10 Österreichs ist, lieber teurere und schlechtere fremde als die österreichische Ware kauften. Bei der hohen Entwicklungsstufe des Weltverkehres spielen ferner die vom Freihandel überschätzten natürlichen Vorteile eines Landes tatsächlich incht mehr sine so große Rolle, daß man ihretwegen die ganze heutige Wirtschaftsordnung umwerfen müßte. Ferner aber ist es durchaus nicht so sicher, daß die auf dem Weltmarkt sich vollziehende Preisbildung stets gerecht geschieht, und daß die jeweilige Versorgung eines Landes mit den notwendigen Gütern pünktlich, billig und ohne Preistreibereien und Speku lation durchgeführt wird. In den merkwürdigen Schicksalen der amerikanischen Baumwolle, des brasilianischen Kaffees und der argentinischen Getreide transporte sind wohl Beweise enthalten, daß die Erfüllung obiger Forderungen alles andere als gesichert erscheint. Die Preisbildung des Kaffees') geschieht ebenso wie die Preisbildung der amerikanischen Baumwolle, infolge der monopolartigen Stellung der Produzenten, zeitweise sehr willkürlich, und die argentinischen Getreidetransporte blieben im Jahre 1912 gleich drei bis vier Monate aus, weil — in den argentinischen Häfen die Hafen arbeiter streikten. Schließlich ist noch zu bedenken, daß vorläufig die Waren produktion der zivilisierten Welt noch nicht so groß ist, daß die V e r s o r g u n g z. B. Österreich-Ungarns jederzeit s i ch e r g e st e l l t wäre; das gilt ganz besonders für die landwirtschaftliche Produktion, aber auch für Industrie und Gewerbe. In Stubenluft geboren, zeigt also das Freihandelssystem heute noch immer den Charakter weltfrenrder Theorie. Der praktische Sinn unseres Volkes hat das Sprichwort geprägt 'Der Sperlingin der Handi st besseralsdie Taubeau fdem D a ch. Das Bild, das die Freihändler uns vormalen, mag ja ganz zauberhaft schön sein, lieber aber ist es uns, wenn die Arbeitsgelegenheit, Lebensmittel beschaffung und Versorgung mit industriell-gewerblichen Gütern in möglichst weitem Umfange i m V a t e r l a n d e s e l b st g e s i ch e r t erscheint. Darum hat sich auch der Freihandel fast nirgends lange Zeit halten können. In Österreich- Ungarn kam er nur ganz kurze Zeit, und da nicht vollkommen, zur Herrschaft, in Deutschland etwas länger. Das war zu Beginn der 70 er Jahre des vorigen Jahrhunderts. Schon diese kurze Zeit der Freihaudelsherrschaft aber, die freilich zusammenfiel mit der größten wirtschaftlichen Krise, die wir je erlebt haben, hat in der Bevölkerung aller Staaten eine starke Gegnerschaft hervor gerufen, und so trat schon Ende der 70 er Jahre an die Stelle des Freihandels in fast ganz Europa das Schutzzollsystem. Die einzige Großmacht Europas, die heute noch im Sinne des Freihandels keine ent sprechenden Schutzzölle aufgerichtet hat, ist E n g l a n d. Schon in sehr früher Zeit hatte Eng land sich dem Gewerbfleiße in solchem Umfange hingegeben, daß die heimische Land wirtschaft über die Maßen vernachlässigt wurde und nicht mehr imstande war, die nötigen Lebensmittel zu liefern. Anderseits war England bis vor kurzer Zeit sozusagen der Lieferant Europas für alle industriellen Waren. In jahrhundertelangen Kämpfen hatte es sich die S e e h e r r s ch a f t erstritten, und bewacht nun mit seinen gewaltigen Flotten alle *) Unter Duldung der Staatsverwaltung halten die brasilianischen Kaffeehändler ihre Vorräte zurück, ja vernichten sie sogar teilweise, um die Kaffeepreise hoch zu halten. Diese sonderbare Art der Preisbildung ist unter dem Namen „K a f f e e v a l o r i s a t i o n" all gemein bekannt.