47 Technikern recht bittere Enttäuschungen bereitet. All das hat nicht verhindert, daß unsere offiziellen Versicherungsmathematikcr von der notwendigen Bescheiden heit weiter als je entfernt sind. Alle Einwendungen, die gegen die Selbständigenversicherung, gegen die Reichsrentenkasse, gegen, die Beseitigung einer ernsten Selbstverwaltung erhoben wurden, blieben nach wie vor unbeachtet und werden mit einer hochmütigen Phrase abgetan. Die Enttäuschungen werden nicht ausbleiben und leider nicht die Versicherungs- Mathematiker, sondern die Interessenten der Arbeitcrversicherung schwer treffen. Allerdings haben unsere offiziellen Versichcrungstechniker nicht den Mut, überall an den inappellablen und grundlegenden Gesetzen ihrer Wissenschaft festzu halten. Wenn sich Regierung und Parlament den Forderungen des versicheruugs- tcchnischen Departements fast stets bescheiden gefügt haben, so haben sich die Unternehmcrorganisationen, wenn ihr Interesse dies erforderte, keineswegs durch die Gebote der Wissenschaft einschüchtern lassen. Unsere offizielle Versicherungs technik hat dann jedesmal gezeigt, daß sie, wo es nötig ist, auch anders kann und mit der Macht paktiert. Es -ist kein fiktiver, sondern ein aus der Natur der Dinge fließender Grund satz, daß bei der Versicherung, ohne Gefährdung der Sache, das Gesetz der großen Zahl nicht unbeachtet bleiben darf. Das wußten die Versicherungsmathematiker, als sie uns belehrten, daß die Bruderladen versagt haben, weil man die Inva liden-, Witwen- und Waiseuversorgung Zwerggebildeu belassen hat. Der Druck der Montanindustriellen hat aber bewirkt, daß die sogenannte „Reform" die Zwergbruderladen unangetastet ließ. Die Regierungsvorlage selbst hat in Vor schlag gebracht, daß auch Kassen von 100 und weniger Mitgliedern zur Durch führung der Invalidenversicherung, der Witwen- und Waisenversorgung nach wie vor zugelassen werden. Die Unzulänglichkeit der kleinen Krankenkassen ist von dem vcrsichcrungs- technischen Departement zugegeben worden. Der Wunsch der Unternehmer hat aber genügt, daß die Wissenschaft jämmerlich im Stich gelassen wurde. Die Betriebs- kasscn werden, auch wenn sie nicht mehr als 200 Mitglieder zählen, weiter bestehen. Wie es mit dem Verhalten des versicherungstechnischen Departements zur Frage der Kapitalsdeckung bei der Unfallversicherung bestellt ist, habe ich so oft dargelegt und auch hier im Zusammenhange besprochen, daß cs genügt, darauf nur zu verweisen. Ich konnte auch noch an früherer Stelle auf die heitere Wandlung eingehen, welche die Auffassung der Regierungsmathematiker in der Frage der individuellen Rcservcanteile durchgemacht hat. Es ist ein öffentliches Geheimnis, daß die Versichcrungstechniker ursprünglich die Selbständigenversicherung als undurchführbar abgelehnt haben. Den demagogischen Bedürfnissen einer politischen Partei entsprechend haben sic der Aufnahme dieses Vcrsicherungszweiges schließlich nicht nur Rechnung getragen, sie verfechten sogar in der neuen Regierungsvorlage mit wahrem Feuereifer die Notwendigkeit und Durchführbarkeit der Selbständigenversicherung. Die Chancen der Sozialversicherung sind also heute, wie meine bisherigen Darlegungen gezeigt haben, dank der offiziellen Versichcrungsmatemathik schlimm genug; am meisten wird sie durch die Feindseligkeit der Regierung und ihrer Organe gefährdet. Hier gibt cs nur ein Mittel der Abhilfe: Unser Parlament muß sich von der unerträglichen Tyrannei der amtlichen Versicherungs- Mathematiker, durch welche die gesamte Bevölkerung schwer bedroht wird, endlich befreien. Man muß die Herren aus der Rolle von Gebietern zur natürlichen Aufgabe von Beratern und Hilfskräften, des Parlamentes zurückführen. Nur so kann verhindert werden, daß die Regierung bald durch passive Resistenz, bald durch Häufung von unreifen und unausführbaren Projekten oder gar durch Verschärfung von Jnteressengesätzen die Weiterentwicklung unserer Sozialversicherung