben
Basxiat,  S.  389.)

’)  So  wird  schon  heute  die  Verantwortlichkeit  der  Arbeitgeber,  im  Falle  ihre
Arbeiter  das  Opfer  eines  Unglücksfalles  sind,  zugegeben,  was  sich  zweifellos  bald
auch  auf  Krankheitsfälle  erstrecken  -wird.  Sie  können  auch  schon  heute  zur  Zahlung
von  Entschädigungen  bei  ungerechtfertigter  Entlassung  herangezogen  werden.
Ebenso  können  heute  die  städtischen  Grundbesitzer  nicht  mehr  nach  ihrem  Gutdünken
bauen  und  sind  von  der  Enteignung  ohne  Entschädigung  bedroht,  wenn  es  sich  um
die  öffentliche  Gesundheit  handelt  usw.  Man  braucht  diese  Beispiele  nur  fortzusetzen,
um  zum  juristischen  Sozialismus  zu  gelangen.  —  Siehe:  Les  transformatious
du  droit  civil  von  Chahmont  und  Le  Droit  social  et  le  Droit  individuel
von  Dugüit.
2 )  Der  Wiener  Professor  Anton  Menger  ist  der  hauptsächlichste  Verbreiter
dieses  juristischen  Solidarismus  gewesen.  Siehe  besonders  sein  Buch:  Das  bürgerliche ­
  Recht  und  die  besitzlosen  Volksklassen  (1890).  Ein  anderes  seiner
Bücherr’Das  Re  cht  auf  den  vollen  Arbeitsertrag  ist  mit  einem  interessanten
Vorwort  von  Andler  ins  französische  übersetzt  worden.  Menger  erklärt,  daß  es  in
der  Wirtschaftsordnung  drei  grundlegende  Rechtsbegriffe  gibt  (wie  in  der  politischen
Ordnung  die  Declaration  des  Droits  de  l’Homme)  nämlich:  1.  das  Recht
des  Arbeiters  auf  den  vollen  Ertrag  seiner  Arbeit;  2.  das  Recht  auf  Dasein;  3.  das
Recht  auf  Arbeit.  Alles  dies  findet  sich  schon  in  den  Forderungen  der  französischen
Sozialisten  aus  der  Zeit  von  1848,  Consim!:rant,  Louis  Blanc  und  Proudhon.
Siehe  auch  das  Buch  Lassallb’s:  System  der  erworbenen  Rechte,  das
mit  einer  Einführung  von  Andler  ins  Französische  übersetzt  worden  ist.  In
Frankreich  muß  noch  angeführt  werden:  Emmanuel  Lkw,  Lyon,  der  verschiedene
Aufsätze  in  diesem  Sinn  veröffentlicht  hat,  z.  B.  die  Broschüre:  Capital  et
Travail.
Gide  und  Rist.  Gesch.  d.  Volkswirtschaft!.  Lehrmeinungen,

44
        <pb n="712" />
        690

Fünftes  Buch.  Die  Lehren  der  neuesten  Zeit.

Sie  beschränkt  es  aber  auf  diese  wirtschaftliche  Solidarität,  die
ihr  genügend  erscheint,  und  die  sie  für  die  beste  hält,  die  man  sich  vorstellen ­
  kann,  auch  wenn  es  von  uns  abhinge,  sie  neu  zu  organisieren.
Selbst  der  ausschweifendste  Traum  kann  nichts  besseres  schaffen,
als  eine  Ordnung,  die  auf  Grund  der  Teilung  der  Funktionen  tagtäglich ­
  für  alle  Menschen  die  Reziprozität  der  geleisteten  Dienste
verwirklicht,  und,  wie  Bastiat  sagt,  die  Fabel  vom  Blinden  und
Lahmen  ins  Leben  überträgt:
„Ich  werde  für  dich  gehen,  und  du  wirst  für  mich
sehen.“
Es  genügt,  sagt  die  liberale  Schule,  die  Dinge  gehen  zu  lassen,
um,  unter  dem  Druck  der  Konkurrenz,  den  Grundsatz  „Einer  für  Alle“
zu  verwirklichen:  liegt  es  denn  nicht  im  Interesse  eines  jeden  Produzenten, ­
  die  Bedürfnisse,  den  Geschmack,  die  Phantasien  des  Marktes
in  Betracht  zu  ziehen  und  sich  zu  bemühen,  sie,  so  gut  er  kann,  zu
befriedigen?  Wenn  er  anders  handelt,  so  geht  er  zugrunde.  Ihn
zwingt  also,  und  zwar  mit  viel  größerer  Kraft  als  eine  sittliche
Pflicht  es  tun  könnte,  die  berufliche  Notwendigkeit  selbst  zum  Altruismus, ­
  —  denn  was  ist  Altruismus  anders  als  die  beständige  Sorge,
den  Bedürfnissen  anderer  zu  genügen  oder  sogar  für  andere  zu
leben 1 ).  Solidarität  besteht  aber  nicht  nur  zwischen  Produzenten
und  Verbrauchern,  sondern  auch  zwischen  Kapital  und  Arbeit.  Kann
doch  keiner  dieser  beiden  Faktoren  für  sich  allein  produzieren,  und
ist  doch  ihr  Interesse  das  gleiche,  nämlich:  daß  die  zwischen  ihnen
zu  verteilende  Menge  so  groß  wie  möglich  sei.  Ebenso  besteht  aber
auch  zwischen  Nationen  Solidarität,  da  eine  jede  um  so  mehr  Aussicht ­
  hat,  Absatzmärkte  für  ihre  Produkte  zu  finden,  je  reicher  die
anderen  Länder  sind,  usw.
Auch  sind  alle  diese  Solidaritäten  in  Übereinstimmung  mit  def
Gerechtigkeit,  da  ein  jeder  den  Gegenwert  dessen,  das  er  liefert,  erhält. ­
  Und  was  will  denn  nun  der  Solidarismus  dieser  bewunderungsr
würdigen,  von  der  Natur  gegebenen  Organisation  hinznfügen?  —
ganz  einfach  den  Parasitismus *  2 ).
*)  „Der  Produzent  sorgt  sich  jeden  Augenblick  um  ihr  Wohlsein  (das  seiner
Kunden)  .  .  .  sein  Gefühl  umfaßt  die  ganze  Menschheit  .  .  .  der  Kaufmann,  der
Spediteur  sind  auf  der  Suche  nach  dem,  was  den  Leuten,  für  die  sie  arbeiten,  am
besten  Zusagen  könne,  durch  welche  Kombinationen  sie  neue  Kunden  finden,  d.  h.
immer  mehr  Personen  Dienste  leisten  können.“  Diese  Zeilen,  von  denen  man  glauben
könnte,  daß  Bastiat  sie  geschrieben  habe,  sind  einem  merkwürdigen  kleinen  Buche
von  Yves  Gdyot  entnommen:  La  Morale  de  la  Conourrence.
2 )  „Die  Solidarität  dient  den  Leuten  als  Vorwand,  die  von  der  Frucht  der  Arbeit
anderer  profitieren  wollen,  den  Politikern,  die  das  Bedürfnis  empfinden,  sich  auf
Kosten  der  Steuerzahler  Anhänger  zu  suchen:  es  ist  einfach  ein  neuer  Name,  den
        <pb n="713" />
        Kapitel  III.  Die  Solidarisier!,

691

Seine  These  ist  doch,  daß  alle,  die  in  der  Gesellschaft  eine  gewisse ­
  Überlegenheit  der  Stellung,  des  Reichtums  oder  der  Intelligenz
haben,  —  weil  gerade  sie  gewöhnlich  am  stärksten  dazu  beigetragen
haben,  das  materielle  und  intellektuelle  Kapital  der  Gesellschaft  zu
schaffen  —,  auf  Grund  einer  vermessenen  Umkehrung  der  Rollen  als
Schuldner  hingestellt  werden,  und  zwar  zugunsten  aller  derjenigen,
die  keinen  Erfolg  gehabt  haben,  so  daß  diese  letzteren  das  formelle
Recht  hätten,  auf  Kosten  der  ersteren  zu  leben.  Man  sucht  so  in
der  ganzen  Gesellschaft  immer  dichtere  Schichten  von  Leuten  zu
schaffen,  die  von  der  Solidarität  leben,  wie  es  früher  solche  gab,  die
vom  Bettel  lebten.  Aber  diese  Leute  sind  viel  gefährlicher,  denn
sie  werden  nicht  mehr  von  der  Erniedrigung,  um  Almosen  bitten  zu
müssen,  zurückgehalten:  sie  verlangen,  daß  man  ihnen  gebe,  w r as
man  ihnen  schuldig  ist:  nicht  „um  Gottes  willen“,  sondern  im  Namen
eines,  man  weiß  nicht  recht  welches  Quasi-Kontraktes  und  mit  dem
Schutzmann  hinter  sich,  für  den  Fall,  daß  der  sogenannte  Schuldner
nicht  mit  der  nötigen  ergebenen  Bereitwilligkeit  die  Forderung  erfülle. ­
  Daher  kommt  das  Überhandnehmen  der  pensionierten  Arbeiter,
der  Invaliden,  der  Rentenempfänger  und  Arbeitslosen,  der  Opfer  eines
mehr  oder  weniger  wirklichen  Unglücksfalls,  der  Eltern,  deren  Kinder
in  den  Schxükttchen  umsonst  essen,  der  Fabrikanten  und  Besitzer,
die  unter  der  Form  eines  Einfuhrzolles  direkte  oder  indirekte  Prämien ­
  erhalten,  und  der  Angestellten  öffentlicher  Behörden,  die  im
Namen  der  beruflichen  Solidarität  die  nationale  Solidarität  mit  Füßen
treten  und  unbekümmert  die  Interessen  der  Verbraucher  und  der
Steuerzahler  preisgeben.
Gewiß  behaupten  die  Nationalökonomen  nicht,  daß  die  gegenseitige ­
  Gerechtigkeit,  das  do  ut  des,  für  alles  ausreiche:  sie  geben
zu,  daß  sich  noch  ein  weites  Feld  jenseits  der  Gerechtigkeit  erstreckt, ­
  —  das  Reich  der  Mildtätigkeit:  aber  sie  halten  es  für
verderblich,  diesen  Bezirk  dem  Gebiet  der  Gerechtigkeit  einzuverleiben, ­
  indem  man  sich  der  Solidarität  als  Vorwand  für  die  Berechtigung ­
  dieser  Einverleibung  bedient.
In  Summa  gibt  es  eben  kein  Mittel,  dem  Dilemma  zu  entgehen:
entweder  erhält  ein  jeder  den  Gegenwert  dessen,  das  er  gibt,  und
in  dem  Falle  haben  wir  das  Tauschsystem,  oder  aber,  es  gibt  Leute,
die  mehr  erhalten,  als  sie  geben,  und  diese  sind,  unter  allen  Umständen, ­
  und  wie  man  sie  auch  immer  nennen  möge,  Parasiten  oder

man  einer  Art  von  höchst  ungesundem  Egoismus  gegeben  hat“  (Vilpredo  Pareto,
he  peril  socialiste,  Journal  des  Economistes  15.  Mai,  1900).
„Die  solidaristischen  Theorien,  die  fortschreitend  und  ins  Unendliche  die  Zahl
der  Unfähigen  vermehren“  (Demolins,  Superiorite  des  AngTo-Saxons).
44*
        <pb n="714" />
        692

Fünftes  Buch.  Die  Lehren  der  neuesten  Zeit.

Unterstützte,  sie  fallen  entweder  unter  die  Rubrik  Ausbeutung’  oder
öffeni  liehe  Wohltätigkeit.
Eine  andere  Kritik  des  Solidarismus  besteht  darin,  daß  er  der
Entwicklung  hindernd  in  den  Weg  trete  und  infolgedessen  rückschrittlich ­
  wirke.  Sehen  wir  doch  überall  und  sogar  in  dem  Bereich  der
Biologie  ein  beständiges  Streben  der  Wesen  nach  Autonomie,  nach
Unabhängigkeit x ),  eine  beständige  Arbeit,  um  das  Individuum  von
den  Ketten  alter  Solidaritäten  zu  befreien,  vom  Saatkorn  angefangen,
das  sich  müht,  die  Scholle  zu  durchbrechen  und  dem  Himmel  entgegenzuwachsen, ­
  bis  zum  Luftschiffen  und  Flieger,  die  sich  daran
begeistern,  endlich  die  scheinbar  festesten  Bande  der  Solidarität,  die
der  Schwerkraft,  die  ihn  an  den  Boden  fesselte,  gebrochen  zu  haben.
Im  Strafrecht  z.  B.  lehnen  wir  uns  mit  Entrüstung  gegen  die  kollektive ­
  Verantwortlichkeit  der  Familie  und  des  Stammes  auf,  die  den
primitiven  Gesellschaften  so  gerecht  erschien,  die  den  Söhnen  der
Atriden  und  sogar  den  Kindern  Adams  die  Sünden  ihrer  Väter  auferlegte ­
 1  2 ).  Dort,  wo  die  Natur  sie  uns  aufzwingt,  können  wir  freilich
nicht  anders,  als  sie  auf  uns  zu  nehmen.  Wir  müssen  leider  anerkennen,
daß  der  Unschuldige  für  die  Fehler  anderer  leidet,  daß  das  Kind  des
Alkoholikers  ohne  eigene  Schuld  an  dem  Laster  des  Vaters  stirbt.
Diese  Solidaritäten  aber  nennen  wir  Geißeln  und  bekämpfen  sie.  Wir
denken  nicht  daran,  diesen  mitleidlosen  Eumeniden  Altäre  zu  errichten,
wie  der  Wilde  seinen  Fetischen.  Dieser  Solidarität,  die  mit  einem
änderten  Namen  Ansteckung  heißt,  setzen  wir  den  Individualismus  entgegen, ­
  der  die  Antisepsis  ist.  Die  zahllosen  Solidaritäten  der  mittelalterlichen ­
  Zünfte  und  Gilden  wurden  durch  den  großen  Sturm  der
französischen  Revolution  gebrochen  und  hinweggefegt.  Warum  sollen
wir  uns  daher  bemühen,  neue  Ketten  zu  schmieden,  und  warum  sollen
wir  jedem  Menschen  eine  Hypothek  auf  alle  übrigen  ausstellen?
Auch  die  Moralisten  erheben  ihrerseits  viele  Einwürfe  gegen  den
Solidarismus.  Sie  fragen,  wo  denn  das  neue  Moralprinzip  sei,  das  er

1 )  .  Die  Entwicklung  erscheint  durch  ein  wachsendes  Bestreben  der  organisierten
Wesen  nach  Unabhängigkeit  gegenüber  dem  Milieu,  und  nach  Spezialisierung  gekenntzeichnet“
  (De  Launay,  L’histoire  de  la  Ter  re).  Er  sagt,  daß  die  Gruppierung
des  Kristalls  um  ein  Zentrum  in  einer  polyedrischen  Kristallisationsform  schon  eine
Form  der  Verteidigung,  also  der  Unabhängigkeit  ist.  Das  Kristal  war  die  erste
Individualität,  der  es  gelang,  sich  aus  dem  Milieu  auszuscheiden.
Das  im  Meere  entstandene  Tier,  das  sich  in  seinem  Körper  sein  eigenes,  abgeschlossenes ­
  Milieu  erschafft,  tut  den  zweiten  Schritt,  usw.
2 )  „Der  primitive  Zustand  war  das  Zeitalter  der  Solidarität.  Sogar  das  Verbrechen
wurde  hier  nicht  als  individuell  betrachtet;  einen  Schuldigen  durch  einen  Unschuldigen
zu  ersetzen,  erschien  ganz  natürlich:  die  Schuld  übertrug  sieh  und  wurde  erblich.  Im
Zeitalter  der  Überlegung  erscheinen  derartige  Dogmen  unsinnig“  (Renan,  Avenir
de  la  Science,  S.  307J.
        <pb n="715" />
        Kapitel  III.  Die  Solidaristen.

693

bringe?  Wenn  man  mir  klar  and  deutlich  nachgewiesen  hat,  daß  die
Krankheit  meines  Nächsten  mich  töten  wird,  was  für  ein  Gefühl  wird
die  Feststellung  dieser  Solidarität  in  mir  wohl  hervorrufen?  Liebe?
Durchaus  nicht,  sondern  den  Wunsch,  ihn  von  mir  so  weit  wie  möglich
zu  entfernen,  mich  seiner  zu  entledigen,  wenn  auch  nicht  gerade
durch  seine  Vernichtung,  wie  man  dies  mit  den  Pestratten  tut,  so
doch  wenigstens,  indem  man  ihn  in  irgendein  Sanatorium  sperrt.
Höchstwahrscheinlich  werde  ich  nicht  abgeneigt  sein,  mein  Geld  für
dieses  Sanatorium  zu  geben:  aber  die  einzige  Triebfeder  dieser
Handlung  wird  die  Furcht,  oder  wenn  dies  Wort  zu  unangenehm
wirkt,  das  persönliche  Interesse  sein J ).
So  enthält  die  Solidarität  in  sich  selbst  kein  Prinzip  der  Liebe
und  strebt  außerdem  darauf  hin,  das  Gefühl  der  Verantwortlichkeit
zu  unterdrücken  oder  abzuschwächen,  indem  sie  der  Gesellschaft,  dem
Milieu,  die  bestimmenden  Ursachen  unserer  Fehler,  unserer  Laster
und  unserer  Verbrechen  aufbürdet.  Und  doch  liegt  gerade  in  der
persönlichen  Verantwortlichkeit  die  Grundlage  des  Moralgesetzes.
Diese  Kritiken  stammen  von  den  individualistischen  Volkswirtschaftlern! ­
  Man  darf  aber  nicht  glauben,  daß  der  Solidarismus  von
seiten  der  Sozialisten,  Anarchisten  und  Syndikalisten  eine  bessere
Aufnahme  gefunden  habe.  Wenn  er  den  Klassenkampf  leugnet  und
davon  faselt,  Arbeitgeber  und  Arbeitnehmer,  Arme  und  Reiche  in  einer
kindischen  Verbrüderung  im  Gefühlsdusel  zu  versöhnen,  so  erscheint
ihnen  das  als  nichts  anderes  als  ein  Versuch,  dem  Sozialismus  die
Sehnen  seiner  Kraft  zu  durchschneiden 2 ).
Alle  diese  Kritiken  erscheinen  uns  jedoch  nicht  überzeugend.
Sie  mögen  vielleicht  genügen,  um  den  Gedanken  einer  sozialen  Schuld
in  seiner  juristischen  Zwangsform  auszuscheiden,  aber  sie  können
nicht  a.us  der  Welt  schaffen,  daß  der  Solidarismus  der  sozialen
Ökonomie  und  sogar  der  Moral  höchst  wertvolle  Beiträge  geleistet  hat.

&amp;gt;)  In  den  Vereinigten  Staaten  haben  sich  Vereine  „gegen  das  Küssen“  gebildet, ­
  doch  hat  der  Puritanismus  hiermit  nichts  zu  tun,  sondern  nur  die  Bazillenfurcht. ­
  Bald  wird  es  zweifellos  aus  demselben  Grunde  Vereine  gegen  „das  Händeschütteln“ ­
  geben,  eine  merkwürdige  Folge  der  Solidarität,  die  doch  überall  durch
zwei  sich  gefaßt  haltende  Hände  bildlich  dargestellt  wird!
In  dem  Buche  von  Paul  Bukbau:  LaCrise  morale  des  temps  nouveaux
findet  man  eine  lange  und  lebhafte  Kritik  des  Solidarismus  vom  moralischen  Gesichtspunkte ­
  ans.
3 )  Wie  man  sie  z.  ß.  in  Le  Mouvement  Sociallste  würdigt,  zeigt  folgende
Stelle;  „Die  Entwicklung  des  Solidarismus  ist  eins  der  beunruhigendsten  Zeichen  der
£eit.  Sie  ist  das  Kennzeichen  und  die  Ursache  einer  tiefen,  sehr  großen  Absehwächung
der  Energie“  (Julinummer,  1907.  —  Paüu  Owvier,  Bericht  über  den  Solidarisme
von  BouGLfi).
        <pb n="716" />
        694

Fünftes  Buch.  Die  Lehren  der  neuesten  Zeit.

Freilich  kann  die  Solidarität  nicht  aus  sich  selbst  ein  Prinzip
des  moralischen  Handelns  liefern,  da  sie  nur  eine  natürliche  Tatsache
und  als  solche  durchaus  amoralisch  ist.  Es  sind  keine  Beweise
nötig,  um  darzutun,  daß  jedesmal,  wenn  wir  die  Solidarität  als  ein
Übel  verurteilen,  dieser  Verurteilung  die  Tatsache  zugrunde  liegt,
daß  wir  unser  Kriterium  des  bösen  und  guten  von  außen  her
nehmen.  Ebenso  wenig  unterliegt  es  einem  Zweifel,  daß  die  Tatsache ­
  der  Solidarität  zugunsten  des  Egoismus  ausgebeutet  werden
kann.  Wenn  die  Solidarität  nur  ein  Band  ist,  das  uns  verbindet,  so
ist  es  sehr  leicht  möglich,  daß  irgendjemand  sich  seiner  bediene,  um
sich  mühelos  in  die  Höhe  ziehen  zu  lassen,  während  ein  anderer  es
gebraucht,  um  andere  in  die  Höhe  zu  ziehen.  Wenn  man  hiergegen
nicht  auf  der  Hut  ist,  werden  sogar  wahrscheinlich  die  ersteren  die
zahlreicheren  sein.  Hierin  liegt  kein  Grund  zum  Erstaunen,  denn
alles  das,  was  zur  Ausbreitung  der  Macht  des  Guten  dient,  dient
ebenso  zur  Ausbreitung  der  Macht  des  Bösen.  Aber  nichtsdestoweniger ­
  muß  man  doch  das  Kommen  dieser  neuen  Mächte  herbeisehnen, ­
  in  der  Hoffnung,  daß  das  Gute  zum  Schluß  den  Sieg  über
das  Böse  davon  tragen  wird.  Wenn  es  also  auch  feststeht,  daß  die
Solidarität  nicht  genügt,  um  aus  sich  selbst  ein  Prinzip  moralischer
Lebensführung  denen  zu  liefern,  die  sonst  kein  solches  besitzen,  so
ist  doch  nicht  zu  leugnen,  daß  sie,  sobald  irgendein  solches  Prinzip,
gleichgültig  ob  Egoismus  oder  Altruismus,  anerkannt  ist,  einen  Hebel
von  unvergleichlicher  Kraft  in  seinen  Dienst  stellt.  In  ihr  liegen
drei  große  Lehren  beschlossen:
1.  Sie  lehrt  uns,  daß  jedes  Gute,  das  einem  anderen  zufällt,  zu
unserem  eigenen  Wohl  beiträgt,  und  daß  alles  Übel,  das  einem  anderen
zustößt,  unser  eigenes  Übel  werden  kann;  daß  wir  daher  das
Eine  wollen  und  das  Andere  hassen  müssen.  Ein  feiges  Beiseitestehen ­
  ist  dann  nicht  mehr  möglich.
Auch  wenn  wir  zugeben,  daß  in  dieser  Morallehre  ein  guter  Teil
Utilitarismus  enthalten  ist,  so  ist  es  immer  etwas,  den  Egoisten  dazu
zu  zwingen,  aus  sich  herauszugehen  und  sich  um  andere  zu  sorgen.
Das  Herz,  das  einmal  für  andere  geschlagen  hat,  sei  es  auch  nur  aus
egoistischer  Furcht,  ist  doch  etwas  weiter  geworden.  Audi  ist  es
sicherlich  zu  viel  verlangt,  wenn  man  einen  Altruismus  will,  der
ganz  und  gar  nicht  seiner  selbst  vergißt;  sagt  doch  sogar  das  Evangelium: ­
  „Du  sollst  Deinen  Nächsten  lieben,  wie  Dich  selbst.“
Das  gleiche  sagt  auch  die  Solidarität,  weder  mehr  noch  weniger:
nur  weist  sie  nach,  daß  mein  Nächster  in  Wirklichkeit  mein  eigenes
Selbst  vorstellt.
2.  Sie  lehrt  uns,  daß  unsere  Handlungen  sich  um  uns  bis  ins
Unendliche  in  Wellen  der  Freude  oder  des  Leidens  fortpflanzen,  und
        <pb n="717" />
        Kapitel  III.  Die  Solidarisier

695

drückt  so  auch  der  geringsten  unter  ihnen  einen  ernsten,  fast  majestätischen ­
  Charakter  auf,  der  eine  hohe  moralische  Erziehung  begünstigt. ­
  Sie  gibt  uns  auf,  Seelen  zu  hüten.  Und  ebenso,  wie  wir
auf  Grund  des  vorhergehenden  das  Recht  verloren  haben,  zu  sagen:
„das  geht  mich  nichts  an“,  so  müssen  wir  jetzt  einen  anderen,  nicht
weniger  hassenswerten  Ausspruch  verbannen:  „das  geht  nur  mich  an.“
Daher  schwächt  die  Solidarität  nicht,  wie  man  ihr  vorwirft,  unser
Verantwortlichkeitsgefühl,  sondern  erweitert  es  im  Gegenteil  ins
Unendliche.
3.  Wahr  ist  allerdings,  daß  in  umgekehrter  Wirkung  die  Solidarität ­
  uns  nachsichtiger  gegenüber  den  Fehlern  anderer  macht,  indem
sie  uns  zeigt,  daß  wir  sehr  oft  unbewußte  Mithelfer  gewesen  sind;
doch  liegt  hierin  ebenfalls  moralisch  etwas  Gutes,  da  wir  uns  infolgedessen ­
  gezwungen  sehen,  nachsichtiger  gegen  andere,  und  strenger
gegen  uns  selbst  zu  sein.
Wenn  es  vom  Gesichtspunkt  der  soziologischen  Entwicklung  aus
wahr  ist,  daß  viele  alte  Formen  der  Solidarität  sich  auflösen,  so
bilden  sich  doch  unablässig  neue.  Man  kann  sogar  eher  feststellen,
daß  die  Kreise  der  Solidarität:  Familie,  Stadt,  Vaterland,  Menschheit
sich  ohne  Unterlaß  vergrößern,  und  daß  sich  gerade  aus  dieser  Vergrößerung ­
  eine  doppelte  und  glückliche  Folgeerscheinung  ergibt:  der
korporative  Egoismus  veredelt  sich,  indem  er  sich  bis  zu  der  Grenze
ausdehnt,  wo  er  alle  Menschen  umfassen  wird,  und  die  feindlichen
Zusammenstöße  antagonistischer  Solidaritäten  werden  immer  seltener.
Was  die  Unabhängigkeit  anbelangt,  so  ist  dieses  alte  Argument  schon
im  Kampfe  gegen  die  Arbeitsteilung  fadenscheinig  geworden.  Der
Grad  der  Unabhängigkeit  ist  keineswegs  der  Maßstab,  mit  dem  man
den  Grad  der  Persönlichkeit  messen  kann:  ganz  im  Gegenteil!  Der
Wilde,  der  auf  seinem  Baume  sitzt,  ist  uqpMängig;  vielleicht  ist  es
auch  der  Held  Ibseris,  der  sich  gegen  die  Gesellschaft  auflehnt,
während  der  König  auf  dem  Thron,  der  nur  im  Pluralis  majestaticus
sprechen  kann,  höchst  abhängig  ist:  der  erste  ist  aber  gerade  auf
Grund  seiner  Unabhängigkeit  ganz  ohnmächtig,  während  der  zweite
gerade  infolge  seiner  Abhängigkeit  sehr  mächtig  ist.  Daher  vermindert ­
  die  Solidarität  die  Individualität  in  Nichts  —  nicht,  wenn
sie  natürlich  ist,  und  noch  weniger,  wenn  sie  auf  freier  Übereinstimmung ­
  beruht,  wie  die,  auf  Grund  derer  die  Soldaten  sich  um  die
Fahne  scharen  oder  der  Führer  in  den  Alpen  sich  an  das  Seil  bindet,
das  ihn  vielleicht  in  den  Abgrund  reißt.  Wenn  es  wahr  ist,  daß  die
Kristallisation,  wie  vor  kurzem  gesagt  wurde,  die  erste  Bemühung
des  Wesens  war.  sich  von  seiner  Umgebung  unabhängig  zu  machen,
so  muß  man  wohl  bedenken,  daß  hierin  auch  die  erste  Verwirklichung
einer  wahren  Solidarität  unter  der  Form  der  Assoziation  lag.
        <pb n="718" />
        696

Fünftes  Buch.  Die  Lehren  der  neuesten  Zeit.

Was  nun  schließlich  die  Behauptung  der  Volkswirtschaftler  anlangt, ­
  daß  die  Tauschwirtschaft  schon  alles  an  Solidarität  darstellt,
was  wünschenswert  und  mit  der  Gerechtigkeit  vereinbar  ist,  so  treten
alle  Schulen,  deren  Geschichte  wir  in  diesem  Buche  verfolgt  haben,
dieser  Behauptung  entgegen,  sogar  ohne  die  Tochter  der  klassischen
Schule,  die  mathematische  Schule,  auszunehmen.  Die  Tauschhandlungen ­
  zwischen  einem  Esau  und  einem  Jakob,  zwischen  der
Kongogesellschaft  und  den  Schwarzen,  den  Unternehmern  und  den
Heimarbeiterinnen  sind  vom  hedonistischen  Gesichtspunkt  aus  untadelig
(siehe  oben  S.  613—614).  Niemand  aber  wird  wagen,  diese  brutalen
Tauschhandlungen,  die,  wie  Peoudhon  beredt  sagt,  auf  dem  Wiedervergeltungsrecht, ­
  —  Auge  um  Auge,  Zahn  um  Zahn  —  beruhen,  als
eine  Verwirklichung  der  Solidarität  hinzustellen.
Trotz  seiner  anscheinend  mathematischen  Gleichwertigkeit,  und
obschon  er  als  Symbol  die  Wage  führt,  vermittelt  der  Austausch  den
Austauschenden  niemals  gleiche  Teile,  weil  sie  selbst  niemals  auf
dem  Fuße  völliger  Gleichheit  zueinander  stehen,  selbst  wenn  nicht
irgend  ein  Brennus  sein  Schwert  in  eine  der  Wagschalen  wirft.
Was  kann  man  hiergegen  tun,  wird  man  fragen?  Wohl  oder  übel
muß  man  sich  damit  abfinden.  Solange  die  Beziehungen  zwischen
den  Menschen  einzig  durch  den  Tausch  und  seine  Unterarten,  wie
Verkauf,  Darlehen,  Pacht,  Lohnkontrakt  bestimmt  sind,  ist  das  allerdings ­
  der  Fall;  es  wird  aber  sofort  anders,  wenn  diese  Beziehungen
sich  durch  das  Mittel  der  Assoziation  bilden,  sei  das  nun  die  berufliche, ­
  die  mutualistische  oder  die  kooperative 1 ).
So  zahlt  der  Arbeiter  Beiträge  an  seine  Gewerkschaft,  um  sie
mächtig  zu  machen:  er  rechnet  natürlich  darauf,  durch  sie  zu  höherem
Lohn  zu  gelangen,  aber  zwischen  dem  Gewerkschaftsbeitrag  und  dem
möglichen  Gewinn  gibt  es  keine  notwendige  Beziehung.  In  gleicher
Weise  steuert  das  Mitglied  einer  Versicherung  auf  Gegenseitigkeit
zu  seiner  Gesellschaft  bei,  um  sich  Sicherheit  gegen  Gefahren  und
Schäden  zu  verschaffen:  er  rechnet  zwar  darauf,  daß  die  Gesellschaft
seinen  Arzt  bezahlt,  wenn  er  krank  wird,  aber  viele  zahlen  ihr  ganzes
Leben  hindurch,  ohne  die  Hilfe  der  Gesellschaft  in  Anspruch  zu
nehmen,  und  viele  erhalten  bedeutend  mehr,  als  sie  eingezahlt  haben:

*)  Die  Assoziation  hat  sogar  bei  Gewinnabsicht  einen  moralischen  Wert,  der
dem  des  Tausches  überlegen  ist;  1.  indem  sie  nicht  nur  wie  der  Tausch  eine  Geldzahlung ­
  bedingt,  sondern  ein  gewisses  persönliches  Opfer  unserer  Zeit,  unserer
Mühe  und  unserer  Unabhängigkeit,  wäre  es  auch  nur  die  Verpflichtung,  den  Versammlungen ­
  beiznwohnen  und  die  Statuten  zu  beachten;
2.  indem  sie  nicht  nur  wie  der  Tausch  eine  einzelne  augenblickliche  und  ein
für  alle  Male  ausgeführte  Handlung  bedingt,  sondern  ein  unbegrenztes  Zusammenarbeiten ­
  der  Beteiligten.
        <pb n="719" />
        Kapitel  IV.  Die  Anarchisten.

697

die  Gesunden  zahlen  so  für  die  Gebrechlichen.  Auch  das  Mitglied
einer  Konsumgenossenschaft  sucht  weniger  den  Gewinn,  als  bessere
Befriedigung  seiner  Bedürfnisse.  Mit  einem  Wort;  während  unter
der  heutigen  Ordnung  des  allgemeinen  Wettkampfes  ein  Jeder  bestrebt ­
  ist,  seinen  Konkurrenten  beiseite  zu  schieben,  wird  unter  der
Ordnung  der  Assoziation  ein  Jeder  sich  bemühen,  seinen  Nebenmenschen
zu  benutzen.  An  die  Stelle  des  „do  ut  des“  *)  tritt  die  Solidarität,  an
die  Stelle  des  „einem  Jeden  das  Seine“  tritt:  „Jeder  für  Alle“.  Je
weiter  man  auf  diesem  Wege  fortschreitet,  um  so  mehr  gelangt  man,  ob
mau  es  wolle  oder  nicht,  von  der  Herrschaft  des  Tausches  zu  der
des  Solidarismus.

Kapitel  IV.
J)ie  Anarchisten.
Die  anarchistische  Lehre  ist  das  Produkt  einer  eigentümlichen  Verschmelzung ­
  der  liberalen  und  sozialistischen  Ideen.  Dem  Liberalismus
entlehnt  sie  ihre  wirtschaftliche  Kritik  des  Staates,  ihren  Fanatismus
für  die  freie  Initiative,  ihren  Begriff  einer  spontanen  wirtschaftlichen ­
  Ordnung.  Dem  Sozialismus  entnimmt  sie  ihre  Kritik  des  Eigentums ­
  und  ihre  Theorie  der  Ausbeutung  des  Arbeiters.
Indem  sie  aber  beide  verbindet,  und  gerade  weil  sie  beide
verbindet,  geht  sie  weit  über  beide  hinaus.  Auch  der  extremste
Liberalismus,  der  eines  Dunoyer  zum  Beispiel,  behielt  dem  Staat  noch
eine  wesentliche  Funktion  vor,  die  eines  „Sicherheits-Produzenten“.
Als  echter  Bourgeois  des  Jahres  1830  sieht  Dünoyer  in  der  Ordnung
das  primäre  Bedürfnis  jeder  Gesellschaft 2 ).  Mit  den  Waffen  der
sozialistischen  Kritik  ausgerüstet,  verwerfen  die  Anarchisten  auch
diese  letzte  Funktion  des  Staates,  denn  in  ihren  Augen  ist  die  Sicherheit, ­
  von  der  Dunoyer  spricht,  einzig  und  allein  die  Sicherheit  des

x )  Das  System  der  Solidarität  unterscheidet  sich  sowohl  von  dem  des  Austausches,
wie  von  dem  der  Nächstenliebe.  Die  Tauschwirtschaft  besteht  in  einer  Leistung
mit  dem  Zwecke,  eine  genau  gleichwertige  Gegenleistung  zu  erhalten.  Die  Nächstenliebe
ist  eine  Leistung  ohne  irgendwelche  Reziprozität,  d.  h.  sie  ist  das,  was  man  ein
Opfer  nennt.  Die  Solidarität  ist  auch  ein  Opfer  —,  denn  man  wird  bemerken,  daß
jede  Aufforderung  zur  Solidarität  die  Idee  eines  gewissen  Opfers  wach  ruft,  —
aber  eines  Opfers,  das  nicht  vollkommen  selbstlos  ist:  es  ist  das  Opfer  eines.  Teiles
unseres  individuellen  Ich’s,  um  einen  Anteil  am  kollektiven  Ich  zu  erwerben.
2 )  Vergleiche  z.  B.  seinen  Artikel  „Gouvernement“  in  dem  Wörterhuche
von  Coquelin  &amp;amp;  Guili.aumin.
        <pb n="720" />
        698

Fünftes  Buch.  Die  Lehren  der  neuesten  Zeit.

Eigentümers,  die  Ordnung,  die  die  Besitzer  brauchen,  um  die  Angriffe ­
  der  Besitzlosen  zurückzuweisen.  Auf  der  anderen  Seite  behalten ­
  die  Sozialisten,  viel]eicht  mit  Ausnahme  Foueier’s  (und  die
Anarchisten  nehmen  Fourier  als  einen  der  ihrigen  in  Anspruch),  auch
wenn  sie  das  Eigentum  bekämpfen,  dem  Staat  eine  wichtige  Aufgabe
vor,  nämlich  die  Leitung  der  ganzen  sozialen  Produktion.  Die  Anarchisten ­
  aber,  gestützt  auf  die  liberale  Kritik,  verwerfen  diese  Funktion ­
  des  Staates,  da  ihnen  seine  völlige  administrative  und  wirtschaftliche ­
  Unfähigkeit  als  klar  nachgewiesen  erscheint.  „Freiheit
ohne  Sozialismus“,  sagt  Bakünin,  „ist  Privilegium  und  Ungerechtigkeit: ­
  und  Sozialismus  ohne  Freiheit  ist  Sklaverei  und  Brutalität“ 1 ).
Daher  kann  es  nicht  wundernehmen,  am  Ende  dieses  Buches
einige  Seiten  einer  Doktrin  gewidmet  zu  sehen,  die  die  Verschmelzung
der  beiden  großen  sozialen  Bestrebungen  vollzieht,  die  das  ganze
19.  Jahrhundert  erfüllen.
Jedoch  tritt  sie  uns  nicht  zum  erstenmal  entgegen.  Peoüdhon
hatte  sie  schon  formuliert  und  ihr  ihren  Namen  gegeben.  Peoudhon  ist
auch  tatsächlich  der  wahre  Vater  des  modernen  Anarchismus.  Wenn
man  noch  weiter  in  der  Geschichte  der  Doktrinen  zurückgeht,  kann
man  leicht  ähnliche  Lehren  entdecken,  z.  B.  bei  Godwin  am  Ende  des
18.  Jahrhunderts.  Doch  sind  das  alles  nur  vereinzelte  Kundgebungen *  2  3 ).
Die  Beziehungen  des  PEOuDHOu’schen  Anarchismus  zu  dem  politischen
und  sozialen  Anarchismus  dieser  letzten  dreißig  Jahre  lassen  sich  dagegen ­
  unzweideutig  feststellen.  Nicht  nur  muß  die  Analogie  der  Gedanken ­
  auffallen,  sondern  ihr  Übergang  von  Peoudhon  auf  Bakünin,
und  dann  auf  Keopotkin,  auf  Reclus  und  Jean  Geave  ist  ebenfalls
leicht  nachweisbar.
Neben  dem  politischen  und  sozialen  Anarchismus,  der  den  Hauptgegenstand ­
  dieses  Kapitels  bildet,  hat  sich  eine  andere  Form  des
Anarchismus  entwickelt,  die,  philosophisch  und  literarisch,  als  besonders
auffälligen  Charakterzug  eine  fast  krankhafte  Übertreibung  des  Ich
zeigt.  Diese  Lehre  stammt  aus  Deutschland.  Ihr  bekanntester  Vertreter ­
  ist  Max  Stxenee,  dessen  Buch  „der  Einzige  und  sein
Eigentum“  1844  erschien 3 ),  also  ungefähr  gleichzeitig  mit  den  ersten
*)  Bakünin,  CBuvres,  Bd.  I,  S.  59  (Federalisme,  socialisme  et  antitheologisme).
2 )  Adler  zeigt  in  seinem  Aufsatz  Anarchismus  im  Handwörterbuch
der  Staatswissenschaften  und  in  seiner  Geschichte  des  Sozialismus  und
Kommunismus  (1899,  von  der  nur  der  erste  Teil  erschienen  ist),  daß  das
anarchistische  Ideal  zu  Jeder  Zeit  existiert  hat  und  bis  auf  die  griechische  Philosophie ­
  zurückgeht.
3 )  Der  Einzige  und  sein  Eigentum.  Das  Werk  wurde  1882  und  1893
neu  gedruckt.  1902  wurde  es  ins  Französische  übersetzt.  Stiener  ist  auch  der
Verfasser  der  deutschen  Übersetzung  von  Adam  Smith  und  J.-B.  Say.  Über  das
Leben  Stihneb’s  und  den  Kreis,  in  dem  er  lebte,  findet  man  höchst  interessante
        <pb n="721" />
        Kapitel  IV.  Die  Anarchisten.

699

Werken  Peoüdhon’s.  Lange  Zeit  vergessen,  obgleich  es  bei  seinem
Erscheinen  einen  lauten,  aber  nur  vorübergehenden  Erfolg  zu  verzeichnen ­
  hatte,  ist  dieses  Buch  vor  etwa  15  Jahren  wieder  ausgegraben
worden,  als  die  Gedanken  Nietzsche’®  die  große  literarische  Volkstümlichkeit ­
  gewonnen  hatten,  die  auch  heute  noch  andauert.  Man
entdeckte  damals,  daß  Nietzsche  einen  Vorläufer  gehabt  hatte,  —
dessen  Existenz  ihm  selbst  wahrscheinlich  unbekannt  geblieben  war
—  und  Stienee  hat  als  erster  der  „Immoralisten“  eine  posthume
Berühmtheit  erlangt.  Es  ist  nötig,  hierüber  einige  Worte  zu  sagen,
sei  es  auch  nur  um  auf  die  wichtigsten  Punkte  hinzuweisen,  die
seine  Lehre  von  dem  Anarchismus  Peoudhon’s,  Bakünin’s  oder  Kropotkin’s
  unterscheiden 1 ).

§  1.  Der  philosophische  Anarchismus  Stienee’s  und  die
Anbetung  des  ICH.
Das  Buch  Stienee’s  macht  den  Eindruck  eines  schlechten  Scherzes.
Um  seinen  Ursprung  zu  verstehen,  muß  man  sich  in  die  Zeit  und  das
besondere  Milieu  zurückversetzen,  in  dem  es  entstanden  ist.  Stienee
gehört  zu  jener  Gruppe  von  jungen  deutschen  Radikalen  und  Demokraten, ­
  die  seit  1840,  von  Feueebäch  angeregt,  sich  um  Bruno  Bauee
scharten  und  die  extremen  Folgerungen  der  hegelianischen  Philosophie
zogen.  Ihr  Ideal  war  die  Verwirklichung  der  völligen  Geistesfreiheit.
Im  Namen  dieser  Freiheit  kritisierten  sie  alles,  was  ihr  entgegen  zu
stehen  schien,  und  griffen  übrigens  ebenso  den  gerade  aufkommenden ­
  Kommunismus,  wie  das  offizielle  Christentum  der  Theologen  und
den  Absolutismus  der  Regierungen  an.  Aus  ihnen  gingen  die  intellektuellen ­
  Koryphäen  der  deutschen  Revolution  von  1848  hervor,  und  *  i)
Einzelheiten  in  dem  Werk  seines  Schülers  J.-H.  Mackay;  Max  Stirner,  sein
Leben  und  sein  Werk  (Berlin  1898,  260  Seiten),  dem  wir  die  verschiedenen
Einzelheiten,  die  der  Text  bringt,  entnehmen.  Der  wirkliche  Name  Stirnek’s  war
Kaspar  Schmidt.  Er  wurde  1806  in  Bayreuth  in  Bayern  geboren  und  starb  1856
in  Berlin  im  tiefsten  Elend  und  fast  vollständig  verlassen.  Über  die  Ideen  der
„Hegelianischen  Linken“  und  über  Stirner  wird  man  mit  Interesse  die  Aufsätze
Saint-EeniS  Taillandiek’s  lesen,  die  zwischen  1842  und  1850  in  der  Revue  des
Deux  Mondes  erschienen.
i)  Man  wird  sich  vielleicht  wundern,  daß  wir  hier  nicht  auf  Nietzsche  eingehen,
  da  wir  in  ihm  einen  Nachfolger  Stirnee’s  sehen.  In  Wirklichkeit  ist  Nietzsche
aber  fast  ausschließlich  Philosoph  und  Moralist.  Das  Buch  Stihnbr’s  dagegen  hat
eine  hauptsächlich  soziale  und  politische  Tragweite.  Wir  geben  zu,  daß  auch  das  Werk
Stihnbr’s  nur  noch  ziemßch  entfernt  mit  der  Volkswirtschaft  in  Verbindung  steht,
und  daß  es  vielleicht  mit  mehr  Recht  in  einer  Geschichte  der  politischen  Doktrinen
seinen  Platz  finden  würde,  Eine  Untersuchung  der  Ideen  Nietzsohb’s  würde  uns
noch  weiter  von  dem  eigentlichen  Bereich  der  vorliegenden  Geschichte  entfernen,
die  nicht  das  Studium  aller  individualistischen  Doktrinen  umfaßt.
        <pb n="722" />
        700

Fünftes  Buch.  Die  Lehren  der  neuesten  Zeit.

die  Reaktion  von  1850  fegte  sie  hinweg.  Einige  unter  ihnen,  die
sich  regelmäßig  in  einem  Restaurant  in  Berlin  trafen,  hatten  den
Namen  „die  Freien“  angenommen.  Auch  Marx  und  Engels  nahmen
einige  Zeit  lang  an  diesen  Versammlungen  teil,  ließen  sie  aber  bald
wieder  im  Stich,  und  richteten  später  gegen  diese  Gruppe  ihr  Pamphlet
„die  Heilige  Familie“,  ein  ironischer  Name,  mit  dem  sie  Beuno  Bauer
und  seine  Freunde  bezeichneten.  Spätere  liberale  deutsche  Yolkswirtschaftler,
  unter  anderen  Julius  Faucheb,  besuchten  ebenfalls  diese
Abende.  Einer  der  regelmäßigsten  Teilnehmer  war  Stienee,  der,  ohne
viel  zureden,  den  lebhaften  Debatten  seiner  Freunde  zuhörte;  damals
bereitete  er  das  Buch  vor,  mit  dem  er  sich  anschickte,  sie  alle  in
Erstaunen  zu  versetzen,  und  in  dem  er  darlegte,  daß  die  Kritik  des
kritischsten  unter  ihnen  noch  nicht  kritisch  genug  war.
Denn  diese  extremen  Radikalen  standen  noch  unter  der  Herrschaft ­
  einer  ganzen  Reihe  von  Ideen,  die  für  Stienee  nichts  als  Phantome ­
  sind.  Menschheit,  Gesellschaft,  Wahrheit,  das  Gute,  all  das
sind  veraltete  Abstraktionen,  Fetische,  die  unsere  eigenen  Hände
geschnitzt  haben,  vor  denen  wir  uns  ehrfurchtsvoll  verbeugen,  und
deren  Autorität  wir  demütig  anerkennen,  wie  die  Gläubigen  die  ihres
Gottes.  Diese  Abstraktionen  haben  aber  ebensowenig  Wirklichkeit,
wie  die  Götter  des  Olymps  oder  die  Gespenster,  die  das  kindliche
Gemüt  schrecken.  Die  einzige  Wirklichkeit  ist  das  individuelle  Ich.
Eine  andere  kennen  wir  nicht.  Jedes  Individuum  stellt  eine  unabhängige ­
  und  selbständige  Kraft  vor.  Sein  einziges  Gesetz  ist  das
seines  persönlichen  Interesses.  Die  Grenzen  seiner  Entwicklung
fallen  mit  denen  seiner  Interessen  und  seiner  Kraft,  zusammen.  Ein
jeder  Mensch  muß  sich  sagen:  „Ich  will  alles  sein  und  alles  haben,
was  ich  sein  und  haben  kann 1 ).“  Bastiat  schrieb:  „Alle  berechtigten ­
  Interessen  sind  harmonisch.“  Stienee  erklärt:  „Alle
Interessen  sind  berechtigt  ...  vorausgesetzt,  sie  haben  die  Macht.“
„Der  Tiger,  der  Mich  anfällt,  hat  Recht  und  Ich,  der  ihn  niederstößt, ­
  habe  auch  Recht 2 ).“  „Wer  die  Gewalt  hat,  der  hat  —  Recht;
habt  Ihr  jene  nicht,  so  habt  Ihr  auch  dieses  nicht 8 ).“
Da  das  Ich  die  einzige  Wirklichkeit  ist,  verschwinden  alle  angeblichen ­
  Kollektivitäten,  die  mein  Ich  begrenzen  und  es  in  ihren
Dienst  pressen  -wollen,  wie  Staat,  Familie,  Gesellschaft  und  Nation.
Sie  besitzen  keinen  „Leib“,  keine  Wirklichkeit 4 ).  Sie  haben  über
0  Der  Einzige  und  sein  Eigentum  (Verlag  Otto  Wiegand  Leipzig,
1901,  3.  Aufl.)  8.  143.
2 )  Ebenda,  S.  195.
s )  Ebenda,  S.  19ö.
4 )  „Du  zwar  bist  leibhaftig,  auch  Du  und  Du,  —  aber  Ihr  zusammen  seid  nur
Leiber,  kein  Leib.  Mithin  hätte  die  einige  Gesellschaft  zwar  Leiber  zu  ihrem
        <pb n="723" />
        Kapitel  IV.  Die  Anarchisten.

701

mich  nicht  mehr  Autorität  als  die,  die  ich  ihnen  beilege.  Einfache
Geschöpfe  meines  Geistes,  verlieren  sie  mit  dem  Tage,  an  dem  ich
auf  höre,  sie  anzuerkennen  und  sie  zu  achten,  jedes  Recht  über  mich,
und  ich  bin  wirklich  frei.  „Ich  bin  berechtigt  Zeus,  Jehova,  Gott
usw.  zu  stürzen,  wenn  Ich  kann;...  Ich  bin  durch  Mich  berechtigt
zu  morden,  wenn  Ich  Mir’s  selbst  nicht  verbiete,  wenn  Ich  selbst
Mich  nicht  vor’m  Morde,  als  vor  einem  „Unrecht“  fürchte  ...  Ich
entscheide,  ob  es  in  Mir  das  Rechte  ist;  außer  Mir  gibt  es  kein
Recht.  Möglich,  daß  es  darum  den  Andern  noch  nicht  recht  ist;  das
ist  ihre  Sorge,  nicht  Meine;  sie  mögen  sich  wehren“ *  3 ).  Die  Arbeiter,
die  sich  darüber  beklagen,  ausgebeutet  zu  werden,  die  Elenden,  die
jedes  Besitzes  entbehren,  haben  nur  eins  zu  tun:  sich  selbst  dieses
Recht  zuzusprechen  und  das  Eigentum,  das  ihnen  zusagt,  zu  nehmen.
„Der  Egoismus  schlägt  einen  anderen  Weg  ein,  um  den  besitzlosen
Pöbel  auszurotten.  Er  sagt  nicht:  Warte  ab,  was  dir  die  Billigkeitsbehörde ­
  .  .  .  schenken  wird  ..  .,  sondern:  Greife  zu  und  nimm,  was  du
brauchst!“ 2 )  „Die  Erde  .  .  .  gehört  dem,  der  sie  zu  nehmen  weiß,
oder  dem,  der  sie  sich  nicht  nehmen,  sich  nicht  darum  bringen  läßt.
Eignet  er  sie  sich  an,  so  gehört  ihm  nicht  bloß  die  Erde,  sondern
auch  das  Recht  dazu 3 ).“
Welche  Gesellschaft  sollte  aber  unter  solchen  Umständen  bestehen ­
  können?  Nur  eine  einzige  ist  denkbar:  „Die  Vereinigung
der  Egoisten“,  d.  h.  die  Vereinigung  von  Menschen,  die  sich  ihres
Egoismus  bewußt  sind  und  sich  hüten,  in  der  Vereinigung  etwas
anderes  zu  suchen,  als  eine  Vermehrung  ihrer  persönlichen  Befriedigungen. ­
  Heute  beherrscht  die  Gesellschaft  das  Individuum  und
macht  aus  ihm  ihr  Instrument.  Die  Vereinigung  der  Egoisten  wird
„das  Instrument“  des  Individuums.  Es  wird  sie  ohne  Skrupel  verlassen, ­
  falls  es  keine  Vorteile  mehr  aus  ihr  ziehen  kann.  Ein  jeder
Mensch  sagt  dann  zu  seinem  Nächsten;  „Ich  will  an  dir  nichts  anerkennen ­
  oder  respektieren,  weder  den  Eigentümer,  noch  den  Lump,
noch  auch  nur  den  Menschen,  sondern  Dich  verbrauchen 4 ).“  Dies
wird  der  „Krieg  Aller  gegen  Alle“  (8.265)  sein,  der  nur  durch
Dienste,  aber  keinen  einigen  und  eigenen  Leib.  Sie  wird  eben,  wie  die  „Nation“
der  Politiker,  nichts  als  ein  „Geist“  sein,  der  „Leib  an  ihm  nur  Schein,“  (S.  120).
Liegt  nicht  ein  recht  grober  Materialismus  darin,  aus  dem  Dasein  eines  „Leibes“
das  Kriterium  einer  Wirklichkeit  zu  machen?  Auf  diese  Weise  würde  weder  ein
Gesetz,  noch  eine  Gewohnheit  und  nicht  einmal  die  Sprache  eines  Volkes  Wirklichkeit ­
  sein.  Eine  historische  Tatsache,  eine  Schlacht,  eine  Revolution  haben  ebenfalls
keinen  Körper,  trotzdem  sind  ihre  „wirklichen“  Folgen  unberechenbar!
3 )  Ebenda,  S.  193—194.
2 )  Ebenda,  S.  265.
3 )  Ebenda,  S,  195.
4 )  Ebenda,  S.  143.
        <pb n="724" />
        702

Fünftes  Buch.  Die  Lehren  der  neuesten  Zeit.

schwankende  und  vorübergehende  Bündnisse  abgeschwächt  wird.
Aber  hierin  wird  auch  die  Freiheit  für  alle  liegen.
Merkwürdige  und  paradoxale  Behauptungen,  die  man  nur  bekämpfen ­
  kann,  w r enn  man  den  Ausgangspunkt  Stienee’s  leugnet:  daß
das  Individuum  die  einzige  Wirklichkeit  und  die  Gesellschaft  eine
Unwirklichkeit  sei.  Wenn  das  Individuum  die  einzige  Wirklichkeit
ist,  dann  ist  es  richtig,  der  Gesellschaft  und  der  Nation  nur  den
Wert  einer  Abstraktion  zuzusprechen,  die  der  Mensch  geschaffen  hat,
und  die  er  nach  seinem  Gefallen  wieder  zerstören  kann.  Hierin
liegt  aber  nun  gerade  der  Irrtum.  Das  Individuum  existiert  nicht
außerhalb  der  Gesellschaft.  Es  ist  nicht  mehr  wirklich  als  sie.
Es  ist  nur  ein  Bestandteil  der  Gesellschaft  und  besteht  nicht  unabhängig ­
  für  sich;  nicht  von  ihm  hängt  es  ab,  daß  sie  bestehe  oder
nicht  bestehe.  Die  Gesellschaft  ist  nicht  eine  begriffliche  Vorstellung: ­
  sie  ist  eine  natürliche  Tatsache.  Mit  demselben  Recht
könnte  man  auch  das  Individuum  zu  einer  Abstraktion  stempeln,
das  dann  das  wahre  Phantom  sein  würde.
Der  große  Unterschied  zwischen  Stienee  und  den  Anarchisten,
von  denen  wir  jetzt  sprechen  werden,  besteht  darin,  daß  sie  die  Wirklichkeit ­
  der  sozialen  Tatsache  gerade  anerkennen,  die  Stieneb  mit
Unrecht  leugnet.  Hierin  liegt  übrigens  der  entscheidende  Gegensatz,
den  man  überall  zwischen  dem  literarischen  und  politischen  Anarchismus ­
  findet 1 ).

§  2.  Der  politische  und  soziale  Anarchismus  und  die
Kritik  der  Autorität.
Stienee  verbrachte  sein  Leben  zwischen  seinem  Arbeitszimmer
und  dem  Restaurant  Hippel,  dem  Sammelpunkt  seiner  Freunde.
Männer  wie  Bakunin  und  Kropotkin  sind  aus  einem  anderen  Stoff.
Ohne  Zögern  haben  sie  ihr  Leben  und  ihre  Freiheit  eingesetzt.  Die
Saat,  die  sie  in  ungebildete  Herzen  gestreut  haben,  hat  oft  bedauerliche ­
  Früchte  getragen,  aber  man  kann  keinem  von  ihnen  Mut  ab-‘)
  In  einer  Broschüre  stellt  ein  syndikalistischer  Schriftsteller,  Beeth  (Les
nouveaux  aspects  du  socialisme,  Paris,  1908)  dem  Anarchismus  den  Syndikalismus ­
  gegenüber.  Er  sieht  in  der  Anerkennung  der  Wirklichkeit  der  Gesellschaft
durch  Pkotjdhon  ein  Kriterium,  das  gestattet,  die  beiden  Doktrinen  zu  unterscheiden.
Der  Anarchismus,  den  Behth  im  Auge  ist,  ist  einzig  der  Anarchismus  Stienbr’s.  Wie
man  aber  weiter  unten  sehen  wird,  leugnen  weder  Bakunin,  noch  Kropotkin  die  Wirklichkeit ­
  der  Gesellschaft.  Im  Gegenteil,  gerade  in  der  Betonung  dieser  Wirklichkeit
liegt  der  ihrer  Lehre  eigentümlichste  Punkt.  Man  kann  daher  ganz  im  Gegenteil  zu
den  Schlußfolgerungen  Bbrth’s  sagen,  daß  die  anarchistischen  Ideen  viele  Berührungspunkte ­
  mit  denen  des  Syndikalismus  haben.  —  Doch  werden  wir  weiterhin  auch  sehen,
daß  Jean  Grave  sich  dem  naiven  Individualismus  Stibner’s  nähert.
        <pb n="725" />
        Kapitel  IV.  Die  Anarchisten.

703

sprechen,  und  mehrere,  wie  z.  B.  Keopotkin  und  Recltjs,  zeichnen
sich  durch  hohen  Adel  des  Geistes  und  des  Charakters  aus.
Die  Ideen  Bakünin’s  haben  sich  in  dem  gleichen  intellektuellen
Milieu  wie  die  Stienbr’s  gebildet x ).  Bakunin  gehörte  einer  adligen
russischen  Familie  an  und  wurde  Offizier.  1834,  20  Jahre  alt,  reichte
er  seinen  Abschied  ein  und  widmete  sich  dem  Studium  der  Philosophie. ­
  Wie  Stibnee,  Pboüdhon  und  Marx  unterlag  auch  er
dem  damals  allgemein  herrschenden  Einfluß  Hegel’s.  1840  begab
er  sich  nach  Berlin,  wo  er  sich  vier  Jahre  hindurch  an  der  geistigen
Bewegung  der  jungen  Radikalen,  von  der  wir  oben  gesprochen  haben,
beteiligte.  Von  1844  bis  1847  finden  wir  ihn  in  Paris,  wo  er  oft
ganze  Nächte  in  Diskussionen  mit  Peoudhon  zubringt.  Der  Einfluß
dieses  letzteren  auf  Bakunin  ist  sehr  tief  gewesen.  In  den  Schriften
des  russischen  Anarchisten  könnte  man  oft  nachweisen,  daß  er  nur  die
Ideen  Peoudhon’s  entwickelt,  die  dieser  in  irgend  einem  seiner  Werke
ausgeführt  hatte,  wie  z.  B.  die  Allgemeine  Idee  der  Revolution ­
  im  19.  Jahrhundert.  Das  Jahr  1848  zeigte  diesem  großen
Herrn,  der  sich  bis  dahin  nur  als  Dilettant  betätigt  hatte,  seinen
wirklichen  Beruf,  den  des  Revolutionärs.  Nacheinander  nimmt  er
an  der  Erhebung  in  Prag  und  an  der  sächsischen  Revolution  in
Dresden  teil.  Verhaftet  und  zweimal  zum  Tode  verurteilt,  in  Sachsen
und  in  Österreich,  wird  er  an  Rußland  ausgeliefert  und  in  der  Peter-Paulsfestung
  eingekerkert,  in  der  er  infolge  Skorbut  fast  alle  seine
Zähne  verliert.  Seit  1857  nach  Sibirien  verbannt,  gelingt  es  ihm,
1861  zu  flüchten;  er  begibt  sich  nach  London,  von  wo  aus  er  eine
unermüdliche  revolutionäre  Propaganda  in  der  Schweiz,  in  Italien
und  auch  in  Frankreich  führt.  Während  des  Krieges  1870/71  versucht ­
  er,  in  Lyon  einen  Volksaufstand  zu  erregen.  Beenaed  Lazaee
beschreibt  ihn  uns  als  „einen  behaarten  Riesen,  mit  gewaltigem
Kopf,  der  durch  ein  Gestrüpp  von  Haaren  und  einen  ungepflegten
Bart  noch  größer  erscheint“,  der  sich  gestiefelt  und  gespornt  zu  Bette

l )  Über  Bakunin,  vgl.  seine  Biographie,  die  von  seinem  Freunde  James  Guillaüme
dem  2.  Bande  seiner  Werke  vorangestellt  worden  ist,  wie  auch  die,  die  Dhagomanoep
  Michael  Baknnin’s  sozial-politischem  Briefwechsel  mit
Herzen  und  Ogajoff  (Stuttgart,  1895),  vorausschickt.  Eine  ausführliche  Biographie, ­
  die  aber  unveröffentlicht  geblieben  ist,  wurde  von  Nettlau  geschrieben.
Wie  es  scheint,  befindet  sich  eine  Abschrift  in  der  Bibliotheque  nationale.  (Vgl.  den
Aufsatz  von  Lagahdelle  über  Bakunin  in  der  Revue  politique  et  parlamentaire
  von  1909.)  Die  Werke  Bakunin’s  sind  in  französischer  Sprache  ((Bu  vre  s
de  Bakounine  (in  fünf  Bänden,  der  erste  1895,  die  anderen  1907,  1908,  1909  und
1912  in  Paris,  im  Verlag  von  Stock  erschienen.  —  Gewisse  Schriften,  darunter  die
Statuts  de  l’Alliance  internationale  de  la  democratie  socialiste  sind
in  dieser  Ausgabe  nicht  enthalten;  wir  entlehnen  den  Text  den  Anhängen,  die  sich
am  Ende  des  oben  erwähnten  Briefwechsels  von  Deagomanoit  befinden.
        <pb n="726" />
        704

Fünftes  Buch.  Die  Lehren  der  neuesten  Zeit.

legt,  der,  heimats-  und  vaterlandslos,  stets  bereit  ist,  als  Apostel  ins
weite  zu  ziehen,  der  stets,  zu  jeder  Stunde  und  an  jedem  Tage,
unterwegs  ist.
Der  entscheidende  Punkt  seiner  Laufbahn  ist  sein  Bruch  mit
Karl  Marx  auf  dem  letzten  Kongreß  der  Internationale  im  Haag
1872.  Bakunin  war  1869  in  die  Internationale  eingetreten.  Aber,
abgestoßen  von  den  autoritären  Bestrebungen  seines  geschäftsfüftrenden
  Ausschusses,  den  Karl  Marx  beherrschte,  empfahl  er  eine
foederalistische  Organisation  der  Assoziation,  die  jeder  Sektion  weitgehendes ­
  Selbstbestimmungsrecht  ließ.  Unterstützt  wurde  er  von
den  schweizer  Delegierten  der  Juraföderation,  wie  auch  von  vielen
französischen,  belgischen,  spanischen  und  von  allen  italienischen
Abgeordneten.  Trotzdem  wurde  er  von  Marx’  Freunden  aus  der
Internationale  ausgeschlossen.  Der  offizielle  Bruch  zwischen  den
marxistischen  und  den  anarchistischen  Sozialisten  —  deren  Rivalität
seitdem  immer  größer  geworden  ist  —  datiert  von  diesem  Tage.
Der  Kongreß  im  Haag  bezeichnet  übrigens  das  Ende  der  Internationale, ­
  so  wie  Marx  sie  geschaffen  hatte.  Ihre  Geschäftsstelle
wurde  von  Marx  nach  den  Vereinigten  Staaten  verlegt;  seitdem  hat
sie  keinen  Kongreß  mehr  abgehalten.  Zur  gleichen  Zeit  zog  sich
Bakunin  vom  Kampfe  zurück,  nachdem  er  mit  den  Freunden,  die
ihm  treu  geblieben  waren,  in  Genf  einen  neuen  Verein  gebildet  hatte.
Er  starb  1876  in  Bern.
Im  Jura,  in  der  Umgebung  von  Neuenburg,  wo  Bakunin  zahlreiche ­
  Anhänger  unter  der  individualistischen  und  etwas  mystisch
gesinnten  Bevölkerung  jener  Gegend  hatte,  empfing  Kropotkin,  1872 x ),
während  einer  Reise,  den  Keim  der  anarchistischen  Ideen,  deren
Propaganda  er  seitdem  sein  Leben  gewidmet  hat.  Ohne  Bakunin  persönlich ­
  gekannt  zu  haben,  wurde  er  so  sein  unmittelbarer  Nachfolger.
Auch  der  Fürst  Kropotkin  gehört  der  russischen  Aristokratie
an.  Auch  er  trat  in  die  Armee  ein,  nachdem  er  seine  Studien  im
*)  „Ich  kam  von  dieser  Reise  mit  fest  abgeschlossenen  soziologischen  Vorstellungen
zurück,  die  ich  bis  heute  behalten  habe,  und  ich  habe  alles  getan,  was  ich  konnte,
um  ihnen  eine  immer  klarere  und  konkretere  Gestalt  zu  geben“  (Autour  d’une
vie,  S.  295).  Die  hauptsächlichsten  Werke  Khopotkin’s  sind:  Paroles  d’un
Revolte  (1885);  La  Conquöte  du  Pain,  (1890)  (deutsch;  Der  Wohlstand
für  Alle,  Zürich,  1896),  eine  Autobiographie,  Autour  d’uue  vie  (1902)  (deutsch
von  Pannwitz,  3.  Auf!.,  2  Bände,  Stuttgart  1903)  und  sein  Buch  L’Entr’aide
(1906)  (deutsch;  Gegenseitige  Hilfe,  von  G.  Landauer,  Leipzig,  1908).  Außerdem ­
  hat  er  eine  große  Anzahl  von  Broschüren  veröffentlicht,  unter  anderen:
L’anarchie,  sa  Philosophie,  son  ideal  (1896).  Wir  haben  einige  Zitate  dem
Werk  Eltzbaoher’s  L’Anarchisme  (franz.  Übers.  1902)  entlehnt,  einem  Werke,
das  sich  fast  ausschließlich  aus  Zitaten  zusammensetzt,  die  in  eine  kleine  Anzahl
von  Rubriken  gebracht  sind,  und  deren  Unparteilichkeit  die  anarchistischen  Schriftsteller, ­
  darunter  auch  Kropotkin,  anerkannt  haben.
        <pb n="727" />
        Kapitel  IY.  Die  Anarchisten.

705

Pagenkorps  vollendet  hatte.  Er  tat  sich  bald  durch  geographische
und  naturgeschichtliche  Arbeiten  hervor,  und  seine  Gedanken  sind
ganz  von  den  Entwicklungstheorien  Dakwin’s  durchtränkt.  Die
^Wissenschaft  nahm  ihn  aber  nicht  ausschließlich  in  Anspruch.  1871
war  es  nicht  mehr  der  Einfluß  Hegel’s,  der  in  Rußland  herrschte;
■die  junge  russische  Intelligenz  sah  das  Heil  der  Zukunft  im  Volk.
Das  Schlagwort  hieß:  „Hin  zum  Volk“;  mit  ihm  sollte  man  in  Berührung ­
  treten,  um  es  zu  belehren,  um  sein  Vertrauen  zu  gewinnen
und  es  darauf  vorzubereiten,  das  Joch  der  Selbstherrschaft  abzuwerfen. ­
  Kkopotkin  beteiligte  sich  an  dieser  Bewegung.  Er  selbst
liat  erzählt,  wie  er  nach  einem  Diner  in  irgendeinem  reichen  Hause
oder  sogar  im  Winterpalast  einen  Wagen  nahm,  bei  einem  Freunde
seine  eleganten  Kleider  und  sein  seidenes  Hemd  gegen  das  baumwollene ­
  Hemd  und  die  hohen  Stiefel  des  Bauern  vertauschte,  einen
Schafpelz  umtat  und  sich  in  einem  entferntliegenden  Vorort  St.  Petersburgs ­
  zu  den  Arbeitern  gesellte,  die  er  sich  zu  unterrichten  bemühte. ­
  Diese  Propaganda  wurde  aber  schnell  unterbrochen.  1874,  als
er  das  Gebäude  der  geographischen  Gesellschaft  verließ,  wo  ihm
nach  einem  bemerkenswerten  Bericht  der  Vorsitz  einer  der  Sektionen
ungebeten  worden  war,  wurde  Keopoxkin  unter  der  Anschuldigung,
politische  Propagandagesellschaften  organisiert  zu  haben,  verhaftet
und  in  der  Peter-Pauls  Festung  gefangen  gesetzt.  1876  gelang  es
ihm  zu  entkommen.  Er  flüchtete  nach  England,  und  wurde  1884
zu  Unrecht  in  einen  anarchistischen  Prozeß  in  Lyon  verwickelt  und
zu  drei  Jahren  Gefängnis  in  Clairvaux  verurteilt.  Man  hatte  damals
das  recht  ungewöhnliche  Schauspiel  eines  Strafgefangenen,  dem
die  Akademie  der  Wissenschaften  in  Paris  und  Ebnest  Renan  ihre
Bibliotheken  zur  Verfügung  stellten,  um  ihm  die  Fortsetzung  seiner
wissenschaftlichen  Arbeiten  zu  ermöglichen.  Schon  vorher,  während
seiner  Haft  in  Eußland,  hatte  die  geographische  Gesellschaft  von
St.  Petersburg  das  gleiche  Beispiel  gegeben.  Seitdem  lebt  Fürst
Kbopotkin  in  England.  Eine  große  Anzahl  Broschüren  und  Bücher
anarchistischer  Propaganda  entstammen  seiner  Feder,  ohne  daß  er
aufgehört  hätte,  seine  naturwissenschaftlichen  Studien  zu  betreiben.
Die  bekanntesten  französischen  Anarchisten,  der  Geograph  Elisee
Reclus  und  Jean  Gbave  ’j  beschränken  sich  im  wesentlichen  darauf,
die  Gedanken  Kropotkin’s  vorzutragen,  bei  dem  man  wieder  mit
Leichtigkeit  die  Spuren  der  Anschauungen  Bakunin’s  und  Pboudhon’s
Anden  kann.

*)  Vgl.  L’Evolution,  la  Revolution  et  l’ideal  anarchique  von
kustE  Reclus  (Paris,  1898)  uud  La  societe  future  von  Jean  Grave  (1895).
Gide  und  Rist.  Gesch.  d.  Volkswirtschaft!.  Lehrmeinungen.  45
        <pb n="728" />
        706

Fünftes  Buch,  Die  Lehren  der  neuesten  Zeit.

Uns  interessiert  hier  allein  die  Fassung  der  anarchistischen
Ideen  bei  diesen  kompetentesten  Vertretern  der  Lehre.  Wir  übergehen
  die  oft  sehr  zugespitzten,  aber  auch  weniger  durchdachten
Darstellungen,,  die  sie  bei  unbekannteren  Schriftstellern  gefunden
haben 1 ).
Als  Grundlage,  der  Lehre  finden  wir  zunächst  die  gleiche  Übertreibung ­
  der  Rechte  des  Individuums  und  die  gleiche  leidenschaftliche
Hingabe  an  die  freie  und  vollständige  Entwicklung  der  Persönlichkeit,
auf  die  wir  schon  bei  Stiknek.  hingewiesen  haben.  „Jeder  Gehorsam  ist
eine  Abdankung“,  erklärt  Elxsbe  Rechts  *  2  3 ).  „Das  Menschengeschlecht
will  regiert  werden:  man  wird  es  regieren.  Ich  schäme  mich  meines
Geschlechts“,  schrieb  Pboudhon  1850  in  seinem  Gefängnis  zu
Doullens  8 ).  „Meine  Freiheit,“  sagt  Bakunin,  „oder  was:  auf  dasselbe
hinausläuft,  .  .  .  meine  Menschenwürde  .  .  .  besteht  darin,  keinem
anderen  Menschen  zu  gehorchen  und  meine  Handlungen  nach  nichts
als  nach  meinen  eigenen  Überzeugungen  zu  bestimmen 4 ).“  Nach
Jean  Gkavb  kann  die  Gesellschaft  dem  Individuum  „keine  Beschränkung ­
  auferlegen,  .  .  .  außer  denen,  die  schon  auf  Grund  der
natürlichen  Existenzbedingungen  bestehen,  inmitten  deren  es  lebt“ 5  *  * ),
Jedoch  beruht  diese  Anbetung  des  Ichs,  die  man  überall  in  den
anarchistischen  Werken  wiederfindet,  auf  einer  Auffassung,  die  der
Stiknee’s  diametral  entgegengesetzt  ist.  Für  ihn  ist  jeder  Mensch
ein  „Einziger“  der  kein  anderes  Gesetz  als  seinen  Egoismus  kennt.
Für  die  Anarchisten  PxtoxjDHON’scher  Färbung  ist  jeder  Mensch
im  Gegenteil  etwas  dem  Individuum  überlegenes,  ein  Teil  der
Menschheit.  „Das,  was  ich  an  meinem  Nächsten  achte,“  sagt
Proxjehon,  „.  .  .  ist  seine  Würde  als  Mensch 9 ).“  Gerade  diese
Menschenwürde  ist  es,  die  der  Anarchist  zur  Geltung  bringen  will,
indem  er  die  Achtung  seiner  Freiheit  durchsetzt,  denn  „die  Freiheit“,
0  Über  den  heutigen  Zustand  der  anarchistischen  Ideen  in  Frankreich  ygl.
R.  db  Maemandb:  Les  Forces  revolutionnaires  en  France,  in  der  Grande
Revue  vom  10.  August  1911.
2 )  L’Bvolution,  la  Revolution  usw.,  S.  88,  und  er  fügt  hinzu:  „Unser
Ideal  umfaßt  ...  für  einen  jeden  Menschen  die  volle  und  absolute  Freiheit,  seinen
Gedanken  über  jeden  Gegenstand  Ausdruck  zu  geben,  .  .  ,,  es  umfaßt  ebenfalls  für
einen  Jeden  das  Recht,  zu  handeln,  wie  es  ihm  beliebt,  und  zu  tun,  was  er  will“
(S.  143).  Nur  unter  dieser  Bedingung  kann  sich  der  Mensch  „zu  einem  moralischen
Wesen  entwickeln“  {S.  141).
3 )  Auszug  aus  den  Carnets,  am  16.  Januar  1909  im  Figaro  erschienen.
4 )  (Buvres,  Bd.  I,  S.  281.
5 )  Jean  Grave,  La  Societe  future,  S.  157.  Vgl.  auch  S.  199:  „Nein,  das.
Individuum  darf  keine  Beschränkungen  seiner  Entwicklung  dulden,  darf  sich  dem
Joch  keiner  Autorität  beugen,  was  auch  immer  der  Vorwand  sei,  auf  die  sife  sich
stütze.“
“)  Justice  dans  la  Revolution,  ßd.  I,  S.  185.
        <pb n="729" />
        Kapitel  IV.  Die  Anarchisten.

schreibt  Bakünin,  „ist  der  höchste  Zweck  aller  mensclri
Wicklung“ J ).  Es  ist  daher  nicht  der  Triumph  des  egoistisc!
sondern  der  Triumph  der  „Menschenwürde“  eines  jeden,  den  die
Anarchisten  herbeisehnen.  —  Sie  fordern  die  Freiheit  nicht  nur  für
sich  selbst,  sondern  für  alle.  Weit  davon  entfernt,  ihresgleichen,  wie
Stienee  dies  will,  „verbrauchen“  zu  wollen,  wollen  sie  für  alle  die
gleiche  Achtung  vor  der  menschlichen  Würde.  „Behandele  die  anderen,
wie  du  selbst  von  ihnen  unter  gleichen  Umständen  behandelt  zu
werden  wünschst“,  sagt  Keopotkin  in  einer  kantischen  und  sogar  christlichen ­
  Formel *  2  3 ).  Für  Bakunin,  der  hierin  seinem  Meister  Peoudhon
getreu  folgt,  ist  die  Grundlage  aller  Moral  die  „menschliche
Achtung“,  nämlich  die  „Anerkennung  der  Menschlichkeit,  des
Menschenrechtes  und  der  Menschenwürde  in  jedem  Menschen,  welches
auch  seine  Rasse,  seine  Farbe,  der  Grad  der  Entwicklung  seiner
Intelligenz  und  sogar  seiner  Moral  sei“ 8 ).  Er  sagt  daher  auch:
„Wirklich  frei  werde  ich  nur  durch  die  Freiheit  der  anderen.  .  .  .
Die  Freiheit  ergibt  sich  nicht  aus  der  Vereinzelung,  sondern  aus
Gegenseitigkeitsbeziehungen,  nicht  aus  der  Ausschließung,  sondern  im
Gegenteil  aus  der  Verbindung;  die  Freiheit  eines  jeden  Individuums
ist  nichts  anderes,  als  der  Widerschein  seiner  Menschlichkeit  oder
seines  Menschenrechtes  im  Bewußtsein  aller  freien  Menschen,  die
seine  Brüder,  seinesgleichen  sind 4 ).“  Dieser  Humanitätsgedanke,  der
von  Peoüdhon  den  späteren  Anarchisten  überliefert  worden  ist,  ist
Stienee  nicht  nur  fremd,  sondern  ist  gerade  eines  der  Phantome,  die
er  am  heftigsten  bekämpft  hat 5  6  * ).
Mit  dieser  Erhöhung  der  individuellen  Freiheit  geht  bei  den
politischen  Anarchisten,  wie  bei  Stienee,  der  Haß  gegen  jede  Autorität ­
  Hand  in  Hand.  Denn  jede  von  einem  Menschen  auf  einen
anderen  ausgeübte  Autorität  ist  eine  „Ausbeutung  des  Menschen
durch  den  Menschen“,  oder  eine  Verkleinerung  der  Menschlichkeit  im
Menschen.
Der  Staat  ist  die  Autorität,  die  alle  anderen  zusammenfaßt.
Auf  ihn  konzentriert  sich  daher  hauptsächlich  der  Haß  der  Anar-*)

  Bakünin,  CE  u  v  r  e  s,  I,  S.  105.
2 )  Angeführt  von  Eltzbacher,  op.  cit.,  S.  199.
3 )  Bakunin,  CBuvres,  I,  S.  281:  „Ich  bin  nur  dann  wahrhaftig  frei,  wenn  alle
menschlichen  Wesen  um  mich,  Männer  und  Frauen,  ebenfalls  frei  sind.  Die  Freiheit
der  Anderen,  weit  davon  entfernt,  eine  Begrenzung  oder  Verneinung  meiner  Freiheit
zu  sein,  ist  im  Gegenteil  ihre  notwendige  Bedingung  und  Bestätigung“  (Ebenda),
l )  Bakunin,  B.  I,  S.  277.
6 )  Der  Gedanke,  im  Menschen  die  Menschheit  zu  achten,  ist  einer  der  Gedanken,
die  Stirnek  am  heftigsten  kritisiert.  Er  nennt  Phoudhon  als  ihren  Vertreter.  Dieser
Gedanke  lag  auch  Feuekbach  besonders  am  Herzen,  der  überall  den  Begriff  des
Göttlichen  durch  den  des  Menschlichen  ersetzen  wollte.

45*
        <pb n="730" />
        708

Fünftes  Buch.  Die  Lehren  der  neuesten  Zeit.

düsten;  durch  seine  Einmischung  in  alle  menschlichen  Verhältnisse,
durch  seine  Gesetze,  die  die  Handlungen  der  Bürger  regeln,  durch
seine  Beamten,  die  sie  anwenden,  durch  seine  Armee,  die  sie  erzwingt, ­
  durch  seine  Gerichtshöfe,  die  sie  auslegen,  durch  seine  Priester,
die  die  Achtung  davor  predigen  und  durch  seine  Professoren,  die  sie
erklären  und  rechtfertigen,  ist  der  Staat  der  vornehmste  Träger  der
Ausbeutung  und  der  Unterdrückung 1 ).  Daher  ist  er  auch  für  die
Anarchisten  der  Erzfeind.  Der  Staat,  sagt  Bakunin,  ist  „die
Summe  der  Verneinungen  der  individuellen  Freiheiten  aller  seiner
Glieder“.  Er  ist  „ein  unabsehbarer  Begräbnisplatz,  auf  dem  sich
alle  Kundgebungen  des  individuellen  Lebens  opfern,  wo  sie  sterben,
und  begraben  werden“.  Er  ist  „die  ausgesprochene  Verneinung  der
Menschlichkeit“  2 ).  Wie  Bastiat,  und  dies  ist  nicht  die  letzte  Analogie, ­
  die  wir  zwischen  ihnen  finden  werden,  —  definiert  auch
Bakunin  den  Staat  auf  Grund  der  Tatsache,  daß  er  die  Macht  darstellt: ­
  „als  die  prahlende  Überhebung  und  trunkene  Narrheit  der
Gewalt“.  Dadurch  allein  ist  er  das  Böse  an  sich,  denn  der  Zweck
der  Menschheit  ist  die  Freiheit;  die  Gewalt  aber  ist  die  „ständige
Verneinung  der  Freiheit“ 8 ).
Als  notwendiger  Träger  der  Unterdrückung  ist  die  Regierung
auch  unweigerlich  der  Träger  der  Korruption.  Alles,  was  sie  berührt, ­
  verfault,  und  zu  allererst  ihre  eigenen  Vertreter.  „Der  beste,
der  intelligenteste,  der  warmherzigste,  der  reinste  Mensch  muß  unbedingt ­
  in  diesem  Beruf  verderbt  werden  ...  Jeder,  sei  es  politisch,
sei  es  wirtschaftlich  privilegierte  Mensch  ist  ein  geistig  und  moralisch ­
  verkommenes  Wesen.“  So  spricht  Bakunin 4 ),  und  für  Elisee
Reclus  „ist  es  ein  Naturgesetz,  daß  ein  jeder  Baum  seine  eigene
Frucht  trage,  und  daß  die  Blüten  und  Früchte  jeder  Regierung
sprunghafte  Launen,  Vergewaltigungen,  Wucher,  Gemeinheit,  Mord
*)  Auch  hier  hat  Pboudhon  das  Vorbild  geliefert:  „Wer  regiert  wird,“  sagt  er,
(Idee  generale  de  la  Revolution,  S.  341)  „wird  bei  jeder  Handlung,  jedem
Geschäft,  jeder  Bewegung  aufnotiert,  einregistriert,  nachgezählt,  taxiert,  gestempelt,
nachgemessen,  rubriziert,  abgeschätzt,  besteuert,  veranlagt,  autorisiert,  visiert,  ermahnt, ­
  behindert,  verbessert,  eingerenkt  und  korrigiert.  Unter  dem  Vorwände  des
öffentlichen  Nutzens  oder  des  Allgemeinwohls  wird  er  gebrandschatzt,  geschuhriegelt,
eingesperrt,  ausgebeutet,  monopolisiert,  konzessioniert,  ausgesogen,  mystifiziert  und
bestohlen;  bei  dem  geringsten  Widerstand,  bei  der  ersten  Klage  unterdrückt,
bestraft,  begeifert,  geärgert,  gehetzt,  angeschnauzt,  totgeschlagen,  entwaffnet,  geknebelt,
eingekerkert,  erschossen,  in  Stücke  gerissen,  abgeurteilt,  verurteilt,  deportiert,  geopfert,
verkauft  und  verraten;  und  damit  auch  nichts  fehle,  wird  er  betölpelt,  genasführt,
beschimpft,  geschmäht  und  entehrt.  Das  ist  die  Regierung,  das  ist  ihre  Gerechtigkeit ­
  und  ihre  Moral.“
2 )  Bakunin,  CEuvres,  B.  I,  S.  143,  227,  151.
3 )  Ebenda,  S.  228.
4 )  Ebenda,  B.  I,  S.  176;  B.  III,  S.  53.
        <pb n="731" />
        Kapitel  IV.  Die  Anarchisten.

709

und  Elend  sind“ 1 ).  —Der  Staat  demoralisiert  die  Regierenden;  aber
ebenso  demoralisiert  er  auch  die  Regierten  und  stets  ans  dem
gleichen  Grunde.  Verursacht  er  doch  „sogar  wenn  er  das  Gute  verordnet“, ­
  in  Wirklichkeit  das  Böse;  denn  „das  Gute,  sobald  es  verordnet ­
  wird  .  .  .  wird  zum  Übel.  Die  Freiheit,  die  Moralität  und
die  menschliche  Würde  bestehen  gerade  darin,  daß  der  Mensch  das
Gute  nicht  deshalb  tue,  weil  es  ihm  befohlen  wird,  sondern  w r eil  er
es  versteht,  will  und  liebt“  s ).
Daher  ist  auch  die  Form  der  Regierung  ohne  große  Bedeutung.
Absolute  oder  konstitutionelle  Monarchie,  demokratische  oder  aristokratische ­
  Republik,  Regierung  auf  Grund  eines  allgemeinen  oder  eines
beschränkten  Wahlrechtes,  sie  haben  alle  den  gleichen  Wert,  denn
alle  setzen  den  Staat  voraus.  Die  Autorität,  sei  es  die  einer  Majorität
oder  die  eines  Despoten,  bleibt  stets  Autorität;  stets  ein  fremder
Wille,  der  den  meinen  unterjocht.  Der  große  Fehler  aller  Revolutionen
war  eben  der,  eine  Regierung  nur  gestürzt  zu  haben,  um  sie  sogleich
durch  eine  andere  zu  ersetzen.  Die  einzige  wahre  Revolution  wird
die  sein,  die  gerade  die  Tatsache  der  Regierung  an  sich  —  das
Prinzip  der  Autorität  selbst  —  vernichtet.
AVenn  man  den  Staat,  den  naturnotwendigen  Unterdrücker,  etwas
eingehender  untersucht,  so  bemerkt  man,  daß  er  nur  das  Instrument
einer  noch  tiefer  liegenden  Unterdrückung  ist:  nämlich  die  der  Besitzlosen ­
  durch  die  Besitzenden.  Hatte  nicht  Adam  Smith  schon  wörtlich
gesagt:  „die  Zivilregierung  ...  ist  in  Wirklichkeit  eingerichtet,  um
die,  die  etwas  besitzen  gegen  die,  die  nichts  besitzen,  zu  verteidigen“ *  2  3 )?
Dieser  Gedanke  ist  von  den  Anarchisten  in  Hunderten  von  Variationen
ausgelegt  worden.
Nach  Keopotkin  lassen  sich  alle  Gesetze  in  drei  Kategorien
teilen:  ihr  Zweck  ist  entweder  der  Schutz  der  Personen,  der  Schutz
der  Regierung  oder  der  Schutz  des  Eigentums 4 )-  In  Wirklichkeit
hätte  er  sie  aber  alle  in  dieser  letzten  Klasse  zusammenfassen  können;
denn  in  den  Augen  der  Anarchisten  beruhen  die  Delikte  gegen  Per!) ­
  L’Bvolution,  la  Revolution  et  Pideal  anarchique,  S.  164.
2 )  Bakunin,  (Euvres,  B.  I,  S.  280.
3 )  Vgl.  oben  Seite  88,  Anm.  2,  Ende  des  ersten  Absatzes  auf  Seite  89:  „Die
bürgerliche  Regierung  ist,  insofern  sie  zur  Sicherung  des  Eigentums
eingeführt  ward“,  usw.,  hat  Adam  Smith  allerdings  gesagt,  was  zu  der  Annahme
berechtigt,  daß  dies  in  den  Augen  des  großen  Volks  Wirtschaftlers  nicht  ihr  ausschließlicher ­
  Zweck  war.  Aber  auf  jeden  Fall  war  es  eine  ihrer  Hauptaufgaben.
*)  Kropotkin,  Paroles  d’un  Revolte,  S.  236.  „Wenn  man  die  Millionen
Gesetze  studiert,  die  die  Menschheit  regieren,  so  läßt  sich  leicht  bemerken,  daß  sie
in  drei  große  Klassen  eingeteilt  werden  können:  Schutz  des  Eigentums,  Schutz  der
Regierung,  Schutz  der  Person.  Wenn  man  nun  diese  drei  Kategorien  analysiert,
gelangt  man  in  Hinsicht  auf  eine  jede  von  ihnen  zu  dem  logischen  und  notwendigen
Schluß:  Nutzlosigkeit  und  Schädlichkeit  des  Gesetzes.“
        <pb n="732" />
        710

Fünftes  Buch.  Die  Lehren  der  neuesten  Zeit.

sonen  zumeist  auf  dem  Elend  —  indirekt  also  auf  dem  Eigentum  r )  —,
und  da  die  wesentliche  Funktion  der  Kegiernng  der  Schutz  des
Eigentums  ist,  so  sind  die  Gesetze,  die  sie  beschützen,  hauptsächlich
Gesetze  zum  Schutze  des  Besitzes.
Das  Eigentum  nun  —  und  in  diesem  Punkt  begnügen  sich  die
Anarchisten  damit,  die  Kritik  der  Sozialisten  unverändert  zu  übernehmen ­
  *  2 )  —  ist  nichts  anderes  als  die  Organisation  der  Ausbeutung,
indem  eine  Minderheit  von  Besitzern  durch  sie  die  Massen  in  einer
.ewigen  Versklavung  hält,  und  sie  dazu  zwingt,  für  ein  Spottgeld  zu
arbeiten,  während  sie  selbst  sich  die  Muße,  die  Annehmlichkeiten
des  Luxus  und  der  Kultur  und  alle  Wohltaten  der  Zivilisation  vorbehält. ­
  Das  Privateigentum  ist  das  Privilegium  par  excellence,  von
dem  alle  anderen  abstammen.  Der  Staat  ist  weiter  nichts  als  die
Schutzmauer  des  Eigentums.  „Ausbeutung  und  Kegierung,“
5 )  „Die  Gesellschaft  fabriziert  selbst  jeden  Tag  Wesen,  die  unfähig  sind,  ein
ehrliches  Leben  der  Arbeit  zu  führen,  Wesen,  die  mit  antisozialen  Gefühlen  getränkt
sind.“  Kkopoikin,  angeführt  von  Bltzbacher,  op.  cit.  S.  221.  „Da  die  Organisation ­
  der  Gesellschaft  stets  und  überall  die  einzige  Ursache  der  von  den  Menschen
verübten  Verbrechen  ist,  so  ist  es  eine  Heuchelei  oder  eine  klare  Widersinnigkeit
von  seiten  der  Gesellschaft,  die  Verbrecher  zu  bestrafen,  denn  eine  jede  Strafe  setzt
die  Schuld  voraus,  und  die  Verbrecher  sind  niemals  schuldig  .  .  .  Wir  leugnen  den
freien  Willen  und  das  angebliche  Kecht  der  Gesellschaft,  Strafen  zu  verhängen  .  .  .
Jedes  menschliche  Individuum  ist  das  unwillkürliche  Produkt  eines  natürlichen  und
sozialen  Milieus,  in  dem  es  geboren  worden  ist,  sich  entwickelt  hat,  und  dessen
Einfluli  fortgesetzt  auf  ihm  lastet.  Die  drei  groben  Ursachen  der  menschlichen
Iramoralität  sind:  Ungleichheit,  sowohl  im  politischen  wie  im  wirtschaftlichen  und
sozialen  Sinne;  Unwissenheit,  die  sich  mit  Naturnotwendigkeit  daraus  ergibt,  und  ihre
notwendige  Folgeerscheinung:  Sklaverei“  (Bakunin,  Programme  de  l’Alliance
im  Social-politischen  Briefwechsel,  S.  332—333).
„Das  Eigentum  und  das  Elend  sind  die  großen  Grundursachen  der  Verbrechen  ...
Wenn  nun  die  schlechte  soziale  Organisation  die  Grundursache  der  Verbrechen  ist,  so
müssen  sie  mit  ihr  verschwinden“  (Jean  Grave,  La  Societe  future  S.  137—138).
2 )  „Muß  man  denn“,  sagt  Bakunin,  „die  unwiderstehlichen  Argumente  des
Sozialismus  wiederholen,  Argumente,  deren  Zerstörung  bisher  keinem  bürgerlichen
Volkswirtschaftler  gelungen  ist?  Was  ist  denn  das  Eigentum,  was  ist  denn  das
Kapital  in  ihrer  heutigen  Form?  Für  den  Kapitalisten  und  für  den  Eigentümer ­
  ist  es  die  vom  Staate  garantierte  und  beschützte  Macht  und  das  Eecht,  ohne
Arbeit  zu  leben;  und  da  weder  das  Eigentum  noch  das  Kapital  auch  nur  das  geringste
erzeugen,  wenn  sie  nicht  durch  die  Arbeit  befruchtet  sind,  so  bedeutet  dies  die
Macht  und  das  Eecht,  von  der  Arbeit  anderer  zu  leben,  die  Arbeit  derer  auszubeuten,
die,  ohne  Eigentum  und  ohne  Kapital,  gezwungen  sind,  ihre  produktiven  Kräfte  den
glücklichen  Besitzern  des  einen  oder  des  anderen  zu  verkaufen“  (CEuvres,  B.  III,
S.  191).  Vgl.  auch  Kropotkin,  La  Conquete  du  Pain:  „Häuft  nur  die  Beispiele,
wählt  sie  aus  wo  ihr  wollt;  denkt  einmal  nach  über  den  Ursprung  all  der  großen
und  kleinen  Vermögen,  ob  sie  nun  vom  Handel,  der  Bank,  der  Industrie  oder  dem
Boden  herkommen.  Überall  werdet  ihr  feststellen,  daß  der  Reichtum  der  einen  aus
dem  Elend  der  anderen  besteht.“  S.  56.  Dieser  Satz  faßt  eine  ganze  lange,  vorhergehende ­
  Beweisführung  zusammen.
        <pb n="733" />
        Kapitel  IV.  Die  Anarchisten.

711

sagt  Bakunin,  „von  denen  die  erste  die  Mittel  zum  Begieren  gibt
und  die  notwendige  Basis,  wie  auch  den  Zweck  einer  jeden  Regierung
vorstellt,  die  ihrerseits  wieder  die  Macht  der  Ausbeutung  garantiert
und  gesetzlich  festlegt,  sind  die  unvermeidlichen  Bezeichnungen  für
all  das,  was  man  Politik  nennt 1 ).“  „Die  Erfahrung  zeigt,“  sagte
schon  Peoudhon *  2 ),  „daß  überall  und  stets  eine  jede  Regierung,  wie
volkstümlich  sie  auch  am  Anfang  gewesen  sei,  sich  für  die  aufgeklärtere ­
  und  reichere  Klasse  und  gegen  die  ärmere  und  zahlreichere
Klasse  entschieden  hat 3 ).“
Welche  Ordnung  des  Eigentums  wird  nun  die  Arbeiter  von  der
Ausbeutung  durch  die  Besitzenden  befreien  und  so  die  Einrichtung
des  Staates  unnötig  machen?  Dies  ist  eine  Frage,  über  die  die  Anarchisten ­
  nicht  einig  sind.  Wie  man  sich  erinnern  wird,  hatte  Peoudhon
gehofft ?  durch  seine  Tauschbank  das  Eigentum  in  den  bloßen  Besitz
zu  verwandeln.  Bakunin  im  Gegenteil  steht  unter  dem  Einfluß  der
marxistischen  Ideen  und  tritt  für  den  Kollektivismus  ein.  Die  Arbeitsmittel ­
  und  der  Boden  werden  von  der  Gemeinschaft  in  Besitz  genommen ­
  ;  sie  können  nur  von  den  Arbeitern  benutzt  werden,  die,  in
industriellen  oder  landwirtschaftlichen  Assoziationen  vereinigt,  gemäß
ihrer  Arbeit  entlohnt  werden 4  *  6 ).  Bei  Keopotkin  jedoch  wird  das
anarchistische  Ideal  rein  kommunistisch.  Die  kollektivistische  Unterscheidung ­
  zwischen  Arbeitsmitteln  und  Gebrauchsgegenständen  scheint
ihm  völlig  müßig.  Sind  die  Nahrung,  die  Kleidung,  die  Feuerung
für  den  Arbeiter  nicht  ebensoviele  zur  Arbeit  notwendige  Bedingungen,
ja  vielleicht  in  noch  höherem  Grade,  als  Werkzeuge  und  Maschinen?
Wozu  daher  diese  Haarspalterei?  Die  Gesamtheit  der  sozialen  Hilfsmittel ­
  muß  der  Gesamtheit  der  Arbeitenden  zur  Verfügung  stehen 8 ).
Aber  der  Staat  und  das  Eigentum  erschöpfen  noch  nicht  die
Liste  der  tyrannischen  Bedrückungen.  Die  Freiheit  des  Individuums
verträgt  sich  ebensowenig  mit  unwiderruflichen  Gelöbnissen,  mit
Versprechungen,  die  den  zukünftigen  Willen  des  Menschen  auf  Grund
seines  heutigen  Willens  für  immer  binden,  wie  mit  der  Unterwerfung
unter  eine  außer  ihm  stehende  Autorität.  Die  heutige  Ehe  ist  der
Typus  dieser  unwiderruflichen  Gelöbnisse.  An  ihre  Stelle  muß  die
*)  Bakunin,  (Euvres,  Bd.  I,  S.  324.
2 )  Peoudhon,  Idee  generale  de  la  Revolution,  S.  119.
s )  „Das  Gesetz  ...  ist  weiter  nichts  als  ein  Instrument  zur  Aufreehterhaltung
der  Ausbeutung  und  der  Herrschaft  der  reichen  Müßiggänger  über  die  arbeitenden
Massen  ...  Es  hat  nur  eine  Aufgabe:  die  Aufreehterhaltung  der  Ausbeutung“
(Keopotkin,  Paroles  d’un  Revolte,  S.  235).
4 )  Bakunin,  Programme  de  l’alliance  internationale  de  la  demo.
cratie  socialiste  als  Anhang  zum  Sozial-politischen  Briefwechsel  abgedruckt ­
  S.  389.
6 )  Keopotkin,  Conqu6te  du  Pain,  S.  61—62.
        <pb n="734" />
        712

Fünftes  Buch.  Die  Lehren  der  neuesten  Zeit.

freie  Verbindung  treten,  eine  Verbindung,  die  freiwilig  eingegangen
und  freiwillig  fortgesetzt  wird,  die  einzige  Form  der  Ehe,  die  mit  der
Würde  und  der  Gleichheit  zwischen  Mann  und  Weib  vereinbar  ist 1 ).
Der  freie  Vertrag  an  Stelle  eines  aufgezwungenen  Gesetzes  ist  übrigensdie
  einzige  allgemeine  Form  einer  Verpflichtung,  die  die  Anarchisten
anerkennen:  freier  Vertrag  zwischen  Mann  und  Weib,  zwischen  Individuum ­
  und  Genossenschaft,  freie  Verträge  zwischen  Genossenschaften
in  bezug  auf  gemeinsame  Aufgaben,  freie  Verträge  zwischen  den  Gemeinden ­
  und  den  Bezirken  eines  Landes  und  zwischen  verschiedenen
Ländern.  Diese  Verpflichtungen  sind  aber  stets  widerruflich;  sie
dürfen  nicht  zu  einer  neuen  Kette  werden,  die  der  Mensch  sich  selbst
auferlegt.  Denn  jeder  Vertrag,  sobald  er  nicht  mehr  durch  die  freiwillige ­
  und  beständig  zu  erneuernde  Zustimmung  der  beiden  Parteien
aufrecht  erhalten  wird,  wird  tyrannisch,  wird  drückend  und  steht  im
Gegensatz  zu  der  menschlichen  Freiheit.  „Weil  Ich  gestern  ein  Narr
war,“  fragt  Stienee,  „müßte  Ich’s  zeitlebens  bleiben?“ 1  2  3 )  und  in
diesem  Punkte  stimmen  Bakunin,  Keopotkin,  Reclus,  Jean  Geave,
wenn  nicht  Peoudhon,  durchaus  mit  ihm  überein.
Jedoch  —  und  diese  Bemerkung  entbehrt  nicht  der  Bedeutung,
denn  sie  zeigt  recht  augenfällig  das  ganze  naive  Vertrauen  dieser
Schriftsteller,  —  das  anarchistische  Ideal  ist  keineswegs  die  Herrschaft ­
  der  unumschränkten  Laune.  Man  würde  sich  sogar  sehr
täuschen,  wenn  man  es  so  auffassen  wollte.
Diese  vernichtende  Kritik  aller  Autoritäten  läßt  nämlich  eine  in
Geltung,  die,  mag  sie  noch  so  abstrakt  sein,  deshalb  doch  nicht
weniger  gebieterisch  dasteht:  die  Autorität  der  Vernunft  oder  der
Wissenschaft.  „Die  Herrschaft  der  Vernunft“  ist  einer  der  wesentlichen ­
  Bestandteile  der  anarchistischen  Gesellschaft  Peoudhon’s  s ).
Das,  was  Peoudhon  Vernunft  nennt,  nennt  Bakunin  Wissenschaft, ­
  vor  der  er  sich  nicht  weniger  ehrerbietig  verneigt.  Er

1 )  „Jawohl,  die  Anarchisten  wollen  die  freie  Ehe,  die  nur  auf  gegenseitiger
Zuneigung,  Selbstachtung  und  Achtung  der  Würde  anderer  beruht,  und  in  diesem
Sinne  sind  sie,  so  liebevoll  und  hingehend  sie  auch  für  die  sein  mögen,  deren  Leben
mit  dem  ihren  verbunden  ist,  doch  Feinde  der  Familie“  Blis£e  Eeclds,  op.  eit,
S.  145—146.
2 )  Der  Einzige  und  sein  Eigentum,  S.  200.
3 )  Vgl.  Idee  generale  de  la  Revolution,  S.  281  und  S.  342:  „Die
Revolution  folgt  auf  die  Offenbarung.  Die  Vernunft,  von  der  Erfahrung  unterstützt,
zeigt  dem  Menschen  die  Gesetze  der  Natur  und  der  Gesellschaft  und  sagt  ihm  dann:
diese  Gesetze  beruhen  auf  der  Notwendigkeit  selbst  Kein  Mensch  hat  sie  gemacht;
Niemand  zwingt  sie  dir  auf.  Nach  und  nach  sind  sie  entdeckt  worden,  und  ich  bestehe
nur  deshalb  darauf,  um  für  sie  zu  zeugen.  Wenn  Du  ihnen  folgst,  wirst  du  gerecht
und  gut  sein.  Wenn  du  sie  verletzest,  ungerecht  und  böse.  Einen  anderen  Beweggrund ­
  schlage  ich  dir  nicht  vor.“
        <pb n="735" />
        Kapitel  IV.  Die  Anarchisten.

713

sagt:  „Wir  erkennen  die  absolute  Autorität  der  Wissenschaft  an;
gegenüber  den  Naturgesetzen  gibt  es  für  den  Menschen  nur  eine
einzige  Möglichkeit,  frei  zu  sein,  nämlich  sie  anzuerkennen  und  sie
immer  mehr  und  mehr  auzuwenden  .  .  .  Man  muß  z.  B.  ein  Narr,
oder  ein  Theologe,  oder  zum  wenigsten  ein  Metaphysiker,  Jurist  oder
bürgerlicher  Volkswirtschaftler  sein,  um  sich  gegen  das  Gesetz  aufzulehnen, ­
  daß  2  und  2  gleich  4  ist.“  Höchstens  kann  der  Mensch  in
dieser  Hinsicht  das  Eecht  beanspruchen,  den  natürlichen  Gesetzen
nur  zu  gehorchen  „weil  er  sie  selbst  als  solche  erkannt  hat  und
nicht,  weil  sie  ihm  von  außen  durch  einen  fremden  Willen  aufgezwungen ­
  worden  sind“  *).
Und  wie  Baktjnin  sich  der  Wissenschaft  beugt,  beugt  er  sich
auch  der  technischen  und  wissenschaftlichen  Zuständigkeit.  „Wenn
es  sich  um  Stiefel  handelt,  vertraue  ich  der  Autorität  des  Schuhmachers; ­
  wenn  es  sich  um  ein  Haus  handelt,  einen  Kanal  oder  eine
Eisenbahn,  ziehe  ich  den  Architekten  oder  den  Ingenieur  zu  Rate“...
Aber  das,  was  er  in  ihnen  achtet,  ist  nicht  ihre  Funktion,  sondern
ihre  Wissenschaft,  ist  nicht  der  Mensch,  sondern  sein  Wissen.  „Ich
lasse  mir  weder  den  Schuhmacher,  noch  deu  Architekten,  noch  auch
den  Gelehrten  aufzwingen.  Frei  höre  ich  sie  an  und  mit  aller  Achtung, ­
  die  ihre  Intelligenz,  ihr  Charakter,  ihr  Wissen  verdient,  indem
ich  mir  jedoch  stets  mein  unantastbares  Eecht  der  Kritik  und  der
Kontrolle  Vorbehalte 2 ).“  Bakukin  zweifelt  nicht  daran,  daß  die  Mehrzahl ­
  der  Menschen  sich  gern  und  freiwillig  dieser  natürlichen  Autorität
der  Wissenschaft  beugt.  Mit  Descaetes  glaubt  er,  und  drückt  es
fast  in  den  gleichen  Worten 8 )  aus,  daß  „der  gesunde  Menschenverstand ­
  das  ist,  was  sich  am  Weitesten  in  der  Welt  verbreitet  findet“.
Der  gesunde  Menschenverstand  ist  nun  nichts  anderes  als  „die
Summe  der  allgemein  anerkannten  Gesetze“.  Gleich  den  Physiokraten
glaubt  er  an  die  Evidenz  der  natürlichen  Gesetze,  deren  Herrschaft
er  von  ganzem  Herzen  herbeisehnt.  Wie  sie  glaubt  auch  er,  daß
„ein  weitherziges  System  der  Volkserziehung  und  des  Volksunterrichtes“ ­
  es  erreichen  wird,  daß  sie  von  allen  erkannt  und  angenommen
werden.  Mit  dem  Tage,  an  dem  sie  so  „in  das  Bewußtsein  aller
Menschen  eingedrungen  sein  werden,  wird  auch  die  Frage  der  Freiheit
vollständig  gelöst  sein“ 4 ).  Wieder,  wie  schon  öfter,  bemerken  wir
diesen  Nachklang  des  optimistischen  Rationalismus  des  18.  Jahr-*)

  Bakünik,  (Buvres,  Bd.  III,  S.  51.
2 )  Ebenda,  S.  55.
3 )  „Im  allgemeinen  kann  man  sagen,  daß  die  große  Menge  der  Menschen  sich
in  ihrem  täglichen  Leben  fast  vollständig  vom  gesunden  Menschenverstände  leiten
läßt“  ((Buvres,  Bd.  III,  S.  50).
4 )  Bakunin,  (Buvres,  Bd.  III,  S.  51.
        <pb n="736" />
        :714

Fünftes  Buch.  Die  Lehren  der  neuesten  Zeit.

-hunderts,  diesen  den  Anarchisten  und  den  Liberalen  gemeinsamen
Glauben  an  den  „vernunftbegabten  Menschen“.  Bakunix  unterscheidet
; sich  von  den  Physiokraten  nur  durch  seinen  Haß  gegen  den  Despoten,
den  jene  herbeisehnten.
Eine  Gesellschaft  freier,  durchaus  autonomer  Menschen,  von  denen
jeder  nur  sich  selbst  gehorcht,  und  die  sich  alle  in  gleicher  Weise
der  Vernunft  und  der  Wissenschaft  unterwerfen  das  ist  also  das
Ideal,  das  die  Anarchisten  uns  vorschlagen,  ein  Ideal,  dessen  Voraussetzung ­
  der  Umsturz  aller  bestehenden  Autoritäten  ist.  „Weder
Gott,  noch  Herr,“  schließt  Jean  Guave  ,  „nur  seinem  eigenen  Willen
gehorcht  ein  Jeder 1 ).“
§  3.  Die  gegenseitige  Hilfe  und  die  anarchistische
Auffassung  von  der  Gesellschaft.
Auf  den  ersten  Blick  scheint  eine  derartige  Auffassung,  die  die
Individualität  eines  jeden  auf  den  Schild  erhebt,  und  die  vollständige
Selbstherrlichkeit  jedes  Individuums  proklamiert,  die  Gesellschaft  in
ebenso  viele  unabhängige  Persönlichkeiten  zu  atomisieren.  Alle  sozialen
Bande  lösen  sich.  Es  bleiben  weiter  nichts  als  nebeneinander  stehende
Individuen  übrig.  Die  Gesellschaft,  das  „Kollektivwesen“  verschwindet“.
Eine  derartige  Auslegung  des  anarchistischen  Ideals  würde  aber
durchaus  falsch  sein.  Es  gibt  im  Gegenteil  keine  Lehre,  in  der  die
Worte  Solidarität  und  Brüderlichkeit  häufiger  wiederkehren.  Das
individuelle  und  das  soziale  Glück  sind  hier  untrennbar.  Die  Gesellschaft ­
  Hobbes’  und  Stirner’s,  in  der  ein  jeder  Mensch  der  Feind,
der  Tyrann  aller  anderen  ist,  erregt  ihren  Abscheu.  Sie  ist  nur  ein
Abbild  der  heutigen  Gesellschaft.  Der  Mensch  ist  in  ihren  Augen
vor  allen  Dingen  ein  im  höchsten  Maße  soziales  Wesen.  Das  Individuum ­
  und  die  Gesellschaft  sind  zwei  sich  ergänzende  Begriffe,  die
man  sich  nicht  ohne  einander  vorstellen  kann.
Niemand  hat  diesen  sozialen  Charakter  des  Menschen  besser
ausgedrückt,  und  vielleicht  sogar  stärker  empfunden,  als  Bakunin.
Wir  müssen  ihn  nochmals  anführen.  „Beginnen  wir  damit,“  sagt  er,
„ein  für  allemal  das  einzelne  oder  absolute  Individuum  der  Idealisten
aus  dem  Wege  zu  räumen.  Dieses  Individuum  ist  ebenso  eine  Fiktion,
wie  der  Begriff  von  Gott *  2 ).  .  .  .  Die  Gesellschaft  geht  dem  Indir
viduum  voraus  und  überlebt  es,  genau  wie  die  Natur;  wie  die  Natur
ist  sie  ewig,  oder  vielmehr,  von  der  Erde  geboren,  wird  sie  so  lang
dauern,  wie  unsere  Erde  selbst 3 ).  .  .  .  Der  Mensch  wird  nur  zum

*)  La  Societe  future,  S.  303.
2 )  Bakunin,  (Euvres,  Bd.  I,  S.  298.
3 )  Bakunin,  (Euvres,  Bd.  I,  S.  286.
        <pb n="737" />
        Kapitel  IV.  Die  Anarchisten.

715

Menschen  und  gelangt  nur  insoweit  zu  dem  Bewußtsein  und  der  Verwirklichung ­
  seines  Menschtums,  wie  er  in  der  Gesellschaft  lebt  und
den  kollektiven  Einfluß  der  ganzen  Gesellschaft  auf  sich  wirken  läßt.
Er  befreit  sich  von  dem  Joch  der  äußeren  Natur  nur  durch  die
kollektive  und  soziale  Arbeit,  die  allein  imstande  ist,  die  Oberfläche
der  Erde  zu  einem  der  Entwicklung  der  Menschheit  günstigen  Aufenthaltsort ­
  umzugestalten.  Er  kann  sich  von  dem  Joch  seiner  eigenen
Natur  nicht  befreien;  d.  h.  er  kann  die  Instinkte  und  Bewegungen
seines  eigenen  Körpers  der  Leitung  seines  Geistes  nur  in  dem  Maße
unterwerfen,  wie  dieser  durch  Erziehung  und  Unterricht  entwickelt
wird:  beides  sind  aber  durchaus  soziale  Dinge.  Ohne  die  Gesellschaft
würde  der  Mensch  ewig  ein  wildes  Tier  geblieben  sein 1 ).“
Peoudhon  wie  Keopotkin,  beide  betonen  immer  wieder  mit
gleichem  Nachdruck:  das  Gesellschafts  wesen  ist  wirklich;  die  Gesellschaft ­
  ist  älter  als  das  Individuum,  ist  mindestens  gleichzeitig  mit
ihm  entstanden.  Nur  einige  anarchistische  Schriftsteller,  wie  z.  B.
Jean  Gkave,  scheinen  die  alte  und  unfruchtbare  Gegenüberstellung
von  Individuum  und  Gesellschaft  aufrecht  halten  zu  wollen,  den  Begriff ­
  einer  Gesellschaft,  die  sich  aus  Individuen  aufbaut  wie  ein
Haus  aus  Ziegelsteinen.
Besteht  aber  zwischen  diesem  Gedanken  und  der  früheren  Proklamierung
  der  individuellen  Autonomie  kein  Widerspruch?  Wie  kann
man  gleichzeitig  das  soziale  Leben  preisen  und  die  Abschaffung  aller
traditionellen  Bande  verlangen *  2 )?
*)  Bakunin,  (E  u  y  r  e  s,  Bd.  I,  S.  277.
2 )  Koch  auf  seinem  Sterbebett  erklärte  Bakunin  seinem  Freunde  Reichel:
„Unsere  ganze  Philosophie  geht  von  einer  falschen  Grundlage  aus!  Beginnt  sie  doch
immer  damit,  den  Menschen  als  Individuum  zu  betrachten,  und  nicht,  wie  sie  es
doch  sollte,  als  ein  Wesen,  das  einer  Gemeinschaft  angehört.“  (Angeführt  von
Guillaumb,  Vorwort  z.  Band  II  der  (Euvres,  S.  LX.)  —  Inseiner  Philosophie
du  Progres  (CEuvres  Bd.  XX,  S.  36—38)  schreibt  Pkoudhon:  „Alles,  was  die
Vernunft  weiß  und  behauptet,  ist,  daß  das  Wesen  ebenso  wie  die  Idee  nur  eine
Gruppe  ist,  .  .  .  Alles,  was  besteht,  ist  gruppiert,  alles,  was  eine  Gruppe  bildet
ist  Eins,  ist  folglich  wahrnehmbar,  und  IST  daher  .  .  .  Außerhalb  der  Gruppe  gibt
es  nur  Abstraktionen  und  Phantome.  Auf  Grund  dieser  Auffassung  des  W  e  s  e  n  s
im  allgemeinen  .  .  .  halte  ich  es  für  möglich,  die  positive  Wirklichkeit  und  bis  zu
einem  gewissen  Punkte  die  Ideen  (die  Gesetze)  des  sozialen  Ich  und  der  Mensohengruppe'zn
  beweisen,  und  über  und  außerhalb  unserer  individuellen  Existenz  das
Dasein  einer  höheren  Individualität  des  kollektiven  Menschen  festzustellen  und  kund
zu  tun.“  Die  Ausführung  der  gleichen  Idee  findet  sich  noch  an  verschiedenen
anderen  Stellen,  z.  B.  in  dem  Petit  Catechisme  politique,  der  den  Schluß  des
ersten  Bandes  der  Justice  dans  la  Revolution  usw.  bildet,  wie  auch  in  der
Idee  generale  de  la  Revolution.
Nach  Khopotkin  hat  der  Mensch  niemals  anders  als  in  Gesellschaft  gelebt.
«Soweit  wir  in  der  Paläo-Ethnologie  der  Menschheit  znrückgehen  können,  finden
wir  Menschen,  die  in  Gesellschaft  leben  —  in  Stämmen,  ähnlich  denen  der  höchsten
        <pb n="738" />
        716

Fünftes  Buch.  Die  Lehren  der  neuesten  Zeit.

Diese  scheinbare  Antinomie  läßt  sich  leicht  durch  eine  Unterscheidung ­
  beseitigen,  die  der  Anarchismus  wieder  dem  Liberalismus
entlehnt  hat:  die  Unterscheidung  zwischen  Gesellschaft  und  Regierung
  —  die  Gesellschaft:  ein  selbständiges  und  lebensnotwendiges
Gebilde;  die  Regierung:  ein  künstliches  und  parasitisches  Organ,  das
sich  der  Gesellschaft  aufgedrängt  hat  und  sie  aufzusaugen  sucht 1 ).
Nur  hatten  sich  die  Liberalen  seit  Adam  Smith  begnügt,  diese  Unterscheidung ­
  auf  die  wirtschaftlichen  Einrichtungen  anzuwenden.  Die
Anarchisten  beziehen  sie  auf  die  Gesamtheit  der  sozialen  Einrichtungen. ­
  Nicht  nur  das  wirtschaftliche  Leben,  sondern  das  soziale
Leben  unter  allen  seinen  Erscheinungsformen  stammt  aus  einem  tief
menschlichen  Instinkt:  dem  Instinkt  der  Soziabilität,  der  Solidarität,
der  die  Menschen  dazu  treibt,  mit  ihresgleichen  zusammenzuarbeiten,
einander  zu  helfen  und  untereinander  Gruppen  zu  bilden.  Keopotkin
hat  diesen  Instinkt  gegenseitige  Hilfe  genannt  (Mutual  aid) 2 ).
Er  ist  dem  Menschen  ebenso  natürlich  und  für  die  Erhaltung  der
Arten  sogar  notwendiger,  als  der  Kampf  ums  Dasein.  Schon  heute
ist  es  nicht  der  Zwang,  der  das  gemeinsame  Leben  kittet  und  die

Säugetiere“  (Gegenseitige  Hilfe  S.  71—72).  „Der  Mensch  hat  nicht  die  Gesellschaft ­
  geschaffen,  die  Gesellschaft  war  vor  dem  Menschen“,  sagt  er  an  anderer
Stelle  (The  State;  its  historic  role,  Brosch.  London,  1898,  S.  6).  Jean  Geave  dagegen ­
  schreibt:  „Das  Individuum  war  vor  der  Gesellschaft  .  .  .  Zerstört  das  Individuum, ­
  und  es  gibt  keine  Gesellschaft  mehr.  Wenn  die  Vergesellschaftung  sich
auflöst,  wenn  die  Individuen  vereinzelt  leben,  so  werden  sie  schlecht  leben,  zum
wilden  Zustand  zurückkehren  und  ihre  Fähigkeiten  werden,  anstatt  fortzuschreiten,
sich  zurfickentwickeln,  aber  schließlich  werden  sie  doch  fortfahren,  zu  existieren“
(La  sooiete  future,  S.  160  und  162),  Diese  Auffassung  Jean  Grave’s  ist  ihm
durchaus  persönlich  und  stimmt  mit  der  Lehre  der  wirklichen  Gründer  der  Theorie
Bakunin,  Keopotkin,  Peoudhon  nicht  überein.  —  Übrigens  ist  es  klar,  daß  diese
letzteren  der  Wahrheit  viel  näher  kommen,  denn  es  ist  ebenso  unmöglich,  das  Individuum ­
  ohne  die  Gesellschaft,  als  die  Gesellschaft  ohne  das  Individuum  zu  begreifen. ­
  Das  Individuum  ist,  wie  Bakunin  sehr  richtig  sagt,  eine  Fiktion,  oder,  wie
Walhas  sich  ausdrückt,  eine  Abstraktion.  Viele  wird  es  einige  Mühe  kosten,
diesen  Gedanken  anzuerkennen,  doch  ist  er  trotzdem  der  einzige,  der  mit  den  Tatsachen ­
  der  Geschichte  und  der  Naturgeschichte  übereinstimmt.  Man  kann  sich  das
Individuum  außerhalb  der  Gesellschaft  ebensowenig  vorstellen  wie  einen  Fisch  außer
Wasser.  Ohne  Wasser  bleibt  der  Fisch  zwar  immer  noch  ein  Fisch,  aber  doch  nur
ein  .  .  .  toter  Fisch.
*)  Bastiat  spricht  von  dem  „Irrtum,  der  der  verderblichste  ist,  der  jemals  die
Wissenschaft  behaftet  habe,  und  der  darin  besteht,  die  Gesellschaft  und  die  Regierung
zu  verwechseln“;  er  stellt  das  Problem  der  Rolle  des  Staates  wie  folgt  hin:  „in
den  großen  Kreis,  der  sich  Gesellschaft  nennt,  den  Kreis  entsprechend  einzuzeichnen,
der  sich  Regierung  nennt“  (Harmonies,  S.  539  und  540).  Dunoyeb  drückt
an  verschiedenen  Stellen  den  gleichen  Gedanken  aus.
2 )  Dies  ist  der  Titel  des  englischen  Buches  Kbopotkin’s,  das  ins  Französische  unter
dem  Namen;  L’Entr’aide  (Paris.  1906)  und  ins  Deutsche  unter  dem  Namen:
Gegenseitige  Hilfe  (Leipzig,  1908)  übersetzt  worden  ist.
        <pb n="739" />
        Kapitel  IV.  Die  Anarchisten,

717

wirkliche  Verbindung  der  Menschen  untereinander  ausmacht,  wie  dies
die  Privilegierten  sich  vorstellen,  der  Zwang  (der  nur  notwendig  ist,
um  ihre  Privilegien  zu  verteidigen),  sondern  gerade  dieser  tiefe
Instinkt  der  gegenseitigen  Hilfe  und  des  wechselseitigen  Verstehens,
dessen  Macht  und  Kraft  man  verkennt.  „In  der  menschlichen  Natur“,
sagt  Kropotkin,  „gibt  es  einen  Kern  sozialer  Gewohnheiten,  ein  Erbe
der  Vergangenheit,  das  man  noch  nicht  gebührend  gewürdigt  hat;
diese  Gewohnheiten  beruhen  nicht  auf  Zwang;  sie  sind  stärker  als
jeder  Zwang 1 ).“
Weit  davon  entfernt,  diesen  sozialen  Instinkt  zu  schaffen,  setzen
die  Gesetze  ihn  voraus.  Nur  auf  ihm  fußend  können  sie  angewendet
werden,  und  sie  kommen  außer  Gebrauch,  wenn  er  sie  nicht  länger
anerkennt.  Weit  davon  entfernt,  diesen  Instinkt  zu  entwickeln,
setzt  die  Regierung  sich  im  Gegenteil  mit  ihm  durch  ihre  starren  und
stereotypen  Einrichtungen  in  Widerspruch  und  zieht  ihm  Grenzen,
die  seine  volle  Entfaltung  verhindern.  Die  Befreiung  des  Individuums ­
  von  äußerem  Zwang  bedeutet  daher  auch  die  Befreiung  der
Gesellschaft;  sie  gibt  ihr  ihre  ganze  Bildsamkeit  zurück  und  befähigt
sie,  beständig  die  neuen  Formen  anzunehmen,  die  am  besten  dazu  geeignet ­
  sind,  das  Glück  und  den  Wohlstand  des  Menschengeschlechts
zu  verbürgen  -).  In  seinem  prächtigen  Buch  Gegenseitige  Hilfe
häuft  Kropotkin  die  Beispiele  dieses  Instinktes  der  Soziabilität  und
verfolgt  seinen  Ursprung  und  seine  verschiedenen  Formen  in  zahllosen
wirtschaftlichen,  wissenschaftlichen,  pädagogischen,  sportlichen  und
hygienischen  Gruppen,  in  Anstalten  der  Wohltätigkeit  des  modernen
Europas,  in  dem  Zunftwesen  und  dem  städtischen  Leben  des  Mittell ­

 )  Kropotkin,  Autour  d’une  vie,  S.  414.  Vgl.  auch:  Paroles  d’un
ßevolte,  S.  221  ff.
a )  Dieser  Gedanke  wird  von  Reclds  und  Kropotkin  häufig  ausgedrückt.
„Die  Tatsache  allein,  das  mehr  oder  weniger  zusammenhanglose  Ganze  der
heutigen  politischen,  religiösen,  moralischen  und  sozialen  Auffassungen  eingerichtet,
geregelt,  in  Paragraphen  gefaßt,  mit  Zwangsmitteln,  Strafen,  Polizisten  und  Gefängniswärtern ­
  eingerahmt  zu  haben,  um  sie  so  den  Menschen  von  morgen  aufzu-Wingen,
  diese  an  und  für  sich  widersinnige  Tatsache  kann  nur  widerspruchsvolle  Folgen
haben.  Das  Leben,  stets  unvorhergesehen,  stets  erneuert  kann  sich  nicht  mit  Bedingungen ­
  abfinden,  die  eine  Zeit  ausgearbeitet  hat,  die  nicht  mehr  ist“  (ElisAe
Krclüs,  op.  cit.,  S.  108—109).
Kropotkin  sagt  (L’anarchie,  sa  Philosophie,  son  ideal,  1896,  S.  17
und  18):  „Die  anarchistische  Gesellschaft  ist  eine  Gesellschaft,  der  die  vorbestimmten
im  Gesetz  kristallisierten  Formen  widerstreben,  die  die  Harmonie  in  dem  stets
Wechselnden  und  flüchtigen  Gleichgewicht  zwischen  der  Menge  der  verschiedenen
Kräfte  und  Einflüsse  jeder  Art  sucht,  die  ihrer  eigenen  Bahn  folgen,  Kräfte  und  Einflüsse, ­
  die  gerade,  weil  sie  sich  dann  frei  am  hellen  Licht  des  Tages  auswirken  und
ihr  gegenseitiges  Gleichgewicht  erreichen  können,  die  Energien  zu  wecken  vermögen,
die  ihnen  auf  ihrem  Wege  zum  Fortschritt  günstig  sind.“
        <pb n="740" />
        718

Fünftes  Buch.  Die  Lehren  der  neuesten  Zeit.

alters,  bis  herab  zu  den  tierischen  Gesellschaften.  Die  meisten  von
diesen,  so  sagt  er,  hätten  niemals  über  die  natürlichen  Gefahren,  die
sie  bedrohen,  triumphieren  können,  wenn  sie  nicht  diesen  machtvollen
Instinkt  des  Zusammenhangs  und  des  gegenseitigen  Verständnisses
besäßen,  der  auch  die  Grundlage  jeder  menschlichen  Gesellschaft  ist.
Wir  dürfen  uns  daher  die  anarchistische  Gesellschaft  nicht  als
einen  Krieg  aller  gegen  alle  vorstellen,  sondern  vielmehr  als  einen
Bund  freier,  selbsttätig  entstandener  Assoziationen,  dem  ein  jeder  zu
jeder  Zeit  nach  seinem  Belieben  beitreten,  und  den  er  ebenso  verlassen ­
  kann.  „Diese  Gesellschaft,“  erklärt  Kkopotkin,  „wird  aus  einer
Vielheit  von  Genossenschaften  bestehen,  die  untereinander  für  alles
das,  was  eine  gemeinsame  Arbeit  verlangt,  verbunden  sind.  Sonderbünde ­
  der  Produzenten  für  alle  Arten  landwirtschaftlicher,  industrieller, ­
  geistiger  und  künstlerischer  Produktion;  Vereinigungen  für
die  Konsumtion,  die  sich  mit  der  Beschaffung  alles  dessen  befassen,
was  zur  Wohnung,  zur  Beleuchtung,  zur  Heizung,  zur  Nahrung,  zur
Hygiene  dient,  usw.;  Verbände  der  Gemeinden  unter  sich,  und  Verbände ­
  der  Gemeinden  mit  den  Produktionsgruppen;  schließlich  noch
weiter  spannende  Gruppen,  die  ein  ganzes  Land  oder  sogar  mehrere
Länder  umfassen,  zusammengesetzt  aus  Personen,  die  gemeinsam  an
der  Befriedigung  derjenigen  wirtschaftlichen,  geistigen  und  künstlerischen ­
  Bedürfnisse  arbeiten,  die  nicht  auf  ein  bestimmtes  Gebiet
beschränkt  sind.  Alle  diese  Gruppen  werden  ihre  Bemühungen  auf
Grund  eines  gegenseitigen  Einverständnisses  frei  vereinigen,  ...  in
der  Entwicklung  neuer  Formen  der  Produktion,  Erfindung  und  Organisation ­
  wird  volle  Freiheit  herrschen,  die  individuelle  Initiative
wird  angespornt  und  jede  Tendenz  zur  Uniformierung  und  Zentralisation ­
  wird  bekämpft  werden  1 ).“
Die  Übereinstimmung  des  allgemeinen  und  des  Privatinteresses,
nach  der  die  bürgerlichen  Liberalen  bisher  vergeblich  gesucht  haben,
wird  in  einer  solchen  Gesellschaft  endlich  auf  Grund  der  vollständigen
Freiheit  der  Individuen  und  Gruppen,  und  durch  das  Verschwinden
jedes  Antagonismus  zwischen  den  Besitzenden  und  Nicht-Besitzenden,
zwischen  den  Regierenden  und  den  Regierten  verwirklicht  sein.
Wir  weisen  hier  nochmals  auf  jene  Rückkehr  zu  dem  Optimismus
des  18.  Jahrhunderts  in  seiner  ausgesprochendsten  Form  hin *  2 ):  dem
Glauben  an  die  selbsttätige  Harmonie  der  Interessen.

’)'  Au  tour  d’une  vie,  S.  410.
2 )  Schon  Proudhon  faßte  das  Problem  wie  folgt  zusammen;  „Eine  Lebensform
■finden,  die  alle  politischen  und  wirtschaftlichen  Gegensätze  löst,  indem  sie  die  Verschiedenheit ­
  der  Interessen  auf  eine  Einheit  zurnckführt,  das  Wohl  der  Einzelnen  und
das  Wohl  der  Gesamtheit  verschmilzt  und  die  natürliche  Ungleichheit  durch  die  Erziehung ­
  zum  Verschwinden  bringt;  eine  Form,  in  der  ein  jedes  Individuum  in  gleicher
        <pb n="741" />
        Kapitel  IV.  Die  Anarchisten.

719

Ein  so  verführerisches  Bild  konnte  nicht  verfehlen,  Ein  würfe
hervorzurufen.  Die  anarchistischen  Schriftsteller  haben  sie  vorausgesehen ­
  und  sind  gerüstet,  einem  jeden  zu  begegnen.
Zunächst  —  wird  es  bei  diesem  Übermaß  individueller  Freiheiten
keine  Mißbräuche  geben,  keine  ungerechtfertigten  Kontraktbrüche,
keine  Verbrechen  und  keine  Vergehen?  Wird  man  nicht  eine  beständige ­
  Unsicherheit  schaffen,  in  der  die  gewissenhaften  Menschen
stets  die  Opfer  der  Phantasten  und  Wankelmütigen  sein  werden?
Sicherlich  muß  man,  sagen  die  Anarchisten,  sich  auf  Seitensprünge ­
  gefaßt  machen  oder,  wie  sich  Jean  Geave  in  einem  belustigenden ­
  Euphemismus  ausdrückt:  „auf  inkorrekte  Handlungen,
die  völlig  jeder  augenscheinlichen  Logik  entbehren  1 ). &amp;lt;&amp;lt;  Zur  Unterdrückung ­
  dieser  antisozialen  Instinkte  muß  auf  die  Kritik  und  das
Mißfallen  der  Allgemeinheit  gerechnet  werden.  Da  die  öffentliche
Meinung  dann  nicht  mehr  durch  die  heutigen  Einrichtungen  gefälscht ­
  sein  wird,  wird  sie  auch  eine  viel  größere  Zwangsgewalt  ausüben ­
 *  1  2  *  *  *  *  * ).  Auf  jeden  Fall  sind  es  nicht  die  Gefängnisse,  diese  „Universitäten ­
  des  Verbrechens“,  wie  Keopotkin  sagt,  die  die  antisozialen
Instinkte  vermindern  können.  „Die  Freiheit  bleibt  immer  noch  das
sicherste  Mittel  gegen  die  vorübergehenden  Unzuträglichkeiten  der
Freiheit 8 ).“  Übrigens  wird  es  noch  einen,  allen  anderen  überlegenen
Einfluß  geben,  nämlich  die  Weigerung  der  anderen  Gesellschafter,  mit

Weise-  und  synonym  Produzent  und  Verbraucher,  Bürger  und  Purst,  Verwalter  und
Verwalteter  ist;  eine  Form,  in  der  die  Freiheit  eines  jeden  beständig  wächst,  ohne
daß  er  jemals  nötig  habe,  etwas  davon  aufzugeben;  in  der  sein  Wohlstand  ohne  Ende
größer  wird,  ohne  daß  er  durch  das  Bestehen  der  Gesellschaft  oder  das  Dasein  seiner
Mitbürger  in  seinem  Eigentum,  seiner  Arbeit,  seinem  Einkommen,  oder  in  den
Beziehungen  seiner  Interessen,  Ansichten  und  Neigungen  mit  seinesgleichen  irgendeinen ­
  Nachteil  finden  könnte“  (Idee  generale  de  la  Kevolntion,  S.  145).  Und
Jean  Grave  schreibt:  „Wenn  die  Gesellschaft  auf  natürlichen  Grundlagen  errichtet
wäre,  dürfte  das  persönliche  und  das  allgemeine  Interesse  niemals  in  Widerspruch
geraten“  (Societe  future,  S.  156).
1)  Ua  Societe  future,  S.  16.  —  „Wir  verhehlten  uns  nicht,“  sagt  Kropotkin,
„daß  wir  uns  bis  zu  einem  gewissen  Grade  auf  manche  absonderliche  Übertreibungen
unserer  Prinzipien  gefaßt  machen  müßten,  wenn  dem  Individuum  vollständige
Gedanken-  und  Handlungsfreiheit  gelassen  wird“  (Autour  d’nne  vie,  S.  413).
2)  Bakdnin,  (Buvres,  Bd.  III,  S.  79,  Anm.:  „Die  einzige  große  allmächtige,
gleichzeitig  natürliche  und  rationelle  Autorität,  die  einzige,  die  wir  achten  können,
ist  die  des  kollektiven  und  öffentlichen  Sinnes  einer  auf  die  Gleichheit  und  Solidarität
gegründeten  Gesellschaft,  die  damit  die  Freiheit  und  die  menschliche  und  gegenseitige ­
  Achtuuo-  aller  ihrer  Mitglieder  verbindet  .  ,  .  Eine  solche  Gesellschaft  wird
tausendfach  mächtiger  sein  .  .  .,  als  alle  eure  göttlichen,  theologischen,  metaphysischen, ­
  politischen  und  rechtlichen  Autoritäten,  die  die  Kirche  und  der  Staat  eingerichtet ­
  haben,  mächtiger  als  eure  Strafgesetzbücher,  Kerkermeister  und  Henker.“
3 )  Autour  d’une  vie,  S.  414.  Das  ist  auch  einer  der  Lieblingsgedanken  des
Liberalismus.
        <pb n="742" />
        720

Fünftes  Buch.  Die  Lehren  der  neuesten  Zeit.

denen  zusammen  zu  arbeiten,  auf  deren  Wort  man  sich  nicht  verlassen ­
  kann 1 ).  „Wenn  jemand  zugrunde  gehen  will,  so  steht  ihm
das  frei,  aber  wenn  er  leben  will,  kann  er  dies  nur  tun,  indem  er
Genossen  findet *  2  3 ).“
Ein  anderer,  noch  schwerer  wiegender  Einwurf  ist  der  folgende.
Wer  wird  ohne  jeden  Zwang  überhaupt  arbeiten  wollen?  Schon
heute  ist  die  Menge  der  Faulen  ungeheuer.  Wird  sie  ohne  den  Ansporn ­
  der  Notwendigkeit  nicht  noch  weiter  anwachsen?  Keopotkin
selbst  hat  bemerkt,  daß  bei  den  Bienen  im  Falle  „ungewöhnlich
reicher  Vorräte,  ...  wie  z.  B.  in  der  Nähe  der  Zuckerpflanzungen
Westindiens  und  der  Zuckerfabriken  Europas  Räuberei,  Trägheit  und
sehr  oft  Trunksucht  ganz  gewöhnlich  werden“ 8 ).  Werden  die
Menschen  nicht  ebenso  wie  die  Bienen  handeln?
Die  Anarchisten  antworten,  daß  zunächst  viele  der  sog.  Faulen
heute  nur  einfach  in  die  Irre  gegangene  Menschen  sind,  denen  die
unbegrenzte  Freiheit  der  zukünftigen  Gesellschaft  gestatten  wird,
ihren  Weg  zu  finden,  und  die  sie  infolgedessen  zu  nützlichen  Arbeitern
umformen  wird 4 ).  —  Aber  noch  besser!  Wenn  heute  so  viele
Menschen  sich  der  Arbeit  zu  entziehen  bemüht  sind,  so  liegt  das
daran,  daß  unsere  Gesellschaften  sie  in  der  härtesten  und  widerwärtigsten ­
  Weise  organisiert  haben.  10  oder  12  Stunden  täglich ­
  in  einer  oft  ungesunden  Fabrik  arbeiten  zu  müssen,  an  eine
monotone  und  erschöpfende  Arbeit  gefesselt  zu  sein  und  als  Gegenwart ­
  für  diese  Arbeit  einen  elenden  Lohn  zu  erhalten,  der  kaum
genügt,  die  Familie  zu  ernähren,  das  ist  wahrlich  keine  genügend
reizvolle  Aussicht,  um  jemanden  für  die  Arbeit  zu  begeistern!  Die
Arbeit  produktiv  und  gleichzeitig  anziehend  zu  gestalten 5  *  * ),  das  eben
wird  das  wichtigste  Ergebnis,  wie  der  FouEiEu’schen  Phalansterien,

0  Kbopotkin,  La  Conquöte  du  Pain,  S.  202.
s )  Jean  Guave,  op.  cit.  S.  297.  Pboudhon  ist  viel  strenger:  „Wenn  du  dem
Vertrage  zuschwörst  .  .  .,  wirst  du  der  Gesellschaft  freier  Menschen  zugehören  .  .  ■
Im  Pall  einer  Vertragsverletzung  von  ihrer  Seite  oder  von  der  deinen,  .  .  .  seid
Ihr  für  einander  verantwortlich;  .  .  .  diese  Verantwortlichkeit  kann  ...  die  Ausschließung, ­
  ja  den  Tod  bedeuten“  (Idee  generale  usw,,  S.  343).
3 )  Kbopotkin,  Gegenseitige  Hilfe,  S.  16.
4 )  „Unserer  Meinung  nach  gibt  es  im  genauen  Sinne  des  Wortes  keine
wirklichen  Faulenzer.  Es  gibt  nur  Individuen,  deren  Fähigkeiten  sich  nicht  frei
haben  entwickeln  können,  die  die  soziale  Organisation  daran  gehindert  hat,  für  ihre
Tätigkeit  eine  normale  Dichtung  zu  finden  .  .  .  Schafft  eine  Gesellschaft,  in  der
die  Individuen  ihre  Beschäftigung  wählen  können,  und  ihr  werdet  die  Faulsten  sich
nützlich  machen  sehen.“  Jean  Ge  ave,  La  Societe  future,  S.  277—278.  In  dem
gleichen  Sinne:  Kbopotkin,  LaConquöte  duPain,  Kap:  Objections  (Einwürfe).
5 )  Kbopotkin,  Autour  d’une  vie,  S.  414,  und  La  Conquete  du  Pain,
S.  156.  Die  Anarchisten  sind  aber  nicht  für  eine  allgemeine  Einführung  von  Phalansterien ­
  zu  haben  und  ziehen  das  individuelle  Familienleben  vor.
        <pb n="743" />
        Kapitel  IV.  Die  Anarchisten.

721

so  auch  der  anarchistischen  Gesellschaft  sein.  Die  Anwendung-  der
wissenschaftlichen  Errungenschaften  wird  die  Fabrik  in  einen  gesunden, ­
  luftigen  und  hellen  Aufenthaltsort  um  wandeln.  Die  zur  Erleichterung ­
  der  Hausarbeit  geschaffenen  Maschinen  werden  die  Frau
im  Haushalt  von  einer  Menge  unangenehmer  Arbeiten  befreien.  Die
Gelehrten,  die  heute  jeder  unangenehmen  Arbeit  ledig  sind,  vernachlässigen ­
  diese  Seite  des  Lebens  in  ihren  Erfindungen;  aber  „wenn
ein  Pasteub  auch  nur  5  Stunden  in  den  Abfiußkanälen  von  Paris
zubringen  müßte,  so  ist  nicht  daran  zu  zweifeln,  daß  er  ein  Mittel
finden  würde,  um  sie  ebenso  gesund  wie  sein  bakteriologisches  Laboratorium ­
  zu  gestalten“ 1 ).  Und  schließlich  wird,  was  die  Hauptsache
ist,  die  Arbeitsdauer  auf  höchstens  4  oder  5  Stunden  am  Tage  verringert ­
  werden,  zunächst,  weil  es  keine  Müßiggänger  mehr  geben
wird,  und  dann  auch,  weil  die  systematisch  auf  die  Produktion  angewendete ­
  Wissenschaft  ihre  Ergiebigkeit  verzehnfachen  wird.
Die  der  Wissenschaft  zu  verdankende  überwältigende  Ausdehnung
der  Produktion  ist  einer  der  Lieblingsgedanken  der  Anarchisten.
In  seinem  Wohlstand  fürAlle  hatKropotkin  bezaubernde  Bilder
hiervon  entworfen.  Er  zeigt  uns  die  Wunder,  die  dank  einer  intensiven ­
  Kultur  von  den  Gemüsegärtnern  der  Umgegend  von  Paris  vollbracht ­
  worden  sind;  wie  z.  B.  einer  von  ihnen  mit  drei  Arbeitern,
die  12  bis  15  Stunden  täglich  arbeiteten,  aus  einem  einzigen  Hektar
110000  kg  Gemüse  gezogen  hat.  Von  hier  ausgehend,  sieht  er  schon,
wie  die  8600  000  Einwohner  der  Departements  Seine  und  Seine-et-Oise
  sich  mit  einer  jährlichen  Arbeit  von  58  halben  Tagen  für  jeden
Erwachsenen  alles  Getreide,  alle  Milch,  alles  Gemüse,  alles  Brot  und
alle  Luxusfrüchte,  die  sie  wünschen  können,  verschaffen.  Indem  er
die  gleiche  Berechnung  auf  die  Schaffung  einer  Wohnung  anwendet,
findet  er,  daß  die  Arbeit  von  28  bis  36  Tagen  im  Jahr  einer  Familie
eins  jener  gesunden  und  bequemen  Arbeiterwohnhäuser  schaffen  würde,
wie  man  sie  in  England  baut.  Das  gleiche  gilt  für  die  Kleidung.
Die  amerikanischen  Fabriken  fabrizieren  heute  im  Durchschnitt  auf
den  Arbeiter  40  m  Baumwollen  Stoff  in  10  Stunden;  „Wenn  man  annimmt, ­
  daß  eine  Familie  im  Jahre  200  m  verbraucht,  was  sehr  hoch
gegriffen  ist,  so  ergibt  das  50  Arbeitsstunden  oder  10  halbe  Arbeitstage ­
  von  5  Stunden“  *  2  3  * ).  Zusammenfassend  „würde  ein  jeder  Mensch
der  bis  zum  Alter  von  45  oder  50  Jahren  5  oder  4  Stunden  am  Tag
arbeitet,  mit  Leichtigkeit  alles  hervorbringen  können,  was  nötig
ist,  um  der  Gesellschaft  den  Wohlstand  zu  sichern“  8 ).  Elisee  Eeclus
teilt  diese  Hoffnungen.  Für  ihn  „ist  der  Hunger  in  der  großen  Familie
‘)  Kropotkin,  Couquete  du  Pain  (Der  Wohlstand  für  Alle),  S.  204.
2 )  Kropotkin,  Conquete  du  Pain,  S.  126.
3 )  Kropotkin,  Conqiitte  du  Pain,  S.  135.
Gide,  und  Rist,  Gesell,  d.  Volkswirtschaft!.  Lehrmeinungen.

46
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        722

Fünftes  Buch.  Die  Lehren  der  neuesten  Zeit.

der  menschlichen  Gesellschaft  nicht  nur  das  Ergebnis  eines  kollektiven
Verbrechens;  er  ist  außerdem  ein  Widersinn,  da  die  Produkte  den
notwendigen  Bedarf  um  das  Doppelte  übersteigen“  x ).
Inmitten  eines  solchen  Überflusses  an  Gütern,  in  einer  derart  in
ein  Schlaraffenland  verwandelten  Welt,  würde  auch  die  Verteilung
der  Güter  aufhöreu,  ein  schwieriges  Problem  zu  sein.  Nichts  ist
leichter,  als  ihre  Organisation.  „Was  im  Überfluß  vorhanden  ist,
wird  ohne  weiteres  in  beliebiger  Menge  entnommen;  das,  was  gemessen ­
  und  verteilt  werden  muß,  wird  einem  jeden  zugeteilt“ 2 ).
Dies  ist  das  Prinzip.  In  den  Fällen,  wo  eine  Zuteilung  nötig  ist,
beginnt  man  selbstverständlich  damit,  die  Frauen,  die  Greise,  die
Kinder  und  die  Kranken  zunächst  zu  befriedigen.  Nachher  erst
kommen  die  erwachsenen  Männer.  Es  ist  dies  die  heutige  Praxis
der  „kommunistischen  Suppenanstalten“,  für  die  uns  die  Streiks  zahlreiche ­
  Beispiele  liefern.  —  Was  die  Wertgesetze  anlangt,  auf  Grund
deren  sich  heute  die  Verteilung  der  Güter  vollzieht,  und  die  die
Volkswirtschaftler  für  unabänderlich  und  notwendig  halten,  so  entlocken ­
  sie  den  Anarchisten  nur  ein  Lächeln  —  oder  vielmehr,  darum
kümmern  sie  sich  überhaupt  nicht 3 ).

§  4.  Die  Revolution.
Wie  soll  nun  dieser  schöne  Traum  verwirklicht  werden?  Wie
sollen  wir  aus  der  jammervollen  Gesellschaft,  in  der  wir  leben,  in
das  goldene  Zeitalter  kommen,  das  die  Anarchisten  uns  zeigen?  —
Durch  die  Revolution!
Die  Theorie  der  Revolution  ist  einer  der  wesentlichen  Bestandteile ­
  der  anarchistischen  Lehre,  der,  den  das  Publikum  am  genauesten
kennt.  Wir  werden  diese  Theorie  jedoch  nur  in  einigen  Worten
streifen,  denn  der  Anarchismus  hat  uns  schon  zu  weit  von  den
eigentlichen  ökonomischen  Ideen  geführt.
Zunächst  muß  Peoudhon  beiseite  gelassen  werden.  Wir  haben
gesehen,  daß  er  jede  gewaltsame  Revolution  verwirft  (s.  o.  8.  361,
Anm.  2).  In  seinen  Augen  ist  nur  eine  Revolution  fähig,  die  Anarchie
zu  verwirklichen:  die  Umwandlung  der  Herzen  und  der  Gewissen.
So  langmütig  sind  aber  seine  Nachfolger  nicht.  Ihnen  erscheint  die
')  EusfeE  Eeclus,  L’evolntion  usw.  S.  136—137.
3 )  Kropotkin,  Conquete  du  Pain,  S.  79.
3 )  Vgl.  in  Jean  Grave,  La  Societe  future,  Kap.  XIV,  La  Valeur.  Die
Anarchisten  beklagen  sich  oft,  daß  ihre  Gedanken  von  den  bürgerlichen  Volkswirtschaftlern ­
  verzerrt  wiedergegeben  werden.  Man  kann  das  angeführte  Kapitel  lesen,
um  sich  zu  überzeugen,  mit  welchem  Verständnis  gewisse  Anarchisten  die  Gedanken
ihrer  Gegner  auslegen.
        <pb n="745" />
        Kapitel  IV.  Die  Anarchisten.

723

Revolution  als  eine  unabänderliche  Notwendigkeit,  der  man  nicht  entgehen ­
  wird.  Zu  denken,  daß  die  heutigen  Privilegierten  in  einer
neuen  Nacht  des  4.  August')  einwilligen  könnten,  ihre  Privilegien
zu  opfern  und  auf  ihren  Platz  im  Glied  in  der  Armee  der  Menschheit
zurückkehren,  würde  nur  Selbstbetrug  sein.  Und  noch  mehr,  dies
Ereignis  würde,  selbst  wenn  es  möglich  wäre,  kaum  wünschenswert
sein.  Das  Volk,  sagt  Elisee  Reclus,  würde  in  seiner  gewöhnlichen
Großmut  fähig  sein,  sich  hiervon  rühren  zu  lassen,  und  seinen  alten
Herren  zu  sagen:  „Behaltet  eure  Privilegien“.  „Nein“,  ruft  er  aus,
„freie  Bahn  der  Gerechtigkeit!  Damit  die  Dinge  ihr  natürliches
Gleichgewicht  wieder  gewinnen,  müssen  die  Unterdrückten  sich  aus
eigener  Kraft  erheben,  müssen  die  Beraubten  das  ihnen  Geraubte
wieder  nehmen,  müssen  die  Sklaven  ihre  Freiheit  wieder  erobern.
Niemals  werden  sie  sie  wirklich  besitzen,  wenn  sie  sie  nicht  im
offenen  Kampfe  erstritten  haben“  2 ).
Man  soll  indessen  nicht  glauben,  daß  Bakunin,  Keocotkin  oder
ihre  Schüler  blutdürstig  wären  und  an  der  Entfesselung  von  Gewalttätigkeiten ­
  Gefallen  fänden.  Nein,  so  unvermeidlich  und  von  einer
Revolution  untrennbar  auch  das  Blutvergießen  sein  mag,  so  ist  es
doch  an  und  für  sich  nicht  weniger  abscheulich  und  muß  auf  das
Minimum  beschränkt  werden.  „Blutige  Revolutionen  sind  manchmal
infolge  des  menschlichen  Stumpfsinnes  notwendig,  doch  sind  sie
stets  ein  Übel,  ein  entsetzliches  Obel  und  ein  großes  Unglück.  Nicht
nur  wegen  der  Opfer,  sondern  auch  wegen  der  Reinheit  und  Vollkommenheit ­
  des  Zweckes,  der  zu  verfolgen  ist,  und  in  dessen  Namen
man  sie  durchführt“  8 ).  „Worauf  es  ankommt“,  sagt  Kropotkin 4 ),  „ist
nicht  so  sehr,  zu  wissen,  wie  man  die  Revolution  vermeiden  soll,  als
die  Mittel  zu  finden,  durch  die  die  besten  Ergebnisse  erzielt  werden;
wie  man  den  Bürgerkrieg  so  viel  wie  möglich  einschränken  und  die
Zahl  der  Opfer  verringern  kann,  indem  von  beiden  Seiten  der  Kampf
mit  so  wenig  Erbitterung  wie  möglich  geführt  wird.“  Hierfür  muß
man  zunächst  auf  die  Instinkte  des  Volkes  rechnen,  das  durchaus
nicht  blutdürstig  ist,  „das  ein  zu  gutmütiges  Herz  hat,  als  daß  ihm
*)  In  der  Nacht  des  4.  Ang.  1789  beschloß  die  Assemblee  Nationale  Constituante,
die  sich  aus  den  Vertretern  der  drei  Stände  zusammensetzte,  die  Abschaffung  aller
Standesvorrechte  und  die  Aufhebung  der  Frohndienste.  (Anm.  d.  Übers.)
*)  L’evolution,  nsw.,  S.  154  Khopotkin:  Alle,  die  den  Triumph  der  Gerechtigkeit ­
  wollen,  alle,  die  die  neuen  Ideen  praktisch  ausführen  wollen,  .  .  .  verstehen ­
  die  Notwendigkeit  eines  revolutionären  Sturmwindes,  die  diese  ganze  Fäulnis
hinwegfegt,  mit  seinem  Atem  die  erschlafften  Herzen  anfeuert  und  der  Menschheit
Hingabe,  Selbstverleugnung,  Heroismus  bringt,  ohne  die  eine  Gesellschaft  gemein
wird,  sich  zersetzt  und  verfällt“  (Paroles  d’un  Revolte,  S.  280).
3 )  Bakunin,  Sozial-politischer  Briefwechsel,  S.  297  und  309.
4 )  Autour  d’une  vie,  S.  297.

46*  *
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        724

fünftes  Buch.  Die  Lehren  der  neuesten  Zeit.

die  Grausamkeit  nicht  bald  zuwider  würde“ 1 ).  Yor  allem  aber
müssen  die  Angriffe  weniger  gegen  die  Menschen,  als  gegen  die  Einrichtungen, ­
  weniger  gegen  die  Individuen,  als  gegen  die  sozialen
Umstände  gerichtet  werden,  und  deshalb  erklärt  Bakünin  es  für  das
wichtigste,  beim  Ausbruch  der  Revolution  zunächst  die  Archive  zu
verbrennen,  die  Papiere  aller  Art,  die  als  Besitztitel  dienen,  zu  vernichten, ­
  sofort  die  Gerichte,  die  Polizei  abzuschaffen,  die  Armee  aufzulösen,
  und  ohne  Zögern  die  Produktionsinstrumente,  Häuser,  Fabrikanlagen, ­
  Bergwerke  usw.  zu  konfiszieren  .  .  .  Und  im  Wohlstand
für  Alle  zeigt  uns  Keopotkin,  wie  die  Einwohner  einer  aufständigen
Gemeinde  sich  vor  allen  Dingen  der  Wohnungen  bemächtigen,  um
sie  in  Gebrauch  zu  nehmen,  die  Kleidermagazine  besetzen,  „damit  ein
jeder  nehmen  könne,  was  er  braucht“,  —  und  vom  Boden  gemeinsam
Besitz  ergreifen,  um  ihn  zu  bewirtschaften  und  seine  Erzeugnisse
untereinander  zu  verteilen.  Wenn  man  in  dieser  Weise  vorgeht
(anstatt,  wie  dies  die  Kommune  1871  tat,  naiverweise  die  Schatzkammern ­
  der  Banque  de  France  zu  respektieren),  wird  die  Revolution
schnell  durchgeführt  und  die  selbsttätige  Reorganisation  der  Produktion ­
  auf  unzerstörbarer  Grundlage  und  mit  dem  Minimum  an  Blutvergießen ­
  gesichert  sein.
Aber  diese  verhältnismäßig  maßvollen  Darlegungen  haben  manchmal ­
  viel  schärferen  Ausdrücken  Platz  gemacht.  Bakunin  hat,  wenigstens
während  einer  gewissen  Zeit  seines  Lebens,  die  gewaltsame  und
erbarmungslose  Revolution  gegen  die  Privilegierten  gepredigt.  Mit
Recht  hat  man  ihn  als  den  Erfinder  der  „Propaganda  der  Tat“  bezeichnen ­
  können,  —  deren  Anwendung  vor  einigen  Jahren  von  verzweifelten ­
  Fanatikern  versucht  wurde  und  die  ganze  öffentliche
Meinung  gegen  den  Anarchismus  erregte.  „Wir  verstehen  unter
Revolution“,  hat  er  irgendwo  geschrieben,  „die  Entfesselung  alles
dessen,  was  man  heute  die  niedrigen  Leidenschaften  nennt,  und  die
Vernichtung  alles  dessen,  was  man  heute  in  derselben  Sprache  als
öffentliche  Ordnung  bezeichnet“.  „Das  Räuherwesen“,  schreibt  er
an  einer  anderen  Stelle,  „ist  eine  der  ehrenhaftesten  Formen  des
politischen  Lebens  in  Rußland  .  ..  Der  Räuber  ist  ein  Held,  ein  Verteidiger ­
  und  Erretter  des  Volkes“  *  2 ).  Und  in  einer  Art  Proklamation,
den  „Prinzipien  der  Revolution“  —von  der  man  allerdings  be1) ­

  Keopotkin,  nach  Eltzeacheb  angeführt;  S.  236.  „Seitdem  die  Eevolution
den  Charakter  des  Sozialismus  angenommen  hat,  hat  sie  aufgehört,  blutig  und
grausam  zu  sein.  Das  Volk  ist  durchaus  nicht  grausam:  aber  die  privilegierten
Klassen  sind  es.  .  .  .  Gewöhnlich  ist  das  Volk  gut  und  menschlich.  Es  leidet  selbst
zu  sehr,  um  nicht  mit  dem  Leiden  Mitgefühl  zu  haben.“  (Bakünin,  Bd.  III,  S.  184
bis  186).  Der  gleiche  Gedanke  findet  sich  bei  Sorel,  Eeflexions  sur  la  violence.
2 )  ßakunin’s  sozial-politischer  Briefwechsel,  S.  335  und  353.
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        Kapitel  IV.  Die  Anarchisten.

725

streitet,  daß  sie  von  Bakunin  stamme,  die  aber  doch,  wenigstens  zu
einer  gewissen  Zeit,  seine  eigenen  Gedanken  widergespiegelt  zu  haben
scheint,  —  predigt  er  ohne  Einschränkung  die  Vernichtung  um  der
Vernichtung  willen,  „Die  gegenwärtige  Generation“,  wird  dort  gesagt,
„muß  alles,  w r as  existiert,  ohne  Unterschied  blind  zerstören,  nur  von
dem  einen  Gedanken  beseelt:  so  viel  wie  möglich  und  so  schnell  wie
möglich“  x ).  Was  die  Mittel  betrifft,  so  kommen  die  verschiedensten
in  Betracht:  „Gift,  Dolch,  Strick  usw.  In  dieser  Hinsicht  heiligt  die
Revolution  alles.  Das  Feld  ist  daher  frei“  2 ).  Bakunin  hat  stets
eine  Neigung  für  die  Rolle  eines  Verschwörers  gehabt.  Man  findet
in  den  „Statuten  der  internationalen  Brüder“,  die  die  Leitsätze  und
Vorschriften  einer  Art  revolutionärer  Brüderschaft  sind,  die  er  1864
schuf,  Stellen,  die  eine  fast  ebenso  leidenschaftliche  Wildheit  atmen
wie  der  berühmte  „revolutionäre  Katechismus“  von  Netschajeff  3 ).
Es  ist  jedenfalls  schwierig,  einen  noch  kräftigeren  Ausdruck  der
revolutionären  Verzweiflung  zu  finden,  als  die  folgende  Stelle  der
Statuten  der  internationalen  sozialistischen  Alliance,
des  wirklichen  Programms  der  Anarchie,  die  den  Gedanken  Bakunin’s
richtig  auszudrücken  scheint,  und  mit  der  wir  diese  Darlegung-Schließen.
  „Wir  wollen“,  schreibt  er,  „die  allgemeine,  gleichzeitig
soziale,  philosophische,  wirtschaftliche  und  politische  Eevolution,  damit ­
  von  der  gegenwärtigen  Ordnung  der  Dinge,  die  sich  auf  das
Eigentum,  auf  die  Ausbeutung,  auf  die  Unterdrückung  und  auf  das
Prinzip  der  Autorität  gründet,  sei  das  nun  eine  religiöse,  metaphysische ­
  oder  bürgerlich-doktrinäre,  oder  sogar  eine  revolutionärjakobinische ­
  Autorität,  —  damit  von  dieser  Ordnung  zunächst  in  Europa,
und  dann  in  der  ganzen  Welt  auch  nicht  ein  Stein  auf  dem  anderen
bleibe.  .  .  .  Mit  dem  Rufe;  Friede  den  Arbeitern,  Freiheit  allen
Unterdrückten,  Tod  den  Unterdrückern,  Ausbeutern  und  Bevormündern
aller  Art  wollen  wir  alle  Staaten  und  alle  Kirchen  zerstören,  mit
*)  Bakunin’s  sozial-politis  eher  Briefwe  ehsel,  S.361.  In  Wirklichkeit
handelt  es  sich  hier  um  eine  Proklamation  an  die  russische  Jugend,  erlassen  in  dem
Augenblick,  als  der  Zar  Alexander  II.,  nachdem  er  mit  der  Aufhebung  der  Leibeigenschaft ­
  dem  Liberalismus  entgegengekommen  war,  zu  dem  System  der  Unterdrückung
und  der  grausamen  Vergeltung  seines  Vaters  Nikolas  I.  zurüokkehrte  und  dadurch
die  Fortschrittsparteien  um  so  mehr  zur  Verzweiflung  trieb,  als  sie  für  einen  Augenblick ­
  die  Pforten  der  Freiheit  sich  hatten  öffnen  sehen.  Auch  befand  sich  gerade
in  diesem  Augenblick  Bakunin  unter  dem  Einfluß  eines  skrupellosen  Fanatikers,
Netschajeff,  dessen  wilde  und  düstere  Energie,  gepaart  mit  einer  Art  Mystizismus
des  Verbrechens  im  Dienste  der  Eevolution,  vorübergehend  Gewalt  über  ihn  erlangt
hatte.  Später  hat  er  energisch  diese  verbrecherischen  Taten  verurteilt  und  erklärt,
getäuscht  worden  zu  sein.
2 )  Ebenda,
3 )  Der  französische  Text  dieses  Katechismus  findet  sich  in  Bakunin’s
sozial-politischem  Briefwechsel.
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        726

Fünftes  Buch.  Die  Lehren  der  neuesten  Zeit.

allen  ihren  Einrichtungen  und  religiösen,  politischen,  juristischen,
finanziellen,  Polizei-  oder  Schulgesetzen,  seien  sie  wirtschaftlich  oder
sozial,  damit  endlich  alle  jene  Millionen  von  armen,  unglücklichen,
menschlichen  Wesen,  die  getäuscht,  versklavt,  gequält  und  ausgebeutet ­
  worden  sind,  in  voller  Freiheit  aufatmen  können,  erlöst  von
allen  ihren  verantwortlichen  und  unverantwortlichen  Leitern  und
Wohltätern,  mögen  es  Gesellschaften  oder  Individuen  sein“  1 ).
Es  ist  nicht  unsere  Aufgabe,  die  anarchistische  Lehre  zu  kritisieren. ­
  Derartigen  Verallgemeinerungen,  die  keiner,  aber  auch  nicht
der  geringsten  Einschränkung  unterliegen,  steht  die  Kritik  ohnmächtig ­
  gegenüber.  Diese  sogenannten  „Theorien“  sind  in  der
Hauptsache  leidenschaftliche  Gefühlsergüsse;  ist  es  nötig,  sie  noch
besonders  zu  „widerlegen“  ?  Begnügen  wir  uns  damit,  ihren  Einfluß
kurz  darzulegen.
Wir  sprechen  hier  nicht  von  den  verbrecherischen  Attentaten,
wie  sie  durch  Ansprachen  und  Lehren  hervorgerufen  wurden,  die  sich
allzuoft  an  ungebildete,  vom  Elend  zur  Verzweiflung  getriebene  Köpfe
wandten,  die  unfähig  waren,  ein  Gegengewicht  gegen  die  Formeln
einfältiger  Gewalttätigkeit  zu  finden.  Ohne  jede  Möglichkeit  einer
Rechtfertigung  finden  die  als  Propaganda  der  Tat  bezeichneteu
Attentate  doch  eine  Erklärung  in  der  ungenügenden  Urteilsfähigkeit
und  dem  fanatischen  Überschwang  ihrer  Urheber.  Man  darf  hierfür
aber  nicht  eine  soziale  Lehre  verantwortlich  machen,  die,  je  nach
dem,  als  die  Philosophie  der  gewalttätigsten  Zerstörungswut  oder  als
der  höchste  Ausdruck  des  Ideals  der  menschlichen  Brüderlichkeit  und
des  individuellen  Fortschrittes  angesehen  werden  kann.
Der  Einfluß,  von  dem  wir  hier  sprechen  wollen,  ist  der,  den  der
Anarchismus  auf  die  Arbeiterklasse  im  allgemeinen  ausgeübt  hat.
Unzweifelhaft  hat  er  in  ihr  ein  Wiedererwachen  des  Individualismus
herbeigeführt,  eine  Reaktion  gegen  den  zentralisierenden  Sozialismus
MaexV  Sein  Erfolg  ist  besonders  in  den  lateinischen  Ländern  groß
gewesen,  aber  auch  in  Österreich  hat  der  Anarchismus  während
einer  gewissen  Zeit  den  Sozialismus  gänzlich  zu  verdrängen  gedroht.
Doch  der  Fortschritt  des  Anarchismus  ist  besonders  in  Frankreich,  in
Italien  und  in  Spanien  bemerkbar  gewesen.  Sind  ausgesprochene
Individualitäten  in  diesen  Ländern  zahlreicher  vertreten,  als  in
anderen?  Dies  ist  nicht  wahrscheinlich.  Aber  in  diesen  erst  vor
kurzem  der  Freiheit  geöffneten  Ländern  erscheinen  Ordnung  und
Disziplin,  auch  wenn  sie  freiwillig  angenommen  worden  sind,  noch
gar  zu  oft  als  unerträgliche  Hörigkeit.
Eine  wirkliche  „anarchistische  Partei“  wurde  zwischen  1880  und

Bakuuin’s  sozial-politischer  Briefwechsel,  S.  332.
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        Kapitel  IV.  Die  Anarchisten.

727

1895  gegründet.  Sie  ist  seitdem  immer  kleiner  geworden.  Der  Einfluß ­
  des  Anarchismus  ist  deshalb  nicht  verschwunden,  nur  drückt  ersieh ­
  jetzt  in  anderer  Weise  aus.  Man  hat  —  hauptsächlich  in  Frankreich ­
  —  viele  alte  Anarchisten  in  die  Arbeitergewerkschaften  eindringen
  und  zuweilen  sogar  die  Leitung  der  Gewerkschaftsbewegung
übernehmen  sehen.  Unter  ihrem  Einfluß  versucht  man  —  in  der
Gewerkschaft  —  mehr  und  mehr,  sich  von  der  Vorherrschaft  der
sozialistischen  Partei  zu  befreien.  Die  Confederation  Generale  du
Travail  hat  zwei  Worte  als  Devise  angenommen,  die  man  überall  in
den  anarchistischen  Schriften  beieinander  findet:  „Wohlstand  und
Freiheit“.  Sie  predigt  die  „Selbsthilfe“  (l’Action  directe),  nämlich  die
von  der  öffentlichen  Macht  unabhängige,  revolutionäre  Taktik  .  .  .
Ferner  betont  sie  die  Gleichgültigkeit  gegenüber  der  Politik  und  das
Aufgehen  der  Arbeiter  im  rein  wirtschaftlichen  Kampf.
Was  die  Theoretiker  des  revolutionären  Syndikalismus  anlangt,
so  verwerfen  sie  heute  jedes  Kompromiß  mit  dem  Anarchismus.
Trotz  ihrer  Proteste  ist  es  aber  nicht  schwer,  zwischen  ihren  Ideen
und  denen  eines  Bakunin  und  Keopotkxn  zahlreiche  Analogien  nachzuweisen. ­
  Übrigens  sind  sie  ebenso  sehr  von  Peoudhon,  wie  von
Maua  inspiriert  und,  wie  wir  gesehen  haben,  liegen  auch  den  anarchistischen ­
  Lehren  die  Gedanken  Peoudhon’s  zugrunde!
Zunächst  ähneln  sie  sich  durch  ihre  Auffassung  der  Gewalt  als
des  Mittels  zur  Erneuerung  und  Reinigung  des  sozialen  Lebens.
„Der  Gewalt  verdankt  der  Sozialismus“,  sagt  Soeel,  „die  hohen
moralischen  Werte,  auf  Grund  deren  er  der  modernen  Welt  das  Heil
bringt“  1 ).  Ebenso  ist  für  die  Anarchisten  die  Revolution  das  Gewitter, ­
  das  die  drückende  Atmosphäre  der  Sommertage  reinigt  und
den  Himmel  von  neuem  klar  und  freundlich  erglänzen  lassen  wird.
Kroi'otkin  ruft  zur  Revolution  auf,  nicht  nur  um  die  wirtschaftliche
Ordnung  umzustürzen,  sondern  auch,  „um  die  Gesellschaft  in  ihrem
intellektuellen  und  moralischen  Leben  aufzurütteln,  aus  ihrem  Stumpfsinn ­
  aufzuwecken,  die  Sitten  zu  erneuern  und  inmitten  der  niedrigen
und  kleinlichen  Leidenschaften  des  Augenblicks  das  belebende  Feuer
edler  Leidenschaftlichkeit,  begeisterter  Hotfnungsfreude  und  warmherziger ­
  Aufopferung  aufflammen  zu  lassen“
In  zweiter  Linie  finden  sich  die  moralischen  Gedanken,  die  der
Philosophie  M  »«v  vollständig  fehlen,  bei  Soeel  und  den  Anarchisten
in  gleichem  Grade  wieder.  Wir  haben  gesehen,  wie  Bakunin,
Keopotkin  und  besonders  Peoudhon  von  jedem  Individuum  besonders
die  „Achtung  des  Menschen“  fordern,  durch  die  es  selbst  erst  der

!)  Reflexions  sur  la  violence,  S.  253.
2 )  Paroles  d’un  Revolte,  S.  17—18.
        <pb n="750" />
        728

Fünftes  Buch.  Die  Lehren  der  neuesten  Zeit.

Freiheit  würdig  wird.  Sie  proklamieren  die  Herrschaft  der  Vernunft,
die  allein  erst  die  Menschen  in  der  ganzen  Bedeutung  des  Wortes
frei  machen  wird.  Nachdem  Soeel  erklärt  hat,  daß  die  „neue  Schule
sich  schnell  von  dem  offiziellen  Sozialismus  geschieden  hat,  indem
sie  die  Notwendigkeit  anerkennt,  die  Sitten  zu  verbessern“,  fügt  er
an:  „Ich  erhebe  durchaus  keinen  Widerspruch,  wenn  man  mich  von
diesem  Gesichtspunkt  aus  ,anarchisierend‘  nennt“  *).
Schließlich  ist  auch  ihr  soziales  und  politisches  Ideal  das  gleiche:
die  Abschaffung  des  Eigentums  und  des  Staates.  Der  Syndikalismus
haßt  den  Staat  genau  so  wie  der  Anarchismus.  „Er  sieht  im  Staat“,
sagt  uns  einer  seiner  Anhänger,  „den  Schmarotzer  par  excellence,
den  Unproduktiven,  der  sich  auf  dem  Produktiven  häuslich  eingerichtet ­
  hat  und  von  seinem  Lebensmark  zehrt“ l  2  3  * );  und  für  Sokel
ist  „der  Sozialismus  zu  einem  vorbereitenden  Unterricht  der  von  der
Großindustrie  beschäftigten  großen  Massen  geworden,  die  den  Staat
und  das  Eigentum  abschafien  wollen“  8 ).  Die  freien  Produzenten,  die
in  einer  Werkstatt  ohne  Herren  arbeiten“  '*),  dies  ist,  immer  nach
Soeel,  das  Ideal  des  Syndikalismus.  Daher  findet  sich  auch  bei
beiden  die  gleiche  Feindschaft  gegen  die  herrschende  Demokratie,
die  sich  auf  die  Macht  des  Staates  stützt.
Trotz  so  vieler  Berührungspunkte  bewahren  die  beiden  Auffassungen ­
  doch  ihre  Verschiedenheiten.  Der  Anarchismus  hat  Vertrauen ­
  in  die  selbsttätige  Macht  der  allgemeinen  Freiheit,  die
Gesellschaft  zu  erneuern.  Der  Syndikalismus  dagegen  stützt  sich
auf  ein  besonderes  und  klar  bezeichnetes  Instrument:  die  Arbeiter-Gewerkschaft,
  die  als  Hauptwerkzeug  im  Kampf  der  Klassen  betrachtet ­
  wird.  Auf  dieser  Grundlage  errichtet  er  das  Ideal  einer
Gesellschaft  von  Produzenten,  die  sich  auf  die  Arbeit  gründet,  und
aus  der  der  Intellektualismus  verbannt  ist,  —  während  der  Anarchismus ­
  sich  in  dem  Zukunftsbild  einer  Gesellschaft  gefällt,  deren  Natur
die  Syndikalisten  für  ebenso  chimärisch  wie  gefährlich  halten.
Es  war  indessen  nicht  überflüssig,  die  zwischen  den  beiden
Ideenströmungen  bestehende,  sehr  bezeichnende  Ähnlichkeit  hervorzuheben, ­
  denn  diese  Ideen  haben  in  den  letzten  fünfzehn  Jahren  den
tiefsten  Einfluß  auf  die  Arbeiterklasse  ausgeübt,  und  beide  bezeichnen
ein  charakteristisches  Wiedererwachen  des  Individualismus.

l )  Äeflexions  sur  la  yiolence,  S.  218.
*)  Bbeth,  Les  nouyeaux  aspects  du  sooialisnie,  S.  3.
3 J  Refleot'ions  sur  la  yiolence,  Einleitung,  S.  37.
J )  Ebenda,  S.  237.
        <pb n="751" />
        Schlußwort.
Erfordert  eine  Geschichte  der  wirtschaftlichen  Doktrinen  wirklich ­
  ein  Schlußwort  ?.
Die  Geschichte  aller  Wissenschaft  hört  nur  mit  ihrem  endgültigen
Abschluß  auf.  Die  am  weitesten  fortgeschrittenen  Wissenschaften
nun,  die  Physik,  die  Chemie  und  sogar  die  Mathematik,  verändern
sich  täglich,  schreiten  vorwärts,  geben  in  ihrem  Fortschritt  früher
nützliche,  heute  aber  veraltete  Auffassungen  preis  und  ersetzen  sie
durch  Auffassungen,  die,  wenn  auch  nicht  immer  vollständig  neu,
doch  zum  wenigsten  verständlicher  und  fruchtbarer  sind.  Jedoch
noch  mehr,  wir  sehen,  wie  sich  nicht  nur  die  Einzelwissenschaften
unter  unseren  Augen  umformen,  sondern  wie  sicli  auch  der  Begriff
der  Ges  amt  Wissenschaft  ändert.  Mit  dem  Fortschritt  der  Wissenschaften ­
  wandelt  sich  auch  die  Auffassung,  die  wir  uns  von  der
Wissenschaft  machen.  Heute  wie  früher  sucht  der  Gelehrte  die
Wahrheit.  Der  Begriff  aber  der  wissenschaftlichen  Wahrheit  ist  am
Anfang  des  20.  Jahrhunderts  nicht  mehr  mit  dem  identisch,  der  am
Anfang  des  19.  herrschte,  und  alles  weist  darauf  hin,  daß  ihm  noch
weitere  Veränderungen  bevorstehen.  Um  so  weniger  kann  auch  die
Nationalökonomie,  diese  so  junge  Wissenschaft,  die  noch  kaum  über
die  ersten  tastenden  Versuche  hinaus  ist,  von  heute  an  unveränderlich
bleiben.  Der  Geschichtsschreiber  der  Doktrinen  kann  sich  nur  die
Aufgabe  stellen,  den  durchlaufenen  Weg  zu  messen,  ohne  daran
denken  zu  dürfen,  die  Straße,  die  noch  vor  uns  liegt,  erraten  zu
wollen.  Sein  Ehrgeiz  muß  sich  darauf  beschränken,  die  zunächst
liegenden  Aufgaben  zu  würdigen,  die  nach  all  den  so  verschiedenartigen ­
  Anstrengungen,  die  wir  in  den  vorhergehenden  Kapiteln
beschrieben  haben,  sich  den  Forschern  aufdrängen.
Möge  man  uns,  um  den  Eindruck  zu  verbildlichen,  der  sich  aus
einer  Geschichte  der  wirtschaftlichen  Ideen  dieser  anderthalb  Jahr ­
        <pb n="752" />
        730

Schlußwort.

hunderte  ergibt,  einen  Vergleich  gestatten.  Wenn  man  das  Gesamtwerk ­
  betrachtet,  so  steht  man  wie  vor  einem  offenen  Fächer.
Am  Griff  liegen  seine  Rippen  so  fest  übereinander,  daß  sie  ein  Ganzes
scheinen.  Je  mehr  sich  das  Auge  dem  äußeren  Rande  nähert,  sieht
es,  wie  die  Strahlen  sich  nach  und  nach  voneinander  entfernen,  als
wenn  sie  ins  Unendliche  divergierende  Richtungen  einschlagen
■wollten.  Und  doch  trennen  sie  sich  nicht  gänzlich.  Denn  in  dem
Maße,  wie  sie  sich  voneinander  entfernen,  sieht  man  zwischen  ihnen
ein  gemeinsames  Gewebe  sich  entfalten,  das  ein  Band  unter  ihnen
schafft,  eine  neue  Einheit,  ebenso  —  wenn  nicht  mehr  —  widerstandskräftig ­
  wie  die  scheinbare  Einheit,  die  am  Griff  sich  aus  dem
Übereinanderliegen  der  Rippen  ergibt.
So  erscheint  die  Volkswirtschaft  bei  den  Physiokraten  und  noch
mehr  bei  Adam  Smith  als  ein  festgefügtes  Lehrgebäude  von  edler
Einfachheit.  Ein  Blick  gestattet,  das  Ganze  zu  umfassen.  Doch  die
Zeit  vergeht.  Die  Wissenschaft  schreitet  fort,  und  man  wird  gewahr,
daß  die  Einheit  des  Anfangs  mehr  scheinbar  als  wirklich  ist.  Die
sich  oft  widersprechenden  Theorien,  die  Smith  zu  vereinigen  gewußt
hatte,  erzeugen  neue  Gedankenströmungen,  die  in  immer  schärferen
Gegensatz  zueinander  treten,  in  dem  Maße  wie  sie  sich  zu  immer
größerer  Unabhängigkeit  entwickeln.  Verschiedene  Theorien  der
Güterverteilung  und  des  Wertes,  die  historische  und  die  abstrakte
Methode,  Liberalismus  und  Sozialismus,  —  ebenso  viele  Auffassungen,
die  eine  jede  ihren  Weg  mit  verschiedenem  Glück  und  durch  zahlreiche ­
  Verkörperungen  hindurch  verfolgen.  Zu  ihrer  Verteidigung
umgibt  sich  jedoch  eine  jede  mit  einem  Netz  von  Beobachtungen  und
Tatsachen,  bringt  ihren  eigenen  Beitrag  an  neuen  Wahrheiten  und
nützlichen  Bemerkungen,  —  und  so  bildet  sich  nach  und  nach  um
jeden  bedeutenden  Mittelpunkt  wirtschaftlicher  Gedanken  ein  Gewebe,
das  mehr  und  mehr  widerstandsfähig,  mehr  und  mehr  ausgedehnt  wird,
das  eine  Art  gemeinsame  wissenschaftliche  Grundlage  bildet,  unter
dem  man  noch  die  Hauptzüge  der  großen  Systeme  durchschimmern
sieht.  Und  weiter,  von  einem  gewissen  Augenblick  an,  sind  es  nicht
mehr  die  Strahlen  des  Fächers,  die  den  Blick  auf  sich  ziehen,  sondern
das  gemeinsame  Gewebe,  in  dem  nach  dem  Rande  zu  alle  Strahlen
sich  verlieren  und  verschwinden,  nämlich  die  Gesamtheit  der  erworbenen ­
  Wahrheiten,  die  das  bleibende  Ergebnis  der  Systeme  vorstellen. ­
  Nur  das  wollen  wir  heute  betrachten.
Das  Ergebnis  so  vieler  Diskussionen  und  Polemiken  ist  daher
die  Errichtung  eines  wirklich  gemeinsamen  Reiches,  in  dem,  was
auch  immer  ihre  sozialen  und  politischen  Hoffnungen  sein  mögen,  die
Nationalökonomen  sich  treffen  können.  Dieses  Reich  ist  das  der
eigentlichen  volkswirtschaftlichen  Wissenschaft,  der  Wissenschaft,  die
        <pb n="753" />
        Schlußwort.

731

sich  nicht  darum  sorgt,  vorzuschreiben,  was  sein  soll,  sondern  einfach,
das  zu  erklären  und  zu  verstehen,  was  ist.  Die  Überlegenheit  einer
Theorie  mißt  sich  einzig  an  ihrem  erklärenden  Wert.  Es  ist  von
geringer  Bedeutung,  ob  man  dann  in  der  Praxis  Interventionist  oder
liberal,  Protektionist  oder  Freihändler,  Sozialist  oder  Individualist
sei:  jeder  wahrhaftige  Geist  beugt  sich  notwendigerweise  vor  einer
genauen  Beobachtung  oder  einer  befriedigenden  Erklärung.
Während  nun  so  die  Verschiedenheiten  der  Schulen  das  Bestreben
zeigen,  sich  in  der  Einheit  der  besser  verstandenen  Wissenschaft
aufzulösen,  sieht  man  im  Hintergründe  sich  neue  Unterscheidungen
bilden,  die,  weniger  scholastisch  und  fruchtbringender  für  den  Fortschritt ­
  der  Wissenschaft,  einen  neuen  Fächer  unter  dem  alten  zu
bilden  scheinen.
Zunächst  tritt  in  der  Methode  der  Unterschied  zwischen  reiner
Ökonomie  und  beschreibender  Ökonomie  immer  schärfer
hervor,  oder  wenn  man  dies  vorzieht:  die  Unterscheidung  zwischen
der  theoretischen  Systematisation  und  der  Beobachtung  der  wirklichen
Tatsachen,  —  zwei  Uutersuchungsarten,  die  gleichmäßig  notwendig
sind,  und  die  geistigen  Begabungen  entsprechen,  die  nur  selten  in
der  gleichen  Person  sich  vereinigt  finden.  Die  volkswirtschaftliche
Wissenschaft  kann  aber  weder  der  Theorie  noch  der  Beobachtung
entraten.  Wir  empfinden  heute  noch  ebenso  brennend  wie  früher  den
Wunsch,  die  wirtschaftlichen  Geschehnisse  in  ihrer  Verkettung  zu
begreifen  und  ihre  gegenseitigen  Beziehungen  zu  verstehen.  Wenn
aber  auf  der  anderen  Seite  die  wirtschaftliche  Organisation  der  Welt
in  beständiger  Umformung  begriffen  ist,  wenn  die  Form  und  das
Wesen  der  Industrie  und  des  Handels  sich  täglich  ändern,  wie  wäre
es  möglich,  daß  wir  darauf  verzichten  könnten,  diese  Vorgänge  zu
beobachten  und  von  neuem  zu  beschreiben  ?  So  entwickeln  sich  beide
Methoden  gleichzeitig  unter  unseren  Augen  und  schreiten  gleichzeitig
vorwärts.  Ihr  heftiger  Streit  um  die  Vorherrschaft  scheint  heute
endgültig  beigelegt.
Und  weiterhin  sehen  wir,  wie  die  volkswirtschaftliche  Wissenschaft ­
  sich  in  verschiedene  Wissenschaften  zerlegt,  die  das  Bestreben
haben,  mehr  und  mehr  selbständig  zu  werden.  Diese  Trennung  bedeutet ­
  aber  nicht  länger  den  Kampf,  sondern  einfach  die  Arbeitsteilung. ­

In  ihren  Anfängen  war  die  ganze  wirtschaftliche  Wissenschaft
in  ein  oder  zwei  Bänden  beschlossen.  Unter  den  drei  großen  Teilüberschriften: ­
  Produktion,  Verbrauch,  Güterverteilung  glaubten  Say
und  seine  Nachfolger,  leicht  die  Theorien  und  die  wesentlichen  Tatsachen ­
  zusammenfassen  zu  können,  deren  Kenntnis  damals  genügte,
einen  Volkswirtschaftler  zu  bilden.  Seitdem  hat  sich  unsere  Wissen-
        <pb n="754" />
        732

Schlußwort.

Schaft,  wie  alle  anderen,  in  eine  große  Zahl  verschiedener  Zweige
geteilt.  Was  man  früher  Physik  oder  Chemie  nannte,  ist  nur  noch
ein  elastischer  Kähmen,  der  eine  Menge  von  Spezialwissenschaften
umfaßt  (Elektrizität,  Optik,  Thermodynamik,  biologische  Chemie  usw.),
und  von  denen  jede  genügt,  die  Arbeit  eines  ganzen  Menschenlebens
auszufüllen.  So  ist  auch  heute  das  Wort  Nationalökonomie  ein  unbestimmter, ­
  wenn  auch  bequemer  Ausdruck  geworden,  den  man  gebraucht, ­
  um  Forschungen  zu  bezeichnen,  die  oft  sehr  weit  voneinander ­
  entfernt  verlaufen.  Die  Preistheorie  und  die  der  Güterverteilung ­
  sind  zu  neuen  Entwicklungen  fortgeschritten,  die  sie  fast  zu
besonderen  Zweigen  der  Wissenschaft  machen;  —  die  soziale  Ökonomie
hat  sich  ihr  eigenes  Reich  errichtet  und  lebt  ihr  eigenes  Leben;  —
die  Bevölkerungstheorie  hat  sich  zu  einer  besonderen  Wissenschaft:
der  Demographie  erweitert;  —  die  Steuertheorie  hat  den  Namen
Finanzwissenschaft  angenommen;  —  die  Statistik  hat  ihre  besonderen
Methoden  und  steht  mit  allen  anderen  Zweigen  in  enger  Berührung;  —
die  Beschreibung  des  Mechanismus  des  Handels  nnd  der  Industrie,
der  Banken  und  Börsen,  die  Aufzählung  der  Formen  der  Industrie,
das  Studium  ihrer  Umwandlungen,  sind  für  die  Volkswirtschaft  das,
was  die  beschreibende  Zoologie  und  Botanik  und  die  Morphologie  für
die  Naturwissenschaft  bedeuten.  Obgleich  nicht  immer  besondere
Namen  jede  einzelne  dieser  Disziplinen  bezeichnen,  sind  sie  doch  in
Wirklichkeit  ebenso  viele  Spezialwissenschaften,  deren  Beziehungen
und  tief  liegende  Einheit  nicht  immer  leicht  zu  entdecken  sind.
Auf  einem  Gebiete  jedoch  bleiben  nicht  nur  die  Unterschiede,
sondern  auch  die  Kämpfe  bestehen,  und  werden  auch  aller  Wahrscheinlichkeit ­
  nach  niemals  auf  hören:  auf  dem  Gebiet  der  wirtschaftlichen ­
  und  sozialen  Politik.
Während  sich  zwischen  den  Nationalökonomen  allmählich  eine
gemeinsame  wissenschaftliche  Grundlage  herausbildet,  sind  die  Meinungsverschiedenheiten ­
  über  die  in  der  wirtschaftlichen  Politik  zu
verfolgenden  Zwecke  und  anzuwendenden  Mittel  heute  nicht  weniger
lebhaft,  als  früher.  Alle  die  großen,  in  diesem  Buche  dargestellten
Lehrmeinungen  haben  auch  heute  noch  ihre  Vertreter.  Liberale,
Sozialisten,  Intexwentionisten,  Staatssozialisten  und  christliche  Sozialisten ­
  fahren  fort,  sich  ihre  Ideale  und  ihre  praktischen  Methoden
entgegen  zu  halten.  Wird  sie  nun  die  Wissenschaft  zusammenführen? ­
  Sicherlich  nicht,  denn  die  Gründe,  auf  die  sie  sich  stützen,
stammen  zu  einem  guten  Teil  aus  anderen  Quellen  als  der  Wissenschaft. ­
  Religiöser  Glaube  und  Moralanschauungen,  politische  und
soziale  Überzeugungen,  individuelle  Gefühle  und  Neigungen,  bis  zu
persönlichen  Interessen  nnd  Erfahrungen  spielen  hier  ihre  Rolle  und
tragen  dazu  bei,  den  Standpunkt  eines  jeden  zu  bestimmen.  In  der
        <pb n="755" />
        Schlußwort.

733

ersten  Hälfte  des  19.  Jahrhunderts  hatte  die  Wissenschaft  einen
Bund  mit  einer  besonderen  Lehre,  dem  Liberalismus,  geschlossen.
Dieser  Bund  wurde  ihr  verderblich.  Mit  dem  Tage,  an  dem  der  Verdacht ­
  aufsteigen  konnte,  als  ob  die  wissenschaftlichen  Theorien  nichts
anderes  seien  als  Plaidoyers  von  Klassenadvokaten  zugunsten  einer
besonderen  Politik,  büßten  sie  einen  großen  Teil  ihres  Ansehens  ein.
Doch  diese  Erfahrung  ist  nicht  verloren  gegangen  und  nichts  wäre
für  die  Entwicklung  unserer  Wissenschaft  gefährlicher,  als  sie  von
neuem  unter  die  Botmäßigkeit  irgendeiner  Schule  zu  stellen.  Wohl
kann  die  Wissenschaft  der  Wirtschaftspolitik  eine  kostbare  Stütze
liefern,  indem  sie  ihr  gestattet,  die  wahrscheinlichen  Ergebnisse  dieser
oder  jener  Maßnahme  vorauszusehen,  und  man  muß  hoffen,  daß  ihre
Voraussagen,  die  heute  noch  allzuoft  recht  unsicher  sind,  in  Zukunft
immer  genauer  werden.  Aber  es  ist  nicht  ihre  Aufgabe,  der  Wirtschaftspolitik ­
  Ideal  oder  Ziel  zu  weisen.
Geben  wir  uns  daher  nicht  der  Hoffnung  hin,  eines  Tages  die
großen  Meinungsströmungen  verschwinden  zu  sehen,  die  sich  heute
Liberalismus,  Sozialismus,  Solidarismus,  Syndikalismus  und  sogar  Anarchismus ­
  nennen.  Vielleicht  werden  sie  in  der  Zukunft  andere
Namen  tragen.  Unter  der  einen  oder  der  anderen  Form  jedoch  werden
sie  neben  einander  bestehen  bleiben,  weil  sie  tiefwurzelnden  menschlichen ­
  Seelentrieben  oder  dauernden  Gruppeninteressen  entsprechen,
die  abwechselnd  die  Oberhand  gewinnen.
Soll  man  das  bedauern?  Nach  unserer  Ansicht  nicht.  Die  Einheit
des  Glaubens  erscheint  uns  ein  trügerisches  Ideal,  und  vom  rein
praktischen  Gesichtspunkte  aus  stehen  wir  auf  der  Seite  derer,  die
gerade  im  Interesse  der  Ziele,  die  ihnen  am  Herzen  liegen,  nicht
wünschen  können,  eines  Tages  diese  Ziele  streitlos  und  allein  das
Feld  behaupten  zu  sehen.
Zusammenfassend  dürfen  wir  wohl  sagen;  Wachsende  Einheit
und  Mitarbeit  auf  dem  Boden  der  Wissenschaft  dank  der  Vervollkommnung ­
  der  Methoden.
Auf  der  anderen  Seite:  Mannigfaltigkeit  und  sogar  Kampf  auf
dem  Boden  des  praktischen  Lebens  zwischen  den  verschiedenen  wirtschaftlichen ­
  Idealen,  die  weiter  untereinander  um  die  Vorherrschaft
streiten.
Dies  wird  zweifellos  das  Bild  der  künftigen  Ökonomik  sein.
So  ist  denn  der  Eindruck,  der  sich  aus  einer  Geschichte  der
Doktrinen  löst,  vielleicht  etwas  trübe,  oder  doch  zum  wenigsten  dazu
angetan,  uns  mit  dem  Gefühl  einer  gewissen  Demut  zu  erfüllen.  So
viele  Lehren,  die  man  für  endgültig  nachgewiesen  hielt,  verblassen,
und  so  viele  andere,  die  man  tot  glaubte,  leben  wieder  auf.  Die
aber,  die  verblassend  dahinsterben,  sterben  und  verschwinden  nie
        <pb n="756" />
        734

Schlußwort.

ganz,  und  die,  die  wieder  neues  Leben  erfüllt,  kehren  doch  nie  als
ganz  dieselben  wieder.
Was  nun  aber  der  Wissenschaft  und  dem  Unterricht  am  dringendsten ­
  not  tut,  um  sich  zu  entwickeln,  ist  vollständige  Freiheit:  Freiheit
der  Methode,  Freiheit  der  Theorien,  Freiheit  aber  auch  in  den  Idealen
und  den  Systemen,  —  denn  gerade  sie,  dje  auch  den  Gefühlen  ihren
Anteil  belassen,  sind  oft  sehr  wertvolle  Ansporne  zu  wissenschaftlicher
Forschung.  Nichts  ist  verderblicher  als  der  Dogmatismus,  komme  er,
woher  er  wolle.  Leider  sind  in  diesem  Punkt  keine  Schule  und  kein
Land  außer  dem  Bereiche  der  Kritik.
Schon  Sismondi  klagte  den  triumphierenden  Liberalismus  an,  die
Volkswirtschaft  in  eine  Orthodoxie  zu  verwandeln.  Aber  der  Liberalismus ­
  ist  nicht  der  einzige,  der  sich  diesen  Vorwurf  gefallen  lassen
muß.  Vor  wenigen  Jahren  erklärte  der  Führer  der  historischen
Schule  in  Deutschland,  Schmollee,  in  einer  Rede,  die  er  als  Eektor
der  Universität  von  Berlin  hielt,  daß  man  in  Zukunft  auf  öffentlichen ­
  Lehrstühlen  „weder  reine  Marxisten,  noch  reine  Jünger  Smith’s“
zulassen  könne.  Sollte  die  historische  deutsche  Schule  gegen  ihre
Gegner  jenen  Ostrazismus  wieder  einführen  wollen,  unter  dem  sie
früher  selbst  am  meisten  gelitten  hat?  Wir  können  uns  aber  auch
in  Frankreich  nicht  rühmen,  weniger  exklusiv  gewesen  zu  sein.  Die
Gleichgültigkeit  und  sogar  Feindschaft,  mit  der  lange  Zeit  hindurch
die  mathematische  Schule  bei  uns  in  Frankreich  behandelt  wurde,
macht  uns  wenig  Ehre.  Und  diese  gleiche  Intoleranz,  die  man  der
„bürgerlichen“  Nationalökonomie  mit  so  viel  Recht  vorwirft,  findet
sich  ebenso  sehr  im  Sozialismus.  Als  gewisse  Marxisten  in  die
Theorie  Maex’  Bresche  gelegt  hatten,  sah  man  zu  ihrer  Verteidigung
Kämpfer  erstehen,  die  an  autoritärem  Starrsinn  den  Verteidigern  des
Liberalismus  nichts  nachgaben,  als  dieser  sich  von  Neuerungen  bedroht ­
  glaubte.
Daher  ist  die  einzige  große  Nutzanwendung,  die  sich  aus  der
Geschichte  der  Doktrinen  ergibt  die,  daß  der  Geist  der  Kritik  immer
auf  dem  Plane  sein  muß,  immer  bereit,  die  erworbenen  Wahrheiten
aufs  neue  zu  prüfen  und  neue  Beobachtungen  und  Erfahrungen  mit
Bereitwilligkeit  anzuerkennen,  damit  das  Reich  der  Ökonomik  sich
ohne  Ende  ausbreite  und  festige.
        <pb n="757" />
        \

Analytische  Inhaltsübersicht.
Seite
Vorwort  zur  ersten  Ausgabe  XII
Vorwort  zur  zweiten  Ausgabe  XII
Vorwort  zur  deutschen  Ausgabe  XIII
Allgemeine  Inhaltsangabe  XXI
Erstes  Buch.
Die  Begründer.
Kapitel  I.
Die  Physiokraten  1—57
Die  politische  Ökonomie  am  Ende  des  18.  Jahrhunderts  1—2.
Dr.  Quesnay  und  die  Schule  der  Physiokraten  3.
I.  Das  System.
§  1.  Die  natürliche  Ordnung  .  6
Die  verschiedenen  Auffassungen  dieses  Wortes  6—11.
Die  praktischen  Folgen;  das  laisser-faire  12—13.
§2.  Der  Reinertrag  13
Die  produktiven  und  die  sterilen  Klassen  13—16.
Erklärung  und  Kritik  dieser  Formeln  17—20.
§3.  Der  Umlauf  der  Güter  20
Das  „Tableau  Economique“  20—24.
Die  physiokratische  Auffassung  des  Grundbesitzes  24  —  30.
Die  drei  Kategorien  der  Vorschüsse  25.
Die  drei  Kategorien  des  Eigentums  27—28.
II.  Die  Wirtschaftspolitik.
§  1.  Der  Handel  30
Die  Sterilität  des  Tausches  30.
Die  physiokratische  Auffassung  vom  Freihandel  31—36.
Die  schutzzöllnerischen  Gegner:  Galiani  und  Kecker  36.
Die  Freiheit  des  Zinses;  Turgot  37.
        <pb n="758" />
        736  Analytische  Inhaltsübersicht.

Seite

§  2.  Die  Rolle  des  Staates  37
Theorie  des  Despotismus  39—41.
Die  Punktion  des  Staates  41—43.
§3.  Über  die  Stenern  43
Die  einzige  Steuer  auf  den  Reinertrag  44—47.

Zurückweisung  der  Einwürfe  gegen  die  einzige  Steuer  47—50.
Der  Versuch  des  Markgrafen  Karl  Friedrich  von  Baden  60.
§4.  Zusammenfassung  der  physiokratischen  Doktrin.  Die
Kritiker  und  die  Abtrünnigen  51
Die  Beiträge  der  Physiokraten  zur  politischen  Ökonomie  51—53.
Ihre  falsche  Auffassung  des  Wertes  52.
Die  abweichenden  Ansichten  Turgot’s  58—54.
Selbständigkeit  der  Theorien  Condillac’s  54—57.

Kapitel  II.
Adam  Smith  58—131
Bedeutung  des  Buches  von  Adam  Smith  58—60.
Die  Vorgänger  Adam  Smith’s;  Hutcheson,  Hume,  Mandeville  und
die  Physiokraten  60—64.
§  1.  Die  Arbeitsteilung  64
Die  Kollektivarbeit,  Quelle  des  nationalen  Reichtums  64  -  66.
Die  Arbeitsteilung,  als  Form  selbsttätiger  Kooperation  66—67.
Ihre  Nachteile  und  Grenzen  67—69.
Ungleichmäßige  Produktivität  der  verschiedenen  Arbeiten  69—73.
Smith’s  Stellung  zu  den  Arbeitern  und  den  Industriellen  73—76.
Seine  Vorliebe  für  die  Landwirte  76  —  77.
§  2.  Der  Naturalismus  und  Optimismus  Adam  Smith’s  ...  77
Die  Idee  der  Spontaneität  der  wirtschaftlichen  Einrichtungen  78.
Ursprung  der  Arbeitsteilung  79.
Ursprung  des  Geldes  80.
Ursprung  des  Kapitals  81.
Die  Preistheorie  84.
Selbsttätige  Anpassung  der  Produktion  an  die  Warennachfrage  92.
Bevölkerungstheorie  92—93.
Geldtheorie  94—95.
Das  persönliche  Interesse  als  Triebfeder  des  Wirtschaftslebens  96—99.
Der  Optimismus  Smith’s  99—101.
Seine  ungenügende  Beweisführung  102.
Sein  Gegensatz  zu  dem  Optimismus  Bastiat’s  und  dem  der  Hedonisten
  103—105.
■§3.  Die  wirtschaftliche  Freiheit  und  die  Theorie  vom
internationalen  Handel.  .•  lüo
Kritik  der  Regierung  106—107.
Abschwächung  des  Prinzips  des  laisser-faire  108.
Unvollständige  Kritik  des  Schutzzollsystems  109—112.
Mäßigung  in  den  praktischen  Schlußfolgerungen  113—114.
        <pb n="759" />
        Analytische  Inhaltsübersicht.

737

Seite

§  4.  Einfluß  und  Verbreitung  der  Gedanken  Adam  Smith’s;  —

J.-B.  Say

114

Umstände,  die  der  Verbreitung  der  Gedanken  Smith’s  günstig  waren
115-118.
Übersetzungen  seines  Buches  118—119.
Bolle  J.-B.  Say’s  120—122.
Seine  Auffassung  des  „Unternehmers“  und  seine  Theorie  der  Güterverteilung ­
  126,  127.
Gegensatz  zu  Kicardo  128.
Theorie  der  Absatzwege  und  der  Krisen  128,  129,

Kapitel  III.
Die  Pessimisten

,  132-190

Grund  dieser  Bezeichnung  132—134.

135

Die  optimistischen  Theorien  Godwin’s  und  Condorcet’s  135—137.
Die  Theorie  Malthus’:  seine  beiden  Eeihen  138—141.
Die  preventiven  und  die  repressiven  Hemmungen;  was  ist  unter
moralischer  Enthaltsamkeit  zu  verstehen?  141—144
Utilitaristische  Konzessionen  diesem  Prinzip  gegenüber  145—146.
Kritik  der  Voraussagungen  Malthus’  146—149.
Der  Neo-Malthusianismus  150—151.
Bedauerliche  Folgen  der  malthusianischen  Lehre  151—152.
Ihre  Anwendungen  auf  die  Nächstenliebe  und  das  Almosengeben  152.
Die  modernen  Bevölkerungstheorien  153,  154.
II.  Bicardo.  —  Seine  Bedeutung  für  die  volkswirtschaftliche  Wissenschaft ­
  154—157.
1.  Das  Gesetz  der  Bodenrente
Vorgeschichte  der  Theorie  Eicardo’s  158—159.
Theorie  der  Bodenrente  161—162.
Ihre  Anwendung  auf  die  landwirtschaftliche  Krisis  in  England  163.
Das  Gesetz  des  sinkenden  Bodenertrages  164—165.
Die  von  der  Kententheorie  Vorausgesetzen  Postulate;  das  Gesetz  des
Einheitspreises  166,  167.
Das  Gesetz  der  Maximalkosten  167—170.
Die  Differential-  und  die  absolute  Eente  170.
Warum  die  Bodenrente  eine  so  große  Bedeutung  hat  171—177.
Die  Folgen  vom  Gesichtspunkt  des  Freihandels  173.
Die  Folgen  vom  Gesichtspunkt  des  Grundbesitzes  172,  174.
Die  Folgen  vom  Gesichtspunkt  der  Zukunft  der  Gesellschaften  174.
2.  Das  Gesetz  des  Lohnes  und  Profits
Das  Lohngesetz  Turgot’s  177.
Die  Lohngesetze  von  Kicardo  und  Malthus  178—179.
Der  Antagonismus  zwischen  Profit  und  Lohn  180.
Das  unvermeidliche  Sinken  des  Profits  181—183.
Die  Verteilungstheorie  nach  Kicardo  183—184.
Gide  und  Rist,  Gesch.  d.  Volkswirtschaft!.  Lehrmeinungen.  47
        <pb n="760" />
        738

Analytische  Inhaltsübersicht.

§  3.  Das  Gesetz  der  Handelsbilanz  und  die  Quantiiätstheorie
  des  Geldes
Die  Tendenz  des  internationalen  Handels  zum  unmittelbaren  Giitertausch
  187.
§  4.  Die  Reglementierung  der  Banknotenausgabe  und  das
Papiergeld  .
Über  die  Abschaffung  des  Papiergeldes  188.
Die  direkten  Schüler  Ricardo’s  189.
Zweites  Buch.
Die  Gegner.
Kapitel  I.
Sismondi  und  die  Ursprünge  der  kritischen  Schule.  .  192—225
Triumph  des  volkswirtschaftlichen  Liberalismus  192—193.
Der  Pauperismus  194.
Die  Krisen  195.
§  1.  Methode  und  Objekt  der  Nationalökonomie  196
Veranlassung  zur  Veröffentlichung  der  „Nouveaux  Principes“  196.
Mißtrauen  gegenüber  der  Abstraktion  197—200.
Kritik  der  „Chrematistik“  200—201.
Begriff  der  Sozialökonomie  201—202.
§  2.  Kritik  der  Überproduktion  und  der  Konkurrenz  .  .  .  202
Leiden  der  Übergangsperioden  202.
Die  Maschinen  203—205.
Die  Konkurrenz  und  die  Beraubung  des  Arbeiters  206—209.
Das  persönliche  Interesse  dem  allgemeinen  Interesse  entgegengesetzt ­
  210.
§3.  Die  Trennung  des  Eigentums  und  der  Arbeit.  Die
Erklärung  des  Pauperismus  und  der  Krisen  ....  211
Das  Gesetz  der  Konzentration  des  Eigentums  211—212.
Die  Bevölkerungs-  und  Lohntheorie  213.
„Nettoertrag“  und  „Bruttoertrag“  214—215.
Krisentheorie  216—217.
§4.  Die  Reformprojekte  Sismondi’s.  Sein  Einfluß  in  der
Geschichte  der  Doktrinen  i  217
Vorschlag  von  Produktionseinschränkungen  218.
Befürwortung  der  Wiederherstellung  der  Kleiuindustrie  und  des
kleinbäuerlichen  Besitzes  219—220.
Die  „berufliche  Garantie“  220—221.
Beziehungen  Sismondi’s  zur  historischen  Schule  222.
Beziehungen  Sismondi’s  zum  Interventionismus  223.
Beziehungen  Sismondi’s  zum  Sozialismus  224,
Kapitel  II.
Saint-Simon,  die  Saint-Simouisten  und  der  Ursprung  des
Kollektivismus.  .  .  ....  ...  225—260
Der  Sozialismus  des  18.  Jahrhunderts  und  der  Eevolutionsperiode
225-229.

Seite
184—187

187—190
        <pb n="761" />
        Analytische  Inhaltsübersicht.

739

Seite
§  1.  Saint-Simon  und  der  Industrialismus  229
Leben  und  Charakter  229—230.
Die  „Parabel“  231.
Der  Industrialismus  232—233.
Die  „Müßiggänger“  und  die  „Arbeiter“  233,  234.
Die  Werkstatt  als  Modell  der  Gesellschaft  235.
Die  Ersetzung  der  politischen  Regierung  durch  die  wirtschaftliche
Regierung  236.  ~f
§  2.  Die  Saint-Simonisten  und  dieKritik  des  Privateigentums ­
  239
Die  Schüler  Saimt-Sxmom’s  239—241.  (!},,  :  .  .
Die  Ausbeutung,  ein  Ergebnis  des  Besitzrechtes  242.
Verschiedene  Bedeutung  des  Wortes  „Ausbeutung“  bei  den  Sozialisten ­
  243—245.
Die  wirtschaftliche  Anarchie  als  Ergebnis  des  Eigentums  246,  247.
Zentralisation  der  Kapitalien  in  den  Banken  und  Abschaffung  des
Erbrechts  247—250.
Historische  Entwicklung  des  Eigentums  und  Geschichtsphilosophie
253—254.
§3.  Die  Bedeutung  des  Saint-Simonismus  in  der  Geschichte ­
  der  Doktrinen  255
Praktische  Betätigung  der  Saint-Simonisten  255—256.
Den  späteren  Sozialisten  überlieferte  Formeln  und  Gedanken  257.
Grundlegende  Gegensätze  zu  den  klassischen  Schriftstellern  258.
Verschiedene  Auffassung  über  die  Verteilung  der  Einkommen  258.
Verschiedene  Auffassung  über  das  persönliche  und  Allgemeininteresse; ­
  das  Interesse  des  Produzenten  über  das  des  Verbrauchers ­
  gestellt  259.
Die  künstliche  Organisation  ist  der  selbsttätigen  Organisation  vorzuziehen
  260.
Kapitel  III.
Die  Assozialisten  261—297
Kennzeichen  dieser  Schule.  Warum  wird  sie  utopistisch  genannt?
261—263.
Reaktion  gegen  die  Revolution  von  1789  263.
Gegenüberstellung  Owens  und  Fourier’s  264—265.
I.  Robert  Owen  265;  Seine  Betätigung  als  sozialistischer  Arbeitgeber
266—268.
§  1.  Die  Schaffung  des  sozialen  Milieus  268
Deterministischer  Charakter  dieses  Systems  269.
§  2.  Die  Abschaffung  des  Profits  270
Die  Arbeitsnoten  271.
Die  „Labour  Exchange“  272.
Die  Konsumvereine  273.
Sein  Schüler  Thompson  275.
II.  Charles  Fourier  276.  Seine  Verschrobenheiten  276.
§  1.  Das  Phalanstöre  .  277—279
Die  Ersparnisse  im  Kollektivhaushalt  2/9.
Die  Dienstbotenfrage  279.

47*
        <pb n="762" />
        740

Analytische  Inhaltsübersicht.

Seite

§2.  Die  Yollgenossenschaft  (cooperation  integrale)  279
Die  Formel  der  Verteilung  280.
Die  Umwandlung  des  Eigentums  in  „actionnariat“  281.
Die  Abschaffung  des  Lohnsystems  282.
§3.  Die  Säckkehr  zum  Boden  283
Vorzugsstellung  der  Gartenkultur  284.
§  4.  Die  anziehende  Arbeit  .  284

Die  Gruppen  und  Serien  285.
Der  Feminismus  288.
Der  Garantismus  286.
Schüler  Fourier’s:  Considerant  und  Godin  287.
III.  Louis  Blanc  288.
Organisation  der  Arbeit  288—289.
Assoziation  gegen  Konkurrenz  290.
Buchez  und  die  Produktiygenossenschaft  290.
„Die  soziale  Werkstatt“  291—293.
.Rechtfertigung  der  Einmischung  des  Staates  293.
Pierre  Leroux  296.
Gäbet  297.

Kapitel  IV.
Friedrich  List  und  die  nationale  Volkswirtschaftslehre.  297—326
Allgemeiner  Erfolg  der  Freihandelslehre;  Seltenheit  des  Widerspruchs ­
  298.
§  1.  Die  wirtschaftliche  Lage  Deutschlands  und  die  Ideen
List’s  299
Innere  und  äußere  Zollschranken  des  deutschen  Bundes  300.
Errichtung  des  Zollvereins  300—302.
Entstehung  des  Nationalen  Systems;  -  sein  spezifisch  deutscher
Charakter  302.
Die  Idee  der  Nationalität  303—306.
Die  Idee  der  produktiven  Kräfte  307—309.
Charakteristische  Züge  des  Schutzzollsystems  List’s  309—311,
§2.  Die  Qu  eilen  List’s;  sein  Einfluß  auf  die  späteren  schutzzöllnerischen
  Lehren  312
Der  „report“  Hamilton’s  und  die  amerikanische  Sohutzzollbewegung.
312—314.
List  und  der  Colbertismus  815—316.
Verschiedenheiten  zwischen  dem  heutigen  schutzzöllnerischen  System
und  den  Ideen  List’s  316—317.
List  und  Carey  317—319.
List  und  die  modernen  schutzzöllnerischen  Schriftsteller  320.
Die  Idee  „der  wirtschaftlichen  Autonomie“  321.
Die  Idee  „der  Sicherung  des  Binnenmarktes“  322.
§  3.  Die  wirkliche  Originalität  List’s  323
Die  historische  Methode  323.
Die  Idee  der  wirtschaftlichen  Zentralisation  324.
Die  dynamische  Auffassung  vom  Nationalwohlstand  325.
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        Analytische  Inhaltsübersicht.

741

Seite
Kapitel  V.
Proudhon  und  der  Sozialismus  von  1818.  .  .  .  326—362
Grundgedanke  Proudhon’s:  die  Reform  des  „Umlaufs“  328.
1.  Kritik  des  Eigentums  und  des  Sozialismus  328
„Eigentum  ist  Diebstahl“  329—331.
Selbständige  Erklärung  der  Beraubung  331—332.
Kritik  des  Sozialismus  333.
Die  Idee  des  Gleichgewichts,  die  Idee  der  Gerechtigkeit  und  der
„Mutualismus“  334  —  337.
2.  Die  Revolution  von  1848  und  der  Niedergang  des
Sozialismus  338
Einfluß  des  Jahres  1848  auf  die  Geschichte  der  Ideen  338—339.
Das  „Recht  auf  Arbeit“  und  die  nationalen  Werkstätten  339—341.
„Die  Organisation  der  Arbeit“  und  die  Kommission  im  Luxemhurgpalast
  342—344.
Die  Arbeitergenossenschaften  344—345.
3.  Die  Theorie  der  Tauschbank  345
Der  Geldzins,  Grund  der  Ungerechtigkeit  347—348.
Seine  Abschaffung  durch  eine  Tauschbank  348—349.
Folgen  des  Systems:  „Die  Anarchie“  349—350.
Unmöglichkeit  des  Systems  350—351.
Notwendiges  Wiedererstehen  des  Zinses  351—353.
Teilwahrheit:  der  gegenseitige  Kredit  354.
Vergleich  mit  ähnlichen  Systemen:  die,,Arbeitsnoten“Owen’s,  die  Bank
Mazel,  der  „Comptabilismus“  (Buchungssystem)  Solvay’s  365—359.
Die  Idee  der  Volksbank  360.
4.  Der  Einfluß  Proudhon’s  nach  1848  361
Proudhon  und  Marx  361.
Die  „neue  Schule“  von  Sorel  362.

Drittes  Buch.
Der  Liberalismus.
Die  beiden  liberalen  Schulen:  die  englische  und  die  französische.
363—395.
Kapitel  I.
Die  Optimisten  364—395
Kennzeichen  der  französischen  optimistischen  Schule  365—368.
Die  Verbindung  des  wirtschaftlichen  und  des  politischen  Liberalismus ­
  369.
Carey  und  ßastiat  370—372.
Der  Glaube  an  die  providentielle  Harmonie  373.
1.  Die  Theorie  des  Dienstwertes  374
Die  Definition  des  Wertes  374—375.
Die  Zweideutigkeit  des  Wortes  „Dienst“  377—378.
2.  Das  Gesetz  des  unentgeltlichen  Nutzens  und  der
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        742  Analytische  Inhaltsübersicht

Seite

Vir

Der  vom  Fortschritt  verwirklichte  Kommunismus  380—381.
Die  Theorie  Carey’s  über  die  Rente  382—384.
§3.  Das  Gesetz  der  Verteilung  zwischen  Kapital  und
Arbeit......  385
Das  Sinken  des  Zinsfußes  386.
§4.  Die  Unterordnung  des  Produzenten  unter  den  Verbraucher ­
  387
Falsche  Idee,  daß  die  Verbranchskraft  ohne  Organisation  auskommen
  kann  388.
§5.  DasGesetzderSolidarität  389
Besondere  Bedeutung,  die  Bastiat  dem  Worte  beilegte  390,
Auffassung  Carey’s  391.
Das  Gesetz  der  Bevölkerung  nach  Carey  392.
Charles  Dunoyer  392—396.
Der  Freihandel  393.
Die  immateriellen  Werte  394.
Kapitel  II.
Höhepunkt  und  Niedergang  der  klassischen  Schule.
Stuart  Mill  395—428
Zustand  des  volkswirtschaftlichen  Unterrichts  in  England  in  der
Zeit  nach  Ricardo  395.
Nassau  Senior  396.
Theorie  der  „Abstinenz“  397.
Erweiterung  des  Begriffs  der  Rente  397.
John  Stuart  Mill  399.
Seine  Person,  seine  Werke  und  sein  Platz  in  der  Geschichte  399—401.
♦
§  1.  Die  Großen  Gesetze  402
Der  „Homo  oeconomicus“  402.
1.  Das  Gesetz  des  persönlichen  Interesses  403.
Was  ist  der  Individualismus;  Unterschiede  mit  dem  Liberalismus ­
  403—404.
2.  Das  Gesetz  der  freien  Konkurrenz  404.
Das  Manchestertum  405.
3.  Das  Gesetz  der  Bevölkerung  407.
4.  Das  Gesetz  des  Angebotes  und  der  Nachfrage;  Stuart  Mills
Verbesserungen  408.
5.  Das  Lohngesetz,  Mills  Bekehrung  409.
6.  Das  Gesetz  der  Rente  411.
7.  Das  Gesetz  des  internationalen  Austausches  412.
Entwicklung  der  Theorie  der  internationalen  Werte  413—414,
Die  Zugeständnisse  Stuart  Mill’s  an  den  Protektionismus  414—415.
§  2.  Das  individualistisch-sozialistische  Programm  Stuart
Mill’s  416
Seine  Zugeständnisse  an  den  Sozialismus;  sein  Programm  sozialer
Reform  418—420.
Die  Abschaffung  des  Lohnsystems  durch  die  Produktivgenossenschaft
420—421.
Die  Abschaffung  der  Rente  durch  die  Steuer  422.
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        Analytische  Inhaltsübersicht.

743

Seite
Der  kleinbäuerliche  Besitz  423.
Die  Beschränkung  des  Erbrechtes  424.
Der  „stationäre  Zustand“  424—426.
§  3.  Die  Nachfolger  Stuart  Mill’s  ,  .  ,  426
Cairnes,  Michel  Chevalier,  Courcelle-Seneuil  und  Cherbuliez  426—428.
Viertes  Buch.
Die  Abtrünnigen.
Kapitel  I.
Die  historische  Schule  und  der  Streit  der  Methoden.  ■  431—466
Die  „Bleichsucht“  der  Volkswirtschaft  um  1842  432.
Frühere  Versuche,  sie  durch  die  Geschichte  wieder  zu  beleben  433.
Doppelter  Charakter  der  historischen  Schule;  kritisch  und  konstruktiv ­
  434.
§  1.  Der  Ursprung  und  die  Entwicklung  der  historischen
Schule  434
Wilhelm  Roscher  434.
Bruno  Hildebrand  436.
Karl  Knies  438.
Die  „junge  historische  Schule“  und  Schmoller  440.
Verbreitung  der  historischen  Schule  in  England  441.
Verbreitung  der  historischen  Schule  in  Frankreich  442.
§  2.  Die  kritischen  Ideen  der  historischen  Schule  443;
Untersuchungen  über  die  Methode  der  sozialen
Wissenschaften  von  Karl  Menger  444
a)  Die  Idee  des  Relativismus  der  wirtschaftlichen  Gesetze  445.
Die  Haltung  Stuart  Mills  447.
Die  Haltung  Marshall’s  und  Walras’  448.
b)  Die  Kritik  des  Egoismus  als  psychologische  Triebfeder  449.
Die  Haltung  Wagner’s,  Mills  und  Marshall’s  449—451.
c)  Die  Kritik  der  Abstraktion  und  der  Deduktion  451.
Neuere  Tendenz  auf  Einigung  bei  Marshall,  Pareto,  Schmoller
und  Bücher  454.
§  3.  Die  positiven  Ideen  der  historischen  Schule  455
Die  „mechanischen  und  organischen“  Gesichtspunkte  in  der  Nationalökonomie ­
  455.
Die  Geschichte  als  Erklärungsverfahren  458.
Das  Unzureichende  derselben  459.
Angebliche  „historische  Gesetze“  460—461.
Die  Ideen  August  Comte’s  462.
Die  Methode  der  „steigenden  und  fallenden  Reihen“  463.
Schlußfolgerungen  Jevon’s  und  Ashley’s  464—465.
Kapitel  II.
Der  Staatssozialismns.  .......  466—512
Verschiedener  Standpunkt  gegenüber  der  Rolle  des  Staates  bei
Adam  Smith  und  Bastiat  467—468.
Doppelte  Ideenströmungen  im  Anfang  des  Staatssozialismus  469.
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        744

Analytische  Inhaltsübersicht.

Seite
469

§  1.  Die  Kritik  des  laisser-faire  bei  den  Ökonomisten
Sismondi,  Hermann,  List  und  Mill  470.
Chevalier  und  Cournot  471—472.
Der  Liberalismus  ein  „Erbwort  praktischer  Weisheit“  473.
§  2.  Die  sozialistischen  Ursprünge  des  Staatssozialismus.  473
A)  Rodbertus  475—494.
Die  sozialen  Funktionen  ein  Ergebnis  der  Arbeitsteilung  478.
Das  soziale  Bedürfnis  479—480.
Rentabilität  und  Produktivität  481.
Theorie  der  Verteilung  482—485.
Anteil  des  Kapitals  und  der  Arbeit  am  Erzeugnis  486—488.
Das  Unzureichende  dieser  Theorie  488—490.
Das  notwendige  „Kompromiß“  490—491.
Biologische  Auffassung  der  Gesellschaft  492.
Kritik  Rodbertus’  492—493.
B)  Lassalle  494  -499.
Seine  historische  Rolle  494—495.
Seine  Verhöhnung  der  „Nachtwächteridee“  vom  Staate  497.
§  3.  Der  eigentliche  Staatssozialismus  499
Der  Eisenacher  Kongreß  500.
Die  Idee  der  nationalen  Solidarität  502.
Dupont-White  und  Adolf  Wagner;  Höherschätzung  des  Staates  und
Minderschätzung  des  Individuums  603—505.
Grenzen  ihrer  Aufgaben  505—506.
Anwendungen  auf  die  Güterverteilung  und  Gütererzeugung  506—508.
Historische  Umstände,  die  dem  Staatssozialismus  günstig  sind;  die
Rolle  Bismarcks  608  -510.
Anzeichen  eines  Rückschlags  511—512.
Kapitel  III.
Der  Marxismus  513—550
I.  Karl  Marx.  Lebensbeschreibung  513.
§  1,  Die  Mehrarbeit  und  der  Mehrwert  514
Theorie  des  Arbeitswertes  515.
Die  Arbeitskraft  des  Arbeiters  516—517.
Das  Geheimnis  der  kapitalistischen  Produktion  518.
.  Der  „Mehrwert“  518.
Die  „Mehrarbeit“  518.
Die  Mittel  des  Kapitalisten,  den  Mehrwert  zu  erhöhen  518—519.
Wie  der  Arbeiter  beraubt  wird,  ohne  bestöhlen  zu  werden  520.
Das  variable  und  das  konstante  Kapital  521—522.
Die  Unternehmungen  „höherer  und  niedriger  organischer  Zusammensetzung“ ­
  528.
§  2.  Das  Gesetz  der  Konzentration  oder  Expropriation  .  .  524
Woher  kommt  der  Name  Kollektivismus  525.
Die  Entwicklung  der  kapitalistischen  Ordnung  525.
Die  Umwandlung  der  unabhängigen  Produzenten  in  Lohnempfänger
526.
Die  Selbstzerstörung  der  kapitalistischen  Ordnung  527.
Die  Krisen  528.
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        Analytische  Inhaltsübersicht.

745

Das  Endziel  der  kollektivistischen  Entwicklung  529.
Die  Vergesellschaftung  der  Produktionsmittel  531.
II.  Die  Marxistische  Schule  631.
Die  Schüler  531.
a)  Warum  beansprucht  sie  den  Namen  wissenschaftlicher  Sozialismus? ­
  532
Ihre  Verwandtschaft  mit  der  Schule  Ricardo’s;  was  sie  der  klassischen
Nationalökonomie  vorwirft  532—534.
b)  Der  historische  Materialismus  534—535;  Bedeutung  dieses  Ausdrucks ­
  636.
c)  Ihr  ausschließlicher  proletarischer  Charakter  537  ;  der  Klassenkampf ­
  537—538.
d)  Die  These  der  Endkatastrophe  538:  der  Nutzen  des  Elends  539.
III.  Die  Krisis  des  Marxismus  und  der  Neo-Marxismus  540.
§  1.  Der  reformistische  Neo-Marxismus
Kritik  der  Theorien  Marx’s  540—541.
Kritik  des  Mehrwerts  541-542.
Kritik  des  Gesetzes  der  Konzentration  542.
Bernstein  542.
Die  der  Sozialisierung  des  Eigentums  gezogenen  Grenzen  543.
Ahschwächung  der  These  vom  Klassenkampf  545.
Abschwächung  der  These  von  der  Endkatastrophe  546.
§  2.  Der  syndikalistische  Neo-Marxismus
Verwandtschaftsbeziehungen  zwischen  dem  Marxismus  und  dem
Syndikalismus  547.
Erziehlicher  Einfluß  der  Gewerkschaft  548.
Die  Selbsthilfe  549.
Der  „Mythus“  vom  Generalstreik  550.
Kapitel  IV.
Die  auf  dem  Christentum  beruhenden  Lehren.  .  .
Ursachen,  die  das  Entstehen  dieser  Schulen  bestimmt  haben  551.
Ihre  Mannigfaltigkeit  und  ihr  gemeinsamer  Charakter  552.
Ihr  Antagonismus  zum  Liberalismus  552.
Ihr  Unterschied  vom  Sozialismus  563.
Die  Bedeutung  des  Einflusses,  den  sie  ausgeübt  haben  554.
§  1.  Die  Schule  Le  Play’s
Die  falschen  Dogmen  von  1789  565.
Die  patriarchalische  Familie,  die  Wahl-Erbfolgefamilie,  die  unbeständige ­
  Familie  556—558.
Wohlfahrtseinrichtungen  der  Unternehmer  558—560.
Die  monographische  Methode  560—562.
Illusionen  dieser  Methode  561.
Unterschiede  gegenüber  der  deutschen  historischen  Schule  562.
Spaltung  in  der  Schule  Le  Play’s  563.
Die  Schule  der  „Science  Sociale“  563.
§  2.  Der  soziale  Katholizismus
Die  Vorläufer  dieser  Schule  564—565.
Die  der  Korporation  beigelegte  Bedeutung  566.

Seite

540

547

551—584

555

564
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        Analytische  Inhaltsübersicht.

Seite
Übertragung  von  Verwaltungsbefugnisaen  an  die  Berufsverbände  567.
Notwendigkeit  der  Hierarchie  569.
Bolle  des  Staates  570.
Der  linke  Flügel  der  katholischen  Schule  571.
Der  Sillon  571.
Der  rechte  Flügel  der  katholischen  Schule  572.
Der  soziale  Protestantismus  .  .  .  572
Die  soziale  Färbung  des  Protestantismus  572.
Die  Christlich-Sozialen  von  1850  [Christian  Socialists)  573.
Das  Vertrauen  in  die  Produktivgenossenschaft  574.
Die  Entwicklung  des  christlichen  Sozialismus  in  England  575.
Die  Entwicklung  des  christlichen  Sozialismus  in  den  Vereinigten
Staaten  576.
Die  Entwicklung  des  christlichen  Sozialismus  in  Deutschland  577.
Die  Entwicklung  des  christlichen  Sozialismus  in  Frankreich  578.
Die  protestantischen  Gesellschaften  zum  Studium  sozialer  Fragen  578.
Individualistischer  Charakter  des  sozialen  Protestantismus  579.
Die  Mystiker  580
Die  christlich-soziale  Literatur  680.
Die  Anathemata  Carlyle’s  581.
Das  sozial-ethische  Programm  Kuskin’s  582.
Die  Verpflichtung  zur  Handarbeit  und  ihre  Verherrlichung  582.
Die  „wirtschaftliche  Bitterlichkeit“  583,
Die  Kunst  fürs  Volk;  die  „Gartenstädte“  584.
Das  kommunistische  Programm  Tolstois  584.

Fünftes  Buch,
Die  Lehren  der  neuesten  Zeit.
Die  vier  großen  Hauptströmungen  der  Gegenwart  585.
Umformung  der  klassischen  Doktrinen  585.
Umformung  der  sozialistischen  Doktrinen  586.
Eenaissance  des  Individualismus  586.
Kapitel  I.

Die  Hedonisteu  587—619
Die  Pseudo-Kenaissance  der  klassischen  Schule  .  .  .  587

Auferstehung  des  „homo  oeconomicus“  588.
Kritik  der  großen  klassischen  Doktrinen  589.
Kritik  des  Gesetzes  des  Angebots  und  der  Nachfrage  589.
Kritik  des  Gesetzes  der  Produktionskosten  590.
Kritik  des  Gesetzes  der  Verteilung  591.
Die  psychologische  Schule  592
Woher  der  Name  „österreichische  Schule“?  593.
Prinzip  des  „Grenznutzens“  593.
Wie  es  die  Probleme  des  Wertes  und  des  Tausches  löst  594.
Das  „Grenz-Paar“  596  Anm.
Das  Gesetz  des  Einheitspreises  oder  das  Gesetz  der  „Indifferenz“  597.
Das  Gesetz  der  „Substitution“  597.
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        Analytische  Inhaltsübersicht.

747

Das  Gesetz  der  Verteilung  der  Ausgaben  698.
Die  „Rente  des  Verbrauchers“  599.
Das  Gesetz  „des  Grenzlohnes“  600.
§  3.  Die  mathemathische  Schule  .  .  .  .  ,  601
Geschichtliches  über  diese  Schule  601.
Wie  sie  jede  wirtschaftliche  Handlung  auf  den  Tausch  zurückführt ­
  602.
Abschaffung  des  Wortes  „AVert“  603.
Die  Kunst,  alles  in  Gleichungen  auszudrücken  604.
Die  Kurven  des  Angebots  und  der  Nachfrage  606.
Der  Gleichgewichtszustand  606.
Das  System  des  allgemeinen  wirtschaftlichen  Gleichgewichtszustandes ­
  von  Walras  606.
Die  drei  Märkte  und  die  Gesetze,  die  sie  regieren  608.
Der  Mechanismus  des  Tausches  609.
Das  „Gesetz  der  bestimmten  Verhältnisse“  609.
Die  „Komplementär-Güter“  610.
§  4.  Die  Kritik  der  hedonistischen  Doktrinen  610
Ihr  geringer  Erfolg  in  Frankreich  611.
Ob  es  wahr  ist,  daß  die  Wünsche  nicht  in  Gleichungen  ausgedrückt
werden  können  ?  612.
Ob  es  wahr  ist,  daß  die  Hedonisten  nur  den  wiedererstandenen
Optimismus  verkörpern?  613.
Die  Erklärung  der  Zinsen  von  v.  Böhm-Bawerk  614.
Der  Agrar-Sozialisraus  von  Walras  616.
Ausschluß  jeder  ethischen  Eücksicht  617.
Ob  es  wahr  ist,  daß  die  Hedonisten  nichts  neues  entdeckt  haben?  617.
Haben  sie  ihrer  Methode  nicht  zu  viel  zugemutet?  618—619.
Kapitel  II.
Die  Theorie  der  Bodenrente  und  ihre  Anwendungen.  .  620—667
§  1.  Die  theoretische  Ausweitung  des  Kentenbegriffs  .  .  620
Die  städtische  Bodenrente  im  19.  Jahrhundert  621.
al  Die  Ausweitung  des  Rentenbegriffes  auf  andere  Arten  von
Eeichtümern  als  der  Boden  622.
Die  Theorie  des  Profites  von  Francis  Walker  625.
Unterschiede  zwischen  den  Theorien  von  Walras  und  Clark  627.
b)  Begriff  der  Rente  als  „Differentialeinkommen“  oder  als
„Seltenheitsprämie“  629.
Erfolg  dieser  letzten  Auffassung  bei  den  kontinentalen  Volkswirtschaftlern ­
  :  Hermann,  Mangoldt,  Schaffte,  Menger,  Pareto  632—633.
„Negative“  Rente  634.
§  2.  Der  Begriff  des  „unearued  increment“  und  die  Wegsteuerung ­
  der  Rente  635
Altere  Kritiken  des  Grundeigentums  636  -  637.
Die  Theorie  Ricardo’s  gibt  ihnen  neue  Kraft  638.
Vorschläge  James  Mills  und  John  Stuart  Mill’s  639.
Die  Theorie  Henry  George’s  641.
Kritiken  der  Theorien  George’s  und  Mills  644.
Anwendungsversuche  647.
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        748  Analytische  Inhaltsübersicht.

Seite

§  3.  Systeme  der  Nationalisierung  des  Bodens  648
Ihr  utopistischer  Charakter  649.
Der  Vorschlag  Gossen’s  630.
Der  Vorschlag  von  Walras  652.
Der  Vorschlag  von  Wallace  656.
Der  Vorschlag  Loria’s,  „Der  freie  Boden“  667  Anm.
§  4.  Sozialistische  Ausweitungen  des  Rentenbegriffes  .  .  658
Die  „Fabian  Society“  659.
Versuch  Webb’s,  den  Kapitalzins  auf  den  Gedanken  der  Rente
zurückzuführen  661.
Widerstand  der  „Fabier“  gegen  den  Marxismus  663.
„Spezifisch  englischer  Sozialismus“  666.
Kapitel  III.
Die  Solldaristeu  667—697
§  1.  Die  Ursachen  der  Entwicklung  des  Solidarismus  .  .  .  667
Etymologie  des  Wortes  Solidarität  667  Anm.
Vorgeschichte  der  solidaristischen  Doktrin  668.
Einfluß  der  Mikrobiologie  669.
Einfluß  der  Sozialbiologie  670.
Einfluß  wirtschaftlicher  Faktoren  672.
Einfluß  politischer  Faktoren  672—674.
§  2.  Die  solidaristischen  Thesen  674
Die  Theorie  des  Quasi-Kontraktes  von  Leon  Bourgeois  674.
Die  soziale  Schuld  675.
Wer  soll  sie  zahlen?  677.
Wem  soll  gezahlt  werden?  677t
Wie  soll  gezahlt  werden?  678.
Die  Mutualisation  der  Risiken  679  Anm.
Fiktion  des  Quasi-Kontraktes  überflüssig  679.
Praktische  Schlußfolgerungen  aus  dieser  Theorie  680.
Die  Theorie  der  Arbeitsteilung  Dürkheim’s  681.
Die  Solidarität  ist  das  Streben  nach  Einheit  681.
§  3.  Die  praktische  Anwendung  der  solidaristischen
Lehren  682
Die  Gesetze  Uber  obligatorische  Unterstützung  683.
Die  fiskalischen  Gesetze:  Progressivsteuer  684.
Die  Solidarität  durch  die  freie  Assoziation  684.
Die  Syndikalisten  684.
Die  Mutualisten  685.
Die  Konsumgenossenschaften  686.
Das  Programm  der  „Schule  von  Nimes“  686—687  Anm.
Das  soziale  Eigentum  688.
Der  Rechtssozialismus  688.
§  4.  Die  Kritik  des  Solidarismus  ......  689
Die  Kritik  der  liberalen  Schule  690.
Die  Kritik  der  Moralisten  692.
Die  Kritik  der  Sozialisten  693.
        <pb n="771" />
        Analytische  Inhaltsübersicht

749

Entgegnung  auf  diese  Kritiken  693.
Die  durch  die  Tatsache  der  Solidarität  dem  Moralgesetz  geleisteten
Dienste  694.
Die  Tauschordnung  zur  Verwirklichung  der  Solidarität  unzureichend ­
  696.

Kapitel  IV.
Die  Anarchisten  697—728
Doppelter  Ursprung  der  Lehre:  liberal  und  sozialistisch  697.
§  1.  Der  philosophische  Anarchismus  Stirner’s  und  die
Anbetung  des  ICH  699
Das  Milieu  seiner  Entwicklung  699.
Das  loh,  die  einzige  Wirklichkeit  700.
§2.  Der  politische  und  soziale  Anarchismus  und  die
Kritik  der  Autorität  702

Leben  Baknnin’s  703.
Leben  Kropotkin’s  704.
Die  Übertreibung  des  Ich-Begriffs  und  die  Idee  der  „Menschheit“  706.
Kritik  des  Staates  707.
Kritik  des  Eigentums  710.
Kritik  der  unwiderruflichen  Gelübde  711.
Die  einzige  Autorität;  Vernunft  und  Wissenschaft  712.
§  3.  Die  gegenseitige  Hilfe  und  die  anarchistische  Auffassung ­
  von  der  Gesellschaft  714
Der  Mensch  ein  Gesellschaftstier  714.
Den  Liberalen  entlehnte  Unterscheidung  zwischen  der  Gesellschaft
und  der  Regierung  716.
Die  Anarchie,  eine  freie  Vereinigung  von  Individuen  und  Genossenschaften ­
  718.
Erwiderungen  auf  Einwürfe  719.
Das  Wachstum  der  Produktion  721.
§  4.  Die  Revolution  722
Ihre  Notwendigkeit  723.
Muß  sich  mehr  gegen  Machtpositionen  als  gegen  Menschen
richten  724.
Bakunin  und  Netschajeff  725.
Einfluß  und  Verbreitung  der  anarchistischen  Ideen  726.
Beziehung  des  Anarchismus  zum  Syndikalismus  727—728.
Schlußwort  728—734
Wie  die  Verschiedenheiten  der  Schulen  sich  in  einer  höheren  Einheit ­
  auszugleichen  streben  729.
Wie  die  volkswirtschaftliche  Wissenschaft  sich  in  Sonderwissenschaften ­
  zu  teilen  bestrebt  ist  731.
Warum  die  Verschiedenheiten  in  der  Volkswirtschaft  bestehen  bleiben
werden  732.
Wie  sich  aus  der  Geschichte  der  Doktrinen  die  Lehre  ergibt,  den
Dogmatismus  zu  meiden  734.
        <pb n="772" />
        Alphabetisches  Namenverzeichnis.

Die  Zahlen  verweisen  auf  die  Seiten,  anf  denen  die  betreffenden  Schriftsteller
erwähnt  sind;  die  fett  gedruckten  Zahlen  geben  die  Seiten  an,  auf  denen  die  Gesamtheit ­
  der  Lehren  der  betreffenden  Schriftsteller  ausgeführt  ist.  Die  mit  einem  *
versehenen  Zahlen  verweisen  auf  die  Anmerkung  der  betreffenden  Seite.

Adamson  601*.
Adler  (Georg)  XIV;  698*.
Aftalion  209*.
Alembert  (d’)  VII*.
Allix  131*;  234*.
Anderson  167*.
Andler  362*;  476*;  498*;  514*;  689*.
Antoine  (Pater)  569*.
Antonelli  283*;  611*.
Argenson  (Marquis  d’)  12*.
Aristoteles  200.
„Chrematistisch“  200.
Definition  der  Wissenschaft  459.
„  des  Wertes  515.
Solidarismus  670*.
Arkwright  74.
Ashley  VI.
seine  Meinung  über  die  historische
Schule  439*.
über  die  wirtschaftlichen  Theorien  442;
446.
kritisiert  die  historische  Schule  465.
Auburtin  555  *.
Aucuy  357*.
Aulard  227*.
Aupetit  602*;  611*;  618*.
verwirft  das  Wort  „Wert“  603*.
Anspitz  602*.
Avenel  (Vicomte  d’)  621.

Babbage  76.
Babeuf  (Gracchus)  227;  499  *.
Baden  (Markgraf  Karl  Friedrich  von)  5;
50.
Bakunin  525*;  698;  702—727.
Bardoux  (Jacques)  680*.
Barone  602*.
Barres  (Maurice)  287  *.
Bastable  312*.
Bastiat  370—390;  IV;  IX;  429.
Verwandtschaftmit  den  Physiokraten  42.
sein  Optimismus  von  dem  Smith’s  verschieden ­
  104.
Ähnlichkeiten  mit  Say  131.
„  mit  den  Saint-Simonisten
252*.
Streit  mit  Proudhon  über  die  Zinsen  347  *.
Ähnlichkeiten  mit  Eicardo  413*.
Ähnlichkeiten  mit  Stuart  Mill  415.
seine  Auffassung  derRegiernng  467—469.
Gegensatz  zu  Eodbertus  über  die  Frage
der  proportionalen  Anteile  486;  488.
Eolle  des  Staates  501*.
Schiffbruch  seiner  Eententheorie  620;
621.
Vorläufer  des  Solidarismus  669;  690.
Verwandtschaft  mit  Yves  Guyot  690*.
mit  Stirner  verglichen  700.
mit  den  Anarchisten  verglichen  708.
        <pb n="773" />
        Alphabetisches  Namenverzeichnis.

751

liefert  den  Anarchisten  die  Unterscheidung ­
  zwischen  Regierung  und  Gesellschaft ­
  716*.
Bandeau  3*.
seine  Definition  der  Physiokraten  3*.
seine  Werke  4*.
Meinung  über  das  „Tableau  economique“
  21*.
über  das  Grundeigentum  24.
über  die  Regierung  Chinas  41*.
über  den  Unterricht  42.
über  den  Patriotismus  42*.
über  die  Steuern  43*;  44.
über  die  gleichen  Interessen  zwischen
Herrscher  und  Volk  46.
Bauer  (Bruno)  699.
Bauer  (Stephan)  21*.
Bazard  228*.
kennt  Fourier  nicht  228*.
Verf.  der  „Doctrine  Saint-Simonienne“;
vgl.  Saint-Simoniens  239—241.
Bebel  500,
Bentham  108*.
Meinung  über  die  Zinsen  108*.
von  den  Fabiern  kritisiert  666.
Berens  (Eduard)  622*.
Bergson  (Henri)  461*;  536*;  547*.
Bernstein  542—547.
Kritik  der  marxistischen  Thesen  542  ff.
trägt  zur  Krisis  des  Marxismus  bei  540.
Beurteilung  Böhm-Bawerk’s  641*.
Meinung  über  die  Marx’sche  Werttheorie
542*.
Berth  547  *.
Meinung  über  die  Anarchisten  702*.
über  den  Staat  728.
Berthelemy  648*.
Bismarck  474;  499;  609.
Blanc  (Louis)  288—296.
seine  Organisation  der  Arbeit  288.
von  Sismondi  inspiriert  224.
die  Saint-Simonisten  sind  ihm  vorausgeeilt ­
  257.
Meinung  Proudhon’s  über  ihn  333*.
seine  Bolle  während  der  Revolution
von  1848  338—345.
Vorläufer  des  Staatssozialismus  474.
Lassalle  entlehnt  ihm  sein  Projekt  der
Arbeiterassoziationen  496.
Blanqui  (Adolphe)  223*;  332.
Block  (Maurice)  428.

Böhm-Bawerk  (von)  81  *.
Meinung  über  Adam  Smith  88*.
über  Bastiat  und  Carey  371.
seine  Ideen  von  gewissen  Sozialisten
angenommen  541.
Urteil  über  die  Klassiker  689*.
Kritik  an  ihnen  593.
seine  Meinung  über  den  Grenznutzen
693*;  694*.
seine  Definition  des  Grenznutzeus  597*.
seine  Zinsentheorie  602;  614—615.
Bedeutung,  die  er  den  hedonistischen
Theorien  beilegt  619.
verschieden  von  den  Fabiern  662.
Boisguillebert  33*;  38*;  61.
Bonar  (James)  59*;  135.
Bondareff  584*.
Bounard  (Bank)  356*.
Bonnet  (Alfred)  601*.
Booth  (Charles)  442.
Bortkiewioz,  L.  v.  602*.
Bossuet  551.
Bougle  328*;  675*.
Bourgeois  (Leon)  674—680;  684*;  685*.
Theorie  des  Quasi-Kontrakts  676.
Abschätzung  der  sozialen  Schuld  680.
Bourgin  (Hubert)  107*;  228*;  277*;
298*.
Bourguin  (Maurice)  261*;  361*;  614*;
686*.
Bouvier  612*.
Brandes  (Georg)  495.
Brants,  VI.
Boyve  (de)  578*.
Braun  (Karl)  419.
Bray  355.
Brentano  (Lujo)  440;  444*.
Briand  (Aristide)  283*.
Bright  (John)  416.
Brissot  de  Warville  227*;  329*.
Brodnitz  509*.
Brook-Farm  287*.
Bruhnes  (Frau)  680*.
Brunetiere  (Ferdinand)  552*.
Buccleugh  (Herzog  von)  58*.
Bnchanan  59*;  160.
Bücher  (Lothar)  474.
Bücher  (Karl)  284*.
leitet  die  Arbeit  vom  Spiel  ab  284*.
seine  Meinung  über  die  Aufeinanderfolge
der  wirtschaftlichen  Perioden  805*.
über  die  Methode  440;  455.
        <pb n="774" />
        752

Alphabetisches  Namenverzeichnis.

Buchez  290.
nachgeahmt  von  Louis  Blanc  2B0.
Vorläufer  der  Arbeiter-Assoziationen  344.
des  katholischen  Sozialismus  564.
den  Christlich-Sozialen  unbekannt  574.
Buffon  135;  594*.
Buisson  280.
Buisson  (Ferdinand)  684*.
Buonarotti  288.
Bureau  (Paul)  154;  561*;  564*;  693*.
Buret  224.
Gäbet  297;  263;  277;  333*.
von  Proudhon  kritisiert  334.
Cairnes  426—427.
seine  Meinung  über  die  Methode  441.
Calvin  573*.
Campanella  227*;  277.
Cannan  (Edwin)  59*;  489*.
Herausgeber  von  Adam  Smith  59*.
Meinung  über  die  drei  Faktoren  64*.
über  die  Arbeitsteilung  Smith’s  69*.
über  die  Theorie  vom  Kapital  bei
Smith  81*.
über  die  Theorie  der  Beraubung  bei
Smith  89*.
Endesures  und  Getreidepreis  162*.
Cantillon  (Richard)  53.
Carey  382—384.
seine  Grundrententheorie  382.
beruft  sich  auf  die  Physiokraten  32.
im  voraus  von  J.-B.  Say  widerlegt  128
seine  Theorie  über  den  Schutzzoll
317—320.
Beziehungen  zu  Bastiat  370.
seine  Werttheorie  375.
seine  Theorie  über  die  Assoziation  und
die  Bevölkerung  391.
Gegensatz  zu  Eodbertus  in  der  Frage
der  proportioneilen  Verteilung  486.
Fehlschlag  seiner  Kritik  Ricardo’s  620
bis  621.
Carey  (Matthew)  313.
Carlyle  581;  —  132;  223.
Carnot  (Hippolyte)  240;  241*.
Carnot  (Sadi)  418*.
Carrel  (Armand)  240.
Carver  593*.
Cauwes  320*.
Cazamian  580*.
Channing  287*;  673*.  &amp;gt;
Chaptal  125;  312*;  313*.

Charlety  255*.
Charmout  689*.
Chatelain  57*;  420*;  489*.
Cherbuliez  428;  615*.
Chevalier  (Michel)  427.
seine  Beziehungen  zu  den  Saint-Simonisten
  210;  241.
Unterhändler  bei  dem  Vertrag  von
1860  255.
von  List  beurteilt  325*.
seine  Ideen  über  die  Eolle  des  Staates
471.
Vorläufer  des  Staatssozialismus  507.
Child  61.
Clark  (J.  B.)  593*.
Grenznutzen  593*.
erneuert  die  Theorie  der  Verteilung  599.
seine  optimistischen  Neigungen  617*.
Gegensatz  zu  Walras  und  Walker  627.
seine  Theorie  der  Verteilung  635*.
von  Henry  George  beeinflußt  641*.
Clavieres  120.
Cliffe  Leslie  222;  441.
Cobden  371*.
seine  Liga  von  Bastiat  nachgeabmt  371*.
sein  Lohngesetz  409.
der  Freihandel  416.
Unterhändler  beim  Vertrag  von  1860  427.
Colbert  316.
Colins  (Baron)  174.
Colinsiens  531.
Colson  489*;  611*.
Einkommenverteilung  387*.
Comto  (Auguste)  462—464.
seine  Auffassung  derVolkswirtschaft  462.
„  '  „  des  Despotismus  40*.
Beziehungen  zu  den  Saint-Simonisten
228*;  230;  239.
Theorie  der  drei  Stände,  Saint-Simon
entlehnt  251.
seine  Kritik  des  Liberalismus  374.
Gegensatz  zu  Bastiat  374.
die  „soziale  Funktion“  378.
Einfluß  auf  Stuart  Mill  400;  418.
von  Stuart  Mill  kritisiert  426*.
stellt  die  Statik  der  Dynamik  gegenüber ­
  514.
Christentum  553*.
Vorläufer  des  Solidarismus  669.
Mißtraut  dem  Organizismus  671*.
Idee  von  der  solidarischen  Verantwortlichkeit ­
  675;  682*.
        <pb n="775" />
        Alphabetisches  Namenverzeichnis,

753

Comte  (Charles)  234.
Condillac  54—57.
hält  die  Bekanntschaft  mit  den  falschen
Doktrinen  für  nützlich  VII.
kritisiert  die  Physiokraten  54.
von  A.  Smith  nicht  gekannt  und  übertroflen
  84.
inspiriert  Say  122,
von  Say  falsch  verstanden  122*.
hilft  Say,  Smith  zu  korrigieren  131.
seine  Gedanken  von  den  Hedonisten
wieder  aufgenommen  594  *.
Condorcet  136;  253.
•Considerant  (Victor)  287.
von  Proudhon  kritisiert  333*.
verteidigt  das  Hecht  auf  Arbeit  339.
in  die  Kommission  des  Luxemburg  berufen ­
  342.
Vorläufer  des  Solidarismus  680.
Dooper  (William)  275.
Coquelin  (und  Guillaumin)  338.
•Cossa  (Luigi)  VI;  XV;  417;  428,
Gourcelle-Seneuil  356*;  358*;  427;  428;  615*.
■Cournot  V.
glaubt  nicht  an  den  Einfluß  derVolkswirtschaftler
  auf  den  Gang  der  Ereignisse ­
  V.
bekämpft  den  Ereihandel  298*.
kritisiert  das  Gesetz  von  Angebot  und
Nachfrage  408*.
kritisiert  den  Optimismus  471;  472.
sieht  im  Liberalismus  ein  „Erbwort
praktischer  Weisheit“  473.
unterstützt  den  Staatssozialismus  481*;
507.
die  Nachfrage  eine  Preisfunktion  590.
gebraucht  algebraische  Formeln  601*;
604*.
das  Gesetz  des  Absatzes  604*.
Coux  (de)  551*.
Croce  (Benedetto)  541  *.
Cromwell  (Acts  of  navigation,  Schifffahrtsakte) ­
  113*.
Cunningham  442.
■Curmont  15*.
.Damaschke  (Adolf)  XIV.
Darimon  347  *;  357  *.
Darwin  136;  368;  705.

Denis  (Hector)  VI.
Meinung  über  die  Physiokraten  2*;  21  *.
Schaubilder  zur  Erklärung  der  physiokratischen
  Theorie  9*;  21*.
seine  Auslegung  des  „Überwertes“
Sismondi’s  209*.
Kritik  des  Tauschlagers  Owen’s  273*.
bringt  A.  Comte  mit  der  historischen
Schule  in  Verbindung  462*.
Descartes  713.
Deschamps  IV  *;  V  *.
Diderot  8.
Diehl  (K.)  358*.
Dobbert  (P.)  638*.
Dolleans  (Ed.)  266*;  269*;  274*.
Dollfus  559.
Doubleday  154*.
Dove  (Patrik  Edward)  637.
Dragomanoff  700.
Drome  (M.  de  la)  341.
Droz  223.
Drysdale  150*.
Dubois  VI.
Duguit  689*.
Dühring  (E.)  XIII;  131;  237*;  325*;  481  *.
Dumas  229*.
Dumont  (Arsene)  154.
Dumoulin  573*.
Dunoyer  369;  392—395.
Beziehungen  zu  Saint-Simon  234.
empfiehlt  die  Konkurrenz  366*.
Gegner  der  Assoziation  367*.
gehört  zur  „hartherzigen“  Schule  368*.
internationaler  Austausch  412.
von  Prince-Smith  nachgeahmt  501;  502.
Unterschiede  von  und  Ähnlichkeiten  mit
den  Anarchisten  697;  617  *.
Dupin  (Baron)  312*.
Dupont  de  Nemours  4*.
seine  Werke  4*.
seine  Definition  der  Physiokratie  6.
seine  Auffassung  der  sozialen  Gesetze  7  *;
8*;  9;  10.
seine  Meinung  Uber  den  Despotismus  39*.
über  die  Grundbesitzer  44*;  45*.
Definition  der  natürlichen  Gesetze  402*.
Dupont-White  503—507.
über  die  historische  Methode  251.
Mitglied  der  Kommission  des  Luxemburg ­
  342.
Betrachtet  hauptsächlich  den  modernen
demokratischen  Staat  467*.
48

Dechesne  567*.
Deherme  668*.
Demolius  563*;  691*.
Gide  und  Rist,  Gesch.  d.  Volkswirtschaft!.  Lehrmeinungen.
        <pb n="776" />
        754

Alphabetisches  Namenverzeichnis.

unter  dem  zweiten  Kaiserreich  wenig
beachtet  468.
Vorläufer  des  Staatssozialismus  607.
Dupuit  592*.
Durand  688*.
Dürkheim  69;  443*
solidarite  680—681.
Duverger  241.
Eden  (Vertrag)  117;  416.
Edgeworth  (Frl.)  133*.
Edgeworth  (F.Y.)  602*;  609*;  647*.
Effertz  (Otto)  481*.
Eheberg  (von)  300*.
Eiohthal  (Gustave  d’)  426  *.
Einaudi  (Euigi)  621*;  645*;  647*.
Eisenach  (Kongreß  zu)  500
Beurteilung  von  seiten  Rodbertus’  477.
Eisenhart  (H.)  XIII.
Eltzbaeher  704*;  710*.
Ely  (Richard)  398*;  577*.
Encyclopedisten  58*.
Enfantin  228*.
Beziehungen  zu  Fourier  228*.
gründet  „Le  Producteur“  239.
wandelt  den  Saint-Simonismus  zu  einer
Religion  240.
Entwicklung  seiner  Ideen  241*.
seine  Profit-  und  Lohntheorie  244*.
Bedeutung,  die  er  den  Banken  beilegt
247  *.
seine  praktische  Tätigkeit  255.
seine  Definition  des  Kredits  256*.
seine  Auffassung  des  Allgemein-Interesses
  259.
projektiert  der  Kanal  von  Suez  427.
Engels  (Friedrich)  235*.
„Tod“  des  Staates  235*.
seine  Beurteilung  Saint-Simon’s  237;  257.
Freund  und  Herausgeber  v.  Marx  514*.
kündigt  die  Abschaffung  des  Privat-Eigentums
  an  530*.
verkehrt  mit  den  „Freien“  700.
Escarra  637*;  656*.
Esmein  38*;  39*.
Espinas  V*.
Fabier  (Gesellschaft)  659-667;  251;  531*.
Faguet  283*.
Pallot  (Tomy)  678;  579.
Faucher  (Julius)  700.
Ferrara  (Francesco)  376*.

Perrier  313*.
Festy  (Octave)  291  *.
Fetter  693*.
Feuerbach  699;  707*.
Fichte  498*.
Fisher  (Irving)  81*;  94*;  593*;  602*;
615*;  662.
Fix  (Theodore)  223.
Fleurant  675*.
Fontenay  (Roger  de)  164*.
Bodenrente  382*.
Fouillee  (Alfred)  637;  682*;  688.
Fourier  276—283.
seine  Meinung  über  die  Bevölkerung
154  *.
von  Sismondi  bekämpft  220.
Einfluß  auf  Enfantin  228*.
Beziehungen  zu  Owen  263.
Meinung  über  die  Freiheit  des  Tausches
298*.
von  Proudhon  kritisiert  333*;  334*.
Anhänger  des  Rechtes  auf  Arbeit  339.
will  sich  auf  die  regierenden  Klassen
stützen  537.
eilt  dem  Solidarismus  voraus  669;  680.
von  den  Anarchisten  als  einer  der  ihren
beansprucht  698.
eilt  den  Anarchisten  durch  das  „Phalanstere“
  voraus  720*.
Fourniere  632*;  536*.
Foville  (A.  de)  175*.
Foxwell  275*;  356*.
Franklin  371*.
Frezouls  (Paul)  622*;  630*.
Fridrichowitz  (Eugen)  XIV.
Pröbel  285.
Galiani  (Abbe)  36;  63;  54.
Gar^on  60.
Garnier  (Joseph)  332;  432.
Garnier  (Baron  Germain)  432*.
Übersetzer  Smith’s  119.
seine  Meinung  über  die  Physiokraten
121.
seine  Meinung  über  die  immateriellen
Erzeugnisse  122.
über  die  Überproduktion  129.
George  (Henry)  640—645;  IV.
widmet  den  Physiokraten  eins  seiner
Bücher  51*.
die  Saint-Simonisten  sind  ihm  vorausgeeilt ­
  158;  174;  257,
        <pb n="777" />
        Alphabetisches  Namenverzeichnis.

755

Marx  an  Bedeutung  nachstehend  531  *
von  den  englischen  Christlich-Sozialen
verbreitet  576.
proklamiert  das  Recht  auf  den  gemeinschaftlichen ­
  Besitz  des  Bodens  638.
Ähnlichkeiten  und  Unterschiede  mit
Walras  652—653.
Anhänger  des  „freien  Bodens“  656*.
Gervinus  436*.
Gibbon  117.
Gide  (Charles)  276*.
Fourier  277*.
Kritik  Bastiats  378*:  387*.
„desirabilitd“  593*.
Rückkauf  des  Bodens  654*.
Solidarismus  673*.
Godin  (Andre)  287.
Godwin  136.
über  Malthus  146.
Meinung  über  die  Bevölkerung  Frankreichs ­
  158*.
Unterschied  von  dem  Saint-Simonismus
227  *
Vorfahr  der  Anarchisten  693.
Göhre  (Paul)  577.
Goethe  XIII;  458.
Gossen  650—653.
seine  Beurteilung  durch  Bernstein  541  *
Geschichte  seines  Buches  601*;  650*.
Theorie  der  Nationalisierung  des  Bodens
650—651.
Gounelle  576*;  578*;  679.
Gournay  (Vincent  de)  5*;  12*.
Gouth  578.
Grave  (Jean)  698;  702*.
Schüler  Kropotkin’s  705.
übertriebene  Schätzung  des  Individuums
706.
Ansicht  über  die  Ursachen  der  Verbrechen ­
  710*.
über  das  Unverbrüchliche  der  Vertrage
712.
„weder  Gott,  noch  Herr“  714.
Unterschied  gegenüber  Kropotkin  über
die  respektive  Rolle  des  Individuums
und  der  Gesellschaft  716*.
glaubt  an  die  selbsttätige  Harmonie
der  Interessen  718*.
Meinung  über  die  Nichtstuer  720.
„  über  die  Werttheorie  722.
Grün  (Karl)  336*;  364*.
Guesde  (Jules)  518*;  531*.

Guillaume  (James)  525*;  703*;  715*.
Guillaumin  (vgl.  Coquelin)  333;  697*.
Guise  (Familistere  de)  287.
Gustav  III.  5.
Guy  Grand  536*;  550*.
Guyau  680*.
Guyot  (Yves)  389*;  406*;  690*.
Halevy  (Elie)  133*;  234*;  259*.
Hall  658.
Hamilton  312.
Hargreaves  74.
Harmel  (Leon)  569*.
Harmony  (New-)  266*.
Harvey  20.
Hasbach  78*.
Hawthorne  287*.
Heeren  436*.
Hegel  498*;  703.
Held  440.
Hermann  470;  623*;  626;  632  u.  *.
Hemm  577*.
Higgs  5*.
Hildebrand  (Bruno)  436—437.
Sismondi  ist  ihm  vorausgeeilt  222.
seine  Theorie  der  wirtschaftlichen
Perioden  305*.
Ansicht  über  List  433*.
von  Max  Weber  kritisiert  434*.
Analogien  mit  Comte  462;  464.
Hirst  (Margaret  E.)  310*;  313*.
Hitze  (Abbe)  665  u.  *.
Hobbes  714.
Holyoake  274*.
Howarth  (Charles)  275.
Huet  (Frangois)  564;  637.
Hughes  573.
Hume  68*.
seine  Freundschaft  mit  Adam  Smith  58*.
seine  Meinung  über  die  Handelsbilanz  61.
„  „  „  „  Rente  73*;  168*.
die  quantitative  Geldtheorie  95*;  187.
über  den  „Völkerreichtum“  117;
119.
Beziehungen  zu  Malthus’  Vater  134*.
von  Smith  gelobt.  308*.
Huskisson  299;  301.
Hutcheson  60.
Hyndman  659*.
Ibsen  581.
Ikaria  277;  297.

48*
        <pb n="778" />
        756

Alphabetisches  Namenverzeichnis.

Ingersoli  (Charles)  313*.
Ingram  VI;  439*;  462.
Internationale  (Internationale
Arbeiterassoziation)  361;  704.
Janet  (Paul)  286.
Jannet  (Claudio)  559*;  673*.
Jaures  636*.
Jevons  (Stanley)  131*.
Meinung  über  die  französische  Schule
131*.
Meinung  über  die  historische  Methode
433;  464.
definiert  die  Aufgabe  der  Volkswirtwirtschaft ­
  588*.
der  „Grad  des  Grenznutzens“  592*;  609.
das  „Gesetz  der  Indifferenz“  697*.
rehabilitiert  Cournot  601  *.
sein  Buch  601*.
schlägt  vor,  das  Wort  „Wert“  nicht
mehr  anzuwenden  603*.
Produktionsvorgang  609—610.
ist  Interventionist  616.
mit  Gossen  verglichen  650*.
Jenks  320*.,
Joseph  II.  5.
Katharina  II.  5;  38.
Kautsky  312*;  547*.
Kautz  (Julius)  XIII.
Ketteier  (Bischof  von)  565.
Kidd  (B.)  553*.
King  (Gregory)  61.
Kingsley  (Charles)  573;  574*;  575*.
Knies  438—450.
seine  ungerechte  Kritik  Smith’s  100*.
reiht  Sismondi  unter  die  Sozialisten
ein  222*;  433*.
von  Max  Weber  kritisiert  434*.
seine  Meinung  über  Koscher  435*.
seine  Theorie  des  Relativismus  445;  446.
kritisiert  den  Mißbrauch  des  egoistischen
Beweggrundes  449.
seine  Auffassung  der  historischen  Ge-Gesetze
  460.
Analogie  mit  A.  Comte  462;  464.
Köhler  (Kurt)  312*.
Korinther  (Bf.  an  die)  576*;  677*.
Kraus  118*.
Kropotkin  704—727;  525*.
Kurella  664*.
Kutter  578.

Laboulaye  (Edouard  de)  573*.
Labriola  (Antonio)  514*;  528*;  630*;
532  ;  533*;  536*;  540*.
Labriola  (Arturo)  41  *;  541  *.
Lacordaire  295.
Lafargue  531*.
Lafayette  301.
Lagardelle  550*;  703*.
Lalande  681*.
Lamartine  340*;  341.
Lamennais  564.
Lanark  (New)  267.
Landry  481*.
Meinung  über  die  Moral  Marx’  536*.
über  die  Zinstheorie  615*.
über  die  österreichische  Schule  611*;
619*.
Langlois  464*.
Laskine  235*.
Lassalle  494—499.
im  voraus  von  Smith  widerlegt  82*.
ehernes  Lohngesetz  180;  410;  487.
Beziehungen  zu  Louis  Blanc  295.
kritisiert  Bastiat.  371.
sucht  ein  Kompromiß  zwischen  der
bestehenden  Gesellschaft  und  dem
Sozialismus  474.
seine  persönlichen  Beziehungen  zu  Rodbertus
  und  Bismarck  474.
seine  Apologie  Rodbertus’  476.
versucht  erfolglos  Rodbertus  zum  Beitritt ­
  zu  seiner  Arbeitervereinigung
zu  bewegen  477.
mit  Henry  George  verglichen  643*;
652*.
juristischer  Sozialismus  689*.
Lauderdale  122*.
Launay  (de)  692*.
Launhardt  602.
Laveleye  (de)  252;  428;  656*.
Lavergne  423*.
Lavoisier  140.
Lazare  (Bernard)  703.
Le  Chapelier  263*.
Ledru-Rollin  341.
Legendre  12*.
Legrand  (Daniel)  554.
Leo  XIII  569*;  570*;  571.
Leopold  (von  Toskana)  5.
Le  Play  555—564;  566.
seine  Meinung  über  die  Bevölkerung
154.
        <pb n="779" />
        Alphabetisches  Namenverzeichnis.

757

Beziehungen  zu  Sismondi  222.
Mitglied  der  Luxemburg-Kommission
342.
am  Rande  des  Christlich-Sozialismus
554.
Leroux  (Pierre)  266*.
erfindet  das  Wort  „Sozialismus“  266*;
296*.
wie  auch  das  Wort  „Solidarismus“  296;
389*;  669,
Leroy-Beaulieu  (Paul)  427*.
über  die  Natalität  154.
über  Fourier  287*.
nimmt  die  Theorie  Bastiat’s  über  die
proportioneile  Verteilung  an  387*.
über  den  Fünften  Stand  546.
seine  Meinung  über  die  mathematische
Methode  611*.
über  den  Mehrwert  der  Grundstücke
621  u.  *.
Lesseps  (Ferdinand  de)  240.
Le  Trosne  4*;  17*;  21*;  SO*;  56.
Levasseur  368*;  442*.
Levy-Brühl  498*.
Levy  (Emmanuel),  juristischer  Sozialismus
689*.
Lexis  (W.),  Erklärung  des  Mehrwertes
512*.
Lichtenberger  227*.
Lieben  602.
Liebknecht  500.
Lilienfeld  670*.
List  (Friedrich)  297—326;  IX;  124;  192;
261.
Vorläufer  der  historischen  Schule
433.
sein  Einfluß  auf  den  Staatssozialismus
470;  502.
Littre  251*.
Locke  636.
Loesewitz  671.
Longe  411.
Loria  (Achille)  535*.
der  freie  Boden  657*.
Lohn  (Henri)  568*.
Lukas  (Evangelist)  553*;  677*.
Ludlow  673;  574;  575.
Luxemburg  (Kommission)  342.
Mably  227.
Macaulay  76.
MacCulloch  200;  396*;  432.

Gibt  den  Volk  erreich  tum  heraus  69*.
nimmt  die  Theorie  der  immateriellen
Produkte  an  76;  122*..
Schüler  Eicardo’s  158*;  189.
sein  Streit  mit  Sismondi  198;  200.
Maekay  J.-H.  699*.
MacWickar  396.
Malon  (Benoit)  501*:  531*.
Malthus  134—154;  IX;  20.
Gegner  der  Theorie  der  immateriellen
Produkte  122*.
Polemik  mit  Say  über  die  Krisen  123;
130*;  181.
seine  Rententheorie  169.
das  Gesetz  des  sinkenden  Bodenertrages
170;  174.
seine  Lohntheorie  179.
ist  Schutzzöllner  186.
Einfluß  auf  Sismondi  197;  214.
eilt  den  Saint-Simonisten  voraus  257.
Haltung  Bastiat’s  ihm  gegenüber  365.
von  Bastiat  und  Carey  kritisiert  890;
391.
von  Stuart  Mill  übertroffen  407.
in  welchem  Maße  er  zur  Kritik  des
Laisser-faire  beigetragen  hat  470.
von  Henry  George  kritisiert  641.
Mandeville  (Bernard  de)  61;  80*.
MangoIdt  624*;  626;  632.
Manu  148.
Mantoux  (P.)  74*;  109*;  116.
Marat  226*.
Marcus  Aurelius  668.
Marcet  (Frau)  133*;  395.
March  (Luden)  447*.
Marie  339;  340*.
Marmande  (de)  706.
Marmontel  8.
Maroussem  (du)  564*.
Marrast  (Armand)  341.
Marshall  378.
Ritterlichkeitsgeist  378.
Meinung  über  die  deutschen  Volkswirtschaftler ­
  440;  445*.
über  das  Wesen  der  wirtschaftlichen
Gesetze  446—448.
lehnt  den  „homo  oeconomicus“  ab
450-461.
bedient  sich  sowohl  der  Induktion  wie
der  Deduktion  454.
kritisiert  die  Geschichte  als  Mittel  zur
Tatsacheuerkläruug  459.
        <pb n="780" />
        758

Alphabetisches  Namenverzeichnis.

von  Arthur  Lahriola  mit  Marx  verglichen
541*.
mit  Ruskin  verglichen  583*.
seine  Gedanken  werden  von  gewissen
Sozialisten  angenommen  586.
Rente  des  Verbrauchers  599*.
Kurve  der  Nachfrage  604.
Meinung  über  die  mathematische
Methode  618*;  619.
über  den  Begriff  der  Rente  622*.
Seine  Auffassung  des  Profits  627.
die  „Composite-Rente“  628.
sieht  in  der  Bodenrente  den  Bestandteil ­
  einer  langen  Reihe  634.
Martineau  (Frl.)  133*;  395.
Marx  (Karl)  513—539;  IV.
seine  Meinung  über  Smith  74*.
seine  Werttheorie  von  Smith  formuliert
87.
Verwandtschaft  mit  Ricardo  134;  157.
Analogie  mit  den  Klassikern  2C5.
'Unterschied  zwischen  seinem  „Mehrwert“ ­
  und  dem  „Überwert“  Sismondi’s
209.
das  Gesetz  der  kapitalistischen  Konzentration ­
  bei  Sismondi  211;  212.
seine  zahlreichen  Anleihen  bei  Sismondi
224.
seine  Theorie  der  Ausbeutung  verschieden ­
  von  der  der  Saint-Simonisten
244*;  243—245.
seine  Anleihen  bei  den  Saint-Simonisten
254.
sein  System  eine  Geschichtsphilosophie
250;  535;  547.
Worin  es  sich  von  dem  der  Saint-Simonisten ­
  unterscheidet  254;  255*.
Unterschied  zwischen  seiner  Werttheorie ­
  und  der  Proudhon’s  330*.
Kritik  der  Tauschbons  Bray’s  356*.
heftiger  Angriff  gegen  Proudhon  361;
362.
sein  Triumph  über  ihn  in  der  Internationale ­
  362.
Unterschied  von  Stuart  Mill  419*.
sein  Revolutionarismus  als  im  Gegensatz ­
  zu  dem  Konservativismus  Rodbertus’
  476.
seine  Theorie  des  Arbeitswertes  von
Rodbertus  zurückgewiesen  484.
nimmt  das  eherne  Lohngesetz  nicht
formell  an  487.

hat  es  weniger  eilig  als  Rodbertus,  die
Lage  der  Arbeiter  zu  bessern  491.
gemeinsames  Handeln  mit  Lassalle  im
Jahre  1848  494.
seine  Theorien  teilweise  von  Lassalle
angenommen  495.
kritisiert  die  Haltung  Lassalle’s  497*.
entlehnt  seine  Beobachtungen  mehr
englischen,  als  deutschen  Verhältnissen ­
  499.
sein  geriner  Einfluß  in  England  658.
Gegensätze  zu  den  Fabiern  663;  664;
666.
verkehrt  mit  den  „Freien“  700.
seine  Beziehungen  zu  Bakunin  704.
sein  Einfluß  von  den  Anarchisten  bekämpft ­
  726—727.
Mathieu  (de  la  Dröme)  341.
Maurice  573;  574*;  575.
Mazel  (Fulcrand)  356  u.  *.
Mehring  (F.)  496*;  497*.
Meline  20*.
Melouga  (die  Familie)  557;  562.
Meneuius  Agrippa  668.
Menger  (Anton)  237.
Meinung  über  die  Lehre  der  Saint-Simonisten
  240.
Ansicht  über  die  Quellen  Rodbertus’
260*;  475*.
über  die  von  Marx  476*;  514*.
über  Fichte  498*.
Beziehungen  zu  dem  „juristischen
Sozialismus“  689*.
Menger  (Karl)  444;  84.
Meinung  über  Roscher  435;  436*.
seine  Polemik  mit  Schmoller  444;  588.
Meinung  über  den  „Relativismus“  445,
Anhänger  der  deduktiven  Methode  452;
453*.
Unterschied  zwischen  der  „historischen“
und  der  „theoretischen“  Sinnbedeutung
  einer  Tatsache  460*.
Grenz-Nützlichkeit  593*.
schließt  die  Rententheorie  in  die  allgemeine ­
  Preistheorie  ein  633.
Mercier  de  la  Ri  viere  4*.
seine  Werke  4*.
Auffassung  der  natürlichen  Ordnung  6.
Harmonie  des  persönlichen  und  des  allgemeinen ­
  Interesses  12.
die  Unproduktivität  der  Handwerker  14.
        <pb n="781" />
        Alphabetisches  Namenverzeichnis.

759

Meinung  über  das  Eigentum  24*.
der  Handel  ein  „notwendiges  Übel“  31.
die  parasitischen  Kaufleute  32.
widerlegt  den  Merkantilismus  33  *;  34.
Beziehungen  zu  Katharina  II.  von  Rußland ­
  38.
Verwandtschaft  mit  Owen  und  Fourier
263.
Meredith  (George)  495*.
Meslier  (eure)  227*.
Metin  656  *  660*.
Meyer  (E.)  459*;  463*;  464*.
Meyer  (Rudolph)  476;  476*;  477*;  490*.
Milcent  572*.
Mill  (James)  174;  189;  396*;  639.
Mill  (Frau  Stuart  Mill)  399*;  408.
Mill  (John-Stuart)  399—426:  IX.
bekämpft  die  Theorie  der  immateriellen
Produkte  71;  122*.
„Kapital  begrenzt  die  Industrie“  82*.
korrigiert  Smith’s  Definition  der  Nützlichkeit ­
  85*.
Smith  in  der  Theorie  des  internationalen
Handels  überlegen  110.
der  hauptsächlichste  Vorteil  des  internationalen ­
  Handels  ist  die  Einfuhr
112.
gibt  das  Bestehen  immaterieller  Produkte ­
  nicht  zu  122*.
Rentengesetz  ist  „die  Eselsbrücke“  der
Studenten  158.
der  stationäre  Zustand  182.
schreibt  an  Laveleye  252*.
Meinung  über  Saint-Simon  und  Fourier
288.
nimmt  den  Gedanken  eines  Schutzzolles
für  entstehende  Industrien  an  315.
widerlegt  Carey  319—320.
hat  er  List  gelesen?  320*.
verdient  nicht  die  Kritiken  der  Historischen ­
  Schule  432.
die  Volkswirtschaft  eine  Wissenschaft
der  „Tendenzen“  448.
nimmt  den  Egoismus  als  einzige  wirtschaftliche ­
  Triebfeder  nicht  an  450.
seine  Meinung  über  die  Rolle  der  Regierung ­
  470—473.
seine  Haltung  mit  der  Adolf  Wagner’s
verglichen  606;  507.
widerlegt  Le  Play  559.
berichtigt  das  Gesetz  des  Angebotes
und  der  Nachfrage  408;  590.

erweitert  die  Theorie  Ricardo’s  über
die  Bodenrente  624—631.
Rente  von  Bergwerken  623.
seine  Profittheorie  628.
nimmt  das  Recht  der  Gemeinschaft  auf
den  Boden  an  638*.
seine  Theorie  der  Besteuerung  der
Bodenrente  639—647.
Unterschiede  mit  Walras  und  mit  Gossen
649;  653.
der  Kooperation  günstig  687*.
Millerand  667*.
Mirabeau  (Marquis  de)  4*.
seine  Werke  4*.
spricht  die  Formel  „laisser-faire“  Gournay
  zu  12*.
Ansicht  über  das  „Tableau  economique“
21*.
Meinung  über  das  Darleihgeschäft  36.
über  die  Bevölkerung  136.
Mohl  (von)  XIV*.
Moormeister  (Ed.)  XV*.
Moses  148.
Molinari  42.
definiert  die  Funktionen  des  Staates
wie  die  Physiokraten  42.
sieht  in  den  Aktiengesellschaften  die
Lösung  der  sozialen  Frage  280.
seine  Beschreibung  Bastiat’s  371*.
sein  Glaube  an  die  freie  Konkurrenz
392*;  406*.
Mollien  (Graf)  354.
Monod  (Gabriel)  464*.
Monod  (Wilfred)  579*.
Montalembert  555*.
Montohretien  (A.  de)  1.
Montesquieu  39;  135.
Morellet  (Abbe)  53.
Morelly  227.
Morris  (William)  283.
Morus  (Thomas)  227;  277.
Moufang  565.
Müller  (Adam)  313*.
Mun  (Comte  A.  de)  551*;  566.
Napoleon  I.,  seine  Beziehungen  zu  Say  120.
Napoleon  I1L,  315;  365.
die  Handelsverträge  416.
Aufsätze  Proudhon’s  gegen  ihn  360.
die  Arbeiterfragen  427.
Beziehungen  zu  Le  Play  558*.
Naumann  (Friedrich)  577.
        <pb n="782" />
        760

Alphabetisches  Namenverzeichnis.

Necker  36.
schafft  die  Freiheit  des  Getreidehandels
ab  36.
legt  das  erste  französische  Budget  vor
45*.
formuliert  das  eherne  Lohngesetz  177.
Neill  (Patrick)  312*.
Netschajefi  725.
Nettlan  703*.
New  Harmony  266*;  272*.
New  Lanark  266*;  267.
Newton  inspiriert  Say  124.
Nicholson  69*;  672*.
Nietzsche  581.
Nim  es  (Schule  von)  686*.
Nitti  572*.
•North  (Dudley)  61.
North  (Lord)  117.
Oberlin  654.
Oceana  113.
Ogilvio  (W.)  637.
Olivier  (Paul)  693*.
Ollivier  (Emile)  366.
Oncken  (August)  XlV;  3*;  12*;  20;  21*;
34;  436*.
Oncken  (Hermann)  474*.
Orbiston  266*.
Owen  (Robert)  265—275;  196*.
Unterschied  von  Sismondi  208;  209.
von  Sismondi  kritisiert  220.
den  Saint-Simonisten  unbekannt  227*.
Ähnlichkeit  mit  den  Physiokraten  263.
mit  Fourier  verglichen  263.
von  Fourier  kritisiert  276.
Unterschied  von  Louis  Blanc  290;  293.
seine  Bank  mit  der  Proudhon’s  verglichen ­
  355.
keinen  Einfluß  auf  Stuart  Mill  421.
will  sich  auf  die  reichen  Klassen  stützen
537.
Beziehungen  zu  den  Christian
Socialists  574.
Paepe  (de)  526*.
Paillotet  388*.
Paine  (Thomas)  637.
Pantaleoni  41*.
Meinung  über  die  Holle  der  Physiokraten
41*.
setzt  die  Produktion  dem  Austausch
gleich  602.

seine  Auffassung  der  reinen  Ökonomik
617.
teilt  die  Meinung  Walker’s  über  den
Profit  627*.
Pareto  (Vilfredo)  81*.
Definition  des  volkswirtschaftlichen
Problems  86*.
unterscheidet  die  Ophelimität  von  der
Nützlichkeit  111;  472;  593*.
seine  Kritik  des  Sozialismus  261  *.
der  internationale  Austausch  323*.
Auffassung  über  die  Methode  454.
Preise  auch  in  einer  kollektivistischen
Gesellschaft  notwendig  472;  482.
in  Übereinstimmung  mit  Sorel  511.
Meinung  über  Walras  606*.
Wünsche  und  Hindernisse  609*.
Gesetz  der  bestimmten  Verhältnisse  610.
über  die  Berechtigung  des  Eigentums
614*.
schließt  ethische  Zweckbeschäftigungen
aus  616—617.
Hoffnungen  auf  die  mathematische
Methode  619.
Erklärung  der  Rente  durch  die  Schwierigkeit, ­
  Ersparnisse  in  Kapital  zu  verwandeln ­
  632*;  634*.
die  „negative“  Rente  634.
kritisiert  die  „Solidarität“  680*.
Passy  (Frederic)  579*.
Passy  (Hippolyte)  423*.
Patten  321*;  693*;  617*.
Pearson  (Karl)  447*;  466*.
Pecqueur  342;  514*.
Peel  (Robert)  315.
Peliarin  277*.
Pereire  (Isaao  und  Eugene)  240  ;  255.
Perin  (Charles)  572*.
Pervinquiere  16*.
Petty  (William)  61.
Pflüger  578.
Physiokraten,  die  L—57;  IX.
persönliche  Beziehungen  zu  Smith  68.
was  Smith  ihnen  entlehnt  hat  62.
mit  Smith  verglichen  69.
Smith  nimmt  im  besonderen  ihre  These
über  die  Produktivität  der  Landwirtschaft ­
  an  71-—73.
ebenso  die  über  das  selbsttätige  Entstehen ­
  der  wirtschaftlichen  Tatsachen
78.
        <pb n="783" />
        Alphabetisches

Namenverzeichnis.  7ßl

verschiedene  Auffassungen  der  natürlichen ­
  Gesetze  bei  Smith  98.
weiter  gefaßte  Ideen  Smith’s  über  die
wirtschaftliche  Freiheit  und  den
Außenhandel  105;  109;  110.
Meinung  Garnier’s  und  Say’s  über  sie
121.
ihr  Begriff  der  natürlichen  Ordnung
mit  dem  Smith’s  und  Say’s  verglichen
123.
Verteilungstheorie  bei  Say  bedeutender
127—128.
ihr  Begriff  der  Bodenrente  verglichen
mit  dem  malthusischen  und  ricardoschen
  158;  169.
von  Sismondi  kritisiert  210.
Einfluß  auf  die  Revolution  226*.
mit  Owen  verglichen  263.
bereiten  Proudhon  den  Weg  vor  354.
begründen  den  Optimismus  364;  367;
369.
inspirieren  Bastiat  373.
Gegensatz  zu  Dnnoyer  393.
Auffassung  der  natürlichen  Gesetze  402.
setzen  die  „Vernunft“  an  Stelle  des
persönlichen  Interesses  403.
der  „Reinertrag“  verglichen  mit  dem
Mehrwert  Marx’  422;  517*.
Analogie  mit  Bakunin  714.
einfacher  Charakter  der  Volkswirtschaft
in  ihren  Büchern  730.
Pitt  118.
Place  (Francis)  180*.
Plato  227.
Pollock  (Sir  Frederik)  636.
Potter  (Beatrice,  vgl.  Webb)  666*.
Prince-Smith  428;  501.
Proudhon  326—362;  —  IV;  IX;  —  192;
514*.
wird  von  den  Saint-Simonisten  inspiriert ­
  237.
sein  Streit  mit  Bastiat  347*;  376*.
weist  Marx  gegenüber  den  Gedanken
an  eine  Revolution  zurück  361*.
hat  Rodbertus  nicht  inspiriert  475*.
die  „Wert-Bildung“  von  Marx  kritisiert
491*.
Beziehungen  zu  Marx  528;  541.
Meinung  über  das  Grundeigentum  636.
Wiedervergeltungsgesetz  696.
Vorläufer  des  Anarchismus  698,
Beziehungen  zu  Bakunin  703.

Überschwenglichkeiten  hinsichtlich  der
Freiheit  708*.
Die  Regierung  der  geschaffene  Beschützer ­
  der  Eigentümer  711.
proklamiert  die  Herrschaft  des  Verstandes ­
  712.
sieht  in  der  Gesellschaft  ein  wirkliches
Wesen  716*.
glaubt  an  die  selbsttätige  Harmonie
der  Interessen  718*.
will  die  Revolution  der  Gewissen  herbeiführen ­
  722,
sein  Einfluß  auf  den  Syndikalismus  727.
Prudhommeaux  297*.
Puech  362*;  364*.
Quesnay  verdient  den  Namen  Gründer  2.
Smith  will  ihm  sein  Buch  widmen  3.
seine  Bücher  3*.
sieht  in  der  Volkswirtschaft  eine  Physiologie ­
  9.
seine  Auffassung  von  der  natürlichen
Ordnung  10.
formuliert  das  hedonistische  Prinzip  12
Auffassung  des  „richtigen  Preises“  (bon
prix)  17;  18.
Tableau  economique  21*;  22.
Sozialist,  ohne  es  zu  wissen  24.
seine  Achtung  vor  dem  Eigentum  28.
der  internationale  Handel  ein  „Notbehelf“ ­
  32.
Theorie  der  Zinsen  37.
ehernes  Lohngesetz  48.
Werttheorie  52.
persönliche  Beziehungen  zu  Smith  63.
Urteil  Adam  Smith’s  99.
Urteil  Enfantin’s  228*.
mit  Owen  verglichen  263.
von  Proudhon  in  Anspruch  genommen
335.
mit  Walras  verglichen  607.
Qnetelet  466*.
Rae  (John)  59*;  73*;  75*;  108*.
Ragaz  578.
Raiffaisen  565  ;  572*.
Rambaud  VI;  812*;  572*.
Rau  399;  432.
Eauschenbusch  (Walter)  577*.
Raymond  312.
Reclus  (Elisee)  698;  705—723.
Reid  637.
        <pb n="784" />
        762

Alphabetisches  Namenverzeichnis.

Eenan  (B.)  692*.
Kenard  (Georges)  532*;  536*.
Eenouvier  (Ch.)  461  *;  637.
Eentzsch  502*.
Eeybaud  (Louis)  345;  401;  430.
Eicardo  154—190;  —  1Y;  IX;  217;  432.
„Eente“  und  „Nettoprodukt“  19;  28*.
nicht  der  gleichen  Meinung  wie  Smith
über  die  Landlords  77.
verbessert  die  Definition  der  Nützlichkeit ­
  Smith’s  85*.
beschäftigt  sich  hauptsächlich  mit  der
Verteilung  90.
verbessert  die  Theorie  des  internationalen ­
  Handels  Smith’s  110;  113.
Gegensatz  zu  Say  121;  128;  131.
ist  Philanthrop  183.
geistiger  Vater  Marx’  134.
von  Sismondi  kritisiert  197;  198.
widerlegt  und  überzeugt  Sismondi  200.
merkwürdige  Meinung  über  die  Maschinen ­
  204*.
kritisiert  die  These  Sismondi’s  über
diesen  Punkt  205.
falsche  Beziehung,  die  zwischen  hohen
Löhnen  und  Bevölkerung  hergestellt
worden  ist  214.
inspiriert  die  Saint-Simonisten  257.
von  List  abgelehnt  304*;  323.
von  Bastiat  kritisiert  363;  365  ;  379.
Carey  leugnet  sein  Gesetz  der  Eente
382.
seine  Schüler  896*.
seine  Eententheorie  von  Senior  erweitert ­
  398.
bereitet  Stuart  Mill  den  Weg  vor  403;
422.
Theorie  des  internationalen  Handels
verglichen  mit  der  Mill’s  und  Bastiat’s
413—415.
Sinken  der  Profite  425.
von  Sismondi  und  List  kritisiert  433.
Meinung  Eoscher’s  über  ihn  435.
Von  den  Anhängern  der  historischen
Schule  kritisiert  449.
Beitrag  zur  Kritik  des  laisser-faire  470.
seine  Theorie  des  Arbeitswertes  von
Eodbertus  kritisiert  475*.
seine  Lösung  des  Problems  der  proportioneilen ­
  Verteilung  486.
seine  Theorie  des  notwendigen  Lohnes,

von  Lassalle  „ehernes  Lohngesetz“
genannt  487;  496.
eilt  Marx  voraus  615.
seine  Methode  dieselbe  wie  die  von
Marx  532.
gibt  Anlaß  zum  Entstehen  der  Nationalisierungsidee ­
  620.
Erweiterung  seiner  Eententheorie  durch
verschiedene  Schriftsteller  622—624.
Ersetzung  der  Differentialidee  durch
die  der  Seltenheit  als  Erklärung  der
Eente  629—630.
Umformung  seiner  Auffassung  durch
Mill  und  George  624;  635—636;  652*.
unterhöhlt  das  Eigentumsrecht  638.
Unterschied  seiner  Auffassung  von  der
von  Walras  655.
sein  Einfluß  auf  die  Fabier  661.
Eichelot  298*.
Eist  194*;  387*.
Kritiken  Eodbertus’  und  Bastiat’s  484*.
Verteidigung  der  Hedonisten  613*.
Eoohdale  (Pioniere  von)  275.
Eodbertus  475—494.
im  voraus  von  Smith  kritisiert  82*.
seine  Anleihen  bei  Sismondi  224.
Analogien  mit  Proudhon  331;  332.
seine  „Arbeitbons“  verglichen  mit  den
„Umlaufbons“  Proudhon’s  355;  356.
Gegensatz  zu  Bastiat  387*.
Übereinstimmung  mit  Stuart  Mill  420.
sein  Urteil  über  Lassalle  496.
nimmt  seine  Beobachtungen  außerhalb
Deutschlands  499.
inspiriert  Adolf  Wagner  506.
Analogien  mit  Marx  542.
„  mit  Henry  George  643*.
Organizismus  670*.
Eodrigues  (Eugene)  239.
Eodrigues  (Glinde)  230;  231*;  239.
Eogers  (Thorold)  59*.
Eömer  (Bf.  an  die)  668*.
Eoscher  434—436.
Sismondi  ist  ihm  zuvorgekommen  222.
Erscheinung  des  „Grundrisses“  431.
kennt  Sismondi  nicht  433*.
Unterschiede  von  Hildebrand  und  Knies
438;  439.  .
seine  Gedanken  verspätet  diskutiert  444.
seine  Theorie  historischer  „Parallelismen“ ­
  457*;  460.
Eossi  (Pellegrino)  355*;  399;  432.
        <pb n="785" />
        Alphabetisches  Namenverzeichnis.

763

Verbrauchskooperation  355*.
Vorgänger  Chevalier’s  am  College  de
France  427.
Eoubaud  (Abbe)  4*.
Eousiers  (P.  de)  564*.
Rousseau  (J.-J.)  1.
Aufsatz  in  der  Encyclopädie  1.
der  „Contrat  Social“  mit  der  natürlichen ­
  Ordnung  verglichen  6*.
im  Gegenpol  der  Physiokraten  7*;  8*.
in  Beziehungen  zu  dem  Vater  Malthus'
134*.
Eigentumsrecht  und  die  französische
Revolution  226*.
„1’Emile“  und  Robert  Owen  268*.
der  Quasi-Kontrakt  676.
Rowton-House  278.
Ruskin  223;  283;  580-584.
Rutten  (Pater)  567*.
Sainte-Beuve  218;  332*;  336*.
Saint-Leon,  Martin  569*.
Saint-Eene  Taillandier  699*.
Saint-Simon  225—239;  IX.
Anti-Schutzzöllner  298  *.
Einfluß  auf  Proudhon  350*.
Einfluß  auf  Stuart  Mill  400.
Einfluß  auf  Michel  Chevalier  427,
gibt  A.  Comte  seine  Theorie  der
„historischen  Reihen“  ein  463.
Vorbereitung  für  Marx  515;  542.
schreibt  für  die  wohlhabenden  Klassen
637.
Saint-Simonisten  239—260;  125;  191.
Analogie  mit  Sismondi  208.
Meinung  über  Sismondi  218.
Unterschiede  mit  den  Assozialisten  261.
die  Frauentage  286.
ihre  Schule  von  kürzerer  Dauer  als  der
Fourierismus  287.
Buchez  einer  von  ihnen  290.
Schutzzollsystem  325  *.
Beziehungen  zu  Proudhon  330;  334.
Einfluß  auf  Stuart  Mill  418;  423.
Vorläufer  der  historischen  Schule  433.
ihre  Gedanken  von  Rodbertus  wieder
aufgegriffen  482  ;  484.
mit  Marx  verglichen  520*.
verdienen  nicht  den  Namen  Utopisten
632*.
haben  die  Idee  des  Klassenkampfes  538*.
eilen  Henry  George  voraus  639.

Sand  (George)  296.
Sangnier  (Marc)  565  ;  571*.
Sartorius  119.
Saumaise  573*.
Savigny  435.
Sax  593*.
Say  (Louis)  298*.
Say  (J.-B.)  114-131;  —  IV;  IX;  —  90
hält  die  Geschichte  der  Irrtümer  für
nutzlos  VII.
definiert  den  Unternehmer  73  *;  126;  127.
Unterschied  von  Adam  Smith  79.
die  Güterverteilung  104.
Meinung  über  die  Unabhängigkeit
Nordamerikas  116.
Briefwechsel  mit  Ricardo  156*.
Meinung  über  das  Elend  der  Arbeiter
124*;  194.
Polemik  mit  Sismondi  200.
verwirft  seine  Definition  der  Volkswirtschaft ­
  198.
widerlegt  die  Krisentheorie  Sismondi’s
200.
Meinung  über  die  Maschinen  205.
Überlegenheit  Sismondi’s  ihm  gegenüber ­
  206.
glaubt  an  das  Unzureichende  der  Produktion ­
  219.
Meinung  Enfantin’s  über  ihn  228*.
Analogie  mit  Saint-Simon  234.
Meinung  Saint-Simon’s  über  ihn  237*.
Gegensatz  zu  den  Sozialisten  258.
von  List  gelesen  804*.
von  List  als  Merkantilist  bezeichnet  315.
von  Proudhon  nachgeahmt  und  übertrieben ­
  335;  353—354.
von  Bastiat  gelesen  371*.
Sinn  des  Wortes  „Dienst“  (Service)  378*.
Unterschied  von  Bastiat  380*.
Unterschied  von  Dunoyer  394*.
Sinn  des  Wortes  „Profit“  425*.
Vorgänger  Chevalier’s  am  College  de
France  427*.
von  der  historischen  Schule  kritisiert  449.
seine  Theorie  der  Verteilung  von  Rodbertus ­
  entlehnt  483.
stellt  die  Frage  der  proportionalen  Verteilung ­
  auf  486.
unterscheidet  vor  Walker  die  Funktionen ­
  des  Unternehmers  626*;  626.
kritisiert  die  Rententheorie  Ricardo’s
630*;  631*.
        <pb n="786" />
        764

Alphabetisches  Namenverzeichnis.

seine  Erklärung  der  Grundrente  632.
Sohäffle  600*.
prägt  das  Wort  „Assozialisten“  261*.
seine  Werke  500*.
die  soziale  Frage  eine  Magenfrage  536.
seine  Rechtfertigung  der  Bodenrente
633.
seine  biologische  Auffassung  der  Gesellschaft ­
  670*.
Schatz  61*;  424*.
Schelle  5*;  13*.
Schmidt  (H.)  59*.
Schmidt  (Kaspar)  vgl.  Stirner.
Schmollet  (Gustav)  438—440.
Sismondi  eilt  ihm  voraus  222.
Meinung  über  Roscher  436.
Polemik  mit  Karl  Menger  444*:  588.
Auffassung  über  die  Volkswirtschaft
der  Zukunft  451.
Meinung  über  die  Methode  454.
führt  Goethe  an  458.
sein  Skeptizismus  hinsichtlich  der  historischen ­
  Schule  461.
von  Ashley  anerkannt  465.
redigiert  das  Manifest  des  Eisenacher
Kongresses  600.
Meinung  über  die  Verdienste  derHohenzollern
  506*.
ungenügend  liberal  734.
Schernberg  502*.
Schulze-Delitzsch  IV;  428;  496.
Schumpeter  622*.
Schuster  864.
Schweitzer  497*.
Seager  396*.
Secretan  (Ch.).  637;  682*.
Segur-Lamoignon  569*.
Seignobos  (Ch.)  461*.
Seligman  (Edwin  R.  A.)  395*;  648*.
Senior  (Nassau)  396—398;  407;  432.
nimmt  die  Theorie  der  immateriellen
Produkte  an  122*.
Schüler  Ricardo’s  189.
übertreibt  den  Begriff  der  Rente  412
betrachtet  die  Erbschaft  als  eine  Rente
423,
kommt  Walker  in  dessen  Rententheorie
zuvor  624;  626.
Sensi  632*.
Shaftesbury  (Lord)  76;  268;  554.
Shaw  (Bernard)  659*;  660;  662*.
Sillon  (Le)  565;  571;  572.

Simiand  (Frangois)  443*;  459*;  611*.
Sismondi  192—225;  IV;  IX;  —  191.
Streit  mit  Say  124;  130;  131;  200.
Unterschied  seiner  Ausbeutungstheorie
mit  der  der  Saint  Simonisten  und
der  Marx’  243-245;  —  515.
von  den  Saint-Simouisten  beurteilt  258*.
inspiriert  Louis  Blanc  288;  295.
Gegner  des  Schutzzollsystems  298*.
mit  List  verglichen  325.
inspiriert  Stuart  Mill  418.
beschäftigt  sich  mit  dem  Kleingrundbesitz ­
  423*.
Vorläufer  der  historischen  Schule  433.
kritisiert  das  laisser-faire  470.
Schüchternheitseiner  Einmischung  472.
inspiriert  Rodbertus  475*.
Anleihen,  die  Rodbertus  bei  ihm  macht
479;  481;  482;  488.
„Mehrwert“  und  „Überwert“  518;  542.
sein  Garantismus  vom  Solidarismus
wiederholt  680.
Kritik  des  Dogmatismus  der  Liberalen
734,
Sizerranne  (R.  de  la)  580*.
Smith  (Adam)  58—131;  —  IX.
seine  Definition  der  Volkswirtschaft  1.
seine  Beziehungen  zu  den  Physiokraten
  3.
Turgot  gegenübergestellt  5*.
Meinung  über  die  Produktivität  des
Bodens  19.
seine  Gedanken  von  Say  klarer  dargestellt ­
  121.
von  Say  verschiedene  Auffassung  der
wirtschaftlichen  Gesetze  und  der
Volkswirtschaft  121;  122.
mehr  um  die  Landwirtschaft  besorgt
als  Say  125.
spricht  nicht  vom  Unternehmer  126.
fehlerhafte  Verteilungstheorie  127—128.
anregender  als  Say  130.
mit  Ricardo  verglichen  154.
seine  Rententheorie  169*;  160*;  161*.
der  Wert  im  Verhältnis  zur  Arbeit  168;
174.
Gegensatz  zu  Ricardo  hinsichtlich  der
Landwirte  172*.
weniger  freihändlerisch  als  Ricardo  173.
quantitative  Geldtheorie  184.
inspiriert  Sismondi  196—197.
Meinung  über  die  Konkurrenz  207.
        <pb n="787" />
        Alphabetisches  Namenverzeichnis.

765

seine  Ansicht  über  das  Zusammenfällen
des  persönlichen  und  allgemeinen  Interesses ­
  von  Sismondi  kritisiert  210.
seine  Bevölkerungstheorie  von  Sismondi
angenommen  218.
von  Saint-Simon  gelobt  237*.
Meinung  über  die  Eolle  der  Regierung
246.
im  Gegensatz  zu  den  Sozialisten  258.
Erfolg  seiner  Lehren  in  Europa  297—298.
ungerechte  Kritik  List’s  304;  307;  315.
hinsichtlich  Proudhon’s  364;  355.
bereitet  den  Optimismus  vor  364;  368.
mit  Stuart  Mill  verglichen  403*.
von  List  kritisiert  433.
zu  Unrecht  von  den  Anhängern  der
historischen  Schule  kritisiert  444*;
445.
Beschränktheit  seiner  Psychologie  nach
Ansicht  der  Anhänger  der  historischen
Schule  446.
Eolle  des  Staates  468.
seine  Verteidigung  der  Theorie  des
laisser-faire  mit  der  anderer  Volkswirtschaftler ­
  verglichen  469—470.
Grundlage  seines  Liberalismus  473.
von  Kodbertus  kritisiert  478.
unterscheidet  vor  Kodbertus  das  „soziale
Bedürfnis“  und  die  „effektive  Nachfrage“ ­
  479.
seine  Gedanken  bei  Eodbertus  entwickelt ­
  484.
steht  Wagner  näher  als  Bastiat  601*.
von  den  Fabiern  kritisiert  661*.
Vorläufer  der  Solidaristen  668.
von  den  Anarchisten  ausgeschmückt
709.
einfacher  Charakter  seiner  Volkswirtschaft ­
  730.
Solvay  273.
soziale  Buchungen  358.
Sombart  (Werner)  305*;  440;  540*.
Sonnenstadt  277.
Sorel  (Georges)  548—550.
Beziehungen  zu  den  Saint-Simonisten
237  u.  *.
seine  Bewunderung  Proudhon’s  362.
in  Übereinstimmung  mit  Pareto  511.
der  Marxismus  dem  Manchestertum
verglichen  633  u.  *,
Gegensatz  der  Produzierenden  zu  den
Intellektuellen  537*.

Ansicht  über  die  Eevolution  540*;  541*.
der  Sozialismus  ist  keine  Wissenschaft
541*.
mit  den  Anarchisten  verglichen  727  ;  278.
Souchon  V.
Spence  (Thomas)  636.
Spencer  (Herbert)  VII.
der  Konflikt  der  Interessen  zum  Fortschritt ­
  notwendig  404.
gibt  das  Anrecht  der  Gemeinschaft  auf
den  Boden  zu  428;  637.
seine  organizistische  Auffassung  der
Gesellschaft  670*.
Stael  (Frau  von)  196*.
Stangeland  136*.
Stanislaus  (König  von  Polen)  5.
Stein  (Lorenz  von)  331  *.
Stein  (Minister,  von)  118*.
Stewart  (Dugald)  59*.
Stiegler  673*.
Stirn  er  (Max)  698—702;  706.
Übersetzer  A.  Smith’s  59*.
Stöcker  577.
Storch  432.
Strong  (Josiah)  576*.
Sully  19.
Thierry  (Augustin)  239.
Thiers  (Adolphe)  341.
Thomas  (von  Acquino)  551.
Thomas  (Emile)  340.
Thompson  (Eobert)  175*.
Thompson  (William)  220;  227*;  275;
514*.
Thornton  411;  423*.
Thttnen  (J.  H.  von)  166*;  399;  634.
Todt  577.
Tolstoi  582—584.
Tooke  122*
Torrens  (Eobert)  396*.
Tourville  (Abbe  de)  663;  564*.
Townshend  (Charles)  58*.
Toynbee  (Arnold)  222.
Sismondi  eilt  ihm  voraus  222.
konnte  ein  Schüler  Mill’s  sein  426.
von  der  Arbeiterfrage  beeinflußt  441*.
seine  Meinung  über  die  klassischen
Volkswirtschaftler  442.
historische  Methode  442.
Tucker  (Josiah)  61.
Turgot  5.
sein  Leben  und  sein  Werk  5*.
        <pb n="788" />
        766

Alphabetisches  Namenverzeichnis.

das  Allumfassende  und  Unveränderliche
der  natürlichen  Ordnung  11.
schreibt  die  Formel  des  laisser-faire
Legendre  zu  12  *.
nennt  die  Handwerker  „Stipendienempfänger“ ­
  15.
Bergwerke  geben  keinen  Reinertrag
16.
vergleicht  den  Umlauf  der  Produkte
mit  dem  des  Blutes  20.
faßt  das  „Tableau  economique“  zusammen ­
  23*.
unterscheidet  sich  von  den  Physiokraten
hinsichtlich  der  Meinung-  über  die
Berechtigung  des  Grundbesitzes  28*.
sein  Edikt:  Abschaffung  der  Zünfte  30*.
Meinung  über  die  Stetigkeit  der  Preise
33*.
befreit  den  Getreidehandel  36.
Anhänger  der  Freiheit  des  Gelddarlehngeschäftes
  37.
gibt  für  die  Fabrikanten  gewisse  Privilegien ­
  als  berechtigt  zu  42*.
ehernes  Lohngesetz  48.
seine  Werttheorie  53.
hauptsächlichste  Unterschiede  mit  den
Physiokraten  54.
Theorie  über  das  Entstehen  des  Zinses
57  *.
Einfluß  auf  A.  Smith  63.
Einfluß  auf  J.-B.  Say  181.
formuliert  das  Gesetz  des  sinkenden
Bodenertrages  164.
eilt  Ricardo  voraus  177.
eilt  A.  Comte  voraus  251  *.
Meinung  der  Saint-Simonisten  über  ihn
258*.
Proudhon'beruft  sich  besonders  auf  ihn
335.
Marx  gegenübergestellt  517*.
üre  (Andrew)  76;  193*.
Utopia  113;  277.
Yandervelde  250;  536*.
Yansittart  Neale  573.
Varlin  625*.
Vidal  (Franqois)  291;  342;  343;  474  ;
481*.
Villeneuve-Bargemont  224.
Villerme  (Dr.)  194;  659*.
Villey  (E.)  369*.

Vinet  580.
Voltaire  verspottet  die  Physiokraten  6.
Meinung  über  Galiani  36.
der  Mann  mit  40  Talern  47*;  49
von  Smith  bewundeit  58*.
Wagner  (Adolf)  500—507.
sein  Gegensatz  zur  historischen  Schule
251;  449—450.
kritisiert  die  Anwendung,  aber  nicht
die  Verwendung  der  deduktiven  Methode ­
  und  der  Abstraktion  452*.
glaubt  nicht  an  „historische  Gesetze“
461.
seine  persönlichen  Beziehungen  zu  Rodbertus
  und  Bismarck  474.
sein  Urteil  über  Rodbertns  476.
der  Sozialismus,  eine  Übertreibung  des
Verstaatlichunggedankens  494*.
Wakefield  (Gibbon)  396*.
Walker  (Amasa)  625*.
Walker  (Francis)  411*;  624—628.
Wallace  (Alfred  Russell)  638;  656.
Wallace  (Graham)  180*.
Walras  (Leon)  606—609  ;  601*.
seine  Auffassung  des  wirtschaftlichen
Gleichgewichts  606—609.
den  Physiokraten  gegenübergestellt  34
Analogien  mit  J.-B.  Say  84;  128.
Analogien  mit  Senior  398.
Auffassung  der  reinen  Ökonomie  448.
definiert  die  Rolle  des  Staates  und  des
Individuums  473,
Stärke  der  letztbefriedigten  Bedürfnisse ­
  592*.
Unterschied  von  der  österreichischen
Schule  596*.
in  Frankreich  verkannt  611.
verwirft  den  Determinismus  612*.
kritisiert  die  Theorie  Böhra-Bawerk’s
616*.
Agrar-Sozialist  616.
Zukunft  der  volkswirtschaftlichen
Wissenschaft  618*.
Unterschied  von  Walker  627.
natürliches  Recht  des  Staates  am  Boden
638.
Bodenrüokkaufssystem  652—656.
Watt  (James)  74.
Webb  (Herr  und  Frau  Sydney)  661—665;
—  193;  251.
        <pb n="789" />
        Alphabetisches  Namenverzeichnis.

Verbindung  mit  der  historischen  Schule
442.
Mitglieder  der  fabischen  Gesellschaft  660.
legen  der  Eententheorie  grolle  Bedeutung ­
  bei  und  betrachten  die  Zinsen
als  eine  Differentialrente  661.
der  Sozialismus  stammt  von  der  Demokratie ­
  ab  664.
Gegensatz  zu  Marx  und  zu  den  französischen ­
  Gewerkschaftlern  664—665.
Weber  (Max)  434*.
Weil  229*;  255*.
Weitling  364.
Wells  (H.  G.)  660.
West  (Edward)  166*;  167*.
Weulersse  5*;  25*;  29*.

Wickar  (Mac)  396.
Wieser  (von)  593*.
Wilhelm  II.  (Kaiser)  509;  577.
Wilson  (George)  108*.
Wirth  (Moritz)  476*.
Wollemborg  572*.
Wolowsky  842.
Worms  (Eene)  670.
Xenophon  602.
Young  (Arthur)  153*;  422.
Yule  (G.  Udny)  466*.
Zola  263;  287*.
Zollverein  302;  315.
        <pb n="790" />
        Sachregister

Die  Zahlen  verweisen  auf  die  Seiten.  Ein  Unterschied  zwischen  Text  und  Anmerkungen
ist  nicht  gemacht  worden.

A.
Abdankung  des  Staates  223.
Abfall  der  amerikanischen  Kolonien  116.
Abgabenfreiheit  (bei  den  Solidaristen)  684.
Abhängigkeit  der  Produktionsfaktoren
voneinander  610.
Abkürzung  der  Arbeit  81.
Abnahme  der  durchschnittlichen  landwirtschaftlichen ­
  Betriebsgröße  543.
Absatz,  Gesetz  des  604.
Absatzgebiete  112.
Absatzwege  129.
Absatzwege,  Theorie  der  128.
Abschaffung  der  Armengesetze  152.
Abschaffung  der  Binnenzollschranken  in
Frankreich  300.
Abschaffung  der  Binnenzollschranken  (bei
List)  325.
Abschaffung  der  Corn-laws  198.
Abschaffung  des  Eigentums  (bei  den  revolutionären ­
  Syndikalisten)  728.
Abschaffung  des  Einkommens  ohne  Arbeit
(bei  Proudhon)  337.
Abschaffung  des  Erbrechtes  (bei  den
Saint-Simonisten)  191,  250.
Abschaffung  der  Geburtsprivilegien  249.
Abschaffung  des  Geldes  als  Wertmesser
360.
Abschaffung  der  Geldzinsen  348.
Abschaffung  des  Lohnes  282.
Abschaffung  des  Lohnsystems  (bei  Fourier)
282.

Abschaffung  des  Lohnsystems  (bei  Labriola)
  630.
Abschaffung  des  Lohnsystems  (bei  Stuart
Mill)  420,  421.
Abschaffung  des  Lohnsystems  (bei  Marc
Sangnier)  571.
Abschaffung  des  Lohnsystems  (bei  den
Syndikalisten)  571.
Abschaffung  des  Metallgeldes  (bei  Eicardo)
188.
Abschaffung  des  Metallgeldes  (bei  Solvay)
358.
Abschaffung  der  Monopole  (bei  den  Saint-Simonisten)
  264.
Abschaffung  der  Monopole  (bei  Walras)
616.
Abschaffung  des  Papiergeldes  188.
Abschaffung  des  Privateigentums  (bei
F.  Engels)  530.
Abschaffung  des  Privateigentums  (bei  den
Saint-Simonisten)  191.
Abschaffung  des  Profits  (bei  Owen)  270.
Abschaffung  des  Profits  (bei  den  Solidaristeu)
  687.
Abschaffung  des  Staates  (bei  den  revolutionären ­
  Syndikalisten)  728.
Abschaffung  der  Steuern  (bei  Walras)  616.
Abschaffung  des  Unternehmertums  (bei
Marc  Sangnier)  571.
Abschaffung  des  Unternehmertums  (bei
den  Syndikalisten)  571.
Abschaffung  der  Vertragsfreiheit  (bei  Kodbertus)
  490,  491.
        <pb n="791" />
        Sachregister.

769

Abschaffung  des  Zinses  auf  Grund  gegenseitigen ­
  Übereinkommens  353.
Abschaffung  der  Zünfte  30.
Abschätzung  des  Bodens  640.
Absoluter  Freihandel  113.
Absolutismus  der  klassischen  Nationalökonomie ­
  445.
Abstinenz  (bei  Nassau  Senior)  397.
Abstinenz,  Entlohnung  der  425.
Abstraktion,  Methode  der  451.
Abstraktionen  (bei  Eicardo)  155.
Abstraktionen  (bei  Walras)  652.
Abtreibung  144.
Abwanderung  von  Kapitalien  324.
Abzüge  88.
Abzüge  von  dem  Arbeitserträge  104.
Acts  of  navigation  113.
Actionnariat  onvrier  281,  283.
Achtung  vor  dem  Eigentum  (bei  den
Männern  der  franz.  Eevolntion)  226.
Achtung  vor  dem  Eigentum  (bei  den
Physiokraten)  11.
Achtung  des  Menschen  706,  707,  727.
Achtung  vor  der  Produktion  288.
Agents  naturels  121.
Agitation,  politische,  in  den  nationalen
Werkstätten  341.
Agriknltnr-Manufakturstaat  322.
Agrikulturstaat  322.
Agrarfrage  (bei  den  Christian-Socialists)
576.
Agrar-Schutzzöllner,  moderne  185.
Agrarsozialismus  (bei  Walras)  616.
Agrarsystem  Loria’s  657.
Agrartheorie,  physiokratische  19.
Aktie  529.
Aktieneigentnm  (bei  Fourier)  280,  281.
Aktieneigentum,  Verwandlung  des  Privat-—
  in  280.
Aktiengesellschaft  345.
Aktiengesellschaften  544.
Aktiengesellschaften  (bei  Marx)  629.
Aktiengesellschaften  (bei  Molinari)  280.
Aktiengesellschaften  (bei  A.  Smith)  107.
Allgemeininteresse  98.
Allgemeininteresse  und  Monopol,  Zwiespalt ­
  zwischen  604.
Allgemeininteresse,  Unterordnung  des
Privatinteresses  unter  das  387.
Allmacht  der  Wissenschaft  136.
Almosen  (bei  Malthus)  152.
Ältesten,  Eecht  des  (bei  Le  Play)  557.
■Gide  und  Kl  st,  Gesch.  d.  Volkswirtschaft!.

Ältesten,  Eecht  des,  Abschaffung  des
242
Altruismus  (bei  Stuart  Mill)  450.
Altruist  und  Egoist  (bei  Bastiat)  388.
Amerikanische  Konkurrenz,  die  34,  316.
Amortisation  521.
Analogien  463.
Analogie  zwischen  den  Marxisten  und
den  Saint-Simonisten  254.
Analogien  der  wirtschaftlichen  Entwicklung ­
  438.
Analyse  der  Bedürfnisse  650.
Analyse  der  Bedürfnisse,  psychologische
453.
Anarchie  (bei  Proudhon)  350.
Anarchie,  wirtschaftliche  (hei  den  Saint-Simonisten)
  247.
Anarchie  der  Produktion  (bei  den  Saint-Simonisten)
  247
Anarchie,  Programm  der  725.
Anarchismus  586.
Anarchismus,  literarischer  698.
Anarchismus,  philosophischer  698.
Anarchismus,  politischer  698.
Anarchismus,  sozialer  698.
Anarchismus,  Einfluß  des,  auf  die  Arbeiterklasse ­
  726.
Anarchisten  52,  625,  697  ff.
Anarchisten,  doktrinäre  136.
Anbangrenze  172.
Ancien  regime,  Finanzwirtschaft  des  47.
Aneignung  des  Gemeindelandes  163,
Aneignung,  Herrschaft  der  privaten  525.
Aneignung,  kollektivistische,  der  Bodeneinkünfte ­
  661.
Aneignung,  staatliche,  aller  Formen  der
ökonomischen  Eente  660.
Angebot  (bei  Condillac)  57.
Angebot  und  Nachfrage,  Gesetz  des  127,
408.
Angebot,  Kurve  des  606.
Angebot  und  Nachfrage  (bei  Cournot)
408,  590.
Angebot  und  Nachfrage  (bei  den  Hedonisten)
  589,  590.
Angebot  und  Nachfrage,  Verhältnis
zwischen  (bei  A.  Smith)  86.
Angebot  und  Nachfrage  (bei  Stuart  Mill)
408,  590.
Animalisches  Leben,  Prinzip  des  83.
Anleihen,  Emission  ausländischer  324.
Anlage  von  Kapitalien  101.
        <pb n="792" />
        770

Sachregister.

Anpassung  des  Angebotes  an  die  Nachfrage ­
  (bei  A.  Smith)  83.
Anpassung  des  Einkommens  an  das  Verdienst ­
  506.
Anpassung  der  Gütererzeugung  an  die
Nachfrage  91.
Anpassung  des  Menschen  an  seine  Umgebung ­
  268.
Anpassung  der  Notenmenge  an  die  Nachfrage ­
  96.
Anpassung  der  Produktion  an  die  Bedürfnisse ­
  478,  479.
Anpassung  der  Produktion  au  die  Nachfrage ­
  (bei  Ä.  Smith)  92.
Anpassung  der  Produktion  an  die  Nachfrage ­
  (bei  Walker)  625,  626.
Anpassung  der  Produktion  an  den  Verbrauch ­
  256.
Anpassung,  Schwierigkeiten  der  (bei  Sismondi)
  203.
Anpassungstheorie  (bei  A.  Smith)  92.
Ansammlung  von  Kapitalien  82.
Antagonismus  261.
Antagonismus  zwischen  Arbeiter  und
Kapitalist  (bei  Ricardo)  180,  181.
Antagonismus  der  Interessen  (bei  Sismondi)
  213.
Antagonismus  zwischen  Profit  und  Lohn
417.
Antagonismus  zwischen  Profit  und  Lohn
(bei  Marx)  532.
Antagonismus  zwischen  Profit  und  Lohn
(bei  Ricardo)  180,  532.
Anteil  der  Arbeit  am  Gesamtprodukt  386,
387.
Anteil  des  Arbeiters  am  Produkt,  wachsender ­
  252.
Anteil  der  Bodenrente  am  Einkommen
183.
Anteil  des  Kapitals  am  Einkommen  183.
Anteil  des  Kapitals  am  Gesamtprodukt
(bei  Bastiat)  385,  386,  387.
Anteil  des  Lohnes  am  Einkommen  183.
Antimilitarismus  (bei  Fourier)  286.
Anziehung,  Gesetz  der  passioneilen  263.
Arbeit  (bei  Marx)  484.
Arbeit  (bei  Prondhon)  330,  S31.
Arbeit  (bei  Eodbertus)  483,  484.
Arbeit  als  Einkommenquelle  (bei  A.  Smith)
70.
Arbeit  als  Grundlage  des  Wertes  (bei
Ricardo)  157.

Arbeit  als  Maßstab  des  Wertes  (bei  Ricardo) ­
  157.  /
Arbeit  als  Substanz  des  Wertes  (bei  K.  Marx)
515.
Arbeit  als  Ursache  des  Wertes  (bei  Ricardo) ­
  157.
Arbeit  als  Ursache  des  Wertes  (bei
A.  Smith)  87.
Arbeit  als  Wertfaktor  168.
Arbeit  und  Spiel  (bei  Bücher)  284.
Arbeit  und  Spiel  (bei  Fourier)  284,  285.
Arbeit,  anziehende  284.
Arbeit,  gegenwärtige  209.
Arbeit,  gesicherte  582.
Arbeit,  nationale  372.
Arbeit,  obligatorische  582.
Arbeit,  primäre  209.
Arbeit,  produktive  19,  71.
Arbeit,  unbezahlte  518.
Arbeit,  unproduktive  71.
Arbeit,  Abkürzung  der  81.
Arbeit,  Anteil  der,  am  Gesamtprodukte
(bei  Bastiat)  386,  387,  486.
Arbeit,  Anteil  der,  am  Produkt  (bei  Carey)
486.
Arbeit,  Assoziation  zwischen  Kapital  und
(bei  Condillac)  67.
Arbeit,  Assoziation  zwischen  Kapital  und
(hei  Loria)  658.
Arbeit,  Ausbeutung  der,  durch  das  Kapital
(bei  Henry  George)  642.
Arbeit,  Bedürfnisse  der  479.
Arbeit,  Befreiung  der  (bei  Marx)  526.
Arbeit,  Begriff  der  (bei  den  Christlich-Sozialen)
  554.
Arbeit,  Belohnung  der  (hei  A.  Smith)  93.
Arbeit,  Einkommen  aus  209.
Arbeit,  Einkommen  ohne  (bei  Prondhon)
830.
Arbeit,  Entlohnung  der  (bei  A.  Smith)  72.
Arbeit,  gerechte  Entlohnung  der  (bei
Euskin)  683.
Arbeit,  Ergebnis  der  (bei  den  Physiokraten)
  19.
Arbeit,  Erleichterung  der  81.
Arbeit,  Freiheit  der  (bei  Fourier)  285.
Arbeit,  .Freiheit  der  (bei  den  Physiokraten)
  30.
Arbeit,  Intensivierung  der  519.
Arbeit,  Konzentration  der  211.
Arbeit,  landwirtschaftliche,  Vorherrschen
der  283.
        <pb n="793" />
        Sachregister.

771

Arbeit  der  Leitung  (bei  Eodbertns)  483.
Arbeit,  Marktpreis  der  (bei  Eodbertns)  487.
Arbeit,  Nachfrage  nach  (bei  Sismondi)
212.
Arbeit.  Neugestaltung  der  (bei  den  Anarchisten) ­
  720,  721.
Arbeit,  Normalwert  der  (bei  Eodbertns)
487.
Arbeit,  Organisation  der  288,  342,  344.
Arbeit,  natürlicher  Preis  der  (bei  Eicardo)
178.
Arbeit,  Produktion  von  (bei  Henry  George)
642.
Arbeit,  Produktivität  der  (bei  Dunoyer)
394.
Arbeit,  ausschließliche  Produktivität  der
(bei  Proudhon)  330.
Arbeit,  steigende  Produktivität  der  (bei
Bastiat)  380.
Arbeit,  steigende  Produktivität  der  (bei
Eodbertns)  487.
Arbeit,  Eecht  auf  (bei  Considerant)  287.
Arbeit,  Eecht  auf  (bei  Fourier)  339.
Arbeit,  Eecht  auf  (bei  A.  Menger)  689.
Arbeit,  Eecht  auf  (bei  den  Solidaristen)
680.
Arbeit,  Solidarität  zwischen  Kapital  und
690.
Arbeit,  Trennung  zwischen  Eigentum  und
211,  213.
Arbeit,  unbezahlte,  Theorie  der  (bei
Thompson)  275.
Arbeiten,  die  öffentlichen  42.
Arbeiten,  ungleichmäßige,  Produktivität
der  verschiedenen  69,  73.
Arbeiter,  landwirtschaftliche  29.
Arbeiter-Internationalismus  531.
Arbeiter-Produktiv-Genossenschaft  686.
Arbeiter-Volkswirtschaft  663.
Arbeiter,  proportionaler  Anteil  des,  am
Produkt  (bei  Eodbertns)  486,  487.
Arbeiter,  Assoziation  mit  dem  Unternehmer ­
  421.
Arbeiter,  Ausbeutung  des  (bei  den  Anarchisten) ­
  697.
Arbeiter,  Ausbeutung  der  (bei  Lösewitz)
571.
Arbeiter,  Ausbeutung  der  (bei  Marx)  542.
Arbeiter,  Ausbeutung  der  (bei  Walker)
625.
Arbeiter,  Beraubung  des  (bei  Eodbertns)
483.  486.

Arbeiter,  Beraubung  des  (bei  Sismondi)
208.
Arbeiter,  Beraubung  des  (bei  A.  Smith)  89.
Arbeiter,  Differentialrente  der  624.
Arbeiter,  Emanzipation  der  (bei  Louis
Blanc)  294.
Arbeiter,  Emanzipation  der  (im  Sozial-Katholizismus)
  570.
Arbeiter,  Fertigkeit  der  67.
Arbeiter,  Freizügigkeit  der  109.
Arbeiter,  Koalitionsrecht  der  (bei  Sismondi) ­
  220.
Arbeiter,  Konkurrenz  zwischen,  und  Kapitalisten ­
  (bei  Henry  George)  642.
Arbeiter,  hohe  Löhne  der  75.
Arbeiter,  organisierte,  Monopol  der  411.
Arbeiter  und  Müßiggänger  (bei  Saint-Simon)
  233.
Arbeiter,  Produktivität  der  81.
Arbeiter,  Proletarisierung  der  (bei  Karl
Marx)  491.
Arbeiter,  Proletarisierung  der  (bei  Eödbertus)
  491.
Arbeiter.  Eegierungskommission  für  die
342.
Arbeiter,  Eückgabe  der  Produktionsmittel
an  die  531.
Arbeiter,  Verblödung  des  68.
Arbeiter,  V  ergesellsohaftung  spezialisierter
294.
Arbeiter,  Vermehrung  der  (bei  A.  Smith)  93.
Arbeiter,  Versklavung  des  206.
Arbeiterassoziation,internationale  361,704.
Arbeiterbevölkerung,  Überfluß  an  527.
Arbeiterbewegung  265,  362,  547.
Arbeiterbewegung,  syndikalistische  362.
Arbeiterbewegung,  Geschichte  der  181.
Arbeiterelend  196.
Arbeiterfamilien,  Monographien  über  555.
Arbeiterfragen  430,  441,  499,  500.
Arbeiterfürsorge  (bei  Sismondi)  221.
Arbeitergenossenschaften  344.
Arbeitergenossenschaft  (bei  den  Christian-Socialists)
  574.
Arbeitergenossenschaft  (bei  Le  Play)  560.
Arbeitergenossenschaft  (bei  den  sozialkatholischen ­
  Schulen)  566.
Arbeitergesetzgebung  (bei  den  Christlich-Sozialen)
  567.
Arbeitergesetzgebung  (in  England)  666.
Arbeitergesetzgebung  (bei  Fourier)  287.
Arbeitergesetzgebung,  französische  843.
49*
        <pb n="794" />
        772

Sachregister.

Arbeitergesetzgebung  (bei  Owen)  267.
Arbeitergesetzgebung  (bei  Eodbertus)  477.
Arbeitergesetzgebung  (bei  Sismondi)  223.
Arbeitergewerkschaft  728.
Arbeitergewerkschaften,  Taktik  der  206.
Arbeitergewinnbeteiligung  2.81,  283.
Arbeiterklasse  (bei  Saint-Simon)  237,  238.
Arbeiterklasse,  Einkommen  der  489.
Arbeiterklasse,  Emanzipation  der  255.
Arbeiterklasse,  Interessen  der  537.
Arbeiterklassen,  Lebensbedingungen  der
441.
Arbeiterklassen,  Rolle  der  (bei  den  Saint-Simonisten)
  228.
Arbeiterklasse,  Sozialismus  der  537.
Arbeiterklasse,  Vermehrung  der  178.
Arbeiterklasse,  Verminderung  der  178.
Arbeiterklasse,  Wohlstand  der  178.
Arbeiterklasse,  Beseitigung  der  besitzenden ­
  Klasse  durch  die  638.
Arbeiterklasse,  Einfluß  des  Anarchismus
auf  die  726.
Arbeiterklasse,  Einfluß  Owen’s  auf  die  269.
Arbeiterlage,  Einfluß  des  Bevölkerungsgesetzes ­
  auf  die  177.
Arbeiterlage,  Einfluß  des  Bodenrentengesetzes ­
  auf  die  177.
Arbeitermassen,  wachsende  Proletarisierung ­
  der  224.
Arbeiterorganisationen  387.
Arbeiterpartei,  christlich-soziale  577.
Arbeiterpartei,  sozialdemokratische  500.
Arbeiterpensionen  390.
Arbeiterprogramm  496.
Arbeiterproduktivgenossenschaft  (beiLouis
Blanc)  290,  296.
Arbeiterproduktivgennssensohaft  (bei  den
Christian-socialists)  574.
Arbeiterschutz,  gesetzliche  Verpflichtung
des  390.
Arbeiterschutzgesetze  509.
Arbeiteruniversitäten  584.
Arbeiterverein  477,  495.
Arbeiterverein,  katholischer  566.
Arbeiterversichenmg  (bei  Bismarck)  509.
Arbeiterversicherungsgesetze  509.
Arbeiterwohlfahrtseinrichtnngen  (bei  Le
Play)  559.
Arbeiterwohlfahrtseinrichtungen  (bei  der
liberalen  Schule)  366.
Arbeiterwohlfahrtseiurichtungen  Owen’s
266,  267.

Arbeitgeber,  Autorität  des  658.
Arbeitgeber,  Lehre  vom  guten  (im  soziaf
len  Katholizismus)  572.
Arbeitgeber,  System  des  guten  (bei  Le
Play)  569.
Arbeitgeber,  Verantwortlichkeit  des  689.
Arbeitnehmer,  Assoziation  der  421.
Arme  und  Reiche  (bei  Sismondi)  199,  201,
211.
Armengesetze,  Abschaffung  der  162.
Armengesetze,  Vorwürfe  Sismondi’s  gegen
221.
Armut  der  industriellen  Gemeinschaften,
relative  219.
Arzte  99.
Arbeitsanteil,  Verminderung  des  489.
Arbeitsbedingungen,  Einmischung  der
Regierung  in  die  510.
Arbeitsbörse  272.
Arbeitsertrag,  voller  (bei  den  Fabiern)  660.
Arbeitsertrag,  Recht  auf  den  vollen  (bei
A.  Menget)  689.
Arbeitsertrag,  Abzüge  von  dem  104.
Arbeitsertrag,  Profit  als  Abzug  vom  529.
Arbeitsfreiheit,  Proklamation  der  526.
Arbeitsgemeinschaft  568.
Arbeitsgesetzgebung,  Urheber  der  76.
Arbeitsinstrumente  96.
Arbeitskostenpreis  (bei  Proudhon)  356.
Arbeitskraft  (bei  Sismondi  und  Marx)  225.
Arbeitskraft,  Entwertung  der  177.
Arbeitskraft,  Produktionskosten  der  410.
Arbeitskraft,  Wert  der  516,  517.
Arbeitslose  340.
Arbeitslosigkeit  (bei  Marx)  527.
Arbeitslosigkeit  (bei  Eodbertus)  480.
Arbeitslosigkeit,  Lösung  des  Problems  der
656.
Arbeitsleistung,  maximale  167.
Arbeitslohn  (bei  A.  Smith)  72,  89.
Arbeitsmeuge  515.
Arbeitsmittel  (Grund  und  Boden  und
Kapital)  257.
Arbeitsmittel  (bei  den  Saint-Simonisten)
242.
Arbeitsmittel,  Vergesellschaftung  der  (bei
den  Saint-Simonisten)  250.
Arbeitsnoten  Owen’s  271.
Arbeiisuoten,  Ersetzung  des  Geldes  durch
271.
Arbeitsprodukt,  Eigentumsrecht  am
eigenen  530.
        <pb n="795" />
        Sachregister.

773

Arbeits-Reihen  284.
Arbeitsstaat,  volkstümlicher,  Mengers  237.
Arbeitsstätte  für  Arbeitslose  339.
Arbeitstag,  Dauer  des  518.
Arbeitstauschbörse  272,  273.
Arbeitsteilung  (bei  Dürkheim)  681.
Arbeitsteilung  (bei  Fourier)  285.
Arbeitsteilung  (bei  List)  309.
Arbeitsteilung  (bei  Rodbertns)  478.
Arbeitsteilung  (bei  A.  Smith)  64  ff.
Arbeitsteilung  (bei  Tolstoi)  584.
Arbeitsteilung,  internationale  (bei  Carey)
318.
Arbeitsteilung,  internationale  (bei  List)
322.
Arbeitsteilung,  internationale  (bei  Ricardo)
185.
Arbeitsteilung,  nationale  (bei  List)  322.
Arbeitsteilung  als  Form  der  Solidarität
668.
Arbeitsteilung  als  Form  selbsttätiger
Kooperation  66,  67.
Arbeitsteilung  als  Grundlage  der  Moral
69.
Arbeitsteilung,  Grenzen  der  (bei  A.  Smith)
68.
Arbeitsteilung,  Nachteile  der  (bei  A.  Smith)
67.
Arbeitsteilung,  Produktionsordnung  der
481.
Arbeitsteilung,  Ursprung  der  79.
Arbeitsteilung,  Vorteile  der  67.
Arbeitsvermögen  (bei  Sismondi)  225.
Arbeiter  Wachstum  112.
Arbeitswert  376.
Arbeitswert  (bei  Marx)  515,  533,  541.
Arbeitswert  (bei  Ricardo)  168,  169,  170.
Arbeitswert  (bei  Rodbertus)  484.
Arbeitswert  (bei  Adam  Smith)  86,  87,
167,  168.
Arbeitswert  (bei  Turgot)  63.
Arbeitswert  und  Geldwert  der  Produkte
(in  der  Arbeitstauschbörse)  273.
Arbeitswerttheorie  Ricardo’s  (bei  Rodbertus) ­
  475.
Arbeitszeit  516.
Arbeitszeit,  Begrenzung  der  (bei  Sismondi)
206,  220.
Arbeitszeit,  Begrenzung  der  (bei  den
Solidaristen)  680,
Assoziation  261.
Assoziation  (bei  Louis  Blanc)  289,  290.

Assoziation  (bei  Leon  Bourgeois)  684.
Assoziation  (bei  Carey)  391.
Assoziation  (bei  Dunoyer)  367.
Assoziation  (bei  Le  Play)  562.
Assoziation  (bei  Stuart  MiE)  421.
Assoziation  (bei  der  liberalen  Schule)  367.
Assoziation  (bei  den  Solidaristen)  686.
Assoziation  der  Arbeiter  mit  dem  Unternehmer ­
  421.
Assoziation  der  Arbeitnehmer  421.
Assoziation  als  Ausbeutungsmittel  (bei
Buchez)  291.
Assoziation,  Freiheit  der  (bei  der  liberalen
Schule)  367.
Assoziationsfreiheit  (bei  Stuart  Mill)  411.
Assoziation,  freie  (bei  den  sozial-katholischen ­
  Schulen)  568.
Assoziation,  Gefahren  der,  für  die  Freiheit
des  Individuums  263.
Assoziation  der  Intelligenz,  der  Arbeit
und  des  Kapitals  282.
Assoziation  zwischen  Kapital  und  Arbeit
(bei  Condillac)  57.
Assoziation  des  Kapitals  und  der  Arbeit
(bei  Loria)  658.
Assoziation,  Kraft  der  (bei  Carey)  391.
Assoziation,  Ordnung  der  697.
Assoziation  als  produktive  Organisation
257.
Assozialisten  192,  261,  530.
Ätiologie  268.
Attraction  sympathique  278.
Aufbau  der  ökonomischen  Welt,  selbsttätiger ­
  79.
Auffassung,  atomistische  433.
Auffassung,  biologische,  von  der  Gesellschaft ­
  492.
Auffassung,  deterministische,  269.
Auffassung,  dynamische,  vom  Nationalwohlstand ­
  325.
Auffassung,  mechanische,  des  Wirtschaftslebens ­
  455.
Auffassung,  organische,  des  Wirtschaftslebens ­
  455.
Auffassung  von  der  Gesellschaft,  anarchistische ­
  714  ff.
Auffassung  der  Nationalökonomie,  soziologische ­
  463.
Auffassung  der  sozialen  Organisation  bei
den  Nationalökonomen  259.
Auffassung  der  sozialen  Organisation  bei
den  Sozialisten  259.
        <pb n="796" />
        774

Sachregister.

Aufgabe  des  Individuums  652.
Aufgabe  der  Kirche  651,  552.
Aufgabe  des  kommunistischen  Manifestes
530.
Aufgabe  der  Nationalökonomie  (bei  Hildebrand) ­
  437.
Aufgaben  der  Regierung  (bei  Bastiat)
468.
Aufgabe  der  Regierung  (bei  Saint-Simon)
234,  235,  236.
Aufgaben  der  Regierung  (bei  A.  Smith)
468.
Aufgabe  der  Sozialpolitik  205.
Aufgaben  und  Bereich  des  Staates  (bei
A.  Wagner)  601.
Aufgabe  des  Staates  (bei  Dupont-White)
503,  504.
Aufgabe  des  Staates  (bei  den  Fabiern
666.
Aufgabe  des  Staates  (bei  Pichte)  498.
Aufgabe  des  Staates  (bei  Prince  Smith)
502.
Aufgabe  des  Staates  (bei  Walras)  652.
Aufgabe  des  Staatssozialismus  503,  507.
Aufhebung  des  Edikts  von  Nantes  307.
Aufhebung  des  Lehrlingsgesetzes  192.
Aufhebung  des  Privateigentums  (bei  K.
Marx)  530.
Aufhebung  der  Schutzzölle  in  England
175.
Auflösung  der  Großstädte  283.
Auflösung  des  Regierungssystems  in  der
Wirtschaftsordnung  350.
Aufrechterhaltuug  des  Privateigentums
282,
Aufschwung  der  Konsumgenossenschaft
421.
Ausbeutung  (bei  Henry  George)  642.
Ausbeutung  (bei  Karl  Marx)  244,  245,  515.
Ausbeutung  (bei  den  Saint-Simonisten)
244,  245.
Ausbeutung  (bei  Sismondi)  243,  245.
Ausbeutung  der  Arbeiter  (bei  Lösewitz)
571.
Ausbeutung  der  Arbeiter  (bei  Marx)  542.
Ausbeutung  der  Arbeiter  (bei  Walker)
625.
Ausbeutung  des  Arbeiters  durch  den
Kapitalisten  224.
Ausbeutung  des  Menschen  durch  den
Menschen  256,  707.
Ausbeutung  des  Menschen  durch  den

Menschen  (bei  den  Saint-Simonisten)
243.
Ausbeutung  des  Schwachen  durch  den
Starken  497,
Ausbeutung,  Eigentum  als  Organisation
der  (bei  den  Anarchisten)  710.
Ausbeutung,  verschiedene  Phasen  der
520.
Ausbeutung,  Unvermeidlichkeit  der  515.
Ausbeutungsmittel,  Assoziation  als  (bei
Buchez)  291.
Ausbeutungstheorie  (bei  den  Anarchisten)
697,  707.
Ausbreitung  des  Privateigentums  282.
Ausdehnung  der  Industrie  131.
Ausdehnung  industrieller  Unternehmungen
420.
Ausdehnung  des  kleinbäuerlichen  Eigentums ­
  422.
Ausdehnung  der  Kollektivinteressen  503.
Ausdehnung  des  Marktes  68.
Ausdehnung  der  Produktion,  wissenschaftliche ­
  (bei  den  Anarchisten)  721.
Ausfuhr,  Verlangsamung  der  186.
Ausfuhrland  112.
Ausfuhrverbot  109.
Ausfuhrwert  412.
Ausgangspunkte,  Gleichheit  der  249.
Ausgangspunkt,  Ungleichheit  am  359.
Ausland,  Handel  mit  dem  68.
Ausnahmeprivilegium  322.
Ausnahmslage  244.
Ausnutzung  der  Produktionsmittel,  volle
482.
Ausrottung  289.
Aussaugung  des  Bodens  319.
Außenhandel  31,  110.
Außenhandel,  Freiheit  des  183.
Außenhandel,  Freiheit  des  (bei  den  Physiokraten)
  52.
Aussöhnung,  künstliche,  der  Interessen
(bei  den  Saint-Simonisten)  260.
Austausch,  internationaler  (bei  Dunoyer)
412.
Austausch,  internationaler  (bei  Pareto)
323.  ,
Austausch,  internationales  Gesetz  des  412.
Austausch,  Prinzip  des  freien  323.
Auswahl  des  Tüchtigsten  135
Auswanderung  166.
Autonomie,  wirtschaftliche  321.
Autonomie,  Streben  der  Wesen  nach  692.
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        Sachregister.

775

Autorität  (bei  den  Physiokraten)  38.
Autorität  (bei  Le  Play)  556.
Autorität,  Notwendigkeit  einer  Ö56.
Autorität,  väterliche  556.
Autorität  des  Arbeitgebers  558.
Autorität,  Vernichtung  des  Prinzips  der
709.
Autoritäten,  soziale  556.
Avances  annuelles  26.
Avances  foncieres  25,  26.
Avances  primitives  26.
B.
Bargeld,  Export  von  95.
Bargeld,  Import  von  95.
Barverkauf;  Identifizierung  mit  dem
Kreditverkauf  359.
Barrengoldreserve  189.
Bank  von  Amsterdam  96.
Bank  von  England  187.
Bankbetrieb  96.
Banken  (bei  Proudhon)  356,  357.
Banken  (bei  den  Saint-Simonisten)  247,
256.
Banken  (bei  A.  Smith)  108.
Banken,  Aufgabe  der  (bei  den  Saint-Simonisten)
  256.
Banken,  Einfluß  der  großen,  auf  das
moderne  Wirtschaftsleben  255.
Banken,  Theorien  Eicardo’s  über  die  184.
Bankmaßregeln  108.
Banknoten  94,  95.
Banknoten,  Entwertung  der  156,  188.
Banknoten,  Minimalnennbetrag  der  108.
Banknoten,  Bolle  der  155.
Banknoten,  Wertverminderung  der  188.
Banknotenausgabe,  Eeglementierung  der
187,  189.
Banknotenwert,  Garantie  des  189.
Bankoperationen  95.
Banque  de  Erance,  Umformung  der  343.
Banksystem,  allgemeines,  der  Saint-Simonisten
  247.
Bankwesen,  Kragen  des  156,
Bauergüter,  kleine  französische  153.
Bauernschaft,  französische  423.
Baumwollenindustrie  74.
Beamten,  Besoldung  der  107.
Bedienung,  Ersatz  der  persönlichen  durch
die  kollektive  279.
Bedingungen,  Gleichheit  der  653.

Bedingungen,  soziale,  Umformung  der  533.
Bedürfnisse,  Analyse  der  650.
Bedürfnisse,  Anpassung  der  Produktion
an  die  478,  479.
Bedürfnisse  der  Arbeit  479.
Bedürfnisse  des  Besitzes  479.
Bedürfnis,  gesellschaftliches  (bei  K.  Mars)
541.
Bedürfnis,  Gesetz  der  veränderlichen
Stärke  des  618.
Bedürfnisse,  Gleichheit  der  225.
Bedürfnisse,  Reihenfolge  der  (bei  Rodbertus)
  480.
Bedürfnisse,  psychologische  Analyse  der
453.
Bedürfnis,  soziales  (bei  A.  Smith)  479.
Bedürfnis,  soziales  (bei  Rodbertus)  480,
493.
Bedürfnis,  soziales,  Produktion  für  das  480.
Bedürfnis,  soziales,  Gegensatz  zu  wirksamer ­
  Nachfrage  (bei  Rodbertus)  481.
Bedürfnisgrenze  der  Industrie  179.
Befreiung  der  Gemeinden  232.
Befriedigung,  Prinzip  des  Maximums  der
609.
Begrenzung  der  Arbeitszeit  (bei  Sismondi)
220.
Begrenzung  der  Arbeitszeit  (bei  den  Solidaristen)
  680.
Begrenzung  der  Funktionen  des  Staates
(bei  den  Physiokraten)  52.
Begrenzung  der  individuellen  Initiative
218.
Begrenzung  des  Wachstums  der  Unternehmungen ­
  610.
Begünstigungssystem  105.
Belohnung  der  Arbeit  (bei  A.  Smith)  93.
Beraubung  (bei  Proudhon)  331.
Beraubung  (bei  Sismondi)  210.
Beraubung  des  Arbeiters  (bei  Rodbertus)
483  bis  486.
Beraubung  des  Arbeiters  (bei  Sismondi)
208.
Beraubung  des  Arbeiters  (bei  A.  Smith)  89.
Beraubungsproblem,  Lösung  des  (bei  Karl
Marx)  332.
Beraubungsproblem,  Lösung  des  (bei
Proudhon)  332.
Beraubungsproblem,  Lösung  des  (bei  Rodbertus) ­
  332.
Beraubungstheorie  (bei  A.  Smith)  89.
Berechtigung  der  reinen  Ökonomie  444.
        <pb n="798" />
        776

Sachregister.

Berechtigung  der  Zinsen  (bei  Bastiat)  376,
377.
Berechtigung  der  Zinsen  (bei  Condillac)
57.
Berechtigung  der  Zinsen  (bei  Turgot)  57.
Bereicherung,  Quelle  der  81.
Bergwerke  16.
Bergwerke,  Differentialrente  der  622,  623.
Bergwerke,  Produktion  der  (bei  A.  Smith)
161.
Bergwerke,  Rückkauf  der  (bei  Walras)  655.
Berufsgenossenschaft  263.
Berufssyndikate  263.
Berufsverband  565.
Beschränkung  des  Arbeitstages  (bei  Owen)
267.
Beschränkung  der  Bevölkerung,  freiwillige
147.
Beschränkung  der  Eigentumsrechte,
wachsende  495.
Beschränkung  der  Geburten  138.
Beschränkung  der  industriellen  Arbeiten
283.
Beschränkung  der  Kinderarbeit  (bei  Owen)
194,  267,  268.
Beschränkung  der  Kinderzahl  407.
Beschränkungssystem  105.
Besitz,  Bedürfnisse  des  479.
Besitz,  der,  eine  soziale  Funktion  688.
Besitz,  bäuerlicher,  Vermehrung  des  219.
Besitz,  gemeinsamer,  Verwaltung  des  468.
Besitz,  kleinbäuerlicher  (bei  Stuart  Mill)
418,  423.
Besitz,  patriarchalischer,  Rückkehr  zum
219.
Besitzer,  Verfügungsreoht  des  424,  688.
Besitzergreifung,  die  28.
Besitzergreifung,  Recht  der  (bei  Prondhon)
331.
Besitzlosen,  Unterdrückung  der,  durch  die
Besitzenden  (bei  den  Anarchisten)  709.
Besitzlosen,  Unterdrückung  der,  durch  die
Besitzenden  (bei  A.  Smith)  89,  709.
Besitzrecht  336.
Besitzrecht,  Veränderungen  des  688.
Besitztümer,  individuelle  330.
Besitzzustand,  einfacher  336.
Besoldung  der  Beamten  107.
Besserung  der  Lage  der  unteren  Gesellschaftsklassen ­
  133.
Bestimmungsgrund  des  Wertes  (bei
A.  Smith)  88.

Betätigung,  individuelle  107.
Betriebsgröße,  landwirtschaftliche,  Al£
nähme  der  durchschnittlichen  543.
Betriebskapital  (bei  den  Physiokraten)  26,
Bevölkerung  92.
Bevölkerung,  freiwillige  Beschränkung  der
147.
Bevölkerung,  Bewegung  der  92,  135.
Bevölkerung,  Dichte  der  (bei  Bastiat)  391.
Bevölkerung,  Druck  der  161.
Bevölkerung,  Einfluß  der  hohen  Löhne
auf  die  214.
Bevölkerung,  Gesetz  der  407.
Bevölkerung,  Pressung  der  384.
Bevölkerung,  Prinzip  der  144.
Bevölkerung,  Problem  der  153.
Bevölkerung,  Regelung  der,  nach  dem
Einkommen  213.
Bevölkerung,  Vermehrung  der  153.
Bevölkerung,  Verstadtlichung  der  527.
Bevölkerung,  Wachstum  der  147,
Bevölkerungsdichte  171.
Bevölkerungsgesetz  135,  407.
Bevölkerungsgesetz  (bei  Bastiat)  391.
Bevölkerungsgesetz  (bei  Carey)  391,  392.
Bevölkerungsgesetz  (bei  Henry  George)
641.
Bevölkerungsgesetz  (bei  Leroy-Beaulieu)
154.
Bevölkerungsgesetz  (bei  Stuart  Mill)  424.
Bevölkerungskurve,  Bewegung  der  417.
Bevölkerungsmaximum  (bei  Ricardo)  182.
Bevölkerungstheorie  Malthus’  151.
Bevölkerungstheorie  Malthus’,  Kritik  der
(bei  Sismondi)  214,
Bevölkerungstheorie  (bei  Mirabeau)  136.
Bevölkerungstheorie  (bei  A.  Smith)  85,
92,  93.
Bevölkerungsvermehrung,  Prinzip  der
(bei  Nassau  Senior)  396.
Bevölkerungsvermehrung,  Schnelligkeit
der  137.
Bevölkerungswachstum  112.
Bevölkerungszuwachs,  Einschränkung  des
144,  145.
Bevormundungssystem  192,  193,  202.
Beweglichkeit  des  Marktpreises  86,
Bewegung,  erste  korporative  345.
Bewegung,  syndikalistische  547.
Bewegung  der  Bevölkerungskurve  417.
Bewegung,  Sozialismus  als  (bei  Bernstein)
547.
        <pb n="799" />
        Sachregister.

777

Bewegungen  der  Bevölkerung  92.
Bewirtschaftung  der  römischen  Campagna
215.
Beziehungen,  rechtliche  420.
Beziehungen,  wirtschaftliche  420.
Bildung  des  Warenpreises  72.
Binnenhandel,  Freiheit  des  (bei  den  Physiokraten)
  62.
Binnenmarkt,  Sicherung  des  322.
Biunensteuer  114.
Binnenzollschrankeu,  Abschaffung  der  (bei
List)  325.
Binnenzollschranken  in  Frankreich,  Abschaffung ­
  der  300.
Biologie  136.
Boden,  freier,  für  alle  656.
Boden  als  Einkommenquelle  (bei  A.  Smith)
70.
Boden,  Abschätzung  des  640.
Boden,  Aussaugung  des  319.
Boden,  Eigentumsrecht  an  (bei  Eicardo)
173.
Boden,  Brtragsfähigkeit  des  164.
Boden,  Erzeugnisse  des  17.
Boden,  Gemeinschaftsbesitz  am  (bei  Cherbnliez)
  428.
Boden,  Heimfall  des,  an  den  Staat  649.
Boden,  gesetzliches  Monopolrecht  am  214.
Boden,  Nationalisierung  des  (bei  Henry
George)  638.
Boden,  Nationalisierung  des  (bei  H.  H.
Gossen)  650,  651.
Boden,  Nationalisierung  des  (bei  James
Mill)  174.
Boden,  Nationalisierung  des  (bei  Stuart
Mill)  638,  639,  640.
Boden,  Nationalisierung  des  (bei  Herbert
Spencer)  637.
Boden,  Nationalisierung  des  (bei  Wallace)
656.
Boden,  Nationalisierung  des  (bei  Walras)
616,  638.
Boden,  besondere  Produktivität  des  64,
73,  121.
Boden,  kommerzielle  Produktivität  des
623.
Boden,  Kückkanf  des  (bei  Gide)  654.
Boden,  Kückkauf  des  (bei  Vidal)  343.
Boden,  Eückkauf  des  (bei  Walras)  653.
Boden,  Eückkehr  zum  (bei  Fourier)  283.
Boden,  Eückkehr  zum  (bei  Tolstoi)  584.

Boden,  Schätzung  des  Wertzuwachses
des  640.
Boden,  Systeme  der  Nationalisierung  des
648  ff.
Boden,  Verstaatlichung  des  (bei  Gossen)
651.
Boden,  wachsender  Wert  des  638.
Boden,  Urbarmachung  des  25.
Boden,  Urrecht  der  Gemeinschaft  am  636,
637.
Bodenbesitz,  Ordnung  des  (bei  Loria)  635.
Bodenbesitz,  privater  (bei  Gossen)  651.
ßodendienste,  Wachsen  des  Mehrwerts
der  655.
Bodeneinkttnfte,  kollektivistische  Aneignung ­
  der  661.
Bodenertrag,  Gesetz  des  sinkenden  (bei
Eicardo)  132,  141.
Bodenertrag.  Gesetz  des  sinkenden  (bei
Stuart  Mill)  424.
Bodenkategorien  (bei  Eicardo)  162.
Bodenkreditinstitut  343.
Bodenkultur,  Gang  der  (bei  Carey)  388.
Bodenkultur,  Intensivierung  der  164.
Bodenkultur,  Scheidung  der,  zwischen
den  verschiedenen  Ländern  311.
Bodenlohn  (bei  Loria)  667.
Bodenmehrwert,  Beständigkeit  des  649.
Bodenmehrwert,  Wegsteuerung  des  647,
648.
Bodenmonopol  417.
Bodenpreise,  städtische,  Steigen  der  621.
Bodenrente,  siehe  auch  Eente.
Bodenrente  (bei  Bastiat)  381,  382.
Bodenrente  (bei  Carey)  382.
Bodenrente  (bei  Hermann)  632.
Bodenrente  (bei  Malthus)  169.
Bodenrente  (bei  Marshall)  634.
Bodenrente  (bei  Karl  Menger)  638.
Bodenrente  (bei  Pareto)  634.
Bodenrente  (bei  Eicardo)  622.
Bodenrente  (bei  J.-B.  Say)  632.
Bodenrente  (bei  Schäfile)  633.
Bodenrente  (bei  Stuart  Mill)  422,  624  bis
631.
Bodenrente  (bei  den  modernen  Theoretikern) ­
  622.
Bodenrente  als  Schaffung  von  Werten  161.
Bodenrente  als  Wurzel  aller  sozialen
Übel  644.
Bodenrente,  Aneignung  der  zukünftigen.,
durch  den  Staat  639.
        <pb n="800" />
        '778

Sachregister.

Bodenrente,  Anteil  der,  am  Einkommen
183.
Bodenrente,  unendliches  Anwachsen  der
(bei  Henry  George)  642,  643.
Bodenrente,  praktische  Bedeutung  der
620.
Bodenrente,  theoretische  Bedeutung  der
620.
Bodenrente,  differentiale  159.
Bodenrente,  ausschließlich  differentiale
.  (bei  Eicardo)  170.
Bodenrente,  Erhöhung  der,  im  18.  und
19.  Jahrhundert  162.
Bodenrente,  Erklärung  der  (bei  Malthus)
159.
Bodenrente,  Gesetz  der  (bei  Eicardo)  132,
158.
Bodenrente,  Illegitimität  der  635.
Bodenrente,  Kurve  der,  in  England  175,
176.
Bodenrente,  Sinken  der  175.
Bodenrente,  Stillstand  der  175.
Bodenrente,  Sozialisation  durch  die  Grundsteuer ­
  (bei  Stuart  Mill)  420.
Bodenrente,  Theorie  der  620  ff.
Bodenrente,  Ungerechtigkeit  der  Konfiskation ­
  der  645.
Bodenrente,  Wegsteuernng  der  (bei  Henry
George)  644.
Bodenrente,  Wegsteuerung  der  (bei  James
Mill)  174.
Bodenrente,  Wegsteuerung  der  (bei  Stuart
Mill)  422.
Bodenrente,  Zersplitterung  der  423.
Bodenwertzuwachs,  Wegsteuernng  des
640.
Bourgeois-Nationalökonomie  371.
Bourgeoisie,  Eolle  der,  in  der  Geschichte
533.
Boykott  671.
Brutto-  und  Nettoertrag,  Frage  des
481.
Bruttoertrag,  Wachstum  des  153.
Bruttoertrag  (bei  Sismondi)  214.
Bruttoertrag,  Gegensatz  zum  Nettoertrag
(bei  Sismondi)  481.
Bruttoertrag  und  Nettoertrag,  Unterschied
zwischen  (bei  Sismondi)  214.
Brüderlichkeit  als  Basis  der  Gesellschaft
569.
Brüderlichkeit  (bei  den  Solidaristen)
673.

Buchungen,  System  sozialer,  Solvay’s
273,  358.
Bullionisten  2.
Bürgerliche  Eegierung  89.
c.
Carrying  Trade  101.
Chambre  consultative  des  associations  de
production  290.
Chartismus  265.
China,  Kaiser  von  41.
Chrematistische  Schule  202.
Chrematistische  Wissenschaft  200.
Christianisierung  des  Sozialismus  575.
Christian-Socialists  574.
Christlich-Sozialen,  die  124,  223.
Christlich-soziale  Schule,  Ursprünge  der
561.
Clearing-houses  358.
Colbertismus  32.
Colbertisten  19.
Confederation  Generale  du  Travail  538,
547,  727.
Communes  232.
Composite  rent  628.
Comptabilisme  social  273.
Contrat  social  2,  6,  7.
Cooperation  integrale  279.
Copartnership  281.
Corn-laws,  Abschaffung  der  198.
Credit-Mobilier  255.
D.
Darlehnsfreiheit  (bei  Bentham)  108.
Darlehnsfreiheit  (bei  der  liberalen  Schule)
366.
Darlehnsgeschäft,  Freiheit  des  (bei  Condillac)
  57.
Darlehnsgeschäft,  Freiheit  des  (bei  Turgot)
37.
Darlehnskasse,  staatliche  (bei  Gossen)  651.
Dasein,  Eecht  auf  (bei  A.  Menger)  689.
Deeret  de  maximum  227.
Decret  de  rationnement  227.
Deduktion  (bei  Cairnes)  441.
Deduktion,  Kritik  der  451.
Definition  des  Eigentums  (bei  Stuart  Mill)
646.
Definition  der  sozialen  Funktionen  (bei
Eodbertus)  493.
Definition  des  Staates  (bei  Carlyle)  581.
        <pb n="801" />
        Sachregister.

779

Definition  des  Staates  (bei  Hegel)  498.
Definition  der  Volkswirtschaft  (bei  Ashley)
446.
Deistischer  Rationalismus  58
Dekret  „le  Chapelier“  263.
Demographie  135,  164.
Demographischer  Niedergang  Frankreichs
146.
Demokratie  43.
Depositbanken  256.
Desirabilite  693.
Despot,  der  aufgeklärte  40.
Despotismus  39.
Despotismus,  aufgeklärter  98.
Despotismus,  gesetzlicher  369.
Despotismus,  militärischer  421.
Despotismus,  Theorie  des  39.
Deterministen  439.
Deutsche  historische  Schule  198.
Dichtigkeitsgrenze  392.
Dienstbotenfrage,  Lösung  der  279.
Dienst,  sozialer  379.
Dienste  (bei  Bastiat)  375,  376,  378.
Dienste  (bei  Irving  Fisher)  94.
Dienste  (bei  A,  Smith)  71.
Dienste,  Markt  der  608.
Dienste,  Preis  der  89.
Dienste,  produktive  (bei  J.-B.  Say)  127.
Dienste,  produktive  (bei  den  Hedonisten)
378.
Dienste,  produktive  (bei  Walras)  607.
Dienste,  produktive,  Preis  der  (bei  Henry
George)  643.
Dienstwert,  Theorie  des  374.
Differential-Einkommen,  Profit  als  524.
Differentialrente  der  Arbeiter  624.
Differentialrente  der  Bergwerke  622,  623.
Differentialrente  der  Fischereien  623.
Differentialrente  in  der  Industrie  623.
Differentialrente  der  Salinen  622,  623.
Differenzierung  innerhalb  der  Kapitalisten- #
klasse  546.
Disagio  187.
Diskontierung  von  Wechseln  349.
Diskontierungsbank  349.
Diskontopolitik  der  großen  Zentralbanken
321.
Dismal  Science  132,  581.
Dividenden,  Verteilung  der  (bei  Fourier)
280..
Dogmatismus  124,  452.
Doktrinen,  hedonistische,  Kritik  der  610  ff.

Droit  d’aubaine  330.
Druck  der  Bevölkerung  161.
Dry  farming  384.
Dumping  310.
Dünger  319.
Durchschnittlicher  Schätzungswert  (bei
Turgot)  63.
Durchschnittsertrag,  jährlicher  Zuwachs
des  (bei  Turgot)  166.
Durchschnittspreis  des  Getreides  von  1770
bis  1813  in  England  163.
Durchschnittsvermögen  pro  Kopf  in  den
Ver.  Staaten  147.
Dynamische  Auffassung  des  Volkswohlstands ­
  325.
E.
Economie  sociale  201.
Eden-Vertrag  117,  303.
Edikt  von  Nantes,  Aufhebung  des  307.
Edikte  von  1763—1766  36.
Egaux,  Societe  des  227.
Egoismus  (bei  Hildebrand)  450.
Egoismus  (bei  Knies)  450.
Egoismus  (bei  Stuart  Mill)  450.
Egoismus  (bei  A.  Smith)  98.
Egoismus  (bei  A.  Wagner)  450.
Egoismus,  korporativer  695.
Egoist  und  Altruist  (bei  Bastiat)  388.
Ehe  (bei  den  Anarchisten)  711,  712.
Ehe  (bei  Malthns)  142.
Ehelosigkeit,  Pflicht  der  143,  150.
Eheverbot  für  die  Armen  408.
Ehernes  Lohngesetz  48,  180,  410,  487.
Eigennutz  97.
Eigenschaften  des  Bodens,  produktive
und  unverwüstliche  160.
Eigentum  (bei  den  Anarchisten)  710,  711.
Eigentum  (bei  Proudhon)  329  bis  331.
Eigentum  (bei  den  Physiokraten)  7,  27.
Eigentum  (bei  den  Saiut-Simonisteu)  226.
Eigentum  (bei  A.  Smith)  89.
Eigentum,  antisoziales  173.
Eigentum,  bewegliches  (bei  Turgot)  54.
Eigentum,  bürgerliches  530.
Eigentum,  gesellschaftliches  525.
Eigentum  an  Grundbesitz  (bei  den  Physiokraten) ­
  27,  28.
Eigentum  an  Sachgütern  252.
Eigentum  der  toten  Hand  226.
Eigentum  als  Ergebnis  des  Diebstahls  329.
        <pb n="802" />
        780

.  Sachregister.

Eigentum  und  Disharmonie  der  Interessen
{bei  Rousseau)  7.
Eigentum  und  Harmonie  der  Interessen
(bei  den  Physiokraten)  7.
Eigentum  als  Organisation  der  Ausbeutung
(bei  den  Anarchisten)  710.
Eigentum,  Privat-,  Abschaffung  des  (bei
E.  Engels)  530.
Eigentum,  friedliche  Abschaffung  des  (bei
Proudhon)  346,
Eigentum,  Abschaffung  des  (bei  den
revolutionären  Syndikalisten)  728.
Eigentum,  persönliches,  Abschaffung  des
(im  sozialen  Protestantismus)  573.
Eigentum,  Achtung  vor  dem  (bei  den
Physiokraten)  11.
Eigentum,  Achtung  vor  dem  (bei  den
Männern  der  franz.  Revolution)  226.
Eigentum,  Angriffe  gegen  das  225.
Eigentum,  kleinbäuerliches,  Ausdehnung
des  422.
Eigentum,  Begriff  des  (bei  Krissot)  329.
Eigentum,  Berechtigung  des  (bei  Pareto)
614.
Eigentum,  Definition  des  (bei  Stuart  Mill)
646.
Eigentum,  Definition  des  (bei  Proudhon)
331.
Eigentum,  Einkommen  aus  209.
Eigentum,  kollektive  Form  des  (bei  Marx)
531.
Eigentum,  verschiedene  Formen  des  (bei
den  Saint-Simonisten)  253.
Eigentum,  Frage  des  (im  sozialen  Protestantismus) ­
  579.
Eigentum,  Konzentration  des  (bei  den
Fabiern)  664.
Eigentum,  Kritik  des  (bei  den  Anarchisten)
697.
Eigentum,  Kritik  des  (bei  Proudhon)  326,
327,  328.
Eigentum,  Kritik  des  (bei  den  Saint-Simonisten)
  331.
Eigentum,  soziale  Nützlichkeit  des  258.
Eigentum,  Recht  auf  (bei  Brissot)  329.
Eigentum,  Recht  auf,  im  Naturzustand  329.
Eigentum,  Reform  des  250.
Eigentum,  Schutz  des  (bei  Kropotkin)
709,  710.
Eigentum,  Sicherung  des  89.
Eigentum  und  Arbeit,  Trennung  zwischen
211—213.

Eigentum,  gesetzliche  Übertragung  des
420.
Eigentum,  Umwandlung  des  (bei  Saint-Simon)
  238.
Eigentum,  bürgerliches,  Untergang  des
530.
Eigentum,  Urformen  des  252.
Eigentum,  Verallgemeinerung  des  331.
Eigentum,  Verfassung  des  (bei  Proudhon)
350.
Eigentum,  individuelles,.  Verflüchtigung
des  529.
Eigentum,  Vermehrung  des  530.
Eigentum,  primitives,  Vernichtung  des  526.
Eigentum,  Verteilung  des  (bei  Sismondi)
210.
Eigentum,  Verwandlung  des  Privat-  in
Aktien-  280.
Eigentum,  Vorgeschichte  des  251,  252.
Eigentum,  Zersplitterung  des  246.
Eigentum,  Zerstückelung  des  212.
Eigentum,  Wertverminderung  des  381.
Eigentümer,  Sicherheit  des  697,  698.
Eigentumsrecht  (bei  J.-J.  Rousseau)  226.
Eigentumsrecht  am  eigenen  Arbeitsprodukt ­
  530.
Eigentumsrecht  an  Boden  (bei  Ricardo)  173.
Eigentumsrecht  des  Erfinders  126.
Eigentumsrechte,  wachsende  Beschränkung ­
  der  496.
Eigentumsrecht,  Recht  auf  Arbeit  als  Ergänzung ­
  des  287.
Eigentumsrecht,  Regelung  des  570.
Eindämmung  des  Überflusses  an  Produkten ­
  218.
Ein-  und  Ausfuhr,  Gleichgewicht  der  321.
Einfluß  des  Anarchismus  auf  die  Arbeiterklasse ­
  726.
Einfluß  der  wirtschaftlichen  Faktoren  auf
die  soziale  Entwicklung  (bei  Marx)  536.
Einfuhr,  freie,  überseeischen  Getreides  34,
184.
Einfuhr  von  Lebensmitteln,  freie  173.
Einfuhr,  Prämium  auf  die  186.
Einfuhrverbot  109.
Einfuhrwert  412.
Einfuhrzölle  auf  Getreide  77.
Einfuhrzölle,  Berechtigung  der  113.
Einhegungsgesetze  163,
Einheit  des  Landes,  politische  324.
Einheit  des  Landes,  wirtschaftliche  824.
Einheit,  wirtschaftliche,  Deutschlands  300.
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        Sachregister.

781

Einheit  des  Preises  608.
Einheitspreis,  Gesetz  des  B97.
Einheitsstener  auf  den  Grundbesitz  (bei
den  Physiohraten)  43  ff.
Einheitssteuer  auf  den  Grundbesitz  (bei
Henry  George)  644.
Einkaufsvereine,  soziale  389.
Einkommen  (bei  A.  Smith)  94.
Einkommen,  arbeitsloses  (bei  Stuart  Mill)
418.
Einkommen,  arbeitsloses  (bei  Proudhon)
330.
Einkommen,  arbeitsloses  (bei  Eicardo)
170.
Einkommen,  arbeitsloses  (bei  Saint-Simon)
242.
Einkommen,  arbeitsloses  (bei  den  Sozialisten) ­
  646.
Einkommen,  arbeitsloses,  Abschaffung  des
(bei  Proudhon)  337.
Einkommen,  arbeitsloses,  Teilung  des  (bei
Rodbertus)  485.
Einkommen,  arbeitsloses,  Unrechtmäßigkeit ­
  des  245.
Einkommen,  nicht  verdientes  (bei  Marx)
542.
Einkommen  aus  Arbeit  209.
Einkommen  der  Arbeiterklasse  489.
Einkommen  aus  Eigentum  209.
Einkommen  aus  Grundbesitz  (bei  Ricardo)
158.
Einkommen  des  Grundbesitzers  73.
Einkommen  der  Nationen,  jährliches  71.
Einkommen,  Anpassung  des,  an  das  Verdienst ­
  506.
Einkommen  aus  Kapital,  Konfiskation  des
661.
Einkommen  aus  Kapital,  Rechtfertigung
des  397.
Einkommen,  schlechte  Verteilung  der
(bei  Sismondi)  216,
Einkommen,  Wert  des  386.
Einkommensquellen  70.
Einkommensteuer,  progressive  610.
Einkommensnnterschiede  zwischen  den
industriellen  Unternehmungen  626.
Einkommensverteilung  (bei  Colson)  387.
Einkommensverteilung  (bei  Ricardo)  183.
Einmischung  der  Regierung  (bei  Louis
Blanc)  293—295.
Einmischung  der  Regierung  in  die  Arbeitsbedingungen ­
  510.

Einmischung  des  Staates  (bei  Chevalier)
471.
Einmischung  des  Staates  (bei  Cournot)
472—473.
Einmischung  des  Staates  (bei  Kingsley)  575.
Einmischung  des  Staates  (bei  Lassalle)  494.
Einmischung  des  Staates  (bei  Le  Play)
555—556.
Einmischung  des  Staates  (bei  der  liberalen
Schule)  366.
Einmischung  des  Staates  (bei  Stuart  Mill)
471.
Einmischung  des  Staates  (bei  den  sozialkatholischen ­
  Schulen)  570.
Einmischung  des  Staates  (bei  Stöcker)  577.
Einmischung  des  Staates  (am  Anfang  des
XIX.  Jahrhunderts)  493.
Einrichtungen,  politische,  als  Produktivkräfte ­
  307.
Einrichtungen,  soziale,  unvollkommener
Zustand  der  404.
Einrichtungen,  wirtschaftliche,  Spontaneität ­
  der  77—78.
Einrichtungen,  wirtschaftliche,  natürlicher
Ursprung  der  78.
Einrichtungen,  wirtschaftliche;  wohltätiger ­
  Charakter  der  (bei  A.  Smith)  77.
Einsatz  (bei  Saint-Simon)  234.
Einschränkung  des  Bevölkerungszuwachses ­
  144—145.
Einstellung  der  Produktivkräfte  482.
Einverleibungsgesetz  (Act  of  union)  117.
Einwanderung  139.
Einzelassoziationen  261.
Einzelfamilie  564.
Einzelwesen,  Selbstinteresse  des  98.
Eisenbahnen,  Rückkauf  der  (bei  Walras)
655.
Elementarunterricht  68.
Elend,  physisches  142.
Elend  des  Arbeiters,  Erklärung  des  (bei
Sismondi)  212.
Elend  des  Volkes,  Gleichgültigkeit  der
liberalen  Schule  gegenüber  dem  368.
Emanzipation  der  Arbeiter  (bei  Louis
Blanc)  294.
Emanzipation  der  Arbeiter  (bei  Saint-Simon)
  255.
Emanzipation  der  Arbeiter  (im  Sozial-Katholizismus)
  670.
Emanzipation  der  Arbeiter  durch  die  Genossenschaft ­
  344.
        <pb n="804" />
        782

Sachregister.

Emanzipation  der  Arbeiterklasse  (bei
K.  Marx)  255.
Emanzipation  der  Kinder,  vorzeitige  148.
Emanzipation  der  Laudarbeiterschaft  97.
Emanzipierung  des  Individuums  420.
Emission  ausländischer  Anleihen  324,  684.
Emissionsbank  354.
Emissionstätigkeit,  freie  189.
Enclosure  acts  163.
Enoyolopedie,  gründe  1.
Bnergiemaximum,  Prinzip  des  609.
Energiequellen,  neue  176.
Englands  Handelspolitik  34.
Enqueten  561.
Enteignung  der  Kapitalisten  (bei  K.  Marx)
530.
Enteignung  der  Kapitalisten  (bei  Owen)
266.
Enteignung  der  erworbenen  ßeichtümer
(bei  Thompsonl  275.
Enteignung  aus  Gründen  des  öffentlichen
Nutzens  649.
Enteignung  ohne  Entschädigung  689.
Enteignungsentschädigung  174.
Entfernung  vom  Markte  (bei  Thünen)
166.
Entfesselung  des  Individuums,  wirtschaftliche ­
  109.
Enthaltsamkeit,  moralische  142,  143,  144,
150.
Bnthaltsamkeitswille  in  Frankreich  153.
Enthaltsamkeitszwang,  moralischer  177.
Entlassung,  Entschädigung  bei  ungerechtfertigter ­
  689.
Entlohnung  der  Abstinenz  425.
Entlohnung  der  Arbeit  (bei  A,  Smith)  72.
Entlohnung  der  Arbeit,  gerechte  (bei
Ruskin)  583.
Entlohnung  des  Kapitals  (bei  A.  Smith)
72.
Entlohnung  des  Kapitalisten  127.
Entlohnung  des  Unternehmers  127.
Entlohnung  gemäß  den  Bedürfnissen  269.
Entschädigung  bei  ungerechtfertigter  Entlassung ­
  689.
Entschädigung  der  Grundbesitzer  (bei
Stuart  Mill)  645.
Entschädigung,  Enteignung  ohne  689.
Entschädigung,  Prinzip  der  (bei  Einaudi)
645.
Entwertung  der  Arbeitskraft  177.
Entwertung  der  Banknoten  188.

Entwicklung  der  Großproduktion  526,
527.
Entwicklung  der  kapitalistischen  Industrie ­
  (in  Deutschland)  499.
Entwicklung  des  landwirtschaftlichen
Kleinbetriebs  543.
Entwicklung  der  Lebewesen,  Grenzen  der
177.
Entwicklung  der  kapitalistischen  Ordnung,
historische  542.
Entwicklung  des  Pauperismus  529
Entwicklung  der  Persönlichkeit,  freie  (bei
den  Anarchisten)  706.
Entwicklung  der  Transportmittel  175.
Entwicklung,  soziale  (bei  Marx)  536.
Entwicklung,  soziale,  Antithese  der  336.
Entwicklung,  soziale,  Synthese  der  336.
Entwicklung,  soziale,  These  der  336.
Entwicklung,  wirtschaftliche  (bei  Walras)
655.
Entwicklung,  Analogien  der  wirtschaftlichen ­
  438.
Entwicklung,  Gesetze  der  wirtschaftlichen
460.
Entwicklung,  Theorie  der  wirtschaftlichen
439.
Entwicklungsgesetze  der  Völker,  ökonomische ­
  437,  438,  439.
Entwicklungsperiode  (bei  A.  Smith)  305.
Entwicklungsphasen  der  Nationen,  wirtschaftliche ­
  305.
Entwicklungstheorie  552.
Enzyklopädie,  Edinburgher  196.
Enzyklopädisten  58.
Epidemien  141.
Epoche,-  kapitalistische  516.
Equality  of  opportunity  249.
Erbanfallsteuer,  Festsetzung  der  359.
Erbe,  der  (bei  Nassau  Senior)  398.
Erbe,  gleiche  Zwangsteilung  des  657.
Erbrecht  (bei  Stuart  Mill)  418,  420,  423,
424.
Erbrecht  (bei  Nassau  Senior)  398,  423.
Erbrecht,  gleiches  (bei  Le  Play)  154.
Erbrecht,  Abschaffung  des  (bei  den  Saint-Simonisten)
  191,  250.
Erbrecht,'  Kritik  des  (bei  den  Saint-Simonisten)
  246.
Erbschaftsteilnng,  gleichmäßige  252.
Erbschaftswesen,  Ordnung  des  (bei  Le
Play)  556.
Erfindungen  67.
        <pb n="805" />
        Sachregister.

783

Erfindungen,  Verhinderung  der  (bei
Sismondi)  180.
Erflndungsmethode  561.
Ergänzung  der  Nationalökonomie  durch
die  Sozialpolitik  225.
Ergonomie  427.
Erhöhung  der  Bodenrente  im  XVIII.
und  XIX.  Jahrhundert  162.
Erhöhung  der  Getreidepreise  im  XVIII.
und  XIX.  Jahrhundert  162.
Erhöhung  des  Getreidepreises,  Ursache
der  163.
Erhöhung  des  individuellen  Lohnes  489.
Erhöhung  des  produit  net  {bei  A.  Smith)  70.
Erhöhung  des  Wechselkurses  186.
Erklärung  des  Mehrwertes  (bei  Lexis)
512.
Erleichterung  der  Arbeit  81.
Ermäßigung  des  Schutzzolles  (bei  Ricardo)
185.
Eroberung  der  öffentlichen  Gewalt  538.
Ersatz  der  persönlichen  Bedienung  durch
die  kollektive  Bedienung  279.
Ersatz  des  Familienhaushalts  durch  den
Großhaushalt  278,  279.
Ersetzung  des  Geldes  durch  Arbeitsnoten
271.
Ertrag,  jährlicher  94.
Ertrag,  Gesetz  des  wachsenden  (bei  List)
310.
Ertragsfähigkeit  des  Bodens  164.
Ertragsfähigkeit,  physische  Grenze  der
140.
Ertragsfähigkeit,  wirtschaftliche  Grenze
der  140.
Ertragssteigerung  140.
Erwerbsrecht  424.
Erwerbsschwierigkeitswert  376,  384.
Erzeugnisse,  immaterielle  (bei  G.  Garnier)
482.
Erzeugnisse,  immaterielle  (bei  Malthus)
122.
Erzeugnisse,  immaterielle  (bei  Stuart  Mill)
71,  122.
Erzeugnisse,  immaterielle  (bei  J.-B.  Say)
122.
Erzeugnisse,  immaterielle  (bei  Nassau
Senior)  122.
Erzeugnisse  des  Bodens  17.
Erzeugung  des  Nationalproduktes  66.
Erziehung  (bei  Euskin)  583.
Erziehung,  industrielle  315.

Erziehung,  industrielle,  Schutzzoll  als
309.
Erziehung,  Rolle  der,  im  System  Owen’s
268.
Erziehungszölle  (bei  List)  309.
Erziehungszölle  (bei  Stuart  Mill)  415.
Etatisme  10B.
Evidenz  10.
Evolutionslehre  460.
Evolutionstheorie,  Übertragung  ins  Christliche ­
  553.
Existenzbedingungen,  allgemeine,  Sicherung ­
  der  652.
Existenzminimum  (bei  Fourier)  285.
Existenzminimum  (bei  Henry  George)
641.
Existenzminimum  (bei  der  klassischen
Schule)  417.
Existenzminimum  (bei  Malthus)  178.
Existenzminimum  (bei  Necker)  177.
Existenzminimum  (bei  Sismondi)  216.
217.
Existenzminimum  (bei  A.  Smith)  90.
Existenzminimum  (bei  Turgot)  177.
Existenzminimum,  Garantie  eines  (bei
den  Solidaristen)  680.
Existenzminimum,  Sinken  des  Lohnes  unter
das  179.
Exklusivität,  Politik  nationaler  315.
Expansion  des  Kredits  528.
Export  von  Bargeld  95.
Expropriation,  sozialistische  529.
Expropriation  der  Expropriatoren  627.
Expropriation  der  Handwerker  durch  die
Kapitalisten  529.
Expropriation  der  kleinen  Handwerkerbesitzer ­
  526.
Expropriation  der  großkapitalistischen  Industrien ­
  545.
Expropriation  der  Kapitalisten  631.
Expropriation  der  bürgerlichen  Klasse  529.
Expropriation  der  schottischen  Pächter
215.
Expropriation,  Gesetz  der  524  ff.
F.
Fabrikant,  landwirtschaftlicher,  Zustand
des  305.
Fabrikarbeiter,  Klasse  der  193.
Fabrikarbeiter,  Lage  der,  in  Frankreich
und  England  194.
        <pb n="806" />
        784

Sachregister.

.Fabrikationsgeheimnisse  92.
Fabriken,  Mißbräuche  in  den  193.
Fabrikgesetzgebung  76.
Fabriksystem  74.
Fähigkeiten,  Gleichheit  der  225.
Faktor  der  Volkswirtschaft,  psychologischer ­
  98.
Faktoren,  wirtschaftliche  (bei  Marx)  535.
Fallen  der  Banknoten  187.
Fallen  des  Profits,  Ursache  des  (bei  Stuart
Mill)  425.
Familie  (bei  Le  Play)  556.
Familie,  glückliche  661,  562.
Familie,  patriarchalische  556.
Familie,  unbeständige  557.
Familie,  Wahl-Erbfolge-  557.
Familie,  Haupttypen  der  556,  557,  558.
Familienhaushalt  (bei  Fourier)  278.
Familistere  287.
Familie  instable  567.
Familie,  souche  557.
Februarrevolution  289.
Feilbietung  83.
Fehler  des  liberalen  Systems  196.
Feminismus  (bei  Fourier)  286.
Feudalsystem,  Wiederherstellung  des  (bei
■  Müller)  313.
Fertigkeit  des  Arbeiters  67.
Festlegung  des  Zinsfußes,  gesetzliche
(bei  A.  Smith)  108
Festsetzung  der  Höhe  der  Zinsen  (bei
Sismondi)  199.
Festsetzung  der  Lehrzeit  109.
Finalismus  der  französischen  Schule  372.
Finanzen,  Wissenschaft  der  436.
Finanzfragen  (bei  A.  Smith)  70.
Finanzwirtschaft  des  Ancien  Regime  47.
Finanzprojekte  Pitt’s  118.
Fiskalisches  System  der  Physiokraten
50.
Fiskalisches  System  der  französischen
Revolution  50.
Fischereien,  Differentialronte  der  623.
Fleiß  82.  .
Föderalisten  525.
Folgen  der  Trennung  von  Eigentum  und
Arbeit  216.
Fonds  des  salaires  23.
Förderindustrien  16.
Formen  der  Solidarität,  alte  695.
Formen  der  Solidarität,  neue  695,
Fortpflanzungsgesetz,  biologisches  138.

Fortpflanzungstrieb  149.
Fortpflanzungstrieb,  gesellschaftlicher  Ur-f
sprung  des  148.
Fortschritt,  beständiger  (bei  List)  318.
Fortschritt,  moralischer  426.
Fortschritt,  sozialer  (bei  Rodbertus)  484,
485.
Fortschritt,  ■wirtschaftlicher  (bei  Stuart
Mill)  426.
Fortschritt,  wirtschaftlicher  (bei  J.-B.  Say)
125.
Fortschritte  der  Produktionsmethoden
425.
Fortschritte  der  landwirtschaftlichen
Wissenschaft  172,  175,  176.
Fortschritt  einzelner  Industrien  69.
Fortschritt  der  industriellen  Klasse  232.
Fortschritt,  Sorge  um  den  wirtschaftlichen
325.
Fortschritt,  Verlangsamung  des  (bei  Sismondi) ­
  130.
Fortschrittministerium  342.
Frage,  soziale  (bei  der  österreichischen
Schule)  615.
Fragen,  soziale  (bei  Sismondi)  218.
Frage,  soziale  (bei  Prince  Smith)  428.
Frage,  soziale,  als  Magenfrage  536.
Frage,  soziale,  Lösung  der  262.
Frage  der  Maschinen  (bei  J.-B.  Say)  126.
Frankreich,  Gesamteinkommen  45.
Frauenarbeit  (bei  Sismondi)  207.
Frauenarbeit  (bei  Andrew  Ure)  194.
Frauenfrage  (bei  den  Saint-Simonisten)
286.
„Freien“,  die  700.
Freies  Gut  (bei  Condillac)  55.
Freihandel  (bei  Cobden)  416.
Freihandel  (bei  Cournot)  298.
Freihandel  (bei  Dunoyer)  393.
Freihandel  (bei  Fourier)  298.
Freihandel  (bei  Stanley  Jevons)  616.
Freihandel  (bei  Stuart  Mill)  416.
Freihandel  (bei  den  Physiokraten)  32.
Freihandel  (bei  Ricardo)  173,  185.
Freihandel  (bei  A.  Smith)  113.
Freihandel  (bei  Walras)  616.
Freihandel,  landwirtschaftlicher  (bei  List)
311.
Freihandel  als  Hemmung  des  Steigens
der  Bodenrente  (bei  Ricardo)  173.
Freihandel  als  Hemmung  des  Steigens
der  Getreidepreise  (bei  Ricardo)  173,
        <pb n="807" />
        Sachregister.

785

Freihandelspolitik  129.
Freihandelsverband  (bei  Bastiat)  371.
Freiheit  (bei  den  Anarchisten)  706,  707.
Freiheit  (bei  A.  Smith)  99.
Freiheit,  bürgerliche  (bei  List)  307.
Freiheit,  individuelle  (bei  Proudhon),  Notwendigkeit ­
  der  355.
Freiheit,  individuelle  (bei  Eodbertus)  491.
'Freiheit,  rechtliche  295.
Freiheit,  tatsächliche  295.
Freiheit,  wirtschaftliche  (bei  A.  Smith)
105.
Freiheit,  wirtschaftliche  (bei  den  Staatssozialisten) ­
  503.
Freiheit,  Bedeutung  der  (bei  Proudhon)
335.
Freiheit,  System  der  natürlichen  105.
Freiheit,  Verbindung  der  politischen  mit
der  wirtschaftlichen  368.
Freiheit,  Verherrlichung  der  (bei  Dunoyer)
369.
Freiheit  der  Arbeit  30.
Freiheit  der  Assoziation,  (bei  der  klassischen ­
  Schule)  417.
Freiheit  des  Außenhandels  (bei  denPhysiokraten)
  52.
Freiheit  des  Binnenhandels  (bei  den  Physiokraten)
  52.
Freiheit  des  Darlehngeschäftes  (bei  Condillac)
  57.
Freiheit  des  Darlehngesehäftes  (bei  Turgot)
57.
Freiheit  des  Individuums  (bei  den  Anarchisten) ­
  711.
Freiheit  des  Individuums,  Verteidigung
der  468.
Freiheit  der  Koalition  (bei  der  klassischen
Schule)  417.
Freiheit  des  Zinses  (bei  Turgot)  37.
Freiheit  des  Zinsfußes  (bei  Condillac)  57.
Freizügigkeit  der  Arbeiter  109.
Friede,  sozialer  (im  Marxismus)  611.
Friede,  sozialer  (bei  Le  Play)  559.
Fruchtbarkeit,  mögliche  147.
Fruchtbarkeit,  wirkliche  147.
Fruchtbarkeit  und  Ernährung  154.
Fruchtbarkeit  und  geistige  Tätigkeit  154.
Fruchtbarkeit,  Gesetz  ungleicher  629.
Fruchtbarkeit,  Rente  der  natürlichen  382.
Fruchtkulturen  Kaliforniens  284.
Funktion,  soziale  (bei  Auguste  Comte)
378.
Gide  und  Hist,  Gesch.  d.  Volkswirtschaft!.

Funktionen,  soziale  (bei  Eodbertus)  478,
493.
Funktion  des  Staates  (bei  Molinari)  42.
Funktion  des  Staates  (bei  den  Physiokraten)
  41.
Funktion  des  Unternehmers  625,  626.
Funktionen  des  Unternehmers  und  des
Kapitalisten,  Trennung  der  625.
Fürsorge  des  Staates  (bei  A.  Smith)  106.

G.
Garantie  des  Banknotenwertes  189.
Garantierung  der  Werte,  staatliche  645.
Garantismus  (bei  Fourier)  286.
Garantismus  (bei  den  Solidaristen)  680.
Gartenkultur  (bei  Fourier)  284.
Gartenstädte  283.
Gartenstädte,  englische  269,  288,  584.
Gartenstädte,  Schaffung  von  262.
Gebäude  94.
Gebrauchswert  (bei  den  Hedonisten)  593.
Gebrauchswert  (bei  den  Klassikern)  593.
Gebrauchswert  (bei  Marx)  515,  516.
Gebrauchswert  (bei  A.  Smith)  85.
Geburten,  Beschränkung  der  138.
Geburten,  Verringerung  der  142.
Geburtsprivilegien,  Abschaffung  der  249.
Geburtsziffer,  sinkende  153.
Gefahren  der  Assoziation  für  die  Freiheit
des  Individuums  263.
Gegensatz  zwischen  Konkurrenz  und
Assoziation  (bei  Louis  Blanc)  289.
Gegensätze  zwischen  der  Nationalökonomie
und  dem  Sozialismus  260.
Gegensätze  der  Gesichtspunkte  zwischen
den  Saint-Simonisten  und  den  Klassikern
257.
Gegenseitigkeit,  Kreditgesellschaften  auf
354.
Gehorsam  (bei  den  Saint-Simonisten)  248.
Geschäftspolitik  der  Trusts  und  Kartelle
203.
Geschichte,  politische  435.
Geschichte,  Anwendung  der  (bei  A.  Comte)
462.
Geschichte  der  Völker,  wirtschaftliche  (bei
Hildebrand)  437.
Geschichtsphilosophie  Karl  Marx’  250.
Geschichtsphilosophie  der  Saint-Simonisten
254,  433.
Geschicklichkeitsrente  (bei  Stuart  Mül)  624.
Lehrmeinunsen.  50
        <pb n="808" />
        786

Sachregister.

Geschicklichkeitsrente  (bei  Webb)  662.
Gesohicklicbkeitsrente  als  Folge  des
Privateigentums  662.
Geschlechtsbeziehungen,  Ordnung  der  (bei
Fourier)  286.
Geschleohtstrieb,  religiöser  Ursprung  des
148.
Geld  (bei  den  Mystikern)  581.
Geld  (bei  Owen)  271.
Geld  (bei  Proudhon)  347,  348.
Geld  (bei  Adam  Smith)  80,  119.
Geld  als  Kapital  (bei  Proudhon)  348,  353.
Geld  als  Tauschbon  348.
Geld  als  Tauschmittel  353.
Geld  als  Umlanfsmittel  348.
Geld  als  Wertmesser,  Abschaffung  des  360.
Geld  als  Zusatzkapital  348.
Geld,  Ausschaltung  des  272.
Geld,  Ersetzung  des,  durch  Arbeitsnoten
271.
Geld,  Marktwert  des  409.
Geld,  Quantitätstheorie  des  409.
Geld,  Quantitätstheorie  des  (bei  Ricardo)
184,  187.
Geld,  Rückfluß  des  186.
Geld,  Überfluß  des  186.
Geld,  Ursprung  des  (bei  A.  Smith)  80.
Geld,  Wertverminderung  des  186.
Geldausfuhr  186.
Geldkrise  (bei  List)  321.
Geldmarkt,  Spannung  des  321.
Geldmenge  eines  Landes  95.
Geldleihgeschäft  36.
Geldorganisation  60.
Geldstandpunkt  (bei  List)  321.
Geldüberschuß  93.
Geldwert  und  Arbeitswert  der  Produkte
(in  der  Arbeitstauschbörse)  273.
Geldwert,  Steigen  und  Fallen  des  (bei  A.
Smith)  95.
Geldwert,  Wechsel  des  187.
Geldwirtschaft  305,  437,  459.
Geldzinsen,  Abschaffung  der  348.
Gemeinde  568.
Gemeindeland,  Aneigung  des  163.
Gemeinden,  Befreiung  der  232.
Gemeineigentum,  Kritik  des  (bei  Proudhon)
335.
Gemeinschaften,  kommunistische  269.
Gemeinsinn  470.
Generalstreik  672.
Generalstreik  (bei  den  Syndikalisten)  550.

Genossen,  Haftpflicht  der  354.
Genossenschaft  (bei  Owen)  268.
Genossenschaft  (bei  Schulze-Delitzsch)  496.
Genossenschaft,  freie  261.
Genossenschaften  für  Lebensverbilligung
345.
Genossenschaften,  moralische  und  politische ­
  324.
Genossenschaften,  Schaffung  selbständiger
(bei  den  Assozialisten)  265.
Genossenschaftsordnung  Fourier’s  286.
Genossenschaftswesen  als  Verwirklichung
des  Solidarismus  685.
Genuß,  Gesetze  des  650.
Gerechtigkeit  99.
Gerechtigkeit,  steuerliche  61.
Gerechtigkeit,  wirtschaftliche  348.
Gerechtigkeit  als  Lebensprinzip  336.
Gesamtangebot  an  Gütern  129.
Gesamteinkommen  Frankreichs  45.
Gesamtnachfrage  nach  Gütern  129.
Gesamtnutzen,  maximaler  608.
Gesamtprodukt,  Anteil  der  Arbeit  am
386,  387.
Gesellschaft  (bei  den  Anarchisten)  714,
715,  716.
Gesellschaft  (bei  Stirner)  701.
Gesellschaft,  anarchistische  (bei  Kropotkin)
717,  718.
Gesellschaft,  familiale  556.
Gesellschaft,  industrielle  211.
Gesellschaft,  industrielle  (bei  A.  Smith)
75.
Gesellschaft,  kooperative  (bei  Owen)  274.
Gesellschaft,  anarchistische  Auffassung
von  der  714  ff.
Gesellschaft,  organische  Auffassung  der
(bei  Rodbertus)  493.
Gesellschaft,  physiokratisehe  Auffassung
der  69.
Gesellschaft,  Begriff  der  (bei  Rodbertus)
490.
Gesellschaft,  Hierarchie  der  (bei  den  sozialkatholischen ­
  Schulen)  569.
Gesellschaft,  industrielle,  Proudhon’s  Auffassung ­
  einer  350.
Gesellschaft,  kritische  Periode  der  254.
Gesellschaft,  organische  Periode  der  254.
Gesellschaft,  korporative  Reorganisation
566.
Gesellschaft,  ökonomische  Struktur  der
der  536.
        <pb n="809" />
        Sachregi  .ter.

787

Gesellschaft,  organische  und  biologische
Theorie  der  (von  Schaffte)  501.
Gesellschaft,  Umsturz  der  195.
Gesellschaft,  Unterbau  der  535.
Gesellschaft,  Unterscheidung  zwischen
Regierung  und  716.
Gesellschaft  als  Versicherungsgesellschaft
auf  Gegenseitigkeit  678.
Gesellschaft,  Zweiklassen-  545.
Gesellschaften,  privilegierte  108.
Gesellschaftsauffassnng  Saint-Simon’s  263.
Gesellschaftseinkommen  171.
Gesellschaftsklassen,  untere,  Besserung
der  Lage  der  133.
Gesellschaftsordnung,  natürliche  100.
Gesellschaftsordnung  der  Physiokraten  98.
Gesellschaftsstufen,  Theorie  der  drei  (von
Auguste  Comte)  251.
Gesellschaftstheorie  Walras’  652.
Gesellschaftstheorie,  organische  (hei  Rodbertus)
  491,  492.
Gesellschaftsverfassung  (bei  A.  Smith)  98.
Gesetze,  historische  461.
Gesetze,  malthusische  147.
Gesetze,  menschliche  98.
Gesetze,  moderne  sozial-politische  682.
Gesetze,  die  natürlichen  8.
Gesetze,  natürliche  (beiDupont  deNemours)
402.
Gesetze,  natürliche  (bei  Stuart  Mill)  418.
Gesetze,  natürliche,  Evidenz  der  (bei
Bakunin)  713.
Gesetz,  ökonomisches  79.
Gesetze,  ökonomische,  relativer  Wert  der
445.
Gesetz,  physiologisches  139.
Gesetz,  physisches  159.
Gesetz,  proportionales,  Eicardo’s  181.
Gesetz,  quantitatives,  Ricardo’s  181.
Gesetze,  soziale  (bei  Dupont  de  Nemours)
7,  10.
Gesetz,  wirtschaftliches  159.
Gesetze,  wirtschaftliche  (bei  Knies)  446.
Gesetze,  wirtschaftliche  (bei  Marshall)  448.
Gesetze,  wirtschaftliche  (bei  Stuart  Mill)
447.
Gesetze,  wirtschaftliche  (bei  Walras)  448.
Gesetze,  große  wirtschaftliche  402  ff.
Gesetze,  wirtschaftliche,  Relativität  der
441,  446  bis  448.
Gesetze,  Nutzlosigkeit  der  (bei  Kropotkin)
709.

Gesetze,  Schädlichkeit  der  (bei  Kropotkin)
709.
Gesetz  der  passioneilen  Anziehung  263.
Gesetz  des  Absatzes  (bei  Cournot)  604.
Gesetz  des  Angebots  und  der  Nachfrage
170,  408.
Gesetz  des  Angebots  und  der  Nachfrage
(bei  Cournot)  408,  590.
Gesetz  des  Angebots  und  der  Nachfrage
(bei  den  Hedonisten)  589,  590.
Gesetz  des  Angebots  und  der  Nachfrage
(bei  Stuart  Mill)  590.
Gesetz  des  Angebots  und  der  Nachfrage
(bei  Adam  Smith)  127.
Gesetz  des  internationalen  Austausches
412.
Gesetz  der  Bevölkerung  407.
Gesetz  der  Bevölkerung  (hei  Stuart  Mill)
424.
Gesetz  des  sinkenden  Bodenertrages  132,
141,  164,  172.
Gesetz  des  sinkenden  Bodenertrages  (hei
Malthus)  165,  170,  174.
Gesetz  des  sinkenden  Bodenertrages  (bei
Stuart  Mill)  424.
Gesetz  der  Bodenrente  132,  411.
Gesetz  der  Bodenrente  (bei  Ricardo)  158.
Gesetz  des  Einheitspreises  597.
Gesetze  der  wirtschaftlichen  Entwicklung
460.
Gesetz  des  wachsenden  Ertrags  (bei  List)
310.
Gesetz  der  Expropriation  524  ff.
Gesetz  ungleicher  Fruchtbarkeit  629.
Gesetz  der  Gleichheit  der  Profite  524.
Gesetze  des  Genusses  650.
Gesetz  des  endlos  sinkenden  Gewinnes
182,  183.
Gesetz  der  Grundrente,  Einfluß  Malthus’
auf  das  152.
Gesetz  der  Handelsbilanz  (bei  Ricardo)  184.
Gesetz  der  Indifferenz  (bei  Stanley  Jevons)
167,  597.
Gesetz  des  persönlichen  Interesses  403.
Gesetz  des  Kapitals  385.
Gesetz  der  Komplementargüter  601.
Gesetz  der  freien  Konkurrenz  404.
Gesetz  der  Konzentration  524  ff.,  542.
Gesetz  der  kapitalistischen  Konzentration
(bei  Sismondi)  211.
Gesetz  des  Lohnes  (von  Ricardo)  177.
Gesetz  des  Lohnfonds  (bei  Cairnes)  427.
50*
        <pb n="810" />
        788

Sachregister.

Gesetz  des  Lohnfonds,  Einfluß  Malthus’
auf  das  152.
Gesetz  der  Nachfrage  (in  der  mathematischen ­
  Schule)  604.
Gesetz  des  unentgeltlichen  Nutzens  379.
Gesetz  der  Produktionskosten  (bei  den
Hedonisten)  589,  591.
Gesetz  der  verglichenen  Produktionskosten
414.
Gesetz  des  Profits  von  Ricardo  177.
Gesetz  des  allmählich  sinkenden  Profits
(bei  Stuart  Mill)  425.
Gesetz  des  konstant  sinkenden  Profits
132.
Gesetz  des  sinkenden  Profltsatzes  386.
Gesetze  des  Reichtums  (bei  J.-B.  Say)  123.
Gesetz  der  Rente  411.
Gesetz  der  Rente  (bei  Bastiat)  379.
Gesetz  der  Rente  (bei  Ricardo)  379.
Gesetz  der  Solidarität  (bei  Bastiat)  S89.
Gesetz  der  Solidarität  (hei  Pierre  Leroux)
296.
Gesetze  sozialer  Solidarität  683.
Gesetz  der  veränderlichen  Stärke  des  Bedürfnisses ­
  618.
Gesetz  der  Substitution  376,  597,  600.
Gesetz  über  obligatorische  Unterstützung
151,  152.
Gesetz  der  bestimmten  Verhältnisse  609.
Gesetz  der  Verteilung  (bei  den  Hedonisten)
589,  591.
Gesetze  der  Verteilung  (bei  Ricardo)  157.
Gesetz  der  Verteilung  zwischen  Kapital
und  Arbeit  385.
Gesetze  der  Vorsehung  (bei  Bastiat)  373.
Gesetz  der  internationalen  Werte  414.
Gesetz  des  Sinkens  des  Zinsfußes  385.
Gesetzgebung  38.
Gesetzgebung,  wirtschaftliche  445.
Gesetzmäßigkeit  der  Sozialphänomene  51.
Gesundheit  der  Arbeiter  208.
Getreide,  Einfuhrzölle  auf  77.
Getreide,  amerikanisches,  Konkurrenz  des
316.
Getreide,  Höchstpreis  des,  in  England  162.
Getreide,  Wert  des  (bei  Ricardo)  161.
Getreideausfuhr  34.
Getreidebau,  Ersatz  des,  durch  Weidewirtschaft ­
  527.
Getreideeinfuhr  34.
Getreideertrag  Frankreichs  140.
Getreidepreise,  hohe  116.

Getreidepreise,  Erhöhung  der,  im  18.  und
19  Jahrhundert  162.
Getreidezölle  112.
Getreidezölle,  Abschaffung  der  401.
Gewalt  (bei  den  Anarchisten)  727.
Gewalt  (bei  den  revolutionären  Syndikalisten) ­
  727.
Gewalt,  öffentliche,  Eroberung  der  538.
Gewalt,  proletarische  (bei  Sorel)  549.
Gewerkschaft,  Verherrlichung  der  (bei
den  Syndikalisten)  548.
Gewerkschaft,  erziehlicher  Einfluß  der
548.
Gewerkschaften,  gelbe  546,  570.
Gewerkschaften,  rote  546,  570.
Gewerkschaftsbewegung  547.
Gewerkschaftswesen  (bei  den  sozialkatholischen ­
  Schulen)  567.
Gewerkvereine,  christliche  570.
Gewinn,  hoher  oder  niedriger  72.
Gewinn  (bei  den  Physiokraten)  31.
Gewinn  des  Unternehmers  (bei  Louis
Blanc)  293.
Gewinn,  großer,  der  Kapitalisten  76.
Gewinn,  wirklicher  128.
Gewinnbeteiligung  (bei  Bastiat)  390,  391.
Gewinnbeteiligung  (bei  den  Saint-Simonisren)
  257.
Gilden,  Wiederherstellung  der  565.
Glasgower  Vorlesungen  (Adam  Smith)  74.
Gleichen,  Manifest  der  227.
Gleiches,  Wiederkehr  des  79.
Gleichgewicht  der  Ein-  und  Ausfuhr  321.
Gleichgewicht,  instabiles  60B.
Gleichgewicht,  stabiles  606.
Gleichgewicht,  Theorie  des  (bei  Sismondi)
203.
Gleichgewicht,  Theorie  des,  Kritik  der
(bei  Quesnay)  39.
Gleichgewicht,  Theorie  vorn  wirtschaftlichen ­
  90,
Gleichgewicht  der  wirtschaftlichen  Kräfte
(bei  Proudhon)  334.
Gleichgewicht,  wirtschaftliches  (bei  Walras) ­
  128.
Gleichgewicht,  wirtschaftliches,  Theorie
des  541.
Gleichgewicht,wirtschaftliches,  Theorie  des
(bei  Marx)  533;
Gleichgewicht  zwischen  Verbrauch  und
Produktion  130.
Gleichgewichtspreis,  Begriff  des  305.
        <pb n="811" />
        Gleichgewichtsprobleme'  (in  der
matischen  Schule)  609.
Gleichgewichtszustand  (in  der
matischen  Schule)  606.
Gleichheit,  industrielle  234.
Gleichheit  der  Bedürfnisse  225.
Gleichheit  der  Fähigkeiten  226.
Gleichheit  als  Lebensprinzip  336.
Gleichheit  der  Menschen,  ursprüngliche
553.
Gleichheit  des  Preises  mit  den  Produktionskosten ­
  84.
Gleichheitssystem,  absolutes  269.
Goldausfuhr,  Verbot  der  188.
Goldabfluß  188.
Grenzen  der  Arbeitsteilung  (bei  A.  Smith)
68.
Grenzen  der  Entwicklung  aller  Lebewesen ­
  177.
Grenze  der  Intensivknltur  164.
Grenzen  der  politischen  Regierung  492.
Grenzen  der  Eegierungstätigkeit  467.
Grenzen  der  wirtschaftlichen  Regierung
492.
Grenzarbeiter  (bei  Clark)  600.
Grenzarbeiter  (bei  Webb)  661.
Grenzbeschaffungskosten  411.
Grenzboden  (bei  Ricardo)  161.
Grenzboden  (bei  Henry  George)  642.
Grenzkapital  600.
Grenznutzen  (bei  Böhm-Bawerk)  593,  594,
597.
Grenznntzen  (bei  Bnffon)  594.
Grenznutzen  (bei  Clark)  593.
Grenznutzen  (bei  Condillac)  55,  594.
Grenznutzen  im  Bereiche  der  Produktion
598.
Grenznutzen  im  Bereiche  des  Verbrauchs
598.
Grenznntzen  im  Bereiche  der  Verteilung
599.
Grenznntzen,  Bestimmung  des  Lohnes
durch  den  699.
Grenznutzen,  Definition  des  (bei  Böhm-Bawerk)
  597.
Grenznntzen,  Gleichzeitigkeit  der  Ent-.
deckung  des  593.
Grenznutzen,  Grad  des  (bei  Stanley  Jevons)
592,  609.
Grenznutzen  als  Lösung  des  Tauschproblems ­
  598.

789
Grenznutzen  als  Lösung  des  Wertproblems
598.
Grenznntzen,  Rolle  des,  beim  Tausche
595,  596.
Grenznutzen,  Theorie  des  370,  541.
Grenznutzentheorie  (bei  den  englischen
Sozialisten)  663.
Grenznützlichkeit  (bei  ,  Karl  Menger)  693.
Grenzpaar  596.
Grenzproduktivität  600,  635.
Grenzunternehmer  627.
Großaktionär,  parasitischer  529.
Großbanken,  Schaffung  der  525.
Großbesitz,  Sozialisation  der  Produktionsmittel ­
  im  545.
Großgrundbesitz,  Umformung  des  (bei
den  Christian-Socialists)  575.
Großgrundbesitz,  Umwandlungen  des  649.
Großgrundbesitzer  24.
Großgrundbesitzer,  Anteil  der,  am  Produkte ­
  (bei  Ricardo)  486.
Großhandel  74,  101.
Großhaushalt  (bei  Fourier)  278,  279.
Großindustrie,  Sozialisation  der  Produktionsmittel ­
  in  der  545.
Großindustrie,  Überhandnehmen  des  konstanten ­
  Kapitals  in  der  522.
Großproduktion,  beständige  Entwicklung
der  526,  527.
Großproduktion,  Zentren  der  193.
Großstädte,  Auflösung  der  283.
Grund  und  Boden,  Verstaatlichung  des
158.
Grundbesitz  (bei  den  Physiokraten)  24  bis
30.
Grundbesitz  (bei  J.-B.  Say)  121.
Grundbesitz  in  bezug  auf  die  Bevölkerungszunahme ­
  153.
Grundbesitz,  Einheitssteuer  auf  den  (bei
Henry  George)  644.
Grundbesitz,  Einheitssteuer  auf  den  (bei
den  Physiokraten)  43  ff.
Grundbesitz,  Einkommen  aus  (bei  Ricardo) ­
  158.
Grundbesitz,  kleiner  163.
Grundbesitz,  Miteigentum  des  Herrschers
am  46.
Grundbesitz,  Rechtfertigung  des  155.
Grundbesitz,  städtischer,  Mehrwert  des
283.
Grundbesitz,  Steuer  auf  (bei  Ricardo)  174.
Grundbesitz,  Unrechtmäßigkeit  des  638.

Sachregister,
mathemathe
        <pb n="812" />
        790

Sachregister.

Grundbesitz,  Zerstückelung  des,  in  Frankreich ­
  153.
Grundbesitzer  (bei  den  Physiokraten)  44,
45.
Grundbesitzer  (bei  Henry  George)  641.
Grundbesitzer,  Einkommen  des  73.
Grundbesitzer,  Entschädigung  der  (bei
Stuart  Mill)  645.
Grundbesitzer,  Interesse  des  171,  172.
Grundbesitzer,  Monopol  der  641.
Grundeigentum  (bei  den  Physiokraten)
24,  25.
Grundeigentum  (hei  Proudhon)  636.
Grundeigentum  (bei  Eodbertus)  490.
Grundeigentum,  Umformung  des  (bei
Saint-Simon)  237.
Grundeinheit  657.
Grundlage  des  marxistischen  Kollektivismus ­
  224,
Grundlage  der  Lehre  der  Solidaristen  671.
Grundlage  des  wirtschaftlichen  Liberalismus ­
  210.
Grundlagen  des  Wertes  127.
Grundprinzipien  der  Nationalökonomie
(bei  Nassau  Senior)  396.
Grundsatz  von  der  Proportionalität  der
Lasten  70.
Grundsätze  des  kollektivistischen  Programms ­
  531.
Grundsteuer  (bei  den  Physiokraten)  45.
Grundsteuer,  Sozialisation  der  Bodenrente ­
  durch  die  420.
Gründung  von  industriellen  Unternehmungen ­
  306.
Grundursache  des  Reichtums  82.
Gruppe  (bei  den  Anarchisten)  715,  716.
Gruppe  (bei  Proudhon)  715.
Gut,  freies  (bei  Condillac)  55.
Gut,  wirtschaftliches  (bei  J.-B.  Say)  122.
Güter,  komplementäre  610.
Güter,  konsumierbare  94.
Güter,  Preis  der  89.
Güter,  Wachstum  an  147.
Güter,  Wertmaß  der  94.
Güter,  wirtschaftliche  (bei  Eodbertus)  484.
Güteraustausch  69.
Gütererzeugung  63.
Gütererzeugung  (bei  Hildebrand)  437.
Gütererzeugung,  Smith’s  soziale  69.
Gütererzeugung,  Smith’s  Theorie  von  der
90.
Gütertausch  67.

Güterverteilung,  Theorie  der  (bei  Henry
George)  643.
Güterverteilung  (bei  Hildebrand)  437.
Güterverteilung  (bei  Ricardo)  156.
Güterverteilung,  doppelter  Charakter  der
(bei  Eodbertus)  486.
Güterverteilung,  Mechanismus  der  (bei
J.-B.  Say)  127.
Güterverteilung,  Smith’s  Theorie  von  der
90.
Güterverteilung,  staatliche  Regelung  der
507.
Güterverteilung,  Umwälzung  der  328.

H.
Haftpflicht  der  Genossen  354.
Handarbeit  (bei  Eodbertus)  483,  484.
Handarbeit,  Verherrlichung  der  (bei  K.
Marx)  548.
Handel,  der  (bei  den  Physiokraten)  30  ff.
Handel,  auswärtiger  (bei  List)  306.
Handel,  internationaler  (bei  Ricardo)
165.
Handel  mit  dem  Ausland  68.
Handel  mit  den  Kolonien  68.
Handel  mit  Geld  36.
Handel,  Regelung  des  (bei  den  Physiokraten) ­
  33.
Handel,  Unproduktivität  des  (bei  Dunoyer)
394.
Handel,  internationaler,  Vorteile  des  (bei
Ricardo)  413.
Handelsbeschränkung  310.
Handelsbilanz  34,  61,  93,  110,  184,  186,
316,  321.
Handelsbilanz,  günstige  315.
Handelsbilanz,  ungünstige  321.
Handelsbilanz,  ungünstige  (bei  Ricardo)
186.
Handelsbilanz,  Gesetz  der  (bei  Ricardo)
184.
Handelsbilanz,  automatisches  Regulieren
der  187.
Handelsbilanz,  Theorie  der  110.
Handelsdefizit  321.
Handelseffekten  348.
Handelseinheit  Deutschlands  302.
Handelseinheit  Preußens  300.
Handelsfreiheit  (bei  den  Physiokraten)  33.
Handelsfreiheit  (bei  Adam  Smith)  61.
        <pb n="813" />
        Sachregister

Handelsfreiheit  (bei  der  liberalen  Schule)
366.
Handelsfreiheit,  Ara  der,  in  Frankreich
255.
Handelsfreiheit,  Prinzip  der  298.
Handelsgesellschaften  60.
Handelsgesetzgebung,  einheitliche  324.
Handelskrisen  196,  196.
Handelspolitik  Englands  34.
Handelspolitik  (bei  List)  433.
Handelspolitik,  Zweck  der  (bei  List)  306.
Handelsschranken  109.
Handelsstaat  (bei  List)  308.
Handelsstörung  in  England  195.
Handelsverein  300,  801.
Handelsvertrag,  liberaler  117.
Handelsverträge,  Politik  der  315.
Händler-Fabrikant,  Zustand  des  landwirtschaftlichen ­
  305.
Handwerker  71.
Handwerker,  unabhängiger  220.
Handwerker,  Expropriation  der,  durch
die  Kapitalisten  629.
Handwerkerbesitzer,  kleine,  Expropriation
der  626.
Harmonie  bei  Bastiat  373  ff.
Harmonie  (bei  den  Physiokraten)  10.
Harmonie  der  Interessen  (bei  der  klassischen
Schule)  202,
Harmonie  der  Interessen  (bei  den  Physiokraten) ­
  10,  173.
Harmonie  der  Interessen  (bei  Sismondi)
218.
Harmonie  der  Interessen  (bei  A.  Smith)
75,  173.
Harmonie  der  Interessen,  selbsttätige  (bei
den  Anarchisten)  718.
Harmonie  des  Privat-  und  des  Allgemein-Interesses
  (bei  A.  Smith)  103.
Harmonie  der  Privat-  und  Allgemeininteressen, ­
  Kritik  der  195.
Halbscheidpächter  24.
Hauptfaktoren  des  Wirtschaftslebens,
Zentralisation  der  256.
Haus-Wirtschaftsperiode  305.
Hauswirtschaft,  geschlossene  459.
Hedonisten  103,  587  ff.
Hedonistische  Prinzip,  das  12.
Heimfall  des  Bodens  an  den  Staat  649.
Heimfallsrecht  330.
Heiratsbeschränkung,  gesetzliche  (bei
Malthus)  151.

791
Hemmungen,  positive  141.
Hemmungen,  präventive  142,  144,  147,
153.
Hemmungen,  repressive  141,  142.
Herrenrecht  der  Besitzenden  330.
Herrschaft,  feudale,  in  Deutschland  299.
Herrschaft,  patriarchalische  556.
Herrschaft  der  Manufaktur  74.
Herrschaft  der  Maschinen  125;
Herrschaft  des  Privatunternehmens  525.
Herrschaft  des  Solidarismus  697.
Herrschaft  des  Tausches  697.
Herrschaft  der  Vernunft  (bei  Proudhon)
712.
Herrschaft  der  Wissenschaft  (bei  Bakunin)
712,  713.
Herrscher,  Vorschüsse  des  43.
Hierarchie  (bei  Proudhon)  350.
Hierarchie  (bei  den  Saint-Simonisten)  239.
Hierarchie,  gesellschaftliche  39.
Hierarchie,  soziale  (bei  Euskin)  583.
Hierarchie  der  Gesellschaft  (bei  den  sozialkatholischen ­
  Schulen)  569.
Hilfe,  gegenseitige  714,  716,  717.
Hilfsmittel,  vorhandene  478.
Hilfsquelle,  natürliche,  Nationalisierung
aller  (bei  Euskin)  683.
Hirte,  Zustand  des  305.
Historische  Schule  124,  222,  431.
Historische  Schule,  Eicardo  und  die  155.
Historische  Schule,  Sismondi  uud  die  198.
Höchstertrag  an  Lebensmitteln  214.
Höchstpreis  des  Getreides  in  England  162.
Hoheitsrechte  226.
Hohe  Löhne  der  Arbeiter  75.
Hohe  Löhe,  Einfluß  der,  auf  die  Bevölkerung
214.
Höhere  Produktivität  der  Landwirtschaft
(bei  A.  Smith)  71.
Hommes  generaux  248.
Homo  oeconomicus  (bei  den  Hedonisten)
588.
Homo  oeconomicus  (bei  der  klassischen
Schule)  402.
Homo  oeconomicus  (bei  Marshall)  450,  451.
Homo  oeconomicus  (bei  der  mathematischen
Schule)  618.
Homo  oeconomicus  (bei  A.  Smith)  97.
Horden,  kleine  286,
Hungersnot  142,  175.
Hypothese,  kosmopolitische,  Adam  Smith’s
304.
        <pb n="814" />
        792

Sachregister.

I.
Ich,  Anbetung  des  (bei  den  Anarchisten
706.
Ich,  Anbetung  des  (bei  Stirner)  700.
Ich,  Übertreibung  des  698,  699.
Idee  der  Nationalität  (bei  List)  304.
Identifizierung  des  Barverkaufs  mit  dem
Kreditverkauf  359.
Identität  der  privaten  und  der  allgemeinen ­
  Interessen  469.
Ideologien,  Ausschaltung  der  (im  Marxismus) ­
  534.
Imperialismus  321.
Import  von  Bargeld  95.
Import-Außenhandel  101.
Indifferenz,  Gesetz  der,  (bei  Stanley
Jevons)  167,  597.
Individualismus  363.
Individualismus  (bei  Stuart  Mill)  506.
Individualismus  (bei  A.  Smith)  107.
Individualismus,  absoluter  (bei  Eodbertus)
493.
Individualismus,  politischer  467.
Individualismus,  Aussöhnung  zwischen
dem  Sozialismus  und  dem  652.
Individualismus,  Erneuerung  des  587.
Individualisten  325.
Individualität  (bei  Carey)  391.
Individuum  (bei  den  Anarchisten)  714,
715,  716.
Individuum  (bei  Dupont-White)  503,  505.
Individuum  (bei  Stirner)  700,  701.
Individuum  (bei  Walras)  652.
Individuum,  Aufgabe  des  652,
Individuum,  Emanzipierung  des  420.
Individuum,  wirtschaftliche  Entfesselung'
des  109.
Individuum,  Freiheit  des  711.
Individuum,  Machtbereich  des  605.
Individuum,  Selbsttätigkeit  des  (bei
A.  Wagner)  505.
Individuum,  Übertreibung  der  Hechte  des
(bei  den  Anarchisten)  706.
Individuum,  Wohl  des  404.
Induktion  441,  443.
Industrial  and  Provident  Societies  Acts
575.
Industrialismus  (bei  Fourier)  283.
Industrialismus  (bei  Saint-Simon)  229,  233,
463.

Industrialismus  (bei  A.  Smith)  73.
Industrie  101.
Industrie,  Anregung  der  256.
Industrie,  Auffassung  von  der  (bei  List)
309.
Industrie,  Ausdehnung  der  131.
Industrie,  Bedürfnisgrenze  der  179.
Industrie,  Differentialrente  in  der  623.
Industrie,  kapitalistische,  Entwicklung
der  (in  Deutschland)  499.
Industrie,  große,  Folgen  der  461.
Industrie,  Konzentration  der  207.
Industrie,  zentralisierte  Leitung  der  (bei
den  Saint-Simonisten)  191.
Industrie,  maschinelle  74.
Industrie,  steigende  Produktivität  der
(bei  Nassau  Senior)  396.
Industrie,  Regulieren  der  256.
Industrie,  großkapitalistische,  Überhandnehmen ­
  der  (bei  Sismondi)  212.
Industrie,  Umwandlung  der  432.
Industrie,  Verherrlichung  der  Rolle  der
231.
Industrie,  Zukunft  der  176.
Industrien,  großkapitalistische,  Expropriation ­
  der  645.
Industrien,  Fortschritt  einzelner  69.
Industriearbeiter  214.
Industrieerzeugnisse,  Wachstum  der  147.
Industrielle,  Konventionen  der  256.
Industriemittel  256.
Industriepartei  233.
Industriesyndikate  526.
Industriesystem,  Verteidiger  des  76.
Initiative,  fiele  (bei  den  Anarchisten)  697.
Initiative,  individuelle  466.
Initiative  des  Staates  (bei  Michel  Chevalier)
255.
Initiative,  Begrenzung  der  individuellen
218.
Inlandsmarkt,  Verengung  des  216.
Innenhandel  (bei  den  Physiokraten)  33.
Innenhandel  (bei  A.  Smith)  101.
Inquisition,  spanische  307.
Instinkt,  kollektiver  80.
Institntional  Churches  576.
Interesse,  allgemeines  (bei  Enfantin)  259.
Interesse,  augenblickliches  (bei  List)  470.
Interesse,  beständiges  (bei  List)  470.
Interesse,  individuelles  405.
Interesse,  persönliches  (bei  den  Hedonisten)
609.
        <pb n="815" />
        Sachregister.  793

Interesse,  persönliches  (hei  den  Klassikern)
449.
Interesse,  persönliches  (bei  Marshall)  451.
Interesse,  persönliches  (bei  Stuart  Mill)
450,  470.
Interesse,  das  persönliche  (bei  den  Physiokraten)
  51.
Interesse,  persönliches  (bei  den  Mystikern)
581.
Interesse,  persönliches  (bei  Adam  Smith)
62,  79,  80,  91,  97,  99.
Interesse,  persönliches  (bei  den  Solidaristen)
693.
Interesse,  persönliches,  Gesetz  des  403.
Interesse,  soziales  405.
Interesse  der  Arbeiterklasse  537.
Interesse,  allgemeines,  der  Arbeitenden  259.
Interesse  des  Grundbesitzers  (bei  Ricardo)
171,  172.
Interesse  des  Individuums  (bei  List)  470.
Interesse  der  Nation  (bei  List)  470.
Interesse  des  Produzenten  113.
Interessen,  Antagonismus  der  (bei  Sismondi)
  213.
Interesse,  künstliche  Aussöhnung  der
(bei  den  Saint-Simonisten)  2«0.
Interesse,  Harmonie  der  (bei  der  chrematistischen
  Schule)  202.
Interesse,  Harmonie  der  (bei  den  Physiokraten)
  173.
Interesse,  Harmonie  der  (bei  Sismondi)
218.
Interesse,  Harmonie  der  (bei  A.  Smith)
75,  173.
Interesse,  Harmonie  des  Privat-  und  des
Allgemein-  (bei  A.  Smith)  103.
Interesse,  selbsttätige  Harmonie  der  (bei
den  Anarchisten)  718.
Interesse,  Identität  der  privaten  und  der
allgemeinen  469.
Interesse,  Prinzip  der  natürlichen  Identität ­
  der  (bei  den  Klassikern)  470.
Interesse,  Privat-,  der  Müßiggänger  259.
Interesse,  spontane  Versöhnung  der  260.
Interesse,  natürliche  Übereinstimmung
der  (bei  J.  Stuart  Mill)  470,
Interesse,  Übereinstimmung  des  persönlichen ­
  und  allgemeinen  (bei  Sismondi)
210.
Interessen  (bei  A.  Smith)  73.
Interessengegensätze  in  der  Gesellschaftsordnung ­
  171.

Interessengemeinschaft,  internationalem.
Intellektuelle  (bei  Karl  Marx)  537.
Intensivierung  der  Arbeit  519.
Intensivierung  der  Bodenkultur  164.
Intensivkultur,  Grenze  der  164.
Internationale  Arbeiterassoziation  513,
587,  704.
Internationaler  Handel,  Theorie  vom
(bei  A.  Smith)  105.
Internationaler  Handel,  Theorien  Ricardo’s
  über  den  184.
Internationalismus  (bei  List)  304.
Internationalismus  (bei  A.  Smith)  100.
Internationalisten  42.
Interventionismns  430,  466.
Interventionismus  (bei  Malthus)  185.
Interventionismus  (bei  Patten)  617.
Interventionismus  (bei  Sismondi)  218.
Isolierung,  Politik  der  321.
J.
Jahreseinkommen,  Verteilung  des  (bei
A.  Smith)  63.
Jahresproduktion  (bei  Sismondi)  199.
Jährliche  Einkommen  der  Nationen  71.
Journal  des  Savants  118.
Justizverwaltung  107.
K.
Kameralisten  123,  436.
Kampf  ums  Dasein  135,  368,  716,  717.
Kampf  um  den  Lohn  264.
Kampf  um  den  Profit  264.
Kämpfe,  parlamentarische  546.
Kanäle  108.
Kanoniker  123.
Kapellmeisterdespotismus,  der  41.
Kapillarität,  Gesetz  der  154.
Kapital  (bei  den  Anarchisten)  710.
Kapital,  fest  angelegtes  (bei  A.  Smith)
81,  94.
Kapital,  intellektuelles  (bei  List)  307.
Kapital,  konstantes  (bei  K.  Marx)  521.
Kapital,  natürliches  (bei  List)  307.
Kapital,  umlaufendes  (bei  A.  Smith)  81,  94.
Kapital,  variables  (bei  K.  Marx)  621.
Kapital  als  Einkommenquelle  (bei  A.  Smith)
70.
Kapital  als  sozialer  Einsatz  (bei  Saint-Simon)
  238,  242.
        <pb n="816" />
        794

Sachregister.

Kapital  als  Produktionsmittel  526.
Kapital  der  produktiven  Materialen  (bei
List)  307.
Kapital,  Anteil  des,  am  Einkomntefi  (hei
Ricardo)  183.
Kapital,  Anteil  des,  am  Produkt  (bei  Carey)
486.
Kapital,  Anteil  des,  am  Gesamtprodukt
(bei  Bastiat)  385,  386,  387,  486.
Kapital,  Assoziation  der  Arbeit  und  des
658.
Kapital,  Ausbeutung  der  Arbeit  durch
das  (bei  Henry  George)  642.
Kapital  und  Arbeit,  Assoziation  zwischen
(bei  Condillao)  67.
Kapital,  Begriff  des  (bei  K.  Marx)  521.
Kapital,  Einkommen  aus  (bei  Nassau
Senior)  397.
Kapital,  Entlohnung  des  (bei  A.  Smith)  72.
Kapital,  Geld  als  (bei  Proudhon)  348,  353.
Kapital,  Gesetz  des  (bei  Bastiat)  385.
Kapital,  Mangel  an  (bei  Gossen)  651.
Kapital,  Produktion  von  (bei  Henry  George)
642.
Kapital,  Produktivität  des  (bei  Lösewitz)
571.
Kapital,  Rolle  des  (bei  Turgot)  54.
Kapital,  Solidarität  zwischen  Arbeit  und
690.
Kapital,  Sterilität  des  (bei  K.  Marx)  521.
Kapital,  konstantes,  Überhandnehmen  des,
in  der  Großindustrie  522.
/Kapital,  Ursprung  des  (bei  A.  Smithl  81.
/Kapital,  Wachstum  des  (bei  A.  Smith)
81,  82.
Kapital,  Wert  des  386.
Kapital,  Zinsen  des  (bei  Louis  Blanc)
292.
Kapital,  Zusammensetzung  des  (bei  K.
Marx)  522.
Kapitalanlagen  eines  Landes  76.
Kapitalansammlung,  vorherige  68,  69.
Kapitalansammlung  (bei  Stuart  Mill)  425.
Kapitalgeber  73.
Kapitalgewinn  (bei  A.  Smith)  72,  89.
Kapitalien,  Abwanderung  von  324.
Kapitalien,  Anlage  von  101.
Kapitalien,  Ansammlung  von  82.
Kapitalien,  Konfiskation  des  Einkommens
aus  661.
Kapitalien,  Prinzip  der  Vereinigung  der
212.

Kapitalien,  geringe  Produktivität  neuer
386.
Kapitalien,  materielle  Produktivität  der
662.
Kapitalien,  Schaffung  neuer  (bei  Owen)
266.
Kapitalien,  Vernichtung  von  425.
Kapitalien,  Überfluß  an  417.
Kapitalansammlung,  Beweggründe  zur
182.
Kapitalisation,  Markt  der  608.
Kapitalismus  (bei  Fourier)  283.
Kapitalismus  (in  der  marxistischen  Schule)
533.
Kapitalismus,  revolutionäre  Rolle  des  534.
Kapitalismus,  Selbstmord  des  639.
Kapitalismus,  Selbstzerstörung  des  534.
Kapitalismus,  Untergang  des  539.
Kapitalist  (bei  J.-B.  Say)  126.
Kapitalist,  Ausbeutung  des  Arbeiters
durch  den  (bei  K.  Marx)  224.
Kapitalisten,  Enteignung  der  (bei  Owen)
266.
Kapitalisten,  Enteignung  der  (bei  K.
Marx)  630.
Kapitalisten,  Expropriation  der  Handwerker ­
  durch  die  529.
Kapitalisten,  Expropriation  der  531.
Kapitalisten,  großer  Gewinn  der  (bei  A.
Smith)  75.
Kapitalisten,  Konkurrenz  zwischen  Arbeitern ­
  und  (bei  Henry  George)  642.
Kapitalist  und  Unternehmer,  Trennung
der  Funktionen  der  625.
Kapitalisten,  Verringerung  der  Macht  der
664.
Kapitalistenklasse,  Differenzierung  innerhalb ­
  der  545.
Kapitalkategorien,  Analyse  der  (bei  den
Physiokraten)  52.
Kapitalprofit,  soziologische  Aufklärung
des  541.
Kapitalproflt,  Verschwinden  des  182.
Kapitalrente  624.
Kapitalvermehrung,  Ursache  der  82.
Kapitalwert  520.
Kapitalzins  73.
Kartelle  203.
Kastenvorteile  242.
Katastrophentheorie  (bei  den  N^o-Marxisten)
  546.
Katechismus,  revolutionärer  725.
        <pb n="817" />
        Sachregister.

795

Kategorie,  historische  584.
Katholizismus,  sozialer  664.
Katholizismus,  sozialer,  Vorgänger  des
564,  565.
Katholizismus  als  sozialökonomisches
System  551,  553.
Kathedersozialismus  213,  466,  600.
Kaufleute  71.
Kausalität,  mechanische  439.
Kausalität,  psychische  439.
Klasse,  besitzende  22.
Klasse,  kapitalistische  527.
Klasse,  kapitalistische,  Unfähigkeit  der
629.
Klasse,  landwirtschaftliche  69.
Klasse,  produktive  22,  24.
Klasse,  unproduktive  15,  16.
Klasse,  sterile  16,  16,  22.
Klasse  der  Fabrikarbeiter  193.
Klasse,  besitzende,  Beseitigung  durch  die
Arbeiterklasse  538.
Klasse,  bürgerliche,  Expropriation  der
529.
Klasse,  industrielle,  Fortschritt  der  232.
Klassen,  Antagonismus  der  538.
Klassen,  Teilung  der  Gesellschaft  in  211.
Klassen,  Verschmelzung  der  (bei  Proudhon)
349.
Klassen,  Verschwinden  der  (im  Marxismus)
538.
Klassen,  Verschwinden  der  (bei  den  Saint-Simonisten)
  233.
Klassenbewußtsein  (in  England)  664.
Klassenbewußtsein,  Prinzip  des  546.
Klassenkampf  256.
Klassenkampf  (bei  den  Fabiern)  663.
Klassenkampf  im  kollektivistischen  Programm ­
  631.
Klassenkampf  (im  Programm  Fourier’s)
282.
Klassenkampf  (bei  Marx)  527.
Klassenkampf  (im  Marxismus)  537,  538.
Klassenkampf  (im  Neo-Marxismus)  545.
Klassenkampf  (bei  Stuart  Mill)  400.
Klassenkampf  (bei  den  Saint-Simonisten)
538.
Klassenkampf  (bei  den  Solidaristen)  693.
Klassenkampf  und  die  Revolution  von  1789
226.
Klassenkampf,  Betonung  des  (bei  den
Syndikalisten)  549.
Klassenkampf,  Prinzip  des  546.

Klassenkampf,  Verwirklichung  des  (bei
den  Syndikalisten)  549.
Klassifikation,  Methode  der  563.
Klassische  Schule,  Kritik  der  (bei  Sismondij
  197.
Keuschheit  144.
Kinder  (bei  Fourier)  285,  286.
Kinderarbeit  (bei  Owen)  267,  268.
Kinderarbeit  (bei  Sismondi)  207,  220.
Kinderarbeit  (bei  Villerme)  194.
Kinderarbeit,  Beschränkung  der  (bei  Owen)
194.
Kinderzahl,  Beschränkung  der  407.
Kinderaussetzung  144.
Kindererziehung  (bei  Fourier)  285.
Kindergärten  285.
Kindergesellschaften  zur  Übernahme
öffentlicher  Arbeiten  285.
Kindermord  144.
Kindersterblichkeit  92.
Kirche,  Aufgabe  der  551,  552.
Kleinbesitz,  individueller  (im  kollektivistischen ­
  Staate)  545.
Kleinbesitz,  Verschwinden  des  527.
Kleinbetrieb,  landwirtschaftlicher,  die  Entwicklung ­
  des  543.
Kleineigentum,  Aufblühen  des  544.
Kleinindustrie,  Aufblühen  der  544.
Kleinhandel  101.
Kleinunternehungen,  Sismondi  und  die
220.
Kleinunternehmungen,  Wiederaufblühen
der  543.
Koalitionen,  Unterdrückung  der  193.
Koalitionsfreiheit  (bei  Stuart  Mill)  411.
Koalitionsfreiheit  (bei  Ollivier)  366.
Koalitionsreeht  der  Arbeiter  (bei  Sismondi)
220.
Koalitionsreohte,  Gewährung  der  Freiheit
der  (in  England)  193.
Kollektivarbeit  (bei  A.  Smith)  64,  66.
Kollektiveigentum  525.
Kollektiveigentum,  Umformung  des  Privateigentums ­
  in  (bei  den  Fabiern]  660.
Kollektivfonds  390.
Kollektivgesellschaft  345.
Kollektivinteressen,  Ausdehnung  der  503.
Kollektivismus  525.
Kollektivismus,  französischer  532.
Kollektivismus,  Gegensatz  zum  Staatssozialismus ­
  508.
        <pb n="818" />
        796

Sachregister.

Kollektivismus,  marxistischer,  Grundlage
des  224.
Kollektivismus  der  Saint-Simonisten  229,
247.
Kollektivismus,  Theorie  der  Rente  als
Rechtfertigung  des  658,  662.
Kollektivismus,  Ursprung  des  225.
Kollektivität,  Ersetzung  des  Kapitalisten
durch  die  665.
Kollektiv  willen  78.
Kolonialhandel  108.
Kolonialpolitik  109.
Kolonialsystem  116.
Kolonialverwaltung  69,  60.
Kolonien  89.
Kolonien,  amerikanische  (bei  Adam  Smith)
308.
Kolonien,  englische,  politische  Verfassung
der  (bei  Adam  Smith)  308.
Kolonien,  Gründung  von  (bei  List)  306.
Kolonien,  Handel  mit  den  68.
Kolonien,  landwirtschaftliche  343,  657.
Kolonisation  166.
Kolonisation,  Gang  der  383.
Kolonisationsgesellschaften,  Schaffung  der
großen  525.
Kommanditgesellschaft  345.
Komplementärgüter,  Gesetz  der  601.
Kommunismus  525.
Kommunismus  (bei  Stuart  Mill)  400,  418.
Kommunismus,  Kritik  des  (bei  Proudhon)
335.
Kommunisten,  anti-autoritäre  525.
Kommunistische  Gemeinschaften  Owen’s
269.
Konfiskation  der  Bodenrente,  Ungerechtigkeit ­
  der  645.
Konfiskation  des  Einkommens  aus  Kapitalien ­
  661.
Konfiskationen,  geschichtliche  226.
Kongreß  zu  Eisenach  500.
Konkurrenz  (bei  den  Assozialisten)  264.
Konkurrenz  (bei  Louis  Blanc)  289,  290,
293.
Konkurrenz  (bei  Cairnes)  427.
Konkurrenz  (bei  Dunoyer)  366.
Konkurrenz  (bei  der  liberalen  Schule)
366.
Konkurrenz  (bei  Molinari)  392,  406.
Konkurrenz  (bei  Owen)  270,  271.
Konkurrenz  (bei  Sismondi)  211,  470.
Konkurrenz,  die  amerikanische  34.

Konkurrenz,  freie  (bei  den  Physiokraten)
33,  51.
Konkurrenz,  freie  (bei  Ricardo)  184.
Konkurrenz,  freie  (bei  Sismondi)  191.
Konkurenz  (bei  A.  Smith)  107,  469.
Konkurrenz,  freie  (bei  den  Staatssozialisten)
503.
Konkurrenz,  freie  (bei  der  chrematistischen
Schule)  202.
Konkurrenz,  freie  (bei  den  Hedonisten)
103,  589.
Konkurrenz,  freie  (bei  der  mathematischen
Schule)  617.
Konkurrenz,  freie,  natürliche  Einschränkung ­
  der  510.
Konkurrenz,  Gesetz  der  freien  404.
Konkurrenz,  Kritik  der  (bei  Sismondi)
202,  207,  224.
Konkurrenz,  freie,  Notwendigkeit  der  (bei
Stuart  Mill)  418.
Konkurrenz  des  amerikanischen  Getreides
34,  316.
Konkurrenz  zwischen  Arbeitern  und  Kapitalisten ­
  (bei  Henry  George)  642,
Konkurrenz,  neue  Auffassung  der  (bei
Louis  Blanc)  293.
Konkurrenz  zwischen  den  Individuen
371.
Konkurrenz,  Mißbräuche  der  219.
Konkurrenz,  Nachteile  der  256.
Konkurrenz  fremder  Nationen  (bei  List)
310.
Konkurrenz,  Regelung  der  Höhe  des
Profits  durch  die  524.
Konkurrenz,  Solidarität  in  der  690.
Konkurrenz,  Übel  der  (bei  Louis  Blanc)
289,  290.
Konkurrenz  der  Verkäufer  91.
Konkurrenz  zwischen  den  Völkern  (bei
Carey)  370.
Konkurrenz,  Wiederherstellung  des  Monopols ­
  durch  die  264.
Konkurrenzbedingungen  114.
Konkurrenzgesetz,  Cairnes’  Verbesserung
des  427.
Konsignationskäufe  358.
Konsignationsverkäufe  358.
Konsum,  Vollgenossenschaft  des  279.
Konsumgenossenschaft,  Aufschwung  der
421.
Konsumgenossenschaft,  Bedeutung  der
686.
        <pb n="819" />
        Sachregister.

797

Konsumgenossenschaft  (bei  den  Christian-Socialists)
  674.
Konsumtion  112.
Konsumvereine  273.
Konsumvereine,  kooperative  519.
Konsumvereine,  Segel  der  274.
Kontinentalsperre  162.
Kontinentalsperre,  Aufhebung  der  300.
Kontore,  kommunale  283.
Kontrakt,  individueller,  in  der  Industrie
193.
Kontraktion  des  Kredits  528.
Konvertierung  386.
Konzentration  der  Arbeit  211.
Konzentration,  Gesetz  der  524  ff.,  642.
Konzentration,  Gesetz  der  kapitalistischen
(bei  Sismondi)  211.
Konzentration  des  Eigentums  (bei  den
Fabiern)  664.
Konzentration  der  Industrie  207.
Konzentration  des  Eeichtums  224.
Konzentration  der  Vermögen  (bei  Sismondi) ­
  216.
Kooperation  220.
Kooperation  (bei  Cairnes)  426.
Kooperation  (bei  den  Christiau-Socialists)
574.
Kooperation  (bei  Henry  George)  641,  842.
Kooperation  (bei  Gide)  687.
Kooperation  (bei  Stuart  Mill)  400.
Kooperation  (bei  Adam  Smith)  66.
Kooperation,  freiwillige  192.
Kooperation,  charakteristische  Formen  der
685,  686.
Kooperation,  Eolle  der,  in  der  wirtschaftlichen ­
  Ordnung  687.
Kooperativgenossenschaft  418.
Kooperative  Gesellschaft  (bei  Owen)  274.
Kooperative  Schule  275.
Kooperativsten  530.
Kraft  der  Natur  121.
Kräfte,  chemische  176.
Kräfte,  intramolekulare  176,  177.
Kräfte,  moralische  (bei  Adam  Smith)  307,
308.
Kräfte,  produktive  (bei  Dupin)  312.
Kräfte,  produktive  (bei  List)  307.
Kräfte,  produktive  (bei  den  Saint-Simonisten
  und  List)  325.
Kräfte,  soziale  562.
Kräfte,  spontane  soziale  260.
Kräfte,  wirtschaftliche  (bei  Fourier)  334.

Kräfte,  Gleichgewicht  der  wirtschaftlichen
(bei  Proudhon)  334.
Kräfte,  freies  Spiel  der  366.
Kraftersparnis,  Prinzip  der  (bei  den
Hedonisten)  609.
Kredit  (bei  den  Saint-Simonisten)  256.
Kredit,  gegenseitiger  354.
Kredit,  unentgeltlicher  (bei  Proudhon)  345,
354.
Kredit,  Expansion  des  528.
Kredit,  Kontraktion  des  528.
Kredit,  Eolle  des,  im  modernen  Wirtschaftsleben ­
  256.
Kredite,  landwirtschaftliche  283.
Kreditgenossenschaft  (bei  Proudhon)  354.
Kreditgenossenschaft  (bei  den  sozial-katholischen ­
  Schulen)  566.
Kreditgenossenschaften,  katholische  688.
Kreditüesellschaften  auf  Gegenseitigkeit
354.
Kreditinstitute,  Schaffung  von  427.
Kreditkassen,  landwirtschaftliche,  von
Eaiffeisen  572.
Kreditverkauf,  Identifizierung  des  Barverkaufs ­
  mit  dem  359.
Kreditwirtschaft  (bei  Marshall)  459.
Kreditwirtschaft  (bei  Hildebrand)  305,
437.
Krieg  141.
Krisen  (bei  Malthus)  123,  130,  133.
Krisen  (bei  J.-B.  Say)  128,  130.
Krisen  (bei  den  Solidaristen)  671.
Krisen  der  Überproduktion  193,  195.
Krisen,  wirtschaftliche  (bei  den  Neo-Marxisten
  546.
Krisen,  Erklärung  der  (bei  Sismondi)  211,
216.
Krisen,  Erklärung  der  (bei  Marx)  528.
Krisen,  Erklärung  der  (bei  Eodbertus)
487.
Krisen,  Eolle  der  (in  der  marxistischen
Lehre)  539.
Krisen,  Theorie  der  (bei  Lexis)  512.
Krisen,  Theorie  der  (bei  Eodbertus)  487,
488.
Krisen,  Ursache  der  (bei  Ow'en)  270.
Kritik  der  Bevölkerungstheorie  Malthus’
(bei  Sismondi)  214.
Kritik  des  Eigentums  (bei  den  Saint-Simonisten)
  331.
Kritik  des  Eigentums  (bei  den  Anarchisten) ­
  697.
        <pb n="820" />
        798

Sachregister.

Kritik  des  Erbrechtes  (bei  den  Saint-Simonisten)
  246.
Kritik  des  Gemeineigentums  (bei  Prondbon)
  335.
Kritik  der  hedonistischen  Doktrinen  610ff.
Kritik  der  klassischen  Schule  (hei  Sismondi)
  197.
Kritik  des  Kommunismus  (bei  Proudhon)
335.
Kritik  der  Konkurrenz  (hei  Sismondi)  202.
Kritik  des  Laisser-faire  469.
Kritik  des  Privateigentums  (bei  den
Saint-Simonisten)  239,  242.
Kritik  des  Sozialismus  (bei  Proudhon)  333.
Kritik  des  Staatssozialismus  (hei  Rodbertus)
  478.
Kritik  der  Überproduktion  (bei  Sismondi)
202.
Kurve,  des  Angebots  und  der  Nachfrage
605.
L.
Labour  notes  271,  273.
Lage,  Ungleichheit  der  653.
Laisser-faire,  das  12.
Laisser-faire,  das  (hei  den  Assozialisten)
291.
Laisser-faire  (bei  Cairnes)  427.
Laisser-faire  (bei  den  christlich-sozialen
Schulen)  552.
Laisser-faire  (bei  Henry  George)  652.
Laisser-faire  (bei  den  Hedonisten)  615.
Laisser-faire  (bei  der  klassische  Schule)
403.
Laisser-faire  (bei  Lassalle)  497.
Laisser-faire  (bei  der  liberalen  Schule)
366.
Laisser-faire  (bei  List)  312.
Laisser-faire  (bei  Malthus)  470.
Laisser-faire,  (bei  den  Pbysiokraten)
12,  33.
Laisser-faire  (bei  Sismondi)  470.
Laisser-faire  (bei  A.  Smith)  467,  469.
Laisser-faire,  das  (in  England  zur  Zeit
Smith’s)  117.
Laisser-faire  (bei  den  Solidaristen)  673.
Laisser-faire,  Einschränkung  des  469.
Laisser-faire,  Kritik  des  (bei  der  historischen ­
  Schule)  444.
Laisser-faire,  Kritik  des  (bei  den  Ökonomisten) ­
  469.

Land  tenure  reform  association  639.
Landarbeiter  214.
Landarbeiter,  Umwandlung  des  Bauern
zum  214.
Landarbeiterschaft,  Emanzipation  der  97.
Landesverteidigung  107.
Landleute  69.
Landwirt,  Zustand  des  305.
Landwirtschaft  (bei  Eourier)  283,  284.
Landwirtschaft  (bei  den  Pbysiokraten)
14,  20.
Landwirtschaft  (bei  A.  Smith)  101.
Landwirtschaft,  bäuerliche  530.
Landwirtschaft,  zukünftige  Entwicklung
der  177.
Landwirtschaft,  höhere  Produktivität  der
71.
Landwirtschaft,  Schutz  der  (bei  den
Christlich-Sozialen)  670.
Landwirtschaft,  Schutz  der  (bei  List)
316.
Landwirtschaft,  Vorzngstellung  der  (bei
A.  Smith)  77.
Landwirtschafts-Kreditinstitut  343.
Landwirtschaftliche  Arbeiter  71.
Landwirtschaftliche  Klasse  69.
Landwirtschaftliches  Produkt  69.
Landwirtschaftliche  Wissenschaft,  Fortschritte ­
  der  172.
Lasten,  Proportionalität  der  70.
Laster  145,  149.
Lebenshaltung,  Niveau  der,  der  Arbeiterklasse ­
  179.
Lebensmittel,  Höchstertrag  an  (bei  Sismondi) ­
  214.
Lebensmittel  (bei  Malthus)  139.
Lebensmittel,  freie  Einfuhr  von  (bei
Ricardo)  173,  175.
Lebensmittel,  Preis  der,  (bei  Adam  Smith)
75.
Lebensmittelmenge,  Wachstum  der  138.
Lebewesen,  Vermehrung  der  147.
Lehre,  kommunistisch-sozialistische  227.
Lehre  vom  guten  Arbeitgeber  (im  sozialen
Katholizismus)  572.
Lehre  von  der  Solidarität  (im  sozialen
Protestantismus)  578.
Lehrlingsgesetz,  altes  109,  117.
Lehrlingsgesetz,  Aufhebung  des  192.
Lehrzeit,  Festsetzung  der  109.
Leiden  der  Übergangsperioden  205.
Leidenschaften  (bei  Fourier)  286.
        <pb n="821" />
        Sachregister.

799

Leidenschaften,  menschliche  (bei  A.  Smith)
97.
Leistung,  individuelle,  Wert  der  332.
Leitung  des  Produktionsvorganges  (bei
Saint-Simon)  235.
Leitung,  Arbeit  der  (bei  Eodbertus)  483.
Leitung,  Eolle  der  (bei  Fourier)  280.
Liberales  System,  Fehler  des  196.
Liberalismus  363,  369.
Liberalismus,  Kritik  des  (bei  Sismondi)
210.
Liberalismus,  klassischer  223.
Liberalismus,  klassischer,  Verwerfung  des
552.
Liberalismus,  libertärer  586.
Liberalismus,  ökonomischer  63,  192.
Liberalismus,  wirtschaftlicher  196,  440.
Liberalismus,  wirtschaftlicher,  Grundlage
des  210.
Liberalismus  Hume’s  61.
Liberalismus,  absoluter,  Reaktion  gegen
den  223.
Liberalismus,  negatives  Programm  des
406.
Liberalismus,  positives  Programm  des
406.
Lohn,  Definition  des  (bei  Condillac)  57.
Lohn,  gerechter,  des  Arbeiters  (bei  Sismondi) ­
  243.
Lohn,  hoher  oder  niedriger  (bei  A.  Smith)
72.
Lohn,  Kampf  um  den  (bei  den  Assozialisten)
  264.
Lohn,  individueller,  489.
Lohn,  natürlicher  (bei  Malthus)  179.
Lohn,  natürlicher,  des  ehernen  Lohngesetzes ­
  410.
Lohn,  notwendiger  410.
Lohn,  notwendiger,  Eicardo’s  Theorie  des
496.
Lohn,  Antagonismus  des  Profits  und  des
417,
Lohn,  Anteil  des,  am  Einkommen  (hei
Eicardo)  183.
Lohn,  Bestimmung  des,  durch  den  Grenznutzen ­
  559.
Lohn,  Bestimmung  des  (bei  Eodbertus)  487.
Lohn,  Bestimmung  des  (bei  Walker)  625.
Lohn,  Fallen  des  (bei  Henry  George)  643.
Lohn  und  Profit,  Verhältnis  zwischen  (bei
Eicardo)  181,
Lohnarbeit  (bei  Fourier)  281.

Lohnbons  (bei  Eodbertus)  490,  491.
Lohnerhöhung  (bei  Malthus)  179.
Lohnerhöhung  (durch  die  Trade-Unions)
411.
Lohnfonds  409,  521.
Lohnfonds  (bei  Cairnes)  427.
Lohnfonds  (bei  Turgot)  23.
Lohnfondstheorie  (bei  Walker)  625.
Lohngesetz  409.
Lohngesetz  (bei  Malthus)  180.
Lohngesetz  (bei  Cobden)  409.
Lohngesetz  als  Ausfluß  der  kapitalistischen
Weltordnung  (bei  Lassalle)  180.
Lohngesetz,  ehernes  180,  410,  487.
Lohngesetz,  ehernes  (bei  Lassalle)  496.
Lohngesetz,  ehernes  (bei  K.  Marx)  487.
Lohngesetz,  ehernes  (bei  Necker)  177.
Lohngesetz,  ehernes  (bei  Quesnay)  48.
Lohngesetz,  ehernes  (bei  Eicardo)  487,496.
Lohngesetz,  ehernes  (bei  Eodbertus)  387,
487,  488.
Lohngesetz,  ehernes  (bei  Turgot)  48.
Lohnsystem  (bei  den  Fabiern)  663.
Lohnsystem,  Abschaffung  des  (bei  den
Assozialisten)  282.
Lohnsystem,  Abschaffung  des  (bei  Fourier)
282.
Lohnsystem,  Abschaffung  des  (bei  Labriola)
530.
Lohnsystem,  Abschaffung  des  (bei  Stuart
Mill)  420,  421.
Lohnsystem,  Abschaffung  des  (bei  der
radikal-sozialistischen  Partei)  283.
Lohnsystem,  Abschaffung  des  (bei  Marc
Sangnier)  671.
Lohnsystem,  Abschaffung  des  (bei  den
Syndikalisten)  571.
Lohnsystem,  Ersatz  durch  die  Produktivgenossenschaft ­
  (bei  Stuart  Mill)  420.
Lohnsystem,  Verallgemeinerung  des  630.
Lohnsystem,  Wesen  des  516.
Lohntheorie  (bei  Bnfantin)  244.
Lohntheorie  (bei  Malthus)  179.
Lohntheorie  (bei  A.  Smith)  90,  115.
Lohntheorie  (bei  Sismondi)  213.
Lohntheorie  der  Produktivität  der  Arbeit
600.
loi  agraire  226.
Lösung  der  soziale  Frage  262.
Luxusindustrien  216.
Luxusprodukte,  Zunahme  der  Nachfrage
nach  216.
        <pb n="822" />
        800

Sachregister.

M.
Machtbereich  des  Individuums  605.
Machtbereich  des  Staates  505.
Machtbereich,  staatlicher.  Ausdehnung  des
504.
Malthusianismus  Stuart  Mill’s  411.
Malthusische  Gesetze  147.
Malthusische  Voraussagungen  147.
Mammouismus  576.
Manchestertum  405.
Manchestertum  (bei  den  Staatssozialisten)
501.
Mangel  an  Nahrungsmitteln  141.
Manifest,  kommunistisches  530.
Manifest,  kommunistisches,  Aufgabe  des
530.
Manifest  der  Gleichen  227.
Mann  mit  vierzig  Talern,  der  47.
Manufaktur,  Herrschaft  der  74.
Manufaktur,  Verherrlichung  der  (bei  List)
308.
Manufaktur,  die  Vorstufe  des  Fabriksystems ­
  74.
Manufakturen  72.
Manufakturindustrie,  neue  193.
Manufakturmonopol  Englands  322.
Manufaktnrstaat  308.
Manufaktur-Suprematie  (bei  List)  322.
Market-wage  179.
Markt,  nationaler  321.
Markt  der  Dienste  608.
Markt  der  Kapitalisation  608.
Markt  der  Produkte  608.
Markt,  Ausdehnung  des  68.
Markt,  Entfernung  vom  (bei  Thünen)  166.
Markt,  Produktion  für  den  215.
Märkte,  ausländische  216.
Märkte,  neue  525.
Marktpreis  83,  86,  89,  91.
Marktpreis,  Bestimmung  des  (bei  Ricardo)
169.
Marktpreis,  Beweglichkeit  des  86.
Marktpreis  der  Arbeit  (bei  Eodbertus)  487.
Marktwert  des  Geldes  409.
Marktgenossenschaft  502.
Marktlohn  410.
Marktlohn  (bei  Malthns)  179.
Marxismus  513  ff.
Marxismus,  reiner  531.
Marxismus,  katastrophaler,  Charakter  des
538.

Marxismus,  Krisis  des  540.
Marxismus,  revolutionärer  Charakter  des
538.
Marxismus  als  Erzieher  zur  Energie  536.
Marxisten  205.
Maschinen  (bei  Ricardo)  204.
Maschinen  (bei  J.-B.  Say)  205.
Maschinen  (bei  A.  Smith)  94.
Maschine:  ihre  geringen  Vorteile  für  die
Arbeiter  206.
Maschine:  ihre  großen  Vorteile  für  die
Verbraucher  206.
Maschine,  Verbilligung  der  Produkte  durch
die  206.
Maschinen,  Vermehrung  der  (bei  Sismondi)
203.
Maschinen,  Wertverminderung  durch  die
519.
Maschinen,  schädliche  Wirkungen  der  (bei
Sismondi)  204.
Maschine,  Zerstörung  von  195.
Maschinenarbeit  (bei  J.-B.  Say)  126.
Maschinenwesen  (bei  Ricardo)  173.
Maschinismus,  Entwicklung  des  (bei
K.  Marx)  519.
Massentatsachen  449.
Maßnahmen,  hygienische  109.
Materialismus  308.
Materialismus,  geographischer  563.
Materialismus,  historischer  535.
Materialismus,  historischer  (bei  den  Neo-Marxisteu)
  546.
Maximum,  decret  de  227.
Maximum  der  Ophelimität  103.
Maximum  der  Produktion  225.
Mechanismus  der  gesellschaftlichen  Produktion ­
  529.
Mechanismus,  wirtschaftlicher  96.
Minimalhöhe  des  Profits  (bei  Stuart  Mill)
425.
Meliorationen,  landwirtschaftliche  128,172,
Mehrarbeit  (bei  K,  Marx)  514  ff.
Mehrarbeit,  Theorie  der  (bei  K.  Marx)  542.
Mehrarbeit,  Verschwinden  der  531.
Mehrwert  des  Bodens,  Beständigkeit  des
649.
Mehrwert  der  Bodendienste,  Wachsen  des
655.
Mehrwert,  Definition  des  (bei  K.  Marx)  523.
Mehrwert,  Erklärung  des  (bei  Lexis)  512.
Mehrwert  des  städtischen.  Grundbesitzes
283.
        <pb n="823" />
        Sachregister.

801

Mehrwert,  Theorie  des  209.
Mehrwert  Theorie  des  (bei  K.  Marx)  157
514ff,  642.
Mehrwert,  Theorie  des  (bei  Thompson)
275.
Mehrwert,  Verschwinden  des  531.
Mensch,  ökonomischer  451.
Mensch,  sozialer  (bei  Walras)  652.
Mensch,  Achtung  des  706,  707,  727.
Mensch,  Nachfrage  nach  (bei  A.  Smith)  93.
Mensch,  sozialer  Charakter  des  (bei  Bakunin)
  714,  715.
Mensch,  physisches  Wohlsein  des  200,  201.
Menschenfresserei  141.
Menschenrechte,  ^Proklamation  der  526.
Mercanti  di  tenute  215.
Merkantilismus  31,  32,  60,  95,  110,  113,
192.
Merkantilismus,  List  und  der  315.
Merkantilisten  2,  19,  93,  123.
Merkantilistiäche  Politik  61,  93.
Merkantilistische  Theorie  98.
Metallgeld  95.
Metallgeld  (bei  Owen)  271.
Metallgeld  (bei  A.  Smith)  81.
Metallgeld,  Abschaffung  des  (bei  Ricardo)
188.
Metallgeld,  Abschaffung  des  (bei  Solvay)
.Metallgeld,  Rolle  des,  im  internationalen
Handel  186.
Metallgeldpreise  353.
Metallreserve  96,  187.
Methode,  deduktive,  Sismondi’s  Kritik  der
222.
Methode,  deduktive  (bei  A.  Wagner)  450.
Methode,  deduktive,  Kritik  der  451,  452.
Methode,  historische  (bei  List)  323.
Methode,  historische  (bei  A.  Comte)  .463.
Methode,  mathematische  585.
Methode,  mathematische  (bei  Marshall)
447.
Methode,  wissenschaftliche  123.
Methode  der  Klassifikation  563.
Methode  der  Monographien  661.
Methode  der  klassischen  Nationalökonomie
444.
Methode  der  Nationalökonomie  (bei  Sismondi)
  196.
Methodenstreit  431.
Mieux-value  209.
Mietssteuer  70.
Mikrobiologie  669.

Mikrokosmen  265.
Mildtätigkeit,  christliche  152.
Milieu,  geographisches  563.
Milieu,  künstliches  262.
Milien,  Schaffung  eines  neuen  261.
Milieu,  Schaffung  eines  neuen  (bei  Louis
Blanc)  292.
Milieu,  Schaffung  eines  günstigen  (bei
Kontier)  278.
Milieu,  Schaffung  des  sozialen  (bei  Owen)
268.
Milien,  soziales  (bei  den  Anarchisten)  710.
Milieu,  soziales  (bei  den  Historikern)  457.
Milieu,  soziales,  Schaffung  des  (bei  Labriola)
  636.
Milieu,  wirtschaftliches  und  soziales  436.
Milieuänderung  579.
Minimalhöhe  des  Profits  (bei  Stuart  Mill)
425.
Minimallohn  (bei  Malthus)  178.
Minimallohn  (bei  den  sozial-katholischen
Schulen)  569.
Minimalnennbetrag  der  Banknoten  108.
Minimalproduktionskostenwert  (bei
Bastiat)  381.
Mißbräuche  in  den  Fabriken  193.
Mißbräuche  der  Konkurrenz  219.
Mißbräuche  des  Privateigentums  215.
Miteigentum,  soziales  688.
Miteigentum  des  Herrschers  am  Grundbesitz ­
  46.
Mittelalter  109.
Mittel,  Prinzip  des  kleinsten  (bei  den
Hedonisten)  609.
Moderne  Schule  (bei  Blanqui)  223.
Monarchie  39.
Monarchie,  erbliche  41.
Monographien  über  Arbeiterfamilien  555.
Monographien,  Methode  der  561.
Monographien,  volkswirtschaftliche  440.
Moralischer  Enthaltsamkeitszwang  177.
Moralismus  der  französischen  Schule  372.
moral  restraint  142,  145.
Monopol  (bei  A.  Smith)  107.
Monopol  (bei  Walras)  616.
Monopol  und  Allgemeininteresse,  Zwiespalt ­
  zwischen  604.
Monopol  der  organisierten  Arbeiter  411.
Monopol  der  Grundbesitzer  641.
Monopol,  künstliches  92.
Monopol,  natürliches  92.
Monopol  der  Staatsbank  189.

Gide  und  ßist,  Gesch.  d.  Volkswirtschaft!.  Lehrmeinungen.

51
        <pb n="824" />
        802

Sachregister.

Monopol,  Wiederherstellung  des,  durch
die  Konkurrenz  264.
Monopole,  die  drei  663.
Monopole  (bei  Nassau  Senior)  397,  407.
Monopole,  Abschaffung  der  264.
Monopole,  große,  Organisation  der  264.
Monopole,  wirtschaftliche,  Rückkauf  der
(bei  Walras)  655.
Monopole,  Überhandnehmen  der  510.
Monopoleinkommen  (bei  Stuart  Mill)  630.
Monopolpreis  (bei  A.  Smith)  92.
Monopolpreis,  Rente  als  (bei  A.  Smith)  72.
Monopolrecht  am  Boden,  gesetzliches  214.
Monopolstellungen  271.
Monopolsucht  117.
Moralist,  utilitarischer  145.
Munizipalsozialisraus  666.
Müßiggänger,  Arbeiter  und  (bei  Saint-Simon)
  233.
Mutualisation,  Theorie  der  679.
Mutualisation  der  Risiken  679.
Mutualisation  der  Vorteile  679.
Mutualismus,  Theorie  des  (bei  Proudhon)
337.
Mutualisten,  Solidarität  bei  den  685.
Mystiker  680.

Nachfrage  (bei  Condillac)  57.
Nachfrage,  absolute  83.
Nachfrage,  effektive  83.
Nachfrage,  gesellschaftliche  102.
Nachfrage,  Anpassung  der  Produktion  an
die  625,  626.
Nachfrage  nach  Arbeit  (bei  Sismondi)
212.
Nachfrage,  Gesetz  der  (in  der  mathematischen ­
  Schule)  604.
Nachfrage,  Gesetz  des  Angebotes  und  der
408.
Nachfrage,  Kurve  der  604,  605.
Nachfrage  nach  Menschen  93.
Nachfrage  nach  Produkten  127.
Nachfrage,  Steigerung  der  161.
Nachfrage,  wirksame  (bei  Rodbertus)  479.
Nachfrage,  wirksame;  Gegensatz  zum
sozialen  Bedürfnis  (bei  Rodbertus)  481.
Nachfrage,  Verschiebung  der  217.
Nachteile  der  Arbeitsteilung  67.
Nahrungsmittel,  Mangel  an  141.
Nahrungsmittel,  Verteuerung  der  177.

Nahrungsspielraum,  Pressen  der  Bevölkerung ­
  gegen  ihren  159.
Napoleonische  Kriege  116.
Natalität,  Rückgang  der  153.
Nation  (bei  List)  324.
National  Anti-Corn-Law  League  416.
Nationalindnstrie  68.
Nationalreichtum  83.
Nationaler  Reichtum,  Wachstum  des  70.
National-Produkt,  Anteil  der  Arbeit  am
(bei  Bastiat  und  Carey)  486.
National-Produkt,  proportionaler  Anteil
des  Arbeiters  am  (bei  Rodbertus)  486,
487.
National-Produkt,  Anteil  der  Arbeiter  und
der  Nichtarbeiter  am  486.
National-Produkt,  Anteil  der  Großgrundbesitzer ­
  am  (bei  Ricardo)  486.
National-Produkt,  Anteil  des  Kapitals  am
(nach  Bastiat  und  Carey)  486.
National-Produkt,  Erzeugung  des  66.
Nationaltypus  321.
Nationalvermögen  (bei  A.  Smith)  81.
Nationalvermögen  (bei  Sismondi)  199.
Nationalversammlung  39.
Nationalvorzüge,  natürliche  111.
National-Wirtschaftsperiode  305.
Nationalismus  321.
Nationalisation  261.
Nationalisierung  des  Bodens  174.
Nationalisierung  des  Bodens,  Hauptfolge
der  656.
Nationalisierung  des  Bodens,  Systeme  der
648  ff.
Nationalisierung  des  Bodens  (bei  Henry
George)  638.
Nationalisierung  des  Bodens  (bei  Gossen)
650,  651.
Nationalisierung  des  Bodens  (bei  James
Mill)  174.
Nationalisierung  des  Bodens  (bei  Stuart
Mill)  638,  639,  640.
Nationalisierung  des  Bodens  (bei  Herbert
Spencer)  637.
Nationalisierung  des  Bodens  (bei  Wallace)
656.
Nationalisierung  des  Bodens  (bei  Walras)
616,  638.
Nationalisierung  aller  natürlichen  Hilfsquellen ­
  (bei  Ruskiu)  583.
Nationalität,  Idee  der  (bei  List)  304,
433.
        <pb n="825" />
        Sachregister.  gQ3

Nationalökonom,  Rolle  des  (bei  J.-B.  Say)
123.
Nationalökonomie  (bei  List)  304.
Nationalökonomie,  praktische  123.
Nationalökonomie,  klassische,  Absolutismus ­
  der  445.
Nationalökonomie,  Auffassung  der  (bei
den  Historikern)  466.
Nationalökonomie,  soziologische  Auffassung ­
  der  463.
Nationalökonomie,  Aufgabe  der  (bei  Hildebrand) ­
  437.

Nationalökonomie,

Definition

der

(bei

Hildebrand)  437.
Nationalökonomie,

Definition

der

(bei

J.-B.  Say)  123.

Nationalökonomie,

Definition

der

(bei

Arnold  Toynbee)  432.
Nationalökonomie,  Ergänzung  der,  durch
die  Sozialpolitik  225.
Nationalökonomie,  Grundprinzipien  der
(bei  Nassau  Senior)  396.
Nationalökonomie,  Methode  der  (bei  Sismondi)
  196,  199.
Nationalökonomie,  klassische,  Methode  der
444.
Nationalökonomie  als  Naturwissenschaft
99.
Nationalökonomie,  Objekt  der  (bei  Sismondi)
  196.
Nationalökonomie,  klassische,  Perpetualismus ­
  der  445.
Nationalökonomie,  klassische,  Psychologie
der  444.
Nationalökonomie  als  Theorie  der  Wohlfahrt ­
  201.
Nationalökonomie,  klassische,  üniversalismus
  der  444,  446.
Nationalökonomie,  Vater  der  87,
Nationalökonomie,  eine  moralische  Wissenschaft ­
  (bei  Sismondi)  198.
Nationalökonomische  Vorlesungen  im
Athenee  120.
N  ational  Wohlstand,  dynamische  Auffassnn  g
vom  325.
Nationen  als  politische  und  moralische
Genossenschaften  324.
Nationen,  Solidarität  zwischen  690.
Nationen,  wirtschaftliche  Entwicklungsphasen
  der  305.
Natur  72.
Naturalismus  (bei.  A.  Smith)  77,  100.

Naturalismus,  biologischer,  Schule  des  673.
Naturalwirtschaft  305,  437.
natural  wage  179.
Naturgesetz  79,  143.
Naturgesetze,  wirtschaftliche  437.
Naturforscher  123.
Naturkräfte  72.
Naturordnung  der  Physiokraten  (bei  den
Assozialisten)  263.
Naturprodukte  381.
Naturzustand  7.
Natürliches  Monopol  92.
Natürliche  Ordnung,  Schutz  der  42.
Natürlicher  Preis  (bei  A.  Smith)  89.
Natürlicher  Ursprung  der  wirtschaftlichen
Einrichtungen  (bei  A.  Smith)  78.
Navigation,  acts  of  113.
Neo-klassische  Schule,  die  12.
Neo-Malthnsianer  160,  407.
Neo-Malthusianismus  146.  -
Neo-Marxismus  540ff.
Neo-Marxismus,  reformatorischer  540.
Neo-Marxismus,  syndikalistischer  547.
Neo-Sozialisten  567.
Nettoertrag  (bei  Sismondi)  214.
Nettoeinkommen,  Schätzung  des  94.
Nettoertrag,  Gegensatz  zum  Bruttoertrag
(bei  Sismondi)  481.
Netto-  und  Bruttoertrag,  Frage  des  481.
Neugestaltung  der  Arbeit  (bei  den  Anarchisten) ­
  720,  721.
Niedergang  der  Produktivgenossenschaft
421.
Nichteinmischung  der  Regierung  202.
Nichteinmischung  der  Regierung  (bei  Sismondi) ­
  218.
Nichteinmischung  des  Staates  (bei  Adam
Smith)  68,  105,  108.
Nominallohn  178.
Nominallohn,  Steigerung  des  178.
Normal-Lohn,  Begriff  des  305.
Normal-Nation,  Begriff  der  305.
Normal-Preis,  Begriff  des  305.
Normalwert  der  Arbeit  (bei  Rodbertus)
487.
Normatives  Wesen  der  Nationalökonomie
123.
Notenmenge,  Anpassung  der,  an  die  Nachfrage ­
  96.
Nutzbarmachung  der  Naturkräfte  176.
Nutzen  (bei  Condillac)  55.
Nutzen,  gesellschaftlicher  103.
61*
        <pb n="826" />
        804

Sachregister.

Nutzen,  öffentlicher,  Enteignung  aus
Gründen  des  649.
Nutzen,  persönlicher  100,  107.
Nutzen,  unentgeltlicher,  Gesetz  des  379.
Nutzen  bei  den  Klassikern,  593.
Nutzen,  Übereinstimmung  des  Privat-  mit
dem  Allgemein-  (bei  A.  Smith)  101.
Nntzenmaximum  610.
Nutzenwert  376.
Nützlichkeit  85.
Nützlichkeit  {bei  Dunoyer)  394.
Nützlichkeit  {bei  J.-B.  Say)  122.
Nützlichkeit,  Maximum  an  111.
Nützlichkeit,  die  soziale  27.
Nützlichkeitsknrve  594.
Nützlichkeitsmaximum  472.
Nützlichkeitswert  {bei  Galiani)  51.
Nützlichkeitswert,  seltener  {bei  Nassau
Senior)  398.
Nutzlosigkeit  des  Schutzzollsystems  116.

0.
Objekt  der  Nationalökonomie  (bei  Sismondi)
  196.
Obligatorische  Unterstützung,  Gesetz  über
151,  152.
Öffentliche  Arbeiten,  die  42.
Öffentliche  Arbeiten,  Kindern  übertragen
285.
Öffentliche  Meinung  (bei  den  Anarchisten)
719.
Öffentliche  Notstandsarbeiten  126.
Öffentliche  Schuld,  Anwachsen  der  106.
Öffentlicher  Nutzen,  Übereinstimmung  der
Bodenrente  mit  dem  159.
Ökonomie,  industrielle  (bei  J.-B.  Say)
120,  125.
Ökonomie,  politische  1,  100.
Ökonomie,  reine,  Berechtigung  der  444.
Ökonomie,  tierische  9.
Ökonomik,  reine  210,  396,  586,  588.
Ökonomik,  reine  (bei  Pautaleoni)  617.
Ökonomik,  reine  (bei  Walras)  448.
Ökonomisches  Gesetz  79.
Ökonomischer  Liberalismus  63.
Okkupation  64.
Okkupation,  die  einfache  26.
Ophelimität  85,  593.
Ophelimität,  Maximum  an  (bei  den  Hedonisten)
  103,  111,  472.

Ophelimität,  Maximum  an  (bei  G,ossen)
650.
Optimismus  52.
Optimismus  (bei  A.  Smith)  77,  109.
Optimisten  132,  366.
Optimum,  wirtschaftliches  472.
Optimumverhältnis  610.
Ordnung,  industrielle  228.
Ordnung,  industrielle,  Wohltaten  und
Nachteile  der  221.
Ordnung,  kapitalistische  520,  527.
Ordnung,  kapitalistische,  Entwicklung
der  542,
Ordnung,  kapitalistische,  Selbstzerstörung
der  528.
Ordnung,  kollektivistische  530.
Ordnung,  die  natürliche  (bei  den  Physiokrateu)
  6,  7,  9,  10,  11,  12,  37.
Ordnung,  die  natürliche  (bei  Adam  Smith)
123.
Ordnung,  selbsttätige  wirtschaftliche  98.
Ordnung  der  Assoziation  697.
Ordnung,  wirtschaftliche,  Begriff  einer
spontanen  (bei  den  Anarchisten)  697,
713.
Ordnung  des  Bodenbesitzes  (bei  Loria)
535.
Ordnung  der  Vorsehung  10.
Organisation,  kollektivistische;  wachsende
Bedeutung  der  664.
Organisation,  politische  (bei  List)  304.
Organisation,  produktive  257.
Organisation,  soziale  653.
Organisation  der  Arbeit  257,  288,  289,342,
344.
Organisation  der  großen  Monopole  264.
Organisation,  Prinzipien  der  sozialen
191.
Organisation  du  travail  289.
Organisation  neuer  Unternehmung!«formen
275.
Organisation  der  Verbraucher  389.
Organisation,  wirtschaftliche,  Zweck  der
225.
Organisationsplan,  kommunistischer  152.
Organisationsplan,  sozialistischer  152,
Organismus,  Umformung  des  2G8.
Orthodoxie  224.
Orthodoxie,  volkswirtschaftliche  199.
Österreichische  Schule  55.
Ostindische  Kompagnie  108.
        <pb n="827" />
        Sachregister.

805

P.
Pacht  (bei  J.-B.  Say)  128.
Pachtertrag  158.
Pachtgüter,  kleine  französische  153.
Pachtsystem  in  Frankreich  158.
Pächter  (bei  den  Physiokraten)  24.
Pächter  (bei  A.  Smith)  71.
Panik  vom  24.  Februar  1797.  187,
Papiergeld  188.
Papiergeld  (bei  Ricardo)  187.
Papiergeld,  Abschaffung  des  188.
Papiergeldpreise  353.
Parabel  Saint-Simon’s  231.
Parallelismen,  historische  457,  460,  461.
Parallelismen  der  wirtschaftlichen  Zustände ­
  460.
Parasitismus  690.
Parlamentarismus  233.
Parlamentarische  Eegierungsform  39.
Partei,  anarchistische  726,  727.
Partei,  anti-nationale  233.
Partei,  äußerste  demokratische  289.
Partei,  konservative  546.
Partei,  liberale  496,  546.
Partei,  nationale  233.
Partei,  radikal-sozialistische  282,  530,  673.
Partei,  sozialdemokratische  495.
Partikularisten  325.
Pairiarchal-Ordnung  557.
Pauperismus  195.
Pauperismus,  Entwicklung  des  529.
Pauperismus,  Erklärung  des  (bei  Sismondi)
211.
Pauperismus,  Kampf  gegen  den  500.
Pauperismus,  Lösung  des  Problems  des
656.
Prämium  auf  die  Einfuhr  186.
Präventivmittel  142,  146,  152.
Präventivverkehr  143.
Periode,  kritische,  der  Gesellschaft  254.
Periode,  organische,  der  Gesellschaft  254.
Perioden,  wirtschaftliche  (bei  Hildebrand)
305.
Perpetualismus  der  klassischen  Nationalökonomie ­
  445.
Personen,  Schutz  der  (bei  Kropotkin)
709.
Persönliches  Interesse  (bei  den  Hedonisten)
609.
Persönliches  Interesse  (bei  den  Klassikern)
449.

Persönliches  Interesse  (bei  Marshall)  451.
Persönliches  Interesse  (bei  Stuart  Mill)
460,  470.
Persönliches  Interesse  (bei  den  Mystikern)
581.
Persönliches  Interesse  (bei  den  Physiokraten) ­
  51.
Persönliches  Interesse,  (bei  Adam  Smith)
62,  79,  80,  91,  97,  99.
Persönliches  Interesse  (bei  den  Solidaristen)
693.
Persönliches  Interesse,  Gesetz  des  403.
Persönliches  Interesse,  Prinzip  des  (bei
den  Mystikern)  681.
Persönlichkeit,  freie  Entwicklung  der
(bei  den  Anarchisten)  706.
Pessimisten  132  ff,
Pessimisten,  zufriedene  133.
Pessimistische  Theorie  des  wirtschaftlichen
Fortschritts  217.
Phaiange  279.
Phalange  als  Produktionsgenossenschaft
280.
Phalange  als  Yerbrauchgenossenschaft
280.
Phalanstere  277.
Phalanstere,  Verwirklichung  des,  in  den
Yer.  Staaten  279.
Phalanstere,  verschiedene  Vorteile  des
278.
Philanthropen,  Rolle  der  265.
Philosophie,  ihre  Bedeutung  nach  Saint-Simon
  255.
Physiokraten,  die,  1  ff.,  58,  62,  90,  105,
109,  110,  123,  168,  369.
Physiokraten,  ihre  Auffassung  der  Funktionen ­
  des  Staates  41.
Physiokraten,  Gesellschaftsordnung  der
98.
Physiokraten,  Liberalismus  der  110.
Physiokraten,  Steuertheorie  der  43.
Physiokraten,  fiskalisches  System  der  50.
Physiokraten,  Verteilungstheorie  der  20.
Physiokraten,  Volkswirtschaft  der  69.
Physiokraten,  die  Wertidee  der  52,  53.
Physiokratie,  Definition  der  (bei  Dupont
de  Nemours)  6.
Physiokratische  Agrartheorie  19.
Physiokratische  Auffassung  der  Gesellschaft ­
  69.
Physiokratische  Ideen,  Niederlage  der
121.
        <pb n="828" />
        806

Sachregister.

Physiokratisches  System  70,  71.
Physik  124.
Pioniere  von  Rochdale  274,  275.
Plutologie  427.
Politik,  liberale  429.
Politik,  merkantilistische  61,  93,  109.
Politik,  praktische  466.
Politik  nationaler  Exklusivität  315.
Politik  der  Handelsverträge  315.
Politik  der  Isolierung  320.
Politik,  Trennung  der  von  dem  wirtschaftlichen ­
  Sozialismus  493.
Politik  des  Wirtschaftslebens  324.
Post  106,  108.
Possibilismus  der  Moral  Marx’  536.
Positivismus  230,  463.
Preis,  der  gute  17,  18.
Preis,  natürlicher  (bei  A.  Smith)  89.
Preis,  der  richtige  (bei  den  Physiokraten)
33,  51.
Preis,  wirklicher  88.
Preis  der  Dienste  (bei  A.  Smith)  89.
Preis  der  Dienste  (bei  J.-B.  Say)  127.
Preise  der  Dienste,  Auffassung  von  Walras
128.
Preis  der  produktiven  Dienste  (bei  Henry
George)  643.
Preis,  Einheit  des  608.
Preis  der  Güter  89.
Preis  der  Lebensmittel  75,  90.
Preiserhöhung  der  landwirtschaftlichen
Erzeugnisse  als  Ursache  der  Rente  161.
Preisschwankungen  91.
Preissturz  130,  131.
Preistheorie  (bei  A.  Smith)  84,  115.
Preistheorie  (bei  K.  Menger)  633.
Pressen  der  Bevölkerung  gegen  ihren
Nahrungsspielraum  159.
Pressung  der  Bevölkerung  384
Prinzip,  das  hedonistische  12,  688.
Prinzip,  hedonistisches  (bei  den  Mystikern)
581.
Prinzip,  hedonistisches  (bei  Nassau  Senior)
396.
Prinzip  der  Bevölkerung  144.
Prinzip  der  Bevölkerungsvermehrnng  (bei
Nassau  Senior)  396.
Prinzip  des  Energiemaximums  609.
Prinzip  der  Entschädigung  645.
Prinzip  der  Handelsfreiheit  298.
Prinzip  des  Klassenhewußtseins  546.
Prinzip  des  Klassenkampfes  546.

Prinzip  der  Kraftersparnis  609.
Prinzip  des  Relativismus  433.
Prinzip  der  Selbsterhaltung  99,  403.
Prinzip  des  freien  Austausches  323.
Prinzip  der  Autorität,  Vernichtung  des
709.
Prinzip  der  natürlichen  Identität  der
Interessen  (bei  Hermann)  470.
Prinzip  der  natürlichen  Identität  der
Interessen  (bei  den  Klassikern)  470.
Prinzip  des  animalischen  Lebens  83.
Prinzip  moralischer  Lebensführung,  Solidarität ­
  als  694.
Prinzip  des  Maximums  der  Befriedigung
609.
Prinzip  des  kleinsten  Mittels  588.
Prinzip  des  kleinsten  Mittels  (bei  den
Hedouisten)  609.
Prinzip  der  steigenden  Produktivität  der
Industrie  (bei  Nassau  Senior)  396.
Prinzip  der  Solidarität  zwischen  Schuldnern ­
  565.
Prinzip  der  nationalen  wirtschaftlichen
Solidarität  325.
Prinzipien  der  sozialen  Organisation  191.
Prinzip  der  individuellen  Verantwortlichkeit ­
  390.
Prinzip  der  Vereinigung  der  Kapitalien
212.
Prinzip  der  Vereinigung  der  Kräfte  212.
Prinzip  der  ursprünglichen  Vollkommenheit ­
  555.
Prinzipien,  freiheitliche  117.
Privataneignung,  Herrschaft  der  625.
Privatbesitz,  Stärkung  des  649.
Privateigentum  (bei  K.  Marx)  530.
Privateigentum  (bei  Rodbertus)  489.
Privateigentum,  Abschaffung  des  (bei  den
Saint-Simonisten)  191.
Privateigentum,  Anerkennung  des  (bei
Sismondi)  225.
Privateigentum,  Angriffe  gegen  das  225.
Privateigentum,  historisches  Argument
gegen  das  250.
Privateigentum,  Aufhebung  des  (bei
K.  Marx)  630.
Privateigentum,  Aufrechterhaltung  des
282.
Privateigentum,  Ausbreitung  des  282.
Privateigentum,  Kritik  des  195.
Privateigentum,  Kritik  des  (bei  den  Saint-Simonisten)
  239,  242.
        <pb n="829" />
        Sachregister.

Privateigentum,  Mißbräuche  des  215.
Privateigentum,  Umformung  des,  in  Kollektiveigentum ­
  (bei  den  Fabiern)  660.
Privateigentum,  Verwandlung  des,  in
Aktieneigentum  (bei  Fourier)  280.
Privatinitiative  (bei  Owen,  Fourier  und
Louis  Blanc)  294.
Privatinteresse,  Übereinstimmung  des  allgemeinen ­
  und  des  (bei  den  Anarchisten)
718.
Privatinteresse,  Übereinstimmung  des  allgemeinen ­
  und  des  (bei  Proudhon)  718,
719.
Privatinteresse,  Unterordnung  des,  unter
das  Allgemeininteresse  387,
Privatkapital  (bei  Sismondi)  199.
Privatunternehmen,  Herrschaft  des  525.
Privatwohlstand  83.
Privilegium  der  Erde,  einzigartiges  159.
Prix,  le  bon  33.
Probleme,  industrielle  123.
Problem  der  Arbeitslosigkeit,  Lösung  des
656.
Problem  der  Bevölkerung  153.
Problem  des  Netto-  und  Bruttoertrages
(bei  Sismondi)  215.
Problem  des  Pauperismus,  Lösung  des  656.
Probleme  der  Wirtschaftspolitik  467.
Produit  net  14.
Prodnit  net,  Erhöhung  des  (bei  A.  Smith)
70.
Produkte,  immaterielle  (bei  Malthus)  122.
Produkte,  immaterielle  (bei  Stuart  Mill)
71,  122.
Produkte,  immaterielle  (bei  J.-B.  Say)  71.
Produkte,  immaterielle  (bei  Nassau  Senior)
122.
Produkt,  landwirtschaftliches  69.
Produkte,  Eindämmung  des  Überflusses
an  218.
Produkte,  Geldwert  und  Arbeitswert  der
(in  der  Arbeitstauschbörse)  273.
Produkte,  Markt  der  608.
Produkt,  soziales,  Verteilung  des  (bei
Rodbertus)  482,  483.
Produkte,  Wert  der  ausgetauschten  414.
Produktenüberschuß  68.
Producteur,  Le  239.
Produktion,  gesellschaftliche  (bei  A.  Smith)
94.
Produktion,  individuelle  (bei  Rodbertus)
489.

Produktion,  industrielle  (B
442.  _  c
Produktion,  unbegrenzte  202^^  II  «V
Produktion,  Achtung  vor  der  238.
Produktion,  Anarchie  der  (bei  den  Saint-Simonisten)
  247.
Produktion,  Anpassung  an  die  Bedürfnisse
478,  479.

Produktion,  Anpassung  an  die  Nachfrage
625,  626.
Produktion,  Anpassung  der,  an  den  Verbrauch ­
  266.
Produktion  von  Arbeit  (bei  Henry  George)
642.

Produktion,  wissenschaftliche  Ausdehnung
der  (bei  den  Anarchisten)  721.
Produktion  für  das  soziale  Bedürfnis  480.
Produktion,  kollektive  Form  der  (bei  Marx)
531.
Produktion,  Grenznutzen  im  Bereiche  der
598.
Produktion  von  Kapital  (bei  Henry
George)  642.
Produktion  für  den  Markt  215,
Produktion,  Maximum  der  225.
Produktion,  gesellschaftliche,  Mechanismus ­
  der  529.
Produktion,  Umwälzung  der  328.
Produktion,  Vergrößerung  der  industriellen ­
  70.
Produktion,  bürgerliche,  Verhältnisse  der
534.
Produktion,  Wachstum  der  (bei  Sismondi)
218.
Produktionsbedingungen,  Umformung  der
533.
Produktionsfaktoren,  Abhängigkeit  der,
voneinander  610.
Produktionsfaktoren,  Theorie  der  drei  64.
Produktionsfaktoren,  Verteilung  der  Produkte ­
  unter  die  (bei  Henry  George)
643-Produktionsfonds

  242.
Produktionsfrage  180.
Produktionsfreiheit  469.
Produktionsgenossenschaft,  die  Phalange
als  280.
Produktionsgenossenschaften,  staatliche
Schaffung  von  (bei  Lassalle)  496.
Produktionsgenossenschaft,  korporative,
in  Frankreich  344.
Produktionskosten  83.
        <pb n="830" />
        808

Sachregister.

Produktionskosten,  reelle  414.
Produktionskosten,  virtuelle  414.
Produktionskosten  (bei  A.  Smith)  88.
Produktionskosten  der  Arbeitskraft  410.
Produktionskosten,  Gesetz  der  verglichenen ­
  414.
Produktionskosten,  Theorie  der  (bei  Adam
Smith)  89.
Produktionskosten  als  Wertursache  409.
Produktionskostenpreis  170.
Produktionskostentheorie  (in  der  mathematischen ­
  Schule)  619.
Produktionskostenwert  376.
Prodnktionskostenwert  (bei  Bastiat)  381.
Produktionskostenwert  (bei  den  Hedonisten)
  598.
Produktionskostenwert  (bei  Eicardo)  168.
Produktionskostenwert  (bei  Nassau  Senior)
397.
Produktionskräfte  127.
Produktionsmethode,  Fortschritte  der  425.
Produktionsmittel,  volle  Ausnützung  der
482.
Produktionsmittel,  schlechte  Leitung  der
129.
Produktionsmittel,  Eückgabe  der,  an  die
Arbeiter  531.
Produktionsmittel,  Sozialisation  der,  in
der  Großindustrie  545.
Produktionsmittel,  Umformung  der  633.
Produktionsmittel,  Vergesellschaftung  der
631.
Produktionsmittel,  Verstaatlichung  der
262.
Produktiönsordnung  der  Arbeitsteilung
481.
Produktionstheorie  92.
Produktionstheorie  Dunoyer’s  393.
Produktionsunfähigkeit  141.
Produktionsverhältnisse  535.
Produktionsverhältnisse,  Entwicklung  der
(bei  Karl  Marx)  250.
Produktionsvermehrung  und  Bevolkerungsdichtigkeit
  392.
Produktionsvorgang,  Leitung  des  235.
Produktionsweise  535.
Produktive  Dienste  (bei  Walras)  607.
Produktivgenossenschaft,  heutige  Form
der  281.
Produktivgenossenschaft,  Ersatz  des  Lohnsystems ­
  durch  die  (bei  Stuart  Mül)
420.

Produktivgenossenschaft,  Niedergang  der
421.
Produktivkräfte,  Einstellung  der  (bei
Eodbertus)  482.
Produktivkraft,  Idee  der  (bei  List)  304.
Produktivismus  359.
Produktivität  (bei  Eodbertus)  481,  482.
Produktivität  der  Arbeit,  Lohntheorie  der
600.
Produktivität  der  Arbeit  (bei  Dunoyer)
391.
Produktivität,  ausschließliche,  der  Arbeit
(bei  Proudhon)  330.
Produktivität,  fortschreitende,  der  Arbeit
380.
Produktivität  der  Arbeit,  steigende  487.
Produktivität,  ungleichmäßige,  der  verschiedenen ­
  Arbeiten  69,  73.
Produktivität  der  Arbeiter  81.
Produktivität  des  Bodens,  besondere  64 r
73,  121.
Produktivität  des  Bodens,  kommerzielle
623.
Produktivität,  Gegensatz  zur  Eentabilität
(bei  Eodbertus)  481.
Produktivität  der  Industrie,  steigende
(bei  Nassau  Senior)  396.
Produktivität  des  Kapitals  (bei  Lösewitz)
571.
Produktivität  neuer  Kapitalien,  geringere
386.
Produktivität  der  Kapitalien,  materielle
662.
Produktivität  der  Landwirtschaft,  höhere
(bei  A.  Smith)  71.
Produktivität,  Maximum  an  (bei  Gossen)
656.
Produktivität,  soziale  Steigerung  der  359.
Produktivität  der  Unternehmen  625.
Produzent  84.
Produzent,  nationaler  321.
Produzenten,  Solidarität  zwischen  Verbrauchern ­
  und  690.
Produzent,  Unterordnung  des,  unter  den
Verbraucher  387.
Profit  (bei  Clark)  627.
Profit  (bei  Enfantin)  244.
Profit  (bei  Marshall)  627.
Profit  (bei  Stuart  Mill)  628.
Profit  (bei  Owen)  270,  271.
Profit  (bei  Pantaleoni)  627.
Profit  (bei  Proudhon)  332.
        <pb n="831" />
        Sachregister.

809

Profit  (bei  J.-B.  Say)  425.
Profit  (bei  A.  Smith)  71,  73,  127.
Profit  (bei  Walker)  625.
Profit,  Abschaffung  des  (bei  Owen)  270.
Profit,  Abschaffung  des  (bei  den  Solidaristen)
  687.
Profit  als  Abzug  vom  Arbeitsertrag  529.
Profit,  Begriff  des  (bei  den  französischen
Ökonomisten)  425.
Profit,  Begriff  des  (in  der  mathematischen
Schule)  608.
Profit,  Begriff  des  (bei  Stuart  Mill)  425.
Profit,  verschiedene  Begriffe  des  524.
Profit,  verschiedene  Bestandteile  des  (bei
Marsball)  627.
Profit  als  Dividende  529.
Profit  als  differentielles  Einkommen  524.
Profit  als  besondere  Entlohnung  des  Unternehmers ­
  625.
Profit  als  Entschädigung  für  das  übernommene ­
  Risiko  73.
Profit,  Gesetz  des  allmählich  sinkenden
(bei  Stuart  Mill)  425.
Profite,  Gesetz  der  Gleichheit  der  624.
Profit,  Gesetz  des  konstant  sinkenden  132.
Profit,  Höhe  des;  Regelung  durch  die
Konkurrenz  524.
Profit,  Kampf  um  den  264.
Profit  des  Kapitals,  soziologische  Aufklärung ­
  über  den  541.
Profit  als  Lohn  für  die  Arbeit  der  Leitung
73.
Profit,  Antagonismus  des,  und  des  Lohnes
417.
Profit  und  Lohn,  Antagonismus  zwischen
(bei  K.  Marx)  532.
Profit  und  Lohn,  Antagonismus  zwischen
(bei  Ricardo)  632.
Profit,  Minim  alhöhe  des  (bei  Stuart  Mill)
425.
Profit,  sinkende  Tendenz  des  (bei  Ricardo)
181.
Profit  des  Unternehmers  (bei  den  Saint-Simonisten)
  244.
Profit,  Ursache  des  Fallens  des  (bei  Stuart
Mill)  425.
Profit,  Ursprung  des  (bei  Lexis)  512.
Profit,  Verschwinden  des  (bei  Walras)
608.
Profit,  Verteilung  des.  durch  den  Tausch
483.
Profit  im  Warentauschhandel  274.

Profitsatz,  fallender  (bei  Ricardo)  183.
Profltsatz,  sinkender,  Gesetz  des  386.
Programm  der  Anarchie  726.
Programm  Eourier’s  282.
Programm,  kollektivistisches  531.
Programm,  marxistisches  529.
Programm  Rodbertus’,  politisches  476.
Programm  der  radikal-sozialistischenPartei
282.
Programm  sozialer  Reformen  (bei  Ruskin)
582.
Proletarier  177,  410.
Proletarier,  Auftreten  des  211.
Proletariat,  Schulung  des  649.
Proletariat,  Seele  des  549.
Proletarisierung  der  Arbeiter  (bei  Karl
Marx)  491.
Proletarisierung  der  Arbeiter  (bei  Rodbertns)
  491.
Proletarisierung,  wachsende,  der  Arbeitermassen ­
  224.
Proletarisierung  der  Massen  527.
Propaganda  der  Tat  724,  726.
Proportionalität  der  Lasten  70.
Prostitution  143.
Protektionismus  314,  401.
Protektionismus  der  Ver.  Staaten  316.
Protestantismus  als  christlicher  Sozialismus ­
  575.
Protestantismus  als  wirtschaftliches  Programm ­
  579.
Protestantismus,  sozialer  572.
Protestantismus,  sozialer,  in  Deutschland
577.
Protestantismus,  sozialer,  in  England
573.
Protestantismus,  sozialer,  in  Frankreich
678.
Protestantismus,  sozialer,  in  d.  Ver.  Staaten
576.
Protestantismus,  Selbsthilfe  im  572.
Prudential  restraint  145.
Psychologie  der  klassischen  Ökonomie
444.
Q.
Quantitätstheorie  des  Geldes  409.
Quantitätstheorie  des  Geldes  (bei  Ricardo)
184,  187.
Quasi-Kontrakt  674,  676,  679.
Quasi-Renten  634.
        <pb n="832" />
        810

Sachregister.

Quelle  der  Bereicherung  81.
Quellen  neuer  Werte  88.
Quietismus  366.
R.
Rationalismus,  deistischer  58.
Rationalismus,  reformatorischer  435.
Rationnement,  decret  de  227.
Realistische  Schule  und  Ricardo  155.
Reallohn  (bei  Ricardo)  178.
Recht,  das  (bei  Louis  Blanc)  295.
Recht  des  Ältesten  242,  557.
Recht  auf  Arbeit  339.
Recht  auf  Arbeit  als  Ergänzung  des
Eigentumsrechtes  287.
Recht  auf  Arbeit  (bei  Bismarck)  509.
Recht  auf  Arbeit  (bei  Considerant)  287,
339.
Recht  auf  Arbeit  (hei  Eourier)  339.
Recht  auf  Arbeit  (bei  A.  Menger)  689.
Recht  auf  Arbeit  (bei  den  Solidaristen)
680.
Recht  auf  den  vollen  Arbeitsertrag  (bei
A.  Menger)  689.
Recht  der  Besitzergreifung  (bei  Proudhon)
331.
Recht  auf  Dasein  (bei  Pichte)  498.
Recht  auf  Dasein  (bei  A.  Menger)  689.
Recht  auf  Eigentum  im  Naturzustand
329.
Recht  der  Gemeinschaft  am  Boden  (bei
Henry  George)  638.
Recht  der  Gemeinschaft  am  Boden  (bei
Stuart  Mill)  638.
Recht,  natürliches  (bei  Proudhon)  331.
Recht,  neues,  Schaffung  eines  (bei  den
Solidaristen)  689.
Recht  auf  Unterricht  (bei  den  Solidaristen)
680.
Recht  auf  Unterstützung  341.
Recht  der  Zukunft,  neues  549.
Rechte,  erworbene  (bei  den  Solidaristen)
689.
Rechte  des  Individuums,  Übertreibung
der  703.
Rechte  des  Individuums,  Verteidigung  der
468.
Rechte  der  Souveränität  226.
Rechtfertigung  der  Zinsen  54.
Rechtsbegriffe  der  Wirtschaftsordnung  (bei
A.  Menger)  689.

Rechtsgelehrte,  kanonische  561.
Rechtsgeschichte  435.
Rechtsmißbrauch,  Theorie  des  688.
Rechtssozialismus  688.
Rechtssystem  99.
Rechtstitel  629.
Reform  des  Tausches  (bei  Proudhon)
337.
Reformation  254.
Reformen,  fiskalische  (bei  den  Solidaristen)
684.
Reformen,  soziale  (bei  den  Hedonisten)
616.
Reformen,  soziale  (hei  der  liberalen  Schule)
366.
Reformen,  soziale  (bei  Stuart  Mill)  419.
Reformen,  soziale  (bei  Ruskin)  582.
Reformen,  soziale  (bei  Arnold  Toynbee)
442.
Reformen,  soziale  (bei  Walras)  616.
Reform  des  Umlaufs  (bei  Proudhon)  328.
Reformgesetze,  soziale  180.
Reformprogramm  Le  Play’s  563.
Reformsyndikalismus  547.
Regelung  der  Banknotenemission  (bei
Ricardo)  189.
Regelung  der  Bevölkerung  nach  dem
Einkommen  213.
Regelung  des  Handels  33.
Regelung  der  Höhe  des  Profits  durch  die
Konkurrenz  624.
Regierung  siehe  auch  Staat.
Regierung  (bei  den  Anarchisten)  708.
Regierung  (hei  Bastiat)  467—469.
Regierung  (bei  Proudhon)  708.
Regierung,  allwissende,  (bei  den  Saint-Simonisten)
  192.
Regierung,  Aufgaben  der  (bei  Bastiat)
468.
Regierung,  Aufgabe  der  (bei  Saint-Simon)
234,  235,  236.
Regierung,  Aufgaben  der  (bei  A.  Smith)
468.
Regierung,  bürgerliche  89.
Regierung,  bankartige  (bei  den  Saint-Simonisten)
  247.
Regierung,  Einmischung  der  (bei  Louis
Blanc)  294,  295.
Regierung,  Einmischung  der,  in  die
Arbeitsbedingungen  510.
Regierung,  Form  der  (bei  den  Anarchisten) ­
  709.
        <pb n="833" />
        Sac-register.

811

Eegierung,  Hanptcharakter  der  (bei
Bastiat)  467.
Eegierung,  Kritik  der  (bei  Adam  Smith)
106,  107.
Eegierung,  Nichteinmischung  der  202.
Eegierung,  Nichteinmischung  der  (bei
Sismondi)  218.
Eegierung,  Pflicht  der  (bei  List)  324.
Eegierung,  politische,  Grenzen  der  492.
Eegierung,  Eolle  der  (bei  Chevalier)  471.
Eegierung.  negative  Eolle  der  (bei  Stuart
Mill)  506.
Eegierung,  positive  Eolle  (bei  A.  Wagner)
506.
Eegierung,  Schutz  der  (bei  Kropotkin)
709.
Eegierung,  Überflüßigmachen  der  (bei
Saint-Simon)  234.
Eegierung,  ünnötigwerden  der  349.
Eegierung,  Unterscheidung  zwischen
Gesellschaft  und  716.
Eegierung  als  Verwaltung  der  Sachen
235,  236.
Eegierung,  Verschwinden  der,  in  der
wirtschaftlichen  Organisation  237.
Eegierung,  wirtschaftliche,  Grenzen  der
492.
Eegierungsform,  parlamentarische  39.
Eegierungskoinmission  für  die  Arbeiter
342.
Eegierungskunst  197.
Eegierungsorgane,  Theorie  der  wachsenden
Entwicklung  der  504.
Eegierungssystem,  Auflösung  des,  in  der
Wirtschaftsordnung  350.
Eegierungstätigkeit,  Grenzen  der  467.
Eeglementierung  der  Banknotenausgabe
(bei  Eicardo)  187.
Eeglementierungssystem  109.
Eeiche  und  Arme  (bei  Sismondi)  199,  201,
211.
Eeichtum  (bei  Sismondi)  201.
Eeichtum,  Grundursache  des  82.
Eeichtum,  Konzentration  des  224.
Eeichtum,  Wachstum  an  146.
Eeichtum,  AVachstum  des  nationalen  70.
Eeichtum,  Wissenschaft  des  200.
Eeichtümer,  inmaterielle  (bei  J.-B.  Say)
394.
Eeichtümer,  materielle  (bei  J.-B.  Say)
394.
Eeihe,  arithmetische  138.

Eeihe,  geometrische  138.
Eeihenfolge  der  Wirtschaftsstufen,  geschichtliche ­
  305.
Eeinertrag  (bei  Euchanan)  160.
Eeinertrag  (bei  Karl  Marx)  517.
Eeinertrag,  (bei  den  Physiokraten)  13,  14,
19,  27,  29,  50,  158.
Eeinertrag  (bei  Sismondi)  214.
Eeinertrag,  (bei  A.  Smith)  71,  94.
Eeinertrag,  AVachstum  des  153.
Eelativismns  (bei  der  historischen  Schule)
444.
Eelativismus,  Prinzip  des  433.
Eelativität  der  wirtschaftspolitischen
Prinzipien  499.
Eelativität  der  wirtschaftlichen  Gesetze
(bei  Cliffe  Leslie)  441.
Eelativität  der  wirtschaftlichen  Gesetze
(bei  Knies)  446.
Eelativität  der  wirtschaftlichen  Gesetze
(bei  Walras)  448.
Eeligion  der  universalen  Vergesellschaftung ­
  264.
Eente  (bei  Clark)  635.
Eente  (bei  Hermann)  632.
Eente  (bei  Hume)  73,  168.
Eente  (bei  Malthus)  159.
Eente  (bei  Mangoldt)  624,  632.
Eente  (bei  Marshall)  634.
Eente  (bei  Karl  Menger)  633.
Eente  (bei  Stuart  Mill)  628,  629,  630,
631.
Eente  (bei  Pareto)  632,  634.
Eente  (bei  Eicardo)  19,  158  ff.
Eente  (bei  Bodbertus)  485,  486.
Eente  (bei  J.-B.  Say)  631,  632.
Eente  (bei  Schäffle)  633.
Eente  (bei  Nassau  Senior)  412,  624,  626.
Eente  (bei  A.  Smith)  71,  89,  159,  161.
Eente  (bei  den  Sozialisten)  525.
Eente  als  Differentialeinkommeu  (bei
Eicardo)  629.
Eente,  als  integrierender  Teil  des  Preises
(bei  A.  Smith)  73.
Eente  als  Mouopoleinkommen  (bei  Stuart
Mill)  630.
Eente  als  Monopolpreis  (bei  A.  Smith)  72.
Eente  als  normale  Holge  der  allgemeinen
AA r ertgesetze  632.
Eente  als  Seltenheitsprämie  632.
Eente  als  Sonderfall  der  Eente  fixer
Kapitalien  632.
        <pb n="834" />
        812

Sachregister.

Eente,  Begriff  der  (bei  Marshall)  622.
Eente,  Begriff  der  (hei  Nassau  Senior)
397.
Eenten,  dynamische  627.
Eente,  hohe  oder  niedrige  72.
Eente,  Gesetz  der  411.
Eente,  Gesetz  der  (bei  Bastiat)  379.
Eente,  Gesetz  der  (hei  Eicardo)  379.
Eente,  Konfiskation  der  (hei  James  Mül)
639.
Eente,  negative  (bei  Pareto)  634.
Eente,  negative  (bei  Thilnen)  634.
Eente,  ökonomische  660,  662.
Eente,  ökonomische,  staatliche  Aneignung
aller  Formen  der  660.
Eente,  Theorie  der  (bei  Bastiat)  620,  621.
Eente,  Theorie  der  (bei  K.  Menger)  623.
Eente,  Theorie  der  (bei  Malthus)  159.
Eente,  Theorie  der  (bei  Eicardo)  155,  168,
173,  383,  384.
Eente,  Theorie  der  (bei  A.  Smith)  90,  115.
Eente,  Theorie  der  (bei  Sydney  Webb)
661.
Eente,  Ursache  der  (bei  Eicardo)  161.
Eente,  Ursprung  der  (bei  Eicardo)  629.
Eente,  Zusammengesetze  628.
Eente  der  Bergwerke  622,  623.
Eente  der  Fischereien  623.
Eente  der  natürlichen  Fruchtbarkeit  382.
Eente  der  Salinen  622,  623.
Eente  der  Verbraucher  170,  599.
Eente,  Zins  als  661.
Eentenbriefe  663.
Eentenkategorie,  besondere  159.
Eentenkategorie,  die  von  der  Quantitätsbegrenzung ­
  bedingte  171.
Eentabilität  (bei  Eodbertus)  481,  482.
Eentabilität,  Gegensatz  zur  Produktivität
(bei  Eodbertus)  481.
Eentabilität  (in  einer  kollektivistischen
Gesellschaft)  482.
Eeorganisation,  korporative,  der  Gesellschaft ­
  566.
Eeorganisation  der  öffentlichen  Wohlfahrtsbehörde ­
  141.
Eeorganisierung  der  Zünfte  565.
Eeproduktion  72.
Eeproduktionsfähigkeit  138.
Eeproduktionsgesetz,  biologisches  139.
Eeserve-Armee,  industrielle  527.
Eevolution,  französische,  von  1789  117,226.
Eevolution  von  1848,  deutsche  699.

Eevolution  von  1848,  französische  337.
Eevolution,  französische,  bürgerlicher
Charakter  der  226.
Eevolution,  französische,  sozialistischer
Charakter  der  226.
Eevolution,  französische,  fiskalisches
System  der  50.
Eevolution,  industrielle  (bei  Arnold
Toynbee)  442.
Eevolution  (bei  Bakunin)  723,  724,  726.
Eevolution  (bei  Kropotkin)  723,  724,
725.
Eevolution  (bei  den  Marxisten)  638.
Eevolution  (bei  Proudhon)  350,  722.
Eevolution  (bei  Eodbertus)  493.
Eevolution  (bei  den  Saint-Simonisten)
254.
Eevolution  (bei  Sorel)  540,  541.
Eevolution,  Theorie  der  (bei  den  Anarchisten) ­
  722.
Eevolntionarismus,  rhetorischer,  der  deutschen ­
  Sozialdemokratie  547.
Eeziprozität  der  Achtung  336.
Eeziprozität  der  Dienste  336.
Eeziprozitätspolitik  35.
Eichtiger  Preis  51.
Eistorni  274.
Eohbaumwolle  125.
Eolle  des  Kapitals  (bei  Turgot)  54.
Kolle  des  Staates  (bei  Chevalier)  471.
Eolle  des  Staates  (bei  den  Physiokraten)
37.
Eosenkultur  164.
Eückerstattungen  274.
Eückfiuß  des  Geldes  186.
Eückgabe  der  Produktionsmittel  an  die
Arbeiter  531.
Eückkauf  der  Bergwerke  (bei  Walras)
655.
Eückkauf  des  Bodens  (bei  Gossen)  653.  •
Eückkauf  des  Bodens  (bei  Gide)  654.
Eückkauf  des  Bodens  (bei  Walras)  653.
Eückkauf  des  Bodens,  staatlicher  (bei
Vidal)  343.
Eückkauf  der  Eisenbahnen  (bei  Walras)
655.
Eückkauf  der  wirtschaftlichen  Monopole
(bei  Walras)  655.
Eückkehr  zum  Boden  (bei  Fourier)  283.
Eückkehr  zum  Boden  (bei  Tolstoi)  584.
Eückkehr  zum  patriarchalischen  Besitz
219.
        <pb n="835" />
        Sachregister.

813

S.
Sachgüter,  Eigentum  an  262.
Saint-Simonismus,  der,  als  Religion  239.
Salinen,  Differentialrente  der  622,  623.
Schaffung  einer  einheimischen  Industrie
323.
Schaffung  eines  günstigen  Milieus  (bei
Fourier)  278.
Schaffung  eines  neuen  Milieus  261.
Schaffung  eines  neuen  Milieus  (bei  Louis
Blanc)  292.
Schaffung  des  sozialen  Milieus  (bei
Labriola)  536.
Schaffung  des  sozialen  Milieus  (bei  Owen)
268.
Schätzungswert,  durchschnittlicher  (bei
Turgot)  63.
Schätzung  des  Nettoeinkommens  94.
Schätzung  des  Wertzuwachses  des  Bodens
640.
Schicksal,  soziales  248.
Schuld,  Anwachsen  der  öffentlichen  106.
Schuld,  Solidarität  als  677.
Schule  des  biologischen  Naturalismus  673.
Schule,  chrematistische  202.
Schule,  christlich-soziale,  Ursprünge  der
551.
Schulen,  christlich-soziale,  gemeinsame
Gharakterzüge  der  562.
Schule,  französische,  Finalismus  der  372.
Schule,  französische,  Lage  der  364,  365.
Schule,  französische,  Moralismus  der  372.
Schule,  freiheitliche  367.
Schule,  hedonistische  378.
Schule,  historische  429,  431.
Schule,  historische,  und  Le  Play  562.
Schule,  historisch-ethische  426.
Schule,  historische,  kritische  Arbeit  der
434.
Schule,  historische,  positive  Arbeit  der  434.
Schule,  historische,  Einfluß  der  441,  442.
Schule,  historische,  Entwicklung  der  434.
Schule,  historische,  positive  Ideen  der  455.
Schule,  historische,  Ursprung  der  434.
Schule,  individualistische  403,  404.
Schule,  junge  historische  438  ff.
Schule,  klassische  222,  405.
Schule,  klassische,  Spaltung  der  363.
Schule,  kritische,  Ursprünge  der  192.
Schule,  kooperative  276.

Schule,  liberale  405.
Schule,  marxistische  531  ff.
Schule,  marxistische,  allgemeine  Charakterzüge ­
  der  531.
Schule,  mathematische  155,  305,378,  601  ff.
Schule,  moderne  (bei  Blanqui)  223.
Schule,  die  neo-klassische  12.
Schule,  österreichische  55.
Schule,  optimistische  405.
Schule,  orthodoxe  366.
Schule,  phalansterische  287.
Schule,  psychologische  453,  592.
Schule  Le  Play’s  555.
Schule  der  Solidarität  (bei  Gide)  673.
Schule  der  sozialen  Wissenschaft  563.
Schulung,  revolutionäre,  des  Proletariats
(bei  Sorel)  549.
Schutz  des  Eigentums  (bei  Kropotkin)  709.
Schutz  der  Landwirtschaft  316.
Schutz  der  natürlichen  Ordnung  42.
Schutz  der  Personen  (bei  Kropotkin)  709.
Schutz  der  Regierung  (bei  Kropotkin)  709.
Schutzzoll  (bei  Bastiat)  372.
Schutzzoll  (bei  Carey)  817,  320.
Schutzzoll  (bei  Chaptal)  313).
Schutzzoll  (bei  List)  303.
Schutzzoll  (bei  A.  Smith)  109  bis  112.
Schutzzoll,  Dauer  des  (bei  List)  311.
Schutzzoll,  Ermäßigung  des  (bei  Ricardo)
185.
Schutzzoll  als  industrielle  Erziehung  309.
Schutzzoll,  landwirtschaftlicher  20.
Schutzzoll,  List’sche  Auffassung  vom  309,
317,  325.
Schutzzoll,  nationaler  192.
Schutzzoll  (bei  den  sozial-katholischen
Schulen)  570.
Schutzzoll  als  Übergangssystem  815.
Schutzzoll  als  Waffe  gegen  die  Konkurrenz
fremder  Industrien  313.
Schutzzölle  61.
Schutzzöllner,  moderne,  und  Friedrich
List  320,  321.
Schutzzöllnerische  Bewegung  in  Europa
315.
Schutzzollpolitik  372.
Schutzzollsystem,  das  Nutzlose  des  116.
Schutzzollsystem,  modernes,  Ursprung  des
315.
Schwankungen  der  Bodenrente  175,  176.
Schwankungen  im  Werte  der  Tauschbons
357.
        <pb n="836" />
        814

Sachregister.

Schwankungen  des  Zinsfußes,  periodische
386.
scientia  sinistra  132.
Selbsterhaltung,  Prinzip  der  403.
Selbsterhaltung,  Prinzip  der  (bei  A.  Smith)
99.
Selbstentstehung  der  wirtschaftlichen  Einrichtungen ­
  und  Punktionen  96.
Selbsthilfe  (bei  der  Confederation  Generale ­
  du  Travail)  727.
Selbsthilfe  (bei  Lassalle)  497.
Selbsthilfe  (im  Protestantismus)  572.
Selbsthilfe  (bei  den  Schülern  Le  Play’s)
564.
Selbsthilfe  (bei  den  Syndikalisten)  549.
Selbstinteresse  des  Einzelwesens  98.
Selbstinteresse  (bei  den  Historikern)  449.
Selbstinteresse  (bei  den  Klassikern)  449.  „
Selbstinteresse  (bei  A.  Smith)  97,  98.  v—
Selbstmord  der  Völker  149.
Selbständigkeit,  wirtschaftliche,  der  Nation
321.
Selbsttätiger  Aufbau  der  ökonomischen
Welt  79.
Selbstzerstörung,  Gesetz  der  540.
Selbstzerstörung  des  Kapitalismus  534.
Selbstzerstörung  der  kapitalistischen  Ordnung ­
  528.
Seltenheit  (bei  Walras)  592.
Seltenheit,  Abhängigkeit  des  Wertes  von
der  594.
Seltenheit  des  benutzbaren  Bodens  als  Bedingung ­
  der  Rente  161.
Seltenheit  des  benutzbaren  Bodens  als  Ursache ­
  der  Rente  161.
Seltenheitsprämie,  Rente  als  632.
Seltenheitswert  376,
Seltenheitswert  (bei  Galiani)  54.
Seltenheitswert  (bei  Stuart  Mill)  630.
Seltenheitswert  (bei  Nassau  Senior)  398.
Seltenheitswert  des  Bodenproduktes  171.
Sicherheit  des  Eigentümers  697,  698.
Sicherheit,  öffentliche  468.
Sicherheitsproduzent,  Staat  als  502,  697.
Sicherheitsventil  gegen  die  Überproduktion
130.
Sicherung  des  Eigentums  89.
Single  tax  System  51,  644.
Sinken  der  Bodenrente  175.
Sinken  des  Zinsfußes,  Gesetz  des  385.
Sinken  des  Zinsfußes  (bei  Sismondi)  218.
Sklaverei  25,  252.

Sklaverei  (hei  Le  Play)  559.
Small  holding  acts  423.
Smithianismus  501.
Socialisme  en  action  250.
Socialisme  unifie  538.
Societe  des  Egaux  227.
Sonntagsarbeit  220.
Sorge  um  den  wirtschaftlichen  Fortschritt
325.
Solidarites  578.
Solidarität  152,  667  ft.
Solidarität  (bei  Louis  Blanc)  293.
Solidarität  (hei  Carey)  391.
Solidarität  (bei  Pierre  Leroux)  296.
Solidarität  (bei  den  Mutualisten)  685.
Solidarität  (bei  den  Syndikalisten)  684.
Solidarität,  allgemeine  (bei  Proudhon)  330.
Solidarität,  doppelte  (bei  Dürkheim)  681.
Solidarität,  nationale  683,  684.
Solidarität,  natürliche  675.
Solidarität,  pathologische  669.
Solidarität,  soziale  669.
Solidarität,  wirtschaftliche  690.
Solidarität,  Arbeitsteilung  als  Form  der
668.
Solidarität,  Forderungen  sozialer  390.
Solidarität,  alte  Formen  der  695.
Solidarität,  neue  Formen  der  695.
Solidarität,  Gefahren  der  691.
Solidarität,  Gesetze  sozialer  683.
Solidarität,  Gesetz  der  (bei  Bastiat)  389.
Solidarität  zwischen  Kapital  und  Arbeit
181,  690.
Solidarität  in  der  Konkurrenz  690.
Solidarität  der  Interessen  385.
Solidarität,  Lehre  der  (im  sozialen  Protestantismus) ­
  578.
Solidarität  zwischen  Nationen  690.
Solidarität,  Prinzip  der  nationalen  wirtschaftlichen ­
  325.
Solidarität  als  Pflicht  675.
Solidarität  als  Prinzip  moralischer  Lebensführung ­
  694.
Solidarität  als  Schuld  676.
Solidarität  zwischen  Produzenten  und
Verbrauchern  690.
Solidarität,  Schule  der  673.
Solidarität  zwischen  Schuldnern,  Prinzip
der  585.
Solidarität  in  der  Tauschwirtschaft  696.
Solidarität  des  Ungeschicks  und  der  Unfähigkeit ­
  335.
        <pb n="837" />
        Sachregister.

815

Solidarität,  rückschrittliche  Wirkung  der
692.
Solidaritätsstreiks  685.
Solidaritätstatsache  675.
Solidarismus  587.
Solidarismus,  Genossenschaftswesen  als
Verwirklichung  des  685.
Solidarismus,  praktische  Folgen  des  688.
Solidarismus,  Herrschaft  des  697.
Solidaristen,  die  667  ff.
Solidaristen,  Grundlage  der  Lehre  der  671.
Souveränität,  Rechte  der  226.
Sozialdemokratie,  deutsche,  rhetorischer
Revolntionarismus  der  647.
Soziale  Physik  124.
Sozialisation  261.
Sozialisation  der  Bodenrente  durch  die
Grundsteuer  420.
Sozialisation  der  Produktionsmittel  531.
Sozialisation  der  Produktionsmittel  im
Grolibesitz  645.
Sozialisation  der  Produktionsmittel  in  der
Großindustrie  545.
Sozialismus  89,  157,  364,  401,  513,  653.
Sozialismus,  der  Name  266.
Sozialismus  (bei  Stuart  Mill)  418.
Sozialismus  (bei  den  Saint-Simouisten)  255.
Sozialismus  (bei  A.  Wagner)  494.
Sozialismus  der  Arbeiterklasse  537.
Sozialismus,  christlicher  421,  430,  564,
579.
Sozialismus,  fabischer  666.
Sozialismus,  französischer  514.
Sozialismus,  französischer,  und  Proudhon
331.
Sozialismus,  früherer  226.
Sozialismus,  juristischer  689.
Sozialismus,  katholischer  564.
Sozialismus,  kollektivistischer  430.
Sozialismus,  liberaler  417,  652.
Sozialismus,  praktischer  660,
Sozialismus,  protestantischer  572.
Sozialismus,  Saint-Simonistischer  228.
Sozialismus,  synthetischer  652.
Sozialismus,  theoretischer  361.
Sozialismus,  utopistischer  262.
Sozialismus,  wissenschaftlicher  532.
Sozialismus  als  Bewegung  547.
Sozialismus  als  Philosophie  des  Allgemeinwohles ­
  664.
Sozialismus,  Auferstehung  des,  in  Frankreich ­
  430.

Sozialismus,  Aussöhnung  zwischen  dem
Individualismus  und  dem  652.
Sozialismus,  Begriff  des  (bei  den  Fabiern)
660,  663.
Sozialismus,  proletarischer  Charakter  des
548.
Sozialismus,  Christianisierung  des  575.
Sozialismus,  Geschichte  des  261,
Sozialismus,  internationaler,  Grundsätze
des  579.
Sozialismus,  Kritik  des  333.
Sozialismus,  Kritik  der  wirtschaftlichen
Theorien  des  261.
Sozialismus,  Reaktion  gegen  den  551.
Sozialismus,  wirtschaftlicher,  Trennung
von  der  Politik  493,
Sozialismus,  Umformung  des  586.
Sozialismus,  kollektivistischer,  Ziel  des
530.
Sozialisten  88,  104,  195.
Sozialisten,  anarchistische  französische
362.
Sozialisten,  fabische  659  ff.
Sozialisten,  kollektivistische  deutsche  362.
Sozialisten,  Einfluß  Sismondi’s  auf  die  222,
224.
Sozialkapital,  beständiges  und  unveräußerliches ­
  291,'  292.
Sozialphänomene,  Gesetzmäßigkeit  der  51.
Sozialpolitik  201,  218.
Sozialpolitik,  Aufgabe  der  205.
Sozialpolitik,  Ergänzung  der  Nationalökonomie ­
  durch  die  225.
Soziologen,  organizistische  9.
Soziologie  135,  443,  447,  462.
Soziologie,  ökonomische  465.
Soziologie,  prähistorische  141.
Spaltung  der  klassischen  Schule  363.
Sparsamkeit  84,  124.
Sphäre  der  individuellen  Tätigkeit  (bei
Stuart  Mill)  606.
Sphäre  der  individuellen  Tätigkeit  (bei
A.  Wagner)  506.  .
Spezialisierung  68.
Spontaneität  der  wirtschaftlichen  Einrichtungen ­
  77.
Sport,  Arbeit  als  284.
Sprachwissenschaft  436.
Staat  (bei  den  Anarchisten)  707,  708,  709.
Staat  (bei  Bastiat)  467,  468,  501.
Staat  (bei  Berth)  728.
Staat  (bei  L.  Blanc)  293.
        <pb n="838" />
        816  Sachregister.

Staat  (bei  Chevalier)  471.
Staat  (bei  Dupont-White)  467,  468.
Staat  (bei  Molinari)  42.
Staat  (bei  Prondhon)  350.
Staat  (bei  den  Physiokraten  43.
Staat  (bei  Adolf  Wagner)  503.
Staat  (bei  Walras)  652.
Staat,  demokratischer  467.
Staat,  der  isolierte  166.
Staat,  konstitutioneller  467.
Staat,  aktive  Holle  des  (bei  List)  325.
Staat,  Abschaffung  des  (bei  den  revolutionären ­
  Syndikalisten)  728.
Staat,  Allmacht  des  (bei  Eodbertus)  491.
Staat,  Aufgabe  des  (bei  Fichte)  498.
Staat,  Aufgabe  des  (bei  Prince  Smith)  502.
Staat,  Aufgabe  des  (bei  Walras)  652.
Staat,  Definition  des  (bei  Carlylel  581.
Staat,  Definition  des  (bei  Hegel)  498.
Staat,  Eigenschaften  des  (bei  Walras)  467,
468.
Staat,  Einmischung  des  (bei  Chevalier)  471.
Staat,  Einmischung  des  (bei  Cournot)  472,
473.
Staat,  Einmischung  des  (bei  Kingsley)  576.
Staat,  Einmischung  des  (bei  Lassalle)  494.
Staat,  Einmischung  des  (bei  der  liberalen
Schule)  366.
Staat,  Einmischung  des  (bei  Stuart  Mill)
471.
Staat,  Einmischung  des  (bei  Le  Play)  555,
556.
Staat,  Einmischung  des  (bei  den  sozialkatholischen ­
  Schulen)  570.
Staat,  Einmischung  des  (bei  Stöcker)  577.
Staat,  Funktion  des  (bei  den  Physiokraten)
41,  52.
Staat,  Fürsorge  des  (bei  A.  Smith)  106.
Staat,  Initiative  des  (bei  Michel  Chevalier)
255.
Staat,  Nichteinmischung  des  (bei  Adam
Smith)  68,  105,  108.
Staat,  Holle  des  (bei  Dupont  White)  503,
504.
Staat,  Holle  des  (bei  den  Fabiern)  665.
Staat,  Holle  des  (bei  den  Physiokraten)  37.
Staat,  Holle  des  (bei  Eodbertus)  492.
Staat,  Holle  des  (bei  Walras)  473.
Staat,  Verwaltung  durch  den  (bei  A.  Smith)
107,
Staat  als  Kollektivwesen  510.
Staat  als  Nachwäohter  497.

Staat  als  Sicherheitsproduzent  602,  697.
Staat,  Abdankung  des  223.
Staat,  bürgerliche  Auffassung  vom  497.
Staat,  Lassalle’sche  Auffassung  vom  497.
Staat,  Begriff  des  (im  sozialen  Katholizismus) ­
  571.
Staat,  Bereich  und  Aufgaben  des  (bei
A.  Wagner)  501.
Staat,  Ersatz  der  Individuen  durch  den
468.
Staat,  Keimfall  des  Bodens  an  den  649.
Staat,  wirtschaftliche  Kritik  des  (bei  den
Anarchisten)  697.
Staat,  Leitung  der  sozialen  Produktion
durch  den  698.
Staat,  alleinige  Leitung  durch  den  493.
Staat,  Machtbereich  des  506.
Staat,  Mißtrauen  gegen  den  467.
Staat,  Hechte  des  468.
Staat,  administrative  Unfähigkeit  des  698.
Staat,  wirtschaftliche  Unfähigkeit  des  698.
Staat,  Verfassung  des  349.
Staat,  Zweck  des  (bei  Lassalle)  497.
Staaten,  große  moderne  525.
Staatsausgaben  70.
Staatsbank,  Monopol  der  189.
Staatsbeamten  106.
Staatsschulden,  Entstehung  der  525.
Staatsdomäne,  Verteilung  der  107.
Staatshilfe  497.
Staatskommuuisten  525.
Staatskörper  99.
Staatsoberhaupt  105.
Staatsprüfungen  108.
Staatssozialismus  106,  223,  444,  466  ff.,
553.
Staatssozialismus  (bei  den  Fabiern)  660,
666.
Staatssozialismus,  eigentlicher  499.
Staatssozialismus,  geplanter,  von  1848
343.
Staatssozialismus,  gesetzgeberischer  510.
Staatssozialismus,  Aufgabe  des  503.
Staatssozialismus,  Gegensatz  zum  Kollektivismus ­
  508.
Staatssozialismus,  Grund  des  Erfolges  des
291.
Staatssozialismus,  Gerechtigkeitsideal  des
474.
Staatssozialismus,  Hauptcharakter  des  508.
Staatssozialismus,  Kritik  des  (bei  Eodbertus) ­
  478.
        <pb n="839" />
        Sachregister.

817

Staatssozialismus,  sozialistische  Ursprünge
des  473.  '
Staatssozialismus,  Vorläufer  des  294.
Staatssozialismus,  sozialistische  Vorläufer
des  474.
Staatssozialismus,  Ziele  des  501.
Staatssozialisten,  deutsche  210.
Stadt-Wirtschaftsperiode  305.
Stand,  fünfter  (bei  Leroy-Beaulieu)  546.
Standard  of  life  179.
Standard  of  life,  Erhöhung  des  411.
Standorte,  verschiedene  Werte  der  623.
Stationärer  Zustand  183.
Stationärer  Zustand  (bei  Stuart  Mill)  424.
Stationärer  Zustand  (bei  Kicardo)  182.
Statische  Auffassung  des  Volkswohlstandes
325.
Statistik  123,  437.
Statistik,  Auslegungsmethode  der  466.
Statistik,  Beobachtungsmethode  der  466.
Statistik,  Geschichte  der  466.
Stauung  auf  den  Märkten,  allgemeine  129.
Stecknadelfabrikatiou  66.
Steigen  der  städtischen  Bodenpreise  621.
Steigen  der  tauschbaren  Werte  102.
Steigerung  der  Nachfrage  161.
Steigerung  der  Sterblichkeit  142.
Sterblichkeit,  große  141.
Sterblichkeit,  Steigerung  der  142.
Sterilität  des  Tausches  30.
Steuer,  einzige  (bei  Henry  George)  51.
Steuer,  einzige  (bei  den  Physiokraten)  43  ff.
Steuer,  einzige  (bei  A.  Smith)  70.
Steuer  als  Tilgung  der  sozialen  Schuld
678.
Steuer  auf  Grundbesitz  (bei  Eicardo)  174.
Steuer  auf  Malz  117.
Steuer  auf  Wohnhäuser  117.
Steuern  (bei  ßaudeau)  43,  44.
Steuern  (bei  A.  Smith)  60,  70.
Steuern,  direkte  (bei  den  Physiokraten)
52.
Stenern,  indirekte  (bei  den  Physiokraten)
51.
Steuern  (bei  den  Solidaristen)  678.
Stenern,  Abschaffung  der  (bei  Walras)
616.
Stenern,  gesetzliche  Verpflichtung  der  390.
Steuerpolitik  436.
Steuertheorie  der  Physiokraten  43.
Steuertheorie  Adam  Smith’s  70,  77.
Steuerverweigerung  43.

Stillstand  der  Bodenrente  175.
Stipendienempfänger  18.
Strafgelder,  Abschaffung  der  267.
Strafgesetzbuch  144.
Strafgesetzbuch  des  franz.  Kaiserreiches
193.
Streben  der  Wesen  nach  Autonomie  692.
Streiks  387.
Streikrecht  (bei  Mac  Culloch)  190.
Stufen  der  menschlichen  Industrie  176.
Subjektiver  Wert  85.
Subjektivität  des  Wertes  63.
Subsidienzahlung  187.
Substitution,  Gesetz  der  376,  597,  600.
Sweating-Systera  573.
Syndikat,  gemischtes  567.
Syndikalismus,  kämpfender  647.
Syndikalismus,  neomarxistischer  511.
Syndicaliste,  parti  538.
Syndikalisten,  Solidarität  bei  den  684.
Syndikalisten,  revolutionäre,  Ziel  der  547,
549.
Sympathie  (bei  den  Saint-Simonisten)  254.
Sympathie  (bei  A.  Smith)  98.
Synthetismus  652.
System  der  Arbeitbons  Owen’s  355.
System  des  guten  Arbeitgebers  559.
System  der  Ausrottung  289.
System  sozialer  Buchungen  Solvay’s  358.
System  des  gesellschaftlichen  Eigentums
525.
System  der  natürlichen  Freiheit  105,114.
System  staatlicher  Leitung  479.
System,  merkantilistisches  105,  112.
Systeme  der  Nationalisierung  des  Bodens
648  ff.
System  der  Saint-Simouisten  249.
System  von  Schecks  (bei  Solvay)  858.
System  der  einzigen  Stuere  (bei  Henry
George)  51.
System  der  einzigen  Steuer  (bei  den
Physiokraten)  43  ff.
System  der  kollektiven  Unternehmung  526.
System  der  Vollgenossenschaft  (bei
Fourier)  282.
T.
Tableau  eeonomique  20,  63,  183.
Tätigkeit,  individuelle  (bei  Stuart  Mill)  506.
Tätigkeit,  individuelle  (bei  A.  Wagner)
506.

Gide  und  Rist,  Gesch.  d.  Volkswirtschaft!.  Lehrmeinungen.

52
        <pb n="840" />
        818

Sachregister.

Tätigkeit  des  Menschen,  wirtschaftliche
457.
Tatsachenverachtung  124.
Tausch,  der  (bei  den  Physiokraten)  30.
Tausch,  Begriff  lies,  in  der  mathematischen ­
  Schule  601,  602,  603.
Tausch,  Herrschaft  des  697.
Tausch,  Neigung  zum  79.
Tausch,  Reform  des  (bei  Proudhon)  337.
Tausch,  Rolle  des  Grenznutzens  beim  595,
596.
Tausch,  Sterilität  des  30.
Tauschbank  Proudhon’s  273,  327,  346  ff.
Tauschbeziehung  603.
Tauschbons  348,  351.
Tauschbons,  Schwankungen  im  Werte
der  357.
Tauschfuß  der  Waren  85.
Tauschgesetze  245.
Tausehmittel,  Geld  als  353.
Tauschproblem,  Grenznutzen  als  Lösung
des  598.
Tauschsystem  Proudhon’s  192.
Tauschtrieb  80.
Tauschverhältnis,  Wert  als  603.
Tauschwert  (bei  List)  303,  304,  307.
Tauschwert  (bei  A.  Smith)  85.
Tauschwert  gleicher  Produkte  167.
Tauschwert,  Regulierung  des  420.
Tauschwerte,  Summe  der  303.
Tauschwirtschaft,  Solidarität  in  der  696.
Teilhaberschaft  (bei  Fourier)  281.
Teilung  des  arbeitslosen  Einkommens
(bei  Rodbertus)  485.
Teilung  der  Gesellschaft  in  Klassen  211.
Tendenz,  sinkende,  des  Profits  (bei  Ricardo). ­
  181.
Tendenzen,  wirtschaftliche  448.
Testierungsfreiheit  (bei  Dunoyer)  393.
Testierungsfreiheit  (bei  Le  Play)  558.
Teuerung  175.
Textilindustrie  125.
Theodicee  Fourier’s  285.
Theorie,  merkantilistische  93.
Theorie,  ökonomische,  relativer  Wert  der
445.
Theorie  der  Absatzwege  (von  J.-B.  Say)
128,  129.
Theorie  der  Anpassung  des  Angebotes
an  die  Nachfrage  (bei  A.  Smith)  83.
Theorie  des  Antagonismus  zwischen  Profit
und  Lohn  (bei  Marx)  532.

Theorie  des  Antagonismus  zwischen  Profit
und  Lohn  (bei  Ricardo)  532.,
Theorie  der  unbezahlten  Arbeit  (bei
Thompson)  275.
Theorie  des  Arbeitswertes  (bei  Marx)  515,
533,  541.
Theorie  des  Arbeitswertes  (bei  Ricardo)
157.
Theorie  des  Arbeitswertes  (bei  Rodbertus)
484,  486.
Theorie  des  Arbeitswertes  (bei  A.  Smith)
87.
Theorie  der  Assoziation  466.
Theorie  der  Ausbeutung  des  Arbeiters
(bei  den  Anarchisten)  697.
Theorie  des  Austausches  (bei  J.-B.  Say)
127.
Theorien  über  die  Banken  (bei  Ricardo)
184.
Theorie  der  Bevölkerung  (bei  Carey)  391,
392.
Theorie  der  Bevölkerung  (bei  Fourier)  154.
Theorie  der  Bevölkerung  (bei  Malthus)
151.
Theorie  der  Bevölkerung  (bei  Mirabeau)
136.
Theorie  der  Bevölkerung  (bei  A.  Smith)
85,  92,  93.
Theorie  der  Bodenrente  586,  620  ff.
Theorie  des  Despotismus  39.
Theorie  des  guten  Despoten  263.
Theorie  des  Dienstwertes  374,  376.
Theorie  des  auf  den  Bedürfnissen  beruhenden ­
  Eigentums  (bei  Brissot)  329.
Theorie  der  wirtschaftlichen  Entwicklung
439.
Theorie  der  wachsenden  Entwicklung  der
Eegieruugsorgane  501.
Theorie  des  wirtschaftlichen  Fortschritts,
pessimistische  (bei  Sismondi)  217.
Theorie  der  Gesellschaft,  organische  und
biologische  (von  Schäffle)  501.
Theorie  der  drei  Gesellsohaftsstufen  von
Auguste  Comte  251.
Theorie  des  Gleichgewichts  (bei  Sismondi)
203.,
Theorie  vom  wirtschaftlichen  Gleichgewicht ­
  90,  541.
Theorie  des  wirtschaftlichen  Gleichgewichts ­
  (bei  Marx)  533.
Theorie  des  Gleichgewichts,  Kritik  der
(bei  Quesnay)  39.
        <pb n="841" />
        Sachregister.

819

Theorie  des  Grenznutzens  370,  541,  592  ff.
Theorie  des  Grenznntzens  (bei  den  englischen ­
  Sozialisten)  663.
Theorie  der  „non  competing  groups“
427.
Theorie  der  Grundrente  (bei  Webb)  661.
Theorie  über  den  internationalen  Handel
(bei  Ricardo)  184.
Theorie  vom  internationalen  Handel  (bei
A.  Smith)  105,  110,  115.
Theorie  über  das  Kapital  (bei  A.  Smith)
81,  115.
Theorie  der  Krisen  (bei  J.-B.  Say)  128,
129.
Theorie  der  Krisen  (bei  Sismondi)  488.
Theorie  des  notwendigen  Lohnes  (bei
Ricardo)  496.
Theorie  des  Lohnfonds  (bei  Walker)  625.
Theorie  der  Mehrarbeit  (bei  Marx)  542.
Theorie  des  Mehrwertes  (bei  Marx)  157,
209,  257,  542  ff.
Theorie  des  Mehrwertes  (bei  Thompson)
275.
Theorie  des  Mutualismus  337,
Theorie  des  Monopolpreises  92.
Theorie  des  Organizismns  670.
Theorie  der  Produktion  (bei  J.-B.  Say)
127.
Theorie  der  drei  Produktionsfaktoren  64.
Theorie  der  Produktionskosten  (in  der
mathematischen  Schule)  619.
Theorie  des  Produktionskostenwertes  Ricardo’s
  168.
Theorie  des  Profits  (bei  Enfantin)  244.
Theorie  des  Profiits  (bei  Stuart  Mill)  628.
Theorie  des  Rechtsmilibrauches  688.
Theorie  des  automatischen  Regulierens
der  Handelsbilanz  187.
Theorie  der  Rente  (bei  Bastiat)  620,  621.
Theorie  der  Rente  (bei  Carey)  382,  383,
884.
Theorie  der  Rente  (bei  Malthus)  159.
Theorie  der  Rente  (bei  K.  Menger)  633.
Theorie  der  Rente  (bei  Pareto)  632,  634.
Theorie  der  Rente  (bei  Ricardo)  168.
Theorie  der  Rente  (bei  Nassau  Senior)
412,  424,  426.
Theorie  der  Rente  als  Rechtfertigung  des
Kollektivismus  668,  662.
Theorie  der  Revolution  (bei  den  Anarchisten) ­
  722.
Theorie  der  drei  Stände  251.

Theorie  der  Tauschbank  345.
Theorie  der  Überbevölkerung  (bei  Sismondi) ­
  213.
Theorie  der  Verteilung  (bei  den  Anarchisten) ­
  722.
Theorie  der  Verteilung  (bei  Bastiat)  486,
488.
Theorie  der  Verteilung  (bei  Carey)  486.
Theorie  der  Verteilung  (bei  Clark)  599,
635.
Theorie  der  Verteilung  (bei  H.  George)
643.
Theorie  der  Verteilung  (bei  Leroy-Beaulieu)
  387.
Theorie  der  Verteilung  (bei  Lexis)  512.
Theorie  der  Verteilung  (bei  den  Physiokraten)
  30.
Theorie  der  Verteilung  (bei  Ricardo)  128,
258.
Theorie  der  Verteilung  (bei  Rodbertus)
482,  485.
Theorie  der  Verteilung  (bei  den  Saint-Simonisten)
  258.
Theorie  der  Verteilung  (bei  J.-B.  Say)
104,  127,  128,  258.
Theorie  der  Verteilung  (bei  Sismondi)  201.
Theorie  der  Verteilung  (bei  A.  Smith)
127,  128,  258.
Theorie  der  Verteilung  (bei  den  Sozialisten) ­
  258.
Theorie  der  Verteilung  (bei  Sydney  Webb)
662.
Theorie  der  proportionalen  Verteilung
der  Produkte  unter  die  sozialen  Klassen
488.
Theorie  des  Wertes  siehe  Werttheorie.
Theorie  der  Wirtschaftslehre  126.
Theorie  der  Wohlfahrt  201.
Theorie  des  Wuchers  551.
Theorie  des  Zeitwertes  533.
These  von  der  Endkatastrophe  (bei  den
Syndikalisten)  550.
Thesen  Malthus’  über  die  Wohltätigkeit
151.
Tier-  und  Pflanzenwelt  141.
Time  preference  (bei  Irving  Fisher)  615.
Trade-Unionism  547.
Trade-Unions  410,  411,
Trade-Unions  (bei  den  Christian-Socialists)
  574.
Transitabgabe  330.
Transport,  Arbeit  des  166,

52*
        <pb n="842" />
        820

Sachregister.

Transporthandel  101.
Transportmittel  (hei  List)  314.
Transportmittel,  Entwicklung  der  175.
Trennung  zwischen  Eigentum  und  Arbeit
211,  213.
Trennung  von  Eigentum  und  Arbeit,
Folgen  der  216.
Trennung  der  Funktionen  des  Unternehmers ­
  und  des  Kapitalisten  625.
Trennung  der  Politik  von  dem  wirtschaftlichen ­
  Sozialismus  493.
Trieb  zum  Sparen  83.
Trockenknltur  384.
Trusts  203,  526,  527.
Trusts,  sozialistische  Bedeutung  der  527.
Trusts,  Herrschaft  der  366.
Tuberkulose  142.
u.
Übereinstimmung  der  Bodenwerte  mit  dem
öffentlichen  Nutzen  159.
Übereinstimmung  der  Interessen  132.
Übereinstimmung  des  allgemeinen  und
des  Privatinteresses  (bei  den  Anarchisten) ­
  718.
Übereinstimmung  des  allgemeinen  und
des  Privatinteresses  (bei  Proudhon)
718,  719.
Übereinstimmung  des  persönlichen  und
des  Allgemeininteresses  (bei  Sismondi)
210.
Übereinstimmung  des  Privat-  mit  dem
Allgemein-Nutzen  (bei  A.  Smith)  101.
Überfluß  an  Geld  186.
Überfluß  an  Kapitalien  417.
Überfliissigmachen  der  Regierung  234.
Übergangsperiode,  Leiden  der  205.
Überhandnehmen  der  großkapitalistischen
Industrie  212.
Überhandnehmen  des  konstanten  Kapitals
in  der  Großindustrie  522,
Überproduktion  (bei  G.  Garnier)  129.
Überproduktion  (bei  Marx)  527.
Überproduktion  (bei  J.-B.  Say)  130.
Überproduktion,  allgemeine  (bei  Sismondi)
199.
Überproduktion,  allgemeine,  Möglichkeit
einer  215.
Überproduktion,  Krisen  der  (bei  Marx)  528.
Überproduktion,  Krisen  der  (bei  Owen)
270.

Überproduktion,  Krisen  der  (bei  J.-B.  Say)
129.
Überproduktion,  Kritik  der  (bei  Sismondi)
202.
Überproduktion,  Sicherheitsventil  gegen
die  130.
Überschuß  des  Einfuhrwertes  über  den
Ausfuhrwert  412.
Übertragung  des  Eigentums,  gesetzliche
420.
Übertragung  der  darwinistischeu  Theorie
ins  Christliche  563.
Übertreibung  der  Rechte  des  Individuums
(bei  den  Anarchisten)  706.
Übervölkerung  (bei  Malthus)  135,  141,
145,  150.
Übervölkerung  (bei  Sismondi)  206.
Übervölkerung,  Ursache  der  Unmoralität
145.
Übervölkerung,  Theorie  der  (bei  Sismondi)
213.
Überwert  (bei  Sismondi)  209.
Umbuchungen  (bei  Solvay)  358.
Umformung  der  sozialen  Bedingungen
533.
Umformung  des  Großgrundbesitzes  (bei
den  Christian-Socialists)  575.
Umformung  des  Grundeigentums  (bei
Saint-Simon)  237.
Umformung  der  Materie  122.
Umformung  des  Organismus  268.
Umformung  des  Privateigentums  in  Kollektiveigentum ­
  (bei  den  Fabiern)  660.
Umformung  der  Produktionsbedingungen
533.
Umformung'  der  Produktionsmittel  533.
Umlauf  95.
Umlauf,  großes  Rad  des  94.
Umlauf,  Reform  des  (bei  Proudhon)  328.
Umlaufbons  348.
Umlaufsmittel,  Geld  als  (bei  Proudhon)
348.
Umsturz  der  Gesellschaft  195.
Umwälzung,  industrielle  74,  125.
Umwälzung  der  Güterverteilung  328.
Umwälzung  der  Produktion  328.
Umwandlung  des  Eigentums  (bei  Saint-Simon)
  238.
Umwandlung  der  Industrie  432.
Umwandlung  des  Bauern  zum  Tagelöhner ­
  214.
        <pb n="843" />
        Sachregister.

821

Umwandlung  der  Lohnarbeit  in  Teilhaberschaft ­
  281.
Umwandlungen  des  Großgrundbesitzes
649.
Unabhängigkeit  (bei  Proudhon)  335.
Unabhängigkeit  der  Nation  (bei  List)
322.
Unabhängigkeitskrieg  (d.  engl.  Kolonien
N.-Amerikas)  116.
Unearned  increment  646,  647.
Unfähigkeit  des  Staates,  administrative
698.
Unfähigkeit  des  Staates,  wirtschaftliche
698.
Ungleichheit  am  Ausgangspunkte  359.
Ungleichheit  der  sozialen  Lage  104.
Ungleichheit  der  Vermögen  224.
Unions  de  la  paix  soziale  559,  563.
Unmöglichkeit  der  Abdankung  des  Staates
223.
Universalismus  100.
Universalismus  der  klassischen  Nationalökonomie ­
  444.
Universalmenschen  248.
Unnötigwerden  der  Regierung  (bei  Proudhon) ­
  349.
Unordnung  der  Produktion,  Ursache  der
(bei  den  Saint-Simonisten)  246.
Unproduktivität  des  Handels  (beiDunoyer)
394.
Unproduktivität  des  Handels  (bei  den
Physiokraten)  31  ff.
Unrechtmäßigkeit  des  arbeitslosen  Einkommens ­
  245.
Unterbau  der  Gesellschaft  535.
Unterdrückung  der  Besitzlosen  durch  die
Besitzenden  (bei  den  Anarchisten)  709.
Unterdrückung  der  Besitzlosen  durch  die
Besitzenden  (bei  A.  Smith)  89,  709.
Untergang  des  bürgerlichen  Eigentums
530.
Unterhaus  163.
tlnterkonsum  (bei  Sismondi)  216.
Unterkonsumtion,  Krisen  der  (bei  Marx)
528.
Unterkonsumtion,  Krisen  der  (bei  Owen)
270.
Unternehmen,  Produktivität  der  625.
Unternehmer  (bei  den  Physiokraten)  49.
Unternehmer  (bei  J.-B.  Say)  73,  126,  131.
Unternehmer,  Assoziation  mit  dem  Arbeiter
421.

Unternehmer,  Einkommen  des  (bei  Marx)
245.
Unternehmer,  Funktion  des  (bei  Walker)
625,  626.
Unternehmer,  Gewinn  des  (bei  Louis  Blanc)
293.
Unternehmer,  industrieller  73,  127.
Unternehmer,  Profit  des  (bei  den  Saint-Simonisten)
  244.
Unternehmer,  Profit  als  besondere  Entlohnung ­
  des  626.
Unternehmer  und  Kapitalist,  Trennung
der  Funktionen  von  625.
Unternehmerfunktion,  Zerfall  der  529.
Unternehmergewinn  73.
Unternehmertum,  Abschaffung  des  (bei
den  Syndikalisten)  571.
Unternehmung,  kollektive,  System  der
525.
Unternehmungen,  staatliche  (bei  A.  Wagner) ­
  507.
Unternehmungen  höherer  organischer  Zusammensetzung ­
  523.
Unternehmungen  niederer  organischer  Zusammensetzung ­
  523.
Unternehmungen,  Ausdehnung  industrieller ­
  420.
Unternehmungen,  Begrenzung  des  Wachstums ­
  der  610.
Unternehmungen,  zentralisierte,  Einfluß
der  255.
Unternehmungen,  industrielle,  Einkommensunterschiede ­
  zwischen  den  626.
Unternehmungen,  industrielle,  Gründung
von  306.
Unternehmungen,  Verschwinden  der
kleinen  (bei  Sismondi)  212.
ünternehmungsformen,  Organisation  neuer
(bei  Thompson)  275.
Unterordnung  des  Privatinteresses  unter
das  Allgemeininteresse  387.
Unterordnung  des  Produzenten  unter  den
Verbraucher  387.
Unterricht  (bei  Malthus)  152.
Unterricht  (bei  den  Physiokraten)  42.
Unterricht  (bei  Euskin)  583.
Unterricht  (bei  A.  Smith)  68,  108,
Unterricht,  freier  (bei  denSolidaristen)  680.
Unterricht,  gesetzliche  Verpflichtung  des
380.
Unterricht,  unentgeltlicher  (bei  Bastiat)
390.
        <pb n="844" />
        822

Sachregister.

Unterricht,  Recht  auf  (hei  den  Solidaristen)
680.
Unterscheidung  zwischen  Bruttoertrag
und  Nettoertrag  (bei  Sismondi)  214.
Unterscheidung  zwischen  dem  jährlichen
Einkommen  und  der  jährlichen  Produktion ­
  (bei  Sismondi)  199.
Unterscheidung  zwischen  dem  festangelegten ­
  und  dem  umlaufenden  Kapital
81.
Unterschied  zwischen  der  landwirtschaftlichen ­
  und  der  industriellen  Produktion
412.
Unterstellungen  der  marxistischen  Werttheorie ­
  533.
Unterstützung,  Recht  auf  341.
Unterstützung,  gesetzliche  Verpflichtung
der  390.
Uuterstütznngsgesellschaften  auf  Gegenseitigkeit ­
  263.
Unterstützungsgesetze  683.
Unterstützungsgesetze,  englische  221.
Untersttitzungsrecht,  gesetzliches  152.
Untersuchungen,  beschreibende  und  historische ­
  197.
Unvermeidlichkeit  der  Ausbeutung  515.
Urbarmachung  des  Bodens  25.
Urbarmachung  von  geringwertigerem
Boden  160.
Urbesitzer,  die  Rente  für  den  159.
Urheber  .der  Arbeitsgesetzgebung  76.
Urrecht  der  Gemeinschaft  am  Boden  636,
637.
Ursache  der  Kapital  Vermehrung  82.
Ursache  der  Unordnung  der  Produktion
246.
Ursache  der  relativen  Werte  168.
Ursprung  des  Kollektivismus  225.
Utilitarier,  radikale  666.
Utilitarismus  400.
Utilitarismus  (bei  den  Solidaristen)  694.
Utopien,  kommunistische  227.
V.
Valeur  appreciative  53.
Valeur  estimative  53.
Valeur-travail  53.
Value  in  exehange  85.
Valne  in  use  85.
Vater  der  Nationalökonomie  87.

Vaterschaft,  Forschen  nach  der  (bei  Malthus)
  153.
Vendetta,  Solidarität  in  der  668.
Verallgemeinerung  des  Eigentums  331.
Verallgemeinerung  des  Lohnsystems  530.
Verallgemeinerung  des  Wechsels  350.
Veränderungen,  wirtschaftliche  218.
Veränderung  der  wirtschaftlichen  Lage
316.
Verantwortlichkeit  des  Arbeitgebers  689.
Verantwortlichkeit  (bei  Owen)  269.
Verantwortlichkeit  (bei  den  Solidaristen)
693.
Verantwortlichkeit,  individuelle,  Prinzip
der  390.
Verband,  gemischter  667.
Verbilligung  der  Gegenstände  131.
Verbilligung  der  Produkte  durch  die
Maschinen  206,
Verbindung  der  politischen  Freiheit  mit
der  wirtschaftlichen  Freiheit  368.
Verbindungswege,  Eröffnung  neuer  525.
Verbot  der  Ehe  408.
Verbot  der  Goldausfuhr  188.
Verbrauch,  Grenznutzen  im  Bereich  des
598.
Verbrauch,  Anpassung  der  Produktion  an
den  256.
Verbraucher  84.
Verbraucher,  Organisation  der  389.
Verbraucher,  Rente  der  170,  599.
Verbraucher,  Solidarität  zwischen  Produzenten ­
  und  690.
Verbraucher,  Unterordnung  des  Produzenten ­
  unter  den  387.
Verbrauchsgenossenschaft,  die  Phalange
,  als  280.
Verbrauchskooperation  355.
Verbrauchssteuern  51.
Verbrüderung  der  Menschen,  allgemeine
304.
Verbrüderung  der  Völker  129.
Vereinfachung  114.
Vereinigung  der  Egoisten  701.
Vereinigung  der  Kapitalien,  Prinzip  der
212.
Vereinigung  der  Kräfte,  Prinzip  der  212.
Verfahren,  statistisches  455.
Verfälschung  der  Lebensmittel  366.
Verfassung,  natürliche  99.
Verfassung,  politische,  der  englischen
Kolonien  308.
        <pb n="845" />
        Sachregister.

82B

Verfassung,  wirtschaftliche  123.
Verfassung,  wirtschaftliche,  Formen  der
306.
Verfassung  des  Eigentums  350.
Verfassung  des  Staates  349.
Verflüchtigung  des  individuellen  Eigentums ­
  529.
Verfügungsrecht  des  Besitzers  424.
Vergangenheit,  wirtschaftliche  466.
Vergeltungsmaßregeln  114.
Vergeltungszölle  114.
Vergesellschaftung  der  Arbeitsmittel  (bei
den  Saint-Simonisten)  250.
Vergesellschaftung  spezialisierter  Arbeiter
294.
Vergesellschaftung,  Religion  der  universellen ­
  254.
Vergesellschaftung  der  Produktionsmittel
531.
Vergesellschaftung,  Stufen  der  253.
Vergrößerung  der  industriellen  Produktion ­
  70.
Verhältnis  zwischen  Angebot  und  Nachfrage ­
  (bei  A.  Smith)  86.
Verhältnis  zwischen  Lohn  und  Profit  (bei
Ricardo)  181.
Verhältnisse,  Gesetz  der  bestimmten  609.
Verhältnisse  der  bürgerlichen  Produktion
534.
Verherrlichung  der  Gewerkschaft  (bei  den
Syndikalisten)  548.
Verherrlichung  der  Handarbeit  (bei  K.
Marx)  548.
Verherrlichung  der  Rolle  der  Industrie
(bei  Saint-Simon)  231.
Verhinderung  der  Erfindungen  (bei  Sismondi)
  130.
Verkäufer,  Konkurrenz  der  91.
Verkaufslager  274.
Verkehrsfortschritt  188.
Verkehrswirtschaft,  Probleme  der  modernen ­
  454.
Verkürzung  der  Arbeitszeit  (bei  Sismondi)
  206,  220.
Verkürzung  der  Arbeitszeit  (bei  den  Solidaristen)
  680.
Verlangsamung  der  Ausfuhr  186.
Verlangsamung  des  Fortschrittes  (bei
Sismondi)  130.
Vermehrung  der  Aktiengesellschaften  529.
Vermehrung  der  Arbeiter  (bei  A.  Smith)
93.

Vermehrung  der  Arbeiterklasse  178.
Vermehrung  des  bäuerlichen  Besitzes
219.
Vermehrung  des  Eigentums  530.
Vermehrung  der  Lebewesen  147.
Vermehrung  der  Maschinen  203.
Vermehrung  der  kleinen  Vermögen  544.
Vermehrung  der  mittleren  Vermögen  544.
Vermehrungsreihen  138,
Vermeidung  des  Zwischenhandels  274.
Verminderung  des  Arbeitsanteils  489.
Verminderung  der  Arbeiterklasse  178.
Verminderung  des  Banknoteubetrages
188.
Vermögen  93.
Vermögen,  Konzentration  der  216.
Vermögen,  Ungleichheit  der  224.
Vermögen,  kleine,  Vermehrung  der  544.
Vermögen,  mittlere,  Vermehrung  der  544.
Vernichtung  des  primitiven  Eigentums
626.
Vernichtung  von  Kapitalien  426.
Vernichtung  des  Prinzips  der  Autorität
709.
Vernunft,  Herrschaft  der  (bei  Proudhon)
712.
Vernunft,  Rolle  der  137.
Verordnungswesen  74.
Verpflichtung,  gesetzliche,  des  Arbeiterschutzes ­
  390.
Verpflichtung,  gesetzliche,  der  Steuern
390.
Verpflichtung,  gesetzliche,  des  Unterrichtes
390.
Verpflichtung,  gesetzliche,  der  Unterstützung ­
  390.
Verpflichtung,  gesetzliche,  der  Versicherung ­
  390.
Verrechnungsstellen  358.
Verringerung  der  Geburten  142.
Verringerung  im  Ertrage  der  Kapitalien
165.
Verschiebung  der  Nachfrage  217.
Verschlechterung  der  Gesundheit  der  Arbeiter ­
  208.
Verschmelzung  der  Klassen  349.
Verschwinden  der  Mehrarbeit  631.
Verschwinden  der  Mehrwerte  531.
Verschwinden  der  Regierung  in  der  wirtschaftlichen ­
  Organisation  237.
Verschwinden  der  kleinen  Unternehmungen ­
  212.
        <pb n="846" />
        824  Sachregister.

Verschwinden  der  Zwischenklassen  211.
Verschwörung  Babeufs  227.
Versicherung  (hei  Bastiat)  390.
Versicherung  (bei  den  Soldaristen)  680.
Versicherung,  gesetzliche  Verpflichtung
der  390.
Versicherungsgesellschaften  108.
Versioherungsgesetze,  soziale  221.
Versicherungsprämie  627.
Versklavung  des  Arbeiters  206.
Versöhnung,  spontane,  der  Interessen  260.
Versorgung,  staatliche  (bei  Bastiat)  390.
Verstaatlichung  siehe  auch  Nationalisierung. ­

Verstaatlichung  des  Grund  und  Bodens
158,
Verstaatlichung  der  Produktionsmittel
252.
Verstadtlichung  der  Bevölkerung  527.
Verständigung  der  Völker,  internationale
253.
Verständnis,  historisches  460.
Verständnis,  theoretisches  460.
Verteidiger  des  Industriesystems  76.
Verteilung,  Gesetz  der,  zwischen  Kapital
und  Arbeit  385.
Verteilung,  Grenznntzen  im  Bereiche  der
599.
Verteilung,  heutige,  Mechanismus  der  483.
Verteilung,  vom  sozialen  Standpunkt
485,  486.
Verteilung,  vom  wirtschaftlichen  Standpunkt ­
  485,  486.
Verteilung,  gerechte,  des  gemeinsamen
Produktes  478.
Verteilung  der  Produktion  zwischen  den
Ländern  111.
Verteilung  des  Profits  durch  den  Tausch
483.
Verteilung  der  Staatsdomänen  107.
Verteilung  der  Produkte  unter  die  Produktionsfaktoren
  (bei  Henry  George)
643.
Verteilung,  Gesetz  der  (bei  den  Hedonisten)
589,  691.
Verteilung,  Gesetz  der  (bei  Eicardo)
157.
Verteilung  (bei  Eodbertus)  482,  483,  485.
Verteilung,  gerechte,  des  sozialen  Produktes ­
  (bei  Eodbertus)  482,  483.
Verteilung  des  Eigentums  (bei  Sismondi)
210.

Verteilung  der  Einkommen,  schlechte  (bei
Sismondi)  216.
Verteilung  der  Produkte,  ungerechte  (bei
Sismondi)  206.
Verteilung  des  Jahreseinkommens  (bei
A.  Smith)  63.
Verteilungsfrage  180.
Verteilungsskala  Louis  Blanc’s  292.
Verteilungstheorie  (bei  den  Anarchisten)
722.
Verteilungstheorie  (bei  Bastiat)  486,  488.
Verteilungstheorie  (bei  Clark)  599,  635.
Verteilungstheorie  (bei  Carey)  486.
Verteilungstheorie  (bei  Fourier)  280.
Verteilungstheorie  (bei  Henry  George)
643.
Verteilungstheorie  (bei  Leroy-Beaulieu)
387.
Verteilungstheorie  (bei  Lexis)  512.
Verteilungstheorie  (bei  den  Physiokraten)
20,
Verteilungstheorie  (bei  Eicardo)  128,  258.
Verteilungstheorie  (bei  Eodbertus)  482,
485.
Verteilungstheorie  der  Saint-Simonisten
258.
Verteilungstheorie  (bei  J.-B.  Say)  104,127,
128,  258.
Verteilungstheorie  (bei  Sismondi)  201-Verteilungstheorie
  (bei  Adam  Smith)  127,
128,  258.
Verteilungstheorie  der  Sozialisten  258
Verteilungstheorie  (hei  Sydney  Webb)
662.
Verteilungssystem  Fourier’s  276.
Verteuerung  der  Nahrungsmittel  177.
Vertrag,  freier  (bei  den  Anarchisten)  712.
Vertragsfreiheit,  Abschaffung  der  (bei
Eodbertus)  490,  491.
Vervollkommnungen  67.
Verwaltung  des  gemeinsamen  Besitzes
468.
Verwaltung  durch  den  Staat  (bei  A.  Smith)
107,
Verwaltung,  Wissenschaften  der  436.
Verwandlung  des  Privateigentums  in
Aktieneigentum  280.
Verwerfung  des  klassischen  Liberalismus
552.
Verwicklung  der  Tatsachen  115.
Verwirrung  zwischen  Zinsen  u.  Gewinn
(bei  A.  Smith)  128.
        <pb n="847" />
        Sachregister.

825

Yollgenossenschaft  Fourier’s  279.
Vollgenossenschaft,  System  der  (bei
Fourier)  282.
Yollgenossenschaft  des  Konsums  279.
Völker,  wilde  141.
Völker,  Selbstmord  der  149,
Völker,  Verbrüderung  der  129.
Völkerarmut  186.
Vollkommenheit,  Prinzip  der  ursprünglichen ­
  655.
Volksbank  Proudhon’s  360.
Volkseinkommen  199.
Volkserziehung  713.
Volkshäuser,  Schaffung  von  578.
Volksschulunterricht,  obligatorischer  (bei
A.  Smith)  68,  108.
Volksunterrieht  (bei  Bakunin)  713.
Volkswirtschaft,  nationale  325.
Volkswirtschaft,  Auffassung  der  (bei
A.  Comte)  462.
Volkswirtschaft,  Aufgabe  der  (bei  Stanley
Jevons)  688.
Volkswirtschaft,  Definition  der  (bei  Ashley)
446.
Volkswirtschaft,  Definition  der  (beiPareto)
609.
Volkswirtschaft,  klassische  Kritik  der
443  ft.
Volkswirtschaft  (bei  den  Physiokraten)  69.
Volkswirtschaftslehre  (bei  J.-B.  Say)  124.
Volkswirtschaftslehre,  nationale  297.
Volkswohlstand,  dynamische  Auffassung
des  325.
Volkswohlstand,  statische  Auffassung  des
325.
Voraussage  des  marxistischen  Programms
529.
Voraussagungen,  malthusische  147.
Voraussicht,  rationelle  462.
Voraussicht  der  Armen,  mangelhafte  151.
Vorgänger  des  sozialen  Katholizismus  564,
5B6.
Vorherrschen  der  landwirtschaftlichen
Arbeit  283.
Vorläufer  des  Staatssozialismns,  sozialistische ­
  474.
Vorrat  69.
Vorschüsse  grundlegende  25,  26.
Vorschüsse,  jährliche  26,  29.
Vorschüsse,  primäre  26,  29.
Vorschüsse  des  Herrschers  43.
Vorsehung  (bei  Gossen)  650.

Vorsehung  (bei  den  Physiokraten)  10.
Vorsehung  (bei  A.  Smith)  ICO.
Vorsehung,  Gesetze  der  (bei  Bastiat)  373,
Vorsehungsoptimismus  A.  Smith’s  470.
Vorteile  der  Arbeitsteilung  67.
Vorzugstellung  der  Landwirtschaft  (bei
A.  Smith)  77.
w.
Wachstum  der  Bevölkerung  147.
Wachstum  an  Gütern  147.
Wachstum  der  Industrieerzeuguisse  147.
Wachstum  des  Kapitals  81.
Wachstum  der  Lebensmittelmenge  138.
Wachstum  der  Produktion  218.
Wachstum  an  Reichtum  146.
Wachstum  des  nationalen  Reichtums  70.
Wage-fund  409.
Wahlrecht,  allgemeines  (bei  den  Chartisten)
265.
Wahlrecht,  allgemeines  (bei  Lassalle)  496.
Wahlrecht,  allgemeines  (bei  Eodbertus)
477.
Wahlsystem,  neues  568.
Wahlverwandtschaftsgruppen  285.
Waren,  Tauschfuli  der  85.
Warenhäuser  212.
Warenpreis  (bei  Proudhon)  356,
Warenpreis,  Bildung  des  (bei  A.  Smith)
72.
Warentauschhandel,  der  Profit  im  274,
Warrants  283.
W  asserversorgungsgesellschaf  ten  108.
Wechsel,  ausländische  186,
Wechsel  des  Geldwertes  187.
Wechsel,  Diskontierung  von  349.
Wechsel,  Verallgemeinerung  des  350,  351.
Wechselkurs,  Erhöhung  des  186.
Wechslergebühren  57.
Wegsteuerung  der  Bodenrente  (hei  Henry
George)  644.
Wegsteuerung  der  Bodenrente  (bei  James
Mill)  174.
Wegsteuerung  der  Bodenrente  (bei  Stuart
Mill)  422.
Wegsteuerung  des  Bodenmehrwertes  647,
648.
Wegstenerung  des  Bodenwertzuwachses
640.
Weidewirtschaft,  Ersatz  des  Getreidebaues
durch  527.
        <pb n="848" />
        826

Sachregister.

Weinmarke,  berühmte  92.
Weltarbeitsteilung  478,
Weltpolitik  129.
Werkstatt  (bei  Saint-Simon)  234,  237.
Werkstatt,  soziale,  gesetzgeberische  Ordnung ­
  der  293.
Werkstätte,  landwirtschaftliche  343.
Werkstätte,  nationale  289,  339,  340,  341.
Werkstätte,  soziale  (von  Louis  Blanc)
290,  291,  292,  293,  339.
Wert  (bei  Condillao)  65.
Wert  (bei  A.  Smith)  85,  168,  174.
Wert,  falsche  Auffassung  des  (bei  den
Physiokraten)  53.
Wert  (in  der  mathematischen  Schule)
603.
Wert,  angenommener  53.
Wert,  normaler  409.
Wert,  sozialer  53.
Wert,  ständiger  409.
Wert,  subjektiver  86.
Wert,  vorübergehender  409.
Wert,  wahrer  86,  88.
Wert  als  Grad  der  Nützlichkeit  595.
Wert  als  Tauschverhältuis  603.
Wert  der  ersparten  Arbeit  376.
Wert  der  Arbeitskraft  516,  517.
Wert  des  Bodens,  wachsender  638.
Wert  des  Einkommens  386.
Wert  des  Getreides  (bei  Eicardo)  161.
Wert  des  Kapitals  386.
Wert  der  individuellen  Leistung  332.
Wert  der  ausgetauschten  Produkte  414.
Wert  in  den  zivilisierten  Gesellschaften,
der  168.
Wert  in  den  primitiven  Gesellschaften,
der  168.
Wert,  Abhängigkeit  vom  Angebot  und
Nachfrage  541.
Wert,  Abhängigkeit  des,  von  der  Seltenheit ­
  594.
„Wert“,  Abschaffung  des  Wortes  603.
Wert,  Analyse  des  (bei  Galiani)  54.
Wert,  Arbeit  als  Grundlage  des  157.
Wert,  Arbeit  als  Maßstab  des  157.
Wert,  Arbeit  als  Substanz  des  515.
Wert,  Arbeit  als  Ursache  des  (bei  Eicardo)
157.
Wert,  Arbeit  als  Ursache  des  (bei  A.  Smith)
87.
Wert,  Turgots  Auffassung  des  53.
Wert,  Begriff  des  (bei  Marx)  615.

Wert,  Bestimmungsgrund  des  (hei
A.  Smith)  88.
Wert,  die  Frage  des,  bei  den  Physiokraten ­
  52.
Wert,  Grundlagen  des  (bei  J.-B.  Say)  127.
Wert,  seltener  Nützlichkeits-  (bei  Nassau
Senior)  398.
Wert,  relativer,  der  ökonomischen  Gesetze
445.
Wert,  relativer,  der  ökonomischen  Theorie
445.
Wert,  relativer,  Ursachen  des  (bei  Eicaido)
168.
Wert,  Subjektivität  des  63.
Werte,  immaterielle  394.
Werte,  internationale  187.
Werte,  Gesetz  der  internationalen  414.
Werte,  staatliche  Garantierung  der  645.
Werte,  tauschbare  (bei  J.-B.  Say)  122.
Werte,  tauschbare,  Steigen  der  102.
Werte,  tauschbare,  Vermehrung  der  (bei
List)  307,
Wertgesetz,  klassisches  409.
Wertgesetze  (hei  den  Anarchisten)  722.
Wertlehre  157.
Wertmaß  der  Güter  94.
Wertmesser  93.
Wertmesser,  Arbeitsnoten  als  271.
Wertproblem,  Grenznutzen  als  Lösung  des
598.
Wertquelle  73.
Wertreserve  353.
Wertschätzungen  274.
Wertschwanknngen,  Erklärung  der  409.
Werttheorie  Bastiat’s  374,  375.
Werttheorie  Carey’s  375-,
Werttheorie  Eerrara’s  376.
Werttheorie  Marx’  515  ff.,  541.
Werttheorie,  marxistische,  Unterstellungen
der  533.
Werttheorie  Marx’  (bei  den  französischen
Sozialisten)  531.
Werttheorie  Marx’,  Zusammenbruch  der
542.
Werttheorie  der  Eeproduktionskosten  376.
Werttheorie  Eicardo’s  155,  157,  167,  170,
374.
Werttheorie  Eicardo’s  (bei  Owen)  271.
Werttheorie  (hei  Quesnay)  52.
Werttheorie  (bei  Turgot)  53.
Wertvermindernng  der  Banknoten  188.
Wertverminderung  des  Eigentums  381.
        <pb n="849" />
        Sachregister.

827

Wertverminderung  des  Geldes  186.
Wertverminderung  durch  die  Maschinen
-I  519.
Wertüberschuß  517.
Wertzuwachsstener  648.
Wiederherstellung  desFeudal-Systems  (bei
Müller)  313..
Wiederherstellung  des  Monopols  durch  die
Konkurrenz  264.
Wiederherstellungsarbeit  des  Kapitals
168.
Wiederkehr  des  Gleichen  79.
Wiederaufrichtung  der  Zünfte  (in  Österreich) ­
  554.
Wiedereinführung  der  Testierungsfreiheit
558.
Wilde,  der  gute  8,
Wirtschaftseinheit,  endgültige  304.
Wirtschaftsgeschichte  435.
Wirtschaftshistoriker  440.
Wirtschaftsleben,  Politik  des  324.
Wirtschaftsordnung,  .Rechtsbegriffe  der
(bei  A.  Menger)  689.
Wirtschaftsperiode  (bei  Bücher)  305.
Wirtschaftsperioden  (bei  Hildebrand)  305.
Wirtschaftspolitik  (bei  A.  Smith)  116.
Wirtschaftspolitik,  Probleme  der  467.
Wirtschaftspolitik,  Relativität  der  Prin-,
  zipien  der  499.
Wirtschaftsstufen  (bei  List)  261,  305.
W r irtschaftsstufen,  geschichtliche  Reihenfolge ­
  der  305.
Wissenschaft,  Allmacht  der  136.
Wissenschaft,  Herrschaft  der  (beiBakunin)
712,  713.
Wohl  des  Individuums  404.
Wohlfahrt,  Theorie  der  201.
Wohlfahrtsbehörde,  öffentliche  141,  510.
Wohlstand  (bei  Sismondi)  201.
Wohlstand  (bei  Adam  Smith)  81.
Wohlstand  der  Arbeiterklasse  178.
Wohltätigkeit,  Thesen  Malthus’  über  die
151.
Wohltätigkeitsanstalten  471.
Wohltätigkeitswerkstätte  339.
Wohnsitzgemeinschaft  568.
Wohnungsfrage  283.
Wollindustrie  109.
Wucher  335.
Wucherprofit,  Ausschaltung  des  (hei  den
Physiokraten)  61.
Wucherverbot  570.

Wünsche  und  Hindernisse  (bei  Pareto)
609.
Wunsch  wert  85.
Z.
Zeitarbeit  480.
Zeitersparnis  67.
Zeitwert,  Theorie  des  533.
Zentralbanken,  große  Diskontopolitik  der
321.
Zentralgewalt,  Einfluß  auf  die  sozialen
Beziehungen  505.
Zentralisation,  wirtschaftliche  324.
Zentralisation  der  Hauptfaktoren  des
Wirtschaftslebens  256.
Zerfall  der  Unternehmerfnnktion  629.
Zersplitterung  der  Bodenrente  423.
Zerstückelung  des  Eigentums  212.
Ziel  des  kollektivistischen  Sozialismus  530.
Ziel  der  revolutionären  Syndikalisten  547.
Zins  (bei  Bentham)  108.
Zins  (bei  Böhm-Bawerk)  614,  615,
Zins  (bei  Proudhon)  352,
Zins,  Freiheit  des  (bei  Turgot)  37.
Zins  (bei  Walras)  608.
Zins  (bei  Webb)  661.
Zins  als  Preis  für  die  Zeit  615.
Zins  als  Rente  661.
Zinsen  des  Kapitals  (bei  Louis  Blanc)
292.
Zinsen  der  Kapitalien  (bei  A.  Smith)  127,
128.
Zinsen,  Berechtigung  der  (bei  Bastiat)
376.
Zinsen,  Festsetzung  der  Höhe  der  (bei
Sismondi)  199.
Zinsen,  Rechtfertigung  der  (bei  Turgot)
54.
Zinsfuß,  normaler  84.
Zinsfuß  als  Miete  der  Ersparnisse  608.
Zinsfuß,  gesetzliche  Festlegung  des  108.
Zinsfuß,  Freiheit  des  (bei  Condillac)  57.
Zinsfuß,  Gesetz  des  Sinkens  des  385.
Zinfuß,  periodische  Schwankungen  des
386.
Zinsfuß,  Sinken  des  (bei  Sismondi)  218,
Zinstheorie  (bei  Böhm-Bawerk)  603.
Zirkulationsmittel  94.
Zivilisation,  Fehler  der  (.bei  Fourier)  276.
Zivilisation,  Geschichte  der  435.  '
Zivileigentum  329.
        <pb n="850" />
        828

Sachregister.

Zivilisierte  (bei  Fourier)  281.
Zivilregierung,  Aufgabe  der  (bei  Adam
Smith)  246.
Zölibat  145.
Zollgrenzen  im  Innern  des  deutschen
Bundes  300.
Zölle  109.
Zölle,  fiskalische  114.
Zolltarif  von  1818,  preußischer  299.
Zolltarif  von  1821,  preußischer  118.
Zolltarife  111,  309.
Zolltarife,  Erhöhung  der  (hei  Garey)  313.
Zollverein  302.
Zollvereinshlatt  324.
Zuchtwahl,  natürliche  368.
Zufall  der  Geburt  423.
Zukunft  der  landwirtschaftlichen  Industrie
177.
Zukunft,  neues  Hecht  der  549.
Zunahme  der  Nachfrage  nach  Luxusprodukten ­
  216.
Zunft  (im  sozialen  Katholizismus)  565.
Zünfte,  Abschaffung  der  30.
Zünfte,  Reorganisierung  der  565.
Zünfte,  Wiederaufrichtung  der  (in  Österreich) ­
  654.
Zunftordnung  (in  Deutschland)  299.
Zunftordnung  (in  England)  109.
Zunftordnung  (im  Mittelalter)  566.

Zusammenbruch  von  Marx’  Werttheorie
542.
Zusammenbruchtheorie  (bei  den  Syndikalisten) ­
  550.
Zusammensetzung  des  Kapitals  522.
Zusammensetzung,  Unternehmungen
höherer  organischer  623.
Zusammensetzung,  Unternehmungen
niederer  organischer  523.
Zusatzwert  89.
Zusatzkapital,  Geld  als  348.
Zustand,  stationärer  132.
Zustand,  stationärer  (bei  Stuart  Mül)
424.
Zustand,  stationärer  (bei  Ricardo)  182.
Zustand  des  landwirtschaftlichen  Fabrikanten ­
  305.
Zustand  des  landwirtschaftlichen  Händler-Fabrikanten
  305.
Zustand  des  Hirten  305.
Zustand  des  Landwirtes  305.
Zustand  des  Wilden  305.
Zwangskurs  187,  189.
Zwangsteilung  des  Erbes  557.
Zweck  der  Handelspolitik  (bei  List)  306.
Zweiklassen  Gesellschaft  545.
Zwischenhandel,  Vermeidung  des  274.
Zwischenhändler,  Abschaffung  der  272.
Zwischenklassen,  Verschwinden  der  211.

G.  Pätz’sohe  Buchdr.  Lippert  &amp;amp;  Co.  6.  m.  b.  H.,  Naumburg  a.  d.  S.
        <pb n="851" />
        Verlag  Tön  Gustav  Fischer  in  Jena.

Ferdinand  Lassalles  sozialökonomische  Anschauungen  und  praktische ­
  Vorschläge.  Von  Dr.  Lampertus  Otto  Brand.  1895.  Preis:  2  Mark.
Das  Lebenswerk  von  Karl  Marx.  Von  Werner  Sombart.  1909.  Preis;  80  Pf.
ßnhar&amp;gt;t  Huron  Sein  Leben  und  seine  Bedeutung  für  die  Gegenwart.  Mit  einem  Bildnis
nullelT  uweil.  Robert  Owens.  Von  Helene  Simon.  1906.  Preis;  7  Mark,  geh.  8  Mark.
P.  J,  Proudhon.  Seine  Lehre  und  sein  Leben.  Von  Prof.  Dr.  Karl  DieW,
Preiburg  i.  B.  Drei  Abteilungen.  Preis:  13  Mark,
I.  Die  Eigentums-  und  Wertlehre.  1888.  Preis:  2  Mark  50  Pf.
II.  Das  System  der  ökonomischen  Widersprüche,  die  Lehre  von  Geld,  Kredit,
Kapital,  Zins,  Recht  auf  Arbeit  und  die  übrigen  Theorien,  sowie  die  praktischen
Vorschläge  zur  Lösung  der  sozialen  Frage.  1890.  Preis:  6  Mark.
III.  Sein  Lehen  und  seine  Sozialphilosophie.  1896.  Preis:  4  Mark  50  Pf.
Karl  Rnrihortnc  Darstellung  seines  Lebens  und  seiner  Lehre.  Von  H.  Dietzel,
Ud!  I  nuuuei  lua.  p ro f_  ^ er  p 0 iR_  Oekonomie  an  der  Universität  Bonn.  Zwei
Abteilungen.  Preis:  6  Mark  50  Pf.
I.  Darstellung  seines  Lebens.  1886.  Preis:  2  Mark.
II.  Darstellung  seiner  Sozialphilosophie.  1888.  Preis:  4  Mark  50  Pf.
Rodbertus-Jagetzows  sozialökonomische  Ansichten.  i^eofjhliKoIak,
Prof,  der  Staatswissenschaften  an  der  Universität  Basel.  Preis:  6  Mark.

UoniMi  rlo  Coint  Cimnn  Die  Persönlichkeit  und  ihr  Werk.  Von  Friedrich  Mückle.
nclilj  Uc  oamx-oimun.  Doktor  der  Philosophie.  1908.  Preis:8Mark,  geb.OMark

Saint-Simon  und  die  ökonomische  Geschichtstheorie.  Ein  Beitrag  zu
einer  Dogmengeschichte  des  historischen  Materialismus.  Von  Friedrich  Mückle.
1896.  Preis;  1  Mark  20  Pf.

A.  Thiers  volkswirtschaftliche  Anschauungen,  isos. Dr '  Freu!  2 W Mark

Francis  A.  Walker  und  seine  hauptsächlichsten  Theorien,  von  Dr.
J.  H.  Curran,  A.  M.  L.  L.  B.  1800.  Preis:  2  Mark  50  Pf.

lind  7in«!  D ' e  Po ' em i' &amp;lt;  zwischen  Bastiat  und  Proudhon.  Mit  Einleitung  und
UHU  £.1110.  j rl  Uebersetzung  herausgegeben  von  Dr.  Arthur  Mülherger.
1896.  Preis:  3  Mark  60  Pf.
Die  wirtschaftliche  Entwicklung  des  Deutschen  Reiches,  von  p ro f.
Dr.  jur.  et  phil.  A.  Hesse.  Mit  5  Zeichnungen.  1913.  Preis:  1  Mark  60  Pf.
Königsberger  Hartungsche  Zeitung  vom  8_.  Juli  1913:
.  .  .  Wir  möchten  auf  dieses  Schriftchen,  das  in  ganz  knappem  Rahmen  einen
Ueberblick  über  die  Wirtschaftsentwicklung  und  eine.  Abwägung  der  erreichten  Vorteile ­
  und  der  daneben  drohenden  Nachteile  gibt,  mit  besonderer  Empfehlung  hinweisen,
  weil  eine  so  ruhige  und  sachliche  Durcharbeitung  des  Themas  geeignet  erscheint, ­
  manche  Verwirrung  zu  beseitigen.  ..  .
Geschichte  der  Nationalökonomik.  Von  Hugo  Eisenhart,  Prof,  der  Staatswissenschaften
  an  der  Universität  Halle  a.  S.  Zweite  vermehrte  Auflage.
(Dritter  unveränderter  Abdruck.)  1910.  Preis:  4  Mark,  geh.  5  Mark.
Eisenhart  wendet  sich  mit  dem  vorliegenden  Buche  nicht  nur  an  die  Nationalökonomen
von  Fach.  In  kurzen,  treffenden  Zügen  zeichnet  er  den  Entwicklungsgang  der  volkswirtschaftlichen ­
  Ideen  und  schildert,  was  ebenso  anziehend  wie  belehrend  ist,  wie  diese  Ideen  durch  wirtschaftliche ­
  Vorgänge  angeregt  und  gezeitigt  sind  und  wie  sie  in  den  Köpfen  und  durch  die  Hände
der  leitenden  Staatsmänner  für  die  Gestaltung  des  Lebens  der  Völker  bedeutsam  geworden  sind.
Der  Verfasser  beherrscht  den  Stoff  vollständig,  greift  überall  das  Wichtigste  zur  Kennzeichnung
der  Zeit  heraus  und  läßt  das  ihm  weniger  bedeutsam  Erscheinende  unbeachtet.
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        Verlag  von  Gustav  Fischer  in  Jena,

Sammlung  sozialwissenschaftlicher  Meister.  Herausgegeben  von  Prof.
Dr.  Heinrich  Waentig  in  Halle  a.  S.
In  dieser  Sammlung  erscheinen  billige  Ausgaben  sozial  wissenschaftlicher  Meister  und
nationalbkonomischer  Klassiker.  Und  zwar  finden  besonders  solche  Werke  Berücksichtigung,
die  für  ganze  Richtungen  des  wissenschaftlichen  Denkens  charakteristisch  sind.  Die  von  dem
Herausgeber  kontrollierten  Uebertragungen  sollen  nach  Möglichkeit  die  Originale  ersetzen.
Auch  wird  jeder  einzelne  Band  von  einer  kurzen  Einleitung  zur  Charakterisierung  des  betreffenden ­
  Autors  begleitet  sein.  Vielleicht  gelingt  es  hierdurch,  die  Begründer  der  nationalökonomisehen
  Wissenschaft  in  ihren  Schriften  den  Studierenden  wieder  näher  zu  bringen.
Bisher  erschien:
1.  Band  :  Betrachtungen  über  die  Bildung  und  Verteilung  des  Reichtums.  Von  Anne  Robert
Jacques  Turgot.  Deutsch  von  V.  Dorn.  1903.  Preis:  80  Pf.,  geb.  1  Mark  40  Pf.
2.  Band;  Abhandlung  über  die  Geschichte  der  bürgerlichen  Gesellschaft.  Von  Adam  Ferguson.
Deutsch  von  V.  Dorn.  1904.  Preis:  4  Mark,  geb.  4  Mark  60  Pf.
B.  Band:  Das  nationale  System  der  politischen  Oekonomle.  Von  Friedrich  List.  Zweite  Auflage.
1910.  Preis:  2  Mark  50  Pf.,  geb.  3  Mark  20  Pf.
4.  Band*  I.  Teil;  David  Ricardo’s  kleinere  Schriften.  I.  Schriften  über  Getreidezölle.  Deutsch
von  Prof.  Dr.  E.  Leser.  1905.  Preis:  1  Mark  20  Pf.,  geb.  1  Mark  80  Pf.
5.  Band:  Grundsätze  der  Volkswirtschaft  und  Besteuerung.  Von  David  Ricardo.  Deutsch  von
Dr.  Otto  mar  Thiele.  1905.  Preis:  4  Mark  80  Pf.,  geb.  5  Mark  50  Pf.
0.  u.  7.  Band:  Eine  Abhandlung  über  das  Bevölkerungsgesetz.  Von  Thomas  Robert  Malthus*
Deutsch  von  Valentine  Dorn.  Zwei  Bände.  1905.
Preis  jedes  Bandes:  5  Mark,  geb  5  Mark  60  Pf.
8.,  9.  u.  10.  Band:  Sociologie.  Von  Auguste  Comte.  Deutsch  von  Valentine  Dorn.  Drei  Bände.
Preis:  20  Mark,  geb.  22  Mark  50  Pf.
Erster  Band:  Der  dogmatische  Teil  der  Sozialphilosophie.  1907.
Preis;  6  Mark,  geb.  6  Mark  75  Pf,
Zweiter  Band:  Historischer  Teil  der  Sozialphilosophie.  Theologische  metaphysische
Periode.  1907.  Preis:  6  Mark,  geb.  6  Mark  75  Pf.
Dritter  Band:  Abschluß  der  Sozialphilophie  und  allgemeine  Folgerungen.  1911.
Preis:  8  Mark,  geb.  9  Mark.
11.  Band:  Eine  Untersuchung  über  Natur  und  Wesen  des  Volkswohlstandes.  Von  Adam  Smith.
Deutsch  von  Dr.  Ernst  Grünfeld.  Band  I.  1908.  Preis:  4  Mark,  geb.  5  Mark.
(Der  zweite  Band  ist  in  Vorbereitung.)
13.  Band:  Der  isolierte  Staat  ln  Beziehung  auf  Landwirtschaft  und  Nationalökonomie.  Von
Johann  Heinrich  von  Thünen.  Neudruck  nach  der  Ausgabe  letzter  Hand.  1910.
Preis;  7  Mark.  geb.  8  Mark.
14.  u.  15.  Band:  Untersuchung  über  die  Grundsätze  der  Volkswirtschaftslehre.  Von  Sir
James  Steuart,  Bart.  (3  Bände.)  Bd.  I  u.  II.  1912.  Preis:  15  Mark,  geb.  17  Mark.
(Band  3  befindet  sich  im  Druck.)
17.  Band:  Grundsätze  der  politischen  Oekonomie  mit  einigen  ihrer  Anwendungen  auf  die
Sozialphilosophie.  Von  John  Stuart  Mill.  Deutsch  von  Wilhelm  Gehrig.  Band  1.
/r&amp;gt;  ,  0  ,  ,  .  .  ,  .  ,  ,  Preis:  9  Mark,  geb.  10  Mark.
(Band  2  befindet  sich  im  Druck.)  °
Weiter  sind  in  Aussicht  genommen;
Sismondi,  Nouveaux  principes  d’economie  politique  (1819).
Quetelet,  Sur  l’homme  (l83o).

Volkswirtschaft  und  Weltwirtschaft.

Versuch  der  Begründung  einer  Weltwirtschaftslehre. ­
  Von  Prof.  Dr.
Bernhard  Harms.  Mit  2  lithographischen  Tafeln.  (Probleme  der  Weltwirtschaft. ­
  VI.)  1912.  Preis:  14  Mark  60  Pf.,  geb.  16  Mark.

Inhalt:  1.  Die  Weltwirtschaft  in  der  wirtschaftswissenschaftlichen  Literatur.  —•
2.  Einzelwirtschaft,  Volkswirtschaft  und  Weltwirtschaft  (Wesen  und  Begriff).  —  3.  Die
Weltverkehrsgesellschaft.  —  4.  Heine  Sozialwirtschaftslehre,  Einzelwirtschaftslehre,
Volkswirtschaftslehre  und  Weltwirtschaftslehre.  —  Anlagen.

Kritische  Dogmengeschichte  des  ehernen  Lohngesetzes,  von  Dr.
Mary  Schrey.  1913.  (IV,  133  S.  gr.  8».)  Preis:  3  Mark  50  Pf.
Inhalt;  Einleitung:  Aufgabe  und  Einteilung  der  Arbeit.  —  Das  Lohngesetz  in
der  vorklassischen  Oekonomik.  —  Das  Lohngesetz  der  klassischen  Nationalökonomie.
—  Die  nachklassische  Zeit.  —  Das  Lohngesetz  im  Rahmen  sozialpolitischer  Ideenrichtungen.
  —  Das  Lohngesetz  und  die  Sozialisten.  —  Das  „eherne  Lohngesetz“
Lassalles.  —  Gegner  des  „ehernen  Gesetzes“.,  —  Das  Lohngesetz  in  der  neueren
Nationalökonomie.  —  Ergebnisse  für  die  Beurteilung  von  Lohngesetzen.  —  Literatur.

Abriß  einer  Geschichte  der  Theorie  von  den  Produktionsfaktoren.
Von  Dr.  Johannes  Müller.  (Sammlung  nationalökonomischer  und  statistischer
Abhandlungen  des  staatsw.  Seminars  zu  Halle  a.  S.,  herausgegeben  von  Prof.
Dr.  Joh.  Conrad.  Band  66.)  1911.  Preis:  1  Mark  80  Pf.
Inhalt:  1.  Einleitung.  2.  Die  Merkantilisten  und  Physiokraten  (Turgot).
3.  Adam  Smith.  4.  J.  St.  Mill.  5.  Sismondi.  6.  Fr.  List.  7.  Rodbertus.  8.  Karl  Marx.
9.  Die  Gegenwart  (Brentano).

G.  Pätz’sohe  Buchdr.  Lippert  &amp;amp;  Co.  G.  m.  b.  H.,  Naumburg  a,  d.  S.
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        the  scale  towards  document

Kapitel  II.  Die  Theorie  der  Bodenrente  und  ihre  Anwendungen.

653

im  Besitz  des  Einkommens,  das  sich  aus  dem  allgemeinen  sozialen
Fortschritt  ergibt,  nämlich  der  Bodenrente.  So  ausgestattet  braucht
der  Staat  nicht  mehr  den  Einzelpersonen  durch  Steuern  einen  Teil
der  Früchte  ihrer  Arbeit  zu  nehmen.  Gemeinsamer  Besitz  des  Bodens
und  seines  Ertrages,  Privatbesitz  am  Kapital,  an  der  Arbeit  und  ihren
Erträgen,  —  das  ist  die  soziale  Organisation,  die  die  Formel  der
Gerechtigkeit  nach  Waleas  verwirklichen  wird:  Gleichheit  der
Bedingungen,  Ungleichheit  der  Lage 1 ).
Wenn  auch  der  Ausgangspunkt  der  Reform  verschieden  ist,  so
sind  doch  die  Bedingungen  ihrer  Verwirklichung  für  Gossen,  wie  für
Waleas  genau  dieselben.  Beide  haben  die  weitestgehende  Achtung
vor  den  von  den  Eigentümern  erworbenen  Rechten.  Nach  ihnen  hat
der  Staat  nicht  das  Recht,  nach  dem  Vorschläge  Mill’s  die  zukünftige
Rente 3 )  mit  Beschlag  zu  belegen,  auf  die  sie  rechnen  können,  und
ebensowenig  hat  er  das  Recht,  die  gegenwärtige  Rente  für  sich  zu
beanspruchen,  wie  Heney  Geoege  vorschlägt.  Das  einzige  Mittel,  die
Operation  in  gerechter  Weise  durchznführen,  besteht  darin,  den  Boden
zurückzu  kaufen,  und  der  Rückkaufspreis  muß  schon  die  von  den
Besitzern  erwarteten  Mehrwerte  enthalten.  Dieser  Rückkauf  würde
sich  praktisch  auf  Grund  einer  Ausgabe  vpn  Rentenbriefen  durchführen ­
  lassen,  die  den  Grundbesitzern  als  Bezahlung  ihres  Grundbesitzes ­
  angeboten  werden.  Auf  Grund  der  von  da  an  dem  Staate
zufallenden  Pachtsnmmen,  deren  ständiges  Steigen  nicht  ausbleiben
kann,  wird  der  Staat  imstande  sein,  nicht  nur  die  Zinsen  dieser
Schuld  zu  zahlen,  sondern  auch  sie  nach  und  nach  zu  amortisieren.
Nach  etwa  50  Jahren  würde  das  Kapital  zurückgezahlt  sein,  und  der
Staat  allein  über  die  Bodenrente  verfügen 3 ).
b  Vgl.  im  besonderen  den  ganzen  prächtigen  6,  Abschnitt  der  Theorie  generale ­
  de  la  Societe  in  den  Btudes  d’Bconomie  Sociale.
2 )  „.  .  .  Selbst  der  Umstand  läßt  sich  nicht  zur  Beschönigung  irgendeiner  Maßregel ­
  anführen,  deren  Wirkung  auch  nur  Schmälerung  der  Grundrente  für  den
Eigentümer  ist,  daß  die  Rente  ohne  Zutun  des  Eigentümers  unausgesetzt  steigt.
Denn  das  Steigen  der  Renten  in  einem  bestimmten  Verhältnis  zur  Zeit  mußte,  sobald
es  wahrgenommen  wurde,  bei  Berechnung  des  Kaufpreises  berücksichtigt  werden,
gerade  deshalb,  weil  dieser  Preis,  wie  wir  sahen,  ja  nur  durch  Rechnung  gefunden
wird.  Darum  hat  also  der  Käufer,  da  der  Kauf  unter  der  Bürgschaft  der  Gesetze
stattgefunden  hat,  unzweifelhaft  das  Recht  auf  alle  Schwankungen  in  der  Rente,
wie  diese  auch  beschaffen  sein  mögen,  mit  erkauft.  ...  Ja  selbst  dann,  wenn  man
den  Grundeigentümern  als  Entschädigung  eine  ewige  Rente  in  dem  Betrage,  wie
die  zahlbare  Rente  des  Grundeigentums  beim  Übergang  an  den  Staat  gefunden
Wurde,  zusichern  wollte,  wie  dies  jetzt  bei  Expropriationen  zu  geschehen  pflegt,
würde  die  Ungerechtigkeit  aus  dem  angeführten  Grunde  nur  vermindert,  nicht  vermieden ­
  werden“  (H.  H.  Gossen,  Entwicklung  der  Gesetze  usw r .  S.  257/258).
3 )  Gossen  führt  die  Gründe  an,  weshalb  der  Staat,  da  er  sich  in  besserer  Lage
als  die  Einzelpersonen  befindet,  den  Besitzern  bessere  Bedingungen  als  die  der  ge-
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