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        <title>Ernährungswirtschaftliche Gegenwartsprobleme in Österreich</title>
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            <forname>Hans</forname>
            <surname>Loewenfeld-Russ</surname>
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        </author>
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            <idno>1011190613</idno>
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        6  85603

Erniihrungswirtschastliche

in  Österreich

Vortrag
gehalten  in  der  Vvllvcrsainmlnng  -cs  N.-ii.  Gewerbevereined
am  28.  November  1919  -
von
Dr.  Hans  Loewenfeld-Ruß
staatssekrelär  für  Bvlksernührung

Wir»  19  i  9
Mauzsche  Verlags-  und  Universitätsbuchhandlung
        <pb n="2" />
        6  85603

-03

Vortrag
«ehalten  in  der  Vollversammlung  des  N.-ö.  (äeMerbcvereiiicS
nni  28.  November  1919
von
Dr.  HansFoewenfeld-Rich
Staatssekretär  für  Volkseruährmrg

Wie»  1919
Mauzsche  Verlags-  nnd  Nliivcrsitatsbnchhandlung
        <pb n="3" />
        Vorbemerkung.

Indern  ich  dem  mir  mehrfach  geäußerten  Wunsche,  den  mir
28.  November  im  Nieder-österreichischen  Gewerbevereine  gehaltencnr
Vortrag  in  Druck  legen  zu  lassen,  nachkomme,  habe  ich  es  für  ziveckmäßig
  erachtet,  einige  Ausführungen,  für  welche  die  mir  für  meinen
Vortrag  zur  Verfügung  gestandene  Zeit  nicht  Raum  bot,  zu  ergänzen.
Außerdem  habe  ich  in  Form  von  Fußnoten  einige  Erläuterungen  bei—
gefügt.
Wien,  Anfang  Dezember  1919.

Löwenfeld-Ruß-
        <pb n="4" />
        Es  flil't  wvhl  heute  gar  keinen  Lrt,  wo  das  Gespräch  sich
nicht  nach  fünf  Minuten  den  Fragen  der  Ernährung  zuwendet.  Die
Nahrungsfrage  ist  heute  das  drängendste  Problem  geworden.  Indem
ich  die  ehrende  Einladung  des  Niederösterreichischcn  GewerbevereincK
angenommen  habe,  einen  Vortrag  über  Ernährungssragen  zu  halten,
bin  ich  mir  wieder  einmal  voll  und  ganz  bewußt,  welch  undankbare ­
  Stellung  mir  bei  der  Losung  dieser  Probleme  beschieden  ist.
Denn  vou  diesem  Platz  ist  Ihnen  wiederholt  und  erst  heute  vor
acht  Tagen  i»  einem  blendenden.  Vortrage,  sozusagen  nach  dem  Herzen
gesprochen  worden  -  ich  befinde  mich  nicht  in  dieser  beneidenswerten
Lage,  zu  Ihnen  zu  sprechen,  etwa  nach  dem  Rezepte:  „Die  Kinder,
sie  hören  es  gerne."  Ich  muß  mich  also  auch  hier  in  die  mir  seillangem
  aufgedrungene  Rolle  finden,  den  Leuten  nur  unangenehmes  und
unerfreuliches  sagen  zu  können.  Mit  dieser  reservatio  bitte  ich,  mir
kurze  Zeit  Gehör  zu  schenken.
Das  Hauptproblem,  dem  wir  gegenüberstehen  und  das  heute
alle  Geister  in  Österreich  in  Atem  hält,  konzentriert  sich  in  der  Frage
nach  den  Möglichkeiten  der  Sicherstellung  und  der  Verbesserung  unserer
Ernährungslage.
Über  die  Möglichkeiten  der  Deckung  des  Bedarfes  an  Nahrungs'
mittel»  aus  der  eigenen  Produktion  sind  in  der  Öffentlichkeit  vielfach
noch  immer  irrige  Vorstellungen  verbreitet.  Noch  immer  spielen  in  den
Köpfen,  wenn  von  österreichischer  Nahrnngsmittelproduktion  gesprochen
wird,  Vorstellungen,  welche  die  Verhältnisse  der  österreichisch-ungarischen
Monarchie  als  Ganzes  im  Auge  haben,  die  Vorstellungen  des  früheren
sogenannten  einheitlichen  Wirtschaftsgebietes,  für  welches  der  Überschuß
Ungarns  an  Agrarprodukten  maßgebend  war.
Schon  das  alte  Österreich,  die  im  Reichsrate  vertretenen
Königreiche  und  Lcinster,  war  aut  dem  Gebiete  der  Ernährung
passiv.  Produktion  und  Verbrauch  hielten  sich  nicht  die  Wage.  Di.'s
wird  schon  deutlich  dadurch,  daß  10  Millionen  Selbstversorgern  17  Mil
lionen  Nichtselbstversorger  gegenüberstanden,  das  heißt,  nur  :!  7  Prozent
der  Bevölkerung  konnten  sich  ihr  Brot  ans  eigener  Fechsung  backen.
        <pb n="5" />
        während  63  Prozent  der  Bevölkerung  sich  Mehl  und  Brot  durch  Einkauf ­
  beschaffen  mußten*).
In  der  Republik  Österreich  ist  dieses  Verhältnis  noch  ivcit
ungünstiger,  denn  von  der  für  1919  errechneten  Bevölkcrungsziffer
von  rund  7  Millionen  Einwohnern  sind  im  Jahresdurchschnitte  nur
zirka  i  *3  Ätillionen  Selbstversorger  und  st'7  Millionen  Richtielbstversvrger,
  haS  heißt,  im  neuen  Österreich  ist  das  Verhältnis  der  Nichtproduzenten ­
  zuin  Selbstversorger  auf  hundert  gerechnet  wie  ,81:  19
gegen  63  :  37  im  alten  Österreich.
Zugegeben,  das;  unsere  Produkt:  onsstatistikrn  sehr  im  argen  lagen
und  noch  liegen,  daß  wir  ferner  überhaupt  mit  Ausnahme  weniger
Artikel  vor  Ausbruch  deS  Krieges  keine  Verbrauchsstatistik  hatten
worunter  die  Arbeit  der  Ernährungsbehördcn  sehr  schwer  zu  leiden
hatte,  erfüllt  doch  die  Statistik  die  Funktion  des  Diagnostikers,  der
ein  Krankhcitsbild  festzustellen  hat,  bevor  der  Arzt  mit  Heilmitteln
eingreift  —  so  sind  doch  genügend  sichere  Anhaltspunkte  dafür  gegeben,
daß  schon  das  alte  Österreich  unbedingt  auf  Nahrungsmittelimporte  angewiesen ­
  war.  Selbst  wenn  die  Ernteziffern  falsch  berechnet  waren  (und
daß  die  itu  Wesentlichen  auf  Schätzungen  beruhende  Erntestatistik  unzulänglich ­
  und  unrichtig  war,  darüber,  besteht  wohl  kein  Zweifel),  so  ist
doch  die  große  Einfuhr  an  Getreide  aus  Ungarn,  und  in  schlechten,
Erntejahren  auch  ans  dem  Zollanslandc,  zweifellos.  Die  Neitogesamtcinsnhr
  Österreichs  ans  Ungarn  und  dem  Zollauslande  betrug  an
Getreide  (Weizen,  Roggen,  Gerste,  Hafer  und  Mais)  und  Mehl  (auf
Getreide  umgerechnet)  im  Durchschnitte  der  letzten  fünf  Friedensjahrc
(1909—1913)  27'7  Millionen  Meterzentner  Getreide  **).  Schon  das
*)  Diese  Statistik,  welche  auf  der  Brvtknrtenzählnng  beruht,  stimmt  nicht
ganz  mit  der  Berufszählung  tiberein,  wonach  1910  IS 1  3  Prozent  der  Bevölkerung ­
  Angehörige  der  Land  und  Forstwirtschaft  waren.  Diese  Tifsercuz  ist  nicht
besonders  ausfallend,  da  eben  die  Berufszählung  einfach  die  Angehörigen  der
Land-  und  Forstwirtschaft  zählt,  ohne  Stücksicht,  darauf,  ob  sie  ganz  öder  nur
einen  Teil  des  Jahres  tatsächlich  selbst  versorgt  sind;  Kleinhäusler,  Weinbauern
usw.  sind  entweder  gar  nicht  oder  nur  einen  Teil  deS  Jahres  selbst  versorgt,
zählen  also  nach  der  Brotkartcnstatistik,  zumindest  während  eines  Teiles  des
Jahres,  auf  die  Zahl  der  Nichtselbstversorger.
**)  Die  Ncttveinfuhr  Österreichs  ans  Ungarn  und  dem  Zollanslandc  (nach
Abzug  der  Ausfuhr)  betrug  an  Getreide  17,100.000  -Meterzentner,  an  Mehl
7,606.000  Meterzentner,  das  ist  auf.  Getreide  bei  einer  72prozentigen  Aus
Mahlung  umgerechnet  10,360.000  Meterzentner  Getreide,  insgesamt  somit
■J7'7  Millionen  Meterzentner.
        <pb n="6" />
        alte  Österreich  gehörte  hiernach  zu  den  größten  Getreideimportstaaten.
Diese  Einfuhr  kann  wohl  zm»  größten  Teile  als  für  das  Gebiet  des
jetzigen  Österreich  bestimmt  angesehen  werden,  da  angenommen  werden
kann,  daß  die  Überschüsse  der  prodnktionSrcichen  Sndctenländer  und
Galiziens  sich  mit  den  Abgängen  der  Bedarfsgebicte  Dalmatien,  Küstenland ­
  ’c.  ausgleichen.
Die  Ncrtoei»fuhr  Altösterreichs  ans  Ungarn  an  Brotgetreide ­
  (Weizen,  Roggen  und  .Weizen-  und  Roggenmehl*)  im
Jahre  1913  betrug  abzüglich  der  Ausfuhr  rund  1.8,055.GOÜ  Meterzentner.
  Die  eigene  Ernte  Österreichs  an  Weizen  niib  Roggen  betrug  im
Jahre  1913  43  3  Millionen  Meterzentner  (Weizen  »nd  Spelz  19  3,
Roggen  27  0).  Wenn  ich  ganz  roh  rechne  und  von  der  eigenen  Ernte
15  Prozent  zirka  für  Abfall,  Saatgut  und  Viehfntter  abrechne,  so
betrug  der  Verbrauch  an  Brotgetreide  im  alten  Österreich  rund
199  Kilogramm  pro  Jahr  und  Kopf,  oder  ans  Mehl  bei  einer  72pro-.zentigen
  Ausmahlung  umgerechnet  389  Gramm  Mehl  Pro  Tag.**)
Hievon  lvurden  aus  Ungarn  zirka  94  Kilogramm  -Brotgetreide  pro
Jahr  und  Kopf  eingeführt,  oder  wieder  ans  Mehl  umgerechnet
126  Gramm  Mehl  pro  Tag.  Das  heißt:  Rund  33  Prozent  des
Bedarfes  an  Brotgetreide  wurden  im-alten  Österreich  aus
Ungarn  eingeführt.
Im  neuen  Österreich  wird  die  eigene  Ernte  an  Weizen  und
Roggen  infolge  des  -  durch  den  langjährigen  SlrTcg”  herabgeminderten
Ertrages  im  Jahre  1919  mit  insgesamt  13!  Millionen  Meterzentner»
(Weizen  und  Spelz  IR,  Roggen  2*8)  eingeschätzt  ***).  Wenn  ich  auch  hier
für  Saatgut,  Abfall  und  Viehfutter  15  Prozent  abrechne  und  eine
72prozentigc  Ausmahlung  annehme,  so  entfallen  ans  der  eigenen  Ernte
pro  Kops  »nd  Jahr  rund  52  Kilogramm  Brotgetreide  =  103  Gramm

*)  Einfuhr  an  Weizen  5,045.090  Meterzentner,  au  Roggen  2,509.000
Meterzentner,  Mehl  7,770,000  Meterzentner  d.  i.  zu  72  Prozent  Ausmahlung
10,790.000  Meterzentner  Getreide,  somit  zusammen  18,344.000  Meterzentner
-Getreide.
**)  Professor  Pribram  berechnete  den  durchschnittlichen  Tageskonfum  an
Mehl  eines  erwachsenen  Mannes  im  alten  Österreich  mit  372  Gramm.  (Statistische ­
  Monatsschrift,  Neue  Folge,  XXI.  Jahrgang,  XII.,  Dczemberheft.)
***)  Statistik  des  Staatsamtes  für  Landwirtschaft  pro  1919.  —  Im
Frieden  betrug  die  Ernte  in  den  jetzt  zur  Republik  gehörige»  Gebieten  im
Durchschnitte  der  Jahre  1909  13  an  Weizen  2,662.000  Meterzentner,  Roggen
.5,519.000  Meterzentner,  zusammen  somit  8,181.000  Meterzentner.
        <pb n="7" />
        8

Mehl  Pro  Kopf  und  Tag.  Das  heißt:  Bon  dem  oben  mit  386  Grämn»
Mehl  berechneten  Friedenskonsum  können  aus  der  eigenen  Ernte  nur
etwa  27  Prozent  des  Bedarfes  lind  müssen  73  Prozent  durch  Einfuhr ­
  gedeckt  werden.  Im  alten  Österreich  stand  also  das  Verhältnis
der  Deckung  ans  eigener  Ernte  zur  Einfuhr  ivie  67"/«:  33°/«,  im.
neuen  Österreich  wie  27%  ;  73%.  Also  gerade  umgekehrt.
Auch  wenn  der  Ertrag  der  Ernte  an  Brotgetreide  in
den  Gebietsteilen  des  jetzigen  Österreich  in  Friedenshöhe,,
somit  mit  zusammen  8'18  Millionen  Meterzentner  angenommen
würde,  würde  die  heimische  Ernte  nur  194  Gramm  Mehl  pro
Kopf  und  Tag.  somit  nur  zirka  5,0  Prozent  des  normalen
Bedarfes  beisteuern  können.
Ta  man  annehmen  muß,  daß  der  Produzent  seinen  eigenen
Verbrauch  ans  seiner  Wirtschaft  jedenfalls  voll  deckt,  so  ist  das  Ergebnis ­
  der  Bedarfsdeckung  für  den  Nichtselbstversorger  noch  viel,
ungünstiger.
Die  Gerste,  die  im  Frieden  nicht  als  Brotfrucht  betrachtet
wurde,  wurde  mit  Absicht  nicht  berücksichtigt,  da,  wenn  wir  au  den.
Wiederaufbau  unserer  Wirtschaft  denken,  diese  teiliveise  für  Futter,,
teilweise  für  die  gctreidcverarbeitcndcn  Industrien  bestimmt  werden  muß-In
  diesen  Aufstellungen  ist  mit  den  statistisch  erhobenen  Ernteziffern
  gerechnet.  Es  darf  jedoch  nicht  vergessen  werden,  daß  die  Erntein
  ihrer  Gänze  restlos  nicht  greifbar  ist  und  speziell  in  Österreich  bei
der  Struktur  unseres  landwirtschaftlichen  Besitzes  ihre  Greifbarmachuncp
nie  erzielt  werden  kann,  indem  wir  vorwiegend  Klein-  und  Mittelbesitz,
und  fast  gar  keinen  Großbesitz  haben.  Daß  die  Mehrzahl  unseren
Bauern  kein  Getreide  verkaufen,  sondern  zukaufen  muß,  geht  ansder
  Statistik  unwiderleglich  hervor.  Von  den  landwirtschaftlichen  Betrieben

  hatten  Boden

über  100

von  2—100

von  0—2

in  Medcrösterreich  -

.  0'4  Prozent,

Hektar
37  2  Prozent,

62'4  Prozent

„  Oberösterreich  .  .

•  0-2

52  6  „

47'2

der  Bcsitzfälte.

Es  macht  also  der  kleinste  existierende  landwirtschaftliche-Splitterbesitz
  in  Oberösterreich  47'2  Prozent,  in  Niedcröstcrrcich.
62-l  Prozent  der  Gesamtbesitzfälle  ans.

Das  alte  Österreich,  die  im  Reichsrate  vertretenen  Königreiche ­
  und  Länder,  war  jedoch  nicht  nnr  in  Getreide  passiv»
        <pb n="8" />
        \

sondern  in  fast  allen  wichtige»  Nahrungsmitteln  (ausgenommen
Zucker  und  Malz)  war  das  alte  Österreich  auf  de»  Bezug  von
auswärts  angewiesen-  Ich  erwähne  hier  beispielsweise  nur  Speisefett ­
  (einschließlich  Butter,  Pflanzenfett  usw.),  bei  welchem  nur  53  Prozent  /
des  Bedarfes  durch  die  inländische  Produktion,  der  Rest  aber  durch  '
Importe,  zumeist  aus  Ungarn,  gedeckt  werden  mußte.
Die  Abhängigkeit,  in  der  da?  alte  Österreich  hinsichtlich  seiner
Lebensmittelversorgung  vom  Auslande  —  und  Ungarn  war  ja  auch
schon  im  Frieden  zur  Zeit  der  alten  Monarchie  trotz  des  sogenannten
einheitlichen  Wirtschaftsgebietes  bis  zu  einem  gewissen  Grade  Ausland
—  stand,  hat  die  Öffentlichkeit  lange  vor  Kriegsausbrnch  wiederholt
lebhaft  beschäftigt.  Ich  erinnere  daran,  daß  zum  Beispiel  der  Jndnstrierat
  im  Jahre  1911  eine  Erhebung  über  die  Große  des  sogenannten
Lebensmitteldefizits  veranlaßte.
Ist  schon  die  Abhängigkeit  des  alten  Österreichs  in  der  Lebensmittelversorgung ­
  evident  gewesen,  so  hat  die  durch  de»  Umsturz  herbeigeführte ­
  Trennung  der  österreichischen  Alpenländer  und  Wiens  von  den
Sndetenläudcrn,  von  Galizien  nnb  von  Ungarn  die  Situation  noch
wesentlich  verschärft  und  cs  bedarf  wohl  nicht  der  Anführung  weitläufiger ­
  Ziffern,  um  dies  zu  beweisen.  In  Galizien  allein  wurden  im
Jahre  1913  zum  Beispiel  31  ’2  Prozent  der  österreichischen  Weizenproduktion,
  25’8  Prozent  Hafer,  39  2  Prozent  an  Hülsenfrüchten
geerntet.  Aber  nicht  nur  unsere  Getreideproduktion  ist  ganz  unzulänglich, ­
  es  gilt  dasselbe  in  hohem  Maße  hinsichtlich  Kartoffeln,  Kr
Eier,  für  Fleisch  und  Fett,  für  eine  ganze  Reihe  anderer  landwirtschaftlicher ­
  Artikel  und  von  den  industriell  erzeugten  Nahrungsmitteln,
insbesondere  für  Zucker.  Von  den  180  Zuckerfabriken,  über  die  das
alte  Österreich  verfügte,  sind  uns  nur  4  übrig  geblieben,  welche  heute
kaum  imstande  sind,  1  Kilogramm  pro  Kopf  und  Jahr  der  Bevölkerung ­
  der  Republik  Österreich  zu  liefern,  während  der  Jahresbedarf
eines  Wieners  an  Zucker  im  Frieden  20  bis  24  Kilogramm  pro
Jahr  betrug.
Für  Wien  hat  sich  die  Abtrennung  der  bisher  zu  Österreich
gehörigen  Gebiete  ganz  besonders  geltend  gemacht.  Wien,  ivclches  an
der  Grenze  Ungarns  gelegen,  nur  einige  Kilometer  von  der  tschechischen
Grenze  entfernt  ist,  war  jedenfalls,  was  die  Ernährung  anlangt,  östlich
orientiert  und  wurde  nur  zum  geringsten  Teil  aus  den  eigenen  innerösterreichischen
  Gebieten  versorgt.

9
        <pb n="9" />
        10

Ein  paar  Beispiele  zeigen  dies  deutlich.  Ter  Fleischverbrauch
betrug  Im  Jahre  1913  au  Rindfleisch  zirka  63  Millionen  Kilogramm
oder  nach  der  damaligen  Bevölkerungsziffer  gerechnet  zirka  30'94  Kilogramm
  pro  Kopf,  das  ist  595  Gramm  pro  Woche  (die  heutige
Wochenqnote  beträgt  100  Gramm).  Zil  diesem  Rindsleischkvnsnm  hat
Ungarn  und  Kroatien  mit  71  Prozent,  die  Sndetenläuder  und  Galizien
mit  7  Prozent  und  die  iniicrösterreichischen  Länder  mit  mir  2  2  Pro
zent  beigetragen.  Ähnlich  waren  die  Verhältnisse  hinsichtlich  der  Vcr
svrgnng  mit  Schweinefleisch.  Wien  konsumierte  im  Jahre  1913  rund
1  Million  Stück  Schweine,  von  denen  Ungarn  und  Kroatien  64  Pro»
zent,  Galizien  26  Prozent,  Sndetenland  6  Prozent,  zusammen  also
93  Prozent,  beigetragen  haben,  während  Österreich  nur  7  Prozent
beigesteuert  hat.
Um  die  elenden  Verhältnisse,  in  die  ivir  geraten  sind,  drastisch
darzulegen,  möchte  ich  hier  noch  eine  Ziffer  über  den  gesamtenZzleischkonsnm
  Wiens  anführen.  Wenn  man  alles  Fleisch,  welches  Wien  im.
Frieden  konsumierte,  also  nicht  nur  Rind-  und  Schweinefleisch,  sondern
auch  Kalbfleisch,  Geflügel,  Wild  usw.  zusammenzählt,  so  hat  der  Wiener
im  Jahre  erwa  77794  Kilograinm  Fleisch  -  -  1496  Gramm  pro  Woche
konsumierst
Von  den  650.l  &amp;gt;0&amp;lt;&amp;gt;  Litern  Milch,  welche.  Wien  im  Frieden  durchschnittlich ­
  täglich  verbraucht  hat,  stamnitcn  im  Juni  t914,  also  vor
Ansbruch  des  Krieges,  etwa  200.000  Liter  ans  Böhmen,  Mähren  und
Schlesien,  .100.000  Liter  ans  Ungarn,  zusammen  also  300.000  Liter
—  35  Prozent  von  auswärts.
Diese  Beispiele  ließen  sich  noch  für  alle  möglichen  anderen
Artikel  erweitern.  Ich  erwähne  nur,  das;  von  den  50  Millionen  Stück
Eiern,  die  in  Wien  im  Jahre  &amp;gt;914  ans  den  Märkten  verkauft  wurden,
nur  13  Millionen  aus  Österreich,  der  Rest  ans  der  Monarchie,  davvu
34  Millionen  Stück  aus  Ungarn  stammten.
Das  sind  nur  Streiflichter  ans  dem  großen  reichhaltigen  Zifserumaterial,
  aus  welchem  unzweifelhaft  hervorgeht,  daß  selbst  bei  Friedeno-ProduktivnSvcrhältnisse»,
  von  welchen  wir  aber  derzeit  wesentlich  entfernt
sind,  die  Versorgung  Deutschösterrcichs  und  speziell  Wiens  auch  nicht
im  entferntesten  durch  die  eigene  Produktion  sichergestellt  werden  kann
und  &amp;gt;vir  unbedingt  einen  größeren  Teil,  sogar  den  weitaus  größten
Teil  unseres  Nahrnngsbedaries  ans  dem  Anslande  beziehen  müssen.
Hierdurch  erklären  sich  auch  die  geradezu  verzweifelten  Verhältnisse  unter
        <pb n="10" />
        welchen  wir  mangels  der  Möglichkeit  der  Beschaffung  ausreichender
Mengen  aus  dem  Anslande  seit  dem  Umstürze  leben.*)
Ich  will  und  kaun  hier  nicht  untersuchen,  ab  Österreich  in  seiner
jetzigen  Gestalt,  in  finanzieller  und  wirtschaftlicher  Beziehung,  überhaupt
existenzfähig  ist.  Ich  ivill  auch  nicht  Politik  sprechen.  Eines  ist  aber
sicher:  Ernährungswirtschaftlich  ist  Österreich  ein  Krüppelstaat
und  kann  sich  nur.  mit  den  Prothesen  fremder  Hilfe  mühsam
fortschleppen.  Zweifellos  wäre  unsere  Ernährungslage  eine  wesentlich ­
  andere,  wenn  wir  den  Anschluß  an  Deutschland  hätten  vollziehen ­
  können.  Der  deutsche  Reichswirtschaftsminister  hat  erst  vor
einigen  Wochen  gesagt,  daß  nach  den  Ernteschätzungcn  die  deutsche
Mehlversorgung  bis  zur  nächsten  Ernte  durch  die  eigene  Produktion
gesichert  sei,  wobei  Deutschland  fein  Getreide  nur  mit  80  Prozent,
wir  mit  90  Prozent  ausmahlen.  Deutschland  gibt  sieben  Pfund
Kartoffeln  pro  Kopf  und  Woche  aus,  während  wir  regelmäßig  Kartoffeln ­
  überhaupt  nicht  ausgeben  können.  Es  ist  wohl  außer  Frage,

*)  Wie  entsetzlich  die  Ernährungsvcrhältniffe  bei  uns  derzeit  sind,  beweist
die  folgende  (nach  der  Kaloricntabelle  Professors  Dr.  König  angestellte)  Berechnung
  des  KalorienwerteS  der  gegenwärtigen  Wochenkopfqnoten  der  wichtigsten
rationierten  und  halbwegs  erreichbaren  Lebensmittel.  Hiebei  habe  ich  ans  dein
Gutachten  des  Professors  Dnrig,  das  er  über  mein  Ansuchen  im  November
1918  erstattet  hat,  den  Kalorienwert  .für  Fleisch  einheitlich  mit  2,  für  Feit
einheitlich  mit  8  und  für  Mehl  einheitlich  mit  3  Kalorien  pro  Gramm  über

nominell.
500  Gramm

Mehl  wöchentlich

72

Gramm  tägl.

—  216

Kalorien

1575

l  (0»ote  für  ]
Brot  |  den  Nicht-1


r  —

225

=  504

120

l  schwerarbeiter)  )
Fett  wöchentlich

1

17

=  136

750  „

Zncker  monatlich

=

25

„  „

=  100

100  „

Fleisch  wöchentlich

=

14

„  „

28

ff

Milch

=

Liter

=  84

1  Ei  wöchentlich

=

'  1L

Ei

=  12

„

500  „

Kartoffel  wöchentlich

=

72

Gramm  „

=  64

„

Gemüse

-----4C0



„

=  127

„

Zusammen

,  1271

Kalorien

Also  1271  Kalorien,  während  Dnrig  auf  Grund  der  wissenschaftlich  feststehenden ­
  Bedarfsgröße  von  3000  Kalorien  nach  dem  Bevölkerungsansbnu  i»
Österreich  beit  Nahrungsbedarf  für  die  Einheit  erwachsener  Mann  —  mir
2300  Kalorien  pro  Kopf  und  Tag  berechnet!
11
        <pb n="11" />
        12

daß  bei  einer  Versorgung  vvii  60  Millionen  Menschen  in  Deutschland ­
  die  sieben  Millionen  Österreicher  schlecht  nnd  recht  noch  mitkommen
  könnten.  Sicherlich  ist  auch  in  Deutschland  die  Lage  gespannt,
aber  der  deutsche  Ernährnngsminister  kann  wenigstens  insoweit  ruhig
schlafen,  als  er  nicht  stündlich  die  einlaufenden  Waggons  dahin  zählen
muß,  ob  für  die  nächste  Woche  Brot  genug  da  ist.
Kann  ein  solches  Land,  in  dem  die  tägliche  llnsicherheit  der
nackten  Lebensmöglichkeit  an  den  Nerven  der  Bevölkerung  zerrt,  zur
Arbeit  kommen?
Und  trotzdem,  wie  immer  sich  unser  Schicksal  gestalten  wird,
wir  müssen  arbeiten,  mir  müssen  insbesondere  trachten  mehr  zu  produzieren, ­
  einerseits  um  die  unproduktive,  Konsumzwecken  dienende  Einiuhr-
  Herabdrücken,  andererseits  um  mehr  Jndustrieprodukte  für  die
Ausfuhr  zur  Bezahlung  unserer  Einfuhr  erzeugen  zu  können,
Die  Produktionssteigerung  ist  der  erste  Weg,  aus  dem
das  Problem,  wen»  auch  nicht  gelöst,  doch  entknotet  werden
kann.  Wir  dürfen  nicht  die  Hände  in  den  Schoß  legen  nnd
warten,  bis  irgend  jemand  hilft.
Ein  produktionspolitisches  Programm  zu  entwerfen  liegt  nicht
iiu  Rahmen  dieses  Vortrages,  aber  es  ist  klar,  daß  in  erster  Linie  alles
getan  werden  muß,  um  zunächst  die  landwirtschaftliche  Produktion,  insbesondere ­
  den  stark  zurückgegangenen  Getreidebau,  sowohl  was  die  Anbaufläche ­
  als  ihren  Ertrag  betrifft,  wieder  auf  die  Friedenshöhe  und  darüber
hinaus  zu  bringen.*)  Ganz  kursorisch  mochte  ich  nur  darauf  hinweisen,
daß  besonders  zur  Behebung  des  Leutemangels  auf  dem  Lande  die
Mobilisierung  der  landwirtschaftlichen  Arbeitskräfte**),  dann  eine  Inten
siviernng  der  Produktion  im  Wege  der  Meliorisatiou  und  Kommassierung, ­
  des  Ausbaues  der  Genossenschaften,  der  stärkeren  Verwertung  der

Die  Hebung  der  Ertragsfähigkeit  unseres  Bodens  ist  anzustreben  und
erreichbar.  In  den  Gebieten  des  jetzigen  Österreich  betrug  nach  der  amtlichen
Statistik  der  durchschnittliche  Hektarertrag  in  den  Jahren  1908  bis  1912  in
Weizen  135,  in  Roggen  13'3  Meterzentner,  im  letzten  Jahre  kaum  10  Meterzentner. ­
  In  Deutschland  betrng  der  Hektarertrag  in  den  Jahren  1908  bis  1912
in  Weizen  20'7,  in  Roggen  17'8  Meterzentner.  Deutschland  hat  im  Jahre  1913
nach  Angaben  des  Kalisyndikats  aus  einem  Quadratkilometer  nutzbaren  Bodens
1529  Kilogramm  Kali,  das  alte  Österreich-Ungarn  114  Kilogramm  verwendet. ­

**)  Siehe  die  Vorschläge  des  Direktors  Albert  Geßmann  jun.,  „Zurück
zur  Scholle",  Wien,  Kommissionsverlag  Frick,  1919.  .
        <pb n="12" />
        Bibliothek  des  Instituts
für  Weltwirtschaft  Kiel

maschinelle»  Bodenbearbeitung  *),  der  stärkeren  Berwendnng  von  kiinsllicheni
  Dünger  und  Düngemitteln,  soweit  deren  Einfuhr  möglich  ist,  not
wendig  ist.  Der  Ausbau  der  Wasserkräfte  bietet  Möglichkeiten  zur  Erzeugung ­
  künstlichen  Stickstoffes.  Auch  die  Beschaffung  von  Futtermitteln  muß
gefördert  und  in  diesem  Zusammenhang  auch  eine  Förderung  derjenigen
Industrien,  welche  wertvolle  Abfallprodukte  für  die  Landwirtschaft
erzeugen  (Zucker-,  Brau-,  Malz-,  Öl-,  Spiritusindustrich  angestrebt
werden.  **)
.  Alle  diese  Maßnahmen,  die  selbstverständlich  nicht  den  Anspruch
ans  Vollständigkeit  machen,  sind  jedoch  Maßnahmen  auf  lange  Sicht,
die  nicht  sofort  wirksam  werden  können  und  das  Gegenwartsproblenc
nicht,  wenigstens  nicht  sofort,  lösen  können.
Als  ein  raschestcns  wirkendes  Mittel  zur  Förderung  der  Produktion
&amp;gt;vird  von  vielen  Seiten  die  sofortige  Aushebung  der  Zwangsw
  irisch  oft  bezeichnet,  die  als  besondere  Hemmung  der  Produktion
empfunden  wird.  Der  Wegfall  der  öffentlichen  Bewirtschaftung,  die
Wiederherstellung  der  freien  Wirtschaft  würde  nach  der  Meinung  vieler
nicht  nur  eine  sofortige  rasche  Steigerung  der  Produktion,  sondern
so  wird  behauptet  auch  eine  sofortige  Besserung  unserer  Ernnhrnngslagc
  zur  Folge  haben.
ES  ist  immer  nützlich,  ivenn,  wie  dies  auch  in  der  vorliegenden
Frage  der  Fall  iit,  wirtschaftliche  Fragen  und  Probleme  unter  parteipolitischen ­
  Gesichtswinkeln  betrachtet  und  behandelt  und  Gegenstand
agitatorisch  und  demagogisch  geführten  Streites  und  einer  vielfach
einseitigen  Interessen  dienenden  „Schlagivort"-Politik  werden.  Tic
Öffentlichkeit  laßt  sich  dann  leicht  von  der  mehr  oder  Nieniger  geschickten
Mache  beeinflußen  und  ist  ernsten  Erwägungen  nicht  mehr  zugänglich.
Umsomehr  erscheint  cs  Pflicht  verantwortlicher  Männer,  solche  Probleme. ­
  sine  ira  et  -stiulio  zu  behandeln.
Was  wollte  die  öffentliche  Bewirtschaftung?  Sie  war  ein  Kind
der  Not,  eine  Methode  wirtschaftlicher  Kriegführung,  wie  eben  der  Krieg
von  unseren  Gegnern  nicht  nur  mit  militärischen  Waffen,  sondern  auch

*)  Auf  diesem  Gebiete  entwickelt  die  landwirtschaftliche  Warenverkehrstelle
  des  Staatsamtes  für  Vvlkscrnährnng  unter  Leitung  des  Dr.  Kurt  Schecks  ne  r
bereits  seit  längerer  Zeit  eine  sehr  ersprießliche  Tätigkeit.
**)  Dein  Anbau  von  Zuckerrüben  kommt  nicht  nur  vom  Gesichtspunkte  der
Steigerung  der  Zuckerproduktion  eine  große  Bedeutung  zu.  Zuckerrübe  ist  eine
wichtige  Vorfrucht  für  Getreide.  Überdies  sind  die  Abfallprodukte  der  Zuckerindustrie,
  Schnitte  und  Melasse,  ein  überaus  wertvolles  Futtermittel.
        <pb n="13" />
        mit  wirtschaftlichen  Mitteln  geführt  wurde.  Sie  wollte  im  Sinne  des
Grundgedankens,  welcher  Walther  Rathenau  vorschwebte:  Die  Erfassung
der  Gesamtproduktion,  eine  gleichmäßige  Aufteilung  der  produzierten
Waren  an  die  verbrauchende  Gesamtheit  unter  Festlegung  von  ÜbcrnahNs-
  und  Abgabepreisen  und  eine  den  Verhältnissen  entsprechende
Einschränkung  des  Verbrauches.
Dem  Prinzip  lag  die  Idee  des  „Durchhaltens"  zugrunde,  es
war  aufgebaut  auf  der  Idee  „gleiche  Pflichten",  „gleiche  Rechte".  Es
setzte  also  von  vornehereiu  soziales  Gewissen  und  Empfindung  voraus,
dessen  Mangel  im  Kriege  allerdings  nur  zu  oft  cinpfunden  wurde.
Die  Idee  ist  in  ihrer  Durchführung  zum  großen  Teile  gescheitert. ­
  Allerdings  —  ee  ist  kein  Zweifel,  daß  ohne  die  staatliche
Bewirtschaftung  der  Krieg  nicht  zwei  Jahre  zu  führen  gewesen  wäre.
Sicherlich  —  heute  wird  es  jedermann  als  Glück  betrachten,  wenn
der  Krieg  aus  irgendwelchen  Gründen,  selbst  durch  eine  Unterlassung
der  notwendigen  wirtschaftlichen  Maßnahmen,  früher  zu  Ende  gegangen
wäre,  denn  schlechter  hätte  der  Ausgang  des  Krieges  auch  nicht
werden  können.  Aber  man  muß  sich  doch  die  allgemeine  Mentalität
ini  Sinne  des  Durchhaltens  von  damals  vor  Augen  halten  und  darf
die  Sachen  nicht  vom  ex  p08t-Standpunkte  beurteilen.  Bei  der
ungenügenden  Produktion  Österreichs  und  der  ungenügenden  Hilfeleistung ­
  Ungarns,  wäre  bei  freiem  Verkehr  und  freier  Wirtschaft  die
Versorgung  der  Allgemeinheit  im  Kriege  einfach  undurchführbar
gewesen.  Bei  der  sich  überstürzenden  starken  Nachfrage,  dein  kein  oder
nur  geringes  Anbot  gegenüberstand,  hätte  ja  der  Handel  seine  Funktion
der  Verteilung  gar  nicht  durchführen  können.  Die  öffentliche  Bcwirtschaftnng
  ist  nicht  von  Theoretikern  ausgeklügelt  und  nicht  in  der
Eonveuse  der  Bürokratie  aufgezogen  worden.  Sic  ist  eine  notwendige
Kriegserscheinung  gewesen,  die  ja  auch  in  den  Siegesländern  durchgeführt ­
  wurde,  hat  doch  zum  Beispiel  Frankreich  die  straffste  Bewirtschaftung ­
  des  Getreides  durchgeführt.
Auch  bei  uns  ist,  was  jetzt  wissentlich  oder  unwissentlich  vergessen ­
  wird,  "  diese  öffentliche  Bewirtschaftung  mit  Beschlagnahme,
Requisition  und  Höchstpreisen,  als  im  Herbste  des  Jahres  1914  die
Getreidepreise  stiegen,  von  der  gesamten  Öffentlichkeit  in  Österreich
gefordert  worden.
Daß  die  Zwangswirtschaft  mit  produktionswirtschaftlichen  Nachteilen
  verbunden  war,  wird  niemand  leugnen.  Wenn  aber  der  für  die
Kriegsverhältnisse  an  sich  richtige  Gedanke  in  seiner  Durchführung  zu
        <pb n="14" />
        15

einem  Mißerfolge  führte,  sv  innren  hiefür  außer  allgemeine»,  insbesondere ­
  durch  die  lange  Dauer  des  Krieges  herbeigeführten  Ursachen  in
Österreich  speziell  noch  eine  Reihe  besonderer,  in  de»  spezifischen  Verhältnissen ­
  Österreichs  gelegenen  Gründe  maßgebend.  Es  fehlt  mir  die
Zeit,  diese  Gründe  und  Ursachen  des  Mißerfolges  der  öffentlichen ­
  Bewirtschaftung  hier  detailliert  auseinanderzusetzen.
Ich  mochte  nur  schlagwortartig  daraus  hinweisen,  daß  die
mangelnde  Hilfe  Ungarns,  die  Aushebung  des  sogenannten  einheitlichen
Wirtschaftsgebietes  mit  Ungarn,  die  frühzeitige  Besetzung  und  Zerstörung ­
  des  prodiiktiousreichen  Galiziens  von  vorneherein  einen  Mangel
erzeugte,  den  gar  keine  Wirtschaftsmethode,  weder  der  freie  Handel
noch  die  gebundene  Wirtschaft  zu  bannen  vermocht  hätte  und  der  dazu
führte,  daß  der  österreichischen  Landwirtschaft  ungleich  größere  Lasten
ohne  Rücksicht  ans  die  Bedürfnisse  der  Produktion  auferlegt  werden
mußten,  als  sie  der  ungarischen  Landwirtschaft  zugemutet  wurden.
Innerhalb  Österreichs  selbst  bewirkte  das  vielfach  passive  Verhalten
der  tschechischen  Gebiete  der  Sudetenländer  eine  starke  Belastung  der
österreichischen  Krouländer,  die  in  ihrer  Gegenwirkung  schließlich  zum
Versagen  des  Anfbringungssystems,  zu  Störungen  und  Hemmungen  der
Produktion  (wie  Abnahme  des  Saatgutes,  Schlachtung  von  Milchkühen,
Lichtung  des  Viehstandes  u.  s.  w.)  führten.  Hiezu  kam  eine  nicht  sehr
glückliche  Preispolitik,  die  unter  dem  Zwange  der  Verhältnisse  vielfach
mehr  Rücksicht  auf  sozialpolitische  als  aus  prodnktivnspolitische  Gesichtspunkte ­
  nehmen  mußte.
Ein  Grund  des  Mißerfolges  der  öffentlichen  Bewirtschaftung  war
auch  die  zu  straffe  Zentralisierung.  Hatte  ein  von  Wien  ausgehender
Zentralismus  bei  de»  staatlichen  Verhältnissen  Österreichs  und  der  Eigenart ­
  der  Länder  sich  schon  im  Friede»  nicht  durchsetzen  können,  so  war
es  ein  Irrtum,  zu  glauben,  daß  durch  den  Krieg  grundlegender  Wandel
geschaffen  und  die  Widerstände  politischer  und  nichtpolitischer  Natur
überwunden  werden  könnten.  An  diesem  Irrtum  hatte  die  Ernährungs-Wirtschaft
  sehr  schwer  zu  leiden,  und  aus  diesem  Gesichtswinkel  ist
manches  Versagen  zu  erklären.  Sicherlich  in  vieler  Beziehung  war  gerade
ans  dem  Gebiete  der  Ernährnngswirtschaft  die  Zentralisierung,  durch  die
allein  die  Einheitlichkeit  herbeigeführt  werden  konnte,  notwendig,  aber
die  Dinge  von  Wien  ans  in  allen  Einzelheiten  zu  regeln,  war  nicht
möglich.  Daß  es  doch  versucht  wurde,  bewirkte  eine  Schwächung  des
Systems.  In  den  Ländern  wurde  die  Abneigung  gegen  die  zentrale
Bewirtschaftung  umso  stärker,  als  Wien  der  immer  größer  werdenden
        <pb n="15" />
        16

Not  mich  in  de»  Ländern  nicht  mehr  abhelfen  konnte.  So  kam  cs
da»»,  trotz  aller  Zentralisierung  oder  vielleicht  gerade  deshalb,  znr
gegenseitigen  Absperrung  der  Länder  unb  Bezirke,  welche  der  geordneten
Ernährnngswirtschaft  völlig  den  Boden  entzog,  Absperrungen,  welche,
als  Palliativ  gegen  den  durch  die  Not  erzeugten  Schleichhandel  gedacht,
diesen  erst  recht  in  die  Halme  schießen  ließen.  Nicht  zuletzt  hat  an
den  nugenügenden  Erfolgen  unserer  Ernährnngswirtschaft  der  Mangel
an  einer  geeigneten  Berwaltnngsmaschine  Schuld  gehabt.  Für  die
staatliche  Bewirtschaftung  war  der  behördliche  Friedensapparat  vielfach
ungeeignet,  es  hat  an  wirklich  geeigneten  Unterstellen  für  die  Behandlung ­
  der  Wirtschaftsfrage»,  wie  sie  sich  Deutschland  in  den  Kommunalverbänden
  geschaffen  hat,  gefehlt.  Die  Versuche,  diese  Lücken  auszufüllen, ­
  haben  nur  teilweise  Erfolg  gehabt,  sie  konnten  eine  entsprechend
funktionierende  Organisation  nicht  ans  dem  Boden  stampfen,
Die  Bevölkerung  interessiert  es  wenig,  warum  eine  Maßnahme
nicht  reüssiert.  Sie  sieht  nur  den  Mißerfolg  und  ans  diesem  Grunde
erscheint  eS  mir  auch  unnütz,  zu  untersuchen,  ob  der  Schleichhandel
die  Folge  des  Versagens,  des  Systems  oder  die  Ursache  dieses  Versagens
ist  und  ivar.  Es  ist  übrigens  außer  Frage,  daß  die  Funktionen  des
Schleichhandels,  die  einerseits  vielfach  überschätzt  werden  andererseits
in  bestimmten  Richtungen  zweifellos  die  öffentliche  Bewirtschaftung  schwer
schädige»,  also  ursächlich  wirken.  Charakteristisch  hiefür  ist  zum  Beispiel,
daß  anläßlich  der  Einstellung  des  Sonntagsverkehres  aus  den  Bahnen
die  Zulieferungen  von  Milch  nach  Wien  an  Montagen  gegenüber  früher
anstiegen,  ivas  immerhin  zu  beweisen  scheint,  daß  der  Schleichhandel
große  Milchmengen  der  öffentlichen  Bewirtschaftung  und  damit  der
gleichmäßigen  Verteilung  entzogen  hat.  Jedenfalls  ist  der  Schleichhandel
da  —  als  Ausfluß  des  Lebeiiserhaltungstriebes,  als  eine  Art  Nebenregierung ­
  der  Aufbringung,  als  eine  Organisation  der  Aufbringung,  die
auf  Anbot  und  Nachfrage  aufgebaut,  ausschließlich  durch  hohe  Geldanbotc
  wirksam  wird.  Er  bewirkt  also  gerade  das  Gegenteil  dessen,
was  man  angesichts  des  Mangels  und  des  Mißverhältnisses  von  Anbot
und  Nachfrage  ausschalten  wollte,  nämlich  die  freie  Preisbildung  nach
diesem  Gesetze.  Verschwinden  wird  er  trotz  aller  Aufgebote  zu  seiner
Unterdrückung  erst,  wenn  der  Mangel  beseitigt  ist  und  beseitigt  werden
kann,  somit  im  Falle  genügender  Importe.
*)  Bel  einem  Tagesbedarf  von  ungefähr  700.00»  Kilogramm  Mehl  in
Wien  leistet  der  Schleichhandel,  tute  hoch  immer  man  ihn  schätzen  mag.  sicherlich
mir  einen  kleinen  Bruchteil  der  Deckung.
        <pb n="16" />
        Warum  wird  nun,  wenn  bet  Weg  der'öffentlichen  Bewirtschaftung ­
  der  Jnlandsproduktion  nicht  znin  Ziele  führte,  nicht  der  andere,
so  sehr  befürwortete  Weg  der  freien  Wirtschaft  betreten?  Kann  ans
diesem  Wege,  wie  behauptet  wird,  eine  sofortige  Steigerung  der  Produktion ­
  und  eine  bessere  Versorgung,  ja  sogar,  wie  behauptet  wird,
eine  billigere,  jedenfalls  billigere  Versorgung  als  durch  den  Schleichhandel,
  erreicht  werden?
Die  Öffentlichkeit,  die  den  bestehenden  Zustand  unbefriedigend
empfinden  muß,  betrachtet  diejenigen  als  Messiasse,  die  die  Heilslehre
verkünden,  daß  bei  Berivirklichung  ihres  Programmes  alles  besser
würde  —  sowie  dies  vor  Wahlen  öfters  stattfindet  Es  soll  schon
vorgekommen  sein,  daß  die  Wähler  dann  von  ihren  Messiassen  sehr
enttäuscht  waren!
Was  die  behauptete  sofortige  Produktionsvermehrung  in  beträchtlichem ­
  Ausmaße  anlangt,  so  kann  eine  solche  Steigerung  doch  wohl
nur  in  längerem  Zeiträume  und  durch  systematische  Arbeit  sich  vollziehen, ­
  sie  hängt  von  einer  Reihe  kultureller,  klimatischer  und  natürlicher ­
  Bedingungen  ab,  die  sich  entweder  nicht  oder  nur  sehr  langsam
ändern  lassen  und  mit  der  freien  oder  gebundenen  Wirtschaft  nicht  viel
zu  tun  haben.  Inwiefern  gewisse,  insbesondere  durch  eine  falsche  Preispolitik ­
  verursachte  Nachteile  der  öffentlichen  Bewirtschaftung  beseitigt
werden  können  und  .  müssen,  davon  wird  noch  später  zu  reden  sein.
Eine  sofortige  nennenswerte  Steigerung  der  Produktion  jedoch,  deren
Tiefstand  durch  ganz  andere  Ursachen,  unmittelbar  durch  den  Krieg  und
dessen  Nachwirkungen,  herbeigeführt  wurde,  ist  von  einer  unvermittelten
Aufhebung  des  öffentlichen  Bewirtschaftnngssystems  wohl  kaum  zu
erwarten.
Was  aber  die  gleichfalls  behauptete  sofortige  Besserung  der
Ernährungslage  iui  Falle  der  Aufhebung  der  öffentlichen  Bewirtschaftung
und  Freigabe  deS  freien  Verkehrs  anlangt,  so  will  ich  zugeben,  daß
möglicherweise  durch  kurze  Zeit  mehr  Ware  auf  den  Markt  käme,  ohne
Zweifel  aber  zu  so  hohen  Preisen,  daß  die  weniger  kaufkräftigen
Schichten  der  Bevölkerung,  die  ja  den  überwiegenden  Teil  der  Bevölkerung ­
  bilden,  leer  ausgehen  müßten.  Nach  kurzer  Zeit  hätte  aber  der
ganze  Zauber  ein  Ende.  Waren  produzieren  kann  der  Handel  und  der
freie  Verkehr  ja  doch  nicht,  und  mehr  herausbringen  als  da  ist,  kann
er  auch  nicht.  Und  daß  wir  zu  wenig  erzeugen,  um  alle  zu  versorgen,
das  habe  ich  schon  eingangs  meiner  Ausführungen  erwähnt  und  das
muß  doch  wohl  nicht  immer  wieder  neuerlich  nachgewiesen  werden.

3
        <pb n="17" />
        Österreich  ist  ein  Land  des  Rahrungsmittcldefizites.  Gäbe  man
die  Bewirtschaftung  heute  schon  sofort  völlig  frei,  so  würden  sich  ganz
unerträgliche  Zustände  herausstellen.  Die  Freigabe  der  Bewirtschaftung
müßte  natürlich  auch  die  Aufhebung  der  Rationierung  zur  Folge
haben.  Daß  aber  die  Rationierung  nur  eben  auf  die  importierte  Ware
beschränkt  würde,  erscheint  nicht  nur  technisch  schwierig,  es  wäre  auch
undurchführbar,  weil  wir  ja  hinsichtlich  der  Importe  mindestens  finanziell
von  der  Entente  abhängig  sind  und  diese  cs  kaum  zulassen  würde,
daß  wir  mit  der  Inlandsware  sozusagen  prassen  und  hinsichtlich  des
Importes  ihre  Hilfe  in  Anspruch  nehmen.  Eine  Verteilung  der  Ware
kann  nicht  mehr  erfolgen,  wenn  die  Ware  nicht  mehr  in  den  Händen
der  Verwaltung  ist.  Aber  auch  jeder  Einfluß  auf  die  Preisbildung
ginge  verloren.  Die  freie  Bewirtschaftung  bedeutet  zugleich  den  sofortigen ­
  Sprung  auf  die  Auslandsparität  und  die  volle  Wirksanikcit  des
Tiefstandes  unserer  Valuta  im  Auslande  auch  im  Jnlande.
Wieunter  Freigabe  des  Verkehrs  bei  den  gegenwärtigen  Verhältnissen
sich  die  Preise  gestalten,  daftir  haben  wir  ja  doch  schon  einige  Erfahrungen.
Ich  verweise  auf  das  Beispiel  mit  Pferdefleisch,  in  dem  der  Handel
freigegeben  wurde.  Wissen  die  Anhänger  der  freien  Wirtschaft,  daß  Heu,
das  freigegeben  wurde,  in  Oberösterreich  jetzt  K  2'—  das  Kilogramm
kostet?  In  Deutschland  ist  beim  Versuch,  den  Fischhandel  freizugeben,  der
Fischpreis  ans  das  Dreifache  gestiegen  und  ist  überdies  Warenknappheit
eingetreten,  so  daß  die  Reichs-Fischversorgung  wieder  hergestellt  wurde.
Es  wird  vorgeschlagen,  daß  man  sich  mit  der  Ablieferung  von
bestimmten  Kontingenten  begnügen  und  den  Rest  freigeben  soll.  Dieses
gemischte  System  hat  zur  Fplge,  daß  zwar  freies  Ex-Kontingent  zu
maßlosen  Preisen  im  Handel  ist,  das  Kontingent  aber  nicht  abgeliefert
wird.  Siehe  Hafer  bei  uns!  Es  wird  auch  vorgeschlagen,  daß  der  Staat
nur  die  weniger  Bemittelten  versorgen  soll,  die  Versorgung  der  übrigen
Teile  der  Bevölkerung  dem  freien  Handel-  überlassen  soll.  Man  vergißt
da  die  Schichtung  unserer  Einkonuncuverhältnisse,  die  dazu  führen  müßte,
daß  der  Staat  doch  die  Versorgung  des  weitaus  größten  Teiles  der
Bevölkerung  auf  sich  nehmen  müßte!
Mit  einen,  Worte:  Solange  die  Bedarfsdeckung  durch  hinlängliche ­
  Importe  für  längere  Zeit  nicht.  sichergestellt  ist,
solange  nicht  die  Angst  der  Bevölkerung  gebannt  ist,  die  zur  Thesaurierung ­
  und  Bevorrätigung  führt,  kann  meines  Erachtens  nach  keine
Regierung,  speziell  auf  dem  Gebiete  der  Getreidebcwirtschaftung,  die
BerantN'ortnng  auf  sich  laden,  die  Voraussetzungen  für  die
        <pb n="18" />
        19

Möglichkeit  der  Stationierung  aufzuheben  und  eine  Marktgestalt ­
  ung  zuzulassen,  die  unsere  sozialen  Schwierigkeiten
noch  vermehren  muß  te.
Daß  ieh  damit  nicht  die  Dauer  der  Zwangswirtschaft,  aueh  nicht
das  generelle  Festhalten  an  ihr  proklamieren  will,  ist  selbstverständlieh.
Schon  die  Lockerungen  der  staatlichen  Autorität  maeheu  eine  weitere
Durchführung  eines  ganz  starren  Wirtschaftssystems  unmöglich.  Aber  ein
plötzlicher,  genereller  Übergang  zur  Wirtschaftsfreiheit  wäre
eine  Katastrophe,  wie  dies  vor  acht  Tagen  auch  Schumpeter  hier
gesagt  hat,  der  doch  sicherlich  nicht  als  Zwangswirtschaftler  gelten
kann.  Auch  in  Deutschland  hat  man,  trotzdem  Deutschland  sich  in
ungleich  günstigerer  Ernährungslage  befindet,  die  Bewirtschaftung  auf
den  wichtigsten  Gebieten  der  Ernährung  beibehalten.
Wir  werden  uns  den  Verhältnissen  anpassen  müssen,  wie  dies
schoil  dem  Charakter  der  Übergangswirtschaft  entspricht,  und  vorsichtig,
nach  und  nach  ans  einzelnen  Gebieten  abbauen,  gleichwie  man  das  in
einem  Stauwerke  angesammelte  Wasser  nicht  durch  Heben  der  Schleusen
auf  einmal  ausläßt,  wenn  man  nicht  Unheil  anrichten  will.  Die  öffentliche ­
  Bewirtschaftung  kaun  unter  den  derzeitigen  Verhältnissen ­
  nur  schrittweise  und  unter  Berücksichtigung  des  Zusammcnhanges
  und  der  wechselseitigen  Beziehungen  der  einzelnen  Artikel  untereinander ­
  abgebaut  werden,  zunächst  dort,  wo  die  Produktion  für
den  eigenen  Bedarf  hinreicht.  Dies  ist  bereits  geschehen  bei  Gemüse,
Obst,  bei  Rauhfutter.  Um  die  Produktion  von  produktionshemmenden
Wirkungen  des  Bewirtschaftimgssystems  zu  befreien,  ist  das  System  der
Getreidebewirtschaftung  unter  Berücksichtigung  der  Prvduktionserforderuisse
  geändert  worden.  Hiermit  muß  Hand  in  Hand  eine  vernünftige
Preispolitik  gehen.  Kurz,  das  Problem  muß  bei  jedem  einzelnen
Artikel  untersucht  werden,  und  dann  sachlich  und  zeitlich
entschieden  werden.
Wenn  demgegenüber  immer  wieder  das  freie  Spiel  der  Kräfte,
das  Gesetz  von  Anbot  und  Nachfrage  als  einziges  Rcmedium  gegen
unsere  Not  angepriesen  wird,  so  wird  übersehen,  daß  alle  wirtschaftlichen ­
  Lehren  nur  eine  relative  Berechtigung  haben  und  sich  nicht
als  in  jedem  Fall  anwendbare  Rezepte  darstellen.  An  dein  Gymnasium,  an
dem  ich  studierte,  hatten  wir  einen  alten,  lieben  Konviktsarzt,  der  für
alle  Krankheiten  unserer  Jugend,  ob  es  nun  Schnupfen  oder  Typhus
war,  ein  Universalmittel  zur  Hand  hatte.  Ich  zweifle,  ob  die  geschwächte
Konstitution  der  österreichischen  Wirtschaft  das  ihr  von  gewissen
        <pb n="19" />
        Doktoren  als  Allheilmittel  ocrschriebene  Purgativ  des  frexeu  Spiels
der  Kräfte  so  cjut  aushalten  würde,  wie  seinerzeit  die  Melker  Buben!
Es  werden,  wenn  immer  wieder  der  freien  Wirtschaft  das  Wort
geredet  wird,  auch  die  Erfahrungen  der  Geschichte  übersehen,  welche
zeigt,  daß  die  Wirtschaft  nach  Zusammenbrüchen,  die  nicht  die
Größe  unseres  Zusamnienbruches  aufweisen,  einer  langjährigen
Regeneration  bedurften  (dreißigjähriger  Krieg,  Napoleonischen  Kriege),
cs  wird  übersehen,  daß  die  Vorkriegszeit  im  Zeichen  der  Überproduktion, ­
  somit  im  Zeichen  der  Entwertung  der  Ware  gegenüber
dem  Werte  des  Geldes  stand,  die  Verhältnisse  sich  somit  ins  Gegenteil
gewendet  haben,  es  wird  übersehen,  daß  die  Freiheit  der  Wirtschaft
vor  dem  Kriege,  allerdings  ans  anderen  Gründen,  oft  schon  recht  ausgiebig ­
  beengt  war.  Schon  in  der  Vorkriegszeit  zeigte  sich  ein  Zug  des
Ansschaltens  des  uneingeschränkten  Spieles  der  Kräfte,  der  sich  einerseits ­
  in  der  Zusammenfassung  der  wirtschaftlich  tätigen  Kräfte  in
Kartellen,  Syndikaten  u.  dgl.,  andererseits  in  der  Gründung  von
Organisationen  des  Kleinhandels  gegen  die  Übermacht  des  Großhandels,
schließlich  in  der  Bildung  von  Konsnmentenorganisativncn  geltend
machte.  Auch  die  Gesetzgebung  und  Verwaltung  wies  bereits  vielfach
Spuren  der  Organisation,  stellenweise  der  Ausschaltung  des  freien
Handels  ans,  die  das  freie  Spiel  der  Kräfte  nicht  bedingungslos  als
berechtigt  anerkannte.*)

*)  Wenn  man  die  Protokolle  der  interministeriellen  Konferenz  vom
Jähre  1911  zur  Bekämpfung  der-Teuerung  durchlieft,  findet  man  dort  eine
Reihe  von  Vorschlägen,  die  auf  eine  Einschränkung  und  Kontrolle  der  freien
Wirtschaft  und  der  Tätigkeit  des  freien  Handels  hinausliefen.  So  wurde  zum
Beispiel  als  eine  Maßnahme  gegen  die  zunehmende  Teuerung  der  Ankauf  von
Lebensmitteln  durch  die  Gemeinde  und  unmittelbare  Abgabe  an  die  Konsumenten
und  Detailhändler  vorgeschlagen.  Das  war  schon  im  Jahre  1911!  In  einem  cm
die  Konferenz  erstatteten  Referate  des  damaligen  Ackerbauministeriums  wurde  die
Teuerung  des  Fleisches  (Rindfleisch  kostete  damals  Vorderes  Kronen  1  20  bis
1'90,  Hinteres  Kronen  T40  bis  2*40!)  zum  Teil  aus  die  Tätigkeit  eines  nicht
notwendigen  Zwischenhandels  zurückgeführt  und  die  Einrichtung  eines  direkten
Verkehres  der  Produzentenorganisationen  mit  den  Konsumentenorganisationen  in
Verbindung  mit  Großschlächtereiunternehmungen,  in  Aussicht  genommen.  In
ähnlicher  Weise  wurden  zur  Behebung  der  Mißstände  bei  der  Versorgung  mit
Eiern,  Kartoffeln,  Gemüse  usw.,  staatliche  Übernahmsstellen  in  Anregung
gebracht,  die  die  Ware  vom  Produzenten  übernehmen  und  mit  der  Verpflichtung
zum  Weiterverkaufe  zu  Maximalpreisen  air  den  Detailhandel  abgeben  sollten.
Die  Zwangswirtschaft  des  Krieges  hat  sich  also  nicht  so  unvermittelt  an  die
Vorkriegszeit  angeschlossen.
        <pb n="20" />
        Aber  angenommen  selbst,  alle,  diese  Erwägungen  seien  irrig
und  die  Staatsregierung  entschlösse  sich,  die  öffentliche  staatliche  Bewirtschaftung ­
  sogleich  restlos  aufzuheben.  ES  ist  wohl  auch  den  Anhänger»
der  freien  Wirtschaft  nicht  unbekannt,  daß  die  Republik  Österreich
aus  verschiedenen  Teile»,  den  Ländern,  besteht,  deren  Zusammen-'
gehorigkeit  schon  im  alten  Österreich  Probleme  darstellte,  die  im  neuen
Österreich  nicht  leichter  geworden  sind.  Die  Ernährnngsfürsorge  war
(soweit  nicht  gewerbe-  und  »larktpolizeiliche  sanitäre  Vorschriften  in
Betracht  kommen)  früher  überhaupt  kein  Gegenstand  der  öffentlichen
Verwaltung.  Also  ein  neues  Gebiet,  in  Bein  sich  die  beliebten  Konipetenzkonstikte
  schrankenlos  ausleben  konnten  und  Lösungsvorschläge
zeitigten,  die  ihre  Pole  auf  der  einen  Seite  in  dem  Rufe  nach  staatlicher ­
  Ernährungsdiktatur*),  auf  der  anderen  Seite  in  dem  Rufe  nach
uneingeschränkter  Autonomie,  die  ich  einmal  als  „Verdvrfnng"  der
ErnährungsWirtschaft  bezeichnet  habe,  finden.  Wort  und  Begriff
„Diktatur"  dürften  heute  wohl  wenig  Anklang  finden,  es  wäre  denn,
daß  eine  solche  von  einem  Amerikaner  geleitet  würde  —  nemo  Propheta
  in  patria.  Wir  stehen  also  derzeit  auf  dem  anderen  Pole:  Der
Länder-,  Bezirks-  und  Gemeindeernährungswirtschaft.
Wenn  Koerber  in  seinen  „Studien  zur  Reform  der  inneren  Verwaltung" ­
  von  den  früheren  Landesausschüssen  sagt,  daß  die  eigentümliche ­
  Stellung  dieser  Organe,  die  ans  einer  legislativen  Körperschaft
mit  ausgeprägtem  politischen  .  Charakter  hervorgegangen  sind,  eine
ersprießliche  Tätigkeit  auf  dem  Gebiete  der  Verwaltung  erschwert,  so
trifft  dies  gewissermaßen  auch  für  die  heutigen  Landesregierungen  zu,
die,  von  der  politischen  Landesversammlung  gewählt,  zugleich  als
staatliche  Behörden  fungieren  sollen,  demnach  ein  Gemisch  von  Legislative ­
  und  Administrative  darstellen,  das  allen  VerwaltungSgrundfätzen
widerspricht.  Derart  sind  sie  in  der  steten  Gefahr,  sich  mit  der  Staatsregierung ­
  oder  mit  der  Körperschaft,  von  der  sie  gewählt  sind,  in
Widerspruch  zu  setzen.
,  Wirkliche  Ordnung  wird  erst  die  neue  Verfassung  bieten  können,
die  die  Kompetenzen  abgrenzt.  Bei  der  heutigen  Verfassung,  welche  die
sogenannten  landesfürstlichen  staatlichen  Behörde»  und  die  autonomen

*)  Es  ist  nicht  uninteressant,  daß  die  Ruse  nach  einer  Ernährungsdiktatur
während  des  Krieges  am  stärksten  in  den  Alpenländern  laut  wurden,  die  sich
durch,  die  Ungeberdigkeiten  der  böhmischen  und  galizischen  Statthalterelen  benachteiligt ­
  fühlten.

t
        <pb n="21" />
        Ländesbehördeii  verschweißt  hat,  ist  die  staatliche  Verivaltimg  jedenfalls
etwas  struppiert  worden,  und  nian  kann  sagen:  Auf  einer»  Gebiete,
nämlich  aus  dem  Gebiete  der  staatlichen  Verwaltung,  ist  der  „Abbau"
bereits  ziemlich  lückenlos,  wenn  auch  nicht  gerade  glücklich  durchgefübrt
worden.
Es  frügt  sich  somit,  ob,  wenn  die  Regierung  die  staatliche
Bewirtschaftung  aufheben  würde,  dies  die  Freiheit  des  Verkehres
bedeuten  würde.  Die  Maßnahmen  der  Länder  ans  dem  Gebiete  des
Geniüse-  und  Obstverkehres  sowie  des  Verkehres  mit  Rauhfutter,  der
von  der  Staatsregiernng  freigegeben  wurde,  beantworten  die  Frage
selbst.  Überflüssig  von  den  „Einreisebewilligungen"  zu  sprechen.
Die  Entstaatlichung  der  öffentliche»  Bewirtschaftung  hätte  unzweifelhaft ­
  die  V  erländern  »g  zur  Folge,  daS  heißt,  jedes  Land  würde
die  zentrale  Bewirtschaftung  innerhalb  seines  Gebietes  einführen,  wie
dies  ja  vielfach  schon  eingetreten  ist.  Wenn  aber  zwischen  einem
staatlichen  Übel  und  einem  mit  7  multiplizierten  verländerten  Übel
zu  wählen  ist,  dürfte  die  Wahl  doch  wohl  zu  Gunsten  des  Ersteren
fallen.
Es  ist  ja  leider  nicht  so  unbegreiflich,  daß  die.Länder  eine  solche
Haltung  beobachten.  Es  ist  dies  wieder  in  der  unglücklichen  Gestaltung
begründet,  die  der  Friedensvertrag  unserem  Staate  gegeben  hat.  Der
Stadt  Wien  mit  2'/;  Millionen  Einwohnern  stehen  etwa  4'/,  Millionen
Einwohner  gegenüber,  die  selbst  nur  knapp,  zum  Teile  gar  nicht  versorgt ­
  sind.  Es  ist  begreiflich,  daß  die  Länder,  die  Wien  ja  nie  erhalten
konnten,  eine  förmliche  Angst  haben,  daß  sic  von  dieser  Millionenstadt
ansgesaugt  werden,  daß  sie,  wenn  die  volle  Freiheit  des  Verkehres
wirksam  würde,  überflutet  würden  von  Millionen  hungrigen  Städtern
und  dann  nicht  nur  selbst  in  Not  gestürzt  würden,  sondern  auch  von
der  Teuerung  der  Großstadt  und  Entwertung  der.Krone,  die  in  Wien
ant  meisten  gesunken  ist,  mitgerisseu  würden.  Ans  diesem  Grunde  haben
sich  die  Länder  zum  Beispiel  einstimmig  gegen  die  Freigabe  des  Viehverkehres
  ausgesprochen.  Man  muß  also  gerecht  sein  und  verstehen,
daß  sich  die  Länder  gegen  die  Freigabe  der  Wirtschaft  wehren  —
dies  ist  aber  zugleich  ein  gewichtiges  Argument  gegen  die  Preisgabe
der  zentralen  Wirtschaft  seitens  der  Zentralrcgierung,  denn  die  Freigabe
würde  die  Absperrung  der  Länder  nur  verschärfen  und  würde  unser
Verhältnis  zu  den  Ländern  nur  verschlechtern.  Andererseits  müssen  aber
auch  die  Länder  die  schwierige  Lage,  in  der  sich  Wien  befindet,  verstehen ­
  und  in  ihren,  den  momentanen  Bedürfnissen  der  Not  entspringenden
        <pb n="22" />
        Maßnahmen  nicht  das  Kind  mit  dem  Bade  ausgießen.  Ga  wie  wir
bereits  gewahr  wurden,  das;  der  wirtschaftliche  Organismus,  der  uns
mit  den  Sukzessionsstaate»  verband,  nicht  so  leicht  gelöst  werden  kann,
so  müssen  auch  die  Länder  beachten,  daß  sie  wirtschaftlich  mit  Wie»
viel  zu  sehr  verwachsen  sind,  als  daß  die  wirtschaftliche  Absonderung
und  Absperrung  nicht  schwere  Störungen  in  der  Blutzirknlation  verursachen ­
  müßte  —  die  Versuche  der  selbständigen  Lebenstätigkeit  eines
Armes  oder  Beines  können  nur  zum  Schaden  des  gesamten  Körpers
oder  seiner  Teile  enden.  Dieser  Teil  des  Ernährungsproblemes  kann
und  muß  daher  im  gegenseitigen  Einvernehmen  durch  die  Bersassung
  gelöst  werden.
Angesichts  der  Unzulänglichkeit  unserer  heimischen  Produktion
und  insolangc  nicht  eine  tvesentliche  Steigerung  der  Produktion  erzielbar
ist,  müssen  wir,  um  unser  Leben  nur  notdürftig  fristen  zu  können,
einen  großen  Teil  des  Lebensmittelbedarfes  durch  Einfuhren  zu  decken
suchen.
Die  Möglichkeit  der  Beschaffung  von  Ware  im  Auslande  ist
theoretisch  gegeben,  denn  Ware  ist  auf  der  Welt  genug  vorhanden.  Die
Frage  stellt  sich  in  erster  Linie  als  eine  Finanzsragc  dar,  als  ein
Finanzproblem  von  ungeheurem  Ausmaße,  da  die  Summen,  welche  wir
unter  den  derzeitigen  Verhältnissen  für  die  Einfuhr  der  unentbehrlichsten ­
  Nahrungs-  und  Futtermittel  benötigen,  eine  phantastische  Höhe
erreichen.
In  einer  Berechnung,  welche  ich  vor  einiger  Zeit  angestellt  habe,
ist  —  zu  einem  Kursstände  berechnet,  welchen  die  Krone  Anfang
Oktober  hatte  —  die  Answandsziffer  für  den  Bedarf  nur  der
wichtigsten  Lebensmittel  mit  etwa  einer  Milliarde  Kronen  pro  Monat,
somit  ungefähr  zwölf  Milliarden  pro  Jahr  eingeschätzt,  eine  Ziffer,  die
sich  unter  Zurechnung  einiger  anderer,  gleichfalls  wichtiger  Nahrungs'
mittel  und  Futtermittel  auf  20  Milliarden  Kronen  pro  Jahr  erhöht.
Diese  Ziffer  erhöht  sich  iveitcr,  wenn  der  Rückgang  des  Kursstandes
der  Krone  auf  deni  Auslandsmärkte  seit  Anfang  Oktober  berücksichtigt
wird.
Es  ergibt  sich  von  selbst,  daß  ivir  aus  eigener  Kraft  diese
Nahrungsmittelmengen  und  Werte  weder  mit  Geld  —  ob  wir  cs  uns
nun  durch  Effcktenverkauf,  durch  Anforderung  von  Geld  und  Juwelen,
oder  durch  Verkauf  sonstiger  Vermögensobjekte  verschaffen  —  noch  mit
        <pb n="23" />
        Ware»  bezahle»  koitneü.  Produktivnswerte  in  diesem  Ausmaße  zur
Alwfubr'  zu  dringe»,  dürften  wir  derzeit  wohl  kaun,  iu  der  Lage
seiüMi
-  AM)  der  sogenannte  Koinpensationsverkehr,  welcher  ja  nichts
anderes  -ist  als  eine  in  bestimmte  Richtungen  gedrängte  und  bestimmten
Zwecken  dienstbar  gemachte  Ausfuhr  von  Ware»,  wird  uns  nur  für
einen  kleinen;  Teil  der  notwendigen  Einfuhr  und  auch  nicht  mehr  für
lange  Zeit  "helfen  können,  denn  unsere  austauschfähigen  Vorräte,  beson
dersödieaus--dev  Demobilisierung  übrig  gebliebenen  Güter  schmelzen
dahin,  und  dieser  Prozeß  wird  noch  beschleunigt  durch  den  Aus-  und
Abverkauf  von  Gütern,  der  jetzt  in  Österreich  bemerkbar  ist.
Bei  den  riesigen  Summen,  die  für  die  Beschaffung  von  Getreide,
Mehl,  Fett  usw.  selbst  bei  kärglichem  Verbrauche  in  Betracht  komme»,
ist.  die  ^  BeisteÜltNg  "  großer  Lebenüinittelkredite  unentbehrlich  und  der
Staav  muß  die  Beschaffung  solcher  Kredite  übernehmen.  Tatsächlich  hat
er  im  laufenden  Jahre  ciuen  solchen  Lebensmittelkredit  i»i  Ausmaße
von  48  Millionen  Dollar  erhalten.  Angesichts  des  weiteren  Abdrucklungsprozesses
  unserer  Krone  seit  Erschöpfung  dieses  Kredites  kann  nur
ein  neuer  großer  Kredit  unsere  Fortexistenz  ermöglichen,  und  es  ist
selbstverständlich,  daß  die  Regierung  alles  daransetzt,  um  solche  Kredite
in  großem  Umfange  ^  tvir  brauchen  ja  auch  Rohstoffe  —  zu  erlangen.
Aber  zu  große  Illusionen  dürfen  wir  uns  nicht  machen,  selbst  wertn
wir  den  Kredit  erhalten.  Ein  Kredit  für  die  Einfuhr  von
Lebensmitteln  wird  eine  Brücke  sein,  aber  »och  nicht  festes
Land.  Einmal  werden  wir  die  Kredite  zurückzahlen  müssen.  Und
das  -Problem  ist,  ob  tvir  das  Äquivalent  iu  unserer  Wirtschaft  finde»,
oh  Verbrauch'Und  Produktion  ins  Gleichgewicht  gebracht  werden
können.  Solange  Produktion  und  Verbrauch  im  Mißverhältnis  stehen,
hat  wie  Baliitenuot  &amp;gt;  kein  Ende,  kommen  wir  aus  der  Sackgasse  nicht

'Bei  den  gegenwärtigen  Verhältnissen  und  dem  Mangel  einer  'brauch  •
bareü  Produkrwiisstatistik  ist  es  ungemein  schwierig,  die  Möglichkeiten  unserer
Produktion,auch.nur  halbwegs,  zuverlässig  zu  schätzen.  Nach  einer  ^  mir  bekanntgegebenen, ­
  gaitz  rohen  Berechnung  könnte  der  Wert  der  Produktion  unserer
Eisenindustrie  bei  den  gegenwärtigen  Preisen  niit  7 1  ; 2  —8  Milliarden  Kronen,  jener
der  Papierindustrie  niit  t  —1&amp;gt;  .,  Milliarden  Kronen  jährlich  veranschlagt  werden.
Angenommen,  daß  die  Hälfte  der  Produktion,  exportiert  werden  könnte;  wäre
diese  immer  erst  ein  Bruchteil  des  für  den  Lebensmittetimport  benötigten
Betrages..  .  .  ...
        <pb n="24" />
        25

heraus.  Darin  sind  wir  viel  schlechter  daran  als  Deutschland,  das  die
Grundlagen  seiner  Ernährung  in  der  eigenen  Produktion  besitzt,
während  wir  weitaus'  den  größten  Teil  unseres  Nahrungsmittelbedarfcs
importieren  müssen;  daher  kommen  die  phantastischen  Beträge,  deren
ivir  für  unsere  Lebensmitteleinfnhr  bedürfen.
Bei  dein  heutigen  Kronenknrse  kann  der  Staat  ohne  Kredit  den
Einfuhrbcdarf  überhaupt  kann,  mehr  bestreiten.  Der  Tiefstand  unserer
Krone  stellt  uns  oor  eine  Mauer,  die  den  Einkauf  von  Lebensmitteln
fast  unmöglich  macht.
Angesichts  der  Tatsache,  daß  durch  die  staatliche  Einfuhrtätigkeit  ,
des  Staates,  sei  cs  nun  mit  oder  ohne  Kredithilfe,  der  Nahrungsbcdarf
der  Bevölkerung  nur  unzureichend  befriedigt  werden  kann,  wird  die  '
Forderung  erhoben,  dem  Handel  die  Einfuhr  unbeschränkt
freizugeben  und  alle  Beschränkungen,  denen  die  Einfuhr  im  Kriege
und  teilweise  bis  jetzt  unterworfen  !var,  aufzuheben.  Wie  beziiglich  der
inneren  Wirtschaft,  wird  behauptet,  daß  nur  bei  voller  Freiheit  der
Handelstätigkeit,  nur  durch  Aushebung  aller  Beschränkungen  der  Einfuhr
eine  Besserung  unserer  Ernährungsvcrhältnissc  eintreten  könne.  Wie
hinsichtlich  der  inneren  Wirtschaft,  stehen  sich  auch  ans  dem  Gebiete
des  Verkehres  mit  dem  Auslande  Anhänger  und  Gegner  der  freien
Wirtschaft  und  des  freien  Handels  gegenüber.
Wenn  man  zu  dem  Problem:  Freie,  gebundene  oder  kontrollierte
Einfuhr,  Stellung  nehmen  will,  erscheint  es  weder"  erlaubt,  dieses
Problem  etwa  aus  dem  Gesichtspunkte  der  Abneigung  gegen  den
Handel,  als  eines  überflüssigen,  nicht  produktiven  Faktors  im  Erwerbsleben ­
  zu  behandeln  —  ist  doch  zu  hoffen,  daß  gerade  Österreich  und
speziell  Wien  im  internationalen  Verkehr  und  im  Verkehre  mit  den
Snkzcssionsstaatcn  untereinander  eine  prominente  Stellung  erringen
und  einnehmen  wird  -  -  cs  erscheint  aber  auch  nicht  zulässig,  daß  das
Problem  rein  vom  Interessen-  oder  Jnteressentenstandpunkte  aus
behandelt  werde.  Darüber,  daß  auch  diejenigen,  die  heute  gegen  den
völlig  freien  Verkehr  mit  dem  Auslande  sind,  nicht  prinzipielle  Gegner
der  freien  Wirtschaft,  der  freien  Betätigung,  des  freien  Handels  sind
und  auch  nicht  sein  wollen,  besteht  kein  Zweifel.  Nur  die  Freiheit  der
Betätigung  erzeugt  Fortschritt  und  Wohlfahrt.  Wir  können  ja  nicht  in
die  Zünftelei  des  Mittelalters  zurückfallen  wollen.  Aber  ich  habe  heute
schon  einmal  von  der  Relativität  wirtschaftlicher  Lehren  gesprochen  und
es  gibt  eben  Zeiten,  wo  auch  siegreiche  Fahnen  eingerollt  werden
müssen.
        <pb n="25" />
        ,  Was  waren  beim  die  Gründe  der  während  deZ  Krieges  ver-"
/fügten  Beschränkungen  der  Einfuhr?  Während  des  Krieges*)  war  die
Zentralisierung  und  Monopolisierung  der  Einfuhr  eine  Folge  der  Beschränkung ­
  der  Einkaufsmöglichkeit  auf  ganz  bestimmte  Märkte,  eine
Folge  der  Verminderung  des  AnboteS  gegenüber  einem  drängenden
.  Bedarfe  der  Zentralmächte.  Da  nur  geringe  Mittel,  zur  Verfügung
standen,  um  jene  Lebensmittel  und  Bedarfsartikel  zu  erwerben,  welche
zur  Fortführung  unserer  Wirtschaft  unbedingt  notwendig  waren,  konnte
man  den  Handel  nicht  schrankenlos  schalten  und  walten  lassen.  Die
freie  Konkurrenz  im  Anslande  führte  zu  ungeheuren  Preistreibereien
und  Überanboten,  welche  die  Regierungen  der  neutralen  Staaten,  in
denen  wir  überhaupt  einkaufen  konnten,  zu  Ausfuhrverboten  drängten,
wodurch  wir  speziell  auf  dem  Gebiete  des  Ernährungswesens  schließlich
zu  einem  System  der  Einfuhrverbote  und  Einfuhrbewilligungen
gelangten  und  zu  monopolartigen  Organisationen,  welchen  die  Einfuhrtätigkeit
  und  Verteilung  der  importierten  Waren  übertragen  wurde.
Insbesondere  unser  Verhältnis  zu  Deutschland  zivang  uns,  auf  dem
Gebiete  des  Jmporthandels  im  Rahmen  einer  kartellmäßigen  Vereinbarung ­
  die  durchaus  zentralisierte  Einfuhr  aufrechtzuerhalten.
Das  System  der  gebundenen  Einfuhr  blieb  auch  nach  Abschluß
des  Waffenstillstandes  während  der  Dauer  der  Blockade  und  zum  Teile
auch  nach  deren  Aufhebung  aufrecht,  da  sich  die  Verhältnisse,  wie  sie
während  des  Krieges  bestanden,  nicht  nur  nicht  gebessert,  sondern  vielfach ­
  noch  verschärft  hatten.  Auf  dem  Gebiete  der  Einfuhr  von  Nahrungsmitteln ­
  wurde  jedoch  bereits  eine  Art  Übergangswirtschaft  eingeleitet,
indem  an  die  zentralen  staatlichen  Einkaufsorganisationen  unter  Heranziehung ­
  des  Handels  eine  Reihe  kaufmännischer  Organisationen  angegliedert ­
  wurden,  welchen  für  bestimmte  Artikel  die  Durchführung  der
Einfuhr  übertragen  wurde.  Zweck  dieser  Maßnahme  war,  in  dem
Zeitraume  seit  dem  Waffenstillstand  bis  zur  erhofften  Wiederkehr
normaler  Verhältnisse,  der  Kaufmannschaft  und  dem  Handel  in  der
Form  der  Organisation  die  Möglichkeit  zur  Mitwirkung  beim  Importe
und  zur  Wiederanknnpfung  ihrer  Verbindungen  mit  dem  Auslande  zu
geben.  Die  Mehrzahl  dieser  Organisationen  hat  die  ihr  übertragenen

*)  Siehe  die  ausführlichen  Mitteilungen  Sektionschefs  Riedl  sowie  meine
Ausführungen  in  der  ,,Vereinigten  Kommission  des  Abgeordneten-  und  Herrenhauses ­
  für  Kriegswirtschaft",  Stenographisches  Protokoll  der  1,  Sitzung  am
11.  September  1917,
        <pb n="26" />
        27

Aufgaben,  soweit  cs  die  schlvierigen  Verhältnisse  zuließen,  mit  Erfolg
gelöst.
Es  fragt  sich  nun,  ob  bereits  die  Zeit  gekomimen  ist,
mit  allen  Beschränkungen  der  Einfuhr  aufzuräumen,  ob  dem
freien  Handel  ganz  freie  Bahn  gewährt  werden  soll,  und
ob  erwartet  werden  kann,  daß  die  Ernahrnngsverhältnissc
hierdurch  eine  grundlegende  Besserung  erfahren?
Darüber,  daß  die  gebundene  Wirtschaft  in  der  Form,  wie  sie
während  des  Krieges  und  der  Blockade  geübt  wurde  (und  wir  sie
unbedingt  notwendig  war),  bei  den  heutigen  Verhältnissen  nicht  mehr
aufrecht  erhalten  werden  kann,  darüber  herrscht  wohl  keine  Meinungsverschiedenheit. ­
  Ebensowenig  darüber,  das;  der  Transit-  und  Veredlungsverkehr ­
  freizugeben  und  möglichst  zu  fördern,  höchstens  insofernc
einer  Überwachung  zu  unterziehen  ist,  das;  die  vorgesehene  Ausfuhr
wirklich  erfolge  und  daß  die  für  notwendige  Kompensationen  etwa
erforderlichen  Produkte  zur  Verfügung  gestellt  werden.  Die  Freigabe
des  Veredlungsverkehres  von  allen  Schranken  ist  um  so  notwendiger,
als  wir  ja  gezwungen  sein  werden,  für  das  Ausland  int  Lohn  zu
arbeiten.  Ich  will  mich  aber  nicht  auf  das  industrielle  Gebiet  begebe»,
wie  ich  denn  auch  hier  die  Frage  der  Einsuhrbehandlnng  von  industriellen ­
  Rohstoffen  ausschalte,  für  die  die  Verhältnisse  vielfach  anders
liegen  als  für  das  Gebiet  der  Nahrungsmittel.
So  sehr  man  auch  die  Tätigkeit  des  Handels  und  des  Kaufmannes ­
  würdigen  mag,  so  glaube  ich  doch,  das;  die  Meinung,  die
unbeschränkte  Zulassung  des  freien  Handels  würde  die  Ernährungs-Verhältnisse
  der  Bevölkerung  im  gegenwärtigen  Zeitpunkte  und  unter
den  gegenwärtigen  Verhältnissen  ganz  erheblich  bessern  können,  ein
schwerer  Irrtum  ist.  Zunächst  muß  im  Auge  behalten  werden,  daß  die
Freiheit  des  Handels  ja  nicht  von  uns  allein  abhängt.
In  den  Sukzessionsstaaten,  speziell  in  Jugoslawien,  in  Tschechien
und  Polen  wird  heute  der  freie  Einkauf  durch  uns  vorläufig  gar  nicht
zugelassen.  Wenn  der  tschechische  Handelsminister  Heidler  vor  einigen
Tagen  sich  für  die  Freiheit  des  Verkehres  zwischen  den  Sukzessionsstaaten
  ausgesprochen  hat,  so  begrüßen  wir  dicse  erste  Friedenstaube
auf  das  freudigste.  Aber  bislang  war  icnd  ist  die  Betätigungsmöglichkeit
des  Handels  in  den  Sukzessionsstaaten,  insbesondere  &amp;gt;oas  die  großen
Massenartikel  des  Nahrungsbedarfes  anlangt,  wie  Mehl,  Fleisch,  Fett
usw.,  eine  sehr  geringe.  Wenn  immer  wieder  auf  die  vielen  Offerte
hingewiesen  wird,  so  beweist  dies  leider  gar  nicht,  daß  dicse,  so  seriös
        <pb n="27" />
        28

sie  auch  scheinen  mögen,  immer  realisierbar  sind.  An  Offerten  haben
wir  keinen  Mangel,  sondern  an  Ware.  Der  Öffentlichkeit  sind  die
Schwierigkeiten,  welche  heute  einer  geregelten  Einfuhr  entgegenstehen,
noch  immer  nicht  genügend  bekannt.  Bei  den  noch  immer  ungeklärten
Politischen  Verhältnissen,  bei  den  ungeregelten  Währnngs-  und  Zahlungs-Verhältnissen
  und  angesichts  der  desolaten  Verkehrsverhältnisse,  die
einen  regelmäßigen  Massenvcrkehr  mit  den  östlichen  Ländern  fast  ausschließen, ­
  ist  es  nicht  möglich,  zu  sagen,  ob  es  in  der  nächsten  Zeit
überhaupt  gelingen  wird,  namhaftere  Nahrungsmittelimportc  aus  diesen
Ländern  zu  bewerkstelligen.  Hierzu  kommt,  daß  von  diesen  Ländern
vielfach  die  Bezahlung  in  gesunder  ausländischer  Valuta  verlangt  wird,
was  unsere  Lage  und  die  so  wünschenswerte  Aufnahme  des  Verkehres
mit  den  Sükzessionsstaatcn,  die  unser  nächstes  Ziel  sein  muß,  erschwert.
Die  Schicksale  vieler  Transporte,  die  Schwierigkeiten  der  Beschaffung
der  Ware,  der  Bezahlung,  der  Beistellung  der  Transportinittel  (Lokomotiven, ­
  Waggons,  Kohle),  der  Erlangung  der  Ausfuhrbewilligung  und
der  Zollbehandlnng  zeigen  deutlich,  daß  eine  Warenbewegung  im
großen  Stile,  etwa  so  wie  sie  im  Frieden  stattgefunden  hat,  leider
derzeit  nicht  erhofft  werden  kann.
Was  aber  die  Einfuhr  aus  dem  Westen,  insbesondere  ans
Übersee  anlangt,  so  kann  man  daran  nicht  vorübergehen,  daß  Wien
auf  dem  Nahrungsgebiete  einen  großen  Überseehandel  mit  großen
finanziellen  Beziehungen,  wie  ihn  Deutschland  mit  Anlehnung  an  überseeische ­
  Finanzinstitute  besitzt,  wenige  Ausnahmen  abgesehen,  nicht
hatte.  Wir  waren  hinsichtlich  unserer  Nahrungsmitteleinsuhr  immer
östlich  orientiert.  Aber  abgesehen  davon  —  denn  solche  Verbindungen
sind  ja  schließlich  über  kurz  oder  lang  herstellbar  —,  steht  es  wohl
ziemlich  arrßer  Zweifel,  daß  es  dem  privaten  Handel  unmöglich  wäre,
die  für  die  Beschaffung  der  Massenartikel,  wie  Getreide,  Fleisch,  Fett
usw.,  erforderlichen  Milliarden  aufzubringen,  gar  nicht  zn  reden  von
den  auch  hier  vorhandenen  großen  Transportschwierigkeiten,  *)  denn
heute  muß  sich  der  Käufer  und  nicht  der  Verkäufer  um  die  Verschiffung, ­
  Frachtraum  rc.  kümmern.  Der  für  Österreich  erforderliche
monatliche  Geldbedarf  an  Getreide  allein  erfordert  je  nach  der  Gattung
des  Getreides  und  der  Möglichkeit,  Entcntefracht  zu  bekommen,  9  bis
*)  Das  Staatsamt  für  Volksernährung  hat  zum  Beispiel  der  Schiffahrtsgesellschaft ­
  für  die  Remorköre  und  Schlepper,  welche  diese  nach  Jugoslawien  zur
Abholung  von  Getreide  gesendet  hat,  eine  Haftungsgarantie  int  Ausmaße  von
25  Millionen  Kronen  übernehmen  müssen.
        <pb n="28" />
        13  Millionen  Hollaiidgnldeii,  das  ist  bei  den  heutigen  Valuteiivcrhültnisien
  einen  Betrag  von  400  bis  600  Millionen  Kronein  Tie  Einfuhrgesellschaft
  für  Getreide  braucht  ein  Betriebskapital,  welches  mit
l  Milliarde  Kronen  als  unzureichend  bezeichnet  tverden  muß,  so  daß
die  Geschäfte  ohne  Hilfe  des  Staates  überhaupt  nicht  durchgeführt
iverden  können.  Schon  die  sogenannten  kleinen  Spesen  erreichen  bei
dem  heutigen  Valutenstand  phantastische  Ziffern;  in  einem  Moment,
!vo  beispielsweise  für  100  Hollandgulden  4800  K  gezahlt  werden
müssen,  kostet  der  Aufenthalt  eines  Agenten  im  Ausland  allein  täglich
mehrere  Taufend  Kronen.
Ob  der  private  Kaufmann  die  riesigen  Riskcn,  die  bei  den
heutigen  Balutenverhältnissen  mit  jedem  Geschäfte  verbunden  sind,  überhaupt ­
  eingehen  kann,  lasse  ich  dahingestellt.  Ich  bezweifle,  daß,  wenn
es  sich  nicht  etwa  um  langfristige  Kredite  handelt,  die  für  Konsumtionszwccke
  schwer  erlangbar  sind,  ein  Kaufmann  überhaupt  einen  NahrnngSmittelkredit
  ausnutzen  kann  und  will.  Jedenfalls  müßte  er  diese  Risten
in  maßlosen  Preisen  umschlagen.  Ich  habe  erst  vor  wenigen  Tagen
mit  dem  Chef  einer  unserer  größten  Firmen  des  Getreidehandels
gesprochen,  der  mir  rundweg  gesagt  hat:  „Im  freien  Handel  ist  heute
in  Getreide  nichts  für  uns  zu  machen."  Und  es  ist  charakteristisch,  daß
sämtliche  Eiergroßhändler  vor  einiger  Zeit  erklärt  haben,  daß  sie  es
'  nicht  wagen  würden,  unter  den  derzeitigen  Verhältnissen  das  Risiko
eines  Bezuges  und  Einkaufes  allein  auf  sich  zu  nehmen.
Wenn  seit  Aufhebung  der  Blockade  viele  Kaufleute  sich  erbötig
machen,  mit  Rücksicht  ans  ihre  Beziehungen  und  privaten  Kredite,
Lebensmittel  aus  dem  Ausland  einzuführen,  so  denken  sie  in  der
Regel  auch  gar  nicht  an  Getreide,  Mehl,  Fett  usw.,  sondern  es  handelt
sich  zumeist  um  hochwertige  Güter,  ivie  Schokolade,  Sardinen  usw.,
die  zwar  nützlich  sein  mögen,  aber  nicht  unentbehrlich  sind,  bei  denen
der  freie  Handel  schon  beim  Absatz  verhältnismäßig  geringer  Menge»
einen  großen  Nutzen  ohne  großes  Risiko  erzielen  kann,  weil  es  sich  in
der  Regel  um  die  Befriedigung  der  Bedürfnisse  Solcher  handelt,  die
jeden  Preis  bezahle»  können  oder  wollen.  Die  Gesamtversorgung  ,
der  Bevölkerung  mit  den  großen  wichtigen  Nahrungsmitteln
tvürde  ziemlich  unberührt  bleiben  und  nur  die  Lebens-  f
Haltung  bestimmter  Kreise  verbessern,  &amp;gt;v.a  s  schon  aus/
sozialeu  Rücksichten  vielleicht  nicht  ganz  ungefährlich  wäre.;
Wenn  nun  feststeht,  daß  für  die  Beschaffung  der  Massenkonsuniartikel
  vorläufig  in  erster  Linie  der  Staat  und  seine  Einkaufsorgani

29
        <pb n="29" />
        30

fsitioiic.it  mit  staatlichem  Geld  oder  Kredit,  mit  seinen  Transportmitteln
usw.  Vorsorgen  min;,  fragt  es  sich,  ob  neben  ihm  nicht  der  freie  Handel
ohne  jede  Beschränkung  zur  Tätigkeit  zugelassen  werden  soll.
Es  wird  gesagt,  wenn  der  private  Handel  schon  Getreide  oder  Fett
nicht  schaffen  könne,  so  lasse  inan  ihn  ungehindert  Schokolade,  Sar
dinen,  Corned  Bccs  bringen,  er  wird  dadurch,  wie  teuer  immer  die
Ware  sei,  die  Lage  entspannen,  und  wenn  der  Bedarf  davon  saturiert
sein  wird,  wird  sich  die  automatische  Regelung  des  Marktes  von  selbst
ergeben,  wird  derjenige  Ausgleich  geschaffen  werden,  der  eine  richtige
Ernährung  der  Bevölkerung  ermöglicht.  Die  Gegenmeinung  ist,  daß
durch  eine  solche  unbeschränkte  Einfuhr  von  Konsumartikeln  die  allgemeine ­
  Situation  nicht  günstig  beeinflußt  ivürde,  und  immer  wieder  wird
ans  den  Zusammenhang  zwischen  Einfuhr  und  Valuta  hingewiesen.
Das  Passivum  unserer  Handelsbilanz  und  das  starke  Einsnhrbedürfniü
  sind  selbstverständlich  nicht  allein  maßgebend  für  den  Stand
unserer  Krone  im  Auslande.  Die  Bewertung  unserer  Zahlungsmittel
im  Auslande  wird  auch  von  anseren  und  sehr  verschiedenen  Umständen
beeinflußt  und  der  Rückgang  kann  nicht  auf  eine  einzelne  Ursache
zurückgeführt  werden.  Angriffspunkte  gegen  unsere  Krone  sind  ja  leider
genügend  vorhanden,  und  hierbei  spielt  die  Vermögensflncht  bei  uns
und  in  Deutschland  sicherlich  keine  geringe  Rolle.
Es  ist  richtig,  daß  auch  die  bisherigen  Beschränkungen  der  Ein-»
fuhr  den  Knrssall  unserer  Krone  nicht  gehindert  haben.  Es  frägt  sich
nur,  ob  wir  nicht  schon  viel  früher  ans  diesen  Tiefstand  gekommen
wären  ohne  diese  Beschränkungen,  und  es  erscheint  sehr  möglich,  daß
die  seit  einigen  Mvnatcu  eingetretene  Lockerung  der  Einsnhrbeschrän
kungcn,  die  Milderung  der  Praxis  und  die  dadurch  vermehrten
Importe  auch  nicht  unbedingt  unentbehrlicher  Waren,  zum  Teile
wenigstens  —  wenn  auch,  ich  wiederhole  sicherlich  nicht  allein  —  den
Knrssall  beschleunigt  haben.  Auch  der  Umstand  mag  dazu  beigetragen
haben,  daß  man  sich  draußen  in  den  Ländern  um  die  Vorschriften
nicht  viel  kümmert.  Das  rücksichtslose  Handeln  der  Einzelnen  setzt  auf
diese  Weise  jede  Politik  ins  Unrecht,  wie  denn  in  Österreich  bei  der
geringen  Autorität  der  Staatsgewalt  vielfach  beobachtet  werden  kann,
daß  eine  Anordnung  ihren  Zweck  verfehlt,  nicht  weil  die  Anordnung
an  sich  verfehlt  ist,  sondern  weil  sic  durch  Nichtbcvbachtung  mißglückt.
'Ost  hoc,  propter  hoc.

Der  Effekt  der  Entwertung  unserer  Krone  ist  für  unsere  Nahrungsmittelversorgung ­
  katastrophal.  Das  Fallen  der  Krone  nur  um  einen  Punkt
        <pb n="30" />
        erhöht  die  Soften  der  Einfuhr  unentbehrlicher  Lebensmittel  ins  Uugemessene,
  macht  sie  schließlich  unmöglich.

Ein  Beispiel:  Die  Tonne  amerikanisches  Schweineschmalz  kostete

int  Juni

740  Dollar  (l

Dollar

62

Kronen)  23.680  Kronen

Ende  August....

soo  „  (i

„

5,0

„  )  40.000  „

Mitte  November  .

760  „  (1

„

105

„  )  79.800  „

mit  22.  November

760  „  (1

„

140

„  )  106.400  „

Es  kann  also  der  Regierung  nicht  verargt  werden,  wenn  sie  jede
Einfuhr  mit  Angst  betrachtet,  die  solche  Konsequenzen,  auch  nur
möglicherweise,  zur  Folge  hat  und  alle  Mittel  für  unentbehrliche
Einfuhren  zusammenhält.
In  Deutschland  hat  sich  erst  vor  wenigen  Tagen  zum  Beispiel
der  Hauptverband  der  Industrie  für  eine  Kontingentierung  der.Einund ­
  Ausfuhr  ausgesprochen,  um  die  Valuta  zu  bessern,  die  planlosen
Einkäufe  im  Auslande  zu  verhindern  und  dem  Verschleudern  der  Ware
nach  dem  Auslande  vorzubeugen.  Der  Direktor  der  Tiskoutogesellschast
in  Berlin,  Ubik,  sicherlich  kein  Zwangsvfrbändler,  hat  kürzlich  in  einem
Artikel»)  ans  die  Wirkungen,  welche  daS  sogenannte  „Loch  int  Westen"
auf  die  deutsche  Valuta  gehabt  hat,  sich  geäußert,  lSicherlich  ist  das
Loch  im  Westen  nicht  die  einzige  Ursache  des  Rückganges  des  Markkurses,
  aber  es  hat  doch  bestimmt  wesentlich  dazu  beigetragen;  übrigens
besitzen  lvir  im  Süden  auch  bei  uns  einige  solcher  Löcher.)  Ubik  sagt:
„Jeder  zollamtlichen  Kontrolle  entblößt,  mußte  Deutschland  .zusehen,
wie  ungeheure  Mengen  von  Luxusartikeln  nach  Deutschland  hcreiuströmten.
  Allein  für  englische  Zigaretten  schätzen  wir  die  Ausgabe  aus
mehr  als  4  Milliarden  Mark.  Alle  diese  Einfuhren  sind  durch  Verkauf
von  Reichsmark  bezahlt  worden."  Wie  bei  uns  durch  Kronen.  Wenn
bei  uns  von  mancher  Seite  behauptet  wird,  daß  man  der  Krone  ein
recht  weites  Wirkungsgebiet  schaffen  müsse,  das  heißt,  sie  unbeschränkt
exportieren  lassen  müsse,  um  die  Wirkungen  der  Inflation  zu  bannen,
so  erinnert  das  einigermaßen  an  den  Ritter,  der  sich  selbst  am  Zopf
aus  dem  Sumpfe  ziehen  wollte.  Ubik  sieht  als  einzige  Möglichkeit,  um
dem  Übel  zu  steuern,  die  Wiederherstellung  der  wirtschaftlichen  Einheit,
das  heißt  eine  strenge  Abgrenzung  des  deutschen  Wirtschaftsgebietes,
wo  sich  die  Ein  und  Ausfuhr  vollzieht,  unb  erklärt,  daß  die
Regierung  ohne  Rücksicht  auf  Svndcrwünsche  die  Kontrolle  über  die
Ein-  und  Ausfuhr  auf  sich  nehmen  muß.  Rur  durch  eine  fallweise

*)  Neue  Freie  Presse  vom  1t.  November  1019.
        <pb n="31" />
        Kontrolle,  die  streng  gehandhabt  wird,  sei  es  möglich,  die  Einfuhr
auf  den  wirklichen  Bedarf  einzustellen  und  gegen  das  Hcreinsirömen
iiberflüssiger  Artikel  einen  Wall  zu  erzielen.
Diese  Ansicht  ist  meiner  Meinung  nach  auch  für  uns  geltend.
Auch  die  Einräumung  eines  großen  Lebensmittelkredites  durch  die
Entente,  wie  überhaupt  durch  die  Einräumung  von  Kredite»  wird  das
Hanptübel,  nämlich  das  krasse  Mißverhältnis  zwischen  Ein-  und  Ausfuhr ­
  nicht  ans  der  Welt  geschaffen.  Die  Tatsache,  daß  man  auf  die
Dauer  aus  deni  Auslande  nur  so  viel  Ware  erhalten  kann,  als  man
mit  Werten  bezahlen  kann,  ist  nicht  hinwegzuschaffen,  ob  nun  diese
Bezahlung  in  bar  erfolgen  muß,  oder  ob  Kredite,  die  ja  doch  einmal
bezahlt  werden  müssen,  erhältlich  sind.
Wir  predigen  immer  Arbeit  und  Sparsamkeit,  wir  klagen  über
unsere  elende  Situation  —  wir  ziehen  aber  nicht  die  Konsequenzen.
Auch,  die  Forderung  nach  unbeschränkter  Freigabe  des  Verkehres  und
der  Einfuhr  ist  ein  solcher  Ausfluß  der  Leichtlebigkeit  oder  einseitiger
Interessen.  Diejenigen,  die  dem  entgegentreten,  werden  verdächtigt  oder
zumindest  als  verbohrte  Bürokraten  bezeichnet  —  es  ist  eben  das  Gegenden-Stromschwimmen
  immer  schwerer  gewesen,  als  sich  treiben  lassen.
Und  da  darf  ich  ivohl  einen  Mann  zitieren,  der  auch  gegen  den
Strom  geschwommen  ist,  Friedrich  List,  der  cm  einer  Stelle  seiner
Schriften  sagt:  „Den  Ansprüchen  des  Handels  auf  ganz  freie  Bewegung
stattzugeben,  ist  eine  natürliche  Folge  derjenigen  Theorie,  die  überall
nur  die  Werte  im  Auge  hat,  nirgends  die  Kräfte  berücksichtigt  und  die
ganze  Welt  mir  als  eine  einzige  und  unteilbare  Republik  der  Kaufleute ­
  betrachtet"  und  „es  ist  klar,  daß  das  Interesse  des  einzelnen
Kaufmannes  und  das  Interesse  deS  Handels  einer  ganzen  Nation
himmelweit  verschiedene  Dinge  sind."
Eine  gewisse  staatliche  Einflußnahme  aus  die  Einfuhr  erweist  sich
unter  den  gegenwärtigen  Verhältnissen  auch  ans  dem  Gesichtspunkte  der
Rücksichtnahme  auf  unsere  Produktion  als  richtig.  Auch  auf  dem  Gebiete
der  Nahrungsmittel  wird  es  notwendig  sein,  tunlichst  Rohstoffe  und
nicht  Ferrigfabrikate,  also  woniöglich  Getreide  und  nicht  Mehl,  Fettstoffe ­
  und  nicht  fertiges  Fett,  zu  beziehen.  Dies  ist  sowohl  zweckmäßig
im  Interesse  der  ökonomischen  Verwendung,  unserer  Mittel,  als  im
Interesse  des  Wiederaufbaues  unserer  Arbeit,  als  auch  endlich  und
schließlich  im  Interesse  einer  besseren  Preisgestaltung.  In  allen  diesen
Richtungen  kann  nur  durch  eine  entsprechende  Handhabung  der  Kontrolle
bezüglich  der  Einfuhr  ein  einheitliches  Vorgehen  geschaffen  werden.
        <pb n="32" />
        ohne  welches  sich  die  Schwierigkeiten  unserer  Produktion  noch  wesentlich
verschärfen  würden.  Bei  Zulassung  der  völligen  freien  Einfuhr  ist  dies
sicherlich  nicht  gewährleistet.  Es  ist  klar,  daß  das  Ausland  größeres
Interesse  an  der  Abgabe  von  fertigen  Produkten  (zum  Beispiel  Mehl
statt  Getreide)  als  an  der  Ausfuhr  der  Rohstoffe  hat;  auch  kann  nicht
übersehen  werden,  daß  Zölle  bei  der  heutigen  Preisgestaltung  selbstverständlich ­
  keine  Rolle  spielen.
Aus  allen  diesen  Gründen  erachte  ich  derzeit  die  völlige
Freilassung  der  Einfuhr,  soweit  dieselbe  für  den  Inlands-Verbrauch
  dient,  in  voller  Freiheit  und  ohne  Beschränkung
noch  nicht  möglich.  Der  Zeitpunkt  für  die  völlige  Freilassung  des
Einfuhrverkehrcs  auf  dem  Gebiete  des  Nahrnngsmittelbednrfes  —  mit
Ausnahme  des  Transit-  und  Beriedlungsvcrkehres  —  ist  noch  nicht
gekommen.  Ein  solches  Experiment  wäre  ein  Sprung  ins  Dunkle,  dem
ein  vorsichtiger  Abbau  unter  gewissenhafter  Beobachtung  der  Entwicklung
der  Verhältnisse  unbedingt  vorzuziehen  ist.
Damit  ist  nicht  gesagt,  daß  die  private  Einfuhr  unterbunden
iverden  soll.  So  etwas  wäre  unsinnig.  Meine  Meinung  geht  vielmehr
dahin,  daß  neben  den  staatlichen  Einkaufsorganisationen,  di^
sich  als  die  kaufiuännischen  Vollzugsorgane  des-  Staates  darstellen  uni
selbstverständlich  kaufmännisch  geleitet  werden  müssen,  auch  die  private
Einfuhrtätigkeit  zugelassen  werden  soll  und  muß  —  abes
nicht  unbeschränkt  und  nicht  in  voller  Freiheit,  sondert!
überwacht  und  kontrolliert.  Lnxuseinfuhren  müssen  verboten  bleibest.
Eine  Monopolisierung  der  staatlichen  Einfuhrtätigkeit  soll  eventuell  nur
hinsichtlich  jener  Artikel  stattfinden,  bei  welchen  der  Staat  bei  der
Abgabe  Zuschüsse  leistet  und  die  Rationierung  durch  inländische  Zu
lieferungen  zuin  Teile  gedeckt  wird.
Die  Überwachung  der  Einfuhr  hat  im  Wege  einer  Eiusuhrsbewilligung
  stattzufinden,  deren  Erteilung  aber  möglichst  vereinfacht
und  beschleunigt,  sowie  bürokratischer  Weittvendigkeiten  entkleidet  werden
muß.  Wenn  einmal  prinzipiell  die  Notwendigkeit  oder  Zulässigkeit  der
Einfuhr  durch  die  Bewilligung  im  einzelnen  Falle  ausgesprochen  ist,
könnte  meiner  Meinung  nach  jede  weitere  Beschränkung  hinsichtlich  der
Zahlungsmodalitäten,  sofern  nicht  Valuten  von  einer  staatlichen  Stelle
in  Anspruch  genommen  werden,  entfallen.  Je  nach  der  Lage  der  Dinge
könnten  fallweise  bestinnnte  Einfuhrkontiugente  für  einzelne  Artikel  festgesetzt ­
  werden,  für  die  dann  die  Formalitäten  noch  mehr  abgekürzt
werden  könnten.

33
        <pb n="33" />
        Vor  allein  wird  cS  auch  nötig  sein,  daß  auch  die  Länder  keine
eigene  Eiufuhrpolitik  betreiben  und  zur  Überzeugung  gelangen,  daß
nur  ein  Vorgang  nach  einheitlichen  Grundsätzen  möglich  ist,  da  jede
Schädigung  der  gesamten  staatlichen  Interessen  am  Schlüsse  auch  die
Ländcrinteressen  in  Mitleidenschaft  zieht.
Meiner  Meinung  nach  sind  also  die  großen  staatlichen  Einkaufsorganisationen
  bis  auf  weiteres  aufrechtzuerhalten.  Neben  ihnen  soll
der  private,  allerdings  überwachte  Handel  in  freier  Konkurrenz  bestehen
können,  soweit  cs  die  allgemeinen  Interessen  zulassen.  Im  Laufe  der
Zeit  wird  es  sich  dann  erweisen,  ob  und  in  welchem  Zeitpunkte  der
staatliche  Einkanfsapparat  entbehrt  werden  kann.  Die  in  jüngster  Zeit
zutage  tretenden  Bestrebungen  großer  Konsumentenorganisationen,  die
dahin  zielen,  unter  Ausnutzung  ihrer  Beziehungen  NahrungSmittelkreditc
  im  Auslande  zu  in  Zwecke  einer  Art  gcmeinwirtschaftlicher  Einfuhr ­
  zu  beschaffen,  sind  jedenfalls  unterstütznngswürdig.
Ich  weiß  sehr  gut,  daß  die  hier  vorgetragenen  Anschauungen
von  vielen  unter  Ihnen  nicht  geteilt  werden.  Die  Verhältnisse,  unter
denen  wir  leben,  stellen  eine  der  ungeheuerlichsten  Krisen  der  Menschheit ­
  dar,  sie  finden  in  der  Geschichte  kaum  ihresgleichen,  und  kein
Mensch  vermag  vorauszusehen,  zu  welchen  Formen  das  wirtschaftliche ­
  Leben  gelangen  wird.  Niemand  vermag  das  Ziel  der
Entwicklung  vorauszusagen.  Eben  deshalb  erscheint  eS  auch  unmöglich,
die  unbedingte  Treffsicherheit  der  einen  oder  der  anderen  Anschauung
zu  behaupten,  eben  deshalb  erscheint  es  auch  gerechtfertigt,  daß  jeder
Schritt,  der  cbcuso  leicht  zum  Heile  als  zum  Unheilc  führen  kann,
gewägt  nürd,  bevor  er  gewagt  wird.  Aber  eines  darf  und  sollte  einem
von  der  ungeheueren  Verantwortlichkeit  seiner  Tätigkeit  durchdrungenen
Manne  jedenfalls  nicht  bestritten  werden:  Der  ernste  und  ehrliche  Wille,
das  Beste  für  sein  Volk  zu  wollen.
Ich  mochte  zum  Schlüsse  noch  einige  Worte  sagen  über  eines
der  allerschwersten  Probleme  der  Eruähruugspolitik,  das  ist  die  Frage
der  Lebensmittelpreise.
Ich  kann  im  Rahmen  dieses  Vortrages  naturgemäß  nicht  eine
eingehende  Untersuchung  über  die  Preispolitik.  während  des  Krieges,
über  die  Rückwirkung  der  Devalvation  unserer  Währung  ans  die
Lebensmittclpreise  und  die  sonstigen  Ursachen  der  Teuerung  anstellen.
Ich  muß  mich  daher  auf  einige  kurze  Bemerkungen  beschränken.

34
        <pb n="34" />
        Was  bic  Preise  der  inländischen  Lebensmittel  anlangt,
so  war  die  staatliche  PreisbeeinfluMng  ein  wesentlicher  Faktor  des
Systems  der  gebundenen  Wirtschaft,  insbesondere  ans  dem  Ernährungs
gebiete,  zugleich  ihr  schwächster,  ihre  partie  lionteuse.  Theoretisch  war
der  der  gebundenen  Wirtschaft  innewohnende  Gedanke  Übernahme
der  gesamten  Produktion  z»  entsprechendem  Preise  und  Verteilung  —•
sicherlich  richtig,  angesichts  des  infolge  der  Blockade  entstandenen  Mistverhältnisses ­
  von  Anbot  und  Nachfrage  auch  sicherlich  notwendig.  Tie
öffentliche  Meinung,  die  im  Herbste  1914  durch  die  zunehmende
Teuerung  der  Brotfrüchte  rasch  beunruhigt  war,  verlangte  damals  sehr
energisch  die  sofortige  Festsetzung  der  jetzt  so  verpönten  Höchstpreise.
Aber  die  Aufgabe,  angemessene  Preise  zu  erstellen,  war  zu  groß  »nd  kann
auf  wirtschaftlichem  Gebiete  auch  bei  gewissenhaftester  Erforschung  der
Produktionskosten  und  aller  sonstigen  Elemente  der  Preisbildung
sicherlich  nur  unbefriedigend,  wenn  überhaupt,  gelöst  werden.  Die
mangelnde  Relation  der  Preise,  die  mangelnde  Beachtung  der
prodnktivnspolitischen  Zusammenhänge,  die  starke  Rücksichtnahme  ans
soziale  Interessen,  gegen  die  unter  dem  Zwange  der  Verhältnisse  oft
die  wirtschaftlichen  Interessen  zurücktraten,  trugen  zur  Verärgerung
des  Landwirtes  bei,  ohne  den  Verbraucher  zufriedenstellen  zu  können.
Daß  diese  zweifelhaft  oft  verfehlten  Maßnahmen  vielfach  schädigend
auf  die  Produktion  wirkten,  ist  (beispielsweise  bei  der  Milchprvdnktionl
außer  Zweifel  und  auch  das  Nachhinken  der  Höchstpreise  hinter  der
Entwicklung  der  Verhältnisse  hat  den  Produktionsrückgang  nicht  zu
verhindern  vermocht.
Alle  Maßnahmen,  die  eine  znm  Teile  künstliche  Niederhaltung
der  Preise  bewirkten,  konnten  die  zunehmende  Teuerung  und  die  preissteigenden
  Wirkungen  der  Inflation  auf  die  inländischen  Lebensmittelpreise
  nicht  verhindern.  Man  kann  die  Preispolitik  für  Lebensmittel
nicht  ans  einen  Jsolierschemel  stellen,  luic  überhaupt  die  Ernährungswirtschaft ­
  nicht  isoliert  betrachtet  werden  kann.  Ein  großer  Teil  der
heute  bestehenden  Höchst-  und  Richtpreise  für  inländische  Produkte  ist
unhaltbar  »nd  aufgehoben  worden.  Bestimmte  Übernahmspreise  (Höchstpreise) ­
  werden  noch  aufrechterhalten  bei  gewissen  landwirtschaftlichen
Produkten,  für  die  eine  Kontingentpflicht,  eine  Ablieferungspflicht  besteht,
zum  Beispiel  für  Getreide.
Hier  setzt  nun  wieder  der  Streit  der  Meinungen  ein.  Die
Freiheit  der  Preise  und  Aufhebung  aller  Preisschranken  auch  für
ablieferungspflichtige,  staatlich  bewirtschaftete  Artikel  wird  als  einziges
        <pb n="35" />
        Mittel  einer  sofortigen  Produktionssteigerung  und  einer  namhaften
Erhöhung  der  Ablieferungen  angepriesen.
Was  würde  unter  den  gegenwärtigen  Verhältnissen  beim  Fallen
aller  Preisschranken  für  inländische  Agrarprodnkte  geschehen?  Eine
sofortige  sehr  wesentliche  Erhöhung  der  Preise  und  zwar  bis  zur  Auslandsparität ­
  plus  Fracht  und  Spesen.  Bei  den  ungenügenden  Importen
und  der  drängenden  Nachfrage  ist  es  sogar  nicht  ausgeschlossen,  daß
sich  der  Preis  zeitweise  selbst  über  die  Parität  erhöbe.
Ob  dies  tatsächlich  eine  sofortige  Produktionssteigernng  zur  Folge
hätte,  bezweifle  ich.  Die  berüchtigten  „Anreizpreise"  haben  im  Kriege
zumeist  ihre  prodnktionsstärkende  Wirkung  verfehlt.  Es  ist  ja  die
Steigerung  der  Produktion  bekanntlich  nicht  ausschließlich  eine  Preisfrage ­
  und  ich  habe  heute  schon  einmal  daraus  verwiesen,  daß  die
Prodnktionsvermehrung  von  einer  ganzen  Reihe  anderer  Faktoren
abhängig  ist  und  sich  überhaupt  nicht  von  heute  ans  morgen  vollzieht.
Selbstverständlich  dürfen  die  gebundenen,  die  Höchstpreise  keine  Verlustpreise ­
  sein.  Sie  dürfen  nicht  die  Prodnktivnsfrende  unterbinden.  Ich
ivill  hier  nicht  untersuchen,  ob  und  inwiefern  dieser  Forderung  bei  den
noch  zu  Recht  bestehenden  Übernahmspreisen  immer  Rechnung  zu  tragen
ist.  Ich  halte  bei  manchen  Artikeln  die  geltenden  Preise  für  nicht  mehr
angemessen  und  eine  Erhöhung  unbedingt  für  notwendig,  beispielsweise
für  Milch.  Aber  die  völlige  Freigabe  der  Preise  bei  den  kontingentierten
Artikeln  erachte  ich  derzeit  nicht  für  richtig,  wenn  ich  auch  gewisse  Jnkonvenienzen
  der  Tatsache,  daß  ein  Teil  der  Produktion  preisgebunden,  ein
anderer  Teil  bereits  der  freien  Preisbildung  überlassen  ist,  nicht  leugnen  kann.
Sehr  fraglich  ist  es  auch,  ob  tatsächlich  die  Erhöhung  der
Preise,  zum  Beispiel  des  Getreides  auf  den  Preis,  zu  dem  uns  das
ausländische  Getreide  zu  stehen  kommt  —  und  das  wird  ja  doch  wohl
darunter  verstanden,  wenn  verlangt  wird,  daß  dem  Landwirt  der
Weltmarktpreis  gegeben  werde  —  eine  wesentliche  Erhöhung  der
Ablieferungen  bewirken  würde.  Zunächst  muß  man  sich  doch  vorstellen,
was  heute  der  sogenannte  Weltmarktpreis  bedeutet:  Argentinischer  Weizen
(zur  Weltfracht)  stellt  sich  beim  heutigen  Wert  der  Krone  auf  zirka
1.330  Kronen  pro  Meterzentner  cif  europäischen  Hafen  oder  13  Kronen
das  Kilogramm,  das  ist  zirka  das  54fache  des  Friedenspreises.  Und
wenn  die  Krone  von  6  auf  4  und  auf  3  ^fällt,  soll  dann  tatsächlich  der
Getreidepreis  weiter  um  20  Prozent  und  um  40  Prozent  steigen?
Kann  man,  solange  unsere  Valuta  den  wildesten  Schwankungen  ausgesetzt ­
  ist,  von  einem  Weltmarktpreis  sprechen?

30
r

uf
        <pb n="36" />
        37

t

Wird  das  Papiergeld  ben  Bauern,  wenn  cs  en  masse  förmlich
in  ihn  hineingestopft  wird,  tatsächlich  bewegen,  nun  all'  sein  Getreide
abzuliefern,  oder  wird  cs  ihn  nicht  zur  Spekulation  veranlassen,  abzuwarten, ­
  bis  unsere  Krone  noch  mehr  sinkt,  er  also  dann  noch  mehr
Geld  bekommen  kann  —  oder  wird  er  es  nicht  schließlich  vorziehen,  auf
seiner  Ware  sitzen  zu  bleiben,  weil  er  überhaupt  kein  Papiergeld  mehr
nehmen  will,  von  dem  er  genug  hat,  gleich  dem  ukrainischen  Bauern,  der
oas  Papiergeld,  nicht  mehr  zählte,  sondern  wog,  und  als  ihm  unser
österreichisches  Militär  immer  höhere  Preise  bot,  Getreide  gegen  Geld
überhaupt  nicht  mehr  abgab.  *)
Der  Amerikaner,  der  seine»  Dollar  in  Kronen  umrechnet,  wird
unseren  Getreidcpreis  sicher  billig  finden,  aber  der  Österreicher  rechnet
doch  noch  zumindest  mit  einem  höheren  Bruchteil  des  Nominales,  als
dem  Züricher  Kurs  entspricht.  Tatsächlich  ist  ja  auch  der  Jnlandswert
der  Krone  höher,  ja  er  ist  sogar  in  verschiedenen  Gebieten  Österreichs
verschieden  hoch.  Die  Lohn-  und  Einkommenverhältnisse  der  Sticht-Produzenten
  können  ja  unmöglich  der  Entwertung  unseres  Geldes  im
AuSlaude  ganz  angepaßt  werde»,  und  da  eine  weitere  Einschränkung
der  elementaren  Lcbensmittelbcdürfnisse  nicht  möglich  ist  —  von
kulturellen  Bedürfnissen  gar  nicht  zu  reden  —  müßte  eine  sofortige
allgemeine  „Anpassung"  der  Preise  der  inländischen  Lebensnüttel  an  den
Tiefstand  unserer  Krone  im  Auslande  geradezu  revolutionierend  wirken.
Hiermit  hängt  das  Problem,  das  uns  die  Preise  der  ausländischen ­
  Lebensmittel  stellen,  innig  zusammen.  Seit  längerer  Zeit
leben  wir  fast  ausschließlich  von  ausländischen  Zufuhren.  Seit  Beginn
des  Jahres  bis  in  den  Sommer  hinein  wurden  die  Importe  größtenteils
gedeckt  aus  Grund  des  bekannten  Entcntekredites  von  48  Millionen  Dollars.
Die  kreditierten  Lebensmittel  wurden  zu  einem  Preise  abgegeben,  der
zu  einer  Zeit  wesentlich  höheren  Kursstandes  unserer  Krone  berechnet
worden  ist.  Selbst  bei  Anrechnung  des  wesentlich  günstigeren  Kursstandes ­
  zur  Zeit  der  Einfuhr  kamen  die  Preise  der  bezogenen  Lebensmittel ­
  noch  immer  höher  als  die  Preise  der  inländischen  Lebensmittel,
iveshalb  die  Regierung  einen  Teil  der  berechneten  Differenz  auf  den
Staatssäckel  übernommen  hat.  Da  die  Kreditbedingungen,  insbesondere
dw  Rnckzahlungsmodalitäten  uns  noch  nicht  bekanntgegeben  sind,  ist  es
unmöglich,  den  dem  Staate  ans  der  Abgabe  der  Lebensmittel  erwachsenen

*)  Siehe  meinen  Artikel  „Getreidepreise",  „Neue  freie  Presse"  vom
1.  November  191t).
        <pb n="37" />
        Verlust  ziffernmäßig.  genau  zu  berechnen.  Er  dürfte  jedoch  mit  einer
Milliarde  Kronen  eher  zu  niedrig  als  zu  hoch  eingeschätzt  sein..  Würde
der  Kredit  erst  nach  Jahren  rückzahlbar  sein,  könnte  sich  allerdings
ein  wesentlich  günstigeres  Bild  ergeben.
Noch  während  der  Ententczuschübe  und  nach  deren  Aushören  hat
die  Regierung  mit  Benutzung  eigener  Hilfsquellen  Lebensmittel,  im
Auslande  angeschafft  und  bezahlt.  Hier  kommt  schon  der  starke
Valntaverfall  in  Erscheinung.  Tie  Regierung  mußte  sich  für  Auslandsbezüge ­
  die  Valuten  zu  den  jeweiligen  Tageskursen  beschaffen
kurzfristige  Kredite  boten  keine  Erleichterung,  führten  vielmehr  zu
Verlusten.  Die  Abgabepreise  mußten  daher  kontinuierlich  erhöht  werden,
da  der  Staatsschatz  die  Differenz  zwischen  Einkaufs-  und  Abgabspreis
der  Lebensmittel  nicht  mehr  auf  sich  nehmen  konnte.  Hiebei  ist  die
letzte  Entwertung  der  Krone  auf  fünf  und  darunter  noch  nicht  zur
Geltung  -  gckvminen,  weil  die  Lebensmittel,  die  bis  jetzt  ausgegeben
werden,  zumeist  noch  in  einer  Zeit  gekauft  und  bezahlt  worden  sind,
da  noch  die  Devisenbeschaffung  zu  niedrigen  Kursen  möglich  war.
Auch  im  Verkehr  mit  den  Snkzessionsstaaten  macht  sich  die  Entwertung ­
  geltend  —  der  bislang  geltende  Zuckerpreis  wurde  nach  dein
Tisagio  unserer  Krone  mit  70  Prozent  kalkuliert,  seitdem  ist  das
Tisagio  zeitweise  über  300  Prozent  gestiegen,  so  daß  sich  bei  dem
bisherigen  Zuckerabgabepreise  bedeutende  Verluste  für  den  Staat  —  über
30  Millionen  Kronen  -—  ergaben.  Die  beträchtlichsten  Verluste  erleidet
der  Staat  bei  der  Abgabe  von  Mehl  und  Brot,  deren  Preise  seit
Frühjahr  keine  Erhöhung  erfahren  haben.  *)  Ter  Zuschuß,  den  der
Staat  zu  den  Mehl-  und  Brotprciscn  leistet,  wurde  für  die  allerletzte
Zeit  mit  rund  54  Millionen  Kronen  wöchentlich  berechnet.
Die  Hoffnungen  ans  einen  Abbau  der  Preise  —  Hoffnungen,
die  allerdings  von  Anfang  an  ans  Sand  gebaut  waren  —  haben  sich
wie  so  viele  andere  Hoffnungen  als  trügerisch  erwiesen  und  auch  die
vom  Staate  aufgewendeten  Millionen  konnten  die  Preise  nicht  halten,
Welch'  traurige  aufsteigende  Kurve  die  Preise  insbesondere  in
der  letzten  Zeit  nahmen,  möge  folgendes  Beispiel  dartnn:
Es  wurden  Jndexpreise  berechnet  für  einen  vierköpfigen  Haushalt ­
  (bestehend  ans  einem  Schwerarbeiter,  Frau,  1  Kind  unter  2.  Jahren,

*)  Der  Staat  gibt  bisher  auch  daS  aus  inländischem  Getreide  hergestellte
Mehl  unter  den  Gestehungskosten  ab,  indem  siir  das  Getreide  2  K  •  pro  Kilogramm ­
  gezahlt,  das  Brotmehl  jedoch  zum  Preise  von  K  1-50  abgegeben  wird.
        <pb n="38" />
        4  Kind  mit  9  Jahren).  Die  Soften  für  die  rationierten  Mengen  au
Mehl,  Brot,  Zucker,  Kartoffeln,  Fleisch,  Fett  und  Milch  in  Wien
betrugen  in  der  ersten  Augufttvvche  K  70'07  -  Indexziffer  100,  in
der  letzten  Oktobcrwochc  X  87'5l  =  Indexziffer  124.80.  Unter
Berücksichtigung  bestimmter  kleinen  Mengen  an  sonstigen  Lebensmitteln
(Marmelade,  Bohnen,  Reis,  Kraut,  ferner  bestimmte  kleiner  als  im'
Schleichhandel  erworben  angenommene  Mengen,  dann  Brenn.material
und  Seife)  steigt  die  Indexziffer  ans  133‘9.*)
Die  verschiedensten  Möglichkeiten  wurde»  erwogen,  um  die
Bevölkerung  von  diesem  namenlosen  Druck  zu  befreien.  Es  ist  dies  das
alterstachligste  Ernährnngsproblem.
Ter  am  öftesten  ventilierte  Gedanke  ist  jener  der  Abstufung  der
Lebcnsmittelpreise  nach  den  EinkommcnSverhältnissen  (Straßburger
System).  Abgesehen  von  den  technischen  Schwierigkeiten  ist  die  Durchführung ­
  eines  solchen  Systems  durch-  die  Einkommenschichtnng  in  Österreich ­
  nicht  möglich.  Diese  Unmöglichkeit  ergibt  sich  sofort,  ivenn  man
erwägt,,  daß  in  Wien  nach  der  Einkommensstatistik  des  Jahres  1917
nicht  mehr  als  .17,  Prozent  der  Zensiten  ein  Einkommen  von  über
10.000  K  statten.  (Zugegeben,  daß  die.  Statistik  vom  Jahre  1917
den  heutigen  Verhältnissen  in  gar  keiner  Weise  mehr  entspricht,  so
muß  doch  andererseits  berücksichtigt  werden,  daß  heute  der  Mittelstand
prolctarisicrt  ist  und  auch  Einkommen  von  20.000  bis  30.000  X  und
darüber  für  eine  Auflage,  wie  sic  die  Abstusnng  der  Lebensmittelpreisc
darstellt,  nicht  mehr  tragfähig  sind.)  Rechnet  man  auf  einen  Zensiten
durchschnittlich  2'/*  Köpfe  und  zählt  man  die  „»besteuerten  (Existeuzniinhmtm)
  Haushalte  dazu,  so  müßten  9  Prozent  der  Wiener  Bevölkerung ­
  die  Verbilligung  der  Preise  für  94  Prozent  der  Bevölkerung
tragen.  Wenn  man  das  Verhältnis  aus  90:10,  also  günstiger  annimmt
und  eine  Verbilligung  von  50  Prozent,  also  um  die  Hälfte  vornehmen
wollte,  müßten  die  10  Prozent  der  nichtbegünstigten  Bewohnerschaft
Wiens  einen  Zuschlag  von  450  Prozent  tragen.  Es  würde  für  sic
kosten  1  Kilogramm  Bratenfleisch  320  X,  1  Kilogramm  Schweineschmalz ­
  341  X  usw.  Das  ginge  nicht,  denn  die  Lebensmittel  würden

*)  Eine  Vorstellung  über  die  eingetretenen  Preissteigerungen  feit  Kriegs-  .
beginn  gibt  die  Tatsache,  daß  je  ein  Kilogramm  Suppenfleisch  (Vorderes  mit
Zuwage),  Kochmeht,  Erbsen,  Bohnen,  Kartoffeln,  Sauerkraut,  Reis,  Steinsalz,  Fett,
Zwiebel  und  Essig  im  Juli  1914  zusammen  7  77  K  und  am  1.  November  1919'
130-30  K  kosteten.  Wenn  der  Preis  vom  Juli  1914  als  Indexziffer  mit  100
angenommen  wird,  beträgt  die  Indexziffer  am  1.  Novemlnr  1919:  1678  !
        <pb n="39" />
        zu  diesem  Preise  nicht  abgenommen  werden.  Sie  würden  im  Schleichhandel ­
  billiger  erworben  werden  können.**)
Es  wird  nun  ein  anderer,  eigentlich  nicht  ganz  neuer  Gedanke
erwogen,  die  gleitende  Lohnskala  für  Arbeiter  und  Beamte.  Der"
Gedanke  geht  von  der  richtigen  Erwägung  ans,  daß  die  ständigen,,
durch  die  Lebensmittelpreise  fortwährend  hervorgerufenen  Lohnbetvcgnngeii
  und  Lohnstcigernngen  das  Übel  steigern  und  dgn  berüchtigten ­
  Eirculns  erzeugen.  Man  sagt,  es  müsse  möglich  sei»,  eine  Form
der  selbsttätigen  Anpassung  der  Löhne  an  die  Preise  zu  finden  mit.
Hilfe  einer  fortlaufenden  Preisstatistik.  Der  Gedanke  hat,  wenn  auch
nicht  in  diesem  Zusaminenhange,  bereits  Anwendung  gefunden.  Im
Zusammenhange  mit  der  Lebensmittelteiiernng  ist  die  gleitende  Lohnskala ­
  in  England  bereits  verwirklicht  worden.  Ich  habe  letzthin  einer
Zeitnngsmeldnng  entnommen,  daß  in  England  im  Wollgewerbe  eilt
Tarifvertrag  abgeschlossen  wurde,  tvonach  monatlich  der  Lohn  steigen
oder  fallen  soff;  gemäß  festgestellten  Lebensunterhaltskosten  im  Vergleiche
zu  den  Lebensunterhaltskosten  im  Juli  1919.  Eine  Veränderung  des
Lohnes  sott  immer  erst  erfolgen,  wenn  sich  die  Preise  um  10  Prozent
nach  oben  oder  nach  unten  verschoben  haben.
Immerhin  bietet  auch  die  Durchführung  dieses  Gedankens,  wie
sich  bei  der  Jndustriekonfcrenz  gezeigt  hat,  nicht  unbedeutende  Schwierigkeiten, ­
  insbesondere  die  Frage  des  festen  und  beweglichen  Teiles  des
Lohnes.  Sicher  ist  jedenfalls,  daß  das  vorgeschlagene  Mittel  der"
Berücksichtigung  der  hohen  Lohnpreise  im  Lohnsätze  und  Gehaltsschema
nicht  wirkt  für  diejenige  Schichte  der  Bevölkerung,  die  als  Mittelstand
bezeichnet  wird,  mindestens  nicht  für  jenen  Teil  des  Mittelstandes,  den
die  Preiserhöhung  nicht  übcrwälzen  kann.  Während  der  Produzent  die
Kosten  überwalzen  kann,  dem  Arbeiter  und  Beamten  ermöglicht  werden
soll,  sich  wenigstens  teilweise  „anzugleichen",  kommt  der  arme,  gequälte
Mittelstand  rettungslos  unters  Rad.
Der  Staatssekretär  für  Finanzen  hat  erst  vor  wenigen  Tagen
erklärt,  das;  cs  unmöglich  sei,  daß  der  Staat  auf  die  Dauer  die
Differenz  zwischen  den  Einkaufspreisen  im  Auslande  und  den  Abgabepreisen ­
  im  Jnlande  auf  sich  nehmen  könne  —  es  hieße  das:  Das
Defizit  unaufhörlich  zu  erhöhen,  ick  est  neue  Noten  drucken,  ■  id  äst

**)  Ziehe  Degischer:  Das  Problem  der  Staffelung  der  Lebensmittelpreise,
  in  Nr.  14  des  Verordnungsblattes  des  Staatsamtes  für  VolksernährunL
vom  3t.  Oktober  1919.
        <pb n="40" />
        weitere  Entwertung  der  Krone  und  weitere  Verteuerung  des  Einkaufes
und  daher  weitere  Belastung  des  Staates  —  also  Schraube  ohne
Ende.  Ich  kann  dem  unmöglich  widersprechen  und  doch  scheint  es  mir,
je  mehr  ich  darüber  nachdenke,  immer  zweifelhafter,  ob  cs  überhaupt
möglich  sein  wird,  bei  dem  jetzigen  Kursstände  der  Krone,  voraus'
gefetzt,  daß  wir  bei  solchen  Kursen  überhaupt  noch  einkaufen  können,
die  Lebensmittelpreisc  zum  vollen  Einkaufspreise  abzugeben,  das  heißt
die  Einfuhrsparität  ganz  im  Preise  zum  Ausdruck  zu  bringen.
Nicht  nur,  daß  es  fraglich  ist,  ob  die  Lohnskalen  das  volle
Äquivalent  für  die  weiteren  Steigerungen  der  Lebensmittel  bieten
können,  nicht  nur  daß  ein  großer  Teil  des  Mittelstandes  unvermeidlich
ins  Elend  gestürzt  würde,  so  untergrabt  die  volle  Anpassung  der
Lebensmittelpreise  und  iu  weiterer  Folge  der  Löhne  an  die  Parität
tinsere  Exportmöglichkeiten,  die  in  unseren  billigeren  Herstellungskosten
gelegen  sind.  Tiefe  Exportprämie,  die  in  unserem  Kronenunwerte
gelegen  ist,  wird  vernichtet  und  dadurch  die  letzte  Möglichkeit  einer
Hebung  des  Geldwertes.  Indem  wir  der  Scylla  zu  entgehen  versuchen,
geraten  wir  in  den  Wirbel  der  Charybdis.
Wenn  es  auch  unzweifelhaft  richtig  ist,  daß  der  Staat  bei
Lebensmittelimporte»,  die  au  und  für  sich  unproduktiv  find,  keine  Verluste ­
  erleiden  soll,  scheint  mir  aus  dein  angeführten  Grunde  die  volle
Preisüberwälzung  bei  den  eingeführten  Lebensniitteln,  mindestens  bei
den  wichtigsten  Nahrungsmitteln,  sehr  bedenklich.  Meiner  Meinung  nach
kann  auf  die  Gewährung  gewisser  staatlicher  Zuschüsse,  insbesondere
bei  Mehl  und  Brot,  nicht  ganz  verzichtet  ivcrden,  Zuschüsse  also,
insolange  es  nicht  in  erster  Linie  durch  Erlangung  von  Krediten  und
Exporte  gelingt,  den  Geldwert  im  Auslande  so  zu  heben,  daß  die
Preise  halbwegs  erträglich  werden.  Diese  Zuschüsse  könnten  ^auf  dein
Wege  von  Steuern  hereingebracht  werden,  bic-  so  zu  veranlagen  wären,
daß"sic  nicht  wie  die  Lebensmittelpreise  die  bedrängtesten  Schichten
der  Bevölkerung  am  grausamsten  treffen.
Ich  bin  am  Schlüße.  Ich  habe  nur  einen  kleine)!  Ausschnitt  aus
den  verwickelten  und  oft  verzweifelten  Problemen  gegeben,  denen  die
Ernährnngswirtschaft  gegenübersteht.  Nicht  an  gutem  Willen  fehlt  er-,
trotz  alter  Schwierigkeiten  eine  Lösung  anzubahnen.  Eine  andere  Frage
ist,  ob  die  Lösung  in  diesem  Staate,  der  in  seiner  gegenwärtigen
Form,  schon  was  das  nackte  Leben  anlangt,  auf  Hilfe  und  Mitleid
des  Auslandes  angewiesen  ist,  gelingen  kann.
        <pb n="41" />
        ,  Das  alte  Österreich  galt  als  das  Reich  der  Unwahrscheinlichkeiten.
  Jur  Unwahrscheinlichen  liegt  wenigstens  Phantasie.  Dieses
Österreich,  daS,  wie  es  in  St.  Germain  gezimmert  wurde,  nicht  fcbeii
sann  und  doch  nicht  sterben  will,  läßt  der  Phantasie  wenig  Spielraum. ­
  DaS  neue  Österreich  ist  der  Staat  der  ungelösten  und
unlösbaren  Probleme,  sozusagen  ein  problematischer  Staat.

42
        <pb n="42" />
        33

ohne  welches  sich  die  Schwierigkeiten  unserer  Produktion  noch  wesentlich
verschärfen  würden.  Bei  Zulassung  der  völlige»  freien  Einfuhr  ist  die-?
sicherlich  nickt  gewährleistet.  Es  ist  klar,  daß  das  Ausland  größeres
Interesse  an  der  Abgabe  von  fertigen  Produkten  (zum  Beispiel  Mehl
statt  Getreide)  als  an  der  Ausfuhr  der  Rohstoffe  hat;  auch  kann  uicht
übersehen  werden,  das;  Zölle  bei  der  heutigen  Preisgestaltung  selbstverständlich ­
  keine  Rolle  spiele».
Aus  allen  diesen  Gründen  erachte  ich  derzeit  die  völlige
Freilassung  der  Einfuhr,  soweit  dieselbe  für  den  Inlands
verbrauck  dient,  in  voller  Freiheit  und  ohne  Beschränkung
noch  nicht  möglich.  Ter  Zeitpunkt  für  die  völlige  Freilassung  des
Einfuhrverkehres  auf  dem  Gebiete  des  Nahrungsmittelbedarfes  —  mit
Ausnahme  des  Transit-  und  Veredlungs-Verkehres  —  ist  noch  nickt
gekommen.  Ein  solckes  Experiment  wäre  ein  Sprung  ins  Dunkle,  dein
ein  vorsichtiger  Abbau  unter  gewissenhafter  Beobachtung  der  Entwicklung
der  Verhältnisse  unbedingt  vorzuziehen  ist.
Damit  ist  nicht  gesagt,  daß  die  private  Einfuhr  unterbunden
werden  soll.  So  etwas  wäre  unsinnig.  Meine  Meinung  geht  vielmehr
dahin,  das;  neben  den  staatlichen  Einkaufsorganisationen,  di^
sich  als  die  kaufmännischen  Vollzugsorgane  des  Staates  darstellen  uu
selbstverständlich  kauftnännisch  geleitet  werden  müssen,  auch  die  privat
Einsuhrtätigkeit  zugelassen  werden  kolk  und  muß  —  abe,
nicht  unbeschränkt  und  nicht  in  voller  Freiheit,  sonderst
überwacht  und  kontrolliert.  Luxuseinfuhrcn  müssen  verboten  bleiben.
Eine  Monopolisierung  der  staatlichen  Einfuhrtätigkeit  soll  eventuell  nur
hinsichtlich  jener  Artikel  stattfinden,  bei  welchen  der  Staat  bei  der
Abgabe  Zuschüsse  leistet  und  die  Rationierung  durch  inländische  Zn
lieferuugen  zum  Teile  gedeckt  wird.
Die  Überwachung  der  Einfuhr  hat  im  Wege  einer  Einfuhrsbewilligung ­
  stattzufinden,  deren  Erteilung  aber  möglichst  vereinfacht
und  beschleunigt,  sowie  bürokratischer  Weitwendigkeiten  entkleidet  werden
muß.  Wenn  eimnal  prinzipiell  die  Notwendigkeit  oder  Zulässigkeit  der
Einfuhr  durch  die  Bewilligung  im  einzelnen  Falle  ausgesprochen  ist,
könnte  meiner  Meinung  nach  jede  weitere  Beschränkung  hinsichtlich  der
Zahlungsmodalitäten,  sofern  uicht  Valuten  von  einer  staatlichen  Stelle
in  Anspruch  genommen  werden,  entfallen.  Je  nach  der  Lage  der  Dinge
könnten  fallweise  bestinimte  Einfuhrkontingente  für  einzelne  Artikel  festgesetzt ­
  werden,  für  die  dann  die  Formalitäten  noch  mehr  abgekürzt
werden  könnten.
        <pb n="43" />
        ﻿
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
