20 Steiermark. Eine genaue Prüfung hätte leicht große Löcher in die Argumen tation der Regierungsvorlage und damit auch in ihre Organisationsvorschläge reißen können. Die agrarische Steiermark hat nämlich entgegen den Erwartungen der Re gierungsvorlage keine Verluste durch die Wanderbewegung erlitten und ist im Schlnßesfekt — Zu- und Abwanderung gegenübergestellt — ein aktives Land. Und dennoch auch hier der ungünstige Altersaufbau! Für Böhmen und Galizien mit einer Einwohnerzahl von zusammen 136 Millionen, demnach der größeren Hälfte der Gesamtbevölkerung Oesterreichs, muß schon jetzt das strikte Gegenteil von dem behauptet werden, wovon die Regierungsvorlage ihren Ausgangspunkt nimmt. Da die Argumentation der Regierung versagt, ist es notwendig, zu prüfen, ob die Wanderbewegung zwischen den im Reichsrate vertretenen Königreichen und Ländern eine solche Stärke und Richtung besitzt, daß eine Zusammenfassung des ganzen Reiches zu einer Riskengemeinschaft wirklich als ein Ausfluß der einfach sten Gerechtigkeit erscheint. Nur wenige Ziffern mögen hier angeführt werden. Nach der Statistik der Wanderbewegung zwischen den einzelnen Königreichen und Ländern haben die passiven Länder in den Jahren 1881 bis 1900- 988.000 Personen durch Wegzug verloren, welchem Verluste im gleichen Zeit raum ein Gewinn der aktiven Länder in der Höhe von nur 389.000 Personen gegenübersteht. Der Rest von 599.000 Personen entfällt vorwiegend auf die Auswanderung nach den überseeischen Gebieten. Der Gesamtverlust der Ab wanderungsländer ist somit bloß zum kleinen Teil den aktiven Ländern zugute gekommen. Nur drei Länder, an erster Stelle Niederösterrcich, daneben Salzburg und die Steiermark, zeigen einen absolut oder relativ erheblichen Gewinn. Ueber- dies charakterisieren sich gerade die entscheidenden Industriegebiete Böhmen, Mähren und Schlesien gegen alle Annahmen der Regierungsvorlage als aus gesprochene Abwanderungsländer, gerade so wie das agrarische Galizien. Nur daß die galizische Auswanderung die Richtung nach Amerika nimmt. Auch die Geburts- und Heimatsstatistik bringt ähnliche Ergebnisse. Die Sudetenländer erleiden den größten Verlust durch die Wanderbewegung, selbst der Wegzug Niederöstcrreichs ist relativ erheblich größer als der, den Galizien durch den Abfluß in die westösterreichischen Länder erleidet. Nach der Volkszählung vom 31. Dezember 1900 wiesen die Karpathen länder einen Zuzug von 100.000 fremden Heimatsberechtigtcn auf, dem ein Weg zug von 201.000 Personen gegenüberstand. Die Bilanz bringt somit einen Ver lust von 101.000 Personen. Die Sudetenländer hatten einen Zufluß von 396.000, einen Abfluß von 1,178.000, somit ein Passivum von 782.000 Per sonen. Die Alpenländer mit Ausschluß von Niederösterreich stellen einem Gewinn von 370.000 einen Verlust von 308.000 Personen gegenüber, woraus ein Ge winnsaldo von 78.000 Personen resultiert. In den Karstländern ergibt sich aus dem Abgänge von 148.000 und dem Zugänge von 127.000 ein Passivum von 21.000 Personen. Für Niederösterrcich setzt sich der Gewinnsaldo von 836.000- Personen aus dem Zuzug von 935.000 und einem Wegzug von 99.000 Per sonen zusammen. Das Ergebnis ist somit nicht, daß die agrarischen, sondern daß die aus gesprochen industriellen Gebiete den stärksten Abfluß nach den anderen Ländern ausweisen. Ans die Sudetenländer, die 36'1% der österreichischen Gesamt- bevölkcrung umfassen, entfallen 63°/g der Weggezogenen. Die Karpathen- und Karstländer haben überhaupt einen geringen Abfluß, insbesondere aber nach den industriellen Territorien. Dennoch bleibt die Tatsache der Zunahme der industriellen und des Rück ganges der agrarischen Bevölkerung bestehen. Es ist weiter notorisch, daß der