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        <title>Die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Russisch-Polen und dem Deutschen Reiche und die sich daraus für den Friedensschluss ergebenden Folgerungen</title>
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        <pb n="1" />
        ﻿Als Handschrift gedruckt.

Streng vertraulich.

Nicht für die Presse.

Die wirtschaftlichen Beziehungen
zwischen Russisch-Polen und dem deutschen Reiche
und die sich daraus für den Friedensschluß
ergebenden Folgerungen.

Bearbeitet von der

Handelskammer für den Regierungsbezirk Oppeln in Oppeln

unter Mitwirkung des

Oberschlesischen Berg- und hüttenmännischen Vereins zu Kattowitz.

überreicht von

Bergrat Dr. ing. Williger, Kattowitz.



Oppeln,

November 1915.
        <pb n="2" />
        ﻿749

Als Handschrift gedruckt.

Streng vertraulich.

Nicht für die Presse.

Die wirtschaftlichen Beziehungen
zwischen Russisch-Polen und dem deutschen Reiche
und die sich daraus für den Friedensschluß
ergebenden Folgerungen.

Bearbeitet von der

Handelskammer für den Regierungsbezirk Oppeln in Oppeln

unter Mitwirkung des

Oberschlesischen Berg-- und hüttenmännischen Vereins zu Kattowitz.

Überreicht von

Bergrat vr. in^. ^Williger, Kattowitz.

Oppeln,

November 1915.
        <pb n="3" />
        ﻿
        <pb n="4" />
        ﻿..................harren wir ohne Wanken

aus, bis der Friede kommt — ein Friede,
der uns die notwendigen militärischen,
politischen und wirtschaftlichen Sicherheiten
für die Zukunft bietet und die Bedingungen
erfüllt zur ungehemmten Entfaltung unserer
schaffenden Kräfte in der Heimat und auf
dem freien Meere.

(Der Kaiser in seiner Kundgebung
Vom 31. Juli 1915).

Mer Voraussicht nach werden die jetzt zu Rußland ge-
hörigen polnischen Landesteile beim Friedensschlüsse von dem
russischen Staatskörper abgetrennt werden. Dies kann in der
Weise geschehen, daß entweder ein selbständiger polnischer
Staat geschaffen wird, oder daß man die betreffenden Gebiets-
teile zwischen den verbündeten Mächten Deutschland und Öster-
reich teilt und diesen angliedert. Auch andere Lösungen der Frage
sind nicht ausgeschlossen. In jedem Falle erscheint es wichtig,
schon jetzt die wirtschaftlichen Verhältnisse Russisch-Polens sowie
die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen diesem Lande und dem
deutschen Reiche zu untersuchen, um daraus abzuleiten, welche
Forderungen bei der Neugestaltung der politischen und wirt-
schaftlichen Verhältnisse der russisch-polnischen Landesteile seitens
Deutschlands erhoben werden müssen.

Hierbei ist allerdings zu berücksichtigen, daß es eine außer-
ordentlich schwierige Aufgabe ist, die wirtschaftliche Lage des
Königreich Polens zu schildern, denn die meisten Nachrichten, die
uns in dieser Beziehung über Polen zur Verfügung stehen, sind
unvollständig und nicht unbedingt zuverlässig. Die nachfolgenden
Ausführungen können daher, insbesondere soweit das statistische
Material in Betracht kommt, weder auf Vollständigkeit noch auf
unbedingte Genauigkeit Anspruch erheben.

3
        <pb n="5" />
        ﻿Größe und Bevölkerung. Bis zur ersten Teilung im Jahre
1772 erstreckte sich das Königreich Polen nach Osten und Norden
hin ungefähr bis zum Dnjepr und bis zur Düna. Im Nach-
stehenden soll jedoch unter Polen immer nur das sogenannte
„Weichselgebiet" verstanden werden, das einen Flächenumsang
von 126 955 qkm mit einer Bevölkerung von 12 776 100 Ein-
wohnern (Zählung vom 1. Januar 1912) hat. Es besteht aus
10 Gouvernements: Suwalki, Lomscha, Plozk, Warschau, Kalisch,
Siedlez, Radom, Petrikau, Kielce und Lublin.

Die mittlere Bevölkerungsdichte Polens mit 100,5 Ein-
wohnern auf 1 qkm ist eine recht hohe. Polen ist damit
die dichtest bevölkerte Provinz des europäischen
Rußlands, in dem die durchschnittliche Bevölkerungsdichte
nur 28,9 Einwohner auf den qkm betrügt. Bemerkenswert ist der
erhebliche Unterschied der Dichte in den Landesteilen links und
rechts der Weichsel. Die linksseitigen, vornehmlich Handel und
Industrie treibenden Gouvernements haben im Durchschnitt 128
Einwohner auf einen qkm, während die rechtsseitigen, vornehm-
lich Landwirtschaft treibenden, nur 75 Einwohner auf einen qkm
zählen. Im Durchschnitt bleibt die Bevölkerungsdichte Polens
somit hinter der allgemeinen Bevölkerungsdichte Deutschlands,
das eine Volksdichtigkeit von 120,0 Einwohner auf den qkm
hat, zurück; sie übersteigt jedoch die Bevölkerungsdichte von Ost-
preußen mit 59,5, Westpreußen mit 64,3 und Posen mit 68,5
Einwohnern auf den kqm, Sie ist ferner größer als in der
Schweiz (91,1), Österreich-Ungarn (75), Frankreich (73,8),
Dänemark (70,7) und in anderen europäischen Staaten.

Über die Verteilung der Bevölkerung auf die 10 Gouver-
nemnets gibt die folgende Tabelle Aufschluß. Aus dieser ist auch
die Nationalität der Bevölkerung zu ersehen.

Die Russen teilen sich in Großrussen, Kleinrussen und
Weißrussen. Die Großrussen stellen das eigentliche Russentum
des Zentrums Moskau dar; bei ihnen ist der finnische und mon-
golische Einschlag am stärksten. Sie gehören der griechischen
Kirche an. Die Kleinrussen sind die Bewohner der Ukraine
&lt; Ruthenen); sie gehören, soweit sie nicht von den Russen ge-
waltsam zur orthodoxen Kirche „bekehrt" wurden, zur uniierten
Kirche und stellen sich nach Sprache und Sitte aus einen Sonder-
standpunkt. Die Weißrussen bilden den Übergang vom Russen-
tum zum polnischen und litauischen Stamm, mit denen sie auch
politisch oft nahe verbunden gewesen sind. Aus früherer Zeit
hat sich bei ihnen überwiegend die römisch-katholische Kirche er-
halten.
        <pb n="6" />
        ﻿Gouvernement	Fläche  Qua-  drat-  Werst			©evölherung (einschl. Militär)*)							
		1812		1897							
		Zu-	auf 1 Qua- drat- Werst	Zu-  sam-  men	davon waren						
		sammen  (in  Tau-  senden)			«ros-	Klein-	Pis-	Polen		Sw	£  53&gt;
					lusscn						
					(in Tausenden)						
1. Suwalki. . .	10 824	693,0	64,0	582,9	24,5	2,0	26,6	134,0	30,5	59,1	304,5
dav.in Städten	—	90,7	—	73,6	11,3	0,8	0,7	19,8	3,8	29,5	6,8
2. Lomscha . . .	9 265	694,4	74,9	579,6	27,9	3,8	0,3	448,1	4,7	91,2	—
dav.in Städten	—	90,4	—	74,8	12,8	1,1	—	24,2	—	35,0	—
3. Plozk ....	8 287	755,4	120,5	553,6	15,1	2,3	0,1	447,7	36,0	51,2	—
dav. in Städten	—	114,0	—	88,2	12,4	1,8	—	40,5	2,2	30,7	—
4. Warschau . .	15 359	2 639,4	171,8	1 931,9	87,9	15,9	1,3	1 420,4	77,2	317,2	—
dav. in Städten	—	1 102,2	—	845,2	66,0	11,0	—	492,9	15,6	252,2	—
5. Kalisch....	9 961	1 245,2	125,0	840,6	7,5	1,4	—	70.),4	61,4	64,1	—
dav.in Städten	—	187,3	—	118,0	4,2	0,5	—	65,8	8,4	36,9	—
6. Siedlez . . .	12 580	1 032,7	82,1	772,1	19,6	107,7	0,2	510,6	11,7	120,2	—
dav. in Städten	—	140,7	—	117,7	14,1	2,7	—	35,6	—	63,3	—
7. Radom . . .	10 854	1 134,8	104,6	814,9	9,6	1,6	0,1	681,0	8,8	112,1	—
dav.in Städten	—	131,9	—	100,2	6,2	1,1	—	41,1	—	50,7	—
8. Petrikau. . .	10 763	2 013,6	187,1	1 403,9	19,2	2,7	0,1	1 011,9	148,8	213,6	—
dav.in Städte»	—	809,2	—	511,6	15,6	1,8	—	253,3	81,8	156,3	—
ö. Kieler ....	8 868	992,5	111,9	762,0	8,0	1,1	0,1	666,8	2,4	82,9	—
dav. in Städten	—	80,0	—	70,4	4,9	0,5	—	28,5	—	36,0	—
10. Lublin . . .	14 789	1 575,1	106,5	1 160,7	47,9	196,6	0,5	729,5	26,0	155,4	—
dav.in Städten		226,0	—	160,8	26,2	7,7	—	50,9		72,9	

Wie aus dieser Tabelle hervorgeht, zählte im Jahre 1897
die Gesamtbevölkerung einschließlich des Militärs 9 402 253
Köpfe. Davon waren 267 200 Großrussen — 2,84 %, 335 100
Kleinrussen = 3,56 %, 29 300 Weißrussen — 0,31 % 6 755 400
Polen =: 71,85 °/c, 407 500 Deutsche — 4,33 %, 1 267 000
Juden — 13,48%, 304 500 Littauer — 3,24%. Großrussen
waren in größerer Zahl ansässig in den Gouvernements Warschau
(87 900) und Lublin (47 900), Kleinrussen in den Gouver-
nements Lublin (196 600) und Siedlez (107 500), während
die Weißrussen mit einer Höchstzahl (26 600) im Gouvernement
Suwalki vertreten waren. Zahlenmäßig geben die Russen in
keinem der 10 Gouvernements den Ausschlag.

Sieht man von den Militärpersonen ab, so ergeben sich für
die Gesamtbevölkerung und ihre Verteilung im Jahre 1897 fol-
gende Zahlen:

*) Dr. Rudolf Claus S. 8/9.
        <pb n="7" />
        ﻿Bevölkerung (ohne Militär)

1SS7

Gouvernement		davon waren						
	Zu-	Groß-	Klein-	Weiß-	Polen	§		|
	sum-  men	Nuss eil				e3)		£5)
		(in Tausenden)						
1- Suwalki ...	563,4	11,7	0,2	25,3	133,1	39,1	58,3	304,4
2. Lomscha . . .	545,6	4,7	0,2	0,1	446,6	4,4	89,2	0,2
3. Plozk		536,5	2,8	0,1	0,01	446,7	35,7	50,6	0,2
4. Warschau . .	1 844,6	32,2	1,2	0,3	1 418,0	76,1	313,4	0,3
5. Kalisch ....	833,5	2,8	0,09	—	704,9	61,3	64,1	0,04
6. Siedlez....	786,5	9,0	107,3	0,2	509,8	11,7	119,2	—
7. Radom....	804,4	3,1	0,2	0,05	680,7	8,7	111,5	—
8. Petrikau . . .	1 388,5	9,4	0,3	0,07	1 011,2	148,5	212,7	—
9. Kielce ....	754,8	2,9	0,2	—	666,4	2,3	82,7	—
10. Lublin ....	1 121,3	21,3	191,2	0,3	728,6	25,8	152,9	

Von Interesse ist hierbei besonders die große Differenz, die
sich bei den Zahlen der Großrussen ergibt. —

Man wird jedoch damit rechnen müssen, daß die Angaben
der Bevölkerungsstatistik insofern nicht ganz zutreffend sind, als
sie offenbar stark zu Gunsten der Russen gefärbt sind. Bei Fest-
stellung der Nationalität wurde in früherer Zeit seitens der
russischen Regierung häufig in der Weise verfahren, daß auch ein
Teil derjenigen Personen, die neben ihrer Muttersprache russisch
sprachen, als Russen gezählt wurden. Infolgedessen ist
anzunehmen, daß namentlich die Zahl der
Deutschen höher ist, als vorstehend angegeben.

Die Polen stellen durchweg das Hauptkontingent der Be-
völkerung- Sie herrschen auch in allen Gouvernements ziemlich
stark vor mit Ausnahme von Suwalki; dieses Gouvernement
gehörte ursprünglich zu Littauen und wurde erst von den Russen
aus verwaltungstechnischen und vielleicht auch politischen Grün-
den zu Polen geschlagen. Es zählte 1897: 267 627 Littauer und
6 884 Letten gegen 133 137 Polen. Den Polen folgen an zweiter
Stelle die Juden, deren Zahl im Jahre 1897 am höchsten in den
Gouvernements: Warschau (313 387), Petrikau (212 728),
Lublin (152 866), Siedlec (119 242) wor. Deutsche wurden
am meisten gezählt in den Gouvernements Petrikau (148 528),
Warschau (76 095) und Kalisch (61264). Littauer und Letten
(305 475) sind in der Hauptsache im Gouvernement Suwalki
seßhaft.
        <pb n="8" />
        ﻿Die Gesamtbevölkerung Polens betrug im Jahre 1912:
12 776 100 Personen. Seit dem Jahre 1897 (9 702 253 Ein-
wohner), also in einem Zeitraum von 12 Jahren, ist sie somit
um 3 373 900 Personen gestiegen. Die Zunahme betrug also
35,9

Nach dem Religionsbekenntnis teilte sich die Bevölkerung
im Jahre 1909 wie folgt (in Prozenten):

Gouverncm.	Katholiken	Mariawit.	Orthodox.	Protestant.	Juden	andere
Kalisch	75,42	0,61	4,00	5,32	14,64	0,01
Kielce	88,39	—	0,36	0,31	10,94	—
Lublin	64,84	0,01	18,32	2,74	14,09	—
Lomscha	81,67	—■	1,12	1,03	16,24	—
Petrikau	67,88	2,42	1,11	12,90	15,67	0,02
Plozk	61,64	0,11	0,46	7,32	10,46	0,01
Radom	83,95	0,02	0,47	1,19	14,38	—
Siedlez	70,79	0,67	11,22	1,57	15,75	—
Suwalkt	79,40	0,08	2,01	5,76	12,73	0,02
Warschau	73,14	0,73	1,76	4,92	19,41	0,04

Die Deutschen und ebenso ein Teil der Litauer sind meist
Protestanten.

Volksbildung. Das kulturelle Niveau der Landbevölkerung
Polens ist nicht als ein besonders hohes zu bezeichnen, wenn auch
der polnische Bauer kulturell immer noch höher stehen dürfte als
der Zentralrußlands. Auf einem höheren Niveau steht die indu-
strielle Arbeiterschaft, obgleich sie sich in dieser Hinsicht mit der
deutschen Arbeiterschaft bei weitem nicht messen kann. Die Haupt-
ursache hierfür ist in dem zur Zeit noch gering entwickelten Elemen-
tarbildungswesen im Königreich Polen zu suchen. Bemerkenswert
ist aber, daß der Pole im allgemeinen bildungsfähig und lern-
begierig ist.

Was den Stand des Elementarschulwesens in Polen anbe-
trifft, so haben die Städte, wenn man von den Handwerker- und
den sonstigen gemeinniitzigen Sonntagsschulen absieht, keinen
Vorteil vor dem Lande. Im Jahre 1882 wurden in Polen bei
einer ländlichen polnischen Bevölkerung von 4 500 000 Köpfen
2 237 Schulen gezählt. Es entfiel danach eine Dorfschule aus
1 925 Einwohner. Im Jahre 1893 zählte man 2 569 Schulen
bei einer ländlichen Bevölkerung von 5 542 038 Köpfen. Der
Wert des Unterrichts in diesen ländlichen Volksschulen wird stark
dadurch beeinträchtigt, daß das Schuljahr sehr kurz ist; es hängt
das mit der Dauer der Feldarbeiten zusammen. Das Schuljahr
dauert nur von Mitte November bis Anfang März. Die Mehr-
        <pb n="9" />
        ﻿zahl der Kinder besucht die Schule nicht öfters als 50 mal int
Jahre.*)

Das Elementarschulwesen in den Städten ist nicht besser
gestellt. Im Jahre 1893 entfielen auf 114 Städte und 353
städtische Ansiedelungen nur 351 Elementarschulen. Wie bereits
erwähnt, haben aber die Städte vor dem Lande den Vorteil der
Sonntagsschulen. In Warschau gab es 1903/04: 52 Handwerker-
Sonntagsschulen, welche nur am Sonntag früh tätig sind, nämlich
4 vierklassige, 5 dreiklassige, 16 zweiklasstge und 27 einklassige.
Wenn man durchschnittlich auf eine Klasse 50 Kinder annimmt,
so können in diesen Schulen 2 600 Kinder aus der Arbeiterklasse
den allerdürftigsten Unterricht finden.

Dem niedrigen Stand des Elementar-Schulwesens entspricht
die Zahl derjenigen, die lesen und schreiben können. Im Jahre
1897 betnig die Zahl derer, die lesen und schreiben konnten, 41 %
der Bevölkerung über 9 Jahren. Am größten (51 %) war die
Zahl im Gouvernement Warschau, am kleinsten (30 %) in
Radom und Kielce. Hierbei muß allerdings erwähnt werden,
daß unter die Analphabeten alle gerechnet werden, dierussis di
nicht lesen oder schreiben können, wenn sie in ihrer Muttersprache
auch nicht ohne jede Kenntnis des Lesens und Schreibens sind.
Nach der Militärstatistik konnten von den Ausgehobenen polnisä)
und russisch lesen: 1874—83: 15 %, 1890—98: 27,5,%, 1905:
37,2 %.**)

Gegenwärtig wird die Zahl der Schreib- und Leseunkundi-
gen in Polen auf 69,5 % geschätzt und zwar kommen auf 10 lese-
und schreibkundige Frauen 13 schreib- und lesekundige Männer.

Neben der breiten Masse der Bevölkerung steht die Jn-
tellegenz der Städte und des Adels, die sich durch eigene Schulen.
Studium im Auslande, Fortbildung in Musik, Theater und
Wissenschaften stets weiter zu bilden sucht, auf einer durchaus
hohen Kulturstufe.

Städte. Wie bereits erwähnt, liegen die volksreicheren
Städte Polens auf dem Gebiete links der Weichsel; es hängt das
damit zusammen, daß der rechts der Weichsel liegende Teil in
der Hauptsache der Landwirtschaft dient, während links der
Weichsel sich neben der Landwirtschaft eine starke Industrie
entwickelt hat. Die bedeutenderen Städte Polens sind aus der
Tabelle 1 (cf. am Schluß) ersichtlich. Diese Tabelle gibt auch
zugleich über die Verkehrseinrichtungen, Bildungsanstalten und

*) Strasburger S. 64 f.

**) Statistisches Jahrbuch für das Königreich Polen, Jahrgang 1914.
        <pb n="10" />
        ﻿die daselbst ansässige Industrie Aufschluß. Auf Vollständigkeit
kann diese Tabelle allerdings keinerlei Anspruch machen.

Über die städtischen Einrichtungen der größeren Städte im
Jahre 1909/10 gibt die nachstehende Tabelle*) Auskunft.

Gouverne-  ments	Anzahl  der  Städte		Zahl		der	Städte mit				
		Be-  leuch-  tung	Darunter		Was-  ser-  let-  tung	Kana-  li-  sation	Schlach t- hän- sern	Fcuer-  tvehr	Straften - bahnen	Tele-  fon
			Elek- trisch ®“8	Petro-  leum						
Warschau	25	24	3	23	3	1	23	23	3	4
Kalisch	13	13	1	13	—	—	13	13	—	—
Kielce	7	7		 j			7	2	—	7	7	—	—
Lomscha	7	7		 		7	i	—	7	7	—	—
Lublin	13	12	1	12	i	2	13	13	—	2
Petrikau	15	13	3	2	10	i	—	14	14	4	6
Plvzk	9	9	— 1	9	i	i	9	9	—	2
Radom	10	10	1 —	10	—	i	10	10	—	—
Suwalki	10	10		10			—	10	10	—	—
Siedlez	12	9		 i 		9	—	—	11	12		
	121	114	4	8	110	9	5	117	118	7	14

Alan ersieht aus dieser Tabelle die Ansätze zur modernen
L-tädteentwickelung, die wahrscheinlich wesentlich besser ohne die
russische Verwaltung gewesen wäre. Jedenfalls dürften die Zu-
stände in den russisch-polnischen Städten zum Teil weit besser
sein, als diejenigen in ähnlichen galizisch-polnischen Städten.

Die Trinkwasserversorgung der polnischen Städte ist sehr
ungünstig. Unter 27 untersuchten Städten haben nur 8 artesische
Brunnen. Die meisten Städte müssen sich mit Wasser aus Flüssen
oder gewöhnlichen Brunnen begnügen, die vielfach weder aus-
gemauert oder zementiert, noch mit Pumpen versehen sind. Dar-
auf dürften die ungünstigen hygienischen Verhältnisse in den
polnischen Städten zurückzuführen sein. Namentlich die Kinder-
sterblichkeit ist überall recht bedeutend.

Verteilung des Grund und Bodens. Im Königreich Polen
entfiel im Jahre 1909 aus Ackerland 56,3 %, Wälder 18.%,
Wiesen 8.%;, Weiden 6,8 %, Unland 4,2 %, auf Baugründe,
Plätze, Gärten 3,9 ■%, auf andere Gründe 2,8 % der Fläche.**)

Landwirtschaft. Die Verteilung des Grundbesitzes unter die
verschiedenen Besitzkategorien verhält sich laut nachstehender
Tabelle.

*) Bergt, t). Bvustedt S. 288.
•*) Rogouski S. 10.

9
        <pb n="11" />
        ﻿polnischer Grundbesitz im ^ahre 1907. f)

Gouver-  nements	Bevöl-  kerung  in  1000	Hanptkategorien des Grundbesitzes									B erteilung des Privat-  gruudbesitzes nach verschie- denen Kategorien			
		Zahl der Desjätinen			**) in 1000		% Anteil an der Ge- samtfläche				Zahl der Desjätinen in 1000			
		Pri-  vat-  be-  sitz")	Bäuer- licher Grund- besitz (z»»e- tcilt und er- worben)	Städ-  tischer  und  vor-  städti-  scher  Grund-  besitz	§	Ge-  samt-  summe	Pri-  vat-  be-	Bäu-  er-  licher  Besitz	i«.  ü®  '■B'S.  ©	©  Jr  G	Bauer-  höfe	©  es	Ma-  i°-  rats-  und  ande-  rer  Besitz	Ge-  samt-  summe
Warschau	2 482,0	773	653	46	64	1 538	50,3	42,5	3,0	4,2	697	43	32	773
Kalisch	1 126,7	454	509	35	16	1 017	44,7	50,1	3,5	1,7	414	5	35	454
Kielce	965,2	351	424	33	80	890	39,5	47,6	3,8	9,1	304	4	42	351
Lomscha	683,6	504	267	30	97	899	56,0	29,7	3,4	10,8	149	327	27	504
Lublin	1 508,3	675	726	60	23	1 485	45,5	48,9	4,1	1,6	579	17	78	675
Petrikau	1 933,4	439	535	60	67	1 102	39,9	48,6	5,5	6,1	385	6	46	439
Plozk	700,0	502	301	24	21	850	59,1	35,5	2,9	2,5	355	128	18	502
Radom	1 080,8	421	556	53	76	1107	38,0	50,2	4,8	6,9	365	6	49	421
Suwalki	667,3	254	634	33	188	1111	22,9	57,1	3,0	16,9	187	4	63	254
Siedlez	981,9	642	524	74	21	1 263	50,8	41,5	5,9	1,7	441	147	53	642
	12 129,2	5015	5129	448	653	11262	44,7	45,2	4,0	6,2	3876	687	443	5015

Nach dieser Tabelle hat an der Gesamtfläche
Von	11 262 000 Desj. ^ 12 275 580 Im

der Staat einen Anteil in

Höhe von	653 000	„	—	6,2 P/o-
Während auf städtischen und vor-		
städtischer Grundbesitz auf bäuerlichen Grundbesitz	448 000	„ =	4,0 %
(zugeteilt und erworben)	5 129 000	„ =	45,2%
auf Privatbesitz	5 015 000	„ =	44,7 %■
entfallen.  Der Privatbesitz teilt		
sich in Bauernhöfe	3 876 000	„ — ca. 34,42 %
kleinadeligen Grundbesitz	687 000	„ = „ 6,10 %
Majorats- und anderen Besitz	443 000	„ = „	3,93%

*) In dieser Rubrik sind Banerhöfe, kleinndeligcr Grundbesitz, Majorate
und andere Besitzungen einbegriffen; auch gehört hierzu der Grundbesitz der
Gesellschaften (Schulen u. s. tu,), der katholischen und anderen Kirchen, Wohl-
tätigkeitsanstalten, Hüttenwerke, Fabriken, Eisenbahnen u. ct. m., d. h. aller
Grundbesitz außer deni bäuerlichen (zugeteilten und erworbenen), dem städtischen
und vorstädtischen und dem Staatsbesitz.

**) 1 Desjatine 1,09 ha.

f) Aus: „Die russische landwirtschaftliche und industrielle Produktion
von Prof. Dr. C. Ballod" in der Zeitschrift des Kgl. Preutz. statist. Landes-
nmts, 15. Jahrgang 1915.

10
        <pb n="12" />
        ﻿D i e Tabelle läßt erkennen, daß die weit-
verbreitete Auffassung, Russisch-Polen sei
das U r l a n d des M a g n a t e n t u m s und des
Großgrundbesitzes gegenwärtig nicht mehr
zutrifft.

Nach Sering sind „im östlichen Deutschland die Betriebe
von weniger als ö ha Fläche unselbständig in dem Sinne, daß
ihre Inhaber der Nebenarbeit zum Unterhalt ihrer Familien be-
dürfen". (Die innere Kolonisation im östlichen Deutschland,
Leipzig 1893). Wenn man dasselbe für das Königreich Polen
annimmt, so sind im ganzen Königreich Polen ungefähr 41.%
der Bauernwirtschaften unselbständig. In den Gouvernements,
wo der Zwerg- oder Kleinbauernbesitz am stärksten vertreten ist,
steigt diese Zahl im Gouvernement Kielce auf 51

„	„	Kalisch	„	50 .%

Plozk	„	48,5%

„	„	Petrikau	„	45,2%

Nach Auffassung von anderer Seite sind jedoch nicht allein
die weniger als 5 ha umfassenden Besitzungen in Polen als un-
selbständig zu bezeichnen, sondern mit Ausnahme einzelner, die
durch besonders guten Boden begünstigt sind, alle diejenigen
Wirtschaften, .welche unter 6 ha Fläche betragen, (vergl. z. B.
v. Rosenwerth, Die Zusamnienlegung der Grundstücke in Russisch-
Polen). Von Rosenwerth gibt a. a. O. S. 128/129 eine Auf-
stellung über die Größe der einzelnen Besitzungen Russisch-
Polens, die wir nachstehend im Auszug wiedergeben.

GoUvcrile-  Mkllt		Z a f) 1 der Lesitzungsn in %								Zahl  der  Besitzun-  gen
	unter  IVj  ha	IV.  bis  3 ha	3 bis  47,  ha	4V.  bis  6 ha	6 bis  77s  ha	77.  bis  10 ha	10  bis  15 ha	15  bis  25 ha	25  und  mehr  ha	
Warschau. • .	14	15,2	16,1	14,4	9,6	13	10,4	4,9	1,7	114106
Kalisch ....	20,6	17,6	19,9	13,5	8,6	9,4	6,4	3,2	0,9	97 665
Kielce		23,3	22,2	25,3	14,6	5,6	5	2,8	0,7	0,35	115 310
Lomscha . . .	17,7	14,7	12,9	13,9	9,5	10	10,7	8	3,9	69 002
Lublin ....	13,6	18	29,5	16,3	7,5	7,6	5	1,8	0,3	151 307
Piotrkow . . .	17	20,1	23	15,3	8,4	7,7	5,6	2	0,5	119 365
Plvzk		17	17,4	13,7	10,6	7,3	9,4	10,3	10	4,2	52 728
Radom ....	20,7	20	21	14,3	7,5	8	5,3	2,4	0,5	120 221
Suwalki . . .	16,8	13,4	11,5	8,6	6,9	10,1	12,5	13,8	6,2	64 445
Siedlez ....	10	15	20	18	11,5	10,0	9,6	4,9	1,4	108 080
Russisch-Polen	16,9	17,9	20,5	14,3	8,1	9	7,2	4,3	1,5	1 011 240
        <pb n="13" />
        ﻿	Hiernach sind	unter 6 Im Größe		
im	Gouvernement	Warschau	59,7 %	aller Besitzungen
„	„	Kali sch	71,6.%	„ „
„	„ '	Kielce	85,4 %	„ „
„	„	Lomscha	59,2 P/o	„ „
„	„	Lublin	77,4.%	„ „
„	„	Piotrkow	75,4 %	„ „
„	„	Plozk	58,7 %	„ „
„	„	Radom	76,0 %	„	n
„	„	Suwalki	50,3 ,%■	„ „
n	„	Siedlez	63,0%	ff	ff

sodaß im Gesamtdurchschnitt
Polens im Jahre 1909:	69,9 % aller Besitzungen

als unselbständig anzusehen waren.

Tatsächlich herrschen hinsichtlich des kleinbäuerlichen Grund-
besitzes auch traurige Verhältnisse vor. „Jeder Bauer*) besitzt
in der ganzen Mur verstreute Grundstücke, deren Zahl bei Be-
sitzen von 6—8 ha nicht selten 100, mitunter sogar 200 beträgt.
Dabei haben die Parzellen die denkbar ungünstigste Form. Vor-
wiegend sind die schmalen, sich bis ins unendliche ziehenden
Streifen, es sind solche von 5000 m Länge bei einer Breite von
nur 10 m bekannt, und solche, die 2—4 m breit und über 1 km
lang sind, sind fast in jedem Dorfe zu finden. Bei einer solchen
Lage ist es klar, daß die Grundstücke der verschiedenen Besitzer
gleichartig und gleichzeitig bebaut werden müssen, daher herrscht
in einzelnen Teilen Polens auch jetzt noch die 3 Felderwirtschaft,
bei der Vs der ganzen Oberfläche brach liegen muß, und als
kümmerliche trockene Weide dient." Anregungen zu einer Zu-
sammenlegung der Grundstücke sind zwar von altersher gegeben
worden, doch ist bisher eine zwangsweise allgemeine Durchführung
noch nicht erfolgt, sondern alles dem guten Willen der Beteiligten
anheimgegeben. Eine wirklich rationelle und lohnende Boden-
bearbeitung ist deshalb, soweit es den Kleinbesitz angeht, zur Zeit
kaum durchführbar.

Diese schlechte Lage des bäuerlichen Kleinbesitzes findet
ihren Ausdruck auch in der großen Zahl der Abwanderer. Nach
Deutschland stellte sich die Abwanderung im Jahre 1904 auf
137701 Köpfe. Wie festgestellt,**) besteht der größere Teil dieser
polnischen Abwanderer aus landbesitzenden Bauern, denen die

*) Bergt, u. Rosenwerth a. a. O. S. 11.

**) Bergt, von Orpiszewski S. 48.

12
        <pb n="14" />
        ﻿eigene Scholle keinen ausreichenden Lebensunterhalt gewährt und
die deshalb auf Nebenbeschäftigung angewiesen sind.

Für die Lage der Landbevölkerung ist ferner charakteristisch
die große Zahl von Besitzlosen. Durch die Bauernreform von
1864 war die Zahl der Besitzlosen bis auf 220 000 zurückgedrängt,
1891 war sie jedoch bereits wieder auf über 880 000 und 1901
sogar auf 1 220 331 angewachsen.*) Die Zahl der Besitzlosen
betrug danach 18 % der Gesamtbevölkerung Polens.

Alle diese Umstände zeigen die polnische Landbevölkerung
in ärmlichen Lebensverhältnissen, die nur gemildert werden ein-
mal durch den vielfach nicht unerheblichen Besitz der Gemeinden
an Weiden und Waldgerechtigkeiten, die die Viehhaltung trotz
der geringen Grundbesitze erleichtern und ferner durch die große
Bedürfnislosigkeit der Bauern, die sich bei schwachen Ernten
schließlich auch recht und schlecht durchhungern. Eine im Jahre
1900 angestellte Untersuchung über das Budget eines russischen
Bauern — hiervon dürfte dasjenige eines polnischen Bauern nicht
viel abweichen — ergibt, „daß von 1300 Mark jährlicher Ge-
samteinnahme einer Bauernfamilie, die überdies zur guten Hälfte
in Naturalien und nur zur knappen Hälfte in Geld besteht, je
rund 7 bis 8 Menschen ihren Lebensunterhalt bestreiten. Nach
den Untersuchungen des Grafen Witte beträgt der Jahreskonsum
jedes einzelnen Mitgliedes der Bauernfamilien in Geld nur rund
53 Rubel oder 115 Mark, von denen nach Abzug der Wirtschafts-
bedürfnisse nur noch 26 Mark für die persönlichen Bedürfnisse
übrig bleiben. Von diesen 26 Mark werden im Durchschnitt nur
4,75 Mark für die Kleidung, 3,70 Mark für Schnaps, 1,05 Mark
für Tee und Zucker, knapp 1 Mark für Fisch, 85 Pf. für Pro-
dukte der Viehzucht und 20 Pf. für den also auch in Rußland
nicht ganz entbehrlichen Artikel Seife ausgegeben.**)

Die Lage des kleinbäuerlichen Grundbesitzes ist auf die von
ihnen erzielten Ernten nicht ohne Einfluß geblieben. Aus den
Ernteberichten der landwirtschaftlichen Zentralgesellschaft in
Warschau läßt sich erkennen, daß sich die Erträge der bäuerlichen
Grundstücke durchschnittlich 35—60 % niedriger stellen, als die
von den Vorwerksdörfern, die öfters in unmittelbarer Nähe
liegen.

Das Verhältnis der Durchschnittserträge des Groß- und
Kleinbesitzes erhellt aus der folgenden Tabelle:

Strasburger S. 16, von Orpiszewski S. 24.

**) äSergl. Dr. E. Wallroth: Abschluß eines allgemeinen Zolltnrifab-
kommens mit Rußland 1915 S. 5.

13
        <pb n="15" />
        ﻿Srntsbericht der landwirtschaftlichen LentralgesÄIschatt zu Warschau
rom I. Januar 1009.*)

D u r ch s ch n i t t s er tr ä g e in dz ti o it ha

Gouver-  nement	Roggen Groß- &gt; Klein- besitz		Weizen  Groß- &gt; Klein- besitz		Hafer  Groß- j Klein- besitz		Gerste  Groß- i Klein- besitz		Kartoffeln  Groß- | Klein- besitz	
Kalisch	14-24	10-18	16-36	12-20	11-21	8-21	11-24	11-21	140-280	92-280
Kielce	8-24	10-16	12-24	10-20	13'/s-27	11-27	11-21	9-16	70-216	115-185
Lublin	6-22	6-26	10-24	8-30	9-27	8-211/s	H-211/2	6i/2-21	84-280	92-216
Lomscha	10-24	16	14-24	14	6‘/3-18	6%	61/2-16	8	115-185	185
Petrikau	14-20	8-10	24	—	11-131/2	9	11	—	140-216	92-115
Plozk	16-22	10-16	18	—	16	—	' 12	9	140	140-170
Radom	8-16	6-12	12-24	—	11-27	8-21	9-21	8-16	185-222	155-210
Siedlez	10-20	8-14	14-30	12-20	8-21	8-16	11-131/2	6Vz-13i/2	93-208	155-280
Suwalki	8-20	8-16	8-20	8-16	4-11	3-9	51/2-18	61/2-12	84-210	92-216
Warschau	12-24	10-22	16-28	16-28	11-24	8-16	12-21	8-16	115-315	92-216

Die Fruchtbarkeit des Bodens im König-
reich Polen kommt derjenigen der benach-
barten Provinzen Deutschlands gleich. Die
längs der Talzüge durchzogenen Geschiebemergel- und Lehmböden
und Tone mit Schwarzerdebildungen nördlich der Weichsel und
zwischen Weichsel, Bzura und Pilica. Insbesondere zeichnen sich
die Kreise Wloclawek, Kutno und Lenczyca durch ihre Frucht-
barkeit aus, welche den Zuckerrübenbau sehr erfolgreich gestaltet.
Östlich der Weichsel und südlich der Pilica beginnt zum Teil im
österreichischen Verwaltungsgebiete die Verbreitung von mergli-
gen, kalkigen und tonigen Schichten der Kreideformation, die von
Schwarzerdebildungen bedeckt sind und gleichfalls sich, wo die
Grundwasserverhältnisse nicht ungünstig einwirken, als außer-
ordentlich fruchtbar erweisen.

Der größere Teil des Generalgouvernements Warschau ist
von hohem landwirtschaftlichen Wert. Allerdings wird in weiten
Gebieten dieser Wert erst durch die Hereinbringung einer höheren
Kultur zum Vorschein kommen. Hier herrschen die gleichen Ver-
hältnisse vor wie in den fruchtbaren Gegenden von Ostpreußen,
die von Endmoränen durchzogen werden; die offensichtliche
Fruchtbarkeit wird lediglich durch eine starke Steinbestreuung
beeinträchtigt, deren Beseitigung aber unter gleichzeitiger Ver-
wertung des Steinmaterials für Häuser- und Straßenbauten in
verhältnismäßig kurzer Zeit möglich ist.

*) v. Rosenwerth S. 127.

14
        <pb n="16" />
        ﻿Hinsichtlich der Intensität des landwirtschaftlichen Betriebes
steht die polnische Landwirtschaft, soweit es sich um Großbetriebe
handelt, meist derjenigen der Provinzen Ost- und Westpreußen
oder Posen nicht erheblich nach. (Vergl. unten die Tabelle.)
Am geringsten ist die Intensität der Bewirtschaftung in Suwalki,
Lomscha und im nördlichen Siedlez, Gebiete, in denen Sumpf
und Wald vorherrschen.

Die folgende Tabelle gibt einen Vergleich mit der Ernte
der an Polen angrenzenden preußischen Provinzen. In Deutsch-
land wurden pro ha durchschnittlich von 1899—1904 geerntet
dz — 100 leg

	Roggen	Weizen	Gerste	Kartoffeln	Hafer
Ostpreußen	13,6	16,0	15,4	112,1	14,9
Westpreußen	12,9	20,5	18,6	112,5	15,1
Brandenburg	14,4	21,3	19,8	133,7	16,5
Pommern	14,7	22,3	19,2	130,9	15,9
Posen	13,9	17,3	16,5	122,2	14,5
Schlesien	14,0	17,4	18,6	124,4	16,7
DeutschesReich 15,3		19,0	18,4	128,8	17,2

Mit Getreide wurde bestellt in ganz Polen eine Fläche
von 35 000 qkm.

Der Anbau der einzelnen Fruchtarten deckte im Jahre
1898 folgende Flächen:

Es waren angebaut*)

mit Weizen 882 298 polnische Morgen
„ Roggen	3 478 393	„	„

„	Gerste	755 778	„	„

„ Hafer	1 813 607	„

„	Erbsen	280 402	„	„

„	Kartoffeln 1 395 030	„	„

„	Zuckerrüben	86 500	„	„

Nach den durchschnittlichen Erträgen der Ernten folgen in
ihrer Bedeutung die in Polen angebauten Getreidesorten wie
folg: aufeinander:**)

Roggen	(1904):	119	000 000	Pud	=	38 984 400	Ztr.

Hafer	(1904):	39	000	000	„	=	12 776 400	„

Winterweizen (1904):	35	000	000	„	—	11 466 000	„

Gerste	(1904):	23	000	000	„	=	7 533 200	„

*) v. Orpiszewski S. 1t.
**) Friedrichsen ©. 60.

15
        <pb n="17" />
        ﻿Im Durchschnitt der Jahre 1905—1909 wurden insgesamt
192 000 000 Pud — 62 899 200 Zentner Getreide geerntet. Auf
den Kopf der Bevölkerung kam sonach eine Getreideernte von
15 Pud — 246 kg, auf das qkm Fläche eine Ernte von 1300
Pud = 21 t.*)

Die Kartoffelernte ist sehr groß; sie beträgt jährlich etwa
300 Millionen Pud — 98 280 000 Zentner.

An Heu werden etwa 100 Millionen Pud jährlich ge-
erntet.**)

Der Zuckerrübenbau in Polen unterlag ziemlichen Schwan-
kungen. In einzelnen Bezirken wurden in Einzeljahren bis zu
23 %. der gesamten dem Ackerbau dienenden Fläche mit Zucker-
rüben bestellt.***) Die 49 Zuckerfabriken in Polen hatten im
Jahre 1905/06 11 912 172 dz Nüben verarbeitet, die auf einer
Anbaufläche von 59 133,59 ha geerntet waren.

Der Viehbestand Polens im Jahre 1910 betrugt)

Gouverne-  ments	Be-  völkerung  in  1000	Pferde			Hornvieh		Schafe, Widder		Schweine	
		4 Jahre und ältere Anzahl in 1000	unter  4 Jahre alte  Anzahl in 1000	auf  100  Ein-  wohner	Anzahl  in  1000	auf 100 Ein- wohner	Anzahl  in  1000	auf 100 Ein- wohner	Anzahl  in  1000	auf iv» Ein- wohner
Warschau	2 482,0	129	37	12	354	25	157	ii	78	5
Ka lisch	1 126,7	82	30	12	201	21	89	9	44	5
Kielce	965,2	88	19	12	183	21	23	3	22	3
Lomscha	683,6	73	15	15	165	28	114	19	30	5
Lublin	1 508,3	167	53	17	339	26	163	13	127	10
Petrikan	1 933,4	86	15	9	214	19	77	7	24	2
Plozk	700,0	72	24	16	200	34	151	26	40	7
Radom	1 080,8	83	22	11	210	22	69	7	60	6
Suwalki	667,3	88	15	18	122	21	132	23	70	12
Siedlcz	981,9	100	33	16	292	35	165	20	76	9

Forstwirtschaft. Das Weichselgebiet hat ein Waldareal von
2 812 000 Desjätinen — 3 072 110 ha bezw. 30 721,1 qkm
Forsten. In Deutschland deckt der Wald 25,9 % der gesamten
Bodenfläche, während (vergl. oben Seite 9) in Polen die
Wälder nur 18% Gesamtfläche bedecken.

Eine geordnete Waldwirtschaft fehlt. Etwa 1h0 des Waldes
gehört den Bauern, 3I10 der Krone und %&lt;&gt; dem privaten Grund-

*) Ballod S. 19.

**) Friedrichsen S. 60.

***) Zweig S. 72.

t) Ballod S. 13.

16
        <pb n="18" />
        ﻿besitz. Am besten steht es noch um die Pflege der fiskalischen
Wälder; die von ihnen bedeckte Fläche ist oft erheblich, z. B. bei
Augustow, Skiernewice ic.

Holzstatistik. Die Holzausfuhr aus Polen nach Deutsch-
land auf der Eisenbahn im Jahre 1913 ergib: sich aus nach-
stehenden Zahlen:*)

Rundholz, roh, beschlagene Stämme ..... 73 423 t

Nutzholz, Werkholz, Holzdraht usw.....................55 952 t

Brennholz, Eisenbahnschwellen, Grubenholz . . . 103 865 t

Hiervon ging über die Hälfte nach Oberschlesien, nämlich:
Rundholz, roh, beschlagene Stämme ..... 48 925 t

Nutzholz, Werkholz, Holzdraht usw....................... 18 046 t

Brennholz, Eisenbahnschwellen, Grubenholz ... 82 340 t

Hierzu kommt das auf dem Wasserwege ausgeführte Holz.
Nach der Statistik der Binnenschiffahrt haben 1912 Brahemünde

und die Einlager Schleuse passiert:

Eisenbahnschwellen ..................................9 777	t

Grubenholz ............................................... 1483	t

Rundholz ............................. 1151	t

Bau- und Nutzholz, unbearbeitet,	hart .....	73 827	t

weich ....	564 777	t

„	„	„	beschlagen,	hart.................4 357 t

weich ..... 56 286 t

„	„	„	gesägt,	hart................. 1 960 t

weich................ 59 629 t

Korb- und Floßweiden	..........	615	t

Von diesem Holz dürste ein Teil allerdings nicht aus Polen
sondern aus dem eigentlichen Rußland stammen.

Industrie. Die Grundlage der polnischen Industrie bildet
das Vorkommen von Steinkohlen und Erzen aller Art, die in
Polen fast ebensolange bekannt sind und ausgebeutet werden, wie
in dem benachbarten Oberschlesien. Trotzdem datiert die eigent-
liche Entwickelung der polnischen Industrie erst seit der Mitte
des vorigen Jahrhunderts. Insbesondere waren es zwei Ilm-
stände, welche den Aufstieg der bis dahin fast noch handwerks-
mäßig betriebenen polnischen Industrie zur Großindustrie be-
günstigten. Das war einmal die Abschaffung der Zollgrenze

*) Bergt. Statistik der Mterbewegung auf deutschen Eisenbahnen nach
Verkehrsbezirken geordnet. Herausgegeben vom Kaiserlichen Statistischem Amte.
80. Bd. 1913. Siehe auch Anlage II.

17
        <pb n="19" />
        ﻿zwischen Rußland und Polen, die im Jahre 1851 erfolgte und
die Aufnahme Polens in das russische Zollgebiet zur Folge hatte,
und sodann die im letzten Viertel des vorigen Jahrhunderts be-
ginnende und sich immer stärker entwickelnde protektionistische
Schutzzollpolitik Rußlands, deren Treibhausatmosphäre die pol-
nische Industrie außerordentlich schnell emporwachsen ließ.

Die Industrie Polens ist in 3 Gebieten ansässig, dem
Warschauer, dem Lodzer und dem Sosnowice-Czenstochauer
Gebiet. Warschau ist das Zentrum einer ganzen Reihe Indu-
strien, während Lodz der eigentliche Sitz der polnischen Textil-
Jndustrie ist. Der Sosnowice-Czenstochauer Bezirk hat seine
Bedeutung in erster Linie durch seine Montanindustrie.

Einen Überblick über die industrielle Produktion Russisch-
Polens gibt die folgende Tabelle.*)

	Bergbau- und Hutten-Industrie	Textil-  Jndustrie	Nahrungs-  mittel	MetaL-  Berarbeitnng	Bekleidungs-  gewerbe
Zahl der An- stalten .	. .	479	1 166	3 032	I 510	1 918
Gesamtwert d. Produktion in Rubeln. . .	601 394 419	341 266 000	154 724 115	110 301 000	47 919 600
Zahl der Ar- beiter . . .	45 695	150 305	42 458	62 027	25 438

	Steine und Erden	Chemi-  kalien	Tier-  produkte	Papier und Polygraphie	Holz-  Industrie	Gemischte  Gewerbe
Zahl der An- stalten . . .	520	264	284	672	879	229
Gesamtwert d. Produktion in Rubeln. . .	30 433 000	29 331 000	29 378 000	25 695 784	23 215 000	7 286 000
Zahl der Ar- beiter . . .	23 075	8153	7 074	15 402	17 259	3 074

Im Konzern der gesamten russischen Industrie nimmt die
polnische Industrie nach dem Stande vom Jahre 1907 die durch
folgende Tabelle**) dargestellte Stellung ein:

*) Aus: „Die Polen und der Weltkrieg", Dr. A. von Guttry S. 114.

**) Otto Goebel bei Gering S. 185.

18
        <pb n="20" />
        ﻿Industrieller Bezirk	Gesamte industrielle Produktion	%
St. Petersburg		593 Millionen Mark	9,22
Mittelrußland (Moskau je.) . . .	2 435	37,86
Südrußland		1 092	16,98
Ural		244	„	„	3,79
Kaukasus ....	323	5,02
Kiew		318	4,94
Polen mit Grodno		1 113	17,31
Ostseeprovinzen ....	313	4,86
Summa der Produktion des europ. Rußlands ohne Finnland . . .	6 431 Millionen Mark	99,98
Gesamtproduktion (mit Asien ohne Finnland)		7 056	

Der Anteil der einzelnen Industriezweige Polens an der
Gesamtproduktion Rußlands stellt sich folgendermaßen:*)

Industriezweig	Gesamterzeugung Rußlands (mit Asien ohne Finn- land) in  Millionen Mark	Er-  zeugung  Polens  mit Grodno	Anteil  in  %
Textilindustrie		2 760	619	22 -
Metallverarbeitung { f)	8au&lt;5en • ■  1 b. Rohesten . . .	1 610  185	192  18	12  10
Kohlenförderung		274	57	21 -
Holzverarbeitung		280	24	9
Papierindustrie u. polygraphische Gewerbe	227	33	15
Keramische Industrie		218	36	17
Verarbeitung von Tierzuchtprodukten . .	238	32	13
Nahrungsmittel-Industrie (ohne Zucker,			
Brennerei, Brauerei)		349	16	4,6
Chemische Industrie		308	38	12
Zucker		379	48	13

Im besonderen ist bezüglich der einzelnen Industriezweige
zu bemerken:

Textilindustrie.**) Die Textilindustrie Polens ist die be-
deutendste Industrie des Weichselgebiets, da schätzungsweise ihre
Produktion die Hälfte der Produktion aller Industrien in Rus-
sisch-Polen ausmacht und von ihr die Hälfte aller Industrie-
arbeiter Polens beschäftigt wird. Die Zahl der Unternehmungen
betrug 1910: 1166 mit einer Produktion im Werte von
341 266 000 Rubel; darunter 643 Fabriken wollener und baum-

*) Otto Goebel bei Sering S. 185.

**) Rosa Luxemburg, Frieda Bielschowsky.

19
        <pb n="21" />
        ﻿wollener Waren mit einer Produktion im Werte von 268 498 000
Rubel und 116 944 Arbeitern; ferner 42 Unternehmungen in
Seide und Halbseide mit 8 387 000 Rubeln Produktionswert und
13 Leinen- und Jutefabriken mit 7 240 000 Rubeln Produktions-
werte. Der Erzeugung sonstiger Textilwaren dienen 468 Fabriken
mit einem Produktionswert von 57 141 000 Rubel.

Die älteste Heimstätte der polnischen Textilindustrie ist
Lodz. Hier siedelten sich zu Ende des ersten Viertels des vorigen
Jahrhunderts schlesische, sächsische und deutsch-böhmische Tuch-
weber an. In den Jahren 1818—1827 sollen etwa 10 000
Familien deutscher Tuchweber auf diese Weise nach Lodz ge-
kommen sein. Die handwerksmäßige Produktion dieser Ein-
wanderer bildete die Grundlage, auf der sich durch deutschen
Fleiß, begünstigt durch Unterstützungsmaßregeln der russischen
Regierung, insbesondere die Aufhebung der Zollgrenze zwischen
Rußland und Polen im Jahre 1851 und die Zollpolitik von 1877
an die heutige Großindustrie aufgebaut hat. Aus dieser histori-
schen Entwickelung erklärt sich einmal, daß noch heute die Lodzer
Textilindustrie sich teilweis in deutschen Händen befindet, und
zum anderen, daß der Lodzer Jndustriebezirk, zu dem auch die
Stadt Lodz mit ihren Betrieben, ferner die Städte: Zgierz,
Pabianice, Tomaschow, Osorkow und Zdunska-Wola nebst einer
Reihe kleinerer Ortschaften zählen, unter den 3 Textilindustrie-
bezirken Polens die erste Stelle einnimmt.

Im Lodzer Bezirk ragt die Stadt Lodz, das „russische
Manchester", durch ihre Bedeutung vor allen Städten hervor;
sie ist die eigentliche Hochburg der polnischen Baumwollindustric,
die sie zu mehr als der Hälfte in den eigenen Mauern beherbergt,
wie die nachfolgende Tabelle zeigt.

Stanc! cier polnischen Gaumivollinäustrie im Jahre 1908.

	Ganz  Polen	Gouv.  Pctrikan	Davon allein Stadt Lodz	§1 i ä	Gouv.  Warschau
Anzahl der Fabriken . .	76	68	48	5	3
Anzahl der Spindeln und					
Spinnereien ....	1 111 273	1 031 451	604 019	19 090	60 732
Anzahl der Spindeln und					
Zwirnereien ....	154 671	125 149	98 354	1172	8 350
Anzahl der Webstühle . .	26 215	25 207	16 793	1008	—
Anzahl der Arbeiter. . .	56183	53 472	32 210	1 793	918
Wert der Produktion in					
Rubeln		183 506 099	98 579126	58 744 828	2 404 141	2 522 823

20
        <pb n="22" />
        ﻿Der Anteil der Stadt Lodz an der polnischen Baumwoll-
industrie ist seitdem weiter gewachsen. Von den rund 8 Mill.
B a u m w o I l s p i n d e l n Rußlands entfielen im Jahre 1910
etwa 1,2 Millionen auf das Petrikauer Gouvernement, wovon
0,9 Millionen auf die Stadt Lodz kommen; das ergibt etwa
75 c/o aller Baumwollspindeln des Gouvernements und 10 des
ganzen russischen Reiches.	&lt;—

Der Zahl der Spindeln entspricht auch der Verbrauch an
Rohmaterial. Im Jahre 1911 weist Lodz eine Einfuhr von
46 Millionen kg Baumwolle nach. Bis 1913 dürste die Ein-
fuhr auf über 50 Millionen kg gestiegen sein. Zum Vergleich
mag angeführt werden, daß der Verbrauch Deutschlands an roher
Baumwolle und Baumwollabfällen 486 Millionen kg beträgt.
Die in Lodz zur Verarbeitung gelangende Baumwolle entstammt
zu etwa 30 ,%■ den russischen Baumwollgebieten. Der Rest kommt
aus Amerika und England; an ihrer Einfuhr sind deutsche Im-
porteure stark beteiligt. Ägyptische und persische Baumwolle wird
in Lodz nur wenig verarbeitet. Die mittlere Garnnummer ist
für Lodz 17—18 englisch. Die Herstellung vorwiegend grober
Garne entspricht der Fabrikation der billigen Waren, die 75 %
der gesamten Lodzer Baumwollproduktion ausmachen. Der Preis
der Lodzer Ware beläuft sich auf 20 Kopeken und darunter pro
Arschin (3 Arschin — 2,13356 Meter, 1 Kopeke — 2,15 Pfg.).

Die Baumwollweberei in Lodz hat sich fast gänz-
lich vom handwerksmäßigen emanzipiert. Sie arbeitet in der
Hauptsache mit mechanischen Webstühlen, wenn daneben auch
einige Unternehmer noch Heimarbeit ausgeben. Während früher
die Lodzer Textilindustrie eine große Garnausfuhr nach dem
zentralrussischen Jndustriebezirk hatte, hat in den letzten Jahren
Lodz in steigendem Maße seine Garne in den eigenen Webereien
selbst verbraucht und sogar von auswärts, insbesondere aus dem
Sosnowice-Czenstochauer Bezirk Garn einführen müssen. Im
Durchschnitt der Jahre 1893—1904 wurden aus dem Sosno-
wice-Czenstochauer Bezirk 140 000 Pud (1 Pud — 16,381 kg)
Garn nach Lodz importiert, während von Moskau 13 000 Pud
und von Petersburg 52 000 Pud nach Lodz gingen.

Ein Charakteristikum der Lodzer Industrie ist die Viel-
seitigkeit der Produktion der einzelnen Fabriken. Im Gegensatz
zu Deutschland, wo das Prinzip der Arbeitsteilung so scharf
durchgeführt ist, daß sich die Herstellung nicht allein nach Branchen,
sondern auch nach Artikeln sowohl lokal wie betrieblich geschieden

21
        <pb n="23" />
        ﻿hat, werden in Lodz „in ein und derselben Fabrik Damentuche,
Alpakas und leichte Herrenstoffe oder platte geköperte und bunt-
gewebte Bamnwollwaren hergestellt".*) Es findet das seine
Ursache darin, daß in Lodz der Industrielle den Absatz seiner
Waren selbst in die Hand nehmen muß, da er sich nicht auf den
Großkaufmann, dessen Fehlen bekannt ist, stützen kann und des-
halb den Wünschen seiner zahlreichen Kundschaft gerecht werden
muß.

H a u p t a r t i k e l der Lodzer wie der polnischen Baum-
woll-Jndustrie überhaupt ist wohl seit Bestehen der Industrie
der B a r ch e n d , der als gerauhter Baumwollstoff, Moleskin,
Baumwolltrikot in den Handel gebracht wird und für den als
Mette die Garnstärke Nr. 14—20 und als Schuß Nr. 2—12 ver-
wendet werden. Daneben werden hergestellt: Satin, Futterstoffe
(Kreas, Croiso), Waschstoffe, Madapolam, Inletts, Nesseltuch,
Taschentücher, baumivollene Plüsche, Decken, Portieren. Nicht
unbedeutend ist auch die Herstellung halbwollener Waren. Vor-
wiegend-beschränkt sich die Fabrikation auf weiße, glatte Stoffe;
buntgewebte und gedruckte werden weniger hergestellt. Ganz gc-
ringfügig ist die Herstellung feiner Baumwollwaren, Mousseline,
Bengalin, Tüll, Chiffon, Batist, da deren Herstellung bei der
billigen Einfuhr nicht lohnt; sie bilden den Hauptbestandteil des
deutschen Imports in Textilwaren.

In der Baumwollindustrie ist durchweg der Großbetrieb
zur Vorherrschaft gelangt; ca. 90 % der gesamten Produktion
werden von einigen wenigen Riesenbetrieben hergestellt, wie die
nachstehende Tabelle veranschaulicht.

Goctsutung cler Aktiengesellschaften in cler polnischen
Laummollinäustrie nach ciem Stancle von 1908.

	Aktien-  gesellschaft	Insgesamt
Anzahl der Fabriken		23	76
„	„ Spindeln in Spinnereien . . .	883 034	1 111 273
„	,,	„	„ Zwirnereien . . .	109 405	154 671
„	„ Webstühle		21 027	26 215
„	„ Arbeiter		43 283	56193
Wert der Produktion in Rubeln		83 214 777	103 506 099

Die Aktiengesellschaften sind ausnahmslos Familiengrün-
dungen; ihre Aktien wurden an der Börse nicht gehandelt. Aus

*) Bielschowsky Seite 64.
        <pb n="24" />
        ﻿den Bilanzen der Lodzer Aktiengesellschaften vom Jahre 1900 hat
Bielschowsky*) folgende Daten zusammengestellt:

Anzahl der Gesell- schaften	Aktien-  kapital  Rbl.	Immobilien  und  Maschinen  Rbl.	Materialien  und  Waren  Rbl.	Gesamter  Gewinn  Rbl.	Durch-  schnitts-  Dividende
9	28,5 Will.	45,3 Mill.	28,9 Mill.	2,2 Mill.	5 7/12

- Im Gegensatz zur Baumwollindustrie hat die W o l l -
i n d u st r i e dem Zug zur Großindustrie nicht ganz Folge
leisten tonnen. Neben dem modernen Großbetriebe steht hier der
Kleinbetrieb und die Hausindustrie. Zentrum und älteste Heini-
stätte der Wollindustrie Polens ist gleichfalls Lodz, daneben für
schwere Wollstoffe Tomaszow und Zgierz, das sich schon früh
durch seine Tuchwebereien auszeichnete. AusKalisch und Zdunska-
Wola, in der sie in den achtziger Jahren stark vertreten war, ver-
schwindet sie allmählich mit dem Absterben der Hausindustrie.
Lodz zählt ea. 150 000 Kammgarnspindeln, von denen 130 000
in französischen Tochterunternehmnngen laufen.

Gesponnen werden in Lodz
in Kammgarn Nr. 20—70,

„ Zwirnen 2/30—2/-o,

„ Cheviot-Garnen Nr. 10—32,

„ Cheviot-Zwirnen V12—V« (numeriert nach metrischem
System).

Versponnen werden neben feinen russischen Kammgarn-
wollen aus der Krim und ordinären kaukasischen Wollen auch
La Plata-, Kap- und Australwollen. Die vom Ausland impor-
tierte Wolle beträgt etwa Vz—Vs des Gesamtbedarfs. Polnische
Wolle wird ivegen ihrer kurzen, dünnen Faser vorwiegend zur
Streichgarnfabrikation verwendet. Vor Ausbruch des Krieges
bestanden in Lodz ungefähr 80 Streichgarnspinnereien, von denen
75 °/ci Lohnarbeit für die kleineren und mittleren Lodzer
Webereien, die das Rohmaterial selbst einzukaufen und zu mischen
pflegen, ausführen. Ein Gegenstück hierzu bilden die Lodzer
Lohn-Wollwebereien. Diese haben zum großen Teil noch Hand-
betrieb. Überhaupt weist die Wollweberei, auch in den selbstän-
digen Unternehmungen, noch eine ganze Reihe Handbetriebe auf,
die insbesondere bei der Herstellung von Kammgarn, Paletot-
stoffen, Läufern, Tüchern die Konkurrenz der mechanischen
Webereien ertragen konnten. Diese kleinen Spinnereien und

*) a. a. O. Seite 79. Tie entsprechenden Zahlen für die Wollindustrie
sieh. folg. Seite.
        <pb n="25" />
        ﻿

warn



Webereien sind in ihrer Bedeutung jedoch immer mehr zurück-
gedrängt von den großen gemischten Betrieben, die sich ihnen
gegenüber als imposante Unternehmungen darstellen, wenn sie
auch andererseits einen Vergleich mit den Riesenbetrieben der
Baumwollindustrie nicht aushalten können.

Die größten Unternehmungen der Branche sind als Aktien-
gesellschaften gegründet. Im Jahre 1900 wurden 10 Aktien-
gesellschaften gezählt mit einem Aktienkapital von 17 925 000
Rubel. Der Wert der Materialien betrug 12 095 000 Rubel,
derjenige der Immobilien und Maschinen 15 905 000 Rubel.
Der Gesamtgewinn war auf 836 600 Rubel angegeben. Die
Durchschnittsdividende berechnete sich auf 3,9 %,

Was die Art der von der W o l l i n d u st r i e hergestellten
Waren anbetrifft, so zeigt sich hier die Beschränkung auf die
billigeren Artikel nicht in dem Maße, wie bei der Baumwoll-
industrie. Mit Ausnahme der ganz teuren Waren und der Mode-
neuheiten, die vom Auslande eingeführt werden, werden von der
Wollindustrie alle zur Branche gehörenden Waren hergestellt.

Die Textilindustrie im Sosnowicer Bezirk, der den
südwestlichen Teil des Gouvernements Petrikau mit den Städten
Czenstochau, Bendzin, Zawiercie und Sosnowice umfaßt, ist
jüngeren Datums. Ihr Entstehen ist eine unmittelbare Folge
der russischen Zollpolitik von 1877 an, die die ausländischen
Unternehmer veranlaßte, jenseits der sich ihnen immer mehr ver-
schließenden Grenze Filialfabriken anzulegen. Die Unternehmun-
gen des Bezirks sind durchweg in der Form von Aktiengesell-
schaften organisiert. Während die deutschen Tochterunternehmun-
gen in der Folgezeit verselbständigt worden sind, haben die fran-
zösischen und englischen Unternehmungen, die neben den deutschen
in geringerem Umfange gegründet wurden, den Filialcharakter
beibehalten. Die französischen Unternehmungen dienen haupt-
sächlich der Kammgarnspinnerei, die von Roubaixer Spinnern
nach Polen verpflanzt wurde.

Die Kammgarnspinnerei ist der bedeutendste im Sosno-
wice-Czenstochauer Bezirk vertretene Textilindustriezweig. Vor
Ausbruch des Krieges liefen daselbst ungefähr 220 000 Kamm-
garnspindeln, d. h. 69 % aller auf Kammgarn laufenden Spin-
deln in Polen. Die Produktion der Kammgarnspinnerei hatte
einen Gesamtwert von etwa 30 Millionen Rubel. Hinter der
Kammgarnspinnerei tritt die Baumwollspinnerei zurück. Die
Zahl der Baumwollspindeln im Sosnowice-Czenstochauer Textil-
industriebezirk betrug im Jahre 1910: 100 000. Die Baum-

24
        <pb n="26" />
        ﻿Wollweberei ist von kleinerem Umfange; sie umfaßt nur 14%
aller mechanischen Webstühle Polens. Die Jahresproduktion der
Baumwollindustrie des Sosnowice-Czenstochauer Bezirks hatte
einen Wert von etwa 15 Millionen Mark.

Was die Betriebsart anlangt, so herrscht durchweg der
Großbetrieb vor. Die Gesamtproduktion der Textilindustrie des
Bezirks beträgt etwa 50 Millionen Rubel.

Begünstigt ist die Textilindustrie des Sosnowice-Czen-
stochauer Bezirks durch die Nähe des Kohlenreviers, das ihr die
nötigen Heizstoffe und in den Fainilienangehörigen der Berg-
arbeiter zugleich billige Arbeitskräfte liefert.

Der Warschauer Jndustriebezirk zählt 10
Baumwolle verarbeitende Fabriken mit einem Produktionswert
von 15 367 100 Rubel, während die Wolle verarbeitende In-
dustrie 12 Fabriken mit einem Produktionswert von 2 172 600
Rubel umfaßt. Die Leinenfabriken Warschaus haben einen Pro-
duktionswert von 9 300 000 Rubel. Insgesamt zählt der War-
schauer Rayon 103 Textilfabriken mit einer Gesamtproduktion
von 28 051 000 Rubel.

Das Absatzgebiet der polnischen Textilindustrie liegt
nur zum geringen Teil in Polen. Polen selbst nimmt nur ungefähr
l/io der Erzeugnisse seiner Industrie auf, während eho in das
übrige europäische und asiatische Rußland versandt werden. Von
anderer Seite wird der Absatz der polnischen Textilindustrie auf
den russischen und asiatischen Märkten auf SU der Produktion
geschätzt. Neben dem Territorium des Weichselgebietes werden zu-
nächst die westlichen, südlichen und südwestlichen Teile Rußlands
mit den Erzeugnissen der polnischen Textilindustrie versorgt. Es
handelt sich hier um Landesteile, die ehemals zum polnischen
Königreich gehörten, nämlich Podolien, Wolhynien und Littauen.
Im Norden wendet sich der Absatz der Textilindustrie nach den
Ostsee-Provinzen, in denen insbesondere Riga Garne und Fertig-
fabrikate aufnimmt. Auch Petersburg nimmt einen nicht unbe-
deutenden Teil der polnischen Textilerzeugnisse auf. Im Süden
erstreckt sich das Absatzgebiet der polnischen Textilindustrie bis zum
Don. Haupthandelsplätze sind hier ftir polnische Textilwaren Odessa
und Berditschew. Bedeutender als nach den vorgenannten Gegenden
ist der Absatz nach Zentral-Rußland. Hier nehmen insbesondere
Moskau, Nischnij Nowgorod und Wladimir große Mengen auf.
Der Kaukasus und das asiatische Rußland haben sich immer mehr
als gute Aufnahmemärkte für polnische Textilwaren entwickelt.
Über die Grenzen des russischen Reiches hinaus hat jedoch Polen
        <pb n="27" />
        ﻿seine Textilerzeugnisse noch nicht absetzen können. Es liegt das
daran, daß die polnische Textilindustrie namentlich infolge der
hohen Zölle auf Rohmaterialien zu teuer produziert, sodaß sie
mit der deutschen und der englischen Textilindustrie, die den Welt-
markt beherrschen, nicht in Konkurrenz treten kann. Deshalb har
auch die Ausfuhr nach China und Persien und der Türkei trotz
der staatlichen Subvention von Exportgesellschaften keinen Raum
gewinnen können.

Montanindustrie.*) Nächst der Textilindustrie ist die
Montanindustrie Russisch-Polens von besonderer Bedeutung.

Russisch-Polen ist reich an Bodenschätzen und zwar haupt-
sächlich an Steinkohlen, Eisen-, Zink-, Blei- und Kupfererzen.

Die Geschichte der polnischen Montanindustrie beginnt erst
nach der dritten Teilung Polens, als unter der Leitung des
preußischen Staatsministers Graf Reden in Russisch-Polen,
ebenso wie in dem benachbarten Oberschlesien, die ersten größeren
Steinkohlengruben ins Leben gerufen wurden. Noch heut trägt
das mächtigste Steinkohlenflöz in Russisch-Polen Redens Namen.

Steinkohlenbergbau. Geologisches. Die Steinkohlen-
gebirgsschichten treten hauptsächlich im Kreise Bendzin in der
Gegend von Dombrowa auf; sie bilden einen Teil des großen
mährisch-schlesisch-polnischen Steinkohlenbeckens. Die Ausdeh-
nung der Steinkohlensormation erstreckt sich nach Osten bis etwa
an eine Linie von Sombkowice in südöstlicher Richtung über
Sarnow-Slawkow bis in die Gegend südlich von Olkusz. Das
Areal der flözführenden Kohlenformation im russisch-polnischen
Jndustriebezirk beträgt nach deutscher Schätzung etwa 400 qkm,
während die amtlichen russischen Berichte ein erheblich größeres
Areal, nämlich 800 qkm, als kohleführend annehmen. Der Vor-
rat an abbauwürdiger Kohle wird nach einer Schätzung des russi-
schen Geologen Czarnocki aus dem Jahre 1909 nach Abzug der
Abbauverluste auf über 2 Milliarden Tonnen angegeben, was zu-
treffen dürfte. Was die Schichtenfolge anlangt, so handelt es sich
um die gleichen Schichten, welche in Oberschlesien bei Zabrze,
Beuthen und Myslowitz auftreten und nach Polen hinüber-
streichen; sie finden ihre Fortsetzung in Galizien bei Jaworznv,
Sierza und Tenczynek.

In Polen findet eine Verschmelzung der Schichten in
östlicher Richtung statt; die Sattelflöze Oberschlesiens haben sich
zu einem einzigen Flöz, dem Redenflöz, vereinigt, das hier die

*) Quellenangabe s. am Schluß.

26
        <pb n="28" />
        ﻿außerordentliche Mächtigkeit von 12—18 m aufweist. Die
Hangenden Karwiner Schichten und die liegenden Ostrauer
Schichten sind gleichfalls zusammengeschmolzen; auch diese Schich-
tn enthalten eine Anzahl bauwürdiger Flöze von ansehnlicher
Mächtigkeit.

Die Schichten des Steinkohlengebirges treten an zahlreichen
Punkten zu Tage, überall sonst wird das Karbon von den jün-
geren Schichten der Trias, des Tertiärs und des Diluviums über-
lagert. Die Mächtigkeit dieser Schichten ist jedoch nicht bedeu-
tend, so daß die Tiefe der Schächte in: allgemeinen gering ist.
In Dombrowa wurde früher sogar das mächtige Redenflöz im
Tagebau gewonnen.

Die Lagerung der Steinkohlengebirgsschichten ist verhält-
nismässig wenig gestört. Größere Faltenverwerfungen sind nicht
vorhanden. Dagegen treten eine Anzahl meist nordsüdlich ver-
laufender Sprünge auf, die namentlich im westlichen Teile des
Gebietes fiir den Bergbau störend sind.

Die Wasserführung der Schichten ist im allgemeinen nicht
bedeutend. Mit größeren Wasserschwierigkeiten haben die Gruben
hauptsächlich dort zu kämpfen, wo das Steinkohlengebirge die
stark Wasser führenden Schichten der Trias unterlagert.

Steinkohlen finden sich auch noch in den Schichten der
Keuperformation weiter südlich in der Gegend von Blanowicc
und Zawierce. Diese sogenannten Moorkohlen sind in Flözen
entwickelt, die geringe Stärke besitzen (bis 2 m) und verhältnis-
mäßig aschereich sind. Sie werden in mehreren Gruben abgebaut,
dienen meist Jndustriezwecken, sind aber auch für Hausbrand-
zwecke im näheren Umkreise gut verwendbar.

Beschaffenheit der Kohlen. Die Kohlen aus den
verschiedenen Gruben und Flözen des Dombrowaer Beckens sind
verhältnismäßig wenig von einander verschieden. Sie gehören
durchweg zur Gattung der nicht backenden Magerkohlen. Infolge
ihres starken Sauerstoffgehaltes brennen sie mit langer Flamme.
Die Menge der flüchtigen Bestandteile beträgt 40%, der mitt-
lere Heizwert der lufttrockenen Kohle 6600 Wärmeeinheiten. Der
Aschengehalt, der starken Schwankungen unterworfen ist, ist recht
hoch, er beträgt im Durchschnitt über 7

Zur Herstellung von Koks- und Leuchtgas ist die Dombro-
waer Kohle nicht geeignet.

Im folgenden seien einige Analysen von polnischen Kohlen
mitgeteilt. Es enthielt die Kohle im ursprünglichen Zustande:

27
        <pb n="29" />
        ﻿Name der Grube	Kohlen-  stoff	Wasser-  stoff	Stick-  stoff	Schwefel	Wasser	Asche	Sauer-  stoff
Czeladz	67,46	3,68	0,74	0,81	8,82	5,85	12,64
Saturn	69,39	4,08	0,79	0,41	7,65	5,07	12,61
Renard	67,27	4,00	0,84	0,88	10,46	5,71	10,84
Kasimir	61,99	3,63	0,66	1,19	12,48	7,94	12,11

Man ersieht aus diesen Zahlen, daß die Dombrowaer Kohle
der oberschlesischen Kohle wesentlich an Güte nachsteht. Die ober-
schlesische Kohle hat wesentlich höhere Heizkraft und geringeren
Aschegehalt. Ferner sind die Kohlen aus zahlreichen oberschlesi-
schen Flözen zum Verkoken oder zum Vergasen geeignet.

Erwähnt sei hier, daß die Dombrowaer Kohle auch von der
Donezkohle an Güte stark übertroffen wird. Das Donezrevier
liefert säst alle Sorten von Kohlen, nämlich Antrazit, Kokskohle,
Gaskühle, wenig backende Kohle und Magerkohle. Der Heizwert
soll bei der Donezkohle im Durchschnitt 7500 Wärmeeinheiten
betragen. Das Wertverhältnis der Dombrowaer Kohle zur Donez-
kohle wurde 1913 von Münzer (Analysen russischer Kohle und
kurze Charakteristik der Hauptkohlenlagerstätten Rußlands) mit
121 : 100 angegeben. Frühere Berechnungen bestimmten es mit
130 : 100.

Die Steinkohlenindustrie Polens liegt in den Händen der
nachstehenden Gesellschaften, welche im Jahre 1913 die angege-
benen Mengen gefördert haben:

Tonnen %

Sosnowicer Kohlengruben- und Hüttenanlagen-Gesellschaft

(Gruben Niwka, Klimontow I und II, Mortimer, Milvwice) 1 472 661	21,55

Montan-Gesellschaft Saturn (Gruben Saturn, Jupiter!	-	852 624	12,48

Montau-Gesellschaft Graf Renard (Gruben Graf Renard,

Andreas II).............................................. 704	201	10,31

Warschauer Kohlengruben- und Hüttenanlagen-Gesellschaft

(Gruben Kasimir, Jakob).................................. 876	465	12,83

Französisch-italienische Gesellschaft der Dombrowaer Stein-
kohlengruben (Gruben Paris, Koszelew).................... 660	332	9,66

Czeladzer Steinkohlengruben-Gesellschaft (Grube Czeladz)	617 363	9,03

Grodziecer Steinkohlengruben- und Industrie-Gesellschaft

(Grube Grodziec II)...................................... 642	288	9,40

Gewerkschaft Flora (Gruben Flora, Franz)................. 395	865	5,79

Französisch-russische Bergbau-Gesellschaft (Grube Reden)	274 032	4,01

C. G. Schoen (Grube Anton)................................ 97	288	1,42

14 kleinere Gruben verschiedener Besitzer (Andreas III,

Alma, Rudolf, Grodziec I, Stanislaus, Florian, Wanczyk,

Helene, Amerika, Nikolaus, Alwine, Zdzislaw, Lilit)	240 469	3,52

Summe Steinkohlen 6 833 588	100,00

28
        <pb n="30" />
        ﻿Aus dieser Zusammenstellung geht hervor, daß 95 % der
gesamten Kohlenförderung sich in den Händen von neun Ge-
sellschaften befinden, deren jede über 250 000 Tonnen fördert.
Die Anlage- bezw. Aktienkapitalien der Steinkohlengruben-

Gesellschaften des Dombrowaer Bezirks sind im folgenden zu-
sammengestellt:

Sosnowicer Kohlengruben- und Hüttenanlagen-Gesellschaft 9 750 000 Rubel

Montau-Gesellschaft Saturn . ................................. 5	000	000	„

Warschauer Kohlengruben- und Hüttenanlagen-Gesellschaft 3 000 000	„

Montan-Gesellschaft Graf Rennrd............................... 7	098	970	„

Französisch-italienische Gesellschaft......................... 2	250	000	„

Czeladzer Steinkohlengruben-Gesellschaft...................... 9	750	000	„

Gewerkschaft Flora .'......................................... 1	050	000	„

Französisch-russische Bergbau-Gesellschaft ................... 2	250	000	„

Grodzieeer Steinkohleugruben- u. Industrie-Gesellschaft . . 2 625 000	„

Die Hauptgruben waren ursprünglich im Besitz des Staates.
Ein Teil der Gruben befand sich in deutschen Händen und ge-
langte zu verhältnismäßiger Blüte, bis Regierungsmaßnahmen
verschiedener Art die Deutschen zwangen, ihren Besitz zu ver-
kaufen. Die meisten Werke wurden gegründet und kainen dann
in inobiler Form hauptsächlich in französische Hände. Auch die
Staatsgruben wurden an französische Gesellschaften verkauft oder
verpachtet. Die meisten Gruben, auch diejenigen mit deutschem
und polnischem Namen, sind daher heut im Besitz französischer
Gesellschaften. Nur wenige Gruben, wie Saturn und Grodziee,
sind in deutschen Händen geblieben. Russen und Polen sind nur
in geringem Umfange an der Industrie beteiligt.

Im folgenden werden über die wichtigsten Gesellschaften,
die in Russisch-Polen Steinkohlenbergbau treiben, nähere Mit-
teilungen gemacht; hierbei ist das Aktienkapital sowie die För-
derung der einzelnen Gruben nochmals angegeben.

Die Sosnowicer Gesellschaft fiir Koh-
lengruben, Erzgewinnung und Hiittenbetrieb
in Sosnowice (Sosnowicer Aktien-Gesellschaft) ist eine
französische Gesellschaft. Sie erwarb im Jahre 1890 von dem
deutschen Besitzer von Kramsta Kohlen- und Galmeigruben und
Zinkhütten. 1912/13: Aktienkapital 9 750 000 Rubel, dazu an
Obligationen (1912/13) 5 312 437 Rubel. Dividende 12 %•»
Gruben: Niwka (427 696 t), Klimontow I (186 187 t), Kli-
montow II (2 782 t), Klimontow III (noch nicht im Betrieb),
Mortimer (208 161 t), Milowice (647 835 t).

D i e Montan-Gesellschaft Saturn in Sos-
nowice wurde im Jahre 1890 von deutschen und Lodzer
Kapitalisten gebildet. Hauptaktionär ist der Industrielle von

29
        <pb n="31" />
        ﻿Scheibler in Blumerode bei Breslau. Die Gesellschaft erwarb
vom Fürsten Hohenlohe die Saturngrube bei Czeladz sowie Zink-
und Bleierzgruben. Inzwischen hat sie noch eine neue Anlage,
die Jupitergrube in Wojkowice, errichtet. 1912/13: Aktien-
kapital 5 Millionen Rubel. Obligationen 2 175 500 Rubel.
Dividende 14%. Gruben: Saturn (833 104 t) und Jupiter
(19 520 t).

D i e Warschauer Gesellschaft für Stein-
kohlengruben und Hüttenindustrie befindet sich
hauptsächlich in polnischen Händen. Sie betreibt die Kasimir-,
Felix- und Jacobgrube in Niemce bei Granica und hat ferner
die Juliusgrube bei Porombka angelegt. 1912: Aktienkapital
3 Millionen Rubel. Dividende 17,5 %;. Gruben: Kasimir mit
Jacob (876 465 t).

Die Gewerkschaft Graf Renard ist eine der
ältesten Gesellschaften im polnischen Jndustriebezirk. Sie Ivar
früher eine deutsche Gesellschaft, die von dem Grafen Renard
gegründet wurde. Seit dem Jahre 1884 befinden sich jedoch die
meisten Kuxe in französischen Händen. Die Gesellschaft besitzt
außer zwei Steinkohlengruben ein Rohrwerk und eine große
Brauerei. 1912/13: Kapital 7 686 873 Rubel. Dividende
400 000 Rubel. Gruben: Graf Renard (662 472 t) und An-
dreas II (41 729 t). Die Gewerkschaft gehört zum Konzern
der Huta Bankowa und der französisch-russischen Gesellschaft;
dieser Konzern ist vom Credit Lyonnais abhängig.

Die französisch-italienische Gesellschaft
wird gleichfalls mit französischem Kapital betrieben. Sie hat
vom russischen Staate die Koszelewgrube auf 90 Jahre gepachtet
und ferner die Paris-Grube bei Dombrowa erworben. 1912/13:
Anlagekapital (Aktien und Obligationen) 3 615 188 Rubel.
Dividende 675 000 Rubel. Gruben: Paris und Koszelew
(660 332 t).

Ebenso ist die Kohlengrubengesellschaft
Czeladz eine französische Gesellschaft. 1912: Aktienkapital
3 750 000 France, Amortisationsfonds 2 521 354 Francs. Grube:
Czeladz (617 363 t).

Die Anteile der Steinkohlen-Aktiengesell-
schaft Flora in Dombrowa sollen hauptsächlich in den
Händen der österreichischen Länderbank sein. Der Sitz der Ver-
waltung ist Warschau. 1912: Aktienkapital 1 050 000 Rubel.
Dividende 10 %. Gruben: Flora (389 596 t), Franz (6 269 t).

30
        <pb n="32" />
        ﻿D i e französisch-russische Gesellschaft ist
gleichfalls in französischen Händen. Sie hat vom russischen
Staate die Reden- und Thadeusgrube sowie ferner Galmeigruben
und Zinkhütten gepachtet. 1912/13: Aktienkapital 2 250 000
Rubel, Amortisationsfonds 2 816 653 Rubel. Grube: Reden
(274 032 t).

Die Grodziecer Gesellschaft für Kohlen-
gruben und Industrie-Anlagen in Grodziec
bei Bendzin betreibt die gleichnamige Grube. Die Hauptaktionäre
sind Fürst Henckel von Donnersmarck und Geheimer Kommerzien-
rat von Friedlaender-Fuld. Außerdem ist an der Grube auch
polnisches Kapital beteiligt. 1912: Anlagekapital 3 501 000 Ru-
bel. Obligationen 1 130 556 Rubel. Dividende 10.%. Grube:
Grodziec II (642 289 t).

Die Antongrube befindet sich im Besitz der deutsch-
russischen Kapitalisten Schön &amp; Lamprecht. Der Besitz soll in
Umwandlung in eine russische Aktiengesellschaft begriffen fein.
Das Anlagekapital ist nicht bekannt.

Im folgenden ist die Förderung der polnischen Gruben und
zum Vergleich diejenige des oberschlesischen, des Ostrau-Karwiner
und des galizischen Beckenanteils im Jahre 1913 mitgeteilt.

Es förderten:

die oberschlesischen Gruben .....	43 801	056	t

„	Ostrau-Karwiner Gruben . . . .	9 376	513	t

„	galizischen Gruben ......	1 970	705	t

„	russisch-polnischen Gruben ....	6 833	587	t

Die Förderung der polnischen Gruben könnte ohne be-
sondere Schwierigkeiten auf das Doppelte bis Dreifache ihrer jetzi-
gen Höhe gesteigert werden.

Zum Vergleich sei ferner noch die Förderung aus den
anderen russischen Kohlenbezirken angegeben:

Donezrevier .	.	.	.	.

Dombrowaer Revier . .
Ural .......

Moskauer Revier	.	.	.

Kaukasus................

Turkestan ......

West-Sibirien	.	.	.	.

Oftz-Sibirien .	.	.	.	^

Zusammen

1911  1000 Pud		Tonnen
1 209 710	=	19 815 049
360 400	—	5 903 352
41 800	—	684 684
10 860	—	177 887
3 380	=	55 364
3 500		57 330
31 437		514 938
64 356	—	1 054151
1 725 443	—	28 262 755

31
        <pb n="33" />
        ﻿Das Königreich Polen steht also unter den kohleliefernden
Bezirken Rußlands an zweiter Stelle. Das Donezbecken liefert
etwa 70,7.%; und das Dombrowaer Becken ungefähr 21,1% der
in Rußland geförderten Kohle.

Nach der Teilung des Kreises Bendzin in ein deutsches
und ein österreichisches Verwaltungsgebiet liegen im deutschen
Verwaltungsgebiete folgende Gniben mit einer Jahresförderung
im Jahre 1913:

1. Saturn und Jupiter . . .	mit	852 624 Tonnen Kohle		
2. Czeladz		„	617 363	„	„
3. Milowice 		„	647 835	„	„
4. Grodziec I		„	62 322	„	„
5. Grodziec II .....	„	642 229	„	„
6. Graf Renard		„	662 472	„	„
und Andreas II . . .	„	41 729	„	„
7. Anton .......	„	97 288	„	„
8. Alma 			„	37 198	„	„
9. Andreas III .....	„	44136	„	„
10. Kleinere Förderungen mit	ca.	50 000	„	„
Die gesamte Förderung betrug				
demnach 1913 .....	. 3 755 196		Tonnen Kohle.	
Im österreichischen Gebiet liegen die Gruben:				
1. Flora und Franz ....	mit	395 865 Tonnen Kohle		
2. Reden 			„	274 032	„	
3. Mortimer		„	208 161	„	„
4. Paris-Koszelew .....	„	660 332	„	„
5. Niwka ........	„	427 696	„	„
6. Klimontow		„	188 968	„	„
7. Kasimir-Jacob .....	„	876 465	„	„
8. Kleinere Förderungen	mit	ca.	20 000	„	„

insgesamt mit 3 051 519 Tonnen Kohle.

. Die Gruben im deutschen Verwaltungsgebiet fördern dem-
nach: 3,755 Millionen Tonnen Kohle, diejenigen im österreichi-
schen Verwaltungsgebiet: 3,052 Millionen Tonnen Kohle. Die
Differenz ist also nicht erheblich.

I in übrigen ergibt ein Vergleich zwischen
den beiden Gebieten, welche unter öster-
reichischer und deutscher Verwaltung st e h e n ,
ganz erhebliche Vorteile für das österreichi-
sche Gebiet. Diese zeigen sich in der Tatsache, daß die
Flöze des österreichischen Teiles des Kreises Bendzin, wenn-

32
        <pb n="34" />
        ﻿gleich ihre Ablagerungen auch von einigen größeren Sprün-
gen durchsetzt werden, ungestörter sind als die von zahlreichen
kleineren Störungen betroffenen Flözpartien der Gruben des
deutschen Verwaltungsgebietes. In dem erstgenannten Gebiete
sind die Flöze auf größere Erstreckung hin in gleichmäßiger Stärke
entwickelt und im allgemeinen von einer durchschnittlich größeren
Mächtigkeit als in den deutschen Gebieten. Die regelmäßige
Lagerung dieser einzelnen Flözpartien gewährleistet auch eine
durchgängig günstigere Kohlenqualität gegenüber den Kohlen der
deutscherseits verwalteten Gruben.

Die betrieblichen Einrichtungen, Arbei-
te r v e r h ä l t n i s s e pp. Hierüber geben folgende statistische
Mitteilungen aus 1912 Aufschluß:

Zahl der Schächte:

Förderschächte	51

Wasserhaltungsschächte 12
Andere Schächte	67

zusammen 130 (1911: 120
1910: 133, 1909: 129)

Dampfkessel: 317

Pferde:	969 (1911: 1087, 1910: 1129, 1909: 1206).

Dampfmaschinen (1911):

38 mit 2 695 ?S zur Förderung | zusammen
68 „	8 642 „	„ Wasserhaltung 295 mit 30 240

189 „ 18 903 „ zu anderen Zwecken j PS

Materialien verbrauch:

Holz 5 319 577 Kubikfuß, Pulver 2 404 765 Pfd,, Dynamit 626 428 Pfd.
(darunter 29 740 Pfd. Miedziankit), andere Sprengstoffe für 79 496 Rubel.

Arbeiter:

eigentliche Bergleute.............................5121

Gehilfen:

unter Tage................................. 9 964

über Tage, männlich........................ 6 736

„	„ , weiblich.........................1 076

zusammen 22 897

Löhne (Rubel):

insgesamt pro Schicht

der eigentlichen Bergleute............. 3 309 348	2,20

der Gehilfen:

unter Tage...................... 3 439 965	1,18

über Tage, männlich .... 2 322 125	1,18

„	„ , weiblich . . .	180 795________0,57

Zusammen 9 252 233 j 3g

Die Jahresleistung, berechnet auf den Kopf der beschäftigten
Arbeiter, stellte sich im Jahre auf rund 222 Tonnen. In Ober-
schlesien betrug die Jahresleistung im Jahre 1912 je Kopf 344
Tonnen. Man kann also sagen, daß die Löhne der Dombrowaer
        <pb n="35" />
        ﻿Bergarbeiter hinter denen der oberschlesischen Arbeiter wesentlich
zurückstehen, daß aber auch die Leistung der ersteren erheblich ge-
ringer ist. Diese geringere Leistung ist, abgesehen von den vielen
gesetzlichen Feiertagen Rußlands, zum Teil auch darauf zurückzu-
führen, daß die Einrichtungen der polnischen Gruben denjenigen
der oberschlesischen nachstehen. Allerdings haben sich die polnischen
Bergwerke in den letzten Jahren bemüht,, ihren Betrieb mit den
neuesten Errungenschaften der Technik auszustatten. Jmnierhin
sind ihre Einrichtungen denen der oberschlesischen nicht ebenbürtig.
Es dürfte keinem Ziveifel unterliegen, daß der Betrieb der
polnischen Gruben auch in technischer Hinsicht noch außerordent-
lich verbesserungsfähig ist.

Absatzverhältnisse im Jahre 1913. über die
Absatzverhältnisse der polnischen Gruben geben folgende Zahlen
Aufschluß:

Verkaufte Kohle in

Auf der	Grube (Kumulativ)................ 421	929	t	6,78	%

Mit der	Eisenbahn an	eigene Werke	....	79	792	t	1,28	%

Mit der	Eisenbahn an	fremde Abnehmer . .	5 719	096	t	91,86	%

Auf dem	Wasserwege	.............................. 5086	t	0,08	%

zusammen	6 225	903	t	100,00	%

Selb st verbrauch:

Arbeiterhäuser, Schlafhäuser, Grubeugebäude	.	134131	t	21,83	%

Dampfkesselfeueruug.............................. 470	702	t	76,61	%

Für verschiedene andere Zwecke..................... 6	155	t	1,00	%

Mit der Eisenbahn verschickt....................... 2	745	t	0,45	%

Als wertlos abgesetzt...............................  719	t	0,11	%

zusammen 614 452	t	100,00	%

Insgesamt:	Verkauf 91,02 %, Selbstverbrauch 8,98 %

(Oberschlesien)	„	91,66 %,	„	8,34 %)

Versand mit der Eisenbahn:

Innerhalb des Königreichs Polen.............. 5 105 622 t 88,00 %

Stach Rußland ............................... 635173	t	10,20	%

Über die Grenze................................... 60	838	t	0,98	%

Versand auf dem Wasserwege:
Innerhalb des Königreichs Polen 4 204 t
Über die Grenze.......... 882 t

0,07 %
0,01 %

des Verkaufs.

Lic russischen Staatsbahnen verbrauchten 1911:

196 530 000	Pud	oder	58,36	% Donezkohle

42 000 000	„	„	12,47	%	Dvmbrvwaer Kohle

87 200 000	„	„	25,90	%	Ural- und sibirische	Kohle

3 400 000	„	„	1,02	%	Moskaukvhle

2 200 000	„	„	0,65	%	Tibulsker und Fergausker Kohle

5 400 000	„	„	1,60	%	Ussurische Kohle.

34
        <pb n="36" />
        ﻿Über die Bestimmung der im Jahre 1913 mit der Eisen-
bahn verfrachteten Mengen polnischer Kohlen gibt die nachstehende
Tabelle Aufschluß. Es gingen

an die Eisenbahnen.............................. 1 273 594 Tannen

„	die Metallhütten............................. 390 516	„

„	Zuckerfabriken............................... 225 798	„

„	Metall- und mechanische	Fabriken........ 244 095	„

„	Spinnereien ................................. 799180	„

„	sonstige gewerbliche	und	Fabrikanlagen ...	1 386158	„

„ staatliche, gemeindliche, Gesellschafts- und Land-

wirtschastsanlagen........................ .	75 823	„

„ sonstige Abnehmer............................. 1 430 040	„

Die Dombrowaer Kohle ist hiernach fast ausschließlich,
nämlich zu rund 90 %\ im Lande selbst verbraucht worden. Nur
10-% sind nach dem eigentlichen Rußland gegangen und nur
geringe Mengen gelegentlich nach Deutschland und Österreich.

Erwähnt sei hier, daß für viele industrielle Zwecke die ge-
ringwertige Dombrowaer Kohle nicht geeignet ist. Infolgedessen
wurden bedeutende Mengen oberschlesischer Kohle nach Polen
und Rußland eingeführt. Im Jahre 1913 betrug die Einfuhr
oberschlesischer Kohle nach Rußland 1 669 348 t. Hiervon gingen
511 567 t nicht nach Polen, sondern nach dem eigentlichen Ruß-
land. Die grüßten Posten oberschlesischer Kohle wurden in beit
Lodzer Fabriken und in den Warschauer Gasanstalten verbraucht.

Lraunkohienvergvau. In den jüngeren Schichten der Ter-
tiärformation sind Braunkohlen an zahlreichen Stellen bekannt,
doch sind verhältnismäßig wenig Vorkommen bis jetzt aufge-
schlossen. Braunkohlen finden sich namentlich im Grenzgebiete
gegen die Provinzen Ostpreußen und Posen. Ferner find in den
letzten Jahren, soweit Nachrichten vorliegen, an mehreren anderen
Stellen, namentlich in der Gegend von Lodz und Warschau durch
Bohrunternehmer Braunkohlenflöze erbohrt worden; doch gestatten
die bisherigen Unterlagen noch kein endgültiges Urteil über den
Wert dieser Aufschliisse. Man kann aber mit gewisser Wahrschein-
lichkeit rechnen, daß eine systematische Durchforschung des Unter-
grundes wichtige weitere Anhaltspunkte liefern würde, da die all-
gemeinen geologischen Vorbedingungen für das Vorhandensein
von Braunkohlen in weiten Gebieten gegeben find.

Die Braunkohlengruben im Gouvernement Petrikau sind
in der folgenden Zusammenstellung angegeben.

35
        <pb n="37" />
        ﻿Name	Ort	Eigentümer	Förderung 1913 in t
Elka	bei Lazy	K. Modzelewski	24 936
Helena	bei Zawierce	Sosnowicer Röhrenwerke	6 124
Kamilla	Ciagowice  Post Zawierce	F. Morkis	22 259
Katharina	Poremba  Post Zawierce	Akt.-Ges. Poremba	84 547
Kasimir	Blanowice  Post Zawierce	Delikatny	325 *
Nierada	Nierada  Post Zawierce	P. Strzeszewski	18 216
Teodor	Goluchowiee Post Zawierce	Heinrich Berndt	2 063 **
		In 1913 zusammen:	155 082

Über den Absatz an Braunkohlen geben folgende Mitteilun-
gen Aufschluß:

Selbstverbrauch der Gruben . .	8	661	t	—	5,61 %

Verkauft .........	145	769	t	—	94,39 %

Hiervon wurden auf den Gruben

verkauft..................... 35	967	t	=	24,67 %

Versand mit der Bahn ....	109	802	t	—	75,33 %

Die mit der Bahn versandten Braunkohlen blieben sämtlich
im Königreich Polen.

Die Zahl der beschäftigten Arbeiter war gering. Sie betrug
an eigentlichen Bergleuten ......	281

an Hilfsarbeitern (männlich)

unter Tage .......	28

über Tage	................  199

zusammen 508.

Der Verdienst belief sich

bei den eigentlichen Bergleuten auf 1,14 Rubel
bei den Hilfsarbeitern

unter Tage	...	„ 0,81	„

über Tage	...	„1,00	„

Über die etwaige Förderung an Braunkohlen aus den
anderen Gouvernements waren Angaben nicht zu erlangen.

*) Förderung aus 1910, da Förderung später eingestellt.

**s Förderung aus 1911, da Förderung später eingestellt.
        <pb n="38" />
        ﻿Eisenerzbergbau. Geologisches. Die Eisenerzlager-
stätten Russisch-Polens sind von sehr erheblicher Bedeutung.

Am verbreitetsten sind die Raseneisenerze. Sie
treten nahe der Erdoberfläche in verhältnismäßig geringer
Mächtigkeit an zahlreichen Punkten auf und haben häufig eine
große flächenhafte Ausdehnung. Bergmännisch sind sie stets leicht
abzubauen. Vorkommen von Raseneisenerzen sind besonders in
den Gouvernements Warschau und Kalisch zwischen Lenczyca und
Warschau, dann südlich von Kalisch, in der Umgegend von Last,
im Gouvernement Petrikau und in der Umgegend von Radom
nachgewiesen. Die Raseneisenerze dienen und zwar zum Teil in
umfangreicher Weise als Zuschlagsmaterial zu den übrigen Eisen-
erzen.

Im Kreise B e n d z i n komnien Eisenerze in Triasschichten
und zwar im Muschelkalk und iin Keuper als Brauneisen-
erze vor. In ihrer Zusammensetzung und in ihrem Auftreten
gleichen sie völlig den Erzen des oberschlesischen Jndustriebezirks
in der Gegend von Tarnowitz und Beuthen. Der im Muschel-
kalk vorhandene Vorrat an Brauneisenerzen darf als sehr be-
deutend angenommen werden.

Große Wichtigkeit kommt den T o n e i s en erz l a g er-
st ä t t e n der Juraformation in den Kreisen W i e l u n und
C z e n st o ch a u zu. Diese Erze treten hauptsächlich an dein
Westrande des Höhenzuges auf, der sich von Wielun über Czen-
stochau in südöstlicher Richtung bis in die Gegend von Olkusz
erstreckt. Die Erze sind Toneisensteine, die die Schichten des
braunen Jura in zahlreichen Bänken von allerdings meist nur
geringer Mächtigkeit durchsetzen. Da sie in geringer Tiefe auf-
treten, sind sie leicht zu gewinnen. Alsdann ist zu beachten, daß
diese Erze den oberschlesischen Eisenhütten verhältnismäßig nahe
liegen. Zur Zeit wird das Vorkommen durch eine Anzahl Gruben,
die den Eisenhütten des polnischen Jndustriebezirks gehören, aus-
gebeutet. Die jährliche Förderung beträgt etwa 300 000 Tonnen.
Der vorhandene Erzvorrat ist, wie viele Untersuchungen ergeben
haben, ein ganz bedeutender. Daß die Förderung zur Zeit noch
nicht erheblich ist, ist darauf zurückzuführen, daß die polnischen
Eisenhütten kein Interesse daran hatten, die Förderung über
ihren eigenen Bedarf hinaus zu steigern. Eine Ausfuhr nach
Oberschlesien war infolge des Ausfuhrverbots der russischen Re-
gierung nicht möglich.

37
        <pb n="39" />
        ﻿Eisenerze treten ferner im Gouvernement K i e l c e in
den älteren Gebirgsschichten, die das polnische Mittelgebirge
bilden, auf und zwar als Braun- und R o t e i s e n st e i n e.
Auch findet man hier auf den Kluftflächen der Erzlagerstätten
sowie auch an sonstigen Kluftflächen besonders wertvolle Man-
ganerze.

Ferner werden Brauneisenerze in dem westlichen Teil des
Gouvernements Radom, in den Kreisen Jlza, Konst
und Opoczno abgebaut. Die hauptsächlichsten Gruben liegen
bei Suchednia, Chlewiska, Szydlowiec, Ostrowiec, Nieklan,
Wierzbnik und Konsk; gleichartige Vorkommen reichen auch in
den Kreis Kielce hinein. Nach den amtlichen russischen Schätzun-
gen beträgt der nachgewiesene Vorrat dieser Eisenerze über
3 Millionen Tonnen, in Wirklichkeit ist er aber sehr viel größer.
Die Erze treten meist in der Trias- und untergeordnet auch in
der Juraformation auf.

Diese Eisenerzgebiete in den Gouvernements Kielce und
Radom, die zur Zeit unter österreichischer Verwaltung stehen, sind
von ganz erheblichem Werte, welcher noch erhöht wird durch die
Tatsache, daß es sich hier nicht nur um Eisenerze handelt, sondern
daß gleichzeitig auch Kupfer- und Bleierze vorkommen. Die
Eisenerzlagerstätten dieser Gegend sind erheblich reichhaltiger und
vielseitiger als in den an Oberschlesien angrenzenden unter deut-
scher Verwaltung stehenden Gebieten; es kommen hier nicht nur
die ärmeren Eisenerze in Frage, welche der Jura-, Keuper- und
Triasformation angehören, sondern auch hochprozentige Eisen-
erze älterer Schichten. Ferner hat das Auftreten älterer Gebirgs-
schichten, die ihrem geologischen Alter nach denen des Harzes
oder des Thüringer Waldes in Deutschland entsprechen, auch das
Vorkommen anderer nutzbarer Gesteine (Marmor, Kalksteine,
Quarzite) zur Folge, welche den Wert gerade dieses Gebietes
ganz besonders erhöhen. Der allgemeine Wert der Eisenerze,
welche die Grundlage geworden sind für eine ausgedehnte Eisen-
hüttenindustrie, wird insbesondere durch die Tatsache noch erheb-
lich gesteigert, daß die Eisenerze hier sämtlich mehr oder weniger
erheblichen Gehalt an Mangan ausweisen.

Bezüglich der Eigenschaften der einzelnen Erze sei noch be-
merkt, daß die Raseneisenerze zum Teil sehr phosphor-
reich sind. Man kann jedoch im Martinbetrieb jetzt auch phos-
phorreiches Material verarbeiten. Die dabei fallende Schlacke ist
bekanntlich ein wertvolles Düngemittel. Der Eisengehalt der

38
        <pb n="40" />
        ﻿polnischen Raseneisenerze beträgt im Durchschnitt im getrockneten
Zustande etwa 35—40 %„ Bisher sind Raseneisenerze nur in
geringem Umfange gefördert worden.

Auch die Brauneisenerze sind in Russisch-Polen noch
fast unverritzt, so daß viele frische Förderungen eingerichtet
werden können. Ihr Eisengehalt beträgt im trockenen Zustande
etwa 35 %. Er ist also ein recht hoher, wenn man berücksichtigt,
daß die oberschlesischen Brauneisenerze meist wesentlich gering-
haltiger sind.

Die Toneisensteine haben in rohem Zustande 25
bis 35 %, Eisen; durch Rösten läßt sich der Gehalt jedoch auf
40—48 %; erhöhen.

Die genannten Erze sind hiernach keine hochprozentigen
Erze, jedoch bilden sie ein außerordentlich wertvolles Zuschlags-
material.

Erivähnt sei noch, daß in Russisch-Polen noch große
Mengen von alten Eisenschlacken vorhanden sind. Der Eisen-
gehalt dieser Schlacken beträgt 30—43 %i. Auch sie würden für
den oberschlesischen Hüttenbetrieb ein wertvolles Zuschlagsmaterial
bilden.

Nach den bisherigen Schätzungen der russischen Geologen
sind in Polen Eisenerze in einer Gesamtmenge von 300—600
Millionen Tonnen vorhanden. Die Vorräte sind also sehr be-
deutend. Für die Zukunft der oberschlestschen Eisenindustrie ist
es von grundlegender Bedeutung, daß namentlich die Toneisen-
steinvorkommen, die sich entlang der oberschlesischen Grenze hin-
ziehen, in deutschen Besitz gelangen. Aber auch das Eisenerz-
gebiet der Gouvernements Radom und Kielce ist, wie ausgeflihrt,
von großem Wert; von Wichtigkeit wäre es namentlich im Hin-
blick aus den in Deutschland herrschenden Manganmangel, die
manganhaltigen Eisenerze des Radomer und Kielcer Gebietes
den oberschlesischen Hütten nutzbar zu machen. Zur Zeit gehören
diese Gebiete, wie erwähnt, zum österreichischen Interessengebiet.

Eisenerzbergbau. Die vorhandenen Eisenerz-
förderungen sind in der folgenden Zusammenstellung aufgeführt:

39
        <pb n="41" />
        ﻿Förderungen:

Gou-

vernement

N a m e

Ort

Eigentümer

Bemerkungen

Petrikau .

Kalisch
Kielce.

Radom

Barbara

Dolina

Helena

Julius

Klepaczka

Marzellina

Peter

Stanislaus

Josef

Konstantin

Kostrzyna

Przystajn

Wawrzyniec

jLaurentiusj

Mlynek

Swaty

Zrobisko

Eduard

Heinrich

Emilie

Peter

Demba

Ludwig

Hamlet

Anton

Dalaja

Dziadek

Bronislaw

Zdislaw

Krzykawa

Anna

Jadwiga

Paul

Pleschniowka

Bodzechow

bei Sosnowice

Czenstochau

„ Poraj
Sosnowice
„ Poraj

„ Sosnowice

Poraj

Wielun

bei Suchednia

Slawkow

Suchednia

Ostrowiec

Brzenkowicer
Bauernschaft
B. Hantke

Czenstochauer
Gesellschaft
Sosnowicer
Röhrenwalzwerkc
Bali Zyß

I. Riesenkampf
Galonscher
Bauernschaft

I. Riesenkampf
Jablonski

A. Wendry-
chowsky

Sujkvwski

Wendrychowsky

Akt.-Gesellschaft

Bodzechow

in Fristen
in Fristen

Verpachtet

Im Vorstand
Fürst von
Donners-
marck

in Fristen

Peter, Hamlet
und Dalaja
in Fristen

in Fristen

in Fristen

in Fristen

40
        <pb n="42" />
        ﻿Gou-  vernement	Name	Ort	Eigentümer	Bemerkungen
Radom .	Chlewiska  Gruben der Ostrowiecer Hochofen- und Hütten- gesellschaft	bei Szydlowice  „ Ostrowiec	Graf  Broel-Plater  Ostrowiecer  Gesellschaft	
"	Graf Julius Tarnowski	„ Konst	Graf  I. Tarnowski	
"	Graf Josef Plater	Furmanow bei Nieklan	Graf I. Plater	in Fristen
	Gruben der Staracho- wicer  Gesellschaft	„ Wierznik	Starachowicer  Bergbau-  gesellschaft	in Fristen

Die Förderung der Eisenerzgruben im Jahre 1912 betrug:
17 940 889 Pud — 293 872 t. Sie war am größten bei
B. Hantke (97 585 1), der Czenstochauer Gesellschaft (62 676 t)
und General Riesenkampf (60 308 t).

Es unterliegt keinem Zweifel, daß die Förderung an Eisen-
erzen auf ein Vielfaches ihrer jetzigen Menge gesteigert werden
kann. Zum Vergleich sei angegeben, daß die Förderung an Eisen-
erzen betrug:

Im Jahre	1910	in	Rußland	5 757	986	Tonnen

„	„	„	„	Österreich	4 520	880	„

„	„	„	„	Deutschland	28 697 760

Von der Eisenerzförderung Rußlands entfielen in 1910
auf Russisch-Polen 173 860 Tonnen oder 3,0 %:

13Iei-, Zink- und Kupfererzbergbau. Blei- Und Kupfer-
erze finden sich in dem palaeozoischen Gebirgszuge im Gouver-
nement Kielce. Die Kupfererze treten daselbst als Kupferlasur,
Kupfergrün, Malachit, Kupferletten und Kupferkies auf. Die
dortigen Bleierzlagerstätten sind noch verbreiteter und durchsetzen
einen großen Teil des Lysagora-Gebirges. Schon jetzt sind die
Bleierzgruben von Kielce, welche auf dem Vorkommen von blei-
erzführenden Spalten in den devonischen Kalksteinen des polni-
schen Mittelgebirges beruhen, von der österreichischen Militär-
verwaltung wieder in Betrieb genommen worden. Das gleiche
gilt von den kupfererzführenden Schichten des polnischen Mittel-
gebirges in der Gegend von Miedziana, welche namentlich in

4l
        <pb n="43" />
        ﻿früheren Zeiten Gegenstand eines lebhaften Abbaues waren,
dessen Wiederaufnahme durch die österreichische Verwaltung so-
fort in richtiger Erkenntnis der Bedeutung dieses Vorkommens
wieder in die Wege geleitet wurde.

Ferner sind die Zink- und Bleierze in den Muschelkalk-
schichten der Trias bei Olkusz zu erwähnen, die von altersher
bekannt sind. Die Bleierze werden seit Jahren an die Königlich
Preußische Vleihütte in Friedrichshütte bei Tarnowitz geliefert,
während die Zinkerze das Material für die Zinkhütten in Bendzin
und Dombrowa bilden.

Die wertvolleren Bleierzvorkommen befinden sich, wie noch-
mals ausdrücklich hervorgehoben sei, im österreichischen In-
teressengebiet.

Zinkerzgruben, über die einzelnen Zinkerzgruben, welche
sich sämtlich im Gouvernement Kielce befinden, ihre Förderung
und die daraus hergestellten Produkte gibt die nachstehende Zu-
sammenstellung Ausschluß:

Name  der  Grube	Ort	Eigentümer	Fdrdernng 1910		Auf der Wüsche erhalten in 1910	
			Galmei	Galmei mit Blei- glanz	Galniei	Blei-  glanz
Boleslaw	bei Sosno-	Sosnowicer	9 661t	2 384 t	23 958 t	565 t
	wice	Gruben- und				
		Hüttenges.				
Ulysses	Tlukienka	Franco^	4 4421t	3 915 t	13 232 t	14 t
	bei	Russische				
	Dombrowa	Gesellschaft				
Galmei-	Tlukienka				5 536 t	1 409 t
Wäsche						
Josef						

In 1911 förderten Boleslaw 9 115 t Galmei und 1 351 t
Galmei mit Bleiglanz, Ulysses 30 938 1 bezw. 14 956 t; in 1912
Boleslaw 9 204 t bezw. 3 656 t, Ulysses 34 866 t bezw. 13 423 t.

Im ganzen wurden also im Jahre 1910 54 082 t Galmei
und 6 299 t Bleiglanz, in 1911 40 053 t bezw. 16 307 t, in 1912
44 070 t bezw. 17 079 t gewonnen. Zum Vergleich sei mitge-
teilt, daß die oberschlesischen Zink- und Bleierzgruben
im Jahre 1913	107 787 t Galmei

400 387 t Zinkblende
52 572 t Bleierze

erzeugten.

42
        <pb n="44" />
        ﻿Außer im Königreich Polen findet in Rußland Zink-
gewinnung nur noch im Kaukasus seit einigen Jahren statt.

Auf den polnischen Zinkerzgruben waren beschäftigt 1 475
Arbeiter.

Kali- unci Pstrolsumlagarstättsn. Mit dem Auftreten von
Kalilagerstätten in Russisch-Polen kann mit gewisser Wahrschein-
lichkeit gerechnet werden. In Deutschland treten die Kalisalze in
der sogenannten Zechsteinformation auf. Das Vorhandensein
dieser Formation ist überall im tieferen Untergründe des west-
lichen Polens anzunehmen. Man muß daher, obwohl bisher noch
positive Aufschlüsse fehlen, mit dem Auftreten von Kalilager-
stätten in den Gouvernements Plozk, Warschau, Kalisch, Petrikau,
Kielce, Radom sowie in den westlichen Teilen der Gouverne-
ments Siedlez und Lublin rechnen. Um der deutschen Kali-
industrie ihre jetzige Monopolstellung zu erhalten, ist es von
größter Wichtigkeit, die in Polen aller Wahrscheinlichkeit nach
vorhandenen Kalilagerstätten Deutschland anzugliedern.

Auch das Vorkommen von P e t r o l e u m l a g e r st ä t -
t e n in Polen als Fortsetzung des galizischen Quellengebiets liegt
durchaus im Bereich der Möglichkeit. Welchen Wert die Er-
werbung derartiger Lagerstätten für Deutschland hätte, braucht
nicht eingehender erörtert zu werden!

SlsenhüttsninäustriL. Im Anschluß an die polnischen Eisen-
erzlagerstätten sind in Russisch-Polen und zwar speziell im Dom-
browaer und Radomer Bezirk eine Anzahl Eisenhüttenwerke er-
richtet worden. Die hauptsächlichsten Eisenhütten gehen aus den
nachfolgenden Zusammenstellungen hervor:

R ame	Eigentümer	Ort	Erzeugnisse	Ar-  beiter-  zalll
Gouvernement  Petrikau  Blachownia	Großf. Mich. Alexan-	Post	Gewöhnliche u. email-	
Czenstochauer	drowicz, gepachtet von der Ver. Königs- und Lanrahüttte  B. Hantle	Tschenstochau  Tschenstochau	lierte Gußwaren, Em.-Blechwaren  Martin-, Gießerei-,	—
Hütte  Huta Bankowa	Aktiengesellschaft	Dombrowa	Puddel-, Hämatit-, Phosphor-Eisen und Stahl Roheisen und Stahl,	1 354
	Huta Bankowa		Stabeisen, Bleche, Schmiedestücke u. a.	2 747

43
        <pb n="45" />
        ﻿N «me	Eigentümer	Ort	Erzeugnisse	Ar.  beiter-  zahl
Gouvernement  Petrikau				
Katharinahütte	Ver. Königs- und Lanrahütte	Sielce	Roheisen, Stahl, Walzeisen, Gußwaren, Bleche, Röhren, Schrauben	1849
Milvwice	Aktiengesellschaft des Walzwerks Milowice	Sosnowice	Eisen- u. Stahlblöcke, Grubenschienen und sonstiges Eisenbahn- material, Stab-Band- eisen K., Kleineisen- zeug, Draht	
Puschkin	Eisenhütten-Akt.-Ge- sellschaft Milowice	"	Stab- und Bandeisen, Schrauben- u. Nagel- Draht, Hufeisen	
Sosnowicer Röhren- u. Eisen- Aktien-Gesellschaft  Gouvernement  Radom	Aktiengesellschaft	Zawierce und Sosnowice	Martin-, Gießerei-, Puddel-, Phosphor- Roheisen, Gußartikcl, Eisenbahnmaterial, Stahlguß, Schmiede- stücke, Träger, Blöcke, Grob-, Fein-, Draht- bleche, Gas-, Wasscr- leitungs-, Heizröhren, Säulenrohre und die dazu gehörigen Ver- bindungsstücke, Gas- behälter, Stahlfässer, elektrisch geschweißt u. a.	
Gruben-u.Hütten- Aktiengesellschaft	—	Bodzechow  (Ostrowiec)	Betrieb eingestellt	—
Bodzechow				
Eisenhütte  Chlewiska	Graf Broel-Plater	Szydlowiec	H olzkohlen-Roh eisen, Gießerei- und Puddel- eisen, weißes schwedi- sches für Schmiedeguß	194
Gruben- n. Hütten-	derselbe	Nieklan	Betrieb eingestellt	—
anlagen Nieklan				
Ostrowiecer Hoch- ofen- und Hütten-	—	Klimkiewiczöw	Roheisen, Stahl- und Stabeisen, Radsätze	2 500
Aktien-Gesellschaft				
Starachowicer  Motan-Aktien-	—	Starachowice Post Wierzbnik	Betrieb eingestellt	—
Gesellschaft				
Eisenhütte  Stomporkow	Graf Jul. Tarnowski	Stomvorkow Post Nieklan	Gießerei-Roheisen	700
        <pb n="46" />
        ﻿Im folgenden seien über einzelne größere Gesellschaften
noch einige Mitteilungen gemacht.

Die Gesellschaft der Metallfabriken B.
H a n t k e besitzt ein großes Eisenhüttenwerk bei Czenstochau.
Die Gesellschaft ist eine russische Aktiengesellschaft, doch ist der
Hauptteil des Kapitals (über 90 % ) in deutschen Händen. Etwa
die Hälfte der Aktien befindet sich im Besitz der Oberschlesischen
Eisen-Jndustrie-Miengesellschaft. Außerdem ist an der Gesellschaft
die Berliner Handelsgesellschaft beteiligt. Das modern eingerichtete
Werk hat zwei Hochöfen, fünf Martinöfen, vier Walzenstraßen
für Träger, Draht- und Blechwerkstätten. Das Aktienkapital be-
trägt 5 Millionen Rubel. Hiervon befinden sich im Besitz der
Oberschlesischen Eisen-Jndustrie-Aktiengesellschaft 2294333 Rubel.
1912/13: Reservefonds 103 317 Rubel, Amortisationsfonds
6 130 935 Rubel. Dividende 10%. Roheisenprodukiton 1910: '
2 637 284 Pud == 43 199 Tonnen.

Die 8 0 e 161e Anonyme des Forges et
Acieries de Huta Bankowa ä Dombrowa ist,
wie schon der Name sagt, eine französische Aktiengesellschaft, die
zu dem schon erwähnten Konzern der französisch-italienischen Ge-
sellschaft und der Gewerkschaft Graf Renard gehört und vom
Credit Lyonais abhängig ist. Das Werk hat 3 Hochöfen, ein
großes Martinwerk und Walzenstraßen für Stabeisen und Bleche,
Eisen- und Stahlfacongießerei, Abteilungen für Schmiedestücke
und Schiffsbau pp. Das Werk stellte hauptsächlich Kriegsmaterial
für die russische Regierung her. 1912/13: Aktienkapital 7 425 000
Rubel, Reservefonds I 1 093 942 Rubel, Reservefonds II
500 000 Rubel, Reservefonds III 35 920 Rubel, Amortisations-
fonds 372 788 Rubel, Dividende 12Roheisenproduktion
1910: 4 739 273 Pud = 77 629 Tonnen.

Die Katharina Hütte gehört der deutschen Aktien-
gesellschaft Vereinigte Königs- und Laurahütte in Berlin. Sie ist
im Jahre 1882/83 erbaut, hat einen Hochofen im Betrieb und
einen in Reserve, Puddelei, 4 Martinöfen, Eisengießerei, Walzen-
straßen für Stabeisen, Universaleisen, Grob- und Feinblech, Walz-
werke für Röhren, Rohrverzinkerei, Schraubenfabrik. 1912/13:
Amortisationsfonds 3 937 299 Rubel, Gewinn 804 682 Rubel,
Roheisenproduktion 967 173 Pud — 15 842 Tonnen. Außerdem
hat die Vereinigte Königs- und Laurahütte das Emaillierwerk
Blachownia im Jahre 1896 auf 24 Jahre gepachtet. Der Rein-
gewinn des Emaillierwerks betrug im Jahre 1912/13 29 726
Rubel.

Das Milowicer Eisenwerk gehört der gleich-
namigen Aktiengesellschaft, deren Anteile sich im deutschen Besitz

45
        <pb n="47" />
        ﻿befinden. Das Werk hat zwei Martinofen, eine Luppenstraße und
drei Walzenstraßen für Fertigeisen, Haken-, Schrauben-, Muttern-,
Nieten-, Hammer- und Beilenfabrik, Drahtzieherei, Kleineisen-
fabrik. Das Aktienkapital betrug im Jahre 1912: 2 365 000
Rubel, der Reservefonds 7 132 Rubel, der Reingewinn 2 215
Rubel.

Auch das EisenwerkPuschkin gehörte früher einer
Aktiengesellschaft, deren Kapital sich in deutschen Händen befand.
Das Werk ist jetzt in den Besitz der Milowicer Gesellschaft über-
gegangen. Es fertigt Stabeisen. 1912: Aktienkapital 500 000
Rubel, Reservefonds 16 167 Rubel, Amortisationsfonds 169 639
Rubel, Verlust 11 848 Rubel. An der Gesellschaft ist Fürst
Henckel von Donnersmarck beteiligt.

Die Sosnowicer Röhren- und Eisen-
Aktiengesellschaft ist eine hauptsächlich französische Ge-
sellschaft, doch ist an ihr mit 500 000 Rubel die Oberschlesische
Eisenbahn-Bedarfs-Aktiengesellschaft beteiligt. Der Gesellschaft ge-
hören zwei Werke, von denen eins in Zawiercie und eins in Sos-
nowice liegt. Das Werk in Zawiercie besitzt einen Hochofen, Stahl-
und Walzwerke. Das Sosnowicer Werk hat Blech- und Röhren-
walzwerke sowie ein Preßwerk. 1912: Aktienkapital 6 000 000
Rubel, Reservefonds 854 017 Rubel, Amortisationsfonds
4 970 073 Rubel, Dividende 16%. Roheisenproduktion (1910)
3 260 000 Pud = 59 012 Tonnen.

T i e Ostrowiecer Hochofen- und Hütte n -
Aktiengesellschaft ist eine russische Aktiengesellschaft,
deren Anteile im Besitz polnischer und belgischer Kapitalisten sind.
Das Werk besitzt 4 Hochöfen, ein Martinwerk, Walzwerk x.
1912/13: Aktienkapital 2 000 000 Rubel, Reservefonds 2 035 000
Rubel, Amortisationsfonds 1 988 897 Rubel. Roheisenproduktion
2 454 447 Pud = 40 204 Tonnen.

D i e Eisenhütte S t o in p o r k o w befindet sich in
Polnischem Privatbesitz. Nur Hochöfen. 1912: Anlagekapital
700 000 Rubel, Dividende 12*/, %|. Roheisenproduktion (1910)
625 517 Pud — 10 642 Tonnen.

Betriebsverhältnisse. In der polnischen Eisenindu-
strie besteht nicht in demselben Maße die Wechselwirkung zwischen
Kohle und Eisen wie in Oberschlesien und Westfalen, da die Kohle
nicht mehr die Grundlage für den Eisenhüttenbetrieb bildet, nach-
dem dieser vorwiegend auf die Verwendung von Koks angewiesen
ist; der erforderliche Koks muß jedoch aus Deutschland und Öster-
reich bezogen werden. Einen größeren Aufschwung hat die pol-
nische Eisenindustrie erst in den letzten 15 Jahren genommen.

46
        <pb n="48" />
        ﻿Das älteste Werk ist die Huta Bankowa, die sich früher im Besitz
des russischen Staates befand. Die Katharinahütte wurde vor
etwa 33 Jahren, das Zawiercer Werk vor 17 Jahren und die
Czenstochauer Anlage vor etwa 20 Jahren erbaut. Für alle diese
Werke waren früher die Produktionsbedingungen insofern nicht
günstig, als sie in der Hauptsache verhältnismäßig arme Erze und
teuren Koks verhütten mußten, und infolge der Armheit der Erze
der Koksverbrauch sehr hoch war. Seit einer Reihe von Jahren er-
folgt aber eine Anreicherung der verhütteten Erze durch südrussische
Kriwoirogerze mit etwa 60—66% Eisen, wodurch sich der Koks-
verbrauch und die Produktionsverhältnisse ganz wesentlich gebessert
haben. Die südrussischen Erze sind neben hohem Eisengehalt durch
ihre Reinheit ausgezeichnet. Schwedische Erze wurden ans den
polnischen Hütten bisher nicht verarbeitet.

Die polnische Kohle wurde in der Hauptsache nur zum
Kesselheizen benutzt, während für die übrigen Hüttenzwecke ober-
schlesische Kohle bezogen wurde.

Zu erwähnen sind ferner die verhältnismäßig geringen
Leistungen der Arbeiter, die hohen Beamtengehälter und sonstige
Unkosten, die gezahlt werden mußten. Infolge aller dieser Um-
stände stellten sich die Selbstkosten in Polen pro Tonne Roheisen
um etwa 20 Mark höher als in Oberschlesien.

Auch das Alteisen ist in Polen sehr teuer, zumal bei dem
geringen Eisenverbrauch pro Kopf der Bevölkerung der Entfall
an diesem Material überhaupt gering ist. Die Konvertierungs-
kvsten des Eisens waren infolge des Mangels an brauchbarer
Chamotte und Ferrolegierungen k. gleichfalls hoch. Blöcke waren
kaum unter 120 Mark und Fertigeisen unter 180—200 Mark
je Tonne herzustellen. Dessenungeachtet arbeiteten die Werke in-
folge der Staatsaufträge und des hohen Schutzzolles mit großen:
Nutzen. Ein großer Teil des Roheisens wurde der Berfeinerungs-
industric zugeführt.

Über den Bezug an südrussischen Erzen im Jahre 1912 gibt
die folgende Zusammenstellung Aufschluß:

Es bezog:	Kriwoirogerze	Manganerze

Pud Tonnen Pud Tonne»

Huta Bankowa
Katharinahütte . .
Zawiercier Hütte .
Milowice . . .
Stomp orkow . -
Czenstochauer Hütten
Ostrowiecer Werke

8 676 520 — 142 121	—

1 972 580 — 32 310	87	000	1425

6	058 200 — 99 233 104 600 — 1713

129 700 — 2 124	—

871 720 — 14 279	—

5 493 850 — 89 989 160 150 = 2624

7	353 970 — 120 458 224 900 — 3684

Insgesamt 30 656 540 — 500 514 576 650 — 9446

Über die Menge der von den Hütten verbrauchten pol-
nischen Erze liegen nähere Angaben nicht vor. Jedenfalls wurden

47
        <pb n="49" />
        ﻿mit Ausnahme kleiner Mengen die in Polen geförderten Eisen-
erze auf den dortigen Hütten verarbeitet. Hierzu kamen polnische
Schlacken, Kiesabbrände n. Im allgemeinen wurden zur Hälfte
südrussische Kriwoirogerze und zur andern Hälfte andere Schmelz-
materialien verhüttet.

Über den Koksverbrauch gibt folgende Zusammenstellung
Aufschluß:

Bezug aus Oberschlesien: 1908: 125 895 t, davon nach Dombrowa 24 000 t

1911:213 690 t,	„	„	„	32 250	t

Niederschlesien: 1908: 24 281 t,	„	„	„	11 863	t

1911: 29 947 t,	„	„	„	13 060	t

Mähr.-Ostrau: 1908: 120573 t,	?

1911:233 312 t,	?

Hierbei ist zu benierken, daß nicht sämtlicher eingeführter
Koks im Eisenhüttenbetrieb Verwendung fand.

Der Verbrauch erfolgte:

bei oberschlesischem Koks: in Dombrowa für Hochofenzwecke, im
sonstigen Gebiet überwiegend für Hochofenzwecke, sonst für
Einzelabnehmer;

bei niederschlesischem Koks: in Dombrowa für Hochofenzwecke,
sonst für Gießereien, Zuckerfabriken, Zichoriendarren, Heiz-
zwecke, Händler;

bei Mährisch-Ostrauer Koks: in Dombrowa für Hochofenzwecke,
die übrigen Mengen größtenteils ebenfalls für Hochofen-
zwecke, der Rest für Einzelabnehmer.

In 1912 haben sich die Koksbezüge der russisch-polnischen
Hochofenwerke noch verstärkt.

Die Huta Bankowa bezog 1911 rund 42 %: ihres Koksb e-
darses aus Oberschlesien, rund 15—20:% aus Niederschlesien und
den Rest aus Mährisch-Ostrau.

Über die Betriebseinrichtungen der polnischen Eisenhütten
im Jahr 1913 gibt folgende Zusammenstellung Aufschluß:

Hochofen im	Betrieb ....................................11

„	„	„	 2	13

Kupolöfen....................................................... 17

Bessemerbirnen ................................................. 2

Tropena- und Robertöfen ............................... .	1

Martinöfen	im	Betrieb...................................30

„	„	Umbau .....................................2	32

Glüh-, Wärm- und Schweißöfen................................... 64

Puddelöfen...................................................... io

Tiegelöfen...................................................... 10

48
        <pb n="50" />
        ﻿Im folgenden ist die Produktion der großen Hütten und
zwar von Huta Bankowa, Ostrowiec, Czenstochauer Hütte, Katha-
rinahütte, Blachownia, Sosnowicer Rühren- und Eisenwerke,
Akilowicer Walzwerk, Puschkin, Chlewiska und Stomporkow im
Jahre 1913 angegeben.

in

Tonnen

Summe

Erzeugnis I
Roheisen:

Gießerei-...............................................

Zur weiteren Verarbeitung ..............................

Guß aus den: Hochofen...................................

Nicht besonders genannt.................................

Spiegeleisen 19—20 % Mn ...	....................

Manganeisen 50—60% Mn...................................

1912

1911

1910

Alteisen................................................

Brucheisen..............................................

Erzeugnis II: A

Martingußblöcke.........................................

Puddelblöcke............................................

1912

1911
1910

B

Rohguß aus Kupol- und Glühöfen...........................

Stahlguß aus Martin- und Tiegelöfen sowie Birnen. . .

' Rohe Wasserleitungsröhren mit Muffen....................

1912

1911

1910

Geschmiedete und gewalzte Blöcke und Platinen ....

1912

1911
1910

Erzeugnis III:

Doppel 1- über 100 mm Höhe...............................

Straßenbahn- und Phöntxschienen..........................

Eisenbahnschienen von 8,32 Pfd. und mehr auf den lfd. Fuß
Grubenschienen unter 8,32 Pfd. auf den laufenden Fuß. .
Flacheisen- und stahl und alle Arten Handels- und Profileisen

Feder- und Springfederstahl..............................

Zementstahl........................................

Walzdraht, rund und quadratisch..........................

Eisen- und Stahlblech über 3 mm..........................

32 935
347 332
978
37 106
6
9

27 192
8 700

586 416
8 416

30 075
4 899,

9 295!
566
579
3 584
266 992
2 369
699!
42199
23 528!

418 366

392 227
346 614
250 622

594 832

520 329
456 457
403 613

35	026

32 424
29 402
27 775
48 911
41 389

36	014
34 581

49
        <pb n="51" />
        ﻿	in  Tonnen	Summe
Eisen- und Stahlblech von 3 mm bis Nr. 20		17 945	
Dachblech, dünner als Nr. 20		11 170	
Univcrsal-Eiscn und -Stahl 150—600 mm breit, einschließl.		
Rohrstreifen		31 899	
Radreifen für Waggons und Tender		17 740	
Waggon- und Tenderachsen		6 248	
Abschnitte, Enden und Ausstiche von der Rüderfabrikation .	31 900	466 714
1912		427133
1911		389 602
1910		358 173
Erzeugnis IV:		
Gezogene und geschweißte Rohre		30 490	
Verbindungsstücke und Unterlagsteile		44 732	
Verschiedene Beschläge		2 305	
Maschinen- und Schienennügel		7 004	81531
1912		76 440
1911		65 783
1910		54 315

Zum Vergleich sei folgende Mitteilung über die Erzeugnisse
der Eisenindustrie ganz Rußlands gebracht:

Eisenindustrie Rußlands 1913

Roheisen		282 398 360 Pud	= 4 625 685 t
Brucheisen	... .	13 786 808 „	225 828 t
Alteisen		20 482 097 „	—	335 497 t
Abfälle			39 074 781 „	640 045 t
Erzeugnisse II A		300 232156 „	= 4 917 803 t
Erzeugnisse 11 B		24 053 154 „	—	393 991 t
Geschmiedete und gewalzte Blöcke und Platinen		14161 396 „	231 964 t
Erzeugnisse III		246 501 424 „	— 4 037 693 t
Erzeugnisse IV		11 790 958 „	=	193136 t
Zahl der Hochofen im Betrieb. 151	— Zahl der Arbeiter 299 778.	

Die Zahl der auf den polnischen Eisenhütten beschäftigten
Arbeiter im Jahre 1913 betrug 18 881. Über die Lohnverhält-
nisse der Eisenhüttenarbeiter liegen Angaben nicht vor; doch
waren — im Gegensatz zu den sonstigen Arbeitern — die Löhne
der gelernten Eisenhüttenarbeiter ziemlich hoch und von den in
der deutschen Eisenindustrie gezahlten wenig verschieden.

50
        <pb n="52" />
        ﻿Im folgenden sei noch der Eisenverbrauch pro Kopf im
Jahre 1911 mitgeteilt in

Vereinigten Staaten ...... 233 kg

Deutschland ......... 136 „

England . ...............................105	„

Rußland...................................25	„

Königreich Polen (1910)...................19	„

Man sieht aus dieser Zusammenstellung, daß in Polen der
Eisenverbrauch außerordentlich niedrig war und sogar kleiner als
in dem übrigen Rußland. Bei einer Angliederung Russisch-
Polens an das deutsche Wirtschaftsgebiet würde zweifellos der
Eisenverbrauch stark steigen und sich der deutschen und nament-
lich der oberschlesischen Eisenindustrie außerordentlich günstige
Absatzaussichten eröffnen.

Zinkhütten. Russisch-Polen besitzt 3 Zinkhütten, welche
im Kreise Bendzin gelegen sind. Im einzelnen gibt über diese
Zinkhütten folgende Zusammenstellung Aufschluß:

Pud Tonnen Pud Tonnen
Zink	Zinkstaub

Paulinen-	Zagorze	Sosnowicer	460 Arbeit.	1910: 231 953 = 3 799	27 108 =	444
hütte		Gruben- u.		1911: 321 444 = 5 265	—	—
		Hütten-Ges.		1912: 254 292 = 4165	31 421 =	515
Konstan-	Dombro-	Französisch-	189	„	1910: 156 012 = 2 555	5 659 =	93
tin	wa	Russische		1911: 144 070 = 2 360	4 871 =	80
		Gesellschaft		1912: 155457 = 2546	4 956 =	81
Bendziner	bei Bend-	Lociete	204	„	1910: 138 939 = 2 276	5 672 =	93
Hütte	zin	Miniere tu		1911: 140 617 = 2 303	4 938 =	81
		Dombrowa		1912: 124 861 =2 045	3 980 =	65

Außerdem ist noch das Zinkwalzwerk von Tillmanns und
Oppenheim in Bendzin vorhanden, das Zinkblech und gelochte
Zinkbleche herstellt und etwa 100 Arbeiter beschäftigt.

Ferner betreibt die Sosnowicer Gesellschaft in Sosnowice
eine Zinkweißfabrik.

Insgesamt wurden also in Russisch-Polen im Jahre 1912
8 756 t Rohzink hergestellt. Eingeführt wurden in Rußland an
Roh- und Walzzink im Jahre 1912 20 200 t.

Metallindustrie. Die Metallindustrie Russisch-Polens war
recht bedeutend. Über sie gibt die nachstehende Tabelle Aufschluß:

51
        <pb n="53" />
        ﻿	Zahl der Anlagen	Wert der Pro- duktion (Rubel)	Arbeiter
Maschinen-, Kessel-, Brückeiibaufabriken . Fabriken von Müllerei- und landwirtschaft-	107	35 835 000	18 683
lichen Maschinen		84	6 661 000	3 867
Eisengießereieil . 		  Bauschlossereien, Schmiedeanstalten, Geld-	63	17 321 000	9 977
schrankfabriken		464	5 803 000	4 967
Klempnereien	  Metallmöbel-, Haus- und Küchengeräte-	93	1 704 000	1 034
fabriken	  Nägel- und Drahtwarenfabriken, Draht-	48	7 640 000	5 856
ziehereien und Blechwalzwerke . . .	60	10 900 000	4 512
Waagen-, Werkzeug-, Jnstrumenteufabriken Metallgießereien, Armaturfabriken, und	83	8 580 000	2 74!»
Kupferschmieden		117	7 144 000	2 732
Gold-, Silber-. Alfenidwarenfabriken . .	123	5 113 000	2 224
Elektrotechnische Anstalten		50	1 690 000	670
Fabriken verschiedener Metallwaren . .	218	6 910 000	4 743
	1 510	115 301 000	62 027

Der Hauptsitz der polnischen Metallindustrie befindet sich
im Gouvernement Warschau.

Die Warschauer Maschinenfabriken haben ein sehr reich-
haltiges Arbeitsprogramm, besonders in Einrichtungen für
Zuckerfabriken, Brauereien und Brennereien. Deutsche Kapi-
talisten haben Geld und Erfahrungen dazu hergegeben.
Auch Waggon- und Brückenbaufabriken stehen in Blüte. Die
Warschauer Verfeinerungsindustrie hat einen starken Bedarf
an Roh-, Gießerei-, Walzeisen und Blechen. Stahl wird meist
aus eigenem Eisen erzeugt. Gießerei- und sonstiges Spezialeisen
wird überwiegend aus dem Donezgebiet, aus England und
Deutschland eingeführt.

Die Menge des aus Südrußland bezogenen Roheisens be-
trug im Jahre 1912 5 169 750 Pud — 84 681 t. Über die aus
anderen Ländern eingeführten Eisenmengen sind Angaben nicht
vorhanden.

Erwähnt sei noch, daß aus dem Donezbecken Kohle in Polen
eingeführt wurde, die gleichfalls in den Warschauer Fabriken Ver-
wendung fand. Die Menge betrug 1911 3 576 710 Pud —
58 587 Tonnen.

Zcmentindustrie. Russisch-Polen besitzt eine nicht unbe-
deutende Zementindustrie. Die Produktion der Zementindustrie
Polens weist ständig steigende Ziffern auf. So wurden im Jahre
1913 2,6 Millionen Faß gegenüber 1,65 Millionen im Jahre
1912 und 1,40 Millionen Faß im Jahre 1911 gewonnen. Die
voraussichtliche Ausbeute für 1914 war auf 3,45 Millionen, die

52
        <pb n="54" />
        ﻿für 1915 sogar auf 4,65 Millionen Faß geschätzt. Die Industrie
war zu einem Syndikat mit dem Sitz in Warschau zusammen-
geschlossen, das jedoch mit dem 1. Januar 1915 abgelaufen ist.
Zum Syndikat gehörten folgende Fabriken:

*) 1) Portland-Cement-Fabrik Grodziec in Zabkowice,

2) Aktiengesellschaft Firley in Lublin,

*) 3) Akt.-Ges. der Porltand-Cement-Fabrik Wysocka in Lazy,

4)	Portland-Cement-Fabrik Klucze, Akt.-Ges. Rabszytyn,

5)	Portland-Cement-Fabrik Lazy, Akt.-Ges. Lazy,

*) 6) Portland-Cement-Fabrik Wrzosowa in Poray bei
Czenstochau,

7)	Portland-Cement-Fabrik Akt.-Ges. Ogrodzieniec in
Zawierzie,

8)	Portland-Cement-Fabrik Akt.-Ges. Wiek in Zawierzie,

vom Syndikat gepachtet ist

9)	die Portland-Cement-Fabrik Opoczno in Opoczno und

vom Syndikat vor 3 Jahren aufgekauft ist

10)	die Portland-Zement-Fabrik Kielce, Akt.-Ges. in Kielce.

Die Fabriken zu 9 und 10 befanden sich jedoch in den
letzten Jahren vor dem Kriege außer Betrieb.

Außerhalb des Syndikats befand sich nur die Fabrik Jakub
in Rudniki.

Bisher war die Zementindustrie Russisch-Polens der deut-
schen Zementindustrie nicht ebenbürtig, da ihr ein Kalkstein von
den vorzüglichen Eigenschaften, wie sie speziell der oberschlesische
Kalkstein besitzt, fehlt. Dazu kommt, daß die Fabriken infolge
des hohen russischen Einfuhrzolles aus Maschinen nicht die technisch
und maschinell auf der Höhe stehenden Maschinen besitzen, wie sie
der deutschen Zementindustrie zur Verfügung stehen. Das
polnische Fabrikat ist infolgedessen gegenüber dem deutschen
minderwertig und dem Preise nach bisher nicht konkurrenzfähig
gewesen. Die deutsche Industrie konnte jedoch
auch ihrerseits der polnischen Zementindu-
strie keine Konkurrenz bereiten, da Ruß-
land hohe Zölle auf Zement erhebt (0,12
Rubel per Pud), wodurch die Einfuhr in
Rußland verhindert war.

Die Produktion der polnischen Fabriken erreicht mit 2,6
Millionen Faß über 50 % die bisherige Absatzmenge der schlesi-
schen Fabriken, die ihre Jahresproduktionsfähigkeit von 672—7
Millionen Faß auch in günstigen Verbrauchsjahren bisher nur
mit etwa 70 % ausnutzen konnten. —

*) Die Fabriken zu t, 3 und 6 liegen in dem gegenwärtig deutschen
Verwaltungsbezirk, die übrigen im öfterr. Verwaltungsbezirk.

53
        <pb n="55" />
        ﻿Das Absatzgebiet der polnischen Fabriken lag nur zu 1U
der Produktion im Weichselgebiet, 2/s wurden nach dem eigent-
lichen Rußland abgesetzt.

Chamotteindustrie. Die russisch-polnische Chamotteindustrie
hat erst in den letzten Jahren einen bemerkenswerten Aufschwung
genommen. Bisher beschränkten sich die russisch-polnischen Cha-
mottefabriken in der Hauptsache auf die Herstellung von Steinen
im sogenannten Normalformat, also Vierkantsteine, Radialsteinen
(für Kupolöfen) sowie Wölbsteinen für Kesseleinmauerungen,
Kanalsteinen fiir Stahlwerke und sonstigem feuerfesten Mauer-
werk für einfachere Beanspruchung. Chamottesteine für hohe Be-
anspruchung und solche von schwierigerer Formgebung sowie
Dinassteine wurden hauptsächlich aus Deutschland bezogen.

Seit einigen Jahren vermehrten sich jedoch die Bestrebun-
gen Rußlands Lezw. Russisch-Polens, den Bedarf an feuerfesten
Materialien im eigenen Lande zu decken. Unter dem Drucke der
behördlichen Vorschriften, an Staatswerke, Eisenbahnen und
sonstige Behörden und Kommunen nach Möglichkeit inländisches,
also russisches bezw. russisch-polnisches Fabrikat zu verwenden, ver-
größerten sich die bestehenden Fabriken. Auch fanden eine Anzahl
Neugründungen statt, teilweise durch französisch-englische In-
dustrie-Gesellschaften, und schließlich wagte sich die russisch-pol-
nische Chamotte-Jndustrie auch an die Herstellung weniger ein-
facher Formate. Es wurden z. B. die Fabriken von „Tomasz
Glowacki in Ostrowiece", von „I. Schein in Myszkow", „Fürst
Drucko-Lubecki in Cmielow", „W. Klepacki in Ostrowiece" und
andere vergrößert; neu entstanden u. a. die Fabriken: „Marywill
in Radom (französisches Unternehmen)", „Ruda-Maleniecka"
und „Rogalin in Wierzbnik", ferner „Dowbor in Skarzysko".

Unterstützt wurde Rußland bezw. Russisch-Polen in den
Emanzipationsbestrebungen von Deutschland durch das Vor-
kommen brauchbarer Rohmaterialien im eigenen Lande, der zoll-
freien Einfuhr etwa fehlender bezw. wertvollerer Rohmaterialien
aus Deutschland und Österreich-Ungarn und schließlich durch den
hohen Schutzzoll (9 bezw. 45 Kopeken per Pud — 16,38 kg)
verbunden mit Zoll-Chikanen aller Art.

Die Entwickelungsfähigkeit der russisch-polnischen Chamotte-
Jndustrie erscheint durch den Krieg nur aufgehalten; es ist zu
befürchten, daß ihre Konkurrenz sich den deutschen Fabriken
feuerfester Produkte, besonders den östlichen, welche den russischen
bezw. russisch-polnischen Markt bisher hauptsächlich beherrschten
und ihre Leistungsfähigkeit auf den betreffenden russischen bezw.
russisch-polnischen Absatz eingerichtet haben, immer fühlbarer
machen wird.

54
        <pb n="56" />
        ﻿Kalkindustrie. Die Kalkindustrie ist in Russisch-Polen an-
säßig in der Hauptsache in den Bezirken Czenstochau, Kielce,
Opoczno und in der Warschauer Gegend. Ihre Konkurrenz ist
der deutschen Kalkindustrie bisher kaum fühlbar geworden.

Branntweinbrennereien. Die Branntweinbrennereien Po-
lens stellten im Jahre 1912/13 35,19 Millionen Galonen Brannt-
wein her (eine Galone — 3,794 Liter).

Zuckerfabriken. An Zuckerfabriken zählte Polen im J^re
1905/06 49 Unternehmungen, die 11 912 172 dz Rüben ver-
arbeiteten. Im Jahre 1913 wurden 53 Zuckerfabriken gezählt.
Die Zuckerindustrie ist hauptsächlich ansässig in den Gouverne-
ments Warschau und Lublin.

Sonstige Industrien sind insbesondere in Warschau ansäßig.
Zu erwähnen sind die Unternehmungen der Galanterie-Leder-
warenbranche, Holzwarenerzeugung, Herren- und Damen-Konfek-
tion, Krawatten- und Wäschefabrikation, ferner Gerbereien und
Bierbrauereien. Alle diese Industriezweige gehören mit verhält-
nismäßig wenigen Ausnahmen der Kleinindustrie an- Ihre Pro-
duktion hat den Wert mehrerer Millionen Rubel.

Handel. Im polnischen Außenhandel spielen die Deutschen
und die Juden als Kapitalisten die Hauptrolle. Der Viehhandel
und das Getreidegeschäft ist fast ausschließlich in jüdischen Händen,
ebenso' das Fell- und Holzgeschäft.

In der Textilbranche herrschen dagegen die deutschen Unter-
nehmer vor. Die Eisen- und Kohlenindustrie wird, wie erwähnt,
zum Teil mit stanzösischem und zum Teil mit deutschem Kapital
betrieben. In der Warschauer Eisen- und Maschinenindustrie
herrscht das polnische Element.

Der Kleinhandel ruht fast ausschließlich in jüdischen Händen.

Verkehrswesen. Den Handelsverkehr zwischen Deutschland
und Polen vermittelte in der Hauptsache die Eisenbahn. Das
Eisenbahnwesen Polens steht auf einer geringen Stufe der Ent-
wicklung, da die russische Regierung aus strategischen Gründen
den Bau von Bahnen links der Weichsel nicht begünstigte oder
nur strategische Bahnen baute ohne Berücksichtigung der Bedürf-
nisse des Landes. Links der Weichsel hat Polen nur eine Bahn-
linie, die Warschau—Wiener Bahn, welcher sich von Thorn aus
kommend bei Skierniewice eine zweite Hauptlinie anschließt.
Sonst bestehen links der Weichsel nur die Nebenbahnen Kalisch—
Lodz—Lowicz und Lodz—Tomaszow—Ossowiec sowie die soge-
nannte Weichselbahn Sosnowiece—Jwangorod. Die Warschau—
Wienerbahn ist normalspurig, während die Weichselbahn die breite
russische Spur besitzt. Beide Bahnen befanden sich im Eigentum
des russischen Staates.

55
        <pb n="57" />
        ﻿Rechts der Weichsel ist das Eisenbahnnetz ein dichteres, wenn
es sich auch in keiner Weise mit den Bahnverbindungen der west-
lichen Kulturstaaten vergleichen läßt.' Warschau bildet hier den
Ausgangspunkt der Bahnen nach Petersburg und Moskau, die
unter ernander durch Nebenlinien mehrfach verbunden sind, sowie
auch den Ausgangspunkt der Weichselbahn, die über Jwangorod,
Lublin, Cholm nach Kiew geht.

Zwischen Deutschland und Rußland be-
stehen 8 Eisenbahnverbindungen, von denen
7 in polnisches Gebiet führen; es sind dies
die Bahnübergänge bei Grajewo, Mlawa,
Thorn, Kalisch, Herby und zwei Übergänge
bei Sosnowice.

Eingeschaltet sei hier, daß zwischen Polen und
Österreich nur ein Übergang, der von Granica,
vorhanden ist. Das ist besonders charakteristisch und zeigt,
wie der Verkehr Polens immer nach Deutschland und weniger
nach Österreich tendierte.

Der Güterverkehr zwischen Deutschland und Polen auf den
Bahnen hatte in den Jahren 1912/13 nach der Preußischen
Eisenbahnstatistik folgenden Ilmfang:

(Siehe Anlage 2 am Schluß.)

Hinter dem Güterverkehr der Eisenbahnen steht der Ver-
kehr auf der Weichsel stark zurück, obwohl gerade die
Weichsel nach Lage und Größe berufen wäre,
eine Hauptader des Güterverkehrs zu werden.
Daß der Weichselverkehr diesen Anforderungen nicht gerecht
wird, liegt an dem schlechten Zustande des Stromes, vor
allen Drngen an den unaufhörlichen Versandungen und da-
mit zusammenhängend an der ungenügenden Tiefe. Außer-
bem fehlen auf der ganzen Stromstrecke innerhalb des Königreichs
Polen jegliche Stromverwaltung und infolgedessen alle Vorrich-
tungen und Anlagen zum Aus- und Einladen, wie Umschlagplätze,
Geleise, Kräne und dergl., kurz alles, was für eine normale Ent-
wickelung des Schiffsverkehrs unbedingt notwendig ist.

Von Bedeutung ist nur die Weichselflößerei. Der ganze
Strom bildet die Hauptader des gewaltigen Holzverkehrs aus
seinem gesamten Stromgebiete und den östlichen Narbargebieten,
der den deutschen Markt mit Bau- und Nutzholz versorgt und
noch einen Überschuß stir die Ausfuhr aus den deutschen Hafen-
plätzen liefert.

Arbeiterfrage. Die Zahl der Fabrikarbeiter Polens betrug
im Jahre 1907 über 300 000 Köpfe. Im Jahre 1897 wurden

56
        <pb n="58" />
        ﻿243 733 Arbeiter gezählt, die sich folgendermaßen auf die ein- zelnen Industrien verteilten:*)	
1.	Textilindustrie ...........  2.	Unternehmungen zur Erzeugung von Eßwaren,	115 181
die der Akzise nicht unterliegen ..... 3. Unternehmungen zur Bearbeitung von anima-	5 288
lischen Produkten ..........	5 876
4. Holzindustrie		8 995
5. Papierindustrie ..........	4 265
6. Chemische Industrie .........	3 331
7. Keramische Industrie . 			 .	17 218
8. Metallindustrie ...........	24 427
9. Übrige Unternehurungen........	4 083
zusammen 188 664	

Nicht eingerechnet sind hier die in den Bergwerken und in
der Eßwarenbearbeitungsindustrie beschäftigten Arbeiter. Die
Zahl der Bergarbeiter betrug 1900: 47 247.**)

Hauptsächlich rekrutiert sich die Fabrikarbeiterklasse aus der
Landbevölkerung. Es steht somit ein großes und unerschöpfliches
Angebot an Arbeitskräften zur Verfügung. Da dieses im eigenen
Lande größer ist, als der Bedarf, wanderten jedes Jahr zahlreiche
Personen als sogenannte Saisonarbeiter ins Ausland und zwar
nach Deutschland und Amerika.

Das starke Angebot an Arbeitern in Polen ist nicht ohne
Einfluß auf die Löhne geblieben.

Der Durchschnittslohn des Feldarbeiters während der Feld-
arbeit stellt sich nach den Angaben des Warschauer Statistischen
Komitees laut nachstehender Tabelle ***) wie folgt:

Tagelohn eines Arbeiters bei Selbstbeköstigung in Kopeken

Gvuvernements	Frühling		Sommer		Herbst		Winter	
	1890	1900	1890	1900	1890	1900	1890	1900
Suwalki	«7a	57	33	42	29	36	22	28
Lomscha	457g	51	30	31	28	31	21	23
Warschau	447g	587g	28	36	28	26	20	26
Petrikau	44	55'/s	28	33	31	37	21	24
Plvzk	43	627a	23	32	25	36	16	23
Lublin	397a	407a	27	27	26	27	21	21
Siedlec	36'/-	42	24	26	24	26	18	20
Kalisch	35	•577a	25	25	26	38	16	25
Radom	35	417a	24	27	23	27	18	21
Kielce  Königreich	347g	397a	21	24	22	24	16	18
Polen	407sj	50'/z  *) Strasburg er S. 45.			267»	31	26	32	19	23

**) Rabinowitz S. 7.

***) v. Orpiszewski S. 27.

57
        <pb n="59" />
        ﻿Die Löhne der Industriearbeiter stellten sich im Jahre 1897
für die verschiedenen Jndustriearten folgendermaßen:*)

Im Durchschnitt bezog ein Arbeiter in Rubeln jährlich:

Textilarbeiter......................................................... 209,00

Nicht der Akzise unterliegende Nahrungsmittelindustrie................. 228,56

Bearbeitung von animalischen Produkten ................................ 308,88

Holzindustrie...........................................................121,69

Papierindustrie.........................................................170,79

Chemische Industrie.................................................... 223,57

Keramische Industrie................................................... 228,47

Metallindustrie........................................................ 293,43

Übrige Unternehmungen........................................ . . 151,79

Gesamtdurchschnitt: 224,3

Im Jahre 1912 bezogen die Fabrikarbeiter in Russisch-Polen
die in der folgenden Tabelle angegebenen Löhne:

Art der Fabriken	Anzahl  der  Fabriken	Anzahl  der  Arbeiter	Von Spal  männlich	e 3 waren  weiblich	Durch - schnitts- Jahres- Berdienst Rbl.
Industrie allgemein . .	3 259	302 875	199 935	102 940	306
Baumwollindustrie . .	261	68175	32 317	35 858	298
Wollindustrie 		595	57 178	35 222	21 956	336
Seidenindnstrie ....	25	2 221	873	1348	314
Leinen-, Jute-, Hanf- Industrie 		11	14 063	6 538	7 525	271
Sonstige Textilindustrie	226	10 569	6 256	9 313	320
Metallindustrie **) . . .	462	48 715	43 609	5106	364
Mineralienindustrie ***)	341	23 055	18169	4 886	277

Arbeiterorganisationen. Bisher bestanden dank des anor-
malen politischen Zustandes im Königreich Polen unter den
Arbeitern im Königreich Polen keine offiziellen beruflichen Orga-
nisationen. Trotz aller gesetzlichen und politischen Maßregeln
haben sich jedoch allmählich auch unter den polnischen Arbeitern
geheime Verbände gebildet, unter welchen die „polnische Sozia-
listische Partei" die mächtigste ist. Diese Organisationen umfassen
den bei weitem größten Teil der polnischen Fabrikarbeiterschaft,
sie sind jedoch eher politischer als ökonomischer Natur. Die von
ihnen eingeleiteten Streiks verfolgten in der Hauptsache nicht so
sehr wirtschaftliche als politische Ziele.

*) Strasburger S. 45.

**) Das sind Maschinen-, Kesselfabriken, Schlossereien, Schmieden,
Klempnereien, Drath-, Nägel-, Blechfabriken, Metallgießereien, Armaturfabriken,
Gold- und Silberwarenfabriken, Fabriken für elektrotechnische Artikel.

***) Das sind Zement-, Gips-, Steinzeug-, Glas-, Spiegel-, ceramische
Fabriken.

58
        <pb n="60" />
        ﻿
        <pb n="61" />
        ﻿Aus den vorstehenden Ausführungen geht hervor, daß
Polen ein von der Natur äußerst reich be-
dachtes Land ist. Das Wertvollste, was es besitzt, sind
die reichen Bodenschätze, die es in seinem südlichen
Teile in seinem Schoße birgt; Kohle, Zink-, Blei- und Kupfer-
erze. Schon diese Zusammenstellung zeigt, daß die Grund-
bedingungen für die nutzbringende Verwertung der einzelnen
Mineralien im Lande selbst gegeben sind. Wenn trotzdem die
polnischen Bodenschätze heute zum größten Teile noch der Aus-
beutung harren und die Montanindustrie verhältnismäßig gering
entwickelt ist, so liegt das in der Hauptsache an der Zugehörig-
keit zu Rußland und den daselbst herrschenden Verhältnissen.

Ähnlich liegen die Verhältnisse in bezug auf die Land-
wirtschaft. Der Boden ist zum Teil außer-
ordentlich fruchtbar und würde bei ratio-
neller Bewirtschaftung reiche Erträge lie-
fern. Weite Flächen werden jedoch ungenügend oder gar nicht
ausgenutzt; sie sind versumpft und unkultiviert.

Auch die umfangreichen Forsten harren zuin Teil noch der
intensiven Erschließung.

Dazu besitzt Polen eine gesunde, arbeits-
tüchtige und leicht zu erziehende Landbe-
völkerung, die einen starken Geburtenüber-
schußliefert. Es verfügt also in reichem Maße über die
Arbeitskräfte, die zur Entwicklung von Landwirtschaft und In-
dustrie nötig sind.

Äußerst ungünstig sind dagegen die Ver-
kehrsverhältnisse. Die Eisenbahnen sind z. Zt. ganz
unzureichend und im wesentlichen aus strategischen Gründen,
nicht im Interesse des Aufschlusses des Landes erbaut.

Reich ist Polen dagegen an Wasserstraßen,
die aber gleichfalls für den Verkehr bisher nur wenig nutzbar-
gemacht worden sind.

Die Grundlagen für die Entwicklung
einer umfangreichen Industrie sind überall
gegeben. Trotzdem hat sich diese nicht in gesunder Weise
entwickeln können. Nur soweit sie, wie die Montanindustrie, die
Zuckerfabriken pp-, aus den natürlichen Quellen des Landes
schöpfen konnte, ist sie eine gesunde. Die Industriezweige da-
gegen, die sich, wie der größte Teil der Textilindustrie, nur in-

61
        <pb n="62" />
        ﻿folge der von Rußland aufgerichteten Zollschranken entwickelt
haben, sind als künstlich zu betrachten und haben unter veränder-
ten Verhältnissen keine Lebensfähigkeit. —

Was die bisherigen wirtschaftlichen Beziehungen
Polens zu Deutschland anlangt, so ergibt sich ohne wei-
teres, daß sie bisher nicht in dem Maße entwickelt sind, wie es den
Bedürfnissen beider Länder entsprechen würde. Leider ist eine
Waren-Ein- und Ausfuhrstatistil für Polen nicht vorhanden; man
ist daher aus die Verkehrsstatistik der Eisenbahn (Anlage 2) an-
gewiesen, die jedoch die Werte der Waren nicht angibt. Immerhin
ist aus ihr ersichtlich, daß schon jetzt gewisse Stoffe aus Polen
nach Deutschland in großen Mengen exportiert werden, so vor
allem Erze und Holz, ferner Mehl und Mühlenfabrikate sowie
landwirtschaftliche Produkte wie Gerste, Hirse, Sämereien, Flachs,
Kleie und Ölkuchen. Sehr umfangreich ist ferner die Ausfuhr
Polens nach Deutschland in Geflügel aller Art und Schweinen.

Aus Deutschland nach Polen wurden hautpsächlich Halb-
und Fertigfabrikate ausgeführt, z. B. Eisen und Stahl, Eisen-
und Stahlwaren, Dampfkessel, Zink, Garne, Leder, Lumpen,
Düngemittel, in den letzten Jahren auch Roggen, Hafer, Öle.
Bedeutend war die Ausfuhr stets in Steinkohle und Koks. Es
ist also bemerkenswert, daß Polen schon jetzt trotz der hohen Zoll-
schranken ein Importland wenigstens in gewissem Unifange für
Deutschlands Industrien gewesen ist, während es seinerseits an
Deutschland Rohprodukte aller Art abgegeben hat.

Ohne weiteres ist schon aus dem Vorstehenden ersichtlich,
daß Polen unter allen Umständen für Deutschland außerordent-
lich begehrenswert ist; im folgenden seien aber noch einige be-
sonders wichtige Momente, die unseres Erachtens unbedingt zu
einer wirtschaftlichen Angliederung Polens an Deutschland zwin-
gen, kurz hervorgehoben:

So hoch entwickelt unsere Landwirtschaft auch ist, so ist sie
leider doch nicht in der Lage, den gesamten Bedarf des deutschen
Volkes an Brotgetreide und Futtermitteln zu decken. Wir b e -
dürfen deshalb unbedingt weiteren Bodens
zur landwirtschaftlichen Nutzung, um in Hin-
sicht auf die Ernährung unseres Volkes gänz-
lich vom Auslande unabhängig zu werden; dieses ist
schon aus dem Grunde erforderlich, damit in Zukunft auch in den
Augen unserer Feinde ein Plan zur Aushungerung des deutschen
Volkes nie wieder aufkommen kann. Diesen zur Zeit fehlenden
Mehrbedarf decken zu helfen, ist Polen mit seinem wertvollen
Ackerboden, der bei rationeller Anwendung neuzeitlicher Agrikul-

62
        <pb n="63" />
        ﻿turtechnik weit größere Überschüsse wie jetzt abwerfen kann,
äußerst geeignet.

Ebenso würde die deutsche Industrie durch
die Angliederung eines so aufnahmefähigen
Wirtschaftsgebietes ein größeres und ge-
sicherteres Tätigkeitsfeld erhalten. Unerschlossene
Gebiete sind auf dem Weltmärkte kaum noch vorhanden. Die
Konkurrenz der verschiedenen Länder auf den weniger entwickel-
ten Gebieten des Erdballs wird dauernd eine heftigere werden,
und insbesondere der deutsche Kaufmann wird nach dem
Kriege im Auslande große Schwierigkeiten überwinden
müssen, da die maßlose, andauernde Verhetzung, die Deutschlands
Feinde getrieben haben, fast alle fremden Länder gegen Deutsch-
land eingenommen hat und unsere Feinde selbst sich gewiß nach
Kräften absperren werden. Es ergibt sich daher als zwingende
Notwendigkeit, für Handel und Industrie im Jnlandc selbst einen
breiteren Rückhalt zu schaffen. Hierzu ist aber Russisch-Polen mit
seinen außerordentlichen Entlvicklungsmöglichkeiten als aufnahme-
fähiges Absatzgebiet ganz besonders geeignet.

Der allgemeine Kulturzustand Polens ist zur Zeit noch ein
niedriger. In den Städten fehlt Wasserleitung und Kanalisation,
die Dächer sind mit Stroh gedeckt, die Stuben ungedielt und
untapeziert rc. Eigentliche Mobilien, Haus- und Ackergeräte
sind nur primitiv vorhanden. Die Eisenbahnstränge sind gering
an Zahl und wenig leistungsfähig, ebenso verfügen die Bahnen
über einen nur geringen Wagenpark. Falls das Land mit deut-
schem Kapital und deutscher Intelligenz befruchtet würde, würden
sich auf allen Gebieten große, ungeahnte Bedürfnisse zeigen. Es
kann s o m i t keinerlei Zweifel unterliegen,
daß die gesamte deutsche Industrie aus einer
A n g l i e d e r u n g Polens sehr erheblichen Nutzen
ziehen würd c.

Bon ganz besonderer Wichtigkeit würde eine solche An-
gliederung aber für den oberschlesischen Jndustricbezirk sein, da

dieser infolge seiner Lage am südöstlichen Zipfel des deutschen
Reiches stets mit großen Absatzschwierigkeiten zu kämpfen gehabt
hat. Von drei Seiten vom Auslande eng umschlossen, fehlt ihm
ein natürliches größeres Absatzgebiet. Der Handel der ober-
schlesischen Grenzstädte ist daher besonders auf den Grenzverkehr
zugeschnitten, in dem er ein Hauptmoment seiner Existenz findet,
so daß die Erhaltung dieses Absatzgebietes ftir ihn zu einer
Lebensfrage wird. — Die Beengung des Absatzes und der Mangel
eines Hinterlandes hat des weiteren aber auch für die oberschlesische
Montanindustrie zur Folge gehabt, daß sie trotz reicher Boden-

03
        <pb n="64" />
        ﻿schätze des Landes sich nur langsam und mühsam entwickeln
konnte und von ihren westlichen Schwestern seit langem überholt
worden ist. Welche Bedeutung eine leistungsfähige oberschlestsche
Industrie aber auch im Landesverteidigungsinteresse Hatz zeigt
sich besonders jetzt, wo Oberschlesien in umfangreichem Maße zur
Deckung der Heeresbedürfnisse herangezogen wird. Alle Schwie-
rigkeiten. die bisher die Entwicklung von Oberschlesien gehemmt
haben, würden durch die Angliederung Polens an Deutschland,
wenn auch nicht völlig beseitigt, so doch mindestens stark gemildert
werden.

Von großer Bedeutung für unser ge-
samtes deutsches Wirtschaftsleben ist ferner
die Arbeiterfrage. Von jeher haben Deutschlands
Landwirtschaft und Industrie und insbesondere auch die
oberschlesische Montanindustrie aus den benachbarten russisch-
polnischen Gebieten Arbeiter bezogen. Schon vor dem Kriege
inachten sich jedoch in Rußland Bestrebungen bemerkbar, die Aus-
fuhr von Arbeitern nach Deutschland zu verbieten. Auch diese
Gefahr kann lediglich durch eine Angliederung Polens mit Sicher-
heit beseitigt werden.

Nicht unerwähnt bleiben dürfen auch
die Vorteile, die Deutschland die Weichsel
bringen w ü r d e. Natürlich müßte zunächst eine sachge-
inüße Regulierung des Stromlaufes vorgenommen und da-
durch ein reger Schiffsverkehr auf der Weichsel ins Leben
gerufen werden. Mittels des Bromberger Kanals ist die
Weichsel mit Westeuropa verbunden und mittels des Dnjepr-
Bug-Kanals mit Mittel- und Südrußland und dem Schwarzen
Meer. Von Süden her wird die Weichsel bald Anschluß an das
österreichische Wassernetz erhalten, welches nach Osten mit dem
Prut und nach Westen mit der Oder. der Donau und der Elbe
in Verbindung steht oder gebracht werden dürfte. Der Weichsel-
strom könnte demnach das Verbindungsnetz zwischen den größten
Strömen Europas und zwar dein Rhein, der Donau, der Elbe,
dein Dnjestr und dem Dnjepr werden.

Von gleicher Bedeutung ftir die deutsche Industrie würde
auch die Herstellung einer S ch i f f a h r t s st r a ß e, wenn auch
mit geringeren Ausmaßen, auf der Narew-Vober-
Linie sein. Der Boberfluß, aus dem Gouvernement Suwalki
kommend, steht in Verbindung mit dem Njemen und fließt in
den Narew und dieser in den Bug. Diese ganzen Distrikte sind
außerordentlich holzreich und es würde sich daher nach Herstellung
einer brauchbaren Schiffahrtsstraße sehr bald eine lebhafte
Flößerei im sonstigen Verkehr entwickeln.

64
        <pb n="65" />
        ﻿Nur kurz soll erwähnt werden, daß auch aus strategi-
schen Gründen eine Abtrennung Polens von Rußland er-
folgen muß. Soweit der deutsche Osten in Betracht kommt, muß
für die Zukunft unbedingt dafür gesorgt werden, daß feindliche
Einbrüche, wie sie Ost- und Westpreußen haben erdulden müssen,
und von denen Schlesien und Posen zeitweise bedroht waren, in
Zukunft ausgeschlossen sind. Zum Schutze des Reiches
und seiner ö st l i ch e n G r e n z p r o v i n z e n i st da-
her die Erwerbung von Vorgelände mit
strategischer Grenzlinie erforderlich. Im übri-
gen wird auch von militärischer Seite betont, daß das Vorgelände
der Festungen Breslau, Posen und Thorn der Erweiterung bedarf.
Polen muß daher als Wall zwischen Deutschland und Rußland
aufgerichtet iverden. Alsdann wird die Bedrohung Deutschlands und
der europäischen Kultur durch Rußland endlich ihr Ende erreichen.

In welcher Weise soll sich nun die Angliederung Polens
an Deutschland vollziehen?

Ohne näher auf die staatsrechtliche Form, unter der eine
solche erfolgen konnte, einzugehen, sei hier kurz erwähnt, daß es
unseres Erachtens das Beste wäre, einen Staat nach Art der
römischen Provinzen zu schaffen, der von Deutschland
abhängig wäre. Das Militärwesen müßte Deutschland unterstellt
werden; ebenso hätten sämtliche Verkehrsmittel, Eisenbahnen und
Wasserstraßen in den Besitz des deutschen Reiches überzugehen oder
müßten seinem unmittelbaren Einfluß unterstehen. Das Gleiche
hätte für Post, Telegraph- und Kabelwesen zu gelten. Ebenso wäre
es leicht, die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen
Deutschland und Polen durch Zoll- und sonstige Verträge sü zu
ordnen, daß den Bedürfnissen der deutschen Industrie und Land-
wirtschaft wie den Bedürfnissen des Neulandes in vollem Um-
fang Rechnung getragen würde.

Auch die Errichtung eines selbständigen polnischen Reiches
würde von dem hier im Vordergründe stehenden wirtschaftlichen
Standpunkte aus den Interessen Deutschlands nicht zuwider-
laufen, da es dann gleichfalls leicht wäre, bei der Gründung von
vornherein dem deutschen Jnteressenstandpunkt Geltung zu ver-
schaffen.

Um ein übergreifen der nach dem Kriege
zu erwartenden erneuten und verstärkten
polnischen Agitation auf deutsches Gebiet
zu verhindern, iväre es erforderlich, daß
längs der deutschen Grenze ein rein deutsch zu
besiedelnder Schutzstreifen geschaffen w i r d. Zu diesem
Zweck müßten die daselbst ansässigen Polen weiter nach Kongreß-

65
        <pb n="66" />
        ﻿polen hinein bezw. in ein östlich Kongreßpolen zu schaffendes
Ansiedlungsgebiet verpflanzt werden und an Stelle des so aus-
gesiedelten polnischen Grundbesitzes müßten die deutsche n
Bauern Polens wie auch des weiteren Rußlands in den Schutz-
streifen hineingezogen werden. Dadurch würde die Gefahr einer
polnischen Agitation und eines verstärkten Hineinziehens der
deutschen Ostprovinzen in diese Agitation zum mindestens stark
abgeschwächt werden. —.

Eine Angliederung bezw. wirtschaftliche
Verbindung Polens mit Deutschland würde
auch für Polen von großem Vorteil sein.
Neue Industrien, wie Brennereien, Holzindustrien, Papierfabri-
ken, Brauereien, Maschinenfabriken usw. würden erstehen, die
polnische Landwirtschaft und Viehzucht würde allmählich auf die
Höhe der deutschen kommen und auch die Forstwirtschaft würde
unter deutschem Einfluß zur Blüte gelangen; die meisten polni-
schen Industrien, insbesondere auch der Bergbau, wiirden sich
weiter entwickeln.

Allerdings muß zugegeben werden, daß die polnische Textil-
und Eisenhüttenindustrie hiervon wohl auszunehmen sind. Ihnen
würde im Falle einer Angliederung Russisch-Polens an Deutsch-
land und der Errichtung einer Zollschranke nach Rußland hin der
Absatz nach dem eigentlichen Rußland entzogen werden und da-
mit eine große Schwierigkeit für ihre weitere Lebensfähigkeit
entstehen.

Bei der Textilindustrie vermag der Verlust eines Absatz-
gebietes von 160 Millionen Konsumenten durch die Absatzmög-
lichkeit nach Deutschland nicht ausgeglichen zu werden, zumal
dieses auch wesentlich andere Bedürfnisse ausweist. Immerhin
kann angenommen werden, daß die hochentwickelte Technik der
meist modern eingerichteten Betriebe verbunden mit den billigen
Arbeitskräften und den kaufmännischen Fähigkeiten der Unter-
nehmer diesen Schwierigkeiten gewachsen sein und sie allmählich
überwinden würde.

Dem Verlust des russischen Absatzgebietes würde im Falle
einer Angliederung Polens an Deutschland als A k t i v p o st e n
auch gegenüber zu stellen sein das h ö h e r e 51 u l t u r n i v e a u.
der Eintritt sicherer Vertrags- und Rechts-
verhältnisse, ein billigerer Kredit, Zoll-
freiheit des Hauptroh st ofses, bessere Ver-
kehrsverhältnisse und ähnliche mit einer Angliederung
an Deutschland verbundene Vorteile sur Russisch-Polen, die bei
der Bewertung industrieller Betriebe mit von Bedeutung sind.

Eventuell müßten in dem init Rußland zu schließenden

66
        <pb n="67" />
        ﻿Handelsverträge Maßnahmen vereinbart werden, die einem Teil
der polnischen Industrie — für eine Übergangszeit — noch die
Möglichkeit eines Absatzes nach Rußland erhalten.

Auf die deutsche Textilindustrie würde der
Hinzutritt der polnischen Industrie wohl auch nicht ohne Ein-
fluß sein. Da aber die deutsche Industrie der polnischen über-
legen ist, würden in dieser Hinsicht, zumal wenn der russische
Markt für die polnische Industrie zunächst erhalten werden kann,
besondere Befürchtungen einer allzugroßen Konkurrenz wohl nicht
zu hegen sein. Vielfach wird auch die Ansicht vertreten, daß im
Falle einer Angliederung Russisch-Polens an Deutschland ein großer
Teil der polnischen Industrie nach Rußland auswandern würde.

Für die polnische Eisenindustrie würde eine
Angliederung Polens an Deutschland weitergehendere Nachteile
nach sich ziehen, da sie wohl zu einer teilweisen Stillegung der
Eisenwerke führen würde, soweit diese nicht zur Herstellung von
Spezialartikeln übergehen. Die polnischen Hütten müßten sich nach
einer Angliederung an Deutschland und im Falle der Wiederauf-
richtung einer russischen Zollgrenze nach dem Westen derselben
Hilfsmittel bedienen, wie die deutschen. Sie müßten also außer
einheimischen überwiegend schwedische Erze verarbeiten und
würden diese bei ihrer Lage nur unter erhöhten Kosten heran-
bringen können. Sie würden also unwirtschaftlich arbeiten und
könnten mit den deutschen Hütten nicht konkurrieren. Auch hier
ließe sich allerdings durch vertragliche Abmachungen mit Ruß-
land — wenigstens für eine Übergangszeit — die bisherige Ab-
satzmöglichkeit erhalten.

Gewisse Schwierigkeiten würde der Anschluß Polens an
Deutschland auch für die Z e m e n t i n d u st r i e im Gefolge
haben, zumal der oben hervorgehobene Umstand, daß die polni-
schen Zementfabriken der deutschen Zementindustrie gegenüber
z. Zt. nicht konkurrenzfähig sind, mit dem Moment, in dem den
polnischen Fabriken die vollkommneren deutschen Maschinen zoll-
frei zur Verfügung stehen, sein Ende erreichen würde. Die polni-
schen Fabriken liegen geographisch fast ausnahmslos so, daß sie,
sobald sie zu Deutschland gehören, und damit der Absatz nach
Rußland in Fortfall kommt, wie oben ausgeführt, im großen und
ganzen dasselbe Absatzgebiet wie die schlesischen Fabriken haben
würden. Es bedarf keiner weiteren Ausführungen, daß dadurch
eine gewaltige Überlastung des gemeinsamen Absatzgebietes der
schlesisch-polnischen Fabriken eintreten würde. Diese Schwierig-
keiten fiir die deutsche und die polnische Industrie können
sedoch dadurch beseitigt werden, daß bei der Neuregelung
der Zölle zwischen Deutschland und Rußland die Absatz-

67
        <pb n="68" />
        ﻿Möglichkeit der deutschen und polnischen Fabriken nach Rußland
durch zollfreie Einfuhr von Zement in Rußland gewährleistet
wird, womit gleichzeitig der von der deutschen Zementindustric
seit langem beklagte und scharf bekämpfte Zustand beseitigt würde,
daß die Einfuhr russischen Zements nach Deutschland zwar zoll-
frei erfolgen konnte, die Ausfuhr deutschen Zeinents nach Ruß-
land aber einem Zoll von 0,12 Rubel pro Pud unterlag. —
Wenn somit auch einigen polnischen Industrien durch
einen Anschluß Polens an Deutschland gewisse Nachteile entstehen
ivürden, so kann dadurch doch die w i r t s ch a f t -
l i ch e Notwendigkeit eines Anschlusses Po-
lens an Deutschland nicht in Frage gestellt
werde n. Abgesehen davon, daß bei der Frage der zukünftigen
Gestaltung Polens für Deutschland nur das Interesse der
deutschen Volkswirtschaft maßgebend und entscheidend sein
kann, sind überdies auch die einzelnen polnischen Industrien er-
wachsenden Nachteile gegenüber dem sonst für ganz Polen unter
deutschem Einfluß zu erwartenden Aufblühen der weiteren Ent-
wickelung nicht ins Gewicht fallend, zumal sie sich, wie wir gescheit
haben, durch entsprechende Regelung der zukünftigen Handels-
beziehungen mit Rußland zum größten Teil auch beseitigen lassen.
Ganz unverhältnismäßig schwerer würden die
Schäden und Nachteile sein, die die deutsche
Industrie und der deutsche Haitdcl erleiden
m ü ß t e n , &gt;v e it n Polen nicht an D e u t s ch l a n d
käme, oder w e n n im Falle der Errichtung
' eines s e l b st ä n d i g e n Polnischen Reiches den
Interessen Deutschlands nicht durch deutsche
Oberhoheit Geltung verschafft würde. —

So sehr dies aber auch immer von neuem betont werden
iituß, so muß leider allem Anschein nach doch mit der Möglich-
keit gerechnet werden, daß größere und wichtigere Teile Polens
iticht an Deutschland, sondern an Österreich angegliedert werden.
Schon jetzt ist zwischen den verbündeten Staaten Deutschland und
Österreich eine Teilung des besetzten Gebietes in der Weise er-
folgt, daß die Grenze, an der Drei-Kaiserecke beginnend, sich zu-
nächst in nördlicher Richtung der Warschau—Wiener Bahn ent-
lang hinzieht, um alsdann nach Osten umzubiegen und in der
Gegend von Tomaschow die Pilitza zu erreichen.

Es darf wohl erwartet werden, daß diese Grenze lediglich
als ein P r o v i s o r i u m gewählt ist, da eine Bahn-
linie niemals als eine geeignete Grenzlinie
zwischen zwei Staaten a n z u s e h e n ist; einer die
Grenze bildenden Bahn würde jede Möglichkeit einer weiteren

68
        <pb n="69" />
        ﻿Entwickelung und eines weiteren Ausbaues genommen oder zum
mindesten durch die Notwendigkeit des Zusammenwirkens zweier
Staaten außerordentlich erschwert sein.

Es muß aber auch aus allgemeinen deutschen Jnteressen-
gründen gefordert werden, daß die Grenze des eventuell an
Deutschland anzugliedernden Teiles Russisch-Polens erheblich
weiter nach Osten hinausgeschoben wird, da Deutschland und ins-
besondere die oberschlesische Industrie sonst von jedem direkten
Verkehr mit Rußland abgeschnitten wäre.

Verlangen die deutschen Interessen unbedingt, daß die
Warschau — Wiener Bahn fest in deutschen
Händen bleibt, so erscheint es doch äußerst fraglich, ob diese
eine Bahnlinie den deutschen, insbesondere den oberschlesischen
Interessen genügen würde. Bisher gehen, wie ausgeführt, von
Deutschland nach Rußland 8 Eisenbahnlinien, von denen 7 durch
Polen führen. Von österreichischer Seite dagegen führt nur
eine Bahnlinie in polnisches Gebiet; das beweist u. E. zur
Genüge, daß die Beziehungen zwischen Deutsch-
land und Rußland b e z w. Russisch-Polen von
jeher w e i t enger waren, als die zwischen
Österreich und R u ß l a n d und läßt daher auch
das Verlangen nach Aufrechterhaltung dieser
Beziehungen als natürlich und begründet
erscheine n.

Bei der künftigen Gestaltung der Verhältnisse Polens muß
Deutschland daher auch über die Warschau —
Wiener Bahn hinaus Einfluß auf die Eisen-
bahn v e r k e h r s w e g e, insbesondere auf die
Weichselbahn über Jwangorod erhalten. Dieser-
Einfluß kann Österreich gegenüber nur durch gleichzeitige An-
gliederung des entsprechenden Landesgebietes Polens an Deutsch
land sicher gestellt werden, da andernfalls Österreich alles daran
setzen würde, eine Benutzung der Bahnlinie durch Deutschland
zu verhindern, um es, soweit nur irgend möglich, von seinen alten
Handelsbeziehungen zu Rußland und Russisch-Polen abzudrängen.
Zum mindesten niüßten daher, wenn sich eine Angliederung der
entsprechenden Gebietsteile nicht erreichen lassen sollte, mit
Österreich bindende Abmachungen getroffen werden, durch
die der deutsche Einfluß auch auf die Weichselbahn unbedingt sicher
gestellt wäre. Die deutsche Ausfuhr nach Polen und die Durchfuhr
nach Rußland muß unbedingt unabhängig von dem österreichi-
schen Einfluß gestaltet werden.

Die Durchfuhrbahnen aus Deutschland
nach Rußland diirfen daher keinesfalls in

69
        <pb n="70" />
        ﻿österreichische Hände übergehen. Sie wären even-
tuell einer Gesellschaft zu übertragen, in der deutsches Kapital
den Hauptanteil hätte. Damit sie sich fortzuentwickeln und aus-
zubauen in der Lage wären, müßte ihnen das Recht der Ent-
eignung und das Recht für beliebige Anschlüsse konzessionsmäßig
zugestanden iverden. Ebenso wären sie mit Steuerfreiheit oder
Steuerermäßigung auszustatten. Aus die Tarifstellung dürfte
Österreich gleichfalls keinen Einfluß ausüben.

Was die Wasserstraßen anlangt, so müßten sie
gleichfalls in irgend einer Form dem deutschen Einfluß unter-
stellt werden, damit sie leistungsfähig ausgebaut werden können.

Aber auch noch in mancher anderen Hinsicht müßten für den
Fall, daß sich ein Anschluß wichtiger Teile Polens an Österreich
nicht verhindern lassen sollte, besondere Kautelen geschaffen wer-
den, um die deutschen Interessen zu wahren.

Zunächst wäre auszubedingen, daß d e u t s ch e n Reichs-
angehörigen der Erwerb von Grund- und
Bergwerkseigentum auch in den ö st e r r e i ch i -
s ch e n Teilen Polens g e st a t t e t werden muß.
Ebenso müßten Deutsche unter den gleichen Bedin-
gungen Landwirtschaft und I n d u st r i e. treiben
dürfen wie Inländer.

Ferner müßte der Export von Deutschland na ch
Polen durch niedrige Zölle erleichtert werden. Alsdann
wäre zu fordern, daß die Freizügigkeit der polnischen Arbeiter
nicht unterbunden wird. Dagegen müßte uns das Recht vor-
behalten bleiben, uns davor zu schützen, daß Deutschland mit
Polen und Juden überschwemmt wird.

Mit Rücksicht auf die in Polen vermuteten Kali- und
P e t r o l e u m v o r k o m m e n wäre es ferner geboten, recht-
zeitig mit Österreich Abkoinmen zu treffen, die uns vor späteren
unangenehmen Überraschungen bewahrten.

Ob alle diese Kautelen genügen würden, um die deutschen
Interessen im Falle einer teilweisen Angliederung Polens an
Österreich nach allen Richtungen zu wahren, muß immerhin
äußerst zweifelhaft erscheinen; s i e st e l l e n u. E. aber das
M i n d e st m a ß dessen dar, was zur Sicherung
der deutschen Interessen Österreich gegen-
über gefordert werden muß. —

Auch für Polen s e l b st erscheint uns zur
Erreichung einer einheitlichen und gleich-
mäßigen Fortentwicklung eine Angliederung
wichtiger L a n d e s t e i l e an Ö st e r r e i ch nicht
w ü n s ch e n s w e r t.

70
        <pb n="71" />
        ﻿Eine direkte Gefahr für Deutschland und speziell Ober-
schlesien würde es aber bedeuten, wenn der Kreis Bendzin an
Österreich fiele, da dies für die Weitergestaltung der wirtschaft-
lichen Verhältnisse zwischen Deutschland und Österreich von
schwerwiegender Bedeutung wäre.

Durch einen Anschluß des Kreises Bendzin
an Österreich würde sich die Lage der o ber-
sch l e s i s ch e n Montanindustrie noch weiter ver-
schlechtern. Ihre Lebensfähigkeit wird zurzeit im wesent-
lichen nur aufrecht erhalten durch die Möglichkeit des ober-
schlesischen Kohlenabsatzes nach dem Auslande, in erster Reihe
nach Österreich-Ungarn, das ungefähr Vs des ganzen Absatzes
aufnimmt. Jede Erweiterung des österreichi-
s ch e n Kohlengebietes lv ü r d e so m i t die wirt-
schaftliche Lage der oberschlesischen Stein-
k o h l e n g r u b e n u n g ü n st i g beeinflussen. Im Jahre
1913 sind z. B. von Oberschlesien nach Österreich-Ungarn 11,1
Mill. Tonnen Kohlen ausgefiihrt worden. Würde nun die gesamte
oder ein erheblicher Teil der Produktion der jetzigen polnischen
Gruben Österreich zufallen, so wäre damit unter Berücksichtigung
der großen Erweiterungsfähigkeit dieser Gruben, die, wie oben er-
wähnt, ohne Schwierigkeit 10 Millionen Tonnen jährlich produ-
zieren können, fast der gesamte österreichische Kohlenmarkt für
das oberschlesische Steinkohlenrevier verloren. Bei den ungünsti-
gen Absatzbedingungen für oberschlesische Kohlen nach Deutsch-
land loürde es für die oberschlesische Steinkohlenindustrie fast
unmöglich sein, sich für diesen Verlust Ersatz zu schaffen. Hierzu
kommt, daß die oberschlesische Steinkohlenaussuhr nach Polen
ihren Weg zu den polnischen Eisenhütten nahm, die auch gerade
in der Hauptsache in dem Teile des Kreises Bendzin liegen, der
gegenivärtig bereits unter österreichischer Verwaltung steht. Durch
eine Angliederung dieses Teiles an Österreich würde auch die
Ausfuhr nach Polen der oberschlesischen Steinkohlenindustrie zum
großen Teile abgeschnitten sein, für ihre Lieferung würde das
Ostrauer Revier eintreten. Aber darüber hinaus
würde die Vermehrung des K o h l e n r e i ch t u m s
in Ö st e r r e i ch noch viel verhängnisvoller da-
durch, daß Ö st e r r e i ch in i t einem Schlage in
eine ganz andere Position bei den künfti-
gen Handelsverträgen käme. Es ist bekannt,
daß Deutschland Österreich gegenüber nur geringe wirtschaft-
liche Druckmittel geltend machen kann, um einigermaßen
günstige Handelsverträge durchzusetzen. Es bedarf keiner weiteren
Ausführung, daß Österreich bei den Handelsvertragsverhandlun-

71
        <pb n="72" />
        ﻿gen in industrieller Beziehung Deutschland gegenüber noch ganz
anders dastehen würde, wenn es selbst genug Kohlen hätte. So-
bald es über die nötigen Kohlenvorräte verfügt, wird es voraus-
sichtlich einen großen Teil der Jndustrieartikel, die wir jetzt noch
nach Österreich liefern können, sich selbst anfertigen und infolge-
dessen müßten zukünftige Handelsverträge, sobald Österreich
eigene Kohlen in genügender Menge besitzt, unbedingt viel un-.
günstiger als bisher ausfallen.

Auf jeden Fall müßten daher die wirt-
schaftlichen Beziehungen z w i s ch e n Österreich
und Deutschland zunächst f ü r eine längere
Reihe von Jahren sichergestellt werden, ehe
die Anglieder nng wichtiger Teile von Polen
a n Österreich überhaupt in Frage kommen
dürfte. —

Eine schwere Schädigung für die deutschen
Interessen würd e es auch bedeuten, wenn
die russisch-polnischen Eisenhütten des Bend-
z i n e r Kreises an Österreich gelangten. Öster-
reich würde die Möglichkeit besitzen, die wirtschaftlichen Bezugs-
quellen dieser Hütten, die, ivie oben ausgeführt, bisher nicht allzu
günstig waren, günstiger zu gestalten. Die Hütten könnten mit zoll-
freiem Koks aus Mährisch-Ostrau versorgt werden. Ebenso könnten
ihnen als Ersatz für die südrussischen Eisenerze solche aus Ungarn
zugeführt werden. Es würde damit in Österreich vor den Toren
Oberschlesiens eine Konkurrenz großgezogen werden, die die deutsche
Eiseneinfuhr nach Österreich, Polen und den Balkanländern lahm-
legen müßte. Es würden damit aber nicht allein
die Interessen der ober schlesischen Montan-
i n d u st r i e schwer geschädigt, sondern über-
haupt die deutschen W i r t s ch a f t s i n t e re s s e n,
da die Eisenausfuhrwerte itu wesentlichen
diejenigen sind, die die deutsche Handels-
bilanz in Ord nu ng halten.

Ähnlich liegen die Verhältnisse für die oberschlesische
Zementindustrie, die sich schon jetzt mit den unweit der
oberschlesischen Grenze befindlichen und durch die bestehende Zoll-
ungleichheit bevorzugten österreichischen Zementfabriken in schar-
fem Konkurrenzkampf befindet.

Wird die österreichische Zementindustrie durch Angliederung
des Kreises Bendzin mit den gerade dort recht leistungs- und er-
weiterungsfähigen Zementfabriken noch weiter vergrößert und ge-
stärkt, so entsteht auch in der Zementfabrikation in der aller-
nächsten Nähe Oberschlesiens eine so mächtige österreichische In-
        <pb n="73" />
        ﻿dustrie, daß daraus der oberschlesischen Zementindustrie die größte
Gefahr erwächst. —

Diese schwerwiegenden Gesichtspunkte zeigen deutlich die
unbedingte Notwendigkeit, daß im Falle einer nicht
zu vermeidenden teil weisen Angliederung
Polens an Ö st erreich jedenfalls der Kreis
B e n d z t n mit seinen Kohlen- und Eisen werten
vollständig an Deutschland fallen muß; an-
dernfalls würde der Friede nicht die Be-
dingungen erfüllen zur ungehemmten Ent-
faltung unserer schaffenden Kräfte in der
Heimat, sondern im Gegenteil sie mit schweren
neuen Fesseln b e l a st e n und dauernd lahm-
legen.

Für die Berechtigung dieses Verlangens sprechen aber auch
noch andere Gründe.

Bekanntlich hat der Kreis B e n d z i n in
früheren Zeiten bereits zu Preußen gehört;
er kam mit einem größeren Bezirk durch die dritte Teilung
Polens an Preußen, das ihn jedoch im Jahre 1807 im Tilsiter
Frieden an das von Napoleon gebildete Herzogtum Warschau
abtreten mußte. Neben diesen historischen Ansprüchen bestehen
geographische und geologische. Ein Vergleich auf
der Karte läßt auf den ersten Blick erkennen, daß der Kreis
Bendzin direkt wie aus Oberschlesien herausge-
schnitten erscheint, und was die geologischen Beziehungen
anbetrifft, so sind die dortigen Kohlen- und Zink-
ablagerungen lediglich die Ausläufer der
o b e r s ch l e s i s ch e n. Endlich gehört der Kreis Bendzin zu
Oberschlesien gewissermaßen auch kulturell, denn fast alles,
was dort in industrieller und kulturfördernder Hinsicht geschehen
und geschaffen ist, ist auf deutsche Initiative zu-
rück z u f ü h r e n. Die meisten Gruben aus älterer Zeit — und
auch auf die meisten Gruben aus neuerer Zeit trifft dies zu —
sind durch deutsches Kapital und durch deutsche
Intelligenz erschlossen worden. Graf Reden, der in Ober-
schlesien die ersten großen Kohlengruben ins Leben gerufen hat,
schuf zu gleicher Zeit im Kreise Bendzin, der damals zu Preußen
gehörte, verschiedene noch heute bestehende große Grubenanlagen,
und so ist es fortgegangen über ein Jahrhundert lang. Die
meisten bedeutenden Gruben sind — und zwar bis vor wenigen
Jahrzehnten —■ in deutschen: Besitz gewesen, bis sie den
Besitzern durch die deutschfeindlichen Maßnahmen der russischen
Regierung allmählich verleidet worden sind. Sie wurden meist



73
        <pb n="74" />
        ﻿gegründet, und die Anteile sind dann zum großen Teil auf den
französischen Markt gebracht worden. So sind die Werke in
mobiler Form in französischen Besitz geraten. Nur ein kleiner Teil
des mobilen Besitzes ist hierbei in deutschen Händen geblieben.

Neben den Gruben sind auch die für Rußland sehr bedeut-
samen Eisen- und Zinkhütten m e i st durch
Deutsche geschaffen lind entwickelt worden. Daß sie in
neuerer Zeit in anderen Besitz, zum Teil in französischen und
zum Teil in russisch-polnischen, übergegangen sind, lag ebenfalls
an der Gesetzgebung und den Verwaltungsmaßnahmen Rußlands.

Natürlich hat die große Industrie, die jenseits der Grenze
parallel mit der oberschlesischen entstanden ist, auch ähnliche Ge-
ineindebildungen wie in Oberschlesien hervorgerufen; man kann
wohl sagen, daß sich diese Städte, namentlich Czenstochau, Sos-
nowice und Bendzin, nach dem Muster der benachbarten deutschen
Städte entwickelt haben. Diese Städte sind viel besser als ihr
Ruf; es sind dort, ganz im Gegensatz zum weiteren Polen und
Rußland und schließlich auch Galizien, viele Einrichtungen ge-
schaffen oder im Werden begriffen, die als moderne Errungen-
schaften von deutschen Städten in Anspruch genommen werden.

Infolge dieser geographischen Lage, der geologisch-bergbau-
lichen Verhältnisse und der Kulturverhältnisse des Meises Bend-
zin hat stets ein äußerst reger Verkehr und Handel zwischen
diesem Kreise einerseits und den Kreisen Kattowitz, Beuthen, Glei-
witz, Tarnowitz k. andererseits stattgefunden. Die Bevölkerung ist
absolut nicht russifiziert oder stark polnisch. Es kann mit Sicher-
heit behauptet werden, daß, falls der Kreis in deutsche Hände
kommt, er in kürzester Frist, was Germanisation anbetrifft, das-
selbe Bild bieten würde, wie die Jndustriekreise hier in Ober-
schlesien, wobei natürlich vorausgesetzt wird, daß die sämtlichen
französischen und russischen Direktoren aus der Leitung der
dornigen Industrie entfernt werden, was sich unseres Erachtens
übrigens in kürzester Frist von selbst vollziehen würde.

llmgekehrt ivürde das Gebiet, wenn es Österreich zugeschla-
gen ivürde, wohl in ganz kurzer Zeit vollständig polonisiert sein.
Das ivürde aber die ungünstigsten Folgen für Oberschlesien haben.
Die Polnische Agitation in O b e r s ch l e s i e n , die
bisher hauptsächlich aus Krakau genährt
wurde, würde alsdann in verstärktem Maße
i h r H a u P t e r h e b e n. Es darf daran erinnert werden, daß
kurz vor Ausbruch des Krieges die polnische Agitation gerade
in Österreich zu erheblichen Ausschreitungen gegen die Deutschen
führte; und daß sich die polnische Agitation bereits jetzt wieder
lebhaft bemerkbar macht. —
        <pb n="75" />
        ﻿Zu Österreich haben die Kreise Bendzin und Ezenstochau
nie und der Kreis Olkucz nur geringe Beziehungen gehabt. Es
besteht zwar noch ein Einfallstor nach dorthin über Gramm, aber
der Verkehr ist hier immer gleich Null gewesen; allenfalls war ein
Durchgangspersonenoerkehr Wien—-Krakau—Warschau vorhanden.

Einen Kreis, der so von der Natur zum Anschluß an
Deutschland bestimmt ist, in fremde Hände fallen zu lassen, wäre
an sich schon ein schwerer Fehler. Dieser würde um so größer
sein, als er, wie oben gezeigt, die schwersten wirtschaftlichen Ver-
luste für die deutsche Volkswirtschaft zur Folge haben müßte.

Sollte es daher nicht möglich sein, die Anglicdcrung Polens
an Österreich überhaupt zu verhindern, so muß jedenfalls, wie
immer wieder hervorgehoben werden mutz, der Kreis Vendzin
unbedingt in deutschen Händen bleiben. —

Das Ergebnis der vorstehenden Untersuchung fassen wir in
folgende kurze Leitsätze zusammen:

1.	Polen ist ein außerordentlich reiches Land, bei dem
alle Grundbedingungen für eine gesunde Fortentwickelung in
allgemeinkultureller, landwirtschaftlicher und industrieller Hin-
sicht gegeben sind. Sein bisheriges Zuriickblciben beruhte aus
seiner Zugehörigkeit zu Rußland. Aus strategischen und wirt-
schaftlichen Gründen darf Polen weiterhin nicht mehr bei Ruß-
land verbleiben.

2.	Bei der Lostrennung Polens von Rußland muß da-
für gesorgt werden, daß das Land für die deutsche Volkswirt-
schaft nutzbar gemacht wird. Die kulturelle Hebung und die
Erzeugung von Rohstoffen in Polen ist nach Möglichkeit zu
fördern, und die Ausfuhr nach Deutschland zu erleichtern.
Ebenso ist die Möglichkeit zu schaffen, daß die deutschen Fertig-
waren ungehinderten Absatz in Polen genießen. Ferner muß
dem deutschen .Kapital und der deutschen Intelligenz die Mög-
lichkeit geboten werden, sich nutzbringend in Polen zu betätigen.

3.	Zur Erreichung dieser Ziele ist es, um den aus
nationalen wie wirtschaftlichen Gründen notwendigen Schutz
gegen die polnische Agitation zu erlangen, zunächst nötig,
längs der deutschen Grenze einen rein deutsch zu besiedelnden
Schutzstreifen zu schaffen. Bezüglich des verbleibenden Haupt-
teils des polnischen Gebietes erscheint es

4.	am zweckmäßigsten, aus Polen einen von Deutsch-
land abhängigen Schutzstaat nach Art der alten r ö in i s ch e n
P r o v i n z c n zu machen. Polen würde alsdann in weit-
gehendem Maße Selbstverwaltung genießen. Jedoch wären
die sämtlichen Verkehrsmittel (Eisenbahnen, Wasserstraßen)
in den Besitz des deutschen Reiches zu übertragen oder seinem

75
        <pb n="76" />
        ﻿unmittelbaren Einfluß zu unterstellen. Das Gleiche gilt für
Post, Telegraph und Kabelwesen. Natürlich müßte das Deutsche
Reich auch die Militärhoheit in Polen besitzen.

5.	Stach Möglichkeit muß dahin gestrebt werden, daß
Polen nicht Österreich angegliedert wird, da alsdann der
deutschen Landwirtschaft und Industrie ein sehr wertvolles
Neuland verloren gehen würde. Außerdem ist zu bezweifeln,
ob es Österreich gelingen würde, Polen in gleicher Weise fort-
zuentwickeln, &gt;vie dies Deutschland tun würde.

6.	Sollte sich jedoch eine teilweise Angliederung Polens
an Österreich in irgend welcher Form nicht verhindern lassen,
so ist jedenfalls mit allen Mitteln dahin zu wirken, daß
wenigstens der ganze -Kreis Bcndzin mit einen, weiteren
Grenzgebiet unter deutsche Herrschaft kommt. Anderenfalls
würde Österreich infolge der dort vorhandenen Mincralschätze
in wirtschaftlicher Hinsicht so gestärkt werden, daß es sich in
weitem Maße von Deutschland wirtschaftlich unabhängig
machen könnte. Hierdurch würde aber die gesamte deutsche
Bolkswirtschaft und insbesondere die schon jetzt schwer
kämpfende oberschlesische Montanindustrie erheblich geschädigt
werden.

7.	Bei einer Angliederung Polens an Österreich wären
Kautelen zu schaffen, die dem deutschen Kapital und der
deutschen Intelligenz die Betätigung in Polen ermöglichen.
Ferner müßte die deutsche Industrie durch Gewährung von
Zollvergünstigungen die Möglichkeit eines ungestörten Ab-
satzes ihrer Erzeugnisse in Polen erhalten: schließlich wäre der
deutschen Industrie auch eine ungestörte Durchfuhr ihrer Er-
zeugnisse durch Polen nach Rußland unbedingt zu gewähr-
leisten.

Ausgaben und Fragen von schwerwiegenden Folgen sind es,
die gelöst werden müssen. Falls die vorstehenden Zeilen mit da-
zu beitragen helfen, ist ihr Zweck erfüllt.

Wir möchten mit den Worten Paul Rvhrbachs schließen,
die er seinem Buche „Rußland und wir" vorausschickt:

»Was heute verfehlt, versäumt und verkehrt entschieden
wird, das werden wir, nicht für Jahre und Jahrzehnte,
sondern für unsere ganze nationale Zukunft, als hindernde
Kette am Bein nachzuschleppen haben. Wer dafür die Ver-
antwortung ans sich laden will, dem werden kommende Ge-
schlechter, ja vielleicht schon unsere Kinder, die Schuld daran
zumessen, daß neue und noch unerhörtere Blutopfer fallen
müssen, als wir sie diesmal schon gebracht haben, wenn jetzt
kein Ende mit der Bedrohung Deutschlands und der europäi-
schen Kultur durch das östliche Barbarentum gemacht wird."

76
        <pb n="77" />
        ﻿Anlage I.

Zusammenstellung der Städte Polens

unter Berücksichtigung ihrer Gecieutung für
lstianclel uncl Industrie.

Stadt	Bemerkungen

Äugustow Gouv. Suwalki. — 12 746 Einw. — Post, Tele-
graph, Eisenbahn (Orany—Grodno). — Bedeutende
Viehmärkte. — Die Stadt liegt an dem 75 km langen
Augustowkanal, der den Njemen über Bobr und
Narew mit der Weichsel verbindet.—Sie wurde 1560
von Sigismund II., August von Polen gegründet.

Hrndjin Gouv. Petrikau, 5 Lm von der österr. Grenze. —
21 190 Einwohner. — Post, Telegraph, Eisenbahn
(Tabkowice—Sosnowice). — In der Nähe Kohlen-
gruben und Staatszinkwerk. — Einwohner meist
Juden.

Äiala	Gouv. Siedlez, an der Krzna (zum Bug). -

13 123 Einw. — Post, Telegraph, Eisenbahn (War-
schau—Brest). — Gymnasium.

Eholi»	Gouv. Lublin, an der Ucherka. — 19 236 Einwohner.

— Post, Telegraph, Eisenbahn (Kowel—Mlawa und
Brest—Cholm). — Bistum. — Vieh- und Getreide-
handel.— Gymnasium, geistliches Seminar, Museum.

Genstocha« Gouv. Petrikau, links an der Warthe. — 45 130
Einwohner. — Post, Telegraph, Eisenbahn (War-
schau—Gramm). — Industrien: Baumwollwaren,
Jute, Bier, Zelluloid, Leim, Nadeln, Knöpfe, Zünd-
hölzer, Spielsachen, Heiligenbilder. — Brigade-Kom-
mando. — Reichsbanksiliale. — Wallfahrtsort. —
.Knaben-Gymnasium. — Garten- und Obstbaumschule.

Grajewo Gouv. Lomscha, rechts vom Lyck. — 4026 Einw. —■
Post, Telegraph, Eisenbahn (Brest—Profilen, direkte
Wagen von Kasatin (wichtigster Verbindungspnnkt

77
        <pb n="78" />
        ﻿Stadt

Kali sch

Kalwarija

Kielcc

Kolo

Konin

Konsk

Hutno

Bemerkungen

der südrussischen Eisenbahnen) nach Königsberg). —
Grenzzollamt.

Gouv. Kali sch. an drei Armen der Prosna. 6 Im von
der preuß» Grenze. —- 21 680 Einw. — Post. Tele-
graph. — Industrien: Zucker. Tabak. Tuch. Band
und Wollwaren. Bier- und Metbrauereien. — Röm.-
kath. Bischofssitz. — Grenzwache. Militärkommando.

—	Reichsbankfiliale. — Seminar. Knaben- und
Mädchenghmnasium. Realschule. — Die sehr alte
Stadt wurde 1108 von Boleslaw III.. 1655 und
1706 von den Schweden erobert.

Gouv. Suwalki. an der Scheschupa (zum Njemen).

—	8420 Einw. (7io Israeliten). — Textilindustrie.
Lederfabrikation. Torfgewinnung.

Gouv. Kielce. — 23 189 Einw. — Post. Telegraph.
Eisenbahn (Jwangorod—Dombrowa). — Industrie:
Eisen. Zucker. — Reichsbankfiliale. — Garnison.
Bistum. Priesterseminar. Gymnasium, Mädchenpro-
gymnasium. -— In der Nähe Bergbau auf Eisen,
Kupfer und Blei. Nahebei auch das Bad Busko mit
Schwefel- und Salzquellen.

Gouv. Kalisch. links an der Warthe. — 9359 Einw.

—	Post, Telegraph. — Baumwoll-, Porzellan- und
Fayence-Fabriken. — Handelsschule. Greisenheim.

Gouv. Kalisch. links an der Warthe. — 8528 Einw.

—	Post. Telegraph. — Industrien: Tuchweberei.
Watte- und Zichorien-Fabrikation. Maschinen. Ze-
ment. Essig. — Einwohner zur Hälfte Juden.

Gouv. Radom. — 8235 Einw. (70 Juden). —
Post. Telegraph. Eisenbahn (Koljveschki—Ostrowez).

—	Fabrik für Eisen-, Kupferwaren und Wagen. —
Ausfuhr von Eisen und Getreide.

Gouv. Warschau, links an der Ochnja (zur Weichsel).

- 11213 Einw. — Post. Telegraph. Eisenbahn
(Skierniewice—Alexandrowo). — Fabriken (Zucker
usw.). — Bedeutender Handel, besonders mit Ge-
treide. — Zwei Drittel der Einwohner sind Juden.

78
        <pb n="79" />
        ﻿Stadt

Zentschiha

Lod;

Lublin

Lomscha

Lowitsch

Lukow

Bemerkungen

Gouv. Kalisch, an der Bsura (zur Weichsel). —
9788 Einw. — Post. Telegraph. — Woll- und Baum-
wollspinnerei. Tabakfabrikation. Lehrerseminar.

Gouv. Petrikau. Festung, an der Ludka. 213 m. See-
höhe. — 351 570 Einw. (viele Deutsche). — Post.
Telegraph, Eisenbahn (nach Koluszki). — Hauptsih
der Baumwvll- und Wollindustrie Rußlands, meist
in deutschen Händen. — Fabrikation von Seiden-
und Stahlwaren. — Reichsbankfiliale und Kommerz-
bank. — Technische Anstalt. — Garnison. — Knabeir-
und Mädchengymnasium. Handels- und mittlere In-
dustrieschule. — Theater. — Die Stadt war 1820
noch ein Dorf von 800 Einwohnern, seit 1823 An-
siedlung deutscher Arbeiter.

Gouv. Lublin, links an der Bystryza (zur Weichsel).
192 in Seehöhe. — 50 152 Einw. — Post, Telegraph.
Eisenbahn (nach Luckow). — Dampfmühlen. Woll-
weberei. Fabrikation von Tabak, landwirtschaftlichen
Geräten. Leder. — Handel: Getreide. Wolle. Wein.
— Reichsbankfiliale. — Kathol. Bistum, Garnison.
Brigadekommando. Priesterseminar. Knaben- und
Mädchengymnasium. Theater. Militärspital. — Schon
unter den Jagellonen eine der größten Städte Polens.

Gouv. Lomscha, Festung, links an der Narew (zum
Bug). 100 in Seehöhe. — 26 075 Einw. — Post.
Telegraph. — Getreide-, Holz-, Teerhandel. — Reichs-
bankstelle. — Garnison. — Knaben- und Mädchen-
gymnasium.

Gouv. Warschau, rechts an der Bsura. — 12 434 Ein-
wohner. — Post. Telegraph, Eisenbahn (Skiernie-
wice—Alexandrowo). — Fabrik von Leder, Ton-
waren. Öl. Essig. — Pferdezucht. — Garnison. —
Realschule. Mädchenprogymnasium. — Fürstentum
Lowitsch.

Gouv. Siedlez. an der Krzna (zum Bug). — 10 352
Einw. — Post, Telegraph. Eisenbahn (nach Jwan-
gorod. Lublin und Warschau—Terespol). — Ger-
bereiindustrie. — Garnison.

79
        <pb n="80" />
        ﻿Stadt

Nlariampol

Mechow

Wlawa

Ueschawa

Uowo-

Alerandrija

Uomommsk

Uowo-

Radomsk

Uomys-Dwor

Gpatow

B e m e r f u u g e n

Gouv. Suwalki, rechts an der Scheschuppe. — 4272
Einwohner (meist Juden). — Post, Telegraph. —
Mehrere Fabriken: Messingwaren, Brauereien. —
Garnison. — Knabengymnasium.

Gouv. Kielce. — 4156 Einw. — Post, Telegraph.

—	Kollegiatstift.

Gouv. Plozk, 8 km. von der preuß. Grenze. —

13	449 Einwohner. — Post, Telegraph, Eisenbahn
(Deutsch-Eylau—Neu-Georogiewsk und nach Marien-
burg und Kowel). — Hauptzollamt. — Garnison.

—	Fabrikation landwirtschaftlicher Geräte, Leder,
Seife. — Getreidehandel. — Eisenbahnschule.

Gouv. Warschau, links an der Weichsel. — 2573 Ein-
wohner. — Post, Telegraph, Eisenbahn (Skiernie-
wice—Alerandrowo, Station 41/, km südlich). —
Getreidehandel.

Gouv. Lublin, rechts an der Weichsel. — 3892 Ein-
wohner. — Post, Telegraph, Eisenbahn (Kowel—
Mlawa), Dampferstation. — Landwirtschaftliches und
Forst-Institut, Meteorologische Station, Mädchen-
progymnasium. — Sommerfrische.

Gouv. Warschau, an der Vereinigung von Wisnewka
und Strebrna (zur Weichsel). — 7978 Einw. —
Post, Telegr., Eisenbahn (Warschau—Brest Litowsk,
Ostrolenka—Piljawa). — Schrotgießerei. — Som-
merfrische.

Gouv. Petri kau, an der Radomka (zur Warthe). —

14	464 Einw. — Post, Telegraph, Eisenbahn (War-
schau—Wien). — Industrien: Möbelfabrikation,
Tuch und Leder.

Gouv. Warschau, am Einfluß des Bug in die Weich-
sel (gegenüber Nowogeorgijewsk). — 7252 Einw.

—	Post, Telegraph, Eisenbahn (Kowel—Mlawa).

—	Korn- und Holzhandel.

Gouv. Radom, an der Opatowka (zur Weichsel).
7431 Einw. — Post, Telegraph. — Industrie: Land-
wirtschaftliche Geräte.

80
        <pb n="81" />
        ﻿Stadt	Bemerkungen

Gpotschno	Gouv. Radom, an der Drzewiczka (zur Pilica). — 8333 Einw. (Hälfte Juden). — Post, Telegraph, Eisenbahn (Koljuschki—Tomaschow—Ostrowez).
GsjurKom	Gouv. Kalisch, an der Bsura (zur Weichsel). — 12 902 Einw. — Post, Telegraph. — Bedeutende Woll-, auch Baumwollindustrie, Färberei usw.
GstrolenKa	Gouv. Lomscha, links an der Narew. — 8679 Einw. — Post, Telegraph, Eisenbahn (nach Piljawa und Linie Lapy—Malkin). — Tuchfabrikation. — Gar- nison.
Ostrom	Gouv. Lomscha, rechts vom Bug. — 10 838 Einw. — Post, Telegraph, Eisenbahn. — Fabrik von land- wirtschaftlichen Geräten, Butter. — Garnison.
Gstrom	Gouv. Siedlez. — 3960 Einw. — Post.—Tuchfabrik.
Gstromier	Gouv. Radom, an der Kamennaja (zur Weichsel). — 9803 Einw. — Post, Telegraph, Eisenbahn (Kol- juschki—Tomaschewo). — Gußeisen und Stahlwerke.
Pabjansty	Gouv. Petrikau, an der Dobrzynka (zur Warthe). — 26 892 Einw. — Post, Telegraph, Eisenbahn (elektr. Bahn nach Lodz). — Industrien: Woll- und Baum- wollweberei, Tuchfabrikation, Färberei, landwirt- schaftliche Geräte, Papier, Chemikalien.
Petrikau	Gouv. Petrikau, links an der Pilitza. — 32 173 Ein- wohner (über 11 000 Deutsche). — Post, Telegraph, Eisenbahn (Warschau—Granica). — Fabrikation von landwirtschaftl. Geräten, Leder, Kacheln, Glas, Bier usw. — Reichsbankfiliale. — Garnison. — Gymna- sium für Knaben und Mädchen, Handels- und Hand- werksschulen. — Früher Königswahlstatt.
Plo;k	Gouv. Plozk, rechts an der Weichsel (auf 60 m hohem Steilufer). — 27 073 Einw. — Post, Telegraph, Dampferstation. — Fabrikation landwirtschaftl. Ge- räte. — Getreidehandel. — Reichsbankfiliale. — Garnison, Bistum, Geists. Lehrerseminar (kathol.), Gymnasium für Knaben und Mädchen. — Eisenbahn.

81
        <pb n="82" />
        ﻿

Stadt

Kadom

Samostse

Sandomir

Sdunska-

Wolsa

Sgersch

Sjedle,

Sjerads

Suwalki

Bemerkungen

Gouv. Radom, an der Radomka. — 30 126 Einw.

—	Post, Telegraph, Eisenbahn (Dombrowa—Jwan-
gorod). — Industrie: Hut- und Lederfabrikation,
Stahlgießerei, Bier- und Branntwein, Tonwaren,
landwirtschaftl. Geräte usw. — Bedeutender Handel.

—	Reichsbankfiliale. — Garnison. — Gouver-
nements-Schule, Knaben- und Mädchengymnasium,
Handels- und Eisenbahnschule. — über ein Drittel
Juden.

Gouv. Lublin. — 14 705 Einw. -
ben- und Mädchenprogymnasium.

Garnison, Kna-

Gouv. Radom, an der Weichsel, Flußhafen. — 6534
Einw. — Post, Telegraph, Dampferstation. — Bis-
tum, Priesterseminar, Kollegiatstift, Knaben- und
Mädchenprogymnasium.

Gouv. Kalisch, rechts an der Warthe. — 15 910 Einw.

—	Post, Eisenbahn. —Woll- und Baumwollindustrie.

—	Realschule.

Gouv. Petrikau, an der Bsura. — Post, Telegraph.

—	19 124 Einw. — Woll- und Baumwollspinnereien.

—	Handelsschule.

Gouv. Siedlez, links vom Liwjez (zum Bug). —
26 234 Einw. (viele Juden). — Post, Telegraph,
Eisenbahn (Warschau-S. — Jwangorod — Matkindo-
fct). — Industrien: Bierbrauerei und Branntwein-
brennerei. — Garnison, zwei Knaben- und ein Mäd-
chengymnasium, Theater.

Gouv. Kalisch, links an der Warthe. — 7005 Einw.

—	Fabrikation von landwirtschaftlichen Geräten, Ker-
zen, Seife, Leder. — Knabenprogymnasium.

Gouv. Suwalki, zwischen Gautscha- und Wigrysee.

—	27 165 Einw. (davon 14 000 Juden). — Post,
Telegraph, Eisenbahn (Grodno—Wilna). — Fabri-
kation von Leder, Butter usw. — Garnison, Knaben-
und Mädchengymnafium, Handels- und Handwerker-
schule.

82
        <pb n="83" />
        ﻿Stadt

Bemerkungen

Eomaschow Gouv. Petrikau, links an der Piliza. — 21 041 Ein-
wohner. — Post, Telegraph, Eisenbahn (Kolußki—
Ostrowiec). — Fabrikation von Tuch, Chemikalien
usw. — Reichsbankfiliale. — Handelsschule.

Tschenflochow Gouv. Petrikau, an der Warthe. — 45 130 Einw.

— Post, Telegraph, Eisenbahn (Warschau—Gra-
mm). — Herstellung von Heiligenbildern, Amuletten
usw. — Baumwoll- und Juteindustrie, Fabrikation
von Bier, Zelluloid, Leim, Nadeln, Knöpfen, Zünd-
hölzern, Spielsachen. — Nahebei das Kloster Jasno-
Gura, eines der reichsten Klöster der Welt. Jährlich
50 000 Pilger. — Reichsbankfiliale, Garnison, Bri-
gade-Kommando, Knabengymnasium, Garten- und
Obstbauschule.

Warschau Gouv. Warschau, 15 Forts, Lagerfestung, 30/40 m
über der Weichsel. — Mit Vororten 756 426 Einw.
(32 000 Mann Militär; 56 % Katholiken, 35%
Juden, 8,5 %i Russen; 1897: 4360 Reichsdeutsche).
— Post, Telegraph, Eisenbahn (nach allen Richtun-
gen), Dampferstation. — Industrie: Mehr als 300
Fabriken mit einem sährlichen Produktionswert von
etwa 75 Mill. Mark. Hauptsächlich Fabrikation in
Baumwolle und Tabak, Leder, Tuch, Öl, Wagen,
Chemikalien, Maschinen und anderen Metallgegen-
ständen, namentlich in Bronze, Gold- und Silber-
waren usw. Handelsplatz ersten Ranges. Handels-
platz für Polen, steht aber auch mit dem Innern Ruß-
lands nach allen Seiten, sowie mit Danzig in Ver-
bindung. — Filiale der Reichsbank und zahlreiche
andere Banken. — Zollamt, Konsulate, Erzbistum,
Universität und botan. Garten, sehr reicher Bibliothek
und vielen Sammlungen, zahlreiche Schulen und In-
stitutionen aller Art.

Weljuil Gouv. Kalisch, rechts an der Oleschniza (zur Warthe).

— 7850 Einw. (51,5%; Kathol., 34,7% Juden).
— Telegraph. — Fabrikation von Vier, Seife, Töpfer-
waren usw. — Garnison.

Wirballen Gouv. Suwalki, nahe der preuß. Grenze. — 3285
Einw. (33,6 %' Kathol., 37 %i Juden). — Post,
Telegraph, Eisenbahn (Berlin—Warschau). — Grenz-
station, Zollamt.

83
        <pb n="84" />
        ﻿Stadt

Bemerkungen

Myladsiamoni Gouv. Suwalki, an der Mündung des Schirwindt in
die Scheschuppe. — 3988 Einw. (29,5 % Kathol.,
45,5 %i Juden). — Bierbrauerei. — Grenzamt,
Priesterseminar.

Wlodawa Gouv. Siedlez, links am Bug, an der Mündung der
Wlodawka in den Bug. — Mit Orchuweß 6758 Ein-
wohner (56,7 % Juden). — Post, Telegraph, Eisen-
bahn (Brest—Cholm). -— Eisenindustrie, Gerberei.
— Garnison.

Wlostawek Gouv. Warschau, links an der Weichsel. — 31 894
Einw. — Post, Telegraph, Eisenbahn (Skierniewice
—Alexandrowo), Dampferstation. — Fabrikation

von landwirtschaftl. Geräten, Zelluloid, Porzellan,
Met. — Garnison, kathol. Bistum, kathol. Priester-
seminar, Handelsschule.

Zgier;	Gouv. Petrikau, an der Bsura (zur Weichsel). —

19 124 Einw. (11 417 Kathol.). — Post, Telegraph.
— Fabrikstadt: Woll- und Baumwollspinnereien. —
Handelsschule.

Sosnowiee Gouv. Petrikau. — 9048 Einw. — Post, Telegraph,
Eisenbahn (nach Schoppinitz, Zomkowice und Jwan-
gorod). — Industrien: Zinkwerke, Knochenmehl,
Kessel und Rohre, Schrot, Nägel, Glas, Papier. —
Nordöstlich davon das Dombrowa-Kohlengebiet. —
Zollamt. — Realschule.

84
        <pb n="85" />
        ﻿Anlage 2.

Lisenbahn-Süter-Verkehr
Zwischen Deutschland uncl I^uffisch-Polen.

Güter	1913  |  Versand Empfang		1912  Versand | Empfang	
1. Abfälle		3 211	83	1581	259
2. Baumwolle, rohe, Abfälle				
von Baumwolle usw. . .	—	20 671	9	30 595
3. Bier .......	—	184	—	149
4. Blei .......	45	1987	80	2 534
5. Borke und Lohe . . .	21	10176	25	5 475
6a. Braunkohlen, rohe . .	37	57	—	45
l). Braunkohlenbriketts und				
Koks ......	—	411	44	31
7. Zement		1	638	58	7 569
8. Chemikalien u. Drogerie-				
waren ......	316	8 088	390	11 132
9. Dachpappe, Steinpappe				
usw. .......	26	203	11	79
10. Düngemittel, auch künst-				
liche .......	3 346	185189	7 253	176 669
11a. Eisen, roh, aller Art usw.	4	7 789	77	17 741
b. Luppen und rohe Blöcke				
von Eisen u. Stahl usw.	24	316	21	403
e. Eisen- und Stahlbruch .	67	130	216	55
12. Eisen und Stahl, Stab-				
und Formeisen usw. . .	64	16 670	81	10 704
13. Eisenbahnschienen, Schie- nenbefestigungsgegen-				
stände usw. .....	—	92	—	86
14. Eisenbahnschwellen,				
eiserne ......	—	—	—	—
15. Eiserne Achsen und Ban-				
dagen, Räder usw. . .	—	60	24	14
16. Eiserne Dampfkessel, Re-				
servoirs usw. ....	990	141912	525	102 535
17. Eiserne Röhren und				
Säulen ......	16	3 629	11	2 320
18. Eisen- und Stahldraht .	10	733	9	778

85
        <pb n="86" />
        ﻿		1913		1912	
	Güter	Versand	Empfang	Versand	Empfang
19a. Eisen- u. Stahlwaren.		93	24 327	86	20 371
b. Sonstige Metallwaren •		128	1950	34	2170
20.	Eisenerz (ausschl. Schwe- felkies) ......	9 841	73	9 203	14
21.	Erde, Kies, Mergel, Lehm, Ton usw. .....	432	20 598	869	21 409
22a. Erze, roh, Bleierze usw.		2 802	99	1 038	979
b. Kupfererze, Kupferstein		111	178	17	120
o. übrige Erze ....		30160	35 892	40 690	39 416
23.	Farbhölzer .....	—	17	—	30
24. Fische				334	49 778	525	50 278
25.	Flachs, Hanf, Hede, Werg	3187	367	1464	456
26. Fleisch auch Speck. . .		5 883	3	4 007	22
27.	Garn und Twiste . . .	43	4118	20	4494
28a. Weizen			3 738	8 929	4132	2 053
b. Roggen 			438	105 842	5 423	22024
c. Hafer				273	15174	889	2 385
d.	Gerste ......  e.	Hirse, Buchweizen, Hül-		15553	157	63 964	61
	senfriichte		6212	1448	25 630	1184
f. Mais (Kukuruz) . .		1 923	422	8 440	393
g- Malz			—	—	75	10
b. Lein- und Öls amen . .		1 211	3 489	1 792	3136
	i. andere Sämereien . .	6 381	3 844	10 278	2 496
29. Glas und Glaswaren .		47	2 420	20	2 209
30	Häute, Felle, Leder, Pelz-				
	waren ......	2 853	17 406	3 033	12 967
31.	Holz:  a. Rundholz roh beschla-				
Ä	gene Stämme . . .	73 423	21	82 203	2
s	b. Nutzholz, Werkholz,				
«-  Q	Holzdraht usw. . . .	55 952	1915	70 750	1885
£	o. Brennholz, Eisenbahn-				
	schwell., Grubenholz usw.	103 865	113	85 297	167
31. Holz:					
	d. außereuropäisches . .	1	1 702	206	1 783
32. Holzzeugmasse, Stroh-					
	masse			37	1326	3	1866

86
        <pb n="87" />
        ﻿Güter	19  Versand	13  Empfang	19  Versand	12  Empfang
33. Hopfen ......	128	35	93	249
34. Jute .......	11	12153	—	16013
35. Kaffee, Kakao, Tee . .	5	2 468	11	2 738
36. Kalk, gebr. .....	358	529	169	958
37. Kartoffeln .....	16 685	48 288	100 661	71
38. Knochen ......	230	9	478	29
39. Knochenkohle ....	649	—	921	19
40. Lumpen ......	1083	12 140	1276	10 394
41g. Mehl u. Mühlenfabri-				
kate .......	915	2 555	876	1328
b. Kleie ......	238 731	2603	250 928	1832
42. Obst, Gemüfe, Pflanzen				
usw. .......	534	5 783	612	10 851
43. Öle, Fette, Tran und				
Talg		131	3 005	242	1982
44. Ölkuchen, Kokoskuchen				
usw. .......	67 033	202	77 031	422
45. Papier und Pappe usw.	138	393	174	469
46. Petroleum und andere				
Mineralöle .....	10435	6 028	2 353	2 928
47. Reis, Reismehl u. Reis-				
kleie .......	23	6 799	10	6 746
48. Tonröhren und Zement-				
röhren ......	167	1716	98	2110
49. Rüben, Zucker- u. Futter-				
rüben, Zichorienwurzeln	5 266	—	61 103	—
50. Rübensirup, Melasse . .	4 916	1	7 037	—
51. Salpetersäure, Salzsäure	—	28	570	23
52. Salz		1228	1 656	713	1209
53. Schiefer ......	—	5	—	8
54. Schwefelsäure ....		1 303	24	3 867
55a. rohe kalzinierte Soda .	—	—	—	•—
b. kaustische Soda . . .	—	1	—	22
56. Spiritus, Branntwein				
Essig		3145	329	1045	202
57. Stärke, Stärkezucker usw.	1024	280	2 218	297
58. Steine, bearbeitet, Mar-				
morwaren und Platten				
usw		24	5 995	225	2 614

87
        <pb n="88" />
        ﻿Güter	1913  Versand ! Empfang		1912  Versand Empfang	
59. Steine, gebr., Bruch- und				
Bausteine usw. . . .	1 148	101953	5 206	85 909
60a. Steinkohlen ....	458	1 209 014	61	1 071 080
b. Steinkohlenbriketts . .	—	8129	—	2 979
c. Steinkohlenkoks . ■ .	20	j 276 346	70	245 459
61. Tabak, roh, Tabakrippen	76	6	276	7
62. Teer, Pech, Asphalt,				
Harz usw		177	15 837	310	12 997
63. Tonwaren, Porzellan,				
Steingut usw		4	6035	3	4 050
64. Torf, Torfstreu, Holz-				
kohlen ......	20	894	47	440
65. Wein			19	1 039	26	736
66. Wolle 		573	19 488	580	16 740
67. Zink, Zinkasche, Zink-				
brocken ......	62	10 362	230	6 674
68. Zucker:				
a. roh . 			2 048	15	605	1
b. raffiniert .....	18 756	30	29 749	5
69. Sammelladungen . . .	1	37 672			31 399
70. Sonstige Güter . • .	12147	20 517	13 490	19 654
Summe	721 467	2 522 267	990 024	2129 064
	Vieh			
	(in Stück)			
1. Pferde		338	40	3 973	60
2. Stiere, Ochsen ....			15		
3. Kühe, Rinder (Färsen)	—	30	21	63
4. Kälber ......	—	2		
5. Schafe ......	—	12	—	—
6. Fette u. magere Schweine	103 634	3	73 555	31
7. Ferkel		—	—	—	—
8. Geflügel ......	1 396 592	244	1 710 508 j	1 422
Summe	1 500 564 !	346	1 788 057	1 576
        <pb n="89" />
        ﻿Anlage 5.

Gewerbe-Statistik Polens nach ciern Stande

von 1910.

Anzahl der Betriebe	10 953

Anzahl der Arbeiter	400 922

Wert der Produktion	860 148 918

	Zahl  der  Betriede	Zahl der Arbeiter	Wert der Produktion
Bergbau- und Hiittenbetricb:  Kohlengruben	......	41	25 429	26171 929
Galmeigruben und Wäschen . -	3	l 543	481840
Zinkhütten			3	?54	2 309 256
Eisenerzgruben		29	1 824	61 l 739
Eisenhütten 			15	13 197	28 639 709
Steinbrüche und Lehmgruben . .	355	2 888	762 074
Kalkanlagen........	32	? ?	1 076 362
Salzsiedereien .......	1	62	86 510
Metallindustrie:  Maschinen- und Kesselfnbriken, Briickenbauanstalten ....	10?	18 683	35 835 000
Fabriken für Miillerei- und land- wirtschaftl. Geräte ....	84	3 867	6 661 000
Eisengießereien ......	63	9 977	17 321 000
Schlossereien, Schmieden, Geld- schrankfabriken .	.....	464	4 967	5 803 000
Fabriken eiserner Möbel und Hausgeräte		 .	48	5 856	7 640 000
Klempnereibetriebe		93	1034	1 704000
Nägel-, Draht-, Blechfabriken	60	4 525	10 900000
Waagen-, Gefäß-, Instrumenten- fabriken 		83	2 749	8 580 000
Metallgießereien, Armaturensa- briken ........	11?	2 732	7 144 000
Fabriken von Edellmetallgegen- ständen		123	2 224	5113000
Verschiedene Metallwaren . . .	218	4 743	6910000
Anlagen für elektrotechnische Er- zeugnisse			50	670	I 690000
        <pb n="90" />
        ﻿	Zahl  der  Betriebe	Zahl der Arbeiter	Wert der Produktion
Gesamte Textilindustrie:	l 166	150 305	341 266 OOO
Fabriken wollener und baumwolle- ner Stoffe .......	643	116 944	268 498 OOO
Fabriken seidener und halbseidener Stoffe . 			42	3 254	8 387 OOO
Fabriken leinener, Jute- und Hanf- Stoffe 		13	3 955	7 240 OOO
Vigogne-, Kunstwolle-, Watte-, Spinnereien				24	1 871	5 701 OOO
Fabriken von Wirk- und Stück- waren .	......	105	3 981	8 726 OOO
Fabriken für Plüsch, Tischzeuge, Möbel, Portieren .....	23	2 610	10130 OOO
Fabriken für Bänder		27	2119	3 986 OOO
Fabriken für Gumi- und Wachs- tuch-Erzeugnisse .....	14	1855	4000000
Fabriken für Spitzen, Tüll, Vor- hänge, Stickereien		114	5 970	8 350 OOO
Sonstige Fabriken der Textil- branchc 			161	7 745	16 248 OOO
Genuszinittclgewcrbc (Zuckerfa- briken, Brauereien, Brennereien, Hefefabriken, Branntwein- und Metfabriken, Zigarrenfabriken u. dergl. ........	3 032	42 458	154724115
Keramische Industrie (Zement-, Gips-, Steinfabriken, Glas- und Spiegelfabriken, Tonwaren- fabriken) 	' . .	520	23075	30 433000
Chemische Industrie		264	9 153	29 831 OOO
Industrie tierischer Produkte (Le- der, Pinsel, Riemen u. dergl.) .	284	7 034	29 378 OOO
Holzindustrie		879	17 259	23 215 OOO
Papierindustrie und polygraphi- sches Gewerbe ....	672	15 402	25 695 784
Konfektion ........	1918	25 438	47 919 600
Verschiedene Gewerbe (Wagenbau, Musikinstrunvente, Spielzeug u. a.)				220	3 074	7 256 OOO

90
        <pb n="91" />
        ﻿Literatur-Verzeichnis.

Prof. Dr. C. Ballod: Die russische landwirtschaftliche und industrielle Produktion
(in der Zeitschrift des Königl. prenß. Statistischen Landesamts).

Bartonee: Über die geologisch-montanistischen Verhältnisse des süd-östlichen
Teiles von Polen 1914.

Bielschowsky, Frida: Die Textilindustrie der Lvdzer Rayons. Ihr Werden
und ihre Bedeutung. Heft 160 der staats- und sozialwissenschaftlichen
Forschungen, herausgegeben von Gustav Schmoller und Max Sering.

Axel von Boustedt: Das Russiche Reich.

Dr. Rudolf Claus: Tie Zusammensetzung der Bevölkerung Rußlands nach
Nationalitäten in der Zeitschrift des Königl. preuß. Statistischen
Landesamts).

Cleinow: Die Zukunft Polens, II. Band (Leipzig 1914).

Dr. Max Friederichsen: Tie Grenzmarken des europäischen Rußlands, ihre
geographische Eigenart und ihre Bedeutung für den Weltkrieg
(Hamburg 1915).

Dr. Otto Goedel: Russische Industrie (in russische Kultur- und Volkswirtschafts-
Aussätze und -Vorträge, im Aufträge der Vereinigung für staars-
wissenschaftliche Fortbildung zn Berlin, herausgegeben von Max
Sering, Berlin und Leipzig 1913.

v. Gnttry: Tie Polen und der Weltkrieg, 3. Ausl. 1913.

Janasz: Einfluß des Zuckerrübenbaues auf die Landwirtschaft ini Königreich
Polen (Leipziger Phil. Diss. Weida 1910).

v. Orpiszewski: Die Abwanderung der landwirtschaftlichen Arbeiter aus dem
Königreich Polen nach Deutschland (Phil. Diss. Göttingen 1898).

Peyer: Das private Syndikat der russischen Zuckerindustrie (Phil. Diss. Königs-
berg 1908).

Przeglad Gorniczo - Hutniczy (Berg - und Hüttenmännische Rundschau)
Dombrowa.

Przemysl i Handel Krolestwa Polskiego (Industrie und Handel des König-
reichs Polen) Jahrgang 1912, Warschau.

Rabinowitz: Zur Entwickelung der Arbeiterbewegung in Rußland (Giessener
Phil. Diss Berlin 1913).

Reymann: Die Weichsel als Wasserstraße (Heidelberger Phil. Diss. Warschau 1912).

Dr. Kasimir Ritter v. Rogoyski: Beitrag zur jetzigen wirtschaftlichen Lage
Polens (Krakau 1915).

v. Rosenwerth: Tie Zusammenlegung der Grundstückein Russisch-Polen (Phil.
Diss. Halle 1910).

Rocznik Statystyczna Krolestwa Polskiego (Statistisches Jahrbuch des
Königreichs Polen) 2. Jahrgang 1914, Warschau.

Sartisson: Beitrüge zur Geschichte und Statistik des russischen Bergbau- und
Hüttenwesens (Phil. Diss. Heidelberg 1900).

Spandowski: Die polnischen Gewerbevereine (Münchener Staatswirtsch. Diss.
Posen 1909).

Statistik der Güterbewegung auf deutschen Eisenbahnen nach Berkehrsbezirkeu
geordnet, herausgegeben, vom Kaiserlichen Statistischen Amte,
80. Bd 1913.

Statistisches Jahrbuch für das Königreich Polen, Jahrgang 1914.

Strasburger: Zur Entwickelung der Arbeiterfrage im Königreich Polen
(Münchener Staatswirtsch. Diss. Warschau 1907).

Zweig: Die russische Handelspolitik seit 1877 (in Heft 123 der Staats- und
sozialwissenschaftlichen Forschungen, herausgegeben von Gustav
Schmoller und Max Sering, Leipzig 1906).

91

Inhaltsverzeichnis umstehend.

X
        <pb n="92" />
        ﻿Inhalts-Verzeichnis.

Seite

Borwort . .................................................................3

Größe und Bevölkerung......................................................4

Religionsbekenntnis....................................................... 7

Volksbildung...............................................................7

Städte.....................................................................8

Verteilung des Grund und Bodens............................................9

Landwirtschaft.............................................................9

Viehbestand ..............................................................16

Forstwirtschaft..........................................................1(5

Holzstatistik.............................................................17

Industrie (Allgemeines) ..................................................17

Textilindustrie.........................................................  19

Montanindustrie...........................................................26

Steinkohlenbergbau.............................................26

Braukohlenbergban .............................................35

Eisenerzbergbau................................................37

Blei-, Zink- nnd Kupfererzbergban..............................41

Zinkerzgruben . . .............................................42

Kali- und Petroleumlagerstätten................................43

Eisenhütteniudustrie...........................................43

Zinkhütten...................................................  51

Metallindustrie...........................................................51

Zementindustrie...........................................................52

Chamotteindustrie............................*..........................54

Kalkindustrie.............................................................55

Branntweinbrennereien.......................................... . 55

Zuckerfabriken............................................................55

Sonstige Industrien.......................................................55

Handel............................................................ . 55

Verkehrswesen.............................................................55

Arbeiterfrage.............................................................56

Arbeiterorganisationen..........................•................... 58

Schlußfolgerungen.......................................................  61

ilulagr I. Zusammenstellung der Städte Polens unter Berücksichtigung

ihrer Bedeutung für Handel und Industrie.....................77

Anlage 2. Eisenbahngüterverkehr	zwischen Deutschland u. Russisch-Polen 85

Anlage 3. Gewerbestatistik Polens nach dem Stande von 1910 ... 89
Literatur-Verzeichnis ...................................................,91

Druck von Erdinann Raube, Oppeln.
        <pb n="93" />
        ﻿
        <pb n="94" />
        ﻿Image Engineering Scan Reference Chart TE263 Serial No. _

&gt;araus der oberschlesischen Zementindustrie die größte
L Hst- —

j schwerwiegenden Gesichtspunkte zeigen deutlich die
l Notwendigkeit, daß im Falle einer nicht
^ i d enden teilweisen Angliederung
j; n Österreich jedenfalls der Kreis
n i t seinen Kohlen- und Eisenwerten
st i g an Deutschland fallen muß; an-
würde der Friede nicht die Be-
n erfüllen zur ungehemmten Ent-
Unserer schaffenden Kräfte in der
stindernim Gegenteil sie mit schweren
is sseln belasten und dauernd lahm-

Berechtigung dieses Verlangens sprechen aber auch
*i: Gründe.

sf'r ntlich hat der Kreis Bcndzin in
Z e i t e n bereits zu Preußen gehört;
7 einem größeren Bezirk durch die dritte Teilung
r: ceußen, das ihn jedoch im Jahre 1807 im Tilsiter
s- as von Napoleon gebildete Herzogtum Warschau
^iJe. Neben diesen historischen Ansprüchen bestehen
stlsche und geologische. Ein Vergleich auf
f;t auf den ersten Blick erkennen, daß der Kreis
si- ft wie aus Oberschlesien herausge-
erscheint, und was die geologischen Beziehungen
si: sind d i e dortigen Kohlen- und Z i n k -
feigen lediglich die Ausläufer der
z-s i s ch e n. Endlich gehört der Kreis Bendzin zu
ss sewissermaßen auch kulturell, denn fast alles,
rdustrieller und kulturfördernder Hinsicht geschehen
"st s ist, ist auf deutsche Initiative zu-
:cit. Die meisten Gruben aus älterer Zeit — und
freisten Gruben aus neuerer Zeit trifft dies zu —
7 cutsches Kapital und durch deutsche
f: »z erschlossen worden. Graf Reden, der in Ober-
7 sten großen Kohlengruben ins Leben gerufen hat,
§;: r Zeit im Kreise Bendzin, der damals zu Preußen
ebene noch heute bestehende große Grubenanlagen,
- fortgegangen über ein Jahrhundert lang. Die
enden Gruben find —- und zwar bis vor wenigen
j. - in deutschem Besitz gewesen, bis sie den
* die deutschfeindlichen Maßnahmen der russischen
-^nützlich verleidet worden sind. Sie wurden meist

73
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
