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        <title>Organisation</title>
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            <forname>Otto von der</forname>
            <surname>Pfordten</surname>
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        ﻿
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        ﻿
        <pb n="3" />
        ﻿Organisation

Ihr Wesen und ihre politische
Bedeutung / Von Freiherm
Otto von derPfordten

Prof. a. d. Univ. Straßburg

»

Bei Carl Winter in Heidelberg
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        ﻿
        <pb n="5" />
        ﻿Unserem herrlichen Heere,
einer vorbildlichen Organisation,
im dritten Kriegsjahre
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        ﻿
        <pb n="7" />
        ﻿Einleitung.

/

Der Begriff „Organisation" ist unzweifelhaft einer
der meistgebrauchten unserer Zeit; Publikationen aller
Art, Zeitungen, Zeitschriften, Bücher sind davon er-
füllt. Man hat sie, man erstrebt sie, man preist oder
vermißt sie; allerdings meist ohne näher zu erörtern,
was man nun eigentlich unter diesem Zauberwort
verstehen will. Genug, es ist in aller Munde; und was
noch viel seltsamer ist: Freund und Feind in diesem
Weltkrieg sind sich darüber einig, daß man Organi-
sation besitzen müsse. Zunächst um im Krieg Erfolg zu
haben, außerdem aber auch für die Einrichtungen und
Ordnungen, die den Friedensschluß überdauernd wei-
terhin bleiben sollen. Besonders ist es unsere deutsche
Organisation, unser Talent dazu, unsere Ausbildung
derselben, die tatsächlich von uns, den Gegner und den
Neutralen gepriesen wird; die einen wollen sie uns
nachmachen, die anderen beneiden uns darum, oder
rühmen sie nur; aber alle sind sie einig in dem Lobpreis
dieser seltsamen Kraft, die da Organisation genannt
wird. Da muß ein Geheimnis stecken, das zu er-
gründen der Mühe lohnt.
        <pb n="8" />
        ﻿8

Einleitung.

Fast wie ein Wunder mutei das an; mitten in allem
Streit, Hader und Lüge ein armes Wort, über das alle
übereinstimmen, ja von i»em viele behaupten, damit
und nur damit könne man den Sieg gewinnen, von
dem sich alle mindestens irgend etwas Vorteilhaftes
und Gutes versprechen. Nur wer gewohnt ist, mit
Begriffen Zu arbeiten, kann ermessen, was das heißen
will: ein Begriff, über den sich die Menschenköpfe
einig sind. Mit anderen Worten also ein absoluter
x Wert, ein zweifelloses Gut, ein allgemein gültiger
Begriff. Das ist so etwas, wie ein Goldkorn in einem
Sandhaufen; denn auf welchem Wissensgebiet man
sich auch sonst bewegen mag, man wird finden, daß
fast alle Begriffe umstritten, bezweifelt, geleugnet
werden. Hier also möchte der Begriffsforscher ausrufen:
gib mir einen Standpunkt, nur einen festen und
sicheren Grundsatz und ich will Vieles in Ordnung
bringen. Fast aller geistige Streit ruht ja, genau be-
trachtet, auf Gegensätzen schon in den Grundbegriffen,
was dem einen an Worten heilig und teuer ist, scheint
dem anderen Torheit, und allgemein wird gelehrt, es
gibt nur relative, gibt keine absoluten Werte.

Nun kann man freilich den Begriff: „absolut" auch
so hoch spannen, daß darunter nur Ewiges über Zeit,
Raum und Menschenschicksal Erhabenes zu verstehen
Iväre. Dann freilich ist auch die gepriesene Organi-
sation nur relativ gültig, denn sie bezieht sich zweifel-
los auf menschliches Leben. Aber darauf beziehen sich
eben mit Ausnahme der religiösen alle unsere Be-
griffe; und der weit wichtigere Unterschied ist der, ob
etwas für uns Kulturmenschen unbedingt gelten soll.



?
        <pb n="9" />
        ﻿Einleitung.

')

oder ob es relativ, unsicher und nur unter ganz bestimm-
ten Bedingungen richtig sein soll. Eine Beziehung auf
irgend welche menschlichen Zustände findet natürlich
immer statt; ein Wert ist alles, was man vor andcreni
bevorzugt, und das kann auf sehr vielen Gebieten statt-
finden. Was aber für das Zusammenleben der Men-
schen und ihre Betätigung als unbedingt erstrebens-
wert gilt, das kann im Gegensatz zu all dem Schwan-
kenden immerhin absolut genannt werden, wenn auch
freilich unter der Voraussetzung des Lebens in einen,
Kulturstaat.

Allein die „Organisation" wird durch die allgemeine
Anerkennung noch mehr, noch Höheres; sie wird zunh
Sollen, wird zum normativen Wert, zur Norm.
Normative Werte aber sind solche Werte, die sich in
der Erfahrung erprobt haben und darum zu Regeln
oder Geboten erhoben werden, nach denen wir unser
Leben einrichten sollen. Und so bekommt der Gedanke
auch einen ethischen Gehalt; wenn etwas so Sicheres
und Erprobtes vorliegt, dann diirfen wir nicht gleich-
gültig daran vorübergehen, sondern müssen es erfas-
sen, dazu Stellung nehmen und unser Tun darnach
einrichten. Wir sollen „organisieren", das wird zur For-
derung, sobald wir eingesehen und zugegeben haben,
daß das unbedingt für uns gut ist. Das aber ist
es eben, was man heute konstatieren kann; Erfah-
rung und Denken zeugen für diesen Begriff, ja man
kann ihn einen Zentralbegriff dieses Weltkrieges
nennen.

Das Wort an sich genommen erinnert sofort an andere
ähnliche: an Organismus und die einzelnen Organe;
        <pb n="10" />
        ﻿10

Einleitung,

auch diese aber sind abgeleitet von dem griechischen
Wort Organon, das Handwerkszeug oder Instru-
ment; also ein Mittel, um bestimmte Zwecke zu errei-
chen. Schon ini Altertum bekam dieser Begriff gei-
sügen Gehalt; man nannte auch die Logik (des Aristo-
teles) so als Werkzeug richtigen Denkens. Dann aber
wurde er musikalisch und bedeutete unsere Orgel; das
Handwerkszeug hieß lateinisch Jnstrumentum und das
Organische wurde mit einem neuen Gedanken verknüpft,
dem des Lebens. Man sah hier in den Organismen
(Pflanzen und Tieren) ein Naturganzes vor sich, worin
sämtliche Teile sich gegenseitig wie Mittel und Zweck
einander verhalten, und dem Ganzen dienen und einen
Zusammenhang bilden, der die Erhaltung des einen
von der des anderen Teiles abhängig macht. Eine
besondere Lebenskraft, die lange totgesagt heute unter
anderen Namen (Entelechie, Dominanten, Determi-
nanten usf.) wieder ganz munter lebt, dachte man sich
als diesen eigentümlichen Zusammenhang bedingend.
Durch die Wechselwirkung der Teile oder Glieder trat
jeder Organismus in Gegensatz zu der einseitigen Wir-
kung eines Mechanismus; dadurch unterscheidet sich
diese Anordnung eines Systems auch von vielen ande-
ren Anordnungen, die nur ein Nebeneinander, kein
Miteinander zeigen.

Dieser Begriff des Organischen nun ist es, den wir
heute auch auf Verhältnisse der Menschen untereinander
anzuwenden gewohnt sind. Soll hier das Bild passen,
so darf man es auch nur sinnvoll verwenden; eine grö-
ßere Anzahl verschieden gearteter Menschen muß den
Teilen oder Gliedern entsprechen; und eine besondere
        <pb n="11" />
        ﻿Einleitung.

11

zweckvolle Ordnung dieser Einzelmenschen den Gegen-
satz zur rein mechanischen Anordnung zeigen. So wird
man z. B. die Anfstellung eines Zuges Soldaten zwar
eine Ordnung, aber noch keine Organisation nennen;
aber auch nicht, wenn zehn Menschen gleichmäßig
mechanisch an einem Seile ziehen. Hier geschieht das
wohl zu einem Zweck, aber es fehlt die Verschieden-
artigkeit der Teilnehmer, die dabei alle die gleiche
Arbeit und Leistung vollbringen. Jene ist das Charak-
teristische eines Organismus und muß auch bei der
Übertragung festgehalten werden; von solcher mecha-
nischer Verwendung von Menschenmaterial würde man
nicht viel Wesens machen, sie uns niemand beneiden,
denn diese Art von Ordnung leisten auch etwa zehn
Wilde oder Sklaven. Wenn wir von „organisierter
Arbeit" sprechen, meinen wir sicher nicht solche ein-
fachste Form des Zusammenwirkens; organisierte Ar-
beiter alle zu nennen, die einem Verband angehören,
ist ein unscharfer Sprachgebrauch, bei dem man die
Organisation der Leistungen innerhalb der Gewerkschaft
usw. stillschweigend mitdenkt. Ein beliebiger Verein
oder Verband gleicht noch lange nicht einen Orga-
nismus.

So ergibt sich folgende Definition: Organisieren
heißt eine Mehrzahl verschiedenartiger Menschen aus
einer bloßen Summe in eine lebendige zweckvolle Ge-
meinschaft verwandeln. Der Lebenskraft, die das orga-
nische Gebilde lenkt, entspricht hier die Beseelung, der
Wille aller Einzelnen zum gemeinsamen Zweck. Hier
liegt auch die moralische Seite der Organisation, da
etwas Außerpersönliches, eben die Hingabe an die
        <pb n="12" />
        ﻿12

Einleitung.

gemeinsame Sache, von jedem Teil verlangt wird nnd
als ethische Leistung dieser Einzelperson erscheint. Die
menschlichen Organe sind nicht willenlos und müssen
zur Organisation nicht nur ihre mechanische Körper-
kraft und geistigen Fähigkeiten, sondern auch ihren
guten Willen zur Sache beisteuern; je restloser dies
gelingt, um so vollendeter wird die Organisation sein
und sich bewähren.
        <pb n="13" />
        ﻿I Die Grundurteile der Politik.

Der Reichtum eines Begriffes au inneren und
äußeren Bezügen wird nicht durch seine Definition er-
schöpft; nur ein fester Halt für die Bestimmungen ist
dadurch gewonnen. Ist Organisation ein Ideal und
soll es als Norm gelten, so muß sich das daran erweisen,
daß wir weitere wertvolle Bestimmungen dadurch ge-
winnen können. Dadurch wird auch auf die Praxis
des Organisierens ein Licht fallen, wenn sie auch
Sache der Begabung und persönlicher Aneignung und
Anwendung zu sein pflegt, wre-^viele, z. B. auch päda-
gogische Leistungen. Immer kann diese mehr instink-
tive und unreflektierte Ausübung nur dadurch gewin-
nen, wenn man sich über die theoretischen Beziehun-
gen klar wird und die persönliche Energie, die den
Organisator auszeichnet, keinesfalls darunter leiden,
wenn sie auch für das wirkliche Leben das wichtigste
ist. Auf dem Gebiet der Politik aber werden wir
diese Bezüge zu suchen haben, das lehrt schon die Defi-
nition; denn die Beeinflussung und Lenkung einer
Mehrzahl von Menschen nennen wir bei der Jugend
Pädagogik, bei Erwachsenen Politik, womit allerdings
bei dieser nur ein Teil ihrer Aufgaben getroffen wird.

Man kann die politischen Gedanken und Über-
zeugungen einteilen^ in Ideen oder Schlagworte,
        <pb n="14" />
        ﻿14

I. Die Grundurteile der Politik.

Denkrichtungen und Grundurteile; diese letzten sind
tatsächlich das Wichtigste und Entscheidende für eine
politische Stellung. Es scheint mir nützlich, diese Grup-
pierung auch hier beizubehalten und den Begriff der
Organisation mit diesen verschiedenen politischen Ge-
danken in Beziehung zu bringen. Dadurch soll ein
doppelter Gewinn erzielt werden, indem der Begriff
Organisation einen reicheren Inhalt gewinnt und
dann durch ihn Entscheidungen über die jenen Grup-
pen zugrunde liegenden Streitfragen erzielt werden.

Wohl die ältesten Schlagworte, mit denen man poli-
tische Ideen zu begründen unternommen hat, sind
Natur und Vernunft; je nachdem man eine von
beiden als die Quelle absoluter, gültiger Werte ansah,
berief man sich bei den einzelnen Lehren darauf, sie
seien natürlich oder vernünftig oder beides zugleich.
Für unsere Organisation können wir nun tatsächlich
die letztere Möglichkeit behaupten; man kann sie natür-
lich nennen, worauf ja schon das Wort und der zu-
grundeliegende Vergleich mit den lebendigen Organis-
men hinweist, aber auch sie durch die Vernunft recht-
fertigen, da zwar der Organismus auf die Natur, der
dazu unbedingt nötige Organisator jedoch auf die Ver-
nunft hinweist. Zudem hat sich das Prinzip nicht nur
technisch-praktisch, sondern auch in geistiger Hinsicht
erprobt (Organisation wissenschaftlicher und künstleri-
scher Arbeit usf.), so daß es vor dem Forum der Vernunft
mindestens mit derselben Ehre bestehen kann, wie irgend
ein anderes.

Auch ein weiteres ganz allgemeines und heute so
beliebtes Schlagwort, die Kultur, darf unsere Orga-
nisation für sich in Anspruch nehmen; denn der Boden
        <pb n="15" />
        ﻿I, Die Grundurteile der Politik.

18

einer gewissen Kulturhöhe ist ihr unentbehrlich und
sogen. Naturvölker besitzen sie nicht. Ost ist ja von
den „Kulturkritikern" (Cyniker, Rousseau, Tolstoj) im
Namen der Natur gegen die Kultur protestiert worden;
was davon wertvoll ist, richtet sich aber nur gegen die
Auswüchse dieser und der von jenen angepriesene
vermeintliche Naturzustand ist selbst ein Stück Kultur,
allerdings ein bescheidenes. Will man etwa mit dem
russischen Bauern, den Tolstoj als Muster hinstellt,
etwas erreichen, so muß man ihn „organisieren"; so
einfach aus sich selbst heraus, wie der Organismus von
Pflanze und Tier wächst menschliche Organisation
nicht. Jedenfalls der Organisator muß eine etwas
höhere „Kultur" besitzen, als die zu Organisierenden
und man darf den Vergleich mit den Organen in der
Natur niemals zu Tode Hetzen.

Will nian, wie heute häufig geschieht, einen Unter-
schied zwischen Kultur und bloßer Zivilisation fest-
halten, indem man jener alle höheren, ideellen Werte
und Normen, dieser aber nur die Nützlichkeitswerte
(praktische, technische, ökonomische) zuweist, so gehört
Organisation an sich zunächst nur zur Zivilisation. Daß
sie die höheren Zwecke wahrer Kultur erfülle, ist dann
eine Forderung, die man an sie stellt, ein neues Sollen,
eine weitere Norm. Das Wort allein sagt nichts über
die Ziele; man kann auch eine Räuberbande gut orga-
nisieren. „Einigkeit" hilft ebensowenig, man kann auch
einig sein zum Schlechten. Aber unser Begriff braucht
ja auch nicht alles zu leisten und macht Religion,
Philosophie, Ethik usw. nicht überflüssig; genug wenn
er gestattet, gewisse Seiten unserer Kultur scharf zu
* beleuchten.
        <pb n="16" />
        ﻿16

I. Die Grundurteile der Politik.

Das aber tut er nun zweifellos bei einer Reihe
anderer politischer Ideen, die wesentlich durch die
französische Revolution ihren hohen Kurs gewannen,
den Schlagworten von der Brüderlichkeit, Frei-
heit und Gleichheit. Zwar wiederum am wenig-
sten bei der sehr allgemeinen ersten Idee, denn sie ist
im Grunde gar nicht politischer, sondern rein morali-
scher Natur. Im Mitmenschen seinen Bruder sehen
kann man mit und ohne Organisation; das ist eine
Frage der Gesinnung, die mit Zielen und Zwecken zu-
nächst gar nichts zu tun hat, auf die jedes Organisieren
hinweist. Um so ergiebiger ist dagegen die Beziehung
auf die beiden anderen Ideen. Organisation ist ein
Gegensatz zur Gleichheit und Gleichmacherei und ent-
scheidet im Gebiet der Freiheit zwischen einer zur Orga-
nisation tauglichen und einer sie erschwerenden oder
aufhebenden Freiheit.

Die Menschen i&gt;nd „von Natur" durchaus und in
jed-&gt;r Beziehung, körperlich wie geistig, ungleichartig
und zeigen eine unendliche Mannigfaltigkeit der Fähig-
keiten, Charaktere, Leistungen uff. Organisation ist
nun eben der Gedanke, diese Verschiedenheit als eine
Tatsache anzuerkennen und hinzunehmen, sie aber zu
benutzen und zusammenzufassen im Dienst eines
Zweckes. Die zugrunde liegende Denkungsart ist die
empirische und historische; denn in der Geschichte zeigt
sich die unendliche Verschiedenheit nur in anderer
Weise, als bei einer Betrachtung etwa nur der heute
lebenden Menschen. Eine solche gleicht einem Quer-
schnitt durch das Ganze der Welt-Entwicklung; die
historische Auffassung aber ergibt Längsschnitte: die
Geschichten der einzelnen Rassen, Stämme, Völker und
        <pb n="17" />
        ﻿I. Die Grundurteile der Politik.	17

Staaten. Die Ungleichheit erscheint einmal als ein
Nebeneinander, das andere Mal als ein Nacheinander,
bleibt aber immer dieselbe. Organisieren heißt Men-
schen zu gemeinsamer Leistung vereinigen, ohne diese
Mannigfaltigkeit vergewaltigen zu wollen; jeden an
seinem Platze, nach seinen Fähigkeiten, nach dem Dienst,
den gerade er der Sache leisten kann. Diese Denk-
weise hat Gemeinsames mit aller Tatsachen-Wissen-
schaft, sowohl Naturwissenschaft und Psychologie, als
Historie und entspricht einem sachlichen, auf die Wirk-
lichkeit gerichteten Denken.

Genalt das Gegenteil gilt vom Prinzip der Gleich-
heit, richtiger, da eben die Ungleichheit Tatsache ist, des
Gleichmachenwollens, als Gleich-Ansehens, Gleich-
Heit-Fingierens, auch da wo sie nicht ist. Es ist ratio-
nalistisch, künstlich, gewaltsam und entspringt einer me-
chanisch-materialistischen Welt-Auffassung. Man niuß
die Unterschiede absichtlich übersehen und ignorieren
wollen, um irgendwie zu einer Gleichheit zu gelangen;
das aber ist der Typus der mathematischen Betrach-
tungsweise, die auch von der ganzen reichen Fülle der
Natur abstrahiert, um nur die leere Quantität und die
schematischen Formen übrig zu behalten. Genau so
muß man der Natur Gewalt antun, um sie durch die
inathematisch-inechanische Brille zu sehen, wie den
Menschen, wenn man sie als gleiche Kräfte mechanisch
anspannen will, wie etwa sechs Pferde vor einen
Wagen. Völlig konsequent versagt das mathematisch-
mechanische Schematisieren bei den Organismen der
Natur, den Pflanzen und Tieren, wie bei den Gebil-
den aus lebenden Menschen, den Organisationen.

v. d. Pfordten, Orgauisativu.

2
        <pb n="18" />
        ﻿18

I. Die Grundurteile der Politik.

Wo unsere Kultur Gleichheiten aufstellt und gleiche
Maßstäbe anlegt, befinden wir uns nicht mehr im
wirklichen Leben, sondern im Bereich reiner Normen,
eines an Alle gerichteten Sollens, das bewußtermaßen
von der Ungleichheit des Vollzugs seiner Forderungen
absieht. Hier ist Rationalismus am Platz, weil diese
Ordnungen eben von der Vernunft und dem Denken
vorgenommen werden und die mechanische Konsequenz
ist durch die Eigenart dieser Gebiete ausgeschlossen.
So erhebt die Religion (besonders die sogen. Welt-
religion) ihre Stimme für alle Menschen ohne Unter-
schied und ebenso die allgemeine ideale Ethik (Gebote
der Humanität, Menschlichkeit, Tugend usw.) und die
für alles wertvolle Denken geltende Logik. Sitte und
Recht, die speziellen Ausgestaltungen der Ethik, gelten
schon nur mehr für bestimmte Volker und Staaten lind
wollen nur deren Angehörige als gleich betrachten;
so gilt deutsches Recht nicht für Neger, die Sitten der
sogen, guten Gesellschaft nicht für den Bauern usw.

Sobald aber durch diese an Alle gleichmäßig ergehen-
den Gebote und Forderungen etwas praktisch erreicht
werden soll, hört die theoretische Gleichheit sofort auf;
will man religiös (Kirche) oder ethisch (Volksleben)
oder logisch (Wissenschaft) etwas „organisieren", so rech-
net man auf einmal ganz bewußt mit der Ungleichheit.
Der Pfarrer predigt, nicht jeder Beliebige; die Ge-
meinde singt und er nicht. So sicher die „zehn Gebote"
oder die Bergpredigt keinen Unterschied machen, so
steht doch daneben der Satz: „wem viel gegeben ist,
von dem wird viel verlangt" (und umgekehrt) und
weder unser sittliches Urteil noch das des Strafrichters
niißt Alle mit gleichem Maßstabe. Der spezielle „Be-
        <pb n="19" />
        ﻿I. Die Grundurteile der Politik.	19

trieb" der Logik, die Wissenschaft, ruht auf Arbeits-
teilung und dem obigen Gedanken: jeder nach seinen
Kräften. Und wo Sitte und Macht zur Verwirklichung
streben (beim Recht vor allem die Verwaltung, da das
Strafrecht nichts erreichen, bestenfalls etwas verhüten
will) ist es nicht anders: die theoretische, papierene,
fingierte Gleichheit muß der tatsächlichen Ungleichheit
des Lebens weichen, sobald sie zur Praxis strebt.

Das naheliegendste und beste Musterbeispiel für Orga-
nisation, unsere Armee und alles was dazugehört,
zeigt deutlich das Ineinandergreifen von beidem: glei-
chen Geboten und ungleicher Ausübung. Nur das ganz
Allgemeine ist gleich oder besser kann als gleich betrach-
tet werden: Pflichterfüllung, Gehorsam, Disziplin.
Bliebe der Vollzug wirklich darin stecken, gäbe es wirk-
lich nur die Disziplin, dann iväre das Heer jener tote
und starre Mechanismus, als den ihn die verschreien,
die ihn nicht kennen. Dann könnte man beim Heer gar-
nicht von Organisation reden; und doch sagen Alle,
wir siegten durch diese! „Kadavergehorsam" ist wirk-
lich etwas Mechanisches; ist in irgend einem Arbeits-
betrieb der Einzelne wirklich nur eine jedem anderen
gleiche Nummer oder Kraft (zehn am Seil!), dann ist
das auch keine Organisation zu nennen. Aber nur bei
ganz Wenigen: ist cs, z. B. in der Armee, vorteilhaft,
eine solche Gleichheit tatsächlich festzuhalten und wo es
unnötigerweise geschieht, da sollte es geändert werden.
Im großen und ganzen aber wird jeder tunlichst nach
seinen Fähigkeiten verwendet und sogar die theoretisch
gleiche Disziplin ist in der Ausführung leicht variiert.
Die einzelnen Beispiele hierfür sind, wo heute jeder
unser Heer aus ungeschminkten Berichten, wenn nicht

2'
        <pb n="20" />
        ﻿20

L Die Grundurteile der Politik.

aus eigenem Erlebnis, kennt, überflüssig. Negativ aber
sieht man an dem Versagen der Organisation bei der
Lebensmittelversorgung, wo es nicht gelang, Erzeuger,
Vermittler, Verkäufer und Verbraucher genügend in
den Dienst der Sache zu stellen, wie nötig Disziplin
zum Blühen von Organisationen ist.

Freiheit ist ein unklarer Begriff und dazu noch ein
im Grunde negativer, der einer lveiteren Bestimmung
bedarf, wovon man eigentlich frei sein will oder kann.
Will man ihn wertvoll theoretisch benützen, so muß man
suchen, ihm einen positiven Inhalt zu geben, wenn er
auch nicht auf alle Anwendungen dieses wandlungs-
fähigen Schlagwortes paßt. Ich finde, es ist der objek-
tivierende Ausdruck für das menschliche Ich, die Per-
sönlichkeit, oder den Willen; also eine Ausstrahlung des
Ich, Betätigung der Persönlichkeit, Raum für den
Willen. Kann der Mensch sich irgendwie wollend betä-
tigen, so fühlt er sich frei; zwar nicht unbedingt und
unbegrenzt, aber doch in irgend einer Beziehung.
Völlig unfrei ist etwa der Gefangene in Einzelhaft
oder der Schwerkranke; es bleibt kaum ein Spielraum
für seinen Willen und auch seine Betätigung ist ihm vom
Aufseher oder Arzt genau vorgeschrieben. Politisch
jedenfalls hat Freiheit einen solchen positiven Sinn;
politische Freiheit (was Schiller im Don Carlos „Ge-
dankenfreiheit" nannte) ist die Möglichkeit, sich im
Staate handelnd zu betätigen.

Daneben freilich schwingt meist ein anderer Gedanke
mit, besonders beim rhetorischen Gebrauch dieses Zau-
berwortes; der völliger Willkür, persönlichsten Be-
liebens, populär etwa: tun zu können, „was man mag".
So etwa, wie der Einzelne spazieren gehen kann oder
        <pb n="21" />
        ﻿I. Die Grundurteile der Politik.

21

nicht, etwas kaufen oder nicht, ein Buch lesen oder nicht
usw. Dabei denkt man sich frei von jeder Rücksicht auf
Andere, von jeder Beeinflussung, von jeder Art von
Regel, Gesetz und Zwang. Hier fingiert das Ich einen
Zustand, als sei es allein in der Welt, denn schon die
Existenz eines zweiten Menschen im selben Raume
beschränkt diese völlige Willkür. Politisch kann dieser
Freiheitsbegriff im Grunde nie genannt werden, da
Politik die Beziehungen vieler Menschen zueinander
behandelt. Aber bei den einzelnen Freiheiten (Glau-
bens-, Gewissens-, Denk-, Lehrfreiheit, Freizügig-
keit, Gewerbefreiheil usw.) spielt diese Seite der Sache
sicher eine große Rolle. Alle diese Begriffe betreffen
zwar tatsächlich eine Abgrenzung von Rechten und
Pflichten, keiner davon gilt völlig uneingeschränkt,
überall erstrebt man praktisch nur eine möglichst große
Freiheit. Aber die allgemeine Freude an dem Wort
(z. B. in der Dichtung) wäre nicht so groß und unge-
trübt, wenn man sich diese Relativität stets vergegen-
wärtigte und nicht wenigstens die Fiktion völliger Un-
abhängigkeit dabei aufrecht erhielte.

Organisation nun schließt Willkür unbedingt aus
und damit die zweite Form der Freiheit; dagegen ver-
langt sie sehr viel Betätigung und Willen nicht nur vom
Organisator, sondern auch von den Teilnehmern.
Einfacher mechanischer Gehorsam führt nie zu lebens-
vollen Organisationen, so wenig als man Leute dazu
brauchen kann, die tun wollen, was sie mögen. Über
einen Zweck, ein Ziel im großen oder eine Ausgabe
muß man sich eben einig sein, ehe man organisiert;
man kann dies nicht ins Blaue hinein, sondern mit
bestimmter Marschroute. Innerhalb einer Aufgabe oder
        <pb n="22" />
        ﻿22

I. Die Gmndurteile der Politik.

Leistung sind stets noch viele Glieder (analog den Orga-
nen) gegeben und nötig, die als lebendige Menschen
ihren Willen in den Dienst der gemeinsamen Sache
stellen müssen; und so lautet die Formel für die Orga-
nisation: Freiheit in Gebundenheit.

Das läßt sich sogar an einer menschlichen Leistung
erweisen, die wohl die meiste Freiheit in der Form von
Willkür enthält, an der Kunst. Der Künstler muß sein
Ich sehr stark, wenn auch nicht völlig schrankenlos, wal-
ten lassen, und es sind zunächst nicht seine Mitmen-
schen, die ihn beschränken. Dagegen ist alle auf die
Reproduktion angelegte Kunst voller Beispiele für
Organisation; eine Theater-Aufführung mit ihrer
Rollen-Verteilung, ein Orchester sind geradezu Typen
davon. Und der schaffende Künstler, der die entsprechen-
den Formen wählt, muß darauf Rücksicht nehmen;
freilich der Lyriker nicht, noch der Porträtmaler usw.
Alle Merkmale der Organisation finden sich aber dort
gegeben; nicht jeder kann erste Geige spielen, nicht
jeder die Hauptrollen. Aber jeder bis zum letzten muß
eine gewisse Freiheit in den Dienst des Ganzen stellen;
lediglich mit Kommando geht es da so wenig als nur
mit Willkür. Es ist ein klarer und deutlicher Kompro-
miß von Eigentun und Gebundenheit.

Im Weltkrieg sind die Rollen in dieser Beziehung so
ziemlich schematisch verteilt; alle Völker erstreben
Organisation, besonders in allem, was dem Kriege
4 selbst dient, dann aber auch für die Leistungen der
! Zivilbevölkerung (Brotkarte, Ersparnisse; aber auch
. soziale Fürsorge aller Art). Der Russe gibt viel zu viel
: Gebundenheit in die Mischung, der Romane zu viel
Willkür; der Deutsche sucht den Ausgleich und hat
        <pb n="23" />
        ﻿I. Die Grundurteile der Politik.

23

darum im ganzen die beste Organisation. Der Romane
liebt außerordentlich wenigstens den Schein der Will-
kür aufrechtzuerhalten und auch wenn er sich notge-
drungen zum Zwang entschließt, gibt er ihm noch gern
den Schimmer der Freiheit^. Der Deutsche ant meisten
wagt es, der Notwendigkeit der Organisation furcht-
los ins Auge zu sehen und das Opfer an Willkür be-
wußt zu bringen, das die Aufgabe erfordert, die für-
alle Glieder gemeinsam (nicht gleich) ist.

Dabei soll die Persönlichkeit durchaus nicht zu kurz
kommen; im Gegenteil: ihr Eigenwert wird durchaus
anerkannt und für eine gut funktionierende Organi-
sation ist sie ganz unersetzlich. Auch die Willkür kommt
daneben zu ihrem Recht; alles und jedes kann ja
nicht organisiert werden und soll es auch nicht. Nur
wo beide Möglichkeiten in Gegensatz treten »nd es zur
Kollision kommen könnte, dann verlangt das Prinzip
der Organisation unbedingt den Vorrang vor dem
Belieben des einzelnen; wann das erforderlich ist, kann
nicht allgemein, sondern nur im einzelnen entschieden
werden. Sind die wichtigen Zwecke .festgelegt und
durch Organisation sichergestellt (z. B. während des
Krieges auch die Ernährung u. dergl.), so kann um so
ruhiger das übrige, Unwichtige der Einzelwillkür über-
lassen bleiben; im Grunde ist es ein Streit um das
Zuviel oder Zuwenig, was dieser entzogen wird und
da kann auch das Prinzip neben dem der Organi-
sation bestehen, die Freiheit des einzelnen niemals
unnötig zu beschränken.

Das Problern hat auch eine ethische Seite. Kant
formuliert neben seinem kategorischen Imperativ ge-
legentlich auch folgendes Gesetz: „daß jedes vernünf-
        <pb n="24" />
        ﻿24

I. Die Grundurteile der Politik.

tige Wesen sich selbst und alle anderen niemals bloß
als Mittel, sondern jederzeit zugleich als Zweck an sich
selbst behandeln solle." Das scheint zunächst eine Orga-
nisation unmöglich zu machen; setzt sie doch die Errei-
chung des Zweckes unbedingt über die einzelnen Glie-
der. Betont man aber das Wörtchen bloß (nur), so
kann der Satz sehr gut zur Unterscheidung von Mecha-
nismus und Organismus dienen; in jenem ist der
Mensch nur ein Mittel, lediglich ein Werkzeug (z. B.
der Sklave), hier aber herrscht die Überzeugung, daß
auch das Wohl des Einzelnen am besten durch Organi-
sation bezw. Erreichung des gemeinsamen Zieles ge-
fördert wird und der Einzelne bleibt „Persönlichkeit"
und niemals willenloses Mittel.

Eine ethische Wirkung der Organisation zeigt sich
auch in dem eigentümlichen Gemeinschaftsgefühl, das
sie in ihren Gliedern hervorruft: der Kameradschaft.
Brüderliche Gesinnung kann man in jeder Lebenslage
zeigen, auch als Galeerensklave; gemeinsame Arbeit
erzeugt stets eine Zusammengehörigkeit, die lebhaft
gefühlt wird. (Genossen, Kollegen usw.). Allein die
Teilnahme an einer gut funktionierenden Organisa-
tion, wie es z. B. die Armee ist, macht das Ineinander-
greifen der Tätigkeit deutlich, bringt das: „einer für
Alle, Alle für einen" zum Bewußtsein und so ist Kame-
radschaft in diesem engeren Sinne keine Phrase, denn
sie wird z. B. im Kriege sehr häufig in Handlungen
umgesetzt. Deshalb erleben viele dabei diese Kamerad-
schaft als etwas Neues, wenn sie auch das Wort auch
vorher schon oft gedankenlos im Munde führten; der
Zweck des Ganzen, die gemeinsamen Ziele, denen alle
dienen, indem sie sich selbst wechselseitig unterstützen,
        <pb n="25" />
        ﻿I. Die Grundurteile der Politik.	25

treten int Kriege leuchtend hervor und Kamerad in
diesem besonderen Sinne ist jeder, der an der großen
Arbeit mitgeholfen, der Organisation als tätiges Glied
angehört hat. Auch hierzu gehört eine gewisse Frei-
heit in der ersteren der erwähnten Bedeutungen; der
nur gezwungen Mitlaufende wird nicht als Kamerad
geachtet, dagegen der Wille zur Aufgabe auch im Ein-
fachsten und Niedrigsten anerkannt.

Einfacher als zu den bisher behandelten Schlag-
worten stellt sich die Beziehung unseres Begriffes zu
den philosophischen Denkrichtungen, die häufig auch in
politischen Streiten sich ausprägen. So ist Organisa-
tion ziemlich indifferent gegenüber den sonst sehr
wichtigen Gegensätzen: Empirismus (Historismus)
und Rationalismus (Doktrinarismus). Gewiß ist jede
Organisation ein Produkt menschlicher Vernunft und
hat als solche etwas rationales; aber damit verbindet
sich hier notwendig eine Denkart, die die Ziele dafür
der Erfahrung und der Geschichte entnimmt. Für die
Prinzipien des Universalismus und Individualis-
mus bildet unser Begriff sogar eine Synthese, in der
beide zu ihrem Rechte kommen, allerdings mit einem
gewissen Vorrang des Universalen. England, das
klassische Land des Individualismus, widerstrebt da-
durch reicher Organisation; der Einzelne hat zu sehr
das Ideal seines persönlichen Glückes und ungebun-
denen Lebens vor Augen, als daß er gern und leicht
die Opfer brächte, die jede Organisation immerhin
erfordert. Wo aber England im Krieg durch glückliche
Organisation überrascht hat, ist es das deutsche vetter-
liche Blut, das triumphiert — und die Nachahmung
unserer Vorbilder. Das Wort Sozial ist so vieldeutig,
        <pb n="26" />
        ﻿26

I. Die Grundurteile der Politik.

daß ich es lieber ganz beiseite lasse; eine ausgeprägte Art
von Gemeinschaft ist Organisation sicher, aber die sogen,
soziale Frage oder Fragen ruhen meist auf ganz anderen
Problemstellungen und können durch Organisation
nicht ohne weiteres gelöst werden. Die vielerlei tat-
sächlich bestehenden Organisationen auf sozialenl Ge-
biet sind historisch bedingt und in den Formen ver-
änderlich.

Eine klare Entscheidung aber ergibt sich wieder für
den Gegensatz von Optimismus und Pessimismus;
Organisation erfordert sicher einen guten Teil von
ersterer Denkart, denn sie hofft ja bestimmt, durch sich
selbst künftige Ziele und Pläne wirkungsvoll zu för-
dern. An die Spitze, zum Organisator, taugt nur, wer
Optimist ist in dem Sinne, daß er an die Sache, ihre
Wichtigkeit und ihre Durchführbarkeit, die nie zu be-
weisen ist, glaubt. Das erhärtet der Krieg tausendfach
und es bedarf kauni der Beispiele. Vertrauen in
menschliche Leistung ist für Organisation unentbehr-
lich. Wiederum verzichte ich auf den Begriff eines
Idealismus, weil er so vieldeutig und unklar ist,
daß er eines eigenen Buches bedürfte.

So ergäben sich noch diejenigen Konsequenzen zur
Erörterung, die sich aus unseren! Begriff für bestimmte
politische Grundurteile, insonderheit über den Staat,
ergeben. Die Schlagworte und Richtungen haben
zwar als Ausdruck ganz allgemeiner Unterschiede einen
gewissen, vor allem rhetorischen Wert, aber wirkliche
politische Stellungnahme und Überzeugungen ver-
mögen sie niemals zu begründen, weil sie im Grunde
nur leere Hülsen ohne greifbaren Inhalt sind. So
haben sich auch die politischen Parteien zwar von jeher
        <pb n="27" />
        ﻿I. Die Gmudurteile der Politik.

27

ihrer bedient, sind aber darum doch nie aus diesen
Schemata zu begreifen. Ein lebendiger Inhalt kommt
nur durch bestimmte Urteile über einzelne. Probleme
in diese hinein, deren Mannigfaltigkeit viel größer ist
und von Erfahrung und Leben abhängt. Daher sind
sie nicht mehr rein rationalistisch, sondern ruhen auf
Tatsachen und der Auswahl unter diesen, die wir
Werte nennen. Von da ergibt sich stets der Übergang
zum Sollen und zur Norm, so auch bei unserem Begriff
und wir wollen im folgenden die Organisation als
eine solche betrachten und zusehen, was sich ergibt,
wenn sie als normativer Wert gelten soll. Das kann
aber in Kürze nur in den w i ch t i g st e n politischen Grnnd-
urteilenb geschehen, da eine Vollständigkeit hier weder
erreichbar noch wünschenswert erscheint; Konsequenzen
auf abliegendere Fragen ergeben sich leicht, sobald ein
Prinzip feststeht und an den hauptsächlichsten klar-
gestellt ist.

Uralt ist der Streit über die Entstehung des Staa-
tes, ob man sie sich atomistisch durch den Zusammen-
schluß Einzelner vollzogen denkt, oder ob er, wie schon
Aristoteles lehrte, aus Familien bchteht, also mehr
molekular aus Menschengruppen. L&gt;eine eigentliche
Schärfe aber bekam dieser Gegensatz zu allen Zeiten
durch die Gedanken des Zweckes, des Rechtes, des
Sollens, die man mit genetischen Theorien oder be-
wußten Fiktionen, wie der sogen. Vertragstheorie, die
einen historisch niemals nachweisbaren Staatsvertrag
an den Anfang setzt, zu stützen unternahm. Dann heißt
das Problem: ist der Einzelne um des Staates willen
da, oder dieser um des Einzelnen willen; hat der Ein-
zelne das ursprüngliche Recht und ist er der Endzweck,
        <pb n="28" />
        ﻿28

I. Die Grundurteile der Politik.

oder ist die Gruppe (Familie, Gemeinde, Stamm in
steigendem Maße) Selbstzweck und soll man also den
Staat betrachten als Verkörpernng eines Ideals oder
als Mittel zu anderen Zwecken.

Hier scheiden sich besonders scharf englische und
deutsche Staatsauffassung, verwischt und verwirrt
durch die Lehren der französischen Revolution vorn
Staatsvertrag und den Menschenrechten. Englisch ist
der Gedanke der Wohlfahrt des Einzelnen als letzten
Zweckes aller Ethik und Politik, deutsch im Grunde die
Überordnung der Gemeinschaft und das eigene Recht
des Staates. Aber wir haben jene Revolutionstheo-
rien, einen Fremdkörper, wie so vieles andere, gedan-
kenlos übernommen, obwohl sie der uns gemäßen
Grundauffassung völlig widersprechen. Zwar die
Vertragstheorie wurde bald als Fiktion erkannt und be-
handelt und damit unschädlich gemacht; denn sobald
inan den Staat nur ansieht, als ob er ein Vertrag sei
und sich nicht einbildet, ein solcher liege jenials wirklich
zugrunde, läßt sich allerlei auch für die deutsche Staats-
auffassung daraus folgern. Anders aber bei dem noch
immer liebend gehegten Gedanken der Menschen-
rechte.

Fängt man damit an, daß der Mensch durch die
bloße Tatsache seiner Geburt irgendwelche Rechte
erwirbt, so kann der, der ihm diese erfüllen soll, eben
nur der Staat sein; dieser wird verpflichtet und das
Verhältnis ist von Anfang so: der Einzelne hat Rechte,
der Staat aber die Pflicht ihn glücklich zu machen.
Das führt konsequent nur zu dem englischen Ideal und
einer Auffassung, die in dem Staat eine große Wohl-
fahrtsanstalt oder Nützlichkeitsinstitution sieht; könnte
        <pb n="29" />
        ﻿I. Die Grundurteile der Politik.	29

man ihn im Interesse des Einzelnen entbehren, so hätte
der Staat selbst keine Berechtigung, und so kann auch
Anarchie ein Ideal werden, das nur praktisch leider
unmöglich, an sich aber doch ganz hübsch wäre. Nur
weil es nicht anders geht, muß man zusammenwirken,
weil nian selbst dabei am besten fährt, sich klugerweise
gelegentlich rulterordnet ohne jemals die letzte Posi-
tion seines Ich aufzugeben. Ein Opfer dieses Ich für
das Wohlfahrtsinstitut ist dann itn Grunde sinnlos;
denn woher käme dazu die Pflicht, wenn alles im Grunde
auf das Wohl des Einzelnen hinausläuft? Die engli-
sche Ethik ist nie über diesen Widerspruch hinausgekom-
men, weil es der sogen. Utilitarismus oder Hedonis-
mus theoretisch nicht vermag.

Umgekehrt muß deutsche Staatsauffassung mit der
Pflicht beginnen und Rechte sich erst aus Leistungen
entwickeln und auf sie begründen lassen. Dem Men-
schen erwächst durch seine Geburt in einen lebenden
Kulturstaat zu allererst eine Pflicht gegen diesen,
denn alle die Vorteile, die er etwa vor dem Kind eines
Wilden voraus hat, wozu auch seine Anlagen und er-
erbten Fähigkeiten gehören, verdankt er nur der be-
stehenden Gemeinschaft. Nur in einem Kulturstaat
konnten seine Voreltern und Eltern diejenigen Eigen-
schaften erwerben, die sie ihm dann vererbten; das
geistige Ich existiert gar nicht ohne den Staat, in dem
es erwuchs; die Anlagen des Menschen, die er mit-
bringt, sind schon von Staates Gnaden. Menschen an
sich gibt es gar nicht, wenigstens z. B. in Europa nicht,
höchstens auf einer tvüsten Insel; der bei uns Geborene
empfängt von der Gemeinschaft bereits Gaben, sobald
er atmet, und hat dafür eine Verpflichtung, nicht ein
        <pb n="30" />
        ﻿30

I. Die Grundurteile der Politik.

Recht, und der Deutsche ist nur als solcher eine Persön-
lichkeit, nicht als Jndividuutu im Weltall.

Die zu seinem Leben, Gedeihen und Erziehung
nötigen, unentbehrlichen Ansprüche hat nicht er, der
Neugeborene, erworben, sondern seine Eltern als
Staatsbürger; sie sind die Träger der Rechte gegenüber
dem Staat auch für ihre Nachkommenschaft, weil sie
dem Staate schon etivas geleistet haben. Denn mit
dem Augenblick nützlicher Tätigkeit innerhalb eines
Kulturstaates, als sein Glied und Teil, werden sofort
Rechte erworben (auf Existenz, Schutz, Wohlfahrt
usw.), weil die erste Pflicht gegen den Staat, in ihn,
und an ihni mitzuarbeiten, erfüllt wird. Das Kind und
der Jüngling, die noch nichts leisten können*, zehren
solange von den erworbenen Rechten ihrer Eltern, bis
sie erwachsen sind. Dies Wechselspiel von Pflicht und
Recht beginnt hier mit jener, nicht mit den Menschen-
rechten, die übrigens dem Kind ohne einen .Kulturstaat
auch gar nichts nützen würden.

Gegenüber diesem hier möglichst scharf herausgear-
beiteten Gegensatz, der Auffassungen spricht nun das
Prinzip der Organisation klar und unbedingt für
die zweite, die deutsche, Auffassung. Zwar sehen wir
Organisationen täglich vor unseren Augen aus Ein-
zelnen entstehen; sobald man aber den Zweckgedanken
hinzunimmt, ohne den sie sinnlos ist, gilt von der Orga-
nisation genau das, was Aristoteles vom Staate sagt,
daß er seinen! innersten Wesen nach früher ist, als (die
Familie und) der Einzelne. In demselben Sinne,
nicht geschichtlich früher, sondern als Idee; die Organi-
sation samt ihrem Zweck wird zuerst gedacht, ehe man
Teilnehmer dafür wirbt. Der Wert des Zusammen-
        <pb n="31" />
        ﻿1. Me Grimdurteile der Politik.

31

Wirkens und der Gemeinschaft überragt dabei unbe-
dingt den des Einzelnen und hat das erste und höhere
Recht; der Einzelne aber erwirbt Rechte nur durch seine
Leistung in und für die Organisation — genau wie bei
der zweiten Staatstheorie. Erfassen jener und ihrer
Geltung ist eine Vorschule für diese und ihre dauernde
Bestätigung.

Derartige Erwägungen führen unweigerlich zuletzt zu
der sogen, organischen Staatstheorie, der man am besten
die Fassung gibt: der Staat ist die Organisation des
Volkslebens. Nicht aber: der Staat ist ein Organis-
musft denn das Bildliche des Ausdrucks bleibt auch
beini Staat, der nie ein Organismus sein, nur mit
einem solchen verglichen werden kann. Dagegen wird
in ihm das ganze Volk genau in demselben Sinne
organisiert, wie eine Anzahl Menschen bei einer der
vielfachen Einzelorganisationen. Ausgeschlossen ist dann
die atomistische Zusammensetzung des Staates aus
gleichartigen Teilen; streng behauptet das Zusammen-
wirken des Verschiedenen in ihm. Ausgeschlossen die
mechanische Auffassung aller Leistungen oder Funk-
tionen in und für ihn; festgehalten das dem lebendigen
Organismus gleichende Wachsen, Blühen, Sichent-
wickeln. Der Gedanke wird zur Norni; der Staat
soll als eine Organisation angesehen und behandelt
werden und darf nicht als Sunime gelten, denn er ist
etwas anderes und inehr als die Teile.

Vieles folgt dann daraus, was hier nur angedeutet
werden kann. Als Gesamtzweck der großen Volks-
organisation kann man bezeichnen die Erhaltung eines
bestimmten historisch gewordenen Kulturzustandes und
die Entwicklung auf ein daraus abgeleitetes Kultur-
        <pb n="32" />
        ﻿32

I. Die Grundurteile der Politik.

ideal zu. Zu diesem gehört vieles; Religion und Wissen-
schaft, Recht (Rechtsstaat), Sprache und Sitte, Kunst
und edlerer Lebensgenuß; unentbehrlich dafür sind
Ausdehnung, Macht und Ansehen (bei den anderen)
des Staates. Die Gestaltung im einzelnen ist nie ratio-
nalistisch beliebig, sondern historisch bedingt und das
Gewordene stets konstituierend, das ideelle nur regula-
tiv die Entwicklung bestimmend usw. Zu solchem
Zweck sind offenbar nicht alle Glieder gleich wichtig
und nötig, ganz wie die Glieder im Organismus auch',
wie sie auch nicht gleiche Leistungen verrichten. Man
kann wohl Hand oder Fuß, nicht aber Kopf oder Herz
verlieren, ohne das Leben zu gefährden. Es ergibt sich
eine Wertabstufung, die bei einer Organisation als
„natürlich" und vernünftig zu gelten hat, deren Besei-
tigung also nicht anzustreben ist, sondern ein Unglück
wäre. Was in einem Zeitpunkt an Wert bezw. Wichtig-
keit überragt, ist zudem auch historisch bedingt, je
nachdem ein „Kulturteil" vernachlässigt wurde und in
der Entwicklung zurückblieb.

Man wird ferner die Gedanken des Fortschritts
und der Entwicklung „organisch" auffassen, das heißt
als einen allmählichen Ausbau und eine Vervollkomm-
nung des Bestehenden. Kein Organismus zeigt in
seinem Leben plötzliche fundamentale Umwälzungen;
ist das Wachstum auch nicht in strengem Sinne stetig,
sondern periodisch und ruckweise, so doch niemals in
völlig anderer Richtung oder anderem Sinne als bis-
her. Was für den Organismus die Art und Anlage,
das ist für den Staat völkische Eigenart und historische
Entfaltung; der gedeihliche Fortschritt zeigt Perioden,
erfolgt auch durchaus nicht auf allen Gebieten der
        <pb n="33" />
        ﻿L Die Gruudurteile der Politik.

33

Staatsfürsorge gleichzeitig oder gleichmäßig; immer
aber läßt sich eine große Linie festhalten, die auf ein
bestimmtes Kulturideal hinweisend den einzelnen Än-
derungen Rückgrat und „Organisation" gibt. Die Re-
form, einfacher Verbesserung, ist die Art organischen
Fortschreitens im Staat, die einzelnes grundsätzlich
Neues kennt, aber auch willkürliche Sprünge und kata-
strophale Änderungen zu vermeiden sucht. Entwick-
lung beim Staat bedeutet dann mehr eine Auswicklung
völkischer Möglichkeiten und Fähigkeiten als das Er-
greifen von dem eigenen Wesen fremden Zielen und
ihm nicht gemäßen Aufgaben.

Auch für die besondere Gestaltung des Staates
läßt sich aus seiner Bestimmung als einer Organisation
manches gewinnen. Man kann nicht gerade die Monar-
chie damit beweisen, aber den Fürsten leichter als ober-'
sten Organisator denken als irgend eine Mehrzahl von
Personen; und ein Zufall ist es sicher nicht, daß in dem
monarchisch gesinnten Deutschland auch die Organi-
sationen am besten gedeihen. Weder die Herrschaft der
größten Zahl, noch die einer einzelnen Klasse entspricht
dem Organisationsprinzip, wohl aber das Ineinander-
greifen und Arbeiten sehr verschiedener „Stände",
besser etwa Tätigkeitsgruppen. Man kann dabei das
alte Bild des Menenius Agrippa modernisieren und die
Glieder mit solchen sozialen Gruppen vergleichen, wird
aber dabei kann« mehr wie jener einen modernen
„Senat" gerade zum Magen in Parallele setzen. „So-
zial" ist natürlich jede Organisation im Gegensatz zu
egoistischem Einzelleben; aber extreme sozialistische .
Gleichmacherei und Nivellierung aller Unterschiede
widerspricht dem Gedanken der Organisation durch- .

v. d. Pfordten, Organisation.	3
        <pb n="34" />
        ﻿34

I. Die Grundurteile der Politik.

H aus. Doch ist es nie gut, einen Vergleich zu Tode zu
Hetzen; so kann man auch aus diesem zwar viel wert-
volles, nicht aber eine vollständige Staatstheorie abzu-
leiten unternehmen.

Zu anderen politischen Ideen verhält sich das Orga-
nisationsprinzip mehr indifferent; so zil dem speziellen
deutschen Problem der Stämme untereinander ini
Staate. Dem ganzen deutschen Volk ohne weiteres
scheint es nicht angeboren zu sein; denn vor über hun-
dert Jahren sprach z. B. Frau von Stadl in ihrer sonst
wohlwollenden Kritik dem Deutschen das Talent zur
Organisation rundweg ab. Damals war Preußen noch
klein, norddeutsche Art noch nicht führend, und es
stimmt mit anderen Beobachtungen überein, daß es
speziell niederdeutsche Wesensart ist, die zur Organi-
sation drängt. Es ist der preußische Einschlag in deut-
) sches Wesen, der ihre Blüte gezeitigt hat, womit nicht
gesagt ist, daß es oberdeutsche Stämme nachher nicht
\ ebenso gut verständen, zu organisieren. Aber der An-
stoß scheint uns vom Norden zu kommen und zu dem
Anteil Eisen ins deutsche Blut zu gehören, der zu unserer
Machtentfaltung unerläßlich war.

Auch für den großen Gegensatz des reinen Natio-
nalstaates zum gemischten Kulturstaat läßt sich von
unserem Prinzip aus zwar keine Entscheidung, aber
doch ein Streiflicht gewinnen. Wenn tatsächlich die
fremden Elemente im deutschen Reich und besonders
in Österreich sich so wohl fühlen, daß sie gar nicht „er-
löst" sein wollen, wie dies der Krieg vielfach gezeigt
hat, so ist das vielleicht mehr guter „Organisation" als
sonstigen einzelnen Kulturfaktoren zu verdanken. Man
denkt in bezug auf das Gewinnen und Festhalten sol-
        <pb n="35" />
        ﻿I. Die Grundmteile der Politik.

35

cher ftammesfremder Staatsglieder zuviel und gern an
hierfür Nebensächliches, Kunst, Sitte und Lebensgenuß
aller Art, der meist nur eine dünne Oberschicht zn be-
rühren vermag. Aber eine starke und gesunde Organi-
sation der Arbeit einer Provinz ist wahrscheinlich
das stärkste Mittel, sich solche nicht homogenen Bestand-
teile einzugliedern; fremde Volksteile werden durch
Organisation anr sichersten verschmolzen, neben der
ihre Eigenart gerade in jenen anderen Kulturgebieten
ruhig bestehen kann. Spüren solche zuerst „unterwor-
fenen" Staatsglieder die Kraft und den Vorteil lebendi-
ger Organisation, so bildet das ein Band für das Staats-
ganze, unscheinbarer und glanzloser zwar, als manch
sonstiges Knlturgepränge, aber um so dauernder und
ivertvoller. Das glaube ich, läßt sich aus den Erfahrun-
gen des Weltkrieges einleuchtend machen und als letzte
nicht unwichtige Bedeutung des Prinzips der Organi-
sation behaupten.

8»
        <pb n="36" />
        ﻿II. Akratie und Aristagie.

Diese neugebildeten Worte" erinnern jedermann un-
willkürlich an zwei ähnliche, die noch häufig als voll-
gültig gebraucht werden: Anarchie und Aristokra-
tie. Besonders dieser hat eine so wichtige Rolle in der
Politik gespielt, daß seine spezielle Beleuchtung vom
Prinzip der Organisation aus eine eingehende Betrach-
tung verdient. Aber auch im ersten steckt ein Kern von
Wertvollem, der nur herausgeschält zu werden braucht;
beide aber entsprechen meines Erachtens nicht mehr
möglichen Kulturzuständen und sollten daher durch die
neugebildeten ersetzt werden. Wie man Maschinen
wegwirft, die den Anforderungen neuester Technik
nicht mehr entsprechen, so sollte man auch Worte fal-
len lassen, die sich als unbrauchbare Hilfsmittel des
Denkens erweisen lassen, denn Schlagworte veralten
so gut als Werkzeuge.

Um das einzusehen, braucht man nur eine große
Organisation ins Auge zu fassen, die wir alle heute für
bewährt erklären, unsere Armee. Von Anarchie kann
keine Rede sein, aber ebensowenig von aristokratischem
Charakter unseres Heeres, noch von demokratischem.
Es muß dieser Organisation ein Prädikat eigen sein,
das zwischen beidem liegt — das Wesen unserer Armee
        <pb n="37" />
        ﻿II. Akratic und Aristagie.

37

ist aristagisch. Bedenkt man ferner, daß unsere
Gegner (mit Ausnahme Rußlands) im Namen der
Demokratie gegen uns kämpfen, so sieht man wieder,
daß wir ihnen unmöglich den Gedanken der Aristokratie
entgegensetzen können, denn er paßt durchaus nicht für
Deutschlands innerpolitische Zustände. Auch hier liegt
die Lösung in deui neuen Wort: Deutschland ist arista-
gisch organisiert. Von zwei aktuellen Gedankenreihen
aus enkpfiehlt sich also zunächst die Einführung dieser
neuen Begriffsworte. Eine Verdeutschung ist hier
nicht vorteilhaft, etwa in „Nichtherrschaft" oder „Be-
stenführung"; denn auch die zu verbessernden und er-
setzenden zwei Worte sind griechisch, wie sehr viele
dieses ganzen Gedankenkreises. Und, wenn richtig defi-
niert, haben Fremdworte als Begriffsetiketten den Vor-
teil, daß sie Jdealcharakter tragen und sich leichter ver-
schiedenen Gedankengruppen anpassen lassen, ja end-
lich auch für unser Ohr klangvoller und für die Zunge
bequemer sind. Eine Ausmerzung aller Fremdworte,
besonders der griechischen und lateinischen, ist kein
wünschenswertes Ziel und würde, ivenn durchgeführt,
die Verständigung häufig erschweren, statt sie zu er-
leichtern; so sind, um nur ein paar zu nennen, auch
Ethik und Pädagogik, Politik und Philosophie, Theorie
und Praxis, wie hundert andere, unserem Denken
unentbehrlich geworden.

Manchem aber mag es völlig unwichtig erscheinen,
welche Namen oder Zeichen man wählt, ivenn man
etwa ein „Realpolitiker" sein will; es handle sich ja
doch um die Sache und nicht uni die Worte. Allein es
läßt sich auch historisch beweisen, daß die Fassung der
Begriffsworte von größtem Einfluß auf die Verwirk-
        <pb n="38" />
        ﻿38

II. Akratie und Anstagie.

lichung der entsprechenden Gedanken und Ideale im
Leben gewesen ist und es niemals gleichgültig war,
wie die Schlagworte lauten und klingen, mit denen die
geistigen Kämpfe ausgekämpft werden. Man denke
nur etwa an den Unfug, der in diesem Krieg mit dem
Wort „Militarismus" getrieben worden ist und
welchen ganz reellen großen Schaden uns dieser törichte
Begriff zugefügt hat. Uni ähnliche Allgemeinvorstel-
lungen und Jdealbegriffe aber handelt es sich in allen
Staats- oder Gesellschaftstheorien, da die Realitäten
dieses Gebietes nur in Abstraktionen der Betrachtungs-
weise zugänglich sind. Direkt und konkret faßbar sind
dabei nur eine große Anzahl zu einer Nation geeinig-
ter Menschen, darunter Staatsbeamte und Behörden
aller Art, und Staatsbürger, daneben gedruckte Ge-
setze, Verordnungen und Paragraphen aller Art. Sinn
tlnd Ziel aller dieser Vorkehrungen und Ämter, wie auch
des vom Einzelnen dazu Gewünschten und Erstrebten,
ist nur in Allgemeinbegriffen zu formulieren. Das
Schellen auf die „Abstraktion" ändert daran gar nichts,
verschwommene Intuition kann auch nicht helfen und
an die abstrakten Worte klammert sich Zustimmung
wie Angriff. Ja sie werden oft zu wirklichen Kräften
und Zuschlag oder Totschlagworten; so ist z. B. für viele
das Wort Aristokrat niit „ostelbischem Junker" durch
feste Gedankenassoziationen unlösbar verbunden; Anar-
chie tmd Chaos desgleichen; und auch in dem Begriff
„Geistesaristokrat" bleibt der zweite Teil als freiheits-
gefährlich verdächtig. In dem Fortschleppen alter, ver-
brauchter und mißbrauchter Ausdrücke aber kann mehr
reale Gefahr für die Politik liegen, als die Verächter
scharfer begrifflicher Fassungen zuzugeben gewillt sind.
        <pb n="39" />
        ﻿II. Akratie und Aristagie.

3S

Unsere ganze Terminologie auf diesem Gebiete
stammt aus dem Griechischen und drei Worte haben
da Bedeutung erlangt, deren mir am schärfsten schei-
nende Verdeutschmig ich daneben setze: Kratein:
Gewalt haben über jemand; Archein: herrschen; und
(in Zusammensetzungen stets mit passivem Sinn)
Agoge: die Leitung, Führung. Dagegen ist das die-
sem letzten Wort zugrunde liegende Verbum Agein:
führen, leiten, lenken, zu entsprechenden Bildungen,
wie die beiden ersten, bisher nicht benützt worden.
In „Pädagogie" wird der Geführte, in der Monar-
chie der Führende bezeichnet.

Alle drei Worte haben das Gemeinsame, daß sie
zwei Gruppen von Menschen einander gegenüber-
stellen: solche, die ein Ziel, eine Richtung des Handelns
angeben und dadurch eine Macht ausüben — und die
anderen, die ihnen folgen oder gehorchen; die ersten
sind dem Wert, der Bedeutung nach übergeordnet,
haben besondere Rechte usw. Der Gebrauch dieser
drei Worte geht im Griechischen oft ineinander über;
seit sie zur Begriffsbildnng gedient haben, kann man
wohl feststellen, daß sie eine Reihe desselben Ober-
begriffs mit abnehmender Stärke darstellen: Kra-
tein drückt das mögliche Verhältnis der Obergruppe
zur Untergruppe am schärfsten aus, Agein am schwäch-
sten. Über die beste Übersetzung kann man streiten; der
Stärkegrad für die Unterschiede in einem möglichen
Oberbegriffe (den man etwa mit: „menschlichem Wil-
len Richtung geben" zu treffen versuchen kann)
scheint mir sicher: Autokratie ist stärker, die durch das
Anführen erlangte Macht am schärfsten betonend, als
Monarchie; Agein erinnert stets an die mildere Form
        <pb n="40" />
        ﻿40

II. Akratie und Aristagie.

der Leitung, mit Anwendung nur des nötigsten Zwan-
ges.

Geht man auf diese Deutung ein, so ergibt sich der
Sinn der neuen Wortbildungen fast von selbst; speziell
der erste negative Begriff ist leicht klar. Während eine
wirkliche, konsequent durchdachte Anarchie zu Unmög-
lichkeiten führt, liegt in dem Wort Akratie' der Ge-
danke, der manchem unerbittlichen Kopf die Anarchie
erträglich erscheinen ließ; ich denke da z. B. an den
christlichen Anarchisten Leo Tolstoj. „Niemand soll ab-
solute, unbedingte, uneingeschränkte Gewalt über Le-
ben und Tun eines anderen Menschen haben" — so
etwa möchte ich den Sinn von Akratie in einen Satz
auflösen. Das ist dann nicht nur ein mögliches Ideal,
sondern scheint mir das auszudrücken, was den sogen.
Freiheitsbestrebungen an realem Gehalt entspricht.
Daß Freiheit streng genommen ein negativer Begriff
ist, wurde schon oben erwähnt und kann als bekannt
gelten; das Wort bedarf logisch stets eines Zusatzes:
von was. Absolute Freiheit ist ein metaphysischer Be-
griff, kein solcher menschlicher Gemeinschaft. Schon die
gleichzeitige Existenz zweier Menschen im gleichen
Raumbezirk genügt, um sie theoretisch aufzuheben;
und ethisch gefaßt besaß sie nicht einmal Robinson auf
seiner Insel. Das Korrelat dazu liegt im Kratein; also
„Freiheit von absoluter Herrschaft, von schrankenloser
Gewalt irgend eines anderen Menschen". Also in letz-
ter Linie die Ausschließung jedes absolut gültigen
Willens; die Relativität aller einzelnen Willen; die
notwendige Berücksichtigung auch der fremden Willen.

Diese Aufstellungen stehen natürlich in scharfem
Gegensatz zu Friedrich Nietzsches „Willen zur Macht";
        <pb n="41" />
        ﻿II. Akratie und Aristagie.

41

Nietzsche Hai sich nie die Mühe genommen, genau zu
definieren, was er unter Macht versteht, weder prak-
tisch noch theoretisch. Hier wird dagegen im Bereich
der „Macht" eines Willens über den anderen ein be-
rechtigtes (ethisch wertvolles) von einem unberechtig-
ten (ethisch zu verwerfenden) Moment unterschieden;
das Kratein ist böse, das Agein gut; auch der Art
der Wirkungsweise eines Willens kommt eine ethische
Qualität zu. Man kann auch die Form wählen: die
Wirkung durch Beispiel und Anführung ohne Gewalt
steht prinzipiell höher als Unterdrückung des fremden
Willens, die praktisch nur als notwendiges Übel bleibt.
Man kann aber auch den Gedanken geschichtlich fas-
sen: mit steigender Kultur wird das Kratein immer
unnötiger; das Agein kann es niemals werden, so-
lange eine Mehrzahl von Einzelwillen gemeinsame
Ziele zu lösen berufen ist. Die Entwicklung macht es
sogar in immer stärkerem Maße notwendig; praktisch
erleben wir das in der Verwirklichung sozialer Gedanken.
So hoch auch Rechte und Ansprüche der Ungebil-
deten und Niedrigsten gestiegen sind, eine Führung
bedürfen sie doch-und gerade diese am meisten, weil
sic sich nicht selbst helfen können. Aber es kann als ein
soziales Ideal der Satz aufgestellt werden: alle ein-
zelne Kratie ist aufzuheben; an ihre Stelle tritt aber
nicht die Erzielung eines phantastisch erträumten „Ge-
samtwillens", sondern die Berücksichtigung und tun-
lichste Ausgleichung aller vorhandenen Willen. Ein
konsequenter Akralist wird durch die Realität der
menschlichen Gesellschaft von selbst sozial.

Diese Verneinung muß nun logischerweise allen For-
men einer Kratie gellen, die sich ergeben können; so-
        <pb n="42" />
        ﻿42

II. Akratie und Aristagie.

wohl der Autokratie, als der Ochlokratie oder Pluto-
kratie. Aber wie steht es mit dem Begriff der Demo-
kratie, der von allen Zusammensetzungen dieser Art
am meisten in aller Munde ist? Gerade er läßt sich als
schon lange sinnlos und den heutigen Verhältnissen
nicht niehr entsprechend erweisen; und zwar was
beide Teile des Wortes betrifft. Der Demos der
Griechen war die aus den freien Bürgern bestehende
Volksgemeinde der kleineren Stadtstaaten, die so klein
war, daß sie sich auf dem Marktplatz versammeln
konnte. (Von der verwaltnngstechnischen Bedeutung
der diversen Demen ist hier natürlich abzusehen.) Da
konnte auch von einer Herrschaft gesprochen werden,
nämlich über alle Unfreien, Sklaven, Frauen, Fremde
usw. Auch in einem heutigen Dorfe hat es noch einen
Sinn, von einer Herrschaft der Gemeinde zu sprechen.
Wir aber wenden das Wort gedankenlos an, denken
bei seinem ersten Teil an das ganze Volk, bei uns an
die siebzig Millionen im deutschen Reich vereinigten
Menschen, und überlegen nicht, daß dann nichts mehr
da ist, worüber das Volk herrschen könnte.

Will man etivas konstruieren, was dem Begriff einen
Inhalt gäbe, so müßte man unter Demos heute nur die
stimm- und ivahlberechtigten Bürger verstehen. Aber
die Abgabe eines Stimmzettels kann man nicht gut
ein Kratein, eine Machtfunktion nennen. Ganz gezwun-
gen könnte man die Parlamentsherrschaft (den Parla-
mentarismus) unter diesen Begriff bringen; dann
wären die Parlamentsmitglieder der moderne Demos,
dessen Aufgabe das Kratein wäre. Allein auch da be-
steht nicht einnial in der „freiesten" Republik eine
„absolute" Gewalt; Ober- und Unterhaus, wie der
        <pb n="43" />
        ﻿II. Akratie und Aristagie.

43

Einfluß des Präsidenten und seiner nächsten Räte be-
schränken einander gegenseitig und höchstens die Ver-
hältnisse des Schweizer Kantons Inner-Rhoden, wo
sich die Landgemeinde noch ans einer Wiese versam-
melt, böte ein wahres Analogon zu den relativ ein-
fachen Zuständen, in denen Wort, und Begriff einer
Demokratie gebildet wurde.

Das „ganze Volk" soll nicht herrschen, weil es nicht
herrschen kanM, auch bei den Griechen nicht; und
weil bei uns, in den Millionenstaaten ohne Sklaverei,
nichts mehr da ist, über das dann geherrscht werden
könnte. Wenn man in der Art der Kantschen Frage-
stellung das Problem so stellt: ist Demokratie möglich
und wenn, wie und wo ist sie möglich?, so kann man nur
antworten: höchstens in ganz kleinen Verhältnissen;
in modernen Millionenstaaten ist sie unmöglich. Nur
der gedankenlose Gebrauch dieses Wortes kann darüber
täuschen; jede wirklich realisierte vermeintliche Demo-
kratie ist tatsächlich eine Oligarchie und man sollte nie
fragen, was ist frei, sondern welcher Stand oder Gruppe
herrscht tatsächlich.

Der Begriff Demokratie hat nun auch eine negative
Seite: den Gegensatz zu einer Aristokratie. Auch hier
verführ die Begriffsbildung nicht sehr logisch; denn eine
Kaste oder Gruppe Einzelner — mag man das für-
wünschenswert halten oder nicht — kann wenigstens
eine absolute Gewalt ausüben; eine Menge aber nicht
oder nur ganz indirekt. Bekennt man sich zu dem Ideal
der Akratie, so schließt das natürlich beides aus; es soll
eben niemand, unter welchem Titel es auch sei, schran-
kenlose Macht haben. Diese allgemeine Negation
machte jene spezielle unnötig, die ihre historische Be-
        <pb n="44" />
        ﻿44

11. Akratie und Aristagie.

deutung gehabt hat, eine theoretische aber nicht mehr be-
anspruchen kann. Aber auch der Ausdruck: Geistes -
Aristokratie muß fallen, denn auch Geist, Bildung oder
Kenntnisse sollen ihren Besitzer nicht berechtigen, ein
wirkliches Kratern auszuüben, das eben kein Vorzug
irgend welcher Art gestatten soll.

In der Rechtsphilosophie kann man dem Wort De-
mokratie noch eine dritte Bedeutung beilegen: der
Demos als Träger der absoluten Staatsgewalt. Es
bedürfte längerer Auseinandersetzungen, um zu zeigen,
daß dieses Postulat, einen sichtbaren Träger aufzufin-
den, kein reelles, praktisches Interesse hat. Die „Tei-
lung der Gewalten" ist längst in einer Weise im Leben
dnrchgedrungen, daß kein Element eines Staates, weder
Fürst, noch Parlament, noch Volk eine absolute Macht
besitzt, und nur eine solche soll mit dem Worte Kratein
abgelehnt werden. Die Staatsgewalt als eine Einheit
gedacht ist ein Abstraktum, eine Funktion des Volks-
lebens, die nur einen idealen absoluten Träger be-
sitzt: die Nation als Ganzes gefaßt, inklusive eines
Fürsten, einer Volksvertretung oder der gerade stimm-
fähigen Bürger. Das hier ini einzelnen Charakteristi-
sche und Wertvolle wird weit besser mit anderen Be-
griffen ausgedrückt, als mit deni unklaren und viel-
deutigen der Demokratie. Im übrigen sollen diese
ganzen Betrachtungen mehr ethisch-politischer als recht-
licher Natur sein.

Je klarer man erkennt, daß die Gefahren schranken-
loser Machtausübung von jeder Seite drohen können
und in dem unberechtigten Streben nach einem Kratein
überhaupt liegen, um so eher kann man ihnen wirk-
sam entgegentreten. Gefährlich in unserer und beson-
        <pb n="45" />
        ﻿II. Akratie und Aristagie.

45

ders der kommenden Zeit ist die Pluto kratie, die in
Amerika schon blüht; und in den dort gewiß reichlich
angewendeten demokratischen Gedanken hat sich kein
Heilmittel dagegen gefunden. Teilweise gewiß, weil
man sich den nötigen Kampf gegen jede Form einer
Kratie nicht prinzipiell klar gemacht hat, sondern über
der scheinbar „demokratischen" Form den Kern schran-
kenloser Gewalt in den Trustbildungen usw. übersah.
Dieser Kampf ist unendlich schwieriger in jeder Be-
ziehung, als das Köpfen von Königen, das man bisher
für die höchste Leistung selbstbewußter Demokratie an-
gesehen hat. Daß die auf solche Erfolge stolze Neuzeit
eine noch weit gefährlichere Form der Kratie aus sich
erzeugt hat, um so gefährlicher, je schwerer sie äußerlich
zu fassen ist und je inehr sie auf Glanz und Dekoration
verzichtet, beweist, daß Akratie im Sinne von Kampf
gegen jede Kratie nicht nur ein richtiges, sondern auch
ein dauerndes Ideal ist. Es wird seinen Sinn nicht
einbüßen, solange Menschen bestrebt sind, berechtigten
Einfluß in schrankenlose Macht umzuwandeln, sei es in
prunkenden Palästen oder — weit zäher oft — in un-
scheinbaren Kontoren und Direktionszimmern. Die
rafsinierteste Form einer Kratie, gegen die man in Zu-
kunft raffinierte Mittel wird ersinnen müssen, ist die,
die man nicht fassen noch köpfen kann, weil sie sich in
unscheinbaren, pseudo-demokratischen Masken zu ver-
bergen versteht.

Diese Auffassung muß von ethischer Seite gestützt
werden, soll man sie nach ihrer vollen Bedeutung
würdigen; dazu kann man auch historisch nachweisen,
daß es den Menschen niemals gut bekommt, sich im
Besitz vollster Unabhängigkeit zu wissen. Es ist das
        <pb n="46" />
        ﻿II. Akratie und Ariftagie.

historische Gesetz der Läuterung und Veredlung durch
die Opposition, bezw. die Nötigung zu geistiger Ver-
teidigung, wie es z. B. die Veredlung der katholischen
Kirche durch die Reformation schlagend zeigt. Im Ge-
gensatz bekonnnt es weder Päpsten noch Fürsten (Na-
poleon I.), wenn sie schrankenlos herrschen oder doch
es zu können glauben; der Tyrann und Autokrat galt
schon dem Altertum als schlechter Herrscher. Es soll
auch keine absolute Weltmacht im vollsten Wortsinn
geben; auch keine geistige Tyrannei, keine alles über-
ragende Partei, noch absolute Vorherrschaft eines
Standes.

Das Streben nach schrankenloser Gewalt über
andere Menschen ist eben im tiefsten Grunde unsitt-
lich; und auch die Mittel sind es, durch die eine solche
allein zu ereichen ist. Ein ethisch gerichteter Wille be-
gehrt niemals absolute Macht und es gibt auch keine
„guten" Mittel und Wege, zu diesem Ziele zu gelan-
gen. Normativ, wie praktisch und psychologisch be-
trachtet ist ein solcher Wille zu uneingeschränktem Unter-
drücken fremden Willens unberechtigt und zu verwer-
fen; er widerspricht den Prinzipien menschlicher Willens-
freiheit, Individualität und persönlichen Wertes. So
läßt sich eine ganze Reihe von Gedankengängen in dem
Begriffe Akratie zusammenfassen, und das zeigt den
Wert eines Begriffes, ob er eine genügende Zahl
wertvoller Urteile in einem Worte auszudrücken vermag.

Gehen wir von der schärfsten Begriffsbildung des
Kratein zu der nächstmilderen des Archein über, so
kommen wir aus dem Gebiet des ethisch Unberechtig-
ten in das des Berechtigten und tatsächlich Verwirk-
lichten. Faßt man darunter das Herrschen als Regie-
        <pb n="47" />
        ﻿II. Akratie und Aristsgie.

47

rat, so ergibt sich ungezwungen die mehr praktische
Seite dieses Begriffes als Regierungsform. Dabei
kommt dann auch der rechtsphilosophische Begriff der
Staatsgewalt und ihres Trägers zu seiner teilweisen
Realität, wenn man ihn auf die „oberste" einschränkt
oder bestimmte Machtfunktionen (Entscheidung über
Krieg und Frieden, Heereskommando, Anstellung der
Beamten usw.) damit verknüpft.

Dann hat es in Wirklichkeit aber immer nur zwei
Formen gegeben, und nicht drei: Monarchie und Oli-
garchie. Entweder der Bau des Staates gipfelt in einem
Einzelnen, oder in einer kleinen Gruppe von Einzel-
nen; etwas anderes ist ja auch theoretisch unmöglich.
Es ist denkbar, daß alle Machtfunktionen, auch z. B.
die oben erwähnten in einer Monarchie dem Monar-
chen reservierten, von einer kleinen Versammlung,
einem Ministerkollegium oder einem sonstigen „hohen
Rat" ausgeübt werden und das Resultat auch da durch
eine Abstinrmung gewonnen wird — aber sobald die
Zahl der Beratenden größer ist, als etwa ein Dutzend,
werden sie die wirkliche Entscheidung einem Ausschuß
anvertrauen müssen, damit sich ein fester Wille ergibt.
Republik und Oligarchie ist nicht dasselbe; die äußere
Staatsform deckt sich nicht mit der innern wirklichen
Machtpotenz, von der hier allein die Rede ist. In einer
Monarchie kann der Monarch nur repräsentieren, in
einer Republik ein einzelner überragender Einfluß ge-
winnen. So bekommt der Begriff Monarchie eine
Doppelbedeutung; äußerlich gefaßt als Fürstenherr-
schaft, innerlich als Herrschaft eines Einzelnen, mag die
Form sein, welche sie will. Frankreich war eine Oligar-
chie unter dem Direktorium, aber schon nicht mehr,
        <pb n="48" />
        ﻿48

II. Akratie und Ariftagie.

als der erste Napoleon Konsul hieß; und unter Gam-
betta war wiederum mehr ein einzelner Wille maß-
gebend, als der eines Kollegiums.

In dem Archein steckt nichts, was von theoretischen
oder ethischen Gesichtspunkten aus anzunehmen oder
zu verwerfen wäre. Die geschichtlichen Bildungen
schwanken äußerlich zwischen Formen mit einer Spitze
oder einer Kuppel, und darunter innerlich der Herr-
schaft eines Einzelnen oder Mehrerer. Eine Menge
oder „das Volk" kann schon nicht archein, geschweige
denn kratein; wohl aber kann seinen erwählten Ver-
tretern ein Teil der Machtsunktionen übergeben werden,
wie dies in allen zivilisierten Staaten der Fall ist.
Dieses Recht eines mündigen Volkes, Einfluß zu haben
auf den Gang der Regierung, fällt nicht unter die
drei Begriffsbildungen, die das „Anführen" gliedern,
sondern ist ein Korrelat dazu; eine Umkehrung, die in
dem negativen Begriff der Akratie genügend zur Gel-
tung kommt. Macht üben, herrschen, führen, lenken,
leiten sind Worte, die nur für ein Jndividuuni Sinn
haben oder für eine kleine Gruppe von solchen; niemals
für eine Masse, die das nur Passiv an sich erfahren kann.
Die kleine Gruppe, die Oligarchie, ist gleichsam die
Verteilung der verschiedenen Fähigkeiten und Geistes-
gaben eines Individuums an mehrere Individuen;
diese bilden dann zusammen (z. B. ein Ministerrat) ein
Ideal-Individuum, eine fiktive Einheit.

Den besten Beweis für das Gesagte liefern gerade
unsere großen Parlamente; die wahren Entscheidungen
fallen nur in den Kommissionen. Es ist eben unmög-
lich, das psychologische Gesetz durch irgendwelche Ein-
richtungen umzustoßen, daß eine Willensentscheidung
        <pb n="49" />
        ﻿II. Akratie und Aristagie.

49

im Grund etwas wesenhaft Individuelles ist. Nur
durch unser künstliches System, das man einen Destil-
lationsprozeß vergleichen kann, gelingt es, etwas von
dem fiktiven allgemeinen Volks willen einzufangen und
zur Geltung zu bringen. In Wahrheit ist das, was ge-
schieht, niemals der Wille einer Millivnenmasse, son-
dern der Einzelner, die ihren Willen der Menge auf-
drängen oder deren Wünsche zu erraten suchen und ihn
formulieren und fassen. Dieser komplizierte Prozeß,
der vielerlei Abänderungen durchgemacht hat und noch
durchmachen wird, gehört nicht hierher; das Archein
ist mehr Gegenstand praktischer Erwägung und histori-
scher realer Entwicklung. Als positive Ergänzung zu
dem negativen Begriff der Akratie ist etwas anderes
nötig, das auch dem Archein zugrunde liegen und ihm
die Richtschnur geben muß: das Agein oder Führen,
Lenken der allezeit lenkbaren Menge.

Der Begriff einer Aristagie bedarf einer doppelten
Bestimnmng: was ist unter Agein und was unter den
Aristoi zu verstehen ? Er ist gebildet in bewußtem Gegensatz
zu dem bisher üblichen der Aristokratie, bei dem man mit
Recht an dem Kratein Anstoß nahm. Aristarchie dagegen
würde den Begriff in Parallele bringen mit Monarchie
und Oligarchie und das eigentümliche nicht zum Aus-
druck bringen.

Wer in einem Staate die Herrschaft ausübt, wird
durch Geschichte und Recht entschieden und es bleibt
dabei unbestimmt, ob ein befriedigender wünschens-
werter Zustand vorliegt; daher die Änderungen der
Formen. Ein Agein aber durchzieht das ganze Leben
des Volkes und ist ganz unabhängig von allen möglichen

v. d. Pfordten, Organisation.

4
        <pb n="50" />
        ﻿5 0

II. Akratie und Aristagie.

Herrschaftsformen. Lenken, den Einzelwillen die Rich-
tung geben, ist die Aufgabe, die der zweite Teil des
Wortes bezeichnen will; das muß stattfinden, wo immer
gemeinsame Ziele erreicht werden sollen; aber wer
soll lenken, führen oder leiten?

„Ist gleich die Zahl nicht voll, das Herz ist hier des
ganzen Volkes, die Besten sind zugegen", sagt Melch-
thal in der Rütliszene von Schillers Wilhelm Teil.
Aristvi heißt „die Tüchtigsten" — nicht etwa der Adel.
Wenn man den Geburtsadel für die Edelsten einer
Nation hält oder durch Verdienstadel die Tüchtigsten
auszuzeichnen sucht, so fließen die Grenzen der beiden
Begriffe gelegentlich ineinander; aber prinzipiell liegt
in dem Worte nichts, was auf Abstammung oder Son-
derrechte hinweist, sondern es ist eine ethische Wert-
bezeichnung. „Niemand soll eines anderen Herr sein"
— aber: „Richtung weisen sollen die Tüchtigsten"; so
wird die negative Bestimmung durch eine positive er-
gänzt; die Akratie bedarf des Prinzips der Aristagie.
Es betont zunächst mehr eine Pflicht als ein Recht:
wer sich als Aristos fühlt, soll und muß versuchen, zu
führen und darf nicht glauben, die „Entwicklung" werde
das von ihm Gewünschte von selbst zutage fördern.
Das scheint mir in unserer Zeit ein wichtiger Gesichts-
punkt. Der Gedanke einer Aristagie schließt das laisser
faire, laisser aller völlig aus und steht in striktem Gegen-
satz zu dem Glauben an das Wunder einer Entwick-
lung, in der nicht Persönlichkeiten die Führung über-
nehmen. Eine solche ist möglich, aber nicht im Sinne
der Aristvi; nicht nach oben, sondern nach unten. Wie
ein Körper seine Wärme verliert, ohne daß er von
selbst wieder wärmer würde, so verliert der Volkskörper
        <pb n="51" />
        ﻿II. Akratie und Aristagie.

81

seinen geistigen Wert, wenn ihm nicht ständig neue
Energien zuströnien. Ohne jede Führung sinkt das
Niveau auf allen Gebieten nur tiefer; eine Aufwärts-
bewegung, eine Entwicklung zum „Tüchtigeren" kann
nur kommen, wenn die Aristoi, die eben schon im Be-
sitz dieser Tüchtigkeit sind, ihre Kraft wirken lassen und
das Niveau durch ständiges Höherpeitschen oben zu
erhalten suchen.

Im Bereich der Naturwissenschaft ist das selbstver-
ständlich; ohne das Einwirken neuer Kräfte in bestimm-
ter Richtung erwartet niemand Änderungen in eineni
bestehenden geschlossenen System. Auf geistigem Ge-
biet aber herrscht häufig ein Mystizismus, der Alles
ohne besonderes Zutun vom „Volk" und seiner „Ent-
wicklung" erhofft. Das Volk ist der große Nährboden,
aus dem die Persönlichkeiten, auch die der Tüchtigsten,
in immer wechselnden Kombinationen keimen; aber
aus sich heraus fördert die Masse als solche niemals
neue Werte zutage. So häufig legen die Aristoi die
Hände in den Schoß, ergehen sich in Klagen und Kritik,
und erhoffen Besserungen von der nebelhaften „Volks-
seele", die im geeigneten Moment schon das Geeig-
nete gebären werde. Die Übertreibungen historischer
Milieutheorien und der Kultus der Statistik fördert
den Irrtum, als walteten auf geistigem Gebiet Ten-
denzen, Richtungen, Fortschritte unpersönlich, wie
die Kräfte der Natur. Alle Kraft auf geistigem Gebiet
ist aber an Individuen gebunden und aller Fortschritt
kommt nur durch einzelne, tüchtige — Aristoi. Und
das Gleiche gilt von den Volksindividuen in ihrem
Verhältnis zueinander; auch hier gibt es „beste" Völker,
die als Träger des Kulturfortschritts berufen sind, als
        <pb n="52" />
        ﻿62

II. Akratie und Aristagie.

solche anerkannt zu werden und als Lehrmeister zu
wirken.

Denn die Besten haben nicht nur das Recht „sich
auszuleben", sondern auch die Pflicht, ini Sinne der
von ihnen erkannten Werte führend zu wirken; hier
liegt die soziale Bedeutung dieser Wortbildung. Es
gibt wesentlich zwei Auffassungen des Begriffes sozial
— und nur die eine verträgt sich mit dem Gedanken
einer Aristagie. Denkt man dabei an alle zu einen,
Volke vereinigten Menschen und nimmt innerhalb
dieser Menge ethische und intellektuelle Wertungen vor,
so ergibt sich von selbst die Hoffnung, die ethisch und
intellektuell Höherstehenden möchten allmählich immer
mehr von den anderen zu sich heraufziehen und ein
langsamer Ausgleich dadurch stattfinden, daß dieser
Unterschied sich verringert — aber auf dem ethisch und
intellektuell höheren Niveau. Das ist auch das Prin-
zip der Aristagie; in diesem Sinne soll sie sozial ivirken,
nicht aber, indem sie ihre gewonnene Tüchtigkeit auf-
gibt und nicht verteidigt, weil sie noch nicht alle be-
sitzen. Sonst findet ein Ausgleich statt — aber auf
einem niedrigen Niveau; das Errungene geht wieder
verloren. Es stehen sich gegenüber eine Masse — und
wenige tüchtige oder tüchtigste. Eine Macht von Beiden
muß lenken oder bestimmen, wohin die Willen sich rich-
ten sollen; die Masse wird durch ihr Schwergewicht auch
die Tüchtigen auf ihr niedrigeres Niveau herabzuziehen
trachten und wer „sozial" mit dem Willen der Masse
identifiziert, kann keine Aristagie anerkennen.

Einige Beispiele stellen dies vielleicht noch klarer.
Oft liest man Sätze, wie: jedes Volk hat die Staats-
männer, die es verdient oder jede Stadt das Theater,
        <pb n="53" />
        ﻿II. Akratie und Bristagie.

53

das es verdient usw. Das sind ganz schiefe Gedanken;
in diesem Sinne „verdient" jede Masse nur das Schlechte
und Minderwertige. Da aber in ihr doch auch die
„Tüchtigen" mit stecken, so hat sie anderseits immer
weniger, als sie verdient — wenn man sie ohne Füh-
rung läßt. Konnte sich das „Volk" (in diesem Sinne)
je z. B. der Bestechlichkeit des Tammany-Ringes in
New-Iork erwehren; macht das „Volk" Wahlen, Re-
formen, Revolutionen — oder einzelne Führer? Dazu
nehme man den sogen. „Geschmack des Publikums" in
Kunstsachen. Der ist immer der schlechteste, natürlich,
wenn man es nicht zu beeinflussen sucht; und wo er
gehoben wurde, geschah es durch das Wirken Einzel-
ner. Man gestatte heute in Deutschland Stiergesechte,
römische Gladiatorenkämpfe und eine Spielbank ä la
Monaco — natürlich werden sie überfüllt sein, trotz
all unserer Kultur. Die „Tüchtigsten" werden draußen
bleiben; die Masse würde sie stürmen.

Das Wort „sozial" hat eine förmliche Betäubung
der Köpfe bewirkt, so daß man in der Bolksmasse eine
Personifikation erblickt, die einen klaren, bestimmten
Willen haben könnte. Haben die Aristoi die Führung
verloren, so ist der tiefere ethische und intellektuelle
Stand maßgebend; alles was dem Urteil oder Ge-
schmack der Masse überlassen wird, verliert seinen Wert
und sinkt rettungslos immer tiefer hinab. Sozial ge-
sinnt sein heißt nicht, die Masse anbeten und sie um-
schmeicheln, sondern das Volkswohl fördern wollen und
sich als Diener des Ganzen fühlen. Das aber verlangt,
daß man die selbst errungenen Werte nicht dem ver-
meintlichen „Willen" des Volkes unterordnet, sondern
sie zu seinem Wohle anwendet; in dem Agein liegt die
        <pb n="54" />
        ﻿54

II. Akratie und Aristagie.

nötige Korrektur eines übertriebenen Individualis-
mus und Subjektivismus. Nicht ein nristos zu sein
und sich dabei zu beruhigen in beschaulicher Selbst-
genügsamkeit, sondern es als Pflicht betrachten, zu
führen und die eigenen Werte dabei zu erproben,
ob sie sozial nützlich sind. Aber nicht eine Besserung
oder einen Fortschritt von geheimnisvollen Werde-
gesetzmäßigkeiten erwarten, die sich von selbst geltend
machen sollen. Der geistige Kulturprozeß ist kein mecha-
nischer Kreislauf, sondern erfordert immer erneutes
Eingreifen führender Kräfte.

Bequem wäre es freilich, wenn der Fortschritt des
Einzelnen, wie der Gesamtheit, sich so ohne führendes
Zutun vollzöge, so, wie man sich etwa die Entwicklung
der Tierarten ineinander vorstellt. Das ist aber eine
prinzipiell falsche Anwendung eines in der Natur
schon zweifelhaften Begriffes; wir kennen die Einflüsse
nur hypothetisch, deren es bedürfte, um die biologischen
Entwicklungen zu vollziehen, deren Zeugen wir nicht
mehr sind. In geistigen Dingen aber lehrt die Ge-
schichte das absolute Gegenteil einer führnngslosen
„Entwicklung" und sie ist eine ständige, immer neue
Beispielsammlung für das Fortschrittsprinzip des
Aristagein.

Natürlich soll damit nicht einer Erneuerung des
Jntellektualisnms und seiner Überschätzung des Ver-
standesmäßigen das Wort geredet werden; aber soviel
liegt allerdings im Begriff einer Aristagie, daß nicht
die Masse, sondern die Kulturträger den „Ton angeben"
und die Richtungen zeigen sollen. Was damit ausge-
schlossen sein soll, ist vor allem das unklare Träumen
        <pb n="55" />
        ﻿II. Akratie und Aristagie.

55

von der Möglichkeit eines Fortschrittes ohne führende
Köpfe, deren Geschkchte und Theorie widerspricht.
Diese Erkenntnis zu fördern, kann auch die Klarstellung
von Begriffen dienen; ihre Verwirklichung geht frei-
lich über die Worte hinaus und muß sich im lebendigen
Kampfe des Tages durchsetzen. Worte können da nur
Fahnen bedeuten; ein Feldzeichen, das man voraus-
trägt und darin man ein Symbol der Gedanken erblickt,
die die Geister bewegen.
        <pb n="56" />
        ﻿III. Das Führerproblem.

Versucht man von den theoretischen Festsetzungen
des vorigen Abschnittes in das Gebiet ihrer Anwen-
dung im praktischen Leben zu schreiten, so ist die
nächste Gefahr die, ins Uferlose zu geraten'; ich be-
schränke mich daher auf eine kurze Beleuchtung dreier
Fragen: wer soll führen, wie erzieht man Führer und
wie gelangen sie zur Führerschaft. Zwar hat auch der
erste und ergänzende Begriff einer Akratie eine prak-
tische Seite, allein sie ist wesentlich negativ, wie der
Begriff selbst; es müssen eben alle Mittel tunlichst be-
seitigt werden, die ein schrankenloses Kratein ermög-
lichen; also eine Ausgleichung der Machtverhältnisse
durch die ganze Breite des Lebens hindurch stattfinden.

Doch ist diese Forderung weit weniger ein Zukunfts-
wunsch als die andere der Tüchtigstenführung; denn
dahin hat die bisherige historische Entwicklung bereits
gedrängt und was fehlt, sind meist die richtigen Führer.
Wie der einzelne Staat durch die Existenz und Macht
der anderen „Großmächte" gehindert wird, sie zu ver-
gewaltigen und zu tyrannisieren — und der große
Krieg bedeutet ja wesentlich die Befreiung der einzelnen
europäischen Staaten von Englands und Rußlands
Tyrannengelüsten, hoffentlich aber durch die „Besten-
führerschaft" Deutschlands in Europa — so ist inner-
        <pb n="57" />
        ﻿111. Das Führerproblem.

57

halb des Kulturstaates jedem, selbst dem Fürsten, eine
Schranke seiner Herrschaft gezogen. Hier ist die Auf-
gabe mehr ethisch-psychologisch, nämlich die-Bekämp-
fung der Neigung zur Herrschsucht, die jeder in sich
anstreben muß, der in hohe Stellungen gelangt und so
Gefahr läuft, wieder die Akratie zu sündigen. Allein
einzelne Regeln lassen sich da nicht geben; es gilt die
Bezwingung eines Triebes, der in vielen schlummert,
während andere gar keine Neigung haben, jemand
ihren Willen aufzuzwingen, wenn man sie nur selbst
gewähren läßt. So hat selbst Bismarck einmal gesagt":
„ich bin nie herrschsüchtig gewesen; ich habe immer
mehr das Bedürfnis, nicht zu gehorchen, als das, anderen
zu befehlen." Was er da meinte, drückt das Wünschens-
werte aus, besonders wenn man statt „befehlen" etwa
das schärfere: tyrannisieren, eben kratein, einsetzt;
„geführt" hat er immer, auch bei dieser Ansprache.

Aber wer soll nun als Anführer „befehlen", agein?
Das ist weit schwerer zu sagen. Zunächst drängt sich
da der Begriff „Persönlichkeit"" auf; die wert-
vollen, bedeutenden, hervorragenden Persönlichkeiten.
Leider ist nun dieser Begriff an sich nichts weniger als
klar und jeder denkt sich dabei seine eigenen Lieblings-
tugenden oder Werturteile. Zunächst ist eines klar:
kein egoistisches Persönlichkeitsideal, das die Beziehung
zu den anderen vernachlässigt, kann hier dienen; der
Aristag steht ja nicht isoliert in der Welt, sondern soll
führen; also muß die Persönlichkeit willig und geeig-
net sein, eine Aufgabe zu erfassen und dabei voran-
zugehen. Die meisten Fassungen des Begriffes aber
gehen von rein subjektiven Standpunkten aus und
neigen dem zu, was man besser mit dem Wort Origi-
        <pb n="58" />
        ﻿58

III. Das Führerproblem.

nalität bezeichnet. Zwischen diesem und dem Führen
aber besteht ein Gegensatz; allzu eigenartige Charak-
tere eignen sich dafür nicht. Und es ergibt sich folgende
Antinomie: zum Führen bedarf man zweifellos „Per-
sönlichkeiten"; sind diese aber allzu sehr entwickelt, d. h.
eben allzu „originell", dann laugen sie wieder nicht
dazu, wie die Erfahrung des Lebens zeigt.

Die Lösung dieses Widerspruchs ist nur durch folgende
Erwägungen niöglich. Zunächst erscheint durch die
„Aristagie" die Menschheit in zwei Gruppen zerteilt,
in Führende und Geführte. Aber es muß etwas geben,
was beiden Teilen gemeinsam ist, sie zusammenhält
und wiederum zu einer Einheit macht. Das ist das
Ziel, der Zweck menschlichen Handelns, in den höchsten
Fällen das Ideal, das eine Zusammenfassung von
Zwecken bedeutet. Zu ziellosem Handeln, willkürlichem,
beliebigen, in diesem Sinne „freien", braucht man
keinen Führer; das kann jeder allein besorgen; jeder
ist dann zugleich Träger der Idee, des Sinnes der
fraglichen Handlungen. Der Führer aber muß die
Ziele besser kennen oder doch wenigstens bei Überein-
stimmung über das Ziel die zu ihm führenden Wege;
gemeinsam ist ihm und den Geführten dann die Sache,
um die es sich handelt, die Aufgabe, die gelöst, das
Ziel, das erreicht werden soll; darin liegt das Verbin-
dende und nur in der Rollenverteilung das Tren-
nende.

Also können tvir keine „Persönlichkeit" brauchen, die
nur sich selbst und ihre Interessen zum Ziele setzt;
das aber tut das Streben nach Originalität, der spe-
zielle Persönlichkeits-Kultus, ja eine ganze ethische
Richtung, die in der Selbstvervollkommnung das ein-
        <pb n="59" />
        ﻿III. Das Führerproblein.	59

zige Ziel erblickt. So genügt das „Ideal des Weisen",
wie es die antike Philosophie zum großen Teil erfüllte,
nicht, weil es im Grunde egoistischer Art ist; so kann
man wohl Kants und Schillers Persönlichkeits-
begriff brauchen, nicht aber den Schleiermachers
oder Schopenhauers; der Goethes steht auf der
Grenze und neigt stark zu- einem ästhetisierenden
Egoismus; auch Carlyles Heroenkultus paßt hier
nicht. Daß Nietzsches Ideen sich in diesen Gedanken-
kreis nicht fügen, ist klar; denn sein Übermensch (in
keiner Fassung dieses doppelsinnigen Wortes) soll ja
nicht führen, den anderen nichts leisten; er hat keine
gemeinsamen Ziele mit ihnen, sondern sonnt sich ledig-
lich in seiner eigenen Vollkommenheit. Sehr charak-
teristisch endlich ist Ibsen, den die Jagd nach der „Per-
sönlichkeit" stets in Gegensatz zu Gesellschaft, Staat,
Sitte und Recht bringt und der niemals sieht, daß sich
eine starke Persönlichkeit auch im Staate entfalten
kann. Solche Denker haben auch niemals im wahren
Sinne führend gewirkt, sondern lediglich kritisch, zer-
setzend, umwühlend. Man sollte sie nicht mit positi-
ven „Führern" in einem Atem nennen; Nietzsche und
Ibsen, wie viele ähnliche Köpfe früherer Zeiten, haben
wohl zum Nachdenken angeregt, schwache Seiten der
Kultur aufgedeckt, Konflikte zwischen Originalität und
Allgemeinheit herbeigeführt, niemals aber wirklich ge-
führt, weil sie an positiven Idealen zu arm waren.

Die möglichste Ausbildung aller Anlagen, die höchste
Entfaltung seiner Kräfte, die Erwerbung vielseitiger
und ausgedehnter „Weltanschauung" ist eine hohe
und schöne Sache, aber ein geistiger Luxus, den sich
wenige gestatten können und nicht das, was zum
        <pb n="60" />
        ﻿60

III. Das Führerproblem.

Führer speziell qualifiziert. Außer indirekt durch Werke,
die ein solcher besonders reicher Mensch schafft, als
Denker, Künstler, Lehrer; allein selbst von Goethe,
dem Typus dieses Allseitigkeitsstrebens, gilt doch sein
eigenes Wort, das er von der Muse sprach: sie könne
das Leben wohl begleiten, aber nicht leiten. Eine
Führernatur im engeren Sinne ist er nicht; auch „Rem-
brandt als Erzieher"" war kein glückliches Symbol.
Nicht Größe der Persönlichkeit, in irgend einem Sinne,
ist erforderlich; sondern das Führerideal ist durchaus
ein relatives: der Führer nruß die Gruppe, die er
führen soll, nur in etwas überragen, ihr überlegen sein
und ihren Willen lenken; und nur wer ein ganzes Volk
oder gar die Menschheit führen will, muß dazu beinahe
ein Übermensch sein. Der Gedanke der Aristagie aber
gilt dem ganzen Leben und dem ganzen Volk in allen
seinen Aufgaben; und wir haben mehr Bedarf nach
Führern im kleinen, als nach Heroen, die doch der
unendlichen Mannigfaltigkeit der Kultur nicht mehr
genügen können. Goethe versagtjedenfalls in der Politik
und Bismarck im Reich der Musen; und wie selten
erscheinen solche Menschen auf Erden wie diese zwei.
Man kann nicht auf solche Ausnahmen warten und wo
man vorgibt, es zu tun, will man nur die immer vor-
handenen Aufgaben nicht anfassen und eine Ausrede
dafür haben, kleinere Aristoi nicht anzuerkennen.

In den Begriff des Führers muß etwas gelegt wer-
den, was nicht nur dem „Genie", nein, auch dem Ein-
fachsten erreichbar ist; denn Führung tut not bis in die
einfachsten Kreise hinein, die das Genie niemals ver-
stehen. Das ist auch im Auge zu behalten, wenn man
den allgemeinen Begriff der Persönlichkeit zerlegt und
        <pb n="61" />
        ﻿III. Das Führerproblem.

61

einzelne Führertugenden aufsucht, die den Aristos
kennzeichnen sollen, der sich zum Führer eignet.
Kindermann" hebt hervor: Voraussicht" und Tatkraft,
Anpassungsfähigkeit und Durchschlagskraft,' Selbst-
lenkung und organisatorischen Takt. Diese letzteren
beiden oft wiederholten Lieblingsbegriffe scheint er
seltsamerweise beinahe gleichzusetzen, obwohl man sich
doch recht gut selbst lenken kann und dennoch gar kein
„Organisationstalent" (wie man meist sagt) besitzen.
„Takt" ist ein recht dehnbarer Begriff, der nicht viel
sagt; heute etwas ähnliches, wie das griechische Ideal
des Maßes, der Mitte oder der Sophrosyne. Zum
„organisatorischen Takt" gehört": majestätische, heitere
Ruhe (wohl nur für die obersten Führer nötig und er-
wünscht), Gefühl der Verantwortung (Adel, Macht,
Wissen und Reichtum verpflichten), Gabe der Ord-
nung oder Disposition, Fleiß und Ausdauer, Selbst-
erkenntnis und Selbstbeherrschung. Nicht alle Führer
bedürfen: Sinn für Schutz der Schwachen, Wagemut,
Opfersinn, Bescheidenheit, bedingte (d. h. geringe)
Hochschützung der materiellen Güter; jedenfalls können
diese Eigenschaften bei den Führern in wechselnder
Stärke vorhanden sein. Es sind recht verschiedene
Tugenden und von verschiedenen: Wert, die Kinder-
mann da unter dem Hut des organisatorischen Taktes
zusammenbringt. Aber die betreffenden Kapitel des
Buches sind wertvoll für die Erwägung des speziell für
einen Führer nötigen; schließlich wird (S. 112) der
organisatorische Takt nochmals als Verbindung
zweier Haupteigenschaften, starker Spannkraft und
weiter Anpassungsfähigkeit definiert. Diese Bestim-
mungen weisen klar darauf hin, daß jedenfalls eine
        <pb n="62" />
        ﻿62

III. Das Führerproblem.

Doppelarbeit vom Führer geleistet werden muß, an
sich selbst und an den anderen und dazu die nötigen
Tugenden in einer gewissen Ausgeglichenheit vorhan-
den sein müssen.

Auf einen ganz anderen Einteilungsgrund werden
wir gewiesen, wenn wir etwa fragen, welche mehr
sozial gefaßten Eigenschaften zur Führerschaft berech-
tigen und befähigen. Man kann sie finden in: Vor-
zügen des Körpers, der Erziehung, der Familientradi-
tion; dann in Besitz und Intelligenz; endlich in Arbeit
und Rednertalent. Das weist auf Unterschiede der
politischen Partei-Bildung hin; ungefähr (mit Ein-
schränkung) werden die ersten drei Gesichtspunkte die
der konservativen, die nächsten der liberalen, die letz-
ten der sozialdemokratischen Partei sein; oder diese
Parteien werden an ihren Führern sie au, meisten
schätzen. So ungefähr entspricht das auch bestimm-
ten Berufen; die ersten dem Adel (soweit er als Grund-
besitzer und Militär gesondert hervortritt) und dem
Beamtentum, das freilich auch der Intelligenz und
Arbeit bedarf; deutlicher eignen Besitz und Intelligenz
vereint speziell den wirtschaftlichen Führern, Indu-
strie-Kapitänen, technischen Leitern. Diese Gruppen
liefern auch die sogen. „Staatsmänner" in einenr enge-
ren Sinne; während die freien Berufe, die Parlamen-
tarier, die Parteiführer zu Arbeitskraft und Redner-
talent natürlich auch der Intelligenz bedürfen. Sv
wenig sich solche Einteilungen genau durchführen las-
sen, so scheinen sie mir doch wertvoll, um zu zeigen,
daß es mit der Aufstellung eines einzigen Führerideals
nicht getan ist und wir Aristagen in allen den hier an-
gedeuteten Gruppen zu suchen haben werden.
        <pb n="63" />
        ﻿III. Das Führerproblem.

63

Man kann solche Unterschiede auch entwicklungs-
geschichtlich fassen; so sagt Hammacher (S. 112): „Die
bisherigen Führer der neuen Welt, die Unternehmer
und die Gelehrten werden nun allmählich ver-
drängt .... Der Gelehrte wird durch den Journa-
listen, der Unternehmer durch den Arbeiterführer,
beide durch den Abgeordneten ersetzt." Weiterhin wird
ein Gegensatz der Intellektuellen und Antiintellektuellen
aufgestellt, zu welch' letzteren vor allem die religiösen
und künstlerischen Menschen gehören und schließlich als
„Endergebnis des Rationalismus" ein „Kampf zwischen
Masse und Individuum auf Tod und Leben" als Kenn-
zeichen unserer heutigen Kultur festgestellt. Ob diese
damit richtig charakterisiert, ob das Verdrängen und
Ersetzen wirklich in bedeutendem Maße stattfindet,
gehört nicht hierher; es soll damit nur gezeigt werden,
daß das Führerproblem auch eine kulturhistorische
Seite hat und dadurch die einzelnen Fragen dessel-
ben noch bedeutend kompliziert werden können.

Der Begriff „Kultur", das heutige Hauptschlagwort,
fördert bei der Führerfrage überhaupt nicht, denn ein-
mal kann jemand ein eminenter „Kulturträger" sein
und doch zum Führer nicht geeignet, und dann stecken
so viel einzelne persönliche Wertungen in dem, was
jeder Kultur nennt, gibt es auch so viel Überkultur und
kultürlich indifferente „Zivilisation", daß dieses Wort
mehr erschwert, als klärt. Religiöse, ethische, ästheti-
sche, Politische Werturteile wirken zusammen in den
„Kulturanschauungen" der Einzelnen und der Parteien
und davon kann die Frage nicht abhängig sein, wer ein
Aristos ist; sonst fällt sie einfach zusammen mit einem
Glaubensbekenntnis, Parteiprogramm oder philosophi-
        <pb n="64" />
        ﻿64

TU. Das Führerproblem.

scher Richtungsbestimmung. Für den Einzelnen ist
das klar und leicht; natürlich wählt er sich sein Vorbild
und Führer nach seiner Gesinnung und nennt den den
„Besten" und „Tüchtigsten", der seinen Ansichten den
kräftigsten Ausdruck gibt. Das spezielle Führerproblem
aber muß sich von diesen Unterschieden unabhängig
machen, denn es ist ein psychologisch-pädagogisches,
kein partei-politisches; die von Führern zu lösenden
konkreten Aufgaben bestimmt Geschichte, Empirie
und Weltanschauung. Sie sind so mannigfaltig, als die
„Kultur"aufgaben einer Zeit; jede Zeit und jede
Tendenz aber bedarf zur Erreichung ihrer Ziele der
Aristagen.

Sehr wichtig dagegen ist es, zu unterscheiden zwischen
Führern, die neue (wenn auch nur im kleinen neue)
Ziele sehen und finden sollen und solchen, die nur die
Mittel und Wege zu feststehenden Zielen besser kennen
als andere". Ich möchte sie in Kürze als theoretische
und Praktische Führer bezeichnen; die erforderlichen
Gaben und Eigenschaften aber sind bei beiden Arten
durchaus nicht die gleichen. Für die theoretischen
Führer ist die geistige Begabung die Hauptsache;
man spricht ja häufig von „führenden Geistern". In-
tellekt ist da die Hauptsache, dazu lebhaftes Gefühl
für Wichtigkeit und Bedeutung der Ziele; die Charak-
tererfordernisse aber treten zurück und ein blinder oder
gelähmter Denker kann auf diese Art wirken. Und
nicht nur durch Wort, sondern auch durch die Schrift,
nicht nur in einer Gegenwart, sondern in ferne Zukunft.
An diese Art geistiger Führer und Autoritäten sind wir
gewöhnt und da liegen auch nicht die Schwierigkeiten;
niemand kann sich ihnen entziehen und wer sich von
        <pb n="65" />
        ﻿III. Das Führerproblem.

65

allen loszusagen meint, der hat in Wahrheit meist nur
seine Autoritäten gewechselt.

Dagegen ist nun von den praktischen Führern oder
„Anführern" kurzweg Anderes und Spezielles zu ver-
langen. Hier ist der Ort z. B. für Foersters Forderun-
gen (S. 31 f.): Selbstbeherrschung; soziale Kultur, ins-
besondere die Fähigkeit, sich in den Seelenzustand des
Gehorchenden hineinzuversetzen; endlich Unzweideutig-
keit, Kürze, Präzision der Anordnungen. Dazu die volle
Übernahme der Verantwortlichkeit bei der Führer-
handlung, die schon daraus folgt, daß der „Anführer"
(wie etwa ein Bergführer als Typus) ja die Wege zum
Ziele am besten zu kennen überzengt ist. Das alles ist
richtig und wichtig; und dennoch scheint mir das letzte
Geheimnis noch in etwas anderem zu liegen, in der
schwierigen Frage der Gefühls- und Willensübertragung
von einem Menschen zu anderen. Darin steckt etwas von
Suggestion, wenn man das Wort nicht in krankhaf-
tem Sinne nimmt; von ansteckender Wirkung, von
Unausgesprochenem und vielleicht Unsagbarem. Tat-
sache ist, das; es Menschen gibt, die, gleichgültig was
sie fordern, Nachfolge und Anhänger finden; diese
sagen und fühlen einfach: „wo du gehst, da will ich auch
hingehen"; und rein intellektuell ist diese persönliche
suggestive Kraft jedenfalls nicht.

Ich habe an anderer Stelle die psychologische Seite
der Gefühlsübertragung behandelt"; ganz allgemein
entzündet sich Gefühlswärme an ebensolcher, mag der
Gegenstand sein welcher er will. „Begeisterung" läßt
immer Spuren im Hörer zurück und eine „dynamische"
Wirkung strahlt von starken Gefühlen auf die anderen
aus. Hier aber handelt es sich um eine Willens über-

v. d. P s o r d t e n, Organisation.

5
        <pb n="66" />
        ﻿66

III. Das Führerproblem.

tragung; dazu müssen Verstand und Gefühl zusammen-
wirken; der der Suggestion Unterliegende wird zunächst
für den Führer persönlich, dadurch für dessen Ziele,
Werte, Ideale erwärmt und in den so gelockerten und
gepflügten Boden sät dann der Führer mit Leichtigkeit
den verstandesmäßigen Samen. Wie das zu machen
ist, kann wohl kaum gelehrt werden; mancherlei Eigen-
schaften tragen dazu bei. Schon ein stattlicher, trai-
nierter, die Selbstzucht verratender Körper, ein blitzen-
des Augenpaar, ein beredter Mund. Dann wo es dazu
gehört, Gewandtheit, Geschicklichkeit, Mut; Ausdauer
und Festigkeit; Klarheit und Einfachheit der Gedanken
und der Rede. All das unterstützt die Suggestion, aber
es ist nicht ihr Wesen und innerster Kern.

Jedenfalls muß der Führer, ehe von einer Über-
tragung die Rede sein kann, selbst das Ziel mit hoher
Gefühlswärme erfaßt und möglichst mit dem Verstand
in sich selbst verarbeitet haben; die Arbeit an sich selbst
muß jeder Förderung anderer vorangehen. Beispiel
ist weit eindrucksvoller und mächtiger als Belehrung
und nur wer selbst stark an seine Sache glaubt, wird
andere daran glauben machen. Die Disposition zu
solchen Charakteranlagen ist sicher vererbbar und darum
ist dieTradition beim Führerberuf ein wichtiges Moment,
man kann dann von „geborenen Führern" sprechen.
Wo man aber auf solche Tradition nicht rechnen kann,
erhebt sich die Frage, ob man Führer erziehen kann, und
damit kommen wir zum zweiten Punkt der Anwendung
der Aristagie.

Für diese pädagogische Seite des Problems", wo-
bei das Wort im weitesten, auch die Erziehung junger
Männer umfassenden Sinn zu nehmen ist, ist nnerläß-
        <pb n="67" />
        ﻿III, Das Whrerproblem.

67

Liche Vorbedingung die Anerkennung der Wichtigkeit
der Führerschaft und der im vorigen skizzierten Merk-
male und Charaktereigenschaften des Führers. Dann
ist die Aufgabe allgemein gefaßt die: die Keime zu
diesen Merkmalen schon im jungen Menschen zu erken-
nen, im erwachsenen anzuerkennen und zu pflegen
und mit Bewußtsein die Entfaltung solcher Führer-
anlagen zu fördern. Dazu gehört der innere Respekt
vor so gearteten Persönlichkeiten, dazu noch einmal das
Prinzip der Akratie. Alles Kratein, jede Tyrannei
' und Unterdrückung fremder Willen hindert nicht nur
andere am Führen, sondern ebenso die Züchtung von
solchen, weil ihm eben der Respekt vor wahrer Persön-
lichkeit beim anderen fehlt.

Wichtig ist vor allem, zwischen Individualität und
Persönlichkeit zu scheiden; als Individuum werden
wir geboren, Persönlichkeit aber ist ein Wertbegriff.
Zu solchen werden wir erzogen oder erziehen uns selbst;
zur Individualität gehört alles, was am Einzelnen be-
sonderes ist, auch alles Zufällige, Wertlose, Schlechte.
Die Schulreformer haben immer nur „individuelle"
Behandlung der Schüler verlangt; da haben die Schul-
männer die Antwort bequem: auf alle Launen und
Eigenheiten Rücksicht nehmen könne die Schule nicht
und dazu sei sie nicht da. Dagegen wäre Persönlich-
keiten bilden nicht nur eines, sondern das höchste Ziel
von Mittel- und Hochschulen, wenn möglich auch der
Volks-, mindestens der Fortbildungsschulen. Das kann
man nicht so mit ein paar Redensarten abtun; denn
Persönlichkeiten oder Charaktere (im engeren Sinn,
nicht dem psychologischen, wo jeder einen solchen hat)
braucht der Staat und die Gesellschaft.

ö'
        <pb n="68" />
        ﻿68

III. Das Führerproblem.

Aber freilich müßte man ein Ziel erst anerkennen,
ehe man hoffen darf, daß es erreicht wird; und auch
davon sind wir weit entfernt. Der normale „Schul-
meister", wie er noch heute herrscht, ist der geborene
Gegner der sich entfaltenden Persönlichkeit, weil sie
ihm unbequem ist; gegen geborene junge Führer hat
er eine ganz instinktive Abneigung. Denn der Keim des
Führertalents liegt nicht in den „schultechnisch" er-
wünschten Eigenschaften, im braven Auswendiglernen,
Nachsprechen, Grammatik oder Mathematik-Pauken,
sondern äußert sich zunächst in Eigenwillen und Neigung
zur Selbständigkeit. Die Selbstzucht kann noch gar-
nicht da sein; erst müssen Schößlinge sprießen, ehe man
sie beschneidet, zuerst ein Strom, ehe man ihn eindämnit.
Davon hat der durchschnittliche Schulmann der Mittel-
schule keine Ahnung, sondern jede vom Normalen ab-
weichende Regung ist ihm verdächtig. Und auch viele
Universitätslehrer lieben noch das Schwören aus des
Lehrers Worte und halten den fleißigen Gedächtnis-
menschen für den besten Schüler.

Unsere Schule wertet, im großen und ganzen ge-
nommen, falsch und jedenfalls nach ganz anderen Maß-
stäben, als das Leben, in dem der „Primus" einer
Klasse meist eine recht bescheidene Rolle spielt und
höchstens wieder ein Schulmeister wird. Speziell die
Keime des Führertalents werden nirgends beachtet,
geschweige denn vorgezogen oder bewußt gezüchtet.
Wo immer sie kann, trampelt die Schiele die ersten
Regungen in dieser Richtung nieder; vom deutschen
Aufsatz, in dem nicht eigene, sondern die vom Lehrer
vorgeschriebenen Gedanken vorkommen sollen, bis zu
den Universitätsseminarien, über denen häufig unsicht-
        <pb n="69" />
        ﻿HI. Das Führerproblem.

69

bar geschrieben steht: „eigenes Denken höflichst ver-
beten". Unterrichten heißt für die meisten Lehrer:
seine eigene Meinung deni Schüler aufzwingen; an-
statt durch Überzeugung und Suggestion die gewünschte
ähnliche Ansicht zu erwecken.

Werden nun gar die Pläne einer sogen. Einheits-
schule" verwirklicht, dann gute Nacht für die Erziehung
zum Führer; das wird der volle Triumph der breiten
Mittelmäßigkeit. Das Prinzip der Aristagie wider-
spricht jeder öden Gleichmacherei; der Mensch ist
nur ethisch oder religiös betrachtet gleich, weil die
ethische Forderung an alle geht. Also vor dem Ethos,
vor dem Recht (als dem erzwingbaren ethischen Mini-
mum) und vor Gott. Niemals aber in intellektueller,
künstlerischer oder praktischer Hinsicht; nie im Hinblick
auf die Leistung, die irdischen Ziele und Zwecke. Und
da hier die Menschen nicht gleich geartet sind, so ist es
auch kein Ideal, sie künstlich so machen zu wollen oder
zu behandeln, als seien sie es. Wenn diese durchgehends
auf Phraseologie aufgebauten Absichten, die Schulver-
hältnisse zu uniformieren, anstatt sie der empirischen
Verschiedenheit anzupassen, durchdringen sollten, so
würde die Einbuße an Führern noch fühlbarer werden,
als sie es jetzt schon ist.

Die einzige große Institution, die es versteht, syste-
matisch Führer heranzubilden, ist noch immer das
preußisch-deutsche Militär^. Allerdings mit starken
Einschränkungen in bezug auf das Thenm; hier wie in
den folgenden Fällen werden Erwachsene behandelt,
deren Charaktereigenschaften schon ausgeprägter sind.
Und von geistiger Führung ist im allgemeinen weniger
die Rede, höchstens im Generalstab; die „Anführer"-
        <pb n="70" />
        ﻿70

III. Das Führerproblem.

schüft aber erscheint hier als spezielle Befehlskunst.
Dennoch gibt es kein besseres Muster: schon im Frieden
beginnt man sofort unter den neuen Mannschaften
nach künftigen Unteroffizieren, Offizieren, Reserve-
offizieren zu suchen und die „Qualifikation" bedeutet
im wesentlichen: „Eignung zu einem Führeramt".
Nirgends gehört eben so sehr zum System des Ganzen
das Doppelte, sich Ergänzende: Disziplin und Führung,
Gehorsam und Autorität, Masse und Selbständigkeit.
Im Krieg aber ist der Ausgleich dieser scheinbaren
Gegensätze noch viel deutlicher, da rächt es sich auch
stark, falls man im Frieden die richtige Aufzucht von
Führern versäumt haben sollte und dem Einzelnen wird
noch reichere Gelegenheit zu persönlicher Auszeichnung
und „Qualifikation".

Hier hat auch historisch eine bestimmte Tradition ihre
Bedeutung, nämlich der Adel; es war der preußische
Junker, der den Typus des militärischen Führers
schuf, in Generationen Pflegte, erhielt und vererbte.
Von ihm hat es der bürgerliche Offizier gelernt, zu
führen, und inacht es heute ebenso gut; auch dem
Unteroffizier ist jener das Vorbild gewesen und der
„preußische Leutnant, den uns keiner nachmacht", trägt
adelige Züge, auch wenn sein Träger Müller heißt.
Mag man also auch für wissenschaftliche und künstlerische
Leitung direkt da nichts gewinnen, für das Problem
der Führerschaft überhaupt ist das militärische System
einzig in seiner Art und hat sich so ausgebildet eben im
Hinblick auf den Krieg, wo man Führer dringend nötig
braucht, während man im Zivil auch ohne solche zur
Not „fortwursteln" kann. Würde das Prinzip des
Aristagein durchdringen und zum allgemeinen Bewußt-
        <pb n="71" />
        ﻿HI. Das Führerproblem.

71

sein kommen, so würde man sich auch hier nicht nur in
der Not (wie z. B. in der Revolutionsnot Bismarck)
Führer holen und sich nicht mit dem resignierten Diplo-
maten trösten, der seinem Sohn versicherte) die Welt
würde mit sehr wenig Weisheit regiert.

Viel lernen für das Problem ließe sich aus den Ein-
richtungen der Kirchen, denn auch sie haben einen
zwingenden Bedarf an Führern, die sie, besonders die
katholische, in eigenen Seminarien heranbilden. Auch
hier etwas Spezielles, nur nach der anderen Seite,
der geistigen Führung, und damit eine Art Seitenstück
zum Militär. Der Geistliche kann nicht befehlen, aber
doch gelegentlich von der „Willensübertragung" wirk-
sam Gebrauch machen; der Offizier führt in erster Linie
auf Grund der Disziplin, wird sich aber durchaus nicht
auf sie allein verlassen, zumal im Kriege. Systematisch
ist auch die Ausbildung bei der Kirche, aber wiederum
dadurch sehr einseitig daß sie lauter Führermaterial
bekommt. Jedenfalls aber ist besonders der Pfarrer
auf dem Lande in seinen mustergültigen Vertretern
ein bedeutender Führertypus und alle Versuche, das
gesamte Volk zu beeinflussen, bedienen sich ja auch
seiner, wo er gehört wird und ihren Zwecken dienen
will.

In weit geringerem Grade gilt dies von der Beam-
tenschaft und der geläufige Ausdruck „Bürokratie"
weckt sofort den Verdacht, daß hier das Prinzip der
Aristagie wieder mehr in die Opposition gerät. Denn
wenn keine Kratie gelten soll, dann natürlich auch diese
nicht. Die Forderung, mehr zu führen und zu leiten,
als zu herrschen (im engeren Sinn) ist hier noch unge-
nügend erfüllt und die Neigung groß, die Macht des
        <pb n="72" />
        ﻿72

III. Das Führerproblem.

L-taateS häufiger und stärker anzuwenden, als nötig
wäre. Die vernünftigen Tendenzen und guten Absichten,
besonders in der Verwaltung, gehen aber auch hier
schon durchaus int Sinne des Aristagein und nur die
Verwirklichung solchen Ideals ist bei der unabtrenn-
baren Machtfülle des Beamten groß; und so wird das
Prinzip mehr zu einer ethischen Anforderung an den
Einzelnen. Der Fortschritt von früheren Zeiten, wo
Beamtentyrannei und Willkür weit mehr an der
Tagesordnung waren, als heute, bis auf die vielfach
darin bessere Neuzeit vollzog sich durchaus im Sinne
des Prinzips, dem nur eine immer wachsende Verbrei-
tung zu wünschen wäre.

Wie sehr endlich sich die Einsicht, daß eine Heranbil-
dung von Führern nötig ist, sogar im Handel durch-
ringt, der bisher ziemlich einseitig auf Plutokratie be-
ruhte, zeigt ein neues Buchest das allerdings vielen als
Zukunftsmusik erscheinen wird. Hier mag es nur das
knappe Bild ergänzen, das die verschiedenen Fälle von
Führererziehung zusammenfassen sollte; das Hand-
werk, besonders in seiner alten Jnnungsform, hatte
stets seine besondere Art von Aristagie und statt Führer
könnte man im alten deutschen Wortsinn auch sagen:
„der Meister", wie heute junge Künstler gern ihre ver-
ehrten Führer nennen. Was zur Erziehung von Führern
nötig ist, läßt sich nicht in ein paar kurze Regeln fassen;
das Wichtigste ist hier einstweilen noch, mit Ausnahme
von Militär und Geistlichkeit, die Einsicht, daß es über-
all deren bedarf; der Wille zur Zurückdrängung von
Tyrannengelüsteu und das Bestreben, statt dessen eine
richtige Führergesinnung bewußt heranzuzüchten. Es
scheint mir durchaus möglich, daß es uns Deutschen
        <pb n="73" />
        ﻿HI. Das Führerproblem.

78

gelingt, auch in diesem wichtigen Punkt voranzu-
gehen; die eine Seite des Problems, die Neigung zu
Disziplin und freiwilliger Unterordnung für einen wich-
tigen Zweck, haben wir vor anderen Völkern in hohem
Maße voraus; verbinden wir damit die richtige Kunst
des Anführens und der Willensübertragnng, so sind die
Bedingungen für die Aristagie vollauf gegeben.

Auch in den Beziehungen der Völker untereinan-
der endlich gibt es ein Führerproblem, nicht nur
innerhalb des Staates und das Volk, dem es gelingt,
die besten Führer zu gewinnen, wird auch zur Leitung
anderer kleinerer Staaten berufen sein. Auch hier
steht die Aristagie irtt strikten Gegensatz zur Gleich-
macherei; nicht alle Völker und Staaten sind gleichviel
wert und gleichberechtigt; nicht allen kommt die Führer-
rolle zu. In Europa ist es wesentlich nur Deutschland
oder England, das in Frage kommen kann, da Frank-
reich in jeder Hinsicht zurückgeht, Rußland ein asiati-
scher Staat ist usw. Das Zauberwort Organisation ist
so stark, daß man es auch bei den internationalen Fra-
gen angewendet hat und z. B. von einer „weltorganisa-
torischen Zusammenfassung autonorner Völkerindividua-
litäten" träumt. Aber der volle Begriff der Organisa-
tion ist kaum anwendbar, wo eine Autonomie in stren-
gem Sinne gelten soll; vielmehr müßte hier der Führer-
gedanke betont werden und die Ereignisse des großen
Krieges bestätigen das. Kleine und unbedeutendere
Völker können nienials dieselben Ansprüche erheben,
wie die führenden; und Freiheit ohne entsprechende
Macht nützt dem Kleinen wenig, wie das Beispiel
von Italien, Norwegen, Portugal zeigt. Organisieren
läßt sich da nur unter der Führung der Großen; und
        <pb n="74" />
        ﻿74

III. Das Führerproblem.

dazu sind berufen, die sich als Aristoi erwiesen haben;
so Preußen in Deutschland und dieses wiederum in
Europa. Das Recht zur Führerschaft erwirbt sich dabei
durch Tüchtigkeit in jeder Beziehung und organisatori-
sche Fähigkeit, sowohl im Leben innerhalb der Staats-
gemeinschaft als bei zwischenstaatlichen Beziehungen.

Allein es erhebt sich noch eine schwierige Frage:
wenn auch die Erziehung geeignete Führer herangezogen
hat, wie gelangen diese nun tatsächlich im „Kampf
ums Dasein" hinauf und erhalten sich in den geeig-
neten Führerstellungen? Genügen dazu die Eigen-
schaften, die von berufener Seite als spezielle Führer-
eigenschaften gerühmt werden — oder sind andere,
vielleicht unerfreuliche, erforderlich, uni auch, wenn die
Eignung angeboren oder anerzogen ist, einen Führer-
posten einzunehmen und sich darin zu behaupten?
Das ist eine Frage, die einen Prüfstein für unsere
Kulturzustände bedeutet; sollte es nicht in erforder-
licher Weise möglich sein, bei vorhandener „Qualifi-
kation" an die Führerstelle zu kommen, so nützt alle
Erziehung dafür nichts und das Prinzip der Aristagie
bleibt ein unerfülltes Ideal.

Der strenge Kulturkritiker und christliche Anarchist
Lev Tolstvj^ bejaht das kurzweg. Er behauptet,
daß allezeit die Schlechteren über die Besseren herr-
schen; denn „schlecht sind die, die sich erhöhen, herr-
schen, kämpfen, den Menschen Gewalt antun". „Um
die Macht zu erwerben und sie festzuhalten, muß man
die Macht gerne haben. Machtstreben aber vereinigt
sich nicht mit Güte, sondern mit den der Güte entgegen-
gesetzten Eigenschaften: mit Stolz, List, Grausamkeit."
„Die Bösen haben stets die Macht über die Guten und
        <pb n="75" />
        ﻿III. Das Führerproblem.

76

vergewaltigen sie immer." Das ist die Auffassung eines
extremen, aber unerbittlichen Denkers und dem Körn-
chen Wahrheit, das darin steckt, kann sich kein ehrlicher
Kulturkritiker verschließen. Diese Stelle, das heißt der
innere Widerspruch zu ihr, ließ mich zuerst nach neuer
Formulierung des Gegensatzes suchen; denn mit der
alten „Aristokratie" kann man Tolstoj schlechterdings
nicht beikvmmen^, da er ja gerade zum Problem macht,
ob sich die beiden Wortteile, Beste und Herrscher, nicht
im Prinzip widersprechen und dies schlankweg bejaht.

Zur Lösung dieser Antinomie kann eine andere Stelle
bei ihm dienen. „Die Lockung der Macht und alles
dessen, was sie bietet an Reichtümern, Ehren, Genuß-
leben, erscheint der Tätigkeit der Menschen nur so lange
als ein würdiges Ziel, bis man sie erreicht hat, aber
in dem Augenblick, in dem der Mensch sie erreicht hat,
enthüllt sich ihre Leerheit." Hier kann der Begriff
der Aristagie einsetzen und sich zugleich als ethische For-
derung an die Machthaber erweisen; diese Leerheit
gilt es zu überwinden, sie ist auszufüllen durch die
Führertätigkeit zu wertvollen Zielen, dann wird auch
der Ekel nicht eintreten, den Tolstoj meint. Agein ist
gut, kratein ist schlecht; dieses ist die Art von Machtaus-
übung, die er mit solcher Wucht angreift, der ja selbst
ein geistiger „Führer" sein will. Richtig ist also, daß
wirkliche Gewalt, Übermacht, Erdrückung fremden
Willens schlecht ist (Akratie); dagegen das Führen un-
entbehrlich und darum gut zu nennen ist. Aber es bleibt
noch der Zweifel über den Weg, der dazu führt. Ist
er wirklich auch mit „Stolz, List und Grausamkeit ge-
pflastert?" Oder doch weniger schroff mit Überhebung,
Schlauheit und Rücksichtslosigkeit?

X
        <pb n="76" />
        ﻿76

III. Das Führerproblem.

Die Lebenserfahrung zeigt zweifellos, das; solche
Eigenschaften sehr häufig vorteilhaft sind, um in lei-
tende Stellung zu gelangen. Zu den Forderungen, die
eine Theorie der Aristagie stellen muß, gehört auch die,
daß die Wege für die Talente geebnet, ihnen der Auf-
stieg erleichtert werden muß, ohne daß sie das Opfer
des Charakters bringen müssen, das heute noch so
häufig von ihnen gefordert wird; zwar nicht offiziell,
aber im Stillen. Nicht uni die „Genies" handelt es
sich, von denen Hammacher z. B. behauptet, daß
unsere Kultur ihnen ungünstig sei; die kommen höch-
stens für geistige Führerschaft im großen in Betracht
und die ungeheure Differenzierung der Aufgaben
unserer Kultur ist auch dem Wirken einzelner „Über-
menschen" ungünstig, weil kein Einzelner mehr alles
umfassen kann. Sondern gerade um die echten Ta-
lente, die weit mehr nottun, als einzelne Wunder-
männer, deren Notwendigkeit für eine Kultur erst noch
,;u beweisen wäre. Müssen die zu Führern geeigneten
ihre besten Eigenschaften unterdrücken und zum Opfer
bringen, um hinauf zu gelangen, sich durch Schmeiche-
lei (nach oben oder unten), Heuchelei und Charakter-
losigkeit empfehlen, uni als nicht gefährlich befunden
zu werden, dann nützt ihr Aufstieg natürlich der Kultur
auch nichts; sie waren zwar vielleicht Aristoi, gehörten
zu den Besten, aber auf deni Spießrntenlauf der Stre-
berei haben sie den Charakter eingebüßt, den sie hatten
und sind dann nicht mehr Aristoi, wenn sie oben sind.

Was sich ihnen dabei entgegenstellt und sie zu diesem
Charakteropfer zwingt, ist nun nicht der „Staat" oder
die „Gesellschaft", sondern die Gruppenbildnngen aller
Art, die man mit den Namen Clique, Koterie, Klasse,
        <pb n="77" />
        ﻿III. Das Führerproblem.

77

Partei bezeichnet. Sie unterscheiden sich scharf von jeder
guten Organisation, weil der gemeinsame Zweck,
die Aufgabe fehlt, als die man höchstens das Behagen,
den Geldgewinn und den Ruhm der einzelnen Betei-
ligten bezeichnen kann, während jedes ideale Ziel,
jede höhere Richtung prinzipiell fehlt. Im Grunde
ist sv der Einzelne Selbstzweck, nichts ihm Übergeord-
netes und englische Nützlichkeitsmoral das zugrunde-
liegende Prinzip. Kameraderie, Cliquenbildung und
Protektionswirtschaft sind die Mächte, die die charakter-
volle Persönlichkeit anfressen, zermürben und zerreiben,
bis sie eben, indem sie ihr äußeres Ziel erreicht hat, das
innere verfehlt. Denn sie hat ja nur uni den Preis der
Charakterlosigkeit die leitende Stellung erlangt, in der
sie nun zu dem „führen" sollte, was sie innerlich nicht
mehr besitzt. Das ist eine schlimme Antinomie, viel-
leicht die schlimmste unserer Kultur; alles brüllt nach
Charakteren und Persönlichkeiten für die verantwor-
tungsvollen Posten; aber wehe dem, der es wagt, eine
solche zu sein — er wird in einer stillen Ecke mit sich
selbst allein enden.

Noch immer wird in Betrachtungen, die solchen
Problemen gewidmet sind, die Antithese Individuum
und Staat aufgestellt; Jbsen^hat sie z. B. dichterisch
in den Mittelpunkt seines Denkens gestellt; und selbst
ein sv feiner Historiker, wie Fr.Meinecke^, sieht immer
noch diese zwei Pole und Gegensätze. Aber es ist nicht
der „Racker von Staat", der die Persönlichkeit zer-
mürbt und erschüttert; frägt man irgend einen einzel-
nen Begabten, was ihm den Weg erschwert oder ver-
dorben hat, immer ist es die Clique oder — um ein
deutsches Wort zu finden — der Bund, der ihn gehin-
        <pb n="78" />
        ﻿78

III. Das Führerproblem.

dort Hai. Ob es sich um Wissenschaft oder Kunst, Tech-
nik oder Geschäft handelt, ganz gleich; auch die Trusts
gehören hierher und es gibt geistige Trusts genug, die
nicht einmal einen Namen haben, ganz unfaßbar in,
Stillen und Dunklen gelten und doch denjenigen ver-
nichten, der sich ihnen nicht beugt oder ihnen nicht
paßt. Ein Typus ist die Freimaurerei mit ihren Ge-
heimnissen; aber unsere Kultur wimmelt von solchen
Bünden, die nicht einmal traditionelle Regeln haben
und doch von größtem Einfluß sind. Was der prakti-
schen Durchführung der Aristagie tatsächlich am stärk-
sten im Wege steht, ist diese Gruppenbildung oder das
Cliquenunwesen. Seine Hauptleistung ist die Pflege
der Mittelmäßigkeit, vor allem durch gegenseitige
Lobesversicherung und praktische Förderung; ein klein-
licher Utilitarismus mit ewigem „Rücksichtnehmen"
negativ und Sichzuspielen kleiner Vorteile positiv.
Führer fehlen diesen „Bünden" meist, kein leuchtender
Name steht an der Spitze; klare Ziele und Programme
gibt es nicht, und nur eins steht dabei felsenfest: wer
nicht dazugehört, der darf nicht hochkommen.

Die politischen Parteien sind dabei noch nicht die
schlimmsten; sie dulden zwar nur höchst ungern „Wilde"
in den Volksvertretungen, aber sie haben wenigstens
gekannte und faßbare Führer und ein Programm.
Und doch muß auch hier das Prinzip der Aristagie
auf seinem Recht bestehen; die Tyrannei der Partei
darf nicht durch die Proportionalwahl verewigt und
versteift werden; die Möglichkeit muß auch im politi-
schen Leben offen bleiben, daß zu Worte kommt, auch
wer sich nicht unbedingt dem Parteischema fügt, sonst
verödet der politische Kampf zu sehr. Ja, es läge sogar
        <pb n="79" />
        ﻿111. Das Führerproblem.

79

im Interesse des Ganzen, daß man die Gegenpartei
nicht unterschiedslos bekämpft; da sie nun einmal
exisüert, ist es für alle wichtig, daß die guten und nicht
die unvernünftigen Elemente in ihr regieren. Und
das sollte nicht nur die Partei selbst, sondern auch ihre
Gegner bedenken; kämen in allen „Farben" die Äristvi
hoch und lenkten ihre Parteien, so käme auch das Wert-
vollste und Bleibendste innerhalb der Anschauungen
und Aktionen zum Durchbruch; und eine Verständigung
ist immer eher möglich zwischen bedeutenden politi-
schen Persönlichkeiten, als den blind wütenden Durch-
schnittsköpfen. Immerhin, zum politischen Leben ist
Gruppenbildung nicht zu entbehren.

Ganz anders bei den geschilderten „anonymen Ge-
sellschaften", die der wahre Krebsschaden unserer Kul-
tur sind. Hier müßte sich gerade der vielgeschmähte
Staat mit den einzelnen Begabten verbünden gegen
Clique, Coterie und Kastengeist. Da der große Geg-
ner der Persönlichkeit nicht das Ganze, sondern der
„Sonderbund" ist, so wäre ein aus der Aristagie zu
folgerndes Zukunftsprogramm: Staat und öffent-
liche Körperschaft (Stadt, Gemeinde, Behörde usw.)
mit und für die Persönlichkeit gegen Cliquen und
Bünde. Der Staat (oder die Gesellschaft) bedarf der
Führer und bedarf gar nicht der Mittelmäßigkeits-
verbände, die jene hindern; wie sollen die vielen schwe-
ren Aufgaben der Kultur gelöst werden, als durch den
energischen Vorgang Einzelner? Sie leiten auch die
vielgepriesene „Entwicklung" und wieder nicht der
„Bund", der ja durchaus auf Erhaltung der bequemen
und allseitig genehmen Fortwurstlerei eingestellt ist.
Wie man es auch betrachtet: die öffentlichen, aner-
        <pb n="80" />
        ﻿80

III. Das Führerproblem.

kannten Vereinigungen haben das Interesse.an den
Führern und bieten ihnen die Aufgaben; sie niüßten
bewußt nicht nur ihre Erziehung begünstigen, sondern
auch ihren Aufstieg. Die wahren reaktionären, minde-
stens echtem Fortschritt feindlichen Mächte sind die
Cliquen; ihre Macht zu hemmen und zu durchkreuzen,
müßte eine wichtige Aufgabe innerer Politik sein.
Eine schwere und sauere, aber nicht unmögliche; und
eine unbedingt nötige, soll es mit dem Gedanken einer
Bestenführerschaft im wirklichen Leben der Nation
jemals Ernst werden.
        <pb n="81" />
        ﻿JV. Staatliche und private Organisation.

Die Untersuchungen über das Führerproblem kann
man auch als solche bezeichnen, die „den Organisator"
betreffen. Zu einer Organisation, die neu ins Leben
gerufen werden soll, also zum Organisieren, gehört
unbedingt eine Persönlichkeit, die den anderen die
Idee gibt und dem Ganzen ihre Energie suggeriert,
so daß alle dasselbe Ziel ergreifen und wollen. Etwas
anders gestaltet sich das Problem, wenn man nicht an
neue, sondern an bestehende Organisationen denkt, die
nur weiterzuführen sind. Je weiter ein Volk in der
Kultur fortschreitet, desto reicher wird es an solchen
schon funktionierenden Organisationen^ sein und zu
deren Gedeihen ist dann ein Einzelner an der Spitze
nicht mehr so selbstverständlich erforderlich, wie zu den
Neubildungen.

Das tritt uns praktisch entgegen in der Antithese,
die dieser Abschnitt behandeln soll; und zwar steht hier
„staatlich" kurz für die großen Gemeinschaften
überhaupt, also für Gemeinden, Stadt oder Staat,
und bei diesen in Deutschland nochmals Bundesstaat
oder Reich. Welche von diesen Volkskörpern eine
Organisation übernehmen soll, kann und soll hier nicht
erörtert werden; das kann nicht theoretisch in Kürze
behandelt, sondern muß von historischer Entwicklung

». d. Psordten, Organisation.	q
        <pb n="82" />
        ﻿82

IV. Staatliche und private Organisation.

und praktischen Gesichtspunkten abhängig gemacht
werden. „Staatlich" soll also den ganzen Gegensatz
zu privaten Unternehmungen bedeuten, die sich wieder-
unl gliedern lassen in solche von Einzelnen und Grup-
pen von solchen. Der Typus einer Gemeinschafts-
organisation liegt jedenfalls in derjenigen vor, die
„verstaatlicht" ist, mag ihre Durchführung nun eine
Gemeindeverwaltung oder die Staatsregierung selbst
in der Hand haben.

Der innere Unterschied von aller privaten Orga-
nisation, der sich dabei zeigt, ist wesentlich der, daß
der „Beamte" d. h. hier der zur Leitung einer Organi-
sation beauftragte an ihr nicht so stark persönlich in-
teressiert ist als der Einzelne oder die Einzelnen und
sich mehr auf die autoritative Seite, das Befehlen,
verläßt und die freiheitliche Seite zurücktreten läßt.
Die Gefahren einer Bürokratie beruhen auf einer
zu starken Mechanisierung; nicht einer völligen, die
unmöglich ist, aber einer Verschiebung des Organi-
sierens nach der Seite des Mechanisierens hin. Eine
neuere Rechtsphilosophie^ betont mit Recht, eine völ-
lige Verstaatlichung (der Produktionsmittel) würde die
Allmacht der Bürokratie bedeuten und nennt als deren
„Mißfolgen": Schwerfälligkeit der Verwaltung, Scheu
vor verantwortungsvoller Initiative, Hemmung des
Fortschritts. Diese Mißfolgen kann man alle unter
den Begriff einer zu starken Mechanisierung bringen,
wobei die Schwerfälligkeit sich bei den Gliedern, die
Scheu beim Organisator, die Hemmung aber bei der
ganzen Organisation zeigt.

Man ist heute gewöhnt, diese Gegensätze national-
ökonomisch erörtert zu sehen unter den Schlagworten
        <pb n="83" />
        ﻿IV. Staatliche und private Organisation.

83

Sozialismus, Staatssozialismus, Individualismus oder
der Antithese Arbeitgeber—Arbeitnehmer oder der von
freier Konkurrenz und „Eingriff" des Staates usw.
Es hat sich allmählich, z. B. in der Lehre des National-
ökonomen Adolf Wagner, ein Mittelweg wenig-
stens theoretisch durchgesetzt, der die Vorteile der gegen-
sätzlichen Auffassungen zu verbinden sucht und weder
im radikalen Sozialismus noch in: alten Liberalismus
das Heil erblickt. Solche Fragen sind in der Kriegszeit
durch die notwendigen staatlichen Maßnahmen in einer
Weise populär geworden, die kein Nationalökvnom
hätte ahnen noch erhoffen können. Preistaxen aller
Art sind eingeführt worden und haben sich bewährt;
es gibt Lebensmittelkarten für alles Eßbare, und
Festsetzungen von Höchstpreisen für alles Mögliche.
Praktisch ist damit, ganz abgesehen von der Abhilfe für-
momentane Notstände, etwas ganz Ungeheures erreicht,
nämlich die Ansammlung detaillierter Erfahrungen,
auf denen künftige Theoretiker ganz anders bauen
können, als bisher. Was früher als Utopie erschien, ist
mit einem Schlage Wirklichkeit, Leben und funktio-
nierende „Organisation" geworden.

Ein Hauptproblem ist dabei, was von diesen Not-
maßnahmen etwa im Frieden beizubehalten und zu
dauernder Einrichtung zu gestalten wäre. Es wäre
traurig, wenn alle diese Maßnahnien mit dem Frie-
densschluß nutzlos in der Versenkung verschwänden,
da manche doch sicher geeignet wären, auch später-
soziale Gegensätze zu mildern und Teilschwierigkeiten
der großen „Frage" zu lösen. Ohne Theorie wird nian
dabei nicht auskommen, wenn auch der Hauptnachdruck
auf der gewonnenen praktischen Erfahrung liegt; wenn

6-
        <pb n="84" />
        ﻿84

IV, Staatliche und private Organisation.

man etwa die Frage so stellt: was darf denn überhaupt
verstaatlicht werden und was nicht, so sind damit nur
gewisse Grenzen gewonnen und noch nicht gesagt, daß
es sich empfiehlt, alles gestattete in unserem Volk, jetzt
gleich, ohne Übergang der Privatwirtschaft zu ent-
ziehen. Aber eine theoretische Feststellung und Ein-
schränkung scheint mir wertvoll, wie immer auch die
Verhältnisse sich in der nächsten Zeit praktisch ent-
wickeln werden.

Zu diesem Zweck möchte ich das Bild des Organis-
mus, das wir in dieser ganzen Studie festgehalten
haben, nun zuletzt noch von der psychologischen
Seite erfassen und ausnutzen, nicht nur von der physio-
logischen, an die seit Menenius Agrippa die meisten
denken, die von organischer Staatsauffassung reden.
Um einen beseelten oder vergeistigten Organismus
aber handelt es sich doch allemal, wenn wir den Staat,
diese Organisation beseelter Individuen, damit ver-
gleichen und so muß sich auch ein passender Vergleichs-
punkt gewinnen lassen, wenn wir unsere psycho-physische
Einzelorganisation nunmehr ganz von innen heraus,
von den psychischen Vorgängen aus, beleuchten. Dazu
müssen wir diese ganz kurz zuerst so darstellen, wie sie
uns die neuere Psychologie zeigt.

Jedem bekannt ist eine einfache vollbewußte Wil-
lenshandlung. Wir erfassen mit Aufmerksamkeit ein
Ziel, fassen einen Entschluß und mit Überlegung alles
zur Tat Erforderlichen führen wir ihn aus und erleben
dabei den vollen Eindruck unserer wollenden Persön-
lichkeit. Allein das Leben besteht durchaus nicht aus
einer Aneinanderreihung derartiger vollkommener Wil-
        <pb n="85" />
        ﻿IV, Staatliche und private Organisation.

85

lensvorgänge oder „Taten"; im Krieg sind sie häufig,
im Alltagsleben aber verhältnismäßig selten. Hier
handeln wir zwar auch, aber meist nach Gewohnhei-
ten; Unzähliges ist durch Übung, d. h. häufige Wieder-
holung ähnlicher Handlungen, so festgelegt, daß ein
feierlicher Entschluß dazu gar nicht mehr nötig ist und
erspart werden kann; ja viele unserer Handlungen sind
uns gar nicht mehr bewußt, wir bewegen uns automa-
tisch oder beantworten einen Reiz durch einen Reflex,
von dem wir uns gar keine Rechenschaft mehr geben.
Und das geschieht bei Handlungen, die ursprünglich
einmal im vollsten Sinne gewollt worden waren; nur
ist das bei der Gewohnheit unnötig geworden und es
bedarf gleichsam des Aufwandes von Willenskraft nicht
mehr. Diese große Ersparnis an geistiger Kraft nennen
wir nun eine Mechanisierung psychischer Vorgänge
und sie allein ermöglicht uns, unseren Willen immer auf
neue Ziele zu lenken und so geistig fortzuschreiten, weil
alles Unwichtigere mechanisch abläuft.

Ein gutes Beispiel ist hierfür das Klavierspiel oder
das Lernen irgend eines Musikinstrumentes. Was muß
man am Anfang alles „wollen", auf was alles seine
Aufmerksamkeit richten und bewußt „daran denken"!
Nicht nur auf die Noten, die Vorzeichnung, das Tempo,
den Takt, sondern auch auf die Haltung der Hände, die
Griffe, den Fingersatz, ja endlich den richtigen Gebrauch
der Füße beim Pedal und gar noch die gute und gerade
Körperhaltung. Auf jeden einzelnen Punkt macht der
Lehrer aufmerksam, ermahnt unablässig, stachelt zu
immer erneutem „Wollen" an und oft verzweifelt der
Schüler, wie er es fertigbringen soll, an all das gleich-
zeitig zu denken und nichts von den Regeln und Lehren
        <pb n="86" />
        ﻿IV. Staatliche und private Organisation.

zu vergessen. Und siehe da, der fertige Meister hat alles
scheinbar vergessen und braucht an gar nichts mehr
eigens zu denken. Z. B. schon ein gewandter „Vom
Blatt Spieler" oder ein Orchestermitglied. Er sieht die
unbekannten Noten, stellt sich mit einmaliger Willens-
Handlung auf dieses musikalische Objekt ein, erfaßt blitz-
schnell Vorzeichnung, Takt und Tempo und fängt
auch schon an zu spielen. Der ganze ungeheure Komplex
von Einzelvorgängen rollt gleichsam automatisch ab;
die Augenreize durch das Hinwandern des Blickes über
das Notenblatt erzeugen momentan die richtigen zuge-
hörigen Reflexe in den Fingermuskeln und der Gesamt-
vorgang ist infolge jahrelanger Gewohnheit und Ein-
übung völlig „mechanisiert", trotzdem es eine ziemlich
hohe und anstrengende geistige Leistung ist. Alles,
was einst soviel Einzelwillen erforderte, ist verschlun-
gen in eine Gesamtleistung die gar nicht mehr als
besondere „Tat" erlebt wird.

Natürlich ist das keine wirkliche völlige Mechani-
sierung, sondern Denken und Wille überwachen gleich-
sam das Ganze, jederzeit bereit einzugreifen, falls es
nötig sein sollte. Und ursprünglich war einmal volle
Überlegung und Aufmerksamkeit nötig; der Anfang des
ganzen Prozesses ist persönliche bewußte Tat, nur das
spätere Resultat Einübung und Gewohnheit. Das-
selbe Verhältnis finden wir, wenn wir unsere Handlun-
gen ethisch beurteilen; anfangs findet der „Kampf der
Motive" statt, der Entschluß zur „Tugend", die sittliche
Tat; aber das Ziel aller praktischen Moral ist, daß das
Gute gleichsam von selbst geschieht, keiner Anstrengung
mehr bedarf und der Anblick z. B. von Leiden wie
automatisch den Wunsch auslöst zu helfen. Daß das
        <pb n="87" />
        ﻿IV. Staatliche und private Organisation.

87

Verhältnis bei logischer und ästhetischer Beurteilung
kein anderes ist, braucht hier nur der Vollständigkeit
halber erwähnt zu werden. Überall würden wir tief
unter der möglichen Leistung stecken bleiben, müßten
wir immerzu in vollem Wortsinn „wollen" und ersparte
uns nicht die Gewöhnung einen großen Teil geistiger
Kraft, den wir dann für neue Zwecke verwenden
können. Das Gleiche gilt nun für jede Organisation.

Irgendwie mechanisiert, eingeübt, gewohnt muß auch
hier vieles werden, sonst käme man ja aus dem „Organi-
sieren" niemals heraus und müßte alles stets wieder
aufs neue schaffen. Aber die Organisationen zeigen
darin eine Verschiedenheit, daß die einen mehr und
immer neue Impulse und Anstöße erfordern, die and-
ren eine stärkere Mechanisierung vertragen. Denn auch
hier ist es wünschenswert, daß die Gewohnheit an die
Stelle des Willens rückt, nur ist es bei vielem nicht
möglich. Auch dies kann an der Armee deutlich wer-
den; so gewiß sie als Ganzes kein Mechanismus ist, so
muß doch vieles so funktionieren, als sei es eine Ma-
schine; anderes erfordert nnablässige Aufmerksamkeit
und immer neuen Energieaufwand der Führenden.
Und das Verhältnis von beidem ist bei den einzelnen
Anfgaben, Dienstzweigen, Betrieben durchaus nicht das
Gleiche.

Überträgt man aber das gesamte Bild auf den
Staat, so sind offenbar die Privatorganisationen die-
jenigen, die die meiste Initiative verlangen bezw. den
meisten „Willen", die Staatsbetriebe aber diejenigen,
die am meisten Gewohnheit oder Mechanisierung ver-
tragen. Und auch das zeitliche Nacheinander findet in
derselben Weise statt: anfangs mußte alles gewollt,
        <pb n="88" />
        ﻿88

IV. Staatliche und private Organisation.

veranlaßt, ins Leben gerufen werden und einzelne Per-
sönlichkeiten oder Willen waren dazu nötig, viel Ener-
gie wurde verbraucht, alles einzeln ins Werk zu setzen.
Dann erst kann der Staat daran denken, die Sache zu
übernehmen, wenn sie das Stadium des Ausprobie-
rens und Organisierens überwunden hat und in ruhigere
Bahnen des teilweise Gewohnten, Gesicherten, Ferti-
gen geraten ist. Erst mußten Einzelne eine rationelle
Forstwirtschaft begründen, Einzelne die Technik des
Bergbaues verbessern, Einzelne Eisenbahnen bauen
und ausprobieren oder elektrische Erfindungen machen,
ehe der Staat daran gehen kann, das von sich aus leisten
zu wollen und nichts ist heute staatlich organisiert, was
nicht früher einmal private Initiative ins Werk gesetzt
hatte, wenn auch bei manchem uns heute schon völlig
Gewohnten in sehr früher Zeit. So hat man sogar
das Strafrecht eine Ablösung der privaten Blutrache
genannt; gewiß ist aber, daß wenn man heute davon
spricht, das Versicherungswesen zu verstaatlichen, dies
nur auf Grund privater Leistungen denkbar ist, die
wie beim Willen vorhergegangen sein müssen.

Umgekehrt kann man daraus den Satz ableiten:
nichts soll verstaatlicht werden, was dauernd der
Initiative einzelner Persönlichkeiten seinem Wesen nach
bedarf. So kann man sich weder den Ackerbau univer-
salisiert denken"*, weil er die Individualität so stark in
Anspruch nimmt, noch auch etwa die Luftschiffahrt in
ihren Anfängen, wo alles darauf ankam, die volle
Willenskraft, Spekulation und Erfindergeist auf das
Problem zu verwenden. Ob man nicht eine gewisse
Vergemeindlichung der nötigsten Lebensmittel beibe-
halten könnte, ist sehr der Erwägung wert und es gibt
        <pb n="89" />
        ﻿IV. Staatliche und private Organisation.

89

keinen vernünftigen Grund dagegen; allein sowie be-
sondere individuelle Leistungen nötig sind, würde das
Prinzip unbedingt dagegen sprechen. So kann man sich
Gemeindebäcker vorstellen, wie es schon heute Regi-
mentsbäcker gibt, nicht aber Konditoren, die ihre be-
sonderen Rezepte haben und verschiedenen Geschmack
verschieden befriedigen; so wohl Gemeindemetzger,
aber nicht den „Feinkosthändler" oder Speisewirt als
Beamten usf. Es kann durchaus nicht meine Absicht
sein, die Fülle solcher Beispiele weiter zu verfolgen,
die sehr leicht zu beurteilen sind, sobald man den
Satz festhält, daß sich zur Verstaatlichung nur eignet,
was schon großenteils mechanisiert ist und der Jndi-
vidualwillen bezw. der privaten Initiative nicht mehr
bedarf.

Mit dem Grundsatz aber, daß es im Staate gut und
richtig sei, daß anfänglich private Organisationen mit
der Zeit sich in staatliche (gemeindliche usw.) verwandeln,
stößt man theoretisch auf eine Schwierigkeit, die im
Begriff des Eigentums liegt. An dieser kann man
nicht vorübergehen und eine Theorie der Organisation
muß sie zu überwinden suchen, will sie nicht oberfläch-
lich bleiben. Zudem sind unsere Ideen über das Eigen-
tum sicher schon in einer Umwandlung begriffen, die
nur manchem noch nicht bewußt geworden ist. Das
konnte man im Kriege sehen, wo die sozialen Maß-
nahmen z. B. bei den Lebensmitteln zwar mancherlei
praktischem Widerspruch begegneten, aber nicht dem
prinzipiellen, der doch nach der üblichen Idee der völligen
Unverletzlichkeit des Eigentums zu erwarten gewesen
wäre. Denn tatsächlich waren hier oft Rechte geradezu
in Pflichten verwandelt; der Eigentümer von Meh,
        <pb n="90" />
        ﻿IV. Staatliche und private Organisation.

80

Butter, Milch usw. wurde moralisch getadelt, wenn er
nicht verkaufte, während er vor dem Krieg machen
konnte, was er wollte, auch die Lebensrnittel zugrunde-
gehen lassen oder dem Vieh verfüttern. Jetzt auf ein-
mal beschränkte man sein Recht durch das Bedürfnis
der Allgemeinheit: er durfte nicht nur, nein er sollte
und mußte verkaufen. Aber auch schon vor dem Krieg,
z. B. bei Bergarbeiterstreiken, als einmal Kohle zu man-
geln drohte, da konnte man genau merken, daß die
„öffentliche Meinung" den Bergwerksbesitzern nicht
dieselbe Art von Eigentum an der Kohle zusprach, wie
etwa an ihren Privathäusern, deren Einrichtung, oder
ihrem Geld. Hier bereitet sich eine Änderung vor, die
das unbeschränkte Eigentum an Gütern, die für die
wichtigen Lebensinteressen des Volkes unentbehrlich
sind, einfach aufhebt und die ich nun kurz zu begründen
versuchen will.

Die extremsten Anschauungen über die Bedeutung
und das Recht des Eigentums haben sich geschichtlich
gegenübergestanden: etwa die Lehre, es sei ein Teil
der sittlichen, göttlichen Weltordnung und dagegen der
kecke Satz des Kommunismus: „Eigentum ist Diebstahl"
(Proudhon). Beide Theorien berufen sich auf die
„Natur", indem einmal das Privateigentum, das
andere Mal der Gemeinschaftsbesitz als das eigentlich
„Natürliche" erklärt und damit nur bewiesen wird, daß
sich aus einem so allgemeinen leeren Schlagwort wie
„Natur" auch hier gar nichts beweisen läßt. Demgegen-
über hat die neuere Rechtsphilosophie vor allem die
Entstehung des Eigentums in Helles Licht gerückt,
unter reicher Benützung der anthropologischen Tat-
sachen, und dadurch eine Unterlage geschaffen, auf der
        <pb n="91" />
        ﻿IV. Staatliche und private Organisation.

91

man bauen kann. Die alte Naturrechtslehre kannte
Entstehung von Eigentum durch Okkupation (Besitz-
ergreifung), Eroberung und Arbeit; im Kulturstaat
garantiert ein fingierter Vertrag (analog dem Staats-
vertrag) oder das Recht (Gesetz, Legaltheorie) den
ungestörten Besitz. In einen genetischen Zusammen-
hang vermochte sie das Gegebene aber nicht zu bringen;
auch ist es nötig, die historische Betrachtung von der
ethischen Beurteilung zu trennen, da eine sittliche
Norm niemals aus den Tatsachen ohne weiteres ab-
zulesen oder abzuleiten ist.

Für die historischen Anfänge haben weder die
Kommunisten noch die Individualisten Recht"". Denn
„nicht die Erde war allen gemeinsam, sondern ein be-
stimmter Bezirk von Sondergut (wirtschaftliches Aus-
beutungsobjekt, Fisch- oder Jagdbezirk) einer einzelnen
Gruppe." In diesem „Gruppenkommunismus bildet
die Gruppe ein einheitliches Rechtssubjekt"; der Ein-
zelne erlangt dann innerhalb der Gruppe durch Arbeit
subjektive (Individual-) Rechte. Also ist zwar „das
Recht der juristischen Person älter als das Recht der
Einzelperson""", aber diese juristische Person ist tat-
sächlich eine Gruppe (Horde, Stamm) und sie übt es nur
zu einem bestimmten gemeinsamen Zweck aus. Daneben
erwirbt der Einzelne Rechte, wovon ein schlagendes
Beispiel ist, daß bei den Eskimos Grönlands der Som-
merfang (an Fischen) der Familie, der Winterfang
aber der Dorsschaft gehört. „Was für die Gemein-
schaft von wesentlicher Bedeutung ist, gehört der Ge-
meinschaft" und „nicht der Erwerbsgrund, sondern der
Gebrauchszweck der Sache war ursprünglich für das
Individual- oder Gemeindeeigentum entscheidend".
        <pb n="92" />
        ﻿92

IV. Staatliche und private Organisation.

Die näheren Belege für diese Sätze finden sich in dem
angegebenen rechtsphilosophischen Werke.

Daraus folgt nun ein für uns sehr wichtiger Satz:
die Organisation ist die Quelle des Eigentums.
Denn es ist nur ein anderer Ausdruck für das Obige,
wenn man sagt: die primitiven Organisationen von
Fischern und Jägern und Ackerbauern waren das
Rechtssubjekt. Eine zu bestimmten Zwecken gebildete
Gruppe ist aber der Embryo einer Organisation und
der passende Vergleichspunkt mit den höchsten Organi-
sationen ist der Zweckgedanke: nicht irgendwelche phan-
tastische Theorie, sondern der „Gebrauchszweck" ent-
schied über die beiden Arten von Eigentum. Die Ent-
stehung der zweiten, des Privateigentums (mit dem
Zwischenglied der Familie) aus dem gemeinsamen
wird man sich zeitlich sehr nahe an die erste Form heran-
gerückt, beide also als fast gleichzeitig zu denken haben.
Denn es muß sich sehr bald herausgestellt haben, daß
Vieles (persönliche Werkzeuge und Waffen, Gebrauchs-
gegenstände usf.) besser von den Einzelnen als eigen
behütet und gepflegt wird, als von Allen, woran sich
der Erwerb eines Eigentumsrechtes durch Arbeit
(bes. beim Ackerbau) ungezwungen anschließt. Ganz
genaues historisches Nacheinander kann hier die Anthro-
pologie nicht liefern; genug wenn sie lehrt, daß von
einem sentimentalen oder theoretischen Kommunismus
nie die Rede war, der durchaus Sache später rationalisti-
scher Konstruktion ist, sondern der Zweck entschied,
wem das Eigentum zuerkannt wurde, der Organisa-
tion oder den Einzelnen.

In jedem Kulturland wird man jedenfalls Organi-
sation und Einzelleistung schon nebeneinander finden
        <pb n="93" />
        ﻿IV. Staatliche und private Organisation.	98'

und dazu ein immer steigendes Hervortreten des Privat-
eigentums in Zusammenhang mit dem Ackerbau. Den
Begriff der „Arbeit" als eigentumschaffende Macht
muß man bei beiden Formen anwenden; denn auch die
Organisation erwirbt ihr Recht durch Leistungen, nicht
schon lediglich durch ihr einfaches Vorhandensein. Und
zur Organisation gehört der Organisator notwendig
mit dazu; sie faßt verschiedene Leistungen, geistige und
körperliche, größere und kleinere Energie, zusammen
und der Einzelne geht darin nicht unter, sondern hat
seine bestimmte Rolle. Also ist es verkehrt, aus primi-
tiven Verhältnissen das Recht des Arbeiters auf den
sogen, vollen Arbeitsertrag ableiten zu wollen; auch
der Organisator hat Ansprüche und der Unternehmer,
Leiter, Führer ist nur die moderne Ausbildung der von
Anfang an zu jeder Organisation erforderlichen leiten-
den Intelligenz. Selbst bei gemeinsamen Jagd- und
Fischzügen von Eskimos bedurfte es einer Persönlichkeit,
die angibt wohin man fahren soll und wie man die vor-
handenen Kräfte verteilen soll; und sie bekam einen
größeren Anteil an der Beute.

Sehr bald muß man erkannt haben, daß das Einzel-
vermögen nur dann wertvoll und mit Kraft durch-
führbar ist, wenn es veräußert und vererbt werden darf.
Hat das erste als Grundlage des Handels, zunächst des
Tauschhandels, vorwiegend praktische Bedeutung, so
führt das zweite, die Erbschaft, zu einer neuen ideellen
Einschränkung des Privateigentums. Wird es vererbt
und soll es vererbt werden, so gehört es strenggenom-
men der Familie und diese, nicht der Einzelne, ist die
Grundlage, gleichsam die Zelle des Staates. Dann ist
der Einzelne mehr Besitzer als Eigentümer; Besitz
        <pb n="94" />
        ﻿94

IV. Staatliche und private Organisation.

wird definiert als das vorläufige Recht an einer Sache,
Eigentum aber als das unbeschränkte Recht einer Per-
son an einer Sache. Hier ist der Eigentümer Herr der
Sache; Eigentum ist ein verlängertes ego, eine Eigen-
schaft der Person^. Das letztere könnte man meines
Erachtens aber auch vvm Besitz sagen nnd den Unter-
schied auf den Gegensatz: „unbeschränkt und beschränkt"
festlegen, jenes das Eigentum, dieses den bloßen Besitz
charakterisierend.

Dann könnte man theoretisch den Einzelnen stets nur
den Besitzer nennen und das Eigentum in den ersten
Anfängen jenen primitiven Organisationen oder Zweä-
verbänden zuschreiben, dann aber der durch die Tradi-
tion von geistigen und materiellen Gütern zusammen-
gehaltenen Familie; denn tatsächlich wird ja in der völlig
überwiegenden Überzahl von Fällen das Eigentum in
dieser vererbt und jede andere Form der Vererbung
erscheint als grelle Ausnahme (Enterbung oder „Ver-
stoßung" der Kinder; Kinderlosigkeit, wobei dann die
Kognaten eintreten oder Erbschaft der toten Hand, Stif-
tungen usw.). Betrachtet man vorurteilsfrei den Wech-
sel und Übergang von Eigentum, so ist der Einzelne
eigentlich nie völlig unbeschränkt und selbst an den
alten Junggesellen erheben noch Neffen und Nichten
oder seine Haushälterin ihre Ansprüche. Dies unbe-
schränkte Recht ist vielmehr eine Fiktion, vor allem
zum praktischen Zweck des Handels und Erwerbs,
wobei aber stets die Erwartung und Annahme besteht,
dieser werde zugunsten des Eigentümers, also im Grunde
doch auch der Familie, erfolgen.

Eine dritte Beschränkung endlich zeigt sich, wenn
man allgemein die Vermehrung vorhandenen Eigen-
        <pb n="95" />
        ﻿IV. Staatliche und private Organisation.



tums ober Besitzes (Vermögens) ins Auge faßt und
diese Seite erscheint mir in den mir bekannten Theo-
rien nicht genügend berücksichtigt zu werden. Es ist
hierbei ein starker Unterschied zu beachten, inwieweit
denn eine Vermehrung dem Einzelnen als solchem zu-
geschrieben werden darf, und inwieweit der Staat da-
bei direkt beteiligt, also auch berechtigt ist. Gewiß wird
Besitz zunächst durch Arbeit vermehrt und diese kann
sich unmittelbar an den Erwerb durch Okkupation an-
schließen; z. B. Robinson auf seiner Insel okkupierte
zunächst, dann aber schuf er Werte und nach mehreren
Jahren war sein Eigentum ohne fremdes Zutun ver-
mehrt. Allein eine Insel ist schon ein Ausnahmefall
und bereits der Kanrpf mit den Wilden der Nachbar-
insel zeigt, daß schon diese einfachste Art der Vermeh-
rung auch der Verteidigung bedarf. Diesen Schutz
gegen Raub und Störung jeder Art übernimmt in jedenr
Kulturvolk der Staat und sichert das Privateigentum
nicht nur durch sein Recht, sondern auch durch seine
äußere Macht und Stärke, was jeder Krieg augen-
fällig beweist (negativ z. B. Serbien, Nordfrankreich).
Also ist der Staat strenggenommen schon hier beteiligt;
immerhin ist bei der Vermehrung durch Arbeit der
Anteil des Einzelnen ungleich größer. Kriege sind Aus-
nahmen, Räuber schließlich auch und man kann wenig-
stens die Fiktion aufrecht erhalten, der Einzelne ver-
möge etwa mit seiner Familie, seinen Söhnen, sein
Eigentum selbst zu verteidigen.

Dagegen ist nun bei einer anderen Art der Ver-
mehrung, der kapitalistischen, der Staat direkt und
viel stärker beteiligt. Man hat das Kapital d. h. die
Vermehrung des Vermögens durch fremde, nicht die
        <pb n="96" />
        ﻿96

IV. Staatliche imD private Organisation.

eigene, Arbeit stets vom moralischen Standpunkt aus
angegriffen, von dem ich erst nachher reden will. Es
ist aber vor allem zu betonen, daß eine solche Art von
Vermehrung auch tatsächlich, empirisch, historisch nie
ohne Gemeinde und Staat erfolgt ist, noch jemals er-
folgen kann. Diese Art ist nicht nur auf der Insel
Robinsons unmöglich, sie fordert nicht nur den Schutz
durch den Staat, obwohl sie dessen in erhöhtem Maße
bedarf und hier auch jede Fiktion wegfällt, als könne
der Einzelne sich dabei selbst schützen; nein, sie hängt
in jeder Weise untrennbar mit dem Staate zusammen.
Die kapitalistische Vermehrungsform ist weder denkbar
noch möglich, wenn sich der Eigentümer nicht auf eine
Fortdauer bestimmter Kulturzustände, das Blühen von
Industrie und Handel, das Gedeihen der ganzen Volks-
wirtschaft verlassen kann und der Staat muß hierfür
in ganz anderer und tiefgreifender Weise Garantien
bieten, als bei dem Schutz der Arbeit.

Beweis wiederum der Krieg. Man denke sich zunächst
einmal den Einzelnen im Gegensatz zu Gemeinde
und Staat, also etwa einen völlig egoistischen Geiz-
hals, der dem Krieg entfliehen will. Seine private
„Habe" kann er eventuell mitschleppen, feine Kostbar-
keiten, Möbel, sein Bargeld; etwa in ein neutrales
Nachbarland. Aber seine Wertpapiere, Aktien usw.
helfen ihm gar nichts, außer solche des neutralen Lan-
des, dessen Wirtschaft einigermaßen unberührt bleibt.
Ein völlig besiegtes Land (wieder etwa Serbien) ge-
währt im Moment gar keinen Schutz und die kapitalisti-
sche Vermehrung, ja auch schon der Wert des so früher
Erworbenen, ist zunächst völlig aufgehoben. Aber
auch schon in Ostpreußen konnte man zur Zeit des
        <pb n="97" />
        ﻿IV. Staatliche uild private Organisativtt.

97

Russeneinfalles zunächst nichts verdienen, und in sol-
chen Zuständen hört der kapitalistische Betrieb einfach
auf. Aber auch positiv und ohne Krieg ist der Staat
hier in ganz anderer Weise beteiligt, falls überhaupt
diese Art des Erwerbs gelingen soll; nur in einen;
Rechtsstaat kann sie funktionieren, nur in einem Kultur-
staat Früchte tragen. Das im einzelnen auszuführen,
ist wohl nicht nötig; ich meine, die oberflächlichste Über-
legung genügt; wichtig ist vor allem, den Unterschied
in der Abhängigkeit vom Staat hier und bei der Ver-
mehrung durch Arbeit festzuhalten und andere Ge-
sichtspunkte von dieser prinzipiellen Feststellung fern-
zuhalten. Natürlich kann man auch sagen: der Kultur-
staat bedarf des Kapitalismus und gedeiht durch ihn;
derartige enge Beziehungen sind stets gegenseitig und
der Staat als Organisation des Volkslebens von
dessen Ausgestaltung stets beeinflußt.

Fassen wir nun die ethische Teilendes Problems
ins Auge, so befinden wir uns auf dem Boden des
alten Naturrechtes. Natur- oder Vernunftrecht, richti-
ges Recht, natürliches Recht, philosophisches Recht,
Ethik — lauter Namen für die gleiche Sache. Die
Ethik ist die Mutter des Rechtes und dieses stellt nur
das ethische Minimum dar, das sich die Gemeinschaft
festzustellen und eventuell zu erzwingen entschlossen
hat. Recht im ganz abstrakten Sinne, ohne den Staat,
ist nichts anderes als Ethik; es hat keine anderen Quel-
len und unterscheidet sich nur durch seine unbedingte
Geltung, während die Sitte praktisch freier gelassen
wird, die Ethik im engeren Sinne als Gesinnungsethik
dem Einzelnen überlassen bleibt. Alle aber schöpfen
ihre Ansprüche aus Idealen und Normen, die das Tun

v. d. Pfordt en, Organisation.

7
        <pb n="98" />
        ﻿98

IV. Staatliche und private Organisation.

der Menschen jetzt und in Zukunft gestalten und regeln
sollen. Die Betrachtung der ethischen Seite ergibt
also zugleich die Grundlagen des Rechtsanspruches; je
nachdem Eigentum als moralisch (was ich der Kürze
halber mit „ethisch" gleichsetze, da man es nur ziemlich
künstlich nochmals trennen kann) zu erweisen ist, hat
es einen Anspruch, als Recht zu gelten und durch
Recht geschützt zu werden.

Das Eigentum jener Primitiven Zweckverbände war
ohne weiteres „Recht" schon weil es damals nichts
anderes gab; dieser Ursprung aus der Organisation
deutet nur auf ein Vorwiegen des gemeinsamen vor-
dem individuellen Interesse in dieser Frage hin und auf
ein Überwiegen des Zweckgedankens. Moralisch oder
nicht — jene Vereinigungen mußten bald dem Privat-
eigentum weichen und es entspricht der Entstehung
alles Ethischen aus einem indifferenten „natürlichen"
Untergrund, wenn jene Anfänge einen besonderen
Wertcharakter nicht besitzen, sondern aus dem Kampf
ums Dasein geboren wurden. Der Zweck aber ver-
weist das Eigentum von vornherein in die angewandte
Ethik; zu den reinen Grundbegriffen gehört dieser nicht
und ohne weiteres kommt ihm gar keine ethische Quali-
tät zu. Daß eine solche auch durch die aus dem Natur-
recht berühmte „Okkupation" nicht begründet wird, ist
klar; diese ergibt den Besitz aber kein ethisches Recht
auf ihn. Genau so beim Staat, der erst durch Kultur-
leistungen ein ethisches Recht auf durch Kriegsrecht
eroberte Gebiete gewinnt. Denn diesen Titel verleiht
unzweifelhaft die Arbeit, weil Betätigung im Gegensatz
zu Müßiggang immer als praktischer ethischer Wert ge-
golten hat. Etwa die Überspanntheiten indischer Bettel-
        <pb n="99" />
        ﻿IV, Staatliche und private Organisation.	99

Mönche ausgenommen. Tugend, ursprünglich Tüchtig-
keit, muß sich irgendwie ausleben und betätigen und kann
nicht lediglich in Gesinnungen bestehen, wenn man nicht
die Ethik dem wirklichen Leben ganz entfremden will.
Aber auch die sogen. Gesinnungsethik rechnet stets mit
der Umsetzung ihrer „reinen" Prinzipien in irdisches
Tun.

Das erste, was also seine ethische Legitimation zu
erweisen hat, ist das Privateigentum. Und das
kann es in vollstem Maße; denn es ist überhaupt ein
Irrtum, die Ethik lediglich auf die soziale Beziehung,
auf das Gemeinschaftsleben aufbauen zu wollen. Der
Fortschritt der Ethik, der Aufbau einer Kultur, die wirk-
liche „Entwicklung" ist historisch gebunden an die Eman-
zipation des Einzelnen von der Horde und der Heraus-
arbeitung des Eigenwerts; das Neue, das Moment des
Höheren liegt niemals in der Masse, sondern zunächst
bei Wenigen, die sich auszeichnen und herausheben,
und das war nicht nur immer so und gilt auch heute
noch, sondern ist auch gar nicht anders denkbar. Der
Begriff der Persönlichkeit aber ist unbedingt ein
ethischer, wenn man in ihm die bloße natürliche Indi-
vidualität mit all den Werten und Normen erfaßt, die
der einzelne Kulturmensch in sich zu verwirklichen im-
stande ist. Und zum Ausleben der Persönlichkeit in
Freiheit und Tat ist das Privateigentum historisch nötig
gewesen und darum auch ethisch berechtigt^; denn ange-
wandte Ethik läßt sich nicht so wie ganz abstrakte Theo-
rien von den Tatsachen und der Empirie trennen.
Der wirkliche Kulturfortschritt bedurfte es und bedarf
es, nicht nur die Freude am und Befriedigung durck
den Besitz, die schon Aristoteles^ für das Privateigentum

i*
        <pb n="100" />
        ﻿100

IV. Staatliche und private Organisation.

ins Feld führt, obwohl man auch der Hebung des Selbst-
gefühls durch diese eine ethische Seite abgewinnen
kann. Vor allem aber ist es die Auswirkung der Per-
sönlichkeit des Mannes, die vom Besitz unzertrennlich
ist, gerade wenn er nicht nur ein egoistischer, fauler,
zynischer Weiser, sondern ein nützliches „Mitglied der
Gesellschaft" sein will und sein soll.

Das ethische Recht der Familie auf Eigentum
braucht nicht besonders erwiesen zu werden, sobald man
an die Stelle der falschen Staatsthevrie, die ihn atomi-
stisch aus Einzelpersonen zusammensetzt, die richtige
gesetzt hat, die ihn aus Familien bestehen läßt. Diese
muß allerdings bei jeder Gelegenheit betont und ein-
geschärft werden; alle kommunistischen Phantastereien
gehen von der atomistischen Theorie aus und verkennen
die absolute Bedeutung der Familie für den Kultur-
staat. Ja es ist eine Zukunftsforderung an eine Fort-
bildung des Rechtes, dieser überragenden Bedeutung
beim Wahlrecht, Stenerpflicht, Kriegsentschädigung
usw. noch weit mehr Rechnung zu tragen als dies bis-
her geschehen ist. Eltern sind auch an der Zukunft
des Staates in ganz anderer Weise interessiert und in
weit höherem Grade, als etwa ein Junggeselle. Dieser
mag allerhand gute Wünsche für die spätere Generation
haben, Eltern haben diese unmittelbar vor Augen,
erziehen sie und sorgen für sie und die Gemeinschaft,
wenn sie z. B. Gesetze beschließen, die erst der nächsten
Generation voll zugute kommen können. Eine Familie
mit Kindern sind Staatsbürger erster Klasse, die Kinder-
losen und Unverheirateten nur zweiter und das müßte
in Verordnungen und Gesetzen weit mehr zum Aus-
druck kommen.
        <pb n="101" />
        ﻿VI. Staatliche und private Organisation.

101

Die Gedanken weiter Volkskreise weisen schon durch-
aus in dieser Richtung. Es gilt schon als allgemein
moralische Forderung, das Erbteil, das der Einzelne
bekam, nicht zu schmälern, sondern womöglich vermehrt
seinen Kindern zu hinterlassen. Wer das nicht fertig -
bringt, gilt als schlechter Haushalter. Nichts ist so unpo-
pulär, als die Erbschaftssteuer unter Agnaten^, weil
eben unausgesprochen und unbewußt die Familie als
der eigentliche Träger des Eigentums gilt. Die Volks-
moral faßt durchaus den Einzelnen nur als Besitzer,
der vorübergehend verwaltet, was er von Voreltern
hat und an Nachkommen weitergibt, ganz im Sinne der
Religion, die den Menschen als „Verwalter" irdischer
Güter gerne bezeichnet. Wenigstens gilt dies von allen
gesunden Volkskreisen, dabei aber hoch und niedrig;
für den Bauern nicht minder als den Bürger und Ade-
ligen, aber auch für den Beamten aller Grade und den
besser situierten Arbeiter. Nur die Kreise denken an-
ders, die nichts zu verlieren haben oder ganz von Phra-
sen und Utopien durchtränkt und verdreht sind; allein
der echte Proletarier war niemals der normale Staats-
bürger und kann es in keinen, Kulturstaat jemals sein.
Davon abgesehen ist das moralische Recht der Familie
auf vererbbares Eigentuni einfach selbstverständlich und
gehört zum ganzen Zusammenhalt geschichtlicher Tra-
dition, die ihrerseits das Rückgrat des Staates ist.

Keine eigentümliche ethische Berechtigung besitzen
dagegen alle unpersönlichen Vereinigungen, wie sie
die Neuzeit hervorgebracht hat, also die Aktiengesell-
schaften, G. m. b. H., Trusts usw. Sie sind keine
Organisationen, sondern einfach Summierungen von
Einzelvermögen; eine Fabrik ist eine Organisation mit
        <pb n="102" />
        ﻿102

IV. Staatliche und private Organisation.'

besonderem Zweck; die A.-G., die sie besitzt, aber nicht.
Auf die Bedeutung der Persönlichkeit als ethischer
Legitimation können sie sich auch nicht berufen, denn
diese geht darin unter und kann sich nicht darin aus-
wirken, ausgenommen die paar Direktoren, die die
Sache machen. Diese Bildungen sind einfach Kumu-
lationen von Egoismen und hier zeigt es sich deutlich,
daß durchaus nicht jede Gemeinschaft ein ethisches
Vorrecht vor der Einzelperson hat; der tüchtige Ein-
zelne kann viel „sozialer" sein und wirken, als die
wesenhaft egoistische Aktiengesellschaft. Dadurch daß
sich mehrere zusammentun, ist noch nichts geschaffen,
was an Wert und Geltung über den Teilen stände
und diese Vereinigungen tragen den Charakter des
Mechanischen und nicht des Organisch-Verbundenen.
Damit ist nicht gesagt, daß sie nicht praktisch nützlich
seien oder daß man diese Form aufgeben solle, wohl
aber, daß sie ein ethisches Recht nicht an sich oder aus
eigenem beanspruchen können.

Daß dem Staat als der Organisation des Volks-
ganzen ein ethischer Anspruch auf Eigentum zusteht,
braucht nicht bewiesen, in unserer Zeit eher das Recht
der Einzelnen und der Familie ihm gegenüber betont
zu werden. Wenn er in dieses, sowie das irgendwelcher
Korporationen oder Verbände eingreift, so steht ihm
dafür von seiner Macht oder dem Zwang der Not ab-
gesehen, vor allem das Recht zur Seite, daß sich aus
seiner Mitwirkung bei der Kapitalsbildung ergibt.
Dabei ist er, wie vorhin erörtert, von vornherein gleich-
sam ein stiller Teilhaber, da er zu ihrer Entfaltung
völlig unentbehrlich ist. Grundsätzlich wird man ihn,
dabei mehr an Eingriffen zugestehen, als gegenüber
        <pb n="103" />
        ﻿IV. Staatliche und private Organisation.

103

der Familie; diese belastet er in den Einzelnen durch
Steuern aller Art, aber er nimmt ihnen ihren Besitz
(Habe, Grundbesitz usw.) nicht einfach weg und die
Expropriation bleibt stets ein Ausnahmefall. Dagegen
haben ihm die ebengenannten unpersönlichen Verbände
(Trusts usw.) gar kein ethisches Recht entgegenzusetzen,
da sie gar nicht der allgemeinen Wohlfart dienen, wie
etwa Gemeinden und Organisationen, sondern ledig-
lich dem Privatnutzen ihrer Mitglieder.

Findet es also der Staat in seinem und des Gan-
zen Interesse, Übergänge von derartigen privaten
Verbänden in staatliche Organisationen zu erzwingen,
wie dies etwa bei den Eisenbahnen schon geschah, bei
anderen Verkehrsmitteln, Bergwerken, Elektrizität usw.
jeden Tag notwendig werden kann, so kann hier das
Naturrecht oder das ethische Recht kaum opponieren.
Selbst wenn diesbezügliche Unternehmungen von Ein-
zelnen begründet, hochgebracht und in Blüte erhalten
wurden. Das persönlichste Recht, was sich überhaupt
denken läßt, das Autorenrecht, also das an geistigem
Eigentum einer begabten Persönlichkeit, erlischt „mit
Recht" nach dreißig Jahren, nicht minder verfallen
Patente gleichfalls begabter Erfinder. Warum soll der
unpersönliche Besitz einer Aktiengesellschaft auf ewig
vor Verstaatlichung geschützt sein, warum gerade diese
Summierung, die keine sittlichen Qualitäten besitzt?
Zudem ist es eine oft zu beobachtende Regel auch bei
großen industriellen Unternehmungen (etwa Krupp), daß
die anfangs sehr starke individuelle Initiative und
Stoßkraft des Besitzers nach mehreren Generationen
erlischt und auch das ursprünglich das Gepräge großer
Persönlichkeiten tragende Unternehmen mit der Zeit
        <pb n="104" />
        ﻿104

IV. Staatliche und private Organisation.

so stark unpersonell wird, daß eine Bürokratisierung
durch den Staat nur noch als ein kleiner Schritt er-
scheint, der den Namen ändert, aber kaum mehr das
Wesen.

Wenn also ein allgemeines Interesse den Übergang
von privater in staatliche Organisation fordert, so ist
das bei jenen Zusammenballungen, die wir A.-G.,
G. m. b. H. oder Trust nennen, am allerwenigsten
unerlaubt und von vornherein weit berechtigter, als
gegenüber Familie und Einzelnen. Ob das dann für
Gemeinden, Bundesstaat oder Reich geschieht, ist keine
theoretisch zu entscheidende Frage mehr, da deren
ethische Rechte im ganzen ziemlich gleich sind. Die
Gefahr der Bürokratisierung ist dabei gering anzu-
schlagen, wo die Größe eines Betriebes sich der staat-
lichen Form schon stark angenähert hat. Ob aber ein
solcher Übergang ohne Schaden für das Ganze ge-
schehen kann, ist nach dem psychologischen Prinzip zu
entscheiden, daß mehr mechanisiert nur das Werk wer-
den darf, zu dem der bewußte Einzelwille und die
Initiative der Persönlichkeit nicht mehr in hohem Maße
erforderlich ist.

Mit diesen Ausführungen sind die Bezüge sicher
nicht erschöpft, die sich aus dem Stoff ergeben und
ich kann nur hoffen, das Wesentliche und Wichtige
herausgehoben zu haben. Denn in dem Begriff
Organisation steckt nicht nur ein Geheimnis, sondern,
ihrer viele.
        <pb n="105" />
        ﻿Anmerkungen

1	Ausführliches darüber in meiner Abhandlung: „Zur Philo-
sophie der politischen Parteien" im Archiv für Rechts- und Wirt-
schaftsphilosophie, Band VIII. 1914/16. Diese Arbeit ist vor dem
Kriege verfaßt worden, aber erst während desselben erschrenen.

2	So will man in Frankreich zwar Einkommensteuer und
Kriegsgewinnsteuer, aber ohne Deklarationszwang; Motto:
Wasch mir den Pelz, aber mach' mich nicht naß!

3	In einem anderen Buche: „Die Grundurteile der Philo-
sophen" 1. Hälfte. Griechenland. (Konformismus Bd. III;
1913.) habe ich gezeigt, daß alle philosophischen Gedankensysteme
auf solchen beruhen, sowie daß sie im letzten Grunde Werturteile
sind. Sie unterscheiden sich von dem sogen, „apriori" dadurch, daß
sie nicht von der Erfahrung unabhängig sind.

1 Man kann schon den Schulbesuch bei uns als eine solche
Leistung auffassen, da es der Staat ist, der ihn verlangt, ja sogar
erzwingt.

5	Dieser Vergleich ist sehr alt; vgl. die Rede des Menenius
Agrippa an die Plebs bei der Sezession auf den Lions saeer bei
Dionysius v. Halikarnaß Hb. VI. eap. 86.

6	Vgl. Zeitschrift für Philosophie u. philos. Kritik Bd. 133,
187. (1908.):

7	Das ähnlich klingende Akrasie bedeutet im Griechischen
den Gegensatz von Sophrosyne, also etwa „Unmäßigkeit", wird
aber wenig gebraucht.

3 Das beweist schlagend der große Krieg, bei dem z. B. in
Frankreich und Italien das „Volk" ihn gar nicht wollte, aber von
einer kleinen Gruppe fortgerissen wurde. Selbst in der Schweiz
ist die Bolksherrschaft nur eine Fiktion.
        <pb n="106" />
        ﻿5 Das gleiche gilt von anzuführender Literatur. Ich be-
schränke mich auf ein paar Werke neueren Datums, die zu dem
Thema eine ganz spezielle Beziehung haben; hereinziehen könnte
man auch eine ganze Bibliothek. Carl Kindermann, Die
Führer im modernen Völkerleben. (Stuttgart, Ulmer. 1909?)
Das Buch scheint nach Vorlesungen wörtlich gedruckt zu sein;
darauf deuten die ermüdenden Wiederholungen und die behag-
liche Breite. In knapperer Form würden die Hauptgedanken
viel mehr wirken; ich komme auf einzelnes zurück. Das Pro-
gramm des Werkes findet man S. 22f. entwickelt. — Eine An-
zahl Theorien haben mit dem Problem des Führertums nichts zu
tun; man kann sie auch ablehnen, ohne das übrige zu stören.
So die zwei „Grundsätze" (S. 27) von der Wechselwirkung aller
Teile in der Welt (gut, eommereium omniuw in der Philosophie;
auch bei Kant) und der Relativität oder Bedingtheit aller Wahr-
heit (wohl besser: des Richtigen, Zweckmäßigen, oder der Werte)
im Bölkerleben. Dann die oft wiederholte Hypothese, unsere
jetzige Zeit sei durch „Reife und Abgewogenheit" oder durch ein
„hohes Gleichgewicht" besonders vor vergangenen Zeiten ausge
zeichnet. Die Vermeidung der Extreme, so auch des Absolutis
mus von oben und von unten, des patriarchalischen Bevormun
dens wie des einseitigen Freiheitsstrebens ist des Verfassers
Ideal; fraglich ist, ob es in der Gegenwart in hohem Maße ver-
wirklicht ist, wie ob es eine (S. 113ff.) „moderne gegliederte
Gesamtüberzeugung" gibt. Fr. Wilh. Foerster, Staatsbürger-
liche Erziehung-. 1914. Das Buch enthält sehr Wichtiges hier
Einschlagende bes. in den Abschnitten: II, 2 „Die Kunst des Be
fehlens"; II, 3ck „Zentralismus und Demokratie"; ferner im
zweiten Teil I, 2f. „Praktische Vorschläge zur sozialen Erziehung".
Foerster neigt zur katholischen Form der Autorität und wird der
„preußischen Menschenleitung" kaum voll gerecht; dagegen be-
sitzt er eine Kenntnis der einschlägigen englischen und amerika-
nischen Literatur, die auch dem weniger demokratisch Gesinnten
Wertvolles bietet. Seine bedauerlichen politischen Entgleisun-
gen in neuerer Zeit gehören auf ein anderes Blatt. Georges
Chatterton-Hill, Individuum und Staat (1913) ist ein Seiten-
stück aus der Feder eines in Genf lebenden amerikanischen Sozio-
logen. Das Buch bewegt sich weit mehr in Abstraktionen, wo
gegen Foersters Stärke die Kenntnis konkreter Lebensbeziehun-
gen ist; jener faßt Tradition, Patriotismus und Religion wesent-
        <pb n="107" />
        ﻿Anmerkungen.

107

lich als soziale „Jntegrations" oder Samurlnngsmittel. S. 186f.
unterscheidet er als drei große Systeme sozialer Anschauungen
den Aristokratismus, die Demokratie und den Sozialismus und
bricht eine starke Lanze für das erste. Hier wäre das Wort „Ari-
stagie" ungemein klärend, denn echte Aristokratie ist gar nicht
sozial und das „System des ttbereinanber" und eine „Hierarchie
der Werte" kommt in einem System abgestufter Führerschaften
völlig genügend zur Geltung. Emil Hammacher, Hauptfragen
der modernen Kultur (1914) betont z. B. S. 101, 112 und 126
die Notwendigkeit der Führer; er faßt unsere Kultur wie die
Religion von der mystischen Seite und praktisch ist wenig bei
ihm zu gewinnen, zumal er sehr pessimistisch denkt. Zum
Schluß noch eine Dame: Marie Diers in: Moderne Kultur
ed. Heyck. Bd. II. Sie unterscheidet S. 13f. aristokratische und
subalterne Gesinnung, welchen Gegensatz sie dann durch Begabt
— unbegabt, Künstler und Nichtkünstler ersetzen will. Hier hätte
der Begriff Aristagie besonders klärend wirken können.

J° Rede an den Verband der Holsteinischen Kriegervereine;
Friedrichsruh, Mai 1894.

" Eine bequeme und klare Übersicht der Möglichkeiten gibt
Franz Sawicki, das Problem der Persönlichkeit und des Über-
menschen (1909). Der Verf., katholischer Priester, gibt eine histo-
rische Darstellung seit Kant u. erörtert streng objektiv die Per
sönlichkeitsideale der Philosophen und Dichter bis auf unsere Zeit
so knapp und klar, lvie es nirgends zu finden ist. Auch der
systematische Teil ist sehr beachtenswert, dieser natürlich mehr
von des Berf. eigener Persönlichkeit beeinflußt.

18 Der Titel des 1890 erschienenen vielgelesenen Buches von
Langbeh».

w Im Sinne des Bisherigen sagt er (S. VI): „besondere
Persönlichkeiten, in denen das Leben des Volkes bezw. Berufes
und ein erhöhtes Einzelleben mehr oder weniger abgewogen
und eigenartig sich verbinden" und lehnt dann die Begriffe:
Deniagoge, Aristokrat oder Herrenmensch ab; der Führer ist
„der erste unter gleichen".

" Ich würde lieber sagen: „Umsicht" als ein Wort für die
Leistung, populär gesprochen „an alles zu denken", alles umsich-
tig vorzubereiten, was zum Erfolg dienen kann.
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        ﻿Anmerkungen.

108

15 I. c. S. 17ff., 99ff.; zusammenfassend 344.

58 Kindermann z. B. unterscheidet sie nicht und erschwert
sich meines Erachtens damit die Wirkung, weil vieles nur von
einer der Arten richtig ist.

17	Das Gefühl und die Pädagogik, Heidelberg 1914.
S. 50ff.

58 Über die Erziehung zum „Führer" findet man sehr Gutes
und Beachtenswertes bei Kindermann, I. e. S. 179ff., bef.
S. 204f.; dann bei Foerster, der z. B. besonders warm für
die in Amerika eingeführte Selbstregierung in der Schule
eintritt („Erziehung zur Verantwortlichkeit" S. 105ff.), mit der
aber auch in der Schweiz, den Rheinlanden und Österreich Ver-
suche gemacht wurden. Ich muß hier auf ein Eingehen auf Spe-
zielles verzichten, zumal dabei auch die Erfahrungen mitspre-
chen, die bei uns noch zu machen find; über Reformierung der
Pädagogik gibt es eine reiche und wertvolle Literatur, in der
die Führerfrage iiberall mit darinsteckt.

18	E. Hammacher l. c. S. 125 geht so weit, Sonderschulen
für Begabte zu fordern; das ist das andere Extrem, aber ein Korn
Wahrheit steckt darin.

20 Aus der Feder eines Offiziers stammt ein sehr lesenswerter
Aufsatz: „Die Erziehung zum Führer" von Karl Koelsch;
die Umschau Bd. 14. 1910. S. 161 ff. Allerdings zeigt schon die
erste Definition auch die Einseitigkeit: „unter Führer versteht
man, den Willen einer „Befehlseinheit" in eine bestimmte Rich-
tung zu lenken und sie zum Handeln zu veranlassen". So einfach
ist das Problem nicht immer; dann aber folgt viel Praktisches
und allgemein Brauchbares. Das Körperliche wird betont, wie
die Ausbildung des Willens; dann ganz im Sinne der Äristagie
ein Unterschied gemacht zwischen Führer und „Herrenmensch"
(Aristag und Aristokrat). Geduld und Beharrlichkeit, Verant-
ivortungsfreudigkeit und Erziehung zur Sachlichkeit (sehr gut)
Iverden verlangt, ferner Entschlußfähigkeit und Wirklichkeitsfinn.
— In seiner pädagogischen Polemik kämpft Berf. gegen Gram-
matik, Reglement und Paragraph; auch sehr richtig^
        <pb n="109" />
        ﻿Anmerkungen.

109

Wissenschaft"; ein Kapitel sheißt: „Betriebstechnik nnd Seelen-
führung".

32 „Das Reich Gottes ist in Euch." (Deutsch 1894.) cap. X.
— In demselben Abschnitt folgt eine geistreiche Theorie, wie
der Fortschritt durch einen unbewußten Prozeß der Milderung
der Machthaber selbst kommt, deren Erörterung aber hier zuweit
führen würde.

22 Davon abgesehen, daß Tolstoj in seinem blinden Eifer auch
die Anwendung von Gewalt gegen Verbrecher, bei Aufruhr
nnd Gelvalttat anderer einbezieht, was ich hier gleichfalls nicht
zu widerlegen brauche.

24 Vielleicht mit Ausnahme seines Dramas „ein Volksfeind",
wo richtig mehr der Kampf gegen die „kompakte Majorität".

22 Auch in seiner neuesten Veröffentlichung: „Die deutsche
Erhebung von 1914." Das F-ührerproblem speziell behandelt
er darin natürlich nicht, Wohl aber die Antithese Individuum —
Staat.

2« Sie behandelt ein Buch von Franz Klein, „Das
Organisationswesen der Gegenwart" (1918), das mir leider erst
während des Druckes zugänglich wurde. Klein sieht das Pro-
blem völlig anders und faßt den Begriff so weit, daß alle
Verbände, Vereinigungen, Kartelle usw. dazu gehören. Dadurch
ergibt sich ein grundlegender Unterschied von Anfang an und
durch alle Konsequenzen; immerhin sei auf seinen 7. Abschnitt
„Die Wirkungen" nachdrücklich hingewiesen, der, wie auch zum
Teil der 6.: „Politik der Organisationen" eine wertvolle Er-
gänzung zu dem hier gesagten darstellt.

27 Fritz Berolzheimer, System der Rechts- u. Wirtschafts-
philosophie. Bd. IV. Philosophie des Vermögens. (1907.)
S. 49 f.

22 Die kommunistische Einrichtung des Mir in Rußland ist
historisch durch die Leibeigenschaft bedingt und hat sicherlich
jeden technischen Fortschritt des Ackerbaus erschwert und hintan
gehalten. Gemeinsamer Ackerbau primitiver Völker ist stets im
primitiven Stadium stecken geblieben.

29	Vgl. Fritz Berolzheimer, I. e. S. 38f.
        <pb n="110" />
        ﻿110

Anmerkungen.

30	Jos. Köhler in Holtzendorff, Enzyklopädie der Rechtswis-
senschaft' I, 1. (1915.)

31	Vgl. Handwörterbuch der Staatswissenschaften, 1010; »nb
„Eigentum".

33 Vgl. hierzu meine Ethik. Göschen 1916.

33 F. Berolzheimer, I. e.: „Die publizistische (ein dem Nicht-
juristen fremder Begriff) Wirkung des Privateigentums ergibt
den Grund seiner Rechtfertigung"; der Satz meint dasselbe'
wie das Obige.

Politik II, 2.

33 Sie widerspricht auch dem schon geltenden Rechtsprinzip
des Noterbrechts der Kinder (Pflichtteil), das das Eigentum der
Familie zum Ausdruck bringt.

1 i/ ^ tfj/fsiK .
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        ﻿Vom gleichen Verfasser erschienen:

Bei Carl Winters Universitätsbuchhhaudlung
zu Heidelberg:

Konformismus. Eine Philosophie der normativen
Werte.

Bd. I. Theoretische Grundlegung • . . geh. M. 4.—
II. Psychologie des Geistes .... geh. M. 6.—
III. Die Grundurteile der Philosophen geh. M 8.
Das Gefühl und die Pädagogik .... geh. M. 3.
Vorfragen der Naturphilosophie .... geh. M. 3.80
Theorie von Urteil und Begriff .... geh. M. 2.—

Bei G. J.Göschens Verlagshandlung zu Berlin:

Religionsphilosophie.

Ethik.

£ 8
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        ﻿xx--------------
        <pb n="113" />
        ﻿III. Das Führerproblem.

78

gelingt, auch in diesem wichtigen Punkt voranzu-
gehen; die eine Seite des Problems, die Neigung zu
Disziplin und freiwilliger Unterordnung für einen wich-
tigen Zweck, haben wir vor anderen Völkern in hohem
Maße voraus; verbinden wir damit die richtige Kunst
des Anführens und der Willensübertragung, so sind die
Bedingungen für die Aristagie vollauf gegeben.

Auch in den Beziehungen der Völker untereinan-
der endlich gibt es ein Führerproblem, nicht nur
innerhalb des Staates und das Volk, dein es gelingt,
die besten Führer zu gewinnen, wird auch zur Leitung
anderer kleinerer Staaten berufen sein. Auch hier
steht die Aristagie tnt strikten Gegensatz zur Gleich-
macherei; nicht alle Völker und Staaten sind gleichviel
wert und gleichberechtigt; nicht allen kommt die Führer-
rolle zu. In Europa ist es wesentlich nur Deutschland
oder England, das in Frage kommen kann, da Frank-
reich in jeder Hinsicht zurückgeht, Rußland ein asiati-
scher Staat ist usw. Das Zauberwort Organisation ist
so stark, daß man es auch bei den internationalen Fra-
gen angewendet hat und z. B. von einer „weltorganisa-
torischen Zusammenfassung autonomer Völkerindividua-
litäten" träumt. Aber der volle Begriff der Organisa-
tion ist kaum anwendbar, wo eine Autonomie in stren-
gem Sinne gelten soll; vielmehr müßte hier der Führer-
gedanke betont werden und die Ereignisse des großen
Krieges bestätigen das. Kleine und unbedeutendere
Völker können niemals dieselben Ansprüche erheben,
wie die führenden; und Freiheit ohne entsprechende
Macht nützt dem Kleinen wenig, wie das Beispiel
von Italien, Norwegen, Portugal zeigt. Organisieren
läßt sich da nur unter der Führung der Großen; und
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