40 II. Akratie und Aristagie. der Leitung, mit Anwendung nur des nötigsten Zwan ges. Geht man auf diese Deutung ein, so ergibt sich der Sinn der neuen Wortbildungen fast von selbst; speziell der erste negative Begriff ist leicht klar. Während eine wirkliche, konsequent durchdachte Anarchie zu Unmög lichkeiten führt, liegt in dem Wort Akratie' der Ge danke, der manchem unerbittlichen Kopf die Anarchie erträglich erscheinen ließ; ich denke da z. B. an den christlichen Anarchisten Leo Tolstoj. „Niemand soll ab solute, unbedingte, uneingeschränkte Gewalt über Le ben und Tun eines anderen Menschen haben" — so etwa möchte ich den Sinn von Akratie in einen Satz auflösen. Das ist dann nicht nur ein mögliches Ideal, sondern scheint mir das auszudrücken, was den sogen. Freiheitsbestrebungen an realem Gehalt entspricht. Daß Freiheit streng genommen ein negativer Begriff ist, wurde schon oben erwähnt und kann als bekannt gelten; das Wort bedarf logisch stets eines Zusatzes: von was. Absolute Freiheit ist ein metaphysischer Be griff, kein solcher menschlicher Gemeinschaft. Schon die gleichzeitige Existenz zweier Menschen im gleichen Raumbezirk genügt, um sie theoretisch aufzuheben; und ethisch gefaßt besaß sie nicht einmal Robinson auf seiner Insel. Das Korrelat dazu liegt im Kratein; also „Freiheit von absoluter Herrschaft, von schrankenloser Gewalt irgend eines anderen Menschen". Also in letz ter Linie die Ausschließung jedes absolut gültigen Willens; die Relativität aller einzelnen Willen; die notwendige Berücksichtigung auch der fremden Willen. Diese Aufstellungen stehen natürlich in scharfem Gegensatz zu Friedrich Nietzsches „Willen zur Macht";