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        <title>Ernährungswirtschaftliche Gegenwartsprobleme in Österreich</title>
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            <forname>Hans</forname>
            <surname>Loewenfeld-Russ</surname>
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            <idno>1011190613</idno>
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        ﻿Erniihrungswirtschastliche

in Österreich

Vortrag

gehalten in der Vvllvcrsainmlnng -cs N.-ii. Gewerbevereined
am 28. November 1919 -

von

Dr. Hans Loewenfeld-Ruß

staatssekrelär für Bvlksernührung

Wir» 19 i 9

Mauzsche Verlags- und Universitätsbuchhandlung

6 85603
        <pb n="2" />
        ﻿-03

Vortrag

«ehalten in der Vollversammlung des N.-ö. (äeMerbcvereiiicS
nni 28. November 1919

von

Dr. HansFoewenfeld-Rich

Staatssekretär für Volkseruährmrg



Wie» 1919

Mauzsche Verlags- nnd Nliivcrsitatsbnchhandlung

6 85603
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        ﻿
        <pb n="4" />
        ﻿Vorbemerkung.

Indern ich dem mir mehrfach geäußerten Wunsche, den mir
28. November im Nieder-österreichischen Gewerbevereine gehaltencnr
Vortrag in Druck legen zu lassen, nachkomme, habe ich es für ziveck-
mäßig erachtet, einige Ausführungen, für welche die mir für meinen
Vortrag zur Verfügung gestandene Zeit nicht Raum bot, zu ergänzen.
Außerdem habe ich in Form von Fußnoten einige Erläuterungen bei—
gefügt.

Wien, Anfang Dezember 1919.

Löwenfeld-Ruß-
        <pb n="5" />
        ﻿Es flil't wvhl heute gar keinen Lrt, wo das Gespräch sich
nicht nach fünf Minuten den Fragen der Ernährung zuwendet. Die
Nahrungsfrage ist heute das drängendste Problem geworden. Indem
ich die ehrende Einladung des Niederösterreichischcn GewerbevereincK
angenommen habe, einen Vortrag über Ernährungssragen zu halten,
bin ich mir wieder einmal voll und ganz bewußt, welch undank-
bare Stellung mir bei der Losung dieser Probleme beschieden ist.
Denn vou diesem Platz ist Ihnen wiederholt und erst heute vor
acht Tagen i» einem blendenden. Vortrage, sozusagen nach dem Herzen
gesprochen worden - ich befinde mich nicht in dieser beneidenswerten
Lage, zu Ihnen zu sprechen, etwa nach dem Rezepte: „Die Kinder,
sie hören es gerne." Ich muß mich also auch hier in die mir seil-
langem aufgedrungene Rolle finden, den Leuten nur unangenehmes und
unerfreuliches sagen zu können. Mit dieser reservatio bitte ich, mir
kurze Zeit Gehör zu schenken.

Das Hauptproblem, dem wir gegenüberstehen und das heute
alle Geister in Österreich in Atem hält, konzentriert sich in der Frage
nach den Möglichkeiten der Sicherstellung und der Verbesserung unserer
Ernährungslage.

Über die Möglichkeiten der Deckung des Bedarfes an Nahrungs'
mittel» aus der eigenen Produktion sind in der Öffentlichkeit vielfach
noch immer irrige Vorstellungen verbreitet. Noch immer spielen in den
Köpfen, wenn von österreichischer Nahrnngsmittelproduktion gesprochen
wird, Vorstellungen, welche die Verhältnisse der österreichisch-ungarischen
Monarchie als Ganzes im Auge haben, die Vorstellungen des früheren
sogenannten einheitlichen Wirtschaftsgebietes, für welches der Überschuß
Ungarns an Agrarprodukten maßgebend war.

Schon das alte Österreich, die im Reichsrate vertretenen
Königreiche und Lcinster, war aut dem Gebiete der Ernährung
passiv. Produktion und Verbrauch hielten sich nicht die Wage. Di.'s
wird schon deutlich dadurch, daß 10 Millionen Selbstversorgern 17 Mil
lionen Nichtselbstversorger gegenüberstanden, das heißt, nur :! 7 Prozent
der Bevölkerung konnten sich ihr Brot ans eigener Fechsung backen.
        <pb n="6" />
        ﻿während 63 Prozent der Bevölkerung sich Mehl und Brot durch Ein-
kauf beschaffen mußten*).

In der Republik Österreich ist dieses Verhältnis noch ivcit
ungünstiger, denn von der für 1919 errechneten Bevölkcrungsziffer
von rund 7 Millionen Einwohnern sind im Jahresdurchschnitte nur
zirka i *3 Ätillionen Selbstversorger und st'7 Millionen Richtielbst-
versvrger, haS heißt, im neuen Österreich ist das Verhältnis der Nicht-
produzenten zuin Selbstversorger auf hundert gerechnet wie ,81: 19
gegen 63 : 37 im alten Österreich.

Zugegeben, das; unsere Produkt: onsstatistikrn sehr im argen lagen
und noch liegen, daß wir ferner überhaupt mit Ausnahme weniger
Artikel vor Ausbruch deS Krieges keine Verbrauchsstatistik hatten
worunter die Arbeit der Ernährungsbehördcn sehr schwer zu leiden
hatte, erfüllt doch die Statistik die Funktion des Diagnostikers, der
ein Krankhcitsbild festzustellen hat, bevor der Arzt mit Heilmitteln
eingreift — so sind doch genügend sichere Anhaltspunkte dafür gegeben,
daß schon das alte Österreich unbedingt auf Nahrungsmittelimporte ange-
wiesen war. Selbst wenn die Ernteziffern falsch berechnet waren (und
daß die itu Wesentlichen auf Schätzungen beruhende Erntestatistik unzu-
länglich und unrichtig war, darüber, besteht wohl kein Zweifel), so ist
doch die große Einfuhr an Getreide aus Ungarn, und in schlechten,
Erntejahren auch ans dem Zollanslandc, zweifellos. Die Neitogesamt-
cinsnhr Österreichs ans Ungarn und dem Zollauslande betrug an
Getreide (Weizen, Roggen, Gerste, Hafer und Mais) und Mehl (auf
Getreide umgerechnet) im Durchschnitte der letzten fünf Friedensjahrc
(1909—1913) 27'7 Millionen Meterzentner Getreide **). Schon das

*) Diese Statistik, welche auf der Brvtknrtenzählnng beruht, stimmt nicht
ganz mit der Berufszählung tiberein, wonach 1910 IS1 3 Prozent der Bevöl-
kerung Angehörige der Land und Forstwirtschaft waren. Diese Tifsercuz ist nicht
besonders ausfallend, da eben die Berufszählung einfach die Angehörigen der
Land- und Forstwirtschaft zählt, ohne Stücksicht, darauf, ob sie ganz öder nur
einen Teil des Jahres tatsächlich selbst versorgt sind; Kleinhäusler, Weinbauern
usw. sind entweder gar nicht oder nur einen Teil deS Jahres selbst versorgt,
zählen also nach der Brotkartcnstatistik, zumindest während eines Teiles des
Jahres, auf die Zahl der Nichtselbstversorger.

**) Die Ncttveinfuhr Österreichs ans Ungarn und dem Zollanslandc (nach
Abzug der Ausfuhr) betrug an Getreide 17,100.000 -Meterzentner, an Mehl
7,606.000 Meterzentner, das ist auf. Getreide bei einer 72prozentigen Aus
Mahlung umgerechnet 10,360.000 Meterzentner Getreide, insgesamt somit
■J7'7 Millionen Meterzentner.
        <pb n="7" />
        ﻿alte Österreich gehörte hiernach zu den größten Getreideimportstaaten.
Diese Einfuhr kann wohl zm» größten Teile als für das Gebiet des
jetzigen Österreich bestimmt angesehen werden, da angenommen werden
kann, daß die Überschüsse der prodnktionSrcichen Sndctenländer und
Galiziens sich mit den Abgängen der Bedarfsgebicte Dalmatien, Küsten-
land ’c. ausgleichen.

Die Ncrtoei»fuhr Altösterreichs ans Ungarn an Brot-
getreide (Weizen, Roggen und .Weizen- und Roggenmehl*) im
Jahre 1913 betrug abzüglich der Ausfuhr rund 1.8,055.GOÜ Meter-
zentner. Die eigene Ernte Österreichs an Weizen niib Roggen betrug im
Jahre 1913 43 3 Millionen Meterzentner (Weizen »nd Spelz 19 3,
Roggen 27 0). Wenn ich ganz roh rechne und von der eigenen Ernte
15 Prozent zirka für Abfall, Saatgut und Viehfntter abrechne, so
betrug der Verbrauch an Brotgetreide im alten Österreich rund
199 Kilogramm pro Jahr und Kopf, oder ans Mehl bei einer 72pro-
.zentigen Ausmahlung umgerechnet 389 Gramm Mehl Pro Tag.**)
Hievon lvurden aus Ungarn zirka 94 Kilogramm -Brotgetreide pro
Jahr und Kopf eingeführt, oder wieder ans Mehl umgerechnet
126 Gramm Mehl pro Tag. Das heißt: Rund 33 Prozent des
Bedarfes an Brotgetreide wurden im-alten Österreich aus
Ungarn eingeführt.

Im neuen Österreich wird die eigene Ernte an Weizen und
Roggen infolge des - durch den langjährigen SlrTcg” herabgeminderten
Ertrages im Jahre 1919 mit insgesamt 13! Millionen Meterzentner»
(Weizen und Spelz IR, Roggen 2*8) eingeschätzt ***). Wenn ich auch hier
für Saatgut, Abfall und Viehfutter 15 Prozent abrechne und eine
72prozentigc Ausmahlung annehme, so entfallen ans der eigenen Ernte
pro Kops »nd Jahr rund 52 Kilogramm Brotgetreide = 103 Gramm

*) Einfuhr an Weizen 5,045.090 Meterzentner, au Roggen 2,509.000
Meterzentner, Mehl 7,770,000 Meterzentner d. i. zu 72 Prozent Ausmahlung
10,790.000 Meterzentner Getreide, somit zusammen 18,344.000 Meterzentner
-Getreide.

**) Professor Pribram berechnete den durchschnittlichen Tageskonfum an
Mehl eines erwachsenen Mannes im alten Österreich mit 372 Gramm. (Stati-
stische Monatsschrift, Neue Folge, XXI. Jahrgang, XII., Dczemberheft.)

***) Statistik des Staatsamtes für Landwirtschaft pro 1919. — Im
Frieden betrug die Ernte in den jetzt zur Republik gehörige» Gebieten im
Durchschnitte der Jahre 1909 13 an Weizen 2,662.000 Meterzentner, Roggen
.5,519.000 Meterzentner, zusammen somit 8,181.000 Meterzentner.
        <pb n="8" />
        ﻿Mehl Pro Kopf und Tag. Das heißt: Bon dem oben mit 386 Grämn»
Mehl berechneten Friedenskonsum können aus der eigenen Ernte nur
etwa 27 Prozent des Bedarfes lind müssen 73 Prozent durch Ein-
fuhr gedeckt werden. Im alten Österreich stand also das Verhältnis
der Deckung ans eigener Ernte zur Einfuhr ivie 67"/«: 33°/«, im.
neuen Österreich wie 27% ; 73%. Also gerade umgekehrt.

Auch wenn der Ertrag der Ernte an Brotgetreide in
den Gebietsteilen des jetzigen Österreich in Friedenshöhe,,
somit mit zusammen 8'18 Millionen Meterzentner angenommen
würde, würde die heimische Ernte nur 194 Gramm Mehl pro
Kopf und Tag. somit nur zirka 5,0 Prozent des normalen
Bedarfes beisteuern können.

Ta man annehmen muß, daß der Produzent seinen eigenen
Verbrauch ans seiner Wirtschaft jedenfalls voll deckt, so ist das Er-
gebnis der Bedarfsdeckung für den Nichtselbstversorger noch viel,
ungünstiger.

Die Gerste, die im Frieden nicht als Brotfrucht betrachtet
wurde, wurde mit Absicht nicht berücksichtigt, da, wenn wir au den.
Wiederaufbau unserer Wirtschaft denken, diese teiliveise für Futter,,
teilweise für die gctreidcverarbeitcndcn Industrien bestimmt werden muß-

In diesen Aufstellungen ist mit den statistisch erhobenen Ernte-
ziffern gerechnet. Es darf jedoch nicht vergessen werden, daß die Ernte-
in ihrer Gänze restlos nicht greifbar ist und speziell in Österreich bei
der Struktur unseres landwirtschaftlichen Besitzes ihre Greifbarmachuncp
nie erzielt werden kann, indem wir vorwiegend Klein- und Mittelbesitz,
und fast gar keinen Großbesitz haben. Daß die Mehrzahl unseren
Bauern kein Getreide verkaufen, sondern zukaufen muß, geht ans-
der Statistik unwiderleglich hervor. Von den landwirtschaftlichen Be-

trieben hatten Boden	über 100	von 2—100	von 0—2
in Medcrösterreich -	. 0'4 Prozent,	Hektar  37 2 Prozent,	62'4 Prozent
„ Oberösterreich . .	• 0-2	52 6	„	47'2
der Bcsitzfälte.			

Es macht also der kleinste existierende landwirtschaftliche-
Splitterbesitz in Oberösterreich 47'2 Prozent, in Niedcröstcrrcich.
62-l Prozent der Gesamtbesitzfälle ans.

Das alte Österreich, die im Reichsrate vertretenen König-
reiche und Länder, war jedoch nicht nnr in Getreide passiv»

8
        <pb n="9" />
        ﻿\

sondern in fast allen wichtige» Nahrungsmitteln (ausgenommen
Zucker und Malz) war das alte Österreich auf de» Bezug von
auswärts angewiesen- Ich erwähne hier beispielsweise nur Speise-
fett (einschließlich Butter, Pflanzenfett usw.), bei welchem nur 53 Prozent /
des Bedarfes durch die inländische Produktion, der Rest aber durch '
Importe, zumeist aus Ungarn, gedeckt werden mußte.

Die Abhängigkeit, in der da? alte Österreich hinsichtlich seiner
Lebensmittelversorgung vom Auslande — und Ungarn war ja auch
schon im Frieden zur Zeit der alten Monarchie trotz des sogenannten
einheitlichen Wirtschaftsgebietes bis zu einem gewissen Grade Ausland
— stand, hat die Öffentlichkeit lange vor Kriegsausbrnch wiederholt
lebhaft beschäftigt. Ich erinnere daran, daß zum Beispiel der Jndn-
strierat im Jahre 1911 eine Erhebung über die Große des sogenannten
Lebensmitteldefizits veranlaßte.

Ist schon die Abhängigkeit des alten Österreichs in der Lebens-
mittelversorgung evident gewesen, so hat die durch de» Umsturz herbei-
geführte Trennung der österreichischen Alpenländer und Wiens von den
Sndetenläudcrn, von Galizien nnb von Ungarn die Situation noch
wesentlich verschärft und cs bedarf wohl nicht der Anführung weit-
läufiger Ziffern, um dies zu beweisen. In Galizien allein wurden im
Jahre 1913 zum Beispiel 31 ’2 Prozent der österreichischen Weizen-
produktion, 25’8 Prozent Hafer, 39 2 Prozent an Hülsenfrüchten
geerntet. Aber nicht nur unsere Getreideproduktion ist ganz unzu-
länglich, es gilt dasselbe in hohem Maße hinsichtlich Kartoffeln, Kr
Eier, für Fleisch und Fett, für eine ganze Reihe anderer landwirt-
schaftlicher Artikel und von den industriell erzeugten Nahrungsmitteln,
insbesondere für Zucker. Von den 180 Zuckerfabriken, über die das
alte Österreich verfügte, sind uns nur 4 übrig geblieben, welche heute
kaum imstande sind, 1 Kilogramm pro Kopf und Jahr der Bevölke-
rung der Republik Österreich zu liefern, während der Jahresbedarf
eines Wieners an Zucker im Frieden 20 bis 24 Kilogramm pro
Jahr betrug.

Für Wien hat sich die Abtrennung der bisher zu Österreich
gehörigen Gebiete ganz besonders geltend gemacht. Wien, ivclches an
der Grenze Ungarns gelegen, nur einige Kilometer von der tschechischen
Grenze entfernt ist, war jedenfalls, was die Ernährung anlangt, östlich
orientiert und wurde nur zum geringsten Teil aus den eigenen inner-
österreichischen Gebieten versorgt.



9
        <pb n="10" />
        ﻿Ein paar Beispiele zeigen dies deutlich. Ter Fleischverbrauch
betrug Im Jahre 1913 au Rindfleisch zirka 63 Millionen Kilogramm
oder nach der damaligen Bevölkerungsziffer gerechnet zirka 30'94 Kilo-
gramm pro Kopf, das ist 595 Gramm pro Woche (die heutige
Wochenqnote beträgt 100 Gramm). Zil diesem Rindsleischkvnsnm hat
Ungarn und Kroatien mit 71 Prozent, die Sndetenläuder und Galizien
mit 7 Prozent und die iniicrösterreichischen Länder mit mir 2 2 Pro
zent beigetragen. Ähnlich waren die Verhältnisse hinsichtlich der Vcr
svrgnng mit Schweinefleisch. Wien konsumierte im Jahre 1913 rund
1 Million Stück Schweine, von denen Ungarn und Kroatien 64 Pro»
zent, Galizien 26 Prozent, Sndetenland 6 Prozent, zusammen also
93 Prozent, beigetragen haben, während Österreich nur 7 Prozent
beigesteuert hat.

Um die elenden Verhältnisse, in die ivir geraten sind, drastisch
darzulegen, möchte ich hier noch eine Ziffer über den gesamtenZzleisch-
konsnm Wiens anführen. Wenn man alles Fleisch, welches Wien im.
Frieden konsumierte, also nicht nur Rind- und Schweinefleisch, sondern
auch Kalbfleisch, Geflügel, Wild usw. zusammenzählt, so hat der Wiener
im Jahre erwa 77794 Kilograinm Fleisch - - 1496 Gramm pro Woche
konsumierst

Von den 650.l &gt;0&lt;&gt; Litern Milch, welche. Wien im Frieden durch-
schnittlich täglich verbraucht hat, stamnitcn im Juni t914, also vor
Ansbruch des Krieges, etwa 200.000 Liter ans Böhmen, Mähren und
Schlesien, .100.000 Liter ans Ungarn, zusammen also 300.000 Liter
— 35 Prozent von auswärts.

Diese Beispiele ließen sich noch für alle möglichen anderen
Artikel erweitern. Ich erwähne nur, das; von den 50 Millionen Stück
Eiern, die in Wien im Jahre &gt;914 ans den Märkten verkauft wurden,
nur 13 Millionen aus Österreich, der Rest ans der Monarchie, davvu
34 Millionen Stück aus Ungarn stammten.

Das sind nur Streiflichter ans dem großen reichhaltigen Zifseru-
material, aus welchem unzweifelhaft hervorgeht, daß selbst bei Friedeno-
ProduktivnSvcrhältnisse», von welchen wir aber derzeit wesentlich entfernt
sind, die Versorgung Deutschösterrcichs und speziell Wiens auch nicht
im entferntesten durch die eigene Produktion sichergestellt werden kann
und &gt;vir unbedingt einen größeren Teil, sogar den weitaus größten
Teil unseres Nahrnngsbedaries ans dem Anslande beziehen müssen.
Hierdurch erklären sich auch die geradezu verzweifelten Verhältnisse unter

10
        <pb n="11" />
        ﻿welchen wir mangels der Möglichkeit der Beschaffung ausreichender
Mengen aus dem Anslande seit dem Umstürze leben.*)

Ich will und kaun hier nicht untersuchen, ab Österreich in seiner
jetzigen Gestalt, in finanzieller und wirtschaftlicher Beziehung, überhaupt
existenzfähig ist. Ich ivill auch nicht Politik sprechen. Eines ist aber
sicher: Ernährungswirtschaftlich ist Österreich ein Krüppelstaat
und kann sich nur. mit den Prothesen fremder Hilfe mühsam
fortschleppen. Zweifellos wäre unsere Ernährungslage eine wesent-
lich andere, wenn wir den Anschluß an Deutschland hätten voll-
ziehen können. Der deutsche Reichswirtschaftsminister hat erst vor
einigen Wochen gesagt, daß nach den Ernteschätzungcn die deutsche
Mehlversorgung bis zur nächsten Ernte durch die eigene Produktion
gesichert sei, wobei Deutschland fein Getreide nur mit 80 Prozent,
wir mit 90 Prozent ausmahlen. Deutschland gibt sieben Pfund
Kartoffeln pro Kopf und Woche aus, während wir regelmäßig Kar-
toffeln überhaupt nicht ausgeben können. Es ist wohl außer Frage,

*) Wie entsetzlich die Ernährungsvcrhältniffe bei uns derzeit sind, beweist
die folgende (nach der Kaloricntabelle Professors Dr. König angestellte) Berech-
nung des KalorienwerteS der gegenwärtigen Wochenkopfqnoten der wichtigsten
rationierten und halbwegs erreichbaren Lebensmittel. Hiebei habe ich ans dein
Gutachten des Professors Dnrig, das er über mein Ansuchen im November
1918 erstattet hat, den Kalorienwert .für Fleisch einheitlich mit 2, für Feit
einheitlich mit 8 und für Mehl einheitlich mit 3 Kalorien pro Gramm über

nominell.  500 Gramm	Mehl wöchentlich				72	Gramm tägl.	— 216	Kalorien
1575	l (0»ote für ] Brot |	den Nicht-	1  r —	225		= 504	
120	l schwerarbeiter) ) Fett wöchentlich	1	17		= 136	
750	„	Zncker monatlich	=	25	„ „	= 100	
100 „	Fleisch wöchentlich	=	14	„ „	28	ff
	Milch	=		Liter	= 84	
	1 Ei wöchentlich	=	' 1L	Ei	= 12	„
500	„	Kartoffel wöchentlich	=	72	Gramm „	= 64	„
	Gemüse	-----	4C0	„	= 127	„
				Zusammen	, 1271	Kalorien

Also 1271 Kalorien, während Dnrig auf Grund der wissenschaftlich fest-
stehenden Bedarfsgröße von 3000 Kalorien nach dem Bevölkerungsansbnu i»
Österreich beit Nahrungsbedarf für die Einheit erwachsener Mann — mir
2300 Kalorien pro Kopf und Tag berechnet!

11
        <pb n="12" />
        ﻿daß bei einer Versorgung vvii 60 Millionen Menschen in Deutsch-
land die sieben Millionen Österreicher schlecht nnd recht noch mit-
kommen könnten. Sicherlich ist auch in Deutschland die Lage gespannt,
aber der deutsche Ernährnngsminister kann wenigstens insoweit ruhig
schlafen, als er nicht stündlich die einlaufenden Waggons dahin zählen
muß, ob für die nächste Woche Brot genug da ist.

Kann ein solches Land, in dem die tägliche llnsicherheit der
nackten Lebensmöglichkeit an den Nerven der Bevölkerung zerrt, zur
Arbeit kommen?

Und trotzdem, wie immer sich unser Schicksal gestalten wird,
wir müssen arbeiten, mir müssen insbesondere trachten mehr zu pro-
duzieren, einerseits um die unproduktive, Konsumzwecken dienende Ein-
iuhr- Herabdrücken, andererseits um mehr Jndustrieprodukte für die
Ausfuhr zur Bezahlung unserer Einfuhr erzeugen zu können,

Die Produktionssteigerung ist der erste Weg, aus dem
das Problem, wen» auch nicht gelöst, doch entknotet werden
kann. Wir dürfen nicht die Hände in den Schoß legen nnd
warten, bis irgend jemand hilft.

Ein produktionspolitisches Programm zu entwerfen liegt nicht
iiu Rahmen dieses Vortrages, aber es ist klar, daß in erster Linie alles
getan werden muß, um zunächst die landwirtschaftliche Produktion, insbe-
sondere den stark zurückgegangenen Getreidebau, sowohl was die Anbau-
fläche als ihren Ertrag betrifft, wieder auf die Friedenshöhe und darüber
hinaus zu bringen.*) Ganz kursorisch mochte ich nur darauf hinweisen,
daß besonders zur Behebung des Leutemangels auf dem Lande die
Mobilisierung der landwirtschaftlichen Arbeitskräfte**), dann eine Inten
siviernng der Produktion im Wege der Meliorisatiou und Kommassie-
rung, des Ausbaues der Genossenschaften, der stärkeren Verwertung der

Die Hebung der Ertragsfähigkeit unseres Bodens ist anzustreben und
erreichbar. In den Gebieten des jetzigen Österreich betrug nach der amtlichen
Statistik der durchschnittliche Hektarertrag in den Jahren 1908 bis 1912 in
Weizen 135, in Roggen 13'3 Meterzentner, im letzten Jahre kaum 10 Meter-
zentner. In Deutschland betrng der Hektarertrag in den Jahren 1908 bis 1912
in Weizen 20'7, in Roggen 17'8 Meterzentner. Deutschland hat im Jahre 1913
nach Angaben des Kalisyndikats aus einem Quadratkilometer nutzbaren Bodens
1529 Kilogramm Kali, das alte Österreich-Ungarn 114 Kilogramm ver-
wendet.

**) Siehe die Vorschläge des Direktors Albert Geßmann jun., „Zurück
zur Scholle", Wien, Kommissionsverlag Frick, 1919. .

12
        <pb n="13" />
        ﻿Bibliothek des Instituts
für Weltwirtschaft Kiel

maschinelle» Bodenbearbeitung *), der stärkeren Berwendnng von kiinsl-
licheni Dünger und Düngemitteln, soweit deren Einfuhr möglich ist, not
wendig ist. Der Ausbau der Wasserkräfte bietet Möglichkeiten zur Erzeu-
gung künstlichen Stickstoffes. Auch die Beschaffung von Futtermitteln muß
gefördert und in diesem Zusammenhang auch eine Förderung derjenigen
Industrien, welche wertvolle Abfallprodukte für die Landwirtschaft
erzeugen (Zucker-, Brau-, Malz-, Öl-, Spiritusindustrich angestrebt
werden. **)

. Alle diese Maßnahmen, die selbstverständlich nicht den Anspruch
ans Vollständigkeit machen, sind jedoch Maßnahmen auf lange Sicht,
die nicht sofort wirksam werden können und das Gegenwartsproblenc
nicht, wenigstens nicht sofort, lösen können.

Als ein raschestcns wirkendes Mittel zur Förderung der Produktion
&gt;vird von vielen Seiten die sofortige Aushebung der Zwangs-
w irisch oft bezeichnet, die als besondere Hemmung der Produktion
empfunden wird. Der Wegfall der öffentlichen Bewirtschaftung, die
Wiederherstellung der freien Wirtschaft würde nach der Meinung vieler
nicht nur eine sofortige rasche Steigerung der Produktion, sondern
so wird behauptet auch eine sofortige Besserung unserer Ernnhrnngs-
lagc zur Folge haben.

ES ist immer nützlich, ivenn, wie dies auch in der vorliegenden
Frage der Fall iit, wirtschaftliche Fragen und Probleme unter partei-
politischen Gesichtswinkeln betrachtet und behandelt und Gegenstand
agitatorisch und demagogisch geführten Streites und einer vielfach
einseitigen Interessen dienenden „Schlagivort"-Politik werden. Tic
Öffentlichkeit laßt sich dann leicht von der mehr oder Nieniger geschickten
Mache beeinflußen und ist ernsten Erwägungen nicht mehr zugänglich.
Umsomehr erscheint cs Pflicht verantwortlicher Männer, solche Pro-
bleme. sine ira et -stiulio zu behandeln.

Was wollte die öffentliche Bewirtschaftung? Sie war ein Kind
der Not, eine Methode wirtschaftlicher Kriegführung, wie eben der Krieg
von unseren Gegnern nicht nur mit militärischen Waffen, sondern auch

*) Auf diesem Gebiete entwickelt die landwirtschaftliche Warenverkehr-
stelle des Staatsamtes für Vvlkscrnährnng unter Leitung des Dr. Kurt Schecks ne r
bereits seit längerer Zeit eine sehr ersprießliche Tätigkeit.

**) Dein Anbau von Zuckerrüben kommt nicht nur vom Gesichtspunkte der
Steigerung der Zuckerproduktion eine große Bedeutung zu. Zuckerrübe ist eine
wichtige Vorfrucht für Getreide. Überdies sind die Abfallprodukte der Zucker-
industrie, Schnitte und Melasse, ein überaus wertvolles Futtermittel.
        <pb n="14" />
        ﻿mit wirtschaftlichen Mitteln geführt wurde. Sie wollte im Sinne des
Grundgedankens, welcher Walther Rathenau vorschwebte: Die Erfassung
der Gesamtproduktion, eine gleichmäßige Aufteilung der produzierten
Waren an die verbrauchende Gesamtheit unter Festlegung von Übcr-
nahNs- und Abgabepreisen und eine den Verhältnissen entsprechende
Einschränkung des Verbrauches.

Dem Prinzip lag die Idee des „Durchhaltens" zugrunde, es
war aufgebaut auf der Idee „gleiche Pflichten", „gleiche Rechte". Es
setzte also von vornehereiu soziales Gewissen und Empfindung voraus,
dessen Mangel im Kriege allerdings nur zu oft cinpfunden wurde.

Die Idee ist in ihrer Durchführung zum großen Teile ge-
scheitert. Allerdings — ee ist kein Zweifel, daß ohne die staatliche
Bewirtschaftung der Krieg nicht zwei Jahre zu führen gewesen wäre.
Sicherlich — heute wird es jedermann als Glück betrachten, wenn
der Krieg aus irgendwelchen Gründen, selbst durch eine Unterlassung
der notwendigen wirtschaftlichen Maßnahmen, früher zu Ende gegangen
wäre, denn schlechter hätte der	Ausgang	des Krieges auch	nicht

werden können. Aber man muß	sich doch	die	allgemeine Mentalität

ini Sinne des Durchhaltens von damals vor Augen halten und darf
die Sachen nicht vom ex p08t-Standpunkte beurteilen. Bei der
ungenügenden Produktion Österreichs und	der	ungenügenden	Hilfe-

leistung Ungarns, wäre bei freiem Verkehr und freier Wirtschaft die
Versorgung der Allgemeinheit im Kriege einfach undurchführbar
gewesen. Bei der sich überstürzenden starken Nachfrage, dein kein oder
nur geringes Anbot gegenüberstand, hätte ja der Handel seine Funktion
der Verteilung gar nicht durchführen können. Die öffentliche Bcwirt-
schaftnng ist nicht von Theoretikern ausgeklügelt und nicht in der
Eonveuse der Bürokratie aufgezogen worden. Sic ist eine notwendige
Kriegserscheinung gewesen, die ja	auch in	den	Siegesländern	durch-

geführt wurde, hat doch zum Beispiel Frankreich die straffste Bewirt-
schaftung des Getreides durchgeführt.

Auch bei uns ist, was jetzt wissentlich oder unwissentlich ver-
gessen wird, " diese öffentliche Bewirtschaftung mit Beschlagnahme,
Requisition und Höchstpreisen, als im Herbste des Jahres 1914 die
Getreidepreise stiegen, von der gesamten Öffentlichkeit in Österreich
gefordert worden.

Daß die Zwangswirtschaft mit produktionswirtschaftlichen Nach-
teilen verbunden war, wird niemand leugnen. Wenn aber der für die
Kriegsverhältnisse an sich richtige Gedanke in seiner Durchführung zu
        <pb n="15" />
        ﻿einem Mißerfolge führte, sv innren hiefür außer allgemeine», insbe-
sondere durch die lange Dauer des Krieges herbeigeführten Ursachen in
Österreich speziell noch eine Reihe besonderer, in de» spezifischen Ver-
hältnissen Österreichs gelegenen Gründe maßgebend. Es fehlt mir die
Zeit, diese Gründe und Ursachen des Mißerfolges der öffent-
lichen Bewirtschaftung hier detailliert auseinanderzusetzen.

Ich mochte nur schlagwortartig daraus hinweisen, daß die
mangelnde Hilfe Ungarns, die Aushebung des sogenannten einheitlichen
Wirtschaftsgebietes mit Ungarn, die frühzeitige Besetzung und Zerstö-
rung des prodiiktiousreichen Galiziens von vorneherein einen Mangel
erzeugte, den gar keine Wirtschaftsmethode, weder der freie Handel
noch die gebundene Wirtschaft zu bannen vermocht hätte und der dazu
führte, daß der österreichischen Landwirtschaft ungleich größere Lasten
ohne Rücksicht ans die Bedürfnisse der Produktion auferlegt werden
mußten, als sie der ungarischen Landwirtschaft zugemutet wurden.
Innerhalb Österreichs selbst bewirkte das vielfach passive Verhalten
der tschechischen Gebiete der Sudetenländer eine starke Belastung der
österreichischen Krouländer, die in ihrer Gegenwirkung schließlich zum
Versagen des Anfbringungssystems, zu Störungen und Hemmungen der
Produktion (wie Abnahme des Saatgutes, Schlachtung von Milchkühen,
Lichtung des Viehstandes u. s. w.) führten. Hiezu kam eine nicht sehr
glückliche Preispolitik, die unter dem Zwange der Verhältnisse vielfach
mehr Rücksicht auf sozialpolitische als aus prodnktivnspolitische Gesichts-
punkte nehmen mußte.

Ein Grund des Mißerfolges der öffentlichen Bewirtschaftung war
auch die zu straffe Zentralisierung. Hatte ein von Wien ausgehender
Zentralismus bei de» staatlichen Verhältnissen Österreichs und der Eigen-
art der Länder sich schon im Friede» nicht durchsetzen können, so war
es ein Irrtum, zu glauben, daß durch den Krieg grundlegender Wandel
geschaffen und die Widerstände politischer und nichtpolitischer Natur
überwunden werden könnten. An diesem Irrtum hatte die Ernährungs-
Wirtschaft sehr schwer zu leiden, und aus diesem Gesichtswinkel ist
manches Versagen zu erklären. Sicherlich in vieler Beziehung war gerade
ans dem Gebiete der Ernährnngswirtschaft die Zentralisierung, durch die
allein die Einheitlichkeit herbeigeführt werden konnte, notwendig, aber
die Dinge von Wien ans in allen Einzelheiten zu regeln, war nicht
möglich. Daß es doch versucht wurde, bewirkte eine Schwächung des
Systems. In den Ländern wurde die Abneigung gegen die zentrale
Bewirtschaftung umso stärker, als Wien der immer größer werdenden

15
        <pb n="16" />
        ﻿Not mich in de» Ländern nicht mehr abhelfen konnte. So kam cs
da»», trotz aller Zentralisierung oder vielleicht gerade deshalb, znr
gegenseitigen Absperrung der Länder unb Bezirke, welche der geordneten
Ernährnngswirtschaft völlig den Boden entzog, Absperrungen, welche,
als Palliativ gegen den durch die Not erzeugten Schleichhandel gedacht,
diesen erst recht in die Halme schießen ließen. Nicht zuletzt hat an
den nugenügenden Erfolgen unserer Ernährnngswirtschaft der Mangel
an einer geeigneten Berwaltnngsmaschine Schuld gehabt. Für die
staatliche Bewirtschaftung war der behördliche Friedensapparat vielfach
ungeeignet, es hat an wirklich geeigneten Unterstellen für die Behand-
lung der Wirtschaftsfrage», wie sie sich Deutschland in den Kommunal-
verbänden geschaffen hat, gefehlt. Die Versuche, diese Lücken auszu-
füllen, haben nur teilweise Erfolg gehabt, sie konnten eine entsprechend
funktionierende Organisation nicht ans dem Boden stampfen,

Die Bevölkerung interessiert es wenig, warum eine Maßnahme
nicht reüssiert. Sie sieht nur den Mißerfolg und ans diesem Grunde
erscheint eS mir auch unnütz, zu untersuchen, ob der Schleichhandel
die Folge des Versagens, des Systems oder die Ursache dieses Versagens
ist und ivar. Es ist übrigens außer Frage, daß die Funktionen des
Schleichhandels, die einerseits vielfach überschätzt werden andererseits
in bestimmten Richtungen zweifellos die öffentliche Bewirtschaftung schwer
schädige», also ursächlich wirken. Charakteristisch hiefür ist zum Beispiel,
daß anläßlich der Einstellung des Sonntagsverkehres aus den Bahnen
die Zulieferungen von Milch nach Wien an Montagen gegenüber früher
anstiegen, ivas immerhin zu beweisen scheint, daß der Schleichhandel
große Milchmengen der öffentlichen Bewirtschaftung und damit der
gleichmäßigen Verteilung entzogen hat. Jedenfalls ist der Schleichhandel
da — als Ausfluß des Lebeiiserhaltungstriebes, als eine Art Neben-
regierung der Aufbringung, als eine Organisation der Aufbringung, die
auf Anbot und Nachfrage aufgebaut, ausschließlich durch hohe Geld-
anbotc wirksam wird. Er bewirkt also gerade das Gegenteil dessen,
was man angesichts des Mangels und des Mißverhältnisses von Anbot
und Nachfrage ausschalten wollte, nämlich die freie Preisbildung nach
diesem Gesetze. Verschwinden wird er trotz aller Aufgebote zu seiner
Unterdrückung erst, wenn der Mangel beseitigt ist und beseitigt werden
kann, somit im Falle genügender Importe.

*) Bel einem Tagesbedarf von ungefähr 700.00» Kilogramm Mehl in
Wien leistet der Schleichhandel, tute hoch immer man ihn schätzen mag. sicherlich
mir einen kleinen Bruchteil der Deckung.

16
        <pb n="17" />
        ﻿Warum wird nun, wenn bet Weg der'öffentlichen Bewirtschaf-
tung der Jnlandsproduktion nicht znin Ziele führte, nicht der andere,
so sehr befürwortete Weg der freien Wirtschaft betreten? Kann ans
diesem Wege, wie behauptet wird, eine sofortige Steigerung der Pro-
duktion und eine bessere Versorgung, ja sogar, wie behauptet wird,
eine billigere, jedenfalls billigere Versorgung als durch den Schleich-
handel, erreicht werden?

Die Öffentlichkeit, die den bestehenden Zustand unbefriedigend
empfinden muß, betrachtet diejenigen als Messiasse, die die Heilslehre
verkünden, daß bei Berivirklichung ihres Programmes alles besser
würde — sowie dies vor Wahlen öfters stattfindet Es soll schon
vorgekommen sein, daß die Wähler dann von ihren Messiassen sehr
enttäuscht waren!

Was die behauptete sofortige Produktionsvermehrung in beträcht-
lichem Ausmaße anlangt, so kann eine solche Steigerung doch wohl
nur in längerem Zeiträume und durch systematische Arbeit sich voll-
ziehen, sie hängt von einer Reihe kultureller, klimatischer und natür-
licher Bedingungen ab, die sich entweder nicht oder nur sehr langsam
ändern lassen und mit der freien oder gebundenen Wirtschaft nicht viel
zu tun haben. Inwiefern gewisse, insbesondere durch eine falsche Preis-
politik verursachte Nachteile der öffentlichen Bewirtschaftung beseitigt
werden können und . müssen, davon wird noch später zu reden sein.
Eine sofortige nennenswerte Steigerung der Produktion jedoch, deren
Tiefstand durch ganz andere Ursachen, unmittelbar durch den Krieg und
dessen Nachwirkungen, herbeigeführt wurde, ist von einer unvermittelten
Aufhebung des öffentlichen Bewirtschaftnngssystems wohl kaum zu
erwarten.

Was aber die gleichfalls behauptete sofortige Besserung der
Ernährungslage iui Falle der Aufhebung der öffentlichen Bewirtschaftung
und Freigabe deS freien Verkehrs anlangt, so will ich zugeben, daß
möglicherweise durch kurze Zeit mehr Ware auf den Markt käme, ohne
Zweifel aber zu so hohen Preisen, daß die weniger kaufkräftigen
Schichten der Bevölkerung, die ja den überwiegenden Teil der Bevöl-
kerung bilden, leer ausgehen müßten. Nach kurzer Zeit hätte aber der
ganze Zauber ein Ende. Waren produzieren kann der Handel und der
freie Verkehr ja doch nicht, und mehr herausbringen als da ist, kann
er auch nicht. Und daß wir zu wenig erzeugen, um alle zu versorgen,
das habe ich schon eingangs meiner Ausführungen erwähnt und das
muß doch wohl nicht immer wieder neuerlich nachgewiesen werden.

3
        <pb n="18" />
        ﻿Österreich ist ein Land des Rahrungsmittcldefizites. Gäbe man
die Bewirtschaftung heute schon sofort völlig frei, so würden sich ganz
unerträgliche Zustände herausstellen. Die Freigabe der Bewirtschaftung
müßte natürlich auch die Aufhebung der Rationierung zur Folge
haben. Daß aber die Rationierung nur eben auf die importierte Ware
beschränkt würde, erscheint nicht nur technisch schwierig, es wäre auch
undurchführbar, weil wir ja hinsichtlich der Importe mindestens finanziell
von der Entente abhängig sind und diese cs kaum zulassen würde,
daß wir mit der Inlandsware sozusagen prassen und hinsichtlich des
Importes ihre Hilfe in Anspruch nehmen. Eine Verteilung der Ware
kann nicht mehr erfolgen, wenn die Ware nicht mehr in den Händen
der Verwaltung ist. Aber auch jeder Einfluß auf die Preisbildung
ginge verloren. Die freie Bewirtschaftung bedeutet zugleich den sofor-
tigen Sprung auf die Auslandsparität und die volle Wirksanikcit des
Tiefstandes unserer Valuta im Auslande auch im Jnlande.

Wieunter Freigabe des Verkehrs bei den gegenwärtigen Verhältnissen
sich die Preise gestalten, daftir haben wir ja doch schon einige Erfahrungen.
Ich verweise auf das Beispiel mit Pferdefleisch, in dem der Handel
freigegeben wurde. Wissen die Anhänger der freien Wirtschaft, daß Heu,
das freigegeben wurde, in Oberösterreich jetzt K 2'— das Kilogramm
kostet? In Deutschland ist beim Versuch, den Fischhandel freizugeben, der
Fischpreis ans das Dreifache gestiegen und ist überdies Warenknappheit
eingetreten, so daß die Reichs-Fischversorgung wieder hergestellt wurde.

Es wird vorgeschlagen, daß man sich mit der Ablieferung von
bestimmten Kontingenten begnügen und den Rest freigeben soll. Dieses
gemischte System hat zur Fplge, daß zwar freies Ex-Kontingent zu
maßlosen Preisen im Handel ist, das Kontingent aber nicht abgeliefert
wird. Siehe Hafer bei uns! Es wird auch vorgeschlagen, daß der Staat
nur die weniger Bemittelten versorgen soll, die Versorgung der übrigen
Teile der Bevölkerung dem freien Handel- überlassen soll. Man vergißt
da die Schichtung unserer Einkonuncuverhältnisse, die dazu führen müßte,
daß der Staat doch die Versorgung des weitaus größten Teiles der
Bevölkerung auf sich nehmen müßte!

Mit einen, Worte: Solange die Bedarfsdeckung durch hin-
längliche Importe für längere Zeit nicht. sichergestellt ist,
solange nicht die Angst der Bevölkerung gebannt ist, die zur Thesau-
rierung und Bevorrätigung führt, kann meines Erachtens nach keine
Regierung, speziell auf dem Gebiete der Getreidebcwirtschaftung, die
BerantN'ortnng auf sich laden, die Voraussetzungen für die
        <pb n="19" />
        ﻿Möglichkeit der Stationierung aufzuheben und eine Markt-
gestalt ung zuzulassen, die unsere sozialen Schwierigkeiten
noch vermehren muß te.

Daß ieh damit nicht die Dauer der Zwangswirtschaft, aueh nicht
das generelle Festhalten an ihr proklamieren will, ist selbstverständlieh.
Schon die Lockerungen der staatlichen Autorität maeheu eine weitere
Durchführung eines ganz starren Wirtschaftssystems unmöglich. Aber ein
plötzlicher, genereller Übergang zur Wirtschaftsfreiheit wäre
eine Katastrophe, wie dies vor acht Tagen auch Schumpeter hier
gesagt hat, der doch sicherlich nicht als Zwangswirtschaftler gelten
kann. Auch in Deutschland hat man, trotzdem Deutschland sich in
ungleich günstigerer Ernährungslage befindet, die Bewirtschaftung auf
den wichtigsten Gebieten der Ernährung beibehalten.

Wir werden uns den Verhältnissen anpassen müssen, wie dies
schoil dem Charakter der Übergangswirtschaft entspricht, und vorsichtig,
nach und nach ans einzelnen Gebieten abbauen, gleichwie man das in
einem Stauwerke angesammelte Wasser nicht durch Heben der Schleusen
auf einmal ausläßt, wenn man nicht Unheil anrichten will. Die öffent-
liche Bewirtschaftung kaun unter den derzeitigen Verhält-
nissen nur schrittweise und unter Berücksichtigung des Zusammcn-
hanges und der wechselseitigen Beziehungen der einzelnen Artikel unter-
einander abgebaut werden, zunächst dort, wo die Produktion für
den eigenen Bedarf hinreicht. Dies ist bereits geschehen bei Gemüse,
Obst, bei Rauhfutter. Um die Produktion von produktionshemmenden
Wirkungen des Bewirtschaftimgssystems zu befreien, ist das System der
Getreidebewirtschaftung unter Berücksichtigung der Prvduktionserforder-
uisse geändert worden. Hiermit muß Hand in Hand eine vernünftige
Preispolitik gehen. Kurz, das Problem muß bei jedem einzelnen
Artikel untersucht werden, und dann sachlich und zeitlich
entschieden werden.

Wenn demgegenüber immer wieder das freie Spiel der Kräfte,
das Gesetz von Anbot und Nachfrage als einziges Rcmedium gegen
unsere Not angepriesen wird, so wird übersehen, daß alle wirtschaft-
lichen Lehren nur eine relative Berechtigung haben und sich nicht
als in jedem Fall anwendbare Rezepte darstellen. An dein Gymnasium, an
dem ich studierte, hatten wir einen alten, lieben Konviktsarzt, der für
alle Krankheiten unserer Jugend, ob es nun Schnupfen oder Typhus
war, ein Universalmittel zur Hand hatte. Ich zweifle, ob die geschwächte
Konstitution der österreichischen Wirtschaft das ihr von gewissen

19
        <pb n="20" />
        ﻿Doktoren als Allheilmittel ocrschriebene Purgativ des frexeu Spiels
der Kräfte so cjut aushalten würde, wie seinerzeit die Melker Buben!
Es werden, wenn immer wieder der freien Wirtschaft das Wort
geredet wird, auch die Erfahrungen der Geschichte übersehen, welche
zeigt, daß die Wirtschaft nach Zusammenbrüchen, die nicht die
Größe unseres Zusamnienbruches aufweisen, einer langjährigen
Regeneration bedurften (dreißigjähriger Krieg, Napoleonischen Kriege),
cs wird übersehen, daß die Vorkriegszeit im Zeichen der Über-
produktion, somit im Zeichen der Entwertung der Ware gegenüber
dem Werte des Geldes stand, die Verhältnisse sich somit ins Gegenteil
gewendet haben, es wird übersehen, daß die Freiheit der Wirtschaft
vor dem Kriege, allerdings ans anderen Gründen, oft schon recht aus-
giebig beengt war. Schon in der Vorkriegszeit zeigte sich ein Zug des
Ansschaltens des uneingeschränkten Spieles der Kräfte, der sich einer-
seits in der Zusammenfassung der wirtschaftlich tätigen Kräfte in
Kartellen, Syndikaten u. dgl., andererseits in der Gründung von
Organisationen des Kleinhandels gegen die Übermacht des Großhandels,
schließlich in der Bildung von Konsnmentenorganisativncn geltend
machte. Auch die Gesetzgebung und Verwaltung wies bereits vielfach
Spuren der Organisation, stellenweise der Ausschaltung des freien
Handels ans, die das freie Spiel der Kräfte nicht bedingungslos als
berechtigt anerkannte.*)

*) Wenn man die Protokolle der interministeriellen Konferenz vom
Jähre 1911 zur Bekämpfung der-Teuerung durchlieft, findet man dort eine
Reihe von Vorschlägen, die auf eine Einschränkung und Kontrolle der freien
Wirtschaft und der Tätigkeit des freien Handels hinausliefen. So wurde zum
Beispiel als eine Maßnahme gegen die zunehmende Teuerung der Ankauf von
Lebensmitteln durch die Gemeinde und unmittelbare Abgabe an die Konsumenten
und Detailhändler vorgeschlagen. Das war schon im Jahre 1911! In einem cm
die Konferenz erstatteten Referate des damaligen Ackerbauministeriums wurde die
Teuerung des Fleisches (Rindfleisch kostete damals Vorderes Kronen 1 20 bis
1'90, Hinteres Kronen T40 bis 2*40!) zum Teil aus die Tätigkeit eines nicht
notwendigen Zwischenhandels zurückgeführt und die Einrichtung eines direkten
Verkehres der Produzentenorganisationen mit den Konsumentenorganisationen in
Verbindung mit Großschlächtereiunternehmungen, in Aussicht genommen. In
ähnlicher Weise wurden zur Behebung der Mißstände bei der Versorgung mit
Eiern, Kartoffeln, Gemüse usw., staatliche Übernahmsstellen in Anregung
gebracht, die die Ware vom Produzenten übernehmen und mit der Verpflichtung
zum Weiterverkaufe zu Maximalpreisen air den Detailhandel abgeben sollten.
Die Zwangswirtschaft des Krieges hat sich also nicht so unvermittelt an die
Vorkriegszeit angeschlossen.
        <pb n="21" />
        ﻿Aber angenommen selbst, alle, diese Erwägungen seien irrig
und die Staatsregierung entschlösse sich, die öffentliche staatliche Bewirt-
schaftung sogleich restlos aufzuheben. ES ist wohl auch den Anhänger»
der freien Wirtschaft nicht unbekannt, daß die Republik Österreich
aus verschiedenen Teile», den Ländern, besteht, deren Zusammen-'
gehorigkeit schon im alten Österreich Probleme darstellte, die im neuen
Österreich nicht leichter geworden sind. Die Ernährnngsfürsorge war
(soweit nicht gewerbe- und »larktpolizeiliche sanitäre Vorschriften in
Betracht kommen) früher überhaupt kein Gegenstand der öffentlichen
Verwaltung. Also ein neues Gebiet, in Bein sich die beliebten Koni-
petenzkonstikte schrankenlos ausleben konnten und Lösungsvorschläge
zeitigten, die ihre Pole auf der einen Seite in dem Rufe nach staat-
licher Ernährungsdiktatur*), auf der anderen Seite in dem Rufe nach
uneingeschränkter Autonomie, die ich einmal als „Verdvrfnng" der
ErnährungsWirtschaft bezeichnet habe, finden. Wort und Begriff
„Diktatur" dürften heute wohl wenig Anklang finden, es wäre denn,
daß eine solche von einem Amerikaner geleitet würde — nemo Pro-
pheta in patria. Wir stehen also derzeit auf dem anderen Pole: Der
Länder-, Bezirks- und Gemeindeernährungswirtschaft.

Wenn Koerber in seinen „Studien zur Reform der inneren Ver-
waltung" von den früheren Landesausschüssen sagt, daß die eigen-
tümliche Stellung dieser Organe, die ans einer legislativen Körperschaft
mit ausgeprägtem politischen . Charakter hervorgegangen sind, eine
ersprießliche Tätigkeit auf dem Gebiete der Verwaltung erschwert, so
trifft dies gewissermaßen auch für die heutigen Landesregierungen zu,
die, von der politischen Landesversammlung gewählt, zugleich als
staatliche Behörden fungieren sollen, demnach ein Gemisch von Legis-
lative und Administrative darstellen, das allen VerwaltungSgrundfätzen
widerspricht. Derart sind sie in der steten Gefahr, sich mit der Staats-
regierung oder mit der Körperschaft, von der sie gewählt sind, in
Widerspruch zu setzen.

, Wirkliche Ordnung wird erst die neue Verfassung bieten können,
die die Kompetenzen abgrenzt. Bei der heutigen Verfassung, welche die
sogenannten landesfürstlichen staatlichen Behörde» und die autonomen

*) Es ist nicht uninteressant, daß die Ruse nach einer Ernährungsdiktatur
während des Krieges am stärksten in den Alpenländern laut wurden, die sich
durch, die Ungeberdigkeiten der böhmischen und galizischen Statthalterelen benach-
teiligt fühlten.

t
        <pb n="22" />
        ﻿Ländesbehördeii verschweißt hat, ist die staatliche Verivaltimg jedenfalls
etwas struppiert worden, und nian kann sagen: Auf einer» Gebiete,
nämlich aus dem Gebiete der staatlichen Verwaltung, ist der „Abbau"
bereits ziemlich lückenlos, wenn auch nicht gerade glücklich durchgefübrt
worden.

Es frügt sich somit, ob, wenn die Regierung die staatliche
Bewirtschaftung aufheben würde, dies die Freiheit des Verkehres
bedeuten würde. Die Maßnahmen der Länder ans dem Gebiete des
Geniüse- und Obstverkehres sowie des Verkehres mit Rauhfutter, der
von der Staatsregiernng freigegeben wurde, beantworten die Frage
selbst. Überflüssig von den „Einreisebewilligungen" zu sprechen.

Die Entstaatlichung der öffentliche» Bewirtschaftung hätte un-
zweifelhaft die V erländern »g zur Folge, daS heißt, jedes Land würde
die zentrale Bewirtschaftung innerhalb seines Gebietes einführen, wie
dies ja vielfach schon eingetreten ist. Wenn aber zwischen einem
staatlichen Übel und einem mit 7 multiplizierten verländerten Übel
zu wählen ist, dürfte die Wahl doch wohl zu Gunsten des Ersteren
fallen.

Es ist ja leider nicht so unbegreiflich, daß die.Länder eine solche
Haltung beobachten. Es ist dies wieder in der unglücklichen Gestaltung
begründet, die der Friedensvertrag unserem Staate gegeben hat. Der
Stadt Wien mit 2'/; Millionen Einwohnern stehen etwa 4'/, Millionen
Einwohner gegenüber, die selbst nur knapp, zum Teile gar nicht ver-
sorgt sind. Es ist begreiflich, daß die Länder, die Wien ja nie erhalten
konnten, eine förmliche Angst haben, daß sic von dieser Millionenstadt
ansgesaugt werden, daß sie, wenn die volle Freiheit des Verkehres
wirksam würde, überflutet würden von Millionen hungrigen Städtern
und dann nicht nur selbst in Not gestürzt würden, sondern auch von
der Teuerung der Großstadt und Entwertung der.Krone, die in Wien
ant meisten gesunken ist, mitgerisseu würden. Ans diesem Grunde haben
sich die Länder zum Beispiel einstimmig gegen die Freigabe des Vieh-
verkehres ausgesprochen. Man muß also gerecht sein und verstehen,
daß sich die Länder gegen die Freigabe der Wirtschaft wehren —
dies ist aber zugleich ein gewichtiges Argument gegen die Preisgabe
der zentralen Wirtschaft seitens der Zentralrcgierung, denn die Freigabe
würde die Absperrung der Länder nur verschärfen und würde unser
Verhältnis zu den Ländern nur verschlechtern. Andererseits müssen aber
auch die Länder die schwierige Lage, in der sich Wien befindet, ver-
stehen und in ihren, den momentanen Bedürfnissen der Not entspringenden
        <pb n="23" />
        ﻿Maßnahmen nicht das Kind mit dem Bade ausgießen. Ga wie wir
bereits gewahr wurden, das; der wirtschaftliche Organismus, der uns
mit den Sukzessionsstaate» verband, nicht so leicht gelöst werden kann,
so müssen auch die Länder beachten, daß sie wirtschaftlich mit Wie»
viel zu sehr verwachsen sind, als daß die wirtschaftliche Absonderung
und Absperrung nicht schwere Störungen in der Blutzirknlation ver-
ursachen müßte — die Versuche der selbständigen Lebenstätigkeit eines
Armes oder Beines können nur zum Schaden des gesamten Körpers
oder seiner Teile enden. Dieser Teil des Ernährungsproblemes kann
und muß daher im gegenseitigen Einvernehmen durch die Ber-
sassung gelöst werden.

Angesichts der Unzulänglichkeit unserer heimischen Produktion
und insolangc nicht eine tvesentliche Steigerung der Produktion erzielbar
ist, müssen wir, um unser Leben nur notdürftig fristen zu können,
einen großen Teil des Lebensmittelbedarfes durch Einfuhren zu decken
suchen.

Die Möglichkeit der Beschaffung von Ware im Auslande ist
theoretisch gegeben, denn Ware ist auf der Welt genug vorhanden. Die
Frage stellt sich in erster Linie als eine Finanzsragc dar, als ein
Finanzproblem von ungeheurem Ausmaße, da die Summen, welche wir
unter den derzeitigen Verhältnissen für die Einfuhr der unentbehr-
lichsten Nahrungs- und Futtermittel benötigen, eine phantastische Höhe
erreichen.

In einer Berechnung, welche ich vor einiger Zeit angestellt habe,
ist — zu einem Kursstände berechnet, welchen die Krone Anfang
Oktober hatte — die Answandsziffer für den Bedarf nur der
wichtigsten Lebensmittel mit etwa einer Milliarde Kronen pro Monat,
somit ungefähr zwölf Milliarden pro Jahr eingeschätzt, eine Ziffer, die
sich unter Zurechnung einiger anderer, gleichfalls wichtiger Nahrungs'
mittel und Futtermittel auf 20 Milliarden Kronen pro Jahr erhöht.
Diese Ziffer erhöht sich iveitcr, wenn der Rückgang des Kursstandes
der Krone auf deni Auslandsmärkte seit Anfang Oktober berücksichtigt
wird.

Es ergibt sich von selbst, daß ivir aus eigener Kraft diese
Nahrungsmittelmengen und Werte weder mit Geld — ob wir cs uns
nun durch Effcktenverkauf, durch Anforderung von Geld und Juwelen,
oder durch Verkauf sonstiger Vermögensobjekte verschaffen — noch mit
        <pb n="24" />
        ﻿Ware» bezahle» koitneü. Produktivnswerte in diesem Ausmaße zur
Alwfubr' zu dringe», dürften wir derzeit wohl kaun, iu der Lage
seiüMi

- AM) der sogenannte Koinpensationsverkehr, welcher ja nichts
anderes -ist als eine in bestimmte Richtungen gedrängte und bestimmten
Zwecken dienstbar gemachte Ausfuhr von Ware», wird uns nur für
einen kleinen; Teil der notwendigen Einfuhr und auch nicht mehr für
lange Zeit "helfen können, denn unsere austauschfähigen Vorräte, beson
dersödieaus--dev Demobilisierung übrig gebliebenen Güter schmelzen
dahin, und dieser Prozeß wird noch beschleunigt durch den Aus- und
Abverkauf von Gütern, der jetzt in Österreich bemerkbar ist.

Bei den riesigen Summen, die für die Beschaffung von Getreide,
Mehl, Fett usw. selbst bei kärglichem Verbrauche in Betracht komme»,
ist. die ^ BeisteÜltNg " großer Lebenüinittelkredite unentbehrlich und der
Staav muß die Beschaffung solcher Kredite übernehmen. Tatsächlich hat
er im laufenden Jahre ciuen solchen Lebensmittelkredit i»i Ausmaße
von 48 Millionen Dollar erhalten. Angesichts des weiteren Abdruck-
lungsprozesses unserer Krone seit Erschöpfung dieses Kredites kann nur
ein neuer großer Kredit unsere Fortexistenz ermöglichen, und es ist
selbstverständlich, daß die Regierung alles daransetzt, um solche Kredite
in großem Umfange ^ tvir brauchen ja auch Rohstoffe — zu erlangen.
Aber zu große Illusionen dürfen wir uns nicht machen, selbst wertn
wir den Kredit erhalten. Ein Kredit für die Einfuhr von
Lebensmitteln wird eine Brücke sein, aber »och nicht festes
Land. Einmal werden wir die Kredite zurückzahlen müssen. Und
das -Problem ist, ob tvir das Äquivalent iu unserer Wirtschaft finde»,
oh Verbrauch'Und Produktion ins Gleichgewicht gebracht werden
können. Solange Produktion und Verbrauch im Mißverhältnis stehen,
hat wie Baliitenuot &gt; kein Ende, kommen wir aus der Sackgasse nicht

'Bei den gegenwärtigen Verhältnissen und dem Mangel einer 'brauch •
bareü Produkrwiisstatistik ist es ungemein schwierig, die Möglichkeiten unserer
Produktion,auch.nur halbwegs, zuverlässig zu schätzen. Nach einer ^ mir bekannt-
gegebenen, gaitz rohen Berechnung könnte der Wert der Produktion unserer
Eisenindustrie bei den gegenwärtigen Preisen niit 71 ;2 —8 Milliarden Kronen, jener
der Papierindustrie niit t —1&gt; ., Milliarden Kronen jährlich veranschlagt werden.
Angenommen, daß die Hälfte der Produktion, exportiert werden könnte; wäre
diese immer erst ein Bruchteil des für den Lebensmittetimport benötigten
Betrages..	.	.	...
        <pb n="25" />
        ﻿heraus. Darin sind wir viel schlechter daran als Deutschland, das die
Grundlagen seiner Ernährung in der eigenen Produktion besitzt,
während wir weitaus' den größten Teil unseres Nahrungsmittelbedarfcs
importieren müssen; daher kommen die phantastischen Beträge, deren
ivir für unsere Lebensmitteleinfnhr bedürfen.

Bei dein heutigen Kronenknrse kann der Staat ohne Kredit den
Einfuhrbcdarf überhaupt kann, mehr bestreiten. Der Tiefstand unserer
Krone stellt uns oor eine Mauer, die den Einkauf von Lebensmitteln
fast unmöglich macht.

Angesichts der Tatsache, daß durch die staatliche Einfuhrtätigkeit ,
des Staates, sei cs nun mit oder ohne Kredithilfe, der Nahrungsbcdarf
der Bevölkerung nur unzureichend befriedigt werden kann, wird die '
Forderung erhoben, dem Handel die Einfuhr unbeschränkt
freizugeben und alle Beschränkungen, denen die Einfuhr im Kriege
und teilweise bis jetzt unterworfen !var, aufzuheben. Wie beziiglich der
inneren Wirtschaft, wird behauptet, daß nur bei voller Freiheit der
Handelstätigkeit, nur durch Aushebung aller Beschränkungen der Einfuhr
eine Besserung unserer Ernährungsvcrhältnissc eintreten könne. Wie
hinsichtlich der inneren Wirtschaft, stehen sich auch ans dem Gebiete
des Verkehres mit dem Auslande Anhänger und Gegner der freien
Wirtschaft und des freien Handels gegenüber.

Wenn man zu dem Problem: Freie, gebundene oder kontrollierte
Einfuhr, Stellung nehmen will, erscheint es weder" erlaubt, dieses
Problem etwa aus dem Gesichtspunkte der Abneigung gegen den
Handel, als eines überflüssigen, nicht produktiven Faktors im Erwerbs-
leben zu behandeln — ist doch zu hoffen, daß gerade Österreich und
speziell Wien im internationalen Verkehr und im Verkehre mit den
Snkzcssionsstaatcn untereinander eine prominente Stellung erringen
und einnehmen wird - - cs erscheint aber auch nicht zulässig, daß das
Problem rein vom Interessen- oder Jnteressentenstandpunkte aus
behandelt werde. Darüber, daß auch diejenigen, die heute gegen den
völlig freien Verkehr mit dem Auslande sind, nicht prinzipielle Gegner
der freien Wirtschaft, der freien Betätigung, des freien Handels sind
und auch nicht sein wollen, besteht kein Zweifel. Nur die Freiheit der
Betätigung erzeugt Fortschritt und Wohlfahrt. Wir können ja nicht in
die Zünftelei des Mittelalters zurückfallen wollen. Aber ich habe heute
schon einmal von der Relativität wirtschaftlicher Lehren gesprochen und
es gibt eben Zeiten, wo auch siegreiche Fahnen eingerollt werden
müssen.

25
        <pb n="26" />
        ﻿, Was waren beim die Gründe der während deZ Krieges ver-"
/fügten Beschränkungen der Einfuhr? Während des Krieges*) war die
Zentralisierung und Monopolisierung der Einfuhr eine Folge der Be-
schränkung der Einkaufsmöglichkeit auf ganz bestimmte Märkte, eine
Folge der Verminderung des AnboteS gegenüber einem drängenden
. Bedarfe der Zentralmächte. Da nur geringe Mittel, zur Verfügung
standen, um jene Lebensmittel und Bedarfsartikel zu erwerben, welche
zur Fortführung unserer Wirtschaft unbedingt notwendig waren, konnte
man den Handel nicht schrankenlos schalten und walten lassen. Die
freie Konkurrenz im Anslande führte zu ungeheuren Preistreibereien
und Überanboten, welche die Regierungen der neutralen Staaten, in
denen wir überhaupt einkaufen konnten, zu Ausfuhrverboten drängten,
wodurch wir speziell auf dem Gebiete des Ernährungswesens schließlich
zu einem System der Einfuhrverbote und Einfuhrbewilligungen
gelangten und zu monopolartigen Organisationen, welchen die Einfuhr-
tätigkeit und Verteilung der importierten Waren übertragen wurde.
Insbesondere unser Verhältnis zu Deutschland zivang uns, auf dem
Gebiete des Jmporthandels im Rahmen einer kartellmäßigen Verein-
barung die durchaus zentralisierte Einfuhr aufrechtzuerhalten.

Das System der gebundenen Einfuhr blieb auch nach Abschluß
des Waffenstillstandes während der Dauer der Blockade und zum Teile
auch nach deren Aufhebung aufrecht, da sich die Verhältnisse, wie sie
während des Krieges bestanden, nicht nur nicht gebessert, sondern viel-
fach noch verschärft hatten. Auf dem Gebiete der Einfuhr von Nahrungs-
mitteln wurde jedoch bereits eine Art Übergangswirtschaft eingeleitet,
indem an die zentralen staatlichen Einkaufsorganisationen unter Heran-
ziehung des Handels eine Reihe kaufmännischer Organisationen ange-
gliedert wurden, welchen für bestimmte Artikel die Durchführung der
Einfuhr übertragen wurde. Zweck dieser Maßnahme war, in dem
Zeitraume seit dem Waffenstillstand bis zur erhofften Wiederkehr
normaler Verhältnisse, der Kaufmannschaft und dem Handel in der
Form der Organisation die Möglichkeit zur Mitwirkung beim Importe
und zur Wiederanknnpfung ihrer Verbindungen mit dem Auslande zu
geben. Die Mehrzahl dieser Organisationen hat die ihr übertragenen

*) Siehe die ausführlichen Mitteilungen Sektionschefs Riedl sowie meine
Ausführungen in der ,,Vereinigten Kommission des Abgeordneten- und Herren-
hauses für Kriegswirtschaft", Stenographisches Protokoll der 1, Sitzung am
11. September 1917,
        <pb n="27" />
        ﻿Aufgaben, soweit cs die schlvierigen Verhältnisse zuließen, mit Erfolg
gelöst.

Es fragt sich nun, ob bereits die Zeit gekomimen ist,
mit allen Beschränkungen der Einfuhr aufzuräumen, ob dem
freien Handel ganz freie Bahn gewährt werden soll, und
ob erwartet werden kann, daß die Ernahrnngsverhältnissc
hierdurch eine grundlegende Besserung erfahren?

Darüber, daß die gebundene Wirtschaft in der Form, wie sie
während des Krieges und der Blockade geübt wurde (und wir sie
unbedingt notwendig war), bei den heutigen Verhältnissen nicht mehr
aufrecht erhalten werden kann, darüber herrscht wohl keine Meinungs-
verschiedenheit. Ebensowenig darüber, das; der Transit- und Ver-
edlungsverkehr freizugeben und möglichst zu fördern, höchstens insofernc
einer Überwachung zu unterziehen ist, das; die vorgesehene Ausfuhr
wirklich erfolge und daß die für notwendige Kompensationen etwa
erforderlichen Produkte zur Verfügung gestellt werden. Die Freigabe
des Veredlungsverkehres von allen Schranken ist um so notwendiger,
als wir ja gezwungen sein werden, für das Ausland int Lohn zu
arbeiten. Ich will mich aber nicht auf das industrielle Gebiet begebe»,
wie ich denn auch hier die Frage der Einsuhrbehandlnng von indu-
striellen Rohstoffen ausschalte, für die die Verhältnisse vielfach anders
liegen als für das Gebiet der Nahrungsmittel.

So sehr man auch die Tätigkeit des Handels und des Kauf-
mannes würdigen mag, so glaube ich doch, das; die Meinung, die
unbeschränkte Zulassung des freien Handels würde die Ernährungs-
Verhältnisse der Bevölkerung im gegenwärtigen Zeitpunkte und unter
den gegenwärtigen Verhältnissen ganz erheblich bessern können, ein
schwerer Irrtum ist. Zunächst muß im Auge behalten werden, daß die
Freiheit des Handels ja nicht von uns allein abhängt.

In den Sukzessionsstaaten, speziell in Jugoslawien, in Tschechien
und Polen wird heute der freie Einkauf durch uns vorläufig gar nicht
zugelassen. Wenn der tschechische Handelsminister Heidler vor einigen
Tagen sich für die Freiheit des Verkehres zwischen den Sukzessions-
staaten ausgesprochen hat, so begrüßen wir dicse erste Friedenstaube
auf das freudigste. Aber bislang war icnd ist die Betätigungsmöglichkeit
des Handels in den Sukzessionsstaaten, insbesondere &gt;oas die großen
Massenartikel des Nahrungsbedarfes anlangt, wie Mehl, Fleisch, Fett
usw., eine sehr geringe. Wenn immer wieder auf die vielen Offerte
hingewiesen wird, so beweist dies leider gar nicht, daß dicse, so seriös

27
        <pb n="28" />
        ﻿sie auch scheinen mögen, immer realisierbar sind. An Offerten haben
wir keinen Mangel, sondern an Ware. Der Öffentlichkeit sind die
Schwierigkeiten, welche heute einer geregelten Einfuhr entgegenstehen,
noch immer nicht genügend bekannt. Bei den noch immer ungeklärten
Politischen Verhältnissen, bei den ungeregelten Währnngs- und Zahlungs-
Verhältnissen und angesichts der desolaten Verkehrsverhältnisse, die
einen regelmäßigen Massenvcrkehr mit den östlichen Ländern fast aus-
schließen, ist es nicht möglich, zu sagen, ob es in der nächsten Zeit
überhaupt gelingen wird, namhaftere Nahrungsmittelimportc aus diesen
Ländern zu bewerkstelligen. Hierzu kommt, daß von diesen Ländern
vielfach die Bezahlung in gesunder ausländischer Valuta verlangt wird,
was unsere Lage und die so wünschenswerte Aufnahme des Verkehres
mit den Sükzessionsstaatcn, die unser nächstes Ziel sein muß, erschwert.
Die Schicksale vieler Transporte, die Schwierigkeiten der Beschaffung
der Ware, der Bezahlung, der Beistellung der Transportinittel (Loko-
motiven, Waggons, Kohle), der Erlangung der Ausfuhrbewilligung und
der Zollbehandlnng zeigen deutlich, daß eine Warenbewegung im
großen Stile, etwa so wie sie im Frieden stattgefunden hat, leider
derzeit nicht erhofft werden kann.

Was aber die Einfuhr aus dem Westen, insbesondere ans
Übersee anlangt, so kann man daran nicht vorübergehen, daß Wien
auf dem Nahrungsgebiete einen großen Überseehandel mit großen
finanziellen Beziehungen, wie ihn Deutschland mit Anlehnung an über-
seeische Finanzinstitute besitzt, wenige Ausnahmen abgesehen, nicht
hatte. Wir waren hinsichtlich unserer Nahrungsmitteleinsuhr immer
östlich orientiert. Aber abgesehen davon — denn solche Verbindungen
sind ja schließlich über kurz oder lang herstellbar —, steht es wohl
ziemlich arrßer Zweifel, daß es dem privaten Handel unmöglich wäre,
die für die Beschaffung der Massenartikel, wie Getreide, Fleisch, Fett
usw., erforderlichen Milliarden aufzubringen, gar nicht zn reden von
den auch hier vorhandenen großen Transportschwierigkeiten, *) denn
heute muß sich der Käufer und nicht der Verkäufer um die Ver-
schiffung, Frachtraum rc. kümmern. Der für Österreich erforderliche
monatliche Geldbedarf an Getreide allein erfordert je nach der Gattung
des Getreides und der Möglichkeit, Entcntefracht zu bekommen, 9 bis

*) Das Staatsamt für Volksernährung hat zum Beispiel der Schiffahrts-
gesellschaft für die Remorköre und Schlepper, welche diese nach Jugoslawien zur
Abholung von Getreide gesendet hat, eine Haftungsgarantie int Ausmaße von
25 Millionen Kronen übernehmen müssen.

28
        <pb n="29" />
        ﻿13 Millionen Hollaiidgnldeii, das ist bei den heutigen Valuteiivcrhült-
nisien einen Betrag von 400 bis 600 Millionen Kronein Tie Einfuhr-
gesellschaft für Getreide braucht ein Betriebskapital, welches mit
l Milliarde Kronen als unzureichend bezeichnet tverden muß, so daß
die Geschäfte ohne Hilfe des Staates überhaupt nicht durchgeführt
iverden können. Schon die sogenannten kleinen Spesen erreichen bei
dem heutigen Valutenstand phantastische Ziffern; in einem Moment,
!vo beispielsweise für 100 Hollandgulden 4800 K gezahlt werden
müssen, kostet der Aufenthalt eines Agenten im Ausland allein täglich
mehrere Taufend Kronen.

Ob der private Kaufmann die riesigen Riskcn, die bei den
heutigen Balutenverhältnissen mit jedem Geschäfte verbunden sind, über-
haupt eingehen kann, lasse ich dahingestellt. Ich bezweifle, daß, wenn
es sich nicht etwa um langfristige Kredite handelt, die für Konsumtions-
zwccke schwer erlangbar sind, ein Kaufmann überhaupt einen NahrnngS-
mittelkredit ausnutzen kann und will. Jedenfalls müßte er diese Risten
in maßlosen Preisen umschlagen. Ich habe erst vor wenigen Tagen
mit dem Chef einer unserer größten Firmen des Getreidehandels
gesprochen, der mir rundweg gesagt hat: „Im freien Handel ist heute
in Getreide nichts für uns zu machen." Und es ist charakteristisch, daß
sämtliche Eiergroßhändler vor einiger Zeit erklärt haben, daß sie es
' nicht wagen würden, unter den derzeitigen Verhältnissen das Risiko
eines Bezuges und Einkaufes allein auf sich zu nehmen.

Wenn seit Aufhebung der Blockade viele Kaufleute sich erbötig
machen, mit Rücksicht ans ihre Beziehungen und privaten Kredite,
Lebensmittel aus dem Ausland einzuführen, so denken sie in der
Regel auch gar nicht an Getreide, Mehl, Fett usw., sondern es handelt
sich zumeist um hochwertige Güter, ivie Schokolade, Sardinen usw.,
die zwar nützlich sein mögen, aber nicht unentbehrlich sind, bei denen
der freie Handel schon beim Absatz verhältnismäßig geringer Menge»
einen großen Nutzen ohne großes Risiko erzielen kann, weil es sich in
der Regel um die Befriedigung der Bedürfnisse Solcher handelt, die
jeden Preis bezahle» können oder wollen. Die Gesamtversorgung ,
der Bevölkerung mit den großen wichtigen Nahrungsmitteln
tvürde ziemlich unberührt bleiben und nur die Lebens- f
Haltung bestimmter Kreise verbessern, &gt;v.a s schon aus/
sozialeu Rücksichten vielleicht nicht ganz ungefährlich wäre.;

Wenn nun feststeht, daß für die Beschaffung der Massenkonsuni-
artikel vorläufig in erster Linie der Staat und seine Einkaufsorgani

29
        <pb n="30" />
        ﻿fsitioiic.it mit staatlichem Geld oder Kredit, mit seinen Transportmitteln
usw. Vorsorgen min;, fragt es sich, ob neben ihm nicht der freie Handel
ohne jede Beschränkung zur Tätigkeit zugelassen werden soll.
Es wird gesagt, wenn der private Handel schon Getreide oder Fett
nicht schaffen könne, so lasse inan ihn ungehindert Schokolade, Sar
dinen, Corned Bccs bringen, er wird dadurch, wie teuer immer die
Ware sei, die Lage entspannen, und wenn der Bedarf davon saturiert
sein wird, wird sich die automatische Regelung des Marktes von selbst
ergeben, wird derjenige Ausgleich geschaffen werden, der eine richtige
Ernährung der Bevölkerung ermöglicht. Die Gegenmeinung ist, daß
durch eine solche unbeschränkte Einfuhr von Konsumartikeln die allge-
meine Situation nicht günstig beeinflußt ivürde, und immer wieder wird
ans den Zusammenhang zwischen Einfuhr und Valuta hingewiesen.

Das Passivum unserer Handelsbilanz und das starke Einsnhr-
bedürfniü sind selbstverständlich nicht allein maßgebend für den Stand
unserer Krone im Auslande. Die Bewertung unserer Zahlungsmittel
im Auslande wird auch von anseren und sehr verschiedenen Umständen
beeinflußt und der Rückgang kann nicht auf eine einzelne Ursache
zurückgeführt werden. Angriffspunkte gegen unsere Krone sind ja leider
genügend vorhanden, und hierbei spielt die Vermögensflncht bei uns
und in Deutschland sicherlich keine geringe Rolle.

Es ist richtig, daß auch die bisherigen Beschränkungen der Ein-»
fuhr den Knrssall unserer Krone nicht gehindert haben. Es frägt sich
nur, ob wir nicht schon viel früher ans diesen Tiefstand gekommen
wären ohne diese Beschränkungen, und es erscheint sehr möglich, daß
die seit einigen Mvnatcu eingetretene Lockerung der Einsnhrbeschrän
kungcn, die Milderung der Praxis und die dadurch vermehrten
Importe auch nicht unbedingt unentbehrlicher Waren, zum Teile
wenigstens — wenn auch, ich wiederhole sicherlich nicht allein — den
Knrssall beschleunigt haben. Auch der Umstand mag dazu beigetragen
haben, daß man sich draußen in den Ländern um die Vorschriften
nicht viel kümmert. Das rücksichtslose Handeln der Einzelnen setzt auf
diese Weise jede Politik ins Unrecht, wie denn in Österreich bei der
geringen Autorität der Staatsgewalt vielfach beobachtet werden kann,
daß eine Anordnung ihren Zweck verfehlt, nicht weil die Anordnung
an sich verfehlt ist, sondern weil sic durch Nichtbcvbachtung mißglückt.
'Ost hoc, propter hoc.

Der Effekt der Entwertung unserer Krone ist für unsere Nahrungs-
mittelversorgung katastrophal. Das Fallen der Krone nur um einen Punkt

30
        <pb n="31" />
        ﻿erhöht die Soften der Einfuhr unentbehrlicher Lebensmittel ins Uuge-
messene, macht sie schließlich unmöglich.

Ein Beispiel: Die Tonne amerikanisches Schweineschmalz kostete

int Juni		740 Dollar (l	Dollar	62	Kronen) 23.680 Kronen
Ende August....	soo „ (i	„	5,0	„	) 40.000	„
Mitte November .	760	„	(1	„	105	„	) 79.800	„
mit 22. November	760	„	(1	„	140	„	) 106.400	„

Es kann also der Regierung nicht verargt werden, wenn sie jede
Einfuhr mit Angst betrachtet, die solche Konsequenzen, auch nur
möglicherweise, zur Folge hat und alle Mittel für unentbehrliche
Einfuhren zusammenhält.

In Deutschland hat sich erst vor wenigen Tagen zum Beispiel
der Hauptverband der Industrie für eine Kontingentierung der.Ein-
und Ausfuhr ausgesprochen, um die Valuta zu bessern, die planlosen
Einkäufe im Auslande zu verhindern und dem Verschleudern der Ware
nach dem Auslande vorzubeugen. Der Direktor der Tiskoutogesellschast
in Berlin, Ubik, sicherlich kein Zwangsvfrbändler, hat kürzlich in einem
Artikel») ans die Wirkungen, welche daS sogenannte „Loch int Westen"
auf die deutsche Valuta gehabt hat, sich geäußert, lSicherlich ist das
Loch im Westen nicht die einzige Ursache des Rückganges des Mark-
kurses, aber es hat doch bestimmt wesentlich dazu beigetragen; übrigens
besitzen lvir im Süden auch bei uns einige solcher Löcher.) Ubik sagt:
„Jeder zollamtlichen Kontrolle entblößt, mußte Deutschland .zusehen,
wie ungeheure Mengen von Luxusartikeln nach Deutschland hcreiu-
strömten. Allein für englische Zigaretten schätzen wir die Ausgabe aus
mehr als 4 Milliarden Mark. Alle diese Einfuhren sind durch Verkauf
von Reichsmark bezahlt worden." Wie bei uns durch Kronen. Wenn
bei uns von mancher Seite behauptet wird, daß man der Krone ein
recht weites Wirkungsgebiet schaffen müsse, das heißt, sie unbeschränkt
exportieren lassen müsse, um die Wirkungen der Inflation zu bannen,
so erinnert das einigermaßen an den Ritter, der sich selbst am Zopf
aus dem Sumpfe ziehen wollte. Ubik sieht als einzige Möglichkeit, um
dem Übel zu steuern, die Wiederherstellung der wirtschaftlichen Einheit,
das heißt eine strenge Abgrenzung des deutschen Wirtschaftsgebietes,
wo sich die Ein und Ausfuhr vollzieht, unb erklärt, daß die
Regierung ohne Rücksicht auf Svndcrwünsche die Kontrolle über die
Ein- und Ausfuhr auf sich nehmen muß. Rur durch eine fallweise

*) Neue Freie Presse vom 1t. November 1019.
        <pb n="32" />
        ﻿Kontrolle, die streng gehandhabt wird, sei es möglich, die Einfuhr
auf den wirklichen Bedarf einzustellen und gegen das Hcreinsirömen
iiberflüssiger Artikel einen Wall zu erzielen.

Diese Ansicht ist meiner Meinung nach auch für uns geltend.
Auch die Einräumung eines großen Lebensmittelkredites durch die
Entente, wie überhaupt durch die Einräumung von Kredite» wird das
Hanptübel, nämlich das krasse Mißverhältnis zwischen Ein- und Aus-
fuhr nicht ans der Welt geschaffen. Die Tatsache, daß man auf die
Dauer aus deni Auslande nur so viel Ware erhalten kann, als man
mit Werten bezahlen kann, ist nicht hinwegzuschaffen, ob nun diese
Bezahlung in bar erfolgen muß, oder ob Kredite, die ja doch einmal
bezahlt werden müssen, erhältlich sind.

Wir predigen immer Arbeit und Sparsamkeit, wir klagen über
unsere elende Situation — wir ziehen aber nicht die Konsequenzen.
Auch, die Forderung nach unbeschränkter Freigabe des Verkehres und
der Einfuhr ist ein solcher Ausfluß der Leichtlebigkeit oder einseitiger
Interessen. Diejenigen, die dem entgegentreten, werden verdächtigt oder
zumindest als verbohrte Bürokraten bezeichnet — es ist eben das Gegen-
den-Stromschwimmen immer schwerer gewesen, als sich treiben lassen.

Und da darf ich ivohl einen Mann zitieren, der auch gegen den
Strom geschwommen ist, Friedrich List, der cm einer Stelle seiner
Schriften sagt: „Den Ansprüchen des Handels auf ganz freie Bewegung
stattzugeben, ist eine natürliche Folge derjenigen Theorie, die überall
nur die Werte im Auge hat, nirgends die Kräfte berücksichtigt und die
ganze Welt mir als eine einzige und unteilbare Republik der Kauf-
leute betrachtet" und „es ist klar, daß das Interesse des einzelnen
Kaufmannes und das Interesse deS Handels einer ganzen Nation
himmelweit verschiedene Dinge sind."

Eine gewisse staatliche Einflußnahme aus die Einfuhr erweist sich
unter den gegenwärtigen Verhältnissen auch ans dem Gesichtspunkte der
Rücksichtnahme auf unsere Produktion als richtig. Auch auf dem Gebiete
der Nahrungsmittel wird es notwendig sein, tunlichst Rohstoffe und
nicht Ferrigfabrikate, also woniöglich Getreide und nicht Mehl, Fett-
stoffe und nicht fertiges Fett, zu beziehen. Dies ist sowohl zweckmäßig
im Interesse der ökonomischen Verwendung, unserer Mittel, als im
Interesse des Wiederaufbaues unserer Arbeit, als auch endlich und
schließlich im Interesse einer besseren Preisgestaltung. In allen diesen
Richtungen kann nur durch eine entsprechende Handhabung der Kontrolle
bezüglich der Einfuhr ein einheitliches Vorgehen geschaffen werden.
        <pb n="33" />
        ﻿ohne welches sich die Schwierigkeiten unserer Produktion noch wesentlich
verschärfen würden. Bei Zulassung der völligen freien Einfuhr ist dies
sicherlich nicht gewährleistet. Es ist klar, daß das Ausland größeres
Interesse an der Abgabe von fertigen Produkten (zum Beispiel Mehl
statt Getreide) als an der Ausfuhr der Rohstoffe hat; auch kann nicht
übersehen werden, daß Zölle bei der heutigen Preisgestaltung selbst-
verständlich keine Rolle spielen.

Aus allen diesen Gründen erachte ich derzeit die völlige
Freilassung der Einfuhr, soweit dieselbe für den Inlands-
Verbrauch dient, in voller Freiheit und ohne Beschränkung
noch nicht möglich. Der Zeitpunkt für die völlige Freilassung des
Einfuhrverkehrcs auf dem Gebiete des Nahrnngsmittelbednrfes — mit
Ausnahme des Transit- und Beriedlungsvcrkehres — ist noch nicht
gekommen. Ein solches Experiment wäre ein Sprung ins Dunkle, dem
ein vorsichtiger Abbau unter gewissenhafter Beobachtung der Entwicklung
der Verhältnisse unbedingt vorzuziehen ist.

Damit ist nicht gesagt, daß die private Einfuhr unterbunden
iverden soll. So etwas wäre unsinnig. Meine Meinung geht vielmehr
dahin, daß neben den staatlichen Einkaufsorganisationen, di^
sich als die kaufiuännischen Vollzugsorgane des- Staates darstellen uni
selbstverständlich kaufmännisch geleitet werden müssen, auch die private
Einfuhrtätigkeit zugelassen werden soll und muß — abes
nicht unbeschränkt und nicht in voller Freiheit, sondert!
überwacht und kontrolliert. Lnxuseinfuhren müssen verboten bleibest.
Eine Monopolisierung der staatlichen Einfuhrtätigkeit soll eventuell nur
hinsichtlich jener Artikel stattfinden, bei welchen der Staat bei der
Abgabe Zuschüsse leistet und die Rationierung durch inländische Zu
lieferungen zuin Teile gedeckt wird.

Die Überwachung der Einfuhr hat im Wege einer Eiusuhrs-
bewilligung stattzufinden, deren Erteilung aber möglichst vereinfacht
und beschleunigt, sowie bürokratischer Weittvendigkeiten entkleidet werden
muß. Wenn einmal prinzipiell die Notwendigkeit oder Zulässigkeit der
Einfuhr durch die Bewilligung im einzelnen Falle ausgesprochen ist,
könnte meiner Meinung nach jede weitere Beschränkung hinsichtlich der
Zahlungsmodalitäten, sofern nicht Valuten von einer staatlichen Stelle
in Anspruch genommen werden, entfallen. Je nach der Lage der Dinge
könnten fallweise bestinnnte Einfuhrkontiugente für einzelne Artikel fest-
gesetzt werden, für die dann die Formalitäten noch mehr abgekürzt
werden könnten.

33
        <pb n="34" />
        ﻿Vor allein wird cS auch nötig sein, daß auch die Länder keine
eigene Eiufuhrpolitik betreiben und zur Überzeugung gelangen, daß
nur ein Vorgang nach einheitlichen Grundsätzen möglich ist, da jede
Schädigung der gesamten staatlichen Interessen am Schlüsse auch die
Ländcrinteressen in Mitleidenschaft zieht.

Meiner Meinung nach sind also die großen staatlichen Einkaufs-
organisationen bis auf weiteres aufrechtzuerhalten. Neben ihnen soll
der private, allerdings überwachte Handel in freier Konkurrenz bestehen
können, soweit cs die allgemeinen Interessen zulassen. Im Laufe der
Zeit wird es sich dann erweisen, ob und in welchem Zeitpunkte der
staatliche Einkanfsapparat entbehrt werden kann. Die in jüngster Zeit
zutage tretenden Bestrebungen großer Konsumentenorganisationen, die
dahin zielen, unter Ausnutzung ihrer Beziehungen NahrungSmittel-
kreditc im Auslande zu in Zwecke einer Art gcmeinwirtschaftlicher Ein-
fuhr zu beschaffen, sind jedenfalls unterstütznngswürdig.

Ich weiß sehr gut, daß die hier vorgetragenen Anschauungen
von vielen unter Ihnen nicht geteilt werden. Die Verhältnisse, unter
denen wir leben, stellen eine der ungeheuerlichsten Krisen der Mensch-
heit dar, sie finden in der Geschichte kaum ihresgleichen, und kein
Mensch vermag vorauszusehen, zu welchen Formen das wirt-
schaftliche Leben gelangen wird. Niemand vermag das Ziel der
Entwicklung vorauszusagen. Eben deshalb erscheint eS auch unmöglich,
die unbedingte Treffsicherheit der einen oder der anderen Anschauung
zu behaupten, eben deshalb erscheint es auch gerechtfertigt, daß jeder
Schritt, der cbcuso leicht zum Heile als zum Unheilc führen kann,
gewägt nürd, bevor er gewagt wird. Aber eines darf und sollte einem
von der ungeheueren Verantwortlichkeit seiner Tätigkeit durchdrungenen
Manne jedenfalls nicht bestritten werden: Der ernste und ehrliche Wille,
das Beste für sein Volk zu wollen.

Ich mochte zum Schlüsse noch einige Worte sagen über eines
der allerschwersten Probleme der Eruähruugspolitik, das ist die Frage
der Lebensmittelpreise.

Ich kann im Rahmen dieses Vortrages naturgemäß nicht eine
eingehende Untersuchung über die Preispolitik. während des Krieges,
über die Rückwirkung der Devalvation unserer Währung ans die
Lebensmittclpreise und die sonstigen Ursachen der Teuerung anstellen.
Ich muß mich daher auf einige kurze Bemerkungen beschränken.

34
        <pb n="35" />
        ﻿Was bic Preise der inländischen Lebensmittel anlangt,
so war die staatliche PreisbeeinfluMng ein wesentlicher Faktor des
Systems der gebundenen Wirtschaft, insbesondere ans dem Ernährungs
gebiete, zugleich ihr schwächster, ihre partie lionteuse. Theoretisch war
der der gebundenen Wirtschaft innewohnende Gedanke Übernahme
der gesamten Produktion z» entsprechendem Preise und Verteilung —•
sicherlich richtig, angesichts des infolge der Blockade entstandenen Mist-
verhältnisses von Anbot und Nachfrage auch sicherlich notwendig. Tie
öffentliche Meinung, die im Herbste 1914 durch die zunehmende
Teuerung der Brotfrüchte rasch beunruhigt war, verlangte damals sehr
energisch die sofortige Festsetzung der jetzt so verpönten Höchstpreise.
Aber die Aufgabe, angemessene Preise zu erstellen, war zu groß »nd kann
auf wirtschaftlichem Gebiete auch bei gewissenhaftester Erforschung der
Produktionskosten und aller sonstigen Elemente der Preisbildung
sicherlich nur unbefriedigend, wenn überhaupt, gelöst werden. Die
mangelnde Relation der Preise, die mangelnde Beachtung der
prodnktivnspolitischen Zusammenhänge, die starke Rücksichtnahme ans
soziale Interessen, gegen die unter dem Zwange der Verhältnisse oft
die wirtschaftlichen Interessen zurücktraten, trugen zur Verärgerung
des Landwirtes bei, ohne den Verbraucher zufriedenstellen zu können.
Daß diese zweifelhaft oft verfehlten Maßnahmen vielfach schädigend
auf die Produktion wirkten, ist (beispielsweise bei der Milchprvdnktionl
außer Zweifel und auch das Nachhinken der Höchstpreise hinter der
Entwicklung der Verhältnisse hat den Produktionsrückgang nicht zu
verhindern vermocht.

Alle Maßnahmen, die eine znm Teile künstliche Niederhaltung
der Preise bewirkten, konnten die zunehmende Teuerung und die preis-
steigenden Wirkungen der Inflation auf die inländischen Lebensmittel-
preise nicht verhindern. Man kann die Preispolitik für Lebensmittel
nicht ans einen Jsolierschemel stellen, luic überhaupt die Ernährungs-
wirtschaft nicht isoliert betrachtet werden kann. Ein großer Teil der
heute bestehenden Höchst- und Richtpreise für inländische Produkte ist
unhaltbar »nd aufgehoben worden. Bestimmte Übernahmspreise (Höchst-
preise) werden noch aufrechterhalten bei gewissen landwirtschaftlichen
Produkten, für die eine Kontingentpflicht, eine Ablieferungspflicht besteht,
zum Beispiel für Getreide.

Hier setzt nun wieder der Streit der Meinungen ein. Die
Freiheit der Preise und Aufhebung aller Preisschranken auch für
ablieferungspflichtige, staatlich bewirtschaftete Artikel wird als einziges
        <pb n="36" />
        ﻿



Mittel einer sofortigen Produktionssteigerung und einer namhaften
Erhöhung der Ablieferungen angepriesen.

Was würde unter den gegenwärtigen Verhältnissen beim Fallen
aller Preisschranken für inländische Agrarprodnkte geschehen? Eine
sofortige sehr wesentliche Erhöhung der Preise und zwar bis zur Aus-
landsparität plus Fracht und Spesen. Bei den ungenügenden Importen
und der drängenden Nachfrage ist es sogar nicht ausgeschlossen, daß
sich der Preis zeitweise selbst über die Parität erhöbe.

Ob dies tatsächlich eine sofortige Produktionssteigernng zur Folge
hätte, bezweifle ich. Die berüchtigten „Anreizpreise" haben im Kriege
zumeist ihre prodnktionsstärkende Wirkung verfehlt. Es ist ja die
Steigerung der Produktion bekanntlich nicht ausschließlich eine Preis-
frage und ich habe heute schon einmal daraus verwiesen, daß die
Prodnktionsvermehrung von einer ganzen Reihe anderer Faktoren
abhängig ist und sich überhaupt nicht von heute ans morgen vollzieht.
Selbstverständlich dürfen die gebundenen, die Höchstpreise keine Verlust-
preise sein. Sie dürfen nicht die Prodnktivnsfrende unterbinden. Ich
ivill hier nicht untersuchen, ob und inwiefern dieser Forderung bei den
noch zu Recht bestehenden Übernahmspreisen immer Rechnung zu tragen
ist. Ich halte bei manchen Artikeln die geltenden Preise für nicht mehr
angemessen und eine Erhöhung unbedingt für notwendig, beispielsweise
für Milch. Aber die völlige Freigabe der Preise bei den kontingentierten
Artikeln erachte ich derzeit nicht für richtig, wenn ich auch gewisse Jnkon-
venienzen der Tatsache, daß ein Teil der Produktion preisgebunden, ein
anderer Teil bereits der freien Preisbildung überlassen ist, nicht leugnen kann.

Sehr fraglich ist es auch, ob tatsächlich die Erhöhung der
Preise, zum Beispiel des Getreides auf den Preis, zu dem uns das
ausländische Getreide zu stehen kommt — und das wird ja doch wohl
darunter verstanden, wenn verlangt wird, daß dem Landwirt der
Weltmarktpreis gegeben werde — eine wesentliche Erhöhung der
Ablieferungen bewirken würde. Zunächst muß man sich doch vorstellen,
was heute der sogenannte Weltmarktpreis bedeutet: Argentinischer Weizen
(zur Weltfracht) stellt sich beim heutigen Wert der Krone auf zirka
1.330 Kronen pro Meterzentner cif europäischen Hafen oder 13 Kronen
das Kilogramm, das ist zirka das 54fache des Friedenspreises. Und
wenn die Krone von 6 auf 4 und auf 3 ^fällt, soll dann tatsächlich der
Getreidepreis weiter um 20 Prozent und um 40 Prozent steigen?
Kann man, solange unsere Valuta den wildesten Schwankungen aus-
gesetzt ist, von einem Weltmarktpreis sprechen?

30

r

uf
        <pb n="37" />
        ﻿Wird das Papiergeld ben Bauern, wenn cs en masse förmlich
in ihn hineingestopft wird, tatsächlich bewegen, nun all' sein Getreide
abzuliefern, oder wird cs ihn nicht zur Spekulation veranlassen, ab-
zuwarten, bis unsere Krone noch mehr sinkt, er also dann noch mehr
Geld bekommen kann — oder wird er es nicht schließlich vorziehen, auf
seiner Ware sitzen zu bleiben, weil er überhaupt kein Papiergeld mehr
nehmen will, von dem er genug hat, gleich dem ukrainischen Bauern, der
oas Papiergeld, nicht mehr zählte, sondern wog, und als ihm unser
österreichisches Militär immer höhere Preise bot, Getreide gegen Geld
überhaupt nicht mehr abgab. *)

Der Amerikaner, der seine» Dollar in Kronen umrechnet, wird
unseren Getreidcpreis sicher billig finden, aber der Österreicher rechnet
doch noch zumindest mit einem höheren Bruchteil des Nominales, als
dem Züricher Kurs entspricht. Tatsächlich ist ja auch der Jnlandswert
der Krone höher, ja er ist sogar in verschiedenen Gebieten Österreichs
verschieden hoch. Die Lohn- und Einkommenverhältnisse der Sticht-
Produzenten können ja unmöglich der Entwertung unseres Geldes im
AuSlaude ganz angepaßt werde», und da eine weitere Einschränkung
der elementaren Lcbensmittelbcdürfnisse nicht möglich ist — von
kulturellen Bedürfnissen gar nicht zu reden — müßte eine sofortige
allgemeine „Anpassung" der Preise der inländischen Lebensnüttel an den
Tiefstand unserer Krone im Auslande geradezu revolutionierend wirken.

Hiermit hängt das Problem, das uns die Preise der aus-
ländischen Lebensmittel stellen, innig zusammen. Seit längerer Zeit
leben wir fast ausschließlich von ausländischen Zufuhren. Seit Beginn
des Jahres bis in den Sommer hinein wurden die Importe größtenteils
gedeckt aus Grund des bekannten Entcntekredites von 48 Millionen Dollars.
Die kreditierten Lebensmittel wurden zu einem Preise abgegeben, der
zu einer Zeit wesentlich höheren Kursstandes unserer Krone berechnet
worden ist. Selbst bei Anrechnung des wesentlich günstigeren Kurs-
standes zur Zeit der Einfuhr kamen die Preise der bezogenen Lebens-
mittel noch immer höher als die Preise der inländischen Lebensmittel,
iveshalb die Regierung einen Teil der berechneten Differenz auf den
Staatssäckel übernommen hat. Da die Kreditbedingungen, insbesondere
dw Rnckzahlungsmodalitäten uns noch nicht bekanntgegeben sind, ist es
unmöglich, den dem Staate ans der Abgabe der Lebensmittel erwachsenen

*) Siehe meinen Artikel „Getreidepreise", „Neue freie Presse" vom
1. November 191t).

37

t
        <pb n="38" />
        ﻿Verlust ziffernmäßig. genau zu berechnen. Er dürfte jedoch mit einer
Milliarde Kronen eher zu niedrig als zu hoch eingeschätzt sein.. Würde
der Kredit erst nach Jahren rückzahlbar sein, könnte sich allerdings
ein wesentlich günstigeres Bild ergeben.

Noch während der Ententczuschübe und nach deren Aushören hat
die Regierung mit Benutzung eigener Hilfsquellen Lebensmittel, im
Auslande angeschafft und bezahlt. Hier kommt schon der starke
Valntaverfall in Erscheinung. Tie Regierung mußte sich für Aus-
landsbezüge die Valuten zu den jeweiligen Tageskursen beschaffen
kurzfristige Kredite boten keine Erleichterung, führten vielmehr zu
Verlusten. Die Abgabepreise mußten daher kontinuierlich erhöht werden,
da der Staatsschatz die Differenz zwischen Einkaufs- und Abgabspreis
der Lebensmittel nicht mehr auf sich nehmen konnte. Hiebei ist die
letzte Entwertung der Krone auf fünf und darunter noch nicht zur
Geltung - gckvminen, weil die Lebensmittel, die bis jetzt ausgegeben
werden, zumeist noch in einer Zeit gekauft und bezahlt worden sind,
da noch die Devisenbeschaffung zu niedrigen Kursen möglich war.
Auch im Verkehr mit den Snkzessionsstaaten macht sich die Ent-
wertung geltend — der bislang geltende Zuckerpreis wurde nach dein
Tisagio unserer Krone mit 70 Prozent kalkuliert, seitdem ist das
Tisagio zeitweise über 300 Prozent gestiegen, so daß sich bei dem
bisherigen Zuckerabgabepreise bedeutende Verluste für den Staat — über
30 Millionen Kronen -— ergaben. Die beträchtlichsten Verluste erleidet
der Staat bei der Abgabe von Mehl und Brot, deren Preise seit
Frühjahr keine Erhöhung erfahren haben. *) Ter Zuschuß, den der
Staat zu den Mehl- und Brotprciscn leistet, wurde für die allerletzte
Zeit mit rund 54 Millionen Kronen wöchentlich berechnet.

Die Hoffnungen ans einen Abbau der Preise — Hoffnungen,
die allerdings von Anfang an ans Sand gebaut waren — haben sich
wie so viele andere Hoffnungen als trügerisch erwiesen und auch die
vom Staate aufgewendeten Millionen konnten die Preise nicht halten,

Welch' traurige aufsteigende Kurve die Preise insbesondere in
der letzten Zeit nahmen, möge folgendes Beispiel dartnn:

Es wurden Jndexpreise berechnet für einen vierköpfigen Haus-
halt (bestehend ans einem Schwerarbeiter, Frau, 1 Kind unter 2. Jahren,

*) Der Staat gibt bisher auch daS aus inländischem Getreide hergestellte
Mehl unter den Gestehungskosten ab, indem siir das Getreide 2 K • pro Kilo-
gramm gezahlt, das Brotmehl jedoch zum Preise von K 1-50 abgegeben wird.
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        ﻿4 Kind mit 9 Jahren). Die Soften für die rationierten Mengen au
Mehl, Brot, Zucker, Kartoffeln, Fleisch, Fett und Milch in Wien
betrugen in der ersten Augufttvvche K 70'07	- Indexziffer 100, in

der letzten Oktobcrwochc X 87'5l = Indexziffer 124.80. Unter
Berücksichtigung bestimmter kleinen Mengen an sonstigen Lebensmitteln
(Marmelade, Bohnen, Reis, Kraut, ferner bestimmte kleiner als im'
Schleichhandel erworben angenommene Mengen, dann Brenn.material
und Seife) steigt die Indexziffer ans 133‘9.*)

Die verschiedensten Möglichkeiten wurde» erwogen, um die
Bevölkerung von diesem namenlosen Druck zu befreien. Es ist dies das
alterstachligste Ernährnngsproblem.

Ter am öftesten ventilierte Gedanke ist jener der Abstufung der
Lebcnsmittelpreise nach den EinkommcnSverhältnissen (Straßburger
System). Abgesehen von den technischen Schwierigkeiten ist die Durch-
führung eines solchen Systems durch- die Einkommenschichtnng in Öster-
reich nicht möglich. Diese Unmöglichkeit ergibt sich sofort, ivenn man
erwägt,, daß in Wien nach der Einkommensstatistik des Jahres 1917
nicht mehr als .17, Prozent der Zensiten ein Einkommen von über
10.000 K statten. (Zugegeben, daß die. Statistik vom Jahre 1917
den heutigen Verhältnissen in gar keiner Weise mehr entspricht, so
muß doch andererseits berücksichtigt werden, daß heute der Mittelstand
prolctarisicrt ist und auch Einkommen von 20.000 bis 30.000 X und
darüber für eine Auflage, wie sic die Abstusnng der Lebensmittelpreisc
darstellt, nicht mehr tragfähig sind.) Rechnet man auf einen Zensiten
durchschnittlich 2'/* Köpfe und zählt man die „»besteuerten (Existeuz-
niinhmtm) Haushalte dazu, so müßten 9 Prozent der Wiener Bevöl-
kerung die Verbilligung der Preise für 94 Prozent der Bevölkerung
tragen. Wenn man das Verhältnis aus 90:10, also günstiger annimmt
und eine Verbilligung von 50 Prozent, also um die Hälfte vornehmen
wollte, müßten die 10 Prozent der nichtbegünstigten Bewohnerschaft
Wiens einen Zuschlag von 450 Prozent tragen. Es würde für sic
kosten 1 Kilogramm Bratenfleisch 320 X, 1 Kilogramm Schweine-
schmalz 341 X usw. Das ginge nicht, denn die Lebensmittel würden

*) Eine Vorstellung über die eingetretenen Preissteigerungen feit Kriegs- .
beginn gibt die Tatsache, daß je ein Kilogramm Suppenfleisch (Vorderes mit
Zuwage), Kochmeht, Erbsen, Bohnen, Kartoffeln, Sauerkraut, Reis, Steinsalz, Fett,
Zwiebel und Essig im Juli 1914 zusammen 7 77 K und am 1. November 1919'
130-30 K kosteten. Wenn der Preis vom Juli 1914 als Indexziffer mit 100
angenommen wird, beträgt die Indexziffer am 1. Novemlnr 1919: 1678 !
        <pb n="40" />
        ﻿zu diesem Preise nicht abgenommen werden. Sie würden im Schleich-
handel billiger erworben werden können.**)

Es	wird nun ein	anderer, eigentlich nicht	ganz	neuer Gedanke

erwogen,	die gleitende	Lohnskala für Arbeiter	und	Beamte. Der"

Gedanke	geht von der	richtigen Erwägung ans,	daß	die ständigen,,

durch die Lebensmittelpreise fortwährend hervorgerufenen Lohn-
betvcgnngeii und Lohnstcigernngen das Übel steigern und dgn berüch-
tigten Eirculns erzeugen. Man sagt, es müsse möglich sei», eine Form
der selbsttätigen Anpassung der Löhne an die Preise zu finden mit.
Hilfe einer fortlaufenden Preisstatistik. Der Gedanke hat, wenn auch
nicht in	diesem Zusaminenhange, bereits Anwendung	gefunden. Im

Zusammenhange mit der Lebensmittelteiiernng ist die gleitende Lohn-
skala in England bereits verwirklicht worden. Ich habe letzthin einer
Zeitnngsmeldnng entnommen, daß in England im Wollgewerbe eilt
Tarifvertrag abgeschlossen wurde, tvonach monatlich der Lohn steigen
oder fallen soff; gemäß festgestellten Lebensunterhaltskosten im Vergleiche
zu den Lebensunterhaltskosten im Juli 1919. Eine Veränderung des
Lohnes sott immer erst erfolgen, wenn sich die Preise um 10 Prozent
nach oben oder nach unten verschoben haben.

Immerhin bietet auch die Durchführung dieses Gedankens, wie
sich bei der Jndustriekonfcrenz gezeigt hat, nicht unbedeutende Schwierig-
keiten, insbesondere die Frage des festen und beweglichen Teiles des
Lohnes. Sicher ist jedenfalls, daß das vorgeschlagene Mittel der"
Berücksichtigung der hohen Lohnpreise im Lohnsätze und Gehaltsschema
nicht wirkt für diejenige Schichte der Bevölkerung, die als Mittelstand
bezeichnet wird, mindestens nicht für jenen Teil des Mittelstandes, den
die Preiserhöhung nicht übcrwälzen kann. Während der Produzent die
Kosten überwalzen kann, dem Arbeiter und Beamten ermöglicht werden
soll, sich wenigstens teilweise „anzugleichen", kommt der arme, gequälte
Mittelstand rettungslos unters Rad.

Der Staatssekretär für Finanzen hat erst vor wenigen Tagen
erklärt, das; cs unmöglich sei, daß der Staat auf die Dauer die
Differenz zwischen den Einkaufspreisen im Auslande und den Abgabe-
preisen im Jnlande auf sich nehmen könne — es hieße das: Das
Defizit unaufhörlich zu erhöhen, ick est neue Noten drucken, ■ id äst

**) Ziehe Degischer: Das Problem der Staffelung der Lebensmittel-
preise, in Nr. 14 des Verordnungsblattes des Staatsamtes für VolksernährunL
vom 3t. Oktober 1919.
        <pb n="41" />
        ﻿weitere Entwertung der Krone und weitere Verteuerung des Einkaufes
und daher weitere Belastung des Staates — also Schraube ohne
Ende. Ich kann dem unmöglich widersprechen und doch scheint es mir,
je mehr ich darüber nachdenke, immer zweifelhafter, ob cs überhaupt
möglich sein wird, bei dem jetzigen Kursstände der Krone, voraus'
gefetzt, daß wir bei solchen Kursen überhaupt noch einkaufen können,
die Lebensmittelpreisc zum vollen Einkaufspreise abzugeben, das heißt
die Einfuhrsparität ganz im Preise zum Ausdruck zu bringen.

Nicht nur, daß es fraglich ist, ob die Lohnskalen das volle
Äquivalent für die weiteren Steigerungen der Lebensmittel bieten
können, nicht nur daß ein großer Teil des Mittelstandes unvermeidlich
ins Elend gestürzt würde, so untergrabt die volle Anpassung der
Lebensmittelpreise und iu weiterer Folge der Löhne an die Parität
tinsere Exportmöglichkeiten, die in unseren billigeren Herstellungskosten
gelegen sind. Tiefe Exportprämie, die in unserem Kronenunwerte
gelegen ist, wird vernichtet und dadurch die letzte Möglichkeit einer
Hebung des Geldwertes. Indem wir der Scylla zu entgehen versuchen,
geraten wir in den Wirbel der Charybdis.

Wenn es auch unzweifelhaft richtig ist, daß der Staat bei
Lebensmittelimporte», die au und für sich unproduktiv find, keine Ver-
luste erleiden soll, scheint mir aus dein angeführten Grunde die volle
Preisüberwälzung bei den eingeführten Lebensniitteln, mindestens bei
den wichtigsten Nahrungsmitteln, sehr bedenklich. Meiner Meinung nach
kann auf die Gewährung gewisser staatlicher Zuschüsse, insbesondere
bei Mehl und Brot, nicht ganz verzichtet ivcrden, Zuschüsse also,
insolange es nicht in erster Linie durch Erlangung von Krediten und
Exporte gelingt, den Geldwert im Auslande so zu heben, daß die
Preise halbwegs erträglich werden. Diese Zuschüsse könnten ^auf dein
Wege von Steuern hereingebracht werden, bic- so zu veranlagen wären,
daß"sic nicht wie die Lebensmittelpreise die bedrängtesten Schichten
der Bevölkerung am grausamsten treffen.

Ich bin am Schlüße. Ich habe nur einen kleine)! Ausschnitt aus
den verwickelten und oft verzweifelten Problemen gegeben, denen die
Ernährnngswirtschaft gegenübersteht. Nicht an gutem Willen fehlt er-,
trotz alter Schwierigkeiten eine Lösung anzubahnen. Eine andere Frage
ist, ob die Lösung in diesem Staate, der in seiner gegenwärtigen
Form, schon was das nackte Leben anlangt, auf Hilfe und Mitleid
des Auslandes angewiesen ist, gelingen kann.
        <pb n="42" />
        ﻿, Das alte Österreich galt als das Reich der Unwahrscheinlich-
keiten. Jur Unwahrscheinlichen liegt wenigstens Phantasie. Dieses
Österreich, daS, wie es in St. Germain gezimmert wurde, nicht fcbeii
sann und doch nicht sterben will, läßt der Phantasie wenig Spiel-
raum. DaS neue Österreich ist der Staat der ungelösten und
unlösbaren Probleme, sozusagen ein problematischer Staat.

42
        <pb n="43" />
        ﻿

ohne welches sich die Schwierigkeiten unserer Produktion noch wesentlich
verschärfen würden. Bei Zulassung der völlige» freien Einfuhr ist die-?
sicherlich nickt gewährleistet. Es ist klar, daß das Ausland größeres
Interesse an der Abgabe von fertigen Produkten (zum Beispiel Mehl
statt Getreide) als an der Ausfuhr der Rohstoffe hat; auch kann uicht
übersehen werden, das; Zölle bei der heutigen Preisgestaltung selbst-
verständlich keine Rolle spiele».

Aus allen diesen Gründen erachte ich derzeit die völlige
Freilassung der Einfuhr, soweit dieselbe für den Inlands
verbrauck dient, in voller Freiheit und ohne Beschränkung
noch nicht möglich. Ter Zeitpunkt für die völlige Freilassung des
Einfuhrverkehres auf dem Gebiete des Nahrungsmittelbedarfes — mit
Ausnahme des Transit- und Veredlungs-Verkehres — ist noch nickt
gekommen. Ein solckes Experiment wäre ein Sprung ins Dunkle, dein
ein vorsichtiger Abbau unter gewissenhafter Beobachtung der Entwicklung
der Verhältnisse unbedingt vorzuziehen ist.

Damit ist nicht gesagt, daß die private Einfuhr unterbunden
werden soll. So etwas wäre unsinnig. Meine Meinung geht vielmehr
dahin, das; neben den staatlichen Einkaufsorganisationen, di^
sich als die kaufmännischen Vollzugsorgane des Staates darstellen uu
selbstverständlich kauftnännisch geleitet werden müssen, auch die privat
Einsuhrtätigkeit zugelassen werden kolk und muß — abe,
nicht unbeschränkt und nicht in voller Freiheit, sonderst
überwacht und kontrolliert. Luxuseinfuhrcn müssen verboten bleiben.
Eine Monopolisierung der staatlichen Einfuhrtätigkeit soll eventuell nur
hinsichtlich jener Artikel stattfinden, bei welchen der Staat bei der
Abgabe Zuschüsse leistet und die Rationierung durch inländische Zn
lieferuugen zum Teile gedeckt wird.

Die Überwachung der Einfuhr hat im Wege einer Einfuhrs-
bewilligung stattzufinden, deren Erteilung aber möglichst vereinfacht
und beschleunigt, sowie bürokratischer Weitwendigkeiten entkleidet werden
muß. Wenn eimnal prinzipiell die Notwendigkeit oder Zulässigkeit der
Einfuhr durch die Bewilligung im einzelnen Falle ausgesprochen ist,
könnte meiner Meinung nach jede weitere Beschränkung hinsichtlich der
Zahlungsmodalitäten, sofern uicht Valuten von einer staatlichen Stelle
in Anspruch genommen werden, entfallen. Je nach der Lage der Dinge
könnten fallweise bestinimte Einfuhrkontingente für einzelne Artikel fest-
gesetzt werden, für die dann die Formalitäten noch mehr abgekürzt
werden könnten.

33
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