62 II. Akratie und Aristagie. solche anerkannt zu werden und als Lehrmeister zu wirken. Denn die Besten haben nicht nur das Recht „sich auszuleben", sondern auch die Pflicht, ini Sinne der von ihnen erkannten Werte führend zu wirken; hier liegt die soziale Bedeutung dieser Wortbildung. Es gibt wesentlich zwei Auffassungen des Begriffes sozial — und nur die eine verträgt sich mit dem Gedanken einer Aristagie. Denkt man dabei an alle zu einen, Volke vereinigten Menschen und nimmt innerhalb dieser Menge ethische und intellektuelle Wertungen vor, so ergibt sich von selbst die Hoffnung, die ethisch und intellektuell Höherstehenden möchten allmählich immer mehr von den anderen zu sich heraufziehen und ein langsamer Ausgleich dadurch stattfinden, daß dieser Unterschied sich verringert — aber auf dem ethisch und intellektuell höheren Niveau. Das ist auch das Prin zip der Aristagie; in diesem Sinne soll sie sozial ivirken, nicht aber, indem sie ihre gewonnene Tüchtigkeit auf gibt und nicht verteidigt, weil sie noch nicht alle be sitzen. Sonst findet ein Ausgleich statt — aber auf einem niedrigen Niveau; das Errungene geht wieder verloren. Es stehen sich gegenüber eine Masse — und wenige tüchtige oder tüchtigste. Eine Macht von Beiden muß lenken oder bestimmen, wohin die Willen sich rich ten sollen; die Masse wird durch ihr Schwergewicht auch die Tüchtigen auf ihr niedrigeres Niveau herabzuziehen trachten und wer „sozial" mit dem Willen der Masse identifiziert, kann keine Aristagie anerkennen. Einige Beispiele stellen dies vielleicht noch klarer. Oft liest man Sätze, wie: jedes Volk hat die Staats männer, die es verdient oder jede Stadt das Theater,