60 III. Das Führerproblem. Führer speziell qualifiziert. Außer indirekt durch Werke, die ein solcher besonders reicher Mensch schafft, als Denker, Künstler, Lehrer; allein selbst von Goethe, dem Typus dieses Allseitigkeitsstrebens, gilt doch sein eigenes Wort, das er von der Muse sprach: sie könne das Leben wohl begleiten, aber nicht leiten. Eine Führernatur im engeren Sinne ist er nicht; auch „Rem- brandt als Erzieher"" war kein glückliches Symbol. Nicht Größe der Persönlichkeit, in irgend einem Sinne, ist erforderlich; sondern das Führerideal ist durchaus ein relatives: der Führer nruß die Gruppe, die er führen soll, nur in etwas überragen, ihr überlegen sein und ihren Willen lenken; und nur wer ein ganzes Volk oder gar die Menschheit führen will, muß dazu beinahe ein Übermensch sein. Der Gedanke der Aristagie aber gilt dem ganzen Leben und dem ganzen Volk in allen seinen Aufgaben; und wir haben mehr Bedarf nach Führern im kleinen, als nach Heroen, die doch der unendlichen Mannigfaltigkeit der Kultur nicht mehr genügen können. Goethe versagtjedenfalls in der Politik und Bismarck im Reich der Musen; und wie selten erscheinen solche Menschen auf Erden wie diese zwei. Man kann nicht auf solche Ausnahmen warten und wo man vorgibt, es zu tun, will man nur die immer vor handenen Aufgaben nicht anfassen und eine Ausrede dafür haben, kleinere Aristoi nicht anzuerkennen. In den Begriff des Führers muß etwas gelegt wer den, was nicht nur dem „Genie", nein, auch dem Ein fachsten erreichbar ist; denn Führung tut not bis in die einfachsten Kreise hinein, die das Genie niemals ver stehen. Das ist auch im Auge zu behalten, wenn man den allgemeinen Begriff der Persönlichkeit zerlegt und