III. Das Führerproblem. 76 X vergewaltigen sie immer." Das ist die Auffassung eines extremen, aber unerbittlichen Denkers und dem Körn chen Wahrheit, das darin steckt, kann sich kein ehrlicher Kulturkritiker verschließen. Diese Stelle, das heißt der innere Widerspruch zu ihr, ließ mich zuerst nach neuer Formulierung des Gegensatzes suchen; denn mit der alten „Aristokratie" kann man Tolstoj schlechterdings nicht beikvmmen^, da er ja gerade zum Problem macht, ob sich die beiden Wortteile, Beste und Herrscher, nicht im Prinzip widersprechen und dies schlankweg bejaht. Zur Lösung dieser Antinomie kann eine andere Stelle bei ihm dienen. „Die Lockung der Macht und alles dessen, was sie bietet an Reichtümern, Ehren, Genuß leben, erscheint der Tätigkeit der Menschen nur so lange als ein würdiges Ziel, bis man sie erreicht hat, aber in dem Augenblick, in dem der Mensch sie erreicht hat, enthüllt sich ihre Leerheit." Hier kann der Begriff der Aristagie einsetzen und sich zugleich als ethische For derung an die Machthaber erweisen; diese Leerheit gilt es zu überwinden, sie ist auszufüllen durch die Führertätigkeit zu wertvollen Zielen, dann wird auch der Ekel nicht eintreten, den Tolstoj meint. Agein ist gut, kratein ist schlecht; dieses ist die Art von Machtaus übung, die er mit solcher Wucht angreift, der ja selbst ein geistiger „Führer" sein will. Richtig ist also, daß wirkliche Gewalt, Übermacht, Erdrückung fremden Willens schlecht ist (Akratie); dagegen das Führen un entbehrlich und darum gut zu nennen ist. Aber es bleibt noch der Zweifel über den Weg, der dazu führt. Ist er wirklich auch mit „Stolz, List und Grausamkeit ge pflastert?" Oder doch weniger schroff mit Überhebung, Schlauheit und Rücksichtslosigkeit?