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        <title>Organisation</title>
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            <forname>Otto von der</forname>
            <surname>Pfordten</surname>
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        </author>
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            <idno>1011418665</idno>
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        Organisation
Ihr  Wesen  und  ihre  politische
Bedeutung  /  Von  Freiherm
Otto  von  derPfordten
Prof.  a.  d.  Univ.  Straßburg

»

Bei  Carl  Winter  in  Heidelberg
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        Unserem  herrlichen  Heere,
einer  vorbildlichen  Organisation,
im  dritten  Kriegsjahre
        <pb n="3" />
        /

Einleitung.

Der  Begriff  „Organisation"  ist  unzweifelhaft  einer
der  meistgebrauchten  unserer  Zeit;  Publikationen  aller
Art,  Zeitungen,  Zeitschriften,  Bücher  sind  davon  erfüllt. ­
  Man  hat  sie,  man  erstrebt  sie,  man  preist  oder
vermißt  sie;  allerdings  meist  ohne  näher  zu  erörtern,
was  man  nun  eigentlich  unter  diesem  Zauberwort
verstehen  will.  Genug,  es  ist  in  aller  Munde;  und  was
noch  viel  seltsamer  ist:  Freund  und  Feind  in  diesem
Weltkrieg  sind  sich  darüber  einig,  daß  man  Organisation ­
  besitzen  müsse.  Zunächst  um  im  Krieg  Erfolg  zu
haben,  außerdem  aber  auch  für  die  Einrichtungen  und
Ordnungen,  die  den  Friedensschluß  überdauernd  weiterhin ­
  bleiben  sollen.  Besonders  ist  es  unsere  deutsche
Organisation,  unser  Talent  dazu,  unsere  Ausbildung
derselben,  die  tatsächlich  von  uns,  den  Gegner  und  den
Neutralen  gepriesen  wird;  die  einen  wollen  sie  uns
nachmachen,  die  anderen  beneiden  uns  darum,  oder
rühmen  sie  nur;  aber  alle  sind  sie  einig  in  dem  Lobpreis
dieser  seltsamen  Kraft,  die  da  Organisation  genannt
wird.  Da  muß  ein  Geheimnis  stecken,  das  zu  ergründen ­
  der  Mühe  lohnt.
        <pb n="4" />
        8

Einleitung.

?

Fast  wie  ein  Wunder  mutei  das  an;  mitten  in  allem
Streit,  Hader  und  Lüge  ein  armes  Wort,  über  das  alle
übereinstimmen,  ja  von  i»em  viele  behaupten,  damit
und  nur  damit  könne  man  den  Sieg  gewinnen,  von
dem  sich  alle  mindestens  irgend  etwas  Vorteilhaftes
und  Gutes  versprechen.  Nur  wer  gewohnt  ist,  mit
Begriffen  Zu  arbeiten,  kann  ermessen,  was  das  heißen
will:  ein  Begriff,  über  den  sich  die  Menschenköpfe
einig  sind.  Mit  anderen  Worten  also  ein  absoluter
x  Wert,  ein  zweifelloses  Gut,  ein  allgemein  gültiger
Begriff.  Das  ist  so  etwas,  wie  ein  Goldkorn  in  einem
Sandhaufen;  denn  auf  welchem  Wissensgebiet  man
sich  auch  sonst  bewegen  mag,  man  wird  finden,  daß
fast  alle  Begriffe  umstritten,  bezweifelt,  geleugnet
werden.  Hier  also  möchte  der  Begriffsforscher  ausrufen:
gib  mir  einen  Standpunkt,  nur  einen  festen  und
sicheren  Grundsatz  und  ich  will  Vieles  in  Ordnung
bringen.  Fast  aller  geistige  Streit  ruht  ja,  genau  betrachtet, ­
  auf  Gegensätzen  schon  in  den  Grundbegriffen,
was  dem  einen  an  Worten  heilig  und  teuer  ist,  scheint
dem  anderen  Torheit,  und  allgemein  wird  gelehrt,  es
gibt  nur  relative,  gibt  keine  absoluten  Werte.
Nun  kann  man  freilich  den  Begriff:  „absolut"  auch
so  hoch  spannen,  daß  darunter  nur  Ewiges  über  Zeit,
Raum  und  Menschenschicksal  Erhabenes  zu  verstehen
Iväre.  Dann  freilich  ist  auch  die  gepriesene  Organisation ­
  nur  relativ  gültig,  denn  sie  bezieht  sich  zweifellos ­
  auf  menschliches  Leben.  Aber  darauf  beziehen  sich
eben  mit  Ausnahme  der  religiösen  alle  unsere  Begriffe; ­
  und  der  weit  wichtigere  Unterschied  ist  der,  ob
etwas  für  uns  Kulturmenschen  unbedingt  gelten  soll.
        <pb n="5" />
        Einleitung.

')

oder  ob  es  relativ,  unsicher  und  nur  unter  ganz  bestimmten
  Bedingungen  richtig  sein  soll.  Eine  Beziehung  auf
irgend  welche  menschlichen  Zustände  findet  natürlich
immer  statt;  ein  Wert  ist  alles,  was  man  vor  andcreni
bevorzugt,  und  das  kann  auf  sehr  vielen  Gebieten  stattfinden. ­
  Was  aber  für  das  Zusammenleben  der  Menschen ­
  und  ihre  Betätigung  als  unbedingt  erstrebenswert ­
  gilt,  das  kann  im  Gegensatz  zu  all  dem  Schwankenden ­
  immerhin  absolut  genannt  werden,  wenn  auch
freilich  unter  der  Voraussetzung  des  Lebens  in  einen,
Kulturstaat.
Allein  die  „Organisation"  wird  durch  die  allgemeine
Anerkennung  noch  mehr,  noch  Höheres;  sie  wird  zunh
Sollen,  wird  zum  normativen  Wert,  zur  Norm.
Normative  Werte  aber  sind  solche  Werte,  die  sich  in
der  Erfahrung  erprobt  haben  und  darum  zu  Regeln
oder  Geboten  erhoben  werden,  nach  denen  wir  unser
Leben  einrichten  sollen.  Und  so  bekommt  der  Gedanke
auch  einen  ethischen  Gehalt;  wenn  etwas  so  Sicheres
und  Erprobtes  vorliegt,  dann  diirfen  wir  nicht  gleichgültig ­
  daran  vorübergehen,  sondern  müssen  es  erfassen, ­
  dazu  Stellung  nehmen  und  unser  Tun  darnach
einrichten.  Wir  sollen  „organisieren",  das  wird  zur  Forderung, ­
  sobald  wir  eingesehen  und  zugegeben  haben,
daß  das  unbedingt  für  uns  gut  ist.  Das  aber  ist
es  eben,  was  man  heute  konstatieren  kann;  Erfahrung ­
  und  Denken  zeugen  für  diesen  Begriff,  ja  man
kann  ihn  einen  Zentralbegriff  dieses  Weltkrieges
nennen.
Das  Wort  an  sich  genommen  erinnert  sofort  an  andere
ähnliche:  an  Organismus  und  die  einzelnen  Organe;
        <pb n="6" />
        10

Einleitung,

auch  diese  aber  sind  abgeleitet  von  dem  griechischen
Wort  Organon,  das  Handwerkszeug  oder  Instrument; ­
  also  ein  Mittel,  um  bestimmte  Zwecke  zu  erreichen. ­
  Schon  ini  Altertum  bekam  dieser  Begriff  geisügen
  Gehalt;  man  nannte  auch  die  Logik  (des  Aristoteles) ­
  so  als  Werkzeug  richtigen  Denkens.  Dann  aber
wurde  er  musikalisch  und  bedeutete  unsere  Orgel;  das
Handwerkszeug  hieß  lateinisch  Jnstrumentum  und  das
Organische  wurde  mit  einem  neuen  Gedanken  verknüpft,
dem  des  Lebens.  Man  sah  hier  in  den  Organismen
(Pflanzen  und  Tieren)  ein  Naturganzes  vor  sich,  worin
sämtliche  Teile  sich  gegenseitig  wie  Mittel  und  Zweck
einander  verhalten,  und  dem  Ganzen  dienen  und  einen
Zusammenhang  bilden,  der  die  Erhaltung  des  einen
von  der  des  anderen  Teiles  abhängig  macht.  Eine
besondere  Lebenskraft,  die  lange  totgesagt  heute  unter
anderen  Namen  (Entelechie,  Dominanten,  Determinanten ­
  usf.)  wieder  ganz  munter  lebt,  dachte  man  sich
als  diesen  eigentümlichen  Zusammenhang  bedingend.
Durch  die  Wechselwirkung  der  Teile  oder  Glieder  trat
jeder  Organismus  in  Gegensatz  zu  der  einseitigen  Wirkung ­
  eines  Mechanismus;  dadurch  unterscheidet  sich
diese  Anordnung  eines  Systems  auch  von  vielen  anderen ­
  Anordnungen,  die  nur  ein  Nebeneinander,  kein
Miteinander  zeigen.
Dieser  Begriff  des  Organischen  nun  ist  es,  den  wir
heute  auch  auf  Verhältnisse  der  Menschen  untereinander
anzuwenden  gewohnt  sind.  Soll  hier  das  Bild  passen,
so  darf  man  es  auch  nur  sinnvoll  verwenden;  eine  größere ­
  Anzahl  verschieden  gearteter  Menschen  muß  den
Teilen  oder  Gliedern  entsprechen;  und  eine  besondere
        <pb n="7" />
        Einleitung.

11

zweckvolle  Ordnung  dieser  Einzelmenschen  den  Gegensatz ­
  zur  rein  mechanischen  Anordnung  zeigen.  So  wird
man  z.  B.  die  Anfstellung  eines  Zuges  Soldaten  zwar
eine  Ordnung,  aber  noch  keine  Organisation  nennen;
aber  auch  nicht,  wenn  zehn  Menschen  gleichmäßig
mechanisch  an  einem  Seile  ziehen.  Hier  geschieht  das
wohl  zu  einem  Zweck,  aber  es  fehlt  die  Verschiedenartigkeit ­
  der  Teilnehmer,  die  dabei  alle  die  gleiche
Arbeit  und  Leistung  vollbringen.  Jene  ist  das  Charakteristische ­
  eines  Organismus  und  muß  auch  bei  der
Übertragung  festgehalten  werden;  von  solcher  mechanischer ­
  Verwendung  von  Menschenmaterial  würde  man
nicht  viel  Wesens  machen,  sie  uns  niemand  beneiden,
denn  diese  Art  von  Ordnung  leisten  auch  etwa  zehn
Wilde  oder  Sklaven.  Wenn  wir  von  „organisierter
Arbeit"  sprechen,  meinen  wir  sicher  nicht  solche  einfachste ­
  Form  des  Zusammenwirkens;  organisierte  Arbeiter ­
  alle  zu  nennen,  die  einem  Verband  angehören,
ist  ein  unscharfer  Sprachgebrauch,  bei  dem  man  die
Organisation  der  Leistungen  innerhalb  der  Gewerkschaft
usw.  stillschweigend  mitdenkt.  Ein  beliebiger  Verein
oder  Verband  gleicht  noch  lange  nicht  einen  Organismus. ­

So  ergibt  sich  folgende  Definition:  Organisieren
heißt  eine  Mehrzahl  verschiedenartiger  Menschen  aus
einer  bloßen  Summe  in  eine  lebendige  zweckvolle  Gemeinschaft ­
  verwandeln.  Der  Lebenskraft,  die  das  organische ­
  Gebilde  lenkt,  entspricht  hier  die  Beseelung,  der
Wille  aller  Einzelnen  zum  gemeinsamen  Zweck.  Hier
liegt  auch  die  moralische  Seite  der  Organisation,  da
etwas  Außerpersönliches,  eben  die  Hingabe  an  die
        <pb n="8" />
        12

Einleitung.

gemeinsame  Sache,  von  jedem  Teil  verlangt  wird  nnd
als  ethische  Leistung  dieser  Einzelperson  erscheint.  Die
menschlichen  Organe  sind  nicht  willenlos  und  müssen
zur  Organisation  nicht  nur  ihre  mechanische  Körperkraft ­
  und  geistigen  Fähigkeiten,  sondern  auch  ihren
guten  Willen  zur  Sache  beisteuern;  je  restloser  dies
gelingt,  um  so  vollendeter  wird  die  Organisation  sein
und  sich  bewähren.
        <pb n="9" />
        I  Die  Grundurteile  der  Politik.

Der  Reichtum  eines  Begriffes  au  inneren  und
äußeren  Bezügen  wird  nicht  durch  seine  Definition  erschöpft; ­
  nur  ein  fester  Halt  für  die  Bestimmungen  ist
dadurch  gewonnen.  Ist  Organisation  ein  Ideal  und
soll  es  als  Norm  gelten,  so  muß  sich  das  daran  erweisen,
daß  wir  weitere  wertvolle  Bestimmungen  dadurch  gewinnen ­
  können.  Dadurch  wird  auch  auf  die  Praxis
des  Organisierens  ein  Licht  fallen,  wenn  sie  auch
Sache  der  Begabung  und  persönlicher  Aneignung  und
Anwendung  zu  sein  pflegt,  wre-^viele,  z.  B.  auch  pädagogische ­
  Leistungen.  Immer  kann  diese  mehr  instinktive ­
  und  unreflektierte  Ausübung  nur  dadurch  gewinnen, ­
  wenn  man  sich  über  die  theoretischen  Beziehungen ­
  klar  wird  und  die  persönliche  Energie,  die  den
Organisator  auszeichnet,  keinesfalls  darunter  leiden,
wenn  sie  auch  für  das  wirkliche  Leben  das  wichtigste
ist.  Auf  dem  Gebiet  der  Politik  aber  werden  wir
diese  Bezüge  zu  suchen  haben,  das  lehrt  schon  die  Definition; ­
  denn  die  Beeinflussung  und  Lenkung  einer
Mehrzahl  von  Menschen  nennen  wir  bei  der  Jugend
Pädagogik,  bei  Erwachsenen  Politik,  womit  allerdings
bei  dieser  nur  ein  Teil  ihrer  Aufgaben  getroffen  wird.
Man  kann  die  politischen  Gedanken  und  Überzeugungen ­
  einteilen^  in  Ideen  oder  Schlagworte,
        <pb n="10" />
        14

I.  Die  Grundurteile  der  Politik.

Denkrichtungen  und  Grundurteile;  diese  letzten  sind
tatsächlich  das  Wichtigste  und  Entscheidende  für  eine
politische  Stellung.  Es  scheint  mir  nützlich,  diese  Gruppierung ­
  auch  hier  beizubehalten  und  den  Begriff  der
Organisation  mit  diesen  verschiedenen  politischen  Gedanken ­
  in  Beziehung  zu  bringen.  Dadurch  soll  ein
doppelter  Gewinn  erzielt  werden,  indem  der  Begriff
Organisation  einen  reicheren  Inhalt  gewinnt  und
dann  durch  ihn  Entscheidungen  über  die  jenen  Gruppen ­
  zugrunde  liegenden  Streitfragen  erzielt  werden.
Wohl  die  ältesten  Schlagworte,  mit  denen  man  politische ­
  Ideen  zu  begründen  unternommen  hat,  sind
Natur  und  Vernunft;  je  nachdem  man  eine  von
beiden  als  die  Quelle  absoluter,  gültiger  Werte  ansah,
berief  man  sich  bei  den  einzelnen  Lehren  darauf,  sie
seien  natürlich  oder  vernünftig  oder  beides  zugleich.
Für  unsere  Organisation  können  wir  nun  tatsächlich
die  letztere  Möglichkeit  behaupten;  man  kann  sie  natürlich ­
  nennen,  worauf  ja  schon  das  Wort  und  der  zugrundeliegende ­
  Vergleich  mit  den  lebendigen  Organismen ­
  hinweist,  aber  auch  sie  durch  die  Vernunft  rechtfertigen, ­
  da  zwar  der  Organismus  auf  die  Natur,  der
dazu  unbedingt  nötige  Organisator  jedoch  auf  die  Vernunft ­
  hinweist.  Zudem  hat  sich  das  Prinzip  nicht  nur
technisch-praktisch,  sondern  auch  in  geistiger  Hinsicht
erprobt  (Organisation  wissenschaftlicher  und  künstlerischer ­
  Arbeit  usf.),  so  daß  es  vor  dem  Forum  der  Vernunft
mindestens  mit  derselben  Ehre  bestehen  kann,  wie  irgend
ein  anderes.
Auch  ein  weiteres  ganz  allgemeines  und  heute  so
beliebtes  Schlagwort,  die  Kultur,  darf  unsere  Organisation ­
  für  sich  in  Anspruch  nehmen;  denn  der  Boden
        <pb n="11" />
        I,  Die  Grundurteile  der  Politik.

18

einer  gewissen  Kulturhöhe  ist  ihr  unentbehrlich  und
sogen.  Naturvölker  besitzen  sie  nicht.  Ost  ist  ja  von
den  „Kulturkritikern"  (Cyniker,  Rousseau,  Tolstoj)  im
Namen  der  Natur  gegen  die  Kultur  protestiert  worden;
was  davon  wertvoll  ist,  richtet  sich  aber  nur  gegen  die
Auswüchse  dieser  und  der  von  jenen  angepriesene
vermeintliche  Naturzustand  ist  selbst  ein  Stück  Kultur,
allerdings  ein  bescheidenes.  Will  man  etwa  mit  dem
russischen  Bauern,  den  Tolstoj  als  Muster  hinstellt,
etwas  erreichen,  so  muß  man  ihn  „organisieren";  so
einfach  aus  sich  selbst  heraus,  wie  der  Organismus  von
Pflanze  und  Tier  wächst  menschliche  Organisation
nicht.  Jedenfalls  der  Organisator  muß  eine  etwas
höhere  „Kultur"  besitzen,  als  die  zu  Organisierenden
und  man  darf  den  Vergleich  mit  den  Organen  in  der
Natur  niemals  zu  Tode  Hetzen.
Will  nian,  wie  heute  häufig  geschieht,  einen  Unterschied ­
  zwischen  Kultur  und  bloßer  Zivilisation  festhalten, ­
  indem  man  jener  alle  höheren,  ideellen  Werte
und  Normen,  dieser  aber  nur  die  Nützlichkeitswerte
(praktische,  technische,  ökonomische)  zuweist,  so  gehört
Organisation  an  sich  zunächst  nur  zur  Zivilisation.  Daß
sie  die  höheren  Zwecke  wahrer  Kultur  erfülle,  ist  dann
eine  Forderung,  die  man  an  sie  stellt,  ein  neues  Sollen,
eine  weitere  Norm.  Das  Wort  allein  sagt  nichts  über
die  Ziele;  man  kann  auch  eine  Räuberbande  gut  organisieren. ­
  „Einigkeit"  hilft  ebensowenig,  man  kann  auch
einig  sein  zum  Schlechten.  Aber  unser  Begriff  braucht
ja  auch  nicht  alles  zu  leisten  und  macht  Religion,
Philosophie,  Ethik  usw.  nicht  überflüssig;  genug  wenn
er  gestattet,  gewisse  Seiten  unserer  Kultur  scharf  zu
*  beleuchten.
        <pb n="12" />
        16

I.  Die  Grundurteile  der  Politik.

Das  aber  tut  er  nun  zweifellos  bei  einer  Reihe
anderer  politischer  Ideen,  die  wesentlich  durch  die
französische  Revolution  ihren  hohen  Kurs  gewannen,
den  Schlagworten  von  der  Brüderlichkeit,  Freiheit ­
  und  Gleichheit.  Zwar  wiederum  am  wenigsten ­
  bei  der  sehr  allgemeinen  ersten  Idee,  denn  sie  ist
im  Grunde  gar  nicht  politischer,  sondern  rein  moralischer ­
  Natur.  Im  Mitmenschen  seinen  Bruder  sehen
kann  man  mit  und  ohne  Organisation;  das  ist  eine
Frage  der  Gesinnung,  die  mit  Zielen  und  Zwecken  zunächst ­
  gar  nichts  zu  tun  hat,  auf  die  jedes  Organisieren
hinweist.  Um  so  ergiebiger  ist  dagegen  die  Beziehung
auf  die  beiden  anderen  Ideen.  Organisation  ist  ein
Gegensatz  zur  Gleichheit  und  Gleichmacherei  und  entscheidet ­
  im  Gebiet  der  Freiheit  zwischen  einer  zur  Organisation ­
  tauglichen  und  einer  sie  erschwerenden  oder
aufhebenden  Freiheit.
Die  Menschen  i&amp;gt;nd  „von  Natur"  durchaus  und  in
jed-&amp;gt;r  Beziehung,  körperlich  wie  geistig,  ungleichartig
und  zeigen  eine  unendliche  Mannigfaltigkeit  der  Fähigkeiten, ­
  Charaktere,  Leistungen  uff.  Organisation  ist
nun  eben  der  Gedanke,  diese  Verschiedenheit  als  eine
Tatsache  anzuerkennen  und  hinzunehmen,  sie  aber  zu
benutzen  und  zusammenzufassen  im  Dienst  eines
Zweckes.  Die  zugrunde  liegende  Denkungsart  ist  die
empirische  und  historische;  denn  in  der  Geschichte  zeigt
sich  die  unendliche  Verschiedenheit  nur  in  anderer
Weise,  als  bei  einer  Betrachtung  etwa  nur  der  heute
lebenden  Menschen.  Eine  solche  gleicht  einem  Querschnitt ­
  durch  das  Ganze  der  Welt-Entwicklung;  die
historische  Auffassung  aber  ergibt  Längsschnitte:  die
Geschichten  der  einzelnen  Rassen,  Stämme,  Völker  und
        <pb n="13" />
        I.  Die  Grundurteile  der  Politik.  17

v.  d.  Pfordten,  Orgauisativu.

2

Staaten.  Die  Ungleichheit  erscheint  einmal  als  ein
Nebeneinander,  das  andere  Mal  als  ein  Nacheinander,
bleibt  aber  immer  dieselbe.  Organisieren  heißt  Menschen ­
  zu  gemeinsamer  Leistung  vereinigen,  ohne  diese
Mannigfaltigkeit  vergewaltigen  zu  wollen;  jeden  an
seinem  Platze,  nach  seinen  Fähigkeiten,  nach  dem  Dienst,
den  gerade  er  der  Sache  leisten  kann.  Diese  Denkweise ­
  hat  Gemeinsames  mit  aller  Tatsachen-Wissenschaft,
  sowohl  Naturwissenschaft  und  Psychologie,  als
Historie  und  entspricht  einem  sachlichen,  auf  die  Wirklichkeit ­
  gerichteten  Denken.
Genalt  das  Gegenteil  gilt  vom  Prinzip  der  Gleichheit, ­
  richtiger,  da  eben  die  Ungleichheit  Tatsache  ist,  des
Gleichmachenwollens,  als  Gleich-Ansehens,  Gleich-Heit-Fingierens,
  auch  da  wo  sie  nicht  ist.  Es  ist  rationalistisch, ­
  künstlich,  gewaltsam  und  entspringt  einer  mechanisch-materialistischen ­
  Welt-Auffassung.  Man  niuß
die  Unterschiede  absichtlich  übersehen  und  ignorieren
wollen,  um  irgendwie  zu  einer  Gleichheit  zu  gelangen;
das  aber  ist  der  Typus  der  mathematischen  Betrachtungsweise, ­
  die  auch  von  der  ganzen  reichen  Fülle  der
Natur  abstrahiert,  um  nur  die  leere  Quantität  und  die
schematischen  Formen  übrig  zu  behalten.  Genau  so
muß  man  der  Natur  Gewalt  antun,  um  sie  durch  die
inathematisch-inechanische  Brille  zu  sehen,  wie  den
Menschen,  wenn  man  sie  als  gleiche  Kräfte  mechanisch
anspannen  will,  wie  etwa  sechs  Pferde  vor  einen
Wagen.  Völlig  konsequent  versagt  das  mathematischmechanische ­
  Schematisieren  bei  den  Organismen  der
Natur,  den  Pflanzen  und  Tieren,  wie  bei  den  Gebilden ­
  aus  lebenden  Menschen,  den  Organisationen.
        <pb n="14" />
        18

I.  Die  Grundurteile  der  Politik.

Wo  unsere  Kultur  Gleichheiten  aufstellt  und  gleiche
Maßstäbe  anlegt,  befinden  wir  uns  nicht  mehr  im
wirklichen  Leben,  sondern  im  Bereich  reiner  Normen,
eines  an  Alle  gerichteten  Sollens,  das  bewußtermaßen
von  der  Ungleichheit  des  Vollzugs  seiner  Forderungen
absieht.  Hier  ist  Rationalismus  am  Platz,  weil  diese
Ordnungen  eben  von  der  Vernunft  und  dem  Denken
vorgenommen  werden  und  die  mechanische  Konsequenz
ist  durch  die  Eigenart  dieser  Gebiete  ausgeschlossen.
So  erhebt  die  Religion  (besonders  die  sogen.  Weltreligion) ­
  ihre  Stimme  für  alle  Menschen  ohne  Unterschied ­
  und  ebenso  die  allgemeine  ideale  Ethik  (Gebote
der  Humanität,  Menschlichkeit,  Tugend  usw.)  und  die
für  alles  wertvolle  Denken  geltende  Logik.  Sitte  und
Recht,  die  speziellen  Ausgestaltungen  der  Ethik,  gelten
schon  nur  mehr  für  bestimmte  Volker  und  Staaten  lind
wollen  nur  deren  Angehörige  als  gleich  betrachten;
so  gilt  deutsches  Recht  nicht  für  Neger,  die  Sitten  der
sogen,  guten  Gesellschaft  nicht  für  den  Bauern  usw.
Sobald  aber  durch  diese  an  Alle  gleichmäßig  ergehenden ­
  Gebote  und  Forderungen  etwas  praktisch  erreicht
werden  soll,  hört  die  theoretische  Gleichheit  sofort  auf;
will  man  religiös  (Kirche)  oder  ethisch  (Volksleben)
oder  logisch  (Wissenschaft)  etwas  „organisieren",  so  rechnet ­
  man  auf  einmal  ganz  bewußt  mit  der  Ungleichheit.
Der  Pfarrer  predigt,  nicht  jeder  Beliebige;  die  Gemeinde ­
  singt  und  er  nicht.  So  sicher  die  „zehn  Gebote"
oder  die  Bergpredigt  keinen  Unterschied  machen,  so
steht  doch  daneben  der  Satz:  „wem  viel  gegeben  ist,
von  dem  wird  viel  verlangt"  (und  umgekehrt)  und
weder  unser  sittliches  Urteil  noch  das  des  Strafrichters
niißt  Alle  mit  gleichem  Maßstabe.  Der  spezielle  „Be-
        <pb n="15" />
        I.  Die  Grundurteile  der  Politik.  19

2'

trieb"  der  Logik,  die  Wissenschaft,  ruht  auf  Arbeitsteilung ­
  und  dem  obigen  Gedanken:  jeder  nach  seinen
Kräften.  Und  wo  Sitte  und  Macht  zur  Verwirklichung
streben  (beim  Recht  vor  allem  die  Verwaltung,  da  das
Strafrecht  nichts  erreichen,  bestenfalls  etwas  verhüten
will)  ist  es  nicht  anders:  die  theoretische,  papierene,
fingierte  Gleichheit  muß  der  tatsächlichen  Ungleichheit
des  Lebens  weichen,  sobald  sie  zur  Praxis  strebt.
Das  naheliegendste  und  beste  Musterbeispiel  für  Organisation, ­
  unsere  Armee  und  alles  was  dazugehört,
zeigt  deutlich  das  Ineinandergreifen  von  beidem:  gleichen ­
  Geboten  und  ungleicher  Ausübung.  Nur  das  ganz
Allgemeine  ist  gleich  oder  besser  kann  als  gleich  betrachtet ­
  werden:  Pflichterfüllung,  Gehorsam,  Disziplin.
Bliebe  der  Vollzug  wirklich  darin  stecken,  gäbe  es  wirklich ­
  nur  die  Disziplin,  dann  iväre  das  Heer  jener  tote
und  starre  Mechanismus,  als  den  ihn  die  verschreien,
die  ihn  nicht  kennen.  Dann  könnte  man  beim  Heer  garnicht ­
  von  Organisation  reden;  und  doch  sagen  Alle,
wir  siegten  durch  diese!  „Kadavergehorsam"  ist  wirklich ­
  etwas  Mechanisches;  ist  in  irgend  einem  Arbeitsbetrieb ­
  der  Einzelne  wirklich  nur  eine  jedem  anderen
gleiche  Nummer  oder  Kraft  (zehn  am  Seil!),  dann  ist
das  auch  keine  Organisation  zu  nennen.  Aber  nur  bei
ganz  Wenigen:  ist  cs,  z.  B.  in  der  Armee,  vorteilhaft,
eine  solche  Gleichheit  tatsächlich  festzuhalten  und  wo  es
unnötigerweise  geschieht,  da  sollte  es  geändert  werden.
Im  großen  und  ganzen  aber  wird  jeder  tunlichst  nach
seinen  Fähigkeiten  verwendet  und  sogar  die  theoretisch
gleiche  Disziplin  ist  in  der  Ausführung  leicht  variiert.
Die  einzelnen  Beispiele  hierfür  sind,  wo  heute  jeder
unser  Heer  aus  ungeschminkten  Berichten,  wenn  nicht
        <pb n="16" />
        20

L  Die  Grundurteile  der  Politik.

aus  eigenem  Erlebnis,  kennt,  überflüssig.  Negativ  aber
sieht  man  an  dem  Versagen  der  Organisation  bei  der
Lebensmittelversorgung,  wo  es  nicht  gelang,  Erzeuger,
Vermittler,  Verkäufer  und  Verbraucher  genügend  in
den  Dienst  der  Sache  zu  stellen,  wie  nötig  Disziplin
zum  Blühen  von  Organisationen  ist.
Freiheit  ist  ein  unklarer  Begriff  und  dazu  noch  ein
im  Grunde  negativer,  der  einer  lveiteren  Bestimmung
bedarf,  wovon  man  eigentlich  frei  sein  will  oder  kann.
Will  man  ihn  wertvoll  theoretisch  benützen,  so  muß  man
suchen,  ihm  einen  positiven  Inhalt  zu  geben,  wenn  er
auch  nicht  auf  alle  Anwendungen  dieses  wandlungsfähigen ­
  Schlagwortes  paßt.  Ich  finde,  es  ist  der  objektivierende ­
  Ausdruck  für  das  menschliche  Ich,  die  Persönlichkeit, ­
  oder  den  Willen;  also  eine  Ausstrahlung  des
Ich,  Betätigung  der  Persönlichkeit,  Raum  für  den
Willen.  Kann  der  Mensch  sich  irgendwie  wollend  betätigen, ­
  so  fühlt  er  sich  frei;  zwar  nicht  unbedingt  und
unbegrenzt,  aber  doch  in  irgend  einer  Beziehung.
Völlig  unfrei  ist  etwa  der  Gefangene  in  Einzelhaft
oder  der  Schwerkranke;  es  bleibt  kaum  ein  Spielraum
für  seinen  Willen  und  auch  seine  Betätigung  ist  ihm  vom
Aufseher  oder  Arzt  genau  vorgeschrieben.  Politisch
jedenfalls  hat  Freiheit  einen  solchen  positiven  Sinn;
politische  Freiheit  (was  Schiller  im  Don  Carlos  „Gedankenfreiheit" ­
  nannte)  ist  die  Möglichkeit,  sich  im
Staate  handelnd  zu  betätigen.
Daneben  freilich  schwingt  meist  ein  anderer  Gedanke
mit,  besonders  beim  rhetorischen  Gebrauch  dieses  Zauberwortes; ­
  der  völliger  Willkür,  persönlichsten  Beliebens, ­
  populär  etwa:  tun  zu  können,  „was  man  mag".
So  etwa,  wie  der  Einzelne  spazieren  gehen  kann  oder
        <pb n="17" />
        I.  Die  Grundurteile  der  Politik.

21

nicht,  etwas  kaufen  oder  nicht,  ein  Buch  lesen  oder  nicht
usw.  Dabei  denkt  man  sich  frei  von  jeder  Rücksicht  auf
Andere,  von  jeder  Beeinflussung,  von  jeder  Art  von
Regel,  Gesetz  und  Zwang.  Hier  fingiert  das  Ich  einen
Zustand,  als  sei  es  allein  in  der  Welt,  denn  schon  die
Existenz  eines  zweiten  Menschen  im  selben  Raume
beschränkt  diese  völlige  Willkür.  Politisch  kann  dieser
Freiheitsbegriff  im  Grunde  nie  genannt  werden,  da
Politik  die  Beziehungen  vieler  Menschen  zueinander
behandelt.  Aber  bei  den  einzelnen  Freiheiten  (Glaubens-, ­
  Gewissens-,  Denk-,  Lehrfreiheit,  Freizügigkeit, ­
  Gewerbefreiheil  usw.)  spielt  diese  Seite  der  Sache
sicher  eine  große  Rolle.  Alle  diese  Begriffe  betreffen
zwar  tatsächlich  eine  Abgrenzung  von  Rechten  und
Pflichten,  keiner  davon  gilt  völlig  uneingeschränkt,
überall  erstrebt  man  praktisch  nur  eine  möglichst  große
Freiheit.  Aber  die  allgemeine  Freude  an  dem  Wort
(z.  B.  in  der  Dichtung)  wäre  nicht  so  groß  und  ungetrübt, ­
  wenn  man  sich  diese  Relativität  stets  vergegenwärtigte ­
  und  nicht  wenigstens  die  Fiktion  völliger  Unabhängigkeit ­
  dabei  aufrecht  erhielte.
Organisation  nun  schließt  Willkür  unbedingt  aus
und  damit  die  zweite  Form  der  Freiheit;  dagegen  verlangt ­
  sie  sehr  viel  Betätigung  und  Willen  nicht  nur  vom
Organisator,  sondern  auch  von  den  Teilnehmern.
Einfacher  mechanischer  Gehorsam  führt  nie  zu  lebensvollen ­
  Organisationen,  so  wenig  als  man  Leute  dazu
brauchen  kann,  die  tun  wollen,  was  sie  mögen.  Über
einen  Zweck,  ein  Ziel  im  großen  oder  eine  Ausgabe
muß  man  sich  eben  einig  sein,  ehe  man  organisiert;
man  kann  dies  nicht  ins  Blaue  hinein,  sondern  mit
bestimmter  Marschroute.  Innerhalb  einer  Aufgabe  oder
        <pb n="18" />
        22

I.  Die  Gmndurteile  der  Politik.

Leistung  sind  stets  noch  viele  Glieder  (analog  den  Organen) ­
  gegeben  und  nötig,  die  als  lebendige  Menschen
ihren  Willen  in  den  Dienst  der  gemeinsamen  Sache
stellen  müssen;  und  so  lautet  die  Formel  für  die  Organisation:
  Freiheit  in  Gebundenheit.
Das  läßt  sich  sogar  an  einer  menschlichen  Leistung
erweisen,  die  wohl  die  meiste  Freiheit  in  der  Form  von
Willkür  enthält,  an  der  Kunst.  Der  Künstler  muß  sein
Ich  sehr  stark,  wenn  auch  nicht  völlig  schrankenlos,  walten ­
  lassen,  und  es  sind  zunächst  nicht  seine  Mitmenschen,
  die  ihn  beschränken.  Dagegen  ist  alle  auf  die
Reproduktion  angelegte  Kunst  voller  Beispiele  für
Organisation;  eine  Theater-Aufführung  mit  ihrer
Rollen-Verteilung,  ein  Orchester  sind  geradezu  Typen
davon.  Und  der  schaffende  Künstler,  der  die  entsprechenden ­
  Formen  wählt,  muß  darauf  Rücksicht  nehmen;
freilich  der  Lyriker  nicht,  noch  der  Porträtmaler  usw.
Alle  Merkmale  der  Organisation  finden  sich  aber  dort
gegeben;  nicht  jeder  kann  erste  Geige  spielen,  nicht
jeder  die  Hauptrollen.  Aber  jeder  bis  zum  letzten  muß
eine  gewisse  Freiheit  in  den  Dienst  des  Ganzen  stellen;
lediglich  mit  Kommando  geht  es  da  so  wenig  als  nur
mit  Willkür.  Es  ist  ein  klarer  und  deutlicher  Kompromiß ­
  von  Eigentun  und  Gebundenheit.
Im  Weltkrieg  sind  die  Rollen  in  dieser  Beziehung  so
ziemlich  schematisch  verteilt;  alle  Völker  erstreben
Organisation,  besonders  in  allem,  was  dem  Kriege
4  selbst  dient,  dann  aber  auch  für  die  Leistungen  der
!  Zivilbevölkerung  (Brotkarte,  Ersparnisse;  aber  auch
.  soziale  Fürsorge  aller  Art).  Der  Russe  gibt  viel  zu  viel
:  Gebundenheit  in  die  Mischung,  der  Romane  zu  viel
Willkür;  der  Deutsche  sucht  den  Ausgleich  und  hat
        <pb n="19" />
        I.  Die  Grundurteile  der  Politik.

23

darum  im  ganzen  die  beste  Organisation.  Der  Romane
liebt  außerordentlich  wenigstens  den  Schein  der  Willkür ­
  aufrechtzuerhalten  und  auch  wenn  er  sich  notgedrungen ­
  zum  Zwang  entschließt,  gibt  er  ihm  noch  gern
den  Schimmer  der  Freiheit^.  Der  Deutsche  ant  meisten
wagt  es,  der  Notwendigkeit  der  Organisation  furchtlos ­
  ins  Auge  zu  sehen  und  das  Opfer  an  Willkür  bewußt ­
  zu  bringen,  das  die  Aufgabe  erfordert,  die  füralle
  Glieder  gemeinsam  (nicht  gleich)  ist.
Dabei  soll  die  Persönlichkeit  durchaus  nicht  zu  kurz
kommen;  im  Gegenteil:  ihr  Eigenwert  wird  durchaus
anerkannt  und  für  eine  gut  funktionierende  Organisation ­
  ist  sie  ganz  unersetzlich.  Auch  die  Willkür  kommt
daneben  zu  ihrem  Recht;  alles  und  jedes  kann  ja
nicht  organisiert  werden  und  soll  es  auch  nicht.  Nur
wo  beide  Möglichkeiten  in  Gegensatz  treten  »nd  es  zur
Kollision  kommen  könnte,  dann  verlangt  das  Prinzip
der  Organisation  unbedingt  den  Vorrang  vor  dem
Belieben  des  einzelnen;  wann  das  erforderlich  ist,  kann
nicht  allgemein,  sondern  nur  im  einzelnen  entschieden
werden.  Sind  die  wichtigen  Zwecke  .festgelegt  und
durch  Organisation  sichergestellt  (z.  B.  während  des
Krieges  auch  die  Ernährung  u.  dergl.),  so  kann  um  so
ruhiger  das  übrige,  Unwichtige  der  Einzelwillkür  überlassen ­
  bleiben;  im  Grunde  ist  es  ein  Streit  um  das
Zuviel  oder  Zuwenig,  was  dieser  entzogen  wird  und
da  kann  auch  das  Prinzip  neben  dem  der  Organisation ­
  bestehen,  die  Freiheit  des  einzelnen  niemals
unnötig  zu  beschränken.
Das  Problern  hat  auch  eine  ethische  Seite.  Kant
formuliert  neben  seinem  kategorischen  Imperativ  gelegentlich ­
  auch  folgendes  Gesetz:  „daß  jedes  vernünf-
        <pb n="20" />
        24

I.  Die  Grundurteile  der  Politik.

tige  Wesen  sich  selbst  und  alle  anderen  niemals  bloß
als  Mittel,  sondern  jederzeit  zugleich  als  Zweck  an  sich
selbst  behandeln  solle."  Das  scheint  zunächst  eine  Organisation ­
  unmöglich  zu  machen;  setzt  sie  doch  die  Erreichung ­
  des  Zweckes  unbedingt  über  die  einzelnen  Glieder. ­
  Betont  man  aber  das  Wörtchen  bloß  (nur),  so
kann  der  Satz  sehr  gut  zur  Unterscheidung  von  Mechanismus ­
  und  Organismus  dienen;  in  jenem  ist  der
Mensch  nur  ein  Mittel,  lediglich  ein  Werkzeug  (z.  B.
der  Sklave),  hier  aber  herrscht  die  Überzeugung,  daß
auch  das  Wohl  des  Einzelnen  am  besten  durch  Organisation ­
  bezw.  Erreichung  des  gemeinsamen  Zieles  gefördert ­
  wird  und  der  Einzelne  bleibt  „Persönlichkeit"
und  niemals  willenloses  Mittel.
Eine  ethische  Wirkung  der  Organisation  zeigt  sich
auch  in  dem  eigentümlichen  Gemeinschaftsgefühl,  das
sie  in  ihren  Gliedern  hervorruft:  der  Kameradschaft.
Brüderliche  Gesinnung  kann  man  in  jeder  Lebenslage
zeigen,  auch  als  Galeerensklave;  gemeinsame  Arbeit
erzeugt  stets  eine  Zusammengehörigkeit,  die  lebhaft
gefühlt  wird.  (Genossen,  Kollegen  usw.).  Allein  die
Teilnahme  an  einer  gut  funktionierenden  Organisation, ­
  wie  es  z.  B.  die  Armee  ist,  macht  das  Ineinandergreifen ­
  der  Tätigkeit  deutlich,  bringt  das:  „einer  für
Alle,  Alle  für  einen"  zum  Bewußtsein  und  so  ist  Kameradschaft ­
  in  diesem  engeren  Sinne  keine  Phrase,  denn
sie  wird  z.  B.  im  Kriege  sehr  häufig  in  Handlungen
umgesetzt.  Deshalb  erleben  viele  dabei  diese  Kameradschaft ­
  als  etwas  Neues,  wenn  sie  auch  das  Wort  auch
vorher  schon  oft  gedankenlos  im  Munde  führten;  der
Zweck  des  Ganzen,  die  gemeinsamen  Ziele,  denen  alle
dienen,  indem  sie  sich  selbst  wechselseitig  unterstützen,
        <pb n="21" />
        I.  Die  Grundurteile  der  Politik.  25

treten  int  Kriege  leuchtend  hervor  und  Kamerad  in
diesem  besonderen  Sinne  ist  jeder,  der  an  der  großen
Arbeit  mitgeholfen,  der  Organisation  als  tätiges  Glied
angehört  hat.  Auch  hierzu  gehört  eine  gewisse  Freiheit
  in  der  ersteren  der  erwähnten  Bedeutungen;  der
nur  gezwungen  Mitlaufende  wird  nicht  als  Kamerad
geachtet,  dagegen  der  Wille  zur  Aufgabe  auch  im  Einfachsten ­
  und  Niedrigsten  anerkannt.
Einfacher  als  zu  den  bisher  behandelten  Schlagworten ­
  stellt  sich  die  Beziehung  unseres  Begriffes  zu
den  philosophischen  Denkrichtungen,  die  häufig  auch  in
politischen  Streiten  sich  ausprägen.  So  ist  Organisation ­
  ziemlich  indifferent  gegenüber  den  sonst  sehr
wichtigen  Gegensätzen:  Empirismus  (Historismus)
und  Rationalismus  (Doktrinarismus).  Gewiß  ist  jede
Organisation  ein  Produkt  menschlicher  Vernunft  und
hat  als  solche  etwas  rationales;  aber  damit  verbindet
sich  hier  notwendig  eine  Denkart,  die  die  Ziele  dafür
der  Erfahrung  und  der  Geschichte  entnimmt.  Für  die
Prinzipien  des  Universalismus  und  Individualismus ­
  bildet  unser  Begriff  sogar  eine  Synthese,  in  der
beide  zu  ihrem  Rechte  kommen,  allerdings  mit  einem
gewissen  Vorrang  des  Universalen.  England,  das
klassische  Land  des  Individualismus,  widerstrebt  dadurch ­
  reicher  Organisation;  der  Einzelne  hat  zu  sehr
das  Ideal  seines  persönlichen  Glückes  und  ungebundenen ­
  Lebens  vor  Augen,  als  daß  er  gern  und  leicht
die  Opfer  brächte,  die  jede  Organisation  immerhin
erfordert.  Wo  aber  England  im  Krieg  durch  glückliche
Organisation  überrascht  hat,  ist  es  das  deutsche  vetterliche
  Blut,  das  triumphiert  —  und  die  Nachahmung
unserer  Vorbilder.  Das  Wort  Sozial  ist  so  vieldeutig,
        <pb n="22" />
        26

I.  Die  Grundurteile  der  Politik.

daß  ich  es  lieber  ganz  beiseite  lasse;  eine  ausgeprägte  Art
von  Gemeinschaft  ist  Organisation  sicher,  aber  die  sogen,
soziale  Frage  oder  Fragen  ruhen  meist  auf  ganz  anderen
Problemstellungen  und  können  durch  Organisation
nicht  ohne  weiteres  gelöst  werden.  Die  vielerlei  tatsächlich ­
  bestehenden  Organisationen  auf  sozialenl  Gebiet ­
  sind  historisch  bedingt  und  in  den  Formen  veränderlich. ­

Eine  klare  Entscheidung  aber  ergibt  sich  wieder  für
den  Gegensatz  von  Optimismus  und  Pessimismus;
Organisation  erfordert  sicher  einen  guten  Teil  von
ersterer  Denkart,  denn  sie  hofft  ja  bestimmt,  durch  sich
selbst  künftige  Ziele  und  Pläne  wirkungsvoll  zu  fördern. ­
  An  die  Spitze,  zum  Organisator,  taugt  nur,  wer
Optimist  ist  in  dem  Sinne,  daß  er  an  die  Sache,  ihre
Wichtigkeit  und  ihre  Durchführbarkeit,  die  nie  zu  beweisen ­
  ist,  glaubt.  Das  erhärtet  der  Krieg  tausendfach
und  es  bedarf  kauni  der  Beispiele.  Vertrauen  in
menschliche  Leistung  ist  für  Organisation  unentbehrlich. ­
  Wiederum  verzichte  ich  auf  den  Begriff  eines
Idealismus,  weil  er  so  vieldeutig  und  unklar  ist,
daß  er  eines  eigenen  Buches  bedürfte.
So  ergäben  sich  noch  diejenigen  Konsequenzen  zur
Erörterung,  die  sich  aus  unseren!  Begriff  für  bestimmte
politische  Grundurteile,  insonderheit  über  den  Staat,
ergeben.  Die  Schlagworte  und  Richtungen  haben
zwar  als  Ausdruck  ganz  allgemeiner  Unterschiede  einen
gewissen,  vor  allem  rhetorischen  Wert,  aber  wirkliche
politische  Stellungnahme  und  Überzeugungen  vermögen ­
  sie  niemals  zu  begründen,  weil  sie  im  Grunde
nur  leere  Hülsen  ohne  greifbaren  Inhalt  sind.  So
haben  sich  auch  die  politischen  Parteien  zwar  von  jeher
        <pb n="23" />
        I.  Die  Gmudurteile  der  Politik.

27

ihrer  bedient,  sind  aber  darum  doch  nie  aus  diesen
Schemata  zu  begreifen.  Ein  lebendiger  Inhalt  kommt
nur  durch  bestimmte  Urteile  über  einzelne.  Probleme
in  diese  hinein,  deren  Mannigfaltigkeit  viel  größer  ist
und  von  Erfahrung  und  Leben  abhängt.  Daher  sind
sie  nicht  mehr  rein  rationalistisch,  sondern  ruhen  auf
Tatsachen  und  der  Auswahl  unter  diesen,  die  wir
Werte  nennen.  Von  da  ergibt  sich  stets  der  Übergang
zum  Sollen  und  zur  Norm,  so  auch  bei  unserem  Begriff
und  wir  wollen  im  folgenden  die  Organisation  als
eine  solche  betrachten  und  zusehen,  was  sich  ergibt,
wenn  sie  als  normativer  Wert  gelten  soll.  Das  kann
aber  in  Kürze  nur  in  den  w  i  ch  t  i  g  st  e  n  politischen  Grnndurteilenb
  geschehen,  da  eine  Vollständigkeit  hier  weder
erreichbar  noch  wünschenswert  erscheint;  Konsequenzen
auf  abliegendere  Fragen  ergeben  sich  leicht,  sobald  ein
Prinzip  feststeht  und  an  den  hauptsächlichsten  klargestellt ­
  ist.
Uralt  ist  der  Streit  über  die  Entstehung  des  Staates, ­
  ob  man  sie  sich  atomistisch  durch  den  Zusammenschluß
  Einzelner  vollzogen  denkt,  oder  ob  er,  wie  schon
Aristoteles  lehrte,  aus  Familien  bchteht,  also  mehr
molekular  aus  Menschengruppen.  L&amp;gt;eine  eigentliche
Schärfe  aber  bekam  dieser  Gegensatz  zu  allen  Zeiten
durch  die  Gedanken  des  Zweckes,  des  Rechtes,  des
Sollens,  die  man  mit  genetischen  Theorien  oder  bewußten ­
  Fiktionen,  wie  der  sogen.  Vertragstheorie,  die
einen  historisch  niemals  nachweisbaren  Staatsvertrag
an  den  Anfang  setzt,  zu  stützen  unternahm.  Dann  heißt
das  Problem:  ist  der  Einzelne  um  des  Staates  willen
da,  oder  dieser  um  des  Einzelnen  willen;  hat  der  Einzelne ­
  das  ursprüngliche  Recht  und  ist  er  der  Endzweck,
        <pb n="24" />
        28

I.  Die  Grundurteile  der  Politik.

oder  ist  die  Gruppe  (Familie,  Gemeinde,  Stamm  in
steigendem  Maße)  Selbstzweck  und  soll  man  also  den
Staat  betrachten  als  Verkörpernng  eines  Ideals  oder
als  Mittel  zu  anderen  Zwecken.
Hier  scheiden  sich  besonders  scharf  englische  und
deutsche  Staatsauffassung,  verwischt  und  verwirrt
durch  die  Lehren  der  französischen  Revolution  vorn
Staatsvertrag  und  den  Menschenrechten.  Englisch  ist
der  Gedanke  der  Wohlfahrt  des  Einzelnen  als  letzten
Zweckes  aller  Ethik  und  Politik,  deutsch  im  Grunde  die
Überordnung  der  Gemeinschaft  und  das  eigene  Recht
des  Staates.  Aber  wir  haben  jene  Revolutionstheorien, ­
  einen  Fremdkörper,  wie  so  vieles  andere,  gedankenlos ­
  übernommen,  obwohl  sie  der  uns  gemäßen
Grundauffassung  völlig  widersprechen.  Zwar  die
Vertragstheorie  wurde  bald  als  Fiktion  erkannt  und  behandelt ­
  und  damit  unschädlich  gemacht;  denn  sobald
inan  den  Staat  nur  ansieht,  als  ob  er  ein  Vertrag  sei
und  sich  nicht  einbildet,  ein  solcher  liege  jenials  wirklich
zugrunde,  läßt  sich  allerlei  auch  für  die  deutsche  Staatsauffassung
  daraus  folgern.  Anders  aber  bei  dem  noch
immer  liebend  gehegten  Gedanken  der  Menschenrechte. ­

Fängt  man  damit  an,  daß  der  Mensch  durch  die
bloße  Tatsache  seiner  Geburt  irgendwelche  Rechte
erwirbt,  so  kann  der,  der  ihm  diese  erfüllen  soll,  eben
nur  der  Staat  sein;  dieser  wird  verpflichtet  und  das
Verhältnis  ist  von  Anfang  so:  der  Einzelne  hat  Rechte,
der  Staat  aber  die  Pflicht  ihn  glücklich  zu  machen.
Das  führt  konsequent  nur  zu  dem  englischen  Ideal  und
einer  Auffassung,  die  in  dem  Staat  eine  große  Wohlfahrtsanstalt ­
  oder  Nützlichkeitsinstitution  sieht;  könnte
        <pb n="25" />
        I.  Die  Grundurteile  der  Politik.  29

man  ihn  im  Interesse  des  Einzelnen  entbehren,  so  hätte
der  Staat  selbst  keine  Berechtigung,  und  so  kann  auch
Anarchie  ein  Ideal  werden,  das  nur  praktisch  leider
unmöglich,  an  sich  aber  doch  ganz  hübsch  wäre.  Nur
weil  es  nicht  anders  geht,  muß  man  zusammenwirken,
weil  nian  selbst  dabei  am  besten  fährt,  sich  klugerweise
gelegentlich  rulterordnet  ohne  jemals  die  letzte  Position ­
  seines  Ich  aufzugeben.  Ein  Opfer  dieses  Ich  für
das  Wohlfahrtsinstitut  ist  dann  itn  Grunde  sinnlos;
denn  woher  käme  dazu  die  Pflicht,  wenn  alles  im  Grunde
auf  das  Wohl  des  Einzelnen  hinausläuft?  Die  englische ­
  Ethik  ist  nie  über  diesen  Widerspruch  hinausgekommen, ­
  weil  es  der  sogen.  Utilitarismus  oder  Hedonismus ­
  theoretisch  nicht  vermag.
Umgekehrt  muß  deutsche  Staatsauffassung  mit  der
Pflicht  beginnen  und  Rechte  sich  erst  aus  Leistungen
entwickeln  und  auf  sie  begründen  lassen.  Dem  Menschen ­
  erwächst  durch  seine  Geburt  in  einen  lebenden
Kulturstaat  zu  allererst  eine  Pflicht  gegen  diesen,
denn  alle  die  Vorteile,  die  er  etwa  vor  dem  Kind  eines
Wilden  voraus  hat,  wozu  auch  seine  Anlagen  und  ererbten ­
  Fähigkeiten  gehören,  verdankt  er  nur  der  bestehenden ­
  Gemeinschaft.  Nur  in  einem  Kulturstaat
konnten  seine  Voreltern  und  Eltern  diejenigen  Eigenschaften ­
  erwerben,  die  sie  ihm  dann  vererbten;  das
geistige  Ich  existiert  gar  nicht  ohne  den  Staat,  in  dem
es  erwuchs;  die  Anlagen  des  Menschen,  die  er  mitbringt, ­
  sind  schon  von  Staates  Gnaden.  Menschen  an
sich  gibt  es  gar  nicht,  wenigstens  z.  B.  in  Europa  nicht,
höchstens  auf  einer  tvüsten  Insel;  der  bei  uns  Geborene
empfängt  von  der  Gemeinschaft  bereits  Gaben,  sobald
er  atmet,  und  hat  dafür  eine  Verpflichtung,  nicht  ein
        <pb n="26" />
        30

I.  Die  Grundurteile  der  Politik.

Recht,  und  der  Deutsche  ist  nur  als  solcher  eine  Persönlichkeit, ­
  nicht  als  Jndividuutu  im  Weltall.
Die  zu  seinem  Leben,  Gedeihen  und  Erziehung
nötigen,  unentbehrlichen  Ansprüche  hat  nicht  er,  der
Neugeborene,  erworben,  sondern  seine  Eltern  als
Staatsbürger;  sie  sind  die  Träger  der  Rechte  gegenüber
dem  Staat  auch  für  ihre  Nachkommenschaft,  weil  sie
dem  Staate  schon  etivas  geleistet  haben.  Denn  mit
dem  Augenblick  nützlicher  Tätigkeit  innerhalb  eines
Kulturstaates,  als  sein  Glied  und  Teil,  werden  sofort
Rechte  erworben  (auf  Existenz,  Schutz,  Wohlfahrt
usw.),  weil  die  erste  Pflicht  gegen  den  Staat,  in  ihn,
und  an  ihni  mitzuarbeiten,  erfüllt  wird.  Das  Kind  und
der  Jüngling,  die  noch  nichts  leisten  können*,  zehren
solange  von  den  erworbenen  Rechten  ihrer  Eltern,  bis
sie  erwachsen  sind.  Dies  Wechselspiel  von  Pflicht  und
Recht  beginnt  hier  mit  jener,  nicht  mit  den  Menschenrechten, ­
  die  übrigens  dem  Kind  ohne  einen  .Kulturstaat
auch  gar  nichts  nützen  würden.
Gegenüber  diesem  hier  möglichst  scharf  herausgearbeiteten ­
  Gegensatz,  der  Auffassungen  spricht  nun  das
Prinzip  der  Organisation  klar  und  unbedingt  für
die  zweite,  die  deutsche,  Auffassung.  Zwar  sehen  wir
Organisationen  täglich  vor  unseren  Augen  aus  Einzelnen ­
  entstehen;  sobald  man  aber  den  Zweckgedanken
hinzunimmt,  ohne  den  sie  sinnlos  ist,  gilt  von  der  Organisation ­
  genau  das,  was  Aristoteles  vom  Staate  sagt,
daß  er  seinen!  innersten  Wesen  nach  früher  ist,  als  (die
Familie  und)  der  Einzelne.  In  demselben  Sinne,
nicht  geschichtlich  früher,  sondern  als  Idee;  die  Organisation ­
  samt  ihrem  Zweck  wird  zuerst  gedacht,  ehe  man
Teilnehmer  dafür  wirbt.  Der  Wert  des  Zusammen-
        <pb n="27" />
        1.  Me  Grimdurteile  der  Politik.

31

Wirkens  und  der  Gemeinschaft  überragt  dabei  unbedingt ­
  den  des  Einzelnen  und  hat  das  erste  und  höhere
Recht;  der  Einzelne  aber  erwirbt  Rechte  nur  durch  seine
Leistung  in  und  für  die  Organisation  —  genau  wie  bei
der  zweiten  Staatstheorie.  Erfassen  jener  und  ihrer
Geltung  ist  eine  Vorschule  für  diese  und  ihre  dauernde
Bestätigung.
Derartige  Erwägungen  führen  unweigerlich  zuletzt  zu
der  sogen,  organischen  Staatstheorie,  der  man  am  besten
die  Fassung  gibt:  der  Staat  ist  die  Organisation  des
Volkslebens.  Nicht  aber:  der  Staat  ist  ein  Organismusft
  denn  das  Bildliche  des  Ausdrucks  bleibt  auch
beini  Staat,  der  nie  ein  Organismus  sein,  nur  mit
einem  solchen  verglichen  werden  kann.  Dagegen  wird
in  ihm  das  ganze  Volk  genau  in  demselben  Sinne
organisiert,  wie  eine  Anzahl  Menschen  bei  einer  der
vielfachen  Einzelorganisationen.  Ausgeschlossen  ist  dann
die  atomistische  Zusammensetzung  des  Staates  aus
gleichartigen  Teilen;  streng  behauptet  das  Zusammenwirken ­
  des  Verschiedenen  in  ihm.  Ausgeschlossen  die
mechanische  Auffassung  aller  Leistungen  oder  Funktionen ­
  in  und  für  ihn;  festgehalten  das  dem  lebendigen
Organismus  gleichende  Wachsen,  Blühen,  Sichentwickeln.
  Der  Gedanke  wird  zur  Norni;  der  Staat
soll  als  eine  Organisation  angesehen  und  behandelt
werden  und  darf  nicht  als  Sunime  gelten,  denn  er  ist
etwas  anderes  und  inehr  als  die  Teile.
Vieles  folgt  dann  daraus,  was  hier  nur  angedeutet
werden  kann.  Als  Gesamtzweck  der  großen  Volksorganisation ­
  kann  man  bezeichnen  die  Erhaltung  eines
bestimmten  historisch  gewordenen  Kulturzustandes  und
die  Entwicklung  auf  ein  daraus  abgeleitetes  Kultur ­
        <pb n="28" />
        32

I.  Die  Grundurteile  der  Politik.

ideal  zu.  Zu  diesem  gehört  vieles;  Religion  und  Wissenschaft, ­
  Recht  (Rechtsstaat),  Sprache  und  Sitte,  Kunst
und  edlerer  Lebensgenuß;  unentbehrlich  dafür  sind
Ausdehnung,  Macht  und  Ansehen  (bei  den  anderen)
des  Staates.  Die  Gestaltung  im  einzelnen  ist  nie  rationalistisch ­
  beliebig,  sondern  historisch  bedingt  und  das
Gewordene  stets  konstituierend,  das  ideelle  nur  regulativ ­
  die  Entwicklung  bestimmend  usw.  Zu  solchem
Zweck  sind  offenbar  nicht  alle  Glieder  gleich  wichtig
und  nötig,  ganz  wie  die  Glieder  im  Organismus  auch',
wie  sie  auch  nicht  gleiche  Leistungen  verrichten.  Man
kann  wohl  Hand  oder  Fuß,  nicht  aber  Kopf  oder  Herz
verlieren,  ohne  das  Leben  zu  gefährden.  Es  ergibt  sich
eine  Wertabstufung,  die  bei  einer  Organisation  als
„natürlich"  und  vernünftig  zu  gelten  hat,  deren  Beseitigung ­
  also  nicht  anzustreben  ist,  sondern  ein  Unglück
wäre.  Was  in  einem  Zeitpunkt  an  Wert  bezw.  Wichtigkeit ­
  überragt,  ist  zudem  auch  historisch  bedingt,  je
nachdem  ein  „Kulturteil"  vernachlässigt  wurde  und  in
der  Entwicklung  zurückblieb.
Man  wird  ferner  die  Gedanken  des  Fortschritts
und  der  Entwicklung  „organisch"  auffassen,  das  heißt
als  einen  allmählichen  Ausbau  und  eine  Vervollkommnung ­
  des  Bestehenden.  Kein  Organismus  zeigt  in
seinem  Leben  plötzliche  fundamentale  Umwälzungen;
ist  das  Wachstum  auch  nicht  in  strengem  Sinne  stetig,
sondern  periodisch  und  ruckweise,  so  doch  niemals  in
völlig  anderer  Richtung  oder  anderem  Sinne  als  bisher. ­
  Was  für  den  Organismus  die  Art  und  Anlage,
das  ist  für  den  Staat  völkische  Eigenart  und  historische
Entfaltung;  der  gedeihliche  Fortschritt  zeigt  Perioden,
erfolgt  auch  durchaus  nicht  auf  allen  Gebieten  der
        <pb n="29" />
        L  Die  Gruudurteile  der  Politik.

33

Staatsfürsorge  gleichzeitig  oder  gleichmäßig;  immer
aber  läßt  sich  eine  große  Linie  festhalten,  die  auf  ein
bestimmtes  Kulturideal  hinweisend  den  einzelnen  Änderungen ­
  Rückgrat  und  „Organisation"  gibt.  Die  Reform, ­
  einfacher  Verbesserung,  ist  die  Art  organischen
Fortschreitens  im  Staat,  die  einzelnes  grundsätzlich
Neues  kennt,  aber  auch  willkürliche  Sprünge  und  katastrophale ­
  Änderungen  zu  vermeiden  sucht.  Entwicklung ­
  beim  Staat  bedeutet  dann  mehr  eine  Auswicklung
völkischer  Möglichkeiten  und  Fähigkeiten  als  das  Ergreifen ­
  von  dem  eigenen  Wesen  fremden  Zielen  und
ihm  nicht  gemäßen  Aufgaben.
Auch  für  die  besondere  Gestaltung  des  Staates
läßt  sich  aus  seiner  Bestimmung  als  einer  Organisation
manches  gewinnen.  Man  kann  nicht  gerade  die  Monarchie ­
  damit  beweisen,  aber  den  Fürsten  leichter  als  ober-'
sten  Organisator  denken  als  irgend  eine  Mehrzahl  von
Personen;  und  ein  Zufall  ist  es  sicher  nicht,  daß  in  dem
monarchisch  gesinnten  Deutschland  auch  die  Organisationen ­
  am  besten  gedeihen.  Weder  die  Herrschaft  der
größten  Zahl,  noch  die  einer  einzelnen  Klasse  entspricht
dem  Organisationsprinzip,  wohl  aber  das  Ineinandergreifen ­
  und  Arbeiten  sehr  verschiedener  „Stände",
besser  etwa  Tätigkeitsgruppen.  Man  kann  dabei  das
alte  Bild  des  Menenius  Agrippa  modernisieren  und  die
Glieder  mit  solchen  sozialen  Gruppen  vergleichen,  wird
aber  dabei  kann«  mehr  wie  jener  einen  modernen
„Senat"  gerade  zum  Magen  in  Parallele  setzen.  „Sozial" ­
  ist  natürlich  jede  Organisation  im  Gegensatz  zu
egoistischem  Einzelleben;  aber  extreme  sozialistische  .
Gleichmacherei  und  Nivellierung  aller  Unterschiede
widerspricht  dem  Gedanken  der  Organisation  durch-  .
v.  d.  Pfordten,  Organisation.  3
        <pb n="30" />
        34

I.  Die  Grundurteile  der  Politik.

H  aus.  Doch  ist  es  nie  gut,  einen  Vergleich  zu  Tode  zu
Hetzen;  so  kann  man  auch  aus  diesem  zwar  viel  wertvolles, ­
  nicht  aber  eine  vollständige  Staatstheorie  abzuleiten ­
  unternehmen.
Zu  anderen  politischen  Ideen  verhält  sich  das  Organisationsprinzip
  mehr  indifferent;  so  zil  dem  speziellen
deutschen  Problem  der  Stämme  untereinander  ini
Staate.  Dem  ganzen  deutschen  Volk  ohne  weiteres
scheint  es  nicht  angeboren  zu  sein;  denn  vor  über  hundert ­
  Jahren  sprach  z.  B.  Frau  von  Stadl  in  ihrer  sonst
wohlwollenden  Kritik  dem  Deutschen  das  Talent  zur
Organisation  rundweg  ab.  Damals  war  Preußen  noch
klein,  norddeutsche  Art  noch  nicht  führend,  und  es
stimmt  mit  anderen  Beobachtungen  überein,  daß  es
speziell  niederdeutsche  Wesensart  ist,  die  zur  Organisation ­
  drängt.  Es  ist  der  preußische  Einschlag  in  deut-)
  sches  Wesen,  der  ihre  Blüte  gezeitigt  hat,  womit  nicht
gesagt  ist,  daß  es  oberdeutsche  Stämme  nachher  nicht
\  ebenso  gut  verständen,  zu  organisieren.  Aber  der  Anstoß ­
  scheint  uns  vom  Norden  zu  kommen  und  zu  dem
Anteil  Eisen  ins  deutsche  Blut  zu  gehören,  der  zu  unserer
Machtentfaltung  unerläßlich  war.
Auch  für  den  großen  Gegensatz  des  reinen  Nationalstaates ­
  zum  gemischten  Kulturstaat  läßt  sich  von
unserem  Prinzip  aus  zwar  keine  Entscheidung,  aber
doch  ein  Streiflicht  gewinnen.  Wenn  tatsächlich  die
fremden  Elemente  im  deutschen  Reich  und  besonders
in  Österreich  sich  so  wohl  fühlen,  daß  sie  gar  nicht  „erlöst" ­
  sein  wollen,  wie  dies  der  Krieg  vielfach  gezeigt
hat,  so  ist  das  vielleicht  mehr  guter  „Organisation"  als
sonstigen  einzelnen  Kulturfaktoren  zu  verdanken.  Man
denkt  in  bezug  auf  das  Gewinnen  und  Festhalten  sol-
        <pb n="31" />
        I.  Die  Grundmteile  der  Politik.

35

8»

cher  ftammesfremder  Staatsglieder  zuviel  und  gern  an
hierfür  Nebensächliches,  Kunst,  Sitte  und  Lebensgenuß
aller  Art,  der  meist  nur  eine  dünne  Oberschicht  zn  berühren ­
  vermag.  Aber  eine  starke  und  gesunde  Organisation ­
  der  Arbeit  einer  Provinz  ist  wahrscheinlich
das  stärkste  Mittel,  sich  solche  nicht  homogenen  Bestandteile ­
  einzugliedern;  fremde  Volksteile  werden  durch
Organisation  anr  sichersten  verschmolzen,  neben  der
ihre  Eigenart  gerade  in  jenen  anderen  Kulturgebieten
ruhig  bestehen  kann.  Spüren  solche  zuerst  „unterworfenen" ­
  Staatsglieder  die  Kraft  und  den  Vorteil  lebendiger ­
  Organisation,  so  bildet  das  ein  Band  für  das  Staatsganze, ­
  unscheinbarer  und  glanzloser  zwar,  als  manch
sonstiges  Knlturgepränge,  aber  um  so  dauernder  und
ivertvoller.  Das  glaube  ich,  läßt  sich  aus  den  Erfahrungen ­
  des  Weltkrieges  einleuchtend  machen  und  als  letzte
nicht  unwichtige  Bedeutung  des  Prinzips  der  Organisation ­
  behaupten.
        <pb n="32" />
        II.  Akratie  und  Aristagie.

Diese  neugebildeten  Worte"  erinnern  jedermann  unwillkürlich ­
  an  zwei  ähnliche,  die  noch  häufig  als  vollgültig ­
  gebraucht  werden:  Anarchie  und  Aristokratie. ­
  Besonders  dieser  hat  eine  so  wichtige  Rolle  in  der
Politik  gespielt,  daß  seine  spezielle  Beleuchtung  vom
Prinzip  der  Organisation  aus  eine  eingehende  Betrachtung ­
  verdient.  Aber  auch  im  ersten  steckt  ein  Kern  von
Wertvollem,  der  nur  herausgeschält  zu  werden  braucht;
beide  aber  entsprechen  meines  Erachtens  nicht  mehr
möglichen  Kulturzuständen  und  sollten  daher  durch  die
neugebildeten  ersetzt  werden.  Wie  man  Maschinen
wegwirft,  die  den  Anforderungen  neuester  Technik
nicht  mehr  entsprechen,  so  sollte  man  auch  Worte  fallen ­
  lassen,  die  sich  als  unbrauchbare  Hilfsmittel  des
Denkens  erweisen  lassen,  denn  Schlagworte  veralten
so  gut  als  Werkzeuge.
Um  das  einzusehen,  braucht  man  nur  eine  große
Organisation  ins  Auge  zu  fassen,  die  wir  alle  heute  für
bewährt  erklären,  unsere  Armee.  Von  Anarchie  kann
keine  Rede  sein,  aber  ebensowenig  von  aristokratischem
Charakter  unseres  Heeres,  noch  von  demokratischem.
Es  muß  dieser  Organisation  ein  Prädikat  eigen  sein,
das  zwischen  beidem  liegt  —  das  Wesen  unserer  Armee
        <pb n="33" />
        II.  Akratic  und  Aristagie.

37

ist  aristagisch.  Bedenkt  man  ferner,  daß  unsere
Gegner  (mit  Ausnahme  Rußlands)  im  Namen  der
Demokratie  gegen  uns  kämpfen,  so  sieht  man  wieder,
daß  wir  ihnen  unmöglich  den  Gedanken  der  Aristokratie
entgegensetzen  können,  denn  er  paßt  durchaus  nicht  für
Deutschlands  innerpolitische  Zustände.  Auch  hier  liegt
die  Lösung  in  deui  neuen  Wort:  Deutschland  ist  aristagisch ­
  organisiert.  Von  zwei  aktuellen  Gedankenreihen
aus  enkpfiehlt  sich  also  zunächst  die  Einführung  dieser
neuen  Begriffsworte.  Eine  Verdeutschung  ist  hier
nicht  vorteilhaft,  etwa  in  „Nichtherrschaft"  oder  „Bestenführung"; ­
  denn  auch  die  zu  verbessernden  und  ersetzenden ­
  zwei  Worte  sind  griechisch,  wie  sehr  viele
dieses  ganzen  Gedankenkreises.  Und,  wenn  richtig  definiert, ­
  haben  Fremdworte  als  Begriffsetiketten  den  Vorteil, ­
  daß  sie  Jdealcharakter  tragen  und  sich  leichter  verschiedenen ­
  Gedankengruppen  anpassen  lassen,  ja  endlich ­
  auch  für  unser  Ohr  klangvoller  und  für  die  Zunge
bequemer  sind.  Eine  Ausmerzung  aller  Fremdworte,
besonders  der  griechischen  und  lateinischen,  ist  kein
wünschenswertes  Ziel  und  würde,  ivenn  durchgeführt,
die  Verständigung  häufig  erschweren,  statt  sie  zu  erleichtern; ­
  so  sind,  um  nur  ein  paar  zu  nennen,  auch
Ethik  und  Pädagogik,  Politik  und  Philosophie,  Theorie
und  Praxis,  wie  hundert  andere,  unserem  Denken
unentbehrlich  geworden.
Manchem  aber  mag  es  völlig  unwichtig  erscheinen,
welche  Namen  oder  Zeichen  man  wählt,  ivenn  man
etwa  ein  „Realpolitiker"  sein  will;  es  handle  sich  ja
doch  um  die  Sache  und  nicht  uni  die  Worte.  Allein  es
läßt  sich  auch  historisch  beweisen,  daß  die  Fassung  der
Begriffsworte  von  größtem  Einfluß  auf  die  Verwirk ­
        <pb n="34" />
        38

II.  Akratie  und  Anstagie.

lichung  der  entsprechenden  Gedanken  und  Ideale  im
Leben  gewesen  ist  und  es  niemals  gleichgültig  war,
wie  die  Schlagworte  lauten  und  klingen,  mit  denen  die
geistigen  Kämpfe  ausgekämpft  werden.  Man  denke
nur  etwa  an  den  Unfug,  der  in  diesem  Krieg  mit  dem
Wort  „Militarismus"  getrieben  worden  ist  und
welchen  ganz  reellen  großen  Schaden  uns  dieser  törichte
Begriff  zugefügt  hat.  Uni  ähnliche  Allgemeinvorstellungen
  und  Jdealbegriffe  aber  handelt  es  sich  in  allen
Staats-  oder  Gesellschaftstheorien,  da  die  Realitäten
dieses  Gebietes  nur  in  Abstraktionen  der  Betrachtungsweise ­
  zugänglich  sind.  Direkt  und  konkret  faßbar  sind
dabei  nur  eine  große  Anzahl  zu  einer  Nation  geeinigter ­
  Menschen,  darunter  Staatsbeamte  und  Behörden
aller  Art,  und  Staatsbürger,  daneben  gedruckte  Gesetze, ­
  Verordnungen  und  Paragraphen  aller  Art.  Sinn
tlnd  Ziel  aller  dieser  Vorkehrungen  und  Ämter,  wie  auch
des  vom  Einzelnen  dazu  Gewünschten  und  Erstrebten,
ist  nur  in  Allgemeinbegriffen  zu  formulieren.  Das
Schellen  auf  die  „Abstraktion"  ändert  daran  gar  nichts,
verschwommene  Intuition  kann  auch  nicht  helfen  und
an  die  abstrakten  Worte  klammert  sich  Zustimmung
wie  Angriff.  Ja  sie  werden  oft  zu  wirklichen  Kräften
und  Zuschlag  oder  Totschlagworten;  so  ist  z.  B.  für  viele
das  Wort  Aristokrat  niit  „ostelbischem  Junker"  durch
feste  Gedankenassoziationen  unlösbar  verbunden;  Anarchie ­
  tmd  Chaos  desgleichen;  und  auch  in  dem  Begriff
„Geistesaristokrat"  bleibt  der  zweite  Teil  als  freiheitsgefährlich ­
  verdächtig.  In  dem  Fortschleppen  alter,  verbrauchter ­
  und  mißbrauchter  Ausdrücke  aber  kann  mehr
reale  Gefahr  für  die  Politik  liegen,  als  die  Verächter
scharfer  begrifflicher  Fassungen  zuzugeben  gewillt  sind.
        <pb n="35" />
        II.  Akratie  und  Aristagie.

3S

Unsere  ganze  Terminologie  auf  diesem  Gebiete
stammt  aus  dem  Griechischen  und  drei  Worte  haben
da  Bedeutung  erlangt,  deren  mir  am  schärfsten  scheinende ­
  Verdeutschmig  ich  daneben  setze:  Kratein:
Gewalt  haben  über  jemand;  Archein:  herrschen;  und
(in  Zusammensetzungen  stets  mit  passivem  Sinn)
Agoge:  die  Leitung,  Führung.  Dagegen  ist  das  diesem ­
  letzten  Wort  zugrunde  liegende  Verbum  Agein:
führen,  leiten,  lenken,  zu  entsprechenden  Bildungen,
wie  die  beiden  ersten,  bisher  nicht  benützt  worden.
In  „Pädagogie"  wird  der  Geführte,  in  der  Monarchie ­
  der  Führende  bezeichnet.
Alle  drei  Worte  haben  das  Gemeinsame,  daß  sie
zwei  Gruppen  von  Menschen  einander  gegenüberstellen: ­
  solche,  die  ein  Ziel,  eine  Richtung  des  Handelns
angeben  und  dadurch  eine  Macht  ausüben  —  und  die
anderen,  die  ihnen  folgen  oder  gehorchen;  die  ersten
sind  dem  Wert,  der  Bedeutung  nach  übergeordnet,
haben  besondere  Rechte  usw.  Der  Gebrauch  dieser
drei  Worte  geht  im  Griechischen  oft  ineinander  über;
seit  sie  zur  Begriffsbildnng  gedient  haben,  kann  man
wohl  feststellen,  daß  sie  eine  Reihe  desselben  Oberbegriffs ­
  mit  abnehmender  Stärke  darstellen:  Kratein
  drückt  das  mögliche  Verhältnis  der  Obergruppe
zur  Untergruppe  am  schärfsten  aus,  Agein  am  schwächsten. ­
  Über  die  beste  Übersetzung  kann  man  streiten;  der
Stärkegrad  für  die  Unterschiede  in  einem  möglichen
Oberbegriffe  (den  man  etwa  mit:  „menschlichem  Willen ­
  Richtung  geben"  zu  treffen  versuchen  kann)
scheint  mir  sicher:  Autokratie  ist  stärker,  die  durch  das
Anführen  erlangte  Macht  am  schärfsten  betonend,  als
Monarchie;  Agein  erinnert  stets  an  die  mildere  Form
        <pb n="36" />
        40

II.  Akratie  und  Aristagie.

der  Leitung,  mit  Anwendung  nur  des  nötigsten  Zwanges. ­

Geht  man  auf  diese  Deutung  ein,  so  ergibt  sich  der
Sinn  der  neuen  Wortbildungen  fast  von  selbst;  speziell
der  erste  negative  Begriff  ist  leicht  klar.  Während  eine
wirkliche,  konsequent  durchdachte  Anarchie  zu  Unmöglichkeiten ­
  führt,  liegt  in  dem  Wort  Akratie'  der  Gedanke, ­
  der  manchem  unerbittlichen  Kopf  die  Anarchie
erträglich  erscheinen  ließ;  ich  denke  da  z.  B.  an  den
christlichen  Anarchisten  Leo  Tolstoj.  „Niemand  soll  absolute, ­
  unbedingte,  uneingeschränkte  Gewalt  über  Leben ­
  und  Tun  eines  anderen  Menschen  haben"  —  so
etwa  möchte  ich  den  Sinn  von  Akratie  in  einen  Satz
auflösen.  Das  ist  dann  nicht  nur  ein  mögliches  Ideal,
sondern  scheint  mir  das  auszudrücken,  was  den  sogen.
Freiheitsbestrebungen  an  realem  Gehalt  entspricht.
Daß  Freiheit  streng  genommen  ein  negativer  Begriff
ist,  wurde  schon  oben  erwähnt  und  kann  als  bekannt
gelten;  das  Wort  bedarf  logisch  stets  eines  Zusatzes:
von  was.  Absolute  Freiheit  ist  ein  metaphysischer  Begriff, ­
  kein  solcher  menschlicher  Gemeinschaft.  Schon  die
gleichzeitige  Existenz  zweier  Menschen  im  gleichen
Raumbezirk  genügt,  um  sie  theoretisch  aufzuheben;
und  ethisch  gefaßt  besaß  sie  nicht  einmal  Robinson  auf
seiner  Insel.  Das  Korrelat  dazu  liegt  im  Kratein;  also
„Freiheit  von  absoluter  Herrschaft,  von  schrankenloser
Gewalt  irgend  eines  anderen  Menschen".  Also  in  letzter ­
  Linie  die  Ausschließung  jedes  absolut  gültigen
Willens;  die  Relativität  aller  einzelnen  Willen;  die
notwendige  Berücksichtigung  auch  der  fremden  Willen.
Diese  Aufstellungen  stehen  natürlich  in  scharfem
Gegensatz  zu  Friedrich  Nietzsches  „Willen  zur  Macht";
        <pb n="37" />
        II.  Akratie  und  Aristagie.

41

Nietzsche  Hai  sich  nie  die  Mühe  genommen,  genau  zu
definieren,  was  er  unter  Macht  versteht,  weder  praktisch ­
  noch  theoretisch.  Hier  wird  dagegen  im  Bereich
der  „Macht"  eines  Willens  über  den  anderen  ein  berechtigtes ­
  (ethisch  wertvolles)  von  einem  unberechtigten ­
  (ethisch  zu  verwerfenden)  Moment  unterschieden;
das  Kratein  ist  böse,  das  Agein  gut;  auch  der  Art
der  Wirkungsweise  eines  Willens  kommt  eine  ethische
Qualität  zu.  Man  kann  auch  die  Form  wählen:  die
Wirkung  durch  Beispiel  und  Anführung  ohne  Gewalt
steht  prinzipiell  höher  als  Unterdrückung  des  fremden
Willens,  die  praktisch  nur  als  notwendiges  Übel  bleibt.
Man  kann  aber  auch  den  Gedanken  geschichtlich  fassen: ­
  mit  steigender  Kultur  wird  das  Kratein  immer
unnötiger;  das  Agein  kann  es  niemals  werden,  solange ­
  eine  Mehrzahl  von  Einzelwillen  gemeinsame
Ziele  zu  lösen  berufen  ist.  Die  Entwicklung  macht  es
sogar  in  immer  stärkerem  Maße  notwendig;  praktisch
erleben  wir  das  in  der  Verwirklichung  sozialer  Gedanken.
So  hoch  auch  Rechte  und  Ansprüche  der  Ungebildeten ­
  und  Niedrigsten  gestiegen  sind,  eine  Führung
bedürfen  sie  doch-und  gerade  diese  am  meisten,  weil
sic  sich  nicht  selbst  helfen  können.  Aber  es  kann  als  ein
soziales  Ideal  der  Satz  aufgestellt  werden:  alle  einzelne ­
  Kratie  ist  aufzuheben;  an  ihre  Stelle  tritt  aber
nicht  die  Erzielung  eines  phantastisch  erträumten  „Gesamtwillens", ­
  sondern  die  Berücksichtigung  und  tunlichste ­
  Ausgleichung  aller  vorhandenen  Willen.  Ein
konsequenter  Akralist  wird  durch  die  Realität  der
menschlichen  Gesellschaft  von  selbst  sozial.
Diese  Verneinung  muß  nun  logischerweise  allen  Formen ­
  einer  Kratie  gellen,  die  sich  ergeben  können;  so ­
        <pb n="38" />
        42

II.  Akratie  und  Aristagie.

wohl  der  Autokratie,  als  der  Ochlokratie  oder  Plutokratie.
  Aber  wie  steht  es  mit  dem  Begriff  der  Demokratie, ­
  der  von  allen  Zusammensetzungen  dieser  Art
am  meisten  in  aller  Munde  ist?  Gerade  er  läßt  sich  als
schon  lange  sinnlos  und  den  heutigen  Verhältnissen
nicht  niehr  entsprechend  erweisen;  und  zwar  was
beide  Teile  des  Wortes  betrifft.  Der  Demos  der
Griechen  war  die  aus  den  freien  Bürgern  bestehende
Volksgemeinde  der  kleineren  Stadtstaaten,  die  so  klein
war,  daß  sie  sich  auf  dem  Marktplatz  versammeln
konnte.  (Von  der  verwaltnngstechnischen  Bedeutung
der  diversen  Demen  ist  hier  natürlich  abzusehen.)  Da
konnte  auch  von  einer  Herrschaft  gesprochen  werden,
nämlich  über  alle  Unfreien,  Sklaven,  Frauen,  Fremde
usw.  Auch  in  einem  heutigen  Dorfe  hat  es  noch  einen
Sinn,  von  einer  Herrschaft  der  Gemeinde  zu  sprechen.
Wir  aber  wenden  das  Wort  gedankenlos  an,  denken
bei  seinem  ersten  Teil  an  das  ganze  Volk,  bei  uns  an
die  siebzig  Millionen  im  deutschen  Reich  vereinigten
Menschen,  und  überlegen  nicht,  daß  dann  nichts  mehr
da  ist,  worüber  das  Volk  herrschen  könnte.
Will  man  etivas  konstruieren,  was  dem  Begriff  einen
Inhalt  gäbe,  so  müßte  man  unter  Demos  heute  nur  die
stimm-  und  ivahlberechtigten  Bürger  verstehen.  Aber
die  Abgabe  eines  Stimmzettels  kann  man  nicht  gut
ein  Kratein,  eine  Machtfunktion  nennen.  Ganz  gezwungen ­
  könnte  man  die  Parlamentsherrschaft  (den  Parlamentarismus) ­
  unter  diesen  Begriff  bringen;  dann
wären  die  Parlamentsmitglieder  der  moderne  Demos,
dessen  Aufgabe  das  Kratein  wäre.  Allein  auch  da  besteht ­
  nicht  einnial  in  der  „freiesten"  Republik  eine
„absolute"  Gewalt;  Ober-  und  Unterhaus,  wie  der
        <pb n="39" />
        II.  Akratie  und  Aristagie.

43

Einfluß  des  Präsidenten  und  seiner  nächsten  Räte  beschränken ­
  einander  gegenseitig  und  höchstens  die  Verhältnisse ­
  des  Schweizer  Kantons  Inner-Rhoden,  wo
sich  die  Landgemeinde  noch  ans  einer  Wiese  versammelt, ­
  böte  ein  wahres  Analogon  zu  den  relativ  einfachen ­
  Zuständen,  in  denen  Wort,  und  Begriff  einer
Demokratie  gebildet  wurde.
Das  „ganze  Volk"  soll  nicht  herrschen,  weil  es  nicht
herrschen  kanM,  auch  bei  den  Griechen  nicht;  und
weil  bei  uns,  in  den  Millionenstaaten  ohne  Sklaverei,
nichts  mehr  da  ist,  über  das  dann  geherrscht  werden
könnte.  Wenn  man  in  der  Art  der  Kantschen  Fragestellung ­
  das  Problem  so  stellt:  ist  Demokratie  möglich
und  wenn,  wie  und  wo  ist  sie  möglich?,  so  kann  man  nur
antworten:  höchstens  in  ganz  kleinen  Verhältnissen;
in  modernen  Millionenstaaten  ist  sie  unmöglich.  Nur
der  gedankenlose  Gebrauch  dieses  Wortes  kann  darüber
täuschen;  jede  wirklich  realisierte  vermeintliche  Demokratie ­
  ist  tatsächlich  eine  Oligarchie  und  man  sollte  nie
fragen,  was  ist  frei,  sondern  welcher  Stand  oder  Gruppe
herrscht  tatsächlich.
Der  Begriff  Demokratie  hat  nun  auch  eine  negative
Seite:  den  Gegensatz  zu  einer  Aristokratie.  Auch  hier
verführ  die  Begriffsbildung  nicht  sehr  logisch;  denn  eine
Kaste  oder  Gruppe  Einzelner  —  mag  man  das  fürwünschenswert
  halten  oder  nicht  —  kann  wenigstens
eine  absolute  Gewalt  ausüben;  eine  Menge  aber  nicht
oder  nur  ganz  indirekt.  Bekennt  man  sich  zu  dem  Ideal
der  Akratie,  so  schließt  das  natürlich  beides  aus;  es  soll
eben  niemand,  unter  welchem  Titel  es  auch  sei,  schrankenlose ­
  Macht  haben.  Diese  allgemeine  Negation
machte  jene  spezielle  unnötig,  die  ihre  historische  Be ­
        <pb n="40" />
        44

11.  Akratie  und  Aristagie.

deutung  gehabt  hat,  eine  theoretische  aber  nicht  mehr  beanspruchen ­
  kann.  Aber  auch  der  Ausdruck:  Geistes  -
Aristokratie  muß  fallen,  denn  auch  Geist,  Bildung  oder
Kenntnisse  sollen  ihren  Besitzer  nicht  berechtigen,  ein
wirkliches  Kratern  auszuüben,  das  eben  kein  Vorzug
irgend  welcher  Art  gestatten  soll.
In  der  Rechtsphilosophie  kann  man  dem  Wort  Demokratie ­
  noch  eine  dritte  Bedeutung  beilegen:  der
Demos  als  Träger  der  absoluten  Staatsgewalt.  Es
bedürfte  längerer  Auseinandersetzungen,  um  zu  zeigen,
daß  dieses  Postulat,  einen  sichtbaren  Träger  aufzufinden, ­
  kein  reelles,  praktisches  Interesse  hat.  Die  „Teilung ­
  der  Gewalten"  ist  längst  in  einer  Weise  im  Leben
dnrchgedrungen,  daß  kein  Element  eines  Staates,  weder
Fürst,  noch  Parlament,  noch  Volk  eine  absolute  Macht
besitzt,  und  nur  eine  solche  soll  mit  dem  Worte  Kratein
abgelehnt  werden.  Die  Staatsgewalt  als  eine  Einheit
gedacht  ist  ein  Abstraktum,  eine  Funktion  des  Volkslebens, ­
  die  nur  einen  idealen  absoluten  Träger  besitzt: ­
  die  Nation  als  Ganzes  gefaßt,  inklusive  eines
Fürsten,  einer  Volksvertretung  oder  der  gerade  stimmfähigen ­
  Bürger.  Das  hier  ini  einzelnen  Charakteristische ­
  und  Wertvolle  wird  weit  besser  mit  anderen  Begriffen ­
  ausgedrückt,  als  mit  deni  unklaren  und  vieldeutigen ­
  der  Demokratie.  Im  übrigen  sollen  diese
ganzen  Betrachtungen  mehr  ethisch-politischer  als  rechtlicher ­
  Natur  sein.
Je  klarer  man  erkennt,  daß  die  Gefahren  schrankenloser ­
  Machtausübung  von  jeder  Seite  drohen  können
und  in  dem  unberechtigten  Streben  nach  einem  Kratein
überhaupt  liegen,  um  so  eher  kann  man  ihnen  wirksam ­
  entgegentreten.  Gefährlich  in  unserer  und  beson ­
        <pb n="41" />
        II.  Akratie  und  Aristagie.

45

ders  der  kommenden  Zeit  ist  die  Pluto  kratie,  die  in
Amerika  schon  blüht;  und  in  den  dort  gewiß  reichlich
angewendeten  demokratischen  Gedanken  hat  sich  kein
Heilmittel  dagegen  gefunden.  Teilweise  gewiß,  weil
man  sich  den  nötigen  Kampf  gegen  jede  Form  einer
Kratie  nicht  prinzipiell  klar  gemacht  hat,  sondern  über
der  scheinbar  „demokratischen"  Form  den  Kern  schrankenloser ­
  Gewalt  in  den  Trustbildungen  usw.  übersah.
Dieser  Kampf  ist  unendlich  schwieriger  in  jeder  Beziehung, ­
  als  das  Köpfen  von  Königen,  das  man  bisher
für  die  höchste  Leistung  selbstbewußter  Demokratie  angesehen ­
  hat.  Daß  die  auf  solche  Erfolge  stolze  Neuzeit
eine  noch  weit  gefährlichere  Form  der  Kratie  aus  sich
erzeugt  hat,  um  so  gefährlicher,  je  schwerer  sie  äußerlich
zu  fassen  ist  und  je  inehr  sie  auf  Glanz  und  Dekoration
verzichtet,  beweist,  daß  Akratie  im  Sinne  von  Kampf
gegen  jede  Kratie  nicht  nur  ein  richtiges,  sondern  auch
ein  dauerndes  Ideal  ist.  Es  wird  seinen  Sinn  nicht
einbüßen,  solange  Menschen  bestrebt  sind,  berechtigten
Einfluß  in  schrankenlose  Macht  umzuwandeln,  sei  es  in
prunkenden  Palästen  oder  —  weit  zäher  oft  —  in  unscheinbaren ­
  Kontoren  und  Direktionszimmern.  Die
rafsinierteste  Form  einer  Kratie,  gegen  die  man  in  Zukunft ­
  raffinierte  Mittel  wird  ersinnen  müssen,  ist  die,
die  man  nicht  fassen  noch  köpfen  kann,  weil  sie  sich  in
unscheinbaren,  pseudo-demokratischen  Masken  zu  verbergen ­
  versteht.
Diese  Auffassung  muß  von  ethischer  Seite  gestützt
werden,  soll  man  sie  nach  ihrer  vollen  Bedeutung
würdigen;  dazu  kann  man  auch  historisch  nachweisen,
daß  es  den  Menschen  niemals  gut  bekommt,  sich  im
Besitz  vollster  Unabhängigkeit  zu  wissen.  Es  ist  das
        <pb n="42" />
        II.  Akratie  und  Ariftagie.

historische  Gesetz  der  Läuterung  und  Veredlung  durch
die  Opposition,  bezw.  die  Nötigung  zu  geistiger  Verteidigung, ­
  wie  es  z.  B.  die  Veredlung  der  katholischen
Kirche  durch  die  Reformation  schlagend  zeigt.  Im  Gegensatz ­
  bekonnnt  es  weder  Päpsten  noch  Fürsten  (Napoleon ­
  I.),  wenn  sie  schrankenlos  herrschen  oder  doch
es  zu  können  glauben;  der  Tyrann  und  Autokrat  galt
schon  dem  Altertum  als  schlechter  Herrscher.  Es  soll
auch  keine  absolute  Weltmacht  im  vollsten  Wortsinn
geben;  auch  keine  geistige  Tyrannei,  keine  alles  überragende ­
  Partei,  noch  absolute  Vorherrschaft  eines
Standes.
Das  Streben  nach  schrankenloser  Gewalt  über
andere  Menschen  ist  eben  im  tiefsten  Grunde  unsittlich; ­
  und  auch  die  Mittel  sind  es,  durch  die  eine  solche
allein  zu  ereichen  ist.  Ein  ethisch  gerichteter  Wille  begehrt ­
  niemals  absolute  Macht  und  es  gibt  auch  keine
„guten"  Mittel  und  Wege,  zu  diesem  Ziele  zu  gelangen. ­
  Normativ,  wie  praktisch  und  psychologisch  betrachtet ­
  ist  ein  solcher  Wille  zu  uneingeschränktem  Unterdrücken ­
  fremden  Willens  unberechtigt  und  zu  verwerfen; ­
  er  widerspricht  den  Prinzipien  menschlicher  Willensfreiheit, ­
  Individualität  und  persönlichen  Wertes.  So
läßt  sich  eine  ganze  Reihe  von  Gedankengängen  in  dem
Begriffe  Akratie  zusammenfassen,  und  das  zeigt  den
Wert  eines  Begriffes,  ob  er  eine  genügende  Zahl
wertvoller  Urteile  in  einem  Worte  auszudrücken  vermag.
Gehen  wir  von  der  schärfsten  Begriffsbildung  des
Kratein  zu  der  nächstmilderen  des  Archein  über,  so
kommen  wir  aus  dem  Gebiet  des  ethisch  Unberechtigten ­
  in  das  des  Berechtigten  und  tatsächlich  Verwirklichten. ­
  Faßt  man  darunter  das  Herrschen  als  Regie ­
        <pb n="43" />
        II.  Akratie  und  Aristsgie.

47

rat,  so  ergibt  sich  ungezwungen  die  mehr  praktische
Seite  dieses  Begriffes  als  Regierungsform.  Dabei
kommt  dann  auch  der  rechtsphilosophische  Begriff  der
Staatsgewalt  und  ihres  Trägers  zu  seiner  teilweisen
Realität,  wenn  man  ihn  auf  die  „oberste"  einschränkt
oder  bestimmte  Machtfunktionen  (Entscheidung  über
Krieg  und  Frieden,  Heereskommando,  Anstellung  der
Beamten  usw.)  damit  verknüpft.
Dann  hat  es  in  Wirklichkeit  aber  immer  nur  zwei
Formen  gegeben,  und  nicht  drei:  Monarchie  und  Oligarchie. ­
  Entweder  der  Bau  des  Staates  gipfelt  in  einem
Einzelnen,  oder  in  einer  kleinen  Gruppe  von  Einzelnen; ­
  etwas  anderes  ist  ja  auch  theoretisch  unmöglich.
Es  ist  denkbar,  daß  alle  Machtfunktionen,  auch  z.  B.
die  oben  erwähnten  in  einer  Monarchie  dem  Monarchen ­
  reservierten,  von  einer  kleinen  Versammlung,
einem  Ministerkollegium  oder  einem  sonstigen  „hohen
Rat"  ausgeübt  werden  und  das  Resultat  auch  da  durch
eine  Abstinrmung  gewonnen  wird  —  aber  sobald  die
Zahl  der  Beratenden  größer  ist,  als  etwa  ein  Dutzend,
werden  sie  die  wirkliche  Entscheidung  einem  Ausschuß
anvertrauen  müssen,  damit  sich  ein  fester  Wille  ergibt.
Republik  und  Oligarchie  ist  nicht  dasselbe;  die  äußere
Staatsform  deckt  sich  nicht  mit  der  innern  wirklichen
Machtpotenz,  von  der  hier  allein  die  Rede  ist.  In  einer
Monarchie  kann  der  Monarch  nur  repräsentieren,  in
einer  Republik  ein  einzelner  überragender  Einfluß  gewinnen. ­
  So  bekommt  der  Begriff  Monarchie  eine
Doppelbedeutung;  äußerlich  gefaßt  als  Fürstenherrschaft, ­
  innerlich  als  Herrschaft  eines  Einzelnen,  mag  die
Form  sein,  welche  sie  will.  Frankreich  war  eine  Oligarchie ­
  unter  dem  Direktorium,  aber  schon  nicht  mehr,
        <pb n="44" />
        48

II.  Akratie  und  Ariftagie.

als  der  erste  Napoleon  Konsul  hieß;  und  unter  Gambetta
  war  wiederum  mehr  ein  einzelner  Wille  maßgebend, ­
  als  der  eines  Kollegiums.
In  dem  Archein  steckt  nichts,  was  von  theoretischen
oder  ethischen  Gesichtspunkten  aus  anzunehmen  oder
zu  verwerfen  wäre.  Die  geschichtlichen  Bildungen
schwanken  äußerlich  zwischen  Formen  mit  einer  Spitze
oder  einer  Kuppel,  und  darunter  innerlich  der  Herrschaft ­
  eines  Einzelnen  oder  Mehrerer.  Eine  Menge
oder  „das  Volk"  kann  schon  nicht  archein,  geschweige
denn  kratein;  wohl  aber  kann  seinen  erwählten  Vertretern ­
  ein  Teil  der  Machtsunktionen  übergeben  werden,
wie  dies  in  allen  zivilisierten  Staaten  der  Fall  ist.
Dieses  Recht  eines  mündigen  Volkes,  Einfluß  zu  haben
auf  den  Gang  der  Regierung,  fällt  nicht  unter  die
drei  Begriffsbildungen,  die  das  „Anführen"  gliedern,
sondern  ist  ein  Korrelat  dazu;  eine  Umkehrung,  die  in
dem  negativen  Begriff  der  Akratie  genügend  zur  Geltung ­
  kommt.  Macht  üben,  herrschen,  führen,  lenken,
leiten  sind  Worte,  die  nur  für  ein  Jndividuuni  Sinn
haben  oder  für  eine  kleine  Gruppe  von  solchen;  niemals
für  eine  Masse,  die  das  nur  Passiv  an  sich  erfahren  kann.
Die  kleine  Gruppe,  die  Oligarchie,  ist  gleichsam  die
Verteilung  der  verschiedenen  Fähigkeiten  und  Geistesgaben ­
  eines  Individuums  an  mehrere  Individuen;
diese  bilden  dann  zusammen  (z.  B.  ein  Ministerrat)  ein
Ideal-Individuum,  eine  fiktive  Einheit.
Den  besten  Beweis  für  das  Gesagte  liefern  gerade
unsere  großen  Parlamente;  die  wahren  Entscheidungen
fallen  nur  in  den  Kommissionen.  Es  ist  eben  unmöglich, ­
  das  psychologische  Gesetz  durch  irgendwelche  Einrichtungen ­
  umzustoßen,  daß  eine  Willensentscheidung
        <pb n="45" />
        II.  Akratie  und  Aristagie.

49

im  Grund  etwas  wesenhaft  Individuelles  ist.  Nur
durch  unser  künstliches  System,  das  man  einen  Destillationsprozeß ­
  vergleichen  kann,  gelingt  es,  etwas  von
dem  fiktiven  allgemeinen  Volks  willen  einzufangen  und
zur  Geltung  zu  bringen.  In  Wahrheit  ist  das,  was  geschieht, ­
  niemals  der  Wille  einer  Millivnenmasse,  sondern ­
  der  Einzelner,  die  ihren  Willen  der  Menge  aufdrängen ­
  oder  deren  Wünsche  zu  erraten  suchen  und  ihn
formulieren  und  fassen.  Dieser  komplizierte  Prozeß,
der  vielerlei  Abänderungen  durchgemacht  hat  und  noch
durchmachen  wird,  gehört  nicht  hierher;  das  Archein
ist  mehr  Gegenstand  praktischer  Erwägung  und  historischer ­
  realer  Entwicklung.  Als  positive  Ergänzung  zu
dem  negativen  Begriff  der  Akratie  ist  etwas  anderes
nötig,  das  auch  dem  Archein  zugrunde  liegen  und  ihm
die  Richtschnur  geben  muß:  das  Agein  oder  Führen,
Lenken  der  allezeit  lenkbaren  Menge.
Der  Begriff  einer  Aristagie  bedarf  einer  doppelten
Bestimnmng:  was  ist  unter  Agein  und  was  unter  den
Aristoi  zu  verstehen  ?  Er  ist  gebildet  in  bewußtem  Gegensatz
zu  dem  bisher  üblichen  der  Aristokratie,  bei  dem  man  mit
Recht  an  dem  Kratein  Anstoß  nahm.  Aristarchie  dagegen
würde  den  Begriff  in  Parallele  bringen  mit  Monarchie
und  Oligarchie  und  das  eigentümliche  nicht  zum  Ausdruck ­
  bringen.
Wer  in  einem  Staate  die  Herrschaft  ausübt,  wird
durch  Geschichte  und  Recht  entschieden  und  es  bleibt
dabei  unbestimmt,  ob  ein  befriedigender  wünschenswerter ­
  Zustand  vorliegt;  daher  die  Änderungen  der
Formen.  Ein  Agein  aber  durchzieht  das  ganze  Leben
des  Volkes  und  ist  ganz  unabhängig  von  allen  möglichen

v.  d.  Pfordten,  Organisation.

4
        <pb n="46" />
        5  0

II.  Akratie  und  Aristagie.

Herrschaftsformen.  Lenken,  den  Einzelwillen  die  Richtung ­
  geben,  ist  die  Aufgabe,  die  der  zweite  Teil  des
Wortes  bezeichnen  will;  das  muß  stattfinden,  wo  immer
gemeinsame  Ziele  erreicht  werden  sollen;  aber  wer
soll  lenken,  führen  oder  leiten?
„Ist  gleich  die  Zahl  nicht  voll,  das  Herz  ist  hier  des
ganzen  Volkes,  die  Besten  sind  zugegen",  sagt  Melchthal
  in  der  Rütliszene  von  Schillers  Wilhelm  Teil.
Aristvi  heißt  „die  Tüchtigsten"  —  nicht  etwa  der  Adel.
Wenn  man  den  Geburtsadel  für  die  Edelsten  einer
Nation  hält  oder  durch  Verdienstadel  die  Tüchtigsten
auszuzeichnen  sucht,  so  fließen  die  Grenzen  der  beiden
Begriffe  gelegentlich  ineinander;  aber  prinzipiell  liegt
in  dem  Worte  nichts,  was  auf  Abstammung  oder  Sonderrechte ­
  hinweist,  sondern  es  ist  eine  ethische  Wertbezeichnung.
  „Niemand  soll  eines  anderen  Herr  sein"
—  aber:  „Richtung  weisen  sollen  die  Tüchtigsten";  so
wird  die  negative  Bestimmung  durch  eine  positive  ergänzt; ­
  die  Akratie  bedarf  des  Prinzips  der  Aristagie.
Es  betont  zunächst  mehr  eine  Pflicht  als  ein  Recht:
wer  sich  als  Aristos  fühlt,  soll  und  muß  versuchen,  zu
führen  und  darf  nicht  glauben,  die  „Entwicklung"  werde
das  von  ihm  Gewünschte  von  selbst  zutage  fördern.
Das  scheint  mir  in  unserer  Zeit  ein  wichtiger  Gesichtspunkt. ­
  Der  Gedanke  einer  Aristagie  schließt  das  laisser
faire,  laisser  aller  völlig  aus  und  steht  in  striktem  Gegensatz ­
  zu  dem  Glauben  an  das  Wunder  einer  Entwicklung, ­
  in  der  nicht  Persönlichkeiten  die  Führung  übernehmen. ­
  Eine  solche  ist  möglich,  aber  nicht  im  Sinne
der  Aristvi;  nicht  nach  oben,  sondern  nach  unten.  Wie
ein  Körper  seine  Wärme  verliert,  ohne  daß  er  von
selbst  wieder  wärmer  würde,  so  verliert  der  Volkskörper
        <pb n="47" />
        II.  Akratie  und  Aristagie.

81

seinen  geistigen  Wert,  wenn  ihm  nicht  ständig  neue
Energien  zuströnien.  Ohne  jede  Führung  sinkt  das
Niveau  auf  allen  Gebieten  nur  tiefer;  eine  Aufwärtsbewegung, ­
  eine  Entwicklung  zum  „Tüchtigeren"  kann
nur  kommen,  wenn  die  Aristoi,  die  eben  schon  im  Besitz ­
  dieser  Tüchtigkeit  sind,  ihre  Kraft  wirken  lassen  und
das  Niveau  durch  ständiges  Höherpeitschen  oben  zu
erhalten  suchen.
Im  Bereich  der  Naturwissenschaft  ist  das  selbstverständlich; ­
  ohne  das  Einwirken  neuer  Kräfte  in  bestimmter ­
  Richtung  erwartet  niemand  Änderungen  in  eineni
bestehenden  geschlossenen  System.  Auf  geistigem  Gebiet ­
  aber  herrscht  häufig  ein  Mystizismus,  der  Alles
ohne  besonderes  Zutun  vom  „Volk"  und  seiner  „Entwicklung" ­
  erhofft.  Das  Volk  ist  der  große  Nährboden,
aus  dem  die  Persönlichkeiten,  auch  die  der  Tüchtigsten,
in  immer  wechselnden  Kombinationen  keimen;  aber
aus  sich  heraus  fördert  die  Masse  als  solche  niemals
neue  Werte  zutage.  So  häufig  legen  die  Aristoi  die
Hände  in  den  Schoß,  ergehen  sich  in  Klagen  und  Kritik,
und  erhoffen  Besserungen  von  der  nebelhaften  „Volksseele", ­
  die  im  geeigneten  Moment  schon  das  Geeignete ­
  gebären  werde.  Die  Übertreibungen  historischer
Milieutheorien  und  der  Kultus  der  Statistik  fördert
den  Irrtum,  als  walteten  auf  geistigem  Gebiet  Tendenzen, ­
  Richtungen,  Fortschritte  unpersönlich,  wie
die  Kräfte  der  Natur.  Alle  Kraft  auf  geistigem  Gebiet
ist  aber  an  Individuen  gebunden  und  aller  Fortschritt
kommt  nur  durch  einzelne,  tüchtige  —  Aristoi.  Und
das  Gleiche  gilt  von  den  Volksindividuen  in  ihrem
Verhältnis  zueinander;  auch  hier  gibt  es  „beste"  Völker,
die  als  Träger  des  Kulturfortschritts  berufen  sind,  als
        <pb n="48" />
        62

II.  Akratie  und  Aristagie.

solche  anerkannt  zu  werden  und  als  Lehrmeister  zu
wirken.
Denn  die  Besten  haben  nicht  nur  das  Recht  „sich
auszuleben",  sondern  auch  die  Pflicht,  ini  Sinne  der
von  ihnen  erkannten  Werte  führend  zu  wirken;  hier
liegt  die  soziale  Bedeutung  dieser  Wortbildung.  Es
gibt  wesentlich  zwei  Auffassungen  des  Begriffes  sozial
—  und  nur  die  eine  verträgt  sich  mit  dem  Gedanken
einer  Aristagie.  Denkt  man  dabei  an  alle  zu  einen,
Volke  vereinigten  Menschen  und  nimmt  innerhalb
dieser  Menge  ethische  und  intellektuelle  Wertungen  vor,
so  ergibt  sich  von  selbst  die  Hoffnung,  die  ethisch  und
intellektuell  Höherstehenden  möchten  allmählich  immer
mehr  von  den  anderen  zu  sich  heraufziehen  und  ein
langsamer  Ausgleich  dadurch  stattfinden,  daß  dieser
Unterschied  sich  verringert  —  aber  auf  dem  ethisch  und
intellektuell  höheren  Niveau.  Das  ist  auch  das  Prinzip ­
  der  Aristagie;  in  diesem  Sinne  soll  sie  sozial  ivirken,
nicht  aber,  indem  sie  ihre  gewonnene  Tüchtigkeit  aufgibt ­
  und  nicht  verteidigt,  weil  sie  noch  nicht  alle  besitzen. ­
  Sonst  findet  ein  Ausgleich  statt  —  aber  auf
einem  niedrigen  Niveau;  das  Errungene  geht  wieder
verloren.  Es  stehen  sich  gegenüber  eine  Masse  —  und
wenige  tüchtige  oder  tüchtigste.  Eine  Macht  von  Beiden
muß  lenken  oder  bestimmen,  wohin  die  Willen  sich  richten ­
  sollen;  die  Masse  wird  durch  ihr  Schwergewicht  auch
die  Tüchtigen  auf  ihr  niedrigeres  Niveau  herabzuziehen
trachten  und  wer  „sozial"  mit  dem  Willen  der  Masse
identifiziert,  kann  keine  Aristagie  anerkennen.
Einige  Beispiele  stellen  dies  vielleicht  noch  klarer.
Oft  liest  man  Sätze,  wie:  jedes  Volk  hat  die  Staatsmänner, ­
  die  es  verdient  oder  jede  Stadt  das  Theater,
        <pb n="49" />
        II.  Akratie  und  Bristagie.

53

das  es  verdient  usw.  Das  sind  ganz  schiefe  Gedanken;
in  diesem  Sinne  „verdient"  jede  Masse  nur  das  Schlechte
und  Minderwertige.  Da  aber  in  ihr  doch  auch  die
„Tüchtigen"  mit  stecken,  so  hat  sie  anderseits  immer
weniger,  als  sie  verdient  —  wenn  man  sie  ohne  Führung ­
  läßt.  Konnte  sich  das  „Volk"  (in  diesem  Sinne)
je  z.  B.  der  Bestechlichkeit  des  Tammany-Ringes  in
New-Iork  erwehren;  macht  das  „Volk"  Wahlen,  Reformen, ­
  Revolutionen  —  oder  einzelne  Führer?  Dazu
nehme  man  den  sogen.  „Geschmack  des  Publikums"  in
Kunstsachen.  Der  ist  immer  der  schlechteste,  natürlich,
wenn  man  es  nicht  zu  beeinflussen  sucht;  und  wo  er
gehoben  wurde,  geschah  es  durch  das  Wirken  Einzelner. ­
  Man  gestatte  heute  in  Deutschland  Stiergesechte,
römische  Gladiatorenkämpfe  und  eine  Spielbank  ä  la
Monaco  —  natürlich  werden  sie  überfüllt  sein,  trotz
all  unserer  Kultur.  Die  „Tüchtigsten"  werden  draußen
bleiben;  die  Masse  würde  sie  stürmen.
Das  Wort  „sozial"  hat  eine  förmliche  Betäubung
der  Köpfe  bewirkt,  so  daß  man  in  der  Bolksmasse  eine
Personifikation  erblickt,  die  einen  klaren,  bestimmten
Willen  haben  könnte.  Haben  die  Aristoi  die  Führung
verloren,  so  ist  der  tiefere  ethische  und  intellektuelle
Stand  maßgebend;  alles  was  dem  Urteil  oder  Geschmack ­
  der  Masse  überlassen  wird,  verliert  seinen  Wert
und  sinkt  rettungslos  immer  tiefer  hinab.  Sozial  gesinnt ­
  sein  heißt  nicht,  die  Masse  anbeten  und  sie  umschmeicheln, ­
  sondern  das  Volkswohl  fördern  wollen  und
sich  als  Diener  des  Ganzen  fühlen.  Das  aber  verlangt,
daß  man  die  selbst  errungenen  Werte  nicht  dem  vermeintlichen ­
  „Willen"  des  Volkes  unterordnet,  sondern
sie  zu  seinem  Wohle  anwendet;  in  dem  Agein  liegt  die
        <pb n="50" />
        54

II.  Akratie  und  Aristagie.

nötige  Korrektur  eines  übertriebenen  Individualismus ­
  und  Subjektivismus.  Nicht  ein  nristos  zu  sein
und  sich  dabei  zu  beruhigen  in  beschaulicher  Selbstgenügsamkeit, ­
  sondern  es  als  Pflicht  betrachten,  zu
führen  und  die  eigenen  Werte  dabei  zu  erproben,
ob  sie  sozial  nützlich  sind.  Aber  nicht  eine  Besserung
oder  einen  Fortschritt  von  geheimnisvollen  Werdegesetzmäßigkeiten ­
  erwarten,  die  sich  von  selbst  geltend
machen  sollen.  Der  geistige  Kulturprozeß  ist  kein  mechanischer ­
  Kreislauf,  sondern  erfordert  immer  erneutes
Eingreifen  führender  Kräfte.
Bequem  wäre  es  freilich,  wenn  der  Fortschritt  des
Einzelnen,  wie  der  Gesamtheit,  sich  so  ohne  führendes
Zutun  vollzöge,  so,  wie  man  sich  etwa  die  Entwicklung
der  Tierarten  ineinander  vorstellt.  Das  ist  aber  eine
prinzipiell  falsche  Anwendung  eines  in  der  Natur
schon  zweifelhaften  Begriffes;  wir  kennen  die  Einflüsse
nur  hypothetisch,  deren  es  bedürfte,  um  die  biologischen
Entwicklungen  zu  vollziehen,  deren  Zeugen  wir  nicht
mehr  sind.  In  geistigen  Dingen  aber  lehrt  die  Geschichte ­
  das  absolute  Gegenteil  einer  führnngslosen
„Entwicklung"  und  sie  ist  eine  ständige,  immer  neue
Beispielsammlung  für  das  Fortschrittsprinzip  des
Aristagein.
Natürlich  soll  damit  nicht  einer  Erneuerung  des
Jntellektualisnms  und  seiner  Überschätzung  des  Verstandesmäßigen ­
  das  Wort  geredet  werden;  aber  soviel
liegt  allerdings  im  Begriff  einer  Aristagie,  daß  nicht
die  Masse,  sondern  die  Kulturträger  den  „Ton  angeben"
und  die  Richtungen  zeigen  sollen.  Was  damit  ausgeschlossen ­
  sein  soll,  ist  vor  allem  das  unklare  Träumen
        <pb n="51" />
        II.  Akratie  und  Aristagie.

55

von  der  Möglichkeit  eines  Fortschrittes  ohne  führende
Köpfe,  deren  Geschkchte  und  Theorie  widerspricht.
Diese  Erkenntnis  zu  fördern,  kann  auch  die  Klarstellung
von  Begriffen  dienen;  ihre  Verwirklichung  geht  freilich ­
  über  die  Worte  hinaus  und  muß  sich  im  lebendigen
Kampfe  des  Tages  durchsetzen.  Worte  können  da  nur
Fahnen  bedeuten;  ein  Feldzeichen,  das  man  vorausträgt
  und  darin  man  ein  Symbol  der  Gedanken  erblickt,
die  die  Geister  bewegen.
        <pb n="52" />
        III.  Das  Führerproblem.

Versucht  man  von  den  theoretischen  Festsetzungen
des  vorigen  Abschnittes  in  das  Gebiet  ihrer  Anwendung ­
  im  praktischen  Leben  zu  schreiten,  so  ist  die
nächste  Gefahr  die,  ins  Uferlose  zu  geraten';  ich  beschränke ­
  mich  daher  auf  eine  kurze  Beleuchtung  dreier
Fragen:  wer  soll  führen,  wie  erzieht  man  Führer  und
wie  gelangen  sie  zur  Führerschaft.  Zwar  hat  auch  der
erste  und  ergänzende  Begriff  einer  Akratie  eine  praktische ­
  Seite,  allein  sie  ist  wesentlich  negativ,  wie  der
Begriff  selbst;  es  müssen  eben  alle  Mittel  tunlichst  beseitigt ­
  werden,  die  ein  schrankenloses  Kratein  ermöglichen; ­
  also  eine  Ausgleichung  der  Machtverhältnisse
durch  die  ganze  Breite  des  Lebens  hindurch  stattfinden.
Doch  ist  diese  Forderung  weit  weniger  ein  Zukunftswunsch ­
  als  die  andere  der  Tüchtigstenführung;  denn
dahin  hat  die  bisherige  historische  Entwicklung  bereits
gedrängt  und  was  fehlt,  sind  meist  die  richtigen  Führer.
Wie  der  einzelne  Staat  durch  die  Existenz  und  Macht
der  anderen  „Großmächte"  gehindert  wird,  sie  zu  vergewaltigen ­
  und  zu  tyrannisieren  —  und  der  große
Krieg  bedeutet  ja  wesentlich  die  Befreiung  der  einzelnen
europäischen  Staaten  von  Englands  und  Rußlands
Tyrannengelüsten,  hoffentlich  aber  durch  die  „Bestenführerschaft" ­
  Deutschlands  in  Europa  —  so  ist  inner ­
        <pb n="53" />
        111.  Das  Führerproblem.

57

halb  des  Kulturstaates  jedem,  selbst  dem  Fürsten,  eine
Schranke  seiner  Herrschaft  gezogen.  Hier  ist  die  Aufgabe ­
  mehr  ethisch-psychologisch,  nämlich  die-Bekämpfung ­
  der  Neigung  zur  Herrschsucht,  die  jeder  in  sich
anstreben  muß,  der  in  hohe  Stellungen  gelangt  und  so
Gefahr  läuft,  wieder  die  Akratie  zu  sündigen.  Allein
einzelne  Regeln  lassen  sich  da  nicht  geben;  es  gilt  die
Bezwingung  eines  Triebes,  der  in  vielen  schlummert,
während  andere  gar  keine  Neigung  haben,  jemand
ihren  Willen  aufzuzwingen,  wenn  man  sie  nur  selbst
gewähren  läßt.  So  hat  selbst  Bismarck  einmal  gesagt":
„ich  bin  nie  herrschsüchtig  gewesen;  ich  habe  immer
mehr  das  Bedürfnis,  nicht  zu  gehorchen,  als  das,  anderen
zu  befehlen."  Was  er  da  meinte,  drückt  das  Wünschenswerte ­
  aus,  besonders  wenn  man  statt  „befehlen"  etwa
das  schärfere:  tyrannisieren,  eben  kratein,  einsetzt;
„geführt"  hat  er  immer,  auch  bei  dieser  Ansprache.
Aber  wer  soll  nun  als  Anführer  „befehlen",  agein?
Das  ist  weit  schwerer  zu  sagen.  Zunächst  drängt  sich
da  der  Begriff  „Persönlichkeit""  auf;  die  wertvollen, ­
  bedeutenden,  hervorragenden  Persönlichkeiten.
Leider  ist  nun  dieser  Begriff  an  sich  nichts  weniger  als
klar  und  jeder  denkt  sich  dabei  seine  eigenen  Lieblingstugenden ­
  oder  Werturteile.  Zunächst  ist  eines  klar:
kein  egoistisches  Persönlichkeitsideal,  das  die  Beziehung
zu  den  anderen  vernachlässigt,  kann  hier  dienen;  der
Aristag  steht  ja  nicht  isoliert  in  der  Welt,  sondern  soll
führen;  also  muß  die  Persönlichkeit  willig  und  geeignet
  sein,  eine  Aufgabe  zu  erfassen  und  dabei  voranzugehen. ­
  Die  meisten  Fassungen  des  Begriffes  aber
gehen  von  rein  subjektiven  Standpunkten  aus  und
neigen  dem  zu,  was  man  besser  mit  dem  Wort  Origi ­
        <pb n="54" />
        58

III.  Das  Führerproblem.

nalität  bezeichnet.  Zwischen  diesem  und  dem  Führen
aber  besteht  ein  Gegensatz;  allzu  eigenartige  Charaktere ­
  eignen  sich  dafür  nicht.  Und  es  ergibt  sich  folgende
Antinomie:  zum  Führen  bedarf  man  zweifellos  „Persönlichkeiten"; ­
  sind  diese  aber  allzu  sehr  entwickelt,  d.  h.
eben  allzu  „originell",  dann  laugen  sie  wieder  nicht
dazu,  wie  die  Erfahrung  des  Lebens  zeigt.
Die  Lösung  dieses  Widerspruchs  ist  nur  durch  folgende
Erwägungen  niöglich.  Zunächst  erscheint  durch  die
„Aristagie"  die  Menschheit  in  zwei  Gruppen  zerteilt,
in  Führende  und  Geführte.  Aber  es  muß  etwas  geben,
was  beiden  Teilen  gemeinsam  ist,  sie  zusammenhält
und  wiederum  zu  einer  Einheit  macht.  Das  ist  das
Ziel,  der  Zweck  menschlichen  Handelns,  in  den  höchsten
Fällen  das  Ideal,  das  eine  Zusammenfassung  von
Zwecken  bedeutet.  Zu  ziellosem  Handeln,  willkürlichem,
beliebigen,  in  diesem  Sinne  „freien",  braucht  man
keinen  Führer;  das  kann  jeder  allein  besorgen;  jeder
ist  dann  zugleich  Träger  der  Idee,  des  Sinnes  der
fraglichen  Handlungen.  Der  Führer  aber  muß  die
Ziele  besser  kennen  oder  doch  wenigstens  bei  Übereinstimmung ­
  über  das  Ziel  die  zu  ihm  führenden  Wege;
gemeinsam  ist  ihm  und  den  Geführten  dann  die  Sache,
um  die  es  sich  handelt,  die  Aufgabe,  die  gelöst,  das
Ziel,  das  erreicht  werden  soll;  darin  liegt  das  Verbindende ­
  und  nur  in  der  Rollenverteilung  das  Trennende. ­

Also  können  tvir  keine  „Persönlichkeit"  brauchen,  die
nur  sich  selbst  und  ihre  Interessen  zum  Ziele  setzt;
das  aber  tut  das  Streben  nach  Originalität,  der  spezielle ­
  Persönlichkeits-Kultus,  ja  eine  ganze  ethische
Richtung,  die  in  der  Selbstvervollkommnung  das  ein-
        <pb n="55" />
        III.  Das  Führerproblein.  59
zige  Ziel  erblickt.  So  genügt  das  „Ideal  des  Weisen",
wie  es  die  antike  Philosophie  zum  großen  Teil  erfüllte,
nicht,  weil  es  im  Grunde  egoistischer  Art  ist;  so  kann
man  wohl  Kants  und  Schillers  Persönlichkeitsbegriff ­
  brauchen,  nicht  aber  den  Schleiermachers
oder  Schopenhauers;  der  Goethes  steht  auf  der
Grenze  und  neigt  stark  zu-  einem  ästhetisierenden
Egoismus;  auch  Carlyles  Heroenkultus  paßt  hier
nicht.  Daß  Nietzsches  Ideen  sich  in  diesen  Gedankenkreis ­
  nicht  fügen,  ist  klar;  denn  sein  Übermensch  (in
keiner  Fassung  dieses  doppelsinnigen  Wortes)  soll  ja
nicht  führen,  den  anderen  nichts  leisten;  er  hat  keine
gemeinsamen  Ziele  mit  ihnen,  sondern  sonnt  sich  lediglich ­
  in  seiner  eigenen  Vollkommenheit.  Sehr  charakteristisch ­
  endlich  ist  Ibsen,  den  die  Jagd  nach  der  „Persönlichkeit" ­
  stets  in  Gegensatz  zu  Gesellschaft,  Staat,
Sitte  und  Recht  bringt  und  der  niemals  sieht,  daß  sich
eine  starke  Persönlichkeit  auch  im  Staate  entfalten
kann.  Solche  Denker  haben  auch  niemals  im  wahren
Sinne  führend  gewirkt,  sondern  lediglich  kritisch,  zersetzend, ­
  umwühlend.  Man  sollte  sie  nicht  mit  positiven ­
  „Führern"  in  einem  Atem  nennen;  Nietzsche  und
Ibsen,  wie  viele  ähnliche  Köpfe  früherer  Zeiten,  haben
wohl  zum  Nachdenken  angeregt,  schwache  Seiten  der
Kultur  aufgedeckt,  Konflikte  zwischen  Originalität  und
Allgemeinheit  herbeigeführt,  niemals  aber  wirklich  geführt, ­
  weil  sie  an  positiven  Idealen  zu  arm  waren.
Die  möglichste  Ausbildung  aller  Anlagen,  die  höchste
Entfaltung  seiner  Kräfte,  die  Erwerbung  vielseitiger
und  ausgedehnter  „Weltanschauung"  ist  eine  hohe
und  schöne  Sache,  aber  ein  geistiger  Luxus,  den  sich
wenige  gestatten  können  und  nicht  das,  was  zum
        <pb n="56" />
        60

III.  Das  Führerproblem.

Führer  speziell  qualifiziert.  Außer  indirekt  durch  Werke,
die  ein  solcher  besonders  reicher  Mensch  schafft,  als
Denker,  Künstler,  Lehrer;  allein  selbst  von  Goethe,
dem  Typus  dieses  Allseitigkeitsstrebens,  gilt  doch  sein
eigenes  Wort,  das  er  von  der  Muse  sprach:  sie  könne
das  Leben  wohl  begleiten,  aber  nicht  leiten.  Eine
Führernatur  im  engeren  Sinne  ist  er  nicht;  auch  „Rembrandt
  als  Erzieher""  war  kein  glückliches  Symbol.
Nicht  Größe  der  Persönlichkeit,  in  irgend  einem  Sinne,
ist  erforderlich;  sondern  das  Führerideal  ist  durchaus
ein  relatives:  der  Führer  nruß  die  Gruppe,  die  er
führen  soll,  nur  in  etwas  überragen,  ihr  überlegen  sein
und  ihren  Willen  lenken;  und  nur  wer  ein  ganzes  Volk
oder  gar  die  Menschheit  führen  will,  muß  dazu  beinahe
ein  Übermensch  sein.  Der  Gedanke  der  Aristagie  aber
gilt  dem  ganzen  Leben  und  dem  ganzen  Volk  in  allen
seinen  Aufgaben;  und  wir  haben  mehr  Bedarf  nach
Führern  im  kleinen,  als  nach  Heroen,  die  doch  der
unendlichen  Mannigfaltigkeit  der  Kultur  nicht  mehr
genügen  können.  Goethe  versagtjedenfalls  in  der  Politik
und  Bismarck  im  Reich  der  Musen;  und  wie  selten
erscheinen  solche  Menschen  auf  Erden  wie  diese  zwei.
Man  kann  nicht  auf  solche  Ausnahmen  warten  und  wo
man  vorgibt,  es  zu  tun,  will  man  nur  die  immer  vorhandenen ­
  Aufgaben  nicht  anfassen  und  eine  Ausrede
dafür  haben,  kleinere  Aristoi  nicht  anzuerkennen.
In  den  Begriff  des  Führers  muß  etwas  gelegt  werden, ­
  was  nicht  nur  dem  „Genie",  nein,  auch  dem  Einfachsten ­
  erreichbar  ist;  denn  Führung  tut  not  bis  in  die
einfachsten  Kreise  hinein,  die  das  Genie  niemals  verstehen. ­
  Das  ist  auch  im  Auge  zu  behalten,  wenn  man
den  allgemeinen  Begriff  der  Persönlichkeit  zerlegt  und
        <pb n="57" />
        III.  Das  Führerproblem.

61

einzelne  Führertugenden  aufsucht,  die  den  Aristos
kennzeichnen  sollen,  der  sich  zum  Führer  eignet.
Kindermann"  hebt  hervor:  Voraussicht"  und  Tatkraft,
Anpassungsfähigkeit  und  Durchschlagskraft,'  Selbstlenkung ­
  und  organisatorischen  Takt.  Diese  letzteren
beiden  oft  wiederholten  Lieblingsbegriffe  scheint  er
seltsamerweise  beinahe  gleichzusetzen,  obwohl  man  sich
doch  recht  gut  selbst  lenken  kann  und  dennoch  gar  kein
„Organisationstalent"  (wie  man  meist  sagt)  besitzen.
„Takt"  ist  ein  recht  dehnbarer  Begriff,  der  nicht  viel
sagt;  heute  etwas  ähnliches,  wie  das  griechische  Ideal
des  Maßes,  der  Mitte  oder  der  Sophrosyne.  Zum
„organisatorischen  Takt"  gehört":  majestätische,  heitere
Ruhe  (wohl  nur  für  die  obersten  Führer  nötig  und  erwünscht), ­
  Gefühl  der  Verantwortung  (Adel,  Macht,
Wissen  und  Reichtum  verpflichten),  Gabe  der  Ordnung ­
  oder  Disposition,  Fleiß  und  Ausdauer,  Selbsterkenntnis ­
  und  Selbstbeherrschung.  Nicht  alle  Führer
bedürfen:  Sinn  für  Schutz  der  Schwachen,  Wagemut,
Opfersinn,  Bescheidenheit,  bedingte  (d.  h.  geringe)
Hochschützung  der  materiellen  Güter;  jedenfalls  können
diese  Eigenschaften  bei  den  Führern  in  wechselnder
Stärke  vorhanden  sein.  Es  sind  recht  verschiedene
Tugenden  und  von  verschiedenen:  Wert,  die  Kindermann ­
  da  unter  dem  Hut  des  organisatorischen  Taktes
zusammenbringt.  Aber  die  betreffenden  Kapitel  des
Buches  sind  wertvoll  für  die  Erwägung  des  speziell  für
einen  Führer  nötigen;  schließlich  wird  (S.  112)  der
organisatorische  Takt  nochmals  als  Verbindung
zweier  Haupteigenschaften,  starker  Spannkraft  und
weiter  Anpassungsfähigkeit  definiert.  Diese  Bestimmungen ­
  weisen  klar  darauf  hin,  daß  jedenfalls  eine
        <pb n="58" />
        62

III.  Das  Führerproblem.

Doppelarbeit  vom  Führer  geleistet  werden  muß,  an
sich  selbst  und  an  den  anderen  und  dazu  die  nötigen
Tugenden  in  einer  gewissen  Ausgeglichenheit  vorhanden ­
  sein  müssen.
Auf  einen  ganz  anderen  Einteilungsgrund  werden
wir  gewiesen,  wenn  wir  etwa  fragen,  welche  mehr
sozial  gefaßten  Eigenschaften  zur  Führerschaft  berechtigen ­
  und  befähigen.  Man  kann  sie  finden  in:  Vorzügen ­
  des  Körpers,  der  Erziehung,  der  Familientradition; ­
  dann  in  Besitz  und  Intelligenz;  endlich  in  Arbeit
und  Rednertalent.  Das  weist  auf  Unterschiede  der
politischen  Partei-Bildung  hin;  ungefähr  (mit  Einschränkung) ­
  werden  die  ersten  drei  Gesichtspunkte  die
der  konservativen,  die  nächsten  der  liberalen,  die  letzten ­
  der  sozialdemokratischen  Partei  sein;  oder  diese
Parteien  werden  an  ihren  Führern  sie  au,  meisten
schätzen.  So  ungefähr  entspricht  das  auch  bestimmten ­
  Berufen;  die  ersten  dem  Adel  (soweit  er  als  Grundbesitzer ­
  und  Militär  gesondert  hervortritt)  und  dem
Beamtentum,  das  freilich  auch  der  Intelligenz  und
Arbeit  bedarf;  deutlicher  eignen  Besitz  und  Intelligenz
vereint  speziell  den  wirtschaftlichen  Führern,  Industrie-Kapitänen, ­
  technischen  Leitern.  Diese  Gruppen
liefern  auch  die  sogen.  „Staatsmänner"  in  einenr  engeren ­
  Sinne;  während  die  freien  Berufe,  die  Parlamentarier,
  die  Parteiführer  zu  Arbeitskraft  und  Rednertalent ­
  natürlich  auch  der  Intelligenz  bedürfen.  Sv
wenig  sich  solche  Einteilungen  genau  durchführen  lassen, ­
  so  scheinen  sie  mir  doch  wertvoll,  um  zu  zeigen,
daß  es  mit  der  Aufstellung  eines  einzigen  Führerideals
nicht  getan  ist  und  wir  Aristagen  in  allen  den  hier  angedeuteten ­
  Gruppen  zu  suchen  haben  werden.
        <pb n="59" />
        III.  Das  Führerproblem.

63

Man  kann  solche  Unterschiede  auch  entwicklungsgeschichtlich
  fassen;  so  sagt  Hammacher  (S.  112):  „Die
bisherigen  Führer  der  neuen  Welt,  die  Unternehmer
und  die  Gelehrten  werden  nun  allmählich  verdrängt ­
  ....  Der  Gelehrte  wird  durch  den  Journalisten, ­
  der  Unternehmer  durch  den  Arbeiterführer,
beide  durch  den  Abgeordneten  ersetzt."  Weiterhin  wird
ein  Gegensatz  der  Intellektuellen  und  Antiintellektuellen
aufgestellt,  zu  welch'  letzteren  vor  allem  die  religiösen
und  künstlerischen  Menschen  gehören  und  schließlich  als
„Endergebnis  des  Rationalismus"  ein  „Kampf  zwischen
Masse  und  Individuum  auf  Tod  und  Leben"  als  Kennzeichen ­
  unserer  heutigen  Kultur  festgestellt.  Ob  diese
damit  richtig  charakterisiert,  ob  das  Verdrängen  und
Ersetzen  wirklich  in  bedeutendem  Maße  stattfindet,
gehört  nicht  hierher;  es  soll  damit  nur  gezeigt  werden,
daß  das  Führerproblem  auch  eine  kulturhistorische
Seite  hat  und  dadurch  die  einzelnen  Fragen  desselben ­
  noch  bedeutend  kompliziert  werden  können.
Der  Begriff  „Kultur",  das  heutige  Hauptschlagwort,
fördert  bei  der  Führerfrage  überhaupt  nicht,  denn  einmal ­
  kann  jemand  ein  eminenter  „Kulturträger"  sein
und  doch  zum  Führer  nicht  geeignet,  und  dann  stecken
so  viel  einzelne  persönliche  Wertungen  in  dem,  was
jeder  Kultur  nennt,  gibt  es  auch  so  viel  Überkultur  und
kultürlich  indifferente  „Zivilisation",  daß  dieses  Wort
mehr  erschwert,  als  klärt.  Religiöse,  ethische,  ästhetische, ­
  Politische  Werturteile  wirken  zusammen  in  den
„Kulturanschauungen"  der  Einzelnen  und  der  Parteien
und  davon  kann  die  Frage  nicht  abhängig  sein,  wer  ein
Aristos  ist;  sonst  fällt  sie  einfach  zusammen  mit  einem
Glaubensbekenntnis,  Parteiprogramm  oder  philosophi-
        <pb n="60" />
        64

TU.  Das  Führerproblem.

scher  Richtungsbestimmung.  Für  den  Einzelnen  ist
das  klar  und  leicht;  natürlich  wählt  er  sich  sein  Vorbild
und  Führer  nach  seiner  Gesinnung  und  nennt  den  den
„Besten"  und  „Tüchtigsten",  der  seinen  Ansichten  den
kräftigsten  Ausdruck  gibt.  Das  spezielle  Führerproblem
aber  muß  sich  von  diesen  Unterschieden  unabhängig
machen,  denn  es  ist  ein  psychologisch-pädagogisches,
kein  partei-politisches;  die  von  Führern  zu  lösenden
konkreten  Aufgaben  bestimmt  Geschichte,  Empirie
und  Weltanschauung.  Sie  sind  so  mannigfaltig,  als  die
„Kultur"aufgaben  einer  Zeit;  jede  Zeit  und  jede
Tendenz  aber  bedarf  zur  Erreichung  ihrer  Ziele  der
Aristagen.
Sehr  wichtig  dagegen  ist  es,  zu  unterscheiden  zwischen
Führern,  die  neue  (wenn  auch  nur  im  kleinen  neue)
Ziele  sehen  und  finden  sollen  und  solchen,  die  nur  die
Mittel  und  Wege  zu  feststehenden  Zielen  besser  kennen
als  andere".  Ich  möchte  sie  in  Kürze  als  theoretische
und  Praktische  Führer  bezeichnen;  die  erforderlichen
Gaben  und  Eigenschaften  aber  sind  bei  beiden  Arten
durchaus  nicht  die  gleichen.  Für  die  theoretischen
Führer  ist  die  geistige  Begabung  die  Hauptsache;
man  spricht  ja  häufig  von  „führenden  Geistern".  Intellekt ­
  ist  da  die  Hauptsache,  dazu  lebhaftes  Gefühl
für  Wichtigkeit  und  Bedeutung  der  Ziele;  die  Charaktererfordernisse ­
  aber  treten  zurück  und  ein  blinder  oder
gelähmter  Denker  kann  auf  diese  Art  wirken.  Und
nicht  nur  durch  Wort,  sondern  auch  durch  die  Schrift,
nicht  nur  in  einer  Gegenwart,  sondern  in  ferne  Zukunft.
An  diese  Art  geistiger  Führer  und  Autoritäten  sind  wir
gewöhnt  und  da  liegen  auch  nicht  die  Schwierigkeiten;
niemand  kann  sich  ihnen  entziehen  und  wer  sich  von
        <pb n="61" />
        III.  Das  Führerproblem.

65

v.  d.  P  s  o  r  d  t  e  n,  Organisation.

5

allen  loszusagen  meint,  der  hat  in  Wahrheit  meist  nur
seine  Autoritäten  gewechselt.
Dagegen  ist  nun  von  den  praktischen  Führern  oder
„Anführern"  kurzweg  Anderes  und  Spezielles  zu  verlangen. ­
  Hier  ist  der  Ort  z.  B.  für  Foersters  Forderungen ­
  (S.  31  f.):  Selbstbeherrschung;  soziale  Kultur,  insbesondere ­
  die  Fähigkeit,  sich  in  den  Seelenzustand  des
Gehorchenden  hineinzuversetzen;  endlich  Unzweideutigkeit, ­
  Kürze,  Präzision  der  Anordnungen.  Dazu  die  volle
Übernahme  der  Verantwortlichkeit  bei  der  Führerhandlung,
  die  schon  daraus  folgt,  daß  der  „Anführer"
(wie  etwa  ein  Bergführer  als  Typus)  ja  die  Wege  zum
Ziele  am  besten  zu  kennen  überzengt  ist.  Das  alles  ist
richtig  und  wichtig;  und  dennoch  scheint  mir  das  letzte
Geheimnis  noch  in  etwas  anderem  zu  liegen,  in  der
schwierigen  Frage  der  Gefühls-  und  Willensübertragung
von  einem  Menschen  zu  anderen.  Darin  steckt  etwas  von
Suggestion,  wenn  man  das  Wort  nicht  in  krankhaftem ­
  Sinne  nimmt;  von  ansteckender  Wirkung,  von
Unausgesprochenem  und  vielleicht  Unsagbarem.  Tatsache ­
  ist,  das;  es  Menschen  gibt,  die,  gleichgültig  was
sie  fordern,  Nachfolge  und  Anhänger  finden;  diese
sagen  und  fühlen  einfach:  „wo  du  gehst,  da  will  ich  auch
hingehen";  und  rein  intellektuell  ist  diese  persönliche
suggestive  Kraft  jedenfalls  nicht.
Ich  habe  an  anderer  Stelle  die  psychologische  Seite
der  Gefühlsübertragung  behandelt";  ganz  allgemein
entzündet  sich  Gefühlswärme  an  ebensolcher,  mag  der
Gegenstand  sein  welcher  er  will.  „Begeisterung"  läßt
immer  Spuren  im  Hörer  zurück  und  eine  „dynamische"
Wirkung  strahlt  von  starken  Gefühlen  auf  die  anderen
aus.  Hier  aber  handelt  es  sich  um  eine  Willens  über ­
        <pb n="62" />
        66

III.  Das  Führerproblem.

tragung;  dazu  müssen  Verstand  und  Gefühl  zusammenwirken;
  der  der  Suggestion  Unterliegende  wird  zunächst
für  den  Führer  persönlich,  dadurch  für  dessen  Ziele,
Werte,  Ideale  erwärmt  und  in  den  so  gelockerten  und
gepflügten  Boden  sät  dann  der  Führer  mit  Leichtigkeit
den  verstandesmäßigen  Samen.  Wie  das  zu  machen
ist,  kann  wohl  kaum  gelehrt  werden;  mancherlei  Eigenschaften ­
  tragen  dazu  bei.  Schon  ein  stattlicher,  trainierter, ­
  die  Selbstzucht  verratender  Körper,  ein  blitzendes ­
  Augenpaar,  ein  beredter  Mund.  Dann  wo  es  dazu
gehört,  Gewandtheit,  Geschicklichkeit,  Mut;  Ausdauer
und  Festigkeit;  Klarheit  und  Einfachheit  der  Gedanken
und  der  Rede.  All  das  unterstützt  die  Suggestion,  aber
es  ist  nicht  ihr  Wesen  und  innerster  Kern.
Jedenfalls  muß  der  Führer,  ehe  von  einer  Übertragung ­
  die  Rede  sein  kann,  selbst  das  Ziel  mit  hoher
Gefühlswärme  erfaßt  und  möglichst  mit  dem  Verstand
in  sich  selbst  verarbeitet  haben;  die  Arbeit  an  sich  selbst
muß  jeder  Förderung  anderer  vorangehen.  Beispiel
ist  weit  eindrucksvoller  und  mächtiger  als  Belehrung
und  nur  wer  selbst  stark  an  seine  Sache  glaubt,  wird
andere  daran  glauben  machen.  Die  Disposition  zu
solchen  Charakteranlagen  ist  sicher  vererbbar  und  darum
ist  dieTradition  beim  Führerberuf  ein  wichtiges  Moment,
man  kann  dann  von  „geborenen  Führern"  sprechen.
Wo  man  aber  auf  solche  Tradition  nicht  rechnen  kann,
erhebt  sich  die  Frage,  ob  man  Führer  erziehen  kann,  und
damit  kommen  wir  zum  zweiten  Punkt  der  Anwendung
der  Aristagie.
Für  diese  pädagogische  Seite  des  Problems",  wobei ­
  das  Wort  im  weitesten,  auch  die  Erziehung  junger
Männer  umfassenden  Sinn  zu  nehmen  ist,  ist  nnerläß-
        <pb n="63" />
        III,  Das  Whrerproblem.

67

ö'

Liche  Vorbedingung  die  Anerkennung  der  Wichtigkeit
der  Führerschaft  und  der  im  vorigen  skizzierten  Merkmale ­
  und  Charaktereigenschaften  des  Führers.  Dann
ist  die  Aufgabe  allgemein  gefaßt  die:  die  Keime  zu
diesen  Merkmalen  schon  im  jungen  Menschen  zu  erkennen, ­
  im  erwachsenen  anzuerkennen  und  zu  pflegen
und  mit  Bewußtsein  die  Entfaltung  solcher  Führeranlagen ­
  zu  fördern.  Dazu  gehört  der  innere  Respekt
vor  so  gearteten  Persönlichkeiten,  dazu  noch  einmal  das
Prinzip  der  Akratie.  Alles  Kratein,  jede  Tyrannei
'  und  Unterdrückung  fremder  Willen  hindert  nicht  nur
andere  am  Führen,  sondern  ebenso  die  Züchtung  von
solchen,  weil  ihm  eben  der  Respekt  vor  wahrer  Persönlichkeit ­
  beim  anderen  fehlt.
Wichtig  ist  vor  allem,  zwischen  Individualität  und
Persönlichkeit  zu  scheiden;  als  Individuum  werden
wir  geboren,  Persönlichkeit  aber  ist  ein  Wertbegriff.
Zu  solchen  werden  wir  erzogen  oder  erziehen  uns  selbst;
zur  Individualität  gehört  alles,  was  am  Einzelnen  besonderes ­
  ist,  auch  alles  Zufällige,  Wertlose,  Schlechte.
Die  Schulreformer  haben  immer  nur  „individuelle"
Behandlung  der  Schüler  verlangt;  da  haben  die  Schulmänner ­
  die  Antwort  bequem:  auf  alle  Launen  und
Eigenheiten  Rücksicht  nehmen  könne  die  Schule  nicht
und  dazu  sei  sie  nicht  da.  Dagegen  wäre  Persönlichkeiten ­
  bilden  nicht  nur  eines,  sondern  das  höchste  Ziel
von  Mittel-  und  Hochschulen,  wenn  möglich  auch  der
Volks-,  mindestens  der  Fortbildungsschulen.  Das  kann
man  nicht  so  mit  ein  paar  Redensarten  abtun;  denn
Persönlichkeiten  oder  Charaktere  (im  engeren  Sinn,
nicht  dem  psychologischen,  wo  jeder  einen  solchen  hat)
braucht  der  Staat  und  die  Gesellschaft.
        <pb n="64" />
        68

III.  Das  Führerproblem.

Aber  freilich  müßte  man  ein  Ziel  erst  anerkennen,
ehe  man  hoffen  darf,  daß  es  erreicht  wird;  und  auch
davon  sind  wir  weit  entfernt.  Der  normale  „Schulmeister", ­
  wie  er  noch  heute  herrscht,  ist  der  geborene
Gegner  der  sich  entfaltenden  Persönlichkeit,  weil  sie
ihm  unbequem  ist;  gegen  geborene  junge  Führer  hat
er  eine  ganz  instinktive  Abneigung.  Denn  der  Keim  des
Führertalents  liegt  nicht  in  den  „schultechnisch"  erwünschten ­
  Eigenschaften,  im  braven  Auswendiglernen,
Nachsprechen,  Grammatik  oder  Mathematik-Pauken,
sondern  äußert  sich  zunächst  in  Eigenwillen  und  Neigung
zur  Selbständigkeit.  Die  Selbstzucht  kann  noch  garnicht ­
  da  sein;  erst  müssen  Schößlinge  sprießen,  ehe  man
sie  beschneidet,  zuerst  ein  Strom,  ehe  man  ihn  eindämnit.
Davon  hat  der  durchschnittliche  Schulmann  der  Mittelschule ­
  keine  Ahnung,  sondern  jede  vom  Normalen  abweichende ­
  Regung  ist  ihm  verdächtig.  Und  auch  viele
Universitätslehrer  lieben  noch  das  Schwören  aus  des
Lehrers  Worte  und  halten  den  fleißigen  Gedächtnismenschen ­
  für  den  besten  Schüler.
Unsere  Schule  wertet,  im  großen  und  ganzen  genommen, ­
  falsch  und  jedenfalls  nach  ganz  anderen  Maßstäben, ­
  als  das  Leben,  in  dem  der  „Primus"  einer
Klasse  meist  eine  recht  bescheidene  Rolle  spielt  und
höchstens  wieder  ein  Schulmeister  wird.  Speziell  die
Keime  des  Führertalents  werden  nirgends  beachtet,
geschweige  denn  vorgezogen  oder  bewußt  gezüchtet.
Wo  immer  sie  kann,  trampelt  die  Schiele  die  ersten
Regungen  in  dieser  Richtung  nieder;  vom  deutschen
Aufsatz,  in  dem  nicht  eigene,  sondern  die  vom  Lehrer
vorgeschriebenen  Gedanken  vorkommen  sollen,  bis  zu
den  Universitätsseminarien,  über  denen  häufig  unsicht-
        <pb n="65" />
        HI.  Das  Führerproblem.

69

bar  geschrieben  steht:  „eigenes  Denken  höflichst  verbeten". ­
  Unterrichten  heißt  für  die  meisten  Lehrer:
seine  eigene  Meinung  deni  Schüler  aufzwingen;  anstatt ­
  durch  Überzeugung  und  Suggestion  die  gewünschte
ähnliche  Ansicht  zu  erwecken.
Werden  nun  gar  die  Pläne  einer  sogen.  Einheitsschule" ­
  verwirklicht,  dann  gute  Nacht  für  die  Erziehung
zum  Führer;  das  wird  der  volle  Triumph  der  breiten
Mittelmäßigkeit.  Das  Prinzip  der  Aristagie  widerspricht ­
  jeder  öden  Gleichmacherei;  der  Mensch  ist
nur  ethisch  oder  religiös  betrachtet  gleich,  weil  die
ethische  Forderung  an  alle  geht.  Also  vor  dem  Ethos,
vor  dem  Recht  (als  dem  erzwingbaren  ethischen  Minimum) ­
  und  vor  Gott.  Niemals  aber  in  intellektueller,
künstlerischer  oder  praktischer  Hinsicht;  nie  im  Hinblick
auf  die  Leistung,  die  irdischen  Ziele  und  Zwecke.  Und
da  hier  die  Menschen  nicht  gleich  geartet  sind,  so  ist  es
auch  kein  Ideal,  sie  künstlich  so  machen  zu  wollen  oder
zu  behandeln,  als  seien  sie  es.  Wenn  diese  durchgehends
auf  Phraseologie  aufgebauten  Absichten,  die  Schulverhältnisse ­
  zu  uniformieren,  anstatt  sie  der  empirischen
Verschiedenheit  anzupassen,  durchdringen  sollten,  so
würde  die  Einbuße  an  Führern  noch  fühlbarer  werden,
als  sie  es  jetzt  schon  ist.
Die  einzige  große  Institution,  die  es  versteht,  systematisch ­
  Führer  heranzubilden,  ist  noch  immer  das
preußisch-deutsche  Militär^.  Allerdings  mit  starken
Einschränkungen  in  bezug  auf  das  Thenm;  hier  wie  in
den  folgenden  Fällen  werden  Erwachsene  behandelt,
deren  Charaktereigenschaften  schon  ausgeprägter  sind.
Und  von  geistiger  Führung  ist  im  allgemeinen  weniger
die  Rede,  höchstens  im  Generalstab;  die  „Anführer"-
        <pb n="66" />
        70

III.  Das  Führerproblem.

schüft  aber  erscheint  hier  als  spezielle  Befehlskunst.
Dennoch  gibt  es  kein  besseres  Muster:  schon  im  Frieden
beginnt  man  sofort  unter  den  neuen  Mannschaften
nach  künftigen  Unteroffizieren,  Offizieren,  Reserveoffizieren ­
  zu  suchen  und  die  „Qualifikation"  bedeutet
im  wesentlichen:  „Eignung  zu  einem  Führeramt".
Nirgends  gehört  eben  so  sehr  zum  System  des  Ganzen
das  Doppelte,  sich  Ergänzende:  Disziplin  und  Führung,
Gehorsam  und  Autorität,  Masse  und  Selbständigkeit.
Im  Krieg  aber  ist  der  Ausgleich  dieser  scheinbaren
Gegensätze  noch  viel  deutlicher,  da  rächt  es  sich  auch
stark,  falls  man  im  Frieden  die  richtige  Aufzucht  von
Führern  versäumt  haben  sollte  und  dem  Einzelnen  wird
noch  reichere  Gelegenheit  zu  persönlicher  Auszeichnung
und  „Qualifikation".
Hier  hat  auch  historisch  eine  bestimmte  Tradition  ihre
Bedeutung,  nämlich  der  Adel;  es  war  der  preußische
Junker,  der  den  Typus  des  militärischen  Führers
schuf,  in  Generationen  Pflegte,  erhielt  und  vererbte.
Von  ihm  hat  es  der  bürgerliche  Offizier  gelernt,  zu
führen,  und  inacht  es  heute  ebenso  gut;  auch  dem
Unteroffizier  ist  jener  das  Vorbild  gewesen  und  der
„preußische  Leutnant,  den  uns  keiner  nachmacht",  trägt
adelige  Züge,  auch  wenn  sein  Träger  Müller  heißt.
Mag  man  also  auch  für  wissenschaftliche  und  künstlerische
Leitung  direkt  da  nichts  gewinnen,  für  das  Problem
der  Führerschaft  überhaupt  ist  das  militärische  System
einzig  in  seiner  Art  und  hat  sich  so  ausgebildet  eben  im
Hinblick  auf  den  Krieg,  wo  man  Führer  dringend  nötig
braucht,  während  man  im  Zivil  auch  ohne  solche  zur
Not  „fortwursteln"  kann.  Würde  das  Prinzip  des
Aristagein  durchdringen  und  zum  allgemeinen  Bewußt ­
        <pb n="67" />
        HI.  Das  Führerproblem.

71

sein  kommen,  so  würde  man  sich  auch  hier  nicht  nur  in
der  Not  (wie  z.  B.  in  der  Revolutionsnot  Bismarck)
Führer  holen  und  sich  nicht  mit  dem  resignierten  Diplomaten ­
  trösten,  der  seinem  Sohn  versicherte)  die  Welt
würde  mit  sehr  wenig  Weisheit  regiert.
Viel  lernen  für  das  Problem  ließe  sich  aus  den  Einrichtungen ­
  der  Kirchen,  denn  auch  sie  haben  einen
zwingenden  Bedarf  an  Führern,  die  sie,  besonders  die
katholische,  in  eigenen  Seminarien  heranbilden.  Auch
hier  etwas  Spezielles,  nur  nach  der  anderen  Seite,
der  geistigen  Führung,  und  damit  eine  Art  Seitenstück
zum  Militär.  Der  Geistliche  kann  nicht  befehlen,  aber
doch  gelegentlich  von  der  „Willensübertragung"  wirksam
  Gebrauch  machen;  der  Offizier  führt  in  erster  Linie
auf  Grund  der  Disziplin,  wird  sich  aber  durchaus  nicht
auf  sie  allein  verlassen,  zumal  im  Kriege.  Systematisch
ist  auch  die  Ausbildung  bei  der  Kirche,  aber  wiederum
dadurch  sehr  einseitig  daß  sie  lauter  Führermaterial
bekommt.  Jedenfalls  aber  ist  besonders  der  Pfarrer
auf  dem  Lande  in  seinen  mustergültigen  Vertretern
ein  bedeutender  Führertypus  und  alle  Versuche,  das
gesamte  Volk  zu  beeinflussen,  bedienen  sich  ja  auch
seiner,  wo  er  gehört  wird  und  ihren  Zwecken  dienen
will.
In  weit  geringerem  Grade  gilt  dies  von  der  Beamtenschaft ­
  und  der  geläufige  Ausdruck  „Bürokratie"
weckt  sofort  den  Verdacht,  daß  hier  das  Prinzip  der
Aristagie  wieder  mehr  in  die  Opposition  gerät.  Denn
wenn  keine  Kratie  gelten  soll,  dann  natürlich  auch  diese
nicht.  Die  Forderung,  mehr  zu  führen  und  zu  leiten,
als  zu  herrschen  (im  engeren  Sinn)  ist  hier  noch  ungenügend ­
  erfüllt  und  die  Neigung  groß,  die  Macht  des
        <pb n="68" />
        72

III.  Das  Führerproblem.

L-taateS  häufiger  und  stärker  anzuwenden,  als  nötig
wäre.  Die  vernünftigen  Tendenzen  und  guten  Absichten,
besonders  in  der  Verwaltung,  gehen  aber  auch  hier
schon  durchaus  int  Sinne  des  Aristagein  und  nur  die
Verwirklichung  solchen  Ideals  ist  bei  der  unabtrennbaren ­
  Machtfülle  des  Beamten  groß;  und  so  wird  das
Prinzip  mehr  zu  einer  ethischen  Anforderung  an  den
Einzelnen.  Der  Fortschritt  von  früheren  Zeiten,  wo
Beamtentyrannei  und  Willkür  weit  mehr  an  der
Tagesordnung  waren,  als  heute,  bis  auf  die  vielfach
darin  bessere  Neuzeit  vollzog  sich  durchaus  im  Sinne
des  Prinzips,  dem  nur  eine  immer  wachsende  Verbreitung ­
  zu  wünschen  wäre.
Wie  sehr  endlich  sich  die  Einsicht,  daß  eine  Heranbildung ­
  von  Führern  nötig  ist,  sogar  im  Handel  durchringt, ­
  der  bisher  ziemlich  einseitig  auf  Plutokratie  beruhte, ­
  zeigt  ein  neues  Buchest  das  allerdings  vielen  als
Zukunftsmusik  erscheinen  wird.  Hier  mag  es  nur  das
knappe  Bild  ergänzen,  das  die  verschiedenen  Fälle  von
Führererziehung  zusammenfassen  sollte;  das  Handwerk, ­
  besonders  in  seiner  alten  Jnnungsform,  hatte
stets  seine  besondere  Art  von  Aristagie  und  statt  Führer
könnte  man  im  alten  deutschen  Wortsinn  auch  sagen:
„der  Meister",  wie  heute  junge  Künstler  gern  ihre  verehrten ­
  Führer  nennen.  Was  zur  Erziehung  von  Führern
nötig  ist,  läßt  sich  nicht  in  ein  paar  kurze  Regeln  fassen;
das  Wichtigste  ist  hier  einstweilen  noch,  mit  Ausnahme
von  Militär  und  Geistlichkeit,  die  Einsicht,  daß  es  überall ­
  deren  bedarf;  der  Wille  zur  Zurückdrängung  von
Tyrannengelüsteu  und  das  Bestreben,  statt  dessen  eine
richtige  Führergesinnung  bewußt  heranzuzüchten.  Es
scheint  mir  durchaus  möglich,  daß  es  uns  Deutschen
        <pb n="69" />
        HI.  Das  Führerproblem.

78

gelingt,  auch  in  diesem  wichtigen  Punkt  voranzugehen; ­
  die  eine  Seite  des  Problems,  die  Neigung  zu
Disziplin  und  freiwilliger  Unterordnung  für  einen  wichtigen ­
  Zweck,  haben  wir  vor  anderen  Völkern  in  hohem
Maße  voraus;  verbinden  wir  damit  die  richtige  Kunst
des  Anführens  und  der  Willensübertragnng,  so  sind  die
Bedingungen  für  die  Aristagie  vollauf  gegeben.
Auch  in  den  Beziehungen  der  Völker  untereinander ­
  endlich  gibt  es  ein  Führerproblem,  nicht  nur
innerhalb  des  Staates  und  das  Volk,  dem  es  gelingt,
die  besten  Führer  zu  gewinnen,  wird  auch  zur  Leitung
anderer  kleinerer  Staaten  berufen  sein.  Auch  hier
steht  die  Aristagie  irtt  strikten  Gegensatz  zur  Gleichmacherei; ­
  nicht  alle  Völker  und  Staaten  sind  gleichviel
wert  und  gleichberechtigt;  nicht  allen  kommt  die  Führerrolle ­
  zu.  In  Europa  ist  es  wesentlich  nur  Deutschland
oder  England,  das  in  Frage  kommen  kann,  da  Frankreich ­
  in  jeder  Hinsicht  zurückgeht,  Rußland  ein  asiatischer ­
  Staat  ist  usw.  Das  Zauberwort  Organisation  ist
so  stark,  daß  man  es  auch  bei  den  internationalen  Fragen ­
  angewendet  hat  und  z.  B.  von  einer  „weltorganisatorischen ­
  Zusammenfassung  autonorner  Völkerindividualitäten" ­
  träumt.  Aber  der  volle  Begriff  der  Organisation ­
  ist  kaum  anwendbar,  wo  eine  Autonomie  in  strengem ­
  Sinne  gelten  soll;  vielmehr  müßte  hier  der  Führergedanke ­
  betont  werden  und  die  Ereignisse  des  großen
Krieges  bestätigen  das.  Kleine  und  unbedeutendere
Völker  können  nienials  dieselben  Ansprüche  erheben,
wie  die  führenden;  und  Freiheit  ohne  entsprechende
Macht  nützt  dem  Kleinen  wenig,  wie  das  Beispiel
von  Italien,  Norwegen,  Portugal  zeigt.  Organisieren
läßt  sich  da  nur  unter  der  Führung  der  Großen;  und
        <pb n="70" />
        74

III.  Das  Führerproblem.

dazu  sind  berufen,  die  sich  als  Aristoi  erwiesen  haben;
so  Preußen  in  Deutschland  und  dieses  wiederum  in
Europa.  Das  Recht  zur  Führerschaft  erwirbt  sich  dabei
durch  Tüchtigkeit  in  jeder  Beziehung  und  organisatorische ­
  Fähigkeit,  sowohl  im  Leben  innerhalb  der  Staatsgemeinschaft ­
  als  bei  zwischenstaatlichen  Beziehungen.
Allein  es  erhebt  sich  noch  eine  schwierige  Frage:
wenn  auch  die  Erziehung  geeignete  Führer  herangezogen
hat,  wie  gelangen  diese  nun  tatsächlich  im  „Kampf
ums  Dasein"  hinauf  und  erhalten  sich  in  den  geeigneten ­
  Führerstellungen?  Genügen  dazu  die  Eigenschaften, ­
  die  von  berufener  Seite  als  spezielle  Führereigenschaften ­
  gerühmt  werden  —  oder  sind  andere,
vielleicht  unerfreuliche,  erforderlich,  uni  auch,  wenn  die
Eignung  angeboren  oder  anerzogen  ist,  einen  Führerposten
  einzunehmen  und  sich  darin  zu  behaupten?
Das  ist  eine  Frage,  die  einen  Prüfstein  für  unsere
Kulturzustände  bedeutet;  sollte  es  nicht  in  erforderlicher ­
  Weise  möglich  sein,  bei  vorhandener  „Qualifikation" ­
  an  die  Führerstelle  zu  kommen,  so  nützt  alle
Erziehung  dafür  nichts  und  das  Prinzip  der  Aristagie
bleibt  ein  unerfülltes  Ideal.
Der  strenge  Kulturkritiker  und  christliche  Anarchist
Lev  Tolstvj^  bejaht  das  kurzweg.  Er  behauptet,
daß  allezeit  die  Schlechteren  über  die  Besseren  herrschen; ­
  denn  „schlecht  sind  die,  die  sich  erhöhen,  herrschen, ­
  kämpfen,  den  Menschen  Gewalt  antun".  „Um
die  Macht  zu  erwerben  und  sie  festzuhalten,  muß  man
die  Macht  gerne  haben.  Machtstreben  aber  vereinigt
sich  nicht  mit  Güte,  sondern  mit  den  der  Güte  entgegengesetzten ­
  Eigenschaften:  mit  Stolz,  List,  Grausamkeit."
„Die  Bösen  haben  stets  die  Macht  über  die  Guten  und
        <pb n="71" />
        III.  Das  Führerproblem.

76

X

vergewaltigen  sie  immer."  Das  ist  die  Auffassung  eines
extremen,  aber  unerbittlichen  Denkers  und  dem  Körnchen ­
  Wahrheit,  das  darin  steckt,  kann  sich  kein  ehrlicher
Kulturkritiker  verschließen.  Diese  Stelle,  das  heißt  der
innere  Widerspruch  zu  ihr,  ließ  mich  zuerst  nach  neuer
Formulierung  des  Gegensatzes  suchen;  denn  mit  der
alten  „Aristokratie"  kann  man  Tolstoj  schlechterdings
nicht  beikvmmen^,  da  er  ja  gerade  zum  Problem  macht,
ob  sich  die  beiden  Wortteile,  Beste  und  Herrscher,  nicht
im  Prinzip  widersprechen  und  dies  schlankweg  bejaht.
Zur  Lösung  dieser  Antinomie  kann  eine  andere  Stelle
bei  ihm  dienen.  „Die  Lockung  der  Macht  und  alles
dessen,  was  sie  bietet  an  Reichtümern,  Ehren,  Genußleben, ­
  erscheint  der  Tätigkeit  der  Menschen  nur  so  lange
als  ein  würdiges  Ziel,  bis  man  sie  erreicht  hat,  aber
in  dem  Augenblick,  in  dem  der  Mensch  sie  erreicht  hat,
enthüllt  sich  ihre  Leerheit."  Hier  kann  der  Begriff
der  Aristagie  einsetzen  und  sich  zugleich  als  ethische  Forderung ­
  an  die  Machthaber  erweisen;  diese  Leerheit
gilt  es  zu  überwinden,  sie  ist  auszufüllen  durch  die
Führertätigkeit  zu  wertvollen  Zielen,  dann  wird  auch
der  Ekel  nicht  eintreten,  den  Tolstoj  meint.  Agein  ist
gut,  kratein  ist  schlecht;  dieses  ist  die  Art  von  Machtausübung, ­
  die  er  mit  solcher  Wucht  angreift,  der  ja  selbst
ein  geistiger  „Führer"  sein  will.  Richtig  ist  also,  daß
wirkliche  Gewalt,  Übermacht,  Erdrückung  fremden
Willens  schlecht  ist  (Akratie);  dagegen  das  Führen  unentbehrlich ­
  und  darum  gut  zu  nennen  ist.  Aber  es  bleibt
noch  der  Zweifel  über  den  Weg,  der  dazu  führt.  Ist
er  wirklich  auch  mit  „Stolz,  List  und  Grausamkeit  gepflastert?" ­
  Oder  doch  weniger  schroff  mit  Überhebung,
Schlauheit  und  Rücksichtslosigkeit?
        <pb n="72" />
        76

III.  Das  Führerproblem.

Die  Lebenserfahrung  zeigt  zweifellos,  das;  solche
Eigenschaften  sehr  häufig  vorteilhaft  sind,  um  in  leitende ­
  Stellung  zu  gelangen.  Zu  den  Forderungen,  die
eine  Theorie  der  Aristagie  stellen  muß,  gehört  auch  die,
daß  die  Wege  für  die  Talente  geebnet,  ihnen  der  Aufstieg ­
  erleichtert  werden  muß,  ohne  daß  sie  das  Opfer
des  Charakters  bringen  müssen,  das  heute  noch  so
häufig  von  ihnen  gefordert  wird;  zwar  nicht  offiziell,
aber  im  Stillen.  Nicht  uni  die  „Genies"  handelt  es
sich,  von  denen  Hammacher  z.  B.  behauptet,  daß
unsere  Kultur  ihnen  ungünstig  sei;  die  kommen  höchstens ­
  für  geistige  Führerschaft  im  großen  in  Betracht
und  die  ungeheure  Differenzierung  der  Aufgaben
unserer  Kultur  ist  auch  dem  Wirken  einzelner  „Übermenschen" ­
  ungünstig,  weil  kein  Einzelner  mehr  alles
umfassen  kann.  Sondern  gerade  um  die  echten  Talente, ­
  die  weit  mehr  nottun,  als  einzelne  Wundermänner, ­
  deren  Notwendigkeit  für  eine  Kultur  erst  noch
,;u  beweisen  wäre.  Müssen  die  zu  Führern  geeigneten
ihre  besten  Eigenschaften  unterdrücken  und  zum  Opfer
bringen,  um  hinauf  zu  gelangen,  sich  durch  Schmeichelei ­
  (nach  oben  oder  unten),  Heuchelei  und  Charakterlosigkeit ­
  empfehlen,  uni  als  nicht  gefährlich  befunden
zu  werden,  dann  nützt  ihr  Aufstieg  natürlich  der  Kultur
auch  nichts;  sie  waren  zwar  vielleicht  Aristoi,  gehörten
zu  den  Besten,  aber  auf  deni  Spießrntenlauf  der  Streberei ­
  haben  sie  den  Charakter  eingebüßt,  den  sie  hatten
und  sind  dann  nicht  mehr  Aristoi,  wenn  sie  oben  sind.
Was  sich  ihnen  dabei  entgegenstellt  und  sie  zu  diesem
Charakteropfer  zwingt,  ist  nun  nicht  der  „Staat"  oder
die  „Gesellschaft",  sondern  die  Gruppenbildnngen  aller
Art,  die  man  mit  den  Namen  Clique,  Koterie,  Klasse,
        <pb n="73" />
        III.  Das  Führerproblem.

77

Partei  bezeichnet.  Sie  unterscheiden  sich  scharf  von  jeder
guten  Organisation,  weil  der  gemeinsame  Zweck,
die  Aufgabe  fehlt,  als  die  man  höchstens  das  Behagen,
den  Geldgewinn  und  den  Ruhm  der  einzelnen  Beteiligten ­
  bezeichnen  kann,  während  jedes  ideale  Ziel,
jede  höhere  Richtung  prinzipiell  fehlt.  Im  Grunde
ist  sv  der  Einzelne  Selbstzweck,  nichts  ihm  Übergeordnetes ­
  und  englische  Nützlichkeitsmoral  das  zugrundeliegende ­
  Prinzip.  Kameraderie,  Cliquenbildung  und
Protektionswirtschaft  sind  die  Mächte,  die  die  charaktervolle ­
  Persönlichkeit  anfressen,  zermürben  und  zerreiben,
bis  sie  eben,  indem  sie  ihr  äußeres  Ziel  erreicht  hat,  das
innere  verfehlt.  Denn  sie  hat  ja  nur  uni  den  Preis  der
Charakterlosigkeit  die  leitende  Stellung  erlangt,  in  der
sie  nun  zu  dem  „führen"  sollte,  was  sie  innerlich  nicht
mehr  besitzt.  Das  ist  eine  schlimme  Antinomie,  vielleicht ­
  die  schlimmste  unserer  Kultur;  alles  brüllt  nach
Charakteren  und  Persönlichkeiten  für  die  verantwortungsvollen ­
  Posten;  aber  wehe  dem,  der  es  wagt,  eine
solche  zu  sein  —  er  wird  in  einer  stillen  Ecke  mit  sich
selbst  allein  enden.
Noch  immer  wird  in  Betrachtungen,  die  solchen
Problemen  gewidmet  sind,  die  Antithese  Individuum
und  Staat  aufgestellt;  Jbsen^hat  sie  z.  B.  dichterisch
in  den  Mittelpunkt  seines  Denkens  gestellt;  und  selbst
ein  sv  feiner  Historiker,  wie  Fr.Meinecke^,  sieht  immer
noch  diese  zwei  Pole  und  Gegensätze.  Aber  es  ist  nicht
der  „Racker  von  Staat",  der  die  Persönlichkeit  zermürbt ­
  und  erschüttert;  frägt  man  irgend  einen  einzelnen ­
  Begabten,  was  ihm  den  Weg  erschwert  oder  verdorben ­
  hat,  immer  ist  es  die  Clique  oder  —  um  ein
deutsches  Wort  zu  finden  —  der  Bund,  der  ihn  gehin-
        <pb n="74" />
        78

III.  Das  Führerproblem.

dort  Hai.  Ob  es  sich  um  Wissenschaft  oder  Kunst,  Technik ­
  oder  Geschäft  handelt,  ganz  gleich;  auch  die  Trusts
gehören  hierher  und  es  gibt  geistige  Trusts  genug,  die
nicht  einmal  einen  Namen  haben,  ganz  unfaßbar  in,
Stillen  und  Dunklen  gelten  und  doch  denjenigen  vernichten, ­
  der  sich  ihnen  nicht  beugt  oder  ihnen  nicht
paßt.  Ein  Typus  ist  die  Freimaurerei  mit  ihren  Geheimnissen; ­
  aber  unsere  Kultur  wimmelt  von  solchen
Bünden,  die  nicht  einmal  traditionelle  Regeln  haben
und  doch  von  größtem  Einfluß  sind.  Was  der  praktischen ­
  Durchführung  der  Aristagie  tatsächlich  am  stärksten ­
  im  Wege  steht,  ist  diese  Gruppenbildung  oder  das
Cliquenunwesen.  Seine  Hauptleistung  ist  die  Pflege
der  Mittelmäßigkeit,  vor  allem  durch  gegenseitige
Lobesversicherung  und  praktische  Förderung;  ein  kleinlicher ­
  Utilitarismus  mit  ewigem  „Rücksichtnehmen"
negativ  und  Sichzuspielen  kleiner  Vorteile  positiv.
Führer  fehlen  diesen  „Bünden"  meist,  kein  leuchtender
Name  steht  an  der  Spitze;  klare  Ziele  und  Programme
gibt  es  nicht,  und  nur  eins  steht  dabei  felsenfest:  wer
nicht  dazugehört,  der  darf  nicht  hochkommen.
Die  politischen  Parteien  sind  dabei  noch  nicht  die
schlimmsten;  sie  dulden  zwar  nur  höchst  ungern  „Wilde"
in  den  Volksvertretungen,  aber  sie  haben  wenigstens
gekannte  und  faßbare  Führer  und  ein  Programm.
Und  doch  muß  auch  hier  das  Prinzip  der  Aristagie
auf  seinem  Recht  bestehen;  die  Tyrannei  der  Partei
darf  nicht  durch  die  Proportionalwahl  verewigt  und
versteift  werden;  die  Möglichkeit  muß  auch  im  politischen ­
  Leben  offen  bleiben,  daß  zu  Worte  kommt,  auch
wer  sich  nicht  unbedingt  dem  Parteischema  fügt,  sonst
verödet  der  politische  Kampf  zu  sehr.  Ja,  es  läge  sogar
        <pb n="75" />
        111.  Das  Führerproblem.

79

im  Interesse  des  Ganzen,  daß  man  die  Gegenpartei
nicht  unterschiedslos  bekämpft;  da  sie  nun  einmal
exisüert,  ist  es  für  alle  wichtig,  daß  die  guten  und  nicht
die  unvernünftigen  Elemente  in  ihr  regieren.  Und
das  sollte  nicht  nur  die  Partei  selbst,  sondern  auch  ihre
Gegner  bedenken;  kämen  in  allen  „Farben"  die  Äristvi
hoch  und  lenkten  ihre  Parteien,  so  käme  auch  das  Wertvollste ­
  und  Bleibendste  innerhalb  der  Anschauungen
und  Aktionen  zum  Durchbruch;  und  eine  Verständigung
ist  immer  eher  möglich  zwischen  bedeutenden  politischen ­
  Persönlichkeiten,  als  den  blind  wütenden  Durchschnittsköpfen. ­
  Immerhin,  zum  politischen  Leben  ist
Gruppenbildung  nicht  zu  entbehren.
Ganz  anders  bei  den  geschilderten  „anonymen  Gesellschaften", ­
  die  der  wahre  Krebsschaden  unserer  Kultur ­
  sind.  Hier  müßte  sich  gerade  der  vielgeschmähte
Staat  mit  den  einzelnen  Begabten  verbünden  gegen
Clique,  Coterie  und  Kastengeist.  Da  der  große  Gegner ­
  der  Persönlichkeit  nicht  das  Ganze,  sondern  der
„Sonderbund"  ist,  so  wäre  ein  aus  der  Aristagie  zu
folgerndes  Zukunftsprogramm:  Staat  und  öffentliche ­
  Körperschaft  (Stadt,  Gemeinde,  Behörde  usw.)
mit  und  für  die  Persönlichkeit  gegen  Cliquen  und
Bünde.  Der  Staat  (oder  die  Gesellschaft)  bedarf  der
Führer  und  bedarf  gar  nicht  der  Mittelmäßigkeitsverbände, ­
  die  jene  hindern;  wie  sollen  die  vielen  schweren ­
  Aufgaben  der  Kultur  gelöst  werden,  als  durch  den
energischen  Vorgang  Einzelner?  Sie  leiten  auch  die
vielgepriesene  „Entwicklung"  und  wieder  nicht  der
„Bund",  der  ja  durchaus  auf  Erhaltung  der  bequemen
und  allseitig  genehmen  Fortwurstlerei  eingestellt  ist.
Wie  man  es  auch  betrachtet:  die  öffentlichen,  aner ­
        <pb n="76" />
        80

III.  Das  Führerproblem.

kannten  Vereinigungen  haben  das  Interesse.an  den
Führern  und  bieten  ihnen  die  Aufgaben;  sie  niüßten
bewußt  nicht  nur  ihre  Erziehung  begünstigen,  sondern
auch  ihren  Aufstieg.  Die  wahren  reaktionären,  mindestens ­
  echtem  Fortschritt  feindlichen  Mächte  sind  die
Cliquen;  ihre  Macht  zu  hemmen  und  zu  durchkreuzen,
müßte  eine  wichtige  Aufgabe  innerer  Politik  sein.
Eine  schwere  und  sauere,  aber  nicht  unmögliche;  und
eine  unbedingt  nötige,  soll  es  mit  dem  Gedanken  einer
Bestenführerschaft  im  wirklichen  Leben  der  Nation
jemals  Ernst  werden.
        <pb n="77" />
        JV.  Staatliche  und  private  Organisation.

Die  Untersuchungen  über  das  Führerproblem  kann
man  auch  als  solche  bezeichnen,  die  „den  Organisator"
betreffen.  Zu  einer  Organisation,  die  neu  ins  Leben
gerufen  werden  soll,  also  zum  Organisieren,  gehört
unbedingt  eine  Persönlichkeit,  die  den  anderen  die
Idee  gibt  und  dem  Ganzen  ihre  Energie  suggeriert,
so  daß  alle  dasselbe  Ziel  ergreifen  und  wollen.  Etwas
anders  gestaltet  sich  das  Problem,  wenn  man  nicht  an
neue,  sondern  an  bestehende  Organisationen  denkt,  die
nur  weiterzuführen  sind.  Je  weiter  ein  Volk  in  der
Kultur  fortschreitet,  desto  reicher  wird  es  an  solchen
schon  funktionierenden  Organisationen^  sein  und  zu
deren  Gedeihen  ist  dann  ein  Einzelner  an  der  Spitze
nicht  mehr  so  selbstverständlich  erforderlich,  wie  zu  den
Neubildungen.
Das  tritt  uns  praktisch  entgegen  in  der  Antithese,
die  dieser  Abschnitt  behandeln  soll;  und  zwar  steht  hier
„staatlich"  kurz  für  die  großen  Gemeinschaften
überhaupt,  also  für  Gemeinden,  Stadt  oder  Staat,
und  bei  diesen  in  Deutschland  nochmals  Bundesstaat
oder  Reich.  Welche  von  diesen  Volkskörpern  eine
Organisation  übernehmen  soll,  kann  und  soll  hier  nicht
erörtert  werden;  das  kann  nicht  theoretisch  in  Kürze
behandelt,  sondern  muß  von  historischer  Entwicklung
».  d.  Psordten,  Organisation.  q
        <pb n="78" />
        82

IV.  Staatliche  und  private  Organisation.

und  praktischen  Gesichtspunkten  abhängig  gemacht
werden.  „Staatlich"  soll  also  den  ganzen  Gegensatz
zu  privaten  Unternehmungen  bedeuten,  die  sich  wiederunl
  gliedern  lassen  in  solche  von  Einzelnen  und  Gruppen ­
  von  solchen.  Der  Typus  einer  Gemeinschaftsorganisation ­
  liegt  jedenfalls  in  derjenigen  vor,  die
„verstaatlicht"  ist,  mag  ihre  Durchführung  nun  eine
Gemeindeverwaltung  oder  die  Staatsregierung  selbst
in  der  Hand  haben.
Der  innere  Unterschied  von  aller  privaten  Organisation, ­
  der  sich  dabei  zeigt,  ist  wesentlich  der,  daß
der  „Beamte"  d.  h.  hier  der  zur  Leitung  einer  Organisation ­
  beauftragte  an  ihr  nicht  so  stark  persönlich  interessiert ­
  ist  als  der  Einzelne  oder  die  Einzelnen  und
sich  mehr  auf  die  autoritative  Seite,  das  Befehlen,
verläßt  und  die  freiheitliche  Seite  zurücktreten  läßt.
Die  Gefahren  einer  Bürokratie  beruhen  auf  einer
zu  starken  Mechanisierung;  nicht  einer  völligen,  die
unmöglich  ist,  aber  einer  Verschiebung  des  Organisierens
  nach  der  Seite  des  Mechanisierens  hin.  Eine
neuere  Rechtsphilosophie^  betont  mit  Recht,  eine  völlige ­
  Verstaatlichung  (der  Produktionsmittel)  würde  die
Allmacht  der  Bürokratie  bedeuten  und  nennt  als  deren
„Mißfolgen":  Schwerfälligkeit  der  Verwaltung,  Scheu
vor  verantwortungsvoller  Initiative,  Hemmung  des
Fortschritts.  Diese  Mißfolgen  kann  man  alle  unter
den  Begriff  einer  zu  starken  Mechanisierung  bringen,
wobei  die  Schwerfälligkeit  sich  bei  den  Gliedern,  die
Scheu  beim  Organisator,  die  Hemmung  aber  bei  der
ganzen  Organisation  zeigt.
Man  ist  heute  gewöhnt,  diese  Gegensätze  nationalökonomisch
  erörtert  zu  sehen  unter  den  Schlagworten
        <pb n="79" />
        IV.  Staatliche  und  private  Organisation.

83

6-

Sozialismus,  Staatssozialismus,  Individualismus  oder
der  Antithese  Arbeitgeber—Arbeitnehmer  oder  der  von
freier  Konkurrenz  und  „Eingriff"  des  Staates  usw.
Es  hat  sich  allmählich,  z.  B.  in  der  Lehre  des  Nationalökonomen ­
  Adolf  Wagner,  ein  Mittelweg  wenigstens
  theoretisch  durchgesetzt,  der  die  Vorteile  der  gegensätzlichen ­
  Auffassungen  zu  verbinden  sucht  und  weder
im  radikalen  Sozialismus  noch  in:  alten  Liberalismus
das  Heil  erblickt.  Solche  Fragen  sind  in  der  Kriegszeit
durch  die  notwendigen  staatlichen  Maßnahmen  in  einer
Weise  populär  geworden,  die  kein  Nationalökvnom
hätte  ahnen  noch  erhoffen  können.  Preistaxen  aller
Art  sind  eingeführt  worden  und  haben  sich  bewährt;
es  gibt  Lebensmittelkarten  für  alles  Eßbare,  und
Festsetzungen  von  Höchstpreisen  für  alles  Mögliche.
Praktisch  ist  damit,  ganz  abgesehen  von  der  Abhilfe  fürmomentane
  Notstände,  etwas  ganz  Ungeheures  erreicht,
nämlich  die  Ansammlung  detaillierter  Erfahrungen,
auf  denen  künftige  Theoretiker  ganz  anders  bauen
können,  als  bisher.  Was  früher  als  Utopie  erschien,  ist
mit  einem  Schlage  Wirklichkeit,  Leben  und  funktionierende ­
  „Organisation"  geworden.
Ein  Hauptproblem  ist  dabei,  was  von  diesen  Notmaßnahmen
  etwa  im  Frieden  beizubehalten  und  zu
dauernder  Einrichtung  zu  gestalten  wäre.  Es  wäre
traurig,  wenn  alle  diese  Maßnahnien  mit  dem  Friedensschluß ­
  nutzlos  in  der  Versenkung  verschwänden,
da  manche  doch  sicher  geeignet  wären,  auch  spätersoziale
  Gegensätze  zu  mildern  und  Teilschwierigkeiten
der  großen  „Frage"  zu  lösen.  Ohne  Theorie  wird  nian
dabei  nicht  auskommen,  wenn  auch  der  Hauptnachdruck
auf  der  gewonnenen  praktischen  Erfahrung  liegt;  wenn
        <pb n="80" />
        84

IV,  Staatliche  und  private  Organisation.

man  etwa  die  Frage  so  stellt:  was  darf  denn  überhaupt
verstaatlicht  werden  und  was  nicht,  so  sind  damit  nur
gewisse  Grenzen  gewonnen  und  noch  nicht  gesagt,  daß
es  sich  empfiehlt,  alles  gestattete  in  unserem  Volk,  jetzt
gleich,  ohne  Übergang  der  Privatwirtschaft  zu  entziehen. ­
  Aber  eine  theoretische  Feststellung  und  Einschränkung ­
  scheint  mir  wertvoll,  wie  immer  auch  die
Verhältnisse  sich  in  der  nächsten  Zeit  praktisch  entwickeln ­
  werden.
Zu  diesem  Zweck  möchte  ich  das  Bild  des  Organismus, ­
  das  wir  in  dieser  ganzen  Studie  festgehalten
haben,  nun  zuletzt  noch  von  der  psychologischen
Seite  erfassen  und  ausnutzen,  nicht  nur  von  der  physiologischen, ­
  an  die  seit  Menenius  Agrippa  die  meisten
denken,  die  von  organischer  Staatsauffassung  reden.
Um  einen  beseelten  oder  vergeistigten  Organismus
aber  handelt  es  sich  doch  allemal,  wenn  wir  den  Staat,
diese  Organisation  beseelter  Individuen,  damit  vergleichen ­
  und  so  muß  sich  auch  ein  passender  Vergleichspunkt ­
  gewinnen  lassen,  wenn  wir  unsere  psycho-physische
Einzelorganisation  nunmehr  ganz  von  innen  heraus,
von  den  psychischen  Vorgängen  aus,  beleuchten.  Dazu
müssen  wir  diese  ganz  kurz  zuerst  so  darstellen,  wie  sie
uns  die  neuere  Psychologie  zeigt.
Jedem  bekannt  ist  eine  einfache  vollbewußte  Willenshandlung. ­
  Wir  erfassen  mit  Aufmerksamkeit  ein
Ziel,  fassen  einen  Entschluß  und  mit  Überlegung  alles
zur  Tat  Erforderlichen  führen  wir  ihn  aus  und  erleben
dabei  den  vollen  Eindruck  unserer  wollenden  Persönlichkeit. ­
  Allein  das  Leben  besteht  durchaus  nicht  aus
einer  Aneinanderreihung  derartiger  vollkommener  Wil-
        <pb n="81" />
        IV,  Staatliche  und  private  Organisation.

85

lensvorgänge  oder  „Taten";  im  Krieg  sind  sie  häufig,
im  Alltagsleben  aber  verhältnismäßig  selten.  Hier
handeln  wir  zwar  auch,  aber  meist  nach  Gewohnheiten; ­
  Unzähliges  ist  durch  Übung,  d.  h.  häufige  Wiederholung ­
  ähnlicher  Handlungen,  so  festgelegt,  daß  ein
feierlicher  Entschluß  dazu  gar  nicht  mehr  nötig  ist  und
erspart  werden  kann;  ja  viele  unserer  Handlungen  sind
uns  gar  nicht  mehr  bewußt,  wir  bewegen  uns  automatisch ­
  oder  beantworten  einen  Reiz  durch  einen  Reflex,
von  dem  wir  uns  gar  keine  Rechenschaft  mehr  geben.
Und  das  geschieht  bei  Handlungen,  die  ursprünglich
einmal  im  vollsten  Sinne  gewollt  worden  waren;  nur
ist  das  bei  der  Gewohnheit  unnötig  geworden  und  es
bedarf  gleichsam  des  Aufwandes  von  Willenskraft  nicht
mehr.  Diese  große  Ersparnis  an  geistiger  Kraft  nennen
wir  nun  eine  Mechanisierung  psychischer  Vorgänge
und  sie  allein  ermöglicht  uns,  unseren  Willen  immer  auf
neue  Ziele  zu  lenken  und  so  geistig  fortzuschreiten,  weil
alles  Unwichtigere  mechanisch  abläuft.
Ein  gutes  Beispiel  ist  hierfür  das  Klavierspiel  oder
das  Lernen  irgend  eines  Musikinstrumentes.  Was  muß
man  am  Anfang  alles  „wollen",  auf  was  alles  seine
Aufmerksamkeit  richten  und  bewußt  „daran  denken"!
Nicht  nur  auf  die  Noten,  die  Vorzeichnung,  das  Tempo,
den  Takt,  sondern  auch  auf  die  Haltung  der  Hände,  die
Griffe,  den  Fingersatz,  ja  endlich  den  richtigen  Gebrauch
der  Füße  beim  Pedal  und  gar  noch  die  gute  und  gerade
Körperhaltung.  Auf  jeden  einzelnen  Punkt  macht  der
Lehrer  aufmerksam,  ermahnt  unablässig,  stachelt  zu
immer  erneutem  „Wollen"  an  und  oft  verzweifelt  der
Schüler,  wie  er  es  fertigbringen  soll,  an  all  das  gleichzeitig ­
  zu  denken  und  nichts  von  den  Regeln  und  Lehren
        <pb n="82" />
        IV.  Staatliche  und  private  Organisation.

zu  vergessen.  Und  siehe  da,  der  fertige  Meister  hat  alles
scheinbar  vergessen  und  braucht  an  gar  nichts  mehr
eigens  zu  denken.  Z.  B.  schon  ein  gewandter  „Vom
Blatt  Spieler"  oder  ein  Orchestermitglied.  Er  sieht  die
unbekannten  Noten,  stellt  sich  mit  einmaliger  Willens-Handlung
  auf  dieses  musikalische  Objekt  ein,  erfaßt  blitzschnell ­
  Vorzeichnung,  Takt  und  Tempo  und  fängt
auch  schon  an  zu  spielen.  Der  ganze  ungeheure  Komplex
von  Einzelvorgängen  rollt  gleichsam  automatisch  ab;
die  Augenreize  durch  das  Hinwandern  des  Blickes  über
das  Notenblatt  erzeugen  momentan  die  richtigen  zugehörigen ­
  Reflexe  in  den  Fingermuskeln  und  der  Gesamtvorgang ­
  ist  infolge  jahrelanger  Gewohnheit  und  Einübung ­
  völlig  „mechanisiert",  trotzdem  es  eine  ziemlich
hohe  und  anstrengende  geistige  Leistung  ist.  Alles,
was  einst  soviel  Einzelwillen  erforderte,  ist  verschlungen ­
  in  eine  Gesamtleistung  die  gar  nicht  mehr  als
besondere  „Tat"  erlebt  wird.
Natürlich  ist  das  keine  wirkliche  völlige  Mechanisierung, ­
  sondern  Denken  und  Wille  überwachen  gleichsam ­
  das  Ganze,  jederzeit  bereit  einzugreifen,  falls  es
nötig  sein  sollte.  Und  ursprünglich  war  einmal  volle
Überlegung  und  Aufmerksamkeit  nötig;  der  Anfang  des
ganzen  Prozesses  ist  persönliche  bewußte  Tat,  nur  das
spätere  Resultat  Einübung  und  Gewohnheit.  Dasselbe ­
  Verhältnis  finden  wir,  wenn  wir  unsere  Handlungen ­
  ethisch  beurteilen;  anfangs  findet  der  „Kampf  der
Motive"  statt,  der  Entschluß  zur  „Tugend",  die  sittliche
Tat;  aber  das  Ziel  aller  praktischen  Moral  ist,  daß  das
Gute  gleichsam  von  selbst  geschieht,  keiner  Anstrengung
mehr  bedarf  und  der  Anblick  z.  B.  von  Leiden  wie
automatisch  den  Wunsch  auslöst  zu  helfen.  Daß  das
        <pb n="83" />
        IV.  Staatliche  und  private  Organisation.

87

Verhältnis  bei  logischer  und  ästhetischer  Beurteilung
kein  anderes  ist,  braucht  hier  nur  der  Vollständigkeit
halber  erwähnt  zu  werden.  Überall  würden  wir  tief
unter  der  möglichen  Leistung  stecken  bleiben,  müßten
wir  immerzu  in  vollem  Wortsinn  „wollen"  und  ersparte
uns  nicht  die  Gewöhnung  einen  großen  Teil  geistiger
Kraft,  den  wir  dann  für  neue  Zwecke  verwenden
können.  Das  Gleiche  gilt  nun  für  jede  Organisation.
Irgendwie  mechanisiert,  eingeübt,  gewohnt  muß  auch
hier  vieles  werden,  sonst  käme  man  ja  aus  dem  „Organisieren" ­
  niemals  heraus  und  müßte  alles  stets  wieder
aufs  neue  schaffen.  Aber  die  Organisationen  zeigen
darin  eine  Verschiedenheit,  daß  die  einen  mehr  und
immer  neue  Impulse  und  Anstöße  erfordern,  die  andren ­
  eine  stärkere  Mechanisierung  vertragen.  Denn  auch
hier  ist  es  wünschenswert,  daß  die  Gewohnheit  an  die
Stelle  des  Willens  rückt,  nur  ist  es  bei  vielem  nicht
möglich.  Auch  dies  kann  an  der  Armee  deutlich  werden; ­
  so  gewiß  sie  als  Ganzes  kein  Mechanismus  ist,  so
muß  doch  vieles  so  funktionieren,  als  sei  es  eine  Maschine; ­
  anderes  erfordert  nnablässige  Aufmerksamkeit
und  immer  neuen  Energieaufwand  der  Führenden.
Und  das  Verhältnis  von  beidem  ist  bei  den  einzelnen
Anfgaben,  Dienstzweigen,  Betrieben  durchaus  nicht  das
Gleiche.
Überträgt  man  aber  das  gesamte  Bild  auf  den
Staat,  so  sind  offenbar  die  Privatorganisationen  diejenigen, ­
  die  die  meiste  Initiative  verlangen  bezw.  den
meisten  „Willen",  die  Staatsbetriebe  aber  diejenigen,
die  am  meisten  Gewohnheit  oder  Mechanisierung  vertragen. ­
  Und  auch  das  zeitliche  Nacheinander  findet  in
derselben  Weise  statt:  anfangs  mußte  alles  gewollt,
        <pb n="84" />
        88

IV.  Staatliche  und  private  Organisation.

veranlaßt,  ins  Leben  gerufen  werden  und  einzelne  Persönlichkeiten ­
  oder  Willen  waren  dazu  nötig,  viel  Energie ­
  wurde  verbraucht,  alles  einzeln  ins  Werk  zu  setzen.
Dann  erst  kann  der  Staat  daran  denken,  die  Sache  zu
übernehmen,  wenn  sie  das  Stadium  des  Ausprobierens ­
  und  Organisierens  überwunden  hat  und  in  ruhigere
Bahnen  des  teilweise  Gewohnten,  Gesicherten,  Fertigen ­
  geraten  ist.  Erst  mußten  Einzelne  eine  rationelle
Forstwirtschaft  begründen,  Einzelne  die  Technik  des
Bergbaues  verbessern,  Einzelne  Eisenbahnen  bauen
und  ausprobieren  oder  elektrische  Erfindungen  machen,
ehe  der  Staat  daran  gehen  kann,  das  von  sich  aus  leisten
zu  wollen  und  nichts  ist  heute  staatlich  organisiert,  was
nicht  früher  einmal  private  Initiative  ins  Werk  gesetzt
hatte,  wenn  auch  bei  manchem  uns  heute  schon  völlig
Gewohnten  in  sehr  früher  Zeit.  So  hat  man  sogar
das  Strafrecht  eine  Ablösung  der  privaten  Blutrache
genannt;  gewiß  ist  aber,  daß  wenn  man  heute  davon
spricht,  das  Versicherungswesen  zu  verstaatlichen,  dies
nur  auf  Grund  privater  Leistungen  denkbar  ist,  die
wie  beim  Willen  vorhergegangen  sein  müssen.
Umgekehrt  kann  man  daraus  den  Satz  ableiten:
nichts  soll  verstaatlicht  werden,  was  dauernd  der
Initiative  einzelner  Persönlichkeiten  seinem  Wesen  nach
bedarf.  So  kann  man  sich  weder  den  Ackerbau  universalisiert
  denken"*,  weil  er  die  Individualität  so  stark  in
Anspruch  nimmt,  noch  auch  etwa  die  Luftschiffahrt  in
ihren  Anfängen,  wo  alles  darauf  ankam,  die  volle
Willenskraft,  Spekulation  und  Erfindergeist  auf  das
Problem  zu  verwenden.  Ob  man  nicht  eine  gewisse
Vergemeindlichung  der  nötigsten  Lebensmittel  beibehalten ­
  könnte,  ist  sehr  der  Erwägung  wert  und  es  gibt
        <pb n="85" />
        IV.  Staatliche  und  private  Organisation.

89

keinen  vernünftigen  Grund  dagegen;  allein  sowie  besondere ­
  individuelle  Leistungen  nötig  sind,  würde  das
Prinzip  unbedingt  dagegen  sprechen.  So  kann  man  sich
Gemeindebäcker  vorstellen,  wie  es  schon  heute  Regimentsbäcker ­
  gibt,  nicht  aber  Konditoren,  die  ihre  besonderen ­
  Rezepte  haben  und  verschiedenen  Geschmack
verschieden  befriedigen;  so  wohl  Gemeindemetzger,
aber  nicht  den  „Feinkosthändler"  oder  Speisewirt  als
Beamten  usf.  Es  kann  durchaus  nicht  meine  Absicht
sein,  die  Fülle  solcher  Beispiele  weiter  zu  verfolgen,
die  sehr  leicht  zu  beurteilen  sind,  sobald  man  den
Satz  festhält,  daß  sich  zur  Verstaatlichung  nur  eignet,
was  schon  großenteils  mechanisiert  ist  und  der  Jndividualwillen
  bezw.  der  privaten  Initiative  nicht  mehr
bedarf.
Mit  dem  Grundsatz  aber,  daß  es  im  Staate  gut  und
richtig  sei,  daß  anfänglich  private  Organisationen  mit
der  Zeit  sich  in  staatliche  (gemeindliche  usw.)  verwandeln,
stößt  man  theoretisch  auf  eine  Schwierigkeit,  die  im
Begriff  des  Eigentums  liegt.  An  dieser  kann  man
nicht  vorübergehen  und  eine  Theorie  der  Organisation
muß  sie  zu  überwinden  suchen,  will  sie  nicht  oberflächlich ­
  bleiben.  Zudem  sind  unsere  Ideen  über  das  Eigentum ­
  sicher  schon  in  einer  Umwandlung  begriffen,  die
nur  manchem  noch  nicht  bewußt  geworden  ist.  Das
konnte  man  im  Kriege  sehen,  wo  die  sozialen  Maßnahmen ­
  z.  B.  bei  den  Lebensmitteln  zwar  mancherlei
praktischem  Widerspruch  begegneten,  aber  nicht  dem
prinzipiellen,  der  doch  nach  der  üblichen  Idee  der  völligen
Unverletzlichkeit  des  Eigentums  zu  erwarten  gewesen
wäre.  Denn  tatsächlich  waren  hier  oft  Rechte  geradezu
in  Pflichten  verwandelt;  der  Eigentümer  von  Meh,
        <pb n="86" />
        IV.  Staatliche  und  private  Organisation.

80
Butter,  Milch  usw.  wurde  moralisch  getadelt,  wenn  er
nicht  verkaufte,  während  er  vor  dem  Krieg  machen
konnte,  was  er  wollte,  auch  die  Lebensrnittel  zugrundegehen ­
  lassen  oder  dem  Vieh  verfüttern.  Jetzt  auf  einmal ­
  beschränkte  man  sein  Recht  durch  das  Bedürfnis
der  Allgemeinheit:  er  durfte  nicht  nur,  nein  er  sollte
und  mußte  verkaufen.  Aber  auch  schon  vor  dem  Krieg,
z.  B.  bei  Bergarbeiterstreiken,  als  einmal  Kohle  zu  mangeln ­
  drohte,  da  konnte  man  genau  merken,  daß  die
„öffentliche  Meinung"  den  Bergwerksbesitzern  nicht
dieselbe  Art  von  Eigentum  an  der  Kohle  zusprach,  wie
etwa  an  ihren  Privathäusern,  deren  Einrichtung,  oder
ihrem  Geld.  Hier  bereitet  sich  eine  Änderung  vor,  die
das  unbeschränkte  Eigentum  an  Gütern,  die  für  die
wichtigen  Lebensinteressen  des  Volkes  unentbehrlich
sind,  einfach  aufhebt  und  die  ich  nun  kurz  zu  begründen
versuchen  will.
Die  extremsten  Anschauungen  über  die  Bedeutung
und  das  Recht  des  Eigentums  haben  sich  geschichtlich
gegenübergestanden:  etwa  die  Lehre,  es  sei  ein  Teil
der  sittlichen,  göttlichen  Weltordnung  und  dagegen  der
kecke  Satz  des  Kommunismus:  „Eigentum  ist  Diebstahl"
(Proudhon).  Beide  Theorien  berufen  sich  auf  die
„Natur",  indem  einmal  das  Privateigentum,  das
andere  Mal  der  Gemeinschaftsbesitz  als  das  eigentlich
„Natürliche"  erklärt  und  damit  nur  bewiesen  wird,  daß
sich  aus  einem  so  allgemeinen  leeren  Schlagwort  wie
„Natur"  auch  hier  gar  nichts  beweisen  läßt.  Demgegenüber ­
  hat  die  neuere  Rechtsphilosophie  vor  allem  die
Entstehung  des  Eigentums  in  Helles  Licht  gerückt,
unter  reicher  Benützung  der  anthropologischen  Tatsachen, ­
  und  dadurch  eine  Unterlage  geschaffen,  auf  der
        <pb n="87" />
        IV.  Staatliche  und  private  Organisation.

91

man  bauen  kann.  Die  alte  Naturrechtslehre  kannte
Entstehung  von  Eigentum  durch  Okkupation  (Besitzergreifung), ­
  Eroberung  und  Arbeit;  im  Kulturstaat
garantiert  ein  fingierter  Vertrag  (analog  dem  Staatsvertrag) ­
  oder  das  Recht  (Gesetz,  Legaltheorie)  den
ungestörten  Besitz.  In  einen  genetischen  Zusammenhang ­
  vermochte  sie  das  Gegebene  aber  nicht  zu  bringen;
auch  ist  es  nötig,  die  historische  Betrachtung  von  der
ethischen  Beurteilung  zu  trennen,  da  eine  sittliche
Norm  niemals  aus  den  Tatsachen  ohne  weiteres  abzulesen ­
  oder  abzuleiten  ist.
Für  die  historischen  Anfänge  haben  weder  die
Kommunisten  noch  die  Individualisten  Recht"".  Denn
„nicht  die  Erde  war  allen  gemeinsam,  sondern  ein  bestimmter ­
  Bezirk  von  Sondergut  (wirtschaftliches  Ausbeutungsobjekt, ­
  Fisch-  oder  Jagdbezirk)  einer  einzelnen
Gruppe."  In  diesem  „Gruppenkommunismus  bildet
die  Gruppe  ein  einheitliches  Rechtssubjekt";  der  Einzelne ­
  erlangt  dann  innerhalb  der  Gruppe  durch  Arbeit
subjektive  (Individual-)  Rechte.  Also  ist  zwar  „das
Recht  der  juristischen  Person  älter  als  das  Recht  der
Einzelperson""",  aber  diese  juristische  Person  ist  tatsächlich ­
  eine  Gruppe  (Horde,  Stamm)  und  sie  übt  es  nur
zu  einem  bestimmten  gemeinsamen  Zweck  aus.  Daneben
erwirbt  der  Einzelne  Rechte,  wovon  ein  schlagendes
Beispiel  ist,  daß  bei  den  Eskimos  Grönlands  der  Sommerfang ­
  (an  Fischen)  der  Familie,  der  Winterfang
aber  der  Dorsschaft  gehört.  „Was  für  die  Gemeinschaft ­
  von  wesentlicher  Bedeutung  ist,  gehört  der  Gemeinschaft" ­
  und  „nicht  der  Erwerbsgrund,  sondern  der
Gebrauchszweck  der  Sache  war  ursprünglich  für  das
Individual-  oder  Gemeindeeigentum  entscheidend".
        <pb n="88" />
        92

IV.  Staatliche  und  private  Organisation.

Die  näheren  Belege  für  diese  Sätze  finden  sich  in  dem
angegebenen  rechtsphilosophischen  Werke.
Daraus  folgt  nun  ein  für  uns  sehr  wichtiger  Satz:
die  Organisation  ist  die  Quelle  des  Eigentums.
Denn  es  ist  nur  ein  anderer  Ausdruck  für  das  Obige,
wenn  man  sagt:  die  primitiven  Organisationen  von
Fischern  und  Jägern  und  Ackerbauern  waren  das
Rechtssubjekt.  Eine  zu  bestimmten  Zwecken  gebildete
Gruppe  ist  aber  der  Embryo  einer  Organisation  und
der  passende  Vergleichspunkt  mit  den  höchsten  Organisationen ­
  ist  der  Zweckgedanke:  nicht  irgendwelche  phantastische ­
  Theorie,  sondern  der  „Gebrauchszweck"  entschied ­
  über  die  beiden  Arten  von  Eigentum.  Die  Entstehung ­
  der  zweiten,  des  Privateigentums  (mit  dem
Zwischenglied  der  Familie)  aus  dem  gemeinsamen
wird  man  sich  zeitlich  sehr  nahe  an  die  erste  Form  herangerückt, ­
  beide  also  als  fast  gleichzeitig  zu  denken  haben.
Denn  es  muß  sich  sehr  bald  herausgestellt  haben,  daß
Vieles  (persönliche  Werkzeuge  und  Waffen,  Gebrauchsgegenstände ­
  usf.)  besser  von  den  Einzelnen  als  eigen
behütet  und  gepflegt  wird,  als  von  Allen,  woran  sich
der  Erwerb  eines  Eigentumsrechtes  durch  Arbeit
(bes.  beim  Ackerbau)  ungezwungen  anschließt.  Ganz
genaues  historisches  Nacheinander  kann  hier  die  Anthropologie ­
  nicht  liefern;  genug  wenn  sie  lehrt,  daß  von
einem  sentimentalen  oder  theoretischen  Kommunismus
nie  die  Rede  war,  der  durchaus  Sache  später  rationalistischer
  Konstruktion  ist,  sondern  der  Zweck  entschied,
wem  das  Eigentum  zuerkannt  wurde,  der  Organisation ­
  oder  den  Einzelnen.
In  jedem  Kulturland  wird  man  jedenfalls  Organisation ­
  und  Einzelleistung  schon  nebeneinander  finden
        <pb n="89" />
        IV.  Staatliche  und  private  Organisation.  98'
und  dazu  ein  immer  steigendes  Hervortreten  des  Privateigentums ­
  in  Zusammenhang  mit  dem  Ackerbau.  Den
Begriff  der  „Arbeit"  als  eigentumschaffende  Macht
muß  man  bei  beiden  Formen  anwenden;  denn  auch  die
Organisation  erwirbt  ihr  Recht  durch  Leistungen,  nicht
schon  lediglich  durch  ihr  einfaches  Vorhandensein.  Und
zur  Organisation  gehört  der  Organisator  notwendig
mit  dazu;  sie  faßt  verschiedene  Leistungen,  geistige  und
körperliche,  größere  und  kleinere  Energie,  zusammen
und  der  Einzelne  geht  darin  nicht  unter,  sondern  hat
seine  bestimmte  Rolle.  Also  ist  es  verkehrt,  aus  primitiven ­
  Verhältnissen  das  Recht  des  Arbeiters  auf  den
sogen,  vollen  Arbeitsertrag  ableiten  zu  wollen;  auch
der  Organisator  hat  Ansprüche  und  der  Unternehmer,
Leiter,  Führer  ist  nur  die  moderne  Ausbildung  der  von
Anfang  an  zu  jeder  Organisation  erforderlichen  leitenden ­
  Intelligenz.  Selbst  bei  gemeinsamen  Jagd-  und
Fischzügen  von  Eskimos  bedurfte  es  einer  Persönlichkeit,
die  angibt  wohin  man  fahren  soll  und  wie  man  die  vorhandenen ­
  Kräfte  verteilen  soll;  und  sie  bekam  einen
größeren  Anteil  an  der  Beute.
Sehr  bald  muß  man  erkannt  haben,  daß  das  Einzelvermögen ­
  nur  dann  wertvoll  und  mit  Kraft  durchführbar ­
  ist,  wenn  es  veräußert  und  vererbt  werden  darf.
Hat  das  erste  als  Grundlage  des  Handels,  zunächst  des
Tauschhandels,  vorwiegend  praktische  Bedeutung,  so
führt  das  zweite,  die  Erbschaft,  zu  einer  neuen  ideellen
Einschränkung  des  Privateigentums.  Wird  es  vererbt
und  soll  es  vererbt  werden,  so  gehört  es  strenggenommen ­
  der  Familie  und  diese,  nicht  der  Einzelne,  ist  die
Grundlage,  gleichsam  die  Zelle  des  Staates.  Dann  ist
der  Einzelne  mehr  Besitzer  als  Eigentümer;  Besitz
        <pb n="90" />
        94

IV.  Staatliche  und  private  Organisation.

wird  definiert  als  das  vorläufige  Recht  an  einer  Sache,
Eigentum  aber  als  das  unbeschränkte  Recht  einer  Person ­
  an  einer  Sache.  Hier  ist  der  Eigentümer  Herr  der
Sache;  Eigentum  ist  ein  verlängertes  ego,  eine  Eigenschaft ­
  der  Person^.  Das  letztere  könnte  man  meines
Erachtens  aber  auch  vvm  Besitz  sagen  nnd  den  Unterschied ­
  auf  den  Gegensatz:  „unbeschränkt  und  beschränkt"
festlegen,  jenes  das  Eigentum,  dieses  den  bloßen  Besitz
charakterisierend.
Dann  könnte  man  theoretisch  den  Einzelnen  stets  nur
den  Besitzer  nennen  und  das  Eigentum  in  den  ersten
Anfängen  jenen  primitiven  Organisationen  oder  Zweäverbänden
  zuschreiben,  dann  aber  der  durch  die  Tradition ­
  von  geistigen  und  materiellen  Gütern  zusammengehaltenen ­
  Familie;  denn  tatsächlich  wird  ja  in  der  völlig
überwiegenden  Überzahl  von  Fällen  das  Eigentum  in
dieser  vererbt  und  jede  andere  Form  der  Vererbung
erscheint  als  grelle  Ausnahme  (Enterbung  oder  „Verstoßung" ­
  der  Kinder;  Kinderlosigkeit,  wobei  dann  die
Kognaten  eintreten  oder  Erbschaft  der  toten  Hand,  Stiftungen ­
  usw.).  Betrachtet  man  vorurteilsfrei  den  Wechsel ­
  und  Übergang  von  Eigentum,  so  ist  der  Einzelne
eigentlich  nie  völlig  unbeschränkt  und  selbst  an  den
alten  Junggesellen  erheben  noch  Neffen  und  Nichten
oder  seine  Haushälterin  ihre  Ansprüche.  Dies  unbeschränkte ­
  Recht  ist  vielmehr  eine  Fiktion,  vor  allem
zum  praktischen  Zweck  des  Handels  und  Erwerbs,
wobei  aber  stets  die  Erwartung  und  Annahme  besteht,
dieser  werde  zugunsten  des  Eigentümers,  also  im  Grunde
doch  auch  der  Familie,  erfolgen.
Eine  dritte  Beschränkung  endlich  zeigt  sich,  wenn
man  allgemein  die  Vermehrung  vorhandenen  Eigen ­
        <pb n="91" />
        IV.  Staatliche  und  private  Organisation.

tums  ober  Besitzes  (Vermögens)  ins  Auge  faßt  und
diese  Seite  erscheint  mir  in  den  mir  bekannten  Theorien ­
  nicht  genügend  berücksichtigt  zu  werden.  Es  ist
hierbei  ein  starker  Unterschied  zu  beachten,  inwieweit
denn  eine  Vermehrung  dem  Einzelnen  als  solchem  zugeschrieben ­
  werden  darf,  und  inwieweit  der  Staat  dabei
  direkt  beteiligt,  also  auch  berechtigt  ist.  Gewiß  wird
Besitz  zunächst  durch  Arbeit  vermehrt  und  diese  kann
sich  unmittelbar  an  den  Erwerb  durch  Okkupation  anschließen; ­
  z.  B.  Robinson  auf  seiner  Insel  okkupierte
zunächst,  dann  aber  schuf  er  Werte  und  nach  mehreren
Jahren  war  sein  Eigentum  ohne  fremdes  Zutun  vermehrt. ­
  Allein  eine  Insel  ist  schon  ein  Ausnahmefall
und  bereits  der  Kanrpf  mit  den  Wilden  der  Nachbarinsel ­
  zeigt,  daß  schon  diese  einfachste  Art  der  Vermehrung ­
  auch  der  Verteidigung  bedarf.  Diesen  Schutz
gegen  Raub  und  Störung  jeder  Art  übernimmt  in  jedenr
Kulturvolk  der  Staat  und  sichert  das  Privateigentum
nicht  nur  durch  sein  Recht,  sondern  auch  durch  seine
äußere  Macht  und  Stärke,  was  jeder  Krieg  augenfällig ­
  beweist  (negativ  z.  B.  Serbien,  Nordfrankreich).
Also  ist  der  Staat  strenggenommen  schon  hier  beteiligt;
immerhin  ist  bei  der  Vermehrung  durch  Arbeit  der
Anteil  des  Einzelnen  ungleich  größer.  Kriege  sind  Ausnahmen, ­
  Räuber  schließlich  auch  und  man  kann  wenigstens ­
  die  Fiktion  aufrecht  erhalten,  der  Einzelne  vermöge
  etwa  mit  seiner  Familie,  seinen  Söhnen,  sein
Eigentum  selbst  zu  verteidigen.
Dagegen  ist  nun  bei  einer  anderen  Art  der  Vermehrung, ­
  der  kapitalistischen,  der  Staat  direkt  und
viel  stärker  beteiligt.  Man  hat  das  Kapital  d.  h.  die
Vermehrung  des  Vermögens  durch  fremde,  nicht  die
        <pb n="92" />
        96

IV.  Staatliche  imD  private  Organisation.

eigene,  Arbeit  stets  vom  moralischen  Standpunkt  aus
angegriffen,  von  dem  ich  erst  nachher  reden  will.  Es
ist  aber  vor  allem  zu  betonen,  daß  eine  solche  Art  von
Vermehrung  auch  tatsächlich,  empirisch,  historisch  nie
ohne  Gemeinde  und  Staat  erfolgt  ist,  noch  jemals  erfolgen ­
  kann.  Diese  Art  ist  nicht  nur  auf  der  Insel
Robinsons  unmöglich,  sie  fordert  nicht  nur  den  Schutz
durch  den  Staat,  obwohl  sie  dessen  in  erhöhtem  Maße
bedarf  und  hier  auch  jede  Fiktion  wegfällt,  als  könne
der  Einzelne  sich  dabei  selbst  schützen;  nein,  sie  hängt
in  jeder  Weise  untrennbar  mit  dem  Staate  zusammen.
Die  kapitalistische  Vermehrungsform  ist  weder  denkbar
noch  möglich,  wenn  sich  der  Eigentümer  nicht  auf  eine
Fortdauer  bestimmter  Kulturzustände,  das  Blühen  von
Industrie  und  Handel,  das  Gedeihen  der  ganzen  Volkswirtschaft ­
  verlassen  kann  und  der  Staat  muß  hierfür
in  ganz  anderer  und  tiefgreifender  Weise  Garantien
bieten,  als  bei  dem  Schutz  der  Arbeit.
Beweis  wiederum  der  Krieg.  Man  denke  sich  zunächst
einmal  den  Einzelnen  im  Gegensatz  zu  Gemeinde
und  Staat,  also  etwa  einen  völlig  egoistischen  Geizhals, ­
  der  dem  Krieg  entfliehen  will.  Seine  private
„Habe"  kann  er  eventuell  mitschleppen,  feine  Kostbarkeiten, ­
  Möbel,  sein  Bargeld;  etwa  in  ein  neutrales
Nachbarland.  Aber  seine  Wertpapiere,  Aktien  usw.
helfen  ihm  gar  nichts,  außer  solche  des  neutralen  Landes, ­
  dessen  Wirtschaft  einigermaßen  unberührt  bleibt.
Ein  völlig  besiegtes  Land  (wieder  etwa  Serbien)  gewährt ­
  im  Moment  gar  keinen  Schutz  und  die  kapitalistische
  Vermehrung,  ja  auch  schon  der  Wert  des  so  früher
Erworbenen,  ist  zunächst  völlig  aufgehoben.  Aber
auch  schon  in  Ostpreußen  konnte  man  zur  Zeit  des
        <pb n="93" />
        IV.  Staatliche  uild  private  Organisativtt.

97

v.  d.  Pfordt  en,  Organisation.

7

Russeneinfalles  zunächst  nichts  verdienen,  und  in  solchen ­
  Zuständen  hört  der  kapitalistische  Betrieb  einfach
auf.  Aber  auch  positiv  und  ohne  Krieg  ist  der  Staat
hier  in  ganz  anderer  Weise  beteiligt,  falls  überhaupt
diese  Art  des  Erwerbs  gelingen  soll;  nur  in  einen;
Rechtsstaat  kann  sie  funktionieren,  nur  in  einem  Kulturstaat ­
  Früchte  tragen.  Das  im  einzelnen  auszuführen,
ist  wohl  nicht  nötig;  ich  meine,  die  oberflächlichste  Überlegung ­
  genügt;  wichtig  ist  vor  allem,  den  Unterschied
in  der  Abhängigkeit  vom  Staat  hier  und  bei  der  Vermehrung ­
  durch  Arbeit  festzuhalten  und  andere  Gesichtspunkte ­
  von  dieser  prinzipiellen  Feststellung  fernzuhalten. ­
  Natürlich  kann  man  auch  sagen:  der  Kulturstaat ­
  bedarf  des  Kapitalismus  und  gedeiht  durch  ihn;
derartige  enge  Beziehungen  sind  stets  gegenseitig  und
der  Staat  als  Organisation  des  Volkslebens  von
dessen  Ausgestaltung  stets  beeinflußt.
Fassen  wir  nun  die  ethische  Teilendes  Problems
ins  Auge,  so  befinden  wir  uns  auf  dem  Boden  des
alten  Naturrechtes.  Natur-  oder  Vernunftrecht,  richtiges ­
  Recht,  natürliches  Recht,  philosophisches  Recht,
Ethik  —  lauter  Namen  für  die  gleiche  Sache.  Die
Ethik  ist  die  Mutter  des  Rechtes  und  dieses  stellt  nur
das  ethische  Minimum  dar,  das  sich  die  Gemeinschaft
festzustellen  und  eventuell  zu  erzwingen  entschlossen
hat.  Recht  im  ganz  abstrakten  Sinne,  ohne  den  Staat,
ist  nichts  anderes  als  Ethik;  es  hat  keine  anderen  Quellen ­
  und  unterscheidet  sich  nur  durch  seine  unbedingte
Geltung,  während  die  Sitte  praktisch  freier  gelassen
wird,  die  Ethik  im  engeren  Sinne  als  Gesinnungsethik
dem  Einzelnen  überlassen  bleibt.  Alle  aber  schöpfen
ihre  Ansprüche  aus  Idealen  und  Normen,  die  das  Tun
        <pb n="94" />
        98

IV.  Staatliche  und  private  Organisation.

der  Menschen  jetzt  und  in  Zukunft  gestalten  und  regeln
sollen.  Die  Betrachtung  der  ethischen  Seite  ergibt
also  zugleich  die  Grundlagen  des  Rechtsanspruches;  je
nachdem  Eigentum  als  moralisch  (was  ich  der  Kürze
halber  mit  „ethisch"  gleichsetze,  da  man  es  nur  ziemlich
künstlich  nochmals  trennen  kann)  zu  erweisen  ist,  hat
es  einen  Anspruch,  als  Recht  zu  gelten  und  durch
Recht  geschützt  zu  werden.
Das  Eigentum  jener  Primitiven  Zweckverbände  war
ohne  weiteres  „Recht"  schon  weil  es  damals  nichts
anderes  gab;  dieser  Ursprung  aus  der  Organisation
deutet  nur  auf  ein  Vorwiegen  des  gemeinsamen  vordem ­
  individuellen  Interesse  in  dieser  Frage  hin  und  auf
ein  Überwiegen  des  Zweckgedankens.  Moralisch  oder
nicht  —  jene  Vereinigungen  mußten  bald  dem  Privateigentum ­
  weichen  und  es  entspricht  der  Entstehung
alles  Ethischen  aus  einem  indifferenten  „natürlichen"
Untergrund,  wenn  jene  Anfänge  einen  besonderen
Wertcharakter  nicht  besitzen,  sondern  aus  dem  Kampf
ums  Dasein  geboren  wurden.  Der  Zweck  aber  verweist ­
  das  Eigentum  von  vornherein  in  die  angewandte
Ethik;  zu  den  reinen  Grundbegriffen  gehört  dieser  nicht
und  ohne  weiteres  kommt  ihm  gar  keine  ethische  Qualität ­
  zu.  Daß  eine  solche  auch  durch  die  aus  dem  Naturrecht ­
  berühmte  „Okkupation"  nicht  begründet  wird,  ist
klar;  diese  ergibt  den  Besitz  aber  kein  ethisches  Recht
auf  ihn.  Genau  so  beim  Staat,  der  erst  durch  Kulturleistungen ­
  ein  ethisches  Recht  auf  durch  Kriegsrecht
eroberte  Gebiete  gewinnt.  Denn  diesen  Titel  verleiht
unzweifelhaft  die  Arbeit,  weil  Betätigung  im  Gegensatz
zu  Müßiggang  immer  als  praktischer  ethischer  Wert  gegolten ­
  hat.  Etwa  die  Überspanntheiten  indischer  Bettel-
        <pb n="95" />
        i*

IV,  Staatliche  und  private  Organisation.  99
Mönche  ausgenommen.  Tugend,  ursprünglich  Tüchtigkeit, ­
  muß  sich  irgendwie  ausleben  und  betätigen  und  kann
nicht  lediglich  in  Gesinnungen  bestehen,  wenn  man  nicht
die  Ethik  dem  wirklichen  Leben  ganz  entfremden  will.
Aber  auch  die  sogen.  Gesinnungsethik  rechnet  stets  mit
der  Umsetzung  ihrer  „reinen"  Prinzipien  in  irdisches
Tun.
Das  erste,  was  also  seine  ethische  Legitimation  zu
erweisen  hat,  ist  das  Privateigentum.  Und  das
kann  es  in  vollstem  Maße;  denn  es  ist  überhaupt  ein
Irrtum,  die  Ethik  lediglich  auf  die  soziale  Beziehung,
auf  das  Gemeinschaftsleben  aufbauen  zu  wollen.  Der
Fortschritt  der  Ethik,  der  Aufbau  einer  Kultur,  die  wirkliche ­
  „Entwicklung"  ist  historisch  gebunden  an  die  Emanzipation ­
  des  Einzelnen  von  der  Horde  und  der  Herausarbeitung ­
  des  Eigenwerts;  das  Neue,  das  Moment  des
Höheren  liegt  niemals  in  der  Masse,  sondern  zunächst
bei  Wenigen,  die  sich  auszeichnen  und  herausheben,
und  das  war  nicht  nur  immer  so  und  gilt  auch  heute
noch,  sondern  ist  auch  gar  nicht  anders  denkbar.  Der
Begriff  der  Persönlichkeit  aber  ist  unbedingt  ein
ethischer,  wenn  man  in  ihm  die  bloße  natürliche  Individualität ­
  mit  all  den  Werten  und  Normen  erfaßt,  die
der  einzelne  Kulturmensch  in  sich  zu  verwirklichen  imstande ­
  ist.  Und  zum  Ausleben  der  Persönlichkeit  in
Freiheit  und  Tat  ist  das  Privateigentum  historisch  nötig
gewesen  und  darum  auch  ethisch  berechtigt^;  denn  angewandte ­
  Ethik  läßt  sich  nicht  so  wie  ganz  abstrakte  Theorien ­
  von  den  Tatsachen  und  der  Empirie  trennen.
Der  wirkliche  Kulturfortschritt  bedurfte  es  und  bedarf
es,  nicht  nur  die  Freude  am  und  Befriedigung  durck
den  Besitz,  die  schon  Aristoteles^  für  das  Privateigentum
        <pb n="96" />
        100

IV.  Staatliche  und  private  Organisation.

ins  Feld  führt,  obwohl  man  auch  der  Hebung  des  Selbstgefühls ­
  durch  diese  eine  ethische  Seite  abgewinnen
kann.  Vor  allem  aber  ist  es  die  Auswirkung  der  Persönlichkeit ­
  des  Mannes,  die  vom  Besitz  unzertrennlich
ist,  gerade  wenn  er  nicht  nur  ein  egoistischer,  fauler,
zynischer  Weiser,  sondern  ein  nützliches  „Mitglied  der
Gesellschaft"  sein  will  und  sein  soll.
Das  ethische  Recht  der  Familie  auf  Eigentum
braucht  nicht  besonders  erwiesen  zu  werden,  sobald  man
an  die  Stelle  der  falschen  Staatsthevrie,  die  ihn  atomistisch
  aus  Einzelpersonen  zusammensetzt,  die  richtige
gesetzt  hat,  die  ihn  aus  Familien  bestehen  läßt.  Diese
muß  allerdings  bei  jeder  Gelegenheit  betont  und  eingeschärft ­
  werden;  alle  kommunistischen  Phantastereien
gehen  von  der  atomistischen  Theorie  aus  und  verkennen
die  absolute  Bedeutung  der  Familie  für  den  Kulturstaat. ­
  Ja  es  ist  eine  Zukunftsforderung  an  eine  Fortbildung ­
  des  Rechtes,  dieser  überragenden  Bedeutung
beim  Wahlrecht,  Stenerpflicht,  Kriegsentschädigung
usw.  noch  weit  mehr  Rechnung  zu  tragen  als  dies  bisher ­
  geschehen  ist.  Eltern  sind  auch  an  der  Zukunft
des  Staates  in  ganz  anderer  Weise  interessiert  und  in
weit  höherem  Grade,  als  etwa  ein  Junggeselle.  Dieser
mag  allerhand  gute  Wünsche  für  die  spätere  Generation
haben,  Eltern  haben  diese  unmittelbar  vor  Augen,
erziehen  sie  und  sorgen  für  sie  und  die  Gemeinschaft,
wenn  sie  z.  B.  Gesetze  beschließen,  die  erst  der  nächsten
Generation  voll  zugute  kommen  können.  Eine  Familie
mit  Kindern  sind  Staatsbürger  erster  Klasse,  die  Kinderlosen ­
  und  Unverheirateten  nur  zweiter  und  das  müßte
in  Verordnungen  und  Gesetzen  weit  mehr  zum  Ausdruck ­
  kommen.
        <pb n="97" />
        VI.  Staatliche  und  private  Organisation.

101

Die  Gedanken  weiter  Volkskreise  weisen  schon  durchaus ­
  in  dieser  Richtung.  Es  gilt  schon  als  allgemein
moralische  Forderung,  das  Erbteil,  das  der  Einzelne
bekam,  nicht  zu  schmälern,  sondern  womöglich  vermehrt
seinen  Kindern  zu  hinterlassen.  Wer  das  nicht  fertig  -
bringt,  gilt  als  schlechter  Haushalter.  Nichts  ist  so  unpopulär, ­
  als  die  Erbschaftssteuer  unter  Agnaten^,  weil
eben  unausgesprochen  und  unbewußt  die  Familie  als
der  eigentliche  Träger  des  Eigentums  gilt.  Die  Volksmoral ­
  faßt  durchaus  den  Einzelnen  nur  als  Besitzer,
der  vorübergehend  verwaltet,  was  er  von  Voreltern
hat  und  an  Nachkommen  weitergibt,  ganz  im  Sinne  der
Religion,  die  den  Menschen  als  „Verwalter"  irdischer
Güter  gerne  bezeichnet.  Wenigstens  gilt  dies  von  allen
gesunden  Volkskreisen,  dabei  aber  hoch  und  niedrig;
für  den  Bauern  nicht  minder  als  den  Bürger  und  Adeligen, ­
  aber  auch  für  den  Beamten  aller  Grade  und  den
besser  situierten  Arbeiter.  Nur  die  Kreise  denken  anders, ­
  die  nichts  zu  verlieren  haben  oder  ganz  von  Phrasen ­
  und  Utopien  durchtränkt  und  verdreht  sind;  allein
der  echte  Proletarier  war  niemals  der  normale  Staatsbürger ­
  und  kann  es  in  keinen,  Kulturstaat  jemals  sein.
Davon  abgesehen  ist  das  moralische  Recht  der  Familie
auf  vererbbares  Eigentuni  einfach  selbstverständlich  und
gehört  zum  ganzen  Zusammenhalt  geschichtlicher  Tradition, ­
  die  ihrerseits  das  Rückgrat  des  Staates  ist.
Keine  eigentümliche  ethische  Berechtigung  besitzen
dagegen  alle  unpersönlichen  Vereinigungen,  wie  sie
die  Neuzeit  hervorgebracht  hat,  also  die  Aktiengesellschaften, ­
  G.  m.  b.  H.,  Trusts  usw.  Sie  sind  keine
Organisationen,  sondern  einfach  Summierungen  von
Einzelvermögen;  eine  Fabrik  ist  eine  Organisation  mit
        <pb n="98" />
        102

IV.  Staatliche  und  private  Organisation.'

besonderem  Zweck;  die  A.-G.,  die  sie  besitzt,  aber  nicht.
Auf  die  Bedeutung  der  Persönlichkeit  als  ethischer
Legitimation  können  sie  sich  auch  nicht  berufen,  denn
diese  geht  darin  unter  und  kann  sich  nicht  darin  auswirken, ­
  ausgenommen  die  paar  Direktoren,  die  die
Sache  machen.  Diese  Bildungen  sind  einfach  Kumulationen ­
  von  Egoismen  und  hier  zeigt  es  sich  deutlich,
daß  durchaus  nicht  jede  Gemeinschaft  ein  ethisches
Vorrecht  vor  der  Einzelperson  hat;  der  tüchtige  Einzelne ­
  kann  viel  „sozialer"  sein  und  wirken,  als  die
wesenhaft  egoistische  Aktiengesellschaft.  Dadurch  daß
sich  mehrere  zusammentun,  ist  noch  nichts  geschaffen,
was  an  Wert  und  Geltung  über  den  Teilen  stände
und  diese  Vereinigungen  tragen  den  Charakter  des
Mechanischen  und  nicht  des  Organisch-Verbundenen.
Damit  ist  nicht  gesagt,  daß  sie  nicht  praktisch  nützlich
seien  oder  daß  man  diese  Form  aufgeben  solle,  wohl
aber,  daß  sie  ein  ethisches  Recht  nicht  an  sich  oder  aus
eigenem  beanspruchen  können.
Daß  dem  Staat  als  der  Organisation  des  Volksganzen ­
  ein  ethischer  Anspruch  auf  Eigentum  zusteht,
braucht  nicht  bewiesen,  in  unserer  Zeit  eher  das  Recht
der  Einzelnen  und  der  Familie  ihm  gegenüber  betont
zu  werden.  Wenn  er  in  dieses,  sowie  das  irgendwelcher
Korporationen  oder  Verbände  eingreift,  so  steht  ihm
dafür  von  seiner  Macht  oder  dem  Zwang  der  Not  abgesehen, ­
  vor  allem  das  Recht  zur  Seite,  daß  sich  aus
seiner  Mitwirkung  bei  der  Kapitalsbildung  ergibt.
Dabei  ist  er,  wie  vorhin  erörtert,  von  vornherein  gleichsam ­
  ein  stiller  Teilhaber,  da  er  zu  ihrer  Entfaltung
völlig  unentbehrlich  ist.  Grundsätzlich  wird  man  ihn,
dabei  mehr  an  Eingriffen  zugestehen,  als  gegenüber
        <pb n="99" />
        IV.  Staatliche  und  private  Organisation.

103

der  Familie;  diese  belastet  er  in  den  Einzelnen  durch
Steuern  aller  Art,  aber  er  nimmt  ihnen  ihren  Besitz
(Habe,  Grundbesitz  usw.)  nicht  einfach  weg  und  die
Expropriation  bleibt  stets  ein  Ausnahmefall.  Dagegen
haben  ihm  die  ebengenannten  unpersönlichen  Verbände
(Trusts  usw.)  gar  kein  ethisches  Recht  entgegenzusetzen,
da  sie  gar  nicht  der  allgemeinen  Wohlfart  dienen,  wie
etwa  Gemeinden  und  Organisationen,  sondern  lediglich ­
  dem  Privatnutzen  ihrer  Mitglieder.
Findet  es  also  der  Staat  in  seinem  und  des  Ganzen ­
  Interesse,  Übergänge  von  derartigen  privaten
Verbänden  in  staatliche  Organisationen  zu  erzwingen,
wie  dies  etwa  bei  den  Eisenbahnen  schon  geschah,  bei
anderen  Verkehrsmitteln,  Bergwerken,  Elektrizität  usw.
jeden  Tag  notwendig  werden  kann,  so  kann  hier  das
Naturrecht  oder  das  ethische  Recht  kaum  opponieren.
Selbst  wenn  diesbezügliche  Unternehmungen  von  Einzelnen ­
  begründet,  hochgebracht  und  in  Blüte  erhalten
wurden.  Das  persönlichste  Recht,  was  sich  überhaupt
denken  läßt,  das  Autorenrecht,  also  das  an  geistigem
Eigentum  einer  begabten  Persönlichkeit,  erlischt  „mit
Recht"  nach  dreißig  Jahren,  nicht  minder  verfallen
Patente  gleichfalls  begabter  Erfinder.  Warum  soll  der
unpersönliche  Besitz  einer  Aktiengesellschaft  auf  ewig
vor  Verstaatlichung  geschützt  sein,  warum  gerade  diese
Summierung,  die  keine  sittlichen  Qualitäten  besitzt?
Zudem  ist  es  eine  oft  zu  beobachtende  Regel  auch  bei
großen  industriellen  Unternehmungen  (etwa  Krupp),  daß
die  anfangs  sehr  starke  individuelle  Initiative  und
Stoßkraft  des  Besitzers  nach  mehreren  Generationen
erlischt  und  auch  das  ursprünglich  das  Gepräge  großer
Persönlichkeiten  tragende  Unternehmen  mit  der  Zeit
        <pb n="100" />
        104

IV.  Staatliche  und  private  Organisation.

so  stark  unpersonell  wird,  daß  eine  Bürokratisierung
durch  den  Staat  nur  noch  als  ein  kleiner  Schritt  erscheint, ­
  der  den  Namen  ändert,  aber  kaum  mehr  das
Wesen.
Wenn  also  ein  allgemeines  Interesse  den  Übergang
von  privater  in  staatliche  Organisation  fordert,  so  ist
das  bei  jenen  Zusammenballungen,  die  wir  A.-G.,
G.  m.  b.  H.  oder  Trust  nennen,  am  allerwenigsten
unerlaubt  und  von  vornherein  weit  berechtigter,  als
gegenüber  Familie  und  Einzelnen.  Ob  das  dann  für
Gemeinden,  Bundesstaat  oder  Reich  geschieht,  ist  keine
theoretisch  zu  entscheidende  Frage  mehr,  da  deren
ethische  Rechte  im  ganzen  ziemlich  gleich  sind.  Die
Gefahr  der  Bürokratisierung  ist  dabei  gering  anzuschlagen, ­
  wo  die  Größe  eines  Betriebes  sich  der  staatlichen ­
  Form  schon  stark  angenähert  hat.  Ob  aber  ein
solcher  Übergang  ohne  Schaden  für  das  Ganze  geschehen ­
  kann,  ist  nach  dem  psychologischen  Prinzip  zu
entscheiden,  daß  mehr  mechanisiert  nur  das  Werk  werden ­
  darf,  zu  dem  der  bewußte  Einzelwille  und  die
Initiative  der  Persönlichkeit  nicht  mehr  in  hohem  Maße
erforderlich  ist.
Mit  diesen  Ausführungen  sind  die  Bezüge  sicher
nicht  erschöpft,  die  sich  aus  dem  Stoff  ergeben  und
ich  kann  nur  hoffen,  das  Wesentliche  und  Wichtige
herausgehoben  zu  haben.  Denn  in  dem  Begriff
Organisation  steckt  nicht  nur  ein  Geheimnis,  sondern,
ihrer  viele.
        <pb n="101" />
        Anmerkungen

1  Ausführliches  darüber  in  meiner  Abhandlung:  „Zur  Philosophie ­
  der  politischen  Parteien"  im  Archiv  für  Rechts-  und  Wirtschaftsphilosophie, ­
  Band  VIII.  1914/16.  Diese  Arbeit  ist  vor  dem
Kriege  verfaßt  worden,  aber  erst  während  desselben  erschrenen.
2  So  will  man  in  Frankreich  zwar  Einkommensteuer  und
Kriegsgewinnsteuer,  aber  ohne  Deklarationszwang;  Motto:
Wasch  mir  den  Pelz,  aber  mach'  mich  nicht  naß!
3  In  einem  anderen  Buche:  „Die  Grundurteile  der  Philosophen" ­
  1.  Hälfte.  Griechenland.  (Konformismus  Bd.  III;
1913.)  habe  ich  gezeigt,  daß  alle  philosophischen  Gedankensysteme
auf  solchen  beruhen,  sowie  daß  sie  im  letzten  Grunde  Werturteile
sind.  Sie  unterscheiden  sich  von  dem  sogen,  „apriori"  dadurch,  daß
sie  nicht  von  der  Erfahrung  unabhängig  sind.
1  Man  kann  schon  den  Schulbesuch  bei  uns  als  eine  solche
Leistung  auffassen,  da  es  der  Staat  ist,  der  ihn  verlangt,  ja  sogar
erzwingt.
5  Dieser  Vergleich  ist  sehr  alt;  vgl.  die  Rede  des  Menenius
Agrippa  an  die  Plebs  bei  der  Sezession  auf  den  Lions  saeer  bei
Dionysius  v.  Halikarnaß  Hb.  VI.  eap.  86.
6  Vgl.  Zeitschrift  für  Philosophie  u.  philos.  Kritik  Bd.  133,
187.  (1908.):
7  Das  ähnlich  klingende  Akrasie  bedeutet  im  Griechischen
den  Gegensatz  von  Sophrosyne,  also  etwa  „Unmäßigkeit",  wird
aber  wenig  gebraucht.
3  Das  beweist  schlagend  der  große  Krieg,  bei  dem  z.  B.  in
Frankreich  und  Italien  das  „Volk"  ihn  gar  nicht  wollte,  aber  von
einer  kleinen  Gruppe  fortgerissen  wurde.  Selbst  in  der  Schweiz
ist  die  Bolksherrschaft  nur  eine  Fiktion.
        <pb n="102" />
        5  Das  gleiche  gilt  von  anzuführender  Literatur.  Ich  beschränke ­
  mich  auf  ein  paar  Werke  neueren  Datums,  die  zu  dem
Thema  eine  ganz  spezielle  Beziehung  haben;  hereinziehen  könnte
man  auch  eine  ganze  Bibliothek.  Carl  Kindermann,  Die
Führer  im  modernen  Völkerleben.  (Stuttgart,  Ulmer.  1909?)
Das  Buch  scheint  nach  Vorlesungen  wörtlich  gedruckt  zu  sein;
darauf  deuten  die  ermüdenden  Wiederholungen  und  die  behagliche ­
  Breite.  In  knapperer  Form  würden  die  Hauptgedanken
viel  mehr  wirken;  ich  komme  auf  einzelnes  zurück.  Das  Programm ­
  des  Werkes  findet  man  S.  22f.  entwickelt.  —  Eine  Anzahl ­
  Theorien  haben  mit  dem  Problem  des  Führertums  nichts  zu
tun;  man  kann  sie  auch  ablehnen,  ohne  das  übrige  zu  stören.
So  die  zwei  „Grundsätze"  (S.  27)  von  der  Wechselwirkung  aller
Teile  in  der  Welt  (gut,  eommereium  omniuw  in  der  Philosophie;
auch  bei  Kant)  und  der  Relativität  oder  Bedingtheit  aller  Wahrheit ­
  (wohl  besser:  des  Richtigen,  Zweckmäßigen,  oder  der  Werte)
im  Bölkerleben.  Dann  die  oft  wiederholte  Hypothese,  unsere
jetzige  Zeit  sei  durch  „Reife  und  Abgewogenheit"  oder  durch  ein
„hohes  Gleichgewicht"  besonders  vor  vergangenen  Zeiten  ausge
zeichnet.  Die  Vermeidung  der  Extreme,  so  auch  des  Absolutis
mus  von  oben  und  von  unten,  des  patriarchalischen  Bevormun
dens  wie  des  einseitigen  Freiheitsstrebens  ist  des  Verfassers
Ideal;  fraglich  ist,  ob  es  in  der  Gegenwart  in  hohem  Maße  verwirklicht ­
  ist,  wie  ob  es  eine  (S.  113ff.)  „moderne  gegliederte
Gesamtüberzeugung"  gibt.  Fr.  Wilh.  Foerster,  Staatsbürgerliche ­
  Erziehung-.  1914.  Das  Buch  enthält  sehr  Wichtiges  hier
Einschlagende  bes.  in  den  Abschnitten:  II,  2  „Die  Kunst  des  Be
fehlens";  II,  3ck  „Zentralismus  und  Demokratie";  ferner  im
zweiten  Teil  I,  2f.  „Praktische  Vorschläge  zur  sozialen  Erziehung".
Foerster  neigt  zur  katholischen  Form  der  Autorität  und  wird  der
„preußischen  Menschenleitung"  kaum  voll  gerecht;  dagegen  besitzt
  er  eine  Kenntnis  der  einschlägigen  englischen  und  amerikanischen ­
  Literatur,  die  auch  dem  weniger  demokratisch  Gesinnten
Wertvolles  bietet.  Seine  bedauerlichen  politischen  Entgleisungen ­
  in  neuerer  Zeit  gehören  auf  ein  anderes  Blatt.  Georges
Chatterton-Hill,  Individuum  und  Staat  (1913)  ist  ein  Seitenstück ­
  aus  der  Feder  eines  in  Genf  lebenden  amerikanischen  Soziologen. ­
  Das  Buch  bewegt  sich  weit  mehr  in  Abstraktionen,  wo
gegen  Foersters  Stärke  die  Kenntnis  konkreter  Lebensbeziehungen ­
  ist;  jener  faßt  Tradition,  Patriotismus  und  Religion  wesent-
        <pb n="103" />
        Anmerkungen.

107

lich  als  soziale  „Jntegrations"  oder  Samurlnngsmittel.  S.  186f.
unterscheidet  er  als  drei  große  Systeme  sozialer  Anschauungen
den  Aristokratismus,  die  Demokratie  und  den  Sozialismus  und
bricht  eine  starke  Lanze  für  das  erste.  Hier  wäre  das  Wort  „Aristagie"
  ungemein  klärend,  denn  echte  Aristokratie  ist  gar  nicht
sozial  und  das  „System  des  ttbereinanber"  und  eine  „Hierarchie
der  Werte"  kommt  in  einem  System  abgestufter  Führerschaften
völlig  genügend  zur  Geltung.  Emil  Hammacher,  Hauptfragen
der  modernen  Kultur  (1914)  betont  z.  B.  S.  101,  112  und  126
die  Notwendigkeit  der  Führer;  er  faßt  unsere  Kultur  wie  die
Religion  von  der  mystischen  Seite  und  praktisch  ist  wenig  bei
ihm  zu  gewinnen,  zumal  er  sehr  pessimistisch  denkt.  Zum
Schluß  noch  eine  Dame:  Marie  Diers  in:  Moderne  Kultur
ed.  Heyck.  Bd.  II.  Sie  unterscheidet  S.  13f.  aristokratische  und
subalterne  Gesinnung,  welchen  Gegensatz  sie  dann  durch  Begabt
—  unbegabt,  Künstler  und  Nichtkünstler  ersetzen  will.  Hier  hätte
der  Begriff  Aristagie  besonders  klärend  wirken  können.
J °  Rede  an  den  Verband  der  Holsteinischen  Kriegervereine;
Friedrichsruh,  Mai  1894.
"  Eine  bequeme  und  klare  Übersicht  der  Möglichkeiten  gibt
Franz  Sawicki,  das  Problem  der  Persönlichkeit  und  des  Übermenschen ­
  (1909).  Der  Verf.,  katholischer  Priester,  gibt  eine  historische ­
  Darstellung  seit  Kant  u.  erörtert  streng  objektiv  die  Per
sönlichkeitsideale  der  Philosophen  und  Dichter  bis  auf  unsere  Zeit
so  knapp  und  klar,  lvie  es  nirgends  zu  finden  ist.  Auch  der
systematische  Teil  ist  sehr  beachtenswert,  dieser  natürlich  mehr
von  des  Berf.  eigener  Persönlichkeit  beeinflußt.
18  Der  Titel  des  1890  erschienenen  vielgelesenen  Buches  von
Langbeh».
w  Im  Sinne  des  Bisherigen  sagt  er  (S.  VI):  „besondere
Persönlichkeiten,  in  denen  das  Leben  des  Volkes  bezw.  Berufes
und  ein  erhöhtes  Einzelleben  mehr  oder  weniger  abgewogen
und  eigenartig  sich  verbinden"  und  lehnt  dann  die  Begriffe:
Deniagoge,  Aristokrat  oder  Herrenmensch  ab;  der  Führer  ist
„der  erste  unter  gleichen".
"  Ich  würde  lieber  sagen:  „Umsicht"  als  ein  Wort  für  die
Leistung,  populär  gesprochen  „an  alles  zu  denken",  alles  umsichtig ­
  vorzubereiten,  was  zum  Erfolg  dienen  kann.
        <pb n="104" />
        Anmerkungen.

108

15  I.  c.  S.  17ff.,  99ff.;  zusammenfassend  344.
58  Kindermann  z.  B.  unterscheidet  sie  nicht  und  erschwert
sich  meines  Erachtens  damit  die  Wirkung,  weil  vieles  nur  von
einer  der  Arten  richtig  ist.
17  Das  Gefühl  und  die  Pädagogik,  Heidelberg  1914.
S.  50ff.
58  Über  die  Erziehung  zum  „Führer"  findet  man  sehr  Gutes
und  Beachtenswertes  bei  Kindermann,  I.  e.  S.  179ff.,  bef.
S.  204f.;  dann  bei  Foerster,  der  z.  B.  besonders  warm  für
die  in  Amerika  eingeführte  Selbstregierung  in  der  Schule
eintritt  („Erziehung  zur  Verantwortlichkeit"  S.  105ff.),  mit  der
aber  auch  in  der  Schweiz,  den  Rheinlanden  und  Österreich  Versuche ­
  gemacht  wurden.  Ich  muß  hier  auf  ein  Eingehen  auf  Spezielles ­
  verzichten,  zumal  dabei  auch  die  Erfahrungen  mitsprechen, ­
  die  bei  uns  noch  zu  machen  find;  über  Reformierung  der
Pädagogik  gibt  es  eine  reiche  und  wertvolle  Literatur,  in  der
die  Führerfrage  iiberall  mit  darinsteckt.
18  E.  Hammacher  l.  c.  S.  125  geht  so  weit,  Sonderschulen
für  Begabte  zu  fordern;  das  ist  das  andere  Extrem,  aber  ein  Korn
Wahrheit  steckt  darin.
20  Aus  der  Feder  eines  Offiziers  stammt  ein  sehr  lesenswerter
Aufsatz:  „Die  Erziehung  zum  Führer"  von  Karl  Koelsch;
die  Umschau  Bd.  14.  1910.  S.  161  ff.  Allerdings  zeigt  schon  die
erste  Definition  auch  die  Einseitigkeit:  „unter  Führer  versteht
man,  den  Willen  einer  „Befehlseinheit"  in  eine  bestimmte  Richtung ­
  zu  lenken  und  sie  zum  Handeln  zu  veranlassen".  So  einfach
ist  das  Problem  nicht  immer;  dann  aber  folgt  viel  Praktisches
und  allgemein  Brauchbares.  Das  Körperliche  wird  betont,  wie
die  Ausbildung  des  Willens;  dann  ganz  im  Sinne  der  Äristagie
ein  Unterschied  gemacht  zwischen  Führer  und  „Herrenmensch"
(Aristag  und  Aristokrat).  Geduld  und  Beharrlichkeit,  Verantivortungsfreudigkeit
  und  Erziehung  zur  Sachlichkeit  (sehr  gut)
Iverden  verlangt,  ferner  Entschlußfähigkeit  und  Wirklichkeitsfinn.
—  In  seiner  pädagogischen  Polemik  kämpft  Berf.  gegen  Grammatik, ­
  Reglement  und  Paragraph;  auch  sehr  richtig^
        <pb n="105" />
        Anmerkungen.

109

Wissenschaft";  ein  Kapitel  sheißt:  „Betriebstechnik  nnd  Seelenführung". ­

32  „Das  Reich  Gottes  ist  in  Euch."  (Deutsch  1894.)  cap.  X.
—  In  demselben  Abschnitt  folgt  eine  geistreiche  Theorie,  wie
der  Fortschritt  durch  einen  unbewußten  Prozeß  der  Milderung
der  Machthaber  selbst  kommt,  deren  Erörterung  aber  hier  zuweit
führen  würde.
22  Davon  abgesehen,  daß  Tolstoj  in  seinem  blinden  Eifer  auch
die  Anwendung  von  Gewalt  gegen  Verbrecher,  bei  Aufruhr
nnd  Gelvalttat  anderer  einbezieht,  was  ich  hier  gleichfalls  nicht
zu  widerlegen  brauche.
24  Vielleicht  mit  Ausnahme  seines  Dramas  „ein  Volksfeind",
wo  richtig  mehr  der  Kampf  gegen  die  „kompakte  Majorität".
22  Auch  in  seiner  neuesten  Veröffentlichung:  „Die  deutsche
Erhebung  von  1914."  Das  F-ührerproblem  speziell  behandelt
er  darin  natürlich  nicht,  Wohl  aber  die  Antithese  Individuum  —
Staat.
2 «  Sie  behandelt  ein  Buch  von  Franz  Klein,  „Das
Organisationswesen  der  Gegenwart"  (1918),  das  mir  leider  erst
während  des  Druckes  zugänglich  wurde.  Klein  sieht  das  Problem ­
  völlig  anders  und  faßt  den  Begriff  so  weit,  daß  alle
Verbände,  Vereinigungen,  Kartelle  usw.  dazu  gehören.  Dadurch
ergibt  sich  ein  grundlegender  Unterschied  von  Anfang  an  und
durch  alle  Konsequenzen;  immerhin  sei  auf  seinen  7.  Abschnitt
„Die  Wirkungen"  nachdrücklich  hingewiesen,  der,  wie  auch  zum
Teil  der  6.:  „Politik  der  Organisationen"  eine  wertvolle  Ergänzung ­
  zu  dem  hier  gesagten  darstellt.
27  Fritz  Berolzheimer,  System  der  Rechts-  u.  Wirtschaftsphilosophie. ­
  Bd.  IV.  Philosophie  des  Vermögens.  (1907.)
S.  49  f.
22  Die  kommunistische  Einrichtung  des  Mir  in  Rußland  ist
historisch  durch  die  Leibeigenschaft  bedingt  und  hat  sicherlich
jeden  technischen  Fortschritt  des  Ackerbaus  erschwert  und  hintan
gehalten.  Gemeinsamer  Ackerbau  primitiver  Völker  ist  stets  im
primitiven  Stadium  stecken  geblieben.
29  Vgl.  Fritz  Berolzheimer,  I.  e.  S.  38f.
        <pb n="106" />
        110

Anmerkungen.

1  i/  ^  tfj/fsiK  .

30  Jos.  Köhler  in  Holtzendorff,  Enzyklopädie  der  Rechtswissenschaft' ­
  I,  1.  (1915.)
31  Vgl.  Handwörterbuch  der  Staatswissenschaften,  1010;  »nb
„Eigentum".
33  Vgl.  hierzu  meine  Ethik.  Göschen  1916.
33  F.  Berolzheimer,  I.  e.:  „Die  publizistische  (ein  dem  Nichtjuristen ­
  fremder  Begriff)  Wirkung  des  Privateigentums  ergibt
den  Grund  seiner  Rechtfertigung";  der  Satz  meint  dasselbe'
wie  das  Obige.
Politik  II,  2.
33  Sie  widerspricht  auch  dem  schon  geltenden  Rechtsprinzip
des  Noterbrechts  der  Kinder  (Pflichtteil),  das  das  Eigentum  der
Familie  zum  Ausdruck  bringt.
        <pb n="107" />
        Vom  gleichen  Verfasser  erschienen:
Bei  Carl  Winters  Universitätsbuchhhaudlung
zu  Heidelberg:
Konformismus.  Eine  Philosophie  der  normativen
Werte.
Bd.  I.  Theoretische  Grundlegung  •  .  .  geh.  M.  4.—
II.  Psychologie  des  Geistes  ....  geh.  M.  6.—
III.  Die  Grundurteile  der  Philosophen  geh.  M  8.
Das  Gefühl  und  die  Pädagogik  ....  geh.  M.  3.
Vorfragen  der  Naturphilosophie  ....  geh.  M.  3.80
Theorie  von  Urteil  und  Begriff  ....  geh.  M.  2.—

Bei  G.  J.Göschens  Verlagshandlung  zu  Berlin:
Religionsphilosophie.
Ethik.

£  8
        <pb n="108" />
        xx
        <pb n="109" />
        III.  Das  Führerproblem.

78

gelingt,  auch  in  diesem  wichtigen  Punkt  voranzugehen; ­
  die  eine  Seite  des  Problems,  die  Neigung  zu
Disziplin  und  freiwilliger  Unterordnung  für  einen  wichtigen ­
  Zweck,  haben  wir  vor  anderen  Völkern  in  hohem
Maße  voraus;  verbinden  wir  damit  die  richtige  Kunst
des  Anführens  und  der  Willensübertragung,  so  sind  die
Bedingungen  für  die  Aristagie  vollauf  gegeben.
Auch  in  den  Beziehungen  der  Völker  untereinander ­
  endlich  gibt  es  ein  Führerproblem,  nicht  nur
innerhalb  des  Staates  und  das  Volk,  dein  es  gelingt,
die  besten  Führer  zu  gewinnen,  wird  auch  zur  Leitung
anderer  kleinerer  Staaten  berufen  sein.  Auch  hier
steht  die  Aristagie  tnt  strikten  Gegensatz  zur  Gleichmacherei; ­
  nicht  alle  Völker  und  Staaten  sind  gleichviel
wert  und  gleichberechtigt;  nicht  allen  kommt  die  Führerrolle ­
  zu.  In  Europa  ist  es  wesentlich  nur  Deutschland
oder  England,  das  in  Frage  kommen  kann,  da  Frankreich ­
  in  jeder  Hinsicht  zurückgeht,  Rußland  ein  asiatischer ­
  Staat  ist  usw.  Das  Zauberwort  Organisation  ist
so  stark,  daß  man  es  auch  bei  den  internationalen  Fragen ­
  angewendet  hat  und  z.  B.  von  einer  „weltorganisatorischen ­
  Zusammenfassung  autonomer  Völkerindividualitäten" ­
  träumt.  Aber  der  volle  Begriff  der  Organisation ­
  ist  kaum  anwendbar,  wo  eine  Autonomie  in  strengem ­
  Sinne  gelten  soll;  vielmehr  müßte  hier  der  Führergedanke ­
  betont  werden  und  die  Ereignisse  des  großen
Krieges  bestätigen  das.  Kleine  und  unbedeutendere
Völker  können  niemals  dieselben  Ansprüche  erheben,
wie  die  führenden;  und  Freiheit  ohne  entsprechende
Macht  nützt  dem  Kleinen  wenig,  wie  das  Beispiel
von  Italien,  Norwegen,  Portugal  zeigt.  Organisieren
läßt  sich  da  nur  unter  der  Führung  der  Großen;  und
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